6                                                  Einleitung.

und  Erhalten  der  menschlichen  und  gesellschaftlichen  Werte,
die  Vorbereitung  und  Förderung  neuer.  Je  höher  die  Kultur
steigt,  desto  entwickelter  ist  auch  der  Staat,  desto  bedeutsamer
sein  Einfluß.  Wenn  er  auch  immer  gerade  mit  steigender
Kultur  sich  auf  die  Regelung  der  äußeren  Verhältnisse  beschränkt,
  und  in  das  persönliche  Leben,  besonders  in  die  Gefühlswelt
  der  Einzelperson  einzugreifen  unterläßt,  so  steht
diese  doch  unter  seiner  bewußten  oder  unbewußten  Einwirkung
  in  ihrem  ganzen  Tun  und  Lassen,  Denken  und  Fühlen.

Der  Gegensatz  von  Staat  und  Gesellschaft  ist  ein  uralter,
wird  aber  immer  wieder  aufs  neue  durchgekämpft.  Es  hat
zu  allen  Zeiten  eine  kleine  Anzahl  von  Menschen  gegeben,  die
sich  grundsätzlich  dem  Staate  widersetzte.  Es  geschah  dies  aber
keineswegs  immer  aus  Unbotmäßigkeit,  sondern  infolge  der
Übertreibung  eines  an  sich  sonst  gesunden  Individualismus.
Die  Anarchisten  wollen  keine  rechtlich  organisierte,  ihr  Ideal
ist  die  von  jedem  äußeren  Zwange  freie  Gesellschaft.  Daß
dies  aber  nicht  durchzuführen  ist,  lehrt  die  Geschichte,  die  Erfahrung,
  nicht  minder  die  Überlegung,  und  deshalb  ist  die
Torheit  dieses  verstiegenen  Individualismus  nicht  scharf  genug
zu  verdammen.  Eigentümlich  ist  es  dagegen  dem  Sozialismus,
  daß  er,  wohl  in  allen  seinen  Phasen,  besonders  aber
seit  dem letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts,  gerade  den  umgekehrten
  Weg  einschlägt;  denn  er  stärkt  am  letzten  Ende  den
staatlichen  Einfluß.  Indem  er  gleiches  Recht  für  alle,  vor
allem  das  Recht  auf  Arbeit,  das  Recht  an  den  Produktionsmitteln
  und  eine  gleichmäßige  Verteilung  der  Güter  verlangt,
drängt  er  zu  einer  äußeren  Zwangsgewalt,  die  diese  Anforderungen
  verwirklichen  soll.  Die  von  ihm  verfolgte  nivellierende
  Richtung,  die  sich  aus  der  Absicht  gleichmäßiger  Verteilung
  möglichst  aller  Rechte  ergibt,  steht  im  Gegensatze  zu
jeder  individualistischen.  Der  Sozialismus  ordnet  alles  dem
Prinzip  der  Gleichheit  unter;  sein  Ideal,  der  für  alle  Menschen