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        <title>Das Erzgebirge in Vorzeit, Vergangenheit und Gegenwart.</title>
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            <forname>Moritz von</forname>
            <surname>Süßmilch gen. Hörnig</surname>
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        </author>
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          <msIdentifier>
            <idno>suessmilch_erzgebirge_1894</idno>
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        Das  Erzgebirge

Vorzeit,  Vergangenheit  und  Gegenwart

von

AM.  von  Süßmilch  gen.  Börnig,

Oberst  z.  D.

Zweite  wohlfeile  Volks-Ausgabe.

 

Annaberg  1394.
Hermann  Graser's  Verlag.
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        Alle  Rechte  vorbehalten.
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        Meinem  Allergnädigsten  Herrn

Seiner  Majestät

Ucbert

MKônig  von  Sachsen

im  Jahre  der  800jährigen  Regierung

des

Hauses  Wettin

unterthänigst  gewidmet.

Moritz  von  Sühmilch  gen.  Börnig
Oberstleutnant  z.  D.
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        16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.

25.
26.
27.
28.
29.
30.
.  Gebirgskamm.  Neustadt.  Nillasberg.  *  Ohes.  Riesenburg

Inhalts-Derzeichniß.

Vorbemerkung.

Allgemeine  Darstellung.

Begrenzung.  Oberflächengestalt.  Gewässer

Gedognostische  und  geologische  Verhältnisse

u  Die  Bodenverhältnisse

.  Das  Klima.  (Temperatur,  Vegetationsperioden  v2c.)

.  Die  Besiedelung  des  Gebirges.  (Veülkerungchifern

.Anlage  und  Bauart  der  Dörfer  .

.  Das  Einzelhaus  und  das  Bauer—  (Hufen=  Gut

.Anlage  und  Bauart  der  Stäte  ......
.  Die  Verkehrswege.  (Alte  Straßen.  Gebirgepaste  Chausseen.  Eisenbahnen.)



mDie  Bewohner  des  Erzgebirges.

.  Wohnung.  Nahrung.  Tracht

Liebhabereien.  Vergnügungen.  Besondere  Sitten  und  Gebrauche
.  Die  Sprache  im  Erzgebirge  ..

.L1tteratur

.  Karten

Der  Osten  des  Erzgebirges.

Das  Thal  der  Gottleuban.

General  von  Kleist  marschirt  auf  Rollndorf

Das  Thal  der  Müglitz.  Dohna

Burgen  und  Burgenbauten

Weesenstein.  Kuckuckstein.

Napoleon  in  Liebstadt  ......

Glashütte.  Uhren-  Imftie  Uhrmacherschule

Lauenstein

Mückenberg.  Graupen.  Kulm.  Tepliber  Schloßberg.  Geisins
Altenberg  ....

DerZinnbergbau.-...

Kreischa.  Maxen.  Finckenfang

Die  Strohflechterei  ..

Weißeritzthal.  Plauenscher  Grund.  .

Die  rothe  Weißeritz.  Rabenau.  Dippoldiswalde

Die  wilde  Weißeritz.  Tharandt.  Höckendorf

Brüxer  Schloßberg

169
175
180
184
188
195
197
209

214
222
252
236
243
250
260

268
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        32.
33.
34.
35.
36.
37.  ..
.Dexee1berge1Erzbergbau.
39.
40.

41.
42.
43.
44.
45.
46.
47.
48.
49.
50.
51.
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53.
54.
55.
56.
57.

58.

68.
69.
70.
71.

—  VI  —

Die  Ost-Mulde.  Nossen.  Alten-Zella  ..
Der  Graben.  Der  tiefe  Erbstolln.  belsbruche.
Freiberg  .
Freiberg  im  dreiigiehrigen  Kriege

Der  Bergmann

Der  Silberbergbau

Die  Halsbrückener  und  die  Muldener  Schmelzhütten.  .
Die  Ostmulde.  Weissenborn.  Mulde.  Rechenberg.  Frauenstein

Die  Mitte  des  Erzgebirges.

Mulde.  Striegis.  Zschopau.  —  Hainichen.  Waldheim.  Kriebstein

Mittweida.  Frankenberg.  Lichtenwalde.  Ebersdorf  ..

Die  Flöha.  Rauenstein.  Olbernhau.  Grünthal.  Purschenstein.  Sayda

Bad  Einsiedel.  Seiffen.  Katharinaberg.  Gabrielahütte  ..

DieSptelwaaxewundHolzwaaIeandustue.

Pockauthal.  Lauterstein.  Marienberg.  Hussitenzuge

Zöblitz.  Serpentindrechsler  ç

Das  erzgebirgische  Waldgebiet.  ..  .

Der  dreißigjährige  Krieg  im  Erzgebirge  .

Der  Gebirgskamm  und  Südabhang  bis  zum  Migiace  .

Schloß  Augustusburg.  Kurfürst  August  .  .

ZschopauScharfenstemWolkenstem..

Wiesenbad.  Weipert.  Schlettau.  Sceibenberg

Annaberg.  Buchholz  ..

Die  Spitzen-Industrie

Die  Posamenten-Industrie

Schasttansberg.  Sonneberg.  Preßnitz.  Geteszal  Ober-  -Wiesenthal.
latter

Der  Südabhang.  Hassenstein.  Schönburg.  Pürstein.  Warta.  Der

Hengberg.  Hauenstein.  Joachimsthal.  Mariasorg.  Bäringen

Die  Gebirgserhebung  zwischen  der  Ischopau  und  der
westlichen  Mulde.

Grünhain.  Der  Prinzenraub  1455
Elterlein.  Geyer.  Ehrenfriedersdorf
.  Zwönitz.  Stollberg.  Lichtenstein.  Glauchau
Hohenstein.  Rabenstein.  Die  Blankenau

.  Chemnitz.  .

.  Die  Spinnerei

.  Die  Weberei

.  Die  Wirkerei

.  Der  Maschinenbau.

Der  Westen  des  Ecigcbirses.

Zwickau

Der  Kohlenbergbau  .....

Die  Königin-Marien-Hütte  ç
Wiesenburg.  Wildenfels.  Stein.  Hartenstein

Seite
274
283
291
302
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404
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444

449
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487
490
497
506
519
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546
556
561
564
        <pb n="7" />
        —  VII  —

.  Schneeberg

Der  Schneeberger  Siler  Bergban
.Kobalt.  Nickel.

.  Lößnitz.  Aue.  Auerhammer
Blechlöffel.  Blechwaaren.

.  Eisenbergbau.  Hammerwerke  .
.LauterSchwarzenbergRaschau.

.  Johann-Georgenstadt  .
.BockauE1benstock  Schonheide

.  Näherei  und  Stickerei

.  Der  Gebirgskamm

3.  Neudeck.  Graßlitz.  Klingenthal  .
.DieMusik-Jnstrumenten-Fabrikat!on.

Die  gundwirthschaft  im  Erzgebirge  .

Schluß
Register

662

Seite
568.
572
574
579.
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590
598.
602
607
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620
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634

645
658.
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        Glück  auf!

Mit  diesem  alten  Bergmannsgruße,  der  mit  dem  ganzen  Leben
und  Weben  auf  dem  Erzgebirge  innig  verbunden,  mit  welchem
die  Geschichte  seines  Gebietes,  die  Entdeckung  seiner  Reichthümer,  die
Entwickelung  seiner  Besiedelung  und  die  Entfaltung  seiner  gesammten
Kraft  an  Arbeit  und  Industrie,  an  Erfahrung  und  Wissenschaft,  an
Gewerbfleiß  und  Technik  auf  das  Engste  verknüpft  ist,  tritt  dieser
Versuch  einer  Heimathkunde  des  Erzgebirges  in  die  Oeffentlichkeit
hinaus.  "

Mit  diesem  Gebirgsgruße  und  in  seinem  tief  liegenden,  innigen
Sinne  und  Wunsche  sei  er  begonnen  und  ausgeführt;  mit  diesem
Gebirgsgruße  sei  aller  Derer  dankend  gedacht,  welche  von  den  Gefühlen
der  Heimathliebe  durchdrungen  durch  zahlreiche,  freundlich  gewidmete,
ebenso  interessante,  wie  lehrreiche  Mittheilungen  zur  Erweiterung  und
Vertiefung  der  ganzen  Arbeit  beigetragen  haben.

Zu  verschiedenen  Zeiten  und  zu  wiederholten  Malen  ist  es  unternommen
  worden,  eine  mehr  oder  weniger  systematische  Heimathkunde
des  Erzgebirges  zu  geben.  Verschiedene  dieser  Unternehmen  sind  in
den  ersten  Anfängen  stecken  geblieben,  verschiedene  haben  sich  nur  auf
einzelne  Theile  des  Gebirges,  oder  auf  einzelne  Zweige  der  eingeführten
Industrieen  erstreckt;  ein  großer  Theil  derselben  ist  veraltet  und  giebt
heute  nicht  mehr  das  zutreffende  Bild  der  erzgebirgischen  Verhältnisse.

Mit  einem  echt  erzgebirgischen  „Glück—auf!"  sei  diese  Darstellung
  des  Erzgebirges  in  Vorzeit,  Vergangenheit  und  Gegenwart
begonnen  und  durchgeführt,  im  Vertrauen  auf  die  Nachsicht  des  Lesers
und  die  freundliche  Gesinnung  des  Kritikers,  welche  Beide  dem  Verfasser
  hülfreich  und  wohlwollend  die  Hand  bieten  mögen,  um  Irrthümer
  aufzuklären,  Fehler  zu  beseitigen,  einseitige  Auffassungen  zu  berichtigen,
  und  auf  diese  Weise  das  Streben,  ein  vollständiges  Bild  vom
Erzgebirge,  seinen  Verhältnissen  und  ihrer  Entwickelung  zu  geben,  auch
zum  dankenswerthen,  richtigen  und  sachgemäßen  Ziele  zu  führen.

1
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        —  2  —

Eine  der  Hauptschwierigkeiten  bei  allen  Darstellungen  des  Erzgebirges
  bildet  die  Vorführung  seiner  Formen  und  die  Bestimmung
seines  Nordfußes,  welcher  vollständig  unbemerkt  in  das  hügelreiche
Vorland  übergeht.  In  das  Gebiet  der  nördlichen  Ebene,  an  die  Elbe
oder  an  die  Fuhne  kann  man  ihn  nicht  setzen;  denn  in  diesem  Falle
müßte  man  das  ganze  Hügelland,  welches  zwischen  diesen  Punkten
und  dem  Erzgebirge  liegt,  und  welches  unzweifelhaft  nicht  zum  Erzgebirge
  gehört,  demselben  zurechnen  —  und  weiter  aufwärts  giebt  es
keine  scharf  ausgeprägte  Linie,  welche  den  Gebirgsfuß  bezeichnet.

Daher  die  ganz  verschiedenen  Angaben  über  den  Nordfuß  des
Gebirges,  welche  selbst  in  den  neuesten  Schriften  über  das  Erzgebirge
  und  erzgebirgische  Verhältnisse  ziemlich  willkürlich  gezogen  sind,
zum  Theil  nach  Linien  der  Oberflächengestaltungen,  zum  Theil  nach
Linien  der  geognostischen  und  geologischen  Bestimmungen,  zum  Theil
nach  Linien  der  klimatischen  Verhältnisse,  oder  selbst  nach  einer  Verbindung
  von  allen  diesen  Bedingungen.

Für  eine  Darstellung  des  Erzgebirges  in  der  Gegenwart  erscheinen
  unzweifelhaft  die  Linien  der  Oberflächengestalt  (das  Relief)
als  die  maßgebenden,  und  man  kann  denselben  um  so  leichter  und
um  so  unbedenklicher  folgen,  als  die  eingehendsten  und  zuverlässigsten
Unterlagen  hierzu  vorhanden  sind.

Die  Richtung  des  Gebirgskammes  ist,  wie  allgemein  bekannt,
von  Südwestsüd  nach  Ostnordost.  Das  Gebirge  hat  zwei  Haupt-Abdachungen,
  eine  nördliche  und  eine  südliche.  Die  erstere  gliedert
sich  in  die  nach  Nordwestnord  gerichtete  auf  dem  westlichen  Theile
ihres  Gebietes  und  in  die  nach  Nordost  gewendete,  auf  dem  östlichen
Theile,  nach  dem  Elbkessel  zu.  Die  Südabdachung  des  Gebirgskammes
  liegt  nach  Südostsüd.  Der  Einfachheit  wegen  sind,  da  eine
Verschiebung  der  Begriffe  doch  kaum  möglich  ist,  der  letztere  als  Südostfuß,
  als  Südostabhang,  oder  auch  als  Südfuß  oder  Südabhang
genannt,  während  die  nach  Norden  gerichtete  Abdachung  als  nordwestlicher,
  bez.  nordöstlicher  Abhang,  Gebirgsfuß  u.  s.  w.  bezeichnet
werden.

Von  Norden  und  Nordwesten  her  gewinnt  man  an  keiner  Stelle
eine  Ansicht  des  Gebirges,  weder  von  dem  außerhalb  desselben  gelegenen
  Rochlitzer  Berge,  noch  von  dem  ungefähr  am  Fuße  des  Gebirges
  liegenden  Taurastein.  Denn  wenn  man  auch  von  dem  ersteren
über  die  prächtigen  Formen  der  nächsten  Umgebungen  hinaus,  oberhalb
  der  flachen  Linien  des  Hohensteiner  und  Stollberger  Höhenrückenzuges
  bei  hellem  Wetter  den  Erzgebirgskamm  vom  Schrneckensteine
  bis  zum  Kahlenberge,  und  vor  Allem  die  in  der  Mitte  desselben
liegenden  Gipfel  des  Fichtelberges,  Keilberges,  Haßberges  u.  s.  w.,
        <pb n="11" />
        —  3  —

sehen  soll,  so  gewinnt  man  doch  keinen  Ueberblick  über  die  Erhebung
des  Gebirges  bis  zu  der  Kammlinie  selbst.  Vom  Taurastein  hat
man  gebirgsaufwärts  nur  die  langen  flachen  Linien  der  Limbacher,
Hohensteiner  und  Stollberger  Höhenzüge  vor  sich,  über  welche  bei
hellem  Wetter  vielleicht  noch  die  Linien  des  Geyerschen  Waldes  erkennbar
  werden.

Bedeutend  charakteristischer  ist  die  Gebirgsansicht  von  Hohenstein
aus,  vom  oberen  Ende  des  Marktes,  besonders  aber  vom  Pfaffenberge,
  wo  man  über  das  Thal  des  Lungwitzbaches  den  Anstieg  des
Gebirges  zu  dem  Höhenzuge  von  Kirchberg  sieht,  dahinter  den  Stollberger
  Bürgerwald,  über  diesem  den  Höhenzug  von  Greifenstein  und
Schatzenstein  und  am  Horizont  in  der  Ferne  die  Gipfel  des  Gebirgskammes,
  von  dem  vorspringenden  Auersberge  bis  zum  Haßberge.
Aber  man  ist  hier  schon  im  Erzgebirge  drin,  und  hat  doch  nur  ein
kurzes  Stück  der  Erhebung  vor  sich.

Den  nach  dem  Elbkessel  zu  gerichteten  nordöstlichen  Abhang  des
Gebirges  kann  man  z.  B.  vom  Porsberge  bei  Pillnitz  vortrefflich
übersehen.  Auf  dem  vorderen  Rande  desselben  den  Cottaer  Spitzberg,
Ziegenrück,  Sandberg,  Golberoder  Kiefer,  Windberg;  in  zweiter  Linie
dahinter  die  Höhen  bei  Berggießhübel,  den  Lederberg  bei  Groß-Röhrsdorf,
  den  Wilisch,  die  Hermsdorfer  Höhe;  in  dritter  Linie  die  Höhen
von  Breitenau,  von  Börnchen,  den  Luchberg,  die  kahle  Höhe  bei
Reichstädt,  den  Tharandter  Wald;  und  endlich  auf  dem  Gebirgskamme
  den  Sattelberg,  das  Mückenthürmchen,  den  Geising  bei  Altenberg,
  daneben  den  Kahlenberg.  Nordwärts  davon  die  Schwarze
Tellkoppe  und  an  sie  angeschlossen  die  nach  Norden  gerichteten  Höhenzüge
  zwischen  Weißeritz  und  Mulde  und  westlich  der  Mulde.  Im
Südwest  Schloß  Frauenstein,  dahinter  die  Höhe  von  Sayda  und  den
Höhenzug  nach  Norden  in  nebliger  Ferne.

Um  aber  für  das  ganze  Gebirge  einen  Standpunkt  zu  gewinnen,
von  welchem  aus  man  eine  richtige  Vorstellung  seiner  Oberflächen-Verhältnisse
  erlangen  kann,  muß  man  auf  die  Südseite  des  Gebirges
gehen,  wo  dasselbe  aus  einer  scharf  gezogenen  Grundfläche  emporsteigt.

Hier  erhebt  sich  das  Erzgebirge  aus  einer  Hochebene,  welche
aus  der  Meereshöhe  von  300  m  in  allmäligem  Anstiege  zu  400
und  500  m  Meereshöhe  gelangt,  von  welcher  aus  aber  immer  der
Wall  des  Gebirges  in  schroffer,  scharf  gezeichneter,  und  zweifellos
erkennbarer  Weise  emporragt.

Von  dieser  Grundfläche  ausgehend,  deren  tiefster  Punkt  von
300  m  Veranlassung  giebt,  auch  den  Nordfuß  des  Gebirges  in  die
gleiche  Meereshöhe  zu  legen,  wird  man  im  Stande  sein,  die  ganze
Erzgebirgs-Erhebung  mit  Hülfe  der  beiden  von  diesem  Gebiete  vor-1-
        <pb n="12" />
        —  4  —

handenen  besten  Karten  in  gleichgemessene  Höhenschichten  zu  theilen
und  dementsprechend  die  Formenverhältnisse  im  Ganzen,  wie  auch  in
einzelnen,  besonderen  Beziehungen  zu  betrachten.

Von  der  Südseite  gesehen,  erhebt  sich  das  Gebirge,  dessen  Verbindung
  mit  dem  Fichtelgebirge,  dem  Knotenpunkte  der  Mittelgebirge
im  Innern  Deutschlands"]  die  sich  im  Gipfel  des  Riesengebirges  bis
zu  1603  m  erheben,  durch  das  Egergebirge  und  Elstergebirge  hergestellt
  wird,  außerordentlich  charakteristisch,  theils  absatz=  und  terrassenförmig,
  theils  in  ununterbrochenem  Anstiege  bis  zum  Kamme  des  Gebirges.
  Hierdurch  tritt  der  Eindruck  der  Erhebungsformen  unmittelbar
heran,  und  ist  von  dem  Eindrucke  von  der  Nordseite,  bez.  Nordwestseite
  her  so  durchaus  verschieden;  der  Anstieg  zur  Kammhöhe  ein  so
allmählicher,  durch  verhältnißmäßig  unbedeutende  Zwischenerhebungen
verdeckter,  und  durch  diese  hervorgerufen  die  Gestaltung  der  Erhebung
eine  wellenförmig  sanft  bewegte,  so  daß  man  wiederholt,  und  nicht
mit  Unrecht,  gesagt  hat,  das  Erzgebirge  erhalte  den  Charakter  eines
Gebirges  erst  durch  seine  Thäler.

Die  absolute  Erhebung  desselben  würde  jedoch  schon  die  Bezeichnung
  als  Gebirge  mit  sich  bringen,  selbst  wenn  alle  Thäler  nur
muldenförmige  Einbiegungen  wären,  in  denen  die  Quellenbäche  sich
vereinigten  und  auf  der  sanft  geneigten  Fläche  niederwärts  eilten.
Das  Erzgebirge  erhält  aber  nicht  seinen  Charakter  durch  die  Thäler,
sondern  diese  Thalbildung  und  alles  was  ihr  zugehört,  diese  flachen,
langgestreckten  Bergrücken,  welche  die  Hauptthäler  trennen,  und  Alles,
was  mit  diesen  im  Zusammenhange  steht:  —  Alles  dies  sind  charakteristische
  Merkmale  des  Erzgebirges.

Allerdings  wird  der  Eindruck  des  Erzgebirges  erst  zu  einem
interessanten  und  ansprechenden,  wenn  man  die  Thäler  besucht.  Reich
an  landschaftlichen  Bildern,  schon  am  Fuße  des  Gebirges  mit  schroffen
Thalhängen  beginnend,  mit  Felsenzacken,  senkrechten  Wänden,  steilen
Wiesenabhängen  geschmückt;  voller  Abwechselung,  bald  mit  Laubholz,
bald  mit  Nadelholz  besetzt,  einem  thätigen,  kulturfrischen  Leben  eröffnet,
  bietet  der  ganze  Abhang  des  Erzgebirges,  sowohl  nordwärts
wie  südwärts  eine  Fülle  von  besuchenswerthen  Punkten.

Die  wellenförmige  Hochebene  mit  ihren  langgestreckten  Höhenzügen,
  aus  denen  einzelne  flache  Kuppen  emporragen,  und  nur  selten
einmal  ein  steiler,  charakteristisch  geformter  Bergkegel,  ist  mit  Feldern
oder  mit  Wald  bedeckt;  die  Abhänge  der  sanft  geneigten  Thäler
bilden  grasreiche  Wiesen.  In  der  Ferne  wird  der  Horizont  von
dunkeln  Nadelholzwäldern  eingefaßt.  Aus  den  sanft  geneigten  Thalmulden,
  aus  dem  Grün  von  Obstbäumen  und  Laubholz  schimmern
die  Häuser  und  Bauerngüter,  mit  ihren  hellgrauen  Schieferdächern,
        <pb n="13" />
        —  5  —

und  überall  geben  die  zahlreichen  Ortstheile,  Dörfchen  und  Dörfer
u.  s.  w.  der  Landschaft  das  Gepräge  außergewöhnlichen  Lebens  und
Strebens.  s-Die

  lauschigen  Schluchten  und  Thäler  mit  ihren  lebhaft  thalabwärts
  eilenden  Wassern,  den  durch  Felsenblöcke  und  Steingeröll
rauschend  und  lärmend  absatz=  und  treppenförmig  blitzend  und  glitzernd
stürzenden  Bächen,  die  Wiesenthäler  mit  ihrem  kräftigen  Grün,  der
hohe,  ernste  Wald  mit  seiner  erhabenen  Ruhe,  —  Alles  das  sind
Eindrücke  und  Bilder  von  höchstem  Reiz.  Kaum  ist  die  Schneeschmelze
  vorüber,  da  ergrünt  Alles  in  ungeahnter  Schnelle.  Nichts
ist  schöner,  als  Anfang  Mai  durch  die  weit  ausgedehnten  Waldungen
zu  wandern  mit  ihren  duftend  aufsprossenden  jungen  Trieben,  —
selbst  hinauf  bis  auf  die  Hochebene  des  Gebirgskammes,  von  welchem
trotz  großer,  weiter  Moorflächen  und  Sumpfstrecken,  und  schwerer,
tief  auf  dem  Boden  liegender  Nebel  die  verkümmerte  Sumpfföhre
immer  mehr  verdrängt  wird;  Alles  athmet  schnell  erwachtes,  kräftiges
Leben.  Selbst  auf  dem  öden,  unerquicklichen  Hochplateau  des  Gebirgskammes
  und  seiner  weitaus  nach  Norden  erstreckten  Arme  wird
es  frisch  und  lebendig,  bis  der  Hochsommer,  vor  Allem  hier,  die  eintönigen,
  unschönen  und  unerquicklichen  Färbungen  schafft,  welche  dem
Farbenhauche  des  frischen,  erwachenden  Frühjahrs,  und  des  in  buntem
Blätter=  und  Farbenschmuck  absterbenden  Herbstes  so  entgegengesetzt  sind.

Mitte  Oktober,  weiter  aufwärts  sogar  Ende  September,  beginnt
es  kalt  und  neblig  zu  werden,  Fröste  treten  ein,  der  Schneefall  beginnt
  —  und  die  Höhenlage  vor  Allem  ist  es,  welche  die  Zustände
bedingt;  örtliche  Einflüsse,  günstige  oder  ungünstige,  geschützte  und
warme,  oder  schutzlose  und  preisgegebene  Lage,  erhöhen  oder  mindern
die  allgemeinen  Verhältnisse,  immerhin  ist  es  aber  in  erster  Stelle
die  absolute  Höhe,  welche  den  Ausschlag  giebt.
        <pb n="14" />
        Allgemeine  Darstellung.

1.  Begrenzung.  Oberflächengestalt.  Gewässer.

Das  Erzgebirge  ist  das  Hauptgebirge  Sachsens  und  reicht
in  einem  geschlossenen  Zuge  von  der  Felsenklippe  inmitten  der  Stadt
Schöneck  bis  zum  Kaibler  Berge  bei  Jungferndorf  anscheinend  gerad—
linig  fortgesetzt  durch  das  Quadersandsteingebirge  bis  zum  Durchbruche
der  Elbe  durch  den  das  Böhmische  Becken  im  Norden  abschließenden
Gebirgswall.

Die  Kuppe  des  „steinigen  Fichtig“  bei  Schöneck  bildet  den  west—
lichen  Endpunkt  des  Erzgebirgshöhenzuges,  dessen  Kammrichtung  von
Südwestsüd  nach  Ostnordost  bis  zum  Kaibler  Berge  bei  Jungferndorf,
ungerechnet  die  verschiedenen  Krümmungen,  eine  Länge  von  135  km
besitzt.  Der  äußerste  Ostpunkt  des  Gebirgsrückenzuges  liegt  „auf  der
Schöne“  (607  m),  bei  Schönstein,  4  km  weiter  östlich  vom  Kaibler
Berge.

Die  Westgrenze  des  Erzgebirges  wird  daher  durch  eine  Linie
gebildet,  welche  südwärts  im  Wolfsbache  und  der  Zwota  bis  zur
Eger  reicht  und  nordwärts  auf  der  schmalen,  flachen  Wasserscheide
zwischen  der  Mulde  und  der  verschiedenen  Quellenzuflüsse  der  Göltzsch
sich  hinzieht  bis  zum  Höhenzuge  des  Brändel  zwischen  Ober-Neumark
und  Ebelsbrunn.  Von  diesem  an,  auf  dessen  Abhängen  die  Pleiße
entspringt,  wendet  sie  sich  auf  der  Wasserscheide  zwischen  Pleiße  und
Mulde  nordwärts  bis  zum  bewaldeten  Höhenzuge  der  „Hartha“
zwischen  Lauterbach  und  Mosel.

Die  Ostgrenze  des  Erzgebirges  wird  durch  die  Telle  zwischen
dem  Lötschbache,  einem  Zufluß  der  in  die  Gottleube  mündenden
Bahre,  und  dem  nach  Königswald  abstürzenden  Bächlein  gebildet,  in
deren  Sattel  der  „Ziegelteich“  in  ungefähr  560  m  Meereshöhe  liegt,
        <pb n="15" />
        —  7  —

nahezu  auf  der  Grenzlinie  der  erzgebirgischen  Gesteinsbildungen  und
der  Sandsteinformation.

Der  Südfuß  des  Gebirges  reicht,  nahe  von  Zwotau,  oberhalb
  der  Mündung  der  Zwota  in  die  Eger,  aus  der  Höhe  von
500  m  bis  an  den  Holzbach,  tritt  von  diesem  an  die  Eger  in
350  bis  zu  285  m;  sodann  in  der  Gegend  von  Klösterle  wieder
  zurück  in  die  Höhe  von  400  m  und  reicht  ziemlich  geradlinig
bis  Vorder-Tellnitz,  von  Görkau  an  in  der  Schwebung  von  300  m
liegend.

Der  Kamm  des  Gebirges  ist  von  der  Mündung  der  Zwota-25,
  vom  Gebirgsfuße  bei  Neu-Rohlau  12,  von  der  Mündung  des
Holzbaches  7,5,  vom  Gebirgsfuße  bei  Klösterle  5,5,  bei  Eisenberg  5,
bei  Graupen  und  Vorder-Tellnitz  nur  3  km  entfernt.

Der  Gebirgsrücken  des  Erzgebirges.

Im  Westen  erhebt  sich  vom  Felsen  in  Schöneck  an  das  Gebirge
bis  769  m  im  „steinernen  Fichtig“  vor  dem  Tannenhause,  weiter
östlich  bis  783  m  und  in  der  Wasserscheide  von  Kottenhaide  bis  zu
780  m,  während  es  im  Sattel  bei  den  Saubachhäusern  wieder  auf
769  m  sinkt.  Der  Schrneckenstein  steht  auf  dem  866  m  hohen  Gebirgsrücken,
  welcher  im  „Kiel“  bis  941  m  ansteigt,  im  Sattel  von
Mühlleiten  860  m,  zwischen  Heroldsbach  und  Silberbach  858  m
erreicht  und  vom  900  m  hohen  Großen  Rammelsberge  überragt
wird.  Der  Sattel  vom  Kranichsee  liegt  940,  der  Straßensattel
zwischen  Weiters-Glashütte  und  Frühbuß  930  m  hoch;  der  Straßensattel
  vom  Buchkamm  938  m,  der  Sattel  südlich  von  Platten,  zwischen
Breitenbach  und  Wistritz  sogar  nur  908  m;  dagegen  der  Sattel
zwischen  Schwarzwasser  und  weißer  Wistritz,  bei  Irrgang,  974  m.
Der  Plattenberg  erhebt  sich  bis  zu  1040  m.

Der  Gebirgsrücken  steigt  in  der  Umgebung  von  Gottesgab  über
1000  m  an.  Der  Gottesgaber  Spitzberg  erhebt  sich  bis  1118  m,
der  Sattel  südlich  von  Gottesgab  bis  1000,  der  Sattel  am  Kreuz
bei  Gottesgab  bis  1071  m;  der  nordwärts  vorgeschobene  Fichtelberg
bis  1213  m,  der  Keilberg  bis  1243  m.  Die  Wirbelsteine  sinken
schon  auf  1094  m;  der  Hohehau  auf  1004  m;  der  Sattel  westlich
vom  Kupferhübel  auf  869  m,  der  Sattel  zwischen  Köstlwald  und
Wenkau  auf  810  m,  so  daß  der  Kupferhübel  (910  m)  selbst  ihn
um  volle  100  m  überragt.  Zwischen  Reischdorf  und  Pöllma  erhebt
sich  der  Gebirgsrücken  zu  848  m,  zwischen  Reischberg  und  Mückenbühl,
  am  Kalkofen,  zu  810  m;  zwischen  schwarzer  Pockau  und  Assig-
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        —  8  —

bach  zu  860  m.  Der  Haßberg  steigt  zu  909  m  an.  Der  Sattel
zwischen  Raitzenhainer  Bach  und  Assigbach  hat  813  m,  der  Bärenalleeberg
  861  m,  der  Sattel  bei  Bernau,  zwischen  Steinhübel  und
Beerhübel,  nur  781  m;  der  Sattel  am  Rabenstein,  nördlich  von
Neuhaus,  800,  der  Sattel  von  Gebirgs-Neudorf  dagegen  nur  760  m
Meereshöhe;  der  zwischen  beiden  liegende  Bärensteinberg  921  m.
Auch  der  Gebirgssattel  südlich  von  Böhmisch  Einsiedel  (westlich  vom
Haselstein)  hat  nur  760  m;  dagegen  der  Sattel  am  Schwarzen  Teich
800  m;  der  am  Farbenhübel  860  m,  der  Farbenhübel  selbst  885  m,
der  hoch  aufragende  Wieselstein  sogar  956  m.  Bei  Langewiese  erhebt
sich  der  Gebirgsrücken  bis  871  m,  am  Niklasberger  Kreuz  811  m;  bei
Zinnwald  zu  855  m;  der  Bornhauberg  auf  908,  der  nördlich  vom
Gebirgskamm  liegende  Kahle  Berg  904  m.  Mit  Ausnahme  der
Einsenkung  bei  Gebirgs-Neudorf  und  Böhmisch  Einsiedel  reicht  der
Kamm  des  Gebirges  in  800  m  vom  Kupferhübel  bis  zur  Höhe  über
dem  Siebengiebler  Forsthause.  Der  Straßenpaß  beim  Mückenthürmchen
hat  nur  773  m;  das  Mückenthürmchen  808  m;  das  Goldammerkreuz
  oberhalb  Voitsdorf  731  m,  der  Sattel  in  Ebersdorf  760  m,
der  Sattel  bei  Adolfsgrün  750  m.  Der  Gebirgsrücken  sinkt  vom
Siebengiebler  Forsthause  östlich  immer  mehr,  so  daß  der  Sattel  oberhalb
  Schönwald  nur  noch  670  m,  der  Sattel  bei  Jungferndorf,
zwischen  Löschenbach  und  Rothwiesengraben  nur  noch  620  m  beträgt.
Der  Kaibler  Berg  erhebt  sich  zu  721  m,  der  nordwärts  vorgeschobene
Sattelberg  zu  724  m.

Die  Länge  des  Gebirgskammes  mißt  von  der  Höhe  beim  Tannenhaus
  bis  zum  Kranichsee,  in  der  Schwebung  von  800  m  =  20  km,
von  da  bis  Irrgang  in  der  Höhe  von  mehr  als  900  m  =  18  km,
von  Irrgang  bis  östlich  von  Gottesgab  in  der  Höhe  von  1000  m  =
9  km  und  östlich  vom  Keilberge  in  gleicher  Höhe,  bis  über  den
Hohen  Hau  —=  5  km.  In  der  Höhe  von  1100  m  und  darüber,
zu  beiden  Seiten  des  Keilberges  =  4,5  km,  und  in  der  Höhe  von
900  m  vom  Hohen  Hau  bis  über  die  rothe  Sudel  3,5  km.  Demnach
  mißt  der  über  900  m  sich  erhebende  Theil  des  Gebirgskammes
40  km.

Von  der  Rothen  Sudel  bis  zur  Höhe  am  Siebengiebler  Forsthause,
  in  der  Schwebung  von  über  800  m,  beträgt  die  Länge  des
Gebirgskammes  =  77  km;  von  der  letzteren  Höhe  bis  zum  Sattel
am  Ziegelteiche  =  19  km.  Die  Länge  des  Gebirgskammes  im  Höhenrückenzuge
  mit  seinen  verschiedenen  Krümmungen  ist  daher  156  km.
Davon  überschreiten  Neunzehntel  die  Höhe  von  über  800  m  und
selbst  wenn  man  die  7  km  der  Gebirgseinsenkung  bei  Gebirgs-Neudorf
  und  Böhmisch  Einsiedel  davon  abrechnet,  bleiben  immer  noch
        <pb n="17" />
        —  9  —

sechs  Siebentel  des  Kammes  mit  über  800  m  Meereshöhe.  Beinahe
der  vierte  Theil  des  Gebirgskammes  hat  jedoch  eine  Meereshöhe  von
mehr  als  900  m').

Südabhang  des  Gebirges.

Der  Südabhang  des  Gebirges,  welcher  von  dem  Thale
des  Tellnitzbaches  an,  auf  seinem  Ostende,  einen  steilen  Gebirgswall
von  mehr  als  400  m  Höhe  bildet,  der  auf  einer  Grundlinie  von
kaum  3,  an  vielen  Stellen  2½,  an  einzelnen  nur  2  km,  aus  der
Thalebene  zum  Gebirgsrücken  ansteigt,  wird  durch  zahllose  kleine
Einbuchtungen,  Thälchen  und  Schluchten,  mit  fast  eben  so  vielen
Wasseradern  und  Rieseln  unterbrochen  und  bietet,  trotz  scheinbarer
Einförmigkeit  und  Gleichmäßigkeit  eine  zahllose  Menge  der  verschiedenartigsten
  Formen  und  Landschaftsbilder.

Bis  zum  Abhange  des  Bärensteinberges,  an  dessen  Fuße  der
Gebirgswall  allmälig  eine  Höhe  von  600  m  gewonnen  hat,  bilden
die  Thäler  des  Flößbaches  bei  Eichwald  (der  Seegrund),  des  Grundbaches
  bei  Niklasberg,  des  Ohrenbaches  bei  Riesenberg,  das  großartige
  Thal  des  Flößbaches  oberhalb  Ober-Leutensdorf,  das  Marienthal
  bei  Ober-Georgenthal  und  das  Thal  des  Au-Baches  bei  Rothenhaus
  die  Hauptabschnitte  in  diesem  Theile  des  Gebirgsabhanges.

Zwischen  dem  Bärensteinberge  und  dem  Haßberge,  auf  beiden
Seiten  des  tief  eingerissenen  Assigbaches  fällt  der  Gebirgsabhang  von
dem  halbkreisförmig  gebogenen  Kamme  terrassenförmig  zur  Thalebene,
um  erst  wieder  vom  Höllenbache  und  Hassenbache  an  steiler  und
kürzer  sich  abzeichnende  Absätze  zu  bilden,  von  welchen  die  Höhenlage
zwischen  500  und  600  m  eine  breit  markirte  Fläche  mit  zahlreichen
kleineren  Gipfelhöhen  bildet.

Bei  Klösterle  tritt  der  Gebirgsfuß  an  die  Eger  heran  und  bleibt
an  derselben  bis  zur  Mündung  des  Holzbaches,  von  der  Meereshöhe
von  285  m  bis  zur  Meereshöhe  von  350  m,  so  daß  der  höchstens
7  km  entfernte  Gebirgskamm  mit  seiner  bis  über  1000  m  erreichenden
  Erhebung  auf  dieser  kurzen  Strecke  600  und  700  m  ansteigt.
Dieser  Theil  des  südlichen  Gebirgsabhanges,  welcher  bis  an  den

)  Zum  Vergleich  mit  den  früher  gebräuchlichen  Höhenmaßen  in  par.  Fuß
(afsansen  diene:

0,325  m  =  der  alte  pariser  Toisenfuß,  600  m  =  1846  par.  Fuß,
300  m  =  923  par.  Fuß,  700  m  =  2154  „  „
350  m  =  1077  „  „  800  m  =  2462  „  „
400  m  =  1231  „  „  900  m  =  2770  „  „

500  m  =  1539,2  „  „  1000  m  =  3078,4  „  „
        <pb n="18" />
        Thaldurchbruch  der  Eger  herabreicht,  steht  in  der  Großartigkeit  seiner
Erscheinung,  seinen  Berg-  und  Thalformen,  und  deren  Mannigfaltigkeit
  zweifellos  der  Landschaft  in  den  Voralpen  nahe,  wo  nicht  gleich.
Die  Thäler  von  Kleinthal  und  Weigensthal,  von  Wotzsch,  des  Krampus-,
Kessel-,  Eichel=  und  Holzbaches  sind  von  unübertrefflicher  Schönheit.

Von  Marletzgrün,  unweit  des  Holzbaches  tritt  der  Gebirgsfuß
in  die  500  m-Linie,  und  der  Gebirgsabhang  steigt  vorwiegend  mit
terrassenförmigen  Absätzen,  welche  besonders  ausgedehnt  in  der  Höhenlage
  von  600  m  erscheinen  und  südlich  der  Linie  Neudeck-Schönlind
eine  bedeutende  Ausdehnung  gewinnen.  Von  der  600  merrasse
fällt  der  Südrand  des  Gebirges  steil  abwärts.  Die  Thäler  der
Weseritz,  Wistritz,  Rohlau  und  Zwota  mit  ihren  zahlreichen  Nebenund
  Quellenbächen  bieten  eine  außerordentliche  Anzahl  herrlicher
Landschaftsbilder  mit  köstlichen  Berg=  und  Thalformen,  um  so  überraschender
  und  großartiger,  je  steiler  und  unvermittelter  die  Berge,
und  zwar  bis  zu  500  m,  in  einem  Zuge  ansteigen.

Der  Südfuß  des  Gebirges.

Der  Südfuß  des  Gebirges  bildet  eine  so  scharf  gezogene
Linie,  daß  man  von  ihm  ausgehen  muß,  will  man  die  Erhebung  des
Gebirges,  seine  Formen  und  Einzelbildungen  eingehend  betrachten.  —
Hier  steigt  das  Gebirge  aus  einer  Hochebene  auf,  welche  westlich  von
dem  niederen  Höhenzuge,  der  die  Verbindung  mit  dem  Mittelgebirge
bildet  Und  auf  der  Wasserscheide  zwischen  Eulabach  und  Tellnitzbach
die  Höhe  von  nahezu  400  m  erreicht,  von  Vorder-Tellnitz  an,  als
dem  Ostpunkte  des  scharf  ansteigenden  Gebirgswalles  bis  Klostergrab,
der  in  nahezu  300  m  Meertshöhe  bleibt.  Von  Osseg,  über  Ober-Leutensdorf
  bis  Görkau  liegt  dieselbe  in  etwa  350  m  Meereshöhe,
während  die  300  m-Linie  zum  großen  Theile  mit  nur  geringem  Abstande
  vor  dem  Steilhange  des  Gebirges  dahin  zieht.  Erst  in  der
Gegend  von  Görkau  tritt  der  Gebirgsfuß  in  die  Linie  der  400  m-Erhebung,
  in  welcher  er,  ziemlich  geradlinig,  bis  an  den  Lohbach  bei
Ziebisch,  nordöstlich  von  Klösterle  bleibt.  Hier  tritt  er  einer  Biegung
bis  an  die  Thalrinne  der  Eger  südwärts  heran,  und  hat  in  dieser
bei  Klösterle  285  m  Meereshöhe,  an  der  Mündung  des  Holzbaches,
oberhalb  Warta,  ca.  350.  Von  hier  tritt  der  Fuß  des  Gebirges
wieder  näher  gegen  den  Kamm  heran  und  liegt  in  der  Meereshöhe
von  500  m,  nahezu  geradlinig,  nur  theilweis  mit  einer  kurzen  Vorterrasse
  in  der  Hochebene  und  Seenplatte,  welche  von  Schlackenwerth
bis  Doglasgrün  sich  erstreckt,  von  wo  die  500  m-Linie  im  leichten
Bogen  über  Lanz  nach  der  Zwota,  kurz  oberhalb  Zwotau,  nordwestlich
        <pb n="19" />
        —  11  —

von  Falkenau  an  die  Eger  reicht.  Die  Höhenlage  dieser  Hochebene
wird  durch  die  Teiche  von  Unter-Brand  bei  Schlackenwerth,  430  m,
den  Großen  Teich  bei  Lichtenstadt,  450  m,  die  Teiche  bei  Neu-Rohlau,
  450  m,  das  Teichplateau  unter  Pechgrün,  445  m,  die  Teiche
von  Doglasgrün,  475  m,  als  eine  von  430  auf  475  m  ansteigende
bezeichnet.

Der  Nordfuß  des  Gebirges.

Ganz  anders  gestalten  sich  die  Formen  und  Verhältnisse  auf
dem  Nordabhange  des  Gebirges.

Der  Fuß  des  Gebirges  liegt  hier  wenig  klar  gezeichnet  in  einem
Hügellande,  aus  dem  das  Gebirge  ohne  scharfe  Begrenzung  allmälig
emporsteigt,  so  daß  man  schon  ziemlich  hoch  gekommen  sein  kann,  ehe
man  sich  des  Ueberganges  von  einer  Höhenstufe  zur  anderen  bewußt
  wird.

Wollte  man  den  Nordfuß  des  Gebirges  in  die  Ebene  legen,  so
käme  man  weit  über  die  Grenzen  Sachsens  hinaus,  und  der  Spielberg
  bei  Collmen,  der  Löwenberg  bei  Hohburg,  der  Schildaer  Berg
u.  s.  w.  würden  die  nördlichste  Gipfelreihe  bezeichnen.  Man  würde
eine  Strecke  Landes  einbezirken,  welche  wohl  Hügelland,  keineswegs
aber  Gebirge  ist.  Z

Alle  Schriftsteller  über  das  Erzgebirge  haben  die  Schwierigkeit
anerkannt,  dessen  nördliche  Begrenzung  festzustellen,  denn  sowohl  in
Bezug  auf  die  Oberflächenformen,  wie  in  Bezug  auf  die  Bestandtheile
don  Untergrundes  lassen  sich  keine  ganz  unanfechtbaren  Grenzlinien
ziehen.

Anknüpfend  daran,  daß  der  Südfuß  des  Gebirges  auf  der  langen
Strecke  von  Vorder-Tellnitz  bis  Görkau  in  300  m  Meereshöhe  liegt,
wird  man  den  Nordfuß  des  Gebirges  in  gleiche  Höhe  verlegen.

Auf  dem  Höhenzuge  des  Harthwaldes,  auf  der  Wasserscheide
zwischen  Mulde  und  Pleiße  beginnend,  reicht  die  Grenzlinie  quer
durch  das  Thal  der  Mulde,  bei  Schlunzig,  am  Fuß  der  Höhen  des
Rümpfwaldes  hin,  und  wendet  sich  längs  der  Höhen  oberhalb  der
Muldenufer  bei  Langen-Chursdorf  nordöstlich,  und  dann  von  Burgstädt
  bis  zur  Höhe  oberhalb  Croßen;  von  hier  gewinnt  sie,  das
Zschopauthal  überschreitend,  die  Höhe  bei  Reichenbach.  In  der  Anhöhe
  von  Gersdorf,  zwischen  Striegis  und  Mulde,  erreicht  sie  ihren
nördlichsten  Punkt,  geht  von  da  in  leicht  gebogenen  Linien  über  den
Rothig  bei  Nossen,  die  Höhe  von  Neukirchen,  die  Struth  bei  Wilsdruf,
  bis  zur  Scheibe  bei  Kesselsdorf,  wo  sie  sich  nach  Südost  biegt,
um  den  Windberg,  nach  der  goldenen  Höhe  und  dem  Fuße  des
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        Wilisch,  von  wo  sie  um  den  Sandberg  bei  Wittgensdorf  vorspringt,
nach  dem  Fuße  des  Cottaer  Spitzberges  geht  und  an  der  Mündung
des  Langhennersdorfer  Baches  die  Gottleuba  erreicht.

Das  Gebiet  des  Erzgebirges  umfaßt  bei  dieser  Grenzlinie
6300  qkm.

Wollte  man  die  nördliche  Begrenzung  des  Gebirges  auf  die
Linie  von  350  m  Meereshöhe  verlegen,  so  würde  das  Gebiet  desselben
  nur  5535  qkm  enthalten.

Bleibt  man  jedoch  bei  der  300  m-Linie  als  der  Basis  der
ganzen  Gebirgserhebung,  so  theilt  man  den  Nordabhang  in  nachverzeichnete
  Höhenschichten  von  je  100  m  bis  zur  Linie  der  700  m-Erhebung.
  "

Die  400  m-Erhebung.

Die  Umfassungslinie  der  400  m-Erhebung  beginnt  auf  der  Höhe
des  „Neugebornen  Kindleins“  bei  Stenn,  auf  der  Wasserscheide
zwischen  Pleiße  und  Mulde,  und  greift  von  hier  über  Bockwa,  den
Steinberg  unweit  des  Freitages,  den  Kiefernberg  bei  Callnberg  zum
Höhenzuge  nördlich  von  Hohenstein  und  dem  Rabensteiner  Walde  vor.
Von  hier  reicht  sie  in  weitem  Bogen  südwärts  gebirgsaufwärts  über
die  Höhen  von  Leukersdorf,  Adorf,  Harthau,  den  Einsiedler  Wald
bis  zum  Beuthen  Berge  und  sodann  wiederum  südwärts  gebogen
über  die  Höhen  von  Euba  und  Grünberg  bis  zu  den  Höhen  von
Langenstriegis  und  Bockendorf.  Von  hier  zur  Struth  bei  Klein—
Waltersdorf  und  in  östlicher  Richtung  sodann  über  die  Höhen  von
Lößnitz  und  Tuttendorf  zur  Schmolhöhe  bei  Naundorf,  von  wo  sie
nordwärts  vorgreift  bis  zur  Höhe  des  Landberges  bei  Porsdorf,
während  die  Hauptmasse  der  400  m-Erhebung  von  der  Höhe  bei
Wüsthetzdorf  in  südöstlicher  Richtung  gegen  den  Gebirgskamm  zurückreicht
  durch  den  Tharandter  Wald  bis  gegen  Ruppendorf.  Die  Höhen
des  Steinbruches  und  des  Markgrafensteines  im  Tharandter  Walde
sind  nach  Nordost  vorgeschoben.  Vom  Mückenberg  bei  Höckendorf  bis
zu  den  Höhen  von  Rückenhain  bei  Glashütte  bildet  die  Linie  der
400  m=  Erhebung  wiederum  eine  weiter  nach  Osten  vorgeschobene,
wenn  auch  wiederholt  von  Thalzügen  unterbrochene,  gekrümmte  Linie,
vor  welcher  nahezu  parallel,  in  der  Entfernung  von  nicht  viel  mehr
als  4  km  die  langgestreckte,  schmale  Erhebung  der  Höhe  von  Börnchen
und  von  Hermsdorf  mit  dem  Wilisch  vorgeschoben  ist,  an  welche  sich
ideell  die  Fortsetzung  in  den  Höhen  des  Lederberges  bei  Groß-Röhrsdorf,
  und  nach  einer  Biegung  gegen  Süden,  bis  zum  Jagdstein
und  zum  Eulenstein  bei  Berggießhübel  anschließt,  wo  sie  an  das
Gebiet  des  Quadersandsteines  anstößt.
        <pb n="21" />
        —  13  —

Der  Flächeninhalt  des  über  400  m  sich  erhebenden  Theiles  der
Nordseite  des  Erzgebirges  beträgt  3950  akm.

Es  fällt  vielleicht  auf,  daß  die  Höhenschichten-Umgrenzung  über
die  Thäler  hinweg  gezogen  ist,  ohne  die  betreffende  Schwebung  in  die
enger  werdenden  Thalstrecken  hinein  zu  verfolgen.  Hierzu  bestimmte
nicht  die  absolute  Höhenlage,  sondern  der  Erfahrungssatz,  daß  zwischen
bedeutenderen  Erhebungen  liegende  Thäler  nicht  den  Charakter  ihrer
absoluten  Höhenlage  behalten,  sondern  dem  Einflusse  ihrer  Umgebungen
unterliegen,  und  zum  großen  Theile,  wo  nicht  vollständig  den  Charakter
derselben  annehmen.

Wenn  sich  dieses  auch  in  geringeren  Höhenlagen  vielleicht  weniger
auffallend  zeigt,  wie  in  größeren,  so  ist  es  doch  auch  bei  diesen  schon
bemerkbar.  So  wird  z.  B.  die  flache,  breite  Einsenkung  zwischen  dem
Höhenzuge  des  Pfaffenberges  und  des  Rabensteiner  Waldes  bei  Hohenstein
  einerseits  und  dem  Höhenzuge  von  Ursprung,  Kirchberg,  Lugau
andererseits,  welche  beide  die  Höhe  von  400  m  übersteigen,  dieser
ganze  Landstrich  in  Bezug  auf  Temperatur,  Niederschläge  und  atmosphärische
  Zustände,  ebenso  wie  in  Bezug  auf  Wachsthum  und  Gedeihen
der  Pflanzenwelt  dem  Charakter  der  400  m-Erhebung  weit  näher
stehen,  wie  dem  der  300  m-Erhebung.

In  bedeutenderem  Maaße  fällt  dies  bei  höheren  Lagen  auf.
Denn  z.  B.  der  in  etwa  650  m  Meereshöhe  im  Thale  des  Grenzbaches
  bei  Weipert  liegende  Blechhammer  wird  von  den  Höhenzügen
der  700  m-Erhebung,  und  zum  Theil  sogar  von  der  800  m-Erhebung
  dergestalt  in  klimatischen  und  Vegetations-Verhältnissen  beeinflußt,
  daß  die  Grenzlinie  der  700  m-Erhebung  unbedenklich  zwischen
Königswalde  und  dem  Forsthause  durch  das  Thal  des  Pöhlbaches
gezogen  werden  kann.

Bestimmt  man  auch  auf  diese  Weise  nur  Mittelwerthe,  so  werden
  diese  doch  ausreichende  Genauigkeit  besitzen,  um  die  Verhältnisse
zu  charakterisiren.

Besonders  auffallend  wird  der  Anstieg  des  Gebirges,  wenn  man
den  Abstand  der  350  m-Linie  von  der  400  m-Linie  ins  Auge  faßt.

Auf  dem  Rückenzuge  zwischen  Pleiße  und  Mulde  beträgt  derselbe
  nur  3  km;  östlich  der  Mulde  am  Nordende  des  Burgwaldes
bei  Heinrichsort  nur  2  km.  Von  hier  leicht  nach  Süden  gebogen,
reicht  der  Höhenzug  nordöstlich  bis  zum  Galgenberge  bei  Markersdorf.
  Parallel  diesem  Höhenzuge,  nur  7  bis  5  km  entfernt,  zieht
sich  der  Höhenzug  von  Langenberg  und  dem  Rabensteiner  Walde  und
schließt  die  Einsenkung  von  Mittelbach  ein.  Wiederum  parallel  streicht
der  Höhenzug  der  400  m,  nur  durch  das  breite  Thal  der  Würschnitz
  mit  seinen  sanften  Abhängen  getrennt,  vom  Stollberger  Bürger-
        <pb n="22" />
        —  14  —

walde  bis  zur  Struth  bei  Erdmannsdorf,  greift  das  Thal  der  Zschopau
überschreitend  nach  den  Höhen  von  Grünberg,  und  von  da  über  das
Thal  der  Flöha  nach  dem  Oederaner  Walde.  Von  der  Höhe  bei
Hausdorf,  fast  in  geradliniger  Fortsetzung  des  Höhenzuges  von
Stollberg  bis  zur  Struth,  weiter  zum  Lerchenberge  bei  Riechberg,
und  von  da  ostwärts  zur  Struth,  zwischen  Langen-Hennersdorf  und
Klein-Waltersdorf.  Von  hier,  fast  genau  ostwärts  bis  zur  Schmolhöhe
  bei  Hilbersdorf,  und  von  da  nordwärts  zu  den  Höhen  im
Tharandter  Walde,  vor  denen  nordöstlich  vorgelagert  mehrere  Höhen
vom  Landberg  bis  zum  Markgrafenstein  sich  erheben;  überall  ist  der
Abstand  zwischen  der  350  m=  und  400  m  -Linie  ein  kurzer,  häufig
nur  1  km,  oft  sogar  noch  bedeutend  weniger  breiter,  besonders  auf
dem  Nordostabhange  des  Gebirges.  Von  der  Höhe  bei  Wüst-Hetzdorf
wendet  sich  die  400  m-Erhebung  scharf  nach  Südost,  bis  gegen
Ruppenhain  und  in  den  weiter  östlich  vorgeschobenen  Höhen,  in  derselben
  Richtung  vom  Mückenberge  bei  Höckendorf  über  den  Schrammberg
  bei  Reinhardsgrimma  nach  der  Höhe  von  Rückenhain  und
Neudörfel  nach  dem  Lederberge  bei  Groß-Röhrsdorf;  von  da  in
südöstlicher  Richtung  nach  dem  Schärtling  und  nunmehr  über  den
Jagdstein  und  Eulenstein  nach  der  Grenze  des  Gebietes.

Der  Flächeninhalt  der  400  m-Erhebung  beträgt  3990  qkm;
das  sind  fünf  Achtel  der  Erzgebirgs-Erhebung.  Rechnet  man  den
vorgeschobenen  Höhenzug  von  Börnchen  und  Hermsdorf  mit  dem
Wilisch  dazu,  so  umfaßt  die  400  m-Erhebung  über  4000  qkm.

Die  500  m-Erhebung.

Die  Höhenlinie  von  500  m  durchschneidet  die  Westgrenze  des
Erzgebirges  zwischen  Stangengrün  und  Röthenbach,  und  wendet  sich
von  hier,  anfangs  leicht  nach  Südost  gedrückt,  durch  Ober-Crinitz  und
Bärenwalde  über  den  Höhenzug  des  steil  aufragenden  Hirschensteins
(610  m)  nach  den  Höhen  von  Griesbach  und  Wildbach,  von  welchen
sie  bis  zu  den  Höhen  bei  Klaffenbach  und  Eibenberg  reicht  und  sich
in  der  vorgeschobenen  Dittersdorfer  Höhe  und  dem  Augustusberger
Schloßberge  bis  zur  Lindaer  Höhe  fortsetzt,  während  die  Masse  der
500  m-Erhebung  durch  zwei  große  Einbuchtungen  bis  zu  dem  vorgeschobenen
  Nordpunkte  der  Lindaer  Höhe  begrenzt  wird.  Die  erste
reicht  vom  Wachberge  bei  Klaffenbach  über  die  Höhen  von  Weißbach,
Griesbach  und  Hohendorf  bis  zum  Heidelberge  bei  Waldkirchen;  die
zweite  vom  Heidelberge  über  die  Höhenzüge  von  Börnchen  und  Borstendorf
  und  die  Waltersdorfer  Höhe  nach  der  großen  und  kleinen  Struth
und  der  Lindaer  Höhe.  Von  hier  ist  der  Nordrand  der  500  m-Erhebung
  ziemlich  genau  von  West  nach  Ost  gerichtet,  jedoch  wieder-
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        —  15  —

holt  durch  mehr  oder  weniger  breite  und  tiefe  Thaleinsenkungen  unterbrochen,
  über  die  Höhe  der  Drei  Eichen  bei  Brand,  der  Jupiter-Linde
bei  Berthelsdorf,  die  Höhe  von  Süßenbach,  die  Höhen  von  Pretzschendorf
und  von  Reichstädt  nach  den  Höhen  von  Frauendorf  und  von  Luchau,
von  welchen  letzteren  der  Luchberg  (576  m)  vorgeschoben  ist.  Von  hier
setzt  sich,  etwas  nach  Südost  abgebogen  die  Begrenzung  der  500  m-Erhebung
  über  den  Wachsteinrücken  bei  Dittersdorf  nach  dem  Lerchenhübel
  bei  Hartmannsbach  und  den  Wachstein  bei  Gottleuba  fort,
um  in  südöstlicher  Richtung  auf  die  Grenzlinie  des  Gebirges  zu
toßen.

ser  Der  Flächeninhalt  der  500  m-Erhebung  der  Nordseite  umfaßt
2700  qkm;  das  sind  drei  Siebentel  der  ganzen  Gebirgserhebung,
oder  nahezu  fünf  Achtel  des  Nordabhanges.

Die  600  m-Erhebung.

Die  Höhenlinie  von  600  m  überschreitet  zwischen  dem  Steinberge
  (661  m)  bei  Wildenau  und  dem  Mausberge  bei  Ober-Crinitz
(634  m)  die  Wasserscheide  zwischen  dem  Elster=  und  dem  Muldengebiete
  und  reicht  von  hier,  ziemlich  genau  in  der  Hauptrichtung  von
West  nach  Ost  über  den  Hohen  Stein  bei  Lichtenau  bis  gegen  Zschorlau
und  Albernau  heran,  wo  sie  um  den  Fuß  des  Steinberges  herumbiegend,
  das  Muldenthal  überschreitet  und  oberhalb  Bockau  zum  Spanhübel
  (644  m)  bei  Lauter  vorspringt.  Von  hier  greift  sie  südöstlich
zurück,  über  das  hohe  Rad  (625  m)  zwischen  Erla  und  Klein-Pöhla,
und  im  Bogen  über  die  Höhen  von  Raschau  und  Scheibe  nach  den
Höhen  von  Schwarzbach  und  Waschleithe  und  am  Fuße  des  Spiegelwaldes
  vor,  wo  sie  bei  Ober-Pfannenstiel  sich  wieder  nach  Nordost
wendet,  und  nahezu  gradlinig  bis  in  den  Abtwald  bei  Gelenau  reicht.
Die  äußersten  Punkte  der  600  m-Erhebung  liegen  von  hier  an  in
der  Richtung  von  West  nach  Ost  und  werden  durch  das  Wolperts-Büschchen
  bei  Hohendorf,  621  m,  den  Langen  Stein  bei  Neunzehnhain,
  613  m,  die  Höhe  zwischen  Ober-Saida  und  Zethau,  615  m,
Bellmannshöhe  bei  Dorf  Chemnitz,  612  m,  den  Thurmberg  bei  Frauenstein,
  632  m,  die  Platte  bei  Steinbrückmühle,  615  m,  die  Windleite
bei  Naundorf,  615  m,  die  Büttner  Höhe  bei  Schmiedeberg,  620  m,
bezeichnet.  Hier  wendet  sich  die  Linie  der  600  m-Erhebung  scharf
nach  Südost,  bis  zum  Gemeindebusche,  640  m,  zwischen  Bärenstein
und  Lauenstein,  gebirgsaufwärts.  Nun  geht  die  600  m-Linie,  das
Thal  der  Müglitz  überschreitend,  wieder  ostwärts,  nach  den  Höhen
von  Liebenau,  Breitenau,  Oelsen  und  Peterswalde,  auf  welcher  letzteren
sie  sich  scharf  nach  Südost  biegt  und  oberhalb  des  Ziegelteiches,
zwischen  der  Thaleinsenkung  des  Löschbaches  und  der  Thaleinsenkung
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        —  16  —

des  nach  Königswald  fließenden  Riesels  sich  nach  der  Südseite  des
Erzgebirges  wendet.

In  das  Massiv  der  600  m-Erhebung  sind  aber  die  Thalzüge
der  westlichen  Mulde,  der  Zschopau  und  Preßnitz,  der  Flöha,  der
östlichen  Mulde  mit  dem  Dorf-Chemnitzer  und  dem  Gimmlitzbache
und  selbst  der  rothen  Weißeritz  mit  ihren  Nebenbächen  bedeutend  breit
und  tief  eingeschnitten.  Das  Thal  der  westlichen  Mulde  mit  dem
Schwarzenberger  Kessel  und  seinen  zahlreichen  Neben-Wassern,  bis  an
den  Fuß  des  Scheibenberger  Hügels  zurück;  das  Thal  der  Zschopan
und  Preßnitz  mit  seinem  breiten  Kessel  zwischen  dem  Höhenzuge  des
Schatzensteines  und  Greifensteines  im  Westen  und  dem  Höhenzuge
von  Lauta  und  Heinzebank  im  Osten,  im  Süden,  an  der  Gebirgserhebung,
  bis  zu  den  Höhen  von  Tanneberg,  Hermannsdorf,  Frohnau,
Geyersdorf,  Mildenau,  Arnsfeld,  dem  von  West  nach  Ost  reichenden
Abschlusse  des  Thalkessels  reichend.  Im  Gebiete  der  Flöha  mit  der
Pockau,  Seidenbach,  Biela  rc.  breitet  sich  das  Thalgebiet  zwischen  dem
Höhenzuge  von  Lauta  und  Lauterbach  und  dem  Höhenzuge  von  Sayda
über  die  Vorhügel  des  Hahnbusches  südöstlich  bis  zu  dem  Höhenzuge
von  Brandau  und  an  der  Flöha  aufwärts  bis  weit  über  Purschenstein
  aus.

Die  600  m-Erhebung  legt  sich  in  breier  Fläche  im  Westen  ihres
Gebietes  um  den  Kühberg  bei  Schnarrtanne,  795  m,  und  um  den
Steinberg  bei  Burkhardsgrün,  725  m.  Auf  dem  wellenförmigen
Rücken,  welche  nordöstlich  bis  gegen  die  Wiltzsch  vor  reicht,  erheben
sich  in  gerader  Linie,  gewissermaßen  in  der  Fortsetzung  der  Muldenspalte,
  der  Spiegelwald  bei  Grünhain,  727  m,  der  schwarze  Stein
oberhalb  Zwönitz,  705  m,  der  Schatzenstein  bei  Elterlein,  763  m,
der  Geyersche  Wald,  738  m,  der  Greifenstein,  727  m.  Auf  dem
breiten  Rückenzuge  zwischen  Mittweida  und  Zschopau  der  Scheibenberger
Hügel,  805  m,  auf  dem  Rückenzuge  zwischen  Sehma  und  Pöhlbach
der  Pöhlberg,  832  m,  westlich  der  Flöha  die  Höhe  im  Thesenwalde,
708  m,  bei  Sayda  die  Saydaer  Höhe,  729  m.

Der  Nordabhang  charakterisirt.

Das  Gebiet  der  ganzen  600  m-Erhebung,  ebenso  wie  das  Gebiet
der  500  m-Erhebung  bezeichnet  sich  im  Allgemeinen  als  ein  wellenförmiges
  Hügelland,  aus  welchem  nur  in  der  Gegend  von  Zwönitz
die  Höhen  von  Lenkersdorf,  625  m,  vom  Katzensteine  627  m  und
vom  Hohen  Steine  610  m  ein  wenig  schärfer  bezeichnet  emporragen.
Während  zwischen  dem  Thale  der  Zwönitz  und  dem  Thale  der  Flöha
die  Grundfläche  zwischen  beiden  Höhenlinien  eine  schmälere  wird,  und
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        folgedessen  sich  Höhenzüge  und  Abhänge  mannigfacher  und  schärfer
ausgeprägt  gestalten,  nimmt  die  Gegend  zwischen  Flöha  und  östlicher
Mulde,  wie  auch  weiterhin  bis  zu  den  Thalrändern  der  rothen
Weißeritz  hin  die  Form  breit  ausgedehnter,  sanft  geneigter  Abhänge,
wellenförmig  gehobener  Rücken=  und  Höhenzüge  an,  um  erst  zwischen
Weißeritz,  Müglitz,  Seidewitzbach,  und  Gottleuba  wieder  abwechslungsreichere
  Gestaltungen  zu  erhalten.

Auf  dem  Gebiete  der  400  m=  Erhebung,  wie  zuletzt  nicht  viel
anders  auf  dem  der  300  m-Erhebung,  wiederholen  sich  diese  Erscheinungen
  beinahe  in  derselben  Anordnung.  Der  Erhebungslinie
von  600  m  zwischen  Schwarzwasser  und  Wilsch  ist  die  Erhebungslinie
  von  500  m  zwischen  Mulde  und  Zwönitz,  und  dieser  wiederum
die  Erhebungslinie  von  400  m  in  ihrer  allgemeinen  Richtung  aus
der  Gegend  von  Wolfsgrün  bei  Kirchberg  bis  in  die  Gegend  von
Riechberg  bei  Hainichen  auffallend  gleichlaufend.  Selbst  die  weit  vorgeschobenen
  Grenzlinien  der  350  und  der  300  m-Erhebung  zeigen
dieselbe  Anordnung  in  ihren  Hauptzügen.

Der  nordöstliche  Abhang  des  Gebirges  zeigt  eine  ähnliche  Anordnung.
  Die  600  m-Linie  von  der  Höhe  bei  Schmiedeberg  bis  zu
ihrem  Wendepunkte  bei  Jungferndorf;  die  500  m-Linie  vom  Kieferberge
  bei  Reichstädt,  539  m,  bis  in  die  Gegend  von  Schönstein  und
Tyssa;z  die  400  m=  Linie  von  ihrem  nördlichen  Endpunkte  bei  Hetzdorf
  und  Wüstenhetzdorf  bis  zum  Eibschstein  bei  Bahra  —  alle
wiederholen,  wenn  auch  die  letztere  in  drei  Absätzen,  aber  ebenfalls
auch  in  ihren  vorgeschobenen  Punkten  im  Tharandter  Walde  und  bei
Borlaß,  wie  im  Höhenzuge  von  Börnchen  und  von  der  Hermsdorfer
Höhe  dieselbe  allgemeine  Anordnung.

Der  nordwärts  gerichtete  Theil  des  Gebirgsabhanges,  besonders
auf  der  Linie  der  500  m=  Erhebung  von  der  Höhe  bei  Linda  bis
zur  Höhe  bei  Reichstädt,  auf  der  400  m-Erhebung  von  der  Höhe
bei  Langenstriegis  bis  zur  Höhe  bei  Hetzdorf,  bis  zur  Nordgrenze
des  Gebietes  von  300  m  Meereshöhe,  von  der  Höhe  bei  Reichenbach
bis  zur  Höhe  bei  Wilsdruf  bietet  die  Erscheinung  des  allmäligen,
wellenförmigen  Sinkens  der  Gebirgs-Erhebung,  ohne  außerhalb  der
Thalrinnen  einen  besonders  ausgesprochenen  Charakter  zu  gewinnen.
An  einzelnen  Stellen  nur  spricht  sich  der  Uebergang  schärfer  aus,
besonders  an  den  Abhängen  der  Flußthäler.

Der  Flächeninhalt  des  Gebirgsgebietes  auf  dem  Nordabhange
umfaßt  von  300  m  Meereshöhe  bis  zu  dem  Fuße  der  700  m-Erhebung
  4280  qkm  etwa  vier  Fünftel  des  Nordabhanges,  oder
ungefähr  zwei  Drittel  der  ganzen  Gerbirgserhebung.  Von  dem  Nordabhange
  liegen  zwei  Fünftel  über  500  m,  drei  Fünftel  über  300  m.

2
        <pb n="26" />
        —  18  —

In  der  oberen  Höhenlage  verhält  sich  die  500  m=  zur  600  m-Stufe
wie  8:  7,  in  der  niederen  die  400  m=  zur  300  m-Stufe  wie  12:  13,
so  daß  die  Höhenstufe  zwischen  400  und  500  m  überhaupt  den
größten  Flächenraum  einnimmt.

Die  700  m-Erhebung.

Die  700  m-Erhebung  bezeichnet  den  eigentlichen  Kamm  des
Gebirges.  Sie  erstreckt  sich  von  dem  Fuße  der  mitten  in  Schöneck
liegenden  Felsenklippe  ununterbrochen  bis  an  den  Ostfuß  des  Kaibler
Berges  bei  Jungferndorf,  nur  in  den  zwei  Gebirgseinsattelungen
zwischen  Katharinaberg  und  Georgenthal  und  zwischen  Böhmisch-Einsiedel
  und  Hammer  auf  einer  Längenausdehnung  von  etwa  4½  km
an  der  schmalsten  Stelle  bis  zu  ¾  km  eingeschnürt.  Hier  reichen
die  Quellenbäche  der  Schweinitz  so  nahe  an  den  Gebirgskamm  heran,
daß  der  Sattel  zwischen  dem  Rainflössel  und  dem  Flößteichbache,  der
Sattel  zwischen  dem  Gebirgs-Neudorfer  Wasser  und  einem  Nebenbache
des  Marienthales,  sowie  der  Sattel  zwischen  einem  nach  Brüderwiese
gerichteten  Bächel  und  dem  Hammergrundwasser,  kaum  über  ¾  km
breit  ist.

Die  700  m-Erhebung  reicht  von  der  Höhe  im  Heroldswalde,
oberhalb  Rißbrücke,  wo  zwischen  dieser  und  dem  großen  und  kleinen
Affensteine  bei  Grünbach  die  ausgedehnten  Moor=  und  Sumpfstrecken
liegen,  denen  die  zahlreichen  Quellriesel  des  Göltzschbaches  entspringen,
in  nordöstlicher  Richtung  über  den  Fuß  des  Thierberges  bei  Friedrichsgrün,
  nach  dem  Krünitzberge  bei  Eibenstock,  748  m,  dem  Beckerberge
zwischen  der  großen  und  kleinen  Pockau  und  um  Sosa  herum  bis  zur
Höhe  oberhalb  Conradswiese  bei  Schwarzenberg.  Von  hier  führt  die
700  m-Linie  in  weitem,  südwärts  gerichteten  Bogen  über  den
Magnetenberg  bei  Crandorf,  753  m,  den  Sonnenberg  bei  Rittersgrün,
  758  m,  nach  dem  Steinberge  bei  Ober-Mittweida  und  von  hier
wieder  in  nordöstlicher  Richtung  über  den  Liebenstein  bei  Crottendorf,
763  m,  die  Höhe  der  Morgensonne,  südlich  vom  Fuße  des  isolirt
nach  Norden  vorgeschobenen  Pöhlberges,  833  m,  und  die  Herrmannshöhe
  bei  Mildenau,  704  m,  nach  der  Höhe  bei  Arnsfeld.  Oestlich
der  Preßnitz  springt  die  700  m-Erhebung  bis  gegen  Groß-Rückerswalde
  gegen  Nordwest  vor,  biegt  sich  aber  um  das  Quellengebiet  des
rothen  Wassers  zurück,  und  dann  bis  kurz  vor  den  Katzstein,  von  wo
sie  über  den  Wolfstein,  die  Königstanne  in  den  Höhenzug  der  Katzenhaide
  bei  Rothenthal  reicht.  In  langgestreckten  Bogen  überschreitet
das  Gebiet  der  700  m-Erhebung  die  Thalspalten  des  Töltzschbaches,
der  Schweinitz  und  der  Nebenzuflüsse,  zwischen  denen  Katharinaberg,
        <pb n="27" />
        —  19  —

731m,  auf  schroff  vorspringendem  Berggrate  sich  erhebt,  nach  dem  Fuße
des  Schwartenberges,  788  m,  und  nunmehr  wiederum  in  nordöstlicher
Richtung  längs  der  Thalhänge  der  Flöha.  Zwischen  Cämmerswalde
und  Neu-Claußnitz  geht  die  Grenzlinie  der  700  m-Erhebung  wieder
nach  Nordwesten  vor  und  reicht  von  der  Höhe  oberhalb  Claußnitz
über  das  Buschhaus  bei  Hermsdorf,  704  m,  den  Spitzberg  bei
Bärenfels,  745  m,  nach  der  Schwarzen  Tellkoppe,  759  m,  um  deren
Fuß  sie  sich  scharf  nach  Südost  wendet,  um  den  Geising,  823  m,  und
die  Nebenbäche  des  rothen  Wassers  herum  nach  den  Höhen  südlich
von  Löbenhain  bis  östlich  von  Streckenwald,  wo  die  700  m-Erhebung
auf  eine  Länge  von  ¾  km  durch  eine  sumpfige  Niederung  in  der
Höhenlage  von  etwa  680  m  unterbrochen  wird.  Oestlich  derselben
bildet  ein  Dreieck,  welches  im  Osten  durch  den  Kaibler  Berg,  722  m,
geschlossen  wird,  das  Ende  der  700  m-Erhebung,  während  im  Norden,
nur  wenige  km  vorgeschoben,  der  Schönwalder  Spitzberg  oder  Sattelberg,
  724  m,  den  Endpunkt  bildet.

Die  Südgrenze  dieser  ganzen  Hochfläche  wendet  sich  auf  ihrem
Westende  von  dem  Sattel  südwestlich  des  Bahnhofes  von  Ober-Zwota,
in  ca.  670  m,  welcher  das  Erzgebirge  vom  Elster=  und  Erzgebirge
trennt,  den  Zwischen=  und  Bindegliedern,  welche  nach  dem  Fichtelgebirge
  hin  reichen,  längs  der  Thalrinne  der  Zwota  und  ihrer  Zuflüsse
nach  Südost,  um  den  Eibenberg,  802  m,  und  den  Glasberg,  813  m,  bis
zum  Mittelberg  bei  Rothau,  721  m,  und  von  hier  ostwärts,  ziemlich  geradlinig
  bis  zum  Spitzberge  bei  Neudeck,  780  m,  und  zum  Fuße  der  Hochtanne
bei  Neudeck,  844  m,  von  wo  sie  bis  zum  Pecherberg,  7  49  m  südöstlich,
und  von  da  wieder  nach  Osten  reicht,  bis  zum  Wölfingsberge,  971  m.
An  den  Ufern  des  Wistritz=  und  Lindigbaches  tritt  die  700  m-Erhebung
wieder  näher  nach  dem  Gebirgskamme  zurück,  so  daß  eine  breitere  Vorterrasse
  bleibt,  welche  in  600  und  500  m  absatzweise  bis  zum  Gebirgssuße
  abfällt.  Die  700  m-Linie  geht  von  Unterkaff  über  den  Ullersberg,
Pfaffengrün,  die  Höhe  von  Arletzgrün,  745  m,  das  Honnersgrüner
Kreutz  nach  Hüttmesgrün  und  den  obersten  Häusern  von  Engertl.  Im
Bocksgrüner  Plateau  springt  die  Höhenlinie  bis  über  die  Steinkoppe,
774  m,  weit  nach  Süden  vor,  geht  aber  aus  dem  Dorfe  Bocksgrün
in  nahezu  nordöstlicher  Richtung  über  Pöllma,  Ziberle,  Wisset  bis  zur
Klinger  Höhe  bei  Troschig,  754  m.  Von  hier  sich  thalaufwärts
wendend  überschreitet  sie  zwischen  Krima  und  den  obersten  Häusern
von  Platten,  im  Bogen  über  Grundmühle  und  Gröllmühle  die  Thaleinschnitte
  des  Assigbaches  und  seiner  Nebenwasser  und  wendet  sich
über  Rodenau,  Gersdorf,  nach  dem  oberen  Ende  von  Stolzenhan,  um
von  hier  an  mit  mannigfachen  Ausbiegungen  über  den  Kapuzinerhauberg,
bei  Nickelsdorf,  741  m,  den  Haselstein  bei  Böhmisch-Einsiedel,  727  m,

27
        <pb n="28" />
        —  20  —

die  oberen  Häuser  von  Zettel  nach  dem  Abhange  des  Wieselsteines  zu
reichen,  und  nunmehr  unterhalb  des  Strobnitzberges,  853  m,  sich
herumwendend  nach  Nicklasberg  zu  führen.  Sodann  geht  sie  längs
des  Abhanges  des  Bornhauberges  nach  dem  Nesselberge  (Franzosenstein)
776  m  und  unterhalb  des  Mückenberges,  806  m,  und  Schauplatzberges,
  792  m,  nach  dem  oberen  Ende  von  Nollendorf,  722  m,  um
hier  am  Fuße  des  Kaibler  Berges  zu  schließen.

Der  Gebirgskamm,  in  der  Schwebung  von  700  m,  hat  eine
Länge  von  etwa  125  km,  und  im  westlichen  Theile  eine  Breite  von
ungefähr  20  km;  auf  der  Linie  Schönlind  —  Eibenstock  19  km,
auf  der  Linie  Pfaffengrün  —  Gottesgab  —  Stahlberg  20  km,  auf
der  Linie  Sonneberg  —  Marienberg  20  km;  dagegen  ist  er  zwischen
Katharinaberg  und  Georgenthal  bis  auf  ¾  km  eingeschnürt  und  wird
erst  weiter  östlich  wieder  breiter,  zwischen  Neustadt  und  Nassau,  wie
zwischen  Neustadt  und  Bärenburg  14  km,  um  sodann  in  einem  lang
ausgespitzten  Dreieck  zu  endigen.

Die  800  m-Erhebung.

Auf  der  Fläche  dieser  700  m-Schwebung  ragt  das  Gebiet  der
800  m=  Erhebung  in  zwei  von  einander  getrennten  Gruppen  empor,
der  westlichen  und  der  östlichen.

Das  große  Westgebiet  der  800  m-Erhebung  reicht  vom  Affenstein,
  unweit  des  Schneckensteines,  bis  an  den  Flößteich,  westlich  von
Nickelsdorf,  in  gerader  Linie  etwa  80  km  lang,  bei  einer  Breite  von
15  km  zwischen  Schönlind  und  Eibenstock  und  16  km  zwischen
Pfaffengrün,  Gottesgab  und  Crottendorf,  um  bei  Kupferberg,  Köstelwald,
  Reischdorf  und  Preßnitz  auf  1½  und  1  km  und  oberhalb
Neuhaus  sogar  auf  nur  ½  km  Breite  zusammengeschnürt  zu  werden.
Es  entstehen  hierdurch  im  Westgebiete  der  800  m=  Erhebung  wiederum
drei  Abschnitte.  Der  westliche  umfaßt  440  qkm,  der  mittle  80  qkm,
der  östliche  30  qkm,  das  Ganze  550  qkm.  Das  Ostgebiet  der
800  m-Erhebung,  welches  nur  etwa  23  km  lang  und  an  der
breitesten  Stelle  7  km  breit  ist,  wird  durch  die  kaum  ½  km  breite
Einschnürung  zwischen  Neustadt  und  Niklasberg  ebenfalls  in  zwei
Gruppen  getrennt,  von  denen  die  westliche  etwa  13,  die  östliche  77  qkm
umfaßt,  das  Ganze  also  90  qckm.  Die  800  m-Erhebung  auf  dem
Gebirgskamme  hat  im  Ganzen  640  qkm.

Die  900  m-Erhebung.

Auf  dem  ganzen  Kamme  des  Gebirges  erheben  sich  östlich  vom
Kupferberger  Hübel  nur  einzelne  Gipfel  über  900  m.
Im  Osten  beginnend,  und  nach  der  Haupterhebung  des  Gebirges
        <pb n="29" />
        —  21  —

ansteigend  der  Kahle  Berg  bei  Altenberg,  904  m,  der  Bornhauberg
bei  Niklasberg,  908  m,  der  Wieselstein  bei  Langewiese,  956  m,  der
Bärensteinberg  bei  Eisenberg,  921  m,  der  Beerhübel  bei  Bernau,
914  m,  der  Haßberg  bei  Preßnitz,  993  m,  der  Kupferhübel  bei
Kupferberg,  900  m.

Von  der  Höhe  bei  Ober-Hals,  905  m,  bis  zur  Höhe  des  Kiel
bei  Winselburg,  921  m,  bildet  die  900  m-Erhebung  ein  geschlossenes
Ganze,  dessen  Haupttheil  um  den  Gebirgsstock  herum  eine  Breite  von
10  km  überschreitet,  während  der  durch  den  schmalen  Rückenzug  vom
Plattener  Rammelsberge,  1004  m,  und  vom  Buchschachtelberge,  968  m,
mit  diesem  verbundene  westliche  Theil  nur  in  der  Linie  zwischen
Frühbuß  und  Carlsfeld  eine  Breite  von  etwa  8  km  erreicht.  Nördlich
  vom  Buchkamm  vorgeschoben  ist  der  Auersberg,  1017  m.  Das
Gebiet  der  900  m  Erhebung  nimmt  eine  Fläche  von  230  qkm  ein.

Die  1000  m-Erhebung.

Auf  der  900  m-Erhebung  bildet  der  kleine  Theil  des  Gebirgsrückens,
  welcher  sich  über  1000  m  erhebt,  eine  geschlossene  Linie,  welche
vom  Hohen  Hau  bei  Weigensdorf,  1003  m,  19  km  lang,  bis  nach
Irrgang  reicht;  westlich  vor  ihr  vorgeschoben  der  Große  Plattenberg
bei  Platten,  1040  m,  in  der  durchschnittlichen  Breite  von  2  und  selbst
3  km.  Diese  Linie  ist  charakteristisch  in  drei  Theile  getheilt;  auf
dem  ersten,  östlichen,  Schnittpunkte  liegt  der  Keilberg,  1244  m  hoch,
von  einem  langgestreckten  Oval  der  1100  m-Erhebung  umgeben,  auf
dem  zweiten,  westlichen  Schnittpunkte,  der  Gottesgaber  Spitzberg  1111  m.
Von  diesem  aus,  genau  in  nordöstlicher  Richtung,  auf  der  Nordseite
der  1000  m-Erhebung  vorgeschoben,  ist  der  hintere,  1206  m  und
vordere  121  3m,  Fichtelberg,  ebenfalls  von  einer  ovalen,  langgestreckten
Basis  der  1100  m=  Erhebung  umfaßt,  mit  einem  breiten,  besonders
nach  West  und  Nordwest  weit  vorgestreckten  Fuße  der  Umgebung.
Die  1000  m-Erhebung  umfaßt  ungefähr  40  qkm.

Wiederholung  der  Erhebungs-Verhältnisse.

Der  Flächeninhalt  der  ganzen  Erzgebirgs-Erhebung  beträgt
6300  qkm  und  stuft  sich  in  nachstehender  Weise.  Die  Höhenlage
zwischen  300  und  400  m  umfaßt  1200  qkm,  davon  770  qkm  unter
350  m,  430  qkm  über  350  m.  6

Die  Höhenlage  zwischen  400  und  500  m  umfaßt  1250  qkm.

Die  Höhenlage  zwischen  500  und  600  m  =  950  akm.

Die  Höhenanlage  zwischen  600  und  700  m  =  880  qkm.
        <pb n="30" />
        —  22  —

Die  Höhenanlage  über  700  m  =  870  qkm  (davon  320  qkm
über  800  m).

Der  Südostabhang  des  Gebirges  hat  eine  Fläche  von  1150  qkm.

Den  Eindruck,  welchen  der  Gebirgskamm  im  Allgemeinen  macht,
ist  der  einer  öden  welligen  Hochfläche,  über  welche  nur  einzelne  Höhen
und  Höhenzüge,  etliche  schroff  und  steil,  die  Mehrzahl  jedoch  flach  und
abgerundet  emporragen,  reichlich  mit  Sumpf=  und  Moorflächen,  Steingeröll
  und  Felsenblöcken,  vorwiegend  aber  mit  Wald  bedeckt,  rauh,
schnee=  und  niederschlagsreich,  den  Stürmen  offen  und  nur  an  einzelnen
  Stellen  bevölkert  und  einem  gewissen,  wenn  auch  unbedeutenden
Anbau  zugänglich  gemacht.

Das  Erzgebirge  stellt  sich  als  eine  große,  buckelförmige  Erhebung
der  Erdkruste  dar,  in  welcher  die  Thäler  bei  der  Erhebung  selbst  sich
als  breite  und  tiefe,  nach  verschiedenen  Richtungen  hin  gesprengte  und
nach  Beschaffenheit  der  Grundbestandtheile  des  Bodens  vielfach  gezackte
  und  gewundene,  steil  eingerissene  oder  flach  abgeschliffene  und
abgeschwemmte  Spalten  aufgethan  haben.

Wenn  man  eine  große,  mächtige  Erdscholle  in  die  Höhe  hebt,
so  daß  sie  auf  der  einen  Seite  liegen  bleibt,  während  sie  auf  der
anderen  Seite  hoch  aufgerichtet  wird,  so  wird  sie,  je  nach  Maßgabe
ihres  Umfanges  und  ihrer  Ausdehnung,  eine  Anzahl  von  Rissen  und
Sprüngen  zeigen,  welche  sich  in  verschiedenen  Richtungen  erstrecken.
Die  mit  dem  Höhenzuge  der  Erhebung  parallel  laufenden  Spalten
wird  man  als  Längenspalten,  die  mit  dem  Abhange  und  seiner  Richtung
gleichlaufenden  als  Querspalten  bezeichnen;  die  aus  diesen  Spalten
und  Risse  entstandenen  Thäler  als  Längenthäler  und  als  Querthäler.

Die  Entstehung  der  zahlreichen  Thäler  und  ihrer  Formen,  sowohl
  auf  dem  Nordwestabhange,  wie  auf  dem  Südabhange  des  Gebirges,
  läßt  sich  füglich  auf  keine  andere  Weise  erklären.

Diese  Risse,  deren  Ränder  durch  den  Jahrtausende  hindurch
fortwirkenden  Einfluß  der  atmosphärischen  Zersetzung  und  der  durch
die  Niederschläge  aller  Art  bewirkten  Abspülung  allmälig  abgeflacht
und  abgeebnet,  zum  Theil  in  ihrer  Tiefe  mit  Schutt  und  Geröll  ausgefüllt,
  und  auf  diese  Weise  wenigstens  streckenweise  zu  einer  mehr
oder  weniger  gleichmäßigen  Thalsohle  ausgeglichen  wurden,  bilden  die
zahlreichen  Thäler  und  Thälchen,  Thalmulden  und  Thalanfänge,  mit
denen  die  Abhänge  des  Gebirges  bedeckt  sind.

Thäler  und  Gewässer.

Die  Thalformen  auf  dem  Südabhange  sind  nur  im  Westen,  wo
der  Abhang  in  breiten  Terrassen  sich  zum  Fuße  des  Gebirges  hernieder
  senkt,  zusammengesetzter;  weiter  ostwärts  werden  sie  zu  ein-
        <pb n="31" />
        —  23  —

fachen  Rissen,  welche  fast  geradlinig  vom  Gebirgskamme  zum  Gebirgsfuße
  herabreichen.

Das  Thal  der  Zwotau  in  seinem  Oberlaufe  bis  Klingenthal

geht  dem  Gebirgskamme  ziemlich  parallel  und  nimmt  bis  zu  seiner
am  Einflusse  des  Döbrabaches  stattfindenden  scharf  ausgeprägten
Biegung  gegen  Südostsüd  vom  Erzgebirge  her  acht,  und  mit  den
Quellenbächen  des  Döbrabaches  elf  Zuflüsse  auf.  Zwei  kurze  Bäche
münden  bis  zum  Silberbache,  welcher  wiederum  in  seinem  Oberlaufe
in  der  von  Ost  nach  West  gerichteten  Thalspalte  des  Buchhämmelbaches
  dem  Gebirgskamme  parallel  läuft,  um  nach  Aufnahme  von
vier  Quellenbächen,  von  der  Seite  des  Gebirgskammes  her,  mit  dem
von  Nord  nach  Süd  gerichteten  Silberbache  sich  am  Forsthause  von
Silberbach  zu  vereinigen.  Die  Rothau  mit  ihren  fünf  Quellenbächen
entspringt  am  Gebirgsvorsprunge  des  Spitzberges,  993  m.  Weiter
abwärts  münden  in  die  Zwotau  noch  drei  kurze,  auf  dem  Hochplateau
von  Heinrichsgrün  entspringende  Bäche.
«  Auf  diesem  Hochplateau  sind  auch  die  Quellen  der  kurzen  fünf
Bäche  gelegen,  welche  auf  der  am  Fuße  des  Gebirges  gelegenen
Seenplatte  von  Doglasgrün  und  Poschetzan  sich  zum  Chodaubache
vereinigen.

Die  Rohlau  mit  ihren  achtzehn  Quellenbächen,  zwischen
Sauersack  und  Neuhaus,  fließt  in  einer  dem  Gebirgskamme  parallelen
Spalte,  ebenso  der  von  Bernau  nach  Neudeck  gerichtete  Nebenbach,
während  die  tief  eingerissene  Hauptspalte  des  Schwarzwassers  von
Hirschenstand  bis  zum  Einfluß  in  die  Eger  bei  Fischern  die  Richtung
nach  Südostsüd  innehält.

Vom  Thale  der  Wistritz  ist  nur  der  Theil  von  Lichtenstadt
bis  zum  Einflusse  des  Weidmannsgrüner  Baches,  auf  der  Hochebene,
am  Fuße  des  Gebirges,  als  dem  Gebirgskamme  parallel  zu  bezeichnen.
Alle  Zuflüsse  der  Wistritz,  von  denen  nur  einer,  und  zwar  erst  auf
der  Hochebene,  von  Westen  zutritt,  der  Fischbach,  Aberthamer  Bach,
Reinbach,  Zinnbach,  die  Weseritz  mit  den  Bächen  von  Rauscher  Erb,
Elbecken,  Edelen  Stollen  und  Dürrenberg,  sind  tief  eingerissene,  mehr
oder  weniger  lange,  von  Nord  nach  Süd  gerichtetete  Thalspalten,
deren  Sohle  zum  großen  Theile  absatz=  oder  treppenförmig  von  der
Höhe  zur  Tiefe  geht.

Die  kurzen  Bäche,  welche  vom  Centralstocke  des  Erzgebirges
direkt  in  die  Thalspalte  der  Eger  stürzen,  der  Holzbach,  der  Hauensteinbach
  mit  dem  Kesselbache,  den  Krampusbach  oder  Höllbach,  der
Rummelbach  mit  dem  Kleingrüner  Bach,  den  Weigensdorfer  Bach  mit
dem  Kleinthaler  Bach,  kommen  ziemlich  geradlinig  vom  Kamme  des
Gebirges  herab,  und  nur  der  Bach  vom  Kleinthal  ist  zwischen  Unter-
        <pb n="32" />
        hals  und  der  unteren  Hammermühle  in  eine  dem  Gebirgskamme
parallele  Spalte  eingebettet.

Auch  der  Battloh-,  Kolla-,  Loh=  und  Radisbach  sind  kurz  und
geradlinig  vom  Kamme  zum  Fuße  des  Gebirges  gerichtet.  Dagegen
ist  der  Fleckelmühler  Bach,  welcher  weiter  abwärts  den  Namen  Hassenbach
  und  noch  weiter  hin  Brunnersdorfer  Bach  erhält,  ganz  eigenthümlich
  gewendet.  In  der  Einsattelung  801  zwischen  Reischberg,
87  m,  und  Haßberg,  992  m,  entspringend,  fließt  der  Bach  in  flacher
Niederung  von  West  nach  Ost,  wird  aber  am  Neuteiche  abgeleitet  und
in  einem  Kunstgraben  durch  Sonneberg  nach  der  Thalspalte  der
Markusmühle,  bez.  nach  der  Thalspalte  von  Zobietitz  geführt.  Der
eigentliche  Wasserlauf  würde  über  den  Alten  Teich  gehen,  wo  zwei
Quellenbäche,  vom  Abhange  des  Mückenhübels  kommend,  sich  vereinigen,
  sodann  in  südöstlicher  Richtung  zur  Fleckelmühle,  von  dort
einer  Thalspalte  nordöstlich  folgend  bis  oberhalb  der  Holzmühle,  wo#
der  Bach  sich  nach  Südost  wendet,  und  unterhalb  der  Holzmühle,
etwa  1  ½  km  davon,  nach  Südwest  fließt,  bis  zur  Hassenmühle,  von
welcher  an,  abgesehen  von  einem  halbkreisförmigen  Bogen  um  den
Juß  des  Hassensteines,  die  Richtung  nach  Südostsüd  bis  zum  unteren
Ende  von  Brunnersdorf  bleibt.

Die  kurzen  Thalrinnen  des  Lohbaches,  Gliedenbaches  und  Höllenbaches
  entspringen  an  der  700  m-Linie  und  sind  dem  Vorsprunge
des  Gebirges  entsprechend  gebogen  und  gerichtet.

Der  Assigbach,  dessen  Quelle  am  Ostfuße  des  Haßberges
liegt,  fließt  in  der  Richtung  Ostnordost  bis  an  den  Fuß  des  Ottensteines,
  nahezu  in  der  Richtung  des  Gebirgskammes,  wendet  sich  hier
scharf  nach  Südost  und  behält  nach  einigen  Biegungen  bei  der  1.  und
2.  Grundmühle  diese  Richtung  seines  scharf  und  tief  eingeschnittenen
Thales  bis  zum  Austritt  in  die  Ebene  bei.  Der  lange  Assigbach
hat  in  dem  unteren  Theile  keine  Zuflüsse,  oberhalb  der  zweiten  Grundmühle
  etwa  zwei  Nebenbäche  mit  im  Ganzen  etwa  acht  Quellen.

Der  Töltschbach  fließt  voun  Rodenau  bis  Uhrissen  dem  Gebirgskamme
  parallel  von  West  nach  Ost,  während  die  Quellenbäche
vom  Beerhübel,  914  m,  her  ihm  zustürzen,  und  sein  Thal  von
Uhrissen  an  sich  gegen  Südostsüd  wendet.

Von  hier  an  nehmen  die  Bäche  des  Südostabhanges  des  Erzgebirges
  beinahe  ausnahmsweise  die  gerade,  kurze  Thalrichtung  von
Südostsüd,  bez.  Südost  an.  Der  Aubach  bei  Rothenhaus,  der  Dörferbach
  bei  Schimberg,  die  kurzen  Wasserläufe  der  treppenförmig  abwärts
geneigten  Thalspalten  am  Fuße  des  Bärensteinberges,  das  Marienthal,
  das  Thal  des  Hammergrundbaches  mit  seinen  sechs  Quellenund
  Nebenbächen,  das  tief  eingerissene  Thal  des  Flößbaches  mit
        <pb n="33" />
        —  25  —

seinen  elf  Nebenwassern,  welcher  nur  in  einem  kurzen  Theile  seines
Oberlaufes  dem  Gebirgskamme  parallel  fließt;  die  kurzen  Thalbäche
am  Fuße  des  Hohen  Schußberges,  866  m,  eines  Gebirgsvorsprunges
am  Fuße  des  Wieselsteines;  der  Brückner  Grund,  Ladunger  Grund,
der  Uhrengrund  am  Fuße  der  Riesenburg,  mit  seinen  vier  Quellenbächen;
  der  Deutzendorfer  Grund,  der  Krinsdorfer  Grund,  das  Thal
des  Grundbaches  bei  Niklasberg  mit  seinem  kraterförmigen  Thalansatze
  und  Absturze,  der  Seegrundbach  bei  Eichwald  mit  seinen
Quellenbächen,  von  denen  der  oberste,  vom  Ludwigsteine,  864  m,
herabreichende,  dem  Gebirgskamme  nahezu  parallel  fließt.

Unter  den  kleinen  Bächen  und  Wasserrinnen  des  östlichen  Endes
des  Gebirgsabhanges  ist  außer  dem  kraterförmigen  Absturz  von  Ober-Graupen
  nur  noch  der  Sernitzbach  und  der  Tellnitzbach  zu  nennen.

Im  Ganzen  kann  man  die  Zahl  der  Quellenbäche,  welche  ihre
Wasser  auf  den  Südostabhang  des  Erzgebirges  ergießen,  auf  180
veranschlagen.

Die  Wasserläufe  des  Nordabhanges  charakterisiren  sich  anders.

