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        <title>Friedrich der Vorläufige, die Zietz und die Anderen.</title>
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            <forname>Adolf</forname>
            <surname>Stein</surname>
          </persName>
        </author>
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          <msIdentifier>
            <idno>stein_friedrich_1920</idno>
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        Friedrich  der  Vorläufige,
die  Zietz  und  die  Anderen

Die  Weimarer  Nationalversammlung
1919  —  Februar  /  August  —  1919

Von

A-4


31.—  40.  Tausend

 

Verlag  der  Täglichen  Rundschau=  Berltn
1020
        <pb n="4" />
        Alle  Rechte  vorbehalten
Copyright  1919  by  Verlag  der  Täglichen  Rundschau,  Berlin

Oruck
der  Spamerschen
Buchdruckerei  in  Leipzig
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        Inhalt

Seite

2.  9.  1919  Ein  Nachwort  zurcer  7
5.  2  „  Her  Einzug  der  Sese  12
6.  2.  „  Der  Eindruck  der  ersten  Sitaung  15
7.  2.  „  HOie  Wahl  ins  Parlamente--Präsidinm  18
2—————.————  —5J-  -  22
10.  2.  „  Annahme  des  Notgesetdkdzsssss  27
11.  2.  „  Friedrich  der  Vorläufiens  29
12.  2.  „  Ecert  an  die  PressHiHi  32
15.  2  „  Unsere  Spreher  34
14.  2.  „  Sprüche  zum  Konkkceceess  40
15.  2  „  Mie  der  Hase  läuiiiit::  43
17.  2.  „  Aus  Erzbergers  Diktatbeft  45
18.  2.  „  Eretchens  Reinigunnnnngggga  47
19.  2.  „  WBiiir  ....  .  ..  51
20.  2  „  Neuorienting  55
21.  2.  „  Gewmallt.  59
24.  2.  „  Ein  Monolog..  ........  62
25.  2.  „  Reichswehrrr  .............  65
27.  2.  „  Entmakltttt:::  68
28.  2.  „  Volksredner  und  Staatsmänemer  70
1.  3.  „  Wir  treibbreggg  75
3.  3.  „  Verfassung  und  Auflösuunggagg  77
4.  3.  „  Sozialismus  Astatiss  684841
5.  3.  „  Polen  hat  gesitgtt  83
8.  3.  „  Hugenberg  zur  Sozlalisienmnggg  86
15.  3.  „  Eröffnung  des  Preußenhausse  88
14.  3.  „  Hoffmanns  Erzählunen  .  91
15.  3.  „  ODie  Filiale  von  Weimar....  ....  „  93
17.  3.  „  Nutzloses  Geree  96
19.  3.  „  Unsere  Staatsgewaalltt.  98

3  1%
        <pb n="6" />
        26.  6.
27.  6.
1I.  7.
2.  7.
S.  7.
4.  7.
5.  7.
7.  7.
8.  7.
9.  7.
10.  7.
1I.  7.
12.  7.

1919  Noch  „vorläufig“,  aber  „gesetzlich“

2  2  2  2  2  2  2  2  S  S  2  S2  8S  S

—EIIILLIIE

S  u  7  3  2  .  2  2  2.  2.  .  S.  .  #

Los  von  Preußnnn
Preußens  Schwüächunnng
Anzapfunen
Scheidemann  gegen  Ludendorff.
Der  feine  aooan
Es  war  einmdaa
Die  Anst
Milliarden  hin,  Milliarden  ber.
Die  Pspche  des  Parlament
Krisengerüchte  und  Kleinigkeiten.
Mitgegangen,  mitgefangen
Regierung  und  Ernährung
Das  Friedenssett
Etatdebatte  am  Versaillestoag
Der  Widerball  im  Landtage
Fichte  zu  Fühßen
Helne  und  Haenis  ...
Die  Landesverräter
Unter  dem  neuen  Spsten
Die  Feigheit  schwillt
Unsere  Zugrunderichtern
Am  Endea

O  Deutschland,  tief  in  Schanden!

Unter  dem  Fronovott

Schwankende  Gestalten
Nachklänge  zu  Weimier
Voll  Vertrauen  und  ÄAngsten
Experimente  eie....
Zu  neuer  Arbet
Schwarz-Rot-SGoll.
Vaterländische  und  Partei-Taktik

Reichstag,  Reichspräsident.
Wichtiges  und  Richtiges
Vor  balbleeren  Bänken
Der  „kleine“  Aderlaßß  .  ..  .  ..
Das  rrteil  hat  Vechtotraft  ...
Richter  Lonch  .....
Grundtechte..·........
Weimar-Berlin.......

000000
000000
sssssss
000000
000000
000000
......
000000
000000
......
000000
ssssss
000000
000000
0000000
000000
000000
......
OOOOOO
.......
OOOOOO
000000

.......

OOOOOO

OOOOOO
        <pb n="7" />
        14.  7.  1919  Her  Schrei  nach  Renee
15.  7.  „  Her  Tag  der  Sess
16.  7.  „  Immer  noch  mehr  Grundrecht
17.  7.  „  Bielreneern  ....  ....
18.  7.  „  Hiie  verschacherte  Juggeeee
19.  7.  „  Hie  Berabschiedung  der  Königstreen
21.  7.  „  Bis  zum  Räteparagrapen
22.  7.  „  Erst  die  Schande,  dann  die  Anugsst
23.  7.  „  Programmeeden
24.  7.  „  Interpellatineooonn
25.  7.  „  Der  Reicheschaumschlüger
25.  7.  „  Niedriger  hänge  444
28.  7.  „  Kampfffffffeeeeeeeey
29.  7.  „  Nach  dem  Sturm  .............
30.7.,,Paragraphengalopp............
Zl.7.,,DerAbfchluß...............

1.8.,,BetfassungundBeamtenstand-........
2.8.,,chlangenoch?.,.............
7.8.«Diezwettetdrtegsabgabe..........
8.8.,,DiegtoßeUnordnung.....  «......
9.8.«Netchsdraht................
11.8.,,  Wucherbodensteuer  und  Rauchnotopfer  ..  ..
12.  8.  Hypnose...  ...........
13.  8.  „  Nur  keine  Milliondree  44  .  ..  ..
14.  8.  „  Versickernde  Debatten
15.  8.  „  DHas  Gespent:
16.  8.  „  Auf  der  Sucbhbhee
17.  S8.  „  Frauen  im  Parlamet
18.8.  „  Abhalfternnnnnn
19.  8.  „  Gesetzgebungs-Hypertropfie
20.  8.  „  Auf  dem  Wege  zur  Verlumpung
21.  8.,  d9er  sSeeed
22.8.  „  MNMit  weißer  Wese
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        Ein  Nachwort  zuvor

Berlin,  2.  September

„Ich  bin  ein  #Sdiot!  Ein  vollkommener  Zdiot!  Das  muß
jeder  sagen,  der  das  liest!“

Er  ächzt,  er  knüllt  sein  Zeitungsblatt  zusammen,  er  sinkt
vernichtet  in  den  Klubsessel.  Ein  Glück,  daß  wenigstens  diese
Sessel,  aus  dem  Berliner  Reichstag  herübergebracht,  hier  im
Foper  in  Weimar  stehen.  Der  Parlamentarier  bält  darin
kurz  vor  Beginn  der  Nachmittagesitzung  sein  Schläschen.
Der  Pressevertreter  kommt  in  ihnen  auf  seine  besten  Gedanken.
Besonders  wenn  Mutter  Pollin,  die  Theaterwirtin,  oder
Lotte,  ihre  rosig  dralle  Richte,  ein  Schälchen  „echten  Mokka“
danebengestellt  bat.  Aber  man  erlebt  auch  manchen  Zusammenbruch
  in  diesen  Sesseln.  Hierher  wankt  der  Abgekämpfte
  aus.  dem  Parkett  oder  von  der  Bühne,  der  Abgeordnete
  oder  der  Regierungsmann.

Genau  so  tut  es  unser  Kollege,  der  gerade  seinen  angeblichen
  Idiotismus  ausgestöhnt  hat.  Er  hatte  seiner  Zeitung
durch  den  Draht  so  wunderbar  schöne  Dinge  übermittelt,
aber  der  Drahtfehlerteufel  zwickte  entscheidende  Stellen  ab,
schüttelte  ein  paar  Ungereimtheiten  dazu,  machte  aus  Erhebendem
  Lächerliches  und  aus  Klarem  einen  großen  Mist.

Wir  alle  haben  darunter  gelitten.  Ich,  dank  unseren  guten
Telephonstenographen,  noch  am  wenigsten.  Aber  auch  ich.

Ich  schleudere  am  späten  Abend  meine  Sätze  wie  die
Speere.  Zeder  haftet  zitternd  mitten  im  Schwarzen.  Da

7
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        hat  jedes  Komma  und  jeder  Gedankenstrich  seinen  Sinn,  da
ist  es  wesentlich,  ob  ich  in  Jamben  behaglichen  Erzählens
schwimme  oder  in  Anapästen  dramatischen  Erlebens  mich
Überstürze,  da  ist  alles  mit  zusammengebissenen  Zähnen
scharf  gepackt.  Am  nächsten  Morgen  bringt  die  Luftpost  die
Zeitung  aus  Berlin.  Ich  lese  mit  Genugtuung  mich  selbst.
Die  Aufnahme  und  Übertragung  ist  wieder  einmal  vortrefflich.
  Da,  beim  letzten  Absatz,  wird  mir  plötzlich  schwarz  vor
den  Augen:  ich  hatte  doch  von  „Lebeneinteressen“  der  Nation
geschrieben  und  nun  steht  da  „Nebeninteressen“;  aus  epischer"
  Ruhe  ist  „Etbhische“  geworden,  aus  dem  „vorurteilslosen“
  Herrn  v.  Graefe  ein  „urteilsloser“;  und  die  deutschen
Bundesstaaten  haben  nicht  auf  „eigene  Gesandten“  verzichtet,
sondern  auf  —  „eigene  Gedanken“.  Fallet  über  mich,  ihr
Hügel,  bedecket  mich,  ihr  Berge!

Aun  erscheinen  die  Stimmungsbilder  hier  in  Buchform
ohne  alle  die  Zufallsfebler.  Sie  sind  aufs  neue  durchgesehen,
  die  abgestoßenen  Stellen  poliert.  Was  ich  für  die
Tägliche  Rundschau,  wenn  der  Redaktionsschluß  drängte,
manchmal  im  letzten  Augenblick  auf  die  Hälfte  zusammenstreichen
  mußte,  ist  hier  wieder  ganz.  Dazu  kommen  einige
wegen  Verspätung  überhaupt  nicht  gedruckte  Aufsätze  und
zur  Ergänzung  einige  Momentaufnahmen  aus  dem  Preußenparlament.
  Ein  Stück  Zeitgeschichte  unseres  schier  verlorenen
Volkes  wird  festgehalten,  ehe  es  entrollt;  festgehalten,  so  wie
es  in  heißen  Stunden  gesehen  wurde,  festgenagelt  im  Wortlaut
  auch  mancher  Satz,  nach  dem  man  später  suchen  wird.

Persönlich  denkt  jeder  von  uns  Großstädtern  gern  an
Weimar  zurück,  auch  wenn  er  wie  ich  als  steinerner  Gast
dasaß,  in  dem  Leid  des  deutschen  Vaterlandes  verstummt.

Man  empfand  doch  als  Bürger  eines  Gemeinwesens,
war  nicht  mehr  nur  ein  Sandkorn  unter  drei  Millionen
zusammengeschaufelter  Berliner.  Man  kannte  schließlich

8
        <pb n="11" />
        jedermann,  nicht  nur  die  Parlamentshabituss  in  den  Rängen
des  Theatere,  die  zumeist  zur  Damenwelt  Weimars  gehörten,
man  kannte  die  „G.  Z.  am  Mittag“,  die  vor  dem  Gange  zur
N#tionalversammlung  allmittäglich  pünktlich  in  der  Schillerstraße
  auftauchte,  man  kannte  sämtliche  Tapetenentwürfe
einer  anderen  jungen  Dame,  der  Tochter  aus  dem  hochbegabten
  Cheruskerhause,  man  wußte  im  Fürstenkeller  oder
im  Goldenen  Adler,  in  dem  schon  Goethe  saß,  in  dem  Erbprinzen
  oder  dem  Elefanten,  dessen  Wirt  einst  Hermann  und
Horothea  nahen  sah,  so  gut  Bescheid  wie  in  der  unvergeßlichen
  Steinhöhle  des  Künstlervereins,  diesem  alten  Refektorium
  mit  den  gebräunten  hohen  Säulen,  dem  Urväterhauerat,
  dem  Riesenkamin,  dem  alla  Campagna  Romana
frisierten  Vorgarten  und  allen  seinen  lieben  Mitgliedern  und
Gästen,  die  gegen  2  Uhr  morgens  zwar  nicht  die  soziale
Frage  zu  lösen  versuchten,  aber  sophokleische  Bruchstücke  oder
Annchen  von  Tharau  deklamierten  oder  zum  siebzehnten
Male  sich  die  Geschichte  vom  Scheich  der  Senussi  und  der
Schiffstreppe  erzählen  ließen.  Man  kannte  fast  jede  alte
Oame  aus  der  zersprengten  Hofgesellschaft  Weimars,  da
man  jedermann  jeden  Tag  traf,  unausweichlich  in  der  kleinen
Stadt,  man  unterschied  schließlich  sogar  die  einzelnen  „Parkschlangen“,
  die  paarweis  geführten  Mädchenpensionate,  die
an  der  Zlm  so  üppig  ringeln,  man  wußte  besser  als  selbst
die  Weimaraner  die  Stellen,  wo  sich  etwas  hamstern  ließ,
Himbeersaft  oder  Stiefel  oder  Kalbskeulen  oder  Gummiband,
  man  war  beimisch  in  jedem  verträumten  Patrizierhause,
  man  trieb  Genealogie  an  den  vermorschten  Grabsteinen
  des  alten  Kirchhyofs.  Man  bedauerte  nur  eines.  Man
bedauerte  die  Galeerensklaven  der  Politik:  sich  selber  und
vor  allem  die  Abgeordneten  der  Nationalversammlung.
Für  unsere  aufreibende  Arbeit  fanden  wir  Pressevertreter,
nachdem  die  anfänglichen  Schwierigkeiten  überwunden  waren,

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        <pb n="12" />
        hervorragendes  Verständnis  und  unermüdliche  Unterstützung
durch  die  himmlischen  Scharen  oben  hinter  dem  2.  Rang,
die  zumeist  aus  Berlin  dorthin  kommandierten  Fernsprechgehilfinnen
  unter  ihrem  Vorstand,  dem  jungen  Telegraphensekretär
  Stahl.

Nach  allen  Richtungen  der  Windrose  haben  pier  ihre
Chronistenpflicht  76  Zeitungeleute  zu  erfüllen,  ungerechnet
diejenigen,  die  nur  mit  behäbiger  Briefpost  arbeiten.  An
Trommelfeuertagen  bringen  sie  es  zusammen  bie  auf  mehr
als  4000  Ferngespräche.  Wie  in  der  Befehlszentrale  eines
Kriegeschiffes  ziehen  sich  hier  die  Kabelwürste  an  den  Wänden
entlang.  Die  Damen  haben  alle  Hände  voll  zu  tun.  Ein
kleiner  liebenswürdiger  Rotkopf  kommandiert.  „Für  UAllstein
Zelle  14  frei!“  „Herr  von  Wangenheim,  Düsseldorf  ist  da!“
„Hirsch  soll  gestrichen  werben!“  „Rundschau,  bitte,  kommt
in  2  Minuten!“  Türen  klappen  auf  und  zu,  Apparate  knacken,
klingeln,  schnurren,  unerzogene  Sprecher  reklamieren  grob;
aber  mit  stets  gleichbleibender  Freundlichkeit  schweben  und
huschen  die  Fernsprechgehilfinnen  umher,  suchen  die  Zeitungsmenschen
  auf  der  Tribüne,  in  der  Wandelhalle,  im
Flur,  im  Lesezimmer  auf,  holen  sie  heran  und  „verbinden“
sie  ohn'  Ermatten.

In  der  hastigen  Arbeit  ist  man  kaum  zu  ruhigem  Umblick
gekommen.  Man  stand  im  Kampfe.  Zetzt  sieht  man  auf  das
Schlachtfeld  zurück.  Aue  jenem  Getümmel  haftet  am  meisten
das  Bild  des  niedergebrochenen  Parlamentariers.  Niedergebrochen
  waren  zum  Schluß  fast  alle.  Die  moderne  Gesetzgebungemaschine
  ruiniert  Nerven  und  —  Intellekt.

ODas  sind  die  mildernden  Umstände,  die  unseren  Parlamentariern
  zugebilligt  werden  müssen:  das  Parlament  ist
die  große  Verdummungeanstalt.

Vormittags  hat  das  Mitglied  der  Nationalversammlung
Ausschußsitzung,  nachmittage  Plenarsitzung,  abends  Fraktions-10
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        sitzung.  Der  Geplagte  hört  täglich  14  bis  16  Stunden
andere  oder  sich  selber  reden.  Und  was  für  ein  Zeug
manchmal!  Zum  Studieren  kommt  er  gar  nicht.  Nnur  eine
von  den  Fraktionen  für  ihre  Mitglieder  scharf  durchgeführte
Arbeitsteilung  ermöglicht  überhaupt  die  Fortführung  der
Geschäfte.  So  kommt  es,  daß  einer  über  Kalipreise  Bescheid
weiß,  ein  anderer  über  die  Zigarettenbanderole,  ein  dritter
über  Moorkultur,  auch  wenn  er  beruflich  diesen  Dingen
ganz  fernsteht.  Aber  einen  Uberblick  hat  niemand.  Zeder
gewöhnliche  Zeitungsleser  weiß  von  Tagespolitik  mehr  als
der  Abgeordnete;  denn  der  liest  nichts.  So  wird  er  von
jeder  „Enthüflung“  zunächst  glatt  erschlagen.  Hat  er  ein
Leben  voll  reicher  Erfahrung  hinter  sich,  so  mag  er  daraus
schöpfen,  —  solange  noch  etwas  da  ist.  Auch  das  gebt  einmal
zu  Ende.  Im  Laufe  von  fünf  Zahren  aber  vertrottelt  auch
der  Klügste  rettungslos,  wenn  er  das  Parlament  nicht  eifrig
—  schwänzt.  Z

Nun  werden  aber  nicht  einmal  immer  die  Klügsten  gewählt.
Manchmal  die  Gerissensten.  Oft  aber  auch  nur  die  Maulaufreißer.
  Und  zuweilen  gar  nur  irgendwelche  lokalen  Parteihonoratioren
  ohne  jede  hervorstechende  Eigenschaft.

Man  schämt  sich,  wenn  man  versucht,  sich  die  Elite  der
Nation  so  vorzustellen,  wie  sie  da  sitzt.  Es  ist  nicht  die  Elite.
Es  ist,  allerdings  mit  einigen  glänzenden  Auenahmen,  eine
Herde  der  Mittelmäßigen,  über  der  die  Peitsche  des  Parteitreibers
  knallt.  Wenn  man  jetzt  wieder  die  Sitzungen  in
Weimar,  von  der  ersten  bis  zur  letzten,  Revue  passieren  läßt,
so  fröstelt  es  einen;  wie  ist  es  nur  möglich,  daß  das  Volk
der  Dichter  und  Oenker  sich  die  heutige  parlamentarische
Regierung  mit  ihrer  Plattheit  und  Feigheit  und  ihrem  leichtfertigen
  Verwirtschaften  aller  nationalen  Güter  gefallen  läßt!

UÜber  dem  Reichstagsgebäude  in  Berlin,  in  das  die  Nationalversammlung
  jetzt  einzieht,  steht  die  Inschrift:  „Dem  deutschen

11
        <pb n="14" />
        Volke.“  Wir  könnten  uns  aber  kaum  verteidigen,  wenn  ein
Fremder  käme  und  sagte,  richtiger  hieße  es:  „Der  Frechheit
und  Ignoranz.“

Der  Einzug  der  Gäste

Weimar,  J.  Februar

Die  Frau  Abgeordnete  hat  das  Wort.  Und  sie  behält  es
von  Berlin  bis  Weimar.  Sie  sitzt  mir  gegenüber,  und  neben
mir  ihre  Sekretärin,  eine  elegante,  junge  Kriegswitwe  aus
gutem  Hause.  In  allen  Parteien,  scheint  es,  treten  die  Damen
vom  Reichsneubau  so  zu  zweit  auf,  wenn  sie  es  sich  nur
irgend  leisten  können.  Oie  Sekretärin  ist  nicht  etwa  zum
Zuhaken  der  Bluse  da.  Auch  nicht  nur  zum  Schreiben.  Sondern
  sie  besorgt,  sichtet,  ordnet  den  Stoff  für  die  Reden
und  die  sonstige  Geistesarbeit  ihrer  Erwählten.  Kurz  nach
Halle  legt  die  Frau  Abgeordnete  eine  Frühstückspause  ein.
Und  die  Sekretärin  fängt  sofort  an  zu  studieren  und  anzustreichen.
  Die  Sache  wird  ernst  genommen.  Die  Witzblätter
werden  enttäuscht  sein.

Da  die  Reichsleitung  sich  für  „gute  und  schnelle  Verbindung
zwischen  Berlin  und  Weimar"“  verbürgt  hat,  haben  wir  zweieinhalb
  Stunden  Verspätung.  Die  Oroschkenkutscher  haben
lange  auf  uns  warten  müssen  und  lassen  sich  die  Wartezeit  bezahlen;
  mit  zwanzig  Mark  für  eine  Fahrt  in  die  Stadtschlagen  sie
esberaus.  Weimar  istja  ein  alter  Thing-  und  Versammlungsort,
und  jedermann  hier  weiß,  daß  die  Herkommenden  Geld  mitbringen.
  Man  wird  cs  ihnen  schon  in  Scheffeln  abnehmen,
bis  man  selber  unter  der  Preiesteigerung  leidet.  Ganz  geheuer
  ist  den  ZuUm-Athenern  freilich  schon  heute  nicht,  und  die

12

—Y
        <pb n="15" />
        Familien,  die  in  der  Nähe  des  Nationaltheaters  wohnen,
möchten  für  die  nächsten  Wochen  am  liebsten  verreisen,  weil
allerlei  wilde  Gerüchte  erzählen,  die  Nationalversammlung
werde  „gesprengt“  werden  und  dabei  könnten  auch  die  umliegenden
  Häuser  in  die  Luft  fliegen.  Man  sieht  die  Einquartierung,
  soweit  man  selber  an  ihr  beteiligt  ist,  gern.
Auch  wenn  „nur“  die  Höchstpreise  bezahlt  werden,  stehen  sich
die  Vermieter  nicht  schlecht.  Außerdem  soll  jeder,  der  einen
Regierungsbeamten,  einen  Abgeordneten,  einen  Dressevertreter
  beherbergt,  reichlich  Kohlen  erhalten,  und  das  ist
augenblicklich  eine  sehr  ersehnte  Sache.  Nur  sind  noch  nicht
genug  Kohlen  da.  Ein  Kohlenzug  ist  vom  Arbeiterund
  Soldatenrat  Eisen  ach  abgefangen  worden,  ein
anderer  anderswo.  Je  näher  man  Weimar  kommt,  desto
enger  wird  das  Netz  dieser  Raubritter  und  Zollerheber.  Die
Hohenzollern  sind  bei  uns  abgeschafft;  und  die  Zustände  bei
une  ähneln  nachgerade  auch  ganz  denen,  die  wir  vor  den
Zeiten  der  „Faulen  Grete"“,  die  den  damaligen  Schnapphähnen
  das  Handwerk  legte,  gehabt  baben.

Zn  Weimar  selbst  jedoch  braucht  man  keine  Angst  zu  haben,
denn  da  ist  —  Berliner  Schutzmannschaft  eingezogen.  Wir
haben  so  viel  über  den  Polizeistaat  geschimpft.  Zetzt  bält  er
aber  den  Revolutionesstaat  über  Wasser.  Ohne  die  Kräfte
des  „alten  Soystems“  wäre  das  „neue  Soystem“  schon  zusammengebrochen.
  Auch  Soldaten  —  vom  Landesjägerkorpe,
mit  schwarzweißroten  Kokarden  und  sonstigen  Abzeichen  —
sieht  man  in  beruhigender  Menge.  Ich  glaube  an  keinerlei
Gefahr  in  Weimar,  dem  stillen  Residenzstädtchen  und
Pensionopel,  das  kaum  Fabrikvolk  hat.  Es  wird  ganz  friedlich
  sein.

Nur  sehr  unbequem.  Es  fehlen  nicht  nur  die  Berliner
Räume  für  Beratung  und  Arbeit,  für  Parteien  und  Presse.
Es  erweist  sich  nicht  nur  das  Post-  und  Fernsprechwesen  als

13
        <pb n="16" />
        ganz  unzulänglich,  da  vorerst  nur  wenige  Orahtleitungen  zur
Verfügung  stehen  und  die  wenigen  immer  wieder  von  den
Großgeschäften  Ullstein  und  Mosse  durch  allerlei  Schieberkünste
  belegt  werden.  Sondern  es  sind  auch  keine  „Vorgänge“
  da,  auf  die  jeder  gewissenhafte  Parlamenteredner
zurückgreifen  möchte,  keine  staatsrechtliche  Bücherei,  keine
Bände  mit  stenographischen  Reichstagsberichten.  Die  großherzogliche
  Bibliothek  enthält  im  wesentlichen  nur  Germanistik.
Oie  Abgeordneten  werden  zumeist  aus  der  Tiefe  ihres  Gemütes
  schöpfen  müssen,  besonders  wenn  sie  keinen  Sekretär
haben.  Und  auch  die  Sekretäre  sollen,  wie  Fama  behauptet,
vor  allem  auf  das  Mitbringen  von  Goethe-Literatur  bedacht
gewesen  sein.  Die  Grippe  in  Weimar  ist  im  Erlöschen.  Aber
die  Zitatenseuche  kommt  sicher.

Der  Herr  Geheimrat  v.  Goethe  wird  von  Hinz  und  Kunz
als  Nothelfer  benützt  werden.  Aber  auch  eine  Fülle  von
lebenden  Exzellenzen  drängt  sich  in  seiner  Musenstadt,  eine
Fülle  von  Ministerkollegen.  Zhr  Oienstalter  stuft  sich  von
rechts  nach  linke  ganz  regelmäßig  ab:  von  den  ganz  alten,
den  Oelbrück  und  Posadowsky,  über  die  Preuß  und  Erzberger
  hinweg,  die  aus  der  kurzen  Prinz-Max-Ara  stammen,
bis  zu  dem  reichlichen  Dutzend  ganz  junger,  die  die  äußerste
Linke  gestellt  hat.  Die  vielen  englischen  und  amerikanischen
Pressevertreter,  die  in  Weimar  eingetroffen  sind,  finden  sich
in  dieser  Exzellenzen-Fülle  noch  nicht  ganz  zurecht.  Der
lebhafte  kleine  Ztaliener,  der  schon  vor  1914  jahrelang  in
Berlin  als  Berichterstatter  des  römischen  „Avanti“  wirkte,
muß  ihnen  Bescheid  geben.

Diese  Herren  der  Welt  machen  steinerne  Gesichter.  Sie
sind  zur  Tagung  eines  „Eingeborenen-Parlaments“  gekommen;
  ob  das  in  Weimar  oder  Pretoria  oder  Kalkutta  ist,
das  ist  ihnen  gleichgültig.  Sie  brauchen  es  zur  Unterschrift
unter  den  Frieden,  den  sie  diktieren.  Im  übrigen  ist  ihnen

14
        <pb n="17" />
        unser  Staatsneubau  Hekuba.  Ihre  Presse  wird  uns  nicht
um  den  Hals  fallen,  auch  wenn  wir  noch  demokratischer
werden,  als  es  zu  unserer  Schwächung  von  ihnen  verlangt
wurde.

Der  Eindruck  der  ersten  Sitzung

Weimar,  6.  Februar

Die  gesittete  regierende  Sozialdemokratie  legt  vorläufig
Wert  darauf,  nicht  unter  die  Bilderstürmer  zu  geraten,  sondern
  soliden,  staatserhaltenden  Eindruck  zu  machen.  Oer
Präsidentenstuhl  trägt  nach  wie  vor  den  Reichsadler  und  die
Kaiserkrone,  und  für  Dörchläuchting  Ebert  ist  eine  Ehrenkompagnie
  in  Paradeuniform  vor  dem  Theater  aufgebaut.
Ganze  Treibhäuser  sind  für  den  Blumenschmuck  der  Estrade
ausgeräumt.  Wenn  Herr  Ebert  Sattler  geblieben  wäre,
hätte  es  bei  seinem  fünfzigjährigen  Handwerkejubiläum
nicht  schöner  sein  können.

Aber  auch  kaum  banaler.  Satt  und  selbstzufrieden  erzählt
der  Gefeierte,  ein  wie  Hberuntergewirtschaftetes  Geschäft  er
eigentlich  übernommen  habe.  Wehrlos  gemacht  habe  uns
nicht  die  Revolution,  sondern  der  Waffenstillstand,  der  von
der  „kaiserlichen“  Regierung  des  Prinzen  Max  eingeleitet  sei;
als  ob  Herr  Ebert  nicht  genau  wüßte,  daß  erst  die  Revolutioneregierung
  unverlangt  das  Heer  vorzeitig  aufgelöst  und
daß  Scheidemann  schon  seit  Jahren  den  Vernichtungefrieden
vorbereitet  hat!  Und  saß  dieser  Mann  etwa  nicht  in  der
„kaiserlichen"  Regierung  des  Prinzen  Max?  HOie  heutige
republikanische  Regierung  war  schon  im  Oktober  1918  allmächtig,
  aber  gerade  sie  wagt  kein  heißes  „Lever  dot  as

15
        <pb n="18" />
        Slaw!“  Der  während  des  ganzen  Krieges  reklamierte  Herr
Erxzberger,  der  trotzdem,  rosig  und  wohlgenährt,  in  bewährter
Taktlosigkeit  ale  einziger  von  allen  Abgeordneten  mit  dem
Eisernen  Kreuz  am  weißschwarzen  Bande  auf  der  Brust  erschienen
  ist,  wird  weiter  alle  vernichtenden  Bedingungen
unterschreiben.  Die  regierenden  Spießbürger  haben  eben
immer  noch  Angst  vor  der  eigenen  Courage.  Sie  haben  ja
nicht  einmal  die  Revolution  gewollt,  behaupten  sie,  sondern
seien  ganz  wider  Willen  plötzlich  Konkursverwalter  des
Reiches  geworden.  DOie  Firma,  die  er  übernommen  habe
und  die  er  sanieren  werde,  war,  wie  Meister  Ebert  erzählt,
schauderhaft  verkracht:  „Alle  Scheuern,  alle  Lager  leer,
der  Kredit  erschüttert,  die  Moral  tief  gesunken.“
Er  wird  nicht  einmal  rot  dabei,  während  er  das  von  seinem
Manustript  abliest.  Wer  bestiehlt  denn  unsere  Lager,  —  ist
das  nicht  erst  seit  der  Revolution  Mode?  Oder  ist  das  Sinken
unserer  Valuta  gerade  in  den  letzten  Monaten  nicht  zum
Stürzen  geworden?  Und  kann  jemand  behaupten,  daß  die
Moral  in  Deutschland  seit  dem  vorigen  November  sich  besonders
  gehoben  habe?  Uber  alle  diese  Dinge  läßt  sich  kaum
streiten,  aber  die  Sozialdemokraten  müssen  eben,  um  die
eigene  Schuld  zu  verhüllen,  das  frühere  Regime  anpöbeln,
sofort  in  der  ersten  Sitzung  der  Nationalversammlung.  Oie
Revolution,  sagen  sie,  je  nun,  die  kam  über  Nacht  und
schwemmte  sie  nach  oben;  nun  ringen  sie  nach  Worten.

Selbstverständlich  paßt  in  dieses  spießbürgerliche  Idpll  kein
leidenschaftlicher  Aufschrei.  Die  nationale  Wärme,  zu  der
Ebert  in  einzelnen  Sätzen  sich  versteigt,  kommt  nicht  mit  dem
Blutstrom  aus  dem  Herzen,  sondern  aus  einer  Thermosflasche.
  Er  warnt  die  Entente  davor,  uns  vor  die  Frage
„Hunger  oder  Entehrung“  zu  stellen.  Aber  die  Behauptung,
daß  die  jetzigen  Machthaber  die  Entbehrung  der  Entehrung
vorzichen  würden,  klingt  nicht  ganz  glaubhaft.

16
        <pb n="19" />
        Selbstverständlich  muß  Herr  Ebert  auch  Goethe  zitieren
und  entgleist  dabei,  wie  immer.  Den  schönen  antirevolutionären
  Spruch  aus  Goethes  „Hermann  und  Dorothea“  wider
die  Menschen  schwankenden  Sinnees  in  schwankenden  Zeiten
setzt  er  der  staatserhaltenden  Sozialdemokratie  als  Helmzier
aufs  Haupt  und  ruft  pathetisch,  der  Geist  von  Weimar,
der  Geist  der  großen  Oichter-  und  Philosophen  müsse  uns
wieder  erfüllen.  Ganz  wie  vor  hundert  Zahren  jene  brave
Berliner  Metzgerefrau,  die  bei  einem  Goethebesuch  in  Weimar
von  diesem  gefragt  wurde,  ob  sie  etwas  von  ihm  kenne,  ihm
antwortete:  „Jroßer  Zoethe,  wer  sollte  Ihnen  nich  kennen:
Festiemauert  in  die  Erde.  .“  Das  ist  der  Geist  von  Eberts
Geist,  nicht  Geist  von  Weimar,  den  man  beschwören  möchte.

Licht  Geistreichelei  ist  nötig,  sondern  Mannhaftigkeit.  Ebert
hat  nicht  den  Mut,  auch  sein  Verschulden  an  der  Revolution
zu  gestehen,  sondern  belastet  die  Monarchie  allein,  die  —  niemale
  wiederkehren  werde.  Diese  Verbeugung  vor  Wilson  erregt
  den  stürmischen  Widerspruch  der  nationalen  Minderheit.
Ein  Staatemann  sollte  niemals  „Niemals“  sagen.  Allgemeine
Zustimmung  dagegen  finden  die  Begrüßung  Deutsch-ÖOsterreichs
  und  der  Aufruf  zum  Wiederaufbau  durch  Arbeit.

Das  Zentrum  hat  seinen  Platz  links  genommen,  so  daß  die
Oeutsche  Volkspartei  jetzt  rechts,  Stresemann  neben  Oelbrück,
Rießer  neben  Reoesicke  zu  sitzen  kommen.  Oiese  Zusammenballung
  der  Nationalen  kann  man  vielleicht  als  Ouverture
deuten.  Die  vom  Auswärtigen  Amt  eingeführten  amerikanischen
  und  englischen  Pressevertreter  sind  auf  ihren  Plätzen
im  zweiten  Range  mit  der  heutigen  Sitzung  im  übrigen  zufrieden
und  beschweren  sich  nur,  daß  auf  der  ersten  Reihe  die  deutschen
  Pressevertreter  und  nicht  sie  placiert  sind.  Sie  sind
sehr  anspruchsvoll  und  behandeln  die  jetzige  deutsche  Regierung
  en  canaille.  Nach  England  aber  wird  noch  kein
Deutscher  gelassen.  Wir  sind  klein,  ganz  klein  geworden.

Friedrich  der  Vorläufige  17  2
        <pb n="20" />
        Die  Wahl  ins  Parlaments-Präsidium

Weimar,  7.  Februar

Zwischen  „Lachen“  und  „Heiterkeit“  ist  im  Sprachgebrauch
der  Parlamente  ein  gewaltiger  Unterschied.  Wir  erleben
heute  beides  im  neuen  Hause.  Das  Lachen  ist  etwas  gezwungenes,
  ist  die  Opposition  der  Verlegenheit.  Es  soll
höhnende  Ablehnung  bedeuten.  So  wird  auf  der  äußersten
Linken  bei  der  Verlesung  einer  Depesche  gelacht,  in  der  ein
Kapitän  Bender-Neubabelsberg  die  Absetzung  aller  Arbeiterund
  Soldatenräte  und  die  Wahl  Hindenburgs  zum  Reichspräsidenten
  empfiehlt.  Die  Heiterkeit  dagegen,  die  befreiende,
  zwerchfellerschütternde,  ist  eine  einfache  Reflerbewegung
  gegenüber  unfreiwilliger  Komik.  Sie  wirft  heute
jedeen  Widerstand  vor  sich  nieder  und  erfaßt  unterschiedslos
sämtliche  Parteien,  als  eine  zweite  Depesche,  von  einem
Herrn  Eugen  Müller-Stockholm,  zum  Reichspräsidenten  den
„von  Freund  und  Feind  gleich  hochgeachteten  weitblickenden
Walther  Rathenau“  vorschlägt.  Dann  faßt  man  sich  wieder
mühsam.  Besonders  auf  den  Regierungsbänken  im  Bühnenraum
  werden  den  Gesichtern  erneut  die  Falten  des  ehrbaren
Ernstes  angezwängt.  Man  schämt  sich.  Man  ist  so  gewöhnlich
gewesen.  Sowa,s  schickt  sich  doch  nicht.

Emporkömmlinge  sind  ein  dankbares  Objekt  für  Witzblätter.
Erstürbe  einem  in  dieser  Elendezeit  nicht  jedes  Scherzwort  auf
der  Zunge,  so  läge  es  nahe,  die  politischen  Kriegsgewinnler
von  heute,  die  regierenden  Sozialdemokraten,  in  ihrem  ängstlichen
  Ringen  um  den  guten  Ton  und  das  vornehme  Gehaben
abzumalen.  In  der  Nationalversammlung  sitzen  nicht  weniger
als  19  sozialdemokratische  Exzellenzen.  Oiese  funkelnagelneuen
  Minister,  Staatssekretäre,  Gesandten,  die  nun  im  Geb-18
        <pb n="21" />
        rock  paradieren,  eine  Perle  in  den  Selbstbinder  stecken  und
die  Goldkapseluhr  verdächtig  oft  ziehen,  sind  im  Grunde  bedauernswert.
  Mit  ihrem  Regierungelatein  sind  sie  längst  zu
Ende,  das  graue  Elend  grinst  ihnen  überall  in  Deutschland
entgegen,  und  sie  haben  alle  zusammen  im  Lande  noch  nicht
so  viel  Autorität  wie  früher  ein  einziger  königlicher  Gendarm.

Auch  die  sozialdemokratischen  Unterstaatssekretäre  und  Vortragenden
  Räte,  auch  die  Arbeiterräte,  Soldatenräte  und
sonstigen  Räte  und  Unräte  wissen,  daß  die  Revolution  uns
in  den  Sumpf  gekarrt  hat.  Wer  den  Karren  berausziehen  soll,
davon  ist  noch  gar  nicht  die  Rede.  Wer  aber  die  Verantwortung
  für  das  Steckenbleiben  zu  tragen  haben  wird,  das  will
man  festlegen:  die  regierenden  roten  Parvenüs  haben  ein
dringendes  Znteresse  daran,  daß  das  Bürgertum  sich  an  der
Regierung  und  an  der  Parlamentsleitung  beteiligt  und  dadurch
  ihnen  selber  die  moralische  Entlastung  vor  den  Wählern
erteilt.  Gestern  und  heute  ist  unablässig  darüber  zwischen
den  Parteien  verhandelt  worden.  Innerhalb  der  Fraktionen
selbst,  die  ja  zum  Teil  eine  ganz  andere  Zusammensetzung
haben  als  im  vergangenen  Reichstage,  brodeln  die  Ansichten
darüber  widereinander;  die  Neulinge  und  die  Alten,  die
Draufgänger  und  die  Bedächtigen  reden  sich  gegenseitig  heiß.
Es  geht  um  die  Frage,  ob  die  bürgerlichen  Parteien  mitmachen
  und  sich  zwei  Plätze  im  Präsidium  geben  lassen  oder
den  gesamten  Vorsitz  in  der  Nationalversammlung  und  dementsprechend
  auch  ssämtliche  Ministerposten  der  demokratischsozialdemokratischen
  Mehrheit  zuschieben  sollen.  Und  damit
die  Verantwortung.  Und  damit  auch  die  Folgen  der  grenzenlosen
  Enttäuschung  und  Wut,  die  über  kurz  oder  lang  im
Volke  aufflammen  werden!  "

Unter  den  Sozialdemokraten  ist  besonders  Scheidemann,
der  sich  im  übrigen  schon  seit  Wochen  sehr  zurückhält,  um  seine
Aussichten  auf  den  Posten  des  republikanischen  Reichsver-19

  2°
        <pb n="22" />
        wesers  nicht  zu  verderden,  eifrig  und  geflissentlich  bemüht,
den  drei  bürgerlichen  Parteien  das  Mitrepräsentieren  zu
empfehlen.  Die  Sozialdemokratie  denke  gar  nicht  an  ein
einseitiges  Parteiregiment,  sie  wolle  auch  den  Deutschnationalen
  ihrer  Stärke  entsprechend  den  dritten  Bizepräsidenten
  zubilligen.  Ee  steckt  geradezu  Nervosität  in  diesem
dringlichen  Zureden.  Der  Sozialdemokratie  wird  in  ihrer
Gottähnlichkeit  bange,  sie  krampft  die  Finger  nach  Unterstützung
  aus  dem  anderen  Lage#.  In  ihrem  eigenen  hat  sie
schon  Schwierigkeiten  bei  der  Bestimmung  eines  ersten  Präsidenten
  für  die  Nationalversammlung:  nacheinander  haben
Hildenbrand,  Bauer,  Loebe  und,  wenn  das  Gewisper  recht
hat,  noch  andere  rote  Parteigrößen  abgelehnt,  bis  dann
Dr.  David,  der  Zdeologe  der  Partei,  sich-in  die  Bresche  stellte.

Dr.  David  wird  gegen  22  weiße  Zettel  der  Unabhängigen
vom  ganzen  Hause  gewählt.  Seine  Antrittsrede  ist  ein  sozialdemokratischer
  Leitartikel.  Bisher  vermieden  die  Präsidenten
es  stets,  parteipolitisch  sich  einzuführen.  David  wie  Pfannkuch
  —  dieser  Alterepräsident  hat  gestern  ausdrücklich  als
Sozialist  wie  Moses  das  gelobte  Land  begrüßt  —  dachten
anders.  Aun  gut.  Wir  sind  ja  vieles  gewöhnt  geworden  und
wundern  uns  auch  nicht  mehr  darüber,  daß  über  dem  Regierungesitz
  im  Weimarer  Schloß  immer  noch  ein  rotes
Parteiläppchen,  die  alte  Seeräuberflagge,  das  Panier  der
Gesetzlosigkeit,  statt  der  Reichsfahne  hängt.  Aber  Oavid
findet  doch  wenigstens  herzenswarme  Töm  über  das  Selbstbestimmungerecht
  des  Volkes  in  Elsaß-Lothringen  und  über
„kraftvolle  Geltendmachung  der  deutschen  Lebenerechte  nach
außen“,  und  brausender  Widerhall  im  Hause  lohnt  ihm  das
Wort.  Haben  seine  Lebenswege  ihn  auch  zur  Internationale
geführt,  so  stammt  er  doch  nicht  umsonst  aus  einem  Hause,
aus  dem  ein  Bruder,  der  evangelischer  Pfarrer  ist,  dem  nationalen
  Berein  deutscher  Studenten  angehört  hat.  Dem  Präsi-20
        <pb n="23" />
        denten  Dr.  Oavid  bringen  auch  die  bürgerlichen  Parteien  trotz
seines  sozialdemokratischen  Leitartikels  Vertrauen  entgegen.

In  dem  Augenblick,  in  dem  nun  der  alte  Nauschebart
Gröber  vom  Zentrum  das  Wort  zur  Geschäftsordnung  verlangt,
  weiß  man,  was  die  GElocke  geschlagen  hat.  Die  bürgerlichen
  Parteien  wollen  durch  Beteiligung  an  der  Leitung
„die  Kontrolle  nicht  verlieren“  und  werden  dadurch  Mitträger
  der  Berantwortung  für  alles  Unheil,  das  —  seit  dem
9.  November  ganz  zwangsläufig  —  noch  üker  uns  kommt.
ODie  regierende  Sozialdemokratie  hat  ihren  ersten  großen
Sieg  erfochten.  In  keinem  anderen  parlamentarisch  regierten
Staate  würde  man  ihr  so  auf  die  Leimrute  kriechen.

Die  Sozialdemokraten  atmen  auf:  man  sieht  lächelnde  Gesichter.
  Und  auch  Herr  Matthias  Erzberger  kann  frohgemut
in  die  Zukunft  blicken,  denn  diese  Abstimmung  sichert  ihm
sein  Staatssekretariat.  Das  Amt  ist  gerettet.  Fiele  der
Mantel,  müßte  der  Herzog  nach,  so  aber  kann  Erzberger
sich  weiter  in  die  Toga  hüllen  und  den  Ausverkauf  Deutschlande
  fortsetzen.  Die  bürgerlichen  Parteien  sind  „regierungsfähig“
  geworden.  Aber  majorisiert  werden  sie  doch.  Sie
können  nichts  Gutes  schaffen,  sie  können  nichts  Böses
verhindern.  Sie  können  nur  Sündenbock  werden  und  das
kommende  VBolksgericht  über  die  Revolution  schon  im  Entstehen
  —  schwächen.

Unsere  Parteien  haben  ihr  Blut  erneuert.  Daß  ein  freifinniger,
  eine  Zeitlang  sogar  amtsentsetzter  Pfarrer  wie
Dr.  Traub  und  eine  führende  Frauenrechtlerin  wie  Dr.  Käte
Schirmacher  von  der  äußersten  Rechten  als  Kandidaten  aufgestellt
  und  gewählt  werden,  wäre  früher  undenkbar  gewesen.
Ahnliche  Wunder  finden  wir  überall.  Aber  das  viele  neue
Blut  hat  une,  scheint  es,  doch  nicht  den  notwendigen  einen
großen  Führer  der  bürgerlichen  Opposition  geschenkt.  Der
Fraktionspartikulariemus  bucht  erfreut  seinen  kleinen  Gewinn.
21
        <pb n="24" />
        Fehrenbach  und  Haußmann  und  Oietrich  nehmen  ihre  Ämter
als  neugewählte  Bizepräsidenten  an.  Aun  können  sie  an
„großen  Tagen“  über  Karten  für  die  Präsidialloge  im  Reichstage
  verfügen.  Lieb'  Vaterland,  magst  ruhig  sein.  1

Die  Taktiker  unserer  bürgerlichen  Fraktionen  wissen  noch
nicht,  daß  sie  dazu  da  sind,  um  die  Opposition  zum  Siege
über  eine  Regierung  zu  führen,  die  unser  Baterland  ruiniert.
Sie  sind  auf  dem  besten  Wege  dazu,  diese  Regierung  zu
retten,  während  das  Reich  zugrunde  geht.

Das  deutsche  Konklave

Weimar,  8.  Februar

Alle  früheren  Sünden  seien  der  Regierung  vergeben,  meint
ein  Spötter,  denn  die  Nationalversammlung  beginne  ja,  wie
man  beim  Namensaufruf  höre,  mit  einem  —  großen  Ablaß.
Auf  den  Demokraten  Dr.  Bruno  Ablaß  folgt  dann  im  Verzeichnis
  die  „Unabhängige“  Frau  Lore  Agnes.  ODer  erste  von  einer
Frau  an  der  Spitze  gezeichnete  Antrag,  der  überhaupt  bei
der  Nationalversammlung  eingelaufen  ist,  stammt  von  ihr
und  lautet:  „Die  Deutsche  Nationalversammlung  ist  sofort
von  Weimar  nach  Berlin  zu  verlegen.“  Ees  fehlt  nicht  viel,
und  sämtliche  Pressevertreter  in  Weimar  schicken  der  Unabhängigen
  Agnes  Blumensträuße  ins  Haus,  denn  die  Arbeit
vollzieht  sich  hier  vorläufig  unter  so  erschwerenden  Umständen,
  daß  man  sich  sobald  als  möglich  nach  Berlin  zurückwünscht.
  Eilbriefe  gehen  zwei  Tage,  dringende  Oepeschen
langsamer  als  ein  Personenzug.  An  den  Fernsprecher  gar
gelangt  man  nur,  wenn  man  mit  einem  ganzen  Belagerungsbeer
  ihn  tagsüber  berennt.  v

22
        <pb n="25" />
        Die  Presse  ist  also  nahezu  lahmgelegt.  Auch  die  Abgeordneten,
  die  Herren  „N.  d.  A.“,  seufzen  unter  allerlei  Unannehmlichkeiten
  bei  den  beengten  Berhältnissen  im  Weimarer
  Musenstall.  Es  fehlt  ihnen  vor  allen  Dingen  die
Berliner  Reichstagsbücherei.  Uberdies  haben  sie  nicht  einmal
  Schreibgelegenheit  auf  ihren  Plätzen,  es  sei  denn,  daß
sie  die  Knie  als  Unterlage  benutzen.  Sie  müssen  schon  in
das  „eigens“  eingerichtete  Schreibzimmer  gehen,  den  bisherigen
  —  Ankleideraum  der  Chordamen.  Alles  Ouftige  ist
daraus  freilich  verschwunden.  Aber  man  kann  dort  seine
Hände  in  Unschuld  waschen:  vier  Riesenbecken  an  der  Wand
spenden  warmes  und  kaltes  Wasser.  ·

Es  ist  alles  behelfsmäßig,  alles  unzulänglich,  aber  trotzdem
sind  diejenigen  Paxlamentarier,  denen  es  auf  ernsthafte  Arbeit
  ankommt,  mit  Weimar  gar  nicht  unzufrieden.  Das  System
der  Kasernierung  der  Abgeordneten  bewährt  sich  nämlich
  trefflich  zur  Förderung  der  Arbeit.  Die  Deutsche  Volkspartei
  ist  im  Hotel  Mende,  die  Deutschnationale  im  Hotel
Erbprinz  untergebracht,  in  anderen  Gasthöfen  und  im  Bolkshause
  wohnen  und  tagen  die  übrigen  Fraktionen,  und  die
Führer  haben  ihre  Leute  vom  ersten  Frühstück  bis  zum  Nachtmahl
  in  der  Hand.  Oie  Sitzungen  sind  vollzählig  besucht.
Und  die  Neuen  werden  schnell  bekannt  und  lernen  die  Erprobten
  schnell  kennen.  Ablenkung  gibt  es  wenig.  „Zu  Ehren
der  Nationalversammlung“  sind  natürlich  einige  Kabarette
eröffnet  worden,  und  eine  gute,  alte  Weinstube  hat  es  riskiert,
sich  10  000  Austern  kommen  zu  lassen,  aber  so  leicht  entfernt
sich  niemand  aus  seinem  behaglichen  Gasthof  in  die  Winterkälte,
  um  irgendwo  „Betrieb“  zu  machen.  ODas  kommt  also
der  Arbeit  zugute.  In  Berlin  pflegte  doch  gut  die  Hälfte
aller  „M.  d.  R.“  in  der  Großstadt  unterzutauchen  und  den
Fraktionssitzungen  fernzubleiben.

Ebenso  kann  die  Arbeit  im  Plenum  bier  schneller  vor  sich

23
        <pb n="26" />
        gehen.  Der  Abg.  Dr.  Stresemann  und  andere  Parteiführer,
die  anfangs  vielleicht  mit  leisem  Grauen  an  Weimar  dachten,
sagen  es  offen  heraus:  in  Berlin  würde  man  lange  nicht  so
prompt  die  vorläufige  Reichsverfassung  unter  Dach  und  Fach
bringen  wie  voraussichtlich  hier.  Man  ist  in  Weimar  ganz
ungestört.  Mit  der  Eisenbahn  kommt  niemand  ohne  besonderen
Ausweis  hber,  und  auch  sämtliche  Landstraßen  sind  in  weitem
Umkreis  abgesperrt.  Selbst  der  Bauer,  der  zu  Markte
fährt,  braucht  einen  Paß.  Wie  bei  der  Papstwahl  die  Kardinäle
  in  Rom  zum  Konklave  eingemauert  werden,  so  sind
hier  die  Abgeordneten  in  Klaufur,  bis  sie  den  Grund  zum
Reichsneubau  gelegt  haben.  .

Zn  Berlin  würde  die  Oemonstrationsfreiheit,  die  die  Republik
  uns  gebracht  hat,  dauernd  zu  Aufzügen  vor  dem  Reichetag
  führen.  Man  müßte  ständig  Abordnungen  empfangen.
Und  wenn  das  souveräne  Volk  „seine  Vertreter  sehen  will“,
dann  mühssen  sie  sich  eben  sehen  lassen.  Der  Weimaraner  dagegen
  sagt  seelenruhig:  „Mir  sin  nich  neichierich,  mir  blei'm
ze  Hause!“  —  und  sogar  die  für  das  Publikum  offenstehenden
Hintersitze  in  den  drei  Rängen  sind  bisher  noch  an  keinem
Tage  ganz  besetzt  gewesen.  Welch  ein  Massenansturm  dagegen
an  „großen  Tagen"“  in  Berlin!  Weder  der  Reichstagedirektor,
  noch  die  Abgeordneten  können  sich  dort  der  Leute  erwehren,
  die  unter  allen  Umständen  Weltgeschichte  miterleben
möchten.

Und  nicht  zuletzt:  Das  Weimarer  Landestheater  ist  blitzsauber,
  der  Berliner  Reichstag  aber  Hheute,  nach  den  verschiedenen
  Tagungen  von  allerlei  „Räten“,  nach  den  Schießereien
  des  Januar,  nach  der  Einquartierung  der  republikanischen
  Schutzwehr  —  gelinde  gesagt,  der  Reinigung  dringend
bedürftig.  Nach  Monaten  vielleicht  erst  ist  er  brauchbar  wie
ehedem.  Und  so  muß  denn  auch  die  Presse,  die  am  härtesten
die  Ungunst  der  Umstände  in  Weimar  empfindet,  um  der

24
        <pb n="27" />
        gesetzgeberischen  Arbeit  willen  sich  darein  fügen  und  auf  einen
Fackelzug  zu  Ehren  von  Frau  Lore  Agnes  verzichten.  Zumal
es  noch  nicht  ganz  heraus  ist,  ob  die  Unabhängigen  vielleicht
nur  die  Unabhängigkeit  der  Nationalversammlung  zur  Strecke
bringen  wollen;  in  Weimar  stehen  die  Maschinengewehre
mit  dem  Rücken  zum  Parlament,  in  Berlin  wünschen  manche
Leute  es  umgekehrt.

Es  ist  erschütternd,  mit  welcher  IZnbrunst  die  Nationalversammlung
  aus  allen  deutschen  Gauen  andepeschiert  wird.
Ganz  wie  einst  die  Paulskirche;  und  ganz  wie  damals  spreizt
sich  das  Wohlbehagen  der  Abgeordneten  bei  der  Berlesung.
Wie  bei  uns  immer,  so  läßt  es  sich  auch  hier  manch  unbekannter
  Gernegroß  eine  Oepesche  kosten,  um  mit  einem  banalen
  Gruß  und  seinem  Namen  in  dem  stenographischen  Bericht
  verewigt  zu  werden.  Aber  es  kommen  auch  Hilferufe
von  bedrängten  Volksgenossen,  aus  Posen,  aus  Deutsch--böhmen,
  aus  Tirol.  Wieder  regt  sich  die  alte  deutsche  Hoffnung
auf  Reden  und  Maojoritätebeschlüsse,  die  uns  schon  einmal
bitter  enttäuscht  haben,  bie  schließlich  Blut  und  Eisen  uns  half.

Ein  kleines  Satorspiel  leitet  dann  zur  Tagesordnung  über.
Der  Unabhängige  Geper  verpetzt  beim  Präsidenten  den
Mehrheitssozialisten  Fischer,  weil  dieser  bei  der  gestrigen
Schriftführerwahl  an  einem  Stimmzettel  etwas  abgerissen
habe.  Oie  ersten  Proben  von  Lungenkraft  der  Unabhängigen.
„Mißbrauch  des  Amtes!  Grobe  Ungehörigkeit!“"  schreit  Haase
als  Chef  der  Claque.  Unter  den  Schlußrufen  des  Hauses  wird
die  Lappalie  begraben.

Und  nun  erleben  wir  die  eigentliche  Eröffnung  des  deutschen
Konklave  durch  ein  halbstündiges,  nicht  ungeschicktes  Kolleg
des  Handelshochschulprofessors  Preuß,  derzeitigen  Staatssekretärs
  des  Znnern.  Er  hebt  mit  den  Worten  Gagerns  aus
der  Paulskirche  an:  „Wir  sollen  schaffen  eine  Verfassung!“
Dieser  Satzbau  liegt  ihm  besonders,  dem  Herrn  Preuß.  Zm

25
        <pb n="28" />
        übrigen  ist  er  als  Redner  nicht  sehr  wirkungevoll,  so  sorgfältig
  stilisiert  auch  alles  ist;  man  denkt  immer,  es  tue  ihm  irgend
etwas  weh,  so  verzieht  er  seine  Hängelippe  beim  Sprechen.
Der  Vortrag  ist  nicht  gerade  hinreißend.  Ein  älterer  deutscher
Volksparteiler,  seines  Zeichens  auch  Professor,  nickt  mit
dem  Kopfe  vornüber;  auf  die  linke  Schulter  des  mütterlich
stillbaltenden  Fräuleins  Behm  sinkt  das  müde  Haupt  eines
Deutschnationalen.  Auch  bei  Preuß'  Fraktionsgenossen,  den
Demokraten,  schwanken  die  Köpfe.  Es  wird  so  wunderlich
traumhaft,  und  der  Redner  vermeidet  es,  irgendwo  anzustoßen,
  damit  niemand  auffährt.  Er  sagt,  1849  sei  die  Einigung
an  dpnastischen  Widerständen  gescheitert,  nun  seien  die  Dynastien
  weggefegt,  aber  partikularistische  Widerstände  erhöben
sich  gegen  die  Zentralisierung.  Es  sei  vorläufig  ein  Kompromiß
  über  ein  Notgesetz  von  neun  Paragraphen  unter
Ausschluß  der  Entscheidung  über  wichtige  Zuständigkeitsfragen
  beschlossen  worden.  Das  müsse  schnell,  sehr  schnell
angenommen  werden,  damit  wir  verhandlungsfähig  würden.
Seine  umfangreiche  eigene  VBerfassungsarbeit,  einschließlich
der  Zersplitterung  Preußens,  hat  Preuß  also  wirklich  vorerst
begraben  müssen.  Ein  mattes  „Deutschland  über  alles“  soll
diesem  Solisten  einen  guten  Abgang  verschaffen.  Aber  Chor
und  Orchester  fallen  nicht  jubelnd  ein.  Man  reibt  sich  die
Augen  und  erfährt,  daß  die  Sitzung  zu  Ende  sei.

Dann  wird  in  der  großen  Halle  des  Landestheaters  weiter
für  die  Weltgeschichte  gearbeitet,  indem  man  sich  vor  dem
Photographen  aufstellt.  Gruppenbild  der  regierenden  sozialdemokratischen
  Partei.  Massenwirkung.  Der  bescheidene
Scheidemann  hat  sich  versteckt,  wird  aber  von  den  Damen  der
Partei  unter  Hallo  herbeigezerrt.  „Bitte,  bitte,  für  die
amerikanische  Presse!“  sagt  der  Photograph.  Und  aus  den
Reiben  der  Aufgebauten  antwortet  has  ehrfürchtige  Gemurmel:
  amerikanische  Presse,  amerikanische  Presse

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        <pb n="29" />
        Annahme  des  Notgesetzes

Weimar,  10.  Februar

Die  sogenannte  vorläufige  Reichsgewalt  ist  in  den  Sattel
gesetzt  worden,  wenn  auch  vorerst  nur  auf  dem  Papier.  In
allen  drei  Lesungen  ist  das  Notgesetz  angenommen,  das  die
Satzungen  für  den  neuen  Verein  der  deutschen  Wahlberechtigten
  enthält,  den  wir  an  Stelle  des  alten  Reiches  bekommen
haben.  Das  Reichsschwert  ist  zerbrochen,  nachdem  die  Reichskrone
  dahingerollt  war,  und  eine  Reichsgewalt  ist  überhaupt
nicht  mehr  da;  in  Weimar  verteilt  man  den  Ornat,  und  anderswo
  wird  noch  scharf  geschossen.  Das  ist  die  wahre  Lage.  Daran
ändert  auch  das  halbe  Pfund  Fett  nichte,  das  die  Amerikaner
jedem  Heutschen  versprechen,  wenn  wir  es  doppelt  bezahlen
und  außerdem  unsere  Flotte  ganz  abliefern.  Oie  Reichsgewalt,
  die  in  Spaa  und  Trier  kaum  mehr  stammelt,  sondern
nur  noch  nach  Diktat  schreibt,  reicht  vorerst  kaum  über  das
Landestheater  in  Weimar  hinaus.  Schon  in  den  Dörfern  um
Weimar  herum,  wo  die  Regierungstruppen  einquartiert  sind,
wird  verhandelt.  Ein  Teil  der  Truppen  hat  gestern  erklärt,
es  sei  zum  Auswachsen  langweilig,  und  wenn  es  nicht  anders
werde,  machten  sie  nicht  mehr  mit.  Daraupfhin  sind  diesen
Schutzherren  der  Reichsgewalt  zwei  „Heitere  Abende“  wöchentlich
  zugesagt  worden,  für  die  man  Kräfte  der  biesigen  Hofoper
  verpflichtet  hat.

Auch  in  der  Nationalversammlung  selbst  hat  es  heute  den
ersten  heiteren  Abend  gegeben,  nachdem  während  der  bisberigen
  drei  Sitzungstage  nur  je  ein  Leitartikel  von  betrüblichem
  Mittelmaß  gesprochen  worden  war.  Oie  Deutsche
Volkspartei  und  die  Deutschnationalen  geben  nur  die  kurze,
würdige  Erklärung  ab,  daß  sie,  um  uns  überbaupt  verhand-27


4—
        <pb n="30" />
        lungsfähig  zu  machen,  unter  Hintansetzung  aller  Bedenken
das  Notgesetz  annehmen.  Schon  Payer  von  den  Oeutschen
Oemokraten  kann  sich  einer  kleinen  Programmrede  nicht  enthalten.
  Das  Zentrum  spaltet  sich  öffentlich.  Der  Bajuvare
Dr.  Heim,  der  stets  ein  rücksichtsloser  Laktiker  war  und  nie
nach  Ornaten  schielte,  will  samt  seinen  Landeleuten  die  ganze
Sache  nicht  mitmachen,  weil  die  neue  Reichsgewalt  das  Recht
haben  soll,  über  Landesgrenzen  zu  bestimmen.  Auch  die
vorgesehene  Volksabstimmung  würde  dann  die  Pfalz  den
Bapern  nicht  mehr  retten,  würde  außerdem  vielleicht  ganz
Franken  abtrennen  wollen.  Soweit  verläuft  alles  in  epischer
Ruhe  und,  wenn  man  das  Wort  nicht  scheut,  Größe.

Dann  aber  wird  es  auf  einmal  nicht  nur  dramatisch,  sondern
sogar  östlich-allzuöstlich  durch  das  gemeinsame  Auftreten  der
quecksilberig  behenden  Rechtsanwälte  Haase  und  Cohn,  die
von  der  Sopjetgrenze  aus  Ostpreußen  und  Ocberschlesien
gebürtig  sind.  Die  Unabhängigen  wollen  kein  Reichshaupt,
  sondern  einen  Fünf-Männer-Ausschuß,  keine  parlamentarische,
  sondern  eine  Soldatenratsregierung,  sie  wollen
überhaupt  die  Revolution  als  Dauerzustand.  Auch
macht  das  Pentagramma  ihnen  Pein:  ein  Deutsches  Reich
soll  es  selbst  auf  dem  Papier  des  Notgesetzes  nicht  mehr  geben.
UÜberall  wünfchen  sie  statt  dessen  das  Wort  „Republik".  Aicht
einmal  der  „Freistaat“  im  Text  genügt  ihnen,  der  ist  offenbar
noch  zu  deutsch.  Cohn  droht.  Die  Revolution  sei  doch  nicht
deshalb  abgeschlossen,  weil  eine  Parlamentswahl  stattgefunden
  habe!  Nein,  nur  die  erste  Phase  der  Revolution  sei
vorüber.  Es  hagelt  Zwischenrufe.  Cohn  fängt  sie  mit  den  Händen
  in  der  Luft  auf.  Haase  sekundiert  mit  den  Händen  und
allen  übrigen  Extremitäten.  Die  beiden  verlangen  auch  sofortige
  diplomatische  Waffenstreckung  Deutschlands  durch
Offnung  aller  Geheimschränke,  müssen  sich  da  aber  unter  stürmischer
  Zustimmung  der  Versammlung  von  einem  ihnen  gar

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        <pb n="31" />
        nicht  so  fernstehenden  Abgeordneten,  dem  Herrn  Waldstein,
sagen  lassen:  dann  sollten  zunächst  sie  selber  ihre  persönlichen
Verhandlungen  mit  einer  ausländischen  Regierung  —  gemeint
  ist  die  Sobelsohn-Braunstein-Zoffesche  russische  —
fortan  nicht  mehr  im  geheimen  führen.

Im  allgemeinen  wird  das  Notgesetz  unverändert  angenommen.
  In  der  lebhaften  Oebatte  über  Einzelheiten  stellt
sich  heraus,  daß  nicht  alle  Erwählten  und  Erleuchteten  der
Nation  die  deutsche  Sprache  so  weit  beherrschen,  um  zu
wissen,  was  „einfache“  Mehrheit  ist,  so  daß  man  zu  den  alten
Begriffebestimmungen  „relativ“  und  „absolut“  zurückkehrt.
Auch  über  die  Bedeutung  von  „Zustimmung“  und  „Einwilligung“
  wird  gestritten.  Der  geistige  Pegel  der  National-=versammlung
  steht  nicht  sehr  hoch.  Das  merkt  man  am
deutlichsten  in  den  Berhandlungen  hinter  den  Kulissen  des
Theaters,  die  endlich  dazu  geführt  haben,  daß  die  beiden
größten  bürgerlichen  Fraktionen  nun  wirklich  ihren  Anteil  an
der  „Reichsgewalt“  übernehmen.  Man  könne  doch  micht,  so
sagen  sie,  dem  Auslande  eine  rein  sozialistische  Regierung  vorstellen.
  Dank  dem  Zentrum  atmen  nun  vor  allem  die  Demokraten
  auf.  Sie  hatten  schon  kalte  Füße  bekommen.

Friedrich  der  Vorläufige

Weimar,  11.  Februar

Friedrich  Ebert  beißt  unser  Präsident.

Zoll  um  Zoll  ein  Napoleon;  ODritter  natürlich,  nicht  Erster.
Die  gedrungene,  kurzhalsige  Gestalt,  der  Knebelbart,  die
Speckfalte  im  Nacken:  Lui!  Bloß  hat  er  kein  Steinleiden
und  braucht  sich  nicht  männlich-braun  anzuschminken.  Er  ist

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        <pb n="32" />
        kerngesund.  So  einer,  wie  der  große  Julius  Cäsar  sie  liebte:
„Laßt  wohlbeleibte  Männer  um  mich  sein,  die  nachte  gut
schlafen!“  Nbch  heute  geht  sozusagen  der  Herb-frische  Duft
von  Zuchtenleder  von  ihm  aus,  das  er  früher  verarbeitete.

Nun  ist  ihm  von  der  Nationalversammlung  die  „vorläufige
  Reichsgewalt“  übertragen.  Mit  der  Reichsgewalt
und  der  Wohnung  im  Schloß  Bellevue  und  dem  großen  Gehalt
  sind  er  und  unsere  nunmehrige  Lande#emutter  ganz  einverstanden.
  Weniger  mit  dem  Vorläufigen.  Aber  ESEberts
ehedem  Intime  bei  den  Unabhängigen,  die  ihn  Friedrich  den
Unüberwindlichen  nennen,  behaupten,  sein  Sitzfleisch  sei  das
Dauerhafteste  an  ihm.  Wo  er  einmal  sitze,  da  gebe  es  gleich
eine  Opnastie.  Daher  auch  das  verzweifelte  Bestreben  des
verfassunggebenden  Nationalversammlungemitgliedes  Cohn,
an  Stelle  eines  einzigen  Präsidenten  einen  Fünf-Männer-Ausschuß
  zu  setzen.  Oa  könnte  die  Reichsgewalt  doch  wenigstens
  reihum  gehen.  Nach  dem  ABC  natürlich.  Und  da
käme  Cohns  hohes  C  vor  dem  E  unseres  Ebert.

Nicht  nur  unsere  Landkarten,  sondern  auch  unsere  Geschichtsbücher
  stehen  vor  neuen  Auflagen.  Die  Genealogen  und
Biographen  zücken  schon  den  Bleistift,  um  festzustellen,  daß
Friedrich  der  Vorläufige,  der  am  4.  Februar  1871  in  Heidelberg
  geboren  wurde,  schon  gegen  den  Frankfurter  Gewaltfrieden
  Einspruch  erhoben  hat.  Er  war  revolutionär  schon  in
den  Windeln,  Sozialist  schon  als  Sattlerlehrling,  das  gegebene
Reichsoberhaupt  schon  als  Brotwagenfahrer,  Kneipwirt,
Gerichtssaalreporter.

Etliches  wird  man  freilich  verschweigen  müssen.  Zeder
große  Mensch  hat  Momente  der  Schwäche.  In  einem  solchen
Moment,  am  22.  Oktober  1918,  hat.  Ebert  im  Reichstage
gesagt:  „Gelingt  es  den  Herrschenden  der  feindlichen  Länder,
uns  einen  bedingungslosen  Frieden  aufzuzwingen,  dann
wird  die  deutsche  Arbeiterklasse  schwer  getroffen;  ihr

30
        <pb n="33" />
        Kampf  um  den  sozialen  Aufstieg  würde  um  Zahrhunderte
zurückgeworfen.“  Oiesen  Satz,  der  aus  dem  Vokabularium
der  Gewaltpolitiker,  der  Tirpitze  und  anderer  „von  der  Großindustrie
  bezahlten  Subjekte“  stammen  könnte,  dürfen  gesinnungstüchtige
  Historiker,  an  denen  es  uns  nicht  fehlen  wird,
auf  keinen  Fall  bringen.  In  der  Tat  hat  Friedrich  der  Vorläufige,
  als  er  am  9.  November  1918  nach  gesundem  Nachtschlaf
  von  der  Revolution  überrascht  wurde,  bereits  umgelernt
  gehabt.  Und  im  Februar  dieses  Jahres  konnte  er
bereits  von  der  Herrlichkeit  des  neuen  Zeitalters  predigen.

Er  hat's  raus,  der  Ebert.  Er  hört  das  Gräschen  wachsen,
der  Ebert.  Sein  heimlicher  Gegenkaiser,  Scheidemann,  hat
im  Sommer  vor  zwei  Jahren  in  Dreeden  erklärt,  es  sei  ihm
unverständlich,  wie  jemand  nur  daran  denken  könne,  unseren
Feldgrauen  in  den  Rücken  zu  fallen,  den  Frieden  um  jeden
Preis  zu  erkaufen:  „Aus  der  deutschen  Arbeiterklasse  würde
dann  ein  Haufen  von  Bettlern  werden,  unter  den  Trümmern
  Deutschlands  läge  am  tiefsten  die  Arbeiterklasse
begraben!"  Aber  Ebert  weiß  es  besser.  Ebert  hat  es  wirklich
  raus.  Wir  haben  nicht  Deutschland  in  Trümmer  geschlagen,
sondern  nur  die  Verderber  Deutschlands,  die  Monarchen.  Am
ersten  Tage  der  Nationalversammlung  hat  Ebert  der  Welt  die
Wahrhbeit  verkündet:  wir  sind  „vom  Imperialismus  zum  Idealismus“
  gekommen,  „von  der  Weltmacht  zur  geistigen  Größe.“

Nämlich  von  Biemarck  zu  Ebert.  Das  nennt  Friedrich  der
Vorläufige  den  Geist  von  Weimar.

Riesengroß  wächst  bei  seinen  Worten  eine  hoheitsvolle  Gestalt
  im  Theaterraum  empor,  die  Goethes  Züge  trägt.  Er
sieht  sie  nicht.  Er  hört  sie  nicht.  So  entgeht  es  ihm  auch,  daß
sich  ein  Brausen  erhebt  und  daß  aus  den  Schauern  der  Ewigkeit
  eine  Stimme  erklingt:  „Du  gleichst  dem  Geist,  den  du  begreifst,
  nicht  mir!“

Friedrich  Ebert  ist  schon  überall  einmal  Vorsitzender  ge-31
        <pb n="34" />
        wesen.  In  der  Partei,  in  der  Fraktion,  in  dem  Hauptausschuß
des  Reichstages,  in  dem  Ausschuß  der  Volksbeauftragten.
Das  Sitzen  versteht  er,  das  muß  der  Neid  ihm  lassen.  Er  saß
auch  getreulich  und  fest  in  der  Reichskanzlei,  als  es  nicht  mehr
aus  noch  ein  ging,  bis  dann  Potsdamer  Gardejäger  und
Unteroffizierschüler  die  Bewegungsfreiheit  in  Berlin  wiederherstellten.
  Er  war  nie  ein  Hans  Dampf  in  allen  Gassen,  wie
es  gewisse  üble  Monarchen  zu  sein  pflegten,  war  nie  ein  Anreger,
  ein  Wegbereiter,  ein  Vorstürmer.  Wenn  man  jetzt
seine  Genossen  fragt,  was  sich  eigentlich  aus  seinem  Leben  erzählen
  lasse,  so  sagen  sie:  Man  hat  eigentlich  nie  viel  von  ihm
gebört;  er  muß  also  ein  bannig  kluger  Kerl  sein;  sonst  wäre  er
doch  auch  sicher  nicht  Reichspräsident  geworden.

Die  Sicherheit  dieser  Schlußfolgerung  ist  nicht  gerade  überzeugend.
  Vielleicht  ließe  sich  weit  eher  der  Satz  verfechten,
daß  durch  die  Revolution  überhaupt  die  Unzulänglichkeit  auf
den  Thron  gekommen  ist.  Sitzen  kann  Friedrich  der  Vorläufige,
  das  steht  fest.  Auch  auf  dem  Dache  sitzen  kann  ein  gewisser
  GEreie.  «

Goethe  hat  einmal  gesagt:  „Ein  großer  Geist  irrt  sich,  weil
er  keine  Schranken  kennt,  ein  kleiner,  weil  er  seinen  Horizont
für  die  Welt  nimmt.“

Ebert  hat  den  Horizont  einer  gasegloce.  Unser  Präsident
kann  nie  „uferlos“  werden.

Ebert  an  die  resse

Weimar,  12.  Februar

Das  sogenannte  alte  Sostem  wäre  nicht  zusammengebrochen,
wenn  es  eines  besser  verstanden  hätte:  auf  dem  Instrument

32
        <pb n="35" />
        der  öffentlichen  Meinung  zu  spielen.  Schon  vor  vierhundert
Jahren  wußte  ein  Or.  Martin  Luther,  wie  man  Herrn  „Omnes“
zu  behandeln  habe;  mit  seinen  Flugblättern  stürzte  er  Rom.
schuf  er  ein  deutsches  Volk.  Aber  die  stärkste  Macht  Europas,
das  kaiserliche  Deutschland  von  1914,  vermochte  die  Wirkung
des  bedruckten  Papiers  nicht  recht  einzuschätzen  und  erlag
den  Northcliffe,  Joffe  und  Rosa  Luxemburg.  Oie  neuen
Machthaber  des  Reiches  versichern  sich  nun  sofort  der  Mitwirkung
  der  Weltmacht  Presse.  Schon  am  Lendemain  seiner
Wahl  versammelt  Ebert  die  in  Weimar  anwesenden  Pressevertreter
  im  Theaterfoper  um  sich,  stellt  sich  ihnen,  da  er  in
jungen  JLahren  nach  Alufgabe  seines  Sattlerhandwerks,  in
dem  er  es  zu  nichte  brachte,  Reporter  einer  sozialdemokratischen
  Provinzzeitung  war,  als  Kollege  vor,  der  alles  für
sie  tun  wolle,  was  er  könne,  und  bittet  um  Entgegenkommen
auch  von  ihrer  Seite  in  gemeinsamer  Arbeit  für  das  Vaterland.


Das  geschieht  schlicht  und  natürlich,  ohne  große  Aufmachung,
wenn  auch  der  Photograph  dabei  nicht  fehlt,  der  im  neuen
Deutschland  mindestens  so  häufig  bemüht  wird  wie  ehedem
bei  Staatsaktionen.  Oie  unter  sozialistischer  Führung  geeinte
  Mehrheit  ist  mit  ihrem  Programm  fertig,  sie  hat,  wie
Ebert  sagt,  die  Demokratie  für  Deutschland  in  einem  Umfange
gesichert,  wie  kein  anderes  Land  ihn  kennt.  Der  Demokratie
werde  die  Sozialisierung  folgen,  alles  in  organischem  Wachstum.
  Auf  diesem  Wege  werde  man  die  Mitarbeit  einer  von
jeder  Beschränkung  entbundenen  freien  Presse  mit  ihren
Anregungen  und  Vorschlägen  zu  schätzen  wissen.  Diese  captatio
benevolentiae  Eberts  macht  auf  die  Versammelten,  die  doch
zum  großen  Teil  letzten  Endes  sentimentale  Deutsche  sind,
offensichtlich  tiefen  Eindruck.  Man  war  solche  Töne  sonst  nicht
gewöhnt.  Man  lächelt  nicht  einmal  darüber,  daß  Serenissimus
  selbst  diese  wenigen  Worte  nicht  frei  spricht,  sondern  von

Friedrich  der  Vorläufige  33  3
        <pb n="36" />
        einem  Zettel  ablesen  muß,  nachdem  er  sich  umständlich  die
große  Brille  aufgestülpt  hat.

Aus  der  Mitte  der  BVersammelten  spricht  Georg  Bernhard,
der  Direktor  des  AUllstein-Verlages,  namens  der  Presse  für
Eberts  Worte  seinen  Dank  aus,  wozu  er  das  Mandat  von  dem
eigens  von  ihm  für  die  Weimarer  Tagung  begründeten  Journalistenverein
  hat.  Bernhard  unterstreicht  den  Gedanken  der
Vereinheitlichung  Alldeutschlands,  wie  wir  ihn  aus  der  Verfassungsarbeit
  des  Staatssekretärs  Preuß  schon  kennen,  und
schließt  mit  einem  Hoch  auf  Ebert,  den  „Führer  zum  einigen
freien  Reich  aller  deutschen  Stämme“.  Stimmung,  Stimmung,
  pPflegte  der  sogenannte  König  der  Bohemiens  Danny
Gürtler  zu  rufen  und  schlug  auf  den  Tisch,  daß  die  Gläser
tanzten.  Die  Stimmung  ist  nun  da,  das  elektrische  Fluidum
zwischen  Regierung  und  Presse  gefunden.  In  der  nüchternen
Alltagsarbeit  aber  wird  es  sich  zeigen,  daß  auch  die  geschickteste
Benutzung  der  öffentlichen  Meinung  schließlich  versagen  muß,
wenn  man  ihr  keine  vaterländischen  Erfolge  aufweisen  kann,
das  Reich  nicht  stark  und  achtunggebietend  macht.

Insere  Sprecher

Weimar,  13.  Februar

Die  neue  Regierung  ist  da.  Sie  ist  ein  Kind  mit  drei  Köpfen
und  nur  einer  schwachen  Andeutung  von  Armen  und  Beinen,
  sitzt  dafür  aber  auf  der  breiten  Basis  einer  Dreiviertelmehrheit.
  Heute  reden  zum  erstenmal  die  drei  Köpfe  widereinander.
  Alle  drei  wünschen  sich  einen  starken  Arm.  Den
soll  Noske  erst  schaffen.  Im  übrigen  behauptet  der  siamesische
Orilling,  daß  er  beileibe  nicht  siamesisch  sei,  sondern  erstens
sozialistisch,  zweitens  christkatholisch,  drittens  demokratisch.

34
        <pb n="37" />
        Ehe  die  drei  Köpfe  nach  drei  Richtungen  sprechen,  wird  die
Ministerliste  verlesen,  aus  der  wir  ersehen,  daß  wir  fortan
von  vier  Parteijournalisten,  vier  Parteibeamten,  drei  Juristen,
  einem  ODiplomaten,  einem  Bergrat  a.  O.  und  einem
Handelshochschullehrer  a.  D.  regiert  werden  sollen.  Der
einzige  Fachmann  darunter  ist  der  Staatssekretär  des  Auswärtigen
  Amts,  der  Graf  v.  Brockdorff-Rantzau.  Gerade
darum  wird  man  ihn  nicht  lange  behalten.  Schon  Bismarck
schrieb  1853  an  Schleinitz,  es  gäbe  niemanden  unter  uns
Oeutschen,  der  nicht  alles,  von  der  Politik  bis  zum  Hundeflöhen,
  besser  verstünde  als  der  Fachmann.  Ee  sind  noch  viele
Parteimänner  da,  die  gerne  das  mystische  Auswärtige  übernehmen
  würden,  etwa  der  persönlich  so  nette  Essener  Rechtsanwalt
  Bell,  der  vorläufig  Kolonialsekretär  geworden  ist.
Weiß  der  Himmel,  warum.  Oder  Adolf  Hoffmanns  Freund
in  Neisse,  der  sich  fürs  Auswärtige  in  einem  ebenso  offenher--zigen
  wie  unorthographischen  Brief  bereits  gemeldet  hat.
Im  allgemeinen  bringt  die  Ministerliste  keine  Uberraschungen.
Nur  der  fürs  Ernährungsamt  bestimmte  Zentrumsabgeordnete
Herold  hat  noch  rechtzeitig  die  Finger  von  diesem  dornenbesetzten
  Portefeuille  gelassen.

Der  Jacques  Bonhomme  der  Sozialdemokratie,  Ebert,
ist  aus  der  Regierung  ausgeschieden,  da  er  Landesvater  geworden
  ist;  auf  ihn  kann  die  Partei  am  ehesten  verzichten,
er  ist  nichts  weniger  als  ein  überragendes  Talent,  darum  gibt
sie  ihn  her.  Der  Gerissenste  unter  den  Sozialdemokraten,  Landsberg,
  und  der  Klügste  unter  ihnen,  Scheidemanmn,  sind  geblieben,
dazu  noch  fünf  weniger  beträchtliche  Herren.  In  die  anderen
sieben  Ministerposten  teilen  sich  Demokratie  und  Zentrum.

Scheidemann  eröffnet  den  beutigen  Reigen  mit  einer
Programmrede.  Er  ist  der  erste  Kopf  des  neuen  Kindes.  Er
verkündet,  daß  wir  die  Aufgabe  hätten,  das  Werk  der  Revolution
  methodisch  fortzuführen.

35  5.
        <pb n="38" />
        Der  zweite  Kopf,  der  mit  dem  wallenden  Rübezahlbart
Gröbers,  meint  dagegen,  da  wir  nun  eine  Koalitionsregierung
hätten,  dürfe  der  Ausdruck  „sozialistische  Republik“  fortan
nicht  mehr  gebraucht  werden.

Oer  dritte,  der  Naumanns,  ist  von  den  Runen  mancher
Volksversammlung  zersägt;  dieser  beste  Demagoge  Deutsch--lands
  suggeriert  den  Hörern  ein  drittes  Programm,  das  der
Demokratisierung  und  Bereinheitlichung  M#lldeutschlande.

Der  erste  will  von  allen  „gottgewollten  Abhängigkeiten“
nichts  wissen  und  in  allen  Dingen  die  Bahn  frei  haben.  Der
zweite  sagt,  alle  Obrigkeit  stamme  von  Gott,  also  auch  die
Republik,  und  Religion  vor  allem  müsse  sein.  Politisch,
militärisch,  wirtschaftlich  und  finanziell  sei  die  Revolution
ein  Unglück  gewesen.  Der  dritte  aber  macht  wiederum  ein
Nebenköpfchen  des  zweiten  madig  und  verflucht  in  nationaler
  Empörung  Erzbergers  Auslieferung  unserer  Kauffahrteiflotte.


Scheidemann  muß  als  Ministerpräsident  naturgemäß  sich
den  Anschauungen  der  beiden  anderen  mitregierenden  Parteien
  ein  wenig  nähern.  Er  muß  auch  so  etwas  wie  Sprachrohr
  der  deutschen  Nation  sein.  Er  findet  daher  das  kräftige
Wort,  man  habe  sich  nicht  darum  der  Alldeutschen  erwehrt,
um  jetzt  wie  ein  stummer  Hund  alle  Bedrückung  durch  die  ausländischen
  Allfanatiker  hinzunehmen.  Er  wird  vielleicht  noch
mehr  —  in  Worten,  versteht  sich,  nicht  in  Taten  —  an
die  Seite  der  anderen  gedrängt  werden,  ehe  die  erste  Regierungskrise
  kommt  und  das  dreiköpfige  Kind  operiert  wird.
Für  dieses  Drängen  sorgen  schon  die  Unabhängigen  mit
ihren  ewigen  Zwischenrufen.  Oer  mildeste  von  hbeute  lautet:
„Blutbefleckte  Heuchler  1“  Als  es  zu  arg  wird,  muß  Scheidemann
  auf  den  Tisch  schlagen  und  in  den  Sturm  hineinrufen:
„Oas  ist  doch  der  deutsche  Reichstag  und  nicht  der  russische  !“

Zm  übrigen  sorgt  Scheidemann  schon  selbst  durch  maßlose

36
        <pb n="39" />
        Heftigkeit  gegen  die  Rechte  dafür,  daß  die  äußerste  Linke
in  ihm  immer  noch  den  Genossen  sieht.  Zum  zweitenmal  in
diesen  wenigen  Weimarer  Tagen  macht  er  „Schwerindustrie,
Alldeutsche,  Ludendorff“  für  den  Verlust  des  Krieges
verantwortlich,  also  jene  —  an  sich  gar  nicht  zusammengehörige
  —  Dreibheit,  die  gerade  das  Durchhalten  gegen
eine  Welt  von  Feinden  uns  eingehämmert  hat,  während  die
Scheidemaßn  und  Erzberger  die  Stimmung  zermürbten.
„Als  unsere  starke  Front  ins  Wanken  geriet  und  schließlich
  der  geniale  Hasardeur  dee  Weltkrieges  Luhendorff
  mit  dem  Geständnis  seines  Bankerotts  vor
uns  hintreten  mußte,  da  fiel  die  Binde  von  den  Augen
des  Volkes  und  es  erkannte  taumelnd  die  Wahrheit“,
sagt  Scheidemann;  die  Empörung  auf  der  Rechten  wallt
hochauf;  die  Linke  dröhnt  Beifall.  Wieder  einmal  entscheidet
Lungenkraft  ein  weltgeschichtliches  Fehlurteil.  Wodurch  ist
denn  eigentlich  unsere  Front  ins  Wanken  geraten?  Ist  auch
daran  Ludendorff  schuld,  oder  sind  es  nicht  vielmehr  die  Leute
um  Scheidemann?  Sie  sind  es,  die  hasardierten,  als  sie
alles  auf  die  eine  Karte  Wilson  setzten  und  dann  verloren;
sie  haben  uns  so  in  den  Bankerott  getrieben.

Was  Gröber  sagt,  das  hätte  er  ebenso  vor  einem  JZahre
sagen  können.  Im  Zentrum  hat  sich  nichts  verändert.  Ees  findet
in  der  Monarchie  wie  in  der  Republik  sein  Feld  zum  Ackern.

Unstreitig  den  tiefsten  Eindruck,  namentlich  auf  die  Zuhörer--tribünen,
  macht  heute  der  Volksredner  Naumann,  der  im
Hause  der  Nationalversammlung  nicht  seinesgleichen  hat,
Traub  allein  vielleicht  ausgenommen.  In  der  Studierstube
dieses  ehemaligen  Pfarrers  aus  einem  Elendedorfe  sind  nicht
nur  die  Gesichter  zerarbeiteter  Leute  aufgetaucht,  sondern
auch  die  Gesichte  aus  der  ganzen  geschichtlichen  Vorzeit  unseres
  Bolkes.  Kaum  ein  anderer  vermag  so  wie  er  die
Elocken  der  versunkenen  Bineta  zum  Ertönen  zu  bringen.

37
        <pb n="40" />
        Man  lauscht  —  und  man  meint  nicht,  daß  es  eben  nur  Musik
ist.  Vinetaglocken  als  Begleitung  zur  Flöte  des  demagogischen
Rattenfängers.  Wie  rührt  er  an  die  Herzen  der  Deutschdenkenden,
  wenn  er  sagt,  wir  dürften  die  Zeiten  des  grandiosen
deutschen  Aufstiegs  vor  dem  Umsturz  nicht  vergessen,  wir
würden  die  Romantik  des  vergangenen  deutschen  Königtums
in  Wort  und  Lied  fortsetzen,  wir  dächten  nicht  daran,  uns
unsere  frühere  Geschichte  in  den  Schmutz  ziehen  zu  lassen!
Dieser  unpolitische  Träumer,  dem  jeder  harte  Tatsachensinn
r  sieht  wieder  einmal  ein  großes  deutsches  Mitteleuropa
vor  sich  und  ruft,  indem  er  auf  der  Rednerkanzel  die  Arme
weit  ausbreitet,  den  Deutschen  Österreichs  über  die  Alpen
zu:  „Kommt!  Wir  warten!“

Bravorufen,  Händeklatschen,  Jubelsturm;  Ekstase  bis  zum
35.  Rang,  Rührung  auf  allen  Bänken.  Man  ist  bingerissen.
Wie  nach  der  großen  Arie  in  der  Oper.  In  diesem  Augenblick
komme  ich  mir  fast  wie  ein  verbrecherischer  Störenfried  vor,
weil  ich  nüchtern  bleibe.  Die  Oeutschen  Osterreichs  sind  uns,
deucht  mir,  durch  den  Ententesieg  ferner  gerückt  als  je,  und
unsere  schwächliche  Regierung  hat  nur  zentrifugale  Wirkung
auf  alle  Randdeutschen.  Der  da  oben  in  schönem  Rausche
spricht,  der  ist  nicht  Führer,  sondern  Verführer,  weil  er  den
Sumpf  nicht  sieht,  wo  ihm  die  demokratischen  Frrlichter
leuchten.  Wir  brauchen  keine  Schwärmer.  Wir  haben  eiserne
Männer  mit  scharfem  Alge  nötig.

Zmmerhin  findet  Naumann  einige  tapfere  Worte  wider
unsere  brutalen  auswärtigen  Feinde.  Auch  wider  die  Republik:
  in  einer  Republik  bestehe  stete  die  Gefahr,  daß  die
Regierung  sich  nicht  —  sauber  halte.  Aber  gleich  darauf
spricht  er  mit  Herzenswärme  zu  den  Sozialdemokraten,  ja
er  hat  sogar  für  die  Unabhängigen  und  ihre  Theorien  eine
Verbeugung;  er  ist  und  bleibt  eben  nur  der  große  Werber,
der  auf  das  Locken  aus  ist,  ganz  gleich,  zu  welchem  Fähnlein

38
        <pb n="41" />
        er  gerade  gehört,  augenblicklich  zu  den  Demokraten,  früher
zur  freisinnigen  Bereinigung,  noch  früher  zu  den  Nationalsozialen,
  zu  allererst  zu  den  Zungkonservativen.

Den  Abgesang  hören  wir  heute  von  Erzberger,  der  es  für
eine  Legende  erklärt,  daß  wir  unsere  Schiffe  ausgeliefert
hätten.  Wenn  es  überhaupt  noch  einen  Verlaß  auf  einen
völkerrechtlichen  Vertrag  gäbe,  so  würden  wir  sie  behalten.
Ou  abnungevoller  Engel,  du!

„Die  Behauptung,  als  ob  die  deutschen  Schiffe  ausgeliefert
  würden,  ist  ein  Grundirrtum.  Die  Schiffe  sind
nicht  ausgeliefert,  sondern  werden  zur  Verfügung  gestellt.
  (Zuruf:  Abwarten!)

Es  ist  geradezu  unerhört,  wenn  Sie  solche  Zwischenrufe
machen!  Die  Sicherheit  des  Vertragee  ist  gewährleistet;
wenn  das  nicht  der  Fall  sein  sollte,  könnten  Sie  überhaupt
  keinen  Waffenstillstand  oder  Friedensvertrag
abschließen.“

ODer  Mann  muß  es  ja  wissen,  aber  bisber  hat  er  uns  noch
stets  hereingelegt,  so  hereingelegt,  daß  im  Volke  das  —  selbstverständlich
  falsche  —  Gerücht  auftauchte,  er  stünde  im  Dienste
der  Entente.  Mögen  sich  seine  Kollegen  im  Kabinett  mit
ihm  auseinandersetzen.  Wir  draußen  können  nur  die  Regiekunst
  dieser  Regierung  bewundern.  Ee  ist  jetzt  schon  eine  Woche
lang  in  Weimar  geredet  worden,  ausschließlich  von  der  Regierung.
  Zuerst  nur  von  dem  sozialdemokratischen  Kopf,
heute  von  allen  dreien.  Noch  ist  niemand  von  der  nationalen
  Minderheit  zum  Wort  in  einer  Programmrede  gekommen.


Das  Kind  mit  den  drei  Köpfen  hat  aber  leider  noch  immer
keinen  Arm,  um  sich  der  paar  Polen  erwehren  zu  können,
die  mit  Steinen  nach  ihm  werfen.  In  dem  Regierungsprogramm
  ist  ein  neues  Heer  freilich  vorgesehen,  aber  vorerst
hat  man  in  Weimar  anscheinend  dringendere  Aufgaben.

39
        <pb n="42" />
        Sprüche  zum  Konkurs

Weimar,  14.  Februar

Auf  dem  Stuhle  Oavids  sitzt  Herr  Fehrenbach,  der  bisherige
  erste  „Vize“,  ist  also  in  der  Reichsredehalle  um  einen
Platz  aufgerückt,  und  für  ihn  tritt  Schulz-Ostpreußen  die
Stelle  des  Bizepräsidenten  an.  Das  ist  eine  rein  dekorative
Verschiebung,  so  wie  man  Ehrenjungfrauen  im  letzten  Augenblick
  noch  manchmal  verstellt.  Es  bedeutet  dies  keinen  Machtzuwachs
  für  das  Zentrum,  sondern  einen  Verzicht  auf  Macht,
da  dafür  die  Sozialdemokraten  alle  wirklichen  Regierungsposten
  besetzt  haben.  Fehrenbach  schwingt  die  Glocke,  Scheidemann
  trägt  das  Zepter;  so  ward  beschlossen  und  gewählt.

Statt  Schiffers,  der  eigentlich  heute  über  unseren  Finanzjammer
  berichten  sollte,  spricht  Graf  Brockdorff-Rantzau,
stößt  in  die  demokratische  Posaune  und  pfeift  etwas  gedämpft,
aber  würdevoll  auf  der  nationalen  Flöte.  Man  könne  sehr
wohl  Demokrat  und  zugleich  Graf  sein,  bekennt  er  vor  allem
Volk.  Der  deutschen  Nation  ist  es  sicher  gleichgültig,  ob  Rantzau
als  Graf  oder  als  Demokrat  empfehlenswerter  ist,  aber  einen
Staatsmann  braucht  sie,  und  wenn  er  es  wird,  dann  wird
man  ihm  weder  Demokratie  noch  Grafenkrone  verübeln.
Wie  in  diesen  Tagen  alle  Redner,  die  unbelastet  ihr  Amt  antreten
  möchten,  so  spricht  auch  er  von  der  Konkursmasse  des
alten  Sostems,  die  er  verwalten  müsse.  Unsere  historische
Schuld  habe  schon  mit  unserer  schroffen  Haltung  auf  dem
Haager  Kongreß  begonnen.  Zetzt  aber  werde  die  Welt  nach
der  neuen  Moral  Wilsons  aufgebaut  mit  Rantzau  als  Bauleiter
  für  Deutschland.  Des  deutschen  Volkes  Würde  sei  zum
Teil  in  seine  Hand  gegeben,  und  er  gelobe,  sie  zu  bewahren.
Optime,  optime.  Des  Beifalls  langgehemmte  Lust  befreit

40
        <pb n="43" />
        nun  aller  Hörer  Brust.  Nur  das  mit  der  Konkursmasse  hat
ebensowenig  glaubhaft  geklungen  wie  vorher  aus  dem  Munde
der  sozialdemokratischen  Programmredner.

Die  Wahrheit  ist,  daß  wir  unsere  Kapitulation  ansagen
mußten,  ale  die  Revolte  in  München,  in  Kiel  und  anderswo
ausgebrochen  war.  Bis  dahin  war  die  Oberste  Heeresleitung
gegen  einen  vernichtenden  Waffenstillstand  gewesen  und  hatte
weiteren  Widerstand  gefordert.  Also  das  neue  System  war  der
Konkurs;  da  erst  mußte  der  zusammengebrochene  Schuldner  die
Hände  binstrecken  und  sich  die  Daumschrauben  anlegen  lassen.

Has  braucht  der  Mehrheitssozialist  Keil,  der  nun  zu  Wort
kommt,  von  Partei  wegen  nicht  zu  wissen.  Er  setzt  uns  die
ältesten  Ladenhüter  der  roten  Wahlrhetorik  vor.  Es  wendet
sich  der  Gast  mit  Grausen.  Die  Bänke  der  Abgeordneten
veröden.  Selbst  die  Genossen  oben  auf  der  Regierungeestrade
  flüchten  gelangweilt.  Unentwegt  setzt  Keil  seine
Volksversammlungerede  fort,  über  die  Konkursmasse  natürlich,
  über  die  Schuld  des  alten  Sostems,  —  eine  Anklage
gegen  einen  bereits  siebenmal  totgeredeten  Angeklagten.
Und  doch:  ein  Satz  aus  seiner  Rede,  der  ein  lebhaftes  „Sehr
richtig!“  in  den  Reihen  seiner  Parteigenossen  auslöst,  verdient
es,  als  Bekenntnis  der  Wahrheit  festgehalten  zu  werden.
Keil  sagt:  „Die  kurzfristige  Kanzlerschaft  des  badischen
  Prinzen  war  bereits  das  erste  Stadium  der
Revolution.“  Sagt  es  unter  allgemeiner  Zustimmung
seiner  Genossen,  die  sich  wohl  kaum  mehr  daran  erinnern,
daß  Serenissimus  Ebert  am  Eröffnungstage  der  Nationalversammlung
  der  „kaiserlichen“  Regierung  des  Prinzen  Max
die  Schuld  an  unserer  Wehrlosmachung  durch  den  Waffenstillstand
  zugeschoben  hat.  Also  den  Konkurs.

In  sehr  später  Stunde  kommt  —  zum  erstenmal  in  diesem
Hause  —  ein  Vertreter  der  Minderheit  zu  Wort.  Der  Graf
Posadowsky.  ODie  Deutschnationalen  haben  keinen  Volks-41
        <pb n="44" />
        redner  herausgestellt,  sondern  einen  Staatsmann.  Das  ist
in  dieser  Umgebung  fast  Verschwendung.  Die  Unabhängigen
versuchen  es  zunächst,  ihn  durch  die  Taktik  lärmender  Zwischenrufe
  mundtot  zu  machen,  müssen  endlich  aber  doch  widerwillig
  mit  anhören,  was  der  Graf  im  Bart,  dieser  alte  Berkünder
  der  sittlichen  Verpflichtung  des  Staates  zur  Sozialreform,
  zu  sagen  hat.  Er  sagt  manch  bittere  Wahrheit  ohne
Ansehen  der  Person,  zum  allgemeinen  Erstaunen  mitunter
auch  an  die  Adresse  des  alten  Systems.  Aber  in  seiner  unwiderstehlich
  sachlichen  Art,  in  der  überlegenen  Ruhe  seiner
Beweieführung  zwingt  er  die  Zuhbörer  schließlich  doch  über
alle  Konkurslegenden  hinweg  zu  der  Wahrheit,  daß  trotz
aller  ihrer  Versäumnisse  die  Monarchie  unvergleichlich  viel
herrlicher,  größer,  gerechter  gewesen  sei  als  ihre  Rechtsnachfolgerin
  bei  uns,  die  neue  Republik.  Die  Rechte  sei
gegen  jeden  gewaltsamen  Umsturz,  sei  also  auch  für  eine  gewaltsame
  Gegenrevolution  nicht  zu  haben,  bekenne  sich  aber
nach  wie  vor  zum  Kaisertum  als  dem  besten  Bande  unserer
Einheit  und  hoffe  auf  zunehmende  politische  Erkenntnis  des
Volkes.  Posadowsky  stellt  das  alte  Deutschland,  wo  die
Oberrechnungskammer  jeden  Pfennig  nachprüfte,  dem  neuen
Deutschland  der  Revolution  gegenüber,  wo  Milliarden  unbesehen
  verwirtschaftet  werden,  er  schildert  als  alter  Finanzpolitiker
  das  über  uns  hereinbrechende  Unheil  und  kritisiert
die  nationale  Ohnmacht  der  jetzigen  Regierung.  Still  wird
es  im  Hause,  ganz  still.  In  diese  Stille  hinein  dringt  kurz
und  klar  und  scharf  die  Erklärung  des  Redners,  die  Auskünfte
Erzbergers  hätten  nicht  befriedigt,  und  man  werde  um  die
Frage  nicht  herumkommen,  „ob  unser  Unterhändler  seiner
Aufgabe  gewachsen  war  oder  nicht“.

Der  Staatesekretär  ohne  Portefeuille  und  ohne  Eignung,
Herr  Matthias  Erzberger,  hat  gewiß  eine  gesunde  Epidermis.
Trotzdem  möchte  heute  wohl  niemand  in  ihr  stecken.

42
        <pb n="45" />
        Wie  der  Hase  läuft

Weimar,  15.  Februar

Zmalten  Reichstag  zu  Berlin,  der  noch  nicht  auf  dem  Königsplatz,
  sondern  in  der  Leipziger  Straße  stand,  gab  es  einen
gemeinsamen  Erfrischungsraum,  denselben  für  Abgeordnete
und  Minister  und  Publizisten.  Da  konnte  man  Biemarck
neben  Windthorst  sehen,  Puttkamer  neben  Richter,  und  im
Handumdrehen  kannte  sich  alles,  zumal  da  die  Mehrheit  zum
„Bowlenklub“  gehörte.  In  der  Nationalversammlung  zu
Weimar  sind  wir  wieder  auf  ein  einziges  Fover  angewiesen,
wo  männiglich  sein  markenfreies  Schinkenbrötchen  (Hört,
hört)  sich  kaufen  und  dazu  seine  Tasse  Kaffee  mit  Milch  und
Zucker  trinken  kann,  und  auch  hier  wird  man  schnell  miteinander
  bekannt.  Aber  vorerst  verfällt  unsereins,  der  bis  vor
kurzem  im  Felde  stand,  noch  aus  einem  Erstaunen  ins  andere,
denn  Leute,  die  man  vor  viereinhalb  Zahren  mit  violetten
Hektographenfingern  in  irgendeinem  sozialdemokratischen  Berichterstatterbureau
  sah,  sind  heute  mindestens  Unterstaatssekretäre.


Ooch  hat  die  Revolutionswelle  auch  einzelne  Männer  an
den  Regierungsstrand  gespült,  die  man,  wenn  sie  sich  jetzt
schütteln  und  die  GElieder  strecken,  als  wahre  Prachtkerle  bezeichnen
  kann;  natürlich  nur  im  Vergleich  zu  den  übrigen
Gestalten  dieser  Zammerzeit.  So  einer  ist  der  Reichswehrminister
  Roske.  Als  er  einst  bei  einem  Infanterieregiment
seine  zwei  Kommißjahre  abriß,  hat  er  sicher  den  geheimen
roten  Strich  im  Überweisungsnationale  mitbekommen,  und
trotzdem  brachte  er  es  zum  Unteroffizier.  Dieser  ehemalige
Unteroffizier  Noske  —  und  sein  Unteroffizier  ist  noch  gute
Friedensware  —  fühlt  jetzt  alles  in  sich  wieder  erwachen,

43
        <pb n="46" />
        was  an  Strammheit  und  Bestimmtheit  in  ihm  gelebt  hat  und
ihm  anerzogen  worden  ist,  und  er  greift  in  Tat  und  Wort  so
gut  durch,  wie  man  es  von  einem  alten  Tressenträger  nur  erwarten
  kann.  Heute  nimmt  er  sich  den  Haase  vor,  den
Schieber  der  Unabhängigen  und  Geschobenen  der  Spartakisten,
  der  vor  ihm  in  stundenlanger  Rede  eine  Totenklage  um
die  unschuldigen  Lämmer  Liebknecht  und  Luxemburg  gehalten
  und  wilde  Angriffe  gegen  die  „blutrünstige“  Regierung
  gerichtet  hat.  Noske  beherrscht  mit  seinem  mächtigen
Kommandoton  den  Saal  noch  weit  mehr  als  der  Kriegsminister
  von  Falkenhapyn  den  Reichstag  am  Zaberntage,
und  befindet  sich  im  übrigen  ungefähr  in  derselben  Lage,  umbeult
  von  der  äußersten  Linken.  Wie  Beilhiebe  krachen  seine
Worte  da  binein.  Den  Soldatenräten,  die  überall,  wo  sie
den  Unabhängigen  nahestehen,  den  Grenzschutz  Deutschlands
verhindern  und  durch  ihre  sonstigen  Taten  „das  Reich  atomisieren“,
  liest  er  zuerst  den  Text,  dann  aber  den  Haase  und  Genossen
  selbst.  Am  5.  Dezember,  so  sagt  Noske,  habe  er  sich
unter  das  Berliner  Volk  gemischt  und  überall  gehört,  wie  die
niedrigsten  Instinkte  und  der  Blutrausch  der  Menge  aufgereizt
  wurden.  Am  6.  Dezember  seien  diese  Reden  dann  von
Lastautos  herunter  gehalten  worden,  die  bereits  mit  Maschinengewehren
  bestückt  waren.  „Wo  war  da  Herr  Haase,
als  Menschenleben  in  Gefahr  waren?“  schmettert  Noeke  in
die  Versammlung.  Bermutlich  ist  der  Hase  damals  eiligst
zu  Holze  gehoppelt.  Sein  Genosse  Henke  war  genau  so  in
den  kritischen  Tagen  Bremens  von  dort  abwesend.  Als  dort
die  Kugeln  pfiffen,  war  auch  der  unabhängige  Stadtkommandant
  plötzlich  unauffindbar.  Heute,  wo  doch  nur  Worte
pfeifen,  ist  Herr  Haase  zum  Schluß  ebenfalls  verschwunden.
Es  ist  ihm  wohl  nicht  ganz  geheuer.  Er  hat  zuerst  leidenschaftliche
  Zwischenrufe  gemacht  und  ist  dabei  immer  wieder  von
dem  tosenden  Entrüstungssturm  der  Umsitzenden  übertönt

44
        <pb n="47" />
        worden.  „Es  wäre  vielleicht  gut,“  meint  Noske  mit  schneidender
  Schärfe,  „wenn  Sie  uns  den  Schießerlaß  vorlesen  wollten,
den  Sie  erlassen  haben,  als  Sie  Waffen  mit  russischem  Gelde
an  Ihre  Leute  verteilten!“  Beifallsorkan  im  ganzen  Hause.
Haase  windet  sich  und  schweigt.

