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        <title>Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Erster Band.</title>
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          <persName>Stegemann</persName>
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            <idno>stegemann_krieg_erster_band_1917</idno>
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        Hermann  Stegemanns
Geschichte  des  Krieges

Erster  Band

Mit  fünf  farbigen  Kriegskarten

Sl.  bis  60.  Tausend

Stuttgart  und  Berlin
Deutsche  Verlags-Anstalt
1917

anrnaN.N  e  IrsKENNSNrN  TNIescnüre  A0  SsiisshinSniOhn  1n  TI1-AhsrteisisssrtiisdinsnursakisisresssniI  rnriiIs  hoctniirscrk  R  nasanen

 

A.  p.  XIll.
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        Alle  Necote,  inabesondere  bas  überseoungerecht,
  vorbehalten

 

Copyrright  1917
ßb  Deutiche  Vestagrt-Anstall.
Stuligert

—  —  —  ——  —  —  ——  —  —  ——  —  —

Oruck  der
Deueschen  Verlags-Anstalt  in  Senetgar#
Davier  von  der  Daplersabrik  Sals
in  Solach,  Württembergc
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        Inhalt  des  ersten  Bandes

Selte

*—.--  &amp;amp;.ÄZAA.  XII
Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges
Um  Elsaß-Lothringens  willen  I  3
England  und  Deueschlllddyny  6
Die  Polieik  König  Ebnarndss---------=  10
Belgien  und  die  Großhmäcchtttetetee  15
Das  Balkanproollen.  18
Die  europäischen  Bündnisese  24
Der  Jerfall  des  europälschen  Konzeres  31
Die  orientallsche  Krisisßß.  g  ........  37
Z3wischensplel...  .........  42
Die  Stellung  der  Mächte  zur  Kriegsgefar  14
Im  Jergarten  der  Verbandllneeeensh  47
Kalser  uud  9aaaggrr„F;  51
Deueschlands  Verhandlungen.  mit  den  Westmäcchten  54
Vom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belgischen  Neutralltit  60
Auf  der  Schwelle  des  Kriegges  ess  66
Die  militärische  Lage  Europas

Allgemelne  Erwägunen::  73
ie  KSusen.  75
ODie  Nummen:n:n:  ::::::  78
Bulgaren  und  Düreen  ......  80
Serben  und  Montenegreen  1
Die  Jtalleeeenn  .......  83
Die  Franzosen...  ........  84
Ole  Belgler..  ...........  92
Die  Englimment  98
Ofterrelcher  und  Ungen  97
ODie  Deutshenn  100

Schweizer  und  Hollineen  104
        <pb n="6" />
        VI  Inhalt  des  ersten  Bandes

Seite
Oer  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914
Die  Vorkämpfe
Der  Kampf  um  Lüttiitttetegnge  4à&amp;amp;à4z  107
Der  Handstrech  .......  108
Der  gewaltsame  Angriee  109
ODie  Bezwingung  der  Außenfesien.  ....  110
Die  Gefechte  im  Elsahßß..  ......  113
Das  Treffen  bei  Mülhasen  113
La  Garde  und  Schirmelll  116
Der  deutsche  Vormarsch  durch  Bllglten  1T7
ODas  Gesfecht  bel  Halleleen  118
Das  Gefecht  bel  Oinant.  .......  120
————I  ........  120
Die  Schlachten  im  Sundgau  und  in  Lothringen  123
Das  zwelte  Treffen  bel  Mülhausen  125
Die  Schlacht  bel  Mörchingen  und  Saarbrgeg  127
Die  Schlacht  in  den  Bogsens  130
Die  Schlachtensolge  in  Belgien  und  Frankre  ch  133
Ole  Belagerung  von  Namur  .........  134
Die  allgemeine  Lage  am  22.  August..  ....  ...  136
Die  Schlacht  bel  Mons  und  Charlroonoaoan  139
Oie  Schlache  an  der  belgischen  MW  assssss  144
Die  Schlacht  an  der  SSemossseß  e  ee  147
Oie  Schlacht  bel  Logooooyy  148
Nach  der  ersten  Schlachtenfoaeeeeeel  150
Die  Schlachten  um  die  Oise=  und  Masslinee  152
Ole  Schlacht  bei  Le  Cateau  und  Landreets  153
ODas  Treffen  bei  CKombless  154
Die  Schlachte  bei  St.  Quentin—huseee  155
Die  Kämpfe  zwischen  Dinant  und  Nethhell  ....  4
ODie  Kämpfe  im  Maaslette.  159
Die  Kämpfe  um  Nanecy  und  St.  .btttt44  162
Der  erste  Ausfall  der  Bellter  163
Der  Fall  der  französtischen  Grenasperen  164
Von  der  Alsne  über  die  Voreeeeee  166
Die  Lage  der  Deutscccheeee  167
Die  Lage  der  Franzosen  und  Engländeen  1070
goffres  strategischer  Rüclzug...  .......  172

Der  deuesche  Vormarsch  auf  Paris.  ...  ....  173
        <pb n="7" />
        Inhalt  des  ersten  Bandes

Die  Schlacht  an  der  Marren
Die  Neugliederung  des  französischen  Heeres.
Joffres  Eneschluß  zu  schlaoggen
Die  strategische  Lage  am  5.  Septembben
ODie  Vorkämpfe  im  Marnebogen
Oie  Schlacht  am  Ourre  ......
Die  Kämpfe  in  der  Lücke  von  Rebaas
Die  Kämpfe  bel  Monemirall—Sézanen
Die  Kämpfe  bel  Viery  und  Sermatzee
Die  Kämpfe  zwischen  Revlgny  und  Verdun
Der  deutsche  Rückzug  auf  die  Ainnen

Betrachtungen  zur  Schlacht  an  der  Narne

Die  Auswirkung  der  Schlache  an  der  Marne
Der  zweite  Ausfall  der  Belgteeer

Der  Vormarsch  der  Franzosen  und  Engländer

An  der  Anmeeeeenn:

Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

Aufmarsch  und  Borkämpfe

Der  Aufmarsch..  .......  225
Ole  ersten  Kämpfe  in  Ostpreußen..  .....  ....  227
Oie  deueschen  Gegenmaßnamen  229
Das  Treffen  bei  Gumbnen  231
Die  strategische  Lage  am  21.  Augutttttt  .  ....  234
Oie  Berufung  Hindenbun  .........  238
Die  großen  Entscheidungen
Die  Schlocht  bei  Tannenbeernrn  240
Betrachtungen  zur  Schlacht  bei  Tannenbeaanananaa  250
Die  Schlacht  an  den  masurischen  seernn  253
Betrachtungen  zur  Schlache  an  den  masurischen  SSen  260
Die  Auswirkung  der  Schlachten  in  Oftpreußen  263
Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum
15.  September  1914
Der  österreichlsch--ungarische  Aufmarsch  (  267
Am  Onsestr  und  Saaaaaaaa  270
Die  strategische  Lage  am  18.  Auguagkkkkk  ...  .....  272
ODer  Vormarsch  der  Österreicher  und  Uüngen  276
Das  Treffen  bel  Kranlkkkksksksss  273
Die  strategische  Lage  am  25.  Augustt.  .....  280
        <pb n="8" />
        VIII  Inhalt  des  ersten  Bandes

Selte
Die  Schlachten  nördlich  und  sädlich  von  Lemberg
Die  Kämpfe  bei  Jamosc—Komarow  (lerste  DPhase.  28
ODie  Kämpfe  am  Chodelbach  und  vor  Lubltlen  25686
Oie  Kämpfe  bel  Jamosc—Komarow  (##eite  Phasse  ...  .  268
Die  Kämpfe  bei  Drzemyslany—Nohatyn  (erste  Dhase)  292
Die  Kämpfe  bel  Przemyslany  —  Rohatyn  (zweite  Phase  297
Oie  stralegische  Lage  am  30.  August..  .....  302
Die  Schlachten  westlich  von  Lemberg
Die  Vorbereltuneen.  304
Die  letzeen  Kämpfe  vor  Lublin  und  Grubiesssorr  305
Die  Abbröckelung  der  österrelchischen  Nordfronnnn  ..  308
Die  Kämpfe  bei  Rawa  Nusta..  ..  309
Die  Kampfe  an  der  Wereszyen.  ..  ....  312
ODie  leyzten  Kämpfe  zwischen  Danew  und  Wereszsuangaa  315
Der  Röückzug  der  OÖsterreicher  und  Unggoerrrnrnrn  318
Betrachtungen  zu  den  Schlachten  in  Gallzien  und  Südpolen  320
Die  Auswirkung  des  Rückzuggess  322
Die  allgemeine  Lage  am  15.  September  9114„  323
Schlußwort

Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges
Urkunden,  Belege  und  Anmerkungen

Um  Elsaß-Lothringens  willen  329
Nr.  1.  Jur  Geschichte  des  Elfasses.  —  Nr.  2.  Die  Autonomie  Elsaß-Lochringens.



Englond  und  Deutschlnnd  .  .  .  .  .  .  ..  330
Nr.  3.  Biemarck  lber  den  Dräventivkrieg.  —  Nr.  4.  Zur  Frage  der
Unlversalmonarchle.  —  Nr.  5.  Englands  Koalitionspollteik  1701  und  1914.

Die  Polttik  Könlg  Ebnarndssssssss  331
Nr.  6.  Zum  geschichtlichen  Verhäleni#s  Englands  und  Frankrelchs  und  Napoleons
  Gesamtemplre.

Belglien  und  die  Gromächteee  333
Nr.  7.  Jum  belgisch-französischen  Kongovertrag  und  rem  Verglelch  der
belglschen  und  schwelzerischen  Neutralität.  —  Nr.  8.  ODie  Berichte  der
belgischen  Vertreter  bel  den  Großmächten  Am  Auszug.)  —  Nr.  9.  Die
Stellungnahme  Englands  zur  Emanzlpation  Belgiens  im  Jahre  1769.

Das  Balkanprroblenn:::  335
Nr.  10.  Bülows  Worrt  von  der  Aibelungentreue.
Die  europälschen  Bünduissee.  336

Nr.  11.  Bismarck  Über  die  Haleborkeit  von  Verträgen.
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        Inhalt  des  ersten  Bandes  IX

Selte

Der  Zerfall  des  europäischen  Konzerttes  336
Nr.  12.  Gladstone,  Salisbury  und  Campbell-Bannerman  zur  Raumung
Agyptens.  Bismarck  zur  englischen  Besetzung  Agypiens.  —  Nr.  13.  Bethmann-Hollweg
  über  die  deuesch-englischen  Beziehungen.  —  Nr.  14.  Die
Versammlung  der  französischen  Seestreitkräste  im  Mittelmcer  ein  britischer
Erfolg  und  eine  Bindung.  Das  Urteil  der  „Times“.  —  Nr.  15.  Der
Wortlaut  der  Briefe  Greys  und  Cambons  vom  22.  und  23.  November  1912.

Die  orlentallsche  Krissssssss  340
Nr.  16.  Englands  Dläne  in  Mesopotamien.

Zwischen  poel  340
Nr.  17.  Englands  Wellhandelsherrschaft.

Die  Stellung  der  Mächte  zur  Kriegsge  fahr  343

Nr.  18.  Die  österreichisch  ·  ungarische  Note  aon  Serblen  anläßlich  der  Ermordung
  des  Erzherzoos  Franz  Ferdinand.  —  Nr.  19.  Das  Schrelben  Greys
an  Vunsen  vom  27.  Jull  (Blaubuch  3).  —  Nr.  20.  Der  Hilferuf  des
serbischen  Kronprinzen  an  den  Jaren  (Orangebuch  6).

Im  Vvergarten  der  Verhandluneaananana  347
Nr.  21.  Das  Werhalten  der  deutschen  Seaaksleicung  zu  Osterreichs  Borgehen
gegen  Serblen  (Weißbuch  Anlage  2)  —  Nr.  22.  Die  Kriegserklärung  Osserreich-Ungarns
  an  Serblen.  —  Nr.  23.  Berchtolds  Auffassung  des  Vorgehens  gegen
Serbien  (Rotbuch  9).  —  Nr.  24.  Der  Bericht  des  deutschen  Reichskanzlers
Über  das  Verhälénis  Osterreichs  zu  Serblen  an  die  deutschen  Botschafter
(Weilßbuch  Anlage  1).—  Nr.  25.  Rußlands  Auffassumg  über  WVergleichs.
möglichkelten  und  seine  Absiche,  Osterreich=  Ungarn  diplomatisch  zu  demütigen
(Blaubuch  17,  Welßbuch  Anlage  4).  —  Nr.  26.  Sasonows  schroffes  Auftreten
  (Blaubuch  6,  Rocbuch  14  und  15).  —  Nr.  27.  Berchtolds  Definition
  der  Note  an  Serblen  als  „befristete  Demarche“  (Rokbuch  17  und
190.—  Nr.  28.  Russische  Vorbereltungen  (Welßbuch  Anlage  6).  —  Nr.  29.
Deueschlands  Interesse  und  Bundespslicht  (Weißbuch  Anlage  2).  —  Nr.  30.
Die  Mitteilungen  Bechmanns  über  Osterreichs  territoriales  Desinteresse  ment
und  die  Gefahren  einer  russischen  Intervention  (Weißbuch  Anlage  10  und
10b,  Blaubuch  11).  —  Nr.  31.  Oer  Bericht  des  Relchskanzlers  an  den
deutschen  Botschafter  in  PDaris  vom  26.  Juli  (Weißbuch  Anlage  10)  und
Bienvenu-Martints  Gegenbericht  an  Vioiani  und  Frledens.  und  Kriegs.
möglichkeiten  (Gelbbuch  56).  —  Nr.  32.  Das  Telegramm  Bethmanns  an
Lichnowsky  Über  die  im  Sinne  Greys  eingeleitete  Vermittlung  (Weißbuch
Anlage  15).  —  Nr.  33.  ODer  Meichskanzler  über  die  Bundespftlicht  und
die  Ablehnung,  sich  von  Osterreich-Ungarn  in  einen  Weltbrand  ziehen  zu
lassen  (Reichstagsrede  vom  19.  August  1915).—  Nr.  34.  Berchtolds  Bereltwilligkeik,
  mit  Sasonow  zu  verhandeln  (Rokcbuch  49).  —  Nr.  35.  ODas
europäische  Gericht  (Weißbuch  Anlage  12).  —  Nr.  36.  Ein  verspäteter
Schritt  Englands  (Rotbuch  43,  Weißbuch  Anlage  16).  —  Nr.  37.  Greys
Vorschlag  zur  Besehung  Belgrads  (Blaubuch  103).  —  Nr.  38.  Beyens
über  Rußlands  Balkan=  und  Rachepolitik  (Belg.  Akten  102  und  94).  Das
Extrablact  des  „Berliner  Lokal-Anzelgers“  und  der  .„Populaire  du  Centre“.

Kalser  und  .........  357
Nr.  39.  Oer  Appell  des  Kaisers  an  den  Zaren  am  29.  Juli  (Welßbuch
Anlage  20).  —  Nr.  40.  Der  Jar  üÜber  die  Entrüstung  in  Rußland  und
        <pb n="10" />
        X  Inhalt  des  ersten  Bandes
Seite

den  Kriegsdruck  an  den  Kalser  am  29.  Juli  (Weißbuch  Anlage  21).  —
Nr.  41.  Der  Jar  an  den  Kaiser  über  die  Mobilmachung  und  das  Interesse
  Nußlands  an  Serblen  (Weißbuch,  Denkschrift).  —  Nr.  42.  Oer
Kalser  über  die  Notwendigkelt,  die  milttärlschen  Maßnahmen  einzustellen
(Weißbuch,  Dentschrifo.

Oeutschlands  Verhandlungen  mit  den  Westmächten.  339
Nr.  43.  Rußland  und  der  Beistand  Frankreichs  (Blaubuch  7).  —
Nr.  44.  Vlolanls  Eneschluß,  in  Ubereinstimmung  mite  Rußland  zu  handeln
(Orangebuch  55).  —  Nr.  45.  Greys  Bericht  an  Cambon  über  seine
Warnung  an  Lichnowsty,  „daß  England  nicht  beiseite  slehen  werde“  (Blaubuch
  87).  Churchills  Mobilmachung  der  engllschen  Flocte.  —  Nr.  46.
Der  englische  Text  Über  die  Unterredung  Goschens  mie  Bethmann  lber
die  Möglichkele  der  britischen  Neutralität.  —  Nr.  47.  Die  Formel  Sasonows,
  um  von  ÖOsterreisch  die  Auerkennung  des  russtschen  Eiaspruchsrechtes
  in  der  serbischen  Frage  zu  erlangen  (Orangebuch  60  und  67).  —
Nr.  48.  Cambon  verlangt  von  Grey  zu  erfahren,  was  England  im  Falle
eines  deutschen  Angriffs  auf  Frankreich  zu  kun  gedächte  (Blaubuch  105).
—  Nr.  49.  Grey  an  Bertie  und  Goschen  dber  die  Wechselwirkungen  der
Mobllmachungen  (Blaubuch  114  und  113.—  Nr.  5O.  Aus  dem  Tert  Berkies
über  die  fronzösische  Neutralikätserklärung  betr.  Belgien  (Vlaubuch  125).—
Nr.  51.  Der  Text  Goschens  Über  Deueschlands  Antwort  auf  die  Frage  nach
der  belgischen  Neutralität  (Blaubuch  122).  Goschens  Mutmasungen.  —
Nr.  52.  Der  englische  Texk  des  wichtigsten  Aktenstückes  des  Blaubuches  (123)
über  die  Möglichkeit,  die  belglsche  Neutralität  sicherzustellen  (Brlef  Greys  an
Goschen  über  die  Unterredung  mit  Lichnowmsky  vom  1.  August).  —  Nr.  ö3.
Oeueschlands  Anfrage,  ob  Frankreich  neueral  bleiben  wolle  (Weißbuch
Anlage  25).  —  Nr.  54.  Berties  Berlcht  an  Grey  über  die  Anfrage
Frankreichs  nach  dem  Verhalken  Englands  (Blaubuch  117).  —.  Nr.  55.
P.  Cambons  Berlicht  Über  Greys  geschicktes  diplomalisches  VBorgehen  im
der  belgischen  Neutralitätsfrage  (Gelbbuch  126).  —  Nr.  56.  Frankreichs
Antwort  auf  ODeutschlands  Neutralitäcsanfrage  (Weißbuch  Anlage  27).

Vom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belglschen  Neutralltät  365
Nr.  57.  Englands  Hilfsversprechen  an  Frankreich  vorgängig  der  belgischen
Frage  (Blaubuch  148).  —  Nr.  58.  Das  deutsche  Gesuch  um  freien  Ourchmarsch
  durch  Belgien  (Graubuch  200.  —  Nr.  59.  König  Alberes  Gesuch
an  König  Georg  von  England.  —  Nr.  60  und  61.  Englands  Stellung
zur  belgischen  Frage  1870  und  1914  (Hvmans'’  Einleitung  des  Graubuches).
  —  Nr.  62  und  64.  England  über  den  Kriegsgrund  und  sein
Ulelmatum  an  Deutschland  (Blaubuch  153,  159).  —  Nr.  63.  Jagows
Erklärung  zum  Ourchmarsch.  „Eine  Frage  auf  Leben  und  Tod.“  —.
Nr.  65.  Die  deutsche  Note  ÜMber  die  Notwendigkelk,  den  Durchmarsch  zu
erzwingen  (Graubuch  27)0.  Eine  schweizerische  Arbeit  Über  die  diplomatische
Vorgeschichte  des  europöischen  Krieges  (Ruchti,  „Jur  Geschichte  des
Kriegsausbruches“,  Bern  1910.  —  Nr.  66.  Dile  englische  Aufforderung
an  Belgien,  mie  allen  möglichen  Mieteln  Widerstand  zu  leisten  (Oraubuch
  2890.  —  Nr.  67.  Waxwellers  Ausführungen  über  die  ewige  Neutrallecät.
  Zur  Werletzung  der  luxemburglsschen  Neutralictät.  —  Nr.  68.
Belgiens  Entschlossenheit,  sich  zu  verteidlgen  und  die  von  Davignon  gegebene
  Umschrelbung  dleses  Widerstandes  (Graubuch  400.  —  Nr.  69.
        <pb n="11" />
        Inhalt  des  ersten  Bandes  XI

Seite
Der  Neichskanzler  Über  die  Verlehung  der  belgischen  Neutralität  (Relchs.

tagerede  vom  4.  August  1914).  —  Nr.  70.  Jur  Frage  der  dauernden
Neutralieät.
Auf  der  Schwelle  des  Krieggess  374

Nr.  71.  Der  wirtschafellche  Einfluß  des  Krieges  auf  die  WVereinigeen
Staaten  von  Nordamerlka.

Anhang  zur  militärischen  Lage  Europas

Jur  miliceärischen  Lage  Deutschlanggggggsss  377
Nr.  1.  Bismarck  und  Schlieffen  über  die  Angriffsfronten.
JZur  russtschen  Kriegsbereltscasttt)i  377

Nr.  2.  Suchomlinow  in  der  „Birschewysa  Wijedomosti“.  Eine  Mobllmachungsaonwelsimg
  aus  dem  Jahr  1912.

Zum  französischen  Feldzuggg  ta  ...  379
Nr.  3.  Millerands  JKede  in  Versailles  (22.  Oklober  19160).
Zu  den  englisch-belgischen  Besprechunggegn  380

Nr.  4.  Der  Bericht  des  Generals  Oucarne  über  seine  Gesprechungen
mit  Oberstleutnant  Barnadiskton.  Der  Bericht  des  Generals  Jungblutb.
Uncersuchung  dleser  Berichte.  Der  WBericht  Fallons  über  das  deutsche
Frledensangebot  nach  dem  Fall  von  Lü#tich  (Graubuch  60).

Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

Vorbemerkung...  ..........  393

Auszüge  aus  dem  Berner  „Bund“  vom  10.  August  bis  16.  September  1914  394

Quellenverzelchnniizsz  .443
Karten

Der  Aufmarsch  im  Westen  mit  Einzeichnung  der  deutschen  und  der  französt.
schen,  englischen  und  belgischen  Sammelräume.

Der  Vormarsch  im  Westen  mit  Einzeichnung  der  Bewegungen.

Die  Schlacht  an  der  Marne  mit  Einzeichnung  von  drei  Phasen  (5.,  7.  und
9.  September)  und  der  Stellungen,  die  am  15.  September  an  der  Aisne  bezjogen
  wurden.

Die  Schlachten  bei  Tannenberg  und  an  den  masurischen  Se  en  mit
Einzeichmung  der  Pbasen  (Tannenberg  27./28.  und  30.  August;  masurische  Seen
7./8.  und  10./11.  September  und  Nebenkarte:  Russischer  Vormarsch
gegen  Ostpreußen  und  Treffen  bei  Gumbinnen  mit  Einzelchnungen.

Die  Schlachten  in  Polen  und  Gallzlen  mie  Einzeichmungen  der  Dbasen
(25.,  30.  August  und  7.  September),  der  Stellungen  der  k.  u.  k.  Armeen  am
25.  September  und  Nebenkarte:  Aufmarsch  der  Armeen  mit  Einzelchnung
  der  Sammelräume.
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        Vorwort

„Wer  sich  in  einem  Elemente  bewegen  will,
wie  der  Krieg  es  ist,  darf  durchaus  aus  seinen
Büchern  niches  mitbringen  als  die  Erziehung
seines  Geistes.  Vringt  er  fertige  Ideen  mit,
die  ihm  nicht  der  Stoß  des  Augenblicks  eingegeben,
  die  er  nicht  aus  seinem  eigenen  Fleisch
und  Blut  erzeugt  hat,  so  wirft  ihm  der  Strom
der  Begebenheiten  sein  Gebäude  nleder,  ehe
es  sertig  ist.“  Clausewiy.

7  Geschlecht,  das  den  europäischen  Krieg  erlebt,  ist  von  diesem  ungeheuren
  Völkerschicksal  im  Innersten  aufgewühlt  worden.  Tief  empfindet
die  heutige  Generation  das  Bedürfnis,  sich  mit  dem  weltgeschichtlichen
Erlebnis  auseinanderzusetzen,  es  in  seinen  Ursachen  und  Zusammenhängen
zu  erfassen  und  sich  von  der  Vorgeschichte  und  der  Entkwicklung  des  Krieges
eine  möglichst  sichere  Borstellung  zu  machen.  Dem  widerstrebt  der  geschichtliche
  Erfahrungssag,  der  uns  lehrt,  die  Zeit  walten  zu  lassen,  Entfernung
zu  nehmen  und  auf  die  Geschichtschreibung  so  lange  zu  verzichten,  als  die
Ereignisse  noch  im  Flusse  sind  und  laut,  mit  der  Stimme  der  Leidenschaft,
zu  uns  sprechen.  Auch  wird  man  mit  Recht  gemahnt,  daß  heute  noch  viele
Ouellen  verschlossen  liegen  und  der  Geschicheschreiber  auf  Mutmaßungen  und
der  Darsteller  der  kriegerischen  Begebenheiten  vielfach  auf  Kombinationen
angewiesen  ist,  um  der  Ereignisse  Herr  zu  werden  und  sie  zu  verknüpfen,  daß
es  also  noch  nicht  möglich  sei,  eine  Geschichte  des  Krieges  zu  schreiben.

Wenn  ich  es  trohdem  unternommen  babe,  eine  zusammenhängende
Darstellung  der  Feldzüge  des  europäischen  Krieges  zu  Wasser  und  zu
Lande,  in  Europa  und  Asien  sowie  in  den  afrikanischen  Kolonien  zu  geben,
so  tue  ich  das  im  Bewußtsein,  daß  damit  ein  Wagnis  verbunden  ist,  das  nur
aus  besonderen  Gesichtspunkten  betrachtet  und  gerechtfertigt  werden  kann
und  vor  allem  aus  dem  persönlichen  Berhältnis  zu  erklären  ist,  in  dem  ich
mich  zu  diesem  Kriege  befinde.

Als  der  Krieg  begann,  weilte  ich,  von  längerem  Leiden  genesend,  am
Tpunersee  und  wurde  von  der  gewaltigen  Vorstellung  der  weltgeschicht.
lichen  Auseinanderseczung  so  ergriffen,  daß  ich,  gestützt  auf  langjährige
geschichtliche  und  kriegsgeschichtliche  Studien  und  gewisse  militärwissenschaft.
liche  Kenntnisse,  die  Aufgabe  übernahm,  den  Gang  und  die  Enewicklung
des  Krieges  mit  Betrachtungen  zu  begleicen,  die  im  Berner  „Bund“
abgedruckt  wurden.  Kurz  darauf  entschloß  ich  mich,  meine  Stellung  als
literarischer  Redakteur  dieses  Blattes  niederzulegen  und  auch  die  politische
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        Vorwort  XIII

Mitarbeit  einzustellen,  um  mich  der  freiwillig  übernommenen  Aufgabe  ganz
zu  widmen.  Die  Betrachtungen  erschienen  zuerst  unter  wechselnden  Titeln;  seit
dem  10.  August  1914  werden  sie  unter  der  Bezeichnung  „Jur  Kriegslage“
veröffentlicht.  Anfangs  geschah  das  ohne  Angabe  des  WVerfassers,  seit  dem
16.  Dezember  1914  unter  Beifügung  der  Initialen.  Die  Aufsätze  fanden
einen  sehr  großen  Leserkreis.  Aus  diesem  liefen  bald  zahlreiche  Anfragen
ein,  ob  die  Arkikel  nicht  gesammelt  und  gesondert  zu  haben  seien.  Dann
erhielt  der  Verfasser  von  verschiedenen  Seiten  die  Aufforderung,  eine  Geschichte
  des  Krieges  zu  schreiben,  zu  welcher  die  Borarbeit  ja  bereits  in
Gestalt  dieser  Betrachtungen  geleistet  werde.  Nach  langen  Kämpfen,  die
wesentlich  von  der  Erkenntnis  getragen  waren,  daß  diese  Aufgabe  die  Kräfte
eines  Stärkeren  aufzehren  und  daß  ich  mein  Leben  und  Schaffen  in  eine  neue
Richtung  lenken  müßte,  entschloß  ich  mich,  dem  Rufe  Folge  zu  leisten.  Ich
fühlte,  wie  mich  die  Aufgabe  unwiderstehlich  lockte.  Zugleich  gehorchte  ich
der  moralischen  Verpflichtung,  die  ich  mir  aufgeladen  hatte,  als  ich  darangegangen
  war,  die  kriegerischen  Ereignisse  im  Augenblick  des  geschichtlichen
Geschehens  aufzuzeichnen,  am  Kartentisch  zu  verfolgen  und  ohne  WVoreingenommenheit
  und  Parteinahme  nach  bestem  Wissen  sachlich  darzustellen
und  auszulegen.  In  welchem  Maße  der  Gestaltungstrieb,  in  welchem  AUmfang
  die  Leidenschaft  für  das  Wesen  der  Kriegskunst  und  die  brennende
Teilnahme  an  der  geschichtlichen  Enewicklung  diesen  Entschluß  bestimmt
haben,  wage  ich  nicht  zu  entscheiden.  Es  steht  mir  aber  unwerrückbar  fest,
daß  ich  einem  wissenschaftlichen  Interesse  dienstbar  geworden  bin.
als  ich  diese  Aufgabe  übernahm.

Bedarf  es  einer  Erllärung,  daß  ein  Schrifesteller  sich  erkühnt,  eine
Geschichte  des  europäischen  Krieges  zu  schreiben,  der  bisher  nur  als  Oichter
bekannt  geworden  ist,  nachdem  er  sein  Fachstudium  dem  journalistischen
Beruf  geopfert  hat?  In  romanischen  Landen  wäre  das  weniger  notwendig
als  in  germanischen,  aber  ich  will  immerhin  darauf  hinweisen,  daß  ich  seit
25  Jahren  als  historisch  politischer  Schrifesteller  tätig  gewesen  bin  und  der
Dichtung  nur  die  Stunden  der  Selbsteinkehr  und  der  Muße  schenken  konnte,
und  ich  behaupte,  daß  der  Anreiz,  den  Krieg  setzt  schon  in  seinen  Zusammen.
bängen  zu  erfassen  und  die  Feldzüge  ins  Klare  zu  stellen  und  zu  ergründen,
bevor  die  operativen  Anweisungen  sich  in  den  Archiven  der  Generalstäbe
als  ungeheure,  jeder  Sichtung  spottende  Materie  niedergeschlagen  haben,  ein
eminent  künstlerischer  ist.

Heute  ist  der  Geschichtschreiber  auf  die  täglichen  Veröffentlichungen
der  Heeresleitungen,  auf  zufällig  aufgefundene  Befehle,  auf  Feldpostbriefe,
Verlustlisten  und  das  Studium  der  Karte  angewiesen,  wozu  das  Miterleben
tritt,  dessen  feine  Ausstrahlungen  nicht  unterschätzt  werden  dürfen.  Tro9#
dieser  verschiedenen,  ungleichmäßig  fließenden  Quellen  ist  es  möglich,  den
Krieg  in  seinen  Zusammenhängen  zu  erforschen  und  zu  belauschen,  wenn
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        XIV  Vorwort

man  die  durch  geschichtliche  und  kriegswissenschaftliche  Studien  gezügelte  Kombinationsgabe
  mitsprechen  läßt,  soweit  sie  solche  Unterlagen  zu  deuten  und
zu  verwerten  vermag.  Nicht,  als  ob  sich  daraus  eine  in  allen  Teilen  und
Verknüpfungen  richtige  Darstellung  ergäbe  —  dazu  wird  die  Arbeit  von
Generationen  nötig  sein  —,  aber  man  wird  zu  einer  gefestigten  einheitlichen
Auffassung  und  auf  ursächliche  Zusammenhänge  geführt,  die  neue  Perspek.
tiven  aufschlagen.  Gewiß  wird  vieles  Vermutung  bleiben,  manches  später
umgedacht  und  anders  gewertet  werden  müssen;  das  wird  man  indes  gern  in
den  Kauf  nehmen,  denn  wir  müssen  auf  irgendeine  Weise  mit  diesem  Kriege
innerlich  fertig  wer  den,  ohne  der  Phantasie,  die  Clausewig  in  diesem  Zusammenhang
  fein  „die  ausgelassene  Göttin“  nennk,  die  Führung  zu  übertragen.
Ich  sah  daher  meine  Aufgabe  nicht  darin,  lediglich  eine  chronistische
Zusammenstellung  der  Kampfbandlungen  und  ihrer  Ergebnisse  anzufertigen,
sondern  fühlte  mich  gedrängt,  die  Geschehnisse  mit  der  Wangenröte  des
Lebens  zu  malen,  ohne  festgestellte  Beobachtungen  zu  verlassen,  die  Kämpfe
möglichst  in  Zusammenhang  zu  bringen  und  die  strategischen  Beziehungen
herzustellen.  Dadurch  wurde  ich  zu  Wetrachtungen  veranlaßt,  die  die
Synthese  durch  eine  sorgfältige  Analyse  aufzubellen  streben,  woraus  sich
allerdings  auch  eine  gewisse  Kritik  ergab,  die  indes  keineswegs  aus  wohlfeiler
Lob.  und  Tadelsucht  geübt  wird,  sondern  lediglich  dem  wissenschaftlichen  Zwecke
dient,  den  verschiedenen  Möglichkeiten  der  strategischen  Zusammenhänge
nachzugehen  und  alte  Lehren  der  Kriegsführung  mit  den  Erfahrungen  des
größten  aller  Kriege  zu  vergleichen,  um  daraus  weitere  Aufschlüsse  zu  gewinnen.
So  furchtbar  dieser  Krieg  auch  ist,  niemand  wird  verkennen,  daß  in  ihm
geistige  Kräfte  tätig  sind,  daß  wir  vor  einem  herz-  und  hirnsprengenden,
unser  seelisches  Gleichgewicht  zerstörenden  Ereignis  stehen,  welches  wir  nur
dann  fassen  und  einordnen  können,  wenn  wir  versuchen,  ihm  von  der  psycho.
logischen  Seite  beizukommen.  Wir  sollen  nicht  nur  das  wahnsinnige
Morden  sehen,  sondern  vor  allem  auch  das  geistige  Element  zu  erkennen
trachten,  das  in  ihm  wirksam  ist,  Bölker  und  Hcere  gegeneinander  führt  und
politischen  Ideen  und  strategischen  Gesetzen  gehorcht,  die  aus  Plan  und
Gegenplan  bald  schattenhaft,  bald  plastisch  gerundet  hervortreten.  So  habe
ich  den  Krieg  gesehen,  so  will  ich  ihn  zu  schildern  und  auszulegen  suchen.
Der  erste  Band  umfaßt  die  Worgeschichte  des  Krieges  nebst  den
dazugehörenden  diplomatischen  Aktenstücken  und  einer  Reihe  von  geschicht.
lichen  Anmerkungen,  einen  Abriß  der  militärischen  Lage  Europas  vor  Beginn
der  Verwicklung  und  die  Feldzüge  im  Westen  und  Osten  bis  zur  ersten
Kroßen  Epoche,  die  ich  auf  den  15.  September  1914  lege.  Die  Gliederung
des  Stoffes  richtet  sich  nach  den  Wechselbeziehungen,  die  ich  in  dieser  Ent.-wicklung
  wirksam  zu  sehen  glaube,  und  zwar  ist  mehr  nach  operativen
Jusammenhängen  als  nach  Zeiträumen  geordnet  worden.  Oie  Oarstellung
der  Feldzüge  im  Westen  folgt,  abgesehen  von  der  Benuzung  der  General-
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        Vorwort  XV

stabsberichte  aller  Parteien  und  einer  methodischen  Verwertung  der  deutschen
Verlustlisten,  über  die  ich  im  Quellenverzeichnis  Auskunft  gebe,  meist
belgischen,  englischen  und  französischen  Quellen,  die  im  Osten  meist  deutschen
und  ssterreichischen  Nachrichten,  die  sämtlich  kritisch  betrachtet  und  verwertet
worden  sind.  Es  sei  ausdrücklich  bemerkt,  daß  für  alle  Vorgänge  Belege
nachgewiesen  werden  können,  während  die  allgemeinen  Betrachtungen  und
die  strategischen  Verknüpfungen  vom  Verfasser  hineingetragen  wurden,  der
sich  bemüht  hat,  das  Werk  Zeile  für  Zeile  so  zu  gestalten,  daß  der  gewaltige
Krieg  als  ein  großes  Ganzes  erscheint.

Wenn  man  sich  nicht  auf  eine  Ubersicht  beschränken  wollte,  so  war
dem  Scoff  nur  durch  darstellendes  Nachschaffen  der  Ereignisse  und  eine
bestimmte  Okonomie  beizukommen,  und  ich  nehme  an,  daß  das  Werk  aus
drei  oder  vier  Bänden  bestehen  wird,  deren  erster  am  21.  September  1915
vollendet  worden  ist.  Da  es  erst  heute  möglich  war,  die  Freigabe  dieses
Bandes  in  Deutschland  zu  erlangen,  ohne  daß  Streichungen  oder  Anderungen
  zugestanden  werden  mußten,  so  war  ich  wiederbolt  genötigt,  Nachträge
  anzubringen  und  #berarbeitungen  vorzunehmen,  an  der  Auffassung
habe  ich  nichts  geändert.

Es  ist  die  persönliche,  jedem  fremden  Einfluß  entzogene  Arbeit  eines
Schriftstellers,  der  als  Bürger  eines  neutralen  Landes  in  der  Lage  war,  alle
erreichbaren  Quellen  gleichmäßig  zu  benützen.  Da  von  einer  Stelle,  die  keinen
Einblick  in  meine  Tätigkeit  hat,  behauptet  worden  ist,  daß  ich  mich  in  meinen
Betrachtungen  im  „Bund“"  auf  Mitteilungen  des  deutschen  Generalstabes
stiltte,  so  sei  auch  hier  ausdrücklich  und  ehrenwörtlich  festgestellt,  daß  daran
nichts  wahr  ist.  Mich  verbinden  mit  dem  deutschen  Generalstab  keine
anderen  Beziehungen  als  das  eingehende  Studium  der  von  ihm  heraus.
gegebenen  kriegswissenschaftlichen  Literatur,  und  wenn  es  mir  im  Laufe  des
Krieges  gegeben  war,  im  Rahmen  der  Zurückhaltung,  die  sich  ein  neutraler
Beobachter  auferlegen  muß,  zuweilen  strategische  Absichten  und  die  Ent.
wicklung  der  Operationen  zu  deuten,  so  ist  das  wohl  mit  auf  diese  Belesenheit
  zurückzuführen.

Auf  neutralem  Boden  entstanden,  sucht  das  Werk,  dessen  ersten  Band
ich  mit  dem  Bewußtsein  seiner  Unfertigkeit  aus  der  Hand  gebe,  die  geschichtliche
  Wahrheit  zu  erkennen,  wie  ich  sie  sehe,  vielleicht  subjektiv  im
Ergebnis,  aber  objektiv  im  Bestreben.“)

Das  gilt  sowohl  von  der  kurzen  historisch-politischen  Einleitung  als
auch  von  der  umfassenden  Schilderung  und  Betrachtung  der  Feldzüge,
die  den  eigentlichen  Gegenskand  des  Werkes  bilden.  Die  beigegebenen
Karten  verfolgen  den  Zweck,  die  großen  Bewegungen  und  Schlachten

*)  Man  erinnere  sich  an  den  Ausspruch  des  Hislorikers  Ludwig  Häusser:  „Oer
Leser  ist  berechtigt,  von  dem  Geschichtschreiber  Ergebnisse  eigener  Anschauung  zu
sordern,  da  ohne  Subjektivität  die  Geschichte  eine  Chronik  bleibk.“
        <pb n="16" />
        XVI  Vorwort

der  ersten  Monate  üÜbersichelich  und  anschaulich  darzustellen,  und  scheuen
daher  vor  einer  gewissen  Seilisierung  der  eingezeichneten  Linien  nicht  zurück.

Der  europäische  Krieg  wird  in  viel  höherem  Maße  „einen  Wust
von  Trümmern“"  zurücklassen  als  der  Siebenjährige  Krieg,  dem  kein
anderer  als  Friedrich  der  Große  diese  Kennzeichnung  ausgestellt  hat.  Der
militärische  Geschichtschreiber  aber  darf  seine  Aufgabe  nicht  darin  suchen,
nur  die  Schauder  des  Krieges  zu  malen;  wenn  ich  daher  das  faurchtbare
Phänomen  von  der  gestaltenden  Seite  packte,  so  erklärt  sich  das  aus  der
Großartigkeit  der  weltgeschichtlichen  Erscheinung,  die  der  europäische  Krieg
auch  dann  bleibt,  wenn  man  ihn  als  eine  ungeheure  Katastrophe  betrachtet.

Die  Frage  nach  seiner  Dauer  ist  mir  schon  sehr  oft  vorgelegt  worden,
und  ich  glaube  an  dieser  Stelle  nicht  an  ihr  vorbeigehen  zu  dürfen.  Am
15.  September  1914,  dem  Tage,  mit  dem  der  vorliegende  Band  schließt,
war  llar  geworden,  daß  sich  die  Dauer  einer  so  weitgreifenden,  stets  neue
strategische  und  politische  Probleme  gebärenden  Auseinanderse9hung  nicht
befristen  läßt.  Es  gibt  hierfür  keinen  llassischeren  Zeugen  als  den  größten
Strategen  der  nachnapoleonischen  Zeit.  Am  14.  Mai  1890  sprach  Generalfeldmarschall
  v.  Moltke  im  Deutschen  Reichstag  die  prophetischen  Worte:

„Wenn  der  Krieg,  der  jetzt  schon  mehr  als  zehn  Jahre  lang  wie  ein
Damollesschwert  über  unseren  Häuptern  schwebt  —  wenn  dieser  Krieg  zum
Ausbruch  kommt,  so  ist  seine  Dauer  und  sein  Ende  nicht  abzusehen.  Es
sind  die  größten  Mächte  Europas,  welche,  gerüstet  wie  nie  zuvor,  gegeneinander
  in  den  Kampf  treten;  keine  derselben  kann  in  einem  oder  in
zwei  Feldzügen  so  vollständig  niedergeworfen  werden,  daß  sie  sich
für  überwunden  erklärte,  daß  sie  auf  harte  Bedingungen  bin  Frieden
schließen  müßte,  daß  sie  sich  nicht  wieder  aufrichten  sollte,  wenn  auch  erst
nach  Jahresfrist,  um  den  Kampf  zu  erneuer  n.  Es  kann  ein  siebenfäbriger,
  es  kann  ein  dreißigjähriger  Krieg  werden  —  und  wehe  dem,  der
Europa  in  Brand  steckt,  der  zuerst  die  Lunke  in  das  Pulverfaß  schleudert!““)

Wir  leben  der  Hoffnung,  daß  Moleke,  der  die  Organisation  der  modernen
Großstaaten  und  die  Auswirkungsmöglichkeiten  einzelner  Feldzüge  so  scharf
erfaßt  hat,  die  Dauer  des  großen  Krieges,  verglichen  mit  den  von  ihm
gewählten  geschichtlichen  Beispielen,  zu  weit  erstreckt  bat  und  daß  dieser
längst  für  den  Frieden  reife  Krieg  doch  noch  in  diesem  Jahre  enden  möge.

Mehr  zu  sagen,  wäre  vermessen.

Vern,  9.  Januar  1917.
Hermann  Stegemann

 

—  —.—  —  -  —.———.  —  —..—————.——...———  -J-J-  ————

9  Vergl.  „Gesammelte  Schristen  und  Oenkwürdigkelten  des  GM.  Grafen
Helmuth  v.  Moleke“.  7.  Band,  S.  139.  (Miteler  &amp;amp;  Sohn,  Berlin.)
        <pb n="17" />
        Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Stegemanns  GSeschichee  pe#  Krieges.  I.  1
        <pb n="18" />
        <pb n="19" />
        QAm  Elsaß-Lothringens  willen

cl-  sich  am  18.  Jonuar  1871  das  neue  Deutschland  in  der  Spiegelgalerie
zu  ersailles  mie  den  Hochrufen  auf  Kaiser  Wilhelm  I.  gebieterisch  ankündigte,
  schob  die  Welkgeschichte  einen  neuen  Stuhl  zwischen  die  vier  goldenen
Sitze,  die  um  den  Tisch  der  höchsten  Macht  gereiht  standen.  England,  Frank.
reich,  Rußland  und  Osterreich,  die  von  alters  an  diesem  Tisch  gesessen,  sahen
sich  aufgefordert,  dem  neuerstandenen  Deutschen  Reiche  Plas  zu  machen,  ihm
Einfluß  und  Stimme  zu  geben  und  Anteil  an  den  Gütern  der  Erde  zu  gewähren.


Die  Erhöhung  Deutschlands  ist  erst  dadurch  möglich  geworden,  daß
der  deutsche  Staatenbund  sich  unter  Führung  Preußens  im  Kriege  gegen
Frankreich  zur  nationalen  Einbeit  durchrang.  Aus  der  Niederlage  Frankreichs
  erwuchs  das  Deutsche  Reich.  Diese  tragische  Verkettung  von  deutschem
Aufstieg  und  französischem  Abstieg  hat  in  ihrem  ursächlichen  Zusammenhang
die  geschichtliche  Enewicklung  Europas  in  den  vierundvierzig  Jahren  bestimmt,
die  vom  Frankfurter  Frieden  bis  zum  Ausbruch  des  Europäischen  Krieges
verstreichen  sollten.  «

Wohl  war  der  Krieg  von  1870/71  ein  neues  Glied  in  der  Kette  von
Zusammenstößen  und  Auseinandersetzungen,  die  Frankreich  und  Deutschland
im  Laufe  von  Jahrhunderten  miteinander  erledigt  hatten,  aber  wenn  es
den  Deutschen  als  Endglied  erschien  und  von  ihnen  als  gerechter  Abschluß
dieser  vielhundertjährigen  Entwicklung  betrachtet  wurde,  so  teilte  Frankreich
diese  Anschauung  mitnichten.  Der  nationale  Stolz  der  Franzosen  ließ  den
Krieg  von  1870  um  so  weniger  als  entscheidende  Auseinandersetzung  mit
Deutschland  gelten,  als  ihnen  im  Frankfurter  Frieden  ein  Stück  nationalen
Bodens  entrissen  worden  war.  Wohl  ist  das  Elsaß  einst  ein  Teil  des  deutschen
Siedlungs-  und  Machtgebietes  gewesen  und  wertvolles  deutsches  Kultur.
land  geblieben,  aber  die  Einverleibung  des  Landes  in  den  französischen
Nationalstaat  hatte  sich  zu  Zeiten  vollzogen,  da  das  deutsche  Staatsgefühl
noch  nicht  lebendig  war.  In  losem  Zusammenhang  fügte  sich  das  Elsaß
dem  glänzenden  Reiche  des  Sonnenkönigs  an.  Dann  wurde  es  mit  von
der  Revolution  erfaßt  und  erlebte  mit  Frankreich  die  Emanzipation  des
dritten  Standes,  die  Verkündigung  der  Menschenrechte  und  die  Aufrichtung
eines  bürgerlichen  Staatswesens  auf  demokratischer  Grundlage.  Die  Heldenzeit
  der  napoleonischen  Dra  tat  ein  übriges,  und  die  industrielle  Blüte,  der  das
Land  schon  in  den  dreißiger  Jahren  des  neunzehnten  Jahrhunderts  entgegenging,
  vollendete  den  politischen  Entwicklungsgang.  Im  Wesen  blieb  das  Land
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        4  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

deutsch,  im  Kulturgefühl  wurde  es  von  deutschen  und  französischen  Einflüssen
gespeist,  in  der  politischen  Denkart  war  es  Frankreich  verwandt  und  im
Bau  ein  Stück  Frankreichs  geworden.

Für  Frankreich  bedeutete  aber  die  Abtretung  Elsaß-Lothringens  niche
mr  eine  Minderung  an  Macht  und  Volkstum,  eine  Einbuße  an  militärischer
Kraft  und  eine  Verschlechterung  seiner  Ostgrenze,  sondern  auch  einen  politischen
  Verlust  (1).  )  Die  Darfache,  daß  aus  dem  kunstvollen  Gebäude  des
politischen  Einheitsstaates  ein  Stück  herausgebrochen  worden  war,  erschien
den  Franzosen  als  eine  Verlehung  ihres  Staatsideals.  Dieser  Gedanke
belebte  den  Wunsch  nach  Wiederherstellung  der  alten  Rheingrenze  stets
aufs  neue  und  hat  Frankreich  nicht  schlafen  und  es  den  Krieg  von  1870
nicht  vergessen  lassen.  Das  Bewußtsein  dieses  geschichtlichen  Verlustes  hat
die  Policik  der  französischen  Republik  während  vierundvierzig  Jahren
unverrückbar  bestimmt.  Es  gab  Zeiten,  da  man  den  Werlust  im  Dunkeln
ließ,  Zeiten,  in  denen  man  ihn  in  Worte  faßte  und  mit  dem  banalen  Ruf
„Revanche“  über  die  Grenze  sandte  —  verschmerze  war  er  nie.  Dazu
trat  das  brennende  Gefühl,  besiegt  worden  zu  sein.  Der  französische
Nationalskolz  hat,  abgesehen  vom  Verlust  Elsaß-Loehringens,  die  Nieder.
lage  an  sich  nie  verschmerzt  und  nie  vergessen.

Die  französische  Republik  hat  sich  nach  dem  Kriege  von  1870  trogß  der
unerhörten  Opfer,  die  das  Endringen  gefordert  hatte,  rasch  und  kraftvoll
wieder  zur  Höhe  emporgeschwungen,  hat  Welt.  und  Machtpolitik  getrieben,
ungeachtet  schwindender  Volksfruchtbarkeit  ein  Kolonialreich  von  unbegrenzter
  Enewicklungsfähigkeit  errichtet,  im  Grund  aber  alles  dem  einen
Leitgedanken  dienstbar  gemacht,  dem  Gambetta  die  denkwürdigen  Worte  lieh:
„Toujours  7  penser,  jamais  en  parler.“  Gerade  der  Umstand,  daß  das
napoleonische  Frankreich  im  Jahre  1871  als  Republik  aus  dem  unglücklichen
Krieg  mit  Deutschland  hervorging,  hat  die  Abtremung  Elsaß-Lochringens
so  tief  empfinden  lassen  und  der  Revanchepolitik  einen  idealen  Inhalt  gegeben.
  Nicht  nur  um  Elsaß-Lothringens  willen,  sondern  vielmehr  weil  die
Republik  —  la  république  une  et  indivisible  —  sich  dadurch  in  ihrer  idealen
Unverlehlichkeit  gekränkt  fühlte,  hat  Frankreich  unentwegt  die  Hoffnung  auf
die  Wiedereroberung  der  beiden  Provinzen  genährt.  Aus  den  Grundsäten
und  Errungenschaften  der  großen  Revolution  leiteten  die  Franzosen  auch
ein  moralisches  Recht  auf  die  Reichslande  ab,  deren  politische  Enewicklung
durch  den  Heimfall  an  das  Deutsche  Reich  zurückgeschnitten  wurde  und
nur  stockend  nachwuchs.  Solange  die  politischen  Rechte  der  Elsaß-Lothringer
geringer  waren  als  die  der  französischen  Staatsbürger  —  die  völlige  Verschiedenheit
  der  Verhältnisse  tat  nichts  zur  Sache  —  und  Elsaß-Lothringen
nicht  als  neues,  ebenbürtiges  Glied  in  die  Reihe  der  deutschen  Bundesstaaten

 

 

5)  Siehe  Anhang.
        <pb n="21" />
        Um  Elsaß-Lothringens  willen  5

aufgenommen  war,  fühlten  die  Franzosen  sich  in  gewissem  Sinne  verantwortlich
  für  das  politische  Wohlergehen  der  beiden  Lande  und  die  Elsaß-Loechringer
  sich  stark  von  dem  älteren  bürgerlichen  Staatswesen  und  seinem
republikanischen  Staatsideal  angezogen.

Drohdem  vollzog  sich  in  Frankreich  im  Laufe  der  Jahre  eine  Entwicklung
der  Geister,  die  in  einem  gewissen  AUmfang  einer  friedlichen  Neuordnung
des  Verhältnisses  zu  Deutschland  günstig  war.  Je  mehr  sich  das  Schwergewicht
im  inneren  politischen  Leben  der  Republik  nach  links  verschob,  desto  aussichtsvoller
  erschien  diese  Entwicklung.  Die  radikale  bürgerliche  Partei,
die  sich  auf  den  bäuerlichen  Kleinbesitz  stützt,  wertete  den  Frieden  zu  hoch,
um  ihn  zu  gefährden.  Die  Sozialisten  hofften  das  Problem  auf  dem  Wege
zu  lösen,  der  zur  Internationale  und  zur  Einebnung  der  Grenzen  führte.
Beide  Parteien  waren  einem  Kriege  um  Elsaß--Lothringen  abhold.  Einzelne
  glaubten  die  elsaß--lothringische  Frage  durch  die  Forderung  der  Autonomie
  für  die  Reichslande  erledigen  zu  können,  niemand  aber  verzichtete
darauf,  einen  so  oder  anders  gefaßten  politischen  Anspruch  auf  die  ehemaligen
Ostdeparkements  in  Gedanken,  in  Wort  oder  Schrift  geltend  zu  machen  (2).

Die  Aussiche,  Elsaß-Loechringen  wieder  zu  erwerben,  hat  Frankreichs
äußere  Holitik  bis  auf  den  Tag  des  Kriegsbeginns  beberrscht  und  zum
mindesten  von  einem  Ausgleich  mit  Deutschland  abgehalten.  „Elle  attend“
stebt  unter  dem  schönen,  sanft  pathetischen  Bilde  einer  Elsässerin,  das
J.  JI.  Henner  kurz  nach  dem  Deutsch-Französischen  Kriege  als  Symbol
gemalt  hat.  In  Wirklichkeit  hat,  mit  Ausnahme  einer  dünnen  Schicht  groß.
bürgerlicher  Kreise,  nicht  das  Elsaß,  sondern  Frankreich  bis  auf  den
2.  August  1914  gewartet  und  dem  Lande,  das  schon  sein  eigenes  politisches
  Leben  zu  leben  begonnen  hatcte,  das  Bild  der  Vergangenheit  unter.
geschoben.  Aber  abgesehen  von  diesen  Gefühlen  und  Erwägungen,  die
in  Frankreich  immer  wieder  durchbrachen,  die  Befreiung  vom  Nevanchegedanken
  nicht  aufkommen  ließen  und  die  Entwicklung  der  Geister  in  der
Richtung  einer  Verständigung  mit  Deutschland  stets  aufs  neue  hemmten,
bat  in  Paris  zweifellos  auch  eine  skarke  Besorgnis  vor  einem  Angriffskrieg
Deutschlands  und  einer  deutschen  Vorherrschaft  in  Eiumopa  bestanden.
Diese  Befürchtung  ist  durch  die  Tatsache,  daß  das  Deutsche  Reich  seie  seinem
Bestehen  keine  Gelegenheit  ergriff,  um  kriegerischem  Ehrgeiz  zu  frönen  und
mit  dem  Erwerb  von  Kolonialgebiet  weit  hinter  der  fortschreitenden  Ausbreitung
  der  Westmächte  und  Rußlands  zurückblieb,  in  keiner  Weise  entkräftet
  worden.  “)

*)  Der  Kolonlalbesitz  Englands  betrug  im  Jahre  1914  nach  der  Angliederung
Agpptens  und  der  Buren  29382  488  Quadrakkilometer  mit  375  526  000  Einwohnern;
der  Frankreichs  nach  der  Eroberung  Madagaskars,  Invochinas  und  der  Ourchdringung
  von  Tunis  und  Marokko  sowle  Nordweslafrikas  12447220  Quadratkilometer

  mit  54  217000  Einwohnern,  der  Deutschlands  2914  550  Quadratkilometer
mit  15  673000  Eimwohnern.
        <pb n="22" />
        6  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Der  Wunsch,  sich  wieder  in  den  Besitz  der  Rheingrenze  zu  setzen,  und
die  Besorgnis,  von  Deutschlands  riesenhaft  anwachsender  Macht  erdrückt
zu  werden,  hat  die  französische  Republik  in  die  Arme  Nußlands  geführt,
Rußland  die  französischen  Goldquellen  eröffnet  und  schließlich  zu  einem
innigen  Einvernehmen  mit  England  getrieben.

England  und  Deutschland

Der  Abschluß  des  russisch-französischen  Bündnisses,  zu  dem  der  Samen
schon  während  der  Berliner  Kongreßzeit  gelegt  wurde,  das  aber  erst  nach
der  Auflösung  des  deutsch-russischen  „Rückversicherungsvertrages“  in  die
Reife  schoß,  hat  die  europäische  Lage  nicht  aus  dem  Gleichgewicht  gebracht.
Zwar  war  dieses  Gleichgewicht  nur  ein  schwebendes,  es  blieb  indes  bei
gleichmäßiger  Mehrbelastung  der  entgegengesetzten  Wagschalen  vorläufig
ungestört.  Die  Gruppenbildung,  die  das  Festland  in  den  französisch-russischen
Iweibund  und  den  Dreibund  Deutschlands,  Österreich-Ungarns  und  Italiens
schied,  hat  dieses  labile  Gleichgewicht  nicht  aufgehoben,  sondern  in  seiner
eigentümlichen  Schwebelage  erhalten.  Auch  Verwicklungen,  die  sich  außerbalb
  der  europäischen  Landfeste  im  Kolonialgebiet  oder  auf  den  Weltmärkten
anspannen,  brachten  Europa  vorerst  nicht  aus  dieser  Schwebe,  doch  glaubten
beide  Bünde,  sich  durch  gegenseitige  militärische  Bereitschaft  und  gesteigerte
Rüstungen  fortgesetzt  sichern  zu  müssen.

Solange  England  gegenüber  den  Festlandsmächten  in  einer  unabbhängigen
  Stellung  verharrte,  die  von  dem  konservativen  Staatsmann
Salisbury  als  „splendid  isolation“  bezeichnet  wurde,  war  ein  europäischer
Krieg  schwer  zu  entfesseln,  da  Deutschland  nicht  auf  einen  „Prävenkivkrieg“
ausging  (3).  Aber  der  Druck,  der  auf  Deutschland  lastete,  wuchs  unaufhörlich.
Es  drohte  der  Einkreisung  zu  erliegen,  die  durch  seine  geographische  Qage
militärisch  und  wirtschaftlich  erleichtert  wurde.  Diese  Einengung  hätte  auf
die  Länge  die  Entwicklung  des  Deutschen  Reiches,  das  sich  nach  Bismarcks
Ausspruch  in  seinen  europäischen  Grenzen  im  wesentlichen  gesättigt  füblte,
unterbunden.  Nur  die  ungeheure  wirtschaftliche  Lebenskraft,  die  aus  dieser
spätgeborenen  europäischen  Großmacht  hervorbrach,  bewahrte  Deutschland
davor,  sich  in  der  notwendigen  militärischen  Bereitschaft  zu  erschöpfen,
warf  es  aber  dem  angespanntesten  Industrialismus  in  die  Arme.  Deurschland
  wuchs  in  einem  Menschenalter  zu  einem  großen  Industrie-  und  Handelsvolk
  heran,  das  auf  den  Weltmärkten  zu  hohem  Werdienst  und  Ansehen
kam,  und  nahm  aus  diesem  Gewinn  die  Mittel,  seine  militärische  Rüstung
zu  vervollständigen  und  seine  sozialen  Einrichtungen  auszubauen.

Deutschlands  Weltwirtschaft  eneband  Deutschlands  Weltpolitik.  Solange
  das  geschehen  konnte,  ohne  Englands  Eifersuche  und  Besorgnis  zu
        <pb n="23" />
        England  und  Deutschland  7

wecken,  entskanden  daraus  keine  Gefahren  für  den  europischen  Frieden.
Das  gewaltige  Ausbreitungsbedürfnis  Deutschlands,  dieses  modernsten,
ältere  Industrieskaaten  und  ihre  Traditionen  überholenden,  wissenschafelich
und  technisch  am  besten  vorbereiteten  Wirtschaftsvolkes,  konnte  sich  dank
dieser  Entwicklung  ausleben.  Sein  Ehrgeiz  wurde  in  neue,  friedliche  Bahnen
gelenkt  und  die  Kulturwelt  durch  den  starken  sozialen  und  ethischen  Antrieb
bereichert,  der  aus  deutschem  Grübel-  und  Ordnungssinn  plöglich  gestaltungs.
hungrig  hervorbrach  und  einen  bewundernswürdigen  staatlichen  Organismus
auf  dem  Gebiete  des  Verwaltungswesens  schuf.  Dieser  vom  kategorischen
Imperativ  der  Dflicht  beherrschte  Staatsbau  war  allerdings  stark  vom
Autoritäcsprinzip  durchdrungen,  das  die  staakliche  Zucht  vielfach  aus  den
Quellen  des  in  Fleisch  und  Blut  übergegangenen  militärischen  Gehorsams
speiste,  und  ließ  die  innere  politische  Entwicklung,  die  Fortbildung  der  Verfassung
  des  Reiches  und  besonders  die  des  führenden  Staates  Preußen
beträchtlich  zurücktreten.  Das  ist  bei  der  Betrachtung  der  deutschen  Weltpolitik
  und  des  Verhältnisses  Deutschlands  zu  England  von  Bedeutung,
da  Deutschlands  Imperialismus,  sein  Streben  nach  Uberseeischer  Geltung
weniger  vom  Wolke  als  von  den  bevorzugten  Kreisen  getragen  und  vom
Willen  einzelner  gelenkt  erschien.  Falsche  Vorstellungen  von  der  Machtbefugnis
  des  Trägers  der  Kaiserkrone,  die  besonders  in  England  und  Frank.
reich  genährt  wurden,  ließen  dies  noch  schärfer  hervortreten.  Unter  diesem
Vorurteil  hat  Deutschlands  Weltpolitik  gelitten.

Der  Imperialismus  Frankreichs  und  Englands  wandte  sich  nach  außen,
innen  war  er  von  der  Demokratie  getragen;  der  Deutschlands  wirkte  innen
und  außen,  und  zwar  nicht  nur  überseeisch  und  gegenüber  farbigen  Bölkern,
wie  bei  den  vorgenannten  Staaten,  sondern  auch  im  eigenen  Lande  autoritär.
Das  sind  tiefgehende  Unterschiede,  die  zu  llaffenden  Gegensätzen  wurden
und  die  demokratisch  gerichteten  Staaten  England,  Frankreich  und  Italien,
sa  sogar  das  in  gewissen  Schichten  liberal  empfindende,  wenn  auch  zaristisch
regierte  Rußland  von  Deutschland  trennten.  So  bildete  sich  gewissermaßen
eine  auf  äußerlichen  Merkmalen  fußende  gemeinsame  politische  Weltanschauung
  gegen  Deutschland  und  das  mit  ihm  verbundene  Osterreich,  das
ebenfalls  das  alte  Autoritätsprinzip  hochbielt,  ohne  es  genügend  mit
modernen  Staatsgedanken  zu  erfüllen,  die  sich  in  diesem  von  Rassen=  und
völkischen  Gegensäten  heimgesuchten  Reiche  sehr  schwer  gestalteten.

Solange  das  Werhältnis  Deurschlands  zu  England  ungestört  blieb,
ließen  sich  große,  aus  dem  allgemeinen  Streben  nach  Weletgeltung  entstehende
Konflikte  bannen.  Sobald  aber  England  sich  durch  den  neuen  Nebenbuhler
in  seiner  Machtfülle,  in  seiner  Seegewalt  und  Handelsherrschaft  geschädigt
fühlte,  mußte  Deutschlands  Weltpolitik  zu  einer  größeren  Werwicklung
fübren,  als  sie  jemals  auf  der  alten  Landfeste  Europa  gedroht  hat.  Dann
wuchs  Englands  geschichtlicher  Kampf  um  die  Seeherrschaft,  die  ihm  die  Un-
        <pb n="24" />
        8  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

verlegzlichkeit  seines  Heimgebietes  und  seines  Systems  von  Herrschaftsgebieten
und  Tochterstaaten  verbürgte,  in  eine  neue  Phase.  Dann  mündete  der  Konflikt,
den  das  Inselreich  mit  dem  Spanien  Dhilipps  II.,  dem  Frankreich  Lud.-wigs
  XIV.  und  Ludwigs  XV.,  mie  den  Miederlanden,  mit  der  Universal.
monarchie  Napoleons  I.  und  dem  Rußland  Nikolaus’  I.  ausgekämpft  hatte,
in  einen  Welekrieg  mit  Deutschland.

Die  Gefahr  dieses  Interessengegensatzes  ergab  sich  aus  den  Verhältnissen.
War  Deutschland  zu  spät  zur  Machtfülle  gekommen,  um  Machtpolitik  zu
treiben,  ohne  in  die  Inceressensphären  der  früher  zur  nationalen  Einheit  und
Größe  gelangten  Weltmächte  einzugreifen,  so  mußte  es  doch  darauf  bedacht
sein,  eine  gewisse  Seegeltung  zu  erringen,  um  seiner  Handelsflagge  die  nötige
Achtung  zu  sichern  und  Siedlungsgebiet  jenseits  der  Meere  zu  erwerben.
Unterließ  es  das,  so  geriet  es  in  Gefahr,  ins  Leere  zu  bauen  und  seine  Kraft
zu  vergeuden.  So  trieb  die  welt  wirtschaftliche  Entwicklung  Deutschlands
das  Reich  auch  zu  weltpolitischer  Betätigung.  Die  Betätigung  führte
zur  Schaffung  einer  Seemacht,  die  zur  Seegeltung  notwendig  erschien.  Das
Ausmaß  blieb  zu  bestimmen.

Anfangs  hielten  sich  diese  Rüstungen  in  bescheidenen  Grenzen,  als  sie
um  die  Jahrhundertwende  mit  wachsendem  Eifer  gefördert  wurden  und  man
den  Bau  einer  großen  Schlachtflotte  in  Angriff  nahm,  begannen  sich  die
Engländer  mit  Sorgen  und  Argwohn  zu  tragen.  England  wurde  vor  eine  Veränderung
  seiner  Seeverhältnisse  gestellt,  die  es  zu  ungeheuren  Wertrüstungen
trieben,  wenn  es  seinen  alten  Anspruch  auf  die  Beherrschung  der  Meere
aufrechterhalten  wollte.

Da  die  englische  Staakskunst  glaubte,  daß  die  britische  Flotte  nicht  nur
die  AUnverleglichkeit  des  Inselreiches,  sondern  auch  die  Herrschaft  über  die
Wogen  des  Weltmeeres  verbürgen  müsse,  weil  das  britische  Weltreich  ohne
die  Beherrschung  der  See  gefährdet  schien,  war  Großbritcannien  durch  den
Eintritt  Deutschlands  in  die  Reihe  der  großen  Seemächte  zu  einer  neuen
Richtungnahme  seiner  Machtpolitik  gezwungen.  Albion  wurde  aus  der
glänzenden  Einsamkeit,  die  ihm  seit  vierzig  Jahren  die  Freiheit  des  Handelns
gegenüber  jeder  einzelnen  Festlandsmacht  und  der  Gesamtheit  der  europäischen
  Staaten  gesichert  hatte,  wieder  zu  einer  bestimmten  Stellungnahme
gegenüber  den  Gruppierungen  auf  dem  Festland  veranlaßt.  In  früheren
Epochen  hatte  es  daraus  die  Folgerung  im  Sinne  des  Abergangs  zur  Koalitionspolitik
  gezogen.  Auf  diese  Bahn  trat  es  auch  diesmal.  Noch  stand
ihm  die  Wahl  frei,  einen  Genossen  zu  suchen,  noch  konnte  der  Versuch  gemacht
werden,  mit  dem  mächtigsten  der  Festlandstaaten,  dem  frisch  in  die  Zukunse
strebenden  Deutschen  MReich,  sich  zu  verständigen,  aber  der  britische  Seaatssinn
war  gegenüber  diesem  Gedanken  von  vornherein  skeptisch,  ging  mißtrauisch
an  ihn  heran  und  konnte  sich  ihn  nicht  voll  zu  eigen  machen.  England  hatte
sich  nie  auf  ein  Bündnis  mit  dem  Stärksten  eingelassen,  sondern  war  stes  auf
        <pb n="25" />
        England  und  Deutschland  9

die  Schaffung  einer  Koalition  gegen  die  kontinentale  Vormacht  ausgegangen
und  hatte  dabei  stets  seine  Rechnung  gefunden.

Oas  Interesse  Englands  war  und  ist  immer  und  eindeutig  das  Interesse
des  britischen  Imperiums.  Dieser  Imperialismus  sieht  stets  —  eine  Folge
jahrhundertelanger  Schulung  —  die  Dinge  vom  insularen  Standpunkt  aus.
Aus  dieser  llaren,  egozentrischen  Auffassung  britischer  Staatspolitik  floß
seit  Generationen  die  einheitliche  Betrachtung  aller  europäischen  und  uni.
versellen  Fragen,  einerlei,  ob  es  sich  um  Handelsverträge,  um  Ausbreitungs.
versuche  anderer  Mächte  in  Afrika  und  Asien,  um  die  orientalische  oder
persische  Frage  oder  um  die  Sprengung  oder  Unterstützng  festländischer
Bündnisse  und  Gruppierungen  handelte.  Der  Staatsegoismus,  der  sich
darin  bekundete,  ist  von  jeber  das  sichere  Grundgefühl  der  britcischen  Staatskunst
  gewesen  und  hat  vielleicht  zu  einer  starken  Einseitigkeit,  sicher  aber
auch  zu  einer  festgefügten  Grundsählichkeit  der  britischen  Politik  geführt.

Oeutschland  hingegen  war  in  seiner  politischen  Strategie  auf  „ein
System  von  Ausbilfen“  angewiesen,  die  ihm  gestatten  sollten,  zwischen  den
bereies  verankerten  russischen,  französischen  und  englischen  Weltinteressen
für  ein  eigenes  deutsches  Interesse  Grund  zu  suchen  und  sich  den  „Plag  an
der  Sonne"“  zu  sichern.  Ihm  fehlte  dabei  im  Gegensag  zu  den  Angelsachsen
eine  feste  #berlieferung  und  jegliche  Erfahrung,  auch  stieß  es  fast  Überall  auf
glückliche  Besiger  oder  ältere  Anwärter  und  Miebewerber.  Es  fand  nie  die
nötige  Rückenfreiheit  zur  Einhaltung  einer  folgerichtigen,  bestimmten  Grundgesetzen
  geborchenden  Weltpolitik.  Unter  dem  Zwange  dieser  Umstände  setzte
Deutschland  an  die  Stelle  der  Politik  der  freien  Hand  zuweilen  die  Politik
der  gepanzerten  Faust,  ohne  indes  aus  der  schreckenden  Gebärde  herauszutreten
  oder  den  europäischen  Frieden  aus  dem  Gedanken  an  Krieg,  an
die  FVortsegung  der  Politik  mit  gewaltsamen  Miteteln,  zu  bedrohen.  Das
gab  der  deutschen  Staatskunst  nach  außen  etwas  Unsicheres,  scheinbar  Unberechenbares
  und  setzte  sie  weiteren  gefährlichen  Vorurteilen  aus  (4).

Bismarck,  der  letzte  große  Staatsmann,  der  in  Europa  die  Welt  begriff
  und  diese  europäische  Welt  beherrschte,  hat  noch  keine  Weltmacht.
politik  im  modernen  Sinne  betrieben.  Er  hat  selbst  in  seiner  großzügigen
europäischen  Policik  die  deutschen  Interessensphären  so  nach  den  Bedürf.
nissen  der  Zeit  und  der  Umstände  abgegrenzt,  daß  er  noch  im  Jahre  1888
für  die  Lösung  gewisser  Balkanfragen  nicht  die  Knochen  eines  einzigen
vommerschen  Grenadiers  opfern  wollte.  Dadurch  entging  er  dem  Zusammenstob
  mit  Rußland  und  der  Auseinandersetzung  mie  England.

Die  Entwicklung  ist  darüber  hinweggeschritten.  Im  Jahre  1914  hat
sich  der  europäische  Krieg  an  der  Balkanfrage  entzündet,  und  deutsche
Soldatengräber  wurden  von  den  Karpathen  bis  Podolien  und  Wolhynien,
in  Serbien,  Rumänien  und  Mazedonien  gehäuft  und  schmiegten  sich  ktief
in  die  Hügelfalten  der  Landzunge  von  Gallipoli  und  die  Sanddünen  von  Suez.
        <pb n="26" />
        10  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Der  Gegensatz,  der  zwischen  Deutschland  und  England  entstanden  war,
als  sich  gegen  Ende  des  neunzehnten  Jahrhunderts  die  weltwirtschaftlichen
Interessen  Deutschlands  in  weltpolitische  Tätigkeit  umzusetzen  begannen,
konnte  beschworen  werden,  wenn  es  gelang,  die  Machtfrage  auf  ihre  Wurzel
zurückzuführen  und  einen  Ausgleich  der  Interessen  anzubahnen.  Der  erste
Versuch  ist  noch  vor  dem  Wurenkrieg  gemacht  worden  und  gescheitert.

Zog  die  altbritische  Staatskunst  aus  der  stolzen,  ungebrochenen  politischen
  Merlieferung  ihres  Landes  eine  große  Stärke,  so  erlitt  sie  auf  der
anderen  Seite  durch  die  Bewahrung  dieser  Tradition  eine  gewisse  Einbuße
an  Beweglichkeit.  Die  britischen  Staatsmänner  des  zwanzigsten  Jahr.
hunderes  verkannten,  daß  die  alte  und  erprobte  britische  Staatspolitik,  die
sich  auf  dem  Grundsatz  der  Aufrechterhaltung  der  „balance  of  powers“
in  Europa  aufgebaut  hatte,  durch  die  Entwicklung  Überholt  worden  war.
Die  internationale  Interessenverslechtung  hatte  im  Laufe  des  Maschinen.
zeitalters  eine  internationale  Gemeinbürgschaft  der  Interessen  geschaffen,
die  England  nicht  mehr  gestattete,  seinen  Plag  außerhalb  dieser  Gemeinschafe
zu  wählen.  Demnnoch  hielt  England  an  dem  Fundamentalsag  britischer
Politik,  der  Aufrechterhaltung  eines  britisch  geordneten  europäischen  Gleichgewichts,
  fest  und  nahm  seine  Koalicionspolitik  wieder  auf,  die  es  schließlich
in  den  Kampf  mit  Deutschland  getrieben  bat  (5).

Die  Politik  König  Eduards

Das  europkische  Gleichgewicht,  das  nach  englischer  Auffassung  die
Muhelage  des  alten  Kontinenes  durch  gegenseitige  Schachstellung  der  Fest.
landsmächte  sicherstellte  und  England  außerhalb  dieser  Gruppierung  eine
Vormacht-  und  Sonderstellung  ermöglichte,  war  infolge  des  natürlichen
Wachstums  Deutschlands  sowie  der  VBeränderung  der  Gewichtsverhältnisse
am  Galkan  toter  Buchstabe  geworden,  ein  Begriff,  den  die  Entwicklung,
„das  Kleinerwerden  der  Entfernungen“  und  die  weltumspannende  WVerflechtung
  der  Wirtschaftsinteressen  in  die  Luft  gesprengt  hatten.  England
hing  an  ihm  und  schlug  sich  für  ihn.  Das  ist  begreiflich,  denn  dieser  Aufrecht.
erhaltung  der  „balance  of  powers“  auf  dem  Feslland  verdankte  das  Inselreich
  die  ungestörte  Ausbreitung  seiner  Welthandelsherrschaft  und  der
Gewalt  über  die  Meere  und  alle  Randländer,  die  zur  Erschließung  fremder
Erdteile  nötig  waren.  Stand  die  europäische  Wage,  in  der  die  Lose
Frankreichs,  Rußlands,  Osterreichs  und  Deutschlands  ruhten,  im  Gleichgewicht,
  so  hatte  ein  Hauch  des  britischen  Kabinetts  genügt,  sie  nach  der
gewünschten  Seite  zum  Ausschlag  zu  bringen.  Beliebte  England  die  von
der  zitternden  Nadel  angezeigte  Schwebelage,  so  war  es  ihm  ein  leichtes,
seine  Herrschaft  jenseits  der  Meere  zu  erweitern  und  zu  befestigen,  während
        <pb n="27" />
        Die  Dolitik  König  Eduards  11

die  Festlandsmächte  sich  gegenseitig  zerfleischten  oder  anstarrten  comme
des  chiens  de  sayence.  Das  wurde  zum  letzten  Male  geschichtlich  offenbar,
als  England  sich  anschickte,  die  Burenfreiskaaten  Südafrikas  endgültig  in
seinen  Machebereich  bineinzuziehen  und  seinem  Welkorganisationsgebilde
einzuverleiben.  Aber  dieser  Krieg  fesselte  und  erschöpfte  England  in  höherem
Grade,  als  es  vorausgesehen  hatte,  und  machte  ihm  die  Gefahr  der  „Splendid
isolation“  angesiches  der  zunehmenden  Erstarkung  Deutschlands  erschreckend
klar.  Hatte  doch  das  Niederringen  der  Buren  auf  dem  europäischen  Fest.
lande  Strömungen  hervorgerufen,  die  sich  mit  erregtem  Wellenschlag  gegen
England  richteten  und  nur  durch  die  Schachstellung  Deutschlands  und  Frank.
reichs  ihre  Wirkung  verloren.  Mit  dem  Tode  der  Königin  Wiktoria,  der
im  Jahre  1901  erfolgte,  stieg  auch  die  verblaßte  splendid  isolation  ins  Grab.

König  Eduard  VII.  suchte  andere  Wege.  Der  König  entzog  sich  der
Erkennenis  nicht,  daß  das  englisch  geordnete  europäische  Gleichgewicht  dahin
und  ein  Welegleichgewicht,  in  dem  England  ausschlaggebend  hätte  wirken
können,  noch  nicht  möglich  war.  England  sah  sich  also  vor  einen  neuen  Entschluß
  gestellt.  In  Sir  Eduard  Grey  fand  König  Eduard  einen  Minister,  der
bereit  war,  die  Folgerungen  aus  der  veränderten  Sachlage  in  einer  bestimmten,
gegen  Deutschland  gerichteten  Anordnung  zu  ziehen.  Unter  dem  Namen
der  Ententepolitik  begann  Englands  geschichtliche  Koalicionspolitik  in  verfeinertem
  Juschnitt  wieder  aufzuleben.  Im  Jahre  1902  enestand  das  Bündnis
mit  Japan,  und  im  Jahre  1904  erblühte  als  größter  Erfolg  die  Annäherung
Frankreichs,  das  sich  dem  Gedanken  ciner  herzlichen  Freundschaft  mit  dem
Erbfeinde  verflossener  Jahrhunderte  trotz  innerer  Wesensverschiedenheit  gern
bingab.  Diese  Verbindung  war  auf  englischer  Seite  bereits  aus  der  Befürch.
tung  geboren,  daß  die  Fesklandstaaten  sich  nicht  mehr  gegenseitig  in  Schach
hielten,  daß  Dreibund  und  Zweibund  sich  nicht  mehr  aufwogen  und  daß  selbst
der  stärkste  gegen  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn  gerichtete  Festlandsbund
das  schwebende  Gleichgewicht  nicht  mehr  sicherstellte.  Im  Grunde  hatte  also
König  Eduard  VII.  niches  anderes  getan,  als  die  Folgerungen  aus  der  Einsicht
gezogen,  daß  das  europäische  Gleichgewicht,  wie  es  sich  in  der  ursprünglichen
Anordnung  darstellte,  nicht  mehr  bestand.  Er  betrieb  altbritische  Koalitionspolitik,
  die  gegenüber  Deutschland  zur  „Einkreisungspolicik“  wurde,  gab  die
vsplendid  isclation“  auf  und  knüpfte  ein  wie  mit  Spinnfäden  gezogenes  Netz
von  Bündnissen,  von  politischen  Freundschaften  und  mehr  oder  weniger  bindenden
  Verabredungen,  das  jeden  Lufthauch  spürte  und  jede  kleine  Bewegung
Üüber  ganz  Europa  und  um  den  Erdball  fortpflanzte  und  gerade  dadurch  zur
Erhöhung  der  Weltspannung  beitrug.

Englands  Stellung  ist  jedoch  durch  diese  Freundschaftspolicik  wesentlich
gestärkt  worden.  Binnen  zehn  Jahren  hat  es  den  Weg  aus  der  glänzenden,
lange  gebietenden,  zuletzt  aber  gefährlichen  Einsamkeit  zur  führenden  Rolle
in  einer  neuen  Mächtegruppe  gefunden  und  zugleich  den  jahrhundertealten
        <pb n="28" />
        12  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Wetestreit  mit  Frankreich  im  Westen  und  die  füngere  Nebenbuhlerschafe
Rußlands  im  Osten  zu  seinen  Gunsten  gewendet.  Frankreich  wurde
unmittelbar  gewonnen,  Rußland  zunächst  durch  Japan  entwaffnet,  das
Rußland  von  den  Grenzen  Koreas  und  des  Gelben  Meeres  in  die  Mandschurei
  zurückwarf.  Dadurch  wurde  der  englisch  französische  Gegensatz  in
Afrika  und  der  russisch-englische  Gegensatz  in  Asien  stillgelegt.  Deutschland
  vermochte  diesem  großen  Spiele  nicht  zu  folgen,  das  Frankreich
eng  an  Englands  Seite  führte  und  damit  die  Figuren  zur  größten  europäischen
  Auseinandersehung  stellte.

Im  Jahre  1898  war  der  große  geschichtliche  Gegensasz  zwischen  England
  und  Frankreich  noch  einmal  hell  aufgeslammt.  Damals  erschien  die
Militärmission  Marchand,  die  vom  französischen  Kongo  nach  Osten  auf.
gebrochen  war,  am  Mil  und  hißte  in  Faschoda  am  Oberlauf  des  Stromes
die  französische  Fahne.  Ohne  Werzug  forderte  England  die  Räumung  des
Millandes,  das  es  seit  1881  besect  hielt,  seinen  Handelsinteressen  und  der
Verbindung  mit  Indien  dienstbar  gemacht  und  gegen  einheimische  Erhebungen
und  die  Einfälle  der  Mahdisten  behauptet  hatte.  Frankreich  sah  sich  genötigt,
seinen  kühnen  Sendboten  zu  verleugnen,  und  ließ  sich  zu  einem  Werzicht
bereit  finden.  Als  die  französische  Republik  damals  vor  Englands  Forderung
zurückwich,  in  Faschoda  die  Trikolore  eingezogen  und  der  Union  Jack  entfaltet
  wurde,  als  Kiecheners  Truppen  Marchand  und  seine  Leute  zu  einem
Nildampfer  geleiteten,  damit  er  die  Heimreise  antrete,  vollzog  sich  in  kleinem
Vorgang  eine  große  Wendung  in  den  Verhältnissen  der  beiden  alten  Nebenbuhler.
  Englands  eneschiedene  Politik  hatte  einen  vollständigen  Sieg  davongetragen,
  der  sich  nicht  nur  örklich  und  taktisch  festlegen  ließ,  sondern  auch  in
die  Zukunft  reichende  strategische  Ergebnisse  zeitigte.  Frankreich  verzichtete
auf  die  Weiterführung  der  geschichtlichen  Auseinandersetzung  mit  England,
die  seine  Policik  während  Jahrhunderten  beberrscht  hatte  und  auch  im
neunzehnken  Jahrhundert  noch  stoßweise  in  die  Erscheinung  getreten  war  (6).
Frankreich  schritt  auf  dieser  Bahn  weiter,  indem  es  aus  Englands  Händen
einen  Vertrag  enkgegennahm,  der  im  Mittelmeer  neue  Werhältnisse  schuf
und  der  französischen  Republik  das  souveräne  Scherisiat  Marokko  zusprach,
wogegen  sie  auf  ihre  ägyptischen  Ansprüche  Verzicht  leiskete  und  Englands
Vorherrschaft  im  Pharaonenlande  und  am  Kanal  von  Suez  anerkannte.
Noch  einmal  war  die  Welt  verteilt  worden,  noch  einmal  hatten  die  West.
mächte  das  Schicksal  der  Randländer  des  Mittelländischen  Meeres  von
sich  aus  bestimmt  und  über  Gebiete  verfligt,  die  teils  unabhängig  waren  wie
Marokko,  teils  durch  VBerträge  und  Versprechungen  vor  Einverleibung  gesichert
erschienen  wie  Agypten,  von  England  aber  zum  Ausgleich  der  Interessen
und  zur  Gewinnung  neuer  Freundschaften  in  den  Handel  gebracht  wurden.
Ooch  lag  in  der  Aufteilung  zurückgebliebener  Länder  und  unerschlossener
Gebiete  ein  Stück  internationaler  Organisation,  einer  Organisation  welt.-
        <pb n="29" />
        Die  Politik  König  Eduards  13

politisch  wirkender  Kräfte,  von  der  Deutschland  wiederum  ausgeschaltet
blieb,  während  sowohl  Italien  und  Spanien  als  auch  Rußland  mittelbar
daran  beteiligt  wurden.  Deutschland  kam  zu  spät  und  sah  sich  fertigen  Ver.
hältnissen  gegenüber,  die  nach  angelsächsischer  Anschauung  als  solche  zu
gelten  und  nach  französischer  bereies  zu  untilgbaren  Rechten  geführt  hatten.

Im  Augenblick,  da  das  Deutsche  Reich  sich  an  diesen  neugesteckten
Interessensphären  stieß  und  den  Versuch  machte,  die  Abgrenzung  derselben
in  Frage  zu  stellen,  mußte  es  bei  allen  auf  Widerstand  treffen,  die  an  diesen
Verträgen  und  Auseinandersetzungen  beteiligt  waren.  Diese  Erkenncnis
ist  offenbar  in  Berlin  nicht  so  weit  durchgedrungen,  daß  man  daraus  die
richtige  Schlußfolgerung  gezogen  hätte.  Man  glaubte  sich  nur  mit  Frank.
reich  auseinandersetzen  zu  müssen,  wenn  man  die  französische  Republik
verhindern  wollte,  von  Marokko  Besitz  zu  ergreifen.  Auch  diese  politische
Gegenhandlung  wurde  durch  Gebärden  unterstrichen,  die  in  der  Reise  Kaiser
Wilhelms  II.  nach  Tanger  und  der  Begrüßung  des  Sultans  Abd  ul  Asis
ihren  stärksten  Ausdruck  fanden.  Gelangte  Frankreich  in  den  Besitz  Marokkos,
so  gewann  es  in  der  Tat  nicht  nur  einen  so  großen  Zuwachs  an  Gebiet,  daß
die  Machtverhältnisse  in  Afrika  dadurch  verschoben  wurden,  sondern  entzog
dem  deutschen  Wettbewerb  auch  einen  aussichesreichen  Markt.  Die  französische
  Wirtschafespolitik  ging  ia  mehr  und  mehr  auf  die  Schließung
der  Türen,  während  Deutschland,  das  bei  der  Verteilung  der  Erde  zu  spät
gekommen  war,  immer  entschiedener  auf  offene  Türen  hbalten  mußte,  um
seinem  Handel  und  seiner  Industrie  neue  Wege  zugänglich  zu  machen.

Als  Frankreich  seine  Ausdehnungspolitik  auf  Marokko  erstreckte,  sah
es  sich  dem  Deutschen  Reiche  zum  erstenmal  außerhalb  Europas  feindlich
gegenüber.  Bismarck  hatte  nie  daran  gedacht,  Frankreich  von  exotischen
Unternehmungen  abzuhalten  oder  ihm  bei  solchen  in  den  Arm  zu  fallen,
ja  sich  stets  bemüht,  es  hierdurch  in  der  Ferne  zu  binden  und  von  alten
Erinnerungen  und  Eroberungen  abzulenken.  Zwar  hatte  sich  die  weltwirtschaft.
liche  Enewicklung  so  gestaltet,  daß  Deutschland  die  Verteilung  der  letzten
Märkte  und  Gebiete  unter  seine  imperialistischen  Nebenbuhler  nicht  mehr
ohne  Einspruch  gestatten,  geschweige  denn  fördern  konnte,  aber  es  war  gefährlich
  und  zeugte  von  geringem  Verständnis,  wenn  die  deutsche  Staatskunst
  glaubte,  es  in  der  Marokkofrage  nur  mit  Frankreich  zu  cun  zu  haben.
Zum  mindesten  bedurfte  es  hierzu  einer  starken  und  zuverlässigen  Rücken.
deckung,  denn  trat  England  neben  Frankreich,  so  erwuchs  aus  einem  marok.
kanischen  Konflikt  und  einer  deutsch-französischen  Auseinanderseczung  alsbald
die  Gefahr  eines  Zusammenstoßes  Deutschlands  mit  den  Westmächten,
und  da  Frankreich  mit  Rußland  verbündet  war,  auch  mit  diesem.  Nur  eine
Verständigung  mit  Rußland  oder  mit  England  konnte  einen  Krieg  ver.
bindern,  in  dem  Deutschland  sich  überwältigender  Dbermacht  gegenüber
gesehen  hätte.  Aber  auch  zu  Rußland  führte  keine  Brücke.
        <pb n="30" />
        14  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Eduard  VII.  hatte  Frankreich  mit  zarten  Fäden  an  das  britische  Interesse
geknüpft  und  durch  Frankreich  Rußland  gebunden.  Er  selbst  aber  besaß
noch  freie  Hand,  die  fest  zu  ergreifen  niemand  recht  gelingen  wollte.  Die
zarten  Fäden,  die  diese  feine  Hand  gesponnen  hatte,  sind  durch  die  marok.
konische  Politik  Deutschlands  nicht  zerrissen  worden,  sondern  wuchsen  sich
dadurch  zu  festen  Strängen  aus,  die  von  England  nur  noch  mit  großer  Mühe,
von  Frankreich  überhaupt  nicht  mehr  gelöst  werden  konnten.

So  mußte  sich  Deutschland  bequemen,  zu  einer  europäischen  Konferenz
zu  gehben,  um  seine  politische  Stellung  in  der  Marokkofrage  zu  wahren.
Als  diese  am  7.  Januar  1906  zu  Algeciras  zusammentrat,  sah  sich  Deutschland
  nicht  nur  Frankreich  gegenüber,  sondern  auch  genötigt,  die  Frankreich
unterstügende  Polin#k  Englands  und  Rußlands  zu  bekämpfen.  Da  Italien
sich  im  Banne  seiner  Mittelmeerinteressen  im  Hintergrund  hielt  und  Osterreich-Ungarns
  Beistand  nicht  genügte,  dem  Standpunkt  Deutschlands  Anerkennung
  zu  verschaffen,  endete  die  Konferenz  mit  einem  vieldeutigen  Kompromiß.
  Frankreich  schied  als  die  in  Marokko  bevorrechtete  europäische
Macht  von  Algeciras,  wo  nur  noch  Spanien  eine  Sonderstellung  zugebilligt
und  die  Offenhaltung  des  marolkanischen  Marktes  ausgesprochen  wurde.
Der  Sultan  von  Marokko  galt  zwar  auch  ferner  als  unabhängig,  aber  der
friedlichen  Durchdringung  des  Maurenreiches  durch  die  Franzosen  stand
fürder  nichts  mehr  im  Wege.

Deutschland  mußte  sich  damit  begnügen,  ein  europäisches  Papier  erstricten
  zu  haben,  dessen  Auslegung  dehnbar  war  und  dessen  Vorteile  nicht  ihm
zugute  kamen,  sondern  Frankreich  einen,  wenn  auch  beschränkten,  Rechtstitel
gaben.  Schon  damals  waren  die  Fäden,  die  Eduard  VII.  mit  Grey  und
Delcassé  gesponnen  hatte,  stärker  als  sie  schienen.  In  ihren  Schwingungen
drückte  sich  fortan  die  Erhöhung  der  Weltspannung  am  deutlichsten  aus,  zu  der
die  Ententepolitik  des  englischen  Königs  seit  dem  Jahre  1902  geführt  hat.

England  war  Freundschaften  und  Gündnisse  eingegangen,  ohne
sich  dadurch  in  seiner  eigenen  Bewegungsfreiheit  wesentlich  einschränken
zu  lassen.  Das  Bündnis  mie  Japan  stellte  den  fernen  Osten  sicher  und  band
Rußland  in  der  Mandschurei,  das  Einvernehmen  mit  Rußland  führte  zu
einer  Abgrenzung  der  vorderasiatischen  Einflußsphären,  wie  sie  für  England
nicht  günstiger  gedacht  sein  konnte,  und  das  herzliche  Einvernehmen  mit
Frankreich  gab  den  Suezkanal  und  Agypten  samt  dem  Sudan  vollständig  in
britische  Hand.  Portugal  lag  seit  altersher  in  einem  Schuyverhältnis  zu
England  gebunden,  und  Italien  stand  infolge  seiner  offenen,  langgestreckten
Küsten  uncer  dem  Einfluß  britischer  Wünsche,  der  sich  in  der  britischen  Seeherrschaft
  verkörperte.

König  Eduard  hatte  seinem  Lande  das  Schiedsrichteramt  und  damit
die  Vorherrschaft  Europas  durch  seine  neue  Methode  —  Abschluß  von
einseitig  bindenden  Freundschaften  —  kampflos  gesichert.
        <pb n="31" />
        15
Belgien  und  die  Großmächte

Das  Einvernehmen  Englands  und  Frankreichs  brachte  auch  eine  Durchsicht
  der  Beziehungen  Englands  und  Frankreichs  zu  Belgien  mit  sich.  Die
Generalstäbe  Deutschlands,  Englands  und  Frankreichs  wußten,  daß  das
Maasbecken  seit  Jahrhunderten  das  Schlachtefeld  Europas  gewesen  war.
Dieses  Los  war  auch  dem  belgischen  Staat  aufgespart,  der  im  Jahre  1830
aus  der  alten  Barrierenpolitik  der  Großmächte  hervorgegangen  und  folgerichtig
  als  neutralisierter  Dufferstaat  Dasein  gewonnen  hatte.

Die  Aufrichtung  der  Unabhängigkeit  und  Neutralität  Belgiens,
die  nach  fahrhundertelangen  Kämpfen  um  den  Besih  Flanderns  in  den
Jahren  1830  und  1839  von  den  Großmächten  festgesetzt  und  verbrieft
worden  war,  hatte  vornehmlich  den  IZweck,  das  europkische  Gleichgewicht
aufrechtzuerhalten.  Die  Neutralität  Belgiens  ist  also  nicht  um  Belgiens
willen,  sondern  im  Interesse  der  Großmächte,  vor  allem  Englands,  ausgesprochen
  worden.  In  dem  Londoner  Protokoll,  das  am  20.  Dezember  1830
aufgesetzt  wurde,  heißt  es  nach  de  Clercs  Sammlung  französischer  Verträge
(Band  IV,  Paris  1865)  ausdrücklich:  „Die  Konferenz  werde  sich  mit  neuen
Abmachungen  beschäftigen,  die  am  besten  geeignet  seien,  die  künftige  Unabhängigkeit
  Belgiens  mit  den  Verträgen,  den  Interessen  und  der  Sicherung
der  anderen  Staaten  und  die  Aufrechterhaltung  des  européäischen  Gleichgewichtes
  in  Obereinstimmung  zu  bringen.“

Diese  Neutralisierung  lag  zunächst  und  zumeist  im  Interesse  Englands.
Als  Napoleon  auf  St.  Helena  saß,  sprach  er  das  hellsehende  Wort:  „Cest
pour  Anvers  que  je  suis  ici.“"  Da  England  im  neunzehnten  Jahrhundert
nicht  mehr  Festlandsmacht  genug  war,  Seeflandern,  Calais  und  Dünkirchen
selbst  besetzt  zu  halten,  um  sein  Inselreich  mit  vorgeschobenen  Bollwerken
jenseits  des  Kanals  zu  umgeben,  hat  es  in  einer  Neutralisierung  Belgiens
das  Mittel  gesehen,  das  flandrische  Glacis  gegenüber  Frankreich  zu  sichern.
Diese  Sicherung  war  notwendig,  solange  Frankreich  seine  alteingewurzelte
DPolitik  aufrechterhielt  und  in  einem  Gegensatz  zu  England  beharrte.  Als
Deutschlands  Aufstieg  die  Verhältnisse  änderte  und  England  und  Frankreich
im  ersten  Jahrzehnt  des  zwanzigsten  Jahrhunderts  eine  enge  Verbindung
eingingen,  war  Englands  Festlandsglacis  Belgien  nicht  mehr  gegen  Süden,
sondern  gegen  Osten  gewendet.  Frankreich  hatte  schon  im  Kriege  von
18700/71  aus  der  Neutralität  Belgiens  Nutzen  gezogen  und  sich  darein
mit  Preußen--Deutschland  geteilt.  England  hat  damals  die  Achtung  der
belgischen  Neutralität  im  eigenen  Interesse  gefordert  und  von  beiden  kriegfübrenden
  Parteien  zugesichert  erhalten.  Daß  beide  dazu  ohne  weiteres
willig  waren,  lag  in  den  strategischen  Verhältnissen  begründet,  die  sich  einerseits
  in  der  geringen  Bereitschaft  Frankreichs  zum  Bewegungskrieg  und  in
seinem  Aufmarsch  im  elsaß.lothringischen  Borgelände  und  andererseics  in
        <pb n="32" />
        16  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

der  Zusammenfassung  der  deutschen  Streitkräfte  zwischen  der  Saar  und
dem  Oberrhein  ausdrückten.  Damals  erfüllte  Belgien  seine  Rolle  zum  Vorteil
  der  drei  benachbarten  Unterzeichner  seiner  Neutralität  zum  lectenmal.
Nach  der  Aufrichtung  des  Deutschen  Reiches  und  dessen  zunehmender
Industrialisierung,  die  sich  besonders  an  der  ausgesetzten  Rheinflanke  zwischen
Nuhr  und  Wupper  geltend  machte,  war  die  Bedeutung  Belgiens  als  Pufferstaat
  zwar  nicht  gemindert,  die  Aufrechterhaltung  seiner  Neutralität
aber  beträchtlich  erschwert  worden.  Solange  England,  Frankreich  und  Deutschland
  drei  Mächte  darstellten,  die  ihre  Interessen  im  Sereitfalle  gegenseitig
abwogen  und  nicht  zwei  gegen  eine  standen,  trat  dies  weniger  hervor,  im
Augenblick  aber,  da  Frankreich  und  England  ihre  Interessen  verbanden,
wuchs  der  Druck  auf  Belgiens  Nord-  und  Westflanke  so  stark,  daß  Deutschland
  ihn  durch  den  Pufferstaat  hindurch  spürte.  Traf  das  Deutsche  Reich
daraufbin  Gegenmaßnahmen,  so  geriet  Belgien  unter  doppelseitige  Pressung,
die  im  Falle  eines  Konflikts  der  großen  Mächtegruppen  zur  tödlichen  Gefahr
werden  konmee.

Belgien  war  erst  seit  achtzig  Jahren  zu  einem  selbständigen  Herrschafts.
gebiet  geworden  und  hatte  in  dieser  kurzen  Spanne  Zeit  ein  Weltwirtschafts.
volk  erzeugt.  Das  Land  hatte  sich  indes  mit  seiner  reichen  wirtschaftlichen
Enewicklung  nicht  beschieden.  Das  ist  ihm  zum  Verhängnis  geworden  und
hat  es  aus  seiner  neutralen  Stellung  gedrängt,  die  in  der  Staatsauffassung
ohnehin  schwach  verankert  war,  da  wohl  der  Staat,  nicht  aber  der  Staatsbürger
sich  daran  gebunden  hielt.  Als  Belgien  aus  den  Händen  König  Leopolds
den  Kongostaat  im  Umfang  von  2252  780  Quadratkilometern  mit  etwa
19  Millionen  Einwohnern  erwarb,  ging  es  zur  Machtpolieik  über.  Es
gab  die  bescheidene  stumme  Nolle  auf  und  wurde  zur  handelnden  Derson
auf  der  Weltbühne,  begab  sich  also  in  einen  inneren  Widerspruch  mit  der
ewigen  Neutralität,  die  einen  Verzicht  auf  Machtzuwachs  in  sich  schließe
und  von  Belgien  selbst  um  so  eifersüchtiger  gehütet  werden  mußte,  je  brüchiger
das  europäische  Gleichgewicht  wurde.  Die  Abernahme  des  Kongostaates  aus
der  Leopoldischen  Erbschaft  machte  Belgien  dann  dem  modernen  Imperialismus,
  der  sich  als  Streben  nach  überseeischer  Geltung  bezeichnen  läßt,  vollends
zinspflichtig.  Fortan  gingen  die  Interessen  Belgiens  mit  denen  Englands  und
Frankreichs  eng  zusammen,  wollte  Welgien  sich  nicht  in  Afrika  einem  unerträglichen
  Flankendruck  aussehen.  Es  hat  diesen  genug  zu  spüren  bekommen,
bis  sein  Einschwenken  auf  der  ganzen  Oinie  die  britischen  Anklagen  über
belgische  Eingeborenenpolitik  am  Kongo  verstummen  ließ.  Zwei  geschichtliche
Daten  kennzeichnen  diese  Entwicklung.  Am  9.  Juni  1904  hat  Grey  im  Unterhaus
  die  „Kongogreuel“  gebrandmarkt,  am  29.  Mai  1913  setzte  er  die  Anerkennung
  der  Amnexion  des  Kongostaates  durch  Belgien  im  Parlament
durch  und  lehnte  die  Wiedererörterung  der  Eingeborenenpolitik  ab.  Belgien
hatte  die  politische  Unterstützung  der  Westmächte  gefunden,  nachdem  König
        <pb n="33" />
        Belgien  und  die  Großmächte  17

Albert  sich  für  eine  menschenwürdigere  Behandlung  der  Kongoneger  ver.
burgt  hatte.  Obrigens  war  die  Einwerleibung  des  Kongostaates  in  Belgien
durch  die  Garantiemächte  der  belgischen  Unabhängigkeit  ohne  Vorbehalt  anerkannt
  worden,  da  sie  das  Interessengleichgewicht,  das  im  Vertrag  von
1839  hergestellt  war,  durch  die  Amwandlung  der  Leopoldischen  Gründung  in
eine  belgische  Kolonie  nicht  bedroht  sahen.  Gleichwohl  war  die  belgische
Neutralität  an  sich  dadurch  gemindert  worden,  eine  Tarsache,  die  erst  zu
Gewicht  gelangt  ist,  als  es  für  Belgien  längst  zu  spät  war,  auf  das  —  überdies
  bezahlte  —  Danaergeschenk  König  Leopolds  zu  verzichten.  Dieses  „Zuspät“
  erfährt  durch  die  Einkreisungspolitik  König  Eduards  die  richtige
Beleuchtung.  Da  tauchten  plöglich  die  Schlagschatten  einer  drohenden
Gefahr  am  belgischen  Horizont  auf,  der  bereits  durch  die  eifrige  Hinneigung
des  führenden  wallonischen  Vollsteils  zu  Frankreich  verschattet  worden
war  (7).

Der  europäische  Friede  war  durch  die  Einkreisungspolitik  des  gekrönten
  englischen  Staatsmannes  unmittelbar  bedroht,  wenn  irgendeine  der
Ententemächte  eine  zwischen  ihr  oder  einer  ihr  nahestehenden  kleinen  Macht
und  einem  Angehörigen  des  Oreibundes  entbrennende  Streitfrage  vor
das  europäische  Gericht  brachte.  Geschah  dies,  und  wurden  alsdann  die
beiden  großen  Heerlager  unter  die  Waffen  gerufen,  so  war  Welgien  in  erster
Linie  gefährdet.  In  zweiter  Cinie  standen  Holland  und  die  Schweiz  vor
der  Gefahr,  den  Krieg  über  ihre  Grenzen  hereinbrechen  zu  sehen.  Die  Diplomatie
  Belgiens  hat  die  Belgien  drohende  Gefahr  richtig  erkannt,  und  die
Gesandten,  die  das  neutrale  demokratische  Königreich  in  den  Mittelpunkten
des  Weltgeschehens  unterhielt,  haben  diese  Entwicklung  in  ihren  Werichten
an  die  Brüsseler  Regierung  treffend  gekennzeichnet  und  es  an  Warnungen
nicht  fehlen  lassen.  Also  hing  für  Belgien  fortan  alles  von  der  Einschägung
ab,  die  man  in  Brüssel  den  europäischen  Kräfteverhälmmissen  angedeihen  ließ,
wenn  man  nicht  bereit  war,  unbedingte  Neutralität  zu  bewahren,  nirgends
Anlehnung  zu  suchen  und  selbst  unverbindliche  Erörterungen  Über  Kriegs.
möglichkeiten  mit  den  Vertretern  der  Großmächte  zu  vermeiden.  Diese
Einschäzung,  ob  falsch  oder  richtig,  schrieb  dann  der  Regierung  ihr  Verhalten
  vor.

Belgien  war  von  alters  her  nicht  in  der  Lage,  eine  unbedingte  Neutralität
zu  Üben,  und  auf  der  anderen  Seite  in  besonderem  Maße  von  einer  Abirrung
der  Gefühle  bedroht,  weil  dem  Lande  die  geschichtlichen  Grundlagen  und  eine
selbsterkämpfte  Machtskellung  mangelten.  Diese  Einsicht  ist  bezeichnenderweise
  zuerst  in  England  laut  geworden.  Das  Kabinett  von  St.  James  hat
bereits  im  Jahre  1789  in  AUnterhandlungen,  die  zwischen  ihm  und  der  Krone
Preußen  geführt  wurden,  zu  verstehen  gegeben,  daß  eine  Emanzipation
Belgiens  nicht  im  britischen  Interesse  läge,  da  ein  unabhängiges  Belgien
in  Abhängigkeit  von  seinem  mächtigen  Nachbarn  Frankreich  geraten  werde  (9).

Stegemanas  Geschichte  des  Kelege#  1.
        <pb n="34" />
        18  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Ein  Jahrhundert  später  hatten  die  Verhältnisse  dieses  Problem  vom
britischen  Gesichtspunkt  aus  umgewertet.  Da  Frankreich  sich  an  England
gebunden  hatte  und  ein  zu  England  in  Gegensah  geratenes  mächtiges  Deutschland
  enestanden  war,  hatte  eine  allfällige  Anlehnung  Belgiens  an  Frankreich
für  England  nichts  Schreckhaftes  mehr.

Von  1909  an  war  ein  souveränes  Belgien  dank  seiner  Abhängigkeit  von
der  Politcik  der  Westmächte  eine  bestimmte  Größe  in  der  englisch  französischen
Rechnung.  Belgiens  Bedeutung  für  die  Neuordnung  der  englisch-französischen
Politik  wuchs  noch,  als  das  Land  sich  eine  militärische  Rüstung  angelegen  sein
ließ,  die  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  als  eine  Grontstellung  gegen  Osten
erscheinen  mußte.  Niemand  hat  die  Gefahren,  die  gerade  für  Belgien  aus
der  englisch-französisch-russischen  Ententepolitik  erwuchsen,  deutlicher  erkannt
als  die  belgische  Diplomatie,  die  sich  der  Gefahren  wohl  bewußt  wurde,  in
die  ihr  Land  durch  die  europä#sche  Policik  des  Dreiverbandes  geraten  war.
Der  belgische  Gesandte  in  Berlin,  Baron  Greindl,  hat  das  am  27.  Januar
1908  in  dem  schlagenden  Briefsatz  ausgedrückt:  „La  politique  dirigée  par
le  roi  Edouard  VII  sous  le  prétexte  de  gerantir  1  Europe  du  péri
allemand  imaginaire  à  cr##  un  danger  français  trop  récl  et  qui  nous
menace  en  premiere  ligne.“

Das  GBalkanproblem

Die  Marokkokrise  verstärkte  die  Reibungen  der  europäischen  Mächte.
gruppen.  Das  Mittelmeerproblem  hatte  alle  Randländer  ergriffen  und
die  Interessen  der  europäischen  Mächte  an  diesem  ältesten  Kulturbecken
Europas  aufs  neue  zur  Erörterung  gestellt.  Italien  suchte  sich  aus  dem
Dreibund  zu  lösen,  der  ihm  weder  volle  Sicherheit  noch  berückende  Vor.
tleile  zu  bieten  schien.  Die  Bestrebungen  der  Irredenta  erfuhren  fortgesetzte
  Hflege,  und  die  Beherrschung  der  Adria  wurde  zur  Forderung
des  Tages.  Diese  Bestrebungen  schossen  in  Frucht,  als  die  englisch-  französische
  Holitik  die  Verteilung  der  nordafrilanischen  Küste  crotz  des  deutschen
Widerspruchs  planmäßig  durchgeführt  hatte  und  Rußlands  NRückkehr  zur
alten  Orientpolitik  keinem  Widerstand  des  befreundeten  England  und
Frankreich  mehr  begegnete.

ARußland,  das  sich  durch  Japan  um  seine  Ausbreitung  in  Ostasien  betrogen
  wußte,  wandte  sich  wieder  dem  nahen  Orient  zu  und  sammelte  hier
seine  Energien  und  Ideale,  um  endlich  den  ungehinderten  Ausgang  aus  dem
Schwarzen  Meer  und  somit  den  Weg  zur  freien  See  zu  finden,  den  ihm
Englands  Verbündeter  im  fernen  Osten  verlegt  hatte.  Kaum  war  der
Friede  von  Portsmouth  geschlossen,  der  zwischen  Rußland  und  Japan  einen
tragfähigen  Friedenszustand  schuf,  so  legte  die  russische  Policik  das  Steuer
um  und  schiffte  nach  der  Aberwindung  der  Nevolution  eneschlossen  westwärts.
        <pb n="35" />
        Das  Ballanproblem  19

Alte  russische  Ideale  wurden  wieder  neu,  die  Politik  des  Zarentums
begann  sich  noch  einmal  im  Feuer  der  panslawistischen  Idee  zu  läutern,  um
alle  inneren  Schwierigkeiten  durch  Ablenkung  der  nationalen  Energien  nach
außen  zu  bannen.  Geschah  dies  in  der  Richtung  auf  Konstantinopel,  und
zwar  zunächst  durch  Stärkung  der  Balkanstaaten,  so  mußte  Rußland  auf
Osterreich--Ungarn  sloßen,  das  dem  Nationalitätenprinzip  als  Staacsgrundsatz
weder  an  der  Südgrenze  gegen  Jtalien  noch  gegen  Serbien  oder  Rumänien
Naum  gönnen  konnte,  ohne  sich  selbst  aufzugeben.

Rußland  rechnete  mit  den  abirrenden  Gefühlen  und  Tendenzen  der
dort  im  österreichisch-ungarischen  Staatenverband  lebenden  und  der  Monarchie
kulturell  und  politisch  mehr  oder  weniger  angeschlossenen  Serben,  Rumänen
und  Italiener,  die  von  den  Wiener  und  Pester  Regierungen  nicht  immer
glücklich  gelenkt  worden  waren.

Von  diesen  Völkern  waren  die  ungarländischen  Rumänen  russischem  Ein.
fluß  und  Einwirkungen  von  außen  am  nieisten  entzogen,  da  das  Königreich
Rumänien  bei  Deutschland  und  Osterreich-Angarn  Anlehnung  gesucht  hatte,
um  seine  Stellung  gegenüber  NRußland  zu  stärken  und  seine  Ostgrenze  zu
sichern,  über  die  der  Weg  in  die  Walachei,  die  Dobrudscha  und  nach  Konstantinopel
  führte.  König  Carol  I.  hatte  schon  im  Jahre  1883  mit  dem  Kaiser
und  König  von  Osterreich-Ungarn  einen  Geheimvertrag  abgeschlossen,  der
einem  Bündnis  gleichkam  und  auch  auf  Deutschland  und  Italien  üÜberging.
Das  Dapier  entbehrte  allerdings  der  Deckung  durch  die  runsänischen  Minister
und  war  nur  ein  dynastisches  Abkommen,  das  keinen  Wert  besaß,  wenn  der
rumänische  König  nicht  die  Kraft  hatte,  seine  Berater  und  sein  Volk  darauf
zu  verpflichten  und  dabei  festzuhalten.  Immerhin  ist  dieser  Vertrag  ein
Ausdruck  gegenseitigen  Vertrauens  gewesen  und  hat  die  Richtlinien  auf.
gezeichnet,  nach  denen  die  rumänische  Politik  handelte,  bis  auch  der  Pufferstaat
  des  Ostens  in  den  Strudel  der  Entwicklung  gerissen  und  infolge  einer
neuen  Einschätzung  der  Stärkeverhälenisse  der  beiden  großen  Mächtegruppen
zu  einer  Frontänderung  veranlaßt  wurde.

Am  gefährlichsten  für  Osterreich-AUngarns  Jusammenhalt  als  mitteleuropäisches
  Machtgebilde  war  die  Werbekraft,  die  von  dem  herben,  zukunfesgläubigen
  Serbentum  ausging.  Da  die  Reichsgrenze  gegen  Serbien
als  eine  verschiebbare  erschien,  weil  Bosnien  und  die  Herzegowina  von  der
Monarchie  nur  besetzt  waren  und  lediglich  verwaltet  wurden,  so  schöpfte
die  großserbische  Politik  daraus  die  volle  Berechtigung,  die  Angliederung
  dieser  Landschaften  an  das  Königreich  Serbien  ungescheut  zu
betreiben.  Zugleich  verskärkte  Serbien,  von  Rußland  über  die  Wirkung  des
russischen  Einflusses  belehrt,  seine  Werbungen  in  Mazedonien,  wo  Bulgarien
und  Griechenland  schon  als  Anwärter  tätig  waren  und  eine  von  umstürzlerischen
  Bestrebungen  zerrissene,  in  Nationalitäten  zerfallende  Bevölkerung
in  ständiger  Uuruhe  lebte.
        <pb n="36" />
        20  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

In  Mazedonien  kreuzten  sich  die  Interessen  sämtlicher  Balkanmächte
in  verhängnisvoller  Weise.  Die  mazedonischen  Wirren  bildeten  eine  ständige
Gefahr  und  Verlockung  für  die  Anrainer  und  ihre  Hincermänner,  nicht
zulehzt  bedrohten  sie  in  ihren  Wirkungen  den  Bestand  der  Türkei,  deren  Auflösung
  nahegerückt  schien,  wenn  die  Lawine  ins  Rollen  kam.

Als  England  sich  Rußland  immer  mehr  näherte  und  die  Balkanvölker
die  Abstumpfung  des  englisch  russischen  Gegensatzes  gewahr  wurden,  wuchs
die  Gefahr  gewaltsamer  Vorgänge  auf  der  Balkanhalbinsel.  Die  englischrussische
  Annäherung  gedieh  am  19.  Juli  1908  zu  einer  Zusammenkunfe
König  Eduards  mit  dem  Jaren,  die  auf  der  Reede  von  Reval  stattfand
und  einen  Gedankenaustausch  über  die  Balkaninteressen  der  beiden  Mächte
zutage  förderte.  Offenbar  hatte  England  sogar  sein  Verhälenis  zur  Türkei
einer  Durchsicht  unterzogen,  um  seine  Einkreisungspolitik  zum  Siege  zu
fübren.  Die  Mißherrschaft  des  Sultans  Abd  ul  Hamid  erleichterte  England
  diese  Schwenkung  und  legte  Rußland  und  den  christlichen  Balkanvölkern
eine  neue  Aufteilung  des  ottomanischen  Reiches  nahe.

Da  erhoben  sich  im  Sommer  1908  die  liberalisierenden  Jungtürken
und  stürzten  das  absolutistische  Regiment  des  Sultans  Abd  ul  Hamid.  Eine
neue  Orientkrisis  zog  herauf.  Unter  dem  Zwange  der  Umstände  entschloß  sich
Osterreich-Ungarn,  zu  handeln,  ehe  seine  Stellung  am  Balkan  von  anderer
Seite  zur  Erörterung  gestellt  wurde.  Es  verkündete  die  Einverleibung  der
ihm  durch  den  Berliner  Kongreß  zur  Besehung  überwiesenen  Landschaften
Bosnien  und  Herzegowina.  Wien  stellte  also  einer  von  innen  heraus  wirkenden
Entwicklung  eine  äußerliche  Tatsache  entgegen,  ohne  sich  mit  den  Signatar.
mächten  des  Berliner  Kongresses  ins  Einvernehmen  zu  sehen  und  ohne  den
zwischen  dem  Kaiser  und  König  und  dem  türkischen  Sulean  abgeschlossenen
Vertrag  auf  rechtlichem  Wege  zu  beseitigen.  Es  fühlte  sich  in  einer  Zwangs.
lage  und  handelte  danach.  Dieser  Schritt  brachte  nicht  nur  den  Balkan,
sondern  auch  die  Großmächte  in  Bewegung.  War  die  von  dem  Minister
Aehrenthal  vorgenommene  Staatshandlung  bestimmt,  Klarheit  Über  den
Amfang  und  die  ZJiele  der  großserbischen  Propaganda  zu  erlangen  und  festzustellen,
  in  welchem  Maße  sich  Rußland  dafür  einsetzen  würde,  so  konnte
Osterreich  diesen  Zweck  als  vollkommen  erreicht  bezeichnen.  Laut  klang  Serbiens
Einspruch,  deutlich  klirrte  Rußlands  Schwert.  Bald  wurde  offenbar,  wie
stark  Serbien  sich  bereits  fühlte  und  wie  greifbar  deutlich  Rußland  ihm  die
Hand  führte.

Der  europäische  Krieg,  der  um  Marokko  und  die  in  diesem  Handel
verborgen  liegenden  Probleme  noch  nicht  entbrannt  war,  drohte  sich  jetze
an  der  Orientfrage  zu  entzünden.  Fürst  Ferdinand  von  Bulgarien  ersah
die  Gunst  der  Seunde  und  schüttelte  die  Souveränität  des  Sultans  ab,  der
Berliner  Vertrag  flog  in  alle  Winde.  Auch  in  diesem  Falle  lag  der  Grund
der  Erregung  tiefer,  handelte  es  sich  um  die  allgemeine  politische  Entwicklung,
        <pb n="37" />
        Das  BValkanproblem  21

nicht  um  den  Vorfall  an  sich.  Die  europäische  Gegenwirkung  auf  den  Schritt
Oslerreich-Ungarns  war  so  stark,  weil  durch  die  endgültige  Einverleibung
der  beiden  Landschaften  in  die  Donaumonarchie  die  Erwartungen  und
Möglichkeiten  des  großserbischen  Zukunftsstaates  gedämpft  wurden,  Rußland
sich  in  seiner  politischen  Interessensphäre  verletzt,  in  seinen  Hoffnungen  und
Enewürfen  bedroht  fühlte  und  das  alternde  Osterreich-Ungarn  plöglich  als
selbständig  handelnde  Macht  in  Erscheinung  trat  und  die  beweglichen
Balkangrenzen  von  sich  aus  fest  umsteckte.

Rußlands  Zustimmung  zu  der  Einverleibung  war  angeblich  von  dem
Minister  des  Außern  Iswolski  unter  bestimmten  Bedingungen  in  Aussicht
gestellt  worden,  von  denen  die  Forderung,  daß  den  russischen  Kriegsschiffen
die  Ourchfahrt  durch  den  Bosporus  und  die  Dardanellen  geöffnet  werde,
am  lantesken  sprach.  Es  sind  aber  Zweifel  erlaubt,  ob  das  Petersburger
Kabinett  an  die  Durchsegung  dieser  Forderung  geglaubt  hat,  die  ja  nicht
durch  eine  einseitige  Absprache  Iswolskis  mit  Aehrenthal  geregelt  werden
konnte.  Tatsächlich  hat  Rußland  den  Schritt  der  Donaumenarchie  als
Bedrohung  der  von  dem  Zaren  beanspruchten  Beschützerrolle  auf  dem
Balkan  angesehen  und  danach  gehandelt.

Englands  Einspruch  gegen  die  Einverleibung  Bosniens  und  der  Herzegowina
  verschärfte  die  Lage.  Dazu  bot  die  diplomatische  Schürzung  des
Knotens  reichliche  Gelegenheit.  Das  britische  Kabinett  wies  darauf  hin,
daß  die  staatsrechtlichen  Beziehungen,  welche  die  von  Osterreich-Ungarn
beseczten  und  verwalteten  Länder  mit  der  Donaumonarchie  verknüpften,
durch  die  Berliner  Kongreßakte  festgestellt  seien  und  daß  eine  Anderung
der  Genehmigung  der  Signatarmächte  bedürfe.  Dieser  Anschauung  schloß
sich  Iswolski  alsbald  rasch  gefaßt  an.  Obwohl  sich  Frankreich  zurückhielt,
da  es  durch  Sorgen  und  Hoffnungen  im  eigenen  Hause  abgelenkt  war  und
den  Freunden  und  WVerbündeten  die  Führung  der  Angelegenheit  getrost
Überlassen  konnte,  drohte  eine  allgemeine  europäische  Entladung,  zum
mindesten  aber  eine  gewaltsame  Auseinandersetzung  zwischen  ÖOsterreich-Ungarn
  auf  der  einen  und  Serbien  und  Rußland  auf  der  anderen  Seite.
Die  Wiener  Diplomatie  versuchte  die  briüchige  Grundlage  ihrer  Politik  zu
verstärken,  indem  sie  sich  gegenüber  dem  Einspruch  Englands  nicht  grundsätzlich
  ablehnend  verhielt.  Wien  machte  jedoch  die  von  England  und  Rußland
  geforderte  Gesamtentscheidung  Europas  von  Einzelverständigungen
mit  den  Großmächten  abhängig.  Dieser  Schach  zug  wurde  durch  das  Dber.
einkommen  ergänzt,  das  am  18.  Januar  1909  zwischen  dem  Ballplatz  und
der  Hohen  Dforte  geschlossen  wurde.  Oanach  verzichtete  Osterreich-Angarn
auf  sein  Besetzungsrecht  im  Sandschak  Nowibasar  und  erstattete  diese
Landschaft  dem  Sultan  zurück,  während  die  Psorte  die  Einverleibung
Bosniens  und  der  Herzegowina  in  die  Donaumonarchie  anerkannte.  Osterreich
  gab  damit  die  Türe,  die  nach  Mazedonien  und  Saloniki  führte,  preis.
        <pb n="38" />
        22  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Der  diplomatische  Vorteil,  den  es  durch  diesen  sachlichen  Verzicht
errang,  lag  auf  der  Hand.  Englands  Einspruch  mußte  an  Schärfe  und  Be.
stimmtheit  verlieren,  nachdem  die  Türkei  sich  befriedigt  erklärt  hatte.  England
  verzichtete  auf  die  Führung  des  Gegenspiels,  war  indes  geneige,  Nußlands
  Einspruch  als  den  des  Nächstbeteiligten  zu  stüchen  und  der  Regierung
des  Zaren  den  Rücken  zu  stärken.  In  diesem  Sinne  war  besonders  der  britische
Vertreter,  Botschaftsrat  Arcur  Nicolson,  in  Petersburg  tätig.  Rußland
scheute  zwar  ein  allzu  schroffes  Auftreten,  blieb  aber  auf  seinem  Standpunk:
stehen  und  erschwerke  dadurch  Osterreich-ngarns  Lage  beträchtlich.  Ruß.
lands  Halecung  ermutigte  Serbien,  seine  Sache  weiter  mit  Leidenschaft  zu  verfecheen.
  Feierlich  legte  die  serbische  Volksvertretung  gegen  die  Ein.
verleibung  Bosniens  in  die  Donaumonarchie  Verwahrung  ein,  während
zugleich  die  Rekruten  unker  die  Fahnen  gerufen  wurden.  Griffen  Ruß.
land  und  Serbien  wirklich  zu  den  Waffen,  so  sah  sich  Osterreich-Ungarn
mit  dem  Werderben  bedroht,  wenn  es  allein  blieb.  Aber  auch  eine
diplomatische  Niederlage,  nur  durch  Bedrohung  herbeigeführt,  mußte  das
große  Donaureich  schwer  gefährden,  seinen  inneren  Bestand  schädigen  und
seine  Bündnisfähigkeit  herabseqen.  In  der  Erkenntnis  dieser  Sachlage  griff
Deutschland  als  Osterreich-Ungarns  Verbündeter  mit  Eneschiedenbeit  in  der
Streitfall  ein.

Am  29.  März  1909  hielt  Fürst  Bülow  im  Reichstage  eine  Rede,  die
keinen  Zweifel  ließb,  daß  Deutschland  gesonnen  war,  die  Folgerungen  aus
dem  Bündnisvertrag  mit  Osterreich--Ungarn  in  vollem  Umfange  zu  ziehen
und  im  Falle  der  Nok  mit  dem  Schwert  neben  seinen  Genossen  zu  treten.
Es  fiel  das  Wort  von  der  „Nibelungentreue“"  (10).  Da  König  Eduard  sich
vorläufig  von  dem  nicht  allzu  günstig  stehenden  Spiele  schied,  Frankreich
in  Marokko  stark  gebunden  war  und  sich  durch  den  am  9.  Februar  1909
geschlossenen  deutsch  französischen  Marokkovertrag  die  Früchte  von  Algeciras
  gesicherk  hatte,  wurde  durch  diese  kraftvolle  Erklärung  die  Encfesselung
des  europäischen  Krieges  bintangehalten,  obwohl  Iswolsti  noch  einen
lehten  Versuch  machte,  die  bosnische  Angelegenheit  vor  einen  europäischen
Gericheshof  zu  bringen.  Dieser  Wersuch  ist  bemerkenswerk,  weil  er  von
der  Auffassung  ausging,  daß  es  sich  immer  noch  um  eine  europkische  Angelegenheit
  handelte,  damit  die  Gefahr  eines  europäischen  Krieges  aufs
neue  an  die  Wand  malte  und  ein  warnendes  Beispiel  für  die  Zulunft  aufstellte.

Als  der  Worschlag  Iswolskis  zu  Wien  und  Dest  auf  entschiedenen
Widerstand  stieß  und  der  russische  Minister  kein  Bedenken  ktrug,  seine  Forderung
  durch  militärische  Vorbereitungen  zu  unterstüchen,  entschloß  sich  Deutschland,
  den  glimmenden  Funken  mit  eisernem  Schuh  auszutreten,  ehe  der
Brand  das  europäische  Friedensgebäude  ergriff.  Unter  ernstem  Hinweis
auf  die  Gefahr  der  Stunde  und  die  Hand  aufs  Schwerk  gestüste,  legte  die
deutsche  Regierung  einen  Bermittlungsvorschlag  vor:  OÖsterreich-Ungarn
        <pb n="39" />
        Das  Balkanproblem  23

sollte  sämtliche  Großmächte  um  ihre  Justimmung  zur  Einverleibung  ersuchen
und  die  Mächte  ihre  Zustimmung  durch  diplomatische  Noten  erkeilen.  Hinter
diesem  formellen  Vorschlag  sland  —  wenn  er  verworfen  wurde  —  das
Schreckbild  des  europäischen  Krieges,  denn  im  ußersten  Falle  konnte  Ruß.
land  das  zu  Schuß  und  Trucß  verbündete  Frankreich  mitreißen.  Frankreich,
das  auf  unbedingte  Hilse  des  englischen  Freundes  für  einen  solchen
Waffengang  noch  nicht  zählen  konnte  und  die  eigene  Rüstung  nicht  stark
genug  wußte,  riet  Rußland  unter  dem  Druck  der  Umstände  selbst  zur  Annahme
  des  Vorschlags,  die  auch  am  26.  März  erfolgte.  Auf  Osterreich-Ungarns
  Wunsch  wurde  Serbien  zur  Bekräftigung  der  friedlichen  Erledigung
eine  Verzichterklärung  vorgelegt,  die  nach  Gutheißung  durch  die  Großmächte
folgenden  Wortlaut  enthielt:

„Serbien  anerkennt,  daß  es  durch  die  in  Bosnien  geschaffene  Tarsache
in  seinen  Rechten  nicht  berührt  werde  und  daß  es  sich  demgemäß  den
Entschließungen  anpassen  wird,  welche  die  Mächte  in  bezug  auf  Artikel  25
des  Balkanwvertrages  treffen  werden.  Indem  Serbien  den  Natschlägen
der  Großmächte  Folge  leistek,  verpflichtet  es  sich,  die  Haltung  des  Drotestes
  und  des  Widerstandes,  die  es  hinsichtlich  der  Annexion  seit  ver.-gangenen
  Oktober  eingenommen  hat,  aufzugeben,  und  verpflichtet  sich
ferner,  die  Richtung  seiner  gegenwärtigen  Dolitik  gegenüber  Osterreich-Ungarn
  zu  ändern  und  künftighin  mit  diesem  lehteren  auf  dem  Fuße
freundnachbarlicher  Beziehungen  zu  leben.“

Am  30.  März  1909  begaben  sich  die  Gesandten  der  sechs  Großmächte
aus  dem  englischen  Gesandeschaftshotel  in  Belgrad  in  den  Konak  des  Ministers
des  Außern  und  verlangten  die  Anerkenmung  dieser  Formel.

Für  den  Wertreter  Rußlands  ein  schwerer  Gang,  für  Serbien  ein
noch  bedrückenderer  Empfang.  Und  doch  barg  dieses  Erscheinen  Europas
vor  dem  serbischen  Minister  für  das  serbische  Volk  auch  eine  große  Genugtuung.


Die  Serben  haben  sich  wie  alle  ehemaligen  Rojahvölker  einen  wilden,
ungebrochenen  Trieb  nach  Freiheit  und  Macht  bewahrt,  verstehen  die  Kunst
zu  warten  und  sind  bereic,  zu  umstürzlerischen  Mitteln  zu  greifen,  um  im
gegebenen  Augenblick  ihr  Ziel  zu  erreichen  oder  ihre  Qache  zu  sättigen.
Dieser  Instinkt  bewährte  sich  am  30.  März  1909.  Im  Mißerfolg  lag  ein
Erfolg  verborgen,  der  sich  in  der  Gegenüberstellung  Europas  und  Serbiens
verriet.  Europa  verlangte,  und  Serbien  gewährte.  Am  31.  März  überreichte
  der  serbische  Gesandte  in  Wien  die  Verzichterklärung  —  die  Staatsbandlung
  war  zu  Ende,  der  Krieg  beschworen,  die  Verbandsmächte  waren
zurückgewichen,  Deutschland  hatte  die  Beseitigung  des  Artikels  25  der  Berliner
Mre  durch  sein  tatkräfciges  Eintreten  fl##  Osterreich-ngarn  durchgesetzt,
und  Serbien  war  zur  Anerkennung  der  bestehenden  Verhältnisse  genötigt
worden.  Von  diesem  Tage  an  war  das  zurückgewichene  Nußland  Serbien
        <pb n="40" />
        24  Aus  der  WVorgeschichte  des  Krieges

mehr  zur  Unterstützung  verpflichtet  als  je  zuvor,  und  im  Juli  1914  haben
die  Serben  ein  kräftiges,  gerüstetes,  angriffslustiges  Rußland  an  dieses
Schuldverhältnis  erinnert,  diesmal  nicht  umsonst.

Insofern  macht  das  Jahr  1909  Epoche  in  der  Geschichte  Europas.
Es  ist  das  Jahr,  in  dem  die  orientalische  Frage  in  eine  neue  Krise  hineinwuchs.
Rußland  hatte  darauf  verzichten  müssen,  Osterreichs  Balkanpolitik  zu  durchkreuzen,
  da  es  von  Frankreich  in  abmahnendem  Sinne  beraten  und  von
England  niche  genug  unterstühßzt  wurde.  England  hat  sein  eigenes  Interesse
böher  gestellt  als  das  der  „Entente“  und  eine  internationale  Lösung  des
Streitfalls  nur  so  weit  gesucht,  als  durch  ihn  die  englische  Unterschrift  unter
dem  WVerliner  Vertrag  und  das  orientalische  Interesse  Englands  berührt
wurde.  Bis  zum  Kriege  um  Bosniens  willen  reichte  dieses  nicht.  Deutlich
geworden  war  indes,  daß  Rußland  einen  österreichisch-serbischen  Streitfall
auch  als  einen  russischösterreichischen  betrachtete,  und  darin  liegt  der  Schlülssel
zur  späteren  Enewicklung  der  orientalischen  Krise.  Kaum  waren  die  Tritte
der  Gesandten  der  europäischen  Großmächte  im  Belgrader  Konak  verhallt,
so  nucte  England  die  Erfahrungen  und  die  Gelegenheit,  die  aus  dem  bosnischen
  Handel  erwachsen  waren,  und  zog  die  Berbindung  mit  Rußland  enger,
und  Rußland,  das  sich  an  Deutschland  wundgestoßen  hatte,  war  nun  bereit,
daraus  die  Folgerungen  zu  ziehen  und  sich  vollends  mit  England  zu  befreunden.
  ber  dem  Bosporus  wurde  es  zusehends  heller,  russische  Augen

saben  auf  der  Kuppel  der  Hagia  Sophia  schon  das  orthodoxe  Kreuz
schimmern

Oie  europäischen  Bündnisse

Dußerlich  betrachtet  hatte  das  Jahr  1909  Europa  eine  Stillung  der
drohenden  Zerwürfnisse  und  eine  gewisse  Bürgschaft  für  die  Wiederkehr
ruhigerer  Zeiten  gebracht,  obwohl  zwischen  Rußland  und  Osterreich  eine
vollständige  Erkaltung  der  Beziehungen  eingetreten  war.  Selbst  das  Balkanproblem
  schien  zur  Ruhe  zu  kommen,  als  zwischen  der  Türkei  und  Bulgarien
eine  #bereinkunft  erzielt  wurde,  die  die  schwebenden  Streicfragen  beglich
und  die  Annahme  des  Königstitels  durch  Ferdinand  von  Koburg  bestätigte.
Die  Gemeinsamkeit  der  Interessen  des  Dreiverbandes  hatte  sich  geringer
erwiesen  als  die  Gemeinsamkeit  der  Dreibundinteressen.  Aber  bald  zeigte
sich,  daß  diese  Becrachtung  der  Dinge  an  der  Oberfläche  haftete.  Zwar
war  der  erste  Teil  des  neuen  Erfahrungssatzes  richtig,  die  Gemeinsamkeit
der  Dreiverbandsinteressen  war  nicht  stark  genug  hervorgetreten,  aber  eine
Minderung  der  Entente  war  damit  keineswegs  verbunden.  Es  war  lediglich
festgestellt  worden,  daß  die  Verständigung  Englands,  Nußlands  und  Frank.
reichs  noch  nicht  den  Grad  der  Festigkeit  erreicht  hatte,  die  drei  Mächte  „pari
passu“  marschieren  und  wirken  zu  lassen.  Der  Dreibund  aber  hatte  als
        <pb n="41" />
        Die  europäischen  Vündnisse  25

solcher  überhaupt  nicht  gehandelt,  da  Italien  als  Verbündeter  der  Mittelmächte
  dem  Streit  ferngeblieben  war  und  eine  Sonderstellung  bezogen  hatte.
Am  4.  Dezember  1908  hatte  der  Minister  des  Außern,  Tictoni,  in  der
Kammer  erklärt,  daß  Osterreich-Ungarn  durch  seine  einseitige,  ohne  Zu.
stimmung  der  Berliner  Signatarmächte  vorgenommene  Lösung  der  bos.
nischen  Frage  eine  schwierige  und  ungewisse  Lage  geschaffen  habe.  Diese
wirke  auf  die  innere  Politik  anderer  Mächte  zurück  und  störe  die  Politik
Staliens.  Aus  diesen  Worten  sprach  der  verborgene  Gegensatz  der  öster.
reichisch-ungarischen  und  italienischen  Balkanpolitik.  Italien  fühlte  sich  durch
die  ganze  Balkanpolitik  Osterreichs,  besonders  dessen  Eisenbahnpläne,  die
auf  Schaffung  einer  Linie  Serajewo—Saloniki  ausgingen,  und  mehr  noch
durch  die  Annexion  Bosniens  und  der  Herzegowina  in  seinen  Interessen  und
Hoffnungen  tief  verletzt  und  handelte  danach.  Ein  firstlicher  Besuch  ließ
dies  deutlich  erkennen.  Am  23.  Oktober  1909  empfing  König  Viktor  Emanel
in  RSacconigi  den  Besuch  des  Zaren,  der  auf  der  Hin-  und  Rückreise  vermied,
das  Gebiet  der  Donaumonarchie  zu  berühren.

In  dem  alten  piemontesischen  Lustschlosse  fand  eine  eingehende  Besprechung
  der  russischen  und  italienischen  Staatsmänner  statt.  Die  Gemeinsamkeit
  der  russischen  und  italienischen  Interessen  auf  der  Balkanhalbinsel
wurde  geflissenelich  hervorgehoben,  und  Iswolski,  der  sich  als  Botschafter
hatte  nach  Paris  verseßzen  lassen,  nahm  Gelegenheit,  einem  Mitarbeiter
des  „Temps“  ausdrücklich  zu  sagen:  „Die  Erhaltung  des  bestehenden  Zustandes
  und  die  Entwicklung  der  Autonomie  der  Balkanstaaten  ist  unser
gemeinsames  Ziel.“  Mit  einem  Schlage  wurde  offenbar,  daß  auch  zwischen
Rom  und  PDetersburg  starke  Fäden  gesponnen  waren.

Da  Italien  schon  von  Algeciras  und  noch  länger  her  durch  lebendige
Interessen  an  England  gefesselt  war,  so  erschien  der  Dreibund  innerlich  gelockert
  und  insbesondere  das  Bundesverhältnis  Italiens  zu  Osterreich  —
die  kälteste  aller  politischen  Bernunftehen  —  vollends  brüchig  geworden.

Der  Dreibundvertrag  ist  von  Bismarck  immer  nur  als  ein  politisches
Aushilfèmittel,  nicht  aber  als  eine  bequeme  Sichgelegenheit  flr  die  Zukunfe
betrachtet  worden.  Zwei  Worte  von  ihm  kennzeichnen  die  Auffassung,  die
er  von  Italiens  Rolle  hatte.  Er  wollte  verhindern,  daß  Italien  die  Donaumonarchie
  „in  die  Beine  beiße",  wenn  diese  sich  gezwungen  sehen  sollte,
den  immer  stärker  nach  Westen  greifenden  Ansprüchen  Rußlands  gegenüber.
zutreten,  und  er  hoffte,  daß  Italien  sich  bereitfinden  lasse,  „einen  Trommler
mit  der  italienischen  Trikolore“  an  die  französische  Alpengrenze  zu  stellen,
falls  Deutschland  gezwungen  würde,  noch  einmal  mit  Frankreich  das  Schwert
zu  kreuzen.

Sind  politische  Verträge  nach  einer  Bismarckschen  Begriffsbestimmung
„nur  der  Auödruck  der  Gemeinschaft  in  den  Bestrebungen  und  in  den  Gefahren,
  die  die  Mächte  zu  laufen  haben“,  so  gilt  dies  von  dem  deutsch-öster-
        <pb n="42" />
        26  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

reichischen  Bündnis  in  viel  höherem  Maße  als  von  dem  Vertrag,  der  Italien:
an  die  beiden  Mächte  knüpfte,  denn  das  deutsch.  österreichische  Bündnie
besaß  damals  die  vornehmste  Eigenschaft  eines  internationalen  Vertrages,
den  Ausdruck  beiderseitiger  dauernder  Interessen  auf  deutscher  und  auf  öster.
reichischer  Seite  (11).  Aber  er  konnte  Folgerungen  zeitigen,  die  die  Gefahr.
zone  für  beide  Teile  erweiterten,  wenn  auch  nur  einer  der  Teilhaber  in  Verwicklungen
  geriet,  die  von  der  Interessensphäre  des  anderen  weiter  ablagen,
und  auf  eigene  Gefahr  handelte.  Das  war  der  Fall,  als  Osterreich-Ungarn
plößlich  die  Orientfrage  hervorzog  und  als  Deutschland  durch  den  Einspruch
gegen  das  französische  Vorgehen  in  Marokko  zu  der  französischen  Republik
und  zu  England  in  einen  scharfen  Gegensaß  gerückt  wurde.

Frankreich  hatte  sich  bei  der  Stiftung  der  „Entente  cordiale“  durch  den
Verzicht  auf  Agypten  und  die  Anerkenmung  der  britischen  Herrschaft  im
Niltal  das  „desintéresscment“  Englands  in  Marokko  und  damit  Maroklo
selbst  gesichert.  Beide  Mächte  hatten  sich  stark  genug  gefühlt,  der  Rücksprache
mit  Deutschland  zu  entraten,  nachdem  Italien  verständigt  worden  war.  Durch
Deutschlands  Einspruch  war  die  Maroklokrisis  entfesselt  worden,  die  zwar
den  Rücktritt  Delcassés,  des  Mitstifters  der  Entente  cordiale,  nach  sich  zog,
aber  England  und  Frankreich  waren  durch  die  Austragung  des  Handels
noch  enger  zusammengeführt  worden.  Als  der  Streitfall  der  Konferenz
zu  Algeciras  zur  Lösung  überwiesen  wurde,  war  auf  der  anderen  Seite
Osterreich-Ungarn  zum  ersten  Male  neben  Deutschland  getreten,  um  ihm
in  diesen  schwierigen  Tagen  des  Jahres  1906  Sekundantendienste  zu  leislen,
während  sich  Italien,  durch  die  Anwartschaft  auf  CTripolis  geködert,  beiseite
gebalten  hatte.  Die  Konferenz  von  Algeciras  war  die  Hauptprobe  der  neuen
Mächtegruppierung  gewesen  und  der  Dreibund  dabei  gewogen  und  zu  leicht
befunden  worden.

JIn  Umkehrung  der  WVerhältnisse  sah  die  Balkankrisis  von  1906/09
dann  Deutschland  in  der  Sekundantenrolle.  Diesmal  war  der  Dreiverband
  zurückgewichen.  Das  Gewicht  der  Mittelmächte  war  gewachsen,
obgleich  Icalien  sich  abermals  im  Hintergrund  hielt  und  bereits  auf  Scheidung
sann.  Da  mit  dieser  Scheidung  vom  Dreibund  die  Einbuße  gewisser  Sicherungen
  und  Gorteile  verbunden  war,  blieb  Italien  indes  noch  im  Bunde,
ohne  ihm  innerlich  treu  zu  sein.  Doch  durfte  es  sich  gelegentliche  Abschweifungen
  und  „Extratouren“  so  lange  erlauben,  als  sie  von  den  Bundesgenossen
geduldet  oder  nur  mild  geahndet  wurden.  Deutschland  und  Osterreich  wußten,
daß  eine  Verstoßung  Italiens  mit  dessen  offenem  Anschluß  an  den  Oreiverband
  enden  würde.  Die  Machtverschiebung  wäre  dadurch  der  Welt
offenkundig  zur  Kenntnis  gebracht  und  der  „Trommler  mit  der  Lrikolore"“
endgliltig  vom  Mont  Cenis  verscheucht  worden.  So  ließ  man  es  scheinbar
beim  alten.  Der  Oreibund  wurde  erneuert,  aber  Osterreich-Ungarn  begam
seine  italienische  Grenze  militärisch  instand  zu  sehhen.
        <pb n="43" />
        Die  europkischen  Bündnisse  27

Alles  kam  nun  darauf  an,  ob  sich  die  europäischen  Bündnisse  aufrecht.
erhalten  ließen,  ohne  die  europäische  Welt  in  zwei  offene  Kriegslager  zu
scheiden.  Solange  England  sich  nicht  seiner  Handlungsfreiheit  begab  und
Rußland  den  Krieg  scheute,  war  eine  Katastrophe  nur  möglich,  wenn  Deutschland
  sich  lopfüber  in  den  „Präventivkrieg“  stürzte,  um  der  füblbar  enger
werdenden  Einkreisung  zu  entgehen.  Das  tat  Deutschland  mitnichten.

Oa  starb  am  6.  Mai  1910  König  Eduard  VII.  und  ließ  das  fein  verzweigte,
  skark  verknotete  Neh  seiner  Ententepolitik  aus  der  erkaltenden  Hand
sinken.  War  der  König  grundsätzlich  und  gefühlsmäßig  bereit  gewesen,
alle  Kräfte  Englands  gegen  Deutschland  als  die  stärkste  Festlandsmacht  zusammenzufassen,
  so  hatte  er  doch  klugerweise  gezögert,  sein  Ziel,  die  Einkreisung
  Deutschlands,  „durch  Fortsezung  der  Dolitik  mit  anderen  Mitteln“,
also  durch  einen  Krieg,  zu  erreichen.  Er  liebte  als  Bridgespieler  das  Bluffen,
aber  zum  offenen  Krieg  schienen  ihm  die  Aussichten  nicht  günstig  genug
zu  sein,  er  kannte  Deutschlands  militärische  Macht  und  organisatorische
Fähigkeiten  besser  als  seine  Minister.

Ein  curopäischer  Krieg,  der  England  auf  Grund  geschriebener  Verträge
mit  in  die  Schranken  forderte  und  selbst  zu  Opfern  zwang,  hatte  bis  anhin
den  britischen  Interessen  in  keiner  Weise  enesprochen.  Deshalb  hatte  der  König
sorgfältig  darauf  geachtet,  die  Handlungsfreiheit  Englands  bis  zu  einem  gewissen
  Grade  zu  erhalten.  Taksächlich  sind  die  Bindungen  Englands  erst
nach  dem  Tode  des  Königs  in  Kraft  erwachsen.  Eduard  VII.  hat  zwar  im
Jahre  1902  das  Bündnis  mit  Japan,  1904  das  herzliche  Einvernehmen  mitl
Frankreich  und  1907/09  das  weniger  herzliche  Einvernehmen  mit  Rußland
hergestellt,  aber  die  gepflegte  Hand  dem  Drucke  der  politischen  Freunde
nicht  douernd  überlassen.  Der  Ubergang  von  der  „Splendid  isolation“  zu
der  „Entente  cordiale“  war  nicht  als  Preisgabe  der  englischen  Handlungsfreiheit
  gedacht,  das  Ziel  Eduards  VII.  nicht  ein  Vernichtungskrieg,  sondern
die  Bewahrung  der  britischen  Weltberrschaft  und  der  Seegewalt,  die  durch
das  bergewicht  der  englischen  Flotte  und  die  diplomatische  und  militärische
Inanspruchnahme  jener  Festlandsmächte  verbürgkt  werden  sollten,  die  dem
Deutschen  Reiche  von  der  Geschichte  in  die  Flanken  gesetzt  worden  waren.
Trooödem  schien  der  Tod  des  Königs  die  Möglichkeit  einer  Verständigung
zwischen  Deutschland  und  England  näberzurücken,  da  nun  gewisse  persönliche
Abneigungen  wegsielen  und  die  Werhandlungen  wieder  aufgenommen
werden  konnten,  die  man  vor  dem  Abschluß  des  englisch-französischen  Einvernehmens
  geführk  hatte.  Damals  hatee  man  die  Woraussetzungen  der
Verständigung  zu  schmal,  zu  einseitig  auf  die  Beschränkung  der  Seerllstungen
zugeschnitten,  jeht  hoffte  Bethmann--Hollweg,  der  neue  Reichskanzler,  aus
breiterer  Grundlage  zum  Ziele  zu  gelangen.

Aber  die  Werhältnisse  lagen  für  England  nicht  mehr  so  einfach  wie
vor  dem  Jahre  1904,  und  niemand  —  Sir  Edward  Grey,  der  Ceiter  der
        <pb n="44" />
        28  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

britischen  äußeren  Politik,  zuleht  —  dachte  daran,  die  Bahn  zu  verlassen,
die  König  Eduard  vorgezeichnet  hatte.  Das  britische  Kabinett  trat  also  in
die  Verhandlungen  mit  Deutschland  unter  gänzlich  anderen  Vorbedingungen
ein  als  zur  Zeit,  da  England  noch  in  der  „Splendid  isolation“  gelebt  hatte.
Es  konnte  keine  Vereinbarung  mit  Deutschland  treffen,  welche  die  Freundschaftsbündnisse
  und  Verabredungen  mit  anderen  Mächten  schädigte.  Immerbin
  blieb  England  so  viel  llug  bewahrte  Handlungsfreiheit  übrig,  daß  es
mit  Deutschland  in  Besprechungen  eintreten  konnte,  um  noch  einmal  eine
Begrenzung  der  unaufhörlich  sich  steigernden  Flottenrüskungen  zu  erwägen
und  dadurch  die  politische  und  die  finanzielle  Lage  des  Staates  zu  erleichtern.
Gelang  es  England,  Deutschlands  Flotte  in  ein  festes  Zahlenverhältnis  zur
britischen  Seemacht  zu  bannen,  so  war  das  Höchstmaß  politischer  Sicherbeit
erreicht,  ohne  daß  eine  grundsäcliche  Abkehr  von  der  Ententepolitik  nötig
wurde.

Deutschland  war  sich  bewußt,  daß  ihm  eine  letzte  Aussicht  winkte,
seine  Seeflanke  und  den  Ausweg  auf  das  Weltmeer  zu  sichern,  wenn  es
mit  England  zu  einem  haltbaren  Abkommen  gelangte.  Dann  fand  weder  der
Vergeltungsdrang  Frankreichs  noch  der  Angriffswille  Rußlands  die  Kraft,
sich  in  einem  Krieg  zu  entladen,  weil  die  Kriegsdrohung  allein  nicht  genügte,
Deutschland  und  Osterreich--Ungarn  unter  das  politische  Gesetz  zu  beugen
und  der  Krieg  für  den  Zweibund  ein  unberechenbares  Wagnis  blieb.

Zu  ausdriücklichen  BVerhandlungen  ist  es  im  Jahre  1910  zwischen  England
  und  Deutschland  nicht  mehr  gekommen,  wohl  aber  zu  unverbindlichen
Unterhaltungen,  in  denen  man  einen  Weg  in  die  Zukunft  zu  finden  suchte.

Am  10.  Dezember  1910  erklärte  der  Reichskanzler  im  Deutschen
Reichstag,  daß  sich  die  deutsche  Regierung  mit  England  in  dem  Wunsche
begegne,  „Rivalitäten  in  Beziehung  auf  Rüstungen  zu  vermeiden“,  und
fuhr  wörtlich  fort:  „Wir  haben  aber  stees  den  Gedanken  vorangestellt,
daß  eine  offene  und  vertrauensvolle  Aussprache  und  darauffolgende  Verständigung
  über  die  beiderseitigen  wirtschaftlichen  und  politischen  Interessen
das  sicherste  Mittel  zur  Beseitigung  jeglichen  Mißtrauens  wegen  des  gegenseitigen
  Kräfteverhälenisses  zu  Wasser  und  zu  Lande  sei.“

Man  begnügte  sich  vorläufig  mit  der  Tatsache,  daß  der  zwanglose  und
vertrauensvolle  Gedankenaustausch  fortdauerte  und  nahm  diesen  in  das
neue  Jahr  hinüber.  Da  der  Kanzler  auch  von  dem  „harmonischen  Verlauf“
einer  Begegnung  zu  berichten  wußte,  die  am  4.  November  1910  in  Potsdam
  zwischen  Kaiser  Wilhelm  und  dem  Zaren  stattgefunden  hatte,  wo  die
Mäißklänge,  die  noch  von  der  Balkankrisis  herrührten,  aufgelöst  worden
seien,  so  trat  Europa  erleichterten  Herzens  in  das  Jahr  1911  ein.  Und
doch  sollte  gerade  dieses  Zahr  eine  noch  schwerere  Krisis  mit  sich  bringen.

Die  „Potsdamer  Entrevue"“  ist  eine  der  größten  Paradoxien  der
diplomatischen  Vorgeschichte  des  europäischen  Krieges.  Sie  wurde  als
        <pb n="45" />
        Die  europäischen  Bündnisse  29

eine  Verständigung  Rußlands  und  Deutschlands  gedeutet,  die  bis  zur
Abschwächung  des  französisch-russischen  Bündnisses  gehe,  diesem  zum
mindesten  die  gegen  Deutschland  gerichtete  Spitze  abbrechen  sollte.  Der
deutsche  Kanzler  faßte  das  Ergebnis  der  Begegmung  in  folgende  Säße:

„Als  Resultat  der  lechten  Entrevue  möchte  ich  bezeichnen,  daß  von
neuem  festgestellt  wurde,  daß  sich  beide  Regierungen  in  keinerlei  Kombination
einlassen,  die  eine  aggressive  Spitze  gegen  den  anderen  Teil  haben  könnte.
In  diesem  Sinne  haben  wir  insbesondere  Gelegenheit  gehabt,  zu  konstatieren,
daß  Deutschland  und  Rußland  ein  gleichmäßiges  Interesse  an  Aufrecht.
erhaltung  des  Status  quo  am  Galkan  und  Überhaupt  im  nahen  Orient
haben  und  daher  keinerlei  Politik  untkerstützen  werden  —  von  welcher  Seite
sie  auch  kommen  könnte  —,  welche  auf  Störung  jenes  Status  quo  gerichtet
wäre.“  ·

Ob  die  Hoffnungen,  die  sich  hier  ankündigen,  der  Erfüllung  reiften,
mußte  die  Zukunft  lehren.  Datsächlich  hat  Rußland  damals  die  Aufmerk.
samkeit  vom  Balkan  auf  Persien  abgelenkt,  wo  Deutschland  ihm  die  politische
Bahn  freigab,  sich  selbst  aber  wirtschaftliche  Bewegungsfreiheit  sicherte.
Da  auch  die  an  der  Westgrenze  Rußlands  gehäuften  russischen  Truppen
wieder  nach  dem  Innern  gezogen  wurden,  so  schien  Deutschlands  und  Osterreich-Ungarns
  Lage  in  der  Tat  sehr  erleichterkt  worden  zu  sein.  Eine  grundsägliche
  Abkehr  Nußlands  von  seiner  allgemeinen  Politik  war  jedoch  keineswegs
  mit  dieser  Ablenkung  verbunden.  Vielmehr  gewann  die  russische  Regierung
  neue  Druckmittel,  die  sie  früher  oder  später  geltend  machen  konnte,
sei  es,  um  die  Mittelmächte  künftigen  Möglichkeiten  geneigt  zu  stimmen,
sei  es,  um  England  und  Frankreich  zu  Zugeständnissen  zu  veranlassen.

Schon  damals  spann  das  Jarenreich  feine  Fäden,  die  den  Zweck  hatten,
auf  dem  Balkan  einen  Bund  Serbiens,  Bulgariens  und  Griechenlands  zu
schaffen.  War  dieser  Balkanbund  gefestigt  und  vom  Zaren  geweiht,  so
konnte  er  nach  Maßgabe  der  WVerhälenisse  als  Sturmbock  gegen  die  türkische
oder  die  österreichisch-ungarische  Flanke  benußt  werden.

England  nahm  die  Entspammung,  die  sich  in  Potsdam  ankündigte,
mit  Befriedigung  wahr,  in  Frankreich  aber  kamen  sofort  die  Besorgnisse
vor  einem  militärischen  Abergewicht  und  einer  Verstärkung  des  deutschen
Druckes  auf  die  französische  Grenze  zum  Ausdruck,  die  der  französische  Kriegs.
minister  General  Brun  in  erregte  Worte  goß.  Das  Pariser  „Journal“
gab  ihnen  folgende  scharfe  Ausprägung:

„Die  russisch-französische  Allianz  besteht  tatsächlich  nicht  mehr,  weil
das  russische  Heer  durch  die  Wegverlegung  bedeutender  Truppemmassen  von
der  Westgrenze  seine  Front  gewechselt  hat.  Es  ist  nicht  gut,  sich  darllber
Vorspiegelungen  zu  machen.  Das  russische  Heer  hat  künftig  nicht  mehr
die  Aufgabe,  die  Westkgrenze  zu  verteidigen.  Sein  etwaiger  Gegner  ist
sicherlich  nicht  Deutschland.“
        <pb n="46" />
        30  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Dieses  Urteil  wurde  schon  vor  der  Entwicklung  der  nächstfolgenden
Monate  wieder  umgestoßen.  In  welchem  Maße  die  Politik  ein  flüssiges
Element  ist,  dos  nur  selten  in  festen  Aggregatzustand  Übergeht  —  das
Wort  ist  von  Bismarck  —,  hat  der  Verlauf  der  Vorkrisen  des  europäischen
Krieges  in  rascher  Folge  bewiesen.  Die  Aufhellung  der  europeischen
Lage,  die  durch  die  stärkere  Verteilung  der  Intkeressen  in  den  europäischen
Bündnissystemen  zum  Ausdruck  gelangte,  währte  nur  bis  in  den  März  1911.
Da  verschlimmerte  sich  plötzlich  wieder  der  Zustand  Europas  infolge  des
Vorgehens  Frankreichs  in  Marokko.  Der  frahzösische  Ministerrat  be.
schlop  am  14.  März,  einem  Hilfegesuch  Sultan  Muley  Hafids,  der  in  Fez
von  aufrührerischen  Bergstämmen  belagert  wurde,  nachzukommen  und  den
Marsch  nach  der  maurischen  Hauptstadt  anzutreten.  Am  21.  Mai  rückte
General  Moinier  mit  starker  Macht  in  Fez  ein.  Die  .Pénétration  pacificque“
  war  militärisch  vollendet  worden.

Da  der  Sultan  die  Franzosen  „gerufen“  hatte,  war  der  Buchstabe  der
Algecirasakte  unwerleht,  demzufolge  die  Souveränikät  des  Sultans  Muley
Hafid  unangetastek  und  das  Staatsgebiek  des  Scherifiats  Marokko  unversehrt
  bleiben  sollte.  Der  souveräne  Sulkan  hatte  das  Recht  wahrgenommen,
  französische  Hilfe  zu  fordern,  und  —  erhalten.  Was  war  dagegen
einzuwenden?  Aber  das  Spiel  war  zu  durchsichtig,  um  nicht  durchschaut
zu  werden.  Spanien  zog  aus  diesem  Vorgang  zuerst  die  Folgerung  und
beseczte  auf  Grund  der  ihm  gewährten  Verträge  Larasch  und  El.  Ksar  und
sicherte  dadurch  seinen  Teil  an  der  Beute.

Deutschland  glaubte  durch  eine  skarke  Gebärde,  hinter  der  die  Macht
des  AReiches  sichtbar  wurde,  seinen  Einspruch  gegen  die  Aufkeilung  des
Landes  und  die  Berlethung  der  Algecirasakte  kundeun  zu  müssen  und  sandte
ein  Kriegsschiff  nach  Agadir.  Kaum  erschien  die  deutsche  Kriegsflagge  als
Warnzeichen  auf  dem  Meere,  da  fuhr  England  aus  der  Ruhe.  Es  muß
damals  etwas  von  dem  alten  britischen  Machtbewußtsein  aufgeweckt  worden
sein,  das  sich  in  dem  bekannten  Spruch  ausgeprägt  hat:  Auf  dem  Meere
darf  ohne  Englands  Erlaubnis  keine  Kanone  abgefeuert  werden.  Zwar  hatte
der  „Panther“  nicht  geschossen,  auch  keine  Landung  oder  Besitzergreifung  vorgenommen,
  aber  die  „Geste“  hatte  stärker  gewirkt  und  härter  getroffen  als  die
schärfste  Forderung.  Auch  in  Paris  erhob  sich  ein  Sturm  der  Leidenschaft.

Vom  Juli  bis  in  den  September  1911  lag  der  europäische  Krieg  auf
der  Lauer,  skanden  die  Pferde  unterm  Sattel,  die  Panzerschiffe  unter  Dampf.
England  batte  keinen  Zweifel  darüber  gelassen,  daß  es  bereit  sei,  zu  schlagen;
am  21.  Juli  prägte  Grey  das  Wort  von  den  „.unannehmbaren  Forderungen
Deutschlands“,  sprach  der  Schagkanzler  Lloyd  George  im  Mansion  Housec
davon,  daß  England  eine  Behandlung  nicht  zulassen  könne,  bei  der  die
Lebensinteressen  des  englischen  Volkes  in  einer  Weise  verletzt  würden,  als
ob  England  kein  Gewicht  im  Rate  der  Bölker  mehr  hätte.
        <pb n="47" />
        Die  europäischen  Bündnisse  31

Erst  die  Erkenntnis,  daß  Deutschland  auf  Teile  von  Marokko  selbst
keinen  Anspruch  erhob,  entwaffnete  England  und  beschränkte  die  Krise  auf
umschriebene  Verhandlungen  zwischen  Frankreich  und  Deutschland.  Diese
schwebten  noch,  als  in  Petersburg  das  in  Dotsdam  besprochene  deutsch
russische  Abkommen  über  Persien  geschlossen  wurde.  Rußland  brachte  seine
persische  Ernte  unter  Dach,  die  Urkunde  enthielt  jedoch  keine  grundsägliche  Vereinbarung,
  die  man  als  Wiederherstellung  des  alten  deutsch-russischen  Vertrauensverhälenisses
  oder  gar  des  Bigmarckschen  Rückversicherungsvertrages
häecte  deuten  kömnnen.  Die  Hotsdamer  Blütenträume  waren  nicht  zur  Frucht
gereift,  Deutschlands  politischer  Erfolg  ein  Scheinerfolg  geblieben.  Die
Näckendeckung,  die  ihm  im  neu  erwachten  marokkanischen  Streitfall  von
großem  Nüutzen  gewesen  wäre,  war  wirklich  nicht  mehr  zu  finden.

Frankreich  und  England  haben  Deutschland  den  „Panthersprung“  nie
vergessen.  Zwar  ist  im  Jahre  1913  aus  langwierigen  Verhandlungen
eine  Einigung  hervorgegangen,  die  Deutschland  eine  Gebiekserweiterung  in
Westafrika  brachte,  wogegen  das  Deutsche  Reich  Frankreichs  politische
Vorherrschaft  in  Marokko  anerkannte,  aber  die  alte  geschichtliche  Gegner.
schaft  Frankreichs  und  Deutschlands  war  wieder  bis  auf  den  Grund  aufgewühlt
  worden.  Und  was  hatte  Deutschland  mit  dem  „HPanthersprung“
bezweckt?  —  Nichts  anderes  als  die  Achtung  vor  dem  in  Algeciras  geschriebenen
  Bertrag  und  die  Behauptung  der  eigenen  Stellung,  zu  viel,
um  Frankreich  nicht  zu  reizen,  zu  wenig,  um  England  den  MRiesenkampf
aufnehmen  zu  lassen,  dessen  Gewölk  drohend  am  Horizont  sichebar  geworden
war.  Aber  die  Zersetzung  des  europäschen  Friedenszustandes  griff  nun  rasch
weiter  um  sich.  Die  Durchlöcherung  der  Algecirasakte  war  das  Zeichen  für
Italien,  die  ihm  von  England  und  Frankreich  zugesicherten  Ansprüche  auf
Tripolitanien  wahrzunehmen.  Am  29.  September  1911  erklärte  es  der  Dürkei
den  Krieg  und  besetzte  am  5.  Oktober  Tripolis  und  die  Cyrenaika.  Deueschlands
  Freund  war  von  Deutschlands  Verbündeten  um  den  letzten  afrikanischen
Besig  gebracht  worden,  und  Deutschland  mußte  auch  dies  hinnehmen.  Immer
deutlicher  wurde  das  Rieseln  hinter  den  Wänden  des  europäischen  Friedens.
gebäudes,  bekannte  Verträge  und  Bündnisse  begannen  zu  bröckeln  und  zu
schwinden,  unbekannte  sich  zu  bilden,  das  politische  Leben  wurde  von  einer
allgemeinen  Unsicherheit  ergriffen,  dem  nur  noch  durch  die  Friedensliebe
der  VBölker  und  den  Friedenswillen  des  Deutschen  Kaisers  entgegengewirkt
werden  konmte.

Der  Zerfall  des  europäischen  Konzertes

Es  ist  ein  Berdienst  Kaiser  Wilhelms  II.,  im  Jahre  1911  den  WVer.
suchungen  widerstanden  zu  haben,  die  an  ihn  herantraten,  als  es  galt,
Krieg  und  Frieden  gegeneinander  abzuwägen.  Die  milicärische  Lage  Deuesch-
        <pb n="48" />
        32  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

lands  und  Europas  ließ  damals  einen  Krieg  für  Deutschland  aus.
sichtsvoll  erscheinen.  Das  französische  Heer  war  nicht  bereit,  die  französische
  Flocte  ohne  Schießvorräte,  die  Befehls  gewalt  gemindert  und  das
Land  durch  innere  Schwierigkeiten  an  der  Entfaltung  seiner  Kräfte
gehindert.  Englands  Feldarmee  war  nur  ein  Skelett,  und  Rußland  hatte
seine  Truppen  so  weit  nach  dem  Innern  und  dem  Süden  verschoben,
daß  es  das  Gewicht  seines  Heeres  nicht  rasch  genug  zur  Wirkung  bringen
konnte.  Osterreich-Ungarns  Armee  dagegen  war  seit  1908  bedeutend  gekräftigt,
  das  deutsche  Wehrwesen  in  unermüdlicher  Friedensarbeit  zur  Reife
gediehen  —  kurz,  die  Amstände  lockten,  lockten  um  so  mehr,  als  die  nationale
Erregung  in  Deutschland  sehr  stark  war  und  gewichtige  Gründe  für  einen
„Präventivkrieg“  zu  sprechen  schienen.  Der  Kaiser  eneschied  im  Geiste
seiner  geschichtlichen  Sendung  und  im  Sinne  der  Reichsregierung  für  den
Frieden.  Drei  Jahre  später  mußte  er  unter  wesentlich  ungünstigeren  Bedingungen
  den  schwersten  Krieg  aufnehmen,  den  je  ein  Volk  geführt  hat.

ODie  Entwicklung  war  im  Zuge;  erst  langsam  und  stockend,  dann  rasch
und  rascher  trieb  Europa  dem  großen  Krieg  entgegen.  Das  Jahr  1912  war
bereies  das  Jahr  entschiedener  Kriegsrüstungen,  des  Abergangs  der  russischen
Politik  zur  Angriffsstellung  und  offener  Kriege  auf  der  Balkanhalbinsel.
Langsam  zerfiel  das  europäische  Konzert,  das  sich  bis  dahin  wenigstens  in
gewissen  Grundfragen  noch  einer  harmonischen  Stimmenführung  befleißigt
hatte.  Eine  Kette  von  ineinandergreifenden  Handlungen  führte  dem  Abgrund
  zu.

Als  König  Eduard  im  Jahre  1904  die  ägyptische  Frage  zum  Ausgangs.
punkt  genommen  hatte,  um  das  Neg  seiner  politischen  Freundschaften  zu
knüpfen,  wurde  das  schwebende  Gleichgewicht  der  Friedenslage  unwiderruflich
gestörk.  Die  Abkehr  der  französischen  Interessen  von  Toypten  wurde  von  England,
  das  von  seinen  Versprechungen,  das  Pharaonenland  zu  räumen,  nichts
mehr  wissen  wollte,  mit  der  Anwartschaft  Frankreichs  auf  das  souveräne
Marokko  bezahlt  (12).  Frankreich  gab  Spanien  ein  Stück  dieser  Amvartschaft
ab,  und  Italien  erhielt  zur  Beschwichtigung  Tripolitanien  zugesprochen,
nachdem  man  ihm  Tunis  schon  vor  zwanzig  Jahren  vorweggenommen  hatte.
Ais  Italien  nach  Tripolis  ging  und  die  Türkei  im  Agsischen  Meer  bedrängte,
war  auch  die  Stunde  der  Balkanvölker  gekommen.  Eigene  Einsicht  und
Rußlands  gute,  aber  mitnichten  uneigennützige  Ratschläge  hatten  Bulgarien,
Serbien,  Montenegro  und  Griechenland  zu  einem  Bunde  vereinigt,  von
dem  sich  keiner  der  Teilhaber  ausschließen  konnte,  um  nicht  der  türkischen  Erb.
schaft  verlustig  zu  gehen  und  in  der  Vereinzelung  zu  bleiben.  Im  Herbst  1912
brach  der  Bund  gegen  die  Türkei  los  und  entriß  ihr  im  Balkankriege  Mazedonien
  und  Albanien.

Ohnmächtig  und  sorgenvoll  sahen  die  Großmächte  zu.  Auch  Rußland
nahm  mit  gutgespielter  Sorge  an  dieser  geschichtlichen  Handlung  Anteil,
        <pb n="49" />
        Der  ZJerfall  des  europcischen  Konzerts  33

blieb  aber  überzeugt,  daß  es  die  Geschicke  seiner  einstigen  Schutzbefohlenen,
die  es  zu  diesem  Kriege  tüchtig  gemacht  hatte,  nach  wie  vor  insgeheim  werde
lenken  können.  Der  Balkanbund  lag  als  „rocher  de  bronze“  in  Osterreichs
Bahn;  mochte  er  nun  zunächst  die  Türkei  zertrümmern,  später  konnte  Ruß.
lands  Hebel  ihn  auf  Osterreich-Ungarn  zurückwuchten.  An  die  Hagia  Sophia
wagte  niemand  zu  rühren,  das  wußten  die  Erben  Deters  des  Großen,  die
jeht  Rußlands  Stunde  gekommen  glaubten  und  den  Halbmond  schon  auf
immer  in  den  Gewässern  des  Marmarameeres  versinken  sahen.

Es  war  das  Ende  „Europas“.  Der  Sterbekampf  des  alten  politischen
Begriffs  Europa  ging  neben  den  Waffenentscheidungen  auf  dem  Balkan  her
und  währte,  bis  der  Bund  der  siegreichen  Balkanvölker  über  der  Teilung
der  Siegesbeute  plößlich  zerfiel  und  sie  die  Waffen  gegeneinander  kehrten.
Das  Schiff,  das  Rußland  schwer  beladen  mit  Hoffnungen  und  Entwürfen
ausgesandt  hatte,  scheiterte  im  Hafen.  Im  grimmen  Kampf  erlag  Bulgarien
der  Lbermacht  Serbiens  und  Griechenlands  und  der  ODazwischenkunft
Rumäniens,  das  nun  aus  der  Wersenkung  tauchte,  um  seinen  Anteil  an  der
allgemeinen  Grenzverschiebung  wahrzunehmen.  Der  geheime  Teilungsvertrag,
  den  die  Bundesgenossen  vor  Beginn  des  Krieges  geschlossen,  wurde
zerrissen,  Bulgarien  um  den  Preis  verkürzt  und  Mazedonien  aufgeteilt.  Serbien
  trug  den  Löwenanteil  heim  und  herrschte  nun  von  Belgrad  bis  Monastir
und  Gjewgjeli.  Mit  Mühe  rettete  Bulgarien  Strumigza.  Griechenland
erhielt  Saloniki  und  Cavalla  und  die  Mesta  als  Grenze  gegen  Bulgarien.
JRumönien  brachte  die  bulgarische  Dobrudscha  heim  und  erwarb  dadurch
wertvolles  Kornland  und  eine  strategische  Flankenstellung  an  seiner  Südfront,
  die  zu  einem  Brückenkopf  in  der  Richtung  Sofia  und  Adrianopel
ausgebaut  werden  konnte.  Aber  die  Adriaträume  Serbiens,  Montenegros
und  Griechenlands  verwirklichten  sich  nicht.  Osterreich-Ungarn  und  Italien  —
diesmal  wieder  von  der  Gemeinsamkeit  ihrer  Interessen  trotz  der  Nebenbuhlerschaft
  um  die  Adria  zusammengeführt  —  scheuchten  sie  mit  drohendem
Schwert.

Als  der  Friede  von  Bukarest  geschlossen  wurde,  der  Bulgarien  um  die
Früchte  des  thrazischen  Geldzuges  brachte  und  dafür  Serbien,  Griechenland,
Montenegro  und  Rumänien  mit  um  so  größerem  Gewinn  ausstattete,  war
der  Einfluß  der  Großmächte  auf  die  Gestaltung  der  Dinge  so  verringert,
daß  man  sich  mit  dem  Status  quo  abfand,  nachdem  man  zu  Beginn  der
Kriegswirren  den  Status  quo  ante  als  maßgebend  verkündet  hatte.

Da  schienen  noch  einmal  Werständigungsversuche  zwischen  Deutschland
  und  Rußland  und  zwischen  Deutschland  und  England  die  drohende
Katastrophe  zu  beschwören.  Rußland  hatte  Osterreich-Ungarn  nichts  verziehen,
  am  wenigsten  das  Auftreten  der  Donaumonarchie  gegen  Serbien
und  Serbiens  Ansprüche  auf  Albanien  und  einen  Hafen  an  der  Adria.  Am
20.  Dezember  1912  fiel  in  der  Duma  das  böse  Wort  Purischkewitschs,

Stegenannt  Geschichte  des  Kriegesr.  I.  3
        <pb n="50" />
        34  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

eines  Führers  der  Rechten:  Kein  Krieg  wäre  volkstümlicher  als  der  gegen
die  „Flickmonarchie“.

Uneer  diesen  AUmständen  mußten  alle  WVersuche  scheitern,  zwischen
Deueschland  und  Rußland  dauernde  Beziehungen  anguspinnen,  da  eine
Annäherung  der  beiden  Mächte  nur  unter  Geeinträchtigung  des  deutsch.
österreichischen  Bündnisses  möglich  war.

Aussichtsvoller  erschienen  die  deutsch-englischen  Verhandlungen,  die
im  Jahre  1912  zu  bestimmten  Vorschlägen  führten.  England  war  einem
Abkommen  über  die  beiderseitigen  Flottenrüstungen  geneigt,  und  Deutschland
  war  bereit,  hierüber  zu  verhandeln,  wenn  eine  grundsägliche  Aussprache
zu  einem  Freundschaftsverhältnis  führte,  das  in  einem  Neutralitäesversprechen
ausgedrückt  werden  sollte.

„Niemand  fühlt  mehr  als  ich,  daß  es  kaum  ein  größeres  Unglück  geben
könnte  als  einen  Krieg  zwischen  England  und  Deutschland,  welchen  Ausgang
er  auch  haben  möge.“  Oieser  Ausspruch  ist  von  dem  Führer  der  Tories,
Bonar  Law,  am  10.  Mai  1912  im  „Drimelbund“  getan  worden.  Ooch
obwohl  diese  Aberzeugung  in  Deutschland  und  in  England  weit  verbreitet
war,  konnten  die  beiden  Mächte  nicht  zusammenkommen,  „das  Wasser
war  viel  zu  tief“.  Zuviel  war  hineingeflossen,  seit  Deutschland  seinen  Welt.
handelsinteressen  durch  den  Bau  einer  großen  Flotte  imperialistischen
Charakter  lieh,  der  angeblich  Englands  Imperium  bedrohte.  Ju  schwer
empfand  England  den  Handelswettbewerb  des  jungen,  tüchtigen  Nebenbuhlers
  um  den  Weltmarkt,  den  es  seit  hundert  Jahren  beherrschte  und  mit
seinen  Schiffskanonen  verteidigte.

Die  Verhandlungen  des  Jahres  1912  sind  darauf  ausgegangen,  die
Flottenstärke  der  beiden  Mächte  in  ein  bestimmtes  Verhältnis  zu  bringen,
so  daß  Deutschland  gebunden  worden  wäre,  seine  Kriegsflotte  nicht  in  dem
Maße  zu  vermehren,  wie  es  in  einer  damals  zur  Beratung  stehenden  Gesetzesnovelle
  vorgesehen  war.  Deutschland  verlangte  dagegen  eine  Neutralitäcsverpflichtung,
  zuerst  eine  unbedingte,  dann,  als  dies  von  Sir  Edward
Grey  abgelehnt  wurde,  eine  bedingte.  Die  Neutralitätspflicht  wurde  auf
den  Fall  eines  Krieges  beschränkt,  in  dem  der  beteiligte  Vertragschließende
nicht  als  Angreifer  gelten  könne.  England  trat  diesem  Vorschlag  nicht  bei,
war  aber  bereit,  zu  erklären,  „daß  es  keinen  unprovozierten  Angriff  auf
Deutschland  machen,  noch  sich  an  einem  solchen  beteiligen  werde“.  War
dieser  Gegenvorschlag  an  die  Forderung  Englands  gebunden,  daß  das
Flottenverhälenis  in  gewissen,  vertraglich  festzulegenden  Grenzen  zu  halten
sei,  was  angesiches  der  Flottenstärke  der  übrigen  Ententestaaten  eine  ein.
seitige  Bindung  war,  so  forderte  es  mehr  als  es  gab.

Wörtlich  lautete  Greys  Vorschlag:

„England  wird  keinen  unprovozierken  Angriff  gegen  Deutschland  unternehmen
  und  keine  aggressive  Politik  gegen  dasselbe  befolgen.
        <pb n="51" />
        Der  Zerfall  des  europäischen  Konzerts  35

Ein  Angriff  gegen  Deutschland  ist  nicht  Gegenstand  und  wird  niemals
Gegenstand  der  Verträge,  Einverständnisse  oder  Abmachungen  sein,  die
England  bis  zur  Gegenwart  eingegangen  ist,  und  England  wird  nie  an  etwas
teilnehmen,  das  einen  ähnlichen  Zweck  verfolgt.“

Graf  Metternich  fand  diese  Formel  nicht  entsprechend  und  schlug  vor
zu  sagen:  „England  wird  also  wenigstens  eine  wohlwollende  Neutralität
beobachten,  wenn  Deutschland  ein  Krieg  aufgedrängt  wird,  oder:  England
wird  also  selbstverständlich  neutral  bleiben,  wenn  Deutschland  ein  Krieg
aufgedrängt  wird.“  Er  fügte  bei,  daß  England  nur  gebunden  sein  solle,
wenn  seinen  Wünschen  betreffend  das  Flotktenprogramm  entsprochen  werde.
England  lehnte  den  Zusaß  ab.  Darauf  verzichtete  Deutschland  auf  ein
Ergebnis  und  betrachtete  die  Berhandlungen  als  gescheitert  (13).

Die  Versuche,  zu  einer  Werständigungsformel  zu  gelangen,  waren
zum  Scheitern  verdammt,  weil  die  Feststellung,  ob  es  sich  um  einen  Angriffs.
krieg  oder  um  einen  Verteidigungskrieg  handelte,  im  Augenblick  des  geschichtlichen
  Geschehens  sehr  schwierig  war  und  je  nach  der  subjektiven  Auf.
fassung  zu  einem  entgegengesetzten  Ergebnis  führen  mußte.  Weder  Deutschland
  noch  England  konnten  in  dieser  Hinsicht  eine  Bürgschaft  übernehmen.
Selbst  die  Erklärung  Englands,  daß  es  „keinen  unprovozierten  Angriff
gegen  Deutschland  oder  Osterreich-Ungarn  unternehmen  oder  mitmachen
werde"“,  war  einer  sicheren  —  wenn  auch  noch  so  schmalen  —  AUnterlage  bar.
Es  war  ein  Bemiühen  um  Worte,  tatsächlich  besaß  England  die  volle
Handlungsfreiheit  nicht  mehr,  weil  seine  politischen  Freundschaften  sich
mehr  und  mehr  zu  Bündnissen  verdichteten  und  die  Folgen  der  „Ententen“
bereits  neue  Machtverhältnisse  hatten  entstehen  lassen.

Die  Rücksichten  auf  die  Entente  cordiale  verboten  England,  sich
in  eine  Bindung  einzulassen,  die  dieses  ältere  Abkommen  gefährdet  hätte.
Hatte  König  Eduard  seine  Handlungsfreiheit  noch  in  gewissem  Amfange
bewahrt,  so  verlor  Sir  Edward  Grey,  auf  sich  selbst  gestellt,  rasch  die  Herrschaft
  über  die  verwickelten  und  im  Fluß  befindlichen  Verhälenisse.  Auf
der  Gegenseite  fühlte  sich  Deutschland  außerstande,  die  Entwicklung  der
lezten  zehn  Jahre  rückgängig  zu  machen.  Es  war  zu  spät,  eine  Brücke
Über  die  Nordsee  zu  schlagen;  die  Entwicklung,  die  ihren  stärksten  Antrieb
von  dem  unaufhaltsamen  Wachstum  der  deutschen  Handelstätigkeit  emp.
fangen  hatte,  ging  ihren  Gang.  Nur  unbedingte,  von  allen  Werlockungen
  freie  und  jeder  Rücksichtnahme  entbundene  Friedensliebe  konnte
den  Bruch  der  leichtgespannten  Verbindungsfäden  noch  verhindern.

Auf  englischer  Seite  ist  man  mit  gesteigerker  Besorgnis  aus  den  Verbandlungen
  geschieden,  denn  eine  Bindung  der  deutschen  Flottenstärke,
dieser  größee  aller  unblutigen  Siege,  war  nicht  erreicht  worden,  da  man  die
unbedingte  Neutralität  als  Gegenleistung  nicht  hatte  versprechen  können.
Sir  Edward  Grey  zog  in  dieser  Lage  alsbald  die  Folgerungen  nach  der
        <pb n="52" />
        36  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

anderen  Seite  und  band  das  Seil  kürzer,  das  England  mit  Frankreich  und
Rußland  verknünfte.

Während  man  in  Berlin  dauernd  an  der  Hoffnung  festhielt,  daß  auch
nach  Fallenlassen  der  Verhandlungen  die  Beziehungen  zu  England  freundschafeliche
  und  verkrauensvolle  bleiben  und  in  der  Zukunft  wieder  enger
gestaltet  werden  könnten  —  diese  Hoffnung  ist  von  Sir  Edward  Grey  nach
dem  Zeugnis  Metternichs  bei  der  lehten  Unterredung  ausgesprochen  worden  —,
erfolgten  in  London,  Paris  und  Petersburg  entscheidende  Entschließungen.

Am  .  September  keilte  der  Marineminister  Delcassé  in  der  französischen
Kammer  mit,  daß  Frankreich  sein  drittes  Kampfgeschwader  von  Grest
nach  Toulon  verlege,  so  daß  nun  die  ganze  französische  Flotke  im  Mittelmeer
versammelt  war.  Die  Sicherheit  der  französischen  Nordklüste  wurde  von
England  verbürgt.  Damit  begab  sich  Frankreich  unter  Englands  Seehut
und  schügte  seine  Nordküste,  indem  es  sie  von  Dünkirchen  bis  St.  Nazaire  der
britischen  Aufsiche  unterstellte.  England  erwarb  dadurch  eine  überaus  wert.
volle  Stellung  auf  dem  Festland,  entäußerte  sich  aber  eines  Teiles  seiner
Bewegungsfreiheit,  denn  es  besaß  nun  nicht  nur  stärkeren  Einfluß  auf  Frank.
reichs  Geschick,  sondern  auch  eine  größere  Verantwortung  in  einem  Kriegs.
fall.  Es  konmte  sich  fürder  einer  Teilnahme  an  einem  deutsch-französischen
Zusammenstoß  kaum  noch  entziehen,  da  seine  Neutralität  genügt  hätte,
Frankreichs  atlantcische  Küste  der  deutschen  Flotte  und  deutschen  Landungen
preiszugeben  (14).

Wie  konnte  Frankreich  auf  eine  solche  Kräfteverteilung  eingehen?  Die
Antwort  liegt  in  seiner  Erinnerungspolitik.  Solange  Frankreich  in  Deutsch.
land  den  Erbfeind  sah  und  seine  Politik  dieser  Auffassung  dienstbar  machte,
hacte  es  ein  brennendes  Interesse  daran,  England  so  zu  binden,  daß  die
Entente  cordiale  das  Gepräge  eines  Schug-  und  Truchbündnisses  erhielt.
Raymond  Doincaré  war  als  Vertreter  der  mehr  rechts  gerichteten,  also
dem  Erinnerungskultus  und  der  imperialistischen  Politik  zugewandten
Parkeien  Präsident  der  Republik  geworden.  Er  zog  mit  Delcasses  Unter.
stützung  das  russisch-französische  Bündnis  enger  und  versicherte  sich  der
unveränderken  Froneskellung  Rußlands  für  die  drohend  verhangene  Zukunft,
handelte  also  im  Geiste  dieser  Holitik  durchaus  folgerichtig.  Diese  Policik
mußte  in  einen  Krieg  mit  Deutschland  münden,  wenn  die  Zeit  erfüllt  war,
auch  ohne  daß  Frankreich  zum  Angreifer  wurde.

Als  der  Balkankrieg  entbrannte  und  den  europäischen  Himmel  mit
blutigem  Flammenschein  übergoß,  tat  Sir  Edward  Grey  den  letzten  Schritt,
der  ibm  zu  tkun  noch  übrigblieb,  und  stellte  durch  einen  Briefwechsel  mit
dem  französischen  Botschafter  Daul  Cambon  den  Bündnisfall  der  Entente
cordiale  ausbrücklich  fest.  Deutlich  ist  in  diesem  Briefwechsel  ausgesprochen,
daß  die  englischen  und  französischen  Fachleute  von  Heer  und  Flotte  schon
lange  alle  Möglichkeiten  erwogen  und  einen  gemeinsamen  Feldzugsplan
        <pb n="53" />
        Die  orientalische  Krisis  37

beraten  hatten.  Dieser  Meinungsaustausch  hatte  allerdings  die  Eneschlußfreiheit
  der  Regierungen  nicht  berühren  sollen,  vermittelte  aber  beiden  Teilen
so  eingehende  Kenntnisse  der  gegenseitigen  Verhältnisse,  ihrer  militärischen
Schwächen  und  Stärken,  daß  beide  Teilhaber  dadurch  militärisch  aufeinander
angewiesen  und  politisch  noch  einmal  gebunden  wurden.  Diese  Schlußfolgerung
  trifft  auch  eine  Fühlungnahme,  die  von  britischen  und  französischen
  Fachleuten  mit  dem  belgischen  Generalskab  herbeigeführt  worden  ist,
um  Anhaltspunkte  über  eine  Frontstellung  gegenüber  Deutschland  zu  gewinnen,
  obwohl  hier  ausdrücklich  darauf  gehalten  wurde,  diese  Besprechungen
außerhalb  der  politischen  Sphäre  zu  pflegen  und  die  Regierungen  nicht  durch
sie  zu  binden.

Der  Brief,  den  Sir  Edward  Grey  am  22.  November  1912  dem  französischen
  Botschafter  schrieb,  entbielt  folgenden  Leitsatz:

„Ich  bin  einverstanden,  daß,  wenn  die  eine  oder  die  andere  Regierung
  schwerwiegende  Gründe  haben  sollte,  ohne  Herausforderung  den  Angriff
einer  dritten  Macht  oder  ein  Ereignis  zu  erwarten,  welches  den  allgemeinen
Frieden  bedroht,  diese  Regierung  sogleich  mit  der  anderen  erwägen  sollte,  ob
nicht  beide  gemeinsam  vorgehen  müssen,  um  einen  Angriff  zu  verhindern  und
den  Frieden  aufrechtzuerhalten,  und  in  diesem  Falle  die  Maßregeln
zu  suchen,  welche  sie  geneigt  wären,  gemeinsam  zu  ergreifen,
und  daß,  wenn  diese  Maßnahmen  eine  Aktion  einschließen,  die  Pläne
der  Generalstäbe  sofort  in  Erwägung  gezogen  werden  und  die  NRegierungen
  entscheiden  sollen,  welche  Folge  ihnen  gegeben  werden  müßte“  (15).

Der  Brief,  der  diesen  Saß  enthält  und  von  Cambon  am  23.  November
bestätigt  wurde,  ist  eine  der  wichtigsten  Arkunden  zur  Vorgeschichte  des
europäischen  Krieges;  er  enthält  die  Bindung  Englands.

Als  die  beiden  Briefe  in  einem  englischen  Blaubuch  veröffentlicht  und
dem  englischen  Parlament  wie  der  Welt  bekanntgegeben  wurden,  waren  die
in  ihnen  liegenden  Folgerungen  schon  in  die  Wirklichkeit  gewachsen  und  der
Krieg  entbrannt.

Die  orientalische  Krisis

Bismarck  hat  am  6.  Februar  1888  die  europäische  Lage  und  ihre  damals
sichtbaren  Entwicklungsmöglichkeiten  mit  unübertrefflicher  Klarheit  dargestellt
  und  gesagt:

„Es  ist  ja  die  wahrscheinlichste  Krisis,  die  eintreten  kann,  die  orientalische.
Wenn  sie  eintritt,  so  sind  wir  bei  der  gerabe  nicht  in  erster  Linie  beteiligt.
Wir  sind  da  vollkommen  und  ohne  irgendwelcher  Verpflichtung  zu  nahe  zu
treten,  in  der  Lage,  abzuwarken,  daß  die  im  Mittelländischen  Meere,  in
der  Levante  nächstbeteiligten  Mächte  zuerst  ihre  Entschließungen  treffen,
und,  wenn  sie  wollen,  sich  mit  Rußland  vertragen  oder  schlagen.  Wir  sind
        <pb n="54" />
        38  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

weder  zu  dem  einen  noch  zu  dem  anderen  in  erster  Linie  in  der  orientalischen
Frage  berufen.  Jede  Großmacht,  die  außerhalb  der  Interessensphäre  auf
die  Policik  der  anderen  Länder  zu  drücken  und  einzuwirken  und  die  Dinge
zu  leiten  sucht,  die  periklitiert  außerhalb  des  Gebietes,  welches  Gotkt  ihr
angewiesen  hat,  die  treibt  Machtpolitik  und  nicht  Interessenpolitik,  die  wirt.-schaftet
  auf  Prestige  hin.  Wir  werden  das  nicht  tun;  wir  werden,  wenn  orientalische
  Krisen  eintreten,  bevor  wir  Stellung  dazu  nehmen,  die  Stellung
abwarten,  welche  die  mehr  interessierten  Mächte  dazu  nehmen.“

Als  im  Jahre  1914  die  größte  orientalische  Krise  ausbrach,  die  bis  anhin
die  Welt  erschüttert  hatte,  waren  diese  von  Bismarck  meisterhaft  dargestellten
Verhälenisse  vollständig  verschoben  worden.  Deutschland  war  nicht  mehr
in  der  Lage,  abzuwarten,  daß  die  in  der  Levante  nächstbeteiligten  Mächte
sich  mit  Rußland  vertrugen  oder  schlugen,  denn  Osterreich-UAngarn  hatte
diesmal  seine  Existenz  an  den  Konflikt  gewagt,  und  Rußland  stand  sprungbereit
  hinter  dem  Zwischenvorhang,  der  den  Krieg  der  beiden  großen  Mächtegruppen
  verbarg.

Der  Zerfall  des  Balkanbundes  hatte  Rußlands  Hoffnungen  auf  eine
Lahmlegung  Osterreich-Ungarns  geknickt,  Serbiens  Machtstellung  war  aber
doch  so  gestärkt  worden,  daß  sein  Oruck  auf  Osterreich-Ungarns  Flanke
dauernd  wuchs,  zumal  die  großserbische  Propaganda,  aller  Versprechungen
ungeachtet,  sich  frei  und  freier  entfaltete.  Da  Bulgarien  zu  Tode  matt  und
von  Rumänien,  Griechenland  und  der  Türkei  durch  bittere  Erinnerungen  geschieden
  aus  den  Kriegen  vereinsame  hervorgegangen  war,  brauchte  Serbien
um  eine  Rückendeckung  wenig  zu  sorgen.  Bulgarien  hatte  seine  Fahnen
für  ferne  bessere  Jeiten  einrollen  müssen,  wie  Zar  Ferdinand  mit  deutlichem
Vorbehalt  erklärte,  als  am  10.  August  1913  der  trügende  Friede  zu  Bukarest
geschlossen  wurde.

Der  Frieden  von  Bukarest,  den  Rumäniens  militärisches  und  politisches
Flankenmansver  mit  Rußlands  Einverständnis  herbeigeführt  hatte,  ordnete
die  Verhälenisse  auf  dem  Balkan  neu,  trug  indes  den  Keim  künftiger  Kriege
in  sich.  Sein  Datum  ist  der  Todestag  des  europäischen  Konzertes.  Europa,
elnst  Jovis  Geliebtee,  dann  der  Inbegriff  politischer  Machtefülle,  wurde  ein.
balsamiert  und  aufgebahrk,  aber  nicht  begraben.  Als  Mumie  sollte  das
europäische  Konzert  fortbestehen,  damit  es  im  Tode  noch  den  europäischen
Krieg  schrecke  und  fernhalte.  Da  man  von  einer  Ourchsiche  des  Balkanfriedens
  das  Schlimmste  fürchtete,  ließ  man  die  Neuordnung  der  WVerhält.
nisse  geschehen.

Als  Balkangroßmacht  war  Serbien  aus  den  Walkankriegen  hervorgegangen,
  ohne  jedoch  den  Ausgang  auf  die  Adrla  erkämpft  zu  haben.  Weder
Tur  noch  Fenster  waren  ihm  dort  zugesprochen  worden.  Osterreich-Ungarn
batte  die  Gefahr  erkannt,  die  aus  dem  Erscheinen  Serbiens  an  der  Adria
erwachsen  mußte.  Standen  die  Serben  in  adriatischen  Häfen,  so  war  das
        <pb n="55" />
        Die  orientalische  Krisis  39

Leben  Osterreich-Ungarns  an  der  Wurzel  bedroht  und  dem  italienischen
Druck  im  Westen  und  dem  serbisch-russischen  Druck  im  Osten  und  Süden
preisgegeben.  Dann  wurde  das  Adriatische  Meer  zu  einem  italienischrussischen
  See.  Die  Wiener  Diplomatie  warf  Albanien  als  Erisapfel  unter
die  Anwärter.  Sofort  erinnerte  sich  Jlalien  mit  klugem  Sinn,  daß  es  noch
dem  Oreibund  angehörte  und  Osterreichs  Verbündeter  war.  Es  siellte  die
„Erlösung“  Trienks  und  Triests  zunächst  zurück,  um  vorerst  mit  Osterreich=Ungarn
  zusammen  das  Vordringen  eines  Dritten  an  die  Adria  zu  bekämpfen.

Die  orientalische  Krisis  schrumpfte  scheinbar  zu  einer  albanischen  Frage
zusammen.  Die  in  London  tagende  Botschaftrerkonferenz,  die  die  letzten
strittigen  Balkanfragen  lösen  sollte  und  der  Mumie  Europa  noch  die  letzten
Dapvrusrollen  mitgab,  brachte  am  12.  August  1913  einen  Beschluß  zustande,
  der  den  albanischen  Streitfall  zu  beseitigen  versprach.  Es  wurde
bestimmt,  daß  diese  wilde,  von  freien  Bölkerschaften  bewohnte  Landschafe
binnen  sechs  Monalen  eine  Südgrenze  und  einen  Fllrsten  erhalten  solle.
Das  war  alles,  was  den  widerstrebenden  Interessen  der  verschiedenen  Anwälte
  und  ihrer  Klienten  abgewonnen  werden  konnte,  war  zu  viel  und  zu
wenig.  Die  Tätigkeit  der  Diplomaten  war  schon  mehr  auf  Jeitgewinn  und
kurzfristige  Notstandsmaßnahmen  als  auf  eine  endgultige  Ordnung  der
schwebenden  Streitfälle  gerichtet.  Man  fühlte,  daß  es  ein  vergebliches  Bemühen
  war,  das  Chaos  mit  geschickten  Fingern  zu  ordnen.  Doch  begannen
sich  in  dieser  Phose  die  Einzelinteressen  der  Großmächte  neuerdings  so  gegenelnander
  zu  verschieben,  daß  der  Gedanke  an  die  große  Frontstellung  Dreibund
  gegen  Dreiverband  über  der  Neuordnung  der  Balkanverhältnisse
noch  einmal  zurücktrat.

Die  Beziehungen  Deutschlonds  und  Englands  spiegelten  diese  Ver.
änderung  deutlich  wider.  Bei  der  Eröffnung  des  Parlaments  sagte  der
englische  Ministerpräsident  Asquith  am  10.  März  1913:

„In  der  Balkanangelegenheit  haben  wir  im  einmütigen  Wunsch  mit
Deutschland  zusammengearbeitet.  Dieses  Zusammenarbeiten  hat  nicht  nur
den  Weg  der  Diplomaten  angenehm  gestaltet,  sondern  es  hat,  das  ist  unsere
feste  Aberzeugung,  auch  gegenseitiges  Vertrauen  hervorgerufen,  das  zwischen
den  beiden  großen  Nationen  andauern  wird.“

Der  Reichskanzler  gab  am  7.  April  im  Reichstag  eine  warm  gehaltene
Erklärung  ab,  dankte  für  die  außergewöhnliche  Hingabe  und  den  Geist  der
Versöhnlichkeit,  mit  der  Grey  die  Londoner  Botschafterbesprechungen  zur
Lösung  der  Balkanfragen  leite  und  fügte  dann  wörtlich  bei:  „Deutschland
nimmt  an  diesem  Dank  um  so  innigeren  Anteil,  als  es  sich  mit  den  Zielen
der  englischen  Holitik  eins  weiß.“

Da  -der  deutsch-englische  Gegensaß  zeitweilig  zurücktrat,  war  um  so
deutlicher,  daß  die  Zwistigkeiten  zwischen  Rußland,  ÖOsterreich-Ungarn  und
Italien  als  den  am  Balkan  Nächstbeteiligeen  zum  Ausgleich  kommen  mußten.
        <pb n="56" />
        40  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Während  diese  verwirrten  Fäden  auf  den  Londoner  Konferenzen  in
unsäglichem  Bemühen  entflochten  wurden  und  ein  Fürstentum  Albanien
ohne  feste  Grenzen  und  mit  einem  ohnmächtigen  Fürsten,  dem  Drinzen
Wilhelm  von  Wied,  als  Totgeburt  zur  Welt  gebracht  wurde,  ging  die
allgemeine  europäische  Entwicklung  die  vorgezeichnete  Bahn  weiter.  Ruß.
land,  das  die  Balkanwölker  auf  Kosten  der  Türkei  zu  Autonomie  und  Macht.
fülle  heramwachsen  sah,  glaubte  einen  Anspruch  auf  das  kürkische  Armenien
erworben  zu  haben.  Als  es  diesen  Vorteil  wahrzunehmen  suchte,  stieß  es
zu  seiner  Uberraschung  auf  den  Widerstand  Deutschlands.  Das  Deutsche
Reich  wollte  eine  weitere  Schmälerung  der  asiatischen  Türkei  nicht  dulden.
Seine  Weltinteressen  waren  dort  vor  Anker  gegangen,  und  die  Abfindung  an
Rußland  bereits  in  Gestkalt  des  persischen  Abkommens  entrichtet  worden.
Der  Anspruch  Nußlands  stellte  also  das  kürkische  Droblem  von  der  asiatischen
Seite  her  zur  Erörterung,  nachdem  es  auf  der  europäischen  kaum  verab.
schiedet  worden  war.  Die  Orienekrisis  griff  auf  Anakolien  und  Mesopo--tamien
  Über.

Das  Deutsche  Reich  hatte  keine  Wahl  mehr.  Es  erblickte  in  der  Sicherung
  seiner  lleinasiatischen  Interessen,  die  in  der  Bagdadbahn  sichebar  verkörpert
  waren,  eine  Zukunfksaufgabe.  Der  ungeschmälerte  Bestand  der
asiatischen  Türkei  war  für  Deutschland  eine  Lebensfrage,  solange  seine
Interessen  dort  Wurzelgrund  hatten.  Die  afrikanischen  Randländer  des
Mittelmeeres  bis  zum  Atlantischen  Ozean  waren  unter  England,  Frankreich,
Italien  und  Spanien  verteilt,  die  deutschen  Kolonien,  abgesehen  von  dem
ausgesehten  Vorposten  in  Tsingeau,  zur  Erschließung  von  größeren  Kulturgebieten
  wenig  geeignet.  Also  blieb  nur  noch  Kleinasien,  soweit  es  nicht
bereits  durch  England,  Rußland  und  Frankreich  in  wirtschaftliche  Interessen.
spbären  zerlegt  war,  deutschem  Einfluß  und  Wetebewerb  als  aussichesvolles
Neuland  zugänglich.  Hier  fand  Deutschlands  Wille  zur  Betätigung  als
Weltmacht  günstige  Voraussetzungen  und  sein  Schaffensdrang  Nahrung.
Hier  konnte  ein  altes,  der  Auferstehung  fähiges  Land,  das  nicht  mit  dem
Schwert  erobert,  sondern  mit  HOflug  und  Spibhacke  gewonnen  werden  sollte,
wirtschaftlich  neu  erschlossen  und  der  Kultur  wiedergewonnen  werden,  falls
man  eine  gesicherte  Landverbindung  von  Mitteleuropa  über  die  Galkanbhalbinsel
  nach  Asien  besaß.  Die  Zeit  drängte,  denn  Rußland  und  England
batten  in  einem  zwischen  Iswolsti  und  Nicolson  im  Jahre  1907  geschlossenen
Vertrag  Persien  schon  in  Einflußsphären  geteilt,  und  in  der  Mündung  des
Schatt-el-  Arab  standen  englische  Vorposten  bereit,  die  Hand  auf  den  alten
Landweg  von  Agypten  nach  Indien  zu  legen  (10).

Deutschlands  Interessen  in  Kleinasien  konnten  gegenüber  Rußland  und
England  nur  durch  Eintreten  für  die  Türkei  sichergestellt  werden.  Es  kam
darauf  an,  ob  das  ottomanische  Reich  die  Erschücterung  zu  überwinden
vermochte,  die  sein  Organismus  infolge  des  Balkankrieges  und  des  Wer.
        <pb n="57" />
        Die  orientalische  Krisis  41

lustes  Mazedoniens  und  Nowibasars  erlikten  hatte,  und  ob  es  imstande
war,  seinen  Besitzstand  am  Bosporus  und  in  Asien  unversehrt  zu  behaupten.
Wenn  die  Türkei  sich  dessen  fähig  zeigte,  so  bildete  sie  an  sich  einen  beachtens.
werten  politischen  Zähler  und  wurde  an  der  Seite  Oeutschlands  und  Osterreich--Ungarns
  zum  stärksten  Trumpf  in  dem  großen  Spiele,  das  früher  oder
später  zwischen  den  Mittelmächten  und  den  peripherisch  gelagerten  Ententemächten
  zum  Austrag  kommen  mußte.  Keil  und  Brücke  zugleich,  schob  sich
die  Türkei  als  Besitzerin  und  Hüterin  der  Dardanellen  und  des  Landüber.
ganges  von  Europa  nach  Kleinasien  und  Agypten  zwischen  Rußland  und
die  Westmächte  und  wies  den  im  Kriegsfall  vom  Welemeer  abgeschnittenen
Miteelmächten  den  Weg  in  die  Weite.  Die  Erschließung  und  Entwicklung
Anatoliens  und  des  Landes  der  heiligen  Ströme  war  also  eine  lohnende
kulturelle  und  eine  wichtige  politische  Aufgabe  Deutschlands;  in  dem  auf
Welegeltung  und  ungehemmte  wirtschaftliche  Ausbreitung  lautenden  deutschen
Programm  stand  sie  obenan.

Deshalb  versagte  sich  auch  die  deutsche  Politik  dem  Anspruch  Rußlands
auf  Armenien.  Naturgemäß  verschärfte  die  Absage  den  russisch-deutschen
Gegensag  und  ließ  England  argwöhnisch  aufhorchen.

Zwar  belebte  die  Aufbellung  des  Himmels  über  der  Nordsee  im  Frühling
1913  noch  einmal  die  Hoffnungen  auf  eine  WBerständigung  Deutschlands
und  Englands,  aber  die  allgemeine  Wetterlage  wurde  durch  solche  Lichtblicke
nicht  mehr  gebessert.  Neue  und  ungewöhnliche  Steigerungen  der  militärischen
Rüstungen  führten  eine  deutlichere  Sprache.  Abermals  wurden  in  Deutschland,
Frankreich,  Rußland  und  Osterreich-AUngarn  auf  Grund  der  Erfahrungen,
die  man  in  der  Orienkkrisis  gemacht  hatte,  die  militärischen  Lasten  vermehrt,
und  zwar  ließen  der  Lbergang  Frankreichs  von  der  zwei.  zur  dreijährigen
Dienstzeit  und  die  Aufnahme  einer  zu  Eisenbahnbauten  bestimmten  russischen
Milliardenanleihe  klar  erkennen,  daß  es  sich  um  eine  abschließende  Vollendung
  der  militärischen  Bereitschaft  handelte.  Solche  Maßnahmen  konnten
nicht  mehr  den  Charakter  dauernder  Einrichtungen  haben,  sondern  liefen
bereits  auf  eine  Bereitskellung  hinaus,  die  im  Jahre  1917,  nach  Fertigstellung
  des  strategischen  Eisenbahnnetzes  in  Polen  und  der  Auswirkung  der
dreijährigen  Dienstperiode  in  Frankreich,  als  vollendet  anzusehen  war.  Dann
hatte  Rußland  nicht  mehr  nötig,  vor  Osterreich-Ungarn  zurückzuweichen
und  seine  Balkanvedette  Serbien  preiszugeben;  dann  unterlagen  Deutschland
  und  Osterreich-=  Ungarn  dem  ehernen  Gese,  das  durch  die  Neuordnung
der  militärischen  Machtverhältnisse  ausgesprochen  wurde.

Deutschland  band  den  Helm  fester,  wie  Götterdämmerung  zog's  herauf.
Die  Erinnerungsfeier  der  deulschen  Befreiungskriege,  die  im  Oktober  1913
begangen  wurde,  stand  im  Zeichen  der  Stille  und  der  Düsternis  vor  dem
Sturm.  So  hat  Wolker  die  Fiedel  gestrichen  in  der  letzten  Nacht  vor  König
Esels  Saal.
        <pb n="58" />
        42  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Zwischenspiel

Die  europäische  Lage  war  durch  die  Auseinandersetzung  Deutschlands
und  Frankreichs  1870/71  vorbestimmt  worden,  sofern  Frankreich  diesen
Zusammenstoß  nicht  als  Abschluß  der  innereuropäischen  Entwicklung  gelten
ließ.  Da  es  das  nicht  tat,  so  war  es  in  eine  moralische  Zwangslage  geraten,
die  sich  in  seiner  Politik  immer  wieder  aussprach.

Zwei  Aussagen  beleuchten  die  Zwangslage,  in  der  Frankreich  sich
befand,  von  entgegengesehten  Standorken  mit  unbarmherzigen  Strahlen.
Im  Sommer  des  Jahres  1912  kennzeichnete  der  deutsche  Staatssekretär
von  Kiderlen  Wächter  auf  die  Frage  eines  „Figaro“-Redakteurs  nach  den
politischen  Aussichten  die  Lage  Frankreichs  folgendermaßen:

„Die  Franzosen  können  sich  nicht  entschließen,  auf  die  Rache  an  Deutsch.
land  zu  verzichten,  und  wagen  es  ebensowenig,  den  Nachekrieg  zu  beginnen.
So  stehen  sie  uns  feindlich  und  doch  machtlos  gegenüber,  berauben  sich
und  uns  aller  Vorteile,  welche  ein  Zusammengehen  der  beiden  Nationen
böte,  und  lassen  Europa  nicht  zur  Ruhe  kommen.  So  liegen  die  Dinge  seit
Jahrzehnten,  und  so  werden  sie  voraussichtlich  noch  jabrzehntelang  liegen.
In  Deutschland  aber  hat  man  die  Hoffnung  auf  Aussöhnung  mit  den  Franzosen
  notgedrungen  aufgegeben  und  verläßt  sich  nicht  auf  deren  Wohlwollen,
sondern  mehr  als  je  nur  auf  die  eigene  Kraft.“

Als  der  russische  Ministerpräsident  Kokowzow  am  5.  November  in
Paris  erschien,  um  die  Untkerhandlungen  über  eine  neue  Anleihe  zu  Ende  zu
führen,  schrieb  Jean  Jaures  in  der  „Humanité“  vom  Standpunkt  des  am
weitesten  in  die  Zukunft  blickenden  Franzosen  und  aufgeklärten  Friedens.
freundes:

„Er  kommt  nach  Daris,  um  eine  Anleihe  zu  erhalten.  Es  ist  ein  neues
Lösegeld  erforderlich,  damit  der  Zar  fortfährt,  Frankreich  militärisch  zu
sichern.  Die  Franzosen  werden  seinen  Wünschen  noch  einmal  willfahren.
Sonst  bleibt  ihnen  nur  ein  Weg:  Annäherung  an  Deutschland.  Sie  sind
aber  noch  nicht  entschlossen,  vernünftig  zu  sein,  also  geschieht  es  ihnen  ganz
recht,  wenn  sie  noch  einmal  bestohlen  werden.“

Der  Krieg  brach  aus,  ehe  die  von  Jaures  ersehnte  Annäherung  an
Deutschland  möglich  geworden  war.  Es  bedurfte  dazu  nur  noch  eines  Funkenwurfs.
  Dieser  mußte  den  allgemeinen  Brand  entfesseln,  nachdem  zu  dem
geschichtlichen  deutsch-französischen  Gegensagt  die  deutsch-russische  Spannung,
die  englische  Einkreisungspolitik  und  die  serbisch-österreichische  Feindschaft
getreten  waren,  eine  Häufung  von  Möglichkeiten,  der  gegenüber  auch  der
Wunsch,  einen  Krieg  nur  in  der  Verteidigung  zu  führen,  kein  Gewicht  mehr
baben  konnte.

Es  ist  bezeichnend  für  die  politische  Entwicklung  der  europäischen  Angelegenheiten,
  daß  auch  in  den  legzten  und  allerleczten  Kundgebungen  vor
        <pb n="59" />
        Iwischenspiel  43

dem  Ausbruch  des  europäischen  Krieges  noch  Begriff  und  Grundsagß  des
europäischen  Gleichgewichts  hervorgeholt  wurden,  nicht  zuletzt  in  der  Nede,
die  der  russische  Minister  Sasonow  am  3.  Mai  1914  in  der  Duma  hiele
und  worin  er  sagte:  „Der  Dreiverband  ist  frei  von  jeder  Angriffslust;
er  will  bloß  das  europäische  Gleichgewicht  erhalten  und  ist  jederzeit  bereit,
mit  dem  ODreibund  zusammenzuwirken.“  ODas  war  kurz,  nachdem  Iswolseki
in  Paris  auf  eine  engere  Berbindung  Englands  und  Rußlands  bingewirkt
und  englische  und  russische  Fachleute  die  Aussichten  und  Aufgaben  eines
englisch-russischen  Flottenabkommens  erörtert  hatten.  War  das  überhaupt
noch  ein  „Gleichgewicht“?

Oas  europische  Gleichgewicht,  das  früher  einmal  eine  Schwebelage
der  Festlandsmächte,  dann  eine  Schwebelage  mit  dem  gefestigten  Dreiverband
  in  der  einen,  dem  gelockerten  Dreibund  in  der  anderen  Wagschale
darstellte,  war  seiner  Grundsäßlichkeit  durch  die  Preisgabe  einer  Ruhelage
von  selbst  entkleidet  worden  und  hatte  durch  den  Eintrite  Englands  in  eine
einseitig  zugespigte  Bündnispolitik  auch  jede  praktische  Bedeutung  für  die
Erhaltung  des  europäischen  Friedens  verloren.  Der  alte,  durch  die  Tradition
fast  geheiligte  Grundsag  ist  auch  für  die  lleinen  Bölker  entwerlet  worden,
nachdem  das  Inselreich  sich  wieder  zur  Koalitionspolitik  bekannt  hakte.
Insbesondere  war  für  England  damite  die  Möglichkeit,  Fürsprecher  und
Verteidiger  der  Unabhängigkeit  kleiner  Bölker  auf  dem  Festland  zu  sein,
dabingefallen.  Nur  ein  selbstherrliches,  außerhalb  der  Festlandsgruppen
stehendes  Großbritannien  konnte  dieses  Amt  zu  eigenem  Worteil,  aber  auch
zum  Nugten  der  lleinen,  als  Ergänzungs-  und  Ausgleichungsgewichte
wirkenden  und  notwendigen  Bölker  in  voller  Freiheit  ausüben,  ein  durch
Verträge  verpflichtetes,  mit  seinen  Waffen  und  seiner  Wirtschaft  einseitig
gebundenes  England  riß  die  Kleinstaaten  in  die  eigene  Gruppierung  hinein.

England  war  in  die  Ententepolitil  eingetreten,  weil  es  glaubte,  nicht
mehr  von  sich  aus  den  Ausschlag  in  Europa  geben  zu  können,  und  fürchtete,
daß  Deutschland  das  DObergewicht  erhalten,  dieses  alsbald  gegen  England
ausspielen  und  so  die  Welthandelsberrschaft  an  sich  reißen  werde  (17).  In
dem  Augenblick,  da  die  Ententepolitik  sich  seiner  so  stark  bemächtigte,  wie
dies  nach  Eduards  Tode  geschah,  verlor  England  in  gewissem  Maße  die
Gewalt  über  die  Entwicklung  der  Dinge.  Ob  das  englische  Parlament  sich
dessen  bewußt  war,  skeht  dahin.  WVielleicht  hat  sich  Sir  Edward  Grey  selbst
über  die  Bindungen  gethuscht,  in  die  ihn  die  Entwicklung  verstrickte.  Daß
die  englische  Staatsleitung  noch  von  Fall  zu  Fall  eine  Verständigung  suchte,
geht  aus  den  Verhandlungen  über  die  Abgrenzung  der  deutschen  und  englischen
  Einflußsphären  in  Kleinasien  hervor,  die  im  Vorsommer  1914  zu
einem  Ergebnis  führten,  an  dem  auch  Frankreich  einen  Anteil  hatte.  Am
15.  Juni  wurde  bekannt,  daß  Sir  Edward  Grey  und  Fürst  Lichnows#t#e,
der  deutsche  Botschafter  in  London,  ein  Abkommen  unterzeichnet  hätten,
        <pb n="60" />
        44  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

das  indes  noch  der  Zustimmung  der  Hohen  Pforte  bedürfe,  ehe  sein  Inhalt
der  Offentlichkeit  ubergeben  werden  dürfe.  Es  war  der  letzte  Lichtblick  im
Ounkel.

Kurz  darauf  fielen  in  Serajewo  zwei  Pistolenschüsse  und  erschütterten
mit  ihrem  schwachen  Knall  die  ganze  Welt.  Die  europäische  Tragödie  kündigee
  sich  an.

Die  Stellung  der  Mächte  zur  Kriegsgefahr

Erzherzog  Franz  Ferdinand,  der  österreichisch-ungarische  Thronfolger,
und  seine  Gemahlin  waren  am  28.  Juni  1914  bei  einem  Besuche  der  bosnischen
Hauptstadt  von  dem  serbischen  Hochschüler  Princip  erschossen  worden.
Dem  Anschlag  lag  eine  Berschwörung  zugrunde,  deren  Fäden  nach  Belgrad
liefen.

Vier  Wochen  später,  nach  Durchführung  der  Untersuchung,  überreichte
der  österreichisch-ungarische  Gesandte  in  Belgrad  der  serbischen  Regierung
eine  Note,  die  Serbien  vorwarf,  es  habe  sein  Versprechen  vom  31.  März
1909,  sich  auf  freundschaftlichen  Fuß  mit  Osterreich-Ungarn  zu  siellen,  nicht
gehalten  und  sei  ein  Herd  verbrecherischer  Werbearbeit  geblieben,  die  auf
Losreißung  der  angrenzenden  Gebiete  der  Monarchie  ziele.  Dieser  Propaganda
  der  Lat  sei  auch  der  Thronfolger  zum  Opfer  gefallen.  Demgemäß
forderte  Osterreich--Ungarn  am  23.  Juli  die  Annahme  und  WVeröffentlichung
einer  genau  vorgeschriebenen  Erklärung,  in  welcher  die  großserbische  Hropaganda
  von  der  Königlich  Serbischen  Regierung  verurteilt  und  denjenigen
die  größte  Strenge  angedroht  wurde,  die  sich  solcher  Handlungen  schuldig
machten.  Diese  Erklärung  war  dem  serbischen  Heer  durch  einen  königlichen
Tagesbefehl  zur  Kenntnis  zu  bringen  und  im  Militäramtsblatt  zu  veröffentlichen.
  Der  serbische  Volksverein  (Narodna  Odbrana)  sollte  unter
Mitwirkung  österreichisch-ungarischer  Beamter  aufgelöst  und  gegen  die  in
Serbien  zu  suchenden  Teilnehmer  an  dem  Mordanschlag  von  Serajewo  eine
Untersuchung  eingeleitet  werden,  an  der  ebenfalls  österreichisch--ungarische
Organe  mitzuwirken  hatten.  Darüber  hinaus  ging  die  weitere  Gorderung,
österreichische  Beamte  in  Serbien  an  der  Unterdrückung  der  gegen  die  Monarchie
  gerichteten  Bestrebungen  teilnehmen  zu  lassen  (18).

Diese  Note  —  nach  Form  und  Inhalt  ein  Akt  von  unerhörter  Schärfe
—  wurde  auf  zweimal  vierundzwanzig  Stunden  befristet  und  sollte  jeder  Er.
örterung  entzogen  sein.  Als  Anewort  wurde  ein  Ja  oder  Nein  verlangt.  In
einem  Rundschreiben  an  die  Botschafter  in  Berlin,  Rom,  Paris,  London,
St.  Petersburg  und  Konskancinopel  legte  der  österreichisch-ungarische  Minister
Graf  Berchtold  die  Gründe  dar,  die  zu  diesem  Schritt  geführt  hatten,  und
ließ  die  ergangene  Weisung  den  Mächten  mitteilen.  Es  kann  kein  Zweifel
darüber  herrschen,  daß  Osterreich--Ungarn  sich  der  Tragweite  seines  Schrittes
        <pb n="61" />
        Die  Stellung  der  Mächte  zur  Kriegsgefahr  45

bewußt  war  und  daß  es  von  Serbien  eher  ein  Nein  als  ein  Ja  erwartete.
Die  erste  politische  Frage  aber  war,  wie  sich  Rußland  zu  dem  Streitfall
stellte  und  wie  weit  der  Zar  zu  gehen  gedachte.

Ließ  Rußland  Serbien  allein,  so  war  mit  einem  Straffeldzug  Osterreich.
Ungarns  über  die  Donau  zu  rechnen,  wenn  Serbien  sich  weigerte,  das  Ulti—
matum  zu  erfüllen.  Trak  Rußland  an  Serbiens  Seite,  so  drohte  ein  europäischer
  Krieg,  falls  nicht  eine  Bermittlung  Platz  griff.  In  welchem  Umfang
  ein  Krieg  drohte,  ob  zwischen  Zweibund  und  Dreibund  oder  zwischen
Dreibund  und  Dreiverband,  mochte  je  nach  den  Amständen  noch  zweifelhafe
erscheinen,  im  Grunde  aber  hatte  die  weltpolitische  Entwicklung  diese  Zweifels.
frage  längst  gelöst,  obwohl  Grey  noch  in  einem  Schreiben  an  den  britischen
Botschafter  in  Wien  vom  23.  Juli  als  äußerste  Möglichkeit  einen  Krieg  der
vier  Großmächte  Osterreich,  Frankreich,  Rußland  und  Deutschland  ins
Auge  faßte  (19),  also  bezeichnenderweise  von  Italien  als  Dreibundmacht
keine  Einmischung  besorgte  und  Englands  Rolle  noch  im  Dunkeln  ließ.

Junächst  lag  die  Enescheidung  bei  Serbien  selbst.  Als  Serbien  Rußland
um  Beistand  anging,  der  von  Petersburg  sofort  zugesogt  wurde,  war  das
Schwergewicht  der  Lage  mit  einem  Ruck  nach  Petersburg  verschoben  (20).
Der  serbisch-österreichische  Streitfall  war  zu  einem  österreichisch-russischen
Handel  geworden,  und  nun  verdichtete  sich  die  Angelegenheit  zu  der  Frage,
ob  daraus  mie  Notwendigkeit  ein  europäischer  Konflikt  hervorgehen  mußte.

Rußland  war  in  der  Tat  diesmal  nicht  gesonnen,  zurückzuweichen  wie
im  Jahre  1908,  als  die  Einverleibung  Bosniens  erfolgte,  und  wie  im  Jahre
1912,  als  der  Einspruch  Osterreich-Ungarns  Serbien  um  Ourazzo  und
Montenegro  um  Skutari  brachte.  Es  handelte  sich  jetzt  darum,  Osterreich-Ungarn
  jede  Bedrohung  Serbiens  zu  verwehren  und  das  Machtgebot
Rußlands  am  Balkan  mit  einem  Schlage  zum  entscheidenden  zu  machen.
Daran  hing  Rußlands  Orientstellung,  die  nach  der  Umlenkung  seiner  Polieik
von  Ostasien  nach  dem  nahen  Osten  wieder  zur  Grundlage  der  russischen
Enewicklung  geworden  war.

Zu  einem  tatkräftigen  Einschreiten  wurde  Rußland  diesmal  durch
die  Vervollständigung  seiner  Rüstungen,  den  engeren  Zusammenschluß  des
Dreiverbandes  und  die  Lockerung  des  Dreibundes  befähigt,  Amstände,  die
die  Stärkeverhältnisse  zu  seinen  Gunsten  verschoben  hatten.  Schrieb  man
auch  noch  nicht  1917,  so  war  doch  die  Kriegsbereitschaft  so  weit  vorgeschritten,
daß  man  sich  befähigt  hielt,  mit  Frankreich  und  England  im  Bunde  den
Kampf  aufzunehmen.

Der  europäische  Friede  wog  federleicht  in  der  Wage  des  Geschicks.
Deutschland  konnte  ein  bewaffnetes  Einschreiten  Rußlands  in  einen  österreichisch-serbischen
  Streitfall  nicht  zugeben,  ohne  seine  eigene  Existenz  zu
untergraben.  Es  war  daher  nicht  in  der  Lage,  den  Frieden  zu  verbürgen.
Anders  England.  Ließ  sich  Rußland  zu  bewaffnekem  Einschreiten  hinreißen,
        <pb n="62" />
        46  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

dann  konnte  England  den  drohenden  europäischen  Krieg  vielleicht  noch
bannen,  wenn  es  sich  der  Handlungsfreiheit  bediente,  die  es  sich  nach  wiederbolten
  Erklärungen  der  Regierung  im  Parlament  bewahrt  hatee.  Und
wenn  auch  in  Wahrheit  diese  Handlungsfreiheit  außerordentlich  geschwächt
worden  war,  seit  Sir  Edward  Grey  mit  Cambon  die  Briefe  vom  22.  und
23.  November  1912  gewechselt  hatte,  so  hätte  eine  deutliche  Absage  an
Sasonow  am  Ende  doch  noch  Erfolg  gehabt,  jedenfalls  aber  nicht  nur  das
russische  Kabinett  in  seinen  Eneschlüssen  gehemmt,  sondern  auch  den  Friedenswillen
  Frankreichs  gestärkt.

Das  französische  Bolk  war  unzweifelhaft  von  friedlichen  Gefühlen
beseelt  und  lieh  nur  stolzen  Träumen  Nahrung,  wenn  es  in  Paris  militärische
Schaufspiele  pflegte  und  zu  den  Vogesen  hinüberblickte,  seine  führenden  Staatsmänner
  freilich,  der  Präsident  der  Republik,  RNaymond  Poincaré  und  der
Minister  des  Tußern,  Theophil  Delcassé,  stellten  die  Erfüllung  dieser  Träume
über  die  Bewahrung  des  Friedens.  Sie  hofften,  das  NRad  der  Geschichte
noch  einmal  rückwärts  zu  drehen,  wenn  die  AUmstände  günstig  waren.  Ihnen
schien  die  große  Stunde  gekommen,  der  sich  Frankreich  nicht  entziehen  konnte.
Es  trieb  nicht  zum  Kriege,  versäumte  aber,  seinen  Friedenswillen  durch
entschiedene  diplomatische  Tätigkeit  zu  bekräftigen  und  ließ  das  Schicksal,
den  Großfürsten  Nikolai  Nikolajewitsch  und  die  russische  Kriegsparkei  walten.
Als  am  31.  Juli  Jean  Jaures  von  Meuchlerhand  erschossen  wurde,  floh  der
Friedensengel  von  seiner  Leiche  aus  Paris.

Weder  England  noch  Frankreich  waren  von  der  Entwicklung  und  den
Ereignissen  genügend  unabhängig,  um  das  kostbare  Gut  des  europäischen
Friedens  höher  einzuschähen  als  die  Möglichkeit  —  in  ihren  Augen  Gewißheit
  —,  Deutschlands  politische  und  wirtschaftliche  Weltgeltung  im  Bunde
mit  Rußland  zu  vernichten.  Die  Gunst  der  Umstände  lockte  —  vielleicht
sogar  zu  unblutigem  Siege,  denn  Deutschland  schien  nicht  in  der  Lage,
Widerstand  zu  leisten,  wenn  es  mit  Osterreich-Ungarn  allein  blieb.  Man
wußte  über  Italien  Bescheid.

Es  lag  wohl  auch  nicht  in  der  Absicht  Sir  Edward  Greys,  dem  Kriege
auszuweichen,  der  England  das  Arbitrium  mundi  und  die  Borherrschaft
auf  den  Weltmärkten  auch  gegenüber  dem  jüngsten  europäischen  Rivalen
zu  verbürgen  schien.  Der  leitende  englische  Minister  glaubte  um  so  weniger
Grund  zu  haben,  einen  Krieg  zu  scheuen,  je  mehr  es  ihm  gelang,  Deutschland
  diplomatisch  ins  Schach  zu  manörrieren  und  selbst  als  Berteidiger
des  Friedens  und  der  Freibeit  der  Bölker  zu  erscheinen.

Wie  man  aber  auch  den  Begriff  des  Angriffskrieges  wenden  mag  —
die  Teilnahme  Englands  am  europäischen  Kriege  war  durch  seine  Ententepolitik
  längst  vorherbestimmt;  der  europäische  Krieg  steht  am  Ende  einer
Entwicklung,  die  1870  eingesetzt  hat,  durch  den  englisch-deutschen  Gegensatz
gefördert,  durch  die  orientalische  Krisis  und  Osterreich-Ungarns  Diplomatie
        <pb n="63" />
        Im  Irrgarten  der  Verhandlungen  4

auf  die  Kippe  gestellt  und  durch  Rußlands  Kriegsentschlossenheit  zum
katastrophalen  Abschluß  gebracht  worden  ist.  Der  geschichtliche  europäische
Kosmos  ist  1914  in  einem  Chaos  ohnegleichen  untergegangen.

Zm  Irrgarten  der  Verhandlungen

Einige  Wochen  lang  wurden  im  Sommer  1914  zwischen  den  Staatsleitungen
  der  Großmächte  diplomatische  Unterhandlungen  gepflogen,  die  auf
eine  Verhütung  des  Krieges  zielten.  In  fiebernder  Spannung  verging  der
Luliz  mit  hurtigen  Sichelschlägen  brachten  die  geängstigten  Völler  die  auf
dem  Halm  stehende  Erncee  ein,  ein  furchebareres  Gewitter  überzog  den
Himmel,  als  je  die  Welt  gesehen  hatte.  AUnd  doch  schien  vielen  auch  dieser
Gewitterzug  nur  mit  kalten  Schlägen  und  Wetterleuchten  zu  drohen,  als  könnte
der  Frieden  im  Herzen  Europas  überhaupt  nicht  mehr  ernstlich  gestört  werden.
So  sehr  war  man  des  geschichtlichen  Denkens  entwöhnt  und  von  der  wirt.
schaftlichen  und  gesellschaftlichen  Entwicklung  in  Anspruch  genommen  worden.

Osterreich-Angarn  hatte  Deueschland  nach  der  Ermordung  des  Thronfolgers
  benachrichtigt,  daß  es  weder  mit  der  Würde  noch  mit  der  Selbst.
erhaltung  der  Monarchie  vereinbar  wäre,  dem  Treiben  jenseies  der  serbischen
Grenze  tatenlos  zuzusehen  und  die  Ansicht  der  deutschen  Steaatsleitung  über
diese  Auffassung  erbeten.  Deutschland  gab  dem  Bundesgenossen  sein  Einverständnis
  mit  dieser  Einschäcgung  der  Sachlage  zu  erkennen  und  versicherte
ibn,  „daß  eine  Aktion,  die  er  für  notwendig  halte,  um  der  gegen  den  Bestand
der  Monarchie  gerichketen  Bewegung  in  Serbien  ein  Ende  zu  machen,
Deutschlands  Billigung  finden  wirrde“.

Deutschland  war  sich  wohl  bewußt,  daß  ein  etwaiges  kriegerisches
Vorgehen  Osterreich-Angarns  gegen  Serbien  NRußland  auf  den  Plan
bringen  und  Deutschland  selbst,  entsprechend  seiner  Bundespflicht,  in  einen
Krieg  verwickeln  könnte.  Da  aber  in  der  Tat  Osserreich-Ungarns  Lebens.
interessen  im  Spiel  waren  und  das  ungeschmälerte  Ansehen  und  die  verminderte
  Machtstellung  Osterreich-Ungarns  nach  der  Lage  der  Dinge  und
angesichts  der  Einkreisung  durch  die  Außenmächte  auch  eine  Lebensfrage
für  Deutschland  bildeten,  wenn  nicht  Deueschland  der  vollkommenen  Vereinsamung
  entgegengehen  sollte,  so  mußte  Deucschland  der  Donaumonarchie
Handlungsfreiheit  gegen  Serbien  gewähren.  Die  deutsche  Staatsleitung
hat  nach  den  Akten  ihrer  Diplomaten  an  den  Vorbereitungen  zur  Handlung
gegen  Serbien  keinen  Anteil  genommen  und  dem  Bundesgenossen  in  der
Wahl  der  Mittel  freie  Hand  gelassen  (21).

Aus  eigener  Entschließung  hat  Osterreich-Ungarn  den  Weg  gewählt,
den  es  mit  der  Aufstellung  seiner  Forderungen  und  der  Aberreichung  seiner
knapp  befristeten  Note  einschlug,  und  es  kann  als  zweifelhaft  gelten,  ob
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        46  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

die  drohende  europäische  Verwicklung  von  dem  Grafen  Berchtold  in  ihrer
vollen  Schwere  eingeschätzt  worden  ist.

Wierundzwanzig  Stunden  nach  der  A#bergabe  der  Note  rief  Serbien
zu  den  Fahnen.  Die  russische  Regierung  hatte  ihm  den  Rücken  gestärkt
und  Zusicherungen  gegeben,  von  deren  Wert  Serbien,  als  Rußlands  stärlste
Figur  auf  dem  Walkan,  diesmal  in  beiderseitigem  Interesse  überzeugt  sein
durfte.  Die  Detersburger  Zusicherungen  gestatteten  den  Serben,  die
drückendsten  Forderungen  abzulehnen  und  die  Antwort  so  zu  halten,  daß
Osterreich  sie  als  ungenügend  ansah  und  einen  Teil  seiner  Armee  gegen
Serbien  mobil  machte.  Vom  25.  Juli  an  befand  sich  ÖOsterreich-Ungarn
mit  Serbien  im  Kriegszustand,  am  28.  Juli  erfolgte  die  Kriegserklärung  an
die  serbische  Regierung,  ohne  daß  sofort  oder  in  den  nächsten  Tagen  ein
bewaffnetes  Einschreiten  erfolgk  wäre  (22).

Schon  am  23.  Juli  tauchte  in  den  Kabinetten  die  Erwägung  auf,  daß
man  einem  allgemeinen  Kriege  zutreibe.  Diesem  Gedanken  gab  Grey  in
seinem  Schreiben  vom  gleichen  Tage  an  den  britischen  Botschafter  in  Wien
besonderen  Ausdruck,  ohne  aber  auf  die  Entwicklung  im  friedenfördernden
Sinne  richtig  einzuwirken.  Obwohl  ihm  der  österreichische  Botschafter
Graf  Mensdorff  erklärt  hatte,  daß  es  sich  um  einen  österreichisch=  serbischen
Streitfall  handelte  und  alles  von  Rußland  abhinge,  wandte  sich  Grey
weder  nach  Paris  noch  nach  Petersburg,  um  dort  seinen  Einfluß  mit  dem
nötigen  und  ihm  voll  zu  Gebote  stehenden  Ansehen  zu  Gewicht  zu  bringen.
Er  war  innerlich  unfrei  und  stand  bereies  unter  dem  Zwang  der  von  ihm
mitgeschaffenen  Verhälenisse.

