                                                    Nation.                                                           33

ständnis,  auch  künftig  in  dieser  aufopfernden  Gemeinsamkeit
weiter  zu  leben.  Eine  Nation  ist  eine  Seele,  ein  geistiges
Prinzip.  Der  Mensch  ist  nicht  der  Sklave  seiner  Rasse,
noch  seiner  Sprache,  noch  seiner  Religion,  nicht  des  Laufes  der
Flüsse,  nicht  der  Fluchtlinie  der  Gebirge.  Eine  große  Menschenmenge
  gesunden  Geistes  und  warmen  Herzens  schafft  ein  sittliches
  Bewußtsein,  das  Nation  heißt.  Fr.  J.  Neumann
(Volk  und  Nation  1888  S.  132)  erklärt:  Eine  Nation  ist  eine
große  Bevölkerung,  die  infolge  hoher,  eigenartiger  Kulturleistungen
  ein  eigenartiges  gemeinsames  Wesen  gewonnen  hat,
das  sich  auf  einem  Gebiete  von  Generation  zu  Generation
überträgt.  In  dieser  Richtung  bewegt  sich  auch  Jellinek
(Allgemeine  Staatslehre,  2.  Aufl.  1905  S.  112  ff.),  der  eine
Vielheit  von  Menschen,  die  durch  eine  Vielheit  gemeinsamer
eigentümlicher  Kulturelemente  und  eine  gemeinsame  geschichtliche
  Vergangenheit  sich  geeinigt  und  dadurch  von  anderen
unterschieden  weiß,  als  Nation  bezeichnet.  Diese  Auffassung
scheint  jetzt  immer  mehr  durchzudringen  1).

        Es  ist  demnach  die  Nation  das  Ergebnis  eines  geistig=kulturellen
  Anpassungsprozesses,  der  eine  Gemeinsamkeit  des
Denkens  und  Fühlens,  der  Erkenntnis  vom  Werte  gemeinsamer
kultureller  Güter  bedeutet;  die  Nation  ist  das  Bewußtsein  von
der  Gemeinsamkeit  des  geschichtlichen  Lebensinhalts.  Historisch
betrachtet  ist  das  Nationalitätsbewußtsein  der  notwendige  Rückschlag
  gewesen  gegen  das  Napoleonische  Weltreich,  gegen  das
kosmopolitische  Allerweltsmenschentum,  gegen  den  falsch  verstandenen
  Humanismus  der  Aufklärungszeit.  Vielfach,  weil
auf  Gefühlsmomenten  beruhend,  übertrieben  und  einseitig,
sind  seine  Überschreitungen  und  Übertreibungen  durch  seine
Entstehungsart  erklärlich.  Es  ist  demnach  die  Nation  nicht  mehr

 

       1)  Siehe  Alfred  Kirchhoff,  Was  ist  national  1902;  Derselbe,  Zur
Verständigung  über  die  Begriffe  Nation  und  Nationalität  1905;  Lindner,
Geschichtophilosophie,  2.  Aufl.  1904  S.  75  bis  92.

   Stier=Somlo,  Preußisches  Staatsrecht  I.                                                             3