Dieser  Zweikampf  zwischen  zwei  Männern  und  —  das
kann  man  wohl  ruhig  sagen  —  zwei  Rassen  wird  von  Reden
Schiffers  und  Rießers  eingerahmt.  Die  Statistiken  der  Reichsschatzsekretäre
  sind  sonst  sehr  spröde.  Heute  ist'es  lebendiger,
denn  es  fallen  dröhnende  Keulenschläge  wider  die  Revolution,
die  in  der  Tat  Milliarden  verwirtschaftet  hat  und  noch  heute
monatlich  900  Millionen  Mark  mehr  für  den  jämmerlichen
Rest  unseres  Heeres  ausgibt,  als  früher  das  ganze  kostete;
die  es  duldet,  daß  die  Leute  im  Zentralmarinerat  neben  freier
Wohnung,  Berpflegung  und  Bekleidung  noch  bis  zu  37  Mark
täglich  Löhnung  erhalten.  Wenn  man  die  Forderungen  der
Entente  nicht  einmal  einrechnet,  haben  wir  fortan  im  Reiche
vierzehn  statt  wie  vor  dem  Kriege  fünf  Milliarden  jährlich
aufzubringen.  Es  wird  einem  schwindlig,  ganz  schwindlig.
Erst  zu  ganz  später  Stunde  —  das  gehört  zur  Regiekunst
der  herrschenden  Mehrheit  —  kommt  Geheimrat  Rießer  für
die  Deutsche  Bolkspartei  zu  Wort.  Er  lehnt  eine  geschichtswidrige
  Kritik  unserer  ruhmreichen  Kaiserzeit  ab.  Trotzdem
wolle  seine  Partei  ehrlich  an  der  Republik  mitarbeiten.
Leider  habe  die  Revolution  unsere  Wirtschaft  völlig  verwüstet,
so  daß  große  Werke  mit  drei  bis  neun  Millionen  Mark  Betriebsverlust
  monatlich  arbeiteten.  Was  dann  Rießer  über  die
Gefahren  der  Sozialisierung  und  die  Notwendigkeit  der  Privatwirtschaft
  ausführt,  das#  ist  so  zwingend  und  so  geschlossen
in  der  Beweisführung,  daß  man  das  Stenogramm  sofort  als
programmatische  Druckschrift  herausgeben  könnte.  Das  Haus
Nart  ruhig  zu.  Man  ist  erschöpft  von  dem  vorhergegangenen

turm.

45
        <pb n="48" />
        Aus  Erzbergers  Diktatheft

Weimar,  17.  Februar

Es  ist  althergebracht,  daß  man  eine  Sitzung  zum  Zeichen
der  Trauer  aufhebt.  Die  heutige  Sitzung  der  Nationalversammlung
  wird  aufgehoben,  nachdem  Erzberger  das  Ergebnis
  seiner  Arbeiten  in  Trier  vorgelegt  hat.  «

Diesmal  hat  Erzberger  nur  drei  Sätze  schreiben  müssen,
natürlich  wie  immer  nach  dem  Oiktat  des  Feldmarschalls
Foch:  1.  ist  uns  jeder  Angriff  gegen  die  aufständischen  Polen
in  unserem  eigenen  Lande  jenseits  einer  Linie,  die  im  wesentlichen
  die  Provinz  Posen  von  uns  abschnürt,  verboten,  wodurch
auch  Gemeinden  mit  rein  deutscher  Bevölkerung  dem  polnischen
  Blutdurst  ausgeliefert  werden;  2.  wird  der  sogenannte
Waffenstillstand  fortan  jederzeit  binnen  drei  Tagen  kündbar
sein,  da  die  Franzosen  noch  neue  härtere  Bedingungen  demnächst
  ganz  unvermittelt  von  uns  erpressen  wollen;  3.  sollen
unsere  bisherigen  Zugeständnisse  unter  Aufsicht  des  Oberkommandos
  der  Entente  nunmehr  bis  aufs  letzte  durchgeführt
und  eingetrieben  werden.

Oerselbe  Erzberger,  der  sich  einst  vermaß,  uns  den  Frieden
sofort  zu  besorgen,  wenn  er  sich  nur  zwei  Stunden  lang  mit
Lloyd  George  darüber  unterhalten  dürfte,  unterschreibt  jetzt
schon  dreiundeinhalb  Monate  lang  nur  ODiktate.  Wir  liefern
alles  ab,  was  unser  Reichtum  war  und  was  unseren  Wiederaufstieg
  bedeuten  könnte;  wir  geben  das  Hemd  vom  Leibe
her,  nur  müssen  wir  alles  dieses  vorerst  noch  verwalten,  der
Entente  also  auch  diese  Arbeit  abnehmen.  Wenn  wir  inzwischen
noch  unsere  großen  Betriebe  sozialisieren,  so  ist  das  um  so
bequemer  für  den  Feind,  da  er  sich  dann  das  Staatseigentum
einfach  überschreiben  lassen  kann.  Hilflos  starrt  Erzberger  den

46
        <pb n="49" />
        französischen  Dolmetscheroffizier  an,  der  ihm  Foch  übersetzt,
dann  unterschreibt  er,  und  zuletzt,  wenn  er  aus  der  Betäubung
erwacht,  sendet  er  dem  Oiktat  einen  wirkungslosen  Protest
hinterher.

Diesmal  ist  Erzberger  freilich  durch  die  Regierung  gedeckt.
Er  hat  von  Scheidemann  die  telegraphische  Genehmigung
zum  Unterschreiben  bekommen.  Gegen  einen  Hindenburg-Frieden
  hat  die  Mehrheit  von  1917  sich  gewehrt.  Nun  haben
wir  endlich  den  Scheidemann-Frieden  bekommen.  Es  hat
Monarchen  bei  uns  gegeben,  die  bereit  waren,  mit  Ehren
unterzugehen;  der  Alte  Fritz  hat  manchesmal  nahbe  davor
gestanden.  Aber  niemals  hätte  einer  von  ihnen  unterschrieben,
was  jetzt  das  Diktatheft  Erzbergers  uns  auferlegt  und  was  die
Scheidemann-Regierung  genehmigt  hat.  Dazu  war  keiner
von  ihnen  schwächlich  genug,  keiner  von  ihnen  unbeschlagen
genug  auf  dem  Gebiete  der  großen  Politik.

Zm  Februar  1915  veröffentlichte  Erzberger  in  der  deutschen
Presse  einen  Artikel  unter  der  Uberschrift  „Nur  keine  Sentimentalität
  !“  ODarin  heißt  es:  „Mag  der  Feind  alles  von
uns  sagen,  so  soll  er  beim  Friedensschluß  nur  nicht  das  eine
konstatieren  können,  daß  die  Deutschen  die  Dummen  gewesen
  seien.“

Der  Feind  konstatiert  dieses.  Und  unser  Unterhändler  heißt
Erzberger.

Gretchens  Reinigung

Weimar,  18.  Februar

„Gerichtet!“  ruft  eine  Stimme,  „Gerettet!“  ein  ganzer
Chor.  Oieser  Chor  besteht  freilich  nicht  aus  Engeln  wie  in

47
        <pb n="50" />
        Goethes  Faust,  sondern  aus  den  Politikern  der  Mehrheit.
Oie  decken  Erzberger  mit  ihren  Leibern  und  ihrer  Lungenkraft.
Daß  die  Minister  im  neuen  Oeutschland  dem  Parlament  verantwortlich
  sind,  ist  eine  Farce:  sie  sind  aus  der  Mehrheit
genommen,  und  die  Mehrheit  stimmt  für  sie,  Sela.

Es  geht  Heute  in  dem  deutschen  Berfassungshause  zu  wie
in  einer  beliebigen  roten  Volksversammlung,  in  der  ein
Bürgerlicher  auftritt.  Man  hört  ihn  an  oder  brüllt  ihn  nieder,
auf  jeden  Fall  aber  hat  ein  Roter  das  letzte  Wort  und  den
"überwältigenden“  Beifall.  Dazwischen  sprechen  noch  viele,
sehr  viele  Rote;  alle  unter  überwältigendem  Beifall.  Denn
keiner  antwortet  auf  die  Fragen  des  Einsamen.  Sagt  dieser:
„Draußen  ist  Glatteis!“,  so  erwidern  jene:  „DOein  Vetter  hat
einen  Zplinderhut.“  Die  Zungengeläufigkeit  ist  die  Hauptsache.
  Der  Zuhörer  darf  nur  ja  nicht  merken,  daß  man  die
wesentlichen,  Einwände  des  Bürgerlichen  überspringt.

Der  ODeutsche  Volksparteiler  Dr.  Voegler,  Generaldirektor
von  Deutsch-Luxemburg,  tut  beute  den  schweren  Gang,  geht
mitten  binein  in  die  Mehrheit  und  stracks  auf  Erzberger  zu.
Millionen  Deutscher  da  draußen  begleiten  ihn  im  Geiste.  Er
weist  bei  der  Begründung  der  Interpellation  Heinze  über
die  Führung  unserer  Geschäfte  in  Spaa  und  Trier  nach,  daß
Erzbergers  „Waffenstillstände“  dem  Oeutschen  Reich  die
Kirchhofsruhe  des  wirtschaftlichen  Todes  bringen,  daß  Erzberger
  mit  einem  Mindestmaß  an  Sachkunde  ein  Höchstmaß
an  Anmaßung  gegenüber  dem  Angebot  sachverständiger  Beratung
  verbindet.  Seit  dem  9.  November  hätten  wir  schon
21  Hochöfen  in  Rheinland-Westfalen  ausblasen  müssen;
unsere  große  Industrie  erstarre  und  vereise.

Die  Mehrheit  aber  sagt:  „Ludendorff  war  unser  Unglück
im  Kriege.“

Dr.  BVoegler  stellt  fest,  daß  im  dem  amtlichen  Protokoll  der
Waffenstillstandskommission,  also  einem  geschichtlichen  Akten-48
        <pb n="51" />
        stück,  die  Zustimmung  der  Führer  unserer  Handeleschiffahrt,
Heineken  vom  Norddeutschen  Llopd  und  Cunow  von  der
Hamburg-Amerika-Linie,  zu  Erzbergers  Abgabe  unserer  Kauffahrteiflotte
  verzeichnet  sei,  während  beide  in  Wahrheit  an
der  Sitzung  überhaupt  nicht  teilgenommen  haben.  Die  Seeberufegenossenschaft
  protestierte  ja  auch  leidenschaftlich  gegen
die  neue  Vergewaltigung.

Die  Mehrheit  aber  sagt:  „Brest-Litows#st  war  das  Verbrechen
unserer  Gewaltpolitiker.“

Selbstverständlich  geht  es  auch  sonst  dabei  zu  wie  in  einer
Volksversammlung.  Pfuirufe  scheinen  parlamentarisch  werden
zu  sollen,  und  als  Voeglers  Ausführungen  zu  einer  immer
wuchtigeren  Anklage  sich  verdichten,  erhebt  sich  wüstes  Gebrüll.
„Schluß,  Schluß!“  rufen  zwanzig,  fünfzig,  hundert  dröhnende
Stimmen  auf  einmal.

Erzberger  lacht.  Er  lacht  bei  schmerzhafter  vaterländischer
Klage.  Er  weiß,  daß  er  in  dieser  Versammlung  den  äußeren
Sieg  in  der  Tasche  hat.  Dann  legt  er  in  seiner  wasserfallartigen
  Redegeschwindigkeit  los,  vermeidet  jedes  wirkliche
Eingehen  auf  den  Vorredner  und  holt  zu  einem  wüsten  Angriff
  gegen  Hugo  Stinnes  aus,  denrheinischen  Großindustriellen,
der  die  Seele  des  Ausbeutertums  gegenüber  dem  besetzten
Belgien  und  Frankreich  gewesen  sei.  Aber  Erzberger  macht
auch  eine  historische  Feststellung,  die  man  zunächst  in  tiefer
Erschütterung  als  wahr  hinnehmen  muß,  obwohl  sie  bitter
weh  tut  und  bisher  Geglaubtes  über  den  Haufen  wirft.
Nämlich  unsere  Oberste  Heeresleitung  (in  der  Ludendorff,
beiläufig  bemerkt,  längst  durch  Groener  ersetzt  war)  habe
zwar  erklärt,  die  Abgabe  von  rollendem  Material  in  dem
verlangten  Umfange  werde  unes  den  wirtschaftlichen  Zusammenbruch
  bringen,  und  man  müsse  da  vor  allem  auf  Milderung
  dringen,  im  übrigen  aber  sei  der  Waffenstillstand  anzunehmen,
  selbst  wenn  nichts  erreicht  werde.  Auch  das  sei  eine

Friedrich  der  Vorläufige  40  4
        <pb n="52" />
        Legende,  sagt  Erzberger,  daß  der  Marschall  Foch  zunächst  für
einen  annexionslosen  Frieden  zu  haben  gewesen  und  erst  nach
der  Revolution  mit  verschärften  Bedingungen  herausgekommen
sei.  Sagt  Erzberger.  Leider  ist  ja  kein  Hindenburg  oder
Winterfeldt  im  Saale,  den  man  sofort  darüber  befragen
könnte.  Die  Mehrheit  sitzt  mit  offenem  Munde  da,  staunt
über  die  Allwissenheit  ihres  Erzberger,  fühlt  sich  beglückt
durch  die  Erleuchtung  ihrer  eigenen  Ignoranz  und  ist  tief
befriedigt.

Aun  setzt  der  Chor  mit  dem  „Gerettet!“  ein.  Zwei
Schwaben,  Haußmann  und  Gröber,  halten  ihren  Schild  über
den  Landemann.  Vater  Gröber  versteigt  sich  sogar  zu  dem
Satze,  der  noch  vor  einigen  Monaten  im  Zentrum  selbst  den
heftigsten  Widerfpruch  erregt  hätte:  „Wir  freuen  uns,
in  unserer  Mitte  ein  Mitglied  wie  Herrn  Erzberger
zu  haben,  der  mit  so  außerordentlicher  Begabung  und  so
riesigem  Fleiße  für  das  Vaterland  leistet,  was  kein
anderer  zu  leisten  imstande  wäre!“  Auch  die  Sozialdemokraten
  Müller  und  Haase  und  Scheidemann  pauken  auf
Erzbergers  Gegner  los.  Der  Chor  ist  vollzählig.  Das  „Gerichtet
  !“  wird  übertönt.

Der  Deutschnationale  v.  Graefe  nimmt  es  wieder  auf.  Als
erprobter  Fechter,  der  sich  durch  keinen  Zwischenruf  beirren
läßt,  schlägt  er  der  Mebrheit  die  Paraden  durch,  indem  er
nachweist,  daß  sie  noch  am  22.  Oktober  gegen  den  Unterwerfungefrieden
  sich  verwahrt  hat,  den  sie  am  11.  November
annahm,  —  und  daß  in  der  Tat  nur  die  Revolution  uns  dazu
gezwungen  hat.  Zetzt  könne,  selbst  wenn  er  es  wollte,  nicht
einmal  Wilson  uns  belfen,  da  wir  unter  Erzbergers  Führung
die  vierzehn  Punkte  selber  durch  vertragliche  Unterschrift
aufgäben.

In  der  Form  versöhnlich,  in  der  Sache  scharf  vertritt  Dr.
Stresemann  noch  einmal  den  Standpunkt  der  Deutschen

50
        <pb n="53" />
        Volkspartei.  Er  deckt  die  Ausflüchte  Erzbergers  auf.  Er  weist
mit  dem  Finger  auf  die  ehemaligen  „Annexionisten“  im  Zentrum
  und  in  der  Demokratie.  Er  findet  warme  Worte  für
Ludendorff,  den  Retter  Ostpreußens.

Das  Schlußwort  spricht  diesmal  greisenhaft  und  weitschweifig
  der  sonst  doch  geistig  noch  frische  Sozialdemokrat
Dr.  David.  Schuld  an  allem  seien  —  die  anderen.  Also  kann
Erzbergers  reine  Seele  wieder  in  lichten  Höhen  schweben.
Unten  liegt  zerschmettert  das  deutsche  Volk.  Zu  ihm  aber
bat  sich  ein  Mann  gesellt,  von  dem  heute  leider  gar  nicht  die
Rede  war,  der  General  v.  Winterfeldt,  der  seine  Ablösung
erbeten  hat,  weil  er  die  Schmach  in  Spaa  und  Trier  nicht
mehr  mitmachen  wollte.

Nur  Erzberger  macht  alles.

„Wir“
Weimar,  19.  Februar

„Sind  wir  nicht  zum  Herrschen  auserkoren?“  rufen  einander
  seit  nun  schon  zwei  Wochen  tagtäglich  die  Leute  der
Mehrheit  zu.  Man  sieht  lauter  leuchtende  Gesichter.  Sie
können  sich  noch  kaum  fassen,  sie  kommen  immer  wieder
darauf  zurück,  sie  spreizen  sich  höhnisch  vor  der  Minderheit.
Es  ist  erstaunlich,  und  ganz  Europa  wundert  sich  nicht  wenig,
welch  ein  neues  Reich  entstanden  ist.  ANur  ist  es  ein  wenig
anders  organisiert  als  in  dem  schönen  Liede.  Seine  Funktionäre
  berauschen  sich  nur  an  Worten.

Das  Wort  des  Herrn  Freudenthal  von  1848,  wir  sollten
uns  „auf  den  Boden  der  gegebenen  Tatsachen“  stellen,  ist
1918  geflügelt  wieder  auferstanden.  Gegebene  Tatsache  ist

51  *
        <pb n="54" />
        heute  eine  Parteiregierung,  die  Arm  in  Arm  mit  Matthias
Erzberger  das  Zahrhundert  und  den  gesunden  Mencschenverstand
  in  die  Schranken  fordert.  Gestern  hat  sie  den  Freispruch
  ihres  Barrabas  erzielt.  Heute  läßt  sie  ihn  schon  triumphieren.
  Die  Nationalversammlung  in  Weimar  ist  für  solche
internen  Aufführungen  trefflich  geeignet.  Schon  im  Berliner
  Reichstag  ging  es  manchmal  nicht  gerade  vornehm  zu,
aber  der  mächtige  löwengelbe  Raum  dort  —  „doch  eine
Würde,  eine  Höhe  entfernte  die  Bertraulichkeit"  —  verschluckte
  alle  Zwischenrufe  auch  ermunternder  Art.  In  Weimar
  versteht  man  jedes  Wort,  wird  der  Beifall  der  Parteiclaque
  zu  einem  Schlachtendonner,  der  alles  vor  sich  niederwirft.
  So  ist  gestern  Erzberger  gerettet,  Boegler  gerichtet
worden.  Laut  Stenogramm  hat  Erzberger  gesagt:

„Nun  hat  uns  Herr  Dr.  Voegler  eine  ganze  Reihe  von
Oepeschen  des  Bereins  der  Oeutschen  Stahlindustriellen
verlesen,  nur  von  einer  hat  er  uns  nichts  mitgeteilt,  sie
lautet:  „Wenn  Hugo  Stinnes  nicht  in  Luxemburg  als
Sachverständiger  zugezogen  wird,  entsendet  der  Berein
überhaupt  keinen  Sachverständigen.“  (Hört,  hört!  Bewegung
  und  Pfuirufe.)  Unter  solchen  Terroriemus  suchen
Sie  die  Regierung  zu  setzen,  aber  ich  kann  Ihnen  sagen,
Ihre  Herrschaft  ist  vorbei!“  (Stürmischer  Beifall.)

Von  diesem  Telegramm,  um  dessen  Abgangsdatum  Erzberger
  vergeblich  ersucht  wurde,  hatte  er  „leider“  keine  Abschrift
  bei  sich.  Heute  erhält  er  nun  als  erster  das  Wort.  Er
habe  nur  einen  kleinen  Zrrtum  begangen,  sagt  er;  es  handele
sich  nicht  um  ein  Telegramm,  sondern  um  einen  Brief.
Zm  übrigen  sei  alles,  was  er  gesagt,  „unantastbar“,  denn  in
dem  Briefe,  den  er  vom  Reichswirtschaftsamt  bekommen
habe,  stehe  wörtlich:  „Da  Herr  Dr.  Boegler,  falls  nicht  Stinnes
zugezogen  wird,  seine  eigene  Wahl  als  Sachverständiger  abgelehnt
  haben  soll.  “  Also  dieser  amtliche  Brief  bestätige  alles.

52
        <pb n="55" />
        Stürmischer  Beifall!  Große  Bewegung!  Ein  wilder
Radau,  Zustimmung  zu  Erzbergers  Worten  gemischt  mit
Verwünschungen  gegen  die  Rechte,  durchwogt  die  Volksversammlung,
  es  fehlt  nur  noch,  daß  Erzberger  von  den
Begeisterten  auf  die  Schultern  gehoben  wird.  Der  Gesunde
aber  faßt  sich  an  den  Kopf.  Also  auch  der  Brief  ist  nicht
vom  Stahlverband.  Und  Dr.  BVoeglers  Ablehnung  wird  nur
als  Gerücht  in  dem  Briefe  des  sozialdemokratischen  Staatesekretärs
  Dr.  August  Müller  erwähnt.  Der  Stahlverband  hat
keine  Schwierigkeiten  um  Stinnes'  willen  gemacht.  Er  hat
eine  ganze  Anzahl  von  Sachverständigen  ruhig  zur  Verfügung
gestellt,  auf  die  Erzberger  verzichtete.  Auch  hat  WVoegler
nicht  seine  eigene  Zuziehung  abgelehnt.  Es  war  also  alles,
was  Erzberger  in  dieser  Sache  von  der  Ministerbank  aus
gestern  vorbrachte,  unwahr.

Und  dennoch:  „Gebt  uns  Barrabam  frei!“"

Die  Masse  ist  auf  dem  Marsch,  die  Masse  macht  Weltgeschichte,
  und  diese  Weltgeschichte  ist  immer  dieselbe.  Einen
Unterschied  zwischen  Regierung  und  Partei  gibt  es  nicht  mehr.
Wenn  jemand  auf  der  Ministerbank  das  „Wir“  in  der  Rede
gebraucht,  so  weiß  man  nie,  ob  es  der  Pluralie  Majestatis
der  Regierung  ist  oder  ob  es  heißen  soll:  Wir  Sozialdemokraten.
  Unter  Brüdern  ist  das  ja  auch  ganz  egal.
Zn  der  Wahlbewegung  haben  wir  es  ja  auch  erlebt,  daß  an
den  Mauern  Plakate  klebten,  die  mit  „Genossen!“  als  UÜberschrift
  anfingen  und  die  Unterschrift  „Die  Reichesregierung“
trugen.  Partei  ist  alles.  Unsere  alten  Landräte  mit  ihrer
Wahlbeeinflussung  waren  da  wirklich  Waisenknaben.  Die
Regierungeestrade  ist  voll  von  einer  schwatzenden  Menge  der
neuen  Regenten,  Unterstaatesekretäre,  Geheimräte  und
Schlüsselbewahrer.  Sie  arbeiten  für  die  Partei;  sie  leben
von  der  Regierung.  Es  geht  da  so  lebhaft  zu  wie  auf  der
Fondebörse  um  12  Uhr  mittags,  so  daß  Präsident  Fehrenbach

53
        <pb n="56" />
        sich  schließlich  energisch  Ruhe  verschaffen  muß,  weil  er  nicht
mehr  verstehen  könne,  was  dicht  vor  ihm  am  Pult  der  Redner
vorbringe.  Wie  sagte  doch  Ebert  so  treffend  ?  Von  der  Weltmacht
  seien  wir  „zur  geistigen  Größe“  gekommen.

Aus  dem  Munde  des  jetzigen  Kriegeministers,  des  Obersten
Reinhard,  erfahren  wir,  daß  die  Abschaffung  der  Achselstücke
einen  spmbolischen  Akt  der  Unterwerfung  der  Offiziere  unter
die  neue  Regierung  in  Deutschland  bedeuten  solle.  Aun
wissen  sie  es.  Als  Reinhard  dann  sehr  behutsam  auf  die
Untersuchung  über  die  Tötung  Liebknechts  und  der  Frau
Luxemburg  zu  sprechen  kommt,  kreischt  Haase  „Schamlose
Verdrehung!“  Er  wird  erst  wieder  ruhig,  als  „Wir“  zu  Worte
kommen.  In  allen  drei  Ausgaben.

Oie  Sozialdemokratin  Frau  Juchacz,  ein  ehemaliges  Oienstmädchen,
  liest  dem  Grafen  Posadowsky  ein  Kolleg  über  hohe
Politik;  sie  liest  es  säuberlich  und  silbenweise  ab,  so  daß  die
sonst  so  geplagten  Stenographen  bebaglich  nachmalen  können.
Der  Zentrums-Maper  aus  Kaufbeuren,  Ooktor  der  Staatewissenschaften
  und  bewandert  in  den  Fragen  des  Handels
und  der  Großindustrie,  gibt  eine  Variation  dessen,  was  der
Reichsschatzsekretär  und  neulich  erzählt  hat.  Der  Kölner
demokratische  Rechtsanwalt  Falk  aber  kommt  uns  als  besetzter
  Linkerheiner  zuerst  deutsch,  dann  demokratisch;  von
nun  an  seien  Demokratie  und  Republik  up  ewig  ungedeelt  und
fest  verkittet.  Das  alte  monarchische  Sostem  sei  für  immer
verschwunden.  JFenes  scheußliche  alte  Sostem,  unter  dem
von  den  hervorragenden  Männern,  die  jetzt  auf  der  Ministerbank
  säßen,  kaum  einer  es  auch  nur  zum  Königlich  Preußischen
Referendar  gebracht  haben  würde.

Das  ist  ganz  glaubhaft.  Herr  Falk  ist  überhaupt  ein  kleiner
Schwerenöter.  „Hab'  ich's  gut  gemacht?“  fragt  er  nachher
im  Wandelgang  Herrn  Erzberger.  „Aber  gewiß!“"  Nämlich
Erzberger  hat  an  den  deutschen  Teil  der  deutsch-demokratischen

54
        <pb n="57" />
        Rede  anknüpfend  als  letzter  der  heute  Aufgerufenen  „flammend
  national“  für  unsere  Kriegsgefangenen  und  Linkerheiner
  sprechen  können.  Schlußapotheose  mit  Feuerwerk.
Ganz  wie  im  Wandertheater  auf  den  Dörfern.  „Wir“  sind
die  Vaterlanderetter.

Neuorientierung

Weimar  20.  Februar

Fritze  Ebert,  der  neue  Landesvater,  läßt  sich  jetzt  im  Schlosse
von  einem  Bildhauer  modellieren  und  hat  auch  sonst  noch
Dinge  zu  tun,  die  die  monarchische  Erbschaft  so  mit  sich  bringt.
Aber  abende  findet  er  doch  Zeit,  sich  unter  das  Volk  zu  mischen.
Noch  eifriger  als  er  pokulieren  seine  Genossen  von  der  Reichsregierung.
  Einer  dieser  Minister,  des  vielen  Weines  ungewohnt,
  ist  jüngst  mit  einer  mächtigen  Hellebarde,  die  er  sich
aus  der  Waffensammlung  im  Schlosse  geholt,  nächtens  herumgezogen.
  Ein  anderer,  noch  höherer,  kommt  meist  erst  beim
Hähnekrähen  in  so  guter  Laune  nach  Hause,  daß  in  den  von
ihm  durchwanderten  stillen  Straßen  die  Einwohner  erschreckt
erwachen.  Wie  man  sieht,  behagt  den  Herren  die  „politische
Neuorientierung“  Deutschlands  durchaus.  Das  bißchen  Verantwortung
  vor  der  Nationalversammlung  wird  im  Handumdrehen
  nebenbei  erledigt,  und  zwar  alltäglich  mit  neuen,
leichten  Siegen.  Nach  der  Geschäftsordnung  des  Reichstags,
die  vorerst  auch  hier  gültig  ist,  muß  einem  Regierungsvertreter
jederzeit  das  Wort  verstattet  werden.  Wenn  also  ein  Mitglied
der  Minderheit  auch  nur  „Piep“  sagt,  so  wird  es  gleich  von
etwa  einem  halben  Dutzend  Reicheregenten  totgeredet,  seziert,
zerfasert,  verbrannt.  Sogar  der  alte  Mephisto  Landesberg  läßt

55
        <pb n="58" />
        heute,  nachdem  er  als  Reichsjustizminister  das  Wort  verlangt
hat,  diese  Robe  sofort  fallen  und  fährt  in  unverhüllter  Schönbeit
  fort:  Wir  Sozialdemokraten  also

Bielleicht  hat  der  selige  Staatsmann  Openstierna  gerade
diese  Zustände  vorausgeahnt,  als  er  sagte,  man  wisse  nicht,
mit  wie  wenig  Weisheit  die  Welt  sich  regieren  lasse.  Es
brauchen  bloß  immer  sechs  gegen  einen  zu  reden,  dann  schlägt's
allmählich  durch,  daß  Ludendorff  ein  Hasardeur  war  und
Scheidemann  der  getreue  Eckart  der  Nation.

Die  bösen  Störenfriede  dieses  Zdplle  sitzen  in  der  Deutschnationalen
  und  der  Oeutschen  Volkspartei,  —  wenigstens
fangen  sie  heute  endlich  an  zu  begreifen,  daß  dies  ihre  Aufgabe
  in  der  Opposition  sein  muß,  die  regierende  Mehrbeit
anzugreifen,  nicht  nur  sich  selber  notdürftig  zu  wehren.

Der  Or.  Traub,  den  sein  heißes  Nationalgefühl  von  den
Wechslerbänken  der  Demokratie  vertrieb,  der  verhaßte  Apostata
  der  „Berliner  Tageblatt“-Leute,  ist  jetzt  vielleicht  die
stärkste  agitatorische  Begabung  der  Rechten.  In  glänzender
Beweisführung  belegt  er  seinen  Satz:  Schuld  an  unserem
Zusammenbruch  ist  die  Revolution!  Eisner  und  Ledebour
und  der  „Vorwärts“  selbst  müssen  ihm  als  Schwurzeugen
dafür  dienen.  Wo  sei  der  Fortschritt  gegen  früher  überhaupt
zu  sehen?  Geblieben  sei  vom  alten  Soystem  das  Schlechte,
nämlich  der  alte  Bethmannsche  Block;  zertrümmert  aber  sei
das  Gute,  nämlich  unser  herrliches  Heer.  Wer  dieses  Werkzeug,
  mit  dem  ein  Volk  in  letzter  Not  sich  helfen  kann,  zunichte
macht,  der  bat  nicht  das  Recht  zu  fragen,  wer  die  Niederlage
verschuldet  habe.  Die  wahren  Verteidiger  der  Volkerechte,
der  Rechte  der  Einzelpersönlichkeit  gegenüber  gewaltsamer
Schablonisierung,  säßen  jetzt  rechte,  —  sie  hüteten  das  alte
Erbe  des  Liberalismus.

Oie  gleiche  Klinge  schlägt  der  Oeutsche  Volksparteiler
Professor  Kahl,  der  Züngling  von  70  Jahren,  dessen  hallender

«  56
        <pb n="59" />
        Stimme  und  feuriger  Beredsamkeit  niemand  anmerken  kann,
daß  seine  Kindheit  bis  in  die  Tage  Friedrich  Wilhelms  IV.
hinaufreicht.  Noch  schärfer  als  Traub,  noch  persönlicher  geht
er  der  neuen  Regierung  zuleibe.  Wozu  hätten  wir  einen
obersten  Repräsentanten  der  Nation  gewählt,  wenn  der  sich
nun  in  den  Schloßbau  zurückziehe,  statt  namens  der  Nation
mit  Wilson  in  Beziehung  zu  treten  und  gegen  den  Treubruch
in  den  Waffenstillstandsbedingungen  aufzubegehren?  Vor
anderthalb  Wochen  sei  Ebert  gewählt.  Was  habe  er  inzwischen
getan?  Selbst  der  mangelhafteste  Obrigkeitsstaat  sei  nicht  so“
mangelhaft  regiert  worden  wie  unsere  junge  Republik,  deren
einzig  gute  Mitgift  —  noch  vom  preußischen  Königtum
stamme;  ohne  die  treue  alte  Beamtenschaft  hätten  die  neuen
Männer  nicht  einen  Tag  regieren  können.  Aber  dieses  Königtum
  werde  wiederauferstehen,  nicht  durch  eine  Gegenrevolution,
  sondern  einst  gerufen  vom  ganzen  Volkel

Unter  den  Regierungsmännern,  die  heute  zum  Abtun  der
beiden  Gefährlichen  sich  vordrängen,  versucht  auch  der  alte
Gothein,  einst  „die  Heulboje  von  Greifswald-Grimmen“  genannt,
  sein  Heil.  Man  hört  seinen  inneren  Blasebalg  arbeiten.
Aber  kein  Geistesfünkchen  glimmt  auf.  Wie  prachtvoll  vermöchte
  eine  wirkliche  Regierung  die  Kritik  des  Waffenstillstandes
  durch  die  Opposition  auszunutzen!  Schon  längst  ist
ja  selbst  den  Sozialdemokraten  nicht  mehr  ganz  geheuer.  In
Weimar  pfeifen  es  die  Spatzen  von  den  Oächern,  daß  eine
starke  Minderheit  der  Roten  gegen  die  Unterzeichnung  gewesen
  ist  und  daß  schließlich  nur  aus  den  Kreisen  des  rheinischen
Zentrums  heraus  das  Nachgeben  durchgedrückt  wurde.  Deshalb
  hat  die  Minderheit  innerhalb  der  Regierung  ihr  Spiel
aber  noch  nicht  aufgegeben.  Das  Wolff-Bureau  muß  jeden
Protest  und  jedes  Protestchen  wider  die  Entente  in  ganz
Deutschland  aufnehmen  und  der  Presse  übermitteln.  Das  ist
ein  Umweg.  In  der  Nationalversammlung  könnte  man

57
        <pb n="60" />
        schneller  die  einmütige  Kundgebung  erhalten.  Aber  da  wären
die  nationalen  Kruzitürken  dabei,  und  die  dürfen  beileibe
nicht  über  Erzberger  triumphieren.

Frau  Zietz,  die  Unabhängige,  spricht,  eine  Frau,  deren
Weiblichkeit  ein  starkes  Plus  männlicher  Moleküle  enthält.
Bock  und  Haase  und  Cohn  „können  doll“,  —  sie  kann  noch
doller.  Eine  Fanatikerin  der  alten  sozialistischen  Schule,  unangekränkelt
  von  der  Sehnsucht  nach  den  Amtssesseln  der
Regierung.  Der  Frau  JZuchacz  hat  gestern  nach  ihrer  Rede
der  Genosse  Löbe-Breslau  Bonbons  gestiftet;  bei  Frau  Zietz
würde  das  wohl  kaum  ein  Fraktionsgenosse  wagen.  Bei  der
Zuchacz  bricht  das  Gefühl  sich  Bahn;  die  Zietz  ist  Fanatikerin
von  Reflexion.  Nach  fünf  Minuten  ist  das  ganze  Haus  bhelle
Empörung.  Sie  beschimpft  das  Eiserne  Kreuz  als  „Blutzeichen“,
  und  nahezu  sämtliche  bürgerlichen  Abgeordneten
verlassen  ostentativ  den  Saal.  Sie  beschimpft  Noske,  und
ihre  nächsten  Sätze  gehen  im  Toben  der  Sozialdemokraten
unter.  Luise  Zietz  ist  die  Sturmglocke  für  Spartakus,  wie
Elockenklöppel  schleudert  sie  ihre  Arme.  Bock  und  Haase
und  Cohn  entrüsten  sich  mit  ihr  über  den  Einmarsch  der
Noske-Garde  in  Gotha.

Während  das  ermüdete  Haus  —  die  Sitzung  ist  erst  gegen
10  Uhr  zu  Ende  —  so  immer  wieder  aufgepeitscht  wird,  steht
plötzlich  ein  blasser  Warenhausjüngling  auf  der  Regierungeestrade,
  erhält  das  Wort  und  findet  noch  stärkere  Töne  wider
Noske.  Keiner  kennt  ihn.  Nachdem  er  ausgeredet,  werden
seine  Personalien  erst  festgestellt:  Dr.  Josef  Löwengard,
Vertreter  der  Republik  Gotha  im  Bundeerat!  DOer  nicht
anerkannte  Vertreter  einer  nicht  anerkannten  Republik.
Und  was  sonst  wohl  noch  nie  einem  Bundesratemitglied
passiert  ist,  das  geschieht  jetzt:  man  bedeutet  ihm,  wo  der
Zimmermann  das  Loch  gelassen  hat,  und  mit  fliegenden
Rockschößen  verschwindet  der  Züngling  durch  die  Mitte.

58
        <pb n="61" />
        Gewalt

Weimar,  21.  Februar

Oie  Schutzmannskette  um  die  Nationalversammlung  herum
ist  verstärkt  worden.  Die  Attentatsfurcht  huscht  durch  Gassen
und  Gäßchen.  „In  tiefer  Bewegung“  verkündet  Scheidemann
vor  Eintritt  in  die  Tagesordnung  die  Gewalttat,  die  an  Kurt
Eisner  in  München  begangen  worden  ist.  Bei  Eröffnung  der
Alltagsdebatte  erhebt  sich  Scheidemann  wiederum.  Die  junge,
deutsche  Republik  stehe  vor  dem  Zusammenbruch,  wenn  sie
den  Terror  nicht  besiegen  könne,  wie  er  am  Niederrhein  und
anderswo  heute  berrsche.  Das  Heiligste,  die  Meinungsfreiheit,
  sei  überall  zuerst  in  Gefahr,  sagt  der  Leiter  unserer
Regierung.

Dieselbe  Regierung  aber  schlägt  gewaltsam  die  Redefreiheit
im  Parlamente  nieder.

Als  Heinrich  von  Gagern  im  Jahre  1834  in  der  Harmstädter
Kammer  von  einer  Partei  der  Regierung  sprach,  fand  die
Regierung  diese  Außerung  so  beleidigend,  daß  sie  den  Landtag
  deshalb  auflöste.  So  sehr  galt  es  als  Schmach,  parteilich
genannt  zu  werden.  Die  alte  Rechtlichkeit  des  deutschen  Beamtentums
  empörte  sich  wider  die  Unterstellung.  Auch  im
Norddeutschen  Bunde  hat  der  erste  Kanzler,  Bismarck,  obwohl
  er  sich  selbst  als  „alten  Herrn“  der  Konservativen  bezeichnete,
  seit  1867  Regierungspolitik  und  nicht  Parteipolitik
gemacht.  Noch  sitzen  ja  in  der  Nationalversammlung  ehemalige
Minister  der  alten  Monarchien  wie  Delbrück  und  Posadowsky
und  Heinze;  niemand  kann  ihnen  nachsagen,  sie  hätten  parteilich
  ihres  Amtes  gewaltet.

Und  heute?

Die  Leitsätze  der  Regierung  Scheidemann-Schiffer-Erz-59
        <pb n="62" />
        berger  stehen  zur  Debatte,  ein  Vertrauensvotum  für  sie  ist
nach  westlichem  Muster  beantragt,  obwohl  dies  bei  unserer
ständigen,  nicht  wechselnden  Mehrheit  eine  wirklich  überflüssige
  Komödie  ist.  Von  den  drei  regierenden  Parteien
halten  die  Abgeordneten  Meerfeld,  Stegerwald,  Dr.  Gertrud
Bäumer  ausgiebige  Parteireden.  Dann  wird  von  den  drei
regierenden  Parteien  Debatteschluß  beantragt  und  angenommen.
  So  wird  der  Deutschen  Volkspartei  und  der  Deutschnationalen
  Volkspartei  mit  Gewalt  die  Nedemöglichteit  abgeschnitten.


Mehr  noch:  eine  Entschließung  der  Deutschnationalen,  die
ihre  eigenen  Leitsätze  zum  Wiederaufbau  des  Reiches  zur
Oebatte  stellt,  wird  durch  Ubergang  zur  Tagesordnung  von
der  Besprechung  ausgeschlossen.

Mehr  noch:  eine  interfraktionelle  Entschließung  aller  ostmärkischen
  Abgeordneten  zugunsten  des  bedrohten  deutschen
Ostens  ist  unter  den  Tisch  gefallen  und  taucht  als  Sonderresolution
  von  nur  zwei  Mehrbeitsparteien  wieder  auf,  unterschrieben
  von  zwei  Süddeutschen,  dem  Demokraten  Payer
und  dem  Zentrufnemann  Gröber;  man  nimmt  also  die  Anregung
  im  stillen  Kämmerlein  begierig  auf  und  paradiert
dann  auf  der  Estrade  mit  den  erborgten  Federn.

Stegerwald  hat  gerade  vorher  vom  Pfauentum  unserer
Frauen  gesprochen,  sittliche  Läuterung  und  wahre  Freiheit
vom  Volke  verlangt  und  die  soziale  Gerechtigkeit  der  alten
Monarchie  gepriesen.  Fräulein  Dr.  Bäumer  hat  gerade
vorher  neckisch  sich  darüber  gewundert,  daß  gestern  ganze  vier
Minister  hintereinander  nötig  waren,  den  Or.  Traub  zur
Strecke  zu  bringen,  und  hat  den  Idealismus  gepredigt,  der
die  Gesamtheit  über  das  Ich  stelle.

Und  nun:  krasseste  Ichsucht  der  demokratischen  Parteien,
Vergewaltigung  der  Redefreiheit,  Niederknüttelung  der  Minderheit!
  Ein  Sturm  der  Entrüstung  erhebt  sich  auf  der  Rech-60
        <pb n="63" />
        ten.  Diese  allzu  vornehmen  Leute,  die  noch  am  selben  Vormittag
  keine  eigene  Interpellation  zur  kommenden  Heeresvorlage
  einbringen  wollten,  weil  das  unritterlich  gegenüber
den  Mehrheitsparteien  sei,  mit  denen  man  auf  Wunsch  der
Regierung  gemeinsam  vorgehen  solle,  geraten  allmählich  in
Weißglut.  Recht  so!  Man  muß  die  gewalttätige  Faust  der
jetzigen  Parteiregierung  gefühlt  Hhaben,  um  die  heute  ganz
unpolitische  Sentimentalität  loszuwerden.  Kampf  beißt  die
Parole.  Wer  beute  Weltgeschichte  macht,  wer  die  Wählermassen
  auf  seine  Seite  ziehen  will,  der  darf  nicht  etwa  nur
ehrlich  sich  fürs  Baterland  abarbeiten,  sondern  der  muß  den
harten  Willen  erkennen  lassen,  die  jetzige  Regierung  durch
eine  bessere  zu  ersetzen.  Wir  sind  nicht  ihre  Untertanen.  Der
alte  Obrigkeitsstaat  ist  nicht  deshalb  gestürzt,  damit  ein  neuer
ihn  ablöse.

Von  wessen  Gnaden  lebt  dieser  denn  überhaupt?

Der  Organiemus  unseres  Staates  könnte  ohne  die  Arbeit
des  Beamtenheeres  des  „alten  Soystems“  nicht  einen  Tag
lang  existieren.  Die  im  Schlosse  zu  Weimar  eine  fürstliche
Hofhaltung  führen,  deren  Menus  ganz  in  den  Rahmen  der
Kriegsgewinnler  passen,  vermögen  dies  nur  so  lange,  als
die  alten  Berliner  Schutzleute,  als  die  Offiziere  aus  dem
alten  monarchischen  Heere  ihr  Schlaraffenleben  bewachen.
Nicht  die  regierende  Mehrheit  ist  es,  deren  Anhänger  in  der
Hauptsache  diese  Palastwache  stellen.  Die  jetzige  Minderheit
  ist  es,  die  in  Beamtenschaft  und  Offizierkorps  den  Schlaf
der  Vergewaltiger  hütet.

Wie  nun,  wenn  zu  der  Gewalt,  die  den  Regierenden  von
links  droht  und  sie  schlottern  macht,  die  Obstruktion  von  rechts
träte,  im  Parlament  und  draußen?  Minderheiten  in  einem
Rechtsstaat  braucht  man  nicht  zu  fürchten.  Vergewaltigte
Minderheiten  aber  haben  Riesenkräfte  und  können  die  stärksten
  Regierungen  sprengen.

—

61
        <pb n="64" />
        Es  ist  höchste  Zeit,  daß  die  Gewalt  abdankt;  daß  Freiheit
und  Recht  jedem  Oeutschen  zuteil  wird.  Zhre  Totengräber
draußen  im  Lande  kennen  wir.  Auf  den  Regierungsbänken
brauchen  wir  sie  nicht.

Ein  Monolog

Weimar,  24.  Februar

Vormittag  um  11  Uhr  ist  in  Weimar  fast  alltäglich  Paroleausgabe
  der  Regierung.  Man  nennt  das  Pressekonferenz-Konferenzier
  ist  immer  irgendeiner  von  der  Regierung,  und
die  Pressevertreter  sind  das  Publikum.  Auf  diese  Weise  wird
noch  anders  Weltgeschichte  gemacht  als  in  den  bescheidenen
Zeiten  des  alten  Pressechefs  Dr.  Hammann,  wo  man  noch
nicht  bataillonsweise  zum  Paroleempfang  antrat.  Zetzt
machen  sich  manchmal  sogar  leibhaftige  Minister  die  Mühe,
die  öffentliche  Meinung  zu  befruchten.  Heute  war  es  ein
junger  Mann  aus  dem  Reichsamt  des  Innern,  der  einen
Reklamevortrag  über  den  Preußschen  VBerfassungsentwurf
bielt,  „zur  Berwendung  nach  Belieben“.  Aber  im  Pressepublikum
  erhob  sich  ein  Murren.  Man  grollte  nicht  nur
rechts,  man  grollte  auch  links.  Die  Reklame  war  zu  lebhaft,
wird  mir  erzählt.  Da  sei  es  neulich,  als  Scheidemann  abends
im  Theater-Foper  die  Presse  um  sich  versammelte,  viel  feiner
hergegangen,  zumal  da  Bier  und  kalter  Aufschnitt  die  Gemüter
  auf  Reichskosten  glätteten.  Erst  recht  fein  wird  es  später
in  Berlin  werden,  wo  die  Regierung  ein  prinzliches  Palais
als  Pressehaus  einrichten  will,  um  dort  ihr  tägliches  Stelldichein
  mit  der  öffentlichen  Meinung  abzuhalten.

Zm  Plenum  der  Nationalversammlung  steht  beute  die  erste

62
        <pb n="65" />
        Beratung  des  Verfassungsentwurfes  und  der  Reichswehrvorlage
  auf  dem  Plan.  ODas  widerspricht,  wie  Haase  herausgetüftelt
  hat,  der  Geschäftsordnung.  Vorlagen  müßten  seit
drei  Tagen  in  Händen  der  Abgeordneten  sein,  ehe  sie  zur
ersten  Beratung  kommen  dürften.  Aun#seien  die  Orucksachen
erst  gestern  verteilt,  worden,  also  die  heutige  Beratung  sei
ganz  geschäftsordnungswidrig.  Da  bitten  Gröber  und  Payer
die  Unabhängigen  um  gut  Wetter.  Man  solle  doch  nicht  und
überhaupt  und  so.  Aber  Haase  und  Cohn  sind  in  jedem  Zoll
ein  unbestechlicher  Cato.  Der  Präsident  Fehrenbach,  der
schon  mit  Stielaugen  der  Blamage  entgegensieht,  die  ganze
Sitzung  gleich  nach  Beginn  vertagen  zu  mühssen,  wickelt  sich
im  letzten  Augenblick  noch  heraus:  Es  sei  gar  nicht  die  erste
Beratung  des  Verfassungsentwurfs,  wenn  das  auch  in  der
Tagesordnung  so  gedruckt  sei;  Gott  bewahre,  die  erste  „Beratung“
  komme  erst  morgen,  heute  gebe  nur  der  Reichsminister
  Dr.  Preuß  die  mündliche  Erläuterung  zur  Vorlage;
  also  er  könne  auf  jeden  Fall  reden.  Mit  der  Reichswehrvorlage
  ist  es  schon  kitzlicher.  Wenn  nach  §  23  der  Geschäftsordnung
  mindestens  15  Abgeordnete  sich  gegen  die
vorzeitige  Beratung  erklärten,  müsse  man  allerdinge  die  vorgeschriebene
  Frist  innehalten.  Also  bitte!  Die  Unabhängigen
sind  zum  Teil  über  Land  auf  Revolutionsfahrten.  Sie  brächten
  die  15  Mann  heute  nicht  auf.  Schon  lächelt  man  auf  den
Regierungsbänken,  aber  siehe  da,  es  rauschen  auch  die  Fraktionen
  der  Deutschnationalen  und  der  Deutschen  Volkepartei
vollzählig  empor,  von  einem  zornigen  allgemeinen  „Ah!“  der
Mehrheit  empfangen.  Es  hagelt  Zurufe.  „Za,  worüber
wundern  Sie  sich  eigentlich,“  schallt  es  von  rechts  zurück,
„glauben  Sie  denn,  wir  ließen  uns  am  Freitag  selber  von
Zbnen  vergewaltigen  und  hülfen  Ihnen  dann  am  Montag  bei
der  Vergewaltigung  der  Geschäftsordnung?“

Mit  leidvollem  Gesicht  betritt  Dr.  Preuß  zu  seinem  Mono--63
        <pb n="66" />
        log  die  Tribüne.  Von  dem  jetzt  bei  den  Demokraten  gelandeten
  Abgeordneten  Dr.  Friedberg  sagte  einst  Liebermann
v.  Sonnenberg,  er  habe  einen  wehmütigen  Zug  um  die  Beine.
Dr.  Preuß  hat  diesen  Zug  um  den  Mund.  Wenn  er  ibn  aber
nicht  schon  hätte,  so  hätte  er  ihn  jetzt  bekommen,  denn  „seinen“
Verfassungsentwurf,  dieses  deutsch-demokratische  Prokrustes-Bett
  für  das  Reich,  hat  ihm  das  Staatenhaus  böse  verschandelt.
So  erleben  wir  denn  ein  Schauspiel,  das  entschieden  den  Reiz
der  Neuheit  hat:  Der  Regierungsvertreter  Dr.  Preuß
kritisiert  die  Regierungsvorlage  in  Grund  und  Boden.
Schön  findet  er  an  ihr  in  seiner  Autoreitelkeit  nur  das,  was
er  daran  entworfen  hat.  Was  das  Staatenhaus  aber  hineinkorrigiert
  habe,  das,  so  wünscht  er,  möchte  die  Nationalversammlung
  wieder  herausstreichen.  Auf  die  eigenen  Gesandten
  und  die  eigenen  Briefmarken  haben  die  größeren
Eliedstaaten  verzichtet,  nicht  aber  auf  ihre  Rechte  in  Heer
und  Kirche  und  Schule,  vor  allem  nicht  auf  die  Souveränität
in  ihren  eigenen  Grenzen;  kein  Reichsgesetz  dürfe  gegen  ihren
Willen  diese  Grenzen  verändern.  Das  große  Zerlegemesser,
das  Dr.  Preuß  gegen  Preußen  schon  gezückt  hatte,  ist  ihm
also  vorerst  aus  der  Hand  geschlagen  worden;  er  erbittet  es
aufs  neue  von  der  Nationalversammlung,  die  ja  als  einzige
verfassunggebende  Instanz  sich  um  die  Einwände  des
Staatenhauses  nicht  zu  kümmern  braucht.  Aber  auch  so  schon
ist  Preußens  Stellung  dahin.  Nach  dem  Entwurf  gehört  zu
Verfassungsänderungen  im  künftigen  Reicherat,  jetzigen
Staatenhaus,  ehemaligen  Bundeerat,  eine  Zweidrittelmehrheit,
  und  da  Preußen  nicht  mehr  als  ein  HOrittel  der
Stimmen  erhalten  darf,  obwohl  es  vier  Siebentel  der
deutschen  Bevölkerung  umfaßt,  kann  es  also  jederzeit
überstimmt  und  majorisiekt  werden.  Der  Riese  ist
erlegt.  Die  Kleinen  und  die  Zwerge  balgen  sich.

64
        <pb n="67" />
        Reichswehr

Weimar,  25.  Februar

Den  regierenden  Herren  bricht  der  Angstschweiß  aus,  wenn
sie  lesen,  daß  Noske  in  den  sogenannten  bürgerlich-militaristischen
  Blättern  gelobt  wird.  Das  sei  ja  nur  Wasser  auf  die
Mühle  der  Herren  Haase  und  Cohn.  Um  Gottes  willen,  nur
tadeln,  schnell  tadeln,  damit  Noske  nicht  ganz  um  seine
Reputation  im  Volke  komme  und  ausgeschifft  werden  müsse!
Wir  haben  keine  Veranlassung,  der  roten  Regierung  diesen
Gefallen  zu  tun,  denn  Noske  hat  nun  einmal  in  dieser  Zeit
der  feigen  Vogelstraußpolitik  wenigstens  klar  erkannt,
daß  unser  neuer  Staat  ohne  Männeranleihe  bei  der
alten  Monarchie  keinen  Tag  länger  bestehen  könnte.  Seine
einzigen  Triarier  in  den  Freiwilligentruppen,  das  gibt  er
unter  vier  Augen  sofort  zu,  sind  die  Offiziere,  die  Unteroffiziere,
  die  Studenten,  die  Beamten.  In  öffentlicher  Sitzung
spricht  heute  sein  Parteigenosse  Schöpflin  die  Bitte  aus,
auch  die  sozialdemokratischen  Arbeiter  möchten  doch  eintreten.
  Aber  man  weiß  sehr  gut,  daß  sie  es  nicht  tun  —
weil  sie  sich  als  Arbeitslose  in  Berlin  viel  besser  stehen.  Eine
Aushebung  auf  Grund  der  immer  noch  bestehenden  allgemeinen
  Wehrpflicht  ist  aber  unmöglich.  Die  Autorität  des
Staates  ist  seit  der  Revolution  so  gründlich  zerstört,  daß
niemand  einer  Einberufung  Folge  leistet,  auch  wenn  die
Regierung  noch  so  sehr  an  den  freien  Gehorsam  freier  Männer
appelliert  «  «

So  bleibt  denn  tatsächlich  zunächst  nichts  anderes  übrig  als
der  Notbehelf  eines  freiwilligen  Söldnerheeres,  aus  dem  die
Ungeeigneten  durch  vierzehntägige  Kündigung  immer  wieder
ausgemerzt  werden.  Das  weiß  die  Rechte  genau  so  gut  wie

Frledrich  der  Vorläufige  65  5
        <pb n="68" />
        die  Linke,  und  daher  stimmt  sie  der  Vorlage  auch  zu,  die  in
einer  einzigen  Vormittagesitzung  in  zwei  Lesungen  angenommen
  wird.  Es  geht  ungemein  schnell,  da  die  Mehrbeitsparteien
  sich  auf  ganz  kurze  Reden  beschränken  und  nicht
wie  sonst  ein  halbes  Dutzend  Minister  noch  dazwischen  redet.
Oie  Lehre  von  gestern  hat  doch  gut  geiirkt.  Zwar  klagen
Gröber  und  Siehr  beweglich  darüber,  daß  die  Opposition
dieses  wichtige  Gesetz,  das  nicht  um  eine  Stunde  verzögert
werden  dürfe,  um  einen  ganzen  Tag  aufgehalten  hätte,  aber
sie  wissen  wohl  selber,  wer  bier  an  der  Verschleppung  die
Schuld  trägt.  Schon  vor  zwei  Wochen  hätte  die  Reichswehr
deschlossen  werden  können,  aber  die  regierende  Mehrbeit
hatte  ja  Wichtigeres  zu  tun,  sie  mußte  endlose  Parteireden
balten.  Das  ist  sogar  der  klugen  Demokratin  Dr.  Gertrud
Bäumer  als  so  ungeschickt  aufgefallen,  daß  sie  neulich  mit
unschuldigem  Augenausfschlag  sagte,  ob  es  hier  wirklich  immer
nach  dem  Gebot  aus  Goethes  Faust  gehe:  „Ou  mußt  es  dreimal
  sagen!“

Zwei  Ostmärker,  der  Heutschnationale  Baerecke  aus  Elbing
und  der  Oeutsche  Volksparteiler  Aßmann  aus  Bromberg,
stellen,  ohme  daß  sich  lärmender  Widerspruch  erhebt,  ausdrücklich
  fest,  daß  die  heutigen  erbärmlichen  Zustände  unter  dem
alten  Spstem  unmöglich  gewesen  wären,  ja  daß  man  sogar
in  Weimar  nur  deshalb  so  ruhig  tagen  könne,  weil  die  alten
Berliner  Schutzleute  das  Hohe  Haus  behüteten.  Noske  und
der  Demokrat  Langhbeinrich  können  demgegenüber  nur  erklären,
  daß  die  Reichswehr  insofern  doch  etwas  Neues  sein
werde,  als  darin  jedermann,  der  militärisches  Talent  zeige,
zu  den  höchsten  Stellen  emporklimmen  könne,  daß  keine  Vorzüge
  der  Geburt,  des  Vermögene,  der  Bildung  mehr  gelten
sollten.  Das  klingt  vortrefflich.  Aber  ohne  Wissen  kein  Können.
  Der  Bildung  wird  ein  Offizierkorps  nie  entraten  können.
Es  ist  auch  unter  dem  alten  System  mehrfach  vorgekommen,

#  66
        <pb n="69" />
        daß  Talentierte  emporstiegen,  was  heute  Herr  Cohn,  wohl
nur  aus  Unwissenheit,  leugnet.  Der  mecklenburgische  Kantorsohn
  und  Hütejunge  Reyher,  der  als  Sechzehnjähriger  noch
vor  dem  Befreiungskriege  in  die  Armee  eintrat,  brachte  es
bis  zum  Chef  des  preußischen  Großen  Generalstabes.  Im
Kriege  war  dieser  spätere  General  v.  Reyher,  der  Vorgänger
Moltkes,  wegem  Tapferkeit  vor  dem  Feinde  zum  Leutnant
befördert  worden.  Nachher  ging  er  daran,  die  großen  Lücken
seines  kaum  elementaren  Wissens  in  jahrelanger  Arbeit  auszufüllen;
  dann  konnte  er  seine  Prüfungen  bestehen  und
weiterbefördert  werden.  «

Anders  wird  man  es  auch  im  neuen  Heere  nicht  machen
können,  Wenn  man  sich  darauf  beruft,  daß  die  jetzige  Regierung
  doch  auch  aus  Männern  bestehe,  die  aus  den  untersten
Volksschichten  stammen,  und  mit  dieser  Auslese  der  Tüchtigen
gebe  es  doch  ganz  gut,  so  täuscht  man  sich  da  in  dreifacher
Hinsicht.  Erstens  wird  die  Hauptarbeit.  nach  wie  vor  von  den
Fachleuten  des  alten  Systems  geleistet,  ohne  die  jeder  Minister
verraten  und  verkauft  wäre.  Zweitens  sind  die  gefällten
Entscheidungen,  die  von  unseren  Selfmademen  ausgehen,
wie  beispielsweise  von  Erzberger  in  Trier,  nicht  immer  gut,
sondern  manchmal  ein  hilfloses  Gestammel.  Orittens  sind
die  heute  Regierenden  nicht  als  Gevatter  Schneider  und
Handschuhmacher  auf  den  Amtesessel  gekommen,  sondern  fast
durchweg  erst  nach  jahrzehntelanger  politischer  Ausbildung
im  Zeitungsberuf.  Wenn  nun  also  im  neuen  demokratischen
Heer  ein  Musketier  nachträglich  seine  Fähnrichsprüfung  macht
und  später  die  Kriegsakademie  mit  Ekfolg  besucht,  so  wird  er
der  Armee  natürlich  willkommen  sein.  Aber  das  alles  sind,
zumal  es  sich  noch  nicht  um  das  endgültige  Heer  handelt,
doch  nur  Nebendinge.  Mannezucht  vor  allem  brauchen  wir.  Die
ist  durch  die  Revolution  zerstört.  Nun  müssen  die  Revolutionäre
  selbst  sie  wiederberstellen  —  nach  dem  „alten“  Spstem.

67  "“
        <pb n="70" />
        Entmakelt

Weimar,  27.  Februar

Wenn  eine  Revolution  gesiegt  hat,  muß  man  ihr  geborchen“,
  sagt  Kant.  Es  fragt  sich  nun,  ob  sie  bei  uns  schon
so  weit  ist.  Die  Unabhängigen  bestreiten  es,  weil  sie  einen
noch  viel  gründlicheren  Umsturz  erhoffen;  und  auf  der  bürgerlichen
  Rechten  denkt  manch  einer,  daß  die  Revolution  in  ihrem
eigenen  Unrat  ersticken  wird.  Um  so  eiliger  haben  es  die
vorläufigen  Sieger  mit  der  Anerkennung.  Sie  wollen  „ehrlich"
  gemacht  werden,  den  Makel  der  Illegitimität  loswerden.
Daher  soll  die  Nationalversammlung  ein  Ubergangsgesetz  beschließen,
  das  alle  Berordnungen  für  gesetzlich  erklärt,  die  seit
dem  9.  November  von  den  Volksbeauftragten  erlassen  worden
sind,  außerdem  ohne  weiteres  alle  früheren  Rechte  des  Kaisers
auf  den  Präsidenten,  die  des  Bundesrats  auf  den  Staatenausschuß
  oder  das  kollegiale  Reichsministerium,  die  des
Reichstags  auf  die  Nationalversammlung  überträgt,  soweit
nicht  die  Notverfassung  anderes  bestimmt  hat.

Herrn  Cohns  fiebernde  Phantasie  sieht  darin  schon  allerlei
Schreckbilder  —  am  Ende  könne  es  nun  Fritz  Ebert  plötzlich
einfallen,  durch  „königliche“  Order  den  Landsturm  einzuberufen
  oder  ähnliches  mehr.  Die  beiden  Parteien  rechts
haben  ebenfalls  begreifliche  Beklemmungen,  wenn  sie  an  die
Ubertragung  der  Ermächtigung  des  Bundesrate  denken,  einschneidende
  wirtschaftliche  Verordnungen  zu  erlassen.  In
der  Hauptsache  kommt  es  aber  unseren  Regierenden  doch
wohl  nur  darauf  an,  daß  man  sie  entmakelt,  der  Berantwortung
  für  den  wüsten  Haufen  der  Revolutionsverordnungen
enthebt,  kurz  und  gut,  fünfe  gerade  sein  läßt  und  einen  dicken
Strich  unter  die  Regiererei  seit  dem  9.  November

68
        <pb n="71" />
        macht.  Es  gibt  eine  lange  staatsrechtliche  Oebatte  über  diesen
Gegenstand.  Da  die  vorläufigen  Sieger  eine  geradezu  unanständige
  Eile  haben,  werden  die  Anträge  der  Rechten  auf
Au-sschußberatung  natürlich  abgelehnt.  Man  wil  es  gleich
schwarz  auf  weiß  getrost  nach  Hause  tragen.  Die  Mehrheit
ist  dafür  und  nimmt  das  Gesetz  an.  Nur  will  man  nachträglich
  die  Verordnungen  in  verschiedenen  Ausschüssen  sich  noch
ansehen.  Das  wird  ein  zweifelhafter  ästbetischer  Genuß  sein,
aber  staatsrechtlich  keinerlei  Wirkung  haben.

Da  das  Zentrum  und  die  Demokratie  zwar  unter  der  gand
allerlei  Schleichhandelsgeschäfte  mit  der  Sozialdemokratie
treiben,  um  anscheinend  bereits  vergriffene  Dinge,  wie  Religionsunterricht
  und  Privatwirtschaft,  noch  eine  Weile  zu  erhalten,
  im  übrigen  über  parteitaktisch  auf  den  Wink  der
Sozialdemokratie  jederzeit  einschwenken  wie  die  Unteroffiziere,
  kann  die  Revolution  der  Seligsprechung  durch  diese
beiden  Mehrheitsvollender  gewiß  sein.  ODer  heute  angenommene
  Gesetzentwurf  bedeutet  nahezu  schon  die  volle
ZIndemmität.  Biemarck  erhielt  nach  dem  preußischen  Militärkonflikt
  die  Indemnität  von  dem  Abgeordnetenhause  erst
dann,  ale  seine  Gegner  bei  der  Neuwahl  am  Tage  von  Königgrätz
  zusammengebrochen  waren.  Die  Gewaltherrscher  von
heute  haben  es  leichter.  Sie  werden  auch  von  jedem  Makel
über  die  vergeudeten  Milliarden  freigesprochen  werden,
wenn  die  Kechnung  auf  den  Tisch  kommt.  Notabene  die
Rechnung  mit  nur  einem  kleinen  Teil  der  Belege.  Das
ganze  Geld  ist  ihnen  ja  in  blanco  bereits  bewilligt  worden.

Zn  der  Vormittagssitzung,  die  der  Beratung  des  Ubergangsgesetzes
  vorausgegangen  ist,  hat  man  die  Reichswehr
in  dritter  Lesung  angenommen.  Habei  ist  es  zu  einer  lebhaften
  Auseinandersetzung  der  beiden  feindlichen  Brüder
gekommen,  der  Unabhängigen  und  der  Mehrheitssozialisten.
Der  Abgeordnete  Braß  erzählt  ANic-Carter-Geschichten  für

69
        <pb n="72" />
        die  reifere  Zugend,  eine  Geschichte  etwa  mit  dem  Titel
„Das  Eden-Hotel  der  Lockspitzel  oder  der  vergewaltigte  Herr
Schleifstein  aus  Rußland  oder  der  Nachrichtenoffizier  im  Parlamentszuge“.
  Frau  Zietz  greift  mit  entrüsteten  Quietsch--tönen
  ein,  das  Hohe  Haus  äfft  sie  nach  und  gquietscht  mit,
kurz,  es  hat  nicht  ganz  den  Anschein,  als  habe,  wie  die  Wei
maraner  ursprünglich  hofften,  ihr  Landestheater  durch  die
Nationalversammlung  eine  höhere  Weihe  erhalten.  Oie
Rechtssozialisten  werfen  den  Linkssozialisten  vor,  daß  sie  mit
russischem  Gelde  in  Deutschland  Umsturz  machten,  und  die
Linkssozialisten  weisen  die  Rechtesozialisten  darauf  hin,  daß
umgekehrt  diese  mit  deutschem  Gelde  1905  die  Revolution  in
Rußland  unterstützt  hätten.  ODie  regierende  Sozialdemokratie
ist  entrüstet.  Man  habe  nicht  die  Revolution,  sondern  nur
die  Opfer  der  Revolution  unterstützt,  die  aus  Rußland  hätten
fliehen  müssen.  Die  regierenden  Roten  legen  Wert  darauf,
auch  in  dieser  Affäre  makellos  dazustehen,  aber  mit  vollem
Hohne  erwiderte  Herr  Cohn,  er  müsse  das  doch  wirklich  wissen,
denn  er  sei  damals  —  der  Kassenverwalter  gewesen!

Wenn  die  feindlichen  Brüder  später  noch  mehr  auskramen,
wird  sich  schließlich  ja  wohl  für  beide  ein  genügend  begründetes
  Sittenzeugnis  ausstellen  lassen.

Volksredner  und  Staatsmänner

Weimar,  28.  Februar

Man  würde  unseren  neuen  Gewalthabern  von  Herzen  gern
alles  gönnen.  Auch  das  bißchen.  Wohlleben.  Wenn  man  in
Weimar  dauernd  Regierungsautos  herumflitzen  sieht,  in  denen
die  Sekretärinnen  der  Minister  oder  auch  ihre  Gattinnen

70
        <pb n="73" />
        spazierenfahren,  so  wollen  wir  das  anziehende  und  hinanziehende
  Ewig-Weibliche  nicht  stören,  indem  wir  etwa  von
Benzin  und  Bereifung  und  Steuerlasten  sprechen.  Man
würde  wirklich  unseren  neuen  Gewalthabern  von  Herzen
gerne  alles  gönnen,  —  wenn  nur  endlich  der  beschworene
„Geist  von  Weimar“"  sich  auf  die  Mehrheitsbänke  herabsenkte
und  wir  Reden  zu  hören  bekämen,  die  weniger  platt  und
weniger  parteispießerisch  wären.  Fischer-Berlin  prägt  den
Satz,  daß  das  neue  Oeutsche  Reich  mit  dem  alten  nur  den
Namen  gemein  habe,  sonst  nichts,  und  auch  dieser  Name
müsse  verschwinden.  Statt  „Deutsches  Reich“  solle  man
„Deutsche  Republik“  in  die  Verfassung  setzen.  Das  alte
Preußen  habe  nie  einen  Kulturfortschritt  ermöglicht,  das
bisherige  Deutsche  Reich  habe  in  seiner  ganzen  Geschichte
nur  Gewalt  und  Unrecht,  sagt  dieser  vom  Rampenlicht
erleuchtete  Kopf.  Was  Weltgeschichte  ist,  weiß  er  anscheinend
überhaupt  nicht,  wie  man  auch  kaum  von  ihm  verlangen  kann,
daß  er  das  Naturgesetz  von  der  Erbaltung  der  Kraft  kennt,
das  in  gleicher  Weise  für  das  geistige  und  politische  Gebiet
gilt:  wir  erleben  Umwandlungen,  nicht  Neuschöpfungen.
Oie  Volksrede,  die  Fischer  von  sich  gibt,  wird  von  einem
sicher  sehr  geistvollen  Bortrag  Spahns  abgelöst.  Er  ist  immer
noch  da,  der  alte  Spahn,  obwohl  sein  intimster  Gegner,  Erzderger,
  noch  im  Oezember  es  als  öffentliches  Geheimnis
jedem  erzählte:  „Spahn  und  Gröber  kommen  nicht  wieder!“
Er  ist  noch  da,  aber  leider  mit  seinen  Stimmitteln  nicht  auf
der  Höhe.  Aur  bin  und  wieder  hört  man,  während  die  von
den  Bänken  abgewanderten  Abgeordneten  mit  der  Hand  am
Ohre  ihn  dicht  umstehen,  das  eine  oder  andere  Wort,  nämlich
die  Worte  „einerseits“  und  „andererseits“  mit  der  ersterbenden
Stimme  des  alten  Grafen  Moor  aus  dem  Hungerturm.
Nach  der  bisherigen  Ordnung  des  Hauses  müßte  nun  den
Reigen  der  Volksredner  in  der  Vormittagssitzung  als  Ver-71
        <pb n="74" />
        treter  der  drittstärksten  Fraktion  ein  Demokrat  beschließen.
Aber  der  möchte  ein  Schlachtopfer  haben,  während  er  selber
noch  bis  zum  Nachmittag  das  Messer  wetzt.  So  läßt  man
denn  einem  Deutschnationalen  den  Vortritt,  um  ihn  nachher
abzutun.  „Es  wäre  doch  besser  gewesen,  ich  hätte  zuerst
gesprochen!“  ruft  aber  schon  nach  wenigen  Minuten  der
demokratische  Abgeordnete  Koch  bedrückt  seinen  Parteifreunden
  auf  den  Nachbarsitzen  zu;  denn  was  der  frühere
Staatsminister  Dr.  v.  Delbrück  da  oben  auf  der  Rednertribüne
  in  wundervollem,  glasklarem  Aufbau  vorbringt,  das
ist  geradezu  unangreifbar.  Die  erste  wirklich  große  staatsmännische
  Rede,  die  wir  in  diesem  Hause  gehört  haben.  Sie
ist  nichts  weniger  als  konservativ,  aber  ebensowenig  demokratisch;
  der  da  oben  redet,  gehört  zu  der  „Gerusia“  Deutsch--lands,
  zu  dem  Rate  der  Alten,  unter  denen  alles  Parteitreiben
  längst  in  wesenlose  Tiefe  versunken  ist.  Er  hat  nicht
nur  als  Oberbürgermeister,  als  Minister,  als  stellvertretender
Kanzler  deutsche  Geschichte  ein  Menschenalter  lang  mitgeschaffen,
  sondern  hat  auch  in  der  letzten  Zeit  vor  dem  Umsturze
  als  Kabinettschef  des  Kaisers  es  miterlebt,  wie  eine
von  Deutschen  der  Heimat  gelegte  Mine  die  deutsche  Monarchie
  in  die  Luft  sprengte.  Warum?  Ach,  dieses  qualvolle
„Warum“",  mit  dem  wir  immer  an  den  Pforten  des  Verhängnisses
  rütteln  wollen.  „Die  Demokratisierung  Deutschlands“,
  so  sagt  Delbrück,  „war  in  der  besten  Entwicklung.“
Niemand  habe  die  Notwendigkeit  klarer  erkannt  als  der  Kaiser.
„Na,  nal“  ruft  eine  Stimme  von  links;  und  „Na,  nal“  echot
ermutigt  die  Nachbarschaft.  „Jawohl,  meine  Herren,“  erwidert
  Oelbrück,  „das  muß  ich  wahrhaftig  doch  wissen!
Der  Kaiser  wollte  dem  Volke  ähnliche  Enttäuschungen  wie
1815  und  1848  ersparen;  er  war  fest  dazu  entschlossen!“
Von  nun  an  verstummt  jeder  Zwischenruf.  Man  sieht  aus
Delbrücks  staatsrechtlich-geschichtlichen  Ausführungen  den

72
        <pb n="75" />
        deutschen  Reichsbau  der  Vergangenheit  emporwachsen,  wie
Biemarck  ihn  gestützt  und  gesteift  hat:  die  Fürsten  waren  an
der  Reichseinheit  durch  den  Bundeerat  interessiert,  die  Bölker
durch  den  Reichstag  mit  seinem  freien  Wort;  und  zu  dieser
doppelten  Kuppelung  kam  der  starke  Schutz  durch  jenes
Preußen,  das  von  der  äußersten  Südwestgrenze  bis  zum
äußersten  Nordostzipfel  Deutschlands  reichte  und  jeden  Angriff
auf  das  Reich  als  einen  Angriff  auf  sich  selbst  abwehren  mußte.
Preußen  ging  im  Reiche  auf;  der  Reichskanzler  war  sein
Ministerpräsident,  der  Kaiser  sein  König.  Jeder  preußische
Partikularismus  war  dadurch  von  vornherein  ausgeschaltet.
Oieses  ganze  komplizierte  Spstem  von  Sicherungen  und  Versteifungen
  ist  mun  bis  auf  die  letzte  weggeschlagen.  Oer  erste
Preußsche  Entwurf  unserer  neuen  republikanischen  Berfassung
habe  das  alte  Preußen  zerbrochen,  dafür  dem  Reiche  alle
Macht  geben  wollen,  nach  dem  jetzigen  Entwurf  aber  bleibe
Preußen  eine  Ohnmacht,  und  auch  das  Reich  erfahre  keine
Verstärkung.  Die  Mängel  der  alten  Reichsverfassung  seien
vermehrt  auferstanden,  die  wertvollen  Vorzüge  verschwunden,
und  wir  bekämen  ein  Reich  ohne  Kraft,  in  dem  die  Mittelstaaten
die  landemannschaftliche  Eigenart  ihrer  Sonderheere  und  die
Stammeeeigentümllichkeit  der  Zwetschgenbrennerei  und  allerlei
sonstnoch  verbriefterhalten.  Micht  ein  Entwurf  zur  VBerfassung,
sondern  zur  Auflösung  des  Deutschen  Reiches  liege  hier  vor.
Die  Deutschnationale  Volkspartei  wolle  in  dem  Verfassungsausschuß
  daran  mitarbeiten,  daß  etwas  Hoffnungsvolleres  erstehe.

Nachdem  ihm  das  Konzept  arg  verschoben  ist,  muß  nun  am
Nachmittag  der  demokratische  Abgeordnete  Koch  durch  parteipolitisches
  Poltern  für  die  Galerie  die  Situation  zu  retten
versuchen,  muß  nachher  auch  der  Abgeordnete  Cohn,  der
beiläufig  für  die  nationalen  Rechte  der  jüdischen  Minderheit
in  Deutschland  eintritt,  überreichlich  die  Ausfälle  gegen  das
Bürgertum  häufen.  Aber  zwischen  beiden  steht  der  Deutsche

"  73
        <pb n="76" />
        Volksparteiler  Or.  Heinze,  der  frühere  sächsische  Justizminister
und  Kronjurist,  mit  der  zweiten  großen  staatsmännischen
Rede  dieses  Tages.  Oelbrück  hat  ihm  viel  Wind  aus  den
Segeln  genommen.  So  befindet  er  sich  denn  nicht  in  besonders
günstiger  Lage,  weiß  aber  trotzdem  das  Haus  ebenso  wie  der
Nachbar  von  der  Rechten  in  den  Bann  seiner  Ausführungen
zu  zwingen.  Er  und  Oelbrück  sind  die  beiden  einzigen,  die  den
vaterländischen  Takt  besitzen,  in  dieser  Stunde  der  Not  auf
jede  Parteipolemik  zu  verzichten  und  nur  Positives  zu  bieten.
Das  ist  die  Erhaltung  Preußens  als  Großmacht,  wovon  politisch
  und  kulturell  der  Bestand  des  Reiches  abhängt;  nicht
umsonst  suchte  und  fand  Bismarck  die  dem  Reiche  nötige
Kraft  in  dem  preußischen  Königtum.  HOas  sei  jetzt  dabin.
Dafür  müsse  die  Reichsgewalt  gestärkt  werden;  auch  in  der
Republik  wünschten  wir  keinen  Präsidenten,  der  jederzeit
absetzbar,  jederzeit  strafrechtlich  verantwortlich  sei.  Unser
Parlamentarismus  aber  bedürfe  in  den  Einzelstaaten  —
Oelbrück  hatte  dasselbe  für  das  Reich  vorgeschlagen  —  der  Ergänzung
  durch  ein  Oberhaus  mit  berufsständischem  Wahlrecht.

Es  ist  beute  eine  der  ruhigsten  Sitzungen,  die  wir  in  Weimar
erlebt  haben,  weil  alles  lauscht,  weil  alles,  was  noch  deutsch
empfindet,  mit  heißen  Wangen  und  beißen  Herzen  dasitzt.
Es  dämmert  auch  in  der  Mehrheit  dem  und  jenem  eine
Ahnung  davon  aufs,  daß  wir  nicht  durch  Reden  und  Majoritätsbeschlüsse
  über  die  Berfassung  das  Reich  so  wieder  aufbauen
können,  wie  Biemarck  es  durch  Blut  und  Eisen  schuf.  Die
Verfassung  ist  ein  Paragraphenkleid,  ein  Druckheft  mit  toten
Buchstaben.  „Wenn  Gott  einem  Volke  hat  helfen  wollen“,
sagt  Dr.  Martin  Luther,  „so  hat  er  es  nicht  durch  Bücher
getan,  sondern  er  hat  ihm  Männer  geschickt!“  Nach  diesen
Männern,  nicht  nach  der  Berfassung  schreit  unser  gepeinigtes
Volk.  Die  es  gestürzt  bat,  die  kommen  nicht  wieder.  Wenn
Vott  une  helfen  will,  erstehen  uns  aber  neue.

74
        <pb n="77" />
        Wir  treiben!

Weimar,  1.  MWärz

Cyrano  de  Bergerac  wirft  den  Darstellern  zum  Lohn
seinen  vollen  Geldbeutel  auf  die  Bühne.  Erschrocken  fragen
die  Freunde,  was  er  da  mache,  es  sei  ja  sein  ganzer  Monate
wechsel  darin.  Cyrano  aber  hebt  langsam  seine  Riesennase  gen
Himmesl,  schließt  die  Augen  und  sagt  verzückt:  „Mais  quel  geste!1“

Mit  derselben  Grandezza  des  Gascogners  treten  wir,  die
ehedem  so  schüchternen  Oeutschen,  jetzt  auf.  Die  große  Geste
ist  die  Hauptsache.  Dann  sind  wir  zufrieden,  auch  wenn  wir
bettelarm  geworden  sind  und  der  Hunger  in  die  kalten  Schornsteine
  hereingrinst.

Es  ist  Geste,  wenn  die  drei  Dutzend  weiblichen  Abgeordneten
  der  Nationalversammlung  sich  zusammentun  und  heute
durch  den  Mund  der  Frau  Neuhaus  vom  Zentrum,  die  mit
ihren  65  Zahren  vermutlich  als  Würdigste  dazu  ausgesucht
worden  ist,  eine  Entschließung  an  die  Adresse  aller  Völker
gegen  die  Hungerblockade  und  gegen  die  Gefangenenstklaverei
erlassen.  ,

Es  ist  Geste,  wenn  der  neue  Kolonialminister  Or.  Bell  in
einer  Rede,  die  an  sich  recht  brav  ist,  aber  doch  nur  als  Winsele
von  den  Feinden  aufgefaßt  werden  wird,  unsere  moralischen
Rechte  auf  überseeische  Besitzungen  verficht.

Es  ist  Geste,  wenn  eine  Tagesordnung  von  elf  Gegenständen,
  wie  wir  sie  heute  vor  uns  haben,  wieder  fast  durchweg
  zu  einem  parteipolitischen  Stechen  benutzt  wird:  selbst
dem  bieherigen  Ernährungsminister  Wurm  und  dem  jetzigen
Landwirtschaftsminister  Braun  ist  nur  wohl,  wenn  sie  mit
großartiger  Armbewegung  das  „Agrariertum“  in  den  Sand
gestreckt  zu  haben  glauben.

75
        <pb n="78" />
        Aber  die  guten  Freunde  haben  für  die  Geste  diesmal
weniger  ubrig  als  sonst.  Man  ist  nervös.  Was  aus  Weimar
hinausdringt,  erscheint  beinahe  nicht  mehr  als  so  wichtig
wie  das,  was  nach  Weimar  hereinschallt.  In  dieser  Nervosität
lãßt  man  sogar  ganz  versehentlich  einmal  den  gesunden
Menschenverstand,  nämlich  einen  Antrag  der  Opposition,
siegen.  Einige  besonders  krasse  Notverordnungen  unserer
Regierung  sollen  sofort  im  Ausschuß  auf  ihre  Haltbarkeit
geprüft  werden,  darunter  die  eine,  die  jeden  Bauern-  und
Landarbeiterrat  (oft  sind  das  ganz  ar-  und  halmlose  Oorfschreier)
  ermächtigen,  einem  Grundbesitzer  das  Recht  auf  die
Bestellung  seiner  Felder  zu  entziehen,  wenn  er  nach  Ansicht
dieses  Rates  seine  Pflicht  nicht  in  landwirtschaftlich  richtiger
Weise  tut.  Das  Zentrum,  die  Demokraten,  ja  sogar  einige
Sozialisten  erheben  sich  bei  der  Abstimmung  mit  Recht  für
die  Korrektur  dieses  Unsinns.  Sonst  aber  wird  das  Übergangsgesetz
  in  dritter  Lesung  unverändert  angenommen.  Sämtliche
  BVerordnungen  der  Regierung  Ebert-Scheidemann-Landeberg
  seit  dem  9.  November  behalten  also  Rechtskraft,
soweit  sie  nicht  innerbalb  drei  Monaten  von  der  Nationalversammlung
  außer  Kraft  gesetzt  werden.  Die  Verordnungen
füllen  aber  gedruckt  ganze  Schränke.  Es  wäre  vollkommen
unmöglich)  sie  in  einem  Vierteljahr  allesamt  auch  nur  kurz
durchzuberaten.  Tut  nichts.  Wenn  nur  die  Regierung  ihren
Zolinder  spiegelblank  bekommt!

Wie  Bangquos  Geist  beim  Festmahl  erscheint  in  dieser  Gesellschaft
  die  hohe,  gebückte  Gestalt  des  baverischen  Bauernbündlers
  Dr.  Heim  am  Rednerpult.  Erschauern  geht  durch
die  Reihen,  als  er  verkündet,  ihm  krampfe  sich  bei  der  ganzen
parlamentarischen  Wichtigtuerei  in  Weimar  das  Herz  zusammen.
  Nach  wenigen  Monaten  würden  wir  kein  Brot  mehr
in  Deutschland  haben.  Der  Schauer  verstärkt  sich,  als  die
neuesten  Nachrichten  vom  inneren  deutschen  Kriegsschauplatz

76
        <pb n="79" />
        von  Mund  zu  Mund  gehen.  Ein  Mann,  ein  Königreich  für
einen  Mann!  Aber  was  die  Minister  als  ihrer  Weisheit  letzten
Schluß  verkünden,  ist  nichts  Männliches  mehr.  Sie  treiben
steuerlos  vor  dem  Sturme  der  Unabhängigen  und  Spartakisten
her.  Nun  wird  der  Hauptmast  schon  gekappt.  Oie  ganze
deutsche  Arbeit  wird,  wie  die  äußerste  Linke  schon  seit  Wochen
verlangt  hat,  der  Leitung  durch  die  Unternehmer  entzogen;
an  ihre  Stelle  treten  Arbeiterbetriebsräte,  die  bald  auch  die
politische  Leitung  Deutschlands  verlangen  werden.  Zentrum
und  Oemokratie  machen  besinnungslos  mit.  Auch  unser
Handel  soll  demnächst  sozialisiert  werden.  Ein  beweglicher
Aufruf,  der  diese  Dinge  verkündigt,  geht  sofort  der  Offentlichkeit
  zu.

So  ist  überhaupt  kein  Halten  mehr.  Helfen  könnte  uns  nur
der  sofortige  Arbeitszwang  für  alle  Feiernden  —  wer  nicht
arbeitet,  soll  auch  nicht  essen  —  und  äußerste  bewaffnete  Härte
gegen  alle  bewaffneten  Terroristen,  sonst  treiben  wir  Zuständen
  entgegen  wie  im  Dreißigjährigen  Kriege,  wo  raubend
und  mordend  Landsknechte  umhberzogen  und  in  den  Wäldern
lhrerseits  verwilderte  Bauern  wie  Wolferudel  nach  den
Landesknechten  streiften.  Man  wird  sich  dann  fragen,  was
besser  sei:  ein  Brot,  um  Weib  und  Kind  zu  sättigen,  oder  ein
Beil,  um  sie  zu  erschlagen.

Verfassung  und  Auflösung

Weimar,  3.  März

Nachgerade  haben  die  Verfassungsmacher!  in  Weimar  wohl
alle  das  Gefühl,  daß  irgendwo  ein  Strick  baumelt,  der  sich
nach  ihrem  Halse  sehnt.  Die  Henker  der  Nationalversammlung

77
        <pb n="80" />
        sitzen  ja  mitten  in  ihr.  Das  sind  die  Cohn  und  Genossen  auf
den  Bänken  der  Unabhängigen.  Sie  sind  die  einzigen,  die
sich  pbeute  nicht  von  den  Plätzen  erheben,  als  das  gesamte
Haus  unsere  heimgekehrten  ostafrikanischen  Kämpfer  ehrt,
denn  sie  haben  Wichtigeres  zu  tun;  diese  paar  Mann,  die  man
in  Weimar  noch  sieht,  während  die  Mehrzahl  der  Unabhängigen
draußen  im  Lande  schürt,  sitzen  bier  sozusagen  als  Berbindungsoffiziere
  der  kommenden  neuen  Revolution.  Oie
Verfassungsmacher  aber  werden  noch  in  dem  Augenblick,  in
welchem  die  Schlinge  zugezogen  wird,  mit  dem  letzten  Atemstoß
  krähen,  wie  herrlich  weit  wir  es  gebracht  haben.

Kein  Mencsch  kann  über  die  nächsten  vierundzwanzig  Stunden
  hinwegsehen.  Um  halb  vier  Uhr  nachmittags  beschließt
der  Altestenrat  der  Bersammlung,  daß  das  Haus  sich  von
morgen  ab  für  die  Ausschußberatungen  der  Verfassung  freimachen
  und  erst  in  der  nächsten  Woche  wieder  zu  Vollsitzungen
zusammentreten  solle.  Inzwischen  kommen  neue  Nachrichten
über  die  Auflösung  im  Reiche  und  über  den  Generalstreik
  in  Berlin.  Ha  beschließt  denn  um  halb  sieben  Uhr
nachmittags  der  Altestenrat,  die  Versammlung  solle  nicht
vertagt  werden,  sondern  weiter  sitzen  und  sofort  die
Gesetzentwürfe  über  die  Sozialisierung  vornehmen.
Oie  Alesten  der  Fraktionen,  darunter  natürlich  auch  Cohn  für
die  Unabhängigen,  stehen  im  eifrigen  Geflüster  um  den  Präsidenten
  berum,  während  unten  am  Rednerpult  irgend  jemand
über  irgend  etwas  aus  dem  Verfassungsentwurf  spricht.
Niemand  hört  auf  ihn.  Jedermann  starrt  wie  gebannt  auf  die
Gruppe  oben  am  Präsidium.  Wer  aus  der  Geschichte  weiß,
daß  in  dem  Triebleben  des  Parlamentarismus  nur  die
Angst  vor  der  Unpopularität,  in  kritischen  Lagen  die
Angst  schlechthin,  das  Herrschende  ist,  der  kann  sich  die  Entscheidung
  des  Altestenrates  im  voraus  denken.  Den  Wölfen,
die  uns  umspringen,  wird  ein  Stück  nach  dem  anderen  aus

78
        <pb n="81" />
        dem  daherjagenden  Reichswagen  zugeworfen.  Das  ist  aber
keine  Rettung,  das  steigert  nur  die  Gier.  Wer  Wölfe  nicht
niederschießt,  der  ist  verloren.

Inzwischen  wird  aber  unentwegt  über  die  Verfassung
debattiert.  Keichsminister  Dr.  Preuß  verficht  noch  einmal
den  Eindbeitsgedanken,  für  den  er  —  das  verdient  festgestellt
zu  werden  —  unter  den  Preußen  aller  Fraktionen  von  links
bis  rechts  eine  Mehrheit  hat.  Es  ist  nicht  wahr,  was  über
preußischen  Partikularismus  und  preußische  Engigkeit  immer
wieder  von  den  Parteipolitikern  der  Linken  vorgebracht  wird,
wenn  sie  der  Rechten  eins  versetzen  möchten.  Der  Staat
Friedrichs  des  Großen  hat  nicht  nur  weitherzig  immer  alle
um  des  Glaubens  oder  der  Lehre  willen  Verfolgten  aufgenommen,
  hat  nicht  nur  Refugiês,  Salzburgern,  Emigranten
  und  allen  freien  Köpfen  von  Leibniz  bis  Fichte  ein
Heim  bereitet,  sondern  ist  auch  schließlich  ganz  im  Deutschen
Reiche  aufgegangen.  Wo  sah  man  in  Berlin  noch  preußhische
  Fahnen?  Uberall  an  Festtagen  das  Schwarzweißrot,
während  in  München  in  der  Masse  der  blauweißen  Fahnen
kaum  je  die  Reichefarben  zu  entdecken  waren.  Auch  jetzt  sind
die  meisten  Preußen  für  den  Einheitsgedanken.  Aus  den
Übrigen  Bundesstaaten  aber,  so  heute  aus  Bayern  durch  den
Mund  dee  Abgeordneten  der  Christlichen  Volkepartei  Beierle,
kommen  die  schärfsten  Absagen.  Selbst  in  der  Sozialdemokratie,
  in  deren  Reihen,  dem  Wählerwillen  gehorchend,  viele
Mitglieder  bundesstaatlich  gerichtet  sind,  könnte  nur  durch
Fraktionszwang  eine  einheitliche  Abstimmung  für  den  Einbeitestaat
  erreicht  werden.

Verhältnismäßig  am  einmütigsten  scheinen  die  Demokraten
  zu  sein.  Wenn  heute  noch  die  Pressevertreter  der
Entente  wie  in  den  ersten  Februartagen  auf  der  Tribüne
in  Weimar  säßen,  so  hätten  sie  an  der  Rede  des  demokratischen
Professors  Dr.  Schücking  ihre  belle  Freude.  „Fort  von  Bis-79
        <pb n="82" />
        märck,  zurück  zu  Schiller!“  Das  muß  wie  Musik  den  englischen
  Ohren  klingen.  Sie  gönnen  uns  Weimar  und  sogar
Bayreuth,  sie  gönnen  es  uns  auch,  daß  wir  als  Kellner  sie
auf  unseren  Rheindampfern  bedienen,  wenn  nur  unsere
Flagge  von  allen  Meeren  verschwindet,  unsere  Industrie  von
der  ihrigen  abgelöst  wird  und  kein  Deutscher  ihnen  mehr  die
Verdauung  beim  Länderverschlucken  stört.  An  diese  Dinge
denkt  der  Herr  Professor  wohl  nicht,  dem  man  im  übrigen,
trotz  der  unglaublichen  politischen  Naivität  seiner  Darlegungen,
gerne  zuhört,  weil  es  die  Rede  eines  gebildeten  Mannes  ist,
gespickt  mit  schönen  Zitaten  und  bistorischen  Erinnerungen,
eine  wundervolle  Damenrede  für  den  Frauenbildungsverein
von  Krähwinkel  und  Umgegend.  Als  die  Berliner  Universität,
so  sagt  er,  ihre  Zahrhundertfeier  beging,  da  hätte  sie  nicht
dem  Kaiser,  sondern  lieber  der  Bertha  Suttner  die  Doktorwürde
  verleihen  sollen.  Das  ist  echtester  Schücking.  Er  ha#
jahrzehntelang  für  Pazifismus  und  Völkerverbrüderung  gewirkt.
  Zetzt  tanzt  er  vor  seiner  Bundeslade  ber.  Ee  ist  ganz
alttestamentarisch  feierlich,  und  das  Tribünenpublikum  ist
tief  ergriffen.

Es  gibt  eine  Heuschrecke,  die  nennen  die  Naturforscher  die
Sottesanbeterin.  Oieser  weibliche  Blaubart  im  Tierreich
zeichnet  sich  dadurch  aus,  daß  er  während  der  Hochzeit  seine
Freier  mordet.  Die  Heuschrecke  dreht  sich  um  und  beißt  dem
Männchen,  das  in  seiner  Verzückung  nichts  Schlimmes  ahnt,  den
Kopf  ab.  So  freien  in  Weimar  unsere  Berfassungsmacher  die
Einheit  und  die  Freiheit  und  merken  es  nicht,  wie  lose  ihnen,
bildlich  gesprochen,  der  Kopf  schon  sitzt.  Lede  Revolution  frißt
ihre  ersten  Legitimen.

80
        <pb n="83" />
        Sozialismus  Asiaticus

Weimar,  4.  März

Die  Spartakisten,  die  Unabhängigen,  die  Bolschewisten  sind
nicht  urplötzlich  wie  eine  der  ägyptischen  Plagen  vom  Himmel
gefallen.  Sie  sind  auch  nicht  aus  der  Hölle  emporgestiegen.
Sie  sind  ein  natürliches  Erzeugnis  der  sozialdemokratischen
Angitation,  die  nur  durch  die  frühere  Staatsgewalt  daran  verhindert
  wurde,  ihre  Lehren  in  die  Tat  umzusetzen.  Die  Cohn
und  Genossen  benehmen  sich  im  Parlament  und  in  der  Volksversammlung
  heute  genau  so  wie  einst  die  Scheidemann  und
Genossen,  deren  wüstes  Auftreten  wir  jetzt  nur  schon  zu  vergessen
  beginnen.  Da  aber  beute  der  Staat  machtlos  gewordenist,
haben  wir  nicht  nur  wie  ehedem  eine  Anzahl  revolutionärer
Spießbürger  in  der  Reichsredehalle,  sondern  auf  der  Straße
und  in  den  Betrieben  die  toll  gewordenen  Massen,  diein  wenigen
Wochen  sich  selbst  und  uns  alle  zu  Bettlern  machen  können.

Mit  einer  fast  unheimlichen  Ruhe,  in  einem  so  gleichmäßigen
  Tonfall,  als  verlese  er  etwas  längst  Feststehendes  und
kaum  mehr  Interessierendes,  sagt  der  Unabhängige  Henke-Bremen,
  die  neue  Verfassung  werde  nicht  so  alt  werden  wie
die  bisherige,  —  wenn  sie  überhaupt  zustande  komme.  Nie
seien  wir  der  Eroberung  der  politischen  und  wirtschaftlichen
Macht  durch  die  Arbeiterklasse,  dem  Ziel,  auf  das  die  Sozialdemokratie
  jahrzehntelang  bingearbeitet  habe,  so  nahe  gewesen
  als  jetzt.  Das  Rätesystem  bedeute  natürlich  das  Ende
des  Parlamentarismus.  „Aber  da  wird  Ihnen  nichts  helfen.“
Daß  der  Verfassungsentwurf  nur  die  Versammlungen  Unbewaffneter
  schützen  wolle,  sei  lächerlich;  man  werde  sich  schon
noch  daran  gewöhnen  müssen,  daß  die  Massen  in  Zukunft
sich  stets  bewaffnet  versammelten,  auch  wenn  es  der  jeweiligen

Frledrich  der  Vorläufige  81  6
        <pb n="84" />
        Regierung  nicht  passe.  Auf  die  Demokratisierung  pfeife  die
Masse,  damit  sei  ihr  nicht  gedient.

Oer  fette,  kleine  Henke  spricht  ganz  leidenschaftslos  und  kalt,
ohne  jede  Extase,  etwa  so  wie  früher  die  russischen  Studenten
und  Studentinnen,  die  Mandelstamm  und  Silberfarb,  sich
beim  summenden  Samowar  nüchtern  über  die  Fabrikgtion
von  Bomben  zu  unterhalten  pflegten.  Erditzt  sind  nie  die
Fübrer,  sondern  nur  die  Geführten.  Es  ist  aber  eine  ganz
besondere  JZronie  der  Weltgeschichte,  daß  mit  dem  kalten
Wasserstrahl  nicht  nur,  sondern  auch  mit  Pulver  und  Blei
gegen  den  ganzen  Wahnsinn  jetzt  dieselbe  Sozialdemokratie
auftreten  muß,  die  ihn  seit  über  fünfzig  Jahren  selber  groß--gezogen
  hat.  Der  rote  Reichsminister  Dr.  David,  der  am
Schlusse  der  beutigen  Debatte  zu  Worte  kommt,  nennt  ihn
den  Sozialismus  Asiaticus.  Damit  ist  er  aber  nicht  totzukriegen,
  der  ungebärdige  Sprößling  unserer  alten  Sozialdemokratie,
  daß  sie  ihn  jetzt  verleugnet  und  zu  einem  rassefreimden
  Bastard  stempeln  möchte.

In  diesem  trostlosen  Aneinandervorbeireden  des  unabbängigen
  Fanatikers  und  des  gesättigten  Sozialisten  eingebettet,
  liegt  eine  erquickende  nationale  Rede  des  Führers
der  Deutichen  Volkspartei  Dr.  Stresemann,  der  mit  Treitschkeschem
  Feuer  das  hohe  Lied  von  Preußens  deutschem  Berufe
singt.  Stresemann  ist  einer  der  wenigen  in  der  Nationalversammlung,
  die  ganz  frei  sprechen  und  darum  viel  unmittelbarer
  wirken  als  die  Gilde  derer  vom  Merkzettel.  Der  Unitarismus,
  meint  er,  sei  bei  uns  nicht  durchführbar,  daher  müsse
uns  ein  starkes  Preußen  erhalten  bleiben,  an  das  wir  uns
erneut  in  tiefster  Not  klammern  könnten,  um  uns  allmählich
wieder  emporzuarbeiten.  „Arbeiten  und  nicht  verzweifeln!“
Mit  diesem  Zitat  schließt  der  Redner.  Wenn  nur  die  Arbeit
der  Nationalversammlung  sich  nicht  als  genau  so  nutzlos  erweist
  wie  schon  so  manche  sogenannte  Notstandsarbeit.

82
        <pb n="85" />
        Polen  hat  gesiegt

0

Weimar,  5.  März

Mir  ist  es,  als  sei  es  erst  gestern  gewesen.  Wir  landen  nach
heißem  Fluge  quer  über  Kleinasien,  nachdem  wir  zuletzt  den
wundervollen  Blick  auf  das  Marmarameer  mit  den  Prinzen--inseln
  tief  unter  uns  genossen,  auf  der  europäischen  Seite:
der  in  Konstantinopel  geborene  türkische  Leutnant  polnischer
Herkunft  und  ich.  Der  schlanke,  blonde  junge  Mann,  militärisch
  stets  überhöflich,  der  dauernd  die  Hacken  zusammenschlägt
  und  sich  ruckweise  verbeugt,  wird  plötzlich  noch  schlanker,
nachdem  wir  uns  aus  dem  Fliegerzeug  herausgewickelt  haben,
reckt  sich  mit  glimmenden  Augen  bochauf  und  stößt  ganz  unvermittelt
  hervor:  «  ··

„Pollen  hat  dän  Weltkrieg  gewonnen,  Herr  Majorr!“

So  oder  ähnlich  mögen  die  Söhne  der  Verbannten  von
1863,  wie  auch  dieser  Leutnant  es  ist,  gegen  Ende  des  Krieges
überall  gesprochen  haben,  in  allen  Ländern  Europas,  drüben
in  Amerika,  am  Kap  der  guten  Hoffnung  und  bei  den  Diggern
Australiens.  Seit  1795  haben  sie  auf  den  heutigen  Tag  gewartet,
  über  zwei  furchtbar  blutige  und  erfolglose  Erhebungen
  hinweg,  eine  zerschlagene  und  doch  ungebeugte  Nation.

Sie  haben  „den  Weltkrieg  gewonnen“,  weil  sie  den  nationalen
  Egoismus  zur  Weißglut  brachten;  wir  haben  ihn  verloren,
  weil  wir  in  lauem  Altruismus  der  Menschheit  an
den  Busen  sanken.  Damit  haben  wir  aber  nicht  einmal  der
Menschheit  gedient,  obwohl  wir  une  selber  aufgeopfert  haben.
Wir  haben  die  Barbarei  über  altes  Kulturland  heraufbeschworen,
  das  schon  im  Mittelalter  eine  Pflanzstätte  deutscher  Gesittung
  gewesen  und  seit  Friedrich  dem  Großen  zur  Blüte
durch  unsere  Arbeit  gekommen  ist.  Heute  hallen  im  Netze-83

  6*
        <pb n="86" />
        bruch  polnische  Schüsse  wider,  heute  stehen  Thorn  und  Bromberg
  in  Gefahr,  heute  werden  Hunderte  von  Oeutschen  aus
der  Provinz  Posen  verschleppt,  flüchten  Tausende  von  dort
ihr  nacktes  Leben,  weil  sie  —  als  Deutsche  —  zu  Polnischer
Heeresfolge  wider  das  eigene  Vaterland  gezwungen  werden
sollen;  die  Habe  der  Flüchtlinge  aber  wird  geraubt,  die  deutschen
  Ansiedlergüter  liegen  wüst,  ihr  lebendes  und  totes  Inventar
  wird  an  die  Polen  verteilt.  In  dem  Erzbergerschen
Waffenstillstandsvertrag  haben  wir  uns  zur  Beachtung  der
„Oemarkationslinie"  mitten  in  deutschem  Lande  und  zur
Einstellung  jeden  Angriffs  verpflichten  müssen.  Die  Polen
nicht;  sie  haben  völlig  freie  Hand.

Es  sind  erschütternde  Bilder,  die  anläßlich  der  deutschnationalen
  Interpellation  über  die  Zustände  in  der  Provinz
Posen  von  den  Abgeordneten  der  Rechten  Fräulein  Hr.
Schirmacher,  Schulz-Bromberg  und  dem  Ansiedler  Ohler,
einem  gebürtigen  Rheinländer,  der  in  der  Uniform  des  Posener
  Grenzschutzes  sein  Mandat  ausübt,  entrollt  werden;
Ohlers  von  unzähligen  Sorgenfalten  durchzogenes  hartes
Bauerngesicht  versteht  man,  wenn  man  hört,  daß  ihm  der
älteste  Sohn  don  den  Polen  erschlagen,  der  ganze  Besitz
genommen  wurde.  Der  deutsche  Volksparteiler  Beuermann,
der  auch  als  Kulturträger  aus  dem  Westen  in  den  Osten  gezogen
  ist,  ergänzt  die  Ausführungen  und  schildert  im  einzelnen
die  Sünden  unserer  schlaffen  Regierung,  die  zum  Berluste
Posens  geführt  haben.  Die  Demokraten  Dr.  Herrmann  —
dieser  scheint  nur  versehentlich  in  seine  Partei  geraten  zu  sein,
ist  nach  seinen  Reden  durch  und  durch  deutschnational  —  und
Bärwald  und  Ekke  bringen  ebenfalls  erdrückendes  Material.