Während  Osterreich-Ungarn  harknäckig  auf  seinen  Forderungen  stehen
blieb,  die  es  nicht  zum  Gegenstand  von  Verhandlungen  und  Kompromissen
machen  könne  (23),  ersuchte  Deutschland  die  Mächte  des  Dreiverbands,  die
Zwangslage  zu  würdigen,  in  die-  Osterreich  durch  die  großserbische  Propaganda
  verseht  worden  war,  und  betonte,  daß  es  sich  um  eine  Angelegenheit
handle,  die  lediglich  zwischen  Osterreich  und  Serbien  zum  Austrag  zu  bringen
sei  (24).  Die  deutsche  Staatsleitung  wünschte,  wie  aus  ihren  unablässigen
Bemühungen  hervorgeht,  tatsächlich  und  aufrichtig  die  Begrenzung  des
Zusammenstoßes  und  wollte  ihn  als  österreichisch-serbische,  nicht  aber  als
österreichisch-russische  und  noch  weniger  als  europäische  Angelegenheit  bebandelt
  wissen.  Das  war  eine  formal  logische  Behandlung  des  Streitfalles,
die  der  Sachlage  an  sich  gerecht  zu  werden  versuchte,  angesiches  der  politischen
Interessenverflechtung  aber  nicht  mehr  genügte,  um  den  Sereit  auf  eine
serbisch.  österreichische  Auseinandersetzung  zu  beschränken.

Deutschlands  Bemühungen  waren  durch  die  gefährliche  Lage,  in  die  das
Reich  geraten  war,  wohlbegründet.  Sie  scheiterten  an  der  Auffassung  Rußlands
  und  mehr  noch  an  den  Staatshandlungen,  durch  die  Rußland  seiner
entgegengeseczten  Auffassung  Ausdruck  lieh  (25).  Rußland  war  nicht  Serbiens
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        Im  Irrgarten  der  Verhandlungen  49

Bundesgenosse,  sondern  Serbiens  Schugtherr,  stand  also  zu  dem  Galkankönigreich
  in  einem  Verhältnis,  das  sowohl  russischen  Machtansprüchen
am  Balkan  Genüge  verschaffte,  als  auch  moralische  Zusammenhänge  herstellte.
  Ließ  Rußland  Serbien  auch  diesmal  im  Stich,  so  war  seine  ganze
Orientpolitik,  die  auf  die  Aufrichtung  der  russischen  Vorherrschaft  am
Balkan  und  eine  dadurch  bedingte  Schwächung  Osterreich-Ungarns  hinauslief,
  um  eine  Entwicklungsepoche  zurückgeworfen,  seine  Bestrebung,  die
WBalkanvölker  zur  Frontstellung  gegen  Osterreich-Ungarn  zu  bewegen,
gelähmt  und  das  Machtansehen  der  Donaumonarchie  neu  begründet.  Des.
halb  glaubte  Rußland  sich  auch  mit  einer  Erllärung,  daß  Osterreich  nur
einen  Straffeldzug  unternehme,  falls  Serbien  nicht  „ja“  sage,  nicht  ab.
finden  zu  können.  Aus  diesen  Gründen  schob  Sasonow  sogar  die  Einzelbecrachtung
  der  österreichischen  Note  beiseite  und  überhörte  die  von  Deutschland
  unterstrichenen  Erklärungen  Wiens,  daß  keine  Beeinträchtigung  der
serbischen  Staatshoheit  oder  Kürzung  serbischen  Staatsgebietes  beabsichtigt
sei.  Die  russische  Regierung  war  von  Anfang  an  willens,  die  Sache  als
russische  Angelegenheit  zu  betrachten,  machte  sie  aber  so  zur  eur  opäischen
Angelegenbeit,  da  die  Ententepolitik  sich  mit  der  russischen  deckte.  Diese
Anschauung  wurde  von  der  französischen  Regierung  unterstüt,  von  der
englischen  nicht  bekämpft  —  Serbien  fühlte  sich  vollkommen  gedeckt  (26).

Als  Graf  Berchtold  den  Eindruck  erhalten  hatte,  daß  die  an  Serbien
gerichtete  Note  einer  Besprechung  in  den  europäischen  Kabinetten  doch
nicht  entzogen  bleiben  konnte,  ließ  er  London  und  Detersburg  dahin  auf.
Ulären,  daß  man  nicht  beabsichtige,  Serbien  zu  verkürzen,  und  daß  der  getane
Schritt  nicht  als  formelles  Altimacum,  sondern  als  eine  befristete  „Demarche“
zu  betrachten  sei  (27).  Zu  spät,  die  Kugel  war  im  Rollen.  Worschläge  und
Gegenvorschläge  jagten  und  kreuzten  sich  und  verwirrten  die  Sachlage  mehr
als  sie  sie  klärten.  Die  Technik  der  diplomatischen  Unterhandlungen  von
Kabinett  zu  Kabinett  litt  ebensosehr  Schiffbruch  wie  die  Friedenspolitik
selbst.  Rußland  begann  schon  am  26.  Juli  militärische  Vorkehrungen  zu
treffen,  um  seiner  Auffassung  Nachdruck  zu  leihen.  Damit  war  der  erste
bewußte  Schrite  zum  europäischen  Kriege  getan  (28).  Er  mußte  von
Deutschland  mit  der  gleichen  Maßregel  beantwortet  werden,  denn  er  bedrohte
nicht  nur  Osterreich-Ungarn,  sondern  auch  Deutschland  selbst.  Bundespflicht
und  Selbsterhaltungstrieb  riefen  Deutschland  unter  die  Waffen  (29).

Ebe  die  deutsche  Regierung  diesen  Schritt  tat,  ließ  sie  unter  eigener
Veranewortung  in  Petersburg  erllären,  daß  Osterreich-Angarn  niche  daran
denke,  Serbien  zu  erobern  (30),  und  ließ  in  Paris  mitteilen,  daß  sich  Deutschland
  mit  Frankreich  in  dem  heißen  Wunsch  einig  fühle,  den  Frieden  zu
erhalten.  Die  im  gleichen  Atemzug  ausgesprochene  Hoffnung  Deutschlands,
daß  Frankreich  seinen  Einfluß  in  Petersburg  in  beschwichtigendem  Sinne
geltend  machen  möge,  hat  der  stellvertretende  Minister  des  Außern,  Bien-Stegemanns

  Geschichee  des  Krleges.  I.  4
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        50  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

vem  Martin  —  der  Ministerpräsident  Viviani  befand  sich  mit  dem  Präsidenten
  der  QRepublik  noch  auf  der  Rückreise  von  einem  Besuche  in  St.  Peters.
burg  —  sofort  enttäuscht  und  mit  einer  Rechtfertigung  der  Haltung  Rußlands
und  dem  Hinweis  beantwortet,  daß  Deutschland  in  Wien  handeln  müsse,
um  militärische  Bewegungen  zur  Besehung  Serbiens  hintanzuhalten  (31).

Deutschland  ließ  sich  durch  die  Kälte  dieser  Antwort  nicht  entmutigen.
Obwohl  es  die  Anschauung  vertreten  hatte,  daß  der  Streitfall  zwischen
Osterreich-Ungarn  und  Serbien  allein  ausgetragen  werden  müssse,  griff  es
am  27.  Juli  unmittelbar  ein,  um  den  großen  Brand  zu  verhüten  (32).  Die
deutsche  Seaatsleitung  ließ  in  Wien  keinen  Zweifel  darüber  bestehen,  daß
sie  zwar  die  Bundespflicht  erfüllen  werde,  es  aber  ablehnen  maüsse,  sich  durch
Nichtbeachtung  ihrer  WVorschläge  durch  Osterreich--Ungarn  in  einen  Weltbrand
  hineinziehen  zu  lassen  (33).  In  der  Tat  erreichte  sie  auch  in  letzter
Stunde  die  Zuskimmung  des  Wiener  Kabinetes  zu  russisch-Ssterreichischen
Verhandlungen  (34).  Am  30.  Juli  äußerte  Graf  Berchtolb  gegenüber
dem  britischen  Botschafter  Sir  Maurice  Bunsen,  daß  er  zu  Verhandlungen
bereit  sei.  Doch  das  war  erst  recht  zu  spät  und  Überdies  gegenstandslos,  da
das  innere  Zerwürfnis  keine  äußerliche  Behandlung  mehr  ertrug.  Aberholt
erschien  auch  der  Vorschlag  Sir  Edward  Greys,  der  dem  englischen  Minister
offenbar  von  dem  franzssischen  Botschafter  nahegelegt  worden  war  und
darauf  ausging,  die  Bermittlung  im  serbisch.  österreichischen  Streitkfall  einer
Botschafterkonferenz  zu  übertragen.  Deutschland  gab  als  Osterreichs
Verbündeter  seine  Zustimmung  dazu  nicht,  da  es  Osterreich-Ungarn  nicht
mit  Serbien  vor  ein  européäisches  Gericht  laden  konnte  (35),  eine  Auffassung,
die  aus  den  Verhandlungen  über  die  Anerkennung  der  Einverleibung  Bosniens
  bereits  bekannt  war.  Dagegen  war  Deutschland  bereit  gewesen,  in
der  Ssterreichisch  russischen  Streitfrage  auf  einen  unmittelbaren  Meinungsaustausch
  Osterreich--Ungarns  und  Rußlands  hinzuwirken.  Zu  spät  kam
auch  ein  neuer  Vorschlag  Greys,  Osterreich-Ungarn  möchte  sich  entschließen,
entweder  die  serbische  Antwort  auf  die  Note  als  genügend  zu  betrachten
oder  als  Grundlage  fl#r  Besprechungen  enegegenzunehmen;  die  österreichischserbischen
  Feindseligkeiten  hatten  bereits  begonnen,  ohne  daß  Osterreich-Ungarn
  in  der  militärischen  Lage  gewesen  wäre,  sofort  serbisches  Gebiet  zu
besetzen  und  darauf  fußend  einzulenken  und  die  Hand  zur  BVerskändigung
mit  Rußland  zu  bieten  (36).  Ein  letzter  orschlag  Greys,  die  Verhandlungen
  nach  der  Besetzung  Belgrads  wieder  aufzunehmen,  fiel  daher  von
selbst  in  sich  zusammen,  obwohl  ihn  die  deutsche  Regierung  ebenfalls  angenommen
  hatte  und  bereit  war,  in  Wien  in  diesem  Sinne  zu  wirken.  Freilich
war  es  nach  Greys  eigenen  Worten  an  Buchanan  (37)  nur  eine  schwache
Aussicht,  den  Frieden  zu  erhalten,  aber  die  einzige,  die  er  sah,  wenn  Sasonow
sich  mie  Berlin  nicht  verständigen  könne.  Dazu  war  Sasonow  indes  keineswegs
  bereit.  Aus  diesem  diplomatischen  Irrgarten  führte  kein  Weg  mehr
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        Kaiser  und  Zar  51

zum  Frieden.  In  Petersburg  war  man  zum  Außersten  entschlossen.  Der
russisch.  österreichische  Gegensatz  war  nicht  mehr  zu  bannen,  denn  er  ging  auf
den  Grund  der  Dinge.  Rußland  wollte  den  Krieg  mit  der  „Flickmonarchie“
und  seine  Nache  für  1909,  da  es  nach  seinem  Ausschluß  vom  Gelben  Meer
den  Ausgang  aus  dem  Schwarzen  Meer  suchte.  Als  günstiger  Wind
flog  ihm  der  österreichisch-serbische  Streitfall  in  die  Segel  und  trieb  das
russische  Staatsschiff  dem  Bosporus  zu  (38).

Kaiser  und  Zar

Bei  der  Betrachtung  dieser  verwickelten,  in  den  diplomatischen  Aktenstücken
  durcheinanderlaufenden  Streitfragen  kann  nicht  scharf  genug  zwischen
dem  österreichisch-serbischen  Fall  und  dem  durch  Rußlands  Einmischung
herbeigeführten  europäischen  Fall  unterschieden  werden.  Ersterer  brauchte
den  europäischen  Krieg  nicht  nach  sich  zu  ziehen,  ob  auch  der  Straffeldzug
liber  die  Donau  angetreten  wurde,  letzterer  mußte  ihn  entfesseln,  wenn
Rußland  sich  nicht  von  den  Wiener  Wersicherungen  über  die  Erhaltung  der
serbischen  Staatshoheit  und  Staatsgebietes  befriedigt  erklärte  und  seine
Rüstungen  einstellte.  Aber  auch  die  schärfste  Auseinanderhaleung  der  beiden
Streitfälle  muß  eine  rein  logische,  auf  die  äußere  Betrachtung  beschränkie
bleiben,  da  sie  inmerlich  nicht  voneinander  zu  trennen  sind.

NRußlands  Auffassung,  die  auf  dem  Gedanken  der  russischen  Vorberrschaft
  auf  dem  Balkan  und  der  Schugyherrschafe  Über  die  Balkanslawen
ruht,  lieb  eine  Trennung  der  ssterreichisch-serbischen  Streitfrage  von  der
österreichisch-russischen  nicht  zu,  in  Serbien  fühlte  sich  Rußland  selbst  getrofsen,
  der  Panslawismus  rief  Rußland  gebieterisch  in  den  Kampf,  in  dem
es  Machtzuwachs  zu  finden  und  eine  innere  Neugeburt  zu  erleben  hoffte.
Als  Osterreich  am  28.  Juli  Serbien  den  Krieg  erllärte,  ordnete  Rußland
öffentlich  die  Mobilmachung  in  Odessa,  Kiew  und  Moskau  an,  obwohl  der
österreichische  Generalstab  sich  auf  eine  Teilmobilmachung  gegenüber  Ser.
bien  beschränkt  hatte.

Unterdessen  war  Kaiser  Wilhelm  von  seiner  gewohnten  Nordlandsfahrt
zurückgekehrt  und  hatte  sich  unmittelbar  mit  dem  Jaren  in  Verbindung
gesetzt,  um  von  Herrscher  zu  Herrscher  für  den  Frieden  tätig  zu  sein.  Am
28.  Juli  jagte  der  Draht  einen  Brief  an  Kaiser  Nikolaus,  in  dem  Kaiser
Wilhelm  II.  erklärte,  daß  er  seinen  ganzen  Einfluß  aufbieten  werde,  um
Osterreich--Ungarn  zu  bestimmen,  eine  offene  und  befriedigende  Werständigung
  mit  Rußland  anzustreben.  Doch  ließ  der  Monarch  keinen
Zweifel  über  seine  Auffassung  der  serbischen  Frage  und  ersuchte  den
Zaren  in  ernsten  Worten  um  die  Intersttung  seiner  Bemühungen  zur
Beseitigung  der  Schwierigkeiten  (39).  Der  Jar  antwortete  am  29.  Juli
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        52  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

bezeichnenderweise,  er  bitte  den  Kaiser,  ihm  zu  helfen,  da  er  sehr  bald  dem
Orucke,  der  auf  ihn  ausgeübt  werde,  nicht  mehr  widerstehen  könne  und  ge.
zwungen  sein  werde,  Maßregeln  zu  ergreifen,  die  zum  Kriege  führen
würden  (40).

Oie  Antwort  des  Deutschen  Kaisers  erfolgte  noch  am  gleichen  Tage,
ging  kurz  auf  die  Entwicklung  des  Streitfalles  ein  und  gab  der  Meinung
Ausdruck,  daß  es  für  Rußland  durchaus  möglich  sei,  dem  österreichisch.
serbischen  Kriege  gegenlber  in  der  Rolle  des  Zuschauers  zu  verharren,  ohne
Europa  in  den  schrecklichsten  Krieg  hineinzuziehen,  den  es  je  erlebt  habe.
Oie  Schlußsäctze  dieser  geschichtlichen  Urkunde  lauten:

„Ich  glaube,  daß  eine  direkte  Verständigung  zwischen  Deiner  Regierung
und  Wien  möglich  und  wünschenswert  ist,  eine  Berständigung,  die  —  wie
ich  Dir  schon  telegraphierte  —  meine  Regierung  mit  allen  Kräften  zu
fördern  bemüht  ist.  Natürlich  würden  militärische  Maßnahmen  Rußlands,
welche  Osterreich--Ungarn  als  Drohung  auffassen  könnte,  ein  Unglück  beschleunigen,
  das  wir  beide  zu  vermeiden  wünschen,  und  würden  auch  meine
Stellung  als  Vermittler,  die  ich  —  auf  Deinen  Appell  an  meine  Freundschaft
und  Hilfe  —  bereitwillig  angenommen  habe  —  untergraben.“

Da  die  Mobilmachung  Rußlands  dessenungeachtet  fortschritt,  sandte
der  Kaiser  am  30.  Juli  eine  zweite  Mahnung  an  den  Jaren,  indem  er  ihn
auf  die  Gefahren  und  Folgerungen  der  russischen  Mobilisation  hinwies  und
betonte,  daß  Osterreich-Ungarn  nur  gegen  Serbien  mobil  gemacht  habe,
und  zwar  nur  einen  Teil  seiner  Armee;  er  fügte  bei,  daß  seine  eigene,  auf
ausdrücklichen  Wunsch  des  Jaren  angenommene  Wermittlerrolle  durch  die
russische  Mobilmachung  gegen  Osterreich--Ungarn  gefährdet,  wenn  nicht
ummöglich  gemacht  werde.

Das  Schreiben  schloß:

„Oie  ganze  Schwere  der  Entscheidung  ruht  jetzt  auf  Deinen  Schultern,
sie  Haben  die  Verantwortung  für  Krieg  oder  Frieden  zu  tragen.“

Der  zuerst  angeführte  Brief  Kaiser  Wilhelms  ist  vom  Zaren  am
30.  Zuli  1  Uhr  20  Minuten  mittags  mit  seinem  Dank  für  die  angestrebte
Vermiktlung  mit  der  Erklärung  beantwortet  worden,  daß  Rußland  Kaiser
Wilhelms  „starken  Druck  auf  Osterreich  brauche,  damit  es  zu  einer  Verständigung
  Osterreich-Ungarns  mit  Rußland  komme“,  enthält  aber  die
Bemerkung,  daß  „die  jetzt  in  Kraft  tretenden  militärischen  Maßnahmen“
schon  vor  fünf  Tagen  beschlossen  worden  seien,  und  zwar  aus  Gründen  der
Verteidigung  gegen  die  Vorbereitungen  Osterreichs.

Am  31.  Juli  richtete  der  Zar  an  den  Kaiser  ein  Telegramm,  das  von
Petersburg  abging,  als  die  Teilmobilmachung  Rußlands  schon  zur  vollen
Mobilmachung  der  russischen  Streickräfte  zu  Wasser  und  zu  Lande  geworden
war.  In  diesem  Telegramm  erklärte  der  Zar,  daß  es  technisch  unmöglich
sei,  die  Vorbereitungen  einzustellen,  daß  die  Truppen  aber  keine  heraus-
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        Kaiser  und  Zar  53

fordernde  Handlung  vornehmen  würden,  solange  die  Verhandlungen  mit
Osterreich  über  Serbien  andauerten.  Zugleich  gibt  der  Zar  der  Hoffnung
auf  den  Erfolg  der  Vermittlung  des  Kaisers  in  Wien  Ausdruck  (41).  Mit
diesem  Telegramm  kreuzte  sich  Wilhelms  letzte  Aufforderung,  den  Frieden
zu  wahren.  Das  Schriflstück  war  in  voller  Erkenntnis  der  Lage  abgefaßt,
soweit  es  sich  um  den  drohenden  Krieg  der  Festlandstaaten  handelte,
und  überband  dem  Jaren  die  Verantwortung  für  den  ausbrechenden  Welekrieg.
  Zugleich  wurde  in  Deutschland  als  Vorläufer  der  Mobilmachung
der  Zustand  der  drohenden  Kriegsgefahr  verkündet  (42).

Zwei  weitere  Telegramme,  die  schon  das  Brausen  des  WVolkssturms
verschlang,  ließen  erkennen,  daß  die  russische  Mobilmachung  unwiderruflich
war  und  den  Auftakt  zum  europêischen  Krieg  gebildet  hatte.  Die  in  Bewegung
  geratenen  militärischen  Kräfte  waren  nicht  mehr  aufzuhalten.

Kaiser  Wilhelms  lechte  Botschaft  an  den  Jaren  ist  ohne  Antwort  geblieben,
  auch  der  Draht  zwischen  den  Herrschern  war  abgerissen.  Kaiser
Nikolaus  war  nicht  mehr  stark  genug  gewesen,  dem  Druck  zu  widerstehen,
den  die  panslawistische  Masse,  die  wie  ein  wandernder  Berg  in  Bewegung
geraten  war,  auf  ihn  ausübte.  Seine  schwachen  Schultern  gaben  nach.  Ein
Stärkerer  meisterte  die  Entwicklung.  Großfürst  Nikolai  Nikolajewitsch
fübrte  Rußland  in  den  Krieg,  in  dem  es  sich  von  seinen  ostasiatischen  Niederlagen
  erholen,  von  inneren  Krankheiten  genesen,  Deutschland  überschatten
und  auf  Österreich--Ungarns  Trümmern  zum  Schiedsrichter  des  Balkans
und  Europas  heranwachsen  sollte.  Konservative  und  Liberale,  die  ganze
russische  Intelligenz  und  dos  Heer  erwarteten  von  diesem  Krieg  einen  neuen
Aufstieg  Rußlands.

Das  Eingreifen  Kaiser  Wilhelms  konnte  den  Krieg  nicht  mehr  bannen;
die  kaiserlichen  Briefe  und  Beschwörungen  sind  Gewissensakte  einer  von
Verantwortlichkeit  erfüllten  und  gecragenen  Persönlichkeit,  die  zu  handeln
und  zu  bekennen  verlangte.  Die  Briefe  des  Zaren  sind  von  blasserer  Schrift.
Auch  Nikolaus  II.  hat  den  Frieden  gewollt,  aber  ihm  fehlte  Kraft  und
Wille,  die  Politik  seines  Landes  von  Anfang  an  zu  bestimmen,  und  die
Möglichkeit,  das  Steuer  zu  wenden  —  die  von  äußeren  und  inneren  Kräften
getriebene  geschichtliche  Entwicklung  und  persönliche  Einflüsse  stärkerer
Naturen  führten  ihn  in  den  Krieg.

So  wurden  im  größten  aller  Kriege  zwei  Fürsten  einander  gegenüber.
gestellt,  von  denen  der  eine  troh  der  Beweglichkeit  seines  reichen  Geistes
und  einer  gewissen  Sprunghaftigkeit  seiner  Politik  stets  die  friedliche  Ene.
wicklung  seines  Reiches  gepflegt  und  kraftvoll  gefördert  und  dadurch  den
Welefrieden  erhalten  hatte,  der  andere,  lenksamer  und  unfreier  NRatur,  den
Frieden  noch  durch  symbolische  Handlungen  und  die  Anbietung  eines  Schieds.
gerichts  unker  dem  Drucke  der  Mobilmachung  zu  sichern  geglaubt  hatte,
während  seine  Umgebung  schon  die  Minen  springen  ließ.
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        54  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

As  ARußland  auf  die  befristete  Aufforderung  Deutschlands,  seine
militärischen  Maßnahmen  gegen  Deutschland  und  Osterreich  einzustellen  und
die  deutsche  Staatsleitung  davon  in  Kenntnis  zu  setzen,  keine  Antwort  gab
und  am  1.  August  Kosakenschwärme  über  die  Grenzen  ritten,  erfolgte  die
Mobilmachung  der  deutschen  Streitkräfte  und  der  Eintritt  des  Kriegs.
zustandes  zwischen  beiden-Ländern.  Der  fürstliche  Briefwechsel  hatte  den
Zusammenstoß  sowenig  verhindert  wie  die  fieberhafte  Arbeit  der  Diplomatie.

Die  legten  deutsch-englischen  Vermittlungsversuche  waren  zu  schil.
lernden  Seifenblasen  geworden,  die  im  u  zerstoben,  als  Rußland  seine
Massen  in  Bewegung  setzte  und  den  europäischen  Krieg  entfesselte.  Das
Odium  der  Kriegserklärung  fiel  dadurch  auf  Deutschland,  obwohl  es  in
der  Abwehr  stand  und  unter  der  Bedrohung  das  Schwert  zog.

Und  es  wurde  wirklich  der  große  europäische  Krieg,  denn  der  Osten
riß  den  Westen  mit,  da  durch  Rußland  Frankreich  und  durch  Frankreich
England  gebunden  war.  In  dieser  Gebundenheit  und  Gemeinschaft  fühlte
sich  der  Dreiverband  des  Sieges  sicher,  den  er  über  den  auf  Gedeih  und
Verderb  verketteten  Zweibund  —  der  Dreibund  lag  längst  im  Sterben  —
zu  erringen  gedachte.

Deutschlands  Verhandlungen  mit  den  Westmächten

Sasonow  hatte  dem  englischen  Botschafter  Sir  Buchanan  schon  am
25.  Juli  erklärt,  daß  Rußland  alle  Gefahren  des  Krieges  auf  sich  nehmen
werde,  wenn  es  des  Beistandes  Frankreichs  sicher  sei  (43).  Frankreich  hat
diese  Zusicherung  am  29.  Juli  gegeben  (44).  Am  Tage  darauf  starrte  Nuß.
land  in  Waffen.

Frankreich  vermochte  diese  Zuficherung  zu  geben,  sobald  es  Grund  zu
haben  glaubte,  auf  Englands  Eintreten  in  den  Waffengang  rechnen  zu
können.  Der  französische  Botschafter  in  London  war  am  29.  Juli  in  der
Lage  gewesen,  seiner  Regierung  hierüber  gewisse  Andeutungen  zu  machen.
Sir  Edward  Grey  hatte  ihn  nämlich  von  einer  Unterredung  mit  dem  Fürrsten
Lichnowsky  unterrichtet,  in  welcher  der  englische  Minister  ausdrücklich  die
Erklärung  abgegeben  hatte,  er  —  Grey  —  wünschte  nicht,  daß  Fürst  Lichnowsky
  durch  den  freundschaftlichen  Ton  ihrer  Unterhaltung  irregeführt
und  zu  der  Annahme  verleitet  werde,  daß  England  beiseite  ftehen  würde,
wenn  Deutschland  in  den  Streit  verwickelt  und  dadurch  auch  Frankreich
hineingezogen  werde  (45).  Sir  Edward  Grey  teilte  Cambon  ausdrücklich
mit,  daß  er  Lichnowsty  diese  Erklärung  abgegeben  habe.

Mochte  diese  Erklärung  gegenüber  dem  deutschen  Botschafter  vom
englischen  Standpunkt  auch  zur  Dämpfung  des  Streitfalles  nüzlich  erscheinen,
so  lonnee  ihre  Weitergabe  an  den  französischen  Botschafter  nur  die  Wirkung
haben,  der  französischen  Regierung  und  mittelbar  den  russischen  Macht-
        <pb n="71" />
        Deutschlands  Verhandlungen  mit  den  Westmächten  55

habern  den  Rücken  zu  stärken.  In  diesem  Sinne  hat  die  Bemerkung  Greys,
daß  England  im  Falle  eines  deutsch-französischen  Zusammenstoßes  nicht
beiseite  stehen  werde,  offensichtlich  auch  gewirkt.  Entweder  war  die  Indiskretion
  Greys  also  ein  Fehler,  der  der  französischen  Diplomatie  Beranlassung
bot,  Rußland  über  die  Anschauung  des  englischen  Kabinetts  zu  verständigen
und  selbst  die  Zusicherung  der  britischen  Waffenhilfe  zu  fordern,  oder  eine
bewußte  WVerschlimmerung  der  Verwicklung,  um  Deutschland  in  den  Dreifrontenkrieg
  zu  verstricken.

In  GBerlin  erfolgte  am  29.  Juli  eine  noch  wichtigere  Unterredung.
Der  Neichskanhzler  ließ  den  britischen  Botschafter  abends  zu  sich  bitten,  um
eine  Verskändigung  mit  England  zu  suchen  und  dadurch  den  Westen  in  mehr
oder  weniger  begrenztem  Maße  sicherzustellen.

Wir  besigßen  über  diese  wichtige  Unterredung  ein  englisches  Zeugnis,
den  Beriche  Goschens  an  Grey,  der  im  Blaubuch  abgedruckt  ist  und  möglichst
genau  wiedergegeben  sei.  Der  NReichskanzler  eröffnete  danach  dem  englischen
  Botschafter,  es  sei  Uar,  daß  England  nicht  nebenaus  stehen  und
nicht  erlauben  werde,  daß  man  Frankreich  zerschmettere.  Für  die  Gewißheit
der  englischen  Neutralität  will  daher  Deutschland  das  Persprechen  geben,
keine  territorialen  Erwerbungen  auf  Kosten  Frankreichs  nach  einem  glück.
lichen  Krieg  zu  machen.  Auf  die  Frage  Geoschens,  ob  sich  die  Integrität  auch
auf  die  französischen  Kolonien  beziehe,  kam  der  Reichskanzler  nicht  die
gleiche  Versicherung  geben.  Hollands  Integrität  und  Neutralität  werde
Deutschland  so  lange  respektieren,  als  seine  Gegner  das  täten.  Ob  Deutsch.
land  gezwungen  werde,  belgischen  Boden  zu  betreten,  hänge  von  dem  Vorgehen
  (action)  Frankreichs  ab.  Wenn  Gelgien  nicht  gegen  Deutschland
Stellung  genommen  habe,  werde  nach  dem  Krieg  seine  Integrität  respek.-tiert.
  Der  Kanzler  vertraue  darauf,  daß  diese  Versicherungen  die  Grund.
lage  der  Verständigung  mit  England  bilden  mögen,  eine  Verständigung,
die  immer  das  Ziel  seiner  Dolitik  gewesen  sei.  Er  habe  ein  allgemeines
Neutralitätsabkommen  mit  England  im  Sinn,  und  eine  Neutralitätserklärung
in  dem  gegenwärtigen  Konflikt  liege  auf  dem  Wege  zu  diesem  Ziele  (40).

Oiese  Unterredung  leitete  die  englisch-deutschen  Verhandlungen  über
die  französische,  die  englische  und  die  belgische  Meutralität  ein,  drei  Verbandlungsgegenstände,
  die  unter  sich  mehr  oder  weniger  zusammenhingen,
über  die  aber  in  dieser  Anterredung  nach  keiner  Seite  endgültig  eneschieden
wurde.  In  Frage  stand  zunächst  die  Haltung  Frankreichs  und  Englands,
die  belgische  Frage  blieb  nur  mittelbar  an  die  Beantwortung  dieser  Hauptfragen
  gebunden.  Deutschlands  Angebote  zur  Erreichung  der  französischen
und  englischen  Neutralität  bildeten  den  Kern  der  Unterredung.  Dieser
Kern  war  entwicklungsfähig,  wenn  England  sich  zu  Unterhandlungen  herbeiließ.
  Er  konnte  auch  rasch  zu  einem  festwurzelnden  Abkommen  werden.  So
boffte  man  wenigstens  noch  in  Berlin,  als  Sir  Edward  Grey  schon  Gegenzüge
        <pb n="72" />
        56  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

tat,  statt  die  Unterredung  als  Aus  gangspunkt  von  Unterhandlungen
zu  betrachten.

Der  29.  Juli  ist  also  der  kritische  Tag,  an  dem  inhaltlich  über  Krieg  und
Frieden  entschieden  worden  ist,  und  zwar  nicht  nur  über  den  Kriegsfall  als
solchen,  der  von  Rußland  aufgestellt  wurde,  als  es  die  serbische  Sache  zu
seiner  eigenen  machte,  sondern  auch  über  die  Ausdehnung  des  Krieges  auf
die  beiden  großen  Machtkomplexe.  Mit  dieser  Frage  beschäftigte  sich  bereits
eine  Nachtsitzung  des  französischen  Kabinetts,  um  den  Bündnisfall  und
den  Eineritt  in  die  allgemeine  Mobilmachung  zu  erwägen,  nachdem  schon
Teilvorbereitungen  getroffen  worden  waren,  doch  scheint  es  noch  nicht
zu  Ausführungsbeschlüssen  gekommen  zu  sein,  da  Rußland  deren  Dringlichbeit
  nicht  glaubhaft  machen  konnte.

Am  30.  Juli  war  die  allgemeine  Verwicklung  bis  zur  Aufstellung  einer
russischen  Formel  gediehen,  die  Sasonowm  dem  deutschen  Botschafter  in
folgender  Fassung  vorlegte:

„Wenn  Osterreich,  indem  es  anerkennt,  daß  die  österreichisch.
serbische  Frage  den  Charakter  einer  europäischen  Frage  angenommen
  hat,  sich  bereit  erklärt,  aus  seinem  UAltimatum  die
PDunkte  zu  entfernen,  die  die  souveränen  Rechte  Serbiens  antasten,
  verpflichtet  sich  Rußland,  seine  militärischen  Vorbereitungen
  einzustellen“  (47).

Es  war  ein  UAltimatum,  das  von  Osterreich-Ungarn  die  Anterwerfung
unter  die  russische  Anschauung  verlangte  und  unter  der  Bedrohung  durch
die  allgemeine  Mobilmachung  erfolgte.  Es  war  zugleich  ein  Ansinnen  an
die  deuesche  Regierung,  das  von  dieser  ebenfalls  den  WVerzicht  auf  ihre
politische  Auffassung  des  österreichisch-serbischen  wie  des  österreichisch.
russischen  Sereitfalles  verlangte  und  ihr  wiederum  —  darin  waren  die  Oiplomaten
  der  Verbandsmächte  einig  —  die  Zumutung  stellte,  den  Bundesfreund
diplomatisch  zu  entwaffnen  und  zu  demütigen.  Deutschland  lehnte  diesen
Vorschlag  ab.  Inzwischen  nugte  der  französische  Ministerpräsident  Viviani
die  durch  Cambon  übermittelte  Andeutung  Greys,  daß  England  in  einem
deutsch-französischen  Kriege  nicht  beiseite  stehen  würde,  aus  und  erklärte
Zwolski,  daß  Frankreich  entschlossen  sei,  alle  seine  Bundespflichten  zu  erfüllen.
  Desgleichen  kat  der  französische  Botschafter  in  London,  indem  er
Sir  Edward  Grey  eröffnete,  daß  nun  der  Augenblick  gekommen  sei,  den
Bündnisfall  Englands  festzustellen,  den  man  in  dem  Briefwechsel  vom  22.
und  23.  November  1912  umschrieben  habe.  Cambon  verlangte  von  Grey
zu  erfahren,  was  England  im  Falle  eines  deutschen  Angriffs  auf  Frankreich
zu  tun  gedächte  (48).

Begrifflich  bestimmte  Cambon  einen  deutschen  Angriff  (agression)
sehr  weit,  indem  er  ausführte,  daß  dieser  „Angriff“  die  Form  einer  Forderung
annehmen  könnte,  wonach  Frankreich  seine  militärischen  Vorbereitungen
        <pb n="73" />
        Deutschlands  Verhandlungen  mit  den  Westmächten  57

einstellen  oder  sich  im  Falle  eines  deutsch-russischen  Krieges  zur  Neutralität
verpflicheen  sollte,  Forderungen,  auf  die  Frankreich  nicht  eingehen  könne.
Oiese  Formulierung  nahm  die  Antwort  vorweg.

Sir  Edward  Grey  sah  dadurch  den  Bündnisfall  gegeben,  dessen  Anrufung
  er  durch  seine  flugs  weitergeleitete  Andeutung  selbst  herausgefordert
hatte.  In  diesem  Augenblick,  also  in  dem  Augenblick,  da  England,  durch  Grey
gebunden,  sich  bereies  als  Bundesgenossen  Frankreichs  betrachtete,  traf  in
London  ein  deutsches  Angebot  ein,  durch  welches  Deutschland  Englands
Neutralität  zu  erhalten  hoffte.  Statt  darauf  einzutreten,  benutzte  Grey  nun
die  Unterredung,  die  der  Reichskanzler  am  Abend  des  29.  Juli  mit  Goschen
gepflogen  hatte,  als  Angriffspunkt  eines  Gegenzuges  in  seinem  diplomatischen
Spiel.  Zunächst  richtete  er  am  31.  Juli  zwei  gleichlautende  Schreiben  an
die  englischen  Botschafter  in  Paris  und  Berlin,  und  stellee  darin  die  Frage,
ob  die  französische  bzw.  die  deutsche  Regierung  bereit  sei,  sich  zur  Achtung
der  Neutralität  Belgiens  zu  verpflichten,  solange  keine  andere  Macht
sie  verletze  (49).

Frankreich  antwortete  am  31.  Juli  durch  ein  Schreiben  Berties  an
Grey  (in  London  eingetroffen  am  1.  August),  die  französische  Negierung  sei
entschlossen,  die  Neutralität  Belgiens  zu  achten;  nur  wenn  eine  andere
Macht  diese  Neutralität  verleczen  würde,  befände  sich  Frankreich  unter  dem
Zwange,  anders  zu  handeln,  um  der  Werteidigung  seiner  eigenen  Sicherheit
sich  zu  vergewissern.  „Diese  Versicherung,“  fuhr  das  Schreiben  fort,  „ist
schon  mehrere  Male  gegeben  worden.  Der  DPräsident  sprach  davon  dem
König  der  Belgier,  und  der  französische  Gesandte  in  Brüssel  hat  dem  belgischen
Minister  des  Außern  die  Persicherung  heute  spontan  erneuert“  (50).  Aus
diesen  Sägen  blickt  ein  ganzes  Gewebe  von  Unterhandlungen,  die  der  Anfrage
  Greys  vorangegangen  sind.  Die  Antwort  Deutschlands  auf  die  englische
  Anfrage  wurde  am  31.  Juli  durch  eine  vorläufige  Mitteilung  des
Staatssekretärs  von  Jagow  eingeleitet,  über  die  Goschen  berichtet.

Lagow  eröffnete  Goschen  auf  dessen  Anfrage  in  bezug  auf  die  Frage  der
Neutralität  Belgiens,  er  müsse  erst  mit  dem  Kaiser  und  dem  Reichskanzler
sprechen.  Goschen  entnahm  aus  diesen  Jußerungen,  der  Staatssekretär  hege
den  Gedanten,  welche  deutsche  Antwort  auf  die  Frage  auch  gegeben  werden
möge,  so  möchte  sie  in  einem  gewissen  Maße  den  deutschen  Feldzugsplan
enthüllen.  Und  er  —  Goschen  —  zweifle  daher  sehr,  ob  überhaupt  eine  Ancwort
  gegeben  werde.  Der  Staatssekretär  nahm  aber,  wie  Goschen  in  seinem
Bericht  fortfährt,  Vormerkung  von  den  englischen  Anfragen.  Für  Goschen
ergab  sich  aus  den  Bemerkungen  des  Staatssekretärs,  daß  die  deutsche  Regierung
  bereits  bestimmte  seindliche  Akte  von  seiten  Belgiens  als  geschehen
betrachte.  Als  Beleg  führte  der  Staatssekretär  an,  daß  eine  Kornsendung
für  Deueschland  schon  jetzt  beschlagnahmt  worden  sei.  Goschen  schließt  seinen
Bericht  mit  der  Hoffnung,  die  Erörterung  mit  dem  Staatssekretär  am
        <pb n="74" />
        58  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

nächsten  Tage  fortzusetzen.  Die  Aussicht,  eine  endgültige  Antwort  zu  erhalten,
scheint  ihm  aber  fern  zu  sein.  Später  sprach  Goschen  auch  den  Reichskanzler,
und  dieser  machte  ihm  klar,  daß  Deutschland  auf  jeden  Fall  wissen  wolle,
was  die  französische  Regierung  geantwortet  habe  (51).

Am  Tage  darauf  fand  in  London  eine  denkwürdige  Unterredung  zwischen
Grey  und  Lichnowsty  statt,  über  die  Grey  selbst  an  Goschen  folgendermaßen
berichtet:  Die  Antwort  der  deutschen  Regierung  bezüglich  der  belgischen
Neutralität  errege  sein  größtes  Bedauern,  weil  die  Neutralität  Belgiens
die  Gefühle  Englands  berübre.  Wenn  Deutschland  die  gleiche  Wersicherung
geben  könne,  wie  Frankreich  sie  gegeben  habe,  so  würde  das  dazu  beitragen,
die  Angstlichkeit  und  Spannung  in  England  zu  erleichtern,  wenn  bingegen
der  eine  Teil  der  Kämpfenden  die  belgische  Neutralicät  verletze,  während  der
andere  sie  achte,  so  würde  es  außerordentlich  schwer  werden,  die  Gefühle
der  Nation  zurückzuhalten.  In  einem  Kabinettsrat  sei  diese  Frage  schon
behandelt  worden.  Wörtlich  fährt  Grey  fort:  „Der  Botschafter  fragte  mich,
ob  wir,  wenn  Deutschland  das  Versprechen  gebe,  die  belgische  Neutralität
nicht  zu  verletzen,  uns  verpflichten  würden,  neutral  zu  bleiben.  Ich  ant.
wortete,  das  könne  ich  nicht  sagen,  unsere  Hände  seien  noch  frei,  und  wir  über.
legten  uns,  wie  wir  uns  verhalten  sollten.  Alles,  was  ich  sagen  könnte,
wäre,  daß  unsere  Haltung  weithin  bestimmt  werde  durch  die  öffentliche
Meinung  hierzulande,  und  doß  die  Neutralität  Belgiens  ein  starker  Appell
wäre  an  die  öffentliche  Meinung  unseres  Landes.  Ich  denke  nicht,  daß  wir  ein
Neutralitätsversprechen  auf  diese  Bedingung  allein  geben  können.  Der
Botschafter  drängte  mich,  ob  ich  nicht  Bedingungen  formulieren  könnte,
unter  denen  wir  neutral  bleiben  würden.  Er  legte  sogar  nahe,  daß  die  Integrität
  Frankreichs  und  seiner  Kolonien  garantiert  werden  könnte.  Ich  sagte,
ich  fühlte  mich  verpflichter,  definiriv  jegliches  Versprechen,  neutral  zu  bleiben,
auf  solche  und  ähnliche  Bedingungen  (similar  terms)  bin  zu  verweigern,
und  ich  könnte  nur  sagen,  daß  wir  unsere  Hände  freihalten  müssen“  (52).

In  diesem  Gespräch  hat  also  der  deutsche  Vertreter  in  Anlehmmg  an
die  AUnterredung,  die  der  Reichskanzler  am  Abend  des  29.  Juli  mit  Goschen
hatte,  die  weitestgehenden  Zusicherungen  und  Zugeständnisse  gemacht,  falls
England  neutral  bleibe.  Er  ging  sogar  so  weit,  Grey  zu  drängen,  seinerseits
Bedingungen  aufzustellen,  unter  welchen  England  neutral  bleiben  würde,
indem  er  die  Anregung  machte,  in  diesem  Falle  nicht  nur  die  Achtung  der
belgischen  Neutralität,  sondern  auch  die  AUnverleglichkeit  Frank.
reichs  und  seiner  Kolonien  zu  verbürgen.  Der  englische  Staatsmann
lehnte  alle  Bindungen  ab.  Ihm  kam  es  lediglich  darauf  an,  die  belgische
Frage  als  einen  festen,  jeder  Erörterung  entrückten,  an  keine  Bedingung
geknüpften  Punkt  hinzustellen,  an  dem  er  den  Hebel  ansetzen  konnte,  um
England  mit  starkem  moralischen  Schwung  in  den  Krieg  zu  wuchten  und
Deutschland  in  die  Knie  zu  drücken.
        <pb n="75" />
        Oeutschlands  Verbandlungen  mit  den  Westmächten  59

Grey  erklärte  in  seinem  merkwürdigen,  verschachtelten,  hier  wortgetreu
angeführten  Schreiben  an  Goschen  ausdrücklich,  er  könne  nur  sagen,  daß
England  seine  Hände  frei  behalten  müusse.

Am  Tage,  da  England  diese  Erklärung  abgab,  erfolgte  in  Paris  die
Anfrage  der  deutschen  Regierung,  ob  Frankreich  in  einem  deutsch-russischen
Kriege  neutral  bleiben  werde  (53).  Noch  am  Abend  des  30.  Juli  hätte  die
französische  Regierung  diese  Frage  beklommenen  Herzens  angehört,  obwohl
ihr  die  Auffassung  Greys  zuverlässig  bekanmt  war,  aber  seither  war  eine
weitere  Zusicherung  und  Bindung  Englands  erfolgt,  die  Wiviani  gestattete,
die  deutsche  Frage  durch  die  Erklärung  zu  beantworten,  Frankreich  werde
nach  seinen  Interessen  handeln.  Angsllich  geworden,  hatte  Viviani  nämlich
am  Abend  des  31.  Juli  noch  den  englischen  Botschafter  in  Paris  veranlaße,
nach  London  zu  drahten,  um  eine  bestimmte  Mitteilung  Üüber  die  Haltung
des  britischen  Kabinetts  zu  erhalten  (54).  Darauphin  teilte  Grey  Paul
Cambon  mit,  er  werde  das  Kabinett  mit  der  ungenügenden  Antwort  Deutschlands
  in  Sachen  der  Neutralität  Belgiens  befassen  und  die  Ermächtigung
verlangen,  am  Montag  (3.  August)  im  Parlament  zu  sagen,  daß  die  britische
Regierung  eine  Verlezung  der  belgischen  Neutralität  niche  dulden  werde.

Der  Augenblick,  die  belgische  Frage  auszuspielen,  war  gekommen.

Gleichzeitig  aber  eröffnete  Grey  dem  französischen  Botschafter,  daß
die  englischen  Geschwader  mobilifiert  seien,  und  erklärte  sich  ferner  bereit,
seinen  Amtsgenossen  eine  Erklärung  vorzuschlagen,  dahin  gehend,  daß  die
bricische  Flotte  die  Durchfahrt  der  deutschen  Flotte  durch  den  Kanal  und
jede  Demonstration  an  der  französischen  Küste  verhindern  werde  (55).

Mehr  konnte  Giviani  nichte  verlangen;  ruhigen  Herzens  hat  er  darauf.
bin  dem  Freiherrn  von  Schön  die  gemessene,  trotz  ihrer  Verkleidung  aber
unzweideutige  Anewort  gegeben,  daß  Frankreich  nach  seinen  Interessen
handeln  werde,  und  wenige  Stunden  später  die  Mobilmachung  der  fran.
zösischen  Streitkräfte  zu  Wasser  und  zu  Lande  befohlen  (56).  Frankreich
bat  die  Folgerungen  aus  dem  französisch-russischen  Bündnis  im  Vertrauen
auf  Englands  Waffenhilfe  gezogen  und  die  ihm  von  Deutschland  gebotene
Möglichkeit,  dem  Krieg  fernzubleiben,  vernachlässigt.  Da  seine  ganze  äußere
Dolicik  auf  den  lebendig  erhaltenen  Gegensaß  zu  Deutschland  eingestellt  war,
bandelte  es  folgerichtig,  ging  dabei  aber  von  einer  geschichtlichen  Auffassung
aus,  die  die  beiden  schönsten  Kulturkreise  und  geistig  reichsten  Nationen
aufs  neue  zu  Todfeinden  machte.  Englands  Jusage  schien  dieser  Politik
Erfolg  und  Triumph  zu  verbürgen.

Der  Bruch  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  ist  an  demselben  Tage
erfolgt,  an  dem  Sir  Edward  Grey  dem  Fürsten  Lichnows#y  erklärte,
England  müsse  seine  Hände  freibehalten,  auch  wenn  Deutschland
die  Aufrechterhaltung  der  belgischen  Neutralität  und  die  Integrität  Frank.
reichs  und  seiner  Kolonien  verspreche.
        <pb n="76" />
        60  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Oer  Sinn  dieser  Worte  ist  lar.  England  wollte  unter  keinen  wie  immer
gearteten  Umständen  neutral  bleiben,  sondern  frei  nach  seinen  Interessen
handeln.  Diese  waren  aber  so  eng  mit  den  Interessen  Frankreichs  und  Ruß.
lands  verknüpft  und  seine  Policik  war  so  grundsäglich  gegen  die  Interessen
Deutschlands  gerichtet,  daß  es  den  Augenblick,  da  die  Ententepolilik  zum
Bündnisfall  wurde,  nach  der  Meinung  Sir  Edward  Greys  nicht  hatte  versäumen
  dürfen.  England  hatte  seine  Hände  „freibehalten“,  um  —  sie  gegen
Oeutschland  zu  gebrauchen.  Ein  Telegrammwechsel  zwischen  dem  Deutschen
Kaiser  und  dem  König  von  England  und  zwischen  diesem  und  dem  Prinzen
Heinrich  von  Preußen  konnte  an  den  Tatsachen  um  so  weniger  ändern,  als
die  britische  Majestät  keinen  Einfluß  auf  die  Entwicklung  besaß.

Die  ablehnende  Antwort,  die  Grey  dem  deutschen  Botschafter  am
1.  August  erteilte,  hatte  die  leczten  Möglichkeiten  zerstört,  den  europêischen
Krieg  gegen  Westen  zu  beschränken,  und  riß  zugleich  Belgiens  Grenzen  auf,
denm  wenn  Deutschland  von  vornherein  mit  Englands  Gegnerschaft,  also
mit  einem  gemeinsamen  Feldzug  Frankreichs  und  Englands  rechnen  mußte,
war  seine  empfindliche  Westgrenze  einem  Anfall  überlegener  Streitkräfte
preisgegeben  und  ihm  das  Meer  verschlossen.  In  dieser  Lage  schaltete  die
deutsche  Staatsleitung  die  politischen  Hemmungen  und  völkerrechtlichen
Erwägungen  aus  und  gab  milicärischen  Notwendigkeiten  Raum,  die  im
Drange  der  Not  als  gebieterische  angesehen  wurden.  Da  der  deutsche  Feldzugsplan
  für  den  Fall  einer  so  weitgreifenden  Ausdehnung  des  Krieges
und  einer  so  gefährlichen  Verkektung  der  Umstände  —  eines  Waffenbünd.
nisses  Rußlands,  Frankreichs  und  Englands  —  nur  in  einem  raschen,  bis
zur  vollen  Raumtiefe  durchgeführten  Angriff  auf  die  französische  Nordflanke
das  Heil  erblickte,  so  mußte  die  deutsche  Heeresmacht  die  belgische  und
luxemburgische  Grenze  überschreiten  und  den  Stoß  durch  diese  neutralen
Länder  führen,  um  die  verwundbare  Stelle  der  Gegner  rasch  und  sicher  zu
treffen,  ehe  russische  Abermacht  die  Ostgrenzen  eindrückte.  Unter  dem  Zwang
dieser  Umstände  forderte  Deutschland  von  GBelgien  freien  Durchzug.

Belgiens  tragische  Stunde  war  gekommen.  Das  Land,  das  vor  fünf.
undachtzig  Jahren  von  England,  Frankreich,  Rußland  und  Preußen  geschaffen
  worden  war,  sah  sich  von  einem  der  Unterzeichner  seiner  ewigen
Neutralität  mie  einer  Verletzung  seiner  Grenzen  bedroht.

Vom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belgischen  Neutralität

Bevor  die  deutsche  Regierung  in  Brüssel  das  Ansuchen  um  freien  Durchzug
  stellte,  war  Frankreich  der  Waffenhilfe  Englands  schon  teilhaftig  geworden.
  Am  1.  Augusté  verlangte  Grey  entsprechend  seiner  Mittceilung  an
Cambon  vom  englischen  Ministerrat  zugunsten  Frankreichs  die  Erklärung,
        <pb n="77" />
        Vom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belgischen  Neutralität  61

daß  die  britischen  Geschwader  sich  einer  Durchfahrt  der  deutschen  Flotte
durch  die  Enge  von  Dover  und  jeder  Handlung  gegen  die  französische  Küste
widersehen  werden.  Das  ist  um  so  begreiflicher,  als  die  Nepublik  auf
Grund  der  Abkunft  vom  Sommer  1912  ihre  Glotte  im  Mittelmeer  versammelt
  hatte,  um  dieses  für  den  Dreiverband  sicherzustellen.  England  war
dadurch  moralisch  verpflichtet  worden,  die  atlantischen  Küsten  zu  schützen.
Das  lag  auch  in  seinem  eigenen  Interesse,  da  es  die  Südküske  des  Kanals
und  Flandern  als  das  Festlandsglacis  der  britischen  Inselfestung  betrachtete.
Frankreichs  Begehren  entsprach  daher  der  Lage,  die  durch  die  Abkehr  Englands
  von  einer  Verständigung  mit  Deutschland  geschaffen  worden  war.
Englands  Teilnahme  am  Kriege  war  unvermeidlich  geworden.

Am  2.  August  1914  hatee  Grey  die  formelle  Eimwilligung  des  Ministerrats
  zu  seiner  Dolitik  erlangt  und  war  nun  voll  ermächtigt,  Cambon  die
Versicherung  abzugeben,  daß  die  britische  Flotte  den  Schutz  des  Trmelkanals
  und  der  franzssischen  Nordküste  übernehme,  falls  die  deutsche  Flotte
sich  zeige  (57).  Es  war  also  bis  auf  diesen  Tag  von  England  eine  Kriegs.
erklärung  an  Deutschland  vermieden,  aber  Frankreich  eine  doppelte  Zusicherung
  gegeben  worden,  die  auf  stärkste  Waffenhilfe  hinauslief.  In  derselben
  Sigtzung  des  englischen  Ministerrates  vom  2.  August  wurde  erwogen  —
wiederum  im  Sinne  der  Mitteilung  Greys  an  Caombon  vom  1.  August  —,
ob  eine  Verletzung  der  belgischen  Neutralität  als  Kriegsfall  zu  betrachten  sei.
Während  also  die  Zusicherung  der  Flottenbilfe  im  Falle  eines  deutschen  Angriffs
  auf  die  französischen  Küsten  unabhängig  von  der  Entwicklung  der
belgischen  Neutralitätsfrage  gegeben  wurde  und  so  die  militärische  Handlungsfreiheit
  Frankreichs  sichergestellt,  die  Deutschlands  unterbunden  wurde,
also  grundsäglich  schon  in  den  entbrennenden  europäischen  Krieg  eingegriffen
worden  ist,  blieb  auf  der  anderen  Seite  der  Cesus  belli  vorbehalten  und  an
die  Verletzung  der  belgischen  Neutralität  geknüpfe.  Das  war  eine  bestechende
diplomatische  Lösung  des  Dilemmas,  in  das  England  geraten  war.

Als  der  deutsche  Gesandte  in  Brüssel  am  selben  Tage  abends  7  Uhr
dem  belgischen  Minister  des  Dußern,  Davignon,  die  Note  überreichte,  in  der
um  Zulassung  des  freien  Durchmarsches  der  deutschen  Truppen
ersucht  und  in  diesem  Falle  die  belgische  Integrität  und  Unabhängig.
keit  gewährleistet  wurde,  waren  diese  Verhandlungen  im  Schoße  des
britischen  Ministerrates  schon  abgeschlossen  und  die  französische  Regierung
bereits  durch  Cambon  von  der  Hilfsbereitschaft  der  englischen  Flotte  unterrichtet
  (58).  Biviani  war  daher  am  2.  August  —  dem  Tage,  da  zwischen
ODeutschland  und  Frankreich  der  Kriegszustand  eintrat  —  durchaus  in  der
Lage,  die  französischen  Kammern  von  der  englischen  Flottenhilfe  zu  unterrichten.
  Er  sagte  damit  eher  zu  wenig  als  zu  viel.

So  standen  die  Dinge,  als  König  Albert  sich  am  3.  August  i  in  einem
Telegramm  an  den  König  von  England  wandte,  um  die  diplomatische  Ver.
        <pb n="78" />
        62  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

mittlung  der  britischen  Regierung  zum  Schutze  der  Neutralität  Belgiens
amurufen  (59).  Er  erinnerte  in  diesem  Telegramm  an  die  freundschaftliche
Haltung,  bie  England  im  Jahre  1870  gegenüber  Belgien  eingenommen  hatte.
Die  Haltung,  die  England  damals  als  neutraler  und  neutral  bleibender
Staat  eingehaltlen  hatle,  war  indes  eine  grundsätzlich  verschiedene  von  der,
die  das  durch  die  Entente  cordiale  und  den  bereits  zugestandenen  Bündnisfall
  gebundene  England  im  Jahre  1914  einnahm  (60).  Gladstone  hatte  im
Jahre  1870  als  unbeteiligter  und  als  redlicher  Bürge  volle  Handlungsfreiheit
besessen  und  diese  genützt,  indem  er  mit  beiden  Kriegführenden,  dem  Nord.
deutschen  Bund  und  Frankreich,  Verträge  abschloß,  durch  welche  sich  England
die  Hilfe  des  einen  im  Falle  einer  Berlethung  der  belgischen  Neutralität
durch  den  anderen  sicherte  (61).  Grey  war  weder  imstande  noch  gewillt,  so
zu  handeln.  Er  war  von  der  Gladstoneschen  Voraussehung  —  der  Neutralität
  Englands  im  Falle  eines  Krieges  —  von  vornherein  abgegangen,  er
hatte  sie  auch  dann  nichte  in  Aussicht  gestellt,  als  Deutschland  erllärte,  daß
es  im  Falle  einer  Verständigung  die  belgische  Neutralität  wahren  und
Frankreich  nicht  verkürzen  werde,  sondern  sich  ausdrücklich  „freie  Hand“
vorbehalten.  Diese  Handlungsfreiheit  war  grundsätzlich  anders  als  1870,
und  zwar  nicht  auf  den  Frieden,  sondern  auf  den  Krieg  gerichtet.

Unter  diesen  Umständen  war  König  Alberes  Bitte  um  ein  diplomatisches
  Dazwischentreten  Englands  gegenstandslos.  Sie  diente  aber  dem
britischen  Kabinett  als  willkommene  WVeranlassung,  um  nun  in  Berlin
kategorisch  die  Achtung  der  belgischen  Neutralität  zu  verlangen  (62).  Deutschland
  antwortete,  daß  es  selbst  im  Falle  eines  bewaffneten  Konflikts  unter
keinem  Vorwand  belgisches  Gebiet  annektieren  werde,  wies  aber  darauf  hin,
daß  die  deuesche  Armee  nicht  irgendeinem  Angriff  über  Belgien  ausgesegt
werden  dürfe,  der  nach  unwiderleglichen  Beweisen  geplant  sei  (63).  Darauf
stellte  England,  nun  von  der  Entwicklung  auf  eine  sichere  Plattform  geführt,
ein  Al#imatum  (64).  Das  bedeutete  den  Krieg.

Da  aber  inzwischen  die  in  Brüssel  gesetzte  Frist  abgelaufen  war,  erklärte
  Deutschland  der  belgischen  Regierung  in  der  Frühe  des  4.  August,
daß  es  zur  Tat  schreiten  und  sich  den  Durchmarsch  erzwingen  müsse  (65).
Deutsche  Truppen  rückten  über  die  Grenze.  England  aber  sprach  alsbald  in
Brüssel  die  Erwartung  aus,  daß  Belgien  mit  allen  Mitteln  Wider.
stand  leisten  werde,  und  bot  in  diesem  Falle  im  Anschluß  an  Frankreich
und  Rußland  ein  gemeinsames  Vorgehen  mit  der  belgischen  Regierung  an,
um  Deutschland  entgegenzutreten  (66).  Damite  war  Belgien  kurzerhand
in  den  europäischen  Krieg  hineingerissen,  nicht  nur  als  Berteidiger  des
eigenen  Bodens,  den  Deutschland  unter  Verletzung  der  Neutralität  betrat,
sondern  auch  als  Teilhaber  des  Dreiverbands.  Die  Formel  „England  erwartet“,
  die  ausgesprochen  wurde,  als  würde  England  erst  jetzt  und  dadurch
zum  Eintritt  in  den  Waffenbund  Rußlands  und  Frankreichs  veranlaßt,
        <pb n="79" />
        Vom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belgischen  Neutralität  63

hatte  Belgien  nur  die  Wahl  gelassen,  die  Waffen  gegen  Deutschland  zu
erheben  oder  sich  England  und  Frankreich  zu  Feinden  zu  machen.  Beigien
hatte  indes  schon  von  sich  aus  Widerstand  geleistet.  Der  bewaffnete  Widerstand
  war  nicht  nur  sein  sittliches  Recht  und  seine  völkerrechtliche  Pflicht,
sondern  wurde  ihm  alsbald  auch  von  den  Schützern  seiner  Neutralität  auf.
erlegt  (67).

Während  Luxemburg  sich  mit  einem  feierlichen  Einspruch  gegen  eine
Verlehung  seines  Staatsgebietes  begnügte,  die  Deutschland  ebenfalls  mit
militärischen  Notwendigkeiten  begründete,  rief  Belgien  nun  die  Garantie.
mächte  England,  Frankreich  und  Rußland  gegen  Preußen-Deutschland  an
und  griff  zur  nachdrücklichen  Gegenwehr  ans  Schwert,  um  sich  zu  verteidigen
und  damit  zugleich  seine  Aufgabe  im  gemeinsamen  Feldzugsplan  der  Westmächte
  zu  erfüllen  (68).  ·

Der  Deutsche  Reichskanzler  hat  in  der  Sitzung  des  Reichstages  vom
4.  August  1914  die  Schuld,  die  dieser  Bruch  der  belgischen  Neutralität
darstellte,  auf  Deutschlands  Schultern  übernommen.  Er  hat  ausdrüclich
erklärt,  daß  die  Betretung  luxemburgischen  und  belgischen  Gebietes  den
Geboten  des  Völkerrechtes  widerspreche  und  sich  auf  die  Not  berufen,  in
der  sich  Deutschland  in  dem  Kampf  um  sein  Höchstes  befinde.  Er  hat  die
Gewissensnot,  aus  der  sich  die  deutsche  Staatsleitung  damals  zum  Eingeständnis
  ihres  Unrechts  durchkämpfte,  im  Angesicht  der  Volksvertretung
und  vor  der  Geschichte  ausdrücklich  bekannt  (69).

Offenbar  stand  die  Regicrung  vor  der  verzweifelten  Aufgabe,  einen
Feldzugôplan  politisch  zu  verereten,  der  nach  dem  Scheitern  der  deutschfranzösischen
  und  der  deutsch-englischen  Derhandlungen  zur  Sicherstellung
der  Westgrenze  als  der  einzig  beilbringende  betrachtet  und  in  Vollzug  gesetzt
wurde.  Und  zwar  überwogen  die  aus  der  militärischen  Betrachtung  der
Notlage  fließenden  Gründe  die  politischen  Bedenken  und  die  völkerrechtlichen
Erwägungen  derart,  daß  der  Staatsleitung  niches  übrigblieb,  als  das  Er.
gebnis  hinzunehmen  und  die  Verantwortung  auf  sich  zu  laden.  Sie  fügte
sich  der  Strategie,  die  ihrerseits  die  Imponderabilien,  die  auch  bei  der  „Fortsetzung
  der  Dolitik  mit  anderen  Mitteln“  schwer  ins  Gewicht  fallen,  zur
Seite  schob  und  zur  Dar  schritt.

Sie  begnügte  sich  nicht  mit  einer  Aufskellung  an  der  Grenze  oder  einer
Bedrohung,  die  dem  Gegner  den  ersten  Schritt  ablockte,  sondern  gehorchte
einem  Plone,  der  verlangte,  daß  der  Gegner  des  geringsten  Worsprungs
in  dieser  Hinsicht  beraubt  werde,  und  löschte  die  Unterschrift  Preußens
unter  dem  belgischen  Garantievertrag,  die  das  Deutsche  Reich  niche  zurückgezogen
  hatte,  mit  Blut.  Belgien  und  die  belgische  Neutralität,  die  in
den  Jahren  1830  und  1839  zugunsten  und  zur  gegenseitigen  Sicherung  der
Westmächte  geschaffen  worden  waren,  find  Deutschland  zum  Verhängnis
geworden.  Es  sah  sich  dadurch  der  vollen  Handlungsfreiheit  beraubt.  Die
        <pb n="80" />
        64  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

politische  Handlungsfreiheit  war  nicht  zu  erlangen,  da  Belgien  sich  naturgemäß
  zu  den  Westmächten  hingezogen  fühlte  und  troß  der  wirtschaftlichen
Interessenverflechtung  politischem  deutschen  Einfluß  verschlossen  blieb.  Auf
die  militärische  Handlungsfreiheit  war  1839  verzichtet  worden.  Solange
Deutschland  nicht  in  einen  Gegensath  zu  England  geriet,  war  dies  nicht  von
Bedeutung,  im  Augenblick,  da  die  Entente  zur  Versammlung  der  französischen
  Flotte  im  Mietelmeer  geführt  hatee,  war  die  Neutralität  Belgiens,
ob  gewahrt  oder  verletzt,  zu  einem  Fallstrick  für  Deutschland  geworden,
wenn  sich  noch  einmal  ein  großer  Koalitionskrieg  entzündete.  Die  Neutralität
Belgiens  war  bestehen  geblieben,  das  Interessengleichgewicht,  das  durch  sie
und  in  ihr  gesucht  worden  war,  nicht.  Dieses  war  durch  die  Einkreisungspolitik
  zuungunsten  Deutschlands  und  zum  Unheil  Belgiens  zerstört  worden.

Die  WVerlegtzung  der  belgischen  Neutralität  durch  Deutschland  bildete  im
Augenblick  des  geschichtlichen  Geschehens  ein  völkerrechtliches  Verschulden
Deutschlands.  Belgien  hat  seine  Sympathie  an  Frankreich  und  England
verschenkt  und  zu  diesen  in  engen  Beziehungen  gestonden,  die  dem  Geiste
der  ihm  ausdrücklich  auferlegten  Neutralitätsverpflichtung  widersprachen;
Belgien  bat  sich  auch  nicht  in  den  moralischen  Grenzen  gehalten,  die  der
Bevölkerung  eines  neutralen  Landes  gesteckt  sind,  aber  selbst  die  späterbin
  aus  belgischen  Archiven  gezogenen  AUrkunden  über  Besprechungen  militärischer
  Fachleute  mit  englischen  und  französischen  Fachgenossen  sind  nicht
geeignet,  Deueschland  von  der  Verlehung  der  Neutralität  freizusprechen.
Belgien  war  als  neutraler  Staat  anerkannt,  es  hatte  seine  Neutralität  nicht
aufgesagt,  keiner  seiner  Unterzeichner  die  Unterschrift  zurückgezogen.  Auch
das  benachteiligte  Deutsche  Reich  hatte  dies  nicht  getan.

Aber  die  geschichtliche  Gerechtigkeit  gebietet,  auch  vom  Zwange  zu
reden,  in  dem  sich  das  Deutsche  Reich  befand,  als  es  in  den  Krieg  eintrat.
Es  fühlee  sich  als  ein  Volk  von  70  Millionen  dem  Verderben  ausgeliefert,
  wenn  es  nicht  rechtzeitig  aus  den  ungünstigen  militärgeographischen
Grenzen  hervorbrach  und  in  dem  ihm  von  allen  Seiten  aufgezwungenen
Verteidigungskrieg  das  Höchste  wagte,  indem  es  im  strategischen  Ausfall
das  aufgestellte  Neg  zerriß.  Da  Belgien,  wenn  auch  gegen  seinen  staatlichen
Willen,  aber  ebenfalls  militärgeographischen  Verhältnissen  unterworfen,
einen  Teil  dieses  Gewebes  bildele,  und  zwar  gerade  den  schwächsten,  so
brach  es  hier  durch  die  Maschen.

„Belgien  bildet  einen  unabhängigen,  ewig  neurralen  Staat.  Es  ist  gehalten,
  die  gleiche  Neutralität  gegen  alle  übrigen  Staaten  zu  bewahren.“

So  lautet  der  endgültige  Bertrag  der  Mächte  über  die  belgische  Neutralität,
  der  im  Jahre  1839  unterschrieben  wurde.  Belgien  ist  also  nicht  wie
die  Schweiz  aus  eigenem  Entschluß  und  nach  einem  halben  Jahrtausend  der
Selbständigkeit  und  nach  Verzicht  auf  Machtpolitik  zu  einem  neutralen  Staat
geworden.  Die  geschichtliche  Tatsaoche,  daß  die  schweizerische  Neutralität
        <pb n="81" />
        Vom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belgischen  Neutralität  65

erst  1815  feierlich  anerkannt  wurde,  ändert  daran  nichts,  denn  maßgebend
bleibt  der  Verzicht  auf  imperialistische  Politik,  der  viel  älter  ist.  Die  schweizerische
  Neutralität  ist  hsherer  Ordnung,  die  Schweiz  ist  ein  neutrales,  Belgien
ein  neutralisiertes  Land  (70).

Die  belgische  Neutralität  erscheint  als  eine  Verpflichtung,  die  dem  im
Interesse  der  benachbarten  Großmächte  geschaffenen  Lande  als  ausdrückliche
und  bestimmt  umschriebene  Bedingung  seines  stkaatlichen  Bestkandes  auferlegt
wurde,  ist  aber  von  Beginn  nicht  als  aus  der  Geschichte  erwachsener  lebendiger
und  lebendig  empfundener  und  bewahrter  Staaksgrundsatz  gehegt  worden;  sie
verwuchs  daher  nicht  mit  dem  Staatsbegriff.  Ist  der  eidgenössische  Staats.
gedanke  in  der  Schweiz  unzertrennlich  von  dem  Begriffe  der  ewigen  und
freigewählten,  vom  Wiener  Kongreß  anerkannten  Neutralität,  die  allein
das  friedliche  Zusammenwohnen  verschiedener  Rassen  und  Kulturen  in  einem
einzigen,  freiheitlich  aus  gebauten  Hause  gewährleistet  und  mit  jeder  Bündnis.
oder  Machtpolitik  und  einseitigen  Freundschafesverhälenissen  unvereinbar  ist,
so  fühlte  sich  Belgien  innerlich  an  den  Neutralitätsgedanken  viel  weniger
gebunden.  Das  belgische  Volk,  das  in  romanischem  Staatsempfinden  für
den  einzelnen  Bürger  volle  Bewegungsfreiheit  forderte,  hatte  die  moralische
Neutralität  nicht  genügend  gewahrk,  doch  ist  daraus  kein  Recht  auf  eine
Niederreißung  dieser  geschwächten  Neutralität  durch  einen  Dricten  abzuleiten.

Belgien  war  das  Opfer  seiner  militärgeographischen  Lage,  die  durch
die  Neutralisierung  des  alten  westeuropäischen  Schlachtenbodens  nicht  verändert
  worden  war.  Es  war  zudem  längst  in  die  Einkreisungspolieik  verstrickt,
als  Deutschland  nach  den  fruchelosen  Versuchen,  die  Neutralität  auf  Grund
einer  Verständigung  mit  England  sicherzustellen,  zur  Gewalt  schritt  und  sie
als  „ein  Stück  Papier"  zerriß.  Als  die  Belgier  darauf  zu  den  Waffen  griffen
und  sich  auf  das  tapferste  und  hartnäckigste  schlugen,  taten  sie  dies  mit  dem
ungebärdigen  Mut  und  Trot,  den  die  Bürger  flandrischer  Städte  in  der
Geschichte  immer  bewährt  haben,  und  fanden  darin  ein  Stück  nationaler  Geschlossenheit
  und  den  Lebenswillen  wieder,  der  sie  fähig  machte,  das  schwere
Schicksal  zu  tragen.

Belgien  kat  noch  mehr.  Es  opferte  sich  für  Frankreich  und  England.  Statt
nach  dem  ersten  Zusammenstoß  mit  den  deueschen  Waffen  beiseite  zu  treten
und  einen  billigen  Frieden  entgegenzunehmen,  stritt  und  litt  es  bis  ans  Ende.

England  aber  erließ  am  5.  August  1914  von  der  völkerrechtlichen  Warte,
die  es  sich  durch  die  belgische  Frage  geschaffen  hatte,  seine  Kriegserklärung
an  Deutschland.  Sir  Edward  Grey  hatte  England  in  der  Offentlichkeit
durch  diese  Policik  einen  unschähbaren  moralischen  Vorteil  gesichert.  Die
„Imponderabilien“  kamen  ihm  zugut,  die  ganze  angelsächsische  und  romanische
Welt  stand  unter  dem  Eindruck,  daß  England  „gur  Verteidigung  Belgiens“
das  Schwert  ziehe.  Damit  war  ein  starker,  wenn  nicht  gar  der  wirksamste
offizielle  englische  Kriegsgrund  gefunden.  Er  war  schlagend,  aber  für  Eng-Stegemanne

  Geschichte  des  Krieges.  I.  5
        <pb n="82" />
        66  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

lands  Kriegsbeteiligung  nicht  ausschlaggebend.  Er  hinkte  hinter  der  Ent.
wicklung  drein,  schuf  aber  England  eine  Plateform,  von  der  es  Deutschland
die  Kriegserklärung,  die  aus  der  britcischen  Freundschafts-  und  Inceressenpolitik
  geslossen  war,  als  Hüter  des  Bölkerreches  und  der  moralischen  Gesetze
vor  aller  Welt  ins  Gesicht  schleudern  konnte.

England  hat  nicht  um  Velgiens  willen  zum  Schwert  gegriffen,  sondern
die  belgische  Neutralitätsfrage  lediglich  zur  Verstrickung  Deutschlands  in
eine  Zwangslage  benugt,  aus  der  sich  dieses  vergebens  durch  Anerbietungen
von  größter  Tragweite  zu  befreien  suchte.  Wie  im  123.  Stück  des  Blaubuches
  von  Grey  selbst  bezeugt  wird,  hat  Deutschland  niche  nur  unbedingte
Wahrung  der  Neutralität  Belgiens,  sondern  auch  die  Achtung  der  Integrität
  Frankreichs  und  seiner  Kolonien,  ja  sogar  den  Werzicht  auf
milikärische  Unternehmungen  gegen  Frankreichs  Nordküsle  angeboten,  sich
also  politisch  und  strategisch  einen  Arm  an  den  Leib  gebunden,  und  erst
als  alles  umsonst  war  und  England  darauf  beharrte,  seine  „freien  Hände“
zum  Kampfe  gegen  Deutschland  zu  gebrauchen,  die  volle  Handlungsfreiheit
im  Westen  in  Anspruch  genommen.  Da  brach  es  die  Neutralität  Belgiens,
die  von  England,  wie  Sir  Edward  Grey  sagte,  nicht  zum  Gegenstand  von
Geschäften  gemacht  werden  durfte,  in  Wirklichkeit  aber  von  ihm  mißbraucht
worden  ist,  um  Deutschland  ins  Schach  zu  mansvrieren  und  ihm  das
moralische  Gesetz  aufzuerlegen.  England  hatte  das  Schicksal  Belgiens  und
Frankreichs  in  der  Hand,  als  Fürst  Lichnowmsty  am  1.  August  die  denk.
würdige  Unterredung  mit  Grey  nachsuchte,  in  der  Deurschland  sich  bis  zur
Selbstverleugnung  entgegenkommend  zeigte,  aber  die  britische  Staatskunft
zog  es  vor,  an  einem  Kriege  teilzunehmen,  der  das  Deutsche  Reich  von
vornherein  ins  Unrecht  und  ins  Werderben  zu  segzen  schien,  und  öffnete
damit  Belgien  und  Nordfrankreich  den  Verheerungen  des  Krieges.

„Honour  and  interest“,  Ehre  und  Interesse,  wie  Sir  Edward  Grey
am  6.  August  mit  freier  Stirn  behauptete,  riefen  England  in  den  Kampf.
Seine  Ehre  war  in  dem  engen  Freundschaftsbund  mit  Frankreich  verpfändet,
das  Albion  der  Perfidie  geziehen  hätte,  wenn  ihm  nicht  Beistand  geliehen
worden  wäre;  seine  Interessen  schienen  durch  die  Niederringung  Deutschlands
  gesichert  zu  sein,  an  dessen  Zertrümmerung  die  Entente  nicht  mehr
zweifelte.  Der  größte,  mächtigste  Koalitionskrieg  der  Weltgeschichte  hub  an.

Auf  der  Schwelle  des  Krieges

Der  europkische  Krieg  bot  schon  im  Augenblick,  da  die  forten
des  Janu#bogens  aufflogen,  unergründliche  Fernblicke.  Alle  politischen
Normen,  alle  Erfahrungssätze  über  das  Verhalten  der  Mächte  zu  alten
und  neu  auftauchenden  policischen  und  völkerrechtlichen  Fragen  versagten.
        <pb n="83" />
        Auf  der  Schwelle  des  Krieges  67

Auf  der  Schwelle,  die  vom  europäischen  Forum  in  die  grenzenlose  Weite
dieses  Krieges  führke,  ließ  das  Auge  vollständig  im  Stich.

England,  Frankreich  und  Rußland  glaubten  das  Schicksal  Deutschlands
und  Osterreich-Ungarns  mit  den  Waffen  und  durch  die  Beherrschung  der
Meere  bestimmen  und  ihr  tbergewicht  rasch  und  sicher  aufrichten  zu  können,
Deutschland  und  ÖOsterreich  versuchten  alles,  im  strategischen  Ausfall  die
Einschnürung  zu  lockern,  Bewegungsfreiheit  zu  erstreiten  und  wenigssens
einen  Gegner  niederzuringen.

Als  IJtalien  zu  Beginn  der  Feindseligkeiten  erklärte,  daß  es  neutral
bleiben  werde  und  sich  auf  den  Buchstaben  des  Oreibundvertrages  berief,
der  diese  Stellungnahme  zu  rechtfertigen  schien,  war  die  Lage  Deutschlands
und  ÖOsterreich-Ungarns  vollends  gefährdet.  Am  17.  August  meldete  sich
auch  Japan  zum  Wort  und  stellte  als  Englands  Verbündeter  an  Deutschland
das  Ansinnen,  seine  Kriegsschiffe  aus  den  japanischen  und  chinesischen  Gewässern
  zurückzuziehen  und  bis  zum  15.  September  das  Dachtgebiet  von
Kiautschou  bedingungslos  zu  übergeben.  Zur  Beantwortung  dieser  Aufforderung
  war  eine  Frist  von  drei  Tagen  geseht.  Am  23.  August  erhielt  der
japanische  Geschäfesträger  in  Berlin  den  mündlichen  Bescheid,  daß  die  deutsche
Staatsleitung  auf  die  Forderung  Japans  keinerlei  Antwort  zu  geben  habe
und  ihren  Botschafter  in  Tokio  abberufe.  Dem  japanischen  Geschäftsträger
wurden  die  Dässe  überreicht.  Tsingtau  weihte  sich  dem  Tode.

Hatte  Japan  folgerichtig  und  in  kaltblütiger  Erwägung  der  Umskände
gehandelt,  ohne  eine  größere  Gefahr  laufen  zu  müssen,  so  fand  die  Türkei
den  Mut,  den  Schluß  zu  ziehen,  den  ihr  die  durch  den  europäischen  Krieg
geschaffene  Lage  aufzwang.  Sie  nahm  das  furchtbare  Wagnis  auf  sich,  an
die  Seite  Deutschlands  und  Osterreich-Ungarns  zu  treten.

Ein  Krieg,  in  dem  die  Westmächte  Rußlands  Verbündete  waren,  mußte
die  Türkei  ohne  weiteres  in  Mitleidenschafe  ziehen,  denn  eine  unmittelbare
Verbindung  der  Verbündeten  war  nur  durch  die  Dardanellen  und  den  Bosporus
  möglich.  Es  ist  eine  Jronie  der  Weltgeschichte,  daß  dieselben  Mächte,
die  einst  Rußland  ins  Schwarze  Meer  sperrten  und  ihm  verboten,  die  Meerengen
  für  militärische  Zwecke  zu  benußzen,  nun  alles  daran  sehen  mußten,
den  Werschiffungen  von  russischen  Kriegslieferungen,  der  Durchfahrt  ihrer
eigenen  und  russischer  Kriegsschiffe  die  Enge  zu  öffnen.  Dadurch  wurde  der
Lebensnerv  der  Türkei  getroffen,  denn  die  ungestörte  und  ungefährdete  Beberrschung
  des  Bosporus  und  der  Dardanellen  ist  für  den  Herrn  von  Konstancinopel
  eine  Frage,  die  über  Sein  oder  Nichtsein  entscheidet.

Mochten  die  Balkanstaaten  im  ersten  Augenblick  des  Geschehens  noch
nicht  erkennen,  daß  der  europäische  Krieg  als  gefährlichste  und  folgenschwerste
Frage  die  nach  dem  künftigen  Besicer  der  Dardanellen  und  Konstantinopels
aufwarf,  so  wurde  die  Oünkei  als  Nächstbeteiligter  sofort  von  diesem  Gedanken
  ergriffen  und  handelte  danach,  auf  die  Gefahr,  von  der  Ubermacht
        <pb n="84" />
        68  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

erdruckt  zu  werden.  Sie  wies  die  Forderung  Rußlands  auf  Entlassung  der
deutschen  militärischen  Berater  der  türlischen  Armee,  die  Freigabe  der
Ourchfahrt  für  die  russischen  Kriegsschiffe  ab,  erwarb  die  in  überraschendem
Curchbruch  durch  die  englischen  Geschwader  nach  Konstantinopel  gelangten
deutschen  Panzerschiffe  „Goeben“  und  „Greslau“  und  schloß  die  Dardanellen.
  Am  29.  Okkober  fielen  im  Schwarzen  Meer  die  ersten  Schüsse,  die
das  Ottomanenreich  mit  Rußland  wechselte.

Kurz  darauf  unterschrieben  England  und  Frankreich  einen  geheimen
Vertrag,  der  Konstantinopel  und  die  Dardanellen  den  Russen  zusprach,
einen  Vertrag,  in  dem  England  einen  der  wichtigsten,  wenn  nicht  den  wichtigsten
  Leitsatz  seiner  Policik  preisgab,  um  dafür  alles  an  die  Nieder.
werfung  Deutschlands  zu  secyen.  Durch  die  Balkanstaaten,  die  sich  bis  auf
weiteres  gegenseitig  in  Schach  bielten,  von  ihren  Berbündeten  im  umkämpften
Europa  geschieden,  führte  nun  die  Türkei  den  verzweifelten  Kampf  um  ihren
geschichtlichen  Bestand,  bis  auch  auf  dem  Ballkan  die  künstliche  Ruhe  zerbrach
  und  Bulgarien  das  Zeichen  zum  Eintritt  in  den  europäischen  Krieg
gab.  Es  zerriß  den  Bukarester  Frieden  und  trat  an  die  Seite  Deutschlands
und  Osterreich-Ungarns,  um  sich  Mazedonien  wieder  zu  holen  und  die  große
Landbrücke  von  Deutschland  bis  Kleinasien  sicherzustellen.  Hierzu  konnte
es  indes  nur  gemeinschaftliches  militärisches  Handeln  mit  den  beiden  Mittelmächten
  befähigen.  Deutschland  war  daher  genötigt,  auch  auf  dem  Balkan
zu  kämpfen  und  durch  Serbien  nach  Bulgarien  und  Mazedonien  bis  Konstantinopel
  zu  gelangen,  wo  England  und  Frankreich,  gestützk  auf  ein  geheimes
Abkommen  mit  Wenizelos,  dem  offiziell  Einspruch  erhebenden  griechischen
Ministerpräsidenten,  üÜber  Griechenlands  Neutralität  hinwegschritten,  um
in  Saloniki  Fuß  zu  fassen  und  Serbien  die  helfende  Hand  zu  reichen.
Zuletzt,  als  der  Balkan  sich  immer  mehr  zum  Brennpunkt  der  Kämpfe
entwickelte,  trat  noch  Rumänien  an  der  Seite  der  Entente  in  den  Ring
der  Kriegführenden  und  brach  am  28.  August  1916  unter  Aufsage  alter
Bündnisse  in  Ungarn  ein,  wo  es  die  ungarländischen  Rumänen  und  das
Banat  für  sich  zu  gewinnen  hoffte.  Bis  auf  Norwegen,  Schweden,  Dänemark,
  Holland,  Spanien  und  die  Schweiz  sind  im  Laufe  von  zwei  Jahren
alle  Bölker  Europas  in  den  europkischen  Krieg  verwickelt  worden.  Auch
diejenigen,  die  nicht  unmittelbar  daran  bereiligt  waren,  litten  unter  dem
Kriegsdruck  auf  das  schwerste  und  sahen  sich  als  Neutrale  um  den  Genuß
ihrer  Freiheiten  und  Rechte  verkürzt,  die  von  den  kriegführenden  Parteien,
vornehmlich  von  dem  seebeberrschenden  England,  bis  zur  Verstümmelung
eingeschränkt  wurden,  gegen  die  selbst  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika
vergeblich  Einspruch  erhoben  (71).

Als  Deutschland  den  Krieg  im  Bund  mit  Osterreich-Ungarn  auf  sich
nahm,  war  es  sich  vielleicht  nicht  ganz  bewuße,  in  welchem  Umfang  es  sich
um  einen  Kampf  um  Sein  oder  Nichtsein  handelte.  Noch  lebte  im  deutschen
        <pb n="85" />
        Auf  der  Schwelle  des  Krieges  69

Wolke  das  im  Laufe  der  lezten  Jahrzehnte  gesammelte  und  gesteigerte  Kraft.
und  Machebewußtsein,  das  in  einem  beispiellos  glücklichen  Krieg  entstanden
und  in  einer  Deriode  glänzender  wirtschaftlicher  Entwicklung  zu  voller
Entfaltung  gelangt  war.  Vorgestern  noch  ein  lockerer  Staatenbund,  dessen
einzelne  Glieder  sich  selbst  genügten,  gestern  noch  ein  auf  Festlandspolitik
zugeschnittener  Bundesstaat,  war  das  Deutsche  Reich  über  Nacht  zu  einer
Welemacht  geworden,  die  auf  Gleichberechtigung  im  Rate  der  alten  Weltberren
  England,  Nußland  und  Frankreich  Anspruch  machte,  aber  kein  Gehör
finden  konnte,  weil  die  Welt  bereies  verteilt  war.

Aus  dem  Kriege  um  Weltgeltung  wurde  in  dem  Augenblick  ein  Kampf
um  Sein  oder  Michtsein,  da  England  sein  volles  Gewicht  in  die  Wagschale
warf,  ein  Gewicht,  von  dessen  Größe  und  Schwere  sich  der  Deutsche  nicht
zureichende  Rechenschaft  gegeben  hatte.  England  führte  die  Welt  gegen
Oeutschland  in  den  Kampf,  nachdem  es  sich  entschieden  hatte,  die  neue  kontinentale
  Vormache  zu  erdrücken,  die  ihm  die  Vorherrschaft  streitig  zu  machen
drohte.  Als  Englands  Schwertträger  erschienen  alle  anderen,  obwohl  jeder
für  sich  und  seine  eigenen  Ideale  und  eigenen  Interessen  und  Machtansprüchen
  gehorchend  zu  Felde  zog.

Oas  ist  ein  Triumph  britischer  Staatskunst.  Das  Wort  Napoleons,
daß  England  stets  einen  Degen  auf  dem  Koncinent  suche,  ist  im  europäischen
Kriege  vielfache  Wahrheit  geworden.  Wenn  auch  Rußland  um  den  Ausgang
zum  freien  Meere  und  den  Besig  der  Dardanellen  kämpfte,  Frankreich  sich
Jur  Wiedergewinnung  der  Rheingrenze  erhob  und  Italien  und  Rumänien
ihrem  nationalen  Leben  abgesprengte  Rassengenossen  zuzuführen  suchten,
so  wurden  alle  diese  Bestrebungen  doch  von  dem  Kampfe  Englands  um
Aufrechterhaltung  seiner  Welt.  und  Seeherrschaft  Uberschattet.

In  tragischer  Folgerichtigkeit  vollzieht  sich  in  diesem  Kriege  die
Schwächung  Frankreichs,  nachdem  dieses  seine  alte  Politik  zur  Ruhe  gelegt
und  sich  aus  dem  englisch-französischen  Wettkampf  zurückgezogen  hatte,  um  den
Degen  Napoleons  in  den  Dienst  jenes  immanenten  Grundsagzes  britischer
Politik  zu  stellen,  der  die  Vernichtung  des  Dbergewichtes  der  jeweiligen
koncinentalen  Bormacht  forderte.  Als  diese  war  zu  Beginn  des  zwanzigsten
Jahrhunderts  Deutschland  erwachsen,  das  sich  mit  Österreich-Ungarn  zu
einem  großen  mitteleuropäischen  Machtgebilde  entwickelt  hatte  und  den
britischen  Staatsmänmern  gefährlicher  erschien  als  das  trägere  und  lenksamere
Rußland,  dem  man  in  Ostasien  ohnebin  bereits  einen  Gegner  in  die  Flanke
gesetzt  hatte.

Der  französische  Geschichtsforscher  Sorel  hat  die  Politik  Bonapartes
als  eine  Fortsetzung  der  Staatskunst  der  französischen  Könige  und  ihrer
großen  Minister  aufgefaßt  und  in  der  napoleonischen  Policik  und  den  durch
sie  heraufbeschworenen  Kriegen  den  Wersuch  erblickt,  ein  europäisches  Ge.
samtempire  als  Koalition  gegen  England  zu  gründen.  Ob  man  mun  diese
        <pb n="86" />
        70  Aus  der  Vorgeschichte  des  Krieges

Auffassung  ganz  oder  teilweise  gelten  läßt,  sich  er  ist,  daß  hundert  Jahre
nach  Napoleons  Sturz  ein  englischer  König  dieses  Problem  von  der  entgegengesezten
  Seite  angefaßt  und  auf  friedlicherem  Wege  eine  Koalition  im
Oienste  und  zugunsten  Englands  vorbereitet  hat,  die  kurz  nach  seinem  Tode
zum  größten  aller  Kriege  führen  sollte.

Als  Deutschland  in  diesen  Krieg  bineinging,  belud  es  sich  mit  der
Schuld  des  Bruches  der  belgischen  Neutralität,  zu  der  es  die  Amskände  und
die  Aberlegenheit  britischer  Diplomatie  geführt  hatten.  Da  es  durch  seine
militärgeographische  Lage  gezwungen  war,  sein  Schwert  in  Feindesland
zu  tragen,  erschien  es,  äußerlich  betrachtet,  in  der  Rolle  des  Angreifers.
In  Wirllichkeit  ist  dieser  Krieg  für  Deueschland  der  bitterste  Verteidigungs.
krieg  im  Kampf  um  staatliche  Existenz,  um  Selbstbestimmungsrecht  und  Freibeit
  geworden,  den  je  ein  großes  Volk  geführt  hat.  Dieses  Bewußtsein  ist  im
deueschen  Volke  erst  lebendig  geworden,  als  die  Blätter  des  ersten  Kriegs.
herbstes  von  den  Bäumen  fielen,  und  hat  es  zu  Anstrengungen  befähigt,
die  auch  die  Gegner  zwangen,  in  diesem  Ringen  ihr  Letztes  einzusetzen.

Dadurch  ist  der  Krieg  zu  einer  weltgeschichtlichen  Auseinandersehung
von  unerhörter  Größe  und  nie  gesehener  Furchtbarkeit  geworden.

As  der  europäische  Krieg  entbrannte,  zerrissen  alle  geistigen  Ver.
bindungen  zwischen  den  kriegführenden  Nationen,  gerieten  alle  menschlichen
Beziehungen  in  unheilvolle  Berwirrung.  Das  alte  Europa  wurde  auf  einem
Scheiterhaufen  verbrannt,  zu  dem  die  Wälder,  die  Städte  und  ODörfer
Belgiens,  Frankreichs,  des  Elsasses,  Ostpreußens,  Serbiens,  Polens,  Galiziens,
  Rumäniens  und  die  Obsthalden  Friauls  das  Holz  steuerten.  Ungezählte
  Hekatomben  von  Menschen  sanken  daran  nieder,  über  die  Kornsteppen
des  Ostens  und  die  Kulturstätten  des  Westens  brausten  die  apokalyptischen
Meiter.
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        Die  militärische  Lage  Europas
        <pb n="88" />
        <pb n="89" />
        Allgemeine  Erwägungen

ls  der  europäische  Krieg  entbrannte,  war  die  militärische  Lage  Europas

  seit  Jahren  gegeben.  Vermehrte  Rüstungen  hatten  sie  im
Jahre  1913  nur  schärfer  berausgearbeitet,  ohne  ihre  Grundzüge  zu  ver.
ändern.  Die  diplomatische  Einkreisung  der  Mittelmächte  war  durch  die
milicärische  nahezu  vollendet  worden.

Deutschlands  geographische  Lage  ist  Deutschlands  Schicksal  und  weist
dieses  entwicklungsfähige  Land  wirtschafelich  über  die  Meere,  militärisch
in  die  strategische  Verteidigung.  Im  Herzen  Europas  gelegen,  im  Ossen
von  Nußland,  im  Westen  von  Frankreich  umklammert,  im  Norden  von
Englands  Flotte  in  Schach  gehalten  und  im  Süden  durch  die  Leibeswärme
des  verbündeten  Osterreich-Ungarn  hindurch  vom  eisigen  Atem  des  Balkans
und  der  Adria  angehaucht,  war  Deutschland  gezwungen,  seine  Streitkräfte
in  einem  Koalitionskrieg  nach  zwei  und  drei  Fronten  zu  entwickeln.  Das
mit  ihm  auf  Leben  und  Tod  verbündete  Osterreich-Ungarn  sah  sich  in  gleicher
Lage.  Auch  seiner  wartete  ein  Zweifrontenkrieg,  der  es  im  Osten  mie  dem
Einfall  russischer  Heere,  im  Süden  mit  dem  Vorbrechen  der  serbischen  Armee
und  im  späteren  Verlaufe  des  europäischen  Krieges  mit  einem  Feldzuge
der  Italiener  bedrohte.  Eng  zusammengeschlossen,  konnten  die  beiden  Reiche
ihren  Aufmarsch  zum  Daseinskampf  nur  dann  ungesäumt  und  ungestört
vollziehen,  wenn  sie  trotz  der  Ungunst  der  Binnenlage  nicht  darauf  verzichteten,
  diese  von  sich  aus  zu  ordnen  und  neu  zu  bestimmen  und  dem
exzentrisch  fechtenden  Bundesgenossen,  der  Türkei,  im  gegebenen  Augenblick
die  starke  Hand  zu  reichen  (1).

Ihre  Sereitkräfte  durften  daher  nicht  in  starrer  Verteidigung  verharren,
sondern  mußten  trachten,  an  den  entscheidenden  Stellen  angriffsweise  vorzugehen
  und  den  Krieg  auf  feindliches  Gebiet  zu  tragen.  Dort  galt  es,  den
Willen  des  Gegners  in  hartem  Kampf  zu  brechen.  Nur  so  vermochten  sie
dem  konzentrisch  vom  Amfang  zur  Mitte  vorstrebenden  Angriff  der  Russen
im  Osten,  der  Serben  und  Italiener  im  Süden,  der  Franzosen  und  Engländer
im  Westen  so  zeitig  Naum  und  Bewegung  abzugewinnen,  daß  die  Gefahr
beschworen  wurde,  zwischen  den  von  allen  Seiten  heranrückenden  feindlichen
Armeen  erdrückt  zu  werden.  Es  war,  in  riesenhafte  Verhälenisse  übertragen,
das  Problem,  das  schon  Friedrich  der  Große  vorgefunden  und  mit  übermenschlicher
  Anstrengung  gelöst  hatte.  Auch  er  war  gezwungen  worden,  im
strategischen  Ausfall  Raum  zu  gewinnen,  und  durchbrach  das  Kurfürstentum
Sachsen,  wie  die  Deutschen  im  Jahre  1914  Belgien  durchbrochen  haben,
denn  wie  diese  sah  er  sich  von  einer  Koalition  bedroht,  die  ihn  vollständig
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        74  Die  militärische  Lage  Europas

eingekreist  hatte.  So  ist  auch  Friedrich  im  Jahre  1756  als  Angreifer  erschienen
  und  hat  die  Entrüstung  Europas  auf  sich  gezogen,  als  er  in  das  nach
außen  neutral  gebliebene  Kurfürstentum  Sachsen  einfiel  und  das  sächsische
Heer  zur  Ergebung  zwang.  Auch  damals  gewann  es  den  Anschein,  als
hätte  erst  dieser  Einbruch  die  Gegner  zu  einem  großen,  aus  moralischen
Gründen  geschlossenen  Bündnis  veranlaßt.  Friedrichs  Apologet,  der  Engländer
  Carlyle,  sagt  in  seiner  Geschichte  Friedrichs  des  Großen  davon:

„Die  Größe  seines  Vorgehens  wurde  damals  betrachtet  als  etwas,
das  alle  Berechnung  übersteigt  und  ihn  zum  allgemeinen  Feind  der  Menschbeit
  stempelte,  den  man  teilen,  unterdrilcken  und  fressen  müsse.  Teilt  ihn,
schmälert  ihn,  sagten  die  Großmächte  zueinander  und  sind  nun  geschäftig
wie  nie  zuvor,  Heere  aufzustellen,  zu  neuen  Bündnissen  anzuspornen  und  den
allgemeinen  Heerbann  der  Menschheit  zu  diesem  heilsamen  Iweck  aufzurufen.“

Das  ist  ihnen  im  höchsten  Maße  gelungen  und  hat  Osterreich,  Frankreich,
Rußland,  Schweden  und  den  alten  deutschen  Reichstag  zu  gemeinsamem
Handeln  veranlaßt.  Auch  damals  wurden  die  Heere  der  Koalition  zum
konzentrisch  vom  Umfang  zur  Mitte  vorstrebenden  Angriff  von  Norden,
Osten,  Süden  und  Westen  gegen  Preußen  in  Bewegung  geseyt,  in  der  Absicht,
  den  Krieg  über  Friedrichs  Grenzen  zu  tragen  und  zwischen  dem  Brandenburger
  und  Stralauer  Tor  siegreich  zu  beenden.

So  konnte  auch  im  Jahre  1914  der  Aufmarsch  der  Heere  der  Entente
nach  vernünftigen  strategischen  Erwägungen  nur  aufs  Grund  eines
Feldzugsplanes  geschehen,  der  darauf  ausging,  den  auf  den  inneren
Linien  kämpfenden  Gegner  in  weit  ausholenden  Bewegungen  zu  umfassen,
konzentrisch  anzugreifen,  zu  schlagen  und  den  Krieg  im  Herzen  Deutschlands
  und  Osterreich-Ungarns  zu  beenden.  Erst  wenn  ihnen  dies  unmöglich
werden  sollte,  durften  sie  auf  den  aus  militärischen  Unzulänglichkeiten  geborenen
  Gedanken  eines  Abnützungs-  und  Aushungerungskrieges  verfallen,
indem  sie  befestigte  Linien  errichteten  und  eine  Belagerung  Mitteleuropas
einleiteten,  bis  die  eingekreisten  Mittelmächte  dem  Druck  und  der  Abschnürung
erlagen.  Doch  war  dies  ein  Verfahren,  das  den  Keim  des  Mißlingens  in
sich  trug,  weil  dem  innen  Stehenden  dadurch  die  Zertrümmerung  des  Um.
fassungsringes  durch  den  Angriff  an  entscheidender  Stelle  versammelter
Kräfte  ermöglicht  wurde.  Glückte  das,  so  mußten  die  auf  den  äußeren  Linien
fechtenden  Ententemächte  ihre  Vereinigung  exzentrisch  zu  vollziehen  suchen.
Statt  sich  im  Herzen  Deutschlands  und  des  Donaureiches  zu  begegnen,  mußten
sie  die  Berbindung  durch  die  Dardanellen  und  Über  Konstantinopel  herstellen.

Die  moderne  Entwicklung  hat  den  Krieg  aus  einem  Duell  lleinerer
oder  größerer  Berufsarmeen  zu  einem  Ringen  von  Nationen  gemacht,  die
sich  nicht  nur  in  den  von  ihnen  aufgestellten  BVolksheeren  bekämpfen,  sondern
auch  in  ihrem  wirtschaftlichen  Lebensnerv  zu  treffen  suchen.  Deshalb  ist
die  Freihaltung  und  Sicherung  des  nationalen  Wirtschafesgebietes  eine
        <pb n="91" />
        Allgemeine  Erwägungen  75

wesentliche  Bedingung  des  Erfolges.  Das  trifft  in  besonderem  Maße  auf
Oeutschland  und  Osterreich-Angarn  zu,  da  diese  Länder  im  Krieg  mit  England,
  Frankreich  und  Nußland  vom  Meere  abgeschnicten  werden.  Sie  gehen
somit  der  Einfuhr  aus  überseeischen  Ländern  und  bei  rücksichesloser,  die
Rechte  der  Neutralen  aufhebender  Kriegführung  Englands  auch  des  Güter.
austausches  neutraler  Länder  verlustig  und  bleiben  auf  sich  selbst  und  ihre
eigenen  Erzeugnisse  angewiesen.  Um  so  wichtiger  mußte  es  daher  den  verbündeten
  Heeresleitungen  Deutschlands  und  Osterreich-Ungarns  erscheinen,
den  Kampf  nicht  innerhalb  der  eigenen  Grenzen  zu  erwarten,  sondern  auf
das  feindliche  Wirtschafes  gebiet  zu  tragen.  Nur  so  konnte  das  eigene  Ackerland,
  konnten  Bergwerke  und  Fabriken,  alle  Schäte  über  und  unter  der
Erde  unversehrt  erhalten  und  der  Verteidigung  dienstbar  gemacht  werden.
Mußten  doch  120  Millionen  Menschen  von  der  Scholle  leben,  auf  der  sie
wohnten,  wenn  England  die  Meere  sperrte.

Einer  Sicherung  des  deutschen  und  ssterreichisch-ungarischen  Wirtschaftögebietes
  standen  jedoch  große  Schwierigkeiten  entgegen.  Offen  lagen
die  deutschen  und  österreichischen  Grenzen  gegen  Osten.  Keine  natürliche
Schranke  ermöglichte  es,  den  Feind  mit  leichter  Hand  abzuwehren.  So
erschien  Ostpreußen  von  Memel  bis  Thorn  dem  Anprall  russischer  Heeres.
massen  preisgegeben.  Erst  die  preußische  Weichsellinie  bot  einbrechenden
Reitergeschwadern  Halt.  Auch  das  österreichische  Kronland  Galizien
lag  gegen  Osten  ohne  Schug.Seine  fruchtbare  Niederung  dehnte  sich  Über
Lemberg  und  Tarnopol  offen  ins  Weite.  Erst  der  Sanfluß  bildete  im  Nord.
westen  eine  Verteidigungsskellung.  Alles  Land  ösllich  des  Flusses  und  des
Karpathenwalles  konnte  daher  nur  durch  einen  glücklichen  Angriffsfeldzug
behauptet  werden.  War  dies  unmöglich,  so  mußten  die  Karpathenpässe,
die  Beskidenlücke  und  die  Mährische  Senke  mit  den  Leibern  von  Hunderttausenden
  angefüllt  werden,  um  den  übermächtigen  Feind  zu  stellen.  Sonst
wurde  der  Krieg  durch  Einbruch  der  russischen  Heeresmassen  in  Schlesien
und  Ungarn  als  Wüstungskrieg  entschieden  und  endete  mit  dem  Untergang
der  Uberrannten,  die,  auf  den  inneren  Linien  zusammengedrängt,  Kraft  und
Bewegungsfreiheit  verloren.

Die  Russen

Ungleich  günstiger  erschien  die  russische  Verteidigungslinie,  die  durch
den  Mittellauf  der  Weichsel  bestimmt  wurde  und  Polen  als  ein  riesiges
Glacis  erscheinen  ließ.  So  war  das  Vortragen  russischer  Flügelangriffe  auf
Ostpreußen  und  Galizien  von  vornherein  gesichert.  Der  russische  Geldzugs.
plan  war  auch  wohl  von  Anfang  an  auf  Verteidigung  an  der  polnischen
Weichsel  gegründet  und  gab  das  westliche  Polen  preis,  da  eine  Borbewegung
in  der  Mitte  Flankenstößen  von  Westpreußen  und  Galizien  her  ausgesetzt
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        76  Die  militärische  Lage  Europas

war.  Das  strategische  Eisenbahnnetz,  das  die  Russen  hinter  der  Weichsel  angelegt
  hatten,  wies  mit  seinen  vorzüglichen  Längsverbindungen  deutlich  auf
Flügeloperationen  hin.  Man  beabsichtigte,  von  Warschau  bis  Iwangorod
eine  Verteidigungslinie  zu  schaffen,  die  den  Aufmarsch  der  russischen  Heere
vollständig  sicherstellte  und  allen  Verschiebungen  nach  den  Flügeln  weitesten
Spielraum  ließ.  Noch  bis  zum  Jahre  1910  waren  die  russischen  Operations.
pläne  auf  die  Versammlung  des  Heeres  hinter  dem  Bug  gestimmt,  da  sich
die  russische  Armee  von  dem  mandschurischen  Feldzug  noch  nicht  erholt  hatte
und  der  Versammlungsraum  nicht  zu  fern  von  Moslau  gesucht  werden
sollte.  In  diesem  Falle  war  eine  russische  Angriffsbewegung  erst  drei  Monate
nach  der  Kriegserklärung  zu  erwarten  und  die  befestigte  Weichsel,  und  Narew.
linie  mehr  zur  Berkeidigung  als  zum  Ausfall  bestimmt.  Auch  in  diesem
Fall  aber  wies  der  russische  Angriff  nach  Nordwesten  und  Südwesten  und
mußte  durch  eine  exzentrische  Borbewegung  auf  den  Flügeln  die  Entscheidung
in  Preußen  und  Galizien  zu  erringen  suchen.  Seit  dem  Jahre  1911  wuchs
die  Zuversicht  der  russischen  Heeresleitung  auf  einen  Angriffsfeldzug,  und
man  begann  nun  den  polnischen  Aufstellungsraum  zwischen  Weichsel,
Njemen  und  Bug  als  die  gegebene  Ausfallstellung  zu  betrachten  und  mit
französischem  Gelde  als  solchen  auszubauen.

Im  Jahre  1913  verdichteten  sich  diese  Absichten  zu  einem  Feldzugsplan,
der  eine  rasche  Bersammlung  des  Heeres  und  einen  überwältigenden  Angriff
auf  den  Flügeln  vorsah.  Zu  diesem  Iweck  mußte  man  auf  einen  weiteren
Ausbau  des  Eisenbahnneyes  nördlich  der  Weichsel  und  an  der  Südwestgrenze
gegen  Galizien  und  die  Bukowina  bedacht  sein.  Doch  waren  dazu  noch  nicht
alle  Anstalten  getroffen,  als  der  große  Krieg  ausbrach.

Es  ist  anzunehmen,  daß  im  Jahre  1913  zwischen  Frankreich  und  Ruß.
land  für  den  Fall  eines  Krieges  Abmachungen  getroffen  wurden,  welche  dem
russischen  Heere  eine  raschere  Bereiestellung  und  einen  noch  weiter  nach  vorn
verlegten  Aufmarsch  zur  Bundespflicht  machten.  Die  Gewährung  einer
neuen  Milliardenanleihe  war  von  Frankreich  ausdrücklich  an  die  Erfüllung
dieser  Bedingung  geknüpft  worden.  Deurschland  sollte  nicht  in  die  Lage
kommen,  seine  gesamten  Streitkräfte  gegen  Frankreich  zu  schleudern  und
dieses  nieder  zuringen,  ebe  die  russische  Armee  mit  versammelten  Kräften  im
Felde  erschien.  Waren  auch  die  Eisenbahnbauten  in  den  Räumen  Lublin,
Krasnik,  Mlawa  und  Wloclawek,  die  diesem  Iwecke  zu  dienen  hatten,  bei
Ausbruch  des  Krieges  noch  nicht  ausgeführt,  so  hatte  die  russische  Heeresverwaltung
  doch  schon  im  Frieden  beträchtliche  Verschiebungen  und  Verstärkungen
  der  polnischen  und  wolhynischen  Streitkräfte  vorgenommen.
Das  militärische  Schwergewicht  wurde  dadurch  so  greifbar  an  die  Wesl.
grenze  des  russischen  Reiches,  und  zwar  deutlich  erkennbar  in  der  Richtung
gegen  die  preußische  Weichsellinie  und  die  galizische  Grenze  verlegt,  daß  daraus
im  Kriegsfalle  der  entschiedene  Angriffswille  gefolgert  werden  mußte  (2).
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        Die  Russen  77

Wie  sich  im  Verlaufe  des  Krieges  ergab,  war  die  Vereitstellung  der
russischen  Armee  eine  viel  größere,  als  vermutet  worden  ist.  Die  russischen
Heere  waren  entschlossen,  die  Scharte  auszuwehen,  die  sie  in  Ostasien  erlicten
hatten.  Die  Armee  kämpfte  diesmal  nicht  gegen  einen  exotischen  Gegner,
der  weitab  von  ihrer  Grundstellung  und  außerhalb  ihres  Gedankenkreises
wohnte  und  in  einem  Kolonialfeldzug  bekämpft  werden  mußte,  sondern  zog
gegen  den  großen  Feind  im  Westen  zu  Feld,  der  sich  der  Ausbreitung  des
panslawistischen  Ideals  entgegenstellte  und  dem  Volke  als  „Schulmeister"
verhaßt  war.  Das  russische  Heer  führte  diesen  Krieg  als  Kontinencalkrieg
und  im  vollen  Besig  seiner  riesigen  Grundstellung,  von  der  es  auch  im
Unglück  nicht  abgedränge  werden  konnte.  Diese  Grundstellung  war  zur
Verteidigung  und  zum  Angriff  in  gleicher  Weise  geeignet  und  in  der  Raumtiefe
  weichin  verschiebbar.

Auch  den  Festungen,  die  zum  Teil  weiträumige  Lager  darstellten,  war
von  seiten  der  Russen  vor  dem  Kriege  vermehrte  Aufmerksamkeit  gewidmet
worden.  Bom  Njemenknie  bis  zur  Mündung  des  San  in  die  Weichsel  zog
sich  eine  nacürliche  Sperre  von  Flüssen,  Sümpfen  und  Brüchen,  die  durch
Festungen  und  Forts  verkettet  wurde  und  zur  Versammlung  gewaltiger
Angriffsheere  wie  zur  Aufnahme  zurückgehender  Armeen  in  gleichem  Maße
dienlich  waren.  Kowno,  Olita  und  Grodno  am  Njemen,  Ossowiez  am  Bobr,
Lomca,  Ostrolenka,  Pultusk  und  Nowo-Georgiewsk  am  Narew  wirkten
als  Ausfalltore  oder  Zufluchtsorte,  je  nachdem  der  Angriff  gegen  Ostpreußen
vorgetragen  werden  sollte  oder  eine  geschlagene  Armee  wieder  aufsgenommen
und  vor  dem  nachdrängenden  Feinde  gesichert  werden  mußte.  Im  Zusammenhange
  der  russischen  Gesamtfront  gewann  die  Linie  Kowno—Nowo-Georgiewsk
  die  Bedeutung  einer  starken  Verteidigungsflanke,  welche  einem
siegreich  aus  Ostpreußen  vorbrechenden  Gegner  verbot,  die  polnische  Weichsel.
linie  zu  umfassen  und  in  die  russischen  Ostseeprovinzen  einzufallen.  Die
polnische  Mittelskellung  sprang  als  mächtige  Bastion  gegen  Westen  vor,
Warschau  und  Iwangorod  bildeten  die  mächtigen  Ausfalltore  dieser  Haupt.
front.  Hinter  ihnen  erschien  Brest.Litowstk  als  die  gegebene  Grundstellung
und  Wegspinne,  wo  sich  die  Radiallinien  des  strategischen  Eisenbahnnetzes
trasen.  Im  Süden  deckte  das  wolhynische  Festungsdreieck  den  Aufmarsch
vor  Kiew  und  den  Weg  nach  Odessa,  während  das  um  Ostgalizien  herumgreifende
  Beßarabien  Gelegenheit  zu  Flankenbewegungen  bot.

In  diesem  weitgespannten,  aber  von  einem  reichen  Bahnneg  durchflochtenen
  Raume  vollzog  sich  die  Versammlung  des  russischen  Heeres.
Eine  starke  Angriffsgruppe  wurde  bei  Kowno  und  die  zweite  bei  Kiew
versammelt,  und  zwar  alles  schon  so  zeitig  bewegungsfähig,  daß  der  Auf.-marsch
  in  kurzer  Frist  bewerkstelligt  werden  konnte.

Die  Stärke  der  russischen  Feldarmee  hatte  sich  schon  zu  Friedenszeiten
der  Berechnung  entzogen.  Mit  1  320  000  Köpfen  wurde  sie  für  das  euro-
        <pb n="94" />
        78  Die  militärische  Lage  Europas

päische  Rußland  eher  zu  gering  als  zu  hoch  angeschlagen.  Der  Ausbau  der
sibirischen  Bahn  und  der  kaukasischen  Verbindungen  erlaubte  indes  der
russischen  Heeresleitung,  auch  über  die  asiatischen  Korps  zu  verfügen.  Schon
in  den  lehten  Jahren  vor  dem  Kriege  waren  sibirische  und  kaukasische  Regimenter
  zu  Manövern  im  Westen  aufgeboten  und  dann  in  européischen  Standorten
  belassen  worden.  Wenige  Wochen  nach  Kriegsbeginn  erschienen  die
ersten  Staffeln  asiatischer  Korps  auf  den  Schlachtfeldern  der  Ukraine  und  in
Masuren.  Ussuriregimenter  und  Amurkosaken  aus  dem  zußersten  Osten
Asiens  ricten  schon  im  Frühling  des  Jahres  1915  in  Kurland  gegen  bayerische
und  hessische  Schwadronen  an.  Oie  Stärke  des  russischen  Feldheeres  im
europäischen  Kriege  kann  einschließlich  der  Reserven  erster  Linie  auf  mehr
als  5  Millionen  geschätzt  werden,  von  denen  2  Millionen  schon  im  August
verfügbar  waren.  Später  traten  noch  Landsturmgliederungen  und  Rekruten
binzu,  die  die  Gesaméstärke  weiter  erhöhten,  aber  nicht  mehr  die  Leistungs.
fähigkeit  der  Feldtruppen  besaßen.  Es  ist  anzunehmen,  daß  Rußland  mehr
als  12  Millionen  Menschen  unter  die  Waffen  gerufen  hat.

Die  Kriegsgliederung  dieser  gewaltigen  Masse  entzieht  sich  noch  unserer
Kennenis.  Wortrefflich  ausgerüfstet,  reich  mie  Artillerie  versehen,  von  jenem
unterwürfigen  Gehorsam  erfüllt,  den  die  russische  Armee  zu  allen  Zeiten  bewährt
  hat,  rückie  sie  in  den  Kampf.  Allerdings  kein  wissendes,  von  seelischem
Schwung  beflügeltes  Heer,  wohl  aber  ein  dauerhaftes  Kriegswerkzeug  in  der
Hand  rücksichtsloser  Führer,  das  Erfolg  und  Sieg  inmerlich  nicht  stark  miterlebt,
aber  gegen  Verluste  und  Niederlagen  in  hohem  Maße  unempfindlich  ist.  Den
Oberbefehl  erhielt  zunächst  Rikolai  Nikolajewitsch,  des  Kaisers  Obeim;  als
Chef  des  Generalstabs  wirkte  General  Januschkewitsch.  Im  November  1914
standen  10  Armeen  im  Felde,  die  über  50  Armeekorps  und  zahlreiche  Reserve.
divisionen  umfaßten.  Obwohl  jede  einzelne  Armee  von  einem  Armeeoberkommando
  geleitet  wurde,  übte  der  Großfürst  doch  eine  durchgreifende  Befeblsgewalt
  aus,  die  den  Stempel  seiner  starken,  gewalttätigen  Persönlichkeit
trug.  Er  war  schon  vor  dem  Kriege  zum  Führer  der  russischen  Streikkräfte
bestimmt  gewesen  und  hacte  die  Fäden  knüpfen  helfen,  welche  die  russische
Heeresleitung  mit  der  französischen  so  eng  verbanden,  daß  ein  gemeinsamer
Feldzugsplan  aufgestellt  werden  konnte,  ehe  noch  der  Mord  von  Serajewo
die  Welt  erschütterte.  Dieser  Feldzugsplan  rief  die  Russen  nach  Schlesien
und  Mähren  und  in  die  ungarische  Tiefebene.  Standen  sie  an  der  Theiß,  so
sollten  ihnen  die  Serben,  aus  ihrer  Flankenstellung  vorbrechend,  die  Hand
reichen.

Die  Rumänen
Zwischen  der  Ostrampe  der  Karpathen  und  dem  serbischen  Bergland

besaß  Osterreich-Ungarn  eine  gesicherte  Ruhestellung,  solange  Rumänien
nicht  auf  die  Seite  der  Entente  trat.  Die  siebenbürgischen  Täler  boten  den
        <pb n="95" />
        Die  Rumänen  79.

österreichischungarischen  Armeen  guten  Schutz  und  waren  selbst  durch  die
schwer  zugänglichen  Pässe  der  Transsylvanischen  Alpen  von  der  Moldau
und  der  Walachei  geschieden.  Von  Dornawatra  bis  zum  Eisernen  Tor  zog
sich  die  schützende  Gebirgskette.  Tief  eingeschnittene  Flüsse  durchbrachensie
  und  bildeten  Engen,  die  leicht  zu  verkeidigen  waren.  Die  Goldene  Bistritz,
der  Trotusu,  der  Usu,  der  Oitoz,  der  Buzeu,  die  Prahova,  der  Arges,  der-Ale
  und  der  Julfluß  hatten  sich  ihren  Weg  zur  Donau  gegraben  und  bildeten.
ebensoviele  Ausgänge  zu  den  großen  Ebenen  der  Moldau  und  der  Walachei,
wo  der  goldene  Korn-  und  Maisboden  Rumäniens  gebreitet  lag.  Trat
NRumänien  auf  seiten  der  Mittelmächte  in  den  Kampf,  so  bedrohte  es  inder
  Grundstellung  zwischen  Bukarest  und  Galah  und  in  der  Norddobrudscha
zwischen  Harsova  und  Tulcea  die  beßarabische  Flanke  der  Russen.  Gegen
russische  Angriffe  war  es  gut  geschützt,  da  die  Serethlinie  von  Focsani  bis
Galatz  und  die  Donaumündung  von  Galag  bis  Sulina  mit  Befestigungen
versehen  waren,  die  die  Front  gegen  Beßarabien  kehrten.  Auch  die  Zentralfestung
  Bukarest,  die  nach  Brialmonts  Grundsätzen  angelegt  war,  kehrte
die  Hauptfcont  gegen  Osten  und  bildete  den  Rückhalt  einer  zwischen  Jalomita
  und  Sereth  aufmarschierenden  rumänischen  Armee.  Trat  Numänien
hingegen  auf  seiten  des  Verbandes  in  den  Krieg  ein,  so  wurden  die  strategischen
  Verhältnisse  mit  einem  Ruck  auf  den  Kopf  gestellt.  Dann  geriet
Bukarest  näher  an  die  Peripherie,  und  die  befestigte  Sereekhlinie  wurde  zur
Aufnahmestellung  einer  in  der  Walachei  geschlagenen  Armee.  Zugleich
wurde  NRumänien  durch  diesen  Frontwechsel  in  einen  Zweifrontenkrieg
verstrickt.  Zwischen  Ungarn  und  GBulgarien  eingeklemmt,  war  es  nicht  im.
stande,  seine  Kräfte  zusammenzuhalten,  sondern  mußte  sich  darauf  gefaßt
machen,  die  weitgespannte  Ellipse  der  Walachei  auf  der  siebenbürgischen
Front  und  an  der  Donauflanke  zu  verteidigen,  wenn  die  Gegner  zum  Angriff
schrieten.  Dann  blieb  ihm  nichts  übrig,  als  die  Ueine  Walachei  preiszugeben
und  im  Raum  Bukarest  eine  Schlacht  anzunehmen.  Werlor  es  diese,  so
mußte  die  Armee  darauf  gefaßt  sein,  sich  nach  der  Moldau  zurückzuziehen.
Gewiß  war  auch  eine  glückliche  Angriffsbewegung  denkbar,  die  über  die
Alpenpässe  in  Siebenbürgen  einbrach  und  die  österreichisch-ungarische  Karpathenfront
  aufrollte,  aber  zu  einer  solchen  bedurfee  es  sehr  starker  Kräfte
und  entschiedener  Rückenfreiheit.  Es  lag  nicht  in  der  Macht  Rumäniens,
diese  Angriffskräfte  allein  aufzubringen,  denn  dazu  war  die  gesamte  rumänische
  Armee  erforderlich,  so  daß  es  an  einer  Generalreserve  und  einer  Verteidigungsarmee
  an  der  Donau  und  in  der  Dobrudscha  gemangelt  hätte.
Rumänien  war  also  in  diesem  Falle  auf  den  Einmarsch  einer  starken  russischen
Aermee  angewiesen,  die  zwischen  dem  Buzeufluß  und  der  Jalomita  eine-Reservestellung
  einnehmen  und  die  Dobrudschaflanke  verstärken  mußte.
Aussichtsvoller  als  ein  Angriffsfeldzug  in  Siebenbürgen  war  in  jedem
Falle  eine  Offensive  gegen  Süden.  Hier  hatte  man  sich  ja  durch  den  Buka-
        <pb n="96" />
        80  Die  militärische  Lage  Europas

rester  Frieden  eine  Ausfallstellung  geschaffen  und  zwischen  Tutrakan  und
Oobric  einen  breiten  Heerweg  geöffnet,  der  unmittelbar  ins  Herz  Bul.
gariens  und  nach  Adrianopel  führte.  In  jedem  Falle  aber  galt  es,  die  Donauflanke
  und  die  brückenkopfartige  Dobrudschastellung  gegen  eine  Bedrohung
von  Wulgarien  her  zu  sichern,  denn  diese  konnte  den  rumänischen  Feldzug
schon  zu  Beginn  um  den  Erfolg  betrügen  und  das  600  000  Mann  starke
Rumänenheer  hindern,  mit  versammelten  Kräften  zu  schlagen.  Als  Rumänien
  am  27.  August  1916  an  der  Seite  der  Entente  in  den  Krieg  eintrat,
glaubte  es  die  Entscheidung  zugunsten  des  Vierverbandes  in  den  Händen
zu  tragen.  AUm  diese  Zeit  hatte  sich  das  militärische  Schicksal  des  benachbarten
  Serbiens  bereits  erfüllt,  aber  die  rumänischen  Strategen  hatten  niches
daraus  gelernt.

Bulgaren  und  Türken

Wesentlich  günstiger  als  die  Lage  Rumäniens  war  die  der  Bulgaren,
die  im  Anschluß  an  die  Mittelmächte  militärische  Bewegungsfreiheit  fanden,
um  gegen  Serbien  und  gegen  Rumänien  zu  Felde  zu  ziehen.  Sie  waren
sogar  imstande,  gegen  zwei  Fronten  zu  kämpfen  und  sich  in  Mazedonien  einer
von  der  Grundlinie  Kavalla—Saloniki  ausgehenden  Bedrohung  zu  erwehren,
  da  die  Türkei  ihnen  Rückenfreiheit  sichern  konnte.  Sobald  Serbien
einem  allgemeinen,  von  dem  Amfang  zur  Mitte  zielenden  Angriff  der  Mittelmächte
  und  Bulgariene  erlag,  ohne  daß  es  den  Westmächten  glückte,  recht.
zeitig  in  Mazedonien  und  Albanien  zu  landen,  war  Bulgarien  der  Gefahr
einer  Einkreisung  entronnen.  Die  Herstellung  der  Verbindung  zwischen  der
Türkei  und  Deutschland,  die  Beherrschung  der  Linie  Berlin—Belgrad—
Sofia—Konstantinopel  war  für  die  Zeneralmächte  und  ihre  Verbündeten
eines  der  Haupterfordernisse  strategischen  Gedeihens.  Die  bulgarische  Armee,
die  in  zwei  Kriegen  erprobt  worden  war  und  ihre  Fahnen  im  Gefühle  un.
gesättigter  Rache  eingerollt  hatte,  war  ein  gefährlicher  Gegner,  doppelt
gefährlich,  wenn  sie  auf  eigenem  Boden  kämpfte  und  die  Volkskrafe  Mazedoniens
  in  ihre  ODienste  stellen  konnte.  In  der  Stärke  von  12  Oivisionen
und  reichlich  mit  Artillerie  versehen,  bildete  sie  eine  Kraftgruppe,  deren
Gewi,cht  durch  die  Verwendung  auf  den  inneren  Oinien  rasch  zur  Geltung
kommen  und  durch  Zuzug  deutscher,  österreichisch-ungarischer  und  krürkischer
DTruppen  bedeutsam  vermehrt  werden  konnte.

Ihr  alter  Gegner,  die  türkische  Armee,  hatte  die  Lehren  des  Balkankrieges
  beherzigt  und  eine  Erneuerung  an  Leib  und  Seele  erfahren.  Als  sie
im  europäischen  Kriege  zum  Kampf  aufgerufen  wurde,  befand  sie  sich  zwar
noch  in  der  AUmbildung,  war  aber,  was  Ourchbildung  des  Offizierkorps
und  Mannschaftsersag  betrifft,  erheblich  kriegstüchtiger  als  im  Jahre  1913.
Nur  die  Ausrüstung  ließ  zu  wünschen  übrig  und  reichte  nicht  hin,  die  Volks.
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        Serben  und  Montenegriner  81

kraft  Anatoliens  vollständig  auszunützen.  Doch  gelang  es  der  Türlei  alsbald,
800  000  Mann  aufzustellen,  die  die  Lebenspunkte  des  türkischen  Reiches
im  armenischen  Hochland,  in  Mesopotamien,  auf  der  Sinoihalbinsel,  in
Sprien  und  an  den  Dardanellen  sowie  am  Bosporus  deckien  und  in  der
Verschmelzung  des  militärischen  Wollens  mit  dem  des  strategisch  führenden
Deutschland  die  Kraft  fanden,  im  Laufe  der  Jahre  weitausstrahlende  Feldzüge

  zu  führen.
Serben  und  Montenegriner

Zuallererst  war  Serbien  vom  Kriege  erfaßt  worden.  Das  Land  hatte
seine  Mobilmachung  schon  unter  der  diplomatischen  Bedrohung  durch
Osterreich--Ungarn  vollzogen  und  war  am  228.  Juli  1914  zur  Aufstellung
seiner  ganzen  Heeresmacht  geschriteen.

Als  natürliche  Bergfestung  steigt  das  serbische  Land  von  den  Lfern
der  Drina,  Save  und  Donau  empor.  Wohl  lag  die  Hauptstade  Belgrad
scheinbar  ausgesetzt  als  verlorener  Dosten  an  der  Peripherie  des  Landes,
aber  Donau  und  Save  breiteten  sich  schützend  davor  aus.  Das  serbische
tfer  überhöht  die  Donauebene  beträchelich,  und  schmal  angeseczte  Versuche,
die  Stromschranke  zu  überschreiten,  mußten  auf  erfolgreichen  Widerstand
rasch  versammelter  Kräfte  am  ULfer  oder  vor  den  Gebirgstoren  des  inneren
Landes  stoßen.  Einbrüche  in  Serbien  boten  nur  dann  Aussicht  auf  Erfolg,
wenn  die  Aufmerksamkeit  des  Verteidigers  abgelenkt  und  der  Übergang
über  die  Ströme  an  verschiedenen  Stellen  und  mit  starken  Kräften  erzwungen
werden  konnte.

Die  taktischen  Bedingungen  waren  für  die  Angriffsbewegungen  überall
ungünstig.  Wo  die  wilde  Drina  von  Süden  nach  Norden  zur  Save  fließt
und  die  Westkgrenze  Serbiens  gegen  Bosnien  und  Kroatien  bildet,  ist
unwegsames,  gebirgiges  Gelände.  Wo  Orina  und  Save  sich  vereinigen  und
der  Strom  nun  in  breiter,  nach  Süden  offener  Schleife  den  Weg  ostwärts
zur  Donau  sucht,  steigt,  diese  Stromschleife  ausfüllend,  das  Gebiet  der
Macva  an  und  schiebt  sich  als  eine  natürliche  Günette  von  riesenhaften  Verbältnissen
  gegen  die  ungarische  Tiefebene  vor.

Ebenso  erscheint  das  Bergland  von  Belgrad  hinter  dem  Mündungs.
gebiet  von  Save  und  Donau  als  gewaltige  Außenfeste  aufgebaut.  Ostlich
von  Belgrad  mündet  die  große  Morava,  deren  Tal  als  Einfallsweg  ins
Innere  des  Landes  führt,  zugleich  aber  die  gegebene  Zentralstellung  der
serbischen  Armee  bildete.  Diese  besaß  daneben  auf  den  Höhen  des  Erzgebirges
nordwestlich  von  Kragujevac  und  nördlich  von  Kraljewo  eine  Flankenstellung,
an  der  nicht  vorbeigegangen  werden  konnte.  Standen  die  Serben  hier  und
in  der  großen  Dalscharte  zwischen  Kragujevac  und  Misch  versammelt,  so
konnten  sie  je  nach  Amständen  aus  der  Verteidigung  zu  mächtigem  Gegenstoß

Stegemanne  Geschichee  des  Krieges.  I.  6
        <pb n="98" />
        82  Die  militärische  Lage  Europas

vorbrechen  und  das  Innere  mit  Nisch  als  Kriegshauptstadt  gegen  Norden
vollständig  sicherstellen.  Nur  ein  vielfältiger  Übergang  über  die  Donau
von  Sabac  bis  Orsova  am  Eisernen  Tor  und  Durchführung  dieser  Angriffs.
bewegung  bis  ins  Timoktal  und  in  den  Rücken  der  Zentralstellung  von
Kragujevac—Misch  war  geeignet,  die  serbische  Verteidigung  zu  erschüttern
und  bei  vollem  Gelingen  aus  den  Angeln  zu  heben.  Aber  auch  das  war  eine
gewagte  Unternehmung,  denn  die  Schwierigkeiten,  welche  das  Gelände  bot,
und  die  Festigkeit  der  serbischen  Nordfront  machten  selbst  die  Aberwindung
von  mir  50  Kilometern  Enefernung  zu  einer  blutigen  Kriegshandlung.
Anders  lagen  die  Perhältnisse,  wenn  der  konzentrische  Angriff  auch  von
Osten  her  unterstützt  wurde  und  ein  bulgarisches  Heer  gegen  Zajecar,  Nisch
und  Branje  vorrückte.  Daran  war  zu  Beginn  des  Krieges  jedoch  noch  nicht
zu  denken.

Hinter  den  natürlichen  Ausfalls.  und  Befestigungslinien  ihres  Landes
versammelte  sich  nun  die  serbische  Armee.  Siegreich  aus  zwei  Kriegen  hervorgegangen,
  besaß  sie  trotz  der  schweren  Werluste,  die  sie  besonders  im  mazedonischen
  Feldzug  gegen  Bulgarien  erlitten  hatte,  eine  große  Stoßkraft
und  siellte  300  000  Mann  abgehärteter,  tapferer  Truppen  unter  tüchtigen
Offizieren  ins  Feld.  Den  Oberbefehl  führte  der  Thronfolger  Alexander,
dem  als  Chef  des  Generalstabs  der  Woiwode  Dutnik  beigegeben  war.  Die
Regierung  war  ins  Innere  des  Landes  nach  Misch  verlegt  worden.  Man
bereitete  sich  vor,  den  österreichischungarischen  Angriff  mit  der  Hauptmacht
in  einer  rückwärtigen  Stellung  zu  erwarten,  aus  der  man  mit  überlegenen
Kräften  gegen  einen  beliebigen  Punkt  der  Peripherie  vorbrechen  konnte.
Belgrad,  Sabac,  Semendria  und  die  wichtigsten  Anmarschlinien  wurden
durch  Artillerie  gedeckt  und  das  Lfergelände  von  schwächeren  Kräften
besegt,  welche  die  Abergänge  der  Ströme  beobachteten.  Das  ganze  Wolk
war  bereit,  sich  mit  allen  Mieteln  am  Kampf  um  Serbiens  Gestand  und
Zukunft  zu  beteiligen.  An  einen  allgemeinen  Vormarsch  dachte  man  in
Serbien  jedoch  erst  dann,  wenn  der  große  Alliierte  im  Norden  siegreich  in
AUngarn  eingefallen  war.

Die  Montenegriner  trugen  schon  zu  Anfang  des  Krieges  die  Feind.
seligkeiten  auf  das  Gebiet  der  Herzegowina,  waren  aber  bei  ihrer  geringen
Stärke  —  sie  mochten  wenig  über  40  000  Mamn  ins  Feld  stellen  —  nicht  in  der
Lage,  eine  geregelte  Kriegführung  zu  unterhalten.  Sie  mußten  sich  mit
Bandenkämpfen  begnügen,  die  ihnen  flüchtige  Erfolge  und  gute  Beute
einbrachten,  und  waren  auf  die  Zufuhr  von  Mund-  und  Schießbedarf  aus
Italien  und  Serbien  angewiesen.

Da  das  Land  der  Schwarzen  Berge  von  der  See  abgeschnitten  und
auf  dem  Festland  von  feindlichem  Gebiet  umklammert  oder  an  notleidende
Verbündete  gekettet  war,  so  gerieten  die  Montenegriner  schon  zu  Beginn
des  Krieges  in  Schwierigkeiten,  die  ihre  Kriegführung  lähmten.  Der  Ning
        <pb n="99" />
        Die  Italiener  83

der  Außenstehenden  wurde  hierdurch  nicht  geschwächt,  denn  die  Sperrung
der  Wege  über  den  Lovcen,  die  Schlüsselstellung  des  Berglandes,  genügte,
den  Osterreichern  und  ihren  Verbündeten  den  Ausgang  zur  albanischen  Küste
zu  verlegen  und  die  Adria  österreichischer  Aufsicht  zu  entziehen.

Die  Italiener

Solange  Italien  die  Neutralität  bewahrte,  war  die  Südwestgrenze
Osterreich--Ungarns  im  wesentlichen  nur  vom  Meere  her  bedroht,  aber  die
klippenreichen  Gewässer  der  langgestreckten  dalmatinischen  Küste  eigneten  sich
sehr  gut  zur  Verteidigung.  Die  Haltung  Italiens  zwang  Osterreich-Ungarn
von  Anfang  an,  namhafte  Besatungen  in  den  Sperrforts  des  Karst,  der
Kärnener  und  Südtiroler  Alpen  zu  belassen.  Als  Italien  am  23.  Mai  1915
an  der  Seite  des  Dreiverbands  in  den  Krieg  eintrat,  wurde  auch  im  Alpengebiet
  und  in  der  lombardischen  Ebene  ein  strategischer  Aufmarsch  vollzogen,
der  große  Streitermassen  in  Bewegung  brachte.

Icalien,  das  den  Winter  zum  Auffüllen  seiner  Zeughäuser  und  zur
Aufsrellung  neuer  Armeegruppen  hatte  benuten  können,  rückte  mit  etwa
800  000  Mann  aus,  die  allmählich  auf  1  200  000  Mann  verstärke  wurden.
Der  Aufmarsch  erfolgte  auf  dem  von  der  Kriegsgeschichte  aller  Jahrhunderte
mit  Blut  gefärbten  Boden  Venetiens,  wo  sich  zwischen  dem  Gardasee
und  dem  Tagliamento  die  große  Schlachtenebene  dehnt.  Das  alte,  berühmte
Festungsviereck  faßte  allerdings  die  Menge  der  Streiter  nicht  mehr.  In
einem  Gebiete,  wo  Napoleon  1796  in  freier  Bewegung  mit  40  000  Mann
strategische  Wunder  vollbracht  hatte,  fand  kaum  eine  der  vier  italienischen
Armeen  Raum,  die  sich  gegen  den  Isonzo  und  das  Trentino  vorschoben.

Der  Sporn  des  Trencino  ragte  mit  seinen  Zacken  so  weit  in  die  lombardische
  Tiefebene,  daß  er  jede  Armee,  die  mit  der  Frontk  nach  Osten  am
Dagliamento  aufmarschierte,  in  der  linken  Flanke  und  im  Rücken  bedrohte.
Die  italienische  Heeresleitung  mußte  also  damit  rechnen,  eine  rechtwinklige
Front  zu  bilden,  um  nicht  von  vornherein  in  die  Berteidigung  gedrängt
zu  werden.  In  welchem  Maße  Osterreich-Ungarn  in  der  Lage  war,  die  ihm
durch  die  politische  Grenze  zugewiesene  Ausfallstellung  des  Trentino  zum
Angriff  auf  die  italienische  Armee  zu  benutzen,  hing  von  Umständen  ab,  die
sich  bei  Beginn  der  Feindseligkeiten  noch  nicht  übersehen  ließen.  In  jedem
Falle  boten  die  Isonzogrenze,  bas  Karstgebirge  und  der  Alpenwall  eine
ausgezeichnete  Verteidigungsstellung,  deren  Bezwingung  dem  italienischen
Heere  eine  überaus  schwierige  und  zeitraubende  Aufgabe  stellte.  Italien
besaß  zwar  zwischen  Gardasee  und  Tagliamento  ein  weiträumiges  Aufmarschgebiet,
  der  Wormarsch  aber  mußte  an  den  natürlichen  Hindernissen
rasch  zum  Stehen  kommen,  ohne  daß  zunächst  eine  Amfassung  der  öster.
        <pb n="100" />
        84  Die  militärische  Lage  Europas

reichischen  Verkeidigungsflanken  möglich  gewesen  wäre.  Erst  die  Nieder.
kämpfung  der  österreichisch-ungarischen  Flotte  häcte  den  Italienern  ihre  Aufgabe
erleichtert,  besonders  wenn  sie  in  der  Lage  waren,  den  Krieg  nach  Albanien
zu  tragen  und  von  der  Linie  Valona—Durazzo  aus  vorzugeben.

Die  Franzosen

An  der  deutsch-französischen  Grenze  lagen  ähnliche  Verhältnisse  vor,
die  aber  mehr  durch  politische  als  durch  geographische  Hindernisse  bestimmt
wurden.  Frankreich  besaß  nicht  mehr,  wie  vor  vierundvierzig  Jahren,  das
natürliche  Aufmarschgebiet  Elsaß.  Lothringen,  wo  es  1870  seine  Heere  zum
überraschenden  Angriff  hatte  bereitstellen  wollen.  Micht  östlich,  sondern
westlich  des  Vogesenwalles  mußte  es  jezt  den  Aufmarsch  vollziehen.  Doch
gestattete  ihm  die  ungeheure  Stärke  der  dort  im  Laufe  der  Jahre  ausgebildeten
Verteidigungslinie,  die  Armee  um  so  rascher  und  gesicherter  zu  versammeln.
Die  mit  allen  Mieteln  der  Kriegskunst  befestigte  französische  Mosel-  und
Maaslinie  war  eine  Militärgrenze,  der,  abgesehen  von  der  Rheinlinie,  nichts
von  ähnlicher  Stärke  an  die  Seite  gestellt  werden  konnte.  Diese  Erwägung
war  ausschlaggebend  für  die  Aufstellung  des  französischen  Feldzugsplanes.

Im  Jahre  1870  war  beabsichtigt,  die  französische  Hauptmacht  zwischen
Meg  und  Straßburg  zu  versammeln,  in  rascher  Bewegung  gegen  die  Dfalz
vorzudringen  und  den  Rhein  zu  überschreiten.  Dadurch  sollten  die  süddeutschen
Streitkräfte  von  der  preußischen  Armee  abgeschnitten  und  Süddeutschland
auch  politisch  vom  Norden  getrennt  werden.  Dieser  Feldzugsplan  krankte
an  der  Wurzel,  denn  die  französische  Armee  war  1870  in  keiner  Weise  vorbereitet,
  einen  Angriffskrieg  zu  führen.  Vergebens  warf  man  sie  ungesäumt
ins  Feld,  ohne  das  Eintreffen  der  Ergänzungsmannschaften  und  der  Kriegs.
ausrüstung  abzuwarten,  sie  vermochte  den  Vormarsch  nicht  aufzunehmen
und  lag  mit  den  Haupéekräften  bei  Metz  und  Straßburg  fest,  bis  der  Gegenstoß
  sie  traf.

Moltke  hat  das  Abrücken  der  Truppen  im  immobilen  Zustand,  wie  es
im  Jahre  1870  erfolgte,  als  eine  an  sich  sehr  bedenkliche  Maßregel  bezeichnet.
Er  sage  von  ihr,  sie  habe  nur  den  Zweck  haben  können,  mit  den  gleich  anfangs
verfügbaren  Streitmitteln  und  so  mit  augenblicklicher  #berlegenheit  den
sich  erst  entwickelnden  Aufmarsch  des  deulschen  Heeres  zu  überraschen.

In  den  großen  Krieg  ist  Frankreich  mit  einem  Operationsplan  eingetreten,
  der  eine  gewisse  Abnlichkeit  mit  dem  in  der  Absicht  stecken  gebliebenen
Feldzugsplan  von  1870  besigt,  aber  nur  als  ein  Teil  des  strategischen  Gesamtplanes
  der  Ententemächte  erscheint.  Wieder  glaubte  man  die  Armee
zu  einem  gewaltigen  Angriffsunternehmen  zwischen  Belfort  und  der  belgischen
  Grenze  versammeln  zu  können,  wenn  auch  diesmal  nicht  östlich,  sondern
        <pb n="101" />
        Die  Franzosen  85

westlich  der  Vogesen.  Nicht  im  immobilen  Zustand,  sondern  kriegsfertig
sollte  die  französische  Armee  dann  die  Vorbewegung  unternehmen,  die  mit
dem  Wormarsch  der  Russen  und  der  Landung  der  Engländer  in  Einllang
zu  bringen  war.

Zählte  die  kaiserliche  Armee  im  Jahre  1870  nur  300  000  Mann,  so
mochte  die  Feldskärke  des  französischen  Heeres  im  August  1914  1½  Millionen
  überschreiten.  Der  Stoß  konnte  also  in  breiter  Fronk  und  meshtiger
Tiefengliederung  vorgetragen  werden,  ohne  daß,  wie  vor  vierundvierzig
Jahren,  eine  Zersplitterung  der  Armeen  in  einzelne  Gruppen  und  im  Falle
des  Steckenbleibens  eine  lückenhafte  Kordonstellung  zu  befürchten  war.  Im
August  1870  stand  die  aus  8  Armcekorps  zusammengesezte  Armee  in  zwei
Haupekampfgruppen  bei  Megh  und  im  Unterelsaß,  während  auf  dem  äußersten
rechten  Flügel  nur  das  Korps  Felix  Douay  von  Belfort  auf  Mülhausen
rückte  und  zwischen  der  bei  Metz  versammelten  Rheinarmee  und  der  bei
Saßburg  zusammengezogenen  Armee  Mac  Mahons  das  Korps  Failly
mühsam  Werbindung  hielt.  Im  Jahre  1914  bedeckten  die  französischen  Heere,
wenn  sie  an  der  Ostgrenze  aufmarschierten,  dicht  aufgeschlossen  den  ganzen
Raum  zwischen  Belfort  und  Longwy.  Diese  enge  Versammlung  der  französischen
  Feldarmeen  geschah  zweifellos  im  Vertrauen  auf  die  Unbezwinglichkeit
  der  belgischen  Festungen  und  die  Widerskandskraft  des  belgischen  Heeres,
dessen  rascher  Unterstlchung  durch  das  englische  Candungskorps  man  gewiß  war.

Eine  am  25.  März  1915  veröffentlichte  amtliche  Mieteilung  der  französischen
  Regierung  Üüber  den  Aufmarsch  der  französischen  Armeen  im
August  1914  gewährt  uns  fesselnde  Einblicke  in  diese  Gedankengänge  und
enthält  genauere  Angaben  über  den  französischen  Aufmarsch.  Danach  sind
5  Armeen  erster  Linie  gebildet  worden,  die  zwischen  der  schweizerischen  und
der  belgischen  Grenze  versammelt  werden  sollten.

Die  1.  Armee  erhielt  den  Raum  zwischen  Montbeliard—Belfort  und
Mirecourt—Lunbville  angewiesen.  Die  2.  Armee  marschierte  zwischen  dieser
Einie  und  der  Mosel  auf,  die  3.  zwischen  der  Mosel  und  Verdun—#Audun,  und
die  5.  Armee  füllte  anschließend  den  Raum  bis  zur  belgischen  Grenze.  Die
ganze  Aufstellung  ruhte  auf  der  großen  Festungs-  und  Fortlinie,  hinter  welcher
im  Mittelraume,  also  westlich  von  Toul—Commerey,  die  4.  Armee  im  Rück.
halt  bereitgestellt  werden  sollte.

Diese  Grundaufstellung  erlaubte  Angriff  und  Verteidigung  in  gleicher
Weise.  Sie  gestkattete  den  Angriff,  falls  die  deuesche  Heeresleitung,  ihren
linken  Flügel  versagend,  sich  begnügte,  im  Elsaß  die  festen  Plätze  zu  halten
und  durch  Luxemburg  und  Lothringen  vorstieß,  und  sie  sicherte  die  Verkeidigung,
  falls  der  deutsche  Anprall  auf  der  ganzen  Front  von  Welfort  bis
Luxemburg  erfolgte.  m

Zugleich  rechnete  dieser  Versammlungsplan  mit  einem  Einbruch  der
Deutschen  in  Belgien,  und  zwar  war  f##  diesen  Fall  eine  besondere  „Variante"
        <pb n="102" />
        86  Die  militärische  Lage  Europas

vorgesehen  und  ausgearbeitet,  die  den  neuen  Verhältnissen  Rechnung  trug
und  sofort  in  Vollzug  gesetzt  werden  konnte.

Frankreich  hatte  also  offenbar  den  militärischen  Zwang  nicht  verkannt,
unter  dem  Deutschland  handeln  mußte,  wenn  es  mit  Aussicht  auf  Erfolg  im
Westen  angriffsweise  verfahren  wollte.  Es  erschien  aber  der  Regierung  der
französischen  Republik  politisch  lug,  offene  Gegenmaßnahmen  gegen  einen
Ourchbruch  der  Deutschen  durch  Belgien  erst  dann  zu  treffen,  wenn  der
Gegner  eine  vollendete  Tatsache  geschaffen  hatte  (3).

In  diesem  Augenblick  trat  die  Abänderung  des  Aufmarsches  in  Kraft.
Die  5.  Armee  wurde  nach  links  gezogen  und  rückte  an  der  belgischen  Grenze
auf  die  Höhe  von  Fourmies,  zwei  Korps  der  2.  Armee  wurden  von  Nanch
nach  Mézieres  und  Hirson  gestellt,  wohin  die  noch  unterwegs  befindlichen
afrikanischen  Divisionen  den  kürzesten  Weg  nahmen,  und  eine  in  den  Gebietswinkel
  von  Givet  vorgeschobene  Kavalleriedivision  drang  sofort  in  belgisch
Luxemburg  ein,  um  die  Verbindung  mit  den  Belgiern  und  die  Fühlung  mit
dem  Feinde  aufzunehmen.  In  die  zwischen  der  5.  und  3.  Armee  entstandene
Lücke  trat  zwanglos  die  zurückgehaltene  4.  Armee  und  schloß  die  verlängerte
Angriffsfrone,  in  der  nun  der  2.  Armce  auch  noch  der  Abschnitt  Verdun
zuerteilt  wurde.

Es  war  ein  Aufmarschplan  mie  doppeltem  Boden,  der  sich  auf  dem
Dapier  vortrefflich  ausnahm.  Die  1.  französische  Armee  wurde  von  General
Oubail,  die  2.  Armee  von  General  de  Castelnau,  die  3.  Armee  von  General
ARuffey,  die  4.  von  General  de  Langle  de  Cary  und  die  5.  Armee  von  General
Lanrezac  befebligt.  General  Pau  trat  dem  Generalissimus  Joffre  als
Helfer  zur  Seite.

Angesichts  der  deutschen  Offensive  durch  Belgien  marschierten  die  fran.
zösischen  Armeen  nach  der  Bariante  des  Feldzugsplans  auf.

Oie  1.  Armee,  die  die  Linie  Montbéliard—Lunkville  besechte,  umfaßte
das  VII.,  XIV.,  XXlI.,  XIII.  und  VIII.  Korps  und  die  8.  Kavallerie.
division  nebst  einigen  Reservedivisionen.

Die  2.  Armee,  die  von  Lunkville  bis  Pont-à  Mousson  Stand  faßte  und
durch  ihre  starke  Tiefengliederung  als  Sétoßgruppe  gekennzeichnet  war,
umfaßte  das  XVI.,  XV.,  XX.  und  IX.  Korps,  drei  Reservedivisionen  und
zwei  Kavalleriedivisionen.

Die  3.  Armee  marschierte  zwischen  der  Mosel  und  Audun  auf  und
umfaßte  das  IV.,  V.  und  VI.  Korps,  drei  Reservedivisionen  und  die
7.  Kavalleriedivision.

Die  4.  Armee,  die  nach  Norden  verschoben  worden  war,  bestand  aus
dem  II.,  XII.  und  XVII.  Korps  und  dem  Kolonialkorps.

Die  5.  Armee,  die  gegen  die  Sambre  vorrückte,  umfaßte  das  I.,  III.,
X.  und  später  das  XVIII.  Korps,  die  marokkanische  Division  und  zwei
Kavalleriedivisionen.
        <pb n="103" />
        Die  Franzosen  87

Generalissimus  Joffre  hatte  das  XI.  Korps  als  Heeresreserve  zurück.
gehalten,  das  XIX.  Korps  war  noch  auf  dem  Wege  aus  Afrika  nach
Frankreich  begriffen  und  kam  nur  mit  den  ersten  Staffeln  ins  Gefecht,  als
die  Kämpfe  im  Elsaß  begannen.

Anschließend  an  den  linken  Flügel  der  französischen  Gesamtstellung
vollzog  die  englische  Armee  vom  14.  bis  21.  August,  also  verspätet,  ihren
Aufmarsch  im  Raume  Mons—Maubeuge,  wo  alles  Erforderliche  vorbereitet
  war.  Sie  konnte  dort  je  nach  der  Lage  mit  der  Front  nach  Nordosten
  aufmarschieren  und  durch  das  Sambretal  auf  Namur  vorrücken  oder
mit  nach  Osten  gewandter  Front  hinter  dem  französischen  linken  Flügel  gestaffelt
  werden.  Bei  Lille  endlich  sollten  französische  Terricorialtruppen
einen  Rückhalt  bilden,  um  bei  einem  Vormarsch  der  Engländer  über  die
Sambre  die  Flankensicherung  zu  übernehmen,  deren  man  übrigens  kaum
zu  bedürfen  schien.

Oieser  Versammlungsplan  der  englisch-französischen  Armeen  stand  und
fiel  mie  den  belgischen  Festungen,  falls  die  Deutschen  den  ersten  Schritt  taten
und  bei  Aachen  und  Montmédy  über  die  belgische  Grenze  gingen.  Gelang  es,
die  deutschen  Armeen  im  raschen  Gegenangriff  anzufallen,  ehe  die  durch
Belgien  vorstrebenden  deutschen  Kräfte  die  Maassperren  Überwunden  hakten,
und  vermochte  die  belgische  Armee  gegen  die  rechte  Flanke  des  Angreifers
zu  wirken,  so  konncee  eine  glückliche  Schlacht  „zwischen  DMaastricht  und  Basel“,
auf  welche  die  französische  Regierung  in  einer  Kundgebung  vom  16.  August
ausdrücklich  vorbereitete,  die  erste  Dhase  des  Feldzuges  zugunsten  der  West.
mächte  entscheiden  und  die  deutsche  Armee  an  den  Mhein  und  in  die  Verteidigung
  werfen.

Diese  Schlacht  ist  nie  geschlagen  worden.

Die  französische  Armee,  die  zu  einer  so  groß  angelegten  Angriffsbewegung
bestimmt  war,  batte  zwar  nach  ihrer  Neuerstarkung  im  Laufe  der  lehten
Jahre  den  Angriffsgedanken  in  ihre  Grundsätze  aufgenommen,  war  aber
eigentlich  von  Natur  aus  nicht  auf  ausholende  Bewegungen  und  Begegnungsschlachten
  im  unbekannten  Gelände  vorbereitet.  VBiel  näher  lag  ihr  die
„offensive  Defensive".  Diese  gestattet  den  Franzosen,  ihre  Begabung  für
behelfsmäßige  Einrichtung  fester  Stücpunkte  zu  entfalten,  geringere  Näume
im  selbständigen  Handeln  der  Unterführung  zu  beherrschen,  Moral  und  Mut
an  Einzelerfolgen  immer  wieder  neu  zu  beleben  und  die  Vorzüge  ihres
beweglichen  Feldgeschützes  auszunugen.

Niches  ist  verkehrter,  als  dem  Franzosen  Ausdauer  abzusprechen.
Er  hat  in  allen  Feldzügen  seiner  an  Siegen  und  Niederlagen  so  reichen
Kriegsgeschichte  außer  seinem  sprichwörtlichen  taktischen  „Elan“,  dem
Schwung  stürmisch  vorgetragener  Angriffe,  gerade  diese  Zähigkeit  in  der
Verteidigung  nachgewiesen.  Starke  Einbildungskraft  und  heiterer  Muc
unterstützen  ihn  darin  und  lassen  ihn,  solange  er  festes  Vertrauen  zur  Führung
        <pb n="104" />
        88  Die  militärische  Lage  Europas

besitzt,  auch  unglückliche  Lagen  in  freundlichem  Lichte  sehen  und  standhaft
ertragen.  Die  Grenadiere  Napoleons  folgten  ihrem  Abgott,  als  längst  alles
verloren  war,  sie  murrten,  aber  gehorchten,  und  schlugen  sich  von  Marengo
bis  Waterloo  auf  allen  Schlachtfeldern  Europas  mit  hingebender  Capferkeit
und  voll  kriegerischen  Stolzes.  Auch  die  Rekrutenarmeen,  die  1813  ins  Feld
gestellt  wurden,  kämpften  tapfer  und  treu  bis  zum  bitteren  Ende.

Das  Schicksal  halte  Frankreich  für  den  europäischen  Krieg  einen
Führer  aufgespart,  dem  der  Soldat  von  Anfang  an  Bertrauen  entgegenbrachte.
  General  Joffre,  ein  vorsichtiger,  in  der  BVerteidigung  glücklicher
Führer,  hat  dieses  Vertrauen  verdient  und  gerechtfertigt.

War  das  französische  Heer  im  Widerspruch  zu  seiner  lockeren  Ourchbildung,
  auf  Grund  seiner  Vorschriften  und  Leitsätze  wie  des  Feldzugsplanes
zur  Angriffsbewegung  großen  Stils  bestimmt,  so  kam  ihm  dabei  die  Bereit.
schaft  seiner  Deckungstruppen  vorzüglich  zustatten.  Tatsächlich  waren  die
Ostkorps,  vor  allem  das  II.,  VI.,  XX.,  KKXl.  und  VII.  Armeekorps,  vollständig
kriegsbereit,  die  Festungen  der  Mosel-  und  Maaslinie  reichlich  mit  Vorräten
versehen  und  gul  im  Stande  und  noch  in  den  leten  Jahren  durch  zahlreiche
Verbesserungen  und  Neuanlagen  in  den  WVorfeldern  von  Belfort,  Toul
und  Verdun  verstärkt  worden.  Insbesondere  hatte  man  durch  sorgfältige
Aufnahmen  des  Geländes,  durch  Bezeichnungen  von  Schußentfernungen
und  die  Einrichtung  von  Batterieständen  und  unterirdischen  Fernsprechanlagen
  die  VBerteidigung  der  Festungslinie  bis  ins  einzelne  vorbereitet.
Die  Zugänge  zu  den  waldreichen  Vogesen,  die  sich  von  Westen  nach  Osten
in  zahlreichen  Erhebungen  gemach  zur  geschlossenen  Kammlinie  aufbauen,
im  Osten  aber  nach  der  Enefaltung  zahlreicher  Gipfelungen  und  einzelner
Kuppen  steil  abseürzen,  waren  durch  Kunststraßen  gesichert  und  die  auf  der
Grenzscheide  liegenden  Dässe  so  leicht  erreichbar,  daß  sie  dem  Gegner  ohne
Kampf  abgewonnen  werden  konnten.

Die  französische  Kriegsbereitschaft  erstreckte  sich  allerdings  nicht  auf  die
ganze  Armee.  Die  Gliederung  der  Landwehrtruppen  ließ  zu  wünschen  übrig,
und  Mängel  in  der  Organisation  machten  sich  schon  bei  der  Einberufung  der
Reserven  fühlbar.  Die  Feldartillerie  war  vorzüglich,  eine  brauchbare,  den
deutschen  Haubitzen  gewachsene  schwere  Artillerie  mußte  erst  im  Laufe  des
Feldzuges  geschaffen  werden.  Als  grobe  Unterlassung  trak  die  Tatsache
hervor,  daß  eine  eigentliche  Felduniform  vollständig  fehlte.  Die  Truppe
rückte  in  ihrem  bunten  Waffenkleid  aus  und  bot  mit  dem  leuchtenden  Rot  und
Blau  weithin  sichtbare  Ziele,  während  das  deutsche  Feldgrau  den  Mann
fast  unsichtbar  machte.  Mit  der  dem  Volke  eigenen  Anpassungsfähigkeit
fand  man  sich  aber  rasch  in  die  Kriegsumstände  und  suchte  aus  dem  Stegreif
und  durch  sieberhaftes  Schaffen  zu  ersetzen,  was  versäumt  worden  war.
Besonders  war  das  auf  technischem  Gebiet  und  in  der  Verwundetenpflege
nötig,  wo  die  Mängel  sich  am  auffälligsten  zeigten.
        <pb n="105" />
        Die  Franzosen  89

Die  Friedensstärke  des  französischen  Heeres  hatte  vor  dem  Kriege,
ohne  die  Truppen  in  den  Kolonien,  762  000  Mann  betragen.  Die  Feldarmee
wurde  ohne  Ersaßz  und  Landwehr  auf  1100  Bataillone,  590  Schwadronen
und  820  Batterien  geschägt.  Ihre  wahre  Kriegsstärke  ist  zweifellos  über
viele  Schähungen  hinausgegangen,  denn  es  wurde  nicht  nur  der  letzte  Mann
bis  zum  siebzehnjährigen  Knaben  aufgeboten,  sondern  auch  eine  „schwarze
Armee“  von  ungeahnter  Größe  ins  Mutterland  gezogen  und  immer  wieder
aufgefüllt.  Die  Gesamtstärke  der  französischen  Armeen  im  Weltkrieg  ist
daher  mit  5½  Millionen  nicht  zu  hoch  angeschlagen.

Oank  der  Neutralität,  die  Ikalien  bei  Ausbruch  des  Krieges  mit  deut.
lichem  Hinweis  auf  seine  spätere  Rolle  bewahrte,  hatte  Frankreich  nicht
nötig,  die  Stärke  seiner  befestigten  Alpengrenze  zu  erproben,  sondern  war
sofort  in  der  Lage,  die  dort  stehenden  Truppen  nach  Norden  zu  ziehen.  So
wurde  das  Wogesengebirge,  das  eine  langgestreckte  Höhenstellung  von
großem  Wert  bildete,  schon  im  August  das  Kampfgebiet  der  Alpenjäger  aus
Savoyen  und  der  Dauphiné.

Wie  auf  dem  ösllichen  Kriegsschauplatg  Warschau  und  Iwangorod  die
Weichselfront  schützten,  so  erschienen  im  Westen  Belfort  und  Verdun  als
die  Eckpfeiler  der  französischen  Maas-  und  Moselfront.  Belfort  deckte  mit
der  angeschlossenen  Befestigungsgruppe  von  Monebéliard  und  Blamont  die
Burgunderpforte,  das  alte  Einfalltor  zwischen  Juca  und  WVogesen,  und
war  zugleich  Ausfallstellung  für  den  Fall  einer  vom  rechten  Flügel  der  fran.
zösischen  Gesamestellung  ausgehenden  Vorbewegung.  Es  war  nicht  mehr
das  Felsennest  von  1870,  das  von  25.000  Mann  umklammert  werden  konnte,
sondern  eine  Lagerfestung,  die  sich  mit  einem  starken  Fortsgürkel  umgeben
und  ihre  Vorwerke  bis  auf  die  Höhen  der  Vogesen  im  Nordosten  und  hart
an  die  Grenzen  im  Osten  und  Südosten  vorgeschoben  hatte.  Das  befestigte
Lager  bot  einem  großen  Heere  Unterkunft  und  war  nach  Norden  und  nach
rückwärts  so  gut  angeschlossen,  daß  man  von  einem  Festungsfünfeck  Belfort—
Epinal—Dijon—Langres—Besangon  sprechen  kann.  In  diesem  hätte  die
ganze  französische  Armee  Raum  zu  einer  unbezwinglichen  „MRedutitstellung“
finden  können.  Die  Verbindung  Gelfores  mit  Epinal  wurde  in  nördlicher
Richtung  durch  die  Festen  von  Giromaguy,  Servance,  Lambert,  Remiremont
  und  Les  Arches  hergestellt,  die  das  obere  Moseltal  deckten  und  die  Ausgänge
  der  Vogesen  unter  Feuer  hielten.

.  Sperrte  Belfort  mit  Montbéliard  die  Senke  zwischen  Vogesen  und
Jura  vollständig,  so  beherrschte  die  Kette  dieser  Sperrforts  vor  allem  die
Zugänge  zum  elsässischen  St.  Amarintal,  das  von  Westen  durch  die  Paßwege
des  Col  de  Bussang  und  des  weiter  nördlich  einschneidenden  Col  de  Bramont
aufgeschlossen  wird.

Wie  Belfort  war  auch  Epinal  ein  großer  Waffenplag,  dessen  Fortsgürtel
  50  Kilometer  Umfang  hatte.  Weiter  nördlich  schien  in  der  Linie  eine
        <pb n="106" />
        90  Die  militärische  Lage  Europas

Lücke  von  70  Kilometer  Breite,  die  „Trouése  de  Charmes“,  zu  klaffen,  denn
zwischen  Epinal  und  Toul  waren  keine  Dauerwerke  angelegt  worden.  Doch
geschah  das  mit  Bedacht;  es  war  erwogen  worden,  daß  drei  weiter  öfstlich
gelegene  längs  streichende  Flußtäler,  die  der  Meurthe,  Mortagne  und  Mosel,
ebensoviele  natürliche  Abschnitte  bildeten,  und  daß  zwischen  Toul  und  Epinal
der  französischen  Feldarmee  ohnehin  die  Aufgabe  zufallen  werde,  die  Lücke
zu  schließen  oder  daraus  zum  großen  Angriff  vorzubrechen.

Von  Toul  nach  Verdun  erstreckte  sich  die  befestigte  Maasfront.  Dem
festen  Toul  war  in  östlicher  Richtung  die  Befestigungsgruppe  von  Nancy—
Lunkéville  vorgelagert,  die  erst  in  den  lehten  Jahren  vor  dem  Kriege  ausgebaut
  worden  ist  und  deren  Erdwerke,  Batterien  und  Panzerbauten  bereies
auf  den  Erfahrungen  der  Stellungskämpfe  in  der  Mandschurei  und  in
Dhrazien  ruhten.  Von  Toul  bis  Werdun  zog  sich  wieder  eine  Kette  von
Sperrfesten,  die,  auf  den  steilen,  zerrissenen  Maashöben  errichtet,  alle
Stromübergänge  und  die  Wege  der  Woerre  beherrschten.  Jouy,  Liouville,
  Gironville  und  Camp  des  Romains  sperrten  den  Raum  zwischen
Toul  und  St.  Mihiel,  während  die  Festen  Les  Paroches,  Troyon  und  Génicourt
  die  Verbindung  nördlich  der  Maasschleife  von  Set.  Mihiel  mit  Verdun
selbst  herstellten.

Verdun,  dieser  mächtige  nördliche  Eckpfeiler  der  ganzen  Oinie,  besaß
mit  seinen  17  großen  Forts,  über  30  Werken  und  ungezählten  Batteriebauten
als  Ausfallstellung  nach  allen  Seiten  volle  Freiheit  des  Handelns,  sicherte  die
Argonnenpässe  im  Westen,  beherrschte  die  Anmarschstraßen  im  Osten  und
Norden  und  bot  einer  Verteidigungsarmee  sicheren  Rückhalt.

Sogar  die  Annäherung  an  diese  gewaltige,  von  Belfort  bis  Verdun
reichende  Wehrstellung  war  einer  deulschen  Angriffsbewegung  erschwert,
denn  weit  nach  Osten  vorgeschoben  lagen  noch  starke  Einzelforts  wie  Frouard
nördlich  von  Nancy  und  Manonvillers  östlich  von  Lunksville,  zudem
bolen  die  von  Stüüden  nach  Norden  oder  Südosten  nach  Nordwesten  streichen.
den  Flußtäler  mit  den  begleitenden  Höhenzügen  in  den  welschen  Vogesen
und  an  der  lothringischen  Grenze  noch  natürliche  Worstellungen  von  bedeutender
  Verteidigungsfähigkeit.  Bezouse,  Plaine,  Seille,  Meurthe  und
Mortagne  waren  die  natürlichen  Wassergräben  dieser  Höhenstellungen.

Ein  deuescher  Stirnangriff  zwischen  Mec  und  Wasel  stieß  daher  auf
Widerstände,  an  denen  die  deutsche  Armee  verbluten  konnte,  ohne  ihre
lebendige  Kraft  entfaltet  zu  haben.  Auch  wenn  man  den  Franzosen  den
Angriff  Überließ,  war  die  strategische  Bewegungsfreiheit  sehr  beschränkt.
Nur  zwischen  Meg  und  Straßburg  war  es  möglich,  einen  Gegenangriff  auf
breiter  Grundlage  und  mit  starken  Kräften  anzuseczen,  wenn  die  Frangosen
selbst  zum  Angriff  geschritten  waren  und  sich  weit  genug  von  der  Maas  und
der  Mosel  nach  Osten  vorbewegt  hatten.  Die  Saarburger  Lücke  lud  die
Franzosen  zu  einem  solchen  Einbruch  geradezu  ein.
        <pb n="107" />
        Die  Franzosen  91

Der  Vogesenwall,  der  zwischen  Straßburg  und  Mülhausen  seinen
dunklen  Schattenriß  an  den  Himmel  zeichnet,  gestattete  zunächst  kein  Vorgehen
gesammelter  Kräfte  in  verbundener  Front.  Die  Gebirgsbildung  zwang
überall  zu  örtlich  begrenzten  Kämpfen  um  Täler,  Querriegel,  Sättel,  Kuppen
und  Paßwege,  zu  denen  der  Gegner  von  Westen  her  leichteren  Aufstieg  hatte.
Erreichte  der  französische  Angreifer  den  Kamm,  so  lag  die  oberrheinische
Tiefebene  offen  vor  ihm  ausgebreitet.  Behauptete  er  sich  auf  der  Höhe,  so
blieb  die  Niederung  ständiger  Bedrohung  ausgeseczt.  Die  elsässische  Ebene
war  zwar  guter  Schlachtenboden,  der  als  solcher  dem  Eindringling  gefährlich
werden  konnte,  wenn  er  vollends  herabstieg,  aber  für  den  Verteidiger  wenig
geeignet,  die  Enescheidung  aus  ihrem  Schoß  über  die  Berge  nach  Westen
zu  tragen.  Der  einzige  breite  Heerweg,  die  Pforte  zwischen  den  Südvogesen
und  dem  Schweizer  Jura,  wurde  ja  durch  Belfort  und  die  dort  lagernde
Armee  verrammelt.  Ein  Ourchbruch  durch  die  Schweiz  war  für  keinen
der  beiden  Gegner  ratsam,  da  er  auf  große  Geländehindernisse  und  eine
starke  Armee  stieß,  die  zwar  verdrängt,  aber  nicht  von  den  Flanken  ferngehalten
  werden  konnte  und  dann  doppelt  gefährlich  wurde.  Nicht  im
schweizerischen  Bergland,  sondern  in  der  flandrischen  Ebene  winkten  den
großen  Gegnern  neue  Schlachten  und  strategische  Erfolgsmöglichkeiten.

Diese  WVerhältnisse  haben  bestimmend  auf  die  Feldzugspläne  Deutschlands,
  Frankreichs  und  Englands  gewirkt.  Sie  gestatteten  dem  französischen
Generalstab,  die  Armee  eng  zu  versammeln  und  einem  Jusammemwirken
mit  Belgien  durch  seitliche  Verschiebungen  auf  der  Grundlinie  nach  Norden
gerecht  zu  werden,  und  zwangen  den  deutschen  Generalstab,  eine  breitere
Grundlage  zu  suchen,  als  die  politische  Grenze  bot,  um  dadurch  die  von
Natur  und  Kunst  befestigte  französische  Ostfront  im  Norden  zu  umgehen.

Ein  deutscher  Angriffsfeldzug,  der  einzig  auf  der  Grundlinie  Basel—
Mey  angeordnet  wurde,  war  von  vornherein  aussichtslos,  da  man  annehmen
mußte,  daß  die  Franzosen  ihm  mit  dem  Einsag  voller  Kraft  begegnen  würden.
Er  bot  dem  Gegner  alle  Vorteile  der  Verteidigung  und  ließ  ihm  überdies
noch  die  Freiheit,  seinerseits  durch  eine  Umgehung  im  Norden  überraschend
die  Entscheidung  zu  suchen  und  Deutschland  dort  tödlich  zu  treffen.  Drang
eine  französische  Armee  durch  Belgien  an  den  Niederrhein  vor,  während  das
deucsche  Heer  zwischen  Me9h  und  GBasel  gefesselt  stand,  so  konnte  sie  das  hier
stark  nach  Westen  gerückte  Schwergewicht  der  deutschen  Metallindustrie  von
der  Wage  stürzen  und  damit  Deutschlands  militärischen  Lebensnerv  zerreißen.

Eine  deutsche  Angriffsbewegung  im  Westen  gebot  also,  rein  militärisch
betrachtet,  Verteidigung  am  Oberrhein  und  eine  Vorbewegung  größten
Stils  vom  Niederrhein  durch  Belgien  auf  Paris.  Auch  diesem  Unter.
nehmen  glaubte  der  französische  Feldzugsplan  vorgebeugt  zu  haben.  Frank.
reich  hoffte  noch  am  16.  August  die  Enescheidungsschlacht  auf  der  Linie
Maastricht—Lüctich—Luxemburg—Saarburg—Mülhausen  schlagen  zu  können.
        <pb n="108" />
        92  Die  militärische  Lage  Europas

Die  Belgier

Das  belgische  Festungssystem,  auf  welches  sich  diese  französische
Hoffnung  gründete,  war  als  ein  Stück  der  allgemeinen  Landesverteidigung
Belgiens  dergestalt  angeordnelt,  daß  es  dem  belgischen  Feldheer  Halt
und  Schirm  gewährte  und  zugleich  Zeit  ließ,  seinen  Aufmarsch  zu  vollziehen.
  Dieser  konnte  jedoch  bei  der  Schwäche  der  belgischen  Armee  nur
dann  auf  Entscheidung  im  Felde  zielen,  wenn  das  Heer  rechtzeitig  von
französischen  und  englischen  Truppen  aufgenommen  und  unterstützt  wurde.
Nun  hat  zwar  die  belgische  Mobilmachung  schon  in  den  kritischen  Tagen
des  Juli  1914  eingesetgzt,  es  war  aber  noch  nicht  zu  einer  vollen  Bereitstellung
  gekommen,  als  die  Ereignisse  ins  Rollen  gerieten.  Da  die  Neuordnung
  des  belgischen  Hecres,  die  man  im  Jahre  1913  beschlossen  hatte,  zu
Beginn  des  Krieges  noch  nicht  durchgeführt  war,  ist  die  vorgesehene  Kriegs.
stärke  von  350  000  Mann  nicht  enefernt  erreicht  worden.  Belgien  rief
200  000  Mann  unter  die  Waffen  und  zog  mie  120  000  Mann  in  6  Divisionen
zu  Felde,  wogegen  die  an  Bolkszahl  lleinere  Schweiz  auf  einen  Schlag
250  000  Mann  auf  die  Füße  stellte,  um  ihre  Grenzen  zu  schützen.  Die  bel.
gische  Armee  besaß  nur  geringe  DAberlieferungen  und  keine  größere  Durch.
bildung,  war  aber  von  dem  WVertrauen  auf  mächtige  Hilfe  getragen,  fühlte
sich  als  Verteidigerin  des  nationalen  Bodens  und  wuchs,  trot  schwerer
Enttäuschungen,  an  ihrer  Aufgabe.

Französische  und  deutsche  Militärschrifesteller  paben  das  strategische
Droblem,  das  den  Generalstäben  im  Westen  gestellt  war,  in  den  letzten
Jahren  vor  dem  Krieg  offen  erörtert.

Die  Generäle  de  Lacroix  und  Maitrot  erkannten  klar,  daß  das
Schwergewicht  der  deutschen  Kräfte  im  Westen  durch  die  Anlagen  der
französischen  Maasbefestigungen  und  engen  Besammlungsraum  Basel—DMe9#
nach  Norden  verschoben  worden  war.  „Die  ganze  Anstrengung  Deutschlands,“
schreibt  Maitrot  1913,  „wird  sich  reches  von  der  Pfalz  und  der  Rheinprovinz
  durch  Belgien  und  Luxemburg  auslösen.“  Auf  deutscher  Seite  hatte
Generalleutnant  v.  Bernbardi,  der  als  Schriftsteller  von  der  Gegenseite
am  meisten  beachtet  wurde,  in  seinem  Werke  „Deutschland  und  der  nächste
Krieg“  auf  den  Durchbruch  durch  Belgien  hingewiesen.

Die  belgische  Regierung  hatte  im  Jahre  1912  bei  Beratung  der  neuen
Wehrverfassung  in  der  Kammer  eine  Grenzbefestigung  südlich  von  Lüttich
bis  zur  Grenze  des  Großherzogkums  Luxemburg  abgelehnt  und  eine  Vermehrung
  der  Feldarmee  durchgesechk,  die  nördlich  der  Maas  im  Festungsdreieck
  Lüteich—  Antwerpen—Namur  versammelt  werden  sollte.  Diese
mittelbare  Verteidigung  der  belgischen  Ostgrenze  war  nur  denkbar,  wenn
sie  als  Teilbandlung  eines  französisch-belgischen  Feldzugsplanes  erschien,
und  die  Aufstellung  der  belgischen  Armee  nördlich  der  Maas  hatte  offen-
        <pb n="109" />
        Die  Belgier  93

sichtlich  den  Zweck,  den  Vormarsch  der  deutschen  Armee  in  der  rechten  Flanke
zu  bedrohen,  während  die  französischen  Heere  die  Maas  überschritten  und
den  Angreifer  an  den  Hörnern  packten.  Ein  solcher  Plan  war  vornehmlich
auf  die  Widerstandsfähigkeit  Lü#ttichs  gegründet,  das  die  linke  Flanke  der
belgischen  Armee  zu  decken  hatte.  Auch  ein  deutscher  Vormarsch  im  Zuge
des  Maas.  und  Sambretales  ist  für  möglich  gehalten  worden,  eine  Neben.
lösung,  der  die  Grundaufstellung  der  belgischen  Armee  im  Dreieck  Namur—
Anewerpen—Oültich  begegnete.  Doch  scheint  auf  belgisch  -französischer  Seite
die  Absicht  bestanden  zu  haben,  die  deutschen  Armeen,  wenn  möglich,  schon
nahe  der  belgisch-deutschen  Grenze  zum  Begegnungskampf  zu  stellen,  so
daß  dann  auf  der  idealen  Linie  Maastricht—Luxemburg  geschlagen  worden
wäre.  Das  war  aber  nur  angängig,  wenn  alle  Voraussetzungen  zum  Worteil
der  Westmächte  eincrafen:  rasche  Mobilmachung  und  Bereitstellung  der
belgischen,  französischen  und  englischen  Armeen,  beschleunigter  Vormarsch
auf  der  ganzen  Linie  und  beträchtliche  Verzögerung  der  deutschen  Angriffsbewegung
  durch  das  starke  Lücttich  und  die  natürlichen  Hindernisse  des  zerrissenen
  Geländes  zwischen  Lüctich  und  Luxemburg,  wo  vorgeschobene
Deckungstruppen  dem  Eindringling  großen  Aufenthalt  bereiten  mußten.

In  Erwartung  der  englisch-französischen  Armeen  nahm  nun  die  1.  bel.
gische  Division  bei  Tirlemont,  die  2.  bei  Löwen,  die  5.  bei  Pervez  und  die
6.  bei  Wavre  Stellung.  Die  3.  Division  erhielt  Befehl,  Lüctich  zu  decken,
und  die  4.  Division  hütete  Namur.  Die  belgische  Hauptmacht  versammelte
sich  also  zwischen  Lüctich,  Namur  und  Antwerpen,  deckte  dadurch  zugleich
die  Hauptkstadt  Brüssel  und  vertraute  auf  die  Festungen,  vor  allem  auf
Lüttich,  bis  die  Stunde  zum  Angriff  auf  den  rechten  Flügel  der  deutschen
Armee  oder  deren  offene  Flanke  gekommen  war.  Die  französische  Armee
mußte  ja  späteskens  am  14.  August  vor  Namur  erscheinen.  Auch  wenn
angenommen  wurde,  daß  der  Belagerer  vor  Lültich  für  starke  Mückendeckung
sorgen  würde,  so  erwuchs  dem  belgischen  Heere  aus  dieser  Teilung  der  deutschen
Kräfte  ein  Vorteil.

Antwerpen  vollendete  inzwischen  seine  Rüstung.  Oieses  mächtige
verschanzte  Lager  ist  von  Brialmont  als  Grundlage  des  belgischen  Festungsspstems
  und  als  Landeszuflucht  mit  den  reichsten  Mitteln  ausgebaut  worden.
Der  Umpfang  seines  äußeren  Gürtels  betrug  über  100  Kilometer,  starle
Iwischenmwerke  schoben  sich  in  die  Lücken  der  Außenforts,  fortlaufende
Schanzenlinien  verbanden  die  inneren  Werke,  und  schirmend  legte  sich  die
Schelde  mit  ihren  Nebenflüssen,  der  Nethe  und  Ruppel,  vor  die  Südfront,
wo  die  Annäherung  des  Feindes  am  ehesten  zu  erwarten  war.  An  die  Ostfront#
  Antwerpens  trat  holländisches  Gebiet  so  nahe  heran,  daß  dort  kein
Belagerungsangriff  angeseht  werden  konnte.  Im  Norden  schügzten  niederländische
  Gewässer  und  im  Westen  erschwerte  die  Schelde  die  Annäherung.
Die  Seesperre  von  holländisch  Vlissingen  war  allerdings  auch  einer  englischen
        <pb n="110" />
        94  Die  militärische  Lage  Europas

Hilfsexpedition  hinderlich  und  die  Überfahrt  von  Dover  nach  der  Scheldemündung
  vielen  Fährlichkeiten  ausgesetzt.  Antwerpen  war  daher  als  Festung
und  als  Sctügpunkt  einer  Feldarmee  anzusehen  und  konnte  als  solcher  in
einer  Feldschlacht  voll  zur  Geltung  kommen.

Rechnet  man  nun,  daß  die  deutsche  Armee,  falls  sie  den  Durchmarsch
durch  Belgien  erzwingen  wollte,  12  Tage  nach  Beginn  der  Mobilmachung
den  WBormarsch  begann,  so  konnten  ihre  Spitzen  zwei  Tage  später  vor  Lüttich
eintreffen.  Wielleicht  wagte  der  Angreifer  nach  Gereitstellung  genügender
Kräfte  donn  einen  aussichtslosen  Sturm,  vielleicht  begnügte  er  sich,  die
Festung  zu  umschließen  und  Reiterei  nördlich  über  die  Maas  vorzutreiben,
während  er  mit  der  Hauptmacht  die  Abergänge  über  die  Ourkhe  zu  erzwingen
  suchte,  um  südlich  der  Maas  vorzustoßen.  Was  er  auch  tun  mochte  —
das  Maastal,  die  große  Schlagader  des  Landes,  blieb  ihm  versperrt,  seine
Kräfte  wurden  geteilt,  der  Nachschub  erschwert,  und  wenn  die  französische
Armee  planmäßig  vorrückte,  so  traf  ihn  der  Gegenstoß  in  ungünstiger  Verfassung.
  Lüttich  konnte  also  nach  dieser  Berechnung  den  Feind  nicht  vor
dem  14.  August  erwarten,  dann  aber  mochte  nach  Herankommen  der  französischen
  Armee  von  einem  Tag  auf  den  anderen  die  große  Feldschlacht  beginnen,
  in  der  Belgier  und  Franzosen  Schulter  an  Schulter  kämpften.
Zur  entscheidenden  Stunde  konnte  sogar  das  englische  Korps  noch  rechtzeitig
eintreffen,  da  man  sich  auf  eine  Schlacht  von  mehreren  Tagen,  ja  vielleichte
mehr  als  einer  Woche  gefaßt  machen  mußte  und  im  Norfall  auf  der  Linie
Givet—  Namur—irlemont  noch  einmal  schlagen  konnte.  Würden  die
Alliierten  wider  Erwarten  zum  Rückzug  auf  Maubeuge  gezwungen,  so  trat
Antwerpen  seine  Rolle  an.  Ein  in  Antwerpen  stehendes  belgisches  Heer  war  in
der  Lage,  auf  jede  durch  das  Maas-  und  Sambretal  westwärts  strebende  Armee
einen  Flankendruck  auszuüben  und  deren  Verbindungen  zu  bedrohen,  solange
es  selbst  Bewegungsfreiheit  besaß.  Die  konnte  ihm  allerdings  durch  eine
abgezweigte  Truppenmacht  genommen  werden,  die  den  Dlatz  beobachtend
umschloß,  zwang  aber  immerbhin  den  Eindringling  zu  einer  Teilung  der
Kräfte,  die  einem  weit  von  seiner  Grundstellung  operierenden  Feind  gefährlich,
unter  AUmständen  sogar  zum  Verhängnis  werden  mußte.

Lüttich,  der  östliche  Zugang  der  belgischen  Ebene,  war  als  moderne
Festung  von  zwölf  starken  Forts  umgeben.  Diese  lagen  auf  beiden  Ufern
der  Maas,  besaßen  einen  Betonkern  und  Panzertürme  mit  kräftiger  Bestückung
  und  kreuzten  ihr  Feuer  im  Gelände.  Die  Festung  beherrschte  das
Maastal  sowie  alle  wichtigen  Verbindungen  vom  Osten  nach  dem  Nordwesten
  des  Landes.

Auf  eine  Umwallung  der  Stadt  hatte  Brialmont  verzichtet,  die  alte
Zitadelle  und  die  ähnlich  gestaltete  Kartause  aber  als  Festungswerke  erholten.
  In  General  Léman  besaß  der  Plaß  einen  tatträftigen  Verteidiger,
der  für  rechtzeitige  Heranziehung  beweglicher  Kräfte  sorgte.
        <pb n="111" />
        Die  Engländer  95

Zwischen  Lüttich  und  Namur  war  das  große  Sperrfort  Huy  als
Bindeglied  eingeschoben.  Namur,  die  Feste  am  Vereinigungsort  von
Maas  und  Sambre,  von  neun  starken  Fort#s  umgeben  und  Sammelplag
einer  Felddivision,  war  als  dritte  Wegsperre  ausgestaltet.  Gelangten  die
Deutschen  bis  Namur,  so  traten  ihnen  nach  Annahme  der  englischen,  belgischen
  und  französischen  Fachleute,  die  dieses  Problem  ja  gemeinsam  geprüft
hatten,  unter  allen  Umständen  starke  englische  Kräfte  entgegen  und  erleichterten
den  französisch-belgischen  Armeen  die  Erneuerung  der  Schlacht.  Die  Bereitskellung
  des  englischen  Feldheeres  entsprach  indes  diesen  Studien  und
Erwartungen  nicht  (4).

Die  Engländer

Die  englische  Armee  war  zwar  sofort  nach  der  Kriegserklärung  an
Deutschland  in  Bewegung  geseht  worden,  kam  aber  erst  vom  8.  August  an
in  Boulogne,  Calais,  Dünkirchen  und  Ostende  zur  Ausschiffung  und  begann
erst  am  14.  August  ihren  Aufmarsch  im  Raume  Maubeuge.

Diese  Säummis  ist  unerklärlich,  da  die  Verwendung  des  englischen  Feldheeres
  auf  dem  Festlande  im  Falle  eines  Koalitionskrieges  längst  vorgesehen
war.  Wie  die  englische  Regierung  in  den  lehten  Jahren  ihre  Kampfflotte
in  den  heimischen  Gewässern  vereinigt  und  bereitgehalten  hatte,  so  war  sie
auch  darauf  bedacht  gewesen,  das  an  Zahl  geringe,  aber  vorzüglich  ausgerüstete
Feldheer  in  volle  Bereitschaft  zu  setzen.  Der  Oberbefehl  war  Feldmarschall
French  vorbehalten,  der  sich  durch  wiederholte  Bereisung  des  Versammlungs.
gebietes  und  regen  Gedankenaustausch  mit  dem  französischen  und  belgischen
Generalstab  mit  seiner  Aufgabe  vertraut  gemacht  hatte.  Das  gesamte  Feld.
beer  zählte  etwa  160  000  Mamn  und  konnte  durch  Einziehung  der  Generalreserve
  rasch  auf  300  000  Mann  gebracht  werden.

Das  britische  Heer  war  nicht  zum  Bewegungskrieg  großen  Stils  erzogen,
sondern  auf  einfache  taktische  Formen  in  Marschkolonnen  und  Verteidigungsschlache
  eingeschworen,  die  sich  in  den  Kämpfen  mit  wilden  und  halbwilden
Wölkern  herausgebildet  hatten.  Dagegen  erschien  es  im  Stellungskrieg  als
starker  Gegner,  dessen  hartnäckige  Tapferkeit,  kaltes  Blut  und  Selbstsicherheit
im  Feuergefecht  und  beim  Nahkampf  sehr  zur  Geltung  kamen,  Eigenschaften,
die  schon  Napoleon  der  britischen  Infanterie,  „der  besten  der  Welte,  von  der  es
zum  Glück  nicht  viel  gebe“,  nachgerühmt  hatte.  Konnte  Lord  Kitchener,
der  bei  Kriegsausbruch  die  Leitung  des  Kriegsministeriums  und  die  Bildung
eines  großen  Freiwilligenheeres  übernahm,  diese  Berufsarmee  rechtzeitig
als  Rahmen  eines  Millionenheeres  nugbar  machen,  so  erskand  Deutschland
in  England  auch  auf  dem  Lande  ein  sehr  beachtenswerter  Gegner.  Auf  dem
Meere  war  Englands  Vorherrschaft  ohnedies  so  fest  verankert,  daß  es  die
deutsche  Schiffahrt  lahmlegen  und  die  deutsche  Kriegsflotte  sofort  in  die
Verteidigung  zwingen  konnte.
        <pb n="112" />
        96  Die  militärische  Lage  Europas

Die  ungeheuren  Machtmittel  des  britcischen  Imperiums  kamen  zwar
langsam  in  Bewegung,  wurden  aber  im  Laufe  des  Krieges  methodisch  ent.
wickelt  und  unter  Vorspann  der  überseeischen  Herrschaftsgebiete  und  Tochter.
staaten  Kanada,  Australien,  Südafrika  und  Indien  mit  rücksichtsloser  Ent.
schlossenheit  gegen  Deutschland  und  seine  Verbündeten  gelenkt.  Als  die
ersten  Divisionen  sich  bei  Maubeuge  sommelten,  schwammen  schon  zahlreiche
Schiffe  auf  hoher  See,  um  nach  und  nach  100  000  Mann  eingeborener  indischer
Truppen,  deren  man  in  Indien  gern  entriet,  nach  Agypten  und  Europa  zu
befördern.  Im  Mutterland  und  in  allen  Tochterstaaten  erging  die  Werbetrommel
  und  rief  Freiwillige  unter  die  Fahnen.  ODiese  Massen  wurden  in
Divisionen  gegliedert  und  allmählich  der  Front  zugeführt.

Das  stehende  Heer  rückte  mit  vier  Armeedivisionen  aus,  zwei  weitere
wurden  nachgeschoben,  ehe  es  zu  den  großen  Septemberschlachten  kam.
Aber  obwohl  sich  der  englische  Generalstab  im  Besitze  sämtlichen  Materials
zur  Worbereitung  eines  Feldzuges  in  Belgien  befand  und  die  Landungsmöglichkeiten
  in  Zeebrügge  und  Ostende  seit  Jahren  bearbeitet  worden  waren,
konnte  selbst  der  Bormarsch  von  Maubeuge  nicht  rechtzeitig  angetreten
werden,  da  sich  die  eigenen  Vorbereitungen  in  die  Länge  zogen  und  der
Gegner  ein  abgekürztes  Verfahren  einschlug.

Auch  die  Werschiebung  der  französischen  Armeen  auf  der  Grundlinie
der  ersten  Aufstellung  von  Osten  nach  Norden  hatte  sich  schwieriger  gestaltet,
als  vorauszusehen  war.  Die  von  Nancy  nach  Mezieres  und  Hirson  be.
fohlenen  Teile  sind  mit  den  von  Süden  herangebrachten  algerischen  und
marokkanischen  Divisionen  nicht  rechtkzeitig  zu  einer  Einbeit  in  der  Hand
des  Fübrers,  General  Lanrezac,  verbunden  worden,  auch  war  diese  5.  Armee
zu  schwach,  um  im  weitgespannten  Winkel  von  Maas  und  Sambre  geschlossen
aufzutreten.  Vollständig  im  Rückstand  war  die  Bereitstellung  der  aus  fran.
zösischen  Territorialtruppen  bestehenden  Flankengruppe  im  Raume  Lille,  wo“
das  „débrouillement“  überhaupt  nicht  mehr  erfolgt  ist.  Das  sollte  die  Engländer
  teuer  zu  stehen  kommen,  deren  Generalstab  und  Feldheer  in  Verhälenisse
von  ungeahnter  Größe  gerieten  und  sich  über  Raum  und  Zeit  keine  strategische
NRechenschaft  zu  geben  vermochten.  Wurden  die  Engländer  in  ihrer  Grundstellung
  vor  Maubeuge  angefallen,  so  verloren  sie  von  Anfang  an  jeden
Rückhalt.

Außer  Maubeuge  befand  sich  keine  französische  Befestigung  an  der
Nordgrenze  in  der  Verfassung,  einem  Angriff  schwerer  Artillerie  des  deutschen
Feldheeres  Widerstand  zu  leisten.  Die  alten  festen  Plätze  Longwy,  Montmédy,
  Givet,  Hirson,  Les  Avvelles  und  Lille  wurden  offenbar  als  entwertet
behandelt,  weil  das  belgische  Festungssystem  eine  unüberwindliche  Schranke
gegen  einen  Angriff  von  Norden  und  Nordosten  zu  bilden  schien.  Oieses
stellte  also  gewissermaßen  die  erste  befestigte  Linie  dar,  die  in  engem  strategischem
  Zusammenhang  mit  der  französischen  Maasfroné  nicht  mur  Belgien
        <pb n="113" />
        Osterreicher  und  Ungarn  97

und  Frankreichs  linke  Flanke,  sondern  auch  England  deckte.  Dazu  war  das
belgische  Festungssystem  nach  seiner  ganzen  Anlage  und  Anordnung  in  der
Tat  vorzüglich  geeignet,  obgleich  es  als  allseitig  stirnbietendes  Dreieck  Ant.-werpen
  —  Namur  —  Luüttich  zum  Schutz  eines  neutralen  Candes  errichtet
worden  war.

r

So  ergibt  sich  auf  dem  westlichen  Kriegstheater  eine  Rampenstellung
von  Belfort  bis  Lüttich,  hinter  der  die  französisch-englisch-belgischen  Heere
ihren  Aufmarsch  vollzogen,  um  je  nach  den  Umständen  zu  handeln,  in  jedem
Falle  aber  angriffsweise,  sei  es  im  Süden  aus  der  Grundstellung,  sei  es  im
Norden  durch  Begegnung,  zu  verfahren  und  dem  deutschen  Heere  vielleicht
den  ersten  Schrikt,  aber  nicht  mehr  zu  überlassen.

Österreicher  und  Ungarn

Die  Grundzüge  des  Kriegsplanes,  der  den  umringten  Mittelmächten
Erfolge  versprach,  waren  nach  Lage  der  Dinge  durch  die  Verhältnisse  bis
zu  einem  gewissen  Grade  vorgezeichnet.  Gemeinsame  Dberlegungen  hatten  die
Heeresleitungen  Deutschlands  und  ÖOsterreich-Ungarns  bazu  geführt,  einen
Feldzugplan  zu  entwerfen,  der  die  österreichischen  und  ungarischen  Streit.
kräfte  mit  der  Hauptmacht  gegen  Rußland,  die  deutschen  gegen  Frankreich  in
Bewegung  sehte.  Osterreich-Ungarn  übernahm  damit  in  gewissem  Umfang
und  für  eine  nach  den  Umständen  zu  bemessende  Frist  eine  Rückendeckung
Deutschlands  gegen  Osten,  die  zugleich  das  Verfahren  auf  dem  östlichen
Kriegsschauplatz  bestimmte.

Eine  halbamtliche  Mitteilung  der  k.  u.  k.  Heeresleitung  hat  im  April
1915  die  Zahlenverhältuisse  dargelege,  unter  deren  Einfluß  die  Eröffnung
des  Feldzuges  gegen  Rußland  stand.  Man  schätzte  Rußlands  Wehrmacht
auf  79  Infanterie-  und  Schühendivisionen  erster  Linie  und  35  Aeservedivisionen,
  wovon  100  gegen  Westen  verwendet  werden  konnten.  Außerdem
waren  40  Divisionen  brauchbarer  Reichswehr  zu  berechnen.

Bei  der  räumlichen  Ausdehnung  des  russischen  Reiches  mochte  beträchtliche
  Zeit  vergehen,  bis  diese  ganze  gewaltige  Macht  an  den  russischen
Westgrenzen  verfügbar  wurde;  mit  80  Divisionen  erster  und  zweiter  Linie
mußte  jedoch  das  Machtgebot  unbedingt  eingeschätzt  werden,  das  dank  der
Anhäufung  von  Truppen  in  Westrußland  innerhalb  der  ersten  Phase  des
Krieges  schlagbereit  sein  konnte.

Durfte  angenommen  werden,  daß  die  deutschen  Kräfte  in  Ostpreußen
und  Schlesien  —  einschließlich  LCandwehr  —  etwa  15  Oivisionen  stark  waren

und  20  des  Feindes  zu  binden  vermochten,  so  blieben  60  Diovisionen  frei.
Stegemenne  Geschichte  det  Krieges.  1.  7
        <pb n="114" />
        98  Die  militärische  Lage  Europas

Es  war  die  Aufgabe  des  k.  u.  k.  Heeres,  diese  Streitmacht  auf  sich  zu  ziehen
und  zu  fesseln.  Hierzu  standen  der  Heeresleitung  38  österreichische  und
ungarische  Divisionen  zur  Verfügung.  Das  Werhälenis  verschob  sich  noch
dadurch  zuungunsten  der  Osterreicher  und  Ungarn,  daß  die  russischen  Infanterietruppendivisionen
  mit  16  Bataillonen  den  österreichisch-ungarischen
mit  ihren  durchschnietlich  13  Bataillonen  an  Infanterie  ansehnlich  überlegen
waren;  an  Artillerie  waren  die  Russen  anderthalbmal  so  stark,  die  Ubermacht
an  Reiterei  —  39  Kavallerietruppendivisionen  gegen  11  —  war  geradezu
erdrückend.

Die  ssterreichisch-ungarische  Heeresleitung  zog  aus  diesen  Verhältnissen
den  Schluß,  daß  die  Nordarmee,  also  die  gegen  Rußland  aufgestellte  Haupt.
macht,  unverweilt  zum  Angriff  übergehen  müsse.  Dies  konnte  nach  ihrer
Auffassung  nur  in  der  Weise  geschehen,  daß  sich  ein  möglichst  starker  Teil
dieser  Streitmacht  so  rasch  wie  möglich  auf  eine  der  noch  in  Bersammlung
vermuteten  russischen  Gruppen  warf,  um  sie  zu  schlagen,  während  der  zweite
Teil  die  anderen  Gruppen  auhhielt,  bis  sich  die  Hauptkraft  nach  errungenem
Siege  auch  gegen  diese  wenden  konnte.

Der  erste  Anprall  solltee  der  im  Norden  zwischen  Weichsel  und  Bug
versammelten  russischen  Armee  gelten.  Ein  Vorstoß  dieser  feindlichen  Gruppe
häctte  nämlich  nach  kurzem  Vordringen  alle  nach  Westen  verlaufenden  Eisen.
bahnverbindungen  der  österreichisch-ungarischen  Streitkräfte  durchschnitten
und  die  Osterreicher  vom  Innern  der  Monarchie  und  der  schlesischen  Grenze
abgedrängt  und  zum  Rückzug  in  die  östlichen  Karpathen  genötigt.

Oiese  Gesichtspunkte  sind  für  die  Bewegung  der  österreichisch-ungarischen
Streitträfte,  die  aus  Mähren  und  Ungarn  nach  Osten  strebten,  maßgebend
gewesen.  Auf  die  fsesten  Pläcze  Krakau  und  Trzemysl  gestüzt,  vollzogen  sie
den  Aufmarsch.  Offen  und  nur  durch  ein  fliegendes  Korps  verteidigt,  lag
dem  Feinde,  der  seine  Reiterscharen  aus  Beßarabien  vortreiben  konnte,  im
Süden  die  grüne  Bukowina,  offen  das  Land  östlich  des  Onjestr  mit  dem
vorgeschobenen  Lemberg,  das  auch  durch  glückliche  Schlacht  nur  schwer  zu
behaupten  war,  da  die  Russen  mit  Umfassung  auf  beiden  Flügeln  drohen
konnten.

So  war  die  österreichisch-ungarische  Armee  durch  die  Verhältnisse  genötigt,
  beinahe  alles  auf  einen  Wurf  zu  stellen,  wenn  sie  angriffsweise  gegen
Nordosten  vorging,  statt  am  San  und  Onjestr  in  der  Verteidigung  zu
verharren.  Es  bleibe  zweifelhaft,  ob  sie  diesen  Wurf  troc  des  strategischen
  Zwangs  gewagt  hätte,  wenn  sie  von  der  Anwesenheit  dreier  großer,
bereits  schlagfertiger  russischer  Armeen  zwischen  Lublin  und  Kiew  und
einer  vierten  in  Dodolien  unterrichtek  gewesen  wäre.  Ein  Juwarten,
wie  es  der  französische  Kriegsplan  vorsah,  verbot  sich  allerdings  im  Osten,
denn  dazu  fehlte  die  Möglichkeit  einer  so  günstigen  Aufstellung,  wie  die
Maaslinie  sie  gestattete.  Osterreich-Ungarns  Fahnen  so  wagemutig  vor-
        <pb n="115" />
        ÖOsterreicher  und  Ungarn  99

getragen  zu  sehen,  war  für  den  Kenner  seiner  Kriegsgeschichte  eine  Uberraschung.
  Diese  Kriegführung  erinnerte  nicht  mehr  an  den  Hofkriegsrat
unseligen  Angedenkens,  auch  nicht  an  Benedek  und  Krismanik,  die  1866
zaudernd  von  Olmüh  nach  Königgräh  zogen,  sondern  an  Erzherzog  Karls,
an  Radegkys  und  Erzherzog  Albreches  glücklichste  Tage.  Ein  Enkel  des
Siegers  von  Aspern,  Erzherzog  Friedrich,  war  für  den  Oberbefehl  im
Osten,  sein  jüngerer  Bruder,  Erzherzog  Eugen,  später  für  den  Oberbefehl
gegen  Italien  ausersehen.  Die  Leitung  der  Operationen  lag  in  der  Hand
des  Generalstabchefs  Conrad  v.  Höhendorf.

Es  war  ein  Kampf  gegen  die  Jahl,  der  sich  für  Osterreich-Ungarn  vorbereitete,
  aber  es  war  auch  ein  Kampf  gegen  ein  viel  weiter  in  der  Bereit.
stellung  vorgeschrittenes  Heer,  als  man  in  Osterreich-Angarn  und  Deutschland
erwartet  hatte.  Die  österreichische  Heeresleitung  sah  sich  daher  schon  nach
wenigen  Tagen  gezwungen,  Teile  der  gegen  Serbien  und  Montenegro  auf.
gestellten  Truppen,  ursprünglich  11  Divisionen,  auf  das  nördliche  Kriegs.
kbeater  heranzuholen  und  Serbien  vollends  als  Nebenschauplaß  zu  behandeln.

Das  österreichisch-ungarische  Heer  hat  den  alten  Fahnenstolz  und  die
Treue  und  Hingebung  seiner  in  Glück  und  Unglück  geprüften  Regimenter
auch  in  diesem  größten  aller  Kriege  bewährt.  Jwar  genügten  die  schwachen
Friedensbestände  zur  Herstellung  eines  starken  Kriegsrahmens  nicht,  aber
die  Mobilmachung  vollzog  sich  meist  ohne  Reibung,  und  die  leeren  Kasernen
füllten  sich  bald  mie  Ersatzmannschaften.  Die  Bereitschaft  Osterreich.
Ungarns,  den  Krieg  durchzukämpfen,  zog  ihre  beste  Nahrung  aus  dem
Verschmelzen  seines  militärischen  Wollens  mit  dem  militärischen  Wollen
Deutschlands.  Wie  sich  im  HLaufe  des  Feldzuges  herausstellte,  ist  diese  WVerschmelzung
  bis  zur  vollen  restlosen  Vereinheitlichung  der  Kraftanstrengung
gegangen.  Die  deutschen,  österreichischen  und  ungarischen  Kriegsvölker
wurden  im  Flammenelement  der  Schlachten  organisch  verbunden  und  zu
einem  einzigen  Körper  gestaltet.  Hieraus  ergab  sich  ein  Vorsprung  der  beiden
Mächte  gegenüber  der  Verbündung  der  Entencemächte,  die  ihre  Feldzugs.
pläunc  und  die  daraus  fließenden  Operationen  ihrer  Armeen  nicht  zur  völligen
Abereinstimmung  zu  bringen  vermochten.  Wöre  dies  geschehen  —  was  bei
der  räumlichen  Trennung  ihrer  Kräfte  ohnehin  sehr  schwierig  war  —,  so
hätte  sich  das  Abergewicht  der  Zahl  der  französischen,  englischen,  russischen,
italienischen  und  serbischen  Streitkräfte  noch  in  weit  höherem  Maße  geltend
machen  müüssen.

Die  ungeheure  Aufgabe,  welche  den  ssterreichisch-ungarischen  Armeen
im  Osten  gestellt  war,  wurde  durch  zwei  Umstände  erleichtert.  Osterreich-Ungarn
  konnte  fest  auf  deutsche  Hilfe  bauen  und  beim  Übergang  zur  Verteidigung
  die  gefährlichen  Einbruchstellen  zunächst  durch  eine  zentrale  Aufstellung
  decken.  Oberschlesien,  die  Mährische  Senke  und  die  Beskidenlücke
lagen  so  eng  zusommen,  daß  die  Einheitlichkeit  des  operativen  Verfahrens
        <pb n="116" />
        100  Die  militärische  Lage  Europas

dadurch  nicht  beeinträchtigt  wurde.  Als  die  Soldaten  des  Kaisers  und
Königs  Franz  Joseph  bei  Kriegsbeginn  nach  altösterreichischem  Brauch  den
grünen  Laubzweig  an  die  Kappe  steckten,  dachten  sie  indes  mitnichten  an  eine
abwartende  Haltung,  sondern  brannten  darauf,  an  den  Feind  zu  lommen.
Oarauf  wartete  auch  die  lleine  tüchtige  Kriegsflotte,  deren  Stunde  aber  erst
schlug,  als  Icalien  in  den  Krieg  gegen  Osterreich-Angarn  eintrat.

Oie  Deutschen

Am  6.  August  erließ  Kaiser  Wilhelm  einen  Aufruf  an  das  deutsche
Volk,  in  welchem  der  Gedanke  ausgesprochen  war,  daß  es  sich  in  dem  auf.
steigenden  Krieg  um  Sein  oder  Nichtsein  des  Deutschen  Reiches  handelte.
„Wir  werden  uns  wehren  bis  zum  letzten  Hauch  von  Mann  und  Roß,“
bieß  es  darin  in  klarer  Kenntnis  der  überwältigenden  militärischen  Ausgabe,
vor  die  der  Krieg  Bolk  und  Reich  stellte.  Das  Wort:  „Feinde  ringsum,“
das  in  dem  am  geeichen  Tage  unterzeichneten  Befehle  an  Heer  und  Marine
stand,  traf  in  vollem  Lmfang  zu.  Nur  „der  beiße,  durch  nichts  zu  bezwingende
Wille  zum  Sieg"“,  auf  den  der  Kaiser  in  seinem  Armeebesehl  vertraute,
konnte  Deurschland  befähigen,  einer  Welt  von  Feinden  die  Spige  zu  bieten  und
mit  Osterreich-Ungarn  und  der  Türkei  einer  Koalition  von  unerhörter  Mächtigkeit
  entgegenzutreten.  Nicht  der  Feldzugsplan,  so  wichtig  er  war,  nur
der  Geist  des  Heeres  und  die  vollkommene  Hingabe  des  ganzen  Volkes  an
den  vaterländischen  Gedanken  sehztten  Deutschland  instand,  einen  solchen  Krieg
auf  sich  zu  nehmen  und  ihn  so  lebendig  zu  erfassen  und  organisch  zu  gestalten,
daß  er  zur  vollen,  erschöpfenden  Lebensäußerung,  zur  zweckvollen  Bestätigung
des  ganzen  Volkes  und  Staates  wurde  und  die  Nation  über  sich  hinauswachsen
  ließ.

Heer  und  Flotte  waren  bereit.  Nur  eines  mochte  fraglich  erscheinen,
ob  diese  während  langer  Jahre  in  unsäglicher  Arbeit  und  fieberndem  Schaffen
erworbene  Bereitschaft  nicht  eine  äußerliche  war  und  eine  Schädigung  der
Nervenkraft  im  Gefolge  gehabt  hatte.  Darauf  haben  die  Feldzüge  dieses
Krieges  eine  heldenhafte  Anewort  gegeben.  Als  die  Mobilmachung  ausgesprochen
  war,  erlosch  alle  Nervosität,  auch  aus  der  Ferne  spürte  man  das
Weben  und  Walten  eines  Heerwesens,  das  nun  aus  dem  „Leerlauf“  zur
aufs  höchste  gesteigerten  Leistung  aufgerufen  ward.  Dadurch  erhielt  der
Glaube  Nahrung,  daß  Deutschland  den  Krieg  mit  Absicht  berbeigeführt
babe.  Die  im  Wesen  des  Volkes  und  in  seiner  Staatsauffassung  ruhende
und  wirkende  Gründlichkeit  der  Ausführung  wurde  in  dieser  Auslegung
als  absichesvolle  Kriegsvorbereitung  mißdeutet.  Deutschland  war  in  der
DTat  kriegsbereit,  und  zwar  war  es  das,  weil  die  gesetzlichen  Maßnahmen
ihre  Erfüllung  gefunden  hacten  und  das  Heerwesen  mit  rücksichtsloser
        <pb n="117" />
        Die  Deutschen  101

Strenge  instand  gehalten  worden  war,  nicht  aber,  weil  man  den  Krieg  als
solchen  gewünscht,  gewollt  und  herbeigefllhrt  hätte.

Wie  einst  in  der  Geburtsstunde  des  Deutschen  Reiches,  in  den  schwülen

Julitagen  des  Jahres  1870,  so  vollzog  sich  im  heißen  August  1914  die
deutsche  Mobilmachung  mit  überraschender  Schnelligkeit  und  Dünktlichkeit.
Auch  diesmal  bedurfte  es  —  um  mit  Moltke  zu  sprechen  —,  als  sie  befohlen
wurde,  „nur  der  Unterschrift  des  Monarchen,  die  ganze  gewaltige  Bewegung
ihren  ungestörten  Verlauf  nehmen  zu  lassen“.  Wie  damals  wurde  keine
Rückfrage  an  den  Großen  Generalstab  gestellt,  und  als  Kaiser  Wilhelm  II.
am  16.  August  Berlin  in  der  Richtung  auf  Mainz  verließ,  um  sein  Hauptquartier
  vorerst  in  Koblenz  zu  nehmen,  war  die  Versammlung  der  Kräfte
zum  Vormarsch  bereits  so  gut  wie  vollendet.
Dieses  Erbe  Moltkes  war  wohlverwohrt.  Das  war  das  Werdienst  des
im  Jahre  1910  verstorbenen  Generalfeldmarschalls  Grafen  Schlieffen,  des
Nachfolgers  Molekes,  und  das  des  Neffen  des  großen  Feldherrn  von  1870,
des  Chefs  des  Generalstabes,  Generalobersken  v.  Moleke,  dem  die  Vorbereitung
  der  Mobilmachung  zugefallen  war,  als  er  in  den  lehten  Tagen
des  Juli  aus  Karlsbad  zurückkehrte,  um  die  Leitung  zu  übernehmen.

Im  übermenschlichen  Ringen  wurden  alte  Grundsäße  lebendig,  Grundsäze
  der  Führung,  der  Mannszucht  und  der  Truppenverwendung.  Was  neu
binzutrat,  wurde  rasch  und  sicher  zu  einer  Methodik  entwickelt,  die  der  Im.
provisation  überlegen  blieb  und  dem  Massenheer  bald  in  Fleisch  und  Blut
überging.  Die  Bewegungen  begannen  am  18.  August  und  damit  Feldzüge,
deren  Entwicklung  und  Ausgang  sich  nicht  voraussehen  ließen,  weil  jeder
Maßstab  versagte  und  der  Zwei-  und  Dreifrontenkrieg  die  ungestörte  Durchführung
  der  Operationen  nach  einer  einzigen  Front  nicht  gestattete,  von  den
Überseeischen  Kriegshandlungen  und  dem  Seekrieg  vorläufig  ganz  zu  schweigen.

Der  Krieg  von  1870/71  ist  trotz  seiner  Bedeutung  und  seines  Amfanges
nicht  zu  vergleichen  mit  dem  Kriege,  der  im  Jahre  1914  Europa  und  die
Wele  in  den  Grundfesten  erschütterte.  Und  doch  schrieb  Molktke  schon  in
seiner  Darstellung  jenes  Feldzuges,  es  sei  eine  Täuschung,  wenn  man  glaube,
einen  Feldzugsplan  auf  weit  hinaus  feststellen  und  bis  zu  Ende  durchführen
zu  können.  Der  erste  Zusammenstoß  mit  der  feindlichen  Hauptmacht  schaffe
je  nach  seinem  Ausfall  eine  neue  Sachlage.  „Vieles  wird  unausführbar,
was  man  beabsichtigen  mochte.  Die  geänderten  Berhältnisse  richtig  auf.
fassen,  darauf  auf  eine  absehbare  Frist  das  Iweckmäßige  anordnen  und  ent.
schlossen  durchführen  ist  alles,  was  die  Heeresleitung  zu  tun  vermag.“

Der  einfache  Grundplan  des  Feldzuges  gegen  das  kaiserliche  Frankreich
im  Jahre  1870  faßte  von  Haus  aus  die  Eroberung  der  feindlichen  Hauptstadt
ins  Auge.  Auf  dem  Wege  dahin  sollte  die  Stereitmacht  des  Gegners  möglichst
von  dem  an  Hilfsmitteln  reichen  Süden  ab-  und  in  das  engere  Hinterland
des  Nordens  gedränge  werden.  Maßgebend  vor  allem  aber  war  der  Ent-
        <pb n="118" />
        102  Die  militärische  Lage  Europas

schluß,  den  Feind,  wo  man  ihn  traf,  unverzüglich  anzugreifen  und  die  Kräfte
so  zusammenzuhalten,  daß  es  mit  überlegener  Zahl  geschehen  lonnte.

Der  Kriegsplan,  der  den  Feldzügen  im  Jahre  1914  zugrunde  gelegt
wurde,  konnte  diese  einfache  und  in  ihrer  Einfachheit  geniale  Strategie  nicht
nachahmen,  denn  Deutschland  besaß  nicht  mehr  die  Überlegenheit  der  Zahl
und  Frankreich  nicht  mehr  die  offene  Grenze  wie  vor  vierundvierzig  Jahren,
überdies  meldeten  sich  die  Notwendigkeiten  des  Zweifronten-  und  Bündniskrieges
  rasch  zum  Wort.  Gerade  letztere  forderten,  daß  Deutschland  den
Gegner  im  Westen  niederrang  oder  dort  zum  mindesten  sichere  Verhältnisse
schuf,  ehe  die  Millionen  des  Zaren  den  Widerstand  der  Ostheere  brachen
und  ins  Innere  der  beiden  Zentralmächte  drangen.

So  beließ  man  in  Ostpreußen  und  Schlesien  außer  Landwehr  nur  das
I.,  XVII.  und  XX.  Armeekorps,  das  I.  Reservekorps,  Landwehr  und  einige
Kavalleriekörper,  um  die  Grenze  vor  dem  Einbruch  der  Russen  zu  schügen.
Die  Linie  der  Angerapp  und  der  masurischen  Seen,  wo  die  Festung  Boyen
den  gefährlichsten  Durchgang  sperrte,  und  die  starke  Festung  Königsberg
gaben  den  Bewegungen  der  Truppen,  die  Ostpreußen  verteidigen  sollten,
vorerst  genügenden  Rückhalt.  Als  unüberschreitbare  Schranke  erschien  dahinter
  die  preußische  Weichsellinie,  wo  der  Strom  schon  auf  1000  Meter
Breite  angewachsen  ist  und  Thorn  als  Brückenkopf  und  Ausfällspforte  die
Grenze  gegen  Süden  deckte.  Allerdings  war  alles  Land  reches  der  Weichsel
gefährdet,  wenn  starke  russische  Massen  aus  der  Rjemen-  und  Narewfront
hervorbrachen.  Aber  diese  Gefahr  schien  noch  in  weitem  Felde  zu  liegen
und  mußte  in  Kauf  genommen  werden.

Für  die  eingebogenen  Grenzen  der  Provinzen  Posen  und  Schlesien
war  niches  zu  fürchten,  wenn  die  Russen  den  Weg  nicht  über  die  polnische
Weichsel  fanden  und  ihre  Mitte  versagten,  um  an  den  Flügeln  Bewegungs.
freiheit  zu  besitzen.  Solange  die  österreichisch-ungarischen  Sereitkräfte
schlagkräftig  in  Galizien  standen  und  dort  die  Hauptmacht  der  Nussen
banden,  war  die  militärische  Lage  im  Osten  durch  einen  bescheidenen  Einschuß
  deutscher  Kräfte  in  der  Schwebe  zu  erhalten,  sofern  Rußland  nicht
weit  kriegsfertiger  war  als  es  schien  und  bei  ordnungsmäßiger  Vorbereitung
  sein  konnte.

Anders  auf  dem  westlichen  Kriegsschauplag.  Hierhin  strebten  die  deutschen
Hauptkräfte  in  beschleunigtem  Aufmarsch  und  bildeten  sieben  Armeen,  die
sich  in  kühnem  Entschluß  hart  am  Feinde  aufbauten.  Von  diesen  sieben
Armeen  sammelten  sich  fünf  auf  der  Linie  Köln—Trier—Meo,  die  sechste
in  Lokhringen  und  die  siebente  bei  Straßburg.  Das  obere  Elsaß  gegen  die
schweizerische  Grenze  hin  wurde  mur  schwach  besetzt.  Hier  fing  sich  jeder
französische  Vorstoß  in  einer  Sackgasse,  solange  die  Befestigungen  des
Ssteiner  Klotzes,  Breisachs  und  Straßburgs  aufrecht  standen  und  die  Schweiz
ibre  Neutralität  nach  allen  Seiten  mit  den  Waffen  verbürgte.  Als  bewegliche
        <pb n="119" />
        Die  Deutschen  103

Verteidigungstruppe  wurden  in  diesem  Grenzgebiet  einige  Landwehrbrigaden
  unter  dem  Befehl  des  Generals  Gaede  zusammengezogen.

Die  Angriffsarmeen  gliederten  sich  folgendermaßen:

Die  1.  Armee  versammelte  sich  im  MRaume  Aachen.  Sie  stand  unter
dem  Befehl  des  Generalobersten  v.  Kluck  und  umfaßte  zu  Beginn  der  Bewegung
  das  II.,  III.,  IV.,  IX.  und  XI.  Armeekorps;  das  IV.  Reservekorps
rückte  nach.

Die  2.  Armee  stand  südlich  anschließend  unter  dem  Befehl  des  General.
obersten  v.  Bülow  und  umfaßte  das  Gardekorps  nebst  dem  Gardereservekorps
  und  das  VII.  und  X.  Armeekorps  sowie  das  VII.  und  X.  Reserve.
armeekorps.

Die  3.  Armee,  die  sich  im  Naume  Malmédy  versammelte,  stand  unter
dem  Gefehle  des  Generalobersten  Freiherrn  v.  Hausen  und  umfaßte  das
XII.  und  XIX.  Armeekorps  und  das  XII.  und  XIX.  Reservearmeekorps.

Die  4.  Armee  versammelte  sich  im  Naume  St.  Vith.  Sie  stand  unter
dem  Gefehl  des  Herzogs  Albrecht  von  Württemberg  und  umfaßte  das  VIII.
und  XVIII.  Armeekorps  und  das  VIII.  und  XVIII.  Reservearmeekorpts.

Die  5.  Armee  versammelte  sich  im  Raume  Saarbrücken—Luxemburg.
Sie  focht  unter  dem  Befehl  des  Deutschen  Kronprinzen  und  umfaßte  das  V.,
VI.,  XIII.  und  XVI.  Armeekorps  und  das  V.  und  VI.  Reservearmeekorps.

Die  6.  Armee,  die  in  Lorhringen  aufmarschierte,  stand  unter  dem  Befehl
des  Kronprinzen  Rupprecht  von  Bayern  und  umfaßte  das  I.,  II.  und  III.
bayerische  Armeekorps,  das  X  XI.  Armeekorps  und  das  I.  bayerische  Reserve.
armeekorps  nebst  der  bayerischen  Kavalleriedivision.

Die  7.  Armee,  die  bei  Straßburg  versammelt  wurde,  geborchte  den
Befehlen  des  Generalobersken  v.  Heeringen  und  umfaßte  das  XIV.  und
XV.  Armeekorps  und  das  XIV.  Reservearmeekorps.  Straßburg  bot  mit
seinen  weit  vorgeschobenen  Außenfesten  und  Talsperren  sicheren  Flankenschutz.

Iwei  Reiterkorps  erschienen  auf  dem  rechten  Flügel  des  Heeres,  das
I.  unter  dem  Befehl  des  Generalleutnanes  von  ARichthofen,  das  die  Garde.
kavalleriedivision  und  die  5.,  das  II.  unter  dem  Wefehle  des  Generalleutnants
v.  d.  Marwig,  das  die  2.,  4.  und  9.  Kavalleriedivision  umfaßte.

Der  Aufmarsch  der  Deutschen  im  Westen  schob  sich  also  nördlich  weit
über  den  der  Franzosen  hinaus,  die  ihrerseits  im  Süden  überflügelnd  ankraten.


Die  Stüflanken  der  deutschen  und  der  französischen  Armeen  konnten
nicht  nur  als  angelehnt,  sondern  auch  als  unverwundbar  betrachtet  werden,
denn  der  Aufmarsch  des  schweizerischen  Aufgebots  war  nicht  auf  einen
Grenzkordon  zugeschnitten,  sondern  stellte  die  gesamte  Wehrmacht  der
Eidgenossenschaft  zur  Masse  geballt  ins  Feld,  so  daß  die  dadurch  bedingte
doppelseitige  Bedrohung  auf  die  Lage  der  beiden  Gegner  in  gleichem  Sinne,
also  ausgleichend,  wirkte.
        <pb n="120" />
        104  Die  militärische  Lage  Europas

Schweizer  und  Holländer

Grenzsperren  und  die  Zentralfestung  des  St.-Gotthard.Gebietes  sicherten
den  Aufmarsch  des  eidgensssischen  Heeres.  Hinter  vorgeschobenen  Deckungstruppen
  lag  diese  wohlausgerüstete,  von  General  Ulrich  Wille  befehligte
und  von  Generalstabschef  Oberstkorpskommandant  Sprecher  v.  Bernegg
rasch  und  sicher  mobilisierte  Armee  in  starken  Sperrstellungen  zwischen
Murten  und  dem  Hauenstein  und  bielt  die  Jurapässe  und  die  nord-  und
westschweizerische  Hochebene  unter  Aufsicht.  Je  nach  der  Entwicklung  der
Lage  konnte  sie  nach  Nordost  oder  Nordwest,  später  auch  nach  Süden
Front  machen,  um  die  Neutralität  des  Landes  nach  strategischen  Grundsätzen
  mit  den  Waffen  zu  wahren.

Auch  die  Niederlande  hatten  sich  nicht  begnügt,  einen  Grenzkordon  zu
bilden,  sondern  ihre  Armee  einen  strategischen  Aufmarsch  vollziehen  lassen,
der  die  natürliche  Flankenstellung  Hollands  gegenüber  England  und  Deutschland
  zu  Gewicht  brachte  und  die  holländische  Neutralität  verbürgte.

So  starrte  denn  Europa  in  Waffen  und  bot  auf  dem  Hintergrund
einer  militärischen  Lage,  die  zwar  Aberraschungen  brachte,  im  allgemeinen
aber  längst  vorgezeichnet  lag,  das  Bild  eines  Aufmarsches,  wie  ihn  die
Welt  noch  nicht  gesehen  hatte.
        <pb n="121" />
        Der  Feldzug  im  Westen
bis  zum  15.  September  1914
        <pb n="122" />
        <pb n="123" />
        Die  Vorkämpfe
Der  Kampf  um  Lüttich

ls  die  Kriegserklärungen  ergangen  waren,  kauten  die  Pferde  der  Auf.-Härungsreiterei
  schon  auf  dem  Zügel,  und  alsbald  lief  das  erste  Geplänkel
um  die  Grenzen.  Schan  am  3.  August  erstiegen  im  Westen  französische  Alpenjäger
  den  Bogesenkamm,  um  die  Paßhöhen  vom  Donon  bis  zum  Col  de  Bussang
zu  gewinnen,  erschienen  französische  Flieger  am  Rhein  und  versuchten  die
Eisenbahnbrücken  zu  sprengen.  Deutsche  Reiter  trabten  durch  die  Burgunder.
pforte  und  warfen  sich  in  die  Wälder  von  Delle,  wo  sie  aufzuklären  und  den
erwarteten  Vormarsch  zu  erspähen  trachteten.  Bei  Nowosielica,  an  der
Grenze  der  Bukowina  und  Beßarabiens  prallten  Osterreicher  und  Nussen
aufeinander,  vom  Njemen  bis  zur  Weichsel  stießen  Kosaken  und  russische
Linienkavallerie  mit  leichten  Geschützen  gegen  das  dünne  Gehege  des  preußischen
  Grenzschutzes,  und  bei  Kalisch  und  Czenskochau  erschienen  deutsche
Vortruppen  auf  russischem  Boden.  Vor  Belgrad  fielen  am  1.  August  die  ersten
Kanonenschüsse,  und  am  2.  August  sprachen  vor  Libau,  an  der  kurländischen
Küste  und  vor  Philippeville  in  Algerien  deutsche  Schiffsgeschütze.  Es  waren
Späh--=  und  Deckbewegungen,  hinter  denen  sich  der  Aufmarsch  der  Streitkräfte
planmäßig  vollzog.  Die  Frist  bis  zum  Aufmarsch  und  zur  Vorbewegung
der  Landarmeen  mußte  nach  allgemeiner  Annahme  auf  mindestens  vierzehn
Tage  bemessen  werden.

Da  zerriß  schon  zu  Beginn  der  deutschen  Mobilmachung  ein  Vorstoß
  gegen  die  belgische  Grenze  und  die  Festung  Lüttich  das  verschleiernde
Gespinst.  Lberraschend  hatte  der  Feldzug  im  Westen  begonnen,  noch  ehe  der
Aufmarsch  vollendet  war.  Mie  mächtigem  Schwung  warf  Siegfried  den
Stein  gegen  den  Turm,  mit  dessen  Fall  das  ganze  strategische  Gebäude  des
Gegners  im  Westen  zusammenstürzte.

r

Der  deutsche  Feldzugsplan  ging  von  der  Erwägung  aus,  daß  es  ein
Gebot  der  Selbsterhaltung  sei,  das  französische  Gebiet  so  rasch  und  sicher
als  möglich  zu  erreichen,  an  einer  verwundbaren  Stelle  entscheidend  einzubrechen
  und  so  dem  Gegner  das  Geseh  aufzuerlegen.  Da  nun  ein  Anrennen
gegen  die  Mosel.  und  Maasfront  aussicheslos  erschien,  zumal  dann  eine
unübersehbare  DTiefengliederung  der  eng  zusammengepackten  Armeen  hätte
        <pb n="124" />
        108  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

stattfinden  müssen,  wurde  der  Bormarsch  durch  Belgien  zum  Grundgedanken
der  Angriffsbewegung.

Der  Vormarsch  ergab  eine  ungeheure  Vorbewegung  vom  rechten
Flügel  aus,  die  sich  bei  gutem  Gelingen  zu  einer  Aberslügelung  und  Umfassung
  des  Gegners  gestalten  mußte.  Um  die  Armee  skoßbereit  dicht  an  den
Gegner  heranzubringen  und  die  von  Meh  nach  Aachen  reichende  Angriffs.
front  vor  Störungen  ihrer  wichtigsten  Verbindungen  in  der  Anmarschlinie
zu  sichern,  rückten  schon  am  Abend  des  1.  August  Teile  des  VIII.  Armeekorps
  in  das  Großherzogtum  Luxemburg  ein  und  nahmen  von  den  Bahnen,
Brücken  und  strategischen  Punkten  Besig.  Am  Vormittag  des  2.  August
befand  sich  das  gesamte  Verkehrsnetz  Luxemburgs  in.  deutschen  Händen  und
diente  nun  der  5.  Armee  zur  Bereitstellung  gegenüber  der  Linie  Longwy—
Audun.  Damit  war  die  Angriffsfront  auf  der  Grundlinie  Aachen—Malmédy—Luxemburg—Mey
  ausgerichtet.

Stand  Meg  als  eigene  Feste  am  linken  Flügel  dieser  Linie,  so  drohte
gegenüber  dem  rechten  Flügel  das  starke  Lüttich  auf  der  Gegenseite  und  sperrte
den  Zugang  zum  belgischen  Maastal,  wo  die  freie  Bewegungslinie  erst
begann.  Nur  ein  Vorgehen,  das  wie  ein  Donnerkeil  einschlug,  konnte  hier
Bahn  brechen  und  den  Erfolg  des  deutschen  Aufmarsches  sichern.

Der  Handstreich

Am  4.  August  wurden  zwei  Friedensbrigaden  mit  etwas  Kavallerie
und  Artillerie  unter  der  Führung  des  Generals  von  Emmich  gegen  die  Festung
geschleudert.  Teile  des  VII.,  IX.  und  KX.  Armeekorps  rückten  nach.  In
immobilem  Zustand,  ohne  ihre  Ergänzungsmamnschaften  und  die  volle
Kriegsausriüstung  abzuwarten,  traten  die  Regimenter  an.  Es  galt,  Lüttich
im  Handstreich  oder  durch  gewaltsamen  Angriff  zu  nehmen.

Heiß  brannte  die  Augustsonne,  als  die  deutschen  Truppen  im  Gewalt.
marsch  durch  das  waldige  Hügelland  drangen.  Die  Grenze  wurde  bei  Aachen
und  weiter  südlich  in  der  Richtung  auf  Verviers  überschricten,  Kavallerie.
wmitzen,  Kraftwagen  und  Panzerzüge  stießen  gegen  die  belgische  Maaslinie
vor.  Auf  den  Höhen,  die  Lüttich  umgaben,  wurden  belgische  Truppen  fest.
gestellt.  Es  waren  Teile  der  3.  Heeresdivision  und  der  16.  Brigade,  die
von  General  Lman  zur  Verteidigung  herangezogen  worden  waren.  Sie
schanzten  an  den  Dörfern  zwischen  den  Fores.  Einzelne  deutsche  Kolonnen
waren  schon  auf  dem  Marsch  auf  Widerstand  gestoßen.  Die  Landstraßen
waren  ungangbar  gemacht,  Bäume  gefällt,  Gräben  ausgehoben  und  Barri--kaden
  errichtet  worden.  Ehe  die  Spißen  vorn  mit  dem  Feind  in  Berührung
kamen,  flackerte  hinter  ihnen  und  in  der  Flanke  schon  der  Kleinkrieg  auf.
Belgische  Gendarmen  und  Nadfahrerkompagnien  nährten  ihn  mit  großem
Geschick.  Die  Dörfer  spien  Feuer,  aus  den  Kornfeldern  und  dem  Anterholz
        <pb n="125" />
        Der  Kampf  um  Lüttich  109

der  Wälder  knallten  die  Flinten.  Blusenmänner  und  Frauen  beteiligten  sich
am  Kampf,  der  im  Aufbrausen  nationaler  Leidenschaft  und  im  Gefühl  der
Vergewaltigung  des  neutralen  Bodens  die  Regeln  der  Menschlichkeit  und
der  Haager  Konvention  außer  acht  ließ,  den  Freiheitskrieg  des  belgischen
Volkes  tief  in  Blut  tauchte  und  nach  furchtbaren  Vergeltungsmaßregeln
rief,  die  dem  Lande  stellenweise  ihre  Spuren  durch  Zerstörung  von  Wohnstellen,
  Dörfern  und  Städten  aufdrückten.

Der  Vormarsch  der  deutschen  Truppen  wurde  dadurch  blutig  gezeichnet.
Aber  der  Séoß  der  Angriffskolonnen  drang  durch  die  Volkserhebung  durch,
und  ungestüm  schoben  sie  sich  zur  Aberrumpelung  der  Festung  von  Osten
und  Süden  an  den  Fortsgürtel  heran,  während  bei  Wisé,  weiter  unterhalb
Lüteichs,  im  wilden  Straßenkampf  der  Ubergang  der  Maas  erzwungen  wurde.
Eine  Handvoll  Reiter  brach  tollkühn  durch  die  Zwischenräume  der  Lücticher
Ostforts  und  preschte  in  die  von  keiner  Umwallung  geschützte  Stadt.  Im
Galopp  fegten  sie  durch  die  Straßen,  warfen  anreitende  Lanciers  über  den
Haufen  und  suchten  sich  des  Kommandanten  der  Festung,  General  Léman,
zu  bemächtigen.  Doch  von  HObermacht  überwältigt  und  zersprengt,  mußten
sie  bald  von  ihrem  unerhörten  Reiters#ück  ablassen;  nur  wenige  kehrten  zurück.
Der  Handstreich  auf  Lüttich  war  gescheitert.

Der  gewaltsame  Angriff

Nun  griff  die  Infanterie  nach  dem  Gewaltmarsch  von  40  Kilometern
unverweilt  an.  In  einem  von  Norden  nach  Süden  gezogenen  Halbkreis
wurde  die  Feskung  am  5.  August  von  Liers,  nördlich  bis  Boncelles,  sudlich
der  Stadt  gewalesam  angegriffen.  Mecklenburger  Jäger  standen  auf  dem
rechten  Flügel,  an  sie  schlossen  sich  Rheinländer  an,  die  sich  gegen  Wandre
und  Rabosée  wandten.  In  der  Richtung  auf  Flékron,  in  der  Mitte  der
Aufstellung,  griff  die  14.  Brigade  an.  Brandenburger  und  Hannoveraner
fochten  am  linken  Flügel  um  Embourg  und  Chaudfontaine.  Die  Besatzung
wehrte  sich  in  der  Hoffnung  auf  Enesaß  mit  starkem  Mut.  Der  erste  Ansturm
wurde  abgeschlagen.  Unter  schweren  Verlusten  kämpften  sich  die  Angreifer
im  Laufe  des  6.  August  allmählich  an  die  Südostfront  heran  und  hielten
in  den  toten  Winkeln  fest,  dagegen  wurden  die  auf  das  linke  Maasufer  über.
gegangenen  Abteilungen  bei  Liers  von  den  belgischen  Hauptkräften  zum
NRückzug  gezwungen.  Die  Reiterei  war  inzwischen  nördlich  von  Wisé  über
die  Maas  gegangen,  hatte  die  belgische  Flußverteidigung  überflügelt  und
auf  die  Festung  zurückgeworfen  und  stieß  mit  ihren  Geschützen  und  Jägerbataillonen
  ins  Campinenland  vor.  Dort  war  noch  niches  von  der  belgischen
Feldarmee  zu  sehen.