Hier  wiegen  große,  langgestreckte  Wasserläufe  vor,  welche  zahlreiche
  Nebenwasser  und  Quellenbäche  in  sich  aufnehmen.

Das  Thal  der  westlichen  Mulde,  um  ebenfalls  im  Westen
zu  beginnen,  bildet  von  Hammerbrück  bis  Aue  eine  von  Südwest
nach  Nordost  gerichtete,  mehrfach  gebogene  und  gezackte  Thalspalte,
welche  der  Richtung  des  Gebirgskammes  nahezu  parallel  läuft.
Während  vom  Gebirgskamme  her  die  von  Südost  nach  Nordwest
gerichteten  Thalspalten  der  kleinen  Pyhra,  der  großen  Pyhra  mit  dem
Markersbache,  der  Wilsch  mit  ihren  Nebenbächen,  im  ganzen  17
Quellenbäche,  und  noch  5  kurze  Nebenwasser,  einschließlich  des  unterhalb
  Eibenstock  mündenden,  aus  der  Vereinigung  von  Dönitz=  und
Kohlbach  entstehenden  Dorfbaches,  der  Mulde  zuströmen,  hält  die  fast
gerade  Thalspalte  der  großen  Pockau,  mit  der  rechterseits  ihr  zufließenden
  kleinen  Pockau,  und  dem  Sosa-Bach  ziemlich  genau  die
Richtung  von  Süd  nach  Nord  ein,  während  die  Bockauer  Dorfbach
sich  unterhalb  Bockau  in  einer  scharf  von  Ost  nach  West  gerichteten
Thalspalte  in  die  Mulde  ergießt.  Von  Süden  fließen  derselben  weitere

12  Quellenbäche  zu,  während  von  Norden  her,  von  der  Wasserscheide
zwischen  dem  Gebiete  der  Göltzsch,  bezw.  weiter  abwärts  der  Pleiße,
im  Ganzen  nur  10  Quellen,  zu  6  Bächen  vereinigt,  der  Mulde  zu
eilen.  Unter  diesen  der  Hauptbach,  die  durch  Zschorlau  fließende
Gößnitz,  welche  oberhalb  der  Tauscher  Mühle  in  einer  dem  Gebirgskamme,
  und  dem  Muldenthale  parallelen  Thalspalte  fließt,  unterhalb
derselben  aber  ziemlich  rechtwinklich  nach  der  Mulde  biegt.

Das  Schwarzwasser  fließt  von  seinen  Quellen  am  hinteren
        <pb n="34" />
        —  26  —

Fichtelberge  in  der  Richtung  von  Ost  nach  West,  und  erst  von  den
Försterhäusern  an  in  einer  dem  Gebirgskamme  nahezu  parallelen,
scharf  ausgeprägten,  gezackten  Thalspalte,  welche  sich  bei  der  Vereinigung
  mit  dem  von  Süden  kommenden  Breitenbache,  bei  Wittigsthal,
  scharf  nach  Norden  wendet.  An  der  Mündung  des  Steinbaches
nimmt  dasselbe  die  dem  Gebirgskamme  parallele  Spalte  dieses  Baches
anwendet  sich  bei  Breitenbrunn  wieder  nach  Norden,  und  von  der  Mündung
  des  Fällbaches  an  wieder  in  die  demselben  eigenthümliche
Nordostrichtung  bis  Erla  um  sodann  nach  einigen  Krümmungen  sich
unterhalb  Schwarzenberg  mit  der  Mittweida  zu  vereinigen.

Die  Mittweida,  oder  wie  sie  früher  genannt  wurde  „die
Miepe“  vereinigt  alle  Quellenbäche  vom  Nordwestabhange  des
Centralstockes  des  Erzgebirges.  Die  vom  Fuße  des  Scheibenberger
Hügels  ziemlich  genau  nach  West  gerichtete  Thalspalte,  nimmt  die
sämmtlichen  Wasseradern  in  sich  auf,  welche  hier  entspringen.  Das
oberhalb  der  Tellerhäuser  quellende  Pöhlwasser,  der  Luchbach  und  der
Friedrichsbach  fließen  nach  Nordwest  nahezu  parallel,  bis  sie  mit  dem
oberhalb  Globenstein  sich  scharf  nordöstlich  biegenden  Pöhlbach  vereinigen,
  welcher  von  Biedermanns  Hammer  an  die  Nordrichtung  annimmt,
  und  in  seinem  Laufe  von  Unter-Rittersgrün  bis  Raschau  dem
Laufe  des  Schwarzwassers  von  der  Fällbachmündung  bis  Wildenau
vollständig  parallel  ist.  Das  Thal  der  großen  und  kleinen  Mittweida
geht  bis  zum  Mittweidaer  Hammer  nach  Norden,  von  da  bis  Markersbach
  nach  Nordwest.  Bei  Wildenau  mündet,  von  Nordost  kommend,
aus  einer  Thalspalte,  welche  in  der  Hauptrichtung,  wenn  auch  etwas
seitswärts  geschoben,  eine  Verlängerung  der  Thalspalte  zwischen  Unter-Rittersgrün
  und  Biedermanns  Hammer  bildet,  der  Oswaldbach.

An  dem  Vereinigungspunkte  von  Schwarzwasser  und  Mittweida
trifft  auf  dem  Laufe  des  Schwarzwassers  die  Zahl  von  20,  auf  dem
des  Pöhlwassers  oder  Kaffbaches  von  12,  auf  dem  der  Mittweida
von  15  Quellenbächen  zusammen.

Von  Wildenau  bis  zum  Schloß  Stein  bildet  das  Thal  des
Schwarzwassers,  und  nach  der  Vereinigung  mit  der  Mulde,  das  Thal
dieser  eine  von  Südost  nach  Nordost  gerichtete,  gegen  den  Kamm  des
Gebirges  nahezu  senkrechte  Spalte  mit  verschiedenen  Krümmungen  und
Windungen.  Bis  zur  Vereinigung  mit  der  Mulde  nimmt  das  Schwarzwasser
  aus  nordöstlicher  Richtung  vier  Bäche  auf,  aus  südlicher  einen.
Der  Mulde  fließt  von  Südwest,  parallel  dem  Gößnitzbache,  der
Schlemmbach  zu,  und  von  Nordost,  der  Rumpelsbach,  der  Lößnitzbach
mit  seinen  fünf  Nebenbächen,  der  Thierfelder  Bach.  Der  dem  Lößnitzbache
  zunächst  einmündende  Schiffelbach  ist  mit  Ausnahme  seines
unteren  Kniees  von  Nord  nach  Süd  gerichtet.
        <pb n="35" />
        —  27  —

Von  Stein  bis  Wiesenburg  ist  die  Richtung  der  Mulde  nach
West,  von  da  bis  Mosel,  resp.  Schlunzig,  nach  Nord,  und  von  da
bis  zur  Mündung  der  Chemnitz  nach  Nordost.

Die  Zschopau  mit  ihren  fünf  Hauptauellenbächen  auf  dem
Centralstocke  des  Gebirges  entspringend,  hat  in  ihrem  Gesammtlaufe,
bis  zu  ihrer  Vereinigung  mit  der  östlichen  Mulde  die  Richtung  von
Süd  nach  Nord;  nimmt  man  den  Pöhl=  oder  Grenzbach  als  die
Magistrale,  sogar  auffallend.  Die  Oberläufe  der  Zschopau  mit  ihren
von  West  nach  Ost  folgenden  Quellenbächen,  Zschopau,  Sehma,  Pöhlbach,
  Schmiedeberger  Schwarzwasser  und  Preßnitz  sind  nahezu  parallel.
Die  Zschopau  biegt  bei  Tanneberg  in  eine  nach  Nordost  gerichtete,
dem  Gebirgskamme  parallele  Spalte,  welche  sie  bis  zu  ihrer  Vereinigung
  mit  der  Preßnitz  innehält  und  auf  dieser  Strecke  die  Sehma
und  den  Pöhlbach  aufnimmt.  Die  Zschopau  hat  bis  zu  diesem  Punkte
nur  13,  meist  unbedeutende  Nebenbäche,  von  denen  nur  der  Greifenbach
  durch  seine  Nordwestrichtung  auffällt,  der  Thalspalte  der  westlich
gelegenen  Mulde,  wie  der  der  östlich  gelegenen  Preßnitz  parallel,  und
nahezu  senkrecht  gegen  den  Gebirgskamm.  Die  weiße  Sehma  hat
überhaupt  nur  einen  unbedeutenden  Nebenbach,  die  rothe  Sehma;  der
Pöhlbach  nur  den  Konduppelbach  und  den  Stolzenhaner  Bach.  Die
Preßnitz,  in  einem  weiten  Thalkessel  entspringend,  aus  sechs  Quellenbächen
  mit  im  Ganzen  13  Quellen,  verläßt  bei  Schmalzgrube
die  nördliche  Richtung  und  folgt  einer  anfangs  nach  Nordwest,  dann
jedoch  nach  Nordost,  und  von  Schmiedeberg  bis  zum  Zusammenfluß
mit  der  Zschopau  wieder  nach  Nordwest  gerichteten  Thalspalte.  Die
Zahl  der  Nebenbäche  und  Quellenzuflüsse  des  Preßnitz  beträgt  25.

Unter  den  zahlreichen  Wasserläufen  auf  dem  ausgedehnten  Gebiete
  zwischen  der  mittlen  westlichen  Mulde  und  der  Zschopau,  machen
sich  die  nachstehenden  durch  ihren  ausgeprägten  Parallelismus  bemerkbar.
  Der  Wilischbach  von  Herold  bis  zu  seinem  rechtwinklichen
  Knie  unterhalb  Weißbach,  die  Z  wönitz  von  Thalheim  bis  zu
dem  Knie  oberhalb  Dittersbach,  wo  sie  in  die  nach  Nordwest  gerichtete
Thalspalte  einbiegt,  welche  den  Lauf  der  Chemnitz  bis  zu  ihrer  Mündung
  in  die  Mulde  bezeichnet.  Ferner  die  Würschnitz  von  Neu-Wittendorf
  bis  Harthau  bei  Chemnitz;  der  Kappelbach  bei  Chemnitz,
  im  Zusammenhange  mit  dem  oberen  Laufe  des  Lungwitzbaches
  im  Westen,  und  der  Thaleinsenkung  zwischen  Hilbersdorf
und  Braunsdorf  mit  ihrem  namenlosen  Wasserlaufe  im  Osten,  der
Pleißenbach  von  Pleißa  bis  Löbenhain;  das  Thal  des  Claußnitzbaches
  mit  seiner  Fortsetzung  im  Osten  durch  das  Thal  von
Alt-Mittweida  bis  an  die  Zschopau,  und  viele  andere  kleinere  Wasserläufe
  mehr.
        <pb n="36" />
        —  28  —

Der  östliche  Hauptzufluß  der  Zschopau,  die  Flöha,  entspringt
weit  ab  vom  Centralstocke  des  Gebirges  und  sammelt  alle  Quellen—
bäche,  welche  zwischen  dem  Haßberge,  992  m,  und  dem  Waltersberge
bei  Neustadt,  876  m,  entspringen.  Es  ist  ein  reich  verzweigtes  Netz
von  Quellen,  Rieseln  und  Bächen,  welche  von  der  schwarzen  Pockau
an,  mit  der  rothen  Pockau,  der  Natzschkau  mit  dem  Töltzschbache,  der
Schweinitz  und  der  eigentlichen  Hauptwasserader,  der  Flöha  mit  ihren
großen  Nebenbächen,  der  Biela,  der  Seidenbach  und  der  großen
Lößnitz  gebildet  wird.  Man  zählt  bis  zur  Mündung  der  Flöha  in
die  Zschopau  121  Quellenbäche,  welche  ihre  Wasser  mit  derselben
vereinigen,  während  die  Zschopau  selbst  bis  zu  diesem  Punkte  nur
88  Quellenbäche  besitzt;  darunter  allerdings  außerordentlich  starke  und
kräftige,  wie  die  fünf  Quellenbäche  am  Centralstocke  des  Gebirges.
Die  Natzschkau  und  Flöha  bieten  in  einem  großen  Theile  ihres  Laufes,
oberhalb  ihrer  Vereinigung,  das  Bild  einer  Thalspalte,  welche  einerseits
  von  Kallich  bis  Rothenthal  und  andrerseits  von  der  Schweinitzmühle
  bis  oberhalb  Deutsch-Georgenthal  reicht.  Dieser  Spalte  ist  das
Thal  des  Schweinitzbaches  von  Deutsch-Neudorf  bis  zur  Quelle
parallel;  ebenst  die  Thäler  der  Biela  und  des  Seidenbaches.

Das  Thal  der  östlichen  Mulde,  deren  Quellen  auf  der  Nordseite
  des  Waltersberges  liegen,  ist  bis  zum  nördlichen  Ende  des  Dorfes
Mulde  eine  nach  Nordwest  gerichtete  Spalte,  biegt  sich  dann  nördlich
bis  Conradsdorf,  sodann  wieder  nordwestlich  bis  unterhalb  des  Kurprinzen,
  dann  wieder  nördlich,  bis  zur  Vereinigung  mit  der  Bobritzsch,
deren  Richtung  von  Südsüdost  nach  Nordnordwest  sie  bis  zum  Muldenkniee
  bei  Nossen  beibehält.

Hier  biegt  die  Mulde  in  eine  scharf  nach  West  gerichtete  Thalspalte
  ein,  bis  zum  Einfluß  der  Striegis,  deren  Lauf  in  der  Hauptsache
  dem  Laufe  der  Mulde  vollständig  parallel  ist,  so  daß  selbst  die
von  dieser  gemachten  großen  Kniee  und  Biegungen  sich  bei  der  anderen
  mit  großer  Aehnlichkeit  wiederholen.  "

Bei  Döbeln  wendet  sich  die  Mulde  nach  West,  bis  zu  ihrer
Vereinigung  mit  der  westlichen  Mulde,  bei  Sermuth,  unterhalb  Colditz,
  resp.  Leisnig.

Zwischen  der  Bobritzsch  und  Mulde  ist  das  Thal  der  Gimmlitz,
mit  ganz  ausgeprägter  Richtung  von  Südost  nach  Nordwest,  eingeschaltet;
  auf  dem  Nordufer  der  Bobritzsch  mündet  der  Nebenbach  von
Collmnitz,  fast  genau  in  derselben  Richtung.

Das  Gebiet  der  östlichen  Mulde  ist  bis  zur  Vereinigung  mit  der
Striegis,  arm  an  Nebenwassern.  Abgerechnet  ein  paar  kleine,  kurze
Bäche,  sind  der  Chemnitzbach,  der  Zethauer  und  Randecker  Bach,  der
Bach  von  Müdisdorf,  der  Münzbach  und  Walthersbach  doch  eigent-
        <pb n="37" />
        —  29  —

lich  alles  kurze  Wasseradern;  nur  Gimmlitz,  Bobritzsch  und  Collmnitz
bedeutender.  Die  Einfachheit  der  Terrainformen  kennzeichnet  sich  durch
die  geringe  Anzahl  der  Quellenbäche.  Das  Muldengebiet  zählt  bis
zum  Einfluß  der  Striegis  linkerseits  und  des  Eulabaches  rechterseits
nur  46  Quellenbäche.  Das  Gebiet  der  Striegis,  welche  doch  weitab
vom  Gebirgskamme  entspringt,  42  Quellenbäche.

Unweit  des  nördlichen  Endpunktes  der  400  m-Erhebung  quillt
im  Tharandter  Walde  die  Triebisch,  welche  in  nordwestlicher
Richtung  in  das  Hügelland  fließt,  nachdem  sie  aus  flacher  Thalmulde
in  eine  mäßig  tiefe  aber  mit  prächtigen  Landschaftsbildern  geschmückte
Thalspalte  übergegangen  ist.

Die  wilde  Weißeritz  hat  bis  gegen  Klingenberg  eine  nahezu
nordnordwestliche  Richtung,  während  die  rothe  Weißeritz  von  Schmiedeberg
  bis  Rabenau,  und  in  ihrem  Quellenzuflusse  links,  dem  Pöbelbache
  von  Süd  nach  Nord  fließt.  In  Verbindung  mit  der  ostwärts
gerichteten  Abbiegung  der  unteren  Weißeritz,  der  Lockwitz  und  Gottleuba
  zeigt  dieß  an,  daß  die  allgemeine  Abdachung  des  Gebirges  von
dem  zwischen  Mulde  und  wilder  Weißeritz  nordwärts  gerichteten  Höhenzuge
  an  eine  nordöstliche  geworden  ist.

Die  wilde  Weißeritz  tritt  bei  Klingenberg  aus  der  Richtung
Nordwestnord  scharf  in  eine  nach  Nordost  gerichtete,  wenn  auch  mehrfach
  gekrümmte  Thalspalte,  in  welcher  der  Theil  von  Edle  Krone  bis
Tharandt  gewissermaßen  als  Fortsetzung  des  Thales  vom  Höckendorfer
Bache  nach  Nord,  der  Theil  von  Tharandt  bis  Hainsberg  dagegen
genau  nach  Ost  gerichtet  ist.  Der  Oberlauf  der  am  Ostfuße  des
Waltersberges  entspringenden  wilden  Weißeritz  zeigt  bis  Zaunhaus
von  Süd  nach  Nord.

Am  Fuße  des  Kahlen  Berges  entspringend,  die  rothe
Weißeritz.  Sie  fließt  von  Schmiedeberg  bis  Rabenau  von  Süd
nach  Nord.  Der  Hauptquellenbach,  welcher  dem  Sumpfgebiete  westlich
des  Galgenteiches  entspringt,  hält  ebenso  wie  der  Pöbelbach  anfänglich
die  Richtung  nach  Nordwest  ein,  wendet  sich  aber,  ebenso  wie  dieser,
der  erstere  östlich,  der  letztere  westlich  von  Bärenfels,  gegen  Norden,
um  sich  sodann  mit  dem  nordwestlich  fließenden  Grundbache  zu  vereinigen.
  Bei  Rabenau  mündet  der  ebenfalls  nach  Nordwest  gerichtete,
auf  der  mittlen  Stufe  des  Gebirgsabhanges  entspringende  Oelsenbach,
dessen  Richtung  der  aller  westlich  gelegenen  Thalrinnen  von  wilder
Weisseritz,  Bobritzsch,  Gimmlitz  und  Flöha  vollständig  parallel  ist.

Die  Lockwitz  (das  Grimmsche  Wasser)  entspringt  nahe  der
Oelsenbachquellen,  ebenfalls  auf  der  mittlen  Stufe  des  Gebirgsabhanges.
  Sie  ist  in  ihrem  Oberlaufe  dem  Gebirgskamme  parallel,
und  der  Richtung  des  Oelsenbaches  fast  rechtwinklig  entgegengesetzt,
        <pb n="38" />
        —  30  —

nach  Nordost,  biegt  sodann  nach  Norden,  nimmt  aber  bei  Kreischa
wieder  die  Nordostnordrichtung  an.

Der  mehrfach  gekrümmte  Lauf  der  Müglitz  hält  von  den
Quellen  bis  nahe  an  Glashütte  die  Richtung  nach  Nordwest  ein,
biegt  sodann  nach  Nordost,  und  von  der  Mündung  der  Drebnitz  an
gegen  Nord,  um  bei  Mühlbach  wieder  die  Nordostrichtung,  und  bei
Weesenstein  die  Nordrichtung  anzunehmen.

Die  Quellenbäche  der  auf  der  mittlen  Gebirgsstufe  entspringenden
  Seidewitz  fließen  von  Süd  nach  Nord,  während  die  Hauptwasserrinne,
  unterhalb  Liebstadt,  nach  Nordostnord  gerichtet  und  im
Ganzen  dem  Laufe  des  Müglitzthales  nahezu  parallel  ist.

Die  mit  einem  verhältnißmäßig  breiten  Quellengebiet  auf  dem
Ostende  des  Gebirgskammes  entspringende  Gottleuba  zeigt  nur
an  einzelnen  Stellen  besonders  charakteristische  Richtungen  ihrer  Thalspalte,
  so  vor  Allem  unterhalb  Berggießhübel,  so  wie  in  der  Nähe
von  Gottleuba;  der  Bahrabach  zwischen  Bahra  und  seiner  Vereinigung
  mit  der  Gottleuba.  Das  Quellengebiet  der  Gottleuba  umfaßt
  15  Wasserrinnen,  welche  zum  größten  Theile  am  Gebirgskamme
entspringen;  die  Seidewitz  hat  9  Quellenzuflüsse,  welche  sämmtlich
der  mittlen  Gebirgsstufe  entstammen.  Von  den  19  Zuflüssen  der
Mühglitz  quellen  nur  8  dem  eigentlichen  Gebirgskamme,  während  die
übrigen,  in  zwei  von  West  kommenden  Gruppen  und  zwei  von  Ost
einfließenden  Bächen  der  mittlen  Gebirgsstufe  angehören.  Die  Lockwitz
  hat  11  Zuflußquellen,  sämmtlich  auf  der  mittleren  Gebirgsstufe,
nur  der  von  West  nach  Ost  gerichtete  Bach  von  Quohren  läuft  der
Erhebung  der  Hermsdorfer  Höhe  mit  dem  Wilisch  in  ganz  charakteristischer
  Weise  parallel.  Die  rothe  Weißeritz  zählt  13  Quellenbäche,
von  denen  jedoch  nur  3  auf  dem  Gebirgskamme  entspringen;  die
wilde  Weißeritz  ebenfalls  13  Quellenbäche,  von  denen  nur  4  dem
Gebirgskamme  angehören.  Die  Armuth  des  östlichen  Theiles  des
Gebirgskammes  an  Wasserläufen  ist  wenigstens  ostwärts  der  Muldenquellen
  und  des  Flöhagebietes  ganz  auffallend.

Der  Fall  der  Thalsohlen  und  Gewässer.

Es  lassen  sich  aber  auch  aus  dem  Fall  der  Thalsohlen,  oder
aus  dem  natürlichen  Gefäll  der  Gewässer  gewisse  Rückschlüsse  auf  die
allgemeine  Abdachung  des  Gebirges  ziehen.

Aus  allen  Messungen,  welche  den  Fall  der  Gewässer  angeben,
ergiebt  sich  auch  für  den  Bereich  des  Erzgebirges,  daß  die  schiefe
Ebene  der  Thalsohle,  auf  welcher  die  Gewässer  abwärts  fließen,  keine
stetige  Neigung  besitzt,  sondern  sich  allmälig  verflacht,  je  weiter  sie
        <pb n="39" />
        —  31  —

sich  vom  Gebirgskamme,  beziehendlich  vom  Quellengebiete  entfernen.
Da  die  Gewässer  breiter  und  tiefer  werden,  so  wird  sich  auch  ein
gewisses  Verhältniß  von  Breite  und  Tiefe  der  Hauptwasserrinne,
Neigung  der  Thalsohle  und  Geschwindigkeit  des  fließenden  Wassers,
je  nach  Zahl  und  Größe  der  aufgenommenen  Wasseradern,  für  jedes
selbständige  Flußgebiet  feststellen  lassen.

Im  Osten  des  Gebirges  beginnend,  ergeben  sich  nachstehende
Ausmaaße  für  das  Gefäll  der  Wasseradern  auf  je  1000  m  Länge
des  Wasserlaufes.  Die  Bahra  hat  in  ihren  Quellen  40  m,  die
Gottleuba  50,  im  Dorfe  Schönwald  sogar  60  m.  Der  Mittellauf
  beider  Bäche  mäßigt  sich  aber  bald  auf  15  m  in  Markersbach,
wie  bei  Oelsengrund  und  Haselberg.  Nur  unterhalb  Bahra  hat  die
Bahra  2  m,  bei  Gottleuba  die  Gottleuba  20  m,  während  sie  unterhalb
  Berggießhübel  nur  10  m,  unterhalb  Rottwernsdorf  nur  5  m
hat.  Die  Müglitz  hat  in  ihren  Quellenbächen  bei  Vorder-Zinnwald
  50  m,  bei  Ebersdorf  gegen  45  m;  im  tiefen  Bach  bei  Altenberg
  aber  80  m;  oberhalb  der  Sandermühle  bei  Geysing  50  m,  bei
Kratzhammer  25  m,  bei  Bärenklau  15  m,  bei  Schlottwitz  10  m,  bei
Häselich  8  m,  unterhalb  Dohna  7  m.

Das  Grimmsche  Wasser  hat  50  m  oberhalb  Reinhardsgrimma,
  der  Quohrner  Bach  bei  Quohren  50  m;  die  Lockwitz  unterhalb
  Kreischa  9  m.

Die  rothe  Weißeritz  hat  oberhalb  der  Schinderbrücke  uur
30  m,  dagegen  beim  Gasthofe  Bärenburg  38  m,  und  im  Pöbelbache,
westlich  von  Schellerhau  35  m,  in  Nieder-Pöbel  25  m,  in  Ober-Karsdorf
  12,  bei  Dippoldiswalde  10,  im  Rabenauer  Grunde  dagegen
wiederum  40  m.

Die  wilde  Weißeritz  hat  oberhalb  Zaunhaus  25  m,  bei
Rehefeld  15,  von  Schönfeld  bis  unterhalb  der  Beerwalder  Mühle  12,
bei  Edler  Krone  jedoch  über  20  m.  ·

Die  vereinigte  Weißeritz  bei  Hainsberg  7  m.

Die  östliche  Mulde  hat  im  Hirschbache  bei  Fischerhaus,
wie  im  Muldenbach  oberhalb  Moldau  in  Böhmen  30  m,  im  Dorfe
Moldau  25,  oberhalb  des  Grenzteiches  11,  unterhalb  Bienmühle  13,
bei  Nassau  10,  bei  Weißenborn  5,  bei  Tuttendorf  4,  bei  Nossen  3  m
Fall.  Von  ihren  Nebenwassern  die  Gimmlitz  an  der  Schmutzler
Mühle  30  m,  unterhalb  der  Frauensteiner  Rathsmühle  12  m;  die
Bobritzsch  in  Hartmannsdorf  zunächst  der  Quelle  35  m,  in
Ober-Bobritzsch  5,  bei  Krummen-Hennersdorf  10;  die  Colmnitz  in
Ober-Pretzschendorf  11  m.

Die  Striegis  hat  in  Wegefahrt  7  m.

Die  Flöha  hat  im  Fleyhbache  bei  Willersdorf  in  Böhmen
        <pb n="40" />
        —  32  —

20  m,  oberhalb  der  Hohenbrücke  bei  Deutsch-Georgenthal  20  m,  bei
Purschenstein  10,  am  Einfluß  der  Schweinitz  8  m  Fall.  Von  den
Nebenbächen  der  Wernsbach  50  m,  das  Rauschenfloß  an  den  Quellen
sogar  100  m,  nahe  der  Mündung  40,  der  Frauenbach  unter  Bad
Einsiedel  75  m.

Die  Schweinitz  hat  bei  Deutsch-Einsiedel  20  m,  bei  Hirschberg
  12  m;  die  Natzschung  an  den  Quellen  30,  bei  Gabrielahütte
  35  m,  der  Töltzschbach  oberhalb  Gabrielahütte  über  35  m.

Die  Schwarze  Pockau,  unterhalb  des  Haßberges  20  m;
unter  dem  Katzsteine  40  m,  oberhalb  Pockau  15  m  Fall.

Die  Flöha  oberhalb  der  Nennigmühle  Zm,  unterhalb  derselben
3  m,  bei  Rauenstein  8  m,  bei  Grünhainichen  15  m,  am  Einfluß
in  die  Zschopau  nur  2,5  m.

Von  den  Zschopauquellenbächen  haben  die  Preßnitzquellen
  bei  Reischdorf  30  m,  am  Kupferhübel  25  m,  oberhalb  Orpus
30  und  40  m;  die  Preßnitz  bei  Schmalzgrube  20  m,  bei  Nieder-Schmiedeberg
  15  m,  am  Einfluß  in  die  Zschopau  10  m.  Das
Schmiedeberger  Schwarzwasser  hat  an  der  Königsmühle
50  m,  bei  Pleil  10  m.  Der  Grenzbach  oder  Pöhlbach,  unmittelbar
  an  der  Schlauderwiese  175  m,  in  dem  auf  dem  Nordabhange
  des  Keilberges  entspringenden,  oberhalb  der  Albinusmühle
einfließenden  Nebenbache  sogar  215  m,  in  dem  Bache  unterhalb  der
Gahlerhäuser  105  m.  Bei  Weipert  hat  derselbe  nur  5  m,  zwischen
Grundmühle  und  Königswalde  wiederum  35  m,  unter  Königswalde
10  m.  Die  weiße  Sehma  hat  im  Quellengebiet  125  m,  am
Zusammenfluß  mit  rother  Sehma  40,  diese  selbst  35  m,  in  Neudorf
20,  in  Buchholz  20  m,  weiter  abwärts  15  m.  Die  Zschopan
hat  im  Quellengebiete  95  m,  östlich  von  den  Kalkbrüchen  38  m,  in
Crottendorf  15  m,  in  Herrmannsdorf  10,  bis  zum  Einfluß  der
Preßnitz  10,  bei  Waldkirchen  3,  an  der  Vereinigung  mit  der  Flöha
2  m,  bei  Frankenberg  2  m,  bei  Kriebstein  8  m,  am  Einfluß  in  die
Mulde  1,2  m.  Die  Wilisch  hat  am  Kalkofen  10,  bei  Gelenau
12  m.

Im  Schwarzwassergebiete  hat  die  große  Mittweida
  im  Quellenbache  160  m,  unter  dem  Gifthüttenberge  50  m,
unter  dem  Hemmberge  35  m,  am  Mittweidaer  Hammer  25  m,  in
Mittweida  20,  in  Raschau  15  m,  unter  Raschau  12  m.  Der  vom
Scheibenberger  Hügel  herkommende  Nebenbach  hat  in  Ober-Scheibe
50  m.  Die  kleine  Mittweida  hat  im  Quellengebiet  100  m,
an  der  Flößzeche  45  m.  Die  westlich  gerichteten,  zum  Pöhlwasser
oder  Kaffbache  fließenden  Nebenbäche  haben  im  nördlichen,  namenlosen
Quellenbache  112  m,  im  Friedrichsbache  80,  im  Luchsbache  110,
        <pb n="41" />
        —  33  —

im  Cunnersbache  75  m;  die  nördliche  Quelle  des  Kaffbaches  110,
die  südliche  Quelle  desselben,  bei  den  Tellerhäusern,  95  m  Fall;  der
Quellenbach  von  Halbmeil  90  m.  Der  Pöhlbach  an  der  Böhmischen
Mühle  20  m,  bei  Hammer-Rittersgrün  18  m.  Das  Schwarzwasser
  hat  in  seinem  Quellenbache  am  Südwestfuße  des  Fichtelberges
  85  m,  unter  Jungenhengst  50  m,  oberhalb  Zwittermühl  15  m,
bei  Wittigsthal  20  m  Fall.  Der  Breitenbach  in  Breitenbach  30  m,
der  Pechofenbach  unter  der  Quelle  120  m,  der  unterhalb  Johanngeorgenstadt
  mündende  Steinbach  unterhalb  Steinbach  50  w.  Das
Schwarzwasser  oberhalb  Breitenhof  15,  bei  Erlahammer  7  m,  bei
Sachsenfeld  10,  oberhalb  Zella  9  m.

Die  Quellenbäche  der  westlichen  Mulde  folgen  von  Ost
nach  West  in  nachstehender  Reihe.  Die  kleine  Bockau,  an  den
Auersberghäusern  mit  80  m,  die  große  Bockau,  an  der  Quelle
mit  60  m,  bei  Wildenthal  und  unterm  Nonnenhause  mit  30  m.
Die  Wiltzsch  unterm  Kranichsee  45  m,  unterhalb  Carlsfeld  36  m,
am  Forsthaus  Wiltzschhaus  30  m,  unterhalb  Wiesenhaus  20  m;  die
große  Pyhra  unterm  Brückenteiche  50  m,  bei  Sachsengrund  25  m,
unterhalb  Morgenröthe  18  m;  die  kleine  Pyhra  urnterhalb  des
Neuberger  Teiches  70  m,  unterhalb  Tannebergsthal  15  m.

Die  weiße  Mulde  an  der  Quelle  bei  Kottenhaide  30  m;
die  rothe  Mulde  an  der  Quelle  bei  Tannenhaus  36  m.  Die
westliche  Mulde  bei  Friedrichsgrün  8  m,  bei  Jägersgrün  12  m,
bei  Rautenkranz  6  m,  bei  Wiltzschhaus  10  m,  am  Bahnhof  Eibenstock
  6  m,  an  Schindlers  Blaufarbenwerk  8  m,  oberhalb  Auerhammer
  9  m,  bei  Stein  4  m,  bei  Fährbrücke  3  m,  bei  Zwickau
2,83  m,  unterhalb  Glauchau  1,5  m.

Von  den  auf  dem  Höhenrücken  zwischen  Mulde  und  Zschopau
entspringenden  Wasserläufen  sind  zu  nennen:  der  Mülsener  Bach,
im  Quellengebiet  am  Promnitzwalde  60  m,  dann  aber  schnell  verflachend,
  in  Neudörfel  auf  12  m,  in  Ortmannsdorf  auf  10  m,  unterhalb
  Thurm  6  m.  Auch  der  Rödlitzbach  hat  an  der  Quelle
nahezu  60  m,  in  Lichtenstein  aber  nur  10  m.  Der  Lungwitzbach
  hat  nur  5  und  4  m,  dagegen  seine  Quellenbäche  von  Oelsnitz
40  m,  von  Lugau  60  m,  von  Kirchberg  45  m,  von  Ursprung  25  m.
Die  Würschnitz  entspringt  in  flacher,  hochgelegener  Mulde  und
hat  bei  Neukirchen  5  m;  die  Zwönitz  hat  oberhalb  Thalheim  20  m,
oberhalb  Einsiedel  15  m,  bei  Erfenschlag  5  m,  die  Chemnitz  bei
Glösa  2,5  m,  an  der  Mündung  in  die  Mulde  5  m.

Auffallend  anders  gestalten  sich  die  Verhältnisse  auf  der  Südseite,
  dem  Südostabhange  des  Gebirges.  Hier  stürzen  die  Bäche  im

3
        <pb n="42" />
        —  34  —

steilsten  Falle  von  den  Quellen  zur  Hochebene  hinunter,  und  aus  den
vielen  Beispielen  seien  nur  einzelne  genannt.

Der  Sernitzbach  mit  150  m,  der  Geyersbach  mit  nahe
an  200  m,  der  Waldbach  bei  Tischau  mit  über  150  m,  der
Grundbach  bei  Bruch  mit  150  m,  der  Flößbach  bei  Ober-Leutensdorf,
  dessen  Quellenzuflüsse  im  Langen  Gründel  130  m,  im
Goldgründel  140  m,  im  Absturz  vom  Schwarzen  Teich  150  m  Fall
haben,  während  der  Hauptbach  bei  Rauschengrund  auf  35  m  verflacht.
Der  Hammerbach  bei  Johnsdorf,  dessen  Quellen  im  Göhrner
Wasser  120  m,  im  Bach  vom  Steinhübel  150  m,  im  Haselsteinbache
  125  m  haben.  Der  Bach  vom  Rothengruber  Forsthaus
bei  Eisenberg  hat  in  der  Mitte  seines  Laufes  über  200  m.  Der
Assigbach  unter  der  Sebastiansberger  Mühle  60  m,  der  Neuhäuser
Bach  50  m,  aber  ein  Nebenbach  desselben  120  m,  und  der  Bach
bei  Metzdorf  100  m.

Noch  steiler  werden  die  Wasserrinnen  in  der  Mitte  des  Gebirges.
  Der  Bach  bei  Pöllma  hat  160  m,  der  Bach  bei  Tamitzschan
120  m,  der  Bach  von  Wenkau  130  m,  der  Bach  von  Steingrün
170  m,  der  Bach  von  Ober-Hals  bei  der  unteren  Hammermühle
230  m,  der  Bach  von  Unter-Hals  190,  der  Bach  von  Weigensdorf
190  m.

Auch  auf  dem  westlichsten  Flügel  des  Gebirges,  im  Thale  der
Zwota,  ist  der  Absturz  ein  bedeutender.  Der  Fünfebach  über  Brunndöbra
  hat  65  m,  sein  Nebenbach  55  m,  der  Bach  von  Steindöbra
unterhalb  des  Teiches  110  m.  Die  Zwota  unter  der  Quelle  52  m,
der  Silberbach  100  m  und  die  beiden  Bäche  oberhalb  Nancy  100  m
und  80  m;  der  Zwieselbach  60  m,  der  Hohnbach  60  m,  die  Rothan
in  Frühbuß  30  m,  an  den  Mühlhäusern  60  m,  unter  dem  Waffenhammer
  bei  Schönlind  70  m,  die  Zwota  unterhalb  Graßlitz  10  m.

Obgleich  das  Erzgebirge  auf  seinen  Abhängen  eine  ganz  außerordentlich
  große  Anzahl  von  Wasserläufen  besitzt,  hat  dasselbe  keinen
Wasserfall  von  einiger  Bedeutung.  Trotzdem  die  Thalrinnen  sehr
oft  selbst  auf  kurze  Entfernungen  ganz  ansehnliche  Höhenunterschiede
aufweisen,  gestalten  sich  die  Thalabsätze  meist  treppenförmig  mit
niedrigen  Stufen,  wie  zahlreiche  Beispiele  belegen.  Es  sei  hier  nur
an  die  stufenförmigen  Fälle  im  Rabenauer  Grunde  und  an  die  verschiedenen
  Stellen  in  den  Thälern  von  östlicher  Mulde,  Flöha,  Zschopau,
Schwarzwasser  und  westlicher  Mulde  erinnert,  welche  letztere  besonders
charakteristisch  oberhalb  Auerhammer  einen  längeren  stufenförmigen
Absatz  herabströmt.  Z„

In  den  Formen  der  Grundbestandtheile  des  Gebirges  wird  an
keiner  Stelle  eine  Querschwelle  gebildet,  welche  mit  einem  hohen
        <pb n="43" />
        —  35  —

Steilabsatze  die  obere  Thalrinne  mit  der  unteren  verbindet.  Es  ist
das  eine  Erscheinung,  welche  fast  in  allen  deutschen  Gebirgen  von
mittler  Erhebung  sich  wiederholt.  «

Schon  aus  den  Umrissen  des  Flußnetzes  und  seiner  Verzweigungen
  lassen  sich  jedoch  entsprechend  Rückschlüsse  auf  die  allgemeinen
  Formen  der  zwischen  den  Thalrinnen  befindlichen  Höhen=  und
Rückenzüge  gewinnen.

Formen  der  Zwischenrücken.

Wie  schon  erwähnt,  giebt  die  östlich  des  Rückenzuges  zwischen
Mulde  und  Weißeritz  auffallend  werdende  Abbiegung  der  Wasserläufe
gegen  Nordost  schon  den  Hinweis,  daß  auf  dem  östlich  dieser  Linie
gelegenen  Territorium  eine  allgemeine  Abdachung  gegen  Nordost  vorwiegt.
  Der  wasserarme,  trockene  Höhenrücken,  welcher  sich  westlich
der  wilden  Weißeritz  vom  Walterberge,  876  m,  bei  Neustadt  bis
zur  Höhe  bei  Klingenberg,  459  m,  erstreckt  und  von  da  zwischen
Bobritzsch  und  Triebisch  sich  noch  weit  in  nordwestlicher  Richtung  in
das  vorliegende  Hügelland  fortsetzt,  bildet  die  gegen  37  km  lange
Grenzlinie  zwischen  der  Nordostabdachung  und  der  Nordwestabdachung
des  Gebirges.

Schon  aus  dem  Flußnetze  erkennt  man  die  langgestreckten,  wellenförmigen,
  plateauartigen  Rücken,  welche  sich  zwischen  den  Thälern
der  Weißeritz,  Lockwitz,  Müglitz,  Seidewitz  und  Gottleuba  vorschieben,
um  in  terrassenähnlichem  Abstiege  gegen  die  Elbe  und  ihre  breite
Thalfläche  niederzugehen.

Westlich  des  genannten  Rückenzuges  vom  Walterberge  zur  Klingenberger
  Höhe,  bez.  der  Höhe  von  Wüsthetzdorf,  wiederholt  es  sich,
daß  zwischen  je  zwei  Hauptthalrinnen  ein  flachrückiger  Höhenzug  sich
weit  vorwärts  streckt,  dessen  beide  Seiten  durch  zahlreiche  Bachläufe
und  Nebenthäler  unterbrochen  und  wechselsvoll  gestaltet  werden.  So
reicht  der  Rückenzug  zwischen  Mulde  und  Flöha,  bez.  Zschopau  über
42  km  weit  nordwärts,  um  von  der  Kammhöhe  von  800  m  bis
auf  400  m  zu  sinken.  Der  Höhenrückenzug  zwischen  Zschopau  und
westlicher  Mulde  ist  sogar  an  49  km  in  nördlicher,  und  45  km  in
nordwestlicher  Richtung  lang,  um  von  der  Kammhöhe  von  1100  m
auf  die  Höhe  von  400  m  herab  zu  gehen.  Berücksichtigt  man  aber
hierbei,  daß  auf  15  km  vom  höchsten  Punkte  des  Gebirges  die  Abdachung
  desselben  gegen  Nordwest  bereits  die  Höhenlage  von  unter

700  m  erreicht  hat,  so  beträgt  der  Fall  dieser  Rückenzüge  auf  eine
Länge  von  etwa  30  km,  oder  weiter  östlich  vom  Centralstocke  des
Gebirges  auf  etwa  25  km  nicht  einmal  300  m;  also  wenig  mehr
als  1:  80.
37
        <pb n="44" />
        Aus  der  Richtung  der  Wasserläufe  der  Quellenbäche  stellt  sich
jedoch  auch  der  Centralstock  des  Gebirges  in  seiner  kuppelförmigen
Erhebung  um  die  Gipfel  des  Keilberges,  Fichtelberges  und  Gottesgaber
  Spitzberges  ganz  deutlich  erkennbar  durch  die  strahlenförmig
von  ihm  aus  nach  allen  Richtungen  hin  sich  erstreckenden  Wasserrinnen
  dar.  Die  allgemeine  Anordnung  derselben  kennzeichnet  den
Umfang  der  Haupterhebung;  ihre  Kürze  nach  Süden  die  Steilheit
des  Absturzes;  die  langgestreckten,  zum  Theil  parallelen  Linien  nach
Norden  hin  die  Verflachung  des  Abhanges.

Ganz  ähnlich,  wenn  auch  in  bedeutend  geringerem  Maße,  kennzeichnet
  sich  die  Erhebung  des  Gebirgszuges  vom  Schatzenstein  mit
seinem  südwestlichen  Ende  im  Spiegelwalde  und  seinem  nordöstlichen
Ende  im  Geyerschen  Walde  durch  die  nach  allen  Richtungen  hin  sich
ergießenden  Wasserläufe.  In  noch  geringerem  Maße,  aber  doch
immer  noch  aus  der  Richtung  der  Wasserläufe  erkennbar,  erhebt  sich
der  Höhenzug  vom  Pfaffenberge  und  Rabensteiner  Wald.

Treffend  wird  der  Charakter  des  ädesten  dieser  Höhenrücken,
des  Hochplateaus  bei  Brand,  zwischen  dem  Gebiete  der  östlichen
Mulde  und  der  Flöha  geschildert:  „Wie  eine  weite,  magere  Trift
mit  unzähligen  Maulwurfshaufen  liegt  die  Gegend  vor  uns;  so  weit
das  Auge  reicht,  Hügel  an  Hügel,  mit  Steingeröll,  Alles  kahl  und
grau,  lauter  verfallene  Halden,  nur  hier  und  da  noch  ein  kleines
Bretterhäuschen  auf  dem  kleinen  Hügel,  selten  ein  Göpelhaus  mit
seiner  zeltartigen  Bretterüberdachung.  Die  Obstbäume  an  der  Straße
sind  längst  verschwunden,  und  Ebereschen  mit  ihren  prächtigen  rothen
Fruchtbüschen  sind  an  die  Stelle  getreten.“  (Europa.  1855,  Nr.  50.)

Ebenso  wie  der  Rücken  des  Gebirges  und  die  Rückenzüge  der
nach  Norden,  bez.  nach  Nordwest  weit  vorgeschobenen  Gebirgszweige
den  Charakter  der  einförmigen  Hochebene  annehmen,  ebenso  entbehrt
ein  großer  Theil  der  nach  den  Thälern  gerichteter  Abhänge  der  Abwechselung
  und  Mannigfaltigkeit.  Die  Thaleinsenkungen  sind  wenig
geneigte,  einförmige  Mulden  mit  langgestreckten,  wenig  gesenkten  Einfassungen,
  und  erst  nachdem  sie  einen  gewissen  Abschnitt  durchlaufen
haben,  tritt  ein  Wechsel  der  Oberflächengestaltungen  ein.

Das  Erzgebirge  in  seiner  breiten  Erhebung  wird  durch  eine
Reihe  von  Thälern  in  Abschnitte  zerlegt,  und  alle  Thäler  kennzeichnen
sich  als  Spalten,  welche  in  die  Oberfläche  eingerissen  sind.

Schlußsätze.
Nur  in  den  tiefen,  zacken=  und  klippenreichen  Einschnitten  der
Hochfläche,  deren  Erhebung  an  sich  schon  den  Begriff  des  Gebirges
        <pb n="45" />
        —  37  —

bedingen  würde,  erhält  man,  wenigstens  auf  der  Nordseite  des  Gebirgskammes,
  den  eigentlichen  Eindruck  eines  Gebirges.

Reich  an  landschaftlichem  Schmuck,  köstlichen  Formen,  Interesse
erregender  Bildung  und  anmuthiger  Gestaltung,  schon  am  Fuße  des
Gebirges  mit  schroffen  Thalhängen  beginnend,  mit  aufragenden  Felsensporen
  und  vorstehenden  Klippen,  steilem  Geröll,  großen  und  kleinen
Blöcken,  hoch  aufgerichteten  Wänden  reich  geschmückt  mit
Gräsern  und  Blumen,  umkränzt  mit  Buschwerk  und  Gesträuch,  mit
Nadelholz  oder  Laubwald;  bald  zu  frischen  Thalschluchten  sich  verengend,
  in  welchen  der  rauschende  Bach  über  Absätze  und  Klippen
glitzernd  dahinschießt,  bald  zu  breiten  Auen  sich  erweiternd,  wo  in
zahllosen  Biegungen  und  Windungen  der  Bach  langsam  dahin  fließt.

.  An  jeder  einzelnen  Wasserader  wiederholen  sich  anmuthige  wie
ernste  Bilder.

Eine  große  Anzahl  der  schönen  Punkte  auf  dem  nördlichen  Abhange
  des  Erzgebirges  ist  bis  heute  noch  nicht  hinreichend  gewürdigt,
und  es  ist  vielleicht  am  Orte,  die  hauptsächlichsten  kurz  zusammenzufassen.


Im  Osten  beginnend  das  Thal  der  Gottleuba  von  Rottwernsdorf
  bis  oberhalb  Gottleuba  und  das  Nebenthal  des  Bahrabaches  bis
Bahra;  das  Thal  des  Seidewitzbaches  oberhalb  Seidewitz  bis  über
Liebstadt;  das  Thal  der  Müglitz  von  seinem  Austritt  in  die  Elbniederung
  an  aufwärts  bis  oberhalb  Kratzhammer,  und  das  Nebenthal
  des  rothen  Wassers  bis  an  seine  Quellen  bei  Zinnwald;  das
Thal  des  Lockwitzbaches  zwischen  Lockwitz  und  Reinhardsgrimma,
ferner  das  köstliche  Thal  der  rothen  Weißeritz  zwischen  Coßmannsdorf
  und  Rabenau  und  von  Schmiedeberg  an  bis  zu  den  Quellen,
wie  das  Nebenthal  des  Pöbelbaches.  Das  Thal  der  wilden  Weißeritz
von  Coßmannsdorf  aufwärts  in  seinem  ganzen  Laufe  bis  zu  den
Quellen  bei  Neustadt  in  Böhmen;  das  Thal  der  östlichen  Mulde
von  Nossen  bis  Altväter-Wasserleitung,  und  aufwärts  von  Mulda
bis  gegen  die  Quellen,  so  wie  das  Nebenthal  der  Bobritzsch  bis  oberhalb
  Krumm-Hennersdorf  und  das  Nebenthal  der  Gimmlitz  oberhalb
Lichtenberg  bis  zu  den  Quellen.  Das  Thal  der  großen  Striegis
von  Striegis  bis  gegen  Wegefahrt.  Das  Thal  der  unteren  Zschopan
von  Schweta  bis  Flöha;  das  Thal  der  Flöha  mit  den  Nebenthälern
der  großen  Lößnitz,  des  Seidenbaches  und  des  Bielabaches,  der  Pockau,
der  Schweinitz  und  der  Natzschung  mit  dem  Töltzschbache;  das  Thal
der  Zschopau  aufwärts  bis  Hermannsdorf  mit  dem  Nebenthal  der
Wilisch  bis  Gelenau,  der  Preßnitz  bis  Christophshammer,  des  Schmiedeberger
  Schwarzwassers  bis  Pleil,  des  Pöhlbaches  zwischen  Königswalde
  und  Weipert,  der  Sehma  bis  Buchholz.  Gebirgsabwärts  das
        <pb n="46" />
        —  38  —

Thal  der  Zwönitz  zwischen  Einsiedel  und  Burkhardsdorf,  das  Thal
der  Chemnitz  zwischen  Steina  und  Auerswalde.  Im  Westen  das  Thal
der  Mulde  von  Haßlau  aufwärts  bis  Hammerbrück,  mit  den  Nebenthälern
  des  Lößnitz=  und  Rumpelsbaches  bei  Zella,  der  großen  Pockau,
der  Wiltzsch,  der  großen  und  kleinen  Pyhra,  des  Schwarzwassers  in
seinem  ganzen  Laufe,  bis  zu  den  Quellenbächen  bei  Zwittermühl,
Breitenbach  und  Steinbach,  der  großen  Mittweida  oberhalb  Markersbach,
  des  Pöhlwassers  oder  Kaffbaches  oberhalb  Groß-Pöhla.

Der  Eindruck  des  Erzgebirges  wird  erst  ein  vollständiger,  wenn
man  seine  Thäler  besucht,  und  von  den  Thälern  aus  die  Höhenrücken
und  Berggipfel.  Zahlreich  sind  die  Höhenpunkte,  welche  umfassende
Rundsichten  gewähren,  und  von  nicht  wenigen  hoch  gelegenen  Punkten
blickt  man  auf  Landschaftsbilder  voller  Anmuth  und  Lieblichkeit.  Es
ist  nicht  möglich,  sie  alle  zu  nennen,  doch  mögen  unter  den  Höhenpunkten
  die  nachstehenden  besonders  hervorgehoben  sein:  der  Cottaer
Spitzberg,  die  Hermsdorfer,  die  Seydaer  Höhe,  Schloß  Augustusburg,
der  Lauterbacher  Knochen,  der  Kemtauer  Felsen,  der  Elterleiner
Thurmaustritt,  der  Spiegelwaldthurm,  der  Gleesberg,  alle  mit  ihren
vortrefflichen  Gebirgsansichten;  der  Bärensteinberg,  der  vordere  Fichtelberg
  und  der  Keilberg  auf  dem  Kamme  des  Gebirges.

L.  Geognostische  und  geologische  Verhältnisse.

Während  der  Nordabhang  des  Gebirges  aus  der  Ebene  und
dem  Hügellande  nur  allmälig,  und  wenn  man  so  sagen  soll,  einförmig
gegen  den  Rückenzug  des  Gebirges  aufsteigt,  bietet  es  in  seinem
inneren  Aufbau  die  außerordentlichste  Mannigfaltigkeit.  Die  sich  über
einander  schichtenden  verschiedenen  Gesteinsmassen  bilden  fünf  verschiedene
  Gebirgsglieder  (drei  Erhebungen  und  zwei  Einsenkungen),
von  denen  nur  das  südlichste  Glied  mit  dem  eigentlichen  Kamme  des
Gebirges  besonders  scharf  hervortritt,  während  alle  anderen,  wenigstens
äußerlich,  völlig  mit  einander  verbunden  und  in  einander  übergegangen

einen.
5“  So  sehr  die  Oberflächengestalt  eines  Landes  durch  seinen  inneren
Bau  bedingt  wird,  giebt  gerade  das  Erzgebirge  den  Beleg,  daß  die
äußere  Form  wohl  von  den  zu  Grunde  liegenden  Bestandtheilen  abhängt,
  dieselben  aber  in  den  meisten  Fällen  nicht  schon  durch  den
ersten  Anblick  zu  erkennen  sind.

Die  Erhöhungen,  Vertiefungen  und  Einsenkungen,  die  Buckel
und  Falten  der  Oberfläche  hängen  von  den  Lagerungsverhältnissen
        <pb n="47" />
        —  39  —

der  hauptsächlichsten  Gesteinsarten  des  Gebirges  ab,  welche  durch  ihre
Neigung  oder  Aufrichtung  die  verschiedenen  Formen  hervorgerufen  haben.

Dem  allgemeinen  geologischen  Aufbau  der  erzgebirgischen  Erhebung
  liegt  im  großen  Ganzen  ein  System  von  drei  Falten  zu
Grunde,  welche  sich  in  der  Richtung  von  Südwestsüd  nach  Ostnordost
erstrecken.  Das  Gebiet  derselben  besteht  aus  den  ältesten  geschichteten
Gesteinsformationen,  hauptsächlich  der  Thonschiefer-,  Glimmerschieferund
  Phyllitformation,  der  Gneiß=  und  Granulitformation,  so  wie  in
geringerer  Ausdehnung  der  Grauwackenformation.  Nächstdem,  wenn
auch  in  weniger  bedeutendem  Umfange  aus  Eruptivgesteinen,  als
Granit,  Porphyr,  Basalt  u.  s.  w.  .

DiegrößteundsüdlichstedieserdreiFaltenerhebungenbildet
das  Erzgebirge,  dessen  Kamm  über  700  m  hoch  erhoben  ist,  zu
neun  Zehnteln  über  800  m,  zu  fast  einem  Viertel  sogar  über  1000  m,
welches  mit  seinem  steilen  Absturz  gegen  Südost  die  Bruchkante  seiner
Erhebung  bezeichnet.

Die  zweite,  mittle  dieser  Falten  bildet  das  sächsische  Mittel=  oder
Granulitgebirge,  welches  aus  der  Gegend  von  Glauchau  bis  gegen
Roßwein  reicht,  und  in  dem  Höhenzuge  von  Hohenstein  und  vom
Rabensteiner  Wald  seine  höchste  Höhe  mit  485  m  erreicht.

Die  dritte,  niedrigste  dieser  Falten  liegt  im  nördlichen  Hügellande,
  weit  vom  eigentlichen  Gebirgsfuße  entfernt  und  hat  im  Collmberge
  bei  Oschatz,  314  m,  ihre  höchste  Erhebung.

Zwischen  dem  Erzgebirge  und  Mittelgebirge  liegt  das  erzgebirgische
  Becken  mit  seinen  aus  erzgebirgischen  und  mittelgebirgischen
Gesteinstrümmern  zusammengesetzten  Schichten  des  Rothliegenden,
zwischen  welchen  mannigfaltig  Eruptivgesteine  und  vulkanische  Tuffe
eingeschaltet  sind).

Das  große  trapezförmige  Gebiet  der  Erzgebirgserhebung,  dessen
südöstliche  Begrenzung  eine  nahezu  gerade  Linie  von  Falkenau  an
der  Eger  bis  Vorder-Tellnitz,  bez.  Königswalde  unterm  Schneeberge
bildet,  wird  auf  der  Nordostseite  wiederum  ziemlich  geradlinig  etwa
von  Berggießhübel  bis  gegen  Lommatzsch,  auf  der  Westseite  von  der
Linie  Falkenau-Schöneck  und  der  Wasserscheide  zwischen  Pleiße  und
Mulde  begrenzt,  wenn  auch  die  geognostische  Formation  weiter  nach
Westen  reicht;  endlich  nach  Nordwest  von  der  Linie  Glauchau,  Rochlitz,
Döbeln.  Diese  Linien  umfassen  ein  großes  Gebiet,  welches  in  der
Hauptsache  von  Gneiß,  Glimmerschiefer,  Thonschiefer  eingenommen
wird,  während  Granulit,  Granit,  Serpentin,  Porphyr,  Phono-*)

  Vergl.  H.  Credner,  Oberbergrath,  Das  erzgebirgische  Faltensystem.
  1883  (im  Bericht  des  Allgem.  Bergmannstages).
        <pb n="48" />
        —  40  —

lith  und  Basalt  an  zahlreichen  Stellen  durch  die  sedimentären  Gesteinsformen
  durchgebrochen  sind").

Die  westliche  Grenzlinie  des  Erzgebirges  zieht  sich  durch  das
Gebiet  der  Thonschiefer,  cambrisch-phyllitischen  Schiefer  und  im  Höhenzuge
  der  Hartha  durch  Rothliegendes  hin.

Die  erzgebirgischen  Schiefer  sind  bei  aller  scheinbaren,  äußerlichen
  Einfachheit  und  Einförmigkeit  von  einer  ganz  außerordentlichen
Mannigfaltigkeit  und  die  althergebrachten  Bezeichnungen  Thonschiefer,
Glimmerschiefer  u.  s.  w.  reichen  nicht  mehr  aus,  seitdem  die  Bestandtheile
  derselben  wissenschaftlich  bestimmt  und  gegliedert  worden  sind.
Die  chemische  Analyse,  die  Untersuchungen  vermittelst  des  Mikroskopes
in  Bezug  auf  Form  und  Verhalten  der  Bestandtheile  u.  s.  w.  haben
zahlreiche  Unterschiede  und  Verschiedenheiten  erkennen  lassen,  welche
früher  vollständig  unbekannt  waren.  In  den  ältesten  Schieferformationen
  hat  man  versteinerte  Pflanzenblätter  und  Pflanzenüberreste,
so  wie  Pflanzenabdrücke  gefunden,  und  diese  sämmtlichen  Formen
mit  dem  Namen  Phyllite  bezeichnet,  so  daß  man  glimmerige  (die
untere  Stufe)  Phyllite  und  thonschieferähnliche  (die  obere  Stufe),
graue,  grüne,  violette  Phyllite  von  einander  unterscheidet.  Auch  die
tiefsten  Schichten  der  oberen,  schwarze  Kohlenstoff  führende  Grauwackenformation
  (das  Cambrium)  hat  man  dort  nachzuweisen  vermocht,
  wo  man  sie  bis  jetzt  nicht  kannte.

Die  Grauwacke  bezeichnet  man  als  das  älteste  der  durch
Niederschlag  im  Meere  entstandenen  Gesteine,  und  zeigt  sie  sich  theils
als  grob=  oder  feinkörniger  Grauwackensandstein,  oder  als  grobkörniges
Grauwackenconglomerat,  eine  Anhäufung  von  Grauwackenbruch,  oder
als  thoniger,  schiefriger  Grauwackenschiefer.  Man  unterscheidet  ferner
ältere  (untere)  und  jüngere  (obere)  Grauwackengesteine,  welche  letztere
außerordentlich  reich  an  Versteinerungen  sind.

Der  Thonschiefer  ist  entweder  feinerdiger,  dick  oder  dünnschiefriger,
  verschieden  gefärbter  gemeiner  Thonschiefer,  oder  beim
Uebergange  zum  Glimmerschiefrr  Glimmerthonschiefer,  oder
an  den  Berührungsflächen  mit  Granit,  Syenit  u.  s.  w.  Fruchtschiefer
  oder  dünnschiefriger,  bläulich-  bis  schwärzlich  grauer  Dachschiefer.
  Kalkthonschiefer  und  Alaunschiefer  sind  im  Erzgebirge
selten.  Der  Thonschiefer  ist  ein  sehr  feines  und  inniges  Gemenge
von  Quarz  und  Glimmer,  sehr  dünnschiefrig,  deutlich  geschichtet,  leicht

*)  Vergl.  Erläuterung  zur  geologischen  Specialkarte  von  Sachsen  in  1:25000
d.  n.  Gr.  H.  Credner,  Oberbergrath,  Leipzig,  Engelmann.  Die  Erläuterungshefte
  der  betr.  Blätter  sind  bearbeitet  von  Herrn  R.  Beck,  G.  R.  Credner,
K.  Dalmer,  E.  Dathe,  J.  Hakard  J.  Lehmann,  H.  Mietsch,  H.  Müller,  A.
Rothpelz,  A.  Sauer,  F.  Schalch,  M.  Schröder,  Th.  Siegert,  T.  Sterzel.
        <pb n="49" />
        —  41  —

spaltbar,  vorwiegend  bläulich-grau  oder  grünlich-grau,  doch  auch  verschiedenfarbig,
  weiß,  grün,  blau  roth,  grau,  schwarz.

Der  Glimmerschiefer  besteht  aus  Quarz  und  Glimmer
mit  schiefriger  Textur.  Er  enthält  sehr  häufig  Erze,  Alaun,  Hornblende
  u.  s.  w.  Der  Glimmerschiefer  ist  eine  weit  verbreitete  Gebirgsart.
  Sein  Name  und  äußeres  Ansehen  beruht  auf  dem  ihm
beigemengten  Glimmer.  Der  Glimmer  besteht  aus  dünnen,  elastischen,
biegsamen,  spaltbaren  Blättchen  mit  metallähnlichem  Perlmutterglanze,
daher  Katzengold  und  Katzensilber,  ist  optisch  theils  einachsig,  theils
zweiachsig,  im  Zusammenhang  mit  seiner  chemischen  Beschaffenheit,
und  wird  als  Kaliglimmer,  Magnesiaglimmer,  Lithionglimmer  u.  s.  w.
unterschieden.

Der  Kaliglimmer  (#Muscovit)  ist  außerordentlich  verbreitet
und  bildet  einen  wesentlichen  Bestandtheil  vieler  Gebirgsarten,  nicht
blos  des  Glimmerschiefers,  sondern  auch  des  Granites  und  Gneißes.
Besonders  schön  wird  er  bei  Zinnwald  gefunden.  Derselbe  besteht
hauptsächlich  aus  kieselsaurer  Thonerde.  Man  findet  hellen  Glimmerschiefer
  (Muscovitschiefer)  am  vorderen  und  hinteren  Fichtelberge  und
vielen  anderen  Stellen,  doch  ist  auch  der  dunkle  Glimmerschiefer  weit
verbreitet.

Der  dem  Kaliglimmer  sehr  ähnliche  Lithionglimmer  wird  bei
Altenberg  und  Zinnwald  gefunden.  Der  Magnesiaglimmer  bildet
einen  Bestandtheil  von  Basalten,  Trachyten,  Porphyren  und  Graniten,
ist  aber  selten.

Im  Glimmerschiefergebiete  sind  zahlreiche  Erzlagerstätten  von
Kupferkies,  Roth-,  Braun=  und  Magneteisenstein,  Blende  (Spießglanz-,
Mangan-,  Zink-,  Silber-Blende),  Feld-,  Kalk-,  Flußspath  u.  s.  w.  in
Gängen,  Flötzen  oder  Nestern.

Glimmerschiefer,  heller  und  dunkler,  Thonschiefer,  Gneißglimmerschiefer,
  Gneiß,  Granit  u.  s.  w.  stoßen  an  zahllosen  Stellen  an  einander
  und  geben  beinahe  ebenso  zahlreiche  Uebergangsbildungen  von
der  mannigfachsten  Verschiedenheit.

Der  Gneiß,  ein  schiefriges,  krystallinisches  Gemenge  von
Quarz,  Feldspath  und  Glimmer  ist  in  Bezug  auf  seine  Bestandtheile
nicht  vom  Granit  zu  unterscheiden,  sondern  nur  durch  seine  schiefrige
Textur  und  durch  den  Parallelismus  der  Glimmerblättchen.  Nach
Leopold  v.  Buch  ist  der  Gneiß  bei  Erhebung  des  Granites  aus
Schiefern  entstanden.

Der  Gneiß  gehört  zu  den  Gesteinen,  in  denen  der  Feldspath
die  Grundmasse  bildet.  Der  gemeine  Feldspath  (Pegmatolith)  ist  ein
Hauptbestandtheil  von  Gneiß,  Granit,  Syenit  und  einzelnen  Porphyren;

  der  feinkörnige  und  dichte  Feldspath  (Feldstein)  des  Granulit
        <pb n="50" />
        —  42  —

und  der  meisten  Porphyre.  Der  Feldspath  besteht  aus  kieselsaurer
Thonerde  und  kieselsaurem  Kali  in  verschiedenen  Varietäten  und  bildet
bei  seiner  Verwitterung  das  Kaolin.

Die  Gneißformation  bildet  den  ganzen  östlichen  Theil  des  Erzgebirges
  und  reicht,  allerdings  vielfach  von  Graniten,  Porphyren  und
Basalten  u.  s.  w.  durchbrochen,  bis  an  den  Centralstock  des  Gebirges
und  bis  an  den  Oberlauf  der  Zschopau  bei  Schlettau  und  Tanneberg
  heran.  Auf  der  Nordostgrenze  der  Gebirgserhebung  geht  sie
bis  Tharandt  und  bis  in  die  Gegend  von  Nossen.  Ihre  Westgrenze
zieht  sich  über  Bräunsdorf  und  Oederan  ungefähr  an  der  Zschopan
südwärts  herauf  bis  gegen  Ehrenfriedersdorf  und  Geyer.  ·

Das  Gneißgebiet  hat  die  denkbar  einfachsten  Formen,  scharf  ein—
geschnittene  Thäler  zwischen  schwach  wellenförmigen  Plateaus.  Zweiglimmeriger
  oder  grauer  Gneiß  und  Muscovit=  oder  rother  Gneiß
herrschen  bald  hier,  bald  dort  vor;  bald  mehr  oder  weniger  glimmerreich,
  bald  kleinschuppig,  bald  großschuppiger,  mehr  oder  weniger  von
Einlagerungen  und  untergeordneten  Gliedern  der  Formation  durchsetzt,
wie  Serpentinstein,  Hornblendegneiß,  Eklogit,  krystallinischen  Kalkstein,
Quarzitschiefer,  Granatfels=  und  Strahlsteinlager  mit  Magneteisenstein.
Die  rothen  Gneiße,  Muscovitgneiße,  wiegen  im  Westen  des  Gneißgebietes
  vor,  während  die  zweiglimmrigen  Gneiße,  von  weißem  bis
zu  schwarzem  Gneiße  die  geringere  Menge  bilden,  und  die  grauen
Gneiße,  Biotitgneiße,  ihr  Vorkommen  auf  die  östlichen  Theile  des
Erzgebirges  beschränken.

Der  Kupferhübel  bei  Kupferberg  ist  ein  in  die  Höhe  gehobenes
Granat-Strahlstein  -Magneteisenerzlager  an  der  Grenze  von  Gneiß
und  Glimmerschiefer.

Das  ausgedehnte  Gebiet  von  Glimmerschiefer,  Thonschiefer  und
Gneiß  wird  an  zahlreichen  Stellen  von  Eruptivgesteinen  durchbrochen.
In  erster  Stelle  vom  Granit,  in  zweiter  von  den  Porphyren,
in  dritter  von  den  Basalten  und  basaltähnlichen  Gesteinen,  welche
allem  Anscheine  nach  in  glühend  flüssigem  Zustande  durch  die  Erhebungsspalten
  des  Gebirges  emporgedrungen  und  erkaltet  sind.

Der  Granit  besteht  aus  einem  grob-,  mittel=  oder  feinkörnigen,
krystallinischen  Gemenge  von  Feldspath,  Quarz  und  Glimmer.  Der
Feldspath  ist  entweder  gemeiner  Feldspath  (Orthoklas  oder  Pegmatolith)
oder  Oligoklas  (eine  Abart  des  Feldspathes,  ein  veränderter  Albit).
Der  Granit  ist  oft  reich  an  Erzgängen.  Besonders  zu  nennen  ist
der  in  ihm  vorkommende  Turmalin,  meist  schwarze,  glasglänzende
Krystalle  von  sehr  complicirter  chemischer  Zusammensetzung,  welche
beim  Erwärmen  elektrisch  werden.  Der  Turmalin,  gewöhnlich  Schörl
genannt,  wird  bei  Eibenstock,  Ehrenfriedersdorf,  Geyer  u.  s.  w.  gefunden.
        <pb n="51" />
        —  43  —

Das  Territorium  der  Sedimentformationen  wird  zunächst  von
dem  großen  Gebiet  des  sogenannten  Eibenstocker  Granites  unterbrochen,
das  sich  aus  der  Gegend  von  Graßlitz  bis  über  Platten,  so  wie  aus
der  Umgebung  von  Morgenröthe  bis  Schlackenwerth  erstreckt.  Die
Granitformation  besteht  aus  dem  sogenannten  Eibenstocker  Turmalingranit,
  von  Gängen  jüngerer  Eruptivgesteine,  wie  auch  von  Erzgängen
  durchsetzt.  Nahe  dem  Nordostrande  desselben  liegen  kleinere
Granitparthieen  bei  Oberschlema,  Aue  und  Lauter,  weiter  davon  im
Nordosten  inselförmig  die  Granitdurchbrüche  bei  Geyer  und  Ehrenfriedersdorf;
  im  Nordwesten  das  rings  vom  Schiefergebirge  umgebene
  Granitmassiv  von  Kirchberg.  Weit  im  Osten  des  Gebirges
die  Granitdurchbrüche  auf  dem  Kamme  des  Gebirges,  bei  Kühnhaide
und  bei  Rübenau,  so  wie  am  Bärensteinberge  und  seinen  Abhängen;
ferner  bei  Fleyh  und  Moldau  und  bei  Altenberg,  so  wie  auf  dem
Gebirgsabhange  bei  Sohra  und  Bobritzsch.

Der  Eibenstocker  Granit  ist  vorwiegend  grobkörnig,  aber  auch
fein=  und  mittelkörnig;  die  Granitparthieen  bei  Geyer  sind  arm  an
Glimmer,  reich  an  Plagioklas  und  haben  ein  ziemlich  gleichmäßiges,
mittelgroßes  Korn.  Dagegen  hat  der  Granit,  besonders  am  Geyerlschen
  Stockwerk  eine  eigenthümliche,  riesengranitische  Struktur  angenommen.
  Alle  freistehenden  Granitkuppen  haben,  wie  dies  besonders
an  den  Felsen  des  Greifensteines  bemerkbar  wird,  aber  auch  am
Bärensteinberge  und  anderen,  eine  ausgeprägt  plattenförmige,  matratzenoder
  wollsackähnliche  Form  angenommen,  wie  dies  verhältnißmäßig
entwickelt  an  allen  freistehenden  Felsenecken  und  Vorsprüngen  nachgewiesen
  werden  kann.  Ueberall  da,  wo  der  Granit  den  Einwirkungen
der  Atmosphäre  ausgesetzt  war,  hat  er  eine  tiefgreifende  Zersetzung
erlitten,  so  daß  man  ihn  früher,  besonders  durch  die  Formen  des
Greifensteines  in  dieser  Ansicht  bestärkt,  allgemein  für  ein  geschichtetes
Gestein  hielt.  Teufelstein,  Hefenklöße  und  zahlreiche  andere  Felsen
der  granitischen  Formation  mit  ihrer  Staffage  unterstützten  diese  Ansicht
  lange  Zeit.

Alle  Ablagerungsstrecken  der  zahlreichen  Gewässer  im  Granitgebiete
  waren  in  früheren  Zeiten  Zinnseifen.  Zahlreiche  Ueberreste
von  Raithalden,  Ausschachtungen,  Dammschüttungen  u.  s.  w.  lassen
noch  heute,  trotz  mannigfacher  Veränderungen  viele  dieser  Stellen
ganz  deutlich  erkennen.

Die  zahlreichen  Varietäten  des  Porphyrs  bilden  eine  zweite,
zum  Theil  über  die  Grenzen  der  Erzgebirgserhebung  hinaus  greifende
Reihe  von  Durchbrüchen  und  Spaltenauffüllungen  der  älteren  Ablagerungsmassen.
  Der  Porphyr  ist  ein  dichtes,  feinkörniges,  meist
feldspathreiches  Gestein,  dessen  zahlreiche  Varietäten  in  den  verschiedenen
        <pb n="52" />
        —  44  —

Arten  von  Felsitporphyr  oder  eigentlichem  Porphyr,  Quarzporphyr,
und  dem  Porphyrit  oder  quarzfreiem  Porphyr,  ferner  den  Granitporphyr,
  Grünsteinporphyr,  Basaltporphyr,  Serpentinporphyr  u.  s.  w.
zusammengefaßt  werden.

Besonders  die  Osthälfte  des  Gebirges,  vor  Allem  die  Gegend
von  Altenberg,  Frauenstein,  Nassau,  Sayda,  Dippoldiswalde,  Freiberg
wird  von  zahlreichen  Porphyrgängen  durchschnitten,  von  denen  einzelne
eine  Länge  von  15  und  20  km  haben.  Eine  ganze  Gruppe  derartiger
  Gänge  ist  bei  Liebstadt,  Dippoldiswalde,  Randeck;  eine  kreisförmige
  Gruppe  von  Porphyrstöcken  im  Tharandter  Walde;  ein
größeres,  geschlossenes  Porphyrgebiet  zwischen  Klostergrab  und  Graupen
einerseits  und  Dippoldiswalde  andrerseits.  Auch  zwischen  Chemnitz,
Frankenberg  und  Oederan  befindet  sich  eine  Gruppe  von  Porphyrdurchbrüchen.
  Besonders  zu  nennen  ist  der  Burgberg  bei  Lichtenberg
(Quarzporphyr),  eine  mächtig  aufragende,  ruinenartig  verwitterte
Kuppe;  ferner  die  Felskuppe,  auf  welcher  das  Schloß  Frauenstein
steht;  vor  Allem  aber  der  aus  dem  weiten,  durch  Abschwemmung
der  rings  umgebenden  Gneiß-Glimmerschiefer=  und  der  Phyllit-Formation
  angehörenden  Hornblendeschiefer,  Kalkschiefer  u.  s.  w.  entstandenen,
  umfangreichen  Beckens  der  500  m-Erhebung  inmitten  derselben
  aufragende  Schellenberg  mit  dem  Schlosse  Augustusburg.

Der  Serpentin,  ebenfalls  eine  Eruptiv-Gesteinsart,  welche
jedoch  nicht  selten  den  Charakter  des  Porphyr  annimmt,  kommt  an
verschiedenen  Stellen  des  Obergebirges  vor,  hauptsächlich  bei  Zöblitz,
aber  auch  anderwärts.  Im  niederen  Erzgebirge  findet  man  ihn  bei
Hohenstein,  Lichtenstein,  Waldenburg,  sowie  in  der  Gegend  von
Waldheim.

Die  dritte  Reihe  der  eruptiven  Durchbrüche  auf  dem  Erzgebirge
wird  von  den  Basalten  und  basaltähnlichen  Gesteinen  gebildet.
Der  Basalt,  unzweifelhaft  vulkanischen  Ursprunges,  ein  dichtes  Gemenge
  von  Feldspath,  Augit  und  Magneteisenstein,  bläulich  schwarz,
jedoch  bald  heller,  bald  dunkler,  erscheint  meist  in  abgesonderten,  vorwiegend
  sechsseitigen  Säulen,  von  verschiedener  Stärke.  Von  nur
wenigen  Centimentern  bis  zu  ganzen  Metern  Stärke,  und  ebenso  von
wechselnder  Länge  bis  zu  20  m  und  mehr.  Die  Säulen  sind  nicht
selten  gegliedert,  so  daß  die  Enden  in  einander  passen.  Der  derselben
Gattung  angehörende  Klingstein  (Phonolith)  ist  ebenfalls  sehr  hart
und  wird  in  plattenförmiger  Absonderung  gefunden,  wo  die  dünnen
Platten  beim  Anschlagen  hell  klingen.  Er  ist  grau,  gelblich=  oder
dunkelgrünlich  und  besteht  aus  einem  dichten  Gemenge  von  Feldspath
und  Zeolith  oder  Nephelin.

Vom  Schönauer  Felsen  an  (bei  Graßlitz,  westlich  der  Zwota)
        <pb n="53" />
        bilden  der  Pleßberg  bei  Abertham,  die  Steinhöhe  bei  Seiffen,  der
Spitzberg  bei  Gottesgab  (die  letzteren  beide  Nephelinbasalt),  der
Weberberg  bei  Hofberg,  der  kleine,  mittle  und  große  Spitzberg  bei
Preßnitz,  der  Haßberg,  der  Hirtstein  bei  Satzung,  die  Basaltgruppe
bei  Neudorf  eine  nahezu  geschlossene  Linie  in  der  Haupterhebung  des
Gebirges.  Weit  östlich  vorgeschoben  ist  die  Steinkuppe  bei  Holzhau,
mit  ihren  ausgezeichneten  säulenförmigen  Absonderungen  von  Nephelinbasalt,
  ½  m  stark,  5  m  lang,  nach  dem  Gipfel  der  Kuppe  convergirend.
  Weit  im  Norden  liegt  die  Basaltkuppe  des  Landberges
im  Porphyrgebiet  des  Tharandter  Waldes.  "

Von  dem  Centralstocke  des  Gebirges  liegen  die  drei  charakteristischen
  Basaltberge:  der  Bärenstein,  der  Pöhlberg,  der  Scheibenberger
Hügel.  Der  Bärenstein  und  der  Pöhlberg  zeigen,  namentlich  von
Ost  und  West  ein  außerordentlich  kenntliches  Profil.  Der  Pöhlberg,
ein  mächtig  langgestreckter  Steinwall  mit  waagerechtem  Scheitel,  hat
einen  steilen  Südabfall;  seine  Nordseite  ist  fast  senkrecht.  Der  Bärenstein
  hat  dieselbe  Form,  nur  sind  Nord=  und  Südabfall  gleich  steil.
Den  Scheibenberg  nennt  Naumann“")  (Lehrbuch  der  Geognosie)
den  unbezweifelt  interessantesten  von  allen  Basaltbergen  Sachsens.
„Wie  kaum  an  einem  anderen  Basaltberge  dieses  Gebietes  ist  die
säulenförmige  Absonderung  ausgeprägt.  An  der  nördlichen  Kuppe
sind  die  Säulen  durchschnittlich  1  bis  2,  ja  fast  3  m  stark,  gegen
20  m  lang,  meist  vertikal  und  regelmäßig  neben  einander  geordnet.
An  der  südlichen  Kuppe  sind  die  Säulen  schwächer  und  vielfach  geneigt.
  Die  Säulen  sind  stumpfkantig,  sechsseitig.“  Der  Scheibenberg
gab  Werner'“)  Veranlassung,  die  Frage  über  den  neptunischen  oder
vulkanischen  Ursprung  des  Basaltes  anzuregen.

Auf  dem  Südostabhange  des  Gebirges  ist  zwischen  Neu-Rohlau
und  Kaaden  ein  höchst  interessantes  Gebiet  basaltischer  und  phonolithischer
  Gesteine  und  Formen.  .

Zwischen  dem  nordwestlichen  Erzgebirgsabhange  des  Stollberger
Höhenzuges  und  dem  in  nordöstlicher  Richtung  sich  erstreckenden
Glimmerschieferrücken  der  Langenberger  Höhe  und  des  Todtensteines
ist  die  breite  Mulde  durch  das  Rothliegende  und  die  Steinkohlenformation
  ausgefüllt.  Die  flachhügelige  Ebene,  die  breitsohligen
Thäler  mit  ihren  sanften  Hängen,  die  bewaldeten  Bergkuppen  und
vor  ihnen  die  saftig  grünen  Wiesen  und  stattlichen  Felder  bieten
zahlreiche  anmuthige  Landschaftsbilder.  Auf  dem  Glimmerschiefer-*)

  Naumann,  Karl  Friedrich,  Mineralog  und  Geognost.,  geb.  1797.
*“)  Werner,  Abraham  Gottlob,  geb.  1750,  seit  1775  Lehrer  an  der  Bergakademie
  zu  Freiberg,  gest.  1817  in  Dresden.
        <pb n="54" />
        —  46  —

rücken  steht  Wald,  die  fruchtbare  diluviale  Lehmdecke  ist  mit  Feld
und  Wiese  geschmückt.

Das  Rothliegende  reicht  von  den  Höhen  bei  Langen-Bernsdorf,
westlich  von  Werdau  in  breitem,  allmälig  schmäler  werdenden  Gürtel
über  Zwickau,  Lichtenstein,  Chemnitz  bis  zu  den  vereinzelten  Parthieen
von  Flöha  und  weiter  östlich.  Man  trennt  das  Rothliegende  in  drei
verschiedene  Zonen.  Das  obere  Rothliegende,  bis  zu  800  m  mächtig,
besteht  aus  ziegelrothen  Letten,  Conglomeraten  von  Porphyr,  Melaphyr,
Tuff,  rothen  Quarzsandsteinen,  von  Quarz,  Kieselschiefer  u.  s.  w.  und
rothen  Schieferletten.  Das  bis  gegen  500  m  mächtige  mittle  Rothliegende
  wird  vorwiegend  aus  braunrothen,  kalkspathigen  Kaolinsandsteinen
  und  Conglomeraten  mit  verschiedenartigen  Geröllen  gebildet.
Das  untere  Rothliegende,  bis  zu  300  m  mächtig,  ist  aus  groben
Conglomeraten  und  Geröll,  besonders  von  Porphyr  und  Melaphyr,
Schieferthonen  u.  s.  w.  zusammengesetzt.  Man  findet  in  demselben
verkieselte  Araucarien,  Walchien  (Walchia  piniformis  und  üliciformis),
Calamiten  (Calamites  gigas  und  infractus),  Annularien  (annularia
carinata)  u.  s.  w.

Das  Würschnitzthal  mit  seiner  breiten  Sohle  und  den  flachen
Hängen  liegt  auf  der  Grenze  zwischen  dem  Rothliegenden  und  dem
Cambrium.  Im  Südost  ragen  die  erzgebirgischen  Schiefer  der  Tabakstanne
  (561  m)  empor,  im  Nordosten  in  Adelsberge  die  Phyllitformation,
  im  Beuthenberge  Quarzporphyr.  ·

Die  Steinkohlenformation  trat  nur  an  einzelnen  Stellen
des  Rothliegenden  zu  Tage,  wie  z.  B.  bei  Ober-Würschnitz.

Die  Steinkohlenformation  ist  sowohl  bei  Zwickau  wie  bei  Lugau
und  Oelsnitz,  so  wie  im  Döhlener  Becken  hoch  vom  Rothliegenden
u.  s.  w.  bedeckt.  Die  Steinkohlenterrains  bei  Flöha  gehören  ebenfalls
der  Steinkohlenformation  an,  während  die  Steinkohlenterrains  bei
Schönfeld  und  Sayda,  so  wie  bei  Brandau  einer  älteren  Steinkohlenbildung
  entstammen.

Längs  des  Nordwestfußes  des  Erzgebirges,  in  der  Richtung
seiner  Längenachse  über  45  km.,  in  einer  Breite  von  etwa  15  km
zieht  sich  das  Gebiet  der  Granulitformation,  in  elliptischer
Form,  von  Südwest  nach  Nordost,  aus  der  Umgebung  von  Langen-Chursdorf
  bis  gegen  Nossen,  rings  von  erzgebirgischen  Schiefern  umschlossen,
  wenn  auch  auf  der  Nordwestseite  nur  in  einem  schmalen
Streifen.  «

Der  Granulit  ist  ein  meist  krystallinisch  schiefriges  Gemenge  von
feinkörnigem  Feldspath  und  Quarz,  in  welchem  sich  parallele  Lagen
von  Glimmer  und  Körner  von  edlem  Granat  und  Cyanit  befinden.
Er  tritt  sowohl  massig  auf,  als  auch  plattenförmig  gesondert.
        <pb n="55" />
        —  47  —

Das  Granulitgebiet  ist  eine  Hügellandschaft  mit  zahlreichen
Kuppen  und  rückenartigen  Erhebungen,  auf  welchen  flache  Thalrinnen
auf  dem  Plateau  eingeschnitten  sind.  Dagegen  bilden  die  Hauptwasserläufe,
  sowohl  die  Chemnitz,  als  vor  Allem  die  Zschopau  tief
eingerissene  Thäler  mit  steil  aufgerichteten,  senkrechten  Felsenwänden.
Auch  die  Thalrinne  der  Mulde,  auf  der  Grenze  dieses  Gebietes,  ist
bis  zu  100  m  Tiefe  in  die  dort  auftretenden  Porphyrmassen  eingeschnitten.
  In  landschaftlicher  Beziehung  ist  dieser  Theil  des  Erzgebirgsfußes
  außerordentlich  mannigfaltig  und  anziehend  gegliedert,
während  das  Ganze  sich  von  der  400  m-Erhebung  abwärts  senkt.

Das  Granulitgebiet  selbst  ist  an  vielen,  Stellen  von  Glimmerschiefern
  und  Thonschiefern,  von  Graniten  und  Serpentinen  unterbrochen,
  von  letzteren  besonders  in  zwei  Gruppen,  bei  Callenberg  und
bei  Waldheim.  Der  sogenannte  Granat-Serpentin,  splittrig,  von  unrein
  grüner,  wenig  glänzender  Farbe  und  sehr  geringer  Härte,  kommt
vielfach  vor.

Man  kann  nur  wiederholen,  daß  die  Zusammensetzung  des  Erzgebirges
  in  Bezug  auf  seinen  geologischen  Bau  nur  scheinbar  eine
einfache  ist,  daß  sie  sich  aber  in  Wirklichkeit  zu  einer  außerordentlich
mannigfaltigen  und  zusammengesetzten  gestaltet.

3.  Die  Voden-Verhältnisee.

Der  Einfluß  des  Sauerstoffes  der  Atmosphäre,  die  verschiedenen
Temperaturen  derselben  und  die  in  ihr  sich  bildenden  Niederschläge,
in  Verbindung  mit  dem  Einflusse  der  fließenden  und  stehenden  Gewässer,
  bedingen  einen  Verwitterungs=  und  Zersetzungszustand  der
ursprünglichen  Erdoberfläche,  welche  in  Folge  ihrer  schon  Jahrtausende
andauernden  Wirkung  die  oberste  Schicht  derselben  in  eine  den  Grundbestandtheilen
  der  Unterlage  entsprechende  Erdform  verwandelt  haben.

Die  Beschaffenheit  der  auf  diese  Weise  entstandenen  und  immer
wieder  neu  entstehenden  Bodenkruste,  sobald  der  Untergrund  dem
atmosphärischen  Einflusse  blosgelegt  wird,  hängt  also  hauptsächlich  von
der  Beschaffenheit  der  Grundfeste  ab,  aus  deren  oberster  Schicht  sich
die  dem  Pflanzen=  und  Thierleben  angemessene  Bodenfläche  bilden  kann.

Es  steht  also  die  Verwitterungskruste  der  Erdoberfläche,  der
Pflanzenboden,  die  Ackerkrume  in  Bezug  auf  ihre  Bestandtheile  im
engsten  Zusammenhange  mit  dem  Material,  aus  welchem  die  zersetzende
  Kraft  des  Sauerstoffes,  welcher  vor  Allem  als  der  wirksame
Theil  der  atmosphärischen  Niederschläge  betrachtet  werden  kann,  die-
        <pb n="56" />
        —  48  —

selben  bildet;  wenngleich  die  Erwärmung  einerseits  und  die  Abkühlung,
bez.  der  Frost  andrerseits  viel  dazu  beitragen,  die  Einwirkung  des
Sauerstoffes  zu  erleichtern  und  zu  erhöhen.

Die  Grundfeste,  welche  sich  am  schnellsten  und  leichtesten  in  eine
fruchtbare,  erdige  Masse  auflösen  läßt,  wird  rücksichtlich  der  Güte
und  Menge,  d.  h.  der  Tiefe  der  Krustenbildung  jeder  anderen  vor—
anstehen,  wo  der  Zersetzungsproceß  langsamer  vor  sich  geht  und  das
zersetzte  Material  an  erdig  werdenden  und  Erde  bildenden  Bestandtheilen
  ärmer  ist.

Die  dünne,  kaum  erkennbare  Zersetzungskruste,  welche  sich  auf
der  Oberfläche  eines  Felsblockes  bildet,  und  die  reiche,  üppige  Ackererde,
  welche  aus  dem  vollständig  in  seine  kleinsten  Bestandtheile  zertrümmerten
  und  zersetzten  Felsblocke  sich  herstellt,  wie  es  z.  B.  bei
Granit,  Phonolith  und  Basalt,  rothem  Gneiß,  Serpentin,  Porphyr
u.  s.  w.  stattfindet,  können  als  die  beiden  äußersten  Grenzpunkte  der
verschiedenen  Bodenkrustenbildungen  bezeichnet  werden,  zwischen  denen
eine  unermeßliche  Reihe  von  Zwischenstufen  geschaffen  werden  kann.

Der  rohe  Waldboden  enthält  zwar  alle  Bestandtheile,  welche
der  Untergrund  ihm  gewähren  kann,  aber  er  ist  noch  vielfach  mit
Steinen  und  Geröll  gemengt,  mit  Felsblöcken  und  Brocken  übersät,
so  daß  die  Wurzeln  des  Anwuchses  sich  zwischen  denselben  hindurch
drängen  und  die  ihrem  Wachsthume  und  ihrer  Ernährung  günstigen
Bestandtheile  gewissermaßen  aufsuchen  müssen.

Wird  der  Waldboden,  sobald  er  sich  seiner  Bestandtheile  und
seiner  Lage  wegen  zum  Ackerbau  eignet,  in  Cultur  genommen,  so
werden  Blöcke,  Steine  und  Geröll  möglichst  entfernt  und  eine  reine
Ackerkrume  durch  die  Arbeit  des  Menschen  geschaffen,  während  in
Thal=  und  Anschwemmungsgebieten  die  Macht  der  Abspülung  und
die  mit  ihr  an  günstigen  Terrainstellen  in  Verbindung  stehende  Ansammlung
  fast  reine  Ackererde  auf  natürlichem  Wege  herstellt.

Fallou  sagt  in  seinem  1853  erschienenen,  und  heute  noch
mustergültigem  Werke  „Die  Ackererden  Sachsens"“  (Freiberg,
Engelhardt):

„Der  Felsgrund,  aus  welchem  sich  die  Ackererden  durch  Zersetzung
  gebildet  haben,  besteht  aus  verschiedenen  Gebirgsarten.  Die
größte  Fläche  nimmt  der  Gneiß  in  Anspruch;  dem  Umfange  nach
folgen  Thonschiefer,  Glimmerschiefer,  Granit,  Rothliegendes,  Porphyr
u.  s.  w.  in  größeren  und  kleineren  geschlossenen  Revieren.“

„Auf  der  ganzen  oberen  Terrasse  der  Gebirgsregion  herrschen
schüttige  Ackererden  vor;  die  Ackererde  ist  mit  unzähligen  größeren
und  kleineren  Brocken  der  ihr  zu  Grunde  liegenden  Felsart  durchmischt,
  welche  erst  allmälig  der  Zersetzung  anheimfallen  und  in  der
        <pb n="57" />
        —  49  —

Hauptsache  wohl  niemals  bündige  Ackererde  liefern.  Besonders  auffallend
  wird  dies  im  Granitgebiet,  wo  kaum  eine  schwache  Lage  von
grobkörnigem  Grus  und  Gebröckel,  ohne  alle  Bündigkeit,  den  Felsboden
  verhüllt  und  Flächen,  wie  Abhänge  mit  zahllosen  Trümmerstücken
  übersäet  sind.  Nicht  viel  anders  sieht  es  in  den  Basalt=  und
Porphyrgegenden  aus.“

„Bei  Frauenstein,  Sayda,  Olbernhau,  Zöblitz,  Marienberg,  Annaberg,
  Jöhstadt  und  Wiesenthal  bietet  zwar  die  einförmige  Hochebene
mit  ihren  langgestreckten  flachen  Hängen  dem  Ackerbau  an  sich  keine
Schwierigkeiten,  da  Blöcke,  Trümmer  und  Trümmerhaufen  im  ganzen
Schiefergebirge  seltener  sind,  aber  von  eigentlicher  Ackererde  kann
nirgend  die  Rede  sein.  Der  ganze  Ackerboden  besteht  nur  aus  einer
Auflockerung  der  ausgehenden  Platten  und  Schichten  des  Grundgebirges,
  aus  einem  losen  Gemenge  von  Grus  und  Schiefersplittern,
welches  die  Umwandlung  zu  Ackererde  nur  eben  beginnt.  Bündig
und  tiefgründig  wird  diese  Bodengattung  erst  auf  der  unteren  Terrasse
des  Gebirges,  in  der  Gegend  von  Dippoldiswalde,  Rabenau,  Tharandt,
Siebenlehn,  Freiberg,  Oederan  u.  s.  w.  in  der  Höhenlage  von  weniger
als  400  m  Meereshöhe.  Hier  erst  tritt  der  Gegensatz  dieses  zusammenhängenden,
  mit  seinen  festen  Grundbestandtheilen  innig  verbundenen
  Bodens  zu  dem  losen  Schutt  des  bröckligen  Gesteinsbodens
ganz  augenfällig  auf.“

Die  Grundfeste  des  Gebirges  in  der  ganzen  Ausdehnung  seines
Hochwalles  von  Gottleuba  und  Hellendorf  aus  bis  in  die  Gegend
von  Weipert  hinauf  ist  Gneiß,  der  sich  nordwärts  bis  in  die  Gegend
von  Nossen  erstreckt.  Die  ausgedehntesten  Flächen  urbaren  Ackerbodens
  verbreiten  sich  über  die  flachen  Höhenzüge  zwischen  Gottleuba
und  Müglitz,  Müglitz  und  Weißeritz,  Weißeritz  und  Bobritzsch,  Bobritzsch
und  Mulde,  Mulde  und  Flöha,  Flöha  und  Zschopau  und  zwischen
den  Quellenbächen  der  letzteren.  Die  Auflagerung  des  urbaren  Ackerbodens
  ist  so  seicht,  daß  sie  im  Durchschnitt  13  bis  14  cm  nicht
übersteigt,  an  einzelnen  Stellen  aber  kaum  5  cm  beträgt.  Man  muß
häufig  staunen,  daß  dieser  Schutt  noch  überhaupt  Früchte  trägt,  denn
die  Ackererde  der  Gneißformation  ist  in  der  Hauptsache  nichts  Anderes,
als  ein  Gemenge  von  Staub,  Grus  und  Gebröckel,  zum  Theil  stark
mit  Glimmer  gemengt.  Erst  in  den  niederen  Lagen  gewinnt  der
Boden  an  zusammenhängenden,  lehmigen  Bestandtheilen  und  verliert
allmälig  das  schüttige,  rauhe  und  wüste  Wesen.

Aus  dem  glimmerreichen  rothen  Gneiße  bildet  sich  ein  rothbraun
gefärbter,  tiefgründiger,  milder  Lehmboden  mit  zahlreichen  Glimmerschüppchen.


Der  bündige  Gneißboden  der  unteren  Terrasse  in  der  Gegend

4
        <pb n="58" />
        —  50  —

von  Dippoldiswalde,  Pretzschendorf,  Oberbobritzsch,  Lichtenberg,  Mittel—
sayda,  Lengefeld  und  von  da  abwärts  bis  an  die  nordwestliche  Grenze
des  Gebiets  enthält  73  Prozent  reiner  Erde,  der  schüttige  Boden  der
oberen  Terrasse  nur  57  Prozent.

Den  unfruchtbarsten  Boden  des  ganzen  Gneißterrains  haben  die
Höhenlagen  bei  Altenberg,  Frauenstein,  Seiffen,  wo  die  dünne  Verwitterungskruste
  des  Grundgebirges  kaum  30  bis  40  Prozent  reiner
Erde  enthält.  Unter  allen  Einlagerungen  im  Gneißgebiet  haben  die
Basaltkuppen  des  Pöhlberges  und  Bärensteines  den  sterilsten  Boden.

An  das  Gebiet  des  Gneißes  schließt  sich  westlich  das  Gebiet  des
Glimmerschiefers,  in  Nord  und  West  von  Thon=  und  Grauwackenschiefern,
  im  Südwest  von  Granit  begrenzt.  Die  Auflagerung  des
Ackerbodens  ist  noch  niedriger,  die  Ackerschicht  ist  nur  ganz  selten
gegen  50  cm  hoch  und  immer  mit  Schiefergesplitter  gemengt.  Auch
hier  besteht  die  Ackererde  nur  aus  Staub,  Grus  und  Splittern  bis
zu  30  und  40  cm  tief,  mit  62  Prozent,  bei  Oberwiesenthal  und  Johanngeorgenstadt
  jedoch  mit  nur  43  Prozent  Erde.  Dies  ist  der  unfruchtbarste
  und  armseligste  Boden  der  ganzen  Formation.