Der  Kern  dessen,  was  Erzberger  zu  erwidern  hat,  findet  sich
in  zwei  armseligen  Sätzen:  «

„Die  Durchführung  des  von  den  Alliierten  garantierten

Schutzes  der  Deutschen  ist  Gegenstand  der  besonderen

84
        <pb n="87" />
        Beachtung  der  Waffenstillstandskommission  und  gegenüber
  General  Dupontbereits  zur  Sprache  gebracht  worden.
Leben  und  Eigentum  der  Oeutschen  zu  schützen,  ist  nicht
nur  erste  Pflicht  der  Regierung  und  ihrer  Vertreter,
sondern  auch  Pflicht  der  alliierten  Regierungen,  welche
gegen  alle  polnischen  Ubergriffe  einschreiten  werden.“

Woher  weißt  du,  Panje  Erzberger?  Sind  die  Oeutschen
am  Ende  nur  genau  so  gesichert  wie  ihre  an  die  Entente  ausgelieferten
  Schiffe?  Auf  was  gründet  sich  dein  einfältiger
Elaube?

Es  ist  fast  ubermenschlich  schwer,  an  solche  Einfalt  zu  glauben.
  Wie  dumm  müßten  dann  erst  die  Leute  sein,  die  diesen
Mann  als  überragenden  Politiker  schätzen  und  mit  der  Führung
  der  deutschen  Geschäfte  beauftragt  haben!  Hand  in
Hand  mit  der  völligen  Unkenntnis  der  Psoche  der  fremden
Staatsmänner  geht  bei  Erzberger  die  Uberhebung  über
alles  national  Deutsche,  ja  man  möchte  fast  sagen,  der  Haß
gegen  das  Aufrechte.  Gegenüber  der  Abgeordneten  Schirmacher,
  die  in  leidenschaftlichem  Schmerze  von  der  deutschen
Schmach  gesprochen  hat,  erwidert  er,  der  Waffenstillstand  sei
keine  Schmach,  sondern  eine  Notwendigkeit  gewesen.  Aber
das  Auereißen  des  deutschen  Militärs  aus  Warschau,  das  wenig
tapfere  Verhalten  des  Militärgouverneurs  Beseler,  das
habe  den  Respekt  vor  dem  deutschen  Namen  sinken  lassen.  Er
vergißt  nicht  nur,  sondern  bestreitet  auf  Zuruf  von  rechts
sogar,  daß  die  Soldaten  erst  nach  der  Revolution  auerissen,
obwohl  jeder  Zeitungsleser  das  Datum  feststellen  kann;  und
er  beschimpft  den  General  Beseler,  den  Eroberer  Antwerpens
und  der  russischen  Festungen,  in  ganz  unverantwortlicher
Weise,  denn  auch  das  müßte  er  wissen,  daß  Beseler  bis  zu
seiner  Abberufung  durch  die  Bademax-Regierung  tapfer  und
treu  auf  seinem  Posten  geblieben  ist.  Zum  Schluß  ergeht
er  sich  in  der  alten  Zentrumsweis'  von  den  durch  Preußen

85
        <pb n="88" />
        unterdrückten  Polen,  von  der  Schuld  des  alten  Spsteme.
Allmählich  kommt  une  dieses  Thema  in  Weimar  wirklich  nicht
mehr  ganz  neu  vor.

Das  Ergebnie  der  förmlichen  Anfrage  ist,  daß  die  Regierung
nichts  für  das  Deutschtum  im  Osten  tun  kann,  sich  auch  nicht
einmal  von  ihrem  Unterstaatssekretär,  dem  radikalen  Montagsjournalisten
  v.  Gerlach,  trennen  will,  der  die-  Posener  ans
Messer  geliefert  hat.

Die  Polen,  die  niemals  auch  nur  im  eigenen  Hause  Ordnung
  halten  konnten,  geschweige  denn  im  Staate,  werden
also  die  Kulturarbeit  von  Jahrhunderten  ruinieren,  die  Kulturträger
  ausplündern,  verschleppen,  ihres  Volkstums  berauben.
Bis  die  Weltgeschichte,  die  immer  das  Weltgericht  ist,  einst
zur  vierten  Teilung  Polene,  der  letzten,  schreitet.

Noch  ist  es  nicht  so  weit.  Noch  ist  Polen  nicht  verloren.  Aber
Deutschland.

Hugenberg  zur  Sozialisierung

Weimar,  8.  März

Am  28.  Dezember  1918  hat  der  sozialdemokratische  Staatssekretär
  Dr.  August  Müller  —  aus  der  gestrigen  inhaltreichen
Rede  des  Abgeordneten  Kempkes  von  der  Deutschen  Volkspartei
  entnehmen  wir  das  Zitat  —  vor  einer  Versammlung
von  Pressevertretern  erklärt,  den  gesamten  deutschen  Kohlenbergbau
  sozialisieren  zu  wollen,  sei  ein  Verbrechen,  der  in
diesem  Sinne  gefaßte  Beschluß  der  Reichskonferenz  der  Arbeiterräte
  ein  Blödsinn.

Am  8.  März  1919  und  den  Tagen  davor  und  dahinter  wird
dieses  Verbrechen,  wird  dieser  Blödsinn  auf  Betreiben  der
Sozialdemokratie  zum  Gesetz  erhoben.

86
        <pb n="89" />
        Mit  süßsauerm  Gesicht  hat  der  demokratische  Staatssekretär
a.  O.  Dernburg,  der  bei  allem  dabei  sein  muß,  bis  irgendwo
ein  Pöstchen  für  ihn  abfällt,  sich  grundsätzlich  für  dieses  Verbrechen,
  für  diesen  Blödsinn  erklärt.  Das  Zentrum  steuert
durch  den  Abgeordneten  IZmbusch  die  nötige  sittliche  Begründung
  dazu  bei,  ohne  die  es  für  keinen  gesetzgeberischen
Schritt  zu  haben  ist,  mit  der  es  aber  seelenruhig  in  jeden
Morast  geht.  Schwierig  ist  die  Lage  der  Deutschnationalen,
weil  sie  vor  der  Wahl  bei  dem  allgemeinen  Wettrennen  um
populäre  Forderungen  die  Sozialisierung  der  dafür  „reifen“
Betriebe  auch  in  ihr  Programm  aufgenommen  haben.  Ließe
man  beute  Mumm  oder  einen  anderen  Freund  des  Staatssozialismus
  reden,  so  käme  auch  hier  wohl  eine  Imbuschrede
heraus.

Aber  Hugenberg  spricht,  unter  dessen  Zepter  jahrelang  das
Königreich  Krupp  mitsamt  seinen  über  hunderttausend  Untertanen
  wuchs  und  gedieh.  Sowie  er  aufgerufen  wird,  weiß
man,  wie  der  interne  Kampf  in  der  Fraktion  ausgegangen  ist.
Oie  Theorien  des  Sozialismus  sind  dem  gesunden  Menschenverstande
  unterlegen,  mit  dem  Sugenberg  nachweist,  daß
wir  durch  die  Sozialisierung  der  Kohlenwirtschaft  —  „im
Jeichen  der  Brotkarte,  der  Kriegsgesellschaft,  der  behördlichen
Zuteilung“  —  nicht  zu  einer  Steigerung,  sondern  zu  einer
Verringerung  der  Produktion  kämen.  Die,  wie  der  Reichsminister
  Wissell  selbst  zugegeben  habe,  schwerfällige  und
täppische  Hand  des  Staates  trete  an  die  Stelle  der  unternehmenden
  Persönlichkeit  des  Zechenbesitzers.  Das  sei  die
Verwirklichung  des  Kommuniemus  in  Deutschland,  das  seien
neue,  zwar  nicht  „gottgewollte“,  aber  von  Sozialdemokraten,
Zentrum  und  deutschen  Demokraten  gewollte  Abhängigkeiten,
  ein  wunderbares  Mittel,  um  den  deutschen  Privatbesitz
  —  in  die  Hand  des  Feindes,  in  die  Hand  der  Entente
überzuführen.  Dieses  Gelegenheitsgesetz  schlimmster  Art

87
        <pb n="90" />
        werde  die  Hoffnungen  der  Arbeiter  nicht  erfüllen,  werde  die
Industrie  nur  zum  Tummelplatz  rücksichtsloser  Zersetzung
machen,  bis  allmählich  alles  ruiniert  sei  und  die  Enttäuschten
dann  nur  noch  die  heutigen  Bauern  und  Bürger  totschlagen
könnten.  Die  würden  wieder  aufwachsen  und  leben,  die
werde  es  immer  geben,  sei  aber  die  Industrie  einmal  vernichtet,
  so  sei  es  auch  mit  der  deutschen  städtischen  Arbeiterschaft
  zu  Ende.

Bielleicht  möchten  die  Scheidemann  und  Genossen,  die  mit
höchster  Spannung  zuhören,  dem  Redner  am  liebsten  um  den'
Hals  fallen.  Sie  dürfen  aber  nicht.  Zedes  Berbrechen  und
jeder  Blödsinn  werden  heute  Gesetz,  wenn  die  Straße  es
verlangt.

Eröffnung  des  Preußenhauses

Berlin,  13.  März

Friede,  Freiheit,  Brot  hat  die  Revolution  uns  versprochen;
daher  knallt  es  in  Berlin  immer  noch,  und  das  Leichenschauhaus
  muß  „wegen  Uberfüllung“  weitere  Aufnahmen  ablehnen.
  Keine  1800  Meter  vom  preußischen  Abgeordnetenhause
  entfernt,  an  der  Schloßbrücke,  zieht  sich  der  erste  Drahtverhau
  über  die  Straße.  Man  ist  also  noch  nicht  in  der  Etappe,
sondern  im  Operationsgebiet,  wenn  man  in  die  Prinz-Albrecht-Straße
  geht,  und  braucht  sich  nicht  zu  wundern,  wenn  man
vom  Eingang  zur  Straße  an  bis  zur  Pressetribüne  viermal
Militärposten,  Türstehern,  Kriminalbeamten  seinen  Ausweis
vorzeigen  und  einmal  sich  nach  etwaigen  Waffen  abtasten
lassen  muß.  Ein  Unabhängiger  (nicht  Abgeordneter  oder
Pressevertreter),  der  seinen  Parteichef  im  Abgeordnetenhause

88
        <pb n="91" />
        sprechen  möchte,  tobt,  weil  man  ihn  nicht  durchläßt:  wo  bleibe
da  die  verfassungsmäßige  Offentlichkeit  der  Verhandlungen?
Za,  es  ist  eine  böse  Welt  heutzutage.  Aicht  einmal  mit
Handgranaten  an  der  preußischen  Verfassung  mitarbeiten
  soll  man  meh,  —  „das  Volk“  wird  immer  mehr
entrechtet.

In  dem  Hohen  Hause  selbst  an  die  ierhundert  neue  Gesichter
  und  dazu  nur  ein  paar  Outzend  alte.  Ee  ist  wirklich
gründlich  Kehraus  gehalten  worden.  „Das  alte  Preußen  ist
dahin!"  kann,  in  diesem  Hause  nicht  ohne  Berechtigung,  der
vorläufige  Ministerpräsident  Hirsch  erklären,  der  die  einleitende
Rede  verliest.  Dieselbe  Rede,  wie  wir  sie  sechs-,  acht-,
zehrmal  in  Weimar  auch  gehört  haben.  Ee  sitzen  ja  auch  mindestens
  sechs,  acht,  zehn  völlig  gleiche  Typen  auf  den  Ministerbänken
  hier  wir  dort:  Leute,  die  wie  auch  Hirsch  vorher
sozialdemokratische  Parteijournalisten  mäßigsten  Kalibers  gewesen
  sind.  Sie  haben  entweder  stenographiert  und  hektograpbhiert
  oder  für  irgendeine  „Volksstimme“  in  Krähwinkel
handfeste  Leitartikel  mit  viel  „Jesinnunk“  und  wenig  Kultur
geschrieben.  Hirsch  sagt,  bisher  seien  die  Wege  zu  den  höchsten
Stellen  nur  einer  kleinen  Zahl  Bevorzugter  offen  gewesen,
im  neuen  Preußen  aber  werde  jedes  Talent  zur  vollen  Auswirkung
  gelangen.  Was  heißt  das  in  Wirklichkeit?  Daß  einem
heute  der  „Vorzug“,  den  bisher  Arbeit  und  Studium,  Eramina
  und  Dienstalter  ausmachten,  am  Ende  der  Laufbahn
hböchstens  zu  der  Stelle  eines  vortragenden  Rates  mit  8—12000
Mark  Jahresgehalt  verhilft,  während  höher  hinauf  bis  zu  den
Ministerposten  mit  64,000  Mark  nur  das  „Talent“  gelangt,
das  sich  in  der  Stille  der  Volksversammlungen  gebildet  hat
und  in  der  Einsiedelei  der  öffentlichen  Meinung  groß  geworden
ist.  Die  Partei  ist  die  Gnadenspenderin,  nicht  mehr  der  über
den  Parteien  stehende  König.  Oie  treue  alte  Maschine  läuft
nun  noch;  und  da  wirft  Hirsch  sich  in  die  Brust:  die  Sozial-89
        <pb n="92" />
        demokratie  sei  es,  die  den  vollständigen  Zusammenbruch  der
staatlichen  Ordnung  verhindert  habe!

Ach  nein,  sie  ist  nur  die  Nutznießerin  des  Umschwunges;
arbeiten  läßt  sie  nach  wie  vor  die  anderen  und  beschimpft  sie
überdies.  Sie  selber  behält  sich  die  repräsentativen  hochbezahlten
  Stellungen  vor.  Ein  argentinisches  Sprichwort  lautet:
El  vivo  vive  del  sonzo  p  el  sonzo  de  suo  trabajo.  Auf  deutsch:
Der  Kluge  lebt  von  dem  Dummen,  und  der  Dumme  von
seiner  Arbeit.  Auf  die  pfeift  die  Sozialdemokratie;  die  und
das  Zahlen  überläßt  sie  gerne,  solange  noch  etwas  da  ist,
den  dummen  Bürgerlichen.

Der  Alterspräsident  Herold  von  der  Christlichen  Volkspartei,
  der  nicht  nur  einen  schönen  weißen  Turnvaterbart  hat,
sondern  auch  noch  so  sonor  und  kräftig  sprechen  kann  wie  einst
der  alte  Friedrich  Ludwig  Jahn,  begrüßt  nun  das  Haus  und
erledigt  die  geschäftlichen  Dinge.  Auch  einer  im  Silberhaar,
auch  einer  mit  dröhnendem  Metall  in  der  Kehle,  der  verflossene
knallrote  „Kultusminister“  Adolf  Hoffmann,  fährt  ihm  in
die  Parade.  A#chts  da  Berfassung!  Uber  das  Standrecht  in
Berlin  müsse  morgen  die  erste  Debatte  stattfinden!  Da  unsere
Mehrheitsregierung  immer  die  Geschobene  ist  und  niemals
führt,  da  sie  gewohnheitsmäßig  vor  den  Unabhängigen  zurückweicht,
  wird  der  Antrag  Hoffmann  angenommen,  —  auch
die  Opposition  auf  der  Rechten  muß,  damit  ihr  keine  falschen
Motive  untergeschoben  werden,  nun  mitmachen.  Das  gibt
also  gleich  morgen  einen  heftigen  Tanz.  Er  geht  aber  vielleicht
anders  aus,  als  Hoffmann  denkt.  Und  vielleicht  wünscht  er
dann  im  stillen,  doch  dasselbe  sagen  zu  können  wie  bei
seinem  Auszug  aus  dem  Ministerium:  „Hier  sieht  mir  keener
wieder!“

90
        <pb n="93" />
        Hoffmanns  Erzählungen

Berlin,  14.  März

Am  Rednerpult  des  Abgeordnetenhaufes  steht  seit  geschlagenen
  vier  Stunden  mit  annoch  frischer  Stimme  ein  weißumbuschter
  alter  Mann  und  berlinert.  Det  macht  Laune.  Der
unverwüstliche  Adolf  Hoffmann  ist  es,  der  Urberliner,  dessen
bester  Witz  sogar  geschichtlich  berühmt  werden  wird:  daß  er
sich  im  November  zum  preußischen  Kultus  minister  machen
ließ.  Heute  ist  er  nicht  mehr  Regierung,  sondern  Opposition.
Und  wenn  er  nicht  gerade  seinen  Mutterwitz  spielen  läßt,  nicht
Hauf  Heiterkeit  arbeitet“,  kann  er  sehr  massiv  werden.  Dann
gibt  es  einen  Entrüstungssturm  im  Hause.  Aber  so  giftig
werden  wie  die  Haase  und  Rosenfeld  und  Cohn,  seine  Parteigenossen,
  das  kann  er  doch  nicht,  der  alte  Zehn-Gebote-Hoffmannz;
  dazu  ist  er  ein  viel  zu  ehrlicher  deutscher  Spießbürger.

Er  ist  mitunter  geradezu  verblüffend  ehrlich.  Selbstverständlich
  nicht,  wenn  er  von  Spartakus  —  „dies  Kind,
kein  Engel  ist  so  rein“  —  und  den  Unabhängigen  spricht;  das
kann  man  von  ihm  nicht  verlangen.  Wohl  aber,  wenn  er  als
ehemaliger  Intimus  die  Mehrheitssozialisten  schildert.  Er
selber  ist  der  alte  Sozialdemokrat  geblieben,  der  Rabauz,  wie
sie  es  alle  in  unserer  parlamentarischen  Geschichte  der  letzten
anderthalb  Menschenalter  gewesen  sind,  —  diese  Leute,  denen
einst  Puttkamer  mit  dem  Gesetz,  später  Bülow  mit  Bonmots
den  Garaus  machen  wollte.  Seit  dem  November  1918  sind
aber  die  Rollen  vertauscht.  RNun  sitzen  die  Sozialdemokraten
oben  auf  der  Regierungsbank  und  sehen  sich  gezwungen,  mit
denselben  „Gewaltmitteln“  den  jetzigen  Umsturz  von  links
(aus  der  Haase-Cohn-Rosenfeld-Ecke  her)  zu  bekämpfen,  die
sie  früher  stets  als  das  verbrecherische  Rüstzeug  des  Junker-91
        <pb n="94" />
        und  Klassenstaates  gebrandmarkt  haben.  Zede  Regierung
muß  sich  eben  behaupten,  wenn  überhaupt  Ordnung  im  Lande
sein  soll;  von  Adolf  Hoffmann  aber  bekommt  die  jetzige  Regierung
  genau  das  zu  hören,  was  sie  früher  hundertfach  dem
alten  System“  vorgeworfen  hat.  Kein  Wunder,  daß  die
Sozialdemokraten  da  nervös  werden.  Hoffmann  klagt  sie
an,  daß  sie,  oft  ohne  die  Schuldfrage  zu  untersuchen,  in  dem
jetzigen  Bürgerkriege  durch  ihre  „Noske-Garde“  die  Leute
niederschießen  ließen.

„Zejen  Willem  dem  Zweiten  ha'm  Se  jewettert,  weil
er  nich  wollte,  daß  in  China  Pardong  wirde  jejeben,
und  nun  machen  Se's  an  die  eich'nen  Landesbrieder!“
Stundenlang  erzählt  Hoffmann,  immer  mit  Datum  und

Namen  und  Hausnummer,  was  für  schreckliche  Moritaten
in  Berlin  von  den  Truppen  verübt  würden.  Eine  Sammlung
  von  Hunnenbriefen.  Bieles  davon  ist  sicherlich  beweisloser
  Tratsch,  manches  mag  freilich  stimmen.  Krieg  ist  eben
kein  Pfänderspiel  um  Küsse,  sondern  ein  „roh  gewaltsam
Handwerk“;  aber  dieser  Bürgerkrieg  ist  von  den  Unabhängigen
  und  Spartakisten  angezettelt,  wir  anderen
  sind  im  Stande  der  Notwehr.  Das  ist  es,  was  auch
immer  wieder  die  Empörung  des  Hauses  wider  den  Redner
gexpplodieren  läßt,  wenn  er  nicht  gerade  in  behaglichem  Mutterwitz
  mit  Zwischenrufen  Fangeball  spielt,  sondern  in  sittlicher
  Entrüstung  macht.  Er  schildert  anschaulich,  wie  er  selber
sich  zu  seiner  Wohnung  dieser  Tage  nur  sprungweise,  von
Haustor-zu  Haustor,  habe  retten  können,  weil  immer  wieder
der  gellende  Ruf  der  Posten:  „Straße  frei!“,  auf  den  ein
„sinnloses“  Schießen  folgte,  die  Passanten  gescheucht  habe.
Za,  ist  das  nicht  in  der  ersten  Januarwoche  genau  so  gewesen,
als  es  die  Spartakisten  und  Unabhängigen  machten?  Wir,
die  wir  im  sogenannten  Zeitungsviertel  von  Berlin  wohnen,
werden  das  unser  Lebtag  nicht  vergessen;  und  une  ist  es  jeden-92
        <pb n="95" />
        falls  lieber,  daß  die  Obrigkeit  das  Schwert  nicht  umsonst
trägt,  als  daß  Bassermannsche  Gestalten  in  Zivil  uns  mit
Handgranaten  bewerfen.  Uns  ist  das  lieber,  sagen  wir.
Aber  der  Zehn-Gebote-Hoffmann  hat  ja  so  recht,  wenn  er  die
Regierung  fragt,  wie  sie  dazu  käme,  auf  einmal  die  zweite
(allein  echte)  Revolution  jetzt  zu  verdammen,  nachdem  sie
Nutznießerin  der  ersten  geworden  sei.  Was  der  Sozialdemokratie
  gegen  Wilhelm  II.  recht  gewesen  sei,  sei  den  Unabhän---gigen
  gegen  Scheidemann  billig

Oie  Gerechtigkeit  erfordert  es,  anzuerkennen,  daß  sich  gegen
diese  Beweisführung  Hoffmanns  nichts  sagen  läßt.  Aber
ebenso  richtig  ist  es,  was  vorher  der  Zustizminister  Heine  gegen
die  Unabhängigen  und  ihren  Antrag,  das  Standrecht  sofort
aufzubeben,  erklärt  hat:  die  Unabhängigen  seien  die  Wurzel
des  beles,  die  Spartakisten  nur  die  vergiftete  Frucht;  diese
seien  eine  Verbrecherbande,  jene  ihre  Zuhälter.
So  hat  denn  die  Debatte  wieder  einmal,  wie  wir  es  auch  in
Weimar  so  oft  erlebten,  den  Gewinn,  daß  wir  von  beiden
Parteien  ein  gegenseitiges  Konterfei  erhalten,  dem  es  an  intimen
  Reizen  nicht  fehlt,  weil  beide  einander  jahrelang  Modell
gestanden  haben.  Im  übrigen  aber  hat  man  den  Eindruck,
daß  das  alte  Preußenhaus  nicht  mehr  eine  Stätte  politischer
Arbeit  ist,  sondern  eine  durchaus  entbehrliche  Volksversammlung
  neben  der  von  Weimar,  in  der  es  doch  ständig
dieselben  Themen  gibt.

4

Die  Filiale  von  Weimar

Berlin,  15.  März

Preußen  war  unter  seinen  Königen  auch  ohne  das  Heutsche
Reich  und  vor  dem  Deutschen  Reiche  eine  Großmacht.  Heute

93
        <pb n="96" />
        ist  es  nicht  einmal  mehr  ein  Staat,  sondern  nur  noch  ein  Verwaltungebezirk.
  Nach  dem  Verfassungsentwurf,  den  die
Landesversammlung  zu  beraten  hat,  ist  kein  Staatsoberhaupt
vorgesehen.  Auch  alle  sonstigen  Kennzeichen  der  Souveränität
  fehlen.  Man  will  also  nicht  nur  das  „alte“  Preußen,  sondern
  Preußen  überhaupt  begraben,  ohne  daß  wir  dafür  die
Gewißheit  eintauschen,  daß  ein  starkes  Deutschland  wiedergeboren
  wird.

Man  mochte  den  preusischen  Landtag  früher  einseitig
nennen  oder  reaktionär  oder  sonst  etwas,  so  konnte  man  ihm
doch  eins  nicht  abstreiten:  er  hatte  Charakter.  Er  war  preußisch.
Er  batte  Erdgeruch.  Er  war  in  allen  Vorzügen  und  in  allen
Fehlern  ein  Abbild  des  Landes,  aus  dessen  geschichtlicher  Entwicklung
  er  bervorgegangen  war.  „Wir  können  nicht  wie
Kapitalisten  den  Staub  von  unseren  Füßen  schütteln  und
anderswo  hinziehen,  wir  können  auch  nicht  wie  Beamte
dem  Staate  sagen:  gib  uns  unser  Gehalt,  ganz  gleich,  wie  es
dir  geht;  wir  sind  materiell,  gleichsam  mit  allen  Fafern,  fest
verwachsen  mit  dem  Vaterlande!“  sagte  schon  1860  der  Boizenburger
  Arnim  im  Herrenhause.  Heute  ist  es  anders.  Man
brauchte  kein  Preuße  zu  sein,  sondern  nur  in  Preußen  zu
wohnen,  um  am  26.  Januar  dieses  Jahres  wählen  zu  können.
Das  Wahlrecht  war  daeselbe  wie  zur  deutschen  Nationalversammlung.
  Und  da  Preußen  über  vier  Siebentel  Oeutschlands
  umfaßt,  ist  auch  die  Physiognomie  der  preußischen
Landesversammlung  dieselbe.  Auf  den  Regierungsbänken
siteenn  namenlose  Minister,  die  nur  die  Mitgliedskarte  der  sozialdemokratischen
  Partei  vorweisen  und  sich  „auf  das  Recht
der  Revolution“  berufen  können,  —  das  Gottesgnadentum
ist  beseitigt,  eine  Obrigkeit  von  Maschinengewehrs  Gnaden
regiert.  Genau  dasselbe  fanden  wir  Anfang  Februar  in  Weimar
  vor.  Im  Parterre  aber  sitzt  dieselbe  rot-rötliche,  sozialdemokratisch-demokratische
  Mehrheit,  die  gerade  damit  be-94
        <pb n="97" />
        schäftigt  ist,  das  Zentrum  noch  zur  Verbreiterung  ihrer  Basis
zu  gewinnen.  Irgendeine  Abgrenzung  der  Zuständigkeit  des
Reiches  und  Preußens  gibt  es  auch  noch  nicht,  so  daß  über
dieselben  „Fragen“  hier  wie  dort  debattiert  wird:  es  ist  wie  bei
einer  Volksversammlung,  die  wegen  starken  Andranges  auf
zwei  Lokale  verteilt  wird,  nacheinander  mit  den  gleichen
Reden  hüben  wie  drüben.

Da  aber  das  Reich  immer  mehr  Befugnisse  für  seine  Nationalversammlung
  erhält,  werden  die  anderen  immer  bedeutungsloser.
  Die  preußische  Filiale  wird  allmählich  zur
Rednerschule  zweiten  Ranges  herabsinken,  zu  einer  Vorbereitungsanstalt
  für  die  große  Reicheredehalle,  durch  die  es  zu
Amt  und  Würden  geht.  Zu  sagen  hat  bald  weder  Preußen
etwas  noch  seine  Nationalversammlung.

Dae  ist  eine  noch  viel  gefährlichere  Zertrümmerung  Preußens
als  die  Zerstückelung  auf  der  Landkarte.  In  temperamentvollen
  Ausführungen,  Hergt  in  bisweilen  hinreißendem  Feuer,
v.  Richter  in  ruhigerer  Eindringlichkeit,  weisen  die  Redner
der  Deutschnationalen  und  der  Deutschen  Volkspartei  auf  die
Abgründe,  denen  wir  zujagen,  rufen  uns  ein  Halt  zu  und  ein
Zurück.  Wir  leben  unter  einer  gesetzlosen  und  ganz  undemokratischen
  Diktatur,  die  Hals  über  Kopf  die  tollsten  Experimente
  durch  bloße  Berordnungen  anstellt.  Selbst  der  Zentrumsredner
  Am  Zehnhoff  hbat  so  seine  dunklen  Ahnungen,
daß  dies  und  das  in  dem  Entwurf  einer  vorläufigen  Verfassung
nicht  ganz  reinlich  und  zweifelsohne  sei.  Aber  die  Phalanx
der  Redner  von  der  „anderen  Nation“,  der  Hirsch  und  Heilbrunn
  und  Heilmann  und  Rosenfeld,  marschiert.  Der  betörte
preußische  Wähler  hat  am  26.  Januar  ihr  sein  Geschick  in  die
Hände  gegeben.  Und  diese  stärksten  Hasser  des  alten  Preußens
werden  nicht  eher  ruhen,  als  bis  sie  auch  seine  Zugrunderichter
  geworden  sind.  Sie  sehen  nicht  deutsch  und  nicht
preußisch  aus,  diese  Rotköpfe  und  Blaurasierten,  und  sie

95
        <pb n="98" />
        fühlen  auch  weder  deutsch  noch  preußisch.  Sie  sind  überall,
wie  Mommsen  es  sagte,  „das  Ferment  der  Dekomposition“,
können  nur  zersetzen,  nicht  schöpferisch  etwas  aufbauen.  Nun
sind  sie  dabei,  das  zerschlagene  Preußen  auch  noch  seiner  Staatlichkeit
  zu  entkleidem.  Das  alte  Königreich  wird  zu  einer  Provinz,
  die  von  roten  und  rötlichen  Quacksalbern  verwaltet
wird:  auch  die  bewährte  Beamtenschaft  des  alten  Regimes
muß  ja  über  die  Klinge  springen,  um  beutehungrigen  Parteitigern
  Platz  zu  machen;  und  über  kurz  oder  lang  wird  man
nur  noch  auf  achttägige  Kündigung  dem  Lande  dienen  dürfen.
Schon  einmal  stand  Preußen  vor  der  Gefahr,  seine  Stärke
zu  verlieren  und  von  der  demokratischen  Phrase  ruiniert  zu
werden,  aber  damals  erstand  ihm  noch  ein  Retter,  Otto  v.  Bismarck.
  Am  2.  Ipril  1848  hatte  ihn  das  Grauen  gepackt,  als
er  die  Verwüstung  sah.  Er  erhob  sich  im  Vereinigten  Landtage
und  sagte:  „Die  Vergangenheit  ist  begraben,  und  ich  bedauere
es  schmerzlicher  als  viele  von  Ihnen,  daß  keine  mencchliche
Macht  imstande  ist,  sie  wieder  zu  erwecken,  nachdem  die  Krone
selbst  die  Erde  auf  ihren  Sarg  geworfen  hat  ...“  Dann
sprach  er  noch  einige  wenige  Sätze,  mußte  aber  plötzlich  abbrechen,
  weil  er  nicht  mehr  konnte,  —  weil  ein  Weinkrampf
den  Riesen  zwang,  die  Tribüne  zu  verlassen.  Manch  einem
von  uns  brennen  beute  wieder  die  Augen,  wenn  wir  sehen,  wie
Preußen  zu  einer  unbeträchtlichen  Dépendence  von  Weimar
gemacht  wird.  Wir  schämen  uns,  Nachfahren  zu  sein.

Nutzoses  Gerede

Berlin,  17.  März

Man  tut  mechanisch  sein  Tagwerk.  Man  arbeitet  und  schläft,
man  ißt  und  trinkt,  man  plaudert  und  man  lacht  wohl  auch.
Aber  das  Lachen  erstarrt  bieweilen  plötzlich,  und  ein  Frösteln

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        <pb n="99" />
        läuft  einem  die  Adern  entlang,  wenn  der  Gedanke  an  die  Wirklichkeit
  der  nächsten  JZahre  in  den  Alltag  hereinlugt.  Man
möchte  sein  Handwerk  binwerfen:  was  soll  das  alles  noch
nützen?  Ha  sitzt  man  halbe  Tage  lang  in  den  Parlamenten,
es  wird  unendlich  viel  geredet,  man  vergißt  auf  eine  Weile
die  deutsche  Götterdämmerung.  Blitzende  Wortgefechte,
heiße  Gesichter,  Beifall  und  Entrüstungssturm,  —  Sieg,  Sieg
auf  der  ganzen  Linie,  so  steht  es  in  den  Mienen  der  von  der
Tribüne  Abtretenden  geschrieben,  wenn  die  Fraktionsgenossen
sie  beglückwünschen.  Und  dann  schaut  man  in  das  Abendblatt.
  „Die  Entente  hat  beschlossen  ..  Tilson  ist  damit
einverstanden,  daß...  Die  deutsche  Kauffahrteiflotte  muß
binnen  ...  Has  gesamte  Gold  der  Reichsbank  wird
Also  richtig.  Unsere  schönen  Schiffe.  Und  Erzberger  hat  sich
gedrückt,  der  verantwortliche  Herr  Reichsminister;  er  will  in
der  Friedenskommission  nicht  mehr  mitmachen.  Schlafen!
schlafen!  Wer  nur  schlafen  oder  ein  Jahr  lang  scheintot  sein
könnte.  Was  nützt  das,  wenn  heute  in  der  preußischen  Landesversammlung
  acht  Stunden  lang  über  das  Sündenregister
der  Unabhängigen  und  Spartakisten  gestritten  wird?  Es  wird
dadurch  kein  Spartakist  zu  den  Rechtssozialisten  bekehrt,  kein
Rechtssozialist  umgekehrt  zu  den  Spartakisten  hingezogen.
Auch  kommt  dadurch  nicht  Friede,  Arbeit,  Brot.  Von  den  Abgeordneten,
  die  heute  gegen  die  Hoffmann--Leute  auf  den
Plan  treten,  bringt  der  Demokrat  Riedel  sein  großes  Anklagematerial
  am  lebendigsten  und  wirkungevollsten  vor;  eine  grausige
  Leporelloliste  aus  allen  Ecken  und  Enden  Deutschlands
über  die  Gewalt-  und  Bluttaten  der  Spartakisten  und  Unabhängigen.
  Außerordentlich  eindringlich  wirkt  auch  der
Deutsche  Volksparteiler  Hollmann,  der  als  Lichtenberger
Bürger  lauter  Selbsterlebtes  und  Selbstgeschautes  zum  Besten
gibt.  Aus  des  Deutschnationalen  Dr.  Kaufmann  Rede  (erscheint
als  Polemiker  Kreths  Nachfolger  werden  zu  wollen)  sei  ein

Friedrich  der  Vorläufige  97  7
        <pb n="100" />
        Satz,  den  er  den  Unabhängigen  zuruft,  hier  um  seiner  erschütternden
  geschichtlichen  Wahrheit  willen  verewigt:  „Wenn
Wilhelm  II.  nur  den  hundertsten  Teil  Ihrer  rücksichtslosen
  Brutalität  besessen  hätte,  dann  wäre
er  noch  heute  Deutscher  Kaiser  und  König  von
Preußen!“  Vorbei,  vorbei.  Der,  den  Kaufmann  mit  der
letzten  Abgangegeste  einen  Catilina  genannt  hat,  Adolf  Hoffmann,
  hält  heute  für  seinen  Antrag  auf  Aufhebung  des  Belagerungszustandes
  und  Einsetzung  einer  parlamentarischen
Untersuchungskommission  die  stundenlange  Schlußrede.  Er
wird  ein  wenig  schwatzhaft,  der  gute  Alte.  Hin  und  wieder
eine  nette  kleine  Wahrheit:  der  Generalstreik,  der,  wie
Minister  Heine  erklärt  habe,  der  Anfang  der  Revolte  gewesen
sei,  wäre  doch  ganz  unmöglich  gewesen,  wenn  nicht  —  die
Mehrheitesozialisten  in  Berlin  mit  dafür  gestimmt
bhätten.  Zawohl.  Eleiche  Brüder,  gleiche  Kappen.  Sie  alle
haben  Angst  vor  dem  Votum  der  Straße,  sie  alle  lassen  sich
von  einer  Minderheit  stoßen;  und  obenauf  sind  sie  erst  wieder,
wenn  das  Militär  alles  wieder  in  Ordnung  gebracht  hat.  Was
sind  das  für  Zustände,  für  Menschen!  Man  tut  mechanisch
unter  ihnen  sein  Tagwerk.  Aber  plötzlich  möchte  man  verzweifelnd
  die  Arme  in  die  Luft  werfen.  Wer  kennt  Kubins
Zeichnung:  Das  Grauen?  Man  treibt  auf  wrackem  Schiffchen
  zwischen  Wellenbergen.  Und  aus  einer  Riesenwoge,  die
uns  droht,  wächst  riesengroß  ein  fürchterliches  Elotzauge
empon

Unsere  Staatsgewalt

Berlin,  19.  MWMärz

Es  ist  unerträglich,  wenn  eine  Großmacht,  wie  Polen  es
tst,  von  einem  benachbarten  kleinen  Gernegroß,  der  preußisch-98
        <pb n="101" />
        deutschen  Republik,  mit  Querelln  behelligt  wird.  Mit  diesen
Preußen  und  Deutschen  muß  Fraktur  geredet  werden!  Oder,
noch  besser,  man  gibt  ihnen  überhaupt  keine  Antwort.  Sie
verlangen,  daß  man  „ihre“  Abgeordneten,  die  in  Posen  zur
preußischen  Nationalversammlung  gewählt  sind,  nach  Berlin
reisen  lasse.  Einfach  unerhört.  Der  deutschnationale  Abg.
v.  Kries  ersucht  die  preußische  Regierung,  sie  möge  dafür  sorgen,
daß  die  von  den  Polen  verhafteten  Mitglieder  des  Haufes  freigelassen
  würden  und  ihren  Sitz  einnehmen  könnten.  Der  Ministerpräsident
  Hirsch,  ein  (Gott  sei  dank))  nicht  so  rüder  Mensch  wie
einer  seiner  Borgänger  namens  Bismarck,  erhebt  sich  und  sagt,
man  habe  deswegen  an  die  Polen  Feschrieben,  aber  die  hätten
nicht  geantwortet,  auch  auf  eine  zweite  Anfrage  aus  Weimar
nicht.  Die  Regierung  habe  also  getan,  „was  sie  konnte“,  sie  werde
ihre  „Bemühungen“  noch  fortsetzen,  „boffentlich“  mit  Erfolg.

Was  ist  Tilsit  und  Olmütz,  was  ist  alles  Zusammenbrechen
preußischen  Stolzes  gegen  dieses  jämmerliche  Zusammenknicken!
  Sind  wir  wirklich  schon  eine  kleine  Negerrepublik  geworden,
  die  sich  alles  gefallen  lassen  muß?  Sogar  dem  Oemokraten
  Aronsohn  ist  das  zuviel.  Er  und  alle  anderen  ostmärkischen
  Abgeordneten,  die  zu  Worte  kommen,  mit  besonderer
  Wärme  unter  ihnen  Fräulein  Poehlmann  von  der
Oeutschen  Volkspartei,  verlangen,  daß  die  Regierung  sich
aufraffe.  Wenn  es  nicht  anders  gebe,  müsse  man  bei  den
Polen  durch  Repressalien  die  Achtung  vor  dem  Völkerrecht
erzwingen.  Nur  einer  im  Hause,  der  Unabhängige  Lichtenstein,
  ist  zwar  auch  für  die  Freilassung  der  deutschen  Volksvertreter,
  liest  uns  De#utschen  im  übrigen  aber  den  Tert:
wir  seien  an  allem  schuld,  wir  vergewaltigen  die  Polen!
Herr  Lichtenstein  stellt  sich  als  Vorsitzender  des  Arbeiter-  und
Soldatenrats  von  Hindenburg  (Zabrze)  in  Oberschlesien  vor.
Wie  ein  Arbeiter  sieht  er  nicht  aus.  Wie  ein  Soldat  auch
nicht.  Nur  siddisch  sieht  er  aus  und  spricht  er.  Lang  und  breit

99  7*
        <pb n="102" />
        behandelt  er  die  Verhaftung  eines  „angesehenen“  Polen  in
Hindenburg,  wird  wiederholt  zur  Sache  gerufen,  verzichtet
schließlich  eingeengt  aufs  Wort  und  verläßt  die  Tribüne.
„Endlich,  endlich  !“  wird  ihm  nachgerufen.  Der  Antrag  v.  Kries
wird  einstimmig  angenommen.  Has  ist  sozusagen  ein  Mißtrauensvotum
  gegen  Herrn  Hirsch  und  seine  Regierungskollegen.
  Aber  nichts  rührt  sich  auf  der  Empore.

Der  Rest  des  Tages  ist  dem  Gesetz  über  die  vorläufige
Staatsgewalt  —  hätten  wir  doch  eine  —  gewidmet.  An  der
Annahme  des  Entwurfes  nebst  den  im  Ausschuß  hinzugekommenen
  Ergänzungen  ist  nicht.  zu  zweifeln;  so  sind  die  Reden  dazu
denn  auch  kurz.  Einen  längeren  Aufenthalt  gibt  es  nur  durch
die  agitatorischen  Ausführungen  des  Unabhängigen  ODr.  Rosenfeld,
  der  da  behauptet,  das  Wort  „Republik“  sei  fest
„verankert“  in  den  Herzen  des  deutschen  Volkes,  und  der  da
verlangt,  daß  der  Ausschluß  der  Hohenzollern  „für  ewig“
in  der  Verfassung  festgelegt  werden  müsse,  und  der  sich  nicht
entblödet,  die  Beschlagnahme  auch  des  Privatvermögens  des
Königs  zu  verlangen.  Mit  demselben  Rechte,  so  wird  ihm  erwidert,
  könne  die  Regierung  ja  auch  ihm,  dem  Dr.  Rosenfeld,
seine  Habe  konfiezieren,  weil  er  „ein  gefährlicher  Mann“
sei;  und  im  übrigen,  sagt  ihm  ein  anderer  Redner,  Dr.  Leidig,
müsse  er  doch  wohl  wissen,  daß  das  preußische  Königshaus
1807  seinen  ganzen  alten  Besitz  der  Nation  übereignet  habe.
Za,  wo  soll  er  das  herwissen?  Die  Weltgeschichte  beginnt  doch
erst  am  9.  November  1918.

Noch  „vorläufig“,  aber  „geseßlich“.

Berlin,  20.  März

Habemus  papam.  Bisher  war  der  Genosse  Hirsch  preußischer
Ministerpräsident  nur  von  Revolution  wegen,  nicht  von  Rechts

100
        <pb n="103" />
        wegen.  Endgültig  ist  er  auch  heute  noch  nicht  Leiter  der  preußischen
  Politik  geworden,  sondern  nur  vorläufig;  aber  er  hat
wenigstens  sein  gesetzliches  Mandat  von  dem  Präsidenten  der
verfassunggebenden  Landesversammlung  erdhalten.  Das
Haus  hat  einen  besonderen  Staatspräsidenten  in  der  Notverfassung
  abgelehnt;  es  will  alleine  regieren  und  sich  dazu
einen  Ministerpräsidenten  als  Geschäftsführer  bestellen.  In
dem  Augenblick,  in  dem  das  Gesetz  über  die  vorläufige  Staatsgewalt
  mit  allen  gegen  die  Stimmen  der  Unabhängigen  angenommen
  ist,  erbhebt  sich  Hirsch  und  legt  sein  Mandat,  das
er  „aus  der  Revolution  empfangen“,  in  die  Hand  der  „gesetzlichen
  Bertreter  des  preußischen  Bolkes“  zurück.  Der  Präsident
  der  Landesversammlung  bittet  jhn,  einstweilen  weiter
amtieren  zu  wollen.  Herr  Hirsch  nickt  sauertöpfisch  und  müde.
Es  sind  ja  alles  nur  Faxen,  republikanisches  Zeremoniell,
herzlich  überflüssig.  Der  Revolutionsminister,  der  vorläufige
  Minister,  der  endgültige  Minister:  Hirsch  hieß  er,
Hirsch  heißt  er,  Hirsch  wird  er  beißen,  daran  zweifelt  kein
Mencch.

Ein  besonderes  Vergnügen  istes  beute  nicht,  mit  der  Preußenpolitik
  belastet  zu  sein,  und  Hirsch  ist  schon  heute  so  abgearbeitet,
wie  nur  je  einer  seiner  Vorgänger.  Wer  seine  Kollegen  sein
werden,  weiß  man  noch  nicht.  Hinter  den  Kulissen  wird  noch
immer  lebhaft  „gekuhhandelt“.  Ein  alter  Fortschrittler,  Fischbeck,
  bemüht  sich  eifrig  um  das  Ministerium  des  Innern,  weil
er  gar  zu  gern  mal  „mit  den  Landräten  Schlitten  fahren“
möchte.  Für  jedes  Portefeuille  hat  man  schon  ein  halb  Dutzend
Anwärter.  Aber  die  große  Frage,  ob  nur  Sozialdemokxatie
und  Händlerdemokratie  oder  ob  auch  das  Zentrum  die  Amtssessel
  besetzen  solle,  ist  zur  Stunde  noch  nicht  entschieden.  Die
„vorläufige“  Staatsverfassung  aber  ist  jedenfalls  unter  Dach
und  Fach.

Die  Opposition  hat  einen  Redner  nach  dem  anderen  vor-101
        <pb n="104" />
        geschickt,  um  hier  und  da  Verbesserungen  des  Entwurfes  zu
empfehlen,  aber  es  ist  alles  abgelehnt  worden.  Aur  ein  einziges
  Amendement,  das  auch  von  den  Demokraten  durch  den
Pfarrer  Liz.  Rade  in  ähnlicher  Form  aufgenommen  wird,
findet  Gnade  vor  den  Augen  der  Versammlung:  während  im
übrigen  alle  Befugnisse  des  bisherigen  Königs  von  Preußen
auf  die  Staatsregierung  übergehen,  sollen  sie,  soweit  sie
kirchenrechtlicher  Natur  sind,  nur  einem  evangelischen  Minister
übertragen  werden  können;  denn  es  geht  ja  wirklich  nicht  gut,
daß  ein  Jude  nun  oberster  Bischof  der  evangelischen  Landeskirche
  wird.

Allzu  viele  Befugnisse  bleiben  in  Preußen  sowieso  nicht
erhalten.  Der  Finanzminister  Dr.  Südekum  teilt  dem  Hause
mit,  daß  dem  preußischen  Staate  auch  sein  finanzielles  Rückgrat
  der  früheren  Zeiten,  die  Eisenbahn,  gebrochen  werden
soll.  Einigt  man  sich  nicht  in  gewisser  Zeit  mit  dem  Reiche,
so  bestimmt  das  Reich  die  Bedingungen,  unter  denen  es  die
Bahnen  übernimmt.  Nach  Fochscher  Art  also:  friß,  Vogel,
oder  stirb!  Die  Versammlung  in  der  Prinz-Albrecht-Straße
aber  wird  über  kurz  oder  lang  nur  noch  ein  besserer  Provinzial-„Landtag
  sein;  wie  umgekehrt  jedes  Gemeindekollegium  zu
einem  politischen  Parlament  sich  entwickelt.  Alles  über  einen
Leisten.  Das  ist  Demokratie.

Los  von  Preußenl

Berlin,  21.  März

In  der  alten  Verfassung  des  Fürstentums  Liechtenstein
war  das  passive  Wahlrecht  zur  Kammer  nicht  nur  an  ein
größeres  Vermögen  geknüpft,  sondern  die  Herren  Kandidaten

102
        <pb n="105" />
        mußten  auch  von  nachgewiesen  „verträglicher  Gesinnung“
sein.  Bei  uns  genügt  Unbescholtenheit  und  Wahlalter.  Sicherlich
  sind  die  Zentrumsmitglieder  in  der  preußischen  Landesversammlung
  der  Ansicht,  daß  der  Elberfelder  deutschnationale
Oberlehrer  Linz  ein  ganz  unverträglicher  Patron  sei,  und  daß
es  sehr  schön  wäre,  wenn  wir  die  alte  Liechtensteiner  Verfassung
  besäßen  und  ihn  vor  die  Tür  setzen  könnten.  Denn  er
packt  wirklich  derb  zu.  Bei  der  Begründung  der  förmlichen
Anfrage  der  Rechten,  was  die  Regierung  gegen  die  Absonderungsgelüste
  einer  „rbeinisch-westfälischen  Republik“  zu  tun
gedenke,  greift  er  herzhaft  in  das  Wespennest  der  „Kölnischen
Volkszeitung“.  Temperament  hat  er  wirklich  wie  ein  junger
Studienreferendar  nach  der  Bizefeldwebelübung.  Es  ist
schäumender  Wein;  Wuppertaler  Kulturkampf-Auslese,  meinen
  die  Betroffenen.  Die  Gründe  zu  den  Absonderungesgelüsten
  seien,  so  erklärte  Linz,  mannigfacher  Art:  nicht  nur
der  Wunsch,  der  Entente  gegenüber  finanziell  besser  wegzukommen,
  spiele  mit,  sondern  auch  konfessionelle  Besorgnis
nach  der  Episode  Adolf  Hoffmann  und  politischer  Abscheu  vordem
bolschewistischen  Berlin.  Im  evangelischen  Rheinland  und  in
ganz  Westfalen  denke  kein  Mensch  an  eine  Lösung  von  Preußen;
die  Bewegung  beschränke  sich  auf  Kölner  katholische  Kreise.
Ob  solcher  unverträglichen  Reden  rutscht  im  Zentrum  alles
unruhig  auf  den  Sitzen  hin  und  ber.  Irgendein  Tünnes  ruft
sogar  sein  „Lüge!  Lüge!“  immer  wieder  dazwischen.  Der
Oemokrat  Dr.  Schloßmann  und  der  Mehrheitssozialist  Runge
gießen  ein  wenig  Ol  auf  die  Wogen  der  Erregung;  an  den  Absonderungsgelüsten
  seien  weder  Hoffmann  noch  Scheidemann,
weder  konfessionelle  noch  politische  Angste  schuld,  denn  schon
am  10.  November  sei  der  Plan  der  westdeutschen  Republik
zuerst  aufgetaucht.  Und  dann  wieder  am  4.  Dezember,  einen
Tag  vor  dem  Einzug  der  Engländer.  Ee  handele  sich  um  bestimmte
  enge  Kreise,  die  Anschluß  an  die  Entente  suchten,  sub-103
        <pb n="106" />
        jektiv  durchaus  deutsch  denkende  Kreise,  die  aber  unter  dem
Einfluß  eines  elsässischen  Pazifisten  ständen,  der  rege  Beziehungen
  zur  Entente  unterhalte.

Mit  dem  gewohnten  weltschmerzlichen  Gesicht  erbebt  sich
mun  zur  Beantwortung  der  Interpellation  der  Ministerpräsident
  Hirsch  und  spricht  mit  beruhigender  Ruhe,  ganz
ohne  Pathos,  und  wirkt  trotzdem  —  wie  eine  Sensation.
Bisher  hörten  wir  aus  sozialdemokratischem  Munde  immer
nur  unverständiges  Schelten,  wenn  die  Rede  auf  Preußen
kam,  jenes  Preußen,  dem  wir  nichts,  aber  auch  rein  gar  nichts
zu  verdanken  bätten.  Hirsch  aber  spricht  nicht  wie  jene  Botokuden.
  Er  versteigt  sich  sogar  zu  dem  Satze:  „Preußens
verwaltungstechnische  und  kulturelle  Leistungen  sind
wirkliche  Werte,  dienicht  verlorengeben  dürfen!“  Wie
man  sieht,  kann  also  die  Sozialdemokratie  reden  links  und
auch  reden  rechts.  Hat  sie  einen  Hoffmann.,  bat  sie  auch  einen
Haenisch;  und  auf  einen  polternden  Fischer  in  Weimar  folgt
ein  weiser  Hirsch  in  Berlin,  —  wer  vieles  bringt,  wird  manchem
etwas  bringen.  Gegen  die  heutige  Rede  des  Ministerpräsidenten
  kann  der  preußischste  Preuße  kaum  etwas  einwenden.
Den  Beschluß  des  Verfassungsausschusses  in  Weimar,  daß  die
Nationalversammlung  jederzeit  durch  einfache  Mehrheit  das
Gebiet  einzelner  Gliedstaaten  zerreißen  und  zusammenlegen
könne,  erklärt  auch  er  für  ein  Unglück,  gegen  das  es  alle  Kräfte
der  Uberredung  einzusetzen  gelte.  Und  so  redet  er  denn  schon
heute  zunächst  dem  kölnischen  Sentrum  gut  zu  wie  einem
kranken  Kinde.  "

Das  „Los  von  Preußen!“,  das  jetzt  die  Regierung  und  das
hohe  Haus  so  erschreckt,  ist  unseres  Erachtens  eine  ganz  natürliche
  Folge  der  allgemeinen  Auflösung  in  Oeutschland.
Unzufriedenheit  mit  der  Berliner  Regierung  hat  es  auch  in
früheren  Zeiten  häufig  genug  gegeben.  Als  Finanzminister
Miquel  sein  scharfes  Einkommensteuergesetz  herausbrachte,  be-104
        <pb n="107" />
        fürchtete  die  „Kölnische  Zeitung“  eine  Revision  der  monarchischen
  Gesinnung  in  weiten  Kreisen.  Und  ein  Menschenalter
  früher,  während  des  preußischen  Militärkonfliktes,  entfernte
  sie  den  preußischen  fliegenden  Adler  aus  ihrem  Titelkopf.
  Aber  an  Abfall  hat  das  Rheinland  doch  nie  gedacht.  In
einem  geordneten,  festgefügten  Staate  kommt  man  eben  nicht
auf  solch  wahnwitzige  Gedanken.  Haben  wir  erst  wieder  einen
starken  Staat  und  ein  starkes  Reich,  dann  hören  die  Absonderungegelüste
  sofort  auf;  auch  wenn  wir  nach  wie  vor  eine  so
vielgestaltige  Nation  bleiben,  in  der  schon  der  Sachsenhäuser
mit  dem  Frankfurter  außer  dem  Apfelwein  nichts  gemein  zu
baben  glaubt.

Preußens  Schwächung

Berlin,  22.  März

Begeisterung  ist  keine  Heringsware,  die  man  einpökelt  auf
einige  Jahre,  lautete  das  Verschen,  das  Goethe  der  Berliner
Intendanz  schickte,  als  die  Aufführung  von  „Oes  Epimenides
Erwachen“  immer  wieder  verschoben  wurde.  Wie  mit  der
Begeisterung,  so  ist  es  auch  mit  der  Entrüstung.  Aicht  umsonst
haben  wir  es  uns  angewöhnt,  Proteste  immer  „flammend“
zu  nennen.  Oer  Protest  gegen  die  Loeslösung  einer  westdeutschen
  Republik  von  Preußen  schwelt  aber  nun  schon  den
zweiten  Tag  und  wird  noch  an  einem  dritten  ein  wenig  aufzischen
  und  dann  verpuffen.  Nach  Oberschlesien  und  Rheinland-Westfalen
  und  dem  Regierungebezirk  Erfurt  kommt  demnächst
  vielleicht  Pommern  oder  die  Magdeburger  Börde  und
verlangt  Selbstbestimmungsrecht  unter  der  Parole  „Los
von  Berlin“,  wie  schon  Franken  und  die  Oberpfalz,  Schwaben

105
        <pb n="108" />
        und  Neuburg  längst  „los  von  München“  sein  wollen.  Ge--hören
  wir  nicht  zu  diesen  Landesteilen,  so  protestieren  wir
gegen  sie,  stückweise  und  tagelang  natürlich,  und  gehören  wir
zu  ihnen,  so  protestieren  wir  auch,  —  nämlich  gegen  den  Vorwurf,
  daß  es  uns  an  Reichstreue  fehle.  Ist  Kastert  nicht  ein
ehrenwerter  Mann  und  Oeutscher?  Has  sind  sie  alle,  alle
ehrenwert  und  deutsch.  Oie  tiefste  Ursache  dieser  allgemeinen
zentrifugalen  Bewegung  in  Deutschland  (nicht  in  Preußen
allein)  ist  aber  immer  noch  nicht  genannt  worden;  es  handelt
sich  mur  ganz  beiläufig  um  eine  Gegenwirkung  gegen  Fehler
und  Versäumnisse  des  „alten“  oder  des  „neuen“  Preußens,
der  Ara  Puttkamer  oder  der  Ara  Adolf  Hoffmann,  und  das
gleiche  gilt  von  dem  „alten“  und  dem  „neuen“  Bayern;  im
Grunde  sind  alle  die  Loslösungsbestrebungen  weiter  nichts
als  ein  verzweifelter  Protest  aller  nun  enger  aneinanderrückenden
  Landsmannschaften  gegen  die  Schwäche  des
Staates,  der  seit  dem  November  vorigen  Zahres  für  niemand
  mehr  ein  sicherer  Halt  sein  kann.  Von  einem  starken
Preußen  will  niemand  weg,  auch  wenn  es  rauh  und  bürokratisch
  und  reaktionär  und  einseitig  ist;  und  wenn  heute  ein
starkes  Preußen  wiedererstände,  würden  morgen  alle  Selbständigkeitswünsche
  verstummen.  Mit  viel  weisen  Reden  versucht
  jetzt  die  Revolutionsregierung  die  Bewegung  zu  hemmen.
Abesr  sie  selbst  ist  ja  an  allem  schuld.  Sie  ist  es,  die  den  wohnlichen
  Bau  zerschlagen  hat,  aus  dessen  Trümmern  man  jetzt
hie  und  da  Notunterstände  zu  errichten  versucht.

Eine  tiefe  Erkenntnis  dieser  Dinge  scheint  in  dem  rheinischen
  Zentrumsmann  Kastert  aufzudämmern,  dem  Führer
der  Kölner  Sezessionisten,  der  mit  der  Revolution  und  der
Republik  „gar  nicht  einverstanden“  ist  und  die  furchtbare  Lage
des  linksrheinischen  Gebietes  uns  eindringlich  schildert:  wie  es
war,  als  die  zuchtlosen  revolutionierten  Horden  der  Etappe
zurückströmten,  und  wie  es  sein  wird,  wenn  Frankreich  seine

106
        <pb n="109" />
        alten  Annexionswünsche  durchzusetzen  versucht.  Welsch  wollen
sie  nicht  werden,  die  Rheinländer;  aber  als  Rheinländer,  so
denken  die  um  Kastert,  sind  sie  stärker  und  klüger  als  das  ganze
jetzige  Preußen.  Behaglich  und  selbstsicher  in  allen  Stürmen,
mit  dem  glattrasierten  runden  Gesicht  und  den  weinfrohen
Auglein  wie  ein  Olbild  von  Grützner,  so  steht  dieser  Politikus
da  und  versteht  es  nicht,  wie  man  sich  über  ihn  und  seines--gleichen
  überhaupt  entrüsten  könne.  Nie  habe  man  mit  der
Entente  verhandelt.  Man  sei  doch,  weiß  Gott,  durch  und  durch
deutsch.  Beim  Reiche  wolle  man  selbstverständlich  bleiben.

Wir  liegen  entwurzelt  da  und  versuchen  uns  nun  neu  an
die  Heimaterde  zu  klammern,  vorerst  die  der  Provinz.
Entwurzelt  sind  wir  durch  die  Revolution.  Sie  und  nur  sie
hat  das  fertiggebracht,  woran  unter  der  Monarchie,  auch  einer
geschlagenen,  kein  Mensch  gedacht  bätte,  denn  über  den  Rheinbundsgeist
  sind  wir  wirklich  schon  innerlich  hinausgewachsen.
Unter  den  Rednern,  die  Kastert  erwidern,  findet  der  Demokrat
Jansen  wohl  die  stärksten  Töne,  obwohl  auch  die  Herren  der
Rechten,  Dr.  Moldenhauer  von  der  Oeutschen  Volkspartei
und  v.  d.  Osten  von  den  Deutschnationalen,  ein  heißes  Bekenntnis
  zu  Preußen  abgelegt  haben.  Das  ganze  Haus,  einschließlich
  des  Regierungsvertreters  Dr.  Freund,  der  eine
sentimentale  Verwahrung  gegen  seine  eigenen  Leute  in
Weimar  loslassen  muß,  ist  einig;  auch  das  Zentrum  will  —
bloß  mißverstanden  sein.

Anzapfungen

Weimar,  235.  Wärz

Von  der  ersten  Sitzung  eines  Parlaments  nach  einer  größeren
  Pause  erwartet  niemand  welterschütternde  Ereignisse.

107
        <pb n="110" />
        Pausiert  hat  man  in  Weimar,  um  die  Zeit  durch  eifrige  Beratung
  der  Berfassung  im  Ausschuß  auszufüllen.  Der  Ausschuß
  hat  aber  erst  einen  Bruchteil  seiner  Arbeit  fertiggebracht,
so  daß  es  noch  wochenlang  dauern  wird,  bis  die  Vollversammlung
  die  Berfassung  vornehmen  kann.  1
Statt  dessen  stehen  heute  kleine  Anfragen  und  zwei  Interpellationen
  auf  der  Tagesordnung.  Die  kleinen  Anfragen,
an  die  sich  keine  Debatte  knüpft,  sind  vor  etlichen  Jahren  bei
uns  eingeführt  worden,  weil  sie  in  ausländischen  Parlamenten
auch  Mode  sind  und  weil  wir  uns  doch  alles  Scheindemokra---tische
  auch  leisten  müssen.  Anderswo  dienen  sie  meist  dazu,
um  der  Regierung  die  Gelegenheit  zu  irgendeiner  Erklärung
zu  geben,  auf  deren  Kundmachung  sse  selber  Wert  legt.  Oft
werden  daher  Anfragen  und  Antworten  vorher  unter  der
Hand  vereinbart.  Der  gründlichere  Deutsche  aber  vermeint,  das
sei  ein  Mittel,  um  die  Regierung  jederzeit  zwingen  zu  können,
Rede  und  Antwort  zu  stehen,  zum  mindesten  ein  Mittel,  um
die  Regierung  zweimal  wöchentlich  anzuzapfen  und  zu
zwacken.  ODa  könne  also  ein  Volksvertreter  seinen  Wählern
ungemein  imponieren,  wenn  auf  seinen  Wink  die  Minister
ganz  beflissen  Bescheid  gäben.  NRun  sind  es  aber  meist  keine
Minister,  sondern  Kommissare,  und  klarer  als  die  delphische
Pothia  sprechen  sie  auch  nicht.  Enttäuschung  und  Wut  der
Frager  sind  die  natürliche  Folge.  So  fragt  der  Kölner  Oemokrat
  Falk  heute,  wo  es  überhaupt  Fragen  regnet,  nach  der
Versorgung  des  linkerheinischen  Gebietes  mit  Lebensmitteln
und  erhält  als  Antwort  vom  Unterstaatssekretär  v.  Braun
nach  einigen  ausweichenden  Allgemeinheiten  eigentlich  nur
die  Mahnung  an  die  linkerheinische  Bevölkerung,  sie  möge
sich  nicht  die  Köpfe  verdrehen  lassen.  Als  Falk  nun  ganz
präzise  die  „ergänzende“  Anfrage  stellt,  ob  man  in  nächster
Zeit  Mehl  und  Fett  bekommen  werde,  wird  ihm  überhaupt
keine  Antwort  zuteil;  dabei  gehört  er  doch  selbst  zur  regieren-108
        <pb n="111" />
        den  Mehrheit.  Die  in  der  Opposition  befindlichen  Unabhängigen
  erreichen  ihre  Zwecke  ebensowenig,  als  sie  sehr  wißbegierig
  fragen,  ob  etwas  Wahres  daran  sei,  daß  die  Regierungstruppen
  in  Halle  unmenschlich  verfahren  seien,
ferner,  wann  dieser  organisierte  Meuche#bmord  aufhören  werde,
ferner,  was  die  gesetzlichen  Unterlagen  zum  Schießerlaß
Roskes  seien,  ferner,  warum  man  die  Unabhängigen-Zeitungen
„Freiheit“  und  „Republik“  verboten  habe.  Natürlich  wird
ihnen  nicht  geantwortet,  was  sie  wünschen.  Sie  stellen  nun
ergänzende  Anfragen.  Aber  Noskes  Adjutant,  Major  v.  Gilsa,
der  übrigens  ganz  parlamentarisch-demokratisch  in  bürgerlichem
  Gehrock  erscheint  und,  wie  der  Kuckuck  aus  der  Schwarzwalduhr,
  bei  jeder  Frage  kommt  und  wieder  verschwindet,
antwortet  auf  die  letzten  drei  „ergänzenden“  Anzapfungen
nur,  er  habe  seiner  Antwort  „nichts  hinzuzufügen“.  Der  Abgeordnete
  Haase  kriegt  darauf  einen  Wutanfall  und  schreit,
das  sei  ja  eine  Verhöhnung  des  Parlaments.  Er  weiß  wohl
gar  nicht,  daß  Gilsas  Redewendung  wörtlich  dieselbe  ist,  wie
sie  im  englischen  Unterhaus  üblich  und  historisch  ist.  Dort  fällt
sie  niemand  auf.

Wir  haben  die  ganze  Einrichtung,  die  für  uns  gar  nicht  paßt,
sinnlos  einfach  kopiert  und  sollten  uns  nun  nicht  über  die
Sinnlosigkeit  dieser  pseudo-demokratischen  Einrichtung  ärgern.
  Weit  eher  paßt  für  unsere  Verhältnisse,  in  denen  die
Kunst  des  Parlamentelns  noch  nicht  Tradition  ist,  die  Interpellation
  oder,  wie  man  sie  heute  nennt,  die  förmliche  Anfrage,
an  die  sich  stets  eine  ausführliche  Besprechung  schließt.  Aber
auch  da  ist  das  Ergebnie  meist  gleich  Null.  Diesmal  interpellieren
  Deutschnationale  und  Christliche  Volkspartei  wegen
der  jammervollen  Lage  des  Handwerks  und  Kleingewerbes.
Der  Wirtschaftsminister  Wissell  weiß  darauf  Wetzlich  und
Zrl  auch  nur  etwa  zu  erwidern,  daß  die  große  Armut  von  der
großen  Powerteh  herkomme.  Was  die  Regierung  dagegen  zu

109
        <pb n="112" />
        tun  gedenke,  erfahren  wir  nicht.  Ooch,  eines  hören  wir:  es
ist  eine  Hilfskasse  mit  200  Millionen  Mark  ins  Leben  gerufen
worden,  die  dem  daniederliegenden  Geschäfteleben  durch
Kredite  bei  Aufträgen  wieder  aufbelfen  soll.  Aber  das
kommt  ja  den  Kleinen  keinesfalls  zugute.  Selbstverständlich
geht  man  nach  einer  solchen  förmlichen  Anfrage  mit  einem  Gefühl
  der  Leere  in  Hirn  und  Magen  auseinander.  Natürlich
kann  aus  der  bloßen  Anzapfung  eine  schwere  Niederlage  der
Regierung  werden,  wenn  am  Schlusse  der  Debatte  etwa  ein
Mißtrauensvotum  beantragt  und  angenommen  wird.  Das
ist  aber  hier  undenkbar.  Wir  haben  nicht  wie  die  Engländer
und  Franzosen  wechselnde  Mehrheiten.  Wir  haben  den  alten
Bethmann-Block,  und  der  hält  wie  Pech  und  Schwefel  zusammen,
  um  seine  Sünden  zu  decken.  Selbstverständlich  hat
er  zu  sich  selber  volles  Bertrauen  und  erteilt  sich  nicht  ein  Mißtrauensvotum.
  Selbstverständlich  sind  auch  die  demokratischen
und  Zentrumsanfragen  daher  nicht  viel  mehr  als  ein  Kitzeln
der  Regierung.  Sie  lacht  dazu  mit  todernster  Miene.

Scheidemann  gegen  Ludendorff

Weimar,  26.  März

Der  jetzigen  Regierung  steht  das  Wasser  bis  an  den  Hals.
Die  Dämme  der  Lüge,  von  jener  ersten  furchtbaren  Lüge  des
9.  November  angefangen,  daß  der  Kaiser  abgedankt  habe,
werden  von  der  Wahrheit  überflutet.  Nun  kommt  es  zwar
vor,  daß  ein  erfolgreicher  Schwindler  sich  durchsetzt,  aber
unsere  rote  Regierung  taumelt  von  Mißerfolg  zu  Mißerfolg.
Da  verfällt  sie  in  der  letzten  Not  auf  ein  cäsaristisch-bonapartistisches
  Mittel.  Durch  eine  „Diversion  nach  außen“  will  sie

110
        <pb n="113" />
        der  Schwierigkeiten  in  ihrem  Inneren  Herr  werden:  Ludendorff
  soll  vor  Gericht.

Kein  Napoleon  hat  jemals  so  persönliche  Politik  getrieben
wie  dieser  Scheidemann.  Scheidemann  hat  in  gehässigster
Form  schon  früher  in  der  Nationalversammlung  den  General
Ludendorff  als  Hasardeur  angegriffen,  und  dieser  Angriff,
gestützt  durch  das  ganze  Schwergewicht  der  politischen  Stellung
des  leitenden  Ministere,  ist  so  schmählich  zusammengebrochen,
daß  nur  ein  Mann,  der  über  eine  N#lpferdhaut  verfügt,  diesen
Zusammenbruch  amtlich  überleben  konnte.  Seither  aber
brütet  Scheidemann,  in  seiner  Eitelkeit  gekränkt,  über  persönlicher
  Rache.  Oie  Veröffentlichungen  Schiemanns  und
Hindenburgs,  die  Briefe  des  Kronprinzen  und  des  neueren
der  verschiedensten  Zeugen  darüber,  wie  der  Umsturz  bei  uns
gemacht  worden  ist,  kommen  binzu;  sie  bedrohen  das  ganze
Lügengebäude  des  November.  ODa  ist  denn  Gefahr  im  Verzuge.
Da  muß  Scheidemann  dreincschlagen.

Zm  alten  Reichstag  haben  wir  ihn  schon  einmal  ganz  sinnlos
  wüten  hören.  Heute  bedarf  es  des  Oeliriums  nicht  mehr,
heute  kann  Scheidemann  ganz  kaltschnäuzig  sprechen,  aber
die  Sinnlosigkeit  ist  dieselbe  geblieben,  die  Ausdrucksweise
auch  nicht  vornehmer  geworden.  „Gegen  die  Ludendorfferei“
  ruft  der  Ministerpräsident  die  Machtmittel  des  Staates
auf.  Er  spricht  von  nicht  gewolltem,  aber  tatsächlichem  Landesverrat.
  Ein  sofortiges  Ausnahmegesetz  soll  einen  Gerichtshof
gegen  Ludendorff  schaffen.  In  der  ganzen  Rede  Scheidemanns
  findet  sich  aber  nicht  das  Geringste,  was  die  schwere
Anklage  rechtfertigen  könnte.  General  Ludendorff  ist  in
Berlin  —  wie  wir  wissen,  völlig  absichtslos  —  einer  Gruppe
nationaler  Demonstranten  begegnet,  die  aus  einer  von  der
Regierung  begünstigten  Ostmarkenversammlung  aller  Parteien
  zurückkehrte.  Diese  Demonstranten  umringten  ihn  jubelnd,
  worauf  er  —  auch  das  könnte  Scheidemann  so  gut

111
        <pb n="114" />
        bekannt  sein  wie  uns  —  sie  bat,  nach  Hause  zu  gehen,  und  sich
eilends  ihnen  entzog.  Das  ist  alles.  Wenn  Ludendorff  nicht
preußischer  Offizier  und  Gentleman  wäre,  wenn  er  sozialdemokratisch-unabhängige
  Allüren  hätte,  so  wäre  bier  das
Sprungbrett  für  ihn  gegeben  gewesen.  Er  hat  es  nicht  benutzt.
  Er  hat  keinerlei  Ansprache  an  das  Volk  gebalten,  hat
nicht  wie  ungestraft  Tausende  anderer  Leute  in  Berlin  etwa
vom  „Bluthund  Scheidemann“  gesprochen  und  zum  Sturz
der  Regierung  aufgefordert.  Nein,  Leute,  die  das  tun,
Leute  aus  Scheidemannes  eigener  Schicht,  fallen  schlimmstenfalls
  unter  die  Segnungen  irgendeiner  Amnestie.  Auch  für
die  Spartakisten,  die  im  JZanuar  auf  friedliche  Bürger  schossen,
hat  es  kein  Ausnahmegericht  gegeben.  Oie  sind  ja  Bruderblut.
  Aber  daß  in  der  Ostmarkenversammlung  Erzberger  ausgezischt
  und  „mein  Parteifreund  Bernstein“,  wie  der  Parteiminister
  Scheidemann  ihn  nennt,  lärmend  unterbrochen  wurde,
das  hat  dem  Faß  den  Boden  ausgeschlagen.  Meinungefreiheit
  darf  es  in  Deutschland  nur  für  Parteigänger  der  Regierung
  geben.  Alle  Andersdenkenden  werdenniedergeknüppelt.
Wenn  nicht  anders,  dann  durch  ein  Ausnahmegericht.  „Es
darf  niemand  seinem  ordentlichen  Richter  entzogen  werden“,
steht  schon  in  der  amerikanischen  und  in  der  Folge  in  der  Verfassung
  jeder  anderen  Republik.  AÜber  solche  Zwirnsfäden
stolpert  ein  Scheidemann  aber  nicht.

Ludendorff  hat  vor  einiger  Zeit  selbst  erklärt,  er  sei  bereit,
sich  einem  Staatsgerichtehof  zu  stellen,  der  alles  untersuchen
könne,  was  er,  der  General,  im  Feldzuge  gelekstet  oder  verfehlt
  habe.  Das  ist  so,  als  wenn  ein  Offizier,  gegen  den  Anschuldigungen
  erhoben  werden,  ehrengerichtliche  Untersuchung
gegen  sich  beantragt.  Scheidemann  will  aber  etwas  ganz
anderes.  Er  will  ein  Gericht,  das  Ludendorff  zur  Strecke
bringt.  „Wir  werden  die  Herren  schon  zu  fassen  kriegen!“
sagt  der  Ministerpräsident,  während  die  leidenschaftliche  Röte

112
        <pb n="115" />
        ihm  allmählich  in  den  kahlen  Schädel  steigt.  Von  der  Rechten
wird  ihm  entgegengerufen,  es  müsse  ein  unabhängiges  Gericht
sein.  Das  sagt  er  zu.  Es  fragt  sich  nur,  was  ein  Scheidemann
unter  Unabhängigkeit  versteht.  Zedenfalls  meint  er  ein  ganz
anderes  Gericht  als  dasjenige,  das  in  dem  Verfassungsentwurf
für  Verfehlungen  von  Staatomännern  vorgesehen  ist.  Die
ganze  Affäre  ist  beispiellos,  ist  überhaupt  ohne  Vorgang  in
der  deutschen  Geschichte;  man  muß  schon  auf  die  Zeit  der  französischen
  Revolutionsgerichte  zurückgreifen,  um  etwas  Ahnliches
  zu  finden.

Die  Regierung  weiß  in  ihren  Nöten  nicht  mehr  aus.  noch
ein.  Sie  ist  auf  der  schiefen  Ebene,  gedrängt  von  den  Unabhängigen
  und  Spartakisten,  ins  Rutschen  gekommen.  Sie
bringt  ein  vollkommen  kommunistisches  Steuerprogramm,  das
den  berühmten  Satz  des  alten  Mihilisten  Proudhon  widerspiegelt:
  „Eigentum  ist  Diebstahl.“  Sie  wird  auch  dadurch
die  Dränger  von  links  nicht  befriedigen.  Nun  greift  sie  zu
ihrem  letzten  Mittel.  Sie  wirft  den  Wölfen  ein  Opfer  vor  die
Füße,  das  sie  zerreißen  sollen.  Dieses  Opfer  soll  Ludendorff
heißen.  Einer  unserer  Besten.  Ourch  die  „Ludendorfferei“
haben  wir  uns  viereinhalb  Jahre  lang  einer  Welt  von  Feinden
erwehren  können;  durch  die  „Scheidemannsucht“  sind  wir
binnen  sechs  Monaten  zu  einem,  wie  Scheidemann  es  heute
selber  schildert,  ruinierten  Volke  geworden.

Der  feine  Ton

Weimar,  27.  März

Am  Fuße  des  Goethe-Schiller-Denkmals  vor  dem  Nationaltbeater
  liegt  noch  immer  der  Kranz,  den  Herr  Ebert  den  beiden

Frledrich  der  Vorläufige  113  6
        <pb n="116" />
        Zwangspaten  seiner  ersten  Rede  gewidmet  hat.  Auf  der  weimarischen
  schwarz-gelb-grünen  Schleife#stehen  die  Worte:
„Genio  loci.  Der  Reichspräsident.“  Herr  Ebert  weiß  schon,
was  sich  schickt.  Dem  „Geist  von  Weimar“,  den  er  zuerst
deutsch  zitierte,  kommt  er  nun  auch  noch  lateinisch,  nachdem  er
sich  das  hat  erklären  lassen.  Aber  der  „Genius  loci“  wendet
sein  Haupt  mit  Grausen.  Zn  die  Nationalversammlung  kommt
er  jedenfalls  nicht,  denn  dort  berrscht  ein  Ton,  wie  er  selbst
in  den  Tagen  des  Tenienstreites  in  Weimar  nicht  ütlich  war.

Nachdem  der  Herr  Reichsfinanz  den  Notetat  eingebracht  hat,
erklärt  heute  der  Mehrheitssozialist  Schulz  den  Ton,  in  dem
gestern  Scheidemann  gesprochen  habe,  als  durchaus  würdig;
dagegen  sei  es  schaudervoll,  böchst  schaudervoll,  wie  —  in
der  preußischen  Landesversammlung  der  Abgeordnete  v.
Kardorff  gesprochen  habe.  Es  sei  eine  „niedrige  Verdächtigung“,
  daß  sozialdemokratische  Agitatoren  sich  an  öffentlichen
Geldern  vergriffen  hätten.  Kardorff  wage  es,  Ehrenmännern
ehrenrührige  Vorwürfe  zu  machen!  Schon  der  Zentrumsabgeordnete
  Mapyer  ist  über  den  Ton,  den  Scheidemann  gestern
angeschlagen  hat,  offenbar  anderer  Meinung,  zum  mindesten
  rechtfertigten  die  Vorfälle  in  Berlin  wahrhaftig  nicht
die  große  Erregung,  sagt  er,  und  nicht  nur  das  Zentrum,
sondern  auch  einzelne  Demokraten  rufen  dazu  ihr  „Sehr
richtig“,  erheben  auch  keinen  Widerspruch,  als  Mapyer  erklärt,
die  Sache  mit  dem  Staatsgerichtshof  werde  man  sich  noch
sehr  überlegen.  Es  scheint,  daß  die  Sozialdemokraten  mit
ihrer  Auffassung  über  den  guten  Ton  in  allen  Lebenslagen
ziemlich  alleinstehen.  Sie  allein  sind  es  auch,  die  aus  ihrem
Knigge  den  formvollendeten  Ausdruck  „Frechheit“  dem  Grafen
Posadowsky  entgegenrufen,  als  er  ernst  und  unter  dem  zustimmenden
  Schweigen  der  übrigen  Parteien  erklärt:  Deutschlands
  Zukunft  verlange  an  der  Spitze  der  Regierung  einen
Mann,  der  den  Empfindungen  der  ganzen  Nation  gerecht  zu

114
        <pb n="117" />
        werden  verstehe,  nicht  einen  bloßen  Parteiredner,  der  so
geringschätzig  und  feindselig  über  einen  Ludendorff  spreche,
dessen  gewaltige  Leistungen  selbst  die  Entente  anerkenne.
Daß  der  alte  Pachnicke,  den  die  Demokraten  vorschicken,  in
Scheidemanns  Rede  nichts  Unwürdiges  entdecken  kann,  ist
bei  ihm  nicht  verwunderlich.  Er  ist  der  einzige  bürgerliche
Redner,  der  sich  binter  Scheidemann  stellt,  ohne  zu  bedenken,
daß  er  dadurch  auch  seine  Partei  mit  dem  bösen  Wort  belastet,
daß  man  die  „Ludendorfferei“  zu  fassen  wissen  werde.

Ein  Zwischenspiel  Haase-Noske.  Die  Weise  und  der  Text
sind  die  alten  geblieben.  Haase  erzählt  anderthalb  Stunden
lang  von  den  Erschießungen,  die  von  Regierungstruppen  vorgenommen
  worden  seien,  und  schauspielert  dabei  fast  Tränen.
Er  sollte  doch  aus  der  Geschichte  wissen,  daß  man  mit  Franctireurs
  nie  anders  verfuhr.  Die  Spartakisten  werden  nicht
als  Kriegsgefangene  behandelt,  sondern  an  die  Wand  gestellt,
weil  sie  eben  keine  kriegführende  Partei  sind.  Roske  antwortet
  in  seiner  kräftigen  Art,  auch  nicht  gerade  im  Hofgartenton,
  und  wird  wegen  des  Ausdrucks  „Brandstifter“,  den  er
den  Unabhängigen  zuruft,  vom  Präsidenten  gerügt.  Frau
Zietz  erhält  auch  ihren  üblichen  Ordnungeruf,  weil  sie  fortwährend
  „Lüge,  Lüge!“  kreischt,  während  Noske  spricht.  Die
alten  Weimaraner  in  den  Logen  recken  die  Hälse.  So  schlimm,
meinen  sie,  sei  es  ja  kaum  im  Raubtierkäfig  im  Zoologischen
Garten.  Dieses  Tönchen  sei  ja  furchtbar.  Dazwischen  ist  es
sogar  zum  Gruseln.  Haase,  der  sich  über  den  Ton  des  Moajors
v.  Gilsa  von  neulich  beklagt,  droht  deutlich  mit  der  Guillotine
in  der  nächsten  Revolution.  Es  komme  noch  einmal  der  Tag,
an  dem  GEilsa  dieser  Ton  in  der  Kehle  steckenbleiben  werde!

Zum  Scheidemann-Thema  führt  der  Deutsche  Volkeparteiler
  Becker-Hessen  zurück.  Scheidemann  habe  auch  unter
dem  Oruck  der  Straße  seinem  persönlichen  Haßempfinden  gegen
  Ludendorff  Ausdruck  gegeben,  aber  Ludendorff  werde

115  *
        <pb n="118" />
        noch  dann  in  der  Weltgeschichte  genannt  werden,  wenn  man
die  Macher  und  Autznießer  der  jetzigen  Revolution  schon  längst
vergessen  habe.  Wenn  aber  ein  Staatsgerichtshof  komme,  so
werde  er  vielleicht  auch  diejenigen  vor  die  Schranken  fordern,
die  durch  die  Revolution  uns  ins  Unglück  gestürzt  hätten.  Es
ist  zu  Beginn  der  Rede  Beckere  sehr  unruhig,  weil  die  Erregung
  des  Turniers  Haase—Noke  noch  nachzittert.  Allmählich
  wird  es  still.  Scheidemann  macht  sich  eifrig  Notizen.
Offenbar  will  er  noch  reden.

Er  tut  es  auch.  Aber  man  ist  verblüfft.  Er  ist  auf  einmal
ganz  sanft  und  kleinlaut  geworden,  dieser  Scheidemann,  der
gestern  so  zu  brüllen,  so  mit  der  Faust  auf  den  Tisch  zu  schlagen
  wußte,  so  ganz  Volksversammlung  spielte.  Er  habe  gar
nichts  gegen  Ludendorff,  bewahre.  Er  sei  sich  auch  keines  besonders
  gehässigen  Tones  bewußt.  Da  sei  der  Ton  anderer
Leute  doch  ganz  anders;  und  zum  Beweise  führt  er  Stellen
aus  —  Flugblättern  der  Rechten  an!  Dieser  famose  Ministerpräsident
  ahnt  also  gar  nicht,  daß  der  „feine  Ton“,  den  man
in  Wahlflugblättern  findet,  doch  wohl  nicht  derselbe  ist,
den  man  von  dem  leitenden  Staatsmanne  erwartet.  Um
seine  Niederlage  zu  vollenden,  wird  nun  auch  durch  den  Abgeordneten
  Dr.  Traub  festgestellt,  daß  die  von  Scheidemann
zitierten  saftigen  Ausdrücke  wie  „Stimmvieh“  und  dergleichen
nicht  von  der  Rechten  gebraucht  seien,  sondern  in  einem  Briefe
stünden,  den  ein  —  sozialdemokratischer  Arbeiter  an  den  Grafen
Posadoweskp  geschrieben  habe.  „Tableau!“  pflegte  man  früher
unter  eine  solche  Szene  zu  setzen.  Scheidemann  schweigt.

Man  könnte  nun  sagen:  geschieht  ihm  schon  recht.  Gewiß.
Aber  es  ist  doch  erschütternd,  daß  die  Nationalversammlung
nach  wie  vor  Theater  ist  und  Arena  bleibt,  in  der  die  Klumpen
nur  so  fliegen;  erschütternd,  daß  vor  ganz  Deutschland  und
der  Welt  Klopffechterei  in  rüdem  Tone  getrieben  wird,  während
  Erdteile  in  Flammen  stehen  und  Nationen  am  Ver-116
        <pb n="119" />
        hungern  sind.  Die  Revolution  versprach  uns  Frieden,  Arbeit
und  Brot.  Wenigstens  für  ihren  Teil  hätte  die  Nationalversammlung
  nun  Arbeit  leisten  können.  Statt  dessen  hat
sie  bisher  eigentlich  nur  ein  einziges  Wörtchen  entthront,  das
Wörtchen:  unparlamentarisch.  Bei  dem  jetzigen  feinen  Ton
in  Weimar  ist  nichts  so  unparlamentarisch,  als  daß  es  nicht
schon  längst  parlamentarisch  geworden  wäre.  ·

Es  war  einmal

Weimar,  28.  März

Die  Mannschaften  der  deutschen  Hochseeflotte  waren  nicht
abgekämpft  wie  die  Infanteriedivisionen  im  Westen.  Auch
batte  JLan  Maat  immer  noch  die  beste  Verpflegung,  besser
als  jedermann  sonst  im  Deutschen  Reiche.  Es  waren
ausgeruhte  und  gutgenährte  Leute,  die  da  als  Sozialdemokraten
  meuterten  und  unserer  Wehrmacht  den  Todesstoß
versetzten.

Am  21.  November  zog  dann  die  vom  Feinde  nie  besiegte
deutsche  Hochseeflotte  in  den  englischen  Pferch.  Die  Schlachtkreuzer
  tauchten  als  die  ersten  aus  ARebelfetzen  und  Wintersonne
  hervor,  die  „Sepdlitzz  und  „Moltke“  und  „Hindenburg“
  und  „Derfflinger“  und  „Von  der  Tann“,  die  Künder
preußischen  und  deutschen  Heldentums  aus  vier  Zahrhunderten.
Oanach  liefen  die  schwimmenden  Stahlburgen  der  „Kaiser“=Klasse
  und  die  übrigen  größten  und  neuesten  Linienschiffe
in  den  Firth  of  Forth  ein,  weiter  eine  Anzahl  kleiner  Kreuzer,
darunter  die  „Emden“  mit  ihrem  in  der  Kriegsgeschichte  unvergeßlichen
  Namen,  zum  Schluß  unsere  beste  Torpedoboots-K(lottille,
  alles  schnurgerade  gerichtet  und  schreckenerregend  noch

117
        <pb n="120" />
        auf  dem  letzten  Gang  in  die  Schmach.  Auf  dem  englischen  Admiralsschiff,
  das  die  deutschen  Panzer  passieren  ließ  wie  der
Riese  Polyphem  seine  Hämmel,  wehte  die  von  unseren  Granaten
  zerfetzte  Flagge  des  „Lion“,  der  in  der  Skagerrakschlacht
gesunken  war,  und  um  4  Uhr  nachmittags  ging  unsere  eigene
schwarz-weiß-rote  Flagge  mit  dem  Eisernen  Kreuz  auf  allen
70  deutschen  Schiffen  für  immer  nieder.

Oaß  damals  dem  Kaiser  nicht  das  Herz  brach,  dae  ist  schier
übermenschlich.  Noch  nie  hat  ein  Volk  seinem  Machtmehrer
so  schmählich  das  Lebenswerk  zerschlagen.  Daß  damals  ganz
Deutschland  nicht  aufschrie,  während  wir  anderen  noch
draußen  im  Felde  waren,  das  verstehen  wir  noch  heute  nicht.
Der  moralische  Zusammenbruch  einer  Nation  ist  doch  das
furchtbarste.

Heute  kann  niemand  an  den  Wiederaufbau  der  Flotte
denken.  Wir  können  nur  aus  den  Trümmern  die  treugebliebenen
  deutschen  Männer  unserer  Seemacht  hervorholen,  jene
von  der  Etappe  —  mehr  war  ja  die  Hochseeflotte  zuletzt
nicht  —  verratenen  Frontkämpfer,  die  Besatzungen  der  U-Boote
  und  andere,  denen  die  Schmach  auf  der  Seele  brennt,
die  uns  damals  angetan  wurde.  Was  seither  mit  übernächtigen
  blassen  Großstadtgesichtern  als  Blaujacken  um  unsere
Häuser  schlich,  das  sind  geringstenteils  wirkliche  Seeleute,
ja  nicht  einmal  jene  Berliner  Metallarbeiter,  die,  auf  der
Flotte  eingestellt,  als  Pioniere  der  Sozialdemokratie  sie  revolutionierten.
  Oiese  Pseudoblaujacken  des  Spartakismus
sind  ja  nur  verkleidet.  sind  der  Abschaum  von  den  Hamburger
Fleeten,  das  Menschenkehricht  aus  dem  Berliner  Scheunenviertel.
  Nun  will  man  wieder  richtige  Seeleute,  wie  sie  jetzt
schon  als  Freiwillige  zu  Lande  im  Innern  Oeutschlands  und
jenseits  der  Ostmark  für  die  Sicherung  unseres  Vaterlandes
kämpfen,  als  geordnete  Truppen  zusammenfassen.  Man  will
dadurch  auch  die  nötigen  Fachleute  wieder  beisammen  haben,

118
        <pb n="121" />
        die  unser  Vermessungswesen  aufrechterhalten,  an  unseren
Seekarten  weiterarbeiten,  unsere  Hochseefischerei  bewachen.
Aber  eine  Flotte  bekommen  wir  dadurch  nicht,  bestenfalls
retten  wir  die  Uberlieferung  für  unsere  Urenkel,  hüten  wir
den  keimfähigen  Kern,  aus  dem  nach  Menschenaltern  wieder
etwas  zu  Deutschlands  Ehre  erwachsen  kann.  In  allen  drei
Lesungen  wird  der  Gesetzentwurf  über  die  Marinereichswehr
angenommen:  man  stimmt  ihm  zu,  ohne  Begeisterung,  still,
gedrückt,  mit  der  Pflichtmiene  der  Hoffnungelosen.

Die  Angst

Weimar,  29.  März

Den  Fries  im  Theaterfoper  zu  Weimar  entlang  wälzt  sich
eine  Schar  brauner  Zünglingsleiber.  „Oie  Gebrüder  Mockturtle
  in  ihren  luftakrobatischen  Produktionen“  nennt  der
Spötter  diese  genialen  Aktzeichnungen  Sascha  Schneiders.
Was  sie  mit  dem  Theater  zu  tun  haben,  weiß  man  nicht  recht,
und  für  die  Nationalversammlung  passen  sie  noch  weniger.
Aber  ein  anderes,  viel  bekannteres  Bild  Schneiders  würde
heute  als  Symbol  am  Platze  sein:  „Das  Gefühl  der  Abhängigkeit“.
  Mit  schlaff  herabhängenden  Armen,  die  von
Ketten  beschwert  sind,  steht  da  der  Mensch  einem  Moloch
gegenüber,  vor  dem  es  kein  Entrinnen  gibt.  Dieser  Mensch
ist  unsere  heutige  Regierung,  wie  sie  leibt  und  lebt.

Gelegentlich  rasselt  Scheidemann  mit  den  Ketten,  ohne
deshalb  heroisch  zu  wirken,  und  erhebt  ein  Gebrüll,  ohne  dadurch
  über  seine  Abhängigkeit  hinwegzutäuschen.  Die  Angst
sitzt  ihm  im  Genick.  Aus  Angst  weicht  er  Schritt  um  Schritt
vor  dem  Votum  der  Straße  zurück.  Die  Sozialisierung  wird

119
        <pb n="122" />
        als  spätere  Sorge  beiseite  geschoben;  und  gleich  darauf  aus
Angst  angenommen.  Das  NRätespstem  wird  als  verfassungswidrig
  abgeschafft;  und  gleich  darauf  aus  Angst  in  der  Verfassung
  bestätigt.  Hie  Herren  um  Haase  brauchen  nur  zu
winken.  Aber  auch  wenn  irgend  jemand  im  Vorbeigehen  in
Berlin  dem  General  Ludendorff  die  Hand  schüttelt,  knickt
Scheidemann  in  Weimar  in  den  Kniekehlen  zusammen  und
sucht  durch  Schreien  die  eigene  Nervosität  zu  beschwichtigen.
Die  bolschewistische  Regierung  in  Ungarn  schickt  ihren  Freunden
  in  Berlin  ein  Telegramm,  das  recht  unverblümt  zur  gewaltsamen
  Beseitigung  der  heutigen  deutschen  Regierung
auffordert,  ein  Telegramm,  das  jede  Regierung  wegen  A#ufreizung
  zum  Hochverrat  konfiszieren  müßte.  Aus  Angst  läßt
man  es  durchgehen  und  verbreitet  es  sogar  in  der  Presse.
Bielleicht  nennt  man  das  Meinungsfreibeit,  vielleicht  gar  einen
staatsmännischen  Akt,  weil  nun  die  Franzosen  sehen  könnten,
wie  bedroht  der  gute  Scheidemann  sei,  mit  dem  sich  doch
besser  leben  lasse  als  mit  den  Bolschewisten?

Aus  Angst  vor  Unpopularität  ist  die  Vorlage,  wonach  der
Reichspräsident  1,2  Millionen  Mark  jährlich  erhalten  sollte,
verändert  worden.  In  diesmal  wirklich  weitesten  Kreisen
des  Volkes  versteht  man  es  nicht,  daß  Ebert  so  viel  haben
soll,  während  Poincaré  nur  die  Hälfte,  Wilson  nur  ein  Drittel
dieser  Summe  bezieht.  Flugs  sind  in  dem  Etat,  der  heute
vom  Hause  beraten  wird,  600  000  Mark  daraus  geworden.
Auch  das  ist  noch  weit  mehr,  als  unserer  Finanzlage  und  den
bieherigen  Lebensansprüchen  des  jetzigen  Reichspräsidenten
entspricht.

Am  wenigsten  Angst  in  dem  Negierungskollegium  hat
immer  noch  Aoske.  Auch  heute  findet  er  kräftige  Worte  wider
die  unglaubliche  Verschleuderung  von  Reichemitteln  zugunsten
  von  Arbeitern,  die  nicht  arbeiten,  und  Soldaten,  die
nur  herumlungern.  Aber  die  anderen  haben  gerade  vor  Noskes

120
        <pb n="123" />
        Courage  Angst.  Am  meisten  vielleicht  davor,  daß,  wenn  der
Vulkan  bei  uns  wieder  zu  speien  anfängt  und  alles  Leben  in
feuriger  Lava  zu  ersticken  droht,  die  Nationalversammlung
am  Ende  auf  den  Gedanken  kommen  könnte,  Noske  zum  Oiktator
  zu  machen.

Man  hört  schon  das  unterirdische  Grollen  und  Rumoren
dieses  Bulkans.  Oie  innere  und  äußere  Lage  ist  zum  Bersten
gespannt.  Da  nun  nach  unserer  neuen  Verfassung  alle  Gewalt
  beim  Volke  liegt,  aber  nicht  bei  der  Straße,  sondern  bei
der  geordneten  Vertretung  des  Volkes,  so  müßte  eigentlich  die
Nationalversammlung  sich  in  Permanenz  erklären.  Oiese
Alarmbereitschaft  wäre  das  natürlichste.  In  den  nächsten  Tagen
  kann  die  Regierung  vor  den  folgenschwersten  Entschlüssen
stehen.  Aber  sie  hat  Angst  davor,  daß  sich  in  der  Nationalver--sammlung
  beherzte  Männer  finden  könnten,  —  beiläufig
bemerkt,  ganz  unbegründete  Angst;  sie  will  lieber  ohne  diesen
Aufsichtsrat  verhandeln.  So  hat  denn  das  Kabinett  Scheidemann
  bei  seinen  Mehrheitsparteien  eine  Vertagung  des  Plenums
  durchgedrückt,  die  heute  trotz  der  eindringlichen  Warnung,
  die  Abgeordneter  Schulz-Bromberg  namens  der  Oppositäon
  vorbringt,  auch  beschlossen  wird.  Erst  einen  Tag  nach
dern  Rätekongreß  in  Berlin  tritt  man  in  Weimar  wieder  zusammen.
  Oder  auch  nicht.  Man  kann  nicht  wissen.

Man  weiß  nur  eines:  es  geht  etwas  vor.  Man  weiß  nur
nicht,  was.  So  stehen  denn  die  Herren  Möchtegern  und  Kannnicht
  um  Scheidemann  leicht  schlotternd  da  und  sehen,  soweit
sie  noch  Haare  haben,  mit  gesträubten  Haaren  der  Entwicklung
zu,  die  sie  um  das  letzte  Bertrauen  im  Volke  bringt.  Die  politische
  Unbildung  und  staatsmännische  Unfähigkeit  der  Regierung
  würde  man  ihr  noch  vergeben,  aber  ihre  Angst  ist  vernichtend.
  Voll  Grauen  sieht  sie  dem  Moloch  in  das  geöffnete
Maul.  Und  stürzt  sich  wie  hoypnotisiert  wohl  gar  hinein.

121
        <pb n="124" />
        Milliarden  hin,  Milliarden  her

Weimar,  9.  April

Als  Preußen  in  den  Befreiungskrieg  gegen  Napoleon  eintrat,
  hatte  es  nur  ganze  zweitausend  Taler  in  der  Staatskasse,
  die  sich  erst  allmählich  mit  freiwilligen  Opfern  füllte;
das  war  jene  bescheidene  Zeit,  in  der  eine  Gräfin  Kepserlingk
mit  einem  seidenen,  einem  wollenen  und  drei  Kattunkleidern
als  Hofdame  jahrelang  auskam  und  dem  reichen  Stuttgarter
Buchhändler  Cotta  frevelhafter  Luxus  vorgeworfen  wurde,
weil  er  sich  ein  Kanapee  statt  des  herkömmlichen  soliden  Großvaterstuhls
  gekauft  hatte.  In  dem  seither  verflossenen  Jahrhundert
  ist  alles  pomphaft  und  zuletzt  gigantisch  geworden,
und  heute,  wo  der  Reichsfinanzminister  Schiffer  in  kaskadenartigem
  Wortschwall  die  Nationalversammlung  mit  den  Zahlen
unseres  neuen  Reichshaushaltes  überschüttet,  blitzen  in  jeder
Wortperle  Milliarden  und  immer  wieder  Milliarden.  Der
Krieg  hat  uns  146,  nein,  153  Milliarden  gekostet.  Wir  müssen
9,  nein,  19  Milliarden  Steuern  aufbringen,  ungerechnet  das,
was  noch  der  Gegner  von  uns  haben  will,  und  unsere  Schatzanweisungen
  auf  einen  nicht  mehr  vorhandenen  Schatz  sind
in  den  letzten  beiden  Monaten  um  fast  5  /8  Milliarden  erhöht
worden,  und  unsere  winzige  augenblickliche  Wehrmacht  kostet
und  gegenwärtig  2  Milliarden  monatlich,  also  mehr  als
früher  im  Frieden  in  einem  ganzen  Zahr.  Und  —  und  —
„Nachbarin,  euer  Fläschchen!“

ARicht  nur  den  Stenographen  der  Nationalversammlung
bricht  bei  Schiffers  sprudelnder  Rede  der  Angstschweiß  aus,
sondern  auch  den  Abgeordneten,  über  die  der  kalte  Sprühregen
  in  so  eiligen  Windstößen  niedergeht.  Milliarden,
Milliarden,  Milliarden!  Hie  und  da  hat  man  eine  Zahl,  ehe

122
        <pb n="125" />
        sie  von  neuen  Zahlen  überstürzt  wird,  hält  sie  fest  in  der  ganzen
Spritzflut  und  stellt  sie  sich  vor.  Da  sieht  man,  daß  erstens  unsere
Republik  geradezu  irrsinnig  teuer  arbeitet  und  daß  zweitens
der  ganze  Etat  auf  völlig  willkürlichen  Schätzungen  beruht,  die
schon  morgen  prasselnd  zusammenbrechen  können.  Nichts  steht
fest.  Nur  das  eine  oder  andere  Bildhafte  können  wir  im  Fluge
erhaschen,  so  das  Heldentum  des  staatserhaltenden  Zigarettenrauchers,
  der  1914  erst  42,7  Millionen,  1918  aber  schon  weit
über  eine  halbe  Milliarde  Mark  Steuern  für  sein  Rauchkraut
bezahlt  hat,  während  umgekehrt  die  Bier-  und  Branntweintrinker
  —  und  sie  täten  es  doch  so  gerne  den  Rauchern  gleich
—  1918  nur  etwa  den  zwanzigsten  Teil  dessen  zu  den  Reichskosten
  beigesteuert  haben,  was  sie  1914  entrichteten.  Wenn
nichts  da  ist,  kommen  nämlich  auch  keine  Steuern  ein,  lehrt  uns
dieser  Borgang.  Ohne  Schnape  keine  Schnapesteuer,  ohne
Vermögen  keine  Veirmögenssteuer,  ohne  Einkommen  keine
Einkommensteuer  mehr,  und  wenn  es  so  fortgeht  wie  bieher,
haben  wir  bald  weder  das  eine  noch  das  andere,  noch  das
dritte.  Mit  solchen  simplen  Wahrheiten  gibt  freilich  Schiffer
sich  nicht  ab,  wenn  er  auch  einen  zu  nichts  verpflichtenden  beifallbaschenden
  kleinen  Hieb  auf  die  unvernünftige  Sozialisierung
  nicht  zurückbält.  Das  kann  er  sich  heute  gönnen.  Seit
die  Regierung  zu  ihrer  eigenen  Uberraschung  erfahren  hat,
daß  im  Berliner  Rätekongreßnicht  die  Unabhängigen
die  Mehrheit  haben,  sind  ihr  die  schlotternden  Beinkleider
wieder  stabil  geworden.  Sie  trägt  die  Nase  ein  Loch  höher  und
findet  wieder  die  große  Geste.  Milliarden  hin,  Milliarden
her.  Wenn  wir  arbeiten,  schaffen  wir  alles.  Ja,  wenn.
Der  Reichsfinanzminister  jongliert  mit  seinen  Vorder-  und
Nachsätzen;  fliegt  der  eine  empor,  fällt  der  andere  herunter.
Die  Neuordnung  verlange  ein  vergrößertes  Beamtenheer,
aber  wir  müßten  sparsam  sein.  Wir  müßten  zusehen,  daß  wir
den  Beamtenstab  verringerten.  Aber  der  einzelne  Beamte

123
        <pb n="126" />
        solle  nicht  etwa  mit  mehr  Arbeit  überlastet  werden.  Hinter
jedem  Grundsatz  ein  Aber,  hinter  jedem  Milliardenplus
ein  Fragezeichen,  so  sprudelt  die  Rede  daher,  ohne  den  Hörer
zur  Besinnung  kommen  zu  lassen.  Erst  nachher  empfinden  wir
die  ungeheuere  Leere  und  den  blutigen  Hohn,  den  heute  „Ersparnisse“
  bedeuten.  Minister  ohne  Dienstwohnung  bekamen
früher  20  000  Mark  Mietsentschädigung,  und  Herr  Schiffer
protzt  damit,  daß  man  ihnen  heute  nur  10  000  Mark  geben
wolle,  wenn  sie  keine  besonderen  Aufwendungen  dafür
machen.  Aber  die  Zahl  der  Minister  ist,  da  die  hungrigen
Parteilöwen  sich  in  großer  Menge  melden,  in  Wirklichkeit  so“
vermehrt  worden,  daß  wir  gesteigerte  Ausgaben  auch  bei  diesem
Titel  haben.  So  wachsen  aus  kleinen  Beträgen  die  Milliarden.
Demnächst  kommt  das  Reich  auf  200  oder  250  oder  300  Milliarden
  Mark  Schulden  —  oder  sind  es  Billionen  oder  Trillionen?
Uns  packt  der  Graus.  Und  wir  haben  den  Eindruck,  daß  diesen
uns  anglotzenden  Milliarden  weder  der  Reichsfinanzminister
noch  einer  seiner  Regierungskollegen  gewachsen  ist.

Die  Psyche  des  Parlaments

Weimar,  10.  April

Wenn  Reden  Taten  wären,  so  hätte  die  Nationalversammsung
  mit  ihrem  heutigen  Tagewerk,  in  dem  sie  den  Riesenetat
  in  erster  Lesung  erledigt  und  dem  Ausschuß  überwiesen
hat,  Rühmliches  geleistet.  Aber  Reden  sind  eben  keine  Taten.
Oie  Weltgeschichte  wird  nicht  in  Parlamenten  gemacht.  Parlamente
  sind  nicht  schöpferisch,  sie  baben  eine  durchaus  weibliche
  Pspoche  und  verarbeiten  nur,  was  von  außen  zu  ihnen
kommt.  Der  alte  Reichstag  ließ  sich  ein  halbes  Jahr  vor  dem

124
        <pb n="127" />
        Kriege  durch  Artikel  eines  in  Zabern  zweimal  wöchentlich
erscheinenden  Käseblättchens  hypnotisieren  und  verfiel  in
hysterische  Krämpfe.  Oie  neue  Aationalversammlung  ist
ebensowenig  männlicher  Natur.  Sie  läßt  sich  willenlos  befruchten
  und  bringt  schließlich  gehorsam  die  Sozialisierung
wie  den  Räterat  und  in  Zukunft  vielleicht  noch  ganz  andere
Dinge  zur  Welt,  die  ihr  ursprünglich  als  Greuel  galten.  ODie
schönen  Reden  vorher  sind  daher  ganz  belanglos.  Geredet  ist
auch  über  Gewaltfrieden  und  Rechtefrieden  unendlich  viel;
aber  getan  hat  die  Nationalversammlung  bisher  nichts  gegen
Vergewaltigung,  sondern  hat  ihrem  regierenden  Aueschuß
jede  Aachgiebigkeit  in  Spaa  und  in  Trier  stets  genehmigt.
Aun  wird  —eecht  weiblich  —  hinterdrein  lamentiert.  Scheidemann
  und  Brockdorff  und  Paper  sind  darüber  einig,  daß  wir
nicht  um  Zollbreite  über  die  Wilson-Punkte  uns  binauszerren
lassen  dürfen.  Auch  der  Pfälzer  Pfeiffer,  der  deutsche  Hellene
im  römischen  Zentrum,  hält  eine  so  begeisternd  nationale  Rede,
daß  sie  im  Wärmegrad  sich  gar  nicht  von  den  Ausführungen
des  Ostmärkers  Schulz-Bromberg  unterscheidet,  und  der  ist
doch  wirklich  die  hellste  und  freudigste  Preußentrompete  im
Hause.  Aicht  einmal  zwischen  Rießer  und  Hoch  gibt  es  über
diese  Dinge  einen  wirklichen  Meinungsunterschied.  Während
sonst  bei  Etatsdebatten  die  sogenannten  Katalogredner  unermüdlich
  von  hundert  Zetteln  hundert  verschiedene  Themen  aufnehmen,
  von  der  Soldatenmißhandlung  auf  die  Tiesseeforschung,
  von  der  Sonntageruhe  auf  die  Malzgerste,  vom
Statistischen  Amt  auf  den  römischen  Grenzwall  kommen,  gibt
es  heute  doch  den  einen  roten  Faden:  den  Verständigungs---frieden.
  Eine  gemeinsame  Entschließung  des  Hauses,  von  der
sich  unter  lebhaftem  „Pful“  und  „Raus“  der  übrigen  nur  die
Unabhängigen  ausschließen,  verlangt  ihn  von  der  Entente.