Der  Tag  verging,  ohne  ein  Ergebnis  zu  zeitigen.  Die  deutschen  Regimenter
  schmolzen  im  Feuer.  Ein  Gegenangriff  der  11.  belgischen  Brigade
brach  den  stürmischen  Anlauf  und  ließ  ihn  erstarren.
        <pb n="126" />
        110  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Da  keuchte  von  Aachen  schwere  Artillerie  heran  und  fuhr  in  der  Dämmerung
  in  Stellung.  Zwei  Infanterieregimenter  trafen  noch  abends  spät  ein
und  warfen  sich  in  den  Kampf.  Der  Mond  hing  über  dem  Talkessel  von  Lüttich
und  übergoß  die  Landschaft,  die  Forts,  die  Stadt  und  die  Flußläufe  der  Maas
und  Ourthe  mit  seinem  silberbleichen  Licht.  Die  deutschen  Infanteriestellungen
wurden  unter  heftigem  Aretilleriefeuer  nach  vorn  geschoben  und  der  Angriff
noch  einmal  gegen  die  Zwischenräume  der  Forts  vorgetragen.  Leman  warf
die  12.  und  die  9.  Brigade  ins  Feuer  und  rief  die  15.  Brigade  von  Huy
zur  Unterstützung  heran,  aber  der  deuesche  Angriff  war  jetzt  nicht  mehr  auf.
zuhalten.  Schon  am  6.  August  räumten  die  belgischen  Feldtruppen  das  rechte
Maasufer,  noch  in  der  Nacht  traten  sie,  von  Kavallerie  verfolgt,  den
Rückzug  an  und  üÜberließen  die  Festung  auf  den  Befehl  des  Generals  ihrem
Schicksal.  Von  den  Forts  wurden  noch  in  der  Nacht  die  Festen  Fléron,
Embourg  und  Barchon  in  ihrer  Widerstandskraft  erschüttert.  Gegen  1  Uhr
erschien  ein  Zeppelinkreuzer  über  den  schwarzen  Wäldern  des  Ostens,  senkte
sich  auf  die  Festung  und  warf  Bomben  größeren  Kalibers  über  der  Kartause
und  der  Stadt  aus.,  die  panischen  Schrecken  erzeugten.

Als  der  Morgen  graute,  war  eine  Lücke  in  den  Fortsgürtel  der  Südostfront
  gerissen,  zwei  Werke  schwiegen.  Jeht  mußte  sich  entscheiden,  ob  der
gewaltsame  Angriff  glückte.  Noch  einmal  traten  die  Deutschen  zum  Sturm
an.  Der  Führer  der  14.  Brigade,  General  v.  Wussow,  fiel,  General
o.  Bülow  starb  durch  die  Kugel  eines  Heckenschltzen  und  vor  der  Eskarpe
eines  feuerspeienden  Forts  sank  inmitten  eines  Häufleins  Tapferer  Prinz
Friedrich  Wilhelm  zur  Lippe  neben  der  Fahne  in  den  Tod.  Da  setzte  sich
Generalmojor  Ludendorff  an  die  Spite  der  14.  Brigade,  brach  näördlich
von  der  Feste  Fléron  durch  und  erreichte  die  Kartause.  Lütktich  war  in
deutscher  Hand.

Die  Bezwingung  der  Außenfesten

Da  die  Festen,  die  auf  dem  rechten  Lfer  noch  standhielten,  nun  in  der
Flanke  gefaßt  werden  konnten  und  von  der  erstürmten  Kartause  unter
Feuer  genommen  wurden,  erlahmte  allmählich  ihre  Kraft.  Ourch  ihre  Kehlen
drang  der  Sturm  der  deutschen  Regimenter  und  pflanzte  die  Fahne  auf
die  grünen  Wälle.

Zwei  belgische  Bataillone,  die  der  Rückzugsbefehl  nicht  erreicht
hatcte,  wehrten  sich  noch  bis  zum  13.  August  im  Mündungswinkel  zwischen
Ourthe  und  Besdre  und  stahlen  sich  dann  durch  die  deutschen  Linien  nach
Avans  und  Namur.  Das  war  alles,  was  von  der  Besaghung  der  Ost.
front  entkam.

Die  Festen  auf  dem  linken  AUfer  der  Maas  hielten  indes  noch  unerschüttert
stand.  Auch  sie  süürmender  Hand  zu  nehmen,  lag  kein  zwingender  Grund  vor,
denn  eine  Entsatarmee  war  nicht  zur  Stelle  und  die  schwere  Belagerungs-
        <pb n="127" />
        Der  Kampf  um  Lüttich  111

artillerie  unterdessen  herangebracht.  Dieser  fiel  die  Aufgabe  zu,  die  Werke
niederzukämpfen,  während  Emmichs  siegreiche  Regimenter  nun  in  Lluttich
ihre  Ergänzungsmannschaften  empfingen;  sie  sind  also  in  einer  eroberten
Festung  „mobil“  gemacht  worden.  Hier  taucht  eine  Parallele  zu  der
französischen  Mobilmachung  im  Jahre  1870  auf,  wo  französische  Regimenter
  erst  auf  dem  Schlachefeld  von  Wörth  ihre  Ergänzungsmannschaften
empfingen  —  aber  welch  ein  Unterschied  in  der  taktischen  Lage  und  der
Sicherheit  der  Ausführung!  Doch  noch  war  die  große  Maassperre  nicht
voll  bezwungen.  Die  Festen,  die  auf  dem  linken  Maasufer  Straßen  und
Babnen  sperrten,  mußten  fallen.

Hierzu  wurde  der  Artilleriepark  auf  dem  rechten  AUfer  der  Maas  in
Stellung  gebracht.  General  Leman  hatte  sich  zur  Leitung  der  Verteidigung
  des  linken  LUfers  in  das  stärkste  Fork,  die  Feste  Loncin,  begeben.
Er  verweigerte  standhaft  die  Ubergabe  und  glaubte  den  deutschen  Vormarsch
  noch  einige  Tage  aufhalten  zu  können.  Oie  belgische  Heeresleitung
  berechnete  jede  Stunde  und  hofftee  schon  binnen  wenigen  Tagen
das  britische  Feldheer  in  Ostende  landen  zu  sehen.  Auch  die  französische
Armee  konnte  ja  nach  allem,  was  vorhergegangen  war,  nicht  länger  säumen
und  wurde  vor  Namur  erwartet,  um  dem  belgischen  Heere  die  Hand  zu
reichen,  ehe  Lütttich  fiel.

Am  1I1.  August  wurde  die  Beschießung  der  südlichen  Westforts  mie
15-m-Geschügen  eröffnet  und  die  Außendeckungen  niedergelegt.  Der  Kern
des  Werkes  Loncin,  gegen  das  sich  der  Hauptangriff  richtete,  blieb  noch
unberührt,  aber  die  21-m-Geschücze,  die  alsbald  in  Tätigkeit  traten,
richteten  schweren  Schaden  an  und  lähmten  die  lebendigen  Kräfte  der  Verteidigung.
  Die  Eskarpe  der  Kehle  wurde  zerstörk  und  die  Schugwehr  einer
Flankenbatterie  zerworfen.  Giftiger  Rauch  drang  durch  zerstörte  Fenster.
ölenden  in  die  gedeckten  Räume  und  zwang  die  Besatung,  sich  in  die  Galerien
zu  flüchten.  Die  Beschießung  währte  bis  zum  frühen  Morgen  des  15.  August,
dann  waren  auch  die  Licht=  und  Luftanlagen  zerstört,  mur  Panzertürme  und
Kasematten  standen  noch.  In  ihnen  hielt  die  Besatzung  heldenhaft  aus.
Da  stürzte  2  Uhr  mittags  eine  Granate  von  unerhörter  Größe  auf  das  Werk.
Nur  wenige  Schüsse  löste  diese  plötzlich  auftauchende  Waffe,  eine  insgeheim
von  den  Kruppschen  Werkskätten  fertiggestellte  Haubitze  von  42  cm  Kaliber,
deren  Reichweite  bei  guter  Schußwirkung  12  bis  15  Kilometer  betrug,
dann  lag  Fort  Loncin  bis  zum  Betonkern  aufgerissen  in  Trümmern.  Die
Panzertürme  wurden  wie  zersprungene  Blechtrommeln  beiseite  geschleudert,
die  Geschüge  vernichtet,  die  Wälle  zu  tiefen  Trichtern  aufgewühlt,  in  denen
nichts  Lebendiges  mehr  dauerte.

General  L#man  hat  in  einem  Brief  an  seinen  König  die  erste  Schilderung
von  dem  Wernichtungswerk  gegeben,  das  diese  Granaten  verrichten.  „Wir
börten,  wenn  sie  ankamen,  wir  hörten  das  Sausen  in  der  Luft,  das  sich  allmäblich
        <pb n="128" />
        112  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

bis  zum  Heulen  eines  wütenden  Orkans  steigerte  und  in  einem  furchebaren
Oonnerschlag  seinen  Abschluß  fand.  Ungeheure  Wolken  von  Staub  und
Rauch  wälzten  sich  Über  den  erzitternden  Boden.“  Um  4  Uhr  20  Minuten
sprengte  eines  dieser  Geschosse  Fort  Loncin  in  die  Luft  und  begrub  die
Besagung.

Oer  tapfere  Kommandant  wurde  besinnungslos  aus  den  Trümmern  ge.
hoben.  Angesichts  dieser  Zerstörung  hißten  die  letzten  Forts  die  weiße  Fahne.
Nur  Major  Nameche,  der  in  der  Feste  Chaudfontaine  befehligte,  weigerte
sich  dessen  und  sprengte  sich  mit  dem  ihm  anvertrauten  Werk  in  die  Luft.

r

Unterdessen  war  der  allgemeine  Aufmarsch  der  deutschen  Heere  voll.
endet  worden.  Am  18.  August  begann  der  planmäßige  Vormarsch,  den
die  Heereskavallerie  glänzend  vorbereitet  hatte.

Der  Vormarsch  der  1.  Armee  ging  von  Aachen  über  Lüttich  und  Wiss
auf  Brüssel,  Kavallerie  und  Vorhuten  waren  schon  weit  voraus.  Die  2.  Armee
hatte  ihre  Versammlung  im  Raume  südlich  von  Aachen  vollzogen  und  den
Vormarsch  auf  die  Ourthe  angetreten.  Sie  erzwang  schon  am  19.  August
bei  Huy  und  Andenne  den  Ubergang  über  die  Maas  und  rückte  auf  Namur.
Die  3.  Armee,  die  sich  bei  Malmédy  versammelt  hatte,  schloß  sich  der  Bewegung
  an  und  suchte  durch  das  zerschnittene,  schwer  zugängliche  Gebiet
rechts  der  Maas  den  Weg  nach  Dinant  und  Givet,  indem  sie  die  französische
Kavalleriedioision  Sordet  zum  Ausweichen  zwang.  Anschließend  brach  die
4.  Armee  aus  dem  Raume  St.  Vitb  in  südwestlicher  Richtung  durch  die
belgischen  Ardennen,  um  Neuschäteau  und  die  Semoislinie  zu  erreichen.
Die  5.  Armee  sechte  sich  aus  dem  Raume  Trier—Luxemburg  gegen  die
französische  Maas  in  Bewegung  und  rückte  zunächst  vor  Longwy  und  Mont.
médy.Zwischen  Meß  und  Straßburg  vollzog  die  6.  Armee  ihre  Versammlung
  auf  der  Linie  Dieuze—Saarburg,  während  ihre  Vortruppen  schon  in
beftigen  Gefechten  am  Seilleabschnitt  standen,  und  vor  Straßburg  schob
die  7.  Armee  ihre  Spicen  das  Breusch=  und  Weiertal  aufwärt#  gegen
die  Paßböhen  des  Donon  und  des  Col  du  Bonhomme  vor,  wo  schon  seit
Tagen  Berührungen  der  ODeckungstruppen  stattgefunden  hatten.

Mit  einem  Schlag  war  der  strategische  Vormarsch  der  Deutschen  in
Gang  gekommen.

Als  mächtige  Umfassungsbewegung  bamnte  er  die  am  äußersten  linken
“7“*  der  Gesamtstellung  stehenden  Kräfte  vorläufig  auf  der  Grundlinie
fest,  während  er  von  der  rechten  Flügelarmee  ungeheure  Marschleistungen
  verlangte,  die  die  Bewegung  um  die  Achse  Met  nach  Westen
wälzten.
        <pb n="129" />
        113

Die  Gefechte  im  Elsaß

Der  allgemeine  deutsche  Vormarsch  ist  von  der  französischen  Heeresleitung
  nicht  sofort  erkannt  worden.  Man  erwartete  einen  längeren  Widerstand
  Lüttichs,  stärkere  Einwirkung  des  belgischen  Feldheeres,  wartete  auf
die  Engländer  und  mag  auch  die  eigene  Bereitschaft  und  Bewegungsfähigkeit
überschäyt  haben.  Doch  waren  am  5.  August  die  notwendigen  Werschie.
bungen  auf  der  Grundstellung  befohlen  und  unverweilt  in  Vollzug  gesegt
worden.  Dabei  ergaben  sich  Schwierigkeiten,  die  aus  der  engen  Versammlung
der  Armeen  zwischen  Belfortk  und  der  belgischen  Grenze  erwuchsen.

Schwerfällig  und  unvollständig  vollzog  sich  der  Aufmarsch  der  beiden
von  der  2.  französischen  Armee  abgetrennten  Korps,  des  XVIII.  und  IX.,
die  mit  den  afrikanischen  Divisionen  zwischen  Mézieres  und  Hirson  Stellung
nahmen  und  auf  Chimay  rücken  sollten.  Die  englische  Armee  scheint  überhaupt
ohne  richtige  Fühlung  nach  reches  und  links  geblieben  zu  sein  und  war  bis  zum
14.  August  noch  mit  der  Ausschiffung  ihrer  letzten  Staffeln  in  den  französischen
Häfen  beschäftigt.  Die  Aufstellung  der  aus  französischer  Landwehr  zu  bildenden
  Flankengruppe  im  Naume  Oille  ist  nie  zustande  gekommen.  Daß  das
verhängnisvoll  werden  sollte,  wurde  der  französischen  Heeresleitung  bald  klar.

Um  so  ruhiger  und  bereiter  war  man  auf  dem  rechten  Flügel,  wo  die  I.  französische
  Armee  schon  am  6.  August  die  Vogesenpässe  durch  Vortruppen  besetzt
hatte  und  nun  zueiner  größeren  Unternehmung  aus  der  Belforter  Senke  vorstieß.
Es  galt,  zu  dem  deutschen  Vorstoßauf  Lüttich  ein  Gegengewiche  zu  schaffen,  Zeit
zum  Vormarsch  der  linken  Flügelgruppe  zu  gewinnen  und  durch  Einbruch  in  das
obere  Elsaß  einen  hallenden  militärischen  und  politischen  Erfolg  zu  erzielen.

Während  noch  bei  Lüttich  gefochten  wurde  und  deutsche  Reiter  nordwestlich
  der  belgischen  Maas  gegen  Varennes  und  Tongres  aufllärten,
brachen  starke  Kräfte  der  Belforter  Kampfgruppe  gegen  Dammerkirch  und
Maasmünster  vor,  verdrängten  die  deutschen  Posten  und  erschienen  am
7.  August  vor  Altkirch.  Auf  der  Höhe  und  am  Talweg  nördlich  des  Städtchens
  konnte  ein  deutsches  Bataillon  der  Spitzenbrigade  des  VII.  Korps
Aufenthalt  bereiten,  mußte  aber  am  Abend  einer  Amfassung  weichen  und
nach  lebhaftem  Gefecht  auf  Mülhausen  und  die  Rheinebene  zurückgehen.

Zu  gleicher  Zeit  brach  eine  französische  Kolonne  aus  der  Nordfront
Belfores  über  den  Col  de  Bussang  ins  Wesserlingertal  ein  und  rückte  auf
Thann.  Es  stand  also  ein  konzentrischer  Angriff  auf  Mülhausen  bevor,  der
mit  großem  Schwung  aus  den  Wogesentälern  und  der  Senke  hervorbrach.

Das  Treffen  bei  Mülbausen

Die  schwache  deutsche  Besatzung  war  bereits  abgezogen  und  ließ  nur
Dosten  am  Feind,  der  von  Thann  über  Sennheim  und  von  Niedermorschweiler
  über  Dornach  den  Zugang  zur  Stadt  gewann.  Die  deutsche  Nachhut

Seegemanns  Geschichte  des  Krieges.  1.  8
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        114  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

verschwand  fechtend  im  Hardewald.  Am  späten  Nachmittag  des  8.  August
rückten  die  Franzosen  mit  llingendem  Spiel  in  Sennheim  und  Mülhausen
ein.  Der  frangösische  Führer,  General  Bonneau,  nahm  angesiches  der  unklaren
  Verhälenisse  noch  vor  Einbruch  der  Nacht  auf  den  Höhen  westlich
von  Mülhausen  eine  Werteidigungsstellung  ein.  Sein  linker  Flügel  stand
bei  Thann  und  Sennheim,  rittlings  der  großen  Straßen,  die  von  Seraßburg
und  Greisach  herkamen,  und  hatte  Dosten  bis  Ensisheim  vorgeschoben,  die
sich  in  der  Nacht  auf  die  Hauptstellung  zurückzogen.  Die  Hauptmacht  befand
sich  in  und  um  Mülhausen  mit  Vorstellungen  am  Nonnenbruch  bei  Pfastatt
und  Burzweiler,  bei  Sausheim  und  Napoleonsinsel,  den  nördlichen  und
nordöstlichen  BVororten  der  Stadt.  Als  Schlüsselstellung  wurde  die  Nix.
heimer  Höhe  südöstlich  von  Mülhausen  betrachtet  und  reich  mit  Areillerie
gekrönt.  Auch  die  vor  der  Nixheimer  Höhe  in  der  AMheinebene  liegenden
Dörfer  waren  in  die  Verteidigung  einbezogen  und  stark  beseht.  Eine  besondere
Gruppe  hielt  Alekirch  und  die  Linie  Alekirch—O)firt  bis  Volkensberg  unter
Aufsicht  und  hatee  Vorposten  auf  Sierenz  und  gegen  Hüningen  vorgeschoben.

Da  die  deutschen  Nachhucen  im  Hardtwald  in  der  Richtung  auf  die
Rheinübergänge  von  Kembs,  Neuenburg  und  Breisach  verschwunden
waren  und  ein  Nachdrängen  unbekannte  Gefahren  bot,  wurde  auf  Aufs.,
tllärung  verzichtet.  Die  Stellung  des  französischen  Korps  auf  den  Ausläufern
des  Gebirges,  die  mit  Reben  und  Gehölzen  bedeckt  und  mit  einzelnen  Ge.
böften  und  Landhäusern  besiedelt  sind,  war  kaktisch  ausgezeichnet  gewähle,
hatte  aber  den  Nachteil  einer  ungesicherten  Rückzugslinie.  Ein  Angriff,  der
auf  den  Straßen  von  Straßburg—  Kolmar  und  Greisach  herankam  und  von
Norden  über  Uffholz  auf  Sennheim  angesegt  wurde  und  bis  Aspach  und  Balschweiler
  durchstieß,  konnte  die  Fronzosen  von  der  Belforter  Senke  abdrängen  und
nach  Süden  und  Südosten  gegen  die  schweizerische  Grenze  drücken.  Darauf
gründete  sich  der  deutsche  Angriffsplan,  der  die  noch  im  Naume  von  Straß.
burg  in  der  Versammlung  begriffene  J.  Armee  unversehens  zum  Kampfse
rief  und  noch  am  gleichen  Tage  zur  Ausführung  gelangt  ist.  Die  Armce
wurde  gewissermaßen  auf  dem  Fleck  herumgeworfen,  auf  die  Gefahr,  sich
in  einem  Luftstoß  auszugeben  oder  im  Lothringer  Kampfraum  zu  fehlen.  Es
wurden  dazu  Kräfte  des  XIV.  Armeekorps  unter  General  v.  Huene  von
Osten  und  Nordosten  über  den  Rhein  in  Bewegung  geseßztt  und  Teile  des
XV.  Armeekorps  unter  General  v.  Deimling  von  Seraßburg  berangezegen.
General  v.  Huene  sollte  die  Linie  Rixheim—  Mülhausen  angreifen,  Deimling
  auf  Sennheim  rücken  und  über  Aspach  zur  AUmfassung  schreiten.  Nach
schwüler  Nacht  stieg  in  feuergoldener  Glut  der  9.  August  herauf  und  tauchte
die  Vogesen  vom  Harkmannsweilerkopf  bis  zu  den  Hügeln  von  Nixheim
und  Michelsbach  ins  Licht.  Qber  der  Ebene  und  dem  Fabrikwald  von  Mülhausen
  zerflossen  DOualm  und  Dunst.  Die  französischen  Trompeten  riefen
zur  Tagwacht.  Am  9  Uhr  begann  die  Schlacht.
        <pb n="131" />
        Die  Gefechte  im  Elsaß  115

Mit  unwidersiehlichem  Schwung  brach  die  deutsche  Ostgruppe  aus  dem
Hardtwald  hervor.  Ohne  die  Erschütterung  des  Gegners  durch  die  Artillerie
abzuwarten,  warf  sie  sich  auf  die  von  den  Franzosen  besetzten  Dörfer.  Die
Häuser  waren  rasch  und  geschickt  zur  Verteidigung  eingerichtet  und  überall
freies  Schußfeld  geschaffen  worden.  Zahlreiche  Battcerien  standen  verdeckt
  im  Vorgelände  aufgestellt.  Die  Orte  boten  mit  ihren  festgebauten
Gehöften  und  den  großen  Fabriken  starken  Rückhalt.  Aber  unaufhaltsom
brandeten  die  deutschen  Schwarmlinien  vor.  Der  Angriff  riß  die  Ostgruppe
so  rasch  fort,  daß  sie  der  Führung  aus  der  Hand  glitt.

Im  GBrand  der  Nachmittagssonne  wälzte  sich  der  Angriff  Hucnes  gegen
die  Artilleriestellung  der  Franzosen  auf  der  Rixheimer  Höhe.  Die  vorgelagerten
  Orte  Burzweiler,  Modenbeim,  Napoleonsinsel  und  Habsheim
wurden  troß  des  rasenden  Feuers  aus  lleinem  und  großem  Gewehr  mit  dem
Bajonett  genommen,  während  von  Sennheim  der  Kampflärm  des  XV.  Korps
herüberhallte,  das  dort  nur  mühsam  Boden  gewann.  Als  die  Dunkelheit
anbrach,  waren  die  Franzosen  im  Rückzug  auf  die  Nixheimer  Schlüsselstellung.
  Nachhuten  schlugen  sich  bei  Napoleonsinsel  und  in  den  Mülhauser
Vorstädten  bis  in  die  Nacht.  Erst  nach  Mitternacht  räumte  auch  die  Geschüßreserve
  auf  der  Rixheimer  Hügelkante  das  Feld.  Als  der  deutsche
Stoß  schon  durch  Müllhausen  durchgedrungen  war  und  die  Höhe  hinaufstieg,
stob  sie  in  schärsster  Gangart  davon  und  fand  die  Rückzugslinie  auf  der  Altkircher
  Straße  noch  frei.

Die  deutsche  Nordgruppe  war  in  der  Nacht  auf  den  9.  August  südlich
von  Kolmar  und  Neubreisach  versammelt  worden  und  trat  um  6  Uhr  den
Vormarsch  an.  Im  Eilmarsch  strebte  sie  in  glühender  Hiße  Mülhausen  zu.
Um  11  Uhr  entwickelten  sich  die  Bataillone  zum  Angriff  auf  den  Fabrikort
Sennheim.  Eine  Flankengruppe  wurde  gegen  Lffholz  abgezweigt  und  rang
sich  durch  die  Schlucht  gegen  Steinbach  vor.  Der  Stirnangriff  gegen  Sennbeim
  stieß  auf  hartnäckigen  Widerskand.  Die  Infanterie,  die  in  bremender
Sonne  über  die  Wiesen  vorstürmite  und  jeden  Sprung  mit  Blut  bezahlte,
erlitt  starke  Verluste,  besonders  durch  die  Feldartillerie,  die  von  den  Rebenhügeln
  die  Ebene  beherrschte.  Erleichterung  brachte  das  Flankenfeuer  der
Abteilung,  die  Steinbach  am  späten  Nachmittag  erobert  hatte  und  nun  ihre
Geschügtze  auf  Sennheim  richtete.  Um  §  Ubhr  fiel  Sennheim  in  deutsche  Hand.
Der  Ort  konnte  jedoch  von  den  Angreifern  im  ersten  Anprall  nicht  behauptet
werden.  Die  Frangosen  brachten  von  Belfort  her  neue,  weit  überlegene
Kräfte  ins  Gefecht,  nahmen  die  weichenden  Truppen  auf  und  stießen  wieder
bis  Sennheim  durch.  Vor  der  Dbermacht  gingen  die  Deutschen  auf  Uffholz
zurück,  um  den  Angriff  im  Morgengrauen  zu  erneuern.  Aber  unter  dem
Schuß  der  Nacht  räumten  die  Frangosen  auf  die  Kunde  von  dem  Rückzug
ihres  rechten  Flügels  den  Ort  und  nahmen  bei  Nieder-  und  Oberaspach  zur
Deckung  des  Rückzuges  eine  starke  Sperrstellung  ein.  Hier  wurde  ihre  Artillerie
        <pb n="132" />
        116  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

vom  Feuer  der  deutkschen  Haubitzen  im  Morgengrauen  kurz  und  klein  ge.-schossen.
  In  der  Frühe  des  10.  August  warf  ein  lehter  Stoß  ihre  erschüe#terte
  Nachhut  gegen  Maasmünster  zurück,  und  unter  Verlust  von  einigen
Geschügen  zogen  sie  nach  Belfort  ab.

Oas  CTreffen  bei  Mülhausen  war  von  deutscher  Seite  ein  Gelegenheits.
gefecht  großen  Stils.  Die  siegreichen  Truppen  wurden  alsbald  wieder  nach
Norden  zurückgeholt,  um  ihrer  ursprünglichen  Bestimmung  als  linke  Flügelgruppe
  des  Heeres  zu  folgen.  Der  kecke  französische  Vorstoß  war  im  Hafen  ge.-scheitert;
  er  hatle  zwar  die  7.  Armee  vorübergehend  abgelenkt  und  einen
flüchtigen  Erfolg  vorgetäuschk,  diesen  aber  mit  der  Niederlage  teuer  bezahlt.

La  Garde  und  Schirmeck

General  Dubail  war  inzwischen  in  die  Vogesen  eingerückt,  wurde  indes
durch  die  kecken  Vorstöße  deutscher  Deckungstruppen  in  seiner  linken  Flanke
stark  belästige,  so  daß  Castelnau  sich  entschloß,  die  Gegend  von  Blamont  und
La  Garde  von  den  Deueschen  zu  säubern  und  nach  vorn  aufzuschließen.  Darauf
wichen  die  Bayern  auf  La  Garde  aus.

Um  die  Verhältnisse  an  der  Haupteinbruchstelle,  zwischen  Metz  und
Straßburg,  klarzustellen,  schickte  General  de  Castelnau  am  11.  August
eine  gemischte  Brigade  gegen  den  Seilleabschnict  in  der  Richtung  auf  Saarburg
  vor.  Sie  wurde  bei  dem  Austritt  aus  La  Garde  am  Nordufer  des
Rhein  Marne-Kanals  von  bayerischen  Deckungscruppen  wütend  angefallen
und  unter  schweren  Verlusten  zum  Rückzug  gezwungen.  Bayerische  leichte
Reiter  gaben  in  opfermutiger  Flankenattacke  die  Entscheidung,  überritten
Infanterie  und  Artillerie,  gerieten  dann  aber  in  flanlierendes  Feuer  französischer
  Maschinengewehre,  die  hinter  der  Kirchhofmauer  von  La  Garde
aufgestellt  waren  und  den  Anskurm  unter  mörderischen  Berlusten  brachen.
Von  den  gegen  den  Kanal  geworfenen  französischen  Regimentern  fiel  ein
Sechstel  als  Gefangene  in  die  Hand  des  Siegers.  Am  10.  August  hatten
deutsche  Vortruppen  auch  am  Meurtheabschnitt  die  Grenze  überschricten
und  Badonviller  erreicht.  Das  Städtchen  wurde  mit  dem  Gajonett  genommen.
  Als  skarke  feindliche  Kräfte  sich  entwickelten,  gingen  die  Bayern
hier  und  an  der  Seille  langsam  zuriück.  Gleichzeitig  fanden  lebhafte  Vorpostenberührungen
  wesslich  von  Meg  statt,  wo  Briey  schon  am  10.  August
von  deutschen  Truppen  besect  worden  war.  In  den  Auen,  Dörfern  und
VWeäldern  der  Woevreebene  stießen  schwärmende  deutsche  Reiter  üÜberall  auf
vorbereitete  Stellungen.  Klarbeit  üÜber  die  Absichten  der  Franzosen  war
zwar  noch  nicht  zu  erlangen,  doch  deutete  ihr  Verhalten  zwischen  Maas
und  Mosel  auf  Verschiebungen  hinter  der  Front  hin,  die  noch  nicht  abgeschlossen
  zu  sein  schienen.  Klar  lagen  die  Verhältnisse  im  Gebirge.  In
der  zweiten  Augustwoche  befanden  sich  die  Vogesenpässe  vom  Donon  bis
        <pb n="133" />
        Der  deutsche  Vormarsch  durch  Belgien  117

zur  Belfortsenle,  also  der  Paß  von  Saales,  der  Col  du  Bonhomme,  der
Schluchtpaß,  der  Col  de  Bramont  samt  den  Nebenübergängen  des  Gebirgskammes
  in  französischem  Besit.

Oas  erfuhr  am  14.  August  eine  gemischte  deutsche  Abteilung,  die  aus
Straßburg  zur  Erkundung  des  Breuschtales  und  des  Ausstieges  zum  Donon
ausgesandt  wurde.  Als  sie  in  Marschkolonne  hinter  der  Feste  Mutzig  ins
Dal  eintrat,  wurde  sie  auf  der  Gebirgsstraße  bei  Schirmeck  von  einem  Feuerüberfall
  französischer  Artillerie  heimgesucht,  die  auf  dem  Donon  eingegraben
stand.  Das  Gefecht  war  kurz  und  blutig.  Geschütze  und  Maschinengewehre
blieben  zerschossen  liegen,  die  Truppe  erlitt,  vom  Feind  hart  angefaßte,
schwere  Verluste  und  flucete  auf  Mutzig  zurück.  Vortruppen  des  frantösischen
  XXI.  Korps  drängten  nach  und  besetzten  Schirmeck.

Zur  gleichen  Zeit  stießen  sie  vom  Saalespaß  in  der  Richtung  auf  Schlett.
stadt  vor.  Teile  der  55.  Brigade  gelangken  bis  Weiler,  15  Kilometer  von
Schlektstadt.  Hier  wurden  sie  am  19.  August  von  badischen  und  bayerischen
Deckungstruppen  angegriffen  und  gegen  Markirch  zurückgeworfen.

Es  war  das  letzte  Gefecht,  das  von  vorgeschobenen  deutschen  Truppenteilen
  gesucht  wurde,  denn  nun  machte  sich  an  der  Zaberner  Steige  und  in
der  Saarburger  Lücke  die  allgemeine  Vorwärtsbewegung  der  französischen
Armee  geltend,  der  nur  planmäßig  begegnet  werden  konnte.

Der  deutsche  Vormarsch  durch  Belgien

In  Belgien  war  unterdessen  die  deutsche  Heeresreiterei  unaufhaltsam  gegen
Nordwesten  vorgedrungen.  Starke  Kavalleriekörper  trabten,  unterstützt  von
Jögern,  Maschinengewehrabteilungen  und  leichter  Artillerie,  durch  das
Campinenland  in  der  Richtung  Brüssel—  Mecheln  vor  und  brachen  sich  am
11.  August  bis  St.  Trond  Bahn.  Die  Belgier  hatten  an  der  Gette  eine
starke  Stellung  vorbereitet,  um  den  Anprall  der  Deutschen  aufzufangen.
Gelang  es  ihnen,  den  Bormarsch  der  Armee  Kluck  zu  hemmen,  bis  die
in  sichere  Aussicht  gestellte  französische  und  englische  Hilfe  eintraf,  so
konnten  sie  den  rechten  Flügel  der  Deutschen  mit  Ubermacht  angreifen
und  umfassen  oder  gegen  die  holländische  Grenze  abdrängen  und  so  den  Auftakt
  zu  der  allgemeinen  Schlacht  liefern,  die  von  der  französischen  Regierung
auf  der  Linie  Maastricht—Basel  erwartet  wurde.  Noch  hielten  ja  einige
Forts  von  Llttich  stand  und  verhinderten  nach  Annahme  der  belgischen  und
französischen  Heeresleitung  die  freie  Entwicklung  des  deutschen  Vormarsches.
Spätestens  am  17.  August  mußten  die  englisch-französischen  Armeen  in  der
Fun  Antwerpen—Namur—Givek  bereitstehen.  So  lange  galt  es  auszualten.
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        118  Der  Felbzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Das  Gefecht  bei  Haelen

Schon  am  12.  August  stieß  das  Kavallerielorps  v.  d.  Marwitz  bis  zur
Gettelinie  vor.  Hier  traf  es  auf  starken  Widerstand.  Die  Belgier  hatten
hinter  der  Gette  und  dem  Gettelanal  auf  der  Linie  Jodoigne  —  Tirlemont  —
Diest  eine  vorbereitete  Stellung  eingenommen  und  warteten  hier  auf  die
Ankunft  der  englisch-französischen  Streitkräfte.  Sie  waren  darauf  gefaßt,
drei  Tage  Zeitgewinn  zu  erstreiten.

Die  Gettelinie  bildet  die  natürliche  Fortsehung  der  Maaslinie  Givet  —
Namur.  Sie  mußte  also  gehalten  werden,  da  sonst  die  Maaslinie  in  Gefahr
geriet,  von  Norden  aufgerollt  zu  werden  und  Brüssel  entblößt  wurde.
König  Albert  war  willens,  sein  möglichstes  zu  tun.  Er  hatte  die  3.  Division
und  die  15.  Brigade  am  6.  August  wieder  an  sich  gezogen  und  die  braven
Kämpfer  von  HLüttich  in  einem  Tagesbefehl  begrüßt,  in  dem  er  die  Armee
zum  Widerstand  an  der  Gette  anfeuerte.  Er  wies  darauf  hin,  daß  die  belgische
Armee  nur  die  Vorhut  der  gewaltigen  verbündeten  Armeen  bilde  und  daß
man  nur  deren  Eintreffen  erwarten  müsse,  um  mit  ihnen  vereint  zum  Siege
zu  schreiten.  Beslügelten  Laufes  eile  Frankreich  zur  Hilfe,  schon  stünden
seine  Heere  auf  belgischem  Boden,  der  Tag  des  Vorrückens  sei  nahe.  Dieser
Befehl  ist  am  6.  August  ausgegeben  worden.

Als  Marwitzens  Reiter  am  11.  August  an  der  Gette  erschienen,  standen
die  Belgier  noch  allein  auf  weiter  Flur.  Sie  glaubten  sich  so  weit  nach
Norden  ausgebreikek  zu  haben,  daß  eine  Bedrohung  ihrer  linken  Flanke
ausgeschlossen  war,  und  sperrten  zu  äußerst  links  die  Straßen,  die  von  Hasselt
über  Haelen  und  Diest  nach  Aerschot  in  den  Rücken  der  Gette  Maas-Linie
führten.  Hier  hielt  die  1.  belgische  Kavalleriedivision  als  Flankendeckung
zwischen  Haelen  und  Diest  die  Linie  Blekkom—Borkenberg,  die  von  General.
leutnant  de  Witte  zur  Werteidigung  eingerichtet  war.  Das  zwischen  Fluß
und  Kanal  gelegene  Dorf  Haelen  war  als  vorgeschobene  Stellung  von  einem
Radfahrerbataillon,  Pionieren  und  Maschinengewehren  besetzt,  dahinter
stand  die  Reiterei  zum  Fußgefecht  abgesessen  und  durch  Wasserläufe  und
Gehölz  gedecke,  in  drahtumzäunten  Gräben.  Im  Schatten  der  lichten  Gebölze
lagen  drei  Batterien  auf  der  Lauer.

Am  11.  August  waren  die  ersten  deutschen  Späher  erschienen,  am
12.  August  griffen  die  deutschen  Schwadronen  ungestüm  an  und  drangen
trog  des  starken  Feuers  aus  großem  und  kleinem  Gewehr  in  Haelen  ein.
Nach  heftiger  Gegenwehr  sah  sich  General  de  Witte  gezwungen,  seine  Verteidigungslinie
  hinter  den  Kanal  zurückzunehmen  und  erbat  vom  Oberkommando
  Unterstügung,  denn  schon  wankte  sein  linker  Flügel,  der  bei  Brockenberg
der  Umfassung  preisgegeben  war,  unter  dem  Anprall  der  deutschen  Reiter.  In
opfermutigem  Angriff  warfen  sich  Dragoner  und  Kürassiere  mit  verhängtem
Zügel  auf  die  belgischen  Linien.  Noch  einmal  ritt,  wie  bei  La  Garde,  deutsche
        <pb n="135" />
        Das  Gefecht  bei  Haelen  119

Kavallerie  Attacke  gegen  einen  unerschiltterten,  hinter  Draht  und  Graben
liegenden  Feind.  Haelen  war  genommen,  aber  am  Eisenbahndamm  zwischen
Blekkom  und  OLiebrock  standen  die  Belgier  mauerfest.  Die  Drahlhindernisse
  und  das  rasende  Feuer  zerrissen  die  Schwadronen,  besonders  die  mecklenburgischen
  Dragoner  erlitten  schwere  Werluste.

Generalleutnant  de  Witte  hatte  sich  gegen  eine  Amfassung  vorgesehen
und  seinen  linken  Flügel  verlängert  und  bis  Zelck  zurückgebogen,  wo  die
Straße  Haclen—Diest  untcer  seinem  Feuer  lag.  Als  Haelen  gefallen  war
und  der  Sturmangriff  zwischen  Blelkom  und  Liebrock  zum  Stehen  kam,
schritten  die  Deutschen  in  der  Tat  zur  AUmfassung  des  linken  Flügels  und
erschienen  gegen  Mittag  vor  Zelck.  Das  9.  Jägerbataillon  führte  den  Sturm.
De  Witte  sieht  das  Verhängnis  nahen.  Die  deutschen  Reiter  sind  aus  dem
Sattel  gestiegen,  und  als  Zelck  genommen,  der  Eisenbahndamm  erstürmt
wird  und  die  Orte  Liebrock  und  Velpen  von  den  Deutschen  Mann  gegen
Mann  crobert  werden,  ist  die  ganze  belgische  Gettestellung  in  Gefahr,  durch
einen  kühnen  Vorstoß  deutscher  Vortruppen  von  Norden  aufgerollt  zu
werden.  Verzweifelt  hält  de  Witte  die  verkürzte  Linie  Bleklom—Loxbergen
gegen  den  ungestümen  Feind,  der  keine  Verluste  scheut  und  die  Hügel  von
Loxbergen  und  Blekkom,  auf  denen  die  belgische  Artillerie  aufgepflanzt  iss,
unerschrocken  angreist.  Werden  sie  genommen,  so  ist  die  Flanke  der
belgischen  Armee  aufgerissen  und  die  Haupestellung  bei  Tirlemont  bedroht.
  Mit  den  lehten  Kräften  führen  Angreifer  und  Gerteidiger  den
beißen  Kampf.

Da  trifft  die  4.  belgische  Brigade  ein.  Sie  hat  von  Dirlemont  bis
Loxbergen  im  glühenden  Sonnenbrand  der  Mittagszeit  21  Kilometer  zurückgelegt,
  wirft  sich  sofort  ins  Gefecht  und  bringt  drei  schwere  Batterien  und
fünf  Bataillone  ins  Feuer.  Angesichts  dieser  Verstärkung  verzichtet  die
deutsche  Kavallerie  darauf,  den  Angriff  fortzusetzen,  und  beginnt  abzubauen.
Die  belgische  Infanterie  geht  zum  Gegenstoß  über  und  dringt  in  Welpen
ein,  aber  die  deutschen  Kugelspritzen,  die  in  den  Häusern  gelauert  haben,  bis
die  Gasse  sich  füllt,  reißen  ganze  Reihen  nieder.  Im  Flankenfeuer  erstirbt
der  Angriff,  die  belgische  Infanterie  flutet  zurück.  Nun  zerhackt  die  belgische
Areillerie  das  Dorf,  das  in  Brand  gerät,  aber  von  den  Deutschen  noch  bis
zum  Abend  gehalten  wird.  Erst  dann  gibt  das  Kavalleriekorps  v.  d.  Marwit
Velpen  auf  und  räumt  im  Schutze  der  Nacht  auch  Haelen,  um  sich  auf  die
Armee  zurückzuziehen,  die  bei  Lüttich  ihren  Aufmarsch  vollender.  Der  kühne
Vorstoß  ist  gescheiterk,  die  Belgier  behaupten  das  Feld,  aber  ihre  Stellung  ist
erkannt  und  damik  ein  wichtiger  Zweck  der  deutschen  Auflklärungsreiterei
erreicht.  Die  belgische  Armee  ist  gesonnen,  die  Gettelinie  zu  verkeidigen,  war
aber  nicht  imstande,  sich  bei  Diest  und  Aerschot  auszudehnen  und  erwartet

den  Gegner  von  vorn.  Wehe  ihr,  wenn  die  Franzosen  nicht  zur  Zeit
kommen!
        <pb n="136" />
        120  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Das  Gefecht  bei  Dinant

Am  15.  August  stieß  auch  die  Heereskavallerie  der  2.  deutschen  Armee
auf  den  Feind.  Sie  war  in  kühnem  Vorstoß  bis  Dinante  gedrungen  und
stellte  dort  die  Anwesenheit  französischer  Kräfte  fest.  Es  waren  die  Spichen
der  5.  französischen  Armee,  die  am  14.  August  durch  die  Senke  von  Chimay
marschiert  waren  und  in  der  Stärke  einer  Division  unter  General  Deligny
die  Maashöhen  des  linken  Lfers  besegten.

ARücksicheslos  griff  die  deutsche  Kavallerie  auch  hier  an.  Ihre  Schügzen
erstürmiten  Dinant  und  breiketen  sich  auf  den  Höhen  des  linken  Maasufers
aus.  Die  Division  Deligny  mußte  alle  Gewehre  ins  Gefecht  bringen,  um  dem
ungestümen  Andrang  standzuhalten.  Aber  erst  im  Feuer  ihrer  Artillerie  kam
der  Angriff  endlich  zum  Stehen.  Herbeieilende  französische  Verstärkungen
stellten  die  Lage  vollends  wieder  her  und  zwangen  die  Deutschen,  das  linke  Ufer
wieder  zu  räumen.  Im  Straßenkampf  eroberte  das  8.  Linienregiment  Dinant
zurück.  Unter  beträchtlichen  Berlusten  wich  die  deutsche  Heereskavallerie  aus,
nachdem  sie  die  Stärke  der  Maasverteidigung  und  die  Ausdehnung  des  linken
Flügels  der  französischen  Truppen  in  der  Richtung  auf  Namur  erkundet  hatte.

Wie  bei  Haelen  war  auch  bei  Dinant  die  notwendige  strategische  Auf.
klärung  durch  opfermutiges  Borgehen  der  Reiter  und  Jäger  und  ihrer
Batteerien  im  taktischen  Zusammenprall  mit  überlegenen  Kräften  gesucht
und  gewonnen  worden.  Die  belgische  Armee  hielt  slandbereit  die  Gettelinie,
französische  Kräfte  waren  im  Begriff,  die  Front  nach  Süden  zu  verlängern
und  zwischen  Namur  und  Givet  aufzumarschieren,  aber  der  Aufmarsch  war
noch  nicht  vollendet  und  ein  Vormarsch  noch  lange  nicht  zu  fürchten.  Mit
dieser  Erkenntnis  kehrten  die  deutschen  Aufllärer  zu  den  Stoßarmeen  zurück,
die  ihre  letzten  Vorkehrungen  zum  allgemeinen  Vormarsch  trafen  und  darin
durch  feindliche  Kavallerie  kaum  gestörk  wurden,  da  die  eigenen  Meiterdivisionen
  einen  undurchdringlichen  Schleier  von  der  Ourehe  bis  zur  Maas
und  von  der  Maas  bis  zur  Geete  gesponnen  hatten.

Das  Treffen  bei  Tirlemont

Das  Gefecht  bei  Haelen  hatte  stärkere  Kräfte  der  Belgier  nach  Norden
gezogen  und  über  ihre  Stellung  hinter  der  Gette  Klarbeit  gebrache  und
besonders  deren  Ausdehnung  nach  Norden  festgestellt.  Um  so  größer  war  die
Ungewißheit  über  die  Absichten  des  Gegners  im  belgischen  Lager.  Man
wußte  weder,  was  die  Deutschen  beabsichtigten,  noch  wo  die  Bundesgenossen
blieben.  Anzeichen  sprachen  dafür,  daß  man  zu  viel  erhofft  und  zu  wenig
befürchtet  hatte;  die  Deutschen  waren  nahe,  die  Verbündeten  fern.  Die
Belgier  standen  hinter  der  Gette  und  in  Namur  auf  sich  allein  angewiesen,
        <pb n="137" />
        Das  Gefecht  bei  Dinant  —  Das  Treffen  bei  Tirlemont  121

die  Franzosen  waren  kaum  bis  Dinant  gelangt,  die  Engländer  noch  nicht
einmal  auf  französischem  Boden  versammelt,  vom  allgemeinen  Vormarsch
gar  nicht  zu  reden.  In  dieser  Gegenüberstellung  liegt  die  Schwierigkeit  der
ungeklärten  Lage  ausgesprochen,  die  von  der  belgischen  Armee  eine  Feldschlacht
zu  fordern  drohte.  Eine  Schlacht,  in  der  sie  allein  stehen  würde,  wenn  König
Albert  sich  nicht  nach  Anewerpen  werfen  wollte.  Man  wählte  einen  Mittelweg.
Das  belgische  Haup#tquartier  wurde  am  19.  August  nach  Mecheln  zurückverlegt
und  die  Armee  enger  versammelt.

Oa  die  Rückzugslinien  nach  Antwerpen  nicht  verloren  gehen  durften,
blieb  die  Tiefenlinie  der  Gette  von  zwei  Divisionen  beseht.  Die  5.  Division
nahm  auf  dem  rechten  Flügel  bei  Jodoigne  und  Hougaerde,  die  1.  Division
links  bei  Tirlemont  und  Hautem—St.  Marguerite  Stellung.  Im  zweiken
Treffen  standen  die  drei  anderen  verfügbaren  Divisionen,  und  zwar  die  2.  Division
  links  herausgeschoben  zwischen  Demer  und  Welpe,  vor  sich  die  Kavalleriedivision,
  die  sich  bei  Diest—Haclen  behauptet  hatte,  in  der  Mitte  die  3.  Division
  vor  Löwen  und  am  rechten  Flügel,  als  Flankenschutz  gegen  Südosten,
zwischen  Dyle  und  Gette,  südlich  von  Hamme  —Millé,  die  6.  Division.  Die
4.  Division  war  in  Namur  festgelegt.  Zwischen  Namut  und  Millé  klaffte
eine  breite  Lücke.  Es  war  der  Aufstellungsraum  der  erwarteten  englischen
Armee.  Statt  ihrer  erschien  am  19.  August  eine  müde  französische  Kavalleriedivision,
  die  sich  schon  an  der  Maas  geschlagen  hatte  und  die  Lücke  notdürftig
  verdeckte.

Am  18.  August  setzten  sich  die  deutschen  Angriffsarmeen  vom  rechten
Flügel  an  in  Bewegung.  Die  1.  Armee  erschien  wie  aus  dem  Woden  gewachsen
  vor  der  Front  des  belgischen  Heeres  und  griff  die  Gettelinie  von
vorn  und  in  den  Flanken  an.  Zuerst  wurde  die  am  weitesten  nach  Nordosten
vorgeschobene  Kavalleriedivision  de  Witee  von  Teilen  des  II.  Korps  auf
Loxbergen  geworfen,  dann  die  1.  Division  vom  IXK.  Korps  aus  Tirlemont
berausgeschlagen  und  die  Verfolgung  angeseht.  In  dieser  Not  biß  sich  das
22.  belgische  Linienregiment  bei  Hautem—St.  Marguerite  fesé  und  schlug
den  Anprall  der  deutschen  Truppen  durch  wütendes  Feuer  zurück.  Das
3.  Bataillon  des  3.  Linienregiments  und  die  Artillerie  der  2.  Brigade
vereinigten  ihre  Anstrengungen  mit  denen  der  22er  und  hielten  den  deutschen
Angriffen  unerschütterlich  stand.  Dem  Kreuzfeuer  der  deutschen  Batterien
ausgesetzt  und  in  der  rechten  Flanke  bedroht,  verteidigten  die  Belgier
jeden  Fußbreit,  bis  ein  deutscher  Flankenstoß  aus  dem  eroberten  Oirlemont
  hervorbrach  und  die  Werteidiger  von  Hautem  im  QKücken  faßte.
Das  entschied  das  erbitterte  Gefecht,  aufgelöst  wichen  die  Belgier  gegen
Abend  in  der  Richtung  auf  Löwen  zurück.  Ihre  5.  Division  wurde  nicht
angegriffen,  sondern  nur  beschäftigt.  Auch  zwischen  Namur  und  Wavre
blieb  es  ruhig,  bis  eine  Begegnung  deutscher  und  französischer  Aeeiter  bei
Gembloux  die  Stille  unterbrach.  Die  Franzosen  wurden  geworfen  und  zogen
        <pb n="138" />
        122  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

sich  nach  kurzem  Raufen  und  ermüdendem  Feuergefecht  zurück.  Sie  zeigten
keine  Lust,  ihre  verzweifelte  Aufgabe  durch  Selbstopferung  zu  lösen.

Die  belgische  Armee  hatte  die  Hoffnung  auf  Entsag  noch  nicht  aufgegeben
  und  focht  troh  der  Rückschläge  bis  zum  späten  Abend  weiter.

Generaloberst  v.  Kluck  suchte  die  Entscheidung  auf  dem  rechten  Flügel,
wo  das  Gefecht  bei  Haelen  die  Verhältnisse  geklärt  hatte.  Die  Umgehung
der  linken  Flanke  des  belgischen  Heeres  wurde  in  der  Richtung  auf  Aerschot
und  an  der  Tiefenlinie  der  großen  Néthe  gegen  die  Dyle  eingeleitet.  Als
diese  Bewegung  zwischen  Diest  und  Westerloo  sichebar  wurde,  sah  sich  die
belgische  Heeresleitung  in  Gefahr,  von  Antwerpen  abgeschnitten  und  auf
Namur  geworfen  zu  werden.  Zn  dieser  verzweifelten  Lage  gab  König
Albert  die  starke,  jeczt  aber  umgangene  Gettestellung  preis  und  befahl  den
Rückzug  hinter  die  Dyle.  Der  Befehl  wurde  noch  am  Abend  des  18.  August
ausgegeben  und  sollte  in  der  ersten  Morgenfrühe  ausgeführt  werden.

Da  die  Deutschen  in  der  Front  nicht  nachdrängten,  sondern  sich  mit
der  Eroberung  des  Flußabschnittes  und  der  Linie  Tirlemont—Hautem  zu
begnügen  schienen,  wollte  der  König  die  erschöpften  und  verwirrten  Truppen
nicht  den  Zufällen  eines  nächtlichen  Rückzuges  ausseczen.  Er  warf  eine
Brigade  als  Verskärkung  nach  Aerschot,  wo  die  größte  Gefahr  drohte,  und
erwartete  siebernd  den  Morgen  und  die  befreundeten  Armeen.  Doch
schon  vor  Tag  erschienen  deutsche  Plänkler  vor  Aerschot  und  erkundeten
die  Stärke  der  Besatzung  der  Stadt  und  der  Demerlinie.  Die  gefürchtete
tlmfassung  schoß  in  die  Reife.

Im  Strahl  der  ersten  Morgensonne  griff  das  II.  preußische  Armeekorps
  die  Waldsäume  nördlich  von  Aerschot  an.  Troh  des  Kugelregens,  den
die  belgischen  Mitrailleusen  säten,  drangen  die  Schwarmlinien  der  Dommern
vor  und  warfen  die  überrannte  belgische  Brigade  nach  Aerschot  hinein.  In
wildem  Straßenkampf  wurde  die  Stadt  erobert.  Flüchtend  suchten  die  Belgier
auf  der  Löwener  Straße  den  Anschluß  an  die  Armee  zu  erreichen,  die  jegt
auch  an  der  Dyle  keinen  Halt  mehr  fand  und  hastig  in  den  Festungskreis
von  Antwerpen  zurückflutete,  um  nicht  doch  noch  von  ihrem  lehten  Waffen-.
platz  abgeschnitten  und  vollends  erdrückt  zu  werden.  Am  Morgen  des
20.  August  kam  die  belgische  Feldarmee  hinter  den  Forts  von  Antwerpen
zur  Muhe.  Sie  hatte  keine  Schlacht  durchgefochten,  nicht  in  voller  Stärke
und  mit  dem  Einsag  der  äußersten  Kraft  im  freien  Felde  standgehalten,  aber
olles  getan,  was  man  von  ihr  verlangen  konnte.  Von  ihren  Verbündeten
allein  gelassen,  ist  den  Belgiern  nichts  anderes  Übrig  geblieben,  als  sich  in
Antwerpen  einzuschließen  und  auf  die  Unbezwinglichkeit  des  Platzes  zu
Lertrauen.

Alle  Besprechungen,  die  von  britischen  Offizieren  und  Militärattaches
mit  dem  belgischen  Generalskab  in  den  Jahren  vor  dem  Kriege  gesucht  und
gepflogen  worden  waren,  waren  fruchtlos  geblieben,  die  Bereisung  Belgiens
        <pb n="139" />
        Die  Schlachten  im  Sundgau  und  in  Lothringen  123

durch  englische  und  französische  Generalstabsoffiziere  hatte  nichts  genützt,  alle
Versprechungen,  die  von  der  englischen  und  französischen  Regierung  bei
Ausbruch  des  Krieges  den  Weg  nach  Brüssel  genommen  hatten,  waren  in
Rauch  aufgegangen;  Belgien  lag  den  deutschen  Heeren  offen,  der  Sichel.
wagen  des  Kriegsgottes  rollte  über  das  Land  hinweg.

Eine  ehrenvolle  Erwähnung  im  französischen  Armeebulletin  vom
25.  August  und  eine  Lobrede,  die  Mr.  Asquith  am  gleichen  Tage  im  Hause
der  Gemeinen  hielt,  mußten  die  Belgier  für  das  Versagen  jeglicher  Unterstützung
  im  Felde  entschädigen.

Die  Schlachten  im  Sundgau  und  in  Lothringen

Am  Dage,  da  die  1.  deutsche  Armee  die  Gette  erreichte  und  die  belgische
Armee  nach  Antwerpen  hineinwarf,  erschien  die  Belforter  Gruppe  der
1.  französischen  Armee  aufs  neue  an  der  Burgunderpforte.  Zu  gleicher  Zeit
begann  die  2.  französische  Armee  mit  versammelten  Kräften  und  der  Haupt.
macht  der  1.  Armee  vereinigt  gegen  die  lothringische  Grenze  vorzurücken,
um  den  Durchbruch  durch  die  Saarburger  Lücke  zu  erzwingen.  Der  fran.
zösische  Vormarsch  hatte  begonnen.  Er  fiel  zeitlich  mit  dem  deutschen  Vormarsch
  zusammen,  doch  hatte  die  deutsche  Armee  bereits  vorher  Lüttich  zu
Fall  gebracht  und  damit  das  strategische  Abergewicht  im  Eröffnungsspiel
erlangt.

Während  auf  dem  östlichen  Kriegsschauplaßg  der  russische  Aufmarsch
im  stillen  gedieh  und  zwei  große  Armeen  gegen  Deutschland  versammelte,  deren
Aufstellung  gegenüber  der  preußischen  Ostmark  durch  dichte  Kavallerieschwärme
geschickt  verschleiert  wurde,  während  die  Osterreicher  in  Galizien  und  auf  dem
südlichen  Kriegsschauplat  durch  einen  Vorstoß  Russen  und  Serben  zu  binden
trachteten,  rollte  sich  im  Westen  von  der  Dyle  bis  zur  Doller  eine  Folge  von
Schlachten  und  Gefechten  ab,  die  binnen  vier  Tagen  neue  Werhältnisse
schufen.

Die  deutschen  Armeen  seoten  sich  im  Takt  in  Bewegung.  Mit  tunlichster
  Eile  wurden  dazu  die  von  den  Belgiern  unterbrochenen  Verbindungen
  wiederhergestellt  und  im  erbitterten  Kleinkrieg  mit  Freischärlern
vor  Störungen  gesichert.

Die  nördlich  Meg  versammelten  deutschen  Angriffsarmeen  bewegten  sich
gleich  einem  riesigen  Uhrzeiger  mit  vorgenommenem  rechten  Flügel  um  die
Achse  Meg  nach  Westen.  Kluck  fegte  das  Land  nördlich  der  Maas,  Bülow
rückte  über  Huy,  das  schon  am  20.  August  erlag,  gegen  Namur  vor,  indem  er
die  Maas  zwischen  Huy  und  Andenne  unter  Kleinkämpfen  überschrikt,  Hausen
bielt  die  Richtung  auf  Givet  und  Dinant,  wo  die  Heereskavallerie  am
        <pb n="140" />
        124  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

15.  August  die  Maasübergänge  erkundet  hatte.  Herzog  Albrecht  von  Würt.
kemberg  brach  sich  durch  die  belgischen  Ardennen  und  den  Wald  von  St.  Hubert
auf  Neuscháteau  Bahn  und  der  Kronprinz  ordnete  seine  Armee  zum  Vormarsch
  über  Longwy  auf  Stenay  und  Consenvoye.

Die  6.  Armee  unter  dem  Kronprinzen  Rupprecht  von  Bayern  und
die  7.  Armee  unter  Generaloberst  v.  Heeringen  blieben  südlich  von  Mey
noch  in  der  Berteidigung  und  bemühten  sich,  den  Feind  aus  dem  Gereich
seiner  befestigten  Stellung  herauszulocken.  Ihre  Deckungstruppen,  die  in  den
ersten  Kämpfen  bis  ins  Dlainetal  vorgestoßen  waren,  traten  daher  von
der  Seille  bis  zur  Bezouse  den  Rückzug  an  und  wichen  auf  die  lothringische
Hochfläche  und  ins  Elsaß  aus.  Sie  zogen  dabei  die  Armee  Castelnaus  hinter
sich  ber,  die  ohnehin  zu  folgen  verlangte  und  in  lebhaften  Gefechten  über
Cirey  und  Blamont  die  Grenze  gewann.  In  Dbereinstimmung  damit  trat
ODubails  Donongruppe  eine  entschiedene  Bewegung  an,  die  ihre  Kavallerie
im  Breuschtal  bis  Mühlbach  dicht  vor  die  Feste  Mugig  führte.

Der  französische  Vormarsch  auf  die  Linie  Saarburg—Straßburg  schien
in  voller  Ausführung  begriffen.  Ein  mächtiger  Offensivstoß  zielte  in  die
linke  Flanke  der  fünf  deutschen  Armeen,  die  den  Weg  durch  Belgien  und
Luxemburg  suchten,  und  bedrohte  die  Pfalz.  Auch  in  den  südlichen  Vogesentälern
  war  eine  französische  Vorbewegung  zu  erkennen.  Unter  Gefechten
gingen  die  schwachen  deutschen  Deckungstruppen  zwischen  Münster  und  Altkirch
  auf  Colmar  und  Mülbausen  und  in  die  Rheinebene  zurück.  Auch  die
Franzosen  waren  im  Vormarsch.  Die  Belforter  Armee  griff  diesmal  bis
Münster  aus,  die  Maasarmee  ballte  sich  zum  Zentrumsstoß  zwischen  Straßburg
  und  Meh,  während  dazwischen  schwächere,  aber  dem  Gegner  überlegene
Kräfte  Verbindung  bielten  und  über  die  Vogesenpässe  in  die  Täler  drängten.
Das  große  Spiel  hatte  begonnen.

Zwei  große  Flügelbewegungen  der  feindlichen  Armeen  waren  entstanden,
die  um  die  Achsen  Metg  und  Berdun  schwangen,  eine  deutsche,  die  im  Norden
einsetzte,  und  eine  französische,  die  sich  im  Süden  entwickelte.  Aneinander
vorbei  gingen  die  Angriffsflügel  der  beiden  Gegner  zum  Stoß  vor,  um  dem
Feind  in  der  Bewegung  die  Flanke  abzugewinnen.  Auf  beiden  Seiten  war
der  rechte  Flügel  sichtbar  im  Vorrücken,  der  linke  stillgestellt.  Aber  zwischen
der  deutschen  und  der  französischen  Operation  bestand  ein  grundsäglicher,
tiefgehender  Anterschied.  In  Wirllichkeit  war  auch  der  linke  Flügel  der  verbündeten
  belgischen,  englischen  und  französischen  Armeen  zum  Angriff  bestimmt.
  Er  blieb  nicht  plangemäß  hinter  der  Gette,  Maas  und  Sambre  stehen
und  in  den  belgischen  Ardennen  stecken,  sondern  infolge  mangelhafter  Vorbereitungen.
  Die  linke  französische  Flügelgruppe  versagte,  die  linke  deutsche
Flügelgruppe  wurde  versagt.  So  ergab  sich  zu  Ungunsten  der  Westmächte
eine  erzwungene  Achsendrehung  ungleich  verteilter  Kräfte,  die  dem  französischen
  Angriffsfeldzug  von  vornherein  den  Todeskeim  einpflanzte.
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        Das  zweite  Treffen  bei  Mülhausen

Den  gegen  die  Saarburger  Lücke  vorrückenden  französischen  Armeen
Castelnau  und  Dubail  stand  auf  deutscher  Seite  eine  starke,  nur  mit  Mübe
gezügelte  Kampfgruppe  gegenüber.  Auch  vor  Straßburg  war  die  Lage  der
Deutschen  troh  der  Schlappe  von  Schirmeck  eine  durchaus  günstige.

Um  so  schwieriger  war  die  Aufgabe,  die  General  Gaede  erfüllen  sollte,
der  mit  schwachen  Kräften  die  Burgunderpforte  hütete.  Er  befehligte  im
wesentlichen  die  badischen  Landwehrbrigaden  Mathy,  Dame  und  Vodungen.
Diese  waren  nicht  in  der  Lage,  dem  mächtigen  Andrang  der  französischen
Armee  zu  widerstehen,  die  jeczt  als  erste  auf  dem  Kampfplag  erschien.
General  Pau  führte  hier  5  Divisionen  zum  Angriff  auf  der  Linie  Pfirt—
Altkirch—Thann  vor,  um  die  Niederlage  vom  9.  August  zu  rächen,  aus  dem
politischen  Vorstoß  strategischen  Nutzen  zu  ziehen  und  den  bei  Mülhausen
vermuteten  linken  Flügel  der  deutschen  Armeen  zu  umfassen  und  auf.
zurollen.

Am  17.  August  erreichten  seine  Vortruppen  die  Linie  Dammerkirch—
Dhann—Sennheim.  Ihre  Stärke  geschickt  verdeckend,  war  die  linke  Flügelgruppe
  bei  Thann  aus  dem  Gebirge  getreten  und  hatte  ihre  Stellung  wieder
bis  Sennheim  vorgeschoben.  Der  rechte  Flügel  ging  im  Hügelland  zwischen
Alekirch  und  Pfirt  vor  und  gewann  den  Talknoten  von  Tagsdorf,  wo  die
Straßen  nach  Sierenz  und  Hüningen  auseinanderlaufen.  Die  Mitte  rückte
an  der  Larg  vor  und  besetzte  Balschweiler.  General  Dau  verzichtete  zunächst
darauf,  die  Stadt  Mülbausen  zu  besetzen,  wählte  aber  nicht  die  Rixheimer
Höhe,  sondern  die  Hügel  zwischen  Heimsbrunn  und  Niedermorschweiler
zur  Aufstellung  seines  linken  Flügels,  der  dadurch  gegen  eine  Abdrängung
nach  Süden  gesichert  wurde,  die  Ausgänge  des  Wesserlinger-  und  des  Maasmünskertales
  deckte  und  Mülhausen  vollständig  beherrschte.  Die  Bahnhöfe
von  Mülhausen,  Dornach  und  Lutterbach  lagen  unter  seinen  Kanonen.
Da  Pau  seinen  äußersten  linken  Flügel  auf  den  Vorbergen  von  Thann  verborgen
  und  seinen  äußersten  rechten  Flügel  bis  zur  Schweizergrenze  ausgebreitet
  hatte,  so  war  sein  Vormarsch  gegen  Aberraschungen  gefeit.  Gestützt
auf  die  feste  Stellung  bei  Niedermorschweiler,  wo  Oberst  Nivelle  seine  Batterien
aufgepflanzt  hatte,  ließ  er  sich  Zeit,  seine  Bewegungen  vorsichtig  zu  entwickeln,
  und  gab  acht,  den  feindlichen  Fliegern  seine  Stärke  nicht  zu  verraten.

Auf  deutscher  Seite  hatte  man  den  Anmarsch  erkundet,  aber  die  vor.
geführten  Kräfte  unterschäbzt.  Um  den  Gegner  zu  binden,  wurde  der  Angriff
beschlossen  und  die  Brigade  Matby  als  rechte  Flügelgruppe  gegen  Mülhausen,
die  Brigade  Dame  als  linke  Flügelgruppe  auf  Altkirch  angesetzt.  Schwere
Artillerie  gab  der  Bewegung  einen  Rückhalt,  falls  man  in  die  Verteidigung
geworfen  wurde.  Die  Brigade  Mathy  stieß  durch  Mülhausen  vor,  geriet
aber  bei  dem  Austritt  aus  Dornach  in  einen  Feuerüberfall  feindlicher  In-
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        126  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

fanterie,  die  sich  im  Dorfe  bereits  eingerichtet  hatte.  Die  rasch  vorgezogene
deutsche  Artillerie  wurde  alsbald  von  der  Höhe  von  Niedermorschweiler
mit  Granaten  überschüttet,  so  daß  sie,  schwer  zerschossen,  kaum  zum  Abprogen
gelangte.  Wergebens  suchte  man  der  slarken  Stellung  im  Stirnangriff
Meister  zu  werden.  Die  Perluste  häuften  sich,  Gegenangriffe  sprengten  die
dünne  Linie  und  schüctelten  die  Kompagnien  durcheinander.  Es  kam  zum
Handgemenge  und  zum  Kampf  um  die  zerschossenen  Geschüge,  die  nicht  mehr
gerettet  werden  konnten.  Als  der  Feind  mit  Umfassung  drohte,  wich  dic
Brigade  nach  hartnäckigem  Widerstand  durch  Dornach  und  Mülhausen  aus
und  zog  sich  langsam  nach  Osten  auf  den  Hardtwald  zurück.  Die  AUmfassung
wurde  zunächst  durch  das  tapfere  Verhalten  der  gegen  Brunstatt  südlich
von  Dornach  angeseßten  Bataillone  verhinderk.  Ohne  Unterstützung  harrte
dort  die  Truppe  im  Granathagel  aus,  bis  auch  sie  abends  im  Schug  der
Dunkelbeit  zurückgenommen  werden  konnte.  Nun  besetzten  die  Fraonzosen
das  in  diesem  Treffen  erstrittene  Mülhausen.

Die  linke  deutsche  Flügelgruppe  war  auf  der  Linie  Tagsdorf—Wolkensberg
  auf  den  Feind  gestoßen,  hatte  anfangs  im  Angriff  Raum  gewonnen,
war  dam  aber  vor  der  Ubermacht  zum  Stehen  gelangt.  Um  die  Umfassung  der
bei  Mülhausen  fechtenden  Schwesterbrigaden  zu  verhindern,  hielt  die  Brigade
Dame  troßh  schwerer  Verluske  unerschütterlich  stand.  Ihre  verborgen  auf.
gestellten  Haubitzen  warfen  Schrecken  in  die  feindlichen  Reserven  und  ermöglichten
  der  Infanterie  das  Ausharren.  Trogig  kllammerten  sich  die
schwachen  Schütenlinien  an  das  gewonnene  Gelände  und  sparten  mit
Patronen.  Da  führte  der  Feind,  der  die  deutschen  Linien  erschüttert  glaubte,
Kavallerie  vor.  Drei  Schwadronen  afrikanischer  Jäger  ritten  zwischen
Büschen  und  Wiesen  an,  wurden  aber  auf  350  Meter  mit  Schnellfeuer  empfangen
  und  bis  auf  wenige  Reiter  vernichtet.  In  einem  stürmischen  Anlauf
nahmen  darauf  die  Deutschen  das  Dorf  Tagsdorf  und  hielten  es  bis  zum
Abend.  Paus  rechter  Flügel  wurde  dadurch  verhindert,  die  linke  Flanke
der  Deutschen  einzureißen.  Erst  gegen  6  Uhr  brach  Dame  das  Gefecht  ab
und  bewerkstelligte  seinen  Rückzug  auf  den  Rhein.  Der  Feind  drängte
auch  hier  nicht  nach  und  wagte  nur  bis  an  den  Rand  der  Ebene  zu  folgen.
Er  vermutete  wohl  stärkere  Kräfte  vor  sich,  obwohl  im  gonzen  nur  15  deutsche
Bataillone  gegen  5  bis  7  Divisionen  gefochten  hatten,  und  begnügte  sich,
Mülhausen  und  den  Zugang  zur  Abeinebene  sowie  eine  gesicherte  Flankenstellung
  auf  den  Höhen  von  Thann  erstritten  zu  haben.  Die  französische  Kampf.
gruppe  blieb  zunächst  bei  Mülhausen  stehen  und  verschanzte  ihre  Stellungen  auf
das  sorgfältigste.  Ihre  Vorposten  gelangten  bis  Ensisheim.  Der  Ausgang
der  „Troute  de  Belfort“  und  das  Thanner  Tal  waren  wieder  fest  in  ihrer  Hand,
aber  die  dunlle  Silhonette  des  Isteiner  Klotzes  stand  drohend  überm  Nhein
und  warnte  mit  den  Einschlägen  schwerer  Granaten  vor  weiterem  Vorrücken.
Bald  begann  der  Druck,  dem  die  französischen  Heere  am  linken  Flügel  und  in
        <pb n="143" />
        Die  Schlacht  bei  Mörchingen  und  Saarburg  127

der  Mitte  ausgesetzt  waren,  die  Entschlüsse  der  französischen  Heeresleitung  im
Sundgau  zu  lähmen,  wo  man  sich  starken  deutschen  Kräften  gegenüber  wähnte
und  den  erfochtenen  taktischen  Erfolg  auskostete.

Oie  Schlacht  bei  Mörchingen  und  Saarburg

An  demselben  Tage  hatten  die  6.  und  7.  deutsche  Armee  die  ihr  an.
getragene  Schlacht  angenommen.  Die  vorgeschobenen  Kräfte  der  6.  Armee
waren  vor  der  Armee  Castelnau,  die  seit  14.  August  aus  dem  Seilletal  zur
lochringischen  Hochebene  heraufdrängte,  planmäßig  zurückgegangen  und
auf  der  Linie  Mörchingen—Saarburg  von  der  Hauptmacht  aufgenommen
worden.  Die  7.  Armee  stand  zwischen  Saarburg  und  Straßburg  stoßbereit.
Die  französischen  Streickräfte,  die  bestimmt  waren,  den  entscheidenden  Schlag,
zwischen  Mec  und  Straßburg  zu  flihren,  umfaßten  8  Armeekorps.  Sie
vollzogen  den  Vormarsch  auf  der  ganzen  Linie  von  Meg  bis  zum  Donon,
ohne  lebhaft  zu  drängen.  Mit  klingendem  Spiel  rückte  Dubails  linker  Flügel,
das  95.  Linienregiment,  in  Saarburg  ein.  Es  gehörte  zur  16.  Division
de  Maudhuy,  die  die  Spite  des  VIII.  Korps  der  1.  Armee  bildete.  Die  Armee
Dubail  war  durch  die  glücklichen  Gefechte  am  Donon  und  bei  Schirmeck  sehr
angefeuert  worden.  Es  waren  Elitetruppen,  deren  leichter  Mut  schon  die
Siegesbahn  beschritten  hatte.  Da  sahen  sich  die  französischen  Armeen  am
20.  August  auf  der  Linie  Mugig—SSaarburg—Saaraledorf—Finstingen—
Burgaledorf—Mörchingen  plögzlich  einem  vollständig  schlachtbereiten  Gegner
gegenüber,  dessen  schwere  Arcillerie  schon  in  den  ersten  Morgenstunden  das
Feuer  aus  vorbereiteten  Seellungen  eröffnete.  Von  den  Hängen  nördlich
Saarburg  bis  zum  Monaker  Walde  nordwestlich  von  Vergawville  zog  sich  die
Artillerieskellung,  und  auf  einer  Front  von  über  80  Kilometern  Länge  entwickelte
  sich  die  erste  große  Schlacht.

Schon  am  19.  August  waren  große  französische  Kavalleriekörper  bei
Saarburg  durch  Haubigfeuer  auseinandergesprengt  worden,  als  sie  sich  in
Marschkolonne  vorbewegten.  Am  20.  August  schlug  deutsches  Arkilleriefeuer
in  offene  Lager;  wie  bei  Beaumonte  am  30.  August  1870  wurde  die  französische
  Infanterie  beim  Abkochen  überrascht.  Doch  wie  damals  griff  sie
auch  hier  schnell  gefaßt  zu  den  Waffen  und  entwickelte  sich  zur  Schlacht.  Die
schwere  Artillerie  des  deutschen  Feldheeres  hat  bei  Saarburg  ihre  Dberlegenheit
  unter  günstigen  Bedingungen  erwiesen.  Ihre  Reichweite  befähigte  sie,
die  französischen  Batterien,  Kolonnen  und  Lager  auf  eine  Entfernung  unter
Feuer  zu  nehmen,  die  vollkommen  überraschend  wirkte  und  den  Gegner  vor
dem  Anprall  schon  schwer  erschütterte.

Die  Armeen  Castelnau  und  Dubail  waren  durch  den  Marscherfolg  der
lehten  drei  Tage  verwöhnt  worden  und  glaubten  den  Einbruch  in  die  beutsche
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        128  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Mittelskellung  zu  vollenden,  als  sie  am  20.  August  aufs  neue  zum  Angriff
schritten.  Am  17.  August  waren  sie  mit  fliegenden  Fahnen  zwischen  Chateau-Salins
  und  Marsal  und  im  Greuschtal  Über  die  alte  Grenze  gegangen,  am
20.  August  standen  sie  bereits  in  der  Linie  Delme  —  Mörchingen—Saarburg
und  dicht  vor  den  Talsperren  der  Breusch,  wo  schon  die  Straßburger  Außenwerke
  sichtbar  wurden.  Da  sie  den  Vormarsch  unter  lebhaften  Gefechten
vollzogen  hatten  und  die  Preisgabe  von  Delme,  Mörchingen,  Saarburg
und  Schirmeck  durch  die  Deutschen  als  das  Ergebnis  dieser  Kämpfe  betrachteten,
  wiegten  sie  sich  in  dem  Glauben,  sie  hälten  die  dünne  Deckungsschicht
  zwischen  Straßburg  und  Meh  durchstoßen,  während  die  deutschen
Hauptarmeen  zwischen  Luxemburg  und  Lüttich  in  den  belgischen  Ardennen
verstrickt  lägen.  In  dieser  Meinung  wurden  sie  durch  die  vorbereiteten  Stel.
lungen  bestärkt,  auf  die  sie  Üüberall  gestoßen  waren.  Als  sie  am  20.  August
der  deutschen  Linien  östlich  Mörchingen  und  Saarburg  ansichtig  wurden.
erschienen  ihnen  auch  diese  im  Lichte  von  Verteidigungsmaßnahmen,  zu
denen  eine  Armee  greift,  die  sich  von  Ubermacht  bedroht  weiß  und  die  Gesetzeskafel
  aus  der  Hand  gegeben  hat.  Trotdem  waren  die  französischen
Truppen  nicht  müßig  gewesen  und  hatten  die  von  ihnen  beseyten  Dörfer  und
Waldstücke  sofort  zur  Verteidigung  eingerichtet.  Aus  diesen  Aufuahmestellungen
  brachen  sie  am  20.  August  zum  entscheidenden  Angriff  vor,  um
den  Einbruch  zum  Ourchbruch  zu  gestalten  und  zwischen  Seraßburg  und
Meg  eine  große  Bresche  zu  schlagen.

Da  traf  sie  der  deutsche  Gegenstoß,  der  von  den  umwillig  auf  die  Lothringer
Hochfläche  zurückgewichenen  Deckungstruppen  und  den  dort  versammelten
Hauptkräften  der  6.  Armce  sowie  der  links  anschließenden  7.  Armee  mit
wildem  Ungestüm  ausgeführk  wurde.  Er  erfolgte,  noch  ehe  die  Franzosen
sich  im  Angriff  auf  die  festen  deueschen  Stellungen  verbissen  hatten,  aber  die
DTruppen  waren  nicht  mehr  zu  halten,  sie  suchten  die  Schlacht.

Auf  dem  rechten  Flügel  der  6.  Armee,  der  von  der  Kavallerie  gedecke
wurde,  ging  dos  III.  bayerische  Armeekorps  mit  der  5.  Division  auf
Frémery,  Oron  und  Faxe,  mit  der  6.  Division  auf  Delme  vor.  Oinks  anschließend
  richtete  das  II.  bayerische  Armeekorps  den  Stoß  auf  Mörchingen,
wo  die  3.  Division  angriff,  und  auf  Armsdorf,  das  von  der  4.  Division  genommen
  wurde.  Das  XKI.  Armeekorps  bildete  die  Mitte  der  Schlacht.
ordnung.  Seine  31.  Division  erkämpfte  in  blutigem  Streit  Vergaville,  die
42.  Division  Dieuze.  Am  linken  Jentrum  stand  das  I.  bayerische  Reservearmeekorps
  im  Kampf  um  Steige  und  Lauterfingen  und  am  linken  Flügel
ging  das  I.  bayerische  Armeekorps  mit  der  1.  Division  auf  St.  Johann,
mit  der  2.  Division  auf  Saarburg  vor.

In  mörderischem  Feuer  durchquerten  die  Bayern  die  Waldskücke,
überschritten  in  Sprüngen  die  Wiesenhänge  und  trugen  den  Angriff  in  der
Glut  des  Sommertages  und  der  Hölle  des  feindlichen  Feuers  auf  Saarburg
        <pb n="145" />
        Die  Schlacht  bei  Mörchingen  und  Saarburg  129

und  die  Waldungen  westlich  von  Saaraltdorf  vor.  Gegen  5  Uhr  abends
sind  Dolvingen,  die  Waldstücke  und  der  Südrand  von  Saarburg  erlämpft.
Das  95.  Linienregiment  muß  die  Stadt  fahren  lassen.  Im  Straßenkampf
bricht  sich  das  bayerische  Leibregiment  mit  Bajonett  und  Kolben  Bahn.  Vergeblich
  war  das  Bemühen  General  de  Maudhuys,  seine  16.  Division  am
Ausgang  der  Stadt  zu  neuem  Vorskoß  zu  ballen.  Dubails  linker  Flügel
mußte  sich  rückwärts  sammeln,  um  nicht  von  der  Armee  Castelnau  abgesprengt
zu  werden.  Diese  war  auch  auf  ihrem  linken  Flügel  ins  Weichen  gekommen
und  von  einer  Umfassung  und  Abdrängung  in  südöstlicher  Richtung  bedroht.
Dem  rücksicheslosen  Ansturm  der  deutschen  Angreifer  erlag  das  XK.  Korps,
das  bei  Mörchingen  geradezu  in  Feen  gerissen  wurde,  obwohl  es  auf  das
tapferste  kämpfte.  Es  hatte  schon  bei  den  Morgenangriffen  gelitten  und
erlag  am  Nachmittag  den  Gegenangriffen  der  im  Handgemenge  raufenden
Bayern.  Als  gegen  Abend  das  östlich  von  Mörchingen  fechtende  sübdfranzösische
  XV.  Korps  in  den  Flanken  gepackt  wurde  und,  von  Panik  erfaßt,
  von  Vergaville  auf  Dieuze  und  Güblingen  zurücksflutete,  war  die
Schlacht  für  Castelnau  verloren,  denn  nun  war  auch  die  Mitte  durchbrochen
und  der  Perteidiger  zu  beschleunigtem  Rückzug  gezwungen.  Zur  ODeckung
desselben  führte  Castelnau  mit  Einbruch  der  Nacht  noch  einen  Gegenstoß
zwischen  Saarburg  und  Bühl  aus,  wo  sich  die  6.  und  7.  deutsche  Armee  die
Hand  reichten.  Er  brach  im  Feuer  zusammen,  gestattete  den  Franzosen  aber,
sich  zu  ordnen  und  am  Rhein-Marne-  Kanal  entlang  auf  Gondrexange
zurückzugehen.

General  de  Castelnau  versuchte  auf  der  Linie  Delme—Chäteau-Salins—
Marsal—Gondrexange  eine  neue  Gront  zu  bilden,  deren  rechter  Flügel
Anlehnung  an  die  am  Donon  in  den  Bogesen  stehenden  und  ebenfalls  in  die
Verteidigung  verwiesenen  Kräfte  fand.  Inter  heftigen  Gefechten,  die  den
22.  August  ausfüllten,  warf  die  6.  Armee  die  Frangosen  weiter  auf  Monsel—
Arracourt—Bourdonnave  und  drängte  sie  unter  unaufhörlichen  Werfolgungskämpfen
  gegen  die  Meurthe  und  Bezouse  zurück.  Am  23.  und
24.  August  focht  das  II.  bayerische  Armeekorps,  das  vom  rechten  Flügel
nach  Nordwesten  ausholend  über  Baronweiler—Mörchingen—iedersingen
vorgegangen  war,  bei  Chicourt  und  Chäteau-Brehain  und  warf  den  Feind
nach  Süden.  Das  XXI.  Armeekorps  erreichte  über  Dieuze  die  Gegend  von
Lunéville  und  Gerbeviller,  das  I.  bayerische  Reservekorps  stieß  auf  dem
Abschnitt  Avricourt—Gosselmingen  über  Avricourt  auf  Blamont,  St.  Pöle
und  Baccarat  vor.  In  umwiderstehlichem  Angriff  drückten  Bayern  und
DPreußen  den  Feind  vor  sich  her  und  schoben  sich  kühn  mit  der  rechten
Schulter  an  Rancy  vorüber.  .

Am  25.  August  stand  die  siegreiche  Armee  des  Kronprinzen  von  Bayern
hart  vor  der  eisernen  Wehrstellung,  in  die  sich  die  Armee  Castelnau  unter
Preisgabe  Lunévilles,  das  schon  am  22.  August  vom  XXI.  Korps  besetze

Stegemanns  Geschichte  den  Krieges  I.  #
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        130  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

worden  war,  zurückgezogen  hatte.  Das  III.  bayerische  Armeekorps  war
kämpfend  bis  Serres,  Maixe  und  Deuxville,  das  II.  bayerische  Armeekorpc
bis  südlich  Lunéville—Blainville  und  Gerbeviller,  Reménoville,  das
XXI.  Armeekorps  bis  Balloy,  Mettexey  und  St.  Pierremont  gelangt.  Das
I.  bayerische  Reservearmeekorps  focht  bei  Manonvillers—Lamathe  und  das
I.  bayerische  Armeekorps  im  Abschnitt  Gerbeviller—Baccarat  und  bei
St.  Pöle.  Die  Armee  Castelnau  war  nacheinander  über  die  Saar,  die  Seille,
den  Rhein  Marne-Kanal,  die  Bezouse  und  die  Meurthe  auf  die  Mortagne
geworfen  worden  und  mußte  zufrieden  sein,  ihren  Rückzug  bewerkstelligt  zu
haben.  Ihre  Angriffskraft  war  indes  nicht  ganz  gebrochen.  Sie  setzte  om
25.  Augusk  wieder  zu  einem  Gegenstoß  an,  der  von  Nancy  gegen  die  rechte
Flanke  Ruppreches  gerichtet  war,  aber  aufgefangen  wurde  und  Castelnan
die  Handlungsfreiheit  nicht  wiedergab.

Die  Schlacht  in  den  Bogesen

Während  die  6.  Armee  in  unaufhörlichen  sechstägigen  Gefechten  die
Armee  Castelnaus  angriff,  unter  schweren  Berlusten  zum  Rückzug  in  die
befestigte  Grundstellung  zwang  und  konzentrisch  auf  die  Linie  Gerbeviller—
Baccarat  vorstieß,  brauste  neben  ihr  der  Schlachtenlärm  der  7.  Armee,  die
am  20.  August  Schulter  an  Schulter  mit  dem  I.  bayerischen  Armeekorps
im  Raume  Saarburg  in  den  Kampf  getreten  war.

General  Dubail  hatte  sich  den  Besitz  des  Donon  und  des  Saalespasses
sowie  der  Höhen  von  Diedolshausen  bei  Markirch  zunute  gemacht,  die  Zugänge
  in  die  elsässischen  Täler  erzwungen  und  nach  den  Gefechten  von  Schirmeck
und  im  oberen  Weilertal  dort  starke  Vorstellungen  bezogen.  Im  Greuschtal
stand  er  an  der  Bodenschwelle  von  Heiligenberg  und  war  im  Begriff,
gegen  die  Südfrone  von  Straßburg  vorzustoßen,  als  auch  hier  im  Zusammenhang
  mit  dem  Angriff  auf  Mörchingen—Saarburg  die  Gegenbewegung
  einsetzte.

Generaloberst  v.  Heeringen  hatkte  seine  Armee  auf  der  Linie  Saarburg—Hüstzelhausen,
  der  Verlängerung  der  Linie  Me9—Saarburg,  zum
Angriff  entwickelt.  Am  rechten  Flügel  stand  das  XIV.  Armeekorps,  dem
das  XV.  Armeekorps  links  gestaffelt  folgte.  Auf  dem  linken  Flügel  trug  das
XIV.  Reservearmeekorps  den  Angriff  von  Lützelhausen  das  Breuschtalaufwärts.

Das  XIV.  Armeekorps  erkämpfte  sich  vom  20.  bis  25.  August  am
ARhein-Marne-Kanal  südöstlich  Saarburg  die  Linie  Brudersdorf—  Hochwalsch—
  Walscheid—St.  Leon  und  rückte  in  der  Richtung  Badonviller  vor.
Am  linken  Flügel  fsocht  das  XIV.  Reservearmeekorps,  dessen  28.  Division
sich  westlich  OUgelhausen  entwickelte,  während  die  26.  Division  in  der  Gegend
von  Belmont—Hochwald  lämpfte.
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        Die  Schlacht  in  den  Vogesen  131

Die  Schlacht  der  7.  Armee  löste  sich  in  eine  Anzahl  von  Einzelhandlungen
  auf,  die  zu  erbitterten  Nahlänwfen  flüͤhrten.  Talstufe  auf  Talstufe,
Höhe  auf  Höhe,  jede  Schlucht,  jeder  Sattel  mußte  dem  Gegner  abgerungen
werden,  der  hier  seine  Alpentruppen  ins  Treffen  brachte  und  mit  äußerster
Zähigkeit  standhielt.  Mit  großem  Geschick  verwendeten  die  Franzosen
kleine  Gebirgsgeschüze,  Maschinengewehre  und  75.  min  ·  Kanonen,  die  in
Halbbatterien  zu  zweien  oder  einzeln  in  die  vorderen  Linien  gezogen  und
in  Lauerstellung  besonders  gefährlich  wurden.  Aus  kleinen  Gruben  und  von
Baumkanzeln  herab  sandten  die  Alpenjäger  ihre  wohlgezielten  Schüsse
oder  ließen  die  Schwarmlinien  in  den  Wald  treten,  um  sie  dann  mit  „rafales“
zu  überschüteen,  die  im  Unterbolz  mörderisch  wirkten.

Badener  und  Schwaben  lagen  in  den  Vogesentälern  in  opfer-  und  ent.
behrungsreichen  Waldkämpfen,  die  an  Führung  und  Unterführung  wie  an
den  gemeinen  Mann  die  höchsten  Anforderungen  stellten.  In  klleinen  Gruppen
ging  es  vorwärts,  ost  war  der  Mustletier  auf  sich  allein  angewiesen,  kaum
daß  die  Fühlung  bis  zum  Nebenmann  reichte.  Bald  lagen  die  Offiziere,
von  den  feindlichen  Scharfschützen  besonders  aufs  Korn  genommen,  in
ihrem  Blute.  Niemand  wußte,  ob  des  Freundes  oder  des  Feindes  Kugel
pfiff  in  der  Dämmerung  der  Vogesenwälder,  wo  die  Stechpalme  ihre  glänzenden
  Blätter  reckte  und  manches  Kriegergrab  mit  ihren  roten  Beeren
schmücken  lernte.  Weit  hinten  geblieben  waren  die  Unterstützungen,  Munition
und  Verpflegung  kaum  heranzubringen,  da  die  auf  den  Höhen  stehenden
französischen  Barterien  alle  Talwege  und  Zugänge  bis  in  die  kleinsten  Falten
unter  Feuer  hielten.  Doch  mie  schwäbischer  Erdschwere  schob  und  würgte
sich  der  Angriff  durch  die  Finsternis  der  nächtlichen  Tannenforste  und  strebte
der  Felsenkanzel  des  Donon  zu,  wo  auf  der  alten  Druidenstäcte  zwischen  den
Opferskeinen  der  Kelten  die  modernen  Gallier  ihre  schweren  Geschücze  ein.
gebaut  und  starke  Baumschanzen  errichtet  hatten.  Im  engen  Waldtale
arbeiteten  sich  die  Angreifer  empor  und  gewannen  über  Oberwackenbach
und  Grand--Fontaine  den  Sattel.  Als  die  Bergflanke  erreicht  war,  lag  der
zerklüstete,  mit  dichtem  Unterholz  und  dornigem  Gestrüpp  bewachsene  Gipfel
noch  400  Meter  über  den  Stürmern.  Hart  ans  Gestein  angeschmiegt,  warteten
sie  in  den  Bergschrunden  auf  die  Sturmreife.

General  Dubail  kämpfte  um  freien  Rückzug  binter  die  Bezouse  und
deckte  zugleich  Castelnaus  rechte  Flanke.  Solange  er  den  Saalespaß  mit
dem  Donon  hielt,  konnte  die  2.  Armee  troh  ihrer  Bedrängnis  auf  den  Unterlauf
  der  Meurthe  und  die  mächtige  Wehrstellung  am  Mont  Couronné  zuzurückgehen,
  ohne  durcheinandergeschüttelt  zu  werden.  Er  selbst  aber  erkämpfte
  Zeit  und  konnte  den  Abfluß  seiner  Armee  auf  Baccarak  und  St.  Dis
in  die  Wege  leiten  und  das  Heergerät  in  Sicherheit  bringen,  das  er  zur
Belagerung  Straßburgs  herangeführt  hatte.  Deshalb  hielt  er  auf  den
ogesenhöhen  kraftvoll  stand  und  befahl  seinen  Bergschützen,  die  Natur=
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        132  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

schanze  des  Donon  bis  zum  letzten  Mann  zu  verteidigen.  Eine  Division
des  eisernen  XXI.  Korps  war  mit  dieser  wichtigen  Aufgabe  betraut.

In  der  ersten  Frühe  des  22.  August  begann  der  entscheidende  Kampf
um  die  alte  Druidenstätte.  Schwere  deutsche  Haubigzen  schleuderten  ihre
Eisenhüte  zwischen  die  Felskanzeln,  daß  rote  Erdfahnen  über  die  Wald.
bäume  stiegen  und  die  Gesteinstrümmer  auf  die  Stürmer  in  den  Brombeer.
ranken  herabprasselten.  Am  6  Uhr  trat  eine  Brigade  zum  Sturm  an  und
rang  sich  durch  den  zerwühlten  Wald  den  Hang  hbinauf.  Jeder  Fußbreit
mußte  erkauft  werden,  und  der  ganze  Tag  ging  bin  im  blutigen  Streit.
Mit  dem  lehten  Hauch  wurde  gegen  Abend  unter  Hurraruf  und  Trommel.
schlag  die  Felsenkuppe  im  Handgemenge  erstürmt.

Auch  im  Weilertal  war  der  deutsche  Angriff  vorgetragen  und  die  Paß.
höhe  ob  Markirch  erreicht  worden.  In  den  Morgenstunden  des  21.  August
fiel  die  Entscheidung.  Die  Franzosen  wurden  auf  der  Höhe  von  Wanzel
angegriffen  und  in  schweren  Gefechten  über  Leberau  und  Musloch—
St.  Kreuz  zurückgeworfen.  Am  1  Uhr  zogen  sie  über  die  Paßhöhe  ab.  Würt.
tembergische  Landwehr  trug  hier  Last  und  Erfolg  des  Tages.

VBom  ODonon  bis  zum  Col  du  Bonhomme  wichen  die  Franzosen  hinter
den  Grenzkamm.  General  Dubail  setzte  den  Rückzug  unter  ständigen  Gefechten
  auf  den  Oberlauf  der  Meurthe  und  die  Mortagne  fort  und  gab  selbst
St.  Die  preis,  das  am  Abend  des  27.  August  von  der  26.  Reservedivision
genommen  wurde.

Die  Schlacht  bei  Saarburg  und  die  Waldgefechte  am  Donon  brannten
in  stehenden  Kämpfen  vor  der  Trouse  de  Charmes  fort,  aus  der  die  französischen
  Armeen  am  17.  August  mit  lebhaftem  Schwung  bervorgetreten
waren,  um  in  strategischer  Verbindung  mit  der  Belforter  Stoßgruppe  den
linken  Flügel  und  die  linke  Mirte  der  Deutschen  anzugreifen  und  aufzureißen.
Der  taktische  Erfolg  hatte  ihnen  nur  an  der  Burgunderpforte  gelächelt.
Es  war  ein  trügendes  Lächeln,  denn  dort  standen  die  bei  Mülhausen  ver.
sammelten  Kräfte  schon  am  22.  August  einsam  auf  verlorenem  Dosten.  Sie
waren  aus  dem  großen  Spiel  gefallen  und  jedem  Angriff  preisgegeben.
Wären  sie  in  Loehringen  eingeseczt  worden,  so  hätten  sie  Castelnaus  Schicksal
vielleicht  wenden  könmnen.

Die  Kämpfe  bei  Saarburg  und  am  Donon  hatten  als  Parallelschlacht
zu  einem  Abringen  der  Kräfte  geführt,  in  dem  die  Deutschen  Sieger  geblieben
  waren.  Die  Ausführung  des  deutschen  Schlachtplanes  hatte  die  Amfassung
  des  linken  Flügels  Castelnaus  von  Meg  her  und  die  Abdrängung
des  Feindes  von  seiner  Hauptrückzugslinie  nicht  wahr  gemacht.  Hier  wie
bei  Mülhausen  war  das  „Drauf“  der  Ausreifung  des  operativen  Gedankens
hinderlich  gewesen.  Das  kam  dem  Gegner  zugute,  der  den  Rückzug  in
seine  Grundstellung  bewerkstelligen  konnte,  aber  seinen  strategischen  Plan  auf
der  Cothringer  Hochebene  und  in  den  Vogesentälern  zugrunde  gehen  sah.
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        Die  Schlachtenfolge  in  Belgien  und  Frankreich  133

Durch  den  Nückzug  der  in  Lothringen  geschlagenen  französischen
Offensivgruppe  auf  die  Meurthe  und  den  Werlust  der  nördlichen  Vogesenpässe
  war  die  Umfassung  im  Sundgau  zu  einem  Lufestoß  und  gegenstandslos
geworden.  General  Joffre  sandte  General  Pau  schon  am  22.  August  den
Befehl,  abzurücken  und  zur  Abwehr  der  Umfassung  beizutragen,  die  an
diesem  Tage  die  1.  deutsche  Armee  bereies  in  die  linke  Glanke  der  gesamten
englisch-französischen  Schlachtordnung  geführt  hatte.  Ungern  gehorchte
General  Dau.  Als  der  24.  August  erschien,  waren  die  französischen  Lager
auf  den  Rebenhügeln  des  Sundgaus  leer  und  die  Trikolore,  die  am  Tage
vorher  am  Rathaus  von  Mülhausen  aufgezogen  worden  war,  wieder  verschwunden.
  Das  VII.  französische  Korps  war  schon  auf  dem  Weg  nach  der
Somme.

So  bedeutungsvoll  die  Schlacht  bei  Mörchingen  und  Saarburg  und
die  Kämpfe  in  den  Vogesen  waren  —  in  Belgien  waren  größere  Entscheidungen
  gefallen.

Die  Schlachtenfolge  in  Belgien  und  Frankreich

Wie  eine  dichte  Wolke  war  die  Kavallerie  des  Generals  v.  d.  Marwig
vor  der  1.  Armce  Kluck  hergezogen.  Sie  hatte  alle  Bewegungen  verschleiert,
sich  durch  die  Bolksbewegung  durchgekämpfe,  in  unzähligen  kleinen  Gefechten
den  Feind  beumuhigt,  hier  ihn  geworfen,  dort  sich  geopfert  und  so  den  dreifachen
  Zweck,  den  Vormarsch  zu  verbergen,  ihn  zu  sichern  und  den  Feind
lber  die  Stoßrichtung  zu  täuschen,  in  idealer  Weise  erfüllt.

Am  20.  August  erschienen  die  ersten  Husaren  und  Ulanen  vor  den  Toren
Brüssels.  Die  belgische  Regierung  und  die  königliche  Familie  hatten  die
Stadt  bereits  verlassen  und  sich  nach  Antwerpen  begeben.  ODa  sich  dorthin
nach  dem  Treffen  an  der  Gette  und  Dyle  die  belgische  Feldarmee  geworfen
hatte,  war  Antwerpen  fortan  der  Mittelpunkt  des  Widerstandes  und  des
politischen  Lebens.  Nur  geringe  belgische  Kräfte  stellten  sich  noch  bei  Namur
und  hinter  der  Maas  und  Sambre  im  Berein  mit  französischen  Truppen
dem  Andrang  der  1.  und  2.  deutschen  Armee  entgegen.  Oie  belgisch-französische
  Frone  war  vollständig  auseinandergebrochen.  Frankreich,  das  der
belgischen  Regierung  am  2.  August  fünf  Armeekorps  angeboten  hatte,  war
erst  am  14.  August  imstande  gewesen,  einzelne  größere  Truppenkörper  von
Fourmies  aus  in  Bewegung  zu  setzen  und  mit  diesen  nicht  über  Dinant
binausgekommen.

Am  Dage,  da  die  Schlacht  bei  Saarburg  reifte  und  den  Angriff
Castelnaus  brach,  erreichten  die  deutschen  Nordarmeen  die  Linie  Brüssel—
Namm#—Neuschäteau—Longwy  und  unterbanden  die  große  Gegenbewegung
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        134  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

der  3.,  4.  und  5.  französischen  Armee  und  des  britischen  Feldheeres,  die
sich  eben  erst  mühsam  zurechtschoben,  um  den  Vormarsch  anzutreten.  Die
Niederlage  Castelnaus  und  Dubails  machte  nicht  nur  die  Umfassung  der
deueschen  Angriffsarmeen  vom  Oberrhein  her  zuschanden,  sondern  nahm
auch  dem  englisch-französischen  Gegenangriff  in  Belgien  von  vornherein
die  Kraft.  In  Daris  war  man  sich  der  Unsicherheit  der  strategischen  Lage
schon  vor  dem  20.  August  bewußt  geworden  und  hatte  Schriftfunken  nach
Detersburg  gejagt,  um  dringend  rasches  Eingreifen  der  Russen  zu  fordern.
In  der  Tat  war  der  russische  Aufmarsch  schon  so  weit  gediehen,  daß  zwei
Armeen  sich  gegen  die  preußische  Grenze  in  Bewegung  setzen  konnten.  Am
20.  August  kam  es  im  Osten  zu  dem  Treffen  bei  Gumbinnen,  in  dem  die
schwache  deutsche  Ostarmee  der  russischen  1.  Armee  in  ungleichem  Kampfe
gegenübertrat  und  deren  Vormarsch  auf  der  Rominter  Heide  zu  lähmen
suchte.  Da  um  diese  Zeit  auch  die  2.  russische  Armee  in  Bewegung  gekommen
war  und  auf  den  Straßen  von  Warschau  und  Pultusk  gegen  die  Südgrenze
Ostpreußens  heranrückte,  erwuchs  den  Deutschen  im  Osten  eine  schwere
strategische  Bedrohung.  Sie  waren  vor  die  Frage  gestellt,  ob  sie  diese
über  die  Fluren  Ostpreußens  niedergehen  lassen  oder  ihr  frische  Kräfte
entgegenwerfen  sollten.  Die  Frage  rührte  an  den  Grundplan  des  Feldzuges,
  der  im  Westen  angriffsweise  geführk  wurde.  Dieser  Angriff  war
im  Schuß  und  brach  sich  gleich  einer  Lawine  Bahn,  obwohl  er  nun  die  erste
innere  Hemmung  erfuhr.  Ehe  sie  wirksam  wurde,  prallten  die  Massen  aufeinander.


Das  strategische  Gebäude  der  belgisch-englisch-französischen  Heeresleitung
  war  schon  am  20.  August  so  unterhöhlt,  daß  es  zwei  Tage  darauf
unter  den  Schlägen  der  deutschen  Angriffsarmeen  vollends  zusammenbrach.

Die  Belagerung  von  Namur

Bevor  die  russische  Heeresleitung,  deren  Hauptmacht  bereits  zum  großen
Waffengang  mit  dem  Nordbeere  Osterreich--Ungarns  in  Holen  und  Galizien
bereitstand,  die  1.  und  2.  Armee  zu  einheitlichem  Wirken  in  Bewegung
sesen  konnte,  fielen  in  Belgien  die  ersten  großen  Schläge.  Am  20.  August
brach  die  Armee  Kluck  durch  die  Lücke  zwischen  Gette  und  Maas  und  rann  als
grauer  Strom  durch  Brüssel  nach  Westen,  indem  sie  die  bei  Pervez  und
Gembloux  geschlagene  5.  französische  Reiterdivision  vor  sich  herscheuchte.
Die  2.  Armee  folgte  links  anschließend  und  umschloß  zugleich  das  feste  A#amur,
das  von  der  4.  belgischen  Felddivision  und  einigen  rasch  hineingeworfenen
französischen  Bataillonen  verteidigt  wurde.

Schon  am  20.  August  donnerten  zwischen  Sambre  und  Maas  die  Belagerungsgeschüßze,
  die  der  Infanterie  hier  die  blucige  Arbeit  von  Lüteich
        <pb n="151" />
        Die  Belagerung  von  Namur  135

zum  großen  Teil  ersparten.  Am  21.  August  tobte  die  Beschießung  mit
voller  Kraft.  Darunter  befanden  sich  außer  Krupps  42.·cm.  Haubitzen
öskerreichische  Motorbatterien  von  30,5  cm  Kaliber,  welche  die  Außenforts
  und  die  Zwischenwerke  überraschend  schnell  niederkämpften.  Der
Nordost.  und  Südostabschnitt  reches  und  links  der  Maas  wurde  zugleich
angegriffen  und  aufgerissen.  Die  Zwischenstellungen  waren  nicht  stark  genugausgebaut,
  die  hastig  errichteten  neuen  Anlagen  nicht  selten  im  koten  Winkel
angeordnet  und  wenig  geeignet,  dem  Zweck  zu  dienen.  Gegen  Abend  war
die  Feste  Andoy  zusammengeschossen;  die  Festen  Maizeret  und  Marchovolette
  hatten  schwer  gelitten,  nur  das  starke  Fort  Cognelée  wehrte  sich  noch
nach  Kräften.  Werzweifelte  Vorstöße  der  belgischen  Infanterie,  die  von
französischen  Bataillonen  mit  vorgerissen  wurde,  zerschellten  an  dem  Feuer
der  deutschen  Maschinengewehre.  Dann  brach  Flankenfeuer  schwerster  Kaliber
den  Widerstand  der  in  der  Maasschleise  kämpfenden  13.  Brigade  und  nahm
zugleich  den  Festen  des  Südostsektors  die  lete  Kraft.  Maizeret  wurde  geräumt,
  Marchovolette  verstummte,  sein  Kernwerk  spie  Rauch  und  Flammen
und  flog  am  23.  August  in  die  Luft.  Auch  Cognelke  erlag.  Ein  NRiesengeschoß
zerschlug  die  Kuppel  des  Mittelraumes  und  tötete  die  Besatzung.  Die  10.  belgische
  Brigade  wich  fechtend  aus  dem  Nordostsektor  auf  die  Sambre.  Die
8.  Brigade,  die  im  Nordwesten  gekämpft  hatte,  sah  sich  im  Rücken  gefaßt
und  wurde  in  die  Flucht  gerissen.

Ourch  die  breite  Lücke  drang  die  deutsche  Infanterie  in  die  Festungszone
  und  eroberte  die  Stadt.  Die  Außenfesten  des  Nordwest-  und
Südwestabschnitts  waren  nun  auf  sich  gestellt  und  dem  Untergang  verfallen.
  Fort  Suarlée  fiel  nach  zwei  Tagen,  und  das  Sambrefort
Malonne  ergab  sich  dem  Leutnant  v.  d.  Linde,  der  es  mit  4  Mann
zur  Dbergabe  aufforderte,  unter  dem  Eindruck  der  Beschießung  ohne
Schwertstreich.  Auch  St.  Heériberk  verzichtete  gegenüber  einer  Handvoll
  Pioniere,  die  zur  Erkundung  des  Werkes  vorgeschickt  waren,  auf
Widerstand.

Oie  4.  belgische  Division  und  die  französischen  Hilfseruppen  zogen  auf
dem  linken  Maasufer  nach  Süden  ab,  gerieten  aber  zwischen  Arbre  und
Bioul  vor  den  rechten  Flügel  der  3.  deutschen  Armee,  wurden  üÜberfallen,
zum  Kampf  gezwungen  und  ließen  dabei  zahlreiche  Gefangene  in  deutschen
Händen.  Mit  Namur  war  nicht  nur  eine  Festung  aufgebrochen,  sondern
auch  der  innere  Ilügelstügtpunkt  der  englisch-französischen  Armec  beiseite
geräumt  worden,  die  inzwischen  bei  Charleroi,  an  der  Sambre  und  bei
Dinane  an  der  Maas  in  eine  verderbliche  Schlacht  verwickelt  wurde.  Als
Namur  feel,  brach  die  belgische  Maasstellung  vollends  zusammen,  verlor
die  saumselige  Angriffsbewegung  der  englisch-französischen  Nordarmeen
auch  im  Falle  eines  nochmaligen  glücklicheren  Gegenstoßes  Griff  und  Halt.
Belgien  war  verloren.
        <pb n="152" />
        136  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Die  allgemeine  Lage  am  22.  August

Schon  damals  war  der  englisch-französischen  Heeresleitung  die  Gesetzestafel
  entglitten,  in  die  die  Deutschen  alsbald  ihre  ehernen  Zeichen  gruben.
Aber  troßdem  waren  den  Verbandsheeren  mittelbare  Erfolge  zugefallen,
die  teils  von  ihnen  selbst  herbeigeführt,  teils  vom  Gegner  verschenkt  worden
waren  und  die  Lage  der  Franzosen  erleichterten.  Am  21.  August  trat  die
erste  Ablenkung  deutscher  Streitkräfte  nach  Osten  hervor  und  schwächte  die
Stoßarmeen  des  rechten  Flügels,  da  sie  diesen  in  Gestalt  des  XI.  Armeckorps
  der  1.  Armee  und  des  Gardereservekorps  der  2.  Armee  sowie  einer
sächsischen  Kavalleriedivision  enknommen  worden  sind.

Generalmasor  Ludendorff  erhielt  den  Befehl,  sich  als  Stabsleicer  des
neuernannten  Oberbefehlshabers  der  Ostarmee,  General  v.  Hindenburg,  nach
Marienburg  zu  begeben.  Er  brachte  diesem  diese  frischen  Kräfte.  Sie  fehlten
fortan  im  Westen.  Ferner  wurden  zur  Beobachtung  der  belgischen  Armce
das  III.  und  IX.  Reservekorps  vor  Antwerpen  versammelt  und  dort  fest.
gehalten.  Die  deutschen  Stoßarmeen  waren  daher  vom  22.  August  an  beträchtlich
  schwächer,  als  man  im  ursprünglichen  Feldzugsentwurf  vorgesehen
batte.  Aber  der  deutsche  Vormarsch  erlitt  troh  dem  Herumwerfen  skärkerer
Kräfte  nach  Ossen  zunächst  keine  Stockung,  und  om  22.  August  entbrannte
aus  dem  Zusammenprall  der  fünf  deutschen  mit  den  vier  englisch-französischen
Nordarmeen  die  erste  große  Schlachtenfolge  zwischen  Sambre  und  Maas.
Sie  vermischte  ihre  Donner  alsbald  mit  denen  der  Belagerung  von  Namur
und  den  schon  seit  zwei  Tagen  tobenden  Kämpfen  in  der  Saarburger  Lücke
und  am  Donon.

Um  dieselbe  Zeit  rüstete  die  1.  Armee  des  Großfürsten  Nikolai  Nikolafewitsch
  zur  Belagerung  von  Königsberg,  während  seine  2.  Armee  drohend
gegen  die  preußische  Weichsellinie  vorrückte.

Das  österreichisch-ungarische  Heer  kämpfte  damals  mit  geringeren
Kräften  an  der  ODrina  gegen  die  Serben  und  begann  sich  mit  der  Hauptmacht
  über  den  San  und  den  Dujestr  in  Bewegung  zu  sehen,  um  den  Aufmarsch
  der  russischen  bermacht  durch  rücksichtsloses  Eindringen  in  die
Sammlungsräume  zwischen  Weichsel  und  Bug  zu  stören.

Inzwischen  hatten  die  englisch  französischen  Sereicträfte  ihren  Aufmarsch
  an  Sambre  und  Maas  vollendet.  Zu  äußerst  links  harte  die  englische
Armee  in  ihrem  Versammlungsraum  Maubeuge  Stellung  genommen.  Sie
batte  sich  verspätet.  Statt  am  16.  August  bei  Namur  zu  steben,  war  sie
kaum  imstande  gewesen,  sich  am  21.  August  vor  Maubeuge  zum  Vormarsch
zu  ordnen.  Zwischen  ihr  und  der  5.  französischen  Armee  bestand  von  Anfang
  an  nur  unvollkommene  WVerbindung,  so  daß  Frenchs  rechter  Flügel
ins  Leere  hing.  In  seiner  linken  Flanke  vermutete  der  englische  GFeldberr
        <pb n="153" />
        Die  allgemeine  Lage  am  22.  August  137

die  Liller  Reservearmee,  die  aber  aus  verzettelten  Landsturmverbänden  ohne
Artillerie  beskand  und  sich  niche  zusammenfinden  konnte.

Oie  5.  französische  Armee  schob  sich  auf  die  Kunde  von  dem  unglücklichen
Treffen  der  Belgier  an  der  Gette  und  Dyle  und  dem  Rocitergefecht  bei  Pervez
nach  Norden  herum,  um  die  Obergänge  über  die  Sambre  zu  verteidigen.
General  Lanrezac  war  durch  den  frühzeitigen  Anprall  der  deutschen  Heeres.
kavallerie  bei  Dinant  und  die  nun  plötlich  auf  der  Brüsseler  Straße  auf.
tauchende  deutsche  Angriffsbewegung  in  Verwirrung  geraten.  Es  blieb  ihm
niches  anderes  übrig,  als  rechts  und  links  Fühlung  zu  wahren  und  dem  Befehl
der  obersten  Heeresleitung  Folge  zu  leisten,  die  nun  den  Kampf  auf  der  Cinie
VMons—Charleroi—Dinant—Longwy  annahm,  den  sie  auf  der  Linie  Maastricht—Basel
  hatte  suchen  wollen.  Lanrezac  stand  an  der  gefährdetsten
Stelle,  am  links  hinausgerückten  Brechpunkt  der  Riesenfront,  und  war
genötigt,  sich  nach  zwei  Seiten  zu  schlagen.  Rechts  von  der  5.  Armee
wurde  die  4.  Armee  de  Langle  de  Cary  zum  Angriff  befohlen  und  über  die
französische  Maas  in  der  Richeung  auf  den  Semoisfluß  in  Bewegung  geseht.
Die  3.  Armee  Ruffey  trat  kürzer  und  suchte  bei  Longwy  und  gestützt  auf
Verdun,  den  gewaltigen  Drehpunke  der  Front,  die  Berübrung  mit  dem  Feind.
Da  die  2.  und  1.  französische  Armee  schon  zwischen  Meß  und  Seraßburg
geschlagen  worden  waren,  war  Ruffeys  rechte  Flanke  ungeschützt,  wenn  er
über  Longwy  binausstieß.

Am  22.  August  brach  das  neue  Schlachtenungewitter  herein.

Weit  hatten  die  1.  und  2.  deutsche  Armee  als  mächtige  Flügelgruppe
nördlich  der  Maos  zur  AUmfassung  ausgegriffen.  Schulter  an  Schulter,  die
1.  Armee  rechts,  die  2.  links  gestaffelt,  marschierten  8  bis  10  Armeekorps,
vom  dichten  Gewölk  zweier  Kavalleriekorps  umgeben,  über  Grüssel  und
Namur  auf  die  „Herzgrube  Frankreichs“  zu.  So  hat  Clausewit  die  Gegend
zwischen  Brüssel  und  Paris  genanntk,  und  die  Schlachtfelder  von  Waterloo,
Fleurus  und  Jemappes  zeugen  für  die  Michtigkeit  dieser  Bezeichnung.
Bei  Waterloo  hatte  Blüchers  Flankenstoß  das  Schicksal  des  Tages  entschieden.
  Bei  Fleurus  ist  am  1.  Juli  1690  zum  erstenmal  gefochten  worden,
auch  damals  entschied  eine  Umfassung  der  linken  Flanke  den  Sieg  des  Angreifers.
  Der  Marschall  von  Luxembourg  packte  die  verbünderen  NReichs.
truppen,  Spanier  und  Niederländer  von  vorn  und  führte  zugleich  starke  Kräfte
und  seine  zahlreiche  Reiterei  in  die  linke  Glanke  und  den  Rücken  der  Alllerten,
die  mie  schweren  Verlusten  in  haltlose  Flucht  geschlagen  wurden.

In  riesenhafte  Verhälenisse  übertragen,  wiederholte  sich  die  strategische
Anlage  dieser  Schlacht  in  den  Augusttagen  des  Jahres  1914,  als  auf  der
Linie  Songwy—Mons  fünf  deutsche  und  vier  englisch-französische.  Armeen
aufeinanderprallten.

Die  am  rechten  Flügel  marschierende  1.  deutsche  Armee  traf  auf  die
englische  Armee,  die  2.  Armee  auf  die  Hauptmasse  der  französischen  5.  Armee,
        <pb n="154" />
        138  Der  Felbzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

die  3.  Armee  auf  bie  rechte  Flügelgruppe  der  5.  Armee  und  belgische  Heeresteile,
  die  4.  Armee  stieß  auf  die  französische  4.  Armee  und  die  5.  Armee
geriet  mit  der  französischen  3.  Armee  aneinander.

French  und  Lanrezac,  die  auf  engeres  Zusammenwirken  angewiesen
waren,  hatten  am  21.  August  die  Linie  Mons—Dinant  erreicht.  Ob  sie
zur  Vorbewegung  entschlossen  waren  und  vom  deutschen  Angriff  darin
gestört  worden  sind,  oder  sich  von  vornherein  auf  die  Verteidigung  der  Sambreund
  Maasübergänge  im  Winkel  Mons—Namur—Dinant—Givet  beschränken
  wollten,  ist  fraglich,  doch  läßt  nicht  nur  das  Verhalten  Frenchs,
sondern  auch  die  allgemeine  Lage  den  Schluß  zu,  daß  der  englisch-französische
Gegenangriff  auf  der  ganzen  Linie  stattfinden  sollte  und  nur  deöhalb  nicht
deutlicher  sichtbar  wurde,  weil  er  im  Keim  erstickt  worden  ist.  Von  den
Armeen  de  Langle  und  MRuffey  hat  die  erstere  den  Angriff  noch  wirklich
vorgetragen,  während  die  Armee  NRuffey  schon  im  Anmarsch  überrannt
wurde.

Die  Schlachtenkette,  die  sich  vom  22.  August  an  in  Belgien  und  Frank.
reich,  an  Sambre  und  Maas  abrollte,  war  aus  fünf  Gliedern  zusammengefügt.
  Vom  schritt,  und  maßgebenden  deutschen  AUmfassungsflügel  aus
gezählt,  entwickelten  sich  die  Schlachten  von  Mons,  Charleroi,  Dinant,
Neuschsteau  und  Longwy,  die  man  in  zwei  Gruppen  fassen  und  als
Schlachten  rechts  und  links  der  Maas  bezeichnen  kann.  Links  der  Maas
standen  auf  seiten  der  Verbündeten  die  Armeen  French  und  Lanrezac,
rechts  der  Maas  die  Armeen  de  Langle  und  Ruffey.

Diese  Aufstellung  hatte  große  Nachteile.  Sie  war  nicht  nur  der  von
dem  deutschen  Feldzugsplan  vorgesehenen  und  bereits  aus  dem  deurtschen
Vormarsch  sich  ergebenden  Amfassung  in  der  linken  Flanke  preisgegeben,
sondern  war  auch  in  der  Mitte  einer  strategischen  Durchbrechung  ausgesegt.
War  doch  die  Armee  Lanrezac  genstige,  ihren  rechten  Flügel  scharf  abzubiegen,
  beinahe  abzuknicken,  um  die  Maaslinie  zwischen  Namur  und  Givet
zu  verkeidigen  und  die  Berbindung  mik  der  Armee  de  Langle  herzustellen.
Da  Namur  vor  dem  Brechpunkt  der  Front  Lanrezac  lag  und  die  5.  französische
  Armee  nicht  rechtzeitig  so  weit  nach  vorn  gelangte,  daß  die  Festung  zu
einem  Stühpunkt  ihrer  Front  wurde  —  die  Armee  Freuch  hing  ja  noch
weiter  zurück  —,  so  entbehrte  die  Winkelstellung  der  5.  Armee  einer  natürlichen
  Anlehnung.  General  Lanrezac  mußte  also  darauf  gefaßt  sein,  nach
zwei  Seiten  zu  schlagen.  Nur  eine  glückliche  rasche  Borbewegung  de  Langles
konnte  ihn  der  Sorge  um  seinen  zurückgebogenen  rechten  Flügel  entheben,
wenn  dieser  auf  den  Maashöben  zwischen  Dinant  und  Givet  von  starken
Kräften  angegriffen  wurde.

Oie  oberste  französische  Heeresleitung  hat  diese  Schwäche  der  Schlachtlinie
  zweifellos  erkanne  und  deshalb  der  4.  Armee  befohlen,  über  den  Semoisfluß
  vorzubrechen  und  Neufchäteau  zu  nehmen.  Dadurch  wäre  der  rechte
        <pb n="155" />
        Die  Schlacht  bei  Mons  und  Charleroi  139

Flügel  Lanrezaes  in  der  Tat  bedeutend  entlastet  und  die  Armee  Hausen  in
der  linken  Flanke  bedroht  worden.

Aber  die  Schlachten  bei  Mons  und  Charleroi  entbrannten,  ehe  General
de  Langle  de  Cary  sich  durch  die  Ardennen  Bahn  gebrochen  hatte,  denn  auch
er  traf  bald  auf  starken  Feind.

French  und  Lanrezac  suchten  den  Feind  im  Norden  und  Nordosten.
French  hegte  mehr  Besorgnis  für  seinen  rechten  Flügel,  wo  er  Lanrezacs
Schulterstütze  vermißte,  als  für  den  linken,  der  ja  weit  nach  Nordwesten
reichte  und  daher  von  keiner  Oberflügelung  bedroht  schien.  General  Lanrezac
hatte  seine  Haupekräfte,  das  I.  und  III.  Korps  und  die  Afrikaner  nebst
3  Reservedivisionen,  gegen  die  Sambre  vorgeschoben  und  die  DLbergänge
zwischen  Cbarleroi  und  Auvelais  stark  beset.  Gegen  die  Maas  hatte  Lanrezac
  eine  Flügelgruppe  abgezweigt  und  die  am  15.  August  von  der  2.  Division
  besetzte  und  festgehaltene  Linie  Givet—Dinant  durch  die  Reservedivision
  Boutte  gourd  verstärke,  um  einem  Seitenanfall  begegnen  zu  können.
Solange  Namur  standhielt,  schien  diese  Winkelstellung  Lanrezacs  nicht  un.
mittelbar  gefährdet.  Feldmarschall  French  und  General  Lanrezac  waren
sich  der  strategischen  Lage  noch  niche  recht  bewußt  geworden,  als  die  Schlacht
ihre  feurigen  Arme  um  beide  Armeen  schlang  und  sie  verzehrend  umfaßte.

Die  Schlacht  bei  Mons  und  Charleroi

Die  Armeen  Kluck  und  Bülow  hatten  in  einer  mächtigen  Schwenkung
die  Linie  Enghien—Soignies—Mivelles—Wavre—Gembloux  gewonnen  und
stürzten  sich,  von  Norden  kommend,  auf  die  Armeen  French  und  Lanrezac.
Die  Armee  Kluck  schlug  den  Bogen  am  weitesten  nach  Norden  und  setzte
die  Zange  bei  Condé  an,  während  die  Armee  Bülow  zwischen  Péronnes
und  Auvelais  rechts  und  links  von  Charleroi  vorging.

Die  Bewegungen  der  Armee  Kluck  sind  in  der  Annäherung  und  WVorbereitung
  vollkommen  verschleiert  worden.  Wiel  weiter  nach  Norden  ausholend,
  als  dem  Gegner  möglich  schien,  traf  die  1.  deutsche  Armee  am
22.  August  von  Norden  und  Nordwesten  her  bei  Mons  überraschend  auf
die  Briten.

Es  war  entscheidend  für  die  Ausführung  der  ersken  Phase  des  deutschen
Feldzugplans,  daß  die  englisch-französische  Heeresleitung  bis  zum  17.  August
von  der  Anwesenheit  stärkerer  deutscher  Truppenkörper  nördlich  der  belgischen
  Maas  nicht  die  geringste  Kennenis  hatte.  Man  vermutete  dort  nur
Kavallerie,  welche  das  belgische  Heer  in  Atem  hielt,  um  durch  kühne  Manöver
die  angeblich  vor  Lüctich  festgeklemmte  1.  Armee  zu  decken.

Als  die  Armee  Kluck  die  Linie  Wavre—Tirlemont  am  19.  Augufté  durchbrach
  und  am  20.  August  durch  das  Löwener  Tor  in  Brüssel  einzog,  war
        <pb n="156" />
        140  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

die  französische  Armee  eigentlich  schon  in  der  linken  Glanke  umgangen,  so
daß  die  Briten  nur  noch  als  starke  Flankengruppe  gelten  konnten.

Marschall  French  war  im  Gegriff  gewesen,  nach  Vollendung  seines
Aufmarsches,  auf  den  Generalissimus  Joffre  mit  Schmerzen  wartete,  den  Vor.
marsch  anzutreten  und  hatte  seine  vier  starken  Felddivisionen  am  22.  August
gegen  die  Linie  Ath—Mons—  Binche  in  Bewegung  geseht.  Die  ihm  zugesprochenen
  französischen  Landwehrdivisionen  hatten  zwar  den  Anschluß
noch  nicht  gefunden,  aber  er  glaubte  nur  zwei  deutsche  Korps  vor  seiner  Front
zu  finden  und  war  gutes  Muts.  Da  er  sich  selbst  in  seiner  rechten  Flanke  nicht
genügend  gestüct  fühlte,  ersuchte  er  das  französische  Oberkommando,  in
dieser  Richtung  Vorkehrungen  zu  treffen,  erhielt  aber  zu  seiner  Uberraschung
den  Bescheid,  daß  die  an  seinen  rechten  Flügel  unvollkommen  angeschlossene
5.  französische  Armee  bereits  von  einer  überlegenen  Streitmacht  angegriffen
werde.  Beinahe  gleichzeitig  mit  dieser  Meldung  tauchten  in  seiner  linken
Flanke  deutsche  Reitergeschwader  auf,  die  auf  Tournai  vorstießen  und  als
die  Spitzen  einer  Umfassungsarmee  betrachtet  werden  mußten.  Als  der
englische  Feldherr  sich  der  vollständig  auf  den  Kopf  gestellten  Lage  bewußt
geworden  war,  gab  er  den  Befehl  zum  Rückzug.  Ooch  bevor  er  diesen
Entschluß  fassen  und  ausführen  und  auf  Maubeuge  und  die  Sambre  zurückgehen
  konnte,  liefen  ihm  die  Ereignisse  aus  der  Hand  und  zwangen  ihn,  auf
dem  Fleck  zu  schlagen  und  sich  an  das  Haineflüßchen  zu  llammern.

Marschall  French  stellt  in  seinem  amtlichen  Gefechtsbericht  fest,  daß
die  am  22.  August  bezogene  Stellung  auf  der  Linie  Ath—Mons—Ginche
vorzüglich  gewesen  sei.  Es  war  offenbar  eine  jencr  vorzüglichen  Stellungen,
auf  die  der  Gegner  nach  Ansicht  des  Verteidigers  nur  in  einer  ganz  bestimmten
  Richtung  treffen  darf.  Die  1.  deutsche  Armee  bequemte  sich  aber
nicht  dazu,  die  englische  Aufstellung  von  vorn  anzurennen  sondern  schob
sich  über  dieselbe  hinaus  und  rollte  sie  auf.

Die  Armee  Kluck  war  von  Brüssel  über  Enghien,  Lessines  und  Ae#h,
Soignies  und  Nivelles  vorgerückt  und  hatte  das  II.  Armeekorps  auf  dem
rechten  Flügel  in  der  Richeung  auf  Condé  und  Walenciennes  angesegt.
Während  diese  weitgreifende  Umfassung  der  Pommern  der  englischen  Armee
auf  Cambrai  den  Rückzug  abzuschneiden  drohte,  griff  das  IV.  Armeekorps
mit  der  8.  Division  bei  Baisieux  und  Angre  und  mit  der  7.  Division  bei
Pommeroeul  und  Elouges  den  linken  Flügel  der  Engländer  von  vorn  und
spit  in  der  Flanke  an  und  warf  ihn  auf  die  Sambre  in  der  Richtung  Bava
zurück.  Das  III.  Armeekorps  brach  in  der  Miete  vor  und  nahm  Mons  und
Jemappes.  Da  gingen  dem  Marschall  König  Georgs  die  Augen  auf.  Seine
beiden  Korps  waren  überrannt,  während  links  die  Pommern,  rechts  das
IX.  Korps  zur  AUmfassung  schritten.  Die  Schlacht  war  verloren.  Die  Engländer
  wichen  dem  von  vorn  und  in  der  Flanke  ausgeübten  Druck  und  ergossen
  sich  in  Überstürztem  Rückzug  nach  Süden.  Auf  dem  linken  Flügel  der
        <pb n="157" />
        Die  Schlacht  bei  Mons  und  Charleroi  141

1.  deutschen  Armee  griff  das  IX.  Armeekorps  an  und  gewann  mit  der
18.  Division  die  Straße  von  Maisières  auf  Nimy  und  Mons,  mit  der
17.  Division  St.  Symphorien  und  Willers—St.  Ghislain.  Lm  diese  Zeit
war  auch  Lanrezac  schon  geschlagen.  Frenchs  Rückzug  stieß  auf  zerrüttete
Verhälenisse  und  führte  zur  Auflösung  der  Verbände.  In  einzelnen  Gruppen,
die  sich  hartnäckig  ihren  Weg  bahnten,  verließ  die  britische  Armee  das
Schlachtfeld  und  Belgien.

Der  aus  der  mfassung  sich  ergebende  Stoß  der  Armee  Kluck  hatte  die
englische  Armee  und  damit  die  ganze  Aufstellung  der  englisch-französischen
Armeen  in  der  linken  Flanke  zu  Tode  getroffen.  Schon  streiften  Klucksche
Reiter  bis  Valenciennes.  Oie  englische  Rückzugslinie  führte  über  Maubeuge.
Marschall  Freuch  mußte  die  britische  Armee  schleunigst  vom  Verfolger  lösen,
um  sie  wieder  in  die  Hand  zu  bekommen.  Er  sah  seine  beiden  schönen  Korps
in  wilder  Eile  zurücksluten,  Englands  Feldheer  aus  dem  Halt  gedrückt,  ehe
es  mit  voller  Kraft  gefochten  hatte.  Das  richtige  Gefühl,  daß  man  eilen
mußte,  der  drohenden  Umklammerung  und  Bernichtung  zu  entgehen,  trug
noch  mehr  zur  Beschleunigung  des  Rückzugs  bei  als  die  taktische  Niederlage.
Aber  es  war  unmöglich,  die  unermüdliche  deutsche  Reiterei  abzuschütteln.
Wiederholt  kam  sie  zum  Einhauen  und  brach  sogar  in  die  Artilleriestellung
der  Nachhut,  die  sich  wie  in  alter  Zeit  des  kühnen  Gegners  mit  Spieß  und
Stange  erwehren  mußte.

Da  Marschall  French  befürchtete,  durch  zu  enge  Anlehnung  an  die
Festung  Maubeuge  vollends  umfaßt  und  in  diese  hineingeworfen  zu  werden,
entschloß  er  sich,  auch  die  am  24.  August  mit  Mühe  erreichte  Linie  Bavaoi—
Maubeuge  zu  räumen.  Oiese  war  schon  wieder  in  der  linken  Flanke  sehr
gefährdet.  Das  II.  Britenkorps,  das  auf  dem  linken  Flügel  stand,  brach
vollends  auseinander.  Unter  dem  Schuß  starker  Nachhuten  zogen  die  Briten
weiter  nach  Süden  ab.  Ihre  Reiterei,  die  auf  den  Zusammenstoß  mit  dem
Feind  brannte  und  dem  Rückzug  unwillig  gefolgt  war,  warf  sich  dem  Verfolger
  hemmend  entgegen.

Die  2.  brirische  Kavalleriebrigade,  zusammengesetzt  aus  den  9.  Lanciers,
den  3.  Husaren  und  den  4.  Dragonern,  hatte  in  der  Nacht  aufgesattelt  und
stand  um  4  Uhr  morgens  in  dem  flachen  Wiesengrund  von  Thulin,  als  sie  von
dem  gegenüberliegenden  Höhenrand  schwaches  Geschüsfeuer  erhielt.  Sie
nahm  die  Herausforderung  sogleich  an.  Da  man  auf  der  Straße  nicht  vorwärts
kommen  konnte,  beschloß  der  Kommandeur,  die  Artilleriestellung,  die  nur
schwach  geschützt  zu  sein  schien,  in  einer  Schwarmattacke  zu  nehmen
und  ließ  aufmarschieren.  Die  Lanciers  an  der  Spitze,  Husaren  und
Dragoner  an  den  Flügeln,  flogen  die  Neiter  breicgefächert  mit  Gellen
und  Jauchzen  in  den  Feind.  Die  deutschen  Geschütze  taten  geringen
Schaden,  plötzlich  aber  schlug  den  Reitern  aus  dem  hohen  Grase
Srrichfeuer  versteckter  Maschinengewehre  entgegen  und  höhlte  ihre  Mitte
        <pb n="158" />
        142  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

so  vollständig  aus,  daß  die  Front  zerbrach.  Was  noch  im  WBühel  stand,
preschte  zwar  ohne  Stocken  weiter,  aber  Stolperdrähte  und  aufgerollte
Drahbtschlingen  brachten  die  Gäule  dicht  vor  den  deutschen  Jägern  zu  Fall
und  setzten  der  Attacke  ein  jähes  Ziel.  Die  Reste  der  Brigade  mußten  rechts
und  links  ausbrechen  und,  verfolgt  vom  Flankenfeuer  der  Kugelspritzen,  in  der
Flucht  Rektung  suchen.  Der  dritte  Mann  war  geblieben.  Von  den  9.  Lan.
ciers  erschienen  spät  abends  bei  Rousmes  nur  40  Mann  zum  Appell,  zwei  Tage
späcer  hatten  sich  im  ganzen  220  als  Trümmer  des  tapferen  Regimenées
eingefunden.  Auch  die  Husaren  hatten  schwer  gelitten.

Vollständig  erschöpft  erreichte  die  englische  Armee  am  Abend  des
25.  August  die  Linie  Landrecies—Le  Cäteau—Cambrai,  auf  der  man  in
Verbindung  mit  der  Armee  Lanrezac  das  Waffenglück  noch  einmal  ver.
suchen  wollte.

Schon  am  23.  August  hatte  Marschall  French  in  seiner  starken  Be.
drängnis  den  Kommandeur  der  französischen  Kavallerie,  General  Sordet,
um  Unterstüczung  gebeten,  damit  es  ihm  gelinge,  sich  vom  Feinde  zu  befreien.
Vereitwillig  griffen  die  französischen  Kavalleriedivisionen,  die  zwischen  French
und  Lanrezac  notdürftige  Verbindung  gehalten  hatten,  in  den  Kampf  ein,
aber  sie  vermochten  den  Rückzug  der  Briten  nur  teilweise  zu  decken  und
wurden  dabei  selbst  bös  zugerichtet.

Mit  der  britischen  Armee,  die  westlich  von  Maubeuge  zurückflutete,
wälzte  sich  die  Armee  Hanrezac  östlich  an  der  Festung  vorbei  nach  Süden.
Auch  sie  war  an  der  Sambre  in  den  Tagen  vom  22.  bis  24.  August
geschlagen  worden,  und  zwar  in  blutiger,  tapfer  durchgefochtener  Schlacht,
die  mit  einer  schweren  Niederlage  geendet  hatte.

Die  2.  deutsche  Armee  war  am  22.  August  links  von  der  1.  Armee  auf
der  Linie  Mons—inche  —Charleroi  in  den  Kampf  getreten.  General
Lanrezac  sah  sich  unversehens  in  die  Abwehr  gedrängt  und  genörigt,  die
Ubergänge  über  die  Sambre  zu  verteidigen,  Über  die  er  seine  Armee  zum
Angriff  batte  führen  wollen.  Er  stand  zwischen  Mons  und  Namur,  ohne
unmittelbare  Anlehnung  an  den  festen  Platz  Namur  oder  die  Armee  French
gefunden  zu  haben,  und  mußte  sich  darauf  beschränken,  aus  seinen  starken
Stellungen  um  Charleroi  Vorteil  zu  ziehen.  Hier  focht  das  III.  Korps  auf
dem  ausgesehten  linken  Flügel,  den  Sordet  nicht  genügend  zu  stügen  vermochte,
  in  der  Mitte  standen  die  Afrikaner  und  rechts,  auf  dem  nach  Namur
ziehenden  Flügel,  das  I.  Korps.  Sie  fochten  mit  der  Stirn  nach  Norden  und
Nordwesten  gegen  Bülows  VII.  und  X.  Korps,  das  X.  Reservekorps  und
die  Garde.  Das  nachrückende  VII.  Reservekorps  Bülows  kam  nicht  mehr
zu  Gewicht.  General  Lanrezac  nahm  den  Kampf,  trotz  der  Oberraschung,  die
ihm  entgegentrat,  standfest  auf,  obwohl  seine  Feldartillerie  noch  zur  Ohnmacht
verurteilt  war,  als  die  schweren  deutschen  Batterien  schon  aus  weiter  Entfernung
  wirkten.  Der  französische  Führer  vertraute  auf  seine  überlegene
        <pb n="159" />
        Die  Schlacht  bei  Mons  und  Charleroi  143

Caktik  im  Nahgefecht  und  glaubte  sich  durch  Namur  und  die  nach  Dinant  vorgeschobene
  Division  Bouttegourd  gegen  jede  Bedrohung  seiner  rechten  Flanke
genügend  gesichert  zu  haben.  Er  sollte  rasch  eines  anderen  belehrt  werden.

Generaloberst  v.  Bülow  führte  seine  Infanterie  am  Morgen  des  22.  August
nach  wirksamer  Entfaltung  der  schweren  Batterien  gegen  die  Sambre  vor.
Das  VII.  Armeekorps  griff  den  linken  Flügel  der  5.  französischen  Armee  bei
eéronnes  und  St.  Pierre  ösllich  von  Mons  an  und  warf  ihn  über  Vinche  auf
La  Buissiere  und  Über  Anderlues  und  Lobbes  auf  Thuin.  Lanrezacs  III.  Korps
wich  über  die  Sambre  nach  Süden.  Das  X.  NReservearmeekorps  und  das
X.  Hinienkorps  wurden  zum  Angriff  auf  die  französische  Mittelstellung  und
Charleroi  befohlen.  Das  Reservekorps  als  rechte  Mitte  ging  über  Montignies
  und  Charleroi,  das  aktive  Korps  als  linke  Mitte  über  Fleurus  auf
Farciennes  und  Tamines  vor.  Das  Gardekorps  war  am  linken  Flügel  west.
lich  von  Namur  aufmarschiert  und  erzwang  den  #bergang  über  die  Sambre
bei  Auvelais.  Konzentrisch  zeigten  die  deutschen  Angriffspfeile  auf  Nalinncs
und  Gerpinnes  in  der  Richtung  DPbilippeville  und  wiesen  dem  Feind  den
Rückzug  nach  Süden.

Lange  und  am  erbittertsten  wurde  um  Charleroi  und  Farciennes  gekämpft.
  Hier  warfen  die  Franzosen  ihre  besten  Regimenter  ins  Treffen.
Bei  Farciennes  schlugen  sich  Zuaven  bis  zur  Bernichtung.  Auch  die  Oirail.
leure  der  marokkanischen  Division  lämpften  mit  dem  wilden  Mut,  den  ihre
Bluesbrüder  bei  Weißenburg  und  #örth  bewährt  hatten,  und  machten  der
preußischen  Garde  den  Abergang  über  die  Sambre  in  Gegenangriffen  streitig,
die  bis  zum  Kampf  mit  der  blanken  Waffe  durchgeführt  wurden.  Das
I.  Korps  ließ  die  Hälfte  seines  Bestandes  auf  der  Walstate.  Aber  die  überlegene
  Leitung  und  der  stärkere  Wille  der  Deutschen  machten  sich  gebieterisch
geltend.  Der  linke  Flügel,  dessen  Flanke  durch  den  Rückzug  der  Engländer
entblößt  war,  kam  zuerst  ins  Wanken,  und  als  das  Gardekorps  bei  Auvelais
den  Abergang  erzwungen  hatte  und  auf  Mettet  und  Biesme  durchstieß,
das  X.  Korps  Gerpinnes  gewann  und  im  Werein  mit  dem  X.  Reservekorps
nach  schwerem,  wechselvollem  Kampf  den  letzten  Widerstand  zwischen  den
Schlackenhalden  von  Charleroi  und  Montignies  gebrochen  hatte,  war  die
Schlacht  verloren.  Noch  zögerte  General  Lanrezac,  den  Befehl  zum  Kückzug
zu  geben.  Der  tüchtige  Taktiker  weigerte  sich,  wie  Mac  Mahon  bei  Wörth,
den  Schicksalsspruch  anzuerkennen,  und  warf  seine  Afrikaner  immer  wieder
ins  Feuer.  Da  erreichte  ihn  die  Meldung  vom  Jusammenbruch  seines
III.  Korps  und  kurz  darauf  die  Nachricht  vom  TAbergang  der  Deutschen  über
die  Maas.  Seine  Flankengruppe  war  bei  Dinant  zerschlagen  worden,  Namur
so  gut  wie  gefallen.  Auf  beiden  Flügeln  umfaßt,  in  der  Mitte  durchbrochen,
  war  die  5.  Armee  der  Wernichtung  preisgegeben,  wenn  sie  nicht
in  vollem  Lauf  gen  Süden  entwich.  Die  Masse  des  Heeres  strömte
daher  in  fluchtähnlicher,  durch  die  Umstände  gebotener  Eile  auf  Chimay
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        144  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

zurück,  um  einem  Sedan  unter  den  Mauern  Maubeuges  zu  entrinnen.
Ooch  warfen  sich  über  20  000  Mann,  von  der  Nähe  der  Festung  angezogen,
  nach  Maubeuge  hinein,  wo  auch  ein  paar  abgesprengte  Engländer
sich  stellten.  Der  Plaq  schloß  darauf  die  Tore  und  bildete  mit  seiner  starken
Besahung  ein  ansehnliches  Hindernis,  das  die  Bahnlinie  und  die  Haupt.
straße  von  Brüssel  nach  Paris  sperrte.  Rechts  und  links  an  der  Festung  vor.
bei  ergossen  sich  die  englisch-französischen  Heereswogen,  von  der  Verfolgung
gepeitscht,  nach  Süden.

Am  24.  August  erreichte  die  5.  Armee  auf  diesem  Rückzug  die  Linie
Beaumont—Givet.  Da  aber  die  Engländer  sich  nirgends  setzen  konnten
und  auch  die  4.  und  Z.  Armee  in  vollem  Rückzug  waren,  mußte  die  hastige
Rückbewegung  bis  zur  Oise  fortgeseht  werden,  um  nicht  in  einer  Katastrophe
zu  enden.

Während  die  1.  und  2.  deutsche  Armee  den  Engländern  und  der  5.  Armee
in  der  Angriffsrichtung  nachstießen,  schwenkte  die  3.  deutsche  Armee,  die
mit  der  Stirn  nach  Westen  gefochten  hatte,  nach  der  Oberschreitung  der
Maas  zwischen  Dinant  und  Givet  scharf  nach  Süden,  um  in  die  Lücke  zwischen
die  beiden  großen  feindlichen  Kampfgruppen  einzudringen.  Gelang  es  ihr,
sich  zwischen  die  5.  und  4.  französische  Armee  zu  schieben,  so  war  eine  unerwartete
  strategische  Durchbrechung  des  französischen  Zentrums  vollendete
Darsache.

Die  Schlacht  an  der  belgischen  Maas

Die  Armee  Hausen  hatte  an  der  Maas  hart  gefochten.  Sie  war  dort
am  22.  August  auf  heftigen  Widerstand  schwächerer  Kräfte  gestoßen,  die
den  Vorteil  der  Höhenstellung  am  linken  Ufer  ausnügtzten.

Oie  rechte  Flügelgruppe  der  Armee  Lanrezac  stand  auf  dem  linken
Maasufer  in  ausgezeichneten  Verteidigungsstellungen  auf  den  Höhen  zwischen
Vvoir,  Dinant  und  Givet  aufmarschiert  und  empfing  zu  Beginn  des  Kampfes
noch  durch  den  Widerstand  Namurs  eine  starke  Stütze,  obwohl  keine  unmittelbare
  Verbindung  mit  der  Festung  bestand.  Natürliche  Kalksteinbastionen,
  bewaldete  Hänge  und  festgebaute  Orte  bildeten  mit  dem  gewundenen,
  tief  eingeschnittenen  Flußtal  ein  Fronthindernis,  das  unbezwinglich
  schien.  Französische  Flieger  kreisten  hoch  lüber  dem  verwickelten  Gelände
und  erkundeten  Anmarsch  und  Stärke  des  Angreifers.  Alle  Brücken  zwischen
Givet  und  Namur  waren  gesprengt,  das  feste  Dinant  stark  besegt.

Oie  Sachsen  griffen  mit  leidenschaftlichem  Eifer  an.  Am  23.  August
wurde  der  Lbergang  anverschiedenen  Stellen  unter  heftigstem  Feuer  erzwungen.
Auf  dem  rechten  Flügel  der  von  Osten  nach  Westen  vorstoßenden  3.  Armee
erkämpfte  das  XII.  Reservekorps  mit  der  23.  Reservedivision  den  Äbergang
bei  Bvoir  und  Houx  und  gewann  am  24.  August  die  Straße  nach  Warnant.
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        Die  Schlacht  an  der  belgischen  Maas  145

Oort  stießen  nach  rechts  ausholende  Batterien  und  Husaren  auf  die  4.  belgische
  Division,  die  sich  von  dem  eroberten  Namur  nach  Süden  durchschlagen
wollte.  Sie  wurde  zwischen  Bioul  und  Arbre  überrascht  und  beschossen  und
streckte  zum  Teil  die  Waffen.  Nur  10000  Mann  entlamen  und  wurden  auf
mwegen  über  Ostende  nach  Antwerpen  gebracht.  Links  anschließend  focht
das  XII.  Armeekorps,  dessen  32.  Division  den  Lbergang  bei  Houx  erzwang,
während  die  23.  Division  Dinant  erstürmie.  Auf  dem  linlen  Flügel  trug
das  XIX.  Armeekorps  den  Angriff  gegen  Givet  und  Fumay  vor.

Die  schwere  deutsche  Artillerie  tat  gegen  die  Höhenstellungen,  von
denen  die  Franzosen  die  Ufer  mit  Feuerwellen  überschütteten,  erstaunliche
  Wirkung.  Donnernd  rollten  die  Felswände  das  Echo  zurück,  wenn  die
Sprenggeschosse  die  Gesteinstrümmer  nach  allen  Seiten  schleuderten.  Auf
Brückenkähnen  und  Notstegen  ging  die  Armee  Hausen  nördlich  und  südlich
von  Dinant  über  den  Fluß  und  rang  sich  in  blutigen  Waldgefechten  zu  den
Höhen  empor,  die  am  15.  August  das  erste  Blut  getrunken  hatten.  Das
bochgebaute  Dinant  mie  seinen  veralteten  Festungswerken  leistete  verzweifelten
Widerstand  und  mußte  im  Straßenkampf  Haus  für  Haus  genommen  werden.
Die  Franzosen  hatten  sich  besonders  in  den  Steinbrüchen  eingenistet  und
wehrten  sich  mit  außerordenclicher  Zähigleit.  Sie  wußten,  daß  sie  Lanrezacs
verwundbarste  Flanke  deckten.

Als  die  deutschen  Truppen  die  Höhenränder  erkämpft  hatten,  setzte  die
Division  Bouttegourd  nach  gutem  französischem  Brauch  zu  starken  Gegenangriffen
  an,  um  die  ermatteten,  vom  Gepäck  erdrückten  Stürmer  wieder  in
die  Maas  zu  werfen.  Obgleich  die  deutsche  Artillerie  noch  auf  dem  rechten
UAfer  der  Maas  zurückgeblieben  war  und  nur  unvollkommen  in  diese  neue
Entwicklung  des  Gefechtes  eingreifen  konnte,  hielt  die  Infanterie  die  eroberten
  Stellungen,  ungeachtet  schwerer  Berluste  durch  die  französische  Feldartillerie,
  unerschücterlich  fest.  Alle  Gegenangriffe  brachen  sich  an  den  elastischen
  deutschen  Linien.  Flankenfeuer  deutscher  Maschinengewehre  legte  ganze
Kompagnien  der  Franzosen  in  die  reisen  Kornfelder,  durch  die  sie  im  Abendschein
  des  heißen  Sommertages  mit  lechtem  Elan  vorstürmten.  Ihre  DTapfer.
keit  war  umsonst.  Als  die  Dunkelheit  herabsank,  hatte  die  3.  deutsche
Armee  das  linke  Maasufer  und  die  Höhen  zu  beiden  Seiten  von  Dinant
endgültig  erstritten.  In  der  Nacht  schlugen  Pioniere  Kolonnenbrücken,  über
die  schon  am  nächsten  Morgen  Artillerie  und  Troß  vorrückten.  Dinant
lag  als  ausgebraunte  Trümmerstätte  am  Wege.  Die  Dioision  Bouttegourd
  war  vollskändig  außer  Gefecht  geseht.  Nascher  als  sie  wich  die
7.  Division,  die  als  selbständige  Gruppe  zwischen  Givet  und  Fumay  aufgestellt
  war  und  beim  ersten  Anprall  von  einer  Panik  fortgerissen  wurde.
Nur  ein  einzelnes  Jägerbataillon  hielt  noch  stand,  um  den  Rückzug  zu  decken,
und  bereitete  dem  rechten  Flügel  der  4.  deutschen  Armee,  die  auf  dem  linken

Maasufer  im  Vordringen  war,  bei  Haybes  einen  Feuerüberfall.
Gtegemaonns  Geschichte  ds  Krieges.  I.  10
        <pb n="162" />
        146  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Im  Gefecht  bei  Haybes  verflochten  sich  die  Schlachthandlungen  rechts
der  Maas  mit  denen  links  des  Flusses.  Hier  greift  die  Schlacht,  die  die
4.  deutsche  Armee  der  4.  französischen  Armee  vom  22.  bis  24.  August  an
der  Semois  lieferte,  zu  der  Schlacht  hinüber,  die  die  Armee  Lanrezac
zwischen  Charleroi  und  Givek  auskämpfte.

General  Joffre  hatte  zu  spät  erkannt,  daß  eine  Lücke  zwischen  der  Masse
der  5.  und  der  4.  Armce  klaffte,  als  er  seine  Armeen  nach  Belgien  in  Be.
wegung  setzte.  Er  wußte  nicht,  daß  die  Armee  Hausen  stark  genug  war,
Lanrezacs  Flankenschuh  aus  seinen  Felsenskellungen  hinter  der  Maas  zu
werfen  und  in  die  Bresche  einzudringen.  Dagegen  sah  er  den  Vormarsch
der  Armee  de  Langle  de  Cary  allzu  langsam  gedeihen  und  trothdem  allzu
rasch  in  eine  unglückliche  Schlacht  münden.

Die  Armee  Lanrezac  war  am  24.  August  von  einer  Verlegung  ihrer
Rückzugslinie  über  Rocroi  bedroht,  wenn  die  von  Dinant  nachstoßenden
Sachsen  und  der  rechte  Flügel  des  Herzogs  Albrecht  von  Würctemberg  ihre
Vereinigung  bei  Rocroi  auf  dem  linken  Maasufer  vollzogen.  Aus  dieser
Not  rettete  die  Armee  Lanrezac  das  Gefecht  bei  Haybes.  Das  Jägerbataillon,
  das  neun  Tage  in  Renwez  gelagert  hatte,  ohne  Verwendung  zu
finden,  wurde  in  Kraftwagen  herangeholt  und  bahnte  sich  durch  fliehende
Druppen  den  Weg  über  RNocroi  nach  Haybes.  Bon  Fumay  und  Givet
tönte  Kanonendonner,  als  die  Jäger  die  Felsenkanzeln  des  linken  Tfers
erkletterten.  Sie  sahen  unter  sich  die  Maas  fließen,  sahen  drüben  starke
deuesche  Kolonnen  im  Anmarsch.  Es  war  ein  taubeperlter  Morgen  und
günstiges  Licht.  Gleich  darauf  fegten  die  Feuerwellen  der  französischen
Schüten  vom  Felsenhang.  ODie  ODeutschen  spürten  die  Aberraschung,  faßten
sich  jedoch  rasch  und  brachten  eine  Bakterie  in  Stellung,  die  troh  herber  WVerluste
  den  Felsenhorst  der  Chasseurs  mit  Füllkugeln  überschüteete.  Nach  zwei
Stunden  wurden  die  Jäger  durch  eine  Umfassung  ihres  linken  Flügels  zu
hastigem  Rückzug  gezwungen.  Aber  diese  wenigen  Stunden  hatten  genügt,
der  Spigenbrigade  des  I.  Korps  die  nötige  Zeik  zum  Anmarsch  zu  sichern.
Sie  kam  unter  der  Führung  des  Generals  Pétain  von  Charleroi  her,  war
üÜbel  zerschlagen,  hatte  aber  ihre  feste  Haltung  bewahrt  und  traf  bei  Le  Mesnil
auf  die  zurlickgehenden  Jäger,  ohne  die  sie  an  dieser  Stelle  auf  deutsche  Verfolgungstruppen
  gestoßen  wäre.  So  gering  war  der  Vorsprung,  so  schmal
der  Naum,  der  Lanrezacs  I.  Korps  vor  dem  Verderben  rettete.

Ooch  noch  war  die  Lücke,  die  zwischen  der  Armee  de  Langle  und  der
Armee  Lanrezac  geklafft  hatte,  nicht  geschlossen.  Die  Verfolgung  wälzke
sich  immer  noch  von  Nordwesten,  Norden  und  Nordosten  drohend  heran
und  spülte  vereinzelte  Regimenter,  die  ohne  höheren  Befehl  zum  Gegenstoß
Übergingen,  glatt  hbinweg.  Die  Durchbrechung  der  französischen  Mitte
zwischen  der  Oise,  auf  die  French  und  Lanrezac,  und  dem  Maasabschnitt,
Mczieres—Stenay,  auf  den  de  Langle  und  Ruffey  zurückgeworfen  worden
        <pb n="163" />
        Die  Schlacht  an  der  Semois  147

waren,  war  noch  nicht  verriegelt.  Dazu  bedurfte  es  einer  besonderen  Kampfgruppe
  unter  selbständiger  Leitung  und  stärkerer  und  frischerer  Kräfte,  als
Joffre  am  24.  August  zur  Verfügung  standen.  Die  Sachsen  stießen  indes
Überall  auf  Widerstand  Versprengter  und  schwächerer  Nachhuten,  die  sich
geschickt  schlugen.  Auch  die  links  von  ihnen  vorstrebende  4.  Armee  sah  sich
gezwungen,  dem  Vormarsch  mit  Gewalt  Bahn  zu  brechen,  obwohl  sie  die
Armee  de  Langle  in  zweitägiger  Schlacht  zwischen  Givet  und  Arlon  mit
Nachdruck  geschlagen  hatte.

Die  Schlacht  an  der  Semois

Die  4.  deutsche  Armee  war  auf  dem  Vormarsch  durch  die  belgischen
Ardennen  schon  am  22.  August  auf  die  Armee  de  Langle  de  Cary  gestoßen,
die  den  Semoisfluß  in  breiter  Front  überschritten  und  den  Angriff  troß
starker  Fronthindernisse  schwungvoll  vorgetragen  hatte.  Es  war  ein  unübersichtliches,
  vielfach  durchschnittenes  Gelände,  in  dem  die  beiden  Armeen  sich
einander  näherten.  Dichte  Gehölze  bedecken  die  Hügelwellen  und  launische
Bachläufe  winden  sich  durch  umbuschte  Täler.  Den  straff  gegliederten,  festin  der
Hand  der  Führer  liegenden  deutschen  Truppen  wurde  dieses  Gelände  weniger
gefährlich  als  den  lockeren  französischen  Verbänden,  die  nicht  zielsicher  bewegt
wurden  und  der  Führung  schon  auf  dem  Vormarsch  eneglitten.  Und  doch
hing  alles  davon  ab,  daß  die  4.  franzssische  Armee  weit  genug  nach  Norden
gelangte,  um  die  Wälder  von  St.  Hubert  vor  dem  Feinde  zu  durchschreiten
und  ihm  den  Aufstieg  aus  dem  Tal  der  Ourthe  zu  verwehren.  Die  Armee
de  Langle  kam  nicht  so  weit.  Sie  hatte  noch  nicht  ein  Dritctel  des  Weges
zurückgelegt,  als  sie  schon  auf  die  4.  deutsche  Armee  stieß  und  auf  der  Cinie
Gedinne—Maissin  in  schwere  Kämpfe  verwickelt  wurde.  Angriff  und  Gegenangriff
  trafen  aufeinander.  Die  Franzosen  waren  nicht  imstande,  sich  richtig
zu  entwickeln.  Ihre  WVorstöße  fingen  sich  in  den  natürlichen  Hindernissen,
ihre  Artillerie  war  in  dem  verwickelten  fremden  Gelände  nicht  fäbig,  ihr
vorzlliches  Geschütz  auszunützen  und  die  Infanterie  genügend  zu  unterstützen.
Schon  am  Abend  des  22.  August  war  der  französische  Angriff  gebrochen.
Dicke  Kolonnen  gerieten  ins  Feuer  deutscher  Maschinengewehre  und  fielen
wie  die  Schwaden  unter  der  Sense.

Am  23.  August  ging  die  Armee  des  Herzogs  von  Württemberg  auf
der  ganzen  Linie  zum  Angriff  vor  und  schob  ihren  rechten  Flügel  zur  Umfassung
  über  Gedinne  hinaus.  Der  Angriff  des  am  rechten  Flügel  stehenden
VIII.  Armeekorps  richtete  sich  gegen  den  Abschnitt  Gedinne—WGiewre  und
erreichte  Haudremont.  Rechts  die  16.,  links  die  15.  Division,  warf  das
rheinische  Korps  den  linken  Flügel  der  Franzosen  in  südlicher  Richtung  auf
den  tiefeingeschnittenen,  vielgewundenen  Semoisfluß  zurück.  Die  Hessen,
        <pb n="164" />
        148  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

die  im  Verband  des  XVIII.  Armeekorps  kämpften,  waren  am  22.  August
bei  Maissin  in  der  Mitte  der  Schlachtlinie  auf  vierfache  Ubermacht  gestoßen
und  hielten  bis  in  die  sinkende  Nacht  stand,  um  im  Morgenrot  mit  dem  Ge.
walthaufen  zum  Gegenstoß  überzugehen.  Das  II.  französische  Korps  geriet
schon  bei  diesem  ersten  Begegnungsgefecht  in  Unordnung  und  schwere  Be.
drängnis,  verlor  die  Fühlung  mie  dem  Nachbarkorps  und  trat  in  der  Nacht
auf  eigene  Faust  den  Rückzug  an.  General  de  Langle  ersuchte  den  Generalissimus
  um  Unterstützung.  Vergebens  rief  Joffre  auf  de  Langles  Gesuch  ein
Korps  von  der  2.  Armee  herbei,  die  um  diese  Zeit  im  Rückzug  von  Saarburg
  auf  ihre  Grundstellung  begriffen  war.  Die  Schlacht  war  nicht  mehr  zu
retten.  Schon  war  die  Verbindung  mit  der  Flankengruppe  der  5.  Armee
vollständig  verloren  gegangen.  Zwischen  Givet  und  Gedinne  klaffte  eine
Lücke,  die  um  jeden  Preis  geschlossen  werden  mußte,  um  den  Rückzug  hinter
die  Semois  zu  ermöglichen  und  die  Maaslinie  zu  decken.  Castelnau,  selbst
schwer  bedrängt  und  schon  auf  Nanch  zurückgeworfen,  lieh  trog  eigener
Not  zwei  Divisionen  her,  die  Hals  Über  Kopf  an  den  Unterlauf  der  Semois
gebracht  wurden  und  den  Rückzug  auf  die  Maas  sicherstellten.

Auch  der  rechte  Flügel  der  französischen  4.  Armee  war  übel  empfangen
worden.  Zu  beiden  Seiten  von  Neuschäteau  angeordnet,  erfolgte  der  Angriff
  der  linken  deutschen  Flügelgruppe.  Das  VI.  Armeekorps  war  der
4.  Armee  zugeteilt  worden  und  führte  unter  dem  Befehl  des  Generals
von  Prigelwitz  den  Stoß  von  Leglise  in  der  Richtung  Rossignol—Tintigny
  mit  solcher  Wucht,  daß  der  starke  Feind,  de  Langles  II.  Korps  und
Kolonialkorps,  vollständig  über  den  Haufen  gerannt  wurde.  Zahlreiche
Gefangene  und  Geschütge  blieben  in  der  Hand  des  VI.  Korps.  Als  die
französische  Mitte  bei  Paliseul,  südlich  von  Maissin,  auseinanderbrach,  der  linke
Flügel,  nochmals  geschlagen,  sich  zu  enescharen  drohte,  dort  AUmfassung  reifte
und  auch  Hiobsbotschaften  vom  Stand  der  Dinge  auf  dem  rechten  Flügel  und
von  der  Armee  Ruffey  eingingen,  war  die  Schlacht  unwiderruflich  verloren.
In  einzelnen  Gruppen  krat  die  Armee  de  Langle  den  Rückzug  an,  überschritt
die  Semoislinie  und  ging  auf  Befehl  Joffres  gegen  die  Maas  zurück.

Die  Schlacht  bei  Longwy

Auch  die  Kampfgruppen,  die  auf  deutscher  Seite  südöstlich  Neufchäteau,
zwischen  Arlon  und  Diedenhofen,  auf  französischer  Seite  zwischen  Verdun
und  Montmidy  aufmarschiert  waren,  hatten  am  22.  August  die  Klingen  gekreuzt.
  Die  vom  Oeutschen  Kronprinzen  geführte  5.  Armee  war  rechts  und
links  an  Longwy  vorbei  zum  Angriff  geschritten  und  überrannte  in  stürmischem
  Anlauf  die  ihr  aus  der  Linie  Audun—Monemédy  entgegentretenden
Korps  der  Armee  Ruffey.  «
        <pb n="165" />
        Die  Schlacht  bei  Longwy  149

Dichter  Nebel  lag  über  den  Talmulden  und  erschwerte  der  Artillerie
das  Eingreifen,  als  die  deutsche  Infanterie  den  Angriff  eröffnete.  Auch  in
diesen  Kämpfen  das  unbändige  Draufgehen  auf  deutscher  Seite,  das  Nichtwartenkönnen,
  bis  die  Artillerie  die  Vorarbeit  getan  und  den  Gegner  erschüttert
  hatte,  sondern  ein  Sichhineinstürzen  in  die  Schlacht,  das  keinen  Verlust
  scheut,  jeden  erträgt  und  kennzeichnend  ist  für  alle  deutschen  Kämpfe
dieses  männermordenden  Erntemondes.

Die  von  Verdun  in  nordwestlicher  Richtung  strömende  Maas  empfängt
zwischen  Stenay  und  Mczieres  von  rechts  verschiedene,  tief  eingeschnittene
Zuflüsse,  die  eine  Serecke  weit  parallel  laufen  und  natürliche  Verteidigungsabschnitte
  bilden.  Die  Chiers  sammelt  diese  Gewässer,  vor  allem  den  Ochain-,
den  Loison-  und  den  Crusnebach,  und  führt  sie  oberhalb  Sedan  zur  Maas.
In  vielfachen  Krümmungen  winden  sich  diese  Wasserläufe  durch  umbuschte
Täler,  die  von  steilen  Hügeln  begleitet  werden.  Die  Städtchen  der  Gegend
sind  meist  planmäßig  in  zwei  getrennte  Quartiere  geschieden,  die  Unterstadt,
die  sich  um  den  Flußübergang  ordnet,  und  die  Oberstadt,  die  etwa  100  Meter
Über  der  Talsohle  auf  einem  Hügelfelsen  liegt  und  den  Charakter  einer  natür.
lichen  Feste  hat.  Von  diesen  waren  Montmédy  und  Longwy  durch  Vauban
befestigt  und  nach  dem  Krieg  von  1870  instand  gehalten  worden.  Die  Armee
Ruffey  fand  also  sehr  günstige  Bedingungen  für  eine  bewegliche  Verteidigung
vor  und  konnte  auch  Überlegenen  Krästen  an  den  Flußabschnitten,  die  dicht
bintereinander  zwei  und  drei  natürliche  Frontlinien  bildeten,  mit  Aussicht
auf  Erfolg  die  Stirn  bieten.  Zum  eigentlichen  Angriff  ist  sie  nicht  mehr  gekommen.
  Luxemburg  blieb  unerreichbar.  Die  Armee  des  Kronprinzen  hatte
ihren  Aufmarsch  planmäßig  vollzogen  und  schritt  am  22.  August  mit  versammelten
  Kräften  zum  Angriff.  Das  V.  Armeekorps  trat  am  rechten  Flügel
bei  Ethé,  Bircon  und  Robelmont  ins  Gefecht  und  gewann  in  schweren  zweitägigen
  Kämpfen  die  Straße  nach  Montmédy  und  über  Marville.  In  der
Mitte  focht  das  XIII.  Korps,  das  Schulter  an  Schulter  mit  dem  V.  Korps
den  Angriff  zwischen  Birton  und  Sougéry  gen  Süden  richtete  und  kämpfend
Ülber  Bleid,  Signeulx  und  Musson  auf  Tellancomt,  Billancy,  Allondrelle  und
Gorey  vordrang.  Das  VI.  Reservekorps  erkämpfte  links,  also  südwestlich
von  Longwy  vorgehend,  Cutry,  Chénières,  Laix,  Doucourt  und  Baslieux
und  erreichte  am  24.  August  die  Linie  Longuyon—Berveille  —Arranch.
Die  linke  Flügelgruppe,  die  vom  V.  Reservekorps  und  vom  XVI.  Linienkorps
  gebildet  war,  setzte  den  Angriff  in  westlicher  Richtung  an  und  erstritt
Ville  au  Montois,  Bazailles,  Boismont  und  Fillieres,  Audun  und  Sancy.

Besonders  schwer  war  der  Kampf  am  23.  August,  da  sich  die  Franzosen
in  der  Nache  zur  Verteidigung  eingerichtet  hatten.  Französische  Feld—
artillerie  brach  in  der  Frühe  des  Tages  in  der  Mitte  den  ersten  Angriff  der
deutschen  Regimenter,  aber  die  französische  Infanterie  fand  die  Krast  zum
nachdrücklichen  Gegenangriff  nicht  und  flutete  nach  kurzem  Worsloß  zurück.
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        150  Der  Felbzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Am  24.  August  versuchte  der  französische  General  eine  operative  Lösung
zu  finden,  indem  er  den  linken  Flügel  hinter  den  Chiersabschnitt  zurücknahm
und  die  Linie  Carignan—  Montmédy  verteidigte,  zugleich  aber  starke  Kräfte
von  Verdun  her  zum  Angriff  gegen  die  linke  Flanke  der  5.  Armee  ansetzte.
Oas  französische  VI.  Korps  fesselte  hier  einen  kurzen  Erfolg  an  seine  Fahnen.
Im  kritischen  Augenblick  wurden  auf  deutscher  Seite  die  Reserven  vorgezogen
  und  der  Flankenstoß  durch  Einseyen  des  XVI.  Korps  am  Othainbach
bei  Spincourt  und  der  Brücke  von  Nouillon  und  Duzey  aufgefangen  und
zum  Stehen  gebracht.  Es  gelang,  den  gefährlichen  Vorstoß  in  der  Entwicklung
zu  ersticken  und  am  rechten  Flügel  bei  Sapogne  den  Ubergang  über  die  Chiers
zu  erzwingen.  Ruffeys  Flügel  waren  eingedrückt,  Reserven  nach  dem  Werbrauch
  des  VI.  Korps  und  der  Verduner  Generalreserve  nicht  mehr  vorhanden
und  die  linke  Flanke  durch  de  Langles  Rückzug  eneblößt.  Die  3.  Armee
kämpfte  nur  noch  um  geordneten  Rückzug,  um  nicht  vor  den  Flußschranken  des
Othain  in  eine  noch  schwerere  Niederlage  verwickelt  zu  werden,  wurde  aber  zu
bastig  zurückgenommen  und  erlitt  während  des  Rückzuges  schwere  Werluste.
Die  Verteidigungsstellung  binter  der  Tiefenlinie  des  Loisonbaches  und  an  den
rechesufrigen  Maashöhen  blieb  unter  dem  Druck  der  Verfolgung  unbesetz
und  fiel  schon  am  24.  August  in  die  Hände  des  Siegers.  Damn  boten  die
Maas  und  dahinter  bereitgestellte  Kräfte  dem  Verfolger  nachdrücklich  Halt.

Nach  der  ersten  Schlachtenfolge

Am  25.  August  war  die  englisch-französische  Angriffsbewegung  auf  der
ganzen  Linie  gescheitert,  Belgien  preisgegeben,  das  deutsche  Lothringen  und
das  Elsaß  geräumt  und  damit  die  strategische  Grundlage  des  allgemeinen
Feldzugsplanes  der  Entente,  der  ihre  Heere  von  Westen,  Osten  und  Süden
zum  konzentrischen  Angriff  gerufen  hatte,  zerbrochen.  Man  war  sich  dessen
im  französischen  Lager  wohl  bewußt.  Schon  am  24.  August  gab  der  Kriegs.
minister  Messimy  bekannt,  daß  die  Armeen  im  Westen  nur  die  Aufgabe  hätten,
die  deutsche  Hauptmacht  zu  fesseln,  während  die  Russen  im  Osten  große  und
entscheidende  Siege  davontrügen.  Nun  war  aber  gerade  an  diesem  LTage
die  Angriffsbewegung  der  beiden  in  Ostpreußen  eingebrochenen  russischen
Armeen  zum  Stillstand  gekommen.  General  Rennenkampf  hatte  die  1.  Armee
am  21.  August  vor  Königsberg  und  Lögen  festgelegt  und  Samsonow  wurde
mit  der  2.  Armee  zwischen  Allenstein  und  Ortelsburg  in  eine  unglückliche
Schlacht  verwickelt,  aus  der  er  keinen  Ausweg  mehr  finden  sollte.  Die  Bekannemachung
  Messimys  gab  also  kein  zutreffendes  Bild  der  Kriegslage.
Tatsächlich  war  Belgien  in  deutschen  Händen,  die  belgische  Feldarmee  nach
Antwerpen  abgedrängt  und  sämtliche  englisch  französischen  Armeen  binnen
fünf  Tagen  in  einer  Reihe  von  Schlachten  geschlagen  worden.  Der  Feldzug
        <pb n="167" />
        Nach  der  ersten  Schlachtenfolge  151

im  Westen  war  damit  zwar  noch  keineswegs  entschieden,  aber  dem  auf  den
inneren  Linien  stehenden  Gegner  war  ein  großer  Gewinn  an  Naum  und
Wirtschaftsgebiet  zugefallen  und  der  Krieg  war  von  der  verwundbarsten  Stelle
seines  eigenen  Landes  entfernt  worden.  Verwundbar  war  diese  Stelle  allerdings
  nur  dann,  wenn  sie  auf  Grund  eines  englisch  französischen  Angriffs.
planes  erreicht  wurde,  der  von  sich  aus  über  Belgien  und  die  belgische  Neutralität
  hinwegschritt,  oder  wenn  der  deutsche  Angriffsfeldzug  an  der  belgischen
  Maas  scheiterte  und  die  Armeen  auf  den  Rhein  und  die  großen  Industriezentren
  des  Rheinlandes  zurückgeworfen  wurden.  Keines  von  beiden
war  geschehen,  vielmehr  war  der  mächtige  Ausfall  nach  Westen  so  rasch  geglückt,
  daß  er  am  25.  August  in  der  Dat  als  ein  Feldzug  erschien,  in  dem  die
Vernichtung  der  feindlichen  Streitkräfte  gesucht  werden  konnte.  Die  Frage,
wie  stark  man  zu  diesem  gewaltigen  Unternehmen  sein  mußte  und  ob  man
dazu  noch  stark  genug  sein  konnee  und  genügend  Zeit  besaß,  wurde  vom
Strudel  des  Geschehens  und  dem  Jubel  siegreicher  Schlachten  verschlungen.  Sie
war  mahnend  von  den  geschichtlichen  Ereignissen  selbst  aufgeworfen  worden,
als  die  Russen  drei  Wochen  nach  Kriegsbeginn  mit  sieben  großen  Armeen
im  Felde  erschienen  und  damit  die  Frist,  die  sie  zu  einer  normalen  Mobilmachung
  nötig  gehabe  hätten,  um  die  Hälfee  verkürzten.  Sie  sind  nicht  nach
40,  sondern  nach  20  Tagen  kampfbereit  gewesen,  skanden  am  25.  August
vor  Königsberg  und  in  Allenstein  und  vor  Brody  und  DTarnopol  und  füllten
die  so  gewonnene  Frist  vom  25.  August  bis  15.  September  mit  Kampfhandlungen,
  die  eigentlich  erst  nach  dem  vierzigsten  Tage  zuerwarten  gewesen  wären.

Das  war  noch  nicht  deuclich  vorauszusehen,  als  die  Deutschen  die  Siege
bei  Mons,  Charleroi,  Dinant,  Neufchäteau  und  Longwy  erfochten.

Troß  der  herben  erluste,  die  das  deutsche  Westheer  erlitten  hatte,  trotz
der  Notwendigkeit,  mit  Reserven  zu  sparen,  um  dem  Osten  vermehrte  Kräfte
zuzuführen,  folgten  die  siegreichen  deutschen  Nordarmeen  dem  Feinde  auf
dem  Fuße,  während  die  6.  und  7.  Armee  sich  bemühten,  die  französischen
Ostarmeen  zu  fesseln  und  in  die  Trouke  de  Charmes  einzubrechen.

Setzt  man  voraus,  daß  es  richtig  war,  den  Krieg  im  Westen  angriffsweise
  zu  führen,  so  hatte  sich  der  kühne  Gedanke,  den  Franzosen  den  Einbruch
durch  die  Belforter  Senke  freizugeben  und  dafür  um  so  stärkere  Kräfee  durch
Belgien  vorzuführen,  in  strategischer  Beziehung  herrlich  gelohnt.  Ein
trügerischer  Erfolg  hatee  die  Franzosen  nach  Müllhausen  gelockt,  sie  aber
nicht  befähigt,  über  den  Rhein  oder  nordwärts  vorzustoßen,  und  ihren  äußersten
linken  Glügel  um  wertvolle  Kräfte  gebracht,  die  bei  Lille  bitter  gefehlt  haben,
als  Frenchs  und  Lanrezacs  Armeen  auf  die  Oise  zurückfluteten.

Die  französische  Heeresleitung  bewahrte  in  dieser  drangvollen  Lage
ihre  Ruhe  und  hoffte,  die  bei  Saarburg,  Charlerol,  Neuschteau  und
Longwy  verlorenen  Aussichten  an  der  Oise  und  hinter  der  französischen
  Maas  zurückzugewinnen.  General  Joffre  wußte,  daß  die  Deutschen
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        152  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

seinen  Operationsplan  am  24.  August  in  Fehen  gerissen  hatten.  Er  sah  sich
in  einer  Lage  vor  neue  Entschlüsse  gestellt,  die  kein  Zaudern  und  keine  Halb.
heiten  ertrug.  Er  wußte  auch,  worin  die  Uberlegenheit  des  deutschen  Planes
bestand.  Die  Amfassung,  die  über  den  linken  Flügel  der  englischen  Armee
binaus  in  die  strategische  Flanke  des  ganzen  englisch--französischen  Heeres
gegriffen  hatte,  war  den  Verbündeten  verhängnisvoll  geworden.

Von  diesen  Erwägungen  ausgehend,  suchte  General  Joffre  schon  am
25.  August  das  Schicksal  zu  wenden,  indem  er  sofort  großgedachte  Gegenmaßnahmen
  traf,  um  die  strategische  Lage  wiederherzustellen.  Von  der
Erkennenis  durchdrungen,  daß  der  von  der  ungelenken  englischen  Armee  gebildete
  Flügel  zu  schwach  sei,  sich  angesichts  der  Umfassung  zu  behaupten,
beabsichtigte  die  französische  Heeresleikung,  eine  neue  Kampfgruppe  zu
schaffen,  welche  dem  linken  Flügel  das  notwendige  Gewicht  verleihen  und
den  Feind  von  sich  aus  mit  Amfassung  bedrohen  sollte.

Ein  Tagesbefehl  Joffres  vom  25.  August  ordnete  an,  daß  sich  in  der
Gegend  von  Amiens  vom  27.  August  bis  2.  September  eine  neue  Armee
zu  bilden  habe,  als  deren  Kern  das  VII.  Armeekorps  ausersehen  war,  das
am  9.  und  20.  August  bei  Mülhausen  gefochten  hatte.  Der  Oberbefehl  dieser
neuen  Armee  wurde  dem  General  Maunoury  anvertraut  und  ihm  die  all.
gemeine  Angriffsrichtung  Arras—WBapaume  angewiesen.  Das  war  der
erste  Versuch  der  französischen  Heeresleitung,  sich  von  dem  Gewicht  zu  befreien,
  das  seit  dem  Ourchbruch  bei  Tirlemont  auf  ihr  lastete  und  sie  zu  Boden
drückte.  Der  strategische  Gedanke,  der  diesem  Versuche  eines  „rétablissement
  stratégique“  zugrunde  lag,  ergab  sich  mit  zwingender  Notwendigkeit
aus  der  Lage,  in  welche  die  französische  Armee  nach  den  Niederlagen  in
Lothringen  und  Belgien  versecgt  war  und  nutzte  die  Stärke  der  Wehrstellung
an  der  Maas  vortrefflich  aus.  Aber  er  rechnete  nicht  mit  der  Schnelligkeit
und  Skoßkraft  des  Gegners  und  wurde  zu  nahe  am  Feinde  festgelegt.

Die  Schlachten  um  die  Oise=  und  Maaslinie

Die  deutschen  Armeen  setzten  den  Vormarsch  unter  heftigen  Kämpfen
mit  französischen  Nachhuten  fork.  Die  4.  und  5.  Armee  stießen  an  der  Maas
auf  starken,  gutgeleiteren  Widerstand,  der  sich  nach  den  raschen  Schlägen
von  Neuschäceau  und  Longwy  Überraschend  geltend  machte  und  dem  Befebl
Joffres,  die  Maoslinie  festzuhalten,  um  für  die  Neubildung  der  strategischen
Lage  am  englisch-französischen  linken  Glügel  Zeit  zu  gewinnen,  durchaus  entsprach.
  Die  1.,  2.  und  3.  deutsche  Armee  blieben  in  rascherer  Bewegung.  Am
stürmischsten  folgte  Kluck  dem  Feind.  Er  blieb  den  Engländern  so  hart  auf  den
Fersen,  daß  er  fast  mit  ihnen  zugleich  die  Linie  Cambrai—e  Cateau—
Landrecies  erreichte,  auf  der  sie  am  Abend  des  25.  August  haltgemacht  hatten.
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        153
Die  Schlacht  bei  Le  Cateau  und  Landrecies

Marschall  French  brachte  sein  I.  Korps  bei  Landrecies  auf  dem  rechten
Elügel,  das  II.  Korps  bei  Le  Cateau  in  Stellung  und  wies  eine  erst  vor
zwei  Tagen  in  Le  Havre  ausgeschiffte  Ersatdivision  an,  bei  Cambrai  und
Seranvillers  die  linke  Flanke  zu  decken.  Die  englische  Reiterei  und  das  französische
  Kavalleriekorps  Sordet  waren  schon  zu  sehr  geschwächt  und  erschspft,
  um  dem  Marschall  noch  von  großem  Nutzen  zu  sein.  Wie  es  zu
seiner  Rechten  skand,  wo  die  Armee  Lanrezac  neuen  Stand  suchte,  wußte  er
nicht.  Doch  überzeugte  er  sich  schon  am  Abend  des  25.  August,  daß  seines
Bleibens  in  der  Linie  Cambrai—Landrecies  nicht  warzer  beschloß,  den  Rückzug
am  frühen  Morgen  fortzusetzen.  Aber  die  Armee  Kluck  war  schneller  als  dieser
Gedanke.  Die  Briten  sollten  die  paar  Stunden  NRuhe,  die  ihnen  der  Marschall
gönnen  wollte,  nicht  genießen.  Der  Feind  nahm  auf  die  Wünsche  des  braven,
aber  nicht  gern  gehehten  Expeditionskorps  keine  Rücksicht.  Zehn  Uhr  schlug's
von  der  Kirche  zu  Candrecies,  in  deren  Gruftkapelle  der  Marschall  Clarke,
Herzog  von  Feltre,  begraben  liege,  und  die  englischen  Truppen  waren  kaum
untergebracht,  da  brach  Klucks  IX.  Korps  aus  dem  Walde  von  Mormal,
den  es  im  Gewaltmarsch  durchquert  hatte,  und  griff  ohne  Federlesen  an.
Daraus  wurde  ein  Nachtgefecht  mit  allen  seinen  Schrecken  und  Berlusten.
Oie  deutsche  Spigenbrigade  gerict  im  Straßenkampf  in  heftiges  Maschinengewehrfeuer
  und  blutete  stark,  aber  der  rücksicheslose  Angriff  warf  die  Engländer
  aus  allen  Stellungen.

Zwei  französische  Reservedivisionen,  die  endlich  den  Anschluß  an  die
Armee  French  gefunden  hatten,  deckten  den  Rückzug,  der  sich  im  nächtlichen
Dunkel  bald  in  Flucht  verwandelte.  In  Auflösung  eilte  Frenchs  rechter
Flügel  auf  Wassignies  in  der  Richtung  Ste.  Quenein  zurück.  Bei  Etreux
setzte  sich  ihre  Nachhut  noch  einmal,  wurde  vom  Reserveinfanterieregiment
Nr.  73  und  anderen  gefaßt  und  fiel  ihrem  Angriff  zum  Opfer.

Das  II.  Britenkorps  war  bei  Le  Cateau—Cambrai  zur  Ruhe  gegangen
und  erhielt  die  Nachricht  vom  Dberfall  und  der  Flucht  des  I.  Korps  erst,  als  es
zu  spät  war,  ohne  Kampf  nach  Süden  zu  entweichen.  Es  wurde  im  Morgengrauen
  des  26.  August  angegriffen.  Bon  den  Dommern  und  dem  IV.  Reservekorps
  von  vorn  und  in  der  linken  Flanke  gepacke,  kämpfte  es  von  Anfang
an  nur  noch,  um  Zeit  zum  Rückzug  zu  gewinnen.  Seine  Artillerie  tat  ihr
äußerstes  und  hielt  vielfach  ohne  Bedeckung  bis  zum  lechten  Mann  stand.
Englische  und  französische  Kavallerieregimenter,  die  sich  kaum  noch  im
Sattel  halten  konnten,  stellten  sich  der  deutschen  Heereskavallerie  entgegen,
wurden  jedoch  von  den  Reitern  Marwitens  und  Nichthofens  aus  dem
Wege  gefegt.  Mit  Mühe  gelang  es  der  Masse  der  Engländer,  sich  aus  dem
Kampfe  zu  lösen.  Oie  bei  Seranvillers  aufmarschierte  frische  englische  Division
wurde  vom  IV.  Reservekorps  erst  nach  hartnäckigem  Widerstand  aus  dem
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        154  Dee  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Stand  gehoben  und  auf  Ste.  Quentin  zurückgeworfen.  Auch  hier  sehten  sich  zwei
französische  Reservedivisionen  für  ihre  Bundesgenossen  ein.  General  d  Amade
führte  sie  im  Gewaltmarsch  von  Arras  heran  und  kam  noch  rechtzeitig,  den
Rückzug  des  linken  Flügels  zu  decken  und  die  Trümmer  der  britischen  Armee
auf  die  Wege  nach  Süden  zu  weisen,  die  sie  einschlagen  mußten,  um  nicht  von
den  französischen  Armeen  abgesprengt  und  auf  ihre  Schiffe  gefagt  oder  voll.
ständig  umfaßt  und  vernichtet  zu  werden.

Marschall  French  gab  seinen  Generalen  die  Linie  Vermand—St.  Quentin—Ribemont
  als  neue  Stellung  an  und  suchte  seine  Heerestrümmer  dort  zum
viertenmal  zu  sammeln  und  ins  Feuer  zu  führen.  Nur  eine  von  soldatischem
Geist  durchdrungene,  kraftbewußte  Armee,  wie  das  bricische  Berufsheer,  konnte
unter  solchen  Umständen  den  Glauben  an  sich  selbst  bewahren  und,  in  Trümmer
geschlagen,  immer  wieder  zu  einem  organischen  Gebilde  zusammenschießen.
Aber  diesmal  war  die  Kraft  verbraucht;  die  Verluste  an  Menschen,  Geschützen
und  Train  und  der  Mangel  an  Munition  waren  so  groß,  daß  die  britische
Armee  vorderhand  kaum  noch  zählte  und  zu  einer  Schlacht  nicht  mehr  fähig
schien.  Sie  schied  aus  der  Kampflinie.

Das  Treffen  bei  Combles

Als  die  aufgelösten  Trümmer  des  englischen  Heeres  am  27.  August  in
Compiegne  eintrafen,  erschienen  binter  ihnen  schon  Teile  der  1.  deutschen
Armee.  Zwischen  Somme  und  Oise  tummelten  sich  bereits  Marwigzens
Reiter.  General  d-Amade  machte  sich  daher  von  den  Engländern  los  und
suchte  Anlehnung  an  die  Armee  Maunouyy,  deren  erste  Staffeln  inzwischen
bei  Amiens  versammelt  worden  waren.  Das  VII.  Korps  stand  dort  zur
Verwendung  bereit,  die  Angliederung  frischer  Reservedivisionen  war
aber  noch  nicht  erfolgt.  Trohdem  schriktt  General  Maunoury  zum
Angriff,  um  den  Vormarsch  der  1.  Armee  durch  einen  Stoß  in  die
strategische  Flanke  zu  unterbrechen  und  dadurch  die  allgemeine  Lage
des  französischen  Heeres  zu  erleichtern.  Es  war  die  höchste  Zeit,  daß  etwas
geschab,  denn  deutsche  Reiter  und  Radfahrer  hatten  schon  die  Gegend  von
Lille  erreicht.  Die  französischen  Terrikorialtruppen,  die  dort  bereitgestellt
werden  sollten,  waren  so  schlecht  ausgerüstet,  daß  General  Percin  nicht  daran
denken  konnte,  Widerstand  zu  leisten.  Sie  wurden  von  der  deutschen  Heeres.
kavallerie  ohne  Mühe  zerstreut.  Kräfeiger  war  der  Widerstand,  den  französischer
  Landskurm  am  27.  und  28.  August  bei  Bapaume  entfaltete,  doch
befähigte  er  die  Franzosen  nicht,  den  Vormarsch  Klucks  aufzuhalten.  Am
29.  August  schritt  Maunoury  zum  Angriff.  Er  erfolgte  aus  dem  Raume
Arras  in  der  Richtung  auf  Combles  und  war  als  Stoß  in  Klucks  rechte
Flanke  gedacht,  traf  aber  den  manövrierfähigen  Gegner,  der  seinen  rechten
        <pb n="171" />
        Die  Schlacht  bei  St.  Quentin—Guise  155

Flügel  sofort  herumwarf,  nicht  ins  Leben.  Generaloberst  v.  Kluck  fing  den
guc  angesetzten  Stoß  mit  dem  II.  und  IV.  Korps  ab,  die  das  VII.  Korps  und
die  bereitgestellten  Reserven  von  Le  Transloy,  Morval  und  Péronne  über
die  Somme  auf  Méricourt,  Morcourt,  Framerville  und  Harbonnieres  in  der
Richtung  auf  Senlis  zurückwarfen  und  aus  dem  Felde  schlugen.  Eilig  wichen
die  geschlagenen  französischen  Truppen  auf  Amiens  aus.  Damit  war  der
Versuch  einer  strategischen  Wiederaufrichtung  nördlich  der  Somme  und  an
der  Oise  und  Maas  im  Grunde  schon  gescheitert.

Die  Schlacht  bei  St.  Quentin—Guise

Das  Treffen  bei  Combles  hatte  nur  zwei  deutsche  Korps  von  der  Armee
Laurezac  abgezogen,  die  am  28.  August  den  Kampf  erneuerte  und  die  Aufgabe
hatee,  die  Oiselinie  zu  halten.  Auch  die  5.  französische  Armee  war  angefallen
  worden,  ehe  sie  sich  erholt  hatte.  Generaloberst  v.  Bülow  hatte
das  VII.  Reservekorps  vor  Maubeuge  zurückgelassen  und  die  Ver.
folgung  in  breiter  Front  ausgenommen.  Am  238.  August  trat  die
2.  Armee  mit  vier  Korps  in  den  Kampf.  Dicht  angeschlossen  kämpften  auf
ihrem  rechten  Flügel  Teile  der  1.  Armee,  die  6.  und  17.  Division,  während
Klucks  II.  und  IV.  Korps,  halbrechts  gewendet,  zwischen  Bapaume  und
DPéronne  den  von  Südwesten  kommenden  Flankenstoß  Maunourys  bei
Combles  abwiesen.  Die  englische  Armee  war  schon  zwischen  Combles  und
St.  Quentin  hindurch  nach  Süden  entwichen;  deutsche  Heereskavallerie  und
das  IV.  Reservekorps  hängten  sich  an  ihre  Fersen.

Die  Armee  Lanrezac  hatte  auf  der  Linie  Vervins—St.  Quentin
Stellung  genommen.  Der  französische  Führer  war  wieder  in  Sorge  um
seine  Flanken,  denn  reches  llaffte  seit  dem  Rückzug  seiner  Flügelgruppe  von
Dinane—Givet  in  südwestlicher  und  seit  dem  Rückzug  des  linken  Flügels
der  Acmee  de  Langle  von  der  Semois  in  siüdlicher  Richtung  eine  Lücke,  die  sich
schon  auf  die  Frontbreite  eines  Armeekorps  vergrößert  hatte.  Zwar  war
General  Joffre  bemüht,  sie  zu  füllen,  indem  er  zwischen  der  4.  und  5.  Armee
eine  neue  selbständige  Kampfgruppe  schuf,  aber  über  Ansätze  war  diese
verspätete  Neubildung  noch  nicht  hinausgekommen.  Gefährlicher  war  diesmal
die  Lage  für  die  Armee  Lanrezac  jedoch  auf  dem  linken  Flügel,  weil  die
Flankendeckung  durch  die  englische  Armee  jeht  ganz  wegfiel  und  Freuch  es
bei  dem  Abstecken  einer  neuen  Verteidigungslinie  auf  der  Landkarte  bewenden
  lassen  mußte,  während  Klucks  rechte  Flügelgruppe  den  WVorstoß
Maunourys  bei  Combles  auffing.  Die  Umfassung  der  5.  französischen  Armee
war  daher  nicht  mehr  aufzuhalten.

Schon  im  Anmarsch  auf  St.  Quentin  griff  Klucks  linke  Flügelgruppe
zusammen  mie  Bülows  rechtem  Flügel  um  den  linken  Flügel  Lanrezacs
        <pb n="172" />
        156  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

herum  und  nahm  das  Maß  der  französischen  Stellung.  Am  2)7.  August
entbrannte  im  Becken  von  St.  Quentin  und  an  den  Nordufern  der  Oise  eine
große  Schlacht.

Wo0o  General  v.  Goeben  in  der  Winterkälte  des  19.  Januar  1871  die
französische  Nordarmee  schlug,  erlag  am  brennheißen  30.  August  1914  die
5.  französische  Armee  dem  Generalobersten  v.  Bülow.  Mit  vier  Korps,
denen  sich  reches  Klucko  IX.  Korps  angliederte,  griff  Bülow  den  gleichskarken
Gegner  auf  der  ganzen  Linie  an.  Auf  dem  rechten  Flügel  stand  das  VII.  Korps,
an  das  nach  der  Mitéee  zu  das  X.  Reservekorps  und  das  X.  Korps  anschlossen,
  auf  dem  linken  focht  die  Garde.

Die  Oise  beschreibt  zwischen  Vervins  und  Nibemont  einen  großen,
nach  Südosten  offenen  Bogen.  Das  Flußtal  wird  von  sanflem  Hügelland
begleitet,  das  in  der  Gegend  von  Haution  östlich  von  Guise  zu  Höhen  von
183  Metern  anschwillt.  Hier  standen  starle  französische  Kräfte  auf  der  Linie
Haution—La  VBallée—Le  Sourd—Colonfay—Guise  in  ausgesuchten  Stel.
lungen.  Das  I.  Korps  focht  wieder  auf  dem  rechten  Flügel  und  diente  den
von  der  Maas  bherangezogenen  Oivisionen  als  fester  Rückhalt.

Guise  war  zum  Brückenkopf  ausersehen  und  das  Nordufer  durch
vorgeschobene  Abteilungen  besetzt.  Der  linke  Flügel  der  französischen  Auf.
stellung  zog  sich  im  Raume  St.  Quentin  nach  Südwesten  und  war  durch
die  Tiefenlinie  der  Somme  gesichert.  Der  Angriff  auf  diese  gutgewählte
Stellung  erfolgte  reches  und  links  von  Guise  und  führte  auf  dem  linken
Flügel  der  Armee  Bülow  zu  schweren  Kämpfen,  in  denen  die  Franzosen  am
ersten  Tage  glücklich  fochten.  Der  Angriff  der  Deutschen  trieb  die  Franzosen
zwar  rasch  über  den  Fluß  zurück,  kam  dann  aber  ins  Stocken.  Es  entspam
sich  ein  schwerer,  llebender  Seirnkampf,  in  dem  die  französische  Artillerie
ein  gewichtiges  Wort  sprach,  bis  die  schwere  Artillerie  des  Angreifers  die
Tberlegenheit  an  sich  riß.  Das  bei  Charleroi  und  Farcienmes  so  schwer  ins
Gefecht  gekommene  französische  I.  Korps  und  das  III.  Korps  gingen  zu
wütenden  Gegenstößen  über.  Sie  brachten  die  1.  Gardedivision  in  starke  Bedrängnis,
  vermochten  sie  aber  nicht  zu  werfen.  Das  Gardekorps  war  am
28.  August  um  die  Mittagszeit  aus  der  Gegend  von  Buironfosse  vorgegangen
  und  hatte  noch  vor  Dunkelwerden  die  Oise  überschritten.

Als  die  1.  Gardedivision  am  29.  August  über  Colonfay  und  Le  Sourd
auf  Faucouzy,  die  2.  Gardedivision  über  Féronval,  La  Ballée  und  Haution
auf  Marfontaine  vorgingen,  trafen  sie  auf  den  starken  Feind,  der  den  Angriff
  hartnäckig  ausbielt,  endlich  aber  zum  Weichen  gebracht  wurde.  Doch
seczten  sich  die  Franzosen  bald  wieder  und  entwickelten  nun  auf  den  Höben
nördlich  von  Richaumont—Lemé  zahlreiche  Batterien,  die  den  Angriff  der
1.  Gardedivision  hart  trafen.  Trotzbem  erreichte  diese  gegen  Abend  die
Höhen.  Die  2.  Gardedivision  wies  unterdessen  die  Umfassungsversuche
starker  Infanterie  und  einer  Kavalleriedivision  bei  Haution  zurück.  In
        <pb n="173" />
        Die  Schlacht  bei  St.  Quentin  —Guise  157

diesen  Stellungen  grub  sich  das  Gardekorps  ein  und  schlug  am  30.  August
die  wütenden  Gegenstöße  des  verstärkten  Feindes  unerschüttert  ab.  Als
der  Feind  gegen  Mittag  zurückging,  stieß  ihm  General  v.  Plettenberg  mit
der  Garde  rasch  gesaßt  nach  und  besechte  die  Linie  Richaumont—Marfontaine—Rougeries—Lanneux
  du  Gard.  Die  Franzosen  gaben  ihre  ohnmächtigen
  Umfassungsversuche  auf  und  traten  den  Rückzug  an.  Noch  im
Weichen  erlitten  sie  hier  blutige  Verluste.

Zwischen  Guise  und  St.  Quentin  fochten  das  X.  Korps  und  das  X.  Re.
servekorps,  während  das  VII.  Korps  und  Klucks  IX.  Korps  südlich  St.  Quentin
  zur  Umfassung  ausholten  und  über  Hancourt  vorrückten.  Am  30.  August
warfen  die  Deutschen  den  weichenden  Feind  auf  Ribémont  und  entrissen
ihm  La  Fere.  Im  Vogen  der  Oise  von  Amklammerung  bedroht,  gab
Lanrezac  den  Befehl  zum  Rückzug,  der  sich  rasch  nach  Süden  wälzte
und  die  Straßen  über  Laon  und  Soissons  einschlug.  Wieder  siegte  das
klassische  Umfassungsmanöver  („I’ternel  mouvement  tournant"“),  dem  die
an  ihren  Stellungen  klebenden  Franzosen  nicht  zu  begegnen,  wohl  aber  recht.
zeitig  zu  entrinnen  wußten.  Im  Oisebogen  eingeklemmt  und  von  mächtigen
Streichen  erschütctert,  wußte  Lanrezac  keinen  Ausweg  mehr,  als  schleunigen
Rückzug,  zu  dem  er  kaum  noch  den  Befehl  zu  geben  brauchte,  da  der  taktische
  Entscheid  inzwischen  auch  auf  dem  rechten  Flügel  und  in  der  Mitte
gefallen  war.  Die  Armee  strömte  zurück  und  wälzte  sich  nach  Süden.

Die  Schlacht  an  der  Oise,  die  in  den  ersten  vierundzwanzig  Stunden
eine  günstige  Wendung  für  die  Franzosen  zu  nehmen  schien,  endigte  also
mit  einem  schweren  Rückschlag,  der  dem  Verfolger  die  Aisnelinie  kampflos
preisgab,  von  Joffre  aber  klug  benützt  wurde,  um  die  Armee  dem  Feinde  zu
entziehen.  General  Lanrezac  legte  den  Befehl  nieder.  Nur  Gardeschücen
und  Gardejäger  kamen  noch  bei  Leuilly,  11  Kilometer  nördlich  von  Soissons,
und  bei  Soissons  selbst  am  1.  September  ins  Gefecht;  am  2.  September  löste
die  Gardefußartillerie  südöstlich  Soissons  bei  Branges  die  letzten  Schüsse.

Die  Schlacht  bei  St.  Quentin—Guise  erscheint  in  einem  gewissen  Gegensab
  zu  den  Operationen  der  5.  und  4.  deutschen  Armee,  die  nach  der  ersten
Schlachtenfolge  zwischen  Consenvoye  und  Sedan  in  schweren  Kämpfen  um
die  Dbergänge  der  Maas  rangen.  Sie  stellte  sich  als  eine  räumlich  und  zeitlich
abgegrenzte  Handlung  dar,  die  die  taktische  Entscheidung  in  sich  selbst  trug.
Zwei  Tage  wogte  die  Schlacht  unentschieden  hin  und  her,  ehe  die  Franzosen,
rechts  beinahe  siegreich,  aber  links  umfaßt,  den  Kampf  aufgaben  und  die
Rückzugsstraßen  über  die  Aisne  zu  gewinnen  trachteten.

r
ivp

Die  linke  Flügelgruppe  der  englisch  französischen  Armeen  hatte  zum
zweitenmal  das  Feld  geräumt.  In  den  Kämpfen  bei  Landrecies—Le  Cateau
Cambrai,  nördlich  pon  St.  Quentin,  waren  die  Engländer,  im  Gefecht
        <pb n="174" />
        158  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

bei  Combles  Maunourys  Flankenkorps  und  bei  Guise—  St.  Quentin  die
5.  Armee  geschlagen  und  damit  die  englisch-französische  Kampffrone  zum
zweiten  Male  eingerissen  worden.

Am  29.  August  berrschte  im  Schlosse  zu  Compiegne  große  Bewegung.
Joffre  und  French  sahen  sich  dort  zu  hasftigem  Kriegsrat,  in  den  schon  die
Schüsse  reitender  deuescher  Batterien  platzten.  Sir  John  mußte  dem  fran.
zösischen  Oberfeldherrn  die  Erklärung  abgeben,  daß  die  britische  Armee
mindestens  acht  Tage  Ruhe  brauche,  um  wieder  zu  fechten.  England  hatte
indes  zwei  neue  Divisionen  und  Ersatzmannschaften,  schwere  und  schwerste
Geschütze  abgesandt.  Wenn  diese  angelangt  waren,  war  French  bereit,  das
blucige  Spiel  zu  erneuern.  Joffre  hörte  den  Bericht,  hörte  das  Echo  der
Verfolgungskämpfe  waghalsiger  deutscher  Reiter  und  der  Spigen  des
Dommernkorps  und  des  IV.  Reservekorps,  die  schon  südlich  von  Compiegne
erschienen  waren,  und  fügte  sich.  Als  er  das  Schloß  verließ  und  im  Kraféwagen
  nach  Süden  fuhr,  wußte  er,  daß  sein  „établissement  stratégique“
an  der  Somme  und  Oise  gescheitert  war.  Aber  der  Gedanke  war  lebendig
geblieben.  Der  französische  Feldherr  trug  ihn  mit  sich  nach  Bar  fur  Aube,
wo  er  am  1.  September  sein  Hauptquartier  aufschlug,  um  den  Kampf  zu
erneuern.

Die  Kämpfe  zwischen  Dinant  und  Rethel

Das  kräftige  Standhalten  der  4.  und  3.  französischen  Armee  an  der  Maas
hatte  den  Zusammenbruch  der  ersten  Flankenoperation  Joffres  nicht  verhindert.
Doch  war  der  Widerstand,  den  die  Armeen  de  Langle  und  Ruffey  an  diesen
Tagen  und  in  den  Wäldern  und  an  der  Tiefenlinie  des  vielgewundenen  Flusses
leisteten,  nicht  umsonst  gewesen,  besonders  da  auch  die  links  von  der  4.  Armee
kämpfenden  Divisionen  den  VBormarsch  der  Deutschen  verzögerten.  In  diesen
Kämpfen  lebt  bereies  der  Gedanke  an  eine  Wiederaufnahme  der  Gegenumfassung
  der  deutschen  Armeen  auf  einer  rückwärtigen  Linie.

Die  Armee  v.  Hausen  war  nach  dem  Niederringen  des  rechten  Flügels
Lamezacs  im  Verbindungsraum  zwischen  Oise  und  Maas  mit  neuen,  aus
farbigen  Truppen  bestehenden  Verbänden  ins  Gefecht  geraten  und  machte
sich  nicht  ohne  Mühe  die  Bahn  nach  Süden  frei.  Schon  am  25.  Auguft
waren  die  Sachsen  wieder  auf  kampfbereite  Gegner  gestoßen,  die
dem  XII.  Korps  bei  Villers-en-  Fagne  und  Noly,  langgestreckten
belgischen  Walddörfern  westlich  von  Givet,  heftiges  Feuer  zusandten.  In
Willers-en-  Fagne  kam  es  zu  einem  blutigen  Ortesgefecht,  das  von  Heckenschützen
  genährt  wurde  und  in  den  sächsischen  Marschkolonnen  schlimme
Wirkung  tat.  In  der  Fagne,  dem  düsteren  belgischen  Venn,  das  sich  zwischen
DPhilippeville  und  Givet  nach  Süden  zieht,  war  die  Bevölkerung  fast  überall
zur  Teilnahme  am  Kampf  bereit.  Das  Gelände  begünstigte  die  abziehenden
        <pb n="175" />
        Die  Kämpfe  im  Maastal  159

Franzosen,  die  hier  ihre  Gewandtheit  im  Kleinkrieg  zeigen  konnten  und
jeden  Wasserriß,  jeden  Hohlweg  zu  Feuerüberfällen  ausnuczten.

Orei  Tage,  vom  26.  bis  29.  August,  focht  das  XII.  Korps,  um  sich  die
Straße  von  Mariembourg  über  Couvin  nach  Rocroi  zu  öffnen.  Am  kräftigsten
  war  der  Widerstand  der  Franzosen  an  der  Vence,  die  als  linker  Neben.
fluß  der  Maas  bei  Mezieres  mündet.  In  den  lichten,  mit  starken  Eichen
durchsetzten  Wäldern  von  Signy-I„Abbaye,  Launois  und  Novion—Porcien
en#spannen  sich  blutige  Kämpfe.  Jäger  und  farbige  Scharfschüten  hockten  in
den  Eichenkronen  oder  lagen  im  Unterholz  und  überschütteten  die  Sachsen  mit
Feuer.  Das  XII.  Korps,  das  XII.  Reservekorps  und  das  XIX.  Korps  hatten
in  diesen  Kämpfen  namhafte  Werluste,  trieben  aber  den  zähen  Gegner,  der
paketweise  Verstärkungen  erhielt,  allmählich  auf  die  Aisne  zurück  und  warfen
ihn,  wenn  er  sich  zu  größerem  Gefecht  sehte,  rasch  aus  seinen  Stellungen.  Am
30.  August  erreichte  die  3.  Armee  den  großen  Bogen  der  Aisne,  der  zwischen
Attigny  und  Chateau  Horcien  weit  nach  Norden  ausgreift.  Am  1.  September
  rückten  die  Sachsen  in  das  zerschossene  Rethel  ein.

Da  an  diesem  Tage  die  Schlacht  an  der  Oise  schon  geschlagen  und  die
Flügelgruppe  French--Lanrezac  bereits  auf  die  Aisne  zurückgeflutet  war,
hacte  der  Widerstand,  den  die  Armee  v.  Hausen  gefunden  hatte,  genügt,
einen  Einbruch  in  die  französische  Mittelstellung  zu  verhindern  und  die  Verbindung
  der  zum  zweiten  Male  geschlagenen  linken  Flügelgruppe  mit  den
Armeen  de  Langle  und  Ruffey  aufrechtzuerhalten.  Damit  war  die  Ourch.
brechung  der  französischen  Mitte  dahingefallen.  Ob  für  immer?

Die  Kämpfe  im  Maastal

Die  Armeen  de  Langle  und  Ruffey  hatten  sich  von  ihren  Miederlagen
an  der  Semois  und  an  der  Cbiers  rasch  erholt  und  am  26.  August  die  Armeen
des  Herzogs  von  Württemberg  und  des  Kronprinzen  von  Preußen  am
linken  Afer  der  Maas  festen  Fußes  erwartet.

Die  lockere  Mannszucht  und  die  oberflächliche  Ausbildung,  die  dem
französischen  Heere  bei  dem  Vormarsch  und  im  unübersichtlichen,  unvertrauten
Gelände  der  belgischen  Ardennen  gefährlich  geworden  war  und  zu  überstürzten
  Rückbewegungen,  einzelnen  Paniken  und  großen  Absplitterungen
geführt  hatten,  wurden  bemeistert,  als  man  sich  wieder  auf  bekanntem
Boden  sah  und  das  Waterland  in  Gefahr  wußte.  Nun  galt  es  nicht
mehr  eine  weitgespannte  Angriffsbewegung  vorzutragen,  deren  strate.
gische  Ziele  im  Dunkel  lagen,  nicht  mehr  durch  sremde  Wälder  zu
marschieren,  deren  Geheimnis  die  Truppe  nicht  kannte,  bis  ihr  plöglich  der
Feind  entgegentrat,  nicht  mehr  in  völliger  Unkerordnung  des  persönlichen
Empfindens  und  Verständnisses  ins  Blaue  zu  operieren,  blitschnelle  Ent-
        <pb n="176" />
        160  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

schlüsse  zu  fassen,  das  Geseh  des  Handelns  zu  prägen  oder  je  nach  dem  Verhalten
  des  Gegners  umzugestalten,  sondern  die  dem  Franzosen  in  Fleisch
und  Blut  übergegangene  bewegliche  Verteidigung  zu  pflegen,  sich  in  gulen
Stellungen  häuslich  einzurichten,  nach  der  Uhr  zu  leben  und  den  Feind  an.
rennen  zu  lassen,  um  ihn  in  kurzen  Gegenstößen  abzuschmettern.  Man  hatte
jeht  wieder  klares  Schußfeld,  übersichtliche  Verhältnisse,  räumlich  begrenzte
taktische  Aufgaben  vor  sich,  und  der  gemeine  Mann  „begriff“  wieder,  was
vorging.  Damit  war  die  französische  Armee  sich  selbst  wiedergegeben.  Sie
foche  bei  St.  Quentin  und  Guise,  bei  Novion,  Rethel  und  an  der  Maas
unter  Bedingungen,  die  ihrem  Wesen  und  ihrer  militärischen  Bildung  entsprachen,
  und  focht  daher  besser  und  zielsicherer  als  in  den  ersten  großen
Schlachten.

Als  die  Armee  de  Langle  de  Cary  auf  ihrem  Rückzug  die  Semois
wieder  überschritten  hatte,  galt  es  Zeit  zu  gewinnen,  um  den  Dbergang  über
die  Maas  zu  vollziehen,  die  Brücken  zu  sprengen  und  die  Stellungen  auf  den
linksufrigen  Höhen  zu  besehen.  Zu  diesem  Iwecke  wurde  in  den  Grenzwäldern
  und  in  der  Talmulde  von  Stenay  bis  Charleville  Widerstand  geleistet.
  Die  Artillerie  fuhr  auf  dem  linken  Ufer  in  Stellung  und  überschlttete
von  dort  aus  die  deutschen  Anmarschstraßen  mie  wohlgezieltem  Feuer.  Trotzdem
  überrannten  Vortruppen  Herzog  Albreches  in  srtürmischem  Anlauf  die
französischen  Nachhuten  und  rangen  sich  auf  den  Straßen  Carignan—
Mouzon  und  Sedan—Donchéry  ans  linke  Ufer.  Da  brach  aus  den  Wäldern
und  von  den  300.Meter-Höhen  der  französischen  Ardennen  feuriger  Gegenangriff
  starkber  Kräfte  und  warf  die  Verfolger  in  den  Fluß  und  über  die
Tiefenlinie  der  Maas  zurück.  Drei  Tage,  vom  25.  bis  28.  August,  währten
die  Kämpfe  um  den  Maasabschnitkt.  Immer  zahlreichere  französische  Batterien
  krönten  die  Höhen  von  Raucourt,  Bulson  und  Noyers  zwischen  Mouzon
und  Noyers,  immer  lebhafter  wurde  die  Angriffslust  der  Armee  de  Langle,
die  sich  rechts  von  der  Armee  Ruffey,  links  von  den  am  WVerceabschnite
kämpfenden  Divisionen  gestützt  fühlte  und  ihre  Berteidigungsstellung  standfest
  behauptete.  Mebr  als  Zeitgewinn  vermochte  sie  indes  nicht  zu  erkämpfen,
nachdem  die  englische  Armee  aus  dem  Stand  gehoben  und  zurülckgeschlagen  war.

Am  28.  August  setzte  die  4.  deutsche  Armee  vollständig  entwickelt  mil
versammelten  Kräften  zum  entscheidenden  Angriff  an.  Oie  Franzosen
wehren  sich  noch  bis  in  die  Nacht  und  fühlen  sich  keineswegs  besiegt,  als  sie
am  Abend  der  Rückzugsbefehl  erreicht.

Diesmal  wird  der  Fluß  endgültig  überschritten  und  die  Höhenstellung
de  Langles  erstürmt.  Die  schwersten  Kämpfe  finden  in  der  Mitte  statt.
Die  Höhe  von  Noyers,  südlich  Sedan,  geht  wiederholt  von  Hand  zu  Hand.
berflügelung,  die  von  Les  Ayvelles  her  wirkt,  schwächt  de  Langles  Kraft
im  Stirnkampf.  Sein  XII.  Korps  ist  schwer  mitgenommen,  das  II.  und
XVII.  beginnen  zu  weichen,  langsam  baut  er  ab  und  überläßt  den  Deutschen
        <pb n="177" />
        Die  Kämpfe  im  Maastal  161

die  Zugänge  zu  den  Ardennen,  indem  er  sich  auf  die  Aisne  und  Bouziers
rückwärts  bewegt.

Rechts  von  ihm  hatte  die  Armee  Ruffey,  dem  Befehle  des  Generalissimus
folgend,  nicht  weniger  zäh  standgehalten  und  die  schlechte  Haltung  einzelner
Regimenter  an  der  Chiers  und  am  Okhain  ausgeglichen.  Die  Armee  des
Kronprinzen  Wilhelm  stieß  gleich  der  Armee  des  Herzogs  Albrecht  an  der
Maas  auf  starken,  wohlvorbereiteten  Widerskand.  Auch  sie  verspürte  verstärkte
  Kräfte  und  einen  neuen  Willen  vor  sich,  als  sie  zwischen  Mouzon  und
Consenvoye  den  Abergang  versuchte.  Am  27.  und  28.  August  setzte  ihr
rechter  Flügel  unter  erbitterten  Gefechten  bei  Marcincourt  und  Stenay
Über  den  Fluß.  Auch  hier  tat  die  französische  Artillerie  die  Hauptarbeit
und  fügte  den  deutschen  Truppen,  die  über  die  Wiesengründe  zum  Fluß  hinabstürmten
  und  auf  Notstegen  den  Ubergang  erzwangen,  große  Verluste  zu.
Außer  dem  VI.  Korps  gingen  das  XIII.  bei  Sassey  und  Dun,  das  VI.  Reservekorps
  bei  Sivry  und  das  XVI.  Korps  bei  Vilosnes  Über  die  Maas,
während  das  V.  Korps  zur  Verwendung  auf  dem  russischen  Kriegsschauplatz
angehalten  wurde  und  das  V.  Reservekorps  zur  Beobachtung  von  Berdun
nördlich  der  Festung  stehenblieb.  Fechtend  wichen  die  Franzosen  auf  Buzancy—GBouvvellemont.


VBei  Montfaucon,  Montigny  und  Sommauthe  segten  sie  sich  in
einer  Front  von  30  Kilometern  aufs  neue,  um  die  Engen  der  Nordargonnen
zu  verteidigen,  während  ihr  rechter  Flügel  darauf  Bedacht  nahm,  die  Anlehnung
  an  Verdun,  den  Nordpfeiler  der  Osefroné,  nicht  zu  verlieren,  um
den  sich  die  französischen  Armeen  nun  planmäßig  zurückdrehten.

Die  5.  deutsche  Armee  stand  vor  einer  schweren  Aufgabe.  Zwar  war
der  Maasabschnitt  erstritten,  aber  zugleich  auch  der  Kampf  in  ein  Gelände
getragen,  wo  der  Gegner  von  Tag  zu  Tag  und  Schritt  zu  Schritt  an  Widerstandskraft
  gewann.  Es  galt  die  Schluchten  des  Argonnenwaldes  zu  überwinden
  und  wenn  möglich  die  feindliche  Feldarmee  von  Verdun  und  der
Sperrfortskette  zwischen  Verdun  und  Toul  abzusprengen  und  nach  Süden
zu  werfen.  Je  mehr  dabei  Verdun  in  die  Flanke  der  Armee  des  Kronprinzen
geriet,  desto  schwieriger  wurde  die  Lage,  denn  der  Hlaß  barg  starke  Kräfte,
die  nach  Westen  frei  wirken  konnten,  da  die  Festung  gegen  jeden  gewaltsamen
Angriff  gefeit  war  und  von  Consenvoye  bis  St.  Mihiel  eine  nach  zwei  Seiten
wirkende  Front  aufwies.

Schon  vor  den  Waldengen  näördlich  und  nordöstlich  von  Warennes
und  Montfaucon  traf  man  auf  neuen  Widerstand.  Bei  Septsarges  erfolgten
wütende  Gegenstöße  schwarzer  Truppen,  die  an  der  deutschen  Feuerzucht
abprallten.  In  den  bleichen  Haferfeldern  lagen  buntgekleidete  Senegalesen
zu  Hunderten  gebettet,  als  der  Vorstoß  abgeschlagen  war.  Aber  Romagne,
Gesnes,  Cierges  und  Dannevoux—Montfaucon  erreichte  der  Angriff  des

Kronprinzen  am  31.  August  Barennes.  Am  1.  September  waren  die  Zu-Stegemanne
  SGeschichte  des  Krieges.  I.  11
        <pb n="178" />
        162  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

wege  der  Argonnen  erstritten,  Varennes  genommen.  Langsam  wich  der
Feind  gegen  Süden,  zwang  aber  durch  Seitenangriffe  aus  der  Gegend  von
Verdun  die  5.  Armee  immer  wieder  zur  Entwicklung  und  Flankensicherung
und  zeigte  keine  Reigung,  sich  von  Verdun  und  den  Maassperren  zu  lösen.

Es  war  eine  große  Bewegung  im  Gange,  die  erste,  die  auf  französischer
Seite  mit  Erfolg  gedieh.  Die  1.  und  2.  Armee  standen  von  Belfort  bis  Nancy
unerschüttert,  die  3.,  4.  und  5.  Armee  wurden  um  Werdun  zurückgedreht.  Sicht.
bar  und  füblbar  versteifte  sich  bei  Berdun  an  der  Gelenkstelle,  dem  Lebenspunkt
der  französischen  Verteidigung,  der  Widerstand  der  Franzosen.  In  glühender
Hitze  kämpfte  sich  die  Armee  des  Kronprinzen  unter  den  fruchtbeladenen  Obst.
bäumen  der  Wiesenhänge  und  in  den  dumpfen,  feuchten  Waldschluchten
mühsam  vorwärts.  Am  1.  September  warf  ein  Flieger  im  Hauptquartier
zu  Stenay  die  Meldung  ab,  daß  feindliche  Druppenbewegungen  von  Clermont
nach  Süden  im  Gange  seien;  der  Gegner  befinde  sich  im  vollen  Rückzug.
Trohdem  konnte  die  5.  deutsche  Armee  mur  unter  fortgesetzten  Uebenden
Kämpfen  vom  Fleck  kommen  und  mußte  zugleich  Deckung  gegen  Verdun
stehen  lassen.

Die  Kämpfe  um  Nanchy  und  St.  Die

Noch  stärker  machte  sich  in  diesen  Tagen  der  Widerstand  geltend,  den
die  französischen  Ostarmeen  der  6.  und  7.  deutschen  Armee  zwischen  Nancy
und  St.  Dié  leisteten.  Die  Lücke  von  Charmes  erwies  sich  als  eine  Fabel.
Castelnau  und  Dubail  hielten  sie  mit  Armeen  verschlossen,  und  unerschüttert
stand  die  Befestigungsgruppe  von  Nancy,  die  sich  jetzt  erst  in  ihrer  ganzen
Mächtigkeit  erkennen  ließ.  Nur  wenn  sie  siel,  bot  eine  Durchbrechung  der
französischen  Wehrstellung  in  der  Richtung  auf  Charmes  Aussicht  auf  Erfolg.
Aber  die  steil  ansteigende  Hochfläche  des  „Mont  Couronné“  war  nach  den
neuesten  Erfahrungen  befestigt  worden  und  wurde  von  Castelnau  mit  starken
Kräften  verteidigt.  Vergebens  drängten  die  Bayern  mit  dem  I.  Korps  und
dem  I.  Reservekorps  an  der  Spitze  und  mit  scharf  zurückgebogenen  Flügeln
in  die  Lücke  zwischen  Toul  und  Epinal,  um  den  Moselübergang  bei  Charmes
zu  erstreiten,  während  ihr  rechter  Flügel  vor  Nanch  und  die  7.  Armee  vor
St.  Dié  gefesselt  lagen.

Die  Franzosen  setzten  dem  Eindringen  des  deutschen  Keils  in  ihre  Mittelstellung
  den  zähesten  Widerskand  entgegen.  Zugleich  bemühten  sie  sich,  die
zurückgebogenen  Flügel  der  deutschen  Angriffsarmee  durch  Gegenangriffe
vollends  gegeneinander  zu  drücken  und  das  heraus-  und  nach  vorn  gepreßie
Zentrum  an  der  Schneide  des  Keils  abzubrechen.  Ulnerschütterlich  hielten
die  deutschen  Flügel  diesen  Flankenstößen  stand,  waren  aber  nicht  imstande,
sich  zum  Gegenangriff  zu  enrfalten.
        <pb n="179" />
        Der  erste  Ausfall  der  Belgier  163

In  einem  Orkan  von  Eisen  und  Feuer  entlud  sich  hier  zwischen  Maas
und  Mosel  zum  erstenmal  der  Stellungs-  und  Belagerungskrieg,  der  beide
Teile  an  die  Stelle  bannte  und  die  Truppen  Tag  und  Nacht  in  verbissenen
Kämpfen  schüttelte.  Uber  Lunéville  hinaus,  wo  Dubails  Armee  der  Armee
Castelnau  die  Hand  reichte,  erstritten  die  Bayern  in  opfervollem  Ringen  den
Wald  von  Friscati  und  gruben  sich  auf  dem  rechten  Flügel  diche  an  die  mit
Zement  und  Stahl  gepanzerte  Höhenstellung  am  Mont  Couronné  heran,
dann  kam  die  Bewehung  zum  Seillstand.  Man  hatte  sich  festgerannt.

Oer  deutschen  Vogesenarmee  Heeringens  gelang  es,  die  1.  französische
Armee  vom  Vogesenkamm  auf  die  Mortagne  zurückzuwerfen.  Als  St.  Die  am
27.  August  gefallen  war,  sah  sich  auch  die  7.  Armee  zum  Stilliegen  gezwungen
und  grub  sich  ein.  Eng  verkämpft  und  mit  keuchendem  Atem  stemmten  sich  die
Heere  auf  der  Ostfront  von  Verdun  bis  Epinal  gegeneinander  und  suchten
mit  Spähgriffen  eine  schwache  Stelle  des  Gegners  zu  ertasten,  um  den  Waffengang
  zu  entscheiden.  Das  war  von  seiten  des  Angreifers  ein  unbefristbares
Bemühen,  das  sich  nicht  lohnen  sollte,  so  ausdauernd  gefochten  wurde.  Oer
Verteidiger  fiel  am  4.  September  in  starre  Abwehr  zurück.

Am  27.  August  fiel  auch  das  Sperrfort  Manonvillers  in  deutsche  Hände.
Sein  Fall  bewies  aufs  neue,  daß  die  schwere  deutsche  Belagerungsartillerie
den  Widerstand  der  stärksten  dauernden  Werke  zunichte  machte,  wenn  die
Verteidigung  an  einen  festen  und  begrenzten  Punke  gebannt  war  und  dieser
der  Unterstühung  durch  die  Feldarmee  entbehrte.  Das  Fort  wurde  von
42.0m-Haubigen  auf  13  Kilometer  Enetfernung  mit  158  Schüssen  in  Grund
geschossen.  Dabei  wurde  das  Werk,  das  die  Straße  Avricourt-Lunéêville
und  den  Bezouseabschnict  gedeckt  hatte,  vollständig  zerstört,  seine  für  kugelfest
gehaltenen  Betondecken  von  3  Meter  Dicke,  seine  Panzerkuppeln  von
30  Zentimeter  Stärke  zertrümmert,  das  Ganze  in  ein  Chaos  verwandelt,
in  dem  Leben  und  Acmen  unmöglich  geworden  war.  Die  Wesatzung  hatte
tapfer  ausgeharrt  und  übergab  einen  Trümmerhaufen.

Im  Sundgau  waren  die  Franzosen  am  24.  und  in  der  Nacht  auf  den
25.  August  vollends  abgezogen  und  hatten  in  Eilmärschen  Belfort  gewonnen,
indem  sie  Nachhuten  an  der  Linie  Pfirt—Oammerkirch—Maasmünstker  zurück.
ließen.  Auch  in  den  Hochvogesen  war  eine  rückgängige  Bewegung  sichtbar
geworden,  doch  hielten  die  Franzosen  den  Schluchtpaß  und  die  Zugänge
zum  St.  Amaraintal  fest.

Der  erste  Ausfall  der  Belgier
Während  das  französische  Heer  vom  25.  bis  30.  August  nördlich  der

Aisne,  an  der  Oise-  und  Maaslinie,  von  Ste.  Quentin  bis  Verdun  noch
einmal  zu  kräftiger  Abwehr  schritt  und  den  siegreichen  Vormarsch  der  deutschen
        <pb n="180" />
        164  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Armeen  zu  unterbrechen  suchte,  schlug  sich  die  belgische  Armee  in  einem  großen
Ausfall  vor  Antwerpen,  der  am  24.  August  eingeleitet  wurde  und  am
25.  August  nicht  weniger  als  5  Divisionen,  also  die  gesamte  Streitmacht,
in  Bewegung  brachte.  Ohne  Zweifel  ist  der  Ausfall  im  Einklang  mit  den
nstrengungen  der  Franzosen  und  auf  Anweisung  der  obersten  Heeresleitung
der  Verbündeten  erfolgt,  um  die  an  der  Sambre  bedrängten  französischen
Sereitkräfte  zu  entlasten.  Der  Ausfall  aus  Antwerpen  führte  in  südlicher
Richeung  Über  Mecheln  und  Vilvorde,  wo  das  neugebildete  III.  und  das
IX.  deutsche  Reservekorps  zur  Beobachtung  des  verschanzten  Lagers  aufgestellt
  waren  und  die  Straße  nach  Löwen  und  Brüssel  deckten.

König  Albert  hatte  vier  Divisionen  vorgeführt.  Die  3.  Division  und  die
Kavallerie  standen  als  Reserve  bei  Mecheln.  Die  5.  Division  drang  am
rechten  Flügel  gegen  Eppeghem  vor.  Das  von  der  1.  und  6.  Division  gebildete
  Zentrum  stieß  5  Kilometer  südlich  von  Mecheln  auf  deutsche  Vortruppen,
  die  dem  Stoß  nachgaben  und  Sempft,  Weerde  und  Hofstade  in  den
Händen  der  Belgier  ließen.  Die  2.  belgische  Division  schritt  auf  dem  linken
Flügel  zum  Angriff  auf  die  Löwener  Straße.  Die  Kavallerie  gelangte  bis
Haeche  und  trieb  Spitzen  bis  in  die  Nähe  von  Löwen.  Als  die  Belgier  so  viel
Boden  hinter  sich  gebracht  hatten,  daß  das  Gefecht  freie  Bewegungen  zuließ,
kam  der  Kampf  zum  Steben,  denn  nun  gingen  die  Deutschen  zum  Gegenstoß
über.  Der  linke  Flügel  der  Ausfallarmee  wurde  am  Löwen-Mecheln-Kanal
festgellemmt,  die  Miete  geriet  bei  Elewyt  ins  Gedränge  und  der  rechte  Flügel
wurde  bei  Grimberghen  und  vor  Wilvorde  geworfen.  Schon  zeichnete  sich  eine
doppelseitige  Amfassung  ab,  die  von  Bilvorde  nach  beiden  Seiten  ausgriff
und  die  Rückzugslinien  der  Flügeldivisionen  bedrohte.  Da  bliesen  die  belgischen
Trompeter  zum  Nückzug,  der  unter  schweren  WVerlusten  bewerkstelligt  wurde
und  die  Armee  am  26.  August  in  die  Lagerfestung  zurückftlhrte.  In  Löwen
kam  es  am  Abend  des  25.  Auguft,  als  der  Ausfall  gipfelte,  zu  einem  Aufruhr,
der  furchebar  geahndet  wurde.

Am  gleichen  Tage  fielen  die  lehten  Fors  von  Namur.

Der  Fall  der  französischen  Grenzsperren

Auch  die  Festung  Longwy,  die  am  22.  August  eingeschlossen  worden
war,  als  die  Armee  des  Kronprinzen  an  ihr  vorbei  den  Vormarsch  gegen  die
Maas  antrat,  erlag  schon  nach  wenigen  Tagen.  Während  die  Festen  von
Namur  durch  die  schwersten  Kaliber  niedergekämpft  wurden,  genügte  vor
Longwy  die  Fußartillerie  des  Feldheeres.  Preußische  und  württembergische
Batterien  legten  die  Hügelfeste  vollständig  nieder.  Oberstleutnant  Darche
hielt  den  Platz,  bis  das  letzte  Geschütz  den  Dienst  versagte,  die  Wälle  abgekämmt
  und  die  Kasematten  zerstbrt  waren.  Am  28.  August  bot  er  an-
        <pb n="181" />
        Der  Fall  der  französischen  Grenzsperren  165

gesichts  des  bevorstehenden  Sturmes  die  Übergabe  an,  die  ihm  unter  ehrenvollen
  Bedingungen  gewährt  wurde.  Die  obere  Stadt  und  die  Zitadelle
waren  in  ein  Trümmerfeld  verwandelt.

Oie  veraltete  Festung  Montmédy  entzog  sich  einer  Beschießung.  Ihr
Kommandant  versuchte,  sich  am  24.  August  mit  der  Besagtzung  durch  die  vorrückenden
  deutschen  Linien  zu  schlagen,  verlor  aber  die  NRichtung  und  fiel  in
einem  Gefeche  mit  700  Mann  in  Feindeshand.  1800  Mam.,  die  den  Maasübergang
  von  Dun  ebenfalls  nicht  mehr  erreicht  harten,  warfen  sich  in  die
Wälder  von  Brandeville  und  Murvaux  und  erlagen  dort  nachseßzenden
Dragonern.

Tragisch  erfüllte  sich  dos  Schicksal  des  Werkes  von  Les  Awvvelles.
Da  das  Fort  die  Anmarschstraßen  zwischen  Charleville  und  Donchéry  nicht
genügend  beherrschte,  hatte  der  Kommandant  am  25.  August  eine  Artilleriestellung
  im  Freien  bezogen.  Sie  wurde  aber  schon  nach  den  ersten  Schüssen
unhaltbar,  das  Fort  selbst  konnte  keine  Kugel  anbringen.  Aus  der  Ferne
zusammengeschossen,  brach  es  in  wenigen  Stunden  nieder.  Die  Besatung
entwich.  Nur  der  Kommandant  weigerte  sich,  das  ihm  anvertraute  Werk
zu  verlassen,  und  gab  sich  den  Tod  mit  eigener  Hand.  Deuesche  Soldaten
fanden  ihn  in  seiner  Kasematte  und  bereiteten  ihm  am  29.  August  vor  seiner
Feste  ein  Heldengrab.  Die  lleine  Feste  Hirson  wurde  von  der  Besatzung
gesprengt,  ehe  sich  diese  dem  Rückzug  Lanrezacs  auf  Guise  anschloß.

So  war  außer  Maubeuge  und  Antwerpen  die  Kette  von  Befestigungen
gefallen,  die  zwar  den  Vormarsch  der  deutschen  Armeen  nicht  gehemmt,  aber
die  Verbindungen  erschwert  und  den  Nachschub  beeinträchtigt  hatten.  In
Maubeuge  standen  45  000  Mann,  darunter  die  abgesprengten  Heercsteile
der  im  Winkel  zwischen  Sambre  und  Maas  geschlagenen  englischen  und
französischen  Truppen.  Zur  Welagerung  Antwerpens  und  der  belgischen
Armee  fehlten  vorläufig  die  Kräfte.  Zur  Belagerung  Maubeuges  hatte
Generaloberst  v.  Bülow  das  VII.  Reservekorps  unter  dem  Befehl  des
Generals  v.  Zwehl  zurückgelassen  und  scharfen  Angriff  befohlen.

Der  Hauptangriff  richtete  sich  gegen  den  Nordostabschnitt  des  Gestungsgürtels
  und  vereinigte  dort  die  Arcillerie  gegen  die  Werke  des  Sarts,  de  Bersillies,
  de  la  Salemagne  und  das  starke  Panzerfort  Boussois  an  der  Sambre.
Waren  diese  niedergekämpft  und  das  Zwischengelände  in  Besith  genommen,
so  war  Maubeuges  Widerstandskraft  gebrochen.  Die  Franzosen  hatten  sich
bemüht,  das  Vorgelände  möglichst  lange  zu  halten  und  die  veralteten  Festen
durch  ausgezeichnete  Zwischenstellungen  verbunden  und  verstärkt.

Mit  großer  Tatkkraft  wurde  der  Artillerieangriff  gefördert.  Die  42.  cm-Haubigeen,
  die  30,5.cm.  Mörser-  Batterien  der  Osterreicher  und  die  21####m-Mörser,
  die  in  der  Linie  Giury—Merbes—Cousolre  aufgestellt  waren,  brachten
das  Fort  de  Boussois  schon  am  6.  September  zum  Schweigen.  Der  tapfere
Verteidiger  hielt  jedoch  die  Trümmer,  bis  auch  die  Zwischenstellungen  sturm-
        <pb n="182" />
        166  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

reif  gemacht  waren  und  die  Pioniere  ihre  Minenwerfer  in  Tätigkeit  setzten.
Am  7.  September  wurden  die  Werke  mit  stürmender  Hand  genommen.

Der  Kommandant  von  Maubeuge,  General  Fournier,  suchte  darauf
einen  vierundzwanzigstündigen  Waffenstillstand  nach,  um  wegen  einer
Ubergabe  des  Plagtzes  zu  unterhandeln.  Da  die  Festung  durch  unterirdische
Fernsprechleitungen  noch  mit  der  Außenwelt  in  Verbindung  stand,  war  die
Verteidigung  von  dem  Anmarsch  frischer  deutscher  Kräfte  unterrichtet  worden.
Daß  diese  nicht  zur  Verstärkung  der  schwachen  Belagerungsarmec,  sondern
gegen  die  Aisne  in  Bewegung  geseyt  worden  waren,  wo  man  ihrer
dringend  bedurfte,  wußte  der  französische  General  nicht.  General  v.  Zwehl
lehnte  das  Gesuch  um  Waffenstillstand  ab  und  forderte  bedingungslose  Obergabe
  binnen  vier  Stunden.  #m  die  Festung  rascher  zu  Fall  zu  bringen,
die  die  große  Verbindungslinie  sperrte  und  zwei  Divisionen  deutscher  Truppen
fesselte,  wurde  die  Beschießung  fortgeset.  Alle  Batterien  traten  in  Tätigkeit
und  schleuderten  ihren  Eisenhagel  auf  den  wehrhaften  Platz.  Kräftig  ant.
workete  Maubeuge.

Die  klare  Lust  des  heißen  Septembertages  flimmerte  im  Widerhall
der  Entladungen,  die  französischen  Feldgeschütze  zeichneten  ihre  weißen
Schrapnellwölkchen  an  den  blauen  Himmel,  und  heulend  zogen  die  deutschen
Niesengeschosse  ihre  steile  Bahn.  Die  Dörfer  im  Zwischengelände  brannten,
glübend  sank  die  Sonne  im  Westen.