Der  Glimmerschieferboden  auf  dem  nördlichen  Rande  des  Rothliegenden,
  bei  Hohenstein,  Wüstenbrand,  Rabenstein,  hat  auf  dem
Plateau  nur  etwa  40  bis  50  em  bis  zum  Felsengrunde,  aber  die
dünne  Ackerschicht  dieses  Gebietes  enthält  doch  74  Prozent  reiner  Erde.

Das  Thonschiefergebiet  auf  dem  westlichen  Theile  des  Erzgebirges
  ist  zum  größten  Theile  mit  Wald  bedeckt.  Von  Auerbach
reicht  es  in  einem  zwischen  Hartenstein  und  Grünhain  breiter  werdenden,
  aber  weiter  nordöstlich  sich  zuspitzenden  Streifen  bis  über  die
Flöha.  Auch  dieser  Theil  des  Gebietes  ist  zum  großen  Theile  bewaldet.
  Auf  dem  nordöstlichen  Theile  des  Erzgebirges  reicht  das
Thonschiefergebiet  von  Gottleuba  bis  Lockwitz,  von  Tharandt  bis
Döbeln.  Zwischen  der  Gottleuba  und  dem  Lockwitzbache  bilden  die
Thäler  nur  schmale,  felsige  Schluchten  mit  steilen,  trümmerbedeckten
Böschungen.  Der  Feldbau  ist  auf  die  Hochfläche  gewiesen,  wo  die
zwar  bündige,  aber  lockere  und  leicht  zerreibliche  Ackerkrume  mit  etwa
69  Prozent  reiner  Erde  einen  nur  wenig  tiefen  urbaren  Boden  bildet.

Das  große  Granitgebiet  von  Eibenstock  umfaßt  die  dem  Ackerbau
am  wenigsten  zugängliche  Fläche  des  Gebirges.  Zum  größten  Theile
ja  beinahe  vollständig  bewaldet,  enthält  es  Höhen  und  Thäler,  Berge
und  Schluchten  mit  Fichten=  und  Tannenwald,  mit  düsterem  und
hochstämmigem  Nadelholz  und  dichten,  frischen,  enggeschlossenen  Anpflanzungen,
  einzelnen  Buchengehauen,  Felsentrümmern  und  Felsklippen,
  Schutthalden  und  Schlackenhaufen,  vormaligen  Seifenwerken,
Sumpf,  Moor,  düster  eingerahmten  Teichen,  von  dicken  Nebeln  ver-
        <pb n="59" />
        —  51  —

hüllt  und  mit  schweren  Wolken  umzogen.  An  den  äußeren  Grenzen
des  Gebietes  befinden  sich,  mit  Wald  und  Moorwiese  wechselnd,
einzelne  zerstreute  angebaute  Flächen  mit  armseligem  Ertrage.  Wohl
sind  verschiedene  groß  und  bevölkerungsreich  gewordene  Walddörfer
da  angesiedelt,  aber  der  wenig  tiefe,  reich  mit  Grus  und  Geröll  durchsetzte
  Ackerboden  enthält  nur  33  Prozent  Erde.

An  das  Thonschiefergebiet  lehnt  sich  nordwestlich  das  Gebiet  des
Rothliegenden.  Ebenfalls  ein  langgestrecktes  Dreieck  bildend,  dessen
breite  Basis  von  Thierfeld  bei  Hartenstein  bis  bei  Crimmitschau  reicht,
dehnt  es  sich,  mehrfach  von  Porphyren,  Serpentinen,  Grünsteinen
u.  s.  w.  unterbrochen,  bis  an  den  Zellaer  Wald,  eine  tiefe  Einsenkung
in  den  älteren  Schiefergebilden  ausfüllend.  Auf  dem  ganzen  Gebiete
herrschen  Conglomerate  und  körnige  Gesteine  vor.  Der  Ackerboden
dieses  Gebietes,  welcher  schon  durch  seine  Farbe  sich  scharf  von  den
nördlich  wie  südlich  an  ihn  anstoßenden  Schieferterritorien  unterscheidet,
übertrifft  alle  übrigen  Bodenarten  des  Erzgebirges  durch  seine  hervorragende
  Fruchtbarkeit,  selbst  da,  wo,  wie  in  dem  mittlen  Theile
des  Gebietes,  das  Grundgebirge  nur  hbchst  spärlich  von  Ackerkrume
überdeckt  wird.  Der  Ackerboden  ist  entweder  schüttig  oder  bündig.
Der  schüttige  Ackerboden  des  Rothsandsteines  ist  ein  Gemüll  von
Staub  und  Gebröckel  des  Grundgebirges,  von  rothem  Sand  und
Letten;  er  ist  gegen  75  cm  tief,  besitzt  aber  nur  bis  zu  48  Prozent
reiner  Erde.  Dagegen  enthalten  die  bündigen  Ackererden  des  Rothsandsteingebietes
  eine  scheinbar  gleichartige,  lehmige,  zusammenhängende
Masse  der  vollständig  zersetzten  und  verbundenen  Bestandtheile  des
Gebirges  bis  zu  87  Prozent  reiner  Erde.

Auf  dem  schüttigen  Ackerboden  ist  der  Feldbau  schwierig  und
kostspielig  und  wird  noch  an  vielen  Stellen  durch  mächtige  Kiesbänke
gehindert.  Dagegen  sind  die  weiten,  flachen  Flußthäler  bis  zu  30
und  40  m  hoch  mit  Lehm  und  Geschieben  bedeckt.

Im  Granulitgebiet  steigt  der  Antheil  der  Ackerkrume  an  reiner
Erde  auf  79  Prozent,  an  einzelnen,  auserlesenen  Stellen  sogar  bis
zu  97  Prozent  reiner  Erde  und  hat  die  Ackerkrume  eine  Mächtigkeit
von  ¾  bis  selbst  3  m.  Die  Ackerkrume  der  eruptiven  Formationen
zeichnet  sich  beinahe  ausnahmslos,  wenigstens  in  den  klimatisch
günstigeren  Lagen  durch  ihren  Reichthum  an  reiner  Erde  aus.  So
hat  der  Grünsteinboden  bis  zu  85,  der  Porphyrboden  bis  zu  88,
der  Granitboden  bis  zu  90,  der  Basalt=  und  Phonolithboden  bis  zu
95  Prozent  reiner  Erde.  #6

Naturgemäß  ist  der  Reichthum  einer  Ackerkrume  an  bündiger
Erde  Grundbedingung  für  die  größere  oder  geringere  Produktionkraft
des  Bodens.

4*
        <pb n="60" />
        —  52  —

Die  vorwiegenden  Bodengattungen  sind  in  Bezug  auf  den  Acker—
und  Feldbau:

Tiefer,  frischer,  vermögender,  sandiger  Lehmboden,  zuweilen  kalk—
haltig,  oft  mit  kleinen  Steinen  gemengt  (guter  Gerstenboden).

Feuchter,  schüttiger,  kalkgründiger  Lehm-  oder  sandiger  Lehmboden
mit  bindendem  Untergrunde.  (Unsicherer  Gerstenboden.)

Dürftiger  Thon=  und  strenger  Lehmboden,  träger,  feuchter  Boden.
(Guter  Hafer-,  schwacher  Gerstenboden.)

Leichter,  thätiger,  magerer,  sandiger  Lehmboden  mit  geringer
Tiefe  der  Ackerkrume  und  durchlassendem  Untergrunde.  (Schwacher
Gerstenboden.)

Zäher,  kalter,  träger  Thon=  und  Lehmboden,  Schluffboden,
mooriger,  torfiger  Boden,  feuchter  Haferboden,  Letten,  mit  geringer
Tiefe  der  Ackerkrume  und  oft  mit  undurchlassendem  Grunde.

Schlechte,  rohe  und  zum  Anbau  von  Feldfrüchten  kaum  geeignete
Bodenarten.

Höhenlage,  Bodenbeschaffenheit  und  Klima  bilden  die  Grundbedingungen
  für  die  Entwickelungsfähigkeit  des  Pflanzenlebens.

Aber  auch  das  Thierleben  und  das  Menschenleben  sind  enge  mit
diesen  Vorbedingungen  verbunden,  und  wenn  man  auch  nicht  so  weit
gehen  kann  und  darf,  wie  bei  den  Erscheinungen  im  Pflanzenleben,
wo  bestimmte  Gattungen  unzweifelhaft  in  enger  Begrenzung  an  den
Untergrund  gebunden  sind,  und  es  Pflanzen  giebt,  welche  nur  auf
Movorboden,  Sandboden,  Lehmboden,  oder  auf  einer  Unterlage  von
Granit,  Phonolith,  Sandstein,  Kalkstein  u.  s.  w.  vorkommen,  so  stehen
doch  gewisse  Erscheinungen  im  thierischen  und  menschlichen  Organismus
unzweifelhaft  mit  der  Ernährung,  und  folgedessen  mittelbar  mit  den
Erzeugnissen  des  Grund  und  Bodens,  und  durch  diese  wiederum  mit
dem  letzteren  selbst  in  unzweifelhafter  Beziehung.

4.  Das  KRlima.

Ueber  das  Klima  des  Erzgebirges  sind  meist  unklare  und
übertriebene  Vorstellungen  verbreitet.  Was  über  die  Strenge  des
Winters,  über  die  Rauhheit  und  Veränderlichkeit  der  Witterung,  über
die  Größe  der  Niederschläge  und  die  Höhe  des  Schneefalles  erzählt
wird,  beruht  ganz  so,  wie  die  vielfach  verbreitete  Sage  von  dem
durchaus  schlechten  und  geringen  Boden  und  dessen  kärglichem  Ertrage,
auf  der  kritiklosen  Verallgemeinerung  einzelner  äußerster  Gegensätze
für  das  ganze  Gebiet.
        <pb n="61" />
        —  53  —

Bei  der  Erhebung  des  Gebirges  von  etwa  300  m  Meereshöhe
bis  zu  1200  m,  und  selbst  wenn  wir  nur  die  vorwiegende  Kammhöhe
  berücksichtigen,  bis  zu  700  und  800  m,  ergeben  sich  schon  aus
dem  Unterschiede  der  Höhenlage  bedeutende  Verschiedenheiten  in  der
mittlen  Jahrestemperatur,  wie  in  allen  übrigen  klimatischen  und
meteorologischen  Beziehungen.  -

Von  West  nach  Ost  geordnet  bestehen  folgende  meteorologische
Stationen  zur  Beobachtung  der  klimatischen  Verhältnisse:

in  der  Kamm-Region:

Kottenhaide,  Tannebergsthal,  Carlsfeld,  Sauschwemme,  Tellerhäuser,
  Crottendorf,  Oberwiesenthal,  Reitförster,  Grumbach,  Jöhstadt,
Reitzenhain,  Kriegwald,  Deutsch-Einsiedel,  Rechenberg,  Rehefeld,
Altenberg;

in  der  Region  der  600  m-Erhebung:

Georgengrün,  Rautenkranz,  Schönheide,  Hundshübel,  Bockau,
Breitenbrunn,  Groß-Pöhla,  Annaberg,  Thum,  Groß-Rückerswalde,
Zöblitz,  Grünthal,  Cämmerswalde,  Frauenstein;

in  der  Region  der  500  m  -Erhebung:
Schneeberg,  Nieder-Pfannenstiel,  Thalheim,  Lengefeld,  Borstendorf,
  Mönchenfrei,  Mulda,  Schmiedeberg;  «
inderRegionder400m-Erhe·bung:
Ernstthal,  Wüstenbrand,  Grüna,  Einsiedel,  Augustusburg,  Freiberg,
  Friedeburg,  Grüllenburg,  Nieder-Bobritzsch,  Beerwalde,  Wendisch-Carsdorf,
  Glashütte,  Markersbach  bei  Berggießhübel;

in  der  Region  der  300  m-Erhebung:
Zwickau,  Chemnitz,  Alt-Chemnitz,  Frankenberg,  Dittersbach,
Rossau,  Marbach,  Tharandt;

vor  der  300  m-Erhebung:
Glauchau,  Alt-Geringswalde,  Tanneberg  u.  s.  w.

Vom  obererzgebirgischen  Klima  sagt  Lindner'):  „Man  kann
den  eigentlichen  Winter,  wenn  die  üble  Witterung  denselben  ankündigt
und  verabschiedet,  gegen  sechs  Monate  veranschlagen.  Gleichwohl
herrscht  auf  Feldern  und  Wiesen  eine  außerordentliche  Vegetation.
Die  Saaten,  drei  bis  vier  Wochen  später  gesäet,  als  in  den  milderen
Gegenden,  haben  diese  gleichwohl  in  sechs  bis  sieben  Wochen  erreicht,
wo  nicht  gar  übertroffen.  Darum  hat  man  auch  die  östliche  Seite
des  Fichtelberges  weit  über  drei  Viertheile  seiner  Höhe  urbar  gemacht.
Die  Wiesen  längs  der  Pöhla  (Biela)  hinab  sind  dreischürig;  obschon
das  zweite  Grummet  nicht  immer  zum  Füttern  für  das  Vieh  ge-*)

  Lindner,  Wanderungen  u.  s.  w.,  1847.  Heft  3,  S.  15.
        <pb n="62" />
        —  54  —

braucht  werden  kann,  so  giebt  es  doch  Streu  für  dasselbe.  Darum
ist  auch  die  Viehzucht  ansehnlich  und  gut  gelegene  Grundstücke  erhalten
sich  in  hohem  Preise.“

Anders  klingt  freilich,  was  Engelhardt“)  in  seiner  Erdbeschreibung
  von  Sachsen,  Bd.  1,  S.  201  sagt,  und  was  seitdem,
zum  großen  Theile  kritiklos,  in  zahlreiche  andere  Schriften  über—
gegangen  ist:  „Die  Gegend  über  Eibenstock,  Johanngeorgenstadt,
Wiesenthal,  Jöhstadt  u.  s.  w.  nennt  man  gewöhnlich  das  sächsische
Sibirien.  Außer  etwas  kärglichem  Ackerbau  fast  nichts  als  Wald  und
Wüstung.  Der  Schnee  liegt  gewöhnlich  zwei  bis  drei  Ellen  (1  bis
18/.  m)  und  schmilzt  immer  erst  spät  im  Frühjahr,  oft  kaum  vor
Johanni.“  (Dies  ist  nun  freilich  über  alles  Maß  übertrieben;  Mitte
Mai  liegt  nur  an  vereinzelten  Stellen  noch  Schnee.)  „In  einer
Nacht  verschneit  flugs  Haus  und  Hof,  aber  den  Bewohner  dieses
sächsischen  Nordpoles  kümmert  dies  wenig.  Geduldig  bahnt  er  sich
früh  mit  der  Schaufel  einen  Weg  und  gräbt  Löcher,  um  Licht  nach
den  Fenstern  zu  bringen,  Stollen  oder  Tunnel  nach  den  Hausthüren.
Oede  und  einsam  sind  diese  Gegenden,  besonders  im  Winter.“

Es  ist  kaum  zu  verwundern,  wenn  durch  diese  und  ähnliche
Darstellungen  und  ihre  Wiederholung  vollständig  falsche  Vorstellungen
über  das  erzgebirgische  Klima,  besonders  in  dessen  höheren  Regionen,
allgemeine  Verbreitung  gefunden  haben.

Es  ist  wahr,  das  Klima  ist  hart  und  rauh.  Bei  einer  Höhenlage
von  über  800  m  beträgt  die  mittle  Jahrestemperatur  nur  5,880  C.,
aber  die  Temperaturunterschiede  der  Jahreszeiten  sind  weniger  groß,
wie  in  der  Niederung.  Der  Winter  hat  im  Durchschnitt  eine  Temperatur
  von  —  2,16  0,  das  Frühjahr  von  +—  8,08°,  der  Sommer
von  —  15,67  ,  der  Herbst  von  3,93  °%  C.  Die  Höhe  der  atmosphärischen
  Niederschläge  beträgt  im  Mittel  91,05  mm.  Das  Jahr  hat
nur  53  helle  Tage,  aber  91  Nebel=  und  96  Regen=  und  Schneetage,
sowie  15  Gewittertage.  Die  Luft  ist  aber  kräftig  und  anregend,  die
Vegetation  energisch  in  der  ihr  kurzgemessenen  Periode,  und  es  gestaltet
  sich  geradezu  zu  einem  Hochgenuß  in  der  Zeit  der  kräftigsten
Entwickelung  des  Pflanzenlebens  von  etwa  Mitte  Mai  bis  Anfang
Juni  in  den  nach  frischen  Trieben  duftenden,  wie  mit  hellen  Knospenlichtern
  geschmückten  Nadelholzwaldungen  zu  wandern,  längs  der
rauschenden  Riesel  und  Bäche,  freilich  zuweilen  auch  noch  über  ein
Stück  liegengebliebenen  Schneefeldes  dahin.

Auch  in  der  mittleren  und  nordwestlichen  Region  erscheint  das

D.  J.  Merkel,  Erdbeschreitung  von  Kursachsen,  bearbeitet  von  Engelhardt.
  geipzig.  1804.  Bd.  1.  S.  201.
        <pb n="63" />
        —  55  —

Klima  noch  unverhältnißmäßig  rauh.  Das  Neuaufsprossen  der  Vegetation
  verzögert  sich  daher  oft  bis  gegen  Mitte  des  wiederholt  von
Schneeschauern  begleiteten  April,  während  der  Herbst  im  September
und  Oktober  gewöhnlich  beständig  schöne  Tage  zu  bringen  pflegt,
welche  jedoch  späterhin  nicht  frei  von  Morgenfrösten  sind.

Für  die  Beurtheilung  der  klimatischen  Verhältnisse
des  Kammes  und  Nordabhanges  des  Erzgebirges  erscheint  es  zweckmäßig,
  das  ganze  Gebiet  nach  Maßgabe  seiner  Erhebung  in  vier
Stufen  zu  theilen,  und  zwar  die  erste  mit  der  Erhebungslinie  von
400  m,  die  zweite  mit  der  von  500  m,  die  dritte  mit  der  Erhebungslinie
  von  600  m  und  zur  vierten  Alles  zu  rechnen,  was  700  m
hoch  und  darüber  liegt.

Es  wird  sich  daher  die  mittle  Jahrestemperatur

für  400  m  =  8,000  C.  (8,00
für  500  m  =  7,46  %  C.  (7,25
für  600  m  =  6,93  %  C.  (6,50
für  700  m  =  6,47  0  C.  (5,75
veranschlagen  lassen.  Die  Temperaturabnahme  beträgt  für
je  150  m  Höhenunterschied  —  10  C.,
da  im  achtjährigen  Durchschnitt
Grüllenburg  (388  m)  =  6,83  °  (außergewöhnlich  kalt  gelegen),

nach  einer  anderen  Angabe)

Freiberg  (407  m)  —  7,420,
Annaberg  (607  m)  =  6,43  0,
Rehefeld  (689  m)  —  4,54  °  (außergewöhnlich  kalt  gelegen),

Reitzenhain  (778  m)  =  4,420,
Oberwiesenthal  (927  m)  —  4,50  0
mittle  Jahrestemperatur  hatten,  welche  innerhalb  der  äußersten
Gegensätze
höchste  Jahrestemperatur  —  niedrigste
Grüllenburg  (388  m)  +  30,0  und  —  21,80o0,

Freiberg  (407  m)  —+  28,5  „  —  16,  1  0,
Annaberg  (607  m)  —+—  29,0  „  —  16,700,
Rehefeld  (689  m)  —+  26,9  „  —  22,  2  0,
Reitzenhain  (778  m)  +  26,7  „  —  19,3  0,
Oberwiesenthal  (927  m)  +  26,2  „  —  16,So,

sich  bewegen.
Im  großen  Durchschnitt  wird  man  mit  Berthold“)  die
mittle  Jahrestemperatur  des  ganzen  Nordabhanges  auf  +—  6,30  C.,

5)  J.  Berthold,  Das  Klima  des  Erzgebirges.  ahresbericht  des  Kagl.
Seminar  Schneeberg.  1886.  zgebirg  dah  /  .

J.  Berthold,  Das  Klima  des  Erzgebirges.  Ein  vom  Verf.  besorgter
Auszug  aus  Vorstehendem.  Glückauf.  1886.  S.  43  ff.
        <pb n="64" />
        —  56  —

die  des  Gebirgskammes  auf  —  3,0°  C.  setzen.  Als  die  rauheste
Gegend  des  ganzen  Gebirges  erscheint  das  niedrige  Ostende  des  Gebirgskammes,
  wo  die  kahle  Höhenfläche  von  700  m  Meereshöhe  allen
Stürmen  und  Schneetreiben  schutzlos  preisgegeben  ist.  Aber  auch  die
Höhen  des  Tharanter  Waldes  und  des  Landberges,  welche  sich  nur
wenig  über  400  m  erheben,  der  Höhenzug  von  Brand  und  Erbisdorf,
  das  kalte  Feld  bei  Memmendorf,  deren  kahle  Flächen  nur  wenig
über  400  m  ansteigen,  haben  einen  bedeutend  geringeren  Wärmedurchschnitt,
  wie  die  übrigen  in  gleicher  Höhenlage  befindlichen  Orte
und  Flächen.  Ebenso  hat  der  kahle  Höhenzug  bei  Sayda,  bei  Lauta
und  Marienberg,  sowie  die  Gegend  von  Grünhain  ein  härteres  Klima
als  die  allgemeine  Erhebung  an  sich  bedingen  würde.
Eine  bemerkenswerthe  Ausnahme  macht  jedoch  das  buchtenartig
erweiterte  obere  Flöhathal  durch  sein  auffallend  mildes  Klima,  welches
sich  weit  ins  Gebirge  hinauf,  bis  oberhalb  Grünthal  bei  Olbernhau
erstreckt.

Die  klimatischen  Verhältnisse  der  verschiedenen  Höhenlage  werden
am  besten  durch  die  Vegetationsperiode  derselben  bezeichnet.)

Der  letzte  Frosttag  im  Frühjahr  war  im  Durchschnitt

Grüllenburg  (388  m)  zwischen  18.  und  24.  April,

Freiberg  (407  m)  „  21.  und  26.  März.
Annaberg  (607  m)  „  1.  und  29.  April,
Rehefeld  (689  m)  „  20.  April  und  11.  Mai,
Reitzenhain  (778  m)  „  25.  April  und  17.  Mai,
Oberwiesenthal  (927  m)  30.  April  und  20.  Mai.

Der  letzte  Nachtfrost  im  Frühjahr  fiel  im  Durchschnitt
  in
Grüllenburg  (388  m)  zwischen  11.  Mai  und  3.  Juni,

Freiberg  (407  m)  „  25.  April  und  17.  Mai,
Annaberg  (607  m)  „  2.  und  21.  Mai,  .
Rehefeld  (689  m)  „  12.  Mai  und  3.  Juni,

Reitzenhain  (778  m)  „  15.  Mai  und  8.  Juni,
Oberwiesenthal  (927  m)  „  9.  Mai  und  13.  Juni.
Man  wird  daher  nicht  viel  irre  greifen,  wenn  man  den  letzten
Frosttag  und  den  letzten  Nachtfrost  im  Frühjahr

bei  400  m  Meereshöhe  auf  den  23.  März  und  1.  Mai,

„  500  m  auf  den  5.  April  und  6.  Mai,

„  600  m  „  „  15.  April  und  12.  Mai,

„  700  m  „  „  30.  April  und  25.  Mai

setzt.

*)  Die  Landwirthschaft  im  Königreich  Sachsen.  K.  v.  Langsdorf.  1876.  1881.
        <pb n="65" />
        —  57  —

Der  erste  Nachtfrost  im  Herbste  fällt  im  Durchschnitt  in
Grüllenburg  (388  m)  zwischen  15.  und  30.  September,
Freiberg  (407  m)  „  10.  und  30.  Oktober,

Annaberg  (607  m)  „  4.  und  30.  Oktober,

Rehefeld  (689  m)  „  10.  September  und  22.  Oktober,

Reitzenhain  (778  m)  „  10.  September  und  1.  Oktober,

Oberwiesenthal  (927  m)  „  18.  September  und  4.  Oktober,
und  der  erste  Frosttag  im  Herbste  in

Grüllenburg  (388  m)  zwischen  18.  Oktober  und  11.  November,

Freiberg  (407  m)  „  25.  Oktober  und  16.  November,
Annaberg  (607  m)  „  18.  Oktober  und  11.  November,
Rehefeld  (660%  m)  „  7.  und  29.  Oktober,

Reitzenhaiun  (778  m)  „  15.  Oktober  und  11.  November,
Oberwiesenthal  (927  m)  „  11.  Oktober  und  9.  November.

Es  ergiebt  sich  aus  diesen  Zahlen  die  Dauer  der  Vegetationsperiode
  für  die  genannten  Orte:

Grüllenburg  (388  m)  vom  18.  (24.)  April  bis  zum
18.  Oktober  (11.  November)  mit  181  (199)  Tagen,

Freiberg  (407  m)  vom  21.  (26.)  März  bis  25.  Oktober
(16.  November)  —  217  (234)  Tage,

Annaberg  (607  m)  vom  1.  (29.)  April  bis  18.  Oktober
(11.  November)  —  201  (195)  Tage,

Rehefeld  (689  m)  vom  20.  April  (11.  Mai)  bis  7.  (29.)
Oktober  —  170  (171)  Tage,

Reitzenhain  (778  m)  vom  25.  April  (17.  Mai)  bis
15.  Oktober  (11.  November)  =  173  (175)  Tage,

Oberwiesenthal  (927  m)  vom  30.  April  (20.  Mai)  bis
11.  Oktober  (9.  November)  —  163  (171)  Tage.

Man  wird  daher  nicht  weit  fehl  greifen,  wenn  man  die  Periode
frostfreier  Tage  für  die  Höhenlage

von  400  m  auf  210  bis  240,
„  500  m  „  205  „  220,
„  600  m  „  195  „  200,

6  „  700  m  „  170  „  175
veranschlagt.  Für  höhere  Lagen  kommen  naturgemäß  kürzere  und
enger  begrenzte  Perioden  in  Rechnung.

Ganz  frostfrei,  d.  h.  frostfrei  während  der  Nächte  ist  die  Zeit  in
Grüllenburg  (388  m)  vom  11.  Mai  bis  15.  September  (3.  Juni
bis  30.  September)  —=  125  (120)  Tage,  im  Maximum  142,  im
Minimum  104  Tage,  Freiberg  (407  m)  vom  25.  April  bis
10.  Oktober  (vom  17.  Mai  bis  30.  Oktober)  —  168  (165)  Tage,
im  Maximum  189,  im  Minimum  145  Tage,  Annaberg  (607  m)
        <pb n="66" />
        —  58  —

vom  2.  Mai  bis  4.  Oktober  (vom  21.  Mai  bis  30.  Oktober),
also  =  154  (162)  Tage,  im  Maximum  181,  im  Minimum  136  Tage,
Rehefeld  (689  m)  vom  12.  Mai  bis  10.  September  (vom  3.  Juni
bis  22.  Oktober),  also  —  121  (140)  Tage,  im  Maximum  161,  im
Minimum  99  Tage  (die  abnorme  Lage  von  Rehefeld  wird  hierdurch
vollständig  charakterisirt)  Reitzenhain  (  778  m)  vom  15.  Mai  bis
10.  September  (vom  8.  Juni  bis  1.  nnl  h,  also  =  117  (114)  Tage,
im  Maximum  137,  im  Minimum  98  Tage,  Oberwiesenthal
(927  m)  vom  9.  Mai  bis  18.  September  (vom  13.  Juni  bis
4.  Oktober),  also  —  131  (113)  Tage,  im  Maximum  146,  im
Minimum  96  Tage.

Die  thatsächlichen  Verhältnisse  der  Vegetationsperiode  werden
aber  auch  im  großen  Ganzen  durch  nachstehende  Zahlen  veranschaulicht.

In  der  Meereshöhe  von  400  m  erfolgt  der  Grasschnitt
  in  der  Zeit  vom  20.  bis  30.  Juni.  Der  Winterweizen
wird  gesäet  zwischen  12.  September  und  2.  Oktober,  blüht  zwischen
10.  und  30.  Juni,  wird  geerntet  zwischen  10.  und  20.  August.  Das
Winterkorn  (der  Roggen)  wird  gesäet  zwischen  14.  und  1  8.  Oktober,
blüht  zwischen  22.  Mai  und  12.  Juni,  wird  geerntet  zwischen  1.  und
14.  August.  Die  Gerste  wird  gesäet  zwischen  4.  und  16.  Mai,
blüht  zwischen  20.  Juli  und  10.  August,  wird  geerntet  zwischen
25.  August  und  16.  September.  Der  Hafer  wird  gesäet  zwischen
20.  April  und  20.  Mai,  blüht  zwischen  15.  und  25.  Juli,  wird
geerntet  zwischen  15.  August  und  15.  September.  Die  gewöhnliche
Kartoffel  wird  gelegt  zwischen  dem  16.  April  und  24.  Mai,  blüht
zwischen  dem  1.  Juli  und  26.  August,  wird  geerntet  zwischen  20.  September
  und  28.  Oktober.  Der  Flachs  wird  gesäet  zwischen  26.  April
und  10.  Mai,  blüht  zwischen  24.  Juli  und  7.  August  und  wird  gerauft
  zwischen  6.  und  17.  August.  Der  Johannisbeerstrauch
entwickelt  seine  Blätter  zwischen  28.  April  und  8.  Mai,  blüht  zwischen
3.  und  13.  Mai,  und  seine  Früchte  reifen  zwischen  5.  und  10.  Juli.
Der  Kirschbaum  entwickelt  seine  Blätter  zwischen  8.  und  20.  Mai,
blüht  zwischen  12.  und  25.  Mai,  und  seine  Früchte  reifen  zwischen
2.  und  10.  Juli.  Der  Birnbaum  entwickelt  seine  Blätter  zwischen
10.  und  21.  Mai,  blüht  zwischen  14.  und  28.  Mai,  und  seine
Früchte  reifen  zwischen  26.  August  und  20.  September.  Der
Pflaumenbaum  entvickelt  seine  Blätter  zwischen  12.  und  24.  Mai,
blüht  zwischen  18.  und  31.  Mai,  und  seine  Früchte  reifen  zwischen
5.  und  20.  September.  Der  Apfelbaum  entwickelt  seine  Blätter
zwischen  16.  und  26.  Mai,  blüht  zwischen  20.  und  31.  Mai  und
seine  Früchte  reifen  zwischen  5.  und  15.  Oktober.

Bei  einer  Meereshöhe  von  500  m  gestaltet  sich  die
        <pb n="67" />
        —  59  —

Vegetationsperiode  folgendermaßen:  Die  Heuernte  findet  statt
zwischen  29.  Juni  und  9.  Juli  (etwa  10  Tage  später,  wie  100  m
tiefer).  Winterweizen  wird  über  500  m  hoch  in  der  Regel
nicht  mehr  angebaut.  Winterroggen  (Korn)  wird  gesäet  zwischen
15.  September  und  19.  Oktober,  blüht  zwischen  9.  und  26.  Juni
und  wird  geerntet  zwischen  7.  August  und  5.  September  (also  8  bis
selbst  21  Tage  später  wie  bei  einer  100  m  niedrigeren  Lage).
Gerste  wird  gesäet  zwischen  5.  und  17.  Mai,  blüht  zwischen
28.  Juli  und  13.  August  und  wird  geerntet  zwischen  25.  August  und
19.  September.  Hafer  wird  gesäet  zwischen  20.  April  und
23.  Mai,  blüht  zwischen  21.  Juli  und  9.  August  und  wird  geerntet
zwischen  29.  August  und  27.  September  (also  etwa  14  Tage  später,
wie  bei  einer  Meereshöhe  von  400  m).  Die  gewöhnliche  Kartoffel
wird  gelegt  zwischen  18.  April  und  28.  Mai,  blüht  zwischen  3.  Juli
und  30.  August  und  wird  geerntet  zwischen  21.  September  und
29.  Oktober.  Der  Flachs  wird  gesäet  zwischen  4.  und  18.  Mai,
blüht  zwischen  1.  und  12.  August  und  ist  reif  zwischen  14.  und
25.  August  (also  8  Tage  später  wie  bei  400  m).  Der  Johannisbeerstrauch
  entwickelt  seine  Blätter  zwischen  15.  und  26.  Mai,
blüht  zwischen  20.  und  31.  Mai  und  seine  Früchte  reifen  zwischen
15.  und  20.  Juli.  Der  Kirschbaum  entwickelt  seine  Blätter
zwischen  20.  und  31.  Mai,  blüht  zwischen  24.  Mai  und  4.  Juni
und  seine  Früchte  reifen  zwischen  14.  und  22.  Juli.  Der  Birnbaum
  entwickelt  seine  Blätter  zwischen  20.  Mai  und  2.  Juni,  blüht
zwischen  26.  Mai  und  6.  Juni  und  seine  Früchte  reifen  zwischen
6.  und  25.  September.  Der  Pflaumenbaum  entweckelt  seine
Blätter  zwischen  24.  Mai  und  4.  Juni,  blüht  zwischen  28.  Mai  und
8.  Juni,  und  seine  Früchte  reifen  zwischen  15.  und  30.  September.
Der  Apfelbaum  entdwickelt  seine  Blätter  zwischen.  26.  Mai  und
6.  Juni,  blüht  zwischen  30.  Mai  und  10.  Juni,  und  seine  Früchte
reifen  zwischen  10.  und  20.  Oktober.

Bei  der  Meereshöhe  von  600  m  gestalten  sich  die  Vegetationsverhältnisse
  in  nachstehender  Weise:  Die  Heuernte  findet
statt  zwischen  8.  und  17.  Juli  (also  8  bis  9  Tage  später  wie  bei
der  Meereshöhe  von  500  m,  und  17  bis  18  Tage  später  wie  bei
der  Meereshöhe  von  400  m).  Winterkorn  (Roggen)  wird  gesäet
  zwischen  15.  September  und  13.  Oktober,  blüht  zwischen  22.  Juni
und  7.  Juli  und  wird  geerntet  zwischen  17.  August  und  15.  September
  (also  9  bis  10  Tage  später  wie  bei  500  m,  16  bis  selbst
30  Tage  später  wie  bei  400  m  Meereshöhe).  Gerste  wird  über
600  m  in  der  Regel  nicht  mehr  angebaut.  Der  Hafer  wird  gesäet
  zwischen  28.  April  und  27.  Mai,  blüht  zwischen  26.  Juni  und
        <pb n="68" />
        —  60  —

26.  August  und  wird  zwischen  6.  und  28.  September  geerntet  (also
mindestens  8  Tage  später  wie  bei  500  m,  14  bis  21  Tage  später
wie  bei  400  m  Meereshöhe).  Die  Kartoffeln  (gewöhrliche,  nicht
frühzeitige)  werden  gelegt  zwischen  27.  April  und  2.  Juni,  blühen
zwischen  19.  Juli  und  4.  September  und  werden  geerntet  zwischen
24.  September  und  30.  Oktober.  Der  Flachs  wird  gesäet  zwischen
12.  und  26.  Mai,  blüht  zwischen  10.  und  20.  August  und  wird
geerntet  zwischen  24.  August  und  4.  September  (also  9  bis  10  Tage
später  wie  bei  500  m,  17  bis  18  Tage  später  wie  bei  400  m  Meereshöhe).
  Beerensträucher  und  Obstbäume  kommen  nur  noch  in  vereinzelten
Exemplaren  bei  besonders  günstiger  Lage  vor,  verlieren  jedoch  bei  zunehmender
  Meereshöhe  die  Aussicht  auf  regelmäßigen  undgesicherten  Ertrag.

Eine  außerordentlich  lehrreiche  und  interessante  Darstellung  der
Vegetationsverhältnisse  in  dieser  Höhenlage  bietet  der  Artikel  „Ein
Vegetationsbild  von  Annaberg  und  seiner  Umgegend  aus
dem  16.  und  17.  Jahrhundert“,  entworfen  von  J.  Ruhsam,  enthält
das  Glückauf  1886.  S.  53  ff.

Bei  einer  Höhenlage  von  700  m  und  mehr  wird  die  Vegetationsperiode
  noch  kürzer,  der  Ertrag  der  Feldfrüchte  noch  zweifelhafter,
  selbst  wenn  die  Bodenverhältnisse  an  sich  günstigere  wären.
Die  Heuernte  (der  Grasschnitt)  ist  mit  je  100  m  Erhebung  wieder
6,  8  bis  9  Tage  weiter  hinausgerückt;  bei  700  m  auf  die  Zeit  vom
14.  bis  23.  Juli,  bei  800  m  auf  die  Zeit  vom  18.  bis  27.  Juli.
Der  Winterroggen  (Korn)  wird  nicht  mehr  überall  gebaut;  der
Hafer  wird  gesäet  zwischen  16.  und  31.  Mai,  blüht  zwischen
30.  Juli  und  16.  August  und  wird  geerntet  zwischen  12.  September
und  4.  Oktober.  Die  Kartoffel  wird  gelegt  zwischen  12.  Mai
und  6.  Juni,  blüht  zwischen  28.  August  und  12.  September  und
wird  zwischen  28.  September  und  30.  Oktober  geerntet,  freilich  aber
auch  nicht  selten  wegen  eingetretenen  Schneefalles  bedeutend  später.

Der  Zeitraum  zwischen  Aussaat  und  Ernte  beträgt
im  Durchschnitt:

bei  Gerste  in  400  m  =  117  Tage  (111/123),
500  m  =  118  „  (1120/124),
bei  Hafer  in  400  m  =  118  „  (117/118),
500  m  =  129  „  (127/131),
600  m  =  127  „  (123/131),
in  mehr  als  700  m  =  123  „  (119/126),
bei  der  Kartoffel  in  400  m  =  157  „
500  m  =  155„  (154/156),
600  m  =  150  „
in  mehr  als  700  m  =  142„  (139/146).
        <pb n="69" />
        —  61  —

Nach  Berthold's  Angaben  braucht  der  Hafer  118,  die  Kartoffel
147  frostfreie  Tage  zur  Reife.  Man  kann  aus  der  Vergleichung  der
beiden  Zahlen,  der  frostfreien  Tage  und  der  Reifezeit,  ersehen,  wie
eng  gemessen  in  den  höheren  Lagen  die  Zeit  ist,  um  die  daselbst  noch
zu  erbauenden  Feldfrüchte  in  das  vorbereitete  Land  zu  säen  und  zu
ernten.

Allerdings  ist  die  Erwärmung  von  Luft  und  Boden  im  Gebirge
eine  stärkere  und  durchdringendere,  wie  im  Flachlande.  Die  geneigten
Flächen  und  Abhänge  werden  schneller  senkrecht  beleuchtet  und  durchwärmt,
  so  daß  in  kurzer  Frist  die  Pflanzenentwickelung  nachholt,  um
wie  viel  ihr  Beginn  durch  die  Höhenlage  und  verzögerte  Wärme—
entwickelung  später  eingetreten  ist.  Die  Gebirgsluft,  welche  dünner
und  weniger  mit  Wasserdampf  versetzt  ist,  als  die  Luft  der  Niederung,
verschluckt  weniger  Licht  und  Wärme  und  läßt  die  Sonnenstrahlen
beinahe  mit  ihrer  vollen,  ursprünglichen  Kraft  auf  das  Pflanzenleben
einwirken.  „Daher  kürzen  sich,  in  Folge  der  starken  Bestrahlung,  die
Wachsthums=  und  Reifeperioden  der  einzelnen  Kulturpflanzen  wesentlich
  ab  und  gewinnen  hinreichende  Zeit  zur  kräftigen  Entwickelung
zwischen  den  oft  enge  gezogenen  Grenzen  frostfreier  Tage.“  (Berthold.)
Das  organische  Leben  gedeiht  auf  Gebirgen  gewöhnlich  besser,  als
man  der  absoluten  Höhe  nach  erwarten  sollte.

Während  Berthold  die  mittle  Jahrestemperatur  des
Nordabhanges  des  Erzgebirges  mit  +—  6,30  C.  angiebt  und  die
Temperatur  des  Gebirgskammes  auf  —  3,90  C.,  giebt  die  Festschrift
  18657)  die  Durchschnittswärme  für  das  Obergebirge  im
Frühjahr  mit  +—  3,3  %  im  Sommer  mit  —  10,35  0,  im  Herbst
mit  —  3,35  0,  im  Winter  mit  —  2,556  an.  Eine  andere  Beobachtungsreihe
  giebt  an  Durchschnittstemperatur  für  die  verschiedenen
Jahreszeiten  nachstehende  Werthe:

Höhenlage.  Frühjahr.  Sommer.  Herbst.  Winter.

400  T7,45  +  17,00  —  8,75  —  1119
500m  —  6,30  K  16,17  K  8,15  —  1,58
600  m  L  6,46  K+  15,83  —+  7,82  —  1,#81
700  m  L  6,17  L  15,25  +  7,39  —  20
800  m  K—  5,31  L14,11  L6,73  —  263

Diesen  Ziffern  entsprechend  beträgt  die  Temperaturabnahme
durchschnittlich  bei  einem  Höhenunterschiede  von  100  m  bis  zu
700  m  =  0,50,  0,75  bis  1°  und  über  700  m  für  je  100  m  10
und  mehr.  6

*)  Festschrift  für  die  25.  Versammlung  deutscher  Land=  und
Forstwirthe  zu  Dresden.  1865.
        <pb n="70" />
        Der  Eintritt  des  Frühjahres  fällt  in  der  Natur  natürlich  nicht
in  den  März,  ebenso  wenig  wie  der  Beginn  des  Winters  in  den
Dezember.  Der  Beginn  der  Nachtfröste,  welcher  bei  400  m  mit
dem  15.  Oktober,  bei  600  m  mit  dem  4.  Oktober,  bei  800  m  mit
dem  10.  September  anzunehmen  ist,  und  das  Ende  der  Nachtfröste
im  Durchschnitt  bei  400  m  mit  dem  30.  April,  600  m  mit  dem
10.  Mai,  800  m  mit  dem  25.  Mai,  giebt  eine  Periode  der  frostfreien
  Zeit  von  168,  147  und  108  Tagen  und  eine  Periode  der  von
Nachtfrösten  bedrohten  Zeit  von  197,  218,  257  Tagen.  Aus  dem
Eintritt  der  wirklichen  Frosttage  und  ihrem  Ende  ergiebt  sich  aber
nachstehende  Reihe:

für  400  m  vom  10.  November  bis  20.  März  W=  120  Tage,
für  600  m  vom  1.  November  bis  10.  April  —  161  Tage,
für  800  m  vom  20.  Oktober  bis  30.  April  —  192  Tage.

Dies  würde  für  den  größten  Theil  des  Gebirgskammes  einen
Winter  von  6  Monaten,  für  die  mittlere  Region  des  Gebirges  einen
Winter  von  5  Monaten,  für  die  niederen  Gebirgsgegenden  einen
Winter  von  4  Monaten  bezeichnen.

Aus  der  Angabe,  daß  Freiberg  im  Durchschnitt  210  frostfreie
Tage  habe  (166  ohne  Nachtfrost)  ergeben  sich  allerdings  für  die
Meereshöhe  von  400  m  eine  Reihe  von  155  Frosttagen,  welche
hohe  Zahl  jedoch  auf  dem  Einflusse  des  kahlen,  allen  Winden  ausgesetzten
  Höhenzuges  von  Brand  beruht.

Der  Vergleich  der  Frosttage  und  der  frostfreien  Tage  ergiebt
einen  nur  kurzen  Uebergang  von  der  einen  Periode  zur  anderen.

Sind  bei  400  m  Höhenlage  120  Frosttage  und  168  frostfreie
Tage  zu  rechnen,  so  bleiben  für  die  Uebergangsperioden  nur  77  Tage,
d.  h.  38  oder  39  Tage  für  eine  jede  derselben.  Bei  600  m  Höhenlage,
  wo  161  Frosttage  und  147  frostfreie  Tage  zu  rechnen  sind,
bleiben  für  die  Uebergangsperioden  nur  57  Tage,  d.  h.  28  oder  29
Tage  für  eine  jede  derselben.  Bei  800  m  Höhenlage,  wo  man  192
Frosttage  und  nur  108  frostfreie  Tage  zu  rechnen  hat,  bleiben  für
die  Uebergangsperioden  nur  65  Tage,  d.  h.  32  oder  33  Tage  für
eine  jede  derselben,  woraus  man  fast  schließen  möchte,  daß  in  dieser
Beziehung  der  Gebirgskamm  und  die  größere  Höhe  günstiger  gelegen
wären,  träte  nicht  hier  die  bedeutend  niedrigere  Temperatur  dem  Einflusse
  der  verlängerten  Uebergangsperiode  entgegen.

Die  kurzen  Uebergangsjahreszeiten,  Frühjahr  und  Herbst,  zeichnen
sich  gewöhnlich  durch  schnellen  Wechsel  der  Temperatur  und  zahlreiche
Niederschläge  aus.  Eher  kommen  im  Herbst,  und  besonders  im
Spätherbst,  eine  größere  Anzahl  von  einander  folgenden  heiteren
Tagen.  Der  Sommer  hat  eine  verhältnißmäßig  geringe  Temperatur;
        <pb n="71" />
        —  63  —

nur  an  einzelnen,  durch  ihre  Lage  begünstigten,  zugfreien  und  der
wiederstrahlenden  Wärme  ausgesetzten  Orten  wird  die  Sommerwärme
lästig.  Sonst  ist  sie  überall  angenehm  und  leicht  zu  ertragen.  Die
Sommerwärme  wird  aber  auch  häufig  durch  Gewitter  unterbrochen
und  herabgedrückt.  Die  Abende  sind  öfters  kühl,  die  Dämmerung  ist
kurz  und  am  Morgen  findet  eine  starke  Thaubildung  statt.  Man
rechnet  im  Durchschnitt  im  Erzgebirge  in  jedem  Sommer  21  Gewitter
  im  westlichen,  26  im  östlichen  Theile  des  Gebirges,  so  daß
während  der  eigentlichen  Gewitterzeit  besonders  in  dem  gewitterreichen
Osten,  bei  Frauenstein,  Altenberg  und  Zinnwald,  fast  jeder  zweite  Tag
als  Regen-  oder  Gewittertag  gerechnet  werden  kann.  Die  zahlreichen
Gewitter  drücken  die  allgemeine  Temperatur  herab,  so  daß  man  nicht
selten  über  die  Kühle  des  Sommers  klagen  könnte;  wenigstens  bewegt
  sich  die  Sommertemperatur  weit  mehr  in  Sprüngen  aufwärts
und  abwärts  als  die  außerordentlich  gleichmäßig  bleibende  Temperatur
des  Winters.

Allerdings  sind  auch  bei  dieser  einzelne  ganz  außergewöhnliche
Höhepunkte  zu  verzeichnen;  in  Rehefeld  bis  zu  30,  in  Reitzenhain  bis
zu  26,  auf  dem  kahlen  Plateau  von  Brand  und  von  Memmendorf,
auf  dem  Höhenzuge  von  Lauta,  bei  Geyer,  Elterlein  und  Grünhain,
bei  Hundshübel  und  Rothenkirchen  bis  25  Grad  2c.

Der  Regenfall  beträgt  im  Tieflande  471  mm,  im  Gebirge
566  mm,  im  Obergebirge  672  mm  (Festschrift).  Die  Niederschlagsmenge
  wird  angegeben  für

Grüllenburg  (388  m)  —  632  mm,

Freiberg  (407  m)  —  561  mm,
Annaberg  (607  m)  —  732  mm,
Rehefeld  (689  m)  —  916  mmm,

Reitzenhain  (778  m)  —  832  mmm,
Oberwiesenthal  (927  m)  =  1002  mm,

Nach  den  bei  Berthold  gegebenen  Ziffern  ist  die  wahrscheinliche
Niederschlagsmenge  in  der  Region  der  700  m-Erhebung  und  höher,
bei  Schönwald,  Ebersdorf  765  mm,  und  steigt  bei  Niklasberg  auf
920  mm,  bei  Altenberg  und  Zinnwald  sogar  auf  1120  mm,  bei
Rehefeld  gegen  1100  mm.  Auf  der  Strecke  Katharinaberg-Sebastiansberg-Jöhstadt-Weipert
  beträgt  sie  990  mm,  bei  Oberwiesenthal,  Gottesgab,
  Platten,  Johanngeorgenstadt,  Friebus  1000,  1100  und  selbst
1200  mm,  bei  Carlsfeld  gegen  1100,  bei  Neudeck  975,  bei  Tannebergsthal,
  Schönhaide  und  Georgengrün  1000,  bis  selbst  1100  mm,
bei  Klingenthal  und  Graßlitz  gegen  950  mm,  bei  Grünhain  und
Elterlein  über  1000  mm.

Der  Schneefall  vom  19.  bis  24.  Dezember  1886  betrug  in
        <pb n="72" />
        —  64  —

Kottenhaide  108  mm,  Altenberg  105  mm,  also  auf  dem  Gebirgskamme
  im  Durchschnitt  mindestens  106  *  in  Glashütte  101  mm,
in  Berggießhübel  92  mm,  in  den  Gegenden  nördlich  von  Chemnitz
90  mm.“)

Der  Niederschlagsreichthum  einzelner  Gegenden  ist  also  ein  ganz
außerordentlicher,  sowohl  während  des  Sommers,  als  auch  während
des  Winters.

Man  rechnet  bei  einer  Meereshöhe  von

400  m  =  145  Niederschlagstage  mit  40  Schneetagen,

500  m  =  180  „  „  50  „
600  m  =  215  „  „  V70  „
700  m  =  223  „  „  90  „
800  m  =  230  95

Der  Durchschnitt  der  Beobachtungen  giebt  für
Grüllenburg  (388  m)  =  148  Regen=  und  Schneetage,

Freiberg  ·  (407  m)  —  195  »  »  »
Annaberg  (607  m)  =  217  „  „  „
Rehefeld  (689  m)  —  145  7,  /  »

Reitzenhain(778m)—225»  ,,  »
Oberwiesenthal  (927  m)  =  235  „

Nach  Berthold  kommen  jedoch  bis  zu  600  m  nur  160  Niederschlagstage,
  bis  zu  800  m  nur  180,  und  auf  dem  Gebirgskamme
nur  200  Niederschlagstage  in  Ansatz.  Läßt  man  die  außergewöhnlich
  hohen  Zahlen  in  den  obenstehenden  Durchschnittsergebnissen  außer
Rechnung,  so  kommt  man  nahezu  zu  dem  ersten,  jedenfalls  der  Wahrscheinlichkeit
  am  nächsten  kommenden  Ergebniß.

Die  größte  Anzahl  der  Niederschlagstage  hatte  1886  Oberwiesenthal
  mit  216,  darunter  97  Schneetage  und  41  Gewittertage.
Die  größte  Regenmenge  fiel  in  Tannebergsthal,  783  mm,  die  größte
Schneemenge  in  Altenberg  mit  347  mm.

Sehr  interessante  Einzelnheiten  bietet  die  Abhandlung:  „Strenge
und  schneereiche  Winter  im  Erzgebirge“  von  Dr.  Köhler  (im  Glückauf
  1888.  S.  21).

Der  Feuchtigkeitsgehalt  der  Luft  nimmt  mit  der
Höhe  zu;  etwa  1½/°0°  für  je  100  m  Erhebung.  Die  Waldregion
hat  natürlich  einen  stärkeren  Feuchtigkeitsgehalt,  als  die  freie  und
offene  Hochebene.

Bei  einer  Neereshöhe  von  ungefähr  350  m  bis  400  m
rechnet  man  60  helle,  150  gemischte,  155  bedeckte  Tage,  7  Nebel-*)

  Vergl.  auch  Berthold,  Der  Schneefall  in  der  Weihnachtswoche  1886.
Glückauf  1887.  S.  23.
        <pb n="73" />
        65  —

tage,  105  Regentage,  40  Schneetage,  64  Tage  still,  301  Tage
windig,  darunter  53  Tage  mit  Südwest-,  87  Tage  mit  Westwind,
54  Tage  mit  Nordwestwind.

Bei  der  Meereshöhe  von  500  mn  rechnet  man  50  helle
Tage,  185  gemischte,  130  bedeckte  Tage,  130  Regen=  und  50  Schneetage,
  30  Nebeltage,  56  Tage  still,  309  Tage  windig,  darunter  59
mit  Südwest-,  70  Tage  mit  West-,  56  Tage  mit  Nordwestwind.

Bei  einer  Meereshöhe  von  ungefähr  650  m  rechnet
man  44  helle  Tage,  216  gemischte,  105  bedeckte  Tage,  140  Regentage,
  80  Schneetage,  48  Nebeltage,  55  Tage  still,  310  Tage  windig,
darunter  65  mit  Südwest-,  51  mit  West-,  56  mit  Nordwestwind.

Bei  einer  Meereshöhe  von  unge  fähr  800  mn  rechnet
man  53  helle,  166  gemischte,  146  bedeckte  Tage,  135  Regentage,
95  Schneetage,  91  Nebeltage,  51  stille  Tage,  314  Tage  windig,
darunter  47  mit  Südwest-,  74  mit  Süd-,  43  mit  Nordwestwind.

Die  vorherrschende  Win  drichtung  ist,  wie  hieraus  erhellt,
die  westliche;  in  den  unteren,  niederen  Regionen  des  Gebirges  60  Proz.,
in  den  oberen  50  Proz.  aller  Winde.  Auf  den  kahlen  und  öden
Hochflächen  von  Dreibrüderhöhe  und  Lauta,  von  Sayda  und  Dörnthal,
  bei  Brand  und  Erbisdorf,  Streckenwald  und  Schönwald  wehen
die  Winde  am  heftigsten;  auf  dem  östlichen  Theile  des  Gebirgskammes
sind  sie  am  rauhesten.  In  der  Gegend  von  Altenberg  rechnet  man
bis  zu  75  Tagen,  an  welchen  die  Windstärke  sich  bis  zum  Sturme
steigert.

Im  Allgemeinen  ist  aber  das  Klima  des  Erzgebirges
nicht  rauher,  als  es  seine  Erhebung  und  seine  Bewaldung  mit  sich
bringt.  Die  Wärme  der  Sommertage,  die  Kälte  des  Winters,  die
Frische  von  Frühjahr  und  Herbst  sind  nicht  größer,  als  in  anderen
Gegenden  unter  gleichen  Höhen  und  Formen.  Das  gebirgische  Klima
ist  kräftig,  belebend,  nervenstärkend;  die  Vegetation  ist  gesund  und
lebensvoll,  und  wenn  man  nicht  Unmögliches  verlangt,  so  wird  man
auch  dem,  was  auf  dem  Gebirge  wächst,  seine  hohe  Bedeutung  nicht
aberkennen  können.

Wie  überall,  so  wechseln  auch  im  Erzgebirge  heitere  und  ernste,
helle  und  trübe  Tage,  Sonnenschein  und  Regen,  Trockenheit  und
Nässe,  Wärme  und  Kälte,  Stille  und  Luftzug,  Wind  und  selbst  Sturm,
Schneegestöber,  Nebel,  Gewitter  —  kurz  jede  Erscheinung  der  atmosphärischen
  und  klimatischen  Verhältnisse  wiederholt  sich  auch  hier,  nur
zuweilen  in  stärkerem,  kräftigerem,  nachhaltigerem  Ausdrucke.
        <pb n="74" />
        —  66  —

5.  Die  Besiedelung  des  Gebirges.

Im  Innern  Germaniens  waren  die  slavischen  Stämme  gegen
Ende  des  vierten  Jahrhunderts  westwärts  bis  gegen  die  Saale  vor—
gerückt,  Alles  vor  sich  niederwerfend,  was  im  Norden  der  erzge—
birgischen  Erhebung  von  der  Urbevölkerung  noch  vorhanden  war.  Erst
Kaiser  Heinrich  J.  dehnte  seine  Herrschaft  wieder  gegen  Osten  aus,
kämpfte  in  den  Jahren  906  und  908  gegen  die  Slaven,  eroberte  und
befestigte  verschiedene  Punkte  an  Saale  und  Mulde  und  errichtete
die  Mark  Meißen  als  östliche  Grenzmark.  Je  weiter  die  Herrschaft
der  Deutschen  nach  Osten  vordrang,  um  so  weiter  ward  auch  die
östliche  Grenzmark  vorwärts  geschoben,  während  die  früheren  Grenzmarken
  sich  in  erbliche  Besitzungen  verwandelten.  Die  Mark  Südthüringen
  hatte  sich  über  die  Elster,  die  Mark  Nordthüringen  bis
gegen  die  Elbe  erstreckt;  aus  der  ersteren  war  die  Landgrafschaft
Thüringen,  aus  der  letzteren  die  Pfalzgrafschaft  Sachsen  entstanden,
während  die  Markgrafschaft  Meißen  als  neue  Ostmark  über  die  Elbe
hinaus,  gegen  die  Pulsnitz  ausgedehnt  wurde.  Die  Südgrenze  der
Mark  Meißen  bildete  das  breite  Waldgebiet  auf  dem  Abhange  des
Erzgebirges.  Obgleich  dasselbe  schon  im  Jahre  974  urkundlich  als
Miriquido  bezeichnet  wird,  welches  Wort  man  vom  altsächsischen
Mirki  =  dunkel  und  wicu  —  Holz  ableitet,  so  daß  der  deutsche
Name  des  Gebirges  Dunkelwald  oder  Schwarzwald  lauten
müßte  (wahrscheinlich  wegen  des  Vorwiegens  der  Nadelhölzer),  ist  diese
Benennung  doch  wenig  gebräuchlich  geblieben  und  der  ganze  waldige
Gebirgszug  immer  nur  vorwiegend  „das  Gebirge"  genannt  worden.

Bis  gegen  Ende  des  16.  Jahrhunderts  scheint  der  Name
„Behmisches  Gebirge“  oder  „Behmischer  Wald“  der
gebräuchliche  gewesen  zu  sein,  obgleich  seit  dem  Anbruch  der  obergebirgischen
  Silberadern,  zu  Ende  des  15.  Jahrhunderts  der  Name
„Erzgebirge“  allmälig  sich  einbürgerte.  In  der  „Meißnischen
Land=  und  Berg-Chronik“  von  Albinus,  1589,  sowie  in  einigen
älteren  Bergordnungen  aus  dem  Anfange  des  16.  Jahrhunderts  wird
er  zuerst  schriftlich  eingeführt.")

Es  war  ein  unwirthliches  Gebirge,  dieser  mächtige,  natürliche
Grenzwall  zwischen  der  Mark  Meißen  und  dem  Königreiche  Böhmen,
zwischen  dem  im  Norden  dieses  Waldgebietes  aus  dem  Westen  vordringenden
  germanischen  Element  und  dem  im  böhmischen  Kessel  seit
Ende  des  5.  Jahrhunderts  seßhaft  gewordenen  slavischen  Volke  der
Czechen.  Die  Kämpfe  derselben  gegen  Dagobert,  den  König  der

—

*)  Die  Namen  des  Erzgebirges.  Glückauf  1887.  S.  1.
        <pb n="75" />
        —  67  —

Franken,  machten  Böhmen  zu  einem  selbstständigen  Staate,  dessen
Könige  jedoch  950  nach  vierzehnjährigem  Kampfe  von  Kaiser  Otto  J.  zur
Anerkennung  der  Oberhoheit  des  Deutschen  Reiches  gezwungen  wurden.

Die  Mark  Meißen  war  durch  den  deutschen  Kaiser  Heinrich  J.
errichtet  und  Graf  Gero  939  als  Mark=  oder  Grenzgraf  „in  limes
sorabicus“  eingesetzt  worden.  Grenzburgen  wurden  in  dem  unterworfenen
  Gebiete  errichtet,  darunter  wahrscheinlich  an  der  Mulde,
unterhalb  des  Einflusses  der  Striegis,  die  Kämpe,  deren  Burgruine
zum  Theil  noch  vorhanden  ist.  Die  Burg  Meißen  war  922  ge—
gründet  worden.

Die  Sorben  (oder  Serben,  vielfach  auch  Sorbenwenden  genannt)
waren  bis  an  die  Saale  vorgedrungen.  Der  Name  wird  von  srp
—  die  Sichel,  oder  von  srb  —  das  Volk  abgeleitet.  Cosmas  von
Prag,  der  älteste  bekannte  Geschichtsschreiber  Böhmens  nennt  die
Mark  Meißen  Zrbia  (sprich  Srbia).  Die  Sorben  waren  fleißige
Viehzüchter  und  Ackerbauer.  Die  Markgrafschaft  Meißen  umfaßte
die  sorbischen  Gaue  Daleminci:  „teutonice  Daleminci,
slavonice  Glomaci“  und  Nisani.  Jenseit  der  Elbe  lag
die  provincia  Milcienorum.

Thietmar  (1009  —  1018  Bischof  von  Merseburg)  schreibt:
„Hierauf  lichtete  König  Heinrich  einen  an  der  Elbe  gelegenen,  und
damals  mit  dichtem  Wald  bedeckten  Berg,  errichtete  auf  demselben
eine  Burg  und  gab  dieser  von  einem  an  ihrer  Nordseite  vorbeifließenden
  Bache  den  Namen  Misni.“

Von  hier  ging  die  weitere  Unterwerfung  im  Slavenlande  aus;
von  der  Markgrafschaft  Meißen  ging  aber  auch  die  Gründung  ganz
neuer  Ansiedelungen  mit  germanischer  Bevölkerung  in  dem  von  den
Sorben  freigelassenen,  ausgedehnten  Waldgebiete  vor  sich.

Während  in  dem  unterworfenen  sorbenwendischen  Gebiete  die
Bewohner  auf  der  Scholle  sitzen  gelassen  wurden  und  nur  die  Herren
wechselten,  die  Unterworfenen  Grund  und  Boden  bebauten,  Tribut  in
Diensten,  Zinsen,  Zehnten  u.  s.  w.  zu  leisten  hatten,  wurden  in  dem
neuangebauten  Landstriche  neue  Ansiedelungen  gegründet  und  mit
deutscher  Bevölkerung  besetzt.  Dem  Markgrafen  als  Stellvertreter
des  Deutschen  Königs  fiel  erobertes  und  neugewonnenes  Land  als
herrenloses  Gut  zu,  welches  er  als  Beneficium  an  seine  Dienstmannen
  in  Lehn  gab  und  auf  diese  Weise  einen  Vasallenstand
gründete,  der  ihm  dienstbar  blieb.  Dem  Markgrafen  stand  die  Gerichtsbarkeit
  in  der  ganzen  Mark  zu.

Ein  großer  Theil  der  den  Dienstmannen  gewährten  Beneficien
ist  unzweifelhaft  mit  der  virga  regalis,  der  Königsruthe,  gemessen,
  weshalb  die  neu  gegründeten  und  vertheilten  Wald=  oder

57
        <pb n="76" />
        —  68  —

Königshufen  zu  60  Jochen  (ugera)  groß  waren,  also  doppelt  so
groß  als  die  gewöhnliche  Landhufe.

Es  begann  die  Zeit  der  großen  Waldrodungen.  Bis  tief  in
das  13.  Jahrhundert  hinein,  und  dann  wieder  zu  Ende  des  15.  und
Anfang  des  16.  Jahrhunderts,  und  stellenweise  selbst  bis  in  die
neueste  Zeit  hinein  ist  das  Ausroden  des  Waldes,  um  Ackerland  und
auch  Wiesenland  für  neue  Ansiedelungen  zu  gewinnen,  im  umfangreichsten
  Maaße  betrieben  worden.  Jahrhunderte  lang  bildete  der
Wald  den  unerschöpflich  erscheinenden  Vorrath,  durch  dessen  Niederschlagen
  man  Raum  für  Feld,  Holz  für  Bauten,  Bergwerks=  und
Hüttenanlagen,  Geld  für  Zinsen  und  Steuern  u.  (.  w.  erlangen
konnte,  ohne  an  die  Wiederaufforstung  kahl  geschlagener  Höhenzüge
und  Abhänge  denken  zu  müssen.  Der  Wald  war  das  unerschöpfliche
Kapital  für  den  fortschreitenden  Anbau,  und  erst  Jahrhunderte  später,
nachdem  das  Land  durch  die  länger  als  ein  halbes  Jahrtausend  fortgesetzte
  Urbarmachung  und  Zerstörung  des  Waldgebietes  seine  gegenwärtige
  Oberflächengestalt  und  Bedeckung  gewonnen  hat,  ist  man  zu
der  Ueberzeugung  gekommen,  der  Waldvernichtung  nicht  blos  Einhalt
thun  zu  müssen,  sondern  auch  das  Waldgebiet  durch  Neuanpflanzung
erhalten  und  vergrößern  zu  müssen.

Mit  dem  Vordringen  des  deutschen  Elementes  in  das  Gebiet
der  Slaven  und  in  das  Gebiet  des  waldbedeckten  Gebirges  beginnt
erst  die  geschichtliche  Zeit  dieses  Landes,  und  wenn  auch  die
Vorgänge,  besonders  auf  dem  letzteren,  vielfach  unbekannt  geblieben
oder  verschleiert  und  entstellt  auf  die  Nachwelt  gekommen  sind,
lassen  sich  doch  die  allgemeinen  Grundzüge  dieser  Entwickelung  noch
erkennen.

Der  ganze  Zeitraum  von  der  Errichtung  der  Mark  Meißen  bis
zu  Konrad  dem  Großen,  Markgrafen  von  Meißen,  welcher  das  Land
von  der  Ostgrenze  Thüringens  bis  über  die  Neiße  hinaus  in  seiner
Hand  vereinigte,  war  ein  außerordentlich  kriegerischer.  Die  böhmischen
und  slavischen  Nachbarn  waren  auf  allen  Seiten  feindselig.  Besonders
  die  Grenze  nach  Süden  war  jederzeit  streitig  gewesen  und
blieb  es  noch  durch  lange  Jahrhunderte  hindurch.

Seitdem  Heinrich  der  Aeltere,  Graf  von  Eilenburg,  aus  dem
Hause  Wettin,  1088  von  Kaiser  Heinrich  IV.  mit  der  Markgrafschaft
Meißen  belehnt  worden  war,  entwickelte  sich  die  Macht  der  Markgrafen
  immer  selbstständiger,  und  besonders  unter  Otto  dem  Reichen,
welcher  von  1156  bis  1190  regierte,  entwickelte  sich  die  wahrhaft
fürstliche  Macht  desselben,  hauptsächlich  im  engsten  Zusammenhange
mit  der  Entdeckung  des  großartigen  Silberreichthumes  des  Freiberger

ebietes.
        <pb n="77" />
        —  69  —

Von  da  ab  wird  der  Name  Erzgebirge  dem  bis  dahin
stillen  und  einsamen  Waldgebiete  zu  Theil.

Verfolgt  man  die  Grenzlinie  der  deutschen  Ortsnamen
längs  des  Nordabhangs  des  Erzgebirges,  so  wird  hierdurch  die  Nordgrenze
  dieses  Waldgebietes  gegeben,  bis  zu  welcher  dasselbe  vor  dem
Eindringen  des  germanischen  Elementes  sich  ausdehnte.  Auf  der
Wasserscheide  zwischen  Pleiße  und  Mulde  beginnend,  umzieht  diese
Linie  ein  geschlossenes  Gebiet  slavischer  (sorbenwendischer)  Ortsnamen
von  Ponitz  bei  Gößnitz  bis  Pahna  und  Threna  bei  Altenburg,  reicht
sodann  nordwärts  bis  Kesselshain  und  Dittmannsdorf  bei  Borna  und
biegt  von  hier  südwärts  um  die  Ortsgruppe  bei  Rochlitz  herum,  nach
Collmen  bei  Colditz,  von  wo  sie  sich  ostwärts  wendet,  längs  der
Mulde,  und  sodann  über  Nossen,  Munzig  und  Bockwen  an  den  Thalrand
  der  Elbe.  Längs  desselben  führt  sie  nun  über  Pesterwitz,  um
den  Windberg  und  die  Goldene  Höhe  herum,  am  Wilisch  hin  bis
zum  Ziegenrück  und  an  die  Ostgrenze  des  Gebirges,  den  Gottleubabach.
Denn  obgleich  die  äußere  Form  des  Gebirgszuges  den  Schneeberg  und
seine  Umgebungen  bis  zum  Durchbruch  der  Elbe  einzuschließen  scheint,
so  ist  doch  die  Zusammensetzung  und  Bildung  des  Quadersandsteingebirges
  eine  so  verschiedene,  daß  die  Thallinie  des  Gottleubabaches
zweifellos  als  die  Grenze  des  Erzgebirges  angesehen  werden  muß.

Der  breit  ausgedehnte,  von  zahlreichen  Thalspalten  unterbrochene
Rücken  des  Gebirges  war  bis  zum  Vordringen  des  germanischen  Elementes,
  wie  schon  bemerkt,  größtentheils  ein  geschlossenes  Waldgebiet,
in  welchem  nur  einzelne  sorben  wendische  Niederlassungen
inselförmig  eingesprengt  waren.  Von  dem  in  der  Elbniederung
  befindlichen  Gau  Nisani  und  dem  nordwärts  des  Muldenkniees
  sich  ausdehnenden  Gau  Dalemince,  sowie  von  den  westlich  gelegenen
  Gauen  Chutizi  und  Scuntira  waren  gewissermaßen  Vorposten
nach  den  geeignet  erscheinenden  Punkten  hinaus  geschoben  worden;  im
Osten  beginnend  an  den  Ufern  des  Colmnitz=  und  Bobritzschbaches
die  Orte  Colmnitz  und  Bobritzsch,  wenigstens  die  Anfänge  dieser  in
späterer  Zeit  in  echt  germanischer  Weise  sich  langaus  im  Thale  aufwärts
  streckenden  Niederlassungen;  auf  dem  Höhenzuge  zwischen  der
Mulde  und  der  Striegis  die  Orte  Loßnitz  und  Lößnitz;  weiter  westlich
  in  der  Thalaue  am  Zusammenflusse  von  Flöha  und  Zschopau  die
Orte  Flöha  und  Plaue;  in  der  breiten  Thalniederung  des  Chemnitzflusses
  die  Orte  Chemnitz  und  Glösa  und  weiter  abwärts  Taura  und
Claußnitz;  am  Lungwitzbache  Lungwitz  und  an  dessen  Einfluß  in  die
Mulde  Glauchau,  Gesau,  Jerisau.  Weiter  stromauf  an  der  Mulde
Zwickau,  Schedewitz,  Bockwa,  Culitzsch,  Crinitz.  Aller  Wahrscheinlichkeit
nach  entstanden  aber  auch  noch  vor  dem  Eindringen  des  germanischen
        <pb n="78" />
        —  70  —

Elementes  in  das  Waldgebiet  die  weiter  gebirgsaufwärts  liegenden
sorbenwendischen  Niederlassungen  Eibenstock,  Sosa,  Zschorlau,  Aue,
Lößnitz,  Zwönitz,  Elterlein,  Geyer,  Thum  als  Seifenwerke  oder  als
Gruben  und  Zechen,  hauptsächlich  auf  Zinn-  und  Kupfererze,  also
nicht  des  Ackerbaues  oder  der  Viehzucht  wegen.

Es  sind  in  der  Ansiedelung  auf  dem  Nordabhange  des  Erzgebirges
  fünf  Perioden  zu  unterscheiden.  Die  erste  umfaßt  das
versuchsweise  Vordringen  der  Sorbenwenden  an  einzelne  Punkte;  die
zweite  den  großen  Einwandererstrom  vom  Ende  des  12.  bis  etwa
Mitte  des  13.  Jahrhunderts;  die  dritte  den  anderen  Einwandererstrom
  vom  Ende  des  15.  und  Anfang  des  16.  Jahrhunderts,  beide
mit  dem  Anbruche  reicher,  großartiger  Erzadern  in  Verbindung  stehend;
die  vierte  die  protestantische  Einwanderung  im  17.  Jahrhundert  und
die  fünfte  die  außerordentliche  Steigerung  der  Bevölkerungsdichtheit
im  19.  Jahrhundert.

Um  den  Gang  der  Ansiedelung  weiter  zu  verfolgen,  darf  man
nicht  übersehen,  daß  schon  Anfang  des  11.  Jahrhunderts  die  am
Nordwestrande  des  Waldgebietes  befindlichen  sorbenwendischen  Niederlassungen
  Colditz,  Rochlitz  und  Leisnig  der  Herrschaft  der  Markgrafen
unterworfen  worden  waren.  Die  Grasschaft  Colditz  mit  ihrem  vor
1103  schon  den  Dynasten  von  Colditz  gehörenden  alten  Schlosse,
wurde  allerdings  erst  1404  Eigenthum  der  Markgrafen  von  Meißen,
war  aber  seit  ihrer  Errichtung  schon  denselben  unterthänig  gewesen.
Rochlitz  mit  seiner  vor  1010  errichteten  Burg  fiel  1143  an  den
Markgrafen  Conrad  von  Meißen;  Leisnig,  mit  welchem  Graf  Wiprecht
von  Groitzsch  1173  belehnt  worden  war,  kam  1157  an  die  Burggrafen
  von  Leisnig,  welche  1329  meißnische  Vasallen  wurden.  Die
Burggrafschaft  Leisnig  wurde  1365  Eigenthum  der  Markgrafen  von
Meißen.

Außer  den  sorbenwendischen  Niederlassungen,  von  denen  Chemnitz
schon  1143  als  deutschgewordener  Ort  Marktrecht  erhielt,  zeugt  eine
stattliche  Reihe  von  Burgen  und  Grenzfesten  dafür,  wie  weit  man  in
das  Waldgebiet  vorgedrungen  war.  Im  Osten  bildete  die  gegenwärtig
  nicht  mehr  aufzufindende  Burg  Gottleuba  den  äußersten  Grenzpunkt.
  An  der  Müglitz  war  die  Burg  Dohna  um  940  errichtet,
weiter  aufwärts  die  Burgen  Weißenstein,  Bärenstein,  Lauenstein  Ende
des  11.  und  Anfang  des  12.  Jahrhunderts;  auf  hervorragender  Höhe
die  Burg  Frauenstein,  an  der  Wilden  Weißeritz  die  Burg  Tharandt
(Granaten)  vor  1190,  an  der  Rothen  Weißeritz  die  Burg  Rabenau,
wahrscheinlich  schon  Ende  des  10.,  Dippoldiswalde  Anfang  des  11.  Jahrhunderts;
  zu  Beginn  des  12.  Jahrhunderts  an  der  Mulde  die  Burg
Nossen  auf  einer  alten  sorbenwendischen  Feste,  weiter  gebirgsaufwärts
        <pb n="79" />
        —  71  —

Weißenborn  und  Rechenberg,  an  der  Bobritzsch  Bieberstein  und  Reinsberg.
  An  der  unteren  Zschopau  die  Sachsenburg  und  später  die
Burgen  von  Ringethal  und  Kriebstein;  im  nordwestlichen  Hügellande
die  Burg  bei  Gerungiswalde  (Geringswalde);  am  Südfuße  der
Todtensteinerhebung  die  Burg  Rabenstein  und  an  der  oberen  Würschnitz
  die  Burg  Hoheneck  (bei  Stollberg).  Auf  dem  uralten  Straßenzuge
  aus  Franken  nach  dem  Osten  stand  seit  etwa  968  die  Burg
Schellenberg;  an  der  Flöha  Rauenstein,  Nieder=  und  Oberlauterstein;
aufwärts  die  Burg  Purschenstein  und  auf  der  Hochfläche  des  Gebirges
an  der  Straße  nach  Böhmen  die  feste  Stadt  Sayda;  an  der  Zschopan
die  zwischen  923  und  932  erbaute  Burg  Wildeck,  weiter  aufmärts
Scharfenstein  und  Wolkenstein,  und  weiter  oben  Tanneberg,  weiter
westlich  die  im  13.  Jahrhundert  gegründete  Burg  Lichtenstein,  das
dem  Burggrafen  zuständige  Wildenfels,  an  der  Mulde  die  Wiesenburg,
die  Eisenburg,  die  Burg  Stein  und  unweit  derselben  die  Burg
Hartenstein;  hoch  oben  im  Gebirge  die  Burg  Schletta,  und  an  dem
scharfgebogenen  Knie  des  Schwarzwassers  die  im  12.  Jahrhunde

errichtete  Burg  Schwarzenberg.  «

Ende  des  12.  Jahrhunderts  wurde  das  Cisterzienserkloster  Altenzella
  bei  Nossen,  das  Bernhardinerkloster  Zell-Maria  (Klösterlein)  an
der  westlichen  Mulde,  das  Benediktinerkloster  in  Chemnitz,  das  Kloster
zu  Geringswalde  und  in  der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts  das
Cisterzienserkloster  Grünhain  gegründet.  ·

In  der  Hauptsache  erfolgte  die  Besiedelung  des  Gebirges  von
Nord  nach  Süd,  von  unten  nach  oben,  und  wenn  auch  nur  ein  Beispiel
  einer  massenhaften  Ansiedelung  im  Waldgebiete  aufbewahrt  ist,
so  ist  es  doch  wohl  unzweifelhaft,  daß  alle  größeren  Ackerbaudörfer
der  unteren  und  mittleren,  in  vielen  Fällen  auch  der  höheren  Gebirgslagen
  als  geschlossene  Gemeinden  gegründet  worden  sind.

Aus  der  Geschichte  des  Klosters  Altenzella  bei  Nossen  wissen
wir,  daß  1162  Markgraf  Otto  von  Meißen  800  Hufen  (etwa
30—40  000  Acker)  Landes  für  das  Gebiet  des  zu  errichtenden
Klosters  bestimmte.  Der  ursprünglich  an  der  Striegis  gewählte  Platz
wurde  aufgegeben  und  das  Kloster  an  die  Mulde  verlegt.  Der
Pietschbach,  an  welchem  es  errichtet  wurde,  heißt  in  den  Urkunden
Bestotowa  (bez  dotavad  —  nur  bis  hierher).  Schon  1230  bestanden
vierundzwanzig  neue  Dörfer,  von  denen  nur  vier  slavische  Namen
trugen,  also  auf  sorbenwendischen  Niederlassungen  neu  errichtet  waren.
Etzdorf,  Marbach,  Pappendorf,  Langhennersdorf,  Kleinschirma,  Waltersdorf
  waren  die  Haupt=  und  Pfarrorte  des  neu  erschlossenen  Gebietes,
welches  bis  Erbisdorf  und  Berthelsdorf  gebirgsaufwärts  reichte.

Den  Hauptanstoß  zur  Besiedelung  des  Gebirgsrückenzuges  zwischen
        <pb n="80" />
        —  72  —

Mulde  und  Flöha  gab  jedoch  der  Anbruch  der  Freiberger  Erzgänge
und  die  1189  stattfindende  Gründung  der  freien  Bergstadt  Freiberg.

Während  bis  gegen  Ende  des  12.  Jahrhunderts  nur  einzelne
Ansiedelungen  und  Ansiedelungsgruppen  in  das  Erzgebirge  eingedrungen
waren,  wurde  dasselbe  in  den  nächsten  Jahrhunderten  des  Bergbaues
wie  der  Landwirthschaft  wegen  dichter  besiedelt,  so  daß  man  Mitte
oder  Ende  des  14.  Jahrhunderts  die  Bevölkerung  desselben  schon  bis
gegen  die  höheren  Gebirgslagen  vorgedrungen  sieht,  wenn  sie  auch
im  Ganzen  nur  eine  sehr  dünn  gesäete  war.

Jetzt  wurde  auch  das  Gebirge  immer  mehr  mit  dem  Namen
„Erzgebirge“  bezeichnet,  hauptsächlich  wegen  der  reichen  Silberanbrüche,
  deren  Ruf  vielfach  vergrößert  in  die  Ferne  ging  und  zahllosen
  Zuzug  herbeirief,  ganz  wie  es  sich  zu  Ende  des  15.  und  Anfang
  des  16.  Jahrhunderts  wiederholte,  als  auch  das  „obere
Erzgebirge"  die  unermeßlich  erscheinenden  Quellen  seiner  Schätze
Neröffnete.

Die  Namensgebung  der  Orte  ist  im  Allgemeinen  eine  sehr
einfache.  Nur  in  wenigen  Fällen  weist  sie  auf  Besonderes  zurück.)

In  der  Hauptsache  knüpft  sich  eine  jede  Ortsbenennung
an  die  natürliche  Beschaffenheit  des  Ortes  und  bildet  gewissermaßen
eine  gedrängte  Ortsbeschreibung,  an  welche  sich  meist  der  Besitztitel
anschließt.  Dieser  Besitztitel  kann  aber  auch  zur  Bezeichnung  der
ersten  Ansiedlergruppe  werden.

Die  Formen  sind  einförmig  und  gestatten  im  Allgemeinen  nicht,
aus  dem  Vorwalten  der  einen  oder  der  anderen  Schlußfolgerungen
auf  die  Zeit  der  Ansiedelung  oder  die  Nationalität  der  Ansiedler  zu
ziehen,  höchstens  in  vereinzelten  Ausnahmen.  Bei  dem  Vorwiegen
der  aus  den  verschiedensten  Volksstämmen  zusammengesetzten  Mischbevölkerung,
  wie  sie  sowohl  in  Folge  der  Unterwerfungszüge  der
Markgrafen  und  der  mit  diesen  in  Verbindung  stehenden  Belehnung
verdienter  Kriegs=  und  Kampfgenossen  mit  ausgedehntem  Landbesitz
in  dem  unangerissenen  Waldgebiete  stattfand,  als  auch  bei  dem  außerordentlichen
  und  vielfach  gemischten  Einwanderungsstrome  nach  Anbruch
des  großen  und  durch  das  Gerücht  unzweifelhaft  bedeutend  übertriebenen
  Erzreichthums,  kann  dies  kaum  überraschen.

Längs  der  ganzen  Nordgrenze  des  früheren  Waldgebietes  wiegen
die  Ortsnamen  auf  „Dorf"“  vor.  Sie  bestätigen,  daß  die  Ansiedelung,
  wie  auch  das  Beispiel  der  Niederlassung  auf  dem  Gebiete  des
Klosters  Altenzella  beweist,  in  geschlossenen  Dorfgemeinden  erfolgte.

*)  Vergl.  auch  Dr.  E.  Göpfert,  Ueber  erzgebirgische  Lokal=  und  Ortsnamen.
  Glückauf  1888.  S.  2.
        <pb n="81" />
        —  73  —

In  dem  breiten,  durch  diese  Ortsbenennungen  gebildeten  Streifen
kommen  jedoch  von  der  Pleiße  an  westlich  vielfach  Ortsnamen  auf
„Hain“  vor,  welche  wiederum,  jedoch  in  geringerer  Anzahl,  von
Ortsnamen  auf  „Harth“  durchsetzt  sind;  an  vereinzelten  Stellen  auch
einmal  „Reuth“  oder  „Roda“;  einige  Male  auch  „Roth“  —  aus
Roden  verstümmelt  als  Vorsilbe,  z.  B.  Rodersdorf,  Röthenbach,  Rothenfurth,
  Rottwernsdorf  2c.  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  liegt  zwischen
Hain  und  Harth  außer  der  topographischen  auch  eine  nationale  Verschiedenheit.
  Hain  ist  schon  im  8.  Jahrhundert,  wenn  es  bei  Ortsnamen
  angewendet  wird,  gleichbedeutend  mit  Hag  (Zaun,  Einzäunung,
Hecke,  Umfriedigung)  —  umhegter  Ort;  im  13.  und  14.  Jahrhundert
allgemein  gebräuchlich.  Hartb  —  hard  bezeichnet  einen  Bergwald.
Der  Nordgrenze  nahe  sind  nur  wenige  Ortsnamen  auf  „Wald“;
im  Osten  Burkertswalde  und  Dippoldiswalde,  im  Norden  Beerwalde,
Herzogswalde,  Auerswalde,  Geringswalde;  im  Süden,  auf  dem  Gebirgskamme
  oder  in  dessen  Nähe  Peterswalde,  Schönwalde,  Streckewalde,
  Fürstenwalde,  Rückerswalde,  Königswalde.  Ortsnamen  auf
leuba  und  loiba  kommen  gar  nicht  vor,  dagegen  verschiedene  auf
„Haide"“  und  „Heide“  und  einzelne  auf  „Leithe“.  Heide  ist
die  Bezeichnung  des  Nadelholzwaldes,  Leithe  des  Bergabhanges.
Walddorf,  Waldkirchen  2c.  setzen  die  Lokalbezeichnung  voran.  -
Daß  es  im  erzgebirgischen  Waldgebiete  keine  Eichen  gab,  bestätigt
  das  Fehlen  aller  mit  diesen  in  Verbindung  stehenden  Ortsnamen.
  Dagegen  geben  Birkenhain,  Buchholz,  Erlbach,  Fichte,
Tanneberg  r2c.  über  den  Bestand  des  Waldes  einigen  Anhalt.  Die
zahlreichen  Ortsnamen  und  ihre  Zusammensetzungen  auf  Bären=  2c.
bezeugen,  daß  dieses  gefährliche  Wild  bis  in  das  16.  Jahrhundert
hinein  auf  dem  Erzgebirgsabhange  zahlreich  vorhanden  war.  Eber,
Sau,  Wolf,  Fuchs  und  Hirsch  kommen  wiederholt  vor;  einmal  auch
Hasenberg,  sowie  Habichtsberg,  Falkenhain,  Rabenstein,  Cranzahl  und
Crandorf  (Krahendorf).  Auf  die  Anlage  des  Ortes  durch  den  Landesherrn
  und  Regenten  weisen  Königshain,  Königswalde,  Herzogswalde,
Fürstenau,  Fürstenhain  und  Fürstenwalde.  Die  Beschaffenheit  des
Ansiedelungsterrains  bezeichnen  Geringswalde,  Heidelbach,  Grünhain,
Kienhaide,  Lichtenberg,  Wiesa,  Wildberg  u.  a.  m.  Ferner  auch
Schnarrtanne,  Streitwald,  Brand,  Holzhau  u.  a.  m.  Mit  der  Ortsbezeichnung
  sind  ferner  verbunden  die  verschiedenen  Namen  auf  bach
und  born  (brunn),  scheibe,  stein  2c.  —
An  bergmännische  Gründung  erinnern  Seiffen  und  seine  Zu—
sammensetzungen,  die  verschiedenen  Berg-,  Hammer-,  Hütten-,  häuser
und  -grund,  Wäsche,  Waschleithe  rc.  «
Allerdings  deuten  aber  auch  schon  die  Namen  der  ältesten  Wohn-
        <pb n="82" />
        —  74  —

plätze  sorbenwendischen  Ursprunges  auf  frühzeitigen  Bergbau.  Euba,
dessen  Name  noch  um  1317  yFwan  war  (Schumann,  XV.  718),
Eibenstock,  früher  ywanstok;  Geyer,  früher  „ufm  perg  zum  gyer“,
Geyersdorf,  im  Zusammenhange  mit  chyr  —  das  Gerücht,  das  Geschrei,
  wie  die  späteren  Namen  Neu-Geschrei,  Altes  Neu-Geschrei,  und
andere  bergmännische  Grubennamen;  Loßnitz,  Lößnitz,  Zwönitz,  Zöblitz
  u.  a.  m.  deren  Wurzeln  auf  eine  Verrichtung  im  Bergbau  oder
Hüttenwesen  hinweisen.

«  Besondere  Nationalitäten  werden  durch  Sachsenberg,  Sachsen—
burg,  Sachsendorf,  Sachsenfeld  und  Waldsachsen,  Frankenau,  Frankenberg,
  Frankenhausen,  Frankenhain  und  Frankenstein,  sowie  Kleinhessen
und  Langenhessen  bezeichnet.  ·

Von  den  zusammengesetzten  Ortsnamen  kommen  hier  nur  Crotten—
dorf  und  Crotenleithe,  von  kruta  —  der  Tannzapfen,  Draisdorf,
von  drahy  —  der  Durchtrieb,  Kottengrün  und  Kottenhaide,  von
kota  —  die  Bude,  Porschendorf,  von  bolina  —  der  Föhrenwald,
Rückerswalde,  von  rejka  —  der.  Pfahl  zum  Ausroden  der  Stöcke  im
Walde,  Pretzschendorf,  von  prcavka  —=  die  Vogelkirsche,  Sadisdorf,
von  sadiste  —  Pflanzort,  Anpflanzung,  Tuttendorf,  angeblich  vom  altdeutschen
  Namen  tute,  teute,  taute,  —  Tölpel,  Dummkopf  in  Betracht.

Alte  Flurbezeichnungen  sind  nur  vereinzelt  vorhanden  und  von
Interesse.  Es  ist  erklärlich,  daß  in  dem  Waldgebiete  nur  wenige
Oertlichkeiten  Benennungen  hatten,  welche  vor  die  Zeit  der  Ansiedelung
selbst  zurückreichten.  Denn  wenn  auch  an  vielen  Stellen  einzelne
Pionniere  zeitiger  in  die  Thäler  und  auf  die  Höhen  vordrangen,  so
haben  sie  doch  nur  wenig  Einfluß  auf  die  Namensgebung  in  weiterem
Umkreise  geübt.

Die  Benennungen  der  Gewässer  sind  vorwiegend  sorbenwendischen
Ursprunges.  Der  Name  Mulde  hat  zweifelsohne  eine  slavische  Wurzel,
wenn  auch  der  ursprüngliche  Name  Mulde,  Mülde,  nicht  auf  ein  erkennbares
  Grundwort  zurück  zu  führen  ist.  Vielleicht  milir  =  der
Kohlenmeiler;  vielleicht  myli  =  die  Mistel.  Der  Bachname  Gottleuba
(zusammengesetzt  slavisch-deutsch  choda  =  Grenze  loiba  =  Walld),
die  Benennung  Müglitz  (emyju  —  [Erz]  waschen)  Weißeritz  (bystince
—  der  schnelle  Bach)  Bobritzsch  (bobr  —  Bieber)  Gimmlitz  Cimele
—  Mistel=  oder  Schnarrdrossel),  Striegis,  urkundlich  zuerst  Strigus
(strih,  der  Schnitt,  der  Theiler),  Zschopau  (kapava  —  die  Reißende),
Flöha  (vlijum  —  einfließen)  Wiltzsch  (vylomim  =  durchbrechen),
Sehma  (sejmé  —  Flachs)  Pöhlbach,  oder  wie  sie  volksthümlich  heißen
Bielbach  (bily  =  weiß),  im  Gegensatz  zu  Schwarzbach,  Schwarzwasser
  r2c.,  letzteres  früher  Schurnitz  (cerny  =  schwarz).  Lößnitz
(Waldbach,  von  les  =  der  Wald;  lesnice  —=  die  Waldbiene).
        <pb n="83" />
        Die  Benennungen  der  einzelnen  Waldstellen  und  Terrainpunkte
sind,  besonders  im  oberen  Gebirge,  vorwiegend  deutsche,  und  unter
den  Bergnamen  kommen  nur  zwei  vor,  welche  slavische  Wurzel  haben:
der  Duratzsch  bei  Oberwiesenthal  (tur  —  Auerochse,  also  vielleicht
Auerochsenstand)  und  der  Bardum,  gewöhnlich  jedoch  Keilberg  genannt
(pard  —  Vogelheerd,  also  vielleicht  Vogelheerdberg).

Die  Westgrenze  der  deutschen  Ortsnamen  auf  dem  Erzgebirgsabhange
  wird  durch  die  Namen  auf  „grünn“  gebildet,  welche  auf  die
Ansiedelung  eines  geschlossenen,  wahrscheinlich  fränkischen  Volksstammes
hinweist.  Diese  beginnt  bei  Kirchberg,  reicht  im  Bogen  um  den
Affenstein  und  die  Höhe  bei  Schöneck.  Dieser  Namensgruppe  schließen
sich  die  Ortsnamen  auf  „reut“  dicht  an  und  deuten  darauf,  daß
hier  die  Ansiedelung  im  Walde  erfolgte,  während  die  Niederlassungen
auf  Wiesen  und  Weideflächen  die  Bezeichnung  grün  erhielten.

Gegen  Ende  des  13.  Jahrhunderts  ist  also  ein  großer  Theil
des  Erzgebirgsabhanges  mit  Ansiedlern  besetzt.  Die  Fläche,  welche
dieselben  einnahmen,  läßt  sich  für  diesen  Zeitraum  etwa  mit  nachstehender
  Grenzlinie  bezeichnen.

Die  südliche  Grenzlinie  der  Besiedelung  reicht  etwa  von  Gottleuba
  über  Liebstadt  und  Glashütte  nach  Dippoldiswalde.  Ueber
diese  Linie  sind  Bärenstein,  Lauenstein,  Fürstenau,  Mückenberg,  wahrscheinlich
  auch  Löwenhain  vorgeschoben.  Von  Dippoldiswalde  geht
die  Grenzlinie  südwestlich  gebirgsaufwärts  über  Reichsstädt,  die  kahle
Höhenkirche,  Frauenstein,  Müdigsdorf,  Linda,  Börnchen  bei  Oederan,
Waldkirchen.  An  der  Flöha  sind  vorgeschoben  Rauenstein  und  Lauterstein,
  auf  dem  Hochplateau  die  Stadt  Sayda  und  die  Dörfer  Claußnitz
  und  Dittmannsdorf;  an  der  Zschopau  die  Burgen  Wildeck,
Scharfenstein,  Wolkenstein  und  südlich  das  Dorf  Streckenwalde;  zwischen
Zschopau  und  Preßnitz  keilförmig  in  das  obere  Waldgebiet  Mauersberg,
  Mildenau  Königswalde,  Kuhzahl  (Bärenstein)  und  Cranzahl;
westlich  der  Zschopau  Drehbach,  Ehrenfriedersdorf,  Geyer,  Thum,
Zwönitz,  Westerfeld  (Kühnheide),  Bernhardisbach  (Bernsbach),  Sachsenfeld,
  Raschau  und  Wildenau  am  Fuße  der  Burg  Schwarzenberg;
westlich  der  Mulde  Zschorlau  und  Weißbach  (bei  Schneeberg).

In  Langenau  (Lagna,  Langenae  urkundlich  1185,  Schumann  VII.
250)  bestanden  vier  Rittersitze.  Der  erste  an  der  großen  Striegis
grenzte  an  die  Zellschen  Klostergüter,  den  Freiwald  und  Berthelsdorf;
der  zweite  im  Nieder-Freiwalde  grenzte  an  Müdisdorf;  die  Ruinen
seiner  Gebäude  wurden  noch  im  ersten  Viertel  dieses  Jahrhunderts
der  alte  Hof  genannt;  der  dritte  und  vierte  Rittersitz  war  ebenfalls
bis  in  die  Neuzeit  unter  dem  Namen  „die  Ekkard'schen  Folgen“  bei
Müdisdorf  noch  nachweisbar.
        <pb n="84" />
        —  76  —

Mitte  des  13.  Jahrhunderts  werden  im  Westen  des  Gebirges
genannt:  Beyervelt,  Sachsinvelt,  Marquardispach,  Raschaw,  Newnhuszen
  (wohl  jetzt  Burgstädtel),  Schwartzpach,  Bernhardisbach  (auch
Wernhardisbach),  Westervelt  (Kienhaide),  Dittersdorf,  Wildenow,  Kuhzahl
  (Bärenstein)  Glaßberg  (Waschleithe),  Konigiswalde,  Craenzagel,
Scheme  (Sehma)  u.  A.  m.

Im  Osten  des  Gebirges:  Bertoldesdorf,  Mudingesdorf,  Bobertsch,
Wizzenburn,  Conradisdorf,  Heinrichsdorf  (Hennersdorf),  Linden,
Biverstein,  Kolbenitz  (Colmnitz),  Tymendorf,  Valkenberg,  Frankenstein,
Heukendorf  (Höckendorf),  Clingendorf  (Klingenberg),  Wegefurt,  Hugesdorf
  (Hausdorf),  Waltkirchen,  Burnichin  (Börnchen),  Schonaw,  Ertmarsdorf
  u.  s.  w.  ohne  die  vom  Kloster  Zella  gegründeten  Dörfer.

Ende  des  13.  Jahrhunderts  trat  eine  Zeit  der  höchsten  Verwirrung
  und  Gefahr  im  Besitz  der  Wettinischen  Lande  ein.  Nach
dem  Tode  Heinrichs  des  Erlauchten,  unter  den  Streitigkeiten  seiner
Söhne,  Albrecht  des  Entarteten,  Friedrich  des  Kleinen  und  Friedrich
Tutta,  verschleuderte  Friedrich  der  Kleine  seine  Länder,  einen  Theil
an  Brandenburg,  einen  Theil  an  Böhmen  und  König  Wenzel  von
Böhmen,  dem  schon  Landgraf  Albrecht  einmal  die  ganze  Mark  Meißen
verpfändet  hatte,  nahm  die  alten  Pläne  zur  Erweiterung  der  Nordgrenze
  von  Böhmen  wieder  auf,  Pläne,  welche  erst  nach  langer  Zeit
ihre  endgültige  Abweisung  fanden.