Was  der  Unabhängige  Seger  mit  stierem  Fanatiemus
in  einer  langen  Rede  vorbringt,  das  wird  verlacht.  Man  ist

125
        <pb n="128" />
        manchmal  empört,  manchmal  nur  belustigt.  Das  alte  Bild.
Die  Nationalversammlung  tut  so  lange  schnippisch  oder  höhnisch,
  bie  sie  dem  Bergewaltiger  eines  schönen  Tages  erliegt.
Die  Unabhängigen  gehen  aufs  Ganze.  Oie  Nationalversammlung
  mitsamt  der  Regierung  aber  taumelt  von  Halbheit  zu
Halbheit.  Noch  erklärt  Scheidemann  heute  mit  vollem  Brustton
  sich  gegen  das  Rätespstem  und  versichert,  er  werde  nicht
umlernen,  aber  Seger  leiert  eintönig  —  und  so  unbeirrt  wie
ein  Schlafwandler  —  seinen  Sang  von  dem  nahen  Siege  des
Weltbolschewismus  herunter.  Scheidemann  werde  schon  noch
umlernen.  Kurz  vor  dem  Kriege  noch  sei  er  gegen  den  Krieg
gewesen  und  habe  dann  am  4.  August  schnell  umgelernt.  Im
Kriege  habe  er  nach  deutschen  Siegen  erklärt,  derjenige  sei
ein  Narr,  der  nicht  an  ein  Verrücken  der  Grenzsteine  glaube,
und  später  habe  er  jeden  Annexrionsgedanken  abgewiesen.
Kurz  vor  der  Revolution  habe  er  ein  Regierungsprogramm
gegen  die  Revolution  mit  entwerfen  und  sie  nachher  doch
mitgemacht.  So  wirft  Seger  spachtelweis  seine  Farbentupfen
  auf  die  Leinwand,  und  Herr  Scheidemann  wird  immer
deutlicher,  wird  greifbar  ähnlich.  Es  ist  aber  nicht  recht,  ihn
allein  so  zu  malen.  Oie  ganze  Regierung,  das  ganze  Parlament
  ist  so.  Willenlos  vor  jedem  Oränger.  Biesmarck
sagt  in  seinen  Erinnerungen,  Parlamente  seien  stets  auch
leichter  zu  betrügen  als  Monarchen,  einzig  und  allein  den  russischen
  Zaren  vielleicht  ausgenommen.  Geradezu  ein  Muster
dafür  sei  das  englische  Unterhaus,  das  noch  durch  jedes  Blaubuch
  sich  habe  einwickeln  lassen.  Am  klarsten  spricht  heute
vielleicht  Graf  Brockdorff-Rantzau,  dessen  Programm  zur
Reform  des  auswärtigen  Dienstes  so  vernünftige  Gedanken
enthält,  daß  das  Geschwätz  der  Unberufenen  über  diesen
Punkt  nun  hoffentlich  aufhören  wird.  Er  will  das  „Regional-System“
  einführen,  für  jedes  Land  einen  besonderen  Stab,
der  dauernd  dieses  Gebiet  bearbeitet,  während  wir  bisher  auf

126
        <pb n="129" />
        Materien  die  Beamten  verteilten  und  die  Herren  der  Außenposten
  häufig  versetzten.  Also  endlich  einmal  die  Aufzucht
von  Fachleuten!  Die  Engländer  machen  es  längst  so.  Sie
schicken  einen  konsularischen  Lehrling  nach  Siam,  und  er  bleibt
sein  Leben  lang  da;  und  es  wird  ihnen  nicht  einfallen,  einen
alten  Konsul  aus  Baku  plötzlich  nach  Tunis  zu  schicken,  —  wenn
er  mit  dem  Petroleum  gut  Bescheid  weiß,  läßt  man  ihn  nicht
auf  Datteln  und  Phosphate  los.

In  unseren  Parlamenten  kann  man  leider  nicht  darauf  rechnen,
  Leute  von  Fach  bereinzubekommen.  Haher  die  dumpfe
Ungeduld  der  Massen.  Man  ist  der  Nichts-als-Redner  satt.
Man  spricht  vom  Rätesostem,  das  helfen  soll  und  doch  vielleicht
vollends  unser  Ruin  wird,  weil  es  mit  Bolschewismus  und
Oiktaturgelüst  auftritt,  während  ein  Ständehaus  mit  Räten
aller  schaffenden  Berufe  uns  von  jenem  parlamentarischen
Elend,  das  unverändert  aus  der  vormärzlichen  Demokratie
herübergekommen  ist,  erlösen  könnte.  Aber  das  begreifen
vorerst  nur  einige  Abgeordnete  der  Opposition.  Die  anderen
lachen,  lärmen,  rufen  Pfui,  markieren  aufrechte  Haltung  gegenüber
  der  Konkurrenz  und  erliegen  doch  jedem  Vergewaltiger,
der  von  der  Straße  kommt.

-

Krisengerüchte  und  Kleinigkeiten

Weimar,  11.  April

Schiffer  wird  ausgeschifft,  heißt  es  in  Weimar,  und  wie
lange  seine  Ministerkollegen  noch  im  Regierungskahn  bleiben,
wisse  kein  Mensch.  Kann  sein,  kann  auch  nicht  sein.  Manchmal
werden  Krisengerüchte  nur  deshalb  in  die  Welt  gesetzt,  um
eine  Gegenwirkung  hervorzurufen  und  die  bereits  Wanken-127
        <pb n="130" />
        den  zu  stützen.  Auf  alle  Fälle  wird  aber  im  Schlosse  heute
schon  eine  Leichenfeier  veranstaltet.  Scheidemann  lädt  dazu
ein.  Die  Politiker  und  die  Pressevertreter  sollen  hinkommen;
die  meisten  werden  sich  das  wohl  nicht  zweimal  sagen  lassen,
zum  mindesten  in  der  Hoffnung,  bei  einer  Flasche  Wein  alles
zu  erfahren,  was  hinter  den  Kulissen  sich  zusammenbraut.
Daß  Schiffer  außerordentlich  nervös  ist,  bört  und  sieht  man
jedesmal,  wenn  er  auftritt.  Ein  überragendes  Talent,  das
man  schmerzlich  vermissen  würde,  ist  er  auch  nicht,  obwohl  er
seinen  demokratischen  Parteigenossen  dadurch  imponiert,  daß
er  mit  rasender  Zungengeläufigkeit  seine  freisinnigen  Leitartikel
  spricht.  Der  Reichshaushaltsplan  jedenfalls,  für  den  er
verantwortlich  zeichnet,  ist  die  leichtfertigste  Arbeit,  die  wir
je  erlebt  haben.  AUbrigens  nicht  nur  Schiffer  allein  drückt
die  Knie  nach  der  Heimat  durch,  auch  anderen  Demokraten
und  Zentrumsleuten  im  Kabinett  ist  die  Lage  nicht  geheuer.
Bielleicht  geht  sogar  den  Sozialdemokraten  allmählich  eine
Abhnung  von  ihrer  Unzulänglichkeit  auf.  Aber  die  Optimisten
erwarten  heute  abend  im  Schlosse  bestimmt  das  Wunderwirken
  des  großen  Politikers  namens  Syndetikon:  klebt,  leimt,
kittet  alles.

Bei  einer  Kleinigkeit  ist  heute  im  Nationaltheater  die  Regierungsmehrheit
  schon  auseinandergeborsten.  Die  sogenannte
  Sommerzeit,  die  in  Großstädten  7—8  v.  H.  Kohlen--ersparnis
  bedeutet,  auf  dem  Lande  aber  nahezu  eine  Unmöglichkeit
  ist,  da  die  Milchkühe  sich  gegen  Nachtlieferung  erklärt
haben,  sollte  auch  heuer  wieder  eingeführt  werden.  Oiesen
Gesetzentwurf  lehnt  das  Haus  mit  einer  Mehrheit  aus  sämtlichen
  Parteien  ab.  Eine  Stunde  früher  aufstehen  und  in  der
lieben  Sonne  sich  tummeln,  ist  sehr  schön,  wenn  man  ordentlich
  frühstücken  kann,  nur  für  die  Imitation  eines  Ersatzes  von
Kaffeezusatz  aber  verlohnt  das  nicht.  „O  mordet  nicht  den
heil'gen  Schlaf!"  heißt  es  im  Wallenstein.  Also  die  Sommerzeit

128
        <pb n="131" />
        kommt  nicht,  man  ist  dagegen.  Einmütig  für  einen  Regierungsentwurf
  ist  das  Haus  bei  der  Besprechung  der  Vorlage,
die  Vorbereitungszeit  unserer  jungen  Zuristen,  soweit  sie
Kriegsteilnehmer  sind,  auf  der  Universität  und  nach  der  Universität
  bis  zur  Assessorprüfung  erheblich  zu  verkürzen.  Der
Justizminister  Landsberg  verkündet  dabei  unter  großer  Aufmachung,
  daß  in  seinem  Ressort  ein  gewaltiges  Werk  der
Vollendung  sich  nähere,  die  Neuregelung  unseres  Strafrechtes;
  das  sei  der  beste  Beweis  dafür,  daß  der  deutsche  Gortt
nicht  gelitten  habe.  Gewiß  nicht.  Gleichzeitig  ist  aber  anscheinend
  die  sowieso  schon  nicht  geringe  Reklamesucht  der  republikanischen
  Minister  ins  Schwindelnde  gewachsen.  Herr  Landsberg
  hätte  sonst  erklären  müssen,  daß  die  Hauptarbeit  an  der
Strafrechtsreform  in  langen  Jahren  vor  dem  Kriege  und
vor  der  Revolution  geleistet  worden  ist  und  daß  jetzt  nur

der  Abschluß  erfolgt.

Mitgegangen,  mitgefangen

Weimar,  12.  Afril

Man  könnte  meinen,  daß  im  Kabinett  vollkommene  Herzeinigkeit
  herrsche,  denn  alles  sitzt  traulich  auf  der  Ministerestrade
  beisammen,  auch  Saul  unter  den  alttestamentarischen
Propheten,  nämlich  Schiffer  zwischen  Landsberg  und  Preuß.
Aber  es  ist  trotzdem  wahr,  daß  er  gehen  will.  An  ihm  hat
sich  die  Tragödie  bereits  vollendet,  in  der  manche  Weggenossen
noch  ringen.  Dieser  ehedem  nationalliberale  Abgeordnete,
der  mit  dem  Großadmiral  v.  Tirpitz  zusammen  feurige  Vorträge
  für  die  BVaterlandspartei  hielt,  paßt  in  die  jetzige  Regierung
  so  hinein  wie  ein  Metzgermeister  in  den  Vorstand

Friedrich  der  Vorläufige  129  9
        <pb n="132" />
        des  Vegetariervereins.  Aber  es  half  ihm  eben  nichts  mehr,
sobald  er  sich  von  den  Demokraten  hatte  einfangen  lassen.
Nach  dem  9.  November  ist  es  manchem  Ecdrgeizigen  und
manchem  Zdealisten  so  gegangen:  in  der  von  der  goldenen
Znternationale  mit  reichen  Propagandamitteln  ausgestatteten
demokratischen  Partei  sahen  sie  „die“  Partei  der  großen  und
großdeutschen  Zukunft  und  beeilten  sich  mit  ihrem  Anschluß.
Einige  Wochen  später  waren  sie  schon  Galeerensklaven  der
Sozialdemokratie  und  mußten  das  Staateschiff  zum  fürchterlichen
  Strudel  unserer  Tage  hinrudern.  Jetzt  kann  Schiffer
seine  politische  Kurzsichtigkeit  büßen.  Mitgegangen,  mitgefangen!
  Als  alter  preußischer  Justizbeamter  weiß  er,  was
die  sinnlose  heutige  Sozialisierung  bedeutet,  und  hat  sie
trotzdem  mitmachen  müssen.  Nun  wird  ihm,  er  weiß  nicht  wie.
Mit  Todesverachtung  hat  er  auf  unseren  Finanzwirrwarr
noch  einen  Reichshaushalt  gestülpt,  der  keinen  einzigen
großen  Gedanken  enthält,  zwischen  den  Zeilen  und  Ziffern
vielmehr  das  Bekenntnis  vollkommener  Ratlosigkeit  erkennen
läßt.  Da  gebt  er  bin  und  möchte  sich  am  liebsten  einen  Strick
kaufen.  Es  hat  ihm  jedes  politische  Ahnungsvermögen  gefehlt.
  Nun  hat  er  seine  große  Zukunft  —  hinter  sich.
Inzwischen  wird  mit  zum  Bersten  gespannten  Muskeln
und  Sehnen  die  Galeere  weitergerudert  auf  Scylla  und
Charpbdis  zu.  Man  sozialisiert  heute  den  Kalibergbau  allerdings
  noch  nicht  ganz,  vielmehr  schafft  man  nach  berühmtem
Muster  eine  „Republik  mit  dem  Großberzog  an  der  Spitze“,
nämlich  man  beläßt  das  Kalisondikat  in  seiner  Tätigkeit,  weil
kein  Arbeiterbetriebsrat  und  keine  Bureaukratie  die  kaufmännischen
  Beziehungen  zum  Auslande  so  pflegen  könnten.
Wir  sind  auf  die  Ausfuhr  unserer  Kalündustrie  angewiesen.
Sie  ist  eines  der  wenigen  werbenden  Geschäfte,  die  wir  noch
haben.  Ihr  droht  jetzt  neuer  Wettbewerb  durch  die  Gruben
in  Elsaß-Lothringen,  die  in  den  Händen  der  Franzosen  sind  —

130
        <pb n="133" />
        für  immer  in  ihren  Händen,  wie  der  Regierungevertreter  in
seiner  Rede  durchblicken  läßt,  wogegen  der  deutschnationale
Abgeordnete  Behrens  leidenschaftlichen  Widerspruch  erhebt
noch  sei  das  Reichsland  nicht  französisch,  noch  müßten  wir  die
freie  Selbstbestimmung  der  Bölker  verlangen.  Unter  Berufung
  darauf,  daß  die  Löhne  der  Bergleute  sehr  gestiegen
seien,  erhöht  die  Vorlage  auch  wiederum  die  Preise  der
Kalisalze,  so  daß  sie  gegen  1911  verdoppelt  und  verdreifacht
sind.  Unser  Ackerbau  muß  dieses  notwendige  künstliche  Düngemittel
  also  wiederum  teurer  bezahlen,  und  das  verteuert  uns
wiederum  Brot  und  Fleisch,  Fett  und  Gemüse.  Oie  ewige
Schraube.  Mit  hervorquellenden  Augen  starrt  die  Regierung
auf  die  Schraube,  weiß  sich  aber  keinen  Rat.

Dieselbe  Regierung  verlangt  noch  besondere  Vollmachten
für  ihre  Unfähigkeit.  Ein  Ermächtigungsgesetz  ist  eingebracht,
das  dem  Kabinett  gestatten  soll,  Berordnungen  mit  Gesetzeskraft
  zu  erlassen,  ohne  die  Genehmigung  des  Parlaments
dazu  einholen  zu  müssen.  Herr  Preuß  findet  dafür  nur  die
armselige  Motivierung,  es  käme  doch  zum  Beispiel  vor,  daß
Heeresgut  verschleudert  werde,  und  da  müsse  die  Regierung
sofort  eingreifen  können.  Du  lieber  Himmel.  Oa  pflegte
früher  nur  die  Polizei  einzugreifen,  und  die  Halunken  kamen
hinter  Schloß  und  Riegel.  Heute  aber  wird  von  einer  demokratischen
  Parlamentemehrheit  der  ganz  undemokratische  Beschluß
  verlangt,  der  Regierung  diktatorische  Vollmachten  zu
geben.  Den  wirklichen  Demokraten  bricht  dabei  vielleicht  der
Angstschweiß  aus  so  wie  einst  dem  alten  Abgeordneten  Träger,
als  er  dem  Bülowblock  zuliebe  sich  für  das  Vereinerechts--kompromiß
  breitschlagen  ließ.  Aber  mitgegangen,  mitgefangen.
  Es  bilft  nichts.  Die  schmählichste  Zumutung  an  die
bürgerlichen  Parteien,  die  auch  noch  auf  der  heutigen  Tagesordnung
  steht,  ist  schließlich  die  Borlage,  die  den  1.  Mai  als
Feiertag  des  revolutionären  Proletariats  für  das  ganze  Volk

131  “
        <pb n="134" />
        gesetzlich  festlegen  will.  Warum  nicht  auch  gleich  Eberts  Geburtstag
  oder  Liebknechts  Todestag  oder  den  Tag  der  Auslieferung
  der  deutschen  Hochseeflotte?  Unter  den  Galeeren--stlaven
  gärt  es;  sie  reißen  murrend  an  ihren  Ketten.  Da
wird  denn  schon  um  2  Uhr  die  Sitzung  abgebrochen.  Bis
Montag  hofft  die  Regierung,  ihre  Sträflinge  für  den  Maitag
kirre  machen  zu  können.  Ee  ist  nichts  mit  dem  Sklavenaufstand.
  Der  einzelne  kann,  wie  Schiffer,  in  der  Berzweiflung
die  Arbeit  verweigern,  sich  krankstellen  und  von  der  Ruderbank
  gelöst  werden,  die  Partei  aber  muß  mitsamt  den  Schiffsherren
  in  den  gähnenden  Strudel.

Regierung  und  Ernährung

Weimar,  14.  April

Von  einer  Frauenzeitschrift  wurde  einmal  die  Preisfrage
gestellt,  wie  die  Gattin  sich  am  besten  die  Liebe  ihres  Mannes
erhalte.  Den  ersten  Preis  erhielt  die  kurze  Antwort:  „Füttert
die  Bestie  gut!“

Es  ist  ungefähr  das  gleiche,  was  wir  heute  in  der  Nationalversammlung
  hören,  wo  eine  sozialdemokratische  Interpellation
  über  die  Berteilung  der  ausländischen  Lebenemittel
dem  Ernährungseminister  Robert  Schmidt  die  verabredete
Gelegenheit  geben  soll,  um  der  Regierung  Liebe  und  Vertrauen
  im  Volke  zu  werben.  Gebt  uns  gut  zu  essen,  dann
wird  alles  gut,  sagt  die  Linke,  am  bestimmtesten  der  Unabhängige
  Wurm,  der  als  konsequenter  Materialist  alles  Ubel
auf  die  Unterernährung  schiebt  und  über  die  politischen  Streiks
und  Gewalttaten  seiner  Leute  den  Mantel  parteitaktischer
Nächstenliebe  und  die  sieben  Schleier  Salomes  wirft.  Je

132
        <pb n="135" />
        weiter  nach  rechts,  desto  deutlicher  klingt  noch  ein  anderes
Motiv  in  die  Besprechung  hinein:  wer  nicht  arbeitet,  der
soll  auch  nicht  essen!  Der  Deutsche  Volksparteiler  Ousche
sagt  es  klar  heraus,  woran  unser  jämmerlicher  Wirrwarr  liegt,
—  an  der  Verschleuderung  unserer  Habe  durch  die  Revolution
und  an  dem  Ourchfüttern  der  arbeitsscheuen  Arbeitslosen  der
Großstadt.  Man  solle  sie  lieber  allesamt  zur  Landarbeit
binausschicken.

„Sollen  sie  in  Ställen  wohnen?“  ruft  ein  Genosse  dazwischen.
  Gewiß,  eine  Stadtwohnung  mit  der  Kneipe  im
Parterre,  dem  Musikcafé  nebenan  und  dem  Kientopp  gleich
um  die  Ecke  fänden  die  Herren  Arbeiter  auf  dem  Oorfe  nicht,
aber  wo  unsere  sogenannten  Zungmannen,  fast  durchweg
Gymnasiasten  der  Prima  und  Sekunda,  Söhne  wohlhabender
und  gebildeter  Familien,  im  vergangenen  JZahre  fröhlich  und
dankbar  bei  ihrer  Landarbeit  Unterschlupf  fanden,  da  könnten
auch  die  Herren  Arbeiter  zufrieden  sein.  Wenn  wir  im  Felde
nur  immer  solche  Unterkunft  gehabt  hätten!  Oie  jungen
Offiziere,  die  jahrelang  in  Unterständen  und  Granattrichtern
gehaust  haben,  gehen  jetzt  nach  ihrer  Verabschiedung  in
Scharen  aufs  Land  und  arbeiten  dort  als  Knechte  für  Verpflegung
  und  zwei  Mark  täglich.  „Sind  die  dumm!“  sagt.
der  Berliner  Arbeitslose.

Die  Sozialdemokratie  hat  eben  jahrzehntelang  ihren  Leuten
das  Schlaraffenland  für  den  Zeitpunkt  versprochen,  wo  sie
an  die  Regierung  komme,  und  da  wartet  nun  alles  auf  die
gebratenen  Tauben  und  die  Spanferkel  mit  Messer  und  Gabel
im  knusperigen  Rücken.  Arbeit?  „Wer  die  Arbeit  kennet
und  sich  nicht  drückt,  der  ist  verrückt!“  schrieben  die  Genossen
1918  an  der  Front  überall  mit  Kreide  an  und  nassauerten
als  „Versprengte“  in  der  Etappe.

Oas  ist  der  wahre  Grund  unseres  Elends,  daß  Hunderttausende
  ein  Schlaraffenleben  als  ihr  gutes  Recht  verlangen

133
        <pb n="136" />
        und  die  Regierung,  die  jetzige  rote  republikanische  Regierung,
als  Volksverräter  hinstellen,  weil  sie  es  nicht  schaffe.  Der
regierende  Genosse  Robert  Schmidt  weiß  das  natürlich  auch.
Wie  gerne  fütterte  er  die  Bestie  gut!  Aber  alles  scheitert  am
Aichtarbeiten.  Wir  haben,  wie  er  erzählt,  94  Millionen
Doppelzentner  Zuckerrüben  erzeugt,  eine  Menge,  die  vollauf
genügen  würde,  um  uns  mindestens  so  viel  Zucker  wie  im
Vorjahre  zu  sichern.  Aber  es  fehlt  an  Arbeitern  und  an
Kohle  auf  dem  Lande  und  in  den  Zuckerfabriken,  so  daß  ein
großer  Teil  der  Rüben  verfüttert  werden  mußte  oder  ganz
verdorben  ist.  Das  Weiterfaulenzen  verschlechtert  ferner
unsere  Baluta,  so  daß  wir  von  Tag  zu  Tag  größere  Beträge
unseres  entwerteten  Geldes  zur  Zahlung  brauchen:  das
amerikanische  oder  chinesische  Fett,  das  zu  4,50  Mark  abgegeben
  werden  sollte,  wird  6  oder  7  Mark  oder  noch  mehr
kosten.  Robert  Schmidt  klagt  die  Massen  an,  daß  sie  unser
ganzes  Volk  dem  Hungertode  entgegenführen.  Kein  konservativer
  Minister  hat  den  Massen  je  so  schonungslos  die  Wahrbeit
  gesagt  wie  dieser  Sozialdemokrat,  der  nun  von  der  Regierungsbank
  aus  die  Welt  natürlich  ganz  anders  sieht  als
früher  aus  der  Froschperspektive  des  verantwortungelosen
Agitators.  «

Aber  die  Wahrheit  sagen  und  das  Rechte  tun,  ist  noch  nicht
dasselbe.  Gesprochen,  auch  gut  gesprochen,  wird  in  der  Nationalversammlung
  zentnerweise;  ein  Gramm  Taten  wäre
mehr.

Die  unselige  alte  Schichtung  unseres  Parteilebens  verleugnet
  sich  übrigens  auch  in  der  beutigen  Debatte  nicht.
Die  Linke  gefällt  sich  in  allerlei  Spitzen  gegen  die  Agrarier,
worunter  heute  schon  jeder  Landwirt  bis  zum  kleinen  Bauern
herab  verstanden  wird.  An  denen  liegt  aber  die  Schuld  wahrhaftig
  nicht.  Auf  dem  Lande  hat  jedermann  von  Sonnenaufgang
  bis  zur  sinkenden  Nacht  zugepackt  und  für  ODeutsch-134
        <pb n="137" />
        land  gearbeitet.  Wir  hatten  1918  eine  so  gute  Getreideernte,
  daß  nicht  ein  einziger  Sack  fremden  Mehles  nötig  gewesen
  wäre,  daß  wir  bis  zur  nächsten  Ernte  mit  eigenem
Vorrat  durchgehalten  hätten.  Da  aber  kam  „das  blutige,
kronenlose  Tier  aus  dem  Abgrund“,  wie  die  Offenbarung
Zohannis  es  schildert,  und  alles  ward  verschleudert  und
verludert.

Oieselbe  Bestie  sperrt  nun  den  NRachen  wieder  auf.  Füttert
sie  gut,  ihr  Männer  vom  9.  November,  sonst  verschlingt  sie  euch.

Das  Friedensfest

Weimar,  15.  April.

Nachdem  unsere  heute  regierenden  Herren  die  Aufgabe,
uns  Frieden  und  Freiheit  und  Brot  zu  bringen,  so  glänzend
gelöst  haben,  können  sie  heute  in  Ruhe  an  die  äußere  Umformung
  gehen.  An  der  Fassade  des  Deutschen  Reiches  und
der  Einzelstaaten  darf  nichts  mehr  an  das  Gewesene  erinnern.
Von  den  neuen  Fünfzigmarkscheinen  ist  jedes  der  früher  die
Reichsgewalt  darstellenden  Embleme  verschwunden;  an  Stelle
der  Kronen  und  Adler  ist  ein  stilisierter  Bandwurm  getreten.
Zn  Baypern  hat  man  es  sich  leichter  gemacht  und  auf  allen
Klischees  einfach  dem  Wappentier  die  Krone  weggestemmt,
wobei  natürlich  der  obere  Teil  des  Kopfes  mit  daran  glauben
mußte.  So  prangen  denn  an  der  Spitze  der  „Staatszeitung“
in  München  jetzt  zwei  hirnlose  Löwen.  Aber  unsere  regierenden
  Herren  sind  nicht  etwa  nur  im  Niederreißen  groß.  Sie
sind  auch  schöpferisch  bemüht.  So  haben  sie  uns,  um  einem
fühlbaren  Mangel  abzuhelfen,  einen  neuen  Feiertag  beschert.
Oie  alte  sozialdemokratische  Maifeier  wird  verstaatlicht.

135
        <pb n="138" />
        Selbstverständlich  bedeutet  dies  das  Aufpflanzen  eines
Geßlerhutes.  Das  deutsche  Bürgertum  soll  seine  Reverenz
davor  machen,  soll  barhäuptig  und  mit  gebogenem  Rücken
die  neue  Herrschaft  anerkennen.  Früher  war  das  Blaumachen
  am  1.  Mai  eine  Demonstration  für  den  Achtstundentag.
Der  Achtstundentag  ist  nun  eingeführt.  Damit  ist,  so  könnte
man  meinen,  der  Zweck  der  Demonstration  erreicht,  die  Maifeier
  fortan  überflüssig  geworden.  Aber  nein,  es  wird  ein
Zwangefeiertag  für  alle  Bürger  eingeführt,  was  nicht  einmal
der  Sedantag  der  „Mordspatrioten“  früher  war  und  der
Geburtstag  des  Kaisers  nur  in  bescheidenem  Umfange.  Oieses
Siegeszeichen  der  Roten  aber  bilft  eine  bürgerliche  Partei
aufrichten:  die  Deutsche  Demokratische  Partei.

Aur  will  sie  das  Dekorum  wahren.  Sie  hat  mit  der  sozialdemokratischen
  Regierung,  die  grausam  lächelnd  zustimmt,
vereinbart,  daß  die  Sache  einen  harmlosen  Titel  haben  müsse.
Man  will  ein  Weltfriedenefest,  ein  Völkerverbrüderungefest,
ein  internationales  Arbeiterschutzfest  daraus  machen.  In
diesem  ersten  Jahr  könne  man  eine  Kundgebung  für  Freilassung
  der  Kriegsgefangenen  und  dergleichen  damit  verbinden.
  Mein  Gott,  nur  nicht  schwerfällig  sein.  Es  beißt
nicht  betrügen,  sondern  corriger  la  fortune,  sagt  schon  Riccaut
de  la  Marlinisre;  und  wenn  das  Fenster  geöffnet  ist,  darf
man  einen  Meineid  schwören;  und  wenn  man  in  das  Joch
der  Sozialdemokratie  kriecht,  so  demonstriert  man  für  weltbürgerliche
  Odeale.  In  Wahrheit  hat  sich  die  Demokratie  aus
Arbeiterschutz  und  Arbeitsruhe  nie  einen  Pfifferling  gemacht.
Als  vor  etwa  dreißig  Jahren  die  damals  sonntäglich  noch
viermalige  Postbestellung  in  den  Großstädten  eingeschränkt
werden  und  die  Zigarrenläden  Sonntags  „nur  noch“  bis
11  Uhr  abends  aufbleiben  sollten,  schrie  die  Demokratie  Zeter
und  Mordio  über  diese  Vergewaltigung  des  Geschäfts.  So
eiferte  sie  gegen  jede  Ladenschlußstunde,  stimmte  gegen  jede

136
        <pb n="139" />
        gesetzliche  Berkürzung  der  Arbeitszeit.  Was  Dr.  David  bei
der  Begründung  der  Vorlage  von  den  „hohen  ##dealen“  des
Weltfeiertags  erzählte,  ist  der  Demokratie  so  gleichgültig  wie
nur  irgend  etwas,  aber  sie  klammert  sich  an  ihre  Regierungs--stühlchen.
  Da  will  sie  nicht  herunter.  Das  ist  es.  Selbst
wenn  sie  an  einer  Kette  da  oben  sitzt;  selbst  wenn  sie  das
Bürgertum  verraten  muß.  An  der  Kabinettsfrage  des
1.  Mai  bräche  die  jetzige  Regierung  zusammen,  wenn  sie  nicht
die  Demokratie  als  Trabanten  hätte.  Das  Zentrum  stimmt
nahezu  Mann  für  Mann  mit  der  Rechten  dagegen.

Die  Debatte  wird  sehr  gereizt.  Der  Deutschnationale
Dr.  Költzsch,  der  alo  Prediger  der  Wahrheit  alle  Christen  aufruft,
  jetzt  Panier  aufzupflanzen,  gerät  nach  seiner  Rede  in
eine  erregte  persönliche  Auseinandersetzung  zwischen  den
Bänken  mit  dem  Extheologen  Naumann.  HOer  deutsche  Volksparteiler
  Mittelmann,  der  schonungslos  das  ganze  Heuchlerspiel
  entlarvt,  wird  angeschrien,  und  als  er  später  vom  Platze
aus  Zwischenrufe  macht,  springen  mehrere  Sozialdemokraten
auf,  ballen  die  Fäuste  und  wollen  anscheinend  vorstürmen.
Man  sieht:  es  handelt  sich  um  ein  Friedenefest.

Zu  einer  wirklichen  Holzerei  kommt  es  noch  nicht.  Im
Zentrum  lüpft  sich  einer  vom  Sitz  und  taucht  langsam  zur
Riesengröße  empor,  —  der  Bauernbündler  Dr.  Heim.  Gegen
diesem  gewaltigen  Prellbock  traut  sich  doch  niemand  anzugehen.
  Der  Demokratenführer  Herr  v.  Paper  eilt  zu  denen
um  Gräfe  und  beschwört  die  Rechte,  die  namentliche  Abstimmung
  beantragt  hat,  sie  möchte  doch  nicht  obstruieren  und
etwa  das  Haus  beschlußunfähig  machen.  Das  fällt  der  Rechten
nicht  ein.  Die  Vorlage  wird  von  den  Roten  und  den  Abgefärbten
  angenommen.

Nach  Erledigung  des  Kaligesetzes  und  einer  Auseinandersetzung
  zwischen  Haase  und  Erzberger,  bei  der  sich  wieder  einmal
  herausstellt,  daß  dieser  verantwortliche  Reichsminister

137
        <pb n="140" />
        unverantwortlich  leichtfertige  Behauptungen  hinauszuschmettern
  pflegt,  wird  eine  Botschaft  des  Reichspräsidenten  Ebert
verlesen,  die  sich  vermutlich  architektonisch  der  heutigen  Weltfriedensdemonstration
  der  Maifeier  einfügen  sollte.  Sonst
sind  allerhöchste  Botschaften  erst  am  Schlusse  der  Session
üblich  gewesen.  Aber  es  ist  sehr  spmpathisch  von  dem  Herrn
Ebert,  daß  er  für  sein  Gehalt  auch  etwas  Besonderes  leisten
will  und  zu  den  Fragen  der  Zeit  das  Wort  ergreift.  Was  er
da  über  die  Pflicht  der  Arbeiter  zum  Arbeiten  sagt,  das  hat
Scheidemann  freilich  schon  wiederholt  und  stilistisch  noch
besser  geäußert,  und  Scheidemann  bekommt  doch  nur  100  000
Mark  jährlich,  nicht  600  OO0  wie  Ebert.  Der  Appell  an
unsere  Feinde  aber,  milde  mit  uns  zu  verfahren,  wird  in
Paris  kaum  Eindruck  machen.  Hinter  solchen  Worten  muß
das  Gewicht  einer  Persönlichkeit  stehen,  nicht  bloß  das  freilich
beträchtliche  Lebendgewicht  des  Herrn  Ebert,  der  für  die
Entente  eine  komische  Figur  ist.  Er  schiebt  den  Gegnern
„die  Berantwortung  vor  der  Weltgeschichte“  zu.  Das  ist  sehr
bequem  —  für  ihn  und  für  sie.  Eine  Phrase  zum  Friedensfest.
  Eine  Phrase  mehr.

Etatdebatte  am  Versaillestag

Berlin,  7.  Mai

Zm  Reichstag  gähnen  die  Wände  bilderlos.  Das  große
Gemälde  Angelo  Janks  „König  Wilhelm-  reitet  über  das
Schlachtfeld  von  Sedan“,  das  probeweise  einmal  bereits
angebracht  und  auch  schon  bezahlt  war,  kam  wieder  auf  den
Trockenboden,  weil  die  Reichsboten  —  sie  waren  schon  damals
  so  —  keine  Predigt  des  Militarismus  wünschten.  Im

138
        <pb n="141" />
        Landtag  ist  es  anders.  Auf  die  preußische  Landesversammlung
  schauen  aus  den  Städtebildern  an  den  Wänden  unsere
Dome  pernieder,  die  Zeugen  alter  Bürgerherrlichkeit  vom
Pregel  bis  zum  Rhein,  die  Zeugen  einer  kraftvollen
Entwicklung  in  vielen  JZahrhunderten  des  deutschen
Wachstums.

Man  wagt  es  heute  kaum,  den  Blick  zu  ihnen  zu  erbeben.
Man  sieht  wie  durch  Nebel;  und  Grauen  rieselt  herab.

Schon  sind  im  Hause  die  Friedensbedingungen  der  Entente
bekanntgeworden.  Aber  niemand  denkt  daran,  die  Sitzung
aufzuheben.  Es  ist  fast  unerträglich,  die  satte  sozialdemokratische
  Spießbürgerlichkeit  des  Mehrheitsgenossen  Schubert
anzuhören,  der  ganz  vergilbte  Leitartikel  redet;  gegen  die
unersättlichen  Agrarier  und  so.  In  einer  Zeit,  in  der  die
Staatseisenbahnen,  dieser  schon  längst  und  zuallererst  bei  uns
sozialisierte  Betrieb,  über  zwei  Milliarden  Mark  Fehlbetrag
aufweisen,  empfiehlt  er  möglichst  viel  weitere  Sozialisierungen,
doch  müsse  „natürlich“  jeder  sozialisierte  Betrieb  seine  Unkosten
  decken.  Vorerst  leben  aber  doch  alle  die  Sozialisierungen
nur  von  Vermögenskonfiskationen;  und  diese  Herrlichkeit  hat
bald  ein  Ende.  Auf  derselben  Höhe  nationalökonomischer
Erkenntnis  steht  Schuberts  Satz,  daß  man  auf  dem  Lande  —
durch  genossenschaftlichen  Betrieb  eine  Produktionssteigerung
erreichen  müsse.  Luft!  Luft!  Man  faßt  sich  in  den  Kragen,
um  in  dem  Platzregen  dieser  Weisheit  nicht  zu  ersticken.  Und
das  am  Tage  von  Versailles.  Der  deutsche  Spießer  ist  immer
noch  blind  und  taub.

Der  Deutsche  Volksparteiler  v.  Richter,  der  von  dem  Hochsitz
  pergekommen  ist,  den  einst  der  kluge  Bennigsen  einnahm,
wirkt  trotz  der  Länge  seiner  Rede  als  eine  Erholung;  denn  es
ist  kein  Salbadern,  sondern  fachmännische  Kritik  des  Etats,
was  der  alte  Berwaltungsbeamte,  der  ehemalige  Oberpräsident
  von  Hannover,  vorbringt.  Und  doch:  Verseailles,

139
        <pb n="142" />
        Versailles,  Versailles.  Man  wird  dieses  Hämmern  nicht  los.
Man  versteht  die  Ruhe  da  unten  nicht.

Der  Rosenfeld.  Der  Rechtsanwalt  Rosenfeld.  Der  Rosenfeld,
  der  kurze  Revolutionstage  Hindurch  Justizminister  in
Preußen  war,  während  sein  Fraktionsgenosse  Adolf  Hoffmann
gleichzeitig  ebenso  „geradlinig“  Kultus  und  Kultur  verwaltete.
ODer  Rosenfeld  hat  sich  für  beute  noch  nicht  präpariert,  muß
aber  doch  reden,  und  da  wird  es  eine  Unterhaltung,  ein
Haschen  nach  jedem  Zwischenruf,  ein  stilistisches  Weiterstolpern.
  Er  springt  mit  dem  Satze  auf  die  Bühne,  daß  zu
unserer  wirtschaftlichen  Wiedergesundung  alles  sozialisiert
werden  müsse.  „Auch  der  Lederhandel?“  wird  ihm,  dem
Schwiegersohn  des  Ledermillionärs,  entgegengerufen.  Darob
entrüstet  sich  der  Abgeordnete  Rosenfeld  und  findet  das
„Riveau“  des  Hauses  sehr  niedrig.  „Ehrlos  is  det!“,  bekräftigt
#dolf  Hoffmann,  der  getreue  Claqueur.  So  geht  es  in  Rede
und  Gegenrede  anmutig  weiter,  zwei  Stunden  lang.  Gegen
Roske.  Für  Eichhorn.  Und  für  die  Bolschewisten  vom
Stamme  Levin.

In  Versailles  ist  der  „Friedensvertrag“  heraus.

Der  Widerhall  im  Landtage

Berlin,  8.  Mai

Auf  12  Uhr  ist  die  Sitzung  anberaumt.  Aber  die  Ankömmlinge
  werden  lautlos  von  irgendwelchen  Beratungszimmern
verschluckt;  der  große  Sitzungesaal  bleibt  leer.  Nur  einige
wenige  Abgeordnete  stehen  flüsternd  beisammen.  Es  ist,  als
sei  ein  mächtiger  Toter  ganz  in  der  Nähe  aufgebahrt.  Um
½2  Uhr  füllen  sich  die  Bankreihen.  Zu  dem  vorliegenden

140
        <pb n="143" />
        Stoff  hat  sich  niemand  zu  Worte  gemeldet;  debattelos  wird
der  Entwurf  des  Staatshaushalts  an  den  Ausschuß  überwiesen.
  ODer  Ministerpräsident  erhebt  sich,  das  ganze  Haus
rauscht  empor,  —  nur  das  Häuflein  der  Unabhängigen  bleibt
demonstrativ  sitzen.  Ob  wie  in  früheren  Zeiten  eine  kaiserliche
  Botschaft  verlesen  wird,  ob  wie  anscheinend  jetzt  das
Deutsche  Reich  zu  Grabe  getragen  wird:  die  um  Rosenfeld
und  Hoffmann-kennen  keine  Ehrfurcht.  Stehend  hören  die
übrigen  die  Worte  des-Ministerpräsidenten  an.  Er  beruft  sich
auf  die  vor  vier  Wochen  gefaßte  Entschließung  der  preußischen
Landesversammlung,  daß  kein  Friede  geschlossen  werden
solle,  der  über  die  14  Punkte  Wilsons  binausgehe  und
deutsches  Gebiet  opfere,  kein  Friede,  der  nicht  sofortige  Aufhebung
  der  Blockade,  Räumung  der  besetzten  Gebiete  und
Befreiung  unserer  Gefangenen  bringe.  In  den  jetzigen
Versailler  Bedingungen  sei  von  dem  „Wilson-Frieden"  keine
Spur  mehr  zu  finden.  Sie  enthielten  für  unser  Vaterland
eine  kaum  verhüllte  Sklaverei,  für  ganz  Europa  eine  neue
Flut  von  Blut  und  Tränen.  Ein  dröhnendes  „Sehr  wahr!"
nach  dem  anderen  durchbricht  die  lautlose  Stille  der  Hörer.
Noch  nie  hatte  Herr  Hirsch  einen  solchen  Resonanzboden.
Man  mute  uns  zu,  unser  eigenes  Todesurteil  zu  unterschreiben.
„Sehr  wahr!"“  An  diesen  Feststellungen  und  der  Bitte,  das
ganze  Volk  möge  sich  hinter  die  Regierung  stellen,  läßt  sich
der  Ministerpräsident  genügen.  Führt  die  Regierung?  In
diesen  Wilson-Frieden  hinein  hat  sie  uns  geführt.  Und  nun
weiß  sie  keine  andere  Parole  an  das  preußische  Volk  als  die,
es  möge  „kaltes  Blut“  bewahren.  Also  Ruhe  ist  die  erste
Bürgerpflicht;  das  alte  Schwächlingswort  erlebt  seine  Auferstehung.
  Der  Bizepräsident  der  Landesversammlung,
Dr.  Frentzel,  schließt  sich  „9im  Namen  einer  großen  Anzahl
von  Abgeordneten“  dem  Widerspruch  gegen  die  Friedensbedingungen
  an  und  wird  von  dem  Abgeordneten  Hoffmann

141
        <pb n="144" />
        durch  den  ganz  sinnlosen  Zwischenruf  „Noske!“  unterbrochen;
die  Erregung  über  diese  unwürdige  Störung  flammt  lichterloh
auf,  von  allen  Bänken  kommen  stürmische  Entrüstungsrufe.
Damit  wäre  die  Sitzung  beendet  und  die  Vertagung  auf
unbestimmte  Zeit  schon  jetzt  angenommen,  wenn  nicht  Herr
Adolf  Hoffmann  noch  im  Auftrage  der  Seinen  eine  „Aklä'ung“
abzugeben  sich  bemüßigt  fühlte:  es  sei  allerdings  ein  Gewaltfriede,
  aber  die  bürgerlichen  Parteien  und  die  Rechtssozialisten
hätten  keine  Veranlassung,  sich  darüber  zu  empören;  belfen
könne  nur  eine  wirkliche  Weltrevolution.  Eine  geschicktere
Regie  hätte  uns  diese  mißtönende  Walze  ersparen  können.
Abgesehen  von  dieser  Dissonanz  am  Schlusse  war  die  Kundgebung
  im  Landtage  so  würdig,  als  man  es  in  den  beutigen
Zeitläuften  überhaupt  erwarten  kann.

Fichte  zu  Füßen
Berlin,  12.  Mai

In  der  ehemaligen  „Bücherkommode“  des  königlichen
Berlin,  im  Palais  des  alten  Kaisers,  wo  jetzt  die  neue  Aula
der  Universität  eingerichtet  ist,  haben  sich  die  deutschen  Bolksvertreter
  versammelt.  Im  Reichstag,  wo  die  einquartierte
rote  Soldateska  die  Sitze  abgeledert,  die  Messingklinken  abgeschraubt,
  überhaupt  alles  nicht  Niet-  und  Nagelfeste  „#enteignet“
  und  zu  Gelde  gemacht,  dafür  aber  Kot  und  Läuse
zur  Erinnerung  an  diese  Tage  der  „ersten  republikanischen
Schutztruppe“  zurückgelassen  hat,  konnte  man  nicht  gut  tagen.
Am  allerwenigsten  den  Hornissenschwarm  der  fremden
Pressevertreter  dorthin  entbieten.  Zuerst  batte  die  Nationalversammlung,
  weit  weg  von  „Königeplatz“  und  „Sieges-142
        <pb n="145" />
        säule“  und  ähnlichen  Entsetzlichkeiten  in  Berlin,  im  stillen
Weimar  nisten  müssen,  damit  alle  Welt  erfahre,  daß  wir  uns
wieder  mit  dem  Poetenlos  zufrieden  gäben.  Dem  Geiste
von  Weimar  stiftete  der  neue  Landesvater  Ebert  seinen  ersten
Kranz.  Ist  es  wieder  nur  die  Sehnsucht  der  Halbgebildeten
nach  Symbolik,  die  dazu  geführt  hat,  daß  die  Regierung  jetzt
die  Volksvertreter  in  der  neuen  Aula  untergebracht  hat,  zu
Füßen  des  gewaltigen  Wandgemäldes,  auf  dem  Fichte  inidealer
Landschaft  seine  „Reden  andie  deutsche  Nation"  hält,  das  damals
lebende  Geschlecht  zur  Freiheit  des  kommenden  zu  erziehen?

Wäre  es  doch  mehr  als  das!  Wäre  es  doch  das  Gelöbnis
zur  Deutschheit!  Der  sittliche  Wille  zur  staatenbildenden  Tat

Das  unpolitischste  Bolk  der  Erde,  das  deutsche,  ist  an  seiner
Träumerei  erneut  zugrunde  gegangen,  nachdem  es  in  dem
Zahrhundert  Bismarcke  in  freudige  Werktätigkeit  emporgerissen
  worden  war.  Der  Geheimrat  Professor  Kahl,  in
diesen  Räumen  der  Gastgeber  der  Nationalversammlung,
ragt  noch  aus  dem  großen  Jahrhundert  zu  uns  herüber,  trägt
noch  das  Eiserne  Kreuz  von  1870  —  und  erinnert  die  Versammelten
  an  den  Wegbereiter  Fichte.  Kaum  einem  der
folgenden  Redner  ist  dabei  so  recht  geheuer.  Der  leitende
„Staatsmann“  findet  zwar  in  seinem  Drange,  dem  melodramatischen
  Bedürfnis  des  Publikums  draußen  entgegenzukommen,
  sehr  pathetische  Worte  gegen  die  Vergewaltigungspläne
  der  Entente,  ja  er  verwünscht  die  Hand,  die  „diesen“
  Friedensvertrag  unterschriebe,  zum  Verdorren
und  löst,  weil  man  einen  Augenblick  lang  an  seine  nationale
Festigkeit  glaubt,  stürmischen  Beifall  damit  aus.  Aber  was
ihn,  den  internationalen  Sozialdemokraten  bedrückt,  ist  doch
nicht  das  deutsche  Leid,  sondern  —  das  unsanfte  Erwachen
aus  der  demokratisch-pazifistischen  Träumerei.  Und  hallend
ertönt  Scheidemanns  Klage:  „Oie  Welt  ist  wieder  um
eine  Illufion  ärmer  geworden!“

143
        <pb n="146" />
        Die  Welt?  Wirklich  die  Welt?  Doch  nur  jene  Kreise  um
Scheidemann  und  Ebert,  Schücking  und  Quidde.  Die  Welt
da  draußen  um  Wilson  und  Clemenceau  hat  nie  in  Wolkenkuckucksheim
  gelebt.  Und  daheim  bei  uns  gab  es  auch  genug
Männer,  die  der  verhängnisvollen  Zllusion  der  Scheidemann-Erzberger-Mehrheit
  nicht  zum  Opfer  gefallen  waren.  Aber
es  ist  eine  alte  Wahrheit:  si  delirant  reges,  plectuntur  Achivi;
was  die  regierende  Mehrheit  in  ihrer  Träumerei  versiebt  hat,
das  müssen  wir  alle  nun  büßen.

Wenn  damit  wenigstens  die  Frrlichterei  aufhörte,  wenn
wir  wenigstens  im  Elend  zu  politischen  Charakteren  würden!
„Charakter  haben  und  deutsch  sein,  ist  ohne  Zweifel  gleichbedeutend“,
  sagt  Fichte.  Unter  seinem  Bilde  steht  Scheidemann
und  verschwört  seine  Seele.  Und  erbleicht  nicht.

Man  hat  eine  „machtvolle  Kundgebung“  veranstalten
wollen.  Kundgebungen  sind  nie  machtvoll,  können  nur,
wenn  sie  geschickt  inszeniert  sind,  den  Eindruck  bringen,  daß
eine  Macht  hinter  ihnen  steht.  Die  heutige  Kundgebung
wird  fünf  Stunden  lang  plattgewalzt.  Statt  einer  einzigen
binreißenden  Rede  hören  wir  anderthalb  ODutzend  Jeremiaden,
  die  überdies  großenteils  wie  Auszüge  aus  längst
gelesenen  Leitartikeln  klingen,  und  man  wäre  zuletzt  in  der
Stickluft  der  auf  solche  Massenbesetzung  und  solche  Dauersitzung
  nicht  eingerichteten  Aula  matt  bis  an  den  Tod,  hoffnungsloser
  als  zuvor,  —  wenn  nicht  der  leidenschaftliche,
orkanartige  Beifall  auf  den  Tribünen  bei  jedem  vaterländischen
  Kraftwort  irgendeines  Redners  es  einem  erschütternd
  zum  Bewußtsein  brächte:  wir  haben  noch  ein
Geschlecht  wie  das  des  akademischen  Jungvolks  von
1815,  nur  an  Führern  sind  wir  bitterlich  arm  geworden;  es
ist  heute  kein  Fichte  mehr  da  —  „so  groß,  tief  und  stolz  hat
fast  noch  niemand  von  der  deutschen  Nation  gesprochen“,
schrieb  Gentz  über  ihn  —,  kein  Schleiermacher  und  kein  Frei-144
        <pb n="147" />
        herr  vom  Stein.  Aber  das  eine  wird  freilich  auch  mit  diesen
anderthalb  Dutzend  Rednern  aus  allen  Fraktionen  und  aus
allen  mit  Abschneidung  bedrohten  deutschen  Gebieten  der  Welt
klargemacht:  daß  wir  nicht  wie  „stumme  Hunde“  unser  Schicksal
  hinnehmen.  Daß  wir  noch  nicht  ehrlos  geworden  sind.
Und  so  lange  ist  noch  nicht  alles  verloren,  wenn  auch  der
Gegner  heute  noch  deutsche  Ehre  verlachen  mag.

Wir  hatten  einen  angeblichen  Philosophen  zu  Beginn  des
Krieges  als  Kanzler.  Auch  so  einen  Träumer.  Er  hatte
nichts  von  der  heldischen  Härte  und  dem  starren  Weitblick
eines  Fichte.  Als  der  englische  Botschafter  ihm  den  Abbruch
der  diplomatischen  Beziehungen  verkündete,  jammerte  Herr
v.  Bethmann  Hollweg,  alle  Haltung  vergessend,  noch  in
Gegenwart  des  Botschafters:  „Meine  ganze  Politik  ist  zusammengebrochen
  wie  ein  Kartenhaus!“

Wir  haben  einen  angeblichen  Politiker  zu  Ausgang  des
Krieges  als  Ministerpräsidenten.  Und  Scheidemann  ringt  die
Hände  über  seine  zerstobenen  Illusionen.

Auch  seine  bürgerlichen  Affiliierten  bis  zu  dem  sattsam
bekannten  Caligula-Quidde  klagen  über  ihre  geplatzten
Seifenblasen.  Mit  ingrimmiger  Freude  wird  man  es  draußen
in  der  Welt  unserer  Gegner  lesen.  Es  war  alles  Schwindel:
  die  Demokratie,  der  Pazifismus,  die  Völkerversöhnung.
  Als  einzige  Realität  bleibt  die  deutsche
Aiederlage.

Aber  doch  schließt  dieser  Zammertag  in  der  alten  königlichen
  „Bücherkommode“  Berlins  mit  ihrer  früheren  verstaubten
  Inschrift  vom  „nutrimentum  spiritus“  erhebend.
Schließt  gänzlich  unerwartet  mit  einer  Rede  voll  leidenschaftlicher
  Wucht  und  Größe,  so  daß  selbst  den  Gewohnhdeitskreischern
  auf  den  Bänken  der  Unabhängigen  der  Laut  in
der  Kehle  erstirbt:  plötzlich  ist  Präsident  Fehrenbach,
der  Zentrumemann,  der  Mitgreiner  wider  die  „Soldateska"

Friedrich  der  Vorläufige  145  10
        <pb n="148" />
        in  den  Zaberntagen,  der  bisher  nur  gelegentlich  humorvolle
Leiter  der  Nationalversammlung,  zum  Wortführer  des
bangenden  und  langenden  Volkes  in  schwebender  Pein  geworden,
  zum  Löser  und  Befreier  alles  dessen,  was  uns  die
Brust  schier  zu  zerspringen  droht.  Sein  Aufruf  an  die  Christen,
an  die  Künstler,  an  die  Rechtsgelehrten  der  feindlichen  Bölker
ist  freilich  die  gleiche  Illusiom  wie  der  Aufruf  der  Sozialisten
an  die  internationale  Arbeiterschaft.  Aber  Ddann  ringt  sich
das  beiße  Bekemtnis  zum  Trotzgegenüber  einer  im  Deutschenhaß
  vergletscherten  Feindeswelt  empor.  „Exoriare  aliquis
nostris  ex  ossibus  ultor“,  das  alte  Wort  des  Großen  Kurfürsten,
  daß  einst.  ein  Rächer  aus  unseren  Gebeinen  erstehen
werde,  dröhnt  durch  den  Saal.  Und  als  letztes  ertönt  von
Febrenbachs  Lippen  das  langvermißte  Wort:  Deutschland.
ODeutschland  über  alles,  über  alles  in  der  Weirl
Oie  englischen,  amerikanischen,  französischen  Preßvertreter
  sind  schon  vorher  weggegangen;  von  den  Jeremiaden
und  Leitartikeln  hatten  sie  genug.  Haase  und  die  BZietz  finden
ihre  Fassung  wieder  und  rufen:  „Unerhört!  Kriegehetzer!“
Fichtes  Bild  wird  aber  gerade  von  dem  Kuppellicht  verklärt,
—  er,  der  in  einer  Zeit  lebte,  in  der  er  sogar  den  Untergang
der  deutschen  Sprache  für  bevorstehend  hielt,  predigte  dennoch
  „die  Seligkeit  des  Ich,  sich  aufzuopfern  für  die  Gesamtbeit",
  predigte  in  tiefster  Not:  Aushalten  und  Kampf.

Heine  und  Haenisch

Berlin,  25.  Mai

Kleine  Anfragen,  kleine  Gesetze;  viele  Shemen,  viele  Redner.
  Der  Alltag  mit  seiner  Arbeit  hat  von  der  Preußischen

146
        <pb n="149" />
        Landesversammlung  wieder  Besitz  genommen.  Hin  und
wieder  wetterleuchtet  aber  doch  das  große  Geschehen  da
draußen  herein.  Man  spricht  von  der  notwendigen  Erhöhung
der  Bezüge  unserer  Unfall-  und  Altersrentner,  wofür  alle
Parteien  eintreten,  aber  man  weiß  und  erwähnt  es  auch,
daß  die  Beschlüsse  sich  in  eitel  Dunst  auflösen  können:  werden
die  Bersailler  Friedenebedingungen  angenommen,  dann  hat
der  Feind  seine  Forderungen  in  erster  Reihe  auf  unseren
gesamten  Besitz  hypothetarisch  eingetragen,  und  alle  sonstigen
Reichszahlungen,  auch  die  Renten,  fallen  überhaupt  aus.
Dieses  Verhängnie  schwebt  über  jeder  Bewilligung  des
Hauses.  Es  werden  auf  Antrag  des  Bevölkerungsausschusses
neue  Einrichtungen  für  Körper-  und  Gesundbeitspflege  in
den  Gemeinden,  neue  Professuren  für  soziale  Hygiene  und
allgemeine  Therapie  verlangt:  aber  wenn  wir  den  Erzberger-Scheidemann--Frieden
  bekommen,  so  werden  die  Gemeinden
mit  Mühe  und  Not  allenfalls  ihre  Feuerwehr  aufrechterhalten
und  die  Universitäten  Professuren  nicht  neu  errichten,  sondern
nur  eingehen  lassen  können.  Man  tut  aber  noch  so,  als  seien
unsere  Mittel  unerschöpflich.  Die  neue  Mehrheit  hat  nur  eine
einzige  Angst:  durch  Aichtbewilligung  einer  Forderung  unpopulär
  zu  werden.

Zwei  sozialdemokratische  Minister  greifen  wiederholt  in  die
Oebatte  ein.  Der  eine  von  ihnen  ist  Wolfgang  Heine,  der
jüngst  die  Justiz  mit  dem  Inneren  vertauscht  hat,  obwohl  ein
anderer  nach  dem  Amte  angelte,  —  Fischbeck,  der  freisinnige
Schüler  Eugen  Richters,  einst  „der  kleine  Eugen“  genannt,
wäre  so  gern  Minister  des  Inneren  geworden,  um,  wie  schon
neulich  hier  von  ihm  erzählt  wurde,  einmal  „mit  den  preußischen
  Landräten  Schlitten  zu  fahren“.  Auch  Heine  hätte
sicherlich  die  Energie  dazu,  und  er  ernennt  ja  bereits  fortgesetzt
  allerlei  merkwürdige  Zeitgenossen  zu  Landräten.
Aber  Heine  ist  mehr  Politiker  als  Fischbeck,  weniger  Bezirks-147

  10*
        <pb n="150" />
        vereinler.  Bei  seinen  Genossen  ist  er,  nachdem  er  einmal
seelenruhig  vor  Jahren  erklärt  hatte,  er  wolle  gern  Kanonen
für  Volksrechte  eintauschen,  also  Heeresvorlagen  bewilligen,
wenn  die  Regierung  der  Sozialdemokratie  auf  anderen  Gebieten
  entgegenkäme,  so  etwas  wie  eine  bemakelte  Persönlichkeit,
  für  die  Cohn  und  Haase  und  Hoffmann  jedenfalls
ein  rotes  Tuch.  Er  entstammt  —  in  den  allerersten  Semestern
seiner  Studienzeit,  bis  ihn  der  Ehrgeiz  in  demokratische
Kreise  zog  —  der  politischen  Schulung  des  Berliner  Vereins
Deutscher  Studenten,  hat  für  das  Kraftgenialische  in  Biemarck
  geschwärmt  und  abends  auf  dem  Heimweg  von  der
Fuchskneipe  wohl  gar  verlangt,  daß  die  Kommilitonen  sozusagen
  nur  mit  abgezogenem  Hut  am  böniglichen  Schloß
vorbeigingen.  Geblieben  ist  ihm  davon  eine  abgründige  Verachtung
  der  Masse  und  ihrer  Nur-Krakeeler;  und  ein  kräftiger
Schuß  deutschen  —  wenn  auch  ganz  und  gar  demokratischen  —
Nationalgefühls.  So  findet  er  denn  auch  heute  sehr  starke
Worte  wider  die  Welfen,  die  die  deutsche  Not  dazu  benutzen
wollen,  um  gegen  Preußen  zu  putschen.  Ebenso  kräftig
wendet  sich  Heine  gegen  die  Verbrecherbanden  in  Oberschlesien,
  die  neuerdings  sich  durch  Kircheneinbrüche  hervortun,
  unter  ihnen  ein  —  nationalpolnischer  Agitator;  und  er
sagt  das  einzig  praktische  Hilfsmittel  zu,  Vermehrung  der
Gendarmerie  und  Vermehrung  des  Militärs.  Adolf  Hoffmann
  hätte  wahrscheinlich,  stünde  er  an  Heines  Stelle,  nur
ein  paar  faule  Bemerkungen  über  unnötiges  Kirchengut
gemacht.  Es  klafft  doch  in  punkto  Kultur  eine  weltweite
Kluft  zwischen  Sozialdemokraten  und  Sozialdemokraten.
Und  man  begreift  Hoffmanns  Wut  und  Heines  Ekel.  Oieser
antwortet  auf  jenes  Zwischenrufe  überhaupt  nicht  mehr;  das
hat  er  heute  noch  einmal  wiederholt.

Der  andere  Redner  von  der  Ministerbank  ist  Haenisch,  den
die  Revolution  vom  Redaktionssessel  in  das  damalige  Duum-148
        <pb n="151" />
        virat  im  Kultusministerium  versetzte.  In  der  merkwürdigen
Amtsehe  Hoffmann-Haenisch  war  Haenisch  die  „bessere
Hälfte“  und  —  das  „schwächere  Geschlecht“.  Er  unterschrieb
die  tollsten  Erlasse  des  Zehngebote-Hoffmann  mit,  trug  mit
der  Unterschrift  auch  die  Verantwortung  für  all  das  schamlose
Zeug;  dann  aber  wandte  er  sich  hinter  Hoffmanns  Rücken
mit  einer  Leidensmiene  zum  Publikum  und  rang  die  Hände.
Ein  Snob  des  Sozialiemus,  der  sich  auf  seine  „Kultur“  so  viel
zugute  tut  wie  der  Genosse  Südekum  einst  auf  seine  12  Paar
Lackschuhe  im  Stiefelschrank  mit  Kaltluftventilation.  Ein
Schönredner  des  Sozialismus,  der  auf  die  Kritiklosen  wirkt
wie  der  Rattenfänger  auf  die  Kinder  von  Hameln.  Za,  die
Mädchen,  die  haben's  so  gerne,  —  wenn  Haenisch  am  Rednerpult
  steht;  schon  so  mancher  zwanzigjährigen  Seminaristin
hat  er  nicht  das  Herz,  aber  den  Kopf  verdreht.  Wenn  man
ihn  hört,  dann  ist  der  Sozialismus  etwas  ganz  anderes,  als
er  sich  in  der  Praxie  zeigt,  dann  ist  er  etwas  so  Einleuchtendes,
Verbindliches,  Allerliebstes;  mit  einer  fabelhaften  Gewandtheit
  balanciert  Haenisch,  wie  der  Kellner  das  Tablett,  seine
Schüssel  voll  glitzernder  Schlüsse  über  den  Köpfen  der  Umsitzenden.
  Er  ist  mehr  Equilibrist  denn  Charakter.  Heute  hat
er  das  Gesetz  über  die  Aufhebung  der  geistlichen  Ortsschulinspektion
  zu  begründen.  Er  tut  es  in  seiner  bekannten
chevaleresken  Art  mit  liebenswürdiger  Verbeugung  vor  dem
Zentrum.  Aber  das  Zentrum  ist  gegen  solche  „Faxen“"  gefeit.
Namens  der  Partei  —  die  übrigens,  wie  alle  anderen,  der
Aufhebung  der  veralteten  Inspektion  zustimmt  —  verliest
Abgeordneter  Herold  trocken  die  Bedingung,  unter  der  das
Zentrum  seinerzeit  überhaupt  in  die  Regierung  eintrat:
Erhaltung  der  konfessionellen  Volksschule.

149
        <pb n="152" />
        Die  Landesverräter

Berlin,  28.  Mai

Das  böse  Gewissen  steht  drohend  mitten  im  Saale.

Eine  allgemeine  Unruhe  packt  Gerechte  und  Ungerechte,
alle  sind  reizbar,  und  schließlich  kommt  es  zu  Ausbrüchen
der  Hysterie.  Manchmal  glaubt  man,  nicht  in  der  Preußischen
Landesversammlung  zu  sein,  sondern  in  einer  „Odipus“-Aufführung
  bei  Reinhardt:  hundert  Arme  fahren  empor,
es  wogt  von  fiebernden  Händen.  Ein  Volksgericht  über  das
Zentrum.  Nur  über  das  Zentrum?  Unter  den  Richtern,  die
die  verdammenden  Scherben  zum  Berge  türmen,  ist  manch
einer,  dem  ähnliche  Gedankengänge  nicht  immer  fernlagen,
wie  sie  jetzt  bei  den  Kuckhoff  und  Kastert  und  dem  Pater
Froberger  zur  Tat  werden,  die  das  Rheinland  samt  Nassau,
Pfalz  und  Rheinhessen  „selbständig“  machen  wollen.  Beileibe
  nicht  französisch;  nur  selbständig,  —  genau  so  selbständig,
wie  der  alte  Rheinbund  von  Napoleons  Gnaden  es  war.
Unter  den  Richtern  aber,  sage  ich,  gibt  es  manchen,  der  anderswo
  ahnliche  Möglichkeiten  herbeisehnt.  Geht  nicht  der
Gedanke  einer  von  Berlin  freien  Union  der  Ostmarken  auch
im  Lande  um?  Hatte  nicht  der  Freistaat  Braunschweig  schon
einmal  seine  diplomatischen  Beziehungen  zum  Reiche  abgebrochen?
  Hat  nicht  ein  Welfe  erst  dieser  Tage  in  der
Landesversammlung  erklärt,  man  werde  die  Preußenfahne
in  Hannover  niederholen?  Heute  nennen  sämtliche  Parteion
mit  Ausnahme  des  Zentrums  in  ihren  förmlichen  Anfragen,
die  sich  auf  die  rheinische  Sonderrepublik  beziehen,  deren
Errichtung  einen  Landesverrat.  Und  doch  hat  auch  manche
andere  Partei  kein  reines  Gewissen.  Das  „Rette  sich,  wer
kann!“  ist  bei  einem  allgemeinen  Zusammenbruch  ansteckend

150
        <pb n="153" />
        und  wer  sich  und  seine  Provinz  oder  seinen  Staat  retten  will,
der  behauptet  natürlich  stets:  ein  guter  Deutscher  bleibe  er
trotzdem.  Die  „zentrifugalen"“  Kräfte  werden  deshalb
überall  frei,  weil  die  Schwerkraft,  die  Anziehungskraft
Preußens  und  des  Reiches  dahin  ist,  und  die  ersten
und  eigentlichen  Landesverräter  sind  diejenigen,  die  durch
Revolution  und  Waffenstreckung  das  verschuldet  haben.

ODas  böse  Gewissen  treibt  vor  allem  die  roten  Genossen
dazu,  in  mitunter  schreiendem  Tone  die  Schuld  an  unserem
Nationalunglück  —  den  anderen  zuzuschieben.  In  dem
Vernichtungefrieden  ernte  die  Rechte,  was  sie  selber  gesät
habe,  sagt  der  Unabhängige  Stöcker.  Und  das,  nachdem  die
Unabhängigen  wiederholt  sich  gerühmt  haben,  daß  sie  den
Zusammenbruch  des  Heeres  organisiert  hätten!  Kein  Wunder,
  daß  die  nationalen  Parteien  aufbegehren.  Die  Unabhängigen
  im  Parterre  sekundieren  ihrem  Redner.  Ein
wildes  Rufen  hinüber  und  herüber,  ein  ohnmächtiges  Wimmern
  der  präsidialen  Glocke,  die  man  in  dem  Lärm  nur
wie  aus  weiter  Ferne  hört.  Vor  dem  Tisch  des  Hauses  bilden
sich  Knäuel  von  Menschen,  der  Zehn-Gebote-Hoffmann  schiebt
sich  langsam  nach  rechts;  nun  steht  er  mit  geballten  Fäusten
schon  vor  dem  Platz  des  Abgeordneten  Stendel  von  der
Deutschen  Volkspartei,  der  von  seinem  Ecksitz  in  der  ersten
Bank  aus  seine  Zwischenrufe  macht,  man  fürchtet  schon  die
große  Holzerei,  —  da  löst  sich  noch  einmal  das  Gewimmel,
Hoffmann  zieht  sich  Schritt  vor  Schritt  zurück,  die  Mauer
der  „Neutralen“  versinkt.

Zetzt  hört  man  wieder  den  Präsidenten.  „gch  bitte  die
Herren,  ihre  Plätze  einzunehmen!“

„Aur  kteene  Uffrejung,  det  wäre  nich  der  erste  dumme
Zunge,  dem  eine  runnerjehauen  wäre!“  ruft  Hoffmann  mit
speckiger  Stimme  dem  Präsidenten  zu.  Und  —  wird  nicht
zur  Ordnung  gerufen.  Gequält  setzt  man  das  Verfahren  foxt,

151
        <pb n="154" />
        die  Sache  des  deutschen  Volkes  wider  die  Abtrünnigen  in
der  alten  „Pfaffengasse“  des  heiligen  Reiches  am  #hein.
Der  Ministerpräsident  Hirsch  hat  gegen  sie  einige  kräftige
Worte  gefunden.  Worte  sind  heute  noch  mehr  entwertet  als
unser  früher  so  gutes  Geld,  seitdem  das  „Unannehmbar!“
Scheidemanns  in  der  Deutschen  Nationalversammlung  sich
als  Theaterdonner  zu  erweisen  scheint;  und  sein  junger
Mann,  Herr  Hirsch,  hat  nicht  einmal  die  Routine  des  Meisters,
Schon  viel  weniger  kräftig  ist  das,  was  er  mit  stockender
Stimme  dem  deutschnationalen  Abgeordneten  Hergt  auf
dessen  Erwähnung  der  Versailler  Verhandlungen  zu  erwidern
weiß.  Die  Stimme  des  Volkes  sei  nicht  ungehört  verhallt.
Die  große  Mehrheit  des  Volkes  wünsche  nicht  eine  glatte
Ablehnung  der  Bedingungen.  Man  faßt  sich  an  den  Kopf:
ist  das  derselbe  Hirsch,  der  vor  wenigen  Tagen  erst  die  Einmütigkeit
  der  gesamten  Nation  in  der  Ablehnung  dieses
Friedens  festgestellt  hat?  Es  kommt  die  Zeit,  wo  die
Nation  wissen  wird,  wo  die  Landesverräter  sitzen,
wissen  wird,  wer  uns  zuerst  belogen  und  betrogen  und  dann
an  das  feindliche  Ausland  verkauft  hat.
Oas  böse  Gewissen  steht  drohend  mitten  im  Saale.

Unter  dem  neuen  System

Berlin,  30.  Mai

Dicht  bei  Berlin,  bei  den  Schießständen  in  der  Jungfernheide,
  ist  ein  ganzer  Kiefern-  und  Eichenwald  mit  Stumpf
und  Stiel  verschwunden;  alles  als  Brennholz  in  Kinderwagen
heimgefahren.  Im  benachbarten  Spandau  ein  Schatz  von
40,  Millionen  rumänischer  Lei-Banknoten  unwiderbringlich

152
        <pb n="155" />
        dahin.  Täglich  verschwinden  in  den  Großstädten  ganze  Warenlager
  und  tauchen  nachher  in  den  „Kleinen  Anzeigen“  der
Zeitungen  wieder  auf;  in  irgendeinem  Hinterhaus,  drei
Treppen  links,  werden  stückweise  viertausend  Meter  Leinewand
  verkauft.  Der  halbe  Anzeigenteil  der  „Freiheit“,  des
Organs  der  Unabhängigen,  ist  weiter  nichts  als  Hehlervermittlung:
  da  erfahren  die  Arbeiter,  wo  sie  Spiralbohrer
und  Kupferlitze  und  anderes  gestohlenes  Gut  verschärfen
können.  Auf  dem  Lande  erscheinen  Räuberbanden,  räumen
die  Räucherkammern  und  die  Kornkästen  aus  und  schlachten
auf  offener  Wiese  die  Milchkühe  ab.  Dann  regquirieren  sie
einen  Sonderzug  und  fahren  nach  Hause.  Hie  und  da  wird
ein  Bauer  dabei  erschlagen.

Das  ist  „die  kaiserlose,  die  schreckliche  Zeit“.  Spätere
Chroniken  werden  davon  berichten  wie  heute  von  der  Zeit
der  Schnapphähne  in  vergangenen  wüsten  JZahrhunderten.
Selbst  Herr  David  wird  kaum  behaupten  können,  daß  das
„alte  Spstem“  oder  die  alldeutschen  Kriegehetzer  dafür  verantwortlich
  seien.

In  der  Preußischen  Landesversammlung  wird  eine  Anfrage
des  Zentrums  über  Verstärkung  des  polizeilichen  Schutzes
gegen  räuberische  Uberfälle  auf  dem  Lande  beraten.  Außer
den  Antragstellern  schildern  auch  Angehörige  aller  anderen
bürgerlichen  Parteien  die  anarchischen  Zustände,  die  so  sehr
jenen  ähneln,  die  in  der  Mark  Brandenburg  herrschten,  ehe  —
vor  nunmehr  über  500  Zahren  —  die  Hohenzollern  kamen
und  Ordnung  schafften.  Aur  daß  damals  die  Räuber  bloß
Spieße  hatten,  keine  Handgranaten  und  Parabellumpistolen.
Und  daß,  wenn  auch  die  Landstraßen  unsicher  waren,  doch
wenigstens  in  den  Städten  eiserne  Zucht  gehalten  wurde.
Ja,  das  waren  noch  die  guten  alten  Zeiten!  Man  hätte  erwarten
  sollen,  daß  auch  aus  sozialdemokratischem  Munde  in
der  Landesversammlung  eine  scharfe  Verurteilung  der  Räu-153
        <pb n="156" />
        ber,  die  die  „neue  Ara“  so  kompromittieren,  ertönt  wäre.
Weit  gefehlt.  Clericus  clericum  non  decumat,  eine  Krähe
hackt  der  anderen  die  Augen  nicht  aus,  und  da  die  „Expropriation
  der  Expropriateure“,  die  große  allgemeine  Enteignung,
  doch  nun  einmal  Programmpunkt  ist,  muß  man
vorsichtig  sein.  Man  kann  nie  wissen.  In  der  Tat:  wie  der
Abgeordnete  Stendel,  der  Deutsche  Volksparteiler,  erzählt,
hat  sich  der  Anführer  einer  der  größten  Räuberbanden  in
Ostfriesland  als  —  Vorsitzender  des  sozialdemokratischen
Wahlvereins  entpuppt.  Fahret  mir  fein  säuberlich  mit  dem
Knaben  Absalom.  Nächstens  ist  er  vielleicht  Landrat  oder
Regierungspräsident.  „Es  mag  schon  vorkommen,  daß  arme
ausgehungerte  Menschen  auf  eigene  Faust  ausgehen“,  sagt
mit  Patriarchenmilde  der  sozialdemokratische  Abgeordnete
Meper-Rheine.  Seine  unabhängigen  Nachbarn  aber  entschuldigen
  nicht  etwa  nur  die  Räuber,  sondern  greifen  die
Verteidiger  der  Ordnung  an.  Die  „Freiwilligenhorden“
seien  an  allem  schuld.

Oas  ist  die  alte  Taktik  der  Berliner  schweren  Zungen.  „Wenn
ick  eenen  im  Vasehn  auf  den  Fuß  trete,  vastehste,  denn  hau  ick
ihm  jleich  hinterher  in  die  Fresse,  ehe  e#r  mir  dumm  kommt!"“

Der  Unabbängige  hat  von  Freiwilligenhorden  gesprochen.
Oer  Abgeordnete  Stendel,  der  nach  ihm  zu  Wort  kommt,
spricht  von  „Arbeiterhorden“,  die  plündernd  aufs  Land  gezogen
  seien.  Da  erhebt  sich  ein  Sturm  auf  der  gesamten
sozialistischen  Linken.  Fühlt  sie  sich  mit  den  Plünderern
solidarisch?  Daß  es  Arbeiter  unter  Führung  eines  sozialdemokratischen
  Vereinsvorsitzenden  waren,  läßt  sich  nicht  bestreiten;
  Seeoffiziere  oder  Gymnasiallehrer  wären  wirklich
nicht  darunter.  Paul  Hoffmann  und  Adolf  Hoffmann  toben.
Die  widerliche  Szene  von  vorgestern  wiederholt  sich.  „Haut
ihn!  Haut  ihn!“"  rufen  die  Genossen  ihnen  zu,  während  sie
auf  den  Abgeordneten  Stendel  zudrängen.

154
        <pb n="157" />
        Das  ist  das  heutige  Preußen  in  seiner  Eliteversammlung.
Zedenfalls  wissen  wir  heute,  wo  „das  Land  der  unbegrenzten
Möglichkeiten“  liegt.  Nicht  etwa  jenseits  des  großen  Teiches.
Dort  hat  man  noch  keine  Geldschrankknacker  zu  Polizeipräsidenten
  gemacht.  Und  dort  nennt  man  Anarchie  nicht  Regierung.


Die  Feigheit  schwillt

Weimar,  19.  Juni

An  einem  Königswort  soll  man  nicht  drehen  und  deuteln.
„Bin  ich  ein  König?“  kann  Scheidemann  aber  einwerfen
und  lächelnd  die  Schwurhand  massieren,  die  doch  nie  verdorren
  wird,  selbst  wenn  an  seiner  Stelle  seine  Leute  unterschreiben.
  Ein  König  haftet  mit  Thron  und  Ehre,  ein  parlamentarischer
  Minister  aber  zieht  sich  schlimmstenfalle  eine
Zeitlang  ins  Privatleben  zurück  und  wartet  dann  auf  die
Stunde,  wo  er  erneut  und  unbemakelt,  wie  nach  einem
guten  Konkurs,  wieder  ins  politische  Geschäftsleben  eintreten
kann.  Der  Parlamentarismus  ist  eine  Hochschule  für  die
Feigbeit;  die  Mehrheit  deckt  alles.

Der  Scheidemannz-Friede,  den,  als  er  endlich  da  war,  sein
erschrockener  Erzeuger  selber  als  unerträglich  und  unannehmbar
  bezeichnete,  scheint  leider,  trotz  seiner  Abnormität,  von
einer  wachsenden  Gemeinde  anerkannt  zu  werden.  In  der
Aula  der  Berliner  Universität,  wo  die  Nationalversammlung
ihn  noch  einmütig  zu  zerreißen  bereit  war,  erhoben  an  die
vierhundert  Männer  die  Hände  wider  ihn.  In  Weimar
fahren  viele  dieser  Hände  verlegen  unter  die  Altweiberschürze.
Zuerst  sank  den  Zentrumsleuten  aus  dem  Westen  und  den

155
        <pb n="158" />
        Demokraten  aus  dem  Süden  des  Reiches  das  Herz  in  bodenlose
  Tiefen;  sie  haben  Angst  vor  der  feindlichen  Besetzung,
die  man  links  vom  Rhein  doch  nun  schon  monatelang  erduldet
hat  und  die  bei  einer  Ausdehnung  über  ganz  Deutschland
außerordentlich  verdünnt  würde,  und  sie  haben,  wie  ein
baperischer  Minister  heute  verstört  bekennt,  vor  allem  die
Befürchtung,  daß  wir  bei  einer  Ablehnung  den  Kommunismus
  binnen  drei  Tagen  überall  am  Ruder  hätten.  Er  käme
aber  doch  erst  recht,  wenn  wir  unterschreiben  und  verelenden,
und  er  käme  kaum,  wenn  wir  unter  fremdem  Kriegsrecht
stehen!  So  weit  braucht  ein  moderner  Minister  freilich  nicht
denken  zu  können.  Von  der  sozialdemokratischen  Fraktion
sind  in  der  heutigen  Sitzung  zwei  Drittel  umgefallen  und  sie
werden,  da  wohl  Fraktionszwang  ausgesprochen  wird,  auch
das  letzte  Drittel  mit  umreißen  und  zur  Unterschrift  unter  das
Friedensdiktat  bewegen,  in  welchem  zu  lesen  steht,  daß  wir
Deutschen  allesamt  Verbrecher  sind  und  nur  die  gerechte
Strafe  auf  uns  nehmen.

Oa  auch  die  Unabhängigen  geschlossen  für  die  Selbstentmannung
  vor  unserer  Hinrichtung  stimmen,  ist  die  Mehrheit
für  die  Annahme  der  Versailler  Bedingungen  schon  so  gut
wie  da.  Um  die  letzten  armen  Seelen  wird  gerungen.  Die
christlichen  Arbeiter  im  Zentrum,  die  noch  aufrechtstehen,
versucht  man  mit  der  verlogenen  Mitteilung  zu  ködern,  sogar
die  Deutschnationalen  seien  bedenklich  geworden;  in  Wahrbeit
  gibt  es  aber  weder  in  der  Deutschnationalen  noch  in  der
Deutschen  Volkspartei  auch  nur  einen  einzigen  gewissenlosen
Feigling,  der  sein  Volk  verriete.  Die  Regierung  nun  überläßt
Strebern  von  der  Sorte  Erzberger  das  Fischen  im  Trüben,
regiert  jedenfalls  selber  nicht,  führt  nicht,  sondern  läßt  sich
schieben  und  sucht  ängstlich  nur  nach  Oeckung.  Nicht  einmal
die  Mehrheit  der  Nationalversammlung  genügt  ihr  als  Schirm,
um  sich  dahinter  zu  verkriechen,  sondern  es  werden  auch  noch

156  «
        <pb n="159" />
        in  Extrazügen  Abgeordnete  von  allen  Einzelstaaten  hergefabren,
  damit  man  ihnen  alle  „staatsmännischen“  Gründe
auseinandersetzen  kann,  ja  man  spielt  sogar  heute  noch,  fünf
Tage  vor  der  Entscheidung,  mit  dem  Gedanken  eines  Referendums,
  einer  Volksabstimmung.  Airgends  ein  Mam,  der
Entschlußkraft  besäße,  der  auch  nur  das  Bewußtsein  hätte,
wofür  er  als  Reichsregent  vom  deutschen  Volke  eigentlich
bezahlt  wird.  Höchstens  denkt  man  an  die  eigene  Laufbahn
und  an  formalen  Rücktritt.  „Schwachheit,  dein  Name  ist
Weib!“  sagt  Shakespeares  Hamlet.  Er  hat  offenbar  Herrn
Scheidemann  noch  nicht  gekannt.  «

Unsere  Zugrunderichter

Weimar,  20.  Zuni

Das  Kabinett  Scheidemann  hat  sich  in  der  vorigen  Vacht
aufgelöst  und  regiert  nur  noch  auf  Abbruch  einige  Stunden
lang.  Man  tut  so,  als  sei  dies  etwas  ungemein  Wichtiges  oder
Mannhaftes.  Aber  in  dem  ungeheuren  Felssturz,  der  unser
blühendes  deutsches  Leben  begräbt,  ist  es  doch  ganz  belanglos,
ob  irgendwo  auch  noch  ein  Stückchen  Gips  von  der  politischen
Fassade  herniederkollert.

Wer  ist  denn  dieser  Scheidemann  überhaupt?  Was  hat  er
für  Deutschland  geleistet?  Er  war  unter  den  Komödianten
des  November  der  oberste.  Run  ist  von  der  Schmiere,  die
bisher  auf  Teilung  spielte,  nach  Verwirtschaftung  des  Fundus
der  Direktor  samt  Familie  verschwunden,  und  die  Zurückbleibenden
  wählen  unter  sich  einen  Nachfolger.  Es  dauert
lange,  bis  sie  damit  fertig  sind,  demn  die  nackteste  Armseligkeit
starrt  von  den  Wänden  und  schreckt  selbst  Abgebrühte  ab.

157
        <pb n="160" />
        Durch  das  Land  gehbt  die  Legende,  Scheidemann  sei  doch
besser  als  sein  Ruf.  Welch  edler  Abgang!  Um  sein  Wort
nicht  zu  brechen,  um  nicht  zu  unterschreiben,  opfere  er  sein
Amt.  Es  fehlt  nicht  viel,  so  wird  man  noch  sentimental.

Aber  an  dem  Gerede,  das  Scheidemann  eine  Heldenpose
andichtet,  ist  kein  wahres  Wort.  Er  hat  nicht  den  aufrechten
Mann  des  12.  Mai  gespielt,  der  mit  seinem  „Unannehmbar“
stand  und  fiel.  In  der  entscheidenden  Sitzung  des  Kabinette,
dessen  Mitglieder  mit  sieben  zu  sieben  einander  die  Wage
hielten,  hatte  Scheidemann  als  Plattform  den  Kompromißantrag
  des  Zentrums  gewählt:  den  Friedensvertrag  zu
unterzeichnen  unter  der  einzigen  Bedingung,  daß  die
ehrenrührigen  Paragraphen  über  die  Auslieferung  von
Deutschen,  über  unsere  alleinige  Schuld  am  Kriege,  über
unsere  moralische  Unfähigkeit  zum  Kolonisieren  gestrichen
würden.  Alles  andere  zu  schlucken  war  die  Regierung  bereit.
ODas  Unerträgliche,  das  Unerfüllbare,  das  Unannehmbare  war
für  den  Deklamator  Scheidemann  schon  erledigt,  er  war  zur
Unterschrift  fertig,  wenn  der  Vertrag  nur,  ohne  im  materiellen
Inhalt  im  geringsten  gemildert  zu  sein,  ein  wenig  sein  Gesicht
verändern  ließe.

Er  kann  nicht  anders.  Er  kann  gar  nicht  das  Volk  zum
letzten  ehrenhaften  „Nein!“  ohne  Hörner  und  Zähne  aufrufen,
  weil  er  wie  überhaupt  die  gesamte  Sozialdemokratie
seit  einem  Menschenalter  etwa  daran  gearbeitet  haben,  jeden
Sinn  für  nationale  Ehre  im  deutschen  Volke  zu  ersticken.  Die
Folgen  dieser  „Erziehungearbeit“  sehen  wir  vor  uns.  Bicht
erst  im  November  1918  ist  Deutschlands  Größe  zertrümmert
worden,  sondern  schon  seit  Jahrzehnten  hat  der  Umsturz  mit
der  Spitzhacke  gewütet  und  die  deutsche  Moral  erschlagen.  Es
ist  tief  erschütternd,  daß  man  erkennen  muß:  unser  Volk  hat
seine  Deutschheit  längst  verloren,  und  seine  Abgeordneten
werden  deshalb  so  still,  weil  sie  wissen,  sie  hätten  doch  keine

158
        <pb n="161" />
        Resonanz.  Oie  Sozialdemokratie  hat  stets  die  idealen  Güter
der  Nation  verlacht,  bat  stets  den  Materialismus  gepredigt,
und  nun  hat  sie  das  Volk  soweit,  daß  es  für  ein  Pfund  schlechten
  chinesischen  Specks,  mit  dem  die  Entente  während  des
Krieges  ihre  Schwarzen  fütterte,  bereit  ist,  das  Deutsche
Reich  hinzuopfern,  Millionen  Deutscher  in  den  Ost-  und
Westmarken  zu  verkaufen,  die  eigene  Ehre  wegzuwerfen.
Scheidemann  kennt  die  Seinen  und  glaubt  keinen  Augenblick
an  ihre  nationale,  an  ihre  moralische  Widerstandskraft.  Alles,
was  davon  vorhanden  war,  ist  immer  nur  durch  Richter  und
Propheten,  Könige  und.  Feldherren  zur  Tat  erweckt  worden.
Oer  rote  Nichts-als-Agitator  steht  mit  leeren  Händen  da.

Der  alte  Block  ist  beisammen.  Die  Zugrunderichter  des
deutschen  Volkes,  gegen  die  Bismarck  mit  Gigantenkraft  rang,
haben  ihr  Werk  endlich  vollendet.  Die  Entente  hatte  nur  die
Erbschaft  anzutreten.  Und  Scheidemann  drückt  sich  bescheiden
zur  Seite.

Am  Ende

Weimar,  21.  Juni

„Einer  muß  ja  wohl  der  DHumme  sein“,  sagte  General
v.  Caprivi,  als  er  im  Kasino  in  Hannover  1890  die  telegraphische
  Anfrage  erbielt,  ob  er  die  Kanzlerschaft  übernehmen
wolle.  Aicht  viel  anders  mag  heute  der  neue  Ministerpräsident
Bauer  gedacht  haben,  nur  daß  er,  wie  auch  seine  Kabinettsmitglieder,
  keinen  Namen  zu  verlieren  hat.  Es  sind  Beauftragte
  von  Parteien,  völlig  unbeträchtliche  Privatleute,  die
dafür  bezahlt  werden,  daß  sie  die  Mehrheitsbeschlüsse  unterstemwelm.
  Im  Zeitungsgewerbe  nennt  man  das  Sitzredakteure.


159
        <pb n="162" />
        Die  Zeit  der  Talente  in  den  Staatsgeschäften  war  uns
schon  längst  entschwunden.  Aun  ist  auch  die  Zeit  der  Charaktere
  dahin.  Morgen  werden  die  Marionetten  zusammenklappen.
  Drahtzieher  sind  der  Landesfeind  und  in  Gemeinschaft
  mit  ihm  die  unfaßbare  und  unfaßbar  feige  Schar  unserer
Volksvertreter,  der  Verräter.  O,  man  hat  gut  Hand  in  Hand
gearbeitet!  Die  Entente  zertrümmert  das  Deutsche  Reich,
das  ihr  gebunden  vor  die  Füße  geworfen  wird.  Unsere  eigenen
Schergen  aber,  die  Sozialdemokratie  und  ihre  Verbündeten,
sorgen  dafür,  daß  nicht  einmal  die  Erinnerung  an  die  wundervolle
  Hoheit  vergangener  Jahrhunderte  erbalten  bleibt.  In
zahllosen  Schulen  ist  bereits  das  Lernen  und  Singen  vaterländischer
  Lieder  von  unserer  Regierung  verboten,  auch  des
Preußenliedes  von  den  Farben,  die  uns  schwarz  und  weiß
voranwehen.  „Daß  für  die  Freiheit  unsere  Bäter  starben“,
sollen  die  Kinder  nicht  mehr  erfahren  dürfen.  In  den  Staatsschulen
  soll  nur  noch  Kulturgeschichte  vorgetragen  werden  und
nichts  von  dem  ewigen  Ringen  der  Bölker  um  Selbstbehauptung.
  Privatschulen  aber  werden  unterbunden.  Das  ist  die
Lehrfreiheit  und  die  Gewissenefreiheit  im  allerneuesten
Deutschen  Reich.  ·

Was  kein  Alba  in  den  Niederlanden  vermocht  hat,  das  wird
freilich  auch  kein  Scheidemann  und  Bauer,  kein  Hinz  und
Kunz  bei  uns  vermögen.  Man  kann  den  deutschen  Geist  von
Kanzeln  und  Kathedern,  aus  Büchern  und  Versammlungen
verjagen,  nicht  von  unserem  Herde,  nicht  aus  den  Feierabendstunden,
  wo  deutsche  Bäter  ihren  Söhnen  alte  Kunde  zuraunen.
  Aicht  von  den  Kinderbetten,  an  denen  deutsche
Mütter  weiter  beten  werden.  Auch  wenn  uns  ein  einziger
Vers  nur  noch  erhalten  bleibt;  auch  wenn  es  nur  noch  heimlich
  wie  Verschwörerspruch  von  Mund  zu  Munde  geht:
„Und  nehmen  sie  den  Leib,  Gut,  Ehr',  Kind  und  Weib,  —
das  Reich  muß  uns  doch  bleiben!“

160
        <pb n="163" />
        Es  kommt  die  Zeit,  wo  Oeutschgesinnte  sich  vielleicht  in
Katakomben  bergen  müssen.  Was  uns  heute  noch  eben  erst
entschwundene  Geschichte  ist,  wird  zur  sehnsüchtigen  Sage.
In  den  Kpffbäuser  binein  träumten  wir  einst  Karl  den
Großen;  dann  Friedrich  den  Rotbart;z  schließlich,  als  immer
noch  die  Erfüllung  nicht  kam,  Karl  IV.  Seine  Bulle,  die  der
Mark  Brandenburg  Staatsrechte  verlieh,  war,  ohne  daß  die
Zeitgenossen  es  ahnten,  schon  der  Anfang  der  Erfüllung.
Nun  werden  unsere  Fürsten  wieder  in  den  Kpffhäuser  verschwinden.
  Auch  der  heute  letzte  Oeutsche  Kaiser;  das  leise
Klingen  deutscher  Sehnsucht  aber  wird  endlich  doch  stärker
ertönen,  als  das  Krächzen  der  schwarzen  Raben  und  der  rothalsigen
  Aasgeier.  Das  Gesetz  von  der  Erhaltung  der  Kraft
gilt  auch  im  geistigen  Leben:  es  kann  nicht  verloren  sein,
was  wir  an  beldischer  Größe  und  vaterländischem  Opfersinn
in  dem  Schicksalsjahre  1914  erlebt  haben,  und  aus  dem  Blute
unserer  Gefallenen  sprießt  einst  herrliche  Frucht.  „Wir  sind
Bauern  von  geringem  Gut  und  dienen  unserem  gnädigsten.
Kurfürsten  mit  Gut  und  Blut“,  stand  auf  dem  Fähnlein  der
Märker,  die  die  Schwedenwacht  auf  den  Elbdeichen  im  Dreißigjährigen
  Kriege  hielten.  Damals  waren  wir  zerschlagen  wie
jetzt,  freilich  mit  ungebrochener  Ehre,  und  die  Zeit  kommt
wieder,  wo  das  in  schwerster  Trübsal  geläuterte  Bolk  seine
Auferstehung  begehen  kann,  wenn  wir  wenigen  Getreuen  von
1919  nur  die  Uberlieferung  an  Kind  und  Kindeskind  nicht
vergessen.  Alles  ist  diesmal  verloren,  auch  die  Ehre,  die  eine
Bande  von  national  entsittlichten  Parteifanatikern  in  den  Kot
wirft,  —  nur  unsere  große  Vergangenheit  kann  uns  niemand
nehmen,  unsere  Geschichte,  auch  dieses  letzten  Krieges,  niemand
  rauben.  Wo  sind  die  deutschen  Festungen,  die  der  Feind
erstürmt  hat,  wo  die  deutschen  Küsten,  an  denen  er  gelandet
ist?  So  werden  Urenkel  doch  fragen  und  dann  kaum  den
1.  Mai  oder  den  22.  Juni  am  heimischen  Herde  feiern,  sondern

Friedrich  der  Vorläufige  161  11
        <pb n="164" />
        eher  den  Tag  der  Schlacht  am  Skagerrak,  trotz  aller  „Kulturgeschichte“
  Hoffmannscher  Prägung  in  den  Schulen.

Heute  drückt  die  Schmach  uns  nieder.  Mit  brennenden
Augen  starren  wir  in  das  Dunkel  dieser  Zeit  voll  Feigheit,
Dummlbeit  und  Niedertracht,  die  am  morgigen  Sonntag  in
der  Nationalversammlung  ihr  Insiegel  erhalten  soll.  Das
einzige,  was  jedem  von  uns  nur  noch  zu  tun  obliegt,  ist,  an
Stelle  des  geschichtslosen  Geschlechtes  von  beute  ein  neues
zu  erziehen,  das  in  der  Vergangenheit  lebt.  Jeder  einzelne
von  uns  darf  nichts  Wichtigeres  kennen,  als  zu  lernen  und
dann  zu  lehren,  was  von  Tacitus  bis  Treitschke  uns  erzählt
worden  ist,  bis  die  Sehnsucht  einst  übermächtig  wird,  daß
der  Koffhäuser  berste  und  seine  Begrabenen  ein  Volk  vorfänden,
  das  nur  noch  eine  einzige  Partei  kennt:  die  kaiserliche
Volkspartei.  Wir  haben  sie  schon  einmal  gehabt,  von  1813
bis  zum  Jahre  1849,  aber  in  den  fetten  Zeiten  des  letzten
Menschenalters  verschwand  uns  der  Idealismus.  Sie  brachten
uns  die  Knechtschaft,  und  unsere  republikanischen  Reichsregenten
  werden  zu  Fronvögten  des  mit  ihrer  Hilfe  siegreichen
Feindes.

Im  Lande  ringt  man  die  Hände.  In  Weimar  tafeln
derweilen  die  neuen  Minister  ohne  Kümmernis.  Wir  aber
gedenken,  um  nicht  zu  verzweifeln,  eines  anderen  Ministers
aus  schwerster  Zeit,  des  Freiherrn  vom  Stein,  an  dessen
stählernem  Preußensinn  eine  Welt  von  Ungemach  sich  brach.
Moskau  stand  in  Brand,  gerade  war  die  Nachricht  eingetroffen,
  in  Petersburg  rief  alles  nach  sofortigem  Frieden,
  der  Zar,  die  Kaiserin-Mutter,  der  Minister  Rumjanzew.
Stein  aber  versammelte  an  der  Newa  die  Getreuen  um  sich,
warf  stolz  den  Kopf  zurück  und  sagte:  „Ich  habe  mein  Gepäck
im  Leben  schon  drei-,  viermal  verloren.  Man  muß  sich  gewöhnen,
  es  hinter  sich  zu  werfen.  Weil  wir  sterben  müssen,
sollen  wir  tapfer  sein!“

162
        <pb n="165" />
        O  Deutschland,  tief  in  Schanden!

Weimar,  22.  Juni

In  lodernden  Flammen  trieb  in  Vorzeiten  mit  dem  toten
Helden  an  Bord  das  Wilingerschiff  hinaus  auf  die  offene  See
zum  Untergang.  Auch  ganze  Völker  wüßten  einst  in  Würde
zu  sterben.  Dem  deutschen  Bolke  aber  gönnen  die  eigenen
Totengräber,  die  Erzberger  und  Genossen,  nicht  einmal  ein
Armenbegräbnie,  sondern  verscharren  es  eiligst  wie  eine  Pestleiche.
  Noch  im  letzten  Augenblick  wird  ihm  der  einzige  Wertgegenstand,
  die  Ehre,  weggerissen.  «

Die  führenden  Komödianten  sind  in  der  neuen  Besetzung
vollzählig  zur  Stelle,  Leute  von  einer  durchschnittlich  noch
geringeren  Kopfweite  als  die  vom  vorigen  Kabinett.  Als
Flügelmann  die  immerhin  noch  imponierendste  Figur,  der
frühere  Bureaugehilfe  und  jetzige  Ministerpräsident  Bauer,
ein  stattlicher  Arbeiter  im  Sonntagsrock.  ODaneben,  wieder
um  einen  Platz  vorgerückt,  als  nunmehriger  Bizekanzler
Herr  Matthias  Erzberger.  Die  Rennung  seines  Namens  in
der  Ministerliste  begrüßt  die  Opposition  mit  ironischem  „Aba#"“.
Erzberger  feixt.  Es  gibt  Leute,  die  das  ein  Lachen  der  Verlegenheit
  nennen.  Als  ob  ein  Erzberger  überhaupt  je  verlegen
  werden  könnte!  Er  ist  während  des  ganzen  Begräbnisaktes
  in  sichtlich  guter  Laune  und  erzählt  den  Nachbarn  nette
Geschichten,  denn  die  Gänseleberpastete  von  gestern  abend
hat  er  gut  verdaut  und  die  Welt  erscheint  ihm  wieder  einmal
als  sein  Spiegelbild,  rosig  und  kugelrund.

Die  Komödie  beginnt.  Oie  regierende  Mehrheit  verkündet
durch  den  Mund  Bauers,  Loebes  und  Groebers,  daß  wir  den
Vernichtungsfrieden  annehmen  müssen,  sonst  käme  es  (das
glaubt  sie  doch  selber  nicht!)  wieder  zum  Kriege.  Nur  unsere

163  11
        <pb n="166" />
        Ehre  gäben  wir  niemals  preis.  Wir  würden  nur  mit  dem
ausdrücklichen  Vorbehalt  unterschreiben,  daß  wir  nicht  die
allein  Schuldigen  am  Kriege  seien  und  auch  nicht  das  Verlangen
  nach  Auslieferung  Deutscher  an  ein  Ententegericht
erfüllen  würden.  ·

Die  Volksvertreter  sollen  dementsprechend  einen  Beschluß
folgenden  Wortlauts  fassen:  „Die  Nationalversammlung  billigt
  die  Haltung  der  Regierung  in  der  Frage  der  Unterzeichnung
  des  Friedensvertrages.“

Das  ist  die  theatralische  Geste.  Aber  kaum  ist  sie  sichtbar
geworden,  so  erschrecken  die  Akteure  selber  davor.  Der  Beschlußantrag
  der  Regierung  wird  ohne  Angabe  eines  Grundes
zurückgenommen.  In  Bersailles  wird  der  Vorbehalt  vorgebracht
  werden,  um  das  Gesicht  zu  wahren,  aber  nicht  ale
Beschluß  der  deutschen  Bolksvertretung.

ODie  neue  Fassung,  die  das  Haus  vielmehr  annehmen  soll
und  mit  den  Stimmen  der  Unabhängigen,  der  Sozialdemokraten,
  des  Zentrums  und  eines  Teils  der  Demokraten  annimmt,
  lautet:  „Die  Nationalversammlung  ist  mit  der  Unterzeichnung
  des  Friedensvertrages  einverstanden.“

Also  bedingungelose  Unterwerfung  ohne  Billigung  der
Regierungsvorbehalte.  Richts  mehr  von  nationaler  Ehre!
Oer  Präsident  Fehrenbach  und  die  Regierung  werden  wegen
der  Änderung  gestellt,  dringend  um  Auskunft  ersucht.  Fehrenbach
  hat  die  Stirn,  zu  erklären,  er  finde  keinen  Unterschied
zwischen  den  beiden  Anträgen;  auf  der  Regierungsbank  aber
erhebt  sich  niemand,  wagt  niemand  zu  leugnen.  Oie  Schande,
die  Schande!  Sie  kommt  nicht  allen  zu  Bewußtsein.  Ee  ist
eine  Art  Apathie  über  das  Haus  gekommen,  die  eiligen  Reden
klingen  wie  das  gedankenlose  Nachstammeln  Übermüdeter.

Graf  Posadowsky  bleibt  wirkungslos.  Was  er  über  den
Friedensvertrag  im  einzelnen  sagt,  das  ist  richtig,  aber  es  hat
schon  vor  anderthalb  Monaten  in  jeder  deutschen  Zeitung

164
        <pb n="167" />
        gestanden.  Man  sollte  die  Honoratioren  einer  Partei,  die  als
Persönlichkeit  etwas  bedeuten,  nur  die  gelegentlichen,  kurzen,
monumentalen  Erklärungen  verlesen  lassen.  Heute  wäre  ein
Volksredner  nötig  gewesen,  ein  Antonius  an  der  Bahre
Cäsars.  Ein  Aufwirbler  aller  Leidenschaften,  eine  Posaune
des  ZJüngsten  Gerichts  über  Deutschlands  Verderber.  Daß
nicht  nur  die  Hörer,  sondern  auch  nachher  die  Leser  bis  ins
Mark  erschüttert  worden  wären,  sich  die  Rede  ausgeschnitten
und  für  Kind  und  Kindeskinder  unter  dem  Heiligsten  aufbewahrt
  hätten.  Dieser  Aufschrei  bleibt  aus.  Heute  oder  nie
wäre  die  Gelegenheit  gewesen,  das  Panier  für  die  Kommenden
  aufzupflanzen,  die  einst  die  deutschen  Verräter  stürzen
werden.

Aber  mit  lohender  Beredsamkeit  und  hallendem  Organ
füllt  diesmal  Professor  Kahl  die  Lücke  einigermaßen  wieder
aus;  etwas  von  dem  verwegenen  Feuer  des  ewigen  Germanenjünglings
  steckt  in  diesem  Siebzigjährigen  und  gleichzeitig
  etwas  von  der  hinreißenden  sittlichen  Kraft  des  Richters
und  Propheten.  Ohne  Scheu  tritt  er  vor  den  König  Plebs
und  ruft  sein  „Du  bist  der  Mann  1“  ihm  zu.  Auch  rein  rhetorisch
ist  seine  Stufenfolge  des  wiederholten  „Wir  lehnen  ab“  mit
der  jedesmaligen  Begründung  noch  wirkungsvoller  ale  einst
Zolas  „Sch  klage  an“,  ist  so  erschütternd,  daß  eine  Abgeordnete
  des  Zentrums,  schwankend  geworden  und  in  tiefster
Seelennot,  sich  beim  Nachbar  Prälaten  erst  noch  einmal  Absolution
  für  die  Abstimmung  holt.  Die  Abstimmung  für  Unterschreiben
  natürlich.  Denn  in  diesem  Parlamente  ist  die  deuts  che
Ehre  verloren,  auch  wenn  Erzengel  redeten.

Eine  Fundgrube  für  kommende  Geschichtschreiber,  aber
auch  für  gegenwärtige  Politiker,  sind  die  Ausführungen  des
Sozialdemokraten  Loebe.  Es  scheint,  daß  auch  er  die  Nerven
und  den  taktischen  Verstand  verloren  hat.  Bisher  bieß  es
doch  immer,  die  Republik  werde  uns  das  goldene  Zeitalter

165
        <pb n="168" />
        bringen.  Er  aber  erzählt  uns  vom  Beginn  des  traurigsten
Kapitels  deutscher  Geschichte,  von  äußerster  Verarmung  und
nationalem  Elend.  Bisher  wurde  auch  behauptet,  unsere
Monarchie  und  unser  Militarismus  hätten  uns  im  Auslande
so  geschadet.  Er  aber  klagt,  Deutschland  sei  den  Gegnern
stets  als  Ursprungs-  und  Zukunftsland  des  Sozialismus
  verhaßt  gewesen.