Da  verstummte  plößlich  die  Festung,  und  von  den  dicht  vor  den  Werken
liegenden  Sturmtruppen  kam  brausendes  Hurra,  das  sich  weiter  und  weiter
wälzte  und  die  Festung  wogend  umbrandete.  Maubeuge  hatte  die  weiße
Fahne  ausgesteckt.  45  000  Mann,  sämtliche  Werke  und  alles  Kriegsgerät
fielen  in  die  Hand  des  Eroberers.  Nur  Fahnen  und  Standarten  fehlten,  die
hatte  die  brave  Besahung  verbrannt.  Ein  Trupp  von  1000  Mann,  den
Masor  Charlier  zusammenraffte,  brach  vor  der  Abergabe  durch  die  dünne  Um.-schließung
  und  erreichte  glücklich  die  französischen  Linien.  Am  8.  September
erfolgte  der  Auszug  der  Besatzung  durch  das  Tor  von  Mons.  Kaum  war
dies  geschehen,  da  warf  das  schwache  Belagerungskorps  eiligst  Kräfte  nach
Süden,  wo  man  ihrer  dringend  bedurfte,  denn  zwischen  dem  30.  August  und
dem  8.  September  war  dort  Enescheidendes  geschehen.

Von  der  Aisne  über  die  Marne

Am  30.  August,  dem  Tage,  da  in  Ostpreußen  die  große  russische  Offensive
  in  der  Schlacht  bei  Tannenberg  gebrochen  wurde,  in  Galizien  und  Dolen
die  österreichisch-ungarische  Haup#tmacht,  nach  zwei  Seiten  kämpfend,  die
russischen  Massen  noch  einmal  band,  hatte  die  gewaltige  Angriffsbewegung
        <pb n="183" />
        Die  Lage  der  Deutschen  167

der  deutschen  Armee  im  Westen  den  Gipfelpunkt  des  strategischen  Erfolges
erreicht.

Die  Entwicklung  hatte  bis  auf  diesen  Tag  dem  deutschen  Feldzugsplan
recht  gegeben.  Die  große  deutsche  Umfassungsbewegung  im  Norden  mie  gleichzeitigem
  allgemeinem  Anpacken  in  der  Front  hatte  den  Sieg  über  die  französische
  Luftumarmung  im  Süden  und  den  großen  Zentrumsstoß  in  Lothringen
davongetragen.  Belgien  war  den  WVerbündeten  verloren,  ihre  Offensive
gebrochen.  Auch  Joffres  Versuch,  die  Lage  durch  eine  glückliche  Verteidigungs.
schlacht  hbinter  Maas  und  Oise  mit  Umfassung  des  rechten  deutschen  Flügels
wiederherzustellen,  war  gescheitert.  Die  Spitze  des  großen  deutschen  Uhrzeigers
  rückte  auf  Paris.  Am  30.  August  schwebte  das  erste  deutsche  Flugzeug
über  dem  Triumphbogen  und  den  Elysöischen  Feldern.  Das  Große  deutsche
Hauptquartier  siedelte  von  Koblenz  nach  Luxemburg  über.  Doch  begann
sich  damals  schon,  wenn  auch  im  Augenblick  des  Geschebens  noch  nicht
erkennbar,  eine  neue  Phase  des  Feldzuges  vorzubereiten.

Oie  Lage  der  Deutschen

„Alles  Handeln  im  Kriege  ist  nur  auf  wahrscheinliche,  nicht  auf  gewisse
Erfolge  gerichtet.  Was  an  der  Gewißheit  fehlt,  muß  überall  dem  Schicksal
oder  dem  Glück  —  wie  man  es  nennen  will  —  überlassen  bleiben.  Es  gibt
Fälle,  wo  das  höchste  Wagen  die  höchste  Weisheit  ist.“

ODieser  Saßg  des  Kriegsphilosophen  Karl  v.  Clausewitz  sei  hier  angeführt,
  weil  in  ihm  ein  Kriterium  des  deutschen  Feldzugsplanes  im  Westen
enthalten  ist.  Der  deursche  Feldzugsplan  war  von  dem  Gedanken  ausgegangen,
daß  auf  dem  westlichen  Kriegsschauplat  alles  auf  einen  gewaltigen  Wurf  gesett
  werden  müsse,  um  die  feindlichen  Sereitkräfte  in  kurzer  Zeit  zu  vernichten
oder  sie  ihrer  Bewegungsfreiheit  zu  berauben  und  Kräfte  für  den  Osten
freizumachen.  Am  30.  August  erschien  dieses  Ziel  in  greifbare  Nähe  gerückt.
Unerhörte  Marschleistungen,  genaue  #bereinstimmung  der  Bewegungen
und  glückliche  kaktische  Zusammenstöße  hatten  den  deurschen  Waffen  reiche
Erfolge  beschert.  Sie  bestanden  in  großem  Raumgewinn,  im  Niederringen
  zahlreicher  Kräfte  der  Verbündeten  und  der  Zerschmetterung  ihrer
Offensive.

Der  Siegeszug  von  Lüttich  bis  Reims  hielt  das  deutsche  Volk  in  atemlosem
  Bann  und  ließ  die  Fahnen  von  allen  Giebeln  wehen.  Noch  ein  kühner
Griff,  noch  ein  gewaltiger  Aufschwung,  und  das  Unmögliche  war  Wirklichkeit
  geworden,  Frankreichs  gesamte  Wehrmacht  und  Englands  Feldheer  zertrümmert,
  das  Glück  an  der  Stirnlocke  ergriffen  und  für  immer  gefesselt.
Schon  dämmerte  der  Triumphbogen  des  Korsen,  schon  zogen  die  Heldenbilder
  der  Sieger  von  1870  und  Blüchers  grimmer  Geist  den  Heerscharen
voraus  zur  Vollendung  des  Sieges.
        <pb n="184" />
        168  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Das  Heer  war  gesonnen,  die  allgemeine  Kriegslage  auszunutzen  und
den  letzten  Hauch  von  Mann  und  NRoß  an  die  Vervollständigung  des  Erfolges
und  die  Durchführung  des  Feldzuges  zu  setzen.  Alles  trieb  die  siegreichen
deutschen  Truppen,  im  Vormarsch  zu  bleiben,  um  den  Gegner  endgültig
niederzuringen  und  ihm  die  Möglichkeit  zu  nehmen,  sich  noch  einmal  operativ
zu  entfalten.

Die  Größe  der  auf  französischer  Seite  noch  vorhandenen  Mittel  entzog
sich  freilich  der  Berechnung,  zumal  da  über  den  englischen  Einschuß  keine
Sicherheit  bestand,  doch  war  das  britische  Hilfskorps  so  auseinandergesprengt
worden,  daß  es  in  absehbarer  Frist  schwerlich  wieder  kampffähig  war.  Die
bei  den  Franzosen  noch  vorhandene  Widerstandskraft  ließ  sich  im  einzelnen
und  in  der  Auswirkung  noch  weniger  abschätzen,  aber  man  vertraute  auf
eigene  Kraft,  auf  Glück  und  Schicksal  und  folgte  dem  Feinde  auf  dem  Wege
nach  Paris.

Der  Vormarsch  wurde  mit  vorgenommenem  rechten  Flügel  fortgesetzt,
um  die  Umfassung  ausreifen  zu  lassen.  In  dieser  strategischen  Bewegung  lag
die  Oberlegenheit  der  deutschen  Offensive.  Der  linke  Flügel  der  Franzosen
bing  in  der  Luft,  Klucks  Erscheinen  in  der  Flanke  der  Franzosen  und  Engländer
  hatte  bis  jeht  jeden  Widerstand  gebrochen.  An  diesem  operativen
Gedanken  wurde  auch  jegzt  noch  fesegehalten.  Allerdings  mußte  die  1.  deutsche
Armee  zur  Sicherstellung  ihrer  umfassenden  Bewegung  möglichst  weit  nach
Westen  ausholen  und  wurde  dadurch  zu  Marschleistungen  bis  zu  45  Kilo.
metern  täglich  gezwungen.  Es  hing  also  in  erster  Linie  alles  davon  ab,  daß
die  Flügelarmee  den  unerhörten  Anstrengungen  eines  solchen  raumverschlingenden
  Manövers  gewachsen  blieb  und  daß  der  Nachschub  und  die
Etappen  sichergestellt  wurden,  während  die  von  rechts  nach  links  anschließenden
Armeen  in  siegreichem  Vormarsch  den  Widerstand  auf  immer  kürzere  Ent.
fernung  vom  Ausgangspunkt  der  Gesamtbewegung  brechen  und  dabei  in
enger  Fühlung  und  auf  gleicher  Höhe  bleiben  mußten.  Das  Ganze  war
ein  zusammengesetzter  Stoß,  der  unter  der  scheinbar  einfachen  Anlage  die
größten  Schwierigkeiten  verbarg,  aber  glänzende  Erfolge  gezeitigt  hatte  und
noch  größere  verhieß.  Seine  strategische  Auswirkung  zu  bestimmen,  war
einseitig  nicht  möglich;  man  mußte  die  Gefahr  auf  sich  nehmen,  daß  der
Gegner  mit  einem  einfachen  Stoß  aus  der  Werteidigung  die  Wirkung  des
großen  Planes  im  letzten  Augenblick  kurz  vor  dem  vollständigen  Gelingen
zu  stören  versuchte.  Jog  dieser  Versuch  eine  Feldschlacht  nach  sich,  so  mußte
sie  willkommen  gebeißen  und  durchgefochten  werden,  wenn  die  strategische
Lage  es  irgend  erlaubte.  Diese  wurde  zunächsk  durch  die  Bewegungen  der
Heere  bestimme.  Es  mußte  sich  zeigen,  ob  die  Pläße  Verdun  und  Paris
eine  beherrschende  Rolle  erfüllten,  wenn  die  deutsche  Vorbewegung  in  die
Sphäre  der  strategischen  Front  Paris—GVerdun  geriet,  um  zwischen  Szylla
und  Charybdis  auf  den  Feind  zu  stoßen.
        <pb n="185" />
        Die  Lage  der  Deutschen  169

Was  der  Gegner  nach  dem  Scheitern  seiner  ersten  Offensive  und  dem
Verlust  der  Maas-  und  Oiselinie  zu  tun  gedachte,  entzog  sich  der  Kenntenis
der  deutschen  Heeresleitung.  Daß  er  zwischen  der  Nordgrenze  und  der
Marne  nicht  mehr  standhalten  könne,  ergab  sich  jedoch  aus  den  Verhältnissen.
Er  konnte  vollständig  überwunden  werden,  wenn  seine  freien  Streitkräfte
vernichtet  oder  zur  Bewegungslosigkeit  verurteilt  wurden.  Also  gebot  auch
diese  Erwägung  die  Fortsetzung  des  Angriffsfeldzugs.  Gelang  es,  den  Feind
rechtzeitig  zu  schlagen  und  nach  Paris  bineinzuwerfen  oder  nach  Süden
abzudrängen,  so  eröffneten  sich  günstige  Aussichten  auf  rasche  Beendigung
des  Feldzuges  im  Westen.

Oa  die  beweglichen  französischen  Heeresmassen  in  allgemeinem  Rückzug
begriffen  waren,  galt  es,  sie  einzuholen  und  zur  Annahme  einer  Schlacht
zu  zwingen  oder  von  der  an  der  Maas  und  Vogesenfront  festklebenden  Kampf.
gruppe  abzusprengen.  Zerriß  die  französische  Front  und  warf  sich  die  linke
Flügelgruppe  nach  Paris,  so  war  die  rechte  Flügelgruppe,  die  mit  der  Front
nach  Osten  kämpfte  und  dort  die  6.  deutsche  Armee  und  Teile  der  7.  Armee
und  standfeste  Landwehrtruppen  gegen  sich  hatte,  links  umgangen  und  der
Vernichtung  verfallen,  wenn  sie  nicht  beschleunigt  nach  Südosten  auswich.
Dar  sie  dies,  so  konnee  sie  immer  noch  von  der  Loire  abgeschnitten  und  gegen
die  schweizerische  Grenze  gedrückt  werden.  Dieser  Fall  traf  auf  das  ganze
französische  Feldheer  zu,  wenn  die  linke  Flügelgruppe  sich  der  Anziehungskraft
  des  verschanzten  Lagers  von  Paris  entzog  und  die  gesamten  französischen
Streitkräfte  auf  Langres  zurückfluteten.  Holte  man  dann  den  geschlagenen
Feind  ein,  ehe  er  das  Festungsfünfeck  und  das  Rhonetal  erreichte,  so  konnte
man  ihn  zum  letzten  Schlagen  zwingen,  wieder  von  rechts  umfassen  und  den
Feldzug  zwischen  Paris  und  Epinal  durch  eine  Entscheidungsschlacht  krönen.

Offen  blieb  die  Frage,  ob  die  deutschen  Kräfte  genügten,  dieses  hohe
und  weitgesteckte  Ziel  in  stürmischem  Anlauf  zu  erreichen.  Die  Verbindungs.
linien  schienen  überdehnt,  der  Nachschub  gefährdet  und  Belgien  noch  nicht
unterworfen.  In  Antwerpen  lag  ein  belgisches  Heer  von  fünf  ODivisionen,
das  nur  durch  ein  Beobachtungskorps  festgehalten  wurde,  vor  Maubeuge
behauptete  sich  ein  rühriger  Feind  noch  im  Vorgelände  der  starken  Festung,
und  im  Westen  verschwammen  die  #mrisse  der  strategischen  Lage  in  der
Richtung  auf  die  Kanalküste  völlig  im  Ungewissen.  Die  Etappen  selbst  waren
nur  schwach  besecht  und  alle  enebehrlichen  Kräfte  nach  Osten  geworfen  worden,
wo  Osterreich-Ungarn  sich  nach  blutigen  Schlachten  dem  Ansturm  der  russischen
  Millionen  zwischen  Krasnik  und  Nikolajew  aufs  neue  enkgegenstemmte
und  die  deutsche  Ostarmee  mit  den  weit  überlegenen  Streitkräften  Rennenkampfs
  an  den  masurischen  Seen  noch  um  die  Entscheidung  rang.

Solange  das  im  siegreichen  Vormarsch  auf  die  Marne  fortschreitende
deursche  Heer  die  operative  Aberlegenheit  behauptete,  konnten  diese  Erwägungen
  seinen  Schwung  nicht  lähmen  und  die  Entschlüsse  der  obersten
        <pb n="186" />
        170  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Heeresleitung  nicht  hemmend  beeinflussen,  nur  mußte  diese  darauf  achten,  die
Zügel  straff  zu  halten  und  die  Armeen  zu  zügeln.  Die  operative  Uberlegenheit
ergab  sich  aus  dem  starken  Antrieb  zum  Sieg,  der  im  deutschen  Heere  wurzelte,
und  aus  den  strategischen  Verhältnissen,  die  indes  durch  die  fortschreitende
Entwicklung  immer  wieder  neu  bestimmt  wurden.

Zu  dieser  Erwägung  krat  die  Frage  nach  der  Bedeutung,  die  Paris
zukam.  War  der  Dlag  nur  zur  Verteidigung  fähig,  so  fiel  seine  Bedeutung
für  die  Entscheidung  im  Felde  nicht  ausschlaggebend  ins  Gewicht,  obwohl
er  den  Franzosen  eine  gute  Anlehnung  verbürgte.  War  er  Überhaupt  nicht
widerstandsfähig,  so  schied  er  ganz  aus  der  Rechnung.  Warg  er  hingegen
eine  Reservearmee,  die  dort  ihre  Stunde  erwartete,  so  war  der  Vormarsch
der  deutschen  Armeen  um  so  kühner,  je  weiter  er  führte  und  je  mehr  er  Paris
außer  Augen  ließ  oder  mißachtete.  In  jedem  Falle  war  Paris  eine  un.
bekannte  Größe,  deren  Ermittlung  von  größter  Bedeutung  für  die  Lösung
des  Problems  blieb,  das  der  deutschen  Heeresleitung  im  Westen  gestellt  war.

Die  Lage  der  Franzosen  und  Engländer

Als  General  Joffre  das  Schloß  zu  Compiegne  verließ  und  die  Uberzeugung
  mitnahm,  daß  die  englische  Armee  erst  nach  acht  Tagen  wieder  zu
gebrauchen  war,  als  er  inne  wurde,  daß  die  Armee  Kluck  Maunourys  Flankenstoß
  bei  Combles  abschlug  und  zugleich  den  Briten  nachsechte,  um  durch  die
geschlagene  Lücke  die  Linie  Creil—Senlis  zu  erreichen  und  sich  zwischen  Paris
und  die  noch  nördlich  der  Aisne  kämpfenden  französischen  Armeen  einzuschieben,
  war  er  sich  des  völligen  Zusammenbruchs  der  strategischen  Lage
voll  bewußt.  Er  wußte  noch  mehr.  Nicht  nur  die  strategische  Grundlage
war  zertrümmert,  sondern  auch  das  moralische  und  staatliche  Fundamene
erschüctert,  auf  dem  die  militärischen  Operationen  ruhten.  Der  lluge,  einsichtige
  Generalissimus  des  französischen  Feldheeres  gab  sich  über  die  Größe
der  erlittenen  Niederlagen  vollkommen  Rechenschaft,  und  es  war  ein  geringer
Trost,  daß  die  verspätete  Bereitschaft  und  die  unzureichende  Operations.
fähigkeit  des  englischen  Expeditionskorps,  das  zu  allem  Unglück  auf  dem  Entscheidungsflügel
  eingesetzt  worden  war,  daran  einen  so  großen  Anteil  batten.

Der  Fall  Lüttichs  und  Namurs  hatte  die  ungeheure  Oberlegenheit  der
schweren  deutschen  und  österreichischen  Artillerie  erwiesen.  Jeder  Marschund
  jeder  Sturmtag  hatte  die  vollendete  Bewegungsfähigkeit  und  den  feurigen
Angriffsgeist  des  deutschen  Heeres  erprobt.

Einem  solchen  Gegner  konnte  nicht  mit  raschen,  im  Stegreif  ersonnenen
Aushilfen  begegnet  werden.  Die  französische  Heeresleitung  mußte  sich  vielmehr
  entschließen,  eine  neue,  weit  zurückliegende  Grundlinie  zu  suchen,  um
von  dieser  ausgehend  das  Gesetz  des  Handelns  wieder  an  sich  zu  reißen.
        <pb n="187" />
        Die  Lage  der  Franzosen  und  Engländer  171

Ooch  das  war  eine  Maßregel,  die  tief  ins  politische  Leben  der  Nation
griff  und  nicht  von  einem  Divisionsgeneral  getroffen  werden  konnte,  der
zwar  mit  dem  Oberbefehl  betraut  worden  war,  aber  dem  Kriegsminister  und
dem  Kabinett  unterstellt  blieb  und  seine  Befehlsgewalt  durch  allerhand
Kompromisse  beeinträchtigt  sah.  General  Joffre  wußte,  daß  die  allgemeinen
Richtlinien,  die  er  seinen  Generalen  gegeben  hatte,  nicht  immer  richtiges
Verständnis  und  willigen  Gehorsam  gefunden  hatten.  Schon  war  die
Truppe  von  Zweifeln  angekränkelt,  ob  sie  gut  geführt  sei.  Eine  Reihe  von
Obersten,  Generalen  und  verschiedene  Korps-  und  Armeeführer  waren  ihrer
Aufgabe  nicht  annähernd  gewachsen,  die  Reserveregimenter  sehr  ungleich  im
Werte,  die  Ausrüstung  des  Heeres  mit  schwerer  Artillerie  und  Maschinen.
gewehren  unzureichend  und  der  ganze  Mechanismus  zu  einem  Angriffs.
feldzug,  der  zudem  Joffres  eigenem  Wesen  widersprach,  ungeeignet.

Frankreich  stand  damals  vor  der  Frage,  ob  es  den  Krieg  weiterführen
oder  Verhandlungen  einleiten  sollte.  Führte  es  den  Krieg  weiter,  so  mußte
es  gefaßt  sein,  ihn  tief  im  eigenen  Lande  zu  führen  und  der  Militärgewalt
mehr  Handlungsfreiheit  zugestehen,  als  die  Lenker  der  Republik  bisher  er.-übrigt
  hatten.

General  Joffre  zog  aus  dieser  Lage  die  unabweisbaren  Folgerungen.
Er  soll  damals  der  Regierung  der  Republik,  die  den  Boden  schon  wanken
füblte,  seinen  Kommandostab  zur  Verfügung  gestellt  haben.  Da  er  sich
von  den  Generalen  schlecht  unterstützt,  von  der  Heeresverwaltung  im  Stiche
gelassen  und  von  politischen  Einflüssen  in  seiner  Handlungsfreiheit  beeinträchtigt
  wußte,  gab  es  für  ihn  kein  anderes  Mittel,  sich  seiner  Berantwortung
zu  entlasten  oder  sich  größere  Befehlsgewalt  zu  sichern.

Das  britische  Kabinett  griff  mie  fester  Hand  in  diesen  Konflikt  ein.  Die
Niederlagen  des  englischen  Expeditionskorps,  der  Verlust  Belgiens  und
der  Siegeslauf  der  deutschen  Armeen,  die  die  verbündeten  Streikkräfte  schon
von  der  Verbindung  mit  der  Nordküste  abschnitten,  hatten  die  englische
Regierung  gewaltig  aufgerüttelt.  Das  war  kein  Krieg,  in  dem  England
nur  den  Wächter  der  Meere  und  den  Geldgeber  und  Lieferanten  der  Verbündeten
  zu  spielen  hatte.  Schon  war  seine  Berufsarmee  zur  Schlacke  ge.
brannt  und  die  Koalition  gefährdet,  aber  es  gab  kein  ZJurück  mehr,  denn
nun  stand  Deutschland  in  Belgien  auf  Englands  Festlandsglacis,  und
wenn  Frankreich  dem  Anfall  erlag,  der  bereits  an  seinen  Nerven  riß,
brach  die  englische  Politik  und  mit  ihr  die  Vorgewalt  Albions  in  der  Welt
zusammen.

Der  Ernst  der  Lage  weckte  die  ganze  Hartnäckigkeit  und  Willensstärke
der  bricischen  Rasse.  Mit  hartem  Eneschluß  wurden  die  ungeheuren  Macht.
mittel  des  britischen  Welcreiches  in  den  Dienst  der  kriegerischen  Unternehmung
  gestellt  und  Frankreich  mit  rücksichtslosem  Zugriff  auf  die  gemeinsame
  Sache  verpflichtet.  Das  französische  Ministerium  nahm  seinen
        <pb n="188" />
        172  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Rücktritt.  Eine  Regierung  der  nationalen  Werteidigung  trat  an  seine  Stelle,
in  der  Delcasse  das  Ministerium  des  Dußern,  Millerand  das  des  Krieges
übernahm;  zugleich  verpflichteten  sich  die  Mächte  des  Dreiverbandes  feierlich
durch  einen  Bertrag,  der  in  London  festgelegt  wurde,  den  Krieg  gemeinsam
zu  führen  und  gemeinsam  zu  beenden  und  keinen  Sonderfrieden  zu  schließen.
Auf  Gedeih  und  Verderb  knüpfte  England  seine  Fesllandsfreunde  an  sich
und  wurde  so  zugleich  Kern  und  eiserner  Reif  des  gegen  Deutschland  gerichteten
  Waffenbundes.  Die  neue  französische  Regierung,  in  der  Viviani
wiederum  den  Worsitz  führte,  erließ  einen  Aufruf  an  das  Wolk,  der  mie
leidenschaftlichem  Schwung  den  Krieg  bis  aufs  äußerste  verkündete.  Dicht
vor  dem  Abgrund  riß  der  plötlich  aufflammende  Lebenswille  der  französischen
Nation  das  Gespann  herum  und  trieb  es  die  flüchtend  durchmessene  Bahn
zurück,  von  dem  einen  großen  Gedanken  beherrscht,  die  Lage  wiederherzustellen,
  und  von  dem  Glauben  geleitet,  Deurschland  habe  den  Krieg  gewollt,
mit  böser  Absicht  berbeigeführt  und  nähre  die  Hoffnung,  Frankreich  zu  vernichten
  oder  zu  knechten.
ODer  Feldzug  wurde  auf  neuer  Grundlage  wieder  aufgenommen.

Joffres  strategischer  Rückzug

General  Joffre  löste  die  noch  kämpfenden  Nachhuten  seiner  Nordarmeen
vom  WVerfolger  und  marschierte  nach  Süden  ab.  Der  Antrieb  zu  einer  Ent.
scheidungsschlacht  konnte  m#r  dann  im  französischen  Heere  leben,  wenn  es
neu  gegliedert  den  Feind  in  seiner  sicheren  Grundstellung  erwartete  und  nach
Ausnugzung  der  Feuerkraft  und  Ermattung  des  Gegners  zum  Gegenangriff
geführt  wurde.  Die  französische  Heeresleitung  suchte  und  fand  die  neue
Bewegungslinie  hinter  der  Marne.  Zwischen  Paris  und  Epinal  war  Raum
zum  Aufmarsch  für  Frankreichs  Streitkräfte  und  eine  Umfassung  ausgeschlossen.
  Neugegliedert,  reich  mit  Artillerie  versehen,  mitten  im  Gebiet
der  klassischen  Mansver-  und  Lbungsfelder  aufgestellt,  von  den  besten  Verbindungen
  und  Hilfsquellen  des  Landes  gespeist,  konnte  das  zwar  geschlagene,
aber  nicht  zerschlagene  französische  Heer  sich  zum  Entscheidungskampfe  stellen.
Unterdessen  vollendete  Daris  seine  Rüstung,  hielt  Verdun  stand  und  ersparte
  die  Wehrstellung  im  Osten  dort  die  Festlegung  von  Korps,  die  hinter
der  Marne  die  Entscheidung  bringen  konnten.

Da  -die  britische  Armee  am  meisten  gelitten  hatte  und  erst  in  einigen
Tagen  wieder  gefechtsfähig  sein  konnte,  wies  Generalissimus  Joffre  im
Einvernehmen  mit  Marschall  French  den  Briten  einen  Aufstellungsraum
südöstlich  von  Haris,  wo  sie  vor  dem  ersten  Anprall  sicher  waren  und  sich
neu  ordnen  und  die  in  St.  Nazaire  ausgeladenen  Verskärkungen  an  sich  ziehen
konnten.  Die  französische  Heeresleitung  hatte  nicht  auf  den  Plan  verzichtet,
        <pb n="189" />
        Der  deutsche  Vormarsch  auf  Paris  173

dem  Gegner  das  Gesetz  aufzuerlegen,  nachdem  der  schwächliche  Versuch
einer  Umfassung  bei  Combles  gescheitert  war.  Die  Wiederaufnahme  der
Offensive  war  aufgeschoben,  nicht  aufgehoben  worden.  Der  strategische
Grundgedanke  des  Planes,  den  Verfolger  zu  umfassen,  erlitt  freilich  eine
gewisse  Beeinträchtigung,  da  man  nun  der  inzwischen  auf  100000  Mann
angewachsenen  Armee  Maunoury  den  Schug  der  Pariser  Lagerfestung  anvertrauen
  mußte,  vor  der  sie  sich  am  2.  September  Front  nach  Norden  aufbaute.
  Die  Bewegungsfreiheit  Maunourys  wurde  dadurch  an  eine  Grund.
siellung  geknüpft,  von  der  er  sich  nicht  zu  weit  entfernen  durfte.  Wichtiger
war  indes,  daß  die  ganze  Schlachtlinie  durch  die  Verankerung  zwischen  der
Maaslinie  und  Daris  eine  große  Stärke  erhielt  und  in  keinem  Fall  mehr
umfaßt  werden  konnte.  Ein  WVersuch  der  Deutschen,  in  einem  Flankenmarsch
wesllich  von  Paris  über  die  Seine  zu  gehen,  war  von  vornherein  aussichtslos.
Hierauf  baute  die  französische  Heeresleitung.  Und  dennoch  sind  Zweifel
gestattet,  ob  Joffre  unter  allen  Umständen  bereit  war,  südlich  der  Marne
oder  an  der  Seine  die  Entscheidungsschlacht  anzunehmen.  Jedenfalls  hielt
er  sich  die  Möglichkeit  offen,  noch  weiter  nach  Süden  auszuweichen,  um
Frankreichs  Feldheer  nicht  einer  Katastrophe  auszusezen.  Die  Kapitulationen
von  Meh  und  Sedan  brannten  seit  vierundvierzig  Jahren  unauslöschlich  in
der  Erinnerung  der  französischen  Strategen.  Sicher  aber  ist,  daß  in  den
letzten  August-  und  ersten  Septembertagen  des  Jahres  1914  das  französische
Volk  zum  äußersten  entschlossen  war,  nachdem  es  den  panischen  Schrecken
Überwunden  hatte,  der  von  dem  Zusammenbruch  an  der  Sambre  und  Oise
ausgegangen  war.  Erst  damals  ist  der  Krieg  voll  in  den  Willen  der  französischen
  Nation  ausgenommen  worden.  Als  der  Feind  auf  Daris  rückte
und  das  Waterland  in  Gefahr  erklärt  wurde,  sind  alle  schlummernden
Energien  entfesselt  worden.

Der  deutsche  Vormarsch  auf  Paris

Während  sich  diese  Wandlungen  vollzogen,  stürmten  die  deutschen  Armeen
weiter  auf  der  Siegesbahn  und  gewannen,  beiß  von  Schlachten,  gehoben
von  Erfolgen,  die  Aisne  und  die  Straßen  von  DParis.  Am  30.  August
hatte  der  lechte  Engländer  Compiegne  verlassen.  Die  bricische  Armee  wich
nicht  nach  Südwesten,  sondern  nach  Südosten  aus  und  überließ  zwei  fran.
zösischen  Landwehrregimentern  und  einer  Depotschwadron  die  Sicherung
des  Rückzuges.  Am  Tage  darauf  ritten  deutsche  Dragoner  durch  Monedidier.
Am  1.  September  erschien  Kluck  mit  seinem  Stabschef  Kuhl  im  Schlosse
zu  Compiegne.

Im  Wald  von  Compiegne  fanden  um  die  Monatswende  mur  noch
Kämpfe  der  Reiterei  Klucks  mit  englischen  Nachzüglern  und  Hariser  Deckungs-
        <pb n="190" />
        174  ODer  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

truppen  statt,  dann  verschwand  der  Feind  nach  Süden,  indem  er  alle  Brücken
sprengte  und  sich  der  Berührung  entzog.  Ihn  aufzuhalten  und  abzudrängen
war  troß  dem  opferwilligen  Vorgehen  der  Heereskavallerie  nicht  gelungen,
die  in  diesen  Waldgefechten  beträchtliche  Berluste  erlitten  hat  und  ihre
Gäule  kaum  noch  vom  Fleck  brachte.  Die  1.  Armee  folgte  in  Gewaltmärschen,
aber  sie  machte  die  Erfahrung,  daß  ein  geschlagener,  auf  seinen  Rückzugs.
linien  abflutender  Feind  im  Zeitalter  der  Kraftwagen  und  Eisenbahnen  nicht
eingeholt  werden  kann.

Nur  zweimal  noch  gelang  es,  englisch-französische  Nachhuten  zum
Kampf  zu  stellen.  Am  1.  September  griffen  Klucks  Aeiter  einige  Bataillone
an,  die  die  Oisellbergänge  bei  Verberie  verteidigten.  Die  Franzosen  brachten
alsbald  stärkere  Kräfte  ins  Gefecht,  darunter  eine  neugebildete  Kavallerie.
division,  und  hielten  es  bis  in  die  Abendstunden  des  2.  September  aufrecht.
Damn  scheuchte  sie  das  wandernde  Gespenst  der  Amfassung  nach  Süden.
Die  Umfassung  war  über  Nery  angesetzt  worden,  wo  die  Engländer  die
rechte  Flanke  der  Stellung  von  Berberie  hüteten.  Sie  taten  es  trog  der
kritischen  Lage  so  lässig,  daß  sie  nicht  einmal  für  Sicherung  sorgten,  als  sie
sich  am  Abend  des  31.  August  zum  Schlafen  legten.  Sie  glaubten  mit  der
Sprengung  der  Oisebrücke  alles  getan.

Ein  Bauer,  der  nachts  auf  ungesatteltem  Gaul  die  Nachricht  bringt,
daß  der  Wald  von  Compiegne  schwarz  von  Deuctschen  sei,  wird  verlacht.
Um  halb  6  Uhr  früh,  als  die  Morgennebel  sich  im  Flußtal  lockern,  schlägt  die
erste  deutsche  Granate  in  das  englische  Feldlager.  Husaren,  Gardedragoner
und  eine  Batterie,  ein  Dutzend  Schwadronen  und  6  Geschücte  werden  voll.
ständig  überrascht,  ermannen  sich  aber  bald  und  nehmen  den  Kampf  auf.
Halbnackt  gehen  die  Briten  ins  Feuer,  das  sie  zerreißt.  Eine  deutsche  Batterie
hat  den  Uberfall  ausgeführt  und  auf  800  Meter  Enrfernung  abgeprog#t.
In  verzweifeltem  Ansturm  gelangen  die  Engländer,  von  Oberst  Anselt,  dem
Fübhrer  des  5.  Gardedragonerregiments  angeführt,  in  die  Batterie,  müssen
aber  bald  zurück  und  enteilen  gegen  Mittag  nach  Süden.  Sie  haben  ihre
Geschüße,  ihre  Pferde,  alle  Offiziere  bis  auf  einen  und  viele  Leute
verloren.

Das  lezte  Rückzugsgefecht  fand  bei  Senlis  statt,  bestand  jedoch  nur  in
einem  Artilleriekampf.  Er  hielt  vom  Vormittag  des  2.  September  bis  zum
Abend  an  und  deckte  den  Abzug  der  Franzosen,  deren  farbige  Hilfsvölker
noch  in  den  Wäldern  scharmüctelten,  bis  das  leczte  Bataillon  außer  Sicht
gekommen  war  und  die  Berührung  sich  gelöst  hatte.

Auch  die  2.  deutsche  Armee  traf  nach  der  Schlacht  bei  St.  Quentin  und
dem  Treffen  von  Etreux  nicht  mehr  auf  Widerstand  versammelter  Kräfte.
Laon  fiel  ohne  Kampf,  die  Ubergänge  über  die  Aisne  waren  kaum  verteidigt.

Die  Reiterei  der  3.  Armee,  die  am  rechten  Flügel  focht,  überschritt  die
Vesle  und  erfuhr  von  Landeseinwohnern,  daß  auch  die  alte  Hauptfeste  der
        <pb n="191" />
        Der  deutsche  Vormarsch  auf  Paris  175

zweiten  Linie,  das  stolze  Reims,  vom  Feinde  aufgegeben  sei.  Eine  Husarenstreifwache
  fand  das  Fort  Vitry  nordwestlich  der  Stadt  verlassen,  preschte  durch  geräumte
  Verteidigungsstellungen  und  wagte  sich  am  Abend  des  3.  September  in
die  Stadt.  Der  Patrouille  folgte  die  Brigade  Suckow,  die  im  Vollmondschein
die  schweigende  Ebene  durchritt  und  Werke  und  Batterien  leer,  die  Geschütze
abgefahren  oder  zerstört,  die  Schießvorräte  beseitigt  fand.  Vor  ihr  lag  die
dunkle  Masse  der  Stadt,  aus  der  sich  die  stumpfen  Türme  der  mächtigen
Kathedrale  reckten.  Suckow  zog  die  gefährdete  Patrouille  wieder  an  sich  und
forderte  die  Stadt  am  4.  September  zur  Lbergabe  auf.  Da  diese  verzögert
wurde,  belegte  eine  vorgezogene  Batterie  Reims  mit  einigen  Granaten,  worauf
am  Nordturm  des  Münsters  die  weiße  Fahne  erschien.  Leicht,  zu  leicht  war
dieser  Siegespreis  gepflückt,  den  die  französische  Armee  dem  Feinde  kampflos
lberließ

In  derselben  Nacht,  in  welcher  die  deutschen  Reiter  die  alte  Krönungs.
stadt  vor  sich  erblickten,  verließ  die  französische  Regierung  in  aller  Stille
Paris  und  begab  sich  nach  Bordeaux.  Im  verschanzten  Lager  ergriff  der
Bezwinger  der  Madagassen,  General  Gallieni,  als  Gouverneur  mit  fester
Hand  die  Zügel  und  begann  den  Dlatz  in  Werteidigungszustand  zu  setzen
und  Truppen  davor  zu  sammeln.

Die  3.  deutsche  Armee  seyzte  inzwischen  den  Vormarsch  von  Xethel  auf
Cbälons  fort.  Nach  einer  letzten  Begegnung  bei  Cuperley  wichen  die  Franzosen
  vor  ihrer  Front  nach  Süden  aus  und  verloren  sich  in  der  Richtung
auf  Vitry-le-Frangois.  Auch  Chälons  fiel  ohne  Kampf.  „Weit  und  breit
frei  vom  Feind,"  meldeten  die  Sachsenreiter  nach  Chälons  zurück  und  trabten
über  Viery  hinaus,  wohin  sie  Befehle  wiesen,  die  sie  gern  an  solche  mit  der
Richtunggabe  Paris  vertauscht  hätten.

Die  4.  deutsche  Armee  stieß  unterdessen  am  Westhang  der  Argonnen
entlang  auf  St.  Menehould  vor  und  rückte  östlich  anschließend  auf  Witry
und  Revigny.  Von  ihr  wich  der  Gegner  langsamer  und  löste  die  Berührung
nicht  vollständig.

Die  5.  Armee  fand  immer  noch  harte  Arbeit.  Sie  kämpfte  sich  mühsam
in  den  Argonnen  und  im  Airetal  nach  Süden  in  der  Richtung  auf  Barele.-Duc
weiter  und  wurde  im  Vormarsch  stark  gehindert,  da  die  Ausfälle  aus  Verdun
und  die  auf  den  Maashöhen  gestaffelten  französischen  Kräfte  die  Abgabe
starker  Deckungstruppen  erforderten.

Während  diese  fünf  deutschen  Armeen  in  Sonnenbrand  und  Nacht.
schwüle  vorwärts  strebten,  dem  Feinde  nach,  der  sich  ihrem  Griff  und  der
leczten  tödlichen  Amarmung  immer  wieder  entzog  und  seit  dem  30.  August
nicht  mehr  zu  fassen  war,  standen  die  6.  und  7.  Armee  vor  der  französischen
Ostfront  im  Stellungskampf  festgebannt.

Die  6.  Armee  mühte  sich  immer  noch,  zwischen  Verdun  und  Epinal  eine
Lücke  in  den  Gürtel  der  Sperrforts  auf  den  Höhen  der  „Cöte  Lorraine“  zu
        <pb n="192" />
        176  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

brechen,  die  mächtige  Stellung  am  Mont  Couronné  bei  Nancy  zu  erschüttern
und  gegen  Charmes  und  Revigny  Raum  zu  gewinnen.

Oie  7.  Armee  lag  im  Cal  der  Meurthe,  zwischen  Meurthe  und  Mortagne
und  auf  den  westlichen  Höhen  von  St.  Dié  gegen  Epinal  in  entsagungsvollem
Kampf,  in  den  die  Hochgewitter  der  Vogesen  ihre  rollenden  Donner  warfen.

Im  Oberelsaß  und  an  der  Burgunderpforte  auf  dem  äußersten  Ilügel
knallten  verlorene  Schüsse  und  rauften  schwache  Deckungstruppen,  um  sich
gegenseitig  in  Atem  zu  halten  und  über  ihre  Absichten  und  Stärke  zu  täuschen.

Schwere  Artillerie  führte  an  der  ganzen  Vogesen,  und  Maasfrone
das  Wort.  Konnte  man  die  französische  Festungslinie  nicht  erstürrmen  und
durchbrechen,  so  rechnete  man  doch  darauf,  die  1.  und  2.  französische  Armee
im  Kampf  mit  der  Stirn  nach  Osten  festzuhalten,  bis  vor  Paris  die  Entscheidung
  gefallen  war,  und  fesselte  dadurch  starke  eigene  Kräfte.

Die  Schlacht  an  der  Marne

Am  1.  September  hatte  der  gewaltige  Angriffsfeldzug,  der  Deutschlands
Waffen  in  drei  Wochen  vom  Rhein  an  die  Maas  und  über  die  Aisne  führte,
den  Gipfelpunke  überschritten.  Als  erstes  Anzeichen  strategischen  Abstieges
war  das  Gefeche  bei  Combles  zu  betrachten,  denn  hier  mußte  der  Versuch
einer  Amfassung  durch  Abwehr  in  exzentrischer  Richrung  abgeschlagen  werden.
Das  zweite  Anzeichen  war  die  planmäßige  Zurücknahme  der  französischen
Armeen,  die  am  31.  August  bemerkbar  geworden  war.

Die  französischen  Nordarmeen  befanden  sich  in  allgemeinem  Abzug
über  die  Marne  und  den  Ornain.  Dem  Flieger  von  Stenay,  der  am  1.  September
  den  Eisenbahnverkehr  auf  der  Argonnenbahn  beobachtete,  war  ein
slüchtiger  Einblick  in  diesen  geregelten,  zum  großen  Teil  mit  den  Eisenbahnen
  vollzogenen  strategischen  Rückzug  in  eine  unbekannte  Grundstellung
vergönnt  worden.

Die  Neugliederung  des  französischen  Heeres

Irgendwo  im  Süden  bauten  sich  die  freigewordenen  französischen  Sereitkräfte
  neu  auf.  Eine  gewaltige  Neugliederung  und  Verstärkung  war  im
Gang,  ununterbrochen  rollten  auf  den  Radial,  und  Nochadelinien  Züge
und  Kraftwagen  mit  Truppen  und  Kriegsbedarf  von  Lyon,  Bordeaur,
St.  Nazaire,  von  Besangon  und  Belfort  nach  Troyes  und  Paris.

Hier  sammelte  General  Joffre  seine  Armeen  zunächst  in  der  allgemeinen
Linie  Bray-.  sur-  Seine—Nogent—Arcis-  sur-Aube—MBiery-le.  Frangois—
        <pb n="193" />
        Die  Neugliederung  des  französischen  Heeres  177

Bar-le-Due.  Er  selbst  beherrschte  von  seinem  zentral  gelegenen  Hauptquartier
Bar-·  sur·  Aube  das  ganze  strategische  Feld.

Am  rechten  Flügel  der  Nordarmeen  stand  die  3.  Armee,  die  in  General
Sarrail  einen  neuen  Führer  erhalten  hatte  und  sich  noch  mit  Nachhuten
nördlich  des  Rhein=  Marne-Kanals  schlug,  ohne  die  Anlehnung  an  Verdun
aufzugeben.

Sarrail  vereinigte  am  3.  September  drei  Oinienkorps,  drei  Reservedivisionen
  und  eine  Kavalleriedivision  unter  seinem  Befehl.  Die  3.  Armce
bestand  aus  dem  IV.,  V.  und  VI.  Korps,  der  65.,  67.  und  75.  Reserve.
division  und  der  7.  Kavalleriedivision.  Dem  VI.  Korps  fehlte  die  42.  Division,
dafür  war  ihm  eine  Brigade  der  54.  Division  zugeteilt  worden.  Die  42.  Division
  wurde  von  Joffre  in  Anspruch  genommen,  um  die  neugebildete  Mittelarmee
  zwischen  de  Langle  de  Carys  4.  und  Lanrezacs  5.  Armce  zu  verstärken.

Oinks  von  der  3.  Armee  baute  sich  die  4.  Armee  de  Langles  auf,  die  sich
kämpfend  auf  den  Ornain  zurückgezogen  hatte.  Sie  umfaßte  das  II.,  XII.,
XVII.  und  das  Kolonialkorps.

Zwischen  de  Langle  und  der  5.  Armee  erschien  eine  neue  große  Kampf.
gruppe.  Hier  ballten  sich  in  der  Mitte  der  Schlachtordnung  um  die  ODivisionen,
  die  schon  an  der  Bence  und  bei  Retbel  gefochten  hatten,  bedeutende
Verstärkungen  und  traten  als  neugebildete  9.  Armee  unter  den  Befehl  des
Generals  Foch,  der  seine  Truppen  im  Naume  Witry-le-Frangçois—Sétzanne
versammelte.  Die  9.  Armee  umfaßte  das  IX.  und  XI.  Korps,  die  42.  Division,
  die  stark  ausgebaute  marokkanische  Division,  die  52.  und  60.  Reservedivision
  und  die  9.  Kavalleriedivision.

Zur  linken  Hand  Fochs  ordnete  sich  die  schwergeprüfee  5.  Armee,  deren
Führung  von  Lanrezac  an  General  Franchet  d’'Esperey  übergegangen
war.  Auch  sie  war  frisch  aufgefüllt  und  umfaßte  nun  das  I.,  III.,  X.  und
XVIII.  Korps,  die  51.,  53.  und  69.  Reservedivision  und  die  4.,  8.  und  10.  Kavalleriedivision
  nebst  einer  Brigade  der  2.  Kavalleriedivision.

Diese  mächtige  Kampfgruppe  bildete  scheinbar  den  linken  Flügel  einer
einheitlich  aufgebauten  Schlachtordnung.  In  Wirklichkeit  aber  standen  unter
den  Mauern  von  Paris  noch  eine  starke  sranzösische  und  die  wieder  in  Gestalt
geschossene  englische  Armee.  Die  Engländer  hatten  sich  am  3.  September
drei  Korps  stark  am  Walde  von  Crecy,  südwesllich  von  Coulommiers,  geordnet
und  im  Schlagschatten  der  Pariser  Landessestung  vor  den  Blicken  der  Ver.
folger  verborgen.

Im  befestigten  Lager  von  Paris  besaß  General  Gallieni  noch  zwei
bis  drei  Divisionen  zur  freien  Verfügung,  die  mit  der  Besatzung  die  8.  französische
  Armee  bildeten.

Nördlich  von  Paris  stand  die  Armee  Maunoury,  die  sich  dem  Feinde
bei  Combles  entzogen  hatte  und  über  Amiens  nach  Süden  ausgewichen  war.
Sie  beskand  am  3.  September  bereits  aus  ungefähr  100000  Mann,  umfaßte

Stegemanns  Geschichte  des  Krieges.  I.  12
        <pb n="194" />
        178  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

das  VII.  Korps,  die  45.  Liniendivision,  die  55.  und  56.  Reservedivision  und
drei  Kavalleriedivisionen  und  trat  als  6.  Armee  an  den  äupersten  linken
Flügel  der  englisch-französischen  Front.  Die  Engländer  waren  also  endlich
vom  Enescheidungsflügel  weggenommen  und  gewissermaßen  ins  zweite
Treffen  verwiesen  worden.

Obwohl  diese  Armeen  schon  am  4.  September  vom  Feinde  gelöst  und
zu  gemeinsamem  Handeln  fähig  waren,  zögerte  der  französische  Feldherr
noch,  den  Befehl  zur  Annahme  der  Schlacht  zu  geben.  Er  kannte  das  Wagnis,
das  damit  verbunden  war,  und  dachte  daran,  das  Becken  der  Marne  voll.
ständig  preiszugeben,  um  über  die  Seine  und,  wenn  es  sein  mußte,  bis  zu  der
Hochfläche  von  Langres  und  den  Morvanbergen  zurückzugehen.  Bielleicht
war  das  sogar  der  Lieblingsgedanke  dieses  vorsichtig  wägenden  Mannes,
der  so  viele  Züge  mit  Marschall  Daun,  dem  größten  Gegner  Friedrichs  des
Großen,  gemein  hat.  Ein  Rückzug  in  eine  Reduitstellung  hatte  viel  Verlockendes,
  und  wie  es  scheint,  ist  damals  sogar  erwogen  worden,  Verdun
sich  selbst  zu  überlassen  und  auch  die  2.  und  1.  Armee  zurückzunehmen,  um
die  Deueschen  zwischen  Paris  und  den  Morvanbergen  einzuklemmen  und
zu  einer  Schlacht  mit  verwandter  Front  zu  zwingen  oder  zu  fesseln,  bis  sich
die  Flankenbedrohung  des  von  seiner  Grundstellung  abgerissenen  Heere
von  Daris  her  erdrückend  geltend  machte.  Den  englischen  Interessen  diente
dieser  Plan  freilich  mitnichten,  und  England  wies  daher  vermutlich  nachdrüücklich
  darauf  hin,  daß  man  vor  einer  solchen  Retirade  noch  einmal
schlagen  müsse.

Oa  vollführte  die  deutsche  Flügelarmee  plößlich  eine  Bewegung,  die  allen
Zweifeln  ein  Ende  bereitete,  Joffre  zum  Kampfe  einlud  und  ihm  die  lang
gesuchte  strategische  Aberlegenheit  in  die  Hand  Suielte.  Eine  Neubildung
der  Lage  kündigte  sich  an.

Joffres  Entschluß  zu  schlagen

Am  4.  September  erhielt  der  französische  Feldherr  die  Meldung,  daß
die  1.  deutsche  Armee  südlich  von  Crépy  nach  Südosten  abschwenke  und
ARichtung  auf  den  Ourcq  und  La  Ferté-sous-Jouarre  nehme,  also  am  Befestigungs
  gürtel  von  Paris  vorüberziehe  und  die  Hauptstadt  rechts  liegen
lasse.  Gleichzeitig  kraf  im  französischen  Hauptquartier  der  Bericht  vom
Vordringen  der  2.  Armee  auf  Monmirail  ein.  «

Von  der  3.  Armee  wußte  man  im  französischen  Hauptquartier,  daß
sie  noch  im  Raume  Chãlons  hing,  mit  der  4.  und  5.  Armee  waren  noch
Kämpfe  im  Gang,  die  der  französischen  Heeresleitung  keine  Besorgnis
einflößten,  da  ihr  genügend  Kräfte  zur  Verfügung  standen,  flankierend  zu
wirken.  Die  Schwenkung  Klucks,  der  sich  von  selbst  einwärts  wandte  und
        <pb n="195" />
        Joffres  Entschluß  zu  schlagen  179

dadurch  der  englisch-französischen  Armee  die  Uberlegenheit  in  der  Grundstellung
  sicherte,  stieß  dem  französischen  Heerführer  den  Entschluß,  zu  schlagen,
in  die  Hand.  Er  hielt  ihn  fest.

Die  1.  deutsche  Armee  war  nicht  mu  bewußt  an  Poris,  sondern  unbewußt
auch  an  der  Armee  Maunoury  vorbeigezogen,  die  im  Raume  südlich  des
Waldes  von  Ermenonville  in  der  Linie  Dammartin-en--Gokle—Louvre  mit
der  Front  nach  Norden  aufmarschiert  stand  und  zur  Deckung  der  Hauptstadt
bestimmt  war.  Klucks  rechte  Flanke  schien  daher  nach  der  Schwenkung  offen
zu  liegen  und  jedem  Einbruch  preisgegeben,  überschritten  doch  die  deutschen
Neiter  schon  den  Ourcq,  die  Marne  und  den  Grand  Morin  und  erschienen
auf  der  Straße  nach  Provins.

Daraufhin  erließ  General  Joffre  am  Abend  des  4.  September  in  rascher
Erfassung  des  Augenblicks  den  Befehl  zum  Angriff  auf  den  rechten  Flügel
der  deutschen  Armeen  und  zur  Kehrtwendung  seines  eigenen  Zentrums,  um
die  Entscheidungsschlacht  im  Marnebecken  zu  liefern.  Damit  wurde  der  Gedanke,
  der  am  25.  August  aufgeblitzt  war,  in  die  Tat  umgesetzt,  nachdem  ein
erster  Versuch,  umfassend  zu  wirken,  bei  Combles  mit  einem  Mißerfolg  geendet
  hatte.

ODen  Grundgedanken  des  Unternehmens  faßte  der  französische  General.
befehl  in  die  Worte:  „Es  scheint  angebracht,  aus  der  gefährlichen  Lage  der
1.  deutschen  Armee  WVorteil  zu  ziehen  und  auf  sie  die  Anstrengungen  der
verbündeten  Armeen  auf  dem  linken  Flügel  zu  richten.  Die  nstigen  Vorkehrungen
  zum  Angriff  sind  am  5.  September  zu  treffen,  der  Angriff  hat  am
6.  September  zu  beginnen.“

Auch  die  allgemeine  Gefsechtsstellung  zur  Entscheidungsschlacht  schrieb
General  Joffre  bereits  am  4.  September  vor.  Er  ließ  die  Armeen  von  Westen
nach  Osten  eine  Schlachtordnung  beziehen,  die  den  Gegner  wie  ein  aufgespanntes
  Ne  umfing.  Die  6.  Armee  Maunoury  wurde  angewiesen,  alle  verfügbaren
  Kräfee  nordsstlich  von  Meaux  bereitzustellen,  um  den  Unterlauf  des
Ourcaqzwischen  Lizy,  umweit  der  Mündung  in  die  Marne,  und  May-en-Multien
in  der  Richtung  auf  Chäteau-CThierry  zu  überschreiten.  Das  I.  Kavalleriekorps
deckte  die  Bewegung  auf  dem  äußersten  linken  Flügel  nach  Norden.

Der  südöstlich  von  Paris  lagernden  britcischen  Armee  wurde  die  Front
Changis—Coulommiers  zugewiesen  und  Montmirail  als  Zielpunkt  gegeben,
auch  sie  griff  also  in  westöstlicher  Richtung,  und  zwar  rechts  von  Maunoury,  an.

Die  5.  französische  Armee  stellte  sich  auf  der  Linie  Courtacon—Esternay—
Sézamne  auf,  stand  also  mit  dem  linken  Flügel  nördlich  Provins  am  Aubetin,
knapp  10  Kilometer  von  LDa  Ferté-Gaucher,  mit  der  Mitte  am  Grand
Morin  um  den  Brückenkopf  von  Esternay  und  mit  dem  rechten  Flügel  nördlich
des  Grand  Morin.  Sie  nahm  die  Front  nach  Norden.  Zwischen  Freuch
und  Franchet  d'Espérey  spannte  das  Kavallerickorps  Conncau  eine  Verbindung.
  In  den  rechten  Winkel  der  so  gebildeten  Aufstellung  der  englisch-
        <pb n="196" />
        180  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

französischen  Flügelgruppe  stieß  die  Armee  Kluck  wie  in  eine  aufgestellte
Falle.

Die  9.  Armee  des  Generals  Foch  stand  auf  der  Sézanner  Hochfläche
weiter  nördlich  vorgeschoben  am  rechten  Flügel  der  5.  Armee,  um  diese  gegen
einen  Angriff  von  Nordosken  zu  decken,  der  ohnehin  durch  die  vorgelagerte
Mulde  von  St.  Gond  mit  ihrem  Ried-  und  Sumpfboden  erschwerk  war.

Der  Beginn  des  allgemeinen  Angriffs  der  Kampfgruppe  Maunoury,
French,  Franchet  d'Esperey  und  Foch  war  auf  den  Morgen  des  6.  September
angeseßzt.

Am  5.  September  vervollständigte  die  französische  Heeresleitung  diese
Schlachtbefehle  durch  Anweisungen  an  die  rechts  stehende  4.  und  3.  Armee,
denen  sie  mitteilte,  daß  die  linke  Flügelgruppe  einen  Front-  und  Flankenangriff
auf  die  1.,  2.  und  3.  deutsche  Armee  unternehme.  Die  4.  Armee  wurde  daber
angewiesen,  ebenfalls  gegen  den  Feind  Front  zu  machen  und  seinen  Bormarsch
  nach  Süden  aufzuhalten,  indem  sie  von  ihrer  Grundlinie  wieder  in
nördlicher  Richtung  über  die  Marne  vorging.  Die  3.  Armee  erhielt  die
Weisung,  sich  gegen  Nordosten  zu  decken  und  aus  dem  Raum  Verdun  mit
der  Front  nach  Westen  auf  Revigny  vorzustoßen.  Dadurch  gerieten  die
4.  und  5.  deutsche  Armee,  die  westlich  der  Argonnen  den  Ornain  und  im
Airetal  die  Gegend  von  Vaubecourt  erreicht  hatten,  in  eine  gefährliche
Lage.  Sie  wurden  zugleich  an  den  Hörnern  und  in  der  linken  Flanke  gefaßt.
Auchrreifte  eine  Umfassung,  falls  es  Verdun  gelang,  den  Feind  in  der  Woevre
zu  bannen.

Joffres  Grundgedanke,  das  Geseß  des  Handelns  wieder  an  sich  zu  reißen,
batte  in  dem  glücklichen  Enkwurf  dieses  großangelegten  Angriffsplanes
unversehens  Gestalt  gewonnen.  Die  deutschen  Armeen  sahen  sich  plöglich
von  einer  doppelten  Umfassung  bedroht,  die  am  stärksten  auf  dem  rechten
Flügel  zum  Ausdruck  kam,  wo  die  1.  Armee  von  der  Armee  Maunoury  im
Rücken,  von  der  Armee  French  in  der  Flanke  und  von  dem  linken  Flägel
der  Armee  Franchet  d’'Espérey  in  der  Front  angegriffen  werden  sollte,
während  der  rechte  Flügel  der  Armee  Franchet  d'Esprey  gegen  die  2.  deutsche
Armee  antrat,  die  zugleich  von  der  Armee  Foch  bedroht  wurde  und  überdies
Gefahr  lief,  durch  den  Anprall  der  umfaßten  und  geschlagenen  Armee  Kluck
mitgerissen  und  nach  Osten  in  das  Becken  des  Petit  Morin  geworfen  zu
werden.  Die  3.  deutsche  Armee,  die  ohnehin  noch  zurückhing,  wurde  durch  den
rechten  Flügel  der  starken,  vorzüglich  aufgestellten  Armee  Foch  am  Eingreifen
verhindert  und  die  4.  deutsche  Armee  von  der  Armee  de  Langle  de  Cary  in
der  Front  angegriffen,  während  Sarrail  der  5.  Armee  gegenübertrat  und
dieser  zugleich  von  der  Maaslinie  aus  in  die  linke  Flanke  fiel.  Also  war  auch
von  Osten  eine  Bewegung  eingeleitet,  die  das  deutsche  Heer  in  das  Marnebecken
  warf,  wo  die  geschlagenen  Armeen  den  Untergang  finden  sollten.
Gegen  Angriffe  von  Meh  her  hatte  sich  der  französische  Feldberr  durch  das
        <pb n="197" />
        Die  strategische  Lage  am  5.  September  181

der  3.  Armee  vorgeschriebene  Deckungsmanöver  hinlänglich  gesichert.  Zwischen
Nancy  und  Belfort  standen  Castelnau  und  Dubail  unerschüttert  in  ihren
sturmfreien  Dauerstellungen.  Sie  waren  durch  die  inneren  Linien  unmitkelbar
mit  der  Marnefront  verbunden  und  somit  dem  Feldherrn  zur  Abgabe  von
Teilkräften  ohne  weiteres  zur  Hand  gestellt.  Die  Schlacht  konnte  beginnen.

Oie  strategische  Lage  am  5.  September

Oer  5.  September  stieg  herauf.  Heiße  Sonne  lag  auf  den  Gehölzen
und  Mulden  des  Marnebeckens,  durch  die  sich  die  deutschen  Armeen  nach
Süden  bewegten.  Sie  blieben  in  ungestürmem  Vormarsch.  Die  Armee  Kluck
war,  wie  immer,  am  marschierenden  Flügel  voraus,  suchte  aber  den  Feind
in  der  Richtung  Südosten  noch  vor  sich,  der  schon  in  ihrem  Rücken  von
Norden  nach  Osten  schwenkte,  um  in  der  Frühe  des  6.  September  den  Angriff
auf  die  Ourcqlinie  zu  eröffnen.

Generalissimus  Joffre  glaubte  den  Feind  in  seine  Hand  gegeben,  denn
mun  war  aus  dem  „mouvement  tournant“  der  deutschen  Flügelarmee  ein
„mouvement  tourné“  geworden.“)  Statt  zu  umfassen,  war  sie  umfaßt.  Brach
sich  der  deutsche  Seirnangriff  an  den  Stellungen  der  Armeen  de  Langle  de
Cary,  Foch  und  Franchet  d'Esperey,  so  konnte  sich  das  Verhängnis  auf  der
ganzen  Linie  erfüllen,  das  am  rechten  deutschen  Flügel  jest  schon  unabwendbar
  erschien.  Ein  Kannä  dämmerte  herauf.  Und  doch  drohte  der  französischen
  Armee  gerade  aus  ihrer  konkaven  Front  eine  gewisse  Gefahr  in  der
Mitte  ihrer  Aufstellung,  denn  die  Wucht  des  deutschen  Angriffs  mußte  um
so  größer  werden,  je  mehr  er  sich  gegen  die  Mitte  zusammenzog.  Es  lam
also  alles  darauf  an,  daß  die  französische  Front  zwischen  Skzanne  und  Barle-Duc
  nicht  durchbrochen  und  gesprengt  wurde,  bis  auf  den  Glügeln,  zumal
auf  dem  deutschen  rechten  Flügel,  die  Entscheidung  zugunsten  der  Franzosen
gefallen  war.

Die  oberste  deutsche  Heeresleitung  hatte  am  4.  September  offenbar  noch
leine  Kenntnis  von  der  Aufstellung  einer  neuen  französischen  Armee  im
Nordostabschnitt  des  Pariser  Lagers  und  von  der  Gereitschaft  des  englischen

 

 

*)  Die  kühne  französische  Wortbildung  ist  belegt.  Oberst  Secrelan  erstattet
darüber  in  seinem  Werke  .  L'armée  de  IEN‘  (Attinger,  Neuschätel  1894.  S.  293)
Beriche,  indem  er  Aussagen  des  Generals  Pallu  de  la  Barrière  und  des  Generals
Billot  aus  dem  Drozeß  Bourbaki  verwertek.  Danach  hat  General  Bourbali  am
17.  Jarmar,  als  die  Schlacht  an  der  Lisaine  für  die  Franzosen  verloren  ging,  den  zur
Umfaslung  des  rechten  Flügels  der  Armee  Werders  vorgeschickten,  aber  nicht  vom
Fleck  kommenden  General  Billot  zur  Rede  gestellt  uno  gefragt:  „Réussircz-  vous  ?“
Billot  antwortet:  Je  n'en  sais  rien.  ous  sommes  dans  une  situntion  difficile.  11
raudrait  miens  tourner  la  position.“  —  Bourbati:  „Aais  vous  faites  un  mouvement
#lournam!“  —  Billot:  Je  vous  demande  pardon,  mon  général;  je  fais  un  mouvement
tourné,  car  les  positions  ennemies  débordent  considérablement  mon  ailc  gauche.“
        <pb n="198" />
        182  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Heeres  südöstlich  von  Paris.  Nachdem  die  1.  Armee  und  die  Armeen
Bülow  und  Hausen  die  Fühlung  mit  dem  Feind  am  2.  September  verloren
hatten,  war  im  Großen  Haupétquartier  troh  der  Fliegererkundungen  vielleicht
Ungewißheit  über  die  Lage  und  die  Absichten  der  Franzosen  entstanden,  aber
niemand  konnte  im  Zweifel  sein,  daß  der  Stoß  aller  beweglichen  Kräfte  gegen
den  Schwerpunkt  des  Gegners  zu  richten  war.  Dieser  Schwerpunkt  wurde
nicht  in  der  französischen  Hauptstadt,  sondern  in  dem  sorglich  zusammen.
gehaltenen  Feldheer  gesucht,  das  troß  der  erlittenen  Niederlagen  seine  Handlungsfreiheit
  auf  den  rückwärtigen  Linien  bewahrt  hatte.  Solange  der  Angriffsstoß
  unter  günstigen  strategischen  Bedingungen  geführt  werden  konnte,
mußte  er  geflhrt  werden,  und  günstige  strategische  Bedingungen  lagen  vor,
solange  die  1.  Armee  noch  durch  Amfassung  wirkte.  Wie  aber,  wenn  sie  das
nicht  mehr  tat,  wenn  der  Festungsgürtel  von  Paris  sich  öffnele,  daraus  eine
neue,  in  ihrer  unbekannten  Zusammensehung  doppelt  zählende  Armee  ins
Feld  trat  und  in  die  strategische  Flanke  des  deutschen  Heeres  einbrach?
Auf  diese  Fragen  sollten  schon  die  nächsten  Stunden  Anewort  geben.

Die  Vorkämpfe  im  Marnebogen

Südlich  der  Marne  dehnt  sich  eine  bewegte  Hochfläche,  um  die  der  Fluß
einen  großen  Bogen  schlägt.  Es  ist  eine  fruchtbare  Gegend,  die  den  Zauber
der  sanften  französischen  Flußlandschaft  atmet.  Der  Kriegführung  erscheint
sie  als  ein  reichgegliedertes,  wechselvolles,  von  kleinen  Wasserläufen  durchzogenes,
  mit  Gehölzen  und  Sümpfen  bedecktes  Gelände.  Zwei  Nebenflüsse
der  Marne,  der  Grand  Morin  und  der  Petit  Morin,  schneiden  tief  in  das
Hügelland  und  streben  in  geschlängeltem  Lauf  nach  Westen.  Dörfer,  Höfe
und  Mühlen  liegen  zerstreut  in  den  Talmulden  und  auf  den  Hängen,  über
die  die  Keiegsgeschichte  schon  oft  hinweggeschritten  ist.  Hier  schlug  vor
hundert  Jahren  Napoleon  mit  seinem  zusammengeschmolzenen  Heere  die
leyten  glänzenden  Bewegungsschlachten  gegen  die  konzentrisch  anrückenden
Alliierten.  Champaubert,  Vauchamps,  Monemirail,  Chäceau  Thierry  und
Vertus  zeugen  von  dem  Winter-  und  Frühlingsfeldzug  des  Jahres  1814,  da
der  alternde  Schlachtenkaiser  noch  einmal  die  Armeekorps  wie  Bataillone  vorwärts
  und  rückwärts  schwenkte  und  das  strategische  Nec6  des  gegnerischen  Vormarsches
  zweimal  zerriß.

Das  Korn  lag  geschnitten  und  zum  Teil  noch  ungedroschen  und  ungeschichtet
  auf  den  Feldern,  als  die  Spitzenkorps  der  Armee  Kluck  am  5.  Sep
tember  1914  von  La  Ferté-sous-Jouarre  und  Changis  über  den  Grand  Morin
vorstießen.  Die  1.  Armee  geriet  dadurch  in  die  Lücke,  die  zwischen  der  Armee
French  und  der  §.  französischen  Armee  klaffte  und  nur  durch  Kavallerie  ausgefüllt
  war.  Es  lag  also  nahe,  anzunehmen,  daß  man  den  Gegner  noch  halb-
        <pb n="199" />
        Die  Vorkämpfe  im  Marnebogen  183

links  vor  sich  hatte  und  auf  seine  Flügelreiterei  gestoßen  war.  Traf  das  zu,
so  war  die  Armee  Kluck  noch  in  der  Unifassung  der  5.  Armee  begriffen,  die
ja  schon  bei  St.  Quentin  am  äußersien  linken  Flügel  gefochten  hatte.  Zu
dieser  Annahme  mochte  der  irrkümliche  Glaube  beitragen,  daß  die  englische
Armee  das  Feld  geräumt  habe.  In  Wirklichkeit  stand  sie  hinter  dem  Vorhang
  verborgen,  den  der  Wald  von  Crecy.en-Brie  vor  ihrer  Front  bildete;
sie  schickte  sich  eben  an,  mit  dem  rechten  Flügel  einzuschwenken  und  den
Anschluß  an  die  Armee  Franchet  d'Espêrey  zu  suchen,  als  Klucks  II.  Korps
in  die  Lücke  drang.

Generaloberst  v.  Kluck  hatte  seine  Armee  nicht  samt  und  sonders  nach
Süden  geleitet,  sondern  am  Ourcq  eine  starke  Nachhut  zur  Deckung  gegen
Paris  stehen  lassen.  Während  das  II.  Korps  rechts  und  das  IV.  Korps  links
geslaffelt  den  Vormarsch  auf  Provins  fortsehten,  war  das  IV.  Reservekorps
am  Ourcq  nach  Westen  abgeschwenkt  und  hatte  dort  am  5.  September  Stellung
bezogen,  um  einen  Ausfall  der  Pariser  Besatzung  —  an  mehr  dachte  man
wohl  kaum  —  abzuweisen  und  Flanke  und  Rücken  der  1.  Armee  und  des
Heeres  zu  sichern.  Das  1I.  und  IV.  Korps  und  die  auf  dem  linken  Flügel
marschierenden  Truppen  des  III.  und  IX.  Korps  blieben  im  Wormarsch.
Die  Pommern  erreichten  am  Abend  den  Saum  des  Waldes  von  Crécy
und  lagerten  westlich  von  Coulommiers  in  der  Linie  Celle—Farmoulier—
St.  Augustin.  Ostlich  von  Coulommiers  ging  das  IV.  Armeekorps  um
Amillis  zur  Ruhe  über.  Die  Reiter  des  Generalleutnants  v.  d.  Marwig
gelangten  auf  der  Straße  La  Ferté-Gaucher—DHrovins  bis  Courtacon.
Ihre  Spißen  plänkelten  schon  mit  französischer  Kavallerie,  die  hinter  dem
Wald  von  Jouy  auftauchte  und  wieder  verschwand.  Es  war  das  Ka.
vallerickorps  Conneau,  das  den  linken  Flügel  der  5.  Armee  deckte  und
zugleich  die  Berbindung  mit  der  immer  noch  weit  nach  Westen  hängenden
Armee  French  herstellen  sollte.

Das  III.  Armeekorps  sechte  die  Gewehre  am  späten  Abend  des  heißen
Tages  nach  langem  Marsch  südlich  des  Grand  Morin  und  reches  von  Esternay
zusammen.  Es  hatte  die  Linie  Cerneux—Courgivaux  erreicht  und  endlich
wieder  Fühlung  mit  französischen  Truppenkörpern  genommen.  Diese  standen
auf  den  waldigen  Höhen  wesllich  Sézanne  am  Südufer  des  Aubetin  zwischen
der  Seraße  Esternay—Provins  und  der  Straße  Sézanne—Nogent  auf.
marschiert.  Es  waren  die  vier  Armeekorps  der  Armce  Franuchet  d’Espérey,
die  hier  in  Stellung  gegangen  waren.  Im  Anschluß  an  das  III.  Armeekorps
erreichte  das  IX.  Armeekorps  die  Linie  Esternay—Neupvy  und  sicherte  hier
die  Ubergänge  des  Grand  Morin.

So  stand  die  1.  Armec  mit  vorgenommenem  linken  Flügel,  der  wissentlich
dicht  am  Feind  lagerte,  vor  den  umbuschten  Höhenrändern  des  Aubetin,  auf
denen  die  klare  Herbstnachtihre  seinen  Dünste  spann.  Der  Feind  war  festgestellt,
und  wenn  nicht  alles  täuschte,  willens  zu  schlagen.  Zwar  war  zwischen  dem
        <pb n="200" />
        184  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

zum  Flankenschug  zurückgelassenen  IV.  Reservearmeekorps  und  der  Masse
der  Armee  die  Entfernung  schon  auf  mehr  als  15  Kilometer  angewachsen,
doch  das  war  zu  ertragen,  da  das  II.  Korps  die  Verbindungslinie  Meaur—
Coulommiers  fest  in  der  Hand  hielt.  Es  schien  also  lein  Grund  vorhanden
zu  sein,  die  Vorbewegung  einzustellen,  die  am  6.  September  zur  ersehnten
Entscheidungsschlacht  führen  mußte.  Im  Süden  und  Südosten  wartete  der
Feind,  den  man  rasch  zu  fassen  hoffte:  Daß  er  im  Nordwesten  und  Südwesten
schon  seit  dem  4.  September  lauerte  und  nun  zur  Schlacht  nach  rechts  schwenkte,
daß  also  die  Leere  westlich  der  Straße  La  Fert-Gaucher—Provins  nur  eine
Lücke  zwischen  der  5.  französischen  Armee  und  der  englischen  Armee  war,
letztere  sogar  erst  die  innere  rechte  Flügelgruppe  der  beiden  mit  der  Fron:
nach  Osten  aufgestellten  Umfassungsarmeen  bildete,  entzog  sich  anscheinend
immer  noch  der  Kenntnis  der  deutschen  Armeeleitung.

Oa  schallte  am  Abend  des  5.  September,  also  am  Vorabend  der  erwarteten
  Schlacht,  plötlich  Gefecheslärm  in  der  rechten  Flanke  der  1.  Armee.
ODas  IV.  Reservearmeekorps,  das  auf  dem  rechten  Ufer  des  von  Norden  nach
Stüden  ziehenden  Ourcq  stand  und  die  Linie  Marcilly—Penchard  besetzt
hatte,  war  zwischen  Meaux  und  Nanteuil  von  Westen  her  angefallen  worden.
Die  Armee  Maunoury  hatee  die  Schwenkung  um  ihren  rechten  Flügel
ausgeführt,  auf  dem  drei  Reservedivisionen  unter  Lamaze  fochten,  während
der  schwenkende  Flügel  vom  VII.  Korps  gebildet  wurde,  das  kämpfend
über  Louvres  auf  Bouillancy  vorrückte.  Die  Gefechte  erfaßten  schon  in  der
Nacht  auf  den  6.  September  das  ganze  IV.  Reservekorps  und  deuteten
auf  stark  überlegene  Kräfte,  deren  erster  Angriff  aber  so  scharf  abgewiesen
wurde,  daß  Lamaze  auf  seine  Ausgaongsstellungen  zurückgeworfen  wurde.

Der  nächste  Morgen  brachte  mit  der  Sonne  des  ersten  Schlachttages
strategische  Klarbeit.  Es  handelte  sich  nicht  um  einen  Ausfall  der  Pariser
Deckungstruppen,  sondern  eine  unbekannte  Armee  war  gegen  den  Ourcq
und  das  vereinzelte  IV.  Reservearmeekorps  im  Anmarsch.  Schon  waren
drei  Reservedivisionen  gegen  seinen  linken  und  das  VII.  Korps  gegen  seinen
rechten  Glügel  in  den  Kampf  gerreten.  Die  HLage  war  mit  einem  Schlag  ins
Gegenteil  verkehrt.  Ehe  sich  diese  UAmkehrung  geltend  machte,  geriet  das  an
der  rechten  Spitze  marschierende  II.  Armeekorps  an  englische  Kräfte,  die
überraschend  aus  dem  Walde  von  Crécy  heraustraten,  um  die  Pommern
ebenfalls  in  der  Flanke  zu  fassen.  Joffres  Spiel  hatte  begonnen.

Die  6.  französische  Armee  schrite  nach  den  Borabendgefechten  am  Morgen
des  6.  September  auf  der  ganzen  Linie  zu  schwungvollem  Angriff  und  suchte
das  deutsche  Flankenkorps  kurzerhand  in  den  Ourcq  zu  werfen  und  hatte  den
Befehl  erhalten,  den  Fluß  bei  Lizy  zu  überschreiten.  Maunourys  rechter
Flügel  ging  auf  der  Linie  Monthyon—St.  Soupplets,  die  Mitte  gegen
Duisieux—Winey  und  der  linke  Flügel  zur  Amfassung  gegen  Acy—Etavigny
  vor.  Bald  sah  sich  das  IV.  deutsche  Reservekorps  westlich  von
        <pb n="201" />
        Die  Vorkämpfe  im  Marnebogen  185

Lizy  von  Lbermacht  bedrängt.  In  lebhaften  Gefechten  erreichten  die  Franzosen
  auf  dem  rechten  Glügel  Chambry,  Barcy,  Marcilly,  auf  dem  linken
Flügel  die  Orte  Puisieux,  Acy  und  Etavigny,  verstrickten  das  IV.  Reservekorps
  in  schweren  Kampf  und  bedrohten  nun  in  einer  parallel  zum  Ourca
laufenden  flachgewinkelten  Aufstellung  die  1.  deutsche  Armee  unmittelbar
im  Rücken.

Das  Neg  war  geworfen  und  die  allgemeine  Schlacht  nach  den  Befehlen
der  fcanzösischen  Heeresleitung  auf  dem  französischen  linken  Flügel  durch
mfassung  eingeleitet.

Nun  war  es  an  der  englischen  Armee,  das  II.  Korps  in  der  Flanke  zu
fassen  und  auf  das  IV.  aktive  Korps  zu  werfen,  das  links  von  den  Pommern
im  Vormarsch  war.

So  waren  nicht  weniger  als  fünf  französische  und  sechs  englische  Divisionen
  am  6.  September  im  Angriff  auf  Klucks  tiefe  strategische  Flanke,
auf  der  er  nur  zwei  Korps  im  ersten  Treffen  enkwickeln  konnte.  Sein  Mittelkorps
  hatte  auf  der  Straße  von  Rebais  nach  Provins  schon  den  Aubetin  erreicht
  und  erschien  uun  vorgestaffelt,  da  das  II.  Korps  alsbald  gegen  die  Engländer
  Front  machen  mußte.  Seine  linke  Glügelgruppe,  das  III.  und  IX.  Korps,
traf  um  dieselbe  Zeit  bei  Cerneux—Montceaux  auf  die  Armee  Franchet
d’'Esperey.

#

Unterdessen  war  die  2,.  deutsche  Armee  über  Montmirail—  Montmort
vorgegangen  und  hatte  mit  Klucks  Flügelgruppe,  dem  IX.  Armeekorps,
in  der  Richtung  Gault  südöstlich  Esternay  Fühlung  gesucht.  Bülowss  rechter
Flügel  war  nach  vorn  gestaffelt,  um  den  Anschluß  herzustellen,  und  schob  das
VII.  Armeekorps  am  6.  September  über  Montmira#l  hinaus.  Als  Mitte
der  Armee  Bülow  entwickelte  sich  südlich  von  Montmort  das  X.  Reservekorps,
  das  auch  noch  nach  vorn  hing,  während  das  X.  Armeekorps  und
die  Garde  als  linke  Flügelgruppe  noch  über  Etoges  und  Vertus  im  Anmarsch
  waren.  Vor  dem  Gardekorps  dehnten  sich  die  Sümpfe  von  St.
Gond,  aus  denen  der  Detit  Morin  seine  Quellen  zieht.  Hier  traf  es  auf
die  Vorposten  Fochs.

Die  3.  deutsche  Armee,  die  östlich  von  Vertus  die  Straße  PDaris—Montmirail—Chälons
  überschritten  hatte,  war  auf  den  von  Chälons  nach  Südwesken
  und  Süden  führenden  Straßen  mit  dem  XII.  Armeekorps  über  Chaintrix
in  die  Gegend  von  Willeneux  gelangt  und  suchte  mit  dem  in  der  Mitte
marschierenden  XII.  Reservekorps  über  Ecury  nach  Vatry  und  mit  dem
XIX.  Armeekorps  von  Chslons  LDes  Maisous  zu  erreichen.

Gegenöber  diesen  drei  im  Marnebogen  zusammenwirkenden  deutschen
Armeen  mit  ihren  24  Infankeriedivisionen  ballten  die  5.  und  9.  französische
Armee  30  Infanteriedivisionen  auf  der  Linie  Williers—St.  Georges—
        <pb n="202" />
        186  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Sommesous—Sézanne—La  Fere-Champenoise  zum  Gegenstoß,  während
die  6.  Armee  (Daunoury)  und  die  britische  Armee  sie  zunächst  mit  11  In.
fanteriedivisionen  in  der  rechten  Flanke  angriffen  und  General  Gallieni  im
Pariser  Lager  noch  weitere  Verskärkungen  bereit  hielt.  Doch  glaubee  die
französische  Heeresleitung  dieser  nicht  mehr  zu  bedürfen,  als  sie  am  Sonntag
den  6.  September  die  mfassung  glücklich  eingeleitet  und  die  strategische
Überlegenheit  in  ihre  Hand  gegeben  sah.  Alle  Vorzeichen  versprachen  den
französischen  Waffen  einen  großen  und  entscheidenden  taktischen  Erfolg.

Joffres  Heeresbefehl  hatte  die  4.  und  3.  Armec,  die  östlich  der  alten
Römerstraße  Chälons—VBar--sur-Aube  im  Raume  St.  Dizier—ierrefitte
aufgestellt  waren,  zur  Unterstüczung  der  Schlacht  im  Marnebogen  gerufen.
Doch  kamen  die  Kämpfe  am  5.  September  nördlich  der  Linie  Sompuis—
Sermaize—NRevigny—Triaucourt  noch  nicht  über  heftige  Teilgefechte  hinaus.
  Die  4.  deutsche  Armee  mußle  sich  erst  in  mühsamem  WVormarsch  auf
VBitry-le-  Frangois  heranarbeiten  und  querlaufende  Flüsse  mit  versumpften
Afern,  feuersprühende  Gehöfte  und  von  Maschinengewehren  bestrichene
Straßen  hinter  sich  bringen,  während  die  Masse  der  Armee  de  Langle  sich
hinter  dem  Rhein=  Marne--Kanal  und  dem  Ornain  zum  Gegenangriff  fertig
machte.  Die  5.  deutsche  Armee  rückte  kämpfend  von  Someilles  in  der  Richtung
auf  Revigny,  von  Triaucourt  auf  Vaubecourt  und  von  Clermont  auf  Jubecourk
  vor  und  schob  die  3.  französische  Armee  langsam  nach  Südosten.  General
Sarrail  sah  sich  am  5.  Seplember  noch  in  die  Verteidigung  gebannk  und
fürchtete  damals  schon  für  seinen  linken  Flügel,  der  an  der  Bahnlinie  Se.  Menchould—NRevigny
  mühsam  mit  de  Langles  rechtem  Glügel  Verbindung  hielt.
Stieß  der  deutsche  Angriff  auf  Revigny—St.  Oizier  durch,  so  war  Sarrail
zum  Rückzug  auf  Bar-le.  Duc  genötigt  und  wurde  mit  der  auf  dem  rechten
Lfer  fechtenden  Armee  Castelnau  Rücken  an  Rücken  gegen  die  Maas  gedrückk.
Das  mußte  er  um  jeden  Preis  verhindern.

Die  von  der  französischen  Heeresleitung  am  5.  September  eingeleikete
Schlacht  war  also  am  6.  September  noch  nicht  voll  entbrannt,  sondern  erst
in  der  Entwicklung  begriffen.  Nur  am  Westflügel  waren  schon  Zusammenstöße
  erfolgt,  die  nicht  mehr  als  Vorkämpfe,  sondern  bereiks  als  bestimmte
Kampfhandlungen  gelten  konnten.  Dort  grenzte  sich  ein  Schlachtfeld  ab,
das  von  Coulommiers  bis  Beg  reichte  und  am  Unterlauf  des  Ourcq  Emtscheidungen
  reifen  sah.  Es  war  Klucks  Kampf  mit  der  Armee  Maunomy
und  den  Engländern.

Die  Schlacht  am  Ourcq

Nur  rasche  Entschlüsse  und  noch  raschere  Manöver  konnten  die  1.  Armee
und  damit  das  ganze  über  die  Aisne  und  Marne  vorgerückte  Heer  vor  einer
schweren  Niederlage  retten.  Während  die  Berichte  über  die  Neugestaltung
        <pb n="203" />
        Die  Schlacht  am  Ourcq  187

der  Dinge  ins  Große  Hauptquartier  abgingen,  galt  es,  am  Ort  das  Ne9
zu  zerreißen,  das  sich  schon  würgend  zusammenzgog.  Generaloberst  v.  Kluck
wählte  den  Hieb  als  Deckung.  Er  ließ  das  IV.  Reservekorps  den  ersten
Anslurm  der  Armee  Mannoury  aushalten  und  griff  mit  dem  II.  Korps
in  der  Front  und  halbrechts  die  Engländer  an,  die  sich  schwerfällig  zur  Schlachr
entwickelten.  Das  IV.  Linienkorps,  das  noch  im  Vormarsch  auf  Drovins
war,  wo  es  kaum  Widerstand  fand,  da  hier  die  Lücke  in  der  gegnerischen  Aufstellung
  klaffte  und  die  Engländer  nicht  imstande  waren,  ihren  rechten  Flügel
vorzuschieben,  sicherte  diesen  kurzen  Vorskoß  Linsingens  und  seiner  Dommern
in  der  linken  Flanke.  Auf  diesem  Vormarsch  erreichte  die  Spitze  der  8.  Division
  des  IV.  Korps  Nangis,  die  der  7.  Division  Provins,  verdrängte  die
scangösische  Kavallerie  und  gelangte  so  zugleich  mié  einer  Brigade  überflügelnd
  in  die  linke  Flanke  der  5.  französischen  Armee,  die  sich  eben  zum
Angriff  auf  das  III.  und  IX.  Korps  anschickte.

Während  das  IV.  aktive  Korps  der  Armee  Kluck  dergestalt  nach  Süden
vorstieß,  brachte  das  II.  Korps  die  Engländer  in  Anordnung  und  warf  sie
im  Gegenangriff  wieder  in  den  Wald  von  Crécy  zurück.  Es  war  früh  am
Tage.  Der  Angriff  Linsingens  ging  mit  solcher  Schneid  vorwärts,  daß  die
Armee  French  sofort  die  Handlungsfreiheit  verlor.  Sie  war  etwa  bis  in  die
Linie  Hautefeuille—  Pezarches—Waudoy  gelangt,  die  sich  vom  Nordsaum  des
Waldes  nach  Südosten  zu  einem  Wegknoten  südlich  von  Amillis  zieht,  als
sie  in  ihrer  schwerfälligen  Bewegung  unterbrochen  und  nach  Südwesten
zurückgeworfen  wurde.  Schon  um  9  Uhr  früh  sind  die  Engländer  nicht  mehr
imstande,  die  ihnen  zugewiesene  Aufgabe  zu  erfüllen,  und  genötigt,  die  Verbindung
  mit  Maunoury  zu  lockern  und  sich  im  Walde  von  Crecy  neu  zu  ordnen.
Das  französische  Kavalleriekorps  hatte  sich  inzwischen  nach  Südosten  zurückgezogen,
  um  die  linke  Flanke  Franchet  d'Espéreys  zu  decken.  Das  bedrückte
den  britischen  Heerführer,  denn  er  sah  nun  auch  seine  rechte  Flanke  bedroht,
wo  das  IV.  Korps  Klucks  im  Angriff  auf  das  südöstlich  von  Vaudoy  gelegene
Jouyl-le-Chatel  fortschritt.

Da  begannen  die  Angriffe  der  Deutschen  plößlich  zu  stocken.  Es  war
gegen  10  Uhr  morgens,  als  sich  die  Engländer  auf  einmal  des  furchtbaren
Gegners  entledigt  saben,  der  ihren  methodischen  Vormarsch  und  ihre  ganze
Schlachtordnung  in  einem  kurzen  Bewegungsgefecht  aus  den  Fugen  gebracht
hatte.  Um  so  heftiger  grollte  schwere  deutsche  Artillerie,  die  jetzt  an  die  Stelle
der  Infanterieangriffe  trat  und  die  englischen  Divisionen  noch  nicht  zur  Erkenntnis
  der  Lage  gelangen  ließ.  Linsingen  hatte  den  Befehl  der  Armeeleitung
erhalten,  dem  IV.  Reservekorps  zu  Hilfe  zu  kommen,  das,  von  dreifacher
Lbermacht  bedrängt,  ums  Leben  rang.  Vom  Fleck  weg  machten  die  Hommern
  kehrt  und  folgten  dem  Rufe  zu  neuer  Schlacht.  In  die  dadurch  entstehende
  Lücke  wurden  die  deutschen  Kavalleriedivisionen  gestellt,  die  von
den  Engländern  als  starke  Kräfte  aller  Waffengatlungen  betrachtet  und  mit
        <pb n="204" />
        188  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

großer  Vorsicht  angefaßt  wurden.  Es  war  ein  weiter  Weg  bis  zum  Grand
Morin,  und  es  war  Abend  geworden,  als  French  endlich  bis  Coulommiers  gelangte.
  Weiter  wagte  er  sich  nicht,  denn  am  Nordufer  des  Grand  Morin
brüllten  deutsche  Haubitzen  und  der  Vormarsch  in  Gefechtsgliederung  war
nicht  nach  englischem  Geschmack.  Unterdessen  war  auch  an  das  IV.  deutsche
Korps  der  Befehl  zur  Umkehr  geslogen.  Das  IV.  Korps,  das  den  Feind,  den  es
vor  sich  sah,  schon  überflügelt  wußte  und  im  günstigsten  Gefecht  stand,  brach  den
Kampf  umvillig  ab.  Nur  die  Kavallerie  blieb  opferbereit  und  breitgefächert  südlich
  des  Aubetin  stehen,  um  die  Reiter  Conneaus  am  Nachstoßen  zu  verhindern.

Die  englische  Armee  war  weder  imstande  gewesen,  das  II.  Korps  fest.
zuhalten,  noch  den  Rückmarsch  des  IV.  Korps  zu  schädigen,  das  an  ihr  vorbei
Coulommiers  gewonnen  hatte.

Der  Rückzug  der  beiden  rechten  Flügelkorps  der  1.  Armee  erfolgte  als
Manöver  zur  Herstellung  der  Lage  und  gestaltete  sich  zu  einer  der  glänzendsten
Operationen,  die  je  in  freiem  Felde  unter  solchen  Umständen  ausgeführt
worden  sind.  Die  Truppen,  die  seit  dem  20.  August  von  Schlacht  zu  Schlacht
geschrieten  und  durch  Belgien  und  Frankreich  gestürmt  waren,  Märsche  bis
zu  50  Kilometer  Tagesleistung  ausgeführt  hatten,  sahen  sich  angesichts  des
Feindes  herumgeworfen,  um  abermals  30  und  40  Kilometer  zurückzulegen
und  von  diesem  kühnen  Flankenmarsch  an  drei  britischen  Korps  vorbei  zu
neuem  Gefecht  überzugehen.  Der  Kanonendonner,  der  ihnen  entgegenhallte,
mahnte  zur  Eile.  Nie  rief  die  Stimme  der  Schlacht  Generale  und  Musketiere
dringender  zu  Hilfe.  Wor  sich,  in  der  Flanke  und  hinter  sich  den  Feind,
der  so  viel  Armeen  zählte,  als  sie  selbst  Korps  bildete,  wahrlich  keinc  aussiches.
volle  Lage!

Es  war  10  Uhr  morgens,  als  das  II.  Korps  den  Kampf  mit  den  Briten
abbrach.  Das  III.  britische  Korps  war  vor  dem  Anprall  so  weit  ausgewichen,
daß  es  seine  Aufgabe  als  linke  Flügelgruppe  nicht  mehr  erfüllen  konnee  und
Maunoury  um  Hilfe  bat.  General  Maunoury  sah  sich  gezwungen,  Ceilkräfte
  nach  Süden  abzuzweigen,  um  die  abgerissene  Verbindung  mit  den
Engländern  wiederherzustellen.

Die  Pommern  stürmten  in  glühender  Tageshite  den  Weg  zurück  —
zurück  zum  Angriff.  Der  18.  August  1870  und  Gravelotte  hatten  sie  nicht
so  dringend  gerufen  wie  der  6.  Sepkember  im  Tal  des  Ourcq.  Damals  war
ihr  Einsatz  im  Abenddunkel  nach  Moltkes  eigenem  Urteil  nicht  mehr  zweckmäßig
  gewesen,  diesmal  hing  von  ihrem  Eingreifen  alles  ab.

Schon  am  Abend  des  Sonntag  hatte  das  II.  Korps  den  Grand  Morin
wieder  Überschritten  und  den  Ourcgq  erreicht.  Im  Schauer  der  von  Bränden
und  Kämpfen  erfüllten  Nacht  entwickelte  es  sich,  Front  nach  Westen,  zu
neuer  Schlacht.  ODie  3.  Division  brach  durch  die  Gehölze  von  Meaux  und
setzte  sich  bei  Varreddes  an  den  linken  Flügel  des  IV.  Reservekorps,  die
4.  Division  keuchte  bis  Etavigny  und  griff  rechts  vom  IV.  NReservekorps  ein.
        <pb n="205" />
        Die  Schlacht  am  Ourca  189

Noch  weiteren  Rückweg  hatte  das  IV.  Armeekorps  von  St.  Just  und
Drovins.  An  den  Engländern  vorbei,  die  nicht  fähig  waren,  solcher  Mans.
vrierkunst  die  Spitze  zu  bieten,  marschierte  es  nach  Rebais,  um  sich  dort  auf
breiter  Hügelflur  nördlich  des  Grand  Morin  der  Armee  French  vorzulegen
und  es  ihr  unmöglich  zu  machen,  über  Coulommiers  nach  Norden  einzuschwenken.
  Als  man  sich  überzeugte,  daß  die  Engländer  sich  von  Nachhuten
und  Kavallerie  verblüffen  und  festhalten  ließen,  wurde  auch  das  IV.  Korps
an  den  Ourcq  nachgezogen,  wo  es  am  7.  September  eintraf.

Das  IV.  Reservekorps  hatte  dort  den  ganzen  Tag  des  6.  September
bis  in  die  Nacht  den  Anstürmen  der  Armee  Maunoury  standgehalten.  In
rasenden  Bajonetekämpfen  bedeckten  sich  die  Felder  zwischen  Barcy  und
Acy  mit  Leichen.  Unter  großen  Verlusten  hatten  die  Divisionen  Lamazes
sich  von  Marcilly  auf  Eerrepilly  vorgearbeitet.  Dreimal  wurde  der  Kirchhof
von  Etrepilly  gewonnen  und  verloren,  bis  er  in  den  Händen  des  2.  Ersagregiments
  der  Zuaven  blieb.  Das  VII.  Korps,  das  am  9.  August  und
20.  August  Mülhausen  genommen  hatte  und  die  am  29.  August  bei  Combles
erlittene  Scharte  auswegen  wollte,  sehte  seine  Umfassungsbewegung  eifrig
fort  und  schob  sich  über  Acy.en-Multien  hinaus.  Schritt  für  Schritt  wich
das  IV.  deuesche  Reservekorps  auf  den  Ourcq,  an  dessen  Lferhügeln  seine
schweren  Batterien  aufgefahren  waren.

Die  Nacht  verging  und  der  Tag  graute,  es  war  Zeit,  daß  die  Pommern
kamen,  denn  die  Franzosen  brachten  fortgeseht  Verstärkungen  ins  Gefecht
und  fochten  mit  einer  Hingebung,  die  keine  Opfer  scheute.  Um  den  Angriff
durchzuführen,  der  wider  Erwarten  nicht  zeitig  genug  gedeihen  wollte,  sandte
Gallieni  Maunoury  die  61.  Reservedivision  zu  Hilfe.  Sie  wurde  mit  der
Eisenbahn  herangebracht  und  zur  Unterstügung  des  VII.  Korps  über  Willers.
St.  Genest  zur  Umfassung  angeseht.  Da  stieß  das  VII.  Korps,  das  schon
auf  Acy  vorgeprallt  war,  plötlich  auf  neue  Streiter,  die  mit  schweißverllebten
Gesichtern  zum  Angriff  schritten.  Das  II.  deutsche  Korps  war  ins  Gefecht
getreten.  Weit  klafternd  schritt  es  auf  den  bedrohten  Flügeln  zum  Angriff,
wies  auf  dem  linken  einen  Flankenstoß  auf  Meaux  ab  und  eroberte  auf  dem
rechten  Flügel  Etavigny  zurück.  General  Maunoury  sah  den  Erfolg  entgleiten
und  warf  das  Legßte  in  die  Schlacht.  Vergeblich  hoffte  er  auf  die  Anterstücung
Frenchs;  dieser  hatte  weder  das  II.  noch  das  IV.  deutsche  Korps  zu  fesseln  vermocht
  und  mühte  sich  umsonst,  den  Vorhang  zu  zerreißen,  den  die  Heereskavallerie
  und  schwere  Artillerie  an  der  Straße  Meaux—Coulommiers  ausgespanne
  hielten.  Maunourys  Kerntruppe,  das  VII.  Korps,  verblutete  sich  bei
Chambry  und  Acy,  auch  Acy  ging  ihm  verloren,  zerschossene  Batterien
blieben  liegen,  die  Schlacht  wandte  sich  zugunsten  der  Deutschen.  Die  45.  französische
  Liniendivision  und  die  55.  und  56.  Reservedivision,  die  mit  der
Marseillaise  auf  den  Lippen  ins  Feuer  gegangen  waren,  brannten  zur  Schlacke
aus  und  waren  nicht  mehr  imstande,  das  Feld  zu  behaupten.  Im  Drange  der
        <pb n="206" />
        190  Oer  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Not  ersuchte  General  Mannoury  in  der  Nacht  auf  den  8.  September  den
Generalissimus  nochmals  um  Ulnterstützung.  Er  hatte  seine  letzten
Reserven  aus  der  Hand  gegeben  und  konnte  trog  der  kritischen  Lage
seinen  weit  nach  Südosten  ausgereckten  rechten  Flügel  nicht  nach  der
Mitte  zusammenziehen,  um  den  Durchbruch  seiner  Schlachtlinie  zu
verhüten,  weil  sonst  die  Berbindung  mit  der  englischen  Armee  ganz  verloren
  gegangen  wäre.  Selbst  zum  Einbruch  in  die  große  Lücke,  die  auf  der
deutschen  Seite  klaffte,  seit  das  IV.  Korps  von  der  Hochfläche  von  Rebais
lber  La  Ferté-sous-Jouarre  zurückgeklirrt  war,  fehlte  den  drei  englischen  Korps
die  Bewegungskraft.  Ein  Versuch  ihrer  Kavallerie,  die  Nachhuten  des
IV.  Korps  zu  überflügeln,  scheitert  bei  Choisy  unter  Verlusten.  Die  Armee
Freuch  ist  am  Abend  des  7.  September  kaum  über  Coulommiers  und  Cboisy
binausgekommen.  Unaufhörlich  hämmerten  das  II.,  IV.  Korps  und  IV.  Reservekorps
  der  1.  deutschen  Armee,  die  nicht  mehr  um  Rückzug,  sondern  um
Sieg  kämpften,  auf  die  6.  Armee  ein.  Da  erreichte  das  IV.  Korps  der
Armee  Sarrail,  das  Joffre  vom  Zußersten  rechten  zum  äußersten  linken
Flügel  der  französischen  Schlachtlinie  entsandt  hatte,  das  Schlachtfeld.  In
einer  Hehfahrt  wurde  es  von  der  Maas  zum  Ourca  befördert,  die  Schlacht
zu  entscheiden,  an  der  nun—  seltsamer  Wechsel  des  Geschicks  —  nicht  mehr  das
Schicksal  des  deutschen,  sondern  das  des  französischen  Hecres  zu  hängen  schien.
Trohdem  gelong  es  den  Franzosen  nicht,  den  Gegner  am  Ourcgq  zu  bändigen.

Er  hatte  sich  längst  die  Straßen  nach  Norden  freigemacht  und  rückte
nun  am  rechten  Flügel  mit  grimmen  Schwertstreichen  von  Beß  über  Villers—
St.  Genes  vor.  Maunourys  Flügelstütpunkt  Beß9  wurde  mit  stürmender
Hand  genommen.  Der  linke  französische  Flügel  drohte  vollends  zusammenzubrechen.
  Die  Gegenumfassung  war  im  Gange.  Nach  Beg  fiel  Thury.en=Walois,
  das  fortan  zu  einem  starken  Stüggpunkt  Klucks  wurde,  und  als  nun
Sarrails  IV.  Korps  im  Feuer  schmolz,  die  61.  Reservedivision  zur  Schlacke  gebrannt
  war,  alle  Versuche,  Acyzurückzuerobern,  gescheitert  waren,  die  englische
Armee  sich  nicht  fähig  zeigte,  den  Grand  Morin  in  breiter  Front  zu  üÜberschreiten
und  sich  in  Klucks  linke  Flanke  und  Rücken  zu  stürzen,  da  war  die  große  Umfassungsschlacht
  als  strategisches  Manöver  des  Gesamtplans  gescheitert  und
zu  einem  Ringen  auf  Leben  und  Tod  der  6.  französischen  Armee  geworden.

Schon  faßte  die  Armee  Kluck  die  Trümmer  der  Armee  Maunoury,
die  sich  trogig  und  verzweifelt  immer  wieder  zusammenballten,  von  Osten
und  Norden,  um  sie  in  eiserner  Amarmung  zu  erdrücken.  Unterdessen  wich
die  deutsche  Kavallerie  vor  der  Armee  Freuch  vom  Grand  Morin  Schritt
für  Schritt  auf  die  Marne,  indem  sie  planmäßig  jeden  Abschnitt  unter  Aufopferung
  der  lehten  Staffeln  bis  aufs  äußerste  verteidigte.

General  Maunoury  erhielt  von  General  Joffre  strengsten  efehl,  nicht
vom  Platze  zu  weichen,  die  Schlacht  sei  auf  der  ganzen  Linie  entbrannt,  und
es  könne  keine  Schwäche  geduldet  werden.
        <pb n="207" />
        Die  Schlacht  am  Dureq  191

In  dieser  Not  wandte  er  sich  noch  einmal  an  Gallieni,  und  Gallieni
nahm  einen  eisernen  Besen  und  kehrte  alles  zurecht,  was  er  in  Paris  entbehren
  konnte,  um  es  Maunoury  zu  schicken.  Er  raffte  die  62.  Reservedivision
zusammen  und  sandte  sie  in  den  Kraftdroschken,  die  von  den  Boulevards
weggeholt  wurden,  an  die  Front.  Zugleich  erhielt  General  Boelle,  der
Führer  des  IV.  Korps,  Befehl,  am  linken  Flügel  bis  auf  den  lezten  Mann
standzuhalten  und  die  Gegenumfassung  um  diesen  DPreis  zu  verhindern.
Zugleich  wurde  die  8.  Division  vom  rechten  Flügel  an  den  linken  geworfen.
Aber  nichts  wollte  fruchten,  und  als  es  Nacht  geworden  war,  stand  die
1.  deutsche  Armee  frei,  siegreich  und  Herrin  ihrer  Bewegungen  nördlich  der
Marne  und  hiele  die  6.  Armee  unter  sich  gepreßt,  während  Nachhuten  des
III.  und  IX.  Korps  und  Marwitzens  Reiter  den  Engländern  immer  noch
den  Weg  versperrten.

Schon  waren  50  Kanonen  in  Klucks  Händen,  die  strategische  Lage  ins
Gegenteil  verkehrt,  die  Niederlage  der  Armee  Maunoury  nahezu  vollendet
und  der  feine  Plan  des  französischen  Generalstabs  durch  die  meisterhafte
Manövrierkunst  des  deutschen  Armceführers  in  Fehen  gerissen.

Der  Generalbefehl,  mit  dem  Joffre  am  6.  September  die  Schlacht  an
der  Marne  eingeleitet  hatte  und  in  dem  es  hieß:  „Le  moment  est  venu
d’avancer  codte  qdue  cod0te  et  de  se  faire  tüuer  sur  place  plutöt  que  de
reculer“  wuchs  am  Ourcgq  in  blutige  Erfüllung.  Der  9.  September  dämmerte
herauf  und  wieder  sechte  Kluck  zum  Angriff  an.  Er  erstürmte  Nanteuil.
ZLwischen  den  von  Granaten  entzündeten,  qualmenden  Strohmieten  der
abgeernteten  Felder  sank  die  6.  französische  Armee,  sanken  Lausende  der
Armee  Kluck  als  zweite  Ernte  in  den  Tod.  Mit  äußerster  Mühe  gelang  es
General  Bolle,  südlich  von  Nanteuil  eine  Aufnahmeskellung  zu  beziehen,
während  die  Kavalleriedivision  Bridoux  einen  letzten  Versuch  machte,  nach
Norden  auszuholen  und  Über  Lévignen  nordwestlich  von  Bet  in  die  Flanke
des  Gegners  vorzustoßen.  Umsonst  —  Teile  des  IX.  deutschen  Korps  fingen
ihn  ab.  Berzweifelnd  wichen  die  Franzosen  auf  Silly-le-=  Long.  Die  Widerstandskraft
  Maunourys  war  erschöpft.  Nur  der  Wille  hielt  ihn  und  seine
Armee  noch  aufrecht.

Am  Morgen  des  9.  September  hatte  die  1.  deutsche  Armee  die  AUmfassung
  vereitelt,  die  Armee  Maunoury  geschlagen,  die  Armee  French,  die
solchem  Bewegungskrieg  nicht  gewachsen  war,  in  Schranken  gehalten  und
ihre  eigene  Handlungsfreiheit  sichergestellt.  Sie  hielt  sich  stark  genug,  trot“
ihrer  schweren  Verluste  Maunourys  Niederlage  zu  vollenden  und  dann,
durch  nachrückende  Korps  verstärkt,  die  Briten  an  den  Hörnern  zu  packen.

Der  Rückzugsbefehl  der  obersten  Heeresleitung  enthob  die  Armee  Kluck
der  Riesenaufgabe.  Er  ist  im  Hauptquartier  auf  Grund  allgemeiner  Erwägungen
  gefaßt  und  war  durch  die  Abdrängung  der  1.  Armee  von  der  Masse
des  Heeres  und  das  Auftauchen  starker  feindlicher  Kräfte  in  der  entstandenen
        <pb n="208" />
        192  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Lücke  nahegelegt  worden.  Da  die  Juricknahme  der  1.  Armee  Bülows  rechte
Flanke  entblößte,  ergab  sich  aus  dem  primären  Entschluß  eine  allgemeine  Rück.
zugsbewegung,  die  gleichbedeutend  wurde  mit  einem  Abbruch  der  weitgespannten
  Schlacht.

Generaloberst  v.  Kluck  lieferte  am  9.  September  nur  noch  Rückzugs.
gefechte,  hielt  aber  Nanteuil,  Etaviguy  und  Lizy  so  lange  fest,  bis  er  die  Armee
hierzu  bereikgestellt  hatte.  Die  Franzosen  spürten  die  Erleichterung,  vermochten
  sie  aber  weder  zu  deuten  noch  zu  benugen.  Am  Abend  trat  General.
oberst  v.  Kluck  auf  Befehl  der  obersten  Heeresleitung  den  Rückzug
auf  die  Aisne  an.  Er  wählte  ihn  nach  Gefallen  und  der  Sachlage  entsprechend
in  exzentrischer  Richtung  und  führte  seine  Trophäen  und  Gefangenen  mit  sich.
Als  die  französisch-englischen  Sereitkräfte  am  Morgen  des  10.  September  ihre
Vereinigung  vollzogen  hatten  und  die  Engländer  nun  frischer  in  Gang  kamen,
saben  sie  sich  nur  noch  Nachhuten  gegenüber,  die  den  Rückzug  auf  Soissons
um  den  Dreis  einiger  Geschütze  und  Versprengter  deckten  und  dabei  so
drohende  Gestalt  annahmen,  daß  Freuch  sogor  noch  den  General  Franchet
d'Espérey  um  Unterstüchung  ersuchte  und  die  Marne  niche  zu  überschreiten
wagte,  bis  kein  Feind  mehr  zu  sehen  war.

Die  Kämpfe  in  der  Lücke  von  Rebais

Die  2.  deutsche  Armee  war  am  6.  September,  als  die  Armee  Kluck  sich
blioschnell  zurechtschob  und  die  Pranke  hob,  um  das  über  sie  geworfene  Ne#
zu  zerreißen,  an  der  Straße  Williers—St.  George—Esternay—Stêzanne
mit  der  5.  Armee  d'Espérey  zusammengestoßen.  Auf  dem  rechten  Flügel
Bülows  nahm  anfangs  noch  Klucks  IX.  und  III.  Korps  an  dem  Kampfe
teil,  auf  dem  linken  Flügel  trat  die  Armee  v.  Hausen  in  diese  Schlacht.
bandlung  ein.

Die  Armeen  d’Espérey  und  Foch  hatten,  dem  Befehl  Joffres  Folge
leistend,  den  Kampf  am  6.  September  früh  morgens  eröffnet.  Die  5.  Armec
war  von  den  Höhen  der  Brie  gegen  das  große  Straßendreieck  bei  Esternay
vorgebrochen,  wo  der  Grand  Morin  vom  IX.  Korps  der  Armee  Kluck  überschritten
  worden  war.  Sie  war  gehalten,  mit  vorgenommenem  rechten
Flügel  in  der  allgemeinen  Richtung  Montmirail  anzugreifen.  Links  decktie
Conncau  ihre  Flanke,  rechts  stügte  Foch  ihre  Bewegung.  Im  Strahl  der
ersten  Morgensonne  dieses  blucigen  Sonnkags  sließen  ihre  vier  Korps,  denen
drei  Reservedivisionen  angegliedert  waren,  auf  Klucks  III.  und  IX.  und
Bülows  X.  Korps.  Auf  der  Linie  Beton—azoches—Montceau—Esternay
entbranmten  die  ersten  Kämpfe.  Bei  Beton—GBagoches  deckte  deutsche  Kavallerie
  die  verwundbare  Flanke  des  III.  Korps,  die  nach  dem  Abzug  des
auf  Rebais  zurückbefohlenen  IV.  Armcekorps  einer  Imfassung  offen  lag.
        <pb n="209" />
        Die  Kämpfe  in  der  Lücke  von  Rebais  193

Die  Franzosen  konnten  sie  nicht  fassen  und  griffen  von  vorn  an.  Sie  nahmen
Montceau  und  kamen  vor  Chatillon-sur-Morin  zum  Stehen.

Bis  zum  späten  Abend  mühte  sich  Franchet  d'Espéreys  I.  Korps,  das
diesmal  in  der  Mitte  focht,  um  das  Dorf.  Schließlich  wird  es  durch  eine  weitausholende
  Umfassung,  die  den  Wald  von  La  Noue  durchquert  und  die  Verteidiger
  in  der  Flanke  bedroht,  zu  Fall  gebracht.  Aber  vergeblich  versuchte  der
französische  Führer  die  im  ersten  Anlauf  erfochtenen  Erfolge  auszugestalten.

Es  ist  Nacht  geworden.  Im  dichten  Walde  von  Gault,  der  die  Zugänge
  von  Monitmirail  beherrscht,  hat  Bülows  X.  Reservekorps  Wurzel
geschlagen  und  hält  unerschüctert  stand.  Die  Nacht  setzt  dem  Kampf  kein
Jiel.  Blutige  Dorf-  und  Waldgefechte  erfüllen  die  Gegend  südlich  Montmirai—Esternay
  und  gipfeln  in  dem  Ringen  um  den  Brückenkopf  Esternay,
der  von  deutschen  Nachhuten  gehalten  und  vom  X.  Korps  d'Espéreys  ge.
nommen  wird.  Er  war  von  Bülow  lang  genug  behauptet  worden,  um  dem
linken  Flügel  Klucks  und  seinem  eigenen  rechten  Flügelkorps  Zeit  zu  geben,
auf  Rebais—Montmirail  zurückzugehen  und  sich  dort  einzurichten.

In  welchem  Zeitpunkt  und  in  welchem  Maße  hier  der  deutsche  Angriffswille
  durch  die  Vorgänge  am  Ourcq  und  die  strategische  Rückbewegung
des  II.  und  IV.  Korps  unterbunden  worden  ist,  wissen  wir  nicht,  aber  schon
am  Abend  des  6.  September  sind  offenbar  auch  das  III.  und  IX.  Korps
vom  Rückzugsbefehl  des  Armeeführers  erreicht  und  in  Staffeln  über  den
Grand  Morin  zurückgenommen  worden.  Diese  Nückbewegung  erfolgte
nach  freiwillig  abgebrochenem  Gefecht.  Das  Kavalleriekorps  Comeau
versuchte  den  Rückzug  der  deutschen  Truppen  zu  stören  und  ihnen
in  die  Flanke  zu  kommen.  Auch  die  englische  Kavalleriedivision  de  Oisle
ritt  an.  Aber  die  deutsche  Heereskavallerie  duldete  keinen  Einbruch
und  hütete  die  Ubergänge  des  Grand  Morin,  bis  das  IXK.  und  III.  Korps
die  Linie  La  Ferté-Gaucher—Montmirail  wieder  erreicht  hatten.

Die  JZurücknahme  des  linken  Flügels  Klucks  war  durch  die  Schlacht  am
Ourcq  bedingt  worden,  wo  sein  II.  Korps  und  sein  IV.  Reservekorps  am
7.  September  ums  Leben  und  vom  8.  September  an  zusammen  mit  dem
IV.  Korps  um  den  Sieg  kämpften,  der  erfochten  wurde,  obwohl  Kluck  den
Rückzugsbefehl  erhalten  hatte.  Die  Lücke  zwischen  Rebais  und  dem  Ourcq  war
durch  die  Kavalleriekorps  Marwigt  und  Richthofen,  die  Lücke  von  Rebais  bis
Esternay  wurde  durch  das  III.,  IV.  und  IX.  Korps  ausgefüllt.  Als  das
IV.  Korps  die  Hochfläche  von  Rebais  geräumt  hatte,  um  am  Ourcg  die
Entscheidung  zu  bringen,  bildeten  das  III.  und  IX.  Korps  ösllich  von  Rebais
  auf  der  Hügelflur  von  Montolivet  zwischen  Rebais  und  Montmirail
eine  neue  Schlachtlinie  und  machten  hier  zugleich  gegen  Südwesten  und
gegen  Süden  Front.

Die  Gefechte,  die  am  6.  September  und  in  der  Dacht  geliefert  worden  sind,

haben  die  5.  französische  Armee  stark  in  Anspruch  genommen.  Sie  ließ  es  bei
Stegemanns  Geschichte  des  Kriegen.  I.  13
        <pb n="210" />
        194  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

der  Erreichung  der  Flußlinie  bewenden  und  scheute  die  Fortsetzung  des  Angriffs
auf  die  Verteidigungsstellung  von  Montolivet.

Dicht  vor  ihr  nächtigten  die  deutschen  Korps  zwischen  den  Läufen
der  beiden  Morinflüsse  und  bielten  die  Spieße  hoch.  Sie  brannten  darauf,
den  Kampf  zwischen  Rebais  und  Montmirail  zu  erneuern.  Die  Verbindung
mit  den  am  Ourcgq  fechtenden  Korps  war  durch  die  südwestlich  Rebais  stehenden
Kavalleriekorps  infolge  der  Verkürzung  der  Linie  und  der  Halbschwenkung
nach  Südwesten  sichergestellt.

Es  kam  indes  nur  noch  zu  langsam  brennenden  Gefechten,  bis  sich  an
die  Zuricknahme  in  eine  gesicherte  Stellung  mit  Fronte  nach  Süiden  und
Südwesten  ein  neuer  Zückmarsch  schloß,  der  die  beiden  deutschen  Korps
weiter  nach  Norden  rief.  Hatten  sie  zwischen  Rebais  und  Montmirail
eine  Stellung  innegehabt,  die  ihnen  ein  Flankenmanöver  gegen  die  Engländer
ermöglicht  hätte,  so  bedeutete  ihr  Rückzug  Hinter  die  Marne  die  Aufgabe
der  Schlacht.  Ihre  Nachhuten  überschritten  in  der  Nacht  auf  den  10.  September
  zwischen  Charly  und  Chézy  unter  leichten  Gefechten  mit  den  Engländern
  die  Marne  und  zogen  binter  der  eisernen  Fronk  der  am  Ourc  siegreich
kämpfenden  Brüderkorps  zur  Vorbereitung  einer  befestigten  Stellung  an  der
Aisne  nach  Nordosten.  Nördlich  von  Beg  schwenkten  lleine  Teile  nach
Westen,  um  bei  Bargny,  Gondreville  und  Crépy-en-Balois  die  letzten  Umfassungsversuche
  Maunourys  in  der  NRichtung  auf  Willers-Cotterets  vereiteln
  zu  helfen  und  beugten  ihn  dort  noch  einmal  unter  das  Gesetz.

Die  Kämpfe  bei  Montmirail—Sezanne

Die  2.  deutsche  Armee  war  am  7.  September  nicht  vollständig  ins
Gesecht  gekommen.  Die  Meldung  Klucks  vom  6.  September,  daß  er  in
der  Flanke  angefallen  sei,  hatte  den  Führer  der  2.  Armee  nicht  veranlaßt,
den  Vormarsch  einzustellen,  da  er  die  durch  die  Kehrtschwenkung  des  II.
und  IV.  Korps  entstandene  Lücke  von  der  Kavallerie  ausgefüllt  sab.  Selbst
die  Jurücknahme  des  III.  und  IX.  Korps  auf  die  Hochfläche  sübwestlich
von  Montmirail  war  kein  Grund,  die  Schlacht  abzubrechen,  denn  diese
Stellung  entsprach  der  Sachlage.  Maubeuge  stand  vor  dem  Fall,  und  dieser
machte  das  VII.  Reservekorps  frei,  und  außerdem  waren  Verstärkungen  aus
Lothringen  im  Anmarsche  auf  die  Aisne.  Dort  war  das  XV.  Korps  der
7.  Armee  v.  Heeringen  im  Aufmarsch  begriffen,  das  von  der  obersten  Heeresleitung
  aus  den  Vogesen  und  dem  Werband  der  7.  Armee  herausgelöst
worden  war.  Es  sollte  dem  Nordheere  als  strategische  Reserve  dienen,  deren
man  seit  der  Ablenkung  verschiedener  Korps  nach  Osten  entbehrt  hatte.  In
Würdigung  dieser  Umstände  nahm  Generaloberst  v.  Bülow,  troh  der  Umfassung,
  von  der  Kluck  bedroht  war,  und  der  daraus  entskandenen  Rückdrehung
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        Die  Kämpfe  bei  Montmirail  —Sézanne  195

des  rechten  Flügels,  die  Schlacht  an.  Er  hatte  die  ihm  entgegentretenden  Teile
der  Armee  Franchet  d'Espérey  und  der  Armee  Foch  am  6.  September  in  der
Frühe  kräftig  angegriffen  und  ihre  Offensive  am  Südufer  des  Grand  Morin
fesegehalten.  Als  seine  rechte  Flanke  durch  die  Zurücknahme  der  Armee
Kluck  bedroht  schien,  wies  er  das  XK.  Reservekorps  an,  auf  Montmirail
  zurückzugehen,  und  schob  das  VII.  Armeekorps  dahinter  in
eine  gestaffelte  Stellung.  So  wurde  nördlich  von  Monemirail  ein  Verteidigungshaken
  nach  Westen  gebildet,  wo  die  Engländer  und  Teile  der
Armee  d’'Espérey  dem  strategischen  Rückzug  Klucks,  der  noch  nicht  als  Abzug,
sondern  als  eine  Versammlung  und  Neuordnung  der  Kräfte  im  Feuer  der
Schlacht  erschien,  so  vorsichtig  und  zögernd  folgten,  daß  Bülow  seine  Flankenstellung
  in  Ruhe  zurechtmachen  konnte.  Franchet  d'Esperey  bekam  noch
anderes  zu  tun,  denn  Fochs  linker  Flügel  geriet  schon  am  7.  September  in
Gefahr,  eingedrückt  zu  werden.  Bülow  hat  ihn  plötlich  mit  Wucht  an.
gegriffen.  Franchet  d'Esperey  mußte  ihm  das  X.  Korps  zu  Hilfe  schicken,
dieses  konnte  aber  nicht  an  Gaule  vorbei  und  wurde  dort  so  verstrickt,  daß
auch  das  I.  Korps  nach  rechts  abgelenkt  werden  mußte.  Auch  die  5.  französische
  Armee  sah  sich  also  um  einheitliches  Wirken  und  rücksichtslose
Durchführung  des  operativen  Gedankens  betrogen  und  in  quirlende  Gefechte
verstrickt.

Am  8.  September  wurden  die  Gegenangriffe  der  Armee  Foch  abgeschlagen
  und  in  siegreichen  Kämpfen  der  Grand  Morin  überschritten,  während
der  rechte  Flügel  der  2.  Armee  auf  der  Stelle  trat.  Schon  jegt  war  eine  Ourchbrechung
  der  französischen  Mitte  in  Sicht,  die  nicht  nur  Fochs  rechten  Flügel,
sondern  damit  auch  die  ganze  französische  Schlachtfront  zerreißen  und  die
UAmfassung  am  Ourcq  und  Grand  Morin  vollends  wertmachen  konnte.  Zwar
hatte  die  englische  Armee  nach  dem  geschickten  Ausweichen  des  II.  und
IV.  Korps  endlich  die  Schwenkung  von  Osten  nach  Norden  vollzogen  und
sich  nach  ihrem  Luftstoß  wieder  zurechtgefunden  und  der  Rückzug  des  linken
Flügels  Kluck  den  linken  Flügel  d’Espéreys  freigemacht,  aber  stark  gefährdet
war  die  Lage  der  Deutschen  dadurch  nicht.  Auch  die  2.  Armee  war  nicht  in
Bedrängnis,  obwohl  sich  das  XVIII.,  III.  und  I.  französische  Korps,  also
nahezu  die  ganze  Armee  d'Espéreys,  nun  gegen  Montmirail  und  die  Rechte
Bülows  in  Bewegung  sesten.

Das  X.  NReservekorps  und  das  VII.  Korps  verteidigten  die  llassischen
Schlachtorte  von  1814  ohne  zu  wanken.  In  dem  zerfurchten  Gelände,  wo
Gehöfte,  Gebüsche,  Wasserrisse  und  Schluchten  die  Verteidigung  erleichterten,
wogte  das  Gefecht  hin  und  her,  ohne  daß  die  Franzosen  vom  Fleck  kamen.
Das  X.  Korps  und  die  Garde  gingen  von  Monemort  und  Bergeres-le.-Vertus
vor.  Auch  der  Name  Champaubert  flammte  noch  einmal  im  Schlachten.
feuer  auf,  als  die  Marokkaner  südlich  von  Napoleons  Siegesstätte  im  Gegenangriff
  vorbrachen,  um  die  Hannoveraner  zum  Stehen  zu  bringen.
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        196  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

WVor  der  preußischen  Garde,  die  links  von  dem  X.  Korps  vorging,
breiteten  sich  die  Sümpfe  des  Petit  Morin.  Stechmücken  summten  zu
Tausenden  über  den  „marais  de  St.  Gond"“  und  schweres  Feuer  der  französischen
  75.mm.Geschütze  lag  darauf,  als  das  Gardekorps  zum  Angriff
schritt.  Fast  ebene  Fläche  und  nur  (trügerische  Deckung  von  Erlengebülsch
und  gelbem,  in  der  Sommerhitze  vertrocknetem  Schilf,  Gewitterstimmung,
die  Regen  verhieß  —  und  gegenüber  auf  der  Hochfläche  von  Sezanne  und
auf  den  Hügeln  westlich  von  La  Fere  Champenoise  der  rechte  Flügel  der
9.  französischen  Armee  Foch  in  der  Stärke  von  fünf  Divisionen  schußbereit!
Die  Erinnerung  an  den  Kampf  der  preußischen  Garde  bei  St.  Privat.
La  Montagne  steigt  herauf.

General  Foch  hatte  die  natürliche  Stärke  seiner  Stellung  besser  aus.
niltzen  können  als  Marschall  Canrobert  am  18.  August  1870.  Reich  mit
Artillerie  und  Genietruppen  versehen  und  schon  seit  einigen  Tagen  mit  seiner
Aufgabe  vertraut,  war  er  darangegangen,  zwischen  Sézanne  und  Meilly
die  Höhen  zu  befestigen  und  hatee  die  nach  Norden  blickenden  Hügel  von
Allemant  als  Hauptlinie  bestückt.

Er  war  angewiesen,  diese  Linie  zu  verteidigen  und  auf  dem  linken  Flügel
zum  Angriff  überzugehen,  um  die  5.  Armee  zu  unterstützen  und  später  in
Verbindung  mit  de  Langles  4.  Armee  auf  der  ganzen  Linie  anzugreifen
und  den  im  Marnebogen  zusammengedrängten  Armeen  Kluck,  Bülow  und
Hausen  eine  vernichtende  Niederlage  zu  bereiten

Nicht  zufällig  hat  der  erfahrene  französische  General  die  marokkanische
Oivision  zusammen  mit  der  42.  Division  auf  den  Angriffsflügel  geschoben.
Sie  soll  gegen  Bauchamps  Bahn  brechen.  Bei  Charleville  reichen  sich
Foch  und  Franchet  zu  diesem  Angriff  die  Hand.  Die  Marokkoner  und
die  42.  Division  halten  die  Höhen  von  St.  Prix  und  Mondement  als
Ausgangsstellung  besetzt.  Reches  von  ihnen  schließe  das  IX.  Korps  an,  das
die  Hügelzone  von  Allemant  verteidigt  und  Vortruppen  bis  Bannes  auf.
gestellt  bat.  Auf  dem  rechten  Flügel  sicht  das  XI.  Korps  in  der  Linie
Morains-le-Petie—Lenharrée.  Fochs  rechter  Flügel  deckt  die  Seraßen,  die
von  Neims  und  Chalons  über  Sézanne  und  La  Fere-Champenoise  ins  Aubetal
  und  in  den  Rülcken  der  französischen  Weskarmeen  zwischen  Troyes  und
Paris  führen.  Es  ist  die  verwundbarste  Stelle  der  ganzen  Front,  um  so
verwundbarer,  als  zwischen  Fochs  9.  und  de  Langles  4.  Armee  eine  Lücke
klafft,  die  durch  die  9.  Kavalleriedivision  nur  notdürftig  verdeckt  wird.
Außer  dieser  Kavalleriedivision  sperrt  nichts  die  große  Flankierungslinie
Chälons—Mailly—DTroyes,  auf  deren  Straßenzug  die  französischen  Reiter
aufgestellt  sind,  um  Fochs  offene  Flanke  zu  schügen.  Aber  noch  droht  hier
kein  deutscher  Angriff,  denn  auch  auf  deutscher  Seite  ist  eine  HLücke  entstanden.
  Sie  geht  mitten  durch  die  3.  Armee,  deren  XII.  Armeekorps  und
XII.  Reservekorps  in  Anlehnung  an  die  2.  Armee  fechten,  während  das
        <pb n="213" />
        Die  Kämpfe  bei  Montmirail  —Sézanne  197

XIX.  Korps  in  enger  Verbindung  mit  dem  rechten  Flugel  der  4.  Armee
am  linlen  Ufer  der  Marne  auf  Vitrh  vorgeht.

Schon  am  6.  September  wird  Fochs  XI.  Korps  aus  der  ersten  Stellung
geworfen,  während  sein  starker  linker  Flügel,  der  zum  Gegenangriff  vorgeht,
vom  X.  deutschen  Reservekorps  gefesselt  wird,  das  seine  Artillerie  gegen
Süden  eine  Feuerschranke  bilden  läßt  und  in  hinhaltenden  Gefechten  die
Straßen  nach  Norden  deckt.  Es  muß  zugleich  nach  Südwesten  Ausschau
halten  und  Angriffe  Franchet  d'Espéreys  abweisen,  die  am  8.  September
von  Monemirail  auszustrahlen  beginnen,  um  Fochs  Marokkaner  zu  entlasten.
Das  VII.  deutsche  Korps,  das  in  Voraussiche  dieser  flankierenden  Bewegung
reches  vom  X.  Reservekorps  gestaffelt  steht,  bildet  den  sicheren  Rückhalt  der
Bülowschen  Front.

Rücksichtslos  geht  unterdessen  Wülows  Angriffsflügel  vor.  Zwischen
den  Straßen,  die  von  Epernay  nach  Sézanne  und  von  Chälons  nach  Mailly
führen,  wälzt  sich  die  Sturmflut  der  Deutschen  gegen  die  Deiche  der  französischen
  Berteidigung.  Nicht  in  der  rechten  Flanke,  sondern  von  vorn
wird  Foch  zunächst  angegriffen  und  trot  seiner  beherrschenden  Stellungen
schon  am  ersten  Tage  schwer  ins  Gedränge  gebracht.

In  der  Michtung  auf  La  Fére-Champenocise  dringt  der  deutsche  Angriff
unwiderstehlich  vor.  Wie  am  glorreichen  18.  August  1870  fechten  bhier
preußische  Garde  und  Sachsen  Schulter  an  Schulter  im  Brennpunkt  der
Schlacht,  die  sie  fiebernd  ersehnt  hatten  und  nun  nach  endlosen  Märschen
siegverlangend  zum  Austrag  bringen  wollen.  Auch  hier  sollen  die  Sachsen
umfassend  wirken,  während  die  Garde  und  das  X.  Korps  den  Stirnkampf
fübren.  Bülows  Angriff  gewinnt  in  Breite  und  Tiefe  NRaum.

Am  8.  September,  als  die  Armee  Kluck  die  Engländer  längst  ab.
geschüttelt  und  die  Armee  Maunoury  schon  mit  würgendem  Griff  um.
kllammert  hatte,  das  VII.  Korps  und  das  X.  NReservekorps  Montmirail
noch  gegen  jeden  Angriff  hielten,  rückee  das  X.  aktive  Korps  bereits  über
Cbampaubert  auf  St.  Prix  in  der  Richtung  Sezanne  vor.

Die  42.  Division  und  die  Marokkaner  sind  in  die  Verteidigung  geworfen
und  klammern  sich  an  St.  Prix  und  Mondement.  Franchet  d'Espérey#
X.  Korps  vermag  ihre  Berstrickung  nicht  zu  lösen,  sondern  wird  mit  hineinverflochten.
  Die  Dörfer,  die  Waldstücke,  die  Schlößchen  und  Parkanlagen,
die  in  der  sanften  Hügellandschaft  dichegesät  liegen,  widerhallen  vom  Kampf
und  gehen  von  Hand  zu  Hand.  General  Foch  hat  seine  Angriffsabsichten
aufgegeben.  Er  kämpft  schon  am  8.  September  mit  letzter  Kraft,  um  niche
aus  seinen  Hauptstellungen  geworfen  zu  werden.  Iwar  kommt  von  Franchet
d'Esperey  die  tröstliche  Kunde,  daß  Hachers  III.  Korps  Monemirail  besetze
babe,  aber  die  Armee  Foch  wird  dadurch  nicht  entlastet.  Ihre  Frone  droht
zu  brechen.  Schon  sind  die  letzten  Vorstellungen  in  der  Mulde  von  St.  Gond
verloren  gegangen.  Das  IX.  Korps  ist  auf  die  Höhen  von  Allemant  zu-
        <pb n="214" />
        198  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

sammengedrängt.  Das  XI.  Korps  wird  in  Unordnung  auf  La  Fere-Cham.
penoise  geworfen.  Hier  segßh|t  es  sich  zu  verzweifeltem  Widerstand.

Während  dies  geschah,  überschritt  die  preußische  Garde  im  schwersten
Feuer  die  morastige  Mulde  von  St.  Gond  und  erstieg  die  Höhen  westclich
von  Ca  Ferc.Champenoise  und  den  Rand  der  Sészanner  Hochfläche.  Von
St.  Drix  bis  La  Fere.Champenoise  ein  gewaltiges  Abringen  der  Kräfte.
Oas  festgebaute  La  Fere.-Champenoise  ward  vom  XI.  französischen  Korps  in
der  Hölle  des  deutschen  Haubigenfeuers  mit  Heldenmut  gehalten.  Dreimal
segte  der  Gegenstoß  der  Franzosen  die  deutschen  Sturmkolonnen  wieder  aus
der  Stadt,  dreimal  kehrten  sie,  von  unbezwinglichem  Angriffsgeist  getrieben,
zurück  und  behaupten  endlich  den  blutigen  Ort.  Mit  La  Fere-Champenoise
haben  die  Franzosen  den  Schlüsselpunkt  ihrer  Stellung  verloren.

General  Foch  ersucht  den  Generalissimus  um  Unterstüung.  Diese
Bitte  ist  nicht  weniger  dringlich  als  das  Gesuch  Maunourys  vom  Ourcq.
Stand  am  Ourcgq  das  Schicksal  der  6.  Armee  und  die  glücklich  eingeleitete
strategische  Amfassungsbewegung  auf  dem  Spiel,  so  ist  auf  der  Sezanner
Hochfläche  die  9.  Armee  und  damit  das  linke  Zentrum  Joffres  gefährdet.
ODa  auch  das  rechte  Zentrum,  de  Langles  rechter  Flügel  bei  Viery  schon  im
Weichen  ist,  so  ist  die  Achse  der  französischen  Schlachtordnung  im  Begriff,
zu  zerbrechen.  Das  ist  eine  Lage,  die  einen  weniger  kaltblütigen  Führer  als
Joffre  mit  Beskürzung  erfüllt  und  einen  Napoleon  auf  der  Gegenseite  vielleiche
schon  veranlaßt  hätte,  reitende  Boten  mit  der  Siegesnachricht  abzufertigen.
Joffre  besihztt  keine  Reserven  mehr.  Er  hat  das  IV.  Korps  von  der  Armee
Sarrail  zu  Maunoury  geschickt  und  gleichzeitig  ein  Unterstützungsgesuch
von  de  Langle  erhalten,  dem  er  das  XXI.  Korps  von  Dubails  1.  Armee
zuweist.  Dem  Generalissimus  bleibt  nichts  übrig,  als  auf  die  5.  Armee
zurückzugreifen  und  Franchet  d'’Espérey  zu  empfehlen,  General  Foch  abzugeben,
  was  er  Übrig  hat.  Da  die  5.  Armee  nach  dem  Abzuge  der  linken
Flügelgruppe  Klucks  und  bei  dem  dadurch  bedingten  zurückhaltenden
Kampfverfahren  des  rechten  Flügels  Bülows  nicht  mehr  stark  in  die  Schlacht
verwickelt  war,  konnte  General  Franchet  d'Espérey  dieser  Anweisung  entsprechen.


Inzwischen  wirft  Foch  seine  letzte  Reservedivision  nach  La  Fere.  Die
Trümmer  des  XI.  Korps  mit  sich  reißend,  geht  die  Division  mit  schlagenden
Tambouren  und  wehenden  Fahnen  vor.  Aber  schon  bei  Connantre  stößt  sie
auf  flankierende  Maschinengewehre.  Der  Angriff  kommt  ins  Stocken,  der
Elan  versagt,  und  unter  schweren  Werlusten  fluret  die  Truppe  zurück.

Da  befiehlt  Foch  den  Rückzug  über  die  Tiefenlinie  des  Mauriemmebaches,
#n  der  Nacht  auf  den  9.  September  gipfelt  Bülows  Angriff  auf  der  Hochfläche
  von  Sezanne.  Hier  setzt  ihm  der  Befehl  der  obersten  Heeresleitung
zum  Abbruch  der  Schlacht  das  Ziel.  Während  der  Angriff  noch  vorwärts
geht  und  die  9.  Armee  mit  zerbrochenem  rechtem  EFll#gel  auf  die  Aube  zurück-
        <pb n="215" />
        Die  Kämpfe  bei  Montmirail  —Sézanne  199

wirft,  trifft  Bülow  Anstalten  zum  Rückzug.  Diese  Tatsache  kommt  indes  den
französischen  Generalen  nicht  zum  Bewußtsein;  sie  treffen  ihrerseics  alle  Anordnungen,
  die  Schlacht  fortzusetzen.  Die  9.  Armee  war  in  drei  Tagen  um
10  Kilometer  geworfen  worden  und  glitt  bereits  ins  Aubetal  hinunter.  Als
am  9.  September  die  Umfassung  durch  die  3.  deutsche  Armee  über  Somme.
sous  fühlbar  wurde,  wäre  die  Marneschlacht  vielleicht  troß  aller  Anstrengungen
Maunourys,  Gallienis,  Fochs  und  Joffres  verloren  gewesen,  wenn  sich
nicht  die  Rückwirkungen  des  deutschen  Rückzugsbefehls  geltend  gemacht  hätten.

Schon  war  zwischen  Foch  und  de  Langle  de  Cary  in  der  Mitte  der
Joffreschen  Schlachtordnung  eine  große  Lücke  aufgesprungen,  Durchbrechung
und  innere  Umfassung  kündigten  sich  an.  Das  strategische  Gebäude  General
Joffres,  an  dessen  linkem  Eckpfeiler  die  Armee  Kluck  seit  48  Stunden  wütend
rüttelte,  war  im  Mittelbau  dem  Einseurz  nahe  und  stand  nur  auf  dem
rechten  Flügel  noch  leidlich  fest.  Beherrscht  und  umsichtig  stützte  der  Generalissimus
  die  wankende  Front,  bis  ihm  der  Entschluß  des  Gegners,  die
Schlacht  abzubrechen,  den  Ausgang  des  Kampfes  ersparte.

Die  Schlachtlinie  verlief  am  9.  September  vom  Ourcq  zum  Maurienneboch
  in  südösllicher  Richtung.  Der  rechte  innere  Flügel  der  englisch-französischen
  Armeegruppe  Maunoury—French—Franchet  d'Espèrey—Foch  war
also  nach  Südwesten  zurückgeworfen.  Dagegen  erschien  der  äußere  rechte  Flügel
der  deutschen  Kampfgruppe  Kluck.  Bülow.  Hausen  infolge  des  strategischen
Rückzuges  der  1.  Armee  nach  Nordwesten  weit  zurückgebogen.  Zwischen
der  Armee  Kluck  und  der  Armee  Bülow  war  eine  Einbuchtung  entstanden,
die  indes  fÜr  die  Deuteschen  keine  Gefohr  mehr  barg,  da  Kluck  die  Armee
Maunoury  geschlagen  hatte  und  die  Engländer  nicht  zu  fürchten  brauchte,
während  Bülow  sich  durch  Zurücknahme  und  Abschwenkung  des  VII.  Korps
in  südwesltlicher  Richtung  gegenüber  dem  zögernden  Franchet  d'Espérey  gesichert
  hatte.

Der  Ourchbruch,  der  sich  in  der  Richtung  auf  Arcis-sur-Aube  und  Troyes
ankündigte,  drohte  die  9.  und  5.  französische  Armee  auf  die  Seine  und
Paris  abzudrängen,  während  die  östlich  davon  stehenden  Armeen  de  Langles
und  Sarrails  am  Ornain  und  an  der  Maas  festgehalten  wurden  und  im  Falle
einer  Niederlage  oder  infolge  des  Rückzugs  Fochs  nur  nach  Süden  und
Südosten  hätten  ausweichen  können.

Es  kam  nicht  so  weit.  Der  allgemeine  deutsche  Rückzugsbefehl  machte
seine  Wirkung  auch  auf  die  Armee  Bülow  geltend.  Sie  begann  in  der  Nacht
auf  den  10.  September  vom  rechten  Flügel  an  abzubauen.  Langsam  und
methodisch  entbläcterte  sich  die  deutsche  Kampffront,  um  den  Rückzug  über
die  Marne  zu  sichern.  Wann  dieser  Befehl  den  Generalobersten  v.  Blllow
erreicht  hat,  wissen  wir  nicht,  es  ist  indes  die  Vermutung  gestattet,  daß
dies  am  8.,  spätestens  aber  am  9.  September  der  Fall  war.  Sein  Wollzug
forderte  Selbstverleugnung  und  große  Geschicklichkeit.  Oer  rechte  Flllgel
        <pb n="216" />
        200  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

mochte  sich  leicht  vom  Feind  lösen,  Mitte  und  linker  Flügel,  die  in  siegreichem
Kampf  standen,  konnten  diesen  nicht  ohne  weiteres  abbrechen.

Langsam  begannen  die  Verteidiger  von  Monecmirail  mit  dem  Rückzug.
Das  VII.  Korps  und  das  X.  Reservekorps  lösten  sich  aus  dem  Kampf  und
gingen  auf  die  Marne  zurück.  Das  X.  Korps  folgte.

Durch  dieses  Zurückgehen  wurde  die  5.  französische  Armee  vollends
entlastet.  Während  ein  Teil  in  der  Richtung  auf  Dormans  und  Epernay
folgte,  ohne  indessen  vorerst  die  Hochsläche  von  Viffort  und  Condé-en-rie
zu  Uberschreiten,  wandte  sich  die  Rechte  zu  einem  Flankenstoß  gegen  Bülows
linken  Flügel,  um  der  Garde  in  den  Rücken  zu  kommen.  Außer  dem  X.  Korps
sest  auch  das  I.  Korps  der  5.  Armee  zu  diesem  Stoß  in  die  Weiche  Bülows  an.
Gelang  es  Franchet  d'Espérey,  im  Einvernehmen  mit  Foch  die  Höhen  wesllich
der  Sümpfe  von  Se.  Gond  und  die  Straße  von  Champaubert  nach  Chälons  zu
sperren,  so  war  dem  Gardekorps  der  Rückweg  auf  Epernay  und  Chälons  abgeschnic#en
  und  auch  der  Rückzug  der  Sachsen  schwer  gefährdet.  Dann  war  wenigstens
  im  Zentrum  zum  Teil  gelungen,  was  der  Schlachtplan  Joffres  dem  ganzen
deutschen  Heer  zugedacht  hatte:  die  vollständige  Amfassung,  die  Aufrollung
vom  rechten  Flügel  und  die  Vernichtung  im  Becken  der  Narne.  Aber
ebenso  wie  das  II.  und  IV.  Korps  der  Armee  Kluck  sich  am  6.  September
spielend  gedreht  hatten,  brach  auch  dos  Gardekorps  den  Kampf  auf  den
Höhen  von  Allemant  nach  einem  letztten  Vorskoß  glatt  ab,  ließ  bei  Corroy,
Qa  Fere.Champenoise  und  am  Petik  Morin  Deckungen  stehen  und  gewann,
dank  seiner  Üüberlegenen  Manövrierfähigkeit,  Raum  und  Zeit  zum  befohlenen
Rückzug.  Am  die  Mittagsstunde  des  10.  September  ist  Bülows  ganze  Armee
in  vollem,  gesichertem  Rückzug.  Franchet  d'Espéreys  Flankenséoß  gelangte
nicht  mehr  zur  Auswirkung,  und  General  Foch  rückte  erst  am  Abend  des
10.  September  wieder  in  La  Fere  ein.

Eisenfest  standen  die  Nachhuten  der  Garde  am  Petik  Morin.  Schwere
NRegengüsse  waren  niedergegangen  und  hatten  den  Sumpfboden  wieder
durchweicht.  Französische  Quellen  berichten  von  einer  Gardebatterie,  die
dork  bis  zum  späten  Abend  feuerte  und  bei  jedem  Schuß  tiefer  einsank,
obwohl  die  Kanoniere  Baumstämme  unter  die  Näder  und  zwischen  die
Speichen  der  Geschüte  schoben.  Die  Offziere,  die  Bedienung  fielen  Mann  für
Mann,  aber  den  ganzen  Tag  brüllten  ihre  Geschütze  über  das  Moor,  und
als  der  andrängende  Feind  sie  am  Abend  erreichte,  fand  er  tief  eingesunken
eine  Batterie  der  Toten.

Der  Rückzug  der  Garde  mußte  den  der  sächsischen  Korps  selbst  dann
nach  sich  ziehen,  wenn  der  Befehl  der  obersten  Heeresleitung  diese  nicht  erreicht
hätte,  denn  die  3.  Armee  war  nun  ihrerseits  in  der  rechten  Flanke  jedem
Ayfall  preisgegeben,  und  zwar  um  so  stärker,  je  weiter  sie  ihre  Fahnen  nach
Südwesten  trug.  Sie  hatte  den  Durchbruch  nahezu  zur  inneren  Amfassung
gesteigert.  Das  XII.  Reservekorps  war  am  9.  September  bis  Salon,
        <pb n="217" />
        Die  Kämpfe  bei  Vitry  und  Sermaize  201

13  Kilometer  südlich  von  La  Fere-Champenoise,  gelangt  und  hatte  den
rechten  Flügel  der  Armee  Foch  vollständig  nach  Südwesten  umgeknickt.  Das
Aubetal  und  die  rückwärtigen  Verbindungen  der  französischen  Mittelstellung
lagen  bereits  in  seinem  Griffbereich,  als  es  aus  siegreichem  Kampf  abgerufen
wurde.  Am  10.  September  trat  das  XII.  Korps  den  Rückzug  über  Sommesous
  auf  Chälons  an,  aber  erst  in  der  Nacht  auf  den  11.  September  glückte  es
dem  XII.  Reservekorps  und  dem  XIX.  Korps  —  das  XIX.  Korps  hatte  in
Anlehnung  an  den  rechten  Flügel  der  4.  Armee  südwestlich  von  Biery  gefochten
  —,  sich  aus  dem  weit  nach  Süden  getragenen  Kampf  zu  lösen  und
ebenfalls  die  befohlene  Rückbewegung  zu  vollziehen.  General  Foch  entwickelte
größere  Tarkraft  als  Franchet  d'Espérey,  er  drückte  sofort  nach  und  reichte
der  4.  Armee  de  Langle  die  Hand,  um  die  Lücke  bei  Mailly  zu  schließen.

Ein  großes  Aufatmen  ging  durch  die  französische  Mittelstellung.  Diese
war  nicht  nur  durch  die  Verdrängung  Fochs  von  La  Fere-Champenoise
hinter  den  Mauriennebach,  sondern  auch  durch  die  Mißlage  der  Armee
de  Langles  beinahe  gesprengt  worden  und  war  am  9.  September  am  Erliegen
gewesen.

Die  Kämpfe  bei  Viery  und  Sermaize

Die  Armee  des  Herzogs  von  Württemberg  hatte  sich  in  unbezähmbarem
Drang  nach  vorwäres  im  Mündungswinkel  des  Ornain  auf  Vitry—Sermaize
vorgearbeitet.  Die  ihr  gegenüberstehende  4.  Armee  de  Langles  de  Cary
bate  ihr  hartnäckig  Widerpart  gehalten.  Sie  war  stolz  auf  ihren  Erfolg
vom  27.  August  an  den  Ufern  der  Maas  und  bewies  dies  durch  rüstige  Haltung.
Ihr  linker  Flügel  lam  jedoch  bald  ins  Gleiten.  Am  5.  September  lehnte  er  sich
südlich  von  Coole  an  die  Hügel,  zwischen  denen  die  alte  Römerstraße  nach
Brienne  zieht.  Aber  Viery-le-  Frangois  lief  die  französische  Front  in  leicht
geschwungenem  Bogen  nach  Nordosten  weiter.  In  der  Mitte  standen  das
XII.  Korps  und  das  Kolonialkorps  um  Blesmes  und  auf  dem  rechten  Flügel
das  II.  Korps,  das  Sermaize  besetzt  hielt.  De  Langle  hatte  seinen  Befehls.
stand  in  Chavanges  errichtet.  Am  6.  September  trafen  die  Deutschen  auf
den  zum  Angriff  geordneten  Feind.  Das  II.  Korps  Gérard  wurde  so  heftig
angefallen,  daß  es  Mühe  hatte,  sich  zu  behaupten.  Auch  das  Kolonialkorps
und  das  XII.  Korps  Roques',  das  an  der  Semois  und  der  Maas  stark  geblutet
  hatte,  wurden  von  dem  Anprall  erschüttert  und  kamen  nicht  dazu,
den  Angriff  durchzuführen,  den  Joffre  von  der  4.  Armee  erwartet  hatte.
Nur  dem  XVII.  Korps  lächelte  ein  Erfolg.  Es  gewann  Boden,  war  aber
nicht  imstande,  daraus  Nutzen  zu  ziehen,  da  seine  entblößte  Flanke  zur  Worsicht
  riet.  Sein  Gegner  war  Hausens  XIX.  Korps,  das  sich  hier  Schulter  an
Schulter  mit  Albreches  Rheinländern  vom  VIII.  Korps  schlug  und  an
der  alten  Römerstraße  von  Chälons  auf  Sompuis  herabstieß.  Am  7.  Sep-
        <pb n="218" />
        202  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

tember  war  die  4.  deutsche  Armee  in  vollem  Kampf.  Die  Aheinländer
waren  schon  am  Worabend  in  Vitry-le.-  Frangois  eingedrungen,  das
XIX.  Korps  hatte  Zuzug  erhalten  und  das  XVII.  französische  Korps  angehalten,
  und  auf  dem  deutschen  linken  Flügel  waren  die  Deutschen  über
Gérard  Herr  geworden  und  hatten  Heilt  durchschritten  und  erstürmten  am
Abend  das  wichtige  Sermaize.  Die  Armee  des  Herzogs  Albrecht  war  im
Besis  der  Ornain-  und  der  begleitenden  Linie  des  Rhein  Marne-Kanals,
die  Joffre  der  4.  Armee  als  Frontabschnitt  bezeichnek  hatte.  Nur  ein  paar
deutsche  Reiterdivisionen,  die  hindurchfegen  und  die  9.  Kavalleriedivision  der
Franzosen,  die  die  ganze  Breite  Sompuis—Mailly  decken  soll,  über  den
Haufen  rennen,  und  die  große  Marneschlacht  war  noch  in  einem  Augenblick
zugunsten  der  Deutschen  entschieden,  da  der  allgemeine  Rückzugsbefehl
schon  ausgegeben  war!  Aber  diese  Kavalleriemassen  feblken.  Die  Sachsenreiter
  lämpften  schon  auf  der  Rominter  Heide  und  die  Brigade  Suckowm
hatte  genug  zu  tun,  der  3.  Armee  als  Aufklärungsreiterei  zu  dienen.

Die  4.  französische  Armee  sah  sich  auf  der  ganzen  Linie  in  Bedrängnis
  gebracht.  Sie  lämpfte  auch  hier  mit  ungleich  größerer  Standfestigkeit
  als  in  den  belgischen  Ardennen.  Am  8.  September  wurde  de  Langles
linker  Flügel  südwestlich  Bitry  bis  Humbauville  und  Sompuis  geworfen.
Krampfbaft  llammerte  sich  sein  XVII.  Korps  an  die  Hügelwellen  wesclich
der  alten  Römerstraße,  um  das  Herankommen  des  XXI.  Korps  zu  erwarten,
das  Dubail  auf  Joffres  Befehl  von  der  Mortagne  zu  Hilfe  sandte.  Die
Nok  wuchs.  In  der  Mitte  und  auf  dem  rechten  Flügel  sah  sich  die  Armee
de  Langle  am  8.  September  vom  Ornain  und  dem  Rhein-Marne-Kanal  auf
den  Saum  der  großen  Forsten  zurückgedrängt,  die  sich  zwischen  Sermaize
und  St.  Dizier  ausbreiten.

Als  der  9.  September  heraufstieg,  war  die  4.  französische  Armee
überall  im  Weichen.  Der  linke  Flügel  hing  bereits  ins  Leere.  Das  XII.  französische
  Korps  war  auf  die  Stärke  einer  Brigade  zusammengeschmolzen,
das  II.  Korps  wurde  erneut  zum  Rückzug  gezwungen,  Maurupt  und  Le
Montoy  südwestlich  Sermaize  von  den  Deutschen  genommen  und  die  Mitte
de  Langles  in  die  feuchten  Wälder  von  Dreibrunnen  (Trois  Fonteines)
bineingeworfen.

De  Cangle  sah  sich  noch  einmal  nach  Beistand  um.  Oieser  wurde  ihm
dadurch  zuteil,  daß  eine  Division  des  XV.  Korps  der  2.  Armee  zu  ihm  übertrat.
  Er  versuchte  sie  in  die  linke  Flanke  des  Würteembergers  zu  schleudern
und  sillte  hier  die  drohendste  Gefahr.  Um  3  Uhr  nachmittags  erreichte  die
Schlacht  ihren  Höhepunket.  Auf  der  ganzen  Linie  waren  die  Deutschen  im
siegreichen  Fortschreiten.  De  Langles  Linke  war  bis  in  der  Nichtung  von
Humbauville  zurückgeworfen  und  sah  sich  dort  von  Umfassung  bedroht,  die
beiden  rheinländischen  Korps  rückten  von  Viery  auf  St.  Rémy  vor,  Tieblemont
  geriet  in  die  Feuerlinie.  Albrechts  linker  Flügel  stürzte  sich  auf  Andernay.
        <pb n="219" />
        Die  Kämpfe  bei  Vitry  und  Sermaize  203

Als  der  Sommerabend  seinen  lecten  Dämmerschein  löschte,  war  de  Langles
linker  Flügel  bei  Humbauville  von  Westen  umfaßt.  Wie  Fochs  rechter
F#ügel  in  südwestlicher  Richtung  nach  Salon  zurückgedreht  wurde,  so  geriet
de  Langles  linker  Flügel  in  Gefahr,  in  südöstlicher  Richtung  nach  St.  Rémy
zurückgedrückt  zu  werden.  Zwischen  den  beiden  aufgeschlagenen  Flügeln
Fochs  und  de  Langles  sprang  das  große  Tor  zum  Zentrumsdurchbruch  auf.

Aber  die  Armce  des  Herzogs  von  Württemberg  griff  nach  einem  Sieg,
der  ihr  nicht  mehr  gehörte,  denn  der  Rückzugsbefehl  harte  auch  sie  erreicht.

Der  französische  General  rafft  alles  zusammen,  was  er  in  den  tückischen
Waldgefechten  der  Mitte  und  auf  dem  rechten  Flügel  enebehren  kann,  wo
er  noch  Boden  zu  verkaufen  hat,  und  sucht  die  Lage  auf  dem  linken  Flügel
wiederherzustellen.  Dort  liegt  die  Entscheidung,  die  nach  Joffres  Empfinden
eine  Niederlage  verbirgt,  wenn  das  Abblättern  der  deutschen  Front  nicht
rasch  genug  vor  sich  geht.  Um  Goch  steht  es  schlecht,  der  ist  auf  den  Mauriennebach
  zurückgetrieben  und  wird  in  südwestlicher  Richtung  abgedrängt.  Immer
größer  klafft  die  Lücke  im  Zentrum  der  allgemeinen  Schlachtlinie,  und  Joffre
erwartet  von  der  Armee  de  Langle,  daß  sie  den  Durchbruch  auf  Arcis-sur-Aube
  um  jeden  Dreis  verhindere.

Als  die  zu  diesem  Iweck  bei  Humbauville  versammelten  Kräfte,  die
ject  das  XVII.,  XXI.  Korps,  eine  Kolonialdivision,  eine  Infanteriebrigade
und  eine  Kavalleriedivision  umfassen,  am  Vormittag  des  10.  September  zur
vollen  Entwicklung  gelangen,  stoßen  sie  zwar  auf  Widerstand,  aber  der
Angriffswille  der  Deutschen  scheint  gebrochen.  Die  Franzosen  schreiben
dies  ihren  eigenen  Anstrengungen  zu.  Es  ist  anders.  Wie  die  3.,  so
ist  auch  die  4.  deuksche  Armee  vom  allgemeinen  Rückzugsbefehl  erfaßt
worden  und  bricht  die  Schlacht  ab,  in  der  sie  die  4.  französische  Armee  in  so
schwere  Bedrängnis  gebracht  hatte;  de  Langle  ist  nur  auf  Nachbuten  gestoßen.

Oa  sich  der  deutsche  Rückzug  von  rechts  nach  links  fortpflanzte,  konnte
de  Langles  linke  Flügelgruppe  nun  unter  günstigen  Umständen  zum  all.
gemeinen  Gegenangriff  schreiten.  Aber  die  deutschen  Nachhuten  machten
ihr  und  den  in  den  Wäldern  von  Maurupt  verstrickten  Korps  der  Miete  den
Exfolg  nicht  leicht.  Schwere  Batterien  geboten  Halt.  Erst  am  11.  September
räumten  die  Rheinländer  Viery  und  erst  am  12.  September  gelangte  Sermaize
  wieder  in  franzssischen  Besih.“)  Die  9.  Kavalleriedivision  trabte  auf
der  Straße  von  Chslons  zur  Verfolgung  vor.

—  ——  —
H.  —  —  —  —  —  —

In  Vitry  ·  le·  François  ist  nach  dem  Abzug  der  Rheinländer  ein  Korpsbefehl  des
Führers  des  8.  Korps,  Generalleutnants  Tülff  von  Tschepe  und  Weldenbach  gefunden
worden,  der  vom  7.  September  10  Uhr  30  Minucen  datiert  ist  und  für  den  nächsten
Tag  die  große  Entscheldungsschlacht  zwischen  Daris  und  Verdum  voraussagt.  Daraus
Leht  hervor,  daß  die  Korpsführer  noch  an  die  Ourchführung  der  Schlacht  glaubten
und  der  allgemeine  Rückzugsbefehl  die  4.  Armee  und  das  8.  Korps  noch  nicht  erreicht
batt.  Keinesfalls  aber  wird  dadurch  bewiesen,  daß  die  Schlacht  an  der  Marne  eine
durchgekämpfte  Entscheivungsschlache  gewesen  ist.
        <pb n="220" />
        204  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Die  Kämpfe  zwischen  Revigny  und  Verdun

Als  die  1.,  2.,  3.  und  4.  deutsche  Armee  schon  im  Rückzug  auf  die  Aisne
begriffen  waren,  lag  die  5.  Armee  noch  auf  der  Linie  Revigny—GWerdun
mit  der  3.  französischen  Armee  und  der  mobilen  Werteidigung  von  Verdun
im  Kampf.  Sie  hatte  am  5.  September  die  Gegend  von  Sommeilles  und
Triaucourt  erreicht  und  unterwegs  die  Gewehre  nicht  verkühlen  lassen.  Um
Verdun  zu  fesseln  und  die  linke  Flanke  sicherzustellen,  wurde  zugleich  der
Plag  von  Norden  und  Osten  angegriffen  und  das  Vorgelände  von  Wigneulles
und  Ekain  in  der  Woevre  und  von  Consenvoye  und  Siory  an  der  Maas
bis  Esnes  westlich  des  Flusses  erstritten.  Die  Außenfesten  des  Hlatzes  er.
widerten  das  Feuer  der  schweren  Belagerungsgeschütze  aus  allen  Schlünden,
und  die  mobile  Berteidigung  betätigte  sich  so  tatkräftig  in  Ausfällen,  daß
namhafte  Kräfte  des  Kronprinzen  vor  der  Lagerfestung  gefesselt  blieben.
Das  VI.  deutsche  Reservekorps  und  beigestellte  Landwehr  hielten  den  Platz
unter  storkem  Druck,  während  das  VI.  aktive  Korps,  das  XIII.  und  XVI.  Korps
mit  dem  IV.  Kavalleriekorps  den  Vormarsch  fortsetzten,  der  seit  dem  1.  September
  ein  ständiger  Kampf  um  die  Zuwege  der  Argonnen  in  der  Richtung
nach  Süden  auf  den  oberen  Ornain  und  den  Rhein-Marne-Kanal  war.
Das  V.  Reservekorps,  das  bereits  zur  Iberführung  auf  den  öfllichen  Kriegsschauplatzg
  bereitgestellt  war,  schwenkte  zu  Beginn  der  Marneschlacht  kehrt
und  griff  Verdun  und  die  Maaslinie  bei  St.  Mihiel  von  Norden  und  Osten
an.  Am  5.  September  standen  sich  die  5.  deutsche  und  3.  französische  Armee
in  der  Linie  Chatillon-sur--les.  Cötes—Consenvoye—Esnes—Sommeilles
gegenüber.

Das  ideale  Angriffsziel  des  Kronprinzen  war  Bar.-le-Duc,  auf  das  die
Straßen  von  Cermont  und  St.  Menehould  führten.  Aber  zuvor  galkt  es,
die  Quelläufe  der  Aire  und  der  Aisne  zu  erstreiten,  den  Chée  und  Ornain  zu
überschreiken  und  die  Linie  Amblaincourt—Isle-en-Barrois—QMevigny  zu
nehmen,  die  von  Sarrail  mit  allen  Kräften  verteidigt  wurde.  Auch  Sarrail
war  nicht  dazu  gekommen,  seinen  allgemeinen  Angriff  einzuleiten,  als  die
Kämpfe  in  den  Argonnen  in  eine  Teilschlacht  der  großen  Marneschlacht
Üübergingen.  Die  Armee  des  Kronprinzen  ließ  sich  troßh  der  Ungunst  der
strategischen  Lage,  in  die  sie  durch  die  Pressung  von  Verdun  her  versegzt
war,  nicht  in  die  Verteidigung  zwingen.  Am  Abend  des  5.  September
rüstet#e  ie  zum  Angriff  auf  Revigny,  und  in  der  Frühe  des  6.  September
brach  sie  los.  Der  Druck  wurde  alsbald  so  stark,  daß  Sarrails  linker  Flügel
ins  Weichen  kam.  In  der  Mitte  tobte  der  Kampf  im  Wald  von  Belnoue
und  bei  Baubécourk,  auf  Sarrails  rechtem  Flügel  geriet  Amblaincourt
schon  nach  wenigen  Stunden  in  Gefahr.  Unverkennbar  spigten  sich  die  Angriffskeile
  der  drei  deutschen  Korps  auf  Bar-le-Duc  zu.  Sarrail  rief  die
72.  Reservedivision  von  Verdun  herbei,  um  den  Angriff  im  Alretal  zu
        <pb n="221" />
        Die  Kämpfe  zwischen  Revigny  und  Verdun  205

hemmen,  wo  sein  VI.  Korps,  nur  drei  Brigaden  stark,  am  Erliegen  war  und
vom  XVI.  deutschen  Korps  von  Beauzée  auf  Amblaincourt  geworfen  wurde.

Außerdem  setzte  der  französische  General  seine  Kavallerie  ein,  die  zwischen
den  Straßen  Clermone—Bar-le.-Duc  und  Revigny—Bar-le-Duc  im  Quell.
gebiet  der  Aisne  und  der  Chée  bei  Isle-en-Barrois  verstrickt  wurde.  Mir
ihr  kam  die  54.  Reservedivision  ins  Weichen.  Das  V.  Korps  wurde  von  den
Württembergern  im  Walde  von  Belnoue  so  hart  angefaßt,  daß  sein  linker
Flügel  abbrach  und  es  trotz  hartnäckiger  Gegenwehr  auf  Louppy  zurück.
gedrängt  wurde.  Revigny  war  erreicht.  Im  roten  Abendschein  und  in  der
Glut  der  Feuersbrünste,  die  aus  den  alten,  edel  gebauten  Häusern  schlugen,
wurde  die  Stadt  vom  VI.  Korps  erstürmt.  Schon  fubren  GBatteriesalven
in  die  linke  Flanke  des  französischen  V.  Korps,  das  sich  an  Laimont  klammerte
und  Gefehl  erhalten  hatte,  den  Ort,  der  zwischen  Revigny  und  Louppy  an
der  Straße  nach  Bar-le.  Duc  liegt,  um  jeden  Dreis  zu  halten.  Mit  Ungeduld
wartete  Sarrail  auf  Verstärkungen.  Er  gäbe  viel  darum,  wenn  er  sein
VI.  Korps  noch  hätte,  das  ihm  am  Vorabend  der  Schlacht  entführt  worden
ist,  um  als  strategische  Reserve  des  Oberbefehlshabers  zu  dienen  und  soeben
an  den  Ourcq  befördert  wurde.  Da  sandte  General  Joffre  ihm  und  dem  mit
ihm  bedrängeen  de  Langle  das  XV.  Korps,  das  Castelnau  am  Mont  Cou.
ronné  enebehren  konnte.  Die  Truppe  hatte  die  Scharte  von  Mörchingen
auszuwehen  und  war  willig  zur  Schlacht.

Amy.  September  ging  der  Angriff  der  Kronprinzenarmee  troh  wachsender
Schwierigkeiten  abermals  vorwärts,  aber  die  Werluste  häuften  sich  und
Verstärkungen  flossen  spärlich.  Der  Kronprinz  hatte  eine  Brigade  des
VI.  Reservekorps  in  die  linke  Mitte  gezogen  und  ließ  zugleich  den  Platz
Verdun  und  die  Maasfesten  auf  den  rechesufrigen  Höhen  durch  schwere
Artillerie  angreisen,  um  Sarrails  rechte  Flanke  von  Genicourt  bis  Se.  Mihiel
zu  bedrohen.  Am  8.  September  traten  die  Südfranzosen  in  den  Kampf;
5wischen  der  3.  und  der  4.  Armee  eingeseht,  deckten  sie  die  Zugänge  von
Bar.le-Duc.  De  Langles  rechter  Flügel  spürte  Entlastung,  und  auch  aimont
wurde  behauptet.  Der  Dag  erstarb  unter  einer  beftigen  Kanonade,  die  von
den  Franzosen  mit  verstärkten  Kräften  unterhalten  wurde.  Sarrail  sah  die
Linie  Dierrefitte—Vavincourt—Gar.  le-Ouc  noch  nicht  angeschnitten.  Eng
verkämpft  lag  die  5.  deutsche  Armee  in  stehender  Schlacht.  Wenn  es  ihr
nicht  gelang,  auf  Bar-le-Duc  durchzustoßen,  mußte  man  Sarrails  Maas.
stanke  aufzureißen  suchen.  In  der  Tak  lag  die  Feste  Troyon  schon  am  8.  September
  unter  dem  Feuer  schwerer  Mäörser,  Se.  Mihiel  erschien  bedroht.
General  Sarrail  befahl,  die  Maasbrücken  zu  sprengen,  und  warf  seine
Reservekavallerie  zur  Abwehr  an  das  Ufer.

Die  3.  französische  und  die  5.  deutsche  Armee  hatten  sich  vollständig
verbissen.  Es  gelang  Sarrail  nicht,  sich  des  Gegners  zu  entledigen  und
ihn  auf  die  Armee  des  Herzogs  von  Württemberg  zu  werfen,  da  er  seine
        <pb n="222" />
        206  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

ganze  Kraft  zur  Abwehr  des  Durchbruchs  bei  Bar-le.--Duc  nötig  hatte.
Ebensowenig  gelang  es  der  5.  deutschen  Armee,  in  diesem  schwierigen
Gelände  in  kurzer  Frist  einen  Erfolg  zu  erzielen,  der  Sarrails  Verteidigung
ganz  aus  dem  Halt  gedrückt  hätte.  Verdun  widerstand  auf  das  kräftigste.
Es  hatte  sein  Vorfeld  bis  Etain,  Azannes,  Bethincourt  und  Avocourt
binausgeschoben  und  befestigt  und  hielt  in  dem  zerschnittenen  Gelände  der
Maashügel  und  der  verfilzten  Argonnenwälder  so  viel  Artillerie  verborgen,
daß  die  deutschen  Kanonen  nicht  dazu  kamen,  gegen  den  Panzergürtel  zu
wirken.  Die  Zertrümmerung  einiger  Kuppeln  weit  vorgeschobener  Forts
vermochte  die  Widerstandskraft  des  Plagtzes  nicht  zu  erschüttern,  der  der
Armee  Sarrail  als  eiserne  Schulterstütze  diente  und  zum  Eckstein  der  ganzen
französischen  Kampflinie  geworden  war.  Als  Fort  Troyon  am  9.  September
  verstummt  lag,  war  es  für  die  Deutschen  zu  spät,  hier  noch  einen
durchgreifenden  Erfolg  zu  suchen.  Die  Marneschlacht  war  schon  abgebrochen.
Eine  Fortführung  der  Operationen  am  Ornain  und  sidlich  der  Argonnen
wäre  verhängnisvoll  geworden.

General  Sarrail  stand  mit  dem  Rücken  an  die  Maas  und  mit  dem
linken  Flügel  an  den  RKhein  Marne-Kanal  gelehnt,  in  einer  Stellung,
die  ihm  MRaum  genug  zum  Ausweichen  ließ,  ohne  ihn  der  Nochadelinien
  Verdun—Commercy—Toul  und  Bar.le-Duc—Commercy  zu  berauben.
  Rücken  an  Rücken  mit  der  Armee  Castelnau,  die  jenseits  der  Maas
und  der  Meurthe  am  Mont  Couronné  dem  Ansturm  der  6.  Armce  standbielt,
während  Dubail  sich  unter  Bodenverlust  an  der  Mortagnelinie  festklammerte,
foche  die  3.  französische  Armee  den  Kampf  in  der  Verteidigung  aus.

Die  Aufgabe  der  Kronprinzenarmee  wurde  mit  jedem  gewonnenen
Schritt  schwieriger,  denn  die  Argonnen  senken  sich  der  Aisne  zu  gegen  Westen
und  Norden  und  stellen  dem  von  Norden  nach  Süden  vordringenden  Feind
immer  schärfer  geschnittene  Höhenzüge,  immer  dichter  verwachsene  Erdrisse
entgegen,  die  dem  Verteidiger  ideale  Stellungen  bieten.  Troctzddem  war  die
5.  deutsche  Armee  bis  Revigny  und  Baubécourt  gelangt  und  erreichte  damit
auf  dem  rechten  Flügel  den  Ornainabschnitt  und  den  Rhein-Marne-Kanal,
auf  dem  linken  Flügel  die  Quelle  der  Aisne  und  die  Südwestfront  von  Berdun.
Am  9.  September  überschritt  der  deutsche  Angriff  die  Linie  Revigny—
Ablaincourt—St.  Andrée.  General  Sarrail  ward  allmählich  in  der  Nichtung
  auf  Bar-le.  Duc—WVavincourt—ierrefitte  zurückgedrängt,  aber  der
Ourchbruch  lag  noch  in  der  Ferne,  und  die  Maasfesten  konnten  wohl  zertrümmert,
  aber  niche  besetzt  werden,  solange  die  französische  Feldarmee  dahinterstand.


Waldgefechte  ohne  Ausblick  und  Ende  zerreiben  die  Kräfte.  Aber
während  die  Franzosen  in  eigenem  Cande  kämpfen  und  ihre  Grundstellung
dicht  im  Rücken  haben,  entfernen  sich  die  Deutschen  mit  jedem  Schrite
weiter  von  ihren  Werbindungen.
        <pb n="223" />
        Der  deutsche  Rückzug  auf  die  Alsne  207

Die  Enge  der  Argonnen  hinter  sich,  das  unbezwungene,  von  beweglichen
Kräfeen  gehaltene  Verdun  in  der  Flanke,  als  linker  Flügel  des  ganzen  zwischen
Ourcq  und  Maas  verstrickten  Angriffsheeres  von  links  umfaßt  und  dem
von  rechts  nach  links  wirkenden  Druck  am  stärksten  preisgegeben,  kämpft  die
Armee  des  Kronprinzen  unter  Bedingungen,  die  zu  den  schwersten  Bedenken
Anlaß  geben.  Verdun  wird  von  General  Coutanceau  so  kräfeig  verteidigt,
daß  die  deutschen  Verbindungen  unter  ständiger  Bedrohung  stehen.  Die
5.  Armee  leidet  darunter.

Darüber  hat  sich  zweifellos  die  oberste  deutsche  Heeresleitung  Rechenschaft
  gegeben.

As  die  Armee  des  Kronprinzen  vom  allgemeinen  Rückzugsbefehl  erreicht
wurde,  standen  ihre  Korps  mit  der  Front  nach  Südosten  und  Osten  verkämpft.
Vermochte  sie  sich  nicht  rechtzeitig  zu  befreien  und  ihren  weit  vorgedrungenen
rechten  Flügel  zurückzunehmen,  so  war  sie  einer  doppelten  Umfassung  und
zwischen  Clermont  und  Revigny  der  Vernichtung  ausgesegt.  Sie  durfte  aber
auch  nicht  ohne  weiteres  die  Berührung  mit  dem  Feinde  lösen,  da  sie  sonst  die
Katastrophe  nur  beschleunigt  hätte.  Schon  die  Armee  Herzog  Albrechts  war  in
sehr  schwieriger  Lage  gewesen,  als  sie  den  Rückzug  über  den  Ornain  antrat.  Der
Armee  des  Kronprinzen  harrten  noch  schwerere  Kämpfe,  als  sie  am  10.  und
11.  September  in  Staffeln  nach  Norden  zurückging;  und  doch  gelang  es  ihr,
sich  zu  lösen.  Mit  ihr  brach  die  leczte  deutsche  Angriffsarmee  die  große
Schlacht  ab,  die  von  den  Franzosen  nach  der  Marne  genannt  worden  ist.

Der  deutsche  Rückzug  auf  die  Aisne

Der  Rückzug  der  deutschen  Armeen  hatte  am  9.  September  und  in  der
Nacht  auf  den  10.  September  begonnen,  nachdem  der  Tag  vorher  zur  Abschiebung
  des  Trosses  benutzt  worden  war.

Juersk  war  die  1.  Armee  in  Bewegung  gesetzt  worden.  Hinter  den
Nachhuten,  die  westlich  des  Ourcq  eine  unüberwindliche  Schranke  aufgerichtet
hatten,  zogen  Klucks  Hauptkräfte  auf  Noyon  und  Soissons  ab.  Die  Armee
Maunoury  kam  nicht  zum  Nachdrängen.  Auch  die  englische  Armee  blieb
säumig  im  Vormarsch  und  stellte  erst  mit  Franchet  d'Espéreys  linkem  Flügel
die  Verbindung  her,  bevor  sie  die  Marne  überschritt.  Sie  hatte  andauernd
mit  der  deutschen  Heereskavallerie  und  Kraftwagen  und  Nadfahrern  zu
kämpfen,  die  ihr  an  allen  Ibergängen  Aufenthalt  bereiteten  und  die  Versuche
  der  englischen  Kavallerie,  in  die  abziehenden  Truppen  einzubrechen,
blutig  zurückwiesen.  Auch  die  Armee  Franchet  d'Espéreys  war  nicht  recht
in  Fluß  gekommen.  Auf  der  Hochfläche  von  Viffort  fand  sie  Widerstand
und  mußte  an  der  Marne  starke  Kräfte  entwickeln,  um  die  Nachhuten  Bülows
zum  Weichen  zu  bringen.  Unter  Opfern,  aber  ungebrochen,  überschritt  die
        <pb n="224" />
        208  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

2.  deutsche  Armee  zwischen  Dormans  und  Epernay  den  verhängnisvollen
Fluß.  Die  3.  Armee  v.  Hausen  wurde  stärler  ins  Gedränge  gebracht  und
bewerkstelligte  ihren  Nückzug  zum  Teil  in  Wettmärschen  mit  dem  Verfolger,
der  auf  Parallelstraßen  vorwärts  strebte,  um  die  Sachsen  und  das  RIX.  Korps
noch  im  Marnebogen  zu  ereilen.  In  Kompagnien  und  Bataillone  gegliedert
machten  die  sächsischen  Nachhuten  Front  und  boten  dem  hiig  nachdrängenden
Feind  die  Stirn.  Sie  mußten  Mann  für  Mann  überwältigt  werden  und
erkämpften  der  Masse  der  Armee  mit  ihrem  Leben  den  Rückzug  über  die
Marne.  Marschkreuzungen  der  Korps  der  2.  und  3.  Armee  wurden  mit
zäher  Geduld  überwunden  und  die  Ordnung  troh  der  heftigen  Nachhutgefechte
aufrechterhalten.  Als  die  Marne  zwischen  Epernay  und  Chälons  überschritten
war,  lag  das  Schlimmste  hinter  den  abziehenden  Kolonnen.  Die  4.  Armee
hatte  Viery  lange  genug  gehalten,  um  geordnet  abzurücken,  wurde  aber
in  den  Wäldern  nördlich  des  Ornain  in  der  Richtung  auf  St.  Menehould
zu  scharfen  Rückzugsgefechten  genötigt.  Ersichtlich  wuchs  die  Kampfesstimmung
  der  Franzosen,  die  sich  im  Vollgefühl  des  Sieges  befanden  und
lebhaft  zu  folgen  verlangten.  Auch  hier  bot  den  Franzosen  die  Artillerie  Halt
und  opferte  sich  für  die  abziehenden  Truppen.  Die  5.  Armee  verwandite  drei
Tage  auf  den  Rückzug  von  Revigny  auf  Varennes  und  bewerkstelligte  ihn
troh  der  von  zwei  Seiten  nachdrängenden  3.  französischen  Armee  und  der
Flankenangriffe  aus  Verdun,  ohne  zwischen  Aisne  und  Aire  in  Zerrüttung
zu  verfallen.  Das  XVI.  Korps  deckte  diesen  Rückzug  durch  die  Waldschluchten
der  Argonnen  in  hingebender  Weise  und  opferte  ganze  Batterien,  bis  er
vollständig  vollzogen  und  der  Belagerungspark  vor  WVerdun  in  Sicherheit
gebracht  war.

Nördlich  von  Verdun  reichte  die  5.  Armee  alsbald  dem  dort  stehengebliebenen
  V.  Reservekorps  die  Hand  und  zog  auch  das  V.  Armeekorps
wieder  an  sich.  Die  6.  Armee  wich  vom  Mone  Couronné  und  der  Meurthe
auf  die  Grenze  und  Meh  aus  und  stellte  dadurch  die  Verbindung  mit  der
5.  Armee  und  den  an  der  Aisne  versammelten  Armeen  her.

Der  allgemeine  Rückzugsbefehl  hatte  die  südlich  der  Marne  verstrickten
Armeen  Kluck,  Bülow,  Hausen,  Herzog  Albrecht  und  Kronprinz  auf  eine
ausgesuchte  Stellung  am  Nordufer  der  Aisne  zurückgerufen,  auf  die  auch
schon  das  VII.  Reservekorps  von  Maubeuge  und  das  XV.  Korps  aus  den
Vogesen  im  Anmarsch  waren.

□h
r□

Die  6.  Armee  gab  das  blutgetränkte  Schlachtfeld  am  Mont  Couronns
bei  Nancy  am  10.  September  auf.  Sie  hatte  sich  mit  dem  rechten  Elügel
Über  Eply  und  Mousson  auf  St.  Genevieve—Loisy,  mit  der  Mitte  auf
Amance  und  mit  dem  linken  Flügel  auf  Erbéviller—Réméréville  vorgekämpfe
  und  hielt  diese  modernste  französische  Wehrstellung  schon  fest  im
        <pb n="225" />
        Betrachtungen  zur  Schlacht  an  der  Marne  209

Bogen  umklammert,  als  ihr  der  Rückzug  von  der  Marne  den  Anschluß  an
die  zurückliegende  neue  Fronklinie  zur  Pflicht  machte.  Sie  konnte  die  Schlacht
an  der  Marne  nicht  mehr  auskämpfen  helfen  und  mußte  sich  begnügen,  ihre
Spieße  jeht  für  eine  Verwendung  am  Bewegungsflügel  des  Nordheeres
bereitzuhalten.  Als  auch  die  bis  zur  Lücke  von  Charmes  vorgedrungenen,
dort  im  Stellungskampf  verbissenen  Teilkräfte  der  7.  Armee  am  11.  September
  zurickbefohlen  wurden,  um  die  Verbindung  im  Tal  der  Bezouse  und
auf  der  elsaß-lothringischen  Grenzscheide  mit  der  zurlickgehenden  6.  Armee
und  dem  ganzen  Westheer  aufzunehmen,  war  der  allgemeine  strategische
Rückzug  der  Deutschen  vollendet.

Die  Armeen  Castelnau  und  Dubail  drängten  nicht  nach.  Sie  waren
durch  Abgaben  an  die  Marne  geschwächt,  hatten  in  den  Stellungskämpfen
schwer  gelitten  und  begnügten  sich,  vorsichtig  zu  folgen  und  das  Meurthetal
wieder  zu  besehen.

Die  Schlacht  an  der  Marne,  die  ihre  Ausstrahlungen  bis  St.  Dié  gesandt
hatte,  war  zu  Ende.  Zu  Ende,  ehe  sie  ausgefochten  worden  war,  eine  abgebrochene
  Schlacht,  die  aber  gleichwohl  eine  Neubildung  der  strategischen
Lage  zur  Folge  hatte.

Betrachtungen  zur  Schlacht  an  der  Marne

Der  Eneschluß  der  obersten  deutschen  Heeresleitung,  den  allgemeinen
Rückzug  anzuordnen,  ist  nach  unserer  Auffassung  am  7.  oder  8.  September
gefaßt  worden,  als  die  Amfassung  Maunourys  sich  auszuwirken  drohte  und
die  strategische  Lage  sowohl  dort  als  auch  auf  dem  linken  Flügel  gefährdet
erschien,  wo  die  5.  Armee  schon  seit  dem  2.  September  unter  Flankenbedrohung
  kämpfte.

Der  Hergang  läßt  sich  wie  folgt  zusammenfassen:

Die  1.  deutsche  Armee  tritt  am  5.  September  in  Berührung  mit  der
6.  französischen  Armee,  am  6.  September  mit  den  Engländern  und  der
5.  französischen  Armee,  wendet  sich  am  7.  September  mit  Teilkräften  gegen
die  englische  Armee  und  wirft  sich  dann  mit  der  Hauptmacht  auf  die  6.  Armee
Maunoury,  die  so  lange  vom  Flankenschugh  festgehalten  worden  ist,  während
die  linke  Flügelgruppe  nach  günstigem  Gefecht  mit  der  5.  Armee  südlich  des
Grand  Morin  auf  das  Nordufer  zurückgeht.  Am  8.  September  ist  der  Anprall
  der  Armee  Maunoury  abgeschlagen,  diese  aber  noch  nicht  aus  dem
Felde  verdränge,  die  englische  Armee  wird  von  der  Heereskavallerie  in
Schach  gehalten,  der  linke  Flügel  der  5.  Armee  d'Espérey  ist  in  langsamem
Vorricken.  Am  9.  September  wird  die  Armee  Maunoury  aus  den  eroberten
Stellungen  geworfen  und,  ihr  leter  Umfassungsversuch  vereitelt.  Die  englische
  Armee  und  d-Espereys  linker  Flügel  sind  tiefer  in  die  Lücke  eingedrungen,

SeeemanGeschlchte  des  Krieges.  I.  14
        <pb n="226" />
        210  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

aber  noch  nicht  durchgebrochen.  Der  Hlan  Joffres  hat  eine  Ablenkung  erfahren,
  die  allgemeine  Umfassung  ist  zu  einer  staffelförmigen  abgeschwächt
worden.  Als  der  Rückzugsbefehl  der  obersten  Heeresleitung  zur  Ausführung
kommt,  ist  die  Verklammerung  vollständig  gelsst.  Generaloberst  v.  Kluck
zieht  seine  Korps  zusammen  und  rückt  unbemerkt  in  der  Nacht  auf  den
10.  September  in  exzentrischer  Richtung  ab.  Dadurch  wird  die  Aufstellung
des  Heeres  auf  einer  neuen  Grundlinie  gesichert.

Die  2.  deutsche  Armee  tritt  einen  Tag  später,  am  6.  September,  in
den  Frontkampf  ein.  Sie  verhält  sich  auf  dem  rechten  Flügel  in  Anlehnung
an  die  schon  zurückgenommene  1.  Armee  bei  Montmirail  in  der  Verteidigung
und  greift  die  9.  französische  Armee  mit  dem  linken  Flügel  über  Sbzanne
und  La  Fere-Champenoise  mächtig  an.  Am  7.  und  8.  September  stehen  das
X.  Korps  und  die  Garde  auf  der  Sézanner  Hochfläche  in  siegverheißendem
Kampfe,  der  am  9.  September  gipfelt.  Dann  folgte  auch  die  2.  Armee
dem  ARückzugsbefehl,  sie  bricht  die  Schlacht,  vom  rechten  Flügel  anfangend,
  ab  und  vollführt  am  10.  September  den  allgemeinen  Rückzug
nach  Norden.

Die  3.  Armee,  die  am  6.  September  noch  bei  Chälons  im  Rückstand  ist,
tritt  erst  am  7.  September  in  ernsten  Kampf  und  führe  die  günstig  eingeleitete
Schlacht  am  Mauriennebach  bis  zum  9.  September  abends  gegen  den  rechten
Flügel  der  9.  Armee  durch.  Der  Nückzugsbefehl  findet  sie  südlich  des
Maurienneabschnittes.  Sie  erkämpft  sogar  dann  noch  Worteile  und  bricht
erst  am  10.  September  auf  Befehl  und  wachsenden  Gegendruck  das  Gefecht
ab,  um  sich  über  Chälons  zurückzuzieben.

Die  4.  Armee  erlämpft  vom  5.  bis  7.  September  die  Linie  GBitr#  0##
Francois—Heiltz—Sermaize  und  bringt  im  Zusammenwirken  mit  dem
linken  Flügelkorps  der  3.  Armee  dem  linken  Flügel  der  4.  französischen  Armee
so  schwere  Schläge  bei,  daß  diese  am  8.  September  gebrochen  auf  Humbauville
  zurückflutet.  In  der  Mitte  und  auf  dem  linken  Flügel  wird  der  Ornain,
der  Rhein  Marne-Kanal  und  der  Saulxabschniet  überwunden  und  der  Gegner
in  die  Wälder  geworfen.  Am  9.  September  werden  die  Vorbereitungen  zum
Abbruch  der  Schlacht  getroffen.  Als  de  Langles  verstärkter  linker  Flügel
wieder  angreift,  wird  der  Rückzugsbefehl  wirksam  und  die  Armee  vom
10.  September  an  zurücckgeführt.

Die  5.  Armee,  von  vornherein  mit  einer  sehr  schwierigen  Aufgabe  betraut,
gelangt  nicht  zur  vollen  Entfaltung  ihrer  lebendigen  Kräfte,  verfängt  sich
im  Waldgebirge  der  Argonnen  und  steht  unter  Flankenbedrohung  von
Verdun  her,  bricht  aber  über  Revigny  hinaus  langsam  Bahn,  während  Teilkräfte
  Verdun  einzukreisen  suchen.  Am  7.  September  ist  Sarrail  in  entsagungsvolle
  Verteidigung  geworfen,  am  9.  September  steht  die  Schlacht
in  der  Front,  während  in  der  Maasflanke  die  Sperrfesten  zu  wanken  beginnen.
  Die  Kronprinzenarmee  wird  vom  Rückzugsbefehl  vor  eine  noch
        <pb n="227" />
        Betrachtungen  zur  Schlacht  an  der  Marne  211

schwierigere  Aufgabe  gestellt,  die  in  drei·  bis  viertägigen  Kämpfen  gegen  die
von  zwei  Seiten  nachdrängende  3.  französische  Armee  gelöst  wird.

Die  6.  und  7.  Armee  stehen  unterdessen  im  Stellungskampf  vor  Nanch
und  Gerbeviller  und  gewinnen  zwischen  Pont-à  Mousson  und  Lunkéville
und  an  der  Mortagne  unfruchtbaren  Boden,  indem  sie  starke,  aber  nicht
alle  Kräfte  der  2.  und  1.  französischen  Armee  festhalten,  und  gehen  am
10.  September  im  Zusammenhang  mit  dem  Rückzug  der  übrigen  Armeen  auf
Befehl  gegen  die  Grenze  zurück.  Die  7.  Armee  hat  schon  vorher  große  Verbände
  an  die  Ai##ne  abgegeben.

Die  Schlacht  südlich  der  Marne  ist  also  von  der  obersten  deutschen
Heeresleitung  abgebrochen  und  im  Hinblick  auf  die  allgemeine  Lage  ein
strategischer  Rückzug  auf  eine  neue  Grundlinie  angeordnet  worden.  Die
Schlacht  war  aber  troß  der  von  der  französischen  Heeresleitung  vorgesehenen
doppelseitigen  Umfassung  von  den  Deutschen  taktisch  günstig  eingeleilet  und
versprach  nach  Klucks  glänzender  Abwehr  der  Umfassung  und  bei  der  Wucht,
die  nun  dem  Zentrumsstoß  gegeben  werden  konnte,  den  langgesuchten  Erfolg,
falls  die  Versorgung  des  Heeres  mit  Schießbedarf  und  Ersatzmannschaften
nicht  notlitt  und  die  Kampfkraft  der  von  Entbehrungen  fiebernden  Truppen
nicht  vorzeitig  aufgezehrt  wurde.  Im  Augenblick  der  Ausführung  ist  aus
weitreichenden  allgemeinen  Erwägungen  auf  den  Austrag  der  Schlacht
verzichtet  worden.

Generalfeldmarschall  v.  Schlieffen  hat  den  Begriff  der  Vernichtungsschlacht,
  die  durch  doppelseitige  Umfassung  bewirkt  wird,  am  Beispiel  der
Schlacht  von  Kannä  glänzend  erläutert  und  festgestellt.  Tatsächlich  sind
die  meisten  Vernichtungsschlachten  der  Weltgeschichte  durch  Umfassung  oder
Umgehung  entschieden  worden.  Und  zwar  ist  der  Angreifer  als  Umgangener
in  größerem  Nachteil  als  der  Verteidiger.  Das  einzige  Mittel,  das  dem
in  eine  doppelseitige  Umfassung  geratenen  Angreifer  zu  bleiben  scheint,  ist
beschleunigter  Rückzug,  ehe  die  Amfassung  sich  auswirkt.  Gelingt  dem
Gegner  die  mfassung  nur  einseitig,  so  kann  die  umfaßte  Armee  zu  zwei
Driteeln  dem  Verderben  entzogen  werden,  wie  das  Beispiel  des  Generals
Rennenkampf  in  der  ersten  Schlacht  an  den  masurischen  Seen  zeigt,  die
zugleich  mit  der  Schlacht  an  der  Marne  vom  6.  bis  12.  September  1914
geschlagen  wurde  und  den  deutschen  Waffen  im  Osten  einen  großen  Sieg
brachte.  Nun  scheint  uns  aber  die  Schlacht  an  der  Marne  trot  der  geschickten
Aufstellung  des  französischen  Heeres  den  Bedingungen  einer  Vernichtungs.
schlache  nicht  entsprochen  zu  haben,  denn  die  Umfassungsarmee  Maunoury
bat  zu  früh  angegriffen,  die  englische  Armee  sich  nicht  imstand  gezeigt,
Küuck  festzuhalten,  und  die  1.  Armee  zu  gewandt  mansvriert  und  zu  große
Kampfkraft  besessen,  um  eingesponnen  zu  werden.
        <pb n="228" />
        212  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Ein  Kannä  ist  doch  nur  dann  möglich,  wenn  der  Angreifer  dem  Gesetz
der  meisten  Offensioschlachten  unterliegt,  nach  einem  Worte  Clausewigtzens
min  unbekannte  Verhälenisse  hineintappt“,  sich  im  Seirnkampf  durch  ein
gerade  ausreichendes,  an  sich  noch  angriffsfähiges  Zentrum  von  mindestens
gleicher  Frontlänge  gebunden  sieht  und  der  Flankenangriff  der  beiden
Flügel  erst  dann  erfolgt,  nachdem  möglichst  alle  Kräfte  des  Angreifers
gegen  das  Zentrum  eingesegt  sind.  Das  war  südlich  der  Marne  nicht  der  Fall.

Nach  der  Ansicht  Napoleons  und  Clausewitzens  ist  eine  schwächere
Armee  überhaupt  nicht  in  der  Lage,  eine  Vernichtungsschlacht  dieses  Scils
einzuleiten.  Der  größte  Praktiker  und  der  größte  Theoretiker  fordern  hierzu
übereinstimmend  Aberlegenheit  der  Kräfte.  Anders  Moltke  und  Schlieffen,
die  auch  mit  einer  Minderheit  den  Erfolg  durch  doppelseitige  Umfassung
suchen  und  deren  Tbeorie  durch  die  Schlacht  bei  Tannenberg,  die  Hinden.
burg  vom  24.  bis  30.  August  schlug,  aufs  neue  gestüht  wird.  Dieser  scheinbare
Gegensag  der  Anschauungen  verliert  an  Bedeutung,  wenn  wir  den  Gegriff
der  Iberlegenheit  llarstellen.  Und  zwar  ist  nicht  die  Lahl,  sondern  die
Güte  der  Truppen  im  Kriege  bis  zu  einem  vernünftigen  Verhältnis  maß.
gebend  für  die  Begriffsbestimmung  der  Lberlegenheit.  Innerhalb  gewisser
Grenzen  ist  als  der  Schwächere  nicht  der  an  Jahl,  sondern  der  an  Mansorierfäbigkeit
  und  Kampfkraft  Unterlegene  anzusehen.  Deshalb  kann  auch  eine
lleinere  Truppe  unter  AUmständen  eine  größere  in  Wernichtungsschlachten
verwickeln,  die  mit  einer  Katastrophe  enden,  wie  dies  bei  Kannä  und  Tannenberg
  der  Fall  war.

Niemals  aber  wäre  es  an  der  Marne  den  englisch-französischen  Armeen
gelungen,  das  deuesche  Heer  in  ihren  Armen  zu  erdriücken.  Die  Doktrin,
daß  der  einzige  Ausweg  aus  doppelseitiger  Amklammerung  immer  und  überall
in  der  Richtung  eines  beschleunigten  Rückzuges  gehben  müsse,  ehe  die  Schlacht
das  ganze  Heer  erfaßt  habe,  enthält  vielleicht  doch  einen  Verzicht,  der  das
Strategem  über  Entschluß  und  Operationsfähigkeit  der  Führung  und  den
Plan  über  die  lebendige  Kraft  des  Heeres  stellt.

Oas  stoßkräftige  und  bewegliche  deutsche  Heer  hätte  nach  Klucks  glänzender
  Parade  am  Ourcgq  die  Durchführung  des  Zentrumstoßes  zwischen  Sezanne
und  WVitry  nicht  zu  scheuen  brauchen,  auf  die  Gefahr,  nachher  mit  verwandter
Fronté  gegen  die  nach  Osten  und  Westen  auseinandergebrochenen  französischen
Heere  fechten  zu  müssen.  DTatsächlich  war  das  französische  Jencrum  zwischen
La  Fere-Champenoise  und  Mailly  schon  aufgebrochen  und  von  der  PVerbindung
  mit  dem  linken  Flügel  der  4.  Armee  abgelöst,  als  der  Rückzug  eingeleitet
  wurde.

Eine  Lücke  von  20  Kilometern  Breite  klaffte  zwischen  den  Armeen
Foch  und  de  Langle,  Fochs  rechter  Flügel  und  de  Langles  linker  Flügel  waren
geschlagen.  Ehe  de  Cangle  mit  sechs  zusammengerafften  Divisionen  seinen
Rammstoß  ansehte,  um  wieder  auf  Witry  vorzubrechen,  konnte  das  Schicksal
        <pb n="229" />
        Betrachtungen  zur  Schlacht  an  der  Marne  213

längst  zugunsten  der  Deutschen  entschieden  haben.  Das  war  sogar  mit  Sicher.
heit  der  Fall,  wenn  hinter  ber  3.  und  4.  deutschen  Armee  eine  strategische
Reserve  bereitstand.  Diese  hat  freilich  gefehlt.  Die  deutsche  Heeresleitung
hatte  am  20.  August  zwei  Korps  vom  Bewegungsflügel  weggenommen  und
nach  Osten  gesandt  und  die  6.  Armee  in  der  Stärke  von  vier  Korps  vor  Nancy
festgelegt.  Das  VII.  Reservekorps  belagerte  Maubeuge  und  wurde  erst  am
8.  September  frei.  Es  brauchte  mindestens  flinf  Tage  bis  zur  Abführung
der  Gefangenen,  der  Besetzung  der  Gestung,  der  Sicherung  des  Belagerungsparkes
  und  zum  Anmarsch  auf  die  Aisne.  Es  bleibt  also  fraglich,  ob  die
Oeutschen  die  Schlacht  an  der  Marne  ausnüctzen  konnten,  wenn  sie  sie  mit
dem  Aufgebot  der  vollen  Kraft  durchfochten  und  den  operativen  Durchbruch
in  der  Mitte  erzwangen,  der  ohnedies  geringere  strategische  Aussichten  bot
als  eine  äußere  Umfassung  der  linken  Flanke  oder  eine  innere  Umfassung  der
rechten  Flanke  des  französischen  Nordheeres.  Und  doch  —  war  man  einmal
über  die  Linie  Compiegne—Reims—St.  Menehould  nach  Süden  vorgedrungen
  oder  nachgefolgt,  statt  dort  eine  Flankenstellung  zu  beziehen  und
Blick  und  Stoß  nach  Nordwesten  zu  richten,  so  forderte  das  Schicksal  folge.
richtig  die  Durchkämpfung  der  Schlacht,  sei  es  südlich  oder,  noch  besser,
nördlich  der  Marne,  wo  Paris  als  Stützpunkt  des  linken  französischen  Flügels
ausschied.

Wir  glauben  daher  auch  nicht,  daß  solche  Erwägungen  ftr  sich  allein
den  Ausschlag  gegeben  haben,  als  man  sich  im  Großen  deutschen  Haupt.
quartier  zu  Luxemburg  entschied,  die  Schlacht  abzubrechen  und  der  Entscheidung
  auszuweichen.  Der  Zweifrontenkrieg  warf  seine  Schatten  über  den
Kartentisch  der  obersten  Heeresleitung.  Außerdem  müssen  Gründe  dazu
getreten  sein,  die  im  Rücken  der  deutschen  Angriffsfront  erwachsen  waren.
Es  war  zu  bedenken  und  man  hatte  es  nun  erkannt  und  gewogen,  daß  die
offene  Flanke  weit  gegen  Westen  klaffte,  daß  Antwerpen  noch  stand,  aus  dem
am  9.  September  die  belgische  Armee,  im  Einklang  mit  der  Schlachthandlung
an  der  Marne,  schwungkräftig  zum  Ausfall  hervorgebrochen  ist.  Der  Nachschub
  von  Vorräcen  und  Reserven  war  gefährdet,  Schienen,  Brücken  und
Tunnels  noch  unterbrochen,  Rochadelinien  dicht  binter  der  Front  nicht
vorhanden  und  jenseits  des  Kanals  in  England  ein  Feind  erstanden,  den
man  bei  Mons  und  St.  Quentcin  zwar  geschlagen,  aber  nicht  zu  Boden
gerungen,  sondern  erst  in  Bewegung  gebracht  hatte.  Also  bestanden  auch
ohne  Heranziehung  der  WVerhältnisse,  die  im  Osten  wirksam  geworden  waren,
genügende  Gründe,  den  Abbruch  der  Schlacht  zu  erwägen,  die  unter
ungünstigen  strategischen  Bedingungen  dargeboten  wurde.

War  mum  aus  allgemeinen  Erwägungen  einmal  der  Entschluß  gefaßt,
die  Schlacht  nicht  durchzufechten,  so  blieb  noch  Großes  anzuordnen  und  zu
tun,  nämlich  die  Armee  vom  Feinde  zu  lösen  und  eine  neue  Grundstellung
zu  suchen  und  sich  in  dieser  einzurichten.  Das  ist  rasch  und  entschieden  ge-
        <pb n="230" />
        214  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

schehen.  Das  Heer  ist  nicht  dicht  vor  dem  Feinde  in  feste  Stellung  gegangen,
wo  die  Flankenbedrohung  wirksam  geblieben  wäre,  sondern  über  die  Marne
und  —  fast  zu  weit  —  über  die  Aisne  zurückgeführt  worden,  also  dorthin,
wo  am  30.  August  der  Angriff  seinen  Gipfelpunkt  erreicht  hatte  und  die
rückwärtigen  Verbindungen  noch  einigermaßen  spielten.  Dadurch  wurde  der
Feldzug  im  Westen  auf  eine  neue  Grundlage  gestellt.

Die  franzssische  Heeresleitung  hat  die  Schlacht  vielleicht  mit  geringerer
Kraft  und  Eneschiedenheit  gesucht  als  die  deutsche,  aber  im  Gegensag  zu
dieser  an  dem  Willen  festgehalten,  sie  im  freien  Felde  herbeizuführen  und
durchzukämpfen.

Dieser  Entschluß  wurde  ihr  leicht,  als  ihr  ein  Zufall  die  günstigere
strategische  Stellung  verschaffte.  Die  strategische  Iberlegenheit  der  Franzosen
lag  niche  nur  in  der  festverankerten  Aufstellung  zwischen  Paris  und  Verdun
und  dem  Abschwenken  Klucks  nach  Südosten  begründet,  war  nicht  nur  durch
die  ungesicherte  Lage  der  deutschen  Angriffsarmeen  bestimmt,  sondern  ergab
sich  auch  aus  der  Beherrschung  der  inneren  Linie,  die  Joffre  gestattete,
während  der  Schlacht  ganze  Korps  vom  rechten  auf  den  linken  Flügel  zu
werfen.  Dadurch  erhielt  er  eine  strategische  Reserve  zu  den  taktischen  Reserven,
  die  dem  Heere  in  Gestalt  von  Depottruppen  und  Landwehr  zugeflossen
waren.  Diese  Reserve  stand  nicht  mehr  wie  zu  Napoleons  Zeiten  hinter  dem
Feldherrn  aufmarschiert,  kam  nicht  mehr  wie  in  Moltkes  Tagen  zur  Wereinigung
  auf  dem  Schlachtfelde  auf  vorher  bestimmten  Wegen  angerülkt,
um  die  Entscheidung  zu  bringen,  sondern  wurde  irgendwo  aus  der  Froné  gezogen
  und  mie  Bahnen  und  Krafewagen  in  schwindelnder  Eile  herangeholt,
um  die  wankende  Schlachtordnung  an  der  brüchigen  Stelle  wieder  aufzurichten.
  Hierin  hat  der  französische  Feldherr,  dem  kühne,  geniale  Ein.
gebungen  versagt  geblieben  sind,  aber  große  Kühle  und  Sicherheit  der  Be.
rechnung  eigen  war,  sich  als  Meister  gezeigk.  In  besserer  Grundstellung  und
unter  günstigeren  Bedingungen  —  auch  das  Bewußtsein,  daß  es  um  Sein
oder  Nichesein  ging,  muß  in  diesem  Sinne  gewertet  werden  —  hat  noch
kein  Heer  gefochten.  Trohdem  vermochte  das  französische  Heer  im  taktischen
Zusammenprall  den  Sieg  nicht  zu  erringen,  sondern  nur  beldenmülig  auszuhalten
  und  sich  den  Boden  teuer  abkaufen  zu  lassen,  bis  der  Gegner  sich
zum  Nückzug  entschloß.

Nur  der  Wille  zum  Sieg  und  der  Glaube  an  den  Sieg  haben  der
französischen  Armee  an  der  Marne  den  Erfolg  gesichert,  den  sie  in  der  Schlacht
selbst  nicht  zu  erkämpfen  vermochte.  Ihr  neugewecktes  Kraftgefühl  und  der
aufflammende  kriegerische  Geist  ließen  den  Gegner  erkennen,  daß  er  alles
auf  einen  Wurf  stellte,  wenn  er  fern  von  seinen  Verbindungen,  in  ungünstiger
Aufstellung  und  unter  dem  JLwang  der  Wechselwirkung  des  Zweifrontenkrieges
  die  Enkscheidung  annahm,  nachdem  er  den  Gipfelpunkt  seines  strategischen
  Erfolges  Überschricten,  die  Richcung  nach  der  Seeküste  aus  dem  Auge
        <pb n="231" />
        Die  Auswirkung  der  Schlacht  an  der  Marne  215

gelassen  hatte  und  dem  zurückgehenden  Feldheer  über  Neims  nach  Paris
und  die  Geheimnisse  von  Paris  unterschätzend  ins  Marnebecken  gefolgt  war.
Er  wurde  veranlaßt,  sich  dem  Schicksal  zu  versagen,  das  ihn  hier  stürzen  oder
krönen  konnte.

Die  Auswirkung  der  Schlacht  an  der  Marne

Oie  deutsche  Heeresleitung  hatte  sich  am  8.  September  neuerdings
vor  die  Aufgabe  gestellt  gesehen,  „die  geänderten  Verhälbtnisse  richtig  zu
erfassen,  daraufhin  flr  eine  absehbare  Frist  das  Zweckmäßige  anzuordnen
und  entschlossen  durchzuführen".  Ob  die  Verhältnisse  richtig  erfaßt  wurden
und  die  Zurücknahme  auf  die  Aisne  zwingend  geboten  oder  die  Schlacht  hätte
durchgekämpft  werden  können,  entzieht  sich  heute  und  an  dieser  Stelle,
wo  nur  die  Perspektive  des  wesllichen  Kriegsschauplatzes  aufgeschlagen  liegt,
einer  erschöpfenden  Betrachtung  und  der  endgültigen  Beurteilung,  und
es  wird  sich  nach  der  Darstellung  der  Ereignisse,  die  inzwischen  auf  dem  östlichen
  Kriegsschauplaß  gereift  sind,  der  Vorhang  noch  einmal  heben  müssen,
um  die  Betrachtung  zu  Ende  zu  führen  und  das  Urteil  ins  Klare  zu  stellen.
Hier  sei  indes  eins  festgehalten:  Das,  was  von  der  obersten  deutschen
Heeresleitung  am  8.  September  als  zweckmäßig  erkannt  wurde,  ist  trog  der
darin  liegenden  Gefahren  entschlossen  ausgeführt  und  der  strategische  Rückzug
von  der  Marne  auf  die  Aisne  von  Truppe  und  Führung  unter  schwierigsten
Verhältnissen  musterhaft  vollzogen  worden.

Unter  viel  schwereren  Verlusten  und  nach  wochenlangen,  bis  auf  die
Hefe  ausgekosteten  Schlachten  sind  um  dieselbe  Zeit  in  Galizien  die  Heere
Osterreich--Ungarns  vor  den  russischen  Massen  von  Lublin  und  Lemberg
binter  den  San  zurückgegangen.

Es  war  für  die  Zentralmächte  die  Schicksalswende  nach  berauschendem
Aufstieg.  Sie  mahnte  Oeutschland  und  Osterreich-Ungarn  zur  Einkehr,
zum  beiligsten  Ernst  und  zur  Nachprüfung  der  strategischen  Verhältnisse
des  Zweifrontenkrieges,  der  nicht  nur  Frankreich  und  NRußland,  sondern
auch  England  in  Waffen  sah,  das  sett  erkannte,  daß  es  in  diesem  Kriege  sich
selbst  in  die  Schanze  schlagen  mußte,  um  zu  ernten,  während  Italien  sich
schon  die  Wege  zum  Eintrict  in  den  Ring  der  Entente  bereitete.

Die  französische  Heeresleitung  hat  den  deutschen  Feldzug  nicht  in  der
Wurzel  geknickt,  aber  um  seine  lehte  Auswirkung  gebracht.  Auch  sie  hatte,
als  ihre  Heere  in  Lothringen  und  Belgien  geschlagen  und  nach  neuen  Schlachten
die  Oise.  und  Maaslinie  verloren  gegangen  war,  die  veränderten  Verhälmmisse
richtig  erfaßt  und  einen  strategischen  Rückzug  eingeleitet,  der  dem  Gegner
nicht  gestattete,  die  französische  Front  vollends  zu  umfassen  oder  festzuhalten
und  zu  durchbrechen,  sondern  zur  Wiederherstellung  der  Lage  auf  einer  rück-
        <pb n="232" />
        216  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

wärtigen  Linie  führke.  Die  Lehre  von  Meg  und  Sedan  war  im  französischen
Generalstab  wohl  bewahrt  worden.  Man  hatte  sich  eifersüchtig  gehüet,
die  Rückzugslinien  preiszugeben,  Anlehnung  an  feste,  aber  vereinsamte
Pläge  zu  suchen  und  sich  abdrängen  zu  lassen.  Selbst  die  Armee  Lanrezac
war  nach  der  verlorenen  Schlacht  an  der  Sambre  zum  größten  Teil  nach
Süden  gerettet  worden.  Nur  ein  geringer  Bruchteil  der  Kämpfer  von
Mons  und  Charleroi  hatte  der  Anziehungskraft  der  Festung  Maubeuge
nicht  widerstanden  und  war  dort  gefangen  worden.  Geschlagen,  aber  als
DTruppenmasse  zusammengehalten,  waren  die  französischen  Armeen  ins
Marnebecken  abgestossen,  nachdem  sie  an  Oise  und  Maas  Zeitgewinn  er.
kämpfe  batten.  Als  die  Deutschen  ihnen  über  die  strategische  Schicksalslinie
gefolgt  waren,  hatten  sie  südlich  der  Marne  ein  aufgefülltes,  zu  verzweifeltem
Widerstand  befähigtes  Heer  vorgefunden,  das  mit  den  Engländern  50  In.
fanteriedivisionen  und  8  Kavalleriedivisionen  gegen  40  Infanteriedivisionen
und  8  Kavalleriedivisionen  ins  Feuer  brachte.

Nun  war  das  strategische  Ubergewicht  auf  seiten  der  Franzosen,  die
den  Gegner  weichen  sahen,  geschlagen  glaubten  und  mit  dem  Schwung  der
Nation  die  Lage  nuhten.  Am  Marneerfolg,  den  sie  im  Lichte  einer  durchgefocheenen
  Schlacht  und  eines  von  ihnen  erfochtenen  Sieges  von  weltgeschichtlicher
  Bedeutung  sahen,  haben  sich  die  Franzosen  vollends  aufgerichtet
und  daraus  eine  DHanazee  bereitet,  die  sie  gegen  jeden  Rückschlag  und  alle
Enckäuschungen  festmachen  sollte.

Auf  der  ganzen  Linie  folgten  die  französischen  Armeen  dem  zurückgehenden
  Einfallsbeere.  Am  10.  September  hatee  unter  dem  Ein.
druck  der  schweren  Kämpfe  am  Ourcq  auf  französischer  Seite  noch  das
Gefühl  vorgeherrscht,  daß  man  sich  lediglich  in  der  Werteidigung  bebehauptet
  habe.  Erst  als  die  deutschen  Armeen  auch  zwischen  Mailly  und
Revigny  den  Rückzug  antraten,  erschien  die  Schlacht  an  der  Marne  plöplich
im  Lichte  eines  großen  französischen  Sieges,  der  nun  in  der  WVerfolgung
vollendet  und  ausgenutt  werden  sollte.  Erst  als  de  Langle  meldete,  daß  er
Viery  genommen  habe,  erließ  Joffre  einen  Tagesbefehl,  in  dem  er  am
12.  September  sagte:  „Die  Schlacht,  die  seit  fünf  Tagen  geliefert  wird,
geht  als  unbestreitbarer  Sieg  zu  Ende.  Der  Rückzug  der  1.,  2.  und  3.  deutschen
Armee  vor  unserer  Linken  und  unserer  Mitte  zeichnet  sich  deutlich  ab.  Nun
beginnt  auch  die  4.  Armee  sich  nördlich  von  Witry  und  Sermaize  zurückzuziehen.
  Die  kräftige  Wiederaufnahme  der  Offensive  hat  den  Erfolg  bestimmt."

Die  zwischen  dem  Grand  Morin  und  der  Marne  und  Aisne  gelieferten
Nachhutgefechte  bestärkten  die  Franzosen  in  der  Dberzeugung,  daß  der
Gegner  geschlagen  sei,  entflammten  ihre  Angriffslust  und  erhöhten  den
brennenden  Wunsch,  dieses  scheinbar  geschlagene  Heer  üÜber  die  Grenzen
Frankreichs  und  Belgiens  zurückzuwerfen  und  den  Krieg  in  unwiderstehlicher
Offensive  an  und  über  den  Mhein  zu  tragen.
        <pb n="233" />
        Der  zweite  Ausfall  der  Belgier  217

Alsbald  wurde  der  allgemeine  Vormarsch  mit  versammelten  Kräften
eingeleitet,  selbst  die  todwunde  6.  Armee  Maunoury  überwand  ihre  Schwäche
und  drang  in  der  Richtung  auf  Compiègne  vor.  Auch  die  Armee  French
kam  nun  in  rascheren  Fluß  und  nahm  Richtung  auf  Soissons.  Die  5.  Armee
gewann  rechts  anschließend  die  Straßen  nach  Reims,  in  das  Franchet
d'Espérey  am  13.  September  mit  dem  I.  Korps  einrückte.  Schulter  an  Schulter
mit  der  5.  Armee  rückte  die  9.  Armee  Foch  über  Cbälons  in  die  Champagne
  Pouilleuse  vor,  während  die  4.  Armee  de  Langle  de  Cary  durch  die
südlichen  Argonnen  vordrang  und  die  3.  Armee  Sarrail  den  Raum  zwischen
dem  Argonnerwald  und  der  Maas  füllte,  die  Bahnlinie  Verdun—Chälons
Ülberschritt  und  Verdun  auf  allen  Fronten  vom  Druck  des  Gegners  befreite.
Die  2.  Armee  de  Castelnau  schob  sich  an  die  Grenze  vor.  Die  1.  Armee
Cubail  richtete  sich  wieder  in  St.  Dis  und  Blamont  ein.  Auch  in  den  Hochvogesen
  und  der  Burgunderpforte  schwoll  neuer  Andrang  französischer  Kräfte,
die  sich  von  der  Schlucht  bis  zur  Schweizer  Grenze,  im  Gebirge  und  an  den
Talausgängen  auf  elsässischem  Boden  festsecten.

In  Belgien  endlich  wurden  die  Deutschen  durch  eine  verstärkte  Reg.
samkeit  gefesselt,  die  selbst  nach  dem  großen  Ausfall  der  belgischen  Armee
aus  Antwerpen  noch  anhielt.

Der  zweite  Ausfall  der  Belgier

Die  belgische  Armee  hatte  am  kritischen  9.  September  ihr  Bestes  getan.
Im  Einvernehmen  mit  der  französischen  Heeresleitung  war  die  Armee  König
Alberts  aus  dem  Festungsgürtel  hervorgebrochen,  um  den  WVerbündeten  in
die  Hand  zu  arbeiten  und  die  deutschen  Armeen  von  ihrer  einzigen  großen
Verbindungslinie  Köln—Hüteich—  Brüssel  abzuschneiden.  Termonde  war
am  4.  September  von  geringen  Teilen  des  IXK.  deutschen  AReservekorps  an.
gegriffen  und  besecht  worden,  mußte  aber  am  9.  September  wieder  geräumt
werden.  Die  Belgier  nahmen  die  Gelegenheit  wahr,  sich  in  diesem  wichtigen
Schulterpunkt  zu  befestigen  und  stellten  dadurch  die  Verbindung  Antwerpens
mit  Ostende  sicher.

Da  der  erste  Ausfall  zwischen  den  Kanälen  hängen  geblieben  war,
wurden  diesmal  fünf  Divisionen  in  voller  Breite  entwickelt  und  der  Angriff
weit  llafternd  gegen  die  deutsche  Front  Haecht—Wolverthem  angesegt,
um  diese  24  Kilometer  lange  Linie,  die  sich  zwischen  Antwerpen  und  Brüssel—
Löwen  als  Schranke  hindurchzieht,  von  vorn  und  in  der  Flanke  anzupacken.
Der  linke  Flügel  des  belgischen  Heeres,  der  die  Umfassung  durchführen  und
Löwen  entsethen  sollte,  war  stark  ausgebildet  und  zählte  drei  Heeresdivisionen
nebst  der  Kavalleriedivision.  Die  1.  Division  bildete  die  Mitte  der  Schlacht.
ordnung  und  ging  gegen  Hofstade  und  Elewyt  vor,  wo  am  26.  August  der
        <pb n="234" />
        218  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

erste  Ausfall  gescheitert  war.  Die  5.  Division  griff  rechts  der  1.  Oivision
in  der  Richtung  Eppeghem  und  Vilvorde  an.  Auf  dem  Lmfassungsflügel
wurde  die  in  der  Mitte  anschließende  3.  Division  gegen  Over  de  Vaart,
die  6.  Division  gegen  Thieldonck,  die  2.  Division  gegen  Wygmael  in  Be.
wegung  geseht.  Auf  der  ußersten  Linken  bildete  die  Kavallerie,  auf  der
äußersten  Rechten  die  Besahung  von  Termonde  den  Flankenschutz  der  Angriffsarmee.
  ODer  erste  Anlauf  gelang.  Die  deutschen  Vorposten  zogen
sich  vor  dem  mächtigen  Ansturm  auf  die  erste  Linie  zuriück,  die  am  9.  September
  zum  Ausweichen  gezwungen  wurde.  Am  10.  September  schritt  der
belgische  Angreifer  weiter  nach  Süden.  Wygmael  fiel  in  die  Hände  der
2.  Division,  und  die  Umfassung  griff  bis  in  die  Nähe  des  Osttors  von  Löwen,
an  das  Jäger  zu  Hferde  heranpreschten.  Haecht  siel  an  die  3.  Division,  und
die  Spigzen  der  6.  Division  erreichten  Wackerzeel  und  drangen  gegen  Thildonck
vor.  Am  11.  September  erstritt  die  1.  Division  Sempft.

Oamit  hatte  sich  die  Angriffsbewegung  ausgelebt  und  stürzte  nun  rasch
vom  Gipfelpunkt  in  die  Tiefe  zurück.  Die  deutschen  Truppen,  die  durch  die
Besatzungen  der  Etappenorte  verstärkt  wurden,  schritten  zum  Gegenangriff.
Eppegbhem  wurde  behauptet,  Haecht  mit  Ungestüm  angegriffen  und  wieder.
erobert  und  so  die  drohende  AUmfassung  des  rechten  Flügels  durch  einen
Durchbruch  zunichte  gemacht.  Schwere  Artillerie  wirkte  mörderisch  gegen
die  zurückflutenden  belgischen  Bataillone.  Die  2.  belgische  Division  wurde,
von  zwei  Seiten  gepackt,  feldflücheig,  die  6.  Division  sah  sich  dadurch  einem
Flankenstoß  ausgesetzt  und  wich,  die  3.  Division  geriet  bei  Over  de  Gaart
in  die  Schere  und  hielt  sich  mühsam  bis  zur  Dunkelheit,  um  dann  nach
Norden  abzuziehen.  Nur  der  rechte  Flügel  vermochte  sich  im  Felde  zu
behaupten,  da  die  Deutschen  sich  hier  auf  die  Verteidigung  beschränkten  und
bei  Grimberghen  einen  Feuerriegel  vor  die  Nordzugänge  von  Brüssel  legten.
Am  13.  September  zog  sich  die  belgische  Armee  in  den  Festungskreis  zurück,
nachdem  sie  vier  Tage  im  Feld  gestritten  und  starke  Kräfte  auf  sich  gezogen
hatte.  Ob  der  Entschluß  der  obersten  deutschen  Heeresleitung,  die  Entscheidung
  an  der  Marne  nicht  anzunehmen,  schon  gefaßt  war,  ehe  der  Ausfall
sich  deutlich  abzeichnete,  mag  dahingestellt  bleiben.  Die  Tatsache,  daß  Ant.-werpen
  noch  eine  feindliche  Armee  barg,  hat  indes  auf  die  Entschließungen
der  Leitung  zweifellos  eingewirkt.

Der  Vormarsch  der  Franzosen  und  Engländer

Die  Wirkungen,  die  der  strategische  Rückzug  der  Deutschen  in  der  Seele
der  franzssischen  Nation  auslöste,  waren  erstaunlich,  entsprachen  aber  dem
äußerlichen  Bilde  der  Lage  und  dem  Temperamente  des  Heeres  und  des
Volkes.  Niche  mur  die  französischen  Zeitungen,  sondern  auch  die  amelichen
        <pb n="235" />
        Der  Vormarsch  der  Franzosen  und  Engländer  219

Meldungen  spiegelten  einen  gewaltigen  militärischen  und  moralischen  Aufschwung,
  der  durch  die  Kunde  vom  Rückzug  der  österreichisch-ungarischen
Armeen  aus  Ostgalizien  noch  verstärkt  wurde  und  rasch  nach  England  und
Ze#alien  hinübergriff.

In  der  gesamten  romanischen  und  angelsächsischen  Hresse  gelangte  die
Lberzeugung  zum  Ausdruck,  daß  eine  Schlachtentscheidung  gefallen  sei,  die  den
Feldzug  zugunsten  der  Frangosen  gewendet  habe,  während  in  der  deutschen
und  österreichischen  Presse  beklommenes  Schweigen  herrschte.  Noch  am  13.
und  14.  September  llang's  wie  „Halali“"  aus  den  Berichten  von  Vordeaux.
Sie  sprachen  von  der  Fortsehung  des  allgemeinen  Rückzugs  der  Deutschen,
die  den  Unterlauf  der  Ais#ne  erreicht  und  Amiens  und  Lunkéville  bereits
geräumt  hätten.  Die  Siegesfreude,  welche  die  deutschen  Armeen  vom
30.  August  bie  9.  September  auf  Adlerschwingen  getragen  hatte,  war  nun
auf  der  Seite  der  Franzosen  und  hob  sie,  von  der  starken  nationalen  Einbil.
dungskrafe  doppele  beflügelt,  weit  über  die  Wirklichkeit  empor.  Die  Dber---zeugung,
  daß  man  das  deutsche  Heer  im  offenen  Felde  in  einer  Entscheidungs.
schlacht  geschlagen  und  dadurch  die  innere  Dberlegenheit  der  im  Feuer  der
ersten  Kämpfe  geläuterten  und  zusammengeschweißten  französischen  Armeen
erwiesen  habe,  schlug  im  Bewußtsein  der  französischen  Nation  von  einem
Dag  auf  den  anderen  unzerreißbare  Wurzeln.  Selbst  die  französische  Heeresleitung
  stand  zunächst  unter  dem  Eindruck,  einen  vollen  und  entscheidenden
Sieg  erfochten  zu  haben,  dem  nun  in  der  Verfolgung  die  schönsten  Früchte
reifen  solleen.

Kriegsminister  Millerand  erhielt  am  13.  September  ein  Telegramm
des  Generalissimus,  in  dem  es  hieß:

„Unser  Sieg  erweist  sich  mehr  und  mehr  als  ein  vollständiger,  überall
ist  der  Feind  im  Rückzug,  Überall  lassen  die  Deutschen  Gefangene,  Verwundete
und  Kriegsbedarf  in  unseren  Händen.  Nach  den  heldenmütigen  Anstrengungen,
die  unsere  Truppen  während  der  furchtbaren  Kämpfe  vom  5.  bis  12.  Sepkember
  ausgehalten  haben,  führen  sie  jetzt  eine  Berfolgung  durch,  die  ohne
Beispiel  ist.  Auf  unserem  linken  Flügel  haben  wir  die  Aisne  unterhalb
Soissons  überschritten  und  so  in  sechstägigen  Gefechten  mehr  als  100  Kilometer
  Boden  gewonnen!  In  der  Mitte  sind  unsere  Armeen  schon  nördlich
der  Marne  angelangt.  Sie  wie  die  unserer  Verbündeten  sind  bewunderungs.
würdig  in  ihrer  Moral,  ihrer  Ausdauer  und  ihrem  Kampfeifer.  Die  Ver.
folgung  wird  mit  unserer  ganzen  Spannkraft  fortgesetzt  werden.“

Diese  Meldung  ist  auf  dem  Gipfelpunkt  des  Marneerfolges  erstattet
worden.  Man  glaubte  sich  auf  einer  Verfolgung  begriffen,  größer  und  aussichtsreicher
  als  die  nach  der  Schlacht  bei  Waterloo.  Ganz  Frankreich  bielt
den  Atem  an  und  sah  seine  Heere  den  Eindringling  mit  dem  Bajonett  in
einem  ununterbrochenen  Siegeszug  über  die  franzssischen  und  belgischen
Grenzen  auf  den  Rhein  zurucktreiben.
        <pb n="236" />
        220  Der  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Da  schwieg  am  14.  September  plößlich  der  abendliche  Geldbericht.
Nur  die  Regierung  versandte  von  Bordeaux  ein  Bulletin,  in  dem  es  hieß,
es  sei  keine  Miecteilung  aus  dem  Großen  Hauptgquartier  eingelaufen.  Man
wisse  indes,  daß  der  Vormarsch  der  verbündeten  Armeen  auf  der  ganzen
Linie  andaure  und  daß  die  Berührung  mit  dem  Feinde  aufrechterhalten
werde.  Es  sei  natürlich,  daß  das  Große  Hauptquartier  über  die  Zwischenfälle
  dieser  Verfolgung  nicht  zweimal  täglich  Einzelheiten  melden  könne.
Auf  der  Linken  sei  die  Aisne  überschritten.  Von  dem  Ausfall  der  belgischen
Armee,  der  im  Bulletin  vom  Tage  vorher  angekündigt  und  im  Morgen.
bulletin  verheißungsvoll  als  kräftige  Offensive  südlich  von  Lier  bezeichnet
worden  war,  war  keine  Rede  mehr.

Am  15.  September  stellte  die  französische  Meldung  fest,  daß  der  rechte
deutsche  Flügel  auf  dem  Nordufer  der  Aisne  auf  einer  Linie  Widerstand
leiste,  die  vom  Walde  von  Aigle  bis  Craonne  reiche,  daß  die  Front  nördlich
von  Reims  und  vom  DUbungslager  von  Chälons  nach  Wienne-la.Wille  zum
Westfuß  der  Argonnen  führe  und  der  linke  Flügel  sich  zwischen  den  Argonnen
und  der  Maas  auf  die  Linie  Varennes—Consenvoye  zurückziehe.  Ostlich
der  Maas  hätten  sich  die  Deutschen  bei  Etain,  vor  Meh,  bei  Delme  und
Chãteau·  Salins  gesetzt.

Der  Vormarsch  der  Verbündeten  war  plötzlich  zum  Stehen  gekommen
und  hatte  sich  in  stehende  Kämpfe  an  der  Aisne  verwandelt.  Das  strahlende
C.  Dur  war  verhallt.  Die  Berichte  der  nächsten  Tage  kllangen  gedämpft,  und
am  16.  September  mußte  man  erklären,  daß  das  deutsche  Heer  eine  allge.
meine  Schlacht  liefere.

Umgekehrt  fanden  die  deutschen  Feldberichte,  die  am  9.  September
nur  von  den  Kämpfen  der  1.  Armee  am  Ourca  berichtet  hatten,  die  Sprache
wieder  und  meldeten  am  13.  September,  daß  die  Entwicklung  zu  einer  neuen
Schlacht  geführt  habe.

Mit  einem  Schlage  zerrissen  die  bunten  Schleier,  welche  die  stracegische
Lage  verhüllt  hatten,  seit  der  allgemeine  Rückzugsbefehl  der  deutschen
Heeresleitung  den  Operationen  am  8.  September  die  rückläusige  Bahn
gewiesen  hatte.  Und  als  sie  gleich  den  Herbstnebeln  von  der  Sonne  der  Tatsachen
  verzehrt  wurden,  erblickte  man  am  nördlichen  Aisneufer  auf  den
Felsenbastionen  der  Landschaft  von  Laon  und  Craonne  und  an  der  alten
Römerstraße,  die  von  Reims  durch  die  Champagne  nach  Vienne-la-Ville
zu  den  Argonnen  zieht,  sowie  auf  den  Maashügeln  von  Montfaucon  bis
Consenvoye,  in  der  Woevre  und  an  der  Grenzscheide  der  Vogesen  das  deutsche
Heer  neugegliedert  und  schlagbereit  aufmarschiert.  Die  Armeekorps,  die
von  der  Marne  zurückgekehrt  waren,  standen,  durch  das  V.  und  VII.  Reservekorps
  und  das  XV.  Armeekorps  verstärkt,  von  der  Oise  bis  zur
Orne  als  eiserne  Front  ausgerichtet,  hinter  der  sich  die  letzten  Verschiebungen
vollzogen.
        <pb n="237" />
        221
An  der  Aisne

Die  deutschen  Armeen  hatten  das  vorher  bestimmte  Ziel  ihres  strategi.
schen  Rückzuges  erreicht.  Diesmal  waren  sie  einer  festen  Stellung,  gesicherten
  Verbindungen,  ihren  Reserven  und  ihrem  Nachschub  „entgegengegangen"“.
  Die  stählerne  Zucht  und  die  lebendige  Kraft,  die  in  ihrem  unvergleichlichen
  Organismus  wohnten,  waren  in  diesen  Tagen  geprüft  und
vollwertig  befunden  worden.  Nicht  nach  Niederlagen,  sondern  auf  der
Siegesbahn  waren  die  Armeen  angehalten  und  zu  einem  Rückzug  veranlaßt
worden,  dessen  Notwendigleit  weder  den  Offizieren  noch  der  Truppe  deutlich
wurde.  Aber  sie  gingen  mit  derselben  unerschücterlichen  Zuversicht  zurück,
mit  der  sie  Belgien  und  Frankreich  durchstürmt  hatten.  Die  in  Fleisch  und
Blut  übergegangene  Mannszucht  kannte  keine  Zweifelsfragen  und  duldete
keine  Schwäche.

Oaß  die  Deueschen  den  Franzosen  an  der  Marne  die  Walstatt,  aber  nicht
den  Sieg  überlassen  hatten,  war  auf  dem  Schlachtfeld  und  auf  dem  Weg
von  der  Marne  zur  Aisne  zu  erkennen.  „Die  Hauptfrüchte  eines  Sieges
reifen  im  Verfolgen,“  ist  einer  der  ältesten  Erfahrungssäge  des  Krieges.
Zwischen  Marne  und  Aisne  waren  jedoch  nur  abgeschnittene  Nachhuten,  zur
Aufopferung  bestimmte  Batterien  und  mie  dem  Oflegerpersonal  zurück.
gebliebene  Verwundete  in  die  Hände  des  nachdrängenden  Feindes  gefallen.
Die  deutschen  Armeen  waren  in  Kern  und  Wesen,  Kraft  und  Gliederung
unerschtüttert.

Beide  Teile  hoffeen  nun  an  der  Aisne  das  Ziel  des  Feldzuges  zu  erreichen,
  die  Franzosen,  indem  sie  im  Bewußtsein  und  mit  dem  Vollgefühl  des
Erfolges  wieder  als  Angreifer  auftraten,  um  den  Feind  vollends  zu  schlagen
und  über  die  Grenzen  zu  werfen,  die  Deutschen,  indem  sie  sich  festwurzelten
und  das  Gesetz  des  Handelns  wieder  an  sich  zu  reißen  strebten.  Beide  Gegner
suchten  die  Entscheidung  im  positiven  Sinne,  und  zwar  zunächst  eine  erlösende
Schlacht.

Es  kam  anders.

An  der  Marne  war  nicht  nur  die  erste  Phase  des  Feldzuges,  sondern
auch  eine  Epoche  des  großen  Krieges  zu  Ende  gegangen,  dessen  Bühne  sich
immer  mehr  erweiterte  und  vertiefte  und  die  lezten  Umrisse  und  Ausblicke
der  Entewicklung  schon  am  15.  September  nicht  mehr  erkennen  ließ.  Im
Westen  war  der  Bewegungskampf  im  Erlöschen.  Der  Stellungskrieg  begann.
  Die  Uhr  zählte  fortan  nicht  mehr  nach  Stunden  und  Tagen,  sondern
nach  Wochen  und  Monaten.  Dieser  Erkenntnis  mußten  sich  beide  Gegner
bequemen,  ehe  noch  die  Heldengräber  am  Oureq  und  in  den  Talmulden  und
auf  den  Höhen  des  Detit  Morin,  in  den  Wäldern  des  Ornain  und  der
Argonnen  und  an  der  Meurthe  und  Mortagne  gehäuft  waren.  Aber  die
Heere  ergaben  sich  erst  in  diese  Zwangslage,  nachdem  sie  sich,  von  der  neuen
        <pb n="238" />
        222  ODer  Feldzug  im  Westen  bis  zum  15.  September  1914

Grundstellung  ausstrahlend,  gegenseitig  in  großartigen  Bewegungen  und
Kämpfen  erschöpft  und  die  Grenzen  des  festen  Landes  erreicht  hatten.

Oiese  Entwicklung  empfing  ihren  Antrieb  von  der  am  15.  September
neugeschaffenen  Lage;  diese  Lage  aber  war  ein  Ergebnis  der  allgemeinen
Entwicklung,  die  der  Krieg  vom  20.  August  bis  7.  September  in  West  und
Ost  genommen  hatte.  Beide  Teile  hatten  erfahren,  daß  dieser  Krieg  trot
seiner  phantastischen  Weitläufigkeit  und  Breitstreuung,  troßh  der  äußeren
Zusammenhanglosigkeit  der  verschiedenen  Kriegseheater  eine  einzige  große
strategische  Einheit  bildete,  und  die  Innenmächte,  im  besonderen  Deutschland,
wußten  mun,  daß  sie  gezwungen  waren,  die  inneren  Dinien  voll  auszunugzen
und  Mißerfolge  und  Rückschläge  auf  dem  einen  Kriegsschauplatz  in  Kauf
zu  nehmen,  um  am  entscheidenden  Hunkt  mit  Dberlegenheit  aufzutreten.
Osterreich-Angarn  hat  das  auf  seinem  besonderen  serbischen  Kriegsschauplatz
ebenfalls  bald  erfahren.

In  welchem  Maße  und  in  welchem  Umfang  der  Feldzug  der  ersten  Kriegs.
wochen  im  Westen  durch  die  Vorgänge  im  Osten  bestimmt  worden  war,
wird  sich  aus  der  Darstellung  der  Ereignisse  auf  dem  östlichen  Kriegsschauplatz
ergeben.  Mie  dem  Nachhall  der  belgischen  und  französischen  Schlachten  im
Ohr  und  von  der  Macht  der  Geschehnisse  erfüllt,  die  sich  im  Westen  in  sechs
heißen  Sommerwochen  zusammendrängten,  wenden  wir  uns  dem  Osten  zu,
wo  auf  zwei  voneinander  geschiedenen  Schaupläten  zu  derselben  Zeit
Schlachten  von  ungeheurem  Umfang  ausgekämpft  und  große  Enescheidungen
erfochten  wurden.  Wie  zur  Bekräftigung  der  Gesehmäßigkeit  alles  Handelns
sind  auch  sie  zwischen  dem  20.  August  und  9.  September  der  Erfüllung
gereift  und  haben  am  15.  September  zu  einer  Neugestaltung  der  strategischen
Lage  im  Osten  geführt.