Mit  Ende  des  15.  Jahrhunderts,  mit  dem  Anbruche  der  obergebirgischen
  Erzadern  begann  der  zweite  Zustrom  von  Einwanderern,
welche  zahlreiche  Niederlassungen,  Ortschaften  und  Städte  in  den  höher
gelegenen  Gebirgstheilen  gründeten.  Die  Ansiedelung  der  ausschließlich
  Ackerbau  treibenden  Bevölkerung  war  geschlossen.  Einzelne  Orte
sind  allerdings  in  der  Zwischenzeit  entstanden,  wie  Geising  Ende  des
14.,  Altenberg,  Unterwiesenthal,  Stollberg  und  Lengefeld  Mitte  des
16.  Jahrhunderts.  Mit  einem  Schlage  und  in  schnellster  Zeitfolge
entstanden  aber  die  obergebirgischen  Bergstädte;  1477  Schneeberg,
1496  Neustadt  am  Schreckenberge  (Annaberg)  und  St.  Katharinen
am  Buchholz,  1500  Scheibenberg  und  Schlettau,  zwischen  1500  und
1510  Kupferberg,  Platz,  Sonneberg,  Sebastiansberg,  1515  Joachimsthal,
  Brand,  1521  Marienberg,  1526  Oberwiesenthal,  1532  Gottesgab,
  1534  Platten,  1540  Josephstadt  (Jöhstadt);  in  wenig  mehr  als
sechzig  Jahren  sechzehn  Städte,  welche  schnell  zu  einer  bedeutenden
Bevölkerung  anschwollen,  ungerechnet  die  zahlreichen  kleineren  Orte,
welche  in  unmittelbarer  Nähe  und  im  Zusammenhange  mit  Zechen,
Stollen,  Wäschen,  Hütten  2c.  wuchsen,  wenn  man  so  sagen  darf,  wie
die  Pilze.  Abgesehen  von  den  eigenthümlichen  Benennungen  der  Gruben,
Zechen,  Berggebäude  und  Stollen  sind  die  Namen  Asch,  Berg,  Brand,
        <pb n="85" />
        —  77  —

Geyer,  Kratze,  Hammer,  Hütten,  Hutha  und  ihre  verschiedenen  Zu—
sammensetzungen,  sowie  Pfannenstiel,  Schmalzgrube,  Schmelzhütten,
Schmiedeberg,  Seifen,  Zinnberg,  Zinnwald  und  Zug  zu  nennen.

Man  kann  sich  eine  Vorstellung  von  dem  Menschenstrome  machen,
welche  sich  auf  die  Nachricht,  daß  das  bis  dahin  unbekannte  und  unbeachtete

  Gebirge  von  den  fabelhaftesten  Reichthümern  strotze,  über  dasselbe
hin  ergoß,  wenn  man  sie  den  Ereignissen  der  jüngsten  Zeit  vergleicht,
wo  die  Goldfelder  Amerikas,  Australiens  und  Afrikas  Hunderttausende
von  Menschen  in  Bewegung  gesetzt  und  nach  den  Goldminen-Gebieten  gezogen
  haben.  Hier,  wie  vor  Jahrhunderten,  vergrößerte  das  Gerücht  die
an  sich  allerdings  schon  ganz  außerordentlichen  Anbrüche  edler  Silbererze
in  das  Unglaublichste,  und  der  Wahn,  in  kurzer  Zeit  unermeßliche  Reichthümer,
  und  einen  dauernden  Wohlstand  zu  erringen,  rief  Tausende
nach  den  Orten  hin,  wo  sie  glaubten  dieses  Ziel  erreichen  zu  können.
Der  Wald  wurde  gelichtet  und  gerodet,  zahlreiche  kleine  und  große
Niederlassungen  gegründet,  und  die  Masse  von  Menschen,  welche  sich
seßhaft  gemacht  hatte,  griff  allmälig  nach  anderen  Erwerbszweigen,  da.
die  Hoffnungen  auf  den  unerschöpflichen  Segen  des  Bergbaues  sich
zum  großen  Theile  überspannt,  wo  nicht  trügerisch  ausgewiesen  hatten.

Obgleich  bei  der  Mehrzahl  aller  Orte  auf  dem  Erzgebirgsabhange
kein  bestimmtes  Gründungsjahr  sich  nachweisen  läßt  und  es  sehr  wahrscheinlich
  ist,  daß  der  Jäger  und  der  Kohlenbrenner  lange  Zeit  schon
in  einem  gewissen  Distrikte  seßhaft  war,  ehe  die  Besiedelung  größeren
Umfang  gewann  und  der  Ackerbauer  sich  im  geschlossenen  Dorfe  niederließ,
  oder  der  Viehzüchter  größere  Landstrecken  in  Besitz  nahm,  oder
Berg=  und  Hüttenleute  mit  ihren  zahlreichen  kleinen  Häusern  eine
Gemeinde  bildeten,  so  läßt  sich  doch  bei  der  Mehrzahl  der  Orte  die
Zugehörigkeit  zu  dem  ersten  oder  zu  dem  zweiten  Einwandererstrome
mit  ziemlicher  Wahrscheinlichkeit  nachweisen.  Es  ist  auch  nicht  zu  bezweifeln,
  daß  gewisse  Namensformen  einen  gleichzeitigen  Ursprung  haben.
1536  wurde  Obermulde  (später  Holzhau)  gegründet;  ungefähr  um
dieselbe  Zeit  Neudorf  bei  Crottendorf,  für  Köhler,  Flößer  und  Holzhauer;
  1537  wurde  das  erste  Haus  von  Schönheide  erbaut.

Die  zahlreichen  Ansiedelungen  im  17.  Jahrhundert  waren  durch
die  Bedrückungen  der  Protestanten  in  dem  zum  Katholizismus  mit
Gewalt  unterworfenen  Böhmen  hervorgerufen.  Im  Jahre  1653
wurde  den  protestantischen  Bergleuten  von  Platten  und  Gottesgabe
(dem  Vertrage  von  1646  zuwider)  die  Alternative  gestellt,  „römischkatholisch
  zu  werden,  oder  auszuwandern“.  Dies  führte  zur  Gründung
von  Johanngeorgenstadt.  Um  dieselbe  Zeit  entstanden  Rudolfsdorf
und  Gotttreu  an  der  Müglitz  (1651),  später  Georgenfeld  (1671),
noch  später  Neugeorgenfeld  (1728),  Nieder=  Ober=  und  Kleinneu-
        <pb n="86" />
        —  78  —

schönberg  (1651,  1658,  1638),  Rothenthal  bei  Olbernhau  (1675),
Deutschneudorf  (1660),  Brüderwiese  (um  1650),  Deutschkatharinenberg
  (um  1660),  Stahlberg  an  dem  Pöhlbache  und  Neudorf  an  der
Rothen  Sehma  (1675),  Ober=  und  Niederjugel  (um  1650),  Sachsenberg
  und  Döhler  Wald  (nach  1630).  Diese  Orte  sind  alle  als  Berg-,
Wald=  und  Industrieorte  entstanden.

Trotz  der  großen  Verheerungen,  welche  Mitte  des  14.  Jahrhunderts
  der  schwarze  Tod  (1348,  1349)  unter  der  Bevölkerung
hervorrief  und  trotz  des  Ungemachs,  welches  1429  und  1430  die
Verheerungszüge  der  Husiten  über  das  Erzgebirge  brachten,  wenn  auch
vorwiegend  nur  in  dem  östlichen  Theile,  wuchs  die  Bevölkerung  desselben
so  bedeutend,  daß  man  sie  für  Ende  des  16.  Jahrhunderts  auf
500  000  Seelen  veranschlagen  kann.  Der  Dreißigjährige  Krieg  mit
seinen  außerordentlichen  Drangsalen,  seinen  Plünderungs-,  Erpressungsund
  Vernichtungszügen,  seinen  Kämpfen  und  den  in  seinem  Gefolge
sich  entwickelnden  Krankheiten  und  Seuchen  brachte  die  Bevölkerung
des  Erzgebirges  fast  auf  250  000  Seelen  zurück,  so  daß  lange  Jahre
dazu  gehörten,  um  die  alte  Thätigkeit  wieder  herzustellen  und  die
Bevölkerung  wieder  auf  eine  entsprechende  Höhe  wachsen  zu  lassen.
An  den  materiellen  Schädigungen  des  Dreißigjährigen  Krieges  hat
das  Erzgebirge  an  manchen  Stellen  und  Industrieen  bis  in  die  Gegenwart
  herein  zu  leiden  gehabt.  Aber  auch  der  Siebenjährige  Krieg
brachte  großen  Verlust  an  Menschen  und  an  Wohlstand,  so  daß
Ende  des  18.  Jahrhunderts  nicht  viel  über  400  000  Seelen  das
Gebirge  bewohnten,  im  Durchschnitt  kaum  100  auf  das  Ouadratkilometer.


Seit  Anfang  des  19.  Jahrhunderts,  besonders  aber  seitdem  die
Drangsale  der  Napoleonischen  Kriege  überwunden  sind,  welche  sich
vorwiegend  auf  dem  östlichen  Theile  des  Gebirges  geltend  gemacht,
jedoch  überall  ihren  schädigenden  Einfluß  geübt  hatten,  besonders  aber
seit  Ende  der  Zwanziger  und  Anfang  der  Dreißiger  Jahre,  hat  sich
im  engsten  Zusammenhange  mit  der  lebhafteren  industriellen  Entwickelung
  die  Bevölkerung  des  Erzgebirges  ganz  außerordentlich  vermehrt.

Bevölkerungsziffern.

Es  wird  immer  mit  großen  Schwierigkeiten  verbunden  sein,  für
frühere  Zeitperioden  annährend  zuverlässige  Bevölkerungsziffern  aufzustellen;
  denn  die  Unterlagen  sind  außerordentlich  ungleichmäßig,
und  wenn  auch  die  Chronisten  über  das  Wachsthum  und  den  Umfang
der  Bevölkerung  der  Städte  ein  sorgfältig  zusammengestelltes  Material
geben,  so  fehlt  über  die  Bevölkerungsziffer  der  Dörfer  und  des  platten
Landes  jede  nur  einigermaßen  gleichartige  Unterlage.
        <pb n="87" />
        —  79  —

Wird  es  in  vielen  Fällen  schon  mühsam  genug,  aus  den  Bevölkerungsnachweisen
  der  Städte,  wo  häufig  die  Kinder  unter  10  oder
unter  14  Jahren  nicht  mitgezählt  sind,  einigermaßen  zutreffende  Ergebnisse
  zu  gewinnen:  so  ist  es  weit  schwieriger  noch  über  die  Bevölkerung
  des  offenen  Landes  ein  richtiges  Bild  zu  gewinnen,  da
einmal  nach  Köpfen,  ein  andermal  nach  Gehöften  und  Häusern,  oder
nach  Familien  und  selbständigen  Wirthschaften  gerechnet  wird,  ohne
den  Umfang  der  angenommenen  Einheit  schärfer  zu  bezeichnen.

Der  Erzgebirgische  Kreis,  welcher  1691  von  der  Markgrafschaft
  Meißen  abgetrennt  wurde,  umfaßte  (nach  den  Angaben  von
1800)  —  121  Quadratmeilen;  die  alte  sächsische  Meile  zu  16000
dr.  Ellen,  9062  m.  Man  zählte  auf  dieser  Fläche

1785  —  405  600,  also  auf  der  [Meile  —  3352  Bewohner;
1798  =  429  230,  „  „  3547

yT  1

nach  einer  anderen  Angabe  jedoch
—  425796,  daher  auf  der  [Meile  =  3518;

oder  auf  dem  [km  41,  43  oder  42,  wobei  die  [  Meile  zu
82  [Uhhm  gerechnet  ist.  -

Der  Erzgebirgische  Kreis  bestand  aus  dem
Kreisamt  Freiberg  für  das  Niedergebirge
mit  Gryllenburg.
4  Städte,  71  Dörfer,  8  Vorwerke  2c.  4590005  000
(Freiberg,  Brand,  Sayda,  Haynichen).
Amt  Gryllenburg  4
1  Stadt,  11  Dörfer,  3  Vorwerke  2c.  (Tharandt)  420/40
Amt  Augustusburg:  «
3  Städte,  52  Dörfer,  6  Vorwerke  2c.  26  80028  000
(Zschopau,  Schellenberg,  Oederan).
Amt  Chemnitz  mit  Frankenberg  und
Sachsenburg.
Amt  Chemnitz:
1  Stadt,  56  Dörfer,  3  Vorwerke  2c.  (Chemnitz)  33  1069  000
Amt  Frankenberg:

1

Bevölkerung
1800  J  1825

 

1  Stadt,  9  Dörfer  (Frankenberg)  43006000
Amt  Sachsenburg:
5  Dörfer,  1  Vorwerk.  1  20  00
Amt  Nossen:  ·
3  Städte,  65  Dörfer,  6  Vorwerke  2c.  1795000

(Nossen,  Siebenlehn,  Roßwein).
Amt  Frauenstein:
1  Stadt,  20  Dörfer,  3  Vorwerke  (Frauenstein)  870000  000
        <pb n="88" />
        Bevölkerung
Amt  Altenberg:  1800|  1825
3  Städte,  6  Dörfer,  10  Ortschaften  2c.  3  40:1800

(Altenberg,  Glashütte,  Alt-Geysing).
Amt  Lauterstein:
1  Stadt,  26  Dörfer,  2  Vorwerke  rc.  (Zöblitz);  11  700|13  000
Amt  Wolkenstein  mit  dem  Mühlenamt
  Annaberg.
7  Städte,  51  Dörfer,  3  Lehngüter,  21  einzelne
Güter,  19  Vorwerke  2494  41  5845000
(Wolkenstein,  Ehrenfriedersdorf,  Thum,  Marienberg,
  Jöhstadt,  Annaberg,  Lengefeld).
Amt  Grünhain  mit  Stollberg:

5  Städte,  29  ½  Dorf,  1  Vorwerk  2c.  18270
(Buchholz,  Schlettau,  Elterlein,  Grünhain,  Zwönitz).
Amt  Stollberg:  %%
1  Stadt,  12  Dörfer  (Stollberg  im  Gebirgef  7970

Obererzgebirgisches  Kreisamt  Schwarzenberg
  mit  Crottendorf:
8  Städte,  25  Dörfer,  8  Freihöfe,  15  Eisenhammerwerke,
  73  einzelne  Güter  und  Häuser  40  150
(Schneeberg,  Schwarzenberg,  Aue,  Eybenstock,
Neustädtel,  Scheibenberg,  Oberwiesenthal,  Unterwiesenthal).

Amt  Wiesenburg:
1  Stadt,  17  Dörfer,  2  Vorwerke  (Kirchberg)  78009000
Amt  Zwickau  mit  Werdau.
3  Städte,  130  Dörfer  36  50|0
(Zwickau,  Werdau,  Crimmitzschau)
Standesherrschaft  Wildenfels:
1  Stadt,  3  Dörfer,  8  Dorfantheile  (Wildenfels)  5  1006000
Die  Herrschaften  der  Grafen  und
Herren  von  Schön  burg.

Receßherrschaften:

9  Städte,  80  Dörfer,  8  Vorwerke.  47  88  000
(Glauchau,  Meerane,  Hohenstein,  Ernstthal,  (Lichten-Waldenburg,
  Lichtenstein  ,  Callenberg,  Harten-  stein)

stein,  Lößnnitz.)  8  000
Lehnsherrschaften:  (Harten-4
  Städte,  68  Dörfer  und  Dorfantheile  20  000tein)
(Penig,  Burgstädt,  Lunzenau,  Wechselburg).  6  000

Der  Erzgebirgische  Kreis  enthält  demnach  (Stein)
        <pb n="89" />
        —  81  —

58  Städte,  765  Dörfer  und  Dorfantheile  und  Bevölkerung
gegen  200  Freihöfe,  Hammerwerke,  Vorwerke,  einzelne  1800  1825

 

Güter  und  Häuser  mit  388  600  Bewohnern.  5  600
Es  sind  aber  auf  dem  sächsischen  Abhange  *  000
des  Erzgebirges  nachstehende  Distrikte  zu  seinem  Glauch..  Th.
Bereich  zu  rechnen.  15  800
Vom  Meißner  Kreis:  Nochlit  z.  Th

Amt  Dippoldiswalde:

2  Städte,  29  Dörfer,  4  Vorwerke  5400  9  400
(Dippoldiswalde,  Rabenau).
Amt  Dresden  t(ein  schaler  Streifen)

etwa  5  Dörfer  ꝛc.  .  .  1  200  ,%  200
Amt  Pirna  (zum  Theilr:
4  Städte,  etwa  66  Dörfer  206  12  20  3  000
(Bärenstein,  Lauenstein,  Neugeysing,  Liebstadt,
Dohna).

Vom  Voigtländischen  Kreise:

Amt  Voigtsberg  (zum  Theil):
1  Stadt,  21  Dörfer  und  Dorftheile,  einzelne
Häuser  r2c.  (die  Auerbachschen  und  Schönecker
Waldorte)  (Schönech  497  000

Es  sind  von  dem  Bereiche  des  eigentlichen
Gebirgsabhanges  aber  abzurechnen:
von  den  Bewohnern  des  Amtes  Zwickau  ungefähr

28  mit  14  600,  bleiben  21  900;
von  den  Bewohnern  der  Schönburgischen  Receßherrschaften
  ungefähr  ½,  bleiben  daher  23  925;
von  den  Bewohnern  der  Schönburgischen  Lehnsherrschaften
  mindestens  ½  mit  16  880,  bleiben
daher  nur  4220.

Nach  Berücksichtigung  dieser  Abzüge  berechnet
sich  die  Bevölkerungsziffer  des  sächsischen  Erzgebirgsabhanges
  mit  .  .  46360000

Die  1854  ins  Leben  tretende  Neuabgrenzung
der  Gerichtsämter  als  Behörden  erster  Instanz
für  Verwaltung  und  Rechtspflege  brachte  eine  vollständige
  Neutheilung  der  Bezirke  mit  sich,  und  von
Ost  nach  West  einestheils,  vom  Gebirgskamm  nach
dem  Gebirgsfuße  gehend  anderntheils,  ist  die
Reihenfolge  der  Gerichtsamtsbezirke  die  nachstehende,

 

4  700
        <pb n="90" />
        —  82  —

bei  welcher  die  Ergebnisse  der  Zählung  vom  1.  De-Bevölkerung
zember  1858  und  vom  1.  Dezember  1885  gleich=  1858  18853
zeitig  mit  aufgeführt  sind.
Gerichtsamt  Berggießhübel:
2  Städte,  13  Dörfer  (Berggießhübel,  Gottleuba)  4382

 

Gerichtsamt  Pirna  (zum  Theil):  12  548
2  Städte,  10  Dörfer  (Liebstadt,  Dohnaz  483881
Gerichtsamt  Lauenstein  (115,4  qkm):
3  Städte,  23  Dörfer  24.  .  8553  8560

(Lauenstein,  Bärenstein,  Glashütte.)
Gerichtsamt  Altenberg  (93  qkm):

2  Städte,  10  Dörfer  (Altenberg,  Geisinthg  551555000
Gerichtsamt  Dippoldiswalde  (250,5  qkm):
1  Stadt,  43  Dörfer  (Dippoldiswalde).  .  450

Gerichtsamt  Tharandt  (125,8  qkm):
2  Städte,  22  Dörfer  (Tharandt,  Rabenauh  1291316  100
Gerichtsamt  Frauenstein  (193  qkmy;:

1  Stadt,  19  Dörfer  (Frauensten)  12765433  100
Gerichtsamt  Saydo  (242  qkm):

1  Stadt,  38  Dörfer  (Sayda).  ..  .23  656001
Gerichtsamt  Brand  (132  qkmy:

1  Stadt,  13  Dörfer  (Brandd  15  24920300
Gerichtsamt  Freiberg  (279,9  qkm):

1  Stadt,  37  Dörfer  (Freiberg)  .  ..  44  86766  200
Gerichtsamt  Nossen  (zum  Theil):

2  Städte,  12  Dörfer  (Nossen,  Siebenleh.h))  80540  095
Gerichtsamt  Wilsdruf  (zum  Theih:

5  Dörfer  3561606
Gerichtsamt  Zöblitz  (98,5  dku):

1  Stadt,  13  Dörfer  (Zöblitz  13  07v116250
Gerichtsamt  Marienberg  (121,3  akm):

1  Stadt,  8  Dörfer  (Marienberggg  9797  00
Gerichtsamt  Wolkenstein  (87,7  qkm):

1  Stadt,  14  Dörfer  (Wolkenstein).  .  13  14914766
Gerichtsamt  Lengefeld  (987,5  qkm):

1  Stadt,  12  Dörfer  (Lengefeld)  11601  13100
Gerichtsamt  Augustusburg  14n,  7  *

1  Stadt,  26  Dörfer  (Schellenbergg  218550
Gerichtsamt  Oederan  (78,7  qkm):

1  Stadt,  13  Dörfer  (Oederan)  10  6665100

Gerichtsamt  Frankenberg  (115  anan
1  Stadt,  20  Dörfer  (Frankenbergg  17554444
        <pb n="91" />
        Bevölkerung

Gerichtsamt  Hainichen  (95,3  qku)h:  1858|  1885

1  Stadt,  16  Dörfer  (Hainichennn  1380516  150
Gerichtsamt  Jöhstadt:

1  Stadt,  5  Dörfer  (Jöhstadbtttt)  6431ä½sehoben
Gerichtsamt  Oberwiesenthal  (75,2  qkm):  Annaberg.

2  Städte,  6  Dörfer  (Oberwiesenthal,  Unterwiesenthal)l

  V7944

Gerichtsamt  Scheibenberg  (92,  6  akng:

2  Städte,  6  Dörfer  (Scheibenberg,  Schlettau)  9558
Gerichtsamt  Annaberg  (195,3  qkm):

2  Städte,  14  Dörfer  (Annaberg,  Buchholz=  26  640  450
Gerichtsamt  Geyer:

1  Stadt,  3  Dörfer  (Geyer).  68329sgehoben
Gerichtsamt  Ehrenfriedersdorf  (70,  5  dqkm):  friedersdorf.

2  Städte,  4  Dörfer  (Ehrenfriedersdorf,  Thum)  12  469122  860

Gerichtsamt  Zschopau  (69,8  qkm):

1  Stadt,  8  Dörfer  (Zschopauh))  166361750
Gerichtsamt  Chemnitz  (233,  5  qkm):

1  Stadt,  38  Dörfer  (Chemnitzzztz  82  1359
Gerichtsamt  Stollberg  (203,9  qkm):

1  Stadt,  27  Dörfer  (Stollbergg  33  12665800
Gerichtsamt  Johanngeorgenstadt  (48  qkm):

1  Stadt,  6  Dörfer  (Johanngeorgenstadtl)l.  6698
Gerichtsamt  Eibenstock  (168,3  qkuw)g:

1  Stadt,  14  Dörfer  (Eibenstoch  19  990121  500
Gerichtsamt  Klingenthal  (56,8  qkm):

15  Dörfer  838814390

Gerichtsamt  Schöneck  (zum  Theil)  später
zum  G.-A.  Oelsnitz.
1  Stadt,  5  Ortsgruppen.  (Schönecker  Wald- 



orte)  (Schönech  ..  ..2623
Gerichtsamt  Falkenstein  (zum  Zheih.

2  Dörfer  .131910  343
Gerichtsamt  Auerbach  Czum  Theih:

13  Dörfer  5460
Gerichtsamt  Schwarzenberg  (196  dkm):

1  Stadt,  19  Dörfer  (Schwarzenberg  187064

Gerichtsamt  Schneeberg  (60  qkm):
3  Städte,  11  Dörfer  (Schneeberg,  Aue,  Neustädtel)  20  38446750
Gerichtsamt  Kirchberg  (125,7  akm):  «
1Stadt21Dorfer(KIrchberg)....1699820200
6*
        <pb n="92" />
        —  84  —

 

Bevölkerung

Gerichtsamt  Wildenfels  (54,3  qkm):  1858  1885

1  Stadt,  13  Dörfer  (Wildenfelsss  1216715600
Gerichtsamt  Zwickau  (zum  Theil)

1  Stadt,  27  Dörfer  (Zwickanh  3752901.280
Schönburgische  Receßherrschaften

(zum  Theil):  7  Städte,  41  Dörfer  7235341110483

(Glauchau,  Harterstein,  Hohenstein,  Ernstthal,

Lichtenstein,  Callenberg,  Lößnitz).

Die  Herz.  Sachs.-Altenb.  Enklave

Rußdorf:  1  Dorf  .  600  1300
Gerichtsamt  Limbach  (75  aun):

(1  Stadt)  15  (14)  Dörfer  (Limbach)  1584030
Gerichtsamt  Burgstädt  (zum  Theil):

1  Stadt,  10  Dörfer  (Burgstädt)  1358  2
Gerichtsamt  Mittweida  (zum  Theih:

1  Stadt,  24  Dörfer  15  500|850

 

Es  beziffert  sich  demnach  die  Summe  det
Bewohner  des  sächsischen  Erzgebirgsabhanges  mit  741  200|126  417

Das  Wachsthum  der  Bevölkerung  des  Erzgebirges,  welche  seit
dem  Jahre  1800  sich  mindestens  verdreifacht  hat,  wird  noch  eingehender
  durch  die  Vergleichung  des  Wachsthums  der  auf  dem  Erzgebirgsabhange
  befindlichen  Städte  charakterisirt,  welchem  das  Wachsthum
  der  Industrieorte  in  ähnlichen  Ziffern  folgt,  während  die
Bevölkerungszunahme  der  Ackerbauorte  eine  geringere,  wenn  auch
unverkennbare  bleibt.

 

 

 

 

 

 

1800.  1825.  1858.  1885.
Häuser  Einw.  Häuser  Einw.  Häuser  Einw.  Häuser  Einw.
Altenbttrrege11901374419001390%
Annabetrrr.  592  42233594508%922
+  294wuste
Stellen
Auie  1425  77-280SR15
Bärenstein  50  360  50  324  7|549  67  557
Berggießhübel  80  430  73  3991144  1331  1  423
+  30%  w.  St.
BrandlGé4CC]%
Buchhoosz83  147  13S
+  58½  wüste
Stellen
Burgstädtt.50  195320|200H%  58981
Callenberg.  .  .182  1500  200  1500  208  2665  220  2853
Chemmis.884  10  83510018  00L  S1
Dippoldiswalde.3ö40605  4295  375
        <pb n="93" />
        —  85  —

 

 

 

 

1800.  1825.  1858.  1885.
Häuser  Einw.Häuser!  Einw.  Häuser  Einw  Häuser  Einw.
Dohna  93  575117§9  610458  1881  2410
Ehrenfriedersdorf  212196326963  42  5%3
Eibenstock482  3142438142411816  47  473  6913
Elterlein.  .  .  164  1159)  164  1159  222  2212  1
Ernstthaal.  S4S3  318  4409
Frankenberg  .  .  399  3029  4203500  513  7657  724  10898
Frauenstein  .  .  125  7535800  581  30671389
Freibetrre87287371  2919  100053|15  7714832742
Altgeysing  65  293  69  300
Neugeysing  99  4441  480  108  1286  197  1389
Geyher  2307755%  396  4859
415  wuüste
Stellen
Glashüttt  1560  5428  60013xé  168  1918
Glauchn10  3990
Gottleuba  91  409  960  49811  111  1173
Grünhaan47  910  1471  910  1651  1607  164  1734
Hartenstein  .  .  170  90|187  1  1000%  244  2629
Hainichen3322  4273357J2  S800  618  29311144
Hohensteirn4027003020  é%8  50927
Johanngeorgenstadt  364  2610  37812620  408  3743  392  4815
4720  wuüste  ·
Stellen
Jöhstadt922  2•  2187  2839  2326
Kirchberg  .  .  .  312  2053  312  20534414872)  566  6949
Lauensten  84  340  93  3251044%14  825
Lengefele.  56  26015/  10O0  1  2  3
Lichtensten.  350  2  70  40|2  2089%  3
Liebstannt  79  435  900  60  1005  877
Lößnis.  5603800|50  533026  (52  15  766
Marienbeterrr372  573  9y121  80|5121|5449
+  200  wülste
Stellen
Mittweiida4883438  5000  620  7661  731)  9461
Neustädte.39  95723795772N%9
Nossen  156  945591000  2172384430  3  945
Oederagaga2952567162  507!]446S6
Rabena  64  368  65540  21986
Sayhdaa40  88114%  177  1477  187  15681
+  51  üste
Stellen
Scheibenbtrrrr58  704  158  1200  l160ü%
Schellenberg  .  .  116  877  1161  900  139  18551  1591  1942
Schlettau.  .  .J  125  8242%30  44%  2664
Schneeberg.606  41106  4400  68  5144%
Schöneck  11400  54  32“
Schwarzenbergßg781264781  30220|24i
Siebenlhe.f5  967  4600  H½1
Stollberg  .  .  .  310  1819  313  1819  401  5046  460  6561

Tharandt144  7381  150  800|]  180  2  142032  511
        <pb n="94" />
        —  86  —

 

 

 

 

1800.  1825.  1858.  1885.
Häuser  Einw.  Häuser  Eiuw.  Häuser  Einw.Häuser  I  Einw.
Thn.1761248149  1350  2212362  299  4214
Wildenfes.449  912595.  .  280|30433292  2  806
Oberwiesenthal  .  197  1516  157  1516  19919731801894
Unterwiesenthal20733  99  872  106  811
Wolkenstein  .  .152  1047  151  1000  1991896  210  02251
Zöblittz.126  9201939  900  172166342
Zschopaaun  547  3700|1  4000|  6183  78609
Zwicken  198  41890850  4  160  %G3„„
68  w.  St.
Zwönis.  1881224188  1  200|2502  44442  7

Im  Allgemeinen  hat  sich  die  Bevölkerung  der  Städte  in  dem
Zeitraume  von  1825  bis  1858  verdoppelt.  Es  sind  nur  21  Städte
in  ihrer  Bevölkerungszunahme  bei  50  Procent  stehen  geblieben;
4  Städte,  und  zwar  Zschopau,  Freiberg,  Marienberg  und  Schneeberg
  haben  75  Procent;  29  Städte  100  Procent;  Tharandt  dagegen
  150  Procent  an  Bevölkerung  zugenommen.  Verdreifacht  hat
sich  die  Bevölkerung  von  Buchholz  (fast),  Neustädtel  und  Glauchau
(darüber),  vervierfacht  die  Bevölkerung  von  Zwickau.  Dagegen  hat
Oberwiesenthal  nur  um  25  Procent  (ein  Viertel)  zugenommen  und  die
Bevölkerung  von  Unterwiesenthal  sogar  um  25  Procent  sich  vermindert.

Seit  1858  hat  dieses  Verhältniß  sich  wiederum  wesentlich  verändert.
  Wenn  auch  nur  bei  drei  Städten  eine  Abnahme  der
Bevölkerung  stattgefunden  hat,  so  sind  doch  26  Städte  in  ihrer
Bevölkerungsziffer  vollständig  stehen  geblieben,  oder  haben  nur  um
ein  Geringes  zugenommen.  Eine  Stadt  weist  eine  Vermehrung  von
ein  Siebentel,  drei  von  ein  Fünftel,  zehn  von  ein  Viertel,  neun  von
ein  Drittel,  fünf  von  der  Hälfte,  eine  von  Dreiviertel  der  Bevölkerung
von  1858  auf.  Eine  Stadt  hat  sich  verdoppelt  oder  um  100  Procent
  zugenommen,  eine  andere  um  150  Procent.

Bei  Berücksichtigung  der  Höhenlage  stellt  sich  nach  Burgkhardt')
die  Bevölkerungsdichtheit  für  den  qkm  in  der  Meereshöhe
von  300  zu  400  m  —=  490  Bewohner,

(läßt  man  den  Einfluß  der  großen  Städte  außer  Ansatz  wahrscheinlich  250),
von  400  zu  500  m  =  192  Bewohner,
„  500  „  600  m  =  123  „
„  600  „  700  m  =  129  v

*)  Das  Erzgebirge.  Eine  orometrisch-  anthropoogeagrayhische  Studie.
Dr.  J.  Burgkhardt.  Stuttgart.  Engelhorn.  1888.  S.
        <pb n="95" />
        —  87  —

Nach  den  Mittheilungen  des  Kgl.  Sächs.  statistischen  Büreaus
leben  auf  einem  qkm  nach  der  Zählung  vom  1.  Dezember  1885
in  der

Amtshauptmannschaft  Pirna  125,
„  Dippoldiswalde  79,

„  Freiberg.  1873,

„  Flöh  191,

„  Marienberg  146,
Chemnitz  335,

im  Stadtbezirk  Chemmitz  7215,
Amtshauptmannschaft  Annabeeg  214,
„  Glauchau  408,

„  Zwickau  337,

„  Schwarzenberg  186,

Auerbach  z

Auf  dem  Gebir  6  skamm,  in  der  Meereshöhe  von  über  700  m,
ändern  sich  die  Besiedelungsverhältnisse  insofern  vollständig,  als  von
den  1  420  qkm,  welche  die  Erhebung  von  über  700  m  einschließt,
der  größte  Theil  bewaldet  und  nicht  besiedelt  ist.

Man  kann  im  Ganzen  nicht  viel  mehr  als  300  qkm  als  waldfrei
  bezeichnen,  während  etwa  11900  qkm  ein  nahezu  geschlossenes
Waldgebiet  bilden.  Im  Osten,  bei  Ebersdorf  und  Zinnwald,  ist  ein
waldfreies  Gebiet  von  etwa  30  qkm;  von  da  an  westwärts  sind  die
waldfreien  Terrains  gewissermaßen  inselförmig  eingesprengt,  und  die
Bevölkerung  meist  sehr  dicht  zusammengedrängt.  Bei  Moldau  und
Fleyh  ist  ein  Raum  von  16  qkm  waldfrei,  bei  Seiffen  und  Katharinaberg
  von  22  qkm,  bei  Kallich  und  Rübenau  von  8,  bei  Reitzenhain
und  Kühnhaide  von  4,  bei  Satzung  von  8,  bei  Jöhstadt  und  Grumbach
  von  15,  bei  Sebastiansberg  und  Sonneberg  von  26,  bei  Preßnitz
  und  Kupferberg  von  34,  bei  Gottesgab,  Ober=  und  Unterwiesenthal
  von  27,  bei  Brenstein  und  Weipert  von  13,  bei  Platten,
Abertham  und  Bäringen  von  22,  bei  Johanngeorgenstadt  von  10,
bei  Breitenbrunn  und  Rittersgrün  von  11,  bei  Klingenthal  und
Silberbach  von  25,  bei  Hammerbrück  und  Muldenberg  von  5  qkm,
ungercchnet  eine  Anzahll  von  kleineren,  waldfreien  und  dicht  besiedelten
Stellen

Vertheilt  man  die  mit  102  000  Seelen  zu  beziffernden  Bewohner
des  Erzgebirgskammes  auf  die  von  denselben  bewohnten  300  qkm,
so  ist  der  akm  durchschnittlich  mit  340  Menschen  besetzt.

Der  böhmische  Südostabhang  des  Gebirges  ist  schon  wegen  seines

Steilabfalles  und  wegen  der  geringen  Ausdehnung  seiner  terrassenförmigen
  Absätze,  endlich  weil  er  in  ausgedehntem  Maße  von  Wald
        <pb n="96" />
        —  88  —

bedeckt  wird,  nur  gering  bevölkert.  Im  Ganzen  berechnet  sich  die
Bevölkerung  des  Südostabhanges  mit  58  100  Seelen.
Demnach  beträgt  die  Gesammtbevölkerung  des  Erzgebirges:
auf  dem  Nordwestabhange  1  126  400
auf  dem  Gebirgskamme  102  000
auf  dem  Südostabhange  58  100

Summa  1  286  500

 

6.  Anlage  und  Bauart  der  Dörfer.

Aus  dem  Gange  der  Ansiedelung  ergeben  sich  zwei  verschiedene,
fast  im  Gegensatze  zu  einander  stehende  Richtungen  der  Ansässigmachung,
welche  gleichzeitig  mit  einander  entstehen,  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte
  nebeneinander  entwickeln  und  aufeinander  einwirken:  die  Ansiedelung
  in  geschlossenen  Ackerbaudörfern  mit  geschlossenen  Bauerngütern
  und  die  aus  einzelnen  Häusern  oder  Häusergruppen  bestehenden
Niederlassungen  von  Kohlenbrennern,  Waldarbeitern,  Berg=  und  Hüttenleuten
  mit  einem  nur  unbedeutenden  Grundbesitz  oder  selbst  ohne
solchen.  Diese  letztere  Art  der  Ansiedelung,  der  Hausbau  ohne  Feldwirthschaft,
  gewann  jedoch  im  Laufe  der  Zeit  ein  außerordentliches,
numerisches  Uebergewicht  sowohl  durch  das  Weitervordringen  im
Waldgebiet  und  die  zunehmende  Entwaldung  des  nördlichen  Gebirgsabhanges,
  als  auch  durch  die  Vermehrung  und  Verdichtung  der  Bevölkerung
  und  endlich  auch  durch  die  übliche  und  gesetzlich  begründete
Zersplitterung  des  ursprünglichen,  normalen  Grundbesitzes  der  Bauerngüter.


Alle  Ansiedelungen  von  Dörfern  oder  Ackerbaugemeinden  erfolgten
in  geschlossener,  vom  ersten  Anfange  an  fest  begrenzter  Feldmark,
während  die  Einzelansiedelungen  sehr  häufig  ohne  Land  oder  wenigstens
mit  unsicher  begrenztem  Grund  und  Boden  stattfanden.  Die  vor  dem
Eintritt  in  das  Anbaugebiet  gebildeten  Ansiedlergemeinden  erhielten  je
nach  ihrer  Größe  und  der  Beschaffenheit  des  Ansiedlerterrains  eine
bestimmt  begrenzte,  wenn  auch  nicht  immer  vorher  genau  abgemessene
Ansiedelungsfläche.  Die  Gründung  des  Dorfes,  die  Erbauung  der
Gebäude,  das  Roden  des  Waldes  und  die  Herstellung  der  Ackerflächen,
die  Vertheilung  von  Hoferaithe,  Feld,  Wiese,  Hutung  und  Wald  cre.
geschah  in  gemeinsamer  Arbeit,  Berathung  und  Vertheilung.

Slavische,  wie  deutsche  Dorfgemeinden  entstanden  alle  und
ursprünglich  aus  dem  Besitz  der  geschlossenen  Feldmark.  Bei  beiden
erfolgte  die  Eintheilung  der  Feldmark  nach  Hufen.  Das  Wort
Hufe  (Huoba,  Huba,  Hova,  noch  jetzt  volksthümlich  Hube,  und  mit
        <pb n="97" />
        —  89  —

der  Bezeichnung  Hof  wahrscheinlich  ein  und  desselben  Ursprunges)
bezeichnet  eine  landwirthschaftliche  Einheit  (Gut,  Bauerngut),  deren
Fläche  mit  einem  Pfluge  bestellt  werden  kann  und  demnach  der
Arbeitskraft  einer  Familie  entspricht.  Die  Hufe  (län)  der  in  dem
fruchtbaren  Hügellande  der  nördlich  des  Gebirges  liegenden  Gaue
Plisni,  Scuntira,  Dalemince  und  Nisani  ansässigen  Slaven  (Sorbenwenden)
  nahm  nur  die  halbe  Fläche  der  von  den  germanischen  Ansiedlern
  im  weniger  günstigen  Wald=  und  Berglande  gemessenen  Hufen
ein;  der  slavische  Pflug  (rädlo,  Hacken)  war  kleiner  als  der  deutsche.
Im  Allgemeinen  jedoch  fußte  bei  den  Sorbenwenden,  wie  bei  den
germanischen  Einwanderern  die  ganze  Landwirthschaft  auf  der  Viehzucht
  und  der  Dreifelderwirthschaft.

Dem  Landstriche  und  der  Bodenbeschaffenheit  entsprechend,  zum
Theil  auch  in  Folge  von  Herkommen,  Zeit  und  Art  der  Ansiedelung,
ist  der  Umfang  der  Hufe  ein  verschiedener.  Man  kennt  kleine,  mittle
und  große  Hufen,  je  nachdem  ½,  ¼/1  oder  1½  Wispel  Roggen
darauf  gesäet  werden  konnten.  Die  Hufe  umfaßte  12,  15,  18,
24  Acker,  am  häufigsten  30,  in  manchen  Gegenden  aber  auch  45,
60,  80  und  mehr.  In  der  Regel  war  die  slavische  Hufe  nur  halb
so  groß,  als  die  germanische;  in  der  Anordnung  der  einzelnen  Theile
waren  sie  aber  einander  vollständig  gleich,  und  man  konnte  in  einer
und  derselben  Ortsflur  beide  Arten  nebeneinander  finden.  Man
brauchte  nur  zwei  slavische  Hufen  zusammenzulegen,  so  hatte  man
eine  deutsche  Hufe  von  ortsüblicher  Größe.  Im  Allgemeinen  wird
zwar  die  Land=  und  Dorfhufe  oder  die  Bauernhufe  mit  30  Acker
(16,6  ha),  die  Ritterhufe  mit  60  Acker  (33,2  ha)  angegeben;  auf
dem  Erzgebirge  sind  aber  die  Verschiedenheiten  in  der  Hufengröße  so
bedeutende,  die  Veränderungen  in  den  Besitzflächen  so  vielfache  und
durchgreifende  gewesen,  daß  eine  Durchschnittsziffer  für  die  Größe
der  auf  dem  Gebirgsabhange  vorwiegenden  oder  wenigstens  vorwiegend
gewesenen  Hufe  nicht  mehr  gegeben  werden  kann.  Noch  ist  an  vielen
Orten  zwar  die  Bezeichnung  als  Voll-,  Fünfachtel-,  Fünfsechstel-,
Dreifünftel-,  Halb-,  Dreiachtel-,  Viertel=  und  Achtelhüfner  nicht  erloschen;
  die  Verschiedenheit  in  dem  Umfange  des  Besitzes  giebt  aber
dieser  Bezeichnung  keineswegs  den  Maßstab  einer  Vergleichung,  denn
die  Größe  der  Vollhufe  schwankt  zwischen  30  und  100  Ackern,  die
der  Halbhufe  zwischen  15  und  55,  die  der  Viertelhufe  zwischen  10
und  40,  die  der  Achtelhuse  zwischen  6  und  26  Ackern,  so  daß  man
selbst  in  einem  und  demselben  Dorfe  Halbhüfner  findet,  welche  einen
größeren  Grundbesitz  haben,  als  Vollhüfner,  und  Aehnliches  mehr.

Der  Gang  der  Anlage  eines  Dorfes  war  ungefähr  der
nachstehende:
        <pb n="98" />
        Der  Landesfürst  oder  überhaupt  der  Besitzer  des  Grund  und
Bodens  beabsichtigte  die  Errichtung  eines  Dorfes  durch  Herbeiziehung
von  Kolonisten,  Ansässigmachung  von  Lehnsleuten  und  Kampfgenossen,
oder  ein  Heerführer  vereinigte  eine  Schaar  ausgedienter  Krieger,  um
sie  durch  Ansässigmachung  für  ihre  Kriegsdienste  zu  belohnen,  oder
eine  Anzahl  von  Ansiedlern  trat  zusammen,  um  gegen  entsprechende
Gegenleistung  vom  Grundherrn  die  Genehmigung  zur  Niederlassung
zu  erhalten.

Sobald  eine  entsprechende  Zahl  von  Familienhäuptern  zur  Gründ—
ung  eines  Dorfes  vereinigt  war,  wurde  innerhalb  des  zur  Ansiedelung
erhaltenen  oder  gewählten  Gebietes  die  Stelle  zur  Anlegung  des
Dorfes  bestimmt.  Nachdem  man  die  Lage  des  Ortes,  womöglich  an
fließendem  Wasser,  mindestens  jedoch  an  ausreichendem  Quellwasser,
festgesetzt  und  die  Lage  des  Gemeindeplatzes,  sowie  die  Richtung  des
Hauptweges  angegeben  hatte,  theilte  man  den  zur  Dorfanlage  gewählten
Raum  in  so  viele  Theile,  als  man  Hoferaithen  und  dazu  gehörige
Hausgärten  anlegen  wollte.  Hierauf  bestimmte  man  das  Ausmaß  und
die  Lage  der  Wiesen,  und  sodann  theilte  man  die  für  die  Felder  bestimmte
  Fläche,  je  nachdem  sie  aus  Lehm-,  Sand-,  Thon=  oder  Kalkboden
  u.  s.  w.  bestand,  in  große  Vierecke,  wobei  man  in  Bezug  auf
die  Lage  nach  Sommer=  und  Winterseite  unterschied.  Jedes  dieser
Vierecke  wurde  nun  in  so  viele  Ackerstreifen  getheilt,  als  Hoferaithen
angelegt  waren,  und  nunmehr  die  einzelnen,  mit  Nummern  bezeichneten
Abschnitte  an  die  Hofbesitzer  verlost.  Der  Wald  oder  Busch  blieb
entweder  ungetheilt  und  Gemeindeeigenthum  oder  wurde  in  ährlicher
Weise  an  die  einzelnen  Höfe  verlost.  Erst  jetzt,  nachdem  jeder  Ansiedler
  seinen  Antheil  an  Grund  und  Boden  erhalten  hatte,  wurde  der
Bau  der  Gehöfte  und  die  Urbarmachung  der  Felder  gemeinschaftlich
in  Angriff  genommen.

Die  Dorfgemeinde  bestand  aus  den  Besitzern  der  Höfe;  diese
Höfe  waren  von  gleicher  Größe  und  gleichem  Werthe,  nur  einzelne
wurden  schon  bei  der  Gründung  des  Ortes  mit  größerem  Areal  ausgestattet,
  etwva  die  Gründer  des  Ortes  oder  die  von  dem  Grundherrn
begünstigten  Gemeindehäupter.  Mit  dem  ersten  Beginn  der  Ansiedelung
  entwickelten  sich  auch  Gemeinderechte  und  Gemeindeverfassung,
sowie  Besitzrecht  und  Einzelrecht.  Die  Besitzer  der  Höfe  vereinigten
sich  zur  Gemeinde,  welche  die  Angelegenheiten  des  Ganzen  ordnete
und  vertrat.  Das  Stimmrecht  in  den  Gemeindeversammlungen  beruhte
  ausschließlich  auf  dem  Besitz  der  Höfe.  Die  Gemeinde  wählte
ihre  Vorsteher  und  ihre  Schöppen.  Daß  an  manchen  Orten  jedoch
das  Amt  des  Gemeindevorstehers  mit  dem  Besitz  eines  bestimmten
Hofes  verbunden  war,  welcher  als  Erbgericht,  Lehngericht,  Schulzen-
        <pb n="99" />
        —  91  —

hof  u.  s.  w.  bezeichnet  wurde,  deutet  darauf  hin,  daß  der  erste  Be—
sitzer  dieses  Hofes  das  Oberhaupt  der  Ansiedler  bei  ihrer  Niederlassung
  gewesen  war.  i-Das

  slavische  oder  sorbenwendische  Dorf,  für  dessen
Anlage  noch  zahlreiche  Beispiele  nördlich  vom  Erzgebirgsfuße  zu
finden  sind,  bildet  ein  geschlossenes  Ganze  und  bestätigt  schon  in
seiner  äußeren  Form  und  seinem  Grundrisse  die  Verbindung  des  Gemeindewesens.
  Die  vorwiegende  Form,  gewissermaßen  der  Urtypus
des  altslavischen  Dorfes,  ist  die  Kreisform.  Die  sämmtlichen  Höfe
desselben  liegen  aneinandergeschlossen  in  einem  Kreise  und  nur  ein
Eingang  führt  in  das  Innere  des  Dorfes,  während  die  äußere  Umfassung
  von  Hecken  oder  Lehmwänden  gewissermaßen  die  erste  Vertheidigungslinie
  bildet.  In  der  Mitte  des  Dorfes  liegt  in  der  Regel
ein  Teich;  ein  von  Linden  umfaßter  Platz  bildet  die  Stätte  der  Gemeindeversammlungen
  und  Berathungen.  Häufig  ist  eine  kleine  Kapelle
neben  demselben,  während  die  Kirche  in  der  Reihe  der  Höfe  liegt.
Man  kann,  wie  schon  gesagt,  für  diese  Dorfform  noch  zahlreiche  Beispiele
  in  den  Dörfern  sorbenwendischen  Ursprunges  auf  dem  unteren
Rande  und  am  Fuße  des  Erzgebirgsabhanges  nachweisen,  häufig  selbst
da,  wo  die  ursprüngliche  Form  durch  das  Anwachsen  des  Ortes  schon
bedeutend  verändert  ist.  Auf  dem  eigentlichen  Gebirgsabhange  kommen
sie  über  250  m  Meereshöhe  nicht  mehr  vor.  Nur  in  dem  durch
Vergrößerung  schon  wesentlich  veränderten  Luchau  bei  Glashütte  und
in  Großopitz  bei  Tharandt,  in  einer  Höhenlage  von  475  m,  bezw.
330  m  —  beides  wahrscheinlich  Niederlassungen  aus  dem  12.  Jahrhundert
  —,  ist  die  ursprüngliche  Anlageform  noch  zu  erkennen.  In
dem  am  äußeren  Rande  des  Waldgebietes  gelegenen  Collmen  bei
Colditz,  Gorschmitz,  Töpeln,  Rhäsa  bei  Nossen,  Coschütz  bei  Pottschappel,
Sürßen  bei  Dohna  und  mehr  noch  bei  zahlreichen  Orten  der  Niederung
  ist  die  flavische  Grundform  ganz  deutlich  erkennbar.

Als  oberster  Grundsatz  allen  Besitzes  galt,  daß  die  ganze  Feldmark
  des  Dorfes  an  Aeckern,  Wiesen,  Weiden,  Waldung,  Unland  und
Wüstungen,  Bächen,  Teichen  u.  s.  w.  der  Gemeinde  als  Gesammtbesitz
  angehörte,  und  daß  der  einzelne  Hofbesitzer  nur  als  Mitglied
der  Gemeinde  gewissermaßen  den  Nießbrauch  eines  entsprechenden
Theiles  des  Gesammtdhesitzes  hatte.

Anders  war  es  bei  der  Anlage  der  deutschen  Dörfer
im  Waldgebiete.  Hier  wurde  das  Gesammtgebiet  des  anzulegenden
Dorfes  in  so  viele  Theile  getheilt,  als  Höfe  gegründet  werden  sollten
und  der  dieser  Zahl  entsprechende  Raum  in  so  viele,  geschlossene,
aneinander  stoßende  Hufen  zerlegt,  als  die  Dorfgemeinde  Höfe  zählen
sollte.  Daher  bildete  die  mit  dem  Gehöfte  besetzte  Hufe  ein  geschlossenes
        <pb n="100" />
        —  92  —

Ganze;  Hofraithe,  Garten,  Feld,  Wiese,  Wald  reihten  sich  im  Zu—
sammenhange  aneinander,  wenn  auch  die  Reihenfolge  dieser  Theile  des
Ganzen  in  den  einzelnen  Fällen  eine  verschiedene  war.

In  der  Regel  wurden  die  einzelnen  Höfe  innerhalb  der  Ge—
meindeflur  längs  des  Hauptweges  mit  entsprechendem  Abstande  an—
einander  gereiht,  und  da  die  Niederlassung  vorwiegend  in  breiteren
Thalmulden  erfolgte,  auf  jeder  Seite  des  Wasserlaufes  in  entsprechen—
der  Höhe  über  der  Thalsohle  ein  Hauptweg  geführt,  längs  dessen  die
Höfe  erbaut  wurden.  Bei  dieser  Art  von  Ansiedelungen  in  den
Thälern,  wie  sie  im  Erzgebirge  die  vorwiegende  ist,  lagen  innerhalb
der  Waldungen,  welche  die  die  verschiedenen  Thalgebiete  trennenden
Höhenrückenzüge  bedeckten,  die  Grenzlinien  zwischen  den  in  gleicher
oder  ähnlicher  Weise  angeordneten  Nachbargemeinden.

Ein  jeder  der  Höfe  lag  in  seinem  ein  unzertrenntes  Ganze
bildenden  Besitz.  In  der  mehr  oder  weniger  breiten  Sohle  der
Thäler  waren  die  Wiesen,  weiter  oben  auf  dem  Abhange  und  dessen
weniger  steilen  Fläche  das  Ackerfeld  und  auf  dem  Rande  zwischen
beiden  der  Hof  mit  seinen  Gebäuden  und  dem  Garten.  Weiter  aufwärts
  lagen  die  Hutungen  und  oben  auf  der  Höhe  der  Wald.

Diese  Art  der  Hufentheilung  ist  die  im  Erzgebirge  bei  seiner
Besiedelung  vorwiegende  gewesen.  Weniger  gebräuchlich,  aber  doch
auch  vorkommend,  ist  die  z.  B.  in  Thüringen  vorherrschende,  mit  der
slavischen  oder  sorbenwendischen  Hufeneintheilung  im  Grundgedanken
übereinstimmende  Hufengattung,  bei  welcher  die  Hufe  aus  einer  großen
Anzahl  einzelner  Ackerstücke  besteht,  welche  durch  die  Feldflur  der
Dorfgemeinde  verstreut  liegen.  Das  gesammte  Pflugland  wird  in
eine  Anzahl  von  Vierecken  dergestalt  getheilt,  daß  der  Boden  eines
jeden  dieser  Vierecke  von  möglichst  gleicher  Beschaffenheit  ist.  Nun
wird  ein  jedes  dieser  Vierecke  in  so  viele  Streifen  (Gewende)  zerlegt,
als  die  Flur  Hufen  oder  Höfe  zählt,  so  daß  eine  Hufe  wie  die  andere
aus  ganz  gleichen  Theilen  zusammengesetzt  ist.

Die  Wiesen  werden  auch  bei  dieser  Hufengattung  besonders  ver—
theilt.  In  der  Regel  erhielt  eine  jede  Hufe  Wiesenantheile  in  den
drei  schon  im  frühesten  Mittelalter  unterschiedenen  Wiesenlagen,  und
zwar  Thalwiesen  (Bewässerungswiesen),  Wiesen  an  den  Hängen  (Thalhängen)
  und  Bergwiesen  (Höhenwiesen).

Jede  aus  dieser  Hufengattung  bestehende  Dorfflur  bildet  ebenfalls
  ein  geschlossenes  Ganze;  die  Hufe  ist  sogar  vollständiger  abgeschlossen,
  wie  bei  der  ersten  Hufengattung,  denn  jedes  neugerodete
Stück  Land  liegt  außerhalb  der  Hufe.  Daher  kommen  neben  der
Hufe  häufig  noch  einzelne  Acker  vor,  besonders  dann,  wenn  der  Wald
ursprünglich  geschlossenes  Gemeindeeigenthum  war.  —  Die  zu  dieser
        <pb n="101" />
        —  93  —

Hufengattung  gehörigen  Hoferaithen  liegen  stets  zu  einem  geschlossenen
Dorfe  vereinigt  beisammen.

Für  die  große  Mehrzahl  aller  Dörfer  im  Erzgebirge,  wenigstens
so  weit  sie  mit  Ackerbau  und  Viehzucht  in  Verbindung  stehen,  oder
wenigstens  in  Verbindung  gestanden  haben,  kann  man  die  Ansiedel—
ung  der  Dorfgemeinde  im  Ganzen  als  die  Regel  annehmen.
Dies  schließt  jedoch  nicht  aus,  daß  eine  kleinere  Ansiedelung  durch
Zuzug  einer  geschlossenen  Menge  neuer  Ansiedler  mit  einem  Male,
oder  durch  allmäligen  Zuwachs  nach  und  nach,  im  Laufe  der  Jahr—
hunderte  wesentlich  vergrößert  worden  ist.

Der  Einzelansiedler  hatte  vollständig  freie  Hand,  sich
anzubauen,  wo  es  ihm  gefiel.  Da  gab  es  bis  in  die  neueste  Zeit
Einzelhäuser  im  Walde  und  Einzelgehöfte  vor  dem  Walde  und  an
dessen  Rande,  ungerechnet  die  zahlreichen  Mühlen,  welche  einsam  an
den  Wasserläufen  und  in  den  prächtigsten  Thalstrecken  entlang  ver—
streut  liegen.  Der  Laurich,  eine  Häusergruppe  auf  dem  Höhenrücken
zwischen  Bahre=  und  Seidewitzbach,  die  Buschschenke  oberhalb  Hausdorf,
  die  Weicheltswalder  Vorwerke  bei  Altenberg  und  Hirschsprung,
Neuölsa  und  Elend  bei  Dippoldiswalde,  die  Poisenhäuser  bei  Wilmsdorf,
  das  wieder  mit  Wald  bepflanzte  Grünschönberg  bei  Nassau  und
das  ebenfalls  abgetragene  Schaarschuchhaus  bei  Neuhausen  oberhalb
Purschenstein,  die  Fasanenhäuser  bei  Neukirchen,  die  Dreierhäuser  bei
Marbach,  die  Teichhäuser  bei  Krummenhennersdorf,  die  verschiedenen
Häusergruppen  auf  dem  Zug  zwischen  Freiberg  und  Brand,  die  Höfe
von  Drachenwald  und  Neusorge,  die  Gehöfte  und  Häusergruppen  „auf
dem  Gebirge“  bei  Marienberg,  die  verschiedenen  Vorwerke  bei  Ehrenfriedersdorf
  und  Geyer,  sowie  im  Nordosten  von  Annaberg  und  im
Norden  von  Buchholz,  die  Höfe  am  Bärenstein,  die  Vorwerke  bei
Oberwiesenthal,  die  Berghäuser  bei  Unterwiesenthal,  die  Tellerhäuser
bei  Oberwiesenthal,  das  längst  abgetragene  und  zugepflanzte  Waldhaus
von  Friedrich  Kiel  bei  Großpöhla,  das  ebenfalls  längst  abgetragene
und  zugepflanzte  Preishaus  bei  Rittersgrün,  die  Rabenberghäuser  bei
Breitenbrunn,  das  Rockstrohgut  und  die  Waldhäuser  am  Sonnenberg
bei  Rittersgrün,  das  Fritschhaus  bei  Sosa,  die  verschiedenen  Vorwerke
  bei  Schwarzenberg,  Weiterswiese  bei  Carlsfeld,  Streitwald  bei
Oberaffalter,  Raum  bei  Hartenstein,  die  dürre  Henne  bei  Alberode,
Brünnlaß  am  Gleesberge,  der  Prummer  (oder  Promnitzwald)  bei
Oelsnitz,  die  Mühlleite,  Winselburg  und  Boda  bei.  Tannebergsthal,
das  Ziegensohrhaus,  die  Petzoldhäuser,  das  Tannenhaus,  das  abgetragene

  Gypserhaus  am  neuen  Graben,  die  Sonnenwirbelhäuser,  die
Unruhe,  die  Spitzberghäuser,  die  Försterhäuser,  der  Schwimiger  bei
Zwittermühl,  die  Wolfsberghäuser  bei  Platten,  die  Schieferhütten
        <pb n="102" />
        —  94  —

bei  Frühbuß  u.  s.  w.  geben  sämmtlich  Beispiele  für  die  Einzelansiedelung,
sei  es  als  Jäger,  Wilddieb,  Kohlenbrenner,  Bergmann,  Viehzüchter
oder  Ackerbauer.

Die  Gegensätze  zwischen  der  Einzelansiedelung  und  der  Nieder—
lassung  vollständiger  Gemeinden  einerseits  und  zwischen  der  An—
siedelung  zu  landwirthschaftlichen  und,  wenn  man  sozusagen  wenigstens
diese  Bezeichnung  auf  die  ursprünglichen  Einzelhäuser  ausdehnen  darf,
zu  technischen  Zwecken,  sprechen  sich  in  den  Bauten  dieser  Kategorien
ganz  entschieden  aus.  Das  Einzelhaus  und  der  Einzelhof  stehen  in
baulicher  Beziehung  als  Gegensätze  einander  gegenüber.

7.  Das  Einzelhaus  und  das  Vauern-  (Hufen--)Gut.

Der  Hausbau  des  sorbenwendischen  Hügellandes  der  Gaue
Dalamince,  Skuntira,  Plisni  u.  s.  w.,  also  der  Gegenden  von
Lommatzsch,  Colditz,  Altenburg,  mit  ihrer  dicken  Lehmbedeckung  der
Bodenoberfläche  bietet  schon  in  den  ältesten  Zeiten  das  Lehmhaus
als  den  Grundtypus  aller  baulichen  Anlagen.

Das  Einzelhaus  (Wohnhaus)  besteht  aus  starken  Wänden  von
mit  Strohgemenge,  Häcksel  und  Spreu  gemischtem,  gestampftem  und
festgerammtem  Lehm,  in  welchen  Thür=  und  Fensteröffnungen  mit
Gewänden  von  Eichenholz  versehen  sind.  Der  Fußboden  der  Wohnung
ist  aus  gestampftem,  mit  Spren  gemischtem  und  mit  Ochsenblut  durchtränktem
  Lehm  hergestellt,  wie  ja  heutzutage  noch  der  größte  Theil
der  Scheunentennen  in  dieser  Weise  gefertigt  wird;  nur  daß  man
zuweilen  noch  etwas  Hammerschlag  beimengt.  Die  Feuerstelle  wird
aus  Trockenziegeln  von  Lehm  erbaut,  die  Esse  aus  starkem  Lehmestrich.
  Zu  diesem  Zwecke  werden  zwischen  den  Balken  der  Decke
Latten  und  Querhölzer  befestigt,  welche  mit  Stroh  umwickelt,  mit
einer  dicken  Schicht  nassen  Strohlehms  verkleidet  und  sodann  fest
aufgeschlagen  und  geglättet  werden.  Die  Fensteröffnungen  wurden
ursprünglich  nur  mit  hölzernen  Vorsetzern  geschlossen.  Das  Dach
wurde  auf  den  mit  Querlatten  versehenen  Sparren  aus  Strohschoben
hergestellt;  der  First  mit  großen,  breiten  Deckrasen  belegt.

Diese  Art  von  Gebäuden  war  noch  vor  etwa  50  Jahren  in
vielen  Dörfern  des  nördlichen  Hügellandes  in  einzelnen  alten,  Jahrhunderte
  stehenden  Einzelhäusern  und  selbst  in  Bauergehöften  anzutreffen.
  Jetzt  wird  sie  wahrscheinlich  vollständig  verschwunden  sein.

Das  für  das  Erzgebirge  charakteristische  Wohnhaus  ist  das
Blockhaus.  Das  ursprüngliche  Blockhaus  ist  allerdings  nur  noch
        <pb n="103" />
        —  95  —

in  mäßiger  Anzahl  zu  finden,  da  bei  allen  neueren  Bauten  die  gesteigerten
  Holzpreise,  sowie  staatliche  und  örtliche  Bauvorschriften  die
Errichtung  von  wirklichen  Blockhäusern  verpönten.  Das  Blockhaus,
wie  man  es  in  der  ursprünglichen  Bauweise  an  einzelnen  Stellen
noch  vortrefflich  erhalten  findet,  und  zwar  für  Eine  Familie,  ist  der
Grundtypus  für  alle  Hausbauten  auf  dem  Gebirge.

Auf  einem  Viereck  von  großen  Steinen  in  Trockenmauer  (selten
in  Lehm=  oder  Kalkbau)  steht  das  aus  zweikantig  beschlagenen,  auf
den  beiden  übrigen  Seiten  nur  geschälten  Balken  errichtete  Haus.
Die  Balken  liegen  horizontal;  ihre  Enden  sind  übereinander  geschnitten
und  ragen  etwa  eine  Hand  breit  vor.  Die  Balken  waren  30  bis
35  em  stark;  aber  als  die  Stammhölzer  kostspieliger  wurden,  schnitt
man  12  bis  16  em  starke  Bohlen  und  fügte  dieselben  zwischen
stehende  Säulen  von  30  cm  Stärke.  Für  Thüre  und  Fenster  sind
entsprechende  Oeffnungen  gelassen  und  mit  Bretern  verkleidet.  Die
inneren  Zwischenwände  sind  ebenfalls  Blockwände,  und  nur  zur  Aufnahme
  der  Esse  und  Abgrenzung  einer  kleinen,  schwarzberußten
Sommerküche  ist  Mauerwerk  von  mehr  oder  weniger  hart  gebrannten
Ziegeln  aufgeführt.  Die  Fugen  zwischen  den  Balken  sind  mit  Moos,
Erde  oder  Lehm  ausgestopft  und  das  Innere  mit  Kalkfarbe  gestrichen,
bei  wohlhäbigeren  Bauten  aber  mit  Holzverkleidung  bedeckt.  Die
Stuben=  und  Kammerdecke  ist  mit  Bretern  zwischen  den  Balken  verschlagen;
  die  Fenster  sind  mit  Läden  versehen.  Die  Holzverkleidungen
sind  meist  in  Felder  getheilt;  aber  eigentliche  Holzschnitzereien  sind
nirgend  zu  treffen.  Zunächst  der  kleinen  Hausflur  befindet  sich  eine
ca.  9  Ellen  (5  bis  5½  m)  ins  Gevierte  haltende  Stube,  an  dieser
eine  Kammer.  In  der  Stube  steht  ein  großer  Kachelofen,  in  der
kleinen  Küche  ein  Herd.  Das  zweiseitige,  mit  Schindeln  gedeckte  Dach
bildet  ein  gleichseitiges  Dreieck  über  den  niedern  Außenwänden  und
die  über  ihm  nur  wenig  aufragende  Esse  ist  von  Lehmsteinen  oder
Ziegeln  gebaut,  mit  einer  Holzverkleidung  umfaßt  und  mit  einem
Wetter=  und  Schneedache  überdeckt.  Zu  dem  Dachboden  führt  eine
offene  Stiege.  Dem  Verlaufe  der  Ansiedelung  entsprechend  liegen  die
Häuser  vereinzelt,  mitten  im  Lande,  oder  am  Wege,  oder  in  Gruppen,
zuweilen  in  mehreren  Gruppen  über  oder  neben  einander,  am  Abhange
oder  auf  der  Bergterrasse.  Charakteristisch  für  diese  Art  der  Anlage
ist  der  auf  einer  Fläche  von  nahezu  7  qkm  verstreute  Ort  Hengsterben
bei  Abertham.

Aus  dem  einfachen  Blockhause  entwickelte  sich  das  doppelte.  Bei
einer  oder  auch  zwei  Eingangsthüren  bietet  es  auf  einer  jeden  Seite
dieselben  Räume  wie  das  einfache  Blockhaus.  War  Viehstand  vorhanden,
  so  wurde  wohl  die  eine  Seite  als  Wohnhaus,  die  andere
        <pb n="104" />
        —  96  —

als  Stallgebäude  angelegt;  aber  erst  dann,  wenn  die  Bodenräume
zur  Unterbringung  der  Futtervorräthe  und  der  Ernte  nicht  mehr  ausreichten,
  ging  man  an  die  Anlage  eines  Schuppens  oder  einer  Scheune.

Die  beiden  Grundtypen  des  Einzelhauses,  das  Lehmhaus  des
Niederlandes,  das  Blockhaus  des  Gebirges,  beide  mit  ihrem  Unterbau
  von  Stein,  haben  für  die  Anlage  der  Wohnungen  aller  Gattungen
von  Arbeitern  aller  Art,  Wald-,  Holz-,  Berg=  und  Hüttenleuten,
Handwerkern  und  Industriearbeitern  u.  s.  w.  die  Vorbilder  geliefert,
nur  daß  ihre  Herstellung  je  nach  den  vorhandenen  Mitteln,  dem
Baumaterial,  der  Oertlichkeit  und  der  Zeit  der  Erbauung  verschiedenen
Wandlungen  unterlagen.

Es  bildeten  sich  Zusammensetzungen  der  mannigfachsten  Art  aus,
zu  denen  sich  der  Steinbau,  sowohl  in  Lehm=  als  auch  in  Kalkverbindung
  gesellte,  so  daß  man  nicht  selten  den  Theil  des  Hauses,
welcher  die  Wohnräume  enthält,  in  Holzbau  und  mit  Block=  und
Stammwänden,  oder  mit  Bohlenwänden  findet,  während  derjenige
Theil  des  Hauses,  welcher  den  Viehstall  enthält,  entweder  in  Lehmplackwerk
  oder  auch  in  Bruchsteinmauerwerk  hergestellt  ist.

Der  Bau  der  Häuser  entspricht  im  Allgemeinen  den  nachstehenden
  Bedingungen.  Ein  Theil  des  von  Bruchsteinen,  der  Oertlichkeit
  entsprechend  Gneiß,  Glimmerschiefer  oder  Thonschiefer,  seltener
Granit  oder  Porphyr,  erbauten  Erdgeschosses  ist  unterkellert;  in
einzelnen  Fällen  der  Keller  mit  einem  Bruchsteingewölbe,  meist  jedoch
nur  durch  eine  starke  Holz=  und  Estrichdecke  geschlossen.  Das  an
den  Eingang  anstoßende  Vorhaus  ist  mit  Schieferplatten  belegt;  rauh
und  winklich,  wie  sie  gerade  gebrochen  sind.  Die  zwei  Stuben  des
Erdgeschosses,  von  denen  eine  jede  die  eine  Vorderecke  des  Hauses
einnimmt,  haben  in  der  Regel  zwei  Fenster  auf  der  Giebelseite;  die
anstoßende  Kammer  ein  Fenster  auf  der  Giebelseite;  die  Küche  ein
kleines  Fenster  auf  der  Rückseite  des  Hauses.

In  der  Wand  zwischen  Stube  und  Küche  liegt  die  Esse;  von
ihr  abgerückt  steht  der  große  Kachelofen  in  der  Wohnstube;  in  neuester
Zeit  sieht  man  auch  eiserne  Oefen.  Die  Wohnstuben  des  Erdgeschosses
sind  etwa  5  bis  5½  m  ins  Gevierte;  die  Kammern  sind  nur  halb
so  groß,  die  Küche  meist  dunkel  und  klein.  Die  Höhe  des  Erdgeschosses
  beträgt  in  der  Regel  nur  2¼  bis  2½  m.  Bei  der  großen
Grundfläche  der  Wohnzimmer  ist  ihre  geringe  Höhe  auffallend.  Die
Fenster  sind  niedrig  und  schmal;  nicht  viel  über  80  cm  breit  und
100  em  hoch;  vorwiegend  Schößchenfenster,  wo  nur  die  mittelste
Scheibe  als  kleiner  Fensterflügel  oder  als  Schiebefenster  zu  öffnen  ist.

Nach  dem  oberen  Stockwerke  führt  von  der  Hausflur  eine  gerade,
steile  und  schmale  hölzerne  Treppe;  aus  der  Hausflur  öffnet  sich  nach
        <pb n="105" />
        —  97  —

der  Rückseite  des  Hauses  eine  Hinterthüre,  hier  steht  mit  einem  kleinen
Abstande  ein  kleiner  Holzschuppen  und  ein  oft  sehr  primitiver,  gemeinschaftlicher
  Abtritt.  Bei  jedem  vollständig  vereinzelt  stehenden  Hause,
wie  bei  jeder  Häusergruppe  findet  man  einen  mit  köstlichem  Wasser
reichlich  ausgestatteten  Röhrtrog.

Das  Obergestock  der  Häuser  besteht  aus  Fachwerk,  d.  h.  aus
einem  Balkengerüste,  dessen  Zwischenräume  jetzt  mit  gebrannten  Ziegeln
ausgesetzt  werden,  während  sie  früher  meist  mit  Lehmestrich  ausgefüllt
  wurden.  Da  nun  aber  die  Stärke  der  Mauern  des  Erdgeschosses
45  bis  48  cm  beträgt,  dagegen  die  Umfassung  des  Obergeschosses,
ebenso  wie  die  Stärke  der  Zwischenwände  nur  13  bis  15  cm,  wird
der  Aufenthalt  in  den  oberen  Wohnräumen  während  des  langen  Winters
wenig  behaglich  und  zuträglich.  Die  schwachen  Außenwände  können
die  starke  Abkühlung  der  Innenräume  nicht  hindern.  Wenn  auch  bei
einer  großen  Anzahl  von  Häusern  das  obere  Stockwerk  auf  der  Wetterseite
  mit  Bretern  verschlagen  und  selbst  mit  Schiefer  oder  mit  Schindeln
eingedeckt  ist,  so  reicht  dieß  doch  nicht  aus,  um  genügenden  Schutz
gegen  Wind  und  Wetter  zu  gewähren.  Eine  starke  Luftbewegung  bleibt,
und  besonders  während  der  Nacht  sinkt  die  Wärme  dieser  Räume  bedeutend.

Diese  Bauart  ist  für  das  gebirgische  Klima  unzweifelhaft  zu
leicht:  so  lange  aber  der  Massivbau  in  harten  Ziegeln  nicht  billiger,
und  die  Erwerbsverhältnisse  der  Bevölkerung  nicht  wesentlich  bessere
werden,  ist  an  eine  erfolgreiche  Aenderung  kaum  zu  denken.

Eigentlich  ist  es  nur  zum  Verwundern,  daß  man  noch  nicht
dazu  geschritten  ist,  den  Fachwerkbau  des  Obergeschosses  auf  eine  angemessene
  Weise  zu  verstärken.  Es  ist  unzweifelhaft  zu  kostspielig,
auch  das  Obergeschoß  mit  einer  50  em  starken  Ziegelmauer  zu  umgeben,
  wie  die  klimatischen  Verhältnisse  es  bedingen  würden;  aber
wenn  man  die  hinreichenden  Mittel  besitzt,  koann  man  mit  einem  Abstande
  von  etwa  12  cm  eine  innere  Bretverschalung  errichten,  und
dieselbe  mittelst  vierkantiger  starker  Latten  (sogenannter  Bettpfosten)
mit  dem  Balkenwerk  der  Außenwand  verbinden,  um  nunmehr  die
Zwischenräume  mit  einem  Kalkbeton  aus  Steinstücken,  Sand  und
Kalk  dicht  zu  füllen.  Auf  diese  Weise  würde  man  eine  Außenwand
von  35—40  cm  Gesammtstärke  herstellen,  welche  den  Einwirkungen
des  Temperaturwechsels  sogar  einen  noch  nachhaltigeren  Widerstand
entgegensetzte,  wie  jede  gleichstarke  Ziegelwand,  besonders  wenn  die
Außenseite  mit  Brettern  verkleidet  und  mit  Schiefer  eingedeckt  wird.

Die  Dächer  der  älteren  Häuser  im  oberen  Gebirge  sind  ausschließlich
  mit  Schindeln  gedeckt.  Wegen  der  Feuergefährlichkeit  sind
die  Schindeldächer,  besonders  nach  den  großen  Bränden,  verboten
worden.  Das  Schindeldach  hat  aber  seine  großen  Vorzüge;  es  ist

7
        <pb n="106" />
        sehr  dauerhaft,  widersteht  Sturm,  Regen  und  Schnee  vortrefflich,  ist
leicht  und  verhältnißmäßig  billig.  Nur  bei  Bauten  in  geschlossener
Straßenreihe  bringt  es  eine  erhöhte  Feuersgefahr  mit  sich.  Das
Strohdach  hat  im  oberen  Gebirge  von  je  her  wenig  Anwendung
gefunden;  eigentlich  ist  es  nur  längs  des  Gebirgsfußes  und  in  ein—
zelnen  Thallinien  gebräuchlich  gewesen.  Hauptsächlich  in  Folge  der
Unterdrückung  der  Schindeldachung  hat  das  Schieferdach  eine  große
Verbreitung  gewonnen,  obgleich  es  nicht  viel  weniger  feuergefährlich
ist,  als  das  Schindeldach.  Man  hat  sich  aber  daran  gewöhnt,  seine
heimtückische  Eigenschaft,  die  Gefahr  bei  Feuersbrünsten  durch  umher—
fliegende  glühende  Stücke  an  Orte  zu  tragen,  welche  man  für  gesichert
und  vollständig  gefahrlos  hielt,  weniger  zu  beachten.  Es  herrscht  der
silbergraue,  leicht  ins  Bläuliche  spielende  Schiefer  vor,  wie  er  auf
dem  Abhange  des  Erzgebirges  selbst,  z.  B.  in  der  Gegend  von  Lößnitz,
gebrochen  wird.  In  der  neuesten  Zeit  hat  der  thüringische  Schablonen-=schiefer
  von  Lehesten,  in  vereinzelten  Fällen  auch  der  englische,  das
kleintäfeliche,  schwere,  aber  dauerhafte  Landesprodukt  verdrängt.

Ziegeldächer  sind,  besonders  im  oberen  Gebirge,  selten.  Nur
in  den  tiefer  liegenden  Gegenden  kommt  das  Ziegeldach  häufiger  vor;
aber  auch  hier  ist  der  mittelalterliche  Hohlziegel  verschwunden.  Da
findet  man  nur  noch  den  platten  Dachziegel,  während  für  gebirgische
Witterungsverhältnisse  der  Falzziegel  in  seinen  verschiedenen  Formen  der
einzig  zweckmäßige  ist;  besser  als  das  Doppeldach  von  gewöhnlichen  Ziegeln.

In  der  neuesten  Zeit  sieht  man  vereinzelt  auch  roth  angestrichene
Dächer  von  Eisenblech.

Die  Bauart  der  Häuser  und  Höfe  ist  im  Laufe  der
Zeiten  aus  dem  Stadium  der  Ursprünglichkeit  in  eine  gewisse  Regelmäßigkeit
  und  Gleichmäßigkeit  übergegangen.  Die  Eigenthümlichkeiten
der  Haus=  und  Hofanlage  der  einzelnen  Volksstämme  vermischten  und
verwischten  sich  in  den  Baulichkeiten  der  erzgebirgischen  Ansiedler;
denn  nur  höchst  vereinzelte  Orte  können  beanspruchen  von  ein  und
demselben  Volksstamme  angelegt  und  ausgebaut  worden  zu  sein.  Von
einer  einheitlichen,  nationalen  Bauweise,  wie  in  Franken,  Hessen,
Thüringen,  Westphalen  oder  Niedersachsen  ist  im  Erzgebirge  schon
deßhalb  nicht  die  Rede,  weil  die  Ansiedler  auf  demselben  nicht  blos
aus  allen  deutschen,  sondern  auch  aus  verschiedenen  sorbenwendischen
Stämmen  gemischt  waren.  Dessen  ungeachtet  entwickelte  sich  aber  doch
eine  gewisse  lokale  Bauweise,  welche  aus  der  Niederung  nach  dem
Gebirge  ansteigend  bestimmte  Uebergänge  in  der  Bauweise  der  Häuser
und  Gehäöfte  erkennen  läßt.

Die  Anlage  des  Einzelhofes  war  durch  die  landwirthschaftlichen
  Verhältnisse  bedingt.  In  gewissem  Sinne  ist  der  in  der
        <pb n="107" />
        —  99  —

Gemeindegemeinschaft  angelegte  Hof  des  ersten  Ansiedlers  allerdings
auch  ein  Einzelhof,  denn  er  lag  mit  seiner  Hofraithe  auf  eigenem
Gebiete,  auf  allen  Seiten  von  demselben  umgeben  und,  wenn  auch
nicht  wörtlich  inmitten  seines  Besitzes,  doch  so,  daß  die  zu  ihm  ge—
hörende  Flur  ein  geschlossenes  Ganze  bildete.  Das  ist,  im  Gegensatze
  zu  der  sorbenwendischen  Niederlassung  im  Norden  vor  dem  Gebirgsfuße,
  wie  zu  den  thüringischen  und  fränkischen  Niederlassungen
nördlich  und  südlich  des  Thüringer  Waldes  ein  charakteristisches  Merkmal
  der  Ansiedelung  im  Erzgebirge.

Der  erzgebirgische  Einzelhof,  mag  er  nun  thatsächlich  vereinzelt
liegen,  oder  im  Thallaufe  des  Baches  einer  Dorfgemeinschaft  angehören,
bietet  in  den  einzelnen  noch  vorhandenen  älteren  Höfen  ein  charakteristisches
Anhalten  für  die  Anlage  und  Bauart  der  ältesten  Ansiedelungen.  Geschlossen
  und  in  sich  selbständig,  wie  das  ihm  zugehörende  Land,
bestanden  die  ältesten  Höfe  schon  aus  einer  in  sich  abgeschlossenen
Hoferaithe,  auf  welcher  die  Wohn=  und  Wirthschaftsgebäude  in  unveränderlich
  gleich  bleibender  Anordnung  bis  in  die  neueste  Zeit  herein
errichtet  wurden.

Schon  Tacitus")  sagt:  „Daß  die  Völker  germanischen  Stammes
keine  Städte  haben,  ja  überhaupt  geschlossenen  Wohnsitzen  abgeneigt
sind,  ist  bekannt.  Jeder  wohnt  für  sich  und  von  den  Nachbarn  entfernt,
  wie  gerade  ein  Quell,  ein  Feld,  ein  Gehölz  zur  Niederlassung
einladet.  Der  germanische  Weiler  (Ort,  Dorf,  Gemeinde)  bildet.  nicht
die  geschlossenen  Häuserreihen  des  römischen  Ortes  (Dorfes).  Ein
Jeder  stellt  seine  Wohnstätte,  sein  Haus,  nach  allen  Seiten  frei  hin,
vielleicht  zum  Schutze  gegen  Feuersgefahr,  vielleicht  weil  sie  überhaupt
nicht  zu  bauen  verstehen.  Denn  Steinbau  mit  Kalk  ist  ihnen  ebenso
unbekannt,  wie  der  Gebrauch  der  Dachziegel.  Alles  ist  von  Holz,
unförmig  und  ohne  Rücksicht  auf  Ansehen  oder  Schönheit.  Einzelne
Theile  des  Baues  werden  mit  feinem  Lehm  sorgfältig  überzogen
und  die  geglättete  Fläche  wird  mit  Linien=  und  Farbenverzierungen
geschmückt.“

Dieser  Gebrauch,  keine  geschlossenen  Straßen  zu  bauen,  wie  in
den  römischen  Orten,  aber  auch  keine  geschlossenen  Orte,  wie  in  den
sorbenwendischen  Niederlassungen,  findet  fast  ein  Jahrtausend  später
bei  der  Besiedelung  des  Erzgebirges  seine  volle  Bestätigung.

Ueberall  in  der  germanischen  Niederlassung  besteht  die  im  neuerschlossenen
  Gebiete  gegründete  Gemeinde  oder  Dorfgemeinschaft  aus
einer  aus  einzelnen  Höfen  zusammengesetzten  Flur=  und  Rechtsgemeinschaft.
  Die  Feldflur  mit  ihren  Hufen  ist  mit  dem  Dorfe  gleichzeitig

z)  Tacitus,  Corn.,  De  vita,  moribus  et  populis  germaniae,  Cap.  XVI.
77
        <pb n="108" />
        —  100  —

entstanden  und  bildet  ein  festes,  unveränderliches,  in  sich  abgeschlossenes
Ganze.  Wie  die  Dorfflur,  so  zeigt  auch  die  Flur  des  einzelnen  Hofes
das  alte,  uranfängliche  Bild;  um  jeden  Hof  herum,  von  ihm  auf—
wärts  und  abwärts  liegt  das  dazugehörige  Ackerland,  die  Wiesen  und
das  Gehölz  (Busch,  Wald).  Nur  in  ganz  vereinzelten  Fällen  mag
durch  Nacheinandergründen  von  Einzelhöfen  eine  Dorfgemeinschaft
entstanden  sein;  doch  läßt  sich  kein  bestimmtes  Beispiel  für  diese  Art
des  Vorganges  nennen..

Der  Einzelhof  bildete  durch  die  Anlage  der  verschiedenen
Gebäude  ein  mehr  oder  weniger  regelmäßiges  Viereck,  welches  durch
Einzäunungen  oder  Mauern  vollständig  abgeschlossen  wurde,  die  Hofe—
raithe.  Der  Eingang  ist  ein  mit  einem  hohen  Bogen  überspanntes
Thor,  neben  welchem  zur  linken  Seite  eine  kleine  Pforte  den  Zugang
für  Fußgänger  bildete.  Der  Thorbogen  war  gewissermaßen  das
Wahrzeichen  des  freien,  selbständigen  Eigenthumes  und  ist  ein  Merk—
mal  der  unzersplitterten  Bauernhöfe,  bezw.  der  Stammhöfe,  das  sich
bis  in  die  neueste  Zeit  erhalten  hat.

Zur  linken  Seite  beim  Eintreten  in  den  Hof  befindet  sich  fast
ausnahmelos  das  Wohnhaus,  in  welchem  wiederum  beim  Eintritt  zur
linken  Hand  die  große  Unterstube  liegt,  an  welche  ein  kleineres  Zimmer
oder  ein  Bretverschlag  als  ausschließlich  von  dem  Hofbesitzer  und  seiner
Familie  benützter  Wohn-  und  Schlafraum  anstößt.  Die  große  Unter—
stube  ist  der  gemeinsame  Aufenthaltsort  für  Herrschaft  und  Gesinde.
Der  große  Ofen  rechts  der  Eingangsthüre  ist  mit  einem  Wasserkessel
für  die  Viehbeschickung  und  mit  Stangen  umgeben,  um  nach  Bedarf
Wäsche  und  Kleidungsstücke  daran  zu  trocknen.  Längs  der  Fensterwände,
  also  links  und  gegenüber  des  Eingangs,  befindet  sich  eine
Bank  und  in  der  linken  Ecke  der  große,  viereckige,  gemeinschaftliche
Tisch;  es  sind  dies  Einrichtungsdetails,  welche  sich  fast  unverändert
bis  auf  den  heutigen  Tag  erhalten  haben.

Zunächst  der  großen  Unterstube,  nicht  selten  von  dieser  aus  zugänglich,
  liegt  (dem  Hauseingange  gegenüber)  die  Küche  mit  dem
Heerde  und  dem  Backofen,  sowie  daneben  die  Speise=  und  Vorrathskammer.


Rechts  des  Hauseinganges  unter  demselben  Dache  befindet  sich
der  Kuhstall,  je  nach  der  Größe  des  Hofes  zur  Aufnahme  der  entsprechenden
  Anzahl  von  Rindvieh  geeignet.  Man  kann  im  Allgemeinen
den  Bestand  an  Rindvieh  auf  einem  vollen  Einzelhof  oder  Hufengute
zu  16  bis  24  Kühen  annehmen.  An  den  Kuhstall  schlossen  sich  die
Schweineställe;  doch  waren  sie  wohl  auch  zuweilen  bei  den  ältesten
Gutsanlagen  in  denselben  eingebaut,  ganz  wie  die  schon  in  frühesten
Zeiten  vorkommenden  Hühnerställe.
        <pb n="109" />
        —  101  —

Gegenüber  dem  Wohnhause,  auf  der  rechten  Seite  des  Hofes
lagen  die  Pferde-  oder  Ochsenställe  mit  den  Räumen  für  Aufbewahrung
der  Geschirre,  dem  Schuppen  für  Wagen-  und  Ackergeräthe.  Unter
diesem  Gebäude  befand  sich  der  Milchkeller.

Die  Rückseite  des  Hofes  wurde  durch  die  Scheune  gebildet,  welche
quer  vor  lag.

Diese  allgemeine  Anordnung  des  Einzelhofes,  welche  sich  bis  in
die  neueste  Zeit  erhalten  hat,  bestand  schon  lange  vor  Tacitus,  denn
der  Grieche  Pytheas  aus  Massilien  erwähnt  schon  drei  Jahrhunderte
v.  Chr.  das  Vorhandensein  von  Häusern,  Ställen  und  Scheunen  in
den  norddeutschen  Dörfern  und  die  ältesten  germanischen  Gesetze  nennen
Wohnhaus,  Ställe,  Scheunen  und  Schuppen  (Schoppen),  sowie  das
Aufstellen  des  Getreides  in  Feimen  (Vimmen).

Mit  dem  Vordringen  ins  Gebirge  wurde  der  Lehmbau  auf—
gegeben,  schon  weil  der  dazu  nöthige  fette  Lehm  nicht  mehr  gefunden
wurde.  Dafür  kam  der  Steinbau  des  Erdgeschosses  in  Anwendung,
und  diesem  wurde  durch  fränkischen  und  thüringischen  Einfluß  ein
Stockwerk  mit  Fachwänden  aufgesetzt.  Der  Charakter  des  fränkischen
und  thüringischen  Bauernhofes  ist  auf  dem  Erzgebirge  vorwiegend
geworden.  Während  das  westphälische  und  niedersächsische,  oder  überhaupt
  norddeutsche  Bauernhaus  alles  unter  einem  Dache  vereinigt.  —
Wohnstube  mit  Kammer,  Küche  mit  Heerd,  Knecht=  und  Mägdekammer,
Kuhstall,  Kälberstall,  Pferdestall,  Schirrkammer  u.  s.  w.  und  diese
Räume  um  die  gleichzeitig  als  Dreschtenne  dienende  Diehle  (Dehle
oder  Tenne)  vereinigt,  trennt  die  thüringisch-fränkische  Anlage  schon
das  Wohnhaus  mit  dem  Stall  von  der  Scheune,  und  der  Hof  vereinigt
  eine  regelmäßig  wiederkehrende  Anzahl  von  Gebäuden  zu  einem
geschlossenen,  nur  durch  Thorweg  und  Pforte  zugängigem  Ganzen.

Mosch“)  beschreibt  den  erzgebirgischen  Bauernhof:  „Von  hier  an
„(oberhalb  Dippoldiswalde)  sind  die  Bauerngüter  mit  wenigen
„Ausnahmen  sämmtlich  von  Holz,  nur  selten  der  Stall  von  Bruch-„steinen.
  Die  Wohnstube  ist  größtentheils  aus  aufeinandergelegten
„  Balken  erbaut,  und  von  innen  getäfelt,  welche  Bauart  als  trocken
„und  warm  sehr  geliebt  ist.  Der  obere  Theil  des  Hauses  ist  aber
„zwischen  den  Balken  mit  Sprossenwerk,  um  welches  Leimen  geschlagen
„und  dieser  mit  Kalk  beworfen  ist.  Die  Diächer  sind  durchgängig
„von  Stroh  und  werden  bei  ihrer  Anlage  gekämmt  und  unten  glatt
„abgehackt,  so  daß  man  ihre  Stärke  von  12  bis  16  Zoll  (28  bis
„39  cem)  beobachten  kann.  —  Jedes  Bauerngut  besteht  immer,  wie

*)  Sachsen,  historisch-  EM*“  statistisch  2c.  von  Dr.  C.  F.  Mos
Dresden  und  Leipzig.  1806.  S.  J  ch,
        <pb n="110" />
        —  102  —

„auch  in  den  tieferen  Elbgegenden,  aus  vier,  wenigstens  drei  Gebäuden.
„Diese  nehmen  bis  zu  zwei  Gebäuden  ab,  je  mehr  das  Gebirge  an—
„steigt,  und  die  Wirthschaften  kleiner  werden.  Im  Wohngebäude  ist
„auf  dem  einen  Flügel  die  Wohnstube  und  Küche,  auf  dem  andern
„der  Stall  für  die  Pferde,  Kühe,  Ochsen;  im  Nebengebäude  die  Scheuer
„und  vielleicht  noch  ein  Platz  für  Holz,  Wagen  und  Geschirr.  Bei
„drei  und  vier  Gebäuden  sind  einige  für  letztere  besonders  bestimmt,
„und  dann  ist  in  dem  einen  gewöhnlich  noch  die  Stallung  für  die
„Pferde.“

„Unter  dem  Gebälk,  aus  welchem  die  Wohnstube  besteht,  ist  eine
„etwa  1½  bis  2  Ellen  (85  bis  113  em)  hoch  aufgemauerte  Unter-„lage,
  auf  welcher  dieses  Gebälk  und  die  Eckpfeiler  ruhen.  In  den
„höchsten  Dörfern  des  Gebirges  sind  die  Häuser  von  Holz,  am
„öftersten  nur  ein  Erdgeschoß,  die  Balken  über  einander  gelegt  und
„mit  Schindeln  gedeckt.  Bei  zwei  Geschossen  das  obere  gegen  Wind
„und  Wetter  mit  Bretern  beschlagen."“

Der  große  Bauernhof,  zu  welchem  eine  Hufe  Landes  oder  mehr
gehörte,  zeichnete  sich  nicht  nur  durch  den  hohen,  gewölbten  Thorbogen
als  das  Eigenthum  eines  freien  Mannes  aus,  sondern  das  Hauptgebäude
  desselben  war  auch  in  der  Regel  mit  einem  Thürmchen  geschmückt.
  Dieß  ist  ebenfalls  Wahrzeichen  des  freien  Besitzes  und
ohne  Thürmchen  wird  kein  Erb-,  Lehn-,  Frei=  oder  Eigengericht-Gut
älterer  Bauart  auf  dem  Gebirgsabhange  zu  finden  sein,  ganz  wie
vordem  in  den  Städten  die  Häuser  der  vornehmen  Patriziergeschlechter
mit  Thürmen  gekennzeichnet  waren,  und  im  Gebirge  weiter  aufwärts
die  stattlichen  Häuser  und  Höfe  der  Berg-,  Hütten=  und  Hammerherren.

Unmittelbar  nach  dem  30jährigen  Kriege  wurden  steinerne  Feuerstätten,
  Kamine  und  Feueressen  (von  hartgebrannten  Ziegeln)  gesetzlich
vorgeschrieben  und  die  Feueressen  von  Holz  oder  Lehmestrich  nicht
blos  verboten,  sondern  auch  von  Obrigkeitswegen  zerschlagen.  Gleichzeitig
  wurde  die  Strohdachung  innerhalb  der  Städte  vollständig  untersagt
  und  auch  auf  dem  offenen  Lande  bei  Neubauten  nicht  mehr  gestattet.
  Selbst  die  Schindeldachung  sollte  bei  Neubauten  nicht  mehr
erlaubt  werden;  diese  Bestimmung  wurde  aber  durch  wiederholte  Ausbesserung
  der  Schindeldächer  fast  regelmäßig  umgangen.  Ganz  wie
man  in  früheren  Zeiten  dem  Fachwerkbau  der  billigeren  Herstellung
wegen  vor  dem  Massivbau  den  Vorzug  gegeben  hatte,  ganz  ebenso
bevorzugte  man  das  Stroh=  und  das  Schindeldach  vor  dem  Ziegelund
  Schieferdache,  hauptsächlich  der  billigeren  Anlage  wegen,  nächstdem
  aber  auch  wegen  des  besseren  Schutzes  der  Dachräume  gegen
Wind,  Regen  und  Schnee.

Reich  besetzt  ist  das  Erzgebirge  mit  Ortstheilen  und  ganzen
        <pb n="111" />
        —  103  —

Orten  von  jeder  Größe  und  Ausdehnung.  Tief  im  Walde  liegt  am
einsamen  Wege  und  im  stillen  Thale,  wo  nur  selten  ein  Fremder
erscheint,  die  kleine  Säge=  oder  Schneidemühle,  mehr  oder  weniger
reich  mit  landschaftlichem  Reiz  ihrer  Anlage  und  Umgebungen  geschmückt.
  Große,  ansehnliche  Haufen  starker  Stämme  sind  an  ihr
zusammengehäuft;  der  schnelle  Waldbach  treibt  die  Gatter  in  eintönigem
Geräusch  aufwärts  und  abwärts,  das  überschießende  Wasser  stürzt  als
ein  kleiner  Wasserfall  aus  dem  hölzernen  Gerinne  nach  der  Bachsohle
hernieder,  um  geschwätzig  murmelnd  weiter  zu  eilen  und  eine  hastige
Geschäftigkeit  hat  sich  des  Ganzen  bemächtigt.

Die  größeren  Mahlmühlen  zeigen  schon  die  Nähe  bewohnter
Orte  an,  oder  sind  selbst  zum  Mittelpunkte  einer  Häusergruppe  oder
eines  Ortstheiles  geworden,  während  zahlreiche  Holzschleifereien  und
mit  ihnen  verbundene  Pappenfabriken  in  den  vielen  Thälern  des
Gebirges  und  an  seinen  zahlreichen  Wasseradern  zerstreut  liegen,  um
die  Wasserkräfte  entsprechend  auszunutzen.  Nicht  weniger  zahlreich
sind  die  Industrieanlagen,  welche  anderen  Zwecken  gewidmet  sind,  und
wenn  auch  ein  großer  Theil  der  ursprünglich  dem  Bergbau  und  seinem
Industriebereich  angehörenden  Pochwerke,  Wäschen,  Hütten  u.  s.  w.
ebenfalls  anderen  Erwerbszweigen  eingeräumt  worden  ist,  so  haben
die  dem  bergmännischen  und  hüttenmännischen  Betriebe  angehörenden
Niederlassungen  wiederum  an  sich  und  in  sich  eine  außerordentliche
Ausdehnung  gewonnen.