Der  Sozialismus,  Herr  Loebe,  hat  seine  Zukunft  bei  uns
verloren.  Er  wurde  gehegt  von  der  sozialen  Monarchie;  in
der  deutschen  Republik  wird  er  lebendig  begraben  werden.
Er  gehörte  zu  den  Ehrenpflichten  unseres  bürgerlichen  Staates.
Fetzt  ist  die  Ehre  dahin,  der  Staat  dahin,  die  deutsche  Zukunft
dabin.  Die  Sozialdemokratie  ist  der  Totengräber  auch  des
Sozialismus  geworden.

Einst-kommt  der  Tag  des  Volksgerichts  für  uns  alle.  Die
Mehrzahl  der  Demokraten  mit  ibrer  feinen  Witterung  hat  das
rechtzeitig  erkannt  und  ihren  Kahn  aus  dem  Schlepptau  der
Roten  heute  gelöst.  Sie  waren  für  die  Unterzeichnung  mit
sechs  Borbehalten  und  ziehen  sich  nun  aus  dem  schlechten
Geschäft  ganz  zurück.  Mit  einer  Fanfare  „wider  die  sozialistische
  Planwirtschaft“  lockt  der  neue  Ausrufer  der  Demokraten,
  Schiffer,  das  bürgerliche  Publikum,  das  schon  in  Scharen
  entwich,  wieder  heran.  Der  bisherige  Führer  Paper
und  die  anderen  Unentwegten  der  ehemaligen  süddeutschen
Volkspartei  aber  machen  die  taktische  Schwenkung  nicht  mit,
sondern  stimmen  mit  der  alten  Mehrheit  für  die  bedingungslose
  Unterwerfung.

Oer  oberschlesische  Diktator  Hörsing  fällt  noch  mit  einer
Erklärung  namene  der  gesamten  ostelbischen  Sozialdemokratie
jenen  Ostmärkern  in  den  Rücken,  die  jetzt  zum  letzten  Kampfe
Mann  gegen  Mann  für  die  Heimat  von  Haus  zu  Haus  und
Hecke  zu  Hecke  antreten  möchten.

Oas  ist  alles.  In  nur  vier  Stunden  ist  es  erledigt.  Die

166
        <pb n="169" />
        deutsche  Pestleiche  ist  verscharrt,  ein  paar  Erdklumpen  persön--licher
  Bemerkungen  kollern  hinterdrein.  Wenn  jetzt  eine
Gruppe  von  Wandervögeln  am  Parlament  vorüberzöge  und

„O  Deutschland  hoch  in  Ehren“  sänge,  man  würde  aufschreien
in  namenlosem  Weh.

Nun  hinaus  in  den  Alltag.  Es  kommt  zunächst  die  Zeit
der  „fühlbaren  Erleichterung“  in  den  ersten  Monaten
  nach  dem  Friedensschluß.  Dann  das  Erwachen
in  steigend  fürchterlicher  Not.

Wie  es  Ehrlose  nicht  anders  verdienen.

Aber  noch  gibt  es  Zeichen  und  Wunder.  ODraußen  stehen
die  Leute  um  eine  Depesche  gedrängt.  Die  Kriegeschiffe
unserer  Hochseeflotte  im  englischen  Pferch  haben,  zum  erstenmal
  wieder  seit  dem  21.  November,  die  deutsche  Kriegeflagge
gehißt  und  sind  von  der  eigenen  Besatzung  mit  wehender
Flagge  auf  den  Grund  des  Meeres  geschickt  worden.  Deutscher
  Stolz  und  deutscher  Trotz,  den  die  freie  Nationalversammlung
  nicht  aufbringen  kann,  nun  doch  bei  den  Gefangenen
  von  Scapa  Flow!  Gott  sei  gelobt  für  diesen  Blitz
in  dunkler  Nacht.  O  ODeutschland  hoch  in  Ehren!  Wir,  deine
gepeinigten  Söhne,  erkennen  deine  Ewigkeit  und  Unzerstörbarkeit
  auch  im  Schmachgewand.  Wir  werden  sterben.  Du
sollst  auferstehen.

Inter  dem  Fronvogt

Weimar,  23.  Juni

In  Weimar  ist  die  Regierung  in  den  letzten  Tagen  in  völliger
Hilflosigkeit  von  einem  Beschluß  zum  anderen  getaumelt.  Ihr
Einpeitscher,  der  junge  Pressechef  der  Reichskanzlei,  wird
von  den  Zeitungsvertretern  gescholten,  daß  er  alle  Augenblicke

167
        <pb n="170" />
        falsche  Informationen  erteilt  habe.  Sie  waren  in  Wirklichkeit
  nicht  falsch,  nur  immer  schon  überholt,  von  einer  neuen
Torheit  überholt.  Die  Nachrichten  und  die  Beschlüsse  jagten
einander  im  Stenogrammtempo,  bei  Tage  und  bei  Nacht,
bis  die  armseligen  Geister  der  Regierungsmänner  nicht  mehr
aus  noch  ein  wußten.  Ein  Mädchenpensionat,  in  dem  der
Ruf  „Feuer“  erschallt,  kann  sich  nicht  kopfloser  benehmen.
Noch  hbeute  früh  kann  die  gewagteste  Vermutung,  wahr  werden.
Das  Kabinett  ist  nahe  daran,  zurückzutreten  und  einer  Koalitionsregierung
  Platz  zu  machen,  an  der  teilzunehmen  auch
die  Rechte  aufgefordert  werden  soll.  Nur  einer  behält  in
dieser  Gesellschaft  den  Kopf  oben:  Erzberger;  er  führt  alles
zu  dem  vorher  bestimmten  Ende  der  bedingungslosen  Unterwerfung.
  Oas  war  ja  der  Witz  der  gestrigen  Neufassung  des
Beschlusses,  die  von  den  französischen  Fournalisten  brühwarm
nach  Paris  hinübertelephoniert  wurde.  Sie  bewies  dem  Rate
der  Bier,  daß  die  Deutschen  alles  schlucken  würden.  Die  dann
nachher  eingetroffene  deutsche  Note  mit  den  Vorbehalten
konnten  die  Vier  nun  höhnisch  ablehnen.  Es  war  ihnen  ja
deutlich  genug  gezeigt  worden,  daß  Bauers  und  Groebers
Schwur  nichts  weiter  bedeutete  als  die  Kulissenreißerei  von
deklamierenden  Bühnenhelden.  Wahrlich  eine  geradezu  kindlich
  unbeholfene  Diplomatie.

Eine  weitere  qualvolle  Sitzung  setzt  heute  noch  den
Schlußpunkt  unter  das  gestrige  Protokoll  der  Schande.  Noch
einmal  hätten  wir  wohl  gewünscht,  die  Stimme  Kahls  oder
eines  anderen  Herolds  deutschen  Gewissens  zu  hören.  Es
erfolgen  aber  nur  kurze  Erklärungen  neben  der  Abstimmung
über  nochmalige  Ermächtigung  zur  bedingungelosen  Kapitulation.
  Man  bescheinigt  sich  in  diesen  Erklärungen  gegenseitig,
  daß  jedermann,  gleichviel  wie  er  abgestimmt  habe,  nur
von,  raterländischen  Gründen  ausgegangen  sei.  Das  tut  erstaunlicherweise
  durch  ihren  Wortführer  Dr.  Heinze  auch  die

168
        <pb n="171" />
        Deutsche  Bolkspartei.  Im  Volke  wird  man  diese  Höflichkeit
nicht  mitmachen,  wird  Herrn  Cohn  nicht  für  den  treugesinntesten
  Deutschen  und  Herrn  Erzberger  nicht  für  den  selbstlosesten
  aller  ehrgeizfreien  Staatsdiener  halten.  Präsident
Fehrenbach  scheint  das  zu  ahnen.  Ihm  bangt  um  seinen
Benjamin  Erzberger  und  er  fordert  insbesondere  die  Presse
auf,  nun  nach  der  Annahme  des  Friedens  die  innere  Febde
einzudämmen.  Wir  sollen  die  politischen  Einbrecher  des  November,
  die  unser  Haus,  unser  Deutschland  unsagbar  verwüstet
haben,  als  liebe  Landeleute  schätzen  und  ehren.  Hut  ab  auch
vor  Erzberger,  dem  Fronvogt  der  Entente.

Ein  Fronvogt  hat  Schergen.  Bei  uns  sind  das  die  100  000
Mann,  die  wir  als  Polizeitruppe  von  unserem  Heere  behalten
sollen,  und  man  will  sich  gleich  ihrer  Dienste  versichern.  Es  ist
ein  offenes  Geheimnis,  daß  nahezu  unsere  gesamte  Generalität
heute  ihren  Oienst  hat  niederlegen  wollen,  nachdem  der
angenommen  war.  Auch  unter  dem  übrigen
gärt  es.  Was  dann?  Da  wäre  auch  Erzbergers
Witz  zu  Ende,  da  könnte  der  Scheidemann  Friede  nicht  durchgeführt
  werden,  und  für  die  Ourchführung  jeder  einzelnen
Bestimmung  des  Vertrages  macht  uns  die  Entente  doch  ausdrücklich
  in  ihrer  letzten  Note  nochmals  verantwortlich.  Es
werden  also  Schergen,  deutsche  Offiziere,  dazu  kommandiert
werden  müssen,  Hindenburg  zu  verhaften  und  den  Feinden
auszuliefern.  Selbst  dem  Teufel  in  der  Hölle  müßte  übel
werden  bei  diesem  Gedanken.  Unseren  Gentlemen  der  regierenden
  Mehrheit  aber  ist  er  ganz  plausibel,  und  so  wird  der
Nationalversammlung,  die  in  ihrer  Gesamtheit  darauf  hineinfällt,
  ein  Aufruf  an  Heer  und  Volk  zur  Annahme  unterbreitet,
in  dem  jedermann  aufgefordert  wird,  treu  auf  seinem  Posten
zu  bleiben.  „Sonst  kommt  das  Chaos“,  lautet  die  abgegriffene
Redensart.  Andernfalls  aber  bleibt  die  Ordnung  erhalten:
die  Ordnung  —  auf  der  Sträflingsgaleere.

  

169
        <pb n="172" />
        Einige  dringende  Vorlagen,  darunter  ein  weiterer  vorläufiger
  Vierteljahrsetat  von  sechs  Milliarden  (die  Republik
kommt  uns  wirklich  nicht  billig)  wird  in  Hast,  und  doch  nicht
ohne  kritische  Randbemerkungen,  angenommen,  so  daß  die
Mehrheit  —  jetzt  zum  ersten  Male  —  darüber  klagt,  daß  man
dem  Ernst  der  Stunde  doch  mehr  Rechnung  tragen  solle.  Die
Empfindsamkeit  steht  den  Herren  nicht  übel.  Deutschland  ist
verscharrt,  seine  lebendige  Ehre  hinterdrein  abgewürgt  und
den  Feinden  hingeworfen  worden.  Aun  fehlt  nur  noch  ein
bißchen  stimmungsvolle  Musik.  Im  übrigen  sollen  die  Offiziere
und  Mannschaften  weiter  Dienst  tun  und  dafür  sorgen,  daß
unsere  Reichsregenten  in  Ruhe  ihr  Gehalt  verzehren  können
und  daß  die  Entente  keine  eigene  Mühe  mit  der  Eintreibung
ihrer  Forderungen  an  deutschem  Menschenfleisch  hat.  Unsere
Volksehre  ward  verschachert.  Da  soll  die  Soldatenehre  noch
binterdrein.

Schwankende  Gestalten

Weimar,  24.  Juni

Und  die  Angst  beflügelt  den  eilenden  Fuß:  viele  der  Volksvertreter
  sind  nach  Hause  gefahren.  Namentlich  solche  aus
dem  Osten.  Man  kann  ihnen  sagen,  daß  der  Friede  ja  erst
ratifiziert  werden  müsse,  daß  dann  erst  ein  besonderes  Abkommen
  über  die  Fristen  der  Räumung  geschlossen  werde,
es  bilft  alles  nichts,  sie  erwidern  einfach:  „Lehrt  ihr  uns  die
Polen  kennen!“  Sie  glauben  an  keinerlei  Fristen.  Sie  nehmen
an,  daß  die  Polen  nach  Unterzeichnung  des  Friedens  einmarschieren.
  Und  darum  wollen  sie  eilends  heim,  ihr  Haus
zu  bestellen  oder  die  Flucht  vorzubereiten,  denn  die  Polen

170
        <pb n="173" />
        jagen  ja  doch  alle  Ansiedler  und  in  den  letzten  zehn  Zahren
neu  Zugewanderten  aus  dem  Lande  hinaus.  Es  wird  voll
werden  in  dem  verkleinerten  Pferch.  Aus  Rumänien,  aus
Kleinasien,  aus  China,  aus  fast  allen  Ländern  der  Welt  sind
die  Deutschen  bereite  heimgeschafft,  zu  Zehntausenden  kommen
sie  her.  Der  Engländer  hat  dieses  „Compound-System"  zuerst
für  die  Reger,  die  in  den  Diamantgruben  in  Kimberley  arbeiten,
  eingeführt,  und  jetzt  sollen  auch  die  Deutschen  unter  hermetischem
  Abschluß  fronden.

Wie  gesagt,  die  Ostmärker  eilen  heim.  Auch  Abgeordnete
aus  anderen  Gebieten,  die  preisgegeben  worden  sind.  In  der
Nationalversammlung  beraten  heute  die  Zurückgebliebenen
das  Krankenkassengesetz.  Es  wird  hastig  in  allen  drei  Lesungen
angenommen.  HOann  entläßt  Fehrenbach  das  Haus  bis  zum
nächsten  Dienstag  und  gibt  der  Hoffnung  Auedruck,  daß  die
Herren  inzwischen  Zeit  haben  werden,  ihre  Wähler  aufzuklären.
  "

Zeit  schon;  und  auch  die  Notwendigkeit  dazu  wird  sich
wohl  herausstellen.  Aber  kaum  einer  der  Volksvertreter  wird
dazu  imstande  sein,  auch  nur  mit  annähernder  Genauigkeit
zu  schildern,  „wie  alles  kam“.  Zu  häufig  waren  bei  der  Mehrbeit
  die  Umfälle.  Noch  kurz  vor  der  letzten  Abstimmung  waren
nicht  weniger  als  68  Zentrumsleute  wieder  irre  geworden.
Wollten  gegen  die  ehrlose  Unterwerfung  sich  erklären.  Alles
schwankte  wie  Schilf  im  Winde.  Man  hat  den  preußischen
Generalen  von  1806  Mangel  an  Entschlußkraft,  man  hat  ihnen
Feigheit  und  Schwäche  in  entscheidungeschweren  Stunden
vorgeworfen.  Die  Sozialdemokraten  haben  in  ihrem  agitatorischen
  Bokabularium  eine  ganze  Seite  für  diese  „Zunker-Erbärmlichkeit“.
  Aber  selbst  der  zittrigste  Greis  von  1806  in
irgendeinem  kleinen  alten  Fort  ist  ein  aufrechter  Riese,  ein
ragender  Roland  im  VBergleich  zu  den  Froschmolluskenbreinaturen,
  die  das  parlamentarische  Sostem  uns  erzeugt  hat.

171
        <pb n="174" />
        Wer  von  der  Mehrheit  hat  den  Mut,  das  einzugestehen?  Wer
von  ihr  wird  es  den  Wählern  erzählen?  Oie  Herren,  die  heute
in  ihre  Wahlkreise  gehen,  werden  erstens  staatsmännische  Gesichter
  aufstecken  und  Herrn  Omnes  über  ihre  bitter  schwere
Verantwortlichkeit  etwas  vorstöhnen;  und  zweitens  am  Ende
gar,  wie  Fehrenbach  gestern  am  Schluß  der  Sitzung,  eine
Männerzähre  herauedrücken:  „Gott  erbarme  sich  unseres
armen  Baterlandes!“  Has  ist  billig,  wenn  man  selber  seines
eigenen  Vaterlandes  sich  nicht  erbarmt,  sondern  es  verraten
und  verkauft  hat.

Wir  haben  mit  Recht  manches  unserer  alten  Diplomatie
vorwerfen  müssen.  Sie  hat  böse  Zrrwege  eingeschlagen,  die
zum  Verderben  führten.  Aber  doch  ist  selbst  sie  nicht  so  von
einer  Torheit  zur  anderen  getaumelt  wie  in  diesen  Tagen
die  Erleuchteten  der  Nation.  Das  Schwanken  war  endemisch.
In  jeder  einzelnen  Fraktion  der  Mehrheit.  Jede  neue  Abstimmung
  warf  die  alte  um,  jeder  neue  Redner  sogar  überzeugte
  den  Vorgänger  von  dessen  Dummheit,  um  dann  seinerseits
  vor  dem  nächsten  Redner  kleinlaut  zu  werden.  Ein  beliebiger
  junger  Beamter  oder  Offizier  des  „alten  Systems“
hätte,  wenn  ihm  allein  die  Berantwortung  übertragen  worden
wäre,  männlicher,  folgerichtiger,  erfolgreicher  gehandelt  als
diese  parlamentarische  Vielheit,  die  sich  bei  jedem  Umwetter
wie  eine  Schafberde  zusammendrängt.

Einer  der  Ortsgeister,  denen  Ebert  gehuldigt  hat,  Schiller,
hat  das  schon  vor  mehr  als  hundert  Lahren  gewußt,  daß  Männer
Geschichte  machen,  nicht  Volksversammlungen.  „Oie  Mehrheit
  ist  der  Unsinn“,  sagt  Schiller.  Niemals  hätte  eine  kaiserliche
  Politik  uns  so  würdelos  in  den  Sumpf  taumeln  lassen
wie  die  Herdenpolitik  der  Bielzuvielen  von  Weimar,  dieser
schwankenden  Gestalten  ohne  Verstand  und  ohne  Überzeuzungsmut.


172
        <pb n="175" />
        Nachklänge  zu  Weimar

Berlin,  25.  Zuni

Zn  Weimar  brach,  wie  vom  Blitz  gefällt,  der  Parlamentarismus
  in  die  Knie.  Die  Luft  ist  aber  noch  voll  Spannung,  hie
und  da  gibt  es  ein  Nachgewitter,  und  in  der  preußischen  Landstube
  hört  man  das  Grollen  von  allen  Seiten.  Ee  ballen  sich
überall  neue  Wolken  zusammen.  Hoffmann,  Cohn  und  Rosenfeld
  sprechen  mit  einer  Deutlichkeit,  die  ohne  Deckung  durch
die  Immunität  schon  nicht  mehr  möglich  wäre,  von  der  dicht
bevorstehenden  „endgültigen“  Revolution  und  der  Aufrichtung
  der  Pöbelherrschaft.  Hoffmann  schreit  es  unter  Trommeln
  auf  das  Rednerpult  hinaus,  Cohn  spricht  in  dem  gleichmäßigen
  Tonfall  des  Monomanen,  Rosenfeld  lispelt  es;
aber  alle  die  Redner  der  Unabhängigen  sagen  dasselbe:  Warte
nur,  balde.  .  Sie  richten  eine  förmliche  Anfrage  an  die
preußische  Regierung,  wie  sie  sich  habe  unterstehen  können,  im
Reichskabinett  ihr  Gutachten  gegen  den  Unterwerfungsfrieden
abzugeben,  ohne  von  der  Landesversammlung  dazu  ermächtigt
zu  sein.  Hirsch  und  Heine  antworten  darauf.  Hirsch  trocken,
wie  immer,  daß  er  doch  nur  den  einmütigen  Beschluß  der
Landesversammlung  vom  11.  April  und  8.  Mai  ausgeführt
habe  und  nichts  dafür  könne,  daß  die  Unabhängigen  (und
auch  Zhre  Mehrheitssozialdemokraten,  Herr  Hirsch!)  seitdem
umgefallen  seien;  und  Heine  etwas  temperamentvoller,  wobei
er  sich  unter  großem  Lärm  der  Hoffmann-Cohn-Rosenfeld
K  Co.  gegen  deren  „knotige  Bemerkungen“"  verwahrt.  Die
völlig  nutzlose  Debatte,  die  sich  in  allen  25  Einzelparlamenten
Deutschlands  und  wohl  gar  noch  in  den  Kommunen  wieder-173

  "
        <pb n="176" />
        holen  wird,  geht  heute  noch  nicht  zu  Ende.  Sie  wird  das  für
unseren  in  seiner  Zerfahrenheit  unüberbietbaren  Parlamentarismus
  wirklich  witzige  Ergebnis  haben,  daß  diejenigen
Parteien,  die  in  Weimar  für  den  Unterwerfungefrieden
stimmten,  dem  preußischen  Ministerium  ihr  Vertrauen
aussprechen,  weil  es  gegen  den  Unterwerfungsfrieden
stimmte!  Die  Sozialdemokraten  und  Zentrumsleute  Preußens
  in  dem  preußischen  Parlament  demonstrieren  also  dadurch
gegen  den  Frieden,  für  den  die  nach  genau  demselben  Wahlrecht
  gewählten  Sozialdemokraten  und  Zentrumsleute  der
Nationalversammlung  in  Weimar  eintraten.  Kann  es  etwas
noch  Zerfahreneres  geben?  Man  hat  in  Berlin  Vertrauen
zu  dem  Ministerium,  das  Nein  gesagt  hat,  wäre  selber  aber
auch  zu  einem  Ja  gekommen.  In  einer  ganz  prachtovollen
Rede  voll  Wucht  und  Größe,  einer  Fanfare,  die  den  Heerbann
zu  kommenden  Kämpfen  sammel,,  setzt  sich  der  deutsch-nationale
  Abg.  v.  Kardorff,  nach  ihm  gleichfalls  sehr  wirkungsvoll
der  Deutsche  Volksparteiler  v.  Krause  mit  den  Zugrunderichtern
  Deutschlands  auseinander.  Gegen  diesen  Feuerstrom
vaterländischer  Begeisterung  gehen  der  „Demokrat“  Prof.
Friedberg,  der  dem  „Demokraten“  Schiffer  in  Weimar  sehr
wenig  gleicht,  und  der  Klerikale  Herold  vor,  jener  mit  der
großen  Wasserspritze,  dieser  mit  seinem  kleinen  Eimerchen.
Was  hätte  man  denn  tun  sollen,  barmt  Herold;  die  Entente
wäre  ja  bei  Ablehnung  einmarschiert!  Das  wird  sie  sowieso
einmal  tun.  Die  Schmachfriedensmehrheit  wird  auch  um
diese  „Zllusion  ärmer  werden“.  Die  Abstimmung  vom  22.  Juni
hat  uns  nichts  erspart,  sondern  nur  zum  Unglück  die  Schande
gesellt,  und  dieser  wenigstens  —  ihr  allein  —  hätten  wir  entgeben
  können.  Alles  gefürchtete  andere  kommt,  ist  überhaupt
unausweichlich.  Man  mag  sich  unsere  Worte  merken.

)“  174
        <pb n="177" />
        Voll  Vertrauen  und  Ängsten

Berlin,  26.  Zuͤni

In  England  sitzt  der  Präsident  des  Unterhauses  auf  einem
Wollsack  und  hat  eine  weiße  Allongeperücke  auf  dem  Kopf;
und  durch  das  englische  Wahlrecht  würden  unsere  Demokraten
sich  nur  mit  Entsetzen  hindurchwinden;  und  der  Parlamentarismus
  drüben  hat  überhaupt  sehr  viel  Verzopftes  und  Verzwicktes.
  Trotzdem  wäre  dort  eine  solche  Abstimmung  wie  heute
im  Preußenhause  kaum  möglich  gewesen.  Der  alte  Bethmann-Block
  der  schwarzen,  roten,  goldenen  Internationale  (des
Zentrume,  der  Sozialisten,  der  Demokraten)  ist  hier  beisammen
geblieben,  hat  die  Weimarische  Extratour  der  Schifferschen
Oemokraten  sich  nicht  gestattet,  und  tritt  geschlossen  für  „sein“
Ministerium  Hirsch  ein,  das  sich  in  dem  Weimarer  Kabinettsrat
  gegen  den  Unterwerfungsfrieden  ausgesprochen  hat.
Oieser  Friede  spreche  allem  Rechtsgefühl  Hohn  und  vergewaltige
  uns  in  der  schlimmsten  Weise,  steht  in  dem  Antrag  der
drei  Parteien.  Folgerichtig  stellt  die  Rechte  den  Zusatzantrag:
„Das  Eintreten  der  preußischen  Staateregierung  für  die  Ablehnung
  des  Friedens  war  daher  geboten“.  Das  verwirft
der  Block  mit  231  gegen  58  Stimmen.  Von  den  Unabhängigen
  liegt  der  entgegengesetzte  Zusatzantrag  vor:  „Trotzdem
war  ein  Eintreten  der  preußischen  Regierung  für  die  Unterzeichnung
  des  Friedensvertrages  geboten“.  Und  mit  269
gegen  20  Stimmen  wird  —  auch  dieser  Vorschlag  verworfen.
Der  Regierung  soll  das  Vertrauen  nur  sans  phrase  ausgesprochen
  werden  und  wird  es  auch.  Ein  geradezu  monumentaler
  Ausdruck  für  die  Unschlüssigkeit  und  Feigheit  unseres

175
        <pb n="178" />
        Parlamentariemus,  ein  unübertreffliches  geschichtliches  Beispiel
  für  die  zweibändige  „Politik“  eines  künftigen  Treitschke!

„Ich  sag'  nicht  so  und  sag'  nicht  so,
Denn  sage  so  ich  oder  so,

So  könnte  einer  sagen,

Du  bast  so  oder  so  gesagt,

Und  kriegte  mich,  Gott  seibs  geklagt,
Beim  Kragen!“

Expperimente

Berlin,  27.  Juni

Es  kommt  vor,  daß  der  Arzt  einem  dicken  Herrn,  den  er  am
Blinddarm  operieren  muß,  bei  der  Gelegenheit  auch  die  Erleichterung
  verschafft,  daß  er  ihm  etlichen  Bauchspeck  wegschneidet.
  Das  ist  der  beste  Ersatz  für  Marienbad.  Wenn  aber
ein  Kranker  in  den  letzten  Todeszuckungen  daliegt,  wird  sich
der  Arzt  nur  zu  einem  einzigen,  vielleicht  lebenrettenden
Eingriff  mit  dem  Messer  verstehen  und  die  Schönheitskorrekturen
  unterlassen.  BVon  dem  preußischen  Staate  muß  man
leider  sagen,  daß  seine  Agonie  bereits  begonnen  hat.  Trotzdem
nehmen  die  politischen  Herren  Doctores  noch  allerlei  demokratische
  Experimente  an  ihm  vor,  die  in  diesem  Stadium  der
Krankheit  bestenfalls  einen  Zeitverlust  bedeuten.

Zm  preußischen  Landtag  wird  der  Justizetat  beraten.  Da
erklärt  der  Durchschnittsparlamentarier  gewöhnlich,  er  sei  des
Fachsimpelns  nun  müde,  überläßt  den  Berufsjuristen  neidlos
das  Feld  zu  ihren  Auseinandersetzungen  und  schlägt  sich  seitwärts
  in  den  Speiseraum  oder  Lesesaal.  Diesmal  wird  aber
weniger  Juristerei  und  mehr  Politik  betrieben.  Der  Unab-176
        <pb n="179" />
        hängige  Rosenfeld  spricht  stundenlang  über  den  Prozeß  Ledebour
  —  oder  vielmehr  an  ihm  vorbei  gegen  die  jetzige  Regierung
  und  für  die  neue  Revolution.  Und  vor  ihm  empfiehlt
der  Mehrheitesozialist  Heilmann  lebhaft  die  neuesten  Experimente
  an  unserer  Rechtspflege,  nämlich,  wie  man  sie  „verbürgerlichen“
  könne.  Der  bewegliche  rote  Fuchskopf  ist  nicht
etwa  voll  von  phosphoreszierenden  Einfällen,  er  ist  nur  eine
mäßige  Begabung,  aber  als  „aus  politischen  Gründen“  entgleister
  cand.  iur.  ist  Heilmann  durch  den  Fleischwolf  der  Berliner
  Journaille  getrieben  und  gut  ausgekocht  worden,  hat
überdies  eine  Bolksversammlungsstimme  von  brutaler  Kraft,
kurz,  er  wird  über  kurz  oder  lang  „der“  Führer  der  Mehrheitesozialisten
  in  Preußen  sein.  Ee  seien,  so  meint  er,  leider  keine
Richter  aus  dem  Arbeiterstande  vorhanden;  in  absehbarer  Zeit
würden  die  Zuristen  auch  weiterbin  vom  Bürgertum  gestellt
werden.  Oeshalb  seien  die  Kur  aus  Beruferichtern  zusammengesetzten
  Kammern  —  überhaupt  zu  verwerfen,  überall
Schöffen  und  Geschworene  einzusetzen,  und  zwar  nach  dem
Bevölkerungeverhältnis  in  der  Hauptsache  Arbeiter,  die  dann
eine  auskömmliche  Entschädigung  für  ihre  Mühwaltung  erbalten
  müßten.  Auch  Arbeiterfrauen.  Oie  nötigen  Gesetzentwürfe
  dazu  sind  bereits  in  Vorbereitung.

Wird  das  Experiment  durchgeführt,  so  ist  die  seit  Friedrich
Wilhelm  I.  vorbildliche  preußische  Rechtspflege  in  Gefahr,  auf
die  Stufe  zu  sinken,  auf  der  sich  Master  Lynch  in  Wild-West
befindet.  Die  Grundlage  jeder  Justiz  ist  ihre  Unabhängigkeit.
Oarum  gerade  nimmt  man  doch  zu  Geschworenen  Männer
in  geregelten  bürgerlichen  Verhältnissen“,  die  nicht  nach  rechts
und  nicht  nach  links  zu  schielen  brauchen.  Daß  sie  keine  Standesurteile
  nach  Standesvorurteilen,  keine  politischen  Urteile
nach  politischen  Vorurteilen  fällen,  hat  eben  erst  die  Freisprechung
  Ledebours  durch  seine  bürgerlichen  nichtsozialistischen
  Geschworenen  eywiesen.  Eg  ist  sehr  fraglich,  ob  ein  aus

Erledrich  der  Vorlausige  177  12
        <pb n="180" />
        mehrheitssozialistischen  Arbeitern  bestehender  Areopag  zu
dem  gleichen  Beschluß  gekommen  wäre;  und  wenn  umgekehrt
Wolfgang  Heine,  den  der  Abgeordnete  Rosenfeld  heute  einen
Lügner  und  einen  Zuhälter  der  Reakltion  nennt,  von  „Unabhängigen“
  gerichtet  würde,  möchten  wir  für  nichts  garantieren.
Das  liegt  nicht  etwa  daran,  daß  der  organisierte  Arbeiter  von
seiner  Organisation  kommandiert  wird,  wie  er  zu  entscheiden
habe.  So  plump  vollzieht  sich  das  nicht.  Aber  im  Proletariat
sind  die  sittlichen  Begriffe  „gut“  und  „böse“  längst  abgelöst
durch  „der  Partei  nützlich"  und  „der  Partei  schädlich“.  Die
Weltanschauung  der  10  Gebote,  auf  denen  alles  Recht  der
Welt  beruht,  existiert  nicht  mehr  in  der  Arbeiterschaft,  sondern
eben  die  „sozialistische  Weltanschauung“,  und  die  gehört  nur
in  die  Politik,  ruiniert  in  Verwaltung  und  Rechtsprechung  alles.

Erst  recht  ist  es  aber  eine  Versündigung,  die  Frau  zum
Richter  zu  machen.  Es  gibt  mämmliche  Frauen,  Frauen,  die
nicht  nur  in  der  Politik,  sondern  auf  jedem  Gebiet  „ihren
Mann  stehen“,  scharf  und  klar  und  nüchtern  urteilen.  Aber
die  Frau  im  ganzen  bleibt  immer  Gefühlswesen.  Sie  urteilt
nicht  mit  dem  Gehirn,  sondern  mit  dem  Rückenmark.  Ee  ist
das  Beste  an  ihr,  wenn  sie  mit  Antigone  erklärt:  „Nicht  mitzuhassen,
  mitzulieben  bin  ich  da“.  Aber  der  Richter  soll  weder
hassen  noch  lieben,  sondern  soll  das  Recht  kraftvoll  schützen,
damit  die  Welt  nicht  unter  dem  Faustrecht  zusammenbricht.

Ein  neues  Experiment  hat  der  Verkehrsminister  Dr.  Oeser
vor,  dessen  Ressortsorgen  den  späten  Abend  der  Sitzung  ausfüllen.
  Er  will  mit  der  Demokratisierung  beginnen,  das  Rätespstem
  in  seinem  riesigen  Arbeiter-  und  Beamtenheer  einführen.
  Der  Erfolg  erscheint  uns  nicht  ganz  sicher.  Bielleicht
kommen  dadurch  gerade  die  Elemente  nach  oben,  die  man
fernhalten  möchte,  die  Bertreter  des  —  wie  Heilmann  es
nennt  —  Strolchewismus  in  Deutschland.  Die  Eisenbahner
baben  außerdem  Geldforderungen  gestellt,  die  den  Fehlbetrag

178
        <pb n="181" />
        der  preußisch-hessischen  Eisenbahngemeinschaft  auf  sieben
Milliarden  Mark  jährlich  erhöhen  würden!  Kab'“  ich  doch
meine  Freude  dran,  sagen  die  Unabhängigen  und  die  Kommunisten,
  und  Paul  Hoffmann  und  Adolf  Hoffmann  tun
nebst  ihren  Genossen  alles,  was  sie  können,  um  von  diesem
"festen  Punkt“  aus  Deutschland  aus  den  Angeln  zu  beben.
Oeser  nagelt  unter  großer  Bewegung  des  Hauses  das  böse
Wort  fest:  „Wer  die  Eisenbahn  besitzt,  hat  die  Hand  an  der
Gurgel  des  Staates!“

Zn  dieser  ungeheuren  Gefahr  ist  das  preußische  Staatsministerium
  endlich  auf  ein  Experiment  verfallen,  das  schon
längst  hätte  durchgeführt  werden  müssen:  statt  sinnloser  Lohnerhöhungen
  energischer  Abbau  der  Lebensmittelpreise.  Bisher
hat  mit  Kartoffeln  und  Speck  und  vielen  anderen  Dingen  der
Staat  selber  Wucher  getrieben;  der  staatliche  Zwischenhandel
ist  uns  weit  teurer  gekommen  als  jemals  der  private.  Nun
will  man  es  anders  anfangen.  Ee  soll  Reis  zu  1,75  M.  das
Pfund  geben;  allerdings  nur  ein  Biertelpfund  wöchentlich.
Und  noch  andere  schöne  Oinge,  so  daß  eine  fünfköpfige  Familie
etwa  110  M.  monatlich  weniger  auszugeben  hätte  als  heute.
Auch  diese  Sanierung  ist  freilich  ein  Milliardenobjekt.  Und
wird  von  den  Steuerzahlern  selbst  getragen!  Aber  zum  ersten
Male  wird  im  neuen  Reich  der  Gaul  wenigstens  nicht  am
Schwanze  aufgezäumt.

Zu  neuer  Arbeit

Weimar,  1.  Juli

Wenn  man  die  Seelenverkäufer  des  deutschen  Volkes  heute
wieder  beisammen  sieht,  so  sollte  man  meinen,  auf  der  Stirn

179  12“
        <pb n="182" />
        jedes  Zasagers  vom  22.  Juni  müsse  die  Brandmarke  flammen.
Die  Abgeordneten  haben  aber  alles  gut  überstanden.  Ein
buntes,  fröhliches  Jahrmarktstreiben  erfüllt  das  Haus  zu
Beginn  der  Sommertagung.  Oer  Monatserste  bringt  jedem
Erleuchteten  der  Nation  die  Vergütung  für  seine  Mühewal--tung,
  ist  also  an  sich  schon  ein  sehr  spmpathischer  Tag.  Außerdem
  sind  heute  die  „bistorischen“  Briefmarken  zur  Erinnerung
an  die  Verfassunggebende  Nationalversammlung  erschienen,
in  den  Wandelgängen  entwickelt  sich  eine  lebhafte  philatelistische
  Börse,  und  jedermann  pappt  die  neuen  Marken  auf
Briefe  und  Karten.  Wir  nehmen  keinen  Anstand,  zuzugestehen,
daß  die  mißvergnügte  Kommerzienrätin,  die  die  Germania
auf  unseren  bisherigen  Postwertzeichen  darstellt,  künstlerisch
nicht  sehr  erhebend  wirkt.  Noch  weniger  ist  es  aber  der  kubistisch
zerhackte  Baum  in  roher  Holzschnittmanier  auf  der  10-Pf.-Erinnerungsmarke.
  Die  zu  15  f.  zeigt  einen  abgeschlagenen
Baumstumpf  mit  ein  paar  neuen  Reisern,  die  zu  25  einen
knieenden  nackten  Kellnerpikkolo,  der  ein  Tablett  über  seinem
Kopfe  balanciert;  vielleicht  ist  es  aber  auch  ein  Maurerlehrling
vom  Turmbau  zu.  Babel,  gezeichnet  von  einem  ägpptischen
Primitiven.

Die  regierende  Sozialdemokratie  konnte  die  höfisch-heraldische
  Kunst  unserer  alten  Marken  und  Münzen  kritisieren,
aber  sie  selber  bringt  nichts  Neues  an  die  Oberfläche,  das
Kulturwert  besäße.  Ihr  ist  ja  alles  nur  Agitation.  Sie  überschwemmt
  ung  auch  mit  Bildern  und  Broschüren  fürchterlichster
  Sorte  auf  Kosten  aller  Steuerzahler,  um  Reklame  für
sich  selber  zu  machen.  Dieser  Millionenunfug  der  „Zentrale
für  Heimatdienst“"  und  anderer  Propagandaämter  wurde
schon  früher  in  der  Nationalversammlung  gerügt,  heute  wieder
in  einer  kurzen  Anfrage  der  Deutschnationalen.  Bom  Regierungstisch
  wird  erwidert,  die  Auflösung  der  Ä#mter  sei  im
Gange,  aber  die  einmal  erteilten  Druckaufträge  müßten  noch

4

180
        <pb n="183" />
        ausgeführt  und  die  Broschüren  verteilt  werden.  Auf  die  weitere
  Anfrage  des  Abgeordneten  Muinm,  wie  der  klaffende
Widerspruch  zwischen  dieser  Erklärung  und  der  des  früheren
Ministerpräsidenten  Scheidemann  zu  deuten  sei,  daß  schon
seit  Februar  dieses  ungesetzliche  Treiben  eingestellt  wäre,  —
schweigt  die  Regierung.  Wenn  früher  ein  Landrat  in  irgendeinem
  Kreisblättchen  seine  Stimme  erhob,  schrie  die  Sozialdemokratie
  auf,  als  habe  man  die  gesamte  Nation  auf  die
Zeben  getreten.  Heute  arbeitet  ein  ganzes  Beamtenheer  in
Rot;  und  das  Bürgertum  muß  diese  Agitation  der  gegnerischen
Partei  mit  seinen  Steuern  bezahlen.

Trotzdem  verweigern  die  Vergewaltigten  dem  neuen  Staate
nicht  den  Oienst.  Sie  greifen  herzhaft  jede  Arbeit  mit  an,
die  dem  Neuaufbau  gilt.  Die  Siedelungsvorlage,  die  beute
in  erster  und  zweiter  Lesung  erledigt  wird,  findet  einmütige
Anerkennung  von  den  ODeutschnationalen  bis  zu  den  Sozialdemokraten;
  nur  die  Unabhängigen  schließen  sich  aus.  Oie
ersten  Redner  aus  dem  Hause  machen  es  sich  sehr  leicht,  indem
sie  mehr  oder  weniger  poetisch-sentimental  über  die  Schönheit
  des  Eigenheims  auf  dem  Lande  sprechen  und  dabei  nicht
viel  mehr  Sachkenntnis  entwickeln,  als  der  Großstadtquintaner
etwa  in  einem  Aufsatz  „Über  die  Kuh“  aufbrächte.  Der  erste,
der  bei  aller  Wärme,  mit  der  er  für  die  Siedelung  eintritt,
doch  der  Frage  praktisch  zuleibe  geht,  ist  der  Abgeordnete
Dr.  Roesicke.  Landstellen  seien  leicht  zu  haben,  meint  er,  Ansiedler
  schon  weniger  leicht,  am  schwersten  aber  Siedelungen,
die  dann  auch  rentierten,  und  das  sei  doch  die  Hauptsache,  zufriedene
  Menschen  zu  schaffen,  nicht  eine  neue  Klasse  Untergehender.


Den  tiefsten  Eindruck  macht  der  alte  Bauernbündler
Dr.  Heim,  der  den  unabhängigen  Abgeordneten  Wurm  derart
glänzend  abführt,  daß  das  Haus  stellenweise  in  wahren  Lach--salven
  sich  ergeht.  Es  ist  aber  nicht  nur  die  souveräne  Art

181
        <pb n="184" />
        Heime,  mit  den  Nichtfachleuten  umzuspringen,  die  ihm  den
Beifall  sichert;  er  ist  einer  der  wenigen,  die  sich  ernsthaft  mit
der  Siedlerfrage  beschäftigt  hbaben.  Der  Fuß,  der  sein  Lebelang
  Asphalt  getreten  habe,  sagt  er,  werde  niemals  in  Ackerfurchen
  zu  gehen  lernen.  Das,  was  wir  tun  müßten,  sei,  den
Industriestaat  zum  Agrarstaat  zurückzubilden;  dazu  werde
uns  der  Friedensvertrag  mit  der  Entente  schon  zwingen.  Es
sei  aber  unmöglich,  den  heutigen  Fabrikarbeiter  zu  einem
Bauern  zu  machen.  Das  müsse  schon  in  frühester  Zugend  beginnen.
  Oie  einzige  Möglichkeit,  in  der  Siedlersache  zu  einem
guten  Ergebnis  zu  kommen,  sei  daher  die  Verpflanzung  von
Kindern  auf  das  Land.  Alle  die  großstädtischen  verwaisten
und  verlassenen  Kinder,  die  heutzutage  zu  schlechten  Handwerkern
  erzogen  würden  und  dann  der  Fabrik  anbeim  fielen,
müßten  jetzt,  natürlich  unter  Aufsicht  staatlicher  Pfleger,  in
einzelne  Bauernhäuser  verteilt  werden.  Mit  außerordentlicher
  Spannung  folgte  das  Haus  den  Ausführungen  des  alten
Praktikus.  Zum  erstenmal  seit  langer  Zeit  hat  man  in  der
Halle  der  Schwätzer  etwas  von  einem  wirklich  arbeitenden
Geist  verspürt.

Schwarz-Rot-Gold

Weimar,  2.  Juli

Schwarz  ist  unsere  Zukunft,  rot  unsere  Gegenwart,  golden
war  die  Vergangenheit.  Das  ist  die  Symbolik,  die  über  Jahr
und  Tag  wohl  auch  der  letzte  Deutsche  in  unseren  neuen  Reichsfarben
  erkennen  wird.  Noch  sind  sie  es  nicht.  Erst  morgen  wird
die  entscheidende  namentliche  Abstimmung  sie  festlegen.  Die
Handeleflagge  auf  See  aber  soll  ein  Mischling  werden.  Die

182
        <pb n="185" />
        alte  schwarz-weiß-rote  mit  einer  schwarz-rot-gelben  oberen
Ecke.  Ein  Wechselbalg  ist  hineingekommen.

Der  Flaggenparagraph  in  der  Verfassung  ist  der  einzige,
der  die  Leidenschaften  heute  noch  einmal  aufpeitscht  und  bie
in  späte  Stunden  hinein  die  Geister  widereinander  erregt.
Was  ihm  vorangeht,  das  gibt  nur  zu  mehr  oder  weniger
akademischen  Erörterungen  Veranlassung.  Ee  spricht  für  die
Kleinbürgerlichkeit  und-Zdeenarmut  unserer  ganzen  Verfassungsmacherei,
  wenn  der  Berichterstatter,  der  demokratische
  Abgeordnete  Haußmann,  nichts  Besseres  zum  Ruhme
des  Verfassungsaueschusses  zu  sagen  weiß,  als  daß  seine  Anträge
  393  Drucksachen  füllten,  daß  er  weit  mehr  als  500  Abstimmungen
  binter  sich  habe  und  daß  der  Bericht  über  die
erste  Lesung  im  Ausschuß  648  Seiten  stark  sei.  Diese  Zahlen
sprächen  doch  höchstens  dafür,  daß  Kärrnerarbeit  geleistet
worden  ist,  mühseliges  und  langwieriges  Schuttabladen,  um
das  ungeheure  Loch,  das  an  Stelle  des  versunkenen  Deutschen
Reiches  klafft,  notdürftig  zu  füllen.  Alles  Geniale  tritt  doch
ganz  anders,  tritt  mit  eruptiver  Plötzlichkeit  ins  Dasein.  Die
deutsche  Reichsverfassung,  unter  der  wir  groß  geworden  sind,
entsprang  Biemarckeo  schöpferischem  Geist,  wie  Pallas  Athene
dem  Haupte  des  Zeus.  In  vierundzwanzig  Stunden  hat
dann  Lothar  Bucher  sie  in  Paragraphen  gefaßt,  und  weiter
gab  es  so  gut  wie  nichts  daran  zu  feilen.  Sie  hat  fast  zwei
Menschenalter  hindurch,  Menschenalter  des  gewaltigsten  Aufschwunges
  aller  Klassen  des  deutschen  Volkes,  sich  bewährt.
Oie  jetzige  schwarz-rot-goldene  Verfassung  wird  kaum  ein
so  langes  Leben  haben;  und  ihre  Sinnlosigkeit  wird  schon  in
wenigen  Monaten  uns  allen  klar  sein.

So  enthält  sie  einen  Artikel,  der  von  der  Wehrpflicht  handelt;
  und  doch  hat  die  Nationalversammlung  durch  Annahme
des  Scheidemann-Erzberger-Friedens  auf  die  Wehrpflicht  der
Deutschen  verzichtet.  So  enthält  sie  ferner  die  Bestimmung,

183
        <pb n="186" />
        daß  kein  Deutscher  seinem  ordentlichen  Richter  entzogen  werden
  dürfe;  und  doch  liefern  wir  die  besten  Deutschen  einer
fremden  Feme  aus.  So  enthält  sie  weiter  den  Satz:  „Jeder
Oeutsche  hat  die  sittliche  Pflicht,  seine  Kräfte  so  zu  betätigen,
wie  es  dem  Wohle  der  Gesamtheit  entspricht“;  und  doch  haben
die  herrschenden  Parteien  den  Streikwahnsinn  großgezogen,
der  schließlich  alles  in  den  tödlichen  Strudel  ziehen  wird,  auch
die  Verfassung  selbst.

Zu  ihrer  Empfehlung  spricht  derr  neue  Innenminister,  der
Sozialdemokrat  Oavid,  neben  dem  als  Einbläser  noch  der
alte  Innenminister  Dr.  Preuß  sitzt,  einige  Worte.  Wir  haben
sie  schon  wiederholt  in  stereotpper  Einförmigkeit  aus  seinem
Munde  gehört:  daß  nämlich  die  Republik  in  die  Bresche  gesprungen
  sei,  als  die  Monarchie  zusammengebrochen  war.
Er  wirkt  etwas  greisenhaft,  der  gute  Dr.  David.  Oiese  Republik
  der  schwarzen,  der  roten,  der  goldenen  Znternationale
ist  so  „in  die  Bresche  gesprungen“  wie  der  Raubmörder,
der  nachber  in  die  Kleider  seines  Opfers  schlüpft.  Die
Sozialdemokratie  mit  ihren  Affiliierten  hat  das  Reich  zertrümmert,
  und  nun  pflanzt  sie  auf  den  Trümmern  ihr  neues
Banner  auf.

Es  müsse  rot  sein,  meint  der  Abgeordnete  Cohn.  David  belehrt
  ihn  milde,  daß  diese  Farbe  schon  vergeben  sei,  sie  gehöre
  der  sozialistischen  Internationale.  Auch  das  ist  nur  bedingt
  richtig.  Blutrot  war  die  Schreckensflagge  der  türkischen
Korsaren,  als  sie  noch  das  ganze  Mittelmeer  beherrschten  und
sogar  von  Frankreich  Tribut  erhoben.  Alle  späteren  Seeräuber
  übernahmen  sie.  Dann  überhaupt  alle  Empörer.
Aber  niemals  ist  die  rote  Flagge  eine  Nationalflagge  im
heutigen  Sinne  gewesen,  sondern  immer  nur  die  der  Vogelfreien.


Von#der  schwarz-rot-gelben,  die  von  der  regierenden  Mehrheit
  und  einem  Teil  der  Demokraten  uns  aufgezwungen  wer-184
        <pb n="187" />
        den  soll,  wird  uns  heute  in  verlogener  Sentimentalität  erzählt,
  sie  diene  dem  großdeutschen  Gedanken,  während  das
Schwarz-Weiß-Rot  das  Soymbol  für  das  Biemarcksche  Kleindeutschland
  gewesen  sei.  O,  über  diese  rührenden  Naiven!
Nie  waren  wir  von  einem  Großdeutschland  entfernter  als
heute.  Hätten  wir  noch  Bismarcke  „Kleindeutschland“,  wie
e  von  1871  bis  1918  bestand,  so  brauchten  wir  keine  verlorenen
  Provinzen  zu  buchen.  Nein,  die  alte  Barrikadenfahne
von  1848  soll  wehen,  das  ist  es,  oder  wie  der  Abgeordnete
Quidde  ehrlich  gesteht:  „Unsere  alte  demokratische  Parteifahne
  soll  Reicheflagge  werden!“  Als  leidenschaftlicher
Patriot  spricht  der  Historiker  Kahl  dagegen,  als  rechnender
Kaufmann  der  Hanseate  Petersen.  Aber  in  dieser  Versammlung
  der  Schwächlinge  ist  nichts  zu  erreichen.  Man  kann  mit
Stahl  wohl  aus  einem  Stein  Funken  schlagen,  aber  nicht  aus
diesem  Philisterbrei.

Wir  haben  im  Friedenevertrag  unterschrieben,  daß  wir
„die  größten  Verbrecher  der  Weltgeschichte“  seien.  Das  war
erzwungen.  RNun  wechseln  wir  aber  freiwillig  die  Flagge:
Das  ist  so,  als  ob  man  sich  seines  bemakelten  Namene  schämt
und  von  den  Behörden  sich  einen  neuen  erbittet.  Zetzt  können
die  Feinde  erst  triumphieren.  Wir  beschimpfen  die  eigene
Herkunft,  wir  verleugnen  die  Millionen  unserer  für  Schwarz-Weiß-Rot
  Gefallenen.  Die  Erbärmlichkeit  feiert  ihre  letzte
Orgie.  «

Die  alte  Flagge  wird  eingerollt.  Sie  wird  aber  als  Sturmfahne
  einst  der  Rache  voranwehen.  Der  Rache  an  unseren
Reichsverderbern.  Bis  dahin  bleibt  sie  das  heißgeliebte,
schmerzlich  gehütete,  treu  bewahrte  Heiligtum  aller  wahrhaft
Deutschen.  Aun  erst  recht.  Jetzt  ist  sie  wieder  entsühnt,  wo
die  Feigen  sich  von  ihr  lossagen.

185
        <pb n="188" />
        Vaterländische  und  Partei-Taktik

Weimar,  3.  Juli

Noch  heute  früh  erzählten  Aeuigkeitskrämer,  die  unbesiegte
deutsche  Flagge  werde  uns  erhalten  bleiben.  Sie  kennen  das
Zentrum  nicht.  Ee  ist  gewöhnt,  „wie  ein  Kadaver“  zu  gehorchen,
  wenn  aus  Parteitaktik  seine  Oberen  das  Unmögliche
verlangen.  So  stimmt  es  denn  geschlossen  mit  den  beiden
sozialistischen  Parteien  und  den  Demokraten  Quiddescher  Art
gegen  Schwarz-Weiß-Rot.  Auf  eine  Zämmerlichkeit  mehr
oder  weniger  kommt  es  in  diesen  Tagen  auch  nicht  mehr  an,
denn  die  kommende  Bußzeit  wird  unser  ganzes  Volk  doch  für
alles  zusammen  in  Bausch  und  Bogen  heimsuchen.

Oa  man  in  drei  Tagen  mit  der  Verfassung  fertig  werden
will,  arbeitet  die  parlamentarische  Maschine  beute  mit  der
vierten  Geschwindigkeit.  Außer  dem  Flaggenparagraphen
werden  noch  rund  zwanzig  andere  Artikel  erledigt.  Die  Mehrheit
  will  die  Ernte  bergen,  ehe  das  Gewitter  kommt.  Zur
Abfahrt  jeder  Paragraphenladung  wird  gedrängt.  Wer  dann
noch  etwas  aufpacken  will,  irgendeinen  Abänderungsantrag,
der  wird  brüsk  niedergestimmt.  Auch  der  Dr.  Heim,  das  baverische
  Schreckenskind  des  Zentrume,  sagt,  er  wisse  ja,  daß  er
für  eine  verlorene  Sache  rede,  wenn  er  für  den  bundesstaatlichen
  Charakter  des  Reiches  noch  eine  Lanze  breche.  Dabei
sei  der  Unitarismus,  die  Vereinheitlichung,  nur  eine  hypnotisierende
  Phrase  der  intellektuellen  Oberschicht.  Der  Kern
des  Volkes  sei  bundesstaatlich  gesinnt.  Diese  Verfassung,  die
die  wechselnde  parteipolitische  Mehrheit  der  Nationalversamm--lung
  zum  einzigen  Souverän  des  Reiches  mache,  lasse  den
Bundeestaaten  keinerlei  Einspruch  mehr.  Sie  seien  nicht  einmal
  mehr  in  ihrem  Bestande  und  in  ihren  Grenzen  geschützt,

186
        <pb n="189" />
        könnten  gegen  ihren  Willen  zerschnitten,  zerlegt,  zerfetzt  werden,
alles  könne  man  ihnen  nehmen,  weil  man  nach  Beseitigung
ihrer  Steuerhoheit  mit  dem  Steuerhebel  eben  alles  erpressen
könne.  Sogar  die  eigene  Beamtenschaft  nehmen,  denn  heute
gebe  es  freie  Bahn  nur  für  —  den  „SGesinnungstüchtigen“.
Eigentlich  müßte  das  Zentrum,  das  einst  unter  den  Brüdern
Reichensperger  ausdrücklich  zum  Schutze  der  bundesstaatlichen
Rechte  sich  als  Fraktion  begründete,  andauernd  „Sehr  richtig!“
rufen.  Es  schweigt  aber  verbissen  still,  schweigt  still  und  glotzt
mißgünstig  zum  Störenfried  der  schwarz-rot-goldenen  Herzeinigkeit
  binauf.

Zn  dem  Hurre,  Hurre,  Hopp  der  Abstimmungen  gibt  es
gegen  Ende  noch  einen  längeren  Aufenthalt  bei  den  Wahlrechtsparagraphen.
  Die  beiden  nationalen  Parteien  regen
eine  Hinaufsetzung  des  Wahlalters  an,  da  man  mit  zwanzig
Zahren  wirklich  noch  keine  politische  Reife  besitze.  Die  Abgeordnete
  Fräulein  Behm,  die  um  ihrer  herzgewinnenden
Art  willen  nicht  nur  von  den  Heimarbeiterinnen,  denen  ihr
Lebenswerk  gilt,  sondern  auch  von  den  Kolleginnen  im  Parlament
  „Muttl“  genannt  wird,  spricht  mit  überzeugender
Wärme  dafür.  Sie  hat  natürlich  tausendmal  recht.  Ob  die
vaterländisch  richtige  Anregung  der  Deutschnationalen  und
der  Deutschen  Volkspartei  aber  auch  parteitaktisch  richtig  ist,
kann  man  bezweifeln.  Parteitaktisch  richtiger  wäre  es  vielleicht,
  den  Teufel  der  Massenumschmeichelung  zu  überteufeln
und  das  Wahlalter  auf  achtzehn  Zahre  oder  noch  früher  herabzusetzen.
  Man  hat  rechts  immer  noch  zuviel  Scheu  vor  Dema---gogie.
  Die  Masse  —  oder  das  „Unvolk“,  wie  Naumanns
Freund  Professor  Sohm  sie  nannte  —  fällt  aber  immer  dem
größten  Bieter  zu.  Frau  Zietz  kreischt  natürlich  auch  gleich
los.  Wolle  man  etwa  behaupten,  daß  eine  Zwanzigjährige,
die  Mutter  sein  und  Kinder  aufziehen  müsse,  noch  unreif  sei?
Oieser  Schlagwortmechanismus  zieht.  Niemand  denkt  daran,

187
        <pb n="190" />
        daß  die  Zwanzigjährige  ihren  Mutterberuf  auch  erst  allmählich
in  der  Praxis  des  nächsten  Dutzends  Zahre  lernen  muß,  und
daß  manche  dabei  das  köstliche  Menschenmaterial  in  ihren
Händen  verdirbt;  und  wenn  sie  da  richtig  lernt,  hat  sie  ihr
Bestes  getan  und  hat  für  die  Politik  kaum  Zeit.

Aber  trotzdem  ist  es  taktisch  falsch,  sich  gegen  die  Politisierung
  der  Zugend  zu  stemmen.  Wer  mit  dem  Teufel  suppt,
muß  einenlangen  Löffelstiel  haben.  Werden  unsere  Halbflüggen
von  den  regierenden  Parteien  in  die  Politik  gezerrt,  so  muß
die  Opposition  schon  bei  den  Küken  anfangen.  Schwarz-Weiß-Rot
  vom  Kindergarten  an.  Bie  unsere  Volksverderber,
mit  ihren  eigenen  Waffen  geschlagen,  von  selbst  von  ihrem
Mißbrauch  abkommen  und  die  heutige  Anregung  der  Rechten
ihrerseits  aufnehmen.

UÜber  die  Frage,  ob  die  jeweilige  Reichstagsperiobe  drei
oder  fünf  Jahre  dauern  soll,  wird  erst  morgen  abgestimmt.
Einige  Demokraten  sind  für  zwei  Zahre.  Die  unabhängigen
Sozialisten  möchten  am  liebsten  jeden  Monat  wählen  lassen
und  Regierungen  stürzen.  Die  Not  wird  uns  aber  noch  so
kneten,  bis  wir  endlich  alle  erkennen,  daß  nicht  das  Wählen
unser  Lebensberuf  ist,  sondern  das  Arbeiten.  Vorerst  als
Schuldknechte  für  die  Entente,  nach  Menschenaltern  aber
vielleicht  wieder  für  das  neue  alte  Deutschland.

Reichskag,  Reichspräsident

Weimar,  4.  Juli

Die  Fähigkeit  jedes  tüchtigen  Unternehmers  und  jeder  Behörde,
  die  Arbeit  richtig  einzuteilen,  geht  Parlamenten  im
allgemeinen  ab.  Es  wird  bald  getrödelt,  bald  gehastet,  und

188
        <pb n="191" />
        jede  Sitzung  wirft  die  Oisposition  der  vorherigen  um.  Auch
das  grobe  mechanische  Mittel,  jedem  Redner  nur  eine  bestimmte
Minutenzahl  anzuweisen,  diesmal  bei  der  Verfassungsberatung
fünfzehn,  nützt  da  gar  nichts.  Es  ist  schon  heute  klar,  daß  die
Verfassung  nicht  in  drei  Tagen  erledigt  werden  wird.  Das
Kapitel  über  den  Reichstag  wird  durchberaten,  das  über  den
Reichspräsidenten  angeschnitten,  aber  man  hat  insgesamt  noch
nicht  ein  Viertel  der  173  Paragraphen  geschafft.  Das  mag
ja  gleichgültig  sein,  denn  der  Sommer  ist  noch  lang  und  Weimar
ist  die  Stadt  der  angenehm  kühlen  Winde.  Aber  dieser  Mangel
an  Ubersichtsvermögen,  diese  Regellosigkeit  im  der  Anwendung
der  Zeit  führt  so  häufig  zur  Verschleppung  eiliger  Dinge  oder
zur  Durchpeitschung  schwierigster  Entscheidungen.  Die  Nationalversammlung
  soll  unser  einziger  Souverän  sein.  Sie  ist
und  bleibt  aber  bloße  Redehalle,  ganz  unköniglich  in  ihrer
Zerfahrenheit.

Oas  Kapitel  vom  Reichstag  erfährt  gegen  früher  nur  wenige
Veränderungen,  auch  die  fünfjährige  Legislaturperiode,  die
gestern  von  den  Rednern  der  Rechten  besonders  eindringlich
statt  der  vom  Ausschuß  beliebten  dreijährigen  empfohlen  wurde,
wird  wieder  Gesetz.  ODas  ist  für  die  Stetigkeit  der  Politik
notwendig.  Im  ersten  und  im  letzten  Zahr  einer  Reichstagszeit
  werden  doch  nur  Wahlreden  „zum  Fenster  hinaus"“  gehalten,
  und  da  ist  es  gut,  daß  wenigstens  drei  Arbeitsjahre
dazwischen  liegen.  Einzelne  Rechte  des  früheren  Parlamentes
werden  für  das  neue  der  Republik  erweitert.  Bei  dem  merkwürdigen
  Paragraphen,  der  dieser  Versammlung  auegesprochener
  #ichtfachleute  es  zubilligt,  daß  sie  einen  Uberwachungsausschuß
  für  auswärtige  Politik  aus  ihrer  Mitte  bestellt,  also
Blinde  zu  Führern  von  Lahmen  erklärt,  kommt  Haase  auf
unsere  Ostpolitik  und  das  Baltengebiet  zu  sprechen.  Der
Mehrheitssozialist  Winnig  fertigt  ihn  in  einer  Rede  ab,  die
wie  eine  Sensation  wirkt.  Dieser  Winnig,  dem  als  Partei-189
        <pb n="192" />
        krippe  der  Gesandtenposten  in  Riga  nach  der  Revolution
zufiel,  bricht  —  man  denke  —  eine  Lanze  für  die  „baltischen
Barone“  und  stimmt  eine  Totenklage  auf  das  untergehende
Deutschtum  der  Ostseeprovinzen  an.  Das  ist  eine  sehr  billige
Sentimentalität  post  festum.  Oen  Frieden  von  Brest-Litowst,
der  das  Deutschtum  im  Baltikum  retten  sollte,  haben  die
Herren  Roten  uns  doch  verdorben,  und  den  Oeutschen  unserer
eigenen  Ostmart,  die  sich  jetzt  gegen  ihren  Untergang  wehren
wollten,  die  Waffe  aus  der  Hand  geschlagen.  Oie  Einsicht,
die  Winnig  in  Riga  gewonnen,  wird  in  der  Praxis  nicht  angewendet.
  Auch  daß  die  früher  materiell  so  hochstehende
deutsche  Arbeiterschaft,  die  von  ihren  belgischen,  englischen,
französischen  Genossen  beneidet  wurde,  durch  die  Revolution
und  ihren  Scheidemann-Frieden  „um  Jahrhunderte  zurückgeworfen“
  ist,  wissen  die  Leute,  aber  sie  treiben  eben  eine
Politik  wider  besseres  Wissen.  Die  Vertreter  der  nationalen
Presse  in  Weimar  werden  heute  von  allen  Seiten  mit  leuchtenden
  Augen  gesucht  und  freundschaftlich  auf  die  große  Sensation
  gestoßen.  „Nun,  was  sagen  Sie  zu  Winnig?“  Wir
sagen,  daß  er,  wie  Noske  und  andere  seines  Wuchses,  nur  die
Fassade  eines  großen  Mannes  ist,  kein  Großer  selbst.  Es  sind
Leute,  denen  die  Erkenntnis  dämmert,  aber  sie  ziehen  nicht
die  Folgerungen  daraus,  die  ein  Ehrlicher  und  Starker  daraus
zöge.  -

Eine  weitere  Sensation,  freilich  mehr  eine  für  die  Feuilletonisten,
  ereignet  sich  mitten  während  der  Rede  des  Genossen
Katzenstein.  Eine  gut  gekleidete  Dame  in  Schwarz  geht  langsam
  zur  Rednertribüne  hinauf  und  postiert  sich  neben  ihn.
Alles  lacht  über  die  Frau  Abgeordnete,  die  ihr  Interesse  an
Katzenstein  und  seinen  Worten  so  weit  treibe.  Katzenstein
selbst,  der  die  Situation  nicht  ahnt,  wird  ganz  verstört  über
das  dauernde  Gelächter.  Ein  Abgeordneter  redet  der  Dame
gut  zu,  worauf  sie  sich  vom  Rednerplatz  entfernt  und  —  am

190
        <pb n="193" />
        Ministertisch  Platz  nimmt.  Kaum  hat  Katzenstein  geendei,
so  erhebt  sie  sich,  obwohl  sie  nicht  das  Wort  hat,  und  beginnt
unter  wütendem  Läuten  der  Präsidentenglocke  zu  reden.
Man  versteht  nur  die  Worte:  Von  der  Maas  bie  an  die  Memel!
Es  stellt  sich  bald  heraus,  daß  sie  dem  Hause  überhaupt  nicht
angehört,  und  zwei  Diener  führen  sie  ab.  Die  Gerüchte,  die
in  Weimar  seit  mehreren  Tagen  umherlaufen,  daß  ein  Attentat
gegen  die  Nationalversammlung  beatbsichtigt  sei,  erhalten
auf  einmal  neue  Nahrung.  Alber  selbstverständlich  kann  es
sich,  wie  auch  der  Präsident  unter  einer  bezeichnenden  Handbewegung
  andeutet,  nur  um  eine  geistig  Gestörte  handeln.
Oem  bisherigen  Minister  Landsberg  hatte  sie  melden  lassen,
daß  sie  zur  Regierung  gehöre.  „Wenn  sie  verrückt  ist,  dann
ist  es  richtig,  dann  gehört  sie  dazu  !“  antwortete  er  trocken
dem  Boten.

Der  Kampf  um  die  Stellung  des  Reichspräsidenten  in  der
neuen  Verfassung  wird  heute  begonnen  und  vor  Austragung
abgebrochen.  Der  junge  Leipziger  Historiker  Dr.  Philipp,
der  Mitarbeiter  des  Professors  Horst  Kohl  bei  der  Herausgabe
der  Bismarckbriefe,  erklärt  sich  namens  der  Deutschnationalen
für  eine  Ausgestaltung  der  Stellung  des  Reichspräsidenten
zu  der  einer  wirklich  handelnden  und  führenden  Person.  Es
sind  eine  ganze  Reihe  von  Sätzen  in  der  neuen  Berfassung
dem  Reichspräsidenten  gewidmet.  Worte,  nichts  als  Worte.
Wenn  man  näher  zusieht,  so  erkennt  man,  daß  er  das  einzige
Recht  besitzt,  ein  Gehalt  von  600  000  Mark  jährlich  aus  Reichsmitteln
  zu  verzehren.  Kurz,  ein  Ruheposten  für  einen  verdienten
  Parteimann.  Die  Rechte  wünscht  statt  dessen  einen
wirklichen  Führer  der  Nation.  Sie  lehnt  es  daher  auch  ab,
daß  mit  einfacher  Mehrheit  ein  Mann  dazu  gekürt  werde,
der  dann  tatsächlich  als  Bertreter  einer  Minderheit  den  höchsten
Sessel  besteigt.  Es  sei  das  ungeheuerlichste  geschichtliche  Kuriosum,
  sagt  Pbilipp,  daß  das  überwiegend  bürgerliche  deutsche

·

191
        <pb n="194" />
        Volk,  das  ein  Parlament  mit  bürgerlicher  Mehrheit  habe,
einen  Sozialdemokraten  an  der  Spitze  des  Reiches  wisse.  Die
Sozialdemokraten  werden  bei  diesen  Ausführungen  unruhig.
Es  geht  um  ihre  beste  Sinekure.  Und  besonders  peinlich  ist
nicht  nur  ihnen,  sondern  auch  den  benachbarten  Demokraten,
wie  aus  der  Entgegnung  des  Abgeordneten  Dr.  Haas  hervorgeht,
  die  Feststellung  Philippes,  daß  theoretisch  nicht  nur  die
Wahl  eines  beliebig  zu  uns  hereingeschneiten  polnischen  Zuden,
sondern  unter  Umständen  sogar  eines  Senegalnegers  zum
Reichspräsidenten  möglich  sei.  Denn  es  werde  lediglich  verlangt,
  daß  er  seit  zehn  Jahren  die  deutsche  Reichsangehörigkeit
besitze,  also  nicht  einmal  geborener  Deutscher  sei.

Wichtiges  und  Nichtiges

Weimar,  S.  Juli

Wer  Karlchen  Mießnick  kennt,  der  weiß,  daß  Karlchen  höchstens
  die  bequemeren  Hausaufgaben  vor  dem  Abendbrot
erledigt,  die  schwersten  aber  bis  kurz  vor  dem  Schlafengehen
verschiebt  oder  sich  gar  erst  am  nächsten  Tage  in  einer  Schulpause
  diktieren  läßt.  Die  Nationalversammlung  eilt  in  gleicher
Drückebergerei  die  Verfassungsparagraphen  entlang  und  überspringt
  dabei  die  umstrittenen  und  gefährlichen,  die  meist
gerade  die  grundlegenden  sind.  So  gelangt  sie  heute  zwar  bis
in  die  sechziger  Artikel  hinein,  hat  aber  die  Beschlußfassung
oder  sogar  die  Beratung  verschiedener  vorhergegangener  ausgesetzt,
  darunter  des  ungemein  wichtigen  Paragraphen  18,
der  nicht  nur  über  die  Frage  Bundesstaat  oder  Einheitestaat
die  Entscheidung  sucht,  sondern  sogar  die  Zerschlagung  jedes
Bundeegebiets  durch  Reichsgesetz  ermöglicht.  Herr  Hirsch

192
        <pb n="195" />
        und  Herr  Gradnauer  und  andere  regierende  Neogermanen
der  Einzelstaaten  sind  in  Weimar,  um  mit  Herrn  Preuß  und
anderen  ebenso  Unzweifelhaften  des  Reiches  darüber  zu  beraten,
  ob  und  wie  das  weidwunde  preußische  Wild  abgeledert
und  zerlegt  werden  soll.  Dabei  kommt  ihnen  wie  seit  jeber
in  unserer  Geschichte  die  deutsche  Vielspältigkeit  zugute:  Herr
Trimborn  mitsamt  seinen  Christlichen  Bolksparteilern  wartet
ja  nur  auf  den  leisen  Stoß,  der  den  alten  Rheinbund  wieder
absprengt,  und  was  hier  wohlerwogene  Berechnung  ist,  das
ist  anderswo,  in  Niedersachsen  und  sonstigen  deutschen  Stammesgebieten,
  die  zum  gleichen  Ziele  führende  deutsche  Einfalt.
Den  Hauptteil  der  Debatte  füllen  auch  heute  die  Para---graphen
  über  den  Tätigkeitsbereich  des  Reichspräsidenten  aus.
Erstens  ist  er  in  Wahrheit  überhaupt  kein  Präsident.  Er  sitzt,
wie  der  Demokrat  Professor  Schultze-Gaevernitz  sehr  richtig
bemerkt,  gar  keinem  Kollegium  vor,  sollte  also  lieber,  was  auch
deutscher  ist,  Reichswalt  beißen.  Die  Mebrheit  lehnt  das  ab
und  beläßt  es  bei  dem  Präsidenten.  Er  sitzt  nicht  vor,  aber  er
sitzt  wenigstens,  der  Herr  Ebert,  und  er  sitzt  würdig  und  lautlos,
wenn  nicht  gerade  der  Pressechef  Alrich  Rauscher  eine  Osterbotschaft
  an  das  Volk  oder  die  Inschrift  unter  eine  Kranzspende
  oder  ein  Znterview  mit  einem  ZItaliener  für  ihn  zurechtgemacht
  hat.  Ein  Reichswalt,  und  da  müssen  wir  Herrn
Schultze  wieder  unrecht  geben,  ist  er  auch  nicht,  denn  er  hat
über  nichts  zu  walten  und  nichts  zu  verwalten,  es  sei  denn  sein
Zahresgehalt.  Laut  Verfassung  darf  er  ja  überhaupt  keine
einzige  BVerfügung  ohne  Gegenzeichnung  eines  parlamentarischen
  Ministers  erlassen.  Er.  ist  also  bloße  Unterschriftsund
  Stempelmaschine.  Selbst  wenn  innerhalb  der  nächsten
Zahre  Großmächte  wie  Polen  oder  Böhmen  uns  plötzlich
mit  Waffengewalt  überfielen,  kann  der  deutsche  Reichspräsident
  nicht  einmal  den  Landsturm  an  der  Grenze  aufrufen,
was  bieber  jeder  kommandierende  General  im  Notfalle  auf

Friedrich  der  Vorläufige  193  13
        <pb n="196" />
        eigene  Verantwortung  tun  durfte  und  tun  mußte.  Zu  einer
Kriegserklärung  bedarf  es  in  jedem  Falle  eines  Reichsgesetzes,
und  Abgeordneter  Dr.  Heinze  von  der  Deutschen  Volkspartei
führt,  ohne  bei  der  breitstirnigen  Mehrheit  auf  Verständnie
zu  stoßen,  im  einzelnen  aus,  was  das  bedeute:  also  je  einen
Beschluß  des  Reichsrats  und  des  Reichstags,  und  wenn  beide
uneins  seien,  eine  erneute  Beschlußfassung,  und  wenn  sie  dann
noch  nicht  übereinstimmten,  eine  Volksabstimmung;  da  könne
ja  vielleicht  die  Kriegserklärung  mit  dem  Friedeneschluß  zusammenfallen.
  Damit  sind  die  bizarren  Möglichkeiten,  die
unsere  neue  Verfassung  uns  eröffnet,  aber  noch  nicht  einmal
erschöpft.  Abgeordneter  Heinze  hätte  auch  noch  fragen  können,
wie  es  mit  einer  Kriegserklärung  zu  halten  sei,  wenn  wir
erstens  parlamentarische  Ferien  und  zweitens  den  üblichen
Eisenbahnerstreik  haben.  Aber  das  sind  ja  alles  querelles
allemandes.  Solange  wir  diese  Republik,  diese  Verfassung
haben,  wird  Deutschland  nie  in  der  Lage  sein,  auch  nur  einen
Abwehrkrieg  zu  führen,  sondern  muß  sich  immer  weiter  ruhig
ins  Gesicht  schlagen  lassen,  soviel  es  den  Nachbarn  beliebt.
Natürlich  steht  in  der  Berfassung  auch  ein  Paragraph,  den
bäuchlings  Herr  Erzberger  hineingeschrieben  hat,  daß  wir
nämlich  bei  etwaigen  Bündnieabsichten  uns  damit  zunächst
dem  Völkerbunde  anvertrauen  müßten.  Da  wir  zu  ihm  aber
noch  gar  nicht  zugelassen  sind,  bringt  Abgeordneter  Gröber
wenigstens  die  Würde  auf,  diesen  Kriecherparagraphen  abzulehnen
  und  seine  Streichung  durchzusetzen.  Eine  namentlich
von  den  Unabhängigen  sehr  lebhaft  geführte  Debatte  schließt
sich  endlich  an  die  Bestimmung,  daß  der  Reichspräsident  den
Belagerungszustand  erklären  könne.  Die  Aufregung  darüber
ist  ganz  unnütz.  Erstens  geht  auch  das  nur  auf  einem  Formular,
  auf  dem  sich  auch  das  parlamentarische  Ministerium
durch  Unterschrift  verewigt,  so  daß  es  also  ganz  gleichgültig
ist,  ob  daneben  noch  „Friedrich  Ebert,  Reichspräsident“  steht

194
        <pb n="197" />
        oder  „Frieda  Klapperschlange,  Stenotypistin“;  und  zweitens
ist  laut  Verfassung  „unverzüglich“  auch  das  Votum  des  Reichstags
  einzuholen.

Mit  einem  Wort:  Viel  Lärm  um  nichts.  Da  aber  namentlich
  die  Unabhängigen  die  Gottähnlichkeit  des  Präsidenten
schreckt,  verlängern  sie  die  Debatte  bei  jedem  Paragraphen.
Sie  tun  es  ebenso  bei  der  Besprechung  der  Artikel  über  den
Reichsrat  und  die  Gesetzgebung.  Als  nun  ein  Antrag  „Frau
Agnes  und  Genossen“  —  Frau  Lore  Agnes  selbst  erhebt  sich
gar  nicht  mehr  dafür  —  nach  dem  andern  abgelehnt  wird,
weil  nur  die  Unabhängigen  allein  emporrauschen,  bezweifelt
schließlich  Abgeordneter  Cohn  die  Beschlußfähigkeit  des  Hauses.
Ausgezählt  wird  gar  nicht  erst.  Es  sitzt  nur  noch  ein  kleines
Häuflein  da.  Die  Sitzung  muß  also  abgebrochen  werden.
„Gehn  ma  halt  ham!“  sagt  der  in  seiner  Nationaltracht  dasitzende
  bayerische  Bauernbündler  Eisenberger  und  klirrt  mit
seinem  ganzen  Gehänge  von  Talern  an  der  Uhrkette  melodisch
hinaus  wie  morgens  seine  Kühe.

Vor  halbleeren  Bänken

Weimar,  7.  Juli

Die  Verfassung  kommt  uns  nicht  allzu  billig.  Wir  erhalten
173  funkelnagelneue  schöne  Paragraphen  auf  Papier,  und
die  Entente  erpreßt  182  Milliarden  Mark  von  uns  in  Gold
oder  anderen  Barwerten.  DOie  Zahl  der  Republiken  in  Deutsch--land
  wird  größer  als  die  Zahl  der  Reichswehrbrigaden  sein.
Die  anfängliche  Freude  unserer  Gesetzmacher  an  den  souveränen
  Verfassungsartikeln  in  einem  machtlosen  und  zerrütteten
Staate  scheint  nun  schon  erheblich  gesunken  zu  sein,  denn  ee  ist
nur  noch  mit  Mühe  ein  beschlußfähiges  Haus  beisammen-195

  13*
        <pb n="198" />
        zuhalten.  Bei  einem  Hammelsprung  stellt  sich  schon  heute  in
der  ersten  halben  Stunde  heraus,  daß  nicht  die  Hälfte  der  Abgeordneten
  anwesend  ist.  „199“,  wird  dem  Präsidenten  Fehrenbach
  zugerufen,  „1991“  Er  winkt  matt  ab,  als  wolle  er  sagen:
„Weiß  schon!  Weiß  schon!",  läßt  sich  wortlos  in  seinen
ragenden  Adlersessel  fallen,  verschnauft  sich  erst  eine  ganze
Weile  wie  ein  verzweifelnder  Lebrer  inmitten  einer  Horde
unbelehrbarer  Zungen  und  beraumt  dann,  unter  Schließung
der  jetzigen,  eine  neue  Sitzung  an.  Nach  25  Minuten  ist  die
nötige  Zahl  Volkevertreter  herantelephoniert  worden,  und
die  Beratung  kann  weitergehen.

In  den  Bänken  gerade  der  Regierungsparteien  klaffen  die
größten  Lücken.  Rur  ein  knapp  über  die  Hälfte  gefülltes  Haus
beschließt  —  und  so  ist  es  alle  Tage  —  über  die  grundlegenden
Gesetze  des  Deutschen  Reiches.  Sobald  sie  aber  in  dieser
leichtfertigen  Art  entstanden  sind,  sollen  sie  auf  einmal  heilig
und  möglichst  unantastbar  sein.  Von  da  ab,  so  wird  heute  beschlossen,
  ist  zu  jeder  Verfassungsänderung  eine  Zweidrittelmehrheit
  in  einem  mindestens  zu  zwei  Oritteln  gefüllten
Hause  nötig.  Dabei  wissen  wir,  daß  die  mit  der  Hälfte  beschlußfähige
  Nationalversammlung,  wie  der  Ausfall  der  Kreistagswahlen
  im  ganzen  Lande  erweist,  gar  nicht  mehr  dem
Willen  der  Nation  entspricht,  die  im  Januar  noch  gänzlich
unaufgeklärt  und  im  vollen  Wilson-Rausche  an  die  Urne  ging.
Das  wissen  auch  die  regierenden  Parteien.  In  ihrer  Angst
vor  dem  kommenden  Umschwung  sind  sie  daher  zu  allem  bereit,
  auch  zu  einem  verbrecherischen  Attentat  auf  das  Selbstbestimmungerecht
  des  Volkes:  es  wird  in  ihren  Konventikeln
der  Plan  erwogen,  die  jetzige  verfassunggebende  Nationalversammlung,
  die  nach  Erledigung  ihrer  Aufgaben  auseinandergehen
  müßte,  ohne  Neuwahlen  einfach  als  Reichstag
weiterbestehen  zu  lassen,  sich  also  auf  diese  Art  die
verfallenen  Mandate  weiter  zu  erschleichen.

196
        <pb n="199" />
        Damit  sichert  man  sich  Sitz  und  Stimme  und  Ministergehälter.
  Im  übrigen  ist  es  für  das  parlamentarische  Soystem
bezeichnend,  daß  jedermann  die  Verantwortung  weiterschiebt.
Der  Präsident  wird  durch  das  Ministerium  gedeckt,  das  Ministerium
  deruft  sich  auf  die  Reichstagsmehrheit,  und  für  die
Reichstagsmehrheit  wird  der  „Bolksentscheid“  die  letzte  Instanz.
  Das  bedeutet  die  Aufhebung  jeder  verantwortlichen
Führerschaft  in  einem  großen  Büllte.  Zedermann  verkriecht
sich  und  brüllt  dann  nur  von  hinten  aus  der  Masse  bervor.
Die  Unabhängigen  möchten  diesen  Zustand  dauernd  haben
und  beantragen,  daß  schon  auf  Verlangen  von  einem  Zwanzigstel
  der  Wähler  ein  Volksentscheid  herbeigeführt  werden
müsse,  während  die  nationale  Opposition  das  Referendum
überhaupt  für  ein  Unheil  erklärt.  Die  Regierungsparteien
lehnen  die  Anträge  von  links  und  rechts  aber  ab.  Dann  werden
Post  und  Wasserstraßen  auf  den  Einheitsstaat  übernommen
und,  wenn  auch  in  nicht  ganz  eindeutiger  Form,  die  Arbeiterräte
  in  der  Verfassung  „verankert“.  AUber  diesen  modischen
Auedruck  muß  man  jetzt  alle  Tage  stolpern.  Seitdem  wir  keine
Flotte  mehr  haben,  wird  bei  uns  alles  mögliche  verankert.
Der  Ankergrund  ist  aber  Triebsand.

Der  „kleine“  Aderlaß

Weimar,  8.  Juli

Namens  des  deutschen  Volkes  haben  am  22.  Juni  das
Zentrum,  die  beiden  sozialdemokratischen  Fraktionen  und  ein
Teil  der  Demokraten  beschlossen,  daß  wir  alles  bezahlen  wollen,
was  die  Entente  von  uns  verlangen  —  wird,  und  am  28.  Juni
ist  dieser  Blankowechsel  in  Bersailles  unterschrieben  worden.

197
        <pb n="200" />
        Die  Höhe  der  Summe  wissen  wir  gar  nicht.  Es  steht  in  dem
Belieben  der  Feinde,  in  den  leeren  Raum  über  unserer  Unterschrift
  hundert  oder  zweihundert  oder  tausend  Milliarden
einzusetzen  und  später,  da  es  in  der  ganzen  Welt  nur  etwa
24  Milliarden  Mark  in  Gold  gibt,  statt  des  uneinbringlichen
Goldes  von  uns  einzutreiben,  was  ihnen  paßt,  zunächst  alle
Bodenschätze  und  Wälder,  aldann  Waren  oder  Sklaven.
Der  Tribut  an  NMenschenfkeisch  wird  nicht  ausbleiben;  wir
sind  ja  im  vorhinein  mit  allem  einverstanden  und  haben  auch
laut  Friedensvertrag  nicht  das  Recht  zu  irgendeiner  eigenen
staatlichen  Ausgabe,  zu  irgendeiner  Gehalts-  oder  Zinszahlung,
  ehe  nicht  die  fälligen  Jahresraten  an  die  Entente  abgeführt
  worden  sind.

Noch  nach  tausend  Jahren  wird  der  ungeheuerliche  Wahnsinn
  dieser  Unterschrift  als  die  in  der  Weltgeschichte  völlig
einzig  dastehende  Tat  einer  dummen  und  gewissenlosen  Parlamentsmehrheit
  gebrandmarkt  werden.  Wir  Zeitgenossen
aber  müssen  bluten,  uns  nützt  der  Spruch  der  Geschichte  nichts;
das  deutsche  Volk  selber  hat  ja  diese  Leute  gewählt,  die  es  ans
Messer  lieferten.  Der  große  Aderlaß  in  die  Kübel  der  Feinde
steht  uns  noch  bevor;  vorerst  sollen  wir,  um  uns  an  das  Bluten
zu  gewöhnen,  einmal  so  an  die  hundert  Milliarden  zur  Abbürdung
  der  schwebenden  Schuld  und  eines  Teile  der  Kriegsanleihe
  und  im  übrigen  jährlich  etwa  23  Milliarden  zur  ODekkung
  der  laufenden  Ausgaben  hbergeben.  Und  der  Herr  Finanzvalerala,
  Herr  Erzberger,  der  seit  dem  JZuli  1917  im  Bund
mit  Scheidemann  uns  das  angerichtet  hat  und  nun  serviert,
steht  oben  am  Rednerpult  der  Nationalversammlung  und  sagt,
nur  beten  und  arbeiten,  dann  werde  es  schon  gehen;  so  habe
wenigstens  er  es  sein  Lebtag  gehalten.  ODaß  er  arbeitet,  sehr
geschickt  arbeitet,  notabene,  wenn  es  sich  um  das  Ourchsetzen
seiner  eigenen  werten  Person  handelt,  das  wissen  wir  alle.
Auch  den  Wortlaut  der  Rede,  die  er  heute  verliest,  hat  der

198
        <pb n="201" />
        Gewiegte  schon  vorher  drucken  und  an  die  Presse  verteilen
lassen,  so  daß  das  Kalbfell  unmittelbar  losbrummen  kann.
Wie  es  dagegen  mit  dem  Beten  steht,  das  wissen  wir  natürlich
nicht;  das,  was  Exzberger-  bei  perlendem  Wein  am  Abend
des  Schandfriedens  in  die  Weimarer  Sommerluft  hinaussang,
  das  war  jedenfalls  kein  Gebet,  sondern  eine  sehr  feuchtfröhliche
  Sache.  Die  Steuerentwürfe,  die  er  heute  einbringt,
nachdem  er  die  Bedeutung  seines  Amtes  und  seiner  Person
in  der  Einleitung  der  Rede  herausgestrichen  hat,  stammen
nicht  von  ihm,  sondern  von  seinem  Vorgänger  Schiffer.  Oer
kann  sie  daher  auch  nicht  in  Grund  und  Boden  kritisieren,
sondern  seinem  Temperament,  das  wohltuend  von  Erzbergers
Schmalzigkeit  absticht,  nur  in  Nebendingen  freien  Lauf  lassen.
Zentrum  und  Sozialdemokratie  müssen  erst  recht  ihren  Diener
loben;  und,  o  Wunder  über  Wunder,  die  Sozialdemokratie,
die  die  indirekten  Steuern  des  „alten  Systems“  nie  verrucht
genug  schildern  konnte,  findet  heute  durch  den  Mund  des
Abgeordneten  Keil  nichts  an  dem  Plane  ganz  gewaltiger
Tabak-  und  Zündholz-  und  Zurckersteuern  auszusetzen.  Sie
findet  die  direkten  Abgaben  und  die  einmaligen  Bufßen,  die
einer  Vermögenskonfiskation  nahekommen,  natürlich  erst  recht
plausibel,  nachdem  Erzberger  ihr  gesagt  hat:  das  sei  die  erfolgreichste
  Sozialisierung,  wenn  man  den  Kapitalisten  das  Geld
abknöpfe.  Da,s  ist,  alle  wissen  es,  heute  eine  harte  Notwendigkeit,
  aber  der  Zentrumeminister  nennt  es  gar  eine  sittliche
Gerechtigkeit;  denn  der  Unterschied  zwischen  reich  und  arm
—  hier  zwinkert  er  den  roten  Regierungsgenossen  zu  —  sei
in  Deutschland  schon  im  Frieden  zu  groß  gewesen.  Oieser
Unterschied  war  aber,  scheint  une,  nirgends  so  klein,  als  gerade
in  Oeutschland,  und  wenn  wir  erst  allesamt  verarmt  sind,
werden  wir  uns  nach  jenem  Unterschied  in  der  Zeit  vor  der
Ara  Erzberger-Scheidemann  noch  zurücksehnen.

Nach  seiner  Gewohnheit,  eine  unbequeme  öffentliche  Pole-199
        <pb n="202" />
        mik  unter  dem  Schutze  der  Immunität  auszutragen,  nennt
Erzberger  einen  seiner  Vorgänger,  Herrn  Helfferich,  der  ihn
um  des  Schmachfriedens  willen  in  der  Presse  angegriffen
hat,  den  leichtfertigsten  aller  Finanzminister.  Das  erregt
einen  Sturm  des  Unwillens  auf  der  Rechten,  dem  ebenso
starke  K##dgebungen  für  Erzberger  bei  seinen  Leuten  folgen.
Es  war  bisher  nicht  Mode,  daß  ein  Minister  einen  Minister
a.  O.  von  der  Reichstagstribüne  herab  beschimpfte.  Aber
wir  werden  uns  noch  an  ganz  andere  Oinge  gewöhnen  müssen,
bis  dann  eines  schönen  Tages  der  „große“  Aderlaß  durch  die
Entente  kommt,  für  den  die  jetzige  Steuerabzapfung,  auch
wenn  sie  bereits  vielfach  über  ein  Orittel  unserer  gesamten
Einnahme  erfassen  wird,  doch  nur  eine  Vorübung  ist.  Dann
wird  endlich  auch  das  wirklich  große  Erschrecken  Herrn  Erzberger
  beigebracht  werden,  der  schon  dieser  Tage  einmal  vor
einem  gefürchteten  Lonchgericht  ausriß.  Bisher,  so  rühmt
er  sich  freilich,  sei  er  mur  zweimal  in  seinem  Leben  erschrocken:
einmal,  als  er  zum  Vorsitzenden  der  Waffenstillstandskom--mission,
  das  andere  Mal,  als  er  zum  Finanzminister  ernannt
wurde.  Oiese  Demut,  mit  der  er  als  reine  Magd  die  Engelsbotschaft
  aufgenommen  haben  will,  ist  ebensowenig  farbecht
wie  die  meisten  sonstigen  Behauptungen  des  Unverwüstlichen.

Das  rteil  hat  Rechtskraft

Weimar,  9.  Juli

Die  Berufungefrist  ist  abgelaufen  und  von  Deutschland  nicht
ausgenutzt  worden.  ODie  ODeutsche  Na#tionalversammlung  hat
die  Rechtskraft  des  Vernichtungeurteile  über  die  deutsche  Aation
  anerkannt.  Allerdings  unter  sogenanntem  Protest.  Oer

200
        <pb n="203" />
        verpflichtet  zu  nichts,  steht  nur  in  dem  Stenogramm  der  heutigen
  Sitzung,  kommt  aber  nicht  unter  die  Ratifikationsurkunde,
nicht  in  die  Bücher  der  Geschichte.  Er  ist  genau  so  wirkungeloe,
wie  das  Umherspringen  des  kopflosen  Huhns,  nachdem  es
geschlachtet  ist;  eine  Augenweide  für  die  rohen  Buben  der
dreiundzwanzig  feindlichen  Mächte.  Neben  dem  Protest  erlassen
  die  Abgeordneten  Krätzig  und  Spahn  noch  sentimentale
Abschiedsgrüße  an  die  aus  dem  Reiche  ausgestoßenen  und  verlassenen
  sieben  Millionen  Deutscher,  ein  schwächliches  Getue,
das  auf  die  Verratenen  nur  übelkeiterregend  wirken  kann.
In  den  90er  Jahren  hat  ein  Abgeordneter  einmal  gesagt,
ein  Gramm  MNitarbeit  wiege  schwerer  als  ein  Zentner  Mitgefühl.
  Mit  dem  Mitgefühl  derer,  die  den  Friedensvertrag
unterschrieben  haben,  retten  die  an  Polen,  Dänen  und  Franzosen
  verkauften  Stammeebrüder  nicht  ihre  deutsche  Kultur.

Ohne  widersprechen  zu  können,  läßt  sich  die  Mehrheit  von
dem  Albgeordneten  Henke  sagen,  daß  die  bedingungelose
Unterwerfung  der  Initiative  der  Unabhängigen  zu  verdanken
sei.  Diese  historische  Feststellung  ist  richtig.  Um  eine
möglichst  imposante  Abstimmung  zu  erzielen,  wurde  ja  am
22.  Zuni  die  ursprüngliche  Formel  durch  die  bekannte  Erzberger-Schiebung
  verändert,  so  daß  auch  die  Unabhängigen
mittun  konnten,  nachdem  die  regierende  Mehrheit  umgefallen
war.  Scheidemann  und  Erzberger  haben  uns  zum  Abgrund
geführt,  Cohn  und  Haase  haben  uns  bineingestoßen,  hinter
ihnen  aber  steht  das  Volk  der  Straße,  die  kleine  Minderheit
der  Pöbelaufstände,  der  als  Matrosen  verkleideten  Geldschrankknacker
  und  Zuhälter.  Da  haben  wir  den  „Geist  von
Weimar“,  der  uns  von  dem  Geist  von  Potsdam  angeblich
erlösen  wollte.  Der  gutgekleidete  junge  Mann  freilich,  der
heute  wie  ein  Raponchef  bei  Wertheim  die  Natifizierungsvorlage
  aus  seinem  Warenlager  empfiehlt,  der  Sozialdemokrat
Müller,  neunt  sich  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten.

201
        <pb n="204" />
        Von  heute  ab  haben  wir  aber  auf  die  Führung  unserer  auswärtigen
  Angelegenheiten  verzichtet.  Die  Entente  besorgt
alles;  bis  sie  die  Geschäfte  endgültig  übernimmt,  dauert  es
noch  einige  Monate.  Inzwischen  regieren  in  ihrem  Auftrage
Erzberger,  Müller,  Cohn  und  Genossen.

Was  beute  namens  der  Rechten  Traub  und  Kahl  in  Erklärungen
  von  erschütternder  Größe  zu  diesem  weltgeschichtlichen
letzten  Augenblick  vorbringen,  das  schallt  herauf  wie  die  Glocken
Vinetas,  der  versunkenen  Stadt.  Noch  einmal  packt  uns  der
Schauer  verlorener  alter  Herrlichkeit,  ergreift  uns  das  Gedenken
  an  den  zertrümmerten  ZJahrhundertbau  der  Bäter.
Weh  dir,  daß  du  ein  Enkel  bist!  Hingerissen  spenden  auch  die
Zuhörer  auf  den  Rängen  des  Theaters  beiden  Rednern  ihren
Beifall.  Der  Präside  Fehrenbach  aber  schwenkt  seine  Ordnungsklingel
  und  droht,  die  Tribünen  ob  dieser  Versündigung
an  der  Mojestät  des  Parlaments  räumen  zu  lassen.

Noch  in  der  allerletzten  Sekunde  möchte  man  der  äußersten
Schmach  entgehen,  greift  man  nach  einem  Strohhalm.  Aur
aus  dieser  verzweifelten  Stimmung  derer,  die  unsäglich  um
ihr  Volk  leiden,  ist  es  zu  erklären,  daß  die  Deutschnationale
Volkspartei  in  dieser  Sekunde  den  Antrag  einbringt,  man
solle  unter  der  Bedingung  unterschreiben,  daß  die  Entente
einwillige,  die  Ausführung  der  Strafparagraphen,  die  Auslieferung
  des  Kaisers  und  Hunderter  von  Offizieren,  Staatsmännern,
  Beamten,  ja  sogar  Gelehrten,  binauszuschieben,  bis
sie  das  Gutachten  der  ersten  Zuristen  der  neutralen  Welt  darüber
  eingeholt  habe.  Das  soll  eine  goldene  Brücke  für  diejenigen
  Engländer  sein,  die  selber  der  Ekel  über  diese  Henkersarbeit
  schüttelt.  Aber  die  Mehrheit  wittert  darin  nur  eine
parteipolitische  Falle  und  macht  Skandal,  argen  Skandal.
Daß  der  Antrag  taktisch  falsch  gewesen  ist,  so  ehrlich  und  glühend
vaterländisch  er  auch  gemeint  war,  zeigt  sich  schon  darin,  daß
sogar  ein  Teil  der  Fraktion  der  Deutschen  Volkspartei,  die

202
        <pb n="205" />
        sonst  in  ihren  Ansichten  über  den  Schmachfrieden  mit  den
Oeutschnationalen  völlig  einig  ist,  vor  dem  Antrag  zurückschreck.
  Wenn  man  vaterländische  Politik  betreiben  will,
wird  man  der  Parteitaktik  bezichtigt;  man  muß  Parteitaktik
betreiben,  wenn  man  dem  Baterlande  dienen  will.  Das  klingt
heute  noch  paradox.  Oie  gesamte  Rechte  wird  es  aber  einmal
noch  einsehen  müssen  und  ihre  Mitarbeit  nicht  mehr  an  das
Bessermachen  der  Mehrheitspolitik  verschwenden,  sondern
einzig  und  allein  auf  den  Sturz  der  Mehrheit  richten.  Das  ist
eine  Frage  der  Technik,  und  darin  wird  man  noch  viel  Lehrgeld
  bezahlen  müssen,  ehe  man  die  Meisterschaft  der  regierenden
  Sozialdemokratie  erreicht.

In  einer  Nachmittagssitzung  wird  das  Finanzprogramm
weiter  beraten.  Erzberger  macht  sich  lieb  Kind  bei  den  Sozialdemokraten.
  Der  Deutsche  Volksparteiler  Becker,  als  früherer
Finanzminister  Fachmann,  führt  ihn  in  vornehmer  Art  ab.
Auch  Graf  Posadowsky  gibt  manche  Feinheit  in  einer  durchdachten
  Rede.  Der  Rest  ist  Parteigezänk,  Gezänk  der  Verkrachten,
  während  der  Gerichtsvollzieherwagen  der  Entente
schon  auf  der  Straße  rumpelt.  Man  überlegt  mit  viel  Klugheit,
  wie  man  unsere  Finanzen  wieder  ausbauen  werde,  man
lobt,  man  kritisiert  die  Pläne;  doch  was  sind  Hoffnungen,
was  Entwürfe:  in  den  nächsten  Menschenaltern  wird  das
deutsche  Volk  dank  seinen  Zugrunderichtern  nicht  zu  Neubauten
  kommen,  sondern  unter  fremden  Treibern  für  Fremde
fronden  müssen.  Hermann  Müller,  unser  auswärtiger  Minister,
  der  als  Handlungsgehilfe  in  Frankfurt  a.  M.  gelernt
hat,  weiß  im  Alten  Testament  offenbar  gut  Bescheid.  Er  sagt
(am  9.  November  las  man's  andere,  da  standen  wir  angeblich
vor  dem  gelobten  Lande),  für  uns  beginne  jetzt  der  vierzigjährige
  Zug  durch  die  Wüste.  Das  ist  eine  sehr  rosige  Auffassung.
  Uns  scheint,  daß  wir  erst  beim  Ziegelstreichen  für  die
englische  Weltppramide  sind.

203
        <pb n="206" />
        Richter  Lynch

Weimar,  10.  Zuli

Wir  haben  lauter  Volksparteien.  Nun  sollen  wir  auch  Volksgerichte
  bekommen.  Ganz  Oeutschland  wird  geistig  zur  Volkeküche.
  Niemals  in  unserer  Geschichte  hat  man  vor  Majestäten
so  mit  dem  Schweif  gewedelt  wie  heute  vor  dem  Worte
„Volk“.  Ee  ist  das  weiter  nichts  als  eine  Kundenumschmeichelung
  durch  die  Geschäftemacher  der  Politik.  Nur  wenig  Aufrechte
  haben  Mut,  zu  sagen,  was  ist:  Vox  populi,  vox  Rindvieh.
Wollte  man  wirklich  im  Geiste  von  Weimar  handeln,  so  müßte
man  demütig  mit  Schiller  bekennen:  „Verstand  ist  stets  bei
wen'gen  nur  gewesen.“

Also  Volksgerichte.  Bei  der  Beratung  des  Kapitels  über
Rechtspflege,  die  die  ganze  heutige  Besprechung  über  die
Verfassungsvorlage  ausfüllt,  beantragen  die  Unabhängigen
die  Abschaffung  unseres  Richterstandes  und  seine  Ersetzung
durch  Laien,  die  vom  Volke  nach  Reichstagswahlrecht  erkoren
werden.  ODas  käme  letzten  Endes  auf  das  Lynchspstem  von
Wild-West  heraus.  Wer  der  Masse  mißliebig  ist,  wird  geteert
und  gefedert,  oder  man  veranstaltet  ein  Preieschießen  auf
ihn,  oder  man  verbrennt  ihn  lebendig.  Auf  alle  Fälle  ist  es
ein  Volksfest.  Wir  möchten  wohl  wissen,  wie  die  Urteile  in
einer  Stadt  ausfallen  würden,  in  der  die  Unabhängigen  die
Mehrheit  haben.  Und  da  alle  paar  Jahre  diese  Volkerichter
neu  gewählt  werden,  könnten  sie  sich  in  das  Recht  gar  nicht
einarbeiten.  Wir  bekämen  eine  Klassenjustiz  fürchterlichster
Art  auf  Grund  stets  wechselnden  sogenannten  Rechtsempfindens.
  Diesen  ärgsten  Wahnsinn  unserer  hirnverbrannten
Zeit  lehnt  das  Haue  wenigstens  noch  ab.  Im  übrigen  benimmt
es  sich  wie  der  Stier  im  Porzellanladen.  In  einer  Zeit,  in

204
        <pb n="207" />
        ber  Arzte  und  Rechtsanwälte  sich  endlich  ihre  Sonderehrengerichte
  errungen  haben,  in  einer  Zeit,  in  der  es  sogar  an  der
Börse  ein  Ehrengericht  gibt,  wird  es  für  die  Offiziere  abgeschafft.
  „Ehre  ist  ein  Wort,  und  Worte  sind  Luft;  ich  mag
sie  nicht!“  sagt  der  dicke  Falstaff.  Der  infernalische  Haß  der
Reichsverderber  gegen  das  Werkzeug  unserer  bisherigen  Größe
hat  eines  seiner  Hauptziele  erreicht.  Die  Verordnung  des
alten  Kaisers  Wilhelm  I.  über  die  Ehrengerichte  für  das  Offizierkorps
  hat  von  jetzt  ab  nur  noch  Znteresse  für  die  Geschichtsforscher,
  sagt  der  Abbruchsminister  des  preußischen  Heeres,
Oberst  Reinhardt.  Er  sagt  es  so  treuherzig,  daß  man  unmöglich
  glauben  kann,  es  sei  aus  unendlicher  Verbitterung  und
vaterländischer  Scham  geboren.  Die  gibt  es  überhaupt  nicht
mehr.  Bis  zum  Kriege,  in  dessen  Verlauf  man  fast  wahllos
auch  moralisch  ganz  ungeeignete  Leute  zu  Offizieren  ernannte,
weil  das  Offizierkorps  auf  „breite  demokratische  Grundlage“
gestellt  werden  sollte,  war  der  Ehrenschild  der  Armee  so  blendend
  blank,  daß  die  Reichsverderber  davon  Augenschmerzen
bekamen.  Aun  ist  das  zu  Ende.  Hier  und  da  hat  schon  das
Volkegericht  des  Masters  Lonch  eingesetzt.  Es  tagte  unter
anderem  auf  der  Saalebrücke  und  stieß  den  Oberstleutnant
v.  Klüber  in  den  Fluß,  hackte  dann  auf  seine  Händg,  die  das
rettende  Ufer  erfaßten,  und  schoß  ihn  nieder.  Das  bald  nur
noch  sogenannte  Offizierkorps  wird  ja  nun  auf  viertausend
Köpfe  verringert.  Das  sind  keine  Offiziere  mehr,  sondern
Polizeibeamte  der  jetzigen  Regierung.  Gegen  solche  hatte
das  „Volk"  früher  den  sogenannten  Blaukoller.  Oer  stirbt
nicht  aus.  Dessen  Objekt  zu  sein,  wird  wahrscheinlich  ein
herrlicher  Beruf.

Einen  Paragraphen  in  dem  Rechtskapitel  nimmt  die  Aationalversammlung
  ohne  jede  Debatte  an.  Er  besagt,  daß
kein  Deutscher  seinem  gesetzlichen  Richter  entzogen  werden
dürfe.  Ee  ist  kein  Wunder,  daß  man  um  die  Erörterung  dieses

205
        <pb n="208" />
        Paragraphen  in  scheuem  Schweigen  sich  drückt,  denn  in  dem
Augenblick,  in  dem  er  beschlossen  ist,  gehört  die  gesamte  Regierung
  unserer  schwarz-roten  Mehrheit  wegen  Verfassungsbruchs
  auf  die  Anklagebank  des  Staatsgerichtshofes.  Oieselbe
Mehrhbeit  entzieht  nämlich  Hunderte  der  besten  und  edelsten
Heutschen,  Hindenburg  an  der  Spitze,  ihrem  gesetzlichen
Richter  und  überliefert  sie  dem  Richter  Lynch  an  der  Themse.