Aus  der  Wechselwirkung  von  Ost  und  West  ist  dann  die  allgemeine
Neubildung  des  strategischen  Berhältuisses  erwachsen,  die  dem  europäischen
Krieg  neue  und  so  weit  gesteckte  Grenzen  setzte,  daß  sie  im  Augenblick  des
Geschehens  noch  nicht  erkennbar  waren.
        <pb n="239" />
        Der  Feldzug  in  Ostpreußen
bis  zum  15.  September  1914
        <pb n="240" />
        <pb n="241" />
        Aufmarsch  und  Vorkämpfe
Der  Aufmarsch

n  der  ungeheuren  Weite  und  Breite  des  östlichen  Kriegstheaters,  über  dem

sich  im  August  des  Jahres  1914  der  Vorhang  langsamer  hob  als  im
europäischen  Westen,  waren  von  Anbeginn  an  zwei  exzentrisch  gelagerte
Szenen  gegeben.  Dorthin  schoben  sich  die  russischen  Streitermassen  in  zwei
mächtigen  Kampfgruppen  zusammen.  Schon  in  den  ersten  Tagen  des  Krieges
wurde  offenkundig,  daß  Ostpreußen  und  Ostgalizien  den  Boden  zu  gewaltigen
Schlachten  liefern  würden.

In  welchem  riesenhaften  Umfang  Rußlands  Kriegsvölker  bereitgestkellt
waren,  als  der  Kriegszustand  zwischen  Deukschland  und  Rußland  und  Ruß.-land
  und  Osterreich-Angarn  kaum  verkündet  war,  ergab  sich  schon  in  den
nächsten  Wochen.  Die  Russen  füllten  bereits  ihre  Sammlungsräume  und
bildeten  im  Süden  fünf,  im  Norden  zwei  Armeen,  die  an  Streiterzahl  den
Armeekörpern  der  Gegner  weit  überlegen  waren.  Im  Rückhalt  standen  zwei
weitere  Armeen,  die  schon  im  Oktober  in  die  Kampflinie  einrückten.  Das
Heer,  das  unter  normalen  Verhältnissen  Monate  gebraucht  hätte,  um  seine
Kriegsrüstung  anzulegen  und  bewegungsfähig  zu  werden,  stand  binnen  drei
Wochen  zum  Vormarsch  bereit.  Es  hatte  seine  Mobilmachung  schon  vollzogen,
  als  der  Krieg  ausbrach,  und  vollendete  seinen  Aufmarsch  nur  wenige
Tage  nach  dem  Gegner.

Grenzenlos  war  das  WVertrauen,  das  die  Westmächte  der  Entente  auf
diesen  Aufmarsch  der  Millionenheere  des  weißen  Jaren  setzten.  Sie  zählteen
fest  auf  die  #nerschöpflichkeit  der  russischen  Menschenquelle,  die,  von  der
Republik  Frankreich  in  Gold  gefaßt,  wie  ein  Geiser  aufsprudeln  und  allen
Widerstand  in  den  Fluten  ihrer  Armeen  ersäufen  sollte.  Rußlands  Millionenheere
  hatten  England  und  Frankreich  den  endgllleigen  Sieg  mit  den  Spigzen
ihrer  Bajonette  verbürgt  und  sie  zum  Kriege  fortgerissen.

Die  militärische  Kraft  des  russischen  Reiches  war  auf  das  äzußerste
angespannt  worden,  um  den  Ansprüchen  der  verbündeten  und  befreundeten
Nationen  zu  genügen  und  eigenen  nationalen  Wünschen,  Forderungen  und
Träumen  die  Erfüllung  zu  sichern.  Oie  gewaltige  Streitmacht  Rußlands
war  gemäß  der  Aufgabe,  die  ihr  der  gemeinsame  Kriegsplan  der  Verbündeten
  und  die  strategische  Lage  zugewiesen,  zu  einer  umfassenden  Angriffsbewegung
  bestimmt.  Wenn  auch  die  strategischen  Bahnen,  zu  deren
Bau  sich  Rußland  gegenllber  Frankreich  im  Jahre  1913  verpflichtet  hatte,
noch  nicht  vollendet  waren,  so  war  doch  zur  Vorbereitung  der  Mobilmachung

SGtegemenne  Geschichte  des  Krieges.  I.  15
        <pb n="242" />
        226  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

so  viel  geschehen,  daß  Kriegsminister  Suchomlinow  in  den  „Girschjewyja
VMiedomosti“  mit  Fug  und  Necht  behaupten  konnte,  es  sei  alles  getan
worden,  um  dem  Gegner  zuvorzukommen  und  die  Armee  gleich  in  den  ersten
Tagen  des  Krieges  möglichst  schnell  zu  versammeln.

Aber  mitten  in  die  Hauptgruppe  dieser  in  der  Bersammlung  begriffenen
Massen  warf  sich  mit  kühnem  Schwung  das  österreichisch-ungarische  Heer.
Naschen  Entschlusses  und  noch  rascheren  Mutes  stieß  es  in  den  befestigten
Aufstellungsraum  hinein,  der  zwischen  Weichsel  und  Bug  angelegt  war  und
den  Armeen  zum  Aufmarsch  diente,  wogegen  sein  Vormarsch  gegen  Serbien
nur  stockenb  ·  vor  sich  gegangen  war.

Während  Osterreich--Ungarns  Armeen  zwischen  der  Weichsel  und  dem
oberen  Bug  mit  der  gewaltigen  #bermacht  der  russischen  Hauptheere  in
erschöpfende  Kämpfe  verstrickt  wurden,  zogen  sich  an  der  Nordfront  der
volnischen  Zentralstellung  zwei  große  russische  Armeen  zusammen,  die  gegen
Preußen  Frone  machteen.  Die  eine  war  zum  Einfall  in  Ostpreußen  bereit.
gestellt,  die  andere  diente  wohl  zunächst  eher  zur  Besetzung  der  Weichselfront
und  als  Generalreserve  ersker  Linie,  um  je  nach  dem  Gang  der  Entwicklung
verwendet  zu  werden.  Rief  er  nach  Süden,  so  konnte  diese  Armee  die
Osterreicher  über  Iwangorod  in  der  Flanke  fassen.  NRief  er  nach  Norden,
so  öffnete  sich  dieser  bei  Warschau  versammelten  Armee  der  Weg  zur  preußischen
  Weichsel.  Das  Gesetz  des  Handelns  ist  indes  weder  nach  dieser,  noch
nach  jener  Seite  von  den  Russen  vorgeschrieben  worden.  Sie  empfingen  den
Marschbefehl  von  Paris,  und  zwar  in  Gestalt  einer  dringenden  Bitte  um
schleunige  Entlostung,  die  schon  am  15.  August  notwendig  geworden  war.

Die  stürmische  Vorbewegung  der  Deutschen  im  Westen,  welche  die
belgisch  -englisch,französische  Heeresmacht  über  den  Haufen  zu  rennen  drohte,
forderte  als  Ablenkung  einen  „Marsch  auf  Berlin“.  Darauhhin  eilte  der
Großfürst  selbst  zur  Nordfront,  um  die  beiden  dort  verfügbaren  Armeen
vorzuführen.  Daraus  ergab  sich  ein  von  zwei  Seiten  unternommener  Angriff
  auf  die  Provinz  Ostpreußen  und  die  dort  stehenden  deutschen  Truppen.

Die  schon  von  Anfang  an  als  Angriffsarmee  bestimmte  russische  1.  Armee
war  zwischen  Wilna  und  Grodno  versammelt.  Sie  beskand  aus  dem  II.,
III.,  IV.,  XX.  und  XX  II.  Linien-,  dem  III.  sibirischen  Korps,  der  1.  und
5.  Schützenbrigade,  6  MReservedivisionen  und  einem  Gardekovalleriekorps.
Hieraus  wurden  zwei  Gruppen  gebildet,  eine  Hauptmacht,  die  über  Wilna—
Kowno  vorrückte,  und  eine  Flankengruppe,  die  über  Grodno—Ossowiez  in
Bewegung  gesetzt  wurde.  Der  Gewalthaufe  dieser  aus  den  besten  Truppen
bestehenden  Streitmacht  war  bestimmt,  rittlings  der  Eisenbahnlinie  Kowno—
Eydekuhnen  in  Ostpreußen  einzudringen,  in  breiter  Front  die  Linie  Dilsit—
Inseerburg—Angerburg  zu  gewinnen  und  vor  Königsberg  zu  rücken.  Die
von  Grodno  vorgehende  Flankengruppe,  die  zwei  Korps  und  einige  Schügenbrigaden
  umfaßte,  sollte  sich  von  Südosten  heranschieben  und  zugleich  die
        <pb n="243" />
        Die  ersten  Kämpfe  in  Ostpreußen  227

Verbindung  mit  der  Armee,  die  General  Samsonow  bei  Warschau  zusammenzog,
  aufrechterhalten.  Dort  wurden  das  I.,  XIII.,  XV.,  das  XX  111.
und  VI.  Korps  als  2.  Armee  im  Mündungswinkel  von  Weichsel  und  Narew
versammelt  und  auf  den  Pariser  Notschrei  hin  zu  einer  Vorbewegung  bestimmt,
  die  der  strategischen  Linie  Warschau—  Mlawa  folgen,  bei  Soldau
und  Neidenburg  die  Südgrenze  Ostpreußens  überschreiten  und  auf  Osterode
und  Allenstein  ins  Herz  der  Provinz  eindringen  sollte.

Der  Dlan  Nikolais  war  vortrefflich.  Es  war  ein  konzentrischer  Angriff,
  der  je  nach  den  Maßnahmen  des  Gegners  abgewandelt  werden  konnte.
Stellten  sich  die  schwachen  deutschen  Streitkräfte,  die  sich  die  oberste  deuesche
Heeresleitung  für  den  östlichen  Kriegsschauplatz  abgespart  hatte,  zwischen
Alle  und  Angerapp  zum  Kampf,  so  konnten  sie  wie  zwischen  zwei  Mühlsteinen
  zermalmt  werden.  Wichen  sie  hbingegen  nach  Königsberg  aus,  so
mußten  sie  mit  der  Festung  in  die  Hand  des  Belagerers  fallen.  Da  die
1.  Armce  allein  6  Korps  und  6  Aeservedivisionen  zählte,  so  war  im  Falle
eines  Rückzugs  der  deutschen  Ostarmee  auf  Königsberg  die  2.  Armee  in
der  Lage,  gegen  die  Weichsellinie  vorzugehen  und  dem  „Marsch  auf  Berlin“
die  Bahn  zu  bereiten,  ohne  sich  der  Bedrohung  durch  die  Thorner  Flankenstellung
  auszusetzen.

Der  Aufmarsch  der  russischen  Armeen  vollzog  sich  hinter  einem  dichten
und  undurchdringlichen  Schleier  von  Grenztruppen  und  Kosaken.  Die  Welt
borchte  angestrengt  nach  Westen,  wo  die  ersten  Kriegswochen  durch  die
Eroberung  Lüttichs,  die  Kämpfe  im  Elsaß  und  den  sichebar  sich  vorbereitenden
Zusammenprall  weit  ausgespannter  Heere  mit  dramatischer  Spannung
und  Bewegung  erfüllt  wurden.  Dort  schien  sich  rasch  und  sicher  das  Schicksal
zu  entscheiden.  Die  strategischen  Operationen,  die  die  Österreicher  über
Kielce  an  die  Opatowka  und  über  den  San  nach  Krasnik  und  Zamose  führten,
wo  die  ersten  großen  Schlachten  des  Ostens  geschlagen  wurden,  waren  weit
weniger  sichtbar.]  Der  Widerhall  dieser  Kämpfe  klang  dumpf  und  verworren
aus  umwölkter  Ferne.  Nur  Wien  und  Ungarn  wußten,  was  dort  auf  dem
Spiel  stand.  Osterreich-Ungarns  Hauptstreitkräfte  lagen  vom  25.  August
bis  11.  September  in  erschöpfendem  Ringen  mit  dem  großen  Einfallsheere
der  NRussen,  nachdem  die  Zeit  vom  2.  bis  21.  August  mit  Naufereien  der
Deckungstruppen  ausgefüllt  worden  war.

Tber  dem  nordössllichen  Kriegsschauplat  aber  lag  nahezu  vollständiges
Schweigen.

Oie  ersten  Kämpfe  in  Ostpreußen
Die  ersten  Augusttage  gingen  ins  Land,  ohne  daß  die  seit  Jahren  angedrohte

  Sintflut  ungezählter  russischer  Schwadronen  und  Sotnien  sich
über  Ostpreußen  ergossen  hätte.  Nur  das  Geplänkel  Ktauischer  Dragoner  und
        <pb n="244" />
        228  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

der  3.  und  5.  Kürassiere  mit  Grenzkosaken  belebte  die  Stille.  Der  Sommerfriede
  der  grünen  Wälder,  der  goldenen  Getreidefelder  und  der  blanken
Seen  Ostpreußens  und  des  Culmerlandes  blieb  ungestört.  Diese  trühgerische
Ruhe  währte  einige  Tage,  dann  wurde  die  weitgespannte  Grenze  von  Nord.
osten,  Osten  und  Südosten  von  russischen  Kavalleriedivisionen  überschritten,
die  indes  keine  weitgreifenden  Ritte  unternahmen,  sondern  zunächst  nur
die  Grenzländereien  durchstreiften.  Unterdessen  wurde  an  den  Flußschranken
der  Goldap  und  Angerapp  geschanze  und  in  den  Engen  der  masurischen  Seen
Verhaue  angelegk,  die  Feste  Boyen  bewaffnet  und  alles  auf  den  Empfang
des  Feindes  vorbereitet.

Heiße  Tage  branncen  Über  den  Sümpfen,  aus  denen  das  Glockenspiel
der  Unken  llang,  schwüle  Nächte  senkten  sich  herab,  die  innere  Drovinz,
die  Hinter  ihrem  Wald-  und  Seengürtel  geborgen  lag,  sah  noch  keinen  Feind.
Nur  an  den  äußersten  Rändern  des  weitgeschwungenen  Grenzlandes  prallten
die  Gegner  aufeinander,  um  die  Berührung  rasch  wieder  zu  lösen.

Am  2.  August  trabten  russische  Reiter  über  Bialla  auf  Johannisburg,
erschienen  Patrouillen  in  Eydtkuhnen  und  in  anderen  Grenzorten,  wichen
aber  schon  nach  einigen  Schüssen.  Am  4.  Augusßt  rite  deutsche  Kavallerie
in  Kibarty,  der  russischen  Grenzstation  östlich  von  Eydtkuhnen,  ein  und  vertrieb
  die  Wache.  Eine  russische  Kavalleriedivision,  die  in  der  Nähe  hielt,
sah  tatenlos  zu.  Bei  Soldau  kam  es  am  5.  August  zu  einem  Feuerllberfall
auf  eine  sorglos  vorgehende  Kosakenbrigade.  Die  NReiter  setzten  eine  Schwarm.
attacke  auf  sichtbar  gewordene  Infanterie  an,  gerieten  unter  die  Bleibrause
der  deutschen  Maschinengewehre  und  brachen  im  Feuer  zu  Hunderten  zusammen,
  der  QAest  warf  die  Gäule  herum.

Am  8.  August  traf  dasselbe  Schicksal  eine  über  Bialla  vorfühlende
Kavalleriebrigade,  die  dabei  ihre  Geschütze  verlor.  Soweit  die  Kosoken  ins
preußische  Vorland  kamen,  also  vom  Rjemen  bis  Soldau  den  ganzen  Grenzstreifen
  entlang,  der  durch  die  Orte  Schirwindt,  Eydekuhnen,  Mierunstken,
Marggrabowa,  Lyck,  Bialla,  Willenberg,  Neidenburg  bezeichnet  wird,
herrschten  Angst  und  Grauen,  denn  der  Kosak  hielt  auf  den  verbrieften  Brauch,
der  ihm  unbeschränktes  Beuterecht  zusprach,  und  ließ  dabei  auch  seiner  wilden
Natur  die  Jügel  schießen.  Während  das  Land  diesseits  der  Angerapp-  und
Seenlinie  noch  im  tiefsten  Frieden  lag,  schlug  in  den  Grenzdörfern  die  Lohe
auf.  Die  deutsche  Staatszuche  hatte  den  in  jedem  Wolke  wohnenden  natür.
lichen  Instinkt,  bei  einem  Einbruch  bewaffneten  Widerstand  zu  leisten,  längst
unterdrückt.  In  Ostpreußen  hat  keine  Erhebung  der  Bevölkerung  stattgefunden
  wie  in  Belgien,  wo  außer  Temperamentsunterschieden  eine  andere
Auffassung  von  den  Rechten  des  Bürgers  zur  Verteidigung  des  nationalen
Bodens  wirksam  war.  Die  Wergeltungsmaßregeln,  die  von  den  Deutschen
in  Belgien  und  in  französischen  Gebieten  ergriffen  wurden,  sind  daher
grundsäglich  anders  zu  beurkeilen  als  das  Vorgehen  der  MRussen,  die  nicht
        <pb n="245" />
        Die  deutschen  Gegenmaßnahmen  229

zur  Ahndung  des  Franktireurkrieges,  sondern  von  der  Unkultur  ihrer  Kosakentruppen
  verraten,  den  Brand  in  die  deutschen  Dörfer  warfen  und  sich  an
der  Bevölkerung  in  entseylicher  Weise  vergingen.  Nasch  bedeckten  sich
die  landeinwärts  führenden  Straßen  mit  Flüchtlingen,  die  den  Schrecken
ins  Innere  trugen.

Oie  deutschen  Gegenmaßnahmen

Unheilkündend  erschienen  die  Vertriebenen  diesseits  der  Wälder-  und
Seenschranke.  Noch  umbrandeten  die  russischen  Reiterschwärme  nur  den
Vorstrand  des  offen  daliegenden  HLandes,  aber  jetzt  glaubte  das  Ohr  das
Getöse  gewaltiger  Heeresmassen  zu  vernehmen,  die  aus  den  Ausfallstellungen
der  Rjemen--  und  Narewfront  hervorbrachen  und  sich  auf  den  beiden
großen  Anmarschstraßen  Kowno—Gumbinnen  und  Warschau—Soldau
beranwälzten.

Die  deutsche  Verteidigung  war  auf  die  schwachen  Kräfte  des  I.,  XVII.
und  XX.  Armeekorps,  des  I.  Reservearmeekorps  und  der  3.  Reservedivision
  gestellt,  die,  von  Landwehrregimentern  und  Landsturm  unterstügt,
ein  Gebiet  von  mehr  als  40  000  Quadratkilometern,  eine  Kornkammer  des
Reiches,  vor  Verwüstung  schützen  und  dem  Feind  den  Vormarsch  über  die
preußische  Weichsel  verwehren  sollten.

Oie  strategische  Aufgabe,  die  diesen  schwachen  deutschen  Kräften  vorbehalten
  war,  konnte  nur  so  lange  durch  Hinhaltung  der  feindlichen  Offensive
gelöst  werden,  als  es  glückte,  auf  den  inneren  Linien  frei  zu  operieren  und
auf  dem  gut  ausgebauten  Eisenbahnnetg  die  Truppen  nach  Bedarf  zu  bewegen.
  In  den  ersten  Tagen  genügte  der  als  Schleier  vor  die  Front  geworfene
  Grenzschug,  um  die  russischen  Einbrüche  abzuwehren  und  im  Werein
mit  den  Fliegern  den  Anmarsch  stärkerer  Gruppen  zu  erkunden,  später  aber
wäre  diese  Zersplitterung  der  Kräfte  verderblich  geworden.  Ein  dünner
Kordon,  der  um  die  weitgeschwungene,  noch  dazu  rechtwinklig  abgebogene
Grenze  gelegt  worden  wöre,  hätte  nicht  die  geringste  Widerstandsfähigkeit
besessen.  Generaloberst  v.  Prittwitz,  dem  der  Oberbefehl  über  die  8.  Armee
Übertragen  war,  wies  daher  dem  I.  Armeekorps  als  Grundstellung  den
NRaum  von  Insterburg  an,  stellte  das  XX.  Korps  zwischen  Ortelsburg  und
Soldau  auf  und  schob  als  Verbindungsstaffel  schwächere  Kräfte  nach  Oyck
vor.  Dadurch  entstand  eine  Ost-  und  eine  Südgruppe,  die  durch  die  Bahn
Allenstein—Insterburg  unmittelbar  verbunden  blieben  und  durch  die  vorgeschobene
  Stellung  bei  Lyck  und  Lötzen  gegen  Oberraschungen  von  Grodno—
Bjelostok  her  gedeckt  waren.  Es  war  die  gegebene  Gegenaufstellung  zu
der  russischen  Kräfteverteilung.

Die  deuesche  Ostarmee  stand  also  troh  räumlicher  Trennung  in  zwei
Gruppen  geballt,  um  die  Radiallinien  Insterburg—Kowno  und  Allenstein—
        <pb n="246" />
        230  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

Soldau—Warschau  im  Auge  zu  behalten  und  sich  an  derjenigen  Stelle
vor  dem  Feinde  zu  vereinigen,  wo  die  größte  Gefahr  drohte.  Die  Armee
war  nicht  gesonnen,  kampflos  vor  den  Russen  zurückzugehen.  Der  deutsche
Angriffsgeist  steckte  Führung  und  Truppe  zu  sehr  im  Blut,  um  selbst  bei
Anrücken  von  zwei  großen  russischen  Heeren  zu  entweichen.

Und  doch  war  die  Lage  dieser  gleichsam  auf  verlorenen  Posten  gestellten
Korps  und  Landwehren  beinahe  aussichtslos,  wenn  es  dem  Feind  gelang,
von  Osten  und  Süden  konzentrisch  vorzurücken,  sie  zu  schlagen,  auf  Königs.
berg  zurückzuwerfen  und  dort  einzuschließen.  Es  galt  also,  den  Gegner  solange
  wie  möglich  an  der  Peripherie  festzubannen,  im  raschen  Herumwerfen
der  eigenen  Streitkräfte  die  Vorteile  der  inneren  Linien  auszunucen  und
sich  die  Bewegungsfreiheit  zu  erhalten.  Gegen  Nordosten  erleichterte  der
Memelstrom,  gegen  Osten  der  vielgewundene  Lauf  der  Angerapp  und  Inster,
gegen  Südosten  das  masurische  Seengebiet  die  Verteidigung,  doch  konnte  mit
so  geringen  Kräften  an  die  Einrichtung  einer  durchlaufenden  Stellung  hinter
diesen  natürlichen  Abschnitten  nicht  gedacht  werden.  Unmöglich  endlich
erschien  ein  Angriffsstoß,  da  man  sich  nicht  von  den  rückwärtigen  Verbindungen
  entfernen,  in  ein  Bakuum  bineingeraten  und  der  einen  oder  anderen
feindlichen  Gruppe  Nücken  und  Flanke  preisgeben  durfee.

Oie  DTage  schlichen.  Vom  Süden  kamen  die  ersten  Meldungen  von
Gefechten,  die  Osterreich-Ungarns  Heere  auf  dem  Wege  nach  Osten  lieferten;
auch  schlesische  Truppen  waren  dazu  aufgeboten  worden  und  schon  auf  dem
Vormarsch  durch  das  wegarme  Glacis  des  polnischen  Vorlandes  begriffen.

Von  Westen  schlug  der  Nachhall  der  ersten  Kämpfe  im  Elsaß  herüber
und  verklang.

Mit  ußerster  Anspannung  aller  Nerven  und  Sinne  standen  Ost.  und
Westpreußen  auf  der  Wacht.  Am  14.  August  war  das  Herannahen  großer
russischer  Streitkräfte  von  Osten  her  zu  spüren.  Der  Russe  kam!  Schwerfällig
  schob  er  sich  heran.  Bei  Wladislawow  und  Wilkowicszki,  nördlich  und
südlich  der  Bahnlinie  Kowno—Eydtkuhnen,  wurden  starke  Truppenkörper
sichtbar,  von  Drosdowka  bei  Marggrabowa  und  Scheuba  in  der  Nähe  von
Lyck  tönte  Gewehrfeuer.  Vortruppen  des  I.  Korps  und  der  49.  Landwehr.
brigade  waren  an  den  Feind  geraten.  Bei  Groß.Spalionen,  südwesllich  von
Johannisburg,  räumten  die  Karabiner  litauischer  Dragoner  seindliche  Sättel.

Die  größere  und  nähere  Gefahr  drohte  von  Osten.  Die  Armee  Nennenkampf,
  die  den  Angriff  gemäß  dem  ursprünglichen  Feldzugsplane  vortrug,
rückte  hier  auf  demselben  Weg  heran,  den  Apraxin,  der  General  der  Kaiserin
Elisaberh,  vor  157  Jahren  gezogen  war,  um  dem  Großen  Friedrich  in  den
Rücken  zu  fallen.  Damals  waren  die  Russen  bis  Großjägersdorf,  östlich  von
Wehlau,  gekommen  und  dort  von  den  Preußen  unter  Lehwald  angegriffen
worden.  Mit  20  000  Mann  nahm  der  Feldmarschall  Friedrichs  des  Großen
den  Kampf  gegen  60  000  Russen  und  deren  mächtige  Artillerie  auf  und  suchte
        <pb n="247" />
        Das  Treffen  bei  Gumbinnen  231

den  linken  Flügel  Apraxins  im  Schutze  der  heimischen  Wälder  zu  umfassen
und  aufzurollen.  Aber  die  dünne  Gefechtsfront  zerriß,  und  die  Uberlegenheit
der  russischen  Haubitzenbatterien  brachte  die  preußischen  Kolonnen  in  Ver.
wirrung.  Da  brach  Lehwald  das  Gefecht,  das  ihn  4000,  die  Russen  7000
Mann  gekostet  hatte,  ab  und  bewerkstelligte  einen  geordneten,  vom  Feinde
nicht  gestörten  Nückzug.  Apraxin  wagte  nur  langsam  und  zögernd  zu  folgen
und  kam  nicht  bis  zur  Weichsel.  Der  strategische  Zweck  seiner  Offensive  war
vereitelt,  das  Ziel  nicht  erreicht  worden.

Die  Erinnerung  an  das  Treffen  vom  10.  August  1757  ist  hier  wohl  am
Dlage,  da  es  troh  der  lleinen  Verhältnisse  gewisse  Grundzüge  mit  den
Operationen  im  Sommer  1914  gemein  hat;  die  Russen  sind  wiederum  in
der  Uberzahl,  wieder  mit  mächtiger  Artillerie  ausgerüstet  und  ebenso  schwerfällig
  in  der  Bewegung,  die  Preußen  wieder  darauf  angewiesen,  ihre
Manörierfähigkeit  zu  entfalten  und  dem  Feind  möglichst  Abbruch  zu  tun.

Angesichts  der  starken  russischen  Streitkräfte,  die  auf  der  Linie  Eydt.
kuhnen  —Insterburg  heranrückten,  schien  auf  deutscher  Seite  der  Rückzug
geboten,  aber  der  preußische  Angriffsgeist  forderte  zunächst  Handeln  nach
vorn,  ehe  man  hinter  die  Angerapp  zurücksiel.  Gelang  es,  den  Gegner  zur
Entwicklung  seiner  Massen  zu  zwingen,  so  wurde  in  jedem  Falle  wertvolle
Zeit  gewonnen.

Am  17.  August  griff  das  I.  Armeekorps  den  anrückenden  Feind  bei
Stallupönen  an.  Die  Last  des  Kampfes  wurde  von  der  1.  Division  getragen.
Im  zähen  Kampf  behauptete  sich  die  Division  gegen  die  Abermacht  und
entrang  ihr  im  stürmischen  Angriff,  der  bei  Nausseden,  östlich  von  Stallupönen,
in  die  russischen  Stellungen  einbrach,  zahlreiche  Gefangene  und  Maschinengewehre.
  Unterdessen  fochten  die  Regimenter  44  und  33  gegen  die  weit
nach  Süden  ausgreifende  linke  Flügelgruppe  der  russischen  Angriffsarmee
und  bereitete  ihr  bei  Mehlkehmen  und  Goldap  erhebliche  Werluste  und
Aufenthalt.  Als  die  NRussen  ihre  Massen  entwickelt  hatten  und  die  weit.
gespannte  Linie  Dillkallen—Stallupönen—Goldap  erreichten,  ging  das
I.  Armeekorps  kämpfend  auf  Gumbinnen  zurück.  In  breiter  Froné  folgten
die  Russen  und  drangen  am  18.  August  gegen  die  Linie  Gumbinnen—
Goldap  vor.

Das  Treffen  bei  Gumbinnen

Generaloberst  v.  rictwitz  beschloß,  dem  Feinde  mit  versammelten
Kräften  nochmals  Halt  zu  gebieten,  um  Frangois'  I.  Korps  zu  enklasten,
und  gog  zu  diesem  Zweck  alle  verfügbaren  Truppen  heran.  Nur  das  XX.  Korps
blieb  als  Grenzschutz  auf  seiner  Grundlinie  gegen  den  Narew  und  Warschau
stehen,  das  XVII.  Korps  aber  wurde  mit  der  Eisenbahn  herangeholt  und
marschierte  am  18.  August  binter  der  Angerapp  auf.
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        232  Der  Feldzug  in  OÖstpreußen  bis  zum  15.  September  1914

Das  I.  Reservekorps  folgte,  auch  die  3.  Reservedivision  und  die
72.  Reservebrigade  gliederten  sich  an.  Das  war  alles,  was  Drittwigz  gegen
die  Armee  Nennenkampfs  ins  Feld  führen  konnte.  Von  dieser  kamen  vier
Korps  und  sechs  Reservedivisionen  für  den  Kampf  auf  der  Linie  Gumbinnen—
Goldap  in  Betracht.  Die  Grodnoer  Flügelgruppe  in  der  Stärke  von  zwei
Korps  und  zwei  Schügenbrigaden  war  noch  nicht  in  der  Flanke  der  Deutschen
sichtbar  geworden.  Um  so  lebhafter  schlug  sich  bereits  die  einzige  Kavallerie.
division,  ÜUber  die  Prittwitz  verfügte,  seit  einigen  Tagen  mit  dem  russischen
Gardekavalleriekorps  herum.

Auch  in  Ostpreußen  war  damals  strahlendes  Spätsommerwetter,  aber
tief  hing  das  Schicksalsgewölk  über  dem  lleinen  Dreußenheer,  dos  auf  der
Rominter  Heide  in  einen  ungleichen  Kampf  ging,  während  an  der  Südgrenze
der  Provinz,  auf  der  Straße  zwischen  Weichsel  und  Orzve,  sich  schon  eine
zweite  russische  Armee  von  mehr  als  200  000  Mann  in  seinen  Rücken  wälzte.
Einsam  stand  dort  das  XX.  Korps  zwischen  Mlawa  und  Willenberg  auf
der  Wache,  um  diesem  Einbruch  achtfacher  #bermacht  die  Spitze  zu  bieten.

Das  I.  Armeekorps,  das  bei  Seallupönen  allein  gestritten  und  mit  den
erbeuteten  Gefangenen  und  Trophäen  Schritt  für  Schrict  auf  Gumbinnen
gewichen  war,  wurde  am  18.  August  zum  linken  Flügelkorps.  Rechts  schob
sich  das  XVII.  Korps  heran,  das  am  Nachmittag  des  19.  August  GBefehl
erhalten  hatte,  zur  Unterstüczung  des  I.  Korps  vorzugehen.  General
v.  Mackensen  sehte  seine  Truppen  hierzu  unverzüglich  in  Bewegung  und
erreichte  in  einem  scharfen  Nachtmarsch,  der  in  zwei  Kolonnen  angetreten
wurde,  die  Rominte.  Es  war  2  Uhr  morgens,  als  das  XVII.  Korps  binter
dem  Heideflüßchen  in  Stellung  ging.  Bei  Tagesanbruch,  als  die  Föhrenspitzen
  sich  zart  vom  bernsteinfarbenen  Himmel  abhoben,  griffen  die  Westpreußen
  an.  Rechis  vom  XVII.  Korps,  das  die  Mitte  der  Schlachtordnung
bildete,  kämpfte  das  I.  Reservekorps,  dem  sich  die  3.  Reservedivision  und
die  72.  Reservebrigade,  nach  rechts  auseinandergezogen,  als  Flankenschut#
anschlossen.  Das  Korps  Mackensen  harte  den  Steirnkampf  zu  führen,  während
die  Flügelkorp#s  den  Gegner  zu  umfassen  trachteten.

Es  war  ein  schweres,  verlustreiches  Ringen.  Schon  in  dieser  ersten
Mussenschlacht  stießen  die  Deutschen  auf  zauberhaft  rasch  entstandene  Feldbefestigungen,
  in  denen  die  russische  Infanterie  bis  zum  Kinn  eingegraben
stand.  Zahlreiche  und  gut  ausgebildete  leichte  und  schwere  Artillerie  empfing
die  preußischen  Druppen,  deren  Schwarmlinien  den  Angriff  in  schlanken
Sprüngen  über  Halm  und  Heide  trugen,  mit  mörderischem  Feuer.

Mackensens  Ansturm  warf  die  vorgeschobenen  russischen  Abteilungen,
die  vor  seiner  Front  auftraten,  über  den  Haufen.  Die  russische  Mirte  erschien
bereits  #eingedrücke,  als  das  XVII.  Korps  auf  geschickt  angelegte  und  stark
ausgebaute  Stellungen  stieß  und  der  Angriff  zum  Stehen  kam.  Die  russischen
  Feldbefestigungen  waren  so  weit  ausgedehnt,  daß  das  XVII.  Korps
        <pb n="249" />
        Das  Treffen  bei  Gumbinnen  233

sie  vergeblich  rechts  oder  links  zu  umgehen  trachtete  und  sich  davor  festgebannt
sah.  Vei  Walterkehmen,  Gawaiten,  Sordehmen  und  Königsfelde  floß  das
Blut  der  36.  Division,  um  Grünweitsch  und  Martischken  rang  die  35.  im
schwersten  Kampf.  Der  Angriff  kam  nicht  mehr  vom  Fleck,  die  Verluste
häuften  sich,  aber  die  Westpreußen  dachten  nicht  daran,  zurückzugehen.  Sie
bielten  sest.  Die  Entscheidung  lag  auf  den  Flügeln,  wo  Bewegungsfreiheit
berrschte.

VWährend  Mackensen  die  feindliche  Mittelstellung  mit  den  Zähnen
gepackt  hielt,  sucheen  die  Flügelkorps  die  Umfassung  durchzuführen.  Das
I.  Reservekorps  kämpofte  bei  Kleszowen  und  Tautschillen,  das  I.  Armeekorps
ging  nördlich  von  Gumbinmen  in  der  Gegend  von  Mallwischken  vor.  Trog
der  Dbermacht  gelang  es  ihnen  auch,  Boden  zu  gewinnen,  und  am  späten
Nachmittag  wurden  auf  dem  linken  Flügel  die  russischen  Stellungen  genommen.
  Die  Umfassung  begann  sich  abzuzeichnen.  In  der  Mitte  und  auf
dem  rechten  Flügel  dagegen  behaupteten  die  Russen  ihre  Befestigungen  und
setzten  hier  starke  neue  Kräfte  ein,  namentlich  an  Artillerie,  deren  Ubergewicht
sich  erdrückend  geltend  zu  machen  drohte.  Vor  der  Mitte  der  russischen  Stellung
  lagen  schon  zwei  Batterien  des  XVII.  Korps,  Bedienung,  Bespamung
und  Gerät,  vollständig  zusammengeschossen.  Sie  hatten  bis  zum  leczten  Mann
und  bis  zur  lechten  Kartusche  ausgeharrt.

Da  das  XVII.  Korps  sehr  schwer  litt  und  neue  feindliche  Kräfte  auf
beiden  Flügeln  im  Anmarsch  waren  und  zu  weitklafternder  Amfassung  ausbolten,
  außerdem  bestimmete  Meldungen  über  das  Auftreten  und  den  Vormarsch
  der  2.  russischen  Armee  von  Hraszuysz  und  Mlawa  auf  Soldau—
Ortelsburg  einliefen,  also  die  Rückzugslinie  der  kleinen  deurschen  Ostarmee
schon  bedroht  erschien,  befahl  Generaloberst  v.  Drittwitz  am  Abend  des
20.  August  den  Abbruch  der  Schlacht.

Die  Flügelkorps  konnten  den  Gefehl  ohne  besondere  Schwierigkeiten
vollziehen.  Das  I.  Armeekorps  trat  den  Rückzug  auf  Gumbinnen  an,  das
I.  Reservekorps  ging  hinter  die  Goldap  zurück.  Als  letzte  Nachhue  kämpfte
das  1.  Reservejägerbataillon  und  speiste  noch  am  21.  August  bei  Darkehmen
das  Gefecht.  Nicht  ohne  Gefahr  war  die  Ausführung  des  Befehls  für  die
Mitte,  wo  das  XVII.  Korps  dicht  vor  den  feindlichen  Hauptskellungen  fesllag,
zerschossene  Batterien  und  schwer  verkämpfte  Regimenter  von  der  nachdrängenden
  Obermacht  gelöst  und  diese  zugleich  in  Schach  gehalten  werden
mußte.  General  v.  Mackensen  zeigte  sich  dieser  Aufgabe  gewachsen.  Er
löste  sein  Korps  in  der  Dunkelheit  und  setzte  es  unverzüglich  nach  Westen  in
Marsch;  es  war  sein  zweiter,  aber  nicht  der  letzte  Nachtmarsch  nach  schwer
durchkämpftem  Tage.  Grimmigen  Mutes  zog  das  XVII.  Korps  ab;  nur
die  beiden  Batterien,  die  in  ihren  Feuerskellungen  erstorben  waren,  ein
Knäuel  niedergeschossener  Hferde,  zerfechter  Protzen,  zerstörter  Geschütze
und  ruhmvoll  in  den  Tod  gesunkener  Bedienung,  konnten  nicht  mehr  geborgen
        <pb n="250" />
        234  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

werden.  Doch  es  war,  als  schreckten  selbst  ihre  Trümmer  noch  den  Russen,
der  sich  am  frühen  Morgen  auf  dem  Schlachtfeld  allein  und  die  Stellung  des
XVII.  Korps  geräumt  fand,  aber  nicht  zu  folgen  versuchte.

Oie  strategische  Lage  am  21.  Auguft

Mit  8000  Gefangenen  kehrte  die  Armee  Prittwitz  aus  ihrem  ehrenvollen
Kampf  zurück,  bei  dem  die  Erinnerung  an  das  CTreffen  bei  Großjägersdorf
aus  friderizianischer  Zeit  lebendig  geworden  ist.

Aber  die  strategische  Lage  war  ungünstiger  als  im  Jahre  1757.  Ahnlich
nur  das  Perhalten  der  russischen  Geldherren.  Wie  damals  Apraxin  gezögert
hatte,  die  Preußen  zu  verfolgen,  so  beschränkte  sich  jezt  Rennenkampf  daraufs,
seine  Massen  langsam  in  umfassender  Bewegung  über  die  Pissa  und  die  Goldap
auf  Insterburg  und  Angerburg  vorzuschieben  und  die  Straßen  nach  Königs.
berg  zu  gewinnen.

Der  Führer  der  1.  Armee  mochte  sich  der  mühsamen  Behauptung
des  Schlachtfeldes  freuen,  wähnte  den  Feind  im  Abzug  auf  Königsberg
und  sah  seine  Aufgabe  jetzt  in  der  Besehung  des  Gebietes  zwischen  Memel
und  Lyck,  um  dann  mit  dem  Belagerungspark  vor  die  Festung  Königs.
berg  zu  rücken.

Die  lleine  Feste  Boyen  bei  Lögen  empfing  schon  am  23.  Auguft  die
Aufforderung  zur  Lbergabe,  blickte  aber  zwischen  ihren  blauen  Masurenseen
dem  Ansturm  der  Mussen  mit  nicht  geringerer  Zuversicht  entgegen  als
das  starke  Königsberg  am  silberglänzenden  Haff.

Der  russische  Feldherr  schlug  sein  Hauptquartier  in  Insterburg  auf.
Großfürst  Nikolai  Nikolajewitsch  sandte  tröstliche  Botschaft  nach  Paris.
Man  kann  annehmen,  daß  sie  verbeißungsvoll  gelautet  hat,  denn  die  französischen
  Meldungen  spiegelten  alsbald  den  Eindruck  dieser  Kunde  vom
russischen  Kriegsschauplatz  wider.  Der  Großfürst-Generalissimus  hat  der
französischen  Regierung  wahrscheinlich  mitgeteilt,  daß  die  Preußen  geschlagen
  und  auf  dem  Rückzug  seien  und  daß  ihre  Hauptkräfte  sich  nach
Königsberg  geworfen  hätten.  Was  nach  Süden  entkommen  sei,  werde  dem
Flankenangriff  der  2.  Armee  erliegen,  die  der  Weichselschranke  schon  näher
stände  als  das  kleine  Preußenheer.  Mit  den  Mienen  des  Siegers  und  den
Gebärden  des  Eroberers,  der  in  einem  Wüstungskrieg  begriffen  ist,  breitete
sich  die  Armee  Nennenkampf  zwischen  der  Memel  und  den  großen  Seen  aus
und  brandschatgte  die  Städte  und  Dörfer  Litauens  und  Nadrauens  weit
hinaus  bis  Domnau,  südwestlich  von  Königsberg.  Die  Masse  des  Heeres
folgte  nicht.

Als  bei  Labiau  und  Wehlau  die  Königsberger  Hauptreserve  die  Vorhuten
  der  Belagerungsarmee  mit  Artillerie  und  Maschinengewehr  empfing,
        <pb n="251" />
        Die  strategische  Lage  am  21.  August  235

geriet  der  Vormarsch  der  NRussen  vollends  ins  Stocken.  Nur  Kavallerie
gelangte  über  Friedland  hinaus.  Vergebens  suchten  die  russischen  Vortruppen
den  Abergang  über  die  Deime  zu  erzwingen,  um  vor  Königsberg  zu  rücken.
Mit  echt  russischer  Uuempfindlichkeit  für  Verluste  und  einem  Starrsiun,  der
auf  kunstvollere  Operationen  verzichtet,  brachen  sie  immer  wieder  gegen  den
Fluß  vor.  Die  Brücken  waren  gesprengt,  am  Flutdamme  des  Westufers
lagen  die  schwachen  Königsberger  Streickräfte  in  Deckung  und  überschütteten
die  Sturmgruppen  mit  sicherem  Feuer.  Da  der  Bau  einer  Holzbrücke
mißlang,  wateten  die  Nussen  ins  Wasser,  aber  die  dichtgedrängeen  Kolonnen
wurden  von  den  Maschinengewehren  strichweise  niedergemäht  und  versackten
schließlich  an  einigen  Seellen  das  Flußbett  bis  auf  den  Grund.  In  Rudeln
trieben  die  Leichen  nach  dem  Haff.  Bevor  sich  Rennenkampf  zu  einer  aus.-greifenden
  Operation  aufraffte,  wurde  ihm  das  Geseh  des  Handelns  entwunden.


Oie  preußische  Armee  war  in  erschöpfenden  Tag.  und  Nachtmärschen
und  mit  der  Bahn  über  Insterburg  und  Angerburg  nach  Südwestken  in  Bewegung
  gesetzt  worden.  Das  Oberkommando  wollte  die  Truppen  über  die
Weichsel  zurücknehmen,  ehe  sie  im  Kampf  mit  der  Abermacht  und  zwischen
zwei  feindlichen  Heeren  zerrieben  wurden.  Schon  waren  die  Befehle  zur
Sprengung  der  Weichselbrücken  ausgefertigt  und  Anweisung  ergangen,  die
Stau-  und  Worflutdeiche  der  Elbinger  Niederung  zu  durchstechen.  Das
XX.  Korps  sollte  so  lange  stehenbleiben  und  den  Andrang  der  Armee
Samsonow  hemmen,  bis  die  übrigen  Korps  die  Linie  Allenstein—Eylau
erreicht  hatten.

Die  Zurücknahme  der  Armee  hinter  die  Weichsel  enthielt  zunächst  den
Verzicht  auf  aktive  Führung  der  Verteidigung  und  gab  alles  Land  östlich
des  Stromes  dem  Feinde  preis.  Zugleich  aber  enthob  dieser  Rückzug  die
russische  Heeresleitung  der  Sorge  um  einen  deutschen  Angriff  auf  die  linke
Flanke  und  gestattete  ihr,  die  1.  und  2.  Armee  zu  vereinigen.  Durch  glückliche
  Verteidigung  der  preußischen  Weichsellinie  wurde  die  russische  Offensive
nur  örtlich  gehemme,  der  Vormarsch  in  der  Mitte  und  die  Abgabe  von  Verstärkungen
  an  die  Südgruppe  zur  Niederwerfung  der  Osterreicher  aber  nicht
verhindert.  Zog  sich  die  deutsche  Ostarmee  hinter  den  Weichselstrom  zurück,
so  konnte  die  oberste  russische  Heeresleitung  ohne  Verzug  einen  Teil  der  in
Ostpreußen  frei  werdenden  Kräfee  nach  Süden  werfen,  die  ssterreichischungarischen
  Armeen,  die  sich  wagemutig  von  der  Karpathenrampe  entfernt
hatten  und  angriffsweise  vorgebrochen  waren,  um  bei  Lemberg  zu  schlagen,
vor  Iwangorod  in  der  linken  Flanke  packen  und  ihnen  zwischen  Weichsel,
San  und  Bug  den  Untergang  bereiten.  Ob  sie  es  getan  hätte,  statt  bis
zur  Weichsel  zu  folgen  und  sich  dort  festzulegen,  ist  eine  andere  Frage,  denn
        <pb n="252" />
        236  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

die  russischen  Südwestarmeen  waren  dem  k.  u.  k.  Nordheere  ja  ohnedies
gewachsen.

Jedenfalls  war  die  Lage  der  Russen  aussichtsvoll,  die  der  Osterreicher
und  Ungarn  noch  ungeklärt,  aber  schon  nicht  mehr  unbedenklich,  und  die
Perspekeive  des  Krieges  eine  ungeheure.  Sollte  man  unter  diesen  Um.
ständen  Ostpreußen  aufgeben  und  einen  operativen  Erfolg  auf  der  zurückver.
legten  Grundlinie  erwarten,  wie  es  einem  in  kühler  Studierstube  wohlllber.
legten  und  durchgearbeiteten  Plan  entsprach,  oder  den  Erfolg  nach  vorn
suchen,  um  das  Schicksal  auf  zwei  Fronten  zu  zwingen?

Es  war  ein  schicksalsschwerer  Entschluß,  der  sich  der  obersten  deutschen
Heeresleitung  in  diesem  Augenblick  aufdrängte.  Und  gesezt  den  Fall,  sie
entschied  sich  für  das  Handeln  nach  vorn  und  die  Verteidigung  Ostpreußens
—  besaß  sie  dazu  die  erforderlichen  Kräfte  und  brachte  sie  diese  rechtzeitig
in  Bewegung  und  zur  Stelle?  Dazu  kam,  daß  dieser  Entschluß,  dessen
Tragweite  sich  angesichts  der  ungeklärten  Perspektiven  des  Krieges  gar
nicht  übersehen  ließ,  in  drangvollem  Augenblick  und  auf  der  Stelle  gefaßt
werden  mußte.  Es  war  um  die  Zeit,  da  das  deutsche  Westheer  den  ersten
großen  Sieg  in  seinen  Fahnen  rauschen  hörte.  Die  Schlacht  in  Lothringen
war  im  Gange,  die  AUmfassungsbewegung  auf  der  Höhe  von  Namur  angelangt
  und  die  Armee  Kluck  in  Brüssel  eingezogen.  Zum  erstenmal  trat  bestimmt
  und  bestimmend  die  Tatsache  hervor,  daß  der  Iweifrontenkrieg  in
seinen  Operationen,  auf  welchem  Kriegstheater  sie  auch  vor  sich  gingen,  eine
strategische  Einheit  bildete,  daß  alle  Erfolge  und  Mißerfolge  im  Zusammen-Hang
  zu  betrachten  waren,  ob  sie  in  Polen  oder  in  Belgien,  in  Masuren
oder  Lothringen  davongetragen  wurden.

Da  die  deutschen  Heere  auf  den  inneren  Linien  standen,  konnten  sie
ausbilfsweise  von  der  West=  zur  Ostfront  bewegt  werden,  solange  im  Innern
des  Reiches  keine  neuen  Truppen  verfügbar  waren.  Diese  Maßnahme  war
allerdings  nur  zulässig,  wenn  die  Lage  im  Westen  eine  solche  Schwächung
der  Kampffront  gestattete.  War  das  am  20.  und  21.  August  der  Fall  und
würde  es  in  den  folgenden  Tagen  der  Fall  sein?

Diese  Fragen  wurden  im  Großen  deutschen  Hauptquarkier  in  ihrer  ganzen
Schwere  erwogen.  Die  Not  Ostpreußens  schrie  um  Hilfe.  Der  Feldzug
war  kaum  eröffnek,  die  Stoßkraft  der  Russen  noch  nicht  erprobt;  die  Tatsache,
daß  der  Feind  auf  den  Spuren  Apraxins,  Fermors  und  Korsakoffs  in  Ostpreußen
  einbrach  und  die  Möglichkeit,  daß  er  vielleicht  schon  in  acht  Tagen
seine  Gäule  in  der  Oder  tränken  konnte,  mußte  nicht  nur  vom  milltärischen
Standpunke,  sondern  auch  aus  dem  Gesichtswinkel  des  deutschen  Bürgers
und  des  Volkes  betrachtet  werden,  das  hinter  den  Fronten  saß  und  ahnte,
daß  dieser  Krieg  ein  Krieg  um  Sein  oder  Nichtsein  war.  Und  nicht  zuletzt
drängte  sich  Schlieffens  Leitgedanke  auf,  der  zu  fordern  schien,  daß  das
deutsche  Wirtschaftsgebiet  vom  Feinde  freigehalten  werde.  Sonst  mochte
        <pb n="253" />
        Die  strategische  Lage  am  21.  August  237

es  geschehen,  daß  eines  Tages  der  entkräftete  Arm  des  deutschen  Kriegers
das  Schwert  senlte,  weil  Deutschland  hungerte.

Auf  der  anderen  Seite  stand  die  große  Iweifelsfrage,  ob  die  Lage  im
Westen  die  Abgabe  stärkerer  Kräfte  nach  dem  Osten  gestattete.  Und  noch
eins:  gesetzt,  dieser  ganze  Fragenknäuel  wurde  in  dem  Sinne  entwirrt,  daß
es  nötig  sei,  den  Feldzug  in  Ostpreußen  wieder  aufzunehmen,  daß  nicht  hinter
die  Weichsel  zurückgegangen,  sondern  zwischen  Weichsel  und  Memel  das
Schlachtenglück  noch  einmal  angerufen  wurde  —  wo  war  und  wie  bieß  der
General,  der  dieser  Aufgabe  gewachsen  war?  War  überhaupt  noch  Raum
und  Zeit  zu  einer  Kriegshandlung  zwischen  Weichsel  und  Memel,  wo  jett
zwölf  Mussenkorps  mit  zahlreicher  Kavallerie  und  mächtiger  Artillerie
aller  Kaliber  in  zwei  großen  Kampfgruppen  im  Begriff  waren,  sich  die
Hand  zu  reichen  und  mehr  als  500  000  Screiter  stark  Masse  zu  bilden?
Begrub  nicht  dieser  Schwall  jede  Offensive,  die  sich  im  Gewirr  der  masurischen
Seen  zu  entwickeln  trachtere?  Zwei  Armeekorps  und  eine  Kavalleriedivision  —
mehr  konnte  man  ja  dem  neuen  Führer  als  WVerstärkung  zunächst  nicht
mitgeben,  und  was  bedeutete  das,  da  das  I.  und  XVII.  Korps  schon  schwer
gestritten  und  gelitten,  das  I.  Reservekorps  und  die  Qandwehr  nicht  minder
ihr  Bestes  getan  hatten?  And  schließlich  erhob  sich  sogar  noch  die  strategische
Frage,  ob  überhaupt  zwischen  der  Weichsel  und  der  Alle,  wo  die  Versamm.
lung  der  Armee  allein  noch  möglich  war,  mit  Aussicht  auf  Erfolg  operiert
werden  konnte.

Sümpfe  und  Seen,  Busch  und  Wald  find  im  allgemeinen  nicht  die
Gegenden,  in  denen  eine  Feldschlacht  mit  modernen  Massenheeren  gesucht
wird.  Sie  dienen  unter  AUmständen  als  Flankendeckung  oder  Fronthindernis,
wenn  es  gilt,  eine  Verteidigungsstellung  einzunehmen,  sind  aber  auch  dann
gefährliches  Gelände,  da  sie  bei  einem  unglücklichen  Ausgang  der  Schlacht
den  Rückzug  erschweren.  Das  Gebiet  der  masurischen  Seen  und  die  Operationsmöglichkeiten,
  die  einer  Armee  in  dieser  verwunschenen  Gegend
blieben,  waren  seit  vielen  Jahren  im  deutschen  Generalstab  bearbeitet  worden.
Schroff  schieden  sich  die  Meinungen.  Die  einen  bhielten  et  für  richtig,  keine
Armee  in  diesem  gefährlichen  Labyrinth  von  Sumpf,  Wasser  und  Wald  auf.
zustellen,  vor  allem  nicht  im  Gebiet  der  kleinen  Seen  zwischen  Sensburg—
Wartenstein  und  Soldau—Nosenberg,  die  anderen  glaubten  das  Gelände
zu  einer  Schlacht  ausnützen  und  eine  Einbruchsarmee  in  diesem  Wirrsal  zu
Falle  bringen  zu  können.  Die  Feldzüge  Nopoleons,  der  bei  Eylau  und  Friedland
  geschlagen  hatte,  und  Bennigsens  Kreuz=  und  Quermansver  in  Masuren
von  1807  konnten  zur  Löfung  dieser  Frage  wenig  Anhaltspunkte  liefern,
denn  die  Verhältnisse  waren  seither  ins  NRiesenhafte  gewachsen.  Jedenfalls
konnte  zwischen  Weichsel  und  PDregel  mur  ein  Heerführer  schlagen,  der  mit
dem  Gelände  auf  das  inmigste  vertraut  und  in  der  Bewegung  großer  Truppenkörper
  erfahren  war.
        <pb n="254" />
        238  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

Die  Berufung  Hindenburgs

Die  Wahl  des  Kaisers  fiel  auf  den  im  Ruheskand  lebenden  General
v.  Hindenburg,  der  sich  als  Generalstabsoffizier  der  1.  Division  mit  den  Gelände.
verhälenissen  Ostpreußens  eingehend  befaßt,  im  Generalstab  die  Verteidigung
Masiwens  bearbeitet  und  zuletzt  dos  IV.  Korps  geführt  hatte.  Diese  Wahl
bekundele  zugleich  den  Entschluß  der  obersten  deutschen  Heeresleitung,  noch
einmal  rechts  der  Weichsel  zu  schlagen  und  Ostpreußen  und  das  westpreußische
Culmerland  nicht  ohne  den  Khußersten  Zwang  in  die  Hände  des  Feindes
fallen  zu  lassen.  Mit  diesem  Entschluß  war  gesagt,  daß  jede  entbehrliche
Brigade  nach  Osten  geworfen  werden  mußte,  um  dem  neuen  Führer  eine
möglichst  starke  Heeresmacht  in  die  Hand  zu  geben.  Aber  nicht  in  lleinen
Daleten,  deren  Zusammenstellung  zu  einem  Heere  keine  organische  Verbindung
  geschaffen  hätte,  sondern  in  großen,  festgefügten  Truppenkörpern
mußten  diese  Verstärkungen  bereitgestellt  werden.  Man  entschloß  sich,  der
1.  und  2.  Armee  je  ein  Korps  und  der  3.  Armce  eine  Kavalleriedivision  zu
entnehmen  und  diese  nach  Osten  in  Marsch  zu  setzen.  Das  geschah,  als  der
Durchbruch  durch  Belgien  als  geglückt  anzusehen  und  die  Umfassung  der
englisch-französischen  Heeresmacht  als  günstig  eingeleitet  zu  betrachten  war,
also  in  einem  Augenblick,  da  die  Entwicklung  noch  von  der  Seite  des
Angreifers  aus  einseitig  bestimmt  erschien,  kein  entscheidendes  taktisches
Zusammentreffen  auf  der  Bewegungslinie  erfolgt  war  und  die  deutsche
Offensive  ihren  Gipfelpunkt  noch  nicht  erreicht  hatte.  Es  war  ein  großes
Wagnis,  den  Bewegungsflügel  zu  schwächen,  der  die  Umfassung  zwischen
Brüssel  und  Paris  ausführen  sollte  und  dazu  gar  nicht  stark  genug  sein
konnte.  Aber  man  wagte  dies  in  der  Sorge  um  Ostpreußen  und  im  Vertrauen
auf  die  fortschreitende  Bewegung  im  Westen  und  entzog  Kluck  und  Bülow
zwei  Korps  und  Hausen  eine  Reiterdivision,  ohne  diese  Schwächung  durch
Herüberziehung  von  Kräften  aus  Elsaß-Lochringen  auszugleichen.

General  v.  Hindenburg,  der  sich  dem  Kaiser  bei  der  Mobilmachung  zur
Verfügung  gestellt  hatte  und  in  seinem  Alterssig  zu  Hannover  mit  Ungeduld
des  Augenblicks  wartete,  da  man  ihn  gebrauchen  konnte,  empfing  am
22.  August  nachmittags  3  Uhr  ein  Telegramm,  das  ihm  mitteilte,  er  sei  zu
einer  hohen  Kommandostelle  ausersehen  und  möge  sich  bereithalten,  am
nächsten  Tage  abzureisen.  Eine  halbe  Stunde  später  meldete  eine  zweite
Drahebotschaft,  daß  Generalmajor  Ludendorff,  der  zu  seinem  Generalstabs.
chef  ernannt  sei,  naches  zwischen  3  und  4  Uhr  mit  Sonderzug  von  Namur
ber  eintreffen  werde.  Der  Zug  fahre  sogleich  weiter.  Abends  7½  Uhr  kam
die  dritte  Nachricht,  die  dem  General  mitteilte,  daß  der  Kaiser  ihn  zum
Führer  einer  Armee,  Front  Osten,  bestimmt  habe.

As  General  v.  Hindenburg  in  der  Nacht  auf  den  23.  August  den
Sonderzug  bestieg,  der  ihn  nach  Marienburg  führte,  waren  die  Gegenbefehle,
        <pb n="255" />
        Die  Berufung  Hindenburgs  239

welche  den  Rückzug  binter  die  Weichsel  aufhoben,  schon  ergangen.  Die  oberste
Heeresleitung  hatte  die  Versammlung  der  Truppen  rechts  der  Weichsel
angeordnet.  Damit  war  dem  neuen  Oberbefehlshaber  seine  Aufgabe  zugewiesen.
  Er  war  gehalten,  sie  angriffsweise  zu  lösen.

Am  Nachmittag  des  23.  August  —  es  war  ein  Sonntag  —  langte
General  v.  Hindenburg  mit  seinem  Staobschef  im  Schlosse  zu  Marienburg
an.  Schon  auf  der  Fahrt  war  Klarheit  über  die  strategische  Qage  geschaffen,
waren  bereits  die  ersten  Anordnungen  zur  Wiederaufnahme  der  Offensive
getroffen  worden.

Oie  Lage  bot  Schwierigkeiten  genug.  Zwar  war  die  Armee  Nennenkampf
  der  abziehenden  Ostarmee  nicht  gefolgt  und  lagerte  mit  der  Front
nach  Westen  zwischen  Tilsit  und  Angerburg,  indem  sie  Vortruppen  gegen
Königsberg  vorschob  und  ihre  Kavallerie  auf  Nastenburg  und  GBartenstein
vortrieb,  aber  die  Marschsäulen  der  Armee  Samsonow  erreichten  bereits
Mlawa  und  Neidenburg,  überfluteten  die  Gegend  zwischen  Soldau  und
Willenberg  und  drohten  die  deutsche  Ostarmee  in  der  Flanke  zu  packen,
wenn  diese  gegen  Nordosten  vorbrach,  um  Königsberg  zu  entsecen  und  die
1.  Armee  aufs  neue  anzufallen.  So  stand  die  Ostarmee  zwar  auf  den  inneren
Cinien  zwischen  den  beiden  russischen  Einfallsheeren,  war  aber  einem  Flankenangriff
  von  beiden  ausgesetzt,  und  keiner  von  beiden  an  Streiterzahl  gewachsen,
selbst  dann  nicht,  wenn  alle  Perstärkungen  eingetroffen  waren,  die  aus
Belgien  heramollten.  In  dieser  kritischen  Lage  fand  General  v.  Hindenburg
  den  Entschluß  zur  Schlacht.

Diese  Schlacht  durfte  indes  nicht  auf  Verteidigung  angelegt  sein,  da
glückliche  Abwehr  seindlicher  Offensive  nichts  gefruchtet  und  den  Russen  nur
Jeit  gelassen  hätte,  ihre  zweite  Armee  zur  Einkreisung  heranzuholen.  Oie
Entscheidung  mußte  angriffsweise  gesucht  werden  und  mit  der  völligen  Nieder.
ringung  des  Gegners  enden.  Gelang  es,  Somsonow  als  den  näherstehenden
Feind  zu  schlagen  und  zu  werfen,  ehe  Rennenkampf  sich  erneut  in  Bewegung
setzte  und  auf  der  Linie  Insterburg—Allenstein  heranmrückte,  so  war  die
dringendste  Gefahr  beseitigt.  Doch  mußte  dieser  Schlag  so  zermalmend  auf
die  2.  Armee  niederfallen,  daß  ihre  Kampfkraft  für  längere  Zeit  gebrochen
wurde.  Ein  einfaches  Zurückwerfen  über  die  Grenze  genügt  nicht,  denn  es
schuf  nicht  hinreichende  Bewegungsfreiheit,  um  in  einer  zweiten  Schlacht
mit  verwandter  Fronk  auch  die  Armee  NRennenkampf  anzugreifen.  Wurde
Samsonow  bei  Ortelsburg  geworfen,  wie  Napoleon  Blücher  bei  Higny
geworfen  hat,  und  lebee  in  ihm  dann  Blücherscher  Geist,  so  lief  die  deutsche
Armee  Gefahr,  durch  Rennenkampf  bei  Angerburg  im  Entscheidungskampf
gefesselt  zu  werden,  bis  Samsonow  sich  wieder  erholt  hatte  und  ihr  in  Rücken
und  Flanlke  fiel,  um  Hindenburg  ein  Waterloo  zu  bereiten.

Wohl  ist  der  Vorteil  groß,  der  einem  Feldherrn  aus  der  Beherrschung
der  inneren  Linien  zwischen  feindlichen  Heeren  erwächstk,  aber  er  kann  sich
        <pb n="256" />
        240  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

seden  Augenblick  in  Nachteil  verkehren.  Ziehen  sich  die  Gegner  um  die
Jentralstellung  zusammen  und  kreisen  den  Innenstehenden  ein,  so  wird  sie
zur  Todesfalle.

Es  war  eine  der  schwierigsten  strategischen  und  taktischen  Aufgaben,  die
der  deutsche  Feldherr  sich  gestellt  sah.  Ubnlich  stand  Napoleon  im  Feldzug
von  1814  zwischen  Schwarzenberg  und  Wlücher,  Benedek  im  Juni  1866
bei  Königgräh  zwischen  den  Armeen  des  Prinzen  Friedrich  Karl  und  des
Kronprinzen  von  Preußen  von  Einkreisung  und  Wernichtung  bedroht,  und
der  Schlacheenkaiser  war  nur  imstande,  durch  blitzschnelles  Hin-  und  Herwerfen
  seiner  UÜeinen  Armee  den  konzentrischen  Bormarsch  der  Verbündeten
in  glänzenden  Gefechten  zu  hemmen  und  zu  unterbrechen,  ohne  den  Feldzug
gewinnen  zu  können,  der  österreichische  General  nur  fähig,  die  Enescheidungs.
schlacht  in  seiner  Zentralstellung  zu  erwarten,  um  bei  Königgräs  dem  gemein.
samen  Angriff  der  preußischen  Armeen  nach  tapferstem  Widerstand  zu  er.
liegen.

Die  großen  Entscheidungen

Die  Schlacht  bei  Tannenberg

General  v.  Hindenburg  beschloß,  Samsonow  mit  versammelten  Kräften
anzugreifen,  und  sofork,  nachdem  ihm  mehr  als  Teilsiege,  wie  sie  Napoleon
zwischen  Marne  und  Aisne  erfochten,  mehr  ein  Erfolg,  wie  ihn  Napoleon
im  Juni  1815  bei  Ligny  errungen,  das  heißt,  wenn  ihm  eine  entscheidende
Niederkämpfung  der  2.  Armee  geglücke  war,  die  Armee  General  Rennen  ·
kampfs  anzufallen  und  diesem  mit  versammelten,  durch  neuen  Juzug  verstärkten
  Kräften  ebenfalls  eine  Niederlage  zu  bereiten.  Zur  Ausführung
dieses  Operationsplanes  standen  dem  Fübrer  der  Ostarmee  mur  wenige  Tage
zur  Verfügung,  denn  jeden  Augenblick  konnte  General  Rennenkampf  zur
Erkenntnis  der  Sachlage  kommen,  sein  Hauptaquarkier  im  wirtlichen  „Dessauer
Hof“  zu  Inskerburg  aufheben,  ein  Beobachtungskorps  vor  Königsberg  stehen
lassen  und  mit  fünf  Korps  auf  Allenstein  marschieren,  um  Hindenburg  in  den
Rücken  zu  fallen.

Und  trotzdem  durfte  Kindenburg  Hinwiederum  nicht  eher  zum  Schlage
gegen  Samsonow  ausbolen,  bis  dieser  ihm  griffgerecht  gegenlberstand.  Jeder
Schritt  auf  die  2.  russische  Armee  zu  entblößte  Flanke  und  Rücken,  verlängerte
im  Falle  einer  ungünstigen  Wendung  die  Rückzugslinie  und  verringerte  die
taktischen  und  strategischen  Aussichten  der  Schlacht.  Es  galt  daher,  die
Russen  in  das  Gebiet  der  kleinen  Seen  zwischen  Usedom  und  Hohenstein
bineinzuziehen  und  ihnen  die  Notwendigkeit  aufzuerlegen,  in  dieser  drangvollen
Lage  mit  halbverwandier  Front  zu  schlagen.
        <pb n="257" />
        Die  Schlacht  bei  Tannenberg  241

Hierzu  wurden  alsbald  alle  Vorkehrungen  getroffen.  Als  die  deutschen
Truppen  sich  bereit  machten,  ihre  Gefechtsstellungen  zu  beziehen,  quollen  ihnen
auf  allen  Straßen  die  Züge  der  stüchtenden  ostpreußischen  Bevölkerung  ent.
gegen,  die  dem  wild  hausenden  Feinde  zu  entkommen  trachteten.  General.
masor  v.  Ludendorff  sah  sich  gezwungen,  sie  von  der  Heerstraße  zu  weisen,  um
diese  für  die  Bewegungen  der  Truppen  freizumachen.  An  Feld-  und  Wiesenrainen
  stauten  sich  die  Wagenburgen  der  Unglücklichen,  die  zwischen  die
kämpfenden  Heere  und  ins  Werderben  geraten  mußten,  wenn  der  Musse
Sieger  blieb.

So  war  die  Enescheidung  in  ein  Dilemma  gepreßt,  das  einen  ungeduldigen
Führer  mit  Fieber  und  Sorge  erfüllt  hätte.  Der  Mann,  der  sich  mit  seinem
Berater  zu  Marienburg  und  später  in  Eylau  Über  die  Karten  bückte  und  mit
dem  Molttkezirkel  die  Marschtiefen  und  Ziele  seiner  Armeekorps  maß,  wußte
nichts  von  Fieber  und  Ungeduld.  Seine  einzige  Sorge  war,  den  letzten  Mann
zur  Entscheidung  heranzuholen.  Er  schlug  schon  im  Geiste  seine  Schlacht.

Die  großen  masurischen  Seen,  die  als  blaue  Binnenmeere  in  den  grünen
Wäldern  und  Triften  Ostpreußens  eingebektek  liegen,  füllen  die  Gegend
zwischen  Rastenburg,  Angerburg,  Lyuck  und  Johannisburg;;  fie  schaffen  dort
große  natürliche  Hindernisse.  Weiter  westlich  blinken  unzählige  Uleinere
Gewässer,  stille  Teiche  mit  hellem  Grund  und  von  Bächen  gespeist,  die  sich
bis  zur  welligen  Erhebung  des  „Landrückens“  binziehen.  In  der  Gegend
zwischen  Lautenburg,  Hohenstein,  Allenstein,  Passenheim,  Ortelsburg  und
Neidenburg  erreicht  dieses  Labyrinth  schweigender  Wasser,  grüner  Triften
und  lichter  Wäldchen  seine  höchste  Entfaltung.  Es  wird  bestimmt  durch
eine  von  Lautenburg  nach  Allenstein  gezogene  ideale  Linie,  die,  in  nord.
östlicher  Richtung  führend,  die  Orte  Gilgenburg,  Tannenberg  und  Hohenstein
  berührt  und  70  Kilometer  mißt,  und  eine  von  Allenstein  über  Passenbeim
  in  südösllicher  Richtung  über  Ortelsburg  verlaufende  Gerade,  die
40  Kilometer  lang  ist.  Allenstein  liegt  am  Scheitelpunkt  eines  durch  die
vorbestimmten  Schenkellinien  gebildeten  rechten  Winkels,  der  nach  Süden
offen  ist.  Die  offene  Strecke  läßt  sich  durch  eine  von  Lautenburg  über  Neiden.
burg  nach  Ortelsburg  ziebende,  innen  leichtgebogene  Linie  von  86  Kilometer
Länge  bestimmen  und  dadurch  die  Konstrukeion  als  Oreieck  schließen.

In  dem  auf  diese  Weise  festgestellten  Raume  ist  vom  24.  bis  30.  August
1914  die  größte  Vernichtungsschlacht  geschlagen  worden,  die  die  Kriegs.
geschichte  bis  auf  diesen  Tag  gesehen  hat.  Ein  nach  Süden  offener  Halbkreis,
der  mit  einem  Halbmesser  von  rund  43  Kilometern  um  Meidenburg  beschrieben
  wird  und  von  Lautenburg  über  Allenstein  nach  Ortelsburg  zieht,
umgrenzt  die  Hauptkampfstätten  der  neuen  Schlacht  bei  Tannenberg.

Am  24.  August  1914  hatte  die  russische  Narewarmee  die  Linte  Mlawa—.
Willenberg  erreicht.  Langsam  und  unter  Gefechten  gingen  die  Vortruppen
des  XX.  Armeekorps  vor  ihr  auf  Soldau  und  die  Linie  Reidenburg—

Steemanns  Geschlchee  des  Kriege,  I.  16
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        242  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

Ortelsburg  zurück.  Das  XX.  Korps  war  angewiesen,  den  Feind  in  nord.
westlicher  Richtung  nachzuziehen.  Unterdessen  schob  die  Heeresleitung  das
I.  und  XVII.  Korps,  das  I.  Reservekorps  und  die  3.  Reservedivision  sowie
die  neugebildeten  Landwehrkorps  in  ihre  Stellungen.  In  gewaltigen  Märschen
waren  die  Truppen,  die  bei  Gumbinmen  gefochten  hatten,  herangekommen.
Obwohl  der  Abmarsch  von  der  Rominte  zu  einer  Kreuzung  des  XVII.
und  des  I.  Reservekorps  geführt  hatte,  war  er  ohne  Reibung  vollzogen
worden.  Am  26.  August  traten  beide  Korps  auf  dem  linken  Flügel  Hinden.
burgs  in  den  Kampf.

Das  I.  Armeekorps  hatte  den  weitesten  Weg.  Unmittelbar  aus  den
Eisenbahnwagen,  die  das  Korps  von  Insterburg  nach  Deuesch-Eylau  heran.
gebracht  hatten,  mußten  die  Truppen,  wie  sie  nacheinander  eintrafen,  in
Marsch  gesetzt  werden,  um  ihre  Scellung  am  rechten  Flügel  der  Schlacht.
ordnung  zu  erreichen.

General  v.  Hindenburg  hatte  beschlossen,  das  russische  Heer  auf  einer
Linie  zum  Kampf  zu  stellen,  die  dem  russischen  General  nicht  gestattete,
von  seiner  Abermacht  Gebrauch  zu  machen,  sondern  ihn  zwang,  mit  schmaler
Front  und  in  großer  Tiefe,  also  leichtverletzlichen  Flanken,  zu  fechten.  Dadurch
  wurde  die  schwerbewegliche  Masse  seines  Heeres  einer  doppelten
Umfassung  ausgesetzt.

Zu  diesem  Zweck  erhielt  das  XX.  Korps,  das  die  Mitte  der  deutschen
Schlachtordnung  bilden  sollte,  den  Befehl,  fechtend  so  weit  auszuweichen,
daß  die  Russen  bis  Hohenstein  und  Allenstein  gelangten.  Auf  dem  äußersten
rechten  Glügel,  rechts  vom  I.  Armeekorps,  nahm  das  Landwehrkorps  Mühlmann
  Stellung,  das  aus  Thorn  herangeführt  wurde  und  vier  Regimenter
umfaßte.  Es  stand  am  26.  August  zwischen  Jielun  und  Lautenburg  mit
Front  nach  Osten,  bedrohte  also  die  auf  der  Straße  Müawa—Soldau  vorrückenden
  Russen  in  der  linken  Flanke.  Nach  Norden  anschließend  nahm
das  I.  Armeekorps  Stellung,  das  über  Usdau  und  Soldau  auf  Neidenburg
marschierte,  also  auf  der  Hypotenuse  des  rechtwinkligen  Dreiecks  Lautenburg
Mllenstein—Ortelsburg  zur  Umfassung  des  linken  Flügels  vorgehen,
dann  schwenken  und  in  den  Rücken  der  Mussen  einbrechen  sollte.  Das
XX.  Korps,  das  später  links  vom  I.  Korps  festen  Stand  faßte,  hatte  diese
Linie  auf  seinen  Rückzugskämpfen  am  23.  und  24.  August  von  Südosten
kommend  überschriteen,  wobei  seine  37.  Division  bei  Orlau,  Lahna  und
Frankenau  nördlich  von  Neidenburg  geblutet  hatte.  In  der  Mitte  der
konkaven  Gron#  stand  auf  der  Grundstellung  bis  zum  Eintreffen  des  XX.  Korps
zunächst  m#r  die  Landwehrdivision  v.  d.  Golz,  im  Raum  nordwesllich
von  Hohenstein  und  mit  der  Front  nach  Südosten  links  anschließend  die
3.  Reservedivision  v.  Morgen.  Östlich  von  Allenstein  marschierte  das
I.  Reservekorps  auf.  General  v.  Below  stand  also  schon  mit  der  Front
nach  Süden.  Auf  dem  äußersten  linken  Flügel  faßte  das  XVII.  Armeekorps
        <pb n="259" />
        Die  Schlacht  bei  Tannenberg  243

in  der  Gegend  von  Bischofsburg  Fuß  und  stand  dort  zur  Umgehung  des  rechten
Flügels  der  Narewarmee  bereit.  Es  mußte  aber  zugleich  darauf  gefaßt  sein,
gegen  einen  Überraschenden  Vorstoß  der  Armee  Rennenkampf  aus  Nordosten
Frone  zu  machen.  Mackensen  war  gegen  einen  solchen  Flankenangriff  durch
die  1.  Kavalleriedivision  gesichert,  die,  nach  Nordosten  hinausgeschoben,  über
Rössel  und  Nastenburg  aufklärte  und  einen  unzerreißbaren  Schleier  vor
die  empfindliche  Flanke  des  XVII.  Korps  und  der  ganzen  Ostarmee  warf.

Der  deutsche  Feldherr  hatte  den  lehten  Mann  zur  Entscheidungsschlacht
herangeholt,  und  ähnlich  wie  Erzherzog  Albrecht  im  Juni  1866  sich  nicht
gescheut,  dem  zweiten  Gegner  nur  Kavallerie  und  eine  aufs  zußerste  beschränkte
  Fußtruppe  gegenüberzustellen.  Der  österreichische  Erzberzog  hat  am
25.  Juni  1866  die  1.  italienische  Armee  unter  La  Marmora  bei  Custozza
aufs  Haupt  geschlagen,  während  er  die  2.  Armee  unter  Cialdini,  die  in  der
Stärke  von  70  000  Monm  nur  fünf  Tagemärsche  entfernt  stand,  durch  Husaren
und  Jäger  beobachten  ließ.  General  Rennenkampf  bätte  das  Schlachtfeld
von  Tannenberg  nicht  in  fünf,  sondern  in  zwei  Tagen  erreichen  können,  hat
aber  den  „Dessauer  Hof"  zu  Insterburg,  wo  Großfürst  Nikolai  Nikolajewitsch
dem  Sieger  von  Gumbinnen  zutrank,  nicht  verlassen  und  sich  begnügt,  gegen
Königsberg  und  über  Friedland  und  Allenburg  vorzufühlen.  Nur  Kavallerie
ist  in  großen  Schwärmen  über  Angerburg  bis  Korschen  und  Dastenburg
gelangt,  bat  aber  mehr  Aufmerksamkeit  auf  die  Dlünderung  und  Werwüstung
  des  Landes  und  die  Heimführung  ihrer  Beute  als  auf  den  Donner
der  Schlacht  verwendet,  in  der  die  Armee  Samsonows  zugrunde  ging.

General  Samsonow  hatte  seine  Armee  in  breiter  Front  über  die  Grenze
geführt.  Der  nüchterne,  klug  blickende  General  war  vorsichtig  zu  Werle  gegangen.
  Er  ließ  sein  VI.  Korps  auf  dem  äußersten  rechten  Flügel  in  der
Richtung  Willenberg—Ortelsburg  nach  Norden  vorrücken,  um  möglichst
bald  die  große  Bahnlinie  Allenstein—Insterburg,  die  Hauptschlagader  des
preußischen  Widerstandes,  in  die  Hand  zu  bekommen  und  mit  den  WVortruppen
  der  Armee  Nennenkampf,  die  sich  nach  dem  Erfolge  von  Gumbinnen
ungeskört  ausbreiten  konnte,  Fühlung  zu  suchen.  Auf  den  linken  Flügel  stellte
Samsonow  das  I.  Korps,  dem  die  wichtige  Aufgabe  der  Flankendechung
gegen  Thorn  zufiel.  Zwischen  diesen  beiden  Flügelkorps  entwickelte  sich  die
Mittelgruppe,  drei  Korps  stark,  und  brach  in  tiefen  Marschsäulen  zwischen
Soldau  und  Neidenburg  in  der  Richtung  auf  Allenstein—Osterode—
Deutsch-Eylau  vor.

Ob  der  russische  Heerführer  noch  starke  Kräfte  vor  sich  wußte,  ob  er
überhaupt  von  der  Versammlung  der  Ostarmee  vor  seiner  Front  Kenntnis
hatte  und  diese  noch  als  voll  operationsfähig  ansah,  oder  ob  er  glaubte,
außer  dem  weichenden  XX.  Korps  mur  zusammengelesene  Etappentruppen
vorzufinden,  entzieht  sich  heute  noch  der  Beurteilung.  Man  wird  dem
russischen  General  aber  zugute  halten  müssen,  daß  er  von  der  Anwesenheit
        <pb n="260" />
        244  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

einer  starken,  von  brennendem  Kampfgrimm  erfüllten  Armee  unter  neuer
Führung  kaum  etwas  wissen  konnte.  Jhm  stand  fest,  daß  Rennenkampf
die  geringen  Hauptkräfte,  die  in  Ostpreußen  versammelt  waren,  geschlogen
und  zersprengt  und  auf  Königsberg  zurückgeworfen  hatte.

Was  die  1.  Armee  begonnen  hatte,  sollte  die  2.  Armee  vollenden,
die  Verteidigung  Ost-  und  Wesepreußens  zertrümmern  und  die  Weichsellinie
aufbrechen,  ehe  neue  Truppen  aus  dem  Westen  herangeholt  werden  konnten.

Kampfbegierig  und  von  leicht  gebrochenem  Widerstand  berauscht,  rückte
die  Armee  Samsonow  am  24.  August  über  Neidenburg—Qautenburg  vor.
Die  heißen  Sommertage  schienen  den  Russen  nicht  minder  hold  zu  sein  als
jenem  polnisch-litauischen  Heere,  das  vor  einem  halben  Jahrtausend,  am
15.  Juli  1410,  hier  siegreich  gestritten  und  bei  Tannenberg  das  deuesche
Ordensheer  geschlagen  hatte.

So  wie  Samsonow  die  Lage  ansah,  war  das  XX.  deutsche  Korps  nach
den  Gefechten  von  Orlau,  Lahna  und  Frankenau  im  Begriff,  das  Feld  zu
räumen  und  im  beschleunigten  Abzug  begriffen.  Landwehr,  die  man  von
deutscher  Seite  am  23.  August  bei  Michalken  vorgeführt  hatte,  wich  nach
Nordwesken  aus.  In  dieser  Truppe  erblickte  Samsonow  offenbar  das  legte
Aufgebot,  das  nun  ebenfalls  das  Feld  räumte.

Angesiches  dieser  Erfolge  wurde  Somsonows  kühle  MAugbeie  von  heißen
Wünschen  übermannt.  Da  sein  VI.  Korps  auf  dem  rechten  Flügel  ungehindert
gegen  Ortelsburg  und  Passenheim  Raum  gewam,  das  I.  Korps  von  Thorn
her  unbelästigt  blieb,  vor  der  Front  das  XX.  deuesche  Korps  immer  weiter
zurückwich  und  das  russische  I.  Korps  auf  dem  linken  Flügel  gegen  Thorn
und  Soldau  stebenblieb,  wurde  der  russische  Gewalthaufe  in  der  Mitte  vorgepreßt.
  Der  Vormarsch  versprach  leichten  Sieg  und  schien  über  Allenstein
zur  Weichsel  zu  führen.  Städtchen,  Dörfer  und  Höfe  des  Culmerlandes
erstarben  und  verdarben  unter  den  Tritkten  der  russischen  Armee,  die  sich  mit
vorgenommenem  Zentrum  immer  weiter  nach  Nordwesten  wälzte.

Bis  jetzt  waren  nur  die  Nachhutgefechte  des  XX.  Korps  sichebar  geworden,
  da  erfolgte  am  25.  August  auf  dem  linken  Flügel  der  russischen  Armee
eine  Berührung  mit  deutschen  Kräften,  die  bei  Soldau  und  bei  Kielpin,
nördlich  von  Lautenburg,  das  Gefecht  aufnahmen.  Samsonow  mag  auch
in  ihnen  eine  Nachhut  erblickt  und  mit  Befriedigung  angenommen  haben,
daß  man  dem  Feind  an  der  Klinge  geblieben  war.  Er  ließ  seine  Mittelkorp#
weiter  vorrücken,  sah  sich  schon  im  Besith  von  Allenstein  und  vertraute  auf
sein  I.  Korps,  das  ja  die  Aufgabe  hatte,  am  linken  Flügel  einem  Vorstoß  von
Dhorn  zu  wehren.

Es  waren  aber  keine  Nachhutlämpfe,  die  sich  dort  entsponnen  batten,
es  war  das  I.  deutsche  Armeekorps,  das  General  v.  Frangois  nach  einem
Gewaltmarsch  von  Eylau  auf  Soldau  dort  zum  Angriff  vorführte.  Da
der  russische  linke  Flügel  dadurch  gebunden  und  an  den  DPlaßt  gebannt
        <pb n="261" />
        Die  Schlacht  bei  Tannenberg  245

wurde  und  die  Mitte  und  der  rechte  Flügel,  ohne  Widerstand  zu  finden,  im
Gorrücken  blieben,  ergab  sich  am  26.  August  eine  Halblinksschwenkung  der
russischen  Front.  Es  war  ein  glühendheißer  Spätsommertag,  und  schwül
brannte  die  Nachmittagssonne,  als  die  Ostpreußen  bei  Usdau  zum  allgemeinen
Angriff  schricten  und,  die  Russen  —  1.  Korps  gegen  I.  Korps  —  überflügelnd,
die  Schlacht  eröffneten.  Zugleich  mit  diesem  Angriff  begann  sich  das  erste
strategische  Ergebnis  abzuzeichnen.  General  v.  Hindenburg  erreichte  durch
den  Druck  auf  die  russische  Linke,  daß  Samsonows  Front  nach  Westen  gedreht
wurde  und  seine  Mitte  zwischen  Gilgenburg  und  Hohenstein  in  das  Quellgebiet
der  Drewenz,  Skoktau,  Passarge,  Alle  und  des  Omulew  geriet.

Zwar  brachte  jeder  Schritt  nach  vorwärts  die  Russen  scheinbar  aus
diesem  Labyrineh  von  unzähligen  Seen  und  Wasserläufen  wieder  heraus
auf  die  Höhen  des  ostpreußischen  Landrückens,  dadurch  aber  das  ungangbare
Gelände  in  den  Rücken  des  russischen  Zentrums,  das  nun  am  26.  August
von  Usdau  bis  Sophiental  in  schwere  Kämpfe  verwickelt  wurde.

Die  Schlachthandlung  hatte  also  ihre  Krisis  errescht,  ehe  der  russische
Feldherr  sich  recht  bewußt  wurde,  daß  sie  entbrannt  war.  Er  verlegte
gerade  in  diesem  Augenblick  sein  Hauptquartier  nach  Allenstein  und  nahm
von  der  Generalkommandantur  des  XX.  Armeekorps  Besig.

Wo  war  miun  sein  rechtes  Seitenkorps  geblieben?  Das  VI.  russische
Korps  hatte  seinen  Vormarsch  nach  Norden  ungestört  fortgeseczt.  Dadurch
war  die  engere  Verbindung  des  rechten  Flügels  mit  der  Hauptmacht  verloren
gegangen.  Nur  von  einer  Kavalleriedivision  begleitet,  zog  das  VI.  Korps
allein  des  Weges,  durchschritt  Bischofsburg  und  gelangte  am  26.  August  auf
die  Höhe  von  Lautern  und  an  die  große  Bahnlinie,  die  als  der  Lebensnerv
der  deutschen  Verteidigung  angesehen  wurde.  Auch  diese  Bewegung  spiegelte
dem  russischen  Feldherrn  einen  Erfolg  vor.  Sein  rechtes  Flügelkorps  schien
mun  in  der  Lage  zu  sein,  entweder  über  Rössel  und  Korschen  die  Verbindung
mit  der  Armee  Nennenkampf  herzustellen  oder  nach  Westen  einzuschwenken
und  den  Deutschen  in  den  Rücken  zu  fallen.

General  Samsonow  nahm  daher  den  Kampf  zwischen  Lautenburg  und
Hohenstein  mit  voller  Zuversicht  auf.  Während  er  sein  I.  Korps  anwies,
sich  des  Angriffs  nördlich  von  Hautenburg  zu  erwehren,  sete  er  starte  Kräfte
auf  Hohenstein  an,  um  hier  auf  Osterode  durchzubrechen.  Er  arbeitete  dem
Gegner  in  die  Hand.

General  v.  Hindenburg  versagte  seine  Mitte.  Sie  war  nur  so  stark,
daß  sie  dem  feindlichen  Ansturm,  wenn  nötig,  eine  Schranke  setzen  konnte,
und  stemmte  sich  jetzt,  nachdem  das  XX.  Korps  kämpfend  auf  die  Landwehr
zurückgegangen  war,  zwischen  Gilgenburg  und  Hohenstein  fest.  Hier  war
die  schwere  Artillerie  in  prächtigen  Stellungen  aufgefahren  und  zerschlug
alle  Angriffe  der  Russen,  die  in  Mossen  den  Ourchbruch  zu  erzwingen  suchten,
Das  XX.  Korps  stand  am  26.  und  27.  August  in  wildestem  Kampfe  bei
        <pb n="262" />
        246  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

sdau  und  zwischen  Asdau  und  Mühlen.  Seine  41.  Division  rang  bei  Usdau,
Skottau,  Oschekau  und  Groß--Gardienen,  seine  37.  Division  focht  bei  Faulen
und  Mühlen.  Zwischen  Wäldern  und  Seen  hielt  es  den  wütenden  Anläufen
der  Nussen  unerschütterlich  stand.  Auf  dem  linken  Flügel  der  37.  Division
stand  ostpreußische  Landwehr,  der  die  rotqualmenden  Russenfackeln,  die
vielen  brennenden  Dörfer,  Höfe  und  Herrensitze,  beizend  in  die  Augen  stachen.
Sie  focht  bei  Tannenberg  mit  ingrimmiger  Entschlossenheit.  In  ihrem  Blute
wurde  der  alte  Schlachtort  am  28.  August  1914  neu  getauft.  Die  schärfsten
Kämpfe  entbrannten  um  Hobenstein,  wo  die  Landwehrregimenter  76  und
84  stritten  und  schwere  russische  Artillerie  das  Städichen  in  Trümmer  schoß.
Als  die  Russen  durch  Hohenstein  zum  Angriff  schritten,  griff  die  3.  Re.
servedivision  entlastend  ein.  Unter  dem  Druck  der  russischen  Abermacht  ächzte
die  deutsche  Miete,  vermochte  sich  aber  taktisch  genügend  zu  behaupten,  um
den  strategischen  Erfolg  auf  den  Flügeln  ausreifen  zu  lassen.

Während  sich  im  Zentrum  drei  russische  Korps  verbissen  und  diesem
vermeintlichen  Brennpunkt  der  Schlacht  auf  russischer  Seite  immer  neue
Kräfte  zuströmten,  vollzog  sich  auf  den  Flügeln  das  Schicksal  der  Narew.
armee.  Weieklafternd  umspannten  die  Flügel  des  schwächeren  deutschen  Heeres
mit  stählernen  Griffen  die  russische  Fronc,  die  sich  immer  mehr  nach  der
Mitte  zusammendrängte  und  dem  Gegner  ihre  tiefen,  verletzlichen  Flanken  bot.

Das  VI.  russische  Korps,  das  bis  Lautern  Naum  gewonnen  hatte,  wurde
am  Abend  des  26.  August  bei  Lautern  und  Sauerbaum  nordöstlich  von
Allenstein  plöglich  von  der  36.  Division  des  XVII.  Korps  angefallen,  gestellt
und  zurückgedrückt.  Am  27.  August  griff  die  35.  Division  des  XVII.  Korps
bei  Kobulten  südöstlich  von  Bischofsburg  in  das  Gefecht  ein.  Es  war  ein
schweres  Ringen.  Das  XVII.  Korps,  das  schon  bei  Gumbinnen  hart  gefochten
  hatte,  lief  hier  mit  nicht  geringerer  Entschlossenheit  gegen  die  rasch
zur  Verteidigung  übergehenden  Russen  an.  Da  der  Kampf  in  der  Schwebe
verharrte,  schob  sich  das  I.  Reservekorps,  das  am  linken  Flügel  der  deutschen
Hauptfront  focht,  auf  Befehl  seines  Generals  v.  Below  nach  links  hinaus
und  gelangte  so  mit  dem  linken  Flügel  zu  einem  Stoß  in  die  linke  Flanke
des  VI.  russischen  Korps.  Die  Russen  wurden  durch  diesen  Stoß  südlich
Debrong,  ösllich  von  Wartenburg,  getroffen  und  zu  einer  überstürzten  Verkehrung
  der  Front  veranlaßt.  Da  griff  Mackensen  über  den  rechten  Flügel
seines  Gegners  hinaus  und  drückte  das  VI.  Korps  vollends  aus  dem  Halt.
Das  I.  Reservekorps,  das  sich  jetzt  wieder  seiner  eigenen  Aufgabe  zuwenden
konnte,  brach  alsbald  im  Rechesabmarsch  gegen  Südosten  los,  Überflügelte
die  russische  rechte  Mitte  in  der  gestoßenen  Lücke  und  gelangte  in  den  Rücken
der  russischen  Micete.  Samsonows  abgedrängter  rechter  Flügel  kam  ins
Wanken.  Vom  XVII.  Korps  verfolgt,  wich  sein  VI.  Korps  nach  Süden,  geriet
in  Unordnung  und  wurde  schließlich  von  Mackensen  in  Auflösung  über  Ortelsburg
  auf  Willenberg  zurückgeworfen.  General  v.  Mackensen  sandte  ihm
        <pb n="263" />
        Die  Schlacht  bei  Tannenberg  247

schwache  Kräfte  zur  Verfolgung  nach,  schwenkte  rechts  und  führte  nun  den
Gewalehaufen  seines  Armeekorps  in  die  rechte  Flanke  und  in  den  Rücken
der  stark  verkämpften  russischen  Hauptmacht,  die  durch  den  Ausfall  des
rechten  Seitenkorps  in  ihrer  ganzen  Liefe  eneblößt  worden  waren.

Während  dies  auf  dem  linken  Flügel  der  deutschen  Schlachtordnung  vor
sich  ging,  stieß  auf  dem  rechten  Flügel  General  v.  Francxois  mit  dem  I.  Korps
in  schweren  Kämpfen  bei  Usdau  und  Groß-DTauersee  nordwestlich  von  Soldau
durch  und  erstritt  die  Straße  nach  Neidenburg.  Von  Zielun  drang  die
Dporner  Landwehr  als  beweglicher  Flankenschutz  auf  Soldau  vor.  Damit
war  auch  die  südliche  Umgehung  der  russischen  Mittelstellung  eingeleitet.
Oiese  doppelte  AUmfassung  war  nur  möglich  geworden,  weil  der  russische
Heerführer  sich  hatte  verleiten  lassen,  seine  Hauptkräfte  zur  Durchbrechung
der  deutschen  Schlachtlinie  in  der  Miete  zu  vereinigen  und  dort  noch  am
28.  August  um  eine  Entscheidung  rang,  die  auf  den  Flügeln  schon  zu  seinen
Ungunsten  gefallen  war.  Samsonow  hatte  von  links  her  alles  herangeholt,
dort  seine  Flankendeckung  geschwächt  und  auf  dem  rechten  Glügel  das  nach
Norden  entsandte  Seitenkorps  vollständig  aus  der  Hand  gegeben.  Am
28.  August  war  dieses  VI.  Korps  geschlagen  und  feldflüchtig  und  das  I.  Korps
auf  dem  linken  Flügel  eingedrückt  und  geworfen.

Auf  sich  gestellt,  kämpften  in  der  Micte  das  XIII.,  XV.  und  XXIII.
ARussenkorps  um  ihr  Leben.  Auch  hier  winkte  Samsonow  am  28.  August
kein  trügerischer  Erfolg  mehr.  Nicht  mehr  im  Angriff,  sondern  in  der
Verteidigung  befanden  sich,  auf  engem  Naum  zusammengepreßt,  seine  drei
Korps,  die  jegt  mit  Schrecken  gewahr  wurden,  daß  hinter  ihnen  die  blinkenden
  Seelein  lauerten  und  die  Rückzugslinien  über  Soldau  und  Neidenburg
auf  Mlawa  schon  abgeschnitten  waren.  Mit  der  Front  nach  Westen  und
krampfhaft  zusammengepreßten  Flügeln,  die  sich  vergeblich  wieder  zu  ent.
falten  trachteten,  kämpften  sie,  in  einen  nur  nach  Südosten  offenen  Halb.
kreis  gedrängt,  einen  verzweifelten  Kampf.

General  Samsonow  erneuerte  seine  Durchbruchsversuche  im  Zentrum
bei  Hohenstein  unoufhörlich.  Der  29.  August  brachte  auch  hier  die  Ent.
scheidung.  Die  41.  Division  des  XX.  Korps,  die  sich  durch  das  Vordringen
des  I.  Korps  auf  Neidenburg  entlastet  sah,  stieß  von  Groß-Gardienen  nordostwärts
  schwenkend  gegen  Waplitz  und  in  die  linke  Flanke  der  russischen
Mittelstellung  vor  und  zerbrach  deren  Rückhalt.  Auch  Samsonows  Mirte
Heriet  jetzt  ins  Wanken.  Oie  preußische  Landwehr  ging  zum  Angriff  über
und  nahm,  von  der  herumgeworfenen  37.  Division  unterstüt,  mit  Kolben
und  Bajonett  das  zerschossene  Hohenskein.  Von  Südwesten  über  Waplig,
von  Westen  Über  Hohenstein  geworfen,  wurden  die  Russen  gegen  den  Maransenund
  Plaugiigersee  gedrückt,  die  ihre  Zackenbuchten  gähnend  auftaten.  Eiligst
räumte  General  Samsonow  seine  Stellung  bei  Allenstein,  die  durch  das
flankierende  I.  Reservekorps  schwer  bedrängt  wurde  und  nun  auch  im  Rücken
        <pb n="264" />
        248  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

bedroht  war.  Umsonst  —  zu  einem  exzentrischen  Rückzug  unter  Abschüttelung
des  Gegners  war  es  ebenso  zu  spät  wie  zum  geschlossenen  Zurückbringen  der
verkämpften  Massen.  Schon  tönte  Kanonendonner  von  Passenheim  und
Ortelsburg  her,  wo  das  XVII.  Korps  von  Osten  nach  Westen  preßte,  schon
trieb  das  I.  Korps  seine  Staffeln  über  Neidenburg  und  Salusken  vor,  um
an  den  Omulew  zu  gelangen  und  dem  XVII.  Korps  bei  Willenberg  die
Hand  zu  reichen.

General  v.  Hindenburg  hatte  den  Gegner  in  das  verderbliche  Netz  verstrickt,
  das  aus  doppelseitiger  Amfassung  und  Versagung  der  Mitte  im  zerschnicttenen
  Gelände  gewoben  und  aufgestellt  war  und  nun  langsam  zusammenschlug.
  Samsonow  war  blind  bineingerannt  und  hatte  zwei  Orittel  seiner
Kräfte  gegen  die  schwache  deutsche  Mittelstellung  eingesetzt  und  verbraucht,
während  hinter  ihm  die  Umfassung  durch  das  I.  Korps  und  die  Umgehung
durch  die  36.  Division  ausreiften  und  der  Masse  seiner  Armee  den  Rückzug
abschnitten.

Am  Abend  des  28.  August  störten  die  verzweifelten  Hilferufe  des  unglücklichen
  Feldherrn  die  Warschauer  Hauptreserve  und  die  Besatzungen  der
Narewpfestungen  auf.  Bis  sie  eintrafen,  um  den  Ring  von  außen  zu  sprengen,
mußte  Samsonow  aushalten,  während  abspringende  Teile  durch  die  langsam
  sich  schließende  Lücke  zwischen  Hurden  und  Neidenburg  entrannen.  Die
drei  Russenkorps  gruben  sich  ein  und  leisteten  verzweifelten  Widerstand.  In
einzelne  Kampfgruppen  aufgelöst,  oft  rechtwinkelig  zueinander  fechtend,  ertrugen
  sie  ergeben  das  konzentrische  Feuer,  das  die  deutsche  Artillerie  über
sie  ausschüctete.  Schon  wurden  lange  Trainkolonnen  abgefangen,  gerieten
Bersprengte  zu  Tausenden  in  deutsche  Gefangenschaft.  In  die  Teiche  gedrängt,
  versanken  Batterien  samt  der  Bespannung  —  ehrliebende  Offiziere
seoten  sich  die  Histole  an  die  Schläfe;  das  Chaos  brach  herein.

Noch  einmal  schritt  General  Samsonow  zum  Angriff,  diesmal  in  entgegengesetzter
  Richtung  —  nach  Südosten,  um  sich  nach  Janow  und  Willen.
berg,  dem  Entsaß  entgegen,  Bahn  zu  brechen.  Rücken  an  Rücken  fochten
seine  Ausfallstruppen  und  seine  Nachhuten.  Auch  von  außen  her  kam  Hilfe.
Reste  seines  I.  Korps  wurden  zusammen  mit  der  Warschauer  Gardedivision,
die  im  Eilmarsch  berangekommen  war,  von  Mlawa  auf  Meidenburg  angesegt
  und  die  wieder  gesammelten  Trümmer  seines  VI.  Korps,  das  bis  Mlawa
zurückgeeilt  war,  mit  den  vom  Narew  geholten  Ersathbataillonen  auf  Willenberg
  und  Ortelsburg  vorgeführt.  Der  letzte  Verzweiflungskampf  begann.

Aber  der  deutsche  Feldherr  hatte  seine  Truppenführer  mit  dem  Geiste
erfüllt,  der  aus  dem  großzügigen  Schlachtplan  sprach  und  die  Kräfte  der
ganzen  Armee  enebunden  hatte.  Wußte  jeder  Offizier,  jeder  Musketier  und
Landwehrmann,  daß  sie  das  Russenheer  im  Neg  verstrickt  hielten  und  ihm
dort  ein  Sedan  bereiteten  und  daß  weder  Rennenkampf  noch  Warschauer
Ersac  ihnen  den  Sieg  entreißen  durften.  Der  eiserne  Ring  wurde
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        Die  Schlacht  bei  Tannenberg  249

gegen  Südosten  zu  einem  doppelseirig  vorgelegten  Kordon  gestaltet,  um  dem
Encsath  zu  begegnen.  TLeile  des  I.  Korps  und  des  XVII.  Korps  schwenkten  kehrt,
schoben  sich  über  Neidenburg  und  Ortelsburg  nach  Süden  hinaus  und  schlugen
die  Entsatzversuche  der  Warschauer  Reserven  unter  schweren  Verlusten  für  den
Gegner  ab,  der  in  dichten  Kolonnen,  starke  Kavallerie  zur  Attacke  fertig,  heran.
segte,  aber  an  dieser  Wehrstellung  ohnmächtig  zerschellte.  Teile  des  I.  Reserve.
lorps  machten  bei  Allenskein  Kehrt,  um  dem  drohenden  Amnmarsch  starker
Kavallerie  Rennenkampfs  zu  begegnen.  So  haben  nicht  nur  russische,  sondern
auch  deutsche  Kräfte  in  dieser  Wunderschlacht  Rücken  an  Rücken  gefochten.

Am  30.  August  ging  es  zu  Ende.  Das  I.  Korps  und  die  Thorner  Land.
wehr  standen  jetzt  auf  der  Linie  Neidenburg—Muschaken—Malgaofen,  Teile
des  XVII.  Korps  auf  der  Linie  Ortelsburg—Malgaofen—Kannwiesen  (westlich
  Willenberg).  Der  verderbliche  Ring  um  die  Narewarmee  war  geschlossen.
Nun  zog  er  sich  würgend  zusammen.  Das  XX.  Korps  hatte  die  Umschnttrung
  im  Westen  verengt  und  die  Linie  Wientzkowen—Maransersee—
Hohenstein  erreicht,  die  3.  Reservedivision  und  das  I.  Reservearmeekorps
standen  von  Hohenstein  in  westöstlicher  Richtung  am  Plaugiger-  und  Lanstkersee
  und  reichten  dem  rechten  Flügel  Mackensen  dort  die  Hand.  Zermalmender
Druck  preßte  die  russische  Armee  in  die  grünen,  feuchten  Gründe  Masurens
umd  roubte  ihr  den  Rest  der  Bewegungskraft.  Am  31.  August  zerbrach
bei  Malgaofen  der  letzte  Widerstand  geschlossener  Divisionen.

Da  wurde  in  den  Wäldern,  über  denen  sich  furchtbar  der  Zorn  der
deutschen  Geschütze  entlud,  die  Losung:  „Qette  sich,  wer  kann“  ausgegeben
und  die  Artillerie  versenkt.  Nur  die  rückwärtigen  Staffeln  entkamen  noch  in
dem  unübersichtlichen  Gelände  nach  Süden,  für  die  große  Masse  aber  gab  es
kein  Enerinnen  mehr.  Da  und  dort  versuchte  noch  eine  brave  Truppe  mit
dem  Bajonett  durchzubrechen,  jagten  Batterien  mit  geschwungenem  Kantschu,
Kavallerie  mit  blutigen  Sporen  über  die  rettende  Grenze,  dann  begann  der
völlige  Zusammenbruch.  Die  Kanoniere  stürzten  die  Geschüge  in  die  verschwiegenen
  Wasser,  das  Feuer  der  Infanterie  erlosch.  Immer  zahlreicher
traten  sie  mit  aufgehobenen  Händen  und  mit  weißen  Tüchern  winkend  aus
den  Todeswäldern;  Regimenter,  Divisionsstäbe,  Generale  gaben  ssich  gefangen,
und  schließlich  schwoll  die  Zahl  der  Gefangenen  auf  mehr  als  90000  Mann
an.  ber  40000  Tote  lagen  auf  dem  weitgespannten  Schlachtfeld,  beinahe
die  gesamte  Artillerie  und  der  ganze  Troß  fielen  den  Siegern  zur  Beute.

General  Samsonow  hat  die  Vernichtung  seiner  Armee  nicht  überlebt,
er  ist  —  sei  es  von  eigener  Hand,  sei  es  im  Kampf  —  gefallen.

Noch  togelang  wurde  die  Walstatt  abgesucht,  und  immer  noch  traf  man
auf  Versprengte,  hörte  man  Hilferufe  und  die  Todesschreie  unzähliger
Rosse,  stiegen  aus  den  wieder  still  gewordenen  Gewässern  die  Leichen
Ertrunkener  an  die  Oberfläche.  Die  größte  WVernichtungsschlache  der
Weltgeschichte  war  geschlagen.
        <pb n="266" />
        250  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

Betrachtungen  zur  Schlacht  bei  Tannenberg

Die  Anlage  der  Schlacht  bei  Tannenberg  entstammt  in  ihrer  modernen
Anwendung  dem  Ideenkreis  Moltkes.  Oieser  galt  noch  als  grauer  Theoretiker,
als  er,  dem  uralten  Stratagem  von  Kann  folgend,  am  28.  Juni  1866  bei
Langensalza  zum  erstenmal  durch  Amfassung  und  Flankenangriff  zu  wirken
und  Napoleons  Flankenmarsch  und  AUmfassung  von  Ulm  zu  erneuern  versucht
  hat.

Damals  drohte  die  Unterführung  ihm  den  Entwurf  zu  verderben,  doch
das  Glück  half  ihn  krönen,  der  taktische  Erfolg  der  braven  Hannoveraner
schlug  in  eine  Kapitulation  um.  Molteke  war  dem  Schlachtfeld  von  Langensalza
  fern  und  hatte  nur  durch  Weisungen  von  Berlin  aus  gewirkt,  die  von
den  Feldgenerälen  ungern  und  zögernd  befolgt  wurden.  Bei  Königgräs
war  der  große  deutsche  Feldherr,  der  sich  hinter  der  technischen  Funktion
eines  Generalstabschefs  der  preußischen  Armee  verbarg,  selbst  auf  der  Wal.
statt  anwesend,  und  die  Frage  eines  unwirschen  preußischen  Truppenführers:
„Wer  ist  General  Moltke?“  wurde  an  diesem  Tage  von  der  Geschichte  mit
den  Worten  beantwortet:  „Der  Sieger  von  Königgrät.“

Am  preußischen  Vormarsch  gegen  Böhmen  und  der  überraschenden
Krönung  dieses  Junifeldzuges  hat  die  Kritik  von  jeher  ihre  Schärfe  geübt.
Angesichts  der  Vernichtungsschlacht  bei  Tannenberg  gewinnt  dieser  Feldzug
eine  neue  Beleuchtung,  obwohl  die  Verhälenisse  in  gewissem  Amfang  ähnlich
gelagert  waren.

Als  die  Osterreicher  den  kühnen  Vormarsch  der  Preußen  in  getrennten
Kolonnen  hatten  geschehen  lassen,  ohne  ihnen  rechtzeitig  in  geschlossener
Masse  entgegenzutreten,  sah  sich  der  österreichische  Feldherr  plötzlich  vor
die  Wahl  gestellt,  in  einer  Zentralstellung  bei  Königgräg  zu  schlagen  oder
nach  Olmüg  abzuziehen.  Er  wählte  die  Schlacht  in  einer  Aufstellung,  die
man  mit  einem  Daschentuch  hätte  bedecken  können.  In  dieser  Lage  traf  ihn
bei  Königgräg  der  konzentrische  Angriff  der  preußischen  Armeen.  Nur  der
zu  schwach  ausgebildeten  Flankenbedrohung  ist  es  zuzuschreiben,  daß  die
Schlacht  nicht  mit  einer  vollständigen  Amzingelung  geendet  hat.  Die  innere
Operationslinie  war  der  Armee  Benedeks-Krismaneks  zum  Werhängnis
geworden,  weil  sich  die  österreichische  Heeresleitung  ihrer  nicht  in  Freiheit
bedient  hatte.

Seit  Beginn  der  Operationen  in  Böhmen  hatte  sich  in  den  Junitagen
1866  der  Raum,  in  dem  die  Osterreicher  versammelt  standen,  immer
mehr  und  mehr  verengt.  Es  war  ihnen  nicht  gelungen,  die  einzelnen  aus
dem  Gebirge  heraustretenden  Korps  der  2.  preußischen  Armee  zu  schlagen,
dieser  kritische  Zeitpunkt  vielmehr  von  den  Preußen  troß  des  unglücklichen
Gefechts  bei  Trautenau  überwunden,  und  der  Feldzug  bei  Königgrät  ist
durch  den  Sieg  über  die  zur  Masse  geballte  Hauptmacht  der  bei  ihrer
        <pb n="267" />
        Betrachtungen  zur  Schlacht  bei  Tannenberg  251

Stoßtaltik  verharrenden  Osterreicher  gelrönt  worden.  Der  strategische
Vorteil  der  inneren  Operationslinien  hatte  sich  im  Laufe  der  Bewegungen
in  den  taktischen  Nachteil  des  Umfaßtseins  verwandelt.

Dieser  Gefahr  war  auch  die  deutsche  Ostarmee  ausgesecht,  als  sie
rechts  der  Weichsel  noch  einmal  zur  Schlacht  aufmarschierte.  Der  Nusse
hatte  bei  seinem  Vormarsch  sogar  die  Zersplitterung  der  Kräfte  vermieden,
  aus  welcher  man  Moltke  1866  einen  Vorwurf  gemache  hat,  als
hätte  dieser  damals  überhaupt  anders  handeln  können,  da  doch  alles  auf
rasche,  kühne  Offensive  ankam,  um  Frankreichs  Dazwischentreten  bintanzuhalten.


Statct  in  einzelnen  Korps  sind  die  Russen  in  zwei  großen  Armeen
von  Osten  und  Süden  in  Preußen  eingefallen.  Sie  hatten  sich  gegenseitig
durch  eine  Verbindungsstaffel  gesichert,  und  RKennenkampf  wie  Samsonow
blieben  bemüht,  ihre  Streitkräfte  zusammenzuhalten.  Zwischen  ihnen  war
die  kleine  8.  Armee  so  gefährdet,  daß  man  ihr  laum  WBerteidigung,  geschweige
  denn  den  Angriff  zutrauen  oder  gar  zumuten  konnte.  Und  gerade
das  geschah,  geschah  mit  dem  Zwecke,  den  Gegner  nicht  nur  abzuweisen,
sondern  zu  vernichten.  Es  war  die  erste  Wernichtungsschlacht  seit  Sedan.
Bei  Sedan  fügte  sich  der  Ring  um  eine  Heeresmacht  von  124  000  Mann,
die  an  sich  eine  so  starke  und  bewehrte  Masse  darstellte,  daß  sie  vollständig
totoperiert  werden  mußte,  ehe  sich  auf  der  Zitadelle  von  Sedan  die  weiße
Fabne  erhob.  Aber  es  war  keine  in  voller  Krafe  stehende  und  von  ungebroche.
ner  Angriffslust  beseelte  Armee,  kein  unbesiegter  Feldherr,  die  dort  die
Waffen  streckten.  Auch  war  die  französische  Armee  nicht  durch  militärische
Kurzsichtigkeit,  sondern  infolge  politischer  Weisungen  in  die  unterlegene
Stellung  gedrängt  worden,  in  der  sie  am  1.  September  ihren  Todeskampf
gekämpft  hat.  Policische  Einflüsse  hatten  der  Armee  Mac  Mahons  die
selesamen  Bahnen  gewiesen,  die  bei  Sedan  mit  der  Dbergabe  enden  sollten.
„Endlich  war  eine  Schlacht  bei  Kannäd  geschlagen,  eine  vollständige  Einschließung
  des  Feindes  erreicht  worden.“  In  diesem  Sag  gipfelt  die  geistvolle
Betrachtung,  die  Generalfeldmarschall  Schlieffen  in  seiner  wundervollen
Kannästudie  über  die  Schlacht  bei  Sedan  angestellt  hat.

WVom  24.  bis  30.  August  1914  ist  bei  Tannenberg  ein  neues  Kannê
geschlagen  worden,  bedeutsamer  als  das  von  Sedan,  weil  es  im  freien  Felde
stattfand  und  der  Gegner,  dem  es  bereitet  wurde,  üÜberlegen  war  an  Jahl,
noch  keine  Schlappe,  geschweige  eine  Niederlage  erlitten  hatte,  sich  im  ersten
schwungvollen  Vormarsch  befand  und  wußte,  daß  er  einem  schwachen  Gegner
gegenübertrat.  Zudem  stand  eine  zweite  russische  Armee  kaum  zwei  Tagemärsche
  entfernt,  von  der  sich  die  deutschen  Truppen,  welche  das  neue  Kannä
schlagen  sollten,  soeben  erst  nach  schwerem  Kampf  gelöst  batten.

General  v.  Hindenburg  hat  keine  günstigen  strategischen  Borbedingungen
gefunden,  als  er  den  Geldherrnstab  ergriff.  Er  fand  keine  Glücksgscter,  aber
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        252  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

einen  ausgezeichneten  Berater  und  Helfer,  seinen  Stabschef  Ludendorff,
neben  sich,  als  er  den  Plan  zu  einer  Offensive  faßte,  die  schon  in  der  Anlage
den  Gedanken  einer  vollständigen  Bertreibung  und  WBernichtung  des  in
Ostpreußen  eingefallenen  Russenheeres  von  zwei  Armeen  zu  je  250  000  Mann
enthielt.  Der  Erfolg,  den  die  deutsche  Ostarmee  jenseits  der  Weichsel  in
bangen  Tagen  gesucht  hat,  mußte  dem  Schicksal  und  einem  überlegenen
Feind  abgerungen  und  abgetrogt  werden.

Es  bleibt  sogar  zweifelhaft,  ob  —  wie  die  geschäftige  Legende  wissen
will  —  der  Sektgeist  des  Kellers  im  „Dessauer  Hof“  den  Stab  des  Generals
Rennenkampf  verhindert  hat,  die  Njemenarmee  gegen  Allenstein  in  Be.
wegung  zu  setzen,  und  noch  zweifelhafter,  ob  Rennenkampf  Samsonow  kalt.
herzig  seinem  Schicksal  überlassen  hat.  Nach  unserer  Auffassung  gehören
solche  Erzählungen  in  das  Gebiet  geschäftig  spinnender  Phantasie.  General
Rennenkampf  mochte,  wie  zum  Werständnis  der  Zusammenhänge  noch  einmal
  erwähnt  sei,  seine  Aufgabe  in  der  Berennung  Königsbergs  erblicken,
dessen  weit  vorgeschobene  Verteidigung  große  Streitkräfte  vortäuschte,  die
sich  von  Gumbinmen  dorthin  geworfen  haben  konnten  und  seine  Armee  banden.
Rennenkampf  sah  die  Festung  als  gegebencs  unbewegliches,  die  hineingeworfene
  Armee  als  gegebenes  bewegliches,  nun  festgelegtes  Angriffsobjekt
  vor  sich  und  handelte  auf  Grund  dieser  falschen  Auffassung  folgerichtig,
indem  er  die  strategische  Position  Königsberg  zu  bezwingen  suchte  und
Samsonow  die  Ausräumung  des  Landes  und  den  Vormarsch  auf  die  preußische
Weichsellinie  überließ.

„Eine  vollkommene  Schlacht  bei  Kannä  ist  in  der  Kriegsgeschichte  nur
selten  zu  finden,"“  schreibt  Schlieffen  am  Schluß  seiner  strategischen  Seudie  —
bei  Tannenberg  ist  sie  geliefert  worden,  neu  und  eigen  angelegt  und  doch
nach  dem  WVorbild  des  großen  Kampfes  am  Aufidus.  Hier  wie  dort  wurde
der  Sieg  mit  unterlegenen  Kräften  und  ohne  große  eigene  Verluste  durch
doppelseitige  Umfassung  und  Einwirkung  auf  Flanken  und  Rücken  bei
Versagung  der  eigenen  Mitte  erstritten.  Doch  während  Hanmibal  rückenfrei,
  wenn  auch  auf  fremdem  Boden  und  fern  seiner  Operationsbasis
kämpfte,  erfocht  Hindenburg  seinen  Sieg  untcer  der  Bedrohung,  die  sich
für  ihn  aus  der  Nähe  Rennenkampfs  ergab,  der  schon  mit  zwei  Korps
durch  einen  Flankenangriff  über  Aössel  das  Schicksal  Samsonows  hätte
wenden  können.

Daß  Nennenkampf  sich  damit  begnügt  hatte,  seine  zu  strategischer
Erkundung  untaugliche  Kavallerie  vorzutreiben,  wurde  ihm  zum  Verbängnis,
  denn  nun  war  die  Armee  Hindenburg  des  näherstehenden  Gegners
  vollständig  ledig  geworden  und  der  siegreiche  deutsche  Feldberr  in  der
Eage,  den  zweiten  Schlag  zu  führen.  Er  galt  einem  breitgelagerten  Heere,
das  sich  in  einer  Aufstellung  befand,  die  von  der  Samsonows  durchaus
verschieden  war.
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        253
Die  Schlacht  an  den  masurischen  Seen

Die  Njemenarmee  hatte  sich  durch  Nachschub  und  Zuzug  verstärkt
und  gemächlich  zwischen  der  Deime  und  der  Angerapp  ausgebreitet.  Friedland
  war  als  Brechpunkt  der  Front  stark  besetzt,  Kavallerie  schwärmte
bis  Domnau,  Heilsberg  und  Rössel.  Als  Nennenkampf  von  der  Kunde
der  Schlacht  bei  Tannenberg  ereilt  wurde,  suchte  er  seine  Korps  in  einer
günstigen  Verteidigungsstellung  zu  sammeln.  Er  ließ  an  der  Linie  Labiau—
Nordenburg—  Angerburg  eine  Front  von  100  Kilometern  bilden,  die,
zweckmäßig  angeordnek,  vom  Kurischen  Haff  bis  zu  den  großen  masurischen
Seen  eine  feste  Schranke  zog.  Da  sich  der  rechte  Flügel  bei  Labiau  an  das
Haff  lehnte,  war  er  in  der  Flanke  unangreifbar.  Dahinter  war  Dilsit  stark
besetzt,  um  gegen  etwa  erfolgende  Anternehmungen  von  der  See  her  Schutz
zu  bieten.  Der  linke  Flügel  fand  in  den  Seen  und  in  den  Wäldern  von  Lötzen
eine  starke  Sicherung.  Außerdem  wurde  die  Grodnoer  Kampfgruppe  herangeholt
  und  auf  Lyck  in  Bewegung  gesegt,  wo  sie  eine  Flankenstellung  be.
ziehen  sollte,  die  einem  von  Westen  gegen  die  Armee  Rennenkampf  vorgebenden
  Angreifer  äußerst  gefährlich  werden  konnte.  Als  die  Nachrichten
von  der  Schlacht  bei  Tannenberg  immer  trüber  lauteten  und  General  Renmnenkampf
  zur  Uberzeugung  gelangte,  daß  die  2.  Armee  fast  ganz  vernichtet,  ihre
Neste  nicht  mehr  kampffähig  waren,  entschloß  er  sich,  eine  Verteidigungsschlacht
  zu  liefern  und  den  Gegner  zunächst  seine  breite  Front  berenmen
zu  lassen.

Er  verskärkee  zu  diesem  Zweck  seinen  linken  Flügel,  indem  er  an  den
Engen  der  Seen  nordsstlich  von  Hötzen  eine  weitgespannte  Feldbefestigung
ausbauen  ließ  und  seine  Haupekräfte  in  der  Mitte  versammelte,  wo  er  eine
Durchbrechung  besorgen  mochte  und  die  Masse  am  besten  in  der  Hand  harte.

Diese  schwunglose,  jfeden  Antriebs  entbehrende  Werteidigungsstrategie
stücte  sich  auf  die  Aberlegenheit  an  Zahl  und  an  Artillerie  und  zog  aus  der
Eignung  der  Russen  zur  Verteidigung  befestigter  Stellungen  sichere  Vorteile.

Anders  handelte  Hindenburg.

Während  in  den  Wäldern  zwischen  Tannenberg  und  Ortelsburg  noch
die  Beute  geborgen  wurde,  schwirrten  die  scharfäugigen  Flugzeuge  der
deutschen  Ostarmee  schon  über  den  Stellungen  der  Nsemenarmee.  General
v.  Hindenburg  sah  sich  von  Verstärkungen  umgeben.  Das  XI.  Korps  und
das  Gardereservekorps  hatten  den  Anschluß  an  die  Sieger  von  Tannenberg
erreicht.  Die  8.  Kavalleriedivision,  die  vor  wenigen  Tagen  noch  in  den
belgischen  Ardennen  gefochten  hatte,  ritt  schon  auf  dem  Eußersten  rechten
Flügel  der  nach  Nordosten  schwenkenden  Armee,  um  die  Sicherung  des
Vormarsches  gegen  Lyck  zu  übernehmen.

Am  4.  September  brach  Generaloberst  v.  Hindenburg  —  er  hatte  die
Beförderung  noch  auf,  dem  Schlachtfelde  erhalten  —  schlagfertig  gegen  die
        <pb n="270" />
        254  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

1.  Armee  vor,  nachdem  am  31.  August  die  Vorbereitungen  zu  neuer  Schlacht
getroffen  worden  waren.  Oie  Gliederung  der  Verbände,  der  Nachschub
von  Schießvorräten  war  erfolgt,  Angriffslust  beseelte  das  unermüdlich  vor.
wärtsdrängende  Heer.  Der  neue  Feind,  gegen  den  der  größere  Teil  der  alten
Osttruppen  schon  bei  Gumbinnen  gefochten  hatte,  sollte  tunlichst  gründlich
geschlagen  werden;z  mit  dem  „Quetschen“  einzelner  Verbände  oder  einer
Flankenbedrohung,  die  die  1.  Armee  zu  einem  geordneten  Rückzug  ver.
anlaßt  hätte,  war  es  nicht  getan.

Wieder  holte  Kindenburg  den  letzten  Mann  zur  Entscheidung  heran.
Gegen  Warschau  und  den  Narew  blieb  nichts  stehen  außer  der  Landwehr,
die  General  Mühlmann  von  Thorn  herangeführt  und  die  vom  21.  bis
29.  August  bei  Zielun  und  Lautenburg  wacker  gefochten  hatte.  Schon  am
2.  September  rückee  sie  vor  Illowo  und  erreichte  am  nächsten  Tage  Mlawa,
wo  das  2.,  9.  und  19.  Regiment  russische  Nachhuten  warfen.  An  die  Lydynia
und  auf  Praszunysz  vorgeschoben,  deckte  die  Landwehr  die  Straßen,  die  von
VWarschau—Nowo--Georgiewsund  Wyszkow—  Pultusk  in  den  Rücken  der
8.  Armee  führten.  Diese  schwache  deutsche  Abteilung  genügte,  die  strategische
Flanke  der  Angriffsarmee  gegen  Südwesten  zu  schützen,  da  die  Narewarmee
zum  größten  Teil  vernichtet  war.  Von  den  Trümmern  der  Armee  Samsonow
waren  höchstens  noch  Teile  des  VI.  Armeekorps  im  Felde  verwendbar,  die
vermutlich  auf  ihren  Heimbezirk  Bialostok—Grodno  zurückgegangen  waren.
Auch  daraus  wird  ersichtlich,  wie  wichtig  es  war,  zuerst  die  2.  Armee  anzugreifen
  und  diese  bis  zur  Bernichtung  zu  schlagen.  Erst  die  Schlacht  bei
Tannmenberg  schuf  die  strategische  Lage  neu  und  gestattete  den  Angriff  auf
die  Rjemenarmee.

Zwar  war  deren  Vorbewegung  jetzt  ohnehin  gelähmt,  und  ein  Feldherr,
der  den  Erfolg  nicht  in  der  Vernichtung  des  Gegners  suchte,  sondern  sich
mit  Mansrrieren  begnügte,  konnte  den  General  Rennenkampf  schon  durch
bloße  Bedrohung  zum  Rückzug  veranlassen.  Mancher  General  hätte  sich
mit  dem  Herausmanövrieren  Rennenkampfs  aus  Ostpreußen  gern  begnügt.
Auch  der  Russe  Benningsen  handelte  ähnlich,  als  er  am  7.  Februar  1807
Noapoleon  nach  glücklich  eingeleiteter  Amgehung  durch  einfache  Bedrohung
auf  den  Flanken  zum  Rückzug  hinter  die  Weichsel  zwingen  wollte,  ohne
eine  Entscheidungsschlacht  zu  wagen.  Er  sollte  seiner  Vorsicht  nicht  froh
werden.  Wenige  Monate  später  griff  ihn  der  Korse  bei  Friedland  an  und
schlug  ihn  aufs  Haupt.

Wie  Napoleon,  so  suchte  auch  Hindenburg  Schlacht  und  Entscheidung  in
einem.  Als  die  8.  deutsche  Armee  sich  am  4.  September  in  Bewegung  seoe,
waren  Hindenburgs  Anweisungen  schon  seit  48  Stunden  in  den  Händen  der
Unterführer.  Der  Schlachtplan  ging  wiederum  auf  Vernichtung  durch  Umfassung
  des  Gegners  aus.  Zum  Angriff  verfügte  Generaloberst  v.  Hindenburg
diesmal  Über  das  Gardereservekorps,  das  I.,  XI.,  XVII.  und  XK.  Korps,
        <pb n="271" />
        Die  Schlacht  an  den  masurischen  Seen  255

das  I.  Reservekorps,  die  3.  Reservedivision,  die  Landwehrdivision  v.  d.  Goltz,  die
Königsberger  Hauptreserve  und  zwei  Kavalleriedivisionen.  Auch  die  Armee
Rennenklampfs  war  durch  Nachschub  und  Heranziehung  der  Grodnoer  Kampfgruppe
  aufgefüllt  worden  und  umfaßte  das  II.,  III.,  IV.,  XX.,  XXII.  Korps
und  das  III.  fibirische  Korps,  die  1.  und  5.  Schützenbrigade,  die  53.,  54.,
56.,  57.,  72.  und  76.  Reservedivision  und  das  Gardekavalleriekorps.

Oie  strategische  Absiche  des  Hindenburgischen  Schlachtplanes  war,  die
Hauptmacht  Rennenkampfs  so  anzugreifen,  daß  sie  mit  halbverwandter
Front  zu  schlagen  gezwungen  wurde,  ohne  ihre  überlegenen  Streikkräfte
zur  Geltung  bringen  zu  können,  ein  Problem,  das  Friedrich  der  Große  bei
Leuthen  in  genialer  Weise  gelöst  hat.  Da  der  rechte  Flügel  Rennenkampfs
sich  nahezu  an  das  Haff  lehnte,  ein  Ansetzen  starker  Kräfte  gegen  diesen  einen
Elankenmarsch  voraussetzte  und  trotzdem  mit  einem  Frontalstoß  geendet
hätte,  so  verbot  sich  eine  doppelseitige  Umfassung  des  russischen  Heeres.  Um
so  rätlicher  erschien  eine  Umfassung  seines  linken  Flügels,  der,  von  Süden
angegriffen  und  in  der  Flanke  gepackt,  zur  Halblinkswendung  gezwungen
werden  sollte.  Erfolgte  dieser  Angriff  mit  starken  Krästen,  so  drohte  er  die
russische  Armee  nach  Norden  aufzurollen.  Dann  mußte  der  Gegner,  wenn
er  die  Schlacht  durchfechten  und  seinem  in  die  Zange  genommenen  linken
Flügel  zu  Hilfe  eilen  wollte,  eine  allgemeine  Frontänderung  nach  Süden
ausführen  und  in  dieser  Richtung  neu  aufmarschieren.  So  hatten  auch
die  Osterreicher  bei  Leuthen  gehandelt,  um  die  Schlacht  wiederherzustellen,
und  dabei  die  Schlacht  verloren.  Wie  Karl  von  Loethringen  wurde  Rennenkampf
  in  diesem  Fall  zu  einer  ungeheuren  DTiefengliederung  genötigt,  die
seine  Ubermacht  lahmlegte  und  zugleich  die  Anlehnung  an  das  Haff  und
die  Deime  aufhob.  Er  focht  dann  mit  schmaler  Front  und  tiefen  Flanken.
Gelang  es  alsdanm,  ihm  auch  die  rechte  Flanke  abzugewinnen  und  ihm  zugleich
  von  rechts  her  die  Reiterei  in  den  Rücken  zu  schicken,  so  war  aus  der
einseitigen  wiederum  doppelseitige  Umfassung  geworden  und  seine  Armee
der  Vernichtung  ausgesegt.

Um  die  Schlache  in  die  gewählte  Form  zu  bringen,  ordnete  Generaloberst
v.  Hindenburg  den  Vormarsch  in  breiter  Front  an.  Auf  dem  rechten  Flügel
marschierte  das  I.  Armeekorps,  das  von  Süden  nach  Norden  über  Arys
auf  Goldap  angesetzt  wurde  und  so  den  linken  Flügel  Rennenkampfs  schon
im  Anmarsch  umging.  Das  XVII.  Korps  ging  links  anschließend  durch
die  Seenenge  über  Hötzen  und  Possessern  vor.  Das  XX.  Korps  erblelt
Angerburg  als  Ziel  gewiesen,  auf  das  es  von  Nastenburg  über  Drengfurt
angesetzt  wurde.  Neben  ihm  schritt  das  XI.  Korps  auf  der  Linie  Korschen—
Nordenburg  zum  Angriff.  Vier  Armeekorps  setzten  sich  also,  eines  rechts
von  den  großen  Seen,  eines  zwischen  ihnen  hindurch  und  zwei  links  von  ihnen
gegen  den  linken  Flügel  der  russischen  Stellung  in  Bewegung,  um  ihn  von
Flake,  Front  und  Rücken  anzugreifen,  einzukreisen  und  nach  Norden
        <pb n="272" />
        256  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

zu  werfen.  Oieser  große  Angrifföslügel  der  deutschen  Armee  nahm  in  der  bezeichneten
  Aufstellung  den  Raum  rechts  oder  ösllich  der  Bahnlinie  Insterburg—
Allenstein  in  Anspruch.  Oinks  oder  westlich  von  dieser  Linie,  die  das  Schlacht.
feld  in  zwei  Hälften  schied,  skanden  das  Gardereservekorps,  das  I.  Reservekorps
  und  die  schwache  Königsberger  Hauptreserve,  um  Rennenkampf  auf  der
Linie  Gerdauen—Allenburg—Wehlau—Labiau  wuchtig  anzugreifen  und
Kräfte  auf  sich  zu  ziehen,  bis  im  Süden  am  rechten  Flügel  das  Neg  gestellt  war.

Die  Reservedivision  v.  Morgen  und  die  Landwehrdivision  v.  d.  Golzz
waren  von  der  Masse  der  Angriffsarmee  abgesondert  worden  und  hatten
ähnlich  dem  Landwehrkorps,  das  bei  Mlawa  stand,  den  Befehl,  die  Armee
in  der  rechten  Flanke  zu  decken.  Sie  gingen  in  der  Richtung  auf  Lyck  vor,
wo  ein  russischer  Flankenstoß  von  Grodno—Ossowiec  her  Werderben  stiften
konnte,  wenn  er  das  zur  Amfassung  ausholende  I.  Korps  und  den  ganzen
rechten  Flügel  im  Rücken  faßte.

General  Renmenkampf  erwartete  zunächst  den  Angriff.  Getreu  dem
russischen  Brauch,  „Masse  zu  bilden“,  hatte  er  seine  Hauptkräfte  in  der
Mitte  zwischen  Allenburg  und  Nordenburg  versammelt.  Als  Angelpunkt
war  Gerdauen,  wo  sich  die  Front  in  südösllicher  Richtung  stumpfwinklig
brach,  in  Verteidigungszuskand  gesetzt  und  die  ganze  Mittelstellung  stark
bestückt  worden.  Hier  bildeten  der  Omet  und  von  dessen  Mündung  bei
Allenburg  an  die  Alle  ein  natürliches  Fronehindernis.  Diesmal  stand  das
Mussenheer  nicht  vor  der  Alle,  wie  am  14.  Juni  1807  bei  Friedland,  sondern
in  anscheinend  gesicherter  Stellung  hinter  dem  tief  eingeschnittenen  Flusse.
Auch  damals  hatte  der  Angreifer  Eile,  den  Kampf  zu  eröffnen,  um  dem
Gegner  nicht  Beit  zu  lassen,  sich  aus  der  Schlinge  zu  ziehen.  Auch  damals
wurde  eine  Amfassungsschlacht  mit  verstärktem  rechtem  Flügel  geschlagen,
wo  Napoleon  zwei  Korps  vorführte  und  Benmingsens  linken  Flügel  vernichtete,
  während  er  den  rechten  Flügel  nur  beschäftigen  ließ,  bis  die  Schlacht
entschieden  war  und  das  von  den  weichenden  Russen  in  Brand  gesteckte  Friedland
  den  Rückzug  des  rechten  Flügels  Benningsens  unmöglich  machte.  In
Auflösung  eilte  damals  die  geschlagene  russische  Armee  über  die  Memel
zurück.  Bennmingsen  hatte  den  durch  geschickte  Mansver  glücklich  eingeleiteten
Feldzug  verloren.

Die  Walskakt,  auf  der  im  September  1914  die  Schlacht  ausgefochten
werden  sollte,  war  nicht  mehr  so  eng  umgrenzk  wie  im  Juni  1807.  Sie  umfaßte
  den  ganzen  Raum  zwischen  der  Deime  und  dem  Dyckersee  und  wies
in  der  Luftlinie  über  150  Kilometer  Länge  auf.

Wie  Napoleon  warf  Hindenburg  seine  Truppen  in  Gewaltmärschen
auf  den  Feind,  um  ihm  keine  Zeit  zur  Einnahme  einer  neuen  Stellung  oder
zum  KRückzug  zu  lassen.  Auch  er  errang,  wie  der  Korse,  mie  den  Beinen  seiner
Grenadiere  die  strategischen  Vorteile,  die  zur  günstigen  Einleicung  der
Schlachten  notwendig  waren,  und  gewamnn  sie,  ehe  die  Kanonen  brüllten.
        <pb n="273" />
        Die  Schlacht  an  den  masurischen  Seen  257

Die  neue  Schlacht  entbrannte  auf  den  Flügeln.  Am  6.  September
trat  die  Königsberger  Landwehr  im  Raum  an  der  Deime  zwischen  Labiau
und  Tapiau  ins  Gefecht,  wo  die  Regimenter  4  und  48  bluteten.  Am  7.  September
  geriet  die  3.  Reservedivision  der  Flankengruppe  bei  Bialla  an  den
Feind.  Am  8.  September  war  die  Schlacht  an  den  großen  masurischen  Seen
in  voller  Entwicklung,  ohne  daß  Rennenkampf  wußte,  wo  der  Gegner  die
Entscheidung  suchte.

Zunächst  trug  v.  Morgens  3.  Reservedivision  die  Last  des  Kampfes.
Ihr  war  die  Flankendeckung  des  Umfassungsflügels  und  damit  eine  grundlegende
  Operation  zugefallen,  die  nur  mit  Anspannung  aller  Kräfte
und  in  voller  Beherrschung  der  Aufgabe  durchgeführt  werden  konnte.
Der  Feind,  der  am  7.  September  bei  Bialla  erschien,  war  die  Vorhut  der
Grodnoer  Kampfgruppe,  die  General  v.  Rennenkampf  zum  Flankenangriff
heranbefohlen  hatte.  Sie  griff  sehr  zeitig  an.  Drei  Tage  rang  die  Division
v.  Morgen,  durch  die  Landwehrdivision  v.  d.  Golg  unterstügt,  gegen  den
starken  Feind,  dessen  Kerntruppe,  das  III.  sibirische  Armeekorps,  mit  Schwung
und  Kraft  angriff.  Zwischen  Bialla,  Arys  und  dem  Doyckersee  hielten  die
Deucschen  dem  Anprall  sland  und  dämmten  den  gefährlichen  Ansturm  Überlegener
  Kräfee  an  den  entscheidenden  Tagen  vom  7.  bis  10.  September
zurück.  Die  Landwehr,  die  auf  dem  linken  Flügel  dieser  Flankenkorps  focht,
sab  sich  vom  XXII.  russischen  Korps  angegriffen,  das  v.  d.  Golß  von  links
zu  umfassen  suchte  und  dicht  an  Lyck  herankam.

Unterdessen  hatte  Frangois  den  Angriff  auf  Nennenkampfs  linken
Flügel  zwischen  Lyck  und  Eckersberg,  dem  Oycker-  und  Spirdingsee  vorgetragen
  und  war  kämpfend  über  Gutten  und  Arys  auf  die  Linie  Groß-Gablik—HOötzen
  gelangt.  In  schwerem  Kampf  wurde  am  9.  September
Groß-Gablik  von  der  1.  Division  genommen,  während  die  2.  Division,  links
vorgehend,  bei  Kruglinnen  und  Freudental  focht.  Leichte  und  schwere  Artillerie
  zerschmetterte  in  stundenlangem  Wellenschießen  die  russischen  Baumschanzen,
  ehe  die  Infanterie  zum  Sturm  vorgehen  konnte.  Am  10.  September
war  die  Umfassung  schon  bis  Goldap  und  Dillacken  östlich  von  Angerburg
durchgeführt.  Das  I.  Korps  stand  also  hart  in  der  Flanke  der  russischen
Armee.  Die  Sachsenreiter  streiften  bereits  durch  die  Rominter  Heide  und
hatten  dem  Feinde  die  Seraßen  nach  Olehko  im  Süden  und  Mehlkehmen
im  Norden  verlegt.  Gardereiter  und  Karabiniers  fochten  schon  am  10.  September
  bei  Goldap,  am  12.  bei  Kallweitschen.  Der  äußersie  linke  Flügel  der
Armee  Rennenkampf  war  geschlagen  und  sah  sich  von  seinen  Rückzugslinien
abgeschnitten  und  auf  Insterburg  zurückgeworfen.

Letze  erst  erkannte  die  russische  Heeresleitung,  daß  die  Schlacht,  die  in
der  Front  günstig  fortzubrennen  schien,  auf  dem  linken  Flügel  verloren
gegangen  war.  Da  stob  der  Generalstab,  der  am  gasllichen  Tisch  des  „Dessauer
Hofes“  getafelt  hatte,  rasch  auseinander.  Rennenkampf,  der  im  Vorrücken

S#egemanns  Seschichte  des  Kriege#.  I.  17
        <pb n="274" />
        258  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

gezaudert  hatte,  fand  im  Einvernehmen  mit  dem  Großfürsten  den  Entschluß
zum  allgemeinen  QRülckzug,  statt  seinem  geschlagenen  Flügel  zu  Hilfe  zu  eilen
und  die  Schlacht  mie  verwandter  Fronk  und  offener  Flanke  durchzufechten.
Es  war  die  böchste  Zeit,  denn  am  10.  September  schwenkte  die  1.  Division
des  I.  Korps  nach  Norden  ein  und  stieß  nun  in  der  Richtung  über  Goldap
nach  Stallupönen  auf  die  große  Rückzugsstraße  des  russischen  Zentrums  vor.

Links  vom  I.  Korps  war  Mackensens  XVII.  Korps  am  8.  und  9.  September
  zwischen  dem  Spirdingsee  und  dem  Lêswentinsee  aus  dem  Ausfalltor
der  Feste  Lötzen  vorgebrochen  und  hatte  Kruglanken  und  Possessern  genommen.
Besonders  schwer  war  der  Kampf,  den  die  36.  Division  um  Possessern  und
Willenden  zu  führen  hatte,  wo  die  Russen  sich  immer  aufs  neue  in  festen
Stellungen  zu  setzen  suchten.  Hier  entfaltete  die  Artillerie  von  beiden  Seiten
eine  außerordentliche  Täcigkeit.  Der  Sieg  blieb  den  schweren  deutschen
Kalibern.  Die  Umfassung  hob  die  mürbe  geschossenen  Stellungen  immer
wieder  aus  den  Angeln,  und  am  10.  September  hatte  auch  das  XVII.  Korps
die  Linie  Goldap—  Angerburg  erstritten.

Das  XX.  Korps  griff  am  8.  September  bei  Rosenthal  nördlich  Dasten.
burg  an  und  warf  den  Feind  am  9.  September  auf  Angerburg—Drengfurt
zurück.  Hier  machte  sich  die  Umfassung  schon  am  9.  September  sehr  stark
geltend,  die  Russen  führten  anscheinend  nur  noch  Rückzugsgefechte,  um  ihre
Mitte  und  ihren  rechten  Flügel  nicht  auch  noch  in  der  Zange  zu  lassen,  die
von  Goldap—Angerburg  herllbergriff.

Der  Kampf  des  XX.  Korps  wurde  in  voller  Bewegung  ausgefochten.
In  hellen  Flammen  standen  die  Dörfer  zwischen  Drengfurt  und  Gerdauen,  vote
Sonne  stach  aus  dem  Qualm,  glühende  Sommerhitze  stand  über  dem  verödeten
Land,  aus  dem  der  Russe  unter  Sengen  und  Brennen  den  Rückzug  antrat.

Das  XI.  Korps  hbatte  am  9.  September  den  Angriff  eröffnet  und
Sechserben  südwestlich  Nordenburg  und  Fritzendorf,  Molthainen  und
Assaunen  südöstlich  von  Gerdauen  genommen.  Rittlings  der  Bahnlinie
trieb  es  die  Russen  am  10.  September  über  Groß-Karpowen  und  Groß.
Bajohren  in  der  Richtung  auf  Gumbinmen  zurück,  wo  seine  beiden  Divisionen
am  13.  September  anlangten.  Die  NRussen  hatten  sich  am  12.  noch  einmal
bei  CTarpukschen  und  Lemkimmen  nordwesllich  Darkehmen  gesetzt,  waren
aber  von  der  22.  Division  über  den  Haufen  geworfen  worden.

Zwischen  Angerapp  und  Rominte  fegten  hier  auf  dem  Schlachrfeld
des  20.  August  die  siegreichen  Truppen  des  I.,  XVII.,  XX.  und  XI.  Korps
die  Trümmer  des  geschlagenen  russischen  Armeeflügels  zusammen.  Nur
klmmerliche  ZReste  entwichen  auf  Stallupönen.

In  der  Mitte  ihrer  Aufstellung,  auf  der  Linie  Gerdauen—Allenburg,
hatten  die  Russen  dem  I.  Reservekorps  und  dem  Gardereservekorps  am
8.  und  9.  September  mit  starken  Massen  die  Stirn  geboten.  Aber  die  Angriffe
  erfolgten  mit  einer  Wucht,  die  auch  diese  starke  Stellung  ins  Wanken
        <pb n="275" />
        Die  Schlacht  an  den  masurischen  Seen  259

brachte.  Als  am  10.  September  Rennenkampfs  Nückzugsbefehl  eintraf,
war  die  Verstrickung  so  eng,  daß  die  Russen  sich  nur  mit  großen  Opfern
freimachen  und  in  der  Michtung  auf  Insterburg  enteilen  konnten.

Am  12.  September  focht  das  I.  Reservekorps  schon  mit  der  72.  Infanteriebrigade
  bei  Tutschen  und  Groß-Tullen  nordsstlich  von  Gumbinnen,
und  am  13.  September  schlug  General  v.  Below  sein  Hauptquartier  bereiks
in  Willuhnen,  nordwesslich  von  Schirwindt,  dicht  an  der  russischen  Grenze  auf.

Oie  Königsberger  Hauptreserve  hatte  bis  zum  10.  September  bei  Labiau
und  Tapiau  an  der  Deime  gefochten.  Als  auch  hier  der  Rückzug  der  Russen
begann,  bekam  sie  den  abziehenden  Feind  am  12.  September  noch  einmal
bei  DTilsit  zu  fassen.  Die  russische  Besatzung  von  Tilsit  hatte  gegen  Norden
Front  gemacht,  um  die  von  dem  See  her  erwarteten  Flankenunternehmungen
abzuwehren,  und  fühlte  sich  nun  im  Rücken  gepackt.  Nach  kurzem  Widerstand
  flüchtete  alles,  was  nicht  die  Waffen  streckte,  aus  der  Stadt,  die  drei
Wochen  russisches  Regiment  ertragen  hatte.  In  Auflösung  eilte  die  Armee
Mennenkampf  über  Insterburg—Gumbinnen  und  Tilsie  der  Grenze  zu.  Von
Infanterie,  Artillerie  und  Kavallerie  verfolgt,  erreichte  sie  unter  fortgesetzten
Kämpfen  und  WVerlusten  das  rettende  Kowno,  Auf  dem  Schlachtfeld  und
auf  der  Frucht  fielen  30000  Gefangene  und  150  Geschücze  in  die  Hände
der  Sieger;  die  blutigen  Werluste  lassen  sich  auf  40000  Mann  schägten.

Während  der  letzten  Berzweiflungskämpfe  des  umfaßten  russischen
Rlügels,  der  zwischen  den  Seen,  der  Rominte  und  der  Angerapp  erdrückt
wurde,  versuchte  die  Grodnoer  Reservearmee  immer  wieder  Enesaß  zu  bringen
und  bei  Lyck  und  Marggrabowa  in  den  Rücken  der  deutschen  Armee  einzubrechen.
  Am  11.  September  erneuerte  der  tatkräftige  Führer  dieser  russischen
Kampfgruppe  seine  Angriffe  mit  verstärkter  Wucht.  Die  3.  Reservedivision
v.  Morgen  und  die  Landwehrdivision  v.  d.  Goltz  sahen  sich  genötigt,  das
leczte  Gewehr  in  die  Feuerlinie  zu  bringen,  um  dem  Andrang  zu  wehren.
Die  Russen  griffen  todesmutig  an,  waren  aber  troth  ihrer  Aberzahl  dem  in
jeder  Beziehung  höherstehenden  Gegner  nicht  gewachsen.  Gewitter  zogen
lüber  die  Wälder,  schwere  Regengüsse  gingen  nieder:  Nebel  verdeckten  die
Aussicht  und  machten  die  Tätigkeit  der  Flieger  zunichte.  Der  preußischen
Landwehr  ging  das  Wasser  in  den  Schützengräben  bis  über  die  Knie,  doch
bielt  sie  unerschütterlich  aus.  In  der  leczten  Not  wurde  die  Feste  Boyen  bei
Lötzen  um  Unterstücung  ersucht.  Ein  paar  Besatungskompagnien  war  alles,
was  dort  aufgeboten  werden  konnte.  Als  der  Pfiff  der  Lokomotive  ertönte,
die  diese  schwache  Unterstücung  heranbrachte,  brachen  die  Russen  den  Kampf
ab.  Feuernd  gingen  sie  am  13.  September  auf  Ossowiez  und  Suwallki  zurück.
Ihr  Flankenstoß  war  abgewehrt  und  zudem  gegenstandslos  geworden,
denn  die  Hauptmasse  der  Rjemenarmee  wälzte  sich  schon  flüchtend  über
Gumbinnen  und  Tilsie  nach  Kowno  und  Wilna.  ODie  Bobr.  und  Rjemenfestungen
  öffneten  ihre.  Tore  und  nahmen  die  geschlagenen  Truppen  auf.
        <pb n="276" />
        260  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

Betrachtungen  zur  Schlacht  an  den  masurischen  Seen

Generaloberst  v.  Hindenburg  ist  zur  Annahme  der  Schlacht  an  den
masurischen  Seen  befähigt  worden,  als  er  die  neuen  Werstärkungen  erhalten
hatte.  Ohne  das  XI.  Korps,  das  Gardereservekorps  und  die  8.  Kavallerie.
division  wäre  er  nach  der  Schlacht  bei  Tannenberg  nicht  in  der  Lage  ge.
wesen,  den  Angriffsfeldzug  fortzusetzen.  Das  ist  festzuhalten.  Diese  Korps
haben  an  der  Marne  gefehlt,  aber  in  Ostpreußen  den  Ausschlag  gegeben
und  die  Handlungsfreiheit  Hindenburgs  sichergestellt.

Oie  Schlacht  an  den  großen  masurischen  Seen  hat  nicht  mit  dem  absoluten
Ergebnis  der  Schlacht  von  Tannenberg  abgeschlossen.  Die  Masse  der  Armee
Rennenkampf  entzog  sich  dem  Verderben,  das  nur  ihren  linken  Elllgel  ereilte.
General  Rennenkampf  hatte  lluger-  und  richtigerweise  auf  eine  Wiederberstellung
  der  ungünstig  eingeleiteten  Schlacht  verzichtek,  als  er  seine  linke
Flanke  umfaßt  und  umgangen  sah,  und  sofort  den  Rückzug  angetreten,
um  nicht  mit  verwandter  Front  und  tiefen  Flanken  schlagen  zu  müssen  und
nach  Norden  gedrängt  und  vernichtet  zu  werden.  Ist  es  richtig,  daß  er  sich
der  ungünstigen  Lage  seines  linken  Flügels  erst  am  10.  September  bewußt
geworden  ist,  wie  amtliche  russische  Meldungen  wissen  wollen,  so  war  allerdings
  der  Augenblick  zur  Wiederherstellung  der  Schlacht  ohnehin  versäumt.
In  diesem  Falle  hätke  also  General  Rennenkampf  gar  nicht  mehr  erwägen
können,  ob  er  das  von  Karl  von  Lothringen  bei  Leuthen  gegebene  falsche
Beispiel  befolgen  und  nach  dem  linken  Flügel  abschwenken  oder  die  Schlacht
verloren  geben  sollte.

Wie  dem  auch  sein  mag,  in  sedem  Falle  hat  sich  der  General,  der  im
mandschurischen  Feldzug  und  im  Voxeraufskand  einen  Ruf  als  Draufgänger
und  kübner  Reiter  führer  erworben  hatte,  als  Armeeführer  nicht  durch  katkräftiges
  Handeln  und  strategischen  Scharfblick  ausgezeichnet.  Langsam
und  schwerfällig,  wie  der  Russe  von  altersher  zu  operieren  pflegt,  hatte  er
seine  Armee  gegen  Königsberg  in  Bewegung  gesetzt,  sich  begnügt,  die
Walstate  zu  behaupten,  als  das  kleine  Preußenheer  bei  Gumbinnen  den
Kampf  abbrach,  und  war  an  Alle  und  Deime  stlebengeblieben,  während  sich
zwischen  Tannenberg  und  Ortelsburg  das  Schicksal  der  Armee  Samsonow
erfüllte,  das  ihm  zugleich  sein  eigenes  verkündete.  Erst  als  er  von
seinem  großen  Gegner  überraschend  angegriffen  wurde  und  sich  in  eine  ungünstige
  strategische  Lage  gebracht  sah,  fand  er  die  Kraft  zu  einem  Ent.-schluß.
  Dieser  verdichtete  sich  der  Sachlage  entsprechend  zu  einem  allgemeinen
  Rückzugsbefehl.

Statt  eine  schmale  neue  Fronk  nach  Süden  zu  bilden,  wo  sein  umgangener
  Flügel  schon  am  10.  September  bei  Darkehmen,  eingekreist  vom
I.,  XVII.  und  XX.  Korps,  vollends  zerschlagen  und  am  11.  September
zwischen  Rojahwalde,  Gawaiten,  Izabienen  und  Beynuhnen  vernichtet
        <pb n="277" />
        Betrachtungen  zur  Schlacht  an  den  masurischen  Seen  261

wurde,  wies  der  russische  General  die  Mitte  und  den  rechten  Flügel  an,  die
Schlacht  im  Stiche  zu  lassen.  Er  bot  dem  Gegner  nicht  die  Möglichkeit,
die  zur  strategischen  Flanke  gewordene  Front  an  der  Deime  zu  umfassen
und  nach  Süden  aufzurollen  und  unternahm  auch  nicht  einen  stierköpfigen
Versuch,  bei  Gerdauen  mit  starken  Kräften,  die  er  dort  rasch  hätte  ballen
können,  durchzustoßen,  sondern  beschleunigte  seinen  Rückzug  von  der  Grund.
stellung  aus  unmittelbar  nach  Nordosten  und  Osten,  ehe  die  Armee  ganz
eingekreist  wurde  und  das  Schicksal  der  Armee  Samsonows  erlitt.  Rennen.
kampf  hat  also  ebenso  gehandelt  wie  Moltke  an  der  Marne,  aber  keinen
Kluck  besessen,  der  die  Amfassungsarmee  zertrümmerte,  und  in  der  Froné
von  vornherein  unglücklich  gefochten.  Immerhin  entzog  er  ansehnliche
Kräfte  der  Vernichtung.

War  also  der  Operationsplan  Hindenburgs  auch  nicht  vollständig  geglückt,
  so  hatte  er  doch  alle  Elemente  zur  #berwindung  des  Gegners  auf
dem  Schlachefeld  nuobar  gemacht.

Generaloberst  v.  Hindenburg  hatte  nach  der  Einkreisungsschlacht  von
Tannenberg  gegenüber  Rennenkampfs  breit  aufgestellter  Armee  zu  dem
einzigen  Mansver  gegriffen,  das  einen  vollen  Erfolg  versprach.  Statt
frontal  anzulaufen,  staffelte  er  seine  Hauptkräfte  rechts  und  umfaßte  mit
kühner  Vorbewegung,  die  zum  Teil  mit  verwandter  Front  erfolgte  und
einem  vom  Rjemen  und  Bobr  vorbrechenden  Gegner  die  Flanke  bot,  den
verwundbaren  Flügel  der  feindlichen  Armee,  um  ihn  zu  zermalmen.  Die  geöffnete
  Flanke  wurde  von  der  Kampfgruppe  v.  Morgen  und  v.  d.  Golgt  sicher.-gestellt,
  die,  ebenfalls  mit  verwandter  Front  kämpfend,  die  Angriffe  aus
Ossowiez  und  Grodno  mit  vorgestreckten  Spießen  auffing  und  abwies.  War
Generaloberst  v.  Hindenburg  auch  nicht  zu  einem  Flankenmarsch  vor  dem
Feinde  genötigt  worden,  um  dessen  linken  Flügel  mit  überlegenen  Kräften
zu  umfassen  und  anzugreifen,  wie  Friedrich  der  Große  bei  Leuthen  getan
hatte,  als  er  auf  das  dreifach  Uberlegene,  zur  Schlacht  aufmarschierte  Heer
des  Herzogs  Karl  von  Lothringen  stieß,  so  wohnte  doch  dem  Schlachtplan
des  deutschen  Feldherrn  der  große  Gedanke  von  Leuthen  inne.  Der  Plan
Hindenburgs  und  Ludendorffs  zur  Schlacht  an  den  großen  masurischen  Seen
hat  den  Gedanken  von  Leuthen  in  freier  Erfassung  der  Lage  und  in  sicherer
Gestaltung  des  operativen  Verfahrens  lebendig  werden  lassen.

Dieser  friderizianische  Gedanke  ist  freilich  weder  in  der  Schlacht  bei
Leuthen  noch  in  der  Schlacht  an  den  masurischen  Seen  zu  voller  Blüte  und
ganzer  Fruchtbildung  herangereift,  so  groß  und  bedeutsam  in  beiden
Fällen  der  Erfolg  gewesen  ist.  Friedrich  der  Große  hatte  durch  sein  kühnes,
aus  der  Perspektive  seiner  Zeit  und  der  Oineartaktik  betrachtet,  doppele
geniales  Mansver  den  Gegner  um  seine  ganze  Schlachtordnung  betrogen
und  ihm  den  linken  Flügel  eingedrückte,  ehe  der  österreichische  Feldherr  durch
Neubildung  einer  verwandten  Frone  die  berlegenheit  wiederherstellen
        <pb n="278" />
        262  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

konnte.  Es  war  dem  König  aber  nicht  mehr  möglich,  bis  zur  sinkenden  Nacht
und  mit  den  schwachen  Kräften,  die  er  noch  übrig  hatte,  nun  die  doppelseitige
Umfassung  durchzuführen,  zu  der  Karl  Gelegenheit  bot,  da  die  österreichische
Masse  sich  bei  der  hastigen  Herstellung  der  neuen  Front  nicht  nach  der  Greite,
sondern  nach  der  Tiefe  entwickelt  und  diese  viele  Glieder  tiefe  Flanke  ungeschüst
  gelassen  hatte.  Friedrichs  „inégale  force“  reichte  zur  Einkreisung
des  Gegners  nicht  mehr  aus,  das  österreichische  Heer  entwich,  aber  ein  voller
Sieg  blieb  gleichwohl  in  des  Königs  Hand.

Auch  General  Rennenkampf  rettete  den  größeren  Teil  seiner  Armee
aus  der  Niederlage,  während  Samsonow  unter  ungünstigeren  Umständen
und  bei  noch  unzweckmäßigerem  Verfahren  mit  zwei  Oritteln  seiner  Streiter
zugrunde  ging.  Inwiefern  die  Schlachet  an  den  masurischen  Seen  und  das
Angriffs-  und  Verkteidigungsverfahren  wie  auch  das  Verhalten  der  beiden
Gegner  an  die  strategischen  Verhältnisse  der  Schlacht  an  der  Marne  erinnert,
  bleibe  der  Betrachtung  einer  anderen  Stunde  vorbehalten.

Die  1.  Armee  kam  diesseits  des  Njemen  und  der  Festungslinie  nicht
mehr  zum  Stehen.  Dbel  zerrüttet  und  um  mehr  als  ein  Wiertel  ihrer
Stärke  geschwächt,  entrann  sie  dem  Verhängnis  und  strömte  in  ihren
ursprünglichen  Aufstellungsraum  zurück.

Schlieffen  hat  den  grundlegenden  Sagß  ausgesprochen,  daß  die  moderne
Schlacht  immer  mehr  zu  einem  Ringen  um  die  Flanken  werde.  In  diesem
ARingen  um  die  Flanken  war  im  Westen  keiner  der  beiden  Gegner  endgültig
Sieger  geblieben,  nachdem  die  erfolgreiche  deutsche  Amfassungsbewegung  der
ersten  Kriegsphase  durch  die  französische  Gegenumfassung  an  der  Marne
erwidert  worden  war  und  die  oberste  deutsche  Heeresleitung  den  strategischen
NRückzug  beschlossen  hatte.  Im  preußischen  Osten  war  es  bis  auf  diesen  Tag  zu
einem  eigentlichen  Ringen  um  die  Flanken  nicht  gekommen,  weil  Hindenburg
dem  Gegner  schon  vor  der  Verlhrung  das  Geseh  auferlegte,  sich  die  Einwirkung
  auf  die  Flanken  des  Gegners  schon  im  Anmarsch  sicherte  und  den  Feind
in  seinen  Zirkel  zwang,  ehe  die  schwerfällige,  durch  Flieger  und  Kavallerie
schleche  unterrichtete  russische  Leitung  die  strategische  Lage  erfaßt  und  danach
gehandelt  hatte.  Das  Moment  der  strategischen  Uberraschung  hat  zugleich  mit
dem  lebendigen  Ergreisen  der  Gelegenheit  und  in  planmäßiger  Auswirkung
des  Angriffsgedankens  bei  Tannenberg  und  in  Masuren  den  Sieg  entschieden.

Samsonow  war  mit  schmaler  Front  und  tiefen  Flanken,  Rennenkampf
mit  breiter  Front  und  schmalen  Flanken  —  beide  von  unterlegenen  deutschen
Kräften  —  geschlagen  worden.  So  wurde  sogleich  zu  Beginn  der  Operationen
  der  Erfahrungssaß  aufgestellt,  daß  der  Russe  dem  deutschen  Schwerte
verfallen  war,  solange  er  sich  zum  Bewegungskrieg  bereitfinden  ließ.  Hindenburgs
  Klinge  hat  den  Sommerfeldzug  in  Ostpreußen  binnen  zwanzig  Tagen
mie  einem  Doppelhieb  zu  Ende  gebracht.  Kurz  darauf  donnerten  seine  Geschüse
  vor  Ossowiez,  warfen  seine  Vortruppen  die  Russen  aus  Suwalli.
        <pb n="279" />
        263
Die  Auswirkung  der  Schlachten  in  Ostpreußen

Die  Schlacht  an  den  masurischen  Seen  wurde  an  denselben  Tagen  ausgefochten,
  da  das  deutsche  Westheer  am  Ourcq  und  an  der  Marne  in  den
Kampf  trat,  um  nach  Abbruch  der  Schlacht  auf  die  Ai#ne  zurückzugehen,
und  zur  gleichen  Zeit  sahen  sich  Osterreicher  und  Ungarn  in  Galizien  und
Polen  genötigt,  das  wochenlange  Ringen  um  Lemberg  einzustellen  und
Über  die  Weichsel  und  binter  den  San  zurückzuweichen.

Die  Kampfkraft  der  k.  u.  k.  Heere  hatte  sich  in  gewaltigen  Schlachten
bewährt,  die  zwischen  Weichsel  und  Bug  und  an  Jlota  Lipa  und  Onsjestr
ausgefochten  wurden.  Aber  Überwältigende  Obermacht  war  ihrer  Herr
geworden.  Mit  schweren  Wunden  kehrte  die  habsburgische  Heeresmacht  aus
diesen  Schlachten  zurlck.  Trotz  der  Siege  Hindenburgs  schienen  die  Lose
auf  den  Kriegstheatern  im  Westen  und  im  Osten  gegen  die  Mittelmächte
gefallen  zu  sein.  Am  12.  September  sah  es  so  aus,  als  wären  die  Mittelmächte
  in  hoffnungslose  Verteidigung  geworfen,  Tannenberg  erschien  im
Spiegel  der  Russen  nur  als  örtlicher  Erfolg,  die  Masurenschlacht  als  geschicktes
  Rückzugsmanbver  einer  ungeschlogenen  russischen  Armee.  Die
Kämpfe,  die  vom  12.  bis  15.  September  an  den  Brückenköpfen  des  Dnjestr
und  San  und  an  der  DMarne  und  Aisne  staktfanden,  wurden  von  den  Verbandsheeren
  als  Rückzugsgefechte  der  geschlagenen  und  nicht  mehr  widerstandsfähigen
  Gegner  betrachtet.  Der  konzentrische  Angriff  der  Russen,
Franzosen  und  Engländer  schien  in  unwiderstehlicher  Bewegung  nach  den
Lebenspunkeen  der  Mittelmächte  begriffen  zu  sein,  der  Feldzug  in  gradliniger
  Enewicklung  dem  Ende  zuzueilen.

Da  machte  das  deutsche  Westheer  plötzlich  an  der  Aisne  Front  und  kam
aus  Masuren  die  weniger  beachtete  Kunde,  daß  die  Armee  Hindenburg  sich
nach  abgeschlossener  Verfolgung  „ordne“.  Am  14.  September  sah  sich
die  englisch-französische  Verfolgung  an  der  Aisne  und  in  der  Champagne
festgebannt,  und  am  gleichen  Tage  wurde  im  Osten  der  große,  kriegs.
entscheidende  Zug  eingeleitet,  der  die  Handlungsfreiheit  Hindenburgs  nuhte
und  die  Hauptkräfte  seiner  Armee  auf  den  polnisch-galizischen  Kriegsschau.
platz  fübrte.

Noch  glaubten  die  Russen  das  ganze  Heer  Hindenburgs  zwischen
Mlawa  und  Wilkowizki  in  Sammlung  begriffen.  Oie  russische  Heeresleitung
nahm  an,  daß  Hindenburg  der  Armee  Nenmenkampf  folgen  und,  vom  Siege
fortgerissen,  in  breiter  Front  den  Rjemen  überschreiten  wolle.  Man  handelte
in  diesem  Glauben  und  richtete  die  1.  Armee  durch  große  Nachschübe
und  Verstärkungen  wieder  auf,  um  dieser  Offensive  zu  begegnen,  und  vermutete
  Hindenburgs  Korps  noch  im  Vormarsch  auf  Kowno  und  Grodno,
als  schon  ungezählte  preußische  Eisenbahnzüge  von  Insterburg  und  Thorn
durch  Schlesien  rollten  und  Hindenburgs  Hauptkräfte  in  Südpolen  ver-
        <pb n="280" />
        264  Der  Feldzug  in  Ostpreußen  bis  zum  15.  September  1914

sammelt  wurden.  Dadurch  wurde  die  Lage  mit  einem  Ruck  zurechtgeschoben
und  der  Feldzug  auf  eine  neue  Grundlage  gestellt.

Das  Centrum  gravitatis  lag  sortan  in  Südpolen  und  Galizien,  wo  eine
neue  Epoche  des  Krieges  begann,  die  mit  einer  Aushilfsoperation  eingeleitet
wurde,  deren  man  sich  auf  russischer  Seite  nicht  versah.

Es  bat  sich  also  um  dieselbe  Zeit  im  Westen,  Osten  und  Süden  eine  entscheidende
  Wendung  im  europékischen  Kriege  vollzogen.  Sie  wird  durch  die
strategischen  Rückzüge  der  Mittelmächte  von  der  Marne  binter  die  Aisne
und  vom  Bug  hinter  den  San,  durch  die  Siege  Hindenburgs  in  Ostpreußen
und  durch  den  Abbruch  der  österreichischen  Offensive  gegen  Serbien  und
die  schnelle  Erfassung  des  transitorischen  Moments  seitens  der  deutschen
Heeresleitung  bei  der  Ablenkung  der  deutschen  Ostarmee  nach  Südpolen
gekennzeichnet.

Alle  diese  Vorgänge  stehen  in  einem  inneren  Jusammenhang  und
sind  Glieder  einer  großen  Entwicklungskett.  Doch  werden  Arsachen  und
Wirkungen  erst  völlig  klar,  wenn  auch  der  Feldzug  geschildert  ist,  in  dem  die
russische  und  die  österreichisch-ungarische  Hauptmacht  während  des  August
und  der  ersten  Hälfte  des  September  verstrickt  lagen.
        <pb n="281" />
        Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen
bis  zum  15.  September  1914
        <pb n="282" />
        <pb n="283" />
        Der  österreichisch-ungarische  Aufmarsch

Am  25.  Juli  1914  erging  von  Wien  der  Befehl  zur  Mobilmachung
der  Korps,  die  in  Bosnien  und  der  Herzegowina  und  in  Dalmatien  standen.
Sie  waren  für  den  Feldzug  in  Serbien  bestimmt.  In  der  Nacht  vom  dritten
auf  den  vierten  Mobilmachungstag  begannen  die  ersten  Verladungen  der
aufgebotenen  Truppen,  der  Aufmarsch  gegen  die  stromumgürtete  serbische
Bergfestung  geriet  langsam  in  Fluß.  Da  sprengte  der  Bruch  mit  Rußland
am  31.  Juli  den  Marschplan  des  österreichisch-ungarischen  Heeres  und
machte  die  rasche  Durchführung  der  kriegerischen  Handlung  an  Donau
und  Drina  unmöglich.  Aus  dem  Balkanfeldzug  wurde  ein  Iweifrontenkrieg,
  und  die  allgemeine  Mobilmachung  setzte  nun  die  ganze  bewaffnete
Macht  des  habsburgischen  Reiches  in  Bewegung  und  wies  dem  Aufmarsch
gegen  Serbien  im  neugezogenen  Rahmen  nur  noch  die  Bedeutung  einer
Nebenhandlung  zu.

Der  Blick  richtete  sich  ject  vor  allem  nach  Osten,  wo  der  große  Feind
aufstand,  der  seit  Wochen  beschäftigt  war,  seine  Streitkräfte  zurechtzuschieben,
um  im  Kriegsfalle  mit  ungeheurer  #bermache  auf  den  Dlan  zu  treten.
Hatte  Rußland  die  Aufgabe,  im  europäischen  Krieg  mit  gewaltiger  Lberlegenheit
  gegen  Galizien  und  weichselaufwärts  vorzurücken,  wo  Schlesien,  die
mährische  Senke  und  die  Beskidenlücke  als  Einfallspforten  lockten,  so  erwuchs
dem  österreichisch--ungarischen  Heere  die  Gegenaufgabe,  diesem  Vorstoß  mit
gesammelter  Kraft  zu  begegnen  und  die  russischen  Massen  zu  binden.  Gelang
  das  nicht,  so  halfen  die  größten  Siege,  die  das  deutsche  Heer  im  Westen
erfechten  mochte,  nicht  zur  Fortsehung  der  kriegerischen  Handlung,  denn
der  Einbruch  der  Russen  in  Schlesien  und  Mähren  hätte  eine  verwundbare
Stelle  der  Mittelmächte  getroffen  und  sich  bis  in  den  Sig  ihres  Lebens
und  ihres  Widerstandes  gebohrt.

Die  richtige  Erkenntnis  dieser  strategischen  Verhältnisse  hat  den  gemeinsamen
  Feldzugsplan  Deutschlands  und  Osterreich-Ungarns  bestimmt.  Osterreich-Ungarn
  übernahm  darin  die  Haupedeckung  gegen  Osten.  Die  österreichisch-ungarische
  Heeresleitung  zog  aus  dieser  Lage  den  Schluß,  daß  die
Nordarmee,  also  die  gegen  Rußland  aufgestellte  Hauptmacht,  die  Verteidigung
  durch  einen  Vorstoß  sicherstellen  und  unverweilt  zum  Angriff  Übergehen
  müsse.  Nach  ihrer  Auffassung  konnte  dies  nur  in  der  Weise  geschehen,
daß  sich  ein  möglichst  starker  Teil  ihrer  Streitkräfte  so  rasch  wie  tunlich  auf
eine  der  noch  in  der  Versammlung  vermuteten  russischen  Gruppen  warf,
um  sie  aus  dem  Felde  zu  schlagen.  Inzwischen  sollte  der  schwächere  Teil  die
anderen  Angriffsgruppen  des  Feindes  aufhalten,  bis  er  im  Werein  mit  den
        <pb n="284" />
        268  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

siegreichen  Armeen  zum  Gegenangriff  übergehen  konnte.  Als  das  Ergebnis
dieser  Auffassung  und  der  daraus  entspringenden  Anordnungen  waren  schon
zu  Beginn  der  Feldzüge  große  Schlachten  in  Polen  und  Ostgalizien  zu
erwarten,  ob  man  fähig  war,  zugleich  einen  serbischen  Feldzug  zu  führen
und  mit  geringeren  Kräften  dort  Erfolge  zu  erzielen,  blieb  eine  offene
Frage.

Oa  die  österreichisch-ungarische  Heeresleitung  die  nächst  erreichbare
und  gefährlichste  russische  Gruppe  zwischen  Weichsel  und  Bug  im  großen
Versammlungsraum  der  Südwestarmeen  vermutete,  so  mußte  man  darauf
bedacht  sein,  sofort  von  Krakau  links  der  Weichsel  vorzubrechen,  um  für
die  Armee,  die  an  der  Sanmündung  aufmarschieren  sollte,  einen  Flanken.
schutz  zu  schaffen.  Dadurch  wurde  die  große  Armee  in  die  Lage  verseyzt,
zwischen  Weichsel  und  Bug  zum  Angriff  zu  schreiten.  Unterdessen  sollten
andere  Kräfte  über  den  mittleren  San  und  den  Dujesir  geführt  und  im  Raume
Lemberg  versammelt  werden,  um  die  strategische  Verteidigung  möglichst
weit  nach  Osten  und  Südosten  zu  tragen  und  so  der  Nordgruppe  Zeit  und
Raum  zu  lassen,  ihre  Angriffsaufgabe  zu  erfüllen.  Das  Vorführen  einer
Flankengruppe  durch  Südpolen  und  die  Besetzung  des  dort  alle  WVerbindungen
  beherrschenden  Höhenzuges  der  Lysa  Gora  wäre  auch  dann  an.
gezeigt  gewesen,  wenn  man  am  San  und  Dunujestr  in  der  Werteidigung
Hätte  schlagen  wollen.

Die  allgemeine  Lage  war  zu  Beginn  des  Feldzuges  dunkel  und  nicht
leicht  zu  MUären,  denn  das  weitflächige,  unzugängliche  Gebiet,  das  sich  östlich
der  Weichsellinie  und  der  galizischen  Ost.  und  Stüdostgrenze  dehnte,  gestattele
den  Russen,  ihre  Armeen  gewissermaßen  in  gedeckten  Räumen  zu  versammeln.
ODie  Sand-  und  Sumpfstrecken,  die  sich  an  den  Reichsgrenzen  hbinzogen,
erschwerten  den  österreichisch-ungarischen  Vortruppen  die  Aufklärung  in
bohem  Grade.  Doch  deuteten  alle  Anzeichen,  Berechnungen  und  Nach.
richten,  die  dem  österreichisch-ungarischen  Hauptquartier  vorlagen,  darauf
bin,  daß  die  russische  Heeresmacht  das  Land  westlich  der  Weichsel  freigeben
und  sich  binter  der  Weichsellinie  zu  großen  Bewegungen  auf  den  Flügeln
versammeln  werde.  Die  Wermutungen,  die  darüber  vor  Ausbruch  des
Krieges  angestellt  worden  waren,  haben  sich  im  Laufe  des  Feldzuges  als
richtig  erwiesen,  die  zugrunde  gelegten  Zahlen  aber  wurden  von  der  Wirklichkeit
  weit  üÜbertroffen.

Der  Aufmarsch  der  österreichisch-ungarischen  Armeen  führte  zwölf
Korps,  einige  selbständige  Infanteriedivisionen  und  elf  Reiterdivisionen
nach  Galizien.  Hier  bauten  sie  sich  an  der  San-  und  Onzestrlinie  mit  starlem
linken  Flügel  zu  einer  einheitlich  geordneten,  aber  beweglichen  Heeresmasse
auf,  während  Grenztruppen  dem  Anprall  der  Kosakenhaufen  und  den
Einbruchsversuchen  gemischter  Abeeilungen  die  Stirn  boten  und  Reiterei
und  polnische  Jungschützen  tatendurstig  in  Westpolen  einfielen.  Schon  zu
        <pb n="285" />
        Der  österreichisch-ungarische  Aufmarsch  269

Beginn  der  Mobilmachung  war  in  Krakau  die  polnische  Fahne  entfaltet
worden,  unter  der  die  polnische  Jugend  gegen  Rußland  ins  Feld  zog,
um  die  Träume  eines  Jahrhunderts  zu  erfüllen.

Im  Anschluß  an  diese  österreichisch-ungarischen  Vortruppen  rückten
deutsche  Strceitkräfte  in  Gestalt  des  Landwehrkorps  Woyrsch  über  die  schle.
sische  Grenze.

Planmäßig  wichen  die  Auseen  in  Südpolen  aus,  doch  fanden  vom
J.  bis  14.  August  von  Nowosielica  an  der  beßarabischen  Grenze  bis  Kalisch
zablreiche  Scharmützel  und  Gefechte  statt,  die  den  zähen  Gegner  erkennen
ließen.  Rücksichtslos  sprengte  der  Russe  im  polnischen  Land  Brücken  und
Bahnen,  indem  er  sich  von  der  Linie  Czenstochau—Kalisch  auf  die  Höhen.
welle  der  Lyso  Gora  zurückzog.  Auch  die  Holzbauten  der  Bahnhöfe  gingen
in  Flammen  aus,  ebe  der  Kosak  sich  zur  Flucht  wandte.

Schon  am  3.  August  besehten  deutsche  Truppen  Kalisch,  Bendzin  und
Czenstochau,  am  Tage  darauf  erschienen  deutsche  Reiter  in  Wielun.  Bis
zum  Wartaabschnitt  war  die  Gegend  bereits  frei  vom  Feind  und  die  erste
Bedrohung  von  den  wichtigen  Industriebezirken  Oberschlesiens  abgewehrt.

Im  Auschluß  an  die  Schlesier  beseczten  österreichische  Reiter  Olkucz
und  Wolbrom  an  der  Linie  nach  Kielce.  Sie  gehörten  dem  Korps  v.  Kummer
an,  das  in  Krakau  bereitgestellt  wurde  und  darauf  brannte,  an  den  Feind  zu
gelangen.  Polnische  Jungschühen  nahmen  Miechow,  östlich  von  Wolbrom,
durch  nächtlichen  Uberfall.  Schon  in  den  nächsten  Tagen  schoben  sich  Kummers
Freikorps  und  Kavalleriekörper  verwegen  an  der  GBahnlinie  gegen  das
Vergland  von  Kielce  vor,  wo  die  Russen  noch  einmal  standhielten.  In
bitzigem  Gefecht  bemächtigten  sich  die  österreichischen  Vortruppen  des
Städtchens  Jedezejow,  überschritten  die  Nida  und  nahmen  nach  kurzem
Kampfe  die  Hügelstadt  Kielce  in  Besitz.  Am  15.  August  war  der  russische
Grenzschus  in  Südpolen  über  die  Kamienna  und  Czarna  zurückgewichen  und
das  Vorgelände  freigelegt.  Gleichzeitig  drangen  deutsche  Landwehrreiter
in  Nordpolen  vor  und  gelangten  am  15.  August  schon  in  die  Gegend  von
Lodz,  wo  sie  am  19.  August  die  Bahnlinie  Lod—Warschau  sprengten.

Immer  sicherer  erkannte  man  im  österreichisch-ungarischen  Hauptquartier,
daß  die  leichten  Erfolge  in  Südpolen  auf  planmäßiges  Verhalten  des  Gegners
zurückzuführen  waren,  der  seine  Massen  in  der  Tat  hinter  der  Weichsel  zum
großen  Angriff  auf  Galizien  zusammenballte  und  westlich  der  Weichsel  nur
vorgeschobenen  Flankenschug,  aber  keine  Frontsicherung  anstrebte.

Auch  das  Verhalten  der  Russen  an  der  Ost.  und  Südostgrenze  Galiziens
deutete  auf  Angriffsabsichten  in  südwestlicher  Richtung.  So  leicht  die  russischen
  Grenzhuten  in  Dolen  gewichen  waren,  so  fest  standen  sie  zwischen  Weichsel,
Bug  und  Ibrucz  und  bis  zur  rumänischen  Grenze  und  hielten  das  Kronland
in  weitgespanntem  Bogen  von  drei  Seiten  umklammert.  Unmittelbar  nach
dem  Eintritt  des  Kriegszustandes  brachen  üÜberall  russische  Aufklärungs.
        <pb n="286" />
        270  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

truppen  hervor,  die  aber  von  den  rasch  in  den  Sattel  gestiegenen  österreichi.
schen  und  ungarischen  Reitern  und  den  Grenzkommandos  abgewiesen  wurden.
Bei  Czernowitz  und  Brody  setzten  sich  die  Osterreicher  auf  russischem  Boden
sest  und  legten  eine  Wegsperre  vor  die  Haupteinfallstraßen  und  Bahnen
Galiziens.  Immer  dichter  auftauchende  russische  Geschwader  ließen  indes
erkennen,  daß  sich  das  Gewölk  zu  einem  großen  kriegerischen  Wetter  zusammenzog,
  doch  glückte  es  nicht,  über  die  Vorgänge  jenseits  des  Ibrucz
und  die  Bewegungen  im  wolhynischen  Festungsdreieck  Aufklärung  zu  er.
langen.

Am  Dpsjestr  und  San

Unterdessen  vollzog  sich  der  Aufmarsch  der  österreichisch-ungarischen
Armeen  in  Galizien  und  des  Landwehrkorps  Woyrsch  in  Schlesien.  Auf
dem  rechten  Flügel  sammelte  sich  im  Raume  Stanislau—Stryj  die  Armeeabteilung
  des  Generals  der  Infantkerie  v.  Köveß.  Dazu  waren  das  XII.
und  das  III.  Korps  verfügbar.  Das  XII.  Korps  wurde  in  der  Talweite
von  Stanislau  vor  den  wichtigen  Ostpässen  der  Karpathen  zusammengezogen,
das  III.  Korps  nahm  in  der  Mulde  von  Stryj  Stellung,  wo  die  Haupt.
verbindungen  des  großen  Waldgebirges  in  der  Richtung  nach  Lemberg
zusammenliefen.  Bei  Czernowig  skand  reches  binausgeschoben  als  Flankensicherung
  die  35.  Landsturmbrigade,  bei  Zaleszczpki  näher  heran  die  43.  In.
fanterietruppendivision.  Aber  den  Onjestr  vorgeschoben,  hielt  die  11.  Division
vor  der  Front  das  wichtige  Brzezany  besetzt  und  sicherte  die  Verbindung
der  Heeresgruppe  mit  den  Reiterdivisionen,  die  gegen  den  Ibrucz  aufklärten.

Da  die  Enefernung  von  Stryj  bis  Czernowiß  in  der  Luftlinie  130  Kilometer
  beträgtk,  so  war  die  vielfach  gewinkelte  Onjestrfront  mit  zwei  Korps,
einer  selbständigen  Division  und  beigestelltem  Landsturm  sehr  schwach  besett
und  der  Aufflllung  bedürftig.  Doch  fand  die  rechte  Flügelgruppe  an  den
Brückenköpfen  des  ODnzjestr  eine  gute  Anlehnung  und  konnte  zunächst  die
podolische  Platte,  das  Land  zwischen  dem  Grenzfluß  Ibrucz  und  dem  Serom,
als  weites,  von  querlaufenden  Wasserrissen  zerlegtes  Glacis  betrachten,  das
vom  Feind  nicht  rasch  überschriteen  werden  konnte.  Im  Zuge  des  Onzestrkals
  aufwärts  erwartete  man  noch  keine  starken  russischen  Kräfte.

Eine  zweite  Kampfgruppe  legte  sich  inzwischen  vor  das  ausgesetzte  Lemberg,
  um  die  Hauptstadt  Galiziens  und  Metropole  des  polnisch-ruthenischen
Ostens  nicht  ohne  Zwang  in  die  Hände  der  Russen  fallen  zu  lassen.  Oiese
Aufgabe  wurde  dem  General  der  Kavallerie  v.  Brudermann  zugeteilt,  der
das  XI.  Korps  als  Kern  der  3.  Armee  im  Umkreis  der  flüchtig  befestigten
Stadt  versammelte  und  seine  Kavallerie  gegen  Brody  vorschob.  Das  ihm
zunächst  ebenfalls  unterstellte  XIV.  Korps  vollzog  seinen  Aufmarsch  rück.
wärks  gestaffelt  im  Raume  Sambor.  Die  gegen  Brody  vorgeschobene
        <pb n="287" />
        Am  Onsestr  und  San  271

Reiterei  hielt  die  Linie  Iloczow—Zolkiew  und  warf  im  Anschluß  an  die
Kavallerie  der  Armeeabteilung  Köveß  einen  dichten  Schleier  vor  die  ostgali.
zische  Gront  des  österreichisch-ungarischen  Heeres.  Dieser  kühne  Aufbau  der
3.  Armee  lockte  den  Feind  zu  umfassendem  Angriff,  der  die  Russen  in  die
rechte  Flanke  des  k.  u.  k.  Nordheeres  führte,  wenn  es  ihnen  gelang,  gegen
Halicz—Brzezany  vorzudringen  und  Brudermann  auf  Lemberg  abzudrängen.


Der  Raum,  der  den  zwischen  Lemberg  und  Czernowiß  zu  versammelnden
Streitkräften  Osterreich-Ungarns  zugewiesen  war,  wird  am  einfachsten  durch
einen  Kreisbogen  bezeichnet,  den  man  feindwärts  mit  einem  Nadius  von
114  Kilometern  Länge  um  den  Mittelpunke  Stanislau  beschreibt.  Er  berührt
im  Nordwesten  Lemberg  und  im  Südwesten  Czernowiß  als  nahezu  exzentrischste
  Hunkte  und  im  Nordosten  Alecsinac,  den  russischen  Grenzort  unweit
Jalosc.  Das  so  umschriebene  riesige  Gebiet,  das  einem  konzentrischen  Einmarsch
  von  Osten  und  Südosten  offen  lag  und  zur  Umfassung  unmittelbar
einlud,  mußte  nach  dem  Plane  des  österreichisch--ungarischen  Generalstabes
mit  verhältnismäßig  schwachen  Kräften  möglichst  lange  gehalten  werden,
um  Lemberg  und  die  ganze  rechte  Flanke  der  nordwestlich  von  Lemberg
angesetzten  Angriffsarmeen  zu  decken  und  diesen  Raum  und  die  Zeit  zur
Durchführung  ihrer  großen  Angriffsbewegung  zu  sichern.

Die  Angriffsarmeen  versammelten  sich  nördlich  von  Sambor  am
mittleren  und  unteren  San  und  wurden  in  diesem  schmäleren  Raum  zu
starken  Tiefenmassen  zusammengefaßt  und  stützten  sich  auf  die  Festung
Przemysl,  wo  das  Hauptquartier  aufgeschlagen  wurde,  und  die  strategischen
Bahnlinien  Westgaliziens.  Am  mittleren  San  marschierte  die  4.  Armee
auf,  zu  deren  Oberbefehl  General  der  Infanterie  Ritter  v.  Auffenberg
ersehen  war.  Nördlich  von  PDrzemysl  fanden  ihre  drei  Korps,  das  VI.,
IX.  unb  II.,  um  Jaroslau  einen  günstigen  Versammlungsraum.  Ihre  Kavallerie
  skand  zu  Beginn  des  Aufmarsches,  zwei  Divisionen  stark,  weit
vorgeschoben  jenseits  des  San  bei  Lubaczow,  nordwestlich  von  Lemberg,  und
kllärte  gegen  Norden  und  Nordosten  auf,  wo  sich  hinter  der  nahen  Grenze
das  künftige  Kriegskheater  noch  in  tiefhängendes  Dunkel  hüllte.

Sanabwärts  versammelte  General  der  Kavallerie  Dankl  als  1.  Armee
das  X.,  V.  und  I.  Korps  und  zwei  Meiterdivisionen,  die  sich  als  linke  Flügelgruppe
  des  Heeres  dem  Feinde  am  nächsten  aufbaute  und  den  Gegner  vor
ihrem  linken  Flügel  vermuten  durfte,  also  beizeiten  eine  Linksschwenkung
ausführen  mußee.  ODie  linke  Flanke  der  Armee  ODankl  und  des  ganzen  Heeres
wurde  durch  die  Weichsel  gesichert  und  durch  das  Korps  v.  Kummer  gegen
eine  Bedrohung  von  Iwangorod  her  gedeckt.  Gelang  es  dieser  Flankengruppe,
  die  ihrerseies  wieder  durch  ein  deutsches  Landwehrkorps  gegen  Nordosten
  gedeckt  war,  die  polnische  Weichsel  nördlich  der  Sanmündung  am
Übergang  von  Annapol  zu  erreichen  und  dort  eine  feste  Stellung  zur  Be-
        <pb n="288" />
        272  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

obachtung  von  Iwangorod  einzunehmen,  so  war  dem  Vormarsch  der  Armee
Oankl  der  Weg  freigegeben;  er  fübrie  aber  in  exzentrischer  NRichtung.
Oieser  Aufmarsch  des  österreichisch-ungarischen  Nordheeres  baute  also  in
einer  Frontstellung  vom  Ibrucz  bis  zur  Weichsel  oder,  nach  Orten  bestimmet,
von  Czernowiß  bis  Zawichost  drei  Armeen  und  die  Abteilung  Köveß  auf,
während  die  2.  und  die  5.  Armce  gegen  Serbien  in  den  Kampf  traten.

Die  strategische  Lage  am  18.  August

Begleitet  vom  Lärm  der  Gefechte  an  den  östlichen  Grenzen  und  in
Südpolen,  vollzog  sich  der  österreichische  Aufmarsch  nach  dem  festgestellten
Dlane  und  war  in  gutem  Fluß,  als  am  14.  August  die  Fernauflklärung  durch
die  Flieger  einsecte,  denen  am  DTage  darauf  die  Reiterverbände  folgten.
Die  berühmte  österreichisch-ungarische  Reiterei  prallte  ungestüm  vor  und
stieß  bald  auf  starke  russische  Geschwader  und  Abteilungen  gemischter  Waffen,
die  kühn  angefallen  wurden.  Am  Ibrucz,  am  Bug  und  im  versumpften
und  versandeten  Gebiet  des  DTanew  entspannen  sich  lebhafte  Kämpfe.  Der
russische  Schleier  wurde  jedoch  nur  wenig  gelüftet,  denn  das  bewaldete,
tiefräumige  Gelände  bot  dem  Feinde  den  besten  Schut.  Bergeblich  war
eine  waghalsige  Unternehmung  ungarischer  Honveds,  die  bei  Satanow  über
den  Zbrucz  setzten  und  bis  Kuzmin  vordrangen,  dort  feindliche  Kavallerie
Über  den  Haufen  warfen  und  bis  zum  Smotryczbach  verfolgten.  Feuer
aus  verdeckten  Waldstellungen  zwang  die  Husaren  zum  Rückzug,  auf  dem
sie  durch  einen  nächtlichen  Aberfall  schwere  Verluste  erlitten  hatten.  Immerhin
  hatten  die  Erkundungen  ergeben,  daß  die  russischen  Grenzkorps  schon
versammelt  waren  und  sich  von  der  Weichsel  bis  zum  Onzjestr  scharf  an  die
Grenzen  herangelegt  hatten.

Am  18.  August  war  die  Lage  vermutungsweise  so  weit  geklärt,  daß
man  große  russische  Massen  bei  Lublin  und  an  der  Bahn  Brest-Litows#et—
Iwangorod  annahm,  Meldungen  von  der  Anwesenheit  stärkerer  Kräfte  im
wolhynischen  Festungsdreieck  besaß  und  russische  Truppen  in  der  Richtung
von  Kiew  auf  Proskurow  in  Bewegung  glaubte.  Sichere  Kunde  war  nicht
zu  erlangen,  doch  entsprachen  die  gewonnenen  Anhaltspunkte  noch  in  gewissem
  Amfang  der  gewünschten  Lage,  obwohl  man  geglaubt  hatte,  daß
der  Dormarsch  der  russischen  Armeen  nicht  so  nahe  bevorstehe.  Vollständig
im  Ungewissen  blieb  man  über  die  Stellung  und  die  Absichten  der  russischen
Hauptstoßgruppe.  Niche  ohne  Besorgnis  sah  die  ssterreichisch-ungarische
Heeresleitung  den  Feind  stärker,  näher  und  schlagfertiger  auftreten,  als  man
vorausgesetzt  hatte.  Der  Vorsprung,  den  Rußland  durch  seine  Bereitschaftsstellung
  schon  im  Frieden  gewonnen  und  durch  die  früh  einsetzende  Mobilmachung
  noch  weiter  ausgedehnt  hatte,  begann  sich  sofort  fühlbar  zu  machen.
        <pb n="289" />
        Die  strategische  Lage  am  18.  August  273

In  Wirklichkeit  stand  General  Everth  schon  mit  der  4.  Armee  im
Noum  Lublin,  General  Hlehwe  mie  der  5.  Armee  bei  Cholm,  General  Rußli
mit  der  3.  Armee  bei  Dubno  und  General  Iwanow  mit  der  8.  Armee  bei
Proskurow,  die  4.  und  5.  im  Norden  und  die  3.  und  8.  Armee  im  Osten
und  Südosten  zu  umfassendem  Augriff  aufgebaut  und  dem  Gegner  um
200  Bataillone,  zahlreiche  Geschütze  und  ungezählte  Schwadronen  überlegen.

Bei  Wilna  und  Kowno  und  bei  Warschau  zwei  starke  Armeen,  die  zum
tenzentrischen  Einmarsch  in  Ostpreußen  bestimmt  waren,  bei  Brest-Licow#s#t
und  Lublin  im  Raume  Oubno  sowie  bei  Proskurow  die  Hauptmasse  einheit.
lich  zum  umfassenden  Einbruch  in  Galizien  bereitgestellt  —  wahrlich,  die
russische  Heeresleitung  hatte  Grund,  große  Hoffnungen  auf  eine  rasche  Nieder.
werfung  der  ihr  gegenübertrekenden  deutschen  und  österreichisch--ungarischen
Streitkräfte  zu  setzen!  Die  deutsche  Ostarmee  schien  verloren,  wenn  sie  östlich
der  Alle  den  Kampf  aufnahm,  und  die  österreichisch-ungarische  Nordarmee
schien  zunächst  von  einem  Flankenangriff  aus  Norden  bedroht,  der  sie  von
ihren  Ost.  Westverbindungen  und  der  befestigten  Rückzugslinie  Lemberg—
Drzemysl—Krakau  abschneiden  und  nach  Süden  an  den  Ostfuß  der  Karvalhen
  drücken  und  dort  vernichten  konnte.  Die  österreichisch-ungarische
Heeresleitung  sah  sich  daher  am  18.  August  erneut  vor  die  Frage  gestellt,
ob  sie  unter  diesen  Umsländen  auf  den  ursprünglichen  Plan,  angriffsweise
vorzugehen  und  die  Russen  östlich  des  San  anzupacken,  verzichten  oder  an
ihm  festhalten  sollte.  Der  Entschluß  mußte  rasch  und  bindend  gefaßt  werden.

Geschah  dies  zugunsten  des  ursprünglichen  Planes,  so  fiel  erschwerend
ins  Gewicht,  daß  die  Angriffsbewegung  nun  möglichst  bald  ausgeführt
werden  mußte.  Das  hieß,  die  völlige  Versammlung  des  Heeres  konnte  in
diesem  Falle  nicht  mehr  abgewartet  werden.  Zu  nahe  stand  bereies  der
Feind.  In  der  Nacht  auf  den  18.  August  wurde  im  Hauptquartier  zu
Drzemysl  die  Entscheidung  getroffen,  den  Angriff  mit  der  Nordgruppe
durchzuführen.  Das  war  eine  Entscheidung  von  außerordenrlicher  Schwere,
die  von  grundlegender  Bedeutung  für  Einleitung  und  Verlauf  des  Feld.
zuges  werden  und  zu  einem  exzentrisch  wirkenden  Zusammenprall  der  Heere
zwischen  San  und  Bug  und  Onjestr  und  Ikwa  führen  sollte.

Die  Widersprüche  der  Nachrichten  über  die  Aufstellung  der  russischen
Hauptmacht  waren  noch  nicht  gelöst,  die  Lücken  der  Meldungen  noch  nicht
ausgefüllt  worden,  als  Erzherzog  Friedrich  und  General  Conrad  v.  Högendorf
  sich  aufs  neue  zu  dem  Entschluß  bekannten,  angrifföweise  zu  schlagen.
gJedes  Zögern  wäre  verderblich  geworden,  ein  Entscheid  mußte  in  jedem  Falle
getroffen  werden,  denn  schon  damals  begannen  sich  die  Anzeichen  zu  mehren,
daß  der  Feind  über  eine  ausgebreitete  Spionage  verfügte,  die  ganz  Galizien
wie  mit  einem  Spinngewebe  Überzog.  Planmäßig  wurden  den  österreichischen
und  ungarischen  Kundschaftern  zahlreiche  falsche  Auskünfte  gegeben  und  der
Feind  durch  verräterische  Signale  von  den  Bewegungen  der  Truppen  in

Stegemanno  Geschichte  des  Krieges.  I.  18
        <pb n="290" />
        274  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Kenntnis  gesetgzt.  Ackerfeuer  flackerten  auf,  Nauchsäulen  stiegen,  bunte  Wäsche.
stücke  wurden  ausgehängt,  Glockenzeichen  gegeben  und  von  russischen  und  den
Russen  zugewandten  Kreisen  eine  ausgeklügelte  Angeberei  geübt,  die  in  den
ersten  Kampfwochen  besonders  störend  und  schädigend  empfunden  worden  ist.

Am  18.  August  wurde  im  Hauptquartier  zu  Przemysl  der  bindende
Entschluß  zu  schlagen  in  den  Befehl  zur  Gereitstellung  des  Heeres  umgesetzt.
Die  Acmceen  wurden  aus  den  Versammlungsräumen  mit  einer  mächtigen
und  eneschiedenen  Bewegung  nach  vorn  geschoben  und  zugleich  der  Feldzug
in  Serbien  stillgelege,  um  den  schwachen  rechten  Flügel  durch  die  Korps  der
2.  Armee  zu  verstärken  und  hier  unter  dem  Oberbefehl  des  Generals  v.  Boehm-Ermolli
  eine  größere  Kampfgruppe  zu  schaffen.

Die  Ourchführung  der  allgemeinen  Vorbewegung  fußte  auf  dem  ur.
sprünglichen  Plane,  nach  welchem  die  linke  Flügelgruppe  zum  Angriff
ausersehen  war,  während  die  rechte  sich  in  der  Verteidigung  zu  halten  hatte.
Von  den  750  000  Gewehren,  550  Bataillonen,  220  Eskadronen  und  280  Batterien,
  die  Osterreich-Ungarn  nummehr  gegen  Rußland  ins  Feld  stellee,
wurden  350  Bataillone,  150  Eskadronen  und  150  Batterien  zur  Angriffä.
gruppe  zusammengefaßt  und,  in  zwei  Armeen  unter  den  Generälen  v.  Dankl
und  v.  Auffenberg  und  das  Flankenkorps  des  Generals  v.  Kummer  gegliedert,
gegen  Norden  und  Nordosten  in  Bewegung  gesetze.  Die  1.  Armee  Dankl
machte  sich  am  21.  August  fertig,  mit  starkem  linken  Flügel  von  der
Sanmündung  zum  Tanew  nördlich  Frampol  vorzurllcken  und  die  NRichtung
nach  Norden  zu  nehmen.  Zur  Linken  war  sie  von  der  Flankengruppe
Kummer  gedeckt,  die  den  Russen  durch  das  Bergland  der  Lysa  Gora  gefolgt
war  und  zwischen  der  Kamienna  und  der  Opakowka  die  Weichselniederung
erreicht  hatte.  Die  Armee  Danikl  sollte  alsbald  das  typische  Rußland  vor
sich  finden,  die  weglose  Tanewniederung,  wo  sich  Sand,  Sumpf  und  Wald
in  spröder  Abwechslung  ausdehnten  und  die  Bewegungen  der  Heeressäulen
und  ihres  Trosses  hemmten.

Wäbrend  Dankls  1.  Armee  sich  zum  Durchzug  dieser  verwunschenen
Gegend  fertig  machte,  um  vor  dem  Feinde  die  Höhen  nördlich  der
Tanewwaldungen  zu  gewinnen,  hatte  die  4.  Armee  Auffenberg  rechts  anschließend
  mit  der  Front  über  Cieszanow  bis  Niemirow  für  ein  Vorgehen
nach  Norden,  Nordosten  und  Osten  bereit  zu  sein.  Der  Armee  Auffenberg
fiel  also  je  nach  dem  Verhalten  des  Gegners  die  schwierige  Aufgabe  zu,
ihre  Angriffsrichtung  mehr  nach  Norden  oder  mehr  nach  Osten  zu  nehmen,
wodurch  sie  an  den  Brechpunkt  der  Gesamefront  geriet  und  Angriffen  von
zwei  Seiten  ausgesetzt  wurde.

Um  die  4.  Armee  des  Generals  v.  Auffenberg  in  der  rechten  Flanke  zu
sichern  und  fest  zu  stützen,  mußte  auch  die  3.  Armee  des  Generals  v.  Brudermann
  weiter  nach  vorn  versammelt  werden,  wo  sie  den  Raum  um  Lemberg
bis  zum  Austragen  der  im  Norden  und  Nordosten  zu  erwartenden  Schlachten
        <pb n="291" />
        Die  strategische  Lage  am  18.  August  275

halten  mußte.  Dadurch  wurde  auch  eine  Vorschiebung  der  rechten  Flügelgruppe
  Köveß  bedingt.

Am  so  wichtiger  war  die  große  Werstärkung,  die  dem  rechten
Heeresflügel  durch  das  Heranführen  der  2.  Armee  vom  serbischen  Kriegs.
schauplatz  zugedacht  war.  General  v.  Köveß  erhielt  den  Befehl,  die  südlich
des  Dujestr  im  Naume  Stanislau—Stryj  aufmarschierenden  Korps  an
die  Lbergänge  der  Strecke  Jesupol—Sydaczow  heranzuschieben  und  sich  zum
Vormarsch  über  den  Strom  bereit  zu  machen.  Die  11.  Division,  die  bei
Brzezany  gefährdet  war,  wenn  stärkere  russische  Kräfte  über  den  Sereth
vorbrachen,  wurde  angewiesen,  sich  in  diesem  Falle  auf  Lemberg  und  das
XlI.  Korps  zurückzuziehen  und  in  den  Verband  der  3.  Armee  zu  treten.

Oiese  Anordnungen  waren  getroffen  und  zum  Teil  im  Wollzug  begriffen,
  als  die  Versammlung  starker  russischer  Kräfte  im  Raume  Lublin—
Krasnostaw  durch  Flieger  einwandfrei  festgestellt  wurde.  Am  Abend  des
21.  August  war  kaum  noch  ein  IZweifel  gestattet,  daß  aus  dem  Hügelland
nördlich  des  Tanew,  wo  sich  um  Lublin,  Krasnostaw,  Krasnik  ein  gut  ge.
gliedertes  strategisches  Eisenbahn=  und  Wegneh  spann,  eine  große  russische
Armce  in  nordsldlicher  Richtung  zum  Angriff  angesetzt  wurde.  Aber  auch
von  Nordosten  und  Osten,  ja  selbst  aus  Süden  schien  sich  der  Geind  heranzuwälzen,
  um  die  österreichisch-ungarische  Armee,  über  deren  Stand  er  nur
zu  gut  unterrichtet  sein  mochte,  in  eiserner  Umarmung  zu  erwürgen  oder
gegen  die  Karpathen  zu  drücken.  Von  allen  Seiten  liefen  Berichte  ein,
die  zwar  kraus  und  zerstückelt  waren,  aber  das  Nahen  des  Feindes  erkennen
ließen.  Es  wurden  Kolonnen  im  Vormarsch  auf  Sokal  und  Vrody,  der
Einbruch  von  großen  NReiterverbänden  und  Fußvolk  bei  Tarnopol  und
Marschsäulen  auf  den  Straßen  von  Kamjeniec  Podolski  nach  Czernowitz
gemeldet.  Schon  drohte  sich  der  Mietelraum  von  Lemberg  zu  verengern,
in  dem  man  in  freier  Beweglichkeit  und  trotzdem  in  Masse  geballt  schlagen
mußte,  um  nicht,  wie  im  böhmischen  Feldzug  von  1866,  die  einzelnen  Korps
an  den  Feind  zu  liefern  und  schließlich  in  bedrängter  Zentralstellung  von
drei  Seiten  umfaßt  oder  gar  in  der  Bewegung  zersprengt  zu  werden.

Die  Heeresleitung  verlor  ihre  Ruhe  nicht,  obwohl  die  bedrohlich  klingenden
  Meldungen  immer  noch  viel  Ungewisses  enthielten  und  dadurch  die  Entschlüsse
  erschwerten.  Eines  war  deutlich  zu  fühlen.  Die  russischen  Armeen
waren  nicht  nur  näher,  sondern  auch  zahlreicher,  als  man  hätte  annehmen
dürfen.  Sie  wälzten  sich  auf  allen  Wegen  heran  und  vollzogen  diesen  Vormarsch
  zwar  schwerfällig,  aber  mit  ersichtlichem  Zielbewußtsein.  Am  nächsten
stand  offenbar  die  Nordgruppe.

Es  lag  also  immer  noch  die  Möglichkeit  vor,  diese  anzufallen  und  zu
schlagen,  ehe  die  anderen  Armeen  eingreifen  konnten.  Gelang  der  Schlag,
so  war  die  feindliche  Angriffsbewegung  von  vornherein  um  ihre  Auswirkung
betrogen  und  löste  sich  in  eine  Schlachtenfolge  auf,  die  das  österreichisch.
        <pb n="292" />
        276  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

ungarische  Heer  auch  im  ungünstigsten  Falle  nicht  dem  Verderben  preisgab.
Im  günstigsten  Falle  wurden  die  Russen  auf  der  ganzen  Linie  zum  Rückzug
gezwungen  und  zu  einer  Neuordnung  der  Armee  hinter  dem  Bug  und  dem
Styr  genötigt  und  dadurch  die  polnische  Weichsellinie  von  Süden  umgangen
und  aufgebrochen.  Am  stärksken  kam  dies  zum  Ausdruck,  wenn  der  festgesügte
linke  Angriffsflügel,  der  aus  den  Armeen  Dankl  und  Auffenberg  bestand,
von  Süden  her  in  das  polnische  Festungsgebiet  zwischen  Weichsel  und  Bug
hineinstieß,  die  Linie  Iwangorod—Cholm  zerschnict,  dadurch  das  strategische
Eisenbahnnegß  zerriß  und  in  die  verwundbare  Flanke  der  polnischen  Haupl.
stellung  einbrach.  Gelang  dies,  so  war  auch  der  Vormarsch  der  gegen  Ost.
preußen  aufmarschierenden  russischen  Armeen  ins  Leben  getroffen.  Ooch
bedurfte  es  dazu  starker  Kräfte  und  einer  nach  Osten  und  Süden  stand.
baltenden  Flankengruppe,  die  auf  keinen  Fall  erschüttert  oder  gar  geworfen
werden  durfte.  Unter  diesen  Voraussetzungen  schritt  das  österreichischungarische
  Nordheer  zum  Angriff.

Der  Vormarsch  der  Österreicher  und  Angarn

Um  die  zwischen  Weichsel  und  Bug  versammelten  russischen  Heeresmassen
  zu  schlagen,  ehe  sich  die  russischen  Armeen  aus  Wolhynien  und  Podolien
  herangewälze  hatten,  wurde  der  Vormarsch  der  1.  Armee  beschleunigt
und  die  4.  Armee  noch  weiter  vorgeschoben.  Schon  am  20.  und  21.  August
erhielten  die  Generale  Dankl  und  Auffenberg  den  Befehl,  aufzuschließen
und  die  Aufklärung  zwischen  Weichsel  und  Bug  fortzusechen.  General
v.  Köveß  wurde  angewiesen,  das  XII.  Korps  nach  DPrzemyslany—Swirz
und  das  III.  Korps  in  den  Naum  um  Lemberg  zu  leiten.  Im  Raume  Lemberg
  befehligte  General  v.  Brudermann  auf  ausgesetztem  Posten,  ohne  schon
ller  eine  geschlossene  starke  Kampfgruppe  zu  verfügen  und  ohne  die  versügbaren
  Kräfte  vereinigt  zu  haben.  Die  11.  Division  war  nicht  von  Brzezany
auf  Lemberg  zurückgeholt,  sondern  in  der  Richtung  auf  Iborow  nordöstlich
vorgeschoben  worden,  wo  sie  in  Fühlung  mit  der  Heeresreiterei  den  Raum
Tarnopol  überwachte,  in  den  schon  starke  russische  Vortruppen  einzubrechen
begannen.  Besonders  glücklich  war  die  Aufstellung  der  11.  Division  nicht;
sie  war  ihrem  Korps  entzogen,  ohne  Bürgschaft  für  die  Abwehr  eines  russischen
  Angriffs  leisten  zu  können.  In  ähnlicher  Stellung  hatte  die  Division
Douay  bei  Weißenburg  am  4.  August  1870  gelagert,  allerdings  ohne  jegliche
Sicherung,  während  hier  brave  österreichische  und  ungarische  Reiter  vor
die  ausgesecte  Truppe  einen  Schugvorhang  warfen.

Alles  kam  darauf  an,  ob  die  1.  und  4.  Armee  trot  der  ungünstiger  gewordenen
  Lage  Zeit  und  Kraft  zu  einem  großen  Schlag  behielten  und  die
        <pb n="293" />
        Der  Vormarsch  der  Osterreicher  und  Ungarn  277

3.  Armee  imstande  war,  den  Raum  Lemberg  und  die  rechte  Flanke  der  Angriffsarmeen
  zu  sichern.

Da  General  v.  Köveß  den  Flankenschutz  des  ganzen  Heeres  gegen  Osten.
und  Südosten  übte,  bedurfte  er  dringend  der  Aufnahme  durch  die  2.  Armee.
Er  mußte  aber  das  III.  Korps  nun  endgültig  an  die  3.  Armee  abgeben  und.
darauf  gefaßt  sein,  angefallen  zu  werden,  ehe  die  vom  serbischen  Kriegs.
schauplasz  heranrollenden  Divisionen  zur  Stelle  waren.  Schon  damals  erfuhr
also  die  österreichisch-ungorische  Heeresleitung,  wie  schwierig  es  war,  nach
zwei  Fronten  zu  fechten,  und  wie  schwer  die  Widerstandskraft  der  Serben
und  deren  natürliche  Flankenslellung  ins  Gewicht  fiel.

Die  5.  Armee  hatte  den  Angriff  auf  die  serbische  Stromschranke  am
14.  August  eröffnet,  die  Höhen  auf  dem  rechten  Ufer  der  Drina  in  der  Nähe
von  Loznica  und  Ljesnica  erkämpft  und  bei  Sabac  den  D#bergang  über  die
Save  bewerkstelligt.  Heftige  Gegenangriffe,  die  zu  wilden  Gefechten  im
ZRaume  Sabac  und  zu  einem  serbischen  Vorstoß  im  Naume  Pisegrad
führten,  nahmen  indes  alle  Kräfte  der  5.  Armee  in  Anspruch  und  forderten
auch  den  Einsatz  der  2.  Armee,  wenn  der  günstig  eingeleitete  Feldzug  nicht  ins
Stocken  geraten  sollte.  Trog  dieser  Sachlage  hielt  die  oberste  Heeresleitung  an
dem  Befehl  fest,  der  den  General  v.  Boehm.  Ermolli  mit  der  2.  Armec  von
der  Donau  an  den  Onjestr  rief.  Dort  war  sie  notwendiger  als  in  Serbien,
dort  wurde  sie  mit  Sorgen  erwartek,  um  das  Korps  Köveß  auszunehmen
und  einen  skarken  Verteidigungs  flügel  zu  bilden.  Man  gestattete  demzufolge
zwar  den  vorübergehenden  Einsatg  des  IV.  Korps  bei  Sabac,  um  hier  die
Lage  sicherzustellen,  rief  aber  das  VII.  Korps  und  die  20.  Landwehrdivision
ohne  Verzug  nach  Zydaczow  und  Kalusz  heran,  wo  die  ersten  Staffeln  mit
den  Karpathenbahnen  etwa  am  25.  August  erwartet  wurden.

Am  22.  August  erging  der  Befehl  zu  der  allgemeinen  Vorrückung,  die
schon  in  den  nächsten  Tagen  zu  lebhaften  Kämpfen  führte  und  die  große
Schlachtenfolge  zwischen  Weichsel  und  Bug  einleitete.  Der  Befehl  wies
sämtlichen  Armeen  und  Armecabteilungen  die  Nichtlinien  ihrer  Bewegungen.
Die  1.  Armee  hatte  am  22.  August  die  Höhen  nördlich  der  Tanewwaldregion
von  der  Weichsel  bis  Frampol  in  Besig  zu  nehmen,  die  4.  Armee  mit  ihren
Spigen  in  die  Linie  Tereszpol—Dotylicz  zu  gelangen  und  die  Hauptkräfee
allmählich  nachzuziehen,  die  3.  Armee,  einschließlich  des  herankommenden
III.  Korps,  sollte  sich  bis  zum  25.  August  im  Raume  Magierow—Jolkiew—
Kulikow  und  östlich  Lemberg  versammeln  und  feindliche  Einbrüche  aus  den
Nichtungen  Sokal,  Radziechow  und  Brody  abweisen.  General  der  Insanterie
  v.  Köveß  erhielt  Befehl,  das  Vorrücken  des  auf  Tarnopol  und
südlich  davon  angesetzten  Feindes  zu  verzögern.

.  Es  war  am  21.  August  spät  abends,  als  sich  diese  Entschlüsse  zu  unwiderruflichen
  Befehlen  verdichtet  hatten  und  die  ssterreichisch=  ungarischen
Armeen  ihren  Schlachtengang  antraten.
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        278  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Seit  der  Mobilmachung  waren  zwei  Wochen  verstrichen.  Auf  dem
westlichen  Kriegsschauplatz  waren  schon  größere  Treffen  ausgefochten  worden
und  jetzt  in  Belgien  und  Lothringen  eine  allgemeine  Schlacht  im  Gange.
Im  prcußischen  Norden  klämpfte  die  kleine  deutsche  Ostarmee  unter  un.
günstigen  Umständen  gegen  die  1.  und  2.  russische  Armee,  deren  volle  Stärke
noch  nicht  ermittelt  war,  und  an  der  Drina  und  Save  lag  die  5.  k.  u.  k.  Armee
in  schwerem  Kampf  verstrickt,  aus  dem  sie  sich  nach  dem  Abzug  Boehm.
Ermollis  unter  großen  Opfern  lösen  mußte.  Jetzt  war  der  Augenblick  des
Handelns  auch  für  die  in  Galizien  stehende  k.  u.  k.  Heeresmacht  gekommmen,
und  ihr  Handeln  und  Verhalten  siel  —  das  war  bei  kühler  Erwägung  der
allgemeinen  Lage  klar  ersichtlich  —  enescheidend  ins  Gewicht.  Auf  seiten
der  Entente  aber  erwartete  man  alles  von  den  frühbereiten  russischen  Massen
und  sollte  sich  darin  auch  nur  zum  Teil  getäuscht  haben.

Das  Treffen  bei  Krasnik

General  Dankl  war  im  Vormarsch.  Die  1.  Armee  quälte  sich  schon
rüstig  durch  die  versumpften  Waldungen  des  Grenzlandes,  um  mit  dem
rechten  Flügel  rechtzeitig  die  Höhen  von  Frampol  und  Janow  in  Besis
zu  nehmen  und  links  die  Karlislowka  zu  erreichen.  Geschütze  und  Fuhrwerke
versanken  bis  zur  Nabe,  Fieberluft  briütete  Über  dem  schweißdampfenden
Heere,  auf  das  des  Tags  eine  heiße  Sonne,  des  Naches  ein  Mond  von
ungeheurer  Größe  herabblickte.  An  der  Weichsel  lnallten  verlorene  Schüsse.
Da  erklang  der  dröhnende  Gesang  deutscher  Luftschrauben  im  heißen  Sommerhimmel
  über  dem  Strome.  Es  war  das  Schütte--Lanz--Schiff,  das  in  der
Frühe  in  Schlesien  aufgestiegen  war  und  von  Iwangorod  herkam,  wo  es
mit  wlltendem  Feuer  empfangen  worden  war.  Das  Schiff  flog  stromaufwärts,
  erreichte  Drzemysl  und  gab  dort  wichtige  Erkundungen  ab,  die  das
Oberkommando  in  seiner  Ansicht  bestärkten  und  dem  Vormarsch  gegen
Krasnik  und  Lublin  zugut  kamen.

Die  Vorhuten  Dankls  hatten  bereits  die  hügelige  Gegend  nördlich  der
Tanewniederung  erreicht.  Das  X.  Korps  marschierte  am  rechten  Flügel,
in  der  Mitte  das  V.  Korps  und  auf  dem  linken  Flügel  das  I.  Korps.  Am
23.  August  Überschritt  die  Armee  die  Sanna  und  die  Karlislowka  und  drang  in
breiter  Fronc  gegen  den  Straßenstern  von  Krasnik  vor,  der  die  Verbindungen
in  der  Richtung  auf  Lublin  beherrschte.  Hier  traf  sie  auf  den  Feind.  Iwei
MRussenkorps  hatten  sich  auf  der  Linie  Swieciechow—Goscieradow—Polichna
aufgestellt  und  sicherten  Krasnik  gegen  Südwesten.  Das  I.  Korps  Dankls
geriek  zuerst  in  das  Gefecht,  das  bald  auch  die  äußere  Division  des  rechts
anschließenden  V.  Korps  erfaßte.  Die  ihm  gegenüberstehenden  russischen
Korps  gehörten  der  rechten  Flügelgruppe  an.  Es  war  die  4.  russische  Armee,
        <pb n="295" />
        Das  Treffen  bei  Krasnik  279

die  von  General  Everth  in  den  Kampf  geführt  wurde.  Gut  eingegraben
lagen  die  Russen  in  Deckung  und  hatten  alle  Dörfer  und  Meierhöfe  an  den
Waldrändern  zu  Festungen  ausgebaut,  aus  denen  ihre  Maschinengewehre
Feuer  spien.  Die  anstürmende  Infanterie  der  Osterreicher  wurde  mit  Blei
überschüctet.  Verheerend  wirkte  vor  allem  die  starke  Artillerie,  die  sich  vorzüglich
  eingeschossen  zeigte.  Aber  der  Schwung  der  Österreicher  zerbrach
den  Feuerriegel  der  russischen  Verteidigung  und  warf  die  beiden  Korps  unter
starken  Verlusten  auf  Krasnik  zurück.

Unterdessen  hatten  das  auf  dem  rechten  Flügel  der  1.  Armee  marschierende
  X.  Korps  und  die  an  dieses  anschließende  Division  des  V.  Korps
die  Höhen  nördlich  der  Straße  Janow—arnopol  erreicht,  ohne  in  ein
Gefecht  verwickelt  zu  werden.  Hier  setzte  der  Russe  erst  am  24.  August
zum  Gegenangriff  an,  indem  er  das  XVI.  Korps  und  Teile  des  erlesenen
Grenadierkorps  gegen  das  X.  Korps  schleuderte.

Während  Dankls  X.  Korps  auf  den  Höhen  von  Janow—Frampol
dem  Feinde  die  Stirne  bot,  leitete  der  General  eine  umfassende  Bewegung
vom  linken  Flligel  ein.  Er  schob  zu  diesem  Zweck  sein  I.  Korps  rechts  der
Weichsel  nach  Norden  vor  und  befahl  ihm,  Krasnik  unter  Sicherung  gegen
Opole  von  Westen  anzugreifen.  Die  12.  Division  Übernahm  die  Sicherung
gegen  Opole,  überschritt  die  Wysnika  und  erkämpfte  den  Raum  von  Kluczkowice.
  Die  Hauptmacht  stieß  auf  Krasnik  vor.  In  erbittertem  Kampf
nahm  das  I.  Korps  am  25.  August  die  Höhen  nördlich  der  Stadt  und  bei
Popkowice  und  gelangte  dadurch  in  die  rechte  Flanke  der  Russen.  Der
russische  General  sah  sich  darauf  genötigt,  seine  Reserven  ins  Feuer  zu
werfen,  um  die  bedrohte  Rückzugslinie  nach  Lublin  freizumachen  und  seinen
rechten  Flügel  aus  der  Schlinge  zu  ziehen.  Da  auch  sein  linker  Flügel  keinen
Erfolg  errang,  sondern  nordöstlich  von  Frampol  ins  Wanken  geriet,  blieb
ihm  zuletzt  nur  der  allgemeine  Rückzug  in  der  Richtung  auf  Lublin  übrig,
wenn  er  nicht  in  eine  schwere  Niederlage  verwickelt  werden  wollte.

Am  Abend  des  25.  August  gaben  die  Russen  den  Kampf  auf  und
suchten  dem  konzentrischen  Drucke  zu  entrinnen,  der  ihren  rechten  GElügel  zu
zermalmen  drohte.  In  Ordming  wichen  sie  nach  Norden;  ungeheure  Staubwolken
  bezeichneten  die  Rückzugslinie,  auf  der  sie  in  der  Richtung  auf  Lublin
abzogen.  Ihre  linke  Kampfgruppe  schloß  sich  dem  Jurückgehen  an,  das  durch
einen  glücklichen  Vorstoß  des  X.  Korps  nordöstlich  von  Frampol  beschleunigt
wurde.  Am  Abend  des  dritten  Schlachttages  hatte  die  erste  Staffel  der
Armee  Everth  auf  der  ganzen  Linie  das  Feld  geräumt  und  Krasnik  dem
Gegner  preisgegeben.

Während  die  Armee  Dankl  bei  Krasnik  siegreich  stritt,  hatte  das  Korps
Kummer,  das  ihre  linke  Flanke  sicherte,  westlich  der  Weichsel  gefochten.  Es
war  über  die  Linie  Sobotka—Ostrowiec  an  die  untere  Kamienna  gelangt
und  dort  am  25.  August  bei  Tarlow  angegriffen  worden.  Fechtrend  wich  es
        <pb n="296" />
        280  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

vor  der  plötzlich  auftauchenden  Äbermacht  auf  Lasocin  aus,  während  starke
Kavallerie  die  Kamiennaubergänge  bei  Wierzbnit  sicherte  und  die  Verbindung
mit  dem  deutschen  Landwehrkorps  herzustellen  suchte,  das  von  Przedborz
heranrückte.  Als  die  Deutschen  Szydlowiec  erreichten,  fiel  der  russische  Borsloh
an  der  Kamienna  unter  der  Flankenbedrohung  Woyrschs  in  sich  zusammen.

Die  strategische  Lage  am  25.  August

Am  Entscheidungstag  von  Krasnik  trat  auch  die  4.  österreichisch-ungarische
  Armee  in  den  Kampf.  Schon  am  24.  August  hatte  die  Heeresleitung
erkannt,  daß  sich  die  russischen  Massen  zwischen  Weichsel  und  Bug  auf  mindestens
  sieben  Korps  beliefen,  die,  in  zwei  Armeen  gegliedert,  aufmarschiert
waren.  Die  Frage,  ob  der  Gegner  sich  zur  Offensive  anschickte,  hat  sich  damals
wohl  einer  Prüfung  entzogen,  da  der  eigene  Angriffseneschluß  kein  langes
ZJuwarten  mehr  ertrug  und  die  Lage  sofort  eine  Entscheidung  forderte.
Hielt  man  an  der  Absiche  fesk,  die  Nordgruppe,  mit  deren  rechtem  Flügel
ODankl  bei  Krasnik  im  Kampfe  lag,  zu  binden,  so  mußte  dieser  Angriff  nun
auf  breicer  Fronk  und  mit  stärkeren  Kräften  angesetzt  werden,  als  augenblicklich
  dazu  ausersehen  war;  verzichtete  man  hingegen  angesiches  der  ge.
walcigen  russischen  Ansammlungen  zwischen  Weichsel  und  Bug  auf  die  Fort.
fübrung  der  Offensive,  so  mußte  Dankls  Siegeslauf  unterbrochen  und  die
1.  Armee  angehalten  werden.

Die  österreichisch--ungarische  Heeresleitung  hat  sich  am  24.  Augustwiederum
für  die  Foresetzung  der  Angriffsbewegung  entschieden  und  sich  selbst  durch
den  Einbruch  russischer  Kräfte  in  Ostgalizien  darin  nicht  irremachen  lassen.
Ob  es  AUug  war,  Osterreich-Ungarns  gesamte  Streitmacht  rücksichtslos  gegen
den  Feind  zu  führen,  der  viel  stärker  war  und  viel  näher  und  fester  stand,  als
man  ursprünglich  angenommen  hatte,  bleibe  dahingestellt,  im  Interesse  der
Bindung  und  Ablenkung  der  russischen  Kräfte  war  sie  zweifelsohne,  denn
damals  begann  Hindenburg  die  Schlacht  bei  Tannenberg  vorzubereiten.
Die  Maßnahmen,  die  am  24.  August  in  Przemysl  ergriffen  wurden,  um
den  Angriff  vorwärts  zu  tragen,  sind  mit  großer  Umsicht  und  Schneid  ins
Werk  gesect  worden,  und  die  Offensive  hat  die  Fahnen  der  vorstürmenden
Armeen  Dankl  und  Auffenberg  mit  Siegeskränzen  geschmückt,  die  zwar
später  in  einem  birteren  Rückzug  verteidigt  werden  mußten,  aber  dauernd
von  der  Stoßkraft  und  der  Mansvrierfähigkeit  des  österreichisch-ungarischen
Heeres  zeugen.

Auf  der  Seite  der  Russen,  wo  man  über  die  Stärke  und  Beweglichleit
des  Gegners  wohl  unterrichtet  war,  vollzog  sich  der  Vormarsch  nach  sorgfältig
  aufgestellten  Hlänen,  die  durch  den  Einbruch  der  Armee  Dankk  in  ihren
Grundzügen  kaum  verändert  worden  sind.  Offenbar  waren  die  zwischen
        <pb n="297" />
        Die  strategische  Lage  am  25.  August  281

Weichsel  und  Bug  versammelten  russischen  Armeen  nicht  zur  ersten  Offensive
bestimmt,  sondern  angewiesen,  auf  der  Linie  Krasnik—ZamoscTelatyn
eine  feste  Seellung  zu  beziehen  und  die  Linie  Annapol—Janow—Frampol—
Tomaszow  durch  vorgeschobene  Korps  zu  beseczen,  um  den  Gegner  zu  erwarten,
  der  sich  mühsam  durch  Wald  und  Sumpf  an  die  Höhenstellungen
heranarbeiten  und  dann  mit  dem  unwirtlichen  Gelände  im  Rücken  in  den
Kampf  treten  mußte.  Im  Besige  einer  zahlreichen,  trefflich  ausgebildeten
Areillerie  sahen  die  Russen  Werkeidigungsschlachten  mit  vollem  Vertrauen
entgegen  und  benugten  nach  den  Erfahrungen,  die  sie  in  der  Maudschurei
gemacht  hatten,  sofort  den  Spaten,  um  ihre  Stellungen  zu  verstärken  und
Linie  hincer  Linie  zu  legen.  Mochten  die  Osterreicher  den  Tanew  überschreiten
und  gegen  Krasnik  vordringen  oder  nicht  —  ein  Erfolg  blieb  ihnen  nach
russischer  Auffassung  doch  versagt,  da  die  Entscheidung  in  der  Mitte  und
auf  dem  rechten  Flügel  der  galizischen  Heeresfront  lag,  gegen  welche  die
Russen  ihre  Angriffsarmeen  in  Bewegung  gesetzt  hatten.

Auf  beiden  Seiten  ist  also  der  linke  Flügel  als  Angriffsgruppe  ausgestattet
  worden,  und  beide  Parteien  gingen  vom  linken  Flügel  aus  zum
Angriff  vor,  so  daß  sich  bei  dem  Fortschreiten  der  beiden  Heere  während
der  Schlachthandlung  eine  Achsendrehung  herausbilden  mußte.  Zu  Beginn
der  Operationen  standen  die  Hecre  von  Nordwesten  nach  Südosten  in  Linie.
Und  zwar  waren  die  Osterreicher  auf  ihrem  Angriffsflügel  am  unteren  San
dem  Feind  näher  und  gelangten  daher  rascher  zum  Stoß  als  die  Nussen,
deren  linker  Flügel  jetzt  erst  aus  Podolien  hervorbrach  und  75  Kilometer
Wegs  zurücklegen  mußte,  ehe  er  auf  den  österreichischen  Verteidigungs.
flüigel  traf.

Infolge  dieser  Verhältnisse  hatte  sich,  die  allgemeine  Schlachthandlung
vom  Nordflügel  an  enewickelt  und  zuerst  zu  dem  großen  LTreffen  von  Krasnik
geführt.  Die  Armeen  Dankl  und  Evereh  lagen  noch  im  Kampf,  als  auch
die  4.  österreichisch-ungarische  Armee  den  Angriff  eröffnete.  Sie  hatte  am
24.  August  die  Linie  Potylicz—Tereszpol  erreicht  und  rückte  nun  rechts
von  der  1.  Armee  gegen  Jarczow—Tomaszow—Rudka  vor,  entsprach  also
der  Absicht  der  obersten  Heeresleitung,  die  ihr  auftrug,  mit  dem  rechten
Flügel  längs  der  Huczwa  vorzugehen  und  ihr  zur  Verstärkung  noch  das
XVII.  Korps  zuwies,  das  sich  bei  Radymno  neugebildet  hatte.

Da  die  Vorbewegung  der  Armee  Auffenberg  mit  offener  rechter  Flanke
geschehen  mußte,  zog  Erzherzog  Friedrich  auch  noch  das  XIV.  Korps  und
die  41.  Honveddivision  aus  dem  Verband  der  3.  Armee  und  stellte  sie  als
besondere  Gruppe  unter  den  Befehl  des  Erzberzogs  Josef  Ferdinand  an  den
rechten  Flügel  Auffenbergs.  Sobald  das  geschehen  war,  konnte  man  gegen
Norden  mit  starker  Macht  auftreten.  Für  die  Rückendeckung  des  Erzherzogs
mußte  die  geschwächte  3.  Armee  sorgen.  Die  nach.  Norden  geleiteten  Verstärkungen
  waren  indes  nicht  nahe  genug  am  Feind,  um  sofort  eingreifen  zu
        <pb n="298" />
        282  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

können.  Das  XIV.  Korps  stand  am  24.  August  in  drei  Staffeln  südwesttlich
von  Lemberg  und  bei  Jolkiew  und  Janow  und  die  Honveddivision  war  noch
weiter  rückwäres  bei  Jaworow  versammelt.  Erzherzog  Josef  Ferdinand  setzte
sie  unverzüglich  gegen  Nordosken  in  Bewegung,  wo  die  4.  Armee  am
25.  August  in  den  Kampf  getreten  war.

Während  die  Armee  Dankl  von  Krasnik  in  der  Richtung  auf  Lublin
vordrang  und  die  Armee  Everth  in  schwerem,  immer  zäherem  Kampf  von
Stellung  zu  Stellung  zurückdrückte  und  Niedrzwica  Duza  zu  erreichen  strebte,
entspann  sich  im  Raume  ZJamosc  zwischen  der  4.  österreichisch-ungarischen
und  der  5.  russischen  Armee  am  25.  August  eine  große  Begegnungeschlacht.

Acs  dieser  Zusammenprall  erfolgte,  sammelten  sich  auch  im  Osten  Lembergs
  schon  dunkle  Wetkterwolken  und  bedrohten  die  rechte  Flügelgruppe  des
österreichisch-ungarischen  Heeres.

Die  Armee  Auffenberg  hatte  ihre  rechte  Flanke  durch  die  6.  und
10.  Kavalleriedivision  gesichert  und  ging  am  26.  August  in  der  Nichtung
auf  Tyszowmce—SJamose—Wielacza  vor.  Vor  ihrer  Front  waren  schon
starke  russische  Streitkräfte  in  Bewegung  und  drängten  zwischen  Wieprz
und  Huczwa  nach  Süden.  Offenbar  hatten  die  Kämpfe  bei  Krasnik  die
5.  russische  Armee  veranlaßt,  ihren  Vormarsch  zu  beschleunigen,  um  der
4.  Armee  die  Hand  zu  reichen.  Jeder  Tag  führte  neue  russische  Divisionen
über  den  Bug  und  verstärkte  die  Stoßkraft  dieser  Kampfgruppe.

Die  Schlachten  nördlich  und  südlich  von  Lemberg
Die  Kämpfe  bei  Zamosc—Komarow  (erste  Phase)

Als  die  Armee  Auffenberg  zum  Angriff  schritt,  der  der  glücklichen
Offensive  Dankls  die  strategische  Auswirkung  sichern  und  die  russische  Nordgruppe
  von  der  Masse  des  Heeres  abspalten  sollte,  ging  sie  einem  nach
Stärke  und  Stellung  unbekannten  Feinde  entgegen.  Gewichtige  Fragen
begleiteten  dieses  Borgehen  der  4.  Armee.  Traf  ihr  Stoß  einen  Schwerpunkt
  der  feindlichen  Macht?  War  der  Angriff  stark  genug,  den  Feind  zu
erschüctern  und,  wenn  ja,  blieb  genügend  Zeit,  den  Erfolg  in  exzentrischer
Richtung  auszunützen?  Gewichtige,  ernste,  um  nicht  zu  sagen  besorgte
Fragen,  die  zwischen  Wieprz  und  Huczwa  ihre  Beantwortung  finden  sollten.