Einen  eigenthümlichen  Anblick  gewähren  mitten  in  stiller  Thalund
  Waldstrecke  die  sechs  und  sieben  Stock  hohen  Fabrikgebäude,  von
denen  jedoch  nur  ein  geringer  Theil  dem  ursprünglichen  Baumwollspinnereibetriebe
  noch  angehört,  sondern  für  andere  Industrieen  und
ihren  Betrieb  umgestaltet  worden  sind.  Aber  das  Aeußere,  die  großen
Gebäude  mit  zahlreichen  Stockwerken,  den  vielen  Fenstern,  welche
selbst  im  Dache  zwei,  drei  und  mehr  Reihen  bilden,  die  Thürmchen
mit  der  Uhr,  nach  welcher  die  zahlreichen  Arbeiter  sich  zu  richten
hatten,  oder  noch  zu  richten  haben,  erinnern  noch  an  jene  Zeiten,  wo
die  Baumwollenspinnerei  auf  dem  Abhange  des  Erzgebirges  einen
ganz  außerordentlichen  Umfang  gewonnen  hatte.  Die  Mehrzahl  der
neueren  Industrie-Anlagen  hat  nicht  die  Ausdehnung  in  die  Höhe,
sondern  mehr  in  die  Breite  und  Länge.  Zahlreiche  Gebäude  ordnen
sich  aneinander  oder  um  die  den  Betrieb  regelnde  Wasser=  oder
Dampfkraft.  »

Die  alten  stattlichen  Herrenhäuser  der  zahlreichen  vormaligen
und  wenigen  noch  jetzt  gangbaren  Hammerwerke,  mit  ihren  großen
herrschaftlichen  Eingängen,  Treppen  und  Zimmern,  die  schon  durch
Größe  und  Anlage  der  Fenster  gekennzeichnet  werden,  mit  den  Man-
        <pb n="112" />
        —  104  —

sardendächern  von  Schiefer  oder  Schindeln,  von  einem  Thürnchen
mit  der  Uhr  überragt,  wie  jedes  Freigut  oder  herrschaftliche  Anwesen
überhaupt,  wenn  es  die  Breite  der  Thalsohle  erlaubte,  mit  einem
stattlichen  Garten  vor  sich,  oder  wenn  dieß  nicht  anging,  wenigstens
neben  sich,  thalauf=  oder  abwärts,  machen  heute  noch  einen  ansehnlichen
  Eindruck.  Wo  die  Hammerwerke  noch  bestehen,  sind  natürlich
die  Betriebsgebäude  den  Anforderungen  der  Technik  gemäß  gegenwärtig
  wesentlich  verändert  gegen  früher;  wo  die  Hammerwerke  anderen
Industrien  zugeführt  worden  sind,  hat  man  die  baulichen  Anlagen
den  Bedürfnissen  dieser  entsprechend  abgeändert,  vermehrt  oder  vermindert.


An  einzelnen  Stellen  von  Haupt=  und  Nebenthälern  sind  moderne

Villen  in  sogenanntem  italienischen  oder  schweizer  oder  gemischten
Styl  errichtet  worden.
«  Weniger  in  den  Hauptthälern,  sondern  hauptsächlich  in  den
Nebenthälern  sind  die  Dörfer  angelegt  worden.  Reich  belebt  mit
Ortschaften  aller  Arten  und  Größen,  wie  es  die  allgemeine  Dichtheit
der  Bevölkerung  auch  nicht  anders  erwarten  läßt,  von  einzelnen
Häusern  und  Häusergruppen  an  zu  Weilern  und  Oertchen,  zu  wohlhabenden
  Ackerbaudörfern  bis  zu  großen,  lang  ausgedehnten  Industrieorten,
  welche  sich  wie  eine  Kette  dicht  stundenlang  aneinanderreihen
und  die  Bestandtheile  des  Ackerbaudorfes  und  des  Industrieortes  mit
einander  verbinden,  ist  jede  Stufe  und  Zwischenstufe  auf  dem  Erzgebirge
  vertreten.

Bis  zu  dem  Gebirgskamme  hinauf,  und  wo  es  irgend  angeht,
selbst  auf  diesem  noch  kennzeichnet  sich  das  Streben,  eine  Baumgruppe,
einen  Baum  oder  mindestens  einen  grünen  Strauch  zunächst  des
Hauses  zu  haben.  In  den  niederen  Regionen  gestaltet  sich  dieses  zu
den  anmuthigsten  Landschaftsbildern.

Aus  dem  Grün  der  umgebenden  zahlreichen  Obstbäume  heraus,
über  Hecken  und  Gärten  blicken  die  freundlichen  Häuser  mit  ihren
weißen  Mauern  und  silbergrau  blitzenden  Dächern.  Die,  je  nach
Ortsgebrauch  oder  persönlichem  Geschmack  schwarz  oder  braun,  aber
auch  roth  oder  blau  gestrichenen  Balken,  stechen  wie  ein  Netz  von
den  grell  weiß  gefärbten  Zwischenräumen  ab,  in  denen  die  Fenster
mit  ihren  kleinen  Schößchen  und  hellen  Scheiben  leuchtend  hervortreten.
  Eines  nach  dem  anderen,  zuweilen  eine  Reihe,  zuweilen  ein
ganzer  Trupp  werden  sichtbar;  an  den  Fenstern  grünen  und  blühen
Blumenstöcke,  überall,  auch  da,  wo  man  keinen  Garten  am  Hause
oder  vor  demselben  besitzt.  Freundliche  Mädchen=  und  Frauenköpfe
zeigen  sich  hinter  den  Scheiben,  einen  flüchtigen  Blick  nach  der  Straße
werfend,  während  die  fleißigen  Hände  emsig  und  unablässig  bei  der
        <pb n="113" />
        —  105  —

Arbeit  bleiben.  Heitre  Kinder  spielen  vor  den  Thüren,  ein  bellender
Hund  kläfft  den  Wanderer  an,  während  die  Hühner  gackernd  über
den  Gartenzaun  flüchten  und  die  Gänse  nach  dem  Bache  eilen;  Wagen
mit  stattlichem  Zugvieh  ziehen  die  Dorfstraße  einher;  die  rauchenden
Essen  lassen  ihren  Dampf  kräuselnd  aufwärts  steigen,  und  über  dem
leichten  Rauch  und  dem  stattlichen  Grün  der  Bäume,  den  silbergrauen
Schiefer-  und  dicht  bemoosten  Schindeldächern  tritt  der  spitze,  nadelförmig
  aufragende  oder  viereckige,  zwiebelförmig  gekrönte  Thurm  des
Kirchleins  ins  Bild.

An  irgend  hervortretender  Stelle  des  Dorfes  liegt  das  Rittergut,
  wenn  das  Dorf  überhaupt  mit  oder  von  einem  solchen  aus  gegründet
  worden  ist,  mit  seinen  ausgedehnten,  dem  bedeutenden  Arealbesitze
  entsprechenden  Gebäuden,  wozu  nicht  selten  noch  mehrere
Vorwerke  gehören.  Die  stattlichen  Wohnhäuser  der  Mehrzahl  der
Rittergüter  sind  ebenso,  wie  die  Mehrzahl  der  vorhandenen  Schlösser
Ende  des  17.  und  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  auf  den  Trümmern
der  alten  Herrensitze  angelegt,  welche  der  30jährige  Krieg  in  Schutt
und  Asche  gelegt  hatte.  Nur  einzelne  Burgen  sind  noch  erhalten,
zum  Theil  jedoch  vollständig  umgebaut  und  in  ihrer  ursprünglichen
Anlage  nur  noch  schwer  zu  erkennen,  während  ein  großer  Theil  dieser
frühmittelalterlichen  Bauwerke  auf  dem  Erzgebirge  in  Trümmern  liegt
und  ihre  große  Bedeutung  für  die  Besiedelung  und  die  Geschichte  des
Erzgebirges  kaum  noch  erkennen  läßt.

83.  Anlage  und  Bauart  der  Städte.

Gleichzeitig  mit  der  Besiedelung  des  Gebirges  durch  Dorfgründüngen
  entwickelt  sich  die  Niederlassung  in  den  Städten,  an  den
Hauptpunkten  der  Straßen  unter  dem  Schutze  vorhandener  oder  errichteter
  Burgen.

In  den  Städten  vereinigten  sich  Gewerbe,  Industrie  und  Handel,
so  weit  von  solchen  in  dieser  Zeit  überhaupt  die  Rede  sein  kann;
aber  die  Wurzeln  der  späteren  Entwickelung  wurden  ohne  allen
Zweifel  in  der  ersten  Anlage  mit  gelegt.  Alle  die  Handwerker,  welche
von  der  Niederlassung  im  offenen  Lande  ausgeschlossen  waren,  ließen
sich  in  den  Städten  nieder:  Bäcker,  Schuhmacher,  Schneider,  Maurer,
Zimmerleute,  Tischler,  Böttcher,  Stellmacher,  Schlosser,  Schmiede,
Weber,  Zeugmacher,  Tuchmacher,  Färber,  Gerber,  Seiler,  Krämer,
Kaufleute  u.  s.  w.

Die  Städte  wurden  frühzeitig  schon  mit  bedeutenden  Vorrechten
ausgestattet.
        <pb n="114" />
        —  106  —

Vor  allem  mit  dem  Marktrecht.  Es  gab  nicht  blos  das  große  Vorrecht,
  daß  die  Bewohner  eines  verhältnißmäßig  umfangreichen  Landstriches
  ihre  Bedürfnisse  dort  kaufen  mußten;  sie  mußten  auch  ihre
eigenen  Erzeugnisse  daselbst  verkaufen,  Getreide,  Vieh,  Wolle,  Lein,
Leinwand,  Felle  von  Rindern  und  Ziegen,  später  auch  die  Erzeugnisse
der  Milchwirthschaft.  Das  Marktrecht  brachte  es  aber  auch  mit  sich,
daß  jede  durch  das  Stadtgebiet  durchgeführte  Handelswaare  eine  bestimmte
  Zeit  zum  Verkauf  daselbst  aufgestellt  bleiben  mußte,  und  daß
sie  im  Durchgangshandel  eine  bestimmte  Abgabe  für  die  Stadt  und
für  das  sichere  Geleit  nach  der  nächsten  Stadt  zu  zahlen  hatte.

Nächstdem  verlieh  das  Stadtrecht  den  ausschließlichen  Betrieb
des  Waarenhandels,  das  ausschließliche  Recht  des  zünftigen  Gewerbebetriebes,
  das  ausschließliche  Recht  des  Bierbrauens,  sowie  der  Schankgerechtigkeit,
  sowie  die  Sicherung  dieser  Rechte  durch  die  Bannmeile,
innerhalb  welcher  kein  ähnlicher,  entsprechender  Betrieb  gestattet  war.

Die  Städte  wurden  zum  Sitz  der  Gerichte  und  der  Behörden
der  umgebenden  Landstrecken;  hier  fanden  die  Versammlungen  zur
Regelung  allgemeiner  Angelegenheiten  statt,  hier  wurden  die  großen,
öffentlichen  Feierlichkeiten  abgehalten.

Die  Städte  waren  aber  auch  Jahrhunderte  lang  verpflichtet,  in
Zeiten  der  Noth,  bei  Brand=  und  Plünderungszügen,  aus  denen  die
Kriege  bis  zum  18.  Jahrhundert  vorwiegend,  wenn  nicht  ausschließlich
  bestanden,  die  Bewohner  der  Dörfer  mit  ihren  Viehheerden  und
Vorräthen  aufzunehmen  und  zu  schützen.

Die  Städte  hatten  schon  frühzeitig  ihre  eigene,  mit  gewissen
Vorrechten  ausgestattete  Verfassung.  An  der  Spitze  derselben  stand
der  Territorialherr  oder  der  von  diesem  ernannte  Voigt  (Advocatus
eivitatis).  Die  städtische  Behörde,  welche  bald  eine  große  Selbständigkeit
  gewann,  bestand  aus  dem  Schultheißen,  oder  wie  er  später
genannt  wurde  dem  Bürgermeister  und  einem  Collegium  von
sieben  bis  zwölf  Schöffen,  später  das  Rathscollegium,
welches  hauptsächlich  aus  den  hervorragenden  Geschlechtern,  den
Patrizierfamilien  des  Ortes  sich  ergänzte.

Dem  Rathe  der  Stadt  gehörte  die  Regierung  derselben,  die
Verwaltung  des  Stadtvermögens,  die  Erhebung  der  Einkünfte,  die
Vertheilung  der  Lasten  u.  s.  w.  Es  war  daher  nicht  zu  verwundern,
daß  die  Handwerker  nach  Gleichstellung  mit  den  eigentlichen  Bürgern
strebten  und  Antheil  an  dem  Stadtvermögen,  der  Braugerechtigkeit
und  dem  Holzrechte  verlangten;  nach  mannigfachem  Widerstande  auch
erreichten.

Die  größeren  Städte  gewannen  durch  ihre  geregelte  Verfassung,
durch  ihr  straff  durchgeführtes  Stadtrecht,  die  fest  aufrecht  erhaltene
        <pb n="115" />
        —  107  —

Ordnung,  den  gesicherten  und  sich  immer  weiter  ausdehnenden  Handel
ein  bedeutendes  Ansehen  und  wurden  in  früher  Zeit  schon  zu  den
Berathungen  der  Fürsten  und  Stände  herangezogen.

Einzelne  Städte  wollten  sich  vom  Territorialherrn  losmachen,
und  eigene  Landeshoheit  gewinnend,  unmittelbar  unter  der  Reichsgewalt
  stehen.

So  erwarb  Zwickau,  welches  um  1118  von  der  Böhmischen
Krone  an  Gräfin  Bertha  von  Groitzsch  übergegangen  war  und  nach
deren  Tode  an  die  Grafen  von  Wettin  fiel  (Konrad  von  Wettin
1127  bis  1156  Markgraf  von  Meißen),  im  Jahre  1290  die  Reichsunmittelbarkeit.
  In  dieser  Eigenschaft  einer  Reichsdomänenstadt  behauptete
  sich  Zwickau  im  Bunde  mit  Altenburg  und  Chemnitz  jedoch
nur  bis  1348,  wo  es  nach  mehrjähriger  Verpfändung  in  den  erblichen
Besitz  des  Markgrafen  von  Meißen,  Friedrich  des  Ernsthaften,  überging.
  Chemnitz  suchte  lange  Zeit  hindurch  sich  der  Oberherrschaft  der
Dynasten  von  Waldenburg  zu  entziehen,  welche  die  Herrschaft  Rabenstein
  und  mit  ihr  die  Gerichtsbarkeit  über  die  Stadt  besaßen.  Von
1242  bis  1290  war  es  an  die  Markgrafen  von  Meißen  verpfändet,
wurde  sodann  eine  Reichsdomänenstadt  und  1350  mit  dem  Pleißner
Lande  von  Friedrich  dem  Ernsthaften  erworben.

Die  Zahl  der  alten  Städte  auf  dem  Erzgebirge  ist  eine  ganz
stattliche.  Dohna,  Dippoldiswalde,  Frauenstein,  Sayda,  Wolkenstein,
Ehrenfriedersdorf,  Grünhain,  Schwarzenberg,  Eibenstock,  Freiberg,
Oederan,  Zschopau,  Chemnitz,  Zwickau,  Glauchau,  Mittweida,  Hainichen,
Nossen  gehören  unzweifelhaft  zu  denen,  welche  im  13.  Jahrhundert
und  früher  schon  bestanden.

Eine  Anzahl  von  Städten  ist  auch  im  14.  und  15.  Jahrhundert
gegründet  worden.

Mit  dem  um  1470  am  Fuße  des  Gleesberges  erschlossenen
Silberbergbau  begann  die  zweite  Epoche  des  Bevölkerungszustromes
in  die  erzreichen  Gegenden  des  oberen  Gebirges  und  mit  ihr  die
Gründung  zahlreicher  Städte  in  bis  dahin  unwirthlichen,  kaum  bewohnten
  und  bekannten  Theilen  des  Gebirges.  1477  wurde  die
Bergstadt  Schneeberg,  1500  die  Bergstadt  Aue  gegründet.  Die  um
1492  am  Schreckenberge  gewonnenen  Silberanbrüche  führten  1496
zur  Erbauung  von  Neustadt  am  Schreckenberge,  dem  jetzigen  Annaberg,
  und  gleichzeitig  zur  Gründung  von  St.  Katharinen  am  Buchholz,
  der  jetzigen  Stadt  Buchholz,  welche  1504  Stadtrechte  erhielt.
Um  1500  wurden  die  Bergstädte  Scheibenberg  und  Schlettau  gegründet,
1526  Oberwiesenthal,  1532  Gottesgab,  1540  das  Dorf  Gißdorf,
unter  dem  Namen  Josephstadt  (das  heutige  Jöhstadt)  zum  Bergflecken
erhoben.  Im  Osten  der  Zschopau  wurde  1521  die  Bergstadt  Marien-
        <pb n="116" />
        —  108  —

berg  erbaut,  und  1515  schon  war  der  südlich  von  Freiberg  gelegene
Ort  Brand  zur  Bergstadt  ernannt  und  mit  Privilegien  ausgestattet
worden.  Auf  dem  Gebirgskamme  wurde  auch  bei  Sebastiansberg  Bau
auf  Silbererze  getrieben,  von  dessen  Umfange  allerdings  nur  noch
einige  Halden  oberhalb  Neudorf  Zeugniß  geben.

Im  engen  Thale  der  Weseritz  gründeten  1516  oder  1517,  unmittelbar
  an  den  neu  entdeckten  Silberadern,  die  Grafen  Schlick  die
Stadt  Joachimsthal,  den  Mittelpunkt  einer  ergiebigen,  längere  Zeit
andauernden  Erzgewinnung.

Natürlich  wurde  die  Anlage  der  Orte  um  so  regelmäßiger,  je
größer  die  Menschenmenge  war,  welche  sich  gleichzeitig  ansiedelte.  Die
neuen  Städte  auf  dem  Kamme  des  Gebirges  und  nahe  desselben  sind
mit  Meßruthe,  Winkel  und  Zirkel  in  regelmäßigen  Formen  entworfen.
Das  Ouadrat,  oder  wenigstens  das  Rechteck,  herrscht  bei  der  Anlage
des  Ganzen,  wie  der  einzelnen  Theile  vor.  Bei  dem  kleinen,  ärmlichen,
  um  1500  gegründeten  Städtchen  Platz  umgiebt  freilich  nur
eine  einzige  Reihe  von  Häusern  den  grünen,  viereckigen  Markt  und
zwei  kurze  Gäßchen  bezeichnen  den  Eingang  von  Kralup  und  den
Ausgang  nach  Burg  Hassenstein.  Bei  den  Städten  mittlerer  Größe
geht  von  dem  Marktplatze  in  jeder  Richtung  der  verlängerten  Seiten
wenigstens  eine  Straße,  während  bei  den  größeren  eine  Anzahl  von
Parallelstraßen  angelegt  ist.  So  besitzt  das  allerdings  weit  später
und  erst  1654  erbaute  Johanngeorgenstadt  fünf  Längenstraßen  nahezu
von  Nord  nach  Süd  und  sechs  rechtwinklig  kreuzende  Querstraßen.
Marienberg  (1521)  hat  fünf  Längen=  und  fünf  Querstraßen,  in  der
Richtung  von  Nordwest  nach  Südost,  mit  fast  gleich  großen  Vierecken,
von  denen  die  vier  mittelsten  den  Marktplatz  bilden.  Scheibenberg
(„1515  ist  der  Bergbau  fündig  geworden“  1522  gegr.)  besteht  aus
zwei  breiteren  und  drei  schmäleren  von  Südwest  nach  Nordost  gerichteten
  Längengassen,  welche  von  fünf  Quergassen  so  gekreuzt  werden,
daß  von  jeder  Ecke  des  Marktplatzes  zwei  Straßen  ausgehen.  Oberwiesenthal
  (1526)  hat  zwei  größere  Straßen  und  vier  kleine  Seitengassen,
  welche  von  fünf  Quergassen  durchschnitten  werden.  In  Platten
(1534)  sind  vier  Längen-  und  vier  Querstraßen  und  auf  dem  großen,
viereckigen  Markte  steht  die  Hauptkirche;  in  Gottesgab  (1525  die
Grube  „Gottesgabe“  gemuthet,  1534  die  Stadt  gegründet)  und  in
dem  um  1500  gegründeten  Kupferberg  sind  die  vom  Markte  ausgehenden
  Straßen  nur  kurz;  dagegen  zählt  man  in  Sonneberg  (wahrscheinlich
  ebenfalls  um  1500  gegründet)  vier  Längen=  und  vier
Querstraßen  außer  dem  Markte,  und  in  Sebastiansberg  (1519  gegründet,
  1576  Stadtrecht)  fünf  Längen-  und  fünf  Querstraßen  um  den
quadratischen  Markt,  dessen  Mitte  von  der  Hauptkirche  eingenommen  wird.
        <pb n="117" />
        —  109  —

Alle  diese  Städte  sind  mit  Richtschnur  und  Zollstock  gegründet.
Städte  mit  naturgemäßer  Selbstentwickelung  wurden  durch  die  Bedürfnisse
  von  Sicherheit  und  Verkehr,  diese  durch  die  Massenansiedelung
hervorgerufen.  Erstere  wuchsen  mit  krummen  Gassen,  dicht  gedrängten
Bewohnern  und  regem  Leben  um  den  Kern,  war  er  eine  Burg,  eine
Kirche  oder  ein  Markt;  letztere  hatten  keine  eigene  Lebenskraft,  und
sobald  die  Veranlassung  ihrer  Gründung  hinfällig  wurde,  siechten  sie
langsam  dahin.

Seit  dem  30jährigen  Kriege  sank  die  errungene  Selbständigkeit
der  Städte  immer  mehr.  Die  unabhängige  Verfassung,  die  mannigfachen
  Privilegien,  die  Befreiung  von  Diensten,  Abgaben  und  Lasten,
alle  Vorrechte,  welche  sich  dieselben  nach  und  nach  angemaßt,  oder  zu
erwerben  gewußt  hatten,  wurden  durch  die  wachsende  Macht  des
Landesherrn  immer  mehr  eingeschränkt.  Das  Bürgerthum  hatte  unter
dem  einengenden  Zunftzwange  die  frühere  Spannkraft  verloren,  und
die  tiefen,  materiellen  Schäden,  welche  die  lange  Reihe  von  Kriegen
und  Drangsalen  über  die  Städte  des  Gebirges,  wie  über  das  ganze
Land  gebracht  hatte,  konnte  nur  erst  allmälig,  in  einer  neuen  Zeit
und  unter  veränderten  Verhältnissen  wieder  ausgeglichen  werden.

Die  1832  eingeführte  Städteordnung,  welche  den  Untergang
  der  Herrschaft  der  wenigen  bevorzugten  Patrizierfamilien  in
dem  Stadtregimente  mit  sich  brachte,  gleichzeitig  aber  auch  die
Organisation  der  Verwaltung,  die  Regelung  der  Steuer-,  Abgaben=  und
Finanzverhältnisse,  die  Neuordnung  und  Hebung  des  Schulwesens,
und  die  Neugestaltung  aller  Verwaltungszweige,  endlich  das  Gesetz
über  Gewerbe=  und  Personalsteuer,  sowie  das  neue  Gewerbegesetz,
vor  Allem  aber  der  Anschluß  an  den  Deutschen  Zollverein  brachten
einen  bis  dahin  nie  geahnten  Ausschwung  in  das  ganze  Leben  der
erzgebirgischen  Städte.

Die  Gestalt  der  Grundfläche  einer  Stadt  richtet  sich  ganz  nach
den  Verhältnissen  des  Bodens,  auf  dem  sie  erbaut  wurde,  bez.  auf
dem  eine  Ansiedelung  unter  dem  Schutze  einer  Burg  bis  zur  Größe
einer  Stadt  heranwuchs.

In  der  Ebene,  mag  es  nun  eine  breite  Thalebene,  mag  es  eine
offene  Hochebene  sein,  wo  nach  keiner  Richtung  hin  die  Niederlassung
beengt  wurde,  ist  die  Kreisform,  oder  wenigstens  die  Ovalform  der
Städte  die  vorwiegende,  die  letztere  in  der  Regel  deshalb,  weil  durch
sie  die  Richtung  der  Hauptverkehrsader  bezeichnet  wird.

Im  durchschnittenen  Gelände,  wo  das  Terrain  z.  B.  durch
Nebenthäler,  welche  an  ein  Hauptthal  einmünden,  in  ganz  bestimmte

Abschnitte  getrennt  wird,  nimmt  der  Grundriß  der  daselbst  erbauten
Städte  in  der  Regel  die  Gestalt  eines  Dreieckes  oder  verschobenen,
        <pb n="118" />
        —  110  —

unregelmäßigen  Viereckes  an,  welches  sich  den  Formen  des  zur  Niederlassung
  gewählten  Bergvorsprunges  anschließt.  Jedoch  gerade  im
Berglande  ist  die  Gestalt  der  Städte  eine  sehr  verschiedene,  weil  nicht
selten  kleinere  Terrainabschnitte  mit  in  das  Gebiet  des  Ganzen  hereingezogen
  worden  sind.

Für  den  Bau  der  Städte  und  der  sie  schon  in  sehr  frühem
Mittelalter  umschließenden  Befestigungen  geben  die  Niederlassungen
in  der  Ebene  die  Grundzüge,  denen  sich  die  Städtebauten  und  Städtebefestigungen
  im  Berglande  mit  größeren  oder  kleineren,  durch  die
örtlichen  Verhältnisse  gebotenen  Abänderungen  anschließen.

Die  ältesten  Städte  sind  an  den  zu  jener  Zeit  schon  vorhandenen
und  besuchten  Verkehrslinien  errichtet  worden.  Die  Längenachse  derselben
  giebt  unzweifelhaft  die  zur  Zeit  der  Erbauung  der  Stadt
wichtigste  Verkehrsrichtung  an.  Treffen  zwei  Verkehrslinien  von
gleich  großer  Bedeutung  zusammen,  so  wird  die  am  Kreuzungspunkte
entstehende  Stadt  die  Gestalt  eines  Kreises  erhalten.

An  der  Hauptverkehrslinie  oder  Hauptstraße  liegt  der  Markt
der  Stadt,  und  wo  zwei  Verkehrslinien  oder  Straßenzüge  sich  kreuzen,
befindet  sich  der  Markt  der  Stadt  gewöhnlich  auf  dem  Schnittpunkte
  dieser  beiden.  Der  Markt  ist  in  der  Regel  ein  großer,  viereckiger
  Platz,  doch  auch  nicht  selten  die  Zusammensetzung  eines  größeren
und  eines  kleineren  freien  Platzes.  Große  Städte  haben  nicht  selten
außer  dem  Hauptmarkte  noch  einen  zweiten,  als  Korn-,  Roß-,  Vieh-Markt
  u.  s.  w.  bezeichneten  Platz.

Die  Straßen  sind  mit  einer  leichten  Krümmung  angelegt,  so
daß  man  sie  nicht  mit  einem  Pfeilschuß  vollständig  bestreichen  kann,
und  die  etwas  schmäleren  Nebenstraßen  sind  ebenfalls  leicht  gekrümmt.
Kleine,  schmale  Quergäßchen  stellen  die  Verbindung  her;  längs  der
Umfassung  geht  das  Mauergäßchen  an  der  Stadtmauer  hin.

Rings  um  die  Stadt  reicht  die  Stadt=  oder  Ringmauer.  Dieselbe
  war  im  Innern  senkrecht,  außen  aus  dem  Graben  stieg  sie  mit
leichter  Schrägung  auf.  Auf  dem  oberen  Rande  hatte  sie  eine  Stärke
von  2½  bis  3  m,  unten  am  Grunde  eine  Stärke  von  3  bis  3½  m.
Die  Höhe  derselben  betrug  von  der  Grabensohle  aus  10  bis  12  m,
auf  der  Stadtseite  5  bis  6  m;  in  einzelnen  Fällen  auch  mehr,  in
einzelnen  weniger.  Die  Mauern  waren  in  der  Regel  dergestalt  angelegt,
  daß  die  Außenwand  und  die  Innenwand  eine  jede  für  sich
aufgemauert  und  der  Zwischenraum  mit  Steinknack,  Kieseln,  kleinen
Steinen  und  Kalkmörtel  ausgefüllt,  oder  auch  mit  letzterem  nach  vorheriger
  Füllung  ausgegossen  wurden.  Die  Steine  der  Außenmauern
waren  besonders  sorgfältig  gelegt,  mit  dem  Kopfe  nach  außen,  der
Lagerseite  nach  unten,  und  weit  nach  dem  Innern  der  Mauer
        <pb n="119" />
        —  111  —

hereinreichend.  Die  Steine  wurden  im  Verband  aufgemauert,  so  daß
die  Fugen  der  unteren  Reihe  von  den  oberen  Steinen  entsprechend
gedeckt  wurden.  Besonders  sorgfältig  wurden  Ecken  und  Vorsprünge
erbaut,  und  Quadersteine  von  Granit,  Sandstein,  Porphyrtuff  u.  s.  w.
verwendet.

Zur  Verstärkung  der  Vertheidigungs=  wie  der  Widerstandskraft
wurden  in  die  Linie  der  Mauer,  und  besonders  an  ihren  Biegungen
Thürme  eingeschaltet.  Man  unterscheidet  Mauerthürme,  Thorthürme
und  Brückenthürme,  letztere  gewissermaßen  als  Vorwerke  auf  der  dem
Feinde  zugewendeten  äußeren  Seite  des  Grabens.

Die  Mauerthürme  waren  in  der  Regel  viereckig,  nicht  viel  höher
als  die  Mauerkrone,  jedoch  zum  großen  Theile  aus  der  Mauerfläche
vorspringend,  so  daß  man  durch  ihre  Schießscharten  eine  Seitenvertheidigung
  der  Mauer  erreichte.  Dem  Kernschusse  der  Armbrüste
entsprechend  lagen  sie  50  bis  etwa  70  m  von  einander.  Die  Zugänge
  der  Thürme  von  der  Mauer  aus  bestanden  aus  abnehmbaren
Holzbrücken  oder  Holztreppen.  Die  Thürme  waren  durchgehends  mit
Ziegeldächern  versehen.  Zwischen  je  zwei  Thürmen  war  die  Mauerkrone
  mit  einer  mannshohen  Brustmauer  mit  Schießscharten  versehen,
  welche  abgeschrägt  nach  der  Grabensohle  ziehlten,  und  der  auf
diese  Weise  gebildete  Wehrgang  mit  einem  Ziegeldache  versehen,
das  ebenfalls  mit  sogenannten  Pfannen  (##dförmig  übergreifende
Ziegel)  eingedeckt  war.  Nach  der  Stadtseite  zu  war  der  Wehrgang
offen,  nur  mit  einem  leichten  Geländer  versehen.  Bei  späteren  Bauten,
wie  z.  B.  bei  der  Ringmauer  von  Marienberg,  versah  man  die  bedeutend
  schwüchere  Mauer  (nur  1½  m  stark)  auf  der  Stadtseite  mit
Pfeilern,  zwischen  denen  man  Gewölbe  spannte,  so  daß  man  eine
verhältnißmäßig  sehr  breite  Mauerkrone  und  im  Zusammenhange  damit
  einen  sehr  geräumigen,  auch  für  die  Aufstellung  von  Geschütz
geeigneten  Wehrgang  erhielt.

Der  Zugang  zu  der  Stadt  wurde  durch  die  Thore  gebildet.
Die  drei  Hauptstädte  im  Erzgebirge  haben  vier  Thore;  sie  liegen
alle  drei  an  der  Hauptstraße  „aus  dem  Reich“  nach  Schlesien  und
Polen,  an  Punkten,  wo  dieselbe  von  einer  anderen  Straße  gekreuzt
wird.  Ein  jedes  Stadtthor  war  in  der  Regel  in  der  Mitte  zwischen
zwei  Mauerthürmen  in  einem  besonders  starken  und  geräumigen
Thorthurm.

Die  Thore  lagen  in  der  Regel  nicht  vollständig  in  der  Achse
der  Straße,  sondern  bildeten  mit  dieser  einen  kleinen  Winkel,  so  däß
auch  hier  beim  Schießen  durch  das  Thor  eine  Längenbestreichung  der
Straße  verhindert  war.  Das  Thor  selbst  hatte  starke,  massive
Seitenmauern,  in  welchen  Nischen  das  Beiseitetreten  gestatteten,  wenn
        <pb n="120" />
        —  112  —

Fuhrwerke  dasselbe  passirten.  In  den  Seitenmauern  waren  aber  auch
Schießscharten,  um  bei  Ueberraschungen  und  Ueberfällen  das  Innere
des  Thores  beschießen  zu  können.  Das  Thor  war  mit  einem  starken
Gewölbe  versehen,  der  Thorthurm  selbst  mit  ein  oder  zwei  ebenfalls
gewölbten  Obergeschossen,  welche  im  14.  und  15.  Jahrhundert  größere
Schießscharten  erhielten  und  zur  Aufstellung  von  Geschützen  benutzt
wurden.  Die  Thoröffnung  selbst  ward  entweder  mit  einem  starken,
mit  Eisen  beschlagenen  Thor  aus  zwei  Flügeln,  in  welchen  sich  etwas
über  Mannshöhe  ebenfalls  Schießscharten  befanden,  geschlossen.  Zur
Vertheidigung  durch  die  Schießscharten  ward  ein  hölzerner  Auftritt
(Bank,  Banket)  hingestellt.  Häufig  war  jedoch  die  unmittelbar  vor
dem  Thore  befindliche  Holzbrücke  zum  Aufziehen  eingerichtet,  so  daß
sie  die  Thoröffnung  schloß,  innerhalb  welcher  zur  schleunigen  Sicherung
und  Verschließung  des  Einganges  sich  ein  Fallgatter,  von  Holz  und
mit  Eisen  beschlagen  befand.  Nicht  selten  war  neben  dem  Thore
noch  eine  kleine  Einlaßpforte.  Auf  beiden  Seiten  des  Thordurchganges
  befanden  sich  mit  Schießscharten  versehene  Gewölbe.

Bei  den  größeren  Städten  und  wichtigeren  Befestigungen  war
das  eigentliche  Thor  noch  durch  einen  hufeisenförmigen  oder  rondelartigen
  Vorbau  gesichert,  in  welchem  das  Thor  an  der  Seite  lag,  so
daß  der  Eingang  noch  besonders  unter  das  Feuer  der  Nebenmauer
und  Nebenthürme  fiel.  Die  Anordnung  dieses  Außenthores  war
ganz  der  des  Haupt=  oder  Innenthores  entsprechend.

Außer  den  Thoren  waren  fast  in  jeder  Stadtbefestigung  eine
oder  zwei  Pforten,  welche  durch  Holzbrücken  zugänglich  waren,  und
zum  Eingang  und  Ausgang  benutzt  wurden,  wenn  die  Thore  geschlossen
  waren.

Rings  um  die  Stadtmauer  breitete  sich  der  steile  und  tiefe
Graben.  Die  Gräben  der  alten  Stadtbefestigungen  waren  15  bis
20  m  breit,  9  bis  12  m  tief.  War  der  Graben  trocken,  so  war  er
schmäler  und  tiefer,  war  er  naß,  dann  war  er  breiter  und  weniger
tief;  die  Wassertiefe  jedoch  immer  2½  bis  2¾  m.  —  Bei  den
Gräben  der  in  der  Niederung  liegenden  Städte  kam  es  in  einzelnen
Fällen  vor,  daß  in  der  Mitte  des  Grabens  noch  ein  schmaler,  tieferer
Graben,  der  Kesselgraben,  gezogen  war.

Die  äußere  und  die  innere  Grabenböschung  waren  steil  aufgemauert.


Die  Verbindung  über  die  Gräben  wurde  durch  hölzerne  Brücken
hergestellt,  welche  zum  Theil  auf  hölzernen,  zum  Theil  auf  steinernen
Pfeilern  ruhte.  Der  dem  Thore  zunächst  liegende  Theil  der  Brücke
war  meist  als  Zugbrücke  eingerichtet.  Im  Falle  eines  Angriffes
wurden  die  Brücken  abgeworfen.
        <pb n="121" />
        —  113  —

Bei  den  Städtebefestigungen  des  14.  Jahrhunderts  schon  findet
man  jedoch,  und  besonders  bei  größeren  und  wichtigeren  Städten,  eine
niedere  Grabenvertheidigung  durch  den  rings  um  die  Stadtmauer
herum  reichenden  Zwinger,  einen  Absatz  in  der  vorher  in  einem
Anstieg  nach  oben  reichenden  Stadtmauer,  welcher  durch  eine  Brustwehrmauer
  und  durch  halbkreisförmig  vor  den  Thürmen  hervortretende
Rondele  vertheidigungsfähig  geworden  war.

Die  Befestigungsanlagen  der  erzgebirgischen  Städte  finden  ungefähr
  mit  dem  Jahre  1525  ihren  Abschluß,  so  daß  von  dem  durch
Albrecht  Dürer  eingeführten  Bau  der  starken,  mit  schweren  und  zahlreichen
  Geschützen  bewaffneten  Basteien  keine  Beispiele  vorzufinden
  sind.

Naturgemäß  schlossen  sich  die  Befestigungen  der  Städte  den
Formen  des  Terrains  an,  so  daß  auf  Bergvorsprüngen  liegende
Städte  nur  eine  durch  den  Graben  gesicherte  Seite  haben,  während
die  auf  steiler  Höhe  oder  an  jähem  Felsenabhange  errichtete  Mauer
keinen  Graben  vor  sich  hatte.

Alle  Städte  des  Erzgebirges  haben,  vielleicht  mit  nur  wenigen
Ausnahmen,  in  den  Hussitenkriegen,  besonders  aber  im  dreißigjährigen
Kriege  die  Widerstandskraft  ihrer  Befestigungen  und  ihrer  Bürger  auf
die  Probe  stellen  müssen.

Seit  Beginn  des  18.  Jahrhunderts  ist  jedoch  die  Bedeutung
der  Stadtbefestigungen  allmälig  so  zurückgetreten,  daß  sie  mit  Anfang
des  19.  Jahrhunderts  überall  zum  großen  Theil,  wo  nicht  vollständig
abgetragen  worden  sind.

Es  ist  nicht  uninteressant,  die  Städtewappen  des  Erzgebirges  zu
vergleichen.  Dieselben  trennen  sich  in  zwei  große  Gruppen,  in  die
Wappen  der  Städte,  welche  vor  1500  bestanden,  und  in  die  der
Städte,  welche  nach  1500  gegründet  wurden.  Diese  letzteren  sind
alles  Bergstädte,  wie  auch  ihre  Bergmannswappen  bezeugen.

Der  größte  Theil  der  alten  Städte  führt  eine  Stadtmauer  mit
Thor  und  Thürmen  im  Wappen,  zum  Beleg  ihrer  Wehrhaftigkeit.
Diese  Städte  sind  sämmtlich  im  13.  Jahrhundert,  jedenfalls  zu  Anfange
  desselben,  wo  nicht  schon  früher,  Ausgang  des  12.  Jahrhunderts

gegründet.  So  haben  Colditz,  Leißnig,  Döbeln,  die  drei  alten  Städte
vor  dem  Fuße  des  Erzgebirges,  eine  Mauer  mit  offenem  Thor  (Döbeln
sogar  drei)  und  drei  Thürmen.  Colditz  über  dem  mittelsten  Thurm
ein  Schild  mit  dem  Meißner  Löwen,  Leißnig  vor  dem  Thor  den
Wappenschild  der  Burggrafen  von  Leißnig.  Freiberg  führt  eine
Mauer  mit  Thor  und  drei  Thürmen,  vor  dem  Thore  den  Schild  mit
dem  Meißner  Löwen;  Lößnitz  eine  Mauer  mit  drei  Thürmen,  vor
deren  mittelsten  den  Schild  der  Burggrafen  von  Meißen;  Elterlein
8
        <pb n="122" />
        —  114  —

eine  Mauer  mit  Thor  und  zwei  Thürmen,  rechts  oben  an  der  Mauer
den  Schild  der  Burggrafen  von  Meißen  mit  dem  Andreaskreuz,
links  oben  den  Schild  der  Grafen  von  Schönburg  mit  seinen  zwei
rothen  Schrägstreifen").  Wolkenstein  führt  eine  Mauer  mit  offenem
Thor  und  drei  Thürmen,  auf  dem  rechten  bläst  der  Wächter  ins
Horn.  Später  hat  man  das  Wappen  durch  zwei  zwischen  die  Thürme
gesetzte  Schilderhäuschen  verunziert.  Frankenberg  hat  eine  Mauer
mit  Thor  und  zwei  Thürmen,  zwischen  denen  eine  Jungfrau  mit
Kranz  steht.  Kirchberg,  sowie  Zschopau  hat  eine  Mauer  mit  Thor
und  drei  Thürmen;  Chemnitz  ebenfalls,  an  dem  mittelsten  Thurme
jedoch  den  Schild  mit  dem  Reichsadler.  Oederan  hat  eine  Mauer
mit  Thor  und  zwei  Thürmen,  zwischen  denen  ein  Wagenrad  als
Wahrzeichen  der  Heerstraße  sich  befindet.

Die  uralte  Stadt  Sayda  hat  nur  den  Schönbergschen  Löwen.

Die  Ansiedelung  im  Waldgebiete  bezeugen  die  Wappen  von
Geringswalde  (Gerungiswalde)  —  eine  Tanne,  an  welcher  sich  ein
Eber  reibt  —  Grünhain  —  drei  Tannen,  vor  welchem  ein  Auerhahn
steht  —  Hainichen  —  zwei  umgeschlagene  Tannen,  auf  dem  einen
Zweige  ein  Vogel  —  Nossen  —  drei  große  Bäume,  zwischen  denen
ein  Thurm  steht  —  Dippoldiswalde  zwei  gekreuzte  Eichen  und  das
Brustbild  eines  Mannes  mit  Bart  —  Zöblitz  —  ein  Bärenkopf  in
goldenem  Schilde.  ·  «

Die  Wappen  von  Dohna  und  Frauenstein  haben  keine  geschichtlichen
  Beziehungen;  ebenso  wenig  das  am  Rathhause  von  Geyer  1496
angebrachte  Stadtwappen  mit  den  drei  Geiersköpfen.

Ein  uraltes,  redendes  Bergmannswappen  führt  Eibenstock  —
Rechen  und  Radehaue  als  Wahrzeichen  des  Zinnseifens.

Die  Ende  des  15.  und  Anfangs  des  16.  Jahrhunderts  gegründeten
  Bergstädte  Altenberg,  Schneeberg,  Aue,  Annaberg,  Buchholz,
  Sebastiansberg,  Marienberg,  Scheibenberg,  Oberwiesenthal,
Sonneberg,  Kupferberg,  Gottesgab,  Platten,  Jöhstadt,  sowie  das  weit
später  gegründete  Johanngeorgenstadt  führen  sämmtlich  Bergmannswappen
  mit  Schlägel  und  Eisen,  Hacken,  Hauen,  Keilen  u.  s.  w.  mit
oder  ohne  Heiligen=  oder  andere  Schmuckbilder.

Die  Bauart  der  Häuser  in  den  Städten  unterschied  sich  anfangs
  wohl  kaum  von  der  Bauart  der  Einzelhäuser  auf  dem  offenen
Lande  und  in  den  Dörfern.  Die  Städte  im  oberen  Gebirge  waren  bis
in  die  neueste  Zeit,  wo  nicht  Feuersbrünste  oder  Verwüstung  in  den

*)  Elterlein  führt  außer  diesem  alten,  historischen  Wappen  noch  ein  kleines
Siegel  mit  dem  auf  eine  Sage  sich  stützenden  „Altärlein"“  mit  zwei  brennenden
  Kerzen.
        <pb n="123" />
        —  115  —

Kriegszeiten  Neubauten  veranlaßt  hatten,  immer  noch  zum  größten
Theile  Blockhäuser,  oder  Häuser  mit  Pfostenwänden,  oder  Häuser  mit
Stockwerken  aus  Fachwerk,  sämmtlich  aber  mit  Schindeln  bedacht,  so
daß,  wenn  ein  Brand  einmal  Umfang  gewonnen  hatte,  häufig  der
größte  Theil,  wo  nicht  das  Ganze  der  Stadt  zu  Grunde  ging.  So
brannte  1806  Zschopau,  1806,  1809  und  1829  Lößnitz,  1809  Stollberg,
  1824,  1830  Mittweida,  1826  Dippoldiswalde,  1837  Annaberg,
  1842  Sayda  bis  auf  wenige  Häuser  nieder,  1848  Jöhstadt,
1851  ein  großer  Theil  von  Zschopau,  von  Oberwiesenthal,  1852
Buchholz,  Schlettau,  Marienberg  und  das  im  niederen  Gebirge  liegende
Hainichen,  1854  Geyer,  Zöblitz,  Sebastiansberg,  Jöhstadt  zum  zweiten
Male,  1856  Schöneck  bis  auf  wenige  Häuser,  Neustädtel,  Jöhstadt
zum  dritten  Male,  Kupferberg,  1862  Eibenstock,  Oberwiesenthal  zum
zweiten  Male,  1867  Johanngeorgenstadt  bis  auf  wenige  Häuser,
1869  Frauenstein,  1873  Joachimsthal  beinahe  vollständig,  1876
Altenberg  mit  30  Häusern  und  der  Kirche  nieder.

Die  Feuersbrünste  des  19.  Jahrhunderts  allein  hätten  genügt,
einem  großen  Theile  der  erzgebirgischen  Städte  eine  veränderte  Bauweise
  zu  geben;  aber  die  Verheerungszüge  der  Hussiten,  und  vor
Allem  die  des  dreißigjährigen  Krieges  hatten  schon  längst  vorher
einen  großen,  wo  nicht  den  größten  Theil  der  ursprünglichen  Bauten
vernichtet.  Nächstdem  brannte  1624  Hartenstein  nieder,  1630  in
Annaberg  über  300  Häuser;  1632  und  1634  Freiberg,  Dippoldiswalde,
  Oederan,  Zschopau,  Schöneck;  1633  Stollberg;  1658,
1662  und  1672  der  größte  Theil  von  Elterlein,  1672  und  1693
Mittweida.

Im  18.  Jahrhundert  wurden  durch  Feuersbrünste  zerstört:
Jöhstadt  (1700),  Thum  (1702),  Oederan  (1709),  1733,  1753),
Elterlein  (1719),  Frankenberg  (1712,  1715,  1788),  Zschopau  (1707,
1748),  Annaberg  (1731),  Schneeberg  (1744),  Marienberg  (1759).

Faßt  man  dieses  alles  zusammen,  die  vorwiegend  hölzerne  Bauart,
  die  großen  Feuersbrünste,  die  Verheerungen  in  den  Kriegen  und
die  bedrängte,  zum  Theil  sogar  mittellose  Lage  der  Bewohner;  so
darf  man  sich  nicht  verwundern,  daß  überhaupt  nur  an  wenigen  Orten,
und  an  diesen  auch  nur  in  beschränktem  Maße  Ueberreste  früherer
Bauwerke  vorhanden  sind.  Wenn  auch  zahlreiche  Vorschriften  dahin
drängten,  die  Bauart  der  Häuser  umzugestalten,  so  griffen  dieselben
doch  nur  langsam  und  allmälig  durch.  Waren  noch  1263,  wie  die
Freiberger  Chronik  bemerkt,  die  Häuser  der  Stadt  meist  alle  von
Holz  und  nur  wenige  mit  Ziegeln  gedeckt,  so  darf  es  nicht  wundern,
daß  in  den  anderen  Städten,  deren  Bürger  weniger  Reichthümer  besaßen,
  wie  die  Freiberger,  der  Hausbau  auf  derselben  ursprünglichen

-  8
        <pb n="124" />
        —  116  —

und  primitiven  Stufe  stehen  blieb,  wie  in  den  ersten  Jahrhunderten
der  Ansiedelung.

Nur  an  einzelnen  Stellen  sind  bemerkenswerthe  Häuser  in  Fachwerkbau
  erhalten;  in  der  Mehrzahl  machen  sie,  wo  sie  noch  vorhanden,
  einen  einförmigen  Eindruck,  besonders  weil  ihnen  in  der
Anordnung  von  Balkenwerk,  Fenstern  u.  s.  w.  jegliche  subjektive
Mannigfaltigkeit  fehlt  und  ein  schablonenhaft  gleichmäßiges  Aeußere
von  Ost  bis  zum  West,  auf  dem  ganzen  Gebirgsabhange  hin  vorwiegend
  geworden  ist.

In  den  größeren  Städten,  deren  Bürgerschaft  mehr  Mittel  besaß,
vor  Allem  in  den  Bergstädten  zur  Zeit  ihres  Aufschwunges,  entstanden
allerdings  Bauten,  deren  Ueberreste,  wo  fie  überhaupt  bemerkbar
sind,  in  hohem  Grade  das  Interesse  beanspruchen.  Die  Perioden
jedoch,  in  welchen  der  erwachende  Kunstsinn  in  Folge  und  im  Zusammenhange
  mit  dem  zunehmenden  Wohlstande  wirken  konnten,  waren
meist  kurze,  denn  sie  waren  zwischen  Drangsalsperioden  eng  eingefügt.
Der  im  Beginn  des  16.  Jahrhunderts  eintretende  großartige  Aufschwung
  des  Gebirges  wurde  schon  kurz  nach  1540  durch  die  Kriege
des  Schmalkaldischen  Bundes,  den  eigentlichen  Schmalkaldischen  Krieg
und  den  Kriegszug  Kaiser  Karl  V.  gegen  Kurfürst  Johann  Friedrich
unterbrochen.  Die  Kriegszüge  der  Kurfürsten  Moritz  und  August
wirkten  zwar  ebenfalls  nicht  unmittelbar  auf  das  Gebirge  und  die
Bergstädte,  doch  war  ihr  Einfluß,  in  Verbindung  mit  dem  abnehmenden
  Erträgniß  des  Silberbergbaues  hinreichend,  um  dem  Geschmack
und  dem  Schönheitssinn  in  Bezug  auf  Bauwerke  eine  Grenze  zu
setzen,  welche  mit  dem  dreißigjährigen  Kriege  und  seinen  verwüstenden
  und  zerstörenden  Gange  auf  das  Allereinfachste  und  auf  das
Allernothwendigste,  schon  in  Folge  der  vollständigen  Erschöpfung  aller
Mittel,  herabgedrückt  wurde.

Es  sind  nur  hie  und  da  noch  einzelne  Reststücke  aus  besseren
Zeiten  übrig  geblieben.  Trotz  verschärften  Bauvorschriften  und  verbesserten
  Feuerordnungen,  denen  1541  die  Leipziger  als  Muster
voranging,  und  ungeachtet  des  wachsenden  Verständnisses  für  Baukunst
  und  des  an  vielen  Stellen  sich  bemerkbar  machenden  Einflusses
besseren  Geschmackes,  sind  im  Ganzen  doch  nur  wenige  Privatbauten
in  den  Städten  des  Gebirges  noch  vorhanden,  welche  aus  früheren
Jahrhunderten  stammen  und  als  Musterwerke  mittelalterlichen  Hausbaues
  bezeichnet  werden  können.  Leider  kann  man  nicht  verschweigen,
daß  in  der  neuesten  Zeit  noch  vortrefflich  erhaltene,  mustergültig  gebaute
  Häuser  der  geldgierigen  Speculation  und  dem  Mangel  jedweden
Verständnisses  in  vandalischer  Weise  zum  Opfer  gefallen  sind.

Hie  und  da  aber  findet  man  noch  in  den  Städten  stattlich  ge-
        <pb n="125" />
        —  117  —

baute  Patrizierhäuser  mit  reich  geschmückten  Eingangsthüren,  mit
Platten  belegter,  gewölbter  Hausflur,  vielleicht  sogar  vollständig  gewölbtem
  Erdgeschoß  und  schlank  gewundenen,  steinernen  Wendeltreppen.
An  den  ausgekehlten,  mit  Rundstäben  geschmückten  Bogen  der  Eingangsthüre
  befinden  sich  vielleicht  ein  paar  Medaillons  mit  Brustbildern,
  oder  ein  Schild  mit  des  Erbauers  Namenszuge  oder  Wappen;
unten  auf  jeder  Seite  ein  Sitz,  um  in  beschaulicher  Ruhe  und  nachbarlichem
  Gespräch  sich  vor  dem  Hauseingange  niederlassen  zu  können.
Auch  das  Obergeschoß  ist  von  starken  Steinmauern  eingefaßt,  und
selbst  die  Zwischenwände  sind  aus  Steinen  erbaut.  Stattliche  Thüren
verbinden  die  einzelnen  Räume,  und  große,  von  steinernen  Fenstersäulen
  eingefaßte  Fenster  erhellen  die  Räume,  wenngleich  die  vier
großen  Flügel  derselben  ursprünglich  mit  kleineren,  in  Blei  gefaßten
Scheiben,  wenn  auch  nicht  mit  grünlichen  Butzen,  ausgefüllt  waren.
Einzelne  dieser  Häuser  waren  an  der  Ecke  mit  runden  oder  viereckigen
  Erkern  geschmückt,  oder  an  der  Front  mit  viereckigen  oder
dreieckigen  (sogenannten  Nasenerkern)  und  die  Straßenseite,  Außenwand
  des  Hauses  nicht  selten  mit  Medaillons,  Wappen,  bergmännischen
Emblemen  und  anderen  Zierrathen  ausgestattet.  Die  Dächer  waren
mit  Pfannen  gedeckt,  und  die  Dachrinnen  von  Blech  mit  fabelhaft
ausgestatteten  Wasserspeiern.

Anders  die  alten,  kleinen,  gebrechlichen  Häuser  mit  hölzernen
Riegel--  oder  Schrotwänden.  Bei  bergiger  Lage,  wo  die  Straße  nicht
selten  bedeutend  tiefer  lag  als  das  Haus,  eine  breite,  geländerlose,
aber  mit  großen  Platten  gepflasterte  „Heiste"  (Ceine  Art  von  Terrasse
vor  dem  Hause).  Von  dieser  führt  mitunter  eine  Stufe  nach  der
Hausthür,  die  zuweilen  mit  einem  Stichbogen  geschlossen,  in  der  Regel
aber  viereckig  ist.  Die  Thür  selbst  besteht  aus  zwei  Hälften,  der
oberen  und  der  unteren.  Während  die  letztere  geschlossen  wird,  um
den  Zutritt  von  Federvieh  u.  s.  w.  zu  verhindern,  bleibt  die  erstere
meist  offen  um  Licht  und  Luft  den  Zutritt  zu  gewähren.  Im  Winter
und  in  den  höheren  Lagen  befindet  sich  in  der  Regel  vor  der  Eingangsthüre
  des  Hauses  ein  hölzerner  Vorbau,  zum  Schutze  gegen
Wind  und  Schnee.  In  höher  gelegenen  Orten  bleibt  derselbe  jahrein
jahraus  stehen.  Die  Hausflur  ist  ebenfalls  mit  Platten  belegt,  doch
nicht  mit  sorgfältig  behauenen,  rechtwinklichen,  wie  in  den  reicheren
Häusern,  sondern  mit  Platten,  wie  sie  eben  aus  dem  Bruche  ge—
kommen  sind.

Die  Thüre  zu  dem  Zimmer  im  Erdgeschoß  ist  mit  einem  dicken
Strohpolster  versehen,  um  den  Luftwechsel  zu  mindern  und  die  Zimmerwärme
  besser  zusammenzuhalten.  Unter  den  Oefen  wiegt  der  Kachelofen
  auch  in  den  Städten  vor,  obgleich  auch  hier  der  eiserne  Ofen
        <pb n="126" />
        —  118  —

und  der  Kachelofen  mit  eisernem  Kasten  schon  viel  Verbreitung  gefunden
  haben.  Die  Fenster  sind  nicht  groß;  in  Neubauten  allerdings
größer,  wie  in  älteren  Häusern,  aber  doch  bei  Weitem  nicht  so  groß
wie  die  Fenster  in  den  Städten  des  Hügel=  und  Niederlandes.  Je
weiter  man  gebirgsaufwärts  kommt,  um  so  bescheidener  wird  die
Größe  der  Fenster,  schon  der  Erhaltung  der  Zimmertemperatur  wegen.
Nur  in  den  neuesten  Neubauten  findet  man  Fenster  mit  zwei  großen,
durchgehenden  Fensterflügeln.  Sonst  herrscht  das  Fenster  mit  vier
Flügeln,  zwei  kleineren  oben,  zwei  größeren  unten,  oder  was  noch
älter  ist,  vier  gleich  große  Fensterflügel  jeder  zu  zwei  Scheiben.  Die
ältesten  Fenster  haben  aber  nur  ein  Schößchen,  d.  h.  in  der  Mitte
einen  kleinen  Fensterflügel  oder  ein  kleines  Schiebefenster,  dessen
Oeffnung  gerade  groß  genug  ist,  um  den  Kopf  herausstecken  zu  können.
Vor  Zeiten  war  diese  Fensterconstruction  die  Allgemeine.  Die  Fenster
des  Erdgeschosses  werden  überall,  schon  der  Temperatur  und  der
Winde  wegen,  mit  Außenläden  geschlossen.  Die  Treppen  der  Häuser
sind  von  Holz.

Bei  den  Dächern  herrschen  in  den  Städten  die  Ziegeldächer  vor,
bez.  die  Schieferdächer.  Die  alten  Schindeldächer  verschwinden  immer
mehr,  und  nur  noch  im  oberen  Gebirge  ist  diese  haltbare,  warme  und
verhältnißmäßig  billige  Dachung  noch  zu  finden.  Bei  den  Ziegeldächern
  sind  die  Pfannen  nicht  mehr  in  Gebrauch,  einestheils  weil
sie  theurer  sind,  anderntheils  weil  sie  wegen  ihrer  größeren  Schwere
stärkerer  Dachbalken  bedürfen.  Die  vorherrschenden  Biberschwänze
lassen  aber  Wind  und  besonders  Schnee  durch,  wenn  sie  nicht  als
Doppeldächer  eingedeckt  sind.  Das  beste  Dach,  nächst  dem  Schindeldach
  ist  das  auf  Bretverschalung  eingedeckte  Schieferdach  von  kleinem
hellblauen  Gebirgsschiefer.  Die  Dachrinnen  sind  im  Gebirge  von
Holz  und  ragen  über  die  dem  Winde  abgewendete  Giebelseite  weit
vor.  Die  Essen  sind  durchgängig  von  hartgebrannten  Ziegeln  erbaut.

Im  Allgemeinen  zeichnen  sich  die  Neubauten  durch  Zweckmäßigkeit,
  Feuersicherheit  und  Dauerhaftigkeit  aus.  Wo  sonst  eine  Hütte
stand,  erhebt  sich  jetzt  ein  steinernes  Haus.  Die  moderne  Baupolizei
greift  mit  kräftiger  Hand  durch  und  verlangt  im  wohlverstandenen
Interesse  der  Gesammtheit  von  dem  Einzelnen  Opfer,  welche  allerdings
  vielleicht  manchmal  die  schwachen  Kräfte  übersteigen.

Dessen  ungeachtet  dürfen  aber  die  Rücksichten  auf  den  Einzelnen
große,  allgemeine,  die  Zukunft  im  Auge  habende  Gesichtspunkte  nicht
verrücken,  und  es  steht  bei  allen  Umbauten,  wie  Neubauten  die  Rücksicht
  auf  gesundheitsgemäße  und  dauerhafte  Anlage  des  Ganzen  und
aller  einzelnen  Theile  oben  an.  Dauerhaftigkeit,  Wärme,  Trockenheit,
Feuersicherheit,  Geräumigkeit  und  Zweckmäßigkeit  aller  einzelnen  Räume,
        <pb n="127" />
        —  119  —

unbedingte  Abgeschlossenheit  aller  Abfallwasser,  Senkgruben  und  Abtritte,
  Sicherung  der  Brunnen=  und  Trinkwasseranlagen  vor  jeglicher
Verunreinigung  u.  s.  w.  —  Das  werden  ungefähr  die  Hauptgesichtspunkte
  sein,  welche  im  Bauwesen  der  Städte  bleibende  Geltung  behalten
  werden.

9.  Die  Verkehrswege.

Alte  Straßen.  Gebirgspässe.  Chausseen.
Eisenbahnen.

Die  Entwickelung  der  Kultur  eines  Landes  wird  durch  die  großen
Handelsstraßen  bedingt,  welche  dasselbe  durchschneiden.  Je  reger  der
Verkehr,  um  so  dichter  die  Bevölkerung  und  mit  ihr  das  Netz  von
bewohnten  Orten  und  belebten  Straßen.

Landesherrliche  und  Kaiserliche  Privilegien  bevorzugten  schon
frühzeitig  die  an  den  Hauptstraßenzügen  gelegenen  Städte  und  sie
erhielten  den  Zwang,  und  nicht  blos  das  Recht,  der  Innehaltung  der
Straße,  der  Einkehr,  der  Waarenniederlage,  der  Ausbesserung  und
des  Wechsels  von  Schiff  und  Geschirr,  der  Vorspann  u.  s.  w.  Der
Zustand  der  alten  Landstraßen  und  Heerstraßen  gestattete  weder  große
Tagereisen  noch  umfangreiche  Frachtwagen  und  beanspruchte  verhältnißmäßig
  viel  Menschen=  und  Thierkräfte  zur  Bewegung  nicht  gar  großer
Lasten.  Aus  dem  Gebrauche,  daß  die  Wagenzüge  von  Sonnenaufgang
bis  zu  Sonnenuntergang  von  der  einen  Station  zur  andern  gelangen
sollten,  entwickelte  sich  in  der  Ebene  die  regelmäßige  Entfernung  der
Städte.  Eine  Strecke  von  vier  Meilen  —  etwa  37  km  —  bildete
die  regelmäßige  Tagesleistung  und  an  den  Haltepunkten  für  Obdach
und  Nahrung  von  Menschen  und  Vieh  entwickelten  sich  mit  Privilegien
reich  ausgestattete  Städte.

Aehnlich  gestaltete  sich  dies  an  den  Hauptstraßenzügen  im  Berglande,
  wenngleich  hier  die  Veranlassung  zur  Gründung  von  Städten
vorwiegend  den  Massenansiedelungen  bergmännischer  Elemente  angehörte,
welche  gesicherte  und  nach  Befinden  widerstandsfähige  Wohnplätze
verlangte.

Schon  im  frühesten  Mittelalter  führte  eine  große  Straße  aus
Franken,  oder  wie  es  gebräuchlicher  war  „aus  dem  Reich“  nach
Schlesien  und  Polen  schräg  durch  das  niedere  Erzgebirge  hindurch.
Sie  trat  aus  dem  Voigtlande  über  Neumark  und  Altschönfels  nach
Zwickau,  führte  über  Mülsen,  Lichtenstein,  Lungwitz,  mit  nur  geringen

Abweichungen  von  dem  gegenwärtigen  Chausseetrakt,  über  Reichenbrand
nach  Chemnitz;  von  da  über  Flöha,  Oederan,  am  Rittergute  Ober-
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        —  120  —

schöna  vorüber,  nach  Freiberg,  wo  sich  die  Straße  theilte.  Die  obere
Straße  ging  über  den  Silberhammer,  Naundorf,  Herzogswalde,
Kesselsdorf  nach  Dresden;  die  kleine  Straß  führte  über  Hilbersdorf,
  Bobritzsch,  Klingenberg,  Höckendorf,  Kleinölsa,  Wilmsdorf,
Rippchen,  Röcknitz  nach  Dresden.  Die  Linie  Rächnitz-Dresden
führte  gerade  nach  dem  Altmarkte  der  Stadt,  ist  aber  schon  bei  Anlage
  der  Befestigungen  von  Dresden  unter  Kurfürst  Moritz  verbaut
worden.  .

Im  Süden  des  Erzgebirges  lag  im  Mittelalter  der  Straßenzug
  durch  Böhmen  zum  größten  Theile  weit  ab  vom  Gebirge.  Derselbe
  ging  von  Eger  über  Falkenau  und  Horn  nach  Carlsbad,  wie
jetzt,  aber  von  da  über  Engelhaus,  Buchau,  Schnoden,  Podersam,
Saatz,  Briüx,  Teplitz  nach  Außig.  Die  Straße  längs  des  Gebirgsfußes,
  von  Schlackenwerth  über  Klösterle,  Kommotau,  Görkau,  Brüx,
Teplitz  ist  neueren  Ursprunges,  und  zum  großen  Theil  erst  in  diesem
Jahrhundert  erbaut.

Auf  die  alte  Reichsstraße  Zwickau  —  Chemnitz  —  Freiberg  —
Dresden  stießen  mehrere  alte  Straßenzüge  von  Norden,  aus  dem
Niederlande,  herkommend  und  sich  nach  Süden,  über  das  Gebirge
hin,  fortsetzend  und  dasselbe  überschreitend.

Fürs  Erste  die  große  Straße  von  Leipzig  über  Borna  und
Altenburg  nach  Zwickau.  Dieselbe  setzte  sich  in  zwei  Aesten  fort.
Der  erste  über  Wilkau,  Kulitzsch,  Kirchberg,  Lichtenau,  Hundshübel,
Eibenstock,  Wildenthal,  Hirschenstand,  Neudeck  nach  Carlsbad;  der
andere  über  Haßlau,  nördlich  von  Griesbach  vorbei,  über  Lindenau,
Zschorlau,  Bockau,  Conradswiese  nach  Schwarzenberg.  Hier  gabelte
sich  derselbe  wiederum  in  zwei  Linien.  Die  eine  führte  über  Bermsgrün,
  Crandorf,  Breitenbrunn,  Rabenberghaus,  Hammer,  Wittigsthal,
über  den  Ziegenrück,  Platten,  Bäringen,  über  den  Bäringer  Berg
nach  Edersgrün  und  nach  Carlsbad.  Die  andere  Linie  ging  über
den  Berg  nach  Grünstädtel,  Raschau,  Oberscheibe,  Crottendorf,  Cranzahl,
  Kuhberg,  den  Blechhammer,  Weißen  Hirsch,  Pleil,  Preßnitz,
Reischdorf,  Pölma,  Laucha,  Wernsdorf  nach  Kaaden.  Dieser  Straßenzug
  heißt  heute  noch  zwischen  Oberscheibe  und  Pleil  „die  böhmische
Straße“.

Von  der  großen  Straße  Leipzig-Zwickau  zweigte  in  Borna  die
Straße  Penig-Chemnitz  ab.  Dieselbe  wird  schon  1295  erwähnt,  als
König  Adolf  die  Mark  Meißen  zu  gewinnen  trachtete  und  auf  der
großen  Heerstraße  von  Leipzig  auf  Chemnitz  gog.

Von  Chennitz  führte  eine  alte  Straße  nach  dem  westlichen  Erzgebirge.
  Diese  zweigte  sich  von  der  Reichsstraße  in  Kappel  als
Fürstenweg  ab  und  ging  oberhalb  Stelzendorf,  durch  Ober-
        <pb n="129" />
        —  121  —

neukirchen,  an  der  Kirche  von  Leuckersdorf  vorbei,  zwischen  Niederwürschnitz
und  Niederdorf  über  die  Höhe  nach  Stollberg.  Von  hier  ging  sie
über  Beutha  und  den  Hubert  nach  der  Eisenbrücke,  und  von  dieser
über  das  Brünnlaßgut  nach  Zschorlau,  wo  sie  sich  an  die  Eibenstöcker
  Straße  anschloß.  Von  dem  Stollberger  Straßenzuge  ging
eine  andere  Straße  aus  Mitteldorf  am  Dreilagensteine  vorüber,
durch  den  Streitwald  nach  Zwönitz,  durch  Kühnhaide  nach  Grünhain,
über  den  Fürstenberg,  die  Oswaldkirche  und  den  Graul  nach  Raschau,
zum  Anschluß  an  die  böhmische  Straße.  6

Zu  diesem  Punkte  führte  auch  eine  andere  Linie,  welche  vor
der  Markersdorfer  Schenke  (d.  h.  vor  dem  Punkte,  wo  diese  Schenke
gegenwärtig  steht)  nach  dem  Schlosse  von  Neukirchen  südwärts  abbog
unter  der  Bezeichnung  „Hofeweg“  nach  Burckhardsdorf  führte.  Von
hier  geht  dieser  Straßenzug  unter  dem  Namen  „Fürstenweg“  durch
den  Abtswald,  am  Steinbusche  vorüber,  nach  Auerbach  und  von  da
in  den  Wald,  über  die  Honigwiese,  an  der  Abschiedstanne  vorbei,
nach  dem  oberen  Kutten  und  nach  Elterlein,  sodann  über  das  Tännigtgut
  nach  Langenberg  und  zur  böhmischen  Straße  nach  Raschau.
Dieses  ist  wahrscheinlich  die  von  Schreiter  (1781  Pfarrer  in  Elterlein)
  in  seinen  „Denkwürdigkeiten“  als  „Salzstraße“  aufgeführte
Straße.  "

Von  der  Straße  über  die  Eisenbrücke  (über  die  Mulde)  zweigt
aber  auch  oberhalb  Alberode  der  „Eisenweg“,  eine  jedenfalls
sehr  frühzeitig  angelegte  Verbindung  nach  Nordost,  mit  der  von
Chemnitz  aus  führenden  Straße  nach  dem  Obergebirge  und  mit  der
großen  Straße  aus  dem  Reich  ab.  Dieselbe  trennt  sich  am  Graustein,
  geht  nördlich  vom  Katzenstein  vorüber,  nach  der  Schenke  von
Brünnloß,  kreuzt  an  der  Tabakstanne  die  vorher  genannte  Straße,
und  führt  auf  dem  Höhenzuge,  oberhalb  Claffenbach,  bis  in  das
Zwönitzthal  bei  Einsiedel.  Von  hier  steigt  sie  als  Fürstenweg  zur
Höhe,  kreuzt  die  Straße  nach  dem  Obergebirge  und  führt  als  „Heegeoder
  „Spurweg“  nach  Euba  und  zur  großen  Straße.

Eine  alte  „Eisenstraße“  ist  von  Gornau  an  der  Obergebirgischen
  Straße  auf  dem  Höhenzuge  zwischen  Zwönitz  und  Wilisch
in  südwestlicher  Richtung  bis  Auerbach  zu  verfolgen;  eine  Fortsetzung
derselben  ist  aber  nicht  zu  erkennen,  wie  auch  überhaupt  zahlreiche  als
Fürstenweg,  Kalkstraße,  Eisenweg  bezeichnete  Wegstrecken  nicht  als
Theile  größerer  Straßenzüge  zu  erkennen  oder  in  Verbindung  zu
bringen  sind.

Von  Chemnitz  führte  ferner  nach  dem  Gebirge  die  Straße,  deren
Anfang  durch  den  tiefen  Hohlweg  bezeichnet  wird,  der  nach  Reichenhain
  führt.  Sie  ging  durch  Reichenhain,  über  den  Krieghübel,  Gornau,
        <pb n="130" />
        —  122  —

Zschopau,  Großolbersdorf.  Zwischen  Chemnitz  und  Großolbersdorf
bestand  jedoch  allem  Vermuthen  nach  eine  zweite  Straße,  welche  bei
Reichenhain  die  Zwönitz  überschritt,  über  den  Berg  der  alten  Harth
nach  Einsiedel  ging,  und  nunmehr  als  „Hofeweg“  über  Dittersdorf,
Weißbach  und  Grießbach  die  Zschopaubrücke  von  Scharfenstein  erreichte,
von  wo  sie  nach  Großolbersdorf  führte.  Von  Großolbersdorf  ging
sie  nach  dem  Südende  von  Gehringswalde,  und  von  da  auf  der
„Kärnerstraße“  oberhalb  Großrückerswalde  bis  in  den  Wald.
Hier  „im  langen  Felde“,  nahe  der  jetzigen  Eisenbahnhaltestelle  verliert
  sich  auf  fast  einen  Kilometer  Länge  jede  Spur  des  alten  Weges,
bis  zur  alten  Görkauer  Straße,  welche  über  Kühnhaide,  Natzschung
nach  der  Annasäule,  Platten,  Sperbersdorf  und  von  da  östlich  nach
Görkau,  südlich  nach  Kommotau  führte.

Nach  Chemnitz  kam  von  Norden  her  von  Rochlitz  die  alte
Straße  über  Wiederau  und  Auerswalde;  eine  andere  von  Nordost,
von  Mittweida;  dieselbe  ist  von  oberhalb  Ottendorf  bis  oberhalb
Ebersdorf  als  „kleine  Straße“  noch  nachzuweisen,  und  eine  dritte
wahrscheinlich  von  Hainichen  über  Frankenberg  und  Ebersdorf  her.
Wahrscheinlich  kam  dieselbe  von  Döbeln,  auf  dem  Höhenzuge  der
Schenkenlehde  her,  über  Dittersdorf  und  Arnsdorf,  ziemlich  geradlinig
nach  Hainichen.

Nach  Freiberg  führie  von  Roßwein  her,  durch  Etzdorf  und
Berbersdorf  der  „Freiberger  Steig“  an  der  Südwestecke  des  Zell'schen
Waldes  vorbei,  über  Reichenbach  ziemlich  geradlinig  nach  Freiberg.

Nach  Freiberg  kam  von  Nordwest  her  die  sogenannte  „Salzstraße“
  über  Mittweida,  Hainichen,  Bräunsdorf.

Die  alte  böhmische  Straße,  der  „alte  böhmische  Steig“,
wie  die  Stiftungsurkunde  vom  Kloster  Altenzella  sagt,  auf  dem  Höhenzuge
  und  dem  Hügel  Gronau  (Obergruna  bei  Siebenlehn)  führte  aus
dem  sorbenwendischen  Hügellande  ziemlich  gerade  nach  Süden  bis
zum  Gebirgskamme.  Von  Nossen  nach  Freiberg  und  von  da  aus
ging  sie  über  den  Zug,  am  oberen  Ende  von  Berthelsdorf  vorüber,
durch  Müdisdorf,  Helbigsdorf,  Zethau,  Voigtsdorf  und  Sayda;  von
hier  über  Purschenstein,  Deutsch-Einsiedel,  Kreutzweg,  Hammer  nach  Brüx.

Von  dieser  Straße  zweigte  sich  eine  Verbindung  mit  der  Straße
über  den  Paß  der  Annasäule  ab.  Diese  führte  über  Großhartmannsdorf,
  Mittelsaida,  Forchheim,  die  Nennigmühle  nach  Zöblitz,  und  von
da  über  die  Hüttstadt  nach  dem  Forsthause  im  Kriegwald  —  die  sogenannte
  alte  Kommotauer  Straße  läuft  noch  als  einfacher  Waldweg
der  Schneuse  No.  9  ziemlich  parallel  —  und  erreichte  dieselbe  in
Natzschkau.

Eine  Verbindung  von  Oederan  an  der  Reichsstraße  und  Sayda
        <pb n="131" />
        —  123  —

wurde  durch  die  „alte  böhmische  Straße“  hergestellt,  welche
über  Gahlenz,  Eppendorf,  Großwaltersdorf,  Mittelsaida  nach  Sayda  führte.

Im  Jahre  1318  erhielt  die  Stadt  Freiberg  durch  Markgraf
Friedrich  das  Recht  bestätigt,  daß  kein  Wagen  eine  andere  Straße
nach  Böhmen  fahren  solle,  als  durch  Freiberg.  Gleichzeitig  wurde
das  Recht  der  Niederlage  erneuert.

Nach  Südost  führte  von  Freiberg  eine  Straße  nach  Frauenstein,
zum  Theil  gegenwärtig  als  Chaussee  hergestellt;  durch  Burkersdorf
geht  sie  jedoch  weiter  abwärts,  als  die  vordere  Straße,  und  um  den
Thurmberg  herum.  Von  Frauenstein  wendete  sich  dieselbe  südwärts
über  Rechenberg,  dann  südöstlich  nach  dem  Zollhause,  nach  Fleyh  und
über  Langewiese  und  Riesenberg  auf  Dux.  1341  erhielt  Borso  von
Riesenburg  vom  König  Johann  von  Böhmen  die  Genehmigung,  die
an  der  Riesenburg  vorüberführende  Straße  von  Fleyh  über  Willersdorf
  und  den  Dreiherrenstein  nach  Klostergrab  zu  verlegen.

Dieser  Gebirgsübergang  wurde  von  Dresden  aus  auf  der
Straße  über  Dippoldiswalde  nach  Frauenstein  erreicht.  Diese  verließ
  die  sogenannte  kleine  Straße  bei  Possendorf  und  ging  von
Wendisch-Carsdorf  über  die  Heidemühle  nach  Dippoldiswalde;  von
hier  im  Fürstenwege  an  das  obere  Ende  von  Sadisdorf  und
über  die  Steinbrückmühle  nach  Frauenstein.

Weiter  ostwärts  führten  noch  zwei  Uebergänge  über  das  Gebirge.

Von  Dippoldiswalde  aus  die  Straße  über  Oberfrauendorf,
Johnsbach,  Falkenhain,  Altenberg,  Geising,  Fürstenau  nach  dem
Mückenthürnchen  und  von  da  über  Graupen  nach  der  böhmischen
Ebene;  von  Dohna  die  Straße  über  Niederseidewitz,  Börnersdorf,
Fürstenwalde,  Ebersdorf  und  den  Geyersberg.  Der  „alte
Königsweg“,  gegenwärtig  zum  größten  Theile  ein  Feldrain,  wahrscheinlich
  die  älteste  Straße  der  ganzen  Gegend  nach  dem  Gebirgskamme,
ging  von  Zehista  am  oberen  Ende  von  Ottendorf  vorüber,  nach  dem
Jagdsteine,  dem  Spitzberge,  durch  Hartmannsbach  nach  Breitenau,
wo  er  an  die  Straße  über  den  Geyersberg  sich  anschloß,  oder  möglicher
  Weise  auch  deren  Ursprung  bildete.  »

Diesen  alten  Gebirgsübergängen,  von  denen  ein  Theil  schon  im
12.  Jahrhundert  bestand,  wurden  seit  Ende  des  15.  Jahrhunderts,
bez.  Anfang  des  16.  Jahrhunderts,  die  Straße  von  Breitenbrunn  über
Halbmeil  und  die  Spitzberghäuser  nach  Joachimsthal,  die  „Thalerstraße“"
  von  Crottendorf  auf  dem  Höhenzuge  zwischen  der  großen
Mittweida  und  der  Zschopau,  über  Gottesgab  nach  Joachimsthal,  die
Straße  von  Kuhberg  über  Oberwiesenthal  nach  Gottesgab,  ferner  der
Gebirgsübergang  von  Kühnhaide  über  Sebastiansberg  (Basberg)  nach
Kommotau,  sowie  endlich  die  Straße  von  der  Platte  (Platten)  nach
        <pb n="132" />
        —  124  —

Neudeck,  über  die  Wolfsberghäuser,  angefügt.  Die  Zahl  der  Ge—
birgsübergänge  hatte  sich  vermehrt;  ihr  Zustand  blieb  jedoch  im  Allgemeinen
  ein  sehr  mittelmäßiger,  so  daß  der  Uebergang  über  das
Gebirge  den  größten  Theil  des  Jahres  hindurch  mit  einer  ganzen
Reihe  von  Schwierigkeiten  verbunden  war.  Größere  Strecken  auf
dem  Hochplateau  des  Gebirgsrückens  waren  nur  durch  Knüppelwege,
welche  mitten  durch  die  Moor-  und  Sumpfterrains  durchgeführt
waren,  zu  überschreiten.

M.  Chr.  Lehmann  erwähnt  bei  der  Aufzählung  der  Gebirgs—
übergänge  im  „Schauplatz“  noch  besonders:  den  „neuen  Weg“  (welchen
General  Holke  durch  Aufhauen  des  Waldes  ließ  räumen  auf  böhmische
Mühle  und  güldene  Höhe)  und  den  Weg  von  Wiesenthal  bis
Johanngeorgenstadt  („geht  hinter  Gottesgabe  durch  eitel  morastige
Wildniß,  zum  Theil  auf  lauter  faulen  Brücken  und  rauhen
Strecken  nach  der  Halben  Meil.""  Vom  „Zwönitzer  Wege“  sagt
er  „er  ist  sehr  enge,  halb  mit  Schaalhölzern  überbrückt,  von  Alters
her  konnten  weder  die  Harzer  Bleiwägen  noch  die  Salzkärner
passiren.“

Gleichzeitig  hatte  sich  aber  auch  das  Straßennetz  nach  Innen
bedeutend  verdichtet,  im  engsten  Zusammenhange  mit  dem  Wachsthume
der  Ansiedelungen  und  ihrer  Bewohner,  wie  vor  Allem  mit  dem
Anbruch  zahlreicher  Erzlagerstätten.

Besonders  auffallend  ist  die  strahlenförmige  Verbreitung  der
Straßen  von  Freiberg  gebirgsaufwärts.  Außer  den  bereits  vorhandenen
Straßen  entstand  die  Zinnstraße  über  Bobritzsch  und  Ammelsdorf
  nach  Altenberg,  die  Muldener  Geleitsstraße  über
Weigmannsdorf,  Mulde  und  Claußnitz  nach  Rechenberg;  die  Annaberger
  Straße  über  Langenau,  Rauenstein,  Wolkenstein,  die
Zschopauer  Straße  über  Langenau,  Eppendorf,  Borstendorf.
Im  Osten  des  Gebirges  entstanden  noch  die  Straße  von  Lockwitz
über  Maxen,  Glashütte,  Börnchen,  Lauenstein  nach  Fürstenau;
die  Mittelgebirgische  oder  „Butterstraße"  von  Puottschappel
über  Somsdorf,  Beerwalde  nach  Frauenstein;  die  Obergebirgische
oder  Marienberger  Straße  von  Dihppoldiswalde  über
Pretzschendorf,  Mulde,  Mittelsayda,  Marterbüschel  nach  Marienberg.

Zahlreich  sind  die  Wiederholungen  der  Bezeichnung  „Fürstenweg“,
  aber  nur  in  einzelnen  Fällen  läßt  sich  aus  den  noch  erkennbaren
  Strecken  ein  längerer  Straßenzug  nachweisen.  Der  bemerkenswertheste
  derselben  reicht  von  Wolkenstein  über  Lengefeld,  Mittel=  und
Obersayda,  Helbigsdorf,  und  von  Pretzschendorf  über  die  „Hölzerne
Brücke“  an  der  wilden  Weißeritz  bis  zur  Butterstraße  bei  Höckendorf.

Diese  sämmtlichen  Straßen  gehen,  wenn  auch  in  der  Hauptsache
        <pb n="133" />
        —  125  —

in  ziemlich  gerader  Richtung,  bergauf,  bergab,  meist  auf  den  Höhenrücken,
  die  Thäler  kurz  überschreitend.

A.  F.  Zürner  beschäftigte  sich  von  1712  bis  1732  fast  ausschließlich
  mit  der  Vermessung  der  Straßen  Sachsens.  Er  bearbeitete
für  den  König  40  Spezial=  und  Generalkarten,  sowie  eine  große
Postkarte  des  Kurfürstenthum  Sachsen.  Peter  Schenck  in  Ansterdam
  gab  diese  Karten  1745  bis  1760  als  „Neuer  Sächsischer
Atlas“,  enthaltend  die  sieben  Kreise  des  Kurfürstenthum  Sachsen  2c.,
Amsterdam  und  Leipzig,  heraus.  Die  Ausgabe  von  1760  enthält
57  Karten  und  11  Blatt  Prospekte.

Alle  Land=  und  Hauptstraßen  von  Sachsen  wurden  1722  mit
steinernen  Meilen=  und  Postsäulen  versehen.  Dieselben  bestanden  aus
viereckigen,  auf  einem  würfelförmigen  Postament  stehenden  Obelisken
von  Sandstein  mit  dem  Kurfürstlich  Sächsischen  und  Königlich  Polnischen
  Wappen  und  der  Königskrone.  An  den  vier  Seiten  des
Sockels  waren  zahlreiche  Poststationen  des  In=  und  Auslandes,  zum
großen  Theile  mit  Angabe  der  Entfernungen,  genannt.  Einzelne
dieser  Säulen  stehen  noch  in  Orten  des  Gebirges,  wo  der  Straßenzug
  längst  eine  andere  Richtung  angenommen  hat.

Zürner's  „Neue  Chursächsische  Postkarte",  1730,
giebt  nachverzeichnete  Straßenzüge:

Die  große  Straße  aus  dem  Reich  nach  Polen  von  Reichenbach
  über  Zwickau,  Chemnitz,  Freiberg,  Herzogswalde,  Kesselsdorf,
Dresden.

Die  kleine  Straße:  Reichenbach,  Kirchberg,  Weißbach.

Die  mittle  Straße:  Zwickau,  Silberstraße,  Schneeberg.

Die  kleine  Straße:  Schneeberg,  Neustädtel,  Oberblauenthal,
Eibenstock,  Wildenthal,  Steinbach,  Johanngeorgenstadt,  (über  den
Ziegenrück),  Platten  (über  den  Bäringer  Berg),  Voigtsgrün,  Carlsbad.

Die  kleine  Straße,  Grünstädtel,  Crandorf,  Breitenbrunn,
Bau  (7  wahrscheinlich  Rabenberg),  Johanngeorgenstadt.

Die  kleine  Straße:  Grünstädtel,  Scheibenberg,  Schlettau,
Annaberg.

Die  kleine  Straße:  Schneeberg,  Wildbach,  Stein,  Hartenstein,
  Dürfeld,  Stollberg,  Neukirchen,  Chemnitz.

Die  mittle  Straße:  Chemnitz,  Harthau,  Burkersdorf,
Gelenau,  Thum,  Ehrenfriedersdorf,  Annaberg.

Die  kleine  Straße:  Annaberg,  Bärenstein,  Weipert,  Schlössel,
Unterwiesenthal,  Oberwiesenthal,  Gottesgab,  Joachimsthal.

Die  kleine  Nebenstraße:  Chemnitz,  Weißbach  Zschopau.

Die  große  Hauptstraße  Chemnitz,  Altenhain,  Zschopau,
Heinzebank,  Marienberg,  Reitzenhain,  Sebastiansberg,  Kommotau.
        <pb n="134" />
        —  126  —

Die  Nebenstraße  Annaberg,  Wiesenbad,  Wolkenstein,  Heinzebank,
  Rauenstein,  Großwaltersdorf,  Freiberg.

Die  große  Nebenstraße:  Freiberg,  Weißenborn,  Burkersdorf,
  Frauenstein,  Zollhaus,  Moldau,  Neustadt,  Teplitz.

Die  kleine  Nebenstraße:  Dresden,  Possendorf,  Dippoldiswalde,
  Falkenhain,  Altenberg,  Zinnwald,  Eichwald,  Teplitz.

Die  kleine  Straße:  Altenberg,  Geising,  Fürstenau,  Ebersdorf,
  Geiersberg,  Mariaschein.

Die  kleine  Straße:  Dresden,  Dohna,  Börnersdorf,  Fürstenwalde,
  Ebersdorf,  über  den  Geiersberg.

Die  kleine  Straße:  Pirna,  Zehista,  Berggießhübel,  Nollendorf,
  Außig.  -

Auf  der  von  Schliebenschen  Karte  von  Sachsen  (Schulkarte)
1810  ist  nur  die  Straße  Pirna,  Außig  zur  Hauptstraße  erhoben;
die  übrigen  sind  unverändert.  Auch  die  Güßefeld'sche  Karte  von
Sachsen,  1817,  bringt  dasselbe.  Beiläufig  sei  bemerkt,  daß  das
Bepflanzen  der  Chausseen  mit  Pappeln  Folge  einer  Napoleonischen
Vorschrift  war,  aber  nur  im  Niedergebirge  bei  einigen  Chausseen
Anwendung  fand.

Nach  den  Napoleonischen  Kriegen  legte  man  einen  sehr  be—
deutenden  Werth  auf  die  Vermehrung  und  die  Verbesserung  der
Straßenverbindungen.  Daher  wurden  in  den  Jahren  bis  1820  eine
bedeutende  Anzahl  von  Straßen  chaussirt,  oder  auch  neue  Chausseen
erbaut.  Man  kann  annehmen,  daß  bis  1820  gegen  100  Meilen
(zu  16000  Ellen,  also  über  900  km)  Straßen  gebaut  oder  chaussirt
wurden.  Die  Kriegsjahre  hatten  alle  Wege  zu  Grunde  gerichtet;  von
allen  Seiten  klagte  man  über  die  Beschaffenheit  der  Straßen;  nach
allen  Seiten  hin  hätte  Hülfe  geschafft  werden  mögen,  und  die  so  große
Menge  der  zu  Grunde  gerichteten  Straßen  und  Wege  verhinderte  ihre
schnelle  Wiederherstellung.  Dessen  ungeachtet  wurde  mit  großer  Energie
der  Straßenzug  Zwickau-Hof,  Zwickau-Eibenstock,  Leipzig-Chemnitz-Marienberg
  bis  zur  Grenze,  Freiberg-Frauenstein  bis  zur  Grenze  in
Stand  gesetzt  und  die  Chaussee  Dresden-Tharandt-Naundorf  neu  erbaut.

Nach  1820  trat  ein  gewisser  Stillstand  im  Straßenbau  ein;
dagegen  wurden  zwischen  1830  und  1835  wiederum  eine  bedeutende
Zahl  von  Chausseen  neu  angelegt  und  Straßen  zu  Chausseen  umgebaut.
Es  waren  abermals  gegen  100  Meilen  Chausseen,  so  daß  1836  etwa
200  Meilen  (—  1800  km)  Chausseen  in  Sachsen  vorhanden  waren,
von  denen  ein  guter  Theil  auf  das  Erzgebirge  zu  rechnen  ist.
Nachstehende  Straßen  wurden  in  dieser  Zeit  in  Chausseen  umgebaut:
Freiberg-Frauenstein  bis  zur  Grenze,  Freiberg-Forchheim-Natzschung  bis
zur  Grenze,  Zwickau-Schneeberg-Eibenstock  bis  zur  Grenze,  Schwarzen=
        <pb n="135" />
        —  127  —

*
berg=  Annaberg,  Schwarzenberg  =  Johanngeorgenstadt,  Schwarzenberg=Eibenstock,
  u.  A.  m.“)

Gegenwärtig  beträgt  die  Länge  der  auf  dem  Erzgebirge  vorhandenen
  Chausseen  1340  km,  ohne  Straßen  und  Nebenstraßen.  Die
Straßen  des  Gebirges  sind  beinahe  ausnahmelos  in  vortrefflichem
Zustande  und  die  zahlreichen  Wegeverbindungen  selbst  unter  weniger
günstigen  Witterungsverhältnissen  in  der  Hauptsache  ohne  Schwierigkeiten
  zu  benutzen.

Der  Gebirgsrücken  wird  im  Ganzen  von  siebzehn  großen  Straßenzügen
  überschritten,  ungerechnet  die  zahlreichen  Nebenwege,  welche
sämmtlich  zu  Fuß  begangen  werden  können.

Zahlreiche  Neben=  und  Querverbindungen  haben  das  Straßennetz
  zu  einem  engmaschigen  gemacht.  Alle  Verbindungswege,  und
nicht  bloß  die  Hauptstraßen,  sind  bedeutend  verbessert.  Zwischen  den
zahlreichen  Dörfern  und  Ortschaften  sind  die  Wege  zum  großen  Theile
vortrefflich.  Man  hat  keine  Mühe  und  Arbeit  gescheut,  sie  in  guten
Stand  zu  setzen  und  sie  in  diesem  Zustande  zu  erhalten;  Gemeinden
und  Privatleute  wetteifern  mit  dem  Staate,  um  auch  ihrerseits  Wege
und  Straßen  in  gleichmäßig  guter  Beschaffenheit  zu  besitzen.

Während  früher  die  Straßenzüge  die  Thäler  vermieden,  suchen
sie  gegenwärtig  dieselben  auf,  um  allmälig  mit  den  Thalsohlen  im
Gebirge  aufwärts  zu  steigen.

Seit  dem  Jahre  1845  begann  man,  vom  Niederlande  aus,  auch
das  Erzgebirge  mit  Eisenbahnen  zu  versehen,  und  auch  diesem,
wenn  auch  nur  allmälig  und  mit  Ueberwindung  großer  technischer
und  finanzieller  Schwierigkeiten,  die  Erleichterung  und  Belebung  des
Verkehrs  zu  gewähren,  wie  sie  für  das  ausgedehnte  und  dicht  bevölkerte
Industriegebiet  erforderlich  geworden  war.

Die  1845  begonnene,  aber  erst  1852,  nachdem  sie  in  die  Hände
des  Staates  übergegangen  war,  vollendete  Eisenbahn  Riesa-Chemnitz
stellte  die  erste  Verbindung  mit  dem  zu  jener  Zeit  noch  sehr  weitmaschigen
  Eisenbahnnetze  von  Deutschland  her.  Aber  nachdem  Chemnitz
  1858  auch  nach  Westen,  über  Glauchau  und  Zwickau  Verbindung
mit  der  Bairischen  Eisenbahn  gewonnen  hatte,  drängten  die  Verkehrsverhältnisse

  allmälig  dahin,  die  uralte  Straße  aus  dem  Voigtlande
nach  Schlesien  auch  mit  einer  direkten  Eisenbahnlinie  zu  versehen.  Die
Eisenbahnlinie  Zwickau-Glauchau-Chemnitz-Flöha-Freiberg-Hainsberg-Dresden
  wurde  1869  durch  den  Bau  der  Strecke  Freiberg-Flöha
geschlossen  und  bildet  die  Hauptlinie,  an  welche  sich  fast  sämmtliche

#
*)  Vergl.  A.  Schiffner,  Beschreibung  von  Sachsen.  Stuttgart,  Scheible
1840.  S.  100  ff.  «
        <pb n="136" />
        —  128  —

erzgebirgischen  Eisenbahnlinien  anschließen.  Die  Länge  derselben  be—
trägt  128,2  km.

Abgesehen  von  den  zahlreichen  Zufahrtslinien,  welche  aus  dem
Niederlande  und  aus  dem  Hügellande  von  Norden  her  auf  diese
Hauptverkehrsader  stoßen,  muß  man  doch  die  Eisenbahnstrecken  Chemnitz-Burgstädt,
  14,9  km,  Wittgensdorf-Limbach,  6,4  km,  Chemnitz-Mittweida-Crossen,
  22  km,  Niederwiesa-Hainichen,  17,7  km,  Freiberg-Nossen,
  24  km,  unzweifelhaft  zu  den  erzgebirgischen  Eisenbahnen
rechnen;  zusammen  85  km.

Nach  Süden,  gebirgsaufwärts,  sind  jedoch  zahlreiche  Schienenwege
  ins  Gebirge  eingedrungen  und  überschreiten  dasselbe  auch  in
zwei  Hauptlinien.

Von  Zwickau  führt  eine  Eisenbahnlinie  nach  Schwarzenberg  und  ist
bis  Johanngeorgenstadt  gebirgsaufwärts  fortgesetzt;  ihre  Länge  beträgt
40,4  km.  An  diese  Linie  schließt  sich  die  Schmalspurbahn  Wilkau-Saupersdorf,
  10  km,  und  die  Nebenbahn  Niederschlema-Schneeberg,  5,2  km.

Von  Mosel  führt  eine  Schmalspurbahn  durch  den  Mülsener
Grund  bis  Ortmannsdorf,  13,9  km.

Von  St.  Egidien  geht  eine  Eisenbahn  nach  Stollberg,  19,5  km,
an  welche  sich  die  von  Wüstenbrand  nach  Höhlteich  führende  Linie,
13,2  km  anschließt.  Diese  beiden  Linien  erhalten  ihre  Fortsetzung
durch  die,  wahrscheinlich  im  Sommer  1889  eröffnete  Linie  Stollberg-Zwönitz,
  16,25  km  lang,  welche  in  einer  großen  Schleife  die  Katzensteinerhebung
  umzieht.

Von  Chemnitz  führt  die  Eisenbahnlinie  Chemnitz-Aue-Adorf  in
südwestlicher  Richtung  bis  zum  äußersten  Endpunkte  des  Erzgebirges
bei  Schöneck.  Die  Bahn  hat  bis  zum  Bahnhofe  Schöneck  eine  Länge
von  96  km,  bis  zum  Bahnhofe  Zwota  101,3  km  Länge.

Eine  Verbindung  der  Stationen  Hammerbrück  und  Falkenstein
(an  der  Voigtländischen  Bahn)  ist  beabsichtigt.

Nach  dem  Centrum  des  Erzgebirges  führt  die  1866  bis  Annaberg,
  1872  bis  Weipert  bez.  Kommotau,  eröffnete  Eisenbahn  Flöha-Weipert-Krima
  —  Neudorf-Kommotau.  Dieselbe  hat  eine  Länge  von
Flöha-Weipert  62,1  km,  Weipert-Kommotau  72  kw,  im  Ganzen
—  134,1  km,  von  denen  weit  über  40  km  auf  dem  Kamme  des
Gebirges  in  weiten  Bogen  und  tiefen  Einschnitten  dahin  gehen.

Von  dieser  Linie  zweigt  ab  die  Schmalspurbahn  Wilischthal-Ehrenfriedersdorf
  mit  ihrem  Nebenzweige  Herold-  Thum,  mit  einer
Gesammtlänge  von  15,8  km.  Von  Schönfeld  führt  eine  Nebenbahn,
ebenfalls  Schmalspur,  9,27  km  lang,  nach  Geyer.

Zwischen  der  Schwarzenberger  ünd  der  Annaberger  Linie  ist
eine  Verbindungsbahn,  (Aue)  Schwarzenberg-Buchholz  (Annaberg)
        <pb n="137" />
        —  129  —

gebaut,  mit  einer,  Abzweigung  nach  Rittersgrün  und  einer  nach
Crottendorf,  in  der  Gesammtlänge  von  ungefähr  32  km.