Grundrechte

Weimar,  11.  Juli

An  jedem  Freitag  gibt  es  im  Parlament  ale  trockene  Fastenvorspeise
  ein  Bündel  der  sogenannten  kleinen  Anfragen,  eine
Einrichtung,  die  man  vor  einigen  Jahren  dem  englischen
Unterhaus  entlehnt  hat  und  die  niemand  befriedigt,  weil  man
bei  uns  weder  so  sarkastisch  zu  fragen  noch  so  augenzwinkernd
zu  antworten  versteht  wie  an  der  Themse.  Aber  eine  der
heutigen  Anfragen  ist  doch  ein  Hochgenuß.  Unter  großer
Heiterkeit  fragt  der  deutsche  Volksparteiler,  Abgeordneter
Rießer,  wer  die  Verantwortung  für  die  neuen  Erinnerungsbriefmarken
  trage,  für  den  roten  Eichbaum,  die  blauen  Zweige
und  den  nackten  Züngling,  dessen  linker  Fuß  von  einer  niederstürzenden
  Maurerkelle  bedroht  werde.  Die  Heiterkeit  wird
dann  einfach  stürmisch,  als  aus  der  Antwort  sich  ergibt,  daß
drei  Mitglieder  des  Hauses,  Heine,  Auschke,  Pfeiffer,  im  Preisgericht
  gesessen  hätten.  Sie  werden  von  allen  Seiten,  auch
von  ihren  eigenen  Leuten,  unter  eifrigem  Händeschütteln
ironisch  beglückwünscht,  der  Sozialdemokrat,  der  Demokrat,
der  Zentrumsmann.  Also  auch  diese  schauerlich  schönen  Kunstprodukte
  verdanken  wir  nur  der  regierenden  Mehrheit.  Lange

206
        <pb n="209" />
        soll  die  Herrschaft  der  neuen  drei  Marken  nicht  währen,  wird
gesagt.  Wenn  man  erst  darüber  einig  ist,  was  an  Stelle  von
Adlern  und  Kronen  als  republikanische  Hoheitezeichen  eingeführt
  werden  soll,  die  phrygische  oder  die  Schiebermütze,
die  Handgranate  oder  der  geborstene  Fabrikschlot,  dann  soll
es  auch  endgültig  republikanische  Briefmarken  geben.  Es
täte  aber  not,  unter  den  Grundrechten  des  deutschen  BVolkes
in  der  Verfassung  auch  dieses  festzusetzen,  daß  nicht  ausschließlich
  die  jetzige  schwarz-rote  Mehrheit  die  Entwürfe  vorgelegt
bekommt.  AUber  den  antisezessionistischen  privaten  Kunstgeschmack
  des  Kaisers  hat  sich  jeder  Bierphilister  aufgeregt,
obwohl  Wilhelm  II.  in  amtlicher  Eigenschaft  anders  handelte
und  den  Sezessionisten  Bruno  Paul  an  die  Spitze  des  Kunstgewerbemuseume
  in  Berlin  berief.  Zetzt  droht  uns  der  Absolutismus
  des  Parlaments  in  Kunstdingen.  Gegen  den  Kunst-Pfeiffer
  des  Zentrums  haben  wir  nichts  einzuwenden,  erist
  noch  ein  wahrer  Hellene  im  Bergleich  zu  manchen  anderen;
über  Nuschke  als  politischen  Redakteur  eines  demokratischen
Blattes  ist  uns  nichts  bürgerlich  Unanständiges  bekannt;  und
Wolfgang  Heine  zeigt  viel  persönlichen  Geschmack,  indem  er
jedeen  Verkehr  mit  den  Unabhängigen  und  jede  Antwort  auf
Adolf  Hoffmannsche  Zwischenrufe  ablehnt.  Aber  die  Gesamtbeit
  der  Botokuden  im  Reichstage  hat  doch  seinerzeit  sogar  die
wundervollen  Wandgemälde  Angelo  Zanks  abgelehnt  und,
nachdem  sie  aus  den  Taschen  der  deutschen  Steuerzahler  bereits
bezahlt  waren,  zu  dem  Gerümpel  in  die  Bodenkammer  stellen
lassen.  Die  durchaus  aristokratischen  Republiken  des  italienischen
  Renaissancezeitalters  brachten  uns  eine  Blüte  künstlerischer
  Kultur.  Demokratien  aber  sind  in  diesen  Dingen
immer  spießerhaft;  oder  täppisch  und  kritiklos  wie  ein  Parven#.

Zu  den  Grundrechten  des  deutschen  Volkes  gehört  es  leider
noch  nicht,  von  Geschmacklosigkeiten  verschont  zu  bleiben.
Aber  sonst  hat  man  alles  Mögliche  in  das  Kapitel  der  Grund-207
        <pb n="210" />
        rechte  gepackt,  das  zu  beraten  man  heute  beginnt.  Es  ist  das
ein  „salatähnliches  Gebilde“,  meint  der  Sozialdemokrat
Quarck,  und  ähnlich  wegwerfend  äußern  sich  auch  die  Redner
aller  anderen  Parteien  und  brechen  die  Beratung  vorzeitig
ab.  Ee  ist  möglich,  daß  das  ganze  Kapitel  sogar  an  den  Ausschuß
  zurückverwiesen  wird.  Aur  der  Abgeordnete  Beierle,
der  als  verantwortlicher  Redakteur  für  diesen  Abschnitt  zeichnet,
bittet  um  gut  Wetter.  Es  war  begreiflich,  daß  1848  in  der
Paulskirche  um  Grundrechte  geredet  wurde,  denn  politische
Rechte  sollten  dem  Volke  damals  erst  erstritten  werden.  Heute
heißt  es  in  Paragraph  1  der  Verfassung:  „Die  Staatsgewalt
geht  vom  Volke  aus.“  Es  ist  alfo  selber  völlig  souverän,  es
kann  selber  und  allein  seine  Gesetze  machen,  es  steht  ihm  keine
Gewalt  gegenüber,  vor  der  man  seine  Rechte  behaupten  müßte.
Im  Grunde  ist  also  das  ganze  Kapitel  über  Grundrechte  vollkommen
  überflüssig,  ist  lediglich  ein  Deklamatorium.  Dazu
kommt,  daß  jedermann  andere  Rechte  geschützt  zu  sehen
wünscht,  der  eine  mehr  die  des  Individuume,  der  andere  mehr
die  der  Gesamtheit.  Auch  sind  dem  Zentrum  Oinge  wichtig,
auf  die  die  Sozialdemokratie  pfeift,  und  umgekehrt.  So  hat
man  denn  einfach  —  sämtliche  Forderungen  sämtlicher  Parteiprogramme
  der  Mehrheit  aufgenommen  und  notdürftig  redigiert,
  zum  Teil  im  Nachsatz  wieder  aufgehoben,  was  im  Vordersatz
  steht.  So  wird  die  Freiheit  der  Person  als  unverletzlich
proklamiert;  aber  ihre  Beeinträchtigung  oder  Entziehung  sei
auf  Grund  von  Gesetzen  zulässig.  Auch  die  Wohnung  jedes
Deutschen  sei  für  ihn  eine  Freistätte  und  unverletzlich;  aber
wiederum  ist  das  Eindringen  in  eine  Wohnung  auf  Grund
von  Gesetzen  erlaubt.  Das  Briefgeheimnis  wird  erneut  als
unverletzliches  Grundrecht  bezeichnet;  aber  auch  da  werden
Ausnahmen  durch  Reichsgesetz  statuiert.  Die  Sozialdemokratie
verkündet  in  den  Grundrechten  völlige  Zensurfreiheit;  das
Zentrum  bringt  im  Nachsatz  die  Zenfur  für  Lichtspiele  und

208
        <pb n="211" />
        andere  Schaustellungen  und  zur  Bekämpfung  der  Schundliteratur
  wieber  an.  Das  ganze  Kapitel  ist  überdies  reich
an  Paragraphen,  die  in  der  heutigen  rechtlosen  Lage  Deutschlands
  eine  leere  Pbhrase  sind.  Offenbar  hat  ein  Teil  der  Versammelten
  doch  ein  unbehagliches  Gefühl  angesichts  dieser
neudeutschen  Gesetzesmacherei  und  atmet  erleichtert  auf,  als
nach  beißender  Kritik  durch  Heinze,  Koch  und  andere  auf
demokratischen  Antrag  die  Sitzung  aufgehoben  wird.

Weimar—Berlin

Weimar,  12.  Juli

„Zeder  Mensch  kommt,  meiner  Meinung  nach,  als  Souverän
auf  die  Welt!“  erklärte  einst  Trützschler  in  der  Paulekirche.
Damale,  1848,  erregte  diese  Entdeckung  noch  schallendes  Gelächter
  im  ganzen  Säulenrund  und  auf  der  Empore.  Heute,
1919,  wird  die  gleiche  Weisheit  in  blutigem  Ernst  vorgetragen
und  beifällig  von  der  größten  Partei,  der  sozialdemokratischen,
vermerkt.  Der  Mensch  ist  souverän,  das  Volk  ist  souverän,  die
Nationalversammlung  ist  souverän.  Was  sei  dann  aber  der
liebe  Gott  oder  der  Papst  oder  der  Herr  Kaplan,  fragt  sich
einigermaßen  bestürzt  das  Zentrum  und  zieht  an  der  Schrankenlosigkeit
  der  sozialdemokratischen  „Grundrechte“  seine  Dämme
zugunsten  von  Kirche  und  Schule  und  öffentlicher  Moral.  Das
paßt  den  Roten  sehr  wenig.  Sie  möchten  am  liebsten  mit
dem  Paulekirchler  Ludwig  Simon  sagen:  „Wissen  Sie,  wer
ein  Rebell  ist?  Wer  gegen  den  Status  quo  ankämpft;  und
wir  sind  der  Status  quo!“  Voller  Zorn  hat  daher  gestern
der  sozialdemokratische  Abgeordnete  Quarck  die  Grundrechte
in  ihrer  jetzigen  Form  einen  schönen  Salat  genannt;  er

FKriediuch  der  Vorläufige  209  14
        <pb n="212" />
        hätte  sie  auch  Kraut  und  Rüben  nennen  können.  Oie  Verhandlungen
  darüber  sind  nach  Berlin  verlegt  worden.  Dort
wird  die  anscheinende  oder  scheinbare  Regierungekrise  (der
siamesische  Drilling  der  regierenden  Mehrbeit  hat  nur  noch
zwei  Köpfe,  und  die  fletschen  die  Zähne  widereinander)  zu
vollem  Auebruch  kommen  oder,  wie  une  scheint,  durch  irgendein
  Kompromiß  beendet  werden,  da  augendlicklich  die  Roten
ohne  die  Schwarzen  und  die  Schwarzen  ohne  die  Roten  politisch
  nicht  leben  können.

In  Weimar  ist  eine  kleine  Verlegenheitssitzung  dafür  eingeschoben
  worden.  Das  Haus  versagt,  wie  üblich,  in  der  heutie,
  Beratung  die  Strafverfolgung  einiger  seiner  souveränen
Mitglieder,  darunter  des  unabhängigen  Abgeordneten  Geper--Sachsen,
  der  durch  Rötigung,  unterstützt  von  Pöbelmassen,
die  Freilassung  des  russischen  Staatsangehörigen  und  bolschewistischen
  Aufrührers  Zakob  Schleifstein  in  Leipzig  Ende
April  erzwungen  hat.  Auch  noch  vier  andere  Abgeordnete,
die  dieses  oder  jenes  Gericht  liebend  gerne  haben  möchte,
werden  durch  den  parlamentarischen  Königsmantel  gedeckt
und  der  Gerechtigkeit  nicht  überantwortet.  Nur  wenn  die
Schergen  zu  Hindenburg  und  Ludendorff  und  Tirpitz  kommen
oder  den  Skagerraksieger,  Admiral  Scheer,  aus  seinem  Weimarer
  Ruhesitz  zerren  wollen,  um  diese  und  andere  Führer
der  Nation  an  England  auszuliefern,  hat  das  Parlament  nichts
dagegen.  Der  Rest  der  kurzen  Sitzung  wird  von  Wahlprü#-fungen
  ausgefüllt.  Mitten  während  der  Debatte  darüber,
ob  die  Abstimmung  in  einem  Kreise,  in  dem  58  000  Wähler
durch  Spartakisten  am  Wählen  verhindert  wurden,  gültig
oder  ungültig  oder  noch  reparabel  sei,  bezweifelt  das  Zentrum
die  Beschlußfähigkeit  des  Hauses.  Es  ist  allenfalls  ein  gutes
Schock  souveräner  Oeutscher  im  Saal,  mehr  nicht,  und  man
geht  nervös  schon  um  12  Uhr  mittages  auseinander:  die  Grundrechte,
  das  geht  sedermann  im  Kopfe  herum.

210
        <pb n="213" />
        Als  in  der  Paulekirche  im  September  1848  gerade  der  Satz.
aodie  Wissenschaft  und  ihre  Lehre  sind  frei“  in  den  Grundrechten
besprochen  wurde,  krachte  die  nördliche  Kirchentür  unter  den
Arthieben  der  damaligen  Unabhängigen  zusammen,  derselben
Leute,  die  auf  die  „Souveränität“  der  Demokratie  und  ihrer
Vertreter  pfiffen  und  sogar  zwei  geheiligte  Mitglieder  des
Hauses,  Lichnowsky  und  Auerswald,  bestialisch  ermordet
hatten.  Damals  retteten  preußische  Soldaten  das  Parlament,
die  man  nur  noch  nicht  Noske-Garde  nannte.  IZn  der  Paulskirche
  wurde  unentwegt  weiter  über  die  Verfassung  verhandelt,
aber  gerade  bei  den  „Grundrechten“  ging  der  Versammlung
der  Atem  aus  und  sie  verblich  eines  elenden  Landstreichertodes
binter  schwäbischen  Hecken.  Ole  heutige  Lage  weist  etliche
beängstigende  Ahnlichkeiten  auf,  nur  daß  keine  Monarchie
mehr  in  Aufnahmestellung  steht,  sobald  das  Parlament  an
der  eigenen  Unfähigkeit  und  dem  Ansturm  der  neuen  Außenrevolution
  zugrunde  geht.  Wenn  dieser  letzte  deutsche  Souverän,
  der  im  Theater  zu  Weimar  thront,  die  souveräne
Nationalversammlung,  in  eine  wirkliche  Krise  gerät,  die  Mehrbeit
  zerfallen  sieht,  dann  wird  er,  wenn  durch  nichts  anderes,
so  doch  schon  durch  die  Lächerlichkeit  getötet.  Darum  klebt,
leimt,  kittet  man  heute  fieberhaft  in  Berlin  mit  allen  Solokräften
  und  gibt  im  Landestheater  in  Weimar  nur  eine  kurze
Matinee  mit  dritter  Besetzung  und  Statisten.

Der  Schrei  nach  Rente

Weimar,  14.  Zuli

Wer  irgendetwas,  entweder  Ware  oder  Arbeit,  in  den
Kriegejahren  frei  verkaufen  konnte,  der  „machte  sich  gesund“.

211  1-
        <pb n="214" />
        Es  haben  nicht  nur  in  den  Privatkontoren  der  großen  ndustriewerke
  oder  in  den  Ecken  der  Schieberkaffees  die  Kriegsgewinn--ler
  gesessen.  Man  braucht  nur  in  den  Rauchwarengeschäften
nachzufragen,  welche  Menge  teuerer  Pelze  an  Arbeiterfrauen
in  dieser  Zeit  geliefert  worden  ist;  oder  die  Statistik  der  Sparkassen
  nachzulesen;  oder  sich  der  jungen  Lausbuben  zu  erinnern,
die  in  Weinstuben  den  Prokuristen  spielten.  Zammervoll  stand
es  nur  um  alle  diejenigen,  die  nichts  unter  Preissteigerung
an  den  Mann  bringen  konnten,  sondern  vertraglich  zu  den
festen  Bezügen  der  Friedensarbeit  weiterarbeiteten:  um  die
Beamten.  Hann  ebenso  oder  noch  schlimmer  um  die  leinen
Rentiers,  die  Invaliden,  die  Witwen  mit  Ruhegehalt.

Der  Deutschen  Nationalversammlung,  die  beute  nach  Weiterberatung
  der  am  Sonnabend  angeschnittenen  Wahlprüfungen
  sich  mit  der  Erhöhung  aller  Renten,  namentlich  für
Kriegsbeschädigte  und  Kriegebinterbliebene,  befaßt,  liest  der
Präsident  Febrenbach  gebörig  den  Tert.  Etwa  nach  dem,
irren  wir  nicht,  Goetheschen  Rezept:  „Bilde,  Künstler,  rede
nicht!“  Die  Herren  möchten  sich  etwas  kürzer  fassen  und  dafür
etwas  schneller  abstimmen,  sonst  werde  man  mit  dem  Stoff
überhaupt  nicht  mehr  fertig.  Die  Mahnung  verdallt.  Es
beginnt  sogar  alsbald  ein  Wettreden  aller  Fraktionen  anläßlich
einer  sozialdemokratischen  Interpellation,  die  den  Schrei  nach
erhöhter  Rente  zum  Ausdruck  bringt.  Es  ist  niemand  im
Hause  und  außer  dem  Hause,  der  nicht  wüßte,  daß  die  Renten
unter  den  heutigen  Lebensbedingungen  völlig  unzureichend
sind,  nicht  nur  für  Kriegsbeschädigte  und  für  Hinterbliebene
von  Gefallenen,  sondern  auch  für  Invaliditäts-  und  Altersrentner
  und  sonstige  Pensionäre  vom  Schlachtfelde  der  Friedensarbeit.
  Aber  ebensowenig  weih  semand  von  peute  auf
morgen  zu  sagen,  woher  man  die  etwa  erhöhten  Bezüge
nehmen  soll.  Selbst  wenn  wir  an  Stelle  des  Zauberlehrlings
Erzberger,  dem  die  Wasser  bald  bie  an  den  Hals  geben  werden,

212
        <pb n="215" />
        einen  Meister  als  Finanzmann  hälten,  könnte  er  nichts  versprechen,
  weil  —  noch  niemand  weiß,  ob  die  Entente  ung
nicht  überhaupt  einen  Strich  durch  unser  ganzes  Rentenwesen
macht.  Nach  dem  Friedensvertrag,  den  die  jetzt  so  munter
interpellierenden  Sozialdemokraten  unterschrieben  haben,
sind  unsere  Feinde  berechtigt,  uns  jede  Zahlung  an  die  eigenen
Notleidenden  zu  verbieten,  ehe  wir  nicht  sämtliche  Pensionen
für  ihre,  die  feindlichen,  Kriegsverletzten  und  Hinterbliebenen
entrichtet  haben.  Davon  spricht  heute  kein  Mensch.  Ma#
fließt  über  von  Wohlwollen  für  die  Armen,  und  die  schwarzrote
  Regierung  verspricht  auch,  ihr  Möglichstes  zu  tun;  das  ist
alles.  Noch  eine  andere  Tatsache  erwähnt  niemand.  Es  beißt
immer,  der  Krieg  und  nicht  die  Revolution  sei  an  allem  Unheil
schuld.  Schon  da  müßte  man  wenigstens  sagen:  der  verlorene
Krieg.  Wenn  wir  durchgehalten  hätten,  statt  auf  den  Sch-zidemann-Erzberger-Frieden
  hinzutreiden,  so  stünde  es  anders
um  uns.  Dazu  kommt  die  ungeheuere  Vergeudung  der
Reichemittel  durch  die  Revolution.  E  ist  von  der  Regierung
  selber  offen  zugestanden  worden,  daß  Heeresgut  im
Werte  von  über  fünf  Milliarden  Mark  in  den  ersten  Umsturzmonaten
  spurlos  verschwunden  ist,  ein  Betrag,  der,  als  Rente
angelegt,  die  gute  Versorgung  von  rund  250  000  Kriegsbeschädigten
  auf  Lebenszeit  ermöglicht  hätte.  Rechnet  man  das
übrige  erpreßte,  geraubte,  verschleppte  Geld  der  neuen  Ara
binzu,  so  ergibt  ein  einfaches  Divisionsexempel,  daß  wir  damit
der  ganzen  Not  unserer  Rentner  hätten  steuern  können.  Sie
haben  ihre  Not  also  ausschließlich  den  setzt  regierenden  Herren
zu  verdanken,  die  zuerst  einen  deutschen  Sieg  untergruben
und  dann  unseren  verfügbaren  Besitz  verludern  ließen.  Es
ist  elende  Heuchelei,  wenn  jetzt  die  Sozialdemokratie  für  die
Armen  „  eintritt“.  Der  Räuber  vergießt  Tränen  und  kondoliert
  seinem  Opfer!  Das  ist  der  verlogene  revolutiondre  Parlamentariemus
  in  Reinkultur.  Eos  täte  not,  daß  die  Millionen

213
        <pb n="216" />
        betrogener  Deutschen  damit  wachgepeitscht  wurden,  nicht  nur
durch  Zeitungen,  die  nicht  in  alle  Hände  gelangen,  sondern
von  Mund  zu  Mund,  von  einem  Haue  zum  anderen,  im  Hinterhof,
  in  den  kargen  Küchen,  auf  den  Arbeitsstätten.

Das  gebefreudige  Haus  stimmt  heute  auch  der  Erhöhung
der  Alimente  für  natürliche  Kinder  zu.  Ebenso  will  es  allen
den  in  der  Heimat,  nicht  im  Kriegsdienst  angestellten  Beamten
der  letzten  fünf  Zahre,  die  sich  bei  Kohlrüben  und  sonstigem
Ersatz  durchgehungert  haben,  diese  schweren  Zahre  für  das
Pensionsalter  doppelt  anrechnen,  genau  so  wie  den  „wirklichen“
  Kriegeteilnehmern.  Kleine  Geschenke  erhalten  die
Freundschaft.  Sie  verärgern  manchmal  auch  den  zuschauenden
Dritten.  Hier  handelt  es  sich  außerdem  um  das  Versprechen
eines  Geschenks,  dessen  Erfüllung  wie  alles  andere  davon
abhängen  wird,  was  die  Feinde  genehmigen.  Oie  Nationalversammlung
  bat  uns  ja  völlig  in  ihre  Hand  gegeben.  Der
Schrei  nach  deutscher  Rente,  der  aue  Frankreich  kommt,  wird
den  unfrigen  überdröhnen.

Der  Tag  der  Zietz

Weimar,  15.  Juli

Der  Genius  Weimars  ist  durch  die  bekannte  Kranzspende
abgefunden;  er  hat  keinerlei  weitere  Forderungen  zu  stellen.
Ehern  und  stumm  wenden  Schiller  und  Goethe  dem  Nationaltheater
  den  Rücken  zu  und  schauen  in  entschwundene  Zeiten,
in  denen  der  Geist  von  Weimar  nicht  von  Parvenüs  umhuldigt,
  sondern  von  allen  Feinen  und  Guten  gelebt  wurde.
Kein  Hauch  davon  ist  in  der  Reichsredehalle  mehr  zu  spüren.
Es  wäre  ja  auch  sonderbar,  wenn  eine  Frau  ietz  jetzt  Goethe

214
        <pb n="217" />
        zitieren  und  die  Grundrechte  und  Grundpflichten  der  beiden
Geschlechter  mit  den  Worten  umschreiden  wollte:

Kraft  erwart'’  ich  vom  Mann;  dee  Gesetzes  Würde  behaupt'  er.
Aber  durch  Anmut  allein  herrschet  und  herrsche  das  Weid!

Anmut  ist  —  nach  einer  nicht  ganz  umfassenden  Erklärung
—  die  Schönheit  in  der  Bewegung.  Sie  fedlt  der  Frau  Zietz,
neben  manchem  anderen,  sicher.  Wenn  man  ihr  muskulöses
breites  Gesicht  ohne  Zucken  als  Sprechmaschine  dienen  sicht,
aus  der  in  harten  Lauten  immer  wieder  nur  ein  Stück  Erfurter
Programm  hervorquillt,  wenn  man  ihre  kräftigen  Arme  stoßweise
  die  Luft  hämmern  sieht,  als  wolle  sie  Hufeisen  schmieden,
so  hat  man  unbedingt  den  Eindruck,  daß  ein  Mann  einem
gegenübersteht,  der  nur  in  Ermangelung  von  Hosen  sich  in
das  lange  Weibergewand  geworfen  hat.  Auf  keinen  Fall
vermag  man  sich  vorzustellen,  daß  diese  Frau  semals  ein  sanftes
Kinderfräulein  gewesen  sein  kann,  das  sogar  einen  Fröbellursus
  hinter  sich  hat,  wie  in  ihrer  Lebensbeschreibung  im  Parlamentsealmanach
  zu  lesen  steht.  Die  Damen  der  Gesellschaft
in  Weimar,  für  die  das  Theater  Thbeater  geblieben  ist,  bestürmen
  einen  um  Karten,  wenn  sie  glauben,  die  Zietz  werde
sprechen,  denn  ihrem  wollüstigen  Schauder  erscheint  diese
Frau  als  eine  wilde  Petroleuse,  die  man  ebenso  lorgnettieren
muß,  wie  es  die  Damen  von  Versailles  vor  hundertunddreißig
Zahren  mit  den  ersten  Weibern  taten,  die  -zu  Hyänen  wurden“.
Eine  Petroleuse  ist  Frau  Zietz  aber  keinesfalls.  Auch  nicht  der
Hansnarr,  für  den  sie  die  Mehrheit  der  Kollegen  in  der  Nationalversammlung
  hält,  die  ihre  Zwischenrufe  nachäfften  und
im  Chorus  mit  „Hier  zieht's,  Frau  Zietz!“  sie  schon  manchmal
zu  übertäuben  versuchten,  dadurch  aber  nur  erreicht  haben,
daß  sie  noch  mehr  aufgestachelt,  in  ihrem  Tun  bestärkt  und  in
ihrer  Selbstüberschätzung,  der  alle  Halbgebildeten  sowieso
leicht  erliegen,  gesteigert  wird.

215
        <pb n="218" />
        Nein,  sie  ist  keine  Petroleuse.  Sie  ist  eine  etwas  beschränkte
Proletarierfrau,  die  von  Mutter  Natur  eine  übergroße  Menge
—  innmit  Weininger  zu  sprechen  —  männliche  Moleküle  mitbekommen
  bat  und  in  ihrem  männlichen  Amt  als  Parteisekretär
  der  Unabhängigen  immer  noch  mehr  verholzt  ist.  Es
feblt  ihr  gelegentlich  auch  nicht  an  einem  guten  Einwurf  in
die  Hebatte.  Es  handelt  sich  heute,  wo  sie  wieder  zu  Worte
kommt,  bei  den  in  der  Verfassung  zu  „verankernden“  Grundrechten
  des  Deutschen  auch  um  die  Grundrechte  der  Frau.
Labrzehntelang  hat  man  die  letzte  Folgerung  der  demokratischen
  Entwicklung  auf  Grund  der  „Gleichbeit  alles  dessen,  was
Menschenantlitz  trägt“  nicht  gezogen,  die  Frau  nicht  zur  politischen
  Mitentscheidung  im  Staate  zugelassen,  weil  das  Wahlrecht
  ein  Korrelat  der  Wehrpflicht  sei.  Das  ist  alte  germanische
Auffassung.  Im  Thing  sitzt  nur,  wer  wehrhaft  ist.  Frau  Zietz
aber  findet  beute  die  geschickte  Wendung,  daß  mindestens  die
gleiche  vaterländische  Last  wie  der  Heeresdienst  der  Männer
und  im  Zahrhundertdurchschnitt  mindestens  ebenso  lebensgefährlich
  die  Mutterschaft  der  Frau  sei;  das  mache  sie  gleichberechtigt,
  das  zwinge  zum  Niederreißen  auch  der  letzten
Schranke.  Der  Einwurs,  so  durchschlagend  er  im  ersten  Augenblick
  erscheint,  ist  freilich  nur  ein  Blender.  Frau  Zietz  bestätigt
damit  doch  gerade  die  Verschiedenheit  der  Geschlechter:
der  Mann  wird  nie  Kinder  kriegen,  die  Frau  nie  die  Waffe
tragen;  auch  nicht  einmal  das  Steigerbeil  in  der  Zwangefeuerwehr,
  wie  der  Hemokrat  Dr.  Luppe  nebenbei  erwähnt.
Schützer  des  umfriedeten  Heims  ist  und  bleibt  der  Mann,  und
nicht  draußen,  sondern  „drinnen  waltet  die  züchtige  Hausfrau“;
binaus  ins  feindliche  Leben  muß  immer  noch  vorzugsweise
der  Mann.

Oie  soziale  Entwicklung  hat  bei  uns  nun  auch  die  Frau  in
den  Daseinskampf  gestellt,  und  insbesondere  der  selbständigen
erwerbstätigen  Frau  gönnt  beute  jede  Partei  das  Wahlrecht.

216
        <pb n="219" />
        Aber  auch  der  Frau  überhaupt,  —  weil  der  Mann  versagt
hat.-  Wenn  bei  den  alten  Germanen  die  Männer  geschlagen
zurückfluteten,  der  Feind  bis  an  die  Wagenburg  drang,  dann
erhob  sich  die  Frau  mit  der  Streitaxt  in  der  Faust.  #n  die
Abschaffung  der  staateobürgerlichen  Rechte  der  Frau  denkt
heute  kein  Mensch  mehr.  Der  Antrag  der  Unabhängigen  aber,
beide  Geschlechter  in  jeder  Art  gleichzustellen,  wird  von  sämtlichen
  bürgerlichen  Parteien  nach  einer  eindrucksvollen  Rede
auch  der  Zentrumsabgeordneten  Frau  Reusch  gegen  die
beiden  sozialistischen  Fraktionen  abgelehnt.

Dasselbe  Schicksal  erlebt  der  Antrag,  an  Stelle  der  Verfassungsbestimmung,
  daß  der  Adel  nicht  mehr  verliehen  werden
dürfe,  die  Abschaffung  auch  des  bestehenden  Adels  zu  erklären.
Das  „von“  ist  ja  nur  noch  ein  Teil  des  Namene,  nichte  weiter.
Es  gibt  auch  Nichtadelige  mit  solcher  Vorsilbe:  die  vom  Brühl,
vom  Hofe  und  andere.  Graf  Posadowsky  und  Redner  der
übrigen  Partelen  erörtern  dae  ruhig  und  leidenschaftslos;  der
nicht  roten  Mehrheit  des  Hauses  ist  der  sozialistische  Antrag,
der  nur  ein  sinnloses  „écra#ez  Pinfame“  ist,  einfach  zu  dumm.
Frau  Agnes,  die  Unabhängige,  die  auf  einem  der  vier  Schriftführersitze
  neben  dem  Präsidenten  thront,  behauptet  zwar
entgegen  allen  Kollegen  des  Hochsitzes  mit  weiblichem  Eigensinn,
  sie  sehe  keine  Mehrheit  steben,  und  erzwingt  dadurch,
da  das  Bureau  nicht  einig  ist,  die  Auszählung  durch  Hammelsprung.
  ODa  wird  denn  die  Niederlage  der  sozialistischen  Parteien
  auch  zahlenmäßig  festgelegt.  Das  hat  Frau  Agnes  nun
schon  zum  drittenmal  getan.  Sie  ist  kein  Mann  wie  Frau
Sietz.  Sie  klammert  sich  an  den  Gedanken,  sie  könne  die
Parteisache  retten,  wenn  sie  ein  klares  Exempel  anzweifle;
sie  wartet  wie  Nora  „auf  das  Wunderbare“,  sie  sieht  die  Mehrbeit
  nicht,  well  sie  nicht  sehen  will,  und  sie  hofft  im  stillen,
daß  ein  Dutzend  fehlender  Roter  plötzlich  beim  Hammelsprung
noch  zur  Tür  pereintreten  und  ein  Hutzend  Bürgerlicher  plötz-217
        <pb n="220" />
        lich  wegen  Nasenblutens  verschwinden  werde.  Sie  ist  fast  anmutis
  als  weiblicher  Trotzkopf.

Die  neue  Verfassung  will  übrigens  nicht  nur  mit  dem  Adel,
sondern  auch  mit  dem  Titel-  und  Ordenswesen  aufräumen.
Daß  die  regierende  Mehrheit  dies  in  den  Grundgesetzen  des
Reiches  festlegen  will,  zeugt  von  ihrer  lächerlichen  Angst  vor
sich  selber.  Eine  bloße  Verordnung  würde  ja  genügen.  Aber
die  regierende  Mehrheit,  die  selber  munter  den  Professorentitel
  an  sozialistische  Künstler  und  Schriftsteller  weiter  verleiht,
  weiß,  daß  kein  Republikanertum  vor  Eitelkeit  schützt;
sie  hat  Angst  vor  den  #nsprüchen  der  eigenen  Gesinnungstüchtigen
  und  will  sich  in  der  Verfassung  verbarrikadieren.
Diese  Barrikade  können  heute  die  wenigen  Anwesenden  errichten.
  Steht  sie  eimmal  in  der  Verfassung  da,  so  ist  eine
Zweidrittelmehrheit  in  einem  zu  zwei  Oritteln  besetzten  Hause
nötig,  um  sie  wieder  niederzureißen,  also  nahezu  zweihundert
Abgeordnete.  ODaher  die  Eifersucht  um  die  Grundrechte.  Man
will  der  Entwicklung  Einhalt  tun:  es  kann  einmal  auch  andere
Mebrhelten  geben,  aber  die  sollen  dann  eine  chinesische  Mauer
vorfinden.

Bei  der  Beratung  des  Grundrechtes  der  Staatsangehörigkeit
  erhält  ein  Ostmärker,  der  Pfarrer  Aßmann  von  der  Deutschen
  Volkepartei,  die  Gelegenheit,  das  Testament  der  verlorenen
  Deutschen  bei  uns  niederzulegen.  Dieser  geborene
Volksredner,  dessen  Stimme  wohl  einen  Riesenzirkus  noch
ausfüllen  würde,  erzwingt  auch  hier  Andacht.  Er  erbittet  Erleichterung
  aller  Scherereien  für  den  Fall,  daß  nach  zwei
Gahren  eine  Anzahl  Deutscher  aus  dem  Osten  ins  Reich  zurück
wolle;  die  Mehrheit  aber  werde  und  müsse  zu  polnischen  Untertanen
  werden,  weil  nur  das  enge  Beisammenbleiben  der  dortigen
  Deutschen  das  Deutschtum  ihnen  sichern  könne.  Man
lauscht  erschüttert.  Dann  aber  knarrt  wieder  die  Parteimaschine.
  Der  Schluß  des  Tages  gehört  erneut  der  handfesten

218
        <pb n="221" />
        Frau  Zietz  die  mit  einer  Eindeutigkeit,  die  man  sonst  nur  in
vorgerückter  Männergesellschaft  findet,  für  die  Beseitigung  aller
Zwangemaßnahmen  gegen  Prostituierte  eintritt.  „Wenn  du
wissen  willst,  was  sich  ziemt,  so  frage  nur  bei  edlen  Männern
an"  muß  man  wohl  heute  den  alten  Vers  variieren.  Die  Männer,
  vor  allem  Fehrenbach  und  Kahl,  fallen  der  Frau  Zietz
entsetzt  ins  Wort.  Aber  hart  und  unerbittlich  reckt  sie  ihre
Faust.  Was  wahr  sei,  sei  doch  wahr.  Sie  ist  erstaunt  über  die
Zimperlichkeit  des  anderen  Geschlechts.

Immer  noch  mehr  Grundrechte

Weimar,  16.  Zull

Unter  die  Grundrechte  des  deutschen  Volkes  wollten  die
beiden  sozialistischen  Fraktionen  gestern  in  die  Verfassung
das  Recht  der  Straßendirnen  aufnehmen,  pollzeilich  nicht
belästigt  zu  werden.  Die  gleichen  Antragsteller  wünschen  heutefür
  die  Grundrechte  einen  weiteren  neuen  Paragraphen,  der
das  Recht  der  Mörder  festsetzt,  daß  sie  der  Todesstrafe  nicht
unterliegen.  Zum  dritten  wird  verlangt,  daß  als  Grundrecht
der  unebelichen  Mütter  der  Titel  Frau  genebmigt  und  jede
Mutterschaft  der  Ede  gleichgestellt  werde.  Außerdem  sträuben
sich  die  roten  Weltverbesserer  gegen  jede  Filmzensur,  so  daß
auch  weiterhin  wie  in  den  bisherigen  Monaten  seit  der  Revolution
  kübelweise  der  moralische  Unrat  über  uns  ausgegossen
werden  kann.

Doae  ist  der  Inhalt  der  heutigen  ausgedehnten  Debatten,  die
nachgerade  den  Eindruck  machen,  als  wolle  die  vereinigte
Sozialdemokratie  bei  dem  Verfassungswerk  Obstruktion  treiben,
  bie  ein  neuer  Putsch  alles  bisher  Geschaffene  über  den
Haufen  wirft  und  die  Hiktatur  des  Proletariats  unter  Führung

219
        <pb n="222" />
        der  Unabhängigen  bei  uns  einführt.  Über  den  wichtigen
Artikel  111  der  Verfassung,  der  das  Grundrecht  des  „ciois
germanus  sum"  gegenüber  dem  Auslande  festlegt,  den  Schutz
des  Reiches  allen  Reichsangehörigen  zusichert,  eine  Auslieferung
  Deutscher  an  das  Ausland  verbietet,  wird  hinweggeglitten.
  Aber  der  neueingebrachte  Artikel  115  a,  der  die  Abschaffung
  der  Todesstrafe  verlangt,  nimmt  Stunden  in  Anspruch.
  Dieselben  Leute,  die  am  9.  November  überall  eine
Razzia  auf  königstreue  Offiziere  unternahmen,  um  sie  zu
erschlagen,  dieselben  Leute,  die  im  Zanuar  und  im  März  mit
Maschinengewehren  die  Berliner  Straßen  entlang  in  das
Publikum  hineinschossen,  dieselben  Leute,  die  in  München
die  bürgerlichen  Geiseln  abschlachteten,  erklären  die  von  der
Staatsgewalt  über  Verbrechen  verhängte  Todesstrafe  für
eine  Kulturschande.  Sogar  ein  so  eingefleischter  Pazifist,  wie
es  der  demokratische  Abgeordnete  Haußmann  ist,  bestreitet
da  den  Cohn  und  Genossen  das  moralische  Recht  zu  ihrem
Antrage.  Oie  Redner  der  Rechten  tun  es,  in  der  Form  noch
viel  zu  milde,  ebenfalls.  Mit  einer  nicht  sehr  großen  bürgerlichen
  Mehrheit  wird  der  &amp;amp;  113  a  denn  auch  abgelehnt.  Es
scheint  aber,  daß  diese  Mehrheit  sich  schen  darauf  vorbereitet,
den  verlorenen  Posten  aufgeben  zu  müssen.  Sie  rechnet
augenscheinlich  damit,  daß  der  Ausschuß,  der  unser  Strafrecht
umarbeitet,  die  Todesstrafe  „dem  Zeitgeiste  entsprechend“
streichen  wird.  Gegen  diesen  Geist  der  Zeit,  der  nach  Revolutionen
  mit  ihrer  völligen  NRichtachtung  des  Menschenlebens
sich  stets  in  Sentimentalitäten  ergeht,  hat  einst  Wolfgang
Menzel  sein  bestes  Buch  geschrieben.  Darin  steht  ein  Kapitel
vom  Eskamotieren  des  Bösen,  ein  Kapitel  von  der  Abschaffung
der  Todeestrafe;  wenn  man  das  heute  liest,  so  weiß  moem  wieder
einmal,  daß  die  Weltgeschichte  sich  stets  wiederholt,  daß  nur
durch  Namen  und  Jahreszahlen  die  Wellenberge  und  Wellentäler
  der  Entwicklung  sich  unterscheiden.

220
        <pb n="223" />
        Die  skandalösen  Dinge,  die  sich  selt  dem  November  auf  der
Flimmerleinwand  breitmachen,  nennt  der  unabhängige  Abgeordnete
  Koenen  ein  Ergebnis  der  —  kapitalistischen  Wirtschaftsweise.
  In  dem  nicht  kapitalistischen,  sondern  bolschewistischen
  Rußland  aber  triumphiert  doch  auch  nicht  die  Reinbeit
  des  Rousseauschen  Naturkindes;  selbst  das  letzte  Bauerndorf
dort  ist  jetzt  mit  pornographischen  Bildern  und  Schriften  überschwemmt.
  So  ist  es  überall.  Die  Wahrheit  ist,  daß  des  Menschen
  Tun  böse  ist  von  Zugend  auf,  also  durch  erbliche  Belastung,
nicht  durch  Erziehung  und  Umgebung;  und  daß  der  starke
bürgerliche  Staat  wenigstens  Schranken  und  Grenzen  setzen
konnte,  während  im  revolutionären  der  Schmutz  ungehemmt
über  alle  niedergerissenen  Dämme  flutet.  Es  gibt  eine  gereizte
Debatte  zwischen  Cohn  und  Haußmann,  Cohn  und  Fehrenbach,
  dann  wird  der  Zensurparagraph  in  der  alten  Ausschußfassung
  gerettet.

Von  den  Damen  der  Fraktion  Cohn  wird  bei  Besprechung
des  Zensurparagraphen  noch  einige  Zurückhaltung  beobachtet.
Der  Verfassungsabschnitt  über  das  Gemeinschafteleben  aber
sieht  sie  wieder  auf  dem  Plan.  Bei  dem  ersten  Paragraphen
des  Abschnittes,  dem  Paragraphen  118,  der  die  Ebe  als  Grundlage
  des  deutschen  Familienlebeneo  unter  den  besonderen
Schutz  der  Verfassung  stellt,  kommt  der  Demokrat  Dr.  Luppe
ihnen  schon  halbwegs  entgegen,  indem  er  Streichung  der
Worte  „als  Grundlage  des  deutschen  Familienlebens“  beantragt.
  Die  Unabhängigen  wollen  aber  für  die  Ehe  gar  keinen
besonderen  Schutz,  sondern  nur  für  die  Mutterschaft.  Das
uneheliche  Kind  soll  nicht  nur  den  Namen  des  Baters,  sondern
lberbaupt  alle  Rechte  der  legitimen  Kinder  erhalten,  somit
doch  wohl  auch  Unterbhalt  und  Erziehung  im  Hause  des  Vaters
selbst.  Soll  die  Mutter  also  auf  die  Gemeinschaft  mit  ihrem
Kinde  verzichten?  Oder  soll  es  einen  gemischten  Haushalt
wie  beim  Erzvater  Abraham  geben?  Wie  denkt  man  sich  ferner

221
        <pb n="224" />
        bas  Zusammenleben  von  Kind  und  Kegel?  Oas  alles  schiert
Frau  Zietz  nicht,  das  alles  macht  Herrn  Cohn  keine  Kopfschmerzen,
  denn  die  Sache  ist  längst  entschieden,  im  Erfurter
Programm  festgelegt  oder  in  Bebels  Buch  von  der  Frau  angedeutet,
  also  nur  immer  hinein  damit  in  die  Verfassung.
Noch  mehr  hinein.  Auch  die  völlig  kostenlose  ärztliche  Behandlung
  und  die  ebenso  kostenlose  Darreichung  jeglicher  Arznei
für  jeden  Deutschen  soll,  wie  heute  beantragt  wird,  in  die
Verfassung.  ODie  Sozialisten  beider  Fraktionen  sind  noch  lange
nicht  fertig.  Das  Grundrecht  auf  Opernhaus  und  Kempineki,
auf  Strandkorb  und  Mnullstundentag  fehlt  noch.  Das  Schlaraffenland
  muß  aus  dem  Märchen  ins  Gesetzbuch.  Frau  Zietz
wird  fortan  auf  ihre  tausend  Mark  Monatsgehalt  verzichten,
damit  das  deutsche  Volk  kostenlos  ihre  Keden  genießen  kann,
und  Herr  Rechtsanwalt  Cohn  wird  kein  Honorar  von  uns  verlangen,
  wenn  wir  ihn  um  unsere  Dertretung  in  der  Feststellungsklage
  ersuchen,  ob  seine  Partei  dem  Irrenhause  entsprungen
  ist  oder  nicht.

Vielrednerei

Weimar,  1.  Zuli

Mit  einer  kurzen  Mittagspause  dauert  die  Sitzung  von  halb
zehn  Uhr  morgens  bis  halb  acht  Uhr  abends.  Wer  zählt  die
Männer,  nennt  die  Namen,  die  eifrig  hier  zu  Worte  kamen!
Ganz  summarisch  tut  es  der  Bericht,  der  „Einheitsbericht“,
der  allein  nach  Berlin  telegraphiert  wird,  um  den  Oraht  nicht
zu  überlasten,  und  in  völlig  gleicher  Form  den  Zeitungen
sämtlicher  Parteien  zugeht.  Ze  länger  eine  Sitzung  dauert,
desto  kürzer  kommen  im  Bericht  die  einzelnen  Kedner  weg;

222
        <pb n="225" />
        zumal  wenn  dann  wegen  Papiermangels  ihnen  das  wenige
auch  noch  zusammengestrichen  wird.  Nachber  sträuben  sich
den  Herren  freilich  die  Haare,  wenn  sie  aus  einer  halbstündigen
Rede  voll  Geist  und  Gemüt  böchstene  einen  einzigen  wahllos
berausgegriffenen  Satz  in  der  Presse  finden.  Das  ergibt  natürlich
  Zerrbilder.  Es  kommt  praktisch  auf  ein  völliges  Aufhören
  der  Offentlichkeit  der  Parlamentsverhand--lungen
  heraus;  was  in  den  Blättern  steht,  das  ist  naturgemäß
weiter  nichts  als  ein  mangelhafter  Protokollauszug,  und  die
stenographischen  Berichte,  die  einige  Tage  später  im  Buchhandel
  erscheinen,  kommen  doch  nur  in  die  Bibliothek  und  in
die  Hände  weniger  Berufspolitiker.  Auch  der  Vogelschauer
der  einzelnen  Zeitung,  der  über  das  Ganze  ein  paar  zusammenhängende
  Zeilen  schreibt,  ist  an  den  Raum  gebunden.  Ze
mehr  die  Abgeordneten  also  forechen,  desto  mehr  schweigen
sie  sich  selber  tot.

Noch  einmal  redet  ihnen  der  Prasident  heute  launig  ins
Gewissen,  aber  alle  Mühe  ist  eitel.  Dabei  ist  durch  die  sogenannten
  öffentlichen  Reden  in  der  Plenarsitzung  doch  nie
mehr  etwas  an  dem  zu  ändern,  was  die  Fraktionen  vorher
über  die  Abstimmung  beschlossen  haben,  es  sei  denn,  daß  eine
Zufallsmehrheit  eine  Uberraschung  bringt  oder  in  Kleinigkeiten
  dem  gesunden  Menschenverstand  nachgegeben  wird,
wenn  ein  Abgeordneter  irgendeinen  habnebüchenen  Unsinn
geschickt  an  den  Pranger  stellt.  Heute  erleben  wir  beides.
Mit  138  gegen  133  Stimmen  wird,  weil  die  zur  Ablehnung
noch  feblenden  paar  Herren  vielleicht  g#rade#sich  einige  Zigarren
  holten  oder  das  letzte  Brötchen  frühstückten  oder  an
die  Gattin,  ach,  die  teure,  einen  Brief  im  Oberstock  schrieben,
der  rote  Antrag  zugunsten  des  Fräulein  Mutter  angenommen,
  die  fortan  in  allen  amtlichen  Berzeichnungen  als
„Frau“,  wenn  auch  in  Klammer  ale  ledige,  gefübrt  werden
soll  und  mit  diesem  Titel  sich  dreist  in  die  Reihe  der  ehrbaren

223
        <pb n="226" />
        drängen  darf.  Es  gibt  natürlich  Ausnahmefälle,  wo  es  einem
als  Grausamkeit  gegen  die  ledige  Mutter  erscheint,  sie  zu
brandmarken.  Oie  grundsätzliche  Verleihung  des  Titels  Frau
an  alle  Mütter  aber,  die  mit  Hilfe  einiger  Demokraten  zum
Mehrheitsbeschluß  geworden  ist,  bedeutet  doch  ein  Niederreißen
  schützender  Schranken  um  die  Ebe  selbst,  wenn  so  auch
die  gesellschaftlichen  Unbequemlichkeiten  der  unehelichen
Mutterschaft  aus  dem  Wege  geräumt  werden.  OHas  zweite
Beispiel,  das  einer  Paragraphenänderung  im  letzten  Augenblick,
  baben  wir  heute  dem  Professor  Kabl  zu  verdanken,  auf
dessen  Antrag  in  den  Grundrechten  des  Heutschen  die  Glaubene-
  und  Gewissensfreiheit  stehenbleiben,  die  „Gedankenfreiheit“
  aber  gestrichen  wird,  weil  es  eine  leere  Phrase  ist,
dem  Marquis  Posa  Schillers  nachgeplappert.  Schon  der
Volksmund  sagt  ja.  daß  Gedanken  zollfrei  sind;  der  Staat  kann
sie  gar  nicht  kontrollicken  und  braucht  ihnen  die  Freibeit  auch
nicht  erst  zu  schenken.  Gestrichen  wird  ferner,  was  festzustellen
nicht  ohne  Reiz  ist,  auf  demokratischen  Antrag  die  Formel,
daß  die  Ehe  „als  Grundlage  des  deutschen  Familienlebens“
unter  dem  besonderen  Schutz  der  Verfassung  stehe.  Neu  aufgenommen
  der  Schutz  für  die  Mutterschaft  schlechtbin.  Im
Übrigen  werden  fast  alle  Grundrechte  in  dem  Abschnitt  über
das  Gemeinschaftsleben  unverändert  nach  der  Ausschußfassung
  angenommen,  die  der  Beamtenschaft  nach  besonders
eingehender  Oebatte.

Der  Abschnitt  über  Religion  und  Religionsgesellschaften
gibt  den  Sozialdemokraten  die  Gelegenheit,  wider  den  Stachel
zu  löcken,  obwohl  es  nicht  ganz  fair  ist,  das  Kompromiß,  das
man  soeben  erst  mit  der  mitregierenden  schwarzen  Bruderpartei
  geschlossen  hat,  gleich  so  schlecht  zu  machen.  Verlockend
genug  mochte  es  ja  freilich  sein,  denn  das  Kompromiß,  aus
dem  die  staatsfreie,  aber  nicht  staatslose  Kirche  pervergegangen
  ist,  weist  deutlich  seinen  Doppelursprung  auf;

224
        <pb n="227" />
        es  ist,  als  hätten  ein  alter  Kirchenmaler  und  ein  moderner
Expressionist  einander  immer  abwechselnd  den  Pinsel  entrissen
  und  sich  abwechselnd  auf  der  Leinwand  verewigt.  Von
evangelischer  Seite  nimmt  besonders  eindrucksvoll  der  Paulskirchen-Pfarrer
  Beidt  zu  den  neuen  Arbeitsbedingungen  Stellung,
  die  die  Kirche  vorfindet,  und  er  tut  es  in  gläubigem
Optimismus.  Gerade  jetzt  in  dieser  Zeit.  Als  in  einer  ähnlichen
  Zeit  vor  mehr  als  hundert  Jahren  der  Freiherr  vom
Stein  innerlich  völlig  zusammengebrochen  gewesen  sei,  da
habe  ihn  eine  Predigt  Schleiermachers  in  der  Oreifaltigkeits--kirche
  zum  erstenmal  wieder  aufgerichtet.  So  sei  von  dieser
Stelle  aus  die  Rettung  des  Vaterlandes  ausgegangen.

Die  verschacherte  Jugend

Weimar,  18.  Juli

Zn  einer  zittrig  und  greisenhaft  gewordenen  Gegenwart
erwarten  wir  alles  von  der  Zugend,  von  der  Zukunft.  „Noch
werden  deutsche  Kinder  von  deutschen  Müttern  geboren;  aus
unseren  Gebeinen  wird  unes  einst  der  Nächer  erstehen!“  so“
sprach  am  12.  Mai  der  Präsident  der  Nationalversammlung.
Er  ist  mitsamt  den  Seinen  vom  Zentrum  seither  etwas  vergeßlich
  geworden.  Am  22.  Juni  wurde  das  NManneswort
„Unannehmbar“  wie  ein  Streichhölzchen  geknickt  und  weggeworfen.
  In  den  Tagen  seither  aber  wurde  um  die  Seele
der  heutigen  und  der  noch  ungeborenen  künftigen  deutschen
Zugend  geschachert,  einigten  sich  Zentrum  und  Sozialdemokratie
  über  die  Beute.  In  dem  Kompromiß  über  den  Verfassungsabschnitt
  „Bildung  und  Schule“,  das  die  beiden  Parteien
  abgeschlossen  und  am  heutigen  18.  Juli  angenommen

Eriedrich  der  Vouläusige  225  15
        <pb n="228" />
        haben,  ist  mit  keinem  Wort  von  vaterländisch-deutscher  Erziehung
  die  Rede.  Dagegen  wird  Bildung  „im  Geiste  der
Völkerversöhmung“  nunmehr  verfassungemäßig  festgelegt,  —
das  ist  das  Zugeständnis  an  die  Sozialdemokratie,  an  die
Internationale,  das  ist  die  Verewigung  des  deutschen  Knechtsgedankens.
  Eingehandelt  hat  das  Zentrum  dafür  die  Erhaltung
  des  Religionsunterrichts  dort,  wo  die  Erziehungeberechtigten
  es  wünschen,  und  die  Erlaubnis  zur  Errichtung  von  konfessionellen
  Privatschulen  für  die  Minderheit  in  der  Diaspora.
Die  Gemeinde,  die  in  den  Wahlen  wechselnde  Mehrheit  der
Gemeinde,  bestimmt  den  Charakter  des  Schulwesene,  nicht
das  Gesetz  für  den  ganzen  Staat.  Oer  Kulturkampf  wird  also
in  jedes  Dorf  getragen  und  eigentlich  schon  jetzt  entschieden.
Wir  werden  im  katholischen  Deutschland  katholische,  im  protestantischen
  Deutschland  sozialdemokratische  Bildung  haben.
Alles,  auch  das  neue  Provinzialstatut  in  Preußen,  arbeitet
auf  diese  Zerreißung  hin.  Die  Schwarzen  und  die  Noten
teilen  sich  in  die  deutsche  Jugend  und  verschütten  die  deutsche
Zukunft.  „Cuius  regio  eins  religio.“  Wir  sind  genau  so  weit  wie
nach  dem  Oreißigjährigen  Kriege.

Das  ist  der  elende  Erfolg;  die  Beweggründe  beim  Zentrum
sind  freilich,  von  seinem  Gesichtswinkel  aus,  die  edelsten.  Es
ist  und  bleibt  eine  konfessionelle  Partei.  Es  denkt:  „Was
hülfe  es  dem  Menschen,  so  er  die  ganze  Welt  gewönne,  und
nähme  doch  Schaden  an  seiner  Seele?“  Also  dem  Menschen
—  dem  katholischen  Menschen  —  rettet  es  die  Seele;  das
deutsche  Reich,  unsere  Welt,  mögen  wir  dann  verlieren,  es
liegt  nichts  daran.  Und  auf  die  evangelische  Jugend  stellt
man  der  Sozialdemokratie  seelenruhig  und  seelenroh  den  gewünschten
  Wechsel  aus.

Der  Wechsel  ist  ja  schon  im  voraus  eskomptiert.  Die  Sozialdemokratie
  hat  die  Morgenandacht  für  die  Kinder  abgeschafft,
  bat  zuerst  im  Nassauischen,  dann  anderewo  das

226
        <pb n="229" />
        Lernen  und  Singen  des  Liedes  „Sch  bin  ein  Preuße“  in  den
Schulen  verboten,  hat  in  mehreren  Berliner  Anstalten  im
Geschichtsunterricht  an  Stelle  der  Durchnahme  unserer  Freiheits-
  und  Einigungskriege  die  Besprechung  der  Revolutionen
von  1848  und  1918  gesetzt  und  hat  hier  und  da  die  „Hindenburg-Schulen“
  zu  einem  Namenewechsel  veranlaßt,  hat  für  Schüleraufsätze
  da#s  Thema  über  „Oie  Vergehungen  Wilhelms  II."“
gestellt  und  ist  bereits  dabei,  in  den  neuen  Einbeitsbüchern
alles,  was  die  Zugend  zur  Ehrfurcht  vor  Größe  erzieht  und
damit  zu  eigener  Größe,  zu  streichen.  Sie  will  jedem  Schulkind
  zu  seiner  Erbauung  ein  Exemplar  der  republikanischen
Verfassung  in  die  Hand  geben.  Sie  müßte  —  das  heben  heute
bereits  Beuermann  (Oeutsche  Volkspartei)  und  Dr.  Pbilipp
(Deutschnational)  hervor  —  als  Kommentar  dazu  auch  einen
Abdruck  der  Friedensbedingungen  an  die  Heranwachsenden
verteilen,  denn  dann  erst  wäre  es  ein  richtiger  staatsbürgerlicher
Katechiemus.

Aber  daran  dentken  die  Berschacherer  unserer  deutschen
Zugend  nicht.  Die  einen  werden  allenfalls  dem  Verfassungs--exemplar
  eine  katholische  Moralkasuistik  beifügen,  die  anderen
das  Erfurter  Programm.  Da  ist  der  Demokrat  Preuß  mit
seinen  auf  die  Zerschlagung  Preußens  gerichteten  Plänen
doch  ein  armseliger  Stümper  gewesen.  Er  dachte  nur  an  die
Landkarte  und  an  die  Verwaltung,  aber  nicht  an  die  Kinderseele.
  So  ist  es  denn  entschieden.  Und  dennoch  nehmen  wir
Febrenbachs  Wort  vom  12.  Mai  wieder  auf.  Aus  unseren
Gebeinen  wird  uns  einst  der  Rächer  erstehen!  Die  Zugend
ist  stärker  als  die  alten  Feilscher  auf  dem  heutigen  Sklavenmarkt.
  Wenn  der  Hammer  der  Trübsal  das  jetzige  Geschlecht
zerschlagen  hat,  wird  ein  neues  deutsches  Geschlecht  uns  wieder
zur  Hoffnung  emporführen.

227  14=
        <pb n="230" />
        Die  Verabschiedung  der  Königstreuen

Weimar,  19.  Zuli

In  Amerika  ist  jeder  Beamte  bie  berunter  zum  Schutzmann
voy  dem  Ausfall  der  politischen  Wahlen  abbängig.  Oa  er
damit  rechnen  muß,  eines  schänen  Tages,  wenn  die  andere
Partei  gesiegt  hat,  brotlos  dazustehen,  so  versucht  er  natürlich
nach  Möglichkeit,  sich  die  Taschen  vollzustopfen,  solange  er
noch  an  der  Staatskrippe  sitzt.  Das  ist  die  Hauptursache  der
Korruption  in  dem  Dollarlande.  In  England  haben  wir  ähnliche
  Zustände.  Sogar  die  Damenämter  des  Hofes  werden
dort  nur  mit  Zustimmung  der  gerade  am  Ruder  befindlichen
Partei  vergeben,  und  ein  besonderer  „master  of  patronage“
hat  die  Verteilung  der  Amterbeute  an  die  Parteigenossen
unter  sich.  Allmählich  sollen  auch  wir,  die  wir  seit  Friedrich
Wilhelm  I.  an  einen  kenntnisreichen  und  rechtlichen  Beamtenstand
  gewöhnt  sind,  statt  dessen  mit  den  Troßbuben  der  Partei
beglückt  werden.  Oiese  Umwandlung  ist  schon  lebhaft  im
Gange,  und  zwar  nicht  nur  etwa,  wie  Erzberger  heute  in  der
Nationalversammlung  scheinheilig  erklärt,  innerhalb  der  politischen,
  der  Regierungsbeamtenschaft  allein.  Auch  technischen
Betrieben  werden  Parteifunktionäre  übergeordnet,  ja  sogar
in  den  Hallen  der  Kunst  gilt  das  Parteiprogramm  als  Einlaßkarte.
  So  hat  in  Weimar  sofort  nach  dem  Novemberumsturz
der  regierende  Herr  Baudert,  von  Beruf  Strumpfwirker  und
auch  sonst  ein  recht  braver  Mensch,  den  außerordentlich  kunstund
  musikverständigen  Theaterintendanten  v.  Schirach  durch
den  Schriftsteller  Ernst  Levi-Hardt  ersetzt,  der  allenfalls  einen
Haueschlüssel  von  einem  Vieolinschlüssel  unterscheiden  kann,
und  der  ach  so  reiche  Staat  Sachsen-Weimar  muß  nun  die
Gehälter  für  beide  bezahlen,  denn  Schirach  hatte  noch  seinen

228
        <pb n="231" />
        Vertrag.  Man  läßt  sich  die  Sache,  wenn  nur  die  eigenen
Leute  dafür  an  die  Krippe  kommen,  gerne  das  Geld  der
Steuerzabler  kosten.  Die  Regierung  Erzberger-Bauer  bringt
also  ein  Gesetz  ein,  wonach  sämtlichen  Regierungsbeamten  im
Reiche,  die  über  65  ZJahre  alt  sind,  dann  aber  auch  allen
jüngeren,  die  nicht  republikanisch  gesinnt  sind,  nahegelegt
wird,  sich  jetzt  pensionieren  zu  lassen.  Man  verspricht  ihnen,
wenn  sie  so  den  Platz  für  andere  freimachen,  großmütig  10  v.  H.
Zuschlag  zu  ihrem  Ruhegehalt,  und  man  wickelt  sie  bis  an
den  Hals  in  Phrasenwolle  ein:  Erzberger  tut  so,  als  handele
die  Regierung  aus  zarter  Rücksichtnahme  auf  die  Meinungsfreiheit,
  während  sie  in  der  Tat  nur  das  Recht  der  Beamten,
lebenslänglich  angestellt  zu  sein,  mit  Füßen  tritt.  Auch  tue,
so  meint  er,  eine  Verjüngung  des  Beamtenkörpers  dringend
not.  Wenn  so  etwas  unter  dem  „alten  Regime“,  wo  wir  noch
im  Golde  schwammen,  gesagt  worden  wäre,  so  hätte  sich  wilde
Entrüstung  gegen  das  „Anschwellen  des  Pensionsfonds“  geäußert.
  Heute  aber,  wo  wir  in  ärgsten  Finanznöten  leben,
kann  man  ungezählte  Millionen  der  Steuerzahler  hinauswerfen.
  Die  Berschleuderung  der  öffentlichen  Gelder  nimmt
immer  ungeheuerlichere  Formen  an.  Sind  die  Beamten  aber
erst  einmal  verabschiedet,  dann  gewährleistet  ihnen  niemand,
daß  sie  das  Ruhegehalt  auch  tatsächlich  dauernd  erhalten,  denn
da  hat  noch  die  Entente  ein  Wörtchen  mitzusprechen;  und
Herr  Erzberger  wird  nötigenfalle  lediglich  bedauernd  die
Achseln  zucken  und  sagen,  an  ihm  läge  es  nicht.

Wie  die  Beamtenvorlage,  so  geht  auch  das  Gesetz  über  die
Entschädigung  der  aktiven  Offiziere,  Unteroffiziere  und  Kapitulanten
  zur  weiteren  Behandlung  nach  der  Beratung  im
Plenum  an  den  Ausschuß.  Hier  handelt  es  sich  freilich  nicht
um  Vergrößerung  der  Staatskrippe,  sondern  bereits  um  ihre
Verkleinerung  auf  Befehl  der  Entente.  Unsere  gesamte  deutsche
  Armee  wird  kleiner  sein  als  allein  die  französische  Be

220
        <pb n="232" />
        satzung  von  Elsaß-Lothringen;  von  51  Friedenedivisionen
kommen  wir  auf  7  herunter;  an  Stelle  des  Volksheeres  behalten
  wir  nur  eine  Leibgarde  für  die  regierenden  Reichsverderber.
  Es  gehört  zu  der  bittersten  Neige  in  unserem  Leidenskelch,
  jetzt  zu  sehen,  wie  innerhalb  des  Offizierkorps  auch
die  alte  Kameradschaft  zum  Henker  geht  und  jedermann  seine
Ellenbogen  benutzt,  um  zu  den  4000  zu  gehören,  die  eine  Brotstelle
  in  dieser  Leibgarde  finden  sollen,  und  nicht  zu  den  nahezu
17  000,  die  nun  noch  pensioniert  werden  müssen.  Jede
Schmach,  die  wir  erlebt  haben,  wird  tatsächlich  noch  überboten.
Die  Regierung  sagt,  sie  wolle  für  das  verkleinerte  „Heer“  nur
die  tüchtigsten  Offiziere  zurückbehalten.  Hört  sie  nicht  das
Hohngelächter  in  der  ganzen  gebildeten  Welt?  Berschwinden
werden  natürlich  alle  Königstreuen  und,  wir  scheuen  das
Wort  nicht,  alle  Charaktervollen.  Man  setzt  sie  nicht  glatt  auf
die  Straße,  denn  sie  haben  doch  ihre  wohlerworbenen  Rechte,
haben  den  Anspruch  darauf,  so  lange  mit  vollem  Gehalt  verbraucht
  zu  werden,  als  sie  körperlich  und  geistig  ihren  Posten
ausfüllen.  Nun  entläßt  man  sie  mit  einer  in  den  ersten  Fahren
etwas  aufgebesserten  Pension,  und  auch  diese  „Wohltat“
kommt  nur  den  älteren  zugute,  die  schon  längere  Zeit  Offizier
sind.  Der  Abbruchsminister  Reinhardt  findet  schöne  Worte
für  die  Pflichttreue  der  Ausgestoßenen,  Worte,  durch  die  auch
die  vaterländisch  denkenden  Abgeordneten  sich  zu  Beifall  einfangen
  lassen,  vergißt  aber  nicht  die  übliche  Verbeugung  vor
dem  neuen  Regime,  dem  er  dient.  Es  kann  einem  schlecht
werden,  wenn  man  diesen  ehemals  königlich  württembergischen
Offizier,  den  Landsmann  des  Revolutionsgenerals  Groener
unseligen  Novembergedenkens,  schmalzig  von  dem  „kühnen
Gedanken“  reden  hört,  daß  das  deutsche  Volk  jetzt  „in  freiheitlicher
  sozialer  Betätigung  eine  neue  Höchstleistung  unter
den  Kulturvölkern  aufstellen  will,  an  deren  Spitze  es  sich  bisber
  in  kriegerischen  Leistungen  befunden  hatte“.  Die  Unab

230
        <pb n="233" />
        hängigen  sind  natürlich  nicht  einmal  mit  der  Ausschũttung  der
beantragten  Bettelgroschen  an  Offiziere  und  Kapitulanten
einverstanden.  Zwischen  ihnen  und  Noske  entspinnt  sich  die
gewöhnliche  Unterhaltung  im  derbsten  Beschimpfen.  Wenn
der  Reichswehrminister,  diese  an  sich  kantige  Figur  eines
ehemaligen  Holzarbeiters  von  Hodlerschem  Zuschnitt,  das  Wort
ergreift,  so  fliegen  die  Späne,  das  ist  wahr.  Er  spricht  von
verbrecherischem  Treiben,  Gemeinheit,  Niederträchtigkeit,
niederträchtiger  Schandwirtschaft  und  Lüge,  die  Unabhängigen
erwidern  unter  ungeheurem  Lärm  mit  Mörder,  Schwindler,
Lump,  unverschämter  Patron:  kurz,  es  ist  ein  Pandämonium
neudeutscher  guter  Sitte,  in  dem  unser  altes  Heer  zu  Grabe
getrommelt  und  gepfiffen  wird.  Der  alte  Fritz  spuckt  verächtlich
  Sternschnuppen  vom  Himmel;  und  der  Große  Kurfürst,
  dem  das  heutige  deutsche  Volk  Ubelkeit  erregt,  will  seine
Aufnahme  in  den  polnischen  Untertanenverband  beantragen.

Bis  zum  Räteparagraphen

Weimar,  21.  Juli

Im  Parlament  pflegen  die  Montagesitzungen  besonders
sanft  und  schläfrig  zu  verlaufen.  Es  sind  nur  kleine  Grüppchen
  im  Saale  anwesend,  der  Beifall  ist  dünn,  der  Widerspruch
  ist  dünn,  die  meisten  Herren  verdauen  noch  den  Sonntag.
  Auch  heute  wird  der  letzte  große  Abschnitt  des  Verfassungsentwurfs
  über  das  Wirtschaftsleben,  dem  dann  nur
noch  die  Ubergangebestimmungen  folgen,  zunächst  in  der
bekannten  Montagsmanier  behandelt.  Einmal  wird  sogar
die  Aufforderung  des  amtierenden  Bizepräsidenten  Haußmann
  zu  einer  Abstimmung  überhört.  Er  muß  den  Unab

231
        <pb n="234" />
        hängigen  erst  wiederholt  zuwinken,  daß  sie  doch  für  ihren
eigenen  Antrag  sich  erheben  möchten,  bis  sie  endlich  aus  ihren
Träumen  auffahren.  Kein  gellender  Zwischenruf  kommt  von
dem  Platze  der  Frau  Zietz,  selbst  dann  nicht,  als  der  deutschnationale
  Abgeordnete  Dr.  Philipp  den  Abschnitt  über  das
Wirtschaftsleben  einen  „russischen  Salat  mit  Erfurter  Aromatique“
  nennt;  und  als  ein  Mehrheitesozialist  den  eigentlich
  von  ihm  gemeinten  Ausdruck  Ochse  dadurch  parlamentarisiert,
  daß  er  von  der  „rindsledernen  Hirnrinde"“  des  unabhängigen
  Abgeordneten  Henke  spricht,  gibt  es  auch  nur  kurzfristige
  Heiterkeit.  Man  ist  beinahe  elegisch  gestimmt.  Das  in
14  Artikeln  geordnete  neudeutsche  Wirtschaftsleben  sieht  ja
auch  gar  zu  gerupft  aus.  Nachsätze  heben  die  Vordersätze
wieder  auf.  Kurz  gefaßt  beispielsweise  so:  „Das  Eigentum
ist  beilig;  aber  der  Staat  kann  es  wegnehmen.“  Vom  MWirtschaftsleben
  ist  im  übrigen  in  dem  ganzen  Albschnitt  sehr
wenig  die  Rede,  vielmehr  in  der  Hauptsache  von  den  Grundrechten
  der  Arbeiter.  Hier  haben  Zentrum  und  Sozialdemo--kratie
  gemeinsam  in  sozialen  Richtlinien  geschwelgt.  Hie
und  da  versucht  die  Opposition  die  fahrlässige  Arbeit  bei  der
Zusammenstellung  des  Beschlagnahme-  und  Sozialisierungeprogramms
  zu  verbessern.  So  warnt  der  Abgeordnete
Dr.  Becker  (Oeutsche  Volkspartei)  vor  der  glatten  Auflösung
der  Fideikommisse  in  §&amp;amp;  152,  da  dies  auch  nationale  Dotationen
und  gebundene  Kunstschätze  träfe,  die  dann  sehr  bald  an  das
Aueland  versilbert  werden  würden.  Aber  man  will  sich  nicht
belehren  lassen,  am  allerwenigsten  Montags.  Die  Debatte
rieselt  weiter,  ein  Artikel  nach  dem  andern  wird  angenommen.
Hat  bis  hierher  die  Verfassung  nur  erkennen  lassen,  daß  wir
in  einer  demokratischen  Republik  leben,  so  weist  dieser  letzte
Abschnitt  unverkennbar  darauf  hin,  daß  wir  in  eine  sozialstische
  Republik  hineinwachsen.

Den  Unabhängigen  genügt  auch  das  noch  nicht,  denn  sie

232
        <pb n="235" />
        pfeifen  auf  Demokratie  und  Sozialismus  und  wünschen  einen
Klassenstaat  aufzurichten,  in  dem  die  gesamte  Gewalt  nicht
beim  Volke  liegt,  auch  nicht  einmal  bei  den  Arbeitern  insgesamt,
  sondern  nur  bei  einem  ganz  bestimmten  Teile  des
Proletariats,  bei  den  kommunistisch-bolschewistisch  gerichteten
Knallroten.  Der  Paragraph  162,  der  letzte  des  Abschnitts
über  das  Wirtschaftsleben,  enthält  die  Zugeständnisse,  die  die
schwarz-rote  Mehrheit  dem  „Rätegedanken“  dieser  Leute  gemacht
  hat.  Das  ist  noch  nicht  ganz  das,  was  die  Haase,  Henke,
Cohn  sich  wünschen.  #ber  es  ist  doch  ein  neues  Arbeiterparlament
  neben  und  vielleicht  bald  über  dem  Reichstag.
Mit  einigem  Unbehagen  wittern  die  Demokraten,  für  die
am  klarsten  und  besten  ihr  rheinischer  Arbeitersekretär  Erkelenz
spricht,  die  Kirchhofsluft,  die  aus  dem  Räteparagraphen  sie
anweht;  die  Räte  können  die  Totengräber  des  Parlamentarismus
  werden.  Aber  Erkelenz  beherzigt  die  Erklärung  des
achten  Gebots  und  versucht,  alles  zum  Besten  zu  kehren.
Sicherlich  zum  Erstaunen  der  breiteren  Offentlichkeit,  soweit
sie  von  den  staatspolitischen  Grundsätzen  der  Rechten  nichts
weiß,  hält  es  der  Abgeordnete  Dr.  v.  ODelbrück  für  möglich,
daß  der  russische,  durchaus  kulturzerstörende  Gedanke  des
Rätesystems,  wenn  er  nur  gründlich  deutsch  gefärbt  wird,
une  die  Erlösung  von  manchem  Übel  dee  heutigen  Parlamentarismus
  bringen  könnte;  er  plädiert  für  eine  berufesständische
Kammer.  Es  kommen  nun  nicht  etwa  nur  die  Macher  des
Gesetzes  und  einige  wenige  Kritiker  rechts  und  links  je  einmal
zu  Wort,  sondern  fast  jeder  Anwesende  scheint  in  die  Annalen
der  Weltgeschichte  oder  wenigstens  des  stenographischen  Berichts
  kommen  zu  wollen;  der  sanfte  Montag  wächst  sich  zu
der  ersten  Nachtsitzung  dieser  Session  aus,  und  gegenwärtig,
wo  die  Uhr  bereite  auf  elf  geht,  liegen  sich  die  Generalsekretäre
sämtlicher  Angestelltenverbände,  die  in  der  Nationalversammlung
  vertreten  sind,  in  den  Haaren.  Das  feststehende  Ergeb

233
        <pb n="236" />
        nis  —  die  Abstimmung  erfolgt  morgen  —  wird  dadurch
wohl  kaum  beeinflußt.  Oie  schwarz-rote  Mehrheit  hält  durch
und  wird  ihre  schlechte  Kompromißarbeit  nicht  am  letzten
Paragraphen  scheitern  lassen.  Aber  gerade  er  wird  der
Gärungserreger  sein,  der  über  kurz  oder  lang  das  ganze
Verfassungswerk  von  innen  her  zur  Zersetzung  bringt.

Erst  die  Schande,  dann  die  Angst

Weimar,  22.  Juli

Zemehr  von  dem  gesetzgeberischen  Stoff  aufgearbeitet  wird,
desto  länger  werden  die  Gesichter  der  Regierenden.  Wenn
man  eines  schönen  Tages  fertig  ist,  was  dann?  Wenn  die
verfassunggebende  Nationalversammlung  sich  der  Neuwahl
zum  endgültigen  Reichstag  unterziehen  muß,  was  dann?
Keiner  der  politischen  Einbrecher  und  Erbschleicher  vom
9.  November,  keiner  der  Volksverräter  vom  22.  Zuni  traut
sich  mehr,  dem  Nachbarn  gerade  in  die  Augen  zu  sehen.  Man
hat  die  große  unberechenbare  Sphinx,  das  Volk,  vor  ich.
man  hat  keines  der  ewigen  Menschheitsrätsel  lösen  können,
und  nun  zittert  man  vor  dem  Tatzenschlag.  Wie,  wenn  nun
gar  der  rechtmäßige  Herr  des  Landes  aus  der  Fremde  heimkehrte?
  Den  Eintagsgötzen  von  heute  schlottern  die  Knie.

Der  Präsident  dieser  Bersammlung,  die  das  Deutsche
Reich  auf  Abbruch  an  den  Feind  verkauft  hat,  steht  offensichtlich
  schon  vor  dem  nervösen  Zusammenbruch.  Fehrenbach
ist  als  Geschäftsführer  bei  weitem  geschickter  als  der  hilflos
stammelnde  Haußmann,  dieses  bemooste  Uberbleibsel  vormärzlicher
  Kleinstaatdemokratie.  Aber  Fehrenbach  wird  —
zu  seiner  Ehre  wollen  wir  es  annehmen  —  von  einem  bösen

234
        <pb n="237" />
        Alb  gedrückt,  der  seine  eigenen  Züge  trägt  und  der  nächtelang
  seine  eigenen  Worte  vom  12.  Mai  wiederholt,  die  herrlich
  schönen  Mannesworte  auf  der  Berliner  Einspruchsversammlung
  gegen  den  Schmachfrieden.  Der  Alb  läßt  sich
nicht  abwälzen.  Er  krallt  sich  in  Fehrenbachs  Schwurhand.
Sie  ist  nicht  verdorrt,  aber  sie  hat  das  Zittern  bekommen,
und  das  merkt  man  an  derganzen  Leitung  der  Berhandlungen.

Die  heutige  hat  es  zuerst  mit  der  Debatte  und  der  Abstimmung
  über  den  zurückgestellten  Paragraphen  18  der  Verfassung
  und  die  dazugehörigen  Artikel  zu  tun,  die  eine  Zerschlagung
  Preußens  ermöglichen,  wenn  eine  geringe  Mehrheit
  eines  Landesteils  und  die  einfache  Mehrheit  des  Reichs--tags
  es  wollen,  und  die  demselben  Preußen,  das  vier  Siebentel
der  deutschen  Bevölkerung  umfaßt,  nur  zwei  Fünftel  der
deutschen  Stimmen  im  Reichsrat  zubilligen.  Dem  Reiche
kann  man  nur  über  Preußene  Leiche  an  den  Kragen.  Das
wußten  die  Feinde;  nicht  von  „Allemands“,  sondern  nur  von
„Prussiens“  ist  bei  den  Franzosen  stets  die  Rede.  Und  nur
die  Entfernung  der  Hohenzollern  hat  Wilson  verlangt.  Ee  ist
erschütternd,  daß  der  Preußenmehrheit  der  Nationalversammlung
  beute  der  sächsische  Justizminister  a.  D.  Dr.  Heinze  und
der  sächsische  Geschichtslehrer  Dr.  Philipp  erklären  müssen,
was  Deutschland  an  Preußen  hat.  Die  Hand  Fehrenbachs,
die  zitternde  Hand  des  Albgedrückten,  tastet  immer  wieder
nach  der  Glocke.  Oiese  Debatte  darf  nicht  zu  sehr  ausgedehnt
werden,  so  verlangt  es  das  böse  Gewissen  der  regierenden
Mehrheit.  Ein  Schlußantrag  wird  eingebracht,  man  stimmt
ab,  nur  eine  Minderheit  scheint  sich  dafür  zu  erheben,  aber
schon  erklärt  der  Präsident:  „Das  Bureau  des  Hauses  ist
darüber  einig,  daß  die  Mehrheit  steht.“  Wer  da  steht,  der
sehe  zu,  daß  er  nicht  falle.  Daß  Fehrenbach  das  Bureau,
nämlich  die  Schriftführer  links  und  rechts  von  ihm,  überhaupt
befragt  hätte,  haben  wir  nicht  gesehen.  ANicht  weniger  als

235
        <pb n="238" />
        zehn  Abgeordnete  beklagen  sich  über  die  nervöse  Art  dieser
Wortabschneidung,  darunter  mehrere  Mitglieder  selbst  der
Parteien,  die  den  Schlußantrag  eingebracht  haben.  Oie
Zerstückelungsparagraphen  aber  werden  angenommen.  Oas
Zentrum  hat  hbeute  schon  ganz  offen  und  ohne  Scheu  durch
seinen  Wortführer,  den  Kirchenrechtsprofessor  Kaas  aus  Trier,
von  einem  selbständigen  Rheinland  wie  von  einer  unabanderlichen
  Tatsache  sprechen  lassen.  Nur  eine  Sperrfrist  wird
ausgemacht.  Vorzwei  JLahrennach  Inkrafttreten  der  Verfassung
darf,  so  steht  es  auf  dem  Papier,  keine  Absplitterung  erfolgen.

Zurückgestellt  war  auch  der  Paragraph  164  des  Verfassungsentwurfs,
  wonach  innerhalb  der  nächsten  fünfzehn  Jahre  kein
Mitglied  eines  bisherigen  deutschen  Herrscherhauses  zum
Präsidenten  der  Republik  gewählt  werden  dürfe.  Dieses  Ausnahmegesetz
  ist  ein  geradezu  lächerliches  Angstprodukt  und
schlägt  aller  Demokratie  ins  Gesicht.  Glauben  die  Berfasser
wirklich,  durch  diesen  Papierwall  die  Weltgeschichte  aufhalten
zu  können,  wenn  einst  eine  überwältigende  Mehrheit  des
deutschen  Volkes  aus  dem  republikanischen  Elend  hinaus  will?
Glauben  sie  wirklich,  durch  einen  Paragraphen  von  1919  erreichen
  zu  können,  daß  bis  1934  die  Revolutionsschieber  und
Reichserbschleicher  vor  dem  Volksgericht  bewahrt  bleiben?
Herr  Cohn  hat  offenbar  noch  mehr  Angst  als  die  Mehrheitesozialisten.
  Er  beantragt  statt  für  fünfzehn  Jahre  gleich  für
immer  alle  Angehörigen  deutscher  Fürstengeschlechter  von
dem  passiven  Wahlrecht  in  Deutschland  auszuschließen,  und
seine  Angst  steckt  an:  die  Ler  Agnes  und  Genossen  wird
angenommen.  Der  Aueschließungsparagraph  ist  nutzlos  und
töricht,  da  eine  monarchische  Mehrheit  der  Zukunft  ihn  selbstverständlich
  ebenso  entfernen  kann,  wie  eine  republikanische
ihn  heute  eingesetzt  hat;  und  um  so  törichter,  als  es  sich  dann
überhaupt  nicht  um  Präsidentensessel,  sondern  um  Wiedererrichtung
  von  Thronen  handeln  wird.  Aber  das  böse  Ge-236
        <pb n="239" />
        wissen  verleitet  eben  zu  den  verzweifeltsten  Sprüngen.  Unsere
Republikaner  sind  ihrer  Sache  genau  so  sicher  wie  Franz
Moor  seines  erschlichenen  Erbrechts,  als  das  Dach  über  ihm
bereits  brannte.

Die  letzten  Paragraphen  der  Verfassung  werden  mitsamt
Übergangebestimmungen  angenommen,  ein  wesentlicher  Teil
der  Arbeit  dieser  Nationalversammlung  ist  geleistet.  Nur  an
den  Schluß  nicht  denken!  Nur  nicht  daran  denken!  Oie
Mehrhbeit  weiß,  daß  das  deutsche  Volk  im  Erwachen  ist,  sich
gefesselt  und  entstellt  nach  langer  Bewußtlosigkeit  vorfindet,
die  schwarz-rote  Narkose  verflucht  und  nun  die  Muskeln  strafft,
um  die  Ketten  zu  sprengen.  Da  wird  denn  noch  schnell  von
den  Zwergen,  die  den  Riesen  überwältigt  haben,  von  den
Geschäftspolitikern  eine  papierne  Siegelmarke  über  die  Fesseln
geklebt.  Sie  heißt:  Weiterbestehen  dieser  Nationalversammlung.
  Die  Opposition  von  links  und  von  rechts  stimmt  allein
dafür,  daß  bis  spätestens  zum  18.  Januar  ein  rechtmäßiger
Reichstag  gewählt  werden  soll.  Die  Scheidemann-Erzberger-Mebhrheit
  hat  sich  gedreht  und  gewunden,  bleibt  bei  dem  Antrag
  aber  sitzen  und  lacht  über  die  „Niederlage“  der  Minderheit.
  Das  Lachen  klingt  hohl.  Die  sinnlose  Angst  vor  der
Abrechnung  peitscht  die  Nerven  auf.  Gerichtete  barmen  um
Aufschub.  Auf  ihren  Stirnen  flammen  die  Brandmarken  des
9.  November  und  des  22.  Juni.

Hrogrammreden

Weimar,  23.  Juli

Zn  unserem  politischen  Leben  hat  sich  nichts  geändert.
Wir  stecken  nach  wie  vor  im  Sumpf,  ziehen  mühsam  ein  Bein

237
        <pb n="240" />
        heraus,  um  mit  dem  anderen  ebenso  tief  zu  versinken,  und
das  wiederholt  sich  in  ermüdender  Eleichförmigkeit,  während
in  der  Ferne  lockende  Frrlichter  tanzen:  Demokratie,  Sozialisierung,
  Bölkerbund,  Rätesystem  und  wie  sie  alle  heißen  mögen.
  Wir  befinden  uns  dabei  noch  in  der  besten  Zeit  unserer
Moorwanderung,  in  den  Monaten  der  füblbaren  Erleichterung,
  des  Billigerwerdens  aller  Waren;  die  Zentnerlast  der
„Wiedergutmachung“  soll  uns  ja  erst  später  auf  die  Schultern
gewälzt  werden.

Lichts  geändert  hat  sich  auch  in  der  politischen  Führerschaft
der  Nation,  nur  daß  zeitweilig  wegen  eines  kleinen  Konjunkturgewinnes
  die  bürgerlichen  Demokraten  nominell  aus
der  Firma  ausgetreten  sind.  Noch  immer  leuchtet  uns  Erzbergers
  Antlitz.  Noch  immer  bockt  David  wie  ein  verkümmerter
kleiner  Raubvogel  auf  der  Ministerbank.  Lauter  Bekannte
ringsum.  Aur  hat  der  und  jener  sich  ablösen  lassen.  Ein
paar  neue  Sozialdemokraten  sind  in  diesen  Wochen  vom
Parterre  zum  Hochsitz  emporgestiegen,  während  die  Abgelösten
  umgekehrt  ihren  Abgeordnetensitz  wieder  eingenommen
oder  mit  den  Ersparnissen  des  Ministergehalts  eine  Spritztour
  in  die  Alpen  angetreten  haben.  Das  Programm  aber
ist  das  alte  geblieben.  Geblieben  ist  auch  die  alte  Taktik,
möglichst  oft  die  parlamentarischen  Geschäfte  —  durch  Programmreden
  aufzuhalten.  Da  sie  nichts  ANeues  bringen
können,  keinerlei  Beränderung  der  Lage  oder  der  Richtlinien
anzudeuten  vermögen,  so  dienen  sie  reinen  Agitationszwecken
Heute  Hat  wieder  solch  eine  rote  Woche  begonnen.  Hie  regierende
  Mehrheit  hat  dabei  den  Vorteil,  daß  sie  mindestens
doppelt  so  häufig  zu  Worte  kommt  wie  ihre  Gegner,  denn
sie  stellt  Minister  und  Abgeordnete  zum  Turnier,  die  Gegenpartei
  nur  Abgeordnete,  und  mit  zweieinhalb  Stunden  nur
sozialdemokratischer  Fanfaren  wird  an  diesem  ersten  Tage
gleich  ordentlich  vorgelegt.

238
        <pb n="241" />
        Außerlich  wird  der  Anschein  einer  großen  Staateaktion  erweckt.
  Auf  dem  roten  Teppich  der  Regierungsestrade  wimmelt
es  von  Kommissaren,  der  ganze  Heerbann  ist  aufgebaoten.
Draußen  große  Auffahrt  der  Regierungsautos,  da  die  Talmipotentaten
  von  heute  die  paar  Minuten  vom  Schloß  zum
Landestheater  scheuen.  Und  die  sogenannten  Programmreden
verbreitet  der  offiziöse  Telegraph  im  Wortlaut,  und  im  Wortlaut
  bekommt  sie  schon  frühmorgens  jeder  Pressevertreter,
damit  nur  ja  recht  viel  Raum  in  den  Zeitungen  dafür  belegt
werden  kann.  Oie  Reden  sind  in  einer  Fraktionesitzung  der
Sozialdemokraten  durchgesprochen  und  von  der  Fraktion  genehmigt
  worden.  Dann  haben  die  Zentrumemitglieder  der
Regierung  ihr  Amen  dazu  gesagt.  Ee  sind  also  reine  Parteireden,
  nichts  weiter.  Nun  aber  soll  der  Erdball  aufborchen.
Es  ist  möglich,  daß  an  der  Pariser  Börse,  wo  man  ebensogut
Deutsch  versteht  wie  in  der  Burgstraße  zu  Berlin,  einiges
aus  diesen  Reden  ales  guter  Witz  kolportiert  werden  wird.
Auch  mag  Reuter  vielleicht  beiläufig  ein  paar  der  demütigsten
  Stellen  zitieren.  Die  Wirkung  aber  ist  gleich  Aull.
Oie  Zeiten,  wo  man  im  Auslande  die  Hand  an  die  Ohren
legte,  wenn  eine  kaiserlich  deutsche  Regierung  sprach,  sind
dabin.  «

Der  jetzt  auf  dem  Stuhle  Bismarcks  sitzt,  der  ehemalige
Bureauvorsteher  Bauer,  macht  einen  sehr  biederen  und
sympathischen  Eindruck.  Man  freut  sich  seiner  behaglichen
ostpreußischen  Mundart.  Man  dentkt  an  die  köstliche  Geschichte
  vom  Klempnermeister  Kaddereit  aus  Insterburg,  der
einen  Handwerkerverein  begründen  wollte,  wenn  Bauer  von
„Politihkern“  spricht,  die  „Angtankte“  in  „BVersalch“  erwähnt
und  dies  oder  jenes  „bejrießt“.  Man  könnte  stundenlang  so
zuhören,  nur  wird  die  Rechte  stellenweise  störend  heiter.
Oaß  Bauer  ihr  mit  stärkster  roter  Phraseologie  zuleibe  rückt,
rührt  sie  nicht  im  geringsten,  denn  er  verdirbt  die  Kraftstellen

239.
        <pb n="242" />
        durch  sein  stockendes,  mitunter  fast  buchstabierendes  Ablesen,
hat  auch  nicht  das  Alkoholikertemperament  Scheidemanne,
sondern  bleibt  im  Tone  immer  ruhig  und  breit  und  wischt
sich  nur  ständig  den  Schweiß  von  Stirn  und  Hals,  bie  zwei
Taschentücher  verbraucht  sind.  Aber  wenn  er  sagt,  er  verzichte
  darauf,  die  demokratischen  Errungenschaften  der  letzten
acht  Monate  aufzuzählen,  so  platzt  man  aus.  Und  ein  geradezu
jubelndes  „Sehr  richtig!“  nach  dem  andern  kommt  von  rechts,
wenn  er  erklärt,  jedes  Handwerk  setze  eine  Lehrzeit  voraus,
am  allermeisten  das  Regieren,  das  nicht  in  Volksversammlungen
  zu  erlernen  sei,  und  wir  müßten  wieder  Respekt  vor
Sachkenntnis  und  Erfahrung  bekommen.  Spottet  seiner  selbst,
und  weiß  nicht  wie,  der  gute  Bauer.  Im  übrigen  faßt  er  alles
in  der  einen  Rede  zusammen,  was  wir  in  diesen  Wochen  in
Dutzenden  von  Reden  bereits  gehört  haben;  man  könnte  ein
Vermögen  für  den  Nachweis  ausloben,  wo  sich  ein  einziger
neuer  Gedanke  darin  befände,  und  man  verlöre  keinen  Groschen.
Wir  müßten  arbeiten,  meint  er  zum  Schluß.  Oie  drakonischen
Bestimmungen  Lenins  gegen  das  Streiken  od#er  den  Arbeitszwang
  nach  Budapester  Muster  verwerfe  die  Reichsregierung.
Da#  unser  einziges  Zahlungsmittel  aber  die  Arbeit  sei,  müsse
der  Staat  die  Erfüllung  der  Arbeitspflicht  verlangen,  die
Lichterfüllung  verhindern,  sagt  er  wenige  Minuten  später.
So  geht  es  den  armen  Programmrednern  immer,  wenn  ihnen
in  der  Fraktionesitzung  von  verschiedenen  Seiten  verschiedene
schöne  Sätze  diktiert  werden.

Auf  die  auswärtige  Politik  geht  er  nur  mit  den  Worten
ein,  daß  ihr  höchstes  Ziel  unsere  Beteiligung  am  Völkerbund
und  seine  Ausgestaltung  sein  müsse.  Da  hatte  man  früher
andere  Ziele.  Da  ging  es  um  die  Größe  und  die  Macht  des
Vaterlandes,  um  das  Elück  und  den  Wodlstand  seiner  Bewohner.
  Das  war  einmal.  Der  neue  Leiter  unserer  Außenpolitik,
  der  junge  Mann  aus  Frankfurt  am  Main,  Herr  Müller,

240
        <pb n="243" />
        weiß  in  seiner  Rede  auch  nicht  viel  mehr  hervorzubringen.
Sie  fällt  nur  besonders  unangenehm  durch  die  larmopante
Umschmeichelung  des  „armen“  französischen  BVolkes  auf,  das
in  diesem  Kriege  „am  meisten  gelitten“  habe.  Man  hört  den
jungen  Mann  gelangweilt  und  ohne  Beifall  und  Widerspruch
an.

Wir  haben  schon  recht  erfolglose  Staatsmänner  gehabt,  besonders
  wenn  sie  Nichtfachleute  in  den  auswärtigen  Angelegenheiten
  waren:  den  Verwaltungsbeamten  Bethmann
Hollweg,  den  Pfarrer  Ancillon,  den  Hauslehrer  Bunsen.  So
etwas  gab  es  also  schon  unter  dem  alten  Spstem.  Den  kühnsten
  Versuch  erleben  wir  jetzt  mit  diesem  Herrn  Müller,  in
dessen  Selbstbiographie  im  Parlamentsalmanach  zu  lesen
steht,  daß  er  seit  seinem  fiebzehnten  Lebensjahre  der  sozialdemokratischen
  Partei  angehöre.  Wenn  die  staatspolitische
Verdummung  schon  so  früh  begonnen  hat,  muß  man  allerdings
  auf  das  Schlimmste  gefaßt  sein.  Im  übrigen  haben  wir
ja  keine  Souveränität  mehr.  Unsere  auswärtige  Politik  wird
in  Downing  Street  gemacht.  Hinter  den  Worten  auch  eines
genialen  deutschen  Politikers,  wenn  wir  einen  hätten,  stünde
keine  Macht  mehr  und  keine  Möglichkeit.  Da  mögen  die
harmlosen  Stilübungen  des  jungen  Mannes,  der  alles  von
dem  Erwachen  „des  Geistes  wahrer  Neutralität“  erhofft,  im
einzelnen  von  der  kritischen  Sonde  verschont  bleiben.

Interpellationen

Weimar,  24.  Juli

Die  Weltgeschichte,  so  hat  ein  moderner  materialistischer
Historiker  trocken  erklärt,  ist  der  Kampf  um  die  Futterplätze

Friedrich  der  Vorläufige  241  10
        <pb n="244" />
        und  den  Futteranteil.  Der  Parlamentarismus  ist  im  kleinen
dasselbe,  nur  daß  wir  hier  Parteien  statt  der  Bölker  haben.
Oie  jetzige  nationale  Opposition  ist  da  ungeheuer  im  Nachteil,
  weil  sie  das,  was  die  anderen  Fraktionen  schon  seit  Zahrzehnten
  geübt  haben,  noch  nicht  so  ganz  erfaßt  hat,  das:
„Ote  toi  que  je  m'p  mette“,  das:  Scher'  dich  weg,  jetzt  will
ich  dran!  Oer  Trick,  mit  zwei  inhaltlich  ganz  dürftigen  Reden
sich  doch  auf  ganze  Seiten  aller  deutschen  Zeitungen  zu  setzen,
ist  den  Sozialdemokraten  Bauer  und  Müller  gelungen.  Damit
  haben  sie  die  Opposition  schon  von  vornherein  sozusagen
weggequetscht.  Das  einzige  Mittel,  das  dieser  übrigbleibt,
um  gelegentlich  auch  ausführlich  zu  Worte  zu  kommen,  sich
in  der  drängenden,  schlagenden,  stoßenden  Parteiherde  bemerkbar
  zu  machen,  sind  da  die  förmlichen  Anfragen,  die
Interpellationen.

Mit  der  Aussprache  über  die  gestrigen  Programmreden  sind
die  förmlichen  Anfragen  der  Rechten  über  Planwirtschaft  und
Landarbeiterstreik  verbunden  worden  und  werden  heute  begründet.
  Aber  da  versagt  natürlich  der  offiziöse  Apparat,  der
gestern  so  fieberhaft  für  die  Verbreitung  in  der  Presse  arbeitete.
  Der  Einheitsbericht  aus  Weimar  bringt  nur  wenige
Sätze  selbst  aus  einer  so  wertvollen  Praktikerrede,  wie  sie  der
aus  der  Hamburger  Großkaufmannschaft  stammende  deutsche
Volksparteiler  Witthöft  zum  Thema  der  Planwirtschaft  hält.
Freilich,  Wissell  ist  gegangen,  die  Planwirtschaft  ist  tot,  es  if
also  eigentlich  Leichenschändung,  wenn  man  sie  noch  schlägt;
aber  dafür  können  die  Interpellanten  nicht.  Sie  haben  ihre
förmliche  Anfrage  rechtzeitig  eingehracht,  und  nur  die  Regierung,
  die  Parteiregierung,  trägt  an  der  Verschiebung  auf
den  heutigen  Tag  die  Schuld.  Witthöft  fordert  überhaupt
den  Abbau  auch  der  jetzigen  Zwangewirtschaft  und  die  Sprengung
  der  Fesseln  unseres  Auefuhrhandels.  Wir  haben,  um
nur  ein  Beispiel  anzuführen,  Millionen  von  fertigen  Spaten

242
        <pb n="245" />
        auf  Lager,  die  bei  uns  überzählig  sind  und  die  das  Ausland
gerne  kaufen  möchte,  aber  die  Ausfuhr  werde  durch  behördliche
  Rückständigkeit  unmöglich  gemacht.  Die  Zwangswirtschaft
  beschäftige  noch  heute  weit  über  100  000  Beamte,  verbindere
  aber  nicht  nur  unser  wirtschaftliches  Emporkommen,
sondern  sei  auch  ein  wahrer  Herd  der  Korruption;  in  Berlin
und  an  den  Grenzen  sei  heute  jeder  Erlaubnieschein  zu  haben,
wenn  man  ihn  sich  erkaufe  oder  erschiebe.

Vom  Regierungstisch  wird  den  Interpellanten  eine  im
allgemeinen  entgegenkommende,  im  einzelnen  ausweichende
Antwort  erteilt.  Bei  der  zweiten  förmlichen  Anfrage  der
beiden  nationalen  Parteien,  der  Interpellation  über  den
Landarbeiterstreik,  kommt  es  schon  zu  schärferen  Auseinander--setzungen.
  Bon  den  Oeutschnationalen  hat  der  Abgeordnete
Behrens  die  Begründung  übernommen,  und  das  ist  für  ihn
persönlich  sicher  kein  leichtes  Ding,  da  er  selbst  Führer  einer
Landarbeitergewerkschaft  ist,  seine  Fraktionsgenossen  aber
zum  großen  Teil  innerlich  wohl  mehr  den  Arbeitgebern  in
der  Landwirtschaft  recht  geben.  Behrens  spricht  in  würdiger
und  vermittelnder  Art.  Im  Grunde  ist  es  nach  unserer
Meinung  auf  dem  Lande  eine  reine  Kleider-  und  Stiefelfrage
  und  nicht  eine  große  politische  Bewegung,  wenn  auch
unsere  sozialdemokratische  Regierung  alles  Mögliche  getan
hat,  um  die  Arbeiter  politisch  aufzuputschen:  geht  die  jetzt
Insetzende  Berbilligung  so  weit,  daß  der  ländliche  Tagelöhner
wieder  imstande  ist,  für  seinen  Barlohn  sich  und  seine  Familie
mit  Kleidung  und  Schuhwerk  zu  versehen  und  dabei  noch
anständigen  Tabak  für  seine  Pfeife  zu  erschwingen,  dann  ist
der  Friede  auf  dem  Lande  alsbald  wiederhergestellt.  Im
übrigen  sollte  man  das  vielfach  noch  sehr  gute  Verhältnis
zwischen  Herr  und  Knecht  nicht  mit  aller  Gewalt  stören.  Die
Sozialdemokratie  denkt  darüber  freilich  anders.  Ihr  Arbeitsminister
  Schlicke  hält  in  Erwiderung  der  Interpellation  wider

243  16=
        <pb n="246" />
        die  „Agrarier“"  nach  urältestem  Muster  eine  schroffe  Hetzrede,
die  die  Leidenschaften  nur  erhitzen  kann.

ODas  ist  es  eben,  daß  wir  keine  über  den  Volksgenossen
stehende  Regierung  mehr  haben,  sondern  lediglich  Parteibeamte
  auf  Ministerstühlen.  Sie  kennen  keine  sittliche,  keine
vaterländische  Verantwortung,  sondern  nur  die  vor  der  Partei.
Gut  ist,  was  der  Partei  und  ihren  Angehörigen,  darunter
einem  selber,  nützt.  Im  übrigen  steht  man  jenseits  von  Gut
und  Böse.  Uber  dieses  Thema  wird  man  morgen  vielleicht
einiges  hören,  wo  der  Abgeordnete  v.  Graefe,  wie  es  heißt,
Herrn  Erzberger  fest  anzupacken  versuchen  will.  Das  ist  bei
diesem  gut  Eingefetteten  ein  schwieriges  Unterfangen.  Auf
das  Angebot  einer  Wette,  daß  Erzberger  in  einer  eigenen
Wasserfallrede  unter  großen  Schaumspritzern  glücklich  entwischen
  wird,  findet  man  kaum  jemand,  der  auch  nur
einen  Sechser  dagegen  riskiert.

Der  Reichsschaumschläger

Weimar,  25.  Juli

Ein  langer  Tag  im  Landestheater  zu  Weimar,  aber  dafür
auch  eine  Galavorstellung  für  Tribüne  und  Parkett.  Ein
ruhiger  und  eleganter  Fechter  von  der  Rechten  schlägt  dem
Bizekanzler  Erzberger  Schild  und  Feigenblatt  weg,  der  aber
verschwindet  alsbald  in  einer  Wolke  von  Seifenblasen  und
sprudelt  aus  dieser  Wolke  heraus  mit  der  Zungengeläufigkeit
eines  Barbiers  eine  Leoporello-Liste  herunter,  unter  der
nicht  nur  die  Rechte,  sondern  auch  unsere  ehemaligen  Fürsten
und  Heerführer  und  Staatsmänner  moralisch  erliegen  sollen.
Ooch  ach,  ein  Schauspiel  nur;  was  da  im  Bühnenglast  in

244
        <pb n="247" />
        sinnverwirrender,  fast  akrobatischer  Geschwindigkeit  sich  vollzieht,
  wird  doch  von  den  Stenogrammen  festgehalten,  kann
bei  nüchternem  Sonnenlicht  nachgeprüft  werden  und  wird
dann  den  Geschlagenen  und  sein  Gaukelspiel  enthüllt  und
nackend  zeigen.

Oer  deutschnationale  Abgeordnete  v.  Graefe,  von  Beruf
ursprünglich  Offizier  und  ODiplomat,  einer  der  begabtesten
Köpfe  in  dieser  Versammlung,  reizt  die  Masse  schon  durch
seinen  Namen.  Sie  weiß  gar  nicht,  wie  wenig  Zunker  er  ist.
Sie  weiß  nicht,  daß  er,  der  aus  einer  berühmten  Medizinerfamilie
  stammt,  die  für  ihre  Verdienste  um  die  leidende
Menschheit  geadelt  wurde,  in  Mecklenburg  Vorkämpfer  einer
modernen  Verfassung  und  des  allgemeinen  Wahlrechts  war.
Wenn  jemand  vorurteilslos  ist,  so  ist  er  es.  Aber  einen  Erzverderber
  des  Reiches  kann  er  nicht  auslassen.  Schonungelos
reißt  er  der  Republik  und  ihren  Männern  ihre  Hülle  in  Fetzen,
kein  Satz  ist  ohne  Begründung,  jeder  einzelne  ist  unangreifbar.
Mitunter  gibt  es  stürmische  Heiterkeit  in  allen  Bänken.  So
bei  der  Verlesung  folgender  Zeitungsanzeige  durch  Graefe,
die  besser  als  vieles  andere  die  heutige  Regiererei  illustriert:

„Zur  Anleitung  des  neuen  Gemeindevorstehers  wird  eine

in  ullen  Zweigen  der  Gemeindeverwaltung  erfahrene  Persönlichkeit

  auf  kürzere  Zeit  gesucht;  Kost  und  Wohnung  frei,

Gehalt  nach  Ubereinkunft.“

Aber  man  müßte  den  großen  Schaumschläger  Erzberger
schlecht  kennen,  wenn  man  glaubte,  er  ließe  sich  verblüffen.
Er  verdreht  einfach  jeden  Satz.  Wenn  Graefe  es  gegeißelt
hat,  daß  Ungelernte,  die  durch  keinerlei  Sachkenntnie  beschwert
  sind,  heute  in  alle  Staatsämter  eindringen,  so  antwortet
  Erzberger:  „Den  Hochmut  und  den  Ubermut,  mit
dem  Herr  v.  Graefe  von  dem  Drängen  Minderbemittelter
an  die  Futterkrippe  sprach,  wird  ihm  das  Volk  nicht  vergessen!“
So  macht  sich  Erzberger  immer  wieder  einen  Popanz  zurecht

245
        <pb n="248" />
        und  schlägt  diesem  Popanz  den  Seifenquast  um  die  Ohren;
mit  ungeheurer  Entrüstung  verwahrt  er  sich  beispielsweise
gegen  den  Vorwurf,  er  habe  in  österreichischem  Solde  gestanden,
  den  ihm  niemand  gemacht  hat.  Nur  das  hat  Graefe
mit  vollem  Recht  gesagt,  daß  Erzberger  so  gehandelt  habe,
als  ob  er  von  unseren  Feinden  bezahlt  würde.  Entrustet
wirft  Erzberger  sich  in  seine  Heldenbrust.  Die  deutschen  Fürsten.
hätten  sich  am  9.  November  ganz  unmännlich  benommen
(„Wer  war  es,  der  neulich  aus  Weimar  aueriß?“  ruft  hier
Abgeordneter  Dr.  Heinze  dazwischen  und  erregt  dadurch  den
Zorn  des  tapferen  Matthias),  die  deutschen  Feldherrn  und
Staatsmänner  hätten  das  Reich  schon  vorher  in  den  Abgrund.
  geführt  —  „und  wir  haben  unser  Volk  vor  einem
Sedan  bewahrt!“

Dann  steigt  endlich  die  große  Seifenblase  majestãtisch
schillernd  in  die  Lüfte:  das  sogenannte  Friedensangebot
der  Entente  vom  August  1917,  das  von  allen  Berufenen
bei  uns  niemals  als  ein  Friedensangebot  angesehen  worden
ist,  sondern  mur  als  ein  plumper  Versuch,  uns  aufs  Elatteis
zu  führen.  Die  „Enthüllung“  wirkt.  Wilde  Rufe  erschallen.
Wer  in  dieser  Versammlung  weiß  noch,  daß  Clemenceau
erklärt  hat,  niemale  habe  die  Entente  uns  ein  Frietßzensangebot
  gemacht?  Wer  denkt  noch  daran,  daß  die  Vernichtung
  Deutschlands  vom  ersten  bis  zum  letzten  Tage
das  immer  wieder  ausgesprochene  Ziel  unserer  Feinde  war?
Zetzt  stellt  Erzberger  es  so  dar,  als  hätten  wir  damals  einen
Frieden  mit  Erhaltung  nicht  nur  unserer  Landeegrenzen,
sondern  sogar  mit  besonderen  Garantien  in  Belgien  erhalten
können.  Und  niemand  ruft  „Elsaß-Lothringen!“  dazwischen.
Der  leitende  französische  Staatsmann  hat  noch  dieser  Tage
gesagt,  er  habe  49  Jahre  auf  den  Heimfall  dieser  Provinzen
gewartet.  Er  war  auch  im  August  vor  zwei  Jahren  zu  keinem
Verzicht  bereit.  Aber  Erzberger  hat  heute  einen  glänzenden

246
        <pb n="249" />
        Abgang.  Die  Mehrheit  im  Parlament  ist  wieder  einmal
glänzend  eingeseift.