Wieprz  und  Huczwa  entspringen  nördlich  von  Tomaszow  in  einem
sumpfigen  Gebiet,  durch  das  sich  merkwürdigerweise  eine  Wasserscheide,  die
der  Weichsel  und  des  Bug,  zieht.  Der  Wieprz,  der  unmittelbar  zur  Weichsel
läuft,  fließt  eine  Strecke  weit  von  Osten  nach  Westen  und  schwenkt  dann  bei
NRudka  nach  Norden;  die  Huczwa,  die  zum  Bug  läuft,  fließt  anfangs  auf
        <pb n="299" />
        Die  Kämpfe  bei  Zamose—Komarow  (erste  Phase)  283

derselben  Breite  wie  der  Wieprz  von  Westen  nach  Osten  und  schwenlt  dann
bei  Laszczow  nach  Norden.  Die  Straße  Tomaszow—amose  zerlegt  diesen
Naum  in  eine  östliche  und  eine  westliche  Hälfte  und  bezeichnet  zugleich  die
Wasserscheide.  Zwischen  Laszeczow  und  Rudka  liegen  von  Osten  nach  Westen
aufgereiht  die  Orte  Rachanie,  Tarnawatka  und  Krasnobrod.

General  v.  Auffenberg  setzte  nun  sein  IX.  Korps  als  Mittelgruppe
gegen  diese  Linie  an  und  wies  ihm  längs  der  Straße  Tomaszow—DTarnawatka—
Zamose  die  Richtung  nach  Cholm.  Auf  dem  rechten  Flügel  ging  das  VI.  Korps,
das  am  25.  August  Jarczow  erreicht  hatte,  über  Laszczow  auf  Tyszowcze
vor.  Das  Korps  war  gehalten,  mit  starkem,  rechts  gestaffeltem  äußeren
Flügel  vorzurücken,  um  zu  der  Sicherung  durch  das  Kavalleriekorps  noch
einen  weiteren  Mückhalt  zu  gewinnen,  falls  die  Russen  von  Krylow  her  einen
Flanlenstoß  unternehmen  sollten.  Das  II.  Korps  bildete  den  linken  Flügel
der  Armee  und  ging  über  Krasnobrod—Rudka  in  der  Richtung  Zamosc—
Wielacza  vor.  Es  hatte  zugleich  den  Anschluß  an  den  Ostflügel  des  X.  Korps
der  1.  Armee  herzustellen,  die  nach  dem  Siege  von  Krasnik  im  Vorrücken
auf  Lublin  begriffen  war,  aber  am  rechten  Flügel  und  in  der  Mitte  schon
unerwartel  starken  Widerskand  gefunden  hakte.  Am  26.  August  zeigte  sich,
daß  sowohl  die  1.  als  auch  die  4.  Armee  auf  einen  mächtigen  Gegner  gestoßen
  waren,  der  nicht  gesonnen  schien,  dem  Angriff  zu  weichen.

Die  Armee  Auffenberg  gewann  indes  im  ersten  Anprall  Boden.  In
bartem  Kampf  bemächtigte  sich  das  VI.  Korps  der  Höhen  südlich  der  versumpften
  Huczwaschleife,  westlich  Jarczow  und  nördlich  Tomaszow,  und
behauptete  sich  dort  zunächst  mit  Erfolg.  Die  Spitzendivision  des  IX.  Korps
rang  sich  bis  in  die  Gegend  westlich  Labunie  vor.  Auf  den  heftigsten  Widerstand
  stieß  der  linke  Flügel,  wo  das  II.  Korps  über  Rudka  zwar  gegen
Szchrebrzeszyn  vorstieß,  aber  bald  in  Bedräugnis  geriet.  Es  sah  sich  von
#bermacht  angegriffen  und  von  einem  Flankensioß  bedroht,  klonnte  sich
nicht  mehr  gegen  Wielacza  entwickeln  und  lief  Gefahr,  erdrückt  zu  werden.

Da  griff  die  Flügeldivision  des  X.  Korps  der  Armee  Danll  ein  und
machte  ihm  durch  einen  Flankenangriff  in  der  Richtung  auf  Deszkowice
Lufe.  Die  Verbindung  zwischen  der  4.  und  1.  Armee  war  also  zu  gemeinsamem
  Handeln  auf  einem  Schlachtfelde  geworden,  das  nun  vom  Bug  zur
Weichsel  reichte  und  die  österreichisch-ungarischen  Stoßarmeen  in  vollem
Angriff  und  hartem  Ningen  kämpfen  sah.

Während  die  Flügeldivision  des  X.  Korps  der  Armee  Dankl  auf  Desekowicc
  vordrang,  warf  seine  linke  Division  westlich  anschließend  feindliche
Vortruppen  über  den  Porbach  zurück,  stießb  aber  am  Ufer  des  Baches  östlich
von  Turobin  auf  starke  Kräfte,  die  in  fester  Stellung  den  Angriff  erwarteten
und  abschlugen.  Auch  die  Mitte  und  der  linke  Flügel  der  1.  Armee  stießen
halbwegs  Lublin  auf  einen  verschanzten  Gegner,  der  die  Niederlage  des
gestrigen  Tages  bereies  verschmerzt  zu  haben  schien  und  dem  Angreifer
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        281  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

entschlossen  die  Zähne  wies.  Nittélings  der  Straße  Krasnik—  Lublin  hatte
die  4.  russische  Armee  in  der  Linie  Tarnawka—Str.  Wies—Bozechon—
Cbodel  befestigte  und  stark  bestückte  Stellungen  bezogen,  die  von  der  1.  Armee
genommen  werden  mußten  und  vom  X.,  V.  und  I.  Korps  troh  herber  Verluste
mit  unvermindertem  Schwung  angegriffen  wurden.

So  erschien  die  Lage  der  1.  und  4.  österreichisch-ungarischen  Armce
am  Abend  des  26.  Auguft  aussichtsreich  und  versprach  einen  vollen  Erfolg,
obwohl  der  Widerstand  alle  Erwartungen  übertraf  und  sich  im  Laufe  des
Tages  merklich  versteift  hatte.

Zwei  Stellen  der  weitgespannten  Front  bildeten  sich  zu  Haupibrenn.
punkten  des  Kampfes  und  des  russischen  Widerstandes  aus,  Tarnawatla
im  Zentrum  der  4.  Armee  und  Chodel  am  linken  Flügel  der  1.  Armee.
Hier  stemmten  sich  die  Russen  den  österreichischen  Angriffen  erfolgreich
entgegen  und  hemmten  dadurch  den  allgemeinen  Fortschritt  der  Angreifer.
Bei  Tarnawatka  und  am  Porbach  sowie  auf  den  Höhen  von  Chodel  und
an  der  Chobeler  Tiefenlinie  standen  die  Russen  wie  die  Mauern,  und  als  der
27.  August  erschien,  sahen  sich  die  Osterreicher  von  neuen  Verstärkungen
bedroht.  Oivision  auf  Division  quoll  über  den  Bug  und  griff  am  linken
Flügel  in  die  Schlacht  ein.  Hier  war  die  Schwäche  der  österreichischen  Angriffsordnung.
  Auffenbergs  rechter  Flügel  hatte  nicht  so  stark  gemacht
werden  können,  daß  er  jedem  Stirn=  und  Seitenanfall  gewachsen  war.
Voroevics  Ungarn  von  der  15.  Division,  die  den  Angriff  führten,  wurden
plößlich  bei  Jarczow  wütend  angefallen  und  vorn  und  in  der  rechten  Flanke
gefaßt.  Schweres  Artilleriefeuer  schlug  in  die  Flanke,  Welle  auf  Welle
erdfarbener  russischer  Infanterie  ergoß  sich  über  ihre  verzweifelt  fechtenden
Bataillone.  Aus  der  Fernschlacht  wurde  wilder  Nahkampf,  in  den  von
Krylow  und  Grubieszow  her  immer  noch  neue  russische  Kolonnen  eingriffen.
Die  große  Flankenbedrohung  war  von  Osten  her  in  Schuß  geraten,  während
sich  zugleich  bei  Komarow  russische  Truppen  zu  Gegenstößen  ballten  und  die
Schlachtlinie  Auffenbergs  in  der  Front  gefährdeten.

An  Erzberzog  Josef  Ferdinand  war  es,  der  Flankenbedrohung  zu
begegnen.  Es  war  die  höchste  Zeit,  denn  schon  wichen  die  Trümmer  der
Flügeldivision  des  VI.  Korps  vor  dem  mächtigen  Ansturm  von  Laszczow
auf  Jarczow.  Die  Kampflinie,  welche  die  15.  Division  gegen  Nordosten
gebildet  hatte,  drohte  vollends  zu  zerreißen.  Mit  der  Kraft  der  Verzweiflung
bielten  die  Trlümmer  der  15.  Division  den  Kampf  aufrecht.  Schieden  sie  aus
dem  Felde,  ehe  Ersatz  da  war,  so  gerict  die  4.  Armee  in  die  Gefahr,  umfaßt
und  aufgerollt  zu  werden.  Das  war  um  so  bedenklicher,  als  die  Kampffront#
sich  verschoben  hatte  und  Teile  des  II.  und  XN.  Korps  schon  nördlich  der
Straße  nach  Szczrebrzeszyn  und  bei  Wielacza  sochten,  während  das  VI.  Korps
bei  Tarnawatka  und  Janow  blutete.  Drang  der  russische  Stoß  nach  Vernichtung
  dieses  Korps  gar  auf  Rawa  Mufka  durch,  so  wurde  die  österreichisch-
        <pb n="301" />
        Die  Kämpfe  bei  Zamose—Komarow  (erste  Dhase)  265

ungarische  Nordgruppe  von  der  Lemberger  Armeegruppe  Brudermann  und
der  südlich  von  Lemberg  in  den  Kampf  tretenden  2.  Armee  abgerissen  und  ein
Durchbruch  Tatsache.  Das  wäre  ein  größerer  strategischer  Erfolg  der  Russen
gewesen  als  die  Umfassung  der  englisch-französischen  Armeen  on  der  Oise
und  Maas,  die  von  den  Deutschen  um  dieselbe  Stunde  eingeleitet  wurde.

Die  Lage  der  österreichisch-ungarischen  Nordarmeen  hatte  sich  inzwischen
auch  auf  dem  äußersten  linken  Flügel  getrübt.  Die  Armee  Dankl  war  troßtz
großer  Fortschritte  auf  ihrem  rechten  Flügel  und  in  der  Mitte  bis  jegt  nicht
imstande  gewesen,  die  von  Westen  geplante  Umfassung  Lublins  durchzuführen,
denn  die  Höhen  von  Chodel  spotteten  des  Stirnangriffs,  und  General  Dankl
verfügte  nach  Einsat  der  12.  Division  dort  über  keine  frischen  Kräfte  mehr,
um  den  Bogen  weiter  nach  Norden  zu  schlagen.  Während  auf  dem  rechten
Flügel  der  Armee  Auffenberg  und  der  allgemeinen  Kampffront  noch  das
XVII.  Korps  und  das  XIV.  Korps  des  Erzherzogs  eingesetzt  werden  konnten,
mußte  auf  dem  äußersten  linlen  Flügel  der  Armee  Dankl  das  schwache  Flanken.
korps  Kummer  herangeholt  werden.  Die  Schlacht  war  in  die  Krisis  getreten.

Erzherzog  Josef  Ferdinand  und  General  v.  Kummer  waren  berufen,
die  Doppelschlacht  zwischen  Weichsel  und  Bug  wiederherzustellen.  Kummer
erhielt  Befehl,  bei  Jozefow  den  Abergang  Über  die  Weichsel  zu  voll.
ziehen  und  bei  Opole  in  das  schwere  Ringen  der  12.  Truppendivision  ein.
zugreifen;  der  Erzherzog  warf  sich  bei  Grodek  und  Jarczow  in  den  Kampf.
Die  allgemeine  Lage  hatte  also  Üüber  Nacht  und  im  Laufe  des  Vormittags
des  27.  August  zwischen  Weichsel  und  Bug  eine  Werschiebung  erfahren.
Die  russische  Abermacht  drohte  das  Gleichgewicht  der  lebendigen  Kräfte  endgültig
  zu  zerstören  und  den  Sieg  davonzutragen.  Auch  die  strategischen  Aussichten
  der  Russen  erschienen  plötzlich  in  hellerem  Licht.  Sie  banden  nicht  mur
die  1.  und  4.  Armee,  sondern  waren  auch  im  Begriff,  sie  zu  schlagen  und
hatten  kroh  der  großen  Verstärkungen,  die  sie  zwischen  Weichsel  und  Bug  versammeln
  mußten,  noch  starke  Armeen  zum  konzentrischen  BVormarsch  auf
Lemberg  freibehalten.

Aus  Wolhynien  und  Podolien  rückten  mächtige  Heeressäulen  gegen
Lemberg  heran  und  felen  die  3.  Armee  in  ihren  weitgespannten  Stellungen
zwischen  Busk  und  Brzezany  an,  ehe  die  2.  Armee  vollständig  versammelt
war.  Um  so  mehr  kam  es  für  die  Oskerreicher  darauf  an,  die  im  Norden  eingeleiteten
  Schlachten  rasch  und  glücklich  zu  Ende  zu  führen,  bevor  die  riesenbaft
  llafternde  russische  Amfassung  das  ganze  österreichisch-ungarische  Heer  von
Lublin  bis  Halicz  umspannte  und  in  den  Raum  Lemberg  bineinpreßte.  Zum
Abbruch  der  Schlache  zwischen  Wieprz  und  Huczwa  war  es  ohnehin  zu  spät,
zu  eng  verklammert  rang  General  v.  Auffenberg  mit  dem  Feind,  der  das
VI.  Korps  vollständig  zu  vernichten  drohte.

Die  oberste  Heeresleitung  entschloß  sich,  das  äußerste  aufzubieten,  um
die  Keisis  zu  überwinden  und  zunächst  die  strategische  Uberlegenheit  und
        <pb n="302" />
        286  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Handlungsfreiheit  durch  einen  großen  taktischen  Erfolg  zwischen  Weichsel
und  Bug  zu  erringen.

Die  1.  Armee  konnte  in  dem  Raum  von  Lublin  und  gegen  diesen  Orr
nur  durch  Wirkung  von  beiden  Flügeln  her  vordringen,  die  4.  Armec  ihren
Angriff  nur  dann  wieder  aufnehmen  und  mit  Sieg  krönen,  wenn  die  Lage
auf  ibrem  rechten  Flügel  wiederhergestellt,  ihre  rechte  Flanke  von  jeder  Be.
drohung  befreit  wurde  und  sie  ihrerseits  den  Feind  in  die  Zange  faßte.  Also
auch  hier  wieder  „ein  Ringen  um  die  Flanken“,  das  sich  zunächst  bei  der
Armee  Dankl  aussprach.

Die  Kämpfe  am  Chodelbach  und  vor  Lublin

Mit  dem  Aufgebot  der  letzten  Kraft  bielt  der  linke  Flügel  der  Armce
ODanll  seine  Stellungen  am  Chodeloabschnitt  fest,  um  der  Armeegruppe
Kummer  Zeit  zu  verschaffen,  die  Weichsel  zu  überschreiten  und  in  den  Rücken
der  feindlichen  Höhenpositionen  vorzustoßen.  Auf  dem  rechten  Flügel  Dankls
verslochten  sich  inzwischen  die  Kämpfe  des  X.  Korps  immer  mehr  mit  den
Kämpfen  des  linken  Flügels  Auffenbergs.  Die  Russen  gingen  hier  zu  Gegenstößen
  Üüber,  die  den  ermatteten  Angreifern  sehr  hart  zusetzten,  doch  gelang
es  im  Laufe  des  28.  August  dem  tapferen  X.  Korps,  den  Porbach  zu  überschreiten
  und  bis  Turobin  durchzustoßen.  Oer  linke  Flügel  der  Armee
Everth  geriet  dadurch  ins  Weichen  und  fiel  nach  Norden  zurück.

Während  diese  Kämpfe  auf  den  inneren  Flügeln  sich  nordwäres  zogen,
hatte  die  Armeegruppe  Kummer  dem  Gefebl  entsprochen,  der  sie  zur  Umfassung
  auf  den  äußeren  linken  Flügel  der  Armee  Dankl  rief.  Im  Laufe  des
28.  August  wurde  bei  Jozefow  eine  Notbrücke  geschlagen  und  die  schwach
verteidigte  Weichsel  in  der  Nacht  auf  den  29.  August  überschritten.  Oie
Lage  schien  sich  verheißungsvoll  aufzuhellen.  General  Dankls  Befehlswimpel
flatterte  seit  dem  28.  August  in  Krasnik.  Er  sah  seinen  rechten  Flügel  in
siegreichem  Vordringen  auf  der  Linie  Zolkiewka—Gielczew—  Bychawa
begriffen  und  die  Russen  auf  rückwärtige  Steellungen  geworfen.  Nur  seine
Mitte,  das  I.  Korps,  lag  noch  beiderseits  der  Straße  Krasnik—Lublin  vor
der  stark  ausgebauten  Höhenstellung  unverrückbar  fest  und  erschöpfte  sich
im  Sctirukampf,  da  es  keine  Kräfte  zur  Amfassung  abzweigen  konnte.  Dieser
Stand  in  der  Mitte  entsprach  indes  dem  eingeleiteten  Umfassungsplan,  und
er  galt  nur,  vor  Niedrzwica  Duza  auszuharren,  bis  das  Korps  Kummer
diesen  russischen  Flügelstützpunkt  in  der  rechten  Flanke  angriff.  Aber  es
sollte  nicht  so  weit  kommen.

Schon  bei  Opole  stieß  General  v.  Kummer  auf  unlberwindlichen  Widerstand
  rechts  hinausgeschobener  russischer  Sereitkräfte,  die  das  versumpfte
Gelände  des  Chodelbaches  in  seiner  ganzen  Länge  hielten  und  sede  Umfassung
unmöglich  machten.  Wergeblich  waren  alle  Wersuche,  die  Tiefenlinie  zu
        <pb n="303" />
        Die  Kämpfe  am  Chodelbach  und  vor  Lublin  287

überschreiten.  Mit  Mühe  gelang  es  am  30.  August,  wenigstens  den  geraden
Anschluß  an  das  I.  Korps  herzustellen  und  sich  auf  den  Höhen  südlich  des
Cpodelabschnittes  fesczusehen.  Im  WVorgelände  lagen  unter  Weiden  und
Erlen  die  Leiber  der  Tapferen,  die  den  gescheiterten  Angriff  opfermutig  in
die  sumpfigen  Gründe  vorgetragen  hatten  und  vom  ferntragenden  Feuer
dabingerafft  worden  waren.

Aber  General  Dankl  verzweifelte  trotzdem  noch  nicht  am  schließlichen
Erfolg.  Was  dem  Korps  Kummer  nicht  geglückt  war,  mußte  dem  deutschen
Landwehrkorps  gelingen,  das  unter  dem  Befehl  des  Generals  v.  Woyrsch
bei  Wierzbnik  stand.  Es  wurde  herangerufen,  und  General  Kummer  erhielt
Befehl,  nun  seinerseies  den  bergang  Woyrschs  auf  das  rechte  Weichselufer
zu  sichern.

ODas  schlesische  Landwehrkorps,  das  General  v.  Woyrsch  in  den  Kampf
führte,  bestand  aus  der  3.  Landwehrdivision  des  V.  Armeekorps  und  der
4.  Landwehrdivision  des  VI.  Armeekorps  und  war  aus  9  Negimentern,
10  Brigadeersatzbataillonen  und  2  Artillerieregimentern  zusammengestellt
worden.  Dem  leicht  weichenden  russischen  Grenzschutz  auf  den  Fersen,  war
das  Korps  über  Opoczno  vorgerückt  und  hatte  sich  der  Straße  nach
Nadom  bemächtigt.  Nun  drang  es  über  die  Linie  Kielze—Szydlowiec—
Radom  gegen  die  Weichsel  vor,  um  in  der  Gegend  von  Opole  den  Ubergang
zu  vollziehen  und  in  die  Schlacht  von  Lublin  einzugreifen.  Aber  auch  Woyrsch
traf  auf  neuverstärkten  russischen  Flankenschutz,  und  zwar  schon  auf  dem  linken
Afer  des  Stromes.

Weitsichtig  hatten  die  Russen  neuerdings  Verstärkungen  von  Iwangorodb
und  Kazimierz  über  den  Strom  vorgeschoben.  An  der  Rzanla,  der  Krepianka
und  der  Kamienna  erfolgte  am  1.  September  die  feindliche  Berührung  mit
diesen  Vortruppen.  Die  deutsche  3.  Division  focht  bei  Nicklan—Maly,
die  4.  Division  trat  südöstlich  von  Radom  bei  Kazanow  in  den  Kampf.  ODie
Umfassung  der  russischen  Flankenstellung  am  Chodelbach  begegnete  also
diesmal  troh  weiteren  Ausgreifens  nach  Norden  schon  links  der  Weichsel
planmäßigem  Widerskand.  Er  konnte  in  der  kurzen  Zeitspanne,  die  zur  Ourchführung
  der  Angriffsbewegung  gesetzt  war,  nicht  gebrochen  werden.  Die
großen  natürlichen  Hindernisse,  die  der  Strom  und  die  Diefenlinien  des
Obodelabschnittes  bildeten,  die  Wachsamkeit  des  Werteidigers,  der  seinen
Flügel  rechtzeitig  verlängerte,  und  die  Nähe  der  Festung  Iwangorod  ließen
das  Gelingen  der  Amfassung  der  Armee  Everth  von  Westen  als  aussichtslos
erscheinen,  zumal  keine  neuen  Kräfte  mehr  verfügbar  waren.  Bald  rief  die
Not  das  Korps  Woyrsch  zu  einer  anderen  Aufgabe.  Die  Schlacht  der
1.  Armee  kam  auf  dem  linken  Flügel  zum  Stehen  und  brannte  zunächst  in
Stellungskämpfen  weiter.

Unterdessen  war  der  rechte  Flügel  der  Armee  Dankl  im  Forrschreiten
geblieben.  Am  31.  August  erstürmte  das  I.  Korps,  das  bis  jeht  in  Anlehnung
        <pb n="304" />
        288  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

an  die  4.  Armce  gefochten  hatte,  Krasnostaw  und  gelangte  bis  Izdebno  und
Lopiennik  auf  6  Kilometer  an  die  Bahn  Cholm—Lublin  heran.

Da  warfen  die  Russen  an  dieser  Stelle  noch  einmal  Verstärkungen  in
den  Kampf.  Eine  AReservedivision  wurde  mit  der  Bahn  herangebracht  und  bei
Biskupice  ausgeladen.  Aber  auch  sie  konnte  den  Schwung  der  österreichischen
Offensive  nicht  brechen.  Bom  #Fleck  weg  ins  Feuer  ge  führt,  geriet  sie  dem
X.  Korps  vor  die  Klinge  und  wurde  köpflings  über  den  Bach  von  Fasslawice
gegen  die  Bahnlinie  zurückgeworfen.  Im  Anschluß  an  das  X.  Korps  nahm:
das  V.  Korps  die  Schützengräben  nördlich  von  Krzezonow  und  grub  sich  auf
den  Höhen  südlich  von  Chmiel  dicht  am  Feind  ein.

Das  weite  Schlachtfeld  mit  seinen  fließenden  Linien  dunkler  Wälder
und  heller  Sandflächen,  den  in  Brand  geschossenen  rotqualmenden  Dörfern
erschien  trog  des  Zusammenpralls  von  Hunderktausenden  einsam  und  verlassen.
  Die  Geschügtze  schienen  ins  Lcere  zu  schießen,  ihr  Dröhnen  und  WBellen
vermischte  sich  mit  dem  Hämmern  der  Maschinengewehre  und  dem  Prasseln
des  Infanteriefeuers  zu  einem  Schlachtenlärm,  der  fremd  und  irr  in  dieser
weiträumigen  Landschaft  zerflatterte.  Aber  des  Ziels  bewußt,  lagen  die
ungarischen  und  galizischen  Regimenter  Biktor  Dankls  in  Sand  und  Sumpf,
um  sich  den  Sieg  nicht  zerpflücken  zu  lassen,  den  sie  bei  Krasnik  erfochten
hatten.  Deutlich  begann  sich  auf  dem  rechten  Flügel  der  1.  Armee  die  Um.
fassung  der  4.  russischen  Armee  abzuzeichnen,  geriet  aber  nun  auch  hier,
dicht  am  Lebenspunkt  der  russischen  Front,  ins  Stocken.

Vom  28.  August  an  stand  die  Armee  Danll  in  einer  nach  Norden
gerichteten  Front  von  der  Chodelmündung  bis  Fajslawice  im  Stellungskaumpf
verstrickt.  Hinter  betonierten  Brustwehren  und  in  mächtigen  Batteriebauten
bielten  die  Russen  vor  Niedrzwica  Duza  unerschütterlich  stand  und  deckten
die  Straße  nach  Lublin.  Die  Armee  Everth  erfüllte  damit  trotz  der  Nieder-=lage
  von  Krasnik  immer  noch  die  ihr  im  Rahmen  der  Gesamthandlung  zugewiesene
  Aufgabe,  war  jedoch  außerstande,  Plehwes  5.  Armee  zu  unterstügtzen,
die  seit  dem  25.  August  bei  Zamosc—Komarow  um  den  Sieg  rang  und  am
28.  August  bereits  die  Hand  nach  dem  Siegespreis  ausstreckte.

Die  Kämpfe  bei  Zamosc—Komarow  (zweite  Phase)

Die  Armee  Auffenberg  hatte  eine  schwerere  Aufgabe  vor  sich,  als  sie
je  einer  Armee  gestellt  wurde.  Seit  dem  26.  August  pochten  auch  zu  ihrer
Rechten  im  Raume  Lemberg  die  Kanonen.  Dort  hatte  die  Armee  Brudermann
  die  WVerteidigung  mehr  nach  Osten  verlegt,  um  dadurch  Raum  und
Zeit  zu  gewinnen.  Sie  war  aber  dabei  westlich  Zloczow  an  den  Feind  geraten
und  in  eine  große  Bewegungsschlacht  verwickelt  worden,  die  von  ihr  unter
ungünstigen  Umständen  ausgesochten  wurde  und  schon  am  nächsten  Tage
eine  verhängnisvolle  Wendung  nahm.
        <pb n="305" />
        Die  Kämpfe  bei  Zamose—Komarow  (weite  Phase)  289

Unter  diesen  Eindrücken  stand  die  oberste  Heeresleitung  Kaiser  Franz
Josephs,  als  die  Armee  Auffenberg  am  28.  August  mit  gewaltiger  Kraft.
anstrengung  zum  entscheidenden  Angriff  schrict.

Immer  noch  wogte  der  Kampf  um  Tarnawatka,  wo  die  Russen  in  ähn.
licher  Stellung  wie  vor  Niedrzwica  Duza  an  der  Lubliner  Straße  beiderseits
  der  Straße  von  Tomaszow  nach  Jamosc  eingegraben  standen.  Von
Komarow  führten  die  Russen  Verskärkungen  heran,  über  Czartowczyk  und
Toszowce  brachen  sie  zum  Gegenstoß  vor  und  wälzten  die  ermatteten  Einheiten
  des  VI.  Korps,  die  sich  zur  Abwehr  in  Bataillonsverbänden  zusammenballten,
  in  blutigem  Kampf  auf  die  Höhen  nordöstlich  von  Jarczow
zurück.  Abgesprengte  Kompagnien  verteidigten  sich  in  den  umfaßten  Stelkungen
  mit  Hingebung,  bis  sie  die  steigende  Russenflut  verschlang.  Der  rechte
Flügel  der  Armee  Auffenberg  war  in  Gefahr,  vollständig  zu  erliegen,  die
Schlacht  verloren,  die  Armee  gefährdet,  wenn  nicht  in  letzter  Stunde  Hilfe  kam.

Da  machte  sich  am  Abend  des  28.  August  das  Eingreifen  des  XVII.  Korps
geltend,  das  im  Eilmarsch  herankeuchte  und  Über  Jarczow  in  den  Endkampf
des  VI.  Korps  eingriff.  Der  Durchbruch  war  verhindert.  Um  welchen  reis,
zeigte  die  Opferung  der  15.  Division.  Aber  die  Schlacht  war  keineswegs  gewonnen,
  nur  zur  Not  die  Lage  bei  Jarczow  hergestellt,  während  bei  Tarnawatka
  der  Kampf  ohne  Ergebnis  weiterbrannte.

Der  Anmarsch  Erzherzog  Josef  Ferdinands  konnte  die  Entscheidung
bringen.  Er  führte  zwei  Divisionen  seines  Alpenkorps  und  die  41.  Honveddivision
  über  Belz  und  Uhnow  zur  AUmfassung  heran.  Gelang  es  der  Armee
Auffenberg,  in  Verbindung  mit  der  Armeegruppe  des  Erzherzogs,  die  5.  russische
  Armee  zu  Überflügeln  und  in  beiden  Flanken  zu  fassen,  so  mußte  den
Russen  ihr  erfolgreicher  Widerstand  bei  Tarnawatka  und  mehr  noch  ihr
Überwältigendes  Vordrängen  auf  Jarczow  zum  Verhängnis  werden.
Dann  fingen  sie  sich  in  der  doppelseitigen  Umfassung  und  verfielen  bei  Komarow
dem  österreichischen  Schwerk.  Siegeshoffnungen  auf  beiden  Seiten:  Die
russische  Heeresleitung  rechnete  den  rechten  Flügel  der  Osterreicher  als  geschlagen
  und  hatte  Grund,  von  einer  Durchbrechung  in  der  Richtung  auf
Tomaszow  und  NRawa  Nufka  einen  großen  Erfolg  zu  erwarten,  denn  dieser
Stoß  spaltete  die  österreichischen  Heeresmassen  und  führte  in  die  Flanke  der
3.  Armee,  die  südöstlich  von  Lemberg  rang,  zerschnitt  also  die  Wurzeln
der  österreichisch-ungarischen  Heereskraft;  die  österreichisch-ungarische  Heeres.
leitung  hingegen  hoffte  auch  am  Abend  des  28.  August  noch,  die  5.  russische
Armee  entscheidend  zu  schlagen  und  die  siegreiche  Armee  Auffenberg  dann
rechtzeitig  nach  Osten  herumzuwerfen,  die  Armeen  Brudermann  und  Boehm-Ermolli
  in  letzter  Stunde  zu  entlasten  und  den  Mussen  auch  bei  Lemberg  eine
Niederlage  zu  bereiten.

Zu  unheimlicher  Glut  entbrannten  die  Kämpfe,  die  diese  Entscheidung
vorbereiten  sollten.  Die  Schlacht  zwischen  Wieprz  und  Bug  schwankte  im

Scegemanns  Geschichte  des  Krleges,  I.  10
        <pb n="306" />
        290  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Wechsel  von  Angriff  und  Gegenangriff  um  die  Höhen  von  Jarczow  und
Tarnawatka  hin  und  ber.  Dicht  gehäuft  standen  die  russischen  Reserven,
die  von  Wladimir  Wolynski  über  Grubieszow  herangeschoben  wurden,  im
Raume  von  Komarow  und  versuchten  das  VI.  Korps  über  die  Huczwa
nach  Süden  zu  werfen  und  vollends  aus  dem  Halt  zu  drücken.  Es  war  ein
mühsames  Hindbalten  der  österreichischen  Verteidigung,  bis  der  Angriff  des
Erzberzogs  sich  von  reches  her  füblbar  machte.  Auch  bei  Tarnawatka  half
nur  ungeheures  Stemmen,  bis  auch  auf  dem  linken  Flügel  die  eingeleitete
Umfassung  ausgereift  war.  Diese  reifte  am  29.  und  30.  August  und  ihre
Früchte  wurden  am  1.  September  gepflückt.

Allmählich  begann  sich  Auffenbergs  spätgelegte  Jange  zu  schließen.  Ihre
rechte  Backe  wurde  von  der  Armeegruppe  des  Erzherzogs  Josef  Ferdinand
und  ihre  linke  Backe  vom  IX.  und  II.  Korps  gebildet,  während  das  VI.  und
XVII.  Korps  am  Werbindungspunkte  der  Hebelarme  den  MRammstößen  der
Russen  Widerstand  leisteren.

Die  Truppen  Josef  Ferdinands  drangen  in  schweren  Kämpfen  über
Drzewodow  hinaus  und  nahmen  die  Höhen  westlich  Posadow.  Das
XVII.  Korps  schob  sich  auf  Grodek  heran,  die  linke  Division  des  VI.  Korps
behauptete  sich  unter  schweren  Verlusten  westlich  von  Rachanie,  und  als  der
Augenblick  gekommen  war,  in  dem  das  Eingreifen  der  Flügel  wirksam  wurde,
warf  General  von  Boroevic  seine  Ungarn  noch  einmal  auf  Tarnawatka.
Das  IX.  Korps  ging  in  zwei  Gruppen  gegen  diese  feuerspeiende  Stellung
vor,  schob  seinen  linken  Flügel  in  nordwestlicher  Richtung  Über  Suchowola
vor  und  schwenkte  dann  nach  Osten  und  Südosten,  um  die  russische  Schlüsselstellung
  zu  umfassen.  Auf  dem  äußeren  linken  Flügel  ging  das  II.  Korps
über  Labunie  gegen  Zamose  vor,  während  in  seiner  linken  Flanke  noch  die
Kämpfe  des  X.  Korps  der  Armee  Danll  brannten,  deren  rechte  Flügeldivision
  erst  nach  dem  Durchbruch  bei  Turobin  zu  Atem  kam  und  den  Angriff
  zu  derselben  Stunde  gegen  Zolkiewka  vortrug,  da  bei  Tarnawatka  und
Zamose  der  Erfolg  reifte.

Die  Schlacht  der  4.  Armee  mußte  auf  der  Linie  Tyszowcze—Komarow—
Zamose  zugunsten  der  Osterreicher  entschieden  werden,  wenn  das  XVII.,
VI.  und  IX.  Korps,  die  nun  zur  Mittelgruppe  geworden  waren,  die  Russen
im  Naume  Tarnawatka—Komarow  lange  genug  bändigten.  Je  mehr  sich
die  russische  Mitte  verbiß,  desto  sicherer  verschwand  sie  im  Maul  der  Zange,
deren  Backenenden  von  rechts  über  Tyszowcze  und  von  links  Über  Lamose
vorgriffen  und  sich  bei  Komarow  berühren  mußten.  Schon  bedrohte  das
IX.  Korps  Tarnawatka  von  Suchowola  her,  schon  setzte  das  II.  Korps
dum  Sturm  auf  Jamosc  an.

Mährische  Regimenter  und  Landwehr  aus  Niederösterreich  brachen
gegen  diesen  S#tltzpunkt  des  russischen  rechten  Flügels  vor  und  trugen  den
Angriff  im  schwersten  Artilleriefeuer  an  den  Feind.  Nur  da  und  dort  eine
        <pb n="307" />
        Die  Kämpfe  bei  Zamose—Komarow  (weite  Phase)  291

Tellermütze,  die  über  den  Rand  des  Schütengrabens  lugte,  sonsk  war  von
den  Russen  niches  zu  sehen.  Durch  schüttern  Wald,  über  schwappenden
Moorboden  und  im  tiefen  Sand  arbeiteten  sich  die  Sturmgruppen  vorwärts.
Flankenfeuer  lichtete  ihre  Reihen,  jede  Moorkuhle,  jeder  Grabenwinkel
barg  ein  Maschinengewehr,  aber  Linie  auf  Linie  wurde  genommen  und  endlich
Zamose  selbst  im  grimmen  Nahlany#f  gestürmt,  Fahnen  und  Geschüe  erobert,
der  Feind  nach  Nordosten  ins  Freie  geschlagen  und  in  der  Richtung  auf
Komarow—Miaczyn  verfolgt.  Die  linke  Flügeldivision  des  II.  Korps
schwenkte  nach  dem  Sturm  als  Flankensicherung  halblinks  und  warf  die
Nussen  an  der  Straße  Zamoso—Krasnoskaw  nach  Norden,  während  links
von  ihr  das  rechte  Flügelkorps  der  Armee  Dankl  den  Angriff  an  der  Wieprzlinie
  auf  Fajslawice  vortrug.

Auf  dem  rechten  Flügel  der  Armee  Auffenberg,  im  Befehlsbereiche  des
Erzherzogs  Josef  Ferdinand,  hatte  der  Kampf  den  Charakter  eines  Ringens
gegen  steigende  Ubermacht  nicht  verloren.  Fortgesetzt  brachten  die  Russen
Verstärkungen  ins  Treffen,  um  der  Umfassung  zu  begegnen,  die  ihnen  den
Sieg  zu  entreißen  drohte.  Trohdem  ging  der  Angriff  der  Osterreicher  aus
dem  Flankenraum  von  Telatyn  gegen  Tyszowcze  vorwärts.  Er  konnte  von
außen  her  nicht  mehr  gehemmt  werden,  da  die  Ansammlung  der  russischen
Masse  auf  der  Innenseite  nicht  mehr  rückgängig  zu  machen  war.

Da  versuchte  die  russische  Schlachtleitung  ein  letztes:  Sie  lenkte  neue
Kräfte  von  Südosten  aus  dem  Qaum  Rowno  in  den  Rücken  des  Erzberzogs,
der  mit  dem  Gesicht  nach  Nordwesten  kämpfte.  Dazu  waren  die  Russen  in
der  Lage,  weil  die  Schlacht  bei  Lemberg,  die  die  3.  Armee  Brudermann
seit  dem  27.  August  auskämpfte,  zu  Ungunsten  der  Osterreicher  ausging.
Der  Erzherzog  hatte  zur  Abwehr  dieses  Worstoßes  russischer  Streitkräfte
in  seinem  Rücken  nur  noch  Reiterei  in  der  Hand  und  warf  diese  dem  neuen
Feind  in  den  Weg.  Sie  bezog  an  der  Solokija  eine  Verteidigungsstellung  und
bot  dem  von  Mosty  Wielkie  heranrückenden  Feind  die  Spitze.  Zum  Glück
für  den  Erzherzog  entwickelte  sich  dieser  Flankenstoß  mit  der  Schwerfälligkeit,
  die  dem  russischen  Heer  eigen  ist.

Unterdessen  entriß  das  XIV.  Korps  im  Verein  mit  dem  XVII.  Korps
und  der  41.  Honveddivision  dem  Gegner  in  der  Front  Stellung  um  Stellung
und  drang  am  30.  August  bis  Poturzyn—Laszczow  vor.  Da  der  linke
Flügel  Auffenbergs  nach  der  Erstürmung  von  Zamosc  nach  Osten  vorrückte,
in  der  Mitte  Tarnawatka,  von  drei  Seiten  umfaßt,  dem  Angriff  erlegen  war,
so  zog  sich  die  Schlacht  am  31.  August  nun  im  Raume  Komarow—DToszowcze
zusammen.

Drei  russische  Korps  standen  hier  eng  versammelt  und  erwehrten  sich  in
heftigen  Gegenstößen  des  konzentrischen  Drucks  von  Ost,  Süd  und  West.
Von  Wladimir  Wolynski  eilten  die  lezten  verfügbaren  Werstärkungen  der
Russen  herbei,  um  die  Einschließung  zu  verhindern,  während  an  der  Solo-
        <pb n="308" />
        292  Der  Feldzug  in  Galizlen  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

kija  die  Spitzen  der  siegreichen  russischen  Ostarmee  in  den  Rücken  der  Armee.
gruppe  Josef  Ferdinands  einzubrechen  suchten.  Dessenungeachtet  ging  der
entscheidende  Angriff  vorwärts.  Tiroler,  Salzburger,  Mähren  und  AUngarn
warfen  den  Feind  von  Stellung  zu  Stellung.  Tyszowcze  fiel  nach  grimmigem
Kampf.  Komarow  wurde  am  1.  September  mit  stürmender  Hand  genommen.
Unter  schweren  Verlusten  fluteten  die  Russen  zurück,  um  der  Jange  zu  entrinnen
  und  sich  zu  sammeln.

Die  Schlacht  bei  Zamosc  war  entschieden.  Rotglühend  sank  in  Dunst  und
Dampf  der  Sonnenball  hinter  den  Wäldern.  Verfolgungsfeuer  der  Osterreicher
und  der  blutige  Widerschein  brennender  Dörfer  erhellte  die  Nacht.  Tausende
von  Gefangenen  und  der  Geschütpark  eines  ganzen  Armeekorps  fielen  in  die
Hände  der  Sieger,  die  zwar  von  achttägigem  Ringen  erschöpft  waren  und
selbst  starke  Verluste  erlitten  hatten,  aber  wohl  imstande  gewesen  wären,  dem
auf  Grubieszow  abziehenden  Feinde  zu  folgen  und  Schulter  an  Schulter
mit  der  1.  Armee  den  Russen  die  Linie  Lublin—Cholm  zu  entreißen,  wenn
die  Heeresleitung  sie  nicht  bieter  nötig  gehabt  und  zum  Entsaß  der  3.  Armee
nach  Qemberg  gerufen  hätte.

Die  Kämpfe  bei  HPrzemyslany—Rohatyn  (erste  Phase)

Schon  am  24.  August  hatte  die  österreichisch-ungarische  Heeresleitung  der
3.  Armee  neue  Kräfte  zugewiesen,  die  sie  instand  setzen  sollten,  dem  Andrang
der  linken  russischen  Flügelgruppe  zu  wehren.  Da  Erzherzog  Josef  Ferdinand
die  Front  der  4.  Armee  nach  Osten  verlängerte,  mußte  auch  die  3.  Armee
weiter  nach  Osten  vorgeschoben  und  dem  Erzherzog  dadurch  der  Rücken
freigehalten  werden.  Man  hoffte  sogar,  angriffsweise  gegen  den  obersten
Bug  vorgehen  zu  können  und  den  Gegner  im  Anmarsch  zu  Überraschen,  ehe
er  seine  Kolonnen  in  Schlachtordnung  gestellt  hatte.  Doch  schon  stand  auf
dem  äußersken  rechten  Flügel  der  Gesamtaufstellung  die  3.  Landsturmbrigade
  bei  Cernowitz  im  Gefecht  mit  einer  podolischen  Divifion,  die  am
24.  August  vorgeprallt  war  und  in  schwerem  Kampf  abgeschlagen  wurde.
Orohte  dort  nicht  Gefahr?

General  v.  Brudermann  erhielt  zunächst  am  24.  August  den  Befebl,
den  über  Brody  und  Tarnopol  vordringenden  Russen  mit  versammelten
Kräften  entgegenzutreten.  Hierzu  wurde  ihm  noch  das  XII.  Korps  und  die
8.  Kavalleriedivision  Üüberwiesen.  General  v.  Köveß  bildete  jetzt  mit  seinem
XII.  Korps,  der  schon  vorher  an  die  3.  Armee  abgegebenen  1  1.  Liniendivision
und  der  8.  Kavalleriedivision  den  rechten  Flügel  der  3.  Armee.  In  die
Brückenköpfe  am  Onjestr  rückten  Kräfte  der  2.  Armee  v.  Boehm-Ermolli,
deren  erste  Staffeln  am  25.  August  in  Stanislau  und  Stryj  ausgeladen
wurden.  Bei  Horodenka  stand  die  43.  Honveddivision  und  sicherte  die  rechte
Armeeflanke  gegen  Zaleszczycki  und  Borszezow.  Die  11.  Liniendivision,
        <pb n="309" />
        Die  Kämpfe  bei  Przemyslany—Rohatyn  (erste  DPhase)  293

die  bei  Oborow  stark  gefährdet  worden  war,  hatte  sich  rechtzeitig  auf  Homor-=zany
  zurückgezogen.  Der  Czernowigze##  Landsturm  hielt  vorläufig  stand.

Am  Abend  des  24.  August  befand  sich  die  3.  Armee  noch  in  der  Umbildung
  begriffen,  innerhalb  einer  Linie,  die  durch  die  Hunkte  Rohatyn,
Pomorzany  und  Kamionka-Strumilowa  bestimmt  wird.  Die  engere  Versammlung
  der  Armee  mußte  mit  äußerster  Schnelligkeit  und  Entschiedenheit
erfolgen,  denn  die  einzelnen  Korps  standen  verzettelt  in  einem  Raume,  der
von  einem  konzentrischen  Angriff  weit  überlegener  Massen  bedroht  war.
Am  25.  August  hatte  sich  die  Lage  Brudermanns  etwas  gebessert.  Das
XII.  Korps  erreichte  an  diesem  Tage  die  Linie  Blotnia—Drzemyflany
und  baute  sich  hier  als  rechter  Armeeflügel  auf.  In  der  Mitte  nahm  das
III.  Stellung,  das  sich,  nach  vorn  gestaffelt,  bis  zum  wesllichen  Quellfluß
der  Zlota  Lipa  vorbewegte  und  am  25.  August  bei  Gologory—Bortkow
Fuß  faßte.  Den  linken  Flügel  bildere  das  XI.  Korps;  es  gelangte  beiderseits
  der  Bahn  Lemberg—Brody  bis  Jaryczow  auf  das  linke  Ufer  des
Peltew  und  wurde  von  der  44.  Landwehrdivision,  die  das  XIV.  Korps
vor  seinem  Abmarsch  zur  AUnterstützung  Auffenbergs  bei  Lemberg  zurückgelassen
  hatte,  in  der  linken  Flanke  gesichert.  Die  44.  Landwehrdivision
hatte  zu  diesem  Zweck  bei  Kulikow  an  der  Seraße  Lemberg—olkiew  eine
günstige  Höhenstellung  bezogen.  Zwischen  Jaryczow  und  Kulikow  hielt
die  11.  Honvedkavalleriedivision  bei  Joltanee  Wacht.  Die  Honvedreiter
hatten  schon  bei  Kamionka-Strumilowa  ein  blutiges  Gefecht  mit  feindlicher
  Infanterie  und  Artillerie  beskanden  und  den  Vormarsch  starker
russischer  Kräfte  von  Cholojow  festgestellt.  Die  Armee  Nußki  war  im
Anmarsch.

Es  war  der  rechte  Flügel  der  russischen  Angriffsarmeen,  der  am
25.  August  die  Linie  Cholofow—Sloczow  erreicht  hatte.  Die  Mittelgruppe
erschien  auf  dem  linken  Ufer  der  Zlota  Lipa  östlich  Domorzany  und  Brzezany
im  Gesichtsfeld  des  XII.  Korps.  Eine  Schlachthandlung  köndigte  sich  an,
die  zugleich  ösllich  und  westlich  Lemberg  drohte,  während  Dankl,  Auffenberg
  und  Josef  Ferdinand  nordwestlich  und  nördlich  von  der  galizischen
Haupestadt  verstrickt  lagen.

General  v.  Ksveß  war  um  seine  rechte  Flanke  nicht  unbesorgt,  obwohl
die  11.  Liniendivision  und  die  8.  Kavalleriedivision  die  Flankendeckung
Übernommen  hatten.  Oiese  Besorgnis  war  gerechtfertigt,  denn  in  der  DTar
stand  die  Armee  mit  dem  rechten  Flügel  weit  nach  Osten  hinausgeschoben
und  war  dadurch  einer  Umfassung  von  Budzanow—Podhasce  ausgesegt.
Diese  Gefahr  wuchs  mit  der  Vorrückung,  die  die  Armee  Brudermam  am
26.  August  noch  weiter  nach  Osten  führte.  Die  allgemeinen  Richtlinien  dieses
entscheidenden  Vormarsches,  der  im  Zusammenstoß  mit  den  russischen  Einfallarmeen
  gipfelte,  wiesen  das  XII.  Korps  auf  die  Höhen  süblich  Remizowe,
das  III.  Korps  auf  die  Höhen  südwesllich  Iloczow  und  das  XI.  Korps
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        294  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

nach  Busk  an  die  Tiefenlinien  des  Bug.  Die  beiden  Flankengruppen  sollten
den  Vormarsch  gegen  Südosten  und  Nordosten  sichern.

Die  Mussen  rückten  mit  stärkeren  Massen  in  wesentlich  breiterer  Front
vor  und  spannten  ihren  linken  Flügel  schon  in  der  Grundstellung  zur  Um.
fassung  aus.  Darüber  hinaus  prallten  sie  mit  großen  AReiterkörpern  und
dem  VIII.  Armeekorps  auf  den  Brückenkopf  NRizniow  vor.  Zu  gleicher  Zeie
bedrohten  sie  den  linken  Flügel  der  3.  Armee,  indem  sie  ihren  rechten  Flügel
so  weit  ausspannten,  daß  die  44.  Honveddivision  in  Gefahr  geriet,  bei  Zolkiew
und  Joltance  Überflügelt  zu  werden.  Was  Ernst,  was  Schein  war  und  wo
sich  das  Schwergewicht  äußern  würde,  sollten  die  nächsten  Tage  lehren.

Die  Schlacht  entbrannte  am  26.  August  mit  voller  Heftigkeit.  Oster.
reicher  und  Ungarn  trafen  auf  den  Feind,  bevor  die  ihre  Marschziele  erreicht
batten.  Die  Werteidiger  von  Horodenka  sahen  sich  schon  zu  Beginn  der
Schlacht  von  der  Verbindung  mit  der  Bukowina  abgeschnitten  und  zogen
nach  Stanislau  ab.  Dadurch  wurde  die  rechte  Armeeflanke  noch  mehr  ge.
fährdet,  doch  kam  dies  zunächst  weniger  zum  Ausdruck  als  die  starke  Ver.
lämpfung  in  der  Front.

Auf  den  Höhen  westlich  von  Koropiec  wurde  das  XII.  Korps  mit
wultendem  Feuer  empfangen,  in  der  versumpften  Niederung  der  westlichen
Zlota  Lipa  stieß  das  III.  Korps  vor  Gologory  auf  einen  überlegenen  Gegner
und  bei  Busk  geriet  das  XI.  Korps  an  den  Feind.

Anfangs  trug  der  Schwung  des  Angriffs  die  Regimenter  vorwärts,
aber  bald  sahen  sie  sich  von  einem  Fernfeuer  Üüberlegener  Artillerie  über.
schüttet,  das  ihre  Schwarmlinien  in  Fegen  riß  und  dunkelfarbigen  Rauch
und  rote  Erdwolken  über  die  Angriffsfläche  wälzte.  Osterreichische  Geschütze
waren  kaum  aufgefahren,  da  umfing  sie  schon  das  treffsichere  Feuer  des
verdeckt  stehenden  Gegners,  der  im  voraus  über  den  Standort  der  Batterien
unterrichtet  schien  und  ganze  Geschügzzeilen  niederlegte.

Trogdem  gelang  es  Brudermanns  Flügelkorps,  Fuß  zu  fassen.  Das
XI.  Korps  behauptete  sich  bei  Bust  gegen  überlegene  Kräfte,  und  das
XII.  Korps  stieß  so  kraftvoll  gegen  die  Koropiecer  Höhen  vor,  daß  die
ARussen  Truppen  aus  der  Mitte  dorthin  ziehen  mußten.  Dadurch  kam  das
II.  Korps,  das  in  üble  Lage  geraten  war,  wieder  zu  Atem.  Aber  es  war
der  3.  Armee  in  dieser  Aufstellung  nicht  möglich,  ohne  offene  Flanke  zu
fechten,  denn  die  Lücke  zwischen  dem  Dujestr  und  dem  rechten  Flankenschut
war  zu  groß,  um  der  11.  Infanterietruppendivision  und  der  8.  Kavallerie.
division  die  Aufnahme  des  Kampfes  mit  Aussicht  auf  Erfolg  zu  gestatten.
Die  strategische  Rolle,  die  Generalleutnant  v.  Morgen  vom  6.  bis  10.  September
  bei  Biala  und  HLyck  in  so  glänzender  Weise  durchgeführt  hatte,  fand
aus  Mangel  an  Kräften  auf  dem  galizischen  Kriegsebeater  keinen  Vertreter.
Die  11.  Division  wurde  von  dem  stark  überlegenen  Gegner  bei  Brzezany  von
vorn  und  in  der  Flanke  gepackt  und  auf  Dunasow  und  Narajow,  die  Neiterei
        <pb n="311" />
        Die  Kämpfe  bei  Przemyslany—Robhatyn  (erste  Phase)  295

auf  Rohatyn  zurückgeworfen.  Dadurch  wurde  Brudermanns  rechter  Flügel
vollends  der  Umfassung  preisgegeben  und  die  Lage  der  österreichisch--ungarischen
Armee  kritisch.

Die  russische  Heeresleitung  hatte  Grund,  die  Operationen  in  Polen
und  Galizien  als  einheitliche  Schlachthandlung  aufzufassen,  und  sah  ihre
gut  gegliederte  Angriffsbewegung  an  entscheidenden  Punkten  zum  Erfolg
reifen.

Schon  am  26.  August  konnte  ein  tödlicher  Stoß  zwischen  Rohalpn
und  Narasow  in  die  Flanke  der  3.  k.  u.  k.  Armee  führen;  die  paar  tausend
Karabiner  und  das  Ducgzend  leichter  Geschüge,  die  dort  das  Feuer  unterbielten,
  Uangen  schwächer  und  schwächer  und  wurden  vom  Donner  der  schweren
russischen  Batterien  verschlungen.  Schon  erschienen  starke  russische  Kräfte  an
der  Narajowka  und  bedrohten  Bolszowoee.

Als  der  Abend  sank,  war  die  Lage  der  3.  Armee  troßh  der  Fortschritte
des  XII.  Korps  und  der  standhaften  Haltung  des  III.  und  KXI.  Korps  gefährlich
  geworden.  Wie  groß  die  Gefahr  war,  entzog  sich  noch  der  sicheren
Erkenntnis,  da  die  Russen  sich  sehr  langsam  heranschoben  und  die  Kämpfe
zwischen  Koropiee  und  Krasne  die  Aufmerksamlkeit  fesselten.

General  v.  Brudermann  war  entschlossen,  die  Schlacht  durchzukämpfen.
Ersuchte  die  Entscheidung  bei  Koropiec--Gologory.  Gelang  es  dem  XII.  Korps,
ösllich  Dunajow  einzuschwenken  und  die  gegen  das  III.  Korps  andrängenden
Mussen  in  der  linken  Flanke  zu  packen,  so  war  es  möglich,  sie  in  die  versumpfte
Niederung  der  Ilota  Lipa  zu  werfen  und  bei  Sloczow  vernichtend  zu  schlagen.
Aber  dazu  gehörte  eine  stärkere  Sicherung  der  eigenen  rechten  Flanke,  als
die  3.  Armee  besaß,  sonst  wurde  das  XII.  Korps  seinerseits  umfaßt  und  die
3.  Armee  von  der  Verbindung  mit  den  Brückenköpfen  des  Dujestr  im  Raum
Halicz  abgeschnitten  und  in  nordwestllicher  Richtung  nach  Lemberg  hineingeworfen.
  Zwar  waren  unterdessen  die  ersten  Verbände  der  2.  Armee  auf
dem  galizischen  Kriegsschauplatz  eingetroffen  und  bei  Martinow  und  Iy.
daczow  in  der  Versammlung  begriffen,  aber  durch  diese  Notstandsmaßnahmen
  war  noch  keine  operative  Sicherheit  geschaffen.

Die  Gesamtlage  mahnte  zum  Aufsehen,  denn  wenn  die  NRussen  tief  in
die  rechte  Glanke  des  Heeres  einbrachen,  das  am  26.  August  mit  der  1.  Armee
nördlich  Krasnik,  mit  der  4.  Armee  bei  Tomaszow  und  mit  der  3.  Armee  bei
Przemyslany  unter  Einsaß  aller  Reserven  schwer  verkämpft  und  verstrickt  lag,
wies  ihm  das  Schicksal  nur  noch  den  Weg  zu  einer  WVerzweiflungsschlach"
mit  verwandter  Front  bei  Lemberg.  Die  2.  Armee,  die  erst  als  Torso  Gestalt
gewann  und  die  Stromlinien  von  Halicz  bis  Jydaczow  decken  mußte,  hätte
in  diese  Schlacht  nicht  mehr  eingreifen  können.

Im  k.  u.  k.  Hauptquartier  haben  Erwägungen  dieser  Art  stattgefunden,
aber  den  Entschluß  zu  schlagen  nicht  beeinträchtigt,  denn  im  Norden
stand  es  gue  und  die  Gefahr  am  Onjesir  lag  noch  im  Angewissen.  Um
        <pb n="312" />
        296  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

so  größer  war  die  Verantwortung,  die  der  Führer  der  3.  österreichischen
Armee  trug,  als  er  seine  Anordnungen  für  den  27.  August  traf.  Die
Heeresleitung  schickte  als  leczte  Verstärkungen  die  23.  Honveddivision,  die
bei  Niemirow  gestanden  hatte,  und  die  Landskurmbrigade  von  Moseiska
nach  Lemberg  und  wies  die  Korps  Boehm.-Ermollis  an,  ihre  Bereitschaft
tunlichst  zu  beschleunigen.  Von  den  Weichselbrücken  bis  zu  den  Brückenköpfen
des  Onjestr  zog  sich  in  vielfach  gebrochener  Front  die  riesige  Kampflinie  der
beiden  Heere.

In  der  Nacht  auf  den  27.  August  malte  die  Schlacht  in  Ostgalizien  ihre
feurigen  Schriftzeichen  mit  erschreckender  Deutlichkeit  an  den  dunklen  Himmel.
Bei  PBrzezany  reifte  die  Aberflügelung  der  Z.  Division  durch  die  Russen
rascher  als  die  Umfassung  des  russischen  Setellung  von  Koropieon—Remizowce
  durch  das  XII.  Korps.  Am  frühen  Morgen  begamn  bei  Narajow  in  der
österreichischen  Schlachtfronk  eine  Lücke  aufzuspringen.  Wohl  rannte  das
XII.  Korps  die  ersten  Stellungen  auf  den  Höhen  östllich  von  Dunasow  über
den  Haufen,  pflanzte  seine  Fahnen  über  den  erstürmten  Gräben  und  gewann
die  Straße  nach  Pomorzany,  aber  der  gefürchtete  Flankenstoß  der  Russen
in  der  Richtung  auf  Narasow  machte  diesen  Erfolg  alsbald  zunichte.  Er
verwandelte  ihn  sogar  in  einen  Nachteil,  denn  die  aus  Narajow  geworfenen
Truppen  klammerten  sich  nur  mit  Mühe  an  die  Höhen  westlich  der  Zlota
Lipa  und  waren  nicht  imstande,  den  Einbruch  zu  hemmen.  Schon  strudelte
die  russische  Flut  in  den  Rücken  des  XII.  Korps,  schon  rissen  neue  Angriffswogen
  die  Lücke  weiter  auf.

Auch  in  der  Mitte  schwoll  der  Angriff  mächtig  an  und  schwemmte  das
III.  Korps  von  den  Hügellehnen  in  die  Mulden  hinunter,  wo  es  von  Artillericfeuer
  überschüctet  wurde.  Die  nördlich  der  Handstraße  Lemberg—SHloczow
fechtende  Division  wich  zwar  nur  schrictweise,  die  rechts  vorwärts  gestaffelte
geriet  jedoch  südlich  der  Straße  in  Gefahr,  abgeschnitten  zu  werden,  und
entzog  sich  mit  Mühe  der  von  Gologory  her  greifenden  inneren  Umfassung.
Rechts  seines  Flankenschutzes  verlustig,  links  des  Zusammenhangs  mit  dem
III.  Korps  beraubt,  sah  sich  das  XII.  Korps  von  drei  Seiten  bedroht.  Von
drei  Armeekorps  angefallen,  schien  es  der  Bernichtung  ausgeliefert.  Da
wichen  die  Männer  aus  Siebenbürgen  in  fortgesetzten  Kämpfen  und  ungebrochener
  Ordnung  dem  Übermächtigen  Gegner  und  retteten  die  strategische
Lage  burch  ihren  Rückzug  hinter  die  Zlota  Lipa.  Auch  die  linke  Flügel.
gruppe  des  XI.  Korps  war  gezwungen  worden,  vor  umfassendem  Angriff
zurückzugeben.

Die  Mittagsstunde  sah  die  Russen  von  Busk  bis  Brzezany  in  siegreichem
Vordringen.  Zu  gleicher  Zeit  erschienen  russische  Streitkräfte  in  der  Nordflanke
  der  3.  Armee  und  führten  die  Bewegungen  in  der  Richtung  von
Kamionka—Serumilowa  auf  Kulikow—oltance  aus.  General  v.  Brudermann
  hatte  das  Eröffnungsspiel  verloren.  Die  Begegnungsschlacht  östlich
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        Die  Kämpfe  bei  Przemyslanp  —Rohatyn  Gweire  Phase)  297

der  Zlota  Lipa  endete  nach  dreitägigem  Ningen  mit  einem  Rückzug  der
3.  Armee  in  eine  Perteidigungsskellung,  die  35  Kilometer  weiter  westlich  ge.-acht
  wurde.

Die  3.  Armee  klehrte  mit  schweren  Wunden,  zu  Tod  erschöpft  und
in  ihrem  Gefüge  erschücttert,  aber  ungebrochenen  Mutes  aus  dem  Kampfe
gegen  eine  gut  geführte,  ÜUberwältigende  Ubermacht  zurück.  Zu  ihrem  Glück
folgte  ihr  der  Russe  nicht  auf  dem  Fuße.  Er  hatte  den  Sieg  teuer  erlausft
und  mag  auch  wohl  der  Ansicht  gewesen  sein,  daß  er  nach  altem  Brauche
langsam  verfahren  und  sich  Zeit  gönnen  könne,  da  die  Nordarmeen  die
1.  und  4.  österreichische  Armee  zwischen  Weichsel  und  Bug  feschielten  und
die  geschlagene  3.  Armee  ohnehin  auf  das  russische  Operationsziel  Lemberg
mrückging  und  die  rechte  Flanke  freigab

Die  Kämpfe  bei  Przemyslany—Rohatyn  (zweite  Phase).

Von  den  beiden  großen  Dnsjestrbrückenköpfen  Halicz  und  Martinow
fübren  zwei  Straßen  nach  Nordwesten  und  Norden,  die  sich  bei  Burszeyn
vereinigen.  Im  Tale  der  Gnuila  Lipa  läuft  dieser  Straßenzug  dann
über  Rohatyn  und  Firlesow  in  leicht  nordwestlicher  Richtung  nach
Trzemyslany  und  biegt  dort  nach  Westen,  um  bei  Kurowice  in  die  große
Heerstraße  Lemberg—Sloczow—-Tarnopol  zu  münden.  Auf  den  Höhen,
welche  die  Straße  Rohatyn—Kurowice  westlich  dieses  Flußlaufes  begleiten,
nahm  die  Hauptmacht  der  Armee  Brudermann  am  28.  August  eine  Verleidigungsstellung
  ein.  Die  Mittelgruppe  wurde  zwischen  Firlejow  und
Kurowice  zusammengezogen.  Hier  gruben  sich  das  XII.  und  III.  Korps
in  den  Boden.  Oie  Stellung  war  an  sich  gut  gewählt,  deckte  die  östlichen
Anmarschstraßen  auf  Lemberg  und  bot  ein  ausgezeichnetes  Schußfeld,
war  aber  verhältnismäßig  schwach  besetzt  und  wiederum  in  der  rechten  Flanke
gefährdet.  Vier  österreichisch-ungarische  Divisionen  zu  12  bis  14  Bataillonen
batten  eine  Frontstrecke  von  30  Kilometern  zu  verteidigen,  gegen  welche  der
Angreifer  weit  überlegene  Massen  schleudern  konnte.  Diese  Mittelstellung
suchte  General  v.  Brudermann  gegen  Umpfassung  zu  sichern,  indem  er  seinen
linken  Glügel  dicht  an  die  Lemberger  Nordfrone  zurücknahm  und  das  XI.  Korps
auf  die  Linie  Miklaszow—  Prusy  stellte,  die  die  Nordost.  und  Nordzugänge
von  Lemberg  beherrschte.  Auch  die  anderthalb  Divisionen  Landwehr,  die
von  Niemirow  und  Mosciska  in  Bewegung  gesehzt  worden  waren,  wurden
am  linken  Flügel  festgelege.  Hier  konnte  also  tatkräftiger  Widerstand  geleistet
werden,  wenn  ein  konzentrischer  Angriff  auf  Lemberg  erfolgte.  Offenbar  hat
der  Armeeführer  die  Gefahr,  die  ihm  von  Nordosten  drohte,  sehr  hoch  eingeschägt
  und  seinem  linken  Glügel  große  Aufmerksamkeit  zugewendet.  Gefährdeter
  war  jedoch  vie  Südflanke  der  Armee,  die  bei  Rohakyn  und  Ruda
        <pb n="314" />
        298  Der  Feldzug  in-Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

südlich  Firlejow,  ins  Leere  hing.  Die  11.  Truppendivision  und  die  8.  Kavalleriedivision
  waren  am  26.  und  27.  August  zu  sehr  mitgenommen  und
durcheinander  geschü#ttelt  worden,  um  einen  starken  Haken  zu  bilden.

Die  Heeresleitung  suchte  dieser  Gefahr  zu  begegnen,  indem  sie  die  2.  Armee
anwies,  zur  Unterstücung  der  3.  Armee  im  Raume  Rohatyn  vorzugehen.  Zwar
war  General  v.  Bochm-Ermolli,  der  mittlerweile  sein  Hauptquartier  in  Stry
aufgeschlagen  hatte,  noch  nicht  in  der  Lage,  über  seine  Armee  zu  gebieten,
aber  er  durfte  nicht  zögern,  die  verfügbaren  Kräfte  nach  Rohatyn  vorzuführen,
  da  das  Schicksal  der  3.  Armee  von  der  Deckung  ihrer  rechten  Flanke
abhing.  Bei  der  strategischen  Derklammerung  der  allgemeinen  Lage,  die
am  28.  August  in  einer  Krisis  zu  gipfeln  drohte,  mußte  eine  Katastrophe  der
3.  Armee  unbedingt  vermieden  werden,  denn  die  4.  und  1.  Armee  waren
noch  in  schweren  Kampf  verwickelt  und  der  Ausgang  keineswegs  gesichert.

ODer  Fübrer  der  2.  Armee,  deren  III.  und  XII.  Korps  schon  seit  drei
Tagen  im  Verband  der  3.  Armee  fochten  und  jet  das  Rückgrat  der  Ver.
teidigung  Brudermanns  bildeten  und  deren  IV.  Korps  schon  bei  Sabac  in
Serbien  geblutet  hatte  und  noch  nicht  im  neuen  Felde  erscheinen  konnte,  raffte
zusammen,  was  er  zur  Hand  hatte  —  es  war  nicht  sehr  viel  —  und  leitete  das
VII.  Korps  und  die  20.  Honvedinfanteriedivision  in  den  Raum  Nohatyn.
Aus  der  Eisenbahn  geworfen,  zerschlagen  von  der  Fahrt  durch  die  Pußta
und  die  Karpathen,  traten  die  Ungarn  den  Marsch  über  den  Dnjestr  an,  überschritten
  den  versumpften  Swirzabschnitt  und  erreichten  am  Abend  die  Höhen
westlich  von  Rohatyn.  Die  43.  Landwehrdivision,  die  von  Horodenka  auf
Stanislau  ausgewichen  war,  wurde  mit  der  Dnsjestrbahn  herangeholt  und
zusammen  mit  der  38.  Division  bei  Halicz  bereitgestellt.  Diese  Kampfgruppe
erhielt  die  Aufgabe,  einen  Flankenskop  aus  dem  Brückenkopf  in  der  Richtung
auf  Bolszowce  zu  unternehmen,  wenn  der  Führer  des  russischen  linken
Flügels,  General  Brussilow,  zur  Amfassung  schreiten  sollte.

Es  kam  nun  darauf  an,  ob  die  Russen  im  wesentlichen  im  Stirnkampf
anliefen  oder  die  Entscheidung  auf  dem  Nordflügel  suchten,  wo  das  Lem.
berger  Widerstandszentrum  lag.  In  beiden  Fällen  war  die  Lage  der  3.  Armee
nicht  ungünstig  zu  nennen,  obwohl  die  weitgespannten  Linien  keine  starke
Feuerkraft  besaßen.  Bildeten  die  Russen  dagegen  den  linken  Glügel  zum
Angriff  und  zur  Entscheidung  aus,  so  konnten  die  getroffenen  Borkehrungen
kaum  genülgen,  diesen  Flankenstoß  gegen  einen  Lebenspunke  der  österreichischen
Verteidigung  unwirksam  zu  machen.

Im  Laufe  des  28.  August  rückten  die  russischen  Armeen  Rußki  und
Iwanow  in  breiter  Front  heran.  Der  Erfolg  von  Gologory  und  Brzezany
batte  die  russische  Heeresleitung  veranlaßt,  ihre  Massen  nach  der  Mitte
zusammenzuziehen,  um  zwischen  Firlejow  und  Kurowice  durchzustoßen.
Da  aber  der  Kraftüberschuß  sehr  groß  war,  die  rechte  Flanke  des  Gegners
zur  Imfassung  lockte  und  der  allgemeine  Angriffsplan  der  russischen  Armeen
        <pb n="315" />
        Die  Kämpfe  bel  Drzemyslany—Rohatyn  Gweite  Phase)  299

nach  dem  Rückzug  Brudermanns  nunmehr  die  Einkreisung  der  österreichischungarischen
  Streitmacht  bei  Lemberg  bezweckte,  so  ergab  sich  von  selbst  eine
Verstärkung  der  linken  Flügelgruppe,  die  befähigt  werden  sollte,  mit  Macht
in  den  Raum  zwischen  der  Straße  Rohatyn—Chodorow—ydaczow  und
dem  Lauf  des  Dujestr  vorzudringen  und  die  Osterreicher  von  ihren  Verbindungen
  und  Rückzugslinien  auf  dem  rechten  Stromufer  abzuschneiden.  Hierzu
war  der  rücksicheslos  angreisende  Brussilowm  der  rechte  Mann.

Von  zahlreicher  Reiterei  begleitet,  setzten  sich  die  Russen  am  28.  August
über  20  Divisionen  stark  in  Bewegung.  Die  Kämpfe  entbrannten  zunächst
mit  schwacher  Flamme  und  ließen  die  Richtung  des  Hauptangriffs  noch  nicht
erkennen,  bis  am  29.  August  ums  Morgengrauen  die  400-Meter-Höben
westlich  Narajow—OLipowce  sich  mit  Batterien  krönten,  die  ein  furchtbares
Feuer  auf  die  Linien  des  XII.  und  III.  Korps  richteten.  Wohlgedeckt  gegen
Sicht  schleuderten  die  russischen  Kanoniere  ihre  schweren  Geschosse  auf  die
Stellungen  der  Siebenbürgener  und  Steiermärker,  die  ihnen  an  Artillerie
unterlegen  waren  und  den  Infanterieangriff  als  Erlösung  aus  dem  Eisenhagel
ersehneen.  Er  kam.  Von  Brzezany  brach  eine  Division,  von  Dunajow  und
Gologory  je  ein  Korps  und  von  Gliniany  eine  Division  gegen  die  Front
Firlejow—Kurowice  vor.  Dicht  aufgeschlossen  folgten  von  Domorzany  und
Busk  her  starke  Anterstützungen,  die  vier  Divisionen  zählen  mochten.  Schwarm.
linie  auf  Schwarmlinie  schob  sich  heran.  Weitgefächert,  kaum  sichtbar  im
Erdbraun  ihrer  Uniformen,  rückten  sie  vor,  und  rissen  ihre  unzähligen  Maschinengewehre
  in  die  vordersten  Gräben.  Weithin  wälzte  sich  der  schwere
Qualm  brennender  Dörfer,  deren  Holz-  und  Lehmbauten  keine  Deckung  gewährten.
  Die  Morgensonne  schien  den  Osterreichern  ins  Gesicht  und  tanzte
blendend  auf  den  Läufen  der  Gewehre.  Sie  lagen  fest  in  den  Gräben  und  hielten
sich  den  Feind  manche  Stunde  vom  Leibe.  Die  BVerluste  häuften  sich,  näher
schoben  sich  die  Russen,  die  den  Gegner  unter  dem  Granathagel  festgebannt
saben,  in  Fetzen  flogen  die  Brustwehren  der  Schügengräben,  die  Reserven
gerieten  ins  Schwinden.  Das  XII.  Korps  fühlte  sich  besonders  auf  dem
rechten  Flügel  bedrängt,  dort  schienen  sich  starke  feindliche  Kräfte  über
Ruda  vorzuschieben  und  in  die  Flanke  greifen  zu  wollen.  Die  Linie  wurde
verlängert,  die  leczten  Feuergewehre  traten  in  Täcigkeit.  Die  Artillerie,
die  zum  Teil  noch  ungedeckt  aufgefahren  war  und  selbst  schwer  unter  dem
Feuer  der  russischen  Haubitzen  litt,  verkürzte  die  Schußentfernung,  richtete
die  Geschütze  auf  die  feindlichen  Schüßen  und  zog  einen  magischen  Kreis
um  die  gefährdeten  Stellungen.

Neben  dem  XII.  Korps  lag  das  III.  Korps  in  härtestem  Gefecht  und
schlug  alle  Angriffe  ab.  Die  Kappen  tief  über  die  Stirn  gezogen,  damit
die  Sonne  nicht  blendete,  lösten  die  Schllöen  aus  den  Alpenländern  Schuß
um  Schuß.  Die  Gewehrläufe  brannten,  Schrapnellagel  schlug  in  die  Gräben,
Serohmieten,  die  von  Spionen  angezündet  wurden,  sandten  ihre  Nauch-
        <pb n="316" />
        300  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

zeichen  zu  den  Russen  hinüber  und  wiesen  ihnen  Ziel  und  Richtung.  Von
Brody  her  stiegen  Staubwolken  marschierender  Reserven  auf,  die  in  un.
erschöpflicher  Fülle  aus  dem  wolhynischen  Festungsdreieck  hervorbrachen,
obwohl  zur  selben  Stunde  auch  zwischen  Zamose  und  Laszezow  um  die  Entscheidung
  gerungen  wurde  —  es  war  kein  anderes  Ende  abzusehen,  als  das
vollständiger  Erschöpfung.

ODer  Kampf  brannte  weiter.  Langsam  war  die  Sonne  über  die  Mittagshöhe
  hinausgelangt.  Als  sie  binter  dem  von  banger  Erwartung  fiebernden,
vom  Echo  der  Schlacht  umbrausten  Lemberg  hinunterstieg  und  nun  den  Russen
ins  Gesicht  stach,  lagen  die  Siebenbürgener  und  Steiermärker  immer  noch
in  ihren  Stellungen.  Nur  vorgeschobene  Linien  waren  verloren  gegangen
und  der  rechte  Flügel  des  XII.  Korps  gezwungen  worden,  nach  Südwesten
zu  schwenken  und  sich  durch  kurze  Gegenstöße  Luft  zu  machen.  Die  Lage
Brudermanns  war  also  in  der  Mitte  verhältnismäßig  günstig.  Am  linken
Flügel  hatte  der  Feind  noch  nicht  mit  aller  Krafe  angegriffen.

Um  so  bedrohlicher  gestaltete  sich  in  den  späteren  Nachmittagsskunden
die  Lage  am  ußersten  rechten  Flügel.  Hier  begannen  sich  Durchbrechung
und  Umfassung  erschreckend  abzuzeichnen.  Das  VII.  Korps  war  zwar  gegen
Ruda  vorgegangen,  um  die  bedrängte  Flügeldivision  des  XII.  Korps  zu
entlasten,  sah  sich  aber  schon  an  der  Straßengabelung  nordwestlich  Rohatyn
in  ein  schweres  Ringen  verwickelt,  das  es  alsbald  an  die  Stelle  bannte.  Alle
Versuche,  gegen  Ruda  vorzustoßen  und  in  den  Kampf  der  Siebenbürgener
einzugreifen,  scheiterten.

Noch  schlimmer  erging  es  der  27.  Honveddivision.  Sie  geriet  bei
Rohatyn  in  einen  furchtbaren  Feuerüberfall  Brussiloms,  der  im  Nu  ihre
Verbände  zerriß,  und  wurde  danach  von  einem  Gewaltstoß  üÜberlegener
Kräfte  vollends  eingedrückt.  Als  sie  zurückslutete,  war  das  Schicksal  der
Schlacht  entschieden,  obwohl  noch  bis  zum  anderen  Abend  gekämpft  wurde.

In  der  Nacht  auf  den  30.  August  setzten  die  Russen  auf  der  ganzen
Frone  zum  Angriff  an.  Noch  einmal  schlugen  das  III.  und  XII.  Korps
die  WVorstöße  in  erbitterten  Nahkämpfen  ab,  das  VII.  Korps  hingegen
wurde  zum  Weichen  gebracht,  Rohatyn  fiel  in  die  Hand  der  Russen,  der
Schlüsselpunkt  der  Stellungen  der  rechten  Flügelgruppe  war  verloren.  Wergeblich
  waren  die  Anstrengungen  der  bei  Halicz  bereitgestellten  38.  Division
und  von  Teilen  der  43.  Landwehrdivision,  den  Russen  in  die  Flanke  zu
fallen.  Bis  auf  die  Höhen  von  Bolszowce  hatten  diese  Truppen  den  Angriff
getragen,  da  warf  sie  ein  Gegenstoß  des  von  Brussilow  geführten  VIII.  russischen
  Korps  in  den  Brückenkopf  zurück.  Nun  war  der  Durchbruch  bei
Rohatyn  nicht  mehr  aufzuhalten.  Auch  das  VII.  österreichische  Korps,
das  fruchtlos  bei  Ruda  gefochten  und  jetzt  seine  eigene  rechte  Flanke
entblößt  sah,  konnte  nicht  mehr  mit  Nucen  eingesetzt  werden  und  ging
zurick.
        <pb n="317" />
        Die  Kämpfe  bei  Drzemyslanv—Rohatyn  (zweite  Phase)  301

General  v.  Boehm-Ermolli  sah  sich  außerstande,  mit  den  ihm  zugeteilten
Kräften  die  Schlacht  wiederherzustellen.  Er  mußte  jeßtt  für  sich  selbst  und  die
Sicherung  der  Dnujeser-  und  Wereszycalinie  sorgen,  die  von  einer  frischen  russischen
  Kampfgruppe  bedroht  erschien.  Starke  russische  Kolonnen  bewegten  sich
am  Onjestr  aufwärts  und  zwangen  Boehm--Ermolli,  seine  Truppen  westlich
von  Steyj  zu  versammeln,  um  die  Südflanke  der  Lemberger  Mittelstellung
und  die  rückwärtigen  Verbindungen  des  Heeres  bis  zum  San  sicherzustellen.

Als  der  30.  August  graute,  schwoll  das  russische  Artilleriefeuer  von
Rohatyn  bis  Kurowice  zu  unerhörter  Gewalt  an.  Die  Reservebatterien
waren  aufgefahren  und  schmetterten  mit  der  Divisionsartillerie  vereinigt
Lage  um  Lage  in  die  österreichischen  Stellungen.  Dann  setzte  auf  der  ganzen
Linie  der  Infanterieangriff  ein.  Diesmal  mit  Aussicht  auf  Erfolg,  denn
die  Übermüdeten,  durch  starke  Verluste  geschwächten  Verteidiger  waren  am
Erliegen.  Trotzdem  wurde  es  noch  einmal  Mittag,  bis  die  Verteidigung  zusammenbrach.
  Sie  wurde  weder  überrannt,  noch  von  Mut  verlassen,  sondern
durch  die  am  Vorabend  eingeleitete,  in  der  Nacht  zur  Reife  gediehene  Amfassung
  des  Südflügels  des  XII.  Korps  aus  dem  Halt  gedrückt.  Die  Russen
schwenkten  gegen  Firlejow—Soerzeliska  ein  und  griffen  so  tief  in  die  entblößte
Flanke,  daß  keine  Aufnahmestellung  mehr  fruchtete.  Auseinandergebrochen
flutete  das  XII.  Korps  in  zwei  Teilen  auf  Bobrka  und  Lemberg  zurück.  Nun
erwehrte  sich  auch  das  steirische  Korps  der  Hbermacht  nicht  länger.  Oie
Russen  packten  es  bereits  von  drei  Seiten  und  brachen  alsbald  in  seine  rechte
Flanke,  die  nach  dem  Ausscheiden  des  XII.  Korps  jedem  Angriff  offenlag.
Unker  dem  doppelken  Druck  verließ  das  III.  Korps  die  Höhen  zwischen
Przemyslany  und  Kurowice,  die  es  zwei  Tage  und  Nächte  gegen  dreifache
Abermacht  gehalten  hatte,  und  wich  an  der  Straße  Zloezow  Lemberg  auf
Gaje  und  Winniki,  wo  es  dicht  vor  den  Ortszugängen  von  Lemberg  hinter
den  Bächen,  die  zum  Peltew  fließen,  wieder  Stellung  nahm.

Die  große  Schlacht,  die  vom  26.  bis  30.  August  östlich  von  Lemberg
ausgekämpft  wurde,  war  für  die  Osterreicher  und  Ungarn  endgültig  verloren
gegangen.  Vergeblich  waren  die  von  General  v.  Brudermann  auf  dem
linken  Flügel  der  Armee  angesammelten  Streikkräfte,  das  XI.  Korps,  die
44.  und  23.  Honvedinfanteriedivision,  am  30.  August  östlich  von  Kulikow
und  auf  beiden  Ufern  des  Peltew  zum  Angriff  vorgeführt  worden.  Die
Erfolge,  die  dort  am  30.  und  31.  August  über  den  rechten,  ohnehin  zurückgehaltenen
  Flügel  der  Armee  Rußki  errungen  wurden,  hatten  keinen  Einsluß
  auf  den  Verlauf  der  Schlacht.  Diese  war  am  rechten  Flügel  der  3.  Armee
entschieden  worden  und  endete  mit  der  Abblätterung  der  ganzen  Front  und
konzencrischem  Rückzug  auf  Lemberg,  der  die  Verbände  durcheinanderrührte
und  in  den  DTalkessel  der  offenen  Stadt  hineinpreßte.

Siegreich  standen  die  russischen  Südarmeen  auf  dem  rechten  Lfer  der
Gnila  Lipa,  Ostgalizien  war  in  ihre  Hand  gegeben,  die  Bukowina  ihrem  Ein-
        <pb n="318" />
        302  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

marsch  üÜberliefert  und  das  Dnuzjestrtal  bis  zur  Wereszvca  aufgerissen.  Die
Stellung  bei  Lemberg  war  also  in  der  rechten  Flanke  umfaßt  und  damit  die
ganze  Aufstellung  des  k.  u.  k.  Heeres  ins  Wanlen  gebracht.  Die  siegreich
gegen  Grubieszow  vordringende  Armee  Auffenberg  und  die  immer  noch  in
aussichtsvollem  Kampf  um  Lublin  stehende  Armee  Dankl  waren  bereits  im
Rücken  gefährdet.  Lemberg  war  zum  Flankenstühpunkt  geworden,  als
solcher  aber  bedroht,  da  die  auf  Lemberg  zurückgegangene  Armee  Bruder.
mann  sich  gezwungen  sah,  dort  nach  zwei  Seiten  Front  zu  machen  und  in
drangvoller  Enge  noch  einmal  zu  schlagen,  mit  der  Aussicht,  vollends  nach
Lemberg  hineingeworfen  und  dort  eingeschlossen  zu  werden.

Oie  strategische  Lage  am.  30.  August

Die  strategische  Lage,  die  am  30.  August  auf  dem  Kartentisch  des  öster.
reichischen  Hauptquartiers  eingezeichnet  wurde,  hätte  den  kaltblütigsten
Feldberrn  erschrecken  können  und  den  wagemutigsten  vor  die  Erwägung  gestellt,
  ob  es  nicht  am  besten  sei,  das  Heer  ohne  Berzug  hinter  den  San  zurück.
zunehmen  und  sich  so  rasch  als  möglich  vom  Feind  zu  lösen.  Das  ist  nicht
geschehen.  Noch  einmal  sehen  wir  den  Angriffsgedanken  triumphieren,  den
die  österreichisch=  ungarlsche  Heeresleitung  von  Anbeginn  an  und  in  allen
Werttern  und  Nöten  dieser  entscheidungsschwangeren  August-=  und  Sep.-tembertage
  hochgehalten  hat.  Die  k.  u.  k.  Armeen  ließen  den  Feind  nicht
los,  solange  sie  Raum  zur  freien  Bewegung  und  die  Hoffnung  hatten,  ihm
das  Gesetz  aufzuerlegen.  Auch  wurde  jeder  Tag  Gewinn  auf  anderen
Kriegsschaupläctzen  angerechnet.  Nicht  zuletzt  aber  sprach  wohl  die  Not.
wendigkeit,  die  exzentrisch  fechtende  Armee  Auffenberg  zuriückzuholen,  für
eine  Forksetzung  der  Schlacht.

Demgemäß  wurden  am  31.  August  in  Przemysl  alle  Anordnungen  getroffen,
  den  Kampf  gegen  die  Einfallsarmeen  des  Zaren  wieder  aufzunehmen
und  noch  einmal  bei  Lemberg  zu  schlagen.

Zunächst  handelte  es  sich  darum,  die  rechte  Flanke  der  3.  Armee  und
des  ganzen  Heeres  zu  sichern,  indem  man  der  Achsendrehung  entsprechend
den  Südflügel  hinter  die  Wereszyca  zurücknahm.  Gleichzeitig  erging  an  alle
am  Onzjestr  stehenden  Abteilungen  der  Befehl,  sich  flußaufwärts  zu  sammeln.
Czernowit  und  Stanislau  wurden  geräumt  und  die  2.  Armee  noch  tiefer
geslaffelt.  Die  ganze  Bukowina  hätte  dem  Feinde  offengelegen,  wenn  nicht
Gendarmerieoberst  Fischer  Grenzer  und  Gendarmen  gesammelt  und  den
MAussen  den  Widerskand  regulärer  Kräfte  vorgetäuscht  hätte.

Die  3.  Armee,  die  mit  dem  Bewußtsein  vom  Schlachtfeld  geschieden
war,  einem  Angriff  weit  Überlegener  Kräfte  die  Stirn  geboten  zu  haben,  war
trotz  ihrer  schweren  Verluste  und  der  großen  Erschöpfung  gewille  und  fäbig,
        <pb n="319" />
        Oie  strategische  Lage  am  30.  August  303

den  Kampf  noch  einmal  zu  erneuern.  Auf  diese  Tatsache  gründete  sich  der
Entschluß  des  Erzherzogs  Friedrich,  die  Russen  noch  einmal  anzugreifen.
Es  galt  jedoch  für  diese  neue  allgemeine  Angriffsbewegung  Raum  zu
schaffen  und  Zeit  zu  gewinnen,  denn  sie  durfte  nicht  auf  die  3.  und  2.  Armee
beschränkt  bleiben,  sondern  mußte  in  Aus  führung  der  ursprünglichen  operativen
Idee  auch  die  Nordarmeen  umfassen  und  zur  Entscheidung  beranführen.
Gegenüber  einem  tatkräftigen  Feind,  der  sich  an  die  Fersen  des  abziehenden
  Gegners  heftet  und  ihn  mie  allen  Waffengattungen  rücksichtslos
verfolgt,  wäre  ein  so  verwickelter  Plan  nicht  angebracht  gewesen.  Wälzten
sich  die  russischen  Armeen,  vom  Sieg  beflügelt,  ohne  Säumen  binter  der
3.  Armee  drein,  so  waren  sie  imstande,  das  XII.  und  III.  Korps  vollends
nach  Lemberg  hineinzuwerfen  und  zwischen  Brudermann  und  Boehm-Ermolli
  in  den  Rücken  der  Lemberger  Stellung  durchzustoßen.  Dann  wäre
auch  der  Nordflügel  Brudermanns  gezwungen  gewesen,  Hals  über  Kopf
nach  Janow  abzurücken,  die  dünne  Verbiudung  zwischen  dem  DPeltew  und
der  Solokija,  wo  Erzherzog  Josef  Ferdinands  schwacher  Flankenschug  stand,
wäre  zerrissen  und  die  4.  und  1.  Armee  in  die  Vernichtung  bineingezogen
worden.  Aber  zu  so  rücksichtsloser  Ausnügung  ihres  Sieges  waren  die
Russen  nicht  erzogen.  Die  Behauptung  des  Schlachefeldes  war  ihnen
Driumph  genug,  zumal  da  sie  selbst  schwer  gelitten  hatten.  Es  gibe  kein  Beispiel
  in  der  Kriegsgeschichte  von  Kunersdorf  bis  auf  den  heutigen  Tag,  wo  sie
diesem  Verfahren  gänzlich  untreu  geworden  wären,  wenn  man  von  Suworows
ungestümen  Geldzügen  absieht.  Statt  dem  Feind  mit  der  Ubermacht  zu  folgen,
begannen  sie  schwerfällig  neu  aufzumarschieren  und  große  WVerschiebungen
vorzunehmen,  um  von  Nordosten  und  Südosten  gegen  Lemberg  vorzurücken.
Oiese  Frist  kam  der  österreichisch-ungarischen  Heeresleitung  zustatten.
Ohne  Iweifel  hat  auch  die  Lage  der  5.  russischen  Armee  Plehwe,  die
sich  am  30.  Augus  troß  des  Erfolges  ihres  Zentrums  in  eine  Niederlage
verwickelt  sah,  auf  die  Entschlüsse  der  russischen  Heeresleitung  eingewirkt.
Zu  neuem  Nehwerk  spann  Conrad  v.  Hötendorfs  erfinderischer  Geist  das
strategische  Garn  und  ließ  dabei  keine  einzige  Masche  des  künstlichen  Gewebes
fallen,  während  Hindenburg  nach  der  Vernichtung  Samsonows  zum  Schlage
gegen  Rennenkampf  ausholte  und  im  Westen  die  Aisne  überschritten  wurde.
Die  Wiederherstellung  der  strategischen  Lage  machte  freilich  einen
schmerzlichen  Verzicht  notwendig:  die  Räumung  Lembergs.  Die
Stadt  war  an  sich  nicht  verteidigungsfähig  und  verschlang  als  Teilabschnitt
eine  zu  starke  Besatzung.  Ging  sie  im  Verlauf  der  neu  einzuleitenden  Schlacht
verloren,  so  wurde  nicht  nur  ein  blutiges  Schicksal  über  sie  heraufbeschworen,
sondern  auch  die  Schlacht  selbst  auf  das  ungünstigste  beeinflußt.  Unter  diesen
Umständen  war  es  militärisch  zweckmäßig,  die  Truppen  herauszuziehen,  den
Achsenpunkt  zu  verschieben  und  die  3.  Armee  rückwärts  zu  versammeln.  Dazu
riet  auch  die  Verfassung  der  Armee  Brudermann,  die  der  Ruhe  und  Neu-
        <pb n="320" />
        304  Der  Seldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

ordnung  ihrer  Verbände  dringend  bedurfte.  Lemberg  siel  also  den  Russen
als  Frucht  der  Schlacht  in  den  Schoß,  die  vom  25.  bis  30.  August  auf  der
podolischen  Placte,  an  der  Zlota  und  Gnuila  Lipa  geliefert  worden  war;
der  Kampf  um  seinen  Besitz  war  aber  mitnichten  entschieden.  Osterreich.
Ungarn  rief  das  Waffenglück  in  einer  neuen  Schlacht  zur  Entscheidung  an.

Die  Schlachten  westlich  von  Lemberg

Die  Vorbereitungen

Zu  dieser  zweiten  Schlacht  um  Lemberg  führte  die  österreichisch--ungarische
Heeresleitung  alles  heran,  was  sie  an  Stereitkräften  besaß,  und  vereinigte  das
Heer  im  freien  Felde.  Am  2.  September  wurde  Lemberg  geräumt  und  die
(Versammlung  der  3.  und  2.  Armee  in  ihren  neuen  Stellungen  eingeleitet.
An  die  4.  Armee  aber  flog  der  Befehl  zur  Kehrtwendung.

Dieser  große  entscheidende  Entschluß  zu  einer  Verkehrung  der  Front
auf  dem  Schlachtfeld,  der  vom  Innenstehenden  gegenüber  konzentrisch  vordringender
  #bermacht  gefaßt  wurde,  ist  ein  Akt  von  unerhörter  Kühnheit.
Die  Preisgabe  Lembergs  wog  federleicht  dagegen,  denn  der  Berlust  Lembergs
  fiel  trog  des  moralischen  Eindrucks,  den  er  überall  erweckte,  troch  der
damit  verknüpften  materiellen  Einbuße  gegenüber  dem  strategischen  Entschluß,
die  siegreiche  Armee  Auffenberg  von  der  Verfolgung  der  kaum  geschlagenen,
noch  kampffähigen  5.  Armee  abzurufen  und  zur  Entscheidung  heranzuziehen,
nicht  ins  Gewicht.  Er  schloß  zugleich  eine  der  schwierigsten  und  kühnsten
militärischen  Operationen,  die  Verkehrung  der  Front  auf  ungeräumtem
Schlachtfeld  zwischen  zwei  feindlichen  Armeen  zu  neuer  Schlacht,  in  sich,
und  zwar  in  einem  Gelände,  wo  das  Straßenneß  nur  dünn  gespannt  lag
und  Sumpf  und  Wald  jede  Bewegung  erschwerten.

Oieser  schicksalschwangere  Entschluß  ist  indes  in  klarer  Erkenntnis  der
Sachlage  gefaßt  und  ausgeführt  worden.  Auffenberg  schwenkte  auf  dem
Flecke  kehrt.  Statt  seiner  trieb  Josef  Ferdinand  die  PVerfolgung  gegen
Grubieszow  vor.  Dankl  blieb  im  Angriff  auf  Cublin.  An  der  Wereszvea
marschierte  die  2.  und  3.  Armee  zu  neuer  Schlacht  auf.

General  v.  Boroevic  stellte  als  Nachfolger  des  Generals  v.  Brudermann
  die  3.  Armee  zwischen  Janow  und  Grodek  in  Schlachtordnung,  General
v.  Boehm.Ermolli  vereinigte  bei  Komarno  und  Sambor  die  verfügbaren
Beskünde  der  2.  Armee  als  rechte  Flügelgruppe,  die  diesmal  stark  ausgestattet
wurde.

Tage  vergingen,  ehe  die  russischen  Stoßarmeen  sich  so  weit  herangeschoben
  hatten,  daß  Osterreicher  und  Ungarn  auf  kurze  Entfernung  zum  allgemeinen
  Angriff  in  der  Richtung  auf  Lemberg  schreiten  konnten,  während
        <pb n="321" />
        Die  letzten  Kämpfe  vor  Lublin  und  Grubieszow  305

die  Russen  ihre  Angriffsarmeen  neu  zusammenstellten  und  die  umfassende
Bewegung  gegen  Lemberg  und  die  dahinter  beengte  Armee  des  Erzherzogs
Friedrich  in  die  Wege  leiteten.

Zwischen  Weichsel  und  Bug  hatten  inzwischen  die  Kämpfe  keinen
Augenblick  geruht.  Die  Enewicklung  erfuhr  jetzt  auf  der  Nordfront  durch
die  Abberufung  der  4.  Armee  eine  jähe  Unterbrechung,  schien  aber  noch
aussichtsvoll  für  die  Osterreicher,  wenn  dem  Gegner  die  Kräfte  nicht  zu
rasch  nachwuchsen.

Erzherzog  Josef  Ferdinand  sah  sich  am  2.  September  vor  die  Aufgabe
gestellt,  mit  zwei  schwachen  Korps  und  zwei  Kavalleriedivisionen  die  geschlagene
  5.  Armee  in  der  Richtung  auf  Grubieszow  zu  verfolgen  und  dem
Feinde  Fechterkünste  vorzumachen,  um  ihn  zu  verhindern,  der  kehrtschwenkenden
  Armee  Auffenberg  in  den  Rücken  zu  fallen.

Die  letzten  Kämpfe  vor  Lublin  und  Grubieszow

General  v.  Dankl  hingegen  kämpfte  im  Naume  Lublin  immer  noch  um
neuen  Sieg.  Der  1.  Armee  fiel  jetzt  eine  schwere  Aufgabe  zu.  Sie  kämpfte
nach  dem  Ausscheiden  Auffenbergs  aus  der  nördlichen  Front  in  viel  höherem
Maße  als  Teil  des  Ganzen,  und  zwar  als  linke  Flügelgruppe  und  Flanken.
schutz  im  Norden.  General  v.  Dankl  hatte  am  2.  September  nach  dem
Abstoppen  des  Angriffs  am  Cbodelabschnitt  das  Gewicht  wieder  auf  den
rechten  Flügel  verlegt,  wohin  er  die  Kavalleriedivision  vom  linken  Flügel
nachzog.  Um  endlich  gegen  Lublin  durchzudringen  und  den  Stellungskampf
durch  einen  Angriff  zu  entscheiden,  warf  er  das  X.  Korps  gegen  die  Höhen
und  die  Waldstellungen,  welche  die  Russen  nördlich  von  Fajslawice  ein.
genommen  hatten.  Links  anschließend  griff  das  V.  Korps  mit  der  Flügel.
division  das  befestigte  Chmiel  und  die  flankierenden  Höhen  an  der  Straße
Chmiel—Lublin  an.

Noch  einmal  rollten  die  Angriffswellen  der  Przemysler  und  Preßburger
Regimenter  gegen  die  Erd-  und  Baumschanzen  der  zähen  Werteidiger,  die
sich  der  Umfassung  ihres  linken  Flügels  durch  Abbiegen  der  Front  zu  erwehren
  trachteten.  Schon  schien  der  Angriff  sich  im  Erfolg  zu  vollenden,  da
tauchten  halbrechts  wieder  russische  Verstärkungen  auf,  sechten  bei  Dorohucza
Über  den  Wieprz  und  gingen  gegen  Piaski  und  Fasslawice  vor.  Auch  bei
Julin  wurden  russische  Reserven  sichtbar,  die  sich  zum  Flankenangriff  anschickten.
  Das  strategische  Eisenbahnnetz,  auf  das  so  viele  Millionen  französischen
  Goldes  verwendet  worden  waren,  tat  seine  Dienste.

Drohend  erhob  die  Gefahr  ihr  Haupt.  Kein  Erzberzog  war  mehr  zur
Stelle,  um  der  Umfassung  zu  begegnen.  Es  blieb  Dankl  daher  niches  mehr
übrig,  als  das  vom  Kreuzfeuer  gepeitschte  X.  Korps  nach  Lopiennik  zurück-Stetzemanne

  Geschichee  den  Krieges.  I.  20
        <pb n="322" />
        306  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

zunebmen  und  den  Vormarsch  des  Gegners  aufzuhalten,  bis  die  Truppen
auf  den  Höhen  nördlich  von  Izdebno  eine  Verteidigungsstellung  ausgehoben
hatten.

Um  sich  Luft  zu  machen  und  Zeit  zu  gewinnen,  drang  am  frühen  Morgen
des  3.  September  das  X.  Korps  im  Gegenangriff  noch  einmal  gegen  Piasti
vor,  sah  sich  aber  bald  zur  Amkehr  gezwungen  und  in  seiner  Verteidigungs.
stellung  hart  bedrängt.  Die  Angriffsbewegung  der  1.  Armee  hatte  ihren
Gipfelpunkt  am  2.  September  überstiegen  und  war  jäh  zum  Stillstand  ge.
kommen.  Schon  erhob  sich  die  Zweifelsfrage,  ob  der  überlegene  Feind  sie
nicht  mit  einem  Ruck  vom  Gipfel  in  den  Abgrund  stürzen  werde.  Die  Armee
war  nicht  nur  in  die  Verteidigung  gedrängt,  sondern  kämpfte  fortan  auch
unter  starker  Elankenbedrohung,  denn  die  Kehrewendung  der  Armee  Auffenberg
  hatte  die  rechte  Flanke  des  K.  Korps  entblößt.  Die  kleine  Streitmacht
des  Erzberzogs,  die  das  Bindeglied  bilden  sollte,  war  selbst  in  Gefahr,  ein.
gekreist  zu  werden.  Zwar  hatte  General  Dankl  zur  Sicherung  seiner  rechten
Flanke  die  Kavalleriedivision  von  links  herangerufen,  aber  diese  wurde  schon
unterwegs  nokwendig  gebraucht,  um  einen  ODurchbruch  südlich  von  Strina
verhüten  zu  belfen.  Oort  brachen  die  Russen  am  3.  September  zwischen
dem  X.  und  V.  Korps  ein  und  Uberrannten  die  Verbindungsstaffeln.  Da
warfen  sich  die  Reiter,  die  nach  Turobin  wollten,  aus  den  Sätteln,  tauchten
mit  dem  Karabiner  in  die  Gräben  und  stützten  die  wankenden  Schügenlinien,
bis  der  Angriff  gestillt  war.  Die  blanke  österreichisch-ungarische  Kavallerie,
deren  Meitergeist  noch  bei  Königgräh  und  Custozza,  dort  im  Unglück,  hier
im  Glück,  triumphiert  hat,  lernte  im  europäischen  Krieg  rasch  den  Säbel  mit
dem  Feuergewehr,  den  Bügel  mit  dem  Spaten  vertauschen  und  als  Erd.
wurm  sich  den  Bedingungen  einer  neuen  Kriegskunst  bequemen.

Als  die  Nacht  sank,  war  die  1.  Armee  auf  der  ganzen  Linie  von  Izdebno“
bis  Chodel  auf  die  Verteidigung  ihrer  Hauptstellungen  beschränkt.  Wichtige
Vorstellungen  waren  verloren,  der  rechte  Flügel  in  Gefahr,  jeden  Augenblick
  eingedrückt  zu  werden.  Er  wurde  von  den  konzentrischen  Angriffen
der  Russen,  deren  Batterien  Tag  und  Nacht  brüllten,  vollständig  zermürbt.
  Da  rief  General  Dankl  als  letzte  Verskärkung  das  preußische  Landwehrkorps
  heran.

Hinter  der  feuerstammenden,  unter  dem  russischen  Anprall  ächzenden
Front  marschierte  das  Korps  Woyrsch  auf  den  Spuren  der  voraufgesandten
Kavallerie  zur  Verstärkung  des  ins  Leere  hängenden  rechten  Flügels.  Schon
machten  sich  rückgängige  Bewegungen  bemerkbar,  zogen  Fuhrkolonnen  nach
Südwesten,  um  dem  zurückgehenden  Gefecht  nicht  in  die  Quere  zu  kommen.
Die  russische  Angriffsbewegung  kam  üÜberwältigend  in  Gang.

Das  Korps  Woyrsch  war  noch  nicht  in  seinem  Aufmarschraum  angelangt,
als  die  Russen  auf  der  ganzen  Linie  zum  entscheidenden  Angriff  schritten.
Sie  hofften  die  1.  Armee  vom  rechten  Flügel  aufzurollen  und  in  die  Tanew-
        <pb n="323" />
        Die  letzten  Kämpfe  vor  Lublin  und  Grubieszow  307

sümpfe  zu  wersen.  Es  war  der  4.  September.  Die  3.  Armee  war  um  diese
Jeit  schon  von  Lemberg  abgezogen  und  hinter  den  Wäldern  und  Teichen
von  Janow  und  Grodek  versammelt,  die  4.  Armee  seit  vierundzwanzig
Stunden  vom  geschlagenen  Feind  gelöst,  herumgeworfen  und  zu  einer  zweiten
Schlacht  bei  Lemberg  bereitgestellt  und  die  2.  Armee  im  Gegriff,  sich  als
Stoßgruppe  am  Onjestr  zusammenzuballen.  Der  Erzherzog  endlich  war  auf
der  Verfolgung  der  Armee  Plehwe  mit  dem  II.  und  XIV.  Korps  vor
Grubieszow  angelangt.  Es  war  also  von  österreichisch  ungarischer  Seite  alles
eingeleitet,  den  Entscheidungskampf  mit  versammelten  Kräften  aufzunehmen
und  die  über  Lemberg  vorrückenden  russischen  Ostarmeen  mit  der  2.,  3.  und
4.  Armec  anzugreifen.

Oie  Lage  wäre  leidlich  aussichtsvoll  gewesen,  wenn  die  Russen  sie  bingenommen
  hätten.  Aber  das  war  nicht  der  FGall.  Sie  hatten  jetzt  das  Gewicht
nach  Norden  gelegt  und  gingen  gerade  in  diesem  Augenblick  auf  dem  ganzen
rechten  Flügel  bis  zur  Mitte  der  allgemeinen  Schlachtordnung  zum  General.
angriff  über.  Ihre  verstärkte  und  wieder  zu  Kräften  gekommene  4.  Armee
zing  mit  Ungestüm  gegen  die  1.  Armee  vor,  und  ihre  5.  Armee,  die  bei  Zamose
und  Komarow  außer  Gefecht  gesetzt  worden  war,  erschien  plöglich  wieder
handelnd  im  Felde  und  brach  mit  starken  Kräften  aus  Grubieszow  und  Krylow
über  den  Bug  vor.  Von  Osten  griff  Rußkis  3.  Armee  an,  die  siegreich
aus  Lembergs  Toren  heraustrat,  und  von  Süden  nahte  Iwanow  mit  der
8.  Armee,  deren  Umpfassungsslügel  von  dem  feurigen  Brussilow  geführt
wurde.

Nun  war  Dankl  von  vorn  und  in  der  rechten  Flanke,  der  Erzberzog  von
drei  Seiten  und  —  was  das  bedenllichste  war  —  Auffenberg  im  Rücken
bedroht.  Gelang  es  General  Everth,  die  Armee  Dankl  zu  schlagen  und  in
die  Tanewzone  zu  werfen,  so  war  nicht  nur  Danll  selbst  verloren,  sondern
auch  die  große  AUmfassung  der  habsburgischen  Streitmacht  vom  rechten
Flügel  aus  geglückt.  Wurde  der  Erzherzog  von  der  5.  russischen  Armee  erdrückt,
  so  brachen  die  Russen  in  den  Rücken  Auffenbergs,  und  griff  die  nördlich
Lemberg  vorgehende  3.  russische  Armee  dann  um  Auffenbergs  linken  Flügel
berum,  so  war  nahezu  die  ganze  k.  u.  k.  Heeresmacht  zwischen  San  und  Wereszyca
  zu  einer  Verteidigungsschlacht  mit  balbverwandter  Front  gezwungen.
Dann  lämpfte,  abgesehen  von  der  5.  in  Serbien  gebundenen  Armee,  das
gesamte  Feldheer  Osterreich-Angarns  in  der  Nähe  von  Trzemysl  in  äbnlicher
Lage  um  Ehre  und  Leben,  wie  die  böhmische  Armee  am  3.  Juli  1866  bei
Königgräg  gefochten  hatte.

Alles  kam  darauf  an,  wie  lange  Dankl  standhielt.  Und  er  hielt  mit  der
1.  Armee  noch  drei  Tage  skand,  obwohl  der  Erzherzog  ihm  nicht  mehr
belfen  konnte,  sondern  selbst  auf  zwei  Gronten  verzweifelt  kämpfen  mußte,
um  den  Vormarsch  der  Russen  zu  verzögern  und  langsam  weichend  die
Lücke  zwischen  der  1.  und  4.  Armee  zu  gewinnen  und  zu  schließen.
        <pb n="324" />
        308  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Die  Abbröckelung  der  österreichischen  Nordfront

Erzberzog  Josef  Ferdinand  war  südlich  Grubieszow  auf  starken  Wider.
stand  gestoßen.  Die  Russen,  die  am  31.  August  und  1.  September  bei
Jarczow—Komarow  so  schwer  geschlagen  worden  waren,  standen  schon  drei
Tage  später  wieder  fest,  eine  Erscheinung,  die  damals  noch  neu  war,  sich  aber
als  bezeichnend  für  die  russische  Verteidigung  erweisen  sollte.  Die  Sereit.
macht  des  Erzherzogs  war  nach  dem  Siege  von  Komarow  in  zweckmäßiger
Weise  aus  den  beiden  Amfassungskorps  gebildet  worden,  die  sich  dort  auf
dem  Schlachtfeld  vereinigt  hatten.  Sie  bestand  also  aus  seinem  eigenen
XIV.  Korps,  das  auf  dem  rechten,  und  dem  II.  Korps,  das  auf  dem  linken
Elügel  gefochten  hatte.  Da  die  Heeresleitung  in  der  zweiten  Schlacht  bei
Lemberg  alle  verfügbaren  Kräfte  zur  Entscheidung  einsetzen  wollte,  wurde
der  Erxzberzog  veranlaßt,  eine  Infanterie-  und  eine  Kavalleriedivision  ab.
zugeben.  Dadurch  war  seine  Kampfkraft  abermals  um  ein  Drittel  vermindert.

Mie  dieser  Gruppe  sah  er  sich  vor  Grubieszow  aus  dem  Verfolger  zum
Verfolgten  werden  und  gezwungen,  den  russischen  Bormarsch  durch  Nachbutgefechte
  aufzuhalten.  Die  3.  Infanteriedivision  und  die  Kavalleriedivision
waren  schon  gegen  Belz  abgeschwenkt,  überschritten  kämpfend  die  Solokijo
und  kamen  gerade  noch  zurecht,  um  die  linke  Flanke  der  4.  Armee  zu  decken.
Langsam  wich  Josef  Ferdinand  inzwischen  vor  der  russischen  Ibermacht
auf  Tyszowce  aus.  Am  5.  September  entsandte  der  Erzherzog  sogar  noch
einige  Bataillone  in  der  Richtung  auf  Krasnoskaw,  wo  Dankls  rechter
Flügel  im  Zusammenbrechen  war.  Das  X.  Korps  hatte  sich  dort  vollends
ausgegeben.  Von  drei  Seiten  bestürmt,  mit  Eisen  überschüttet,  das  jede
Stellung  unhaltbar  machte,  begann  es  der  Auflösung  zu  verfallen.  Sehn.
süchtig  erwartete  man  die  Preußen,  aber  die  hatten  noch  am  4.  September
auf  dem  linken  Weichselufer  gefochten  und  konnten  den  Weg  von  Chruslina
bis  Tarnawka  noch  nicht  zurückgelegt  haben.  Es  war  eine  Frage,  ob  sie
überhaupt  noch  zurechtkamen.

Schon  waren  Izbiea  und  Tarnogora  von  den  Russen  besetzt  und  Dankts
Rückzug  gefährdet.  Die  Areillerie  opferte  sich  im  Ausbarren  auf  den  Höhen
von  Zolkiewka  und  schleuderte  ihr  Feuer  aus  glühenden  Rohren  nach  Norden
und  Nordosten,  um  den  Abzug  der  Infanterie  zu  decken,  die  eilig  hinter  den
Porbach  zurückwich.  Der  Russe  griff  zu  den  Bajonetten  und  drängte  nach,
Teile  splitterten  ab  und  wichen  exzentrisch  in  südösslicher  Richtung,  die  Lage
wurde  verzweifelt.  Die  1.  Armee  geriet  in  Gefahr,  vollständig  aufgerollt
zu  werden,  wenn  der  Angriff  nicht  am  Porbach  zum  Stehen  gebracht  wurde.
Nur  die  preußischen  Triarier  konnten  dem  rechten  Flügel  der  Armee  neuen
Halt  verleihen  und  einen  geordneten  Rückzug  sicherstellen,  der  Erzherzog
war  dazu  zu  schwach  und  überdies  schon  auf  der  eigenen  Frontk  in  #bermaß
in  Anspruch  genommen.  ODie  Truppen,  die  er  sich  abrang  und  gegen  Kras-
        <pb n="325" />
        Die  Abbröckelung  der  österreichischen  Nordfront  309

nostaw  schleuderte,  kamen  nicht  mehr  zum  erfolgreichen  Eingreifen.  Der  Keil,
den  die  Nussen  am  Wieprz  zwischen  der  1.  Armee  und  der  Armeeabteilung
Josef  Ferdinands  in  die  österreichische  Kampffront  getrieben  hatten,  saß
bereies  zu  tief  und  fest.  Schon  bei  Str.  Zamose  schlug  den  Bataillonen  des
Erzherzogs  heftiges  Feuer  entgegen.  Von  weit  überlegenen  Kräften  angegriffen,
  wurden  sie  unter  Verlusten  auf  Jamose  zurückgeworfen.

Die  Lage  zwischen  Weichsel  und  Bug,  die  am  2.  September  für  die
Osterreicher  noch  verhältnismäßig  günstig  erschien,  hatte  sich  also  jählings
sehr  verschlimmert.  Dem  rechten  Flügel  Danlls  drohte  eine  tiefgreifende
Umfassung.  Drang  sie  durch,  so  wurde  die  Verbindung  zwischen  Dankl  und
dem  Erzherzog  zerrissen.  Der  Erzherzog  geriet  dadurch  in  Gefahr,  nach
Südosten  abgedrängt  zu  werden.  Dort  lag  die  3.  Infanteriedivision,  die  er
am  5.  September  abgegeben  hatte,  bei  Rzyczki  am  äußern  linken  Flügel
der  4.  Armec  mit  Front  nach  Osten  in  schwerem  Kampf.  Immer  stärker
drückte  Rußli  auf  Auffenbergs  linken  Flügel  und  griff  bereics  in  die  offene,
balbverkehrte  Flanke.  Hinter  Josef  Ferdinand,  der  fechtend  nach  Westen
auswich,  wälzeen  sich  jetzt  dicke  russische  Kolonnen  zum  Einbruch  in  den
Rücken  der  4.  Armee.  Die  österreichisch-ungarische  Aufstellung  war  im  Zerfall.

Es  galt,  den  Vormarsch  der  Russen  so  lange  zu  hemmen,  bis  die  4.,  3.
und  2.  Armee  den  allgemeinen  Angriff  auf  Lemberg  durchgeführt  hatten.
Ob  die  1.  Armee  und  die  Divisionen  des  Erzherzogs  hierzu  noch  lange  genug
imstande  waren,  ob  der  allgemeine  Angriff  auf  Lemberg  so  zeitig  zum  Erfolg
fübree,  daß  die  Widerskandskraft  Dankls  und  Josef  Ferdinands  nicht  verzebrt
  wurden,  das  mußten  die  nächsten  Dage  lehren.

Die  Kämpfe  bei  Rawa  Ruska

Mit  zerfeyzten  Divisionen  war  die  3.  Armee  aus  der  Schlacht  bei
Przemyslany—Rohatyn  nach  Lemberg  zurückgeströmt.  Die  Russen  bewarfen
die  flüchtigen  Feldbefestigungen,  welche  die  Hügel  des  Lemberger  Vorgeländes
  krönten,  noch  mit  schweren  Granaten,  als  General  v.  Boroevic  die
Truppen  schon  aus  der  Stadt  nach  Westen  gezogen  und  den  Zusammenhang
mit  dem  Gegner  gelöst  hatte.  Am  3.  September  felen  auf  der  Reichsstraße
die  lehten  Schüsse.  Die  Armee  Rußli  rückte  mit  kriegerischem  Spiel  in  die
stolze  Stadt,  deren  Löwentore  nichk  mehr  von  der  österreichisch--ungarischen
Armee  verteidigt  wurden.  Die  Armee  Brussilow  ging  unterdessen  in  breiter
Front  zwischen  dem  Dujestr  und  der  Straße  Dunajow—Bobrka  vor  und  schob
sich  langsam  an  den  Wereszycaabschnict  heran.  Ihre  linke  Flügelgruppe  zerbrach
  am  3.  September  die  Brückenkspfe  bei  Halicz  und  Zurawno  und  wuchs
zusehends  an  Kräften.  Schon  erschien  sie  vor  der  Linie  Stryj—ODrohobycz
und  bemächtigee  sich  der  Talstationen  an  der  Ostrampe  der  Karpathen.
        <pb n="326" />
        310  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Sübpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Langsam  wälzte  sich  der  russische  Heerwurm  mit  vorgenommenen
Flügeln  heran.  Er  griff  im  Nordwesten  bis  zur  Weichsel,  im  Süden  bis  zum
Stryjfluß  aus  und  zwängte  außerdem  einen  Keil  zwischen  Turobin  und  Rawa
Ruska  ein,  um  zugleich  durch  Durchbrechung  und  innere  Umfassung  der
umklammerten  Gesamtlinie  zu  wirken.  Der  Nachdruck  lag  auf  der  Ver.
schiebung  des  Schwergewichts  nach  Norden.  Als  Osterreicher  und  Ungarn
am  7.  September  zum  Gegenangriff  übergingen,  wurde  das  bald  erkannt.

Ein  ergreifendes  militärisches  Schauspiel  bot  sich  in  den  ersten  September.
tagen  zwischen  Weichsel  und  Wereszyca  dem  Auge  des  Getrachters.  Da
sind  Armeen  in  Kampf  verstrickt,  die  ihre  Stellung  seit  dem  25.  August
halten,  andere  kehren  aus  blutigem  Streit  zurück,  um  sich  sofort  wieder  zu
neuer  Schlacht  zu  ordnen;  alles  vom  Flammenelement  des  Krieges  ergriffen
und  geläutert;  selbst  Truppen,  die  zu  Schlacken  ausgebrannt  schienen,  wie
die  k.  u.  k.  3.  Armee  und  die  5.  Armee  des  Jaren,  stürzen  sich  wieder  in  die
Schlacht.

Unter  unsäglichen  Schwierigkeiten  hatte  die  Armee  Auffenberg  eine
volle  Wendung  vorgenommen,  dem  Erzberzog  die  Werfolgung  gegen
Grubieszow  üÜberlassen  und  trotch  des  schlechten  Wegneßes  und  der  Werstopfung
  der  Marschstraßen  durch  den  eigenen  Troß  ihre  Gefechtsfrone  binnen
vierundzwanzig  Stunden  verkehrt.  Schon  am  3.  September  stand  die  Armee
Auffenberg  mit  dem  XVII.,  VI.  und  IX.  Korps  in  der  Linie  Tomaszow—
Korczmin  nach  Süden  aufmarschiert.  Die  3.  Armee  war  am  Abend  des
3.  September  vollständig  aus  Lemberg  herausgezogen  und  wurde  hinter
der  Grodeker  Teichlinie  im  Raume  Jaworow  neugeordnet.  Die  2.  Armee
war  bei  Komarno  und  Sambor  in  der  Versammlung  begriffen.  General
v.  Boehm-Ermolli  hatte  jetzt  das  VII.  und  IV.  Korps  zur  Verfügung.  Es
waren  also  drei  große  Kampfgruppen  gebildet,  die  zwar  die  taktische  Verbindung
  noch  nicht  vollzogen  hatten,  aber  schon  in  der  Lage  waren,  gemeinsam
  zu  handeln.

Da  die  Gühlung  mik  dem  Feinde  teilweise  verloren  gegangen  war  und
das  russische  Hauptquartier  in  Lemberg  mit  der  Neuordnung  der  Werbände
beschäftige  schien,  war  die  Lage  am  5.  September  immer  noch  ungeklärt,  aber
der  Wille  zur  Dat  wies  den  k.  u.  k.  Feldarmeen  den  Weg.  Als  russische  Vortruppen
  bei  Jaworow  erschienen,  waren  die  2.,  3.  und  4.  Armee  kampfbereit.
Oie  4.  Armee  ging  in  der  Richtung  auf  NRiemirow  und  Magierow  vor,  die
2.  Armee  wurde  angewiesen,  das  VII.  Korps  nach  Rudki  zu  leiten  und  dadurch
die  Verbindung  mit  der  3.  Armee  enger  gezogen.  Ais  diese  drei  Armeen
hinter  der  Wereszyca  vereinigt  waren,  wurde  der  Befehl  zum  allgemeinen
Vormarsch  ausgegeben.

Die  k.  u.  k.  Heeresleitung  wußte,  was  sie  wagte,  soweit  sich  die  Verbältnisse
  auf  der  Ostfront  des  Zweifrontenkrieges  überblicken  ließen.  Noch
bielten  Dankl  und  der  Erzherzog  den  rechten  Flügel  der  Russen  im  Zaum.
        <pb n="327" />
        Die  Kämpfe  bei  Rawa  Rustka  311

Ehe  er  ihnen  durch  die  Hände  riß  und  sie  unter  die  Hufe  gerieten,  mußte
die  Lemberger  und  Dujesergruppe  des  Jarenheeres  geschlagen  werden.  Gelang's,
  so  zogen  die  österreichisch-ungarischen  Fahnen  wieder  in  Lemberg
ein,  während  Hindenburg  Rennenkampf  niederrang.

Am  6.  September  sehhten  sich  die  3.  und  4.  Armee  gegen  Lemberg  in
Bewegung.  Ihre  inneren  Flügel  berührten  sich  bei  Starzyska  an  der  Bahnlinie
  Jaworow—Janow.  Boroevics  rechter  Flügel  fühlte  sich  von  der
2.  Armee  getragen  und  gedeckt,  dagegen  war  der  linke  Flügel  Auffenbergs
gefährdet,  der,  zur  Amfassung  ausgebreitet,  von  Magierow  auf  Zolkiewvorrückte.
  Zwar  kämpfte  Erzherzog  Josef  Ferdinand  noch  gegen  die  Wiederkehr
  der  russischen  5.  Armee  an,  aber  man  mußte  jegzt  schon  damit  rechnen,
daß  die  Armee  Auffenberg  nicht  mehr  lang  vollständige  Rückenfreiheit  genoß.

Die  4.  Armee  stieß  bald  auf  starken  Widerstand.  Am  7.  September
slammte  die  Schlacht  hell  auf  und  hatte  am  8.  September  schon  die  ganze
Kampffront  ergriffen.  Noch  einmal  schritten  Osterreicher  und  Ungarn,  nun
drei  Armeen  stark,  zum  Angriff  auf  die  Armeen  Rußki  und  Iwanow,
wöhrend  die  Divisionen  des  Erzherzogs  und  die  Armee  Dankl  die  Flankenstöße
  und  Rückenangriffe  der  4.  und  5.  russischen  Armee  mit  den  letzten
Kräften  abzuwehren  trachteten.  Daß  bereics  neue  russische  Kräfte  im  Felde
erschienen  waren,  wurde  nur  allzu  rasch  füblbar.

Oie  Armee  Auffenberg,  die,  noch  vom  Siege  heiß,  nach  neuem  Lorbeer
sriff,  gewann  bis  zum  Abend  des  7.  September  ständig  Boden.  Das
IX.  Korps,  das  am  rechten  Flügel  focht,  durchschritt  kämpfend  das  waldige
Gelände  nördlich  von  Jaworow  und  gelangte  bis  zu  den  Höhen  von  Kurnili.
Das  VI.  Korps  drängte  die  ihm  in  der  Mitte  gegenlbertretenden  Kräfte
auf  Wiszenka  und  Magierow  zurück.  Magierow  wurde  in  Brand  geschossen.
Zwischen  das  VI.  Korps  und  das  XVII.  Korps,  das  am  linken  Flügel  focht,
war  die  41.  Honveddivision  eingeschoben  worden.  Sie  kämpfte  nördlich
von  Magierow,  fand  aber  starken  Widerskand  und  vermochte  die  Wald.
stücke  nicht  zu  erobern.  Auch  das  XVII.  Korps  geriet  in  Schwierigkeiten
und  versuchte  vergeblich  über  Lipnik  hinauszugelangen.  Die  Russen  hatten
ihren  rechten  Flügel  stark  ausgestaltet  und  zogen  auf  den  Straßen  Jolkiew—
Rawa  Ruska  und  Mosty  Wielkie—Rawa  MRuska  mit  großer  Abermacht
heran.  Schon  am  7.  September  warf  hier  eine  Umfassung  des  linken  Flügels
der  österreichischen  Stoßarmeen  ihren  Schatten  voraus.  Die  Kavallerie.
division,  die  den  Flügel  des  XVII.  Korps  deckec,  wurde  üÜberflügelt  und  war
nicht  imskande,  dem  Andrang  zu  wehren.  Das  KVII.  Korps  wurde  von
Hujcze  auf  Rzyzki  zurückgeworfen.

Dadurch  geriet  die  Straße  Nawa  Ruska—Jaworow,  eine  Lebensader
der  Auffenbergschen  Fronc,  in  Gefahr.  Mit  einem  Schlage  war  das  Gewölk
der  Ungewißheit  verflogen,  im  Lichte  unbarmherziger  Ubersichtlichkeit  brannte
das  strategische  Brett,  auf  dem  die  Russen  trog  ihrer  Schwerfälligkeit  die
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        312  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

besseren  Stellungen  gewonnen  hatten.  Deutlich  zeichnete  sich  der  Keil  ab,  den
sie  zwischen  die  österreichischen  Angriffsarmeen  an  der  Grodeker  Tiefenlinie
und  die  ssterreichischen  Verteidigungsarmeen  bei  Lublin  und  am  Porbach
zu  treiben  suchten.  Eiligst  warf  die  österreichische  Heeresleitung  drei  Kavalleriedivisionen,
  die  bisher  zwischen  der  3.  und  4.  Armee  die  Verbindung  gehalten
batten,  nach  Rawa  Ruska.  Im  Trab  und  Galopp  brausten  die  Reiter  mit
ihren  Feldstücken  auf  der  bedrohten  Rochadelinie  hinter  der  Kampffront
des  IX.,  VI.  und  XVII.  Korps  nach  Norden  und  warfen  sich  nördlich  von
Rawa  Ruska  in  den  Kampf.  Das  Feuer  ihrer  Geschütze  und  Kurzgewehre
täuschte  zwar  eine  größere  Streitmacht  vor,  vermochte  aber  nicht  zu  verhindern,
  daß  die  Russen  allmählich  weiter  herumgriffen  und  die  Flügeldivision
  Auffenbergs  umklammerten.  Nach  Nordosten  umgebogen,  kämpfte
diese  —  es  war  die  3.  Liniendivision  —  an  der  Data  mit  äußerster  Kraft,
um  nicht  vollends  aus  dem  Halt  gedrückt  zu  werden.  Es  galt  um  jeden  Preis
standzuhalten.  Die  4.  Armee,  die  am  Vorabend  noch  im  Angriff  gewesen
war,  erstarrte  unter  dem  Überwältigenden  Gegendruck  auf  der  ganzen  Linie
von  MKzyczki  über  Wiszenka  bis  zur  Wereszyca  in  der  Verteidigung.

Die  Kämpfe  an  der  Wereszyca

Da  wurde  der  Angriffsgedanke  auf  die  3.  Armee  übertragen.  Und  sie,  der
an  der  Zlota  und  Gnila  Lipa  so  schwere  Schläge  versetzt  worden  waren,  die
aus  tiefen  Wunden  blutend  unter  Preisgabe  zerschossener  und  unbrauchbar
gemachter  Batterien  auf  Lemberg  gewichen  war  und  erst  an  den  Grodeker
Teichen  wieder  gegliedert  werden  konnte,  diese  schwergeprüfte  Armee  ging,
von  der  eisernen  Hand  ihres  neuen  Führers  gelenkt,  rachedurstend  zum
Angriff  vor.  Sie  zählte  nur  noch  zwei  Korps  und  eine  selbständige  Honveddivision,
  da  das  XII.  Korps  Köveß  wieder  in  den  Verband  der  2.  Armec
Übergetreten  war.  Als  sie  vorbrach,  stand  ihr  III.  Korps  südlich,  ihr  XI.  Korps
nördlich  von  Kamienobrod  zwischen  den  Bahnlinien  Grodek—Lemberg  und
Jaworow—Lemberg.  Oinks  von  ihr  stellte  die  23.  Honveddivision  die  Verbindung
  mit  der  4.  Armee  her,  indem  sie  an  der  Straße  Jaworow—Janow’
vorging.

Die  2.  Armee  half  der  3.  Armee  den  Angriff  cragen.  Sie  schloß  unmittelbar
  an  den  rechten  Flügel  Boroevics  an  und  rückte  mit  dem  XII.  und
dem  VII.  Korps  an  der  unteren  Wereszyca  vor.  Ihr  IV.  Korps  stand  rückwärts
  gestaffelt  und  wurde  am  7.  September  bis  NRudki  nachgezogen.  Sü#dlich
  des  Dnjestr  blieb  eine  starke  Flankengruppe  am  Stryjabschnitt  in  gedeckter
Stellung  stehen  und  beobachtete  die  Stryjübergänge  und  bie  südlichen  Anmarschstraßen.
  In  den  Karpathen  wurde  eifrig  geschanzt,  um  im  Falle  des
allgemeinen  Rückzugs  nach  Westgalizien  die  Pässe  zu  verrammeln.
        <pb n="329" />
        Die  Kämpfe  an  der  Wereszyca  313

Schon  lag  im  Süden  die  Bukowina  bis  zum  Unterlauf  des  Sereth
und  das  offene  Stromland  zwischen  Czernowitz  und  Delatyn  dem  Einbruch
der  Russen  preisgegeben  und  wurde  von  Brussilows  Truppen  überschwemmt.
Schon  war  Erzherzog  Josef  Ferdinand  vollständig  vom  Flankenschuß  der
4.  Armcee  in  Anspruch  genommen  und,  von  Warez  her  bedroht,  auf  Lastczow
gewichen.  Schon  war  die  Armee  Dankl  in  entsagungsvolle  Verteidigung
gedrängt,  die  auf  dem  rechten  Flügel  nur  noch  gefristet  werden  konnte,  wenn
das  preußische  Landwehrkorps  bei  Tarnawka  auf  verlorenen  Posten  eingeset
  wurde.

Die  Lage  der  Osterreicher  und  AUngarn  spipte  sich  furchtbar  zu.  Angesichts
  der  doppelten  inneren  AUmfassung,  die  von  Norden  gegen  den
rechten  Flügel  der  1.  Armece,  von  Osten  gegen  den  linken  Flügel  der
4.  Armee  wirkte,  war  die  österreichisch-ungarische  Heeresleitung  am  Abend
des  7.  September  vor  die  folgenschwersten  Entschlüsse  gestellt.  Der  Auf.
marsch  zur  neuen  Schlacht  war  vollzogen,  die  Kämpfe  entbrannt,  alles
in  planmäßiger  Bewegung  und  vor  einem  tiefen,  aber  verhälmismäßig
sehr  schmalen  Rückzugsraum  so  kunstvoll  aufgebaut,  daß  die  Schlachten
zwischen  Weichsel  und  Wieprz  und  San  und  Wereszyca  nicht  auf  einen
Schlag  abgebrochen  werden  konnten.  Beharrte  man  darauf,  nicht  nur
zu  schlagen,  um  Zeit  zu  gewinnen,  sondern  um  die  Entscheidung  zu  suchen,
so  mußten  die  äußersten  Kräfte  angewendet  werden,  diese  Entscheidung  in
kürzester  Frist  zu  erzielen.  Diese  Frist  wurde  durch  das  Maß  der  BVerteidigungsfähigkeit
  der  Armee  Dankl  bestimmt  und  war  eng,  auf  wenige
Tage,  vielleicht  sogar  nur  auf  einen  einzigen  Sonnenlauf  beschränkt.

In  weniger  gefährlicher  Lage  faßte  um  dieselbe  Stunde  die  oberste  deutsche
Heeresleitung  im  Westen  den  Entschluß,  der  Entscheidung  südlich  der  Marne
auszuweichen  und  vom  Ourcq  und  Detit  Morin  auf  die  Aisne  zurückzugehen.)

Die  k.  u.  k.  Heeresleitung,  die  auf  eigenem  Boden  kämpfte,  die  Siege
von  Krasnik  und  Zamose  erfochten,  Lemberg  zu  rächen  hatte  und  Zeit  gewinnen
  mußte,  beharrte  im  Kampf,  in  dem  sie  das  ganze  Heer  eingesetzt
hatte,  und  schritt  zum  Angriff.

Die  Kampflinien  der  Armeen  Boehm.-Ermolli,  Boroevic  und  Auffenberg
  liefen  von  der  Mündung  der  Wereszyca  in  den  Onjestr  über  Grodek,
Kamienobrod,  Kubyn,  Niemirow  nach  Rawa  Muska  und  Nyczki,  die  der
Verteidigungsarmee  Dankl  vom  Porbach  über  Tarnawka,  Studzianki,
Bozechow,  Opole  zur  Mündung  des  Chodelbaches  in  die  Weichsel.  Vor
der  eücke,  die  zwischen  Rawa  NRuska  und  Turobin  Uaffte,  stand  die  Armeeabteilung
  des  Erzberzogs  Josef  Ferdinand  mitten  in  der  steigenden  Russenflut,
  die  an  ihr  vorbei  und  über  sie  hinweg  in  die  offene  Flanke  der  großen
Heeresgruppe  strudelte,  und  mühte  sich  bei  Lubycza—Belzec,  den  mächtigen
Schwall  zu  stauen.  Die  Kämpfe  wuchsen  auf  der  ganzen  Linie  in  die
Enescheidung.
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        314  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Voll  Mut  und  Zuversicht  schritten  die  südlich  der  Lemberger  Reichs.
straße  kämpfenden  Armeen  Franz  Josefs  am  8.  September  zum  neuen  Angriff.
  Sie  wollten  Lemberg  vom  rechten  Flügel  aus  von  Südosten  und  Osten
erreichen  und  die  auf  dem  linken  Flügel  vor  der  Front  der  4.  Armee  festgestellten
  und  festgehaltenen  russischen  Hauptkräfte  dadurch  ihrerseits  um.
fallen

Am  äzußersten  Flügel  kam  der  Vormarsch  zuerst  in  Fluß.  Aus  dem
NRaum  Drohobycz  brachen  die  dort  gestaffelten  Teile  der  2.  Armee  beie
Kolodruby  über  den  Dujestr  vor  und  sechhten  sich  auf  den  Höhen  zwischen  den
versumpften  Zuflüssen  fest.  Hinks  anschließend  ging  das  IV.  Korps  südlich
von  Komarno  über  die  Wereszyca.  Es  traf  bereits  auf  den  Höhen  von
Mumno  auf  russische  Feldbefestigungen  und  geriet  alsbald  in  llebenden
Kampf.  Nördlich  von  Komarno  setzte  das  VII.  Korps  zum  Angriff  an
und  stieß  ebenfalls  auf  einen  wohlvorbereiteten  Feind,  der  sich  in  der  Ver.
teidigung  hbielt,  da  die  russische  Heeresleitung  die  Entscheidung  auf  ihrem
rechten  Flügel  suchte.  Langsam  gewann  der  Angriff  auf  der  Front  Kolodruby—Komarno
  Boden.  Auch  der  Nordflügel  der  2.  Armee,  auf  dem
das  XII.  Korps  focht,  drang  in  den  ersten  Kampfstunden  gegen  Osten  vor.
Die  Angreifer  erzwangen  unterhalb  des  südlichsten  Grodeker  Teiches  den  L#bergang
  über  die  Wereszyca  und  liefen  in  schwungvoller  Bewegung  gegen  die
bewachsenen  Höhen  bei  Lubien  an.  Hefeiges  Feuer  preßte  die  Schwarmlinien
zu  Boden  unt  hielt  sie  gefesselt.  Der  Angriff  kam  ins  Stocken,  ein  mächtiger
Gegenstoß,  der  von  überwältigendem  Artilleriefeuer  eingeleitet  wurde,  warf
das  XII.  Korps  wieder  von  der  erstrittenen  Halde  und  drohte  es  in  die
Wereszyca  zu  stürzen.  Aber  im  Zurückrollen  klammerten  sich  die  gelichteten
Regimenter  an  die  Ortschaften,  die  am  Ostufer  des  Wasserlaufes  zerstreut
liegen,  und  hielten  das  blutgetränkte  Ofergelände  fest.

Tuch  die  3.  Armee  traf  auf  vorbereitete  Stellungen,  die  die  Schule  der
Mandschurei  verrieten.  Die  Truppen  der  3.  Armee  wollten  die  Tage  von
Trzemyslany  weitmachen.  Mit  starken  Kräften  brach  das  III.  Korps  tief
gestaffelt  an  der  Grodeker  Heerstraße  vor,  rang  sich  durch  die  Enge  zwischen
den  beiden  großen  Teichen  und  erkämpfte,  von  Aeserven  gespeist,  die  Schlüsselstellung
  von  Grodeka--Gora.  Neben  ihm  focht  das  XI.  Korps  und  nahm  die
Höhen  von  Wielkopole  östlich  des  nördlichen  Teiches  in  der  Richtung  auf
Janow.  Der  wichtige  Ort  Janow  wurde  von  der  23.  Honveddivision  in  der
Front,  von  Teilen  des  XI.  Korps  in  der  linken  Flanke  angegriffen  und  nach
wütenden  Kämpfen  im  Sturm  genommen.  Am  8.  September  fiel  auch  die
umstrietene  Höhe  von  Kubyn,  gegen  die  Tiroler  Standschütgen  und  Teile  des
IX.  Korps  der  4.  Armee  über  die  Wereszyca  vorbrachen.  Es  war  ein  schwerer
Kampf  in  den  feuchten  Mulden  und  auf  den  dichtbewachsenen  Hügeln  des
Grodeker  Landes.  Die  Leere  des  modernen  Schlachtfeldes  griff  hier  gespenstisch
ans  Herz,  wenn  die  Angreifer  gegen  die  gewölbten  Waldstücke  anliefen.
        <pb n="331" />
        Die  letzten  Kämpfe  zwischen  Tanew  und  Wereszyen  315

Als  der  8.  September  zu  Ende  ging,  schien  die  Entwicklung  der  Schlacht
den  k.  u.  k.  Armeen  günstig  zu  sein.  Die  Gegenangriffe  der  Russen  waren  gebändigt,
  ihre  Vorstöße  gegen  die  in  die  Verteidigung  gedrängte  4.  Armee
im  Feuer  zusammengebrochen.  Selbst  Erzherzog  Josef  Ferdinand  und
General  Dankl  waren  noch  imstande,  sich  zu  behaupten.  Es  war  eine  holde
Täuschung,  ein  schönes  Abendrot,  dem  kein  neuer  Sieg  folgen  sollte.  Die
strategische  Lage  war  innerlich  brüchig  geworden.  Schon  bröckelte  der  Staudamm
  ab,  den  die  Truppen  des  Erzherzogs  und  General  Dankls  bildeten,
schon  erschienen  auf  dem  linken  Afer  der  Weichsel  russische  Schwadronen  in
der  Flanke  des  Korps  Kummer,  das  nach  dem  Abrücken  des  Landwehrkorps
  Woyrsch  allein  stand.  Auch  südlich  des  Dujestr  ballten  sich  russische
Truppenmassen  und  fingen  an,  die  Umfassung  Über  Seryj  vorzutreiben.
Vom  8.  auf  den  9.  September  begann  sich  der  konzentrische  Vormarsch  der
russischen  Armeen,  der  durch  Dankls  und  Auffenbergs  Gegenschlag  unterbunden
  worden  war,  auf  der  ganzen  Front  fühlbar  zu  machen.  Da  diese
bereits  bedeutend  verengert  war,  so  lähmte  der  Druck  die  Bewegungen  der
k.  u.  k.  Armeen,  bevor  diese  sich  die  Handlungsfreiheit  erkämpft  und  den  Angriff
  gegen  Lemberg  durchgeführt  hatten.  Stieg  das  Gespenst  von  Königgräß
  herauf?

Die  letzten  Kämpfe  zwischen  Tanew  und  Wereszyca

Der  9.  September  brachte  die  Entscheidung.  Noch  schritt  der  Angriff
der  2.  und  3.  Armee  südwestlich  von  Lemberg  vorwärts.  In  hartem  Kampfe
rangen  sich  die  Osterreicher  östlich  von  Komarno  an  den  Wasserlauf  vor,  der
lüber  Szezerzec  zum  Dnzjestr  fließt.  Das  IV.  Korps  drängte  die  Russen  hier
lber  die  Diefenlinie  gegen  Dornfeld  zurück.  Das  VII.  und  das  XII.  Korps#
begannen  sich  aus  den  Ortschaften  am  Ostufer  der  Wereszyca  gegen  Siemianowka—Glinna
  vorzuarbeiten  und  kamen  schrietweise  vom  Fleck.  Jedes
Gehöft,  jeder  Waldzipfel  mußte  mit  Artilleriefeuer  eingedeckt  und  im  Sturm
szenommen  werden.  Das  III.  Korps  drang  über  die  Grodeker  Waldhügel  gegen
Stawczany  vor  und  kam  auf  15  Kilometer  an  Lemberg  heran.  Auf  dieser
Linie  hatten  die  Russen  eine  große  Werteidigungsstellung  geschaffen.
Bartatow,  Mstzana  und  Stawczany,  Orte,  welche  die  Westzugänge  von
bemberg  beherrschten,  waren  in  Außenfesten  verwandelt  und  stark  bestückt
worden.  Infanterie  und  Feldgeschütze  waren  nicht  imstande,  sie  zu  nehmen.
Da  brachten  die  Osterreicher  ihre  schwere  Artillerie  vor  und  tauchten  die
Orte  in  eine  nachdrückliche  Beschießung.  Die  Russen  wandten  dasselbe  Ver.
fahren  gegenüber  Janow  an,  dessen  Verlust  ihre  Steellung  nördlich  der  Lemberger
  Straße  empfindlich  geschwächt  hatte,  und  brachten  hier  so  zahlreiche
schwere  Stücke  ins  Gefecht,  daß  die  Osterreicher  den  zusammengeschossenen
Ort  räumen  mußten.  Das  Gefecht  begann  auf  der  ganzen  Linie  zu  erstarren.
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        316  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Am  linken  Flügel  Auffenbergs  war  inzwischen  die  Lage  erust  geworden.
Das  VI.  Korps  erwehrte  sich  nur  noch  mühsam  der  unaufhörlichen  Angriffe,
die  die  Front  zwischen  Janow  und  Rawa  Muska  zermürbten.  Immerstärker
  machte  sich  der  russische  Druck  auf  den  Nordflügel  der  4.  Angriffsarmee
  geltend.  Drei  russische  Armeen  standen  jezt  zwischen  dem  Onjestr  und
NRawa  MRuska  im  Kampf,  zehn  Armeckorps  waren  zur  Stelle  und  schoben
sich  immer  stärker  mit  der  rechten  Schulter  vor,  indem  sie  dem  Druck  auf  den
linken  Flügel  und  die  Mitte  spannkräftig  nachgaben,  um  mit  der  rechts
hinausgeschobenen  Masse  die  Schlacht  zu  entscheiden.

Sobald  die  5.  Armee  über  den  Erzherzog  Herr  geworden  war  und  zusammen
  mit  dem  rechten  Flügel  der  3.  Armee  zwischen  Rawa  Rusko  und
Tomaszow  einbrach,  war  die  Schlacht  für  die  Russen  gewonnen.  Gelang
es  ihnen  aber  gar,  auch  die  Armee  Dankl  zu  zertrümmern  und  in  die  Tanewsümpfe
  zu  werfen,  so  war  nicht  nur  die  Schlacht  an  der  Wereszyca  gewomten,
sondern  auch  der  Rückzug  der  zwischen  Rawa  Ruska  und  dem  Onjestr
kämpfenden  Osterreicher  und  Ungarn  auf  das  ernsteste  gefährdet.  Dann
wurde  die  Hauptmasse  des  k.  u.  k.  Heeres  auf  Rückzugslinien  zusammengedrängt,
  die  hinter  dem  rechten  IFlügel  liesen,  und  ein  halbwegs  geordneter
  Abfluß  der  Armeen  in  Frage  gestellt.

Die  Entwicklung  am  Nordflügel  des  Heeres  ließ  die  Brüchigkeit  der
strategischen  Lage  in  vollem  Umfange  erkennen.  Hier  war  die  1.  Armee  am
Erliegen.  General  v.  Kummer  wurde  von  überlegenen  Kräften  in  der  Front
angegriffen  und  gezwungen,  vom  Chodelabschnitt  hinter  die  Wyznica  zurück.
zuweichen.  Der  ganze  linke  Flügel  Dankls  gerlet  ins  Wanken.  Auch  die
Flügeldivision  seines  I.  Korps  ging  fechtend  vom  Cbodelbach  binter  die
Wayznica  zurick.  Die  Weichselbrücken  waren  schon  auf  dem  linken  LIfer  von
russischer  Kavallerie  bedroht,  die  über  die  Brücken  von  Iwangorod  geritten
  war.  Der  linke  Flügel  Dankle  zog  sich  daher  auf  dem  rechten
Stromufer  nach  Süden  zurück.  Zur  gleichen  Zeit  wurde  der  rechte  Glügel
der  1.  Armee  gezwungen,  dem  umfassenden  Angriff  zu  weichen,  der  von
Norden  und  Osten  gegen  die  Stellungen  des  X.  und  V.  Korps  gerichtet
wurde.  Das  V.  Korps  war  am  Ende  seiner  Kraft  angelangt.  Die  Dberflügelung
  hatte  schon  am  7.  September  in  seinen  Rücken  gegriffen.  Da  klirrte
das  Korps  Woyrsch  als  letzte  Unterstütczung  heran  und  ergriff  von  den  Höhen
von  DTarnawka  Besitz.  Die  4.  Division  kam  schon  am  7.  September  ins
Gefecht  und  hielt  bis  zum  9.  September  unerschütterlich  skand  Aber  es  war
General  v.  Dankl  lar,  daß  dieser  Widerskand  nicht  mehr  zur  Wiederherstellung
  des  Gefeches,  sondern  nur  noch  zur  Oeckung  des  Rückzugs  dienen
konnte.  Diesen  länger  aufschieben,  mußte  die  Armee  ins  Verderben  stürzen.

Auch  der  Erzherzog  fühlte  den  Boden  wanken.  Wergebens  setzte  er
das  XII.  Korps  ein,  das  ihm  neuerdings  zur  Verfügung  gestellt  worden  war;
die  Kräfte  waren  zu  ungleich.  Das  II.  Korps  konnte  sich  nur  noch  durch
        <pb n="333" />
        Die  letzten  Kämpfe  zwischen  Tanew  und  Wereszyca  317

schleunigen  Rückzug  binter  die  Rata  vor  der  völligen  Einkreisung  bei  Lubyeza
bewahren,  auch  die  Tiroler  mußten  weichen.  Der  ganze  Nordflügel  des
österreichisch-ungarischen  Heeres  war  am  Zusammenbrechen.

Und  voch  kämpften  auf  dem  Südflügel  bis  zur  Mitte,  also  zwischen  Rawa
Ruska  und  Mikolajow,  noch  drei  Armeen,  Boehm-Ermolli,  Boroevic  und
Auffenberg,  um  den  Sieg.  Noch  am  10.  September  hörte  man  in  Lemberg  das
Getöse  näherkommender  Schlacht.  Auf  einer  Höhe  östlich  von  Grodek  verfolgte
  das  Oberkommando  den  Kampf.  Hier  empfing  der  Thronfolger
Oberst  Erzherzog  Karl,  der  mie  Erzherzog  Friedrich  und  Hötendorf  den
Angriff  immer  noch  vorwärts  gehen  sah,  von  Schrapnellen  die  Feuertaufe.
ODas  war  zur  Zeit,  da  schon  der  linke  Flügel  der  4.  Armee  zurückgenommen
und  auf  der  Linie  Szczerzec—Horyniec  nach  Nordosten  abgebogen  werden
mußte,  um  einem  Flankenangriff  von  Nawa  Ruska  her  zu  begegnen.
Man  schlug  sich  von  Dornfeld  bis  Bartatow  noch  um  den  Sieg,  gewann
noch  Raum,  drang  noch  mit  der  blanken  Waffe  in  feindliche  Gräben  und
ließ  selbst  den  Rückzug  Dankls  geschehen,  ohne  der  Hoffnung  zu  entsagen,
oder  tat  wenigstens  so,  um  die  Verklammerung  allmählich  zu  lösen.

Der  Rückzug  Dankls  war  im  Gange.  Es  handelte  sich  nur  noch  darum,
ihn  allmählich  und  planmäßig  durchzuführen.  Ihn  zu  decken,  stand  Woyrsch
bei  Tarnawka  und  Turobin  wie  ein  Fels.  Zuerst  wurde  der  Troß  in  zohllosen
Kolonnen  abgeschoben,  damit  es  nicht  im  Wald-  und  Sumpfgebiet  des
Tanew  zu  einer  Katastrophe  kam,  wenn  die  Heeressäulen  die  Verbindung
mit  dem  Feinde  lösten  und  hinter  den  Sanfluß  zurückwichen,  dann  rückten
die  Staffeln  Dankls  nach.

Nun  sah  sich  auch  der  Erzherzog  gezwungen,  von  der  Data  abzu-Riehen,
  denn  feindliche  Kolonnen  erschienen  bereits  bei  HPlazow  in  seinem
Rücken  und  stießen  in  der  Richtung  auf  Cieszanow  vor.  Damit  war  die
letzte  Schleuse  gebrochen,  die  der  Russenflut  noch  gewehrt  hatte.  Alles,  was
nördlich  der  Eisenbahnlinie  Jaworow—OSemberg  focht,  stand  nun  unter
schwerster  Bedrohung  und  mußte  zugrunde  gehen,  wenn  die  Schlacht  nicht
abgebrochen  wurde,  die  von  der  4.,  3.  und  2.  Armee  zwischen  Janow  und
Dornfeld  mit  der  Aussicht  auf  einen  in  den  Wolken  schwebenden  Sieg  ge.
liefert  worden  war.

Da  gab  Erzberzog  Friedrich  schweren  Herzens  den  Befehl  zum  all.
gemeinen  Rückzug.  Es  war  in  der  Mittagsstunde  des  11.  September,
geschab  im  lepten,  allerletzten  Augenblick,  kurz  vor  dem  Einbruch  der
Russen  in  den  rückwärtigen  Raum  der  k.  u.  k.  Armeen.  Selbst  die  hinter
dem  rechten  Flügel  verlaufenden  Linien  Sambor—Turka  und  Sambor—
Chvrow  waren  schon  bedroht,  weil  neue  russische  Kräfte  das  Seryibecken
überschwemmt  hatten  und  nun  kämpfend  über  Drohobycz  heranrückten,  um
die  Amfassung  des  Nordflügels  durch  eine  Umklammerung  der  Südflanke
zu  vollenden.
        <pb n="334" />
        318  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Der  Rückzug  der  Österreicher  und  Ungarn

Der  allgemeine  Rückzug  des  österreichisch-ungarischen  Hceres  wurde
vom  linken  Flügel  angetreten.

Zuerst  mußte  die  1.  Armee  über  den  Tanew  in  Sicherheit  gelangen  und
im  Mündungswinkel  von  Weichsel  und  San  eine  Flankenstellung  einnehmen.
Nach  siebzehntägigen  Kämpfen  zog  Dankl  von  der  Wyznica  und  dem
Porbach  ab.

Oie  k.  u.  k.  Artillerie  erneuerte  auf  diesem  Rückzug  den  Ruhm  ihrer
Waffe  und  schleuderte  den  Russen  ein  Sperrfeuer  entgegen,  das  an  die
Daten  der  Batterien  von  Lipa  und  Chlum  erinnerte.  Zwar  brach  russische
Kavallerie  in  großen  Verbänden  zur  Berfolgung  vor  und  sammelte  abge.
schnittene  Nachhuten  und  bis  zur  letzten  Kartusche  ausharrende  Batterien,
vermochte  aber  den  Rückzug  der  Hauptmacht  nicht  zu  verhindern.  Vor  den
geschlossen  abziehenden  Divisionen  Woyrschs,  die  bis  zuletzt  ausharrten,
spriste  sie  schleunigst  auseinander.

Drei  Tage  hatte  die  PDosener  Landwehr  auf  den  Hügeln  von  Tarnawka
gekämpfe.  Am  10.  September  griff  dork  die  3.  Division  in  den  Endlampf
ein.  Schlesier  und  Polen  besiegelten  die  Nibelungentreue  mit  ihrem  Blute.
Als  der  Rückzugsbefehl  eintraf,  wichen  sie  Schritt  für  Schritt  auf  Janowm
und  den  Tanew  zurück.  Auch  hier  gebührte  der  Artillerie  das  lehte  Wort.
Bis  zum  letzten  Augenblick  hielten  die  preußischen  Batterien  fest.  Auch  sie
waren  aus  Landwehr-  und  Ersaßtruppenteilen  gebildet  und  standen  gegen
eine  große  Abermacht  im  Feuer.  Bei  Tarnawbka  ist  die  2.  Landsturmbatterie
des  Landwehrkorps  mit  Mann  und  Rohr  im  Heldenkampfe  zugrunde
gegangen.

Am  11.  September  war  Janow,  27  Kilometer  südwestlich  von  Turobin,
erreicht  und  damit  die  schwierigere  Hälfte  des  Rückweges  zum  San
überwunden.  Der  Ausse  folgte  und  brach  in  den  Mündungswinkel  von
San  und  Weichsel  ein,  um  die  Armee  Dankl  von  Norden  aufzurollen.  Am
17.  und  18.  September  focht  die  Landwehr  am  Legfluß  und  setzte  diesem
Beginnen  die  lehte  Schranke.  Es  war  ein  blutgezeichneter  Weg,  auf  dem
das  preußische  Landwehrkorps  viele  tapfere  Leute  verloren  hat  und  unbeweglich
gewordene  Geschütze  drangab.  Seine  Aufgabe,  den  Rückzug  zu  decken,
batte  es  erfüllt.

Noch  schwieriger  gesktaltete  sich  der  Rückzug  des  Erzherzogs  und  Auffenbergs;
  denn  ihre  linke  Flanke  lag  vollskändig  offen,  und  diesmal  drängte
Rußli  tatkräftig  nach.  Der  Troß,  der  seit  dem  30.  August  wie  in  einer
Zentrifuge  herumgeschleudert  wurde,  um  den  Bewegungen  der  Armee  zu
folgen,  geriet  ins  Gedränge  der  Rückzugsgesechte  und  mußte  versuchen,
querfeldein  zu  entkommen;  viel  blieb  liegen.
        <pb n="335" />
        Der  Rückzug  der  Osterreicher  und  Ungarn  319

Schwerer  Regen  hatte  die  Wege  durchweicht,  der  Rückzug  löste  die
Korpsverbände,  die  Osterreicher  waren  in  Gefahr,  blind  ins  Laufen  zu
kommen.  Die  Nussen  hofften  die  Schlacht,  die  ihnen  jetzt  im  Lichte  eines
großen  Sieges  und  eines  allgemeinen  Erfolges  erschien,  mit  einem
mächtigen  Schlage  zu  vollenden  und  die  k.  u.  k.  Armeen  im  Winkel  zwischen
der  Wereszyca  und  dem  großen  Onzjesirsumpf  zu  vernichten.  Aber  den
Russen  gebrach  es  zur  Ausführung  dieses  Planes  an  der  nötigen
Manöorierfähigkeit.  Auch  war  ihre  linke  Flügelgruppe  bei  Bartatow,
Lubien  und  Dornfeld  zu  sehr  bergenommen  worden,  um  rechtzeitig
den  Vormarsch  anereten  zu  können.  Vor  ihnen  standen  wohlgeschulte
und  sicher  gelenkte  Armeen,  die  zwar  schwere  Schlachtverluste  davongetragen
  hatten,  aber  meist  in  geordneten  Kolonnen  auf  Drzemyfsl,
Laroslau  und  Cezaisk  zurückgingen  und  ihre  Aufnahmestellungen  zwischen
Wereszyca  und  San  im  Einklang  mit  den  allgemeinen  Bewegungen  des
Heeres  räumten.

Die  Truppen  Boroevich  und  Boehm.Ermollis  beganmen  sich  in  der
Nacht  auf  den  12.  September  vom  Feind  zu  lösen.  Unwillig  wichen  sie,
denn  sie  hatlen  in  günstig  fortschreitenden  Kämpfen  geskanden  und  glaubten
den  Sieg  schon  in  ihre  Hand  gegeben.  Auch  bier  brachen  Kosaken  und  Dragoner
zur  Verfolgung  vor,  zerschellten  aber  bald  am  Feuer  der  Nachhuten.  Nur
wo  sie  auf  WVersprengte,  auf  steckengebliebene  Troßwagen  und  Drogen
trafen,  ernteten  sie  reiche  Beute.  Auf  der  ganzen  Linie  von  Tanew  bis
zur  Mündung  der  Wereszyca  gelang  es  dem  Heere  des  Erzherzogs  Friedrich,
  sich  allmählich  vom  Feinde  zu  lösen  und  den  Rückzug  binter  den  San
zu  bewerkstelligen.  Seine  Werluste  waren  schwer,  aber  auch  die  Spreu
vom  Weizen  gesondert  worden.

Am  14.  September  standen  die  Russen  nur  noch  einen  Lagmarsch  von
Drzemysl  entfernt,  das  seine  Tore  schloß  und  Generalmarsch  blasen  ließ.
Die  Feste  sperrte  den  Hauptübergang  über  den  San.  Solange  Drzemysl
unbezwungen  blieb,  lag  es  als  großes  Hindernis  im  Wege  der  russischen
Armeen  und  zwang  sie,  den  Vormarsch  in  weitem  Bogen  darum  herum  zu
führen.  Der  Werteidiger,  General  v.  Kusmanek,  war  gesonnen,  die  Werke
bis  auf  das  äußerste  zu  halten,  und  trieb  schon  am  15.  September  Ausfall.
truppen  gegen  den  Feind  vor.  Am  16.  September  wurde  von  Jawichost  und
von  Jaroslau  bis  PDrzemysl  um  die  Brückenköpfe  des  San  gekämpft,  während
die  Armeen  sich  hinter  der  Wysloka  neu  ordneten.  Müde,  abgehett  und
schwer  erschüttert,  kehrten  die  österreichisch-ungaorischen  Truppen  aus  dem
Angriffsfeldzug  zurück,  der  sie  sechs  Wochen  in  Märschen  und  Kämpfen  von
unerhörter  Anspannung  umgetrieben  hatte.  Die  Neuordnung  der  stark  gelichteten
  Korps,  die  auf  dem  Rückzug  arg  durcheinander  geraten  waren,
erforderte  Zeit  und  Kaaum.  Beides  war  teuer  geworden,  aber  der  Wider-Kand
  am  San  nachhaltig  genug,  beides  zu  erkaufen.
        <pb n="336" />
        320  Der  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Betrachtungen  zu  den  Schlachten  in  Galizien  und
Südpolen

Sechs  Wochen  waren  seit  der  Eröffnung  der  Feindseligkeiten,  drei
Wochen  seit  dem  Beginn  der  großen  Operationen  vergangen.  In  dieser
Frist  harte  sich  der  erste  Angriffsfeldzug  Osterreich-Ungarns  erschöpft.
Was  war  das  Ergebnis?  War  der  strategische  Plan  der  österreichischen
Heeresleitung  gelungen,  oder  hatle  der  Russe  seinen  Willen  durchgesetzt?
Die  Beantwortung  dieser  Doppelfrage  wird  verschieden  lauten,  je  nach  der
Wahl  des  Standpunktes,  den  wir  zu  ihr  einnehmen.  Wer  den  greifbaren
nächsten  Erfolg  und  das  Ergebnis  der  taktischen  Zusammenstöße  auf  den
südpolnischen  und  galizischen  Schlachtfeldern  ins  Auge  faßt,  der  wird  den
Russen  den  Kranz  reichen.  Sie  haben  Ostgalizien  erobert  und  sind  in  Lemberg
als  Sieger  eingezogen.  Sie  haben  den  Feldzugsplan  der  Osterreicher  um
seine  posicive  strategische  Auswirkung  gebracht,  weil  der  von  ihnen  ge.
wählte  Angriffsplan  sich  zufällig  als  das  vorgeschriebene  Gegenmittel  erwies
und  bei  der  großen  zahlenmäßigen  Dberlegenheit  des  russischen  Heeres  das
Gelingen  in  sich  trug.  Sie  haben  den  Aiesenschatten  ihres  in  Ostpreußen
und  Ostgalizien  drohenden  Vormarsches  über  Deutschland  geworfen  und  auf
den  Kartentisch  der  obersten  deutschen  Heeresleitung  zu  Charleville  Mczieres
fallen  lassen.  Sie  haben  aber  das  strategische  Abergewicht  erst  erlangt,
als  sie  den  letzten  Mann  herangeholt,  schwere  Rückschläge  erlitten  und  drei
Wochen  gekämpft  hatten.

Das  Heer  Franz  Josephs  war  nicht  vernichtet.  Es  zog  mit  flotternden
Fahnen  ab  und  machte  trog  seiner  größeren  Schwächung  und  des  Perlustes
der  Schlacht  von  Drzemyslany,  gleich  dem  deutschen  Heere,  das  in  diesen
Tagen  vom  Petit  Morin  über  die  Marne  und  die  Aisne  auswich,  das  schöne
Wort  Clausewitzens  wahr:  „Die  Rückzüge  großer  Feldherren  und  kriegs.
geübter  Heere  gleichen  stets  dem  Abgehen  eines  verwundeten  Löwen.“

Schon  in  der  Achsendrehung  der  ersten  Schlachten  hatte  sich  ein  voll.
ständiges  Ineinandergreifen  der  österreichischen  und  der  russischen  Angriffsbewegung
  ausgeprägt.  Die  Heere  fochten  zuerst  auf  einer  von  Nordwesten  nach
Südosten  streichenden,  durch  die  Punkee  Zawichost—Lemberg—PBrzezany  bestimmten
  Linie,  griffen  beide  mit  den  linken  Flügeln  erfolgreich  an  und  drehten
dadurch  die  Kampffrone  um  den  Achsenpunkt  Lemberg,  bis  sie  von  Norden
nach  Süden  lief.  Dann  versagte  den  Osterreichern  die  Kraft.  Ihr  Angriffs.
flügel  wurde  am  Achsenpunkt  abgeknickt  und  nach  Westen  zurückgebogen.
Nun  verstand  es  die  österreichisch-ungarische  Heeresleitung,  das  strategische
Gebilde  neu  zu  gestalten,  indem  sie  ihre  Mittelgruppe  von  Lemberg  auf
Grodek  zurücknahm  und  in  der  zweiten  Lemberger  Schlacht  den  rechten
Flügel  angriffsweise  in  Bewegung  setzte,  während  der  linke  Flügel  jetzt  in
die  Verteidigung  verwiesen  wurde.  Aber  das  Lbergewicht  der  Zahl  auf  der
        <pb n="337" />
        Betrachtungen  zu  den  Schlachten  in  Galizien  und  Südpolen  321

Seite  des  Gegners  war  so  stark,  daß  der  neue  Antrieb  den  Fluß  der  Gegenbewegung
  nicht  rasch  und  entschieden  genug  zu  hemmen  und  aufzuheben  vermochte,
  zumal  da  die  russische  Heeresleitung  ebenfalls  zur  Schwergewichtsverlegung
  schritt  und  im  transitorischen  Moment  ihren  rechten  Flügel  und,
ihre  Mitte  vortrieb,  während  sie  den  linken  Glügel  zunächst  in  die  Verteidigung
  wies.  Sie  hatte  also  wiederum  das  entsprechende  strategische  Gegenmittel
gewählt,  das  sich  in  einer  Reflexbewegung  gewissermaßen  von  selbst  auslöste.

In  der  Ausführung  wirkte  der  russische  Druck  infolge  der  stärkeren  Masse
kräftiger  und  rascher  als  der  österreichische  Gegendruck.  In  der  linken  öster.
reichischen  Flügelgruppe  entstand  zwischen  der  1.  und  4.  Armee  eine  schwache
Stelle,  die  Divisionen  Erzherzog  Josef  Ferdinands  wurden  eingedrücke,
die  1.  Armee  umfaßt,  die  4.  Armee  in  der  linken  Flanke  bedroht  und  der
allgemeine  Rückzug  zu  einem  Gebot  dringender  Notwendigkeit.

Der  österreichische  Sieg  bei  Zamose  war  durch  den  russischen  Sieg  bei
Drzemyslany  aufgehoben  worden,  da  das  Herumwerfen  der  4.  Armee  zur
zweiten  Lemberger  Schlacht  die  Lebenspunkte  der  russischen  Nordfrone
vor  dem  Falle  rettete.  Hätte  die  Armee  Brudermann  sich  in  ihrer  weitgespannten
  Stellung  zwischen  Busk  und  Brzezany  nicht  ganz  ausgegeben
und  nicht  die  Sicherung  der  Lemberger  Nordostfront  mit  der  Zertrümmerung
ihres  rechten  Flügels  bei  Firleiow  und  Drzemyslany  bezahlt,  sondern  sich
einige  Tage  länger  im  Felde  behauptet,  so  wäre  Auffenberg  Herr  von  Cholm
und  Grubieszow,  Dankl  Meister  von  Lublin  geworden.  Dann  wäre  die
große  Angriffsbewegung  Hötzendorfs  vielleicht  ausgereift,  dann  hätten
starke  Kräfte  von  den  polnischen  Schlachtfeldern  rückenfrei  und  des  Feindes
ledig  nach  Ostgalizien  geführt  und  der  Feldzug  vor  den  Westtoren  Lembergs
durch  einen  Sieg  Üüber  Rußki  und  Brussilow  gekrönt  werden  können.

Es  wire  unbillig  und  enespräche  den  Tatsachen  schlecht,  wenn  man
nicht  ausdrücklich  hervorhöbe,  daß  der  Angriffsfeldzug  Osterreich-Ungarns
die  Russen  überrascht,  ihre  Hauptkräfte  nach  Galizien  gelenkt  und  sie  dort
gefesselt  hat,  aber  diese  Gesselung  wurde  mit  Schlachten  bezahlt  und  in
Schlachten  gebrochen,  die  Osterreich-Ungarns  Heer  sehr  stark  trafen  und
schon  nach  drei  Wochen  ein  Eingreifen  deutscher  Truppen  verlangten.

So  liegt  also  das  positive  Ergebnis  der  österreichischen  Offensive  in
der  Bindung  der  russischen  Hauptkräfte,  und  es  ist  ihr  insofern  der  Erfolg
nicht  versagt  geblieben.  In  dreiwöchigen  Kämpfen  hatte  das  Heer  Franz
Losephs  den  modernen  Krieg  bis  auf  den  Grund  seines  Wesens  kennen  gelernt,
einen  Krieg,  der  nicht  mehr  mit  feurigem  Schwung  und  blitzendem  Säbel
über  das  Feld  flog,  sondern  sich  als  Arbeitsmann  mit  dem  Spaten  in  den
Boden  grub  und  seine  Bewegungen  nach  einer  Uhr  richtete,  die  die  Minuten
als  Stunden  zählte,  die  Schlachttage  nach  Wochen  bemaß,  trogdem  aber
die  schärfste  Zeitbestimmung  und  das  genaueste  Innehalten  jeder  Frist  zur

Erreichung  aller  Operationsziele  verlangte.

Seegemann  Geschichte  des  Krieges.  I.  21
        <pb n="338" />
        322  Oer  Feldzug  in  Galizien  und  Südpolen  bis  zum  15.  Sept.  1914

Die  Auswirkung  des  Rückzuges

Tiefernst  war  die  Lage  für  Osterreich-Ungarn,  als  seine  Hauptmacht  das
Feld  verließ  und  sich  100  Kilometer  westlich  von  PDrzemysl  wieder  zu  sammeln
suchte.  Das  ganze  Heer  hatte  in  siebzehntägigen  Kämpfen  geblutet  und
kehrte  mit  Wunden  bedeckt  aus  Ostgalizien  und  Holen  zurück.  Noch  ernster
erschienen  die  Aussichten,  die  sich  vom  allgemeinen  Standpunkt  der  beiden
Mietelmächte  boten.  Ihre  Heere  waren  im  Westen  und  Osten  zu  einem  gegenseitig
  bestimmten  Rückzug  genötige  worden,  selbst  Serben  und  Montenegriner
gingen  zum  Gegenstoß  über  und  bedrohten  Syrmien  und  Bosnien  und  die
Südflanke  des  mitteleuropäischen  Blocks,  während  England  die  Seeblockade
enger  zog.

Unheimliches  Dunkel  verhüllte  die  Ferne  und  wälzte  sich  schwer  auf
die  nächste  Zukunft  der  beiden  mitteleuropäischen  Reiche.  Die  kühne
Angriffsbewegung,  die  üÜber  die  verhängnisvolle  Einkreisung  im  Schoße
Europas  triumphieren  sollte,  war  im  Westen  zum  Stehen  gekommen,  im
Osten  abgeschlagen  und  im  Süden  eingestellt  worden.  Zwar  behaupteten
sich  die  deutschen  Armeen  in  Frankreich  in  voller  Schlagkraft  auf  der  Aisne.=front,
  im  Osten  aber  war  ganz  Ostgalizien  verloren  gegangen  und  je  nach
dem  Angriffsplan,  den  Großfürst  Nikolai  Nikolajewitsch  jetzt  ausführte,  die
Kette  der  Karpathenpässe  und  die  Kornebene  Ungarns  oder  DMähren  und
Schlesien  bedroht.

Am  28.  August  war  das  deutsche  Westheer  auf  seinem  stürmischen
Siegeszuge  an  die  Oise  und  die  Maas  gelangt,  am  gleichen  Tage  hatte  das
österreichisch-ungarische  Heer  bereits  den  Erfolg  von  Krasnik  an  seine  Fahnen
geheftet  und  skand  bei  Zamose  und  Drzemyslany  noch  in  Kämpfen,  die  ihm
Siege  versprachen.

Am  30.  August  erreichte  die  glänzende  Angriffsbewegung  der  Deutschen
im  Westen  ihren  Gipfelpunkt.  Im  Osten  war  der  Sieg  von  Tannenberg  erfocheen
  und  bei  Zamosc  und  Komarow  der  Sieg  Auffenbergs  und  Josef
Ferdinands  erkämpft.  Bei  Rohatyn  aber  fiel  an  diesem  Tage  der  Würfel
zu  Ungunsten  Brudermanns,  und  vor  Königsberg  stand  Rennenkampf  noch
unbesiegt.  Von  Insterburg  bis  Lemberg  war  eine  Russenflut  in  der  Bewegung
  sichtbar  geworden,  gegen  die  nur  mit  verstärkten  und  vereinigten
Kräften  angekämpft  werden  konnte.

Am  7.  September  war  Oemberg  verloren,  waren  die  Armeen  Dankl
und  Losef  Ferdinand  in  Gefahr,  Überrannt  zu  werden,  Auffenberg  in  schwerer
Bedrängnis  und  das  Schicksal  des  ganzen  Feldzuges  Osterreich-Ungarns
an  eine  Frist  von  wenigen  Dagen  geknüpft.  Erleichternd  machte  sich  im
Osten  nur  der  Angriff  Hindenburgs  auf  die  Armee  Renekampf  geltend,
die  am  7.  September  an  den  großen  masurischen  Seen  mit  strategischer  Aber-
        <pb n="339" />
        Die  allgemeine  Lage  am  15.  September  1914  323

legenheit  angefallen  wurde.  Am  gleichen  Tage  sahen  sich  die  deutschen
Westarmeen  am  Ourcq  und  am  Petie  Morin  unter  ungünstigen  strategischen
Bedingungen  vor  eine  Enescheidungsschlacht  gestellt,  zum  Teil  schon  unter
Umfassung  ibres  rechten  Flügels  hineinverwickelt.  Im  Osten  und  im  Westen
waren  Reserven  notwendig,  um  die  Entwicklung  ausschlaggebend  zu  beein.
flussen  und  auf  dem  östlichen  Kriegstheater  die  Lage  zum  Guten  zu  wenden,
auf  dem  westlichen  die  großen  Errungenschaften  sicherzustellen.  Aber  die
zungen  Truppen,  die  die  Kasernen  füllten,  waren  noch  nicht  feldfähig  und
Jeughäuser  und  Fabriken  noch  nicht  imstande,  den  Bedarf  an  Schießvorrat
für  die  modernen  Massen-  und  Dauerschlachten  anzufertigen.

Dieser  Komplex  von  Erscheinungen  und  Erwägungen  bot  sich  den  beiden
Heeresleitungen,  vornehmlich  der  obersten  deutschen  Heeresleitung,  am
7.  September  in  einem  düster  verschlungenen  Knäuel  dar,  der  durch  einen
blioschnellen  Entschluß  gespalten  werden  mußte.  Wir  kenmen  diesen  Entschluß,
er  enthielt  den  Verzicht  auf  die  Durchführung  der  großen  Angriffsbewegung,
die  das  englisch-französische  Feldheer  bis  Paris  gescheucht,  aber  nicht  zertrümmert
  hatte.  Das  deutsche  Westheer  löste  sich  auf  den  Befehl  der  obersten
Heeresleitung  aus  der  Schlacht  südlich  der  Marne  und  wich  auf  die  Aisne.
Am  11.  September  trafen  die  ersten  Staffeln  dort  ein,  um  sich  zur  großen
Werteidigungsschlacht  zu  stellen.  Am  gleichen  Tage  sah  sich  die  k.  u.  k.  Heeresleitung
  gezwungen,  die  Folgerungen  aus  dem  Rückzuge  Dankls  und  der  Lage
bei  Rawa  QMusko  zu  ziehen  und  den  allgemeinen  Rückzug  binter  den  San
anzuordnen,  der  vom  11.  bis  15.  September  vollzogen  wurde.

Die  allgemeine  Lage  am  15.  September  1914

Mie  einem  Schlage  hatte  sich  die  allgemeine  Kriegslage  zugunsten  der
auf  den  äußeren  Oinien  stehenden  Mächte  aufgehellt.  Sie  wähnten  das
deutsche  Heer  geschlagen  und  nicht  mehr  fähig,  auf  französischem  Boden
standzuhalten,  das  österreichisch-ungarische  Heer  zertrümmert  und  nicht  mehr
geeignet,  im  Felde  zu  erscheinen.  In  ihrer  Siegesfreude  üÜberschägten  sie  die
errungenen  Erfolge  in  taktischer  und  strategischer  Beziehung  erheblich,  doch
bleibt  festzuskellen,  daß  diese  Erfolge  bedeutend  genug  waren,  große  Hoff.
nungen  zu  erregen,  und  daß  sie  tatsächlich  dem  Kriege  eine  neue  Wendung
gegeben  haben.  Zwar  leiteten  sie  nicht  den  großen  Siegeszug  der  Entente  ein,
der  geradeswegs  bis  zur  Hofburg  und  zum  Brandenburger  Dor  führen
sollte,  wohl  aber  hoben  sie  die  Gefechtsmoral  der  Gegner  und  steckten  dem
Kriege  neue,  ins  ferlose  gerückee  Grenzen,  die  sich  in  unabsehbare  Fernen
verloren,  innerhalb  deren  nun  auch  weltpolitische  Ziele  von  ungeahnter
Weitschau  auftauchten,  die  zu  Beginn  des  Krieges  noch  in  Ungewißheit  gelegen
  hatten.
        <pb n="340" />
        324  Die  allgemeine  Lage  am  15.  September  1914

Während  die  Außenmächte  ihre  Angriffe  im  Bewußtsein  der  er.
rungenen  Erfolge  unter  Benüung  der  strategischen  Dberlegenheit  an
Aisne  und  San  zu  umfassenden  Bewegungen  zu  gestalten  suchten,  mußte
von  seiten  der  Mittelmächte  alles  geschehen,  die  Lage  im  Osten  wieder.
berzuskellen.  Zu  diesem  Iwecke  war  nicht  nur  auf  neue  Werstärkungen
der  im  Osten  fechtenden  deutschen  Truppen,  sondern  auch  auf  eine  unmittelbare
  gemeinsame  Tätigkeit  im  Felde  mit  dem  österreichisch-ungarischen
Heere  hinzuwirken.  Jede  Stunde  war  kostbar.  Nicht  rasch  genug
konnte  die  Vorbewegung  der  russischen  Hauptmacht  unterbunden  werden,
denn  gelangte  die  russische  Lawine  endgültig  ins  Rollen,  so  ging  sie  über  ganz
Galizien  hinweg  und  zerschlug  die  Grenzen  Ungarns  und  Schlesiens.  Es
war  Gefahr  im  PBerzug.  Dieser  Amstand  gestaltete  die  Lage  für  die  Mittelmächte
  trotz  der  vorsichtigen  Rückzugsstrategie,  die  im  Westen  befolgt
worden  war,  im  Osten  äußerst  bedrohlich.

In  diesem  weltgeschichtlichen  Augenblick  ist  nun  die  große  strategische
Bedeutung  jener  Siege  in  Frucht  geschossen,  die  Generaloberst  v.  Hindenburg
  mit  der  deutschen  Ostarmee  vom  25.  August  bis  12.  September  in
Ostpreußen  erfochten  hat.  Er  hatte  Ostpreußen  vom  Feinde  befreit,  eine
der  schlagfertigen  Angriffsarmeen  Rußlands  vernichtet  und  eine  zweite  so
aus  dem  Felde  geschlagen,  daß  sie  sich  erst  hinter  Kowno  und  Wilna  wieder
ordnen  konnte.  Jwar  wäre  eine  volle  Ausnutzung  des  Sieges  an  den  masurischen
  Seen  in  der  Angriffsrichtung,  also  auf  den  Njemen  und  GVobr,  erwünschte
  gewesen,  aber  die  örtliche  Lage  war  ohnedies  so  günstig,  daß  sie  dem
siegreichen  Feldberrn  gleichwohl  gestattete,  sein  Schwert  in  einen  anderen
Streit  zu  tragen.  Nie  hat  sich  Handlungsfreiheit,  die  durch  überlegene
Kriegskunst  erworben  wurde,  herrlicher  gelohnt.  In  richtiger  Würdigung
der  allgemeinen  Lage  wurde  die  Armee  Hindenburgs  am  12.  September
nach  Südpolen  gelenkt,  um  die  russischen  Armeen,  die  zur  Verfolgung  des
k.  u.  k.  Heeres  über  die  Weichsel  und  den  San  vorbrachen,  in  der  rechten
Flanke  zu  packen.  Damit  war  die  nächste  und  größte  Gefahr  beschworen  und
der  Feldzug  der  Mittelmächte  im  Osten  auf  eine  neue  Grundlage  gestellt.

Als  Hindenburg  seine  Hauptkräfte  aus  dem  Gouvernement  Suwalli
herauszog  und  am  14.  September  mit  vier  Korps  unversehens  nach  Süden
abrückte,  während  Frangois,  Below,  Morgen  und  die  1.  Kavalleriedivision
den  geschlagenen  Russen  an  Njemen  und  Gobr  noch  eine  große  Armee
vortäuschten,  reisten  die  Vernichtungsschlacht  bei  Tannenberg  und  der
Sieg  an  den  masurischen  Seen  zur  vollen  Auswirkung.  Die  strategische
Bedeutung  der  Sommerschlachten  in  Ostpreußen  kann  also  nur  aus  der
Gesamélage  heraus  beurteilt  werden,  die  am  12.  September  in  Ost  und  West
in  neue  Gestalt  gewachsen  ist.  Ebenso  ist  der  Abbruch  der  Marneschlacht  erst
zu  begreifen  und  zu  würdigen,  wenn  man  vom  Stand  der  ODinge  im  Osten
den  Glick  auf  sie  zurücklenkt.
        <pb n="341" />
        Schlußwort  325

War  aber  auch  der  österreichische  Angriffsfeldzug  als  solcher  gescheitert,
da  er  alle  Lebenspunkte  der  russischen  Ausfallstellungen  unversehrt  gelassen
hatte,  um  mie  einem  Rückzug  weiter  hinter  den  San  zu  enden,  so  hatte  das
k.  u.  k.  Heer  in  ihm  doch  eine  kostbare  Frist  erkämpft,  die  den  Russen  nicht  gestattet
  hat,  vor  dem  15.  September  Über  die  Weichsel  vorzuricken  und  ihre
Hauptkräfte  während  sechs  Wochen  in  Galizien  gefesselt  hielt.  Und  war
auch  der  deutsche  Feldzug  im  Westen  nicht  bis  zur  Zertrümmerung  der  englischfranzösischen
  Armeen  durchgeführt  und  Paris  nicht  erobert,  sondern  die
Entscheidungsschlacht  abgebrochen  und  das  deutsche  Heer  in  die  Verteidigung
zurückgenommen  worden,  so  hatte  doch  die  Enesendung  von  zwei  Korps
nach  Osten  den  vom  Schicksal  bezeichneten  und  vom  ODeutschen  Kaiser  erkorenen
  Feldherrn  instand  gesetzt,  die  in  Ostpreußen  eingefallenen  russischen
Armeen  aufs  Haupt  zu  schlagen.  Voll  Vertrauen  legte  Deutschland  dem
Feldherrn  Hindenburg  neue  Streitkräfte  in  die  Hand,  damit  er  sein  siegreiches
  Schwert  in  die  unsicher  schwankende  Wagschale  werse  und  den  Osten
im  engsten  Zusammenwirken  mit  den  k.  u.  k.  Armeen  in  vollem  Amfang
sicherstelle,  während  im  Westen  die  Entscheidung  zunächst  von  beiden  Seiten
auf  einer  neuen  operativen  Grundlage  gesucht  worden  ist,  um  bald  im
Stellungskrieg  zeitlich  und  räumlich  gefesselt  zu  werden.

Schlußwort

Am  15.  September  1914  ist  der  europäische  Krieg  aus  seiner  begrenzten
  Natur  berausgetreten  und  zu  einer  unberechenbaren  Erscheinung
geworden.

Die  Mächte  des  Dreiverbandes  waren  am  15.  September  um  ihren
gemeinsamen  Angriffsfeldzug  betrogen  worden,  im  Westen  nach  mühsamer
Wiederherstellung  des  strategischen  Gleichgewichts  auf  einer  rückwärtigen
Linie  zum  Steehen  gekommen,  im  Osten  dagegen  in  den  Besic  Ostgaliziens
gelangt,  das  freilich  den  Verlust  Belgiens  und  der  Aisnelinie  nicht  aufwog,
aber  als  russische  Operationsbasis  zur  Fortsetzung  des  Feldzuges  von  annähernd
  ähnlichem  Werte  war  wie  Belgien  für  die  Deueschen.  Die  entscheidende
  Schwächung  lag  auf  seiten  der  Mittelmächte  in  dem  Werlust
der  absoluten  strategischen  Iberlegenheit  im  Westen  und  der  Gefährdung
Schlesiens  und  Mährens,  auf  seiten  des  Dreiverbands  in  der  ungenügenden
Wiederherstellung  der  Lage  im  Westen  und  in  der  Zertrümmerung  des
russischen  Nordflügels  im  Osten.  Dadurch  war  die  allgemeine  konzentrische
Angriffsbewegung  der  Entente  tödlich  getroffen  worden,  während  die  im
strategischen  Ausfall  gewonnene  Raum-=  und  Handlungsfreibeit  der
Mittelmächte  trotz  des  im  Westen  eintretenden  Beharrungszustandes  noch
        <pb n="342" />
        326  Schlußwort

dauernden  Gewinn  versprach.  Neue  Fernblicke  waren  aufgeschlagen  und
der  Krieg  in  eine  Entwicklung  getrieben,  die  zu  einer  ungeheuren  Er.
weiterung  und  Verwicklung  der  strategischen  und  politischen  Probleme
fübren  mußte.  Aus  der  Rückschau  betrachtet,  erschien  die  am  15.  Sep.
tember  1914  zu  Ende  gegangene  Deriode  nur  als  ein  von  berauschendem
Rhythmus  durchglühtes  und  von  beispielloser  Dynamik  der  Bewegung  getragenes
  Vorspiel  der  allgemeinen  Kriegshandlung.  Und  war  trotdem
mehr  —  war  bereits  der  Krieg  in  der  ganzen  Verstrickung  kraft.,  raumund
  zeitverzehrender  Gewalten,  die  sich  im  Lebenswillen  der  kämpfenden
Nationen  unaufhörlich  erneuten.  Am  15.  September  1914  hat  der
europäische  Krieg  jenes  Wort  wahrgemacht,  das  von  Moltke  am  14.  Mai
1890  im  Reichstag  gesprochen  worden  ist,  als  er  gleich  einer  Weissagung
  die  sinnvolle  Behauptung  aufstellte,  daß  keine  große  Macht  in  einem
oder  in  zwei  Feldzügen  so  vollskändig  niedergeworfen  werden  könne,  daß
sie  sich  nicht  wieder  aufrichten  sollte,  um  den  Kampf  mit  frischen  Kräften
aufzunehmen.
        <pb n="343" />
        Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges
        <pb n="344" />
        <pb n="345" />
        Urkunden,  Belege  und  Anmerkungen

Um  Elsaß-Lothringens  wlllen

(1)  In  den  „Petermannschen  Mitteilungen“"  hat  rofessor  v.  Vorries
(Straßburg  i.  E.)  eine  vorzügliche  knappe  Ubersicht  über  „die  geschichtliche  Ent.
wicklung  der  deutschen  Westgrenze  zwischen  den  Ardennen  und  dem  schweizerischen
Jura“  gegeben  (Heft  10  und  11  des  Jahres  1916),  die  auch  ein  reiches,  gutgewähltes
Liceraturverzeichnis  beibringt.  Besonderes  Interesse  verdient  darin  die  Darstellung
  der  geschichtlichen  Entwicklung  seit  dem  Westfälischen  Frieden,  vor  allem
die  Reunionspolitik  Ludwigs  XIV.  bis  zum  Frieden  von  Rijswifsk,  der,
was  das  Elsaß  betrifft,  von  Frankreich  nicht  vollzogen  wurde.  Frankreich  verfügte
üÜber  Mittel  und  Mittelchen,  um  trog  der  Friedensabmachungen  das  ganze  Elsaß
in  seiner  Hand  zu  behalten.  Die  im  Lande  sitenden  betroffenen  Stände  fanden
sich  damit  ab,  indem  sie  von  der  französischen  Krone  „offene  Briefe“  erwarben,  in
denen  gegen  Anerkennung  der  französischen  Oberhoheit  ihre  Herrschaftsrechte  be.
stätigt  wurden,  die  im  Reiche  ansässigen  Stände,  indem  sie  sich  durch  völkerrechtliche
Verträge  Frankreich  unterwarfen.  Als  dann  die  Beschlüsse  der  Nationalversammlung
  über  die  Verfassung  vom  4.  August  1789  der  wirtschaftlichen  und  autoritativen
  Gewalt  der  elsässischen  Territorialherren  an  die  Wurzel  griffen,  erinnerte
man  sich  in  den  betroffenen  Kreisen  wieder  daran,  daß  ein  erheblicher  Teil  des
Elsasses  rechtlich  noch  Bestandteil  des  Reiches  sei.  Aber  die  Ereignisse  gingen
über  diese  altväterlichen  Ansichten  kurzerhand  hinweg,  die  zeine  und  unteilbare“
französische  Republik  kannte  mar  noch  gleichberechtigte  Bürger.  Das  siegreiche
Schwert  Bonapartes  machte  im  Frieden  von  Lunéville  den  Rhein  zur  Grenze
Frankreichs;  erst  dieser  Friede  hat  den  recheswidrigen  einseitigen  Beschluß  der
Reunionskammern  von  16380  durch  die  Zustimmung  des  Reiches  zum  rechtsgültigen
gemacht.

(2)  Der  Gedanke  der  Autonomie  Elsaß-Lokbringens  wurde  von  der  französi.
schen  sozialistischen  Hartei  unter  Führung  von  Jaures  vertreten  und  zum  erstenmal
vertraulich  auf  der  interparlamentarischen  Pfingstkonferenz  zu  Bern  im
Jahre  1913  zum  Ausdruck  gebracht.  Iber  den  Wegriff  dieser  Autonomie  gingen
die  Melnungen  freilich  noch  weit  auseinander.  Vom  Bundesstaat  im  Rahmen  des
Reiches  bis  zum  neutralen  ufferstaat  waren  alle  Stufen  der  Selbstverwaltung
vertreten.  Der  Verfdüsser  dieses  Werkes  hatte  damals  Gelegenheit,  mit  franhösischen
  Sozlalisten  eingehend  über  diese  Frage  zu  sprechen  und  sestzustellen,  daß
diese  aufrichtig  bestrebt  waren,  die  Wirklichkeit  mit  ihren  franzssischen  Vorstellungen
zu  vermählen,  aber  die  natürlichen,  geschichtlichen,  wirtschafelichen  und  gesellschaftlichen
  Verhälenisse  des  Elsasses  und  Lothringens  und  die  43jährige  Entwicklung
des  Landes  zu  wenig  kannten,  um  der  These  von  Grund  aus  beizukommen.  Nur
Jaurss’  mächtiger  Ideenslug  war  imstande,  solche  Mängel  zu  Überwinden  und  die
Dinge  aus  einer  Höhe  zu  sehen,  die  ohnehin  nur  das  Gesamebild  der  Erscheinung
        <pb n="346" />
        330  Auhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

gab.  Der  Krieg  zerriß  die  zarten,  noch  wirr  durcheinander  lausenden  Fäden  und
trieb  die  französischen  Sozialisten  zur  Auffassung  von  der  natürlichen  Grenze
Frankreichs  und  der  Wiederherstellung  des  unverleylichen  Gebiets#der  „einen  und
unteilbaren  Republik“  zurück.

England  und  Oeutschland

(8)  In  einer  berühmten  Nede  vom  6.  Februar  1888  hat  Bismarck  bei  der
Beratung  über  die  Aufnahme  einer  Anleibe  für  eine  neue  Wehrvorlage  die  politi-.
schen  Verhältnisse  Europas  von  der  Höhe  seiner  staatsmännischen  Weisheit
und  Erfahrung  nach  allen  Seiten  beleuchtet.  Diese  Rede  ist  eine  Fundgrube  fltr
den  Politiker  und  Geschichtschreiber,  und  wer  angesichts  des  europäischen
Krieges  auf  sie  zurückgreift,  findet  darin  Leitsätze  und  Anhaltespunkte  für  den
Gang  der  Enewicklung  in  reichstem  Maße  aufgestellt  und  vorgezeichnet.  Zur  Frage
des  Dräventivkrieges  äußerte  sich  Bismarck  darin  folgendermaßen:

„..  .Mit  der  gewaltigen  Maschine,  zu  der  wir  das  deutsche  Heerwesen  aus.
bilden,  unternimmt  man  keinen  Angriff  ..  Wenn  wir  in  Deutschland  einen  Krieg
mit  der  vollen  Wirkung  unserer  Nationalkraft  führen  wollen,  so  muß  es  ein  Krieg
sein,  mit  dem  alle,  die  ihn  miemachen,  alle,  die  ihm  Opfer  bringen,  kurz  und  gut,
mit  dem  die  ganze  Nation  einverstanden  ist;  es  muß  ein  Volkskrieg  sein;  es  muß
ein  Krieg  sein,  der  mit  dem  Enthusiasmus  geführt  wird  wie  der  von  1870,  wo
wir  ruchlos  angegriffen  wurden  ....  Ein  Krieg,  zu  dem  wir  nicht  vom  Wolks.
willen  getragen  werden,  der  wird  geführt  werden,  wenn  schließlich  die  verordneten
Obrigkeiten  ihn  für  nötig  halten  und  erklärt  haben;  er  wird  auch  mit  vollem
Schneid  und  vielleicht  siegreich  geführt  werden,  wenn  man  erst  einmal  Feuer
bekommen  und  Blut  gesehen  hat.  Aber  es  wird  nicht  von  Hause  aus  der  Elan  und
das  Feuer  dahinter  sein  wie  in  einem  Kriege,  wenn  wir  angegriffen  werden.  Damm
wird  das  ganze  Deutschland  von  der  Memel  bis  zum  Vodensee  wie  eine  Pulvermine
  aufbrennen  und  von  Gewehren  starren,  und  es  wird  kein  Feind  wagen,  mit
diesem  furor  teutonicus,  der  sich  bei  dem  Angriff  entwickelt,  es  aufzunehmen..

Der  Krieg,  der  im  August  1914  entbrannte,  hat,  was  Deutschland  betrifft,
durchaus  den  Charakter,  den  Bismarck  bier  kennzeichnet.  „Das  ganze  Deutschland
brannte  auf.“

(4)  Die  scheinbare  Unsicherheit  der  deutschen  Politik  mußtee  im  Auslande
  das  Vorurteil  aufkommen  lassen,  Deutschland  strebe  nach  einer  Aniversal.
monarchie.

In  seinem  Traktat  „Uber  den  gegemwärtigen  JZustand  des  europäischen  Staats.
körpers“  schrieb  Griedrich  der  Große  über  den  Kampf,  den  Frankreich  gegen
das  deutsche  Kaiser  tum  in  Wien  nach  dem  spanischen  Erbfolgekrieg  führte:
„Nun  herrscht  in  der  Welt  ein  Vorurteil,  das  den  Plänen  Frankreichs  ungebeuren
Schaden  brachte.  Diesem  schädlichen  Vorurteil  lag  ein  alter  Irrtum  zugrunde,
der  sich  durch  seine  längere  Dauer  nur  ein  um  so  größeres  Gewicht  verschaffte;
man  sagte  sich  ganz  leise  ins  Ohr,  daß  Frankreich  nach  der  Aniver  salmonarchie
strebte.  Diese  Idee  ganz  allein  hat  alle  die  großartigen  Pläne  Ludwigs  XIV.
aufgehalten  und  nicht  wenig  dazu  beigetragen,  seine  Mache  zu  Boden  zu  werfen.
Man  mußte  notwendigerweise  ein  so  verderbliches  Vorurteil  bis  auf  den  Grund
        <pb n="347" />
        Die  Politik  König  Eduards  331

zerstören.  .  ..  Man  muß  zur  Ehre  Frankreichs  und  zum  Beweis  seiner  Mäßigung
agen:  Es  bot  als  Sieger,  mit  Lorbeeren  bedeckt  und  augenscheinlich  von  seinen
Siegen  ermiüldet,  dem  Feind  den  Frieden  an.“

Conrad  Haußmann,  einer  der  Führer  der  deutschen  Fortschrittlichen  Volks.
partei,  hat  auf  dem  Festmahle,  das  im  November  1916  im  Anschluß  an  die  Tagung
des  Jentralausschusses  der  Fortschrittlichen  Volkspartei  in  Berlin  gehalten
wurde,  mit  Bezugnahme  auf  das  eben  erwähnte  Jitat  Friedrichs  des  Großen,
dessen  geschichtliche  Auffassung  nicht  untersucht  werden  soll,  die  eindrucksvollen
Worte  gesprochen:

„Wir  sehen  aus  diesem  Wort  des  größten  Staacsmannes  und  Feldherrn,
den  Deutschland  geboren  hat,  wie  notwendig  es  ist,  Vorurteilen  keine  Nahrung
zu  geben  und  sie  auszurokten.“

65)  Die  Geschichte  lehrt,  daß  England  seit  Jabrbunderten  folgerichtig  bestrebt
war,  eine  Koalition  gegen  die  jeweilige  kontinentale  Bormacht  zusammenzubringen,
  wenn  es  ihr  nicht  allein  gewachsen  war.  Wie  sehr  sich  diese  Bestrebungen
  im  Laufe  von  Jahrhunderten  und  über  große  Zeiträume  hinweg  aus
eine  und  die  gleiche  Formel  bringen  lassen,  geht  aus  einem  Bergleiche  der  Lage
von  1701  mit  der  von  1914  hervor.  Es  genügt,  hierzu  die  Darstellung  und  Be.
crachtung  Professor  v.  Zwiedenecks,  „Die  Entstehung  der  Großmächte“,  im
7.  Band  von  Helmolts  Welegeschichte  (Leipzig,  Bibliographisches  Institut)  nach.
zuschlagen  und  auf  Seite  504  folgende  Säge  zu  lesen:

„Während  sich  die  diplomatischen  Beziehungen  zwischen  dem  Hause  Bourbon
und  den  Seemächten  auffallend  zuspitgten,  ging  die  öffentliche  Meinung  Englands
  allmählich  in  die  Opposieion  über.  Die  Tories  besorgten  an  Einfluß  zu
verlieren,  wenn  sie  sich  dieser  Strömung  widersehten,  und  traten  von  ihrer  der
bannoverschen  Erbfolge  ungünsügen  Stellung  zurück;  ja  sie  nahmen  in  der  Frage  der
äußeren  Politik  die  Führung  und  setzten  im  Unterhaus  eine  dem  König  abzugebende
Erklärung  durch:  „Es  sei  bereit,  dem  Könige  zum  Bunde  mit  dem
Kaiser  beizustehen  für  die  Aufrechterhaltung  der  Freiheit  von
Europa,  der  Wohlfahrt  und  des  Friedens  von  England  und  zu
dem  Iwecke,  die  Übergreisende  Macht  von  Frankreich  zu  be.
schränken.“

Man  sege  in  dieser  Erklärung  des  Anterhauses  vom  Jahre  1701  statt  „zum
Bunde  mie  dem  Kaiser“  zum  Bunde  mit  Frankreich  und  Rußland  und  statt  „die
übergreifende  Macht  von  Frankreich“  die  angeblich  übergreifende  Macht  von
Deutschland,  so  wird  man  in  der  Erllärung  das  unveränderliche  Heitwort  der
englischen  Regierung  und  Policik  von  damals  und  heute  erkennen.

Die  Polieik  König  Eduards

(6)  Das  geschichtliche  Verhälenis  Frankreichs  und  Englands  wird  in  einer
Untersuchung  Otto  Brandts  über  „England  und  die  Napoleonische  Weltpolitik
1800  bis  1803“  (Heidelberger  Abhandlungen,  Heft  48,  Karl  Winter,  1916)  von
neuen  Gesichtspunkten  behandelt.  Die  Schrift  ist  geeignet,  das  Berständnis  der
englischen  Weltpolitik  zu  wecken  und  sucht  auch  Napoleons  großen  Kampf  unter
den  geschichtlichen  Gegensaß  zu  bringen,  der  das  Verhälcnis  Englands  und  Frank.
        <pb n="348" />
        332  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

reichs  beherrscht  hat.  Die  Untersuchung  ordnet  sich  um  den  Frieden  von  Amiens.
Aus  der  Einleitung,  die  das  Problem  der  Napoleonischen  Politik  zu  umschreiben
sucht,  sei  solgende  Stelle  angeführt,  um  daos  Verhältnis  Englands  und  Frank.
reichs  aus  dem  Rückblick  zu  beleuchten,  der  sich  zu  dem  Faschodahandel  und  dem
Mittelmeervertrag  ergibt.  Brand  schreibt  auf  Seite  5  und  6  seines  fesselnden,
wenn  auch  zu  einzelnen  Widersprüchen  herausfordernden  Werkes,  nachdem  er
die  wechselnden  Anschauungen  über  das  Auftreten  Bonaparkes  und  das  Napoleonische
  Droblem  angeführt  hat:

„Die  deuesche  Napoleonforschung  berührte  sich  nun  (nach  1870)  wieder  nahe
mit  dem  Ureil  Über  die  Napoleonische  Politik,  das  die  preußischen  Männer
der  ersten  deutschen  Erhebung  sich  einst  gebildet  hatten.  Die  seitdem  so  geläufige
„Legende  von  der  Eroberungsbestie“,  als  deren  Hauptvertreter  Treitschke  sowir
Sybel  und  Duncker  gelten,  wurde  die  vorherrschende  Auffassung;  ihre  Stellung
in  der  Geschicheswissenschaft  ist  also  selbst  wiederum  historisch  zu  verstehen.  Der
Kreislauf  in  der  Beurteilung  schien  sich  daher  geschlossen  zu  haben,  als  Ranke
(Denkwürdigkeiten  Hardenbergs,  I,  am  bestimmtesten  in  der  „ARezension  der
Rezensionen  Dunckers"“)  auch  hier  den  neuen  Weg  wies.

Ranlke  bezeichnet  den  Kampf  gegen  England  als  „das  größte  Weltverhältnis,
in  welchem  sich  Napoleon  überhaupt  bewegte,  den  eigentlichen  Faden,  an
dem  sich  sein  Tun  und  Lassen  anknüpft“.  Den  Standpunkt  Rankes  hat  sodann  auch
in  dieser  Frage  Max  Lenz  zu  dem  seinigen  gemacht  und  in  unmittelbarstem  Er.
fassen  der  dämonischen  Erscheinung  entscheidend  fortgebildet.  Er  erblickt  in  dem
Kampfe  mit  England  senen  fatalistischen  Zug,  der  durch  das  ganze  Leben  des
Imperators  hindurchgeht,  den  dieser  selbst  stets  darin  zu  erkennen  glaubte.  Was
früher  schon  die  Anhänger  des  Kaisers,  wie  Bignon,  Thibaudeau  und  auch  später
Dbiers,  mehr  tendenziös  bewußt  oder  mehr  unbewußtausgesprochen  hatten,  erhielt
mun  wissenschaftliche  Vertiefung,  und  jetzt  richtete  die  Nachwelt,  wie  Napoleon
selbst  vorausgesagt  hatte,  und  sie  suchte  gerecht  zu  richten.  So  wurde  in  der  neuen
Formel  „Napoleon  und  das  Schicksal“  durch  Max  Lenz  das  PDroblem  „Napoleon
und  England“  in  seinem  innersten  Kern  ergriffen,  es  wurde  das  der  Napoleonischen
Politik  überhaupt,  und  in  solcher  Prügung  gewann  diese  Frage  nicht  nur  historischpolicische
  Berechtigung,  sondern  ebenso  einen  äösthetisch-künstlerischen  Reiz  und
eine  Wucht  ohnegleichen.  Denn  wie  ein  ungeheures  Drama  erschien  nun  das  Aufstreten
  Bonapartes  auf  der  Welebühne,  als  der  Ansturm  eines  Titanen  gegen  das
Schicksal,  dem  er  sich  gegenübergestellt  sah,  an  dem  er  sich  schließlich  totgerungen
hat.  In  dieser  Beleuchtung  erreichte  die  Rivalität  zwischen  Frankreich  und  England,
  die  im  Laufe  der  Jahrhunderte  geradezu  eine  Tradition  geworden  war,
ihren  Höhepunkt,  da  der  eine  Große  als  treibende  Krast  der  Aktion  gegen  das
seebeherrschende  Volk  an  die  Spigtze  des  französischen  Staates  trat  und  dabei
als  Waffe  den  ganzen  Kontinent  zu  benugen  suchte.  Sein  Streben  mußte  auf
eine  Vorherrschaft  Frankreichs  in  Europa,  nicht  auf  Universalherrschaft  und  auf
eine  der  englischen  die  Wage  haltende  Expansion  gerichtet  sein,  die  auf  friedlichem
oder,  wenn  anders  nicht,  auf  kriegerischem  Wege  durchzuführen  war.  Demnm  diese
bildete  ja  überhaupt  die  sländig  sich  gleichbleibende  Tendenz  Frankreichs  und  seiner
Machthaber  von  den  Zeiten  des  Ancien  régime  bis  in  die  Revolution  hinein.
Ihr  konnte  sich  auch  Napoleon  nicht  entzieben,  während  auf  der  anderen  Seite
        <pb n="349" />
        Belgien  und  die  Großmächte  333

für  England  die  Vernichtung  jedes  Übergewichtes  Frankreichs  oder
einer  anderen  Macht  auf  dem  Kontinent  und  in  der  Welt  ein  immanenter
Grundsat  der  Politil  war.  Diese  Auffassung  berührt  sich  zum  Teil  mit
der  eines  französischen  Forschers  wie  Sorel,  der  die  Dolitik  Bonapartes  als
Fortsegung  der  früberen  französischen  Staatskunst  klarzulegen  sucht  und  in  dem
„Gesoamtempire  nur  eine  Koalition  gegen  England“  erblickt.“

Belglen  und  die  Grohmächte

(7)  Am  26.  August  1908  übernahm  und  erneuerte  Belgien  den  von
Leopold  im  Jahre  1884  mit  Frankreich  abgeschlossenen  Vertrag,  wonach  der
französischen  Regierung  ein  Vorkaufsrecht  auf  den  Kongo  eingeräumt  wurde.
In  seiner  Schrift  „Belgien  heute  und  morgen"“  (bei  S.  Hirzel,  Leipzig  1915)  sagt
Alrich  Rauscher  Seite  116:

„.Ein  Staat,  der  Kolonialpolicik  treibt,  also  keine  außereuropäische  Machtpolitik,
  ein  Staat,  der  mit  einem  anderen  einen  Vertrag  üÜber  einen  essentiellen
Westandteil  seines  Gebietes  abschließt  zu  Ungunsten  der  anderen  Garantiemächte
seiner  Neutralität,  der  hat  diese  eben  wie  eine  lästige  Fessel  abgestreift.  Das
gerade  macht  die  Schweiz,  neben  ihrer  tatsächlichen  Kraft,  wahrhaft  neutral,
daß  sie  außerhalb  ihres  Gebietes  keine  Interessen  zu  verfechten  hat,  die  sie  in  die
Expansionspolitik  der  Großmächte  verwickeln  könnten.

Es  geht  wohl  zu  weit,  aus  der  Erwerbung  des  Kongostaates  durch  Belgien
und  dem  mit  Frankreich  geschlossenen  Vertrag  über  ein  Vorkaufsrecht  der  französischen
  Republik  zu  folgern,  daß  dadurch  die  belgische  Neutralität  aufgehört
habe  zu  bestehen.  Die  Geschichte  der  Neutralisierung  Belgiens  und  des  belgischen
Staatsgebietes  beweist  deutlich,  daß  die  Interessen  der  Großmächte  diese  Neutralisierung
  und  Aufrichtung  eines  Pufferstaates  an  der  Stelle  der  alten  „Barriere"
forderten  und  daß  diese  Interessen  sich  hierauf  beschränkten.  Belgien  begab  sich
zwar  mit  seiner  Kolonialpolitik  auf  impertalistische  Wege,  aber  keineswegs  in  der
Absicht,  seine  neutrale  Stellung  auf  dem  Festland  Europas  dafür  preiszugeben
oder  dadurch  zu  schwächen.  Sehr  richtig  bemerkt  Rauscher,  daß  die  Neutralität
der  Schweiz  durch  die  Abkehr  der  Schweiz  von  jeder  Ausdehnungspolitik  festgewurzelt
  und  auf  unanfechtbare  Grundlagen  gestellt  worden  ist.

(8)  Die  Berichte  der  belgischen  Vertreter  bei  den  Großmächten  sind
nach  dem  Einzug  der  Deutschen  in  den  Archiven  der  belgischen  Regierung  gefunden
und  vom  Auswärtigen  Amt  in  Berlin  unter  dem  Titel  „Belgische  Aktenstücke“
(Mittrler  &amp;amp;  Sohn,  Berlin)  herausgegeben  worden.  Sie  bieten  einen  llaren,  obsektiven
  Einblick  in  die  Politik  des  letzten  Jahrzehntes  vor  dem  europischen  Kriege.
Wir  entnehmen  daraus  folgende  Stellen,  die  in  den  Aktenstücken  mit  den  Num.
mern  8,  25,  29,  30  und  4y  bezeichnet  sind.  Baron  Greindl,  einer  der  llügsten
Diplomaten  seiner  Zeit,  schreibt  am  23.  September  1905  aus  Berlin:

.  .  La  triple  alliance  dirigée  par  PAllemagne  nous  a  douné  treute
ans  de  paix  europé#enne.  Elle  est  maintenant  affaiblie  par  L’état  de  décompo-Sition
  od  se  trouve  IEmpire  austro-hongrois.  La  nouvelle  triple  entente  de
le  France,  de  I-Angleterre  et  de  la  Russie  ne  la  remplacerait  pas.  Elle  sereit
au  Contraire  une  cause  d’inquiétude  perpätuelle.“
        <pb n="350" />
        334  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

(Der  von  Deutschland  geleitete  Dreibund  hat  uns  dreißig  Friedensjahre  in
Europa  beschert.  Jett  ist  er  durch  den  Zustand  der  Auflösung  geschwächt,  in  dem
sich  Osterreich--Ungarn  befindet.  Die  neue  französisch-englisch-russische  Triple-Entente
würde  kein  Ersag  sein,  sondern  im  Gegenteil  eine  Ursache  dauernder  Beunruhigung.)

E.  de  Cartier  meldet  am  28.  März  1907  aus  London,  die  englische  Diplomatie,
  dont  toutes  les  ressources  tendent  vers  L’isolement  de  l·Allemagne“
(deren  ganzer  Einfluß  und  Kraft  auf  die  Isolierung  Deutschlands  gerichtet  ist)
„wolle  anscheinend  das  Schauspiel  einer  englisch-russischen  Entente  vorbehalten.-=Den

  Wesuch  König  Eduards  in  Spanien  vom  Frühjahr  190y  deuter
Greindl  in  einem  Schreiben  vom  18.  April  dieses  Jahres  folgendermaßen:

„„  .  Comme  le  traité  d’alliance  avec  iec  Japon.  I’entente  cordiole  avec  la
France,  les  négociations  pendantes  avec  la  Russie,  la  visite  du  Roi  d'Augleterre
au  Roi  d’Espagne  est  un  des  mouvements  de  la  campagne  personnellement
dirigée  avec  autant  de  persévérance  due  de  succücs  par  Sa  Majesté  Edouard  VII.
Pour  isoler  I/Allemagne  .“

(Wie  der  Bündnisvertrag  mitê  Japan,  die  Entente  cordiale  mit  Frankreich,
so  ist  der  Besuch  des  Königs  von  England  beim  König  von  Spanien  eines  der
Mansver  in  dem  von  Seiner  Majestät  Eduard  VII.  persönlich  mit  ebensoviel
Ausdauer  wie  Erfolg  geleiteten  Feldzuge  zur  Isolierung  Deutschlands.)

Graf  Lalaing  schreibt  am  24.  Mai  1907  aus  London:

„  II  est  evident  due  I’Angleterre  oflicielle  poursuit  une  politique
sourdement  hostile,  qui  tend  à  aboutir  à  Pisolement  de  I’Allemagne  et  due
le  Roi  Edouard  n’'a  pas  dédaigné  de  mettre  son  influence  personnelle  au  service
de  cette  idée,  mais  1  y  a  un  danger  éCvident  à  envenimer  aussi  ouvertement
Topinion  publique  due  le  fait  la  presse  irresponsable  dont  il  s'agit.“

(Es  ist  llar,  doß  das  amtliche  England  im  feillen  eine  Deutschland  feindliche
Dolleik  befolgt,  die  auf  eine  Isolierung  Deueschlands  abzielt,  und  doß  König
Eduard  es  nichte  verschmäht  hat,  seinen  persönlichen  Einfluß  in  den  ODienst  dieser
Idee  zu  stellen;  aber  es  ist  sicher  sehr  gefährlich,  die  öffentliche  Meinung  in  so  offenkundiger
  Weise  zu  vergisten,  wie  es  die  unverantwortliche  Presse,  von  der  hier
die  Rede  ist,  tut.)

Greindl  schreibe  am  30.  Mai  1908  nach  der  Revaler  Zusammenkunft:

„.  .  .  Qu'on  l'appelle  alliance,  entente  odu  comme  I’on  voudra,  le  groupement
des  puissançes  preépart  personnellement  par  le  Roi  d'Angleterre,  existe  et  §'il
n’est  pas  une  menace  directe  et  prochaine  de  guerre  pour  I’Allemagne  sce
qui  serait  trop  dire)  #1ln’en  Constitue  pas  moins  une  diminution  de  securit.
La  triple  alliance  a  garanti  pendant  treute  ans  la  paix  du  monde,  Darce  qu’relle
ktait  dirigbe  par  IAllemagne  satisfaite  du  partage  politique  de  I  Europe.
Le  nouveau  groupement  la  menace  parce  qu’il  se  Compose  des  puissances
qui  aspirent  à  une  rvision  du  status  quo,  au  point  d'avoir  fait  taire  des  haines
séculaires  pour  préparer  la  rCalisation  de  Cce  déesir.“.

(Mag  man  es  Allianz,  Entente  nennen  oder  wie  man  will,  die  vom  König
von  England  persönlich  eingeleitete  Gruppierung  der  Mächte  besteht,  und  wenn
sie  auch  nicht  eine  direkte  und  baldige  Kriegsgefahr  für  Deutschland  bedeutet  (was
zuviel  gesagt  wäre),  so  liegt  in  ihr  nichtsdestoweniger  elne  Verringerung  der
Sicherheit.
        <pb n="351" />
        Das  Balkanproblem  335

..  .  Der  Dreibund  hat  während  dreißig  Jahren  den  Weltfrieden  gesichert,
weil  er  unter  der  Führung  Deutschlands  stand,  das  mit  der  politischen  Gliederung
Europas  zufrieden  war.  Die  neue  Gruppierung  bedroht  ihn,  weil  sie  aus  Mächten
besteht,  die  eine  Revision  des  Status  quo  anstreben,  und  zwar  in  so  hohem  Grade,
daß  sie  Gefühle  jahrhundertelangen  Hasses  zum  Schweigen  gebracht  haben,  um
diesen  Wunsch  verwirllichen  zu  können.)

Am  27.  Jomar  1908  (Nr.  39)  schreibt  Greindl:

„.  .  .  La  politique  dirigée  par  le  Roi  Edouard  VII  sous  le  prétexte  de
garantir  IEurope  du  Péril  allemand  imoginaire  a  Ccré#é##  un  danger  frangçgais
trop  réel  et  qui  nous  menace  en  premiere  ligne.“

(Die  Policik,  die  König  Eduard  VII.  unter  dem  Vorwand  führt,  Europa  vor
einer  imaginären  deutschen  Gefahr  zu  retten,  hat  eine  nur  allzu  wirkliche  französische
Gefahr  heraufbeschworen,  die  für  uns  in  erster  Linie  bedrohlich  ist.)

Baron  Guillaume  berichtet  am  16.  Januar  1914  (Nr.  110)  an  Davignon:


„.  J’'ai  déjd  eu  I’honneur  de  vous  dire  due  se  sont  MM.  Poinçart,
Delcassé,  Millerand  et  leurs  amis  qui  ont  inventt  et  poursuivi  la  politique
nationaliste,  Cocardière  et  chauvine  dont  nous  avons  constaté  lo  renaissance.
Cest  un  danger  pour  I’Europe  —  et  pour  la  Belgique  .  .  .“

OIch  hatte  schon  die  Ehre,  Ihnen  zu  berichten,  daß  es  die  Herren  Poincaré,
Delcassé,  Millerand  und  ihre  Freunde  gewesen  sind,  die  die  nationalistische,  militaristische
  und  chauvinistische  Holicik  ersunden  und  befolgt  haben,  deren  Wiedererstehen
  wir  festgestellt  haben.  Sie  bildet  eine  Gefahr  für  Europa  und  —  für
Belgien.)

(9)  Adalbere  Wahlschreibe  hierzuin  seiner  „Geschichte  des  europäischen
Staatensystems  im  Zeitalter  der  französischen  Revolution  und  der
Freiheitskriege“  (München  und  Berlin  1912)  Seite  16:  „Auch  mit  seinen
neuen  Vorschlägen  hatte  Preußen  in  London  kein  Glück  (vornehmlich  August
1789),  vor  allem,  weil  England  besorgte,  ein  unabhängiges  Belgien  würde
dem  französischen  Einfluß  anheim  fallen.“

ODas  Balkanproblem

(10)  In  seiner  Rede  führte  Fürst  Bülow  eine  Instrukeion  an,  die  er  in  diesen
Dagen  an  den  deutschen  Botschafter  in  Wien  ergehen  ließ.  Es  heißt  darin,
die  deutsche  Staatsleitung  hätte  weder  Veranlassung  noch  Neigung,  das  Borgehen
Osterreich-Ungarns  zu  kritisieren,  wohl  aber  den  festen  Willen,  in  Erfüllung  ihrer
Bündnispflichten  an  Osterreichs  Seite  zu  stehen  und  zu  bleiben.  Auch  für  den
Fall,  daß  Schwierigkeiten  und  Komplikationen  entstehen  sollten,  würde  der  Verbündete
  auf  sie  rechnen  können.

Im  Verlauf  der  Rede  äußerte  Bülow:  „.  Meine  Herren,  ich  habe  irgendwo
ein  höhnisches  Wort  gelesen  über  unsere  Wasallenschaft  gegenüber  ÖOsterreich.
Ungarn.  ODas  Wort  ist  einfältig.  Es  gibt  hier  keinen  Streit  um  den  Vortritt
wie  zwischen  den  beiden  Königinnen  im  Mibelungenliede;  aber  die  Nibelungentreue
  wollen  wir  aus  unserem  Verhältnis  zu  Osterreich-Ungarn  nicht  ausschalten,
die  wollen  wir  gegenseltig  wahren..
        <pb n="352" />
        336  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

Dle  enropsischen  Bündalsse

(11)  Bismarck  äußerte  über  Verträge  in  der  bereits  angeführten  Reichstags.
rede  am  6.  Februar  1888:

„  .  Keine  Großmacht  kann  auf  die  Dauer  in  Widerspruch  mit  den  Interessen
ibres  eigenen  Volkes  an  dem  Wortlaut  irgendeines  Vertrages  kleben,  sie  ist
schließlich  genötigt,  ganz  offen  zu  erklären:  Die  Zeiten  haben  sich  geändert,  ich
kann  das  nicht  mehr  —  und  muß  das  vor  ihrem  Volle  und  vor  dem  vertragschließenden
  Teile  nach  Möglichkeit  rechtfertigen.  Aber  das  eigene  Voll  ins  Per.
derben  zu  führen  an  dem  Buchstaben  eines  unter  anderen  Umständen  unterschriebenen
Vertrages,  das  wird  keine  Großmacht  gutheißen.  Das  liegt  aber  in  dlesen  Wer.
trägen  in  keiner  Weise  drin.  Sie  sind  eben  —  nicht  nur  der  Vertrag,  den  wir  mit
Osterreich  geschlossen  haben,  sondern  ähnliche  Verträge,  die  zwischen  uns  und
anderen  Negierungen  besteben,  namentlich  Verabredungen,  die  wir  mit  Italien
haben  —  sie  sind  nur  der  Ausdruck  der  Gemeinschaft  in  den  Bestrebungen  und
in  den  Gefahren,  die  die  Mächte  zu  laufen  haben.  Italien  sowohl  wie  wir  sind  in
der  Lage  gewesen,  das  Recht,  uns  national  zu  konsolidieren,  von  Osterreich  zu  erkämpfen.
  Beide  leben  setzt  mit  Oskerreich  in  Frieden  und  haben  mit  Osterreich  das
gleiche  Bestreben,  Gefahren,  die  sie  gemeinsam  bedroben,  abzuwehren,  den  Frieden,
der  dem  einen  so  teuer  ist  wie  dem  anderen,  gemeinsam  zu  schügen,  die  innere  Ent.-wicklung,
  der  sie  sich  widmen  wollen,  vor  Angriffen  geschützt  zu  sehen.  Dieses
Bestreben  und  dabei  auch  das  gegenseitige  Bertrauen,  daß  man  die  Verträge  hält
und  daß  durch  die  Verträge  keiner  von  dem  anderen  abhängiger  wird,  als  seine
eigenen  Interessen  es  vertragen  —  das  alles  macht  diese  Verträge  fest,  baltbar
und  dauerhaft..

Vom  deutsch--österreichischen  Vertrage  aber  sagte  der  Kanzler:

„.  E  hat  eben  die  vornehmste  Eigenschaft  eines  internationalen  Vertrages,
nämlich  er  ist  der  Ausdruck  beiderseitiger  dauernder  Interessen,  sowohl  auf  öster.
reichischer  Seite  wie  auf  der  unsrigen.“

Der  Zerfall  des  europälschen  Konzerts

(12)  Im  Juni  1884  äußerte  Gladstone,  zwei  Jahre  nach  der  Besetzung
Aayptens:  „Wir  übernehmen  die  Verpflichtung,  die  militärische  Besegung
Agpptens  nicht  über  den  14.  Janar  1888  zu  verlängern.“

Im  November  1886  gab  Lord  Salisbury  eine  Erklärung  ähnlichen  Sinnes
ab,  und  am  9.  Oktober  1894  sagte  Sir  Henry  Campbell-  Bannerman:
„Wir  können  nicht  unbeschränkt  lang  in  Agypten  bleiben,  ohne  unsere  feierlichsten
Verpflichtungen  zu  verleqzen  und  uns  in  den  Augen  Europas  verächtlich  zu
machen.“

Die  Haltung  der  deutschen  Regierung  zur  Besehung  Agyptens  kennzeichnet
Paul  Rohrbach  in  seiner  Schrift  „Bismarck  und  wir“  (F.  Bruckmann  A.-G.,
München  1915)  Seite  36  folgendermaßen:

„Bismarck  hatte  grundsäglich  niches  gegen  die  Festseczung  Englands  in  Agypten
einzuwenden,  weil  ihm  noch  keine  deutschen  Interessen  in  Frage  gestellt  schienen,
aber  er  trug  kein  Bedenken,  den  illegitimen  Charakter  der  Okkupation  Agpptens
        <pb n="353" />
        Der  Zerfall  des  enropäischen  Konzerts  337

zu  benutzen,  um  England  für  die  ersten  Schritte  der  deutschen  Kolonialpolitik  ge.
sgig  zu  machen.  Als  die  englische  Regierung  ihre  Unzufriedenbeit  mit  unseren
Erwerbungen  in  Afrika  zu  erkennen  gab,  deutete  Viemarck  ohne  viel  AUmschweise
  im  Reichstag  an,  Agypten  sei  ein  wunder  Punkt  in  der  englischen  Polieik,
d.  h.  eine  Stelle,  wo  auf  England  auch  ohne  Druck  einer  Flotte  gewirkt  werden
könne.

(13)  Im  Deutschen  Reichs  tag  vom  19.  August  1915  stellte  der  Reichs.
kanzler  die  deuesch-englischen  Verhandlungen  folgendermaßen  dar:

„..  Zunächst  machten  wir,  um  dauernde  Beziehungen  zu  England  zu  erreichen,
den  Vorschlag  eines  unbedingten  gegenseitigen  Neutralitäts.
versprechens.  Als  dieser  Vorschlag  als  zu  weitgehend  von  England  abgelehnt
wurde,  schlugen  wir  vor,  die  Neutralität  auf  Kriege  zu  beschränken,  bei  denen  man
nicht  sagen  könne,  daß  die  Macht,  der  Neutralikät  zugesichert  worden  war,  der
Angreifer  sei.  Auch  das  schlug  England  ab.  Znzwischen  hatee  England
seinerseits  solgende  Formel  vorgeschlagen:  England  wird  keinen  unprovozierten
Angriff  auf  Deutschland  machen  und  sich  einer  aggressiven  Politik  gegen  Deutschland
  enthalten.  Ein  Angriff  auf  Deucschland  ist  in  keinem  Vertrag  enthalten  und
in  keiner  Kombination  vorgesehen,  der  England  zurzeit  angehört,  und  England
wird  keiner  Abmachung  beitreten,  die  einen  solchen  Angriff  bezweckt.“  Ich  meinte,
daß  es  unter  zivilisierten  Staaten  überhaupt  nicht  möglich  sei,  unprovozierte
  Angriffe  auf  andere  Mächte  zu  machen  oder  sich  Kombinationen  anzuschließen,
  die  so  etwas  planen,  und  daß  deshalb  das  Versprechen,  sich  solcher  Oberfälle
  zu  enthalten,  nicht  wohl  den  Inhalt  eines  feierlichen  Bertrages  abgeben
könne.  Das  englische  Kabinett  war  anderer  Ansicht  und  glaubte  auf  unsere  Vorstellung
  ein  übriges  zu  tun,  wenn  es  seine  Bereitwilligkeie  erklärte,  seiner  im  übrigen
unveränderten  Formel  folgende  Worte  voranzuschicken:  „Da  die  beiden  Mächte
gegenseitig  den  Wunsch  haben,  Frieden  und  Freundschaft  untereinander  sicherzustellen,
  erklärt  England,  daß  es  keinen  unprovozierten  Angriff  ustw.“,  wie  ich  es
vorher  mitgeteilt  habe.  Dieser  Zusag  konnte  an  dem  Urteil  Über  den  Inhalt  des
englischen  Angebots  nichts  ändern,  und  ich  meine  noch  heute,  kein  Mensch  hätte  es
mir  übelnehmen  können,  wenn  ich  schon  damals  die  Verhandlungen  abgebrochen
häcte.  Ich  habe  das  nicht  getan.  Ich  habe,  um  alles,  was  in  meinen  Kräften  stand,
zu  tun,  um  den  europsischen  und  den  Welefrieden  zu  sichern,  mich  bereit  erklärt,
auch  diesen  englischen  Vorschlag  zu  diskutieren,  mit  der  einen  Bedingung,  es
möge  der  englische  Vorschlag  durch  folgenden  Zusat  ergänzt  werden:  „England
wird  daher  selbstverständlich  wohlwollende  Neutralität  bewahren,  sollte  Deutschland
  ein  Krieg  aufgezwungen  werden.“  Ich  biete  Sie,  die  lecten  Worte  zu  beachten:
falls  uns  ein  Krieg  aufgezwungen  werden  sollte.  Ich  habe  nachher  noch  auf  diesen
unkt  zurückzukommen.  Sir  Edward  Grey  lehnte  diesen  Zusatz  rundweg  ab.
Aber  seine  Formel  könne  er  nicht  hinausgehen,  und  zwar,  wie  er  unserem  Botschafter
Metternich  erllärte,  aus  Besorgnis,  sonst  die  bestehende  Freundschaft  mie
anderen  Mächten  zu  gefährden.  Das  bildete  für  ung  den  Schluß  der  Verhandlungen.“


(14)  Die  Bersammlung  der  französischen  Seestreitkräfte  im  Mittelmeer
ist  vermutlich  auf  englische  Anregung  erfolgt.  Sicher  ist,  daß  England  von  dieser
Maßregel  größeren  Nutzen  zog  als  Frankreich  und  zunächst  dadurch  in  seiner

Stegemanns  Geschichte  des  KArkegesr.  I.  22
        <pb n="354" />
        338  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

Handlungsfreiheit  weniger  gebunden  wurde  als  die  französische  Republik.  Frankreichs
  Flotte  war  fortan  im  Mittelmeer  nicht  weniger  unter  englischer  Aufsicht
als  seine  atlantische  Küste.  Zwischen  Gibraltar,  Malta  und  dem  Suezkanal  fest.
gehalten,  konnte  die  französische  Flotte  nur  dann  zu  Gewicht  kommen,  wenn  dies
den  Interessen  beider  Vertragsparteien  entsprach.  Die  „Times“  hat  in  einem
Arcikel  vom  16.  September  1912  diesen  großen  Erfolg  mit  einem  Kommentar
begleitet,  der  die  Bersammlung  der  französischen  Flocle  im  Mittelmeer  als  eine
lluge  und  policisch  richtige  Erkennenis  der  Drinzipien  der  englisch-französischen
Friedensstrategie  bezeichnet.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  damit  jene  Serategie
gemeint  ist,  die  sich  des  Friedens  nicht  zu  begeben  braucht,  solange  sie  durch  ge.
eignete  Maßnahmen  Bedingungen  schafft,  die  die  Verhältnisse  auf  unblucige
Weise  günstig  gestalten  und  eine  überlegene  Stellung  zur  Weiterführung  des
diplomatischen  Spieles  sichern.  Oies  trifft  aber  in  diesem  Falle  in  viel  höherem
Maße  für  den  englischen  als  für  den  französischen  Teilhaber  zu.  Auch  das  wird
aus  dem  Artilel  der  „Times“  erfichtlich:

„Jede  Nation  sucht  in  Friedenszeiten  ihre  Seestreitkräfte  so  zu  verteilen,
daß  sie  in  bestmöglicher  Seellung  für  eine  offensive  und  defenfive  Tätigkeit  ge.
braucht  werden  lann,  wenn  unglücklicherweise  Krieg  ausbrechen  sollte.  Diese
Stellung  darf  nicht  unabhängig  sein  von  der  Gruppierung  und  den  Beziehungen
der  Mächte,  die  vom  Kriege  betroffen  werden  können.  Nun  ist  das  hervorstechendste
Kennzeichen  der  europäischen  Sieuation  der  Dreibund  zwischen  Deutschland,
Osterreich-ngarn  und  Jtalien,  von  drei  Mächten,  die  alle  sehr  starke  Seemächte
sind,  und  von  denen  zum  mindesten  zwei  verpflichtet  sind,  einander  mit  allen  ihren
Kräfeen  zu  unterstützen,  wenn  der  casus  loederis  gegeben  ist.“

Weiter  meint  die  „Times“,  daß  Frankreich,  wenn  es  zwischen  ihm  und  Deutschland
  zum  Kriege  kommen  sollte,  die  gesamten  Streiekräfte  den  Oreibundes  gegen
sich  hätte,  seinerseits  ober  nur  auf  die  bewaffnete  Hilfe  Rußlands  und  die  „freund.
liche  Neutralität“  Englands  zählen  könne.

„Denn  das  ist  der  wesentliche  Unterschied  zwischen  einem  Bunde  und  einer
Entente:  Ein  Bund  schließt  die  bewaffnete  Hilfeleistung  als  eine  unbedingte,
verpflichtete  Tatsache  ein.  Eine  Entente  schließt  nur  dann  eine  bewaffnete  Hilfeleistung
  ein,  wenn  im  gegebenen  Falle  die  Interessen  der  beiden  Darteien  identisch
  sind.“

Hieraus  wird  klar,  daß  nach  englischer  Auffassung  die  Bestimmung  des
Bündnisfalles  in  die  Hand  des  britischen  Kabineres  gelegt  war  und  daß  die  Entblößung
  der  französischen  Nord-  und  Westküste  eine  Stärkung  der  diplomatischen
Stellung  Englands  bedeutete,  allerdings  nur  so  lange,  als  sich  die  englische  Politik
ihren  Jielen  auf  friedlichem  Wege  nähern  konnte.  Riß  ein  anderes  Mitglied
des  Dreiverbandes  das  Geseh  des  Handelns  an  sich,  indem  es  irgendeine  strittige
Angelegenheit  zu  seiner  eigenen  und  zugleich  zur  europäischen  machte  und  mit
dem  Schwerte  vertrat,  so  ergaben  sich  für  England  aus  dieser  vertraglich  geregelten
Verteilung  der  englisch-französischen  Seestreitkräfte  Bedingungen,  die  seine  Handlungsfreiheit
  stark  in  Frage  stellten.

(15)  Der  Wortlaut  der  Briese  Greys  und  Cambons  sei  hier  nach  dem  englischen
  Blaubuch  (wo  sie  unter  Nr.  105  stehen)  wiedergegeben:
        <pb n="355" />
        Der  Zerfall  des  europäischen  Konzerts  339

Grey  an  Cambon:
Foreign  Office,  November  22,  1912.
My  dear  Ambassador,

From  time  to  time  in  recent  years  the  French  and  Britisb  naval  and
military  experts  have  consulted  togetber.  It  bas  always  been  understood
that  such  consultation  does  not  restrict  tbe  freedom  of  either  Govermment
to  decide  at  any  future  time  whether  or  not  to  assist  the  other  by  armed  force.
We  have  agreed  that  consultation  between  experts  is  not,  and  ougbt  Dnot
to  be  regarded  as,  an  engagement  that  Ccommits  eitber  Covernment  to  action
in  a  contingency  tbat  has  not  arisen  and  may  never  arise.  The  disposition,
for  instance,  of  the  French  and  Britisb  fleets  respectively  at  the  present  moment
is  not  based  upon  an  engagement  to  co-Operate  in  war.

Vou  bave,  however,  pointed  out  that,  if  either  Government  had  grave
regson  to  expect  an  unprovoked  attack  by  a  third  Power,  it  might  become
essential  to  kuow  wbhether  it  could  in  that  event  depend  upon  the  armed
assistance  of  the  other.

agree  that,  il  either  Government  hat  grave  reason  to  expect  an  unprovo-1#ed
  attack  by  a  tbird  Power,  or  something  that  threatened  the  general  peace,
it  should  immediately  discuss  with  the  other  whether  both  Cokvernments  should
eact  together  to  prevent  aggression  and  to  preserve  peace,  and,  if  so,  what
measures  they  would  be  prepared  to  take  in  Common.  I  these  measures
involved  action,  the  plans  of  tbe  General  Staffs  would  at  once  be  taken
into  consideration,  and  the  GCovermments  would  tben  decide  what  effect
sbould  be  given  to  them.

Vours,  Kc.,  E.  Crey.

Cambon  an  Grey:

Londres,  le  23  novembre,  1012.
Cher  Sir  Edward,

Par  votre  lettre  en  date  T’hier,  22  novembre,  vous  m’avez  rappelt  que,
dans  Ces  dernières  années,  les  autorités  militaires  et  navales  de  la  France
er  de  la  Grande  Bretagne  s'étaient  consultées  de  temps  en  temps:  qu’il  avait
toujoufs  étt  entendu  que  ces  consultations  ne  restreignaient  pas  la  liberteé,
Pour  chaque  Couvernement,  de  décider  dans  I’avenir  s’is  präteraient  l'un
Fautre  le  concoufs  de  leurs  forces  armées;  due  de  part  et  d’autre,  ces  con-Ssultations
  entre  specialistes  n’étaient  et  ne  devaient  pas  atre  considérées
Ccomme  des  engagements  obligeant  nos  Couvernements  à  agir  dans  certains
cas:  dque  cependant  je  vous  avais  fait  observer  due,  si  l’un  ou  I’autre  des  deux
GCouvernements  avait  de  graves  raisons  d’appréhender  une  attaque  non  provoquée
  de  la  part  d'une  tierce  Puissance,  il  deviendrait  essentiel  de  savoir
’  pourrait  compter  sur  Tassistance  armée  de  I’autre.