Die  Eisenbahnlinie  Flöha-Reitzenhain-Krima  —  Neudorf,  in  der
Länge  von  71,4  km,  überschreitet  ebenfalls,  jedoch  auf  kürzerer  Linie,
den  Gebirgskamm.  Von  ihr  zweigen  ab  die  Linie  Eppendorf-Großhartmannsdorf
  ca.  16  km,  welche  im  Lößnitzthale  gebaut  und  sich
in  Flöha  anschließen  wird,  sowie  die  10,6  km  lange  Zweigbahn
Pockau-Lengefeld-Olbernhau.

Von  Freiberg  führt  die  Eisenbahnlinie  Moldau-Osseg  wiederum
über  das  Gebirge.  Sie  ist  59,1  km  lang  und  durch  die  hohen
landschaftlichen  Reize,  mit  denen  sie  besonders  vom  Austritte  durch
den  Tunnel  bei  Niklasberg  an  ausgestattet  ist,  beachtenswerth.

Eine  Zweigbahn  Freiberg-Halsbrücke  ist  im  Bau;  eine  Verbindungsbahn
  Berthelsdorf-Großhartmannsdorf  mit  Brand-Langenau
in  Vorbereitung.

Die  Schmalspurbahn  Hainsberg-Kipsdorf,  25,5,  km  führt  im
Thale  der  rothen  Weißeritz  nahe  bis  an  den  Gebirgskamm  heran.

Auf  der  Nordostseite  des  Gebirges,  aus  dem  Elbthale,  führen
die  im  Bau  befindliche  Schmalspurbahn  im  Müglitzthale,  bis  Lauenstein
  30  km,  bis  Geising  33.5  km,  und  die  Eisenbahn  Pirna-Berggießhübel,
  14,9  km,  in  das  Gebirge  hinein.

In  ihrer  Gesammtheit  beträgt  die  Länge  dieser  Eisenbahnlinien
845  km,  und  zwar  737  km  für  Bahnen  mit  vollem  und  mit  vermindertem
  Betrieb,  108  km  für  Schmalspurbahnen.

Längs  des  Südfußes  des  Gebirges  führt  die  Eisenbahnlinie
Tellnitz-Osseg-Kommotau  (66  km)  und  Kommotau-Karlsbad-Falkenau
(92,5  km).  Von  dieser  Linie  zweigen  gebirgsaufwärts  in  Falkenau
die  Eisenbahn  Klingenthal-Zwota  (33  km),  in  Chodau  die  Eisenbahn
nach  Neudeck  (13  km).

Unter  den  projektirten  Eisenbahnen  darf  die  Preßnitzthalbahn,
von  Wolkenstein  nach  Jöhstadt,  wohl  in  erster  Linie  genannt  werden.

Im  Allgemeinen  sei  noch  bemerkt,  daß  der  Fahrplan  der  sächsischen
Bahnen  ein  sehr  reichhaltiger  ist.  Die  Schmalspurbahnen  haben
mindestens  4,  einzelne  sogar  6  Züge  täglich  in  jeder  Richtung;  die
übrigen  Bahnen  mindestens  4,  sehr  viele  5,  einzelne  6  Züge  in  jeder
Richtung,  wobei  zu  berücksichtigen  ist,  daß  außer  der  Hauptlinie
Zwickau-Dresden,  mit  8  durchgehenden  Zügen  in  jeder  Richtung,  kein
Nachtdienst  stattfindet.  Die  böhmischen  Bahnen  haben  weniger,  zum
Theil  recht  unbequem  liegende  Züge,  was  bei  Entwurf  eines  Reiseplanes
  sehr  ins  Gewicht  fällt.

Noch  ist  zu  bemerken,  daß  in  Sachsen  auch  zahlreiche  Post-9
        <pb n="138" />
        —  130  —

verbindungen  zwischen  einzelnen  Städten  und  Eisenbahnstationen,  wie
auch  von  Städten  unter  sich  selbst  stattfinden,  welche  das  Reisen,  wie
die  Beförderung  von  Gepäck  u.  s.  w.  wesentlich  erleichtern.

10.  Die  Bewohner  des  Erzgebirges.

Die  Bewohner  des  Erzgebirges  gehören,  dem  Verlaufe  der  Be—
siedelung  des  Gebirges  entsprechend,  keinem  einzelnen  Volksstamme
ausschließlich  an,  sondern  sind  eine  Mischbevölkerung  deutscher  Zunge,
indem  die  verschiedenen  Volksstämme,  Franken,  Hessen,  Thüringer,
Westphalen,  Friesen,  Sachsen  u.  s.  w.,  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte
zu  einem  Ganzen  verschmolzen  und  die  vorhandenen  slavischen  Elemente
vollständig  aufsogen.

Wenn  es  auch  zuweilen  scheinen  sollte,  als  lasse  sich  die  Abstammung
  eines  kleineren  Gebietes  auf  einen  bestimmten  Volksstamm
zurückführen,  so  treten  alle  derartigen  Anzeichen  doch  nirgend  so  unwiderleglich
  auf,  um  eine  bestimmte  Nationalität  nachzuweisen.  Mag
auch  in  früheren  Jahrhunderten  bei  der  abgeschlossenen  Lage  einzelner
Thäler  und  Orte  die  Bevölkerung  derselben  lange  Zeit  ein  scharf  begrenztes
  Ganze  gebildet  haben;  so  sind  die  Verhältnisse  doch  längst
andere  geworden,  seitdem  die  Wälder  lichter,  die  Verbindungen  zahlreicher,
  die  Bevölkerung  dichter  wurde.

Dessen  ungeachtet  lassen  sich  aber  noch  Verschiedenheiten  erkennen,
sowohl  nach  der  Höhenlage,  als  auch  nach  Ost  und  West  des  Gebirges,
ohne  zu  durchgreifender  Bedeutung  zu  kommen.  Lebens=  und  Nahrungsweise,
  die  von  Geschlecht  zu  Geschlecht  fortgesetzte  gleichartige  Erwerbsthätigkeit
  u.  s.  w.  haben  in  Verbindung  mit  den  allgemeinen  Culturund
  Verkehrszuständen  einen  maßgebenden  Einfluß  gehabt.

So  lauten  die  Urtheile  aus  verschiedenen  Jahrhunderten  ganz
verschieden.  Mitte  des  16.  Jahrhunderts,  also  lange  Zeit  vor  Ausbruch
  des  dreißigjährigen  Krieges,  schreibt  Albinus:  „Letztlich  könnte
man  hierher  ziehen  auch  die  Gestalt  und  Schönheit  der  Personen,
beide  an  Männern  und  Weibern  in  diesem  Lande,  davon  man  auch
etwas  Rühmliches  sagen  könnte.  Und  sonderlich  wird  der  Jungfrauen
und  Weiber  Wohlgestalt,  Schönheit  und  Geberden  mit  Wahrheit  gelobt,
von  deren  zierlichen  Tracht  und  Reniglichkeit  in  Kleidung  und  Schmuck,
so  auch  zur  Schönheit  gehörig  neulich  etwas  erwehnet.  In  diesem
Fall  aber  werden  für  die  andern  die  Bergstädt  gerühmt,  als  von  denen
eine  größere  Einfalt,  welcher  jedermann  günstig  ist,  gespüret  wird.““)

*)  Albinus,  Meißnische  Land=  und  Berg-Chronika.  Dresden.  1589.  I.  319.
        <pb n="139" />
        —  131  —

Zwei  Jahrhunderte  später,  nachdem  die  Einflüsse  des  dreißigjährigen
  und  des  siebenjährigen  Krieges  zum  größten  Theile  überwunden
  waren  und  der  Wohlstand  vor  Ausbruch  der  Napoleonischen
Kriege  überhaupt  zu  wachsen  begann,  schreibt  Mosch:

„Nur  im  Gebirge  mehren  sich  die  längeren,  schönen  Gestalten,
„begabt  mit  einer  Körperkraft,  die  durch  die  reine  Luft  des  Gebirges
„und  frühe  Uebung  gestärkt,  oft  eine  Last  von  zwei  Centner  über
„Berg  und  Thal  fährt.  Hier  blühen  überall  die  Rosen  der  Gesund-„heit
  auf  den  Wangen  und  blaue  Augen,  fast  auch  beim  männlichen
„Geschlechte,  schwarze  Haare  sind  eigenthümlich  im  Gebirge.  Nur  in
„der  Gegend  um  Eibenstock  und  Johanngeorgenstadt  sind  schwarze
„Augen  in  der  Mehrzahl.  Die  schönsten  weiblichen  Formen  sind  in
„und  bei  den  Städten  Chemnitz,  Frankenberg,  Hainichen,  Waldenburg,
„Annaberg  und  Schneeberg.““)

„Die  Gebirgsbewohner,“  fährt  Mosch  fort,  „sind  überhaupt
„liebenswürdiger,  wie  die  Niederländer.  —  Vor  allen  Dingen  ist  ihnen
„eine  Gutmüthigkeit  eigen,  welche  schon  aus  dem  freundlichen,  offenen
„Auge  hervorgeht,  und  sich  bei  näherem  Umgange  auch  wirklich  durch
„die  That  äußert.  Der  Gebirgsbewohner  ist  lebhafter,  heiterer  und
„lebensfroher  und  vor  Allem  weniger  rechthaberisch,  zank=  und  streit-„süchtig
  wie  der  Bewohner  der  Niederung.  Er  ist  höflich  und  bei
„aller  Dürftigkeit  selbst  gastfrei,  und  um  so  theilnehmender  und  ge-„fälliger,
  je  treuherziger  er  glaubt,  was  ihm  gesagt  wird.  Er  ist
„häufig  kurzsichtig,  nicht  mit  dem  Auge,  wohl  aber  mit  dem  Geiste,
„und  daher  leichtgläubig,  und  wohl  auch  abergläubisch.  Er  ist  auch
„ein  wenig  neugierig;  bei  seiner  natürlichen  geistigen  Lebendigkeit  be-„seelt
  ihn  aber  auch  ein  gar  nicht  unbedeutender  Wissensdrang  und
„eine  ganz  schätzenswerthe  Lernbegierde,  welche  durch  körperliche  Ge-„wandtheit,
  sorgsam  angelernte  Geschicklichkeit  und  andauernden  Fleiß
„ganz  wesentlich  unterstützt  wird."“

Wenn  nun  aber  Berthold  Sigismund  sich  Mitte  dieses  Jahrhunderts
  in  der  nachstehenden  Weise  ausspricht,  so  ist  dabei  nicht  zu
vergessen,  daß  die  Nothjahre  um  1840  und  das  Theuerungsjahr  1847
auf  die  Bevölkerung  des  Gebirges  noch  lange  Zeit  nachwirkten:

„Wie  sich  schon  aus  ihrer  Geschichte  vermuthen  läßt,  bewährt
sich  auch  im  Volkscharakter  diese  Landschaft  als  das  Erzgebirge.
Der  Bergmannscharakter  bildet  den  Grundtypus;  die  industrielle  Bevölkerung
  ist  nur  ein  Ableger  desselben,  der  sich  hauptsächlich  dadurch
unterscheidet,  daß  er  die  Schwächen  der  Stammpflanze  mehr  entwickelt
  hat."

*)  Neueste  Kunde  von  dem  Königreich  Sachsen.  Weimar  1819.  S.  64  ff.
9#
        <pb n="140" />
        —  132  —

„Der  deutsche  Bergmann  zeichnet  sich  wohl  nirgends  durch  hohen
Wuchs  und  reckenhaften  Körperbau  aus.  Er  ist  meist  nur  mittelgroß
und  fast  immer  hager.  So  vor  Allen  der  erzgebirgische  Bergmann
......  Auch  unter  den  Waldarbeitern  sah  ich  keinen  Mann,  der  sich
mit  einem  steyrischen  Holzknechte  messen  könnte.  Noch  weniger  groß
und  kräftig  sind  natürlich  die  erzgebirgischen  Industriellen.  In  manchen
Orten  sieht  man  fast  lauter  Mannsbilder,  über  die  nicht  blos  der
Vater  des  alten  Fritz,  sondern  auch  ein  anspruchloser  Rekrutierungs-Kommissar
  der  Gegenwart  die  Achseln  zucken  würde.“

„Noch  weniger  urkräftigere  Gestalten  findet  man  unter  der
weiblichen  Bevölkerung  Die  Mädchen  sind  meist  schmeidige,
zarte  Gestalten;  die  Frauen  tragen  gewöhnlich  die  Spuren  des  frühen
Alterns.  In  den  Schulen  trifft  man  auffallend  viel  kleine  und
schwächliche  Kinder.““)

Fügt  man  dem  an,  was  Schumann  sagt,  so  hat  man  schon  ein
ziemlich  vollständiges  Bild  von  dem  Bewohner  des  Erzgebirges.

„Im  ganzen  Erzgebirge  hält  man  die  Kinder  fleißig  zur  Arbeit
an.  Weit  früher  als  anderswo  müssen  sie  ihre  Eltern  durch  Arbeit
unterstützen  und  sie  schmälern  sie  daher  keineswegs,  sondern  vermehren
das  Einkommen  derselben."

„Fleiß  und  stetes  Sinnen  auf  Erwerb  ist  ganz  besonders  dem
Erzgebirger  eigen.  Was  er  gewinnen  will,  kann  er  nur  mit  Mühe
und  Arbeit  erreichen.“  «

„Bei  alledem  hängt  der  Erzgebirger  fest  an  seinem  Lande,  so
rauh  es  auch  sein,  so  nothdürftig  es  ihn  ernähren  mag.  Neben  der
Treuherzigkeit  und  Ehrlichkeit  sticht  im  Charakter  des  Erzgebirgers
besonders  die  Sehnsucht  nach  der  Heimath  vor.““)

Faßt  man  dieß  alles  kurz  zusammen,  wie  es  sich  in  der  Gegenwart
  darstellt,  so  gewinnt  man  vom  Erzgebirgsbewohner  nachstehendes
  Bild:

Die  Erzgebirger  sind  im  Durchschnitt  von  mittler  Größe,  sehnig
und  kräftig,  natürlich  die  Ackerbaubevölkerung  in  höherem  Grade,  wie
die  Industriebevölkerung.  Aeußere  Erscheinung  und  Körperbildung
haben  im  Laufe  der  letzten  vierzig  Jahre  gewonnen,  an  Kraft,  Gedrungenheit
  und  Elasticität,  wenn  auch  nicht  an  Größe.

Ueber  die  Charaktereigenschaften  des  Erzgebirgers  ist  zu  allen
Zeiten  nur  eine  Stimme  gewesen.

Der  Erzgebirger  ist  treu,  ehrlich  und  zuverlässig,  fleißig  und

*)  Lebensbilder  vom  Sächfischen  Erzgebirge.  Leipzig,  Lorck.  1859.  S.  31  ff.
**)  Schumann,  Vollständiges  Staats-,  Post=  und  Zeitungs-Lexikon  von
Sachsen  2c.  Zwickan  1814—1830.  18  Bde.  (Fortgesetzt  von  Schiffner)  II.  558.
        <pb n="141" />
        —  133  —

geschickt,  verträglich  und  bieder,  genügsam  und  bescheiden,  zutraulich
und  vertrauensvoll.  Ein  geregeltes  und  christliches  Familienleben  ist
dem  Aermsten  im  Gebirge  Bedürfniß:  er  ist  in  den  kleinsten  Ver—
hältnissen  zufrieden  und  das  Verhältniß  zwischen  Arbeitgeber  und
Arbeitnehmer  ist  in  der  Hauptsache  ein  weit  besseres  wie  in  vielen
anderen  Industriegegenden.  Rechtlichkeit  und  Geschicklichkeit  unterstützen
den  stark  ausgeprägten  Sinn  für  Erwerb.

Ein  fröhlicher  Mutterwitz,  eine  naive  Schalkheit  durchdringt  das
Gespräch  des  Gebirgers,  wenn  er  einmal  ins  Reden  gekommen  ist,
und  treffliche  Gedanken  kann  man  aus  dem  Munde  der  einfachsten
Leute  hören.  Der  Gebirger  ist  heiter  und  vergnügt  und  schüttelt  auch
gern  einmal  die  ihn  bedrückenden  Sorgen  ab;  er  widmet  gern  den
Sonntags-Nachmittag  und  Abend  seiner  Erheiterung.  Mit  rührendem,
naivem  Selbstvergessen  giebt  er  sich  frei  und  offen  den  Eindrücken
freudiger  Stimmungen  und  Augenblicke  hin.  Man  muß  aber  betonen,
daß  Ausbrüche  der  Rohheit,  der  Trunksucht  und  der  Rauferei  selbst
an  den  Vergnügungsorten  der  untersten  Klassen  ganz  entschieden  zu
den  Seltenheiten  gehören.

Der  Erzgebirger  ist  gesellig,  gesprächig,  neugierig;  nur  gegen
Fremdes  mißtrauisch  und  gegen  Neuerungen  eigensinnig  verschlossen,
nicht  aus  Beschränktheit,  sondern  weil  seine  Vertrauensseligkeit  mannigfach
  gemißbraucht  worden  ist.

Der  äußere  Wohlstand,  welchen  alle  Orte  zeigen,  die  netten
Häuser,  hellen  Fensterscheiben  und  frischen  Blumen,  die  große  Sauberkeit
  und  nicht  selten  Zierlichkeit,  das  lebensfrohe  und  frische  Aussehen
des  Ganzen  läßt  freilich  nicht  immer  den  Blick  in  das  Innere  der
ärmlichen  Verhältnisse  eindringen.  Das  frühzeitige  Heirathen  und
Selbständigmachen  hat  mancherlei  Gutes,  in  der  Hauptsache  aber
wohl  noch  mehr  Nachtheiliges  im  Gefolge.  Nicht  selten  vermögen
nur  der  ausdauerndste  Fleiß  und  die  anspruchsloseste  Genügsamkeit
über  die  schwersten  Nahrungssorgen  hinwegzubringen.  Fehlt  dem  obererzgebirgischen
  Arbeiter  Energie  und  Thatkraft,  so  liegt  das  in  der
Beschäftigungsweise,  der  mangelhaften  Ernährung,  dem  eng  begrenzten
Wirkungskreise  und  der  Ueberzeugung  mit  der  Hände  Arbeit  trotz
allen  Fleißes  und  aller  Ausdauer  nicht  vorwärts  zu  kommen.  Er
hängt  eben  starr  an  alten  Gewohnheiten  und  siecht  lieber  an  der  hergebrachten
  Arbeit  dahin,  als  eine  andere  zu  ergreifen.  Die  erzgebirgische
  Gemüthlichkeit  ist  eigentlich  nur  ein  dünner  Schleier,  um
hinter  dem  Scheine  von  Annehmlichkeit  und  Behagen  den  Mangel  an
Thatkraft  zu  verdecken.  Es  fehlt  nicht  an  Zähigkeit  und  Ausdauer,
aber  an  Schnellkraft  und  Thatkraft.

Wahrhaft  rührend  ist  die  Anhänglichkeit  der  Gebirgsbewohner
        <pb n="142" />
        —  134  —

an  ihre  Heimath.  „Der  Erzgebirger  hängt  fest  an  seinem  Lande;
„es  bleibt  ihm  immer  das  liebste  ..  .  ..  .  So  ziehen  viele  Hunderte
„fast  den  größten  Theil  des  Jahres  mit  Blechwaaren,  blauer  Farbe,
„Schwefel,  Spielzeug,  Band,  Spitzen,  Arzneien,  als  Musikanten  2c.
„in  fernen  Gegenden  herum,  aber  zum  Winter  kehren  sie  wieder  heim.““)
Auch  jetzt  noch  zieht  es  den  Gebirger  immer  wieder  nach  seiner
Heimath;  die  Auswanderung  ist  sehr  gering,  und  immer  nur  mit  dem
Vorbehalt  der  Wiederkehr.

So  Vieles,  besonders  in  den  höheren  Gebirgsgegenden,  die  Rauheit
des  Klimas  und  die  Dürftigkeit  des  Bodens  auch  den  Bewohnern  versagte,
  um  so  höher  ist  die  Ausdauer  zu  veranschlagen,  mit  welcher
sie  alle  Kräfte  einsetzten,  um  sich  kümmerlich  dürch  das  Leben  zu
schlagen.

Der  Erzgebirger  hat  noch  einen  festen  Kern  trefflicher  Eigenschaften.


Das  Gebirge  und  seine  Bewohner  haben  sich  innerhalb  der
letzten  fünfzig,  vor  Allem  aber  innerhalb  der  letzten  fünfundzwanzig
Jahre  äußerlich  und  innerlich  bedeutend  entwickelt.

Die  Energie,  welche  vorher  in  treuem  Ausharren,  Dulden  und
Tragen  erkennbar  geworden,  bildet  sich  zu  einer  starken  Thatkraft  im
Handeln  um,  welche  mit  jedem  Geschlecht  an  Stetigkeit  gewinnen  wird.
Das  Gemüthliche,  oder  Sentimentale  wird  stetig  bei  Seite  gedrängt
werden,  ohne  dem  inneren  Gehalt  Schaden  zu  thun.

Hier  ist  besonders  die  Schule  (und  vor  Allem  die  Volksschule)
  von  eingreifendem  Einflusse.  Dem  Leben  in  der  Familie,  mit
seiner  Anhänglichkeit  an  Eltern  und  Großeltern,  giebt  die  Schule  die
richtige  Unterlage  und  Ergänzung  zur  angemessenen  Erziehung  und
Entwickelung  der  körperlichen  und  geistigen  Kräfte.  Gehorsam,  Fleiß,
Unterordnung,  Sittlichkeit  werden  zur  Grundlage  des  Lebens  durch
Haus  und  Schule  erweckt  und  gefestigt.

Im  Allgemeinen  wählt  der  Sohn  am  liebsten  den  Beruf  oder
Erwerb  des  Vaters  und  Großvaters.  Dessen  ungeachtet  haben  sich
aber  seine  Kräfte  erweitert;  seine  Kenntnisse  sind  tiefer  und  ausgedehnter,
seine  sittliche  Kraft  wenigstens  nicht  schwücher.  Ungeberdigkeiten  und
Rohheiten  haben  sich  vermindert,  die  Erwerbstüchtigkeit  aller  Schichten
und  mit  ihr  die  Steuerkraft  des  Einzelnen  wie  der  Gemeinden  ist
wesentlich  gestiegen.

Wenn  hierzu  auch  noch  andere  Faktoren  beigetragen  haben,  so
ist  es  doch  unzweifelhaft,  daß  die  bedeutenden  Opfer  für  die  Schule

*)  Schumann,  Ortslexikon.  II.  559.
        <pb n="143" />
        –  135  —

(Schulgesetz  vom  15.  Oktober  1874)  auf  die  Hebung  der  geistigen
und  sittlichen  Erziehung  einen  derartigen  Einfluß  gewonnen  haben,
daß  nach  kurzer  Zeit  schon  derselbe  in  den  allgemeinen  Zuständen  zu
erkennen  ist.)

11.  Wohnung.  Nahrung.  Cracht.

Die  Ausstattung  der  Wohnungen  wird  immer  von  den
Erwerbsverhältnissen  bedingt.  Ist  der  Erwerb  ausgiebig,  so  bleibt
nach  Befriedigung  der  Anforderungen  von  Nahrung,  Kleidung  und
Heizung  immer  noch  Einiges  für  die  Ausstattung  und  Verschönerung
der  Wohnung,  —  abgesehen  von  den  Ausgaben  für  Vergnügungen.

Freilich  wird  Manches  von  dem  Einen  für  schön  gehalten,  was
der  Andere  vielleicht  häßlich  findet;  aber  so  viel  bleibt  gewiß,  daß
selbst  der  Aermste  das  Bedürfniß  hat,  seine  Wohnstätte  zu  schmücken.
Anders  geschieht  dies  in  reichen,  wohlhabenden  Bezirken,  anders  in
armen  Gegenden,  deren  Bewohner  sich  mühsam  durchs  Leben  schlagen.
Man  glaube  nicht,  daß  das  Volk  in  seinen  unteren  Schichten  interesselos,
oder  feindselig  der  Kunst  gegenüber  stehe.  Auch  der  geringste  Arbeiter
in  seinem  Kampfe  um  das  Dasein  hat  den  Drang,  sein  Gemüth  an
der  Betrachtung  des  Schönen  zu  erheben.  Nur  der  Mangel  an
Besserem  läßt  ihn  nach  dem  Geringeren  greifen;  nur  weil  ihm  das
Verständniß  für  edlere  Farbengebung  noch  nicht  eröffnet  ist,  greift  er
nach  dem  Grellen  und  Bunten,  ganz  wie  das  Kind,  welches  noch
nicht  verstehen  gelernt  hat,  was  das  Bessere  sei.  Daher  kommt  es,
daß  ein  greller  Oeldruck  mit  aufgeklebter  Gold=  und  Silberverzierung
als  das  Ideal  eines  Gemäldes  erscheint,  und  weil  er  diesen  gerade
mit  seinen  geringen  Mitteln  erkaufen  kann,  kauft  er  ihn  zur  Befriedigung
seines  idealen  Strebens.  Nicht  weil  der  Sinn  für  edlere  Formen
und  Farben  ertödtet,  sondern  weil  er  noch  nicht  erweckt  ist,  wird  der
dunkle  Drang  des  Volkes  nach  Schönem  die  ausgiebigste  Domäne
für  die  geschmacklosesten  Bilder  und  durch  schreiende  Farben  und
niedrige  Preise  sich  Eingang  verschaffenden  anderen  Dinge.

Wenn  auch  die  Wohnungen  im  Osten  und  Westen  mancherlei
Verschiedenheiten  aufweisen,  ebenso  wie  zwischen  niederem  und  oberem
Gebirge,  oder  vorwiegender  Ackerbau=  und  vorwie#zender,  wo  nicht

*)  Bettler  sieht  man  auf  dem  Gebirge  sehr  selten,  wenigstens  auf  der
sächsischen  Seite,  eher  noch  auf  der  böhmischen.  Dieß  sei  hauptsächlich  erwähnt,
um  auf  den  Unverstand  einzelner  Touristen  hinzuweisen,  welche  durch  gedankenloses
  Geben,  besonders  Kindern,  das  gemeinschädliche,  sittenverderbliche  und  entwürdigende
  Betteln  geradezu  lehren.
        <pb n="144" />
        —  136  —

ausschließlicher  Industrie-Bevölkerung,  mannigfache  Verschiedenheiten
zeigen,  ebenso  wie  überhaupt  die  Wohnungen  der  Holz=  und  Waldarbeiter,
  Bergleute,  Arbeiter  in  der  Großindustrie  und  den  Fabriken
im  Gegensatze  zu  den  Arbeitern  in  der  Hausindustrie  und  den  Kleinbetrieben;
  so  sind  diese  Verschiedenheiten  doch  bei  weitem  nicht  allgemein
  und  gleichmäßig  nachzuweisen.

Im  Allgemeinen  ist  die  große  Wohnstube  mit  Fichtenbretern
gedielt,  und  nur  um  den  Ofen  herum,  oder  vor  der  Feuerthüre,  der
Fußboden  mit  Platten  oder  Ziegelsteinpflaster  belegt.  Bei  den  älteren
Anlagen  ist  der  breite  Kachelofen  auf  einer  Lang=  und  einer  Kurzseite
  von  der  Ofenbank  eingefaßt,  und  unterhalb  der  Decke  mit  Stangen
umgeben,  auf  welchen  Wäsche  und  Kleidungsstücke  getrocknet  werden
können.  Der  Raum  hinter  dem  Ofen  wird  die  Hölle  genannt.

Die  Thüre  der  Stube  nach  dem  Vorhause  zu  ist  inwendig  mit
einem  Strohpolster  versehen,  um  die  Wärme  nicht  allzuschnell  entfliehen
  zu  lassen.  Aus  demselben  Grunde  ist  vor  der  Hausthür,
wenigstens  in  den  höheren  Gebirgslagen,  ein  hölzerner  Windfang
angebracht.  Von  der  mit  Platten  belegten  Hausflur  führt  eine  steile
Holztreppe  nach  oben;  vor  der  Hausthür  ist  ein  breiter,  gepflasterter
Vorsprung,  die  Heiste.

In  der  Fensterecke  steht  der  große  viereckige  Tisch;  an  den
Außenwänden  sind  besonders  in  den  älteren  Häusern  Holzbänke,  in
den  neueren  giebt  es  nur  hölzerne  Stühle.  Dagegen  nicht  selten  ein
dürftig  gepolstertes,  schlichtes  Kanapee  (Sopha);  die  älteren  mit  Rückenund
  Seitenkissen,  die  neueren  mit  gepolsterten  festen  Rücken=  und
Seitenlehnen.  In  einer  Wandnische,  oder  auch  als  selbständiges
Möbel  findet  man  überall  den  Brodschrank  (das  Kappel,  Almet,  Alme
verstümmelt  aus  Armarium)  zur  Aufbewahrung  von  Lebensmitteln,
häufig  mit  einer  Art  von  Geschirrschrank  verbunden,  besonders  in
neuerer  Zeit.

Vor  Alters  brannte  man  überall  Schleißen  (lange  Holzspänc)
zur  Erleuchtung  der  Wohnungen;  später  Lampen  mit  Rüböl  und
offenliegendem  Docht;  jetzt  überall  Petroleumlampen.

In  den  älteren  Häusern  findet  man  ziemlich  nahe  der  Decke
an  den  Langwänden  ohne  Fenster  Bortbreter,  auf  welchen  Geschirr
(Töpfe,  Krüge,  Schüsseln  2c.)  aber  auch  Bücher,  Kästen  u.  s.  w.  aufgestellt
  werden  können.  Die  sogenannte  schwarzwälder  Uhr  mit  oder
häufiger  ohne  Gehäuse  ist  meist  links  der  Eingangsthüre;  in  neuerer
Zeit  sindet  man  aber  vielfach  Uhren  mit  goldenen  Rahmen,  gemalten
Zifferblättern  u.  s.  w.  Auch  der  altmodische  Spiegel  mit  seinem  einfachen
  braunen  oder  schwarzen  Rahmen,  wie  er  sonst  an  einem  der
Fensterpfeiler  hing,  ist  einem  größeren,  mit  glänzender,  geschnitzter  und
        <pb n="145" />
        —  137  —

vergoldeter  Umfassung  gewichen.  Photographien  von  Verwandten
und  Freunden  haben  (besonders  in  der  neuesten  Zeit)  vielfache  Verbreitung
  gefunden,  ohne  jedoch  die  altmodischen,  buntgemalten  Lithographien
  verdrängen  zu  können.  Aber  auch  in  dieser  Beziehung  ist
ein  Fortschritt  zu  bemerken.

Blumenstöcke,  Bilder,  Kränze,  Blumengewinde  u.  s.  w.  bethätigen
das  Bedürfniß,  die  Wohnung  zu  schmücken.  In  mancher  Stube  vermehrt
  auch  eine  Amsel,  ein  Rothkehlchen,  ein  Dompfaff  oder  Gimpel
oder  sonst  ein  Vogel,  im  Käfig  oder  ohne  Käfig,  die  Zahl  der  Bewohner.

Der  normale  Stand  der  Wohnungsverhältnisse  ist  durch  die
Zunahme  der  Bevölkerung  und  die  Abnahme  des  Erwerbes  verschoben
worden,  so  daß  das  Zusammenwohnen  von  zwei  Familien  in  einem
Wohnraume  nicht  zu  den  Seltenheiten  gehört.  Vor  kaum  80  Jahren
war  dieß,  besonders  im  oberen  Gebirge,  wesentlich  anders.  Noch
1817  schreibt  Schumann:

„Hier  (in  Jöhstadt)  wie  auch  in  mehreren  Orten  des  Obergebirges
  ist  die  Bevölkerung  im  Verhältniß  zur  Rauhheit  der  Gegend
außerordentlich  groß.  Drei  bis  vier  Familien,  jede  mit  einer  Heerde
Kinder,  wohnen  nicht  selten  zusammen  in  einer  Stube  und  geben
gemeinschaftlich  den  Zins,  der  für  jede  wöchentlich  einen  oder  anderthalb
  Groschen  beträgt,  wofür  der  Wirth  aber  überdieß  das  Heizen
besorgt.  Wer  den  Zins  nicht  baar  zahlen  will,  muß  ihn  durch  Holz--lesen
  oder  ähnliche  Hülfsdienste  abarbeiten.  Erdäpfel  und  Kaffee
sind  die  täglichen  Delikatessen  des  Mittagstisches.  Jede  Familie  hat
ihr  besonderes  Plätzchen  am  Fenster,  und  wenn  der  Raum  es  erlaubt,
auch  am  Heerde.  Außerdem  muß  mit  dem  Zubereiten  des  Essens
immer  eins  auf  das  andere  warten.  Eine  solche  Wirthschaft  ist  wohl
nicht  viel  besser  als  eine  polnische.““)

Wenn  es  nun  auch  nicht  mehr  so  schlimm  ist,  wie  vor  etwa
30  Jahren,  wo  ein  Reisender  schreibt:  „Es  ist  keine  Fabel,  was
man  uns  erzählt  von  dem  Elend  der  Leute,  die  oft  zu  drei  und  vier
Familien  in  einer  Stube  wahnen,  Jung  und  Alt,  Kinder  von  vier
und  fünf  Jahren  und  achtzigjährige  Alte  am  Klöppelsacke  sitzend,  um
sich  das  nackte  Leben  zu  erkaufen,““““)  so  kommt  es  doch  vor,  daß
die  Großeltern  mit  Sohn  oder  Tochter  und  deren  Frau  oder  Mann
und  einer  Anzahl  von  Kindern  einen  Hausstand  bilden,  in  einer
Goinsiube  wohnen  und  in  einer  oder  zwei  dazu  gehörenden  Kammern

afen.

Die  Nahrung  der  Erzgebirger  ist  bei  weitem  nicht  so  gering

*)  Schumann,  Ortslexikon.  IV.  359  ff.

**)  Europa.  1855.  No.  50.
        <pb n="146" />
        —  138  —

und  schlecht,  wie  man  allgemein  glaubt,  oder  geglaubt  hat.  Die  Händler,
Krämer,  Hausirer,  Zubußboten  u.  s.  w.  hatten  ein  Interesse  daran,
die  Zustände  möglichst  armselig  darzustellen,  von  einem  permanenten
Elend  zu  erzählen,  das  Mitleiden  zu  wecken  und  rege  zu  halten,  und
so  war  es  nicht  zu  verwundern,  daß  man  draußen  im  Niederlande
glaubte,  die  traurigen  Hungersnothzustände  seien  die  Ernährungs—
zustände  im  Gebirge  überhaupt.  Im  Großen  und  Ganzen  lebte  man
im  Gebirge  nicht  schlechter,  oder  wenigstens  nicht  viel  schlechter,  wie
im  Niederlande.  Fleisch  aß  man  ja  überhaupt  seltener,  weniger  regel—
mäßig;  starker  Brei  von  Mehl,  Kartoffeln,  dicke  Suppen  u.  s.  w.
waren  vorwiegend  in  Gebrauch.  Selbst  in  den  wohlhabenden  Gegenden
des  Hügellandes  gab  es  ja  „in  der  Woche“  kein  Fleisch,  höchstens
einmal  Wurst,  und  sonst  dicke,  mehlreiche  Breispeisen.

Ueber  die  Ernährungsverhältnisse,  wie  sie  sich  im  Laufe  und
unmittelbar  nach  Ende  des  dreißigjährigen  Krieges  gestaltet  hatten,
also  die  Zeiten  des  größten  Elendes  und  der  größten  Bedrängniß,
schreibt  M.  Christ.  Lehmann:  „An  etlichen  gebirgischen  Orten  wächst
wenig  Getreide  außer  Haber,  daraus  sich  die  Inwohner  Haberbrod,
Habergrütz,  Habersuppen,  Haberbier  (so  schlecht)  bereiten  und  sich  dabei
wohl  befinden,  stark  und  lebhafft  werden.  Es  giebt  alte  Wald=  und
Dorfleute,  die  sich  von  Jugend  auf  an  die  Milchspeisen  gewöhnt,
Schotten  und  Buttermilch  zu  ihrer  Notturft  getrunken  und  ein  hohes
Alter  erreichet.““)

In  dem  Maaße  als  sich  die  Bewohner  des  Gebirges  von  den
Drangsalen  des  dreißigjährigen  Krieges  erholten,  und  der  Wohlstand
sich  mehrte,  stieg  auch  der  Stand  der  Ernährung;  wie  wenig  dieß
aber  ausmachte,  nachdem  auch  die  Bedrängnisse  des  siebenjährigen
Krieges  überwunden  waren,  ist  aus  den  Schriftstellern  vom  Ende  des
18.  Jahrhunderts  zu  ersehen.

„Die  Kost  kann  nicht  einfacher  sein.  Neben  dem  dürftigen  Brot,
das  nicht  allein  aus  Korn,  sondern,  wenn  auch  selten,  auch  aus  Gerste,
Hafer,  oder  aus  allen  dreien  Getreidearten  gebacken  wird,  bildet  die
Kartoffel  die  Hauptspeise.  Sie  erscheint  fast  bei  jeder  Mahlzeit  auf
dem  Tische  und  wird  gewöhnlich  mit  Salz  (früher  auch  mit  Leinöl)
das  übrigens  für  viele  Speisen  die  Zukost  ist,  und  wenns  hoch
kommt,  mit  Hering  genossen.  Aus  der  Kartoffel  bereiten  die  Erzgebirger
  auch  ihre  Lieblingsspeise,  den  Götzen,  auch  Stampen,  Bambes
oder  Rauhemahd  genannt.  Milch=  oder  Mehlsuppe,  Grütze  und  verschiedene
  Qualitäten  von  Brei  kommen  häufiger  auf  den  Tisch.  Klöße
sind  ein  Leckerbissen  (besonders  Mehlklöse).  Das  Lieblingsgetränk  des

 

 

*)  Lehmann,  Histor.  Schauplatz.  S.  918.
        <pb n="147" />
        —  139  —

Gebirgers  ist  und  bleibt  Kaffee.  Er  wird  allerdings  meist  ganz  oder
fast  ganz  aus  Cichorie,  Möhren,  Gerste  u.  dergl.  gebraut“.  (Merkel.)

Nicht  viel  anders  spricht  Mosch  sich  aus;  doch  muß  man  berücksichtigen,
  daß  er  unmittelbar  nach  dem  Hungerjahre  1817  schrieb.

„In  Hinsicht  der  Lebensmittel  herrscht  in  allen  Gebirgsgegenden
eine  große  Einfachheit;  die  größte  aber  im  Erzgebirge.  Korn  mit
Gerste  und  Hafer  vermischt,  oder  auch  Hafer  allein,  giebt  ihnen  Brod,
das  durch  herrliche  Gebirgsbutter  spärlich  gewürzt,  ihre  vorzüglichste
Kost  ist.  Bei  größerer  Theuerung  und  bei  Sperrung  Böhmens  sind
diese  Gebirgsbewohner  genöthigt,  sich  einzig  an  die  Erdäpfel  zu  halten,
welche  als  ihr  Manna  betrachtet  werden  können.  Ueberhaupt  genießt
man  deren,  so  lange  sie  sich  halten,  täglich,  und  weiß  sie  auf  die
mannigfaltigste  Weise  wohlschmeckend  zuzubereiten.  Feleisch  wird,
den  Sonntag  ausgenommen,  nur  selten  gegessen  ...  Als  Gemüse
ißt  man  stark  die  im  Gebirge  häufig  wachsende  wilde,  gemeine  Melde.
Auch  genießt  man  viel  Pilze  und  Schwämme,  die  in  den  feuchten
Bergwäldern  wohl  gerathen  und  vorzüglich  die  in  ungeheurer  Menge
wachsenden  Heidel=  und  Preißelsbeere  .  Eine  Lieblingsspeise  sind
die  Götzen  und  Hefenklöse,  eine  besondere  Art  Eierkuchen,  die  in  der
Pfanne  gebacken  werden  ...  Bier  und  Branntwein  gebraucht  man
nur  wenig,  und  dann  nur  des  Sonntags.““)

Fleisch  wird  von  allen  Familien  wenigstens  des  Sonntags
gegessen,  auch  ein  oder  mehrere  Male  Wurst  im  Laufe  der
Woche,  wenn  die  Erwerbsverhältnisse  nicht  gerade  sehr  ungünstige
sind.  Man  genießt  vorwiegend  Schweinefleisch,  mindestens  dreimal
mehr  als  Rindfleisch.  Wo  möglich  wird  ein  Schwein  aufgefüttert,
um  es  im  Winter  zu  schlachten,  oder  auch  eine  Ziege,  welche  möglichst
lange  als  Melkvieh  ausgenutzt  wird.  Da  wird  auch  einmal  im  Jahre
„ein  Zickel“  geschlachtet.

Milch  wird  zu  Suppe  und  Muß  verwendet,  sowie  zur  Veredelung
  der  überall  gebräuchlichen  Kaffeesurrogate.  „Eitel  Kaffee“
kann  nur  ein  verwöhnter  Niederländer  trinken.  Butter,  Käse,  vor
Allem  Quark  werden  stark  verbraucht;  an  Stelle  der  Ersteren  aber
auch  Schmeer  oder  Schweinefett.  In  der  neuesten  Zeit  haben  auch
die  verschiedenen  Arten  von  Kunstbutter  Verbreitung  gefunden,  während
der  Verbrauch  des  früher  so  vielfach  verwendeten  Leinöls  bedeutend
abgenommen  hat.

Die  Kartoffel  bildet  die  Hauptspeise  der  großen  Menge  der
Gebirgsbewohner;  aber  sie  wird  in  allerhand  verschiedenen  Zubereitungen
auf  den  Tisch  gebracht.

*)  Mosch,  S.  81,  82.
        <pb n="148" />
        —  140  —

Die  Kartoffel  ist  besonders  seit  der  Theuerung  während  des
siebenjährigen  Krieges  in  allgemeine  Aufnahme  gekommen.  Sie  ist
eine  beliebte,  wenn  auch  nicht  besonders  nahrhafte  Speise.  Die
Kartoffel  wird  im  Ganzen,  in  Stücken  oder  in  Scheiben  gekocht,
geröstet,  gebraten;  roh  oder  gekocht  zerrieben  oder  zerquetscht.  Man
bereitet  aus  ihnen  Suppe,  Muß,  Pamps,  Götzen,  Klöße  u.  s.  w.
Die  Kartoffelsuppe  wird  mit  Zwiebeln,  Sellerie  oder  Speck  gewürzt;
Kartoffelmuß  mit  Speckgriefen  gefettet,  zuweilen  gebacken.  Kartoffelstückchen
  mit  Rind=  oder  Schöpsenfleisch  gekocht,  oder  mit  braunem
Mehl  und  Essig  als  saure  Kartoffeln  zubereitet.  Aus  rohen  oder
aus  gekochten,  geriebenen  Kartoffeln,  mit  einem  Zusatz  von  Mehl  oder
geriebener  Semmel  macht  man  Klöße;  doch  ißt  man  auch  Mehlklöße,
Semmelklöße  und  Speckklöße  mit  Vorliebe.  Besonders  beliebt  ist
Kartoffelpamps  oder  Pfanne,  wo  die  gekochten,  reichlich  geschmalzten
Kartoffeln  mit  dem  Holzlöffel  zerdrückt  und  in  der  Pfanne  gebacken
werden.  Der  höchste  der  Genüsse  sind  die  „Götzen“,  ein  Backwerk
von  Mehl,  Milch,  Eiern,  mit  Butter,  Leinöl  oder  Schmalz.

Die  Bevölkerung  des  Gebirges  zeichnet  sich  durch  keine  besondere
Tracht  aus.

Noch  vor  vierzig  Jahren  schrieb  man:  „Altmodisch  gekleidete
Erzgebirger  sieht  man  nur  ganz  vereinzelt.  Die  Schwanzmütze,  (eine
Art  wollener  Zipfelmütze)  ist  fast  verschwunden;  der  silberne  Ohrring
(im  linken  Ohr  der  Männer),  das  rothe  Halstuch,  die  gelbe  oder
schwarze  Lederhose  sind  außer  Gebrauch  gekommen.  Nur  die  Jacke
(Koller  oder  Wamms)  und  der  Brustlatz  (die  Weste)  sind  noch  allgemein.
  Faltenreiche  Röcke,  steife  Haubenstreifen  oder  glatte  Pelzmützen
tragen  nur  noch  die  Bäuerinnen  in  den  entlegensten  Dörfern.  Nur
die  Bergleute  sind  noch  durch  eine  besondere  Tracht  kenntlich.“

In  Bezug  auf  die  mittelalterlichen  Trachten  sei  die  Schilderung
in  Sebastian  Münsters  1544  erschienenes  Cosmographia  universa
eingeschaltet.  Er  beschreibt  den  erzgebirgischen  Bauer,  sein  Leben
und  seine  Tracht:

„Die  Bauern  führen  ein  gar  schlecht  und  niederträchtig  Leben.
Es  ist  ein  jeder  von  den  anderen  abgeschnitten  (durch  die  weitläufige
Lage  der  Höfe)  und  lebt  für  sich  selbst  mit  seinem  Gesinde  und  Vieh.
Ihre  Häuser  seind  schlechte  Häuser  von  Koth  (Lehm)  und  Holtz  gemacht,
  auf  das  Erdreich  gesetzt  ond  mit  Stroh  gedeckt.  Ihre  Speis
ist  schwarz  Roggenbrod,  Haferbrei  oder  gekocht  Erbsen  mit  Linsen;
Wasser  und  Molken  ist  fast  (ausschließlich)  ihr  Trank.  Ein  zwielich
Gippen  (zwillichene  Juppe),  zween  Bundschuch  (Bastschuhe)  und  ein
Filzhut  ist  ihre  Kleidung.  Diese  Leute  haben  nimmer  Ruh.  Früh
und  spät  hangen  sie  der  Arbeit  an.  Sie  tragen  in  die  nächsten
        <pb n="149" />
        —  141  —

Städte  zu  verkaufen,  was  sie  Nutzung  überkommen  auf  dem  Feld  und
von  dem  Vieh  und  kaufen  ein  dagegen,  was  sie  bedürfen.  Denn  sie
haben  keine,  oder  gar  wenig  Handwerkleute  bei  ihnen  (auf  dem  Dorfe)
sitzen.  Ihren  Herren  müssen  sie  oft  durch  das  Jahr  dienen,  das
Feld  bauen,  säen,  Frucht  abschneiden  und  in  die  Scheuer  führen,
Holz  hauen  und  Graben  machen.  Da  ist  Nichts,  daß  das  arme
Volk  nicht  thun  muß  und  on  Verlust  nit  aufschieben  darf.“

Diese,  die  Hörigkeits-  und  Lebensverhältnisse  des  Bauernstandes,
seine  Kleidung  und  Nahrung  kurz  aber  in  kräftigen  Farben  darstellende
Schilderung  wird  durch  die  Bemerkungen  über  die  Kleidertracht  der
Städter  in  Jenisius'  Chronik  von  Annaberg  (Annabergae  Missniae
urbis  Historia  1604)  in  anderer  Richtung  ergänzt.

„Die  Männer  banden  das  Haar  mit  Netzen  aus  seidenen  oder
goldenen  Faden.“  Wir  wissen,  daß  der  Freie  das  Haar  lang  trug,
und  nur  dem  Hörigen  dasselbe  kurz  geschoren  wurde.

„Sie  tragen  mehr  eingedrückte  und  breite  (breitkrämpige)  Hüte,
sowie  Mondschuhe  (Schnabelschuhe?)  und  Pelzkappen  (Mützen)  rings
verbrämt,  Röcke  mit  Aermeln  (Ueberröcke),  die  bis  an  die  Knie  oder
Knöchel  reichen.  Die  Reicheren  im-Winter  zottige  Wolfspelze;  die
übrige  Kleidung  ist  nach  altdeutscher  Art  eng  und  dem  Gliederbau
entsprechend,  das  Wams  wird  durch  Hefte  oder  Schleifen  zusammengehalten.
  Darüber  trägt  man  im  Sommer  einen  Leinwandrock.“

Ueber  die  Tracht  der  Frauen  erwähnt  Jenisius  nur,  daß  ältere
Frauen  Pelze  trugen,  verheirathete  Frauen  Hauben  und  in  Zöpfe
geflochtenes  Haar.  Derselbe  spricht  sich  wiederholt  über  den  zunehmenden
  Luxus  aus  und  bezeichnet  als  eine  ganz  besondere  „Ausgeburt
  der  neuen  Hoffarth“  die  goldenen  Flitterhauben,  welche  die
Mädchen  an  besonderen  Ehrentagen  trugen,  sowie  die  von  Gold  und
Perlen  gestickten  Stirnbänder,  welche  von  den  Bräuten  noch  außer
der  Flitterhaube  angelegt  wurden.  Besonders  aber  ereifert  er  sich
über  die  Kleider  von  Sammt  und  Seide,  welche  man  vorher  fast  nie
erblickt  hätte.

Noch  im  Anfange  des  19.  Jahrhunderts  war  die  Tracht  der
Gebirgsbewohner  von  der  Tracht  der  Bewohner  des  Niederlandes
und  der  Ebene  auffallend  verschieden.

So  schreibt  Mosch  (S.  83):  „Die  Bauerschaft  des  Gebirges
hat  dagegen  im  Ganzen  folgende  Tracht:  An  Werkeltagen  eine  kurze
blaue  Jacke  ohne  Taschen  und  Kragen,  die  vorn  herab  mit  einer
Reihe  weißer,  stark  gewölbter  Knöpfe  besetzt  ist,  welche  dicht  an  einander

  stehen.  Ueber  diese  Jacke,  im  Hochgebirge  „Goller“  genannt,
zieht  man  einen  Rock  von  schwarzer  Leinwand,  ebenfalls  ohne  Kragen
und  mit  Knöpfen  besetzt,  wie  jene;  inwendig  ist  derselbe  eine  Hand
        <pb n="150" />
        —  142  —

mit  scharlachrothem  Zeuge  besetzt.  Unter  der  Weste  ist  der  meist
pfirsichblüthenfarbige  oder  dunkelblaue  oder  scharlachrothe  Brustlatz
mit  eben  solchen  Knöpfen  wie  Rock  und  Jacke.  Die  von  einer  breiten
bunten  Hosenhebe  gehaltenen  Hosen  sind  weit,  von  schwarzem  Leder
und  an  beiden  Seiten  mit  bis  ans  Knie  herabgehenden  Taschen  ver—
sehen,  welche  statt  der  Rocktaschen  dienen,  und  aus  welchen  ein  blankes
Messerbesteck,  Tabakspfeife  hervorzublicken  pflegen.  In  der  Gegend
von  Chemnitz  und  Zwickau,  und  im  rechten  Flügel  des  Gebirges  sind
enge,  schwarze  Beinkleider  und  Koller  mit  Taschen  und  zwei  Reihen
Knöpfen  üblich.  Des  Sonntags  zum  Kirchgang  oder  zu  anderen
feierlichen  Gängen  trägt  man  statt  des  schwarzen  Kittels  einen  dunkelblauen
  Tuchrock,  nur  an  dem  Vorderarm  und  an  den  Taschen  reichlich
mit  Knöpfen  versehen;  bei  Trauer  und  an  Ehrentagen  aber  einen
schwarzen  Tuchrock  und  Weste  mit  gleichen  Knöpfen.  Schuhe  werden
seltener,  dagegen  bis  an  die  Knie  reichende  Stiefel  allgemein  getragen.
Im  Hause  und  auf  dem  Hofe  sind  im  östlichen  Gebirgsflügel  hie  und
da  noch  Holzschuhe  gebräuchlich.  Den  Kopf  bedeckt  im  Sommer  ein
ledernes,  hart  anschließendes  Käppchen  („Pachkappel“)  oder  eine  Mütze
von  grünem,  seltener  von  rothem  Sammet,  ringsum  mit  Iltis=  oder
Marterfell  verbrämt.  (Sammt-Bartel  oder  Barretel).  Oben  darauf
wird  ein  großer,  runder,  niedriger,  dreiseitig  oder  zweiseitig  aufgekrämpter
  Hut  gesetzt.  Im  Winter  trägt  man  einen  Pelz  von  blaßgelbem
  Leder,  mit  schwarzem  Schafpelz  aufgeschlagen  und  gefüttert,
sowie  eine  hohe,  schwarze  Pelzmütze.

Im  niederen  Gebirge  sind  unter  den  Bauernweibern  dicke,  mehrfach
  übereinandergezogene,  kurze  Röcke  üblich,  welche  der  einherschreitenden
  Gestalt  das  Ansehen  einer  wandelnden  Glocke  geben.
Man  trägt  meist  eine  Weiberjacke  von  hellblauem  Tuche;  im  Elbthale
grün,  mit  kurzen  Aermeln.  Bei  trübem  Wetter  hüllt  man  sich  in
große,  leinene  Regentücher.  Die  Mädchen  tragen  meist  weiße,  die
Weiber  schwarze  Häubchen,  und  beide  schwarze,  oder  vorwiegend  dunkle
Mieder.  Beim  Gehen  über  Land  oder  bei  den  Feldarbeiten  bindet
man,  vornehmlich  im  Erzgebirge,  ein  leinenes,  weißes  Tuch  über  den
Kopf,  und  zwar  so,  daß  es  über  der  Stirn  einen  Schutz  gegen  die
Sonne  gewährt,  und  das  Uebrige  den  Rücken  hinab  hängt.  Zum
Sonn=  und  Festtagsstaat  gehört  ein  kleiner  Muff  von  schwarzgefärbten
Katzen-  oder  von  Iltis=  und  Marderfell  und  eine  breite,  niedrige  mit
einem  Deckel  von  Goldstoff  versehene  Mütze  von  eben  dem  Pelzwerk;
beide  werden  im  Sommer  und  Winter  getragen.  Im  Winter,  und
so  lange  die  kühle  Witterung  dauert,  bedient  man  sich  eines  bis  an
die  Hüften  reichenden  Pelzes  von  feinem,  braunem  Leder,  der  mit
sauberem,  schneeweißem,  lockig  aufgeschlagenem,  mit  einem  gleichen  die
        <pb n="151" />
        —  143  —

Schultern  bedeckenden  Kragen  versehen,  und  an  den  Hüften  mit  buntseidenen
  Schnuren  oder  mit  Stickerei  besetzt  ist.

Noch  im  Jahre  1840  berichteten  die  „Wanderungen  durch
das  sächsische  Erzgebirge“:  „Die  gewöhnliche  Wochentracht
der  Bauern  des  Erzgebirges  —  ein  Rock  von  schwarzer  Leinwand,
ohne  Kragen  und  mit  weißmessingenen,  stark  gewölbten  Knöpfen  besetzt
  —  wird  auch  hier  (in  der  Gegend  von  Altenberg)  und  in  allen
umliegenden  Dörfern  getragen.  Jeder  achtbare  Landmann  und  Bursche
trägt  noch  überdieß  sein  schwarz=  oder  grünsammtnes,  hart  an  den
Kopf  anschließendes  Kappchen  und  darüber  einen  Hut  mit  breitem
Sammetbande,  das  zur  Sommerszeit  einen  Blumenstrauß  hält.  In
den  Taschen  der  schwarzen  Lederhosen  barf  das  blanke  Messerbesteck
so  wenig  als  die  mit  Kupfer  beschlagene  Tabakspfeife  fehlen."“

„Die  meisten  Frauen  und  Dirnen  des  sächsischen  Berglandes
haben,  zu  ouffallender  Entstellung  ihres  vollfrischen  Ansehens,  das
Haupthaar  kurz  verschoren.  Auch  gewinnt  ihre  Schönheit  nicht  durch
die  mehrfach  übereinanderliegenden  Röcke,  so  daß  sie  in  ihrem  Gange
fast  wandelnden  Glocken  und  in  ihren  roth=  und  blaugestreiften  Hemdärmeln
  beinahe  buntgeflügelten  Feldtauben  gleichen."“

Die  Alltagstracht  der  Männer  erinnert  nur  durch  die  zum  Theil,
und  vorwiegend  in  der  landwirthschaftlichen  Bevölkerung  gebräuchlichen
Jacken,  Lederhosen  und  hohen  Stiefel  noch  an  die  frühere  Tracht.
Noch  weniger  vom  Althergebrachten  hat  sich  in  der  Tracht  des  weiblichen
  Geschlechtes  erhalten.  Diese  ist  durchaus  städtisch  und  modisch.

Die  Sonntagstracht  der  Männer  ist  schwarz:  Beinkleid,  Weste,
Rock,  Handschuhe  und  Hut,  wenn  auch  nicht  immer  nach  der  neuesten
Mode.  Die  Frauen  und  Mädchen  tragen  zum  Kirchgange  schwarze
Kleider  und  Handschuhe,  dunkle  Hüte  (häufig  ohne  Blumen).  Schnupftuch,
  Gesangbuch  und  Regenschirm  werden  in  der  Hand  getragen.

12.  Liebhabereien.  Vergnügungen.  Besondere
Sitten  und  Gebräuche.

Der  muntere  Sinn  der  Erzgebirger  tritt,  je  nach  Ort  und  Beruf,
mehr  oder  weniger  scharf  hervor.  So  rühmt  man  den  einen  Ort
vor  dem  anderen,  je  nachdem  Beobachtungsgabe,  Auffassungskraft,
Schlagfertigkeit  und  Mutterwitz  geweckt  und  durch  das  Leben  geschärft  sind.

Ueberall  steht  mit  dem  heitern  Gemüthe  die  Neigung  zu  Musik
und  Gesang,  sowie  die  Liebhaberei  von  Waldsängern  und  anderen
Vögeln  im  engsten  Zusammenhange.  Wer  nur  irgend  kann,  giebt
        <pb n="152" />
        —  144  —

seinem  musikalischen  Gefühle  freien  Lauf.  Da  hört  man  in  den
Feierstunden,  und  auch  nicht  selten  bei  der  Arbeit  frischen  Gesang.
Nächstdem  vielleicht  auch  das  Spiel  eines  Instrumentes,  von  der
Mund=  und  Ziehharmonika  an  durch  den  ganzen  Kreis  der  Blasund
  Streichinstrumente  hindurch.

In  allen  Volksschichten  besteht  die  Neigung,  alles  Musikalische
festzuhalten,  was  irgend  anheimelnd  und  leicht  singbar  ist,  und  dasselbe
auf  irgend  eine  Weise  von  sich  zu  geben:  durch  Singen,  Trällern,
Pfeifen  u.  s.  w.

Der  Gesang  und  das  gute  Volkslied  sind  herrliche  Bildungsund
  Erholungsmittel.  Der  Gesang  veredelt  die  Anschauungen  und
das  Leben.  Das  Volkslied  gehört  Allen  gemeinsam  an  und  wirkt
auf  Alle  in  gleicher  Weise.  Hier  handelt  es  sich  hauptsächlich  darum,
Ungeeignetes  bei  Seite  zu  drängen,  und  Frisches  und  Gesundes  allgemein
  werden  zu  lassen;  den  Geschmack  zu  läutern.  Das  ist  die
Aufgabe  selbst  der  einfachsten  und  ursprünglichsten  Gesangvereine.

Mit  der  Vorliebe  für  Musik  ist  die  Neigung  zum  Tanz  enge
verbunden.  „Den  Tanz  liebt  man  im  Gebirge  bis  zur  Leidenschaft,
tanzt  aber  selten  etwas  anderes  als  die  deutschen  Tänze  und  das
Schottische.“  (Mosch  S.  69.)  In  früheren  Zeiten  tanzte  man  Reihentänze
  und  Rundtänze.  Von  den  Reihen=  oder  Figurentänzen  hat  sich
„Der  Vogelsteller“  wohl  bis  in  die  neueste  Zeit  im  Westen  des  Gebirges
  erhalten,  eine  Zusammensetzung  von  Figurentanz  und  Rundtanz.
Der  Bursche  lockt  das  Mädchen  bei  Gegenübertanz  durch  Vor=  und
Zurück-,  Rechts=  und  Linkstanzen,  Winken  mit  dem  Finger  u.  s.  w.,
bis  sie  sich  nach  einer  Anzahl  von  Takten  vereinigen  und  einen  kurzen
Rundtanz  ausführen.

Unter  den  Rundtänzen  ist  der  Dreher  oder  Zweitritt  unzweifelhaft
  der  älteste.  Seine  Bewegung  besteht  aus  zwei  Tempos,  während
die  Walzerbewegung  aus  drei  Tempos  zusammengesetzt  ist  und  ursprünglich
  in  langsamem  Takte  ausgeführt  wurde.  Der  Rutzscher  hatte  zwei,
der  Schottisch  drei  Taktbewegungen.  Jetzt  werden  die  Rundtänze
meist  in  sehr  schnellem  Tempo,  aber  ohne  Aufmerksamkeit  auf  die
Fußstellung  ausgeführt.

Außer  dem  Tanzvergnügen  finden  zahlreiche  Vereinigungen  von
Hausgenossen  und  Nachbarn  statt;  früher  als  Spinn=  und  Klöppelstuben,
  gegenwärtig  als  Näh=  und  Stickstuben;  Vereinigungen  zu
gemeinschaftlicher  Arbeit  und  Unterhaltung.  Alt  und  jung  sitzt  beisammen,
  fleißig  und  flink  mit  der  Hand  und  mit  dem  Mundwerk.
Da  wird  dann  von  allen  Möglichen  und  Unmöglichen  erzählt,  die
unglaublichsten  Geschichten  unter  dem  Siegel  der  Verschwiegenheit
geflüstert,  (ganz  wie  anderwärts  auch)  und  je  unheimlicher  und
        <pb n="153" />
        —  145  —

furchterregender  eine  solche  Geschichte  ist,  um  so  größer  ist  der  Erfolg,
  um  so  interessanter  wird  sie.  Hier  in  den  Rockenstuben  und
ihren  Nachfolgern  sind  die  mannigfachsten  Formen  des  Aberglaubens
entstanden  und  verbreitet  worden;  hier  wurden  die  Keime  von  vielen
eigenthümlichen  Anschauungen,  von  Schreckhaftigkeit  und  Furcht,  von
Gespenster=  und  Geistersehen  gelegt!  Wie  vieler  Bläödsinn  ist  da
zu  Tage  gefördert  und  von  aufmerksamen  Zuhörern  als  tiefe
Weisheit  ausgenommen  worden!  Geheimnißvolle  Eröffnungen  und
Erzählungen  mit  ihren  Verwickelungen;  dazu  die  gespannten  Zuhörer,
die  blakende  Lampe,  der  Gluthen  ausströmende  Ofen,  und  draußen
der  heulende  Sturm,  die  dunkle  Nacht,  der  wirbelnde  Schnee  —  —
Das  alles  trägt  dazu  bei,  selbst  dem  blühendsten  Unsinn  andächtige
Zuhörer  zu  verschaffen.

Die  Winterlandschaft  des  Gebirges  hat  ihren  eigenthümlichen,
hohen  Reiz.  Der  Wald  mit  seiner  Schneebedeckung,  aus  welcher  nur
verstohlen  etwas  winterliches  Grün  hervorblickt,  Berg  und  Thal  mit
ihren  sanfter  erscheinenden  Formen,  die  geglätteten  Wege,  die  beeisten
Bäche,  die  winterliche  Färbung,  die  dicke  neblige  Luft  und  der  matte
Schein  der  Sonne  erzeugen  ein  kostbares  Bild.  Schellen=  und  Glockengeläute
  zahlreicher  Schlitten  belebt  dasselbe.  Schlittenfahren
ist  nicht  blos  von  ältester  Zeit  her  ein  beliebtes  Wintervergnügen,
sondern  der  Schlittenverkehr  ist  für  den  Wald  und  das  Obergebirge
vor  Allem  eine  wesentliche  Erleichterung  aller  Verbindungen  gewesen.
Während  die  Kinder  mit  Schneeballwerfen  und  Schneemännerbauen,
sowie  mit  dem  Fahren  auf  der  „Käsehütsche“  sich  vergnügen,  und
die  Erwachsenen  beim  Schlittenfahren  Besuche  austauschen  und  Belustigungen
  aufsuchen,  beruht  ein  großer,  wo  nicht  der  größte  Theil
des  erzgebirgischen  Verkehrs  auf  den  Schlittenkufen  in  der  langen,
stätig  aushaltenden  und  sicher  gemessenen  Zeit,  wo  der  Schnee  die
Unebenheiten  von  Straße  und  Weg  ausgleicht  und  alle  Verbindungen
wesentlich  erleichtert.

Von  der  Vogelliebhaberei  im  Erzgebirge  schreibt  Lehrer
Schlegel  in  der  „Gesiederten  Welt““  ...  „Des  Erzgebirgers  tief
inniges  Gemüth  und  seine  Neigung  für  Gesang  und  Musik  läßt  die
weit  ausgebreitete  Liebhaberei  für  die  gefiederten  Sänger  erklärlich
erscheinen.  ...  Man  mag  dieses  bescheidene  Fleckchen  deutscher  Erde
nach  jeder  Richtung  hin  durchwandern,  so  wird  man  selten  ein  Häuschen
antreffen,  in  dem  nicht  wenigstens  ein  Singvogel  zu  finden  wäre
Hier  findet  man  ein  inniges,  liebevolles  Verhältniß  zwischen  Mensch
und  Vogel  ..  Wenn  bei  der  Anspruchslosigkeit  der  ärmeren  Bewohner
  des  Erzgebirges  oft  zwei,  nicht  selten  drei  Familien  im  engen
Stübchen  friedlich  bei  einander  wohnen,  so  hat  man  doch  immer  noch

10
        <pb n="154" />
        —  146  —

Raum  genug,  um  einen  Käfig  anzubringen;  selbst  unten  an  dem
Ofen  und  an  der  Ofenbank  hat  man  solchen  mittelst  eines  einfachen
Gitters  hergestellt.  Man  kann  aber  auch  Finken,  Meisen  oder  Ammern
frei  im  Zimmer  umher  hüpfen  sehen.  Der  Erzgebirger  hat  seine
Lieblinge,  hauptsächlich  Hänfling,  Zeißig,  Stieglitz,  Edelfink,  Kreuzschnabel
  (oder  Krünitz,  Grinitz)  und  Gimpel.

Im  oberen  Gebirge,  von  der  voigtländischen  Grenze  an  bis
zum  Sandsteingebirge,  wurde  in  früheren  Zeiten  das  Vogelstellen
mit  Leidenschaft  getrieben;  auf  kleinen  und  großen  Heerden,  auf  dem
Leim  und  im  Meisenkasten,  sowie  im  Winter  und  Frühjahr  auf  dem  Naschheerde.
  „Köhler,  Holzhauer  und  Stockröder  umstellen  ihre  Werkplätze
„fast  immer  mit  Lockvögeln,  und  wenn  der  Winter  kömmt,  so  richten  sie
„Gimpel  und  Finken  ab  und  verkaufen  sie  in  den  Niederlanden.““)

Die  Nähe  des  Waldes,  das  ungehinderte  Betreten  desselben  zum
Holz=  und  Beerensuchen,  sowie  auch  der  Beruf  als  Köhler,  Holzarbeiter
  u.  s.  w.  erweckte  aber  auch  sehr  bald  die  Lust  an  der  Jagd,
wie  wir  sie  heute  noch  in  vielen  Gebirgsdörfern  stark  ausgeprägt
finden.

„Die  Bewohner  des  Hochgebirges  zeichnet  ein  unbezwinglicher
„Trieb  zur  Jagd  aus.  Von  der  voigtländischen  Grenze  an  bis  weit
„in  den  linken  Flügel  des  Gebirges  hinein  sind  die  Grenzdörfer  mit
„Raubschützen  gefüllt,  und  obschon  des  Wildes  jetzt  viel  weniger
„geworden,  sie  auch  nicht  durch  Dürftigkeit  in  der  Regel  dazu  ge-„nöthigt
  werden,  so  können  sie  doch  der  Neigung  nicht  widerstehen.
„Ein  Kohlkram,  den  die  Köhler  verlassen,  ist  des  Nachts  ihre  Zuflucht,
„ein  Häuflein  Moos  ihr  Kissen,  und  der  Mond  und  die  Sterne  sind
„ihre  Leuchte  auf  kaum  zu  erkennenden  Wildsteigen.  In  älteren
„Zeiten  ward  der  Wildraub  so  arg  betrieben,  daß  anfänglich  drei  bis
„vier  Wäldner,  späterhin  die  kurfürstlichen  Trabanten  die  Heger  um-„gehen
  mußten,  die  Wildschützen  abzuhalten.“)

Wenn  das  auch  nun  nicht  mehr  in  diesem  hohen  Grade  stattfindet,
  so  ist  das  Geschlecht  der  Wildschützen  doch  wohl  noch  nicht
ganz  ausgestorben.  .

Viele  alte  Gebräuche  und  Sitten  sind  im  Laufe  der  Zeiten  in
Vergessenheit,  oder  wenigstens  außer  Anwendung  gekommen.  Wenn
auch  die  Vogel-  und  Scheibenschießen  überall  noch  als
Volksvergnügungen  angesehen  werden,  so  haben  doch  die  festlichen
Auf=  und  Abzüge  der  Schützen  eine  andere  Gestalt  angenommen.
Schau--,  Kauf=  und  Würfelbuden,  Kuchen-,  Würstel=  und  Bierzelte,
Karoussels,  Elektrisirmaschinen,  Kraftmesser,  auch  Schießbuden  und

 

*)  Mosch,  Neueste  Kunde  vom  Königr.  Sachsen.  Weimar  1819.  S.  69.
        <pb n="155" />
        —  147  —

Photographenzelte  fehlen  nicht;  aber  das  Ganze  hat  einen  anderen
Charakter,  denn  früher.  Auch  die  Kirmse  ist  anders  geworden;
das  Kirchweih=  und  Kuchenfest,  wo  alle  Bekannte  bei  dem  Kirmeßvater
  einsprechen,  essen  und  trinken  und  sich  lustig  machen  konnten;
wo  gute  Freunde  vermummt  als  „Kuchensänger“  angezogen
kamen,  ganz  wie  die  Dorfarmen,  welche  in  die  Höfe  und  vor  die
Thüren  zogen,  eigene  Kirmeßlieder,  aber  auch  geistliche  und  weltliche
singend,  um  eine  Gabe  an  Kuchen  rc.  zu  gewinnen.  Das  Hahnschlagen
  und  das  Jungfernstechen,  welches  früher  im  niederen
Gebirge,  besonders  bei  den  Erntefesten  sehr  gebräuchlich  war,  findet
man  fast  nirgend  mehr.  Bei  beiden  Belustigungen  galt  es,  mit  verbundenen
  Augen  das  Ziel  zu  treffen.  Stieß  z.  B.  beim  Jungfernstechen
  der  Betreffende  mit  seinem  Stocke  nicht  in  die  Mitte  der  aus
Bret  gemachten,  mit  ausgebreiteten  Armen  dastehenden,  um  ein  paar
Zapfen  drehbaren  Figur,  so  erhielt  er  in  der  Regel  einen  tüchtigen
Denkzettel,  zum  großen  Gelächter  der  Umstehenden.

Die  Mehrzahl  aller  Gebräuche  war  mit  einem  gewissen  Zusatze
von  Aberglauben  versetzt.

Am  Dreikönigstage  zogen  die  Knaben  mit  dem  Stern,
als  Könige  aus  dem  Morgenlande  vermummt  und  geschmückt  durch
den  Ort,  um  ein  kleines  Geschenk  vor  den  Thüren  zu  ersingen.

An  Aschermittwoch  äscherte  man;  d.  h.  man  bewarf  sich
mit  Häckerling  (anstatt  mit  Asche)  zum  Zeichen  des  Bußethuns.  Das
Ascheabkehren  mit  grünen  Ruthen  hatte  sich  ebenfalls  längere  Zeit  in
Erinnerung  dieser  katholischen  Sitte  erhalten.  Eng  damit  verbunden
(wenigstens  dem  Sinne  nach)  war  das  Osterficken,  wo  man  sich
gegenseitig  am  frühesten  Morgen  zu  überraschen  und  mit  grünen
Ruthen  aus  dem  Bette  zu  treiben  suchte.

Am  Ostermorgen  zogen  die  Burschen  mit  Musik  und  Gesang
  aus,  nachdem  sie  während  der  Nacht  zahlreiche  Freudenschüsse
abgegeben  hatten;  die  Mädchen  holten  schweigend  vor  Sonnenaufgang
das  Ssterwasser.

Auch  in  der  Walpurgisnacht  wurde  viel  geschossen,  drei  Kreuze
an  die  Stallthüren  gemacht,  Feuer  auf  verschiedenen  Berghöhen  angezündet.

Am  Gregoriustage  zgogen  die  Schulen  singend  durch  die
Orte,  um  darauf  ein  Kinderfest  zu  feiern,  und  zu  Pfingsten  suchten
die  Knaben  den  Pfingstlümmel,  zu  welchem  derjenige  erkoren
war,  der  zuletzt  im  Bette  überrascht  wurde.  Zu  Pfingsten  wurden
auch,  wo  es  irgend  anging,  Maien  gesetzt;  im  niederen  Gebirzze

Birken,  im  oberen  Fichten.
Am  heiligen  Abend  des  Weihnachtsfestes  mußte  man
neunerlei  Speisen  essen,  unter  denen  Topfklöße,  Wurst  mit  Sauerkraut,
107
        <pb n="156" />
        —  148  —

Hering  und  Semmelmilch  nicht  fehlen  durften.  Bei  der  Bescheerung
hatte  sich  die  Pyramide  (Peremette,  Pergemide)  vollständig  eingebürgert;
die  sogenannte  Weihnachtstanne,  der  Christbaum,  war  selten.  Die
Peremette  war  vom  Vater  selbst  gebaut,  und  gab  ein  beredtes  Zeugniß
von  seiner  Geschicklichkeit  und  seinem  Geschmack.  Besonders  beliebt
war  das  Anbringen  von  durch  die  Wärmestrahlung  in  Bewegung
gesetzter  Figuren  (Menschen,  Thieren,  Jagden,  Bergmännern,  Bergaufzügen,
  Bergwerken,  Schattenspielen  u.  s.  w.).

Die  Weihnachtsspiele  sind  nicht  mehr  im  Gebrauch.

Der  Hochzeit  geht  der  Polterabend  voran,  an  welchem  die
bösen  Geister  durch  möglichst  viel  Lärmen  verscheucht  werden  sollen.
Was  von  alten  Töpfen,  Schüsseln  und  Tellern  nur  aufzutreiben  ist,
wird  an  der  Thür  der  Braut  zerschlagen,  und  je  größer  der  Haufen
Scherben,  über  welchen  sie  schreiten  muß,  um  so  größer  ihr  häusliches
Glück.  Die  Ausstattung  der  Braut  wird  durch  den  festlich  geschmückten
Kammerwagen,  auf  welchem  in  früheren  Zeiten  der  Spinnrocken
und  später  der  Klöppelsack  nicht  fehlen  durfte,  nach  der  Wohnung  des
jungen  Paares  gebracht.

Bei  der  Fahrt  nach  der  Kirche  erhielt  der  Kutscher  ein  buntes
Tuch  vorgesteckt,  und  auf  dem  Wege  zur  Kirche  wurde  das  Brautpaar,
  mochte  es  nun  gehen  oder  fahren,  wiederholt  aufgehalten,  damit
  es  glücklich  werde.  Regen  in  den  Brautkranz  verheißt  auch  hier,
wie  anderwärts  Reichthum.

Beim  Hochzeitstanze  suchen  die  jungen  Leute  die  Braut  zu
rauben,  welche  der  Ehemann  auslösen  muß;  sodann  wird  der  Myrthenkranz
  mit  einer  gewissen  Feierlichkeit  abgenommen  und  die  junge  Frau
erhält  eine  Haube,  der  junge  Ehemann  eine  Sackmütze  aufgesetzt.

Bei  Kindtaufen  dürfen  die  Pathen  weder  Messer  noch
Schlüssel  einstecken,  um  dem  Kindchen  keinen  Unsegen  zu  bringen;  bei
der  Mahlzeit  müssen  sie  von  allen  Gerichten  essen.  Die  Gevattern  unter
einander  schenken  sich  gewisse  Liebereigaben,  und  beim  Kindtaufschmause
geht  der  Sammelteller  für  Armenkasse  und  Schulkasse  um  den  Tisch.

Am  Abend  vor  dem  Begräbnißtage  wird  der  Todte  aufgebahrt
und  im  Hause  ausgestellt.  Alle  Freunde  und  Bekannte,  ja  wohl  alle
Dorfbewohner  kommen,  um  von  dem  Verstorbenen  Abschied  zu  nehmen,
und  wer  irgend  kann,  geht  mit  zu  Grabe.  In  feierlichem  Zuge,  mit
Gesang  und  Trauermusik  und  unter  zahlreichem  Geleite  wird  der
Verstorbene  zur  Ruhe  gebracht.“"

*)  Dr.  M.  Spieß,  Aberglaube,  Sitten  und  Gebräuche  im  sächs.  Obererzgebirge.
  Herm.  Arnold,  Sitten  und  Gebräuche  im  Erzgebirge.  (Glückauf,
Zeitschrift,  187.  S.  105  ff.)  G.  Mosen,  Erzgebirgische  Weihnachtsspiele.
Zwickau.  1861.
        <pb n="157" />
        —  149  —

13.  Die  Sprache  im  Erzgebirge.

Obgleich  die  große  Masse  der  in  das  Erzgebirge  eingedrungenen
Ansiedler  der  deutschen  Sprachenfamilie  angehörte,  so  bildeten  sich  doch
im  Laufe  der  Zeiten  verschiedene,  durch  Oertlichkeit,  Zusammensetzung
der  Ansiedlergruppe  und  etwaige  Verschmelzung  mit  sorbenwendischen
Elementen  hervorgerufene  Dialektgruppen,  von  in  einzelnen  Fällen
selbst  geringem  Umfange  aus.  Die  Ansiedler  einzelner  Thäler  und
Thalstrecken  waren  lange  Zeit  hindurch  auf  sich  selbst  angewiesen,  da
nur  wenige  Straßenzüge  das  Gebirge  überschritten  und  noch  weniger
die  einzelnen  Thäler  mit  einander  verbanden.  Hierdurch  ward  die
Verschmelzung  der  in  einem  einzelnen  Thale  seßhaften  Ansiedler  verschiedener
  Abstammung  und  eine  Lokalfärbung,  auch  der  Sprache,
hervorgerufen.

Die  Verschiedenheiten  zwischen  Ost  und  West  sind  unverkennbar;
doch  ist  es  wohl  nur  dem  Sprachforscher,  welcher  alle  Einzelnheiten
vollkommen  beherrscht,  möglich,  bestimmte  Regeln  aufzufinden,  nach
welchen  sich  die  mannigfachen  Lautverschiebungen  und  Lautbildungen
vollzogen  haben.  Das  Uebergewicht  dieses  oder  jenes  Volksstammes
läßt  sich  jetzt  nicht  mehr  nachweisen.  Im  Laufe  der  Jahrhunderte
haben  sich  zahlreiche  kleine  Unterschiede  abgeschliffen,  aber  auch  eine
Reihe  von  Verschiedenheiten  neu  gebildet,  so  daß  es  nicht  möglich
wird,  die  ursprüngliche  sprachliche  Grundlage  nachzuweisen.

Der  erste  und  bedeutendste  Schriftsteller  über  das  Erzgebirge,
M.  Christian  Lehmann,  der  in  Bezug  auf  Ortsbeschreibung,  Thierund
  Pflanzenleben,  Sitten,  Gebräuche  und  Erlebnisse  der  Gebirgsbewohner
  eine  so  reichhaltige  Fülle  von  Thatsachen  giebt,  weiß  von
den  Bewohnern  selbst,  ihrer  Abstammung  und  Sprache,  wie  von  der
Besiedelung  des  Gebirges  und  deren  Verlauf  nichts  zu  erzählen.  In
dem  starken  Quartbande,  den,  wie  er  sagt  „treuherzige  Gebirger  verhoffentlich
  mit  bescheidenem  Judicio  aufnehmen“  —  in  welchem  er
„die  Gebirgischen  Redensarten,  als  welche  denen  Einwohnern  viel
geläufiger,  öffters  mit  Fleiß  behalten"  —.  .  in  dem  ganzen  Werke
ist  an  keiner  Stelle  von  der  Sprache  der  Bewohner  und  den  Eigenthümlichkeiten
  derselben  die  Rede.

Die  Sprache,  sagt  Mosch  (S.  86  ff.)  ist  die  deutsche;  das  gemeine
  Volk  hat  verschiedene  Dialekte;  am  schwersten  zu  verstehen  sind
die  Dialekte  des  Erzgebirges  um  Johanngeorgenstadt,  Eibenstock  und
Schönhaide

Auch  Schumann  (IV,  560)  bemerkt  bezüglich  der  Sprachen:
„Nirgends  klingt  sie  rauher  und  fremdartiger  als  im  Obergebirge.
Uebrigens  herrscht  auch  in  dieser  Mundart  manche  Verschiedenheit;
        <pb n="158" />
        —  150  —

anders  spricht  der  Bermsgrüner,  anders  der  Schönhaider.  Der  singende
Ton  fällt  aber  in  der  Schönhaider  Gegend  am  meisten  auf.“

Weiter  hinauf,  findet  man  das  Eigenthümliche,  daß  man  vor
den  Vokalen  o  und  a  ein  u  hören  läßt;  im  unteren  Erzgebirge  spricht
man  ei  wie  eh;  im  Obergebirge  aber  ei  wie  ah.

Im  Erzgebirge  finden  wir  ferner  die  Eigenheit,  die  Personen
an  Stelle  der  Familiennamen  mit  Beinamen  zu  bezeichnen,  welche
von  Zufälligkeiten  hergeleitet  sind,  oder  mit  einer  Reihe  von  Vor—
namen,  welche  die  Abstammung  umfassen  .  .  ..  In  der  Gegend  von
Schönheide  pflegt  man  auch  die  Männer  nach  der  Genealogie  der
Weiber  zu  benennen.  Vor  die  Tauf-  und  Geschlechtsnamen  setzt
man  den  Artikel,  wenn  auch  überhaupt  apostrophirt.  Am  Schlusse
des  Wortes  wird  das  u  weggelassen.

Das  a  wird  selten  rein  ausgesprochen,  und  bildet  einen  Mittelton
  zwischen  a  und  o;  das  O  spricht  man  meist  aus  wie  u;  das
au  im  Obergebirge  in  ah,  im  Niedergebirge  oh.

Viele  Wörter  werden  verkürzt;  die  Endsilbe  verwandelt;  der
Buchstabe  r  verschluckt.  Um  Eibenstock  her  verwandelt  man  das  a
oft  in  au  oder  ou.

Viele  Wörter  werden  gedehnt;  oder  auch  durch  Anhängen  eines  p
verlängert.  Die  Endung  ung  verwandelt  man  in  ing.

Besonders  bemerkenswerth  ist  das  Bestreben,  Verkleinerungsworte
zu  bilden;  im  oberen  Gebirge  durch  le  oder  la.

Endlich  werden  viele  Wörter  verstümmelt  und  verändert,  sowie
zahlreiche  Flickwörtchen  eingeschaltet;  endlich  mischt  er  seiner  Rede
gern  selbstgeschmiedete,  oder  verunstaltete  Fremdworte  bei.)

Besonders  auffallend  sind  die  allgemein  gebräuchlichen  Abkürzungen
und  Verstümmelungen  der  Ortsnamen.  So  heißt  Lungwitz  nur  Lungs,
Rothschönberg  Schimmr'ch,  Dippoldiswalde  Dipplswale,
Frauenstein  Frohnschten,  Nassau  die  Noß,  Schönfeld  Schimpfld,
Tanneberg  Drmrich,  Siebenlehn  Siebeln,  Dittmannsdorf  Dittsdorf,
  Hartmannsdorf  Hartsdorf,  Schlottwitz  Schloitz,  Sayda
Sade,  Dorf  Chemnitz  Kamz,  Schirma  Scherme,  Schönborn
Schembrun,  Riemsdorf  Riemrig,  Freiberg  Freiwerch,  Mülsen
St.  Egidien  Tilgen,  Mülsen  St.  Urban  Thurm,  Reinholdshain
Relzen  u.  v.  A.  m.

Noch  heutzutage  sind  auf  dem  Abhange  des  Erzgebirges  mancherlei
Worte  und  Bezeichnungen  inmitten  einer  vollkommen  deutsch  erscheinenden
  Bevölkerung  gebräuchlich,  welche  auf  sorbenwendischen  Ursprung
zurückweisen.  In  der  bergmännischen  Sprache  begegnen  wir  den

*)  Vergl.  Glückauf  (Zeitschrift)  1887.  S.  107.
        <pb n="159" />
        —  151  —

Worten  „Halde“  für  eine  Aufschüttung  von  Gesteinen,  was  auf
halda  —  der  Meiler  führt;  „Perl“,  der  Breithammer,  auf  perlik;
„Kaue“,  das  Stollenhaus,  auf  kavna  —  die  Hütte;  „Tscherper",
das  Messer  der  Bergleute,  auf  serp  —  die  Sichel;  „Nusche",  das
schlechte  Messer  (auch  Katternusche),  auf  nuz  =  das  Messerchen;
„Schragen“,  Holzschragen,  ein  bestimmtes  Maß  Holz,  auf  srak  =  das
Gestell  (zum  Messen  des  Holzes);  „Bähnert“,  ein  runder  Korb,  auf
bane  —  der  Flechtkorb.  Unter  anderen  Benennungen  deuten  „Latschen“,
schlechte  oder  geringe  Schuhe,  auf  hlaéice  —  Strümpfe;  „Hütsche"
auf  hecna  —  die  niedere  Bank;  „Hurkel“  auf  hurka  —  der  Hügel,
Buckel;  „Zieche“  auf  cicha  =  der  Bettüberzug.  Ferner  „Schlottig“
auf  Slota  —  Lumpengesindel;  „Klike"“,  die  Gesellschaft,  auf  klika—
das  Gespann,  Joch;  „Schmant“"  auf  smanta  —  Schmutz;  ferner  weist
„Mischka“  auf  miska  =  der  Eber,  „Kunzen“  auf  cunde  —  das
männliche  Spanferkel.  An  Orts=  und  Richtungsbezeichnungen  und
dergl.  kann  man  aufführen:  „nische“  von  nize  —  schrägüber,  „lätsch"
von  lesny  —  falsch,  „guatsch"  von  kvac  =  das  Gekrächze,  „pritsch"
von  pric  =  fort;  desgleichen  an  Zeitwörtern  „hätscheln“  von  hejekäm
-—  auf  dem  Arme  schaukeln;  „bischen“",  das  Kind  auf  dem  Arme
tragen  und  einsingen,  von  pisenka  —  das  Lied;  „dahlen“  von  dal
—  weitläufig  (sprechen);  „tatschen“  von  taéim  —  im  Kreise  drehen
(mit  seiner  Rede);  „pesteln“  von  pestäm  —  vorsorgen,  pflegen;
„pitzeln“  von  piclam  —  mit  stumpfem  Messer  schneiden;  „anfuzen"“,
Jemand  grob  anreden,  von  fuèeim  —  sausen;  „balzen“  von  paleivy
—  hitzig  sein;  „Husche“  von  husa  —-—  Gans;  „Kaluppe“  (schlechte
Hütte)  von  chalupa  —  Hütte;  „paddeln“  von  padläm  —  in  der
Erde  wühlen;  „pomäle“  (behaglich,  beguem)  von  pomalu  =  langsam;
„ficken“  (Jemand  am  Aschermittwoch  mit  Ruthen  schlagen)  von  fikäm
peitschen;  „ketscheln“  von  kecam  —  spritzen,  sudeln,  besudeln,  u  s.  w.
Wahrscheinlich  könnte  man  noch  eine  Reihe  volksthümlicher  Redewendungen
  in  ähnlicher  Weise  auf  eine  slavische  Wurzel  zurückführen.

Die  Sprache  des  Erzgebirges,  wie  sie  gegenwärtig  gesprochen
wird,  hat  in  dem  Werke  des  Oberlehrers  am  Realgymnasium  zu
Annaberg,  Dr.  E.  Göpfert  eine  eingehende  wissenschaftliche  Darstellung
  gefunden.“)

*)  Die  Mundart  des  sächsischen  Erzgebirges  nach  den  Lautverhältnissen,
  der  Wortbildung  und  Flexrion.  Von  Dr.  E.  Göpfert.  Leipzig.
Veit  und  Comp.  1878.

Ueber  den  erzgebirgischen  Dialekt.  Ein  Vortrag  von  Cantor
eem.  Türk.  Glückauf  (Zeitschrift)  1885.  S.  71  ff.

Alterthümliches  im  erzgebirgischen  Dialekt.  Vortrag  des  Real=#
  Dber  hrers  Dr.  E.  Göpfert  in  Annaberg.  Glückauf  (Zeitschrift)

5.  5  .
        <pb n="160" />
        —  152  —

„Die  wesentlichsten  Abweichungen  in  den  Lautverhältnissen  einer
jeden  Mundart  von  denen  der  Schriftsprache  (sagt  derselbe)  sind  wohl
am  natürlichsten  aus  dem  Streben  nach  größtmöglichster  Bequemlichkeit
  und  Leichtigkeit  im  Sprechen  zu  erklären.“

Daher  im  erzgebirgischen  Dialekt  die  Entwickelung  einer  Reihe

eigenthümlicher  Vokale  und  die  ungewöhnliche  Aussprache  mehrerer
Consonanten.  -
Durch  Trübung  der  drei  Urvokale  sind  drei  neue  als  Mischlaute
  entstanden;  daher  ein  helles  und  ein  dumpfes  a  in  den  verschiedensten
  Schattirungen;  ein  spitzes  und  ein  breites  i  und  e  sowie
ein  dumpfes  o  und  ein  helles  u.  Bei  den  Consonanten  erspart  sich
der  Gebirger  in  vielen  Fällen  den  Aufwand  von  Muskelthätigkeit  und
spricht  sie  rein  vokalisch  aus  (läßt  sie  weg);  die  ähnlich  lautenden
Consonanten  spricht  er  gleich  aus  und  kennt  keinen  Unterschied  zwischen
scharfen  und  weichen  Consonanten.

Die  Wortbildungen  sind  durch  Laut  und  Ablaut,  Ableitung  und
Zusammensetzung  begründet;  nicht  selten  aber  hat  ein  Wort  im  Sprachgebrauche
  eine  andere  Bedeutung  erhalten,  wie  in  der  Schriftsprache.

Verschiedene  Substantiva  haben  in  der  Mundart  ein  anderes
Geschlecht,  als  ihnen  in  der  Schriftsprache  zukommt.

Bei  der  Conjugation  endlich  hat  sich  in  der  erzgebirgischen
Mundart  der  Unterschied  von  starker  und  schwacher  Conjugation  überall
erhalten;  für  den  schriftdeutschen  Ablaut  tritt  jedoch  der  entsprechende
mundartliche  Vokal  ein.

Sprachproben  aus  der  Mundart  sollen  nicht  allein  ein  getreues
Bild  von  der  Sprache  geben,  sondern  auch  einen  Einblick  in  das
geistige  Leben  eines  Volkes  gewähren  .  .  In  ihrer  wahren  Gestalt
zeigt  sich  die  Sprache  als  die  Eigenart  des  Volkes  in  seinen  Liedern,
Sagen  und  Erzählungen,  ganz  besonders  aber  in  seiner  Spruchweisheit.
Hier  treten  uns  die  Sprache  und  die  Sprechweise  des  Volkes  am
unmittelbarsten  entgegen.  (Göpfert  S.  39.)

Aber  es  kann  Niemandem  die  Thatsache  entgehen,  daß  seit  Jahrzehnten
  die  erzgebirgische  Mundart  ihre  Eigenthümlichkeiten  immer
mehr  aufgiebt.  Der  wachsende,  Alles  gleichmachende  Verkehr  hat  schon
manche  althergebrachte  Sitte  verdrängt,  manchen  ehrwürdigen  Brauch
bei  Seite  geschoben,  und  wie  die  altväterische  Tracht  verschwunden
ist,  so  wird  auch  die  heimische  Mundart  mit  der  Zeit  immer  mehr
an  die  Wand  gedrängt  werden,  je  mehr  der  Flitterstaat  vornehmer
Rede  mit  seinem  modernen  Aufputz  Umfang  gewinnt.

Der  Volksschule  ist  es  vorbehalten,  die  Pflegerin  der  deutschen
Sprache  im  besten  Sinne  des  Wortes  zu  sein  und  zu  bleiben.

Schon  vor  einer  längeren  Reihe  von  Jahren  hat  man  begonnen,
        <pb n="161" />
        das  Erzgebirge  zum  Gebiete  von  dichterischen  Darstellungen,  Erzählungen

und  Beschreibungen  zu  machen.  Es  seien  genannt:

Die  romantischen  Sagen  des  Erzgebirges.  Wahrheit
und  Dichtung.  Von  Dr.  E.  V.  Dietrich  und  A.  Textor.  2  Bdchn.
Annaberg.  Freyer.  1822  u.  1824.  ·

Erzgebirgische  Dorfgeschichten,  sowie  Geschichten  aus  dem
Sachsen=  und  Böhmerlande,  von  Elfried  von  Taura  (Peters),  welche
sich  ihrer  Zeit  großer  Beliebtheit  erfreuten;  ferner

Erzgebirgische  Dorfgeschichten  von  A.  Wildenhahn;  endlich

Glückauf!  Jahrbuch  für  das  Erzgebirge  und  seine  Freunde;
von  Hugo  Rösch.  2  Bde.  1884  und  1886;  eine  Sammlung
lokalgeschichtlicher  und  litterarhistorischer  Studien  und  Erzählungen.

Der  1878  gegründete  Erzgebirgsverein  mit  seinen  zahlreichen
  Zweigvereinen  hat  sich  das  Ziel  gesetzt,  auf  die  Schönheiten.
des  Gebirges  aufmerksam  zu  machen,  den  Besuch  desselben  zu  fördern,
und  neue  Erwerbszweige  zu  eröffnen.  Aber  er  widmet  auch  seine
Bestrebungen  der  Geschichte  des  Landes,  der  Entwickelung  der  Sprache,  den
verschiedenen  Sagen,  sowie  dem  tieferen  Sinne  der  Sitten  und  Gebräuche.

Glückauf!  Zeitschrift  des  sächsischen  Erzgebirgsvereins
dient  nicht  blos  den  Vereinszwecken,  sondern  bringt  auch  Aufsätze  über
Geschichte,  Topographie,  Alterthümer,  Personen,  Industrieen,  Sprache,
Sagen,  Sitten  und  Gebräuche  im  Gebirge.

Die  „Bilder  aus  dem  sächsischen  Berglande“  von
Heinrich  Gebauer  (siebenter  Band  des  von  G.  A.  von  Klöden  und
Richard  Oberländer  herausgegebenen  „Unser  deutsches  Land  und  Volk“)
Leipzig,  Spamer,  1883,  geben  eine  Zusammenstellung  des  Vorhandenen
über  Gebirge,  Mlanzen-  und  Thierwelt,  Klima,  Verkehr,  Bevölkerung
und  deren  Erwerbsquellen,  Bergbau,  Industrie  u.  s.  w.

Ein  besonderes,  in  der  neueren  Zeit  vielfach,  und  mit  Erfolg
gepflegtes  Gebiet  bildet  die  Dialekt-Litteratur.  Alte,  vorhandene
  Geschichten  und  Gedichte  in  der  Mundart  des  Volkes  zu
erhalten,  neue,  ansprechende  daran  zu  fügen,  und  auf  diese  Weise  die
Liebe  zur  Heimath,  ihren  Sitten  und  Gebräuchen  zu  kräftigen,  ist
ihre  Aufgabe;  nicht  ohne  Erfolg  ihr  Wirken.

Alte  und  neue  Gedichte  und  Geschichten  in  erzgebirgischer
  Mundart.  Annaberg.  Graser.  (8  Hefte).

Dieselben  schildern  den  Erzgebirger  wie  er  war  und  wie  er  noch
ist.  Den  Gedichten  des  Anfang  dieses  Jahrhunderts  in  Annaberg
lebenden  Kürschnermeisters  J.  G.  Grund  schließen  sich  die  Lieder  des
Breitenbrunner  Pfarrers  Wild,  des  Johanngeorgenstädter  Schuldirektors
  Röder  an,  des  hervorragenden  Pflegers  der  heimischen
Dichtung  in  erzgebirgischer  Mundart.  Auch  Dr.  Göpfert  hat  eine
        <pb n="162" />
        —  154  —

Reihe  gemüthvoller  und  sinniger  Gedichte  (ungenannt)  beigetragen.
Im  Allgemeinen  bezeugen  alle  diese  Gedichte  und  Geschichten  die  stille
Zufriedenheit,  das  heimathliche  Behagen  und  den  munteren,  frischen
Humor,  sowie  die  Rede=  und  Denkweise  des  Erzgebirgers.  Das  8.  Heft
giebt  eine  Reihe  von  Bildern  „aus  der  verwörrten  Zeit“  1848  und
1849.  Annaberg  bildet  thatsächlich  den  Mittelpunkt  des  östlichen  Obergebirges,
  Johanngeorgenstadt  den  am  weitesten  vorgeschobenen  des
westlichen  Obergebirges,  welches  eigentlich  in  Schneeberg,  zum  Theil
aber  auch  in  Eibenstock  die  Centrale  seines  geistigen  Lebens  hat.  Alles,
was  sich  auf  Kunde  des  Gebirges  und  seiner  Erschließung  bezieht,
findet  in  Annaberg  und  Schneeberg  Beachtung  und  Pflege.

Aus  dem  niederen  Gebirge  sind:  Rendjeh  Deibchen  cc.
uff  der  Litzelhöhe  2c.  von  G.  A.  Meister  (Frankenberg)  und
„Aus  den  Bauernstuben  des  Zschopauthales“  von
W.  Werner  (Mittweida)  zu  nennen.  Allerdings  hätte  No.  11  „Im
Uengerdorf“  gestrichen  werden  müssen.

Eine  wahre  Perle  der  Dialektdichtung  ist:  „Unera  Hamet“
(Heft  7  der  Gedichte  und  Geschichten  in  erzgebirgischer  Mundart).

Wenn  Anr  ins  Gebörg  rauf  kimmt  Na,  na,  ihr  Leit',  fu  is  fei  net,

Dort  aus  n  Niedrland,  Es  is  viel  aursch  wurn,
Do  möchtr  Alles  ah  su  sah,  Es  wärd  in  darer  itzing  Zeit
Wie  sinst  in  Bichru  stahnd.  Ka  settß  alts  Zeig  geburn.

Do  sölln  da  altn  Hammrschmied  Gebliem  sei  när  de  alten  Barg,
In  gedn  Nast  rim  stih,  Es  Wassr  un  dr  Wind,

Un  Klipplmad'  mit  Klippelsöck  Da  Menschn  sei  was  Anrsch  wurn,
När  eitl  hutzn  gih.  Dos  waß  gedwedig  Kind.

A  Wammes  un  da  Pudlmitz  Gebliem  is  ah  da  alta  Sproch
Un  ah  da  Ladrhus,  Noch  bun  a  feins  paar  Leit,
Dos  sölln  da  ganzn  Leit  noch  trong,  Sa  schnadln  odr  egal  dra
Geleich,  öb  kla,  öb  gruß.  In  darer  itzing  Zeit.

Do  söll,  wenn  ah  schuh  Summer  is,  Gebliem  is  ah  dr  viela  Reeng
Dr  Schnee  zennstrim  noch  lieng,  Un  is  halt  egal  reg

Da  Kuhlubrennr  batzuweis  Is  gu  wos  lus  in  Annebarg,
In  dickn  Wald  rim  krieng!  Do  hot's  ah  Niedrschlög.

Gebliem  is  odr  ah  noch  wos
In  unrn  wing  Geblit,
Un  söll  ah  bleim  wie  unra  Barg;
2  orndlich  guts  Gemit!  Röder.
        <pb n="163" />
        —  155  —

Eine  besondre  Gattung  bildet  das  Volkslied.

Schlichte,  einfache,  aber  doch  ergreifende  Singweisen;  alte,  vielfach
  veränderte  und  verstümmelte,  traditionell  übernommene  und
weitergegebene  Texte;  volksmäßig  gedacht  und  gefühlt.)

Aber  das  Volkslied  ist  zweifellos,  wenn  nicht  im  Aussterben,  so
doch  im  Rückgange.  Mancherlei  greift  zusammen,  um  dem  Volksgesang
  immer  mehr  Boden  zu  entziehen.  Die  Gesangvereine,  welche
aus  derselben  Neigung  des  Volkes  hervorgegangen  sind,  wie  das
Volkslied,  thun  eigentlich  dem  Volksliede  selbst  den  größten  Abbruch.

Den  ersten  Versuch,  das  Volkslied  zu  sammeln,  so  weit  es  noch
lebt,  bilden  die  „Volkslieder  aus  dem  Erzgebirge“.
Allerdings  ist  auch  in  dieser  Sammlung  die  Benennung  Volkslied
überaus  freigebig  ausgetheilt  worden.  Vor  allem  müssen  Text  und
Melodie  volksthümlich  und  untrennbar  sein.  Die  Soldaten=  und
Kriegslieder  gehören  dem  ganzen  deutschen  Vaterlande  an;  sie  sind
nicht  erzgebirgisch.  Nächstdem  ist  eine  Anzahl  alter  und  bekannter
Lieder  nur  lokal  abgeändert.  Der  litterarische  Werth  dieser  Sammlung
ist  trotzdem  aber  sehr  bedeutend,  da  ein  großer  Theil  der  Lieder  nur
noch  von  alten  Leuten  gekannt  wird  und  die  Dialektformen  im  Absterben
  begriffen  sind.  Die  kunstlosen,  frischen  und  gut  gedachten
Tschumperlieder,  sowie  die  Kinderlieder  und  Kinderspiele
  kann  man  man  als  das  vorzüglichste  der  Sammlung  bezeichnen.
Dieselbe  hat  auch  sehr  anerkennende  Beurtheilung  gefunden.  (Grenzboten
  u.  s.  w.)

Jedes  Gebirgsvolk  hat  auch  eine  reiche  Sagenwelt.  Im
Erzgebirge  herrscht  eine  schwer  bestimmbare,  nach  vielerlei  Richtungen
hin  sich  kundgebende  Vielgeisterei  vor.  Es  ist  eine  Sagenfülle;  es
giebt  eine  Unzahl  von  Wald-,  Berg-,  Haus-,  Burg=  und  Poltergeistern;
die  Mehrzahl  der  Erzgebirgssagen  lehnt  sich  aber  an  den  Bergbau
und  das  Bergmannsleben  an.  .

Der  bergmännische  Beruf  mit  seinen  zahlreichen  Ueberlieferungen
bringt  ja  überhaupt  leicht  abergläubische  Vorstellungen  mit  sich.“*)  Das
nächtliche  Dunkel  und  die  Einsamkeit  des  Schachtes  regen  mit  ihrer
tiefen  Stille,  zu  welcher  ja  jedes  Geräusch  in  starken,  leicht  schauererregendem
  Gegensatz  tritt,  die  Phantasie  des  Menschen  außerordentlich
an.  Die  Bedingungen,  welche  die  Entstehung  bergmännischer  Sagen
begünstigen,  sind  allerwärts  fast  genau  dieselben;  daher  die  Aehnlich--keit
  aller  Bergmannssagen.  Die  Sagen,  welche  mit  dem  Bergbau,

*)  Volkslieder  aus  dem  Erzgebirge.  Gesammelt  und  herausgegeben.
von  Dr.  Alfred  Müller.  Annaberg.  Graser.  1883.

Das  Volkslied  im  Erzgebirge  Glückauf  (Zeitschrift)  1883.  S.  11.

*:)  Bergmännische  Sagen.  Fr.  Wrubel.  Freiberg,  Craz  &amp;amp;  Gerlach.  1883.
        <pb n="164" />
        —  156  —

und  zwar  ausschließlich  mit  dem  Erzbergbau,  niemals  mit  dem  Kohlen-—
bergbau  in  Verbindung  stehen,  behandeln  die  Auffindung  der  Erzadern,
den  Berggeist,  die  Venediger  und  Wahlengänger  oder  örtliche  Vorkommnisse.
  M.  Chr.  Lehmann  widmet  den  Anzeichen  und  Vorbedeutungen,
oder  wie  er  sagt  „den  Ominibus  und  Ahnungen“  breiten  Raum.
Träume,  Unruhe,  Klopfen,  Fallen,  Heulen,  Wehklagen,  Lichtauslöschen,
Rabengeschrei,  Käutzchenruf  —  Alle  erhalten  ihre  besondere  Deutung.
Die  „Heimlichkeiten  der  Natur“  werden  hervorgehoben  ..  „so  zogen
auf  dem  Freihäusel  bei  Grünstädtel  die  magnetischen  Wacken  vier
Spindenägel  aus“  ..  .  „Exempla  der  festgemachten  Menschen  sind
überall  bekannt“.  .  Sympathie  und  Hausmittel  werden  mitgetheilt,
so  das  Forttragen,  Weggießen  oder  Verscharren  der  Krankheit,  das
Vertreiben  von  Warzen  und  Ausschlägen,  Zaubermittel  und  abergläubischen
  Kuren,  die  Macht  der  Drudenfüße  und  anderer  „altvettelischen
  Lappalien“",  das  Erscheinen  von  Gespenstern  und  das
Wiederkommen  der  Todten.  Lehmann  sagt  auch:  „Es  ist  eine
alte  Rede,  als  ob  Zwärglein  oder  Männlein  im  Gebirge  gewohnet,
und  sich  endlich  beklagt,  sie  müßten  wegziehen,  denn  sie  das  Puchen
auf  den  Eisenhämmern  und  Zwittergebäuden  nicht  hören  und  vertragen
  könnten“".  „Allein  dieß  Alles  ungeachtet",  fügt  er  bei,  „halte
ich  diese  Zwärgtradition  für  ein  Altweiber-Mährlein“.  Er  zählt  die
Bergzwärge  auf,  die  Holzmännel  und  Holzweibel,  die  Klagweiber,
Feuerschwalben,  Jüdel  (Gittel),  Erdhennen,  Wassernixe,  Bergkobolde
  u.  s.  w.

Der  Sagenkreis  des  Erzgebirges  wird  von  Dr.  J.
E.  A.  Köhler  in  seinem  Sagenbuche')  ausführlich  behandelt.  Mit
hervorragender  Sorgfalt  ist  Alles  gesammelt,  was  in  denselben  gehört,
  oder  an  denselben  herantritt.  Die  Sagen  sind  nach  verschiedenen
Gattungen  zusammengestellt  und  bringen  Alles,  was  überhaupt  auf
dem  Gebirge  in  Schrift  und  Ueberlieferung  zu  finden  ist.  Es  sind
die  Sagen  von  Spukgeistern  und  Gespenstern  mit  ihren  Einzelnheiten
vom  wüthenden  Heer,  dem  wilden  Jäger,  Reiter  ohne  Kopf,  der
weißen  Frau  (Jungfrau,  Fräulein),  dem  schwarzen  Mann,  dem  schwarzen
(feurigen)  Pudel,  Hunde,  Hähne,  Hasen;  ferner  die  Sagen  von
Zwergen,  grauen  Männlein,  Hausgeistern,  Klopfen  und  Wehklagen,
von  Waldteufeln,  Waldgeistern,  Holzweibeln,  Buschweibeln,  Moosmännchen,
  Wassernixen,  Kobolden,  Irrlichtern,  Fackeln,  Drachen,  die
Teufelssagen,  Zaubersagen  und  Schatzsagen  (mit  ihren  Goldpfannen,
Schatzkellern  u.  s.  w.,  in  Burgen,  Brunnen,  Felsen  u.  s.  w.)  die

*)  Sagenbuch  des  Erzgebirges.  Von  Dr.  Joh.  Aug.  Ernst  Köhler,

erstem  Oberlehrer  am  Königl.  Seminar  in  Schneeberg.  Schneeberg  u.  Schwarzenberg.
  Gärtner.  1886.  -
        <pb n="165" />
        —  157  —

Schatzgräbersagen,  die  Wundersagen,  mit  ihren  verschiedenen  Träumen,
Anzeichen,  Wunderblumen  2c.,  die  Völker-,  Helden=  und  Geschlechtssagen;
  die  zahlreichen  Ortssagen  mit  ihren  Beziehungen  auf  die  Entstehung
  und  Benennung  von  Orten,  Familiennamen  und  Familienwappen,
  von  Wüstungen,  Ruinen,  Denksäulen,  Kreuzen  u.  s.  w.,  sowie
die  zahlreichen  bergmännischen  Sagen  über  die  Entdeckung  von  reichen
Anbrüchen  und  Erzen,  über  den  Bergsegen  an  Silberkuchen  und
Silberstufen,  die  Wünschelruthe,  die  Wahlen  und  Venediger,  den  Berggeist,
  gespenstigen  Bergmann,  Kobold  u.  s.  w.  in  systematischer  Weise
zusammengestellt  und  erläutert.  Leider  fehlt  diesem  vortrefflichen
Sammelwerk  ein  Register,  um  den  Gebrauch  und  die  Vergleichung
zu  erleichtern.  Dessen  ungeachtet  wird  dasselbe  für  den  Sagenkreis
des  Erzgebirges  seine  hervorragende  und  ausschließliche  Stelle  behaupten.

Eine  sehr  eingehende  Abhandlung  über  den  Aberglauben
der  Erzgebirgsbewohner  (Schicksalszeiten,  Schicksalszeichen,  Naturerscheinungen,
  Wahrsagekunst,  Zaubermittel,  Geister,  Gespenster,  gespenstige
  Thiere),  sowie  über  Sitten  und  Gebräuche  (das  Jahr  mit
seinen  kirchlichen  und  häuslichen  Festen,  Oeffentliche  Feste,  Trachten,
Gebräuche  in  Haus  und  Familie)  giebt  Dr.  Moritz  Spieß  im  Programm
  der  Annaberger  Realschule  1862.

14.  Litteratur.

Die  Litteratur  über  das  Erzgebirge  ist  eine  sehr
reichhaltige;  die  Erzeugnisse  derselben  haben  aber  einen  außerordentlich
verschiedenen  Werth.  Es  können  hier  allerdings  nicht  sämmtliche
Schriften  aufgeführt  werden,  welche  über  das  Erzgebirge  oder  einzelne
Theile  desselben  erschienen  sind.  So  weit  sie  in  Frage  kommen,  sollen
alle  Schriften,  welche  nur  ein  beschränkteres  Territorium  behandeln,
an  der  betreffenden  Stelle  Erwähnung  finden;  hier  sollen  nur  diejenigen
  Werke  aufgeführt  werden,  welche  ein  allgemeineres  Interesse
beanspruchen.

Abgesehen  von  der  großen  Zahl  geographischer  Werke,  in  denen
das  Erzgebirge  eine  mehr  oder  weniger  eingehende,  sachgemäße  und
richtige  Darstellung  findet,  mögen  genannt  werden:

Petrus  Albinus,  Meißnische  Land=  und  Berg-Chronica.
Dresden  1589.
D.  J.  Merkel,  Erdbeschreibung  von  Kursachsen.  Bearbeitet  von
K.  A.  Engelhardt.  3.  Auflage.  (7  Bde.)  Leipzig  1804.  —
JFWCha·rpentiers,MineralogischeGeographieder«Kursächsischen

  Lande.  Leipzig  1778.
        <pb n="166" />
        —  158  —

Das  älteste  Werk,  welches  sich  ausschließlich  mit  dem  Erzgebirge
beschäftigt,  ist
M.  Christian  Lehmanns  sen.  Historischer  Schauplatz  derer

natürlichen  Merkwürdigkeiten  in  dem  Meißnischen  Obererzgebirge  2c.
Leipzig,  Lanck's  Erben.  1699.7)  «

Obgleich  Lehmann  sich  auf  den  westlichen  Theil  des  Obergebirges,
den  Bezirk  der  Superintendentur  Annaberg  beschränkt,  ist  der  Historische
Schauplatz  unzweifelhaft  als  ein  Quellenwerk  von  hohem  Werthe
für  die  Heimathkunde  des  Erzgebirges  zu  bezeichnen.  Mit  der  Ge—
schichte  der  frühesten  Besiedelung  beginnend,  giebt  er  zahlreiche  Details
über  Lokalgeschichte,  Topographie,  Statistik.  Er  beschreibt  den  Boden
und  die  klimatischen  Verhältnisse,  die  Erzeugnisse  des  Landes,  Pflanzen,
Thiere,  Mineralien;  aber  er  legt  auch  den  Grund  zu  jenen  über—
triebenen  Darstellungen  der  erzgebirgischen  Verhältnisse  und  Zustände,
wenn  er  das  rauhe,  wilde,  unwirthliche  Land,  die  unermeßlichen
Wälder,  die  tückischen  Sümpfe,  die  schroffen  Felsengebilde,  die  wildreißenden
  Waldbäche,  die  schlimmen  Wetter  und  bösen  Nebel,  die
gefürchteten  Schneestürme  u.  s.  w.,  den  geringen  Verkehr,  die  wenigen
und  schlechten  Straßen  immer  vorwiegend  betont,  und  Ansiedelungen
und  Städte  nur  dort  finden  läßt,  wo  der  reiche  Bergsegen  zu  Tage
tritt.  „Man  erkennt  das  Land  gar  nicht  wieder,  wenn  man  liest,
„was  es  für  eine  grauenhafte  Wildniß  gewesen  ist.“

Bemerkenswerth  ist  noch  die  Angabe  der  Reviereintheilung  des
Obergebirges  von  1607,  erneuert  1677,  und  die  Aufzählung  der
Straßen  und  Wege  über  das  Gebirge.“*)

Die  landschaftlichen  Schönheiten  des  Erzgebirges  und  seine
Reize  für  den  Wanderer  sind  überhaupt  erst  seit  etwa  hundert  Jahren
entdeckt  worden.

*)  M.  Christian  Lehmann  wurde  am  11.  November  1611  in  Königswalde
bei  Annaberg  geboren.  Sein  Vater  war  dort,  und  später  in  Elterlein  Pfarrer,
wo  Lehmann  1633  Substitut  seines  Vaters  wurde.  Im  Jahre  1638  kam
Lehmann  als  Pfarrer  nach  Scheibenberg,  wo  er  nach  fast  51jähriger  Wirksamkeit
am  11.  Dezember  1688  starb.  Außer  den  kaum  zu  ertragenden  Drangsalen  des
30jährigen  Krieges,  welche  er  in  einem  auf  der  Dresdener  Bibliothek  noch  vorhandenen
  Manuskript  „Kriegschronik  der  Teutschen“  mit  peinlicher  Genauigkeit
  darstellt,  hatte  er  auch  in  seinem  Amte  „viel  Plackereien  von  bösen
Leuten“  auszustehen.  Sein  Bildniß  befindet  sich  in  der  Kirche  zu  Scheibenberg;
nuf  dem  dortigen  Kirchhofe  ist  eine  Reliefdarstellung  von  ihm  und  seiner  Frau
in  der  Tracht  der  Zeit.  (Erinnerungsfeier  am  11.  Dezember  1888.)

»*)]  Dr.  Johannes  Poeschel,  Eine  erzgebirgische  Gelehrtenfamilie.
Leipzig,  W.  Grunow.  1883.

Glückauf  (Jahrbuch)  1884,  S.  100  ff.  Christian  Lehmann.  Z

Glückauf  (Jahrbuch)  1886,  S.  48  ff.  Leipzig,  Pfau.  Eine  erzgebirgische
Gelehrtenfamilie.
        <pb n="167" />
        —  159  —

Vorher  wußte  Niemand  Anderes  von  ihm  als  Mährchen  von

seiner  Wildheit  und  Rauhheit,  von  seinem  Reichthume  an  edlen
Metallen,  von  der  Armuth  und  Hülfsbedürftigkeit  seiner  Bewohner,
von  Berggeistern  und  allerhand  Spuk,  von  Kälte,  Schnee,  Sturm
und  Unwetter,  von  nicht  einzubringenden  Ernten,  Haferbrot,  Hungerjahren
  u.  s.  w.
Die  wandernden  Kuxausträger  und  Zubußboten,  die  mit  Olitäten
und  Wundermedizinen  das  Land  durchziehenden  „Landrasenden“,  die
Hausirer  mit  Blechzeug  und  Klöppelspitzen,  die  mit  mechanischen
Bergwerken  oder  als  Musikanten  sich  durch  die  Welt  schlagenden
Bergleute  und  viele  Andere  mehr  brachten  zahllose  verkehrte  und
mangelhafte  Vorstellungen  über  Land  und  Leute  in  Umlauf.

Ebenso  wie  Lehmann  die  Verherrlichung  seines  Heimathlandes
für  eine  der  höchsten  Aufgaben  eines  Schriftstellers  anerkannte,  und
insbesondere  sein  geliebtes  Erzgebirge  unverdrossen  durchwanderte  und
Berge  und  Wälder,  Zechen  und  Hammerwerke,  Dörfer  und  Städte,
Schriften  und  Urkunden  durchforschte;  ebenso  giebt  hundert  Jahre
später  Oesfeld  seiner  Vorliebe  für  das  Gebirge  freien  Raum.

M.  G.  F.  Oesfeld,  Historische  Beschreibung  einiger  merkwürdiger
Städte  im  Erzgebirge,  insonderheit  der  hochgräflich  Schönburgischen
freien  Bergstadt  Lößniß  im  Erzgebirge  mit  ihren  umliegenden
Gegenden.  2  Theile.  Halle,  Trampe.  1776.

Außer  einer  sehr  eingehenden  Chronik  von  Lößnitz  bietet  derselbe,
besonders  im  2.  Theile,  Nachrichten  über  fast  alle  Städte  des  westlichen
  Erzgebirges  und  sehr  bemerkenswerthe  Ergänzungen  zu  Lehmann,
hier,  wie  im  Erzgebürgischen  Zuschauer.  Halle  1773.  1774.

Oesfeld  versteigt  sich  sogar  zu  landschaftlichen  Schilderungen,  was
bis  dahin  bei  keinem  der  Gebirgsschriftsteller  zu  verzeichnen  ist.

„Mein  gewöhnlicher  Spatziergang,"  schreibt  er,  „geht  durch  ein
ruhiges  Thal,  welches  auf  beiden  Seiten  mit  Bergen  umschanzt  ist,
und  das  ein  schwatzhafter  Bach  durchstreicht.  Bunte  Wiesen  breiten
sich  über  die  Aue,  Fichten  und  Buchen  umsäumen  dieselbe  und  Berge
und  Wälder  begrenzen  den  Horizont,“  und  zum  Schlusse  fügt  er  zusammenfassend
  an:  „Wir  haben  im  Gebirge  sehr  schöne
Gegender.“  «

Die  allerdings  zwanzig  Jahre  vorher  erschienenen
M.  C.  G.  G.  (Magister  Christoph  Gottlob  Grundig)

Nachrichten  und  Anmerkungen  von  seiner  Reise  ins  Carlsbad.

2  Bde.  Schneeberg  1752.  Rückreise  aus  dem  Carlsbad.  Schneeberg
  1756  ·
geben  eine  Reihe  recht  guter  Darstellungen  über  die  Verhältnisse  im
        <pb n="168" />
        —  160  —

Obergebirge  auf  dem  Straßenzuge  zwischen  Schneeberg  und  Carlsbad

und  dessen  nächsten  Umgebungen,  athmen  aber  keineswegs  großes

Wohlwollen  für  das  Gebirge,  trotzdem  der  Verfasser  selbst  im  Ge—

birge  lebt.  Die

Briefe  über  das  Sächsische  Erzgebirge.  Leipzig,  Kühn.
1805,  und

Karl  Ruhheim,  Reise  durch  das  Erzgebirge.  Leipzig,  Schäfer.
1805  -

sind  wohl  nur  noch  in  ganz  vereinzelten  Exemplaren  vorhanden.

Ueber  die  Letztere  bringt  das  Glückauf  (Organ  der  Erzgebirgsvereine).

1883,  S.  94  ff.  und  1884,  S.  6  ff.  in  acht  Briefen  einen  sehr

lesenswerthen  Auszug.

C.  G.  W.  (Wild),  Interessante  Wanderungen  durch  das
Sächsische  Obererzgebirge.  Freiberg,  Craz  &amp;amp;  Gerlach.  1809,  schreibt:

„Manche  haben  keinen  Stein  des  Sächsischen  Obererzgebirges
gesehen,  und  schwatzen  dennoch  wie  viele  Andere;  dieß  rührt  von  den
übertriebenen  Mährchen  unberufener  Erzähler  her,  und  derzenige,
welcher  sich  vorher  keinen  Begriff  von  dem  oberen  Erzgebirge  und
der  natürlichen  Beschaffenheit  desselben  machen  konnte,  wird  von
kleinen  Vorurtheilen  und  überspannten  Ideen  angefüllt.“)

Die  heute  noch  interessanten  Schilderungen  der  Gegenden  von
Johanngeorgenstadt,  Wildenthal,  Eibenstock,  Schneeberg,  an  welche  sich
die  besonderer  Gebräuche  und  Sitten  anschließt,  ist  leider  nicht  fortgesetzt
  worden.

Von  hervorragendem  Werthe  für  Geschichte,  Geographie  und
Statistik  des  Erzgebirges  ist
C.  W.  Hering  (Pastor  zu  Zöblitz),  Geschichte  des  Sächsischen

Hochlandes,  mit  besonderer  Beziehung  auf  das  Amt  Lauterstein
und  angränzende  Städte  2c.  3  Bde.  Leipzig,  Ambros.  Barth.  1828.

Es  wird  wenige  Schriften  geben,  welche  in  Bezug  auf  Sorgfalt
der  Bearbeitung,  zuverlässige  Benutzung  der  vorhandenen  Quellen  und
übersichtliche  Darstellung  mit  dieser  in  die  Schranken  treten  können.
Besonders  für  das  Gebiet  der  Flöha  und  den  ihren  Quellenbereich
umfassenden  Theil  des  Gebirges  ist  dieses  Werk  die  ergiebigste  Fundgrube
  für  jegliche  Forschung.

Die  im  Jahre  1840  erschienenen
Wanderungen  durch  das  Erzgebirge.  Ein  Wegweiser  in

das  obere,  mittlere  und  niedere  Gebirge  2c.  mit  8  Lithographien

*)  Vergl.  Worauf  beruhen  die  falschen  Vorstellungen  von  unserem  Erzgebirge
  2c.  Dr.  Köhler.  Glückauf  (Zeitschrift)  1886  S.  25  ff.
        <pb n="169" />
        —  161  —

Grimma,  Verlagscomptoir.  1840.  (Wahrscheinlich  von  Dr.  Ferdinand
Philippi),
bilden  nur  einen  Anlauf  zu  einem  Wanderbuche  für  das  Erzgebirge.

„Noch  bis  heute,“  schreibt  der  Verfasser,  „fehlt  es  an  einem
„kundigen  Führer  durch  unser,  zum  Theil  so  reizendes  und  romantisches
„Hochland,  auf  dessen  Bergen  die  Einfachheit  und  Biederkeit,  die  Ge-„nügsamkeit
  und  der  Fleiß  so  vorzugsweise  ihren  Wohnsitz  aufgeschlagen
„haben.  Und  doch  bieten  seine  mannigfaltigen  und  vielfach  wechselnden
„Naturschönheiten,  seine  bewundernswerthen  und  kunstvollen  unterirdischen
„Schöpfungen,  in  welchen  der  arme  Bergmann  die  reichen  Schätze
„der  Unterwelt  aufsucht,  und  aus  nächtlichem  Schooße  mühevoll  zu
„Tage  fördert,  ohne  selbst  davon  über  das  kümmerliche,  tägliche  Be-„dürfniß
  hinaus  zu  empfangen,  doch  bietet  dies  alles  eben  so  sehr
„als  seine  zahlreichen  Stätten  rastlosen  Gewerbfleißes  so  viel  des
„Anziehenden  und  Sehenswerthen  dar.“

Die  Gegenden  von  Wieslsenthal,  Scheibenberg,  Schwarzenberg,
Aue,  Schneeberg;  von  Frauenstein,  Ober-Neuschönberg,  Lengefeld,
Wolkenstein,  Annaberg;  von  Zwickau,  Glauchau,  Langenlungwitz,
Chemnitz,  Augustusburg,  Freiberg,  mit  ihren  Industrien  und  Bewohnern
werden  in  anmuthiger  und  anziehender,  wenn  auch  keineswegs  erschöpfender
  Weise  geschildert.

J.  J.  Lindner,  Wanderungen  durch  die  interessantesten  Gegenden
des  Sächs.  Obererzgebirges  2c.  Annaberg,  Rudolf  &amp;amp;  Dieterici.  1846

brachte  es  leider  nur  auf  drei  Hefte  mit  12  Ansichten.  Dagegen  ist

Grimm,  Das  sächsische  Erzgebirge,  malerisch,  historisch  und  artistisch
durchwandert  2c.,  mit  1  Karte  und  50  Stahlstichen.  Dresden,
Grimm.  1847

ein  recht  brauchbares,  wenn  auch  höheren  Ansprüchen  nicht  genügendes

Wanderbuch  durch  das  Gebirge.  Die  Schilderungen  fußen  zum

größten  Theile  auf  eigener  Anschauung,  und  während  Grimm  warm

für  die  Schönheiten  des  Erzgebirges  eintritt,  wundert  er  sich,  daß

noch  Niemand  die  Schönheiten  dieses  Gebirges  beschrieben  hat.

Außerordentlich  beifälliger  Aufnahme  erfreuten  sich

Berthold  Sigismund,  Lebensbilder  vom  Sächsischen  Erzgebirge.

Leipzig,  Lorck.  1859.

Selten  aber  hat  ein  Schriftsteller  einen  Landstrich,  welchen  er
darstellte,  derart  geschädigt,  wie  Berthold  Sigismund  das  Erzgebirge.
Während  er  von  den  Bewohnern,  ihren  Sitten  und  Gebräuchen,  ihren
Beschäftigungen  und  Industrien  sehr  eingehende  und  fast  mustergültige
Darstellungen  giebt,  behandelt  er  das  Landschaftliche  und  den  Formenreichthum
  des  Erzgebirges  mit  einer  nahezu  feindseligen  Vorein-11
        <pb n="170" />
        —  162  —

genommenheit,  welche  sich  blos  dadurch  erklären  läßt,  daß  er  nur
wenig  vom  Erzgebirge  selbst  gesehen  hat.

Wenn  Berthold  Sigismund  sagt:  „Eine  eigentliche  Touristen-„landschaft
  ist  das  Erzgebirge  nun  nicht..  .  Es  hat  keine  trotzigen,
„imposanten  Berge,  keine  Wolfsschluchten  mit  abenteuerlichen  Felsen
„und  tosenden  Wasserfällen  ..  überhaupt  Wenig  oder  Nichts,  bei
„dessen  Anblick  der  verwöhnte  Tourist  in  Beifallsrufe  ausbrechen
„würde  .  .  .  .  Die  Thäler  sind  mehr  traulich  und  gemüthlich,  als  groß
„und  wild  .  .  ..  Die  nicht  zahlreichen  Thäler  werden  von  den  weiten
„Bergjochen  dem  Auge  verdeckt.  .  .  .  Das  Erzgebirge  erscheint  wasser-—
„arm  .  .  Die  Flüsse  der  Thäler  entziehen  sich  dem  Auge,  die  Bäche
„der  Hochfläche  sind  klein,  statt  der  Seen  nur  einzelne  künstlich  an—
„gelegte  Teiche  ..  Die  düstergrünen  Nadelhölzer  liegen  zerstreut
„Torfmoore  in  den  flachen  Mulden  an  Stelle  der  ehemaligen  Seen.“

Fast  jede  Zeile  ein  Irrthum.  Anders  urtheilt  er  über  die  Umgebungen
  von  Eibenstock,  welche  er  jedenfalls  selbst  besucht  hat.  „Hier
„machen  sich  die  Elemente,  welche  den  größten  Reiz  des  Erzgebirges
„bilden,  entschiedener  geltend.  Das  sind  die  Thäler.  In  diesen  sind
„schön  modellirte  Terrainformen,  reizende  Windungen,  sanfte  Wellen-„linien
  unterbrochen  von  schroffen  Abstürzen,  reichlich  vorhanden.
„Rasch  fließendes  Wasser  spielt  oder  ringt  mit  Felsblöcken;  dunkles
„Fichtengrün  paart  sich  mit  den  mannigfachen  Tinten  von  Wiesen
„und  Laubbäumen.“

Vor  Allem  darf  man  in  einem  Mittelgebirge  keine  Hochgebirgslandschaften
  suchen.

Die  mannigfachen  Mängel  und  Fehler  von  Berthold  Sigismund's
Lebensbildern  sollten  durch  Elfried  von  Taura,  Wander-)
ungendurchdas  Erzgebirge,  Annaberg,  Nonne,  1860  berichtigt
und  auf  das  entsprechende  Maß  zurückgeführt  werden,  das  gelang
jedoch  bei  der  außerordentlich  starken  und  schnellen  Verbreitung  des  überaus
  wohlfeilen  Sigismund'schen  Buches  nur  in  sehr  beschränktem  Maaße.

Das  Wanderbuch  von  Elfried  von  Taura  (August  Peters,  geb.
1817  in  Taura  bei  Burgstädt,  gest.  1864,  nach  einem  vielbewegten
Leben")  war  ein  recht  guter,  jetzt  vollständig  vergriffener  Führer  durch
das  sächsische  Erzgebirge.  Es  mag  von  späteren  Reiseschriftstellern
vielfach  benutzt  worden  sein.

A.  Weymann,  Führer  durch  das  böhmische  Erzgebirge  2c.,  Karlsbad,
  Feller.  (Ohne  Jahrzahl).

B.  Berlet,  Wegweiser  durch  das  Sächsisch-Böhmische  Erzgebirge.
Sechste  Auflage.  Annaberg,  H.  Graser.  1889.

*)  Vergl.  Glückauf  (Jahrbuch)  1886.  Leipzig,  Pfau.  S.  48  ff.
        <pb n="171" />
        —  163  —

Die  erste  Auflage  erschien  1872,  die  zweite  1876,  die  dritte
1880,  die  vierte  1884,  die  fünfte  1888.  Das  Buch  hat  bei  jeder
Auflage  an  Brauchbarkeit  und  Werth  gewonnen.

Von  allgemeiner  Bedeutung  sind  noch
E.  Tobisch,  Prof.,  Industrielle  Wanderungen  im  Erzgebirge.

Reichenberg,  Schöpfer.  1874.

(wenn  auch  vorwiegend  auf  böhmischem  Gebiete  sich  bewegend);

Dr.  R.  Steche,  Beschreibende  Darstellung  der  älteren  Bau-  und
Kunstdenkmäler  des  Königr.  Sachsen.  Vom  K.  S.  Alterthumsvereine.
  Heft  1  bis  mit  7.  Dresden,  Meinhold.  1883—1886.

Die  Berichte  der  Handels=  und  Gewerbekammern  von
Dresden,  Chemnitz  und  Plauen  in  den  Jahrgängen  1865  bis  mit
1887  (für  die  technischen  und  industriellen  Verhältnisse).

Verschiedene  ältere  und  neuere  Anläufe  zu  einem  Werke  über
das  ganze  Erzgebirge  sind  mitten,  zum  Theil  sogar  schon  im  Beginn
  der  Ausführung  stecken  geblieben;  aber  auch  zahlreiche  Wegweiser,
  Führer  und  Reisehandbücher  für  kleinere  und  größere  Theile
des  Gebirges  sind  hier  nicht  aufgezählt  worden,  weil  es  sich  nicht
darum  handelt,  ein  ausführliches  Verzeichniß  der  gesammten  Erzgebirgslitteratur
  aufzustellen.  Es  genügt  wohl  der  allgemeine  Nachweis,
  in  welchem  Zeitmaße  und  in  welchem  Umfange  das  Erzgebirge
in  der  Litteratur  an  Bedeutung  und  Berücksichtigung  gewonnen  hat.

15.  Karten.

Zur  Geschichte  der  sächsischen  Geographie,  wie  zur  Geschichte  des
Kartenwesens  überhaupt,  ist  es  bemerkenswerth,  daß  der  Diaconus
Johann  Criginger  zu  Marienberg  ohne  alles  Wandern  und  Besichtigen
(wie  er  selbst  sagt)  1568  die  erste  gestochene  Landkarte  von  Böhmen,
Meißen  und  Thüringen  herausgab.  Dieselbe  war  ohne  alle  Beihülfe
und  ohne  jegliche  topographische  Kenntnisse  angefertigt;  wurde  aber
doch  bis  1642  gegen  50  Male  trotz  aller  ihrer  Fehler,  copirt  und
nachgedruckt.

Im  Jahre  1721  erhielt  der  Königl.  Geograph  und  Land-Grenz-Kommissarius
  M.  A.  F.  Zürner  (vorher  Pfarrer  zu  Skaßa
bei  Großenhain)  von  König  Friedrich  August  den  Auftrag,  alle  Landund
  Hauptstraßen  des  Kurstaates  Sachsen  zu  vermessen,  welche  nunmehr
  mit  steinernen  Meilensäulen  versehen  wurden.  Zürner  fertigte
für  den  König  40  General=  und  40  Spezialkarten,  durfte  aber  nur
die  große  Postkarte  vom  Kurfürstenthum  Sachsen  stechen  lassen  und
in  den  Handel  bringen.

11“
        <pb n="172" />
        —  164  —

Der  Kaiserliche  Geograph  Johann  Baptista  Homann  (7  1724)
veröffentlichte  seit  1702  Landkarten,  welche  gegenüber  allen  vorher
erschienenen  sich  durch  Benutzung  aller  Forschungen,  Entdeckungen  und
Ortsbestimmungen  bedeutend  auszeichneten.  Man  muß  anerkennen,
daß  die  von  Homann  und  Homan#'s  Erben  bis  gegen  Ende  des
18.  Jahrhunderts  herausgegebenen  Karten  von  Sachsen  einen  ziemlich
hohen  Grad  von  Zuverlässigkeit  besitzen.

Auch  die  von  Peter  Schenck  in  Amsterdam  (7  1711)  und  seinen
Nachfolgern  herausgegebenen  Karten  sind  für  ihre  Zeit  recht  gut,
obgleich  sie  eigentlich  nur  verbesserte  Nachdrucke  der  Homann'schen
Karten  sind.

Die  nach  Beendigung  des  siebenjährigen  Krieges  veröffentlichte
Karte  von  Obersachsen,  welche  vom  Ingenieurmajor  Petri
während  des  Krieges  aufgenommen  und  gezeichnet  worden  war,  brach
der  Topographie  eine  neue  Bahn,  auf  welcher  seitdem  die  außerordentlichsten
  Fortschritte  gemacht  worden  sind.

Im  Jahre  1821  trat  General  von  Müffling  durch  seine  Instruktion
  für  die  topographischen  Vermessungen
epochemachend  auf.

Das  topographische  Zeichnen  hatte  der  Kadettenlehrer  Johann
Georg  Lehmann  am  bönigl.  sächs.  Kadettenhause  zu  Dresden  zu
einer  neuen,  systematischen  Wissenschaft  entwickelt.  Geboren  1765,
den  11.  Mai,  in  der  Johannismühle  bei  Baruth,  als  Sohn  des  unbemittelten
  Müllers,  lernte  er  die  Müllerei,  nachdem  er  beim  Schmied
zu  Klasdorf,  welcher  gleichzeitig  Kinderlehrer  war,  durch  unermüdlichen
Fleiß  eine  besondere  Fertigkeit  im  Schönschreiben  erlangt  hatte.
1785  von  Werbern  umgarnt,  trat  er  in  das  Regiment  Sachsen-Gotha,
wo  er  bald  zum  Korporal  und  Fourier  aufrückte  und  nach  dem  Einrücken
  des  Regiments  in  Dresden  durch  Hauptmann  Backenberg,
Lehrer  an  der  Kriegsschule,  mit  topographischen  Arbeiten  beschäftigt
wurde.  1793  nahm  Lehmann  als  Sergeant  den  Abschied,  vermaß
ohne  allen  Beistand  26  Quadratmeilen  des  Erzgebirges,  wurde  in
Folge  seiner  topographischen  Leistungen  kurfürstl.  Straßenaufseher  des
Wittenberger  Kreises  und  1798  auf  Veranlassung  des  General
von  Christiani  Leutnant  und  Lehrer  am  adligen  Kadettenhause.  Seit
1806  war  er  im  Quartiermeisterstabe,  zeichnete  sich  1807  bei  der
Belagerung  von  Danzig  aus,  starb  aber  schon  1811  als  Direktor
der  Militär-Plankammer  in  Dresden.

Man  kann  wohl  mit  Recht  behaupten,  daß  der  1811  verstorbene
Major  J.  G.  Lehmann,  der  geniale  Schöpfer  der  topographischen
Bergzeichnungsmethode  bei  senkrechter  Beleuchtung  und  mit  Verdichtung
der  Schraffen  bei  wachsender  Steile  der  Abhänge,  die  Grenze  der
        <pb n="173" />
        —  165  —

natürlichen  Böschungen  nicht  auf  45  Grad  gesetzt  haben  würde,  wenn
er  den  Südabhang  des  Erzgebirges,  und  hauptsächlich  in  der  Centralgruppe,
  näher  kennen  gelernt  hätte.  Man  kann  es  im  Interesse  der
Wissenschaft  nur  beklagen,  daß  der  aus  den  kleinsten  Verhältnissen
sich  heraufarbeitende  Mann  weder  diesen  Theil  des  Erzgebirges,  noch
ein  Stück  Voralpen  kennen  gelernt  hat.  Bei  den  gegenwärtig  leichten,
ausgedehnten  und  billigen  Verbindungen  kann  man  sich  keine  rechte
Vorstellung  davon  machen,  mit  welchen  Schwierigkeiten  und  mit  welchem
Aufwande  das  Reisen  noch  im  ersten  Drittel  dieses  Jahrhunderts
verbunden  war,  und  aus  diesen  Verhältnissen  erklärt  es  sich  doch  hinreichend,
  daß  nur  reisen  konnte,  wer  über  bedeutende  Mittel  zu  verfügen
  hatte.  —  Major  Lehmann  entwickelte  die  Grundsätze  der
horizontalen  Projektion,  der  Einheitlichkeit  des  Maßstabes  für  die
Zeichnungen  und  alle  ihre  Details,  der  senkrechten  Beleuchtung  und
des  Schwärzeverhältnisses  der  Schraffen  an  26  von  ihm  persönlich
aufgenommenen  Quadratmeilen  im  Erzgebirge.  Die  engherzigen  Anschauungen
  über  Grenzverhältnisse  hießen  aber  noch  viele  Jahrzehnte
später  die  topographische  Arbeit  an  den  Grenzsteinen  aufhören,  als
sei  dort  die  Welt  mit  Bretern  verschlagen.  Auch  hieraus  erklärt  sich,
daß  Lehmann  den  Südabhang  des  Gebirges  wenig,  vielleicht  gar  nicht
kennen  lernte.  Bei  der  Zweckmäßigkeit  und  Richtigkeit  seiner  Lehrsätze,
  welche  Napoleon  I.  sofort  ins  Französische  übersetzen  ließ,  würde
es  die  naturgemäße  Folge  seiner  Bekanntschaft  mit  dem  steilen  Südabhange
  des  Erzgebirges  gewesen  sein,  daß  er  den  Schwärzepunkt  der
Bergzeichnungsskala  nicht  auf  45,  sondern  auf  66  3/8  Grad  legte,  die
Höhe  zur  Anlage  wie  2:1.  —  Diese  größte  Steilböschung,  welche
in  vielen  mit  Grasnarbe  überzogenen  Abhängen  der  Alpen  und  Voralpen,
  sowie  in  zahlreichen  Abhängen  der  Mittelgebirge,  wie  z.  B.
am  Südabhange  des  Erzgebirges  und  in  den  Schuttkegeln  des  Klingsteingerölles
  sich  wiederholt,  würde  erst  den  natürlichen  Abschluß  für
die  graphische  Darstellung  gebildet  haben.  Ohne  weiter  in  die  allgemeinen
  Formen  der  Bergzeichnung  einzugehen,  soll  nur  noch  darauf
hingewiesen  werden,  daß  es  gewisse  Böschungswinkel  giebt,  welche  nach
Maßgabe  des  Untergrundes  sich  auf  größerem  Territorium  konstant
wiederholen.

Die  seinerzeit  von  Lehmann  willkürlich  und  in  ungleichen  Abständen,
  mehr  nach  dem  Bedarfe  des  Zeichners  als  nach  Regeln  der
Bergzeichnung  zu  Grunde  gelegten  Horizontalen  würden  schon  damals
die  ihnen  gebührende  Bedeutung  erlangt  haben,  wäre  die  Höhenmessung
  nicht  mit  außerordentlichen  Schwierigkeiten  verbunden  gewesen.
Seit  Verdrängung  des  Quecksilberbarometers  durch  die  verbesserte
Kippregel  und  seit  Verwendung  dieser  letzteren  zum  Messen  von
        <pb n="174" />
        —  166  —

vertikalen  Winkeln  wie  von  Distanzen,  sowie  ferner  durch  die  An—
wendung  von  Sextanten,  Theodolithen  und  Universalinstrumenten  2c.
ist  die  Horizontale  mit  gleichmäßigem  Abstande  —  Isohypse  —  in
die  Kartographie  eingeführt.  In  großen  Maßstäben  macht  man  die
Aequidistantenkarten  durch  Schummerung  übersichtlicher;  in  kleineren
Maßstäben  ist  die  Schummerung  unzweckmäßig,  denn  sie  führt  leicht
zur  Unklarheit  und  Unleserlichkeit  der  Karte.

Alles  bis  zum  Anfange  des  19.  Jahrhunderts  in  kartographischer
Beziehung  Geleistete  übertraf  die  1781  unter  Leitung  des  Ingenieur-Major
  Aster  begonnene,  aber  erst  1825  beendete  Vermessung
von  Sachsen.  Die  Ergebnisse  derselben  sind  in  dem  unter  Leitung
des  als  Generalmajor  verstorbenen  Ingenieur  Oberreit  gezeichneten
und  in  Kupfer  gestocheen  Topographischen  Atlas  von
Sachsen  im  Maßstabe  von  1:57600  d.  n.  Gr.  veröffentlicht
worden.  Die  „Oberreit'sche  Karte“  von  Sachsen,  wie  sie
gewöhnlich  genannt  wird,  ist  zwar  in  manchen  Details  veraltet;  sie
würde  aber  für  den  Fußwandrer  in  erster  Linie  stehen,  sobald  diese
nachgetragen,  besonders  aber,  wenn  ihre  Ausdehnung  über  den  breiten
Grenzstrich  hinaus  ausgedehnt  würde.  Leider  schneidet  sie  mit  der
Landesgrenze  ab,  was  ihre  Brauchbarkeit  für  den  Fußreisenden
wesentlich  beeinträchtigt.  Dagegen  hat  sie  einen  solchen  Reichthum  an
geschichtlichen  und  rein  örtlichen  Benennungen,  daß  sie  in  dieser  Beziehung
  unentbehrlich  wird.  ·-Auch

  die  neuere  Generalstabskarte  im  Maßstabe  von  1:100  000
d.  nu.  Gr.  schnitt  erst  mit  der  Landesgrenze  ab;  dagegen  bieten  die  zehn
Blatt  der  Karte  des  Deutschen  Reiches,  in  dem  gleichen
Maßstabe,  eine  vollständige  Karte  des  Erzgebirges.  (Das  Blatt  1,50  M.)

441  (Altenburg),  442  (Chemnitz),  443  (Dippoldiswalde).

468  (Zwickau),  469  (Annaberg),  470  (Sayda),  471  (Fürstenau).

493  (Johanngeorgenstadt),  494  (Oberwiesenthal).

Für  den  Nordabhang  des  Gebirges,  und  zum  Theil  auch  für
den  nach  Süden  gerichteten  Abhang  desselben,  bietet  die  königl.  sächs.
Generalstabskarte  in  1:25.000  d.  n.  Gr.  die  zuverlässigste  und  eingehendste
  Unterlage.  Von  dieser,  der  „Aequidistantenkarte
des  Königr.  Sachsen“  bedarf  man  allerdings  für  das  ganze
Gebiet  des  Erzgebirges  52  Sektionen  (zu  1,50  M.);  die  Anschaffungen
einzelner  Sektionen  ist  aber  ermöglicht.  Dieses  Kartenwerk  in  seiner
prachtvollen  Ausführung  entspricht  jedenfalls  dem  Ideal  einer  topographischen
  Karte.  Diese  Karte  ist  bis  in  die  kleinsten  Details  vortrefflich
  ausgeführt;  der  Maßstab  ist  jedoch  für  touristische  Zwecke  zu
groß.  Dagegen  eignet  sie  sich  vortrefflich  als  Standortskarte,  um
von  einem  Punkte  aus  Tagesausflüge  u.  s.  w.  bis  in  ihre  Einzeln-
        <pb n="175" />
        —  167  —

heiten  hinein  festzustellen.  Sehr  zu  bedauern  ist,  daß  auf  derselben
zahlreiche  Benennungen  von  Terrainpunkten,  Orts=  und  Waldtheilen  u.  s.  w.
fehlen,  welche  zum  Theil  geschichtlich,  zum  Theil  volksthümlich  sind,
so  daß  die  Orientirung  und  die  Nachfrage  nicht  selten  dadurch  wesentlich
  erschwert  werden.

Die  Spezialkarte  der  k.  k.  österr.  ungarischen
Monarchie  in  1:75  000  d.  n.  Gr.  giebt  in  den  Blättern
Zone  II:  Bodenbach-Tetschen,

Zone  III:  Annaberg-Sebastiansberg,  Teplitz-Dux-Brüx,  Außig-Leitmeritz,

Zone  IV:  Johanngeorgenstadt-Graßlitz,  Kaaden-Joachimsthal,  Kommotau-Saatz

eine  vollständige  Karte  des  Erzgebirgskammes  und  des  böhmischen
Abhanges.  Die  österreichische  Generalstabskarte  in  1I144  000  d.  n.  Gr.
gewährt  in  den  Sektionen  5  (Neudeck),  6  (Kommotau  und  Saazd),
2  (Teplitz  und  Tetschen)  eine  bedeutend  plastischere  Darstellung  des
Gebirges;  sie  ist  auch  in  allen  ihren  Einzelnheiten  recht  zuverlässig;
aber  die  Karte  in  1:75  000  ist  bei  Weitem  reicher  an  Details,  das
Wegenetz  ist  sehr  vollständig,  die  Angabe  der  Waldflügel  und  Schneusen
erleichtert  die  Orientirung  und  zahlreiche  Benennungen  von  Terrainpunkten
  die  Nachfrage  bei  Landesbewohnern.  ··

In  Bezug  auf  die  wiederholt  zu  bemerkenden  Verschiedenheiten
in  den  Höhenangaben  der  sächsischen  und  der  österreichischen  Generalstabskarte
  muß  man  vor  Allem  berücksichtigen,  daß  dieselben  im
Ganzen  höchst  unbedeutend  sind  und  beinahe  sämmtlich  außer  Acht
gelassen  oder  durch  Annahme  des  Mittelwerthes  ausgeglichen  werden
können.  Wer  die  Schwierigkeiten  der  Winkelmessungen  und  der  sich
anschließenden  Berechnungen  überhaupt  kennt,  wird  es  besonders
hervorheben,  daß  die  Mehrzahl  dieser  Differenzen  kaum  1  m  beträgt.
Das  ist  ein  ganz  außerordentlicher  Fortschritt  der  Wissenschaft.  Wo
die  Unterschiede  größer  sind,  beruht  dieß  auf  Messungsschwierigkeiten;
an  einzelnen  Punkten  sogar  wohl  blos  auf  einem  Schreibfehler.

Die  Uebersichtskarte  des  Erzgebirges  von  Mittelbach
  in  1:250  000  d.  n.  Gr.  ist  sehr  brauchbar  für  den  Entwurf
der  Reise,  Bestimmung  von  Nacht=  und  Rastquartieren,  halben  und
ganzen  Tagesausflügen  u.  s.  w.;  bei  dem  zuverlässigen  Nachweis  der
Entfernungen  auch  für  die  Wanderung  selbst.  Dieselbe  hat  durch  die
Terrainzeichnung  bedeutend  an  Uebersichtlichkeit  und  Brauchbarkeit
gewonnen.
        <pb n="176" />
        Für  die  Anordnung  der  einzelnen  Abschnitte  gliedert  sich  die
Arbeit  in  nachstehender  Weise:

Der  Osten  des  Erzgebirges

mit  den  Thälern  der  Gottleuba,  Seidewitz,  Müglitz,  Lockwitz,  rothen
und  wilden  Weißeritz  und  der  östlichen  Mulde.

Die  Mitte  des  Erzgebirges

mit  den  Thälern  der  Zschopau  und  Flöha  und  ihren  zahlreichen
Nebenwassern.

Die  Gebirgserhebung  zwischen  der  Zschopau  und
der  westlichen  Mulde

mit  den  Thälern  der  Wilisch,  Zwönitz,  Würschnitz  und  Lungwitz.

Der  Westen  des  Erzgebirges
mit  den  Thälern  der  westlichen  Mulde  und  ihrer  Zuflüsse.

Die  Landwirthschaft  im  Erzgebirge.
        <pb n="177" />
        Der  Osten  des  Erzgebirges.

16.  Das  Thal  der  Gottleuba.

Der  Osten  des  Erzgebirges  ist  reich  an  anmuthiger  Landschaft,
interessanter  und  großartiger  Scenerie,  sowie  zahlreichen  Merk=  und
Erinnerungszeichen  an  Ereignisse  aus  längstvergangenen,  wie  aus  näher
liegenden  Zeiten.

Die  ungefähre,  freilich  nicht  überall  und  besonders  in  dem
unteren  Laufe  nicht  vollständig  zutreffende  Grenzlinie  zwischen  dem
Gneißgebiet  und  dem  Gebiete  des  Quadersandsteines,  bildet  die  Gottleuba
  und  ihr  östlicher  Zufluß  der  Bahre=  oder  Loschenbach.  Die
Quellen  der  Gottleuba  liegen  oberhalb  des  Mahlteiches  bei  Schönwald
in  690  m  Meereshöhe.  Hier  kann  man  die  interessante  Erscheinung
beobachten,  daß  auf  dem  Wiesenplateau  unterhalb  des  Mittelteiches
der  Wasserlauf  sich  theilt  und  der  nordwestlich  gerichtete  Arm  als
Dorfbach  durch  Schönwald  fließt,  um  sich  am  unteren  Ende  des
Dorfes  mit  dem  Reinbache  zu  vereinigen,  während  der  nördlich  gerichtete
  Arm  als  Mordgrundbach  bei  Hellendorf  mit  dem  Loschenbache
zusammenstößt  und  nun  den  Namen  Bahrebach  erhält.

Das  Thal  der  Gottleuba  trägt  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  seinen
Namen  als  Bezeichnung  eines  Grenzbaches,  und  erhielt  denselben
jedenfalls  schon  in  der  Zeit  der  Errichtung  der  Mark  Meißen,  da
der  Name  als  eine  aus  dem  Sorbenwendischen  oder  Slavischen  und
dem  Germanischen  zusammengesetzte  Form  sich  nicht  unschwierig  erklären
  läßt.  Das  slavische  choda  =  der  Grenzwächter,  chotar
=  das  Gebiet,  chotarim  —  grenzen,  und  das  germanische,  auf
hüringische  Ansiedler  hinweisende  loiba,  leuba  =  Wald,  dürften  die
Bezeichnung  als  Grenzwald  und  die  Benennung  des  Wassers  als

„Bach  im  Grenzwald“  im  hohen  Grade  wahrscheinlich  machen.  Der
Name  Bahre,  von  bara  =  Moor  und  Losche  von  louze  =  Sumpf
weisen  auf  gleichzeitigen  Ursprung  hin.
        <pb n="178" />
        —  170  —

Das  Thal  der  Gottleuba,  von  Pirna  aufwärts  bis  Rott—
wernsdorf  nur  auf  der  östlichen  Seite  von  steilem  Ahhange  eingefaßt,
auf  der  westlichen  von  einer  niederen  Terrasse,  über  welche  sich  der
Kohlberg  erhebt,  verengt  sich  von  dem  alterthümlichen  Schlosse  an,
vor  welchem  die  Eisenbahn  dicht  vorüberführt,  und  wird  oberhalb  der
Höhnelmühle  zu  einem  von  50  bis  zu  70  m  hohen  Wänden  eingefaßten
  Thale  mit  schmaler  Sohle,  welches  sich  erst  vor  Berggießhübel
  wieder  erweitert.

Südwestlich  von  der  Höhnelmühle,  den  steilen  Dorfweg  von
Kleincotta  hinauf,  erreicht  man  in  nicht  ganz  dreiviertel  Stunden  den
Cottaer  Spitzberg,  einen  391  m  hohen  Basaltkegel,  dessen
Säulenbildung  durch  die  fast  ringsum  angelegten  Steinbrüche  freigelegt
ist.  Die  Basaltgarbe,  in  welcher  die  Säulen  leicht  geneigt  und  gekrümmt
an  einander  stehen,  ist  nicht  schwer  zu  besteigen;  der  Aufstieg  auf
den  glatten  Basaltstufen  ist  aber  nicht  immer  angenehm.  Die  Aussicht
  nach  dem  Gebirgskamme  ist  ganz  hübsch,  aber  keineswegs  von
hervorragender  Schönheit.  Der  Sattelberg,  das  Mückenthürmchen,
der  kuppelförmige  Geising,  der  flache,  breite  Kahle  Berg,  der  lang
nach  Norden  gestreckte  Höhenrücken  zwischen  den  beiden  Weißeritzen.
Die  Aussicht  nach  dem  Sandsteingebirge  ist  recht  gut;  alle  Gipfel
und  Felsenthürme,  von  den  Bärensteinen  bis  zum  Schneeberg.  Im
Hintergrund  in  Böhmen  der  Rosenberg  und  der  Kannitzer  Schloßberg;
  im  Norden  der  Keulenberg  bei  Königsbrück,  im  Westen  der
Wilisch  und  der  Lugberg.  Im  Elbthale  zahllose  Häuser,  Häusergruppen
  und  Ortschaften.

Unten  im  Thale  der  Gottleube,  welches  man  von  der  Höhnelmühle
  an  bis  Berggießhübel  am  besten  zu  Fuß  durchwandert,  schießt
der  rauschende  Bach  über  Blöcke  und  Felsklippen  dahin.  Das  Thal
wird  enger,  die  Wiesensohle  schmäler,  bald  hört  sie  ganz  auf.  Steile
Sandsteinwände,  säulenförmige  Felsen,  darüber  Basalt=  und  Porphyrkuppen,
  dazwischen  Blöcke  von  Thonschiefer,  Glimmerschiefer  und  Gneiß.
Der  Weg  führt  am  felsigen  Abhange  hin;  unten  brausen  die  Wasser,
drüben  hoch  über  der  Thalsohle  windet  sich  die  Eisenbahn  am  Abhange
  hin.  Klippen  und  Felsen  sind  grau,  bemoost,  zum  Theil  mit
gelben  Flechten  bewachsen.

An  einer  kleinen  Mühle  wendet  der  Fahrweg  nach  Langhennersdorf
  sich  aufwärts,  man  folgt  aber  einem  betretenen  Wege,  welcher
an  Felsenwänden  und  Blöcken  hin  in  wenigen  Minuten  zum  Hennersdorfer
  Wasserfall  führt.

Ein  ziemlich  starker  und  breiter  Wasserstrahl  stürzt  über  eine
7,5  m  hohe  gerade  Felswand  in  einen  von  bemoosten  Blöcken  umgebenen
  Kessel.  Hier  theilt  er  sich  in  zwei  kleinere  Fälle,  welche
        <pb n="179" />
        —  171  —

sich  wieder  vereinigen  und  über  Felsenklötze  und  Platten,  zwischen
den  Bäumen,  von  den  Ranken  von  Brombeeren  und  von  Sommerpflanzen
  umgeben,  ungefähr  noch  17  m  weiter  abwärts  springen,
um  in  die  Gottleuba  sich  zu  ergießen.  Von  der  gegenüber  befindlichen
Eisenbahn  hat  man  bei  Stein  Nr.  107  einen  kurzen  Blick  über  den
Fall,  außerdem  sieht  man  des  Waldes  wegen  nur  wenig  von  demselben.
  Auch  wenn  man  über  die  Felsen  hinunter  klettert,  kann  man
nur  ein  kleines  Stück  vom  unteren  Fall  übersehen;  am  meisten  sieht
man  noch  vom  linken  Ufer  der  Gottleuba.

Unweit  des  Wasserfalles  befindet  sich  eine  Höhle,  das  sogenannte
Zwergenloch.

Zwischen  der  Grundmühle  und  Zwiesel  liegt  unter  schroffer
Felsenwand  eine  fast  1  m  hohe  Granitschwelle  quer  durch  das  Bett
der  Gottleuba,  welche  sich  rauschend  und  schäumend  über  dieselbe  hinweg
  stürzt.

Vom  Hennersdorfer  Wasserfall  führt  der  Fußsteig  südlich  bis
zum  Langhennersdorfer  Wege  und  dem  Eisenbahnhaltpunkte  Hennersdorf.
  Von  hier  geht  man  auf  der  Straße  bis  zum  Bahrbach  und
sodann  den  Fußsteig  über  Zwiesel,  oder  den  Fahrweg  über  den
Pulverthurm  nach  Berggießhübel.  «

Von  diesem  netten  Städtchen  sagt  Dr.  J.  F.  Henkel  1729  in
seinem  Giesshübelium  redivivum:  „Das  Aussehen  nun,
oder  der  Prospekt  ist  hier  so  vollkommen  schön,  als  das  Auge  und
Gemüth  nur  Was  Ergötzendes  verlangen  kann.  Der  Sauerbrunnen
quillet  gleich  beim  Städtchen  an  einem  sanften  Gehänge,  woselbst  ein
bequemes  Badehaus  mit  aller  Gemächlichkeit  angelegt  wird.  Darbei
bewegt  sich  die  Gottläube  mit  einem  sanften  Geräusche  und  das  un—
ferne  Hüttenwehr  machet  zumal  in  der  Stille  und  bei  Abends  mit
seinem  gelinden  Fall  alle  vergnügliche  Aufmerksamkeit.  Der  Bach
ist  mit  Bäumen  und  Gebüsch  bepflanzt,  in  welchen  die  sanften  Lüfte
spielen,  und  die  Nachtigallen  sich  trefflich  hören  lassen.  Zu  beiden
Seiten  pranget  es  mit  schönen,  beblumten,  wohlriechenden  Wiesen  .

Die  Quelle  des  Mineralbades  wurde  1722  entdeckt,  das  Badehaus
  einige  Jahre  darauf  erbaut,  und  das  Bad,  unter  dem  Namen
Johanngeorgen-Bad  bekannt,  bis  gegen  1760  stark  besucht.  Güsshübelium
  Redivivum,  der  wiederlebende  Berggießhübel  von
Dr.  J.  F.  Henkel,  bietet  aber  im  Ganzen  ebenso  wenig  positive  Nachrichten
  über  das  Bad  wie  die  1736  erschienene  schwülstige,  phrasenreiche
  und  geschmacklose  Beschreibung  desselben  in  schlechten  Versen
von  Dlohnier  (Reinhold).

Mit  dem  Beginn  des  siebenjährigen  Krieges  trat  auch  der  Rückgang
  des  Bades  und  seines  Besuches  ein.  1818  legte  man  ein
        <pb n="180" />
        —  172  —

seitdem  längst  eingegangenes  „elektrisches“  Bad  an.  Gegenwärtig  ist
es  vorwiegend  Sommerfrische  und  sehr  besucht.

Das  kleine,  freundliche,  an  der  Straße  nach  Peterswalde  lang
hin  gestreckte  Städtchen  eignet  sich  wegen  seiner  Lage  und  seiner  Umgebungen
  zu  längerem  Aufenthalt.

Von  der  Panoramahöhe  (Pavillon  mit  Bänken)  vom  Hohen
Stein,  sowie  von  den  Gersdorfer  Wänden  hat  man  einen  recht  hübschen
Blick  über  das  Thal.“)

Der  Name  Berggießhübel  wird  auf  den  Bergbau  und  auf  uralte
  Gießhütten  und  Eisenwerke  zurückgeführt.  Allerdings  ist  der  Bergbau
  sehr  alt.  Um  1590  (Schumann  I,  313)  ward  sehr  stark  auf
Kupfer  und  Eisen  gebaut;  Gießhübler  Kupferglasur  war  bei  den
Mineralogen  berühmt;  Gießhübler  Eisen  bekannt  und  gesucht.  Albinus
sagt  (II  134):  „Das  fürtrefflichste  Eisen  wird  zum  Lauenstein  und
Berggießhübel  und  Glashütte  gemacht  ..  Zum  Gießhübel  werden
auch  die  besten  eisernen  Oefen  gegossen.“

In  den  damaligen  sieben  Eisenhütten  wurden  die  besten  eisernen
Oefen,  und  in  neuerer  Zeit  (um  1820)  viel  Kanonenkugeln  gegossen.
Der  um  1581  in  höchster  Blüthe  stehende  Bergbau  war  aber  im
dreißigjährigen  Kriege  vollständig  zu  Grunde  gerichtet  worden  und
erst  seit  1692  wieder  ausgenommen.  Das  in  früheren  Zeiten  hier
befindliche  Bergamt  wurde  mit  Glashütte  und  1783  mit  Altenberg
vereinigt.  Im  Kriegsjahre  1813  wurden  die  Hütten  vollständig  zerstört.
  Auf  den  um  1820  im  Gange  befindlichen  15  Gruben  wurde
Kupferglas,  Fahlerz,  Kupferkies,  Malachit,  Kupferglasur,  Schwefelkies,
Magneteisenstein,  Eisenglanz,  Rotheisenstein  u.  s.  w.  gebaut.  Ein
großer  Theil  der  Gruben  ging  aber  wieder  ein,  und  erst  um  1870
wurden  Vorbereitungen  getroffen,  die  reichhaltigen  Magneteisensteinerze
in  größeren  Mengen  zu  gewinnen.  Dieselben  stehen  den  besten
schwedischen  Sorten  gleich.  Man  legte  größere  Etablissements  für
den  Hohofenbetrieb  an  und  wollte  gleichzeitig  Stahlfabrikation,  Gießerei
und  Maschinenbau  betreiben.  Seit  Mitte  der  70er  Jahre  wurde  der
Bau  auf  Magnet=  und  Rotheisenstein  allmälig  eingestellt,  der  Hohofen
  ausgeblasen  und  der  Bergbau  nur  zur  Erhaltung  der  Werke
und  eines  Arbeiterstammes  fortgeführt.  Unter  den  Eisensteingruben
sind  gegenwärtig  nur  noch  Martinzeche  und  Mutter  Gottes
vereinigt  Feld  mit  Erfolg  im  Abbau.  Die  alten  Hammerwerke
an  der  Gottleuba  —  Fichte,  Kleppisch  (Klepac  =  der  Klopfer,  Hammer)
Kratze,  Kammerhof,  Bienhof,  Haselberg,  Giesenstein,  Gleisberg  an  der

*)  Führer  durch  das  Gottleubathal  von  Moritz  Fischer,  #  Bürgermeister
in  Gottleuba.  Dresden,  Axt.  1881.
        <pb n="181" />
        —  173  —

Müglitz,  Oberhütte,  Neidberg,  Reichstein  am  Biela  (Hammer)bache
sind  längst  eingegangen  und  landwirthschaftliche  Güter  geworden.  Die
Pirnaische  Hammerordnung  von  1530  hat  nicht  viel  über  zwei  Jahrhunderte
  Geltung  gehabt.

Die  Anfang  des  Jahrhunderts  angelegte  neue  Straße  nach
Böhmen  hatte  einen  starken  Verkehr  bis  zur  Eröffnung  der  Straße
durch  das  Müglitzthal.

In  Bezug  auf  die  Deutung  des  Namens  Gießhübel  ist  zu  bemerken,
  daß  kys-hybadla,  der  perlende  Sauerbrunnen,  auch  in  der
Benennung  des  gleichnamigen  Dorfes  bei  Carlsbad  in  Böhmen  wiederkehrt,
  und  daß  dieser  Name  auf  ein  Bekanntsein  der  Quelle  im  frühesten
Alterthume  schließen  läßt,  während  der  Zusatz  „Berg“  durch  den
Eisensteinbergbau  in  späteren  Zeiten  erst  hervorgerufen  worden  sein
möchte.

Ein  breites  Auenthal,  von  50  bis  70  m  hohen,  zum  Theil
gut  bewaldeten  Abhängen  eingefaßt,  mit  nur  einer  einzigen  Einschnürung,
  an  welcher  das  vormalige  Hammerwerk  Gießenstein  liegt,
führt  nach  Gottleuba,  dem  lang  ausgedehnten  freundlichen  Städtchen,
welches  gleichzeitig  scheinbar  den  Abschluß  desselben  bildet.

Auf  dem  östlichen  Bergabhange  ist  das  neugegründete  Bad,
weiter  aufwärts  die  alte  Kirche.  „Merkwürdig  ist  (Schumann  III,
365)  ein  bei  dem  Städtchen  belegener  Platz  mit  einem  einzelnen
Hause,  welches  Markgrafens  genannt  wird  und  wobei  man  noch
Spuren  alter  Befestigungen  sieht,  und  wo  wahrscheinlich  eine  alte
Burg  gestanden  haben  mag.“  Nach  M.  Fischer,  Führer  durch  das
Gottleubathal,  S.  36  führt  ein  Theil  der  Stadt  heute  noch  den
Namen  „auf  dem  Walle“  und  „die  Voigtei“.  Das  ist  allem  Vermuthen
  nach  die  Stelle,  wo  eine  der  zu  der  Hauptburg  Dohna  gehörigen
  Grenzburgen  am  Rande  des  zu  jenen  Zeiten  noch  vollständig
unbesiedelten  Waldgebietes  errichtet  wurde;  also  in  der  ersten  Hälfte
des  10.  Jahrhunderts.  Daß  sie  mit  Dohna  Anfang  des  15.  Jahrhunderts,
  möglicher  Weise  aber  auch  erst  in  den  Hussitenkriegen  zerstört
  wurde,  läßt  sich  nur  vermuthen.  Ueberreste  sind  nicht  mehr  zu
erkennen.

Am  Kirchwege  nach  Hellendorf  stand  die  Kapelle  der  vier  zehn
Nothhelfer,  zum  Gedächtniß  eines  Kampfes  gegen  die  Hussiten,  1429.

Das  Thal  der  Gottleuba,  welches  unmittelbar  hinter  dem  Städtchen
eine  köstliche  Schleife  bildet,  hat  von  dem  Hammergute  Haselberg,
und  etwa  eine  halbe  Stunde  weiter  aufwärts  noch  einmal,  eine  breite
Wiesensohle,  von  da  ab  wird  es  aber  ein  von  60,  70  bis  90  m
hohen,  dicht  bewaldeten  Abhängen  eingefaßtes  Waldthal,  welches  in
seiner  ganzen  Länge,  bis  zur  Mühle  von  Kleinliebenau,  9  ½  km
        <pb n="182" />
        —  174  —

von  Gottleuba,  von  einer  neuangelegten  trefflichen  Waldstraße  durchschnitten
  wird.

Oberhalb  Kleinliebenau  ist  der  Reingrund,  wie  das  Thal  hier
genannt  wird,  nur  auf  sächsischer  Seite  bewaldet,  auf  österreichischer
Seite  sind  die  steilen  Abhänge  kahl,  aber  nach  etwa  einer  halben
Stunde  verflachen  sie  sich  und  man  betritt  sanft  geneigte,  moorige
Wiesenstrecken,  welche  sich  wenig  gegen  den  Gebirgskamm  hin,  wie
gegen  die  Nebenrückenzüge  erheben.

Auf  dem  Bergrücken  zwischen  den  Thälern  der  Gottleuba,  und
dem  westlich  gelegenen,  schroff  und  tief  eingeschnittenen  Thale  der
Müglitz,  am  nordwestlichen  Ende  einer  ausgedehnten  Moorwiese,  welche
vor  dem  das  „Haberfeld“  genannten  Waldstücke  an  der  Landesgrenze
bei  Streckewalde  liegt,  befindet  sich  der  hoch=  und  verhältnißmäßig
eben  gelegene  Anfang  des  Dorfes  Fürstenwalde,  das  sich  in  einer
sanften  Mulde,  und  später  in  einem  mäßig  breiten  Thale  bis  an  die
Müglitz  hinab  erstreckt.

Die  verstreut  liegenden  Häuser  und  kleinen  Gehöfte  des  Oberdorfes,
  welche  auf  beinahe  ebener  Fläche  längs  einer  sumpfigen  Wiese
bis  an  den  Moor  des  Haberfeldes  sich  ausdehnen,  schmucklos  und
einfach,  die  neuesten  mit  Schiefer,  die  älteren  alle  mit  Schindeln  gedeckt,
  in  der  großen  Mehrzahl  aus  einem  Wohngebäude  und  einem
Schuppen  ein  sogenanntes  Gütchen  bildend  und  in  ihrer  Anlage,  wie
durch  die  mit  geringem  Abstande  geführten  Feldwege  die  gebirgische
Zwergenwirthschaft  charakterisirend,  ziehen  sich  quer  oberhalb  der  alten
Teplitzer  Straße  hin,  während  das  übrige  Dorf,  auf  beiden  Seiten
des  eben  entsprungenen  Baches,  jedoch  in  hochgelegenen  Baulinien  sich
thalwärts  erstreckt.

Durch  die  obere  Häusergruppe,  in  welcher  der  Gasthof,  die
„Dorfschenke“  liegt,  führt  die  alte  Teplitzer  Straße.  Sie  ging  ursprünglich
  von  Dohna  nach  Niederseidewitz,  wurde  aber  später  von
Pirna  über  Zehist  gelegt.  Auf  dem  Höhenrücken  führte  sie  weiter,
kreuzte  Göppersdorf,  ging  lang  durch  Börnersdorf,  und  dann  nach
Breitenau,  wo  sie  bei  der  Kirche  sich  wieder  südlich  wendete  und  nach
verschiedenen  kleineren  Krümmungen,  Fürstenwalde  durchschneidend,  die
Landesgrenze  erreichte.  Von  Fürstenwalde  ist  sie  jetzt  nur  noch  Feldweg,
  als  ehemalige  Hauptstraße  gar  nicht  mehr  zu  erkennen  und  führte
vom  schwarzen  Kreuz  an  der  Grenze  nach  Ebersdorf  und  den  Geiersberg;
  von  da  nach  Hohenstein  und  Sobochleben,  wo  sie  auf  die  große
neue  Straße  über  Hellendorf  und  Peterswalde  nach  Teplitz  stieß.
        <pb n="183" />
        —  175  —

17.  General  von  Rleist  marschirt  auf  Nollendorf.

Hier  oben,  nahe  dem  Gebirgskamme,  faßte  in  der  Nacht  vom
29.  August  1813  der  General  v.  Kleist  den  Entschluß,  sich  durchzuschlagen
  und  mitten  durch  die  Franzosen  hindurch  einen  Weg  nach
Böhmen  zu  bahnen;  ein  Entschluß,  welcher  dem  ganzen  Feldzug  1813
eine  neue  Wendung  gab.  .

Um  denselben  in  seiner  vollen  Bedeutung  zu  würdigen,  muß
man  sich  die  Sachlage  vergegenwärtigen.

Die  Hauptarmee  der  Verbündeten  hatte  am  22.  August  das
Erzgebirge  in  vier  Colonnen  überschritten,  um  in  der  Richtung  auf
Leipzig  vorzugehen.  Die  Russen  standen  bei  Berggießhübel,  die
Preußen  unter  Kleist  bei  Sayda,  die  Oesterreicher  bei  Marienberg,  die
Reserven  am  Fuße  des  Gebirges.  Das  Hauptquartier  war  in  Zöblitz.

Hier  entschloß  man  sich,  über  Frauenstein  und  Dippoldiswalde
gegen  Dresden  vorzugehen,  da  man  dieses  nur  schwach  besetzt  und
Napoleon  mit  seiner  Hauptmacht  bei  Löwenberg  in  Schlesien  wußte.

Nach  schwierigen  und  anstrengenden  Märschen  waren  die  Ver—
bündeten  am  25.  vor  Dresden  eingetroffen  und  griffen  am  26.  früh
an,  ohne  jedoch  mehr  als  die  Vordörfer  und  die  Hälfte  des  Großen
Garten  zu  erobern.

Dem  für  Nachmittag  4  Uhr  angesetzten  Hauptangriff  trat
Napoleon  um  6  Uhr  mit  einem  energischen  Gegenangriff  entgegen.

Mit  bewundernswerther  Entschlossenheit  und  Klarheit  hatte  er
schon  am  23.  früh  4  Uhr  die  Garde  von  Löwenberg  aufbrechen  lassen,
welcher  die  Corps  von  Victor,  Marmont,  Latour-Maubourg  folgten,
während  Vandamme  bei  Königstein  die  Elbe  überschritt.

Des  Morgens  9  Uhr  unerwartet  in  Dresden  eingetroffen  wies
Napoleon,  unweit  der  Elbbrücke  an  der  katholischen  Kirche  haltend,
den  ankommenden  Truppen  selbst  die  Punkte  an,  die  sie  einnehmen
sollten.  Am  Abend  zählten  die  Franzosen  gegen  125000  Mann.

„Bald  nach  Mitternacht  hatte  ein  gewaltiger,  kalter  Regen  begonnen;
  bleich,  trübe  und  kühl  brach  der  27.  August  an.  Der  Regen
hörte  nicht  auf.“  (Berhardi,  Toll  S.  169.)

Die  Verbündeten,  welche  ungefähr  160  000  Mann  zur  Stelle
hatten,  welche  im  Laufe  des  Tages  noch  durch  50  000  Mann  verstärkt
  werden  konnten,  wurden  früh  6  Uhr  auf  dem  rechten  Flügel

zwischen  der  Elbe  und  der  Dohnaer  Straße  angegriffen,  und  bis
Mittags  auf  die  Anhöhen  bei  Torna  zurückgeworfen.  Im  Centrum
nahmen  die  Franzosen  den  Großen  Garten  und  das  Dorf  Strehla
und  drängten  die  Preußen  bis  Leubnitz,  das  sie  jedoch  nicht  zu  nehmen
vermochten;  auch  den  Höhen  zwischen  Zschertnitz  und  Räcknitz  gegen-
        <pb n="184" />
        —  176  —

über  machten  sie  keine  Fortschrite.  Aber  auf  dem  linken  Flügel
nahmen  sie  Naußlitz,  Wölfnitz,  Roßthal,  sprengten  die  Stellung  der
Oesterreicher  und  machten  gegen  15  000  Gefangene.

Nachmittags  3  Uhr  entschlossen  sich  die  Verbündeten  zum
Rückzuge.

Die  neue  Teplitzer  Straße  von  Pirna  über  Berggießhübel  und
Peterswalde  war  in  den  Händen  Vandamme's,  der  die  Russen  unter
Prinz  Eugen  von  Würktemberg  auf  Berggießhübel  zurückdrängte.
Die  Straße  von  Dresden  nach  Pirna,  sowie  die  hohe  Straße  über
Kesselsdorf  nach  Freiberg  waren  beide  auf  dem  Schlachtfelde  selbst  in
die  Hände  der  Franzosen  gefallen.

Es  blieb  daher  nur  die  alte  Teplitzer  Straße  von  Dohna  über
Börnersdorf,  Breitenau,  Fürstenwalde,  Ebersdorf  und  den  Geiersberg
  nach  Teplitz.  Ferner  die  alte  Straße  von  Lockwitz  über  Maxen,
Cunnersdorf,  Glashütte,  Börnchen,  Lauenstein,  Fürstenau  nach  dem
Mückenthürmchen  und  bei  Graupen  hinab;  endlich  die  alte  Straße
von  Dippoldiswalde  über  Oberfrauendorf,  Falkenhain,  Altenberg  nach
Zinnwald  und  Eichwald.

Die  weiter  westlich  liegenden  Gebirgsübergänge  von  Niklasberg,
Einsiedel  und  Sebastiansberg  kamen  nicht  in  Frage.

Der  Zustand  der  Wege  und  Straßen  war  ein  schlechter.  Besonders
  die  alte  Teplitzer  Straße  war  ganz  in  Verfall,  seitdem  man
die  neue  über  Peterswalde  angelegt  hatte.  Die  übrigen  Wege  hatten
meist  nur  zwei  Dresdener  Ellen  Spurweite  (1,133  m);  die  Fahrbahn
  war  voller  Steine,  Felsblöcke  und  Löcher,  die  Steigung  wiederholt
  15  Grad.

Die  Verbündeten  gingen  in  drei  Colonnen  zurück;  die  Preußen
über  Maxen  und  Glashütte,  die  Russen  über  Frauendorf  und  Altenberg,
  die  Oesterreicher  über  Dippoldiswalde,  zum  Theil  in  der  Richtung
auf  Altenberg,  zum  Theil  über  Pretzschendorf  nach  Sayda.

Am  28.  Abends  standen  die  russischen  Reserven  bei  Altenberg,
Kleist  bei  Hausdorf  unweit  Maxen,  Wittgenstein  bei  Dippoldiswalde,
die  Hälfte  der  Oesterreicher  bei  Altenberg,  die  andere  Hälfte  unter
Klenau  bei  Pretzschendorf.

Den  29.  hielt  Wittgenstein,  zu  welchem  eine  russische,  eine
österreichische  Division,  sowie  die  preußische  Garde-Infanterie  gestoßen
waren,  nach  ununterbrochenen  Arrieregardengefechten  bei  Altenberg.
Die  Oesterreicher  unter  Civalart  und  Crenneville  erreichten  Sayda,
Klenau  Großwaltersdorf  südlich  Freiberg.  Kleist  kam  nach  einem
Arrieregardengefecht  bei  Glashütte  auf  der  Straße  vom  Geiersberg
bis  Fürstenwalde.

Die  Verfolgung  seiten  der  Franzosen  war  weniger  heftig,  als
        <pb n="185" />
        —  177  —

man  erwarten  mußte;  jedenfalls  stellten  sie  sich  den  Rückzug  der
Verbündeten  geregelter  vor,  als  er  in  Wirklichkeit  war.

Den  Preußen  folgte  Marschall  Gouvion  St.-Cyr  mit  dem

14.  Corps  (26  000  Mann)  über  Maxen  und  Glashütte;  den  Russen
und  Oesterreichern  die  Marschälle  Marmont  mit  dem  6.  Corps
(27000  Mann)  und  Victor  mit  dem  2.  Corps  (25  000  Mann),
sowie  der  König  von  Neapel  (Murat)  mit  einem  Cavallerie-Corps
nach  Freiberg.

Am  29.  sollte  Murat  von  Freiberg  gegen  Frauenstein  vordringen.
Da  er  sein  Gros  erst  an  sich  heranzog,  kam  er  nur  bis  Lichtenberg.
Wäre  er  zeitiger  aufgebrochen,  so  hätte  er  die  Oesterreicher  unter
Klenau  in  die  Flanke  getroffen.  Marmont  war  nur  bis  Falkenhain
vor  Altenberg  gekommen,  Gouvion  St.-Cyr  nur  bis  Reinhardtsgrimma.
  Die  alte  Garde  unter  Marschall  Lefebvre,  die  junge  Garde
unter  Marschall  Mortier,  die  Garde-Cavallerie  unter  Div.-Gen.
Nansouty,  im  Ganzen  58  000  Mann,  standen  bei  Pirna,  zum  Nachrücken
  auf  der  neuen  Straße  nach  Teplitz  bereit.

General  Vandamme  mit  dem  auf  40  000  Mann  verstärkten
1.  Corps  war  schon  am  28.  bis  Peterswalde  vorgedrungen  und  hatte
am  29.  die  Russen  bis  Kulm  zurückgedrängt,  wo  nach  heftigem  Ringen
und  großen  beiderseitigen  Verlusten  der  Kampf  bis  zum  Einbruch  der
Dunkelheit  währte.  Vandamme's  Uebermacht  war  gegen  das  Ende
des  Tages  immer  erdrückender  geworden,  und  nur  das  Erscheinen
Barclay's  mit  drei  Divisionen  über  Graupen  vom  Gebirge  herab
brachte  Stillstand  in  den  französischen  Angriff.

Der  Rückzug  der  Verbündeten  war  trotz  der  wenig  hartnäckigen
Verfolgung  ein  schwieriger.  Der  Regen  hatte  zwar  aufgehört,  aber
dessen  ungeachtet  schleppte  sich  Alles  langsam  vorwärts.  Menschen
und  Pferde  waren  übermüdet,  sanken  in  dem  aufgeweichten  Boden
tief  ein  und  kamen  nur  langsam  vorwärts.  „Die  Truppen  brachen
mit  der  Dunkelheit  auf;  die  Richtung  des  Marsches  war  ihnen  gegeben,
  nicht  aber  das  nächste  Ziel,  das  sie  erreichen  sollten,  ehe  sie
anhielten.  Sie  zogen  in  der  Nacht  dahin  so  weit  sie  konnten  und
ruhten  vielleicht  gezwungen  während  der  Stunden  tiefster  Dunkelheit
längs  dem  Wege,  wo  sie  eben  waren,  um  dann,  sowie  die  Nacht
durchsichtiger  wurde,  unerquickt  und  hungernd  weiter  zu  schreiten.“
(Bernhardi,  Toll  III,  187.)  Daher  trafen  die  Truppen  auf  ihren
Biwaks  völlig  erschöpft  ein,  wo  nirgends  für  die  Verpflegung  gesorgt
  war.  Man  kann  sich  vorstellen,  wie  dieß  das  Ganze  noch
tiefer  herabdrückte.

So  traf  die  Spitze  des  preußischen  Corps  Nachmittags  nach
4  Uhr,  das  Ende  desselben  Abends  nach  9  Uhr  auf  dem  Plateau

12
        <pb n="186" />
        —  178  —

bei  Liebenau  und  Fürstenwalde  ein,  wo  ein  luftiges  Nacht-Freilager
den  Truppen  wenigstens  einige  Erholung  gewähren  sollte.

Während  auf  der  einen  Seite  das  Arrieregardegefecht  von  Glashütte
  die  Nähe  und  das  Nachrücken  der  Franzosen  bezeugte,  dröhnte
bis  in  die  sinkende  Nacht  der  dumpfe  Kanonendonner  aus  der  Teplitzer
Ebene  herauf  und  zeigte  bedenklich  an,  welchen  Gefahren  man  dort
entgegengehe.

General  v.  Kleist,  der  gegen  4  Uhr  schon  bei  Fürstenwalde
eingetroffen  war,  wurde  von  Stunde  zu  Stunde  sorgenvoller.  Alle
Meldungen  bestätigten,  daß  die  Wege  das  Gebirge  hinab  von  verfahrenem
  Troß  vollständig  gesperrt  seien.  Die  unermeßlichen  Wagenkolonnen
  der  Russen,  Packwagen,  zerbrochene  Lafetten,  Munitionskarren,
  Proviantwagen,  Privat=  und  Stabsfuhrwerk  war  auf  allen
Straßen  vollständig  verfahren,  so  daß  die  Wege  des  Gebirges  hinab,
bei  Graupen,  am  Geiersberge  u.  s.  w.  gänzlich  gesperrt  waren.

Dem  am  Nachmittage  vom  König  Friedrich  Wilhelm  III.  gesendeten
  Grafen  Schweinitz  erklärte  Kleist,  es  sei  unmöglich,  den
Marsch  fortzusetzen,  ohne  die  Truppen  vollständig  zu  ruiniren.

In  den  Abendstunden  traf  Oberst  Schöler,  vom  Kaiser  Alexander
aus  Dux  gesendet,  im  Hauptquartier  des  General  v.  Kleist  ein,  welcher
durch  ihn  an  König  Friedrich  Wilhelm  III.  berichtete:  „Die  Lage,
in  der  ich  mich  befinde,  ist  verzweiflungsvoll  ...  ich  habe  mich  entschlossen,
  am  morgenden  Tage  auf  Nollendorf  zu  marschiren  und  mich
mit  dem  Degen  in  der  Faust  durchzuschlagen.“

General  v.  Kleist  trat  mit  seinem  Generalstabschef  Oberstlieutenant
Grolmann  aus  seinem  Zimmer  unter  die  versammelten  Generale  und
Truppenführer  und  sprach  den  Entschluß  aus,  dem  Feinde  über
Nollendorf  in  den  Rücken  zu  gehen.

Dieser  Entschluß  wurde  von  Allen  mit  Begeisterung  aufgenommen,
wenngleich  sich  Niemand  über  die  Gefahr  täuschte,  der  man  entgegenging.


Auf  der  neuen  Straße  von  Pirna  rückte  Napoleon  selbst  mit
den  Garden  heran,  Gouvion  St.-Cyr  von  Glashütte,  Marmont  von
Falkenhain  bei  Altenberg,  zwischen  Beiden  allem  Vermuthen  nach
Marschall  Victor,  während  auf  der  Straße  von  Dohna  her  andere
französische  Truppen  folgten.

So  ungefähr  war  die  Lage.  Ein  drohendes,  schweres  Gewitter
zog  sich  über  der  Hauptarmee  der  Verbündeten  zusammen;  anders
war  es  von  dem  gewaltigen  Schlachtenlenker  nicht  zu  erwarten.

Daraus  erhellt  erst  die  Bedeutung  des  Entschlusses,  welchen
General  v.  Kleist  faßte,  der  ganze  Umfang  todesbereiten  Heldenmuthes,
der  in  diesem  Entschlusse  lag.
        <pb n="187" />
        —  179  —

Daß  Napoleon  nichts  von  Alledem  that,  was  man  eigentlich  von
ihm  erwarten  mußte,  daß  er  die  Garden  in  Pirna  umkehren  ließ,
daß  keiner  der  Marschälle  den  Verbündeten  energisch  folgte,  daß
Vandamme  ohne  jegliche  Unterstützung  blieb  —  das  Alles  konnte
Niemand  voraussetzen!

„Wenn  Napoleon  an  diesem  Tage  (den  28.  August)  seinen
Marsch  (von  Pirna)  fortsetzte,  so  gelangte  er  unstreitig  am  folgenden
Tage  zu  dem  Hauptpaß  bei  Peterswalde  und  Nollendorf  und  kam
so  wieder  dem  Kleist'schen  Corps  in  den  Rücken,  welches  sich  von
der  kleinen  Straße  über  den  Geiersberg,  von  Breitenau  und  Fürstenwalde
  aus,  abwärts  auf  die  große  Straße  von  Peterswalde  gewendet
und  so  das  Vandamme'sche  Corps  von  Sachsen  abgeschnitten  hatte.“
(Napoleons  Feldzug  in  Sachsen  1813  von  O.  v.  O.  IOdeleben!,
S.  318.)  »

Die  Verbündeten  hielten  ihre  Lage  keineswegs  für  günstig.  Mit
Zähigkeit  und  Entschlossenheit  hielten  die  Russen  unter  großen  Verlusten
  die  Stellung  bei  Kulm,  während  einzelne  Colonnen  der  Verbündeten
  vom  Gebirge  herabkamen  und  die  Reihen  der  Kämpfenden
verstärkten.

Als  die  Colonnen  des  preußischen  Corps  auf  dem  Höhenkamme
bei  Nollendorf  sichtbar  wurden,  hielten  sie  Alle  für  französische,  welche
Vandamme  nachrückten.

Der  Angriff  der  Franzosen  belebte  sich  von  Neuem..  Die
Russen  machten  die  verzweifeltsten  Anstrengungen,  demselben  zu  widerstehen,
  die  Oesterreicher  griffen  die  Flanke  bei  Arbesau  an,  um  das
Vordringen  der  Franzosen  zu  hindern.

Vandamme  erkannte  aber  schnell  das  Unwetter,  das  sich  über
seinem  Corps  entlud.  Die  Artillerie  der  Front  mußte  bis  zum  letzten
Kanonenschusse  gegen  die  Russen  aushalten,  mit  der  Infanterie  besetzte
er  die  Dörfer,  die  Kavallerie  ging  auf  der  Straße  zurück  und  schlug
sich  durch  die  heranrückenden  preußischen  Colonnen  durch.

Die  Franzosen  verloren  70  Geschütze,  über  10  000  Todte,  Verwundete
  und  Gefangene,  30  000  Versprengte.

Dieser  Schlag  nach  dem  großen  und  entscheidenden  Siege  bei
Dresden  traf  Napoleon  vernichtend.  Hier  war  er  geschlagen,  denn
alle  Anordnungen  waren  von  ihm  selbst  ausgegangen.  Hier  half
kein  Beschönigen;  er  selbst  hatte  die  größten  Fehler  und  Unterlassungen
begangen.  Seine  Marschälle  waren  in  Schlesien  und  im  Kurkreise
geschlagen,  seine  Avantgarde  in  Böhmen.  Unentschieden  schwankte  er
hin  und  her  —  er  holte  zu  Schlägen  aus,  die  er  nicht  austheilte  —
und  so  ward  er  zuletzt  auf  die  Ebenen  von  Leipzig  gedrängt,  wo  er
endlich  unterlag.

12*
        <pb n="188" />
        —  180  —

Wie  es  aber  so  häufig  vorkommt:  die  wichtigsten  und  großartigsten
  Momente  gehen  spurlos  an  den  Zeitgenossen  vorüber,  und
erst  spätere  Generationen  lernen  sie  in  ihrem  vollen  Umfange  würdigen.

.  Niemand  in  ganz  Fürstenwalde  weiß  sich  des  Aufenthaltes
v.  Kleist's  mit  Bestimmtheit  zu  erinnern,  so  daß  der  Lage  nach  die
Ortsschenke  mit  ihrem  Tanzsaale  als  der  Punkt  bezeichnet  werden
muß,  an  welchem  dieser  gewaltige  Entschluß  gefaßt  wurde.

18.  Das  Thal  der  Müglitz.  Dohna.

Das  Thal  der  Müdglitz,  welches  man  unweit  der  Eisenbahnstationen
  Mügeln  betritt,  wird  anfangs  von  mäßigen  Hügeln  eingefaßt.
Auf  anmuthigem  Wege  gelangt  man  zum  Städtchen  Dohna,  an  der
alten  böhmischen  Straße,  welche  von  Dresden  über  Lockwitz  und  die
Lugschenke  nach  Dohna  führte,  und  von  da  über  den  flachen  Höhenrücken
  nach  Niederseidewitz  und  auf  dem  Rückzuge  sodann  weiter
gebirgsaufwärts.  Die  Stadt  selbst  bietet  wenig  Bemerkenswerthes.
Die  sehr  hübsche  Kirche  und  das  alte  Pfarrhaus  stammen  vom  Ende
des  15.  Jahrhunderts;  das  Rathskellergebäude  war  vor  Zeiten  der
Sitz  des  1572  dem  Leipziger  Schöppenstuhle  einverleibten,  seit  1325
bekannten  Dohnaschen  Schöppenstuhles.)

Das  „Mal=  und  Ritterding“  hatte  ursprünglich  seinen  Sitz  in
der  Burg  Dohna  und  seine  Sprüche  hatten  ein  fast  eben  so  hohes
Ansehen,  wie  die  des  Magdeburger  Schöppenstuhles.  1403  wurde
der  Schöppenstuhl  in  die  Stadt  Dohna  verlegt,  1541  auf  Lehnssachen
beschränkt  und  1572  dem  Leipziger  Schöppenstuhle  einverleibt.

Auf  dem  südwestlichen  Vorsprunge  des  Berghanges,  von  einer
Schleife  der  Müglitz  in  weitem  Bogen  umflossen,  liegen  die  wenigen
Reste  der  einst  so  großen  und  mächtigen  Burg  Dohna.

Nur  wenige  Mauerstücke  geben  ein  Anhalten  über  die  Größe
und  Ausdehnung  der  Burg,  auf  deren  seit  1803  eingeebnetem  Plateau
gegenwärtig  das  Schießhaus  mit  einigen  Nebengebäuden  steht.  Im
Schießhaussaale  befindet  sich  eine  Abbildung  der  Burg  Dohna,  welche
ganz  wie  in  Möhring  „Stadt  und  Burg  Dohna“  die
Ausgeburt  der  Phantasie  eines  Malers  ist,  welcher  niemals  Anlage
und  Bau  der  mittelalterlichen  Burgen  zu  seinem  Studium  gemacht
hatte.  In  dem  Exemplar  der  Dresdener  Bibliothek  der  Heckel'schen

*)  Christ.  Heckel,  Historische  Beschreibung  der  weltberühmten  Festung
Königstein.  1737.  Möhring,  Stadt  und  Burg  Dohna.  Pietzsch,  Geschichte
der  Burg  Dohna.  Dresden,  1859.
        <pb n="189" />
        —  181  —

Chronik  von  Königstein  befindet  sich  eine  1748  von  Ms.  Orgus  mit
der  Feder  gezeichnete  Abbildung  der  Burg  Dohna,  welche  jedenfalls
das  Vorbild  zu  der  von  Möhring  gebrachten  Darstellung  ist.  Dessen
ungeachtet  können  beide  Bilder,  mit  Vorsicht  benutzt,  dazu  dienen,  die
Hauptlinien  der  Burganlage  festzustellen.  Leichter  und  der  geschichtlichen
  Wahrheit  jedenfalls  mehr  entsprechend  wird  dies  durch  die  andere
in  der  Heckel'schen  Chronik  befindliche  Abbildung  „Die  alte  Veste
Donin“"  gemacht,  welche  abgesehen  von  der  Thallandschaft  und
ihren  Berghängen  ein  getreues  Bild  dieses  alten  Dynastenschlosses  giebt.