Die  Mehrheit  im  Volke  aber  wird  bei  den  nächsten  Wahlen
beweisen  können,  daß  sie  nicht  zu  diesen  Dummen  gehört.
Zetzt  mag  Erzberger  uns  vorreden,  der  Krieg  wäre  schon  im
Herbst  1914  verloren  gewesen,  und  er  habe  als  Reichsretter
das  erkannt,  nachdem  er  kurz  zuvor  noch  Lberannexionist
gewesen.  Das  ist  genau  so  unwahr,  wie  alles,  was  die  Republik
  uns  an  Geschichtsklitterung  zu  bieten  wagt.  Vor  dem
Marineausschuß  des  Parlaments  in  Washington  hat  der  Chef
der  amerikanischen  Hochseeflotte,  Admiral  Rodman,  dienstlich
erklärt:  „Hätte  der  Krieg  sechs  Monate  länger  gedauert,  so
wären  die  Oeutschen  Sieger  geblieben.“  Und  noch  am
12.  JZanuar  dieses  Jahres  hat  Churchill,  der  frühere  Chef  der
englischen  Admiralität,  geschrieben:  „Nur  ein  wenig  mehr,
und  der  Unterseebootkrieg  hätte  uns  alle  durch  Hunger  zu
unbedingter  Übergabe  gezwungen.“  Has  ist  die  Wahrheit.
Oaß  unser  Sieg  aber  sabotiert  wurde,  das  haben  wir  nicht
nur  der  Wühlerei  der  Sozialdemokratie  im  Heere  seit  Januar
1917  zu  verdanken,  sondern  vor  allem  einem  Manne:  Erzberger!


In  jenem  Zahre  drangen  zu  uns  an  die  Front  zuerst  Gerüchte,
  dann  Briefe  aus  der  Heimat:  Wir  seien  verloren.
Man  könne  nicht  alles  sagen,  aber  Erzberger  habe  es  gesagt,
vertraulich  in  Frankfurt  am  Main,  und  jetzt  kursiere  die  Gewißheit
  in  ganz  Deutschland.  Immer  wieder  berief  man  sich
auf  Erzberger.  Männer  aller  Parteien,  Mütter,  Gattinnen,
Kinder  erzählten  von  der  Panik.  Freunde  aus  neutralen
Ländern  fragten  besorgt  bei  uns  an.

Das  wurde  uns  im  Felde  zu  dumm.  Wir  hatten  nur  eine
einzige  Antwort:  wir  schlugen  den  Feind.  Noch  im  Sommer
1918  erfochten  wir  Siege,  die  beispiellos  in  der  Weltgeschichte
dastehen.  Dann  kam  der  Zusammenbruch.  Der  Mann  aber,

247
        <pb n="250" />
        der  an  ihm  die  Schuld  trägt,  der  daran  schuld  ist,  daß  die
Heimat  versagte,  der  versucht  jetzt  seinen  Hals  aus  der  Schlinge
zu  ziehen.

Niedriger  hängen!

Weimar,  26.  Zuli

Noch  reiben  sich  etliche,  wenn  wir  das  gestrige  Bild  beibehalten
  wollen,  den  Seifenschaum  aus  den  Augen.  Es
pflegt  ja  immer  einige  Tage  zu  dauern,  bis  allen  Berdutzten
klargeworden  ist,  wie  wenig  von  einer  Erzberger-Rede  haltbar
  ist.  Die  Regierenden  wollen  diese  Zeit  noch  schnell  ausnutzen.
  Sie  bringen  den  Antrag  ein,  daß  die  Enthüllungerede
auf  Reichskosten  im  deutschen  Volke  verbreitet  werden  solle.
Das  beißt  natürlich  auf  Kosten  aller  Steuerzahler.  Die  Mehrbeit
  ist  also  schamlos  genug,  auch  von  den  Millionen  ODeutscher
der  nationalen  Minderheit  das  Geld  dafür  einzuziehen,  daß
die  Rede  eines  Parteigegners,  die  sie  beschimpft  und  die  von
erweislichen  Unwahrheiten  strotzt,  in  Riesenauflagen  gedruckt
und  verteilt  wird.  Wie  gewaltig  muß  die  Angst  von  der  im
Volke  aufdämmernden  Erkenntnis  sein,  daß  man  zu  solchen
Mitteln  der  Beeinflussung  sogar  mit  erpreßten  Geldern
  greift!  Dagegen  war  ja  der  sogenannte  Reptilienfonds
Bismarcke  beinahe  ein  Muster  politischer  Reinlichkeit.  Ees  ist
in  der  Offentlichkeit  wenig  bekannt,  wie  sehr  sich  im  Kriege
gerade  Erzbergers  Reptilienzucht  entwickelt  hat.  Er  bot  sich
sofort  im  August  1914  als  Fachmann  für  öffentliche  Meinung
im  Zn-  und  Auslande  der  Regierung  an,  organisierte  den
Betrieb  unter  Inanspruchnahme  von  Herren  des  Auswärtigen
  und  des  Reichsmarineamts,  erhielt  Millionen  von

248
        <pb n="251" />
        Mark  zu  freier  Verfügung  und  besoldete  damit  eine  Unzahl
von  Federn  aller  Parteien,.  Biele  der  „nationalistischen“
oder  „alldeutschen“  Artikel,  die  er  jetzt  als  tief  unsittlich  brandmarkt,
  sind  auf  Erzbergers  Bestellung  geschrieben  und  untergebracht,
  aus  öffentlichen  Mitteln  bezahlt  worden.  Viele
wurden  auch  bezahlt,  ohne  abgedruckt  zu  werden,  so  daß  eine
große  Erzberger-Klientel  entstand,  eine  Leibgarde  seiner
Pensionäre;  nebenbei  gab  es  noch  andere  Vorteile,  denn  wer
von  Erzberger  verpflichtet  wurde,  der  war  selbstverständlich
„unabkömmlich“  für  den  Schützengraben  und  verblieb  in
sicherem  Port.

Erzberger  besaß  also  schon  damals  eine  ungeheure  Machtstellung
  in  der  Welt  des  bedruckten  Papiers.  Innerhalb  seiner
Partei,  wo  manch  einer  in  dem  Gefühl,  sauber  bleiben  zu
wollen,  sich  von  ihm  zurückgezogen  hatte,  war  er  trotzdem
noch  früher  zum  Alleinherrscher  geworden,  weil  er  die  Presse
der  Partei  beherrschte;  die  gewandt  geschriebene  Erzbergersche
Leitartikel-Korrespondenz  für  katholische  Blätter  hatte  sich
schon  vor  Jahren  durchgesetzt.  Fetzt  endlich  hut  dieser  geschickteste
  aller  Reklamechefs  das  Höchste  erreicht,  was  in  seiner
Branche  möglich  ist:  das  ganze  deutsche  VBolk  muß  es  bezahlen,
  daß  jedem  einzelnen  Reichsangehörigen  eine  der
leichtfertigsten  Reden  Erzbergers  amtlich  zugänglich  gemacht
wird.  Der  Volksparteiler  Dr.  Hugo  schlägt  heute  in  außer--ordentlich
  maßvollen  Ausführungen  vor,  daß  man,  wenn  man
der  Wahrheit  dienen  wolle,  wenigstens  beide  Seiten  zu  Worte
kommen  lassen  solle,  also  auch  Graefes  Rede  überall  anschlagen
  müsse.  Da  wären  wir  schön  dumm,  denkt  wohl
Erzberger;  der  Mehrheit  ist  es  nicht  um  Wahrheit  zu  tun,
sondern  um  Ai#ederknüppelung  der  Wahrheit,  um  ein  brutales
Sichdurchsetzen,  um  die  Macht  über  alle  Gemüter.  Darin
sehen  die  Leute  ihre  einzige  Rettung.  Hätten  sie  ein  gutes
Gewissen,  so  müßten  sie  der  Anregung  Hugos  folgen  und  dem

249
        <pb n="252" />
        deutschen  Volke,  dem  sie  doch  bis  zu  den  zwanzigjährigen
jungen  Mädchen  herab  politische  Reife  und  Urteilskraft  zuerkannt
  haben,  das  eigene  Urteil  über  beide  Reden  ermöglichen.
  Das  fällt  ihnen  nicht  im  Traume  ein.  Die  republikanische
  Meinungefreiheit  besteht  im  Nundtotmachen
der  Gegner.

Oie  gestern  so  erregte  Debatte  ist  durch  Dr.  Hugo,  der  ein
Gelöbnis  zur  Mitarbeit  an  der  Gesetzgebung  ablegt,  in  ein
ruhigeres  Fahrwasser  gekommen,  spielt  sich  zumeist  vor  fast
leerem  Hause  ab.  Aur  das  stets  in  alter  Form  erneute  Wortgefecht
  zwischen  Haase  und  Noske  bringt  den  üblichen  wüsten
Skandal.  Oer  radikale  Bauernbündler  Eisenberger  aus
Bayern  verbreitet  demgegenüber  fast  eine  Atmosphäre  der
Behaglichkeit  im  Hause,  obwohl  er  manche  brandrote  AÄuße--rung
  von  sich  gibt"  man  wird  durch  die  kleinen  Treuherzigkeiten
  dieses  trachtechten  Simplizissimus-Modells  besänftigt
und  erheitert.  Nach  einem  welfischen  Zwischenakt  schließt  der
Tag  mit  einer  meilenlangen  Rede  des  Sozialdemokraten
Wels  und  kehrt  gleichzeitig  zum  Ausgangspunkt  zurück:
satt  und  weltzufrieden  tritt  Wels  die  „Erfolge“  Erzbergers
breit,  dieses  neuen  Vorkämpfers  der  Sozialdemokratie,  der
ja  auch  ganz  ihre  Methoden  übernommen  hat.  So  wie  früher
die  Leute  Bebels  und  Singers,  Scheidemanns  und  Liebknechts
  ihre  Enthüllungen  über  Krupp  und  anderes,  die  sich
später  als  Schwindel  erwiesen,  auf  allen  Straßen  ausbrüllen
ließen,  so  arbeitet  jetzt  Erzberger.  Der  enthüllende  Erzberger.
Der  enthüllte  Erzberger.  Es  gibt  Spekulanten  in  allerlei
Dingen.  Er  aber  hat  sich  das  einträglichste  erwählt.  Er
spekuliert  auf  die  Dummheit.  Zunächst  auf  die  im  Parlament.
Nun  soll  aber  nach  dem  Parlament  auch  noch  die  gesamte
  Nation  Herrn  Erzbergers  Meinungsfabrit  zugeführt
werden.
        <pb n="253" />
        Kampf

Weimar,  28.  Juli

Seit  Kain  den  Abel  erschlug,  seit  dem  ältesten  Kampf,  von
dem  die  Uberlieferung  erzählt,  hat  es  immer  nur  Sieg  oder
Niederlage  gegeben,  sobald  die  Keule  wuchtete.  Manchmal
sind  auch  beide  Gegner  verröchelt.  Aber  niemale,  soweit  wir
überhaupt  die  Weltgeschichte  kennen,  hat  es  als  Kriegsschluß
einen  Verständigungsfrieden  gegeben,  ein  Auseinandergeben
beider  ohne  Buße  des  Besiegten.  Politische  Gaukler  reden  seit
vier  Jahren  unserem  Volke  vor,  wir  hätten  einen  Verständigungefrieden
  haben  können.  Es  fehblt  dafür  jeder  Nachweies.
Er  ist  ebenso  unmöglich,  wie  der  Nachweis,  daß  es  weiße
Rappen  oder  schwarze  Schimmel  gäbe.  Wir  mußten  siegen
oder  untergehen.

ODas  Hhaben  Ludendorff  und  Tirpitz,  die  der  sozialdemokratische
  Außenminister  Müller  heute  die  größten  Verderber
des  deutschen  Volkes  zu  nennen  wagt,  gewußt.  Das  hat
Hindenburg  gewußt,  der  immer  wieder  davor  warnen  mußte,
daß  wir  die  Nerven  verlören.  ODas  haben  alle  nationalen
Politiker  gewußt,  und  zwar  schon  vor  dem  Kriege,  während
die  Bethmann-Partei,  schon  damals  von  Bölkerversöhnung
berauscht,  dem  Chef  der  Operationsabteilung  im  Großen
Generalstab,  Ludendorff,  im  Jahre  1912  die  drei  Armeekorps
  nicht  bewilligen  wollte,  die  uns  dann  an  der  Marne
fehlten;  und  das  ist  es,  was  zur  Verlängerung  des
Krieges  und  schließlich  zu  seinem  Verlust  geführt
hat.  Während  des  Krieges  kam  ein  zweites  hinzu,  die  Unterwühlung
  des  Heeres  durch  die  Sozialdemokratie,  deren  Revolution
  nicht  erst  im  November  1918,  sondern  im  Zanuar
1917  begonnen  hatte,  und  die  Unterwühlung  der  Heimat

251
        <pb n="254" />
        durch  den  Allerweltsjournalisten  Erzberger,  der  ebenso
leichtfertig,  wie  er  anfangs  die  Annexion  der  halben  Welt
gepredigt  hatte,  nun  in  das  Gegenteil  umschlug  und  durch
tausend  Kanäle,  die  ihm  zur  Verfügung  standen,  das  Giftgas
  der  Mutlosigkeit  über  die  deutschen  Gaue  strömen  ließ.

Wenn  jemand  vor  den  Staatsgerichtshof  gehört  und  nicht
nur  vor  ihn,  der  ja  nur  moralisch  verurteilt,  sondern  vor  das
Reichsgericht  in  Leipzig,  das  die  Todesstrase  über  Landesverräter
  fällen  kann,  so  sind  es  Scheidemann  und  Erzberger.

Das  ist  es,  was  jetzt  zu  sagen  nottut.  Das  ist  es,  was  auch
ihr  Gewissen  unseren  Oefaitisten  in  die  Ohren  schreit,  und
nur  in  ihrer  Angst  greifen  sie  zur  „Haltet  den  Dieb“-Taktik
und  versuchen  das  deutsche  Volk  gegen  diejenigen  aufzuhetzen,
die  es  zum  Siege  statt  zum  Untergang  führen  wollten.  Auch
die  Rede  des  Abgeordneten  Schulz  von  den  Oeutschnationalen
ist  viel  zu  milde  gegen  unsere  Reichsverderber,  wird  in  Abwehrstellung
  gehalten,  wo  die  Weltgeschichte  Angriff  erwartet.
Alles  draußen  im  Lande,  was  nicht  zur  regierenden  Mehrbeit
gehört,  nicht  zu  der  Jammerpolitik  von  heute  schwört,  alles,
was  noch  an  deutscher  Größe  hängt,  das  dürstet  nach  Rechenschaft
  in  unserem  unsäglichen  Elend.  Das  wissen  die  Leute,
die  sich  heute  Minister  nennen.  Gleich  ihrer  dreie  treten  diesmal
  auf,  um  mit  ihren  neuen  „Enthüllungen“  den  Schrei
der  zugrundegerichteten  Nation  zu  ersticken.

Aus  den  verlesenen  englischen  Aktenstücken  und  Reden  geht
zweifelsfrei  hervor,  daß  die  Ententeniemals  an  einen
Verständigungsfrieden  gedacht  oder  ihn  uns  gar
angeboten  hat.  Sie  hat  lediglich,  als  der  Papst  sich  um
einen  Frieden  bemühte,  verlangt,  Deutschland  solle  erklären,
wie  es  über  seine  Buße  und  Wiedergutmachung  denke,  und
zwar  überall,  nicht  nur  in  Belgien.  Sie  hat  auch  den  spanischen
  Vermittlungsversuch,  um  den  wir  gebeten  hatten,
lediglich  und  ganz  kurz  damit  beantwortet,  daß  sie  bereit  sei,

252
        <pb n="255" />
        unsere  Mitteilungen  entgegenzunehmen.  Sie  hat  durch  den
Mund  des  leitenden  englischen  Staatsmannes  erklären  lassen,
sie  lasse  sich  nicht  durch  uns  zu  Friedenserörterungen  „verleiten“;
  nur'  wir  sollten  auf  dieses  Glatteis  gehen  und  uns
immer  mehr  schwächen,  immer  mehr  vom  Gedanken  des  Ourchhaltens
  entwöhnen.  Sie  hat  jede  Annäherung  auedrücklich  abgelehnt,
  weil  „die  Zeit  für  sie  arbeite“,  und  hat  rücksichtslos  alles
auf  Sieg  eingestellt.  Als  der  deutsche  Reichstag  seine  Friedensresolution
  gefaßt  hatte,  also  im  Zuli  1917,  erklärten  die
Engländer,  jeglicher  Verhandlung  mit  uns  müsse  die  Zurückziehung
  unserer  Truppen  über  den  Rhein  vorangehen.

Erzbergers  Behauptung,  uns  sei  ein  Verständigungefrieden
geboten,  von  der  Regierung  aber  abgelehnt  worden,  ist  also
erweislich  unwahr.

Seine  Behauptung,  die  deutsche  Regierung  habe  das  Angebot
  „vier  Wochen  lang  einfach  liegengelassen“,  ist  es  ebenfalls;
  es  hat  sich  nur  um  neunzehn  Tage  gehandelt,  und  dazwischen
  lagen  der  Kronrat  und  die  dazu  nötigen  Vereinbarungen
  mit  den  führenden  Männern.

A#ANuch  hat  dieselbe  Regierung,  der  er  leichtfertige  Ablehnung
der  Friedenemöglichkeiten  vorwirft,  schon  vor  dem  5.  September,
  an  dem  der  Brief  des  NRunzius  eintraf,  von  sich  aus
in  Madrid  über  den  Frieden  sondieren  lassen.

Ein  Vorwurf  Erzbergers  nach  dem  andern  erweist  sich  als
unwahr,  zum  großen  Teil  durch  die  Schriftstücke  selbst,
die  sein  Kollege  Müller  verliest,  aber  Erzberger  nickt
fortgesetzt  während  der  Verlesung,  um  dem  Publikum  zu
suggerieren,  jede  seiner  Behauptungen  werde  durch  Müller
bestätigt.  Er  selber  sagt  dies  nachher  auch  noch.  Er  hält  jeden
Satz  aufrecht,  ein  ungebrochener  Mann,  ein  Mann  mit  eiserner
Stirn,  von  der  jeder  moralisch  vernichtende  Schlag  abprallt
wie  Erbsen  von  der  Wand.  Er,  der  mit  seinem  Herzog  von
Urach  in  Litauen  hausieren  ging,  er,  der  große  Königmacher,

253
        <pb n="256" />
        beschimpft  die  deutschen  Fürsten,  die  in  den  Randstaaten  des
Ostens  Familienpolitik  getrieben  hätten,  während  noch  das
Blut  in  Strömen  floß.  Er,  dem  der  ANunzius  in  München
mit  Bezug  auf  den  Friedensbriefwechsel,  wie  Erzberger  selbst
am  Freitag  erzählte,  gesagt  haben  soll:  „Nun  ist  Ihr  armes
Vaterland  verloren  !“,  will  von  dem  Inhalt  der  Briefe  nichts
gewußt  haben.  Er,  unter  dessen  ständigen  Kassandrarufen
seit  1917  unser  Bolk  nervös  zusammengebrochen  ist  und  seinen
Siegeswillen,  seinen  Sieg,  seine  Gegenwart  und  Zukunft
verloren  hat,  belfert  gegen  die  nationalen  Parteien,  die  an
dem  ganzen  Unglück  schuld  seien.

Hier  ist  kein  Verständigungefriede  möglich,  ebensowenig
wie  zwischen  Bölkern  im  Kriege.  Der  Kampf  muß  durchgefochten
  werden.  Der  sozialdemokratische  Minister  Bauer,  der
anscheinend  von  Erzberger  gelernt  hat,  stellt  es  so  dar,  als
habe  die  Rechte  diesen  inneren  Streit  begonnen.  Er  spekuliert
auf  das  kurze  Gedächtnis  der  Mitwelt.  Er  meint  wohl,  sie
wisse  nicht  mehr,  daß  die  Nationalversammlung  gleich  zu
Beginn  im  Februar  durch  die  wüsten  Angriffe  Davids,  Eberts,
Scheidemanns  gegen  das  alte  System,  gegen  die  Monarchie,
gegen  die  Rechte  eingeleitet  wurde.  Kaum  ein  Tag  ist  vergangen,
  an  dem  nicht  während  dieser  Session  von  der  „verbrecherischen“
  Schuld  unserer  Fürsten,  Feldherrn,  Staatemänner
  und  nationalen  Politiker  von  der  Regierungsbank
aus  gesprochen  worden  wäre.

Auch  ein  ehemaliger  Minister,  Gothein,  dessen  Regentenfreude
  freilich  nur  ein  kurzer  Frühlingstraum  war,  paukt  auf
die  Monarchie  los.  Man  wird  es  sich  merken  müssen,  was
der  Abgeordnete  Gothein  als  offizieller  Fraktionsredner
  der  demokratischen  Partei  unter  deren  einmütigem
  und  lebhaftem  „Bravo“  heute  gesagt  hat:

„Oie  Erkenntnis  der  Schuld  der  Monarchie,  nicht  nur
das  Anerkennen  des  nun  einmal  durch  die  Revolution

254
        <pb n="257" />
        Geschaffenen,  macht  uns  zu  den  entschiedensten  Verteidigern
  der  neugeschaffenen  republikanischen  Staatsord--nung.“


Die  „Enthüllungen“,  die  Bauer  heute  beiträgt  und  die  anscheinend
  in  der  nächsten  Zeit  nicht  abreißen  sollen,  bringen
keinerlei  Mitteilung  zu  dem  Thema,  das  Erzberger  angeschlagen
  hat:  von  der  schuldhaften  Versäumnis  der  kaiserlichen
Regierung.  Sie  enthalten  lediglich  Gutachten  Hindenburgs
  und  Ludendorffs  über  militärische  und  wirtschaftliche
Notwendigkeiten  in  Belgien.  Oergleichen  Gutachten  sind
während  des  Krieges  in  Mengen  auf  unserer  und  feindlicher
Seite  verfaßt  worden.  Eines  der  bekanntesten  stammt  ja
von  Erzberger  selbst,  jenes  Gutachten,  in  welchem  er  sogar
die  Besitznahme  der  englischen  Kanalinseln  für  dringend  notwendig
  erklärt.  Im  übrigen  beteiligt  sich  Bauer  so  lebhaft
wie  nur  möglich  an  Erzbergers  Kampf  —  auch  in  Erzbergers
Tonart.  Die  Szene  wird  zum  Tribunal.  Und  die  Herren
Geschworenen,  die  Sozialdemokraten,  verlieren  vollkommen
die  Richterwürde  und  brüllen  immer  wieder  die  Rechte
nieder.  .

Oer  Staatsgerichtshof  kommt.  Wie  er  beschaffen  sein  wird,
hat  uns  der  sozialdemokratische  Antrag  enthüllt:  es  wird  ein
im  wesentlichen  parlamentarischer  Gerichtshof,  mit  allen
Nachteilen  einer  Versammlung,  die  aus  Berufsepolitikern
zusammengesetzt  ist.  Die  Deutsche  Volkspartei  hat  statt  dessen
den  Antrag  gestellt,  es  solle  ein  unparteiischer  Gelehrtengerichtshof
  einberufen  werden.  Oarüber  spöttelt  Minister
David.  Er  wagt  es,  über  „sogenannte  Historiker“  und  ihre
mnaive  Oberflächlichkeit“  zu  sprechen  und  sie  für  den  Staatsgerichtshof
  abzulehnen,  weil  sonst  Gefahr  „tendenziöser  Berzerrung“
  vorliege.  Es  soll  eben  nicht  ein  Kampf  um  die
Wahrheit  sein,  sondern  ein  Machtkampf,  eine  Niederknüttelung
der  Wahrheit.  Auch  dieser  Kampf  muß  durchgefochten  werden,

255
        <pb n="258" />
        ohne  Verständigungsfrieden.  Wer  auf  dem  Platze  bleibt,  das
kann  man  jetzt  noch  nicht  wissen.  Wird  die  Wahrheit  erschlagen,
dann  wird  das  deutsche  Volk  dafür  büßen  müssen,  daß  es  sich
solche  Führer  hat  gefallen  lassen,  wie  wir  sie  augenblicklich
haben.

Nach  dem  Sturm

Weimar,  29.  Juli

Bauer,  der  an  der  Spitze  des  republikanischen  Ministeriums
sitzt,  bat  gestern  mit  biederem  Augenaufschlag  erklärt,  in  der
neuen  Republik  kämen  nur  die  Tüchtigsten  an  die  Spitze.

Dann  hat  er  binzugefügt,  es  sei  sehr  bedauerlich,  daß  ihm
und  seinen  Kollegen  seine  Herkunft  aus  dem  Arbeiterstande
vorgeworfen  werde.  Das  hat  kein  Mensch  getan.  Außerdem
ist  Bauer,  der  freilich  selber  nur  die  Volkeschule  besucht  hat
und  dann  Bureaugehilfe  geworden  ist,  doch  als  Sohn  eines
Gerichtsvollziehers  geboren,  stammt  also  aus  Beamtenkreisen.
Oie  Herkunft  der  Minister  ehren  wir,  nur  als  Minister  schätzen
wir  sie  nicht.  Uber  „Friedrich  den  Vorläufigen“,  den  jetzigen
Reichspräsidenten  Ebert,  sind  an  dieser  Stelle  sofort  nach
seiner  Wahl  die  vollen  Schalen  des  Hohnes  ausgegossen
worden.  Aber  nicht,  weil  er  in  seinem  vorparlamentarischen
Leben  Sattler  und  dann  Gastwirt  gewesen  ist.  Wir  würden
den  Hut  vor  ihm  ziehen,  wenn  er  ein  tüchtiger  Sattlermeister
geworden  oder  ein  braver  Gastwirt  geblieben  wäre;  aber
daß  diese  Leute  als  blutige  Dilettanten  Diplomatie  betreiben
wollen,  als  Ungelernte  jetzt  ganz  naid  in  hohe  Staatekunst
pfuschen,  das  werfen  wir  ihnen  vor.  Kein  Arbeiter  wird  sich
von  einem  Töpfer  ein  Paar  Stiefel  machen  oder  von  einem

256
        <pb n="259" />
        Buchbinder  den  Blinddarm  operieren  lassen,  aber  darin  findet
er  nichts,  daß  jeder  Mann  von  der  Straße  in  Ministerstellungen
  gelangt,  wo  es  sich  doch  um  Wohl  und  Wehe  des
ganzen  Volkes  und  um  die  schwierigsten  Fragen  von  der  Welt
handelt,  denen  ein  Mensch  ohne  Vorbildung  bilflos  gegenübersteht.


Oie  heutigen  Minister  können  ja  nicht  einmal  deutsch  lesen.
Natürlich,  ablesen  können  sie;  das  tut  ja  auch  Bauer  ganz
ordentlich,  stolpert  auch  nur  über  wenige  Fremdwörter.
Aber  sie  verstehen  nichts  von  dem  Gelesenen.  Wäre  es
sonst  möglich,  daß  sie  heute  noch  Erzberger  Gefolgschaft
leisten?  Daß  sie  heute  noch  annehmen,  wir  hätten  einen
tatsächlich  uns  angebotenen  Verständigungsfrieden  abgeschlagen?
  Alles,  was  uns  in  diesen  Tagen  amtlich  vorgelesen
worden  ist,  war  eine  fortgesetzte  Widerlegung  Erzbergers.
Da  wir  nun  nicht  annehmen  wollen,  daß  Bauer  und  seine
Kollegen  gegen  besseres  Wissen  den  Schwindel  fortsetzen,  so
bleibt  nur  die  Schlußfolgerung,  daß  ihr  Wissen  nicht  ausreicht.


Wir  haben  Minister,  die  zu  dumm  sind,  um  Aktenstücke
lesen  zu  können.  Oiese  Minister  aber  sollen  imstande  sein,
das  todkranke  Deutschland  zu  retten.

Oie  schweren  parlamentarischen  Stürme  dieser  Tage  schließen
  mit  einem  kurzen  Nachgewitter.  Als  neue  Tatsache  gegen
den  Verständigungspolitiker  Erzberger  führt  der  Abgeordnete
Rießer  aus  dem  Zahre  1917  —  wohlgemerkt  1917  —  den
Annexionspolitiker  Erzberger  an,  der  in  jenem  Fahre  als
Gutachter  und  Journalist  für  die  Angliederung  der  französischen
  Erzbecken  von  Longwy  und  Briey  an  Deutschland  eingetreten
  sei.  Er  bezog  ja  damals  noch  bohe  Tantiemen  als
Aufsichteratemitglied  von  Thyssen;  aus  dem  Annexionssaulus
zu  einem  Berständigungspaulus  ist  er  erst  geworden,  als  das
fette  Pöstchen  bei  der  Großindustrie  sich  zu  verflüchtigen  begrtedric

  der  Vorläufige  257  17
        <pb n="260" />
        gann.  Aber,  so  meint  Erzberger  in  seiner  Antwort,  es  „brauche“
sich  ja  gar  nicht  um  Annexionen  der  Erzbecken  gehandelt
zu  haben,  es  „könne“  ja,  und  seiner  Erinnerung  nach  sei  es  so,
nur  um  wirtschaftliche  Abmachungen  gegangen  sein.  Nachtigall,
  ick  hör,  dir  loofen!  Selbst  der  Unabhängige  Henke  gesteht
unter  großer  Heiterkeit  heute  zu,  mit  Erzberger  könne  man
nur  sehr,  sehr  vorsichtig  verkehren.

An  dieser  staatsmännischen  und  privaten  Vorsicht  lassen
es  die  hbeutigen  Minister  jedenfalls  fehlen;  sie  gehen  mit
Erzberger  durch  dick  und  dünn,  und  sie  werden  eines  schönen
Tages  von  ihm  in  der  dicksten  Tinte  sitzengelassen  werden.

Augenblicklich  sind  sie  noch  auf  Gedeih.  und  Verderb  verbunden.
  Der  Antrag  über  die  Verbreitung  der  Ministerreden
auf  Kosten  aller  Steuerzahler  wird  von  der  schwarz-roten
Mehrheit  angenommen,  nur  sollen  auch  der  englische  Brief
und  die  Michaelissche  Erläuterung  hinzugefügt  werden,  aber
selbstverständlich  nicht  die  Kede  Graefes  oder  irgendwelcher
anderer  Abgeordneten  der  Rechten,  die  in  diesen  Tagen  Licht
in  die  „Enthüllungen“  Erzbergers  gebracht  haben.  Im
Dunkeln  ist  gut  munkeln!  Das  angekündigte  Weißbuch  und
die  parlamentarischen  Stenogramme  sollen  fortan,  diese
hoffentlich  mit  rückwirkender  Kraft,  zu  besonders  billigen
Preisen  dem  Volke  zur  Verfügung  gestellt  werden.  Das  ist
das  nachträglich  aufgepappte  Feigenblatt;  im  übrigen  wird
die  Schamlosigkeit  Gesetz.  Die  Vorlage  über  den  Staatsgerichtshof
  aber,  die  noch  von  dem  deutschnationalen  Abgeordneten
  Landgerichtsdirektor  Warmuth  einer  sehr  gründlichen
  absprechenden  Kritik  unterzogen  wird,  wandert  in  den
Ausschuß,  und  dann  atmet  die  schwarz-rote  Mehrheit  auf
und  beschließt  die  sechstägige  Programmrederei  und  Entbüllerkomödie
  mit  einem  Vertrauensvotum  für  ihr  Ministerium
  Erzberger.

Eine  persönliche  Bemerkung  Ergefes,  die  dieser  mit  seiner

258
        <pb n="261" />
        bekannten  liebenswürdigen  Schalkhaftigkeit  anbringt,  setzt  zuletzt
  noch  Herrn  Erzberger  so  in  den  Sand,  daß  die  Heiterkeit
über  das  ganze  Haus  sich  fortpflanzt.  Erzberger  habe  gesagt,
er  hätte  sich  nur  gegen  die  Angriffe  Graefes  wehren  müssen.
Nun  habe  Erzberger  aber  schon  zwei  Tage  vor  der  Debatte
in  der  gesamten  Presse  seine  kommenden  Enthüllungen  verkünden
  lassen;  und  so  Aug  und  ahnungsvoll  Erzberger  auch
sei,  so  habe  er  doch  sicherlich  nicht  zwei  Tage  vorher  wissen
können,  daß  und  wie  Graefe  ihn  angreifen  werde.

In  der  Nachmittagssitzung  nimmt  man  die  dritte  Lesung
der  Verfassung  vor.  Den  ganzen  Tag  über  wird  noch  in
Konventikeln,  in  der  Ecke  des  Fopers  und  anderswo,  an  ihr
geleimt,  besonders  am  Paragraphen  18,  während  im  Plenum
Haußmann  bereits  einen  Hymmus  auf  sie  anstimmt,  auf  das
weltgeschichtliche  Werk  von  Weimar.  Er  macht  es  der  Rechten
zum  Vorwurfs,  daß  sie  gegen  die  Verfassung  im  ganzen  stimmen
  wolle.  Hat  er  von  überzeugten  Monarchisten  wirklich
etwas  anderes  erwartet?  Ein  Zwischenruf,  hart  und  scharf
wie  Peitschenhieb  von  der  Rechten  kommend,  bringt  ihn  da
aber  ganz  aus  dem  Text:  „Haben  nicht  die  Demokraten  1871
auch  gegen  die  Reicheverfassung  gestimmt?"“  Haußmann
ringt  nach  Worten.  Ja,  meint  er  schließlich,  das  sei  aber  ganz
etwas  anderes  gewesen.  Da  sei  die  Verfassung  eben  nicht
demokumtisch  genug  gewesen.  Na  also.  Dann  darf  man  es
denen,  die  ein  starkes  monarchisches  Deutschland  wiederersehnen,
  ebensowenig  zumuten,  daß  sie  für  die  Republik
stimmen.  Herr  Haußmann  scheint  das  nicht  zu  verstehen.
Das  liegt  an  der  demokratischen  Arterienverkalkung.  Sein
Parteigenosse  Preuß  gibt  dem  Verfassungswerk  mit  einem
heiteren,  einem  nassen  Auge  auch  seinen  Segen,  denn  es  ist
doch  nur  noch  ein  ihm  unterschobenes  Kind.

Aber  auch  diese  sonst  so  ruhige  Nachmittagesitzung  geht  nicht
ohne  Tumult  ab.  In  einem  Zwischenspiel  interpellieren  die

259  i
        <pb n="262" />
        Unabhängigen  wegen  der  Spartakisten  im  Ruhrgebiet,  die  in
Schutzhaft  sitzen  und  jetzt  durch  „Hungerstreik“  ihre  Freilassung
  erzwingen  wollen.  Noske  antwortet.  Die  Zietz  kreischt.
Schließlich  bekommt  sie,  was  bei  der  schlechten  Luft  und  nach
dem  Sechstagewerk  Erzbergers  kein  Wunder  ist,  Nervenzufälle.
  „Die  armen  Menschen  müssen  verhungern!  Die
armen  Menschen  müssen  verhungern  !“  Von  müssen  ist  natürlich
  keine  Rede,  sondern  allenfalls  von  wollen.  Aber  Frau
Zietz  schreit  und  beult,  und  schließlich  packt  sie  ihren  ganzen
Kram  von  Akten,  Zeitungen,  Drucksachen  zusammen  und
schleudert  ihn  zwischen  die  Bänke,  daß  die  Blätter  nur  so
fliegen.  Die  Politik  wirkt  auf  die  sanfte  Frau  Zietz  wie
Alkohol.  Das  heulende  Elend  ist  die  Folge  davon.

aragraphengalopp
Weimar,  30.  Juli

Der  Präsident  kommandiert  eine  Gruppe  Freiübungen  nach
der  anderen.  Die  Versammlung  rauscht  immer  wieder  auf
und  nieder.  Da  wir  mitten  in  der  Abstimmung  über  alle  Anträge
  dritter  Lesung  zu  den  175  Paragraphen  der  Verfassung
sind,  werden  heute  die  stärksten  Anforderungen  nicht  an  den
Kehlkopf,  sondern  an  die  Streckmuskeln  und  das  Sitzfleisch
der  Abgeordneten  gestellt.  Die  Paragraphen  springen  bei  der
dritten  Lesung  so  eilig  vor  wie  die  Ziffern  einer  Droschkenuhr
bei  dritter  Taxe;  daher  darf  sich  kaum  jemand  aus  dem  Saale
entfernen,  man  steht  auf  und  setzt  sich  in  derselben  Regelmäßigkeit
  wie  der  Galeerenruderer.  Die  geistige  Anspannung
ist  nicht  mehr  groß,  aber  in  harter  körperlicher  Arbeit  der
entsprechenden  Abstimmungsorgane  kommt  man  heute  vom
1.  bis  zum  151.  Artikel  der  Berfassung.  Einzelne  umstrittene,

260
        <pb n="263" />
        wie  den  Paragraphen  18,  den  Zerstückelungsparagraphen,
läßt  man  dabei  aus.  Das  Leimen  hinter  den  Kulissen  ist  noch
nicht  beendet.

Noch  vor  der  ersten  Serie  der  Abstimmungen  hat  die
Minderheit  ihre  grundsähliche  Verwahrung  eingelegt.  Der
ehemalige  badische  Staatsminister  Dr.  Düringer  tut  es
für  die  Deutschnationalen.  In  vollkommener  Klarheit  hören
wir  noch  einmal  ihr  Bekenntnis  zur  Monarchie.  Aus  Achtung
aber  vor  dem  augenblicklichen  Mehrheitswillen  —  Mehrheiten
  sind  Gott  sei  Dank  nicht  ewig  —  werde  man  auch  in
der  Republik  seine  staatsbürgerliche  Pflicht  erfüllen.  Düringer
  fügt  noch  aus  spezifisch  süddeutsch-christlicher  Auffassung
  einiges  binzu.  Er  stellt  die  Frage  aller  Zeiten,  warum
wir  so  verhaßt  seien  im  Ausland  wie  die  wilden  Tiere.  Er
meint,  daran  sei  der  unchristliche  Nietzsche  mit  seiner  „blonden
schweifenden  Bestie"  schuld.  Ach  nein.  Nicht  Nietzsche,  sondern
  die  englische  Propaganda.  Und  die  stützt  sich  nicht  auf
Zarathustra,  sondern  auf  Theodor  Wolff  und  Thomas  Theodor
  Heine,  die  jahrzehntelang  Deutschland  als  mittelalterlichen
  Gewaltstaat,  als  Hort  der  finstersten  Reaktion,  als
Raubvogelnest  einer  wüsten  Soldateska  in  Wort  und  Bild
dargestellt  baben.  Für  die  ODeutsche  Volkspartei  begründet
der  Staateminister  a.  O.  Dr.  Heinze  die  Gesamtablehnung
der  Verfassung  in  straff  zusammengefaßter  Harstellung  damit,
daß  diese  Verfassung  die  stolzeste  Zeit  der  deutschen  Geschichte,
  die  von  1871,  bewußt  aus  der  Erinnerung  zu  streichen
sich  bemühe,  an  Stelle  der  lebendigen  Organismen  des
Staatslebens  den  losen  Sandhaufen  der  Wähler  setze  und
notgedrungen  von  der  Parlamentsherrschaft  zur  Parteiherrschaft,
  von  der  Parteiherrschaft  zur  Geldsackherrschaft  uns
fübren  müsse;  an  einem  Verfassungsfest,  bei  dem  die  schwarzweiß-rote
  Flagge  niedergeholt  werde,  könne  die  Oeutsche
Volkspartei  sich  nicht  beteiligen.

261
        <pb n="264" />
        Dazu  kann  Preuß  nicht  schweigen.  Gerade  bisher  unter
dem  alten  System,  so  meint  er,  hätten  wir  eine  Parteiherrschaft
  gehabt,  und  zwar  die  Herrschaft  einer  Partei,  der
konservativen.  Durch  Wiederholung  wird  diese  Behauptung
nicht  wahrer;  sie  ist  immer  unwahr  gewesen.  Wer  regiert,
der  muß  staatserhaltend  regieren,  also  konservativ;  sogar  die
heutige  Sozialdemokratie  gebraucht  ja  alle  „reaktionären“
Mittel  des  alten  Obrigkeitsstaates,  die  sie  früher  so  heftig  bekämpft
  hat,  und  stützt  sich  dabei  unbedenklich  auf  Bajonette.
Aber  regiert  hat  doch  auch  früher  nicht  die  Rechte.  Den
legendären  Zplinderhut  des  Herrn  Spahn  hat  man  sicherlich
häufiger  im  Reichskanzlerpalais  gesehen  als  das  agrarische
Filzhütchen  des  Herrn  v.  Heydebrand.  Insbesondere  in  den
letzten  Jahren  kam  der  demokratisch-klerikale  Bethmann-Block
allein  in  Frage,  der  als  chinesische  Mauer  sogar  den  Kaiser
umgab:  trotg  der  Bemühungen  des  Kronprinzen  und  anderer
hochgestellter  Herren  ist  es  in  der  ganzen  Kriegszeit  den  angeblich
  herrschenden  nationalen  Parteien  nicht  möglich  gewesen,
  auch  nur  einmal  für  einen  ihrer  Führer  eine  Audienz
beim  Kaiser  zu  erlangen.  So  konnten  sie  auch  keine  Warnung
vor  der  Tätigkeit  des  Duumvirats  Erzberger-Scheidemann
anbringen,  das  uns  dann  richtig  in  den  Sumpf  geführt  hat,
in  dem  wir  heute  schon  bis  an  den  Hals  versfunken  sind.  Herr
Preuß  freilich  weiß  es  besser.  Er  erzählt  uns  mit  fettiger
Stimme,  wie  mangelhaft  es  früher  gewesen  sei  und  wie  die
Bismarcksche  Verfassung  jeden  organischen  Aufbau  habe  vermissen
  lassen.  Die  alte  Leier.  Schon  1862  rief  der  Parteigenosse
  des  Herrn  Preuß,  Birchow,  im  preußischen  Abgeord--netenhause
  aus:  „Der  Ministerpräsident  Herr  v.  Biemarck
hat  keine  Abnung  von  nationaler  Politikt!“

Die  alte  Flagge  wird  also  niedergeholt.  Wir  bekommen
statt  ihrer  zwei  neue.  Zu  Lande  soll  die  schwarz-rot-gelbe
Barrikadenfahne  von  1848  wehen,  zur  See  aber  ein  Misch-262
        <pb n="265" />
        ling,  die  schwarz-weiß-rote  mit  dem  Novemberflecken  in  der
oberen  Ecke.  Mit  nur  unwesentlichen  Anderungen  werden
auch  die  übrigen  Paragraphen  angenommen.  HOaß  die  Ehe
die  Grundlage  des  Familienlebens  sei,  diese  ursprüngliche
Fassung  des  Paragraphen  118,  wird  durch  das  Zentrum
wiederhergestellt.  Auf  demokratischen  Antrag  wird  binzugefügt:
  „Die  Ehe  beruht  auf  der  Gleichberechtigung  der  Geschlechter.“
  Rix  daitsch,  magyar.  Wir  können  uns  vorstellen,
daß  die  Ehe  auf  der  Anziehung  der  Geschlechter  beruht  oder
daß  in  der  Ehe  die  Gleichberechtigung  der  Geschlechter  gilt;
so  aber,  wie  der  Satz  dasteht,  ist  er  blühender  Unsinn.  Er
teilt  dieses  betrübende  Geschick  noch  mit  vielen  anderen  Artikeln
  der  Verfassung.  Trotzdem  ist  der  Staatskommsssar
Dr.  Preuß  so  glücklich  wie  ein  Berliner  Kurfürstendammer
bei  der  Einweihung  seiner  neuen  Wannseevilla  und  hat  den
ganzen  Verfassungsausschuß  auf  heute  abend  zu  einem  Fest
geladen.  Zum  Siegesfest  über  Biemarck.

Der  Abschluß

Weimar,  31.  Juli

Die  Kulissenschieber  der  Republik  haben  alle  Hände  voll  zu
tun.  Es  geht  ihnen  wie  in  der  Operette  dem  Bürgermeister
vor  der  Ankunft  des  erlauchten  Gastes:  „Jessas,  jessas,  das
ist  schwer;  wo  kriegt  man  denn  gleich  Wildschwein  her?“
Da  ist  erstens  eine  schwarz-rot-gelbe  Fahne  zu  besorgen.  Man
läuft  zum  großberzoglichen  Hofmarschallamt  und  fragt,  ob  es
nicht  mit  passendem  Fahnentuch  aushelfen  könne,  aber  das
Hofmarschallamt  hört  auf  diesem  Ohre  schlecht.  Man  beschafft
  die  Fahne  anderswoher.  Da  muß  zweitens  Volk  her,

263
        <pb n="266" />
        viel  Volk,  noch  mehr  Volk,  damit  man  eine  Ansprache  loswird:
„Mitbürger!  Freunde!  Römer!  Hört  mich  an!“  Die  Beschaffung
  von  Volk  ist  schon  einfacher.  Man  stelle  eine  Militärkapelle
  hin,  dann  sammelt  es  sich  schon.  In  der  Tat  müssen
die  Musiker  der  freiwilligen  Landesjäger  vom  frühen  Nach--mittag
  bis  in  den  sinkenden  Abend  auf  dem  Platze  vor  dem
Theater  ausharren,  um  das  Publikum  festzuhalten.

Derweil  werden  im  Sitzungssaal  die  Reste  der  Verfassung
aufgearbeitet.  Der  Berstümmelungsparagraph  wird  in  der
Form  Gesetz,  daß  nur  drei  Fünftel  der  abgegebenen  Stimmen,
  nicht  drei  Fünftel  aller  Wahlberechtigten,  sich  für  die
Abschneidung  eines  Landesteils  auszusprechen  brauchen,  damit
  sie  möglich  wird.  Bei  diesem  neuesten  Kompromiß  hat
man  die  Bertreter  der  Einzelstaaten  gar  nicht  mehr  um  ihre
Meinung  gefragt.  Der  Vertreter  Preußens,  Wolfgang  Heine,
stellt  dies  mit  Achselzucken  fest.  Von  der  Auflösung  Preußens
in  ein  Outzend  kleiner  Republiken  erwartet  er  lediglich  eine
außerordentliche  Verteuerung  der  Verwaltung  und  bekennt
unter  großer  Bewegung  des  Hauses,  daß  das  altpreußische
Verwaltungespstem  das  billigste  gewesen  sei,  das  es  je  in  der
Welt  gegeben  habe.  Ihm  geht  also  schon  ein  Oreierlicht  auf.
Ee  wird  nicht  lange  dauern,  dann  tagt  es  wohl  auch  in  anderen
Köpfen.  Bei  der  Annahme  des  neuen  Schulkompromisses
kommt  durch  den  verfrühten  Zubelruf  eines  Zentrumsmannes
die  Erleuchtung  über  das  hohe  Haus.  Es  ist  der  Oberlehrer
Hofmann  aus  Ludwigshafen,  der  erregt  balzend  erklärt,  die
Konfessionsschule  sei  das  Ideal  des  Zentrums,  und  hier  werde
es  als  Eroberer  vorgehen.  Sicherlich  wird  es  das.  Die  neue
Verfassung  ermöglicht  ihm  auch  die  Einstellung  von  Zesuiten
als  Lehrer.  Die  Einheitsschule,  die  die  Republik  uns  bringen
wollte,  hat  sich  in  Rauch  aufgelöst;  wir  bekommen  statt  dessen
erstens  die  Simultanschule  für  Kinder  aller  Bekenntnisse,
zweitens  die  konfessionelle  katholische  Schule,  drittens  die

264
        <pb n="267" />
        tonfessionelle  evangelische  Schule,  viertens  für  die  Knallroten
  in  Großstädten  und  Fabrikdörfern  die  gänzlich  religionslose
  Schule.  Haneben  können  aber  unter  bestimmten  Bedingungen
  auch  noch  Baptisten,  Adventisten,  Antivivisektionisten
  und  sonstige  Gesinnungsgenossen  zu  ihrem  Rechte
kommen.

Für  die  Sozialdemokratie  ist  das  keine  reine  Freude,  obwohl
  auch  ihr  ein  großer  Teil  unserer  Jugend  ausgeliefert
wird.  Noch  weniger  erbaut  ist  sie  darüber,  daß  der  NRäteartikel
  in  einer  Form  angenommen  wird,  die  nicht  ganz  ihren
Wünschen  entspricht,  dem  Reichswirtschaftsrat  nicht  vollkommene
  Bundee#raterechte  verleiht.  Auch  der  von  ihr  in
zweiter  Lesung  schnell  noch  mit  der  Maurerkelle  hingeworfene
Satz,  daß  Privatregale  und  Mutungen  aufgehoben  werden
und  an  den  Staat  übergehen  sollten,  wird  ihr  von  allen  bürgerlichen
  Parteien  gestrichen.  Das  Berdienst  daran  kann  sich  der
alte  Bergrat  a.  O.  Gothein  zuschreiben.  Bei  seinen  eigenen
demokratischen  Parteigenossen  ist  er  wegen  der  endlosen  und
einigermaßen  veralteten  Reden  —  er  ist  in  seiner  politischen
Entwicklung  etwa  über  die  liberale  Ara  von  1875  noch  nicht
hinausgekommen  —  nicht  sehr  beliebt.  Sie  pflegen  zu  sagen:
„Koffein  ist  anregend,  Gothein  ist  einschläfernd.“  Aber  diesmal
  hat  er  als  Fachmann  recht.  Er  sagt,  die  Herren  Sozi
hätten  ja  keine  Ahnung  davon,  was  sie  da  eigentlich  verlangten.
  Mutungen  nenne  man  das  Antragschreiben  eines  Bodenschätze
  Suchenden  um  Verleihung  des  Schürfrechts.  Wie
wolle  man  die  aufheben  und  dem  Staate  überweisen?  Am
ärgerlichsten  für  die  Sozialdemokraten  ist  schließlich,  daß  der
Artikel,  der  alle  Angehörigen  ehemals  regierender  Häuser  in
Deutschland  für  immer  von  dem  passiven  Wahlrecht  zum
Reichspräsidium  ausschließt,  auf  Antrag  der  Deutschen  Volkspartei
  wegfällt.  Das  war  ein  so  schöner  Reklameartikel  für
das  Schaufenster.  Billig  und  wertlos,  aber  glitzernd.  Das

265
        <pb n="268" />
        Zentrum  und  die  Demokraten  schämen  sich,  ein  solches  „Auenahmegesetz“
  in  eine  freistaatliche  Verfassung  hereinzunehmen,
außerdem  wissen  sie  ganz  genau,  daß,  wenn  einmal  eine
überwältigende  Mehrheit  bei  uns  einen  Führer  aus  königlichem
  Geblüt  an  Stelle  des  jetzigen  Landesvaters  aus  der
Parteidestille  verlangen  sollte,  sie  auch  diesen  Paragraphen
natürlich  glatt  mit  dem  Ä2rmel  auswischen  könnte.  Das  ist
den  Sozialdemokraten  selbstverständlich  ebenfalls  klar.  Aber
draußen  stehen  unverständige  Massen.  Wie  sag'  ich's  meinem
Kinde?  Oer  rote  Sprecher,  Abgeordneter  Loebe-Breslau,
tut  es  in  der  Form,  daß  er  gegen  den  „bürgerlichen  Block“
vom  Leder  zieht  und  —  die  Unabhängigen  schreien  ironisch:
„Heil  dir  im  Siegerkranz“  —  die  Drohung  ins  Land  bineinruft:
  „Oie  lebendige  Entwicklung  der  VBerhältnisse  wird
stärker  sein  als  die  papiernen  Bestimmungen  dieser  Verfassung!“
  «

SofprichtderböfeZaubereramTauftagederneugebores
nen  Verfassung  mit  lästerlichem  Fluch.  Aber  als  gute  Feen
erheben  sich  zwei  Minister  und  reden  sanft  und  lieblich.
Bauer  findet,  daß  wir  heute  zum  ersten  Male  den  Fuß  wieder
auf  festen  Boden  setzen,  wo  die  Fahne  der  neuen  Republik
am  Maste  dieses  Hauses  emporsteige.  Notabene,  sie  steigt
nach  Sonnenuntergang  empor.  Und  wie  fest  der  Boden  ist,
auf  dem  wir  stehen,  das  wird  der  nächste  Generalstreik  ja
zeigen.  Noch  verwunderlicher  ist  es,  was  David  über  die
Verfassung  zu  sagen  weiß:  daß  wir  durch  sie  zum  freiesten
Volk  der  Erde  gemacht  würden.  Jetzt  braucht  man  nur  den
Text  des  Friedensvertrages  daneben  zu  halten  und  durchzustudieren,
  dann  wissen  wir  ganz  genau,  wie  frei  wir  sind.

266
        <pb n="269" />
        Verfassung  und  Beamtenstand

Weimar,  1.  August

Am  11.  April  1847  sagte  Friedrich  Wilhelm  IV.  im  seiner
Thronrede  vor  dem  vereinigten  preußischen  Landtag,  man
solle  nur  ja  nicht  glauben,  daß  die  Einberufung  des  Landtages
  den  Anfang  einer  Verfassung  bedeute.  „Kein  Stück
Papier  soll  sich  zwischen  den  Herrgott  im  Himmel  und  dieses
Land  drängen  wie  eine  zweite  Vorsehung!“

Das  wirkte  wie  ein  Fanal.  Nichts  ist  so  aufreizend  gewesen,
  nichts  hat  die  Massen  so  zum  politischen  Kampf  getriebeen.
  Bis  in  unsere  Tage  hinein  hat  die  Demokratie  die
Worte  des  damaligen  preußischen  Königs  als  Lästerung  dargestellt.
  Die  Verfassung  ist  Volkswille.  Die  Verfassung  ist
die  magna  charta  für  Freiheit  und  Recht.  Wer  sie,  die  lebenspendende,
  zu  einem  Fetzen  Papier  macht,  der  zerschlägt  das
Palladium  des  mündigen  Volkes.  Das  ist  seit  jeher  der  Gedankengang
  der  Linken  gewesen.

Und  nun  hat  gestern  Loebe--Breslau,  der  Vorsitzende  der
sozialdemokratischen  Partei,  mit  genau  der  gleichen  absolutistischen
  Verachtung  erklärt,  die  „papiernen“  Bestimmungen
der  Verfassung  müßten  im  Laufe  der  Entwicklung  zerrissen
werden.

Damit  hat  die  Partei  den  festen  Boden,  den  wir  nach
Bauers  Wort  angeblich  nun  unter  den  Füßen  haben,  unterminiert
  und  jedes  Bersprechen  in  der  Verfassung,  an  das  eine
gläubige  Menge  sich  halten  soll,  wertlos  gemacht.  Nach  wie
vor  steht  alles  im  Belieben  der  Partei,  wie  vor  siebzig  Jahren
im  Belieben  des  Königs.  Heute  ist  die  Verfassung  ein  enges
Gedränge  von  Grundsätzen  des  Zentrums  und  der  Sozialdemo--kratie.
  Morgen  können  vielleicht  die  Unabhängigen  mitbe-267
        <pb n="270" />
        stimmender  Faktor  sein  und  Stück  um  Stück  aus  der  Verfassung
  heraussprengen.  Sicher  ist  nichts  mehr,  wenn  nicht
einmal  die  Verfassungemacher  selber  Achtung  vor  ihrem
Werke  haben  und  es  verleugnen.  Insbesondere  die  Werkleute
  des  neuen  Staates,  die  Beamten,  sehen  nun  ihre  verbrieften
  Rechte  verböhnt.  Was  man  ihnen  bietet,  das  sind
schöne  Worte,  sonst  nichts.  Ees  ist  begreiflich,  daß  in  einer
Znterpellation  der  Parteien  der  Rechten  diese  Besorgnisse
heute  zu  lebhaftem  Ausdruck  kommen.

Die  Antwort,  die  der  sozialdemokratische  Innenminister
Danvid  erteilt,  ist  so  fahrig  wie  die  nervöse  Anpreisung  eines
zahlungsunfähigen  Geschäfts,  für  das  der  Chef  nach  dummen
Teilhabern  sucht.  Er  spricht  von  den  glänzenden  Aussichten,
die  die  Beamten  in  dem  freien  Volkestaat  hätten.  Herrlichen
Zeiten  gingen  sie  entgegen.  Sie  seien  nicht  mehr  Ocbjekt,
sondern  Subjekt  der  Gesetzgebung.  Sie  dürften  im  Parla--ment
  frei  und  ungehindert  opponieren.  Sonderbar,  höchst
sonderbar.  Als  früher  die  agrarischen  „Kanalrebellen“  gerade
wegen  Opponierens  ihrer  Amter  entsetzt  wurden,  da  jubelte
die  gesamte  Linke.  Sie  ist  also  doch  wohl  nicht  grundsätzlich
für  die  Freiheit  der  Opposition.  Richt  einmal  innerhalb  der
eigenen  Partei.  „Wer  sich  nicht  fügt,  der  fliegt!“  heißt  es
bei  den  Sozialdemokraten.  In  der  Staatsverwaltung  haben
sie  es  doch  auch  jetzt  überall  so  gemacht  und  erprobte  Beamte
bisweilen  sogar  durch  übelbeleumdete  Subjekte  ersetzt,  die
nur  den  einen  Vorzug  hatten,  aus  den  Reihen  der  eigenen
Partei  zu  stammen.  Auch  sind  unter  dem  neuen  System
sämtliche  obersten  Stellungen  dem  Beamtentum  genommen
worden.  Schon  der  Unterstaatesekretär,  der  Minister  erst  recht,
kommt  aus  der  Partei,  und  der  Beamte,  der  jahrzehntelang
umsonst  gelernt  und  studiert  und  gedient  hat,  darf  ihn  geborsamst
  umschwänzeln.  In  der  Hauptsache  haben  die  Interpellanten
  gefragt,  wie  es  mit  der  Sicherung  des  materiellen

268  v
        <pb n="271" />
        Haseins  der  Beamten  stehe.  Da  weicht  David  aus  wie  der
zungengeläufige  Akquisiteur,  der  die  letzte  Bilanz  dem  neuen
Teilhaber  vorlegen  soll.  Er  sei,  so  sagt  er,  ganz  einig  mit  dem
Finanzminister  darüber,  daß  etwas  geschehen  müsse.  Zur  Zeit
sei  aber  eine  generelle  Regelung  leider  nicht  möglich;  man
müsse  erst  eine  Statistik  über  den  Bestand  an  Beamten  und
über  die  Leistungsfähigkeit  von  Reich  und  Ländern  aufstellen.

Welch  eine  Heuchelei!  Der  mittlere  Beamte  bei  der  Reichspost
  bekommt  beute  4500  Mark  Jahbresgehalt,  der  Arbeiter
bei  der  Reichspost  6300  Mark  Jahreslohn,  und  wir  haben
nichts  davon  gehört,  daß  mangelnde  Statistiken  da  die  sofortige
  Lohnerhöhung  verhindert  hätten.  Wir  haben  Professoren
  mit  4200  Mark  Einkommen  und  Berliner  Müllkutscher
  mit  9300  Mark.  Solch  ein  Müllkutscher  wird  von
dem  Professor  vor  dem  Hause  dabei  betroffen,  wie  er  ein
Stück  Spickaal  verzehrt.  „Guten  Appetit,“  sagt  er  freundlich,
  „sehen  Sie,  so  etwas  kann  ich  mir  nicht  leisten.“  Der
Müllkutscher  aber  kaut  weiter  und  erwidert  trocken:  „Ja,  da
hätten  Sie  eben  etwas  Ordentliches  lernen  müssen  !“  Wir
haben  Forstassessoren,  die  noch  im  Alter  von  40  Jahren  vom
Staate  keinen  Pfennig  erhalten.  Ein  gelernter  Oechiffreur
im  Auswärtigen  Amt  bekommt,  wenn  er  eine  ganze  Nacht
bindurch  Dienst  getan  hat,  die  fürstliche  Zulage  von  2  Mark.
Aber  „unser“  Fritz  Ebert  kann  täglich,  jawohl  täglich,
1652  Mark  und  25  Pfennige  auf  Reichskosten  verzehren.
Herr  Erzberger  beschimpft  die  Großindustrie,  nachdem  er  sich
an  ihr  vollgesogen,  und  bezieht  als  schwerreicher  Mann  doch
noch  64  000  Mark  Ministergehalt.  Für  ihn,  den  ehemaligen
Volkeschullehrer,  ist  das  heute  nur  eine  Lappalie,  denn  eine
einzige  Wochenrechnung  seiner  Familie  in  dem  vornehmen
Schweizer  Hotel  geht  schon  hoch  in  die  Tausende;  aber  wenn
ein  richtiger  BVolksschullehrer,  der  seinen  Beruf  treu  versieht
  und  nicht  zum  parlamentarischen  Maulaufreißer  wird,

269
        <pb n="272" />
        45  Oienstjahre  hinter  sich  hat,  so  kann  er  von  seiner  Pension
sich  kaum  ein  Pfeischen  anständigen  Tabak  leisten.  So  sehen
Theorie  und  Praxis  im  neuen  Deutschland  aus,  wenn  sie
aufeinandertreffen.  David  sagt  den  Beamten,  heute  trüge
jedeer  den  Marschallstab  im  Tornister.  Noch  einmal:  welch
eine  Heuchelei!  Der  Marschallstab  ist  für  die  Gesinnungsgenossen,
  die  nichts  gelernt  zu  haben  brauchen;  für  den  Beamten
  ist  der  Krückstock  gut  genug.

Oer  Sozialdemokratie,  aber  auch  den  Rednern  der  anderen
Parteien,  ist  die  heutige  Interpellation  der  Rechten  ersichtlich
peinlich.  Selbstverständlich  schießen  sie  auch  den  uralten
brüchigen  und  stumpfen  Bolzen  ab,  daß  es  sich  nur  um  eine
parteipolitische  Aktion  bei  dieser  formalen  Anfrage  handle.
Selbst  wenn  es  so  wäre:  Wird  nicht  heute  alles  zur  Partei
gepreßt?  Auch  unser  früher  über  den  Parteien  stehendes
Beamtentum  wird  sich  wandeln  müssen.  Es  wird  den  Parteien
  zufallen,  die  so  schnell  und  so  energisch  als  nur  möglich  —
das  jetzige  Parteiregiment  vom  Throne  stoßen.

Man  hat  es  durch  die  Verfassung  nach  allen  Seiten  versteift
und  gesichert.  Die  Oberbonzen  haben  sich  sozusagen  mit  dem
Hosenboden  auf  dem  Thron  festnähen  lassen.  Aber  siehe  da,
es  ist  mur  Papierstoff;  Herr  Loebe  hat's  gesagt.

Wie  lange  noch?

Weimar,  2.  August

Hie  Eroörterung  in  der  Nationalversammlung  über  die
„Enthüllungen“  Erzbergers  ist  abgeschlossen.  Wir  haben
dazu  aber  noch  ein  nicht  unwichtiges  Nachwort  zu  sprechen.

Von  Kriegsbeginn  an  hatte  Erzberger  die  Beeinflussung  der
öffentlichen  Meinung  im  In-  und  Auslande  „zugunsten
Oeutschlands“  in  seine  Hand  genommen  und  dazu  eine  runde

270
        <pb n="273" />
        Anzahl  von  Millionen  Mark  pom  Reiche  zur  Verfügung  erhalten,
  wofür  er  sich  mehr  oder  weniger  einflußreiche  Leute
und  mehr  oder  weniger  geschickte  Federn  kaufte;  er  durfte
reisen,  wohin  er  wollte,  er  durfte  reklamieren,  wen  er  wollte,
und  sein  Stempel  und  seine  Unterschrift  genügten  laut  Verfügung
  des  Reichskanzlers  v.  Bethmann  Hollweg,  um  jeden
Brief  ungefährdet  ins  Ausland  gelangen  zu  lassen.  Nun  kam
im  Sommer  1917  für  Erzberger  der  pspchologische  Moment,
wo  dieser  vor  Eitelkeit  schier  platzende  geschäftige  Politiker
die  Wahl  hatte,  ob  er  nach  wie  vor  im  Dienste  der  deutschen
Regierung  und  im  sehr  gut  bezahlten  ODienste  unserer  Schwerindustrie
  weiterarbeiten  oder  sich  auf  die  Seite  Karls  des
Treubrüchigen  von  ÖOsterreich  schlagen  und  dessen  Politik  betreiben
  sollte,  die  in  einem  Schmachfrieden  für  Deutschland
und  in  einem  Gewinstfrieden  für  die  Habsburger  durch  Angliederung
  Polens  ihr  Ziel  sah.  Erzbergers  Stellung  als
Aufsichtsrat  bei  Thpssen  war  bereits  wacklig  geworden;  da
war  die  Wahl  nicht  mehr  schwer;  wir  bekamen  den  „Verständigungspolitiker“
  Erzberger.

In  Biberach  und  sonstwo  hielt  er  Reden,  die  derart  waren,
daß  unsere  militärischen  Behörden  (seitdem  ist  er  ihr  Feind)  die
Weiterverbreitung  der  Reden  verbieten  mußten,  weil  eine  Gefährdung
  des  Reichesvorliege;  und  gleichzeitig  warntensie  Herrn
Erzberger,  statt  ihn,  was  richtiger  gewesen  wäre,  einfach  zu  verhaften,
  vor  weiteren  derartigen  Reden,  da  ersonstbelangt  würde.

Das  schor  den  Listenreichen  und  Allgewaltigen  wenig.  Er
verbreitete  fortan  das  Gift,  nachdem  ihm  Oeutschland  verstopft
war,  im  Auslande.  Den  Wortlaut  seiner  Rede,  die  er  am
23.  September  in  Ulm  gehalten  hatte,  ließ  er  durch  den  Holländer
  van  Blankensteynn  dem  „Nieuwe  Rotterdamsche
Tourant“  zugehen,  der  sie  mit  Vergnügen  in  seiner  Nummer
vom  Oienstag,  dem  9.  Oktober  1917,  verwertete.  ODarin  findet
sich  die  Enthüllung,  daß  Österreich  vollkommen  kriegsmüde

271
        <pb n="274" />
        sei  und  Schluß  machen  müsse;  daß  wir  in  ODeutschland  hungerten;
  doß  die  Entente  militärisch  besser  stünde  als  wir,  da  sie
ja  durch  Wegnahme  unserer  Kolonien  und  durch  Vordringen
in  Mesopotamien  viel  mehr  eraobert  habe  als  wir;  daß  die
Antwort  Wilsons  (in  der  unser  Schuldbekenntnis  und  unser
Wiedergutmachen  in  jeder  Beziehung  gefordert  wurde)  noch
sehr  günstig  für  uns  sei;  und  daß  wir  schleunigst  die  belgischen
Wüncsche  der  Feinde  zu  erfüllen  bereit  seien.

Oie  Redaktion  des  „Nieuwe  Rotterdamsche  Courant“  bemerkte
  dazu:  „Das  Belangreichste  in  der  Rede  ist  vielleicht  die
Erklärung,  daß  die  Regierung  vollständig  in  den  Händen  der
Friedenspartei  ist.  In  jedem  Falle  sind  diese  Erklärungen
des  augenblicklich  einflußreichsten  Mitgliedes  des  Reichstages
von  mehr  als  gewöhnlicher  Bedeutung.“

Für  die  Entente  ging  aus  den  Mitteilungen  des  hollän---dischen
  Blattes  vom  9.  Oktober  1917  hervor,  daß  der  „einflußreichste“"
  Mann  Deutschlands  Sache  für  verloren  gab;
dazu  hatte  sie  als  Beleg  die  ebenfalls  von  ihm  stammenden
Enthüllungen  über  die  politische  Lage  in  Osterreich,  die  also
er  selber  verraten  hat,  während  er  in  der  Nationalversammlung
  in  Weimar  noch  anzudeuten  wagte,  es  könne  wohl  die
Oberste  Heeresleitung  gewesen  sein,  die  die  Wiener  Stimmungen
  durch  die  „NRhein#sch-Westfälische  Zeitung“  in  die
Offentlichkeit  gebracht  habe.  Dieser  Verrat  Erzbergers
hat  jede  Möglichkeit  eines  Verständigungesfriedens,
  falls  sie  überhaupt  bestand,  zertrümmert.
Wenige  Tage  nach  dem  Verrat  konnte  der  französische  Ministerpräsident
  auf  der  Führerkonferenz  der  Alliierten  erklären,
die  gesunkene  Stimmung  innerhalb  der  Entente  habe  sich
wieder  gehoben,  man  habe  nun  Nachrichten,  die  den  Endsieg
verbürgten.  ODie  Friedeneresolution  des  Reichstages  vom
Zuli  1917  galt  nun  erst  recht  als  Zeichen  von  Angst  und
Schwäche.  Erzbergers  Wichtigtuerei  und  Eitelkeit,  die  die

272
        <pb n="275" />
        Verbreitung  seiner  Reden,  die  in  Deutschland  als  gefährlich
verboten  war,  im  Auslande  durchgedrückt  hatte,  ist  also  daran
schuld,  daß  die  Entente  durchhielt;  und  was  von  seinen
Reden  und  Unterredungen  in  Deutschland  bekannt  wurde,
das  trug  dazu  bei,  unser  Bolk  mutlos  zu  machen,  die  Front
durch  Heimatbriefe  ebenfalls  anzustecken  und  so  unsere  Niederlage
  unabwendbar  werden  zu  lassen.

Fast  eine  Million  deutscher  Toter,  die  seitdem  gefallen  sind,
verklagen  Erzberger.

Fast  fünf  Millionen  Deutscher,  die  ihrem  Mutterlande  durch
den  Schmachfrieden  entrissen  sind,  verdanken  dies  Erzberger.

Sechzig  Millionen  Deutscher  kommen  mit  Kindern  und
Kindeskindern  durch  diesen  einen  Mann  und  seine  Leichtfertigkeit,
  mit  der  er  Staatsmännern  und  Feldherren  ins
Handwerk  pfuschte,  in  äußerstes  Elend.

Ganze  Generationen  können  in  harter  Fron  nicht  wieder
erarbeiten,  was  er  verschleudert  hat.

Wir  fragen  die  Regierung,  die  immer  noch  dieselbe  Bank
mit  ihm  teilt,  wann  sie  diesen  Mann  der  irdischen  Gerechtigkeit
  auszuliefern  gedenkt  oder  ob  sie  mitschuldig  werden  will!
Zur  Ehre  der  deutschen  Mehrheitesozialdemokratie,  mit  der
wir  sonst  nichts  gemein  haben,  sei  es  gesagt:  durch  sie  ist
während  des  Krieges  keinerlei  Berrat  nach  dem  Auslande
bin  betrieben  worden.  Wie  lange  will  sie  sich  noch  von  ihrem
Bizekanzler  Erzberger  führen  lassen?

Die  zweite  Kriegsabgabe

Weimar,  7.  August

Dawären  wir  also  wieder  beisammen.  ODer  bequeme  Salonwagen
  hat  die  letzten  Nachzügler  der  Regierung,  Braun  und

Frledrich  der  Vorläufige  273  18
        <pb n="276" />
        Oavid  und  andere  Regierungsmänner,  hergerollt,  aber  selbst
da  haben  diese  Schwerarbeiter  keine  Ruhe  gehabt.  Ein  Kino-Operateur
  war  in  den  Zug  bestellt  und  mußte  die  welthistorischen
  Minuten,  wo  sie  das  Regierungsgewerbe  im  Umherziehen
  betrieben,  für  kommende  Geschlechter  kurbeln.  Wir
nähern  uns  im  Fluge  den  Gewohnheiten  aus  der  absolutistischen
  Zeit  des  Sonnenkönigs  Ludwigs  XIV.  Nächstens
wird  wohl  das  Lever  der  parlamentarischen  Unterstaatssekretäre
  als  Staatsaktion  gefilmt  werden.

Also  da  wären  wir  wieder  beisammen.  Auch  der  Fettfleck
auf  dem  roten  Tuch  des  Regierungspodiume,  der  Reichsminister
  Erzberger,  ist  immer  noch  auf  seinem  Platze;  man
sollte  ihn  eigentlich  nicht  mehr  kritisieren,  denn  etwas  besseres
könnte  sich  die  Opposition  gar  nicht  wünschen  als  die  Belastung
  der  Regierung  durch  ihn  noch  bei  den  nächsten  Wahlen.
In  der  Ecke  der  Unabhängigen  sieht  man  heute  ein  neues
Gesicht.  Ein  unscheinbarer  Mann  sitzt  da.  Man  glaubt  es
kaum,  daß  es  Eichhorn  ist,  der  polizeilich  Langgesuchte,  den
die  Regierung  Ebert-Haase-Scheidemann  einst  zum  Polizeipräsidenten
  von  Berlin  ernannt  hat.  Als  er  von  dort  verschwand,
  fand  man  ein  von  ihm  bestelltes  Sauerstoffgebläse
zum  Geldschrankknacken  in  seinem  Amtszimmer.  FZetzt  ist
er  als  Abgeordneter  immun,  unangreifbar.  Diese  Immunität
mochte  vor  Menschenaltern,  wo  das  freie  Wort  noch  des
Schutzes  gegenüber  einer  halb  absolutistischen  Regierung
bedurfte,  am  Platze  sein;  heute  ist  sie  die  größte  Sinnlosigkeit
  des  allein  regierenden  ganz  souveränen  Parlamentariemus.


Auf  der  Tagesordnung  steht  die  nochmalige  Kriegsabgabe
von  Mehreinkommen  und  Vermögenszuwachs.  Es  spricht
für  die  allgemeine  Opferfreudigkeit,  daß  beide  Gesetze,  obwohl
  die  gestaffelte  Abgabe  bis  zu  70  v.  H.  gehen  soll,  in
zweiter  Lesung  sozusagen  im  Handumdrehen,  in  noch  nicht

274
        <pb n="277" />
        ganz  drei  Stunden,  erledigt  werden.  Es  ginge  schneller  noch,
wenn  nichk  die  Sozialdemokraten  aus  agitatorischem  Bedürfnis
  zu  verschiedenen  Paragraphen  neue  Anträge  eingebracht
hätten.  Sie  haben  gar  keine  Oisziplin  als  Regierungepartei.
Sie  wollen  bei  den  nächsten  Wahlen  damit  paradieren,  daß
das  gesamte  Bürgertum  „nur“"  bis  zu  70  v.  H.  beim  Wegbesteuern
  gegangen  sei,  während  sie  auf  80  b.  H.  beantragt
hätten.  ODa,e  ist  eine  sehr  billige,  aber  erfolgreiche  Methode.
Wären  100  v.  H.  vorgeschlagen,  also  die  vollkommene  Konfiskation,
  so  würden  sie  110  v.  H.  fordern.  Von  verschiedenen
bürgerlichen  Seiten  wird  darauf  bingewiesen,  daß  man  im
Begriffe  sei,  die  Henne  zu  schlachten,  die  die  goldenen  Eier
lege;  die  Gesetze  träfen  nicht  nur  die  Kriegsgewinnler  und
Schieber,  sondern  auch  die  ehrliche  Arbeit,  und  die  vorgeschlagene
  Staffelung  sei  schon  das  äußerste,  was  man  sich
leisten  dürfe,  um  nicht  die  Bolkswirtschaft  zu  ruinieren.  Die
Sozialdemokraten  antworten  mit  den  alten  Gemeinplätzen
aus  der  Volksversammlung.  ·

Man  drängt  zu  schnellem  Schlusse  nicht  nur  aus  Opferfreudigkeit,
  sondern  auch  aus  Rücksicht  auf  das  Weimarer
Publikum,  das  heute  von  der  sozialdemokratischen  Partei
auf  neun  Uhr  abends  zu  einer  Verfassungefeier  in  das  Landestheater
  geladen  ist;  und  vorher  müssen  doch  noch  die  Scheuerfrauen
  ans  Werk.  Jedermann  hat  heute  abend  freien  Zutritt.
  Prolog,  Festrede,  Musik,  es  ist  alles  da,  und  sogar
hervorragende  Musik  unter  Leitung  des  Hofkapellmeisters
Dr.  Peter  Rabe.  Die  Festrede  hält  der  sozialdemokratische
Innenminister  David,  die  Musik  folgt  mit  der  fünften  Symphonie
  in  C-Moll  von  Beethoven.  Dem  Publikum  geht  es
also  so  wie  den  kleinen  Kindern:  wenn  man  zuerst  den  Lebertran
  geschluckt  hat,  kriegt  man  zur  Erholung  etwas  himmlisch
Süßes  binterdrein.

275  **
        <pb n="278" />
        Die  große  Anordnung

Weimar,  8.  August

Von  Oavids  Harfe  ist  am  gestrigen  Festabend  kein  wilder
Rachepsalm  gegen  die  Feinde  der  Sozialdemokratie  erklungen.
Es  gab  eine  friedliche  Stunde  staatsbürgerlichen  Unterrichts,
eine  für  den  Parteimann  immerhin  maßpvolle  Erklärung  des
Verfassungswerkes.  So  konnte  das  Volk  von  Weimar  unbeschwerten
  Sinnes  Bach  und  Beethoven  lauschen.  Fast  kommt
einem  da  das  Haus  heute  wieder  entweiht  vor,  wo  man
aus  dem  Traumreich  in  die  jämmerliche  Gegenwart  zurückgeführt
  wird.

Die  kleinen  Anfragen,  die  auf  der  Tagesordnung  stehen,
werden  von  Woche  zu  Woche  mehr  zu  einer  Sammlung  von
Notschreien,  von  Anklagematerial  gegen  die  seit  dem  Novemberumsturz
  bei  uns  vorherrschende  Unordnung.  Da  stöhnt
einer  über  den  elenden  Betrieb  im  Post-  und  Fernsprechwesen,
  ein  anderer  über  Eisenbahnzüge  voll  schimmelnden
Roggenmehles,  ein  dritter  über  die  vom  Reiche  hilflos  verlassenen
  Ostmarkflüchtlinge,  ein  vierter  über  große  Ungerechtigkeiten
  bei  der  Zuteilung  von  Leim  oder  Zement  oder
anderen  Dingen;  mehrere  unter  den  siebzehn  heutigen  Anfragen
  aber  befassen  sich  mit  noch  etwas  viel  Kitzligerem,
mit  der  immer  noch  bestehenden  Nebenregierung  durch  die
Arbeiter-  und  Soldatenräte  in  Deutschland.  Diese  maßen  sich
vielfach  nicht  nur  behördliche  Kontrollbefugnis,  sondern  zeitweilig
  sogar  diktatorische  Rechte  im  Wirtschaftsleben  an,
treten  alle  gesetzlichen  Bestimmungen  mit  Füßen  und  besorgen
  sich  durch  Zwangsauflagen  die  Mittel  zu  gutem  Leben.
Es  ist  ganz  lehrreich,  daß  der  demokratische  Abgeordnete
Schiffer  heute  durch  einen  Fraktionsgenossen  eine  kleine
Anfrage  verlesen  läßt,  in  der  um  Auskunft  über  die  von  den

276
        <pb n="279" />
        Räten  ungesetzlich  verbrauchten  Mittel  ersucht  wird.  Als  im
Februar  der  deutschnationale  Abgeordnete  Graf  Posadowstky
in  einer  Rede  die  gleiche  Anfrage  stellte,  zuckte  der  damalige
Finanzminister  Schiffer  die  Achseln  und  erwiderte  burschikos:
„ZJa,  das  möchte  ich  auch  gerne  wissen!“  Eine  tatsächliche
Antwort  erfolgte  nicht.  Heute,  nach  fast  einem  halben  Jahre,
entdeckt  aber  derselbe  demokratische  Parlamentarier  plötzlich
die  vaterländische  Rotwendigkeit,  in  die  Verwirtschaftung
öffentlicher  Gelder  seinerseits  hineinzuleuchten.

Er  erhält  vom  Regierungstisch  ausführliche  Antwort.  Danach
  ist  von  vielen  Arbeiter-  und  Soldatenräten  eine  Abrechnung
  überhaupt  nicht  zu  erlangen;  manche  dieser  Reichsregenten
  sind  auch  spurlos  verschwunden.  Aus  den  von
anderen  eingereichten  Belegen  aber  geht  hervor,  daß  nur  ein
winziger  Bruchteil  der  Gelder  zu  sachlichen  Ausgaben  gedient
hat,  das  weitaus  meiste  für  persönliche  Entlohnung  und  ein
Teil  für  parteipolitische  Zwecke  verbraucht  ist.  Das  Reich,
dessen  Kasse  das  Geld  mitunter  einfach  erpreßt  oder  geraubt
wurde,  hat,  soweit  man  es  übersehen  kann,  rund  hundert
MçMillionen  Mark  bergeben  müssen,  die  Einzelstaaten  und
Gemeinden  wohl  noch  viel  mehr,  und  auch  zahlreiche  Private
haben  für  die  Sektgelage  der  kleinen  örtlichen  Gewalthaber
geblutet.  Die  Hauptsache  wird  dabei  noch  vergessen.  Vom
Heereseigentum  sind  Bestände  im  Werte  von  über  fünftausend
  Millionen  Mark  verschleudert,  an  belgische,  polnische,
deutsche  Schieber  verkauft  worden,  großenteils  auch  auf
Befehl  und  zugunsten  von  Arbeiter-  und  Soldatenräten.
Das  alles  wird  nun  wieder  durch  Steuern  von  uns  eingetrieben.
  Eine  weitere  kleine  Anfrage  wäre  nötig:  Zuwelcher
  Partei  gehören  alle  diese  Käte?  Unseres  Wissens
sind  sie  so  gut  wie  samt  und  sonders  Sozialdemokraten.

Leute  aus  der  gleichen  Schicht  sind  ja  heute  auch  vielfach
Ministerialbeamte  und  verewigen  auch  dort  die  Unordnung,

277
        <pb n="280" />
        indem  sie  —  wir  hier  in  Weimar  können  das  häufig  genug
feststellen  —  den  Post-  und  Telegraphen-  und  Fernsprechbetrieb
  mit  ihren  Privatangelegenheiten  auf  Staatskosten  so
belasten,  daß  der  gewöhnliche  Sterbliche  nur  noch  mit  dreifacher
  Taxe  „dringend“  beran  kann.  Wir  meinen  nicht  die
fünfzigpfündige  Hamsterkiste,  die  ein  Minister  als  angebliche
„Akten“  portofrei  nach  Hause  geschickt  hat,  sondern  vor  allem
die  zabllosen  „Dienstgespräche“  mit  Frau  und  Kind  und
Kegel,  die  von  hier  aus  geführt  werden.  An  allen  diesen
Dingen  sind  nun  wirklich  weder  Ludendorff  noch  die  Alldeutschen
  noch  die  Schwerindustrie  schuld;  und  wenn  im
Deutschen  Reiche,  dem  früheren  Musterlande  der  Zucht  und
Ordnung,  allmählich  mittelamerikanische  Zustände  einreißen,
so  wird  man  doch  wohl  sagen  dürfen,  das  wäre  vor  dem
9.  November  nicht  denkbar  gewesen.

Die  große  Hoffnung,  die  demgegenüber  immer  wieder  vor
uns  aufgepflanzt  wird,  beißt:  die  sozialisierte  Wirtschaft  im
Zukunftsstaate.  Mehr  als  eine  Hoffnung  ist  das  nicht.  Der
Schatzminister  Maper  entwirft  beute  ein  lockendes  Bild  von
den  Ergebnissen,  die  die  verstaatlichte  Elektrizitätswirtschaft
haben  wird.  Maper  spricht  wie  einst  Stephan.  Ein  kluger,
organisatorisch  veranlagter  Kopf.  Wir  aber  meinen,  wenn
irgendeine  Sozialisierung  wirklich  einmal  Erfolg  haben  sollte,
dann  wird  die  Entente  die  Ernte  einheimsen.  Oie  deutsche
Republik  hat  ihr  in  dem  Friedensvertrag  ja  jede  Vollmacht
dazu  gegeben.

Reichsdraht

Weimar,  9.  August

Der  Freiballonsport  ist  schon  heute  durch  die  vielen  Hochspannungsleitungen
  bedroht.  Die  Uberlandzentralen  mehren

278
        <pb n="281" />
        sich.  Auch  das  Landschaftsbild  wird  dadurch  verschandelt,  und
wo  die  Natur  noch  wildprächtig  sich  uns  zeigt,  wie  an  den
Zmatra-Stromschnellen,  da  entsteht  ein  Elektrizitätewerk  und
zerstört  den  ganzen  Zauber.  Aber  es  hilft  nichts.  Wir  werden
über  kurz  oder  lang  nur  noch  einige  Naturschutzparks  besitzen,
in  die  man  wird  gehen  müssen,  wenn  man  überhaupt  noch
seinen  Goethe  verstehen  will.  Alles  andere  aber  wird  überdrahtet,
  um  elektrische  Kraft,  die  schon  heute  von  ihrem
Erzeugungsort  aus  250  Kilometer  weit  geschickt  werden  kann,
bis  in  den  kleinsten  Weiler  und  bis  zum  letzten  Flickschuster
hinzubringen.  So  meinen  die  Utopisten.  Mag  sein,  daß  sie
in  ferner  Zukunft  Recht  bekommen.  Vorerst  wird  aber  auch
das  Reich  auf  unrentablen  Kraftversand  sich  kaum  einlassen,
  also  keinesfalls  eine  Leitung  um  Hunderttausende  von
Mark  bis  zu  dem  einsamen  Flickschuster  bauen.  Freilich  die
Elektrisierung  aller  Eisenbahnen  werden  wir  wohl  noch  erleben.
  Es  ist  ganz  selbstverständlich,  daß  eine  solche  Angelegenheit
  vom  Reiche  in  die  Hand  genommen  wird,  und  die
Vorarbeiten  zu  der  sogenannten  „Sozialisierung  der  Elektrizitätswirtschaft",
  die  uns  von  der  gegenwärtigen  Regierung
als  Neuestes-Allerneuestes  angepriesen  wird,  liegen  schon  um
mehr  als  ein  JZahrzehnt  zurück.

Der  Unabhängige  Koenen  hat  ganz  recht,  wenn  er  in  der
heutigen  Debatte  über  das  Gesetz  erklärt,  man  solle  doch,
wo  es  sich  einfach  um  eine  Art  Monopol  oder  um  eine  Art
Verstaatlichung  handle,  nicht  von  Sozialisierung  sprechen.
Oder  —  so  fügen  wir  hinzu  —  wenn  man  das  eine  Sozialisierung
  nennt,  so  war  schon  Fürft  Bismarck,  der  unser  Eisenbahnwesen
  verstaatlichte,  der  größte  Sozialist.  Aur  hat  er
das  in  einer  Zeit  des  wirtschaftlichen  Aufschwungs  getan,
während  die  heutige  Regierung  für  ihre  Pläne  den  allerungünstigsten
  Zeitpunkt  sich  ausgesucht  hat,  wo  es  an  „Draht“
für  die  Uberdrahtung  fehlt.  Daher  findet  sie  unbedingtes

279
        <pb n="282" />
        Lob  für  die  Vorlage,  der  im  übrigen  grundsätzlich  alle  Parteien
  zustimmen,  nur  bei  den  Mehrheitesozialisten.  Die
Redner  aller  bürgerlichen  Fraktionen  bezweifeln,  sosehr  sie
die  kommende  wirtschaftliche  Notwendigkeit  der  Bereinheitlichung
  des  Kraftversandes  einsehen,  den  finanziellen  Erfolg
der  Maßregel  in  unserer  Zeit  der  furchtbarsten  Teuerung.
Das  Reich,  das  heute  viel  leichtherziger  Milliarden  ausgibt
als  früher  Millionen,  stellt  eine  Milliarde  Mark  für  den
elektrischen  Reichsdraht  zur  Berfügung.  Aber  nicht  nur  der
Fachmann  der  Deutschen  Volkspartei,  Geheimrat  Weidtmann,
  sondern  auch  Abgeordnete  anderer  Fraktionen  finden,
daß  ungezählte  Milliarden  notwendig  sein  würden;  und  auch
dann  sei  die  Rentabilität  noch  sehr  zweifelhaft,  da  Staatsbetriebe
  immer  teurer  arbeiten  als  private,  wie  man  an  den
Saargruben  und  anderen  Unternehmungen  sähe.  Am  wenigsten
  entzückt  von  dem  Gesetze  ist  die  demokratische  Partei,
deren  Wortführer  Dr.-Ing.  Wieland  die  Schwächen  des
überhasteken  Entwurfes  darstellt  und  statt  des  alleinigen
Staatsunternehmene,  das  die  bestehenden  Uberlandzentralen
aufkaufen  müßte,  eine  gemischtwirtschaftliche  Gesellschaft  empfiehlt,
  in  welche  gegen  Gewährung  von  Aktien  die  verschiedenen
  Elektrizitätswerke  des  Reiches,  der  Gemeinden,  der
Privatgesellschaften  eingebracht  werden  sollten.  In  einem
Ausschuß  von  28  Mitgliedern,  an  den  die  Vorlage  verwiesen
wird,  kann  man  sich  weiter  darüber  unterhalten.  Da  wird
denn  auch  praktische  Arbeit  geleistet  werden,  während  heute
noch  der  Sozialdemokratie,  wie  aus  der  Rede  ihres  Abgeordneten
  Kahmann  hervorgeht,  der  gelernter  Mechaniker  und
Gemeindeältester  in  Potschappel  ist,  nur  an  der  agitatorischen
Wirkung  etwas  liegt:  Seht,  wie  schnell  und  wie  gewaltig
wir  den  Kapitalismus  sozialisieren!

Unter  dem  sogenannten  alten  System  hat  man  das  alles
schon  gekannt,  hat  man  das  Postregal  und  die  Staateeisen-280
        <pb n="283" />
        bahn  eingeführt,  die  der  Allgemeinheit  einen  sicheren  Betrieb
und  große  Uberschüsse  einbrachten.  Auch  die  Überdrahtung
Deutschlands  von  Reichs  oder  von  Staats  wegen  wäre  erfolgt.
Derartige  gemeinwirtschaftliche  Unternehmungen  fanden  nur
früher  den  ärgsten  Widerstand  bei  der  Linken  unserer  Parlamente.
  Gegen  die  Sozialisierung  unserer  Arbeiterwersicherung
haben  selbst  die  Sozialdemokraten  gestimmt;  und  es  ist  eine
wenig  bekannte  Tatsache,  daß  Bismarck  schon  1869  die  erste
Arbeiterschutzkonferenz  einberufen  wollte,  damit  aber  an  dem
Widerstande  des  Handeleministers  Itzenplitz  und  der  übrigen
Liberalen  scheiterte.  Die  Bedeutung,  welche  die  „weiße
Kohle“,  die  Elektrizität,  für  uns  haben  wird,  war  der  alten
Regierung  genau  so  klar  wie  der  heutigen.  Aber  daß  wir
nun  nach  Ourchbringung  des  neuen  Gesetzes  der  schwarzen
Kohle  entraten  und  fabelhaft  billig  im  Zukunftsstaate  elektrisch
fahren,  dreschen,  heizen,  kochen,  bügeln  könnten,  darüber
lächelt  skeptisch  —  nur  in  der  Nationalversammlung  bleibt
man  ernst  —  schon  jede  Hausfrau,  die  in  unseren  Tagen
die  Preissteigerung  des  elektrischen  Lichtes  von  Monat  zu
Monat  erlebt.

Wucherbodensteuer  und  Rauchnotopfer

Weimar,  1I1.  August

Wenn  die  große  Berteilung  allen  Besitzes  unter  alle  wirklich
  vorgenommen  würde,  so  käme  auf  jeden  einzelnen  Deutschen
  schließlich  ein  Vermögen  von  nur  843  Mark,  hat  Eugen
Richter  in  seiner  Kritik  des  sozialistischen  Zukunftestaates
geschrieben.  Die  Ziffer  würde  heute  etwas  anders  aussehen.
Zn  der  Sache  aber  behielte  der  alte  demokratische  Führer  recht.
Was  er  zum  Ausdruck  bringen  wollte,  war,  daß  die  großen

281
        <pb n="284" />
        Vermögen  nur  ein  winziges  Fettauge  auf  der  riesigen  Wassersuppe
  sind.  Schöpft  man  es  ab,  um  es  in  Portionen  zu  zerlegen,
  so  hat  so  recht  niemand  etwas  davon.  Wir  brauchen
die  Vermögen,  damit  sie  unsere  gesamte  Volkswirtschaft  beleben.
  Bon  den  Steuern  aber  gilt  dasselbe  wie  von  dem
Umsatz  des  Kaufmanns:  die  Masse  muß  es  bringen.  Wird
im  Laden  eine  einzelne  Ware  mit  einem  ungeheuerlichen
Preise  ausgezeichnet,  so  bleibt  sie  unverkäuflich,  aber  der
kleine  Aufschlag  auf  sämtliche  Massenartikel  bringt  Geld.
Das  ist  so  ein  Stückchen  Lebensweisheit,  das  sich  gegenüber
aller  Steuertaktik  der  Parteien  immer  wieder  durchsetzt.  Mit
sozialistischer  Moral  ist  da  wenig  zu  machen.  So  müssen  denn
auch  die  heute  Regierenden  sich  zur  Billigung  der  indirekten
Steuern  bequemen,  die  die  breite  Masse  des  Volkes  treffen,
denn  anders  kann  man  nicht  regieren.

Wir  stehen  erst  am  Anfang  einer  langen  Reihe  von  Steuerschöpfungen,
  die  zuletzt  doch  darauf  hinauskommen  müssen,
daß  die  Steuern  erarbeitet  werden.  Geld  oder  Besitz  ist
aufgespeicherte  Arbeit  früherer  Geschlechter.  Damit  ist  sehr
schnell  aufgeräumt,  denn  dieser  Vorrat  ist  im  Vergleich  zur
laufenden  täglichen  Arbeit  ganz  winzig.  Man  kann,  um  unter
allen  Umständen  sozial  zu  erscheinen,  die  sogenannten  starken
Schultern  enorm  belasten,  beispielsweise  den  vermaledeiten
Hausbesitzer,  aber  aus  der  von  seinen  Einwohnern  erarbeiteten
  Miete  wird  das  doch  wieder  getragen.  Es  bleibt  dabei:
neue  Steuern  bedeuten  neue  Arbeit  für  das  ganze
Volk.  Die  Steuern  für  die  Entente  stehen  dabei  noch  gar
nicht  auf  der  Tagesordnung.  Beginnt  über  Jahr  und  Tag
deren  Erpressung,  dann  werden  wir  vom  Sechsstundentag
nicht  mehr  reden,  sondern  den  Zwölfstundentag  bekommen.

Vorerst  wird  wahllos  jeder  erreichbare  Gegenstand,  jedes
Geschäft,  jede  Tätigkeit  besteuert.  Das  neue  Grunderwerbsteuergesetz,
  das  heute  in  zweiter  Lesung  beraten  wird,  sieht

282
        <pb n="285" />
        ganz  gewaltige  Abgaben  vor.  In  dem  krassesten  Fall,  den
wir  einmal  anführen  wollen,  nämlich  dem,  daß  ein  Händler
zu  Parzellierungszwecken  ein  Gut  erwirbt,  das  zu  zwei
Oritteln  seines  Wertes  mit  Hppotheken  belastet  ist,  würde
bei  dem  Verkauf  eine  Steuer  von  24  vom  Hundert  dessen,
was  der  Vorbesitzer  sein  Eigen  nennt,  fällig  sein.  In  dem
gelindesten  Fall  aber,  wenn  der  Boden  schuldenfrei  und  kein
Händler  der  Erwerber  ist,  sind  es  immerhin  noch  6  vom  Hundert.
  Ee  ist  sehr  fraglich,  ob  solche  Anspannung  das  gewünschte
Ziel  erreicht  oder  nicht  vielmehr  dazu  führt,  daß  der  Immobillenbesitzwechsel
  sich  überhaupt  sehr  einschränkt,  so  sehr
einschränkt,  daß  das  finanzielle  Mehrergebnie  für  den  Staat
gleich  null  ist.  Die  Bodengesellschaften  werden  auf  die  „Erschließung“
  neuen  Geländes  nun  wohl  vielfach  verzichten
müssen,  vielleicht  auf  ihre  ganze  Tätigkeit.  Mit  den  sogenannten
  Luxussteuern  hat  man  es  ja  schon  häufig  genug  erlebt.
  Sind  sie  allzu  hoch,  so  hört  der  Luxus  auf  oder  wendet
sich  anderen  Dingen  zu,  und  der  Fiskus  hat  das  Nachsehen.
Damit  sind  aber  dann  gleichzeitig  alle  die  Existenzen  ruiniert,
die  von  der  Herstellung  der  Luxrusware  gelebt  haben.

Oie  andere  Steuer,  die  heute  ebenfalls  ihre  zweite  Lesung
durchmacht,  ist  die  auf  den  Tabak  und  die  Tabakerzeugnisse.
Alle  Parteien  lassen  erklären,  daß  sie  nur  mit  schwerem
Herzen  daran  gingen.  Aber  es  ist  unbedingt  erforderlich,
daß  das  große  Rauchnotopfer  auf  dem  Altar  des  Vaterlandes
verkohlt  oder  —  wenn  wir  das  schiefe  Bild  der  Abgeordneten
gebrauchen  wollen  —  daß  der  Tabak  blutet.  Das  berühmte
Pfeischen  des  armen  Mannee,  für  das  einst  Eugen  Richter  in
Wort  und  Bild  gegen  die  böse  Rechte  gekämpft  hat,  findet
heute  nur  noch  bei  den  Deutschnationalen  einen  Verteidiger,
aber  sie  sind  in  der  Minderheit.  Die  hochbezifferte  Banderole
kommt  fortan  auch  um  die  Zigarrenkiste,  die  Stummelpfeife
mit  Uckermärker  Füllung  steigt  in  die  vornehmsten  Kreise

283
        <pb n="286" />
        empor,  Zigaretten  aber  werden  sich  nur  noch  Berliner  Müllkutscher
  und  andere  Schwerverdiener  leisten  können.  Wer  im
Felde  gesehen  hat,  wie  das  Stimulans  des  Rauchens  immer
wieder  Mehrleistungen  auch  aus  ermüdeten  Truppen  herausgeholt
  hat,  der  kann  es  sich  denken,  wieviel  Energieverlust
für  unser  Volk  die  neue  Verteuerung  des  Rauchens  bedeuten
wird,  wieviel  Verlust  auch  an  staatsbürgerlicher  Zufriedenheit
und  leichter  Lenkbarkeit.  Aber  es  wird  eben  überall  mit  der
Steuerzange  zugepackt.  Man  will  450  Millionen  Mark  im
Zahre  von  den  Rauchern  neu  einziehen.  Wenn  das  glücken
will,  muß  es  uns  sehr  gut  gehen,  denn  wenn  es  uns  schlecht
gebt,  hört  das  Rauchen  auf;  auch  da  gibt  es  schließlich  eine
Grenze  der  Erschwinglichkeit,  und  weder  Kriegsgewinnler
noch  Revolutionsgewinnler  werden  ewig  dasein.

Das  Herz  ist  den  Abgeordneten  der  Mehrheit  wirklich  bedrückt.
  Sie  müssen  für  Dinge  stimmen,  die  gar  nicht  im
Parteiprogramm  stehen,  und  ihnen  wird  ganz  flau,  wenn  sie
an  kommende  Wahlversammlungen  denken,  wo  man  sie  vielleicht
  fragen  wird,  wann  denn  endlich  das  versprochene
goldene  Zeitalter  komme.  Schon  heute  sind  sie  nervös  und
trauen  einander  nicht  über  den  Weg.  In  einer  langen  Geschäftsordnungedebatte
  kommt  es  zwischen  den  Schicksalsgenossen
  von  heute,  den  roten  und  schwarzen  Autznießern
der  Revolution,  zu  spitzigen  Anzweiflungen,  ob  sie  das  Rennen
auch  „durchstehen“  würden,  für  direkte  und  für  indirekte
Steuern,  nicht  nur  für  eine  von  beiden  Sorten.  Erzberger
verspricht  beides  reichlich.  Er  ist  bei  vortrefflicher  Laune.

Hypnose
Weimar,  12.  August

Seit  mehreren  Tagen  wird  man  an  der  Auffahrt  zum
Landestheater  vom  Publikum  mit  der  Frage  bestürmt,  ob

284
        <pb n="287" />
        Erzberger  endlich  reden  werde.  An  der  Börse  für  Eintrittskarten
  zur  Nationalversammlung  notiert  man  nämlich  verschiedene
  Preise  je  nach  den  voraussichtlichen  Rednern  in  der
Sitzung.  Am  meisten  „gefragt“  war  lange  Zeit  hindurch  die
Zietz.  Jetzt  ist  in  dem  großen  Popularitätsrennen  Erzberger
ihr  schon  an  die  Gurten  gekommen  und  wird,  wenn  wir  bei
der  Rennsprache  bleiben  wollen,  ihr  bald  die  Hufe  zeigen.
Es  ist  eine  Art  Kitzel,  der  an  solchen  Tagen  die  Leute  zur
Nationalversammlung  treibt.  Jedermann,  wohl  auch  Erzberger
  selbst,  weiß  es,  daß  es  nicht  nur  in  der  Burschenschafterbewegung
  „Unbedingte“  gab,  die  zu  jeder  Tat  bereit  waren,
sondern  daß  auch  heute  manches  Gehirn  wie  ein  Kohlenmeiler
  glüht.  Die  Landesjäger  waren  schon  drauf  und  dran,
Erxzberger  zu  hängen,  und  es  ist  gar  nicht  ausgeschlossen,  daß
irgendein  Fanatiker  einmal  den  Versuch  mit  mehr  Erfolg
wiederholt.  Da  ist  es  denn  —  nicht  wahr,  gnädige  Frau  —
fabelhaft  interessant,  wenn  man  diesen  Mann  vorher  hat
reden  hören  oder,  wenn  man  nicht  zuhört,  durch  das  Opernglas
  sich  mindestens  seinen  Hals  angesehen  hat.

Die  Rede  Erzbergers  zum  Reichsnotopfer  und  den  übrigen
großen  Steuern  ist  heute  fällig.  Man  erledigt  vorher  schnell
durch  Annahme  das  Zündholzmonopol  und  die  Spielkartensteuer.
  Ganz  zu  Anfang  aber  gibt  der  Außenmüller  Antwort
auf  eine  kleine  Anfrage  Graefes,  wie  es  um  die  Rücksendung
unserer  deutschen  Kriegsgefangenen  stünde.  Eine  lange  Antwort
  mit  Verlesung  zahlreicher  deutscher  Eingaben,  die  den
Eifer  der  Regierung  in  der  Sache  erweisen  sollen.  Wer
etwas  anderes  behauptet,  der  ist  schamlos,  sagt  Herr  Müller.
Nur  gemach!  Eifer  bezeigt  auch  der  dumme  August  beim
Teppichrollen  im  Zirkus,  aber  in  der  Tat  hilft  er  nicht  dabei,
sondern  hindert  nur;  und  wir  sind  so  schamlos,  zu  behaupten,
daß  die  Regierung,  die  durch  ihren  Waffenstillstand  das  ganze
Unglück  unserer  armen  Gefangenen  überhaupt  angerichtet

285
        <pb n="288" />
        hat,  durch  ihre  vielen  Eingaben  nur  den  Schein  erweckt,  als
täte  sie  etwas.  Warum  setzt  sie,  die  ja  eine  so  große  Praxis
in  „flammenden“  Aufrufen  hat,  nicht  die  gesamte  Welt  damit
in  Brand?  Herr  Erzberger  hat  doch  während  des  Krieges
mit  den  vielen  vom  Reiche  ihm  in  blanco  zur  Berfügung
gestellten  Millionen  angeblich  eine  riesenhafte  Organisation
zur  Beeinflussung  der  öffentlichen  Meinung  im  Auslande
geschaffen;  da  soll  er  sie  doch  einmal  knarren  lassen.  Es  ist
geradezu  kindisch,  wenn  uns  vorerzählt  wird,  die  deutsche
Regierung  habe  gar  keine  anderen  Mittel,  die  Herausgabe
unserer  Gefangenen  zu  beschleunigen,  als  die  üblichen  wehleidigen
  Bettelbriefe  an  Clemenceau.  Wo  ein  Wille  ist,  da
ist  auch  ein  Weg.  Aber  es  scheint  wirklich,  daß  unsere  neuen
Regenten  schon  damit  zufrieden  sind,  daß  man  für  den  sozialdemokratischen
  Minister  Hoffmann  in  München  seinen  Sohn
und  für  den  Zentrumeminister  Erzberger  seinen  Freund
Hölzle  losgebettelt  hat.  Das  ist  das  Bakschisch,  das  die  Entente
unseren  Hochmögenden  zuwirft,  weil  sie  im  übrigen  mit  ihren
Oiensten  außerordentlich  zufrieden  sein  kann.  Unsere  übrigen
Gefangenen  aber,  die  schon  seit  Monaten  zu  Hause  sein  könnten,
wird  die  Entente  frühestens  in  diesem  Herbst  entlassen,  nachdem
  sie  die  Ernte  in  Frankreich  und  Belgien  und  England
eingebracht  haben.