Votre  lettre  répond  Acette  observation,  et  je  suis  autorisé  à  vous  declarer
que,  dans  le  cas  où  l’un  de  nos  deux  Couvernements  aurait  un  motif  grate
d'apprébender  soit  Pagression  d'une  tierce  Puissalce,  soit  quelque  Cvéncment
menacçant  pour  la  paix  générale,  ce  Gouvernement  examinerait  immédiatemcnt
        <pb n="356" />
        340  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

avec  I’autre  si  les  deux  Couvernements  doivent  agir  de  concert  en  vue  de
Prévenir  Pagression  et  de  sauvegarder  la  paix.  Dans  ce  cas,  les  deux  Gouvemements
  delibéraient  sur  les  mesures  qu'ils  seraient  disposs  à  prendre  en  commun;
si  ces  mesures  Ccomportaient  une  action,  les  deux  GCouvernements  prendraient
aussitöt  en  Considération  les  plans  de  leurs  états-majors  et  décideraient  alors
de  le  suite  qui  devrait  étre  donnée  à  ces  plans.
Votre  sincèrement  dévout,
Paul  Cambon.

Die  orientalische  Krifis

(16)  Noch  niche  zwanzig  Jahre  nach  der  Begründung  der  englischen  Herrschafe
in  Agypten  hielt  der  Ingenieur  Willcocks  jene  Vorträge  in  der  Geographischen
Gesellschaft  in  Kairo,  worin  er  den  Plan  entwickelte,  Babylonien  mit  englischem
Kapital  und  englischer  Technik  wieder  zum  Kulturland  zu  machen  und  es  mit  englischen
  Untertanen,  Indern  und  ägypiischen  Fellachen,  zu  befiedeln.  Hierzu  bemerke
Daul  Rohrbach  in  seiner  Schrift  „Bismarck  und  wir“:

„Wenn  Willcocks  als  Obsjeke  dieses  Planes  zunächst  „das  alte  Chaldäa“
nannte,  so  verstand  sich  dabei  doch  von  selbst,  daß  er  stillschweigend  das  ganze
westliche  Verbindungsstück  für  England  bis  an  die  syrisch-ägyptische  Mittelmeerkliste
  und  ebenso  das  östliche  von  der  Mündung  des  Euphrat  und  Tigris  bis  nach
Indien  mit  meinte.  Der  babylonische  Gedanke  war  mur  ein  Teilstück  des  durch
gord  Canzon  gleichzeitig  mit  Willcocks  verkündeten  größeren  Drogramms:
England  müsse  die  Vormacht  im  ganzen  mittleren  Osten  ausülben,  d.  h.  von  Suez
bis  Singapore.“

Swischenspiel

(17)  In  der  Abhandlung  DProfessor  Dr.  Richard  Mayrs  über  „Die  wirtschaftliche
  Ausdehnung  Westeuropas  seit  den  Kreuzzügen"  im  7.  Band
von  Helmoles  Weltgeschichte  stehen  auf  Seite  101  im  Kapitel  „über  den  wirtschaftlichen
  Aufschwung  Englands  vom  sechzehnten  bis  zum  siebzehnten  Jahr-=bundert“
  die  Säge:

„Der  neue  hundertjährige  Krieg,  der  vom  dricten  Raubkriege  Ludwigs  XIV.
bis  zum  Wiener  Kongreß  (1688  bis  1815),  allerdings  nicht  ununterbrochen,  gedauert
  hatte,  war,  vom  Standpunkte  der  Gegenwart  gesprochen,  der  lehte  Entscheidungskampf
  über  den  Besig  der  Welthandelsherrschoft,  wonach  Spanier,
Portugiesen,  Niederländer,  Franzosen  und  Engländer  getrachtet  hatten,  alle  mit
unzulänglichen  Kräften.  Was  war  denn  die  Weltherrschaft  anders  gewesen  als
ein  trügerisch  lockendes  Scheinbild,  das  sich  vollends  in  nichts  auflöste,  als  die
Bricen  ihrem  Ziele  näöhergekommen  waren  denn  irgendeiner  ihrer  Vorläufer?
Der  unversiegbore  Selbständigkeiestrieb  und  die  heldenhafte  Tatkraft  der  in
Westeuropa  durch  frühgeschichtliche  Wonderungen  zusammengedrängten  Nationen
ließ  eine  kommerzielle  Welemonarchie  sowenig  aufkommen  wie  eine  politische;
und  da  sich  die  nämlichen  Eigenschaften  in  den  Tochterländern  der  Neuen  Welt
entwickellen,  so  war  die  Dauer  der  ihnen  anfangs  auferlegten  Abhängigkeit  je
länger,  je  mehr  in  Frage  gestellt.  Gleichwohl  hat  die  Jagd  nach  dem  Wahngebilbe
        <pb n="357" />
        Zwischenspiel  341

der  Welthandelsherrschaft  die  europäische  Kultur  rascher  und  in  weitere  Fernen
ausgedehnt,  als  es  die  nüchterne  Veranschlagung  des  Erreichbaren  imstande
gewesen  wäre.  Drivatwirtschaftliche  und  fiskalische  Bestrebungen  fanden  einen
Halt  an  der  Staatsgewalt  und  der  Kolonialpolitik,  weil  die  lebenden  Vertreter
all  dieser  Interessen  dieselbe  Lust  anregender  Einbildungen  atmeten.“

So  weit  Mayr.  Wir  wissen  heute,  daß  England  den  Entscheidungs.
kampf  noch  einmal  ausgenommen  hat,  um  die  vermeintliche  drohende  Welt.
bandelsberrschaft  Deutschlands  abzuwenden  und  sich  selbst  zu  sichern.

Oie  Auffassung,  dab  Englands  Gegensag  zu  Deutschland  wesentlich  aus  der
Handelseifersucht  hervorgegangen  ist,  vertritt  auch  Baron  Greindl,  der  am
18.  Februar  aus  Berlin  nach  Brüssel  schreibt  (Belgische  Aktenstücke  Nr.  2):

„La  Vvraie  cause  de  la  haine  des  Anglais  contre  IAllemagne  est  la
jalousie  inspirée  par  le  développement  extraordinaire  de  la  marine
marchande,  du  commerce  et  de  Tindustrie  de  IAllemagne.  Cette
hoine  persistera  jusqu'à  ce  que  les  Anglais  se  soient  pénétres  de  Tidée  due
le  Oommerce  du  monde  n’est  pas  un  monopole  dui  appartient  de  droit  à  LAngleterre.


(Die  wahre  Ursache  des  Hasses  der  Engländer  gegen  Oeueschland  ist  die  Eifer.
sucht,  bervorgerufen  durch  die  außergewöhnlich  rasche  Enewicklung  der  deutschen
Handelsflotte,  des  deutschen  Handels  und  der  deutschen  Industrie.  Dieser  Haß
wird  so  lange  fortbestehen,  bis  die  Engländer  sich  mit  dem  Gedanken  vertraut
gemacht  haben,  daß  der  Welthandel  kein  Monopol  ist,  welches  England  von
Reches  wegen  zukommt.)

Ein  fesselnder  Beleg  aus  englischem  Munde  liegt  in  Gestalt  eines  Gerichtsurteils
  vor,  das  am  21.  Dezember  1915  vom  oberflten  Appellbof  Englands
gesälle  worden  ist.  Es  handelt  sich  um  einen  Rechtsstreit  zwischen  einer  deutschen
und  einer  englischen  Handelsgesellschaft.

Eine  deutsche  Firma  hatte  Jahre  vor  Kriegsausbruch  mit  einer  englischen
Aktiengesellschaft  einen  Vertrag  geschlossen,  wonach  die  Gesellschaft  ein  Abfallprodukt
  ihrer  australischen  Bergwerksberriebe,  nämlich  Zinklonzentrate,  auf
Jahre  hinaus  regelmäßig  an  die  deutsche  Firma  zu  liefern  hatte.  In  dem  Vertrage
war  vorgeseben,  daß  er,  wenn  seine  Ausführung  durch  höhere  Gewalt  oder  ähnliche
Ursachen  verhindert  werde,  nur  suspendiert  sein  und  nach  Wegfall  des  Hindermisses
  wieder  in  Krafe  treien  sollce.  Die  englische  Gesellschaft  wollte  nun  den
Krieg  benugen,  um  sich  ihrer  Lieserungspflicht  für  immer  zu  entziehen  und
die  freie  Verfügung  über  ihre  Drodukte  zurückzuerlangen.  Sie  ist  deshalb
dorum  eingekommen,  den  Vertrag  entgegen  den  darin  enthaltenen  ausdrücklichen
  und  unzweideutigen  Bestimmungen  wegen  des  Krieges  als  aufgelöst  zu
erklären.

Der  Appellhof  beim  Supreme  Court  of  Judicature  hat  dem  Verlongen
durch  Urteil  vom  21.  Dezember  1915  stacttgegeben.  Die  Begründung  ist  in
einem  längeren  Aktenstück  niedergelege  und  durchaus  logisch,  wenn  man  die  Voraussetzung
  annimme,  daß  England  den  Krieg  im  wesentlichen  als  Handelskrieg
mur  „Behauptung  seiner  Welthandelsherrschafe“  betrachtet  hat,  die  mit  der  politischen
  Vormachtstellung  Englands  über  See  unlöslich  verflochten  ist.  Dem  englischen
Urteil  seien  folgende  Beweisstellen  entnommen:
        <pb n="358" />
        342  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

„In  the  Supreme  Court  of  Judicature,  Court  of  Appeal.

Royal  Courts  of  Justice.
Tuesday.,  21“  December  1915.
Belore
Lord  Justice  Swinlen  Eady.
Lord  Justice  Phillimore  K
Lord  Justice  Pickford.

Zinc  Corporation  Limited.

The  ellect  ol  such  an  agreement  as  the  present  one,  dealing  with  an
important  commercial  product  on  a  very  large  scale,  is  to  prevent  the
resources  of  the  country  from  being  developed,  and  labour  from  being  em-Ploycd,
  and  the  value  of  tne  mineral  from  being  realized,  and  the  proceecds
utilized  in  the  best  interest  of  the  Ccountry.  Morecver,  the  result  of  presrving
  intact  for  the  Defendants  (as  tbe  agreement  purports  to  do).  all  concentrates
  on  the  flocors,  in  the  vats,  or  otherwise  made  ready  by  the  Plaintiffs
would  be  to  enable  the  Defendants  upon  the  conclusion  of  peace  to  resume
their  trade  as  speedüy  and  in  as  great  volume  as  possible,  and  so  to  diminisb
the  effect  of  the  war  on  the  commercial  prosperity  of  tbe  enemr
country,  wbhich  it  is  the  object  ol  this  country  during  the  war  to
destroy.  To  recognise  such  #  contract,  and  to  give  eflect  to  it  by  holding  tbat
it  remained  legally  binding  upon  the  contracting  parties  would  be  to  defeat
the  object  of  this  country  in  crippling  the  Commerce  of  the  enemy)  It  wonuld
be  to  undo  by  Britisb  tribunals  the  work  done  for  tbe  nartion
by  its  naval  or  military  forces.“

(Per  Lord  Lindley,  Appeal  Cases  1912,  page  507.)  Such  an  agreemen:
is  in  my  cpinion  void,  as  tending  to  asist  the  King's  enemies.  To  carry  out
such  an  agreement  during  the  war,  and  to  withdraw  goods  from  commerce.
and  preserve  them  for  tbe  enemy  after  the  war.  is  little  removed  from  actualir
trading  with  thbe  cenemy).

Hier  wird  also  Uar  und  kalt  ausgedrückt,  daß  die  Zerstörung  des  feindlichen
  Handels  das  englische  Kriegs  ziel  bildet,  und  gesage:

„Wenn  die  Klägerin,  wie  es  der  Antrag  bezweckt,  alle  von  ihr  aufbereiteten
Konzentrate  für  die  Bellageen  zurückstellte,  so  würden  diese  in  der  Lage  sein,  bei
Friedensschluß  ihren  Handel  so  schnell  und  in  so  großem  Amfang  wie  möglich
wieder  aufzunehmen;  damit  würden  aber  die  Wirkungen  des  Krieges  auf  die  kommerzielle
  Blüte  des  feindlichen  Landes  abgeschwächt,  deren  Jerstörung  das  Ziel
unseres  Bandes  während  des  Krieges  ist.  Einen  solchen  Vertrag  anzuerkennen  und
ihm  Wirksamkeit  zu  geben  durch  die  Annahme,  daß  er  für  die  Vertragsteile  rechts.
verbindlich  geblieben  sei,  hieße  das  Ziel  dieses  Landes,  die  Sähmung  des  feindlichen
Handels,  vereiteln.  Es  hieße  durch  britische  Gerichte  das  Werk  wieder  ungeschehen
machen,  das  für  die  Nation  von  ihren  See.  und  Landstreitkräften  vollbracht
worden  ist.“
        <pb n="359" />
        Die  Stellung  der  Mächte  zur  Kriegsgefahr  343

ODile  Stellung  der  Mächte  zur  Krlegsgefahr

(18)  Die  Note,  in  der  Osterreich-Ungarn  Genuglmuung  und  Abhilfe  forderte,
wurde  vom  Minister  Grafen  Berchtold  an  den  österreichisch-ungarischen  Ge.
sandten  in  Belgrad,  Freiherrn  v.  Giesl,  übermittelt  und  hat  nach  dem  äösterreichischen
  Rotbuch  (Nr.  7)  solgenden  Wortlaut:

Wien.

Euer  Hochwohlgeboren  wollen  die  nachfolgende  Note  am  Donnerstag  den
23.  Juli,  nachmittags,  der  Königlichen  Regierung  Uberreichen:

„Am  31.  März  1909  hat  der  Königlich  serbische  Gesandte  am  Wiener  Hofe
im  Auftrage  seiner  Regierung  der  k.  u.  k.  Regierung  folgende  Erklärung  abgegeben:

„Serbien  anerkennt,  daß  es  durch  die  in  Bosnien  geschaffene  Tatsache  in  seinen
Rechten  nicht  berührt  wurde  und  daß  es  sich  demgemäß  den  Entschlüssen  anpassen
wird,  welche  die  Mächte  in  bezug  auf  Art.  25  des  Berliner  Vertrages  treffen
werden.  Indem  Serbien  den  Natschlägen  der  Großmächte  Folge  leistet,  verpflichtet
es  sich,  die  Haltung  des  Protestes  und  des  Widerstandes,  die  es  hinsichtlich  der
Annexrion  seit  vergangenem  Oktober  eingenommen  hat,  aufzugeben,  und  verpflichtet
sich  serner,  die  Richtung  seiner  gegenwärtigen  Policik  gegenüber  Österreich.
Ungarn  zu  ändern  und  künftighin  mit  diesem  letzteren  auf  dem  Fuße  freundnachbar.
licher  Beziehungen  zu  leben.“

Die  Geschichte  der  letzten  Jahre  nun,  und  insbesondere  der  schmerzlichen  Er.
eignisse  des  28.  Juni,  haben  das  Vorhandensein  einer  subversiven  Bewegung  in
Serbien  erwiesen,  deren  Ziel  es  ist,  von  der  österreichisch-ungorischen  Monarchie
gewisse  Teile  ihres  Gebietes  loszutrennen.  Diese  Bewegung,  die  unter  den  Augen
der  serbischen  Regierung  bestand,  hat  in  der  Folge  jenseits  des  Gebieks  des  Königreichs
  durch  Akee  des  Terrorismus,  durch  eine  Reihe  von  Attentaten  und  durch
Morde  Ausdruck  gefunden.

Weit  entfernt,  die  in  der  Erklärung  vom  31.  März  1909  enthaltenen  formellen
Verpflicheungen  zu  erfüllen,  bat  die  Königlich  serbische  Regierung  nichts  getan,
um  diese  Bewegung  zu  unterdrücken.  Sie  duldete  das  verbrecherische  Treiben
der  verschiedenen  gegen  die  Monarchie  gerichteten  Bereine  und  Wereinigungen,  die
zügellose  Sprache  der  DPresse,  die  Verherrlichung  der  Urheber  von  Attentaten,
die  Teilnahme  von  Offizieren  und  Beamten  an  subversiven  Umtrieben,  sie  duldete
eine  ungesunde  Propaganda  im  öffentlichen  Uncerricht  und  duldete  schließlich  alle
Manifestationen,  welche  die  serbische  Bevölkerung  zum  Hasse  gegen  die  Monarchie
und  zur  Berachtung  ihrer  Einmrichtungen  verleiten  konnten.

Diese  Duldung,  der  sich  die  Königlich  serbische  Regierung  schuldig  machte,
bat  noch  in  jenem  Moment  angedauert,  Iin  dem  die  Ereignisse  des  28.  Junt  der
ganzen  Welt  die  grauenhaften  Folgen  solcher  Duldung  zeigten.

Es  erhellt  aus  den  Aussagen  und  Geständnissen  der  verbrecherischen  Urheber
des  Aetentats  vom  28.  Juni,  daß  der  Mord  von  Serasewo  in  Belgrad  ausgebecke
wurde,  daß  die  Mörder  die  Waffen  und  Bomben,  mit  denen  sie  ausgestattet
waren,  von  serbischen  Offizieren  und  Beamten  erhielten,  die  der  Narodna  Odbrana
angehörten,  und  daß  schließlich  die  Beförderung  der  Verbrecher  und  deren  Waffen

nach  Bosnien  von  leitenden  serbischen  Grenzorganen  veranstaltet  und  durchgeführt
wurden.
        <pb n="360" />
        344  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

Die  angeführten  Ergebnisse  der  Untersuchung  gestatten  es  der  k.  u.  k.  Ne.
gierung  nicht,  noch  länger  die  Haltung  zuwartender  Langmut  zu  beobachten,  die
sie  durch  Jahre  jenen  Treibereien  gegenüber  eingenommen  hatte,  die  ihren  Mittelpunkt
  in  Belgrad  haben  und  von  da  auf  die  Gebiete  der  Monarchie  übertragen
werden.  Diese  Ergebnisse  legen  der  k.  u.  k.  Regierung  vielmehr  die  Pflicht  auf,
Umtrieben  ein  Ende  zu  bereiten,  die  eine  beständige  Bedrohung  für  die  Nuhe
der  Monarchie  bilden.

Um  diesen  Iweck  zu  erreichen,  siehe  sich  die  k.  u.  k.  Regierung  gezwungen,
von  der  serbischen  Regierung  eine  offizielle  Versicherung  zu  verlangen,  dah  sie
die  gegen  Osterreich-Ungarn  gerichtete  Propaganda  verurteilt,  d.  h.  die  Gesamtheit
der  Bestrebungen,  deren  Endziel  es  ist,  von  der  Monarchie  Gebiete  loszulösen,
die  ihr  angehören,  und  daß  sie  sich  verpflichtet,  diese  verbrecherische  und  terroristische
Propaganda  mit  allen  Mitteln  zu  unterdrücken.

Um  diesen  Verpflichtungen  einen  feierlichen  Charakter  zu  geben,  wird  die
Königlich  serbische  Regierung  auf  der  ersten  Seite  ihres  offiziellen  Organs  vom
26./13.  Juli  nachfolgende  Erklärung  veröffentlichen:

„Oie  Königlich  serbische  Regierung  verurteilt  die  gegen  Osterreich-Ungarn
gerichtete  Dropaganda,  d.  h.  die  Gesamtheit  jener  Bestrebungen,  deren  Ziel  es
ist,  von  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie  Gebiete  loszutrennen,  die  ihr
angehören,  und  sie  bedauert  aufrichtigst  die  grauenhaften  Folgen  dieser  verbrecherischen
  Handlungen.

Oie  Königlich  serbische  Regierung  bedauert,  daß  serbische  Offiziere  und  Beamte
  an  der  vorgenannten  Propaganda  teilgenommen  und  damit  die  freundnachbarlichen
  Beziehungen  gefährdet  haben,  die  zu  pflegen  sich  die  Königliche
Regierung  durch  ihre  Erklärung  vom  31.  März  1909  feierlichst  verpflichtet  hatte.

Die  Königliche  Regierung,  die  jeden  Gedanken  oder  jeden  Versuch  einer
Einmischung  in  die  Geschicke  der  Bewohner  was  immer  für  eines  Teiles  Osterreich-Ungarns
  mißbilligt  und  zurückweist,  erachtet  es  für  ihre  Dflicht,  die  Offiziere  und
Beamten  und  die  gesamtee  Bevölkerung  des  Königreichs  ganz  ausdrücklich  aufmerksam
  zu  machen,  daß  sie  künftighin  mit  äußerster  St#renge  gegen  jene  Personen
  vorgehen  wird,  die  sich  derartiger  Handlungen  schuldig  machen  sollten,
Handlungen,  denen  vorzubeugen  und  die  zu  unterdrücken  sie  alle  Anstrengungen
machen  wird.“

Diese  Erklärung  wird  gleichzeitig  zur  Kennenis  der  Königlichen  Armee  durch
einen  Tagesbefehl  Seiner  Majestät  des  Königs  gebracht  und  in  dem  offiziellen
Organ  der  Armee  veröffentlicht  werden.

Die  Königlich  serbische  Regierung  verpflichtet  sich  überdies:

1.  Zede  Dublikation  zu  unterdricken,  die  zum  Haß  und  zur  Verachtung  der
Monarchie  aufreizt  und  deren  allgemeine  Tendenz  gegen  die  territoriale  Integrität
der  legteren  gerichtet  ist.

2.  Sofort  mit  der  Auflösung  des  Vereins  „Narodna  Odbrana“  vorzugehen,
dessen  gesamte  Propagandamietel  zu  konfiszieren  und  in  derselben  Weise  gegen  die
onderen  Vereine  und  WVereinigungen  in  Serblen  einzuschreiten,  die  sich  mit  der
ropaganda  gegen  Osterreich-Ungarn  beschäftigen.  Die  Königliche  Regierung
wird  die  nötigen  Maßregeln  treffen,  damit  die  aufgelösten  Vereine  nicht  etwa  ihre
Tätigkeit  unter  anderem  Namen  oder  in  anderer  Form  fortsetzen.
        <pb n="361" />
        Die  Stellung  der  Mächte  zur  Kriegsgefahr  345

3.  Ohne  Verzug  aus  dem  öffentlichen  Unterricht  in  Serbien,  sowohl  was
den  Lehrkörper  als  auch  die  Lehrmittel  betrifft,  alles  zu  beseitigen,  was  dazu  dient
oder  dienen  könnte,  die  Propaganda  gegen  Österreich-Ungarn  zu  näöhren.

4.  Aus  dem  Militärdienst  und  der  Verwaltung  im  allgemeinen  alle  Offiziere
und  Beamte  zu  entfernen,  die  der  Propaganda  gegen  Osterreich-Ungarn  schuldig
sind  und  deren  Namen  unter  Mitteilung  des  gegen  sie  vorliegenden  Materials
der  Königlichen  Regierung  bekanntzugeben  sich  die  k.  u.  k.  Regierung  vorbehält.

5.  Einzuwilligen,  daß  in  Serbien  Organe  der  k.  u.  k.  Regierung  bei  der  Unterdrückung
  der  gegen  die  terrikoriale  Intkegrität  der  Monarchie  gerichteten  subversiven
Bewegung  mitwirken.

6.  Eine  gerichtliche  Untersuchung  gegen  jene  Teilnehmer  des  Komplotts
vom  28.  Juni  einzuleiten,  die  sich  auf  serbischem  Territorium  befinden.  Von  der
k.  u.  k.  Regierung  hierzu  delegierte  Organe  werden  an  den  bezüglichen  Erhebungen
teilnehmen.

7.  Mit  aller  Beschleunigung  die  Verhaftung  des  Majors  Voja  Tankkosic
und  eines  gewissen  Milan  Ciganovic,  serbischen  Staaesbeamten,  vorzunehmen,
welche  durch  die  Ergebnisse  der  Untersuchung  kompromittiert  find.

8.  Durch  wirksame  Maßregeln  die  Teilnahme  der  serbischen  Behörden  an
dem  Einschmuggeln  von  Waffen  und  Explosiokörpern  über  die  Grenze  zu  verhindern;
jene  Organe  des  Grenzdienstes  von  Schabag  und  Loznica,  die  den  Urbebern  des
Verbrechens  von  Serajewo  bei  dem  Abertritt  über  die  Grenze  behilflich  waren,
aus  dem  ODienste  zu  entlassen  und  strenge  zu  bestrasen.

9.  Der  k.  u.  k.  Regierung  Aufklärungen  zu  geben  über  die  nicht  zu  rechtfertigenden
  Bußerungen  hoher  serbischer  Funktionäre  in  Serbien  und  dem  Auslande,  die
ihrer  offiziellen  Stellung  ungeachtet  nicht  gezögert  haben,  sich  nach  dem  Actentat  vom
28.  Juni  in  Interviews  in  feindlicher  Weise  gegen  Osterreich-Ungarn  auszusprechen.

10.  Die  k.  u.  k.  Regierung  ohne  Verzug  von  der  Ourchfübrung  der  in  den
vorigen  Hunkten  zusammengefaßten  Maßnahmen  zu  verständigen.

Die  k.  u.  k.  Regierung  erwartet  die  Antwort  der  Königlichen  Regierung
spätestens  bis  Sonnabend  den  25.  d.  M.  um  sechs  Uhr  nachmittags.

Ein  Memoire  üÜber  die  Ergebnisse  der  AUntersuchung  von  Serajewo,  soweit
sie  sich  auf  die  in  Hunkt  7  und  8  genannten  Funktionäre  beziehen,  ist  dieser  Note
beigeschlossen.

Beslage.  Die  bei  dem  Gericht  in  Serajewo  gegen  den  Gabrilo  Princip
und  Genossen  wegen  des  am  28.  Juni  d.  J.  begangenen  Meuchelmordes  bzw.  wegen
Mitschuld  hieran  anhängige  Strafuntersuchung  hat  bisher  zu  folgenden  Feststellungen
  geführt:

1.  Der  Plan,  den  Erzherzog  Franz  Ferdinand  während  seines  Aufenthaltes
in  Serasewo  zu  ermorden,  wurde  in  Belgrad  von  Gabrilo  rincip,  Nedeljko-Gabrinovic,
  einem  gewissen  Milan  Ciganovic  und  Trifko  Grabez  unter  Beihilfe
des  Masors  Boja  Tanlkosic  ausgeheckt.

2.  Die  sechs  Bomben  und  vier  Browningpistolen,  deren  sich  die  Verbrecher
als  Werkzeuge  bedienten,  wurden  dem  Princip,  Gabrinovic  und  Grabez  in  Bel.
grad  von  einem  gewissen  Milan  Ciganovic  und  dem  Major  Vosa  Tankkosie
verschafft  und  übergeben.
        <pb n="362" />
        346  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

3.  Die  Bomben  sind  Handgraonaten,  die  dem  Waffendepot  der  serbischen
Armee  in  Kragujevac  entstammen.

4.  Um  das  Gelingen  des  Abttentates  zu  sichern,  unterwies  Milan  Ciganovic
den  Princip,  den  Gabrinovic  und  Grabez  in  der  Handhabung  der  Granaten  und
gab  in  einem  Walde  neben  dem  Schießfelde  von  Topschider  dem  DPrincip  und
Grabez  Unterricht  im  Schießen  mit  Browningpiskolen.

5.  Am  dem  Princip,  Gabrinovic  und  Grabez  den  #bergang  über  die  bosnisch.
herzegowinische  Grenze  und  die  Einschmuggelung  ihrer  Waffen  zu  ermöglichen,  wurde
ein  ganz  gebeimes  Transportsystem  durch  Ciganovic  organisiert.  Der  Eineritt
der  Verbrecher  same  ihren  Waffen  nach  Bosnien  und  der  Herzegowina  wurde
von  den  Grenzhauptleuten  von  Schabag  (Nade  Dopovic)  und  Loznica  sowie  von
den  Jollorganen  Budivof  Grbie  von  Loznica  mit  Beihilfe  mehrerer  anderer
Personen  durchgeführt.

Gelegentlich  der  Abergabe  der  vorstehenden  Note  wollen  Eure  Hochwohl.
geboren  mündlich  hinzufügen,  daß  Sie  beauftragt  seien  —  falls  Ihnen  niche  inzwischen
eine  vorbehaltlose  zustimmende  Anework  der  Königlichen  Regierung  zugekommen
sein  sollte  —,  nach  Ablauf  der  in  der  Note  vorgesehenen,  vom  Tage  und  von  der
Stunde  Ihrer  Mitteilung  an  zu  rechnenden  48stündigen  Frist  mit  dem  Personal
der  k.  u.  k.  Gesandtschaft  Belgrad  zu  verlassen.

(19)  Das  Blaubuch  (Nr.  3)  sagt  darüber  in  einem  Schreiben  Sir  Edward
Grevs  vom  23.  Juli  an  den  britischen  Gesandten  zu  Wien,  Eir  M.  de
Bunsen:

„  The  possible  consequences  of  the  present  situation  were  terrible.
If  as  many  as  four  Creat  Powers  of  Europe  —  let  us  say.,  Aus  tria.  France,
Russia  and  Germany,  were  engaged  in  war,  it  scemed  to  me  that  it  must
involve  the  expenditure  of  so  vost  u  sum  of  money,  aud  such  an  interference
with  trade,  that  a  war  would  be  accompanied  or  followed  by  a  complete  collapseof
  European  credit  and  industry.  In  these  days,  in  great  industrial  States,
this  would  mean  a  state  of  things  worse  than  that  of  1848,  and  irrespective  of
wbo  were  victors  in  the  war,  many  things  might  be  completely  swept  away.

Count  Mensdorff  did  not  demur  to  this  statement  of  the  possible  conscquences
  of  the  present  situation,  but  he  said  that  all  would  depend  upon
Russia.

I  made  the  remark  that,  in  a  time  of  difficulties  such  as  this,  it  was  just
as  true  to  Ssay  that  it  required  two  to  keep  the  peace  us  it  was  to  say,  ordinarüy,
that  it  took  two  to  make  a  qunrrel.  I  hoped  very  much  that.  if  tbere  were
dilliculties,  Austria  and  Russia  would  be  able  in  the  first  instance  to  discuss
them  directly  with  each  other.

Count  Mensdorff  said  that  he  boped  this  would  be  possible,  bur  he  was
under  the  impression  that  the  attitude  in  St.  Petersburgh  hat  not  been  very)
favourable  recently)

(20)  Das  rusüische  Orangebuch  (Nr.6)  teilt  den  Hilferuf  des  Kronprinzen  und
Regenten  Alexander  von  Serbien  im  Wortlaut  mit.  Er  ist  in  sestem  Ton  geschrieben
  und  läße  die  Erinnerung  an  die  uneingelöste  Schuld,  die  Rußland  1908/09
einging,  deutlich  anklingen.  Es  heifßt  darin:
        <pb n="363" />
        Im  Jrrgarten  der  Verhandlungen  347

.  .  .  Nous  sonimies  préts  d  accepter  les  conditions  austro-hongroises  qui
sont  compatibles  avec  la  situation  d'un  Etat  indépendant,  ainsi  que  celles  dont
I’acception  nous  sera  conseillèe  par  Votre  Majesté;  toutes  les  personnes  dont
la  participation  à  I’attentat  sera  démonstrée  seront  séverement  punis  par
nous.  Certaines  pormi  ces  demandes  ne  pourraient  eatre  exécutkes  sans  de
changements  de  notre  législation,  ce  qui  exige  du  temps.  On  nous  a  donne
un  délai  trop  court.  Nous  pouvons  étre  attaqufs  apres  I’expiration  du  délai
Par  Tarmée  austro-bongroise  qui  se  Cconcentre  sur  notre  frontière.  II  nous  est
impossible  de  nous  déelendre  et  nous  supplions  Votre  Majesté  de  nous  donner
son  aide  le  plus  töt  posible.  La  bienveillance  précieusc  de  Votre  Majeste,
dui  s’est  manilestée  tant  de  fois  à  notre  égard,  nous  fait  espèrer  fermement
due  cette  fois  encore  notre  appel  sera  entendu  par  son  gnéreux  cceur  slave.
En  ces  moments  diltciles  j-interpröte  ies  sentiments  du  peuple  serbe  qui
supplie  Votre  Majesté  de  vouloir  bien  s’intéresser  au  sort  du  Royaume  de
Serbie.“

Im  ZJergarten  der  Verhandlungen

(21)  Ineinem  Bericht  des  Reichskanzlers  vom  28.Juli  1914  an  die  Bundes.
regierungen  (Weißbuch,  Anlage  2)  heiße  es:  „Es  würde  weder  mit  der  Würde
noch  mi#  ihrem  Recht  auf  Selbsterhaltung  vereinbar  sein,  wollte  die  ssterreichischungarische
  Regierung  dem  Treiben  jenseies  der  Grenze  noch  länger  tatenlos  zuseben,
  durch  das  die  Sicherheit  und  die  Integrität  ihrer  Gebiete  dauernd  bedroht
wird.  Bei  dieser  Sachlage  müssen  das  Vorgehen  sowie  die  Forderungen  der
österreichisch-ungarischen  Regierung  als  gerechtfertigt  angesehen  werden.“

Daß  Deutschland  auf  die  Wahl  des  Mittels,  die  die  Wiener  Regierung  anwendete,
  keinen  Einsluß  genommen  hat,  geht  aus  der  ganzen  Entwicklung  der  Angelegenheit
  und  der  diplomatischen  Verhandlungen  hervor  und  wird  zum  Dberfluß
noch  durch  das  Weißbuch  bestätige,  in  welchem  nicht  ohne  Absicht  ausdrücklich
einleitend  gesagt  wird:

„Wir  waren  uns  hierbei  (bei  der  Billigung  der  von  der  Donaumonarchie
geplanten  diplomatischen  Handlung)  wohl  bewußt,  daß  Serbien  Rußland  auf  den
Plan  bringen  und  uns  hiermit  unserer  Bundespflicht  enesprechend  in  einen  Krieg
verwickeln  könnte.  Wir  konnten  aber  in  der  Erkenntnis  der  oitalen  Interessen
Österreich-Ungarns,  die  auf  dem  Spiel  standen,  unserem  Bundesgenossen  weder
zu  einer  mit  seiner  Würde  ulche  vereinbarenden  Nachgiebigkeit  raten,  noch  auch  ihm
unseren  Beistand  in  diesem  schweren  Moment  versagen.  Wir  konnten  dies  um  so
weniger,  als  auch  unsere  Interessen  durch  die  andauernde  serbische  Wühlarbeit
auf  das  empfindlichste  bedroht  waren.  Wenn  es  den  Serben  mit  Rußlands  und
Frankreichs  Hilfe  noch  länger  gestattet  geblieben  wäre,  den  Bestand  der  Nachbarmonarchie
  zu  gefährden,  so  würde  dies  den  allmählichen  Zusammenbruch  Osterreichs
und  eine  Unterwerfung  des  gesamten  Slawentums  unter  russischem  Zepter  zur
Folge  haben,  wodurch  die  Stellung  der  germanischen  Rasse  in  Mitteleuropa  un.
baltbar  würde.  Ein  moralisch  geschwächtes,  durch  das  Vordringen  des  russischen
Panslawismus  zusammenbrechendes  Osterreich  wäre  für  uns  kein  Bundesgenosse
mehr,  mit  dem  wir  rechnen  könnten  und  auf  den  wir  uns  verlassen  könnten,  wie  wir
es  angesichts  der  immer  drohender  werdenden  Haltung  unserer  östlichen  und  west-
        <pb n="364" />
        348  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

lichen  Nachbarn  müssen.  Wir  ließen  daher  Osterreich  völlig  freie  Hand  in
seiner  Aktion  gegen  Serbien.  Wir  haben  an  den  Vorbereitungen  dazu  nicht
teilgenommen  ..“

Die  Erklärung,  daß  Deutschland  den  Text  der  österreichischen  Nodte  an  Serbien
nicht  gekannt  und  keinerlei  Einfluß  auf  ihren  Inhalt  ausgeübt  habe,  ist  in  Peters.
burg  (Orangebuch  Nr.  8),  in  London  (Blaubuch  Nr.  25)  und  Paris  (Gelbbuch
Nr.  36)  abgegeben  worden.  Ob  es  lug  war  von  Deueschland,  die  Ratgeber
Franz  Josephs  walten  zu  lassen,  ohne  ihre  Art  des  Vorgehens  vorher  zu  kennen,
ist  eine  andere  Frage.

(25)  Die  Erklärung  ist  vom  Minister  Grafen  Verchtold  an  das  Königlich
serbische  Ministerium  des  DUußern  in  Belgrad  gerichtet  worden  und  hat  nach
dem  Rotbuch  (Nr.  37)  folgende  Fassung:

Wien,  28.  Juli  1914.

Da  die  Königlich  serbische  Regierung  nicht  in  befriedigender  Weise  auf  die
Note  geantwortek  hat,  die  ihr  seitens  des  österreichisch-ungarischen  Gesandien  in
Belgrad  am  23.  Juli  1914  überreicht  worden  war,  sieht  sich  die  k.  u.  k.  Regierung
in  die  Notwendigkeit  versetzt,  ihre  Rechte  und  Interessen  selbst  zu  wahren  und  zu
diesem  Iwecke  die  Enescheidung  der  Waffen  anzurufen.

Osterreich-Ungarn  betrachtet  sich  daher  von  diesem  Augenblicke  an  als  im
Kriegszustande  mil  Serbien  stehend.

(Der  Urtext  ist  franzöfisch.)

(23)  Indem  Bericht,  den  Graf  Berchtold  am  23.  Juli  an  den  öfterreichischungarischen
  Botschafter  in  London,  Grafen  Mensdorff,  sandte  (Rocbuch  Nr.9),
beißt  es:

„Wir  können  die  Forderungen,  deren  Erfüllung  wir  von  Serbien  verlangen
und  die  eigentlich  im  Verkehr  zwischen  Staaten,  die  in  Friede  und  Freundschaft  leben
sollen,  nur  Selbstverständliches  enthalten,  nicht  zum  Gegenstand  von  Verbandlungen
  und  Kompromissen  machen  und  können  mit  Rückfiche  auf  unsere
volkswirtschaftlichen  Interessen  nicht  riskieren,  eine  politische  Merchode,  wonach
Serbien  die  enrstandene  Krise  nach  seinem  Belieben  zu  verlängern  in  der  Hand
bätte,  zu  alzeptieren.“

(24)  Dieser  Erwägung  gibe  der  Reichslanzler  v.  Bethmann.-  Hollweg  lout
Weißbuch  (Anlage  1)  in  einem  Bericht  an  die  deutschen  Botschafter  inm
Daris,  London  und  St.  Petersburg  vom  23.  Juli  Ausdruck

„Die  Veröffentlichung  ver  österreichisch-ungarischen  Regierung  Uver  die  Um.-flände,
  unter  denen  das  Attentat  auf  den  österreichischen  Thronfolger  und  seine
Gemahlin  stattgefunden  hat,  enebüllen  offen  die  Biele,  die  sich  die  großserbische
Dropaganda  gesetzt  hat,  und  die  Mittel,  deren  sie  sich  zur  Verwirklichung  derselben
bedient.  Es  hat  sich  in  unzweideutiger  Weise  kundgetan,  daß  es  weder  mit  der
Würde  noch  mit  der  Selbsierhaltung  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie
vereinbar  sein  würde,  dem  Treiben  jenseits  der  Grenze  noch  länger  tatenlos  zuzusehen,
  durch  das  die  Sicherheit  und  die  Integrität  ihrer  Gebiete  dauernd  bedroht
wird.  Bei  dieser  Sachlage  können  das  Vorgehen  sowie  die  Forderungen  der
österreichisch=  ungarischen  Regierung  nur  als  gerechtfertigt  angesehen  werden.
Troszdem  schließt  die  Haleung,  die  die  öffentliche  Meinung  sowohl  als  auch  die
        <pb n="365" />
        Im  Jrrgarten  der  Verhandlungen  349

Negierung  in  Serbien  in  letzter  Zeit  eingenommen  hat,  die  Befürchtung  nicht  aus,
daß  die  serbische  Regierung  es  ablehnen  wird,  diesen  Forderungen  zu  entsprechen,
und  daß  sie  sich  zu  einer  provokatorischen  Haltung  Osterreich-Angarn  gegenüber
hinreißen  läßt.  Es  würde  der  öfterreichisch-ungarischen  Regierung,  will  sie  nicht
auf  ihre  Stellung  als  Großmacht  endgülrig  erzicht  leisten,  nicht##  dres  übrigbleiben,
  als  ihre  Forderung  bei  der  serbischen  Regierung  durch  einen  starken  Druck
und  nötigenfalls  unter  der  Ergreifung  militärischer  Maßnahmen  ducchzusetzen,
wobei  ihr  die  Wahl  der  Mit#tel  überlassen  bleiben  muß.

Ew.  usw.  beehre  ich  mich  zu  ersuchen,  sich  in  vorstehendem  Sinne  (dem  derzeitigen
  Verereter  des  Herrn  Viviami,  Sir  Edward  Grey,  Herrn  Sasonow)
gegenüber  auszusprechen  und  dabei  insbesondere  der  Anschauung  nachdrücklich
Ausdruck  zu  verleihen,  daß  es  sich  in  der  vorliegenden  Frage  um  eine  lediglich  zwischen
Ofterreich-Ungarn  und  Serbien  zum  Austrag  zu  bringende  Angelegenheit  handle,
die  auf  die  beiden  direkt  Betelligten  zu  beschränken  das  ernste  Bestreben  der  Mächte
sein  müsse.  Wir  wünschen  dringend  die  Lokalisierung  des  Konflikes,  weil
jedes  Eingreifen  einer  anderen  Macht  infolge  der  verschiedenen  Bündnisverpflichtungen
  unabsehbare  Konsequenzen  nach  sich  ziehen  würde.“

(25)  Die  russische  Reglerung  war  von  Anfang  an  nicht  so  sehr  gewille,
einen  Vergleich  anzustreben,  sondern  wollie  vielmehr  diesmalihre  Sache  —  Serbiens
Sache  war  nach  ihrer  Auffassung  Rußlands  Sache  —  zum  Siege  führen,  sei
es  durch  volle  diplomatische  Demlütigung  Osterreich-Ungarns,  sei  es  durch  die  Gewalt
  der  Waffen.  Das  gab  dem  Auftreten  und  den  Maßnahmen  Rußlands  von
vornherein  ihre  Schärfe  und  die  verhängnisvolle  Triebkraft,  die  zum  europäischen
Kriege  führen  mußte.  Schon  am  25.  Juli  war  man  in  Detersburg  zur  Mobilmachung
  bereik,  obwohl  man  wußte,  daß  sie  Deutschland  auf  den  Plan  rufen  und
zum  Handeln  zwingen  mußte.  Sir  G.  Buchanan  berichtet  ausdrücklich  am  25.  Juli
(Blaubuch  Nr.  17)  an  Grey  von  einer  Unterredung  mit  Sasonow  folgendes:

„I  said  all  1  could  to  impres  prudence  on  the  Minister  for  Foreign
Affairs,  and  warned  him  that,  if  Russia  mobilised,  Germany  would  not  be
content  with  mere  mobilisation,  or  give  Russia  time  to  carry  out  hers.  but
would  probably  declare  war  at  once.“

Sir  Buchaonan  sagte  also  dem  Minister  des  Außern  alles,  was  er  konnte,
um  ihm  Worsicht  nabezulegen,  und  warnte  ihn,  daß  im  Falle  einer  russischen
Mobilisacion  Deutschland  sich  nicht  auf  eine  bloße  Mobilisation  beschränken  oder
Rußland  Zeit  zur  Durchführung  der  seinigen  geben,  sondern  sofort  den  Krieg
erllären  würde.

(26)  Sasonows  Bertrachtungsweise  des  österreichisch-serbischen  Iwischenfalls
geht  aus  dem  Schreiben  hervor,  das  der  englische  Botschafter  in  Petersburg,
Buchanan,  an  Grey  gerichtet  hat.  Danach  erklärte  Sasonow,  das  Vorgeben
Osterreichs  bedeute  klar,  „daß  der  Krieg  vor  der  Ture  stehe  ..,  „daß  der  Schritt
Osterreichs  sowohl  provozierend  wie  unmoralisch  sei.  .,  „daß  die  europäsche  Frage
mit  inbegriffen  sei,  von  der  die  serbische  nur  einen  Teil  bilde  .  .“  und  „er  selbst
glaube,  die  russische  Mobilmachung  müsse  auf  jeden  Fall  durchgeführt  werden“.
(Englisches  Blaubuch  Nr.  6.)  ·

Der  deutsche  Botschafter  berichtet  am  gleichen  Tage  (Weißbuch,  Anlage  4):
        <pb n="366" />
        350  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

„...  Der  Minister  erging  sich  gegen  OÖsterreich-Ungarn  in  maßlosen  Anllagen
und  war  sehr  erregt.  Auf  das  bestimmteste  erllärte  er:  daß  die  serbisch.  österreichische
  Differenz  zwischen  den  Beteiligten  allein  auégetragen
werde,  könne  Rußland  unmöglich  zulassen.“

Oie  Anterredung,  die  Szäpäry  mit  Sasonow  bei  Uberreichung  der  Note
batte  (Rotbuch  Nr.  14)  beslätigt  diese  Seellungnahme  der  russischen  Regierung.
„Sasonows  Haltung  war  eine  durchaus  ablehnende  und  gegnerische."“

Am  24.  Juli  veröffentlichte  das  amtliche  russische  Organ  (Rocbuch  Nr.  15)
eine  Mitteilung,  daß  Rußland  „nicht  indifferent  bleiben“  könne.

(27)  Graf  Berchtold  schrieb  am  24.  Juli  an  Graf  Mensdorff  in
London  (Rotbuch  Nr.  179:

„Ersuche,  Sir  E.  Grey  sofort  aufzuklären,  daß  unsere  gestrige  Demarche  in
Belgrad  nicht  als  sormelles  Uleimatum  zu  betrachten  sei,  sondern  daß  es  sich  um
eine  befristete  Demarche  handle,  die,  wie  Euer  Exzellenz  Sir  E.  Grey  streng
vertraulich  mikteilen  wollen  —  wenn  die  Frist  fruchtlos  abläuft  —  einstweilen  nur
von  dem  Abbruche  der  diplomatischen  Beziehungen  und  von  dem  Beginne  notwendiger
  militärischer  Borbereitungen  gefolgt  sein  wird,  da  wir  unbedingt  entschlossen
  sind,  unsere  berechtigten  Forderungen  durchzusetzen.

Euer  Exzellenz  find  berechtigt,  beizufügen,  daß  wir  allerdings,  wenn  Serbien
nach  Ablauf  des  Termins  nur  unter  dem  Orucke  unserer  militärischen  Vorbereitungen
  nachgeben  würde,  es  zum  Ersatze  der  uns  erwachsenen  Kosten  verhalten
müßten;  bekanntlich  mußten  wir  zweimal  (1908  und  1912)  Serblens  wegen  mobilifieren."“


Grey  gab  diese  Erllärung  Berchtkoldes  am  25.  Juli  an  die  britischen  Gesandten
in  Petersburg  und  Paris  weiter  mit  der  Schlußbemerkung:„  .  .  it  makes  the
immediate  situation  rather  less  acuto...

An  Graf  Szápäry  schrieb  Graf  Berchtold  am  24.  Juli,  wie  aus  Nr.  16
des  Rotbuches  ersichtlich:

„Ich  habe  den  russischen  Geschäfesträger  am  24.  Juli  vormittags  empfangen.
und  ihn  versichert,  daß  ich  spezielles  Gewicht  darauf  lege,  ihn  sobald  als  möglich
von  unserem  Schritte  in  Belgrad  in  Kenntnis  zu  setzen  und  ihm  diesbezüglich
unseren  Standpunkt  darzulegen.

Indem  Fürst  Kudascheff  für  diese  Aufmerksamkeit  dankte,  verhehlte  er  mir
nicht  seine  Beunruhigung  über  unser  kategorisches  Borgehen  gegen  Serbien,
wobei  er  bemerkte,  daß  man  in  St.  DPetersburg  immer  präokkupiert  gewesen  sei,
ob  nicht  unsere  Demarche  die  Form  einer  Demütigung  für  Serbien  annehmen
werde,  was  nicht  ohne  Meperkussion  in  Rußland  bleiben  könnte.

Ich  ließ  mir  angelegen  sein,  den  russischen  Geschäftsträger  in  dieser  Richrung
zu  beruhigen.  Unser  Ziel  bestehe  darin,  die  unhaltbare  Situation  Serbiens  zur
Monarchie  zu  klären  und  zu  diesem  Iwecke  die  dortige  Regierung  zu  veranlassen,
einerseits  die  gegen  den  derzeitigen  Bestand  der  Monarchie  gerichteten  Strémungen
  öffentlich  zu  desavouieren  und  durch  administrative  Maßnahmen  zu
unterdrücken,  andererseits  uns  die  Möglichkeit  zu  bieten,  uns  von  der  gewissenbaften
  Durchführung  dieser  Maßnahmen  Rechenschaft  zu  geben.  Ich  führte  des
längeren  aus,  welche  Gefahr  ein  weiteres  Gewährenlassen  der  großserbischen
Oropaganda  nicht  nur  für  die  Integrität  der  Monarchie,  sondern  auch  für  das
        <pb n="367" />
        Im  JIrrgarten  der  Verhandlungen  351

Gleichgewicht  und  den  Frieden  in  Europa  nach  sich  ziehen  würde,  und  wie  sehr
alle  Dynastien,  nicht  zulegt  die  russische,  durch  die  Einbürgerung  der  Auffassung
bedroht  erscheinen,  daß  eine  Bewegung  ungestraft  bleiben  könne,  die  sich  des
Mordes  als  eines  nationalistischen  Kampfmittels  bediene.

Schließlich  verwies  ich  darauf,  daß  wir  keine  Gebierserwerbung,  sondern  bloß
die  Erhaltung  des  Westehenden  bezweckten,  ein  Standpunkt,  der  bei  der  russischen
Regierung  Verständnis  finden  müsse  .“

Das  russische  Orangebuch  enthält  merkwürdigerweise  über  die  Unterredung
Berchtolds  und  Kudascheffs  nichts,  obwohl  der  russische  Bocschafter  Berchtold
erklärt  hatte,  er  würde  darlber  an  Sasonow  berichten.

(28)  Der  deutsche  Botschafter  in  Petersburg  telegraphierte  am
25.  Juli  dem  Reichskanzler:

„Ich  habe  den  Eindruck,  daß  alle  Borbereitungen  für  die  Mobilmachung
  gegen  Osterreich  getroffen  werden  ...“  (Weißbuch,  Anlage  6.)

Am  26.  Juli:

„Der  Militärattachèé  bittet  um  Dbermitelung  nachstehender  Meldung  an
den  Generalstab:

Ich  balte  es  für  sicher,  daß  für  Kiew  und  Odessa  die  Mobilmachung
befohlen  worden  ist.  Bei  Warschau  und  Moskau  ist  dies  fraglich  und  bei  den
anderen  wohl  nicht  der  Fall.“

(29)  Im  Schreiben  des  Reichs  kanzlers  vom  28.  Juli  an  die  Bundes.
regierungen  heißt  es  (Weißbuch,  Anlage  2):

..  .  Unser  eigensies  Interesse  ruft  uns  demnach  an  die  Seite  Osterreich-Ungarns.“
  Er  spricht  den  Wunsch  auf  die  Erhaltung  des  Friedens  aus  und  fährt
weiter:  „Sollte  indes  wider  Erhoffen  durch  ein  Eingreifen  Rußlands  der  Brandberd
  eine  Erweiterung  erfahren,  so  würden  wir  getreu  unserer  Bundespflicht
mit  der  ganzen  Macht  des  Reichs  die  Nachbarmonarchie  zu  unterstücen
baben.“

(30)  Das  deutsche  Weißbuch  (Anlage  10  b)  enthält  folgendes  Telegramm  des
Reichskanzlers  an  den  deutschen  Botschafter  in  Petersburg  vom
26.  Juli:

„Nachdem  Osterreich  sein  territoriales  Desinteressement  feierlich  erllärt
hat,  ruht  die  Verantwortung  für  eine  eventuelle  Störung  des  europischen  Griedens
durch  eine  russische  Intervention  allein  auf  Rußland.  Wir  vertrauen  immer  noch.
darausf,  daß  Rußland  keine  Schritte  unternehmen  wird,  die  den  europäischen
Frieden  ernstlich  gefährden  würden.“

Ein  Telegramm  desselben  Sinmes  erging  auch  an  die  englische  Regierung
mit  der  Bitte,  England  möge  in  Petersburg  mit  allem  Nachdruck  wirken  (Weißbuch,
  Anlage  10).

Dieser  Bitte  hat  Grey  nicht  entsprochen.  Er  umschreibt  om  24.  Juli  seine
Haltung  gegenüber  Rußland  in  einem  Bericht  an  den  englischen  Geschäftsträger
in  Berlin  (der  Botschafter  war  abwesend)  laut  Blaubuch  Nr.  11  wie  folgt:

„Ich  erinnerte  den  deutschen  Botschafter  daran,  daß  er  vor  einigen  Tagen  die
persönliche  Hoffnung  ausgesprochen  habe,  ich  würde,  wenn  es  notwendig  wäre,
einen  mäßigenden  Einfluß  in  Petersburg  ausüben;  aber  nun,  angesiches  des  außerordentlichen,
  unbeugsamen  Charakters  der  österreichischen  Noce,  der  Kürze  der
        <pb n="368" />
        352  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

zugebilligten  Frift  und  des  Amfanges  der  öfterreichischen  Forderungen  an  Serbien,
füble  ich  mich  Rußland  gegenüber  ganz  hilflos,  und  ich  glaube  nicht,  daß  irgendeine
Macht  allein  Einfluß  ausüben  könne.

Ich  sehe  nur  eine  Möglichkeit  eines  vermitktelnden  und  beschwicheigenden
wirksamen  Einflusses:  den  Einfluß,  den  die  vier  Mächte  Deutschland,  Italien,
Frankreich  und  wir  zusammen  gleichzeitig  in  Wien  und  in  St.  Petersburg  zugunsten
  einer  Mäßigung  ausüben  sollten,  falls  die  Beziehungen  zwischen  Osterreich
und  Nußland  drohend  werden.“

(31)  Darüber  gibt  der  Bericht  des  Reichskanzlers  an  den  deutschen  Bot.
schafter  in  Daris,  Freiherrn  v.  Schön,  vom  26.  Juli  Aufschluß  (Weiß.
buch,  Anlage  10).

„Nachdem  Osterreich--Ungarn  NRußland  offiziell  erklärt  hat,  daß  es  keinen
kerrikorialen  Gewinn  beabsichtige,  den  Bestand  des  Königreichs  nicht  antasten
wolle,  liege  die  Enescheidung,  ob  ein  europäischer  Krieg  entflehen  soll,  nmur  bei
Rußland,  das  die  gesamte  Verantwortung  zu  tragen  hat.  Wir  vertrauen
auf  Frankreich,  mit  dem  wir  uns  in  dem  Wunsche  um  die  Erbaleung  des  euro.
päischen  Friedens  eins  wissen,  daß  es  in  Petersburg  seinen  Einstuß  in  berubigendem
  Sinne  geltiend  machen  wird.“

über  den  deutschen  Borschlag  berichtet  Bienvenu-Martini  an
Viviani  am  26.  Juli  1914  (Gelbbuch  Nr.  56):

„  .  L’ambassadeur  d’Allemagne  est  venu  cet  apres-midi  me  faire  une
communication,  tendant  à  une  intervention  de  la  France  aupfes  de  la  Russie
dans  un  sens  pacifhque.  L'Autriche,  m'’a-t-i  dit,  a  lait  déeclarer  à  la  Russie
qu'elle  ne  poursuivait  ni  agrandissement  territorial  ni  atteinte  à  P’intkgrite
du  royaume  de  Serbie;  sa  seule  intention  est  d’assurer  sa  propre  tranqulllité
et  de  faire  la  police.  Ciest  des  decisions  de  la  Russie  qu’il  depend  qu’une
guerre  scit  Evitée;  I'/Allemagne  se  sent  solidaire  de  la  France  dans  D’ardent
desir  dque  la  paix  puisse  Etre  maintenue,  et  a  le  ferme  espoir  que  la  France
usera  de  son  influence  dans  uns  sens  apaisant  à  Pétefsbourg.

J’ai  répondu  à  cette  suggestion  que  la  Russie  était  modérée  queelle
en’'avajt  gcoompli  aucun  acte  qui  pft  faire  douter  de  sa  modération  et  qdue
nous  étions  d’accord  avec  elle  pour  rechercher  la  sclution  pacifique  de  ce
Conflit.  II  nous  paraissait  donc  qu'd  titre  de  Contre-partie,  lAllemagne  devait
agir  à  Vienne,  on  Telficacit  de  son  action  Stait  certaine,  en  vue  d’éviter  des
opérations  militaires  tendant  à  Poccupation  de  la  Serbie.

L’'ambassadeur  m’'ayant  fait  remarquer  que  cela  était  inconciliable  avec
la  position  prise  par  I’Allemagne,  „due  la  duestion  ne  regardait  que  1-Autriche
et  la  Serbie“,  je  lui  ai  dit  que  la  médiation  à  Vienne  et  à  Pétersbourg  pourrait
ötre  le  fait  des  quatre  autres  puissances  moins  intèressées  dans  la  duestion.

M.  de  Schoen  se  retrancha  alors  derrière  Ie  manque  Tinstructions  à  cet
GEgard,  et  je  lui  dis  que.  dans  ces  conditions,  je  ne  me  sentais  pas  en  mesure
d’exercer  une  action  sculement  à  Petersboung  .“

Frankreich  hat  also  ausdrücklich  Rußlands  Haltung  als  maßvoll  gebilligt.
  Das  ist  für  die  Betrachtungsweise  wie  für  die  Handlungsweise  der  französischen
  Regierung  bezeichnend.  Der  überzeugteste  und  klarste  französfische  Friedenspolitiker,
  Jean  Jaurés,  hat  diese  Auffassung  der  Pariser  Regierung  mit  nichten
        <pb n="369" />
        Im  Jrrgarten  der  Verhandlungen  353

geteilt  und  noch  wenige  Stunden  vor  seiner  Ermordung  bei  ihr  Schritte  getan,
um  eine  Einwirkung  auf  Rußland  zu  erreichen.

(32)  In  der  Anlage  15  zum  Weißbuch  wird  folgendes  Telegramm  des
Reichskanzlers  an  den  Fürsten  Lichnowmsty  vom  27.  Juli  miegeteilt:

„Wir  haben  die  Vermittlungsaktion  in  Wien  in  dem  von  Sir  Edward
Grey  gewünschten  Sinne  sofort  eingeleitet.  Aberdies  haben  wir  Graf  Berchtold
auch  den  Wunsch  des  Herrn  Sasonow  auf  direkte  Aussprache  mit  Wien  mitgeteilt.“


Im  Gegensag  zu  der  französischen  Regierung,  die  eine  Vermittlungsakeion
in  Detersburg  ablehnt  (vgl.  31)  greift  also  die  deutsche  Regierung  in  Wien
vermittelnd  ein.

683)  Aber  diesen  wichtigen  Vorgang  hat  der  Reichskanzler  am  19.  Auguft
1915  im  Reichstag  Aufschluß  gegeben.  Er  erklärte,  er  habe  den  deutschen  Bot.-schafter
  in  Wien  folgendermaßen  instruiert:  1

„..  .Wir  können  Osterreich-Ungarn  nicht  zumuten,  mit  Serbien  zu  verhandeln,
mit  dem  es  im  Kriegszustand  begriffen  ist.  Die  Verweigerung  jedes  Meinungsaustausches
  mit  Petersburg  aber  würde  ein  schwerer  Fehler  sein.  Wir  find  zwar
bereit,  unsere  Bundespflicht  zu  erfüllen,  müssen  es  aber  ablehnen,
uns  von  Österreich-Angarn  durch  Nichtbeachtung  unserer  Natschläge
in  einen  Welebrand  hineinziehen  zu  lassen.  Eure  Exzellenz  wollen
sich  gegen  Graf  Berchtold  sofort  mie  allem  Nachdruck  und  großem  Erust  in
diesem  Sinne  aussprechen.“

Der  Verfasser  dieses  Werkes  hat  der  Sigung  des  Reichstags  vom  19.  August
1915  beigewohnt  und  darüber  Bericht  erstattek.  Der  Eindruck,  daß  der  AReichs.
kanzler  vom  vollen  Ernst  der  geschichtlichen  Beraneworkung  getragen  war,  als  er
diese  Erklärung  abgab,  hat  sich  mir  tief  elngeprägt.

64)  Graf  Berchtold  schreibt  (lt.  Rokbuch  Nr.  43)  am  30.  Juli  an
Graf  Szäpäry  in  St.  Petersburg:

„Ich  bin  selbstverständlich  nach  wie  vor  bereit,  die  einzelnen  Punkte  unserer
durch  die  Ereignisse  übrigens  bereics  überholten,  an  Serbien  gerichteten  Nole
durch  Eure  Exzellenz  Herrn  Sasonow  erläutern  zu  lassen.  Auch  würde  ich
besonderen  Wert  darauf  legen,  bei  dieser  Gelegenheit,  der  mir  durch  Herrn  Schebeko
verdolmeeschten  Anregung  entsprechend,  auch  die  unsere  Bezlehungen  zu  Ruß.
land  direkt  betreffenden  Fragen  einer  vertrauensvollen  und  freundschaftlichen
Aussprache  zu  unterziehen,  wovon  sich  eine  Behebung  der  in  diesem  Belange  bedauerlicherweise
  bestehenden  Unklarheiten  und  Sicherstellung  der  so  wünschenswerten
  friedlichen  Entwicklung  unserer  Nachbarverhältnisse  erhoffen  ließe.“

(35)  Aus  dem  Telegramm  des  Reichs  kanzlers  an  den  deueschen  Botschafter
  in  London  vom  27.  Juli  (Weißbuch,  Anlage  12):

„..  Es  ist  für  uns  unmöglich,  unseren  undesgenossen  in  selner  Auseinandersetzung
  mit  Serbien  vor  ein  europäisches  Geriche  zu  ziehen.  Unsere  Wer.
mittlungstätigkeit  muß  sich  auf  die  Gefahr  eines  österreichisch-russischen
Konfliktes  beschränken.“

636)  Dieser  leyzte,  vom  Vermittlungsgedanken  noch  wirklich  getragene  Vorschlag
  Englands  wird  im  Wericht  des  Grafen  Berchtold  an  Graf  Szögyény
vom  28.  Juli  (Rocbuch  Nr.  43)  folgendermaßen  umschrieben:

Stesemann#  Geschlchee  des  Krleges.  I.
        <pb n="370" />
        354  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

„Der  Kaiserlich  Deutsche  Botschafter  hat  mir  mitgeteilt,  daß  Sir  E.  Grey
fich  mit  der  Bitte  an  die  deutsche  Reglerung  gewendet  habe,  sie  möge  ihren  Einfluß
  bei  der  k.  u.  k.  Reglerung  geltend  machen,  daß  diese  die  Anewort  aus  Belgrad
entweder  als  genügend  betrachte  oder  als  Grundlage  für  Besprechungen  unter  den
Kabinetten  akzeptiere.  Herr  v.  Tschirschky  war  beauftragt,  den  englischen  Vorschlag
  dem  Wiener  Kabinett  zur  Erwägung  zu  unterbreiten.“

Cschirschky  berichtet  dorüber  am  25.  Juli  an  den  Reichskanzler  (Weiß.
buch,  Anlage  16):  „Graf  Berchtold'bictet  mich,  Ew.  Exzellenz  seinen  verbindlichen
Dank  für  Mitteilung  des  englischen  Vermiktlungsvorschlages  zu  sagen.  Er  bemerkt
ledoch  dazu,  daß  nach  Eröffnung  der  Feindseligkeiten  seitens  Serbiens  und
nach  der  inzwischen  erfolgten  Kriegserklärung  er  den  Schritt  Englands  als
verspätet  ansehen  müsse.“

(37)  Der  Vorschlag  Greys,  ÖOsterreich  solle  nach  der  Besezung  Belgrads
die  Hand  zur  Verständigung  bieten,  und  die  Zustimmung  Deutschlands  erhellt
aus  der  Note  Greys  an  Buchanan  vom  30.  Juli  (Blaubuch  Nr.  103)  auf  das
deutlichste.  Die  Note  lautet  in  deutscher  Ibersetzung  wie  folgt:

„Oer  deutsche  Botschafter  teilt  mir  mit,  daß  die  Reichsregierung  sich  bemühen
werde,  bei  Osterreich-Ungarn  dahin  zu  wirken,  daß  dieses,  nachdem  es  elgrad
und  serbisches  Gebiet  beseht  hat,  ein  Versprechen  abgebe,  nicht  weiter  vorzudringen,
während  die  Mächte  Serbien  zu  bestimmen  suchen,  Osterreich-Ungarn  hinreichende
Genugtuung  zu  leisten,  um  es  friedlich  zu  stimmen.  Die  österreichisch-ungarischen
Truppen  würden  natürlich  serbisches  Gebiet  erst  wieder  räumen,  wenn  die  Donaumonarchie
  volle  Befriedigung  erlange  hätcte.  Ich  schlug  dies  gestern  als  mögliches
Mittel,  die  Lage  zu  entspannen,  vor,  und  wenn  es  Erfolg  hat,  hoffe  ich  ernsthaft,
daß  weltere  milicärische  Vorbereitungen  allerseits  eingestellt  werden.

Der  russische  Botschafter  hat  mich  über  die  von  Herrn  Sasonow  gemachte
und  in  Ihrem  Telegramm  vom  30.  Juli  erwähnte  Bedingung  unterrichtet  und
befürchtet,  sie  könne  nicht  abgeändert  werden;  sollte  indes  das  Vorrücken  der  öslerreichisch-ungarischen
  Truppen,  nachdem  Belgrad  besetzt  wurde,  eingestellt  werden,
so  glaube  ich,  daß  der  Vorschlag  des  russischen  Ministers  des  Dußern  dahin  abzuändern
  wäre,  daß  die  Mächte  prüfen  würden,  wie  Serbien  Osterreich  völlig
befriedigen  könnte,  ohne  daß  dabei  Serbien  seine  Souveränitätsrechte  und  seine
Unabhängigkeit  preisgäbe.

Sollte  sich  Osterreich-Ungarn  nach  seiner  Besetzung  Belgrads  und  des  benachbarten
  serbischen  Gebietes  berelt  erllären,  im  Interesse  des  europischen
Friedens  sein  Vorrücken  einzustellen  und  über  die  Mittel,  wie  ein  vollständiges
Lbereinkommen  zu  erreichen  wäre,  zu  verhandeln,  so  hoffe  ich,  daß  Rußland  cuch
einwilligt,  zu  verhandeln  und  mit  seinen  militärischen  Maßnahmen  inmezuhalten,
wenn  die  andern  dasselbe  tun.

Es  ist  dies  nur  eine  schwache  Aussicht,  den  Frleden  zu  erhalten,  aber  die
einzige,  die  ich  sehe,  wenn  der  russische  Minister  des  Uußern  sich  mit  Werlin
niht  verständigen  konn.  Teilen  Sie  dem  Minister  des  DUußern  dies  mit.“

68)  Einen  pikanten  Beltrag  zu  der  „Nachepolit#k",  die  die  russische  Diplomatie
  seit  1909  verfolgte,  liefert  der  belgische  Gesandte  in  Verlin,  Baron
Veyens,  in  dem  mit  Nr.  102  bezeichneten  Briefe  an  Davignon,  abgedruckt  in
den  „Welgischen  Mktenstücken"“.  Der  Brief  handelt  von  den  damals  (16.  Märs
        <pb n="371" />
        Im  Zrrgarten  der  Verhanblungen  355

1913)  schwebenden  Unterhandlungen  zwischen  den  Großmächten  und  den  Balkansiaaten
  zur  Herstellung  der  Verhältnisse  auf  dem  Balkan.  Beyens  schreibt:

„IIs  (les  Etats  balcaniques)  sont  poussés  aussi  par  I’attitude  ambigue
de  la  Russie.  Les  représentants  des  Etats  balcaniques  à  Berlin  ne  font  plus
mystere  aujourd’hbui  des  liens  étroits  qui  n’ont  jamais  cesst  d’exister  entre
leurs  Couvernements  et  le  Cabinet  de  St.  Pôtesbourg.  Lui  seul  était  au
courant  de  P’alliance  conclue  entre  eux,  et  ils  n’Iont  marché  de  I’avant  due
nantis  de  son  approbation.  La  diplomatie  russe  tient  pour  einsi  dire  en  laisse
cellc  des  allicès  qui  reçoit  d’elle  ses  instructions  et  va  prendre  son  mot  d'ordre.
Mais  la  diplomatie  russe  a  beaucoup  varié  elle-méme  depuis  le  Commencement
des  hostilitcs.  Dans  ses  moments  d’'expansion,  IAmbassadeur  de  France
à  Berlin  ne  m'’na  pes  caché  combien  il  était  diffcile  de  compter  sur  D’esprit
brillant  mais  velsatile  des  bommes  politiques  qui  dirigent  I’Empire  allièé  de
Ila  France,  Ccar  üs  jouent  un  double  jeu  méeme  avec  elle.  M.  Cambon  seest
plaint  en  particulier,  à  maintes  reprises,  de  Pinfluencde  Cconservee  par  M.  18.
volsky,  lequel  poussuit  une  revanche  persounelle  contre  I/Autriche-Hongrie
et  s’ellorce  de  brouiller  les  cartes,  quand  elle  parait  gagner  la  partie.“

(Sie,  die  Balkanstaaten,  werden  hierin  auch  durch  die  zweideutige  Haltung
Nußlands  ermutigt.  Die  Wertreter  der  Balkanstaaten  in  Berlin  machen  heute
kein  Hehl  mehr  aus  den  engen  Banden,  die  ihre  Regierungen  dauernd  mit  dem
Kabinett  von  St.  Petersburg  verknüpfen.  Dieses  allein  war  von  ihrem  Bunde
unterrichtet,  und  erst  mit  seiner  Zustimmung  haben  sie  losgeschlagen.  Oie  russische
Diplomatie  hält  die  der  Verbündeten  sozusagen  an  der  Leine.  Sie  erhalten  von
ihr  ihre  Instruktionen  und  holen  sich  von  ihr  ihre  Parole.  Aber  die  russische  Diplomatie
  hat  seit  Beginn  der  Feindseligkelten  selbst  sehr  geschwankt.  In  einem  mitteilsamen
  Moment  hat  mir  der  franzößische  Botschafter  in  Verlin  nicht  verhehle,
wle  schwer  es  sel,  auf  die  Hochbegabten,  aber  wankelmlleigen  Politiker,  die  das
mit  Frankreich  verbündete  Kaiserreich  leiten,  zu  zählen,  denn  sie  spielten  auch  mit
ihm  ein  doppeltes  Spiel.  Herr  Cambon  hat  sich  insbesondere  über  den  Einfluß
bellagt,  den  Herr  Iswolski  behalten  hat,  der  sich  persönlich  an  Osterreich-Ungarn
  rächen  will  und  sich  Mühe  gibt,  das  Spiel  zu  verderben,  wenn  es  den
Anschein  hat,  daß  jenes  die  Partie  gewinnt.)

Schon  am  24.  Oktober  1912  (Belgische  Aktenstücke  Nr.  94)  hat  Baron
Beyens  Davignon  von  Bedenken  Cambons  unterrichtet  und  die  russische
Agentur  gekennzeichnet,  indem  er  schrieb:

„L'Ambassadeur  de  France,  qui  doit  avoir  des  raisons  particulières  de
Parler  ainsi,  m’'a  répété  à  diverses  reprises  due  le  plus  grand  danger  pour  le
meintien  de  la  paix  europ##enne  consiste  daus  Pindiscipline  et  la  politique
personnelle  des  Agents  russes  à  Pétranger.  II8  sont  presque  tous  d’ardents
Panslavistes  et  c'est  à  eux  qu'il  faut  en  grande  partie  imputer  la  respousabilite
  des  èvénements  actuels.  II8  Se  feront.  à  n'en  pas  douter,  les  instigateurs
d#ecrets  d’une  intervention  de  leur  Pays  dans  le  conflit  balcanique.“

(Der  französische  Botschaffter,  der  besondere  Gründe  baben  muß,  so  zu  sprechen,
bat  mir  wiederholt  gesagt,  daß  die  größte  Gefahr  für  dle  Erhaltung  des  europälschen
Friedens  in  der  Andiszipliniertheit  und  der  persönlichen  Holi##ilk  der  russischen
Vertreter  im  Auslande  bestehe.  Sie  sind  fast  alle  glühende  Panslawisten,  und  ihnen
        <pb n="372" />
        356  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

muß  man  zum  großen  Teil  die  Veranecwortung  für  die  augenblicklichen  Ereignisse
aufbürden.  Sie  werden  sich  ohne  Zweifel  heimlich  zu  Aufhetern  machen,  um
ihr  Land  zu  einer  Intervention  in  dem  Balkankonflikt  zu  treiben.)

Ein  unglücklicher  Zufall  hact  gewollt,  daß  das  große  diplomatische  Spiel,
das  am  30.  Juli  in  den  lehten  Enescheidungen  gipfelte,  mit  einem  verwirrenden
Mißverständnis  belastet  worden  ist.

Eine  Perliner  Zeitung  hatte  für  den  Fall,  daß  die  deutsche  Mobilmachung
beschlossen  werde,  ein  Extrablatt  hergestellt  und  bereitgelegt.  Dieses  gelangte
durch  ein  Versehen  der  Expedicion  in  den  frühen  Nachmittagsstunden  des  30.  Juli
auf  die  Straße.  Die  russische  Botschaft  gab  die  Nachricht  alsbald  nach  Peters.
burg  weiter,  doch  griff  die  deuesche  Reichsregierung  sofort  ein,  um  die  Sache
richtigzustellen.  Der  Reichskanzler  hak  den  Zwischenfall  in  einer  Rede  dargestellt,
die  er  am  9.  November  1916  im  Reichstag  gehalten  hat,  um  gewisse  Angriffe  des
britischen  Ministers  des  Auswärtigen  Lord  Edward  Grey  zurückzuweisen.  Die
in  Frage  kommende  Stelle  laulet:

„Die  Herren  erinnern  sich  vielleicht,  daß  am  Donnerstag  den  30.  Juli  1914  in
den  frühen  Nachmiktagsstunden  der  „Berliner  Lokal-  Anzeiger“  in  Form  eines
Exerablattes  die  Falschmeldung  berausgab,  daß  Seine  Maojestät  der  Kaiser
die  Mobilmachung  befohlen  habe.  Die  Herren  wissen  auch,  daß  auf  der  Stelle
der  Verkauf  dieses  Ertrablattes  polizeilich  verhindert  und  die  vorhandenen  Exem.
plare  beschlagnabmt  worden  sind.  Ich  ließ  alsbald  den  russischen  Botschafter
und  alle  übrigen  Botschafter  telephonisch  davon  unterrichten,  daß  die  von  dem
„Gerliner  Lokal-Anzeiger“  gegebene  Nachricht  falsch  sei,  und  wurde  alsbald  von
der  Redaktion  des  „Berliner  Lokal-Anzeigers“  unterrichtek,  daß  ein  WVersehen
vorlag.

Ich  kann  weiter  feststellen,  daß  der  russische  Botschafter  zwar  sofort  nach
Ausgabe  des  Exerablatees  eine  chiffrierte  Meldung  nach  Petersburg  telegraphiert
hatte,  die  nach  dem  russischen  Orangebuch  lautete:  „Ich  erfahre,  daß  die  Mobilmachungsorder
  flr  das  Landheer  und  die  deutsche  Flotte  soeben  verkündigt  worden
ist“  daß  aber  diesem  Telegramm  nach  der  telephonischen  Aufklärung  durch  den
Staatssekretär  von  Jagow  ein  zweites  in  offener  Sprache  folgte,  das  lautete:
„Ich  bitte,  mein  lezhtes  TCelegramm  als  nichtig  zu  betrachten.  Aufklärung  folgt."
Wenige  Minuten  darauf  sandte  der  russische  Botschafter  in  chiffrierter  Sprache
ein  drittes  Telegramm,  das  nach  dem  russischen  Orangebuch  besagte,  der  Minister
des  Auswärtigen  habe  ihm  soeben  in  diesem  Augenblick  telephoniert,  daß  die
Nachricht  von  der  Mobilmachung  des  Heeres  und  der  Flotte  falsch  ist  und  daß
die  betreffenden  Extrablätter  beschlagnahmt  worden  seien.“

Oies  ist  die  Darstellung  des  Reichslanzlers.

Auch  sonst  hat  es  an  Mißpverständnissen  und  einer  gewissen  Qberstürzung  des
diplomatischen  Verkehrs  nicht  gefehlt.  Die  Sigtung,  welche  das  französische  Ministerium
  in  der  Nacht  vom  29.  auf  den  30.  Juli  gehalten  hat,  war  ebenfalls  von
Verwirrung  erfüllt.  Der  „Populaire  du  Centre“  veröffentlichte  darüber  om
2.  August  einen  Artikel,  in  dem  der  Abgeordnete  Pressemane  Außerungen  des
am  Tage  zuvor  meuchlings  erschossenen  Sozialistenführers  Jean  Jaures  wiebergibe.
  Es  hbeißt  darin,  daß  die  russische  Botschaft  in  Paris  der  franzöfischen
Regierung  mitgeteilt  habe,  Deutschland  wäre  mit  kriegerischen  Maßnahmen
        <pb n="373" />
        Kaiser  und  Zar  357

beschäftigt  und  führe  in  Petersburg  eine  drohende  Sprache.  Das  Kabinett  stand
also  unter  dem  Einfluß  dieser  Mieteilung,  als  es  zur  Sitzung  zusammentrat,  kam
aber  noch  nicht  zu  entscheidenden  Entschließungen.  „Das  war  die  Emser  Depesche
in  entgegengeseztem  Sinn,“  äußerte  sich  Jaurcs  nach  dem  JZeugnisse  Pressemanes.
Bemerkenswerk  erscheint,  daß  sich  dies  auf  Vorgänge  bezieht,  die  vor  der  Falschmeldung
  des  „Berliner  Lokal-Anzeigers“  vom  30.  Juli  liegen.  Zweifellos  ist
die  Entscheidung  über  Krieg  und  Frieden  am  29.  Juli  innerlich  gereift,  aber  erst
am  31.  Juli  in  den  Vollzug  gewachsen.

Kaiser  und  JZar
69)  Kaiser  Wilhelm  an  den  JZaren  (Weißbuch,  Anlage  20).

29.  Juli  1914.

Mit  der  größten  Beunruhigung  höre  ich  von  dem  Eindruck,  den  Osterreich-Ungarns
  Vorgehen  gegen  Serbien  in  Deinem  Reiche  hervorruft.  Die  krupellose
Agieation,  die  seit  Jahren  in  Serbien  getrieben  worden  ist,  hat  zu  dem  empörenden
Verbrechen  geführt,  dessen  Opfer  Erzherzog  Franz  Ferdinand  geworden  ist.  Der
Geist,  der  die  Serben  ihren  eigenen  König  und  seine  Gemahlin  morden  ließ,  herrscht
beute  noch  in  jenem  Lande.  Iweifellos  wirst  Du  mit  mir  darin  übereinstimmen,
daß  wir  beide,  Du  und  ich,  sowohl  als  alle  Souveräne  ein  gemeinsames  Interesse
daoran  haben,  darauf  zu  bestehen,  daß  alle  diejenigen,  die  für  den  scheußlichen
Mord  moralisch  verantwortlich  sind,  ibre  Strafe  erleiden.

Andererseits  übersehe  ich  keineswegs,  wie  schwierig  es  für  Dich  und  Deine
Regierung  ist,  den  Serömungen  der  öffentlichen  Meinung  entcgegenzutreten.
Eingedenk  der  herzlichen  Freundschaft,  die  uns  beide  seit  langer  Zeit
mit  sestem  Band  verbindet,  sehe  ich  daher  meinen  ganzen  Einfluß  ein,  um
Österreich-  Ungarn  dazu  zu  bestimmen,  eine  offene  und  befriedigende
Verständigung  mit  Rußland  anzustreben.  Ich  hoffe  zuversichtlich,  daß
Du  mich  in  meinen  Bemühungen,  alle  Schwierigkeiten,  die  noch  entstehen  können,
zu  beseitigen,  unterstützen  wirst.  Dein  sehr  aufrichtiger  und  ergebener  Freund
und  Getter

gez.  Wilbelm.

(40)  Der  Jar  an  Kaiser  Wilbelm  (Weißbuch,  Anlage  21).

Peterhof,  29.  Juli  1914.
Ich  bin  erfreut,  daß  Du  zurück  in  Deutschland  bist.  In  diesem  so  ernsten
Augenblick  bitte  ich  Dich  inständig,  mir  zu  belfen.  Ein  schmählicher
Krieg  ist  an  ein  schwaches  Land  erklärt  worden,  die  Enerüs#eung  hierüber,  die  ich
völlig  keile,  ist  in  Mußland  ungeheuer.  Ich  sehe  voraus,  daß  ich  sehr  bald
dem  Druck,  der  auf  mich  ausgeübt  wird,  nicht  mehr  werde  widerstehen
  können  und  gezwungen  sein  werde,  Maßregeln  zu  ergreifen,  die  zum
Kriege  führen  werden.  Um  elnem  Anglück,  wie  es  ein  europsischer  Krieg  sein
würde,  vorzubeugen,  bitee  ich  Dich  im  Ramen  unserer  alten  Freundschaft,  alles
Dir  Mögliche  zu  kun,  um  Deinen  Bundesgenossen  davon  zurückzuhalten,  zu  weit

zu  gehen.
gez.  Nikolaus.
        <pb n="374" />
        358  Anhang  zur  Vorgeschichte  bes  Krieges

(41)  Der  Zar  an  Kaiser  Wilhelm  (Weißbuch,  Denlschrift).

Ich  danke  Dir  von  Herzen  für  Deine  Vermittlung,  die  eine  Hoffnung  auf.
leuchten  läßt,  daß  doch  noch  alles  friedlich  enden  könnte.  Ec  ist  technisch  unmöglich,
unsere  militärischen  Vorkehrungen  elnzustellen,  die  durch  Osterreichs  Mobilisierung
notwendig  geworden  sind.  Wir  sind  weit  davon  entfernt,  einen  Krieg  zu  wünschen.
Solange  wie  die  Verhandlungen  mit  Osterreich  über  Serbien  andauern,  werden
meine  Truppen  keine  herausfordernde  Akeion  unternehmen.  Ich  gebe  Dir  mein
feierliches  Wort  darauf.  Ich  vertraue  mit  aller  Kraft  auf  Gottes  Gnade  und  hoffe
auf  den  Erfolg  Deiner  Vermittlung  in  Wien  für  die  Wohlfahrt  unserer  Länder
und  den  Frieden  Europas.

Dein  ODir  herzlich  ergebener
Niklolaus.

Der  Jar  begründet  in  diesem  Schreiben  die  russische  Mobilmachung  ausdrücklich
mit  der  österreichisch-ungarischen,  obwohl  dlese  nur  Teilmobilmachung  und  gegen
Serbien  gerichtet  war.  Der  Jar  machte  sich  also  den  Standpunke  zu  elgen,
daß  es  sich  nicht  um  einen  serbisch-österreichischen,  sondern  um  einen  russisch-serbisch.
österreichischen  Streitfall  handle.  Er  ist  zwar  „weit  entfernt,  den  Krieg  zu  wünschen“,
besieht  aber  auf  einer  diplomatischen  Uncerwerfung  Osterreich-Ungarns  unter  den
russischen  Willen,  was  mit  der  Anerkennung  der  russischen  Führung  auf  dem  Balkan
gleichbedeutend  war.  Auch  hieraus  geht  hervor,  daß  es  sich  nicht  um  diplomatische
Floskeln,  sondern  um  sehr  tiefgreisende  Gegensätze  handelte,  die  durch

das  System  der  Bündnisse  und  Freundschaften  über  ganz  Europa  verbreitet
wurden.

(42)  Kaiser  Wilhelm  an  den  JLaren  (Weißbuch,  Denkschrift).

31.  Juli  1914.

Auf  Deinen  Appell  an  meine  Freundschaft  und  Deine  Bitte  um  meine  Hilfe
habe  ich  eine  Vermittlungsaktion  zwischen  Deiner  und  der  österreichisch--ungarischen
Regierung  ausgenommen.  Während  diese  Aktion  im  Gange  war,  sind
Deine  Truppen  gegen  das  mir  verbündete  Österreich-Ungarn
mobilisiert  worden,  wodurch,  wie  ich  Oir  schon  mitgeteilt  habe,  meine  Vermittlung
  beinahe  illusorisch  gemacht  worden  ist.  Trotzbdem  habe  ich  sie  fortgesegzt.
Nunmehr  erhalte  ich  zuverlässige  Nachrichten  über  ernste  Kriegsvorbereitungen
auch  an  meiner  östlichen  Grenze.  Die  Verantwortung  für  die  Sicherheit  meines
Reiches  zwingt  mich  zu  defensiven  Gegenmaßregeln.  Ich  bin  mit  meinen  Wemühungen
  um  die  Erhaltung  des  Welefriedens  bis  an  die  äußerste  Grenze  des
Möglichen  gegangen.  Nicht  ich  trage  die  Verantwortung  für  das  Unheil,  das
jetzt  der  ganzen  zivilisterben  Welt  droht.  Noch  in  diesem  Augenblick  liegt  es  in
Deiner  Hand,  es  abzuwenden.  Riemand  bedroht  die  Ehre  und  die  Macht  Rußlands,
  das  wohl  auf  den  Erfolg  meiner  Vermiktlung  hätte  warten  können.  Die
Dir  von  meinem  Großvater  auf  dem  Totenbekte  Überkommene  Freundschaft  für
mich  und  Dein  Reich  ist  mir  immer  heilig  gewesen,  und  ich  habe  treu  zu  Mußland
gestanden,  wenn  es  in  schwerer  Bedrängnis  war,  besonders  in  seinem  letzten  Kriege.
Der  Friede  Europas  kann  von  Dir  noch  jegt  erhalten  werden,
wenn  NRußland  sich  entschließt,  die  militärischen  Maßnahmen  einzustellen,
  die  Deutschland  und  Österreich-Ungarn  bedrohen.
        <pb n="375" />
        Deutschlands  Verhandlungen  mit  den  Westmächten  359

Deneschlands  Verhandlungen  mit  den  Westmächten

(43)  Lber  eine  Unterredung  mit  Sasonow  am  25.  Juli  berichtet  Buchanan
an  Grey  (Blaubuch  Nr.  7):

„Seine  Exzellenz  (Sasonow)  antwortete,  daß  Rußland  Osterreich-Ungarn
nicht  erlauben  könne,  Serbien  zu  vernichten,  um  die  vorherrschende  Macht  auf
dem  Balkan  zu  werden,  und  wenn  Rußland  des  Beistandes  Frankreichs
sicher  sel,  so  würde  es  den  Krieg  nicht  scheuen.  .  .“

(44)  Der  russische  Botschafter  in  Paris,  Jswolsti,  berichtet  am
29.  Juli  (Orangebuch  Nr.  55):

„Vivlank  bestätigt  mir  soeben  den  festen  Eneschluß  der  französischen
Regierung,  in  Abereinstimmung  mit  uns  zu  handeln.  Oieser  Eneschluß
wird  von  weitesten  Kreisen  und  von  den  Partelen,  die  Sozialradikalen  eingeschlossen,
  unterstüc#t,  die  ihm  eine  Erklärung  Überreichten,  in  der  sie  absolutes  Vertrauen
  und  die  patriotischen  Gefühle  der  Gruppe  ausdrilcken.  —  Er  fügte  hinzu,
daß  Frankreich  aufrichtig  den  Frieden  wünsche,  aber  daß  es  gleichzeitig  entschlossen
sei,  in  voller  Abereinstimmung  mie  seinen  Verbündeten  und  Freunden  zu  handeln,
und  daß  Freiherr  v.  Schön  sich  selbst  davon  überzeugen  könne,  daß  dieser  Eneschluß
die  lebhafteste  Zustimmung  im  Lande  finde.“

(45)  ber  diese  Unterredung  berichtet  Grey  selber  am  29.  Juli  dem  englischen
  Botschafter  Bertie  in  Daris  (Blaubuch  Nr.  87:

„Nachdem  ich  heute  Herrn  Cambon  gesagt  hatte,  wie  ernst  mir  die  Lage
erschiene,  sagte  ich  ihm,  daß  ich  heute  dem  deutschen  Botschafter  zu  erklären  be.
absichtige,  daß  er  sich  durch  unsere  Unterhaltungen  nicht  zu  dem  Gefühle  falscher
Sicherheit  verleiten  lassen  solle,  daß  wir  belseite  stehen  würden,  wenn  unsere
Bemühungen  um  die  Erhaltung  des  Friedens,  die  wir  gemeinsam  mit  Deutschland
  unternehmen,  scheitern  sollten.  Dann  aber  sagte  ich  Herrn  Cambon,  daß
ich  es  für  nötig  hielt,  ihn  auch  darüber  zu  verständigen,  daß  die  englische  öffentliche
Meimung  die  gegenwärtige  Lage  ganz  anders  ansehe  als  die  Marokkoschwierigkeiten
  vor  einigen  Jahren.  Jegkt  handelte  es  sich  um  einen  Fall,  in  dem  wir  uns
nicht  für  berufen  hielten,  eine  aktive  Rolle  zu  spielen.  Selbst  wenn  die  Frage  eine
österreichisch-russische  würde,  fühlten  wir  uns  nicht  berufen,  eine  Rolle  darin  zu
spielen.  Das  wäre  dann  ein  Balkanzwist  oder  eine  Frage  der  Vorherrschafe
zwischen  TDeutonen  und  Slawen,  und  wir  waren  stets  darauf  bedacht  gewesen,
es  zu  vermeiden,  wegen  einer  Balkanfrage  in  den  Krieg  hineingezogen  zu  werden.
Für  den  Fall,  daß  Deutschland  und  Frankreich  beteiligt  würden,  hätten  wir
uns  noch  nicht  befragk,  was  wir  tun  sollten.  Das  wäre  ein  Fall,  den  man  noch
prüfen  müßte.  Frankreich  würde  dann  in  einen  Streit  bineingezogen,  der  nicht
seinen  eigenen  Interessen  galt,  aber  in  dem  infolge  seines  Bündnisses  seine  Ehre
und  seine  Interessen  es  zur  Teilnahme  verpflichteten.  Wir  wären  aller  Verpflichtung
ledig  und  wir  hätten  dann  zu  entscheiden,  welche  Haltung  uns  die  britischen
Snteressen  auferlegten.  Ich  hielt  es  für  nötig,  das  zu  sagen,  da,  wie  er  wisse,
wir  hinsichtlich  unserer  Flotte  alle  Vorsichtsmaßregeln  ergriffen  und  ich  im  Be.
griffe  war,  den  Fürsten  Lichnowsy  zu  warnen,  nicht  darauf  zu  zählen,  daß  wir
beiseite  stehen  wlleden,  aber  es  wäre  nicht  korrekt,  wenn  ich  Herrn  Cambon
        <pb n="376" />
        360  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

daraus  schließen  ließe,  daß  dies  bedeute,  wir  hätten  Entschlüsse  gefaßt  für  einen
Fall,  der  hoffentlich  nicht  eintreten  würde.

Herr  Cambon  sagte,  daß  ich  die  Lage  sehr  klar  dargelegt  hätte.  Er  verstand
meine  Meinung  dahin,  daß  in  einem  Balkanzwist  und  in  einem  Kampf  um  die
WVorherrschafe  zwischen  Teutonen  und  Slawen  wir  uns  nicht  berufen  fühlten,  zu
intervenieren;  wenn  aber  andere  Gesichtspunkte  auftauchen  und  Frankreich  und
Deutschland  mieverwickelt  würden,  so  daß  es  sich  um  die  Frage  der  Vorherrschaft
in  Europa  handle,  wir  entscheiden  würden,  was  für  uns  zu  kun  nötig  sei.  Er  schien
auf  diese  Erllärung  völlig  vorbereitet  zu  sein  und  machte  keinerlei  Einwendungen.

Er  sagte,  die  französische  öffentliche  Meinung  sei  ruhig,  aber  entschlossen.  Er
erwarte,  daß  Deutschland  Frankreich  auffordern  werde,  neutral  zu  bleiben,  während
Deutschland  Rußland  angreife.  Diese  Versicherung  könne  Frankreich  natürlich  nicht
geben,  es  wäre  gezwungen,  Rußland  zu  helfen,  wenn  Rußland  angegriffen  würde.“

Dieses  Schriftstück  spricht  am  beredtesten  für  Greys  Politik  und  diple.
matisches  Verfahren.  Es  zeigt  Greys  Kunft,  in  scheinbar  kheoretischen  Erörterungen
ben  Mitspieler  nicht  nur  üÜber  die  Haltung  und  Auffassung  Englands  zu  unterrichten,
sondern  ihm  auch  die  Nichtung  vorzuschreiben,  in  welcher  sich  die  Enewicklung
bewegen  soll.

Oie  Außerung  Greys  gegenüber  dem  französischen  Gesandten,  England  würde
nicht  beiseice  stehen,  barg  als  drohenden  Hintergrund  die  Tatsache  der  fortdauernden
Mobilisation  der  englischen  Flotte.  Churchill  hatte  sich  sogar  des  Telephons
bedient,  um  den  damaligen  ersten  Seelord,  Prinz  Louis  von  Battenberg,  auf.
zufordern,  „alles  zu  tun,  was  die  politische  Lage  verlange“.  Daraufhin  erließ
dieser  am  26.  Juli  den  Befehl  an  die  große  Flotte,  „to  stand  fast“.  d.  h.  ge.
rüstet  und  versammelt  zu  bleiben.

(40)  Da  der  Inhalte  der  Anterredung  in  der  Darstellung  wiedergegeben  ist,  sei
bier  der  englische  Text  abgedrucke,  wie  er  in  Nr.  83  des  Blaubuches  enchalten  ist:

Sir  E.  Goschen,  British  Ambassador  at  Berlin,  to  Sir  Edward  Grey.
(Received  July  20.)
Berlin,  July  20,  1914.

„I  was  asked  to  call  upon  the  Chancellor  to-night.  His  Excellency  had
Jjust  returned  from  Potsdam.

He  said  that  should  Austria  be  attacked  by  Russia,  a  European  con-Hegration
  might,  be  feared,  become  inevitable,  owing  to  Germany's  cbligations
as  Austria’'s  ally,  in  spite  of  his  continued  efforts  to  maintain  pence.  He  then
proceeded  to  make  the  following  strong  bid  lor  British  neutrality.  He  said
that  it  was  clear,  so  far  as  he  was  able  to  judge  tbe  main  principle  wbich
governed  British  policy,  that  Creat  Britain  would  never  stand  by  and  allow
France  to  be  crushed  in  any  conflict  there  might  be.  That,  however,  was
not  the  object  at  which  Germany  aimed.  Provided  that  neutrality  of  Great
Britain  were  certain,  every  assurance  would  be  given  to  the  British  Covernment
  that  the  Imperial  Government  aimed  at  no  territorial  acquisitions  at
the  expense  0f  France,  should  they  prove  victoricus  in  any  war  that  might  ensue.

1  duestioned  his  Excellency  about  the  French  colonies,  and  he  said  that
he  was  unable  to  give  asimiler  undertaking  in  that  respect.  As  regards  Holland,
        <pb n="377" />
        Deutschlands  Verhanblungen  mit  den  Westmächten  361

however,  bis  Excellency  saoid  that  so  long  as  Germany's  adversaries  respected
the  integrity  and  neutrality  of  the  Netherlands,  Germany  was  ready  to  give
His  Majesty's  Covemment  an  assurance  that  she  would  do  likewise.  It  depended
upon  the  action  of  France,  what  operations  Germany  might  be  forced  to  enter
upon  in  Belgium,  but  wben  the  war  was  over,  Belgian  integrity  would  be
respected  if  she  had  not  sided  against  Germany.

His  Excellency  ended  by  saying  tbat  ever  since  he  had  been  Chancellor
the  object  of  his  policy  had  been,  as  vou  were  aware,  teo  bring  about  an  understanding
  with  England;  be  trusted  that  these  assurances  might  form  the  basis
of  that  undersstanding  which  be  so  much  desired.  He  had  in  mind  a  general
neutrality  agreement  between  England  and  Germany,  thougb  it  was  of  course
at  the  present  moment  too  early  to  discuss  details,  and  an  assurance  of  Britisb
neutrality  in  the  con  Dict  which  present  crisis  might  possibly  produce,  would
enable  him  to  lock  forward  to  realisation  of  bis  desire.

In  reply  to  his  Excellency’s  enquiry  how  1  thought  bis  request  would
appeal  to  you,  1  said  that  I  did  not  think  it  probable  that  at  this  stage  of
events  you  would  care  to  bind  yvourself  to  any  course  of  action  and  that  I  was
#of  opinion  that  you  would  desire  to  retain  full  liberty.

Our  conversation  upon  this  subject  having  come  to  an  end,  I  communicated
  the  contents  of  vour  telegram  of  to-  day  to  bis  Excellency,  who
expressed  his  best  thanks  to  you.“

(40)  Das  Orangebuch  enthält  zwei  Schriftstücke  (Nr.  60  und  Nr.  67),  die  sich
hiermit  befassen.  Das  erste  hat  Sasonow  am  30.  Juli  an  die  Vertreter  der
Mächte  gerichtet  und  lautet:

„L'/Ambassadeur  d’Allemagne  qui  vient  de  me  duitter  m’a  demandé  si
nous  ne  pouvions  pas  nous  contenter  de  la  promesse  qdue  I’Autriche  pourrait
donner  —  de  ne  pas  porter  atteinte  à  Pintégritk  du  Royaume  de  Serbie  —
et  indiquer  à  duelles  Cconditions  nous  pourrions  encore  consentir  à  suspendre
nos  armements;  je  lui  ai  dicté,  pour  étre  transmise  d’urgence  à  Berlin,  la
declaration  suivante:  „Si  IAutriche,  reconnaissant  due  la  question  austroserbe
  a  assumé  le  caractère  d’une  question  européenne,  se  declare  préte
a  éliminer  de  son  ultimatum  les  points  qui  portent  atteinte  aux  droits  souverains
  de  la  Serbie,  la  Russie  sengage  à  cCesser  ses  préparatifs  militaires.

In  einer  Amveisimg  Sasonows  an  die  russischen  Vertreter  in  Deutsch.
land,  OÖsterreich-AUAngarn,  Frankreich,  England  und  Italien  werden
die  Forderungen  Rußlands  folgendermaßen  gesteigert  (Orangebuch  Nr.  67):

„  8i  IAutriche  consent  à  arrster  la  marche  de  ses  armes  sur  le
territoire  serbe  et  si,  reconnaissant  qdue  le  conflit  austro-serbe  a  assumé  le
caractère  d'une  question  d'intérêt  européen,  elle  admet  due  les  Grandes
Puissances  examinent  la  satisfaction  qdue  la  Serbie  pourrait  sccorder  au  gouvernement
  d’-Autriche-Hongrie  sans  laisser  porter  atteinte  à  ses  droits  d'Etat
souverain  et  à  son  indépendance,  —  la  Russie  s’engage  à  Conserver  son  attitude
expectante  .  ..“

Da  war  also  nicht  mehr  von  einer  Einstellung  der  militärischen  Vorbereitungen
  die  Rebe,  falls  Wien  sich  dem  russischen  Standpunkt  unterwarf,
        <pb n="378" />
        362  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

sondern  nur  noch  von  einer  abwartenden  Haltung.  Man  war  so  gut  wie  fertig,
wie  die  rasche  Versammlung  der  russischen  Armeen  später  beweisen  sollte,  und
konnte  dieses  Versprechen  ruhig  geben.  Rußland  hat  tatkräftig  und  konsequent
gehandelt,  um  den  Konflikt  zur  Reife  zu  bringen.

(48)  Cambon  verlangt  von  Grey  zu  erfahren,  was  England  im  Falle  eines
deutschen  Angriffs  auf  Frankreich  zu  kun  gedächte.

Wir  erfahren  das  aus  dem  Schreiben,  das  Grey  am  30.  Juli  an  Bertie
richtete.  Dieses  ist  als  Nr.  105  des  Blaubuches  bekannt  geworden  und  lautet:

„M.  Cambon  reminded  me  to-day  of  the  letter  1  had  written  to  him  two
FTears  age,  in  which  we  agreed  that,  i  the  peace  of  Europe  was  scriously
threatened,  we  would  discuss  what  we  were  prepared  to  do.  I  enclose  for
Convenience  of  reference  Copies  of  the  letter  in  question  and  of  M.  Cambon's
reply.  He  said  that  the  peace  of  Europe  was  never  more  seriously  threatened
than  it  was  now.  He  did  not  wish  to  ask  me  to  say  directly  that  we  would
intervene,  but  he  would  like  me  to  say  what  we  should  do  if  certain  circumstances
  arose.  The  particular  hypothesis  he  bad  in  mind  was  an  aggression
  by  Germany  on  France.  HBHe  gave  me  a  paper,  of  which  a  copy  is
Also  enclosed,  sbowing  tbat  the  Cerman  military  preparations  were  more
advanced  and  more  on  tbe  oflensive  upon  the  frontier  than  anything  France
had  yvet  done.  He  auticipated  that  the  aggression  would  take  tbe  form  of
either  a  demand  that  France  sbould  cease  her  preparations,
or  à  demand  that  she  should  engage  to  remain  neutral  if  there  was  war
between  Germany  and  Russia.  Neither  of  these  things  could
France  admit.

I  said  that  the  Cabinet  was  to  meet  to-morrow  morning,  and  I  would
see  hbim  again  to-morrow  aftermoon.“

Die  Briefe  Greys  und  Cambons  vom  22.  und  23.  November  hbaben  wir
bereits  mitgeteilt  (15).

(49)  Sir  Edward  Grey  richtete  am  31.  Juli  an  F.  Bertie  und  Sir
E.  Goschen  folgendes  Telegramm  (Blaubuch  Nr.  114):

„I  still  trust  that  situation  is  not  irretrievable,  but  in  view  of  prospect
of  mobilisation  in  Germany  it  becomes  essential  to  His  Majests#  Covernment,
  in  view  of  existing  treaties,  to  ask  whether  French  (GCerman)  Covernment
  are  prepared  to  engage  to  respect  neutrality  of  Belgium
so  long  as  no  other  Power  vioclates  it.

A  similar  request  is  being  addressed  to  GCerman  (French)  GCovernmeat.
It  is  important  to  have  an  early  answer.“

Sir  Edward  Grey  schloß  zutreffend,  daß  die  Mobilmachung  Deutschlands
bevorflehen  müßte,  da  er  am  gleichen  Tage  von  Buchanan  unterrichtet  worden
war,  dah  Rußland  die  allgemeine  Mobilmachung  angeordnet  hatte  (Blaubuch
  Nr.  113).

60)  In  Berties  Anewort  an  Grey  (Blaubuch  Nr.  125)  heißt  es  aus.
drücklich:

„French  Covernment  are  resclved  to  respect  the  neutrality  of  Bel-Eium,
  and  it  would  only  be  in  the  event  of  some  other  Power  violating  that
        <pb n="379" />
        Deutschlands  Verhandlungen  mit  den  Westmächten  363

neutrality  that  France  might  find  heiself  under  the  necessity,  in  order  to
assure  defence  of  her  own  security,  to  act  otherwise.  This  assurance  has
been  given  several  times.  President  of  the  Republic  spoke  of  it  to  the
King  of  the  Belgians,  and  the  French  Minister  at  Brussels  has  spontaneously
renewed  the  assurance  to  the  Belgian  Minister  for  Foreign  Allairs#  to-day.“

(51)  Goschen  meldet  aon  Grey  am  31.  Juli  (Blaubuch  Nr.  122):

„Ich  sah  den  Staakssekretär,  der  mir  mitteilte,  vor  Erteilung  einer  Antwore
müsse  er  zuersk  mit  dem  Kaiser  und  dem  Reichskanzler  Rücksprache  nehmen.  Aus
dem,  was  er  sagte,  entnahm  ich,  daß  seiner  Meinung  nach  jede  Antwort  ihrerseics
einen  Teil  des  Feldzugsplanes,  der  im  Falle  eines  Krieges  ins  Auge  gefaßt  wird,
enthüllen  müßte,  und  er  zweifelte  daher,  ob  sie  überhaupt  eine  Ancwort  geben
würden.  Dessenungeachtet  nahm  Seine  Exzellenz  von  Ihrem  Ansuchen  Vermerk.

Die  Reichsregierung  scheint  nach  dem,  was  er  sagte,  der  Ansicht  zu  sein,
daß  Belgien  bereits  Feindseligkeiten  gegen  Deutschland  begangen  habe.  Als
Beispiel  führte  er  die  in  Belgien  erfolgte  Beschlagnahme  einer  Sendung  Getreide
für  Deutschland  an.

Ich  bofsfe,  Seine  Exzellenz  morgen  wiederzusehen  und  die  Angelegenbeit
weiter  mit  ihm  besprechen  zu  können,  aber  es  scheint  mir  wenig  Aussicht  vorhanden
zu  sein,  eine  bestimmte  Antwort  zu  erlangen.

Als  er  beute  mit  mir  sprach,  gab  mir  der  Meichskanzler  zu  verstehen,  daß
Deutschland  in  jedem  Falle  den  Wunsch  hegt,  die  an  Sie  gerichtete  Antwort
Frankreichs  zu  erfahren.“

Goschen  täuschte  sich,  als  er  annahm,  es  sei  wenig  Aussicht,  eine  bestimmte
Antwort  zu  erhalten.  Vielmehr  entwickelte  sich  eine  eingehende  AUnterhandlung
Über  diese  Frage,  in  der  sehr  bestimmte  und  weitgehende  Thesen  aufgestelle  wurden.

(52)  Diese  Unterredung  ist  nach  dem  Blaubuch  Nr.  123  so  wortgetreu  als
irgend  möglich  übersetzt,  ohne  Rücksiche  auf  stilistische  Reinheit,  da  es  hier  auf
sedes  Wore  ankommt.  Zur.  Nachpr#fung  folgt  hier  der  Text:

Sir  Edward  Crey  to  Sir  E.  Goschen,  Brtish  Ambassador  at  Berlin.
Foreign  Office,  August  1,  1014.
Gir,

I  told  the  GCerman  Ambassador  to-day  that  the  reply  of  the  Cerman
Government  with  regard  to  the  neutrality  of  Belgium  was  a  matter  of  ver)
great  regret,  because  the  neutrality  of  Belgium  affected  feeling  in  this  country.
II  Germany  could  see  her  way  to  give  the  same  assurance  as  that  which  had
been  given  by  France,  it  would  materially  contribute  to  relieve  anziety  and
tension  here.  On  the  other  hand  if  there  were  a  violation  of  the  neutrality
#of  Belgium  by  one  Ccombatant  while  the  other  respected  it,  it  would  be  extremely
  disbcult  to  restrain  public  feeling  in  this  Country.  I  said  that  we  had
been  discussing  this  question  at  a  Cabinet  meeting,  and  as  I  was  authorized
to  tell  him  this,  I  gave  him  a  memorandum  oks  it.

He  asked  me  whether,  if  Germany  gave  a  promise  not  to  violate  Belgium
neutrality,  we  would,  engage  to  remain  neutral.  I  replied  that  I  could  not
say  that;  our  hands  were  still  free,  and  we  were  Considering  what  our  attitude
        <pb n="380" />
        364  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

should  be.  All  1I  could  say  wos  that  our  attitude  would  be  determined  largelyn
by  public  opinion  bere,  aud  that  the  neutrality)  of  Belgium  would  appenl
Very  strongly  to  public  opinion  here.  I  did  not  think  tbat  we  could  give
promise  of  neutrality  on  that  condition  alone.

Tbe  Ambassador  pressed  me  as  to  whether  1  could  not  formulate  conditions
  on  wbich  we  would  remain  neutral.  He  euven  suggested  that  the  integrity
  of  France  and  ber  colonies  might  be  guaranteed.

I  said  that  1  felt  obliged  to  refuse  definitely  any  promise  to  remein
neutral  on  similar  terms,  and  I  Ccould  only  say  that  we  must  keep  our  bandes  free.

E.  Grey.

63#)Das  Weißbuch  (Anlage  25)  enthält  das  dringende  Telegramm  des
Reichskanzlers  an  den  deutschen  Botschafter  in  Paris  vom  31.  Juli.
Es  lautet:

„Rußland  hat  trog  unserer  noch  schwebenden  Vermittlungsaktion  und  obwohl
wir  selbst  keinerlei  Mobilmachungsmaßnahmen  getroffen  haben,  Mobilmachung
seiner  gesamteen  Armee  und  Flotte,  also  auch  gegen  uns,  verfügt.  Wir  haben  darauf
drohenden  Kriegszustand  erllärk,  dem  Mobilmachung  folgen  muß,  falls  nicht
NRußland  binnen  zwölf  Seunden  alle  Kriegsmaßnahmen  gegen  uns  und  Osterreich
einstelle.  Die  Mobilmachung  bedeutet  unvermeidlich  Krieg.  Bitte,  franzssische
Regierung  fragen,  ob  fie  in  einem  russisch-deutschen  Kriege  neutral  bleiben  will.
Anewort  muß  binnen  achtzehn  Stunden  erfolgen.  Sofort  Stunde  der  gestellten
Anfrage  drahten.  Größte  Eile  geboten.“

(54)  Bertie  an  Grey.

tber  die  Beklemmung  der  französischen  Regierung  und  ihre  Schritte  zur
Klärung  der  Lage  gibt  Berties  Bericht  vom  31.  Juli  (Blaubuch  Nr.  117)
Auskunft:

„Der  Minister  des  Dußern  ließ  mich  heute  abend  um  7  Uhr  zu  sich  rusen.  Ms
ich  eintraf,  verließ  der  deutsche  Bocschafter  gerade  Seine  Exzellenz.

Der  deutsche  Botschafecer  hatte  Seiner  Exzellenz  mitgekeilt,  daß  Deutschland
infolge  der  Nachricht  von  der  vollständigen  Mobilisation  der  russischen  Armee
und  der  russischen  Flotte  in  einem  an  Rußland  gerichteten  Lleimatum  die  Demobilisierung
  der  russischen  Truppen  verlangt  habe.

Oie  deutsche  Regierung  wird  es  als  notwendig  erachten,  die  vollftändige
Mobilmachung  der  deutschen  Truppen  an  der  russischen  und  an  der  französischen
Grenze  anzuordnen,  wenn  die  russische  Regierung  nicht  binnen  zwölf  Stunden  dem
Ersuchen  Deutschlands  Folge  leistet.

Der  Minister  des  Dußern  crägt  mir  auf,  Ihnen  dies  miczuteilen  und  fragt,
welche  Haltung  Großbritannien  unter  diesen  Umständen  einnehmen  werde.

Der  deutsche  Botschafter  konnte  nicht  sagen,  wann  die  zwölf  Scunden
ablaufen  werden.  Er  wird  morgen,  Samstag,  um  1  Uhr  nachmittags  auf  dem
Ministerium  des  Außern  vorsprechen,  um  die  Antwort  der  franzöfischen  Ne.
gierung,  welche  Haltung  sie  unter  diesen  Umständen  einnehmen  will,  entgegenzunehmen.


Er  ließ  durchblicken,  daß  er  möglicherweise  selne  Pässe  verlangen  werde.
        <pb n="381" />
        Deutschlands  Verhandlungen  mit  den  Westmächten  365

Der  russische  Botschafter  sagte  mir,  er  wisse  nichts  davon,  daß  eine  allgemeine
Mobilisation  der  russischen  Streitkräfte  stattgefunden  habe.“

Man  säeht,  wie  zugespitzt  dieser  Bericht  abgefaßt  ist,  wenn  man  die  Anfrage
der  deutschen  Regierung  dagegenbält  (4y7).

(55)  Daul  Cambon  hat  seine  Reglerung  uber  Greys  geschicktes  diplomatisches
  Vorgehen,  das  nun  die  belgische  Neutralitätsfrage  als  Hebel  benugte,
um  das  Kabinett  in  Bewegung  zu  seten,  in  folgendem  Bericht  vom  1.  August
(Gelbbuch  Nr.  126)  unterrichtet:

„Sir  Edward  Crey  m'na  dit  due,  dans  le  Conseil  de  ce  matin,  le  Cabinet
avait  de  nouveau  envisagé  la  situation.  L'’Allemagne  ayant  réclamé  de  I’Angleterre
  une  déclaration  de  neutralité  et  ne  Payant  pas  obtenue,  le  Gouvernement
  britannique  demeurait  moitre  de  son  action  et  celle-ci  pourrait  se  manifester
  dans  différentes  bypotheses.

En  premier  lieu,  la  neutralité  belge  importe  beaucoup  à  I’Angleterre.
La  France  a  renouvelè  immeédiatement  I’engagement  de  la  respecter.
L'Allemagne  a  décloré  „U'stre  pas  en  état  de  répondre“.  Sir  Edward  Grey
aisira  le  Cabinet  de  cette  répouse  et  demandera  l’autorisation  de  dire  lund#i
àa  la  Chambre  des  Communes  que  le  Couvernement  britannique  ne  permettra
pas  une  violation  de  la  neutralité  belge.

En  second  lieu,  les  escadres  anglaises  sont  mobilisées,  et  Sir  Edward
Grey  proposera  à  ses  collegues  de  dedlarer  qu’elles  s'opposeront  au  passage
du  détroit  par  les  escadres  allemandes  ou,  si  elles  venaient  à  le  passer,  à
toute  démonstration  sur  les  cötes  françgaises.  Le  Conseil  de  lundi
traitera  ces  deux  questions;  j'ai  fait  remarquer  au  principal  secrétaire
d’Etat  que  si,  d’ici  Id,  quelque  incident  venait  à  se  produire,  ill  ne  fallait
pas  se  laisser  surprendre  et  qu’il  conviendrait  de  songer  à  intervenir  à
temps.“

Frankreichs  Verpflichtung,  die  belgische  Neutralität  zu  achten,
und  Deutschlands  Bescheid,  daß  es  nicht  in  der  Lage  sei,  zu  antworten,  werden
einander  gegenübergestellt,  die  eingehenden  Verhandlungen  Deutschlands
und  Englands  über  die  Möglichkeit  der  Achtung  der  belgischen  Neueralltät
beiseice  geschoben  und  die  Zusicherung  des  Schuges  der  französischen  Nordküste
durch  englische  Flottenhilfe  in  sichere  Aussicht  gestellt.

(656)  Am  1.  August  1.05  p.  m.  kelegraphiert  Frelberr  v.  Schön  an  den
Reichskanzler  (Weißbuch,  Anlage  27):

„Auf  meine  wiederholte  bestimmte  Frage,  ob  Frankreich  im  Falle  eines
deutsch-russischen  Krieges  neutral  bleibe,  erklärte  der  Ministerpräfident,  daß
Frankreich  das  kun  werde,  was  seine  Interessen  ihm  gebbten.“"

Vom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belgischen  Neutralität

(57)  Auf  Grund  der  Beschlüsse  des  Ministerrates  vom  2.  August  telegraphiert
Grey  an  Bertie  (Blaubuch  Nr.  148),  um  diesen  instand  zu  seten,  die  sranzösische
Regierung  davon  zu  unterrichten,  und  gibt  dieser  Zusicherung  englischen
Beistandes  folgende,  llug  umschriebene  Fassung:
        <pb n="382" />
        366  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

Sir  Edward  Grey  to  Sir  F.  Bertie,  British  Ambassador  at  Paris.
(Telegrapbic.)
Foreign  Oflice,  August  2,  1914.

„I  am  authorized  to  give  an  assurance  that,  if  tbe  German  fleet
comes  into  the  Channel  or  through  the  North  Sea  to  undertake
bostile  operations  against  French  coasts  or  shipping,  the  Britisb
kleet  will  give  all  the  protection  in  its  power.

This  assurance  is  ol  course  subject  to  tbe  policy  ol  His  Majesty's  Covernment
  receiving  the  support  ol  Parliament,  and  must  not  be  taken  as
binding  His  Majest’s  Covernment  to  take  any  action  until  the  above  contingency
  of  action  by  the  GCennan  fleet  takes  placc.“

Hlier  erscheint  also  die  Versicherung  der  Wasffenhilfe  durch  die  englische  Flotte
an  die  Zustimmung  des  Darlaments  und  die  Voraussechung  geknüpft,  daß  die
deutsche  Kriegsflotte  die  ihr  im  Kriegsfall  obliegende  natürliche  Aufgabe  erfülle
und  die  französische  Küste  oder  Schiffahrt  angreise.  Grey  erörtert  dann  in  seinem
Telegramm  die  Frage,  ob  die  britische  Regierung  Deutschland  notwendigerweise
den  Krieg  erklären  müßte,  wenn  der  Krieg  zwischen  Deutschland  und  Frankreich
ausbreche,  und  kommt  zum  Ergebnis,  daß  die  schon  im  Wortlaut  liegende  Per.
sicherung  genüge,  indem  er  richtig  an  die  Versammlung  der  französischen  Flotte
im  Mittelmeer  erinnert.  Endlich  teilt  er  Bertie  noch  mit,  daß  Combon  auf
die  belgische  Neutralitätsfrage  gekommen  sei,  und  schreibt,  er  habe  erwidert,
bie  britische  Regierung  sei  soeben  damit  beschäftigt,  eine  Erllärung  zu  erwägen,
die  sie  hierzu  im  Parlament  abzugeben  hätte,  eine  Erklärung,  ob  England  die
Verletzung  der  belgischen  Neutralität  als  Casus  belli  erklären
solle  (wörtlich:  whether  we  should  declare  violation  of  Belgian  neutrality
to  be  a  Casus  belli).

Oie  Waffenhilfe  war  also  Frankreich  unabhängig  von  der  belgischen
Neutralitätsfrage  zugesagt  worden,  vorbehalten  war  nur  die  Kriegserklärung
an  Deutschland,  aber  auch  bei  der  Erwägung  dieser  Frage  noch  nicht  entschieden,
ob  England  die  Verletzung  der  belgischen  Neutralität  als  Casus  belli  betrachten
würde.  Man  würdige  die  diplomatischen  Feinheiten  dieser  Unterscheidungen,  die
bier  in  ihrer  Verknüpfung  zutage  treten.

(58)  Das  belgische  Graubuch  (Nr.  20)  gibt  die  deutsche  Note,  in  der  der
Durchmarsch  verlangt  wurde,  in  folgender  Form:

„Note  remise  le  2  Acüt,  4  7  heures  du  scir,  par  M.  de  Below  Saleske,
ministre  d’Allemagne,  à  M.  Davignon,  ministre  des  Alaires  étrangeres.

Brüssel,  den  2.  August  1914.
Kaiserlich  Deutsche  Gesandtschaft  in  Belgien.  Très  confidentiel.

Der  kaiserlichen  R#egserung  liegen  zuverlässige  Nachrichten  vor  über  den  beabsichtigten
  Aufmarsch  französischer  Streitkräste  an  der  Maasstrecke  Givet—
Namur.  Sie  lassen  keinen  Zweifel  über  die  Absicht  Frankreichs,  durch  belgisches
Geblek  gegen  Deutschland  vorzugehen.

Die  kaiserliche  Regierung  kann  sich  der  Besorgnis  nicht  erwehren,  daß  Belgien,
trog  besten  Willens,  nicht  imstande  sein  wird,  ohne  Hilfe  einen  französischen  Vormarsch
  mite  so  großer  Aussicht  auf  Erfolg  abzuwehren,  daß  darin  eine  ausreichende
        <pb n="383" />
        Vom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belgischen  Neutralitäi  367

Sicherheit  gegen  die  Bedrohung  Deutschlands  gefunden  werden  kann.  Es  ist  ein
Gebot  der  Selbsterhaltung  für  Deutschland,  dem  feindlichen  Angriff
zuvorzukommen.  Mit  dem  größten  Bedauern  würde  es  daher  die  deutsche
Regierung  erfüllen,  wenn  Belgien  einen  Akt  der  Feindseligkeit  gegen  sich  darin
erblicken  würde,  daß  die  Maßnahmen  seiner  Gegner  Deutschland  zwingen,  zur
Gegenwehr  auch  seinerseies  belgisches  Gebiet  zu  betreten.

Um  jede  Mißdeutung  auszuschließen,  erklärt  die  kaiserliche  Regierung  das
Folgende:

1.  Deutschland  beabsitigt  keinerlei  Feindseligkeiten  gegen  Belgien.
Ist  Belgien  gewillt,  Iin  dem  bevorstehenden  Kriege  Deutschland  gegenüber  eine
wohlwollende  Neutralität  einzunehmen,  so  verpflichtet  sich  die  deutsche  Regierung,
beim  Friedensschluß  Besigstand  und  UAnabhängigkeit  des  Königreichs  in
vollem  Umfange  zu  garantieren.

2.  Deutschland  verpflichtet  sich  unter  obiger  Voraussetzung,  das  Gebiet  des
Königreichs  wieder  zu  räumen,  sobald  der  Friede  geschlossen  ist.

3.  Bei  einer  freundschaftlichen  Haltung  Belgiens  ist  Deurschland  bereit,  im
Einvernehmen  mit  den  Königlich  belgischen  Behörden  alle  Bedürfnisse  seiner
Truppen  gegen  Barzahlung  anzukaufen  und  jeden  Schaden  zu  ersetzen,  der  etwa
durch  deutsche  Truppen  verursacht  werden  könnte.

4.  Sollte  Belgien  den  deutschen  Truppen  feindlich  entgegentreten,  insbesondere
ihrem  Vorgehen  durch  Widerstand  der  Maasbefestigungen  oder  durch  Zerstsrung
von  Eisenbahnen,  Straßen,  Tunnels  oder  sonstigen  Kunstbauten  Schwierigkeiten
bereiten,  so  wird  Deueschland  zu  seinem  Bedauern  gezwungen  sein,  das  Königreich
als  Feind  zu  betrachten.  In  diesem  Falle  würde  Deutschland  dem  Königreich
gegenüber  keine  Verpflichtungen  übernehmen  kömen,  sondern  müßte  die  spätere
Regelung  des  Verhältnisses  beider  Staaten  zueinander  der  Entscheidung  der  Waffen
lberlassen.

Die  kaiserliche  Regierung  gibt  sich  der  bestimmten  Hoffnung  hin,  daß  diese
Eventualität  nicht  eintreten  und  daß  die  Königlich  belgische  Regierung  die  geeignete#n
Maßnahmen  zu  treffen  wissen  wird,  um  zu  verhindern,  daß  VBorkommnisse,  wie
die  vorstebend  erwähnten,  sich  ereignen.  In  diesem  Falle  würden  die  freundschaftlichen
Bande,  die  beide  Machbarstaaten  verbinden,  eine  weltere  und  dauernde  Festigung
erfahren.“

Oie  von  Jagow  an  den  deutschen  Gesandten  gerichtete  Instruktion  enthielt
die  Aufforderung,  eine  „.unzweideutige  Antwort  binnen  zwölf  Stunden,  also  bis
morgen  früh  8  Uhr“,  von  der  belgischen  Reglerung  zu  erlangen.

(59)  König  Albert  wandte  sich  am  3.  August  mit  folgenden  Worten  an  den
König  von  England  (Welgisches  Graubuch  Nr.  25):

„Me  souvenant  des  nombreuses  marques  d’amitié  de  Votre  Majeste  et
de  ses  prédécesseurs,  de  Pattitude  amicale  de  I-Angleterre  en  1870,  et  de  la
preuve  de  sympathie  qu’elle  vient  encore  de  nous  donner,  je  fais  un  suprème
appel  à  Pintervention  diplomatique  du  GCouvernement  de  Sa  Mojesté
Pour  la  sauvegarde  de  la  neutralitè  de  la  Belgique.“

Der  König  ruft  also  die  diplomatische  Vermietlung  des  Königs  von
England  an,  um  die  Neutralität  Belgiens  zu  wahren.  Belgien  hat  anfänglich
        <pb n="384" />
        368  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

darauf  verzichtek,  die  Bürgschafe  der  Mächte  anzurufen,  wie  aus  dem  Graubuch
(Nr.  24)  hervorgeht,  in  welchem  ein  vom  3.  August  datiertes  Schreiben  des
Ministers  Davignon  an  die  WVertreter  Belgiens  abgedruckt  ist,  das  mit  den
Worten  schließt:  „Ich  dankte  Herrn  Klobukowsky  (dem  französischen  Gesandien  in
Brussel,  der  Frankreichs  Hilfe  angeboten  hatte)  für  die  Hilfe,  die  die  französische
Regierung  uns  im  gegebenen  Falle  anbiete  und  sagte  ihm,  daß  die  Königliche
Regierung  vorläufig  die  Bürgschaft  der  Mächte  nicht  anrufe  und  es  sich  vorbehalte,
später  zu  erwägen,  was  zu  tun  sein  werde.

(60)  Selbst  in  Belgien  war  man  darüber  nicht  im  unklaren,  daß  zwischen
der  Stellung  Englands  1870  und  der  im  Jahre  1914  grundsähliche  Unterschiede
bestanden.

Im  Graubuch  schreibt  Staatsminister  Hymans,  der  dieses  Aktenstück  mit
einem  Vorwork  versehen  hat:

„L'aspect  de  1’Europe  s'èétait  modifé  depuis  (1870).  Les  Puissances
avaient  constituk  des  groupements  rivaux.  L'Augleterre  pourraitelle
  exercer  son  röle  de  garant  avec  la  meéeme  efficacite  duren
18707  “

Auch  er  denkt  dabei  an  die  diplomatische  Vermittlung,  die  von  Belgien
begehre  worden  ist.

(61)  Hymans  stellt  die  diplomatische  Aktion  Englands  im  Jahre  1870  wie
folge  dar:

„  EBle  (I/Angleterre)  s'adressa  simultanément  à  la  France  et  à  la
Confédération  de  I’Allemagne  du  Nord  et  leur  demanda  de  s'’engager  par  des
déeclarations  formelles  à  respecter  la  neutralité  belge,  menacant,  si  celle-ci
Gtait  violée,  G’intervenir  daus  le  Conflit.  Les  Etats  belligérants  s’'y  obligèrent
Par  des  traités  nouveaux  qui  consacrrent  le  traité  de  1830.  .“

Hier  bleibt  beizufügen,  daß  Glabstone  diese  dem  Vorgehen  Greys  entsprechenden
  Schrikte  als  neutraler,  niche  als  in  die  Fesllandsgruppicrung  verwickelter  und
eine  der  beiden  Gruppen  führender,  sondern  als  neutraler,  außerhalb  der  Verwicklung
stehender  Staatsmann  unternahm  und  daher  als  redlicher  Bürge  seine  Handlungsfreiheit
  zum  besten  aller  nützen  konmte.  Greys  Politik  läßt  sich  also  unter  keinem
Gesicheswinkel  mit  der  Gladstones  vergleichen.  —  Der  Norddeutsche  Bund  und
Frankreich  haben  damals  die  belgische  Neutralität  für  den  bestimmten  vorliegenden
Kreiegsfall  anerkamnnt.  Hymans  geht  zu  weit,  wenn  er  sagé,  sie  hätten  sich
durch  neue  Verträge  verpflichtet,  welche  die  von  1839  bekräftigten.

(62)  England  tritt  mit  dem  Hilfegesuch  König  Alberte  vor  Deutschland.
Im  Blaubuch  (Nr.  153)  berichtet  darüber  Grey  an  Goschen  am  4.  August:

„  His  Majesty's  Covernment  are  alsco  inslormed  that  the  German
Covernment  has  delivered  to  the  Belgian  Covernment  a  note  proposiag
friendly  neutrality  entailing  free  passage  türougb  Belgian  territory,  and
Promising  to  maintain  the  independence  and  integrity  of  the  kingdom  and
its  posse  Sions  at  thbe  conclusion  of  peacc,  threatening  in  Case  of  refusal  to
treat  Belgium  as  an  enemy.  An  answer  was  requested  within  twelve  houss.

We  also  understand  that  Belgium  has  categorically  refused
this  as  a  flagrant  violation  of  the  law  of  nations.
        <pb n="385" />
        Vom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belgischen  Neutralität  369

His  Majesty's  Covernment  are  bound  to  protest  against  this  violation
of  a  treaty  to  whbich  GCermany  is  a  party  in  common  with  themselves,  and
must  raqucst  on  assurance  tbat  the  demond  made  upon  Belgium  will  not  be
proceeded  with  and  that  ber  neutrality  will  be  respected  by  Germany.  Vou
should  ask  for  an  immcdiate  reply.“

Nach  einer  Wiederholung  des  Telegramms  König  Alberts  und  einer  Zusammenfassung
  der  deutschen  Note  an  Belgien  erklärt  also  die  englische  Regierung
die  Verlegung  der  belgischen  Neutralität,  im  Falle  das  Land  den
Durchmarsch  verweigere,  als  „Hagrant  violation  of  the  law  of  nations“,  protestiert
  dagegen  und  verlangt  Achtung  der  belgischen  Neutralität,  die  sofort  aus.
gesprochen  werden  muß.  Oieses  Dokumenge  ist  erslchtlich  für  die  britische  Offenelichkeit
  bestimmt.  Es  beschränkt  sich  auf  die  Aufstellung  des  Kriegsgrundes  und  hebe
diesen  aus  den  Verhandlungen  heraus,  indem  es  diese  vollständig  verschweigt.

(63)  Jagow  läßt  noch  am  4.  August  in  London  durch  den  Botschafter

Lichnowsky  folgende  Erklärung  abgeben  (Blaubuch  Nr.  157):
„Gerlin.

Wollen  Sie  bitte  jedes  Mißtrauen,  das  die  großbritannische  Regierung  in
bezug  auf  unsere  Absichten  haben  könnte,  zerstreuen,  indem  Sie  die  ganz  formelle
Jusicherung  wiederholen,  daß  sogar  im  Falle  eines  bewaffneten  Konflikts  mit
Belgien  Deutschland  sich  unter  gar  keinem  Vorwand  belgisches  Gebiek  aneignen
wird.  Die  Aufrichtigkeit  dieser  Erklärung  ist  durch  die  Tatsache  bewiesen,  daß  wir
Holland  unser  feierliches  Versprechen  gaben,  seine  Neutralität  aufs  strengste  zu
achten.  Eg  ist  augenscheinlich,  daß  wir  uns  nicht  belgisches  Gebiet  aneignen  könnten,
ohne  uns  zugleich  auf  Kosten  der  Niederlande  zu  vergrößern.  Stellen  Sie  Sir
Edward  Grey  eindringlichst  vor,  daß  das  deutsche  Volk  einem  durch  belgisches
Geblet  gerichteten  französischen  Angriff,  wie  er  nach  unwiderlegbaren  Beweisen
beabsichtigt  war,  nicht  ausgesegt  werden  kann.  Deutschland  muß  infolgedessen  die
belgische  Neutralität  außer  acht  lassen,  da  es  für  Deutschland  eine  Frage  auf
Leben  und  Tod  ist,  Frankreichs  Vorsprung  zu  verhindern.“

(64)  Die  englische  Regierung  gibt  über  ihr  Altimatum  an  Deutschland  im
Blaubuch  (Nr.  159)  Bericht,  indem  sie  Greys  Auftrag  an  Goschen  vom
4.  August  abdruckt:

„Wir  wissen,  daß  Deutschland  an  den  belgischen  Minister  des  Dußern  eine
Note  gerichtet  hat,  die  festseellt,  daß  die  deutsche  Regierung,  wenn  nötig  mie  Waffengewalt,
  die  Maßregeln  durchsetzen  will,  die  sie  für  unumgänglich  bält.  Es  wird
uns  ebenfalls  berichtet,  daß  das  belgische  Gebiet  in  Gemmenich  verleht  wurde.

Unter  diesen  Umständen  und  in  Betracht  dessen,  daß  Deutschland  sich  weigerte,
dieselbe  Versicherung  in  betreff  der  Neutralität  Belgiens  abzugeben,  wie  Frankreich
dies  letzte  Woche  tat  in  Antwort  auf  unser  Ansuchen,  welches  zu  gleicher  Zeit  in
Berlin  und  aris  gestellt  wurde,  müssen  wir  dieselbe  Forderung  wiederholen  und
verlangen,  daß  eine  zufriedenstellende  Antwork  sowohl  darauf  als  auch  auf  mein
Telegramm  von  heute  morgen  hler  bis  Mit(ternacht  einlaufe  (Blaubuch  Nr.  153).
Wenn  nicht,  so  sind  Sie  angewiesen,  Ihre  Pässe  zu  fordern  und  mitzuteilen,  daß
Seiner  Majestät  Regierung  sich  genötigt  sieht,  all  die  ihr  zu  Gebot  stehenden
Mittel  anzuwenden,  um  die  Neutralität  Belgiens  aufrechtzuerhalten  und

Stegemann#  Geschichte  des  Keleges.  I.  2
        <pb n="386" />
        370  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

die  Achtung  eines  Vertrages,  in  dem  Deutschland  genau  so  Kontrahent  ist  wie
wir  selbst.“

Auch  hier  ist  auf  die  Anmerkung  Nr.  57  zu  verweisen.  Auch  dieses  Dokument
ist  bestimmt,  die  englische  Plattform  für  den  Krieg  zu  süligen,  und  dementsprechend
abgefaßt.

(65)  Der  Gesandte  v.  Below.  Saleske  teilte  Darlgnon  den  Durchmarsch
am  4.  Auguse  6  Uhr  morgens  (Graubuch  Nr.  27)  mit.

„Ich  beehre  mich,  Eure  Exzellenz  aufcragsgemäß  zu  benachrichtigen,  daß  die
Kaiserliche  Regierung  infolge  der  Weigerung,  die  die  Regierung  Seiner  Mojest#ét
des  Königs  ihren  wohlgemeinten  Vorschlägen  entgegensecgt,  zu  ihrem  lebhaften
Bedauern  gezwungen  sein  wird,  die  gegenüber  den  französischen  Drohungen  als
notwendig  erscheinenden  Schuhymaßnahmen,  wenn  erforderlich  nmit  Waffengewalt,
durchzuführen.“

Hier  möge  eine  Schrift  Erwähnung  finden,  die  erst  nach  Wollendung  der
Vorgeschichte  bekannt  geworden  ist,  die  aus  dem  historischen  Seminar  der  Universität
  Bern  hervorgegangene  Arbeit  „Zur  Geschichte  des  Kriegsausbruches“
von  Dr.  JZakob  Ruchti  (Bern  1916,  F.  Wyß).  Der  WVerfasser  kommt  auf
Grund  seiner  Untersuchung,  die  sich  vornehmlich  auf  die  britischen  Akten
stüst,  zu  folgenden  Schlüssen:  Nach  der  in  Wien  vielleicht  nicht  unerwünschten
Ablehnung  des  Uleimatums  durch  Serbien  läßt  sich  Osterreich  durch  nichts  in  seiner
kriegerischen  Absicht  gegen  Serbien  stören  und  verharrt  gegenüber  der  Gefahr
eines  russischen  Eingreisens  in  einem  fatalen  Opeimismus.  NRußland  macht  die
serbische  Sache  zu  seiner  eigenen  und  ist  von  vornherein  zum  Kriege  mit  ÖOsterreich
entschlossen.  Englands  Haltung  ist  zweideutig,  aber  für  Rußland  doch  verständlich
genug  und  ermutigend.  Oie  Bereitwilligkeit  Osterreichs,  in  zwölfter  Stunde  über
Serbien  doch  noch  mit  sich  reden  zu  lassen,  komme  zu  spät,  da  Rußland  inzwischen
die  Tocalmobilisation  angeordnet  und  dadurch  Deutschland  zur  Kriegserklärung
gezwungen  hatte.  Frankreich  schließt  sich,  nachdem  es  sich  Englands  versichert,
sofort  Rußland  an,  und  England  nimme  den  deutschen  Einmarsch  in  Belgien  zum
Vorwand  seiner  Kriegserklärung,  obwohl  es  durch  Annahme  des  deutschen  Angebots
—  Deutschland  verzichtet  auf  den  Einmarsch  in  Belgien  und  garantiert  für  den
Fall  seines  Sieges  den  Bestand  Frankreichs  und  seiner  Kolonien  im  vollen  Um.
fang,  wenn  England  neutral  bleibt  —  Belgiens  Neutralität  häcte  unverlegzt  er.
halten  könmnen:  England  war  eben  entschlossen,  unter  allen  Umständen  on
dem  Krieg  gegen  Deutschland  teilzunehmen.

(66)  Das  Graubuch  (Nr.  28)  gibe  die  Note  wieder,  die  der  britische  Vertreter
in  Brüssel,  Sir  Franeis  Williers,  dem  Minister  Davignon  am  4.  Auguft
überreichte:

„Je  suis  chargé  d’informer  le  Couvernement  belge  due,  si  I/Allemagne
exerce  une  pression  dans  le  but  Gobliger  la  Belgique  à  abandonner  son  roöle
de  pays  neutre,  le  Couvernement  de  Sa  Majestè  Britannique  sattend  de
due  la  Belgique  résiste  par  tous  les  moyens  possibles.

Le  GCouvernement  de  Sa  Majesté  Britannique,  dans  ce  Cas,  est  prset  à
se  joindre  à  la  Russie  et  à  la  France,  si  la  Belgique  le  désire  pour  offrir  au
GEouvernement  belge,  saus  délai,  une  action  commune,  qui  aurait  comme  but
        <pb n="387" />
        Vom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belgisch  en  Neutralität  371

de  rSister  aux  mesures  de  force  employèes  par  I’Allemagne  contre  la  Belgique
et  en  meme  temps  T'ollrir  une  garantie  pour  mointenir  l'indépendance  et
Tintéegrite  de  la  Belgique  dans  I’avenir.“

(67)  Professor  Emil  Wazweiler  hat  den  belgischen  Standpunkt  in  einer
Schrife  vertreten,  die  unter  dem  Titel:  „Hat  Belgien  sein  Schicksal  verschuldet?"  im
Verlag  von  Orell  Füßli  in  Zürich  (1915)  erschienen  ist.  Es  seien  daraus  folgende
Stellen  angeführt.  Waxweiler  fragt:  Hatte  Belgien,  selbst  wenn  es  sein  Wunsch
oder  wenn  es  in  seinem  Interesse  gewesen  wäre,  die  Macht,  diesem  Verlangen
Oeutschlands  nachzukommen  und  dem  deutschen  Heere  die  Grenze  zu  öffnen?
Er  antwortet  auf  S.  33  u.  f.:

„Als  Staat  ist  Belgien  eine  diplomatische  Schöpfung.  Nachdem  die  Revolution
  von  1830  die  im  Jahre  1815  gebilderen  südlichen  Provinzen  des  Königreichs
der  Niederlande  gewaltsam  voneinander  getrennt  hatte,  vereinigten  sich  die  Großmächte
  England,  Österreich,  Frankreich,  Rußland  und  Preußen  in  einer  Konferenz
  in  London  im  Jahre  1830,  um  das  internationale  Statut  des  neuen  Staates
auszuarbeilen.  Im  WVertrag  von  1839  (Artikel  7)  ist  ihm  ewige  Neutralität
zuerkannt.

Ewige  Neutralität  oder,  um  einen  genaueren  Ausdruck  anzuwenden,  fortdauernde
  Neutralität  ist  ein  singulärer  Begriff  des  internationalen  Rechtes.
Er  ist  ganz  und  gar  den  Forderungen  gewisser  politischer  Notwendigkeiten  entsprechend
  ausgedacht  worden  und  darf  nicht  mit  der  gelegentlichen  Neutralität,
welche  in  der  Verzichtleistung  auf  Parteinahme  für  einen  der  Kriegführenden
während  eines  bestimmten  Krieges  bestebt,  verwechselt  werden.

Der  Sayh,  daß  einem  Staat  fortdauernde  Neutralität  zuerkannt  sel,  beißte
niches  anderes,  als  daß  dieser  Staat  außerhalb  aller  und  irgendwelcher  kriegerischer
WVerwicklungen  stehe.

Wie  schon  erwähnt,  bezweckt  die  fortdauernde  Neutralität  im  wesentlichen,
die  Ueinen  Staaten  gegen  das  Eingreifen  mächtiger  Nachbarn  zu  schügen,  um
so  das  Gleichgewicht  zwischen  den  Großmächten  aufrechtzuerhalten.

Um  diesen  Iweck  zu  erreichen,  legt  die  „fortdauernde  Neutralität"  dem  neutralislerten
  Staate  einerseits  und  denjenigen  Staaten,  die  seine  Neutralität  bestätigt
baben,  andererseits  gegenseitige  Verpflichtungen  auf.

Auf  diesen  Umstand  ist  besonderes  Gewicht  zu  legen;  denn  er  ist  von  ent.
scheidender  Bedeutung.  Ein  Staat  neutralisiert  sich  nicht  selbst;  er  wird  vielmehr
von  anderen  Staaten  neutralisiert,  d.  h.  die  Grundlage  der  Neutralisation  eines
Staates  besteht  in  einer  Ubereinstimmung,  einem  Consensus,  einer  Ubereinkunfe
zwischen  verschiedenen  Staaten.  Diese  gehen  unter  sich  und  gegenüber  dem  neutralisierten
  Setaat  Verpflichtungen  ein,  durch  welche  dieser  in  die  bevorzugte  Lage
eines  dauernden  Friedenszustandes  verseczt  wird.  Als  Gegenleistung  übernimmt
gegenüber  den  anderen  Staaten  der  neutralisterte  Staat  Verpflichtungen,  welche
eben  das  Interessengleichgewicht  verwirklichen  sollen,  das  zu  begründen  sie  für
wünschbar  erachten.  Genau  so  gestalteten  sich  die  Dinge  nach  der  belgischen  Revolution
  vom  Jahre  1830.  Um,  wie  im  Jahre  1814,  „die  belgischen  Hrovinzen  zur
Herstellung  elnes  gerechten  Gleichgewichtes  unter  den  europäischen
Mächeen  mit  heranzuziehen"“,  vereinigten  sich  die  fünf  Mächte,  um  „durch  eine
neue  Kombination  Europa  jene  Ruhe  zu  sichern,  für  welche  die  Verelnigung
        <pb n="388" />
        372  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

Belgiens  mit  Holland  bereits  eine  Grundlage  gebildet  batte“.  Das  internationale
Statut  Belgiens  wurde  im  Jahre  1839  in  einem  Vertrag  zwischen  Belgien  und
den  Niederlanden  festgesetzt,  und  es  wurden  dessen  Bestimmungen  in  zwei  am
gleichen  Tage  zwischen  den  Mächten  und  den  Niederlanden  einerseits  und  den
Mächten  und  Belgien  andererseies  geschlossenen  Verträgen  unter  die  Garantie
der  fünf  Mächte  gestellt.

Die  Folge  dieser  gegenseitig  festgesehten  Verpflichtungen  kann  praktisch  nur
sein,  jeden  einzelnen  der  die  Neutralität  erteilenden  Staaten  zu  verhalten,  diese
Neutralität  des  neutralisierten  Staates  zu  achten,  das  heißt,  ihm  weder  den  Krieg
zu  erklären  noch  ihn  irgendwie  zu  veranlassen,  aus  seinem  Friedenszustand  heraus.
zutreten,  ihn  vielmehr  gegen  jeden  Staat  zu  verteidigen,  der  diese  Neutralität
in  Frage  stelle,  ohne  Rücksicht  darauf,  ob  es  sich  hierbei  um  einen  Staat  handelt,
der  am  Neutralitäcsstatut  einst  mitgewirkt  hat  oder  nicht.  Kurz:  Jeder  Staat,
der  an  der  Neutralisierung  eines  Staates  mitwirkte,  wird  dessen
Garant.  Datsächlich  erstreckt  sich  diese  Garantie  zugleich  auch  auf  die  Unverletz
barkeit  des  Staatsgebieles,  denn  die  Gebietsverlehung  charakterisiert  sich  in  be.
sonderem  Maße  als  ein  Eingriff  in  das  Wesen  der  einen  solchen  Staat  schützenden
Neutralität.  In  gleichem  Maße  wie  den  Garantiemächten  erwächst  aber  auch
dem  neutralisierten  Staat  die  Pflicht,  seine  Neutralität,  falls  sie
bedroht  wird,  selbst  zu  verteidigen  und  alle  Maßregeln  zu  treffen,
die  eine  solche  Verteidigung  verlangt.  Oiese  Verpflichtung  ist  für  ein
neutrales  Staakswesen  eine  besonders  sirenge,  denn  falls  es  sich  von  einem  Staate
zu  irgenbeiner  flr  die  Garankiestaaten  nachteiligen  Haleung  verleiten  ließe,  würde
damit  auch  das  Interessengleichgewicht  gestörk,  welches  dem  maßgebenden  Neutralitäsvertrag
  zugrunde  gelegt  worden  ist.  Diese  Verpflichtung  ist  für  den  Be.
griff  der  Neutralität  so  wesentlich,  daß  nach  dem  heutigen  Bölkerrechte  der  Staat,
der  sich  verteidigk,  nicht  einmal  als  Feind  desjenigen  Staates  angesehen  wird,
der  seine  Neutralität  verletzt.  In  Artikel  10  der  Haager  Ubereinkunft  vom  18.  Ok.
tober  1907  beißt  es  in  der  Tat  bezüglich  der  Rechte  und  Pflichten  neutraler  Mächte
und  Personen  im  Kriegsfalle:

„Die  Datsache,  daß  eine  neutrale  Macht  eine  Verlegtzung  ihrer  Neutralität
selbst  mie  Gewalt  zurückweist,  kann  nicht  als  eine  feindliche  Handlung  angesehen
werden.“

So  entgeht  ein  neutralisierter  Staat  nur  dann  der  Dlicht,  seine  Neutralitäe
zu  verteidigen,  wenn  mit  seiner  Neutralisierung  ihm  auch  gleichzeitig  verboten
wurde,  ein  ständiges  Heer  zu  halten  oder  Wefestigungen  zu  bauen.  In  diesem
Falle  befindek  sich  das  Großherzogtum  Luxemburg.“

Zur  Verlegung  der  Neutralität  Luxemburgs  und  zur  Besetzung  des  Landes
durch  deutsche  Truppen  sei  hier  bemerkt,  daß  auch  diese  von  deutscher  Seite
ausdrücklich  mit  zwingenden  milicörischen  Notwendigkeiten  begründet  worden
sind.  Die  Besegung  durch  deuesche  Truppen  hat  Luxemburg  infolge  des  als.
bald  einsegenden  Vormarsches  hinter  die  Front  gebracht  und  die  Schlachten
weiter  nach  Westen  geschoben.  In  der  Stadt  Lugemburg  befand  sich  eine  Zeitlang
  das  Große  Hauptquartier.

(68)  Die  Entwicklung  war  über  die  Bitte  König  Alberts  und  die  hinhaltende
Antwort  Davignons  an  die  hilfsbereite  französische  Regierung  hinweggegangen.
        <pb n="389" />
        VBom  Bruch  und  vom  Mißbrauch  der  belgischen  Neutralität  373

Oer  im  Graubuch  (Nr.  40)  abgedruckte  Brief  Davignons  an  die  Vertreter  Belgiens
bei  den  Ententemächten  spricht  jenzt  von  Wider  stand,  von  gemeinsamer
Operation  und  der  Verteidigung  der  festen  Pläge.

„I.e  Gouvernement  du  Roi  est  fermement  décidé  à  resister  par  tous  les
moyens  en  son  pouvoir.

La  Belgique  fait  appel  à  IAngleterre,  à  la  France  et  à  la  Russie  pour
coopérer,  Comme  garantes.  à  la  détense  de  son  territcire.

II  y  aurait  une  action  concentre  et  COommune  ayant  pour  but  de  resister
aux  mesures  de  lorce  employèes  par  I’Allemagne  contre  la  Belgique  et  en
méme  temps  de  garantir  le  maintien  de  T’indépendance  et  de  Tintégrité  de  la
Belgique  dans  l’avenir.

La  Belgique  est  heureuse  de  pouvoir  déclarer  qu’elle  assumera  la  défense
des  places  Lortes.“

Von  militärischer  Bedeutung  ist,  daß  der  belgische  Minister  sich  darauf
beschränkt,  die  Verteidigung  der  festen  Plätze  zuzusichern,  von  einer  Betätigung
der  belgischen  Feldarmee  aber  schweigt.  Diese  konnte  er  nicht  in  Aussicht  stellen,  da
die  Kräfte  zu  einer  Teilnahme  an  einem  Bewegungsfeldzug  fehlten.  Am  so  mehr
kam  darauf  an,  daß  die  von  England  und  Frankreich  zugesicherte  Hilfe
rasch  und  ausreichend  zur  Stelle  war.

(69)  Die  Ausfüährungen,  die  der  Reichs  kanzler  am  4.  August  im  Reichstag
über  die  Verlegung  der  belgischen  Neutralität  machte,  haben  folgenden
Wortlaut:

„Meine  Herren,  wir  sind  jetzt  in  der  Notwehr;  und  Not  kennt  kein  Geboe!
Unsere  Truppen  haben  Luxemburg  besegt,  vielleicht  schon  belgisches  Gebiet  betreten.
Meine  Herren,  das  widerspricht  den  Geboten  des  Bölkerrechts.  Die  französische
Regierung  hat  zwar  in  Brüssel  erklärt,  die  Neutralität  Belgiens  respektieren
zu  wollen,  solange  der  Gegner  sie  respektiere.  Wir  wußten  aber,  daß  Frankreich
zum  Einfall  bereit  stand.  Frankreich  konnte  warten,  wir  aber  nicht!  Ein  fran.
zößischer  Einfall  in  unsere  Flanke  am  unteren  Rhein  hätte  verhängnisvoll  werden
kömen.  So  waren  wir  gezwungen,  uns  über  den  berechtigten  Protest  der  luxemburgischen
  und  der  belgischen  Regierung  hinwegzusetzen.  Das  Anrecht  —  ich
spreche  ofsfsen  —,  das  Unrecht,  das  wir  damit  tun,  werden  wir  wieder  gut.-zumachen
  suchen,  sobalb  unser  militärisches  Jiel  erreicht  ist.  Wer  so  bedroht
ist,  wie  wir,  und  um  sein  Höchstes  kämpft,  der  darf  nur  daran  denken,  wie  er
sich  durchhautl  ...“

Englische  und  französische  Stimmen  haben  diese  Erklärung  als  den  Ausdruck
des  deutschen  Iynismus  bezeichnet.  Meine  Auffassung  geht,  wie  aus  der  Darstellung
ersichtlich,  dahin,  daß  es  sich  um  einen  Gewissensake#  handelt,  der  von  Zynismus
sehr  weit  entfsernt  ist.  Herr  v.  Bethmann-Hollweg  hat  sicher  nicht  diplomatisch
  gehandelt,  als  er  ein  Unrecht  bekannte,  aber  als  ehrlicher  Mann  den  Konflike
der  Pflichten  zum  Ausdruck  gebracht  und  in  diesem  Zwiespalt  die  Worte  gefunden,
die  oben  angeführt  werden.

(70)  Dieser  Unterschied  ist  vielleicht  mehr  ein  historischer  als  ein  juristlscher,  aber
er  ist  wesentlich,  da  er  für  die  moralische  Neutralität  maßgebend  ist.  Waxweiler
sage  richtig,  die  Schweiz  sei  die  einzige  Nation,  deren  internationale  Lage  mit
dersenigen  Belgiens  vergleichbar  sei  („S.  40  der  unter  67  im  Anhang  erwähnten
        <pb n="390" />
        374  Anhang  zur  Vorgeschichte  des  Krieges

Schrift),  doch  wäre  beizufügen,  daß  die  schweizerische  Neutralität,  als  die  ältere,
geschichtlich  unterbaute,  von  innen  beraus  gewordene  und  durch  keinen  Zuwachs  an
lberseeischem  Gebiet  belastete,  tragfähiger  ist  als  die  belgische.  Die  Schweiz  wurde
neutralisierk,  nachdem  sie  sich  zur  Neutralität  durchgerungen  hatte,  Belgien  wurde
von  vornherein  neutralisiert,  um  sich  zur  Neutralität  zu  bekennen.  In  diesem  Zu.
sammenhang  gewinnt  eine  Betrachtung  Wazweilers  über  den  Begriff  der  ewigen
Neutralität  etwas  schärfere  und  zur  Unterscheidung  geeignetere  Bedeutung  als  in
der  bereits  genannten  Schrift  des  Werfassers,  wo  es  auf  S.  39  heißt:

„Es  gehl  nun  nicht  an,  zu  behaupten,  daß  der  Begriff  der  fortdauernden
Neutralität  juristisch  heute  schon  Uar  festgesehzt  und  umschrieben  sei.  Der  Begriff
ist,  wie  wir  gesehen  haben,  in  jüngster  Zeit  entstanden,  die  Wortauslegung  und
Kontroversen  bemühen  sich,  ihn  genau  zu  bestimmen.  Er  hat  bis  jest  wenig  praktische
Anwendung  gefunden,  und  als  Staat,  dessen  inkernationale  Lage  mit  derlenigen
Belgiens  verglichen  werden  kann,  ließe  sich  einzig  die  Schweiz  nennen.  Im  Pariser
Vertrag  vom  20.  November  1815  anerkannten  Osterreich,  Frankreich,  Groß.
britannien,  Portugal  und  Rußland  ausdrücklich  die  fortdauernde  Neutralität  der
Schweiz.  Seit  einem  Jahrhundert  wurde  sie  nie  in  Frage  gestellt,  und  es  mag
nicht  ohne  Interesse  sein,  hier  an  die  damaligen  Schlußnahmen  der  Mächte  zu
erinnern,  welche  „die  AUnabhängigkeit  der  Schweiz  von  jeglichem  fremden
  Einfluß  als  den  wahren  Interessen  der  europäischen  Dolitik  entsprechend“
speziell  hervorboben.“  „Unabhängigkelt  von  jeglichem  fremdem  Einfluß“,  das  ist
der  springende  Punkt!

Auf  der  Schwelle  des  Krieges

(71)  Die  Union  hiele  die  Neutralität  bis  1917  aufrecht,  verschiffte  aber
ungeheure  Mengen  von  Kriegsbedarf  und  anderen  Gütern  nach  Europa  und
ermöglichte  dadurch  vorzugsweise  der  Entente  die  Vortsetzung  des  Krieges.
Oiese  Handelstäcigkeit  bewegte  sich  im  Rahmen  der  in  der  Haager  bereinkunft
  geregelten  Bestimmungen,  kam  jedoch  infolge  der  militärgeographischen
Lage  nur  den  Ententeländern  zuguke.  Da  weder  England,  noch  Frankreich,
noch  Rußland  imstande  waren,  diese  riesigen  Lieferungen  bar  zu  bezahlen,
saben  sich  die  Regierungen  der  drei  Länder  genötigt,  in  Amerika  große  Anleihen
  aufzunehmen,  drückende  Zinsen  zu  entrichten  und  fänder  zu  hinterlegen.
Im  Jahre  1916  war  der  Oberschuß  der  amerikanischen  Ausfuhr  über  die  Einfubr
  bereits  auf  2136  Millionen  Dollar  gestiegen.  Er  hatte  sich  gegenüber
dem  Jahre  1915  verdoppelt  und  gegenüber  dem  ersten  Kriegsjahre  vervierfacht.
  Der  fremde  Handel  der  AUnion  hat  im  Fiskaljahr  1915/16,  das  mit  dem
30.  Juni  zu  Ende  ging,  die  erstaunliche  Summe  von  6  ½  Milliarden  Dollar
erreicht  und  hatte  daomit  eine  Zunahme  von  über  2  Milliarden  gegenüber  dem
Zahre  1914  zu  verzeichnen.  In  diesen  Jahlen  wird  ein  Teil  des  riesigen  Gewinmes
  sichebar,  der  den  Vereinigten  Staaten  aus  dem  europäischen  Bölkerringen
erwachsen  ist.  Er  machte  die  Vereinigten  Staaten  aus  einem  Schuldner=  zu  einem
Gläubigerstaate  Europas  und  verkürzte  die  weltbeherrschende  Stellung  des  Londoner
  Geldmarktes.
        <pb n="391" />
        Anhang  zur  militärischen  Lage  Europas
        <pb n="392" />
        <pb n="393" />
        Zur  milltärlschen  Lage  Deutschlands

(1)  Schon  Bismarck  hat  die  Lage  Deutschlands  klar  umrissen.  Er  äußerte
in  der  Reichstagsrede  vom  6.  November  1888:

„..  Wir  liegen  mitten  in  Europa.  Wir  haben  mindestens  drei  Angrifféfronten.
  Frankreich  hat  nur  seine  östliche  Grenze,  Nußland  nur  seine  westlliche
Grenze,  auf  der  es  angegriffen  werden  kann.  Wir  sind  außerdem  der  Gefahr  der
Koalirion  nach  der  ganzen  Entwicklung  der  Weltgeschichte,  nach  unserer  geographischen
  Lage  und  nach  dem  vielleicht  minderen  Zusammenhang,  den  die  deutsche
Nation  bisher  in  sich  gehabt  hat  im  Vergleich  mit  anderen,  mehr  ausgesetzt  als
irgendeln  anderes  Volk.“

Auch  Feldmarschall  Graf  Schlieffen  hat  die  militärische  Lage  Europas  in
einer  Betrachtung  untersucht,  die  zuerst  in  der  „Deutschen  Revue“,  dann  in  den
Gesammelten  Schriften  (Mittler  &amp;amp;  Sohn,  Berlin  1913)  uncer  dem  Titel  „Der
Krieg  in  der  Gegenwart"“  erschienen  ist.  Auch  er  kommt  zu  dem  Schlusse,  daß
die  militärische  Lage  Europas  gegeben  sei  und  daß  der  militärischen  die  polltische
Lage  entspräche.  Der  bereits  im  Jahre  1908  eneworfene  Aufsag  enthält  die  bezeichnenden
  Sätze:  „Im  gegebenen  Augenblick  sollen  die  Tore  geöffnet,  die  Zug.
brücken  herabgelassen  werden  und  die  Millionenheere  über  die  Vogesen,  die  Maas,
die  Königsau,  den  Njemen,  den  Bug  und  sogar  Üüber  den  Isonzo  und  die  Tiroler
Alpen  verheerend  und  vernichtend  hereinströmen.“

Schlieffen  sieht  also  bereis  1908  den  Kreis  geschlossen  und  glledert  Italien
schon  damals  dem  Ning  der  Ententegenossen  an.

Jur  russtschen  Kriegsbereleschaft

(2)  Aber  die  Kriegsbereitschaft  Rußlands  im  Sommer  1914  gibt  uns  der  damalige
  Kriegsminister  Suchomlinowm  in  einem  Artikel  vom  Juni  1914  der
„Birschewyja  Wijedomof#“  Auskunft.  Es  heißt  da:

„.  .  .  Im  UAuslande  ist  man  bereitks  völlig  unterrichtet  über  die  kolossalen
Opfer,  die  wir  (Rußland)  zu  dem  Zweck  gebracht  haben,  um  dem  franko-russischen
Bündnis  eine  wirklich  ansehnliche  Kraft  zu  verleihen.  Die  vom  Kriegsministerium
in  der  Organisation  der  bewassneten  russischen  Macht  durchgeführeen  Reformen
#bertreffen  alles,  was  semals  nur  irgendwie  in  dieser  Richtung  getan  worden  ist.
Unser  fährliches  Rekrutenkontingent  ist  nach  dem  legzten  kaiserlichen  Besehl  von
450  000  auf  580  000  Mann  gebracht  worden.  Demnach  haben  wir  eine  jährliche
Vermehrung  der  Armee  von  130  000  Mann.  Gleichzeitig  ist  die  Dienstzeit  um
ein  halbes  Jahr  vermehrt  worden,  so  daß  also  während  jedes  Winters  vier  Rekrutenkontingente
  unker  den  Fahnen  stehen  werden.

Mie  Hilfe  einfacher  arlthmetischer  Berechnung  kann  man  die  Ziffernangabe
über  unsere  Armee  festsiellen,  dle  so  groß  sind,  wie  sie  noch  miemals  ein  Staat
aufgewiesen  hat:  580  000  4=  2  300  000.
        <pb n="394" />
        378  Anhang  zur  militärischen  Lage  Europas

..  E  ist  noch  zu  bemerken,  daß  alle  diese  Heeresvermehrungen  in  der  Friedenszeit
  ausschließlich  zu  dem  Zwecke  geschehen,  die  Armee  möglichst  schnell  auf
den  Kriegsfuß  zu  stellen,  d.  h.  im  Interesse  einer  möglichst  schnellen  Mobilisation.

In  dieser  Kinsicht  haben  wir  noch  eine  große  Reform  durchgeführt,  indem
wir  ein  ganzes  Neg  srrategischer  Eisenbahnen  projektiert  und  zu  bauen  angefangen
haben.  Auf  diese  Weise  haben  wir  alles  getan,  um  dem  Gegner  bei  der  Mobilmachung
  zuvorzukommen  und  gleich  in  den  ersten  Tagen  des  Krieges  möglichst
schnell  die  Armee  zu  konzentrieren.“

Die  Tatsache,  daß,  wie  sich  später  herausstellte,  die  russische  Kriegsbereitschaft
nur  auf  kürzere  Zeirräume  berechnet  war,  weil  man  hoffte,  die  Zentralmächte
mit  einer  einzigen  mächtigen  Offenfive  zu  Uberrennen,  seyzt  die  Bedeutung  der
russischen  Vormobilmachung  und  der  Erllärungen  Suchomlinows  nicht  herab.
Rußland  war  in  beispielloser  Weise  berelt  und  fähig,  mit  Ubermacht  aufzutreten,
und  hat  dies  bis  über  die  Grenze  des  für  möglich  Gehaltenen  hinaus  gelan.  Auf
einen  Feldzug  von  halbjähriger  Dauer  berechnet,  waren  seine  Vorbereitungen  in
teder  Beziehung  vollkommen.  Erst  im  Jannar  1915  begannen  sich  Mängel  fühlbar
zu  machen,  die  sich  infolge  der  mangelhaften  Organisation  hinter  der  Front  nicht
mehr  ausgleichen  ließen.  Als  Kriegsminister  Suchomlinow  im  Jahre  1915  seines
Amtes  enkhoben  und  zuleyt  wegen  Gestechung,  Amtsmißbrauch  und  Hochverrat
angeklagt,  im  April  1916  in  die  Peter-Pauls--Feste  gesetzt  wurde,  büßte  er  für
Sünden,  die  zum  russischen  System  gehören,  die  aber  die  Kriegsbereltschaft  Rußlands
  im  Juli  1914  nicht  berühren.

Die  Bereitschaft  Rußlands  spricht  auch  aus  einer  Mobilmachungs.
anweisung,  die  die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  am  11.  November  1916
veröffentlicht  hat.  Die  Anweisung  ist  im  Jahre  1912  ausgefertigt  und  offenbar
in  den  Papieren  des  Generalstabes  in  Warschau  aufgefunden  worden.  Sie  lautet:

Geheim.
Chef  des  Stabes  des  Warschauer  Militärbezirkes
Sektion  des  Generalquarkiermeisters
Mobilisationsabteilung
30.  September  1912
Nr.  2450.  Stadt  Warschau

Eile!
An  den  Kommandeur  des  VI.  Armeekorps.

In  Abänderung  aller  früher  erfolgten  Anordnungen  bezüglich  des  operativen
Teiles  teile  ich  Ihnen  auf  Befehl  des  Kommandierenden  der  Truppen  nachstehende
leitende  Gesichtspunkee  mit:

Allerhöchst  ist  befohlen,  daß  die  Verkündigung  der  Mobiltsation  zugleich
auch  die  Verkündigung  des  Krieges  gegen  Deutschland  ist.  Die  deutsche  Armee
kann  bei  voller  Kriegsbereitschaft  ihren  Aufmarsch  im  Raume  der  masurischen
Seen  am  dreizehnten  Tage  der  Mobilmachung  beenden.  Allerdings  ist  die  berschreitung
  der  Grenze  durch  die  vorderen  deutschen  Korps  schon  am  zehnten  Tage
volllkommen  möglich.  Die  bewaffneten  Kräfee  Rußlands  werden  in  einige
Armeen  zerlegt,  die  vorher  bestimmt  sind  zu  Operationen  gleichzeitig  sowohl
gegen  Deutschland  wie  auch  gegen  Osterreich-Ungarn.
        <pb n="395" />
        Zum  französischen  Feldzugsplan  379

Die  Armeen,  die  vorher  bestimmt  sind  für  Operationen  gegen  Deutschland,
werden  zu  einer  Gruppe  zusammengefaßt  unter  dem  Kommando  des  Oberbefehlshabers
  der  Gruppe  der  Armeen  gegenüber  der  deutschen  Front.  Die  2.  Armee,
zu  deren  Bestand  das  VI.  Korps  gehört,  tritt  zur  Gruppe  der  Armeen  der  Nord.
westfront.  Der  Stab  des  Oberbefehlshabers  der  2.  Armee  befindet  sich  bis  zum
siebten  Tage  der  Mobilisation  in  Warschau,  darauf  in  Wolwistk.

Die  allgemeine  Aufgabe  der  Truppen  der  Nordwestfront  ist:  „Nach  Be.
endigung  der  Konzentrierung  Ubergang  zum  Vormarsch  gegen  die  bewaffneten
Kräfte  Deutschlands  mit  dem  Ziele,  den  Krieg  in  dessen  Gebiete  hinüberzutragen.
Die  Aufgabe  der  2.  Armee  ist:  Werdeckung  der  Mobilisation  und  der  all.
gemeinen  Konzentrierung  der  Armee.  Den  Naum  Bialystock—Grodno  muß  die
Armee  auf  jeden  Fall  in  ihren  Händen  behalten.  Zur  Erfüllung  dieser  Aufgabe
versammelt  sich  die  2.  Armee  in  der  Front  Sopockinie  —  Lomza.“  (olgen
Einzelanordnungen  über  Aufmarsch  und  Aufstellung  der  Oivisionen,  Transporte
  usw.)  Zum  Schluß  wird  auf  die  gewichtige  hochpolitische  Bedeutung  dieser
Anordnungen  hingewiesen  mit  den  Worten:

„Der  Inhalt  dieser  Anweisung  bildet  ein  strenges  Staatsgeheimnis.“

„  .,

Es  folgen  die  Unterschriften:  Generalleutnant  Klsusew.

Generalmalor  Pstomsti.
Alterer  Adlutant  Oberst  Dahler.

Auch  über  die  Verteilung  der  russischen  Kräfle  gibt  die  Anweisung,  die  einen
Einblick.  in  die  russische  Bereitschaft  gewährt,  wichtige  Aufschlosse.  Die  Kriegs.
ereigussse  haben  freilich  den  Bollzug  der  getroffenen  Maßnahmen  über  den  Haufen
geworfen  und  den  Truppen,  die  an  der  Rsemen-  und  Weichsellinte  versammelt
wurden,  bald  andere  Aufgaben  zugewlesen.

Zum  franzöftschen  Feldzugsplan

(3)  Der  „Nieuwe  Haarlemsche  Courant“  brachte  am  11.No0#ember  1916  den
Auszug  einer  Rede,  die  Millerand  am  22.  Okéober  1916  zu  Versailles  gehalten
batte.  Darin  erklärte  Millerand  zur  Erörterung  der  deutschen  Kriegsmaßnahmen
und  in  Besprechung  des  von  Frankreich  ins  Auge  gefaßeen  Feldzugplanes  folgendes:

Frankrelch  hat  vorausgesagt,  daß  Deutschland  durch  Belgien  und  Luxemburg
  aufmarschieren  würde.  Die  französischen  Gegenmaßnahmen  waren  schon
immer  darauf  berechnet.  Hätten  wir  nur  vier  Tage  mehr  ZJeit  gehabt,  dam  würden
die  Deutschen  weder  Belglen  noch  Frankreich  betreten  haben.  Die  großen  Mansver
im  Jahre  1912  an  der  elsaßlothringischen  Grenze,  die  auch  Großfürst  Nikolal
Nikolasewitsch  besuchte,  beruhtlen  ganz  und  gar  auf  der  Grundlage  der  gegenwärtigen
Umstände.  Die  Generäle  Joffre,  Michel  und  PHau  haben  damals  die  kommenden
Ereignisse  genau  vorausgesehen.“

Millerand  erimert  damit  an  die  bekannten  Mansver  von  Nancy,  bei  denen
Großfürst  Nikolal  Nikolasewitsch  als  künftiger  Oberbesehlshaber  der  russischen
Armee  zugegen  war.  Im  Anschluß  an  diese  Mansver  sind  die  Befestigungsanlagen
im  Raume  Nany,  besonders  am  Mont  Couronné  beträchtlich  verstärkt  worden.
Die  Lücke  von  Charmes  als  Ausfallspforte  blieb  unberührt.
        <pb n="396" />
        380  Anhang  zur  militärischen  Lage  Europas

In  den  englisch-belgischen  Besprechungen

(4)  ber  die  militärischen  Verhandlungen,  die  englische  und  belgische  Fachleute
geführt  haben,  liege  ein  Bericht  vor,  der  vom  belgischen  Generalstabschef  Ducarne
an  die  belgische  Regierung  ausgefertigt  wurde  und  bei  der  Besetzung  Brüssels
durch  die  Deueschen  in  einem  Umschlag  mit  der  Aufschrift  „Conventions  anglobelges“
  im  belgischen  Kriegsministerium  aufgefunden  worden  ist.  Die  Ausschrift
beweist  nicht,  daß  die  Verhandlungen  in  einer  von  den  NRegierungen  getroffenen
Abmachung  gegipfelt  haben.  Daß  die  belgischen  Staatsmänner  die  Besprechungen
der  „Fachleute“  aufmerksam  verfolgten,  beweist  indes  eine  Anspielung,  dle  Baron
Greindl  in  einem  Brief  an  seine  Regierung  macht,  die  zeitlich  (5.  April  1906)
mit  dem  Gericht  Ducarnes  zusammenfällt  und  das  Vorgehen  des  englischen
Militäraktachés  Barnadiston  mit  der  Einkreisungspolitil  König  Eduards  VII.  in
unmittelbaren  Zusammenhang  bringt.  Greindl  schreibt,  darüber  könne  kein
Sweifel  bestehen,  und  fährt  fort:  „  8i  quelque  deoute  pouvait  rTgner  encore,
In  singuliere  démarche  faite  par  le  colonel  Barnadiston  aupres  de  M.  le  Cénéral
Ducarne  D’aurait  dissinb  “

(Belgische  Akeenstücke  1904—1914  No.  17.)

Der  Bericht  Ducarnes  lautet:

„Bruzelles,  le  10  avril  1006.
Confidentielle.

M.  le  Ministre,

J'ai  Thonneur  de  vous  rendre  Ccompte  sommairemeat  des  entretiens  due
j'ai  eus  avec  le  Lt.  Col.  Barnadiston  et  qui  ont  fait  déejà  Tobjet  de  mes  communications
  verbales.

La  premieère  visite  date  de  la  mi-janvier.  M.  Barnadiston  me  t  part
des  préoccupations  de  Pétat-mejor  de  son  pays  relativement  à  la  situation
politigue  genérale  et  aux  éventualites  de  guerre  du  moment.  Un  envoi  de
troupes,  Lun  total  de  roo,Oco  hommes  environ,  Gtait  projecté  pour  le  cas
on  la  Belgique  serait  attaqute.

Le  Lt.  Col.  m'’ayant  demandé  Comment  cette  action  serait  interprétte
par  nous,  je  lui  répondis  que,  au  point  de  vue  militaire,  elle  ne  pourrait  qu’'Stre
Iavorable;  mais  due  cette  question  d’intervention  relevait  Cgalement  du  pouvoir
politique  et  due,  des  lors,  j’étais  venu  d’en  entretenir  le  Ministre  de  la  guerre.

M.  Barnadiston  me  répondit  que  son  ministre  à  Bruzelles  en  parlerait
à  notre  Ministre  des  alfaires  étrangeres.

II  continua  doens  cc  sens:  Le  débarquement  des  troupes  anglaises  se
ferait  sur  la  Cöte  de  France,  vers  Dunkerque  et  Calais,  de  fauon  à  häter  le
plus  possible  le  mounvement.  Lintrée  des  Anglais  en  Belgique  ne  se  ferait
dwapres  la  violation  de  notre  neutralit2  par  I’Allemagne.  Le  débarquement  par
Anvels  demanderait  beaucoup  plus  de  temps,  parce  du’il  faudrait  des  trausports
  plus  Considérables  et,  G’autre  part,  la  securité  serait  moins  Complete.

Ceci  admis,  il  resterait  à  régler  divers  autres  points,  savoir:  les  transports
par  chemin  de  fer,  la  question  du  Commandement  supérieur  des  forces  allies.
        <pb n="397" />
        Zu  den  englisch--belgischen  Besprechungen  381

II  s’infonna  si  nos  dispositions  Etaient  suffisantes  pour  assurer  la  delense
du  peys  durant  la  traversée  et  les  transports  des  troupes  anglaises,  temps
qu’il  Cvaluait  à  une  dizaine  de  jours.

Je  fépondis  due  les  places  de  Namur  et  de  Liège  étaient  à  Dabri  d’un
coup  de  main  et  due,  en  4  jours,  notre  armée  de  campagne  forte  de  100,  o00
hommes,  serait  en  état  d’intervenir.

Apres  avoir  exprimé  toute  sa  satislaction  au  sujet  de  mes  declarations,
mon  interlocuteur  insista  sur  le  fait  que:  xr.  notre  Conversation  était  absolument
  confidentielle;  2.  elle  ne  pouveit  lier  son  gouvernement:  3.  son  ministre,
Pétat-mojor  général  oanglais,  lui  et  moi,  Stions  seuls,  en  Ce  moment,  dans  la
confidence:  4.  1  ignorait  si  mon  Souverain  avait  été  pressenti.

Dans  un  entretien  subséquent,  le  Lt.  Col.  Bamadiston  m’'assura  du’'il
n'avait  jamais  reçu  de  confideuces  d’autres  attachés  militaires  au  sujet  de
notre  ammnée.  II  précisa  ensuite  les  donnés  numfriques  concernant  les  forces
anglaises;  nous  pouvions  compter  quc,  en  12  ou  13  jours.  seraient  débarquts:
2  Ccorps  d'armée,  4  brigades  de  cavallerie  et  2  brigades  d’infanterie  montée.

II  me  demanda  d’examiner  la  ducstion  du  transport  de  cCes  forces  vers
la  partie  du  pays  on  elles  seraient  utiles  et,  dans  ce  hut,  il  me  promit  la  com-Position
  détaillée  de  Tarmée  de  débarquement.

II  revint  sur  la  qduestion  des  effectifs  de  notre  armée  de  campagne  en
insistant  pour  qu'on  ne  fit  pas  de  détachements  de  cette  armée  à  Namur  et
à  Liege,  puisque  ces  places  Etaient  pourvues  de  garnisons  suffsantes.

IIme  demanda  de  figer  mon  attention  sur  lanécessité  de  permettre  à  Farmée
anglaisede  Dbénélicier  des  aventages  prévus  par  le  reglement  sur  les  prestations
militaires.  Enfin,  ll  insista  sur  la  question  du  Ccommandement  supréme.

Je  lui  répondis  que  je  ne  pouvais  rien  dire  quant  ácce  dernier  point,  et
je  lui  promis  un  examen  attentif  des  autres  ducstions.

Plus  tard,  I’attaché  militaire  anglais  Confirma  son  estimation  précédente:
12  jours  seraient  au  moins  indispensables  pour  faire  le  débarquement  sur  la
cbte  de  France.  I  faudrait  benucoup  plus  de  temps  (I  à  2½  mois)  pour  deébarquer
  roo,ooo  bommes  à  Anves.

Sur  mon  objection,  qu’il  était  inutile  d’attendre  I’achèvement  du  deébarquement
  pour  Commencer  les  transports  par  chemin  de  fer,  et  quril  valait
mieuf  les  faire  au  fur  et  à  mesure  des  arrivages  à  1a  cöte,  le  Lt.  Col.  Bamadiston
  me  fournit  des  données  exactes  sur  I’état  journalier  de  débarquement.

CQuant  aux  prestations  militaires,  je  fis  part  à  mon  interlocuteur  que  cette
duestion  serait  facilement  réglée.

A  mesure  due  les  études  de  I’tat-major  anglais  avanGaient,  les  données  du
probleme  se  précisaient.  Le  colonel  m'’assura  que  la  moitié  de  T’armée  anglaise
pourrait  étre  débarqute  en  8  jours,  et  que  le  restant  le  serait  à  la  fin  du  12  ouU  13
iour,  sauf  Tinfanterie  montée,  sur  laquelle  fl  ne  fallait  Compter  due  plus  tard.

Nénnmoins,  je  crus  devoir  insister  à  nouveau  sur  la  nécessitt  de  Connattre
le  rendement  jourmalier,  de  facon  à  regler  les  transports  par  chemin  de  fer
de  chaque  jour.

L’'attaché  militaire  anglais  m’entretint  ensuite  de  diverses  autres  questions,
savoir:
        <pb n="398" />
        382  Anhang  zur  militärischen  Lage-.  Europas

I.  nécessité  de  tenir  le  secret  des  opkrations  et  d'’obtenir  de  la  presse
qu'elle  Tobservat  scigneusement:

2.  avantages  du’il  y  aurait  à  adjoindre  un  officier  belge  à  chadque  étatmajor
  anglais,  un  traductcur  à  chaque  commandant  de  troupes,  des  gendarmes
chaque  unité  pour  aider  les  troupes  de  police  anglaises.

Dans  une  autre  entrevue,  le  Lt.  Col.  Barnadiston  et  moi  examinsmes
les  opèrations  Combinées  dens  le  Cas  d’une  guerre  agressive  de  la  part  de  ’Alemagne
  ayant  Comme  objectif  Anvers,  et  dans  I’hypothese  d’une  travesste
de  notre  pays  pour  atteindre  les  Ardennes  francçaises.

Par  la  suite,  le  Colonel  me  marque  son  accord  sur  le  plan  due  je  lui  avais
présenté  et  m'assura  de  T’assentiment  du  genéral  Grierson,  chef  de  l'Statmajor
  anglais.

D’'autres  questions  secondaires  furent  également  réglées,  notamment  en
c#e  qui  regarde  les  officiers  intermédiaires,  les  traducteurs,  les  gendarmes,
les  cartes,  les  albums  des  uniformes,  les  tirés  à  part  traduits  en  anglais  de
cextains  reglements  belges,  le  reglement  des  frais  de  douane  pour  les  approvisionnements
  anglais,  Phospitalisation  des  blesss  de  Darmée  alliée,  etc.
KRien  ne  fut  arrété  quant  à  P’action  que  pourrait  exercer  sur  la  presse  le  gou-Vvernement
  ou  D’autorité  militaire.

Dans  les  dernieres  rencontres  qdue  j'’ai  eues  avec  l'attach  anglais,  il  me
Communiqua  le  rendement  journalier  des  débarquements  à  Boulogne,  Calais
et  Cherbourg,  l’Gloignement  de  ce  dernier  point,  inspiré  par  des  Considérations
l#ordre  technique,  occasionne  un  Ccertain  retard.  Le  I  corps  serait  débarqus
le  10  jour,  et  le  II  Corps  le  15  jour.  Notre  mattriel  des  chemins  de  fer  exécuterait
  les  transports,  de  sorte  due  T’arrivéee,  soit  vers  Bruzelles-Louvain,
scit  vers  Namur—Dinant,  du  I  Corps,  serait  assurée  le  1I  jour,  et  celle  du
II  corps  le  16  jour.

J'ai  insiste  une  dernieère  fois,  et  aussi  Cnergiquement  que  je  le  pouvais,
sur  la  nécessité  de  häter  encore  les  transports  maritimes,  de  façon  due  les
troupes  anglaises  scient  pres  de  nous  entre  le  xIr  et  le  72  jour;  les  Trsultats
les  plus  heureux,  les  plus  favorables,  peuvent  étre  obtenus  par  une  action
convergente  et  simultane  des  forces  allices.  Au  contraire,  ce  sera  un  échec
grave  si  cet  accord  ne  se  produit  pas.  Le  colonel  Bamadiston  m’a  assuré  due
tout  serait  fait  dans  ce  but.

Aucoums  de  nos  entretiens,  j'eus  Toccasion  de  Convaincre  Iattacht  militaire
anglais  de  la  volontè  que  nous  avions  d’entraver,  dans  la  limite  du  possible,  les
mouvements  de  Iennemi  et  de  ne  pas  nous  réfugier,  desle  debut,  dans  Anvess.

De  son  CÖté,  le  Lt.  Col.  Barmadiston  me  fit  part  de  son  peu  de  Cconfiance
ectuellement  dans  Tappui  ou  Pintervention  de  la  Hollande.  II  me  oonsia
également  due  son  gouvernement  projetait  de  transporter  la  bese  Topérations
  anglaise  de  la  cCöte  française  à  Anvers,  des  que  la  mer  du  Nord  serait
nettoyte  de  tous  les  navires  de  guerre  allemands.

Dans  tous  nos  entretiens,  le  colonel  me  communiquas  régulièrement  les
renseignements  confdentiels  quril  posstdait  sur  I’tat  militaire  et  la  situation
de  nos  voisins  de  I’Est.  En  meme  temps,  il  insista  sur  la  necessité  impfrieuse
Pour  la  Belgique  de  se  tenir  au  courant  de  ce  qui  se  passait  dans  les  pays
        <pb n="399" />
        Zu  den  englisch-belgischen  Besprechungen  383

rhénans  dui  nous  avoisinent.  Je  dus  lui  confesser  due,  chez  nous,  le  service
de  surveillance  au-dela  de  la  frontidre,  en  temps  de  paizx,  ne  releve  par  directement
  de  notre  Etat-major:  nous  n’'avons  pas  d’attachés  militaires  aupres  de
nos  lEégations.  Je  me  gardai  bien,  cependant,  de  lui  avouer  que  HT’ignorais
si  le  service  d'espionnage,  qui  est  prescrit  par  nos  reglements,  Etait  ou  non
préparé.  Mais  il  est  de  mon  devoir  de  signaler  ici  cette  situation  qui  nous
met  en  état  d’infériorité  lagrante  vis-à-vis  de  nos  voisins,  nos  ennemis  éCventucis.
Le  génkral-major  chef  du  corps  d’état-major
·  Signature.

Note:  Lorsque  je  rencontrai  le  général  Grierson  à  Compiègne,  pendant
les  manœuvres  de  1906,  il  massura  que  la  réorganisation  de  l'armée  anglaise
aurait  pour  résultat,  non  seulement  d'assurer  le  débarquement  de  7150,000
hommes,  mais  de  permettre  leur  action  dans  un  délai  plus  court  que  celui
dont  ul  est  qduestion  précédemment.

Fin  septembre  1000.“

Ein  Randvermerk  sagt:

„Lientre  des  Anglais  en  Belgique  ne  se  ferait  qu’apres  la  violation  de
notre  neutralité  par  I/Allemagne.“

Oieser  Vermerk  wird  durch  eine  Auszeichmung  beleuchtek,  die  Über  eine  Unterredung
  des  englischen  Militärattaches  in  Brussel,  des  Nachfolgers  Barnadistons,
Oberstleutnant  Bridges,  mit  General  Jungbluth,  dem  neuen  belgischen
Generalstabschef,  Aufschluß  gibt.  Gefunden  wurde  dieses  Schriftstück  im  belgischen
Ministerium  des  Außern.  Es  ist  von  dem  Ministerialdirektor  Grasen  von  der
Straaten  mit  der  Ausschrife  „Confidentielle“  versehen  und  ist  datiert  vom
23.  April,  vermutlich  des  Jahres  1912.  Wir  geben  den  Wortlaut  wieder:

„Li'attaché  militaire  anglais  a  demandé  à  voir  le  géndral  Jungblutb.
Ces  Messieurs  se  sont  rencontrs  le  23  avril.

Le  Lieutenant-Colonel  Bridges  a  dit  ad  Général  due  I’Angleterre  disposait
d'une  armee  pouvant  étre  envoyte  sur  le  continent,  Composte  de  six  divisions
d’infanterie  et  de  huit  brigades  de  cavallerie  —  en  tout  160,  ooo  hommes.  Elle  a
aussi  tout  ce  qu’ll  lfaut  pour  défendre  son  territoire  insulaire.  Tout  est  prét.

Le  Couvernement  britannique,  lors  des  derniers  Evenements,  aurait  débardué
  immédiatement  chez  nous,  méme  si  nous  n’avions  pas  demandé  de  secours.

Le  Général  a  objectè  quril  faudrait  pour  cela  notre  consentement.

L'Attaché  militaire  a  rpondu  du’i  le  savait,  mois  que  comme  nous
u'ktions  pas  à  mèéme  d’empscher  les  Allemands  de  passer  chez  nous,  1’Angleterre
  aurait  débarqué  ses  troupes  en  Belgique  en  tout  état  de  cause.

Quant  au  lieu  de  débarquement,  I’attaché  militaire  u's  pas  précisé;  ü
a  dit  qdue  la  cöte  était  assez  longue,  mais  le  Cénéral  sait  qdue  M.  Bridges  e  fait,
dOstende,  des  visites  jourmalieres  à  Zeebrugge  pendant  les  fetes  de  Päques.

Le  Cénéral  a  ajouté  due  nous  Etions  d’'ailleurs  parfaitement  à  méme
dempscher  les  Allemands  de  passer.“

Belde  Schriftstücke  find  in  einer  Sonderbeilage  der  „Norddeutschen  Allgemeinen
  Zeitung“  vom  25.  November  1914  erschlenen  und  auch  in  Fakfümile
herausgegeben  worden.  «
        <pb n="400" />
        384  Anhang  zur  militärischen  Lage  Europas

In  diesen  Altenstücken  wird  llargelegt,  unter  welchen  Umständen  der  englische
Militäraktaché  dem  belgischen  Generalstab  englische  militärische  Hilfe  zusichert,
und  zwar  zunächst  in  akademischer  Form.  Für  den  Fall  eines  Angriffs  Deutsch.
lands  auf  Belgien  sollen  100  000  Mann  auf  dem  Festland  erscheinen.  Die
Landung  der  englischen  Truppen  soll  an  der  srcanzösischen  Küste,  in  der  Gegend
von  Oünlirchen  und  Calais,  erfolgen  und  möglichst  beschleunigt  werden.  Belgisches
Gebiet  soll  erst  nach  der  Verletzung  der  Neutralität  durch  die  Deutschen  betreten
werden.  Eine  Landung  in  Antwerpen  wird  nicht  für  tunlich  befunden,  weil  sie
mehr  Zeit  und  größere  Verschiffungen  erfordere  und  bei  der  größeren  Nähe  der
deutschen  Seebasis  weniger  Sicherheik  biete.  Die  Dauer  des  Transportes  berechnet
  Barnadiston  auf  rund  zehn  Tage.

Später  gibt  Barnadiston  bestimmtere  Jahlen  und  Daten.  In  12  bis  13  Tagen
sollen  zwei  Armeekorps,  vier  Kavalleriebrigaden  und  zwei  Brigaden  berittener
Infantkerie  gelandet  werden.  Barnadiston  will  von  Ducarne  eine  Jusicherung
erhalten,  ob  der  belgische  Generalstab  über  genügend  Verteidigungsmitkel  während
der  Bereitstellung  des  englischen  Expeditionskorps  versüge.  Auch  will  er  die
Frage  des  Eisenbahnaufmarsches  und  des  Oberbefehls  geregelt  wissen.  Später
erklärt  der  Engländer,  daß  wenigstens  12  Tage  notwendig  seien,  um  an  der  französischen
  Küste  zu  landen,  wogegen  1  bis  2½  Monate  erforderlich  wären,  um
100  000  Mann  in  Antwerpen  auszuschissen.  Während  dieser  Unterhaltungen
setzte  der  englische  Generalstab  seine  Studien  über  die  Beteiligung  Englands  am
Kontinentalkrieg  fort  und  suchte  sichere  Anhaltspunkee  für  eine  Beschleunigung
der  englischen  Verschiffung  zu  gewinnen.  Das  Ergebnis  war  nach  dem  Bericht
Oucarnes  nicht  günstig,  denn  Barnadiston  versicherte  späterbin  nur,  daß  die  Hälfte
der  englischen  Feldarmee,  also  im  Höchstfall  80  000  Mann,  in  8  Tagen  und  der
Rest  am  Ende  des  12.  und  13.  Tages  ausgeschifft  sein  könnten.  Für  die  bertttene
Infanterie  wurde  eine  noch  längere  Frist  verlangt.

Ducarne  besteht  in  dieser  akademischen  Auseinandersehung  immer  wieder
darauf,  daß  die  englischen  Landungen  möglichst  beschleunigt  werden.  Er  verlange
seinerseies  vor  allem  —  das  ist  beim  Ausbruch  des  Krieges  von  größter  Wichtigkeie
geworden  und  beweist  den  militärischen  Scharfblick,  der  im  belgischen  Generalstab
berrschte  —,  daß  die  Engländer  zwischen  dem  11.  und  12.  Tag  mit  den  belgischen
Truppen  vereinige  sein  müßten.  Für  den  Fall,  daß  diese  Vereinigung  nicht  zustande
  komme,  sieht  Ducarne  einen  schweren  Mißerfolg  voraus.  Barnadiston
versichert  ihn,  daß  zu  diesem  Iwecke  alles  geschehen  werde.  Der  Belgier  überzeugt
den  englischen  Milicärattachk  vom  guten  Willen  des  belgischen  Generalstabs,  die
Angriffsbewegungen  der  Deueschen  soviel  als  irgend  möglich  zu  hemmen.  Die
belgische  Armee  soll  sich  daher  nicht  sofort  nach  Ankwerpen  zurückziehen,  sondern
das  freie  Feld  behaupten,  bis  die  Bereinigung  der  englischen  Truppen  mit  den
belgischen  Streikkräften  erfolgt  ist.  Das  muß  aber  binnen  12  Tager  geschehen  sein.

Bei  den  französischen  Mansvern  des  Jahres  1906  tauschen  Ducarne
und  der  ebenfalls  anwesende  General  Grierson  wieder  ihre  Gedanken  aus,  und
Ducarne  erhäle  dort  die  Versicherung,  daß  die  Reorganisation  der  englischen  Armee
nicht  nur  die  Candung  von  150  000  Mamn  sichere,  sondern  auch  eine  Beschleunigung
  der  Bewegungen  der  englischen  Truppen  zur  Folge  haben  werde.  Im  Jahre
1912  sprechen  die  Engländer  sogar  von  160  000  Mann,  nämlich  6  Infanterie.
        <pb n="401" />
        Zu  den  englischebelgischen  Besprechungen  385

divisionen  und  8  Kavalleriebrigaden,  die  aufs  Fesiland  geworfen  werden  sollen,
und  erklären,  daß  das  Inselreich  trog  dieser  Expedition  durch  genügend  andere
Kräfte  verteidigt  werde.  Alles  sei  bereit.  Als  Landungspunkte  kommen  nunmehr
allem  Anschein  nach  nicht  nur  die  französischen  Häfen,  sondern  auch  die  belgische
Küste  von  Zeebrügge  bis  Ostende  in  Betracht.  Wichtig  ist,  daß  Oberstleutnant
Bridges,  Varnadistons  Nachfolger,  jetzt  auf  den  Einwand  des  Nachfolgers
Oucarnes,  daß  die  Engländer  nicht  ohne  belgische  Einwilligung  in  Belgien  landen
können,  antwortet,  England  würde  anläßlich  der  letzten  Ereignisse  —  es  hanudelte
sich  um  die  Schlußphase  des  Marokkohandels  —  seine  Truppen  auch  ohne  aus.
drückliche  Erlaubnis  der  Belgier  gelandet  haben,  da  die  Belgier  nicht  imstande
gewesen  wären,  den  Durchmarsch  der  Deutschen  zu  verhindern.  Oer
belgische  General  weist  auch  diese  Bemerkung  zurick,  muß  aber  diese  Erklärung  der
Engländer  zu  den  Akten  nehmen  und  hat  zweifellos  auch  erkannt,  daß  sich  dabinter
das  Verlangen  nach  einer  belgischen  Heeresverstärkung  verbarg.

Hier  kommt  uns  ein  Schriftestück  der  „Belgischen  Dokumente“  gut  zu  Hilfe.
Auch  Varon  Beyens,  der  Nachsolger  Greindls,  hat  die  Gefahren  erkannt,  die
aus  diesen  militärischen  Besprechungen  stlossen.  Am  24.  April  1914,  also  lurz
vor  dem  Ausbruch  des  großen  Krieges,  schreibt  er,  wie  aus  Nr.  43  der  „Belgischen
Ookmente“  hervorgeht:

..  Pour  nous,  la  question  la  plus  intéressante  qdue  se  pose  à  I’occasion
de  la  visite  des  Souverains  de  la  Grande-Bretagne  est  celle  de  savoir  si  le
Gouvernement  britannique  serait  aujourd’hui  aussi  enclin  qu'il  y  a  trois
eans  à  se  ranger  du  Cöté  de  la  France,  dans  le  cas  d’un  Conflit  de  cette  derniere
avec  I’Allemagne.  Nous  avons  eu  la  preuve  qu’une  coopération  de  larmée
anglaise  et  Ienvoi  d’un  corps  expéditionnaire  sur  le  continent  avaient
Eté  envisages  por  les  autorités  militaires  des  deux  pays.  En  serait-il  encor9
de  méme  aujourd’hui  et  aurions  nous  toujours  à  Ientrée  en  Belgique  de
soldats  anglais  pour  nous  aider  à  défendre  notre  neutralité  en
commencant  par  la  Ccompromettte?“

Hier  ist  scharfsinnig  ausgeführt,  daß  für  Belgien  die  interessanteste  Frage,  die
anläßlich  des  Besuches  des  englischen  Herrscherpaares  aufzuwerfen  ist,  die  sei,  zu
wissen,  ob  die  britische  Regierung  heute  ebenso  wie  vor  drei  Jahren  geneigt  wäre,
im  Falle  eines  Konfliktes  Frankreichs  mit  Deutschland  an  dessen  Seite  zu  treten.

Beyens  sagt  in  Erinnerung  der  Verhandlungen  Barnadiston-Ducarne  und
Bridges-Jungbluth,  die  also  der  Regierung  und  ihren  Diplomaten  vollständig
vertraut  und  gegenwärtig  waren:  „Wir  hatten  den  Beweis  dafür,  daß  die  Mitwirkung
  der  englischen  Armee  und  die  Entsendung  eines  Expeditions-.
korps  auf  den  Koncinent  von  den  Militärbehörden  beider  Länder  ins  Auge  gefaßt
worden  war.  Würde  es  heute  noch  ebenso  sein  und  müßten  wir  immer  noch  be.
fürchten,  daß  englische  Soldaten  in  Belgien  einmarschieren,  um  uns
in  der  Verteidigung  unserer  Neutralität  dadurch  beizustehen,  daß
sie  diese  von  vornherein  kompromittieren?“

Diese  Fragestellung  weist  auf  die  inzwischen  erfolgte  Anderung  der  militärischen
  Verhälenisse,  nämlich  auf  die  Durchführung  der  belgischen  Heeresreform,
zurück.  Beyens  scheint  der  Hoffnung  Raum  geben  zu  wollen,  daß  dadurch  die
Landung  der  Engländer  in  Belgien  vermieden  werde.  Wir  werden  später  sehen,

Stegemonns  Geschichte  dens  Krieges.  1.  25
        <pb n="402" />
        386  Anhang  zur  militärischen  Lage  Europas

ob  sich  dafür  Anhalespunkte  finden  lassen  und  wo  Englands  eigenstes  Interesse
in  dieser  Frage  lag.

Oie  Besprechungen,  welche  von  englischen  und  belgischen  Militärs  seit  dem
Jahre  1906  gepflogen  worden  waren,  hatten,  wie  die  belgische  Regierung  später
behauptete,  nur  theoretischen  Charakter,  aber  doch  wohl  nur  in  dem  Sinne,  daß
es  sich  einzig  um  eine  gegenseitige  Fühlungnahme  und  Werständigung,  nicht  aber
um  die  Unterfertigung  eines  Vertrages  oder  einer  militärischen  Konvention  handelte.
Sie  waren  auf  Studien  gegründet,  die  zu  einem  völligen  Austousch  militärischer
Gebeimnisse  führten  und  den  belgischen  Generalstab  der  strategischen  Handlungs.
freiheit  beraubeen.  Wenn  man  weiß,  daß  sogar  zwischen  Frankreich  und  England
eine  akademische  Behandlung  einer  allfälligen  militärischen  Kooperation  genügte,
um  spöterhin  den  gemeinsamen  Feldzug  sccherzustellen,  so  darf  man  wohl  sagen,
daß  die  englisch-belgischen  Besprechungen  trotz  des  ihnen  anhaftenden  Mangels
einer  Bindung  nicht  gering  eingeschätt  werden  dürfen.

Allerdings  erhebt  sich  die  Frage,  warum  England  zu  Beginn  des  Krieges
dann  nicht  mit  größeren  Streitkräften  aufterat  und  stakt  in  Zeebrügge  und  Ostende
(vergleiche  Bridges  Dußerung  und  Jungbluehs  Mitteilung)  oder  unter  Verletzung
der  bolländischen  Neutralität  in  Antwerpen  zu  landen,  den  Aufmarsch,  von  den
französischen  Nordhäfen  ausgehend,  bei  Maubeuge  vollzog.  Diese  Frage  ist
sogar  zum  Gegenstand  einer  Anklageschrife  geworden,  die  am  24.  September  1915
in  Faksimile  in  der  amerikanischen  Zeikung  „Evening  Mail“  erschienen  ist.  Der
anonyme  Verfasser  neunt  sich  „Soldat  belge  blessé“  und  wendet  sich  unmittelbar
an  das  englische  Parlamene.  Die  Groschüre  soll  den  Lords  und  den  Gemeinen
auf  den  Tisch  geslogen  sein.  Aus  ihrem  Inhalt  sei  folgendes  angeführt:

„  Depuis  Algésiras  et  I’année  r000,  les  armées  d’Augleterre  et  de
Belgique  s'Etaient  concert#es  au  sujet  d’une  défense  Commune  en  cas  d’une
invasion  allemande  en  Belgique.  Les  états-major  des  deux  armées  avaient
délibéré  sur  les  problemes  et  les  plans  relatifs  à  cette  éventunlité.  On  promit
à  la  Belgique  I’envoi,  à  Anvers,  de  160,000  soldats  anglais,  qui  s'y  joindraient
à  250,  ooo  Belges.  Cbaque  olfeier  anglais  due  j'’ai  rencontré  —  et  j'ai  parlé
beaucoup  d’entre  euf  —  m'a  toujours  dit  qdue  le  corps  expèditionnaire
anglais  Ektait  constamment  prét  à  se  porter  à  Anvers  à  la  premiere  alerte.
Un  ollicier  anglais.  géndral  bien  en  vue.  m’a  dit  que.  dans  le  oours  de  la  première
semaine  apres  la  déclaration  de  la  guerre,  au  moins  100,Ooo  hommes  de  troupes
auglaises  seraicnt  débarqués  sur  nos  quais  et  qdue  le  reste  suivrait  en  quelques
joufs  odu  quelques  heures.  Tout  à  coup  la  crise  se  produisit.  L'ennemi  envabit
la  Belgique.  L’armée  belge  lutta  pour  sa  vie,  pour  la  libertée  de  son  pays,
pour  défendre  les  remparts  des  forts  de  Liege,  de  Jamur  et  d'Anvess.
Pourquoi  w’obtint-elle  aucun  secoums  de  ses  Ccamarades  anglais?  Pourquci
donc  pas  un  seul  de  ses  fameu  régiments  anglais  ne  vint-il  en  Belgiquc  con-Ccourir
  au  moins  à  la  délsense  d'’Anvers?“

Der  WVerfasser  stüct  sich  auf  das  im  englischen  Weißbuch  Nr.  155  veröffenklichte
  Telegramm  Greys  an  Villiers,  worin  die  Weisung  erteilt  ist,  der  belgischen
Regierung;:  .D  il  pressure  is  applied  to  them  by  Germany  to  induce  them  to
depart  from  neutrality  .  .“  zu  sagen,  daß  die  Negierung  Seiner  Mgojestät
des  Königs  sich  Frankreich  und  Rußland  zur  gemeinsamen  Aktion  anschließen
        <pb n="403" />
        Zu  den  englischbelgischen  Besprechungen  387

wurden,  um  der  belgischen  Regierung  die  Unabhängigleit  und  Integrität  ihres
Gebietes  zu  sichern.

Aber:  „Pendant  deux  longs  mois,  Messieurs  les  membres  des  Chambres
des  Lords  et  des  Communs,  mes  vaillants  camarades  ont  arrété  les  masses
allemandes.  Durant  oes  deux  mois,  la  large  voie  fHuviale  d'Anvers  fut  ouverte
aux  vaisseaux  anglais.  Mais  aucun  secoufs  n’arriva  d’'Augleterre.“

Also:  „Le  gouvernement  anglais  n’a  donc  pas  rempli,  vis-dà-vis  de  mon
puys.  sa  promesse  de  nous  seconder  dans  notre  résistance  Contre  I’Allemagne
et  de  nous  préter  immédiatement  son  assistance  armée  contre  Ienvahissement
violent  du  territoire  belge.“

Wir  glauben  nun  diesen  Ausführungen  —  gleichgülig,  wer  sie  niedergeschrieben
hat  und  ohne  innere  Bezugnahme  auf  die  ononyme  Schrift  —  im  Zusammenhang
mit  den  Besprechungen,  welche  die  englischen  und  belgischen  Fachleute  in  den
Jahren  1906  bis  1912  hielten,  eine  gewisse  Beb##eutung  beimessen  zu  können,  obwohl
es  an  Widersprüchen  nicht  fehlt.  Das  Dokument  Ducarne  vom  10.  April  1906
handelt  ausdrücklich  von  der  Unzweckmäßigkeit  einer  Landung  in  Antwerpen,
während  der  unbekannte  verwundete  belgische  Soldat  behauptet,  daß  eine  unmittelbare
  Landung  in  Antwerpen  vorgesehen  gewesen  sei.  Wie  ich  im  Anschluß
an  das  Dokument  Ducarne  nachgewiesen  habe,  handelt  es  sich  hier  um  sehr  wichtige
militärische  Einzelheiten,  und  es  ist  wohl  möglich,  daß  in  den  Jahren  1906  bis  1914
noch  Besprechungen  zwischen  belgischen,  englischen  und  französischen  Militärs
stattgefunden  haben,  welche  die  Pläne  in  anderer  Richtung  festlegten,  uns  aber
unbekannt  geblieben  sind.  Keineswegs  aber  machen  wir  uns  die  Anklage  des
Belgiers  im  vollen  Sinne  zu  eigen.  Ist  es  nichte  auffällig,  daß  die  englischen  Militärs
so  unverhohlen  mit  einer  Landung  englischer  Truppen  auf  belgisch--neutralem
Boden  rechnen,  den  belgischen  Vertretern  gegenüber  sogar  unmittelbar  damit
drohen  konnten?  Wie  wäre  es,  wenn  zwischen  diesem  Druck  und  der  mangelhaften
belgischen  Wehrkraft  ein  gewisser  Zusammenhang  bestünder

Wohl  waren  die  belgischen  Festungen  gut  imstande  und  dienten  der  Deckung
der  belgischen  Ostgrenze  und  damit  auch  einer  Verlängerung  der  französischen
Frontk,  das  belgische  Feldheer  aber  war  viel  zu  schwach,  um  eine  aktive  Rolle  zu
spielen.  Solange  nicht  ein  starkes  belgisches  Heer  zwischen  Lüttich  und  Antwerpen
stand,  konnte  der  deutsche  Feldzugsplan  mit  einem  Durchbruch  durch  Belgien
selbst  dann  rechnen,  wenn  Hüttich  nicht  im  gewaltsamen  Angriff  genommen  werden
konnee,  sondern  von  einem  zurückgelassenen  Heeresteil  belagert  werden  mußte.
Es  kam  also  für  die  Westmächte  alles  darauf  an,  in  Nordbelgien  eine  Flankenstellung
  einzurichten,  welche  diesen  Durchbruch  unmöglich  machte,  und  da  das
lleine  belgische  Heer,  dessen  geringe  Kadres  keine  rasche  Auffüllung  gestatteten,
dazu  nicht  imstande  war,  so  sahen  sich  die  Engländer  von  selbst  genötigt,  in  diese
Flakenstellung  einzurücken.  Sie  waren  aber  weit  davon  entfernt,  das  gern  zu
tun,  und  bemühten  sich  daher,  einen  Druck  auf  die  belgische  Regierung  ouszuüben,
um  diese  zu  veranlassen,  den  Vortrite  zu  nehmen  und  durch  eine  Heeresreform
für  die  Bereitskellung  einer  Felderuppe  von  mindestens  300  000  Mann  zu  sorgen.

Die  Besprechungen  der  englischen  und  belgischen  Militärs  nahmen  bis  zum
Sahre  1912,  wie  wir  aus  den  Dokumenten  Ducarnes  und  Jungbluths  wissen,  einen
immer  entschiedeneren  Charakter  an.  Immer  stärker  drückt  der  englische  Generalstab
        <pb n="404" />
        388  Anhang  zur  militärischen  Lage  Europas

darauf,  daß  England  genötigt  sei,  in  Belgien  zu  landen  —  auch  ohne  die  Er.
laubnis  der  belgischen  Regierung  —  um  einen  Durchbruch  des  deurschen  Heeres  zu
verhindern,  und  weist  ausdrücklich  darauf  hin,  daß  die  belgische  Heeresmacht
nicht  imstande  sei,  dieser  Aufgabe  gerecht  zu  werden.  Aus  diesen  Besprechungen
und  aus  dem  damit  verbundenen  Gedankenaustausch  erwächst  dann  bezeichnender.
weise  gewissermaßen  ein  Versprechen  Englands,  mit  160  000  Mann  in  die  Lücke
zu  treten.  Zählen  wir  das  belgische  Heer  mit  den  tatsächlich  vorhanden  gewesenen
120  000  Mann  zu  diesen  160  000  Engländern  binzu,  so  kommen  wir  auf  eine
Gesamtstärke  von  280  000  Mann,  also  auf  ein  Heer,  das  wohl  imstande  war,
zwischen  Antwerpen  und  Lüttich  eine  Flankenstellung  einzunehmen,  an  der  nicht
vorbeigegangen  werden  konnte.

Offenbar  sind  die  von  England  ausgeübten  Druckmittel,  die  in  diesen  Be.
sprechungen  sichtbar  werden,  von  Den  belgischen  Fachleuten  und  der  belgischen
Regierung  als  solche  sehr  wohl  erkahnt  worden,  und  es  ist  gestattet,  aus  dem  Dokument
  Greindl  den  Schluß  zu  ziehen,  daß  die  belgische  Regierung  sich  auch  der
Gefahr  der  milikärischen  Lage  bewußt  war.  Sie  vermochte  jedoch  nicht,  sich  der
englischen  Einkreisungspolitik  zu  entziehen,  bielt  die  Entente  für  die  stärkere  Partei
und  versuchee  nur,  sich  den  einseitig  orientierten  Verhältnissen  so  anzupassen,  daß
ste  nicht  vollständig  im  englisch-französischen  Konzern  unterging.  Als  Belgien
im  Jahre  1912  zu  einer  allgemeinen  Heeresreform  schrite,  zog  es  die  Folgerungen
  aus  der  allgemeinen  Lage  und  gedachte  sich  zugleich  dadurch  des  ihm  auferlegten
  Zwangs  zu  entledigen.  Vielleicht  spielt  Beyens  Schreiben  vom  24.  April
1914  auf  diese  Dinge  an.

Aus  den  belgischen  Kammerverhandlungen  Über  das  Wehrgeseg  geht  deutlich
bervor,  daß  die  Regierung  nicht  frei  handelte,  als  sie  diese  Vorlage  einbrachte.
Kriegsminister  de  Broqueville  erklärte:

„Nous  avons,  en  effet,  été  officieusement  avisés  de  certaines  intentions,  et
Vest  alors  que  nous  nous  sommes  dit  qu’il  fallait  accroftre,  dans  les  propositions
nécessaires,  l’armée  belge,  afin  que  tout  le  territoire  füt  effcacement  déleudu.“

Unter  diesen  gewissen  Absichten  (certaines  intentions)  verstand  man  in  der
Offenelichkeit  wohl  nur  eine  Anspielung  auf  die  Möglichkeit  eines  deutschen
Durchbruches  durch  das  neutrale  Land.  Betrachtet  man  jedoch  die  Verhandlungen
  aus  der  Rückschau,  so  läße  sich  der  Gedanke  nicht  abweisen,  daß  dadurch  auch
eben  jene  bekannten  Besprechungen  getroffen  werden,  welche  der  englische  Generalstab
  herbeigeführt  hatte  und  die  auf  den  Eneschluß  der  belgischen  Regierung  ohne
Iweifel  von  Einfluß  waren.  Wirft  doch  die  weitere  Erklärung  de  Broquevilles,
daß  die  belgische  Armee  sich  nach  dem  Verkeidigungsplane  im  Raume  nördlich
der  Maas,  also  im  Dreieck  Lüttich—  Ramur—Antwerpen,  versammeln
sollte,  und  daß  sie  nach  vollzogenem  Aufmarsch  über  die  Linie  Lüteich—  Namur
gegen  Süden  vorstoßen  werde,  ein  helles  Licht  auf  den  Operationsplan,  der  der
belgischen  Armee  deutlich  eine  Flankenbewegung  als  Aufgabe  stellte.  Dieser
DPlan  hatee  also  eine  gemeinsame  Keiegshandlung  der  französsischen  und  belgischen
Streitmächte  zur  Voraussehyung.  An  die  Erklärung  Broauevilles  knühpfte  sich
eine  lebhafte  Debatte,  da  die  Vertreter  der  südlich  der  Maas  gelegenen  Provinzen
sich  gegen  diese  militärische  Hreisgabe  ihrer  Wahlkreise  auflehnten.  Der  Minisler
war  nakürlich  nicht  in  der  Lage,  ihnen  vor  der  Offentlichkeit  zu  sagen,  daß  diese
        <pb n="405" />
        Zu  den  englischebelgischen  Besprechungen  389

Aufstellung  der  belgischen  Armee  durch  das  Zusammengehen  mit  der  englischfranzösischen
  begründet  werde,  und  versuchte  die  aufgeregten  Gemüter  durch  be.
schwichtigende  Hinweise  auf  das  starke  Lüttcich  und  durch  das  WVersprechen,  nach
Arlon  und  Verviers  Garnisonen  zu  legen,  zu  beruhigen.

Die  Heeresreform  sollte  das  belgische  Heer  auf  eine  Stärle  von  rund  300  000
Mam  bringen.  Sie  wird  angenommen.  Damit  fiel  für  England  die  Notwendigkeit
  weg,  sein  gesamtes  Feldheer  bei  Antwerpen  oder  Zee.
brügge  einzusegen,  da  nun  ja  die  belgische  Armce  dieser  Aufgabe  gewachsen
war.  Vielleicht  besaß  man  in  England  auch  nicht  genügenden  militärischen  Scharfblick,
  um  zu  erkennen,  daß  die  Ourchführung  dieser  Heeresreform  im  Sommer  1914
noch  in  den  Anfängen  stak,  und  wurde  peinlich  überrasche,  als  man  erkannte,  daß
Velgien  troh  der  Einführung  der  Reform  nur  120  000  Mann  ins  Feld  stellte.
Diese  Erkenntnis  mag  aber  zu  spät  gereift  sein,  um  den  englischen  Generalstab  zu
veranlassen,  auf  eine  Landung  in  Ostende  oder  Antwerpen  zurückzukommen,  die
natürlich  nicht  im  englischen  Interesse  lag,  wenn  die  Belgier  allein  imstande  waren,
dem  deutschen  Ansturm  zu  begegnen.  Besegte  die  belgische  Armee  die  ihr  im
allgemeinen  Kriegsplan  zugedachte  Flankenstellung  mit  genügenden  Kräften,  so
konnte  England  seine  Kräfte  schonen  und  sein  Heer  bei  Maubeuge  als  zweites
Treffen  aufmarschieren  lassen,  wie  dies  tarsächlich  geschehen  ist.  Daß  die  Engländer
dann  doch  den  ersten  und  stärksten  Stoß  auszuhalten  hatten,  war  nicht  ihre  Schuld.

Wäre  der  Krieg  nicht  1914,  sondern  im  Jahre  1917  ausgebrochen,  so  hätte
Belgien  zweifellos  250  000  Mann  unter  den  Waffen  gehabt  und  die  ihm  zugedachte,
um  nicht  zu  sagen  aufsgenseigte,  Rolle  im  Felde  mit  größerem  Erfolg  spielen
können  als  im  August  1914,  wo  es,  von  den  Engländern  im  Stich  gelassen  und  von
den  Franzosen  nicht  rechtzeitig  unterstützt,  der  deutschen  Heeresmacht  binnen
sieben  Tagen  (13.  bis  20.  August)  erlag  und  sich  in  Antwerpen  einschloß,  was
Generalstabschef  Ducarne  schon  im  Jahre  1906  als  unzweckmäßig  bezeichnet  hat.
(Siehe  Dokument  Oucarne.)

Kein  Wunder,  daß  die  Belgier  sich  bitter  darüber  beklagten,  von  den  Engländern
  und  Franzosen  im  Stiche  gelassen  worden  zu  sein.  Das  geht  deutlich  aus
der  Veröffentlichung  „Lacampagne  de  l’armte  belge“  hervor,  die,  nach  offiziellen
Dokumenten  bearbeitet,  im  Verlag  von  Bloud  &amp;amp;  Gay  in  Paris  (1915)  erschienen
ist.  Wiederholt  wird  darin  auf  das  Ausbleiben  der  zugesagten  Unterstücung  durch
englische  und  französische  Druppen  hingewiesen.  Statt  dieser  mußten  sich  die  Belgier
in  der  Tat  mit  Lobsprüchen  begnügen,  die  ihnen  von  englischer  und  französischer
Seite  gespendet  wurden.

In  der  belgischen  Feldzugschronik  heißte  es  nach  der  Schilderung  des  Gefechtes
an  der  Gette:  „Auf  unserem  recheen  Flügel  war  die  Fühlung  mit  den  verbündeten
Kräften  nicht  hergestellt.  Die  englische  Armee  erreichte  nur  Maubeuge.“  Und
auf  Seite  54  wird  gesagt:  „Mais  „I’admirable  eflort  des  Belges“  (cl.  Communiqué
  oflbciel  krançais  de  25  Aoüt)  Cmerveilla  le  monde,  et  la  nation  anglaise,
Par  la  voix  de  son  premier  ministre,  exprima  sa  berté  de  leur  alliance  et  de
leur  amitié.“  (Discours  de  M.  Asquith.  Ile  25  Acüt,  à  lachambre  des  communes.)

Die  Werteidigung  Belgiens  durch  die  Belgier  hat  nach  Maßgabe  der
vorhandenen  Mittel  nichts  zu  wünschen  gelassen,  ihr  Wille  war  durch  das
Vertrauen  auf  die  Westmächte  gestärkt  worden.
        <pb n="406" />
        390  Auhang  zur  militärischen  Lage  Europas

Oer  belgische  Gesandte  im  Haag,  Barou  Fallon,  schreibt  nach  dem  Falle
Lüceichs  am  9.  August  aus  dem  Haag  an  Davignon  (Graubuch  Nr.  60):

Der  Minister  des  Dußern  hat  mich  gebeten,  Ihnen  die  nachfolgende  Mir.
teilung  zukommen  zu  lassen,  weil  der  amerikanische  Gesandte  in  Brüssel  es  ablehnt.

„Die  Festung  Lüttich  ist  nach  klapferer  Gegenwehr  im  Sturm  genommen
worden.  Die  deutsche  Regierung  bedauerk  es  auf  das  tiesste,  daß  es  infolge  der
Stellungnahme  der  belgischen  Regierung  gegen  Deutschland  zu  blutigen  Zusammenstößen
  gekommen  ist.  Deutschland  kommt  nicht  als  Feind  nach  Belgien.
Nur  unter  dem  ZJwang  der  Verhälenisse  hat  es  angesiches  der  militärischen  Maß.
nahmen  Frankreichs  den  schweren  Entschluß  fassen  müssen,  in  Belgien  einzurücken
und  Lüttich  als  Stütpunkt  für  seine  weiteren  militärischen  Operationen  besetzen
zu  milssen.  Nachdem  die  belgische  Armee  in  heldenmütigem  Widerstand  gegen
die  große  Aberlegenheit  ihre  Waffenehre  auf  das  glänzendste  gewahrt  hat,  bittet
die  deutsche  Regierung  Seine  Majestät  den  König  und  die  belgische  Regierung,
Belgien  die  weiteren  Schrecken  des  Krieges  zu  ersparen.  Die  deutsche  Negierung
ist  zu  jedem  Abkommen  mit  Belgien  bereik,  das  sich  irgendwie  mit  Rücksicht  auf
seine  Auseinandersehzung  mit  Frankreich  vereinigen  läßt.  Deutschland  versichert
nochmals  feierlichst,  daß  es  nicht  von  der  Absicht  geleitet  gewesen  ist,  sich  belgisches
Gebiek  anzueignen,  und  daß  ihm  diese  Absiche  durchaus  fernliegt.  Deutschland  ist
noch  immer  bereik,  das  belgische  Königreich  unverzüglich  zu  räunen,  sobald  die
Kriegslage  es  ihm  gestattet.“

Der  amerilanische  Botschafter  hatte  seinen  Kollegen  gebeten,  sich  mit  diesem
Vermittlungsversuch  zu  befassen.  Der  Minister  des  Dußern  hat  diesen  Auftrag
ohne  Begeisterung  übernommen.  Ich  habe  ihn  ihm  zu  Gefallen  übernommen.

Die  Antwort  darauf  wurde  den  Mächten  zuerst  unterbreitet  und  nach  deren
Zustimmung  Deutschland  Übergeben.  Die  am  12.  August  ergangene  Antwort
Daoignons  an  Baron  Fallon  lautek  nach  Nr.  71  des  Graubuches:

„Wollen  Sie  folgendes  Telegramm  dem  Minister  des  Außern  übermitteln:

Der  Worschlag,  den  uns  die  deutsche  Negierung  macht,  wiederbolt  den  im
Ultimatum  vom  2.  August  formulierten  Vorschlag.  In  getreuer  Erflllung  seiner
internationalen  Pflichten  kann  Belgien  nur  seine  Ancwork  auf  dieses  Altimatum
wiederholen,  um  so  mehr,  als  seit  dem  3.  August  seine  Neutralität  verletzt  und
ein  schmerzlicher  Krieg  auf  sein  Gebiet  getragen  wurde  und  die  Bürgen  seiner
Neutralität  pflichegetreu  und  unverzüglich  seinem  Appell  Folge  geleistet  haben.“

England  und  Frankreich  hatten  dem  Appell  Folge  geleistek,  aber  recht.
zeitige  militärische  Hilfe  nicht  verbürgen  können.
        <pb n="407" />
        Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

Von  Hermann  Stegemann
(Erschienen  im  Verner  „Bund“)

Erste  Folge:  10.  August  bis  16.  September  1914
        <pb n="408" />
        <pb n="409" />
        Vorbemerkung

Es  schien  angebracht,  eine  Reihe  von  Auszügen  aus  den  Betrachtungen
zur  Kriegslage  des  „Bund“  in  das  Werk  über  den  europäischen  Krieg  auf.
zunehmen,  da  damit  einem  lebhaft  geäußerten  Wunsche  der  Leser  des  Blattes
entsprochen  und  zugleich  eine  Bergleichung  zwischen  diesen  Betrachtungen
und  dem  Werke  selbst  ermöglicht  wird.  Außerdem  dient  die  Wiedergabe
der  Auffrischung  der  Erinnerungen  und  seht  den  Leser  des  Werkes  instand,
sich  über  die  gleichzeicig  wirkenden  Ereignisse  Rechenschaft  zu  geben  und  den
Krieg  gewissermaßen  im  Ouerschnitt  des  täglichen  geschichtlichen  Ge.
schebens  zu  seben.

Um  Daum  zu  sparen,  wurden  alle  schildernden  und  erklärenden  Ausfübrungen
  beiseite  gelassen,  auch  auf  Artikel  verzichtet,  die  eine  bestimmte
Periode  zusammenfaßten  oder  eine  einzelne  taktische  Handlung  auf  Grund
später  zugänglich  gewordener  Mitteilungen  ausmalten.  Es  ist  vielmehr
Wert  darauf  gelegt  worden,  das  strategische  Gerippe  darzubieten,  die
Analyse  und  die  Voraussagen  aufzubewahren  und  dadurch  einen  Einblick
in  die  kritische  Täcigkeit  zu  gewähren,  die  im  Augenblick  des  Eintreffens
der  Kriegsnachrichten  gelibt  werden  mußte  und  oft  zu  richtigen,  zuweilen
zu  falschen  Schlüssen  geführt  hat.  Die  Betrachtungen  sind  meist  am  Tage
vor  der  Veröffentlichung  im  „Bund“  geschrieben  worden,  und  zwar  die
im  Morgenblatt  erschienenen  am  Nachmittag,  die  im  Abendblatt  erschienenen
in  der  Nacht  vorher.

Die  Untertitel  sind  hier  ebenfalls  weggelassen  worden,  um  Raum  zu
sparen,  das  Wegfallen  größerer  Abschnitte  ist  durch  Punkeierung  kenntlich
gemacht.  Erläuternd  sei  beigefligt,  daß  die  Terminologie  vielfach  erst  geschaffen
  werden  mußte.  ODabei  bleibt  festzuhalten,  daß  der  Begriff  der
Entscheidung,  der  so  oft  wiederkehrt,  nicht  mit  Beendigung  verwechselt
werden  darf,  sondern  daß  damit  l(ediglich  eine  taktische  oder  strategische
Entscheidung,  das  heißt  eine  durch  Schlacht  oder  Bewegung  herbeigeführte
Neubildung  der  Lage  gekennzeichnet  wird,  die  den  einzelnen  Feldzug  oder
unter  Umständen  die  verschiedenen,  eine  strategische  Einheit  bildenden  Feldzüge,
  im  weitesten  Amfang  aber  den  Krieg  in  einer  bestimmten  NRichtung
festlegt.  Der  Text  ist  unverändert  gelassen  worden,  nur  an  einer  Stelle
wurde  ein  offenbares  Verseben  verbessert  und  im  allgemeinen  Oruck.
und  Schreibfehler  beiseite  geräumt  und  sinngemäß  und  dem  neuen  Zweck
entsprechend  durch  Unterstreichungen  auf  das  Herausheben  der  wichtigen
Momente  hingewirkt.

H.  St.
        <pb n="410" />
        394  Aus  den  Betrachtungen  zur  Krlegslage

10.  August  1914.  Nr.  370  (Morgenblatt).

Seit  den  Kriegserklärungen  der  Mächte  sind  knapp  acht  Tage  vergangen.
Die  Mobilmachungen  können  in  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn,  wahr.
scheinlich  auch  in  Franlreich  als  beendet  angesehen  werden.  Die  englische  Mobilmachung
  ist  zur  See  zweifellos  in  der  Hauptsache  abgeschlossen,  das  Landheer
wird  damit  noch  nicht  fertig  sein.  Die  russische  Mobilmachung  kann  trotz  des
Vorsprunges  an  Zeit  erst  zum  Teil  durchgeführt  sein.  Das  Wortreiben  von  größeren
russischen  Kavalleriekörpern  kann  darin  nicht  irremachen.

Alles,  was  bis  jetzt  geschieht  und  geschehen  ist,  sind  Berührungen  der  Vortruppen,
  die  den  eigentlichen  Aufmarsch  verschleiern  oder,  wenn's  glückt,  behindern
sollen.  Das  ist  an  der  russischen  Grenze  zu  Ungunsten  der  Russen  geschehen  und
erfolgt  jetzt  an  der  elsässischen  Grenze  mit  beidseitig  wechselndem  Erfolg.

Der  WVorstoß  nach  Belgien  und  Luxemburg  ist  von  den  Deutschen  mit  mobilen
Teilen  des  VII.  Armeekorps  gegen  Lüttich  und  Teilen  des  VIII.  Armeekorps
gegen  Luxemburg  erfolgt.  Das  erklärt  auch  die  Eroberung  Lübtichs  durch
einen  gewaltsamen  Angriff;  im  allgemeinen  wird  eine  moderne,  mit  Fortks  aus.
gerüstete  Festung  erst  durch  regelrechte  Belagerung  mit  Hilfe  schwersten  Geschüces
genommen.  Daß  eine  deutsche  Armee  von  100  000  Mann  die  Operationen  auf
Lüceich  ausgeführt  habe,  balten  wir  für  unglaubwürdig

Die  französische  Armee  vollzieht  ihre  Sammlung  in  den  großen  Lagern
von  Chälons,  Reims  und  an  der  französischen  Maaslinie.  Die  erste  Sperrlinie
der  französischen  Verteidigung,  die  von  Belfort  über  Remiremont,  Epinal,
Lunkville  an  der  Mosellinie  nach  Norden  direkt  vor  Meh  führt,  wurde  schon  im
Frieden  von  mobilen  Truppenteilen  kriegsmäßig  besetze  gehalten.  Sie  ist  auch
bis  jegt  noch  an  keiner  Stelle  berührt  oder  durchbrochen  worden.  Oie  deutscher.
seits  gemeldete  Besecung  von  Briey  bei  Meg  hat  darauf  kaum  Einfluß.  Dagegen
scheinen  die  Franzosen  jeht  vor  Belfort  die  vorgetriebenen  deutschen  Patrouillen
zurückgedrängt  und  selbst  gegen  Altkirch  durch  die  Trouéèe  de  Belfort  auf  Mül.
hausen  Naum  gewomnen  zu  haben.  Ob  Mülhausen  von  ihnen  beseht  und  gehalten
werden  konmte,  bleibt  unentschieden,  da  sich  die  Nachrichten  widersprechen.  Französische
  Quellen  behaupten,  die  Besetzung  von  Mülhausen  sei  vollzogen.  Von
einem  Vormarsch  mit  versammelten  Kräften  zur  Schlacht  kann  aber  beiderseits
nicht  die  Rede  sein.

10.  Auguse  1914.  Nr.  371  (Abendblatt).

Die  von  Belfort  vorgegangenen  französischen  Truppen  haben  Mülhausen
im  Elsaß  erreicht  und  allem  Anschein  nach  besegen  und  halten  können.

Der  Vormarsch  der  Franzosen  vollzog  sich,  unter  Jurücktreiben  der  bis  unter
die  Fores  von  Belfort  schwärmenden  deutschen  Kavallerie,  durch  die  bekannte
Trouêe  de  Belfort,  die  Mulde,  welche  die  Vogesen  und  den  hier  weit  auf  deutsches
Gebiet  verlaufenden  Jura  scheidet  ...  Das  Geseche  von  Altkirch  ist  von  den
Deueschen  offenbar  zur  Werzögerung  des  französischen  Vormarsches  geliefert
worden.  Die  Franzosen  werden  nun  ungehindert  in  die  elsässische  Rheinebene
  heraustreten  können.  Die  Frage  ist  nur:  was  dann?

Jenseies  des  Q#heins,  vielen  Stellen  nur  wenige  Kilometer  zurücktretend,
an  anderen  hart  am  Strom,  erheben  sich  auf  den  BVorbergen  des  badischen  Schwarz-
        <pb n="411" />
        10.  und  11.  August  1914,  395

waldes  die  großen  modernen  Befestigungen,  deren  Zentralpunkt  der  Isteiner  Klog
bildet.  Die  Garnison  von  Mülhausen  soll  nördlich  abgezogen  sein.  Dort  liegt
jenseits  des  Hardtwaldes  Kolmar,  das  von  Gerardmer  her,  wie  man  sich  erinnert,
durch  die  ins  dortige  Münstertal  vordringenden  Franzosen  bedroht  erschien.
Ostlich  von  Kolmar  am  Rhein  liegt  aber  die  Feste  Neubreisach  und  auf  badischem
Ufer  das  befestigte  Lager  Altbreisach.  Hier  und  in  dem  nahen  Freiburg  stehen
storke  Truppen.

Man  kann  sich  daher  des  Gedankens  nicht  erwehren,  daß  den  Franzosen  der
Einbruch  nach  Mülhausen  mit  Absicht  leicht  gemache  worden  ist.  In  Paris  wird
der  Einzug  in  Mülhausen  indes  wohl  seinen  moralischen  Effekt  getan  haben.  Ob
sich  ibm  ein  militärischer  von  Bedeukung  für  den  Verlauf  des  Feldzuges  anschließt,
müssen  die  nächseen  Tage  zeigen.

11.  August  1914.  Nr.  372  (Morgenblatt).

Die  Nachrichten,  die  von  Daris  und  aus  dem  Elsaß  einlaufen,  bestätigen
unsere  Auffassung,  daß  der  Einmarsch  der  Franzosen  ins  Oberelsaß,  wenn  nicht
direkt  auf  einen  moralischen  Effekt  berechnet,  diesen  jedenfalls  in  ungeahntem
Maße  in  Paris  hervorgebracht  hat.  Das  geht  aus  den  Kundgebungen  des  Gene.
ralissimus  Joffre  an  die  Elsässer  und  aus  dem  Dank  der  französischen  Regierung
an  den  General  hervor.  Wir  fürchten,  daß  die  militärischen  Rücksichten
dabei  sehr  hintangesetzt  worden  sind.  Da  die  Werluste  der  Franzosen  im  Gefecht
bei  Altlirch  100  Mann  nicht  übersteigen  sollen,  so  läße  sich  auch  daraus  auf  die
geringe  Bedeutung  dieses  Treffens  schließen.

Die  Franzosen  halten  also  jetzt  das  von  den  deutschen  Garnisonen  offenbar
ganz  geräumte  Oberelsaß  von  Mülhausen  bis  Ensisheim,  eiwa  20  Kilometer
nördlich,  beseyzt.  Dagegen  scheinen  an  der  Schweizer  Grenze  bei  WBasel  vor  St.  Lud.
wig  und  Hüningen,  dem  Brückenlopf  gegenüber  den  Befestigungen  von  Istein—
Tüllingen,  noch  keine  französischen  Truppen  aufgetaucht  zu  sein.

Wie  Milhausen,  so  ist  auch  Kolmar  von  den  Deutschen  geräumt.  Es  ist
daber  jett  auch  der  französische  Vormarsch  vom  Schluchtpaß  durch  das  Münster.
tal  auf  Kolmar  zu  erwarten.  Auch  der  nächstnördliche  Vogesenübergang,  der
slogenannte  „Bonhomme“,  der  ins  Kaiserbergertal  hinunterführt,  wird  als  von
den  Franzosen  besetzt  gemeldet

11.  August  1914.  Nr.  373  (Abendblatt).

Schneller  als  man  vielleiche  annehmen  konnte,  ist  der  französische  Vorstoß
im  Sundgau  zum  Stehen  gebracht  worden.  Wie  von  verschiedenen  Seiten  ein.
gelaufene  Berichte  übereinstimmend  melden,  seien  die  Franzosen  in  einem  Treffen
südlich  von  Mülhausen  geschlagen  und  zum  Qückzug  genötigt  worden.

Die  Bedeutung  dieser  Kriegshandlung  läßt  sich  aber  noch  in  keiner  Weeise
abschägen.  Solange  wir  nicht  wissen,  wie  stark  die  beidseicig  beteiligten  Kräfte
waren  und  ob  der  Rückzug  auf  den  für  diesen  Fall  vorgesehenen  Linien  erfolgen
konnte,  oder  ob  die  französischen  Truppen  von  diesen  abgebrängt  und  aufgelöst
wurden,  läßt  sich  ein  Kommentar  zu  diesem  Gefecht  nicht  geben

Lberraschend  komme  die  Affäre  nicht,  man  hat  vorausgesehen,  daß  es  so
kommen  würde,  und  sich  über  das  flotte,  aber  im  militärischen  Endzweck  unklare
        <pb n="412" />
        396  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

Vorgehen  der  Franzosen  gewundert.  Ob  die  von  Havas  nördlich  von  Mülhausen
bei  Sennheim  und  Ensisheim  gemeldeten  französischen  Truppenteile  an  dem
Gesecht  beteiligt  waren,  bleibt  ungewiß.  Jedenfalls  stehen  sie  jetzt  in  der  Luft  und
werden  sich  schleunigst  einer  Umfassung  entziehen  müssen.