Der  Zugang  zu  der  Burg  lag,  wie  noch  heute,  auf  der  Südwestecke
  der  Stadt,  wo  ein  tiefer  und  breiter,  seit  Jahrhunderten  mit
Schutt  und  Trümmern  ausgefüllter  Graben  dieselbe  von  dem  Städtchen
trennte.  Die  auf  dieser  Stelle  erbauten  Häuser  sind  wahrscheinlich
aus  den  Steinen  der  alten  Burgmauern  errichtet  und  haben  auch  in
weit  späterer  Zeit  ihre  gegenwärtige  Gestalt  erhalten.

Ein  zunächst  des  Einganges  befindliches  Trümmerstück  der  alten
Burgmauer,  halb  Ziegel-,  halb  Bruchsteinbau,  sowie  ein  auf  der  Westseite
  noch  ziemlich  erhaltenes  ähnliches  Mauerstück  bezeichnen  die  Umfassung
  eines  weiten  Vorhofes,  welcher  zu  beiden  Seiten  durch  den
felsigen  Abhang  begrenzt  wird.  Bedeutend  höher  als  der  nahezu  viereckige
  Vorhof,  dessen  Umfassung  von  Mauern  mit  niedrigen,  theils
viereckigen,  theils  runden  Thürmen  gebildet  wurde,  lag  die  Hauptburg.

Nach  der  Abbildung  in  der  Heckel'schen  Chronik,  welche  jedenfalls
  auf  einem  zeitgenössischen  Originale  fußt,  führte  der  Zugang
durch  einen  halbkreisförmig  vorspringenden  Thorthurm  und  die  südöstliche
  Seite  des  Burgberges  war  auch  am  Vorhofe  durch  einen
runden  niedrigen  Thurm  und  durch  zwei  quadratische,  thurmähnliche
niedrige  Gebäude  geschützt.  Die  nordwestliche  Seite  des  Vorhofes
hatte  nur  zunächst  des  Thores  einen  thurmähnlichen  Vorsprung,  von
dem  das  noch  stehende  Mauerstück  wahrscheinlich  das  letzte  Ueberbleibsel
  ist,  während  die  Umfassungsmauer  am  Felsrande  zurückbog,
bis  in  die  Nähe  des  gegenwärtig  dort  errichteten  Schießhauses.

Hier,  wo  sich  auf  der  Westseite  des  Burgberges  ein  niederer
Zwinger  von  der  häöher  gelegenen  Hauptburg  unterscheiden  läßt  und
wo  noch  starke  Mauerreste,  Kellergewölbe  u.  s.  w.  dafür  zeugen,  daß
daselbst  bedeutende  Baulichkeiten  gestanden  haben,  wurden  Vorhof  und
Zwinger  durch  einen  starken  und  hohen  viereckigen  Thurm  getrennt
und  verbunden,  dessen  Grundriß  man  noch,  wenn  auch  mit  Mühe,
nachweisen  kann.

Die  Hauptburg,  deren  Schutt  gegenwärtig  die  Böschung  zwischen
Vorhof  und  Hauptplateau  bildet,  und  vielleicht  auch  das  Hauptplateau
um  verschiedene  Fuße  erhöht,  gehört  der  Fläche  wie  der  Geschichte
        <pb n="190" />
        —  182  —

nach  zu  einer  der  bedeutendsten  Burgen  des  frühen  Mittelalters.  Das
Plateau  des  Burgberges  ist  40  m  breit  und  150  m  lang.

Der  auf  der  Ostseite  desselben  Anfang  dieses  Jahrhunderts  errichtete
  niedrige  Thurm  steht  allem  Vermuthen  nach  auf  den  Mauerresten
  eines  runden  Thurmes,  welcher  auf  dieser  Seite  den  Vorhof
von  der  Hauptburg  trennte,  während  auf  der  Westseite  ein  starkes
viereckiges  Gebäude  die  Front  der  Burg  abschloß,  deren  Zugang  in
der  hohen  mit  Wehrgang  versehenen  Mauer  lag,  die  den  genannten
Thurm  mit  diesem  Gebäude  verband.

Allem  Vermuthen  nach  lag  das  Palatium  der  Burg  längs  der
Westseite  des  Hochplateaus,  an  dessen  südlichem  Ende  der  hohe,  runde,
mit  einem  massiven  Kegeldache  gekrönte  Bergfried  stand,  wahrscheinlich
dort,  wo  sich  gegenwärtig  die  Schießmauer  der  Dohnaer  Scheibenschützen
  befindet.  Das  Palatium  ist  auf  dem  Bilde  der  Heckel'schen
Chronik  durch  das  vorliegende  Gebäude  gedeckt,  an  dessen  Westseite
sich  noch  ein  zweiter,  schwächerer  und  weniger  hoher  Thurm  befand,
dessen  Grundmauern  in  der  Umfassung  eines  in  den  letzten  Wochen
frei  gelegten  Kellergewölbes  auf  dem  Absatze  des  westlichen  Zwingers
zu  suchen  sein  dürften.

Die  westliche  Umfassung  des  Hochplateaus,  sowie  der  größte
Theil  des  niedriger  liegenden  Zwingers  sind  in  ihren  Grundlinien
ganz  unzweifelhaft  nachzuweisen.  Die  Ostseite  ist  weniger  gut  erhalten.
Im  Süden  des  Bergvorsprunges  lassen  sich  zwei  niedriger  liegende
Abschnitte  von  Vertheidigungswerken  erkennen.

Die  Burg  Dohna  gehörte  zu  den  bedeutendsten  und  umfangreichsten
  Burgen  des  frühen  Mittelalters;  an  der  Hauptstraße,  oder
eigentlich  einzigen  Straße  aus  dem  Elbthalkessel  nach  Böhmen  gelegen,
frühzeitig  im  Besitz  eines  mächtigen  Geschlechts,  gehörte  die  Burg
auch  jedenfalls  zu  den  sorgfältigsten  Anlagen  ihrer  Zeit.

Die  Burg  Dohna  ist  allem  Vermuthen  nach  als  eine  Grenzburg
  zur  Sicherung  der  neu  errichteten  Markgrafschaft  Meißen  um
940  gegründet,  wenn  auch  erst  später,  vielleicht  bis  Mitte  des  zwölften
Jahrhunderts,  in  ihrem  vollen  Ausbau  vollendet  worden.

Mit  der  Begründung  der  Herrschaft  der  deutschen  Markgrafen
war  die  Errichtung  der  Grenzburgen  enge  verbunden;  aus  den  slavischen
Supanien  entstanden  die  Bezirke  der  Burgwarte,  und  wenn  Pesterwitz,
Bresenice,  Gozbudi,  Dohna  speziell  genannt  werden,  so  dürfen  wir
voraussetzen,  daß  Gottleuba,  Gugukstein,  Weißenstein  und  Maxen  zu
derselben  Zeit  errichtet  worden  sind.

Die  Meißner  Mark  dehnte  sich  im  Anfange  schwerlich  über  die
Grenzen  der  slavischen  Ansiedelung  hinaus.  Daher  geben  die  in  der
Hauptsache  wohl  unveränderten  slavischen  Ortsnamen  ein  ziemlich  sicheres
        <pb n="191" />
        —  183  —

Anhalten  über  die  Südwestgrenze  der  Mark  Meißen,  welche  vom
Gottleubabache  über  den  Cottaer  Spitzberg,  den  Ziegenrücken,  den
Sandberg,  den  Wilisch,  die  Hermsdorfer  Höhe,  den  Lerchenberg,  den
Poisenwald  bis  zum  Windberge  reichte.

Die  Slaven  waren  nicht  in  das  Waldgebiet  eingedrungen.

Hier  war  den  Markgrafen,  welche  als  Stellvertreter  des  deutschen
Königs  den  Grenzbefehl  führten,  reiche  Gelegenheit  geboten,  ihren
Dienstmannen  ausgedehnte  Beneficien  zu  ertheilen,  so  daß,  während
sich  der  Wald  lichtete  und  zahlreiche  Ansiedler  herbeigezogen  wurden,
gleichzeitig  ein  Vasallenstand  sich  ausbildete,  der  dem  Markgrafen
Lehnsfolge  zu  leisten  hatte.

Ueber  den  Gang  der  Besiedelung  dieses  Theiles  des  Gebirgsabhanges
  läßt  sich  aus  der  Form  der  Ortsnamen  nichts  Näheres
erkennen.  Die  Endung  „dorf“  ist  bei  den  deutschen  Ortsnamen  so
allgemein,  daß  die  wenigen  Abweichungen  von  derselben  keinen  Rückschluß
  auf  die  verschiedene  Zeit  der  Ansiedelung  gestatten.  Aus  der
am  unteren  Ende  des  Waldgebietes  zweimal  vorkommenden  Endung
„walde“  (Friedrichswalde,  Burkhardtswalde)  kann  man  auch  nicht
folgern,  daß  die  ersten  Ansiedler  an  diesen  Orten  Thüringer  gewesen
sein  möchten.  Weiter  aufwärts  im  Waldgebiete  liegen  Dippoldiswalde
  und  Beerwalde,  beide  wahrscheinlich  schon  im  12.  Jahrhundert
gegründet,  während  die  dem  Gebirgskamme  nahe  liegenden  Fürstenwalde
  und  Peterswalde  erst  im  13.  oder  14.  Jahrhundert  entstanden
sein  mögen.  Fürstenau  und  Löwenhain  sind  sehr  alt.  Der  Bergbau
am  Mückenberg  bestand  angeblich  schon  1149.  Die  kahle  Höhenkirche
bei  Reichstädt  stammte  aus  dem  12.  Jahrhundert,  so  daß  man  in  der
Hauptsache  die  Besiedelung  des  Gebirgsabhanges  mit  dem  13.  Jahrhundert
  als  abgeschlossen  ansehen  kann,  wenngleich  die  Bewohner  noch
sehr  dünn  über  denselben  verstreut  waren.

Die  slavischen  Urbewohner  blieben  in  der  Elbniederung  sitzen.

Die  Markgrafen  von  Meißen  beanspruchten  sehr  bald  die  Oberhoheit
  über  dieses  gesammte  Territorium;  aber  auch  die  Krone  Böhmen
machte  Anspruch  auf  dasselbe,  und  die  Burggrafen  von  Dohna
wiederum,  welche  einen  breiten  Streifen  Landes  von  der  Müglitz  bis
zur  Rothen  Weißeritz  besaßen,  suchten  jederzeit  unabhängig  zu  werden.

Von  Markgraf  Conrad  von  Meißen  an  bis  zum  Ezgerschen
Vertrag  war  die  Grenze  mit  Böhmen  strittig.  Anfang  des  12.  Jahrhunderts
  ist  Dohna  urkundlich  kaiserliches  Lehen,  denn  Heinrich  IV.
setzte  den  Burggrafen  (praefectus)  Eckenbert  ein;  wenig  Jahre
darauf  ist  es  böhmisches  Lehen,  und  1182  ist  Burggraf  Heinrich  II.
von  Donyn  Meißner  Vasall.  1212  wird  Dohna  vom  Kaiser  der
Krone  Böhmen  zugetheilt  „dafern  wir  es  von  dem  Markgrafen  von
        <pb n="192" />
        —  184  —

Meißen  werden  auslösen  können“,  und  Ende  des  13.  Jahrhunderts,
wo  das  Haupt  des  Wettiner  Hauses  seine  Länder  verschleuderte,  und
Wenzel  von  Böhmen  seine  alten  Pläne  zur  Erweiterung  der  Nordgrenze
  wieder  aufnahm,  Pirna  an  sich  brachte  und  ihm  die  ganze
Mark  Meißen  von  Landgraf  Albrecht  verpfändet  wurde,  waren  die
Burggrafen  von  Dohna  nahe  daran,  sich  ganz  von  Meißen  loszureißen.

Die  Streitigkeiten  zwischen  den  Burggrafen  von  Dohna  und  den
Markgrafen  von  Meißen  dauerten  das  ganze  14.  Jahrhundert  hindurch
  fort.  Es  handelte  sich  ausschließlich  um  Hoheitsrechte,  denen
sich  die  Dohna'schen  Burggrafen  nicht  unterwerfen  wollten,  und  als
Markgraf  Wilhelm  der  Einäugige  von  Meißen  die  böhmische  Straße
verlegte,  um  die  Plackereien  der  Burggräflichen  zu  beseitigen,  gab  der
Adelstanz  zu  Dresden,  1400,  dem  Burggrafen  von  Dohna  die  willkommene
  und  gesuchte  Gelegenheit,  in  offene  Fehde  auszubrechen.

Der  energische  Markgraf  belagerte  nun  aber  Dohna  mit  Nachdruck,
  von  wo  Burggraf  Jeschke  flüchtete,  erst  nach  Weißenstein,  dann
nach  Königstein,  zuletzt  nach  Ungarn,  wo  er  als  Landfriedenbrecher
in  Ofen  enthauptet  wurde,  und  ließ  1402  durch  Bergleute  von
Dippoldiswalde  und  Freiberg  die  Burg  vollständig  zerstören,  „nicht
ohne  merkliche  Unkost,  Mühe  und  schwere  Arbeit“.

Der  Pirnaische  Mönch,  Tillanus,  welcher  vor  1530  schrieb,
sagt:  „vorgezeiten  ein  tapfer  wol  erbauet  Sclos,  wie  noch  stückweise
augensichtig“  und  Peckenstein  im  Theatrum  Saxonicum:  „die  Burg
des  Ortes,  groß  und  von  vielen  Gebäuden  und  ansehnlicher  Herrlichkeit
  gewesen,  aber  jetzo  ganz  desolat  und  fast  dem  Boden  gleich
geebnet.“"

Markgraf  Wilhelm  nahm  die  Burggrafschaft  Dohna  in  Besitz.
Unter  deren  Bestandtheilen  sind  zu  nennen:  Gottleuba,  Gugukstein,
Weißenstein  (Wesenstein),  Maxen,  Dippoldiswalde,  Rabenau,  Königstein,
  Liebethal,  Radeburg,  das  Münz=  und  Berg-Regal  in  Dippoldiswalde,
  das  Stadtrecht  in  Dresden,  der  Brückenzoll  der  Dresdener
Brücke,  welche  1070  vom  Burggrafen  Conrad  von  Dohna  erbaut
wurde,  „der  also  gewaltig  und  reich  gewesen,  daß  er  eine  Brücke  von
Dreßden  zu  beiden  Ufern  erbauet“,  der  Schöppenstuhl  in  Dohna  u.  s.  w.

19.  Burgen  und  Vurgenbauten.

Obgleich  die  Burgen  nach  Maßgabe  ihrer  Lage  und  Bedeutung
sehr  verschieden  in  ihrem  Grundrisse,  wie  in  ihrer  Ausdehnung  und
Zusammenstellung  der  einzelnen  Theile  sind,  lassen  sich  doch  allgemeine
Sätze  für  das  Uebereinstimmende  derselben  geben.
        <pb n="193" />
        —  185  —

Bei  den  Höhenburgen,  welche  auf  Berg-  und  Felsenvorsprüngen
gelegen  über  das  sie  umgebende  Thal  hoch  aufragten,  trennte  ein  tiefer
Graben  die  Burg  von  dem  Vorlande.

Vermittelst  einer  Zugbrücke  gelangte  man  an  das  Hauptthor,
neben  welchem  eine  etwa  einen  halben  Meter  breite  Pforte,  das
Mannloch,  den  Eingang  gestattete,  auch  wenn  die  Zugbrücke  aufgezogen
  war.  Die  Zugbrücke  hing  in  Ketten,  welche  um  eine  Welle
aufgewunden  wurden,  und  bildete  gleichzeitig  den  äußeren  Verschluß
des  Hauptthores,  welches  zuweilen,  und  besonders  später,  als  inneren
Verschluß  ein  Fallgatter  erhielt.

In  der  Regel  wurde  das  Eingangsthor  durch  einen  oder  auch
zwei  Flankirungsthürme,  sowie  durch  die  Schießscharten  des  über
demselben  befindlichen  Wehrganges  vertheidigt.

Die  Ringmauer,  Cingula,  Umfassungsmauer,  umschloß  die  Burg
auf  allen  Seiten.  Dieselbe  war  in  der  Regel  mindestens  1  m  stark
und  je  nach  Oertlichkeit  6,  7  und  mehr  Meter  hoch  und  nur  durch
das  Hauptthor  und  eine  oder  zwei  geheime  Ausfallpforten  unterbrochen.
Hoch  oben  lagen  die  Schießluken,  zu  deren  Benutzung  ein  hölzerner
oder  auch  steinerner  Wehrgang,  nach  hinten  offen  und  mit  einem
Pultdach  von  Ziegeln  versehen,  rings  um  führte.  Dieser  Wehrgang,
Letze  oder  Letzi  genannt,  diente  zur  Vertheidigung  mit  Pfeil  und
Bolzen.  Runde  und  viereckige  Thürme  verstärkten  die  Mauer,  doch
nur  einzelne  überragten  dieselbe,  zuweilen  ganz  bedeutend.

Aus  den  hölzernen,  flüchtigen  Befestigungsanlagen  der  frühesten
Zeit  wurden  sehr  bald  Massivbauten,  welche  das  Ansehen  und  die
Macht  des  Burgherrn  zur  Schau  trugen.

Die  mittelalterlichen  Mauern  sind  alle  von  auffallender  Stärke.
Daher  bestehen  sie  aus  einer  Außenmauer  und  einer  Innenmauer,
welche  mit  Füllmauerwerk  verbunden  sind.  Die  äußeren  Mauersteine
wurden  nicht  mit  der  langen,  sondern  mit  der  Kopfseite  nach  Außen
gelegt,  und  die  Mörtelfugen  äußerlich  mit  Kelleneinschnitten  versehen.
Die  Mörtel  aus  alter  Zeit  haben  einen  größeren  Gehalt  an  Kalksilikat
  und  übertreffen  die  der  Neuzeit  um  ein  Bedeutendes  an  Härte
und  Bindekraft.  In  der  Regel  ist  sogar  der  Mörtel  der  größeren
Burgbauten  härter  und  besser  wie  der  kleinerer  Burganlagen.

Man  verwendete  dauerhaftes  Material,  wo  es  irgend  anging
große  Werkstücke,  dennoch  ist  die  Anwendung  gleich  hoher  Quadersteine
  eine  sehr  seltene.  In  der  Regel  kamen  auf  die  starken  Verkleidungsstücke
  an  den  Ecken  zwei  Zwischenschichten,  abwechselnd  wieder

mit  großen  Werkstücken.  Ueberall  ist  die  kunstgerechte  Verbindung,
die  entsprechende  Mauerstärke,  die  sorgliche  Verwahrung  der  Mauerecken,
  die  geschickte  Ausführung  der  Mauer=  und  Gewölbebauten  schon
        <pb n="194" />
        —  186  —

bei  den  frühmittelalterlichen  Anlagen  nachzuweisen,  besonders  in  dem
Bau  der  Hauptthürme,  bei  welchen  schon  durchlaufende,  winkelrechte
Schichten  von  großen  Werkstücken  zu  bemerken  sind.

Wurde  vor  der  Umfassungsmauer  noch  eine  niedrigere  Ver—
theidigungslinie  angelegt,  so  bezeichnete  man  sie  als  Zwinger
(Zingel,  Zingolf),  Derselbe  hatte  nach  Befinden  seine  Vorsprünge,
runden  oder  eckigen  Halbthürme,  welche  jedoch  die  Brustwehr  niemals
überragten,  und  vor  sich  den  Wallgraben,  oder  den  Berg=  oder
Felsenabhang.

In  dem  Vorhofe  der  größeren  Burgen,  der  in  der  Regel  niedriger
gelegen  war,  als  der  Haupthof,  lagen  die  Ställe  und  Wirthschaftsgebäude,
  die  Wohnungen  der  Dienstmannen,  die  Thorwache  u.  s.  w.
meist  an  die  Außenmauer  angefügt,  aber  auch  als  selbständige  Gebäude.
  Burgeinwärts  wurde  der  Vorhof  der  Burg  durch  eine  Quermauer
  vollständig  abgeschlossen.  Ein  mit  allen  Vertheidigungsmitteln
versehenes  Thor  führte  zum  Haupt=  oder  Innenhof.

Der  innere  Burghof  (Ballium,  Bayle),  welcher  die  eigentliche
Hauptburg  umgab,  enthielt  den  Palas  (palatium),  die  Kemenate
(Frauenhaus)  und  den  Bergfriet  (beffroj,  benfredus,  balfredus,
Luginsland,  Hauptthurm,  Bergfried).

Der  Palas,  das  Hauptgebäude  der  Burg,  über  die  andern
Wohn-,  Stall=  und  Wirthschaftshäuser  weit  emporragend,  hatte  ein
durch  eine  vor  demselben  liegende  Freitreppe  zugängliches  Hochparterre
(oder  Stockwerk),  in  welchem  der  mit  Kaminen  versehene  Hauptsaal
der  Burg  lag.  Trotz  der  interessanten  und  übertriebenen  Schilderungen
wunderbarer  Palasbauten  (z.  B.  im  Parcival,  589)  waren  die  Räume
klein  und  eng  und  erst  in  den  später  angelegten  Burgen  wurden  sie
größer  erbaut.  Der  Palas  stand  meist  auf  der  Thalseite  der  Burg.
Das  Erdgeschoß  enthielt  die  Küche,  wenn  dieselbe  sich  nicht  in  einem
besonderen  Gebäude  befand.  Hier  standen  Heerd,  Rost  und  Kessel,
an  welchem  die  Köche  schalteten.  Es  ist  niemals  von  Köchinnen  die
Rede.  In  der  Nähe  waren  die  Vorrathsräume  für  die  Lebensmittel;
in  großen  Burgen  besondere  Vorrathshäuser  (Magazine).

Die  Dienerschaft  2c.  war  in  einem  oder  mehreren  Seitengebäuden
untergebracht.

Die  Frauen  bewohnten  in  allen  größeren  Burgen  ein  besonderes.
Gebäude,  die  Kemenate  (Weiberhaus),  in  welchem  mit  Gadem  das.
durch  einen  Ofen  heizbare  Hauptzimmer  bezeichnet  wurde.

Im  Allgemeinen  waren  die  Gemächer  klein;  die  Fenster,  welche
in  den  Hauptzimmern  schon  frühzeitig  mit  Glasscheiben  versehen  waren
(Parcival  553,  4),  lagen  in  tiefen  Nischen  der  starken  Mauern.
Häufig  wurden  gekoppelte  Fenster  angelegt.
        <pb n="195" />
        —  187  —

Die  innere  Ausstattung  der  Wohnräume  war  äußerst  einfach
und  schlicht.  Erst  in  späteren  Zeiten  wurden  die  Wände  mit  reich
geschmückter  Holzverkleidung,  die  Decken  mit  geschnitzter  Täfelung,  die
tiefen  und  geräumigen  Fensternischen  mit  Sitzbänken  und  hohen  Lehnen,
die  großen  Rittersäle  mit  kunstreich  ausgestatteten  Kaminen  oder  figurenreichen,
  buntfarbigen  Kachelöfen  geschmückt.  Waffen,  Trophäen  und
Trinkhörner  zierten  die  Wände,  Thierfelle  die  Sitze  und  Lagerstätten.
Tische,  Stühle,  Bänke,  Schränke,  Bettstellen  u.  s.  w.  wurden  mit
Schnitzwerk  verziert.

Der  Umfang  der  Ritterwohnungen  war  anfänglich  ein  beschränkter
und  die  ganze  Einrichtung  einfach  und  ursprünglich.

Die  steilen  Dächer  der  Gebäude  waren  mit  Pfannen  (Dachpfannen)
  gedeckt.

In  jeder  Burg  befand  sich  ein  Brunnen;  häufig  in  den  Felsen
gesprengte,  tiefe  Ziehbrunnen.  Nächstdem  waren  in  jeder  größeren
Burg  ein  Schnitzhaus  mit  den  Vorräthen  an  Pfeilen,  Bolzen,  Armbrüsten,
  Spießen,  Lanzenschäften  u.  s.  w.,  sowie  eine  von  Ost  nach
West  gerichtete  Kapelle,  welche  in  der  Regel  an  den  Palas  angebaut  war.

Erst  in  späteren  Zeiten  wurden  die  Zugänge  zu  den  oberen
Räumen  in  angebaute  Wendeltreppenthürme  (Greden)  verlegt.

Den  Hauptbestandtheil  einer  jeden  Burg  bildete  der  Bergfried.

Ohne  Bergfried  ist  eine  Burg  eigentlich  gar  nicht  zu  denken.

Der  Bergfried  war  der  rund,  guadratisch  oder  rechteckig  angelegte
  Hauptthurm  einer  jeden  Burg,  welcher  die  übrigen  Gebäude
hoch  überragte  und  den  letzten  Zufluchtsort  der  Vertheidiger  bildete,
wenn  die  Burg  selbst  in  der  Angreifer  Hand  gefallen  war.

Dieser  Hauptthurm  einer  jeden  Burg  hatte  in  der  Regel  etwa
9  m  im  Ouadrat,  oder  bei  kreisförmigem  Grundriß  10  m  im  Durchmesser.
  Die  Mauern  waren  bis  zu  2½  m  stark,  die  Höhe  ungefähr
  30  m,  in  einzelnen  Fällen  auch  mehr;  nicht  selten  bestand
außer  der  äußeren  Doppelmauer  noch  eine  innere.

Der  Bergfried  stand  frei  auf  dem  hbchsten  oder  wichtigsten
Punkte  der  Burg:  sein  Zugang  lag  12  bis  15  m  über  dem  Burghofe
  und  war  nur  von  einem  der  Nebengebäude  mittels  Fallbrücke,
Falltreppe  (oder  auch  Leitern)  zu  erreichen.  Derselbe  war  in  mehrere
Stockwerke  eingetheilt,  welche  entweder  durch  Gewölbe  oder  durch
Decken  von  starken  Balkenlagen  von  einander  getrennt  waren.  Die
Treppen  aufwärts  und  abwärts  führten  innerhalb  der  starken  Mauern.
Oben  schloß  er  mit  einer  von  Zinnen  umgebenen  Plattform,  oder

mit  einem  von  einem  Umgange  umfaßten  steinernen  Kegeldache,  oder
auch  zuweilen  mit  einem  hölzernen  Aufbau.  Daß  unten,  in  den  gewölbten
  Räumen  des  Bergfried  das  Burgverließ  sich  befunden  habe,
        <pb n="196" />
        —  188  —

ist  eine  unbegründete,  romanhafte  Annahme.  Ueberhaupt  ist  es  eine
falsche  Vorstellung,  wenn  man  jede  Ritterburg  oder  deren  Trümmer
als  Raubschloß  und  die  Ritter  als  Raubritter  bezeichnet.  Die  Burgen
sind  ausnahmelos  als  Sitze  der  Grundherren  und  als  Schutz  und
Wehr  des  Besitzes  erbaut  worden.  Nur  in  Folge  des  Besitzes  der
Straße  und  des  Landes  haben  sich  die  Plackereien  des  Geleites  und
die  aus  diesen  entstehenden  Benachtheiligungen  des  Handels,  sowie  die
mannigfachen,  allerdings  mit  der  Zeit  bedeutend  gesteigerten  Be—
drückungen  der  Hintersassen  und  Hörigen  entwickelt.

Bei  den  kleinen  Burgen,  wie  sie  als  Grenzburgen  und  Vorburgen
weiter  rückwärts  befindlicher  Hauptburgen  angelegt  und  mit  Vasallen
des  Grenz-,  Burg=  u.  s.  w.  Grafen  besetzt  wurden,  beschränkte  sich
die  Zahl  der  Gebäude,  so  daß  zuletzt  blos  ein  Bergfried  und  eine
Umfassung  angelegt  wurde.  Hier  wurde  der  Bergfried,  nach  Befinden
durch  ein  Paar  angelehnte  Nebengebäude  vergrößert,  zu  Palas,
Kemenate,  Küche,  Vorrathshaus,  Wachtthurm  u.  s.  w.  An  die  engen
Höfe  schlossen  sich  nur  noch  die  in  den  Umfassungsmauern  mit  angebrachten
  Wohn=  und  Vorrathsräume,  so  daß  diese  kleinen  Burgen
eine  besondere  Gattung  bilden.  Der  Bergfried  enthielt  in  seinen
untersten  Räumen  Keller  und  Vorrathsräume,  womöglich  auch  den
Brunnen;  darüber  die  Küche,  über  dieser  die  Kemenate,  über  der
Kemenate  den  Palas  (Trinksaal,  Versammlungssaal)  und  über  diesem
die  Räume  für  die  Wächter;  zuoberst  den  Umgang  für  die  Wache.
Nach  Befinden  in  den  unteren  Räumen  Schießscharten  für  die  Vertheidigung
  der  Zugbrücke  und  des  Grabens.

20.  Weesenstein.  Tuchukstein.

Vom  Dohnager  Schloßberge  führt  ein  guter  Weg  auf  dem  rechten
Mühglitzufer  bis  zur  Kuxschenke,  von  wo  an  das  Thal  sich  verengt,
und  die  gut  bewaldeten,  theilweise  felsigen  Thalwände  bis  zu  40  m
Höhe  ansteigen.  Im  schattigen  Grün  dichter  Laubhölzer  geht  der
Weg  von  dem  Stege  bei  der  Köttwitzer  Fabrik  bis  zum  Stege  des
Meusegaster  Fußweges  auf  dem  rechten  Müglitzufer  hin.  Die  Thalwände
  werden  höher,  und  in  der  Biegung  der  Müglitz,  in  welcher
Weesenstein  liegt,  betragen  sie  auf  beiden  Seiten  über  80  m.

Nach  kurzer  Wendung  erblickt  man  die  mächtig  aufsteigende,  aus
mehr  als  fünf  übereinander  aufgebauten  Stockwerken  bestehende  Nordostseite
  des  Schlosses  Weesenstein  vor  sich,  von  dem  schlanken
Rundthurme  mit  seinen  sich  allmälig  zuspitzenden  Dachaufbauten  hoch
überragt.  Trotz  seines  vollständigen  Umbaues  lassen  sich  die  Bestand-
        <pb n="197" />
        —  189  —

theile  der  um  940  oder  950  gegründeten  und  wahrscheinlich  Mitte
des  12.  Jahrhunderts  prachtvoll  fertiggebauten  Burg  noch  nachweisen.
Auf  einem  weit  in  den  schleifenartigen  Bogen  der  Müglitz  vorspringenden
Felsen  von  gneisähnlichem  Gefüge  mit  großen,  weißen  Quarzadern,
mitten  inne  stehend  zwischen  dem  wahren  Gneis  des  rechten  Müglitzfers
  und  dem  Porphyr  des  linken,  erhielt  die  Burg  schon  bei  ihrer
Gründung  auf  dem  weißen  Steine  ihren  Namen  Weißenstein,  wie  er
urkundlich  wiederholt  nachzuweisen  ist,  und  erst  später  in  den  Wortlaut
  Weesenstein  überging.  Die  wiederholt  versuchten  Ableitungen  vom
slavischen  Weznik-Thurm  u.  A.  m.  sind  müßige  Spielereien,  da  die
deutsche  Benennung  eine  zutreffende  und  sogar  urkundlich  bestätigte
Ortsbezeichnung  in  sich  schließt.  Die  Grenzburg,  welche  zur  Burggrafschaft
  Dohna  gehörte,  theilte  die  Schicksale  derselben  und  fiel  mit
Dohna  1402  an  Markgraf  Wilhelm  den  Einäugigen  von  Meißen,
welcher  1413  die  v.  Bünau  mit  Weesenstein  belehnte,  die  zu  den
vier  vornehmsten  Meißnischen  Geschlechtern  gerechnet  wurden  (Pflugk,
Schönberg,  Miltitz,  Bünau).

Der  Schloßfelsen,  welcher  ursprünglich  durch  einen  schmalen
Sattel  mit  dem  Abhange  des  rechten  Thalufers  zusammenhing,  wurde
durch  Menschenkraft  durchbrochen;  anfangs  mit  einem  schmalen,  mäßig
tiefen  Graben,  welchen  die  Zugbrücke  überbrückte,  im  16.  Jahrhundert
mit  einer  tiefen  Kluft,  durch  welche  der  Mühlgraben  geleitet  wurde,
und  den  nun  ein  mächtiger  Brückenbogen  überspannte.  Ueber  die
Zugbrücke  gelangte  man  in  den  Vorhof  der  Burg,  dessen  äußere  Umrisse
  durch  die  daselbst  befindlichen  Gebäude  noch  heute  bezeichnet
werden.  Von  hier  führte  ein  steiler,  schmaler  Felsenweg  durch  ein
zweites,  ebenfalls  mit  Wehrgang  versehenes  Thor  nach  dem  hinteren
Hofe.  Der  gegenwärtig  bedeutend  oberhalb  dieses  Weges  liegende
Eingang  zum  Palas  und  Bergfried  der  Burg  bezeugt,  wie  viel  von
dem  Felsen  weggesprengt  worden  ist,  um  den  Zugang  zu  dem  hinteren
Hofe  der  Burg  weniger  steil  zu  machen.

Dieser  Zugang  führte  zu  dem  Hauptgebäude  der  Burg,  dessen
Vollendung,  wie  der  noch  in  dem  obersten  Stockwerke  befindliche
Haupt=  oder  Prunksaal  bezeugt,  in  die  Mitte  des  12.  Jahrhunderts
zu  setzen  ist.  Der  Bergfried  oder  Hauptthurm,  in  welchem  dieser
Saal  sich  befindet,  zeigt  einen  eigenthümlichen  Grundriß,  indem  an
das  Quadrat  desselben  ein  Halbkreis  nach  außen  angesetzt  ist,  eine
Form,  welche  sich  bei  dem  Hauptthurme  der  Burg  Gugukstein  bei
Liebstadt,  wie  bei  einigen  anderen  Burgen  des  12.  Jahrhunderts
wiederholt  und  auf  gleichzeitige  Erbauung  dieser  beiden  Burgen,  sowie
auf  ein  und  denselben  Baumeister  hinweist.  Dem  Hauptthurme  von
Weesenstein  sind  zwei  mächtige  Flügelbauten  angefügt,  welche  fast
        <pb n="198" />
        —  190  —

geradlinig  von  Südwest  nach  Nordost  liegen.  Diesen  parallel  befindet
sich  gegenwärtig  die  Kirche,  ein  Neubau  auf  älteren  Fundamenten,
während  ein  Querflügel  im  Westen,  ein  anderer  im  Osten  nahezu
rechtwinklig  schließt.  Ueber  diesem  Gebäudekomplex  erhebt  sich  auf
der  Spitze  des  innerhalb  desselben  aufragenden  Felsenkegels  der  ovale
Rundthurm,  der  als  Luginsland  die  Burg  überragte  und  erst  im
17.  Jahrhundert  die  in  jüngerer  Zeit  erneute  Dach=  und  Kuppelbekrönung
  erhielt.  An  den  westlichen  Flügel  schließt  sich  der  unregelmäßig
  viereckige  obere  Burghof,  hinter  welchem  auf  nasenähnlichem
Vorsprunge  die  Ueberreste  eines  Thurmes  den  bis  unter  den  Miglitzspiegel
  hinab  reichenden,  in  den  Felsen  gesprengten  Ziehbrunnen
enthalten.

Der  gegen  Ende  des  16.  Jahrhunderts  ausgeführte  großartige
Umbau  des  Schlosses  hat  dessen  ganze  äußere  Erscheinung  verändert.
Aus  der  trotzigen  Burg  wurde  ein  prachtvoller  Palast;  die  Räume
der  alten  Burg  wurden  verlassen,  um  tiefer  liegende,  neuere  und  dem
Zeitgeschmacke  entsprechendere,  glänzender,  prachtvoller  und  in  geschlossener
  Reihe  hergestellte  Zimmer  und  Säle  des  neuen  Palastes  zu
beziehen.  Die  Umfassungsmauer  des  Vorhofes  der  Burg  wurde  die
äußere  Grenzlinie  des  neu  aufgerichteten  Schlosses.  An  Stelle  des
alten  Burgthores  trat  1575  ein  prachtvoll  geschmücktes  neues,  an
Stelle  der  Zugbrücke  die  über  den  tief  und  breit  hinunter  gebrochenen
Wallgraben  in  kühn  geschwungenem  Wölbbogen  geführte  steinerne
Brücke;  aus  der  Umfassungsmauer  entstand  ein  prächtiges  Gebäude
von  ansehnlicher  Tiefe  und  an  Stelle  des  um  die  Mauer  führenden
Wehrganges  ein  geräumiges,  prachtvoll  ausgestattetes  Stockwerk.  An
Stelle  der  verschiedenen  in  Rundthürmen  an=  und  eingebauten  Wendeltreppen
  wurden  breite,  in  geradliniger  Führung  mit  breiten  Absätzen
versehene,  stattliche  Treppen  erbaut.  Der  untere  Burghof  wurde  beträchtlich
  eingeengt;  was  aber  an  Raum  verloren  ging,  wurde  reichlich
an  Pracht  ersetzt.  Dem  Zugange  zum  oberen  Burghofe  wurde  durch
Absprengen  der  Felsen  ein  großer  Theil  seiner  Steile  genommen;
dadurch  aber  auch  gleichzeitig  der  frühere  Zugang  zu  den  Prachträumen
  der  alten  Burg  außer  Gebrauch  gesetzt  und  auf  die  zwischen
dem  Neubau  und  dem  Palas  errichtete  neue  Treppe  verwiesen.  Etwa
Mitte  des  18.  Jahrhunderts  wurde  endlich  auf  der  südwestlichen  Seite
des  Schlosses  ein  Bau  ausgeführt,  welcher  vom  Garten  bis  zum  ersten
Schloßhofe  heraufreicht.  Im  Jahre  1836  erwarb  König  Anton
Weesenstein,  welchem  Prinz  Maximilian,  König  Johann  und  Prinz
Georg  im  Besitz  folgten.

Südöstlich  der  Schloßbrücke  liegt  der  von  drei  Gebäuden  eingefaßte,
  zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  angelegte  Vorhof.  Ueber
        <pb n="199" />
        —  191  —

die  Brücke,  durch  das  mit  den  Wappen  der  Bünaus  und  der  Schleinitze
geschmückte  Hauptthor  gelangt  man  in  den  ersten  Schloßhof,  in  welchem
links  des  Einganges  der  Schloßverwalter  wohnt,  an  den  man  sich
wegen  Besichtigung  des  Schlosses  zu  wenden  hat.  Links,  innerhalb
der  Einfahrt,  führt  eine  breite  Haupttreppe  in  die  Räume  des  ersten
Stockwerkes.  Will  man  vom  Garten  aus  die  Gesammtheit  der  verschiedenen
  Stockwerke  und  Halbstockwerke  zählen,  so  ist  dies  allerdings
das  vierte  Stockwerk,  da  dieser  Hof  von  der  dritten  (Beamtenwohnungen
  2c.)  umgeben  wird,  und  das  zweite  (Dienerwohnungen),
sowie  das  erste  (der  Gartenflügel  mit  der  Wohnung  S.  M.  des
Königs  Anton)  unterhalb  dieses  Hofes  liegen.

Im  Treppenhause  sind  zwei  Ansichten  des  Schlosses  Weesenstein
zu  beachten,  die  eine  von  1480,  die  andere  von  1720,  welche  die
Bauentwickelung  desselben  erläutern.  In  diesem  Stockwerke  sind  der
Speisesaal  und  der  Ledertapetensaal,  auf  der  einen  Seite  eine  Flucht
von  zehn  Zimmern,  auf  der  andern  eine  Flucht  von  fünf  Zimmern,
sowie  einige  Zimmer  für  Bedienung  und  die  Vorräume,  von  denen
die  lange  und  kurze  Galerie  zu  nennen,  auf  welcher  letzteren  sich  das
Bild  „Der  Trinker  von  Weesenstein“  befindet.  An  die  kurze  Galerie
stößt  die  kleine  Hauskapelle  mit  dem  herrlichen  Bilde  der  Mater
dolorosa  von  Rietschel.  Von  der  herrschaftlichen  Ausstattung  der
Räume  sind  die  prachtvollen  goldgepreßten  Ledertapeten,  Kommoden
und  Schränkchen  mit  eingelegter  Arbeit  in  verschiedenen  Holzarten,
eine  kunstvoll  mit  Schildkrot  geschmückte  Bouleuhr,  Statuetten  und
Porzellanfiguren,  der  silberne  Achillesschild,  die  Nachbildung  der
Amazone  von  Kiß,  verschiedene  Büsten,  zahlreiche  Portraits  u.  s.  w.
bemerkenswerth.  Im  Zimmer  des  1847  verstorbenen  Prinzen
Ernst  befindet  sich  das  vom  Oberst  Aster  ausgeführte  Relief  von
Weesenstein  und  dessen  Umgebungen.  Aus  dem  Zimmer  an  der
Sübecke  des  Schlosses  hat  man  einen  prächtigen  Blick  über  den

arten.

Am  nüördlichen  Ende  dieser  stattlichen  Zimmerreihe  führt  eine
Haupttreppe  in  den  alten  Palastbau  der  Burg.  Ueber  einer  ausgedehnten
  Reihe  von  Kellern  mit  Tonnengewölben,  welche  zum  Theil
aus  dem  Felsen  herausgearbeitet  wurden,  zum  Theil  sich  an  Felsenwände
  anlehnen,  zum  Theil  ganz  in  Mauerwerk  ausgeführt  sind  und
die  unteren  Räume  des  ehemaligen  Bergfried  mit  seinen  Anbauten
bezeichnen,  befindet  sich  eine  zweite  Reihe  von  Gewölben,  welche  dem
Hauptsaale  und  dessen  Nebenräumen  entsprechend  liegen,  deren  ursprüngliche
  Verbindung  mit  den  oberen  Räumen  aber  beim  Neubau
der  Treppen  theils  zugemauert,  theils  beseitigt  wurden.  Hier  steht
noch  ein  alter  Schrank,  eine  Truhe  mit  der  Jahrzahl  1501,  und
        <pb n="200" />
        —  192  —

eine  Anzahl  in  Schweinsleder  gebundener  alter  Gerichtsverhandlungen.
Oberhalb  dieser  Räume  ist  der  Hauptsaal  der  alten  Burg,  der  sogenannte
  steinerne  Saal,  dessen  zwei  Säulen  bezeugen,  daß  die  Bauzeit
  desselben  in  die  erste  Hälfte  des  12.  Jahrhunderts  zu  setzen  ist.
Das  ist  also  der  Zeitpunkt,  zu  welchem  der  Bau  der  Ritterburg  in
vollem  Umfange  und  Glanze  beendet  wurde.  Aus  den  in  tiefen
Mauernischen  mit  Sitzbänken  befindlichen  Fenstern  hat  man  einen
prächtigen  Blick  über  das  tief  unten  gelegene  Dorf.  Neben  dem
steinernen  Saale  befindet  sich  ein  zweiter  Saal,  der  sogenannte  Billardsaal,,
  mit  Bildnissen  aus  der  sächsischen  Königsfamilie  von  August
dem  Starken  bis  mit  Friedrich  August  dem  Gerechten.  Ein  halbes
Stockwerk  tiefer  liegt  der  ehemalige,  kleine,  viereckige  Kirchhof,  an  welchen
ein  Raum  mit  frühgothischer  Wölbung  anstößt,  den  die  Phantasie  der
Besucher  zur  Marter=  oder  Folterkammer  gestempelt  hat.  Ein  und
ein  halbes  Stockwerk  höher  befindet  sich  der  Mönchsgang,  über  welchem
sich  die  acht  Mönchszellen  befinden  sollen,  welche  die  Bildnisse  der
vor  Zeiten  mit  Abhaltung  des  Gottesdienstes  in  der  Schloßkirche
beauftragten  Mönche  enthalten.  Vom  Mönchsgange  aus  erreicht  man
in  einem  Zimmer  den  in  Felsen  gehauenen  Theil  des  Schloßthurmes
und  zunächst  desselben  einen  Erker,  der  an  die  Stelle  eines  Eckthurmes
getreten  ist,  von  dem  man  eine  prächtige  Aussicht  über  den  Garten
in  das  eng  geschlossene  Müglitzthal  hat.  Auch  auf  dem  Wege  zum
hintern  Schloßhofe  hat  man  auf  einer  kleinen  Plattform  einen  sehr
hübschen  Ausblick.

Die  zum  großen  Theile  aus  dem  Felsen  herausgearbeitete  Schloßkirche
  ist  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  in  ihrer  gegenwärtigen  Gestalt
hergestellt  und  geschmückt.  Altar  und  Kanzel  entstammen  dem  Felsen
und  der  1513  gegründeten  älteren  Schloßkapelle;  das  Deckengemälde,
die  Himmelfahrt  Christi,  ist  1740  gemalt,  die  schöne  Orgel  von
Silbermann  gebaut.

Um  den  hinteren  Hof,  in  welchem  sich  Anfang  des  19.  Jahrhunderts
  die  große  Schloßbrauerei  befand,  ziehen  sich  große  Kellereien
mit  schweren  Tonnengewölben,  welche  aus  sehr  früher  Zeit  stammen
und  füglich  als  Kasematten  bezeichnet  werden  können.  Am  Eingange
zum  oberen  Hofe  liegt  ein  Pferdestall,  an  dessen  Seitenwand  der
nackte  Fels  zu  bemerken  ist.  Der  sogenannte  Gartenflügel,  ein  Anbau,
  welcher  erst  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  angefügt  worden  sein
mag  und  durch  Treppen  und  einen  Aufzug  mit  den  Räumen  der
ersten  Etage  des  Vorderschlosses  verbunden  ist,  enthält  im  ersten  Stock
die  Wohnzimmer  von  Sr.  Maj.  König  Anton,  welche  genau  in  dem
Zustande  wie  zu  Lebzeiten  erhalten  worden  sind.  Der  Schloßgarten
enthält  herrliche  Baumgruppen,  schöne  Wiesenflächen  und  sorgfältig
        <pb n="201" />
        —  193  —

gepflegte  Blumenbeete.  Der  Anblick  des  Schlosses  ist  von  der  Gartenseite
  ebenso  interessant,  wie  von  der  Dorsseite.)

Etwa  fünfzehn  Minuten  vom  Wirthschaftshofe  von  Weesenstein,
in  östlicher  Richtung,  etwa  100  m  über  dem  Thale  der  Müglitz  liegt
das  sogenannte  Belvedere,  ein  alter,  dem  Verfall  näher  rückender
Jagdpavillon,  von  dessen  Thurme  man  in  früheren  Zeiten  eine  sehr
hübsche  Aussicht  hatte.  Gegenwärtig  ist  die  Aussicht  vollständig  verwachsen.


Von  hier  geht  man  in  südöstlicher  Richtung  längs  des  deutlich
sich  kennzeichnenden,  aus  Quarzschiefer  bestehenden  Ziegenrücks.
Man  hat  von  demselben  eine  sehr  anmuthige  Rundsicht.  Im  Norden
den  Porsberg,  im  Nordosten  die  Burkersdorfer  Linde,  weiter  ostwärts
die  Kegel  des  Sandsteingebirges  (Bärensteine,  Lilienstein,  Königstein,
Große  Winterberg,  Quirl,  Gohrisch  und  Papststein  dicht  hinter  einander,
Pfaffenstein,  kleiner,  großer  Zschirnstein,  Katzstein,  in  nächster  Nähe
den  Cottaer  Spitzberg,  dann  Schneeberg,  Schönwalder  Spitzberg,  genau
im  Süden  das  Mückenthürmchen,  Geising,  schwarze  Tellkoppe,  Luchberg,
  genau  im  Westen  Wilisch,  Tharandter  Wald,  Windberg,  im
Norden  abschließend  das  Elbthal.

In  dem  unnmittelbar  vor  dem  Ziegenrück  liegenden  Meusegast
stand  noch  vor  etwa  50  Jahren  ein  alter,  viereckiger  Thurm  als
Ueberrest  der  im  10.  Jahrhundert  gegründeten  Burg,  einer  Grenzfeste
  der  Meißner  Markgrafen.  Der  Name  des  Ortes,  abzuleiten
von  meze  =  der  Grenzrain,  chat'  —  die  Hütte,  bezeichnet  denselben
als  Randort  des  sorbenwendischen  Gebietes.  Der  alte  Thurm  ist
seitdem  niedergerissen  und  sein  Gestein  bei  Bauten  im  Orte  verwendet
  worden.

Auf  einem  Feldwege  gelangt  man  unterhalb  Oberseidewitz  in  das
reizende  Thal  des  Seidewitzbaches,  dessen  schönster  Theil  von  hier  bis
zur  Nenntmannsdorfer  Mühle  liegt.  Die  50  bis  60  m  hohen,  reich
mit  Laubholz  besetzten  Thalwände  werden  durch  Felsblöcke  und  Felsenklippen
  reich  geschmückt,  besonders  an  der  zweiten  Thalbiegung,  wo

eine  Gruppe  auf  beiden  Seiten  des  Thales  hoch  aufragender  Felsenzähne
  und  Thürme  den  Namen  „Wildkirche“  erhalten  hat.

Von  der  Nenntmannsdorfer  Mühle  bis  oberhalb  der  Schneckenmühle,
  und  von  dieser  bis  Liebstadt  wird  das  nahezu  südlich  ansteigende
Thal  von  einer  breiten  Wiesenaue  gebildet,  welche  von  60,  70  und
selbst  80  m  hohen,  reich  mit  Laubholz,  aber  auch  theilweis  mit
Nadelholz  besetzten  Abhängen  eingefaßt  wird.  Nur  oberhalb  der

*)  W.  Becher,  Schloß  Weesenstein  2c.  Dresden  1850.
F.  Polle,  Muglitzthal  2c.  1886.

13
        <pb n="202" />
        —  194  —

Schneckenmühle  werden  die  näher  an  einander  tretenden  Thalwände
wiederum  reich  von  Felsklippen  und  Felsenblöcken  durchbrochen.  Im
Ganzen  ist  der  über  8  km  betragende  Thalweg  zu  lang,  um  nicht
bei  aller  Schönheit  der  Einzelheiten  eintönig  zu  erscheinen.

Am  Zusammenstoße  des  Wolkengrundes  und  des  Ziegenrückgrundes
  liegt  das  kleine,  freundliche  Städtchen  Liebstadt  gabelförmig
in  das  Thal  eingekeilt,  von  dem  Schlosse  Guguckstein  hoch  überragt.
Der  Schreibgebrauch  hat  den  alten,  so  überaus  bezeichnenden  Namen
in  Kuckukstein  umgewandelt.  Es  war  eine  der  kleinen  Grenzburgen,
deren  Besatzung  auf  dem  Ausguck  lag,  um  feindliche  Anfälle  rechtzeitig
zu  melden.

Die  Burg,  welche,  wie  schon  bemerkt,  um  940  gegründet  wurde
und  wahrscheinlich  im  elften  Jahrhundert  oder  Anfang  des  zwölften
ihren  vollständigen  Ausbau  erhalten  hat,  ist  ein  treffliches  Beispiel
für  die  Anlage  einer  kleinen  Burg,  wenngleich  spätere  Um=  und  Einbauten,
  sowie  die  Beseitigung  aller  alten  Wendeltreppen  den  ursprünglichen
  Zusammenhang  der  einzelnen  Theile  wesentlich  gestört  haben.
Man  betritt  die  Burg  von  der  Nordseite.  Wo  die  schmale  Brücke
über  den  zum  großen  Theile  nicht  mehr  die  ursprüngliche  Tiefe  besitzenden
  Graben  führt,  war  die  Verbindung  mittels  einer  schmalen
Zugbrücke  herzustellen  oder  zu  unterbrechen.  Es  ist  bemerkenswerth,
daß  diese  Zugbrücke  nur  mit  Einer  Kette  gehoben  wurde,  also  sehr
schmal  war  und  folgedessen  nur  von  Fußgängern  benutzt  werden  konnte.
Unmittelbar  neben  dem  Eingange  liegt  der  Hauptthurm  der  Burg,
der  Bergfried,  dessen  Zugang,  wie  eine  Rundung  unmittelbar  neben
dem  Burgthore  bezeugt,  sehr  hoch  lag  und  durch  eine  hölzerne  Wendeltreppe
  erreicht  wurde.  Der  Grundriß  desselben  gleicht  dem  Grundriß
des  Hauptthurmes  der  Burg  Weesenstein,  es  ist  ein  Quadrat  mit  vorn
angesetztem  Halbkreis,  so  daß  man  wohl  nicht  unrecht  hat,  wenn  man
ihre  Erbauung  als  eine  gleichzeitige  bezeichnet.  Dem  starken  Thurme
zunächst  war  das  Eingangsthor  durch  Wehrgang  und  Thorvertheidigung
sicher  gestellt.  Auf  der  anderen  Seite  wurde  die  Vertheidigung  des
Grabens  von  der  nach  rückwärts  gekrümmten  Umfassungsmauer  mit
dem  noch  vorhandenen  Wehrgange  geführt.  Dieser  Wehrgang  wird
irrthümlicher  Weise  „Mönchsgang“  genannt.  Auf  der  Ostseite  war
die  Burg  durch  einen  niedrigen  viereckigen  Thurm  gedeckt;  auf  der
Südseite  befand  sich  der  Palas;  in  dessen  unteren  Räumen  Küche  und
Vorrathskammern.  Im  Hauptthurm  sind  drei  mächtige  gewölbte
Räume  übereinander,  und  oberhalb  derselben  die  sogenannte  Kapelle,
in  frühester  Zeit  wahrscheinlich  der  Hauptsaal  der  Burg.  Dieselbe
gehörte  bis  1402  den  Burggrafen  von  Dohna,  welche  einen  ihrer
Lehnsmannen  hierher  gesetzt  hatten;  1413  belehnte  Markgraf  Wilhelm
        <pb n="203" />
        —  195  —

die  v.  Bünau.  1775  kam  es  an  die  Carlowitze.  Wahrscheinlich
haben  schon  im  15.  Jahrhundert  Umbauten  in  der  kleinen  Burg  stattgefunden,
  auch  im  16.  Jahrhundert  wurde  Mancherlei  um=  und  angebaut;
  aber  der  1726  stattfindende  Umbau  hat  das  Innere  der
Burg  vollständig  verändert,  so  daß  nur  noch  die  Glasgemälde  in  den
Fenstern  des  Vorsaales  vom  ersten  Stock  als  aus  dem  Ende  des
15.  Jahrhunderts  stammend  angesehen  werden  können.  Das  Schloß
hat  eine  werthvolle  Bibliothek  und  interessante  Erinnerungen  an
Napoleon  I.

L1.  Napoleon  in  Liebstadt.

Es  war  am  9.  September  1813  gegen  5  Uhr  Nachmittags,
als  Napoleon  im  Schlosse  zu  Liebstadt  eintraf,  um  Nachtquartier  zu
nehmen.  Er  hatte  am  Tage  vorher  die  Russen  bei  Dohna  angreifen
und  sie  aus  Zehist,  Pirna  und  Borna  verdrängen  lassen.  Sie  wichen
langsam  gebirgsaufwärts.  Napoleon  hielt  lange  Zeit  auf  der  Höhe
von  Borna,  den  Gang  des  Gefechtes  beobachtend.  Seit  der  Niederlage
  bei  Kulm,  an  der  Katzbach  und  bei  Großbeeren  war  eine  seltsame
  Unbestimmtheit  über  ihn  gekommen.  Nutzlose  Hin=  und  Hermärsche,
  kleine  Gefechte  ohne  besonderen  Zweck,  Aufnehmen  und
Fallenlassen  verschiedener  Pläne,  unentschiedenes  Schwanken,  zaghaftes
Bedenken  ...  lauter  Dinge,  die  man  an  ihm  nicht  gewohnt  war.

Er  blieb  den  Abend  ziemlich  schweigsam,  langweilte  sich  auffallend,
  kritzelte  einen  Vers  in  die  Fensterscheibe  und  schnitt  aus  dem
Portrait  Moreaus  die  französische  Cocarde  mit  dem  Federmesser
heraus,  unter  das  Bild  die  Worte  schreibend:  „Er  war  ihrer  unwürdig,
  der  Verräther!"  Am  Morgen  des  10.  September  ging
Napoleon  mit  ziemlich  bedeutenden  Massen  auf  der  kleinen  Straße
über  Breitenau  nach  dem  Geiersberge  vor.  Bei  Ebersdorf  überblickte
er  von  der  Höhe  den  großen,  herrlichen  Kessel  Böhmens,  einen  starken
Gegensatz  zu  den  unwirthlichen  Gebirgsflächen  mit  ihren  verödeten
Dörfern,  durch  welche  seine  Truppen  herangerückt  waren.  Lange  Zeit
betrachtete  er  die  Stellung  der  im  Thale  befindlichen  Armeen  der
Verbündeten.  Er  sendete  den  General  Drouot  die  Geiersbergstraße
hinab.  Dieser  kam  spät  mit  der  Nachricht  wieder,  daß  sie  unpassirbar
sei.  Unmuthig  und  verdrießlich  kehrte  Napoleon  nach  Breitenau  zurück.
  „Kaum  war  in  dem  armen,  fast  zerstörten  Dorfe  ein  Unterkommen
  zu  finden.  Der  Unrath  der  Pferde  mußte  zuvor  aus  der

Wohnung  des  Pfarrers  weggeschafft  werden,  um  für  Napoleon  und
Berthier  ein  Unterkommen  zu  bereiten.“  Den  Truppen  fehlten  alle
13“
        <pb n="204" />
        —  196  —

Nahrungemittel,  sie  lagen  in  einer  kalten  Herbstnacht  auf  dem  durchnäßten
  Gebirgsboden.  An  Futter  für  die  Pferde  war  kaum  zu  denken.
Die  Grenzdörfer  waren  fast  bis  auf  das  Gerippe  zerstört  und  alle
nicht  massiven  Häuser  zur  Unterhaltung  der  Wachfeuer  gebraucht
worden;  sie  trugen  die  Spuren  der  Verwilderung  dieses  Krieges  im
schrecklichsten  Umfange.  —  „So  war  es  in  alle  den  unglücklichen
Dörfern  längs  der  Grenze,  wo  bald  Franzosen,  bald  Russen  Wohnung
machten.““)  «

Man  darf  sich  daher  nicht  wundern,  daß  auf  dem  Gebirgskamme,
wie  auf  dem  Gebirgsabhange,  bis  weit  nach  der  Thalebene  hinab,
nur  selten  noch  alte  Gehöfte  und  alte  Gebäude  gefunden  werden.
Was  aus  den  Verheerungszügen  der  Hussiten  und  aus  den  Raubund
  Brandzeiten  des  dreißigjährigen  Krieges  etwa  übrig  geblieben
war  und  die  Drangsale  des  siebenjährigen  Krieges  überstanden  hatte,
ging  in  diesen  Tagen  zu  Grunde.  Wiederholt  ausgeplündert,  ihres
Viehstandes  vollständig  beraubt,  ohne  Saatgetreide,  ohne  Geldmittel
stand  ein  großer  Theil  der  erzgebirgischen  Bauern  und  Wirthschaftsbesitzer
  vor  den  Trümmern  ihrer  Wohn=  und  Stallgebäude,  als  der
Herbst  1813  zu  Ende  ging.

Den  ganzen  September  hindurch  war  das  Gebirge  mit  Truppen
überfüllt.  Kosacken  durchsuchten  jeden  Winkel,  raubten  und  plünderten
überall,  aber  die  andern  Truppen  machten  es  nicht  anders  oder  besser.
Das  Dorf  Fürstenau  wurde  acht  Wochen  lang  jeden  Tag  ausgeraubt,
bis  Nichts  mehr  zu  finden  war.  Fürstenwalde  wurde  geplündert  und
niedergebrannt,  in  Breitenau  Kirche,  Pfarre,  5  Wohnhäuser,  20  Scheunen
eingeäschert  u.  s.  w.  Bis  Kreischa,  Quohren,  Lockwitz  u.  s.  w.  wurden
die  Dörfer  von  Franzosen,  Oestreichern  und  Russen  abwechselnd  ausgeplündert.
  Die  Viehzucht  der  ganzen  Gegend  war  schon  bei  dem
ersten  Rückzuge  der  Alliirten  vernichtet  worden.  Mancher  Bauer  behielt
  nicht  Ein  Stück  Vieh  im  Stalle.  Ganze  Heerden  wurden  weggetrieben,
  und  auf  der  böhmischen  Grenze  um  ein  Spottgeld  verkauft.
Lange  Jahre  waren  nöthig,  um  den  Viehstand  auf  den  früheren
Stand  zu  bringen,  und  überhaupt  die  zu  Grunde  gerichteten  Bewohner
sich  wieder  erholen  zu  lassen.

Den  11.  September  ritt  Napoleon  auf  einem  ziemlich  schwierigen
Seitenwege  über  Oelse  auf  die  große  Straße  und  auf  den  Nollendorfer
  Berg  vor.  Die  Kanonen  donnerten  mit  vielfachem  Echo  in
das  Thal  gegen  Kulm.  Die  Nacht  verbrachte  Napoleon  in  der  Pfarr-*)

  O.  v.  O.  (Otto  von  Odeleben),  Napoleons  Feldzug  1813  in
Sachsen.  Odeleben  war  1813  Major  und  als  Napoleons  Ordonnanz-Officier
und  Führer  während  des  ganzen  Feldzuges  im  Hauptquartier.  Streng  objektive
Haltung  gereicht  seiner  anziehenden  und  lebendigen  Darstellung  zur  hohen  Zierde.
        <pb n="205" />
        —  197  —

wohnung  des  von  seinen  Einwohnern  verlassenen  Dorfes  Peterswalde.
Tags  darauf  fuhr  er  nach  Dresden  zurück.  Noch  ein  Mal  kam
Napoleon  bis  auf  den  Kamm  des  Gebirges.  Wenige  Tage  später,
den  14.  September,  wurden  die  Franzosen  in  Peterswalde  überfallen
und  bis  Berggießhübel  zurückgeworfen.  Napoleon  kam  seinen  Vortruppen
  am  15.  zu  Hilfe.  Er  begab  sich  über  Pirna  gegen  Langenhennersdorf,
  um  das  Vorrücken  einer  Colonne  über  Markersbach  zu
leiten,  während  die  Hauptcolonne  über  Berggießhübel  gegen  Peterswalde
  vorging.  Die  Franzosen  drangen  bis  an  den  Nollendorfer
Berg.  Tags  darauf  ging  Napoleon  selbst  bis  Nollendorf,  und  am
17.  rückten  die  Franzosen  thalwärts  vor.  Napoleon  ritt  bis  Knienitz.
Während  am  16.  ein  dichter  Nebel  über  dem  Thale  lag,  hatte  sich
am  17.  der  Himmel  etwas  aufgeklärt;  es  war  aber  noch  nicht  hell
genug,  die  Stellung  der  Verbündeten  zu  erkennen.  Ein  starkes  Kanonenfeuer
  entwickelte  sich;  feindliche  Colonnen  gingen  gegen  Knienitz  vor.
Das  Gefecht  währte  bis  5  Uhr  Nachmittags,  wo  ein  Platzregen  demselben
  ein  Ende  machte.  Am  18.  September  ritt  Napoleon  nochmals
auf  den  Nollendorfer  Berg  und  gegen  Knienitz  hinab;  dann  kehrte  er
über  Pirna  nach  Dresden  zurück  und  verlegte  seine  Operationen
zwischen  Elbe  und  Mulde  und  Saale.

22.  Elashütte.  Uhren--Industrie.  Uhrmacherschule.

Von  der  Weesensteiner  Papierfabrik  an  erweitert  sich  das  Müglitzthal
  und  hat  eine  breitere  Wiesensohle  bis  zur  Einschnürung  vor
Häselich,  welche  von  60  —70  m  hohen,  auf  dem  westlichen  Abhange
felsreichen  und  bewaldeten  Abhängen  eingefaßt  wird.

Die  Weesensteiner  Papierfabrik  fertigt  fast  ausschließlich  Seidenpapiere
  (Seiden-Copir=  und  Cigarretten-Papiere),  zu  denen  das  Rohmaterial
  an  Hadern  aus  Galizien  und  Rußland  bezogen  wird.  Ungefähr
  in  der  Mitte  zwischen  der  Papierfabrik  und  der  Böschelmühle
befinden  sich  an  hoher,  vorspringender  Felsenwand  alte  Schieferbrüche,
in  deren  Nähe  Adern  von  Aventurin,  Holzachat  r2c.  gefunden  werden.
Von  der  Böschelmühle  bis  Häselich,  an  welches  das  im  Maxener
Grunde  liegende  Mühlbach  sich  anschließt,  bildet  die  Thalsohle  wiederum
eine  breite  Aue,  vbn  mäßig  steilen  Abhängen  eingefaßt,  die  jedoch
eine  Höhe  von  70—80  m  erreichen.  Auf  dem  Felsenabhange  unterhalb
  der  Böschelmühle  befindet  sich  der  „Rabenhorst“,  ein  Aussichtspunkt,
  den  man  nur  noch  von  Maxen  aus  erreichen  kann,  da  der
Aufstieg  von  der  Jonasmühle  her  gesperrt  wurde,  weil  eine  pöbelhafte
Bande  Barrieren,  Bänke,  Stufen  rc.  zertrümmert  hatte.  Es  wäre
        <pb n="206" />
        —  198  —

sehr  erfreulich,  wenn  dieser  Weg  wieder  eröffnet  würde.  Man  erreicht
den  Rabenhorst  vom  Rittergutshofe  aus  in  etwa  25  Minuten  und
geht  nun  auf  dem  Promenadenwege  längs  des  Thalrandes,  mit  prächtigem
  Ausblick  über  das  Thal  bis  zum  Pavillon  (der  Moschee),
welcher  vom  steilen,  felsigen  und  bewaldeten  Abhange  oberhalb  Mühlbach
  einen  herrlichen  Ausblick  über  das  Thal  und  die  dasselbe  schließenden
Höhenzüge  gewährt.

Von  Häselich  4  km,  von  da  bis  Schlottwitz  3  km  im  Thale
der  Müglitz  zurück  zu  legen.  Kurz  oberhalb  Häselich  ist  das  Thal
wiederum  tiefer  eingeschnitten.  An  der  Einschnürung  zwischen  dem
Sattelberge  und  dem  Höllenhübel  haben  die  mit  zahlreichen  Felsenbrocken
  und  Felsenpartien  geschmückten  Abhänge  eine  Höhe  bis  zu
140  m.  Von  Schlottwitz  bis  zum  Gasthofe  „zur  Ruhe“  bildet  das.
südwärts  gerichtete,  etwa  2  km  lange  Thalstück  eine  breite  Wiesenflüche,
  auf  welcher  einzelne  Häusergruppen  verstreut  liegen.  Unter
diesen  ist  die  Maschinenfabrik  und  Eisengießerei  zu  nennen,  in  welcher
Mühlentheile,  landwirthschaftliche  Maschinen,  Maschinen  für  Papierfabriken
  und  Holzschleifereien  gefertigt  werden.  Die  Ostseite  des  Thales
wird  von  beinahe  150  m  hohen,  gut  bewaldeten  Abhängen  gebildet,
die  Westseite  von  einem  nur  50  m  hohen  Steilhange,  über  welchem
sich  sanfter  gewölbte  Höhenrücken  erheben.  So  herrlich  dieses  Thalstück
  auch  ist,  dem  Fußwanderer  wird  die  gerade  Chaussee  langweilig
und  kein  Theil  dieses  köstlichen  Thales  ist  so  ermüdend,  wie  dieser-Das
  aber  trägt  wesentlich  dazu  bei,  die  Freude  an  der  folgenden
Thalstrecke  zu  erhöhen.  „Der  freundliche  Anblick  sanfter,  fruchttragender
Abhänge  wechselt  hier  mit  den  steilen  Felsen,  welche  bald  das  Schwarz
düsterer  Tannen  und  das  hellere  Grün  einzelner  Buchen  und  Eichen,
im  bunten  Gemisch,  bald  dichte  Waldungen  bekleiden,  oder  kahl  und
drohend  auf  den  Wanderer  herabschauen  ...  Aber  jede  Krümmung
des  Grundes  bietet  diesem  eine  neue,  überraschende  Ansicht  und  irgend
einen  Fund,  der  ihn  erfreut,  sei  es  nun  eine  seltene  Pflanze  oder
ein  Amethyst,  ein  glänzendes  Stück  Bandachat  u.  s.  w.“  (W.  Becher,
Schloß  Weesenstein,  S.  4.)

Die  Thaleinschnürung  bei  der  Hofemühle,  wo  die  Drebnitz  aus
ihrem  tief  eingerissenen,  schmalen  und  wegelosen  Waldthale  in  die
Muüglitz  eintritt,  bezeichnet  mit  ihren  70  bis  100  m  hohen  Abhängen,
schroff  an  die  Thalsohle  herantretenden  Felsenwänden,  mit  stotzig  aufragenden
  Klippen,  Säulen  und  Felszähnen,  wiederum  eine  Thalstrecke,
in  welcher  bei  den  vielfachen  Biegungen  und  Windungen  mit  jedem
Schritte  und  Tritte  die  prächtigsten  Landschaftsbilder  wechseln.  Das
von  80  bis  90  m  hohen,  reichbewaldeten  Steilhängen  eingefaßte
Drebnitzthal,  in  welchem  bis  Liebenau  nur  zwei  einsame  Mühlen  liegen,
        <pb n="207" />
        —  199  —

ist  dem  Freunde  stiller  Wanderung  auf  unwegsamer  Thalstrecke,  besonders
  im  zeitigen  Frühjahr,  wo  die  Wasserfülle  des  Baches  am
mächtigsten  wirkt,  anzuempfehlen.  Der  Weg  nach  Liebenau  beträgt
etwa  zwei  Stunden.  An  einer  von  der  Hofemühle  etwa  25  Minuten
entfernten  Biegung  des  Müglitzthales,  dessen  reiche  Felsen=  und  Waldausschmückung
  vielfach  wechselt,  sieht  man  hoch  über  der  südlich  gerichteten
Chaussee  einige  Häuser  von  Rückenhain,  während  unweit  derselben  aus
dunkler  Waldschlucht  ein  kleiner  Bach  den  kühnen  Sprung  in  das
Hauptthal  wagt.  Ein  hübsches  Bild!  Von  Rückenhain  führt  eine
neue  Straße  ins  Thal.  Nahe  derselben  liegt  in  den  Felsen  „Wittich's
Schloß",  eine  unbedeutende  Höhle.  Weiter  aufwärts  kommt  aus  einer
zweiten  engen  Schlucht,  welche,  dicht  bewaldet,  bis  gegen  Dittersdorf
hinaufreicht,  der  schmale,  unbedeutende  Dittersdorfer  Bach,  und  auf
der  anderen  Seite  des  scharf  zugespitzten  Felsenhornes  aus  kurzer,
felsiger  und  bewaldeter  Schlucht  der  dünne  Kohlbach.  Hier  macht  die
Müglitz  einen  zweiten  scharfen  Bogen,  wie  sie  kurz  unter  Wittich's
Schloß  den  ersten  nach  Norden  gewendeten  gemacht  hatte,  in  der
Richtung  nach  Süd,  in  welchen  hinaus  eine  hoch  aufragende  Felsenklippe
  sich  vorschiebt,  bei  Weitem  größer  und  höher,  wie  die  kleine
anmuthige  Felsenzacke,  die  weiter  stromab  nach  Norden  gerichtet  war.
Auf  scharf  ansteigendem  Fußwege  erreicht  man  die  mit  einem  Wetterschirm
  und  Bänken  gezierte  Höhe,  von  der  man  einen  herrlichen  Blick
in  das  Thal  hat,  und  steigt  sodann  auf  dem  Königswege  in  weitem
Bogen  an  grünem  Hange,  unter  hoch  aufragenden  Felsen  nach  der  Stadt
Glashütte  hinab.  Von  der  Hofemühle  bis  Glashütte  rechnet  man  4  km.

Die  Stadt  Glashütte  liegt  am  Einflusse  des  Briesnitzbaches
in  die  Müglitz,  in  dem  von  West  nach  Ost  gerichteten  unteren  Theile
dieses  engen,  von  70—80  m  hohen  Wänden  eingeschlossenen  Nebenthales,
  das  kurz  oberhalb  der  Stadt  zum  engen  Waldbthale  wird.
Dasselbe  steigt  bis  zu  den  6  km  entfernten  Quellen  des  Briesnitzbaches
  260  m.  Ein  Fahr=  und  Waldweg  führt  längs  des  Baches;
der  Besuch  dieses  Thales  ist  sehr  anzuempfehlen.  „Glashütte",  sagt
Schumann,  den  ja  fast  Alle  abschreiben,  die  sich  mit  sächsischer  Topographie
  beschäftigen  (Bd.  3,  S.  135  ff.)  „ist  durch  den  Bergbau  entstanden,
  und  Herzog  Georg,  welcher  das  Aufkommen  desselben  besonders
zu  fördern  suchte,  ertheilte  dem  Orte  1506  Berg=  und  Stadtrecht."
Der  Pirnaische  Mönch  schreibt:  „Glasehütte  in  Meißen,  da  kam  1419
Bergfahrt  auf,  Silbererz,  wurden  an  hundert  Häuser  erbaut.“  Glaserz
  ist  ein  dunkelgraues,  metallglänzendes  Silbererz  (Schwefelsilber):
Glaskopf  ist  faseriges  Braun=  oder  Roth-Eisenerz.  Man  baute  auf
Eisenstein,  hauptsächlich  auf  Glaskopf,  auf  Zinn=  und  Silbererze.  Die
daselbst  angelegten  Eisenhütten  erhielten  ihren  Namen  nach  dem  vor-
        <pb n="208" />
        —  200  —

wiegend  zum  Verschmelzen  kommenden  Glaskopfe,  und  dieser  Name
übertrug  sich  auf  den  bis  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  blühenden  Ort,
welcher  1525  an  42  gangbare  Zechen  und  ein  Bergamt  besaß.  Im
30jährigen  Kriege  ging  der  Bergbau  fast  gänzlich  ein.  Gegen  Ende
des  18.  Jahrhunderts  wurde  derselbe  auf  den  reichsten  Eisensteingängen
  zwar  wieder  ausgenommen,  kam  aber  in  der  ersten  Hälfte
dieses  Jahrhunderts  abermals  zu  vollständigem  Erliegen.  Gegenwärtig
erinnern  nur  zahlreiche  Halden  im  Norden  der  Stadt,  an  der  Kalkhöhe
  und  bei  Cunnersdorf,  sowie  im  Osten,  bei  Neudörfel  und  weiterhin
  auf  dem  Uhrhübel  bei  Seitenhain  an  die  Ausdehnung  des  einst
betriebenen  Eisensteinbergbaues.  Die  freundliche  Stadt  bildet  eigentlich
nur  eine  Hauptstraße,  welche  auf  beiden  Seiten  des  Briesnitzbaches
thalauf  reicht  und  durch  einige  Häusergruppen  stellenweise  zu  einer
Doppelstraße  gemacht  wird.  Ein  paar  kurze  Nebengassen  gehen  der
Hauptstraße  parallel.  Der  neueste  Theil  der  Stadt,  im  Müglitzthale,
liegt  rechtwinklig  zur  Hauptstraße.  Ein  großer  Theil  der  Häuser  ist
neu,  und  das  ganze  Ansehen  der  Stadt  zeugt  von  einem  Wohlstande,
den  man  vor  etwa  50  Jahren  nicht  erkennen  konnte.  In  der  weder  durch
ihr  Alter  noch  durch  ihre  Bauart  ausgezeichneten  Kirche  zeigt  man  einige
gute  Bilder  und  Glasmalereien.  Das  Flügelaltarwerk  wie  die  Glasgemälde
  im  südlichen  Chorfenster  sind  1837  wieder  hergestellt  worden.

Ihren  gegenwärtigen  Aufschwung  und  Ruf  verdankt  die  Stadt  dem
1875  verstorbenen  Bürgermeister  Ferdinand  Adolf  Lange.  Sohn
eines  armen  Dresdener  Büchsenmachers,  kam  er  mit  mangelhaften  Vorkenntnissen
  zu  dem  seinerzeit  rühmlich  bekannten  Hofuhrmacher  Gutkäs  in
die  Lehre,  wo  er  tüchtige  Fachkenntnisse  erwarb  und  gleichzeitig  durch  den
Besuch  der  polytechnischen  Schule  in  Dresden  mit  Fleiß  und  Beharrlichkeit
  eine  vielseitige  und  gründliche  Bildung  gewann.  Nach  Beendigung
seiner  Ausbildung  ging  er  ein  Jahr  nach  Paris  zu  Winnerl,  wo  er
durch  seine  außerordentlichen  Fähigkeiten  und  sein  hervorragendes
Talent  im  Construiren  sehr  bald  die  Stelle  eines  Werkführers  erhielt.
Nach  Dresden  zurückgekehrt,  trat  er  als  Theilhaber  in  das  Geschäft
von  Gutkäs  und  widmete  sich  vorwiegend  der  Construction  von
astronomischen  Pendeluhren  und  Chronometern.  Die  Herstellung
dieser,  sowie  verschiedener  complicirter  Zeitmesser  war  eine  so  vorzügliche,
  daß  seine  Werke  auf  verschiedenen  Ausstellungen  die  ersten
Preise  erhielten  und  von  den  namhaftesten  Sternwarten  angekauft
wurden.  Lange's  Bestrebungen  waren  vor  allem  darauf  gerichtet,  die
Zusammensetzung  der  Uhrwerke  zu  vereinfachen,  die  Construction  derselben
  auf  mathematische  Grundlehren  zurückzuführen,  die  Größen-*)

  Glashütte.  Mskpt.  der  Dresdener  Königl.  Bibliothek.  K.  9.
        <pb n="209" />
        —  201  —

verhältnisse  der  einzelnen  Theile  diesen  Grundlehren  entsprechend  zu
bestimmen  und  durch  eine  ganz  gleichmäßige  Arbeit,  durch  Anwendung
von  Hilfsmaschinen,  durch  vorzügliches  Material  und  endlich  durch
die  sorgfältigste  Prüfung  und  Regulirung  der  fertigen  Werke  nur
vollkommen  tadelloses  Fabrikat  in  den  Handel  zu  bringen.

Der  anfangs  der  vierziger  Jahre  über  das  Erzgebirge  hereingebrochene
  Nothstand  zu  dessen  Beseitigung  zahlreiche  Vorschläge  gemacht
  und  mancherlei  Anläufe  genommen  wurden,  reifte  bei  Lange
den  Gedanken,  die  Uhrmacherkunst  in  Sachsen  einzuführen.  Er  wollte
dem  Erzgebirge,  das  an  der  Strohflechterei  und  Weberei  dahinsiechte,
einen  neuen  Erwerbszweig  schaffen  und  dem  Vaterlande  eine  immense
Summe  Geldes  erhalten,  das  für  ausländisches,  theilweise  recht  werthloses
  Fabrikat  über  die  Grenze  getragen  wurde.  Auch  in  Schlesien
machte  man  den  Versuch,  sich  von  den  Schweizer  Fabrikaten  unabhängig
zu  machen.  Dies  führte  zu  der  Construction  der  Regulatoren.  Lange
dagegen  beabsichtigte  die  Einführung  der  Fabrikation  von  Taschenuhren.
Er  legte  seine  Pläne  der  Regierung  vor,  welche  auch  sehr  bald  darauf
einging,  daß  mit  ihrer  Unterstützung  eine  Lehranstalt  für  Uhrmacher
errichtet  werden  sollte.

In  Glashütte  an  der  Müglitz,  einem  der  ärmsten  Städtchen  des
Gebirges,  wurde  1845  diese  Anstalt  eröffnet.  „Die  Anlernung  der
nach  und  nach  auf  32  angewachsenen  Schüler",  sagt  Professor  C.  Bruhns
in  einem  Aufsatze  über  die  Uhrenfabrikation  in  Glashütte,  „war  eine
der  schwierigsten  Aufgaben,  und  ringsum  schüttelten  Viele  spöttisch  den
Kopf  über  das  vermeintliche  Wahngebilde,  mit  diesen  unwissenden,
schlaffen  und  mannigfach  verwahrlosten  jungen  Leuten  ein  so  schwieriges
Werk  beginnen  zu  wollen.  Der  thatkräftige  Lange  ließ  sich  aber  dadurch
  nicht  irre  machen,  und  er  hat  recht  behalten.  Gerade  mit  diesen
jungen  Leuten  hat  er  seine  besten  Erfolge  erzielt.  Was  sind  aus
ihnen  für  tüchtige,  strebsame  Meister  geworden!  Sämmtlich  Familienväter
  und  Bürger,  bilden  sie  den  Stamm  der  Fabrik,  die  jetzt  (1879)
aus  vielen  in  der  Stadt  zerstreuten  kleinen  Werkstätten  und  aus  160
Köpfen  besteht.“  Gegenwärtig  beaufsichtigen  und  leiten  die  herangebildeten
  Lehrmeister  und  Lehrmeisterinnen  nahezu  200  Arbeiter.

Als  Grundmaß  für  die  Uhrenfabrikation  führte  Lange  das
Millimeter  und  seine  Theile  ein.  Vermittelst  eines  von  ihm  selbst
construirten  und  seitdem  in  der  Glashütter  Uhren=  und  Werkzeug-Fabrikation
  eingeführten  Fühlhebels  vermochte  er  bis  zum  hundertsten
Theile  des  Millimeter  genau  zu  messen  und  daher  eine  Sicherheit  und

Gleichmäßigkeit  in  der  Anfertigung  der  einzelnen  Uhrentheile  zu  erreichen,
  welche  man  vorher  nirgend  gekannt  hatte.  Nächstdem  führte
er  die  seiner  Schule  eigenartige  Methode  ein,  selbst  die  kleinsten  und
        <pb n="210" />
        —  202  —

feinsten  Uhrenbestandtheile,  wie  z.  B.  die  Zapfen  der  Triebe  und  der
sogenannten  Unruhe,  vermittelst  eines  durch  die  Hand  bewegten  kleinen
Schwungrades  abdrehen  zu  lassen.  Endlich  vereinfachte  er  die  Zusammensetzung
  des  Uhrwerkes  und  ließ  alle  einzelnen  Theile  auf  das
Sorgfältigste,  den  theoretischen  und  mathematischen  Bedingungen  entsprechend,
  anfertigen.  Zur  Herstellung  der  einzelnen  Uhrtheile  ließ
Lange  sehr  bald  Lehren,  Stanzen  und  Muster  anfertigen,  um  vollständige
  Gleichmäßigkeit  zu  erzielen  und  das  Ineinandergreifen,  sowie
die  Verbindung  derselben  auf  das  Genaueste  zu  bestimmen.  Die  vollständigste
  Arbeitstheilung  wurde  durchgeführt.  Wenn  auch  die  Schüler
die  Herstellung  aller  einzelnen  Theile  der  Uhren  kennen  lernten,  so
wurden  sie  doch  hauptsächlich  für  die  Anfertigung  einzelner  Theile
ausgebildet.  Auf  der  gleichmäßigsten  Anfertigung  der  einzelnen  Theile
beruht  die  hervorragende  Leistung  im  Ganzen.  Gegenwärtig  werden
neue  Schüler  nur  für  die  Anfertigung  einzelner  Theile  ausgebildet.

Lange  veranlaßte  schon  seine  ersten  Schüler  zur  Gründung  eigner,
kleiner  Werkstätten,  in  welchen  dieselben  wiederum  neue  Kräfte  anlernten.
  Diese  in  der  Stadt  Glashütte  zerstreuten  Werkstätten  bilden
noch  heute  den  eigentlichen  Stamm  der  Fabrik.  Nächstdem  veranlaßte
Lange  die  bedeutendsten  seiner  Schüler  selbständige  Werkstätten  für
die  ganze  Uhrenfabrikation  anzulegen.  So  entstanden  die  Fabriken
von  Großmann,  Schneider  und  Aßmann;  später  wurden  noch  von
Jentzsch,  von  Straßer  und  Rhode  Fabriken  von  Uhren,  Rechenmaschinen,
  Meßinstrumenten,  von  Kreyßig  und  Lindig  Fabriken  von
Maschinen  für  Uhrmacher  u.  s.  w.  gegründet.

„Auf  schwerem  und  arbeitsvollem  Wege“,  sagt  Bruhns,  „hat
Lange  durch  seine  Geschicklichkeit  und  sein  wissenschaftliches  Streben
und  Ringen  seinen  deutschen  Uhren  nach  und  nach  eine  solche  Vollkommenheit
  gegeben,  daß  diese  sich  nicht  blos  den  besten  ausländischen
Uhren  ebenbürtig  an  die  Seite  stellen  können,  sondern  daß  die
Lange'schen  Verbesserungen  vielfach  im  Auslande  als  mustergiltig  anerkannt
  und  nachgeahmt  werden.“  Diese  deutschen  Uhren  genießen
einen  Weltruf  und  finden  immer  mehr  Anerkennung,  je  mehr  die
Vortrefflichkeit  des  heimischen  Produktes  in  Bezug  auf  Solidität,  Zuverlässigkeit
  und  äußere  Eleganz  bekannt  wird.

Die  Bewohner  von  Glashütte,  deren  Wohlthäter  Lange  geworden,
hingen  mit  unbegrenztem  Vertrauen  an  ihm,  der  18  Jahre  lang  als
Bürgermeister  an  der  Spitze  der  städkischen  Verwaltung  stand.  Wenig
über  60  Jahre  alt  wurde  er  1875  aus  einem  segensreichen  Leben
abgerufen.  In  der  Geschichte  der  deutschen  Industrie  wird  seinem
Namen  jederzeit  eine  hervorragende  Stelle  bleiben!  Mit  dem  Eintritte
der  Söhne  in  das  Lange'sche  Geschäft,  welche  die  nachstehenden  Mit-
        <pb n="211" />
        —  203  —

theilungen  mit  der  freundlichsten  Bereitwilligkeit  zur  Verfügung  stellten,
gewann  dasselbe  eine  größere  Ausdehnung.  Im  Parterre  des  neuerbauten
  Geschäftshauses  befindet  sich  eine  mechanische  Werkstätte  und
die  Gehäusefabrik,  in  welcher  die  in  den  verschiedensten  Formen  und
Ausschmückungen  gefertigten  Gehäuse  in  Gold  und  Silber  ausgeführt
werden.  Die  Gold=  oder  Silberstange  wird  in  einem  eigenen  Miniaturwalzwerke
  gestreckt,  entsprechend  profilirt,  gewunden,  getheilt,  gelöthet,
abgedreht,  polirt.  Sodann  werden  die  Decken  und  Zwischendecken  gefertigt,
  die  einzelnen  Theile  fertig  gemacht  und  zusammengestellt.
Vermittelst  der  Gravir=  und  Guillochirmaschinen,  bez.  aus  freier  Hand,
werden  Verzierungen,  Monogramme  u.  s.  w.  auf  den  Gehäusedeckeln
angebracht.  Bei  außerordentlichen  Ausschmückungen  ist  Prof.  C.  Graff,
Direktor  der  Kunstgewerbeschule  in  Dresden,  betheiligt.  In  den
oberen  Räumen  des  Fabrikhauses  erfolgt  die  Zusammensetzung,  Vollendung
  und  Regulirung  der  Uhren.

Die  einzelnen  Theile  einer  jeden  Uhr,  welche  in  gewissen  Posten
von  den  betreffenden  Hausarbeitern  fertig  abgeliefert  werden,  nachdem
sie  in  dessen  Werkstatt  alle  die  einzelnen  Stadien  von  Vorarbeit,
Schmieden,  Pressen,  Richten,  Halb=  und  Ganzfertigmachen  durchlaufen
haben,  werden  Stück  für  Stück  noch  einmal  sorgfältig  geprüft  und
von  den  zu  diesem  Zwecke  besonders  geübten  Arbeitern  in  der  angemessenen
  Reihenfolge  zum  Ganzen  zusammengestellt.  Die  in  Rad,
Gang  und  Trieb  mathematisch  genau  construirten  Werke  werden  nur
vom  besten  Material  gefertigt.  Die  Herren  Lange  und  Söhne  bemerken
selbst:  „Die  Stellung  für  das  Aufziehen  am  Federhaus  und  das  Gesperre
  sind  dauerhaft  und  sicher,  da  sich  der  Sperrkegel  nicht  gegen
die  Schraube,  sondern  gegen  die  Platte  stützt.  Beim  Aufziehen  schiebt
sich  der  Sperrkegel  vor  und  zurück,  damit  die  Zugfeder  niemals  die
höchste  Spannung  behält.  Das  Federhaus  läßt  sich  leicht  aus  der
Uhr  herausnehmen,  ohne  dieselbe  zu  zerlegen.  Das  Einsetzen  neuer
Federn  ist  daher  wesentlich  erleichtert.  Die  Einrichtung  zum  Stellen
der  Zeiger  bringt  die  Eingriffe  stets  wieder  in  volle  Ordnung.  Der
Aufzugstrieb  hat  einen  starken  Kern:  die  Zähne  können  daher  nicht
brechen.  Die  sehr  starken  Zähne  der  ersten  Räder  und  Triebe  haben
keinen  scharfeckigen,  sondern  vollen  Grund:  sie  können  sich  also  selbst
beim  Springen  der  Zugfeder  weder  verbiegen,  noch  brechen.  —  Das
Gangrad  ist  von  Gold,  damit  die  Zähne  ihre  genaue  Form  behalten
und  damit  das  Oel  nicht  verdirbt.  Der  Anker  hat  Rubinhebeflächen
und  ist  aus  federhartem  Golde  gefertigt:  dadurch  ist  Rosten  und
Magnetischwerden  vermieden.  Die  Compensationsunruhe  ist  aus  Stahl
und  Messing,  ihre  Gewichts=  und  Regulirschrauben  aber  der  Schwere
wegen  von  Gold.  Die  Schraubenlöcher  der  Regulirschrauben  sind  auf-
        <pb n="212" />
        —  204  —

geschnitten,  damit  sie  federn  und  die  Schrauben  sanft  und  sicher  gehen.
Die  Wellen  von  Anker  und  Unruhe  sind  ohne  Gewinde  und  Ansätze,
daher  leicht  zu  ersetzen.  Alle  Zapfenlöcher  und  Decken  sind  von
bestem  Rubin,  bei  den  Uhren  I.  Qualität  in  Gold  gefaßt  und  eingeschraubt,
  die  Unruhdecke  von  Diamant.“

Alle  Lange'schen  Uhren,  deren  Vorzüge  überall  anerkannt,  deren
Format  und  Kaliber  auch  vielfach  nachgeahmt  werden,  unterliegen
einer  sorgfältigen  Prüfung  und  Regulirung,  im  Liegen  und  Stehen,
bei  Wärme  und  Kälte  und  allen  Witterungsverhältnissen  u.  s.  w.
Die  vorzüglichsten  Uhren  werden  auf  der  Sternwarte  zu  Leipzig  oder
Hamburg  verglichen  und  mit  einen  Zeugniß  versehen,  welches  über
den  Gang  genaue  Auskunft  giebt.

F.  A.  Lange  hat  eine  Gattung  von  Uhren  geschaffen,  welche  im
Allgemeinen  unter  dem  Namen  „Glashütter  Uhren“  einen  hohen
Platz  in  der  Uhrenfabrikation  einnimmt,  welcher  auch  von  allen  anderen
Fabriken  des  Orts  angestrebt  und  behauptet  wird.  Außer  feinen
Remontoiruhren  werden  in  Glashütte  auch  complicirte  Werke  gefertigt,
wie  Uhren  mit  Datumzeiger,  mit  Chronograph,  mit  springender  Secunde
Geconde  morte),  mit  Repetition  (Einviertel-Repetition,  Minuten-Repetition)
  u.  s.  w.  Die  Preise  der  goldenen  Ankeruhren  der  Qualität
„Deutsche  Uhrenfabrikation  Glashütte“  bewegen  sich  zwischen  210  und
370  Mark;  die  Preise  der  Ankeruhren  I.  Qualität  bei  silbernen
Uhren  zwischen  120  und  250  Mark,  bei  goldenen  Damenuhren  zwischen
290  und  450  Mark,  bei  goldenen  Herrenuhren  zwischen  365  und
800  Mark,  bei  goldenen  Herrenuhren  mit  Repetition  und  springender
Secunde  zwischen  600  und  3000  Mark  (ungerechnet  Monogramme,
Widmungen  und  sonstige  decorative  Arbeiten).  A.  Lange  &amp;amp;  Söhne
fertigen  gegenwärtig  Uhren  I.  II.  und  III.  Güte,  die  letztere  mit  der
Marke  „Deutsche  Uhrenfabrikation“;  J.  Aßmann  fertigt  Uhren  I.  und
II.  Güte.

Außerdem  werden  Präcisionspendeluhren,  bei  Straßer  und  Rohde,
in  drei  Qualitäten  im  Preise  von  200  bis  350  Mark,  Telegraphenund
  Regulatoruhren,  Wächter=  und  Controluhren,  Zink-,  Quecksilberund
  Holz-Compensationspendel,  Gangmodelle,  Einzeltheile  für  Pendeluhren
  und  Gangmodelle,  alle  Arten  größerer  Uhrwerke,  mit  Pendel
oder  Unruhe,  feinere  Laufwerke  für  wissenschaftliche  und  technische
Zwecke  u.  s.  w.  gefertigt.  Die  Gangmodelle  zeigen  den  Cylindergang,
Duplexgang,  Ankergang  und  den  Chronometergang  mit  Feder  oder
Wippe.  Selbstverständlich  werden  auch  Seechronometer  in  hoher
Vollendung  angefertigt.

Noch  sind  die  Meßwerkzeuge  zu  nennen,  deren  Verwendung  in
der  Uhrenfabrikation  und  Feinmechanik,  in  elektrotechnischen  und
        <pb n="213" />
        —  205  —

optischen  Werkstätten,  Walz-  und  Drahtwerken  rc.  sich  schon  hinreichend
bewährt  hat.  Für  die  feinsten  Messungen  dient  der  Mikrometertaster
Nr.  I.  Er  wird  zur  Messung  feiner  Zapfen,  Federn,  Spiralfedern,
Drähte,  Fasern  2c.  verwendet,  gestattet  eine  Messung  bis  zu  7  mm,
und  ist  so  empfindlich,  daß  er  bei  direkter  Angabe  von  ½100  mm
selbst  die  Ausdehnung  eines  Stücks  Messingdraht  durch  Erwärmung
erkennbar  macht.  Der  Mikrometertaster  Nr.  II,  mit  Schublade  anstatt
der  Zangenöffnung,  wie  Nr.  1,  gestattet  die  Messung  von  Gegenständen
  bis  zu  40  mm  Durchmesser;  der  Mikrometertaster  Nr.  III  ist
die  Verbindung  von  I  und  II,  hat  daher  sowohl  die  Zangenöffnung
von  Nr.  I,  als  auch  die  Schubladenöffnung  von  Nr.  II  und  gestattet
Messungen  bis  zu  25  mm,  ebenfalls  genau  bis  ½00  mm.  Dieser
letztere  läßt  sich  als  Universalmeßwerkzeug  für  Taschenuhrarbeiten
bezeichnen.  Das  am  vielseitigsten  und  bequemsten  verwendbare  Maß
ist  das  Zehntelmaß,  eine  doppelte  Zange,  bei  welcher  die  Oeffnung
der  kurzen  Schenkel  in  vergrößertem  Maße  durch  die  langen  Schenkel
auf  einem  isometrisch  getheilten  Kreisbogen  sichtbar  gemacht  wird.
Bei  solider  und  einfacher  Construction  läßt  sich  ½/10  mm  noch  genau
ablesen  und  ½%  mmn  schätzen.  Das  giebt  zum  Messen  von  Bohrern,
Schneiden,  Ausdrehungen,  Blechstärken,  Zapfen  und  Ansätzen,  überhaupt
  für  alle  feineren  Dreh=  und  Feilarbeiten  ausreichende  Sicherheit.
  Das  denselben  Principien  gemäß  construirte  Zwanzigstelmaß
gestattet  die  directe  Ablesung  von  ½0  mm.  Außerdem  werden
Millimeterschublehren  zum  Messen  größerer  Stücke,  sowie  zum  Uebertragen
  von  Maßen  aus  Zeichnungen  als  einfache  Schublehren  mit.
Nonius,  oder  mit  Nonius  und  Anreißespitzen,  oder  auch  Schublehren
mit  Nonius,  abnehmbaren  harten  Anreißespitzen,  Mikrometerschraube
und  drei  Theilungen  gefertigt.

Indem  durch  die  sorgfältigst  hergestellten  Meß-  und  anderen
Werkzeuge  die  gleichmäßigste  und  vollkommenste  Anfertigung  aller
Uhrenbestandtheile  gewährleistet  ist,  wird  auf  der  anderen  Seite  durch
die  sorgfältigste  Beobachtung  und  Vergleichung  der  Gang  der  Uhren
auf  das  Gewissenhafteste  geregelt,  so  daß  sich  schon  die  besseren  Taschenuhren
  durch  einen  hervorragend  gleichmäßigen  Gang  auszeichnen.
Während  durch  die  Sonnabends  in  der  Mittagszeit  10  Minuten  lang
mit  der  Berliner  Sternwarte  hergestellte  telegraphische  Verbindung  das
Zeitsignal  ermöglicht,  den  Gang  der  Normaluhren  genau  zu  regeln,