Wer  heute  auf  die  Tribüne  der  Nationalversammlung  gelangt
  ist,  der  hat  Glück,  denn  er  erlebt  jenen  „anderen“  Erzberger,
  der  zuerst  als  Benjamin  des  Reichstags  durch  seine
Fixrigkeit  und  Auffassungsgabe  das  Zentrum  fasziniert  hat
und  nun  der  Sozialdemokratie  unentbehrlich  geworden  ist.
Eine  in  ihrem  gemeinverständlichen  Aufbau  glänzende,  ungemein
  volkstümliche  Rede  über  Finanzen  und  Wirtschaft
und  Steuern  hält  die  Hörer  in  Bann.  Schon  sind  zwei  Stunden
  der  Rede  nach  allem  übrigen  herum.  Oie  Luft  in  dem
Tbeater  fängt  an  entsetzlich  zu  werden.  Den  Leuten  im  dritten

286
        <pb n="289" />
        Rang  stehen  die  Schweißperlen  auf  der  Stirn,  aber  sie  harren
aus:  noch  niemals  haben  sie  einen  mit  solch  journalistischer
Gewandtheit  zusammengestellten  klaren  Vortrag  über  die  an
sich  so  schwierigen  Themen  gehört.

Im  Grunde  ist  man  über  das  ZJahlenmüssen  ja  einig.  Insofern
  hat  Erzberger  es  leichter  als  alle  seine  Vorgänger  im
Kaiserreich.  Aber  es  hat  etwas  besonders  Beruhigendes,
nun  auch  zu  erfahren,  warum  und  zu  welchem  Ende  alles
geschieht,  und  Erzbergers  Optimismus  ist  von  einer  derartig
hypnotischen  Kraft,  daß  man  die  Heilwirkung  dieser  Rede,
die  sich  übrigens  von  üblen  Angriffen  klugerweise  freihält,
ruhig  durch  Plakatieren  erproben  könnte.  Die  furchtbarsten
Zahlen,  wie  die  unserer  schwebenden  Schuld,  die  allein
76  Milliarden  beträgt,  ungerechnet  die  Kriegsanleihen,  ungerechnet
  die  Wiedergutmachung,  werden  ganz  zahm.  Oer
große  Hypnotiseur  regiert  sie  alle.  Es  ist  jammerschade,  daß
diese  Begabung  just  in  einen  Menschen  gefahren  ist,  dem  es
so  sehr  an  Charakter  gebricht;  jammerschade,  daß  er  selbst
beute  sich  von  seiner  alten  Leichtfertigkeit  nicht  ganz  freimachen
  kann  und  wieder  Behauptungen  ausfstellt,  die  in  ihrer
Fixigkeit  verblüffen,  in  ihrer  Richtigkeit  versagen.  Er  beweist
uns  haarklein,  daß  die  Entente  an  das  Reichsnotopfer
nie  heran  könne.  Nit  derselben  Bestimmtheit  hat  er  einst
bewiesen,  daß  die  Entente  uns  nie  die  Handelsflotte  nehmen
könne.  Es  klingt  sehr  einleuchtend,  wenn  er  sagt,  im  Grunde
sei  das  Reichsnotopfer  nur  die  Annullierung  eines  Teils  der
Kriegsanleihe,  das  Reich  ziehe  Schuldtitel  ale  Steuer  ein  und
vernichte  sie;  und  an  diesem  Papierhaufen  von  Oarlehnskassenscheinen,
  Anleihetalons,  Schatzanweisungen  liege  unseren
  Feinden  gar  nichte,  denn  solche  an  sich  wertlosen  Papiere
könnten  wir  ihnen  nach  Belieben  in  Massen  drucken;  nein,
die  Entente  wolle  Gold,  wolle  Waren,  wolle  Arbeit  von  uns.
Mit  Verlaub:  was  abgeliefert  werden  soll,  das  sind  nicht  nur

287
        <pb n="290" />
        Papierhaufen,  sondern  Bermögenswerte.  Zum  Teil  werden
sogar  auf  30  Jahre  diese  Forderungen  des  Reiches  hpypothekarisch
  auf  den  Besitz  eingetragen;  zum  Teil  erfolgt  die
Zahlung  in  Industriewerten  und  Bankaktien.  Alles  das  ist
vor  dem  Zugriff  der  Feinde  nur  solange  sicher,  als  wir  —
Erzberger  liest  es  selber  aus  dem  Friedenesvertrage  vor  —
die  Bedingungen  des  Vertrages  erfüllen.  Sie  sind  aber  unerfüllbar.
  Und  was  sagt  der  Friedensvertrag  sonst  noch?
§J248:  „Oer  gesamte  Besitz  und  alle  Einnahmequellen
des  Deutschen  Reiches  haften  an  erster  Stelle  für  die
Wiedergutmachungskosten  und  alle  sonstigen  Lasten  aus
dem  Friedensvertrage.“  §&amp;amp;  244,  Anm.  12b:  „Alle  Einkünfte
Deutschlands  einschließlich  der  für  die  Tilgung  seiner  inneren
  Anleihen  bestimmten  werden  vorzugsweise  für
die  Wiedergutmachungsschuld  verwendet.“  Das  weiß  Erzberger
  doch!  Es  ist  ihm  ebenso  bekannt,  daß  wir  „bis  an
die  Grenze  unserer  Leistungsfähigkeit“  viele  Menschenalter
lang  ausgepreßt  werden  sollen.  Aus  der  Hypnose  der  geschickten
  Ministerrede  werden  wir  bald  erweckt  werden;  und
dann  ist  Heulen  und  Zähneklappen.

Dann  wird  auch  wieder  und  immer  wieder  die  Frage  gestellt
  werden:  warum  war  das  nötig?  Und  die  Antwort  wird
lauten:  weil  der  Scheidemann--Erzberger-Friede  uns  dazu
zwang,  weil  wir  von  den  Reichsverderbern  seit  1917  einem
Unterwerfungsfrieden  zugetrieben  wurden.  Durch  sie  haben
wir  den  Krieg  verloren,  durch  sie  sind  wir  zu  Fronarbeitern
geworden,  durch  sie  sind  Millionen  Deutscher  unnütz  gefallen,
durch  sie  müssen  800  000  deutsche  Kriegsgefangene  noch  in
Banden  bleiben.  Das  ist  der  Kernpunkt  der  Sache.  Hier
steckt  Erzbergers  Kopf  in  der  Schlinge,  und  daher  gebärdete
er  sich  in  den  abgelaufenen  Wochen  so  wild  und  versuchte
die  Wahrbeit  totzuschlagen.  Wenn  er  heute  sagt,  bis  in
Strumpf  und  Strohsack  werde  der  Steuererekutor  uns

288
        <pb n="291" />
        leuchten,  so  ist  das  nur  eine  verhältnismäßig  erträgliche
Folge  des  ganzen  Schadene,  den  er  und  seine  roten  Bundesbrüder
  angerichtet  haben.  Wir  sind  nicht  steuerscheu.  Wir
meinen  sogar,  daß  nichts  uns  wieder  so  zur  Wiedergenesung
aus  dem  Taumel  von  1918  bringen  kann,  als  Jahrzehnte
voll  bitterster  Not;  auch  zur  Genesung  von  dem  hypnotischen
Rausch,  in  den  der  fingergewandte  Erzberger  uns  heute  zu
versetzen  versucht.  ·

Nur  keine  Millionäre!

Weimar,  13.  August

Des  trockenen  Cons  ist  sie  nun  satt.  Die  Sozialdemokratie
möchte  wieder  ihr  altes  saftiges  Lönchen  aus  der  Zeit,  wo  sie
noch  nicht  zu  regieren  brauchte,  erschallen  lassen.  Es  ist  gräßlich,
  sich  immer  zusammennehmen  zu  müssen;  man  beneidet
die  Unabhängigen  um  ihre  agitatorische  Freiheit,  um  ihren
lieben,  vertrauten  Sauherdenton.  Schon  der  Meister  vom
Stuhl,  Herr  Bauer,  fühlt  sich  an  seinen  Redetagen  höchst
ungemütlich,  wenn  er,  um  die  Bedeutung  der  Stunde  zu
kennzeichnen,  einen  schwarzen  Gehrock  und  knallgelbe  Stiefel
anzieht.  Noch  viel  schwerer  ist  es,  geistig  sich  zu  maskieren,
das  ungewohnte  Handwerk  positiver  Mitarbeit  am  Staate
zu  treiben.  Oie  nötigen  und  richtigen  Steuern  werden  von
den  bürgerlichen  Parteien  doch  bewilligt  werden,  sagt  sich
jetzt  die  Sozialdemokratie.  Also  kann  man  sich  schon  einmal
ganz  unverantwortlich  gehen  lassen,  sich  eimmal  wieder  rein
demagogisch  austoben.  So  versteigt  sich  denn  ihr  heutiger
ODebatteredner  zum  Steuerprogramm,  Braun,  zu  dem  lapidaren
  Satze:  „Millionäre  darf  es  künftig  in  Deutschland
  überhaupt  nicht  mehr  geben!“

Friedrich  der  Vorläufige  289  19
        <pb n="292" />
        Lebhafter  Beifall  bei  den  Genossen.  Blitzschnell  überlegt
sich  jeder,  wie  trefflich  dieses  Wort  für  die  Wiederkäuer  in
allen  Volksversammlungen  geeignet  ist.  Die  Sozialdemokratie
  ist  wieder  einmal  oben.  Sie  hat  gegen  die  indirekten
Steuern,  gegen  diese  Belastung  der  „breiten  Masse“  gewettert,
  und  sie  hat's  dem  Kapitalismus  wieder  einmal  ordentlich
gegeben.

Bei  den  Zulukaffern  gibt  es  auch  keine  Millionäre.  MAa  also.

Oie  roten  Weltumformer  kommen  gar  nicht  auf  den  Gedanken,
  daß  wir  Reichtum  züchten  müssen,  wenn  wir  Kultur
haben  wollen.  Wir  brauchen  einen  ständigen  Aufstieg  durch
Arbeit  zu  bescheidenem  Besitz,  durch  Besitz  zu  Vermögen,
und  wenn  dies  durch  Konfiskation  grundsätzlich  verhindert
wird,  so  hört  auch  jeder  Fortschritt  auf.  Materiell  wie  geistig.
Unser  Arbeiter  wird  dann  zum  Kurli.

Bei  den  bürgerlichen  Parteien,  einschließlich  der  Opposition,
  findet  das  Steuerprogramm  kaum  eine  ernstliche  Ausstellung.
  Für  die  Ausführungen  des  Staateministers  a.  O.
Becker-Hessen  kann  Erzberger  sogar  seinen  Dank  aussprechen,
wobei  er  ihm  freilich  die  Worte  im  Munde  verdreht.  Becker
hat  nicht  etwa  gesagt,  wir  sollten  in  der  Offentlichkeit  nicht
von  der  Möglichkeit  sprechen,  daß  die  Entente  das  Reichenotopfer
  nehme,  sondern  nur  auseinandergesetzt,  daß  sie
rechtlich  dazu  nicht  befugt  sei.  Das  ist  etwas  ganz  anderee.
Dr.  Becker  denkt  nicht  daran,  der  nationalen  Presse  Schweigen
über  alle  für  Erzberger  peinlichen  Themen  zu  empfehlen.

Erzberger  ist  in  diesem  Saale  des  Beifalle  stets  sicher.  Er
findet  zwischen  sachlich  nicht  ungeschickten  und  vernünftigen
Oarlegungen,  die  der  Sozialdemokratie  höchst  gleichgültig  sind,
immer  noch  Zeit  dazu,  den  Genossen  ein  Kußhändchen  zuzuwerfen.
  Aufstieg  des  Tüchtigen.  Zeder  bewährte  mittlere
Beamte  kann  Präsident  im  Landesfinanzomt  werden.  Oder
auch  jemand  aus  dem  Publikum.  Bitte  sehr.  Und  die  Be-290
        <pb n="293" />
        steuerung  der  Vermögen  könne  vom  Plenum  ja  noch  verschärft
  werden.  Bitte  sehr.  Schon  heute  behält  jemand,
der  im  Laufe  der  letzten  fünf  Jahre  ein  Vermögen  von
500  000  Mark  erworben  hat,  nach  der  Versteuerung  nur
noch  156  180  Mark  davon.  „Das  ist  noch  viel  zu  viel“,
rufen  die  Roten.  Erzberger  verbeugt  sich.  In  der  Tat:  nur
keine  Millionäre!

Den  deutschnationalen  Wortführer  Kraut-Stuttgart,  der
aber  auch  nur  einige  ganz  sanfte  Einwände  gegen  die  Finanzpolitik
  von  heute  gemacht  hat,  greift  Erzberger  in  seiner  Erwiderung
  heftig  an.  Noch  beftiger  die  Rechte  überhaupt.
Und  ganz  besonders  derb  den  Abgeordneten  Dr.  Traub,  denn
diesen  Volksredner  fürchtet  er  bei  weitem  mehr  als  die
Staatsmänner  und  Leisetreter.

In  diesem  Augenblick  glimmt  es  in  den  haldbgeschlossenen
Lidern  des  Präsidenten  Fehrenbach  auf.  Er  ist  auf  den
Mann  dressiert.  Wenn  sein  Matthias  mit  irgend  jemand
Streit  bekommt,  so  hat  es  dieser  JZemand  mit  Fehrenbach
zu  tun.  Traub  wehrt  sich  gegen  Erzberger  mit  Zwischenrufen.
  Da  springt  Fehrenbach  ihm  durch  ein  Verbot  jeden
Zwischenrufs  an  die  Kehle.  Nun  bekommt  Erzberger  neuen
Mut  —  „stoßt  zu,  Herr  Doktor,  ich  pariere!“  —  und  wird
unerhört  auofallend  gegen  Traub,  spricht  von  glatter  Unwahrheit,
  von  Lüge,  von  frecher  Erfindung,  von  Oreistigkeit,
knattert  ein  Maschinengewehrfeuer  von  Beleidigungen.  Aber
Fehrenbach  ist  schon  wieder  in  Lethargie  zurückgesunken;
kein  Ordnungeruf  erschallt.

Der  Bericht  bringt  über  diese  Szene  nichte,  denn  die  Berichterstatter
  oben  im  dritten  Rang  verzeichnen  nur  noch
Außergewöhnliches.  Diese  Amtsführung  Fehrenbachs  aber
ist  man  nachgerade  gewohnt  geworden.  Erzberger  ist  dreifach
immunisiert:  durch  sein  Mandat,  durch  seine  morgalische
Rhinozeroshaut  und  durch  Freund  Fehrenbach.

291  19“
        <pb n="294" />
        Versickernde  Debatten

Weimar,  14.  August

Wenn  der  Haas'  und  der  Swinegel  um  die  Wette  laufen,
so  gewinnt  natürlich  der  Swinegel;  das  wissen  wir  schon  aus
der  Fabel.  Aber  man  sieht  sich  so  was  doch  gerne  an.  Auch
heute  triumphiert  Erzberger  am  Ziel  über  die  Opposition;
er  hat  wieder  einmal  alle  übers  Ohr  gehauen.  Selbst  Herr
Henke,  der  Unabhängige,  schmunzelt  in  ästhetischem  Genuß
über  den  Bielgewandten  und  meint,  wenn  er  so  fortmache,
würden  ihm  die  Unabhängigen  einen  Platz  in  ihrer  Partei
freihalten.  Dieses  Lob  verdankt  er  nicht  nur  der  Art  seiner
Polemil,  sondern  auch  seiner  Anbiederung  nach  links.  Er  hat
von  den  „namenlosen  Leiden“  der  Arbeitermassen  in  den
Industriezentren  gesprochen,  die  während  des  Krieges  „gerade
  nur  noch  wie  ein  Tier“  hätten  vegetieren  können.  Wir
kennen  aber  keine  Tiere,  die  Spickaal  und  Gänsebraten
essen,  wie  unsere  Kriegsarbeiter.

Die  Sitzung  hat  das  beiläufige  Ergebnie,  daß  die  eingebrachten
  Steuergesetze  und  die  Postvorlagen  den  Auseschüssen
überwiesen  werden,  aber  ausgefüllt  ist  sie  im  wesentlichen
durch  das  Schauspiel  des  alten  Wettkampfes  zwischen  Erzberger
  und  der  Rechten.  Mumm  und  Mittelmann  halten  gute
Reden,  ehrsam  und  tapfer.  Aber  im  GErunde  ist  das  alles  so
sinnlos.  Der  Kugelrunde  ist  ihnen  in  seiner  Unverfrorenheit
doch  über.  Seine  Daktik  ist  immer  unverändert.  Aber  Unwiderlegliches,
  über  sozusagen  Vernichtendes  turnt  er  hinweg,
packt  mitten  im  Purzelbaum  einen  gleichgültigen  Satz  des
Gegners,  dreht  ihn  um  und  stößt  ein  Siegesgeheul  aus.
Mumm  weist  dem  Reichefinanzminister  nach,  daß  er  seine
berühmte,  auf  Kosten  aller  Steuerzahler  jetzt  verbreitete  Rede,

292
        <pb n="295" />
        die  im  ganzen  und  einzelnen  eine  einzige  Unwahrheit  ist,
auch  noch  im  Stenogramm  nachträglich  gefälscht  habe.  Das
rührt  Herrn  Erzberger  nicht  im  geringsten.  Er  geht  darauf
gar  nicht  ein.  Er  verkündet  triumphierend,  daß  er  fester  sitze,
denn  je,  und  daß  er  seine  Enthüllerrede  bis  in  das  letzte  deutsche
Haus  bringen  werde.  In  tiefem  Ernst  stellt  Mittelmann  fest,
welch  nationales  Unglück  Erzberger  für  uns  sei,  wie  die
Integrität  unserer  Beamtenschaft,  wie  unser  Kredit  und
unser  Ansehen  in  der  Welt  durch  ihn  leiden.  Der  Mann  mit
der  eilernen  Stirn  aber  erwidert,  das  Unglück  bestehe  im
Gegenteil  darin,  daß  man  ihm,  Erzberger,  1917  nicht  Folge
gegeben  habe,  sonst  stünde  es  besser  um  das  deutsche  Volk;
leider  sei  er  damals  der  Militärdiktatur  gegenüber  machtlos
gewesen.  Er  voltigiert  eben  über  alles  hinweg,  was  Michaelis
und  Wedell  und  Hindenburg,  was  die  amtlichen  Stellen  in
Rom  und  London  und  Paris  über  diese  Epoche  richtiggestellt
haben,  und  wenn  man  ihm  erklärt:  „Also  Sie  sagen  die  Unwahrheit!“
  so  erwidert  er  womöglich:  „Das  freut  mich,
daß  Sie  einsehen,  wie  sehr  ich  im  Recht  bin!“  Seine  Gegner
apostrophieren  ihn,  er  aber  spricht  an  ihnen  vorbei  zur
Galerie,  zum  Publikum,  zur  Masse.  Es  ist  ihm  ganz  gleichgültig,
  was  ihm  nachgewiesen  wird.  Er  denkt  als  skrupelloser
Journalist  und  Meinungsmacher  nur  an  die  Wirkung  draußen.
Er  bleibt  an  seinem  Platze,  bis  eines  schönen  Tages  wie  ein
Naturereignis  das  Gericht  über  ihn  kommt.  4%

Über  die  Steuern  selbst  ist  heute  in  der  versickernden  Debatte
  so  gut  wie  gar  nicht  mehr  gesprochen  worden.  Fast  noch
mehr  über  einen  Artikel  Traubs  in  seinen  „Eisernen  Blättern“.
  Darin  ist  auch  ein  Dr.  BVictor  Naumann  als  Erzbergers
  Günstling  und  als  Zwischenträger  zwischen  ihm  und
dem  Hause  Parma  erwähnt.  Das  war  offenbar  eine  falsche
Information.  Auf  diese  Nebensächlichkeit  stürzt  sich  nicht  nur
Erzberger,  sondern  auch  der  „Herr  Minister  Naumann“  er-293
        <pb n="296" />
        scheint  am  Rednerpult.  Oie  Geschichte  wird  zum  reinen
Kolportageroman.  Oieser  Naumann  steht  in  keinem  Staatshandbuch.
  Er  war  schon  als  Korpsstudent  anders  als  die
Kommilitonen,  wurde  dann,  wie  es  heißt,  Mönch,  Schauspieler,
  Theateragent,  Pressedezernent,  Gesandter  in  partibus
infidelium.  Ein  moderner  Odpsseus,  ein  amüsanter  Plauderer,
  in  seiner  Art  —  in  einer  ganz  demokratisch-sozialdemo--kratischen
  Umgebung  —  auch  ein  deutscher  Patriot.  Nur
hätte  man  vor  dem  November  1918  seinesgleichen  wohl
kaum  am  Regierungstisch  gesehen.

Das  Gespenst

Weimar,  15.  August

In  jedem  Hause  ist  ein  Skelett,  sagt  ein  englisches  Sprichwort.
  «

Man  kann  es  vergessen.  Man  kann  fröhlich  und  guter  Dinge
sein  oder  kann  einander  zur  Kurzweil  die  Schädel  zerschlagen.
Aber  plötzlich  stöhnt  der  Wind,  irgendwo  klappern  Knochen,
und  das  Gespenst  schlürft  über  die  Teppiche.

Auch  über  den  roten  Bodenbelag  im  Hause  der  Nationalversammlung.
  Monate  bindurch  ist  es  ferngeblieben.  Man
hatte  andere  Dinge  zu  tun.  Oie  Regierung,  die  vergeblich
uns  einzureden  versucht,  sie  werde  von  der  Rechten  provoziert,
  hat  gleich  zu  Beginn,  im  Februar,  wochenlang  nichts
anderes  im  Sinne  gehabt,  als  Parteireden  über  das  fluchwürdige
  alte  System  zu  halten,  den  „Hasardeur“  Ludendorff
anzupöbeln,  das  A##ewiederkommen  der  Monarchie  auszurufen.
  Sie  hat,  gedrängt  von  ihrem  schlechten  Gewissen,  dann
wochenlang  ein  Scherbengericht  über  die  angeblichen  Frie-294
        <pb n="297" />
        densverderber  abgehalten,  damit  sie  selber,  der  Siegverderber,
nicht  vor  dem  Richterstuhl  des  Volkes  zu  erscheinen  brauchte.
Schließlich  hat  Erzberger,  als  die  Vergewaltigung  der  Wahrheit
  mißlang,  sich  zur  Fristung  der  nutzlosen  Polemik  auf
irgendwelche  Zeitschriftenartikel  irgendeines  Abgeordneten
gestürzt,  in  denen  irgendwelche  Frrtümer  über  irgendeinen
namenlosen  neuen  Regierungsmann  enthalten  sein  sollen.
Da  kommt  nun  der  Spätsommerwind  gefahren.  Das  Gespenst
  ist  da.

Kalkweiß  wächst  es  empor:  der  nächste  Winter!

Nicht  jener  Winter,  der  pausbäckigen  Buben  und  Mädchen
eine  Lust  ist,  nicht  der  Winter  mit  der  traulichen  Lampe  und
den  knisternden  Bratäpfeln.  Nein,  der  Nachtwinter,  der
Notwinter,  wo  alle  Versäumnisse  dieser  gewissenlosen  Regierung
  sich  zu  dem  großen  Leichentuch  für  uns  zusammenweben
  werden.  Dreimalhunderttausend  entlassene  Reichswehrsoldaten
  werden  auf  den  Arbeitsmarkt  gestoßen,  achtmalhunderttausend
  entlassene  Kriegsgefangene  wollen  Brot,
vier  Millionen  Arbeiter  verlieren  ihren  Verdienst:  es  ist
keine  Kohle  da  für  Herd  und  Ofen,  keine  Kohle  für  den  Betrieb
  der  Fabriken.  Spartakus  schnellt  empor.  Die  Entente
verlangt  gleichzeitig  das  Ihrige.  Sie  verlangt  als  regelmäßigen
Tribut  die  Ablieferung  eines  großen  Teiles  von  unserem
Zahresertrag  an  Kohlen.  Wir  aber  haben  weiter  nichts,  als
plakatierte  Ministerreden  voll  Polemik  gegen  das  alte  Spstem.

Die  Kohleninterpellation  der  beiden  Parteien  der  Rechten
wird  von  Geheimrat  Hugenberg  begründet,  dem  früheren
Generaldirektor  von  Krupp.  Kein  einziges  Wort  der  Anklage
  gegen  die  Regierung  kommt  aus  seinem  Munde.  Nichts
könnte  den  furchtbaren  Ernst  sinnfälliger  machen.  Nur  Zahl
reiht  sich  an  Zahl,  Tatsache  an  Tatsache.  Wenn  er  wollte,
könnte  Hugenberg  den  Ruf  dieser  Regierung,  die  Monate
vertändelt  und  verzettelt  hat,  vernichten.  Er  gibt  aber  nur

295
        <pb n="298" />
        photographisch  getreue  Momentbilder  unserer  Lage  und
richtet  dann  die  förmliche  Anfrage  an  die  Regierung:  was
gedenke  sie  zu  tun?

Der  Reichswirtschaftsminister,  der  Sozialdemokrat  Schmidt,
starrt  ratlos  auf  das  Gespenst.

Er  hatte  in  seiner  Hilflosigkeit  gehofft,  Hugenberg  selber
werde  angeben,  wie  man  es  machen  müsse.  Er  gesteht  das
auch  offen.  Er  selber  weiß  nichts.  Er  antwortet  auch  gar  nicht
auf  die  Frage,  was  die  Regierung  zu  tun  gedenke,  sondern
stellt  mur  fest,  daß  wir  uns  tatsächlich  in  einer  höchst  betrüblichen
  Lage  befänden.  Die  Regierung  untersucht,  ob  es  möglich
  sei,  mehr  #Arbeiter  ins  Ruhrkohlengebiet  zu  locken;  sie
appelliert  in  der  großen  Not  an  das  Solidaritätsgefühl  der
Arbeiter;  sie  hofft,  daß  sie  sich  besinnen  und  freiwillig  mehr
Kohle  fördern  würden;  im  übrigen  sehe  sie  „mit  Entsetzen“
dem  kommenden  Winter  entgegen  und  sei  für  jede  Anregung
dankbar,  die  die  Koblennot  behebe.

Wohl  noch  nie  hat  man  in  irgendeinem  Parlament  der
Welt  solches  Bekenntnis  der  vollkommenen  Unfähigkeit  aus
dem  Munde  einer  Regierung  gehört.  Das  einzige,  was  sie
tun  will,  ist  Einstellung  des  Personenverkehrs  der  Eisenbahn.
Das  ist  Augenverblendung  und  weiter  nichts,  denn  dieser
Verkehr  spielt  prozentual  überhaupt  keine  Rolle.

Der  Redner  der  DOeutschen  Volkspartei,  der  Generaldirektor
  von  Deutsch-Luxemburg,  Voegler,  fühlt  menschliches
Erbarmen  mit  dieser  Regierung  in  ihrem  Niederbruch.  Er
gibt  ihr  den  guten  Rat,  etwas  mehr  arbeiten  zu  lassen,  und
wie  man  das  praktisch  einrichten  und  den  Bergleuten  plausibel
  machen  könne.  Etwa  Wiedereinführung  der  Achtstundenschicht,
  dafür  aber  jeden  zweiten  Sonnabend  frei.
Der  Wirtschafteminister  hört  gierig  hin.  Die  ganze  Regierung
lebt  ja  nur  von  dem  bißchen  positiver  Mitarbeit  der  Leute
des  alten  Sostems;  sie  hätte  ja  ohne  Oelbrück  und  Kahl

296
        <pb n="299" />
        sogar  ihre  Berfassung  ebensowenig  zustandegebracht,  wie  das
Parlament  der  Paulskirche  seinerzeit  die  seinige.

Der  Rest  der  Debatte  wird,  abgesehen  von  einer  gewerkschaftlich
  sehr  forschen  Zentrumerede,  zu  einem  großen  Hadern
zwischen  Unabhängigen  und  Sozialdemokraten.  Beide  aber
stimmen  in  der  Forderung  Hues  überein:  „Aur  kein  Oruchk,
kein  Zwang,  sondern  gutes  Zureden  und  vor  allem  gutes  Essen.“

Damit  ist  das  Gespenst  nicht  zu  scheuchen.  Das  weiße
Skelett  wird  im  Salonwagen  der  Regierung  von  Weimar
mit  nach  Berlin  übersiedeln.  Im  Winter  schüttelt  es  seine
Knochen  über  dem  ganzen  Reich.

Auf  der  Suche

Weimar,  16.  August

Der  Parlamentarismus  hat  gejungt.  Das  ZJunge  heißt
Reichsrat  und  darf  besichtigt  werden,  denn  es  steht  in  der  Verfassung,
  daß  die.  Reichsratssitzungen  öffentlich  sind.  Oie
Fruchtbarkeit  des  Parlamentariemus  ist  ganz  außerordentlich,
aber  es  ist  immer  dieselbe  Chausseemischung:  ob  Gemeinderat
  oder  Kreistag  oder  Provinziallandtag  oder  Landesversammlung
  oder  Nationalversammlung  oder  Reicherat,
überall  finden  wir  in  der  Republik  nach  demselben  Wahlrecht
dieselben  Parteiverhältnisse  und  dieselben  Parteireden.

ODas  ist  schon  fast  naturwidrig,  diese  Gleichförmigkeit.  Die
Natur  läßt  das  Mannigfaltige  erstehen,  die  Maschine  erzeugt
dagegen  den  Einheitstpp,  arbeitet  nach  der  Schablone.  Über
sechs  öffentliche  Parlamente  wird  fortan  jede  Provinzzeitung
zu  berichten  haben,  über  sechs  Stätten  derselben  Geistlosigkeit.
  Dabei  rechnen  wir  noch  nicht  einmal  die  andere
Gruppe  von  Parlamenten  mit,  die  erst  im  Erstehen

297
        <pb n="300" />
        begriffen  ist,  die  der  Betriebsräte  mit  der  obersten  Spitze
im  Reichswirtschaftsrat.

Has  Bielgestaltige  der  früberen  Zeit  fällt  bei  diesen  Schablonenparlamenten
  weg.  Oie  gleichen  aus  der  Volksversammlung
  gesiebten  Diätenhelden  überall.  Man  mag  gegen  das
frühere  Preußische  Herrenhaus  sagen  was  man  will:  es  war
doch  der  Platz,  auf  dem  auch  unsere  geistig  Großen  versammelt
zu  sehen  waren,  nicht  nur  die  Großen  der  Krone;  Gelehrte
wie  Harnack  und  Slaby  neben  Feldherren  wie  HZaeseler  und
Goltz,  dazu  die  Kirchenfürsten  wie  Kopp  und  Dryander,
und  in  der  Oberbürgermeisterfraktion  unsere  besten  Verwaltungemänner
  mit  Abdickes  an  der  Spitze.  Es  ist  sehr  fraglich,
  ob  der  neue  Reichsrat  an  Intelligenzen  den  alten  Bundesrat
  erreicht,  und  ganz  zweifellos,  daß  er  die  Höhe  des  ehemaligen
  Herrenhauses  nicht  erreicht.

Ourch  das  Wolff-Bureau  war  verkündet  worden,  daß  der
Reichsrat  beute  seine  erste  öffentliche  Sitzung  abhalte.  Nun
wollte  man  sich  natürlich  das  neue  Parlamentjunge  ansehen,
sein  erstes  Blinzeln  in  die  Welt,  sein  erstes  Quäken  miterleben,
vor  allem  auch  feststellen,  wer  alles  in  der  Eile  als  preußischer
Provinzialvertreter  dahinein  delegiert  war.  Man  wurde  ins
sogenannte  Fürstenhaus  gewiesen,  wo  sonst  der  Weimarische
Landtag  haust.  Alles  dunkel.  Man  ging  ins  Schloß,  nachdem
man  verschiedene  Behörden  antelephoniert  hatte.  Aichts  da.
Schließlich  strömten  die  Bertreter  der  Presse  dort  zusammen,
wo  endlich  der  Schlupfwinkel  ausgemacht  war,  im  dritten
Stock  des  Landestheaters  vor  den  Ausschußsälen,  um  da
zu  erfahren,  der  Reichsrat  habe  seine  heutige  Sitzung  —
ausnahmsweise  für  vertraulich  erklärt.  Wie  es  scheint,  ist  im
der  Wochenstube  noch  nicht  alles  in  Ordnung.

Von  den  Sitzungen  des  alten  Bundesrats  unter  Bismarcks
Leitung  hat  uns  schon  manch  einzelstaatlicher  Minister  in
seinen  Erinnerungen  allerlei  erzählt.  Der  neue  Reichsrat  wird

296
        <pb n="301" />
        wohl  weniger  fesselnden  Stoff  bieten.  Der  Sessel  selbst,  auf  dem
Bismarck  saß,  ist,  als  im  neuen  Reichstagsgebäude  der  Bundesratssaal
  auch  neue  Möbel  bekam,  in  das  Fraktionszimmer  der
Sozialdemokratie  geraten.  Paul  Singer  saß  jahrelang  daxauf.

Während  der  vergeblich  aufgesuchte  Reichsrat,  wie  es  heißt,
heute  das  Friedensermächtigungsgesetz  und  die  Betriebsrätevorlage
  bespricht,  wird  in  der  Nationalversammlung  in  dritter
Lesung  das  ganze  bieher  vorgelegte  Steuerbündel  angenommen,
  mitsamt  den  Strafbestimmungen  wider  die  Kapitalflucht.
  Es  geht  in  der  Sitzung  heute  merkwürdig  gesittet  zu,
obwohl  die  Zietz  und  der  Erzberger  anwesend  sind.  In  großer
Einmütigkeit  erklärt  man  sich  für  alles  das,  was  den  Steuerzahlern
  die  Augen  übergehen  lassen  wird.  Es  wird  wirklich
nicht  nur  in  das  bisher  uneinsehbare  Bankbuch  und  Schließfach,
  sondern  auch  bis  in  Strumpf  und  Strohsack  gegriffen,
das  Papiergeldhamstern  so  gut  wie  unmöglich  gemacht,  außerdem
  jedermann,  der  über  10  000  Mark  jährlich  einnimmt,  zu
genauer  Buchführung  behufs  gefälliger  Einsicht  für  die
Steuerbeamten  gezwungen,  während  dies  bisher  nur  der
Kaufmann  nötig  hatte.

Mit  jugendlichem  Eifer  stürmt  der  Goldsucher  Erzberger
voran;  das  artige  Sümmchen  von  vielen  Zehntausenden,  das
die  Familie  Erzberger  in  dem  Schweizer  Luxushotel  in  St.
Moritz  läßt,  ist  zwar  nicht  mehr  wiederzukriegen,  und  auch
noch  viele  andere  Zehntausende  von  Mark  werden  wohl  noch
schleunigst  verpraßt  werden,  obwohl  der  Finanzminister  Erzberger
  bei  seiner  Antrittsrede  am  8.  Zuli  gegen  die  „schrankenlose
  Genußsucht“  so  schön  gesprochen  hat,  aber  manches  wird
man  doch  fassen  können.  Besonders,  wenn  man  fortan  jeden
zweiten  Deutschen  zum  Steuerbeamten  ernennt  und  mit  der
Beaufsichtigung  seines  Nächsten  betraut.  Die  Geschichte  wird
ungeheuer  billig  und  einfach.  Unser  Reichsfinanzminister  ist
ein  Tausendsassa.

299
        <pb n="302" />
        Frauen  im  Parlament

Weimar,  17.  August

Männer  machen  Geschichte.  Männer  machen  Gesetze.
Oas  war  immer  so  und  —  das  ist  auch  noch  so.  Trotz  des
aktiven  und  passiven  Wahlrechts  der  Frau,  die  heute  drei
Dutzend  Vertreterinnen  in  der  Deutschen  Nationalversammlung
  hat.  Wenn  wir  auf  die  sechs  Monate  Weimar  zurückblicken
  und  uns  vorstellen,  es  seien  keine  Frauen  dabeigewesen,
  wäre  da  wirklich  eine  Lücke  fühlbar?  Die  Frauen
selbst  werden  das  nicht  zu  behaupten  wagen.  Oaß  es  einzelne
gibt  und  stets  gegeben  hat,  die  keinem  Manne  an  politischer
Intelligenz  nachstehen,  wußte  man  schon  vorher.  Aber  man
könnte  sämtliche  in  Weimar  gebaltenen  Frauenreden  streichen,
  und  niemand  würde  den  Mangel,  merken.

Meist  sind  es  überdies  keine  Reden  gewesen,  sondern  Aufsätze.
  Am  gewähltesten,  nicht  nur  in  ihrer  Kleidung,  sondern
auch  in  ihrer  Sprache,  ist  die  demokratische  Frau  Dr.  Bäumer.
Eigentlich  Fräulein  Dr.  Bäumer.  Aber  den  weiblichen  Abgeordneten
  wollte  man  ja  ebenso  wie  den  unehelichen  Müttern
  durchaus  den  Frauentitel  zuerkennen.  ODie  Suffragetten
unter  ihnen,  bei  den  Bürgerlichen  linka  Dr.  Bäumer,  bei
den  Bürgerlichen  rechts  Dr.  Schirmacher,  legen  Wert  darauf;
die  liebe  Behm  dagegen,  die  trotz  grauen  Scheitels  so  urwüchsig
  frische,  bleibt  gerne  das  Fräulein.Die  gewählte
Sprache  von  Frau  Dr.  Bämmer  ist  wie  ein  laues  Bad,  angenehm,
  aber  nicht  herzhaft.  Ihre  Rede  ist  meist  ein  Drumberumgerede,
  reicht  an  die  Sachlichkeit  eines  beliebigen
männlichen  Abgeordneten  gleichviel  welchen  Standes  nicht
beran,  ähnelt  allenfalls  den  Reden  Naumanne,  die  im  Augenblick
  bezaubern  und  nach  vierzehn  Tagen  Makulatur  sind.

300
        <pb n="303" />
        Oabei  kann  die  Bäumer  was.  In  der  Oebatte  in  der  Volksversammlung
  steht  sie  ihren  Mann.  Während  der  Wahlbewegung
  hat  sie  in  Sachsen-Weimar  manchen  männlichen
Gegner  von  rechts  in  den  Sand  gesetzt,  daß  es  nur  so  knirschte.

In  ihrer  Nähe  sitzen  weniger  auffallende  Wesen.  Die
Frauen  des  Zentrums  haben  allesamt  etwas  Mütterliches
an  sich.  Der  Begriff  Charitas  ist  von  ihrer  Erscheinung  untrennbar.
  Sie  haben  sich  am  meisten  um  eine  interfraktionelle
Einigung  in  der  Gefangenenfrage  bemüht.  Politisch  aber
sind  sie  zumeist  unmündig  und  schauen  fragend  den  Nachbar
Pfarrer  an.

Hoch  im  zweiten  Parkett  bei  der  Oeutschen  Volkspartei
sieht  man  Frau  Mende,  die  etwas  besitzt,  was  für  die  Politik
ungemein  wertvoll  ist:  Abstand  zu  den  deutschen  Dingen.
Sie  ist  wohl  über  ein  Jahrzehnt  in  Frankreich,  in  England,
in  Rumänien  gewesen,  hat  den  weiten  Blick  des  Auslanddeutschen
  und  besondere  Kenntnisse  der  Geschichte  des  Parla--mentariemus,
  ist  daher  innerhalb  ihrer  Fraktion  auch  die
schärfste  Vertreterin  einer  taktisch  energischeren  Opposition
gegen  die  regierende  Mehrheit.  Leider  ist  aber  ihr  Verstand
durchdringender,  als  im  Plenum  ihre  Stimme.  Harunter
leiden  überhaupt  die  meisten  weiblichen  Abgeordneten;  man
versteht  sie  schlecht,  die  Unruhe  im  Hause  wächst,  und  nun
versteht  man  sie  erst  recht  nicht.

Auf  die  äußerste  Rechte  dat  sich  die  radikalste  Frauenrechtlerin
  geschlagen,  Dr.  Käte  Schirmacher,  die  beste  Kennerin
  französischen  Geistes,  französischer  Art,  französischer
Politik.  Ihre  Kolleginnen  zeigen  mit  Fingern  auf  sie,  wenn
sie  einmal  im  Foper  erscheint.  „Der  Hut!“  „Das  Kleid!“
Ihr  Kapothütchen  legt  sie  fast  nie  ab.  hr  arsenikgrünes
Kleid  steht  auch  in  keinem  Modejournal.  Ein  solches  Gewand
nennt  man  entweder  Hängerkleid  oder  Reformkleid,  je  nach
dem  Alter  der  Trägerin;  es  ist  wohl  das  tppische  Frauen-301
        <pb n="304" />
        rechtlerkostüm.  Auch  die  Parlamentarierinnen  bleiben  meist
Frauen  und  legen  mehr  Wert  auf  äußere  Dinge,  als  gerade
Dr.  Käte  Schirmacher.  Ich  erzähle  einer  Abgeordneten,
ich  hätte  sie  neulich  da  oder  da  gesehen.  „Ist  nicht  wahr.“
„Ooch!“  „So?  Wa,s  hatte  ich  denn  für  einen  Hut  auf?“
Ou  liebe  Güte,  das  weiß  ich  freilich  nicht  mehr.  Oer  Mann
sieht  das  Gesicht  an.  Die  Frau  die  Toilette.  ODas  ist  der
ewige  Unterschied.  Wer  nun  mit  Dr.  Käte  Schirmacher
näher  bekannt  wird,  dem  tun  die  losen  Bemerkungen  der
Kolleginnen  weh,  denn  sie  ist  ein  Prachtmensch.  Kurz,
knapp,  klar  in  jeder  Bemerkung,  in  ihrer  Konzentration  auf
das  Entscheidende  irgendeiner  Sache  ein  Vorbild  für  jeden
Mann,  dabei  von  lodernder  deutscher  Gesinnung.  In  dem
Maasschen  Parlamentsalmanach  haben  die  Abgeordneten
neben  ihrem  Lebensabriß  auch  ihr  Lebensziel  angeben  sollen.
Da  findet  man  viel  langes  und  seichtes  Geschwafel.  Besonders
  das  Wort  „Menschheit“  hat  es  manchem  angetan.  Für
die  hat  jeder  kleine  Spießer  sein  Programm  fertig.  Als  ob
es  politisch  eine  Menschheit  überhaupt  gäbe!  Es  gibt  ebensowenig
  eine  Menschheit,  als  eine  Tierheit  oder  eine  Baumheit.
  Es  gibt  nur  einzelne  Völker.  Das  hat  Or.  Käte  Schirmacher
  offenbar  klar  erkannt.  Ihr  Lebenzsziel  setzt  sie  mit
den  wenigen  prachtvoll  monumentalen  Worten  hin:  „Preußen--Deutschland
  wieder  zu  Macht  und  Ansehen  zu  verhelfen.“

Bei  den  bürgerlichen  Parteien  haben  insgesamt  18  Frauen,
bei  den  beiden  sozialdemokratischen  auch  18  ein  Mandat,
und  es  ist  bezeichnend,  daß,  soweit  ich  feststellen  konnte,  von
den  Sozialistinnen  nur  zwei  unverheiratet,  von  den  Bürgerlichen
  nur  zwei  verheiratet  sind.  Bei  der  Sozialdemokratie  ist
die  politische  Frau  eben  die  Mitkämpferin  ihres  Mannes.  Im
Bürgertumistsieheutenoch  vielfach  Kämpferingegen  den  Mann.

Oer  in  der  Nationalversammlung  am  häufigsten  gehörte
Frauenname  ist  der  einer  Abgeordneten  der  äußersten  Linken,

302
        <pb n="305" />
        weil  er  mit  dem  ersten  Buchstaben  des  Alphabets  anfängt.
Alle.  Anträge  der  Unabhängigen  kommen  von  „Frau  Agnes
und  Genossen"“.  Frau  Lore  Agnes  selbst  geht  nicht  so  schlafrockmäßig
  angezogen,  wie  meist  etwa  ihre  Fraktionskollegin
Sietz,  sondern  macht  einen  einfach-adretten  und  blitzsauberen
Eindruck.  Als  sie  jünger  war,  mag  sie  oft  den  Vers  gehört
haben:  „Von  allen  Mädchen  so  blink  und  so  blank  gefällt  mir
am  besten  die  Lore.“  Manchmal  ist  sie  in  ihrem  Nichtsehenwollen
  der  sonnenklarsten  Dinge  die  Verzweiflung  der  Kollegen
  im  Bureau.  Im  übrigen  macht  sie  nie  die  Zietzschen
Kreischorgien  mit.  1  .

Oie  besten  Frauen  sind  die,  von  denen  man  nicht  spricht,
pflegt  man  zu  sagen.  ODas  stimmt  nicht  immer.  Hier  in
Weimar  aber  wohl,  nur  in  einem  ganz  anderen  Sinne.  Man
spricht  von  der  oder  jener  Frau  Abgeordneten.  Man  spricht
kaum  je  von  der  Frau  des  oder  jenes  Abgeordneten.  Und
doch,  —  gerade  die  Gattinnen  sind  es,  die  Geschichte  machen.
Wie  Antäus  von  der  Erde  immer  neue  Kraft  im  Kampfe
empfing,  so  holt  sich  der  Mann  in  dem  zermürbenden  parlamentarischen
  Leben  immer  wieder  Stärkung  bei  seiner  Frau.
Ob  es  sich  da  um  die  Fürstin  Bismarck  handelt,  die  ihr
„Ottochen“  hegte  und  pflegte,  oder  um  irgendeine  kleine
Züdin,  deren  Mann  das  Reich  unterminiert,  ist  ganz  gleich.
Es  ist  rührend,  das  zu  beobachten,  etwa  zu  sehen,  wie  selbst
Cohn  und  Wurm  mit  ihren  Frauen  jeden  Schritt  besprechen,
um  von  den  vielen  ähnlichen  Ebekameradschaften  bei  bürgerlichen.
  Parteien  gar  nicht  erst  zu  reden.

Der  Schöpferische,  Zeugende,  Gesetzgebende  bleibt  immer
der  Mann.  Aber  er  ist  ein  Nichts,  wenn  das  Weib  aus  seinem
Leben  gestrichen  wird.  Nehmt  dem  Parlament  die  Frauen  —
ich  selber  empfehle  das  nicht  einmal  —,  so  ist  noch  nichts  verloren.
  Nehmt  sie  Gdethe,  Wagner,  Bismarck,  und  die  Welt
ist  i#tgöttert.

303
        <pb n="306" />
        Abhalfterung

Weimar,  18.  August

Dem  „Mann  auf  der  Straße“  wird  alles  bewilligt,  denn
vor  ihm  allein  hat  die  Regierung  Angst.  So  kommt  es,  daß
auch  Zuhälter  Arbeitslosenunterstützung  erhalten.  Wir  andern
müssen  dafür  die  Steuern  bezahlen.  Weit  weniger,  aber
immerhin  noch  einigermaßen,  sorgt  die  Regierung  für  die
Beamten.  Am  rücksichtslosesten  wird  mit  den  Angebörigen
der  Wehrmacht,  Offizieren  und  Kapitulanten,  umgesprungen.
Da  der  Heeresdienst  demnächst  stillgelegt  wird  und  bie  auf
eine  kleine  Polizeitruppe  alles  auseinanderläuft,  braucht
man  vor  ihm  nämlich  keine  Furcht  mehr  zu  haben.

Aun  hält  auch  Noske  die  Zeit  für  gekommen,  wo  er,  der
bieher  bei  der  großen  Masse  der  Roten  in  schwerem  Verruf
stak,  sich  wieder  in  die  Bierehrlichkeit  zürüctpauken  kann.  Oie
militärfreundliche  Maske  ist  nicht  mehr  nötig.  Die  nationalen
Zeitungen,  die  für  die  wohlerworbenen  Rechte  der  Offiziere
und  gegen  die  einseitige  Auflösung  des  Staätsvertrages  mit
ihnen  eingetreten  sind,  nennt  Ncoske  heute  „direkt  nichtswürdig“.
  Noch  vor  wenigen  Monaten  aber  wäre  man  ohne
sie  verloren  gewesen.  Den  großen  Erfolg  ihrer  Werbeanzeigen
sah  man  gerne.  Den  jungen  Offizieren,  die  um  Weiterdienen
  in  den  Freiwilligenkorps  angefleht  wurden,  versprach
man  alles  mögliche.  Heute  aber  setzt  man  sie  alle,  soweit  sie
nicht  vor  länger  als  fünf  Zahren  eingetreten  sind  —  das  sind
nabezu  10  OO0  Mann  —  einfach  auf  die  Straße  und  gibt
denen,  die  bis  zu  10  Dienstjahren  hinter  sich  haben,  auch  nur
eine  karge  Abfindung  mit  auf  den  neuen  Lebensweg  in  das
Ungewisse.  Unter  dem  Beifall  der  Genossen  leugnet  Noske,
daß  man  irgendeine  Dankespflicht  ihnen  gegenüber  habe,

304
        <pb n="307" />
        obwohl  gerabe  er  in  den  Zeiten  der  Not  überströmende
Dankesworte  für  sie  hatte.  Davon  ist  ja  aber  gar  nicht  die
Rede.  Die  Offiziere  verlangen  keinen  ODank,  sondern  ihr
Kecht.  Der  Staat  ist  einen  Vertrag  mit  ihnen  eingegangen,
darf  sie  nur  dann  mit  Pension  entlassen,  wenn  sie  dienstunfähig
  geworden  sind,  und  nun  bricht  er  den  Bertrag.  Wer
das,  wie  Abgeordneter  v.  Graefe,  klar  hervorhebt,  der  wird
von  Nske  parteipolitischer  Propaganda  bezichtigt.  Das  ist
die  gewöhnliche  Taktik.  Die  Sozialdemokratie  tut  alles  aus
reiner  Nächstenliebe,  aus  Gerechtigkeitssinn,  aus  sozialem
Verantwortungegefühl  beraus,  wenn  aber  die  nationalen
Parteien  für  irgendeinen  Stand  eintreten,  so  ist  es  allemal
Stimmenfang,  auch  dann,  wenn  sie,  wie  diesmal  bei  dem
Entschädigungsgesetz  für  Offiziere  und  Kapitulanten,  lediglich
  die  Wiederherstellung  der  alten  Regierungevorlage  verlangen,
  die  erst  im  Ausschuß  von  den  Regierungeparteien
selbst  zu  ungunsten  der  entlassenen  Heeresangehörigen  verändert
  worden  ist.  Schönes  Wetter  heute,  sehr  schönes  Wetter.
Noske  strahlt.  Er  braucht  seine  Stimme  gar  nicht  anzustrengen.
  Es  ist  das  erstemal  seit  Februar,  daß  er  in  der
Nationalversammlung  reden  kann,  ohne  daß  die  Unabbängigen
  gegen  ihn  tumultuieren.  Er  und  Erzberger  versprechen
  bramsig,  sie  würden  in  Einzelfällen  zur  Milderung
von  Härten  den  Leutnants  besondere  Gnadenzuweisungen
bewilligen.  Da  handelte  der  monarchische  Staat  doch  vornehmer;
  als  durch  das  Branntweinsteuergesetz  eine  große
Zahl  von  Arbeitern  zu  einem  Berufswechsel  gezwungen
wurde,  gab  es  keine  Almosen,  forderte  man  auch  nicht,  wie
jetzt  bei  den  Offizieren,  ein  behördliches  Armutszeugnis,  sondern
  man  zahlte  wortlos  di2  volle  Entschädigung.

In  dem  uralten  Soldatenliede,  das  aus  dem  Herzen  der
friderizianischen  Grenadiere  heraus  gedichtet  ist,  heißt  es:
„Potz  Mohrenelement,  wer  kriegt  so  prompt  wie  der  Preuße

Erledrich  der  Vorläufige  305  20
        <pb n="308" />
        sein  Traktament.“  Heute  ist  es  anders;  man  hat  umsonst
gearbeitet  und  nicht  einmal  pour  le  Roi  de  Prusse,  sondern
für  die  Glücksritter  der  Revolution.  Die  Nationalversammlung
  nimmt  die  Vorlage  in  der  Ausschußfassung  ohne  wesentliche
  Anderung  an.  Hanach  auch  das  Beamtenpensionierungsgesetz,
  das  Raum  für  roten  Nachwuchs  schaffen  soll.

Vor  der  Verabschiedung  dieser  Gesetze  hat  Erzberger  sich
für  einmalige  außerordentliche  Ausgaben,  die  im  einzelnen
niemand  kennt,  neun  Milliarden  Mark  bewilligen  lassen.
Schnell,  schnell,  sagt  er,  sonst  müsse  er  den  Staatsbankerott
ansagen.  So  hat  er  es  schon  beim  Friedensschluß  gemacht.
Schnell,  schnell,  sonst  wird  in  den  nächsten  Stunden  Berlin
bombardiert.  Gegen  diese  Uberschüttung  mit  Gesetzen,  gegen
die  Uberhastung  bei  ihrer  Annahme  spricht  Hugenberg  ein
bitterernstes  Wort.  Zur  Verhinderung  des  nachgerade  irrsinnigen
  Treibens  —  man  Hbört  ja  in  diesem  Zirkus  ständig
Erzbergers  Peitsche  knallen  —  macht  die  Rechte  einen  schüchternen
  Versuch,  durch  Anzweiflung  der  Beschlußfähigkeit  zu
obstruieren.  Sie  ist  aber  darauf  noch  nicht  geschult.  Der
Präsident  hat  bereits,  da  er  in  solchen  Fällen  von  jugendlicher
  Gelenkigkeit  ist,  zur  Abstimmung  aufgefordert,  und
die  Anzweiflung  kommt  zu  spät.  Bei  diesem  Präsidenten
nützt  es  nichts,  wenn  man  seine  Absichten  vorber  deutlich  zu
erkennen  gibt  und  sich  dann  rechtzeitig  still  durch  Handaufbeben
  zu  Worte  meldet.  Man  muß  brüllen.  Schon  vorzeitig
brüllen.  Dieser  Fehrenbach,  der  in  den  allerletzten  Tagen
sich  ein  wenig  zurückhaltender  benommen  hat,  ist  beute  wieder
ganz  der  Einpeitscher  seiner  Mehrheit.  Obwohl  er  Anträge
ohne  jede  Kritik  entgegenzunehmen  und  zur  Abstimmung
zu  bringen  hat,  kann  er  es  sich  nicht  versagen,  der  Rechten
zuzurufen,  durch  die  Begründung  des  Antrages  werde  die
Annahme  dem  Hause  sicher  sehr  schwer.  Der  alte  Ruf  der
Unparteilichkeit  unserer  parlamentarischen  Präsidenten  —

306
        <pb n="309" />
        Fehrenbach  ist  freilich  Rechtsanwalt,  also  Parteivertreter
von  Beruf  —  wird  vollkommen  ruiniert.  Es  wird  bei  seinem
Verhalten  noch  soweit  kommen,  daß  man  sich  demnächst  sagen
wird:  in  dem  oder  jenem  Hause  könne  man  keinen  Besuch
machen;  da  verkehrten  ja  Minister,  Parlamentepräsidenten
und  äbnliche  Leute.

Gesetzgebungs-Hypertrophie

Weimar,  19.  August

Das  Parlament  befindet  sich  in  einem  Zustand,  den  die
Arzte  als  „dpsämische  Verfettung“  bezeichnen  würden.  Hochrot
  und  kurzatmig  sitzt  der  Abgeordnete  da,  stiert  vor  sich  hin,
versteht  nichts  mehr  und  wird  trotzdem  mit  Gesetzen  genudelt,
genudelt  vom  Morgen  bis  zum  Abend.  Eine  Stichprobe  für
einige  Tage  hat  ergeben,  daß  man  täglich  6½  Pfund  bedruckten
  Papiers  vorgelegt  bekommt.  Oie  Reichsabgabeordnung
  allein  hat  440  Paragraphen.  Es  ist  phosisch  ausgeschlossen,
  dies  alles  auch  nur  zu  schlucken,  geschweige  denn
zu  verdauen.  Einige  wenige  Parlamentarier  verschaffen  sich
einen  Uberblick  über  einzelne  Teile  und  reden  dazu.  Oie
Masse  stimmt  besinnungslos  ab.  Um  ein  Haar  wäre  jüngst
in  einem  Gesetz  ein  vollkommener  Unsinn  angenommen
worden,  weil  im  Oruck  eine  Zeile  ausgefallen  war  und  niemand
  von  der  Regierung,  niemand  von  der  Mehrheit  es
gemerkt  hatte;  erst  ein  Mitglied  der  Rechten  verhinderte,  als
es  zufällig  darauf  stieß,  in  zuvorkommender  Art  die  Blamage.
Es  geht  dem  Parlament  schließlich  so,  wie  einst  dem  Abteilungekommandeur
  eines  Feldartillerieregiments  in  Mainz,
der  apathisch  alles  unterschrieb,  was  ihm  vorgelegt  wurde,
darunter  eines  Tages  auch  folgendes  Schriftstück:  „Ich  er-307

  20-
        <pb n="310" />
        kläre  mich  für  tot  und  ernenne  meinen  Adjutanten,  Leutnant
Höckner,  zu  meinem  Universalerben.“

Erzberger  ist  als  Audelmeister  unerbittlich.  Er  stopft,  er
schiebt,  er  drängt.  Hie  und  da  gibt  es  freilich  noch  Leute,  die
nicht  nur  den  offenen  Mund  binhalten.  Der  preußische  Finanzminister
  Dr.  Südekum  und  manche  seiner  Kollegen  aus  den
übrigen  Bundesstaaten  erkennen  voll  Bitterkeit,  was  die
Finanzgesetze  bedeuten:  cine  völlige  Entrechtung  der  Einzelstaaten.
  Die  Reichsabgabeordnung,  die  in  der  Hauptsache
und  ohne  erhebliche  Anderung  heute  angenommen  wird,
muß  dazu  führen,  daß  das  Reich  der  einzige  Vermögensverwalter
  —  fast  möchte  man  sagen,  Konkursverwalter  —
aller  Deutschen  wird.  Einen  Teil  der  Einnahmen  gibt  es  den
Ländern  und  Gemeinden  ab.  ODeren  Kulturarbeit  ist  von
diesen  Prozenten  abhängig.  Das  Reich  bestimmt  also,  weil
es  die  Hand  auf  den  Geldbeutel  aller  legt,  über  das  innerste
ODasein  auch  der  Länder  und  Gemeinden  und  läßt  ihbnen
außerordentlich  wenig  Eigenleben,  denn  es  braucht  den
größten  Teil  der  Mittel  für  sich  selbst  oder  vielmehr  zur  Abführung
  an  die  Entente.  Becker  und  Delbrück  machen  Bedenken
  geltend.  Aber  ein  Paragraph  nach  dem  anderen  wird
gestopft  und  heruntergewürgt.  Auf  die  leichtfertige  Art,
wie  Erzberger  das  ARudelgeschäft  betreibt,  weist  der  Demokrat
Blunck,  der  Hamburger  Rechtsanwalt,  beiläufig  hin.  Bei
seinem  Drängen,  daß  er  unbedingt  bis  morgen  seine  Finanzgesetze
  und  seine  neun  Milliarden  bewilligt  erhalten  müsse,
habe  der  Minister  offenbar  nur  gemeint,  daß  er  ohne  sie  keine
Deckung  für  seine  Ausgaben  hätte.  Statt  dessen  habe  er
gesagt:  ohne  sie  käme  der  Staatsbankerott.  Draußen  im
Lande,  auch  im  Auslande,  verstehe  man  darunter  etwas
ganz  anderes.  Eine  solche  Außerung  könne  das  Vertrauen
zu  unseren  Finanzen  vollkommen  erschüttern;  zu  einer  Gesundung
  aber  gebhöre  in  erster  Linie  Vertrauen.

*

308
        <pb n="311" />
        Um  10  Uhr  früh  hat  man  heute  angefangen;  und  auf  10  Uhr
abends  geht  die  Uhr  beim  Schluß.  Erzberger,  der  —  das
muß  der  Neid  ihm  lassen  —  bewundernswert  frisch  bleibt,
da  er  ja  nicht  durch  Unterernährung  geschwächt  ist,  hat  seine
Augen  und  Ohren  überall.  Sein  Fraktionskollege,  der  alte
Weißbart  Herold,  hält  noch  in  später  Stunde  eine  lange
Rede,  ohne  zu  merken,  daß  alles  laut  stöhnt,  daß  Rufe  des
Unwillens  laut  werden  und  daß  diejenigen,  die  nicht  rufen,
es  nur  deshalb  nicht  tun,  weil  sie  nicht  mehr  die  Kraft  dazu
aufbringen.  Ha  schickt  Erzberger  einen  Abgeordneten  aus,
der  soll  Herrn  Herold  den  Mund  stopfen.  Dann  einen  zweiten
Kollegen.  Schließlich  eilt  er  selber  leichtfüßig  ins  Parkett
und  bläst  den  Zapfenstreich.  Auch  der  Präsident  Fehrenbach
scheint  von  der  allgemeinen  Mattigkeit  zur  Strecke  gebracht
zu  sein.  Er  kann  nichts  mehr  zur  Abkürzung  der  Debatte  tun.
Redner  kommen  und  gehen,  Paragraphen  schwirren,  Vorlagen
  werden  Gesetze.  Nicht  nur  die  Reichsabgabeordnung,
sondern  auch  die  Postgebühren,  die  Tabaksteuer,  das  Gesetz
über  Wochenhilfe  und  Wochenfürsorge,  bei  dem  den  weiblichen
  Abgeordneten  sämtlicher  Fraktionen  von  den  männlichen
  Gesetzgebern  galant  der  Vortritt  gelassen  wird.  Dazu
eine  Erklärung  des  Ministerpräsidenten  über  die  polnische
Frage,  dazu  ein  Scheffel  voll  kleiner  Anfragen;  der  Schrei
nach  Ferien  wird  allmählich  elementar.

Auf  dem  Wege  zur  Verlumpung

Weimar,  20.  August

Sn  der  guten  alten  Zeit  war  es  höchst  unpopulär,  für  neue
Steuern  zu  stimmen.  In  der  Wahlbewegung  wurde  von  den

309
        <pb n="312" />
        Parteien  der  Linken  stets  jeder  gebrandmarkt,  der  die  Belastung
  des  Volkes  vermehrt  habe.  Heute  macht  man  sich  bei
denselben  Parteien  dann  unpopulär,  wenn  man  nicht  Milliarden
  über  Milliarden  Steuern  der  Volkswirtschaft  entzieht.
Ohne  Wimperzucken,  ohne  Prüfung,  mit  vierter  Geschwindigkeit.
  „Hab'  ich  doch  meine  Freude  dran!“,  sagt  Mephisto.
Nein,  Wurm.  Die  in  zweiter  und  dritter  Lesung  angenommene
  Erbschaftssteuer,  deren  Sätze  in  bestimmten  Fällen  mit
35  vom  Hundert  anfangen  und  bie  90  vom  Hundert  gehen,
begrüßt  der  Unabhängige  Wurm  als  ersten  Schritt  zur  gründlichen
  Sozialisierung  des  Eigentums.  Oie  weiteren  und  „entscheidenden“
  Schritte  würden  von  neuen  Körperschaften  getan
  werden,  die  hoffentlich  recht  bald  an  die  Stelle  der
Nationalversammlung  träten.  Ward  solcher  Hohn  schon  je
erhört?  Der  Kommuniemus  zieht  sein  Fallbeil  empor,  das
die  Aa#tionalversammlung  geschliffen  hat.  „Gut  gemacht,"
sagt  er  ihr,  „nun  leg  dich  mal  drunter!“

Oie  Mitglieder  der  Rechten,  die  ja  soviel  ehemalige  Beamte
  zählt,  die  die  sogenannte  positive  Mitarbeit  nicht  lassen
können,  wollten  ursprünglich  für  die  Erbschaftssteuer  stimmen.
  Des  Oienstes  ewig  gleichgestellte  Uhr  erhält  sie  im
Geleise,  und  sie  haben  ihre  Weiche  noch  nicht  umgestellt.
Sie  sind  noch  immer  nicht  Opposition,  sondern  Apposition
  der  regierenden  Mehrheit.  Aber  die  Anderung  der
Vorlage  im  Ausschuß,  die  aus  Wahlrücksichten  erfolgte  Erhöhung
  der  Steuersätze  bis  an  die  Grenze  der  Konfiskation
hat  die  nationalen  Parteien  zur  Besinnung  gebracht.  Sie
wollen,  wie  sie  erklären,  sich  nicht  zum  Mitschuldigen  des
Zusammenbruchs,  zu  Schrittmachern  der  Kommunisten
machen.  Sie  stimmen  gegen  das  Gesetz.

Oieses  Gesetz  bedeutet  eine  weitere  Etappe  auf
dem  Wege  zu  unserer  Verlumpung.  Die  Freube  am
Schaffen  im  Gedanken  an  die  Kinder  wird  ertötet.  ber-310
        <pb n="313" />
        haupt  der  Drang  zu  wirtschaftlichem  und  technischem  Fortschritt.
  Wer  etwas  erarbeitet,  dem  wird  es  durch  irgendeine
der  neuen  Steuern  genommen.

Den  Demokraten  und  Sozialdemokraten  ist  nicht  ganz  gebeuer,
  trotz  alledem.  Die  Parteien  der  Steuereintreiber  und
Besitzräuber  werden  es  bei  den  nächsten  Wahlen  schwer  haben.
Aber  man  muß  auch  aus  einer  schlechten  Konjunktur  etwas
herausholen  können.  Demokraten  und  Sozialdemokraten
schmieden  sofort  die  zweckentsprechenden  Schlagworte  für  die
Wahlflugblätter.  Es  handle  sich  nur  um  450  Mark  Unterschied
  bei  den  Sätzen  der  Regierungevorlage  und  denen  des
Ausschusses,  sagt  zweimal  der  demokratische  Abgeordnete
Blunck.  Do,e  ist  natürlich  ein  Einzelfall  bei  einer  bestimmten
Vermögenshöhe  im  Hanzen  Tarif.  Aber  wie  schön,  wenn
man  nachher  in  Volksversammlungen  binausschmettern  kann,
um  lumpiger  450  Mark  willen,  die  die  Kapitalisten  der  Rechten
krampfhaft  im  Portemonnaie  hielten,  hätten  sie  das  Vaterland
  in  seiner  Not  im  Stich  gelassen!  Der  Sozialdemokrat
Katzenstein  verrät  noch  mehr  aus  der  Stilistik  der  nächsten
Wahlen.  Also  die  Kreise,  sagt  er,  die  bereitgewesen  seien,
Gut  und  Blut  —  der  anderen  zu  opfern,  stellten  sich  schützend
vor  die  großen  Vermögen.  Spiegelberg,  ich  kenne  dich!
Oie  Kreise,  aus  denen  Herr  Katzenstein  stammt,  haben  nicht
allzuviel  Blut  im  Kriege  vergossen.  Sie  gehören  ja  nicht
zur  evangelischen  oder  zur  katholischen,  sondern  zur  unabkömmlichen
  Konfession.  Auch  ihr  Gut  haben  diese  Kreise
während  des  Krieges  nicht  gerade  geopfert.  Seit  den  Zeiten
der  Pharaonen  verstehen  sie  es,  wenn  ein  Land  unter  Pestilenz
und  Heuschrecken  oder  unter  Krieg  und  Kohlrüben  seußzt,  ihr
Gold  und  Silber  durch  das  Rote  Meer  davonzutragen.

Zu  kurzer  Mittagspause  leert  das  Theater  sich  schnell.
Wenige  Minuten  später  hört  man  eine  wundervolle  Ton
flut  daberrauschen.  Irgend  jemand  spielt  die  große  Orgel.

311
        <pb n="314" />
        Was  denn  los  sei,  fragen  die  Leute  draußen.  Eine  kirchliche
Feier  natürlich.  Herr  Katzenstein  will  sich  taufen  lassen.
Der  Seniorenkonvent  soll  bestimmen,  ob  evangelisch  oder
katbolisch.  Oder  jemand  übt  auf  der  Orgel  für  die  morgige
Krönungsfeier  des  Herrn  Ebert.  Ee  soll  die  Matthias-Passion
gespielt  werden.

Am  Nachmittag  werden  die  neun  Milliarden  für  die  Ausgaben
  der  nächsten  Monate  bewilligt.  ODas  ist  aber  nur  eine
Kleinigkeit.  Bewilligt  werden  Herrn  Erzberger  auch  die  gesetzlichen
  Kampfmittel  der  Staatsgewalt,  mit  denen  Besitztümer
  im  Werte  von  Hunderten  von  Milliarden  Mark,  die
an  die  Entente  abzuführen  sind,  aus  dem  deutschen  Volke
berausgepeitscht  werden  können.  Voch  ist  der  Friede  von
unseren  Feinden  nicht  ratifiziert.  Aber  schon  steht  Erzberger
dienernd  da  und  hat  sein  Enteignungsgesetz  fertig.  Es
gibt  keinerlei  Besitz  im  ganzen  Lande,  der  dem  Zugriff  des
Reiches  danach  entzogen  bliebe.  Nach  dem  Wortlaut  der
Vorlage  kann  die  letzte  Kuh,  die  einzige  Nähmaschine  enteignet
  werden;  und  zwar  nicht  gegen  „volle“,  sondern  gegen
vangemessene“  Entschädigung.  Zunächst  werden  freilich  andere
  Dinge  der  Entente  lieber  sein:  unsere  Wälder,  unser
Grundbesitz,  unsere  Bergwerke,  unsere  Fabriken.  Das  Reich
aber  macht  sich  zum  Büttel.  Zetzt  erst  wird  der  Scheidemann-Erzberger-Friede
  wie  das  furchtbare  Bild  von  Sais  enthüllt.
Man  bricht  davor  zusammen.  Aus  dem  wohlhabenden,
glücklichen  Deutschland  wird  im  Laufe  eines  einzigen  Menschenalters
  eine  Ententekolonie,  bewohnt  von  einer  zerlumpten
hoffnungelosen  Bevölkerung  in  feindlichem  Frondienst.

Wen  dann  die  Menge  als  Urheber  des  namenlosen  Elends
ansieht,  der  wird  einst  totgeschlagen  wie  ein  toller  Hund.
Das  wissen  die  Erzberger,  Scheidemann  und  Genossen,  diese
Siegverderber,  Kriegeverlängerer,  Friedensvernichter.  Sie
kämpfen  um  ihr  Leben.  Ou  oder  ich,  heißt  es  jetzt.  Her  mit

312
        <pb n="315" />
        dem  Staatsgerichtohof!  Die  Wahrheit  muß  totgeschlagen
werden,  sonst  ist  ihr  eigenes  Leben  keinen  Pfifferling  mehr
wert.  Ein  parlamentarischer  Untersuchungsausschuß,  in  dem
nur  5  Mitglieder  der  beiden  Fraktionen  der  Rechten,
  dagegen  23  der  übrigen  Parteien  sitzen,  wird
beute  gleich  zusammengesetzt,  der  soll  die  „Schuldigen“  an
den  Staatsgerichtshof  überweisen.  Das  ist  die  offene  Gewalt:
  Erzberger  triumphans.  HOas  ist  auch  der  Tiefstand
unserer  moralischen  Berlumpung.  ODer  Abgeordnete  Dr.  Sinzheimer
  hält  die  Einführungsrede  für  die  Mehrheit  und  empfiehlt
  den  Staatsgerichtshof.  Ein  Rechtsanwalt  der  eleganten
Sorte.  Er  spricht  nie  innerhalb  der  Redekanzel,  sondern
lehnt  sich  außen  an  sie,  damit  seine  Bügelfalten  zur  Wirkung
kommen.  Wie  er  seine  Rede  hält,  wie  er  mit  den  beweglichen
Fingern  den  Knoten  ständig  schürzt  und  knüpft  und  wieder
entwirrt,  das  muß  man  gesehen  haben,  da  genügt  das
Hören  alleine  nicht.  Der  Gegenberichterstatter  ist,  so  muß  es
sein,  ein  Germane,  der  deutschnationale  Landgerichtedirektor
Warmuth,  der  der  ernsten  Frage  mit  Ernst  in  seiner  fleißigen
Studie  zu  Leibe  geht  und  nicht  in  der  spielerischen  Art  des
Vorredners;  wiederum  stehen,  wie  so  oft  auch  im  Gerichtssaal,
  zwei  Rassen  widereinander.  Ganz  wundervolle  Ausführungen,
  gleich  groß  vom  Standpunkte  des  vaterländisch
denkenden  Deutschen  wie  auch  von  dem  des  gelehrten  Professors
  der  Rechte,  gibt  zu  dem  Thema  der  Wortführer  der
Deutschen  Volkspartei,  Abgeordneter  Dr.  Graf  zu  Oohna.
Man  wird  gut  tun,  seine  Worte  im  Stenogramm  sich  kommen
zu  lassen,  um  an  der  Hand  dieser  Rede  erkennen  zu  können,
welch  ein  Attentat  hier  vollführt  wird.

Bevor  über  den  Staatsgerichtshof  beraten  wird,  sind  dem
Abgeordneten  Erzberger  die  Vollmachten  zur  Ausplünderung
des  deutschen  Volkes  zugunsten  der  Entente  erteilt  worden.
Der  Abgeordnete  Hugenberg,  der  als  ehemaliger  Geheimer

313
        <pb n="316" />
        Finanzrat  ein  Mann  von  Fach  ist,  gibt  eine  eingehende  und
sehr  scharfe  Kritik  der  Erzbergerschen  Vorschläge.  Der  Minister
antwortet.  In  seiner  bekannten  Art.  Unsere  Leistungen,
meint  er,  seien  im  Frieden  genau  umschrieben.  Aur  140  000
Milchkühe  Hhätten  wir  abzuliefern,  also  stebe  doch  nicht  jede
Kuh  in  Gefahr.  Etensowenig  jede  Maschine.  Es  seien  doch
nur  30  vom  Hundert  unseres  Bestandes  an  Maschinen  verlangt.
  Herr  Hugenberg  habe  also  maßlos  übertrieben.  Von
der  Rechten  kommen  Zwischenrufe.  Es  handele  sich  nur  um
„vorläufige“  Forderungen  der  Entente,  und  was  weiter
verlangt  werde,  das  wisse  man  heute  noch  gar  nicht.  Erzberger
  verwahrt  sich  wütend  gegen  diese  Zwischenrufe.  Die
beiden  auf  Gedeih  und  Verderb  verbundenen  Parteien,
Zentrum  und  Sozialdemokratie,  wissen  genau,  was  auf  dem
Spiele  steht.  Es  geht  nicht  an,  daß  die  Wahrheit,  wenn  auch
nur  durch  Zwischenrufe,  in  die  Offentlichkeit  gelangt.  Und
so  greift  man  denn  zum  letzten  äußersten  Mittel.

Eine  Knüppelgarde  von  Sozialdemokraten  wandert  von
links  nach  rechts  hinüber  und  baut  sich  neben  den  Oeutschnationalen
  auf.  Es  sind  lauter  kaum  bekannte  Leute;  keinen
von  ihnen  hat  man  je  im  Hause  reden  hören,  aber  sie  stehen
mit  über  der  Brust  gekreuzten  Armen  da,  wie  zu  einer
Gruppenaufnahme  des  Stemmklubs  Bizeps.  Jeder  Zuruf,
der  von  der  Rechten  erschallt,  wird  durch  laute  Schimpfworte,
„Lump“,  „Verbrecher“,  von  der  Knüppelgarde  begleitet.  Es
hat  minutenlang  den  Arnschein,  als  werde  schon  hier  in  der
Nationalversammlung  ein  „Staategerichtehof“  konstituiert,
der  mit  der  Faust  die  großen  Fragen  der  Weltgeschichte  entscheidet.
  Nur  dem  Umstand,  daß  der  deutschnationale  Abgeordnete
  Richter,  der  Gutebesitzer  aus  Ostpreußen,  an  der
Ecke  sitzt,  verdanken  wir  es,  daß  die  Knüppelgarde  sich  noch
zurückhält.  Er  hat  nämlich  Handschuhnummer  9⅛  und  hat
gerade  vierzehn  Tage  Erntearbeit  hinter  sich.

314
        <pb n="317" />
        Der  Eid

Weimar,  21.  August

In  seiner  bekannten  Leutseligkeit  wünschte  der  Herr  Reichspräsident
  Ebert,  um  einer  zahlreicheren  Menge  seines  geliebten
  Volkes  das  Fest  zu  gönnen,  daß  seine  Vereidigung  auf
die  Verfassung  in  Berlin  vorgenommen  werde.  Die  gesamte
Regierung  war  derselben  Meinung.  Alber  die  sozialdemokratische
  Fraktion  nicht;  und  auf  die  sozialdemokratische
Fraktion  kommt  es  an.  Sie  ließ  „Eberten"“  sagen,  es  werde.
in  Weimar  geschworen,  fertig.  Wie  es  bei  solchen  Gelegenheiten
  zu  geschehen  pflegt,  überzeugte  sich  nun  auch  die
Regierung  samt  dem  Herrn  Reichspräsidenten  sehr  schnell,
daß  der  feierliche  Schlußakt  in  der  Tat  für  Weimar  das  einzig
Richtige  sei.

Der  Morgen  des  denkwürdigen  Tages  gehört  dem  patriotischen
  Straßenhandel.  Das  ist  auch  früher  bei  Kaiserparaden
und  Monarchenbesuchen  so  gewesen.

Aur  werden  dieemal  nicht  Fähnchen  feilgeboten,  sondern
Bilder  des  neuen  Landesvaters  und  seines  Wehrministers
Noske.  Der  Verlag  Ullstein  überschüttet  Weimar  damit.
Zedermann  kauft  sich  die  dieswöchentliche  „Berliner  Zllustrierte
Zeitung“,  auf  deren  Titelseite  die  hochmögenden  Herren
prangen,  schlicht  republikanisch  in  Badehose.  Oie  festliche
Stimmung  auf  den  Straßen  wächst  zusehends.  Dafür  hat  der
demokratische  Verlag  mit  feinem  Takte  gesorgt.

Im  Parlament  wird  noch  gearbeitet.  Das  Betriebsrätegesetz,
  über  das  bei  seiner  zweiten  Lesung  noch  einiges  zu
sagen  sein  wird,  macht  die  erste  Lesung  durch  und  gebt  an
den  Ausschuß.  Dann  wird  gestellt,  gerückt,  geschmückt.  Am
Nachmittag  ist  alles  zur  Feier  bereit.

315
        <pb n="318" />
        Vereidigung!

Einst  ging  uns  das  Wort  durch  Mark  und  Bein.  Ich  habe
vor  langen  Zahren,  Aug'  in  Auge  gegenüber  dem  König,
den  Treueid  geschworen,  und  dieser  Eid  steht  noch  wie  ein
Speerschaft  da  und  ist  nicht  gesplittert.  Heute  aber  gilt  die
Mark  nur  noch  19  Pfennige,  und  ein  Eid  keinen  Sechser.

Als  es  sich  darum  handelte,  ob  Sozialdemokraten  in  das
preußische  Abgeordnetenhaus  eintreten  könnten,  da  sie  doch
dort  vereidigt  würden,  meinte  Bebel:  „Über  diesen  Zwirnsfaden
  werden  wir  nicht  stolpern!“

Als  Scheidemann  in  das  Ministerium  eintrat,  wußte  er,
daß  er  vorschriftsgemäß  auf  den  Monarchen  vereidigt  werden
müßte.  Trotzdem  trat  er  ein  mit  Verrat  im  Herzen.  Bald
darauf  kam  der  Verrat  in  der  Tat.

Aus  den  Splittern  von  hunderttausend  gebrochenen  Eiden
wurde  Eberts  Thron  gezimmert.  Oer  neue  Reichspräsident
kann  also  unbesorgt  schwören,  denn  der  Eid  ist  längst  von
seinen  eigenen  Leuten  entwertet,  und  kann  ruhig  darauf
schlafen,  auch  wenn  das  heutige  Krönungemabl  ihm  nicht  die
nötige  Bettschwere  bringt.

Eine  Ehrenkompagnie  in  weißen  Paradebeinkleidern  ist
vor  dem  Theater  aufmarschiert.  Das  Auto  des  Präsidenten
kommt  —  „#Ichtung!  Präsentiert  das  Gewehr  !“  —  und  rollt
seitwärts  achtlos  vorbei.  Da  läßt  der  Hauptmann,  obwohl
die  Kompagnie  für  die  ganze  Zeit  der  Bereidigung  herbesohlen
  ist,  Gewehr  über  nehmen  und  abmarschieren.  Aur
die  Musik  bleibt  da,  damit  Volk  dableibe.  Sie  hat  bei  Eberts
Nahen  nicht  den  Präsentiermarsch  gespielt,  aber  auch  nicht
die  Marseillaise,  sondern:  „Ich  schieß'  den  Hirsch  im  wilden
Forst.“

Feierlich  wird  derweil  Herr  Friedrich  Ebert  in  den  Saal
geleitet,  wo  die  Großen  seiner  Krone  ihn  im  Bratenrock  erwarten.
  Neben  diesem  Präsidenten  sieht  Erzberger  geradezu

316
        <pb n="319" />
        apollinisch  schlank  aus.  Das  Haus  weist  große  Luͤcken  auf,
nur  Sozialdemokratie  und  Zentrum  sind  fast  vollzählig  da.
Die  Deutsche  Volkspartei  hat  nur  ein  paar  Herren  als  Beobachtungsposten
  geschickt.  Die  Deutschnationalen  fehlen  demonstrativ;
  einzig  und  allein  Herr  v.  Grgefe  ist  zu  sehen,
aber  nur  als  Chronist  seiner  „Mecklenburger  Warte“  bei  den
Berichterstattern  auf  der  Galerie.  Die  Feier  selbst,  von
Orgelklang  —  Krönungsfest  in  Rheims  —  eingeleitet  und
geschlossen,  ist  sonst  prunklos  und  doch  festlich  und  nicht  ohne
Würde.  Oas  wollen  wir  gern  feststellen.  Es  gibt  zwar  ein
paar  peinliche  Augenblicke  im  Zeremoniell,  denn  man  hat
die  Eidesformel  für  Ebert  nicht  gleich  zur  Hand,  und  Seine
Exzellenz  tritt  eine  ganze  Weile  verlegen  von  einem  Fuß
auf  den  andern,  denn  auswendig  kann  er  die  paar  Sätze  nicht
sagen;  aber  das  ist  nicht  schlimm,  er  wird  in  seine  Würde
noch  bineinwachsen  und  die  längsten  Rauscherschen  Festreden,
immer  mit  einem  Ahlandzitat,  zu  memorieren  wissen.

Also  Ebert  beschwört  die  Verfassung.  Man  fragt  sich  im
stillen,  was  länger  halten  wird,  der  Schwur  oder  die  Verfassung.
  '

Dann  machen  die  drei  süddeutschen  Herren,  der  badische
Zentrumemann  Fehrenbach,  der  badische  Sozialdemokrat
Ebert,  der  schwäbische  Demokrat  Paper,  die  nötige  Beweihräucherung.
  Oie  große  Brille  und  das  Blättchen  in  der
Brusttasche  hat  Ebert  nicht  vergessen;  es  geht  alles  gut.  Kein
Preuße  spricht.  Preußen  ist  zerfetzt  im  Osten  und  im  Westen,
Preußen  hat  die  schwerste  Blutrechnung  zu  bezahlen,  Preußen
soll  noch  weiter  zerstückelt  werden.  In  der  Führung  Deutschlands
  hat  es  schon  längst  abgedankt,  und  es  ist  mehr  als
ein  Zufall,  daß  die  drei  Süddeutschen  heute  die  Regie
führen.

Die  Reden  halten  sich  von  Verletzung  der  Andersdenkenden
nicht  frei.  Auch  an  diesem  Festtage  wird  Parteipolitik  gemacht.

317
        <pb n="320" />
        Noch  einmal,  und  diesmal  ganz  leutselig  mit  „Ihr“  und
„Euch“,  spricht  der  Landesvater  vom  Balkon  aus  zu  dem
Volk  draußen  auf  dem  Platz  vor  dem  Theater.  Man  empfindet
  das  als  eine  störende  Unterbrechung  der  Musik.  Gleichgültig
  und  ohne  jede  Kundgebung  wird  zugehört.  Paper
und  einige  andere  Abgeordnete  sind  binuntergelaufen  und
schicken  wenigstens  für  ihre  Person  ein  dünnes  Bravo  hinauf.
Dann  rettet  die  Musik  die  peinliche  Situation.  Sie  spielt:

„Oeutschland,  Deutschland  über  Alles“,  und  die  Buben  und
Mädchen  unten  singen  tapfer  mit.

ODer  neue  Herr  ist  aber  nun  auch  vor  allem  Volk  in  Eid
und  Pflicht  genommen.  Er  wird  treu  an  der  Verfassung
und  den  Befehlen  der  sozialdemokratischen  Fraktion  festhalten.
Oder  nur  an  diesen?  In  der  Verfassung  stehen  viele  Oinge,
die  er  nicht  halten  kann,  so  die  Gewährleistung  des  Eigentums,
  das  durch  das  Beschlagnahmegesetz  bereits  vogelfrei
geworden  ist.

Zm  Artikel  41  der  von  ihm  beschworenen  Verfassung  beißt
es:  „Her  Reichspräsident  wird  vom  ganzen  deutschen  Volke
gewählt.“  Ebert  ist  aber  nur  von  seinen  Getreuen  in  der
Nationalversammlung  gekürt,  der  Sozialdemokratie,  der  Demokratie,
  dem  Zentrum;  seine  erste  Tat  müßte  also,  wenn
er  den  Verfassungseid  halten  will,  darin  bestehen,  daß  er
abdankt  und  die  endgültige  Präsidentenwahl  durch  Volksabstimmung
  anberaumt.  Er  wird  sich  aber  wohl  beherrschen
können,  trotz  des  soeben  geleisteten  Schwures,  daß  er  die
Verfassung  „gewissenhaft  erfüllen“  werde.

Und  im  Artikel  112  der  Verfassung  steht  geschrieben:
„Kein  Oeutscher  darf  einer  ausländischen  Regierung  zur
Verfolgung  oder  Bestrafung  überliefert  werden.“

Ehe  der  gallische  Hahn  dreimal  kräht,  hat  Friedrich  Ebert
seinen  Eid  gebrochen.

318
        <pb n="321" />
        Mit  weißer  Weste

Weimar,  22.  August

Einer  der  wenigen  Deutschen,  die  nicht  in  Viertelpfun--den
  dachten,  sondern  in  Kontinenten,  war  Karl  Peters,
der  uns  Ostafrika  gab.  Wir  haben  ihn  in  die  Wöste
binausgestoßen.  Denn  auf  seiner  weißen  Weste  war  ein
kleiner  Blutfleck.

Die  damals  am  lautesten  gröhlten,  die  Sozialdemokraten
und  das  Zentrum,  bandeln  beute  ganz  anders.  Unter  dem
parlamentarischen  Soystem  darf  man  ruhig  bemakelt  sein.
In  Breslau  ist  ein  wegen  Unterschlagung  Borbestrafter  erst
dieser  Tage  Polizeipräsident  geworden.  Im  Weimarer
Parlament  aber  berrscht  der  Bizekanzler  Erzberger,  dessen
Valuta  als  Mann  von  Wort  noch  unter  dem  deutschen  Papiergeld
  notiert.  Nicht  nur  im  Inlande,  bis  in  die  Kreise  seiner
eigenen  Parteigenossen  hinein,  sondern  auch  in  den  fremden
Staaten.  Deswegen  flieht  der  Schlaf  ihn  nicht.  Er  weiß,
vielleicht  als  der  einzige,  was  parlamentarisches  System  bedeutet:
  siegreiche  Korruption.  Ist  nicht  Clemenceau  ein
bezahlter  übler  Panamist  gewesen?  Und  doch  ward  er  zum
Herrn  über  Frankreich.

Es  kommt  auf  die  Eisenstirn  mehr  an,  als  auf  die  Untadeligkeit.
  Mit  dieser  Eisenstirn  hat  Erzberger  vollends
Bresche  in  das  bröckelnde  Mauerwerk  Heutschlands  geschlagen.
NRh  cächt  der  vorige  November,  sondern  das  halbe  Zahr
Weimar  hat  uns  erst  die  eigentliche  Revolution  gebracht.
  Nach  Monarchie  und  Heer  und  Staat  ist  jetzt  auch
die  deutsche  Wirtschaft  ruiniert.  Von  dem  Kriege  hätten  wir
une  erholen  können.  Die  Erzbergersche  Sozialisierung  allen

319
        <pb n="322" />
        deutschen  Besitzes  und  die  Räteregierung  aller  deutschen
Betriebe  würpt  uns  aber  zu  Tode.

Oas  ist  das  eigentliche  Werk  von  Weimar.  Oie  Verfassung,
  die  als  Großtat  gepriesen  wird,  ist  demgegenüber
kaum  von  Bedeutung.  Ein  Berein,  der  seit  November  1918
bereits  besteht,  hat  sich  Satzungen  gegeben.  Oaraus  sollte
man  nicht  viel  Wesens  machen.

Nach  außen  hin  wird  das  freilich  gefeiert,  denn  alles  Formale,
  alles  Methodische  besticht  deutsche  Augen.  Wenn  man
mit  Paragraphen  gefüttert  wird,  kann  man  im  übrigen  ruhig
hungern.  An  dem  „großen  Werk“  mitgearbeitet  zu  haben,
ist  ein  Stolz  der  Beteiligten.  Bei  dem  Krönungemahl  Eberts
am  gestrigen  Abend,  dessen  rednerische  Unkosten  wieder  drei
Süddeutsche  der  drei  regierenden  Parteien  bestritten,  wurde
sogar  die  Rechte  um  ihrer  Mitarbeit  willen  belobt.

Oas  ist  bitter,  sehr  bitter.  "

Oieselben  Leute,  die  in  ihrer  Schildbürgerei  ein  Dorf  anzünden,
  um  eine  Katze  zur  Strecke  zu  bringen,  und  das
Deutsche  Reich  zerstören,  um  das  „alte  System“
unter  den  Trümmern  zu  begraben,  freuen  sich  der
willkommenen  Hilfe.  Ze  dümmer  und  je  unanständiger  sie
selber  sind,  desto  mehr  feixen  sie  über  die  kluge  und  anständige
  Opposition.  In  der  sitzen  lauter  Männer  mit  weißer
Weste.  Es  gibt  sogar  Leute  unter  ihnen,  die  das  gestrige
Fernbleiben  der  Oeutschnationalen  von  der  Schwurkomödie
für  taktlos  erklären.  Sie  wissen  nicht  mehr,  wie  die  Sozialdemokratie
  jahrzehntelang  gegen  jedes  Kaiserhoch  demonstriert
  und  die  wüstesten  Szenen  im  Reichstage  aufgeführt
hat.  Die  Wüstheit  ist  nicht  nötig,  aber  derselbe  Wille  zum
Siege,  mit  allen  erfolgreichen  Mitteln:  man  muß  den  Feind
mit  seinen  eigenen  Waffen  schlagen,  statt  für  ihn  an  seinem
Werke  „positiv  mitzuarbeiten“.  Sonst  bildet  sich  über  kurz
oder  lang  eine  neue  radikale  Partei  der  Rechten,  eine  Partei

320
        <pb n="323" />
        der  „Unbedingten“,  und  die  Arbeit  der  bisherigen  monarchischen
  Parteien  ist  verloren.  Es  ist  Sorge  um  sie  und  nicht
Kritiksucht,  die  mich  das  am  Ausgang  von  Weimar  feststellen
läßt.

Früber  ist  von  der  sozialdemokratischen  Opposition  das
Privatleben  der  herrschenden  Klassen  stets  mit  der  Blendlaterne
  abgeleuchtet  worden.  Oasselbe  jetzt  gegenüber  den
Prassern  aus  dem  Weimarer  Schloß  zu  tun  sind  wir  aber
viel  zu  vornehm.  *

Wir  baben  immer  noch  nicht  genug  von  dem  Gegner  gelernt.
  Wir  ziehen  uns  die  weiße  Weste  prall  und  sind  zufrieden.
  Dann  kann  man  aber  nicht,  was  wir  in  Weimar
allmählich  begriffen  haben  sollten,  Kanalräumer  werden.
Und  so  verkommen  wir  denn  unter  dem  gehäuften  Unrat
der  Revolution,  bis  vielleicht  einst  ein  Herkules  an  den  Augias--stall
  berangeht,  nachdem  wir  selber  längst  darin  verdorben  und
gestorben  sind.

Ich  wünschte,  ich  erlebte  diesen  Herkules  noch.

Vorerst  glauben  wir,  wunder  was  erreicht  zu  haben,  wenn
einer  der  Reichsverderber  von  der  Bühne  abtritt.  So  ist
Scheidemann  in  den  Alpenkulissen  verschwunden  und  hat
sich  zweieinhalb  Monate  lang  dort  im  Stile  der  Kriegs-  und
Revolutionsgewinnler  erholt,  nachdem  ihm  die  Reichskasse
für  seine  Mühewaltung  bis  zum  JZuli  rund  50  000  Mark  ausbezahlt
  hat;  so  wird  auch  Erzberger,  wenn  die  Nationalversammlung
  im  Herbst  die  Schlinge  auch  der  letzten  Finanzgesetze
  an  unserem  Galgen  geknüpft  hat,  sein  Amt  aufgeben
und  eine  kleine  Badereise  an  das  Meer  der  Vergessenheit
antreten,  wie  es  unter  dem  Parlamentarismus  so  Brauch
ist.  Das  erbält  körperlich  und  politisch  gesund.

Oieses  gelegentliche  Verschwinden  der  Reichsverderber
braucht  uns  keinen  Jubel  zu  entlocken,  denn  ihr  Sostem  wird
durch  den  Wechsel  der  Akteure  nicht  berührt;  es  ist  wie  im

Ocledrich  der  Vorläufige  321  21
        <pb n="324" />
        Wetterhäuschen,  wo  die  beiden  Männlein  gehen  und  kommen,
aber  es  sind  immer  dieselben,  und  sie  stehen  fest  auf  ihrer
Drebbühne.

Das  ganze  fluchwürdige  System  muß  von  dem  deutschen
Volke  gesteinigt  werden.  Aber  selbstverständlich  empfehlen
auch  wir  keine  Restauration  „im  Heugabelsinne  der  Gewalt“.
Sie  soll  eine  natürliche  Folge  der  unermüdlichen  Aufklärungsarbeit
  sein,  der  wir  uns  ohne  Rücksicht  auf  Schmutzspritzer  zu
unterziehen  haben.  Eines  Tages  können  wir  dann,  ganz  ohne
Blutvergießen,  zu  den  heute  Regierenden  —  wie  Vater
Wrangel,  als  er  mit  seinen  Truppen  einmarschiert  war,  zu
der  Berliner  Bürgerwehr  —  sprechen:  „Nanu  verduftet!“

Die  Angst  vor  dem  weißen  Terror,  vor  der  blutigen  Gegenrevolution,
  die  in  Scheidemanns  Träumen  spukt,  ist  eitel.
Eines  Tages  ziehen  wir  uns  die  weiße  Weste  aus,  streifen  die
Armel  hoch,  und  die  Novemberleute  verschwinden  lautlos,
weil  sie  —  keine  Gefolgschaft  mehr  haben.  Nur  ist  inzwischen
leider  alles,  was  die  Monarchie  in  arbeitreichen  Jahrhunderten
geschaffen  hat,  zerstört  worden;  aber  diese  Zerstörung  ist  für
unser  betörtes  Volk  nötig,  damit  ihm  in  seinem  Elend  die
Augen  aufgehen,  damit  es  gebeilt  wird.  Dann  erst  können
wir  an  den  Wiederaufbau  herangehen.  Und  in  das  gereinigte
und  wieder  wohnliche  Haus  wird  das  Volk  im  Triumphzug
den  deutschen  Kaiser  heimholen.

322
        <pb n="325" />
        Anzeigen-Anhang
        <pb n="326" />
        Von  demselben  Verfasser  erschien  im
„Verlag  Politik“,  Berlin  W.  56:

Schafft  ein  Oeerl

Major  Stein
Preis  M.  2.50

telleicht  das  Köstlichste,  was  wir  Soldaten  in  die

Hände,  in  die  Köpfe,  in  die  Herzen  der  Jüngeren
geben  können,  das  ist  die  Schrift  „Schafft  ein  Heerl!“
von  Mcjor  Stein,  eine  Broschüre,  die  vielleicht  auch
der  kommende  Geschichtsschreiber,  der  Deutschlands
Erhebung  von  tiefstem  Fall  einst  zu  schildern  hat,
nicht  übergehen  wird.  Es  ist  eine  messerscharfe  Anklageschrift,
  voll  handfesten  Materials  für  Gebildete
und  Volksredner;  so  schafft  sie  Klarheit  und  Wahr.
heit  über  die  Zeit  vom  Juli  bis  zum  November  1918
und  darüber  hinaus  bis  in  die  jüngsten  Tage.  Sie
hat  etwas  Aufpeitschendes;  sie  weckt  alle  Schlafmügen.
  Aber  der  prachtvolle  Fluß  der  aufbauenden
Gedanken  ist  doch  das  Schönste  an  der  Schrift.  Nicht
oft  haben  wir  von  gedruckten  Worten  einen  so  starken
Eindruck  empfangen.  Deutsches  Offiziersblatt.

Aynliche  Arceile  in  der  „Tägl.  Rundschau“,  „Deutsch.
Stg.“,  „Deutsch.  Tagesztg.“,  „Kreuzzeitung“  u.  a.  Blätt.

 

 

 

 

 

 

 

 

324
        <pb n="327" />
        Verlag  der  Täglichen  Rundschau,  Berlin

Freiheit
Roman  von  Hans  Wilhelm

1.—20.  Tausend.  Vornehm  gebunden  M.  8.50

er  Noman  ist  ein  beller  Heroldsruf  jungdeutschen  Sturms

und  Dranges.  Mit  entseeltem  Literatentum  und  vertrockneter
  Wissenschaft  kämpfend,  schafft  sich  der  Held  ein  eigenes
Weltbild,  das  der  Zukunft,  und  wird  zu  einem  Führer  der
Erwachenden.  Schöpferische  Lebenserbhöhung  statt  des  unpersönlichen
  Forschertums,  Kraft  und  Güte  der  Seele,  durch  den
Geist  gebändigt  und  verklärt,  an  Stelle  des  alles  verhöhnenden
Intellekts,  Aufhebung  der  Schranken  zwischen  Leben  und  Kunst,
das  fund  einige  der  Ergebnisse,  zu  denen  der  Roman  gelangt.  Das
Buch  ist  ein  Werk  der  Jugend.  Niemand  wird  dies  richtende,  fördernde,
  aufbauende  Buch  ohne  Ergriffenbeit  aus  den  Händen  legen.

 

 

Jeder  Leser  wird  ein  Verkünder  sein!  „
Stockprügel  und  Gavokten
Rokokonovellen

von  Friedrich  v.  Lettow-Vorbeck

Mit  Zeichnungen  von  Christa  v.  Lettow·  Vorbeck
In  Halbleder  M.  30.—  In  Halblwd.  M.  8.—

Das  Bezeichnende  und  Fesselnde  an  diesen  Novellen  ist  das
Verhältnis  der  Form  zum  Gehalr.  Sie  wahren  mir  bedeutender
  und  stellenweilse  fast  gelehrter  Geschicklichkeit  den  Ton  des
achtzehnten  Jahrhunderts.  Sie  sind  anmutig,  zierlich,  schelmisch
und  selbst  im  Grauenhaften  noch  von  maßvoller  Gehallenhei#c.
Aber  sie  verkörpern  deutsches  Rokoko,  das  Heißt,  der  Anmut  ge-7
  sich  Frische,  der  Zierlichkeit  Derbheit,  der  Schelmerei  handester
  Humor,  und  im  Ernsten  wie  im  Heitern  offenbart  sich  der
deutsche  Drang  zu  unbestechlicher  Wahrhaftigkeit.  Der  Band  enthält
vier  Geschichten,  die  mit  Ausnahme  der  ersten  eine  fröhliche  Stimmung
  atmen.  Man  liest  mit  Behagen  und  grüßt  den  Verfasser
als  einen  Dichrer,  der  die  Herzen  seiner  Menschen  bis  in  die  letzten
Winkel  kenne  und  in  der  Well,  in  der  sie  acmen,  als  seiner
eigenen  zu  Hause  ist.  —  Sehr  fein  wird  das  ganz  im  Geschmack
der  Zeit  Hepruste  Buch  von  ungemein  stimmungsvollen,  im
Ton  des  Textes  mieschwingenden  Rokokozeichnungen  begleitet.

 

 

 

 

 

 

325
        <pb n="328" />
        Verlag  der  Täglichen  Rundschau,  Berlin

Zürnsakob  Jwehn

Der  Amerikafahrer
VWVon  Joh.  Gillhoff
111.—120.  Tausend  Fein  geb.  M.  11.50

as  Buch  bringt  den  Lebenslauf  eines  Deuesch-Amerikaners.

A#ls  Dienstknecht  wänderte  er,  der  Sohn  eines  mecklenburgischen
  Tagelbhners,  nach  drüben.  Als  Großfarmer  vertauschte  er
den  Pflug  mie  der  Feder,  kand  Gefallen  am  Buchstabenmalen
und  berichkete  seinem  alten  Lehrer  Über  sein  Leben  und  Wirken.
In  diesen  seinen  Briefen  ward  viel  verhaltene,  gesammelte  Krafe
offenbar.  Wenn  der  lange  amerikanische  Winter  Fenz  und  Farm
mie  Schnee  verbaute,  da  saß  er  und  schrieb  mit  breic  hingequetschter
  Feder  Seite  um  Seite  und  Bogem  um  Bogen,  bis  der
Acker  wieder  nach  dem  Pfluge  schrie.  —  Die  deuesche  Dresse

urteilte  Über  das  Werk:

E  ist  ein  Buch,  das  den  Preis  einer  Meisterleistung  verdient.

Von  Prof.  H.  E.  Linde-Walther,  illustr.  Ausgabe.
In  Halblwd.  M.  15.—  In  Halbleder  M.  30.—

Australische  Skizzen

Von  Stefan  v.  Kotze
6.—9.  Tausend  Geb.  M.  8.50

ergnügte  Aufzeichnungen  eines  Weltenbummler?s,  Anekdoten,

Bilder,  Komisches  und  Tragisches  aus  dem  ausftraltschen
Busch.  Beschreibungen  von  Erlebnissen  im  Stile  von  Mark  Twain,
meisterhafte  Skizzen  aus  dem  Süden,  aus  der  Steppe,  aus  Städten,
Bergwerken,  Farmen.  Daneben  wertvolle  Aufschlüsse  Über  die
Kuleur  und  die  Eimnwohner  dieses  fernen  Landes.  Alle  tagebuchartig
  vermerke,  unter  dem  ersten  Eindruck  geschrieben,  daher  voll
Temperament  und  Lebendigkeic.  Ein  brillantes  Erzählertalent
weiß  hier  aus  Skeinen  Saft  zu  drülcken,  das  sterile  Auftralten

mit  humorvollen  Skizzen  zu  befruchten.

 

 

 

 

 

 

 

 

326
        <pb n="329" />
        Verlag  der  Täglichen  Rundschau,  Berlin

Die  Gedichte  des  Properz

Deutsche  Nachdichtung  von  Paul  Mahn
Mit  umfassender  Einleitung  über  das  Leben  der  Zeit
In  ital.  Pergament  gebunden  M.  8.  50
3.  Auflage

We  tief  Paul  Mahn  sich  in  die  römische  Dichtung  hineingelebt
bact,  davon  geben  die  Einleitungskapirel  glänzendes  Zeugnis.
Die  Vorgänger  werden  gänzlich  in  Scharcen  gestellt  durch  diese
ungemein  gründliche  und  feinfühlige  Nachdichtung.  Die  Hauptsache
  ist  die  wundervolle  Treffficherheit  in  Wiedergabe  der  Stimmung,
  der  Gedankenfolge  und  des  Ausdrucks  all  der  mannigfalrigen
  Gemütswallungen,  die  uns  dieser  heißblütige  Römer  in
seinen  Liedern  hinterlassen  hat.  Jetze  erst  haben  wir  einen  deutschen
  Properz,  also  auch  eine  Bereicherung  unserer  Li#teratur
und  eine  Ergänzung  zum  Werke  Goethes!
Geb.  Rar  Prof.  Alfred  Biese  im  „Deutschen  Philologenblakt“.

Kamerad  Petrenz
Ausgewählte  Blätter  von  Adolf  Petrenz

Herausgegeben  von  Friedrich  Hussong

Gebunden  M.  8.50

in  Buch  voller  Laune,  Farbe  und  spielenden  Humors.  NRascher

Wie  und  schwerer  Ernst.  Lachen  und  Pathos.  In  allem  und
Über  allem  die  Persönlichkeit  eines  prächrigen  deutschen  Menschen,
der  zuletge  mie  seinem  Blut  und  Leben  für  sein  Lachen  und  sein
Patbos  einstand.  —  „...  Das  funkelt  und  glitzert  wie  in  einem
Juwelierladen,  aber  niemals  ist  der  Witz  um  des  Wiges  willen
berbeigequäle,  er  stäube  ihn  bei  jeder  Bewegung  vom  Armel,
wie  der  Bäcker  das  Mehl.  Dabei  ein  „Journalist“,  der  sich  wieder
begeistern  kann.  Das  macht,  er  ist  ein  Dichter.  Eine  Mischung
von  Lichtenberg  und  Liliencron  mit  einem  Schuß  Alrich  Kutten.  “

Velhagen  &amp;amp;  Klasings  Monakshefte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

327
        <pb n="330" />
      </div>
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