Klar  ist  indessen,  daß  man  deutscherseits  im  Oberelsaß  auf  planmäßige  Oesensive
  ausgeht,  die  von  den  Isteiner  Befestigungen  ihren  unerschütterlichen  Rückhalt
empfängt  und  die  elsässische  Ebene  als  Glacis  betrachtet,  das  mit  kräftigen  Offensiv.
stößen  aus  der  Deckung  immer  wieder  freigemacht  wird.  Zu  diesem  Zweck  ist  das
Gelände  durch  Schaffung  freien  Schußfeldes  vorbereitet  worden.  Ob  mun  die
Franzosen  nach  ihrem  ersten  Mißerfolg  mit  verstärkten  Kräften  durch  die  Trouée
de  Belfort  und  über  die  Vogesenpässe  nochmals  vorgehen,  um  bier  doch  noch
größere  Erfolge  zu  suchen,  oder  ob  die  Deutschen  späterhin  aus  der  Verteidigung
zum  durchgeführten  Angriff  über  den  Rhein  vorbrechen,  bleibt  abzuwarten.

In  lehter  Stunde  eingehende  Nachrichten  besagen,  daß  die  bei  Mül.
hausen  engagierten  französischen  Truppen  über  ein  Armeekorps  stark  gewesen
seien.  Dann  wären  also  auf  beiden  Seiten  bedeutende  Kräfte  im  Spiel  gewesen.

Der  vom  Isteiner  Klog  her  artilleristisch  eingeleitete  und  unterstüczte  deutsche
Gegenstoß  ging  bis  Altkirch.  Geworfen,  gingen  die  Franzosen  über  Alttirch
und  Dammerlirch  bis  Belfort  zurück;  sie  konnten  also  einer  Umfassung  ausweichen,
sind  aber  auf  diesem  Rückzug  ständig  verfolgt  worden,  so  daß  die  letzten  Gefechte
bei  Dammerkirch  gespielt  haben  sollen.

12.  August  1914.  Nr.  374  (Morgenblatt).

Bis  heute  haben,  abgesehen  von  der  unter  Durchbrechung  der  belgischen
Neutralität  auf  Lüctich  abzielenden  Operationen  der  Deutschen  nur  mehr  oder
minder  heftige  Berührungen  der  Grenz=  und  Deckungs  ruppen  im
Osten  und  Westen  des  riesenhaft  weitgespannten  Kriegstheaters  stategefunden.

Im  allgemeinen  kann  man  sagen,  daß  wir  jetzt  dem  Aufmarsch  der  Millionenbeere
  beiwohnen  und  daß  dieser  in  kürzester  Frist  vollendet  sein  wird,  wenigstens
auf  dem  westlichen  Kriegsschauplag,  wo  die  Deutschen  mit  Franzosen,  Belgiern
und  Engländern  zusammenprallen  werden.  Nach  den  Kriegsschauplätzen  verteilt,
ergeben  sich  bis  heute  folgende  Resultate:

Deutsche  Vortruppen,  bestehend  aus  Teilen  des  VII.  und  X.  Armeekorps,  unter
dem  Oberbefehl  des  Generals  v.  Emmich  haben  sich  des  feslen  Platzes  Lübtich,
durch  die  Iwischenräume  der  Forts  eindringend,  nach  36stündigem  Kampfe  mit
stürmender  Hand  bemächtigt.  Dadurch  ist  die  Stadt  Lüteich  mit  200  000  Einwohnern
  und  reichen  Hilfsmitcteln  in  deutsche  Hände  gefallen,  und  es  sind  ihre
auf  die  Sperrung  der  Maaslinie  berechneten  modernen  Panzerforts,  welche  den
Dlag  in  einem  Abstande  von  7  bis  9  Kilometern  umgeben,  flanliert  und  zum  Teil
zur  Kapitulation  genötigt  worden.  Einige  von  ihnen  halten  indes  heute  noch  stand,
und  es  wird  wohl  statt  der  Feldgeschltze  schwerer  Belagerungsartillerie  bedürfen,
um  sie  zu  nehmen.  Es  war  ein  milicärischer  Vorgang  ohne  Beispiel,  dieser  Einbruch
in  eine  nach  modernen  Prinzipien  erbaute  Festung,  und  er  konnte  wohl  nur  auch
unter  besonderen  Umständen  gelingen.  Eine  französische  Festung  auf  diese  Weise
zu  berennen,  wäre  Wahnsinm,  ist  doch  schon  1870  ein  ähnlicher  Handstreich  auf  die
kleinere  Festung  Thionville  (Diedenhofen)  mißlungen.  D#ber  Hbüttich  binausge-
        <pb n="413" />
        12.  und  13.  August  1914  397

kommen,  maasaufwärts  in  der  Richtung  Namur,  sind  die  Deutschen  noch  nicht.
Man  kann  also  von  einem  Stillstand  und  einer  Hemmung  der  deutschen  Ope.
rationen  in  Belgien  sprechen,  wenn  der  deutsche  Feldzugsplan  einen  Vormarsch
die  Maas  aufwärts  oder  von  Namur  das  Sambretal  aufwärts  nach  Nordsrankreich
vorsiteht

Der  zweite  Brennpunkt  auf  dem  westlichen  Kriegsschauplah  ist  bei  Meß
und  Luxremburg  zu  suchen.  Hier  haben,  abgesehen  von  der  Besehung  Luxemburgs
durch  Teile  des  VIII.  deutschen  Armeekorps,  nur  Berührung  der  Vortruppen
vor  und  bei  Meg  stattgefunden.  Was  an  Deutschen  in  Lothringen  und  an  der
luremburgisch-preußischen  Südgrenze  schon  aufmarschiert  steht,  wissen  wir  ebensowenig,
  wie  wir  über  die  Gruppierung  und  die  Absichten  der  ihnen  an  der  französischen
  Mosel-  und  Maaslinie  gegenüberstehenden  französischen  Armee  unterrichtet
  sind.  Es  sei  aber  heute  schon  das  Augenmerk  auf  diesen  Teil  des  Kriegs.
schauplages  gelenkt.  Wenn  wir  hier  von  Schlägen  hören,  werden  sie  von  unmnittelbarer
  Bedeutung  für  Anlage  und  Verlauf  des  ganzen  Feldzuges  sein.

Die  französische  Nordverteidigung  ist  inzwischen  durch  den  deutschen  Vormarsch
  auf  Lüttich  ebenfalls  offensiv  in  Bewegung  gekommen  und  hat  durch  das
Sambre-  und  das  Maastal  bereits  Raum  in  Belgien  gewonnen,  um  Namur  zu
erreichen  und  womöglich  auf  Lüttich,  besonders  von  Südwesten  her  durch  das  Tal
der  Ourthe,  vorzuskoßen.  Inwiefern  es  sich  um  einen  Vorskoß  mit  versammelten
Keäften  handelt  und  ob  dieser  die  Deueschen  (triffeé,  ehe  sie  neuerdings  zur  Offensive
befähigt  sind  oder  sich  zur  Defensive  eingerichtet  haben,  das  werden  die  nächsten
Tage  lehren.  Beigefügt  sei  hier  noch,  daß  die  mobilen  belgischen  Sereitkkräfte
mit  den  Franzosen  kooperieren  und  daß  in  Antwerpen  und  in  französischen
Häfen  gelandete  oder  zu  landende  englische  Truppen  in  der  Höchststärke  von  3  bis
4  Armeekorps  sich  dabei  beteiligen  sollen.

Die  kriegerischen  Ereignisse  im  Elsaß  sind  in  den  lehten  Tagen  als  heftige,
mehr  aus  politischen  als  aus  strategischen  Gründen  erwachsene  Vorstöße  der
Franzosen  klargestellt  worden.

Die  russische  Mobilmachung  hat  auch  heute  noch  keine  größeren  Truppenmassen
in  Bewegung  gebracht.  Grenzgefechte  an  der  deutsch-russischen  und  russischösterreichischen
  Grenze  haben  mit  dem  Zurückweichen  vorgeschobener  russischer
Kavalleriekörper  geendet.  Einige  russische  Städte  (Czenstochau,  Kalisch)  sind  von
den  Deutschen  besegt.

Vom  serbischen  Kriegsschauplaß  verlautet  so  gut  wie  gar  niches.  Oie  Osterreicher
  scheinen  Serbien  von  der  Donau,  der  Save  und  der  Drina  her  umklammert
  zu  halten,  während  sie  Montenegro  zur  See  blockieren.  Es  bleibt
unentschieden,  ob  die  Desensive  gewollt  ist,  da  man  den  Krieg  in  Rußland  führen
will,  oder  ob  die  Flußläufe  noch  nicht  Überschritten  werden  konnten

13.  August  1914.  Nr.  377  (Abendblatt).

Fast  gleichzeitig  mit  dem  Treffen  bei  Mülhausen  hat  ein  starkes  Gefecht
an  der  lotbringischen  Grenze  nordöstlich  von  Luneville  stattgefunden.  Die  deutschen
Deckungstruppen  haben  nach  der  Wolffdepesche,  deren  militärischer  Schlüssigkeit  man
sich  nicht  entziehen  kann,  eine  vorgeschobene  gemischte  Brigade  der  Frangosen  bei
La  Garde  angegriffen  und  mit  schweren  Verlusten  auf  Luneville  zurückgeworfen.
        <pb n="414" />
        398  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

Wir  erinnern  an  die  Scharmiltzel,  die  von  Havas  in  der  Nãhe  von  Saarburg
gemeldet  worden  sind.  Wie  es  scheint,  hat  man  deutscherseits  hier  in  der  Tat
eine  Bedrohung  der  Werbindung  Straßburg—Mey  gesehen  und  ihr  durch  den
kräftigen  Vorstoß  bei  La  Garde  ein  Ende  gemacht

Das  Gesfecht  von  La  Garde  hat  kleineren  Umfang  und  ist  auch  noch  als  vor.
bereitende  Handlung  aufzufassen.  Es  ist,  wie  das  bei  Mülhausen,  deutscherseies
ein  Gegenstoß  aus  der  Defensive  heraus,  um  den  Ausmarsch  der  deutschen  Armeen,
der  durch  die  Vorstöße  der  Franzosen  hätte  gestört  werden  können,  sicherzustellen.
Die  beiden  Gefechte  beweisen,  daß  die  Franzosen  von  starkem  Offensivgeist  erfülle
sind.  Sie  haben  aber  beide  Vorstöße  mit  empfindlichen  Rückschlägen  bezahlen
müssen.

18.  August  1914.  Nr.  384  (Morgenblatt).

Tber  das  Creffen  bei  Mülhausen,  das  mit  dem  Rückzug  der  Franzosen
ins  Festungsgebiet  von  Belfort  endete,  liegen  jecht  Nachrichten  vor,  welche  den
Verlauf  deutlicher  erkennen  lassen.  Nachdem  die  Franzosen  bei  Alekirch  ein
Bataillon,  das  ihren  Vormarsch  verzögern  sollte,  durch  wiederholten  Anlauf
zum  Aufsgeben  seiner  Stellung  gezwungen  hatten,  setzten  sie  den  Marsch  mir  der
Haupemasse  auf  der  Straße  Altlirch—Illfurt—  Mülhausen  fort.  Rechte  Flügelkolonnen
  bewegten  sich  auf  den  Straßen,  welche  durch  den  elsässischen  Jura  südlich
von  Altlirch  in  der  Richtung  Sierenz  und  St.  Ludwig  führen.  Links  griff  ihre
Bewegung  bis  Sennheim  nordwestlich  von  Mülhausen  aus.  Am  9.  August  war
Mülhausen  beseczt  Vortruppen  folgten  dem  abgezogenen  Gegner  noch  in  nördlicher
NRichtung  bis  Ensisheim  etwa  15  Kilometer  weit.  Am  9.  abends  erfolgte  der  erste
Gegenstoß  der  Deutschen.  Allem  Anschein  nach  kam  er  nicht  nur  von  Norden  durch
den  Hardtwald,  sondern  auch  von  Osten  her  und  zwang  das  französische  Korps,
das  nach  Joffre  20  000  Mann  stark  war,  wobei  aber  vielleicht  nur  die  wirklich  zum
Schlagen  gekommenen  Truppen  gerechnet  sind,  zur  Annaohme  des  Treffens  in
zwar  taktisch  günstiger,  aber  strategisch  gefährdeter  Stellung.

Mülhausen  lieget,  von  Altkirch  aus  gerechnek,  nordnordssllich.  Die  Franzosen
schlugen  nun  das  Treffen  mit  der  Fronc  nach  Norden  und  Nordosten.  Ihre  einzige
und  natürliche  Rückzugslinie  über  Altkirch  mußten  sie  unter  allen  Umständen  sestbalten,
  wenn  sie  nicht  nach  Süden  an  die  Schweizergrenze  und  unter  die  Kanonen
von  Istein  gedrückt  werden  sollten.  Ihre  Avantgarde  zog  sich,  wie  es  scheint,
noch  vor  ernsthaftem  Engagement  von  Ensisbeim  und  Sennheim  auf  Mülhausen
zurück.  Hier  nahm  das  französische  Korps  eine  feste  Stellung  auf  den  Ausläufern
der  Jurahügel  und  hielt  die  davor  liegenden  Dörser  Illzach,  Burzweiler,  nördlich
von  Mülhausen,  und  die  sogenannte  Napolconsinsel  zwischen  Ill  und  Kanal,  5  Kilometer
  südöstlich  Mülhausens.  Die  Artilleriestellung  befand  sich  ouf  der  Höbe  von
Rixheim.  Der  Stoß  der  Deutschen  ging  durch  Illzach  auf  Mülhausen  und  zwang
die  geworfenen  Franzosen,  sich  durch  die  Basler  Vorstade  Mülhausens  auf  ihre
Hauprstellung  zurückzuziehen,  die  unterdessen  mit  schwerem  Geschit  beschossen  wurde.
In  erbittertem  Nahkampf  wurde  am  10.  August  NRixheim  selbst  erstürmt.  Nach
dem  Werichte  von  Augenzeugen  hat  hier  und  in  Habsheim  die  blanke  Waffe  wie
nur  je  gewütet,  und  der  Häuserkampf  aus  dem  Kriege  von  1870  sich  erneuert.  In
der  Front  geworfen,  auf  den  Flügeln  nahezu  umklammert,  kämpfie  das  franzöfische
        <pb n="415" />
        18.  August  1914  399

Korps  nur  noch  um  den  Rückzug,  den  es  auch  noch  ausführen  konnte,  indem  es
unter  Aufopferung  eines  Teils  seiner  Artillerie  durch  die  Trouce  de  Belfort  auf
Aitkirch  und  Dammerkirch  zurückslutete

18.  August  1914.  Nr.  385  (Abendblakt).

Die  Verhälbnisse  beginnen  sich  zuzuspitzen,  und  der  Tag  des  allgemeinen  Vormarsches
  auf  dem  deutsch-französischen  Kriegsschauplag  ist  nahegerückt.  Offenbar
hat  die  deutsche  Armee  ihren  Aufmarsch  vollzogen.  Das  geht  schon  daraus  hervor.
daß  der  Kaiser  von  Berlin  abgereist  ist.  Und  zwar,  wie  es  scheint,  in  der  Richtung
nach  Mainz.  Das  bedeutet,  daß  man  im  Osten  gegenüber  den  Russen  noch  Zeit
zu  haben  glaubt  und  daß  das  deutsche  Haupequartier  bei  Meg  zu  finden  sein  wird.
IÖst  das  richtig,  so  gewinnt  unsere  Vermutung,  die  Deutschen  hätten  bei  Lü#t#ch
eine  Flankenposition  gesucht,  um  sich  gegen  einen  durch  Belgien  gehenden  VorstoP
  der  Franzosen  und  Engländer  zu  decken,  an  Wahrscheinlichleit.

Am  Meg  nämlich  haben  sich,  wie  sich  kaum  noch  bezweifeln  läßt,  die  Hauptkräste
  der  Deutschen  zusammengezogen.  Die  gewaltsamen  Rekognoszierungen
der  Franzosen  mit  gemischten  Brigoden,  die  zu  dem  Treffen  von  La  Garde  geführt
haben,  zeigen,  daß  der  französische  Generalstab,  dadurch  beunruhigt,  sich  coüte#
que  coüte  über  die  dortigen  Verhältnisse  Klarheit  verschaffen  will.  Aber  auch
diese  Zusammenstöße  sind  nur  Kaaufereien  der  Deckungstruppen  gewesen,  und  der
Schleier  ist  nicht  zerrissen  wordem.  Ob  die  Kanonade  von  Pont-à-Mousson  der
erste  Versuch  der  Deutschen  ist,  sich  den  Weg  freizumachen,  oder  ob  es  nur  blinder
Lärm  war,  bleibe  unentschieden.  Die  gestern  gemeldeten  Gefechte  bei  Cirey  und
VBlamont  gegenüber  Avricourt  haben  bereits  auf  französischem  Voden  stattigefunden.
  Dort  liegen  ebenfalls  Sperrforts,  um  den  Weg  nach  Nancy  zu  verriegeln.
La  Garde  ist  etwas  nördlicher.  In  den  nächsten  Tagen  werden  wir  hören,  ob  die
Deutschen  über  Avricourt,  über  Dieuze-Vic,  über  Pont.à  Mousson,  über  Briey
und  über  Luxemburg  konzentrisch  den  allgemeinen  Vormarsch  auf  die  Maaslinie
  antreten.  Das  wäre  dann  der  Auftakt  zur  großen  Schlacht  in  französisch
Lothringen.

Die  Meldungen  über  die  Kämpfe  um  die  Vogesenpässe  sind  mit  diesen
Operationen  nicht  zu  verwechseln.  Sämtliche  Pässe  sind  unbefestigt,  die  Täler
ohne  Sperren  und  laden  also  zum  Einbruch  geradezu  ein.  Aber  sie  münden  alle
schließlich  in  der  Rheinebene  vor  der  großen  Festung  Straßburg  oder  Wreisach.
Kämpfe  in  dieser  Gegend  können  daher  keinen  operativen  Charakter  haben,  und
Vorstötße  der  Franzosen  werden  über  diese  Punkte  hinaus  erst  in  der  Rheinebene
durch  größere  Treffen  wie  das  von  Mllhausen  eneschieden;  Fehlschläge  bringen
dann  beim  Rückzug  die  Täler  aufwärts  zu  den  Pässen  große  Verluste  und  Er.
schürrerung  der  Verbände.  Alle  Friedensmansver  der  Deutschen  waren  in  den
leyten  zehn  Jahren  auf  solche  in  der  Ebene  abzufangende  WVorstöße  gestimmt.
Die  Schlacht  von  Mülhausen  war  die  Probe  aufs  Exenpel.

ODas  Gerüche,  es  sei  an  unserer  Grenze,  also  von  WBelfort  her,  das  Echo  einer
neuen  Schlacht  zu  hören  gewesen,  hat  sich  noch  nicht  nachprüfen  lassen.  Ausgeschlossen
  ist  ein  zweiter  Vorstoß  der  Franzosen  mit  verstärkten  Kräften  nicht.  Der
Nachdruck  ist  aber  doch  wohl  auf  die  Operationen  zu  legen,  die  sich  in  Sothringen
vorbereiten.
        <pb n="416" />
        400  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

Auf  dem  serbischen  Kriegsschauplah  hat  der  konzencrische  Vormarsch  der
Osterreicher  begonnen  und  zu  einem  für  sie  erfolgreichen  Treffen  geführt.  Weiteres
bleibt  abzuwarten.

19.  August  1914.  Nr.  387  (Abendblatt).

Allem  Anschein  nach  sind  auf  dem  deutsch-französischen  Kriegsschauplag  die
ersten  großen  Operationen  nach  vollendetem  Aufmarsch  im  Gang.  Während
sich  die  Deueschen  in  Belgien  auf  ihrer  Basis  HLübttich  defensiv  verhalten  und  etablieren,
  die  Franzosen  dort  von  Westen  Der  mit  noch  unbekannten  Kräfteen  vor.
marschieren,  Ereignisse  aber  noch  auf  sich  warten  lassen,  droht  im  Süden,  d.  h.  im
Oberelsaß,  neue  Offensive  der  Franzosen  durch  das  Belforter  Loch  und  über
den  Col  de  Bussang  auf  Thann  und  Sennheim.  Aus  dem  Zentrum  bei  Metz
verlautet  noch  nichts.

Eine  tüchtige  Schlappe  hat  sich  ein  deutsches  Decachement  im  Breuschtal
zugezogen,  das  von  Donon  über  Schirmeck  nach  Molsheim  in  die  Rheinebene
fübret.  Das  deursche  Wolff.  Bureau  meldet  diesen  Mißerfolg  mie  derselben  lakonischen
Kürze,  mit  der  es  über  frühere  Erfolge  berichtet  hat..

Eine  Operation  größeren  Seils  ist  der  neue  Vormarsch  der  Franzosen  von
Belfort  her.  Die  Frage  bleibt,  wie  schon  bei  ihrer  ersten  Offensive,  wohin  dieser
Stoß  zielt.  Mit  einer  Wiederbesehung  von  Mülhausen,  die  gleich  dem  ersten  Male
nur  moralischen  Effekt  machen  würde,  kann  es  dies  mal  nicht  getan  sein.  Es  muß
sich  vielmehr  entweder  um  eine  große  Diversion  handeln  im  Rahmen  des  Gesamt.
planes,  die  mit  so  starken  Kräften  unternommen  wird,  daß  sie  das  ganze  Rheintal
alarmieren  und  die  Deutschen  verleiten  soll,  sich  im  Lotbringer  Zentrum  zu  entblößen,
  oder  die  Franzosen  wollen  allen  Ernstes  den  Rheinübergang  erzwingen
und  die  Position  am  Isteiner  Klosz  nehmen,  um  sich  Süddeutschland  zu  öffnen.

Deutscherseits  sind  die  Vortruppen,  die  den  abgeschlagenen  Gegner  am  11.
und  12.  August  bis  ins  Festungsgebiek  Belfort  gefolgt  waren,  vor  dem  neuen
Stoß  wieder  zurückgegangen.

Man  wird  nun  gewärtigen  müssen,  ob  sich  eine  neue  größere  Schlacht  bei
Mülhausen  entspinnt  oder  ob  es  sich  um  eine  noch  weiter  angelegte  Aktion  mit
Forcierung  der  Rheinübergänge  handelt.  arallel  mit  dem  Houptstoß  von
Belfore  her  scheinen  die  Franzosen  auch  über  die  oft  genannten  Vogesenpässe  vorgehen
  zu  wollen,  um  einer  Umfassung  von  Norden  her  zu  begegnen.

21.  August  1914.  Nr.  390  (Morgenblatt).

An  der  vollständigen  Eroberung  der  Position  von  Lübtich  durch  die  deutsche
Maasarmee  sind  nun  keine  Zweifel  mehr  gestattet.  Die  leqzten  Meldungen,  die
man  kontrollieren  kann,  ergeben,  daß  die  Forts,  eines  nach  dem  andern,  der  herangebrachten
  schweren  Artillerie  und  deren  Steilfeuer  erlegen  sind.  Gemeint  sind
dabei  die  eigentlichen  Fores  von  Lüttich.  Weiter  maasaufwärts,  in  der  Richtung
des  Gestungsgebiets  von  Namur,  mögen  sich  indessen  wohl  noch  einzelne  Forls
im  Besig  belgischer  Truppen  befinden.  Wie  sich  die  Dinge  auf  dem  belgischen  Kriegsschauplahe
  weiter  entwickeln,  läßt  sich  noch  nicht  absehen.  Von  beiden  Seiten
sind  starke  Kavalleriemassen  vorgetrieben  worden,  die  auf  der  Strecke  Lüttich—
Namur  miteinander  in  Berührung  gekommen  sind.  Nach  französischen  und  bel-
        <pb n="417" />
        19.  bis  21.  August  1914  401

gischen  Meldungen  haben  sich  Gefechte  bei  Huy  abgespielt.  Französische  Vortruppen
  sind  bei  Dinanc,  25  Kilometer  südlich  von  Namur,  an  der  Maas  gemeldet.
Eine  militärisch  schlüssige  Meldung  des  deutschen  Generalstabs  berichtete  gestern  von
einem  Kavalleriegefecht  bei  Dervez,  das  für  die  Deutschen  erfolgreich  gewesen  war.

Nach  den  lehten  Havasdepeschen  liegt  der  Gedanke  nahe,  daß  die  Belgier
nach  Antwerpen  abgedrängt  worden  sind.  Der  deutesche  Vormarsch  ist  in  der
Höhe  von  Namur  angelangt.  Die  Franzosen  scheinen  sich  rückwärts  zu  konzentrieren,
  um  sich  zur  Schlacht  zu  stellen.  In  welchem  Maße  diese  Bewegungen
der  Belgier  und  Franzosen  freiwillig  sind  und  aus  strategischen  Rücksichten  erfolgen,
oder  ob  sie  lediglich  dem  Druck  der  Deutschen  weichen,  bleibt  unentschieden.

Vom  Kriegsschauplay  auf  der  Linie  Luxemburg—Me99—Saarburg
verlautek  wenig  Neues.  Französische  Vortruppen  scheinen  hier,  besonders  im
Seilletal  und  in  dem  französischen  Gebiekswinkel  bei  Avricourk,  forkgesetzt  energisch
zu  rekognoszieren.

Dagegen  sind  im  Elsaß  Operationen  im  Gange,  die  sich  strategisch  wie  taltisch
viel  schärfer  abbeben.  Man  kann  annehmen,  daß  französischerseits  auf  der  Strecke
St.  Die—  Belfort  einheitlich  operiert  wird,  und  zwar  auf  dem  linken  Flügel
dieser  Armeegruppe,  also  in  der  Gegend  von  St.  Dié,  mehr  demonstrativ  durch
Vorstöße  über  die  Vogesenpässe  am  Donon,  ferner  bei  Saales  und  Marklirch;
auf  dem  rechten  Flügel  bei  Belfort  dagegen  durchgreifend  durch  ormarsch  auf
Mülhausen.  Dabei  ist  es  nach  amtlicher  deutscher  Meldung  wieder  zu  einem  der
nun  schon  auf  eine  militärische  Formel  gebrachten  Gebirgsgefechte  gekommen.
Französische  Truppen  in  der  Stärke  einer  Brigade,  die  vom  Saalespoß  östlich
durch  das  Weilertal  nach  Schlettstade  vorstießen,  sind  bei  Weiler,  15  Kilometer
nordwestlich  von  Schlettstadt,  festgehalten  und  unter  großen  Werlusten  zurück.
geworfen  worden.  Oer  mit  starken  Kräften  eingeleitete  neue  Vorstloß  der  Franzosen,
dem  gegenüber  dieses  Gefecht  bei  Weiler  ohne  Bedeutung  ist,  hat  bis  jest  noch
nicht  zur  Berührung  mit  den  auf  ihre  Defensivstellung  im  Hardewald  vor  dem
Isteiner  Klos  zurückgegangenen  Deutschen  geführt.  Von  verschiedenen  Seiten
einlaufende  Meldungen  bestätigen  aber,  daß  dieser  neue  französische  Vorskoß  mit
sehr  großen  Kräfeen  ins  Werk  geseh#t  wird  und  auf  der  Serecke  Pfirt—  Alekirch—
Senmheim  alle  Wege  mit  vorwärtsstrebenden  Kolonnen  fullt.  Es  handele  sich
bier  also  um  einen  Vormarsch  von  40  Kilomekern  Frontlänge,  und  man  kann  annehmen,
  daß  daran  an  100  000  Mann  beteiligt  sind.  Aber  auch  dies  ist  noch  kein
Grund,  anzunehmen,  daß  hier  die  Entscheidung  auf  dem  deutsch  französischen  Kriegs.
schauplay  fälle.

Auf  dem  russischen  Kriegsschauplag  beschränken  sich  die  Operationen  in
dem  Abschnite  Königsberg—Thorn  auf  Grenzgefechte,  Versuche  russischer
Kavalleriekörper,  den  Schleier  der  deutschen  Vortruppen  zu  durchbrechen,  ohne
daß  dies  bis  sege  gelungen  zu  sein  scheint.  Eine  Offensive,  die  sich  als  Eröffnung
des  Bormarsches  deuten  läßt,  ist  von  den  Osterreichern  von  Krakau  aus  in  der
Richtung  auf  Kielze  im  Gang  und  wird  von  den  Deutschen  durch  die.  Bewegung
auf  Czenstochau  und  darüber  hinaus  unterstützt.  Die  russischen  Vortruppen  weichen
Aberall  auf  die  Warschauer  Linie  zurück,  wie  von  Anfang  an  vorauszusehen  war..

Iwischen  Osterrelchern  und  Serben  ist  es  zu  elnem  größeren  Treffen  bei
Schabag  gekommen,das  den  Osterreichern  den  Weg  über  die  Drina  ins  Inmere

Stegemannse  Geschichte  des  Krieges.  I.  20
        <pb n="418" />
        402  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

des  Landes  geöffnet  haben  soll.  Schabah  liegt  etwa  60  Kilometer  westlich  von
Belgrad.  Einen  Einbruch  in  die  Defensivstellung  der  Serben  scheint  dieses  Gefecht
noch  nicht  zu  bedeuten...  Es  bleibt  abzuwarten,  ob  die  Osterreicher  ihren
Vormarsch  ins  Innere  fortsetzen.

Die  Vorgänge  zur  See  haben  sich  bis  jetzt  auf  deutsche  Kreuzerfahrten  und
die  Kaperung  deutscher  Handelsschiffe  durch  die  englische  Flotte  beschränkt.  „Göben“
und  „Breslau“  find  aus  dem  Verband  der  deutschen  Flotte  ausgeschieden  und
haben  die  türkische  Flagge  gehißf

Auch  in  der  Nordsee  sind  noch  keine  größeren  Aktionen  erfolgt.  Fest  steht,
daß  deutsche  Minenleger-  und  Unterseeboote  die  englischen  Gewässer  von  der
Thbemsemündung  bis  Schottland  durch  Minen  unsicher  gemacht  haben.  Dabei
find  das  Minenschiff  „Königin  Luise“  und  das  Unterseeboot  „U  15“  durch  britische
Kreuzer  zum  Sinken  gebracht  worden,  auf  bricischer  Seite  ist  der  Spähkreuzer
„Amphion“,  durch  eine  deutsche  Mine  gesprengt,  untergegangen.

Die  letztere  Meldung  berichtek  von  einem  Jusammentreffen  deutscher  Kreuzer
mit  britischen  Unterseebooten,  wobel  letztere  Verluste  erlitten  haben.  Wichtig  ist,
daß  die  offene  Rordsee  noch  nicht  der  Schauplatz  von  Kämpfen  ist  und  daß  die
englischen  Flotten  noch  nicht  zur  Blockade  der  deutschen  Küsten  geschritten  sind.
Offenbar  find  die  Engländer  noch  beschäftigt,  den  Tronsport  ihrer  Landeruppen
nach  Frankreich  zu  sichern.

In  den  ostasiatischen  Gewässern  beginne  jetzt  ein  Nebenkrieg,  da  Japan
als  Verbündeter  Englands  dort  gegen  die  deutsche  Pachtung  Kiautschou  vorgeht.
Kiautschou  ist  ein  modern  ausgebauter  Kriegshafen,  und  es  wird  sich  zeigen,
ob  dieser  ohne  Flankierung  durch  Landungstruppen,  die  dabei  chinesisches  Gebiet
verletzen  müßten,  genommen  werden  kann

21.  August  1914.  Nr.  391  (Abendblatt).

Seit  gestern  sind  Meldungen  eingegangen,  die  nicht  nur  die  Kriegslage
viel  schärfer  bestimmen,  sondern  auch  schon  einen  wesentlichen  Fortschritt  der  Operationen
  auf  dem  deuesch-französischen  Kriegsschauplag  erkennen  lassen.

Die  Brüsseler  Havasmeldungen  deuteten  gestern  schon  darauf  bin,  daß  die
französisch--belgische  Armee  sich  entschieden  rückwäres  klonzentriert.  Heute
läßt  sich  feststellen,  daß  die  Deutschen  von  Lüctich  aus  den  Vormarsch  mit  versammelten
  Kräfeen  angetreten  und  in  voller  Frontentwicklung  bis  auf  die  Höbe
von  Namur  durchgeführt  haben.  Oie  vielen  Gesechte,  von  denen  in  der  lehten
Woche  bald  so,  bald  anders  zu  lesen  war,  find  Etappen  dieser  deutschen  Offensive.
  Heute  haben  die  Deutschen  mit  dem  rechten  Flügel  Brüssel  erreicht,  mit
dem  linken  werden  sie  bei  Neuschäteau,  25  Kilometer  westlich  von  der  Luxemburger
Grenze,  gemeldet.  Da  Brüssel  50  Kilometer  nördlich  der  Maas  und  in  nordwestlicher
  Richtung  von  Namur  zu  suchen  ist,  so  wird  ersichtlich,  daß  die  deutschen
Armeen  mit  sehr  großen  Kräften  vorstoßen.  Namur  befindet  sich  bereits  im
Zencrum  der  Operationen.  Oie  belgische  Armee  hat  sich  unter  die  Fort##  von
Anewerpen  zurückgezogen.  Man  kann  annehmen,  daß  die  ODeutschen  die  Verbindungen
  von  Hüttich  nach  Brussel  nordwestlich  und  die  durch  das  Tal  der  Ourthe
nach  Südwesten  beberrschen.  Ob  Namur  auf  sich  angewiesen  ist  und  inwieweit
es  die  deutschen  Operationen  noch  hemmen  kann,  bleibe  dahingestellt.  Oie  fran-
        <pb n="419" />
        21.  bis  23.  August  1914  403

zösische  Nordarmee  scheint  sich  von  der  belgischen  Armee,  soweit  sie  schon  mit
dieser  in  BVerbindung  stand,  gelöst  zu  haben.  Wo  ihre  Hauprkräfte  zu  suchen  sind,
ist  ungewiß.

Parallel  mit  der  deutschen  Offensive  in  Belgien  scheint  sich  mun  eine  deutsche
Offensive  von  Lothringen  ber  berauszubilden.  Die  französischen  Meldungen
lassen  erkennen,  daß  die  französischen  Vortruppen  auf  das  Gros  zurückgedrängt
werden,  und  seden  Augenblick  können  wir  nun  hier  von  schweren  Schlägen  hören,
die  auf  den  Verlauf  des  ganzen  Feldzuges  entscheidend  einwirken  müßten.

Auf  dem  rechten  franzssischen  Flügel,  also  bei  Belfort,  operieren  die  Franzosen
  offensiv  in  einer  Weise,  als  wollten  sie  coüte  que  coüte  einen  Einbruch  unternehmen.
  Gestern  haben  lebhafte  Kämpfe  zwischen  Dfirt,  Altkirch  und  Sennheim
stattgefunden,  die  von  den  Deutschen  offenbar  mit  geringeren  Truppenteilen  durchgesochten
  wurden.  Auf  der  ganzen  Front  im  Sundgau  spielten  Dorfgefechte,  bis
die  Franzosen  mie  ihrem  linken  Flügel  auf  Müllhausen  durchdringen  komten.
ODen  Charakeer  einer  großen  rangierten  Schlacht  haben  diese  blutigen  Kämpfe
aber  nicht.  Es  ist  nicht  ersichtlich,  was  die  französische  Offensive  an  dieser  Stelle
als  Einwirkung  auf  den  allgemeinen  deutschen  Bormarsch  in  Belgien  und  in
Lothringen  bezweckt.  An  sich  ist  sie  aber  nach  französischen  und  deuischen  Meldungen
mit  takeischen  Erfolgen  verknünpft.

Aus  allem  geht  hervor,  daß  die  große  Lawine  ins  Rollen  gekommen  ist
und  auf  der  ganzen  Ausdehnung  der  400-Kilometer-Fronk  von  Brüssel  bis  Belfort
der  entscheidende  Jusammenprall  der  ersten  Phase  des  Feldzugs  im  Gang  ist.  Er
wird  nicht  von  heute  auf  morgen  entschieden  sein,  es  wird  sogar  schwer  balten,  die
Teilerfolge  hüben  und  drüben  gegeneinander  abzuwägen,  sedenfalls  aber  werden
wir  binnen  wenigen  Tagen  wissen,  ob  die  allgemeine  deutsche  Offensive  mie  ihrer  gewaltig
  ausholenden  Bewegung  im  Norden,  wobei  der  Defensivflügel  bei  Istein
als  Divot  dient,  zum  strategischen  Erfolg  führk  oder  ob  es  den  Franzosen  gelingt,
ihr  standzuhalten  und  ihr  ein  Paroli  zu  bieten.

22.  August  1914.  Nr.  392  (Morgenblatt).

Wie  vorauszusehen  war,  sind  setzt,  nachdem  die  deutschen  Armeen  in  Belgien
auf  der  Höhe  von  Namur  angekommen  sind,  die  in  Lothringen  um  Meh  versammelten
  deutschen  Truppen  mit  den  Franzosen  auf  breiter  Front  zusammengeskoßen.
  Es  ist  die  erste  große  Schlacht,  von  einem  Umfang,  der  sich  noch  nicht
abmessen  läht.  Der  Orc  ist  noch  nicht  festgestellt,  er  kann  zwischen  Meg  und  Oieden.
hofen  mit  einer  Spitze  gegen  Briey  oder  aber  im  Seille  tal  und  am  Rhein-Marne-Kanal
  bei  Oieuze  zu  suchen  sein.  Hier  waren  ja  schon  Vortruppen  bei  La  Garde
zusammengestoßen  und  zuletzt  Konzentrierungsversuche  der  Franzosen  gemeldet
worden.  Mit  dieser  Schlacht  sind  wir  in  die  Phase  der  großen  Entscheidungen
eingetreten.  Dadurch  werden  auch  die  französischen  Vorstöße  im  Sundgau  bald
beeinflußt  werden.

23.  August  1914.  Nr.  393.  Sonntagausgabe  (Abendblatt  vom  Sametag).

Der  erste  große  Schlag  im  Mittelpunkt  der  deutsch  französischen  Frontlinie
scheine  am  19.,  20.  und  21.  August  zwischen  Met  und  Saarburg  erfolgt  zu  sein.
In  unserem  zusammenfassenden  Bericht  über  die  erste  Kriegswoche  vom  12.  August
        <pb n="420" />
        404  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

schrieben  wir  Über  bevorstehende  Zusammenstöße  an  der  lothringischen  Grenze:
„Wenn  wir  hier  von  Schlägen  hören,  werden  sie  von  unmittelbarer  Bedeutung
für  Anlage  und  Verlauf  des  ganzen  Feldzuges  sein.“

Oamals  hatte  dort  nur  das  Gefecht  von  La  Garde  stattgefunden,  das  am
11.  August  mit  dem  ZJurückdrängen  einer  franzssischen  Brigade  geendet  hatte.
Seither  haben  wir  verschiedene  Meldungen  über  kleinere  Zusammenstöße  im
Seilletal  und  in  der  Senke,  durch  die  der  Rhein-Marne-Kanal  führt,  erhalten.
Es  scheint  nun  von  seiten  der  französischen  Armeeleitung  hier  ein  entscheidender
Vorstoß  mie  großen  Kräften  geplant  gewesen  zu  sein,  um  die  deutsche  Front
zwischen  Meg  und  Straßburg  zu  durchbrechen  und  die  deutsche  Offensive
in  Belgien  illusorisch  zu  machen.  Statt  an  der  Mosel  und  Maas  hinter  ihrem
Fortgürtel  die  deutsche  Armee  zu  erwarten,  wie  das  bis  vor  sieben  Jahren  noch  im
französischen  Generalplan  vorgesehen  war,  hat  die  französische  Armeeleitung,
beseelt  von  dem  Offensivgeist,  den  ihre  Reglemenes  seit  1907  unter  vollständigem
VWechsel  der  Anschauungen  vertreten,  die  Defensivlinie  überschritten  und  durch  das
Tor  zwischen  den  bei  Jabern  flach  verstreichenden  Vogesen  und  der  Feste  Met
ein  mächtiges  Heer  zum  Angriff  geführt.

Am  19.  August  meldete  General  Joffre  bedeutende  Erfolge  in  der  Nähe

von  Saarburg,  ferner  siegreiches  Borgehen  aus  dem  Seilletal  und  Besetzung
von  Chäteau-Salins  durch  seine  Kavallerie.  Oie  deutschen  Quellen  schwiegen.
Havas  ergänzte  die  militärische  Meldung  durch  ein  Telegramm  vom  20.,  das  be.
sagte:  „Ansere  Frontlinie  in  Lothringen  erstreckt  sich  nördlich  Saarburg  bis  Delme
über  Mörchingen.“  Oiese  Meldungen  mühssen  sich  auf  die  französische  Offenfive
vom  19.  bezogen  haben,  die  nicht  mehr  Bortruppen,  sondern  die  bei  Lunêville
versammelten  Kräfte  an  den  Feind  brachte.  Wolff  schwieg  noch  immer.  Gestern
verbreitete  Havas  dann  eine  Mitteilung  des  Kriegsministeriums  vom  20.  folgenden
Inhales:  „In  Loehringen  war  der  Tag  weniger  glücklich  als  der  vorhergegangene.
Die  französischen  Vorhuten  stießen  auf  sehr  starke  Kräfte  und  wurden  infolge  eines
Gegenangriffs  zurückgeworfen  auf  das  Gros,  das  an  der  Seille  und  am  Marne-AMbein-Kanal
  gut  aufgestellt  ist.“  Diese  Depesche  ist  am  VBormittag  des  21.  eingelaufen.
  AUnd  dann  kam  am  späten  Abend  des  gleichen  Tages  die  einzige  Meldung
von  deutscher  Seite  über  Zusammenstöße  in  jener  Gegend,  es  war  die  große  Siegesdepesche,
  in  welcher  der  deutsche  Generalstab  mitteilte,  daß  die  deutsche  Armee
zwischen  Meg  und  Bogesen  einen  Sieg  erfochten,  viele  Tausende  von  Gefangenen
gemacht,  zahlreiche  Geschücge  erbeutek  und  die  Franzosen  auf  der  ganzen  Linie
unter  schweren  WVerlusten  zurückgeworfen  habe.
Heute  früh  erreicht  uns  die  von  gestern  abend  datierte  französische  Meldung
tlber  die  Schlacht.  Sie  ist,  wenn  man  in  und  zwischen  den  Zeilen  liest,  eine  Bestätigung
  der  Niederlage.  Die  deutsche  Armeeleicung  hat  die  Franzosen  bis  auf
die  Höhe  von  Delme-Mörchingen  berankommen  lassen  und  sie  dann  in  rangierter
Schlache  geschlagen  und  zwischen  die  Sümpfe  und  Teiche  des  Seilleflusses  geworfen


Hieß  es  früher  in  theoretischen  Werken,  Nanecy  werde  preisgegeben  werden,
weil  es  vor  der  eigentlichen  Verteidigungslinie  liege,  so  haben  wir  jegt  erlebe,  daß
eine  französische  Armee  mit  Lunêville  und  Naucy  im  NRücken  die  Schlacht  gesucht
  und  sie  verloremn  hat.  Es  wäre  aber  verferüht,  setzt  schon  weltere  Schlüsse
        <pb n="421" />
        23.  und  24.  August  1914.  405

heraus  zu  ziehen.  Wir  betonen  noch  einmal,  daß  selbst  diese  mit  so  großen  Kräften
durchgefochtene  Schlacht  mur  ein  Glied,  und  zwar  das  erste,  in  der  Kette  von
Entscheidungsschlachten  ist,  die  sich  jeczt  auf  dem  deursch-französischen  Kriegsschauplatz
  abrollen  werden.

23.  August  1914.  (Extrablatt.)  Nr.  394.

Oie  neuen  Kämpfe,  die  in  den  letzten  Tagen  an  unserer  Grenze  im  Sundgau
stactgefunden  haben,  find  militärisch  gegenüber  der  Schlacht  bei  Dieuze  in  Lotb
ringen  in  den  Hintergrund  getreten.  Die  Schlacht  bei  Dieunze  hat,  wie  jetzt
auch  aus  französischen  Zeitungsstimmen  hervorgehlt,  eine  mit  stärksten  Kräften
unternommene  Offensive  der  Franzosen  unterbunden  und  zunichte  gemacht.  Der
„Temps“  schreibt  noch  in  seinem  militärischen  Sitmationsbericht  vom  21.  August:
„Gestern  abend  haben  wir  Delme  einerseits  und  Mörchingen  auf  der  anderen  Seite
in  Besig  genommen.  ODas  ist  ein  neuer  Sprung  von  10  Kilometern  (lber  Chäteau-Solins
  und  Dienze  Hhinaus)  und  bedeutet  die  Inbesitzuahme  der  Eisenbahnlinie
Mes—Straßburg.“  ODamit  ist  es  nun  niches  mehr,  die  Franzosen  sind  wieder  in
das  Tal  der  Seille  zurückgeworsen  worden,  und  zwar  unter  Verlusten,  die  die
Retablierung  der  in  dieser  Schlacht  verwendeten  Kräfte  schwierig  machen

Die  militärische  Lage  im  Oberelsaß  hat  sich  durch  die  neuen  Kämpfe  bei
Mülhausen  insoweit  zu  Ungunsten  der  Deutschen  verschoben,  als  ihre  schwachen
Deckungstruppen  neuerdings  schwere  Verluste  erlitten  haben.

Die  Mittelgruppe  der  Franzosen  gelangte  über  Altkirch  hinaus  und  stieß
nordös#lich  auf  Mülhausen  vor,  das  bereits  von  dem  durch  das  Thanner  Cal  auf
Sennheim  vorgedrungenen  linken  Flügel  stark  bedroht  war.  Vornehmlich,  um
den  Rückzug  aus  Mülhausen  zu  sichern,  mußte  der  linle  deutsche  Flügel  sich  opfern
und  den  Bormarsch  der  Franzosen  von  Altkirch  auf  Dornach—Mülhausen  zu
verzögern  suchen

So  siellt  sich  ungefähr  unter  Würdigung  der  von  den  verschiedenen  Seiten
beigebrachten  Meldungen  und  Einzelheiten  der  Verlauf  dieser  neuen  Schlacht
von  Mülhausen  dar.  Die  Stellung  am  Isteiner  Klog  ist  auch  diesmal  unberührt
geblieben,  es  ist  nicht  abzuseben,  ob  General  Dau  über  den  taktischen  Erfolg  hinaus
strategische  Absichten  verfolgt  oder  ob  die  Franzosen  es  mit  einer  festen  Etablierung
  um  Mülhausen  bewenden  lassen  wollen.  Wie  man  versichert,  schanzen
sie  eifrig  auf  der  ganzen  Linie  von  Sennheim  bis  Pfirt.  Werden  jegt  nach  dem
Siege  von  Dieuze  deutsche  Kräfte  frei,  so  kann  es  zu  erneuten  Kämpfen  kommen,
die  dann  ihre  Einwirkung  von  Norden  nach  Süden  durch  deutschen  Vormarsch
von  Kolmar  her  geltend  machen  würden.

Jedenfalls  bat  die  Diversion  der  Franzosen  auf  Mülhausen,  wenn  es  eine
solche  war,  viel  größere  französische  als  deutsche  Kräfte  gebunden.  Das  weitere
bleibe  abzuwarten.

24.  August  1914.  Nr.  395  (Morgenblat,).

Auf  dem  deutsch-  französischen  Kriegsschauplatz  ist  nach  der  Schlacht  in
Cotbringen  keine  Ruhe  eingetreten,  sondern  die  Operationen  sind  fortdauernd
in  Fluß,  wenn  sie  auch  nicht  an  allen  Punkten  erkennbar  sind.  In  Belgien  bewege
üch  die  deuesche  Offensive  weit  ausgrelfend  und  große  Massen  in  Bewegung  setzend,
        <pb n="422" />
        406  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

spstematisch  über  die  Landlarte  nach  Südwesten.  Ostbelgien  scheint  in  sicherem
deueschen  Besich  zu  sein  und  die  Linie  Brüssel—  Naomur—Dinant—Neuschäteau
die  Front  des  deutschen  Bormarsches  abzugrenzen.  Darüber  hinaus  stoßen  Vor.
ctruppen  in  der  Richtung  des  Sambretales.  Brüssel  mit  seinen  reichen  Hilfsmitteln
ist  in  deutschem  Besig.  Namur  soll  bereics  zerniert  und  schwere  Artillerie  dagegen
in  Tätigkeit  geseht  sein.  Es  kann  sich  aber  wohl  nur  um  die  schwere  Artillerie  des
Feldbeeres  handeln,  da  der  Belagerungspark  von  Lübtich  schwerlich  schon  heran.
gebracht  worden  ist.  Immerbin  vollzieht  sich  der  deutsche  Bormarsch  in  Belgien
unaufhaltsam,  und  es  fragt  sich  nur,  ob  die  deutschen  Nordheere  an  der  französischen
Nordgrenze  und  damik  in  der  Flanke  der  französischen  Ostarmeen  erscheinen  und
entscheidend  eingreifen  können,  ehe  die  Russen  die  deutsche  Verteidigungs-.
front  im  Osten  eingedrückt  haben.

Die  Landung  der  englischen  Armee,  die  auf  dem  französisch=  belgischen
Kriegsschauplag  dringend  gebraucht  wird,  scheint  noch  nicht  vollendet  zu  sein.

JIm  Zentrum,  bei  Meg  und  Werdun,  ist  nach  der  Schlacht  bei  Dieuze  zwar
gewiß  bein  Sctillskand,  wohl  aber  Schweigen  eingetreten,  so  daß  wir  über  den  Fortgang
  der  Operationen  nicht  urteilen  können.  ODamit  entzieht  sich  auch  die  große
Schlacht  selbst,  durch  welche  die  französische  Offensive  gebrochen  worden  ist,  der
Beurteilung.  Wir  werden  auf  weitere  Nachrichten  warten  müssen,  aus  denen
dann  entweder  die  Durchbrechung  der  französischen  Verteidigungslinie
als  entscheidende  Folge  des  Sieges  von  Dienuze  oder  die  Behauptung  derselben
hervorgehen  könnte;  im  letzteren  Falle  bliebe  die  Schlacht  als  Frontalschlach!
auf  ihren  taktischen  Erfolg  beschränkt.  Doch  hat  die  französische  Niederlage  an
der  Seille  offenbar  schon  lähmend  auf  die  Sitmation  im  Sundgau  gewirkt,  wo
die  Überlegenen  französischen  Streitkräfte  Mülhausen  nach  beftigen  Kämpfen
neuerdings  beseht  haben

Ob  die  Franzosen  die  Stellung  Sennheim—  Mülhausen—  Pfirt  balten  oder
unter  dem  Druck  der  Ereignisse  in  Lothringen  aufgeben,  wird  sich  zeigen.  Eine
weitere  Offensive  im  Oberelsaß  würde  des  strategischen  Zieles  enebehren,  solange
  Istein  nicht  genommen  werden  kann.  Doch  ist  die  taktische  Lage  der  Franzosen
  auf  den  Vogesenpässen  und  im  Oberelsaß  nach  ihren  Erfolgen  eine  günstige.

Auf  dem  deutsch-russischen  Schauplag  dringen  die  Russen  mit  stärkeren
Kräften  über  die  Grenze.  Die  deutsche  Ostarmee  wird  daher  ihre  Aufgabe  in
der  Defensive  suchen  müssen.  An  allgemeinen  WVormarsch  der  Russen  vermögen
wir  indessen  troh  der  größeren  Treffen,  über  die  diametral  enkgegengesetzte  Meldungen
  vorliegen,  noch  nicht  zu  glauben.

Die  Enescheidung  liegt  im  Osten  vorläufig  bei  der  Offensive  der  Osterreicher
gegen  Kielze  (Kielzy),  vorausgeseck,  daß  sie  nicht  durch  einen  Flankenstoß  der
Russen  gegen  die  südgalizische  Grenze  unterbunden  wird.

Auf  dem  serbischen  Kriegsschauplatze  scheint  die  Offensive  der  Osterrescher
  konzentrisch  auf  das  Morawatal  zu  wirken.  Der  Vormarsch  ist  bekanntlich
an  zwei  Punkten,  und  zwar  im  Norden  bei  Loznica  und  südlich  bei  Visegrad
angeseczt  worden.  Nach  dem  siegreichen  Gefecht  bei  Loznica  sind  die  Osterreicher
70  Kilometer  auf  Waljewo  vorgerückt.  Hier  berühren  sie  in  flankierender  Stellung
dos  nach  dem  Innern  führende  Bahnneg.  Der  von  Visegrad  ausgeführte  Vorsioß
lößt  sich  noch  nicht  abgrenzen,  hat  aber  zu  einem  schweren  Gefecht  geführt,  das
        <pb n="423" />
        25.  August  1914  407

mit  dem  Rückzug  der  Serben  in  der  Nichtung  auf  Usice  endete.  Der  kombinierte
Vorstoß  der  Osterreicher  zielt  also  auf  die  Umfassung  der  bei  Kragujevac  vermuteten
  serbischen  Hauptstellung.

Jedenfalls  ist  der  Riesenkampf  nun  auf  beiden  Fronten  entbrannt,  und  wir
werden  die  Wechselwirkungen  von  Gumbinnen  bis  Mülhausen  und  Galizien
bis  Belgien  alsgemach  zu  spüren  bekommen.  Die  Enescheidung  fällt  zunächst
aber  im  Westen  auf  dem  deutsch-französischen  Kriegsschauplas.

25.  August  1914.  Nr.  397  (Morgenblate).

Der  allgemeine  deutsche  Vormarsch  hat  von  Nordbelgien  bis  zum  Dononpaß
mit  Wucht  eingesegt,  nachdem  die  Schlacht  bei  Dieuze  die  Franzosen  am  verwund.
barsten  Punkt  getroffen  und,  wie  sich  jegtt  zeigt,  bier  ihre  Front  eingedrückt  hat.
Die  deutsche  Armeeaufstellung  läßt  sich  nun  überblicken,  der  Vorhang  hebt#  sich
und  die  Kriegsgliederung  der  beiden  feindlichen  Heeresmassen  hebte#  sich  deuelich
ab,  nachdem  das  Schweigen  und  der  Nebel  durch  drei  mächtige  Vorstöße  ge.
brochen  worden  sind.

Wir  haben  es  deutscherseits  mit  einer  belgischen  Nordarmee  zu  tun,  die
links  der  Sambre  vorgeht  und  den  Stoß  auf  die  französische  Festung  Maubeuge
richtet,  während  ihre  rechte  Flügelgruppe  von  Brüssel  aus  westwärts  und  nord.
westlich  weitergreift.  Wie  weit  die  Deutschen  hier  noch  von  der  französischen  Grenze
entfernt  stehen,  läßt  sich  in  Kilometern  nicht  fesllegen.  Es  wird  aber  wenig  mehr
als  ein  Tagesmarsch  sein.  Von  Maubeuge,  dem  als  Festung  kaum  vollständige
Modernisierung  zuteil  geworden  ist,  führe  die  große  Bahnlinie  direkt  über  St.  Quentin
  und  Compiegne  nach  Daris.  Die  Entfernung  läßt  sich  auf  200  Kilometer
annehmen.  Oie  deutsche  Nordarmee  hat  hier  offenbar  keine  starken  franzöfischen
Kräfte  vorgefunden.  Zum  ersten  Male  wird  das  Auftreten  englischer  Kavallerie
gemeldet,  die  geworfen  worden  sein  soll

Südlich  von  Namur,  das  als  zerniert  zu  denken  ist,  geht  eine  zweite  deutsche
Armee  vor,  die  dem  Befehle  des  Herzogs  Albrecht  von  Württemberg  unterstellt
ist  und  bei  belgisch  Neuschäteau,  40  Kilometer  nordöstlich  von  Sedan,  auf  eine
französische  Armee  gestoßen  ist,  die  unter  schweren  Verlusten  geschlagen  wurde.
Es  trennt  die  Deutschen  also  auch  hier  nur  ein  starker  Tagesmarsch  von  der  franhösischen
  Grenze.  Wichtig  ist,  daß  zwischen  Mezi##res  und  Montmedy,  eine  Linie,
auf  welche  die  Deutschen  lotrecht  vorstoßen,  eine  Lücke  im  franzöfischen  Sperrforts.
spstm  llafft.  Die  franzssische  Armee  muß  daher  hier  dem  Gegner  in  offener  Feld.
schlache  den  Weg  sperren  oder  sich  sofort  über  die  Maas  in  der  Richtung  auf  Reims
zurückziehen.

Weiter  südlich  hat  eine  aus  Luxemburg  vorgebrochene  deutsche  Armee,  die
zur  Lothringer  Armeegruppe  zu  rechnen  ist,  unter  dem  Besehl  des  Deutschen  Kron.
prinzen  auf  Longwy  vorgehend  eine  französische  Armee  von  fünf  Korps  zur
Schlacht  gezwungen  und  nach  Angabe  des  Großen  Generalstabs  ebenfalls  geschlagen.
  Die  Franzosen  sollen  sogar  von  ihrer  natürlichen  Rückzugslinte  auf
Verdun  abgedrängt  worden  sein.  Stimmt  das,  so  wäre  diese  französische  Armee
auch  in  der  Richmng  auf  Monemedy,  d.  h.  nach  der  Lücke  im  Verteidigungssystem,
geworfen  worden,  so  daß  nun  hier  zwei  zurückgedrängte  französische  Heere  durch.
einandergewürfelt  wi##rden.
        <pb n="424" />
        408  Aus  den  Vetrachtungen  zur  Kriegslage

Selbstverständlich  beruhen  diese  Ausführungen  auf  den  Meldungen  aus
deutscher  amtlicher  Quelle,  und  wir  besigen  im  Augenblick,  da  wir  sie  niederschreiben,
noch  keine  französische  Koncrollmeldung.  Wir  behalten  uns  daher  vor,  sie  zu
korrigieren,  wenn  wir  schlüssige  französische  Meldungen  aus  amtlicher  Quelle
erhalten.

In  jedem  Fall  war  die  bei  Dieuze  geschlagene  Schlacht  also  der  Auftake
zu  einer  Reihe  von  Schlachten  und  gewinnt  dadurch  immer  mehr  an  Bedeutung.
Wir  haben  schon  darauf  hingewiesen,  daß  General  Joffre  das  Verhängnis  heraus.
forderte,  als  er  die  Schlacht  vorwärts  Lunéeville  und  Nancy  annahm,  ja  sogar
durch  D#berschreicung  des  sumpfigen  Seilletals  und  Anrennen  gegen  die  feste  deutsche
Stellung  bei  Mörchingen  herbeiführte.  Eine  Niederlage  mit  dem  Seillecol  und
mit  der  Senke  des  Rhein-Marne--Kanals  und  weiter  südlich  mit  den  eingeschnittenen
Tälern  der  Besouze  und  Meurkhe  im  Rücken  (Delme—Chäteau-Salins—lamont—Cirey)
  mußte  verhängnisvoll  werden.  Dadurch  ist  auch  der  äußerste  rechte
Flügel  Loffres  an  Donon,  und  Saalespaß  aus  dem  Halt  gedrückt,  vielleicht
sogar  vom  Gros  der  Armee  abgesprengt  worden.  Die  in  den  VBogesenpässen  stehen-.
den  Abteilungen  werden  sich  nun  beschleunigt  auf  Epinal  zurückziehen  müssen.
Sogar  die  Belforter  Armee,  welche  unter  dem  Befehl  Paus  einen  neuen
glücklichen  BVorskoß  ins  Oberelsaß  gemacht  und  Mülhausen  besegt  hat,  hängt  nun
in  der  Luft.  Geht  sie  nicht  zurück,  so  geschieht  dies  nur  aus  politischen  Gründen,
auf  die  Gefahr  hin,  später  in  um  so  größere  Bedrängnis  zu  kommen.  Jegt  schon
ist  sie,  wie  wir  früher  schon  hervorhoben,  bei  der  eigentlichen  Enescheidung  im
Jentrum  der  französischen  Aufstellung  aufgefallen.

Es  ist  zweifellos,  daß  die  französischen  Heere  auf  das  tapfersie  gekämpfe
haben,  aber  der  überlegene  Feldzugsplan  war  bis  jegt  auf  seiten  der  Deutschen,
die  dabei  allerdings  die  Neutralität  Belgiens  und  Luxemburgs  verletzt  haben.
Die  weitere  Entwicklung  hängkt  von  dem  Maß  an  Widerstandskraft  und  Konzentrations
  fähigkeit  des  französischen  Feldheeres  ab,  das  sich  nun  zur  Enescheidungs.
schlacht  mit  zusammengerafften  Kräften,  aufgefüllten  Reserven  und  näher  seinem
mächtigen  Rückhalt,  der  Niesensessung  Paris,  den  deueschen  Armeen  stellen
muß.  Das  legte  Hos  ist  also  noch  lange  nicht  geworsen,  und  man  muß  sich  hüten,
jest  schon  die  letzten  Schlüsse  zu  ziehen.  Für  die  Franzosen  kommé  es  darauf  on,
solange  wie  irgend  möglich  das  Feld  zu  behaupten  und  eine  operationsfähige
Armee  zu  bewahren,  den  Deutschen  aber  droht  im  Osten  die  russische  Gefahr,
die  sie  zwingt,  den  Feld  zug  im  Westen  so  rasch  wie  möglich  vollständig  durchzuführen,
  um  dann  in  einem  neuen  Eisenbahnaufmarsch  von  Westen  nach
Osten  die  Armee  an  der  Oder  gegen  die  Russen  zu  werfen.

25.  August  1914.  Nr.  398  (Abendblatt).

Nachdem  wir  im  Morgenblatt  den  Stand  der  Dinge  auf  dem  deutschfranzssischen
  Kriegsschauplag  geschildert  und  beurteilt  haben,  indem  wir
uns  auf  die  amtlichen  deutschen  Telegramme  stügten,  erscheint  es  und  angebracht
und  wichtig,  die  Dinge  einmal  aus  der  französischen  Perspektive  zu  betrachten


Die  französische  Armeeleltung  hat  schon  vor  Jahren  ihre  Pläne  mit
der  russischen  und  später  auch  mit  der  englischen  im  Einklang  gebracht.  Man
        <pb n="425" />
        25.  August  1914  409

wußte  in  Paris,  doß  Deutschland  in  einem  Zweifrontenkrieg  zuerst  seine  Heeres.
massen  gegen  Frankreich  werfen  würde,  um  die  französische  Armee  zu  Boden
zu  drücken,  ehe  Rußland  mit  versammelten  Kräften  die  deutsche  Grenze  Überschreiten
  konnte.

Die  französische  Heeresleitung  ist  seit  1907  von  der  reinen  Oefensive  abgegangen.
  Sie  sah  nun  das  Heil  in  einer  durch  Offen  siostöße  weiter  nach  vor#n
getragenen  Defensive,  die  ihr  gestattete,  Zeit  zu  gewinnen,  dem  Gegner  an  für
ihn  verwundbaren  Punkten  Schlacht  zu  bieten,  um  dann,  wenn  nötig,  auf  die
Verteidigungslinie  zurückzufallen.  Eine  durchgreifende  Offensive  der  fran-3ösischen
  Armeen  konnte  erst  in  dem  Augenblick  einsegen,  wo  Oeutschland  seine
Kräfte  den  Rüussen  entgegenwersen  mußte.  Oaß  die  französische  Heeresleitung
den  Steoß  durch  Belgien  führen  würde,  halten  wir  nicht  für  gegeben.  Es  sprechen
nicht  nur  politische,  sondern  auch  milicärische  Gründe  gegen  ein  solches  Prozedere
der  französischen  Republik.  Eine  andere  Frage  ist,  ob  man  nicht  von  vornherein
vorbereitet  war,  mitc  den  belgischen  Streitkräften  zusammen  zu  operieren,  wenn
Deutschland  den  Einbruch  durch  Belgien  von  Osten  her  wagen  sollte,  wie  ihn  der
letzte  große  Kriegsminister  Napoleons  III.,  Marschall  Niel,  1867  von  Westen
ber  nach  Rheinpreußen  geplant  hatte.

Unter  dem  Gesichtspunkt  einer  „offensiven  Defensive“  lassen  sich  nun
die  Operationen  der  französsischen  Armeen  seit  Kriegseginn  verstehen
und  würdigen.  Die  Mobilmachung  ist  geordnet  und  ohne  Reibungen  vollzogen
worden,  auch  hat  das  XIX.  algerische  Korps  das  Mutterland  in  bemerkenswerter
Schnelligkeit  erreicht.  Veränderten  politischen  Verhälenissen  entsprechend  wurde
dann  die  an  der  italienischen  Grenze  aufgestellte  Alpenarmee  mit  kühnem
Schachzug  nach  Norden  verschoben.  In  zwei  mächtigen  Kampfgruppen  ballten
sich  die  Armeen  um  Verdun  und  Toul  einerseits  und  Epinal—Belfort  andererseics
zusammen.  Der  Worstoß  der  Deutschen  auf  Lüttich  fand  rasch  französische
Kavallerie  zur  Stelle,  die  die  belgische  Eisel  durchschwärmte,  während  an  der
französischen  Nordgrenze  bei  Maubeuge  an  der  Sambre  und  Mezieères  an  der
Maas  Armeen  zum  Gegenstloß  auf  Namur  angesetzt  wurden.

Eür  das  englische  Expeditionskorps  sind  die  französischen  Häfen  ohne
welteres  geöffnet  worden,  und  wir  wissen,  daß  schon  am  10.  August  die  ersten
Staffeln  gelandet  und  die  englische  Fahne  neben  der  Trikolore  gehißt  wurde.  Um
die  deutsche  Mobilmachung  und  später  den  deutschen  Aufmarsch  zu  stören,  sind
auf  der  ganzen  Frone  von  Longwy  bis  Belfort  von  den  ersten  Tagen  an  beherzte
Vorstöße  mit  den  mobilen  Truppen  der  Fortlinie  unkernommen  worden.  Oie
Vogesenpässe  wurden  durch  die  schon  im  Frieden  auf  diese  Bestimmung  hin
geschuleen  Jägerbataillone  von  Epinal,  Gerordmer  usw.  besetzt  und  mit  Areillerie
armiert.  Kecke  Vorstöße  gingen  bis  in  die  elsässischen  Täler  hinab,  bei  Schirmeck
wurde  glücklich  gefochten.  Dann  seyte  die  Armeeleitung,  mehr  politischen  als  rein
milleärischen  Rücksichten  Rechnung  tragend,  zu  einer  Offensive  auf  das  Oberelsaß
  an  und  die  Franzosen  nahmen  nach  glücklichem  Gefecht  am  9.  August  Mülbausen.
  Der  moralische  Erfolg  hat  indes  in  Paris  zweifellos  gehaftet  und  auch
das  geschicke  verdeckte  unglückliche  Treffen  vom  10.  August,  das  die  Franzosen
wieder  nach  Belfork  zurückdrückte,  überdauert.  Unter  General  Pau  wurde  indes
schon  acht  Tage  später  der  Vorstoß,  und  zwar  diesmal  im  Einklang  mit  einer
        <pb n="426" />
        410  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

großen  Offensiobewegung  zwischen  Me9  und  Saarburg  wiederholt.  Das  war
am  20.  August.

Seit  dem  Kriegsausbruch  waren  also  drei  Wochen  vergongen.  Seldbst  die
für  die  französischen  Wassen  unglücklichen  Gesechte  von  Lagarde  und  Mülhausen
waren  auf  feindlichem  Boden  ausgekämpft  worden,  das  eigene  Land,  abgesehen
von  Griey,  vom  Feinde  frei,  die  Versommlung  des  Heeres  vollzogen,  die  Moral
der  Truppen  und  der  Nation  gehoben  —  kurz,  man  konnte  am  20.  August  im
Kinblick  auf  die  allgemeine  Kriegslage  mit  den  Resuleaten  wohl  zufrieden  sein.

Die  französische  Heeresleitung  muß  gespürt  haben,  daß  in  Belgien  die  um.
fassende  Offensive  der  Deutschen  immer  bedrohlicher  wurde,  und  noch  war  von
den  Russen  nichts  ODurchgreifendes  geschehen!  Wir  glauben  nicht,  daß  der  französische
  Generalskab  die  angebliche  Verzögerung  des  deutschen  Vormarsches  in
Belgien  als  Gewinn  gebucht  hat,  sondern  daß  ihm  wohl  bewußt  war,  wie  rasch
und  spstematisch  dieser  sich  vollzog.  Aus  dieser  Situation  heraus  erfolgte
die  Offensive  vorwärts  Naney  und  Lunkéville  und  im  Oberelsaß.
Sie  wurde  angesezt  in  dem  Augenblick,  in  dem  dle  Deutschen  ihre  Front  durch  die
Besegung  von  Brüssel,  die  Jernierung  von  Namur  und  den  Wormarsch  auf
Neuschäteau  ausgerichtet  hatten  und  die  große,  allgemeine  Offensive  beginnen
wollten.  Die  französische  Offensive  auf  Dieuze  erfolgte  also  im  kritischen,
d.  b.  im  richtigen  Moment.  Daß  sie  nicht  geglücke  ist,  daß  sie  taktisch  ungünstig
eingeleitet  war  und  mit  einem  schweren  Rückschlag  endete,  ist  elne  andere  Sache.
TAber  auch  dieser  Rückschlag  war  so  lange  zu  ertragen,  als  er  durch  die  neue  glückliche
  Offensive  im  Oberelsaß  aufgewogen  wurde.  Auch  heute  noch,  da  in  Belgien
bei  Charleroi  und  Neuschäreau  zwei  Schlachten  geschlagen  find,  die  mit  dem
Rückzug  der  Franzosen  auf  ihre  Grenze  endeten,  ist  die  Situation,  aus  französischer
Derspekeive  betrachtet,  nicht  verloren,  wenn  es  gelingt,  die  de  utschen
Armeen  an  der  Moaaslinie  vorwärts  Reims  zu  fesseln.

Mir  haben  geseben,  daß  in  Ostpreußen  russische  Offensive  sich  geltend
macht.  Kann  der  französische  Generalstab  annehmen,  daß  das  die  Einleitung  des
russischen  Vormarsches  mit  versammelten  Kräften  ist,  und  vermag  die  franzöfische
Armee  sich  dann  noch  vierzehn  Tage  operationsfähig  im  Felde  zu  behaupten,  so
hat  Frankreich  den  Feldzug  nicht  verloren.

26.  August  1914.  Nr.  399  (Morgenblatt).

Als  die  großen  Schläge  auf  dem  deutsch-französischen  Kriegsschauplag  zu
fallen  begannen,  machte  sich  im  Osten  an  der  osetpreußischen  Grenze  russische
Offensive  geltend,  die  so  a  tempo  kommt,  daß  sie  entweder  auf  das  franzöfische
Vorgehen  bei  ODienze  und  Belfort  abgestimmt  erscheint  oder  aber  als  Diversion
gedacht  ist.  Im  ersten  Falle  wäre  mit  der  Vollendung  des  russischen  Aufmarsches
  an  dieser  Stelle  zu  rechnen.  Die  deutsche  Ostarmee  hat  sich  vor
den  überlegenen  Kräften  der  russischen  Nordarmee  auf  die  Defensive  zurückgezogen.
Sie  ist  also  nun  an  die  Erfüllung  der  ihr  vorgeschriebenen  Aufgabe  herangetreten.
Nehmen  wir  an,  daß  die  Russen  tatsächlich  schon  eine  operationsfähige  Armee
an  die  ostpreußische  Grenze  gebracht  haben,  so  ergibt  sich,  daß  dieser  zuerst  die
Wegnahme  der  Linie  Königsberg—Lpyck  obliegt.  Die  Operatlon  hat  an  dem  auf
dieser  Linie  liegenden  Mauersee  begonnen,  die  Deutschen  find  nach  verlustreichen
        <pb n="427" />
        26.  August  1914  411

Treffen  auf  die  Linie  am  Angerappfluß  zurückgefallen,  also  auf  ihre  natleliche
Rückzugslinie  vorwärts  der  starken  Festung  Königsberg.  Sie  werden  nun,  wenn
den  Russen  weiterer  Vormarsch  glückt  und  der  linke  russische  Glügel  bei  Soldau
Raum  gewinnt,  auf  die  Linie  Königsberg—Elbing—Marienburg—Graudenz—
Tyorn  zurückgehen  und  damit  zwar  Ostpreußen  dem  Feinde  preisgeben,  aber  die
Weichsellinie  halten

Noch  in  keinem  Kriege  ist  es  weniger  auf  die  Inbesignahme  von  Gebiet  angekommen
  als  im  gegenwärtigen;  dieser  ist  deswegen  militärisch  so  außerordentlich
bedeutungsvoll,  weil  in  ihm  wieder  das  Fundamentalgesetz  der  Lehre  vom  Krieg
obenansteht:  Die  Vernich  tung  der  feindlichen  Armeen.  Auf  dieses  Endziel
geht  die  deutsche  Offensive  im  Westen  aus,  während  die  Franzosen  sich  darauf
beschränken  müssen,  die  deutschen  Kräfte  so  lange  als  irgend  möglich  zu  binden.
Die  Russen  finden  inzwischen  im  Osten  wahrscheinlich  kaum  Gelegenheit,  ein  starkes
deuesches  Heer  in  offener  Schlacht  zu  fassen.  Die  Entscheidung  auf  dem
deutsch-russischen  Kriegsschauplag  wird  also  auch  erst  dann  fallen,  wenn
der  deutsche  Aufmarsch  von  Westen  nach  Osten  vollzogen  ist.  Es  fragt  sich  mur,
wie  wir  wiederholt  betont  haben,  ob  die  deutschen  Armeen  dieser  doppelten  Auf.
gabe,  den  Feldzug  erst  im  Westen  siegreich  zu  beendigen  und  dann  mit  verkehrter
Front  nach  Osten  wieder  aufzunehmen,  gewachsen  sind.

Die  Verhältnisse  auf  dem  russisch,  österreichischen  Kriegsschauplat
gestatten  noch  keinen  Einblick.  Wir  müssen  abwarten,  ob  die  österreichische  Armee
die  russische  Offensive  zu  binden  und  damit  eine  ausschlaggebende  Wirkung
auch  auf  die  russische  Offensive  in  Preußen  auszulüben  vermag..

26.  August  1914.  Nr.  400  (Abendblatt).

Während  auf  dem  deutsch-russischen  Kriegsschauplatz  Aktionen  im  Gange
find,  die  über  Amfang  und  Bedeutung  des  russischen  Vormarsches  noch  kein  sicheres
Urteil  gestatten,  aber  den  Rückzug  der  deutschen  Deckungstruppen  auf  ihre  ersüe
strategische  Verteidigungslinie  eingeleitet  haben,  hat  sich  aus  dem  westlichen
Kriegsschauplatz  nach  amtlichen  deutschen  Quellen  das  Schicksal  Namurs
nahezu  erfüllt.  Lüttich  ist  heute  samt  seinen  Forks  in  deutschem  Besitz.  Das  gehe
schon  daraus  hervor,  daß  die  Eisenbahn  Aachen—Verviers  wieder  im  Berrieb
ist.  Nach  Lüttich  fiel  die  Sperre  bei  Huy.

Namuu  ist  schneller  erlegen,  als  man  erwarten  konnte.  Die  Deutschen  haben
offenbar  sofort  ihre  schweren  Mörser  herangebrachk,  deren  Steilfeuer  die  Kuppen
der  Forts  einschlug  und  die  Kasematten  zerstörte.

Der  Fall  von  Namur  wird,  sofern  er  sich  in  vollem  Umfang  bestätigt,  schwer
wiegen;  er  eröffnet  das  Sambretal  und  die  obere  Maas  für  Schiene  und  Achse,
sichert  den  Deutschen  nach  allen  Seiten  ihre  Verbindungen  und  gibt  einen  starken
Rückhalt  ab.  Daß  durch  den  Fall  der  Festung  neue  Kräfte  für  die  Front  frei
werden,  bedarf  keines  Wortes.  1

Von  der  Front  selbst  wissen  wir  wenig  Neues.  Bemerkenswert  ist  indes,
daß  sich  unsere  Vermutung,  die  deutsche  Nordarmee  links  der  Soambre  werde
möglichst  weit  nach  Nordwesten  ausgreifen,  bestätigt  hat.  Deutsche  Kavallerie  ist
nicht  nur  in  Gent  gemeldet,  also  40  Kilometer  nordwestlich  von  Brüssel,  sondern
französische  Quelle  nennt  auch  bereits  Roubaix  vorwärts  Lille,  das  Zencrum  der
        <pb n="428" />
        412  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

französischen  Tuchweberel,  als  vom  Feinde  bedroht.  Stoßen  die  Deutschen  hier
auf  Lille  vor,  so  haben  sie  ihre  Front  um  50  Kilometer  verlängert  und  sind  bei
genügender  Stärke  und  Tiefengliederung  in  der  Lage,  den  linken  Flügel,  wo  die
Engländer  fechten,  zu  umfassen  und  möglicherweise  gar  die  Berbindung  des.
selben  mit  der  Küste  abzuschneiden.  Jedenfalls  befindet  sich  mun  ganz  Belgien,
abgesehen  von  dem  verschanzten  Lager  von  Antwerpen  und  dessen  Wirkungs.
bereich,  in  den  Händen  der  deutschen  Armeen.

Der  Krieg  ist  fast  auf  der  ganzen  Westfront  über  die  franzößische  Grenze  getragen,
  und  wir  müssen  mun  der  entscheidenden  Kämpfe  um  die  erste  Verteidigungslinie
  der  Franzosen  auf  der  Front  Lille—Maubeuge—Mezieres—
Verdun—Toul—Epinal—Belfort  gewärtig  sein.  Unberührt  ist  nur  noch  der
Südabschnitt,  wo  heute  noch  die  Armee  Paus  das  Oberelsaß  bis  an  unsere  Grenze

festhält.

27.  August  1914.  Nr.  401  Morgenblatt).

Vom  Pergmassiv  des  Donon  am  Scheltelpunkt  des  rechten  Winkels,  den
die  elsaß.  lothringische  Grenze  gegen  Frankreich  hin  bildet,  im  Süden  bis  Maubeuge
an  der  französischen  Sambre,  dem  Kreuzungspunkt  der  Bahnlinien  Paris—  Grussel
—Mons  und  Namur—WBalencienn##  im  Norden,  also  auf  eine  Enefernung  von
über  300  Kilometern,  wület  eine  neue  Schlacht.

Die  Niesenschlacht,  die  jet  an  der  Meurthe,  Mosel,  Maas  und  Sambre
wütek,  wird  von  den  Franzosen  in  der  Defensive  geführt,  nachdem  ihre  Offensive
in  Lothringen  und  Belgien  gescheiterk  ist  und  die  deutschen  Armeen  mit  versammelten
Kräften  auf  der  ganzen  Linie  vorgebrochen  sind.  Die  Schlacht  hat,  soweit  Nachrichten
  vorliegen,  auf  dem  rechten  französischen  Glügel  am  Donon  zur  Zurücknahme
der  Druppen  um  15  Kilomeker  hinter  die  Meurthe  geführt.

Im  Zentrum  kobt  die  Schlacht  an  der  oft  genannten  großen  Lücke  im  Defensiospstem
  der  Franzosen,  die  indessen  durch  die  natltrlichen  Befestigungen  des  Ardennen.
gebirges,  an  das  sich  das  französische  Heer  lehnt,  einigermaßen  geschlossen  wird.
Hier  stehen  deutscherseies  die  Armeen  des  Deutschen  Kronprinzen  und  weiter  nördlich
die  des  Herzogs  Albrecht  von  Württemberg  im  Feuer.  Diese  dürften  bei  Virton,
der  letzten  belgischen  Station  vor  Montmédy,  Verbindung  suchen.  Noch  weiter
nördlich  wird  nach  der  Milteilung  des  französischen  Kriegsministers  in  der  Nähe
von  Givet  gelämpft,  einem  nach  Belgien  einspringenden  französischen  Gebiekszipfel,
  durch  den  die  Maas  nach  Belgien  eintrikt.  Es  scheint,  daß  hier  schon  um
den  Maaslbergang  gefochten  wird.  Gelänge  dieser  den  Deutschen,  so  wäre  es  um
die  französische  Schlachtlinie  schlecht  bestellt.

Oas  in  der  französischen  Darstellung  besonders  hervorgehobene  Gesecht  zwischen
algerisch-senegalischen  Truppen  und  preußischer  Garde  endlich  müßte  noch  weiter
nördlich  stattgefunden  haben.  Ob  es  sich  dabei  um  eine  enescheidende  Schlachthandlung,
  wie  die  französische  Quelle  andeutet,  handele  oder  um  eine  glänzende
Episode,  wird  sich  zeigen.

Die  Meldung,  daß  die  Belgier  aus  Antwerpen  vorgestoßen  seien,  um  die
Grückwärtigen  Verbindungen  der  Deutschen  zu  unterbrechen,  darf  nicht  überschägt
werden.  Die  belgische  Armee  ist  im  Felde  kaum  noch  operationsfäbig.
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        27.  und  28.  August  1914  413

28.  August  1914.  Nr.  403  (Morgenblatt).

Seit  zwei  Tagen  währt,  soweit  ersichtlich,  die  große  Schlacht  auf  dem  deutsch.
französischen  Kriegsschauplag.  Der  deutsche  Generalstab  hat  noch  keine  Meldung
über  diese  entscheidenden  Kämpfe  an  die  Offentlichleit  weitergegeben.  Wir  wissen
also  von  deutscher  Seite  über  den  Komplex  von  Kämpfen,  der  jetzt  unzweifelhaft
auf  der  ganzen  Frone  Walenciennes—St.  Di  wüblet,  so  gut  wie  nichts.  Die  letzte
Nachricht  meldete  den  Fall  der  letzten  For#  von  Namur  und  die  Kapitulation  der
französischen  Festung  Longwy.  Longyy  liegt  aber  bereits  binter  der  deutschen
Front.  Auch  heute  wissen  wir  noch  nicht,  in  welchem  Zusammenhang  die  ummittelbar
vorher  eingelaufene  deutsche  Nachricht  von  der  Niederlage  einer  englischen  Division
mit  der  großen  Kampfhandlung  steht  und  ob  sie  überhaupt  voll  zutrifft.  Von
englischer  oder  französischer  Seite  liegen  darüber  keine  militärisch  schlüssigen
Berichte  vor;  die  von  Asquith  im  Unterhause  angegebene  englische  Verlustziffer
von  2000  Mann  ist  das  einzige,  was  wir  von  dieser  Seite  erfahren.

Immerhin  genügen  die  Meldungen,  die  Havas  und  das  französische  Kriegs.
ministerium  unterm  27.  ds.  verbreiten,  um  Anhaltspunkte  Über  den  Gang  der
Schlacht  zu  liefern.  Es  geht  daraus  hervor,  daß  die  englisch-französische  Kampf.
linie  jetzt  nicht  mehr  von  Mons  über  Givet,  Virton,  Spincourt,  Lunville  und  die
Meurthe  aufwärts  bis  ans  Dononmassiv  sich  erstreckt,  sondern  auf  beiden  Flügeln
zurückgebogen  worden  ist:  im  Norden,  wo  die  Engländer  fechten,  auf  Valen.
ciennes  zurück,  über  das  binaus  deutsche  Kavallerie  bis  Bouchain  vorgedrungen
ist,  und  südlich  auf  Se.  Dié  und  weiter  zurück  auf  die  Mortagne.  Ostlich  von
Nancy  behauptet  sich  nach  diesen  Quellen  immer  noch  franzssische  Offensive.
Oas  ist  alles,  was  sich  eindeutig  feststellen  läßt.

Aus  dem  Oberelsaß  sind  die  dort  auf  nicht  weniger  als  fünf  Dioisionen  ge.
schästen  Franzosen  abgezogen  (für  unseren  Grenzschug  eine  wesentliche  Entlastung,
da  die  Deutschen  schwerlich  nachstoßen  werden).  Wemn  wirklich  der  Belforter
Armee  das  ganze  algerische  Korps  zugeteilt  war,  so  müssen  Teile  desselben  hinter
der  Front  vom  rechten  bis  fast  zum  äußersten  linken  Flügel  nach  Givet  vorgeschoben
  worden  sein,  denn  dort  werden  farbige  Truppen  gemeldet.  Mit  gewaltigen
Gegenstößen  der  Franzgosen  muß  man  also  in  sedem  Fall  rechnen,  und  es  wäre
verfrüht,  den  Ausgang  der  Schlacht  vorauszusagen.

Havas  behauptet  endlich  noch  einen  Erfolg  der  von  Antwerpen  aus  vor.
gebrochenen  belgischen  Armee,  die  bei  Mecheln,  halbwegs  Brüssel,  die  Deutschen
zurückgedränge  haben  soll.  Man  muß  dazu  bemerken,  daß  es  sich  dort  wahrscheinlich
um  deutsche  Beobachtungsposten  und  Oeckungstruppen  handelt,  die  sich  auf  ihre
rückwärtigen  Positionen  zurückziehen.  Einfluß  auf  die  Hauptschlacht  hat  diese
Aktion  kaum  .

28.  August  1914.  Nr.  404  (Abendblatt).

Von  deutscher  Seite  sind  heute  morgen  die  ersten  Nachrichten  über  die  Entscheidungsschlacht
  eingegangen,  die  auf  dem  deutsch-französischen  Kriegsschauplatz
wütek.  Abgeschlossen  ist  sie  auch  beute  noch  nicht,  aber  die  deutsche  Offensivescheine
  doch  den  Kampf  ins  Herz  der  franzssischen  Aufstellung  getragen  zu  haben.
Die  Franzosen  widerstehen  mit  äußerster  Krafe;  es  sind  heute  aber  die  stärksten
Bedenken  gestattet,  bb  es  ihnen  gelinge,  die  Maaslinie  und  damit  die  Haupt-
        <pb n="430" />
        414  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

verteidigungslinie  zu  behaupten.  Indem  wir  die  eingegangene  deutsche  Meldung
mit  Vorsicht  benuten,  glauben  wir  folgendes  feststellen  zu  können.

Wie  zu  vermuten  war,  ging  der  deutsche  Schlachtplan  auf  Amfassung  der
französischen  Linken,  wo  die  Engländer  kämpfen.  Da  die  Schlacht  schon  seit
mindestens  fünf  Tagen  kobt  und  seit  zwei  Tagen  in  die  Krisis  eingetreten  ist,  ist
anzunehmen,  daß  der  englische  Flügel  während  dieses  Zeitraumes  von  Lens  in
der  Richtung  auf  Cambrai  um  60  Kilometer  zurückgeworfen  worden  ist.  Von
Cambrai  umfaßt  die  rechte  Flügelgruppe  der  deuteschen  Armee,  die  von  Generaloberst
  v.  Kluck  geführt  wird,  die  französische  Aufstellung  und  driückt  auf  die  Nückzugslinie
  Cambrai,  St.  Quentin,  Paris.  Die  anschließende  deuesche  Armee,  die
den  Abschnikt  bestritt,  der  durch  den  Gebiekswinlel  zwischen  Maas  und  Sambre
mit  Scheitelpunkt  Namur  gebildet  wird,  hat  unter  dem  Oberbefehl  der  Generale
v.  Bülow  und  Hausen  die  Offensive  über  Maubeuge  hinausgetragen.  Ob  sie
den  wichtigen  Eisenbahnknotenpunkt  Hirson,  der  die  Schwelle  zum  befestigten
Lager  von  Laon  bildet,  genommen  hat,  bleibt  unenrschieden.

Südlich  anschließend  hat  die  Armee  des  Herzogs  Albrecht  von  Württemberg,
  die  vor  acht  Tagen  bei  belgisch  Neuschsteau  gefochten  hat,  den  tief  eingeschnittenen
  Semois,  einen  auf  der  belgisch  französischen  Grenze  fließenden
Zufluß  der  Maas,  überschritten.  Sie  soll  sogar  schon  die  Maas  selbst  überschritten
baben.  Ist  das  richtig,  so  ist  die  französische  Stellung  in  ihrer  Linken  umfaßt,  bei
Maubeuge  eingedrückt  und  an  ihrem  unverwundbarsten  Punkt,  der  großen  Maaslücke,
  durchbrochen  worden.  Es  liegt  indes  darüber  noch  kein  Berichte  von  französischer
  Seite  ver.

Die  an  die  Armee  de#n  Wöürktembergers  südösllich  anschließenden  Armeen
haben  ihre  Offensive  mit  kürzeren  Schriteen  vollzogen.  Die  Armee  des  Deutschen
Kronprinzen  steht  nach  der  Kapitulation  von  Longwy  ouf  der  Linie  Montméb
  y—Etain,  etwa  15  Kilometer  von  der  Lagerfestung  Verdun,  die  ihr  hier
Hale  gebietet.  Im  Bereich  der  nächstanschließenden  Armee  des  Kronprinzen  von
Bayern,  die  im  Raume  Megh  bis  zum  Donon  lämpft,  wo  sie  vor  acht  Tagen  die
Offensive  der  französischen  Hauptkampfgruppe  abgeschlagen  und  die  Armee  des
Generals  Joffre  auf  das  Plateau  von  Nancy  und  Lunbville  zurückgeworfen
hat,  scheint  „auf  der  Stelle  getreten  zu  werden“.  Sie  hat  eine  neue  Gegenoffenfive,
welche  die  Franzosen  mit  frischen  Truppen  unternahmen,  abgewehrt  und  ihre
Stellung  behauptet.  Die  von  uns  behauptete  Verlängerung  des  linken  deutschen
Flügels  wird  bestätigt,  denn  anschließend  an  die  Armeegruppe  des  Kronprinzen
von  Bayern  ist  am  Donon  und  vor  St.  Diè  die  Armee  des  Generalobersten
v.  Heeringen  in  Akeion  getreten  und  wirke  hier  flankierend  und  entlastend
zugleich.

Die  Enescheidung  der  Niesenschlacht  fällt  voraussichtlich  ouf  dem  deutschen
rechten,  also  französischen  linken  Flügel  zwischen  Cambrai  und  Mezieères.  Dieser
ist  beute  schon  so  weit  vorwärtks  gedreht,  daß  die  französische  Kampflinie  einen
stumpfen  Winkel  mie  Scheidelpunkt  Mezieres  bildet.  Die  französische  Heeresleitung
  hat  den  Gegenstoß  nochmals  auf  ihrem  rechten  Flügel  bei  Lundville  angeseght;
es  ist  aber  nicht  ersichtlich,  was  selbst  ein  Erfolg  an  dieser  Stelle,  der  zwischen  Me#
und  Straßburg  landen  würde,  noch  Gutes  bringen  kann.  Das  Schicksal  der  Schlacht
könnte  er  nur  noch  sekundär  beeinflussen.
        <pb n="431" />
        29.  und  30.  August  1914  415

Die  französische  Armeeleitung  hat  in  lehter  Stunde  die  im  Sundgau  verausgabten
  Divisionen  und  alles,  was  in  den  Festungsgebieten  von  Belfort  und
Besancon  entbehrlich  ist,  nach  Norden  geholt.  Immer  schärfer  tritt  hervor,
wie  teuer  der  moralische  Erfolg  bezahlt  worden  ist,  den  die  Franzosen  durch
die  Besegung  Mülhausens  und  des  Oberelsasses  erkauft  baben.

Auch  über  den  Flankenstoß,  den  die  in  Ankwerpen  konzentrierten  belgischen
  Truppen  ausgeführt  haben,  liegt  Bericht  aus  deutscher  amtlicher  Quelle  vor.
Danach  ist  diese  Offensive  abgewehrt  worden  und  hat  das  Schicksal  der  Schlacht
nicht  beeinftußt.

Aus  Deutschland  sind  unterdessen  große  Truppenniassen  zweiten  Aufgebots
nachgezogen  worden  und  noch  ist  kein  Ende  dieser  aus  unerschöpflichem  DNenschenvorrat
  erwachsenden  Neubildungen  abzusehen.  Ist  daher  die  endgültige
Entscheidung  auf  dem  deuesch  französischen  Kriegsschauplag  vielleicht  auch  heute
noch  nicht  gefallen,  so  kann  sie  doch  kaum  noch  zweifelhaft  sein.

29.  August  1914.  Nr.  405  (Morgenblatt).

Die  Darstellung,  die  wir  im  Abendblatt  des  28.  August  von  der  Kriegslage
auf  dem  deuesch-französischen  Schauplag  gegeben  haben,  ist  durch  die  neu  eingelaufenen
  Nachrichten  bestätigt  worden.  Der  deutsche  Generalstab  keilt  mit,  daß
die  englische  Armee  nördlich  von  Sé.  Quentin  vollständig  geschlagen  und  auch
in  dem  angrenzenden  Gefechtsraum,  wo  die  Generale  v.  Bülow  und  Hausen
befehligen,  die  Offensive  vorwäres  getragen  worden  sei.  Die  Armee  des  Herzogs
Albrecht  von  Württemberg  habe  bereits  die  Maas  südlich  von  Mezieres  in
breiter  Frontk  überschritten.  Der  deutsche  linke  Flügel  soll  nach  neuntägigem
Gebirgskompf  vom  Donon=  und  Saalespaß  aus  den  rechten  Flügel  der  Franzosen
bis  östlich  von  Epinal  zurückgeworfen  haben.

Wenn  auch  noch  keine  Kontrollmeldungen  von  französischer  Seite  vorliegen  —
aus  Dariser  Zeitungen  geht  hervor,  daß  der  Nachrichtendienst  des  französischen
Kriegsministeriums  in  Paris  selbst  scharfe  Kritik  findet  —,  so  ist  doch  an  den
Erfolgen  der  deutschen  Offensive  nicht  zu  zweifeln.

Man  kann  also  als  feststehend  annehmen,  daß,  wie  zu  vermuten  war,  die
französische  Schlachtlinie  auf  ihrem  linken  Flügel  umfaßt  und  unter
schweren  Werlusten  der  dort  fechtenden  Engländer  und  französischen  Landwehren
aus  dem  Raume  von  Walenciennes—Maubeuge  über  Cambrai  hinaus  südlich
auf  St.  Ouentin  geworfen  worden  ist.

Oie  Ourchbrechung  der  Maaslinie,  die  der  deutsche  Generalstab  bestimmt
meldet,  ist  am  kritischen  PDunke,  südlich  von  Mezieres,  zwischen  diesem  Ort  und
dem  historischen  Sedan  erfolgt.  VBon  Mezieres  führt  die  direkte  Linie  über  Rethel
auf  das  75  Kilometer  südwestlich  gelegene  befestigte  Lager  von  Reims.  Es  kommt
nun  darauf  an,  wie  stark  die  deutschen  Kräfte  sind,  die  hier  den  Maaslbergang
erzwungen  und  die  französische  Schlachtlinie  damie  durchbrochen  haben  und  in
welcher  Verfassung  sich  die  geworfenen  Truppen  befinden.

30.  August  1914.  Nr.  406  (Sonntagblaté,  Abendblatt  vom  Samstag).

Während  auf  dem  deutsch-französischen  Kriegsschauplatg  die  Entscheidung
reife  und  in  Galizien  und  Großpolen  Osterreicher  und  Russen  reches  wie  links  der
        <pb n="432" />
        416  Aus  den  Getrachtungen  zur  Kriegslage

Weichsel  in  Kämpfen  großen  Stils  aneinander  geraten  sind,  vollzieht  sich  auf  dem
deutsch-russischen  Kriegsschauplag  in  Ostpreußen  die  russische  Offensive
gegen  Königsberg

Die  Offensive  der  Russen  gegen  Ostpreußen  ist  aus  dem  Militärbezirk  Wilna
und  vielleicht  auch  aus  dem  Bezirk  Warschau  erfolgt.  Wilna  stellt  im  Frieden
vier  Armeekorps.  Das  Versammlungsgebiet  für  diese  liegt  auf  dem  rechten  Rsemen,
und  von  hier  aus  hat  jetzt  der  Stoß  gegen  Lilsit,  Gumbinnen  und  Lyck  eingesegt.
Hat  die  deutsch-österreichische  Offensive  auf  Kielze  die  fünf  russischen  Korps  des
Militärbezirks  Warschau  nicht  alle  dorthin  gerufen,  so  können  Leile  von  ihnen
nördlich  auf  Mlawa  in  der  Richtung  Allenstein  vorgedrungen  sein.  Jedenfalls
erstreckt  sich  die  russische  Linie  weit  nach  Süden  mit  der  Tendenz,  die  preußischen
Sereikkräfte  auf  ihrem  rechten  Flügel  zu  umfassen,  auf  dem  rechten  Weichselufer
zu  sesseln  und  nach  Königsberg  zu  drängen.  Oie  Sache  ist  so  weit  gediehen,  daß
die  Osthälfte  der  DProvinz  in  russischem  Besig  ist.  Ein  entscheidendes
Treffen,  das  mit  dem  Rückzug  der  Deutschen  auf  die  befestigten  Linien  von
Königsberg  endigen  müßte,  hat  indes  noch  nicht  stattgefunden.  Ober  die  Weichsel
binaus  ist  noch  kein  Russe  gelangté

Die  weiteren  Ereignisse  bleiben  abzuwarten,  abzuwarten  auch,  ob  sie  sich  ge.
sondert  vollziehen  oder  in  absehbarer  Frist  die  deutsch.  österreichische  Offensive  von
Krakau  und  Tschenstochau  auf  Kielze—Jwangorod,  also  in  den  Rücken  der  russischen
Offensive  in  Ostpreußen,  trogh  der  riesigen  Entfernung  Einfluß  ausübt.  Unterdessen
würden  aber  auch  die  russischen  Korps  aus  den  inneren  Bezirken  an  die  Front
gelangen  und  ihre  Lbermacht  geltend  machen  können.

J1.  August  1914.  Nr.  407  (Morgenblatt).

In  Ostpreußen  ist  die  Offensive  der  Russen  nicht  nur  zum  Stehen  gekommen,
  sondern  nach  amtlicher  deutscher  Meldung  sogar  abgeschmettert
worden.  Aus  dem  deutschen  Bericht  läßt  sich  entnehmen,  daß  die  deutsche  Ostarmee
ähnlich  wie  in  der  Zeit  vom  18.  bis  20.  August  die  Armee  des  Kronprinzen  von
Vayern  in  Lochringen,  vor  dem  andrängenden  Gegner  langsam  zurückgewichen  ist,
bis  dieser  den  Punkt  erreicht  hatte,  wo  er  unter  ungünstigen  taktischen  Umständen
schlagen  mußte.  Wie  in  Lochringen  die  Franzosen  durch  das  Tal  der  Vezouse
Über  den  Rhein-Marne-Kanal  und  durch  das  sumpfige  Gelände  der  Seille  zwischen
den  Lothringer  Teichen  hindurch  vorgingen,  so  drängten  die  Russen  in  der  Stärke
von  fünf  Armeekorps  und  drei  selbständigen  Kavalleriedivifionen,  also  mindestens
250  000  Mann  stark,  in  breiter  Front  die  deutsche  Ostarmee  zwischen  der  masurischen
Seenplatte  zurück.  Bei  Gilgenburg  und  Ortelsburg  südlich  Allenstein  stießen  fie
auf  die  deutsche  Hauptstellung.  Die  Oeutschen  waren  schwerlich  stärler  als  zwei
Armeekorps,  haben  aber  sicher  zahlreiche  Landwehren  beigestellt.  Am  Südrande
des  osepreußischen  Landrückens  warfen  die  Deutschen  den  Feind  und  setzten  ihren
Gegenstoß  so  weit  fort,  daß  die  Russen  zum  beschleunigten  Rückzug  gezwungen
wurden.  Wenn  sich  die  deutsche  Meldung  in  vollem  Amfang  bestätigt  —  eine
russische  steht  noch  aus  —,  so  hat  dieser  Erfolg,  der  140  Kilometer  östlich  der
Weichsel  von  den  Deutschen  errungen  worden  ist,  die  Offensive  der  Russen  vorläufig
  gebrochen.  Der  Mißerfolg  des  linken  Flügels  der  russischen  Nordarmeen
wird  auch  auf  die  in  der  Richtung  Lilsie  und  Insterburg  auf  Königsberg  vorge-
        <pb n="433" />
        31.  August  1914  417

gangene  rechte  Flügelgruppe  zurückwirken.  Bei  der  starken  numerischen  Überlegenheit
  der  Russen  dürfee  aber  der  Vormarsch  der  russischen  Armeen  in
elniger  Zeit  wieder  aufsgenommen  werden..

31.  August  1914.  Nr.  408  (Abendblatt).

Ober  den  Gang  der  Miesenschlache,  die  nun  seit  neun  Tagen  auf  der  Front
Cambrai—  Belfort  wület,  erfährt  man  wenig.  Von  deutscher  Seite  ist  zuleszt
gemeldet  worden,  daß  der  rechte  Flügel  die  Engländer  im  Norden  geworfen
babe  und  umfassend  über  St.  Quentin  vorgehe.  Anschließend  hobe  die  nächste
Armeegruppe  östlich  von  Maubeuge  Fortschritte  gemacht,  und  die  über  den  Semoils
gelangte  Armee  des  Herzogs  Albrecht  von  Württemberg  habe  bereies  die  Maas
überschritten.

Am  Sopnntag  ist  nun  eine  Meldung  von  französischer  Seite  eingelaufen,  die
als  Kontrolle  und  im  gewissen  Amfang  als  Bestätigung  der  deutschen  Meldung
dienen  kann.  Es  gehlt  daraus  hervor,  daß  am  Entscheidungsflügel  im  Norden
die  Deutschen  fortgesetzt  an  Boden  gewinnen  und  daß  die  Umfassung
sich  immer  deutlicher  ausspricht.  Hier  wird,  wenn  nicht  ein  Wunder  geschieht,
die  Entscheidung  reisen,  und  man  kann  eigentlich  den  Optimismus,  mit  dem  die
französische  Meldung  auf  die  Behaupkung  des  Oberelsasses  und  der  Mortagnelinie
  hinweist,  nicht  recht  verstehen.  Je  fester  sich  die  französische  Armeeleitung  auf
ihren  rechten  Flügel  versteift,  desto  schlimmer  wird  ihre  Lage,  wenn  die  deutsche
Umfassung  vollständig  gelingt.  Heute  ist  das  noch  nicht  geschehen.  An  der  Maas
scheinen  die  Franzosen  immer  noch  mit  äußerster  Kraft  zu  widerstehen.  Eé  ist  nicht
erfichtlich,  wie  weit  die  deutschen  Armeen  der  Mittelgruppe  die  Offenfive  um  jeden
Preis  durchführen.  Der  Gedanke,  daß  sie  hier  bewußt  nur  so  stark  anfassen,  daß
der  Gegner  nicht  zu  Atem  kommt,  um  inzwischen  die  Umfassung  voll  ausreifen
zu  lassen,  liegt  nabe.

Die  französische  Armeeleitung  war  von  Anfang  an  organisatorisch  nicht  so
sest  gefügt,  daß  sie  die  gesamten  Feldheere  fest  in  der  Hand  hatte.  Deshalb  sind
Reibungen  zwischen  den  einzelnen  Gruppenführern,  von  denen  eine  andere  Meldung
  spricht,  nicht  unmöglich.  Dazu  kommt,  daß  Frankreich  genötige  war,  englische
Hilse  anzunehmen  und  General  Frenuch  den  Oberbefehl  der  linken  Flügelgruppe
zu  Übertragen.  Ob  die  Engländer  gerade  an  den  Entscheidungsflügel  gehörten,
ist  eine  kritische  Frage.  Daß  sie  in  der  Nähe  ihrer  Schiffsbasis  am  raschesten
aufmarschieren  konnten,  liegt  hingegen  auf  der  Hand.  Offenbar  haben  fsie
aber  mit  den  ihnen  zugewiesenen  französischen  Terrikorialen  nicht  genügt,  um  den
entscheidenden  HDunke  zu  halten.  Fehler  in  der  Anlage  eines  Feldzuges  lassen
sich  im  Verlauf  schwer  wieder  gutmachen.  So  gewinne  es  auch  in  diesem  Falle
den  Anschein,  als  hätte  die  Verausgabung  von  drei  bis  fünf  Eliredivisionen
im  Oberelsaß  den  Franzosen  die  Möglichkeit  genommen,  im  Norden,  wo  aus
Belgien  heraus  die  deutschen  Heere  zur  Umfassung  schritten,  genügende  Kräfte
bereitzustellen.

Doch  noch  kämpft  die  französische  Armee  um  jeden  Fußbreit  Boden.  Das
sagt  zugleich,  daß  die  Enescheidung  dieser  Schlachtenserie  auch  die  Entscheidung
des  Feldzuges  bringt,  denn  entweder  geht  der  deutschen  Offensive  der
Atem  aus  und  damit  schwände  die  Möglichkeit,  ben  Feldzug  binnen  wenigen

Slegemanns  Geschichee  des  Krleges.  I.  V
        <pb n="434" />
        418  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

Dagen  im  wesentlichen  zu  entscheiden  oder  die  Umfassung  gelingt,  die
französische  Armee  wird  aufgerollt  und  durchbrochen  und  löäst  sich
in  einzelne  Kampfgruppen  auf,  die  nur  noch  bedingt  im  Felde  verwendbar
bleiben.

1.  September  1914.  Nr.  409  (Morgenblatt).

Nach  so  vielen  Phantafieschlachten  zur  See  hat  nun  am  28.  August  das  erste
größere  Treffen  zwischen  Engländern  und  Deutschen  in  der  Nordsee
stateigefunden.  Lber  den  Erfolg,  den  die  englische  Flort##  davongetragen  hat,
liegen  sowohl  von  englischer  als  auch  von  deutscher  Seite  amtliche  Meldungen  vor,
und  es  ist  erfreulich,  festzustellen,  daß  beide  schlüssig  find,  ineinandergreifen  und
ein  vollständiges,  HIares  Bild  geben.

Die  englische  Flotte  hat  offenbar  ihre  Aufgabe,  den  Transport  des  Landheeres
  nach  Frankreich  zu  bewerkstelligen  und  zu  decken,  erfüllt,  so  daß  sie  nun
gegen  die  deutsche  Küste  vorgehen  kann.  Ihre  Aufklärungsgeschwader,  an  Jahl
und  Bestückung  den  deutschen  weit  überlegen,  sind  südlich  von  Helgoland  auf
der  befahrensten  Meeresstraße  der  Nordsee  von  den  deutschen  Aufllärungsschiffen
gesichtet  und  angegriffen  worden.  Aus  der  deutschen  Oarstellung  gehe  hervor,
daß  sich  bei  der  deutschen  Flotte  „der  Drang  nach  vorwärts“  ebenso  bemerkbar
macht  wie  bei  dem  Heere.  Dazu  kam  in  diesem  Falle  nebliges  Wetter,  und  die
lleinen  deutschen  Kreuzer  und  Torpedoboote  sahen  sich  nach  lebhaftem  Kampfe
mit  der  starken  englischen  Zerstörerstotte  und  gleichwertigen  Kreuzern  plöglich  den
großen  Danzerkreuzern  des  Feindes  gegenüber.  Der  ungleiche  Kampf,  in  den  die
Deueschen  sich  eingelossen  hatten,  mußte  zu  einer  Katastrophe  führen,  wenn  sie  nicht
sofort  das  Steuer  herumlegten  und  auf  Helgoland  abbielten.  Sie  haben  das  nicht
getan,  und  nun  vollendete  das  geschickt  geführte  englische  Geschwader  das  Schicksol
einiger  der  kühnsten  Kreuzer  aus  der  „Städteklasse“  der  deutschen  Flotte.  Bon
den  lleinen  4—5000.Tonnen-Kreuzern  der  „Städteklasse“  sind  dabei  zwei  mit
der  Flagge  am  Mast  gesunken,  die  „Köln“  und  die  „Mainz“.  Ferner  sanken
der  leine  Aviso  „Ariadne“  und  das  Torpedoboot  N  187.  Auch  die  Menschenverluste
  sind  bedeutend,  der  Chef  der  deutschen  Flottille  ist  gefallen.  Von  den  englischen
  Schiffen  haben  die  Torpedobootszerstörer  und  der  Kreuzer  „Amethist“
starken  Schaden  erlitten.  Gesunken  ist  keins.  Der  Kampf  hat  offenbar  außerhalb
  des  Schußbereichs  von  Helgoland  stattgefunden.  Es  war  keine  Seeschlacht
großen  Stils,  sondern  nur  ein  Treffen  zwischen  der  Meeresk  avallerie  der
beiden  Flotten,  das  mit  einem  Siege  der  überlegenen  englischen  Sereickräfte  geendet
  hat..

1.  September  1914.  Nr.  410  (Abendblate).

Heute  lassen  sich  infolge  der  schlüssigeren  amtlichen  Berichterstattung,  wie
sie  jetzt  in  Haris  geübt  wird,  der  —  wie  immer  —  militärisch  gefaßten  und  die
operative  Gestaltung  des  Kampfes  betonenden  amtlichen  deurschen  Berichte  und
einer  Mitteilung  aus  amtlicher  englischer  Quelle  Gang  und  erlauf  der  Schlachten
im  Westen  übersichtlich  darstellen.  Das  gewaltige  Ringen  steht  immer  noch
unter  demselben  Geseg,  d.  h.  wir  sehen  die  deutsche  Heeresleitung  in  methodi-
        <pb n="435" />
        1.  September  1914  419

scher  Ausführung  ihres  Amfassungsplanes  vom  rechten  Flügel  aus  begriffen.
  War  ursprünglich  die  Frontlinie  der  beiden  feindlichen  Heeresmassen
gerade  ausgerichtet  und  bog  sich  dann  unter  dem  Druck  der  deueschen  Offensive  im
Norden  die  französische  Linie  etwas  zurück,  so  ist  heute  aus  dem  stumpsen  Winkel
mit  Scheitelpunkt  Mezieres,  den  die  französische  Schlachtlinie  nach  der  JZurück.
werfung  des  englisch-französischen  Flügels  bildete,  nahezu  ein  rechter  Winkel
geworden.  Geht  der  Druck,  den  die  Armeen  der  Generale  v.  Kluck,  Bülow  und
Hausen  ausüben,  noch  einige  Meilen  weiter  nach  nordsüdlicher  Richtung,  so
sechten  die  Franzosen  in  einer  Aufstellung,  die  von  Compiêgne  über  Läon,  Rethel
in  westöstlicher  Richtung  bis  zu  den  Ostabhängen  der  Ardennen  links  der  Maas
führt  und  hier  rechtwinklig  nach  Südsüdosten  maasaufwäres  über  Verdun,  Toul
nach  Epinal  führt.  Sie  halten  also  immer  noch  im  gebirgigen  franzößischen  Loth.
ringen  auf  ihrem  rechten  Flügel  stand,  erringen  hier  sogar  Teilerfolge,  die  deutscherseits
  vielleicht  nicht  mit  voller  Kraft  abgewehrt  werden,  und  haben  im  Zentrum,
d.  h.  am  Scheitelpunkt  ihrer  Aufstellung  vorübergehend  einen  wirklichen  Erfolg
an  sich  gerissen,  als  sie  die  Armee  des  Württembergers  durch  einen  Stoß  von  den
Abhängen  der  Ardennen  herab  über  die  Maas  zurückschleuderten.  Mittlerweile
sollen  indes  die  Maosübergänge  wieder  verloren  gegangen  sein.  Die  Entscheidung
fällt,  wie  gesagt,  auf  dem  linken  Flügel  der  Franzosen,  dessen  beide  Kompfgruppen,
  die  rechte  bei  Rethel,  die  linke  bei  Ha  Fere  und  Ham,  südlich  von  St.  QOuentin,
  schwer  bedrängt  find.  Gelingt  der  Stoß  Bülows  und  der  Hausens  auf  Rethel,
so  wird  die  französische  Linie  an  einem  kriceischen  Hunkt  durchbrochen.  Den  geworfenen
  Truppen  blieben  zwar  voraussichtlich  der  Rückzug  auf  Qeims,  sie  entblößten
  aber  dadurch  die  im  Scheitelpunkt  an  den  Ardennen  fechtende  Mittelgruppe,
in  deren  linke  Flanke  ein  Stoß  auf  Rethel  mittelbar  führt.  Die  Franzosen  werden
daber  hier  mit  äußerster  Krast  kämpfen  und  haben  nach  der  französischen  Quelle
auch  erfolgreich  gekömpft,  ohne  indes  aus  der  Oefensive  hervortreten  zu  können.
Schlimm  steht's  auf  ihrem  äußersten  linken  Flügel,  wo  die  Umfassung  Klucks
täglich  an  Boden  gewinnt.  Die  Engländer,  die  bei  Beginn  der  großen  Operationen
  bei  Mons  200  Kilometer  von  Paris  fochten,  sind  während  der  zehntägigen
Schlacht  um  100  Kilometer  von  Stellung  zu  Stellung  zurückgeworfen  worden.
Sie  stehen  heute  südlich  von  St.  Quencin,  etwa  auf  der  Linie  Ham—a  Fere.
Zu  ihrer  Entlastung  scheint  eine  französische  Gegenoffensive  mit  umfassender
Tendenz  über  Combles,  10  Kilometer  nordwestlich  Héronne,  versucht  worden  zu
sein.  Sie  ist  gescheitert,  wie  jede  Umfassung,  die  nicht  mit  frischen,  überlegenen
Kräften  unternommen  wird.

Ist  aber  heute  auch  wieder  ein  Fortschrite  der  deutschen  Operationen  festzustellen,
  so  ist  doch  die  Enescheidung  selbst  noch  nicht  gefallen.  Kommt  es  zu
einer  solchen,  ehe  den  Deutschen  der  Atem  ausgehkt,  so  müssen  wir  mit
einer  der  denkwürdigsten,  selesamsten  Kriegshandlungen  rechnen  und  mit  Folgen,
die  unübersehbar  sind.  Ob  der  deutsche  Umgehungsflügel  den  Stoß  auf
Paris  richtet,  läßt  sich  mit  Sicherbeit  noch  gar  nicht  sagen.  Französischerseies
  muß  man  mit  Beklemmung  verfolgen,  wie  sich  die  ursprünglich  gerade
ausgerichtete  Heeresfront  in  einen  Winkel  hat  zwingen  lassen,  dessen  linler  Schenkel
methodisch  zurückgepreßt  wird,  so  daß  beute  schon  die  französischen  Heere  zum
Teil  Rücken  an  Rücken  fechten.
        <pb n="436" />
        420  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

Unter  dem  Namen  die  Schlacht  bei  Ortelsburg  (oder  Tannenberg)  wird  die
Kriegsgeschichte  die  erste  Schlacht  des  europäischen  Krieges  aufführen,  in  welcher
die  Aufgabe,  den  Feind  bis  zur  Vernichtung  zu  schlagen,  vollständig  geläse
worden  ist.  General  v.  Hindenburg,  der  die  deutsche  Ostarmee  zu  diesem
Siege  führte,  ist  ein  bevorzugter  Schüler  des  verstorbenen  Generalstabschefs  der
deutschen  Armee,  Grafen  Schlieffen.  Oie  Schlacht  von  Ortelsburg  ist  die
Lôssische  moderne  Schlacht:  Auffangen  der  feindlichen  Offensive  in  ausgewählter
Stellung,  Festhalten  im  Zentrum  mit  schwächeren  Kräften  durch  Ausnugung  des
Geländes  und  Massierung  der  Artillerie.  Umfassung  auf  beiden  Flügeln,  Abdrängung
  des  Feindes  in  eine  Sackgasse  und  Gefangennahme  ganzer  geschlossener
Truppenkörper  mit  ihren  Stäben.  Was  in  der  Schlacht  bei  Dieuze  nicht  gelungen
ist,  da  die  Franzosen  ihren  Rückzug,  wenn  auch  unter  schweren  WVerlusten,  bewerkstelligen
  konnten,  die  Zererümmerung  einer  Hauprkampfgruppe,  das  ist  bei
Ortelsburg  restlos  geglückt.  Die  russische  Armee  wird  dort  auf  150  000  Gewehre,
16  000  Säbel  und  300  Geschüge  geschäggtt.  Davon  find  nach  amtlicher  deutscher
Meldung  nicht  weniger  als  60  000  Mann  in  Gefangenschaft  geraten,  das  ist  Über
ein  Drittel.  In  offener  Feldschlacht  ein  noch  nicht  dagewesener  Vorgang!  MRechnet
man  den  Ausfall  an  Toten  und  Verwundeten  mit  15  Prozent,  so  haben  die  Russen
über  die  Hälfte  auf  dem  Schlachtfelde  und  in  Gefangenschaft  gelassen.  Daß  die
andere  Hälfte  noch  operationsfähig  sei,  läßt  sich  nicht  annehmen

2.  September  1914.  Nr.  412  (Abendblatt).

Die  Wage  der  Entscheidung  schwankt  auf  dem  westlichen  wie  auf  dem
östlichen  Kriegsschauplag  seit  einigen  Tagen  hbin  und  her,  je  nachdem  das
Gewicht  neuer  Meserven  in  die  Schalen  gelegt  wird.

Die  Serie  der  Enescheidungsschlachten  auf  dem  westlichen  Kriegsschauplag
boben  wir  gestern  so  weit  verfolgt  und  festgelegt,  als  die  Berichte  gestatteten.  Der
ODruck  des  deutschen  Umgehungsflügels  segze  sich  fork,  und  wenn  seit  gestern
kein  Stillstand  eingerreten  ist,  so  muß  sich  das  staffelförmige  Vorgehen  vom  rechten
deutschen  Flügel  bei  St.  Quentin  aus  bis  zum  Zentrum  an  der  Maas,  südlich  von
Sedan,  immer  stärker  geltend  machen,  ein  Druck,  der  mit  der  Entfernung  vom
eigentlichen  Umgehungsflügel  nach  der  Miete  abnimmt.

ODas  geht  auch  aus  dem  soeben  eintreffenden  Bericht  des  französischen  Kriegs.
ministeriums  bervor,  in  welchem  die  Tatsache  bedenklich  stimmt,  daß  für  den  französischen
  linken  Flügel  überhaupt  keine  Dosition  mehr  angegeben  wird.
Es  scheint  nur,  der  linke  Flügel  weiche  vor  der  Umfassung  in  sdwestlicher  Richtung
zurück,  da  er  die  Schlacht  nicht  unter  ungünstigen  taktischen  Verhältnissen  annehmen
  wolle.  Es  bleibe  dahingestellt,  ob  es  der  Mangel  einer  günstigen  Stellung
oder  der  mechanische  Druck  der  Umgehung  ist,  der  die  französische  Armeeleitung
zur  neuerlichen  Zurücknahme  ihres  linken  Flügels  zwingt.  Jedenfalls  schreitet
damit  die  Rückwärtsdrehung  der  französischen  Front  über  La  Fare  das  Oisetol
abwärts  in  der  Richtung  Paris  fort.  Obkdie  große  Rückzugslinie  La  Fere—Noyon
Compvieègne—Paris  noch  im  ungeskörten  Besig  der  Franzosen  ist,  läßt  sich
fragen,  aber  nicht  beantworten.  Wäre  es  nicht  der  Fall,  so  müßte  der  Rückzug
südöstlich  auf  Laon  und  Soissons  an  der  Aisne  gesucht  werden.  Die  Position
Rethel  im  Zentrum  und  nahe  am  Scheitelpunkt  der  rückwärts  gewinkelten  fran-
        <pb n="437" />
        2.  und  3.  September  1914  421

zösischen  Front  haben  wir  gestern  als  besonders  wichtig  hervorgehoben.  Ihre
Wichtigkeit  geht  auch  aus  der  Mitteilung  des  französischen  Kriegsministers  hervor,
denn  es  wird  darin  ausdrücklich  betont,  daß  es  gelungen  sei,  die  Offensive  der
Deueschen  auf  Rethel  für  den  Augenblick  aufzuhalten.  Die  Einschränkung  „für
den  Augenblick“  läßt  erkennen,  daß  die  Lage  auch  hier  kritisch  ist.  Vielleicht
benutzen  die  Franzosen  den  gestern  erlangten  momentanen  Worteil,  um  ihr
Zentrum,  das  nordöstlich  von  Rethel  in  den  Ardennen  kämpft,  so  weit  zurückzunehmen,
  daß  die  Winlelpressung  und  der  Durchbruch  bei  Rethel  vermieden
werden  kann.

Rechts  anschließend  verläuft  nun  die  französische  Aufstellung  vom  Scheitelpunte
an  den  Ardennen  vorwärts  Verdun  und  Toul  im  Cal  der  Mortagne  nach  Epinal.
Hier  ist  die  Lage  überall  unverändert.  Demnach  ist  das  linke  Maasufer  bis  etwa
Stenay,  28  Kilometer  südlich  von  Sedan,  im  Gesig  der  Deutschen,  die  die  Schluchten
der  Ardennen  vor  sich  haben.  Südlich  von  Stenay  erstreckt  sich  auf  dem  rechten
Maasufer  der  Wald  von  Woerre,  den  die  Franzosen  fesihalten,  und  daran  anschließend
  das  Plateau  von  Verdun,  das  ausgezeichnete  Defensivstellungen  in
einem  Abstand  von  5  Kilometern  vom  rechten  Maasufer  nach  Osten  bietet.  Hier
ist  die  Schranke,  vor  welcher  die  Armee  des  Deutschen  Kronprinzen  liegt,  während
an  den  Ardennen  die  Armee  des  Herzogs  von  Württemberg  kämpft.  Der  ußerste
rechte  Flügel  der  Franzosen  hält  von  CToul  bis  Epinal  in  den  Bogesen  nachdrücklich
stand.  Dem  Auftauchen  von  französischen  Truppen  im  Gebweiler  CTal  messen  wir
keine  große  Bedeutung  bei.

Cie  strategische  Lage  erscheint  heute  nicht  zugunsten  der  Franzosen  verändert,
  taktische  Entscheidungen  scheinen  indes  noch  nicht  stattgefunden  zu  haben.
Das  Erscheinen  deutscher  Flieger  über  Paris  kündet  inzwischen  der  französischen
Hauptstadt  die  Nähe  des  Feindes,  dessen  rechter  Flügel  vielleicht  nur  noch  80  Kilometer
  entfernt  steht.

Auf  dem  östlichen  Kriegsschauplatz,  wo  Russen  und  Österreicher  seit
einer  Woche  ringen,  ist  die  Enescheidung  noch  nicht  gesollen.  Nur  im  Norden,
auf  dem  deutsch-russischen  Schauplatg,  hat  die  Schlacht  von  Ortelsburg  das
Schachbrett  gefegt.  Zu  neuem  Spiel  hat  der  Russe  die  Figuren  dort  noch  nicht
gestellt.

3.  September  1914.  Nr.  414  (Abendblatt).

Wir  haben  gestern  auf  zwei  wichtige  Punkte  hingewiesen,  an  denen  die  Entscheidung
  in  der  Schlachtenfolge  zwischen  St.  Quentin  und  Epinal  in  kürzester
Frist  fallen  könnte.  Sie  scheint  heute  an  dem  ersten  dieser  beiden  Dunkte,  auf  dem
linken  Flügel  der  englisch-französischen  Armee,  bis  zum  Rückzug  in
der  Richtung  Paris  und  mit  Ziel  Paris  gereift  und  ist  am  zweiten  kritischen  Hunkt,
im  Zentrum  und  Scheitelpunkt  der  französischen  Heeresfront  bei  Rethel  und
an  den  Ardennen,  bereits  gefallen.  Gerade  auf  die  Bedeutung  Nethels
baben  wir  von  Anfang  an  hingewiesen,  und  als  gestern  das  französische  Kriegsministerium
  mitteilte,  daß  dort  die  Offensive  der  Deutschen  „für  den  Augenblick“
aufgehalten  sei,  da  sah  man  die  Katastrophe  schon  deutlich  heraufziehen.  Immerhin
baben  die  im  Zentrum  fechtenden  französischen  Korps  ihren  Rückzug  aus  den
Oefileen  der  Ardennen  und  über  MRethel  in  südlicher  Rich  tung  noch  bewerk-
        <pb n="438" />
        422  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

stelligen  können.  Nach  deutschen  Quellen  sind  sie  aber  zwischen  Reims  und  Verdun
in  großer  Schlacht  neuerdings  geschlagen  worden.

Wenn  das  stimmt,  dann  ist  die  gewaltige  französische  Heeresfront  zwischen
Laon  und  Retbel  durchgerissen,  sofern  nicht  auch  der  ganze  linke  Flügel  sich
suüblich  Laon  hat  zurückziehen  und  die  Linie  Compiègne—Soisson—
Reims  hat  einnehmen  und  behaupten  können.  Dies  angenommen,  bildet  mun  die
französische  Fronk  einen  Winkel  von  110  Grad  mit  Scheitelpunkt  Verdun,
rechtem  Endpunkt  Epinal  und  linkem  Endpunkt  Compiegne.  Man  kann  sagen,
daß  die  französische  Armee  nördlich  Verdun  die  ganze  Maaslinie  und  westlich
S#t.  Quentin  die  Linie  der  Somme  verloren  hat  und  in  nordsüdlicher  Richtung
bereits  einen  Teil  der  Aisnelinie  preisgeben  mußte.

Die  Ausführung  des  gewaltigen  strategischen  Planes  der  deutschen  Offensive
ist  also  bei  der  leyten  Etappe  angekommen.  WBoraussichtlich  bringen  die  nächsten
Tage  auch  die  großen  kaktischen  Schlußentscheidungen.  Vom  Norden
her  über  die  Maas  aus  den  Ardennen  zurückgedrängt,  stehen  die  Franzosen  heute
mic  der  halben  Armee  bereiks  in  der  Flanke  ihrer  eigenen  Ostfront,  deren  aus.
gedehnte  Sperrfortslinie  auf  diese  Weise  von  den  Deutcschen  umgangen  worden
ist,  während  sie  doch  durch  die  Armeen  des  Kronprinzen  von  Bayern  und  des
Generalobersten  v.  Heeringen  vor  dieser  befestigten  Ostfront  von  Verdun  bis
Epinal  und  bis  Belfort  hin  große  Teile  der  französischen  Feldarmee  gefesselt  haben.
Der  Durchbruch  der  Deutschen  durch  Belgien,  die  große  Verausgabung  an
fraonzösischen  Elitekräften  im  Oberelsaß  durch  die  Vorstöße  auf  Mülhausen  und
die  Schwäche  des  französischen  linken  Flügels,  wo  Engländer  und  französische
  Landwehr  standen,  haben  den  ganzen  Verlauf  des  Feldzuges  entscheidend
  beeinflußt.  Zu  Ende  ist  indes  der  Feld  zug  noch  nicht.

Ob  wir  nun  mit  Jerreißen  der  französischen  Heeresmassen  und  Abdrängen
in  die  Lagerfestungen  von  Reims,  Verdun  und  Toul  oder  konzentrischem  Rück.
zug  auf  Chälons  und  die  Marne  zu  rechnen  haben,  müssen  die  nächsten
Tage  lebren.

Auch  im  Osten  des  europzischen  Kriegstheaters  tobt  seit  neun  Tagen  eine
Schlacht,  die  zwar  keine  endglleige  Entscheidung  in  sich  schließt,  wohl  aber  darllber
entscheidet,  wer  künftig  hier  das  strategische  Ne9  dikeieren  wird.  Die  Schlacht
begann  auf  der  Linie  TDarnopol—Kielze.  Oie  ÖOsterreicher  hatten  ihren  linken
Flügel,  nämlich  die  von  Krakau  westlich  der  Weichsel  auf  Kielze  vorgehende  Armee
Dankl,  als  Offensivflügel  ausgebildet  und  den  rechten  östlich  von  Lemberg  desensiv
verankert.

DOie  Nussen  scheinen  von  Anfang  an  ebenfalls  mit  einer  Amfassung  vom
linken  Flügel  aus  operiert  zu  haben,  und  so  ist  nun  bei  der  numerischen  Ibermacht
des  russischen  Offensioflügels  dem  Anschein  nach  die  Lemberger  Stellung  der
Osterreicher  in  Gefahr,  zerschlagen  und  aus  dem  Fundament  gesprengt
zu  werden.  Ihr  linker  Flügel  und  wohl  auch  die  im  Zentrum  fechtende  Gruppe,
also  die  Armeen  Dankl  und  Auffenberg,  haben  in  ununterbrochenen  Kämpfen  und
bei  unglaublich  schlechten  Wege-  und  Geländeverhältnissen  sortgesetzt  an  Boden
gewonnen  und  sind  dicht  an  Lublin  herangekommen,  so  daß  die  Drehung  nach
Often  mit  Lemberg  als  Pivot  auf  guten  Wegen  war.  Die  Russen  können  dasselbe
von  ihrer  Notation  sagen  und  haben  offenbar  ungeheure  Heeresmassen  aus  den
        <pb n="439" />
        3.  und  4.  September  1914  423

südlichen  Gouvernemenes  über  Dubno  herangebracht,  mit  denen  sie  den  Defensiv.
flügel  bei  Lemberg  umklammern  und  zermürben.

Wie  weit  ihnen  das  geglückt  ist  und  ob  die  Widerstandskraft  der  Osterreicher
vor  Lemberg  schon  gang  erschöpft  ist,  wollen  wir  noch  nicht  entscheiden  und  beurteilen.
Es  liegt  allerdings  darüber  eine  russische  Meldung  vor,  die  aber  nicht  unbedingt
schlüssig  ist,  weil  sie  zeitlich  einer  österreichischen  Meldung  vorangeht,  welche  noch
von  der  Behauptung  Lembergs  handelt,  und  weil  in  dieser  russischen  Meldung  etwas
unklar  ist.  Stehen  die  Russen,  wie  es  dort  heißt,  noch  zirka  15  Kilometer  östlich
von  Lemberg,  so  kann  Lemberg  noch  nicht  gefallen  sein.  Daß  die  Lage  für  die
Österreicher  hier  kritisch  ist,  kritischer  als  für  die  Russen  auf  ihrem
Defensioflügel  bei  Lublin,  scheint  uns  indes  sicher  zu  sein.  Also  müssen  auch  hier,  auf
dem  östlichen  Kriegsschauplat,  die  nächsten  Meldungen  die  Entscheidung  bringen.

4.  September  1914.  Nr.  415  (Morgenblatt).

Oie  ssterreichisch-ungarische  Armee  war  in  dem  Raume  Lemberg—  Krakau
aufmarschiert  und  mit  zwei  linken  Flügelgruppen,  einer  äußersten,  westlich  der
Weichsel  auf  Kielze,  und  der  anderen  in  der  Richtung  Mielec—Krasnik,  zur
Offensive  vorgegangen.  Das  Zentrum  schloß  sich  der  ausholenden  Bewegung
an  und  rückte  westlich  von  Lemberg  im  Mittelraume  der  etwa  300  Kilometer
breiten  Frontk  in  der  Richtung  auf  den  Bug  vor.  Die  NRussen  beantworteten
Offensive  mit  Offensive,  und  so  entwickelte  sich  eine  Reihe  von  CTreffen  als
Entgegnungsgefechte,  die  zuleyzt  den  Charakter  einer  Schlachtenserie  annahmen.
Da  auch  die  Mussen  ihren  korrespondierenden  Flügel  zurückhielten,  nachdem  ihr
Vorstoß  bei  Krasnik  mit  einem  Mißerfolg  geendet  hatte,  so  ergab  sich  als
Linie  der  Entscheidungsschlachten  etwa  die  Strecke  Lemberg—Lublin.

Das  Ende  der  Gesamtaktion  ist  noch  nicht  erreicht.  Auf  Lublin  hat  die
österreichische  Armee  Dankl  nach  glücklichen  Vorgefechten  zum  Angriff  angesegt.
Im  ZJentrum  hat  die  österreichische  Armee  Auffenberg  in  schwerer  Schlacht
die  Russen  auf  den  Bug  zurückgeworfen.  Auf  ihrem  rechten  Flügel  bei  Lemberg
  baben  die  Osterreicher  dagegen  in  der  Defensive  vor  dem  russischen  Offensivflügel
  aus  ihren  Außenstellungen  auf  dem  linken  Bugufer  und  der  Mulde  im  Raume
Kamionka—Solkiew  auf  Lemberg  selbst  zurückweichen  müssen.

Die.  Frage  steht  nun  so,  ob  durch  diesen  Sieg  des  russischen  linken  Flügels
die  ganze  Schlacht  entschieden  ist  oder  ob  die  Schlacht  von  den  Osterreichern  durch
Erfolge  im  Zentrum  und  auf  ihrem  linken  Flügel  wiederhergestellt  werden  kann.
Ist  Lemberg  selbst  gefallen  und  sind  die  Russen  Meister  dieses  wichtigen  Knotenpunktes,
  von  dem  aus  sie  die  Osterreicher  slankieren  und  aufrollen  können,  so
wird  auch  dem  Jenerum  Auffenberg  und  der  linken  Flügelgruppe  Dankl  nur  der
Röckzug  übrigbleiben,  und  dann  wäre  in  der  Tat  die  ganze  Schlacht  für  die
Osterreicher  verloren.  Bei  der  Unwegsamkeit  des  Geländes  wäre  das  gleichbedeutend
  mit  den  schwersten  Verlusten  und  der  Aufopferung  der  Artillerie
und  des  Trains.  Für  so  weit  vorgeschritten  und  geklärt  halten  wir  aber  die
Sache  noch  nicht;  doch  Überwiegt,  soweit  ersichtlich,  der  Sieg  des  russischen
Umfassungsflügels  die  österreichischen  Erfolge  im  Zentrum  und  vor
Lublin  bedeutend.  Die  Wagschale  scheint  sich  daher  endgültig  auf  die  Seite
der  Russen  zu  neigen.
        <pb n="440" />
        424  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

4.  September  1914.  Nr.  416  (Abendblatt).

Der  letzte  Bericht  des  deueschen  Hauptquartiers  läßt  erkennen,  daß  der  Vormarsch
  sämtlicher  rechten  Flügelgruppen  der  deutschen  Armeen  von  der  Somme
in  südlicher  Richtung  bis  zur  Marne  sich  rasch  und  unaufhaltsom  vollzieht.  Die
französische  Feldarmee  hat  die  Linie  St.  Quenein—Mezieres—Longuyon  nach
harten  Kämpfen  preisgegeben,  hat  dann  die  Linie  La  Fere  —  Laon  —  Rethel  nach
dem  Ourchbruch  der  Deutschen  bei  Rethel  opfern  müssen  und  ist,  wie  gestern
auch  französische  QOuellen  zugaben,  auf  die  Linie  Compiègne—Seoissons—Verdun,
also  über  die  Aisne  zurückgegangen.

Heute  erfahren  wir,  daß  der  französische  linke  Flügel  bis  zur  Zentrumsgruppe
bei  VBerdun  noch  weiter  zurückgedreht  worden  ist,  und  zwar  so  weit,  daß  die  französischen
  Linien  heute  von  Daris  die  Marne  aufwärté  etwas  närdlich
Chalons  über  St.  Menehould  nach  Verdun  sich  erstrecken.  Hinter  der  deutschen
Nordfront  scheinen  die  Grenzsperren  im  Norden  bis  auf  Lille  und  Maubeuge
gefallen  zu  sein.  La  Fere,  Lséon  und  Fort  Condé  bei  Soissons  waren,  wie  es  scheint,
Überhaupt  nicht  in  der  Lage,  Widerstand  zu  leisten.  Dagegen  hält  sich  außer  Maubeuge
  noch  das  JZentrum  der  zweiten  Verteidigungslinie,  Reims.  Reims  befigt
sechs  Forta  und  eine  Reihe  schwerer  Batterieanlagen.  Nach  den  bisberigen  Er.
fabrungen  wird  sich  diese  Lagerfestung  kaum  lange  halten  können,  zumal  da  sie  von
mobilen  Truppen  ziemlich  entblöße  sein  dürfte.

An  der  Ostfront,  besonders  bei  Toul  und  Epinal,  sind  die  Franzosen  auch
nach  deutschem  JZeugnis  in  ihren  Stellungen  noch  nicht  erschütrert.  Was  aber
werden  soll,  wenn  der  deutsche  Bormarsch  von  Norden  nach  Süden  die  Pressung  so
weit  fortsetzt,  daß  die  französische  Front  auch  noch  über  Chalons  hinaus  nach  Süden
und  von  Paris  ab  auf  Viery  und  Troyes  gedrängt  wird,  das  ist  eine  andere  Frage.

Daris  selbst  soll  bereits  von  deutscher  Kavallerie  betastet  werden.  Diese
wäre  demnach  von  Compiegne  südlich  vorgestoßen.  Was  in  Paris  an  Besagungstruppen
  steht,  entziehte  sich  der  Kenntnis.  Es  soll  in  den  letzten  Tagen  noch
Marine-Infanterie  Hingeschafft  worden  sein.  Die  vom  Norden  zurückweichenden
englisch-französischen  Feldarmeen  haben  aris  jedenfalls  nur  mit  der  äußersten
linken  Flügelgruppe  erreicht.  Von  einem  konzentrischen  Rückzug  der  Franzosen
  auf  das  mächtige  Pariser  Lager  kann  heute  schon  nicht  mehr  die  Rede  sein.

Wir  glauben  die  Kriegslage  auch  heute  nicht  zu  Ungunsten  der  Franzosen
gefärbt  zu  haben,  wir  halten  die  militärische  Simation  Frankreichs  für  äußerst
kritisch,  möchten  aber  nicht  in  einem  so  tragischen  Falle  den  Propheten  spielen
und  den  weiteren  Gang  der  Dinge  voraussagen.  Das  französische  Volk  steht
vor  seiner  ernstesten  Stunde,  und  man  kann  ihm,  das  als  Alliierter  Rußlands  in
diesen  Krieg  ziehen  mußte,  in  diesem  Augenblick  das  tiefste  Mitgefühl  nicht  versagen.

5.  September  1914.  Nr.  417  (Morgenblatg).

Die  Riesenschlacht,  die  zwischen  Osterreichern  und  Russen  auf  der  Linie
Lemberg—Lublin  tobe,  ist  noch  nicht  bis  zur  endgültigen  Entscheidung  gediehen,
aber  die  Lage  hat  sich  strategisch  und  takeisch  aufs  äußerste  zugespitzt.  Die  Osterreicher
  haben  ihre  Vorwärtsbewegung  im  Jenerum  verstärkt,  vielleicht  um  die
russische  Fronk  aufzureißen  und  dadurch  den  großen  Erfolg,  den  der  russische  Offenfioflügel
  bei  Lemberg  errungen  hat,  im  strategischen  Endzweck  zu  unterbinden.
        <pb n="441" />
        4.  bis  6.  September  1914  425

Gelingt  es  bingegen  den  Russen,  den  Jentrumsstoß,  wenn  auch  erst  in  rück.
wärtiger  Dosition,  auszuhalten,  dann  hat  der  Sieg  bei  Lemberg  ihnen  den
Erfolg  so  gut  wie  gesichert.  Nach  dem  neuesten  russischen  Bericht  ist  Lemberg
von  den  Russen  genommen  worden

Die  Dosition  der  Osterreicher  vorwärks  Lemberg  ist  offenbar  durch  umfassenden
  Angriff  von  Osten  und  Süden  gepackt  und  infolge  der  enormen  Kräfte,  welche
die  Russen  hier  ansetzen  konnten,  weggeschwemmt  worden.  Es  sollen  vor  Lemberg
österreichische  Kerneruppen,  Steirer  und  TLiroler,  jeden  Fußbreit  Boden  gegen
die  Lbermacht  acht  Tage  lang  verteidigt  haben.  Ob  es  der  österreichischen  Armeeleitung
  gelinge,  hinter  Lemberg  in  einer  Aufnahmestellung  und  mit  neuen  Reserven
die  Vollendung  der  russischen  Amfassung  noch  einmal  zu  hemmen,  bleibe  dahingestellt.


Wir  halten  die  Gesamtaktion  auch  jetzt  noch  nicht  für  ganz  abgeschlossen,
wenn  auch  der  russische  Teilsieg  auf  dem  rechten  Flügel  nun  doppelt  unterstrichen
werden  muß.

6.  September  1914.  Nr.  418  (Sonntagsblatt,  Abendblatt  vom  Somstag).

Oie  Lagerfeseung  Reims  hat  dem  deutschen  Artillerieangriff  nicht  widerstehe#n
könmnen  und  ist  bereits  gefallen.  Das  war  vorauszusehen.  Reims  war  ein  verlorener
Posten  und  ist  wohl  auch  aus  strategischem  Kalkul  von  der  französischen  Heeresleitung
  als  solcher  behandelt  worden,  denn  die  Absicht  der  Franzosen  gehe
jest  offenbar  dahin,  ihre  Streitkräfte  möglichst  zablreich  und  unversehrt
  hinter  die  Marne  zurückzubringen.  Deswegen  ist  Läon  preis.
gegeben  worden  und  hat  auch  Reims  keine  größere  mobile  Verteidigung  erhalten.
Sogar  Lille  im  Norden  soll  von  den  Felderuppen  und  der  Besagzung  geräumt
worden  sein.  Alles  sind  Maßnahmen,  die  auf  strategischen  Rückzug  in  eine
unbekannte  Jentralstellung  schließen  lassen.  Diese  kann  vor  Paris,  kann
am  Plateau  von  Langres,  kann  endlich  noch  weiter  südwestlich  zwischen  der
Loire  und  Dijon  in  den  Morvanbergen  vermutet  werden

Heute  steht  die  Sache  so,  daß  die  deutsche  Nordarmee  die  ganze  Marnelinie
erreicht  hat,  wir  glauben  sie  schon  vor  Chalons  annehmen  zu  müssen,  aber  nicht
nur  bei  Chälons,  sondern  in  breiter  Front  auf  der  Strecke  Paris—Chalons—
Verdun  vorgehend.  Die  nächsten  Operationen  müssen  nun  larstellen,  ob  die
deutsche  Offensive  in  nordsüdlicher  Richtung  über  die  Marne  fortgesegt
wird.  Suchen  die  Franzosen  aber  jegt,  freiwillig  oder  gezwungen,  eine  Schlachtentscheidung,
  so  erleben  wir  ein  übermenschliches  Ringen,  denn
sie  werden  todesmutig  fechten.

Die  russische  Offensive  im  preußischen  Osten  ist  auf  eine  längere  Zeit
unterbunden,  als  man  bis  jegt  annehmen  konnte,  da  die  stärkste  Offensivgruppe  der
Russen  in  der  Schlacht  bei  Ortelsburg  und  auf  der  Verfolgung  fast  vollständig
zugrunde  gegangen  ist.  Selbst  wenn  die  Russen  nun  von  Warschau  aus  auf  Dosen
vorstoßen  sollten,  statt  noch  einmal  nach  Norden  und  auf  Königsberg  sich  zu  wenden,
wird  der  Vormarsch  nicht  in  den  nächsten  Tagen  zu  erwarten  sein.  Ihre  Hauptmasse
  ist  ohnehin  zwischen  Lublin  und  Lemberg  gefesselt.  Auch  dieses  riesenhafte
Ringen  kann  heute  npch  nicht  als  taktisch  vollständig  entschieden  gelten.  Der
Offensivfeldzug  der  Osterreicher  ist  zwar  durch  ihre  Niederlage  auf  dem  rechten
        <pb n="442" />
        426  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

Flügel  und  den  Fall  Lembergs  sehr  stark  beeinträchtige  worden,  ob  die  Offensive
selbst  aber  zusammenbriche,  das  hängt  von  der  Größe  des  Erfolges  auf  dem  linken
Flügel  und  im  Jentrum  ab.  Wird  die  österreichisch-ungarische  Armee  auch  hier
zum  Nückzug  gezwungen,  weil  ihr  von  Lemberg  aus  die  Verbindungen  abgeschnicten
werden,  so  muß  sie  alles  daransetzen,  einigermaßen  gefechesfähig  an  die  Karpathen
zurückzugelangen,  wo  die  ssterreichische  Heeresleitung  dann  die  Defensive  zu
organisieren  hat.

Geht  die  Offensivschlacht  zwischen  Lublin  und  Lemberg  für  die  Osterreicher
endgültig  verloren,  so  ist  damit  allerdings  die  russische  Offensive  frei  ge.
worden,  ist  ferner  eine  große  politische  Rückwirkung  auf  die  Balkanstaaten  zu
erwarten,  die  Entscheidung  des  ganzen  Feldzuges  ist  aber  damit  noch  nicht
gegeben.  Der  militärische  Einfluß  der  Serben  und  Montenegriner  kann  so  lange
als  Nebenkonto  geführt  werden,  als  es  den  Oskerreichern  glückt,  an  der  Donau,
Save  und  Drina  eine  etwaige  Offensive  dieser  Gegner  zu  untcerbinden.  Daß  die
österreichische  Offensive  hier  gescheitert  ist,  kann  als  offenes  Geheimnis  gelten.

Oie  allgemeine  Kriegslage  ist  also  immer  noch  in  der  Schwebe  und  emp.
fängt  ihren  stärksten  Impuls  auch  heute  noch  von  den  Entscheidungen  auf  dem
deutsch=  französischen  Kriegsschauplatz  im  Westen.  Dort  wächst  die  Krisis  von
Stunde  zu  Stunde,  mit  ihr  die  Spannung,  wie  die  deutsche  Heeresleitung  einen
Entscheid  herbeiführen  will,  der  die  französischen  Feldarmeen  rnicht  nur
fesselt,  sondern  auch  erledigt.  Daran  hängt  das  Schicksal  des  Feldzuges.

7.  September  1914.  Nr.  419  (Morgenblatt).

Wenn  man  die  letzten  Nachrichten  zergliedert  und  zwischen  den  Jeilen  deutscher
und  französischer  Berichterskattung  zu  lesen  sucht,  so  ergibt  sich,  daß  im  Westen
die  Kriegslage  nicht  mehr  vor  der  Enetscheidung  sleht,  sondern  daß  bereits  die
Krisis  eingetreten  ist.  Wir  glauben  das  aus  drei  Gründen  folgern  zu  müssen:
1.  Aus  der  Tatsache,  daß  die  Franzosen  die  Verteidigungslinie  La  Fere—
Laon—Reims  preisgegeben  habenz  2.  aus  der  LTatsache,  daß  die  im  Zentrum
sechtende  Armee  des  Deueschen  Kronprinzen  heute  schon  westlich  von  Verdun
an  den  Argonnen  gemeldet  wird,  und  3.  aus  dem  verzweifelten  Festhalten  der
Franzosen  an  der  Linie  Berdun—Toul—Epinal.

Bei  einem  PVersuch,  diese  Tatsachen  zu  kommentieren  und  daraus  das  Bestehen
  einer  schweren  Krisis  für  die  französischen  Feldarmeen  und  die  nationale
Verteidigung  des  Landes  abzuleiten,  müssen  wir  die  kausalen  Zusammenhänge
dieser  drei  Tacsachen  in  Betracht  ziehen

Wenn  wir  daher  einmal  die  Sachlage  von  der  ernstesten  Seite  ansehen,  so
kommen  wir  zu  dem  Ergebnis,  daß  für  die  französischen  Feldarmeen  bereics  die
Krifis  eingerreten  ist.  Einzig  der  noch  unbekannte  Faktor  Paris  —
unbekannec,  weil  wir  nicht  wissen,  ob  sich  hinter  diesem  Festungsgehäuse  eine
starke,  feldfähige  Armee  befindet  —  kann  ihre  strategische  Lage  in
besserem  Lichte  erscheinen  lassen.  Sehen  wir  davon  ab,  so  müssen  wir
darauf  gefaßt  sein,  daß  die  deutsche  Umfassung  sich  nun  nicht  mehr  rein  flankierend
  vom  deutschen  rechten  Flügel  aus  vollzieht,  sondern  daß  die  ganze  deutsche
Nordfront  (also  auch  an  der  Maas)  pari  passu  nach  Süden  vorrickt.  Es  wäre
nicht  ausgeschlossen,  daß  sich  die  französischen  Armeen  füdöstlich  abgedrängt
        <pb n="443" />
        7.  September  1914  427

sähen  und  in  dem  Festungsraum  Toul—Langres—Oijon—Besancon—Belfort—
Enpinal  mit  verkehrter  Front  zur  Schlacht  gestellt  würden.

Vor  dieser  Möglichkeit  darf  man  die  Augen  nicht  länger  verschließen.  Wir
betonen  aber,  daß  es  noch  niche  so  weit  ist,  daß  ein  Rückzug  des  Vogesenheeres
über  Neuschäteau—Chaumont  nach  Südwesten  hinter  die  Seine  noch  möglich  ist,
sofern  es  gelingt,  den  Rückzug  der  linken  Flügelgruppen  damit  in  Einklang  zu
bringen

Was  das  militärisch  unbekannte  X,  die  Lagerfestung  Paris,  in
der  Rechnung  bedeutet,  müssen  die  nächsten  Vorgänge  zeigen.  Besigt
PDaris  mobile  Offensiokräfte  über  die  Werteidigungsfähigkeit  hinaus?  Ist
Paris  verteidigungsfähig,  wozu  es  einiger  Armeekorps  bedürfte?  Ist  die  Festung
bei  ihrem  Riesenumfang,  der  aber  die  Enceinte  nicht  vor  dem  Steilfeuer  der  deueschen
Belagerungsartillerie  schützt,  ungenügend  armiert  und  zur  Passivität  verurteilt?
Das  sind  Fragen,  die  sich  der  Beantworkung  entzieben,  die  aber  die  Sitation
stark  beeinflussen.  In  vierzehn  Tagen  dürfte  darüber  und  über  vieles  andere  Klarbeit
  herrschen.

7.  September  1914.  Nr.  420  (Abendblatt).

Die  Lage  auf  dem  deutsch-französischen  Kriegsschauplag  läßt  es  angezeigt  und
interessant  erscheinen,  die  Dinge  wieder  einmal,  wie  bereits  am  25.  August  geschehen,
aus  der  französischen  Perspektive  zu  betrachten.

Seit  damals  ist  eine  Wendung  eingetreten.  Die  französische  Armeeleitung  hat
sie  nach  den  Schlachten  bei  Charleroi,  Givet  und  Neuschäteau  selbst  zugegeben,
indem  sie  erklärte,  daß  der  Iweck  der  Offensive  nicht  erreicht  worden  sei  und
daß  sich  die  Armeen  nun  auf  ihre  Defensivstellungen  zurückgezogen  hätten.  Mehr
und  mehr  erkannte  man,  daß  Frankreich  nicht  in  der  Lage  sei,  den  Feldzug  selbständig
  und  offensiv  durchzuführen,  ja  man  fühlte  auch  schon  kurz  nach  dem
Rückzuge  auf  die  Sommelinie,  daß  auch  die  Defensive  in  der  Hauptstellung
gefährdet  war.  Nun  galt  es,  sich  nicht  nur  taktisch  anders  einzurichten,  sondern
auch  eine  vollständig  andere  Strategie  anzunehmen.  Da  man  wußte,  daß  die
russische  Mobilmachung  weiter  vorgeschritten  war,  als  der  Gegner  vermutete,  so
gründete  man  den  neuen  Hlan  auf  eine  Defensive,  die  nicht  um  jeden  Preis  gewisse
  Linien  und  Gebiete  halten  wollte,  und  beschloß,  die  Armeen  in  Etappen
weiter  und  weiter  zurückzunehmen,  den  Gegner  dadurch  zu  ungeheuren  Märschen,
zur  Aberdehnung  seiner  Verbindungen  und  zur  Schwächung  seiner  Front
zu  zwingen,  gleichzeitig  aber  den  Russen  Gelegenheit  zu  geben,  ihre  Offensive
Über  die  Weichsel  zu  tragen.

Zu  diesem  Zweck  mußte  die  an  der  Oskgrenze  stebende  Armee  festhalten,  bis  es
der  französischen  Nordarmee  gelungen  war,  abzubauen  und  die  Somme.,  die  Aisneund
  die  Marnelinie  unter  tunlichster  Verzögerung  des  deutschen  Vormarsches,  aber
möglichst  ohne  Aufopferung  an  Menschen  und  Materialien  zu  räumen  und  sich  südlich
  in  der  Richtung  auf  die  Seine  zu  konzentrieren.  Vom  25.  August  an  wurde
diese  Strategie  mit  dem  Erfolge  durchgeführt,  daß  heute,  beinahe  zwei  Wochen
später,  die  englisch=  französische  Nordarmee,  ohne  bis  zur  Auflösung  ge.
schlagen  oder  festgehalten  zu  sein,  über  die  Marne  zurückgehen  konnte,  die  deutschen
Armeen  in  breitester  Front  nach  sich  ziehend.  Mit  dem  Zirkel  kann  man  ausrechnen,
        <pb n="444" />
        428  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

daß  die  deutschen  Etappenlinien  von  Köln  bis  Chälons  über  die  Maaslinie
sich  auf  dreihundert  Kilometer  verlängert  hatten.  Man  nahm  an  —  aller.
dings  der  Wirklichkeit  nicht  enesprechend  —,  daß  die  Fort#  von  Lüttich  und  später
die  von  Namur,  daß  endlich  Maubeuge  die  Benuzung  der  Maas-Sambre-Bahn
sehr  lange  verhindern  würden.

Unterdessen  war  auch  das  Kalkul  als  richtig  erwiesen,  welches  der  Offensive
der  Russen  in  diesem  Plane  Bedeutung  verschafft  hatte.  Diese  Offensive  war
auf  Königsberg  vorgedrungen,  hatte  zwar  bei  Ortelsburg  zu  einem  angeblich
lokalen  Mißerfolg  geführt,  in  Polen—Galizien  aber  die  österreichische  Offensive
gebunden  und  mit  der  Einnahme  von  Lemberg  geendet.  Jedenfalls  war  sie  in  die
Erscheinung  getreten  und  in  Fluß  gekommen  und  somit  der  erste  Zweck  der  französischen
  Rückzugsstrategie  in  doppelter  Weise  erreicht:  Schonung  und  Jusammenhalten
  der  französischen  Feldarmeen  und  Werschlech  terung  der
strategischen  Lage  des  Gegners.

Die  franzssische  Armeeleitung  ging  so  weit,  dem  Feind,  abgesehen  von  Maubeuge
  und  den  Küstenplätzen,  die  nördlichen  Departemenes  vollständig  zu  überlassen.
Sie  widerstand  auch  der  Versuchung,  die  Feldarmee  in  Paris  zu  immobilisieren
und  zwang  so  den  Gegner,  dem  französischen  Rückzug  über  die  Marne
zu  folgen.  Es  sind  also  noch  heute  sämtliche  französische  Armeen  operations.
fähig.  Selbst  wenn  die  Vogesenlinie  nun  aufgegeben  werden  muß,  ist  der  strategische
Zweck  ihrer  Behauptung  voll  erreicht,  denn  nur  so  war  es  möglich,  binter  dieser
eisernen  Front  die  Nordarmee  zurückzunehmen  und  einen  Zusammenbruch  zu
verhüten.  Nun  wird  auch  die  Ostarmee  langsam  abbauen  und  die  gesamten  französischen
  Streitkräfte  werden  an  den  Faucillesbergen,  auf  dem  Hlateau  von
Langres,  der  Côte  d’or  und  schließlich  dem  Morvangebirge,  also  auf  der  Linie
Evinal—Langres—ODijon—Nevers  neue  Stellungen  bezieben,  die  als  unangreifbar
gelten,  und  darüber  hinaus  in  südwesslicher  Richtung  über  die  Loire  die  Fortsegung
  der  Rückzugsstrategie  auf  Wochen,  ja  Monate  hinaus  gestatten.

So  etwa  mag  die  Lage  in  optimistischer  Bedeutung  den  Franzosen  und  ihren
Verbündeten  erscheinen;  sie  rechnen,  daß  die  Deutschen  an  ihren  eigenen  Erfolgen
auf  dem  westlichen  Kriegsschauplatz  sich  ver  bluten,  während  im  Osten  langsam,
aber  sicher  das  Verhängnis  reift.

8.  September  1914.  Nr.  421  (Morgenblatt).

Die  Nachrichten,  die  in  den  letzten  vierundzwanzig  Stunden  eingegangen  find,
sind  äußerlich  wenig  geeignet,  Sensation  zu  machen,  und  doch  verbergen  sich  dahinter
sehr  wichtige  Vorgänge,  enthalten  sie  Anzeichen,  die  auf  eine  noch  weitere  Verschärfung
  des  europäischen  Konfliktes  und  eine  noch  stärkere  Spannung  der
Kriegslage  Hhindeuten

Eine  solche  Nachricht  ist  die  aus  London  kommende  Mitteilung,  daß  England,
Frankreich  und  Rußland  sich  verpflichtet  haben,  nur  gemeinsam  Frieden
zu  schließen.  Es  würde  also  auch  die  vollständige  Niederwerfung  eines  der  Konnahenten
  diesem  nicht  gestatten,  die  Waffen  niederzulegen  und  sich  mit  dem  Gegner
abzufinden.  Eine  andere  Nachricht  behandelt  politische  Stimmungen  in  Italien,
die  in  einer  bestimmten  Richeung  in  Fluß  geraten  sind,  ohne  daß  man  über  die
Stärke  der  Bewegung  und  der  Verschiebung  der  diplomatischen  Lage  im  llaren  wäre.
        <pb n="445" />
        8.  September  1914  429

Die  Kriegslage  selbst  ist  im  Osten  noch  nicht  so  weit  geklärk,  daß  man  die
strategische  Entscheidung  der  polnisch-galizischen  Schlacht  in  Rechnung  stellen
könnte.  Aber  gerade  diese  Unsicherheie  verschärft  die  Spannung.  Im  preußischen
Norden  ist  die  Wiederaufnahme  der  russischen  Offensive  noch  nicht  wahrnehmbar.
Vas  vom  Abtransport  deutscher  Truppen  aus  Nordfrankreich  und
Belgien  an  die  Weichsel  berichtet  wird,  halten  wir  bis  auf  weiteres  für  unglaubwürdig.
  Deutschland  kann  im  Westen  keinen  Mann  entbehren  und  hat
Überdies  auf  allen  Exerzierplätzen  so  viel  Neuformationen  unter  den  Waffen,  daß
daraus  im  Nofrfall  sehr  beträchtliche  Sereitkräfee  fltr  die  Defensive  im  Osten  bereitgestellt
  werden  könneen.  Truppenbewegungen  in  Belgien  lassen  sich  eher  in  oft.
westlicher  Richtung  annehmen,  d.  h.  als  Borbringen  neugebildeter  Divisionen  an
die  Fronk  und  Polsterung  der  rückwärtigen  Verbindungen  durch  die  füngeren
Jahrgänge  des  Landsturms  erklären.

An  der  Fronoe  selbst  sind  im  Westen  wichtige  Dinge  im  Zuge.  Allem  Anschein
nach  haben  die  Franzosen  mit  der  Zurückziehung  ihrer  Bogesenarmee  nach
Südwesten  begonnen  und  gleichzeitig  ihren  Rückzug  aus  dem  Marnebecken
nach  Süden  beschleunigt.  Eine  kleine  Meldung  aus  französischer  Quelle  deutet
darauf  hin,  daß  sie  zur  Sicherung  dieses  Rückzuges  östlich  und  nordösstich  von
Paris,  am  Grand  Morin,  einem  linken,  und  am  Oureha,  einem  rechten  Nebenfluß
der  Marne,  eine  Flankenstellung  bezogen  haben.  Ob  sie  dazu  auf  Paris  zurück.
gegangene  englisch  sranzösische  Truppenteile  verwendet  haben,  bleibe  dahingestellté.

Die  deuesche  Nordarmee  wird  ohne  Iweisel  nun  noch  längere  Beine  machen,
um  den  Abzug  der  Franzosen  nach  Süden  möglichst  zu  verlangsamen,  und  von
der  deutschen  Vogesenarmee  ist  anzunehmen,  daß  sie  bei  Naney  in  der  NRichtung
auf  Mirecourt  vor-  und  durchzustoßen  sucht.  Bei  Nancy  find  Angriffe  auf  die
befestigte  Höhe  des  Mont  Couronné  gemeldet.  Oie  französischen  Heeressäulen
find  also  in  beschleunigter  Bewegung,  um  ihre  Zentralstellung  weiter  im  Süden  zu
erreichen.  Dazu  bedienen  sie  sich  zweifellos  auch  der  Eisenbahnen;  wie  wir  vernehmen,
  soll  der  Bahnverkehr  nördlich  von  Lvon  für  Zivil  und  Güter  bereits
eingestellt  sein.

Die  nächsten  Tage  werden  entscheiden,  ob  die  deutschen  Armeen  die  Franzosen
südöstlich  von  Paris  zur  Schlacht  stellen  oder  sie  in  der  Richtung  auf  Langres
so  festbalten  können,  daß  ein  Abstluten  nach  Südwesten  unmöglich  wird.

8.  September  1914.  Nr.  422  (Abendblatt).

Nach  französischen  Quellen  sind  die  deutsche  und  die  französische  Nord.
armee  auf  der  ganzen  Front  in  Berührung.  Als  Gefechtslinie  wird
die  Gegend  an  und  südlich  der  Marne  und  nordsstlich  bis  in  die  Richtung  Verdun
angegeben.

Die  deutsche  Nordarmee  hat  östlich  von  Meaux  die  Marne  überschritten,  zugleich
  aber  gegen  Paris,  mit  Fronk  Südwesten,  nördlich  der  Marne  eine  starke
Flankendeckung  steben  lassen.  Diese  ist  von  den  Franzosen,  und  zwar  von  Teilen
der  Pariser  Armee,  von  der  wir  jeßt  zum  erstenmal  hören,  angegriffen
worden.  Gleichzeitig  melden  die  Franzosen  offensive  Rückstöße  auf  die  deutschen
Vortruppen  südlich  der  Marne,  die  daraufbin  zurückgegangen  seien.  Die  Kämpfe
finden  auf  der  Linie  Meaux—Epernay—Witry—VWVerdun  staott.  Chälons  ist
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        430  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

in  deutschen  Händen.  Als  strategischer  Brennpunkt  der  neuen  Kämpfe  scheint
sich  Bitry  herauszubilden.

Soweit  sich  nach  den  dürftigen  Angaben  und  nach  der  Enewicklung,  welche
die  Dinge  seit  der  Preisgabe  von  Reims  genommen  haben,  die  Sachlage  übersehen
  läßt,  wäre  als  wahrscheinliche  Hypothese  etwa  folgende  anzunehmen:
Die  in  breiter  Front  zurückgedrückte  Nordarmee  der  Franzosen
hat,  nachdem  sie  die  Linie  Berdun—Paris  erreicht  hat,  die  Möglichkeit
  gefunden,  ihren  linken  Flügel  südböstlich  von  Paris,  und
zwar  am  gestern  genannten  Grand  Morin  und  weiter  füdwestlich  aom
Aubetin  fest  anzulehnen,  in  der  Flanke  durch  Daris  und  dessen
mobile  Verteidigung  gedeckt.  Ein  solcher  Halt  hat  den  Franzosen  seit  der
DPreisgabe  von  Lille  gefehlt,  er  ermöglicht  ihnen  jetzt  längeres  Standhalten.  Sie
haben  das  durch  Offensiostöße  eingeleitet,  welche  die  deutschen  Vortruppen  zurück.
drängten.  Gleichzeitig  widerstehen  sie  bei  Nancy—Toul  mit  zußerster  Kraft
und  haben  hier  unter  dem  Schuge  dieses  gewaltigen  Sctügpunktes,  der  nun
als  Scheitelpunkt  ihrer  Aufstellung  gelten  kann,  auch  den  rechten  Flügel
ihrer  Nordarmee  östlich  von  Viery,  am  Orneain,  einem  rechten
Nebenfluß  der  Marne,  gut  anlehnen  können.  ZIwischen  diesen
belden  starken  Flügeln  zieht  sich  die  Frontlinie  über  Vitry,
le.  Frangois  hin.

Die  deutsche  Nordarmee  wird  nun  vermutlich  nach  Versammlung  ihrer
Kräfte  ihre  Offensive  in  nordsüdlicher  Richtung  fortseyzen.  Ob  sie  auf  Abdrängung
von  Daric  beharrk,  nachdem  der  linke  französische  Flügel  nun  im  Raume  Paris—
Sezanne  eine  so  starke  Stellung  gefunden  hat,  oder  ob  sie  nun  versucht,  in  größerem
Maßstab,  als  dies  bei  Retbel  möglich  war,  im  Zentrum,  also  bei  Witry,
durchzustoßen  und  so  die  bisher  kompakt  gebliebene,  südlich  ausweichende  fran.
zösische  Heeresmasse  zu  spalten,  bleibe  dahingestellt.  Die  leichtere  Arbeit  spröche
aber  für  den  Zentrumsdurchbruch,  der  auch  der  französischen  Bogesenarmee
verhängnisvoll  werden  könnte,  wenn  diese  nicht  rechtzeitig  abbout.

Die  nächsten  Meldungen  werden  erkennen  lassen,  ob  eine  strategische  Neubildung
der  Lage  auf  dem  westlichen  Kriegsschauplatz  am  Werle  ist.

9.  Sepkember  1914.  Nr.  423  (Morgenblatt).

Die  Frangosen  besigen  auch  in  militärischen  Dingen  einen  Zeremonialstil,  der
die  schöne  Geste  pflegt.  Als  daher  der  amtliche  französische  Bericht  unterm  7.  September
  ein  Telegramm  mitteilte,  in  welchem  die  Regierung  der  ARecpublik  die
heroische  Verteidigung  von  Maubeuge  anerkennt  und  feiert,  konnte  man
annehmen,  daß  die  Festung  dem  Falle  nahe  sei.  Es  war  ein  ritterlicher  Gruß  in
extremis.  Die  Meldung  vom  Falle  des  Plates  und  der  Kapitulation  von  40  000
Mann  mit  400  Geschügen  folgte  der  Huldigung  auf  dem  Fuße  ..  Maubeuge
sperrte  die  Sambrebahn  und  hat  für  die  deutsche  Armee  große  Wichtigkeit.  Die
Gefangennahme  von  40000  Mann  bestäcigt,  daß  nach  der  Schlacht  bei  Mons  und
Charleroi  zurückflurende  Teile  der  englisch-französischen  Flügelarmee  in  die  Festung
abgedrängt  worden  sind.  Es  werden  nun  namhafte  deutsche  Streitkräfte  für  die
Front  frei,  und  da  Maubeuge  die  letzte  Festung  im  Rücken  der  Armee  war,  wird
auch  die  schwere  Artillerie  weiter  vorn  Verwendung  finden  können.  Der  Fall
        <pb n="447" />
        9.  September  1914  431

von  Maubeuge  hat  die  rũckwärtigen  Verbindungen  sichergestellt  und  wird  auch
als  starker  moralischer  Erfolg  wirken.

Auf  dem  östlichen  Kriegsschauplag  sind  noch  keine  strategischen  Ergebnisse
der  Schlacht  in  Dolen  und  Galizien  sichtbar.  Lemberg  ist  in  sestem  Besig  der
Russen,  und  die  Verluste  der  Osterreicher  sind  dort  ohne  Zweifel  sehr  groß,  aber
von  einem  dadurch  bedingten  Rückzug  des  siegreichen  österreichischen  Jentrums
von  Cholm  und  des  linken  Flügels  von  Lublin  wissen  wir  noch  niches  Bestimmies.
Es  scheint,  daß  die  österreichische  Armee  Verstärkungen  zugeführt  bekommt.  Da
aber  in  der  Schlacht  selbst  schon  die  letzten  Reserven  eingesetzt  worden  sind,  so
kann  es  sich  nur  um  Neuformationen  und  vielleicht  um  deutsche  Truppen  handeln,
die  aus  Schlesien  herangebracht  werden.  Auch  die  Russen  sind  bestrebt,  ihre  Verluste
  wieder  aufzufüllen  und  müssen,  wenn  sie  ihren  Plan  weiter  verfolgen,  nun
versuchen,  über  Semberg  hinaus  auf  die  Rückzugslinien  der  Armeegruppen  Erzberzog
  Josephs,  Auffenbergs  und  Danlls  zu  drücken.  Man  kann  also  nicht  sagen,
daß  im  Osten  die  Entscheidung  schon  gefallen  ist.  Man  kann  vielleicht  noch  nicht
einmal  die  Offensive  der  Osterreicher  als  vollständig  mißglückt  ansehen,  wenn  man
auch  die  Lage  des  österreichischen  Heeres  als  kritisch  betrrachten  muß,  sofern  es  ihm
nicht  gelingt,  in  neuer  Schlacht  den  Erfolg  des  Zentrums  und  des  linken  Flügels  zu
vervollständigen  oder  im  ungünstigeren  Fall  ohne  den  Wersuch  einer  taktischen
Entscheidung  auf  die  Karpakthen  zurückzufallen.

Da  die  ganze  öSsterreichisch-ungarische  Feldarmee,  soweit  sie  nicht  an  der  serbischmontenegrinischen
  Grenze  und  im  adriatischen  Küstengebiet  gefesselt  ist,  in  Polen
und  Galizien  vor  dem  Feind  steht,  ist  der  Verlauf  des  russisch,  österreichischen  Feldzuges
  von  der  Schlußaktion  der  Schlacht  bei  Lemberg—Cholm—Lublin  abhängig.
Vielleicht  rächt  es  sich,  daß  die  österreichische  Heeresleitung  alles  auf  eine  Karte
gesegt  und  diese  kühne  Offensive  in  unwegsamem  Feindesland  gegenüber  einem
lbermächtigen  Gegner  gewagt  hat.  Andererseits  darf  man  nicht  vergessen,  daß
bei  glücklicher  Zurücknahme  des  Heeres  eine  Operation  der  deutschen
Armee  mit  den  Österreichern  erleichtert,  und  daß  die  russische  Offensive,
je  tiefer  sie  in  Osterreich  eindringt,  um  so  eher  dem  Eingreisen  deutscher  Hilfstruppen
  ausgesegt  ist.

In  Ostpreußen  ruht  die  russische  Offensive,  abgesehen  von  Scharmügzeln,
vollständig,  was  nach  der  Auslöschung  der  ganzen  Spigzenarmee  durch  die  Schlacht
von  Ortelsburg  begreiflich  ist.

9.  September  1914.  Nr.  424  (Abendblatt).

Wenn  nicht  alles  täuscht,  so  ist,  enesprechend  der  an  die  letzten  Meldungen
geklnüpfeen  Annahme,  der  Rückzug  der  französischen  Nordarmee  in  der
selbstgewählten  Stellung  an  der  Marne  zum  Stehen  gekommen  und
daraus  offensive  Defensive  zur  Vorbereitung  einer  großen  Schlacht  mit  versammelten
  Kräften  geworden.  Damit  ist  die  kritische  Lage  auf  dem  westlichen
Kriegsschauplag  in  ihr  hitzigstes  Sta  dium  getreten,  und  wir  werden  während
der  nächsten  Tage  dort  das  Schicksal  sich  entscheiden  sehen.

Die  Franzosen  hatten  Zeit,  die  aus  gewählte  Stellung  mitten  in  ihrem
eigenen  Lande,  das  ihnen  militärisch  bis  auf  den  verlorensten  Winkel  bekannt  sein
muß,  vorzubereiten.  Sie  hatten  Gelegenheit,  ausgeruhte  Reserven  an  diesen
        <pb n="448" />
        432  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

Punkten  zu  sammeln,  sie  waren  sogar  in  der  Lage,  wenn  nötig,  dank  der  von  den
Vogesen  nach  Viery  und  Troyes  führenden  Bahnen,  im  Osten  enebehrliche  Teile
der  Vogesenarmee  im  Rücken  ihrer  Nordarmee  nach  Gefallen  zu  ver.
schieben.  Sie  haben  endlich  Zeit  gehabt,  unter  den  Mauern  von  Paris  neue
Truppen  zu  sammeln  und  zu  formieren,  und  man  kann  im  günstigsten  Falle  sogar
annehmen,  daß  über  Havre  noch  englische  Verstärkungen  an  die  Frone  ge.
brache  worden  sind.

Mit  ihrem  rechten  Flügel  vorwärts  Toul  am  Ornain,  mit  dem  Zentrum
bei  Biery,  mit  dem  linken  Flügel  am  Grand  Morin  haben  sie  nun,  nach  ihren  ersten
Meldungen  zu  schließen,  die  Rückoffensive  ergriffen  und  die  deutschen  Vortruppen
  in  der  Richtung  auf  die  Marne  zurückgeworfen.  War  man  deutscherseits
  niche  zu  sehr  auseinander  gekommen,  so  wird  die  deutsche  Heeresleitung  wohl
Offensive  mit  Offensive  beantworten.  Andernfalls  ist  die  Zurück.
nahme  der  deutschen  Nordarmee  auf  die  Marne  zu  erwarten.  In
jedem  Falle  wird  jetzt  eine  taktische  Enescheidung  folgen  müssen,  die  von  den
Franzosen  in  relativ  denkbar  günstigster  Aufstellung  gesucht  wird.

10.  September  1914.  Nr.  426  (Abendblatt).

ODie  Fassung  der  französisch-englischen  Mieteilungen  läßt  darauf  schließen,
daß  die  verbündeten  Armeen  eine  Entscheidungsschlacht  suchen.  Diese
ist  mit  Borkämpfen  seit  zwei  Tagen  im  Gange.  Im  Flußgebiet  der  breik  und
rasch  stießenden  Marne  und  ihrer  tief  eingeschnittenen  Nebenstüsse,  des  Ourca,
des  Grand  und  des  Petit  Morin,  sowie  welter  ösllich  am  Argomerwald  und  am
Ornain  find  die  Gegner  hart  aneinander.

Die  ersten  Kämpfe  weisen  den  typischen  Charakter  von  Treffen  auf,  die  durch
plögliches  Standhalten  und  Rückoffenfive  und  dadurch  bedingeen  Gegendruck  auf
einen  hartnäckigen,  nachdrängenden  Gegner  entstehen.  Rücksicheslos  vorgetriebene
Spisen  der  deueschen  Armeen,  die  weit  vor  dem  Gros  über  die  Marne  vorgedrungen
  waren,  um  engste  Fühlung  mit  dem  Gegner  zu  halten,  find  der  mit  versammelten
  Kräften  unternommenen  Gegenoffensive  aus  vorbereiteber  Stellung
erlegen  und  zurückgeschlagen  worden.

Nach  den  englisch-franzssischen  Meldungen  sind  die  Deutschen  unter  starken
Verlusten  bis  an  die  Marne  zurückgedränge  worden  und  geben  nun  wieder  auf  das
nördliche  Afer  über.

Die  deueschen  Armeen  sind  also  nördlich  des  Marnebogens  und  vorwärts
Reims  anzunehmen.  Wie  weit  sich  ihre  Fronk  nach  Westen  erstreckt,  ist  nicht  zu
bestimmen.  Die  Meldung,  daß  sie  versucht  haben,  die  Franzosen  auf  dem  rechten
Ufer  des  Ourcq  abzuschneiden,  läßt  vermuten,  daß  sie  nördlich  von  Paris  noch
Streickräfte  stehen  haben.  Die  anglo  französische  Acmee  ist  teils  aus  dem
Naume  von  Paris  nordöstlich  auf  und  über  den  Ourcg  und  den  Grand  Morin
vorgestoßen,  keils  hat  sie  von  Süden,  hauptsächlich  vom  Plateau  von  Sezanne
bis  ins  Tal  von  WViery,  mit  Gegenoffensive  eingeseht.  Diese  ist  Über  den  Ourcq,
über  den  Grand  Morin  und  über  den  Petit  Morin  in  der  Richtung  auf  Chäteau-Tbierry
  und  Epernay  vorwärts  getragen  worden.  Auf  dem  französischen  rechten
Flügel,  der  sich  nicht  genau  abgrenzen  läßt,  so  daß  über  die  Anlehnung  des  äußersten
rechten  Flügels  nur  Vermutungen  bestehen,  wird  ebenfalls  Offensive  gemeldet.
        <pb n="449" />
        10.  und  11.  September  1914  433

Ob  diese  auf  Chalons  zielt  oder  der  Armee  des  Deurschen  Kronprinzen  an  den
Argonnen  Widerpart  hält,  bleibe  dahingestellt.

Wir  vermuten,  daß  sich  in  dieser  Marneschlacht  eine  Achsendrehung  herausbildet,
  die  mit  dem  Vorrücken  des  französischen  linken  Flügels  in  nordöstlicher
Richtung  begonnen  hat.  Die  Anderungen,  die  sich  daraus  für  die  strategische  Lage
ergeben,  lassen  sich  ahnen,  aber  noch  nicht  bestimmen.  Fraglich  geworden  ist,  ob
wir  die  Schlacht  an  der  Marne  nicht  nur  in  kausalem,  sondern  auch  in  taktischem
Zusammenhang  mit  den  Kämpfen  an  der  Ostfront,  also  bei  Toul,  Nanecy
und  Lunkville,  sehen  müssen.  Aber  ob  zusammenhöngende  Schlachthandlung  oder
nicht  —  das  Schicksal  der  Nord.  wie  der  Ostarmeen  wird  voraussichrlich  nun  an
der  Marne  entschieden  werden.

11.  September  1914.  Nr.  428  (Abendblatt).

Auf  dem  ganzen  Kriegsschauplage,  im  Westen,  Osten  und  Süden,  drängen
sich  ject,  wie  vorauszusehen  war,  die  Ereignisse.  Aberall  Kämpfe  von  größter
taktischer  und  strategischer  Bedeutung.

Im  Westen  auf  dem  deutsch=  französischen  Kriegsschauplag,  läßt
sich  die  Sache  jest  etwas  deutlicher  erkennen,  da  auch  von  deutscher  Seite  eine
Meldung  vorliegt.  Halten  wir  die  verschiedenen  Meldungen  zusammen,  so  kommen
wir  zu  dem  paradox  llingenden  Schluß,  daß  die  Schlacht  an  der  Marne  nur
noch  bedingt  die  Schlacht  an  der  Marne  ist.  Um  so  bedeutungsvoller
würde  aber,  wenn  dies  zuträse,  ihr  Ausgang  sein.  Das  Paradoxon  zu  erllären,  sei
darauf  biungewiesen,  daß  die  französische  Gesamtfront  nun  beinahe  gerade  ausgerichtet
  von  Nancy—--Toul  im  Osten  nach  Paris  im  Westen  läuft  und  daß  die
auf  dem  äußersten  rechten  Flitgel  von  Nancy  nach  Epinal  stehenden  Truppen
nur  noch  als  ein  Oefensivhaken  anzusprechen  sind.  Nun  ist  von  beiden  Seiten  gemeldet
  worden,  daß  die  Franzosen  vom  linken  Flügel  aus  die  über  die  Marne  vorgedrungenen
  deutschen  Vortruppen  angegriffen  und  über  den  Grand  Morin,  die
Marne  und  den  Ourcq  zurückgedrängt  haben.  Dann  heißt  es  weiter:  „Die  westlich
Verdun  kämpfenden  deutschen  Heeresteile  befinden  sich  in  sortschreitenden  Kämpfen.“

Daraus  scheint  und  bervorzugehen,  daß  die  deutsche  Hauptarmee  ihre  Hauptmasse
  nördlich  und  östlich  der  Marne  und  des  Marnebogens  versammelt  hatte,  und
zwar  wären  in  dem  Naume  Vitry—NReims—PVerdun—  Bar-e-Duc  nicht  weniger
als  drei,  vielleicht  vier  große  Armeen  anzunehmen.  Nämlich  die  zweite
Armee  unter  General  v.  Bülow,  die  mie  ihren  Vortruppen  das  Marnetal  auf-.
wärts  strebte,  dann  die  3.  Armeegruppe  untker  General  v.  Hausen,  ferner  die
4.  unter  Albrecht  von  Württemberg,  und  endlich  die  fünfte  unter  dem
Deutschen  Kronprinzen.  Östlich  der  Maas  vor  Nancy—Epinal  stehen  der
Kronprinz  von  Bayern  und  Generaloberst  v.  Heeringen.  Der  Deutsche  Kronprinz
  hat  zulect  Verdun  zerniert  und  nach  den  letzten  Telegrammen  nun  den
Are#illerieangriff  auf  die  Maasforts  eröffnet.  Als  rechte  Flügelarmee  der  Deutschen
  steht  im  Raume  nördlich  und  nordöstlich  von  Paris  die  Armee  Kluck.

Oie  Armee  des  Deutschen  Kronprinzen  lämpft  die  wichtigste  Eutscheidung  aus.
Dringe  sie  südwestlich  von  Verdun  durch,  so  kanm  sie  die  französische  Verteidigungsfrone
  von  Berdun  nach  Toul  aufrollen.  Die  südlich  von  Verdun  maasaufwärts
  gelegenen  Sperrforts  können  dem  Steilfeuer  der  Mörserbakterien  nicht

Gtegemaonne  Geschlchte  des  Kriegens.  I.  28
        <pb n="450" />
        434  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

lange  widerstehen,  sobald  das  französische  Feldheer  sie  sich  selbst  überlassen  muß.
Der  Kronprinz  kämpft  im  Naume  St.  Menehould—  Verdun  also  in  und  an  den
Argonnen  und  im  Flußgebiet  der  Aire.

Wenn  sich  diese  auf  die  spärlichen  Nachrichten  gegründeten  Annahmen  bestätigen,
  daun  hat  sich  die  deussche  Nordarmee  über  hundert  Kilometer  östlich
von  Paris  in  gewaltiger  Tiefengliederung  zusammengezogen  und
sucht,  wie  wir  früher  schon  einmal  als  wahrscheinlich  bezeichneten,  durch  einen
mächtigen  Zentrumsstoß  die  französischen  Armeen  öftllich  des  Maasbogens,
also  zwischen  diesem  und  der  Maaslinie,  aufzureißen.  Gelänge  dies,  so  wären  die
französischen  Armeen  nicht  nur  aus  ihrer  Verankerung  zwischen  Paris  und  Nanch
gelöst  und  die  englisch  franzssische  Nordarmee  in  Gefahr,  von  ihrem  rechten
Flügel  aus  aufgerollt  und  südwestlich  abgedrängt  zu  werden,  sondern  die  Deutschen
ständen  auch  unmittelbar  im  Rücken  der  im  Raume  Toul—Epinal  mit  dem  Gesicht
nach  Nordosten  fechtenden  Vogesenarmee  und  hätten  diese  zwischen  zwei  Feuer
gebracht.  Von  dieser  Vogesenarmee  ist  allerdings  ein  Teil  nach  Paris  und  auf
den  jetzt  offensiven  linken  Flügel  geworfen  worden.  "

Aber  gerade  die  Tatsache,  daß  der  rechte  deutsche  Flügel  am  Ourcq  und  am
Grand  Morin  nicht  nur  mie  den  Vortruppen  gewichen  ist,  sondern  auch  den  Gegner
auf  60  Kilometer  folgen  ließ,  legt  den  Verdacht  nahe,  daß  die  deutsche  Heeres.
leitung  ihren  rechten  Flügel  jegt  „versagt“  hat  und  ihn  zurückhält,  bis  die  Ene.
scheidung  im  Zencrum  gereift  ist.  Daß  die  Franzosen  die  Veränderung  der  strategi.
schen  Absichten  beim  Gegner  fühlen,  scheine  uns  aus  den  sehr  vorsichtig  gewordenen
letzten  französischen  Micteilungen  hervorzugehen.  Die  ersten  Erfolge  ihrer  Pariser
Armee  am  Ourca,  der  reches  von  dieser  kämpfenden  Engländer  und  der  rechts  von
den  Engländern  kämpfenden  5.  Armee  werden  von  ihnen  selbst  heute  schon  nicht
mehr  so  optimistisch  eingeschäht  und  auch  (wie  von  deutscher  Seite)  erbitterte
Kämpfe  weiter  östlich  gemeldet.

Wir  müssen  nun  abwarten,  wie  sich  die  Dinge  innerhalb  des  durch  die  Punkte
Reims—Verdun—Toul—Viery  zu  begrenzenden  Raumes  entwickeln  und  gleichzeitig
  die  zwischen  Nancy—St.  Die  eingeleitete  verstärkte  Offensive  der  Deutschen
in  der  Richtung  auf  die  Mosel  und  die  Trouke  de  Charme  zwischen  Toul  und  Epineal
im  Auge  zu  behalten.  Die  Ereignisse  am  Ourcq  und  Grand  Morin  und  innerhalb
des  Marnebogens  sind  so  lange  von  sekundärer  Bedeutung,  als  Engländer  und  Franzosen
  hier  kein  Einbruch  in  die  rechte  Flanke  der  deutschen  Hauptstellung
glückt.  Als  Brennpunkt  der  Kämpfe  ist  vorläufig  Bitry  zu  betrachten.

Während  so  auf  dem  deutsch  französischen  Kriegsschauplaß  eine  Enescheidung
gesucht  wird,  welche  möglichst  umfassend  den  Krieg  im  Felde  beenden  soll,  ist  es
dem  deutschen  Ostheer  unter  der  ausgezeichneten  Führung  des  Generals  v.  Hindenburg
  gelungen,  auch  die  zweite  russische  Armee  in  Ostpreußen  aus  dem
Lande  zu  schlagen.  Da  vorläufig  einzig  die  Tatsache  bekannt  ist,  läßt  sich  nur
sagen,  daß  je  nach  der  Bedeucung  des  Sieges  und  entsprechend  dem  Grade  der
Zertrümmerung  der  russischen  Nordarmeen  den  Deutschen  nun  die  Möglichkei#t
des  Einbruchs  in  die  rechte  Flanke  der  russischen  Gesamtaufstellung  möglich
  ist.  Damie  würde  indirekt  die  strate  gische  Lage  in  Galizien,  wo  die  Oster.
reicher  den  Kampf  auf  der  Fronc  Lemberg—Lublin  noch  nicht  aufgegeben  baben,
beeinflußf.
        <pb n="451" />
        12.  September  1914  435

12.  September  1914.  Nr.  429  (Morgenblatt).

Nachdem  die  erste  Schlacht  bei  Lemberg,  die  als  Teilbandlung  der  großen
Schlachtenserie  in  Galizien  und  Polen  und  auf  der  Front  Lemberg—Lublin  an.
zusehen  war,  mit  einem  Sieg  der  Russen  geendet  hatte,  waren  die  Operationen  ins
Stocken  geraten.  Soweit  sich  Ubersehen  läßt,  war  der  rechte  Flügel  der  österreichischungarischen
  Armee  vorwärts  Lemberg  durch  die  übermächtige  russische  Offensive
von  Siellung  zu  Stellung  bis  hinter  die  Stadte  gedrücke  worden,  die  dann  in  die  Gewalt
  der  Russen  geriet.  Wie  weit  die  Osterreicher  sich  bei  Lemberg  „rückwärts  lonzentriert"
  haben,  entzog  sich  der  Kennenis.  Wenn  nun  heute  Meldungen  von  Wiederaufnahme
  der  Offensive  durch  die  Osterreicher  kommen,  so  sehlen  uns  beim  Mangel
an  Ortsangaben  die  Voraussetzungen,  den  Gang  dieser  Offensive  zu  bestimmen.

Es  ist  aber  anzunehmen,  daß  die  Osterreicher  ziemlich  nach  Westen  in  der
ARichtrung  auf  die  Festung  Przemysl  zurückgegangen  waren,  schägungsweise  bis
auf  das  linke  Afer  der  Wisznia  und  südwestlich  hinter  den  Dujestr.  Sie  haben  also
etwa  40  bis  50  Kilometer  Boden  zu  gewinnen,  um  wieder  auf  die  Höhe  von  Lemberg
  zu  gelangen.  Russische  Kavallerie  war  jo  schon  unwidersprochen  an  den
Karpathen  gemeldet  worden,  und  eine  detachierte  Abteilung  hatte  links  ausgreifend
  von  Czernowit  aus  in  der  Richtung  auf  Kolomea  Vortruppen  bis  auf
die  Paßhöhe  vorgetrieben.  Wie  hier  der  Scheitelpunke  der  Eisenbahnlinie  Kolomea—Marmaroz
  von  den  MNussen  berührt  worden  ist,  so  waren  sie  auch  binter
Lemberg  und  Stryj  vorgedrungen  und  hatten  die  wichtigste  Karpathenlinie,  den
alten  Madjarenweg  zwischen  Cemberg  und  Munkacs,  beseht.  Gelingt  es  jetzt  den
Osterreichern,  nach  ihrer  Retablierung  und  mit  verstärkten  Krästen  Lemberg
wieder  zu  nehmen  und  in  der  Richtung  auf  Tarnopol  vorzustoßen,  so  werden  die
fliegenden  russischen  Abteilungen  auf  dem  rechten  Ufer  des  Onjestr  von  selbst  ge.
zwungen,  den  Nückzug  anzutreten.

Die  neue  Schlacht  von  Lemberg  ist  wie  die  erste  eine  Teilhandlung.  Wie
aber  heute  die  ganze  Frontlinie  des  österreichischen  Heeres  läufe,  ist  schwer  zu  sagen.
Nach  russischen  Berichten  wäre  nicht  nur  das  Jentrum  unter  Auffenberg
schließlich  jum  Rückzug  gezwungen  worden,  sondern  auch  der  linke  Flügel  unter
Dankl  schon  auf  Krasnik  zurückgefallen.  Wenn  das  richtig  ist,  so  stünden  die
Osterreicher  jezt  auf  der  Einie  Rawa  Ruska—Krasnik.  Vielleicht  steht  aber  ihr
linker  (Offensiv.)  Flügel  weiter  vorwärts,  als  die  Russen  Work  haben  wollen.  Die
Verhältnisse  sind  also  sehr  undurchsichtüg,  und  auch  über  die  Aussichten  beider
Gegner  läßt  sich  noch  wenig  sagen.  Oie  Österreicher  haben  Lemberg  sehr  ungern
aufgegeben.  Es  fragt#  sich  aber,  ob  sie  nun,  nmur  um  Lemberg  wieder  zu  bekommen,
den  leyten  Hauch  von  Mann  und  Roß  dransetzen.  Wir  müssen  weitere  Klärung
der  Verhältnisse  abwarken,  ehe  wir  versuchen  können,  die  beispiellos  erbitterten
Kämpfe  unter  neuen  Gesichtspunkten  zu  betrachten

Nachdem  die  erste  Schlacht  bis  zur  vollständigen  Erschöpfung  beider  Gegner
durchgekämpft  worden  ist,  ist  jetzt  eher  auf  eine  takeische  und  strategische  Entscheidung
zu  rechnen.  Gehk  die  Schlacht  den  Österreichern  endgbleig  verloren,  so
bleibe  ihnen  nur  die  Defenfive  an  und  binker  den  Karpathen.  Eine  russische
Niederlage  hingegen  kann  nur  dann  entscheidend  sein,  wenn  sie  nicht  n#ur  mit
dem  Rückzug  der  russischen  Massen,  sondern  mit  deren  Zertrümmerung  endet,
wie  sie  Hindenburg  it  Masuren  geglückt  ist.

Gtegemanns  Geschichte  des  Kricges.  I.  3“
        <pb n="452" />
        436  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

13.  September  1914.  Nr.  430  (Sonntagsausgabe,  Abendblatt  vom
Samstag).

Von  französischer  Seite  ist  ein  zusammenfassender  Bericht  über  die  Kämpse
eingelaufen,  die  zwischen  Paris  und  den  Vogesen  als  erste  Phase  der  „Schlacht
an  der  Marne“  anzusehen  find.  Der  Bericht  zeichnet  sich  vor  früheren,  besonders
vor  all  denen,  die  vor  dem  September  erschienen  sind,  durch  einfache  und  klare
Sprache  und  militärische  Schlüssigkeit  aus.  Daß  er  die  Lage  der  eigenen  Partei
opkimistisch  sieht,  ist  begreiflich  und  angesichts  der  in  den  ersten  Gefechestagen  erzielten
  Erfolge  auch  gerechtfertigt.  Jedenfalls  geht  daraus  hervor,  daß  die  englischfranzösische
  Armee  sich  nicht  weiter  das  Gesetz  hat  aufzwingen  lassen,  sondern  zur
taktischen  Offensive  übergegangen  ist,  die  eines  strategischen  Grundplanes  nicht  zu
entbehren  scheint.  Danach  ist  der  ganze  Marnebogen  wieder  im  Besig  der  Fran.
zosen,  die  hier  auf  den  klassischen  Schlachrfeldern  von  Provins,  wo  Klucksche  Vortruppen
  erschienen  sein  sollen,  bis  ösllich  Vitry,  also  auf  einer  Front  von  beinahe
100  Kilometern,  die  Deueschen  über  La  Ferté-Gaucher—Sézanme—La  Fere-Champenoise
  auf  Montmirail  und  dann  über  die  Marne  in  der  MRichtung  auf
Soissons  und  Reims  zurückgedrückt  haben.  Es  sind  genau  die  Kämpfe,  durch  welche
Napolen  im  Februar  1814,  wie  früher  ausgeführt,  Russen  und  PDreußen  bis  über
die  Aisne  zurückschlug.  Trifft  die  französische  Meldung  in  vollem  Umfang  zu,  so
hat  die  erste  Phase  der  Schlacht  an  der  Marne  den  Franzosen  einen  namhaften
Erfolg  gebracht.

Ounkel  bleiben  im  Bericht  die  Berhältnisse  östlich  des  Marnebogens.  Hier
stehen  die  Deutschen  anscheinend  in  enescheidenden  Kämpfen,  um  nicht  nur  den
Mißerfolg  ihres  rechten  Flügels  wettzumachen,  sondern  auch  takkisch  und  strategisch
die  Schlacht  zu  ihren  Gunsten  zu  wenden.  Jedenfalls  aber  ist  die  Widerstands  krafe
der  französischen  Heere  und  ihre  Maonövrierfähigkeit  viel  stärker,  als  vielfach  angenommen
  wurde.  Oie  deutsche  Front  hat  eine  bedeutende  Rückdrehung  erfahren,
wodurch  die  englisch  französische  Armee  auf  dem  ganzen  linken  Flügel  Paris  in
den  Rücken  bekommen  hat.  Der  Versuch  des  französischen  linken  Flügels,
der  jetzt  aus  der  Armee  von  Paris  und  den  auf  zwei  Korps  verstärkten  Engländern
besteht,  den  rechten  deutschen  Flügel  zu  umfassen  und  zu  erdrücken
oder  auf  das  Zentrum  zu  werfen,  ist  indes  noch  nicht  gelungen,  da
sich  die  Armee  Kluck  exzentrisch  zurilkziehen  und  nördlich  der  Marne  bei  Soissons
flankierend  setzen  konmte.  Oie  deuesche  Fronk  geht  non  etwo  von  Compiegne  und
Soissons  Über  Reims  und  Chalons,  südlich  aus  Revigny  vorfpringend
und  dann  wieder  nach  Norden  zurückgebegen  zu  den  Argonnen.

Leichter  und  schneller  reist  den  Deueschen  der  Erfolg  in  Ostpreußen.  Sie
haben  hier  mit  einem  Gegner  zu  kun,  der,  einmal  in  Marsch  gesetzt,  auf  strategisches
Kalkul  und  verwickelte  Operationen  verzichtet  und  sich  —  man  moöchte  sagen  gutwillig
  —  in  Lagen  begibt,  die  dem  Gegner  das  Spiel  in  die  Hand  geben.  ODas  hat
sich  am  deutlichsten  in  der  Schlacht  bei  Ortelsburg  gezeigt,  wo  die  Russen  geradezu
diejenige  Stellung  einnahmen,  die  ihnen  Hindenburg  bezeichnet  hatte.  Oore  ist
die  Narewarmee  zerschlagen  und  zertrümmert  worden.  Obwohl  die  Russen
noch  intakte  Kräfte  hatten,  ließen  sie  Hindenburg  Zeit,  seine  90  000  Gefangenen
zu  sammeln  und  abzuschieben  und  verhielten  sich  passiv,  bis  er  ihnen  durch  das
        <pb n="453" />
        13.  und  14.  September  1914  437

gestern  gemeldete  Gesecht  auch  auf  ihrem  linken  Flügel  den  Weg  rückwärts  wies,
so  daß  sie  geschlagen  zurücksluteten.  Damit  war  der  von  den  beiden  russischen  Armeen
angetretene  Vormarsch  endgültig  erledigt.  Wie  sich  heute  zeigt,  haben  die  Russen
inzwischen  ihr  finnisches  Armeekorps  in  der  Richtung  auf  Lyck  angesetzt,  das  offenbar
vereinzelt  einen  Entsaß  versuchen  sollte,  indem  es  aus  der  rechten  Flanke  vorftieß,
dabei  aber  geschlagen  und  nach  Osten  geworfen  wurde.

Abgesehen  vom  nordöstlichsten  Zipfel  Ostpreußens,  etwa  bis  auf  die  Linie
Memel—Lyck,  ist  nun  das  Land  wieder  im  Besige  der  Deutschen,  und  von  einer
Offensive  der  Russen  kann  hier  vorläufig  nicht  mehr  die  Rede  sein.  Sie
werden  sich  im  Gegenteil  einer  deutschen  Offensive  in  ihrer  rechten  Flanke  ver.
sehen  müssen.

Gelänge  es  den  deutschen  Westarmeen,  den  Feldkrieg  in  Frankreich  jegt  mit
raschen  Schlägen  zu  beenden,  so  wäre  die  allgemeine  Kriegslage  für  die  beiden
Kaisermächte  trotz  Lemberg  sehr  günstig,  aber  solange  die  Schlacht  an  der  Marne
nicht  mit  einem  durchschlagenden  Erfolg  der  Deueschen  geendek  hat,  ist  das  noch
nicht  der  Fall.  Ein  Rückschlag  im  Westen  könnte  dem  Krieg  eine  neue
Wendung  geben,  ganz  zu  schweigen  von  der  moralischen  Rückwirkung  auf
alle  Kriegführenden  und  die  Neutralen

14.  Seplember  1914.  Nr.  432  (Morgenblak:).

Die  Wendung,  die  sich  auf  dem  deutsch-französischen  Kriegsschauplah  am
8.  September  ankündigte,  als  die  ersten  Gefechte  am  Ourcq  und  südlich  der  Marne
gemeldet  wurden,  ist  beute  so  weit  fortgeschritten,  daß  man  versucht  wird,  von
einem  Umschwung  zugunsten  der  Franzosen  zu  sprechen.  Am  6.  September
war  der  Rückzug  der  Franzosen  über  die  Marne  von  uns  als  strategische  Operation
zur  Beziehung  einer  festen  Stellung  angesprochen  worden.  Am  8.  September
wurde  ersichtlich,  daß  die  englisch-französische  Armee  aus  vorbereiteter  Stellung
mit  aufgefüllten  Reserven  und  nach  Verschiebung  von  Streitkräften  vom  rechten
auf  den  linken  Flügel  südöstlich  von  Paris  zur  Gegenoffensive  anseyte.  Im  Laufe
der  letzten  vier  Tage  hat  diese  nicht  nur  zur  Zurückdrängung  des  rechten  deutschen
Flügels,  sondern  auch  zu  einer  allgemeinen  rückläufigen  Bewegung  der  beutschen
Armeen  gefübrte.

Es  ist  kein  durch  allgemeine  Schlacht  erzwungener  Nückzug,  wohl  aber  eine
Rückwärtskon  zentrierung  nach  verlustreichen  Gefechten,  die  einem  allgemeinen
Rückschlag  verzweifelt  ähnlich  siebt.  Der  rastlosen,  300  Kilometer  vorwärts  ge.
tragenen  deutschen  Offensive  wäre  also,  wenn  die  bestimmt  lautenden  fran.
zösischen  Meldungen  zutreffen  (deutsche  fehlen  noch),  in  der  Tat  der  Atem  aus.
gegangen!  Das  heißt,  sie  mußte  mit  einem  Rückschlag  enden,  als  eine  Gegenoffensive
  aus  guter  Stellung  und  mit  ausgeruhten  Kräften  einsegze.

Dem  AUmstande,  daß  es  dem  deutschen  rechten  Flügel  noch  geglückt  ist,  exzentrisch
  auf  Soissons  zurückzugehen  und  dort  als  Flankendeckung  sich  zu  seßzen,
verdankte  die  deutsche  Armee  indes  die  Möglichkeit,  im  Zentrum  und  auf  dem  linken
Flügel  abzubauen.  Das  mußte  sie  tun,  da  ce  ibrer  5.  Armee,  der  des  Deutschen
Kronprinzen,  in  nügtlicher  Zeit  nicht  gelungen  war,  den  Vormarsch  durch  die
Argonnen  auf  Revigny—Bar.le-Duc  zu  erzwingen.  Hier  lag  der  Schlüssel
der  Situation.
        <pb n="454" />
        438  Aus  den  Betrachteungen  zur  Kriegslage

Die  Argonmenstellung  hat  also  noch  einmal  Schicksal  gespielt  in  der  französischen
Kriegsgeschichte,  ähnlich  wie  im  September  1792,  als  Dumouriez  sich  bineinwarf,
um  den  Vormarsch  der  Preußen  aufzuhalten.  So  scheint  es  der  deutschen  Armeeleitung
  unmöglich  gewesen  zu  sein,  den  Kampf  mit  dem  strategischen  Zielpunkt
NRevigny  weiterzuführen,  und  darauf  wurde  das  Jentrum  auf  Reims  und  die
Aisne  zurilckgenommen.  Es  zeugt  von  starker  Eneschlußfähigkeit  im  kritischen
Moment,  daß  zugleich  auch  bei  Nancy  zurückgegangen  wurde.  Ob  ein  .#retour
ollensiv“  der  deutschen  Streitkräfte  auf  den  Ornain  und  an  der  Mortagne  möglich
  ist,  läßt  sich  nicht  beurteilen.

Ledenfalls  haben  wir  mit  einer  allgemeinen  Zurücknahme  der  deutschen
Armeen  zu  rechnen,  der  nun  eine  Zusammenziebung  folgen  muß.  Ob  aus  dem
Nachdrängen  der  englisch-französischen  Armee  eine  stehenden  Fußes  auszufechtende
Schlacht  enebrennt,  bleibt  abzuwarlen.  Sie  würde  von  den  Franzosen  unter
günstigeren  Bedingungen  geschlagen  werden,  ohne  daß  der  Ausgang  sich  voraussagen
  ließe.  Die  Kämpfe  im  Oberelsaß  Haben  sekundäre  Bedeutung,  dagegen  ist
die  Diversion  der  Belgler  vor  Antwerpen  nichk  zu  unterschäten.

Auch  auf  dem  russisch--Ssterreichischen  Kriegsschauplagß  schwankt  die
Wage  der  Entscheidung,  und  es  scheint  darauf  anzukommen,  ob  das  Gewicht  deutscher
Verstärkungen  und  ungarischer  Reserven  noch  rechtzcitig  fühlbar  wird,  um  die  Lage
für  die  österreichisch-ungarische  Armee  östlich  der  Karpathen  zu  retten.  Die  Wer.
hältnisse  sind  aber  so  unklar,  daß  wir  noch  keine  Ibersicht  geben  wollen.

Einfach  liegen  die  Dinge  nach  wie  vor  in  Ostpreußen,  wo  General
v.  Hindenburg  takeisch  und  strategisch  Herr  der  Situation  ist.  Wäre  dies  nicht  der
Fall  und  auch  dort  die  russische  Offensive  über  die  Weichsel  gedrungen,  so  lägen  die
Verhältnisse  für  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn  zurzeit  eroßz  der  Eroberung
Belgiens  entschieden  ungünstig,  dennu  wenn  auch  der  deutsche  Feldzug  in  Frank.
reich  an  sich  noch  nicht  kompromittierk  ist,  so  bängt  doch  von  seiner  schnellen,
durchgreifenden  Beendigung  für  Deutschland  und  Osterreich  sehr  viel,  wenn
nicht  alles  ab.

14.  September  1914.  Nr.  433  (Abendblat#).

Die  Fülle  der  Meldungen  aus  französischer,  englischer  und  belgischer  Quelle
Über  die  französische  Offensive  fsüdlich  der  Marne  hat  zwar  deutlich
den  Rückschlag  bezeichnet,  den  die  deutschen  Armeen  erlitten  haben,  doch
berrscht  immer  noch  über  einen  Dunkt  nichte  volle  Klarheit,  und  zwar  über  die
Dosieionen  im  Naume  St.  Menehould—GVerdun—Revigny.  Unzweifelhaft  ist
ledoch,  daß  die  deutsche  Heeresleitung  sowohl  die  Schwächung  der  Stoßkraft  ihrer
Truppen  durch  die  erschöpfenden  Märsche  als  auch  die  Jahl  der  in  und  bei  Paris
versammelten  englisch-französischen  Streitkräfte  unterschägt  hat.

Die  Franzosen  versuchten  in  einer  Reihe  von  Gefechten,  die  sich  zur  Schlacht
an  der  Marne  gruppieren,  das  deutsche  Heer  mie  vorgenommenem  linken  Flügel
zu  umfassen  und  die  Armee  Kluck  abzuschneiden  oder  konzentrisch  auf  das  Jentrum
der  deutschen  Aufstellung  zu  werfen.  Wäre  es  Kluck  nicht  gelungen,  exzentrisch
zurückzugehen,  so  häcte  es  noch  innerhalb  des  Marnebogens  für  ihn  zu  einer  Katastrophe
  kommen  können.  Daß  er  bel  seinem  befohlenen  Rückzug  große  Opfer
bringen  mußte,  geht  aus  der  Sachlage  hervor.  Die  Armee  v.  Bülow  ist  ebenfalls
        <pb n="455" />
        14.  und  15.  September  1914  439

nördlich  zurückgegangen,  nachdem  sie  bis  Fere.Champenoise  gekommen  und  dort
angefallen  worden  war.  Ihr  schloß  sich  die  Armec  v.  Hausen  in  fortgeseczter  Rückwärtsbewegung
  an,  die  von  Viery  auf  Reims  ging.  Diese  drei  Armeegruppen  haben
gewiß  starke  Einbußen  erlitten.  Weniger  ersichtlich  ist,  wie  angemerkt,  was
außerhalb  des  Marnebogens  vor  sich  gegangen  ist,  wo  die  Armeen  des  Prinzen
von  Würctemberg  und  des  Kronprinzen  kooperiert  haben,  bier  ist  etwas  nicht  klar.
Klar  ist  wieder,  daß  die  Ostarmeen  der  Deutschen,  die  Armeen  des  Kronprinzen
von  Bayern  und  des  Generalobersten  v.  Heeringen,  östlich  der  Maas  ohne  taktischen
Mißerfolg  infolge  der  Vorgänge  auf  dem  rechten  Flügel  bedeutend  zurückgenommen
worden  sind.

Die  deutschen  Armeen  sind  etwa  bis  auf  die  inie  Cdon—Reims—WPVerdun—
Metg  zurückgenommen  worden.  Fraglich  ist,  ob  Verdun  noch  zerniert  ist,  oder  ob
man  gezwungen  war,  die  Umklammerung  zu  lösen.  Sind  die  englischfranzösischen
  Armeen  nach  den  auch  für  sie  an  Erschöpfung,  Kämpfen  und  WVerlusten
schweren  Tagen  in  der  Verfassung,  dem  Gegner  zu  folgen,  so  muß  jeyt  schon  eine
neue  Schlacht  in  Vorbereitung  sein.  Erst  diese  wird  über  den  unzweifelhaften
Erfolg  der  englisch  -französischen  Heere  entscheiden,  ihn  sanktionieren  oder
widerrufen.

Oie  erste  Schlacht  war,  nach  Vergleichung  der  Depeschen,  am  12.  September
beendet.  Daß  die  neue  Schlacht  als  Stellungskampf  unter  ganz  anderen  Be.
dingungen  geschlagen  würde  als  die  Begegnungsschlacht  an  der  Marne,  bedarf
keiner  Ausführung.  Man  wird  deutscherseits  alles  dazu  heranziehen  und  die  Front#
mit  frischen  und  ausgeruhten  Truppen  follen.  Ob  es  sich  für  die  Deutschen  um  eine
reine  Defensivschlacht  handelt,  oder  ob  sie  so  elastisch  sind,  die  Offensive  wieder
an  sich  zu  reißen,  bleibe  dahingestellt.

Eine  Offensive  südwestlich  Verdun  ist  nicht  ausgeschlossen.  Da  die  französischen
  Berichte  hier  unklar  find  und  zudem  nur  bis  zum  12.  September  gehen,
find  hier  Vermutungen  in  dieser  Hinsicht  gestattet.

Auch  die  Neubildung  der  strategischen  Lage  wird  erst  durch  die  Operationen
  der  nächsten  Tage  llargestellt  werden  können,  daß  sie  für  die  Franzosen
ungleich  günstiger  ist  als  noch  vor  vier  Tagen,  liegt  auf  der  Hand.

15.  September  1914.  Nr.  435  (Abendblatt).

Die  Nachrichten  vom  westlichen  Kriegsschauplaß  sind  spärlich  geworden.  Sie
zeigen  aber,  deutsche  und  franzssische  zusammengehalten,  daß  die  Schlacht  an  der
Marne  wirklich  mit  einem  allgemeinen  Rückzug  für  die  Deutschen  geendet  hat.
Dnanach  find  die  deutschen  Armeen  in  der  Tat  auf  die  Aisne  mit  H##n  als  Steütpunke
des  rechten  Glügels  zurückgenommen  worden.  Auch  östlich  des  Marnebogens
beginnen  sich  die  Verhälenisse  zu  Uären.  Es  scheint  den  Armeen  des  Herzogs  von
Württemberg  und  des  Kronprinzen  zwar  gelungen  zu  sein,  sich  zurückzuziehen  und
dadurch  den  drohenden  Einbruch  am  rechten  Flügel  im  voraus  um  die  beabsichtigte
Wirkung  zu  bringen,  sie  haben  aber  dabei  offenbar  ihre  schwer  errungenen  Vorteile
südwestlich  von  Verdun  preisgegeben  und  bedeutend  zurückfallen  müssen

ODie  französische  Offensive  hat  zwar  langsameren  Schritt  angenommen,
erntet  aber  jecht  erst  die  Früchte  ihres  Erfolges,  den  wir  viel  weniger  in  der
Jurückgewimmung  von  Terrain  als  in  der  AUmkehrung  der  strategischen  Lage
        <pb n="456" />
        440  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

erblicken.  Wenn  Moltte,  der  Stratege  von  1870,  gesagt  hat,  daß  ein  Feldzugsplan
nie  Über  den  ersken  Zusammenstoß  hinausreichen  könne,  so  trifft  dies  besonders
für  einen  unglücklichen  Zusammenstoß  zu,  besonders  wenn  er  nicht  der  erste  des
Feldzugs,  sondern  wenn  er  kurz  vor  der  Entscheidung  fällt  und  dem  bisber  zurück.
geworfenen  Gegner  wieder  die  Möglichkeit  gibt,  dos  Gesetz  des  Handelns  zu  dil.
tieren.  In  dieser  Lage  sehen  sich  jegt  die  deutschen  Armeen,  sie  werden  daher  in
neuer  Schlacht  oder  —  wenn  man  die  Version  der  deutschen  Meldung  gelten  läßt  —
in  den  noch  schwebenden  Kämpfen  versuchen  müssen,  das  Gesehh  des  Handelns
wieder  an  sich  zu  reißen.  Dazu  wird  es  einer  großen  Schlacht,  wahrscheinlich  an
der  Aisne,  bedürfen,  die  vielleicht  schon  im  Gange  ist.  Daß  der  deutsche  Rückzug
vom  rechten  Flügel  an  rechtzeitig  und  in  vollkommener  Ordnung  vor  sich  ging,
so  daß  die  Armee  nicht  als  starl  erschüteert  gelten  kann,  erhellt  aus  verschicdenen
Amständen.

Oer  deutsch-französische  Feldzug  wird  jedenfalls  eine  bedeutende  Verlängerung
  erfahren  und  dadurch  der  ganze  Krieg  im  gleichen  Sinne  beeinflußt
werden,  zumal,  wenn  es  den  Osterreichern  gelingen  sollte,  an  den  Karpathen  nachhaltigen
  Widerstand  zu  leisten.

16.  Septrember  1914.  Nr.  436  (Morgenblatt).

Die  Deutschen  im  Westen,  die  Osterreicher  im  Osten  sind  in  die  Defensive
geworfen,  die  Osterreicher  nach  lurzem  Vormarsch  und  wochenlangem  Ningen
im  Dosicionslampf,  die  Deutschen  nach  wochenlangem  Vormarsch  und  kürzerem
Kampf  an  der  Marne.  Wenn  sich  heute  die  Osterreicher  an  den  Karpathen  zu
setzen  suchen,  um  vielleicht  auch  domit  nur  Zeie  für  weiteres  Jurücknehmen  der
DTruppen  zu  gewinnen,  und  wenn  auf  dem  westlichen  Kriegsschauplaß  die  Deutschen
jeot  sogar  hinter  die  Aisne  zurückgehen,  so  besteht  zwischen  diesen  beiden
Rückzügen  offenbar  ein  innerer  Jusammenhang.

Die  Verluste  der  Osterreicher  find  sehr  schwere,  es  sind  meist  Schlachtverluste,
doch  kann  man  annehmen,  daß  die  Moral  des  Heeres  nicht  gelitten  hat.  Die  deutschen
  Verluste  find  wohl  niche  so  hoch,  doch  ist  hier  bei  der  vorstürmenden  Offensive,
in  den  Schlachten  und  schließlich  auf  dem  Rückzug  sehr  viel  Kraft  verbraucht
worden.

Man  maöchte  beinahe  glauben,  daß  die  Zurücknahme  von  Etappe  zu  Ekappe
der  deutschen  Heeresleitung  nicht  umwillkommen  war,  nachdem  die  Schlacht  an  der
Marne  statte  des  erhofften  Lentrumdurchbruchs  und  der  Einkreisung  der  franzssischen
Aemee  die  eigene  Umfassung  auf  dem  rechten  Flügel  und  Androhung  einer  Katastrophe
  gebracht  hatee.  Der  unbekannte  Faktor  X,  nämlich  die  in  und  um  Paris
versammelte  englisch-französische  Streitmacht,  worauf  wir  schon  am  7.  September
aufmerksam  machten,  hat  sich  entscheidend  in  die  Rechnung  eingeschoben  und  der
an  und  für  sich  schon  um  den  Atem  ringenden  deutschen  Offensive  den  Todesstoß
versegt.  Aus  dem  „mouvement  tournant“  mit  vorgenommenem  rechten
Elültgel  ist  in  dem  Augenblick,  als  die  Armee  Kluck  an  Paris  vorbei  nach  Südosten
schwenkte,  ein  „mouvement  tourné“  geworden.  Das  geht  aus  dem  Bericht
Freuchs  heroor.

Es  wäre  gewagt,  vorauszusagen,  welches  die  nächsten  Züge  auf  dem  Schachbreitt
  sein  werden,  da  Deutschland  und  Osterreich  nun  in  der  Defensive  die  Koope-
        <pb n="457" />
        16.  September  1914  441

ration  ihrer  Armeen  zum  Ausdruck  bringen  müssen,  wodurch  die  strategische
Einzelbetrachtung  des  östlichen  und  des  westlichen  Kriegsschauplatzes  erschwert
wird.  Ob  es  den  beiden  Mächten  dabei  gelingt,  die  Vorteile  der  inneren
Linie  auszunutzen,  für  deren  Verkürzung  ihre  Gegner  jeht  mit  ihnen  um  die  Wette
sorgen,  bleibt  abzuwarten.  Klar  ist,  daß  die  französische  Heeresleitung  nach  den
Schlachten  in  Belgien  und  Lotchringen  vom  20.  bis  25.  August,  die  mit  dem
Zusammenbruch  ihrer  Offensive  bei  Mons,  Charleroi  und  Dieuze  endete,  die
strategische  Defensive  mit  außerordentlichem  Geschick  durchgeführt  hat.  Der  Erfolg
bing  zwar  an  einem  Faden,  aber  dieser  Faden  hat  gehalten.  Nun  ist  es  umgekehrt.

Die  Schlacht  an  der  Marne  hat  im  Jusammenhang  mit  dem  Ausgang  der
Schlachten  in  Polen  und  Galizien  enescheidende  Bedeutung  erlangt.  Man  kann
sagen,  daß  durch  diese  Kämpfe  die  erste  Phase  des  Feldzuges  und  des
Krieges  beendet  worden  ist,  wenn  nicht  noch  eine  große  Schlacht  dahinter  gesect
  wird.

Die  großen  Erfolge  Hindenburgs  in  Ostpreußen  fallen  auf  deutscher  Seite
jetzt  noch  stark  ins  Gewicht,  sie  werden  aber  in  der  nächsten  Zeit  von  neuer  russischer
Offensive  nachgeprüft  werden,  sofern  russische  Kräfte  im  Süden  frei  werden.  Damm
wird  wohl  auch  hier  wieder  deutsche  Defensive  Platz  greisen.  Offenbar  haben
Truppenverschiebungen  über  kreuz  und  aquer  die  legzten  deutschen  Operationen  überall
stark  beeinfluße.  Ob  solche  jegt  hinter  der  Front  im  Westen  vorgenommen  werden,
um  eine  neue  taktische  Enescheidung  zu  suchen,  müssen  die  nächsten  Tage  lehren.  Die
deutschen  Armeen  gehen  nun  ihrerseits  ihren  Reserven  entgegen.

16.  September  1914.  Nr.  437  (Abendblatg).

Die  Bestimmungen  der  gegenwärtigen  Stellungen  auf  dem  westlichen
Kriegsschauplag  unterliegen  Schwankungen,  da  die  amelichen  französischen  Mit.
teilungen  in  der  Fixierung  der  Dosicion  wechseln.  Man  hat  heute  nicht  mehr  den
Eindruck,  daß  es  nur  noch  Nachhuckämpfe  seien,  jedenfalls  können  sich  diese  jeden
Augenblick  zu  stehenden  Gefechten  versteisen,  aus  denen  dann  ohne  weiteres  rangierte
Schlacht  werden  kann.  Es  läßt  sich  auf  Grund  der  Kommuniqué,s  nicht  genau  bestimmen,
  ob  der  transitorische  Moment  schon  eingetreten  ist,  doch  deuten  die
lehten  Meldungen  auf  Versteifung  der  Gefechte  Hin,  und  wir  möchten  eine  Schlach#
an  der  Aisne  folgern.

Gerade  jetzt  ist  eine  Ibersicht  über  die  amtlichen  Berichte  der  letzten  Lage  am
Platze.  Daris  meldete  vom  11.  September  abends  11  Uhr  Kämpfe  bei  La  Ferté.
Gaucher  am  Grand  Morin,  Montmirail,  Sézonne  und  Bity  und  am  Ornain
und  an  den  Argonnen.  Die  Armee  Kluck  war  schon  um  75  Kilometer  zurückgewichen,
  wobei  aber  zu  beachten  ist,  daß  die  Entfernung  von  der  ersten  Kavallerie.
spitze  bei  Provins  bis  zur  fechtenden  Nachhutc  gemessen  war.  Bordeaux  meldete
zur  selben  Seunde,  daß  der  linke  französische  Flügel  schon  nördlich  der  Marne  sei.
Am  12.  September  abends  11  Uhr  meldete  Paris  den  rechten  deutschen  Flügel
an  der  Aisne,  die  Uberschreitung  der  Marne  bei  Viery  und  die  Besegtzung  Lunéêvilles.
Die  Meldung  aus  Wordeaux  korrespondiert  diesmal  besser  und  meldet  noch  die
Zurückwerfung  des  Deutschen  Kronprinzen.  Am  14.  September  meldet  Paris,
daß  die  Deutschen  südlich  der  Argommen  noch  standhalten,  London,  daß  die  Engländer
  den  Ourcq  Überschrikten,  Bordeaux,  daß  die  Aisne  Überschrikten  sei.
        <pb n="458" />
        42  Aus  den  Betrachtungen  zur  Kriegslage

Darauf  folgt  Joffres  Meldung  vom  Rückzug  der  1.,  2.  und  3.  und  dem  Beginn
des  Rückzugs  der  4.  deutschen  Armee.  Am  15.  September  meldet  Paris,  daß
der  Feind  sich  nördlich  der  Aisne  stelle  und  Troyon  entseczt  sei.  Am  15.  abends
meldet  Paris,  daß  der  Feind  nördlich  der  Aisne  bei  Craonne,  im  Zentrum  nördlich
von  Reims  und  in  den  Argonnen  bei  Vienne-la-Ville  stehe  und  sich  östlich  der  Maas
auf  Etain  und  Chäteau-Salins  zurückziehe.  Die  neueste  Meldung  berichtet,  daß
man  sich  auf  dem  linken  Flügel  in  engem  Kontakt  an  der  Aisnelinie  befinde  und
im  Jentrum  zwischen  den  Argonnen  und  der  Maas  fortschreite.

Aus  allem  geht  eindeutig  hervor,  daß  die  deutschen  Armeen  staffelförmig
vom  rechten  Flügel  an  zurückgenommen  wurden.  Oie  erbittertsten
Kämpfe  haben  an  der  Einbruchstelle  bei  Vit#ry  stattgefunden.  Wir  glauben  aber
niche,  daß  deutscherseies  alle  Kräste  im  Feuer  waren.  ODer  von  den  Deutschen  gemeldete
  Teilerfolg  ist  von  Kluck  am  Ourcq  vor  dem  Ausweichen  erfochten  worden.

Die  deutsche  Heeresleitung  hat  also,  den  übermächtigen  Druck  auf  ihren
rechten  Flügel  erkennend,  die  Schlacht  an  der  Marne  nicht!  durchgekämpft
und  ist  nach  Jurückweisung  des  ODurchbruchsversuchs,  den  die  Franzosen  bei
Vieryh  angesegt  haben,  auf  die  Aisne  zurückgegangen.  Nach  dem  amrtlichen
Kommuniquék  aus  Paris  vom  15.  September  abends  11  Uhr  ist  der  linke  Flügel
der  offensiven  englisch--französischen  Armee  nun  in  engem  Kontakt  mit  dem  Feinde
auf  einer  Fronk,  welche  durch  die  Höhen  nördlich  von  Neims  begrenzt  wird.
Weiter  östlich  ist  die  Armmee  des  Deutschen  Kronprinzen  ebenfalls  auf  die  Aisne
zurückgegangen,  um  sich  hier  vermutlich  ebenso  zu  sehen.  Die  Zuricknahme  der
deulschen  Ostarmee  vor  Nancy,  die  ohne  Druck  erfolgt  ist,  kann  niches  anderes
bedeuten  als  die  Berschiebung  von  Kräften  nach  der  A#sne.  Zu  diesem
Zwecke  mußte  hier  in  der  Defensive  zurückgegangen  werden.

Die  gesamte  Kriegslage  läßt  sich  auf  dem  westlichen  Kriegsschauplat
in  Kämpfen  an  der  Aißne,  die  vielleicht  morgen  bestimmt  als  große  Schlacht
erscheinen,  auf  dem  östlichen  Kriegsschauplatz  in  geschlossenem  Rückzug  der
Osterreicher  auf  die  Festungslinie  an  den  Karpathen  und  im  Nordosten  auf
erfolgreiche  Offensive  Hindenburgs  durch  Niederkämpfung  der  dort  fechtenden
russischen  Armeen  resümieren.
        <pb n="459" />
        Quellenverzeichnis

Bei  der  Abfassung  dieses  Werkes  war  von  vornherein  zu  berücksichrigen,  daß
wichtige  Quellen  bei  den  Generalstäben  noch  unerschlossen  liegen  und  noch  lange  der
Bearbeitung  entzogen  bleiben  würden.  Ebenso  war  eine  vollständige  Sammlung  zerftreuter
  Einzelschriften  und  Dreßstimmen  unmöglich,  zumal  da  eline  PDrüfung  sämtlicher
  erhältlicher  Quellen  auf  sehr  große,  durch  den  Mangel  an  Werbindungen  und
Beweglichkeit  gesteigerte  Schwierigkeiten  stieß.  In  erster  Linie  wurden  herangezogen
die  diplomatischen  Aktenstücke,  die  von  den  Regierungen  der  kriegführenden  Mächte
in  Gestalt  von  Farbbüchern  herausgegeben  wurden,  die  Heeresberichte  sämtlicher
Parteien  und  die  zu  meiner  Kennenis  gekommenen  Feldposkbriefe  aus  deutschem  und
französischem  Lager,  ferner  als  wichtige  Quelle  zur  Erfassung  der  Operationen  die
deutschen  Verlufllisten,  die  nicht  so  sehr  zur  Berechnung  der  Verluste  als  vielmehr  zur
Feststellung  der  Kampforte  der  einzelnen  Truppentelle  und  zur  Ermietlung  der  Kriegsgliederung
  und  der  sich  ergebenden  Verschiebungen  benutzt  wurden.  Gerade  daraus
und  aus  dem  damit  verknüpften  Studium  der  Karten  ergaben  sich  wertvolle  Aufschlüsse,
die  sich  besonders  in  den  ersten  Monaten,  als  noch  voller  Bewegungskrieg  herrschte,  bis
zur  Herstellung  fließender  Gesechtsbilder  und  Operationen  verdichtet  haben.  Auch
zablreiche  Jeitungen  und  Zeitschriften  sind  stemacisch  herangezogen  worden,  um  Aufsklärung
  zu  erhalten,  die  sowohl  im  Texkteil  als  auch  in  den  Todesanzeigen  gesucht  werden
konnte.  Gelesen  wurden  von  deutschen  Erzeugnissen  besonders  die  „Kölnische  Zeltung“,
die  „Frankfurter  Jeitung“,  die  „Münnchner  Neuesten  Nachrichten“,  die  „Preußischen
Jahrbücher“,  die  „Kreuzzeitung“,  dac  „Verliner  Tageblact“  und  die  „Magdeburgische
Zeictung“,  ferner  die  in  den  östlichen  und  westlichen  Drovinzen  erscheinenden  deutschen
Zeitungen  und  das  „Militärwochenblatt“;  von  englischen  Blättern  die  „Times“  und  die
„Daily  Mail'“  von  französischen  Zeitungen  der  „Temps“,  der  „Rappel“,  das  „Journal“,
der  .„Matin-,  das  .Echo  de  Paris“  und  die  „Dépéche  de  Toulousc“  sowie  der  „Radical
  de  Alawseille“  und  die  „KReruc  des  deug  Alondes“;  von  belgischen  Zeitungen  das
„NX  e  Siocke“  und  die  „Inddpendance  Belge“;  von  italienischen  Zeitungen  der  „Secolo“,
ber  Corriere  della  Sern“  und  die  „Stampa“;  von  russischen  Zeitungen  der  „Rjeisch“,
die  „Nowoje  Wremja“  und,  sowelt  zugänglich,  der  „Russki  Invalid“".  Von  österreichischen
  und  ungarischen  Zeltungen  sind  „Streffleurs  Militärblatt“,  „Neue  Freie  Presse“,
„Neichspos“  und  „Budapesti  Hirlap“;  von  bulgarischen  das  „Echo  de  Bulgaric“  verfolgt
  worden.

Oie  Schriften,  die  im  Buchhandel  erschienen  sind  und  geprüft  wurden,  sind  zu
zoblreich,  um  sämtlich  Erwähnung  zu  finden.  Ich  begnüge  mich  daher,  nachstehend  ein
Verzeichnis  der  für  den  milikärischen  Teil  mehr  oder  weniger  benugten,  meist  krieisch
zu  bewertenden  Bücher  aufzuführen  und  verweise  auf  die  im  Anhang  zur  Vorgeschichte
des  Krieges  und  zur  militärischen  Lage  Europas  angeführten  Buchstellen  und  auszugsweise
  wiedergegebenen  Schriften,  die  hier  nicht  noch  einmal  genannt  worden  sind.
Nachzutragen  sind  also:

Almanach  Hachette  19  16.  Histoire  de  la  guerre  par  Pierre  Dauzet.  Paris,
Librairic  llachette  ei  Cie.  "

Aus  den  Kämpfen  um  Lüttich,  von  einem  Sanitätssoldaten.  Berlin  1915,
Verlag  S.  Fischer.

Babin,  Gustavc.  La  bataille  de  la  Marnec.  Paris  1016,  Librairic  Plon.  Nourrit  &amp;amp;  Cie.

Binder,  Heinrich,  Mit  dem  Hauptquartiec  nach  Westen.  Stuttgart  und  Berlin
1915,  Deutsche  Verlags-Anstalt.  #

Brandt,  Rolf,  Günf  Monate  an  der  Ostfront.  Berlin  1915,  Verlag  Egon
Fleischel  &amp;amp;  Co.
        <pb n="460" />
        44  Quellenverzeichnis

Bremen,  W.  v.,  Oberstleuenant,  Die  Kriegsereignisse  in  Wesl  und  Ost.  Berlin
1915,  Verlag  von  S.  Mittler  &amp;amp;  Sohn.
Buchner,  Eberhard,  Kriegsdokumente.  I.  Band.  München  1914,  Verlag
von  Albert  Langen.
Campagne  delarmée  belur.  d’aprés  les  documents  olficicls.  Laris  1915.
Bloud  &amp;amp;  Gay.  Gdlitecurs.
Campbell.  Gerald.  De  Verdun  aux  Vosges.  Paris  1916.  Librairie  Armand  Colin.
Debrit.  Jean,  La  guerre  de  1914.  Genève,  Eclition  Atar.
Fendrich,  A.,  Gegen  Frankreich  und  Albion.  Stuttgart  1915,  Franckh'sche
Verlagshandlung.
Feyler.  F..  La  guerre  curopécnne.  avantpropos  stratlékgiques.  I.ausanne  lons,
Payot  &amp;amp;  Cic.
Fleury-  Lamurc.  Charlcroi.  Paris  1910.  Librairic  Alillairc  Berger.Lerrault.
Franktireurkrieg  in  Belgien,  Geständnisse  der  belgischen  Presse.  Stuttgart
  1915,  Deutsche  Verlags-Anstalt.
Gabeleny,  Georg  v.  d.  Unsere  Brüder  da  draußen.  Leipzig  1916,  Verlag
von  L.  Staackmann.
Gatti.  Angelo.  La  guerra  senza  corfini.  Ailano  1915.  Fratelli  Treves.
HKindenburg,  Bernhard  v.,  PDaul  v.  Hindenburg,  Ein  Lebensbild.  Berlin  1915,
Verlag  von  Schuster  &amp;amp;  Loeffler.
.  Sdinmanuel,  Fr.,  Oberst,  Ein  Jahr  Krieg.  Berlin  1915,  Verlag  von  Mittler
Sohn.
Krach,  Dr.  Otto,  General  Ludendorff.  Berlin  1915,  Verlag  von  August  Scherl.
v  ie  Sirichte  aus  dem  Großen  Hauptauartier.  Stuttgart  1915,  Deutsche
er  »Anstalt.
Kriegsberichte,  österreichisch-ungarische,  aus  Streffleurs  Milltärblatt.  Wien
1915,  Verlag  von  L.  W.  Seidel  &amp;amp;  Sohn.
Kutscher,  Artur,  Kriegskagebuch.  München  1915,  C.  H.  Beck'sche  Verlagsbuchhandlung
  Oskaor  Veck.
Libermann  Henri.  Ce  dusna  vu  un  officicr.  Paris  1910.  Libraisie  Plon-Nourit.
Derwin,  Bertold,  Mit  den  polnischen  Legionen  in  den  Karpathen  1914.
München  1915,  Verlag  von  Georg  Müller.
it  unsern  Mörsern  gegen  West  und  Ost.  Aus  dem  Kriegstagebuch
eines  Bataillonskommandeurs.  erlin  1916,  Verlag  von  Mierler  &amp;amp;  Sohn.
Niemann,  Hans,  Hindenburgs  Siege  bei  Tannenberg  und  Angerburg.  Berlin
1915,  Verlag  von  Mittler  &amp;amp;  Sohn.
PPages  d'’bistoire  —  1014.  TParis.  Librairie  mihltaire  Berger.  Levrault.
Alfordre  du  jour.  Jo.  1.  II.  III.
En  Guerrc.  du  z  au  7  Accht.
En  Mobilisation,  12#.  27  et  ze  jours.
Extraits  du  bulletin  dles  armées  de  la  République.  No.  1ct#  II.
La  lourncée  du  4  Aont.
I.  Annirersaire  de  la  déeclaration  de  guerre.
Lescommuniqués  ofliciels.  No.  1I.  II.  I1I.  6
lI.  es  pages  de  gloire  de  l[armée  belge.  par  Willy  Breien.  ç
Pnaux.  Renc.  L’arméc  anglaise  sur  #c  conlinent  (Acüt  1014—A0cot  19158).  Paris,
Eugeène  Fasduecllc.  éditeur.
Rohrbach,  Dr.  Daul,  Massenverhehung  und  Wolkskrieg  in  Belglen.  Berlin
1916,  Verlag  von  Carl  Curtius.  »  Z
Gbaint-  Aymour.  Comite  de  Caix  de.  La  marche  sur  Paris  de  l’aile  droite
allemande.  Paris  1010.  Henri  Charles-Lavanzelle,  Cditeur  militaire.

Seeger,  Dr.  Ernst,  Die  Kampfplätze  in  West  und  Oft.  Stuttgart  1915,  Oeutsche

Verlog.  nftalt.
lterteieg.  der,  Eine  Chronik  der  Ereigisse  seit  dem  1.  Juli  1914.  I.  und
II.  Band.  Herousgegeben  von  C.  H.  Boer.  Stuttgart,  Verlag  von  Jullus  Hoffmann.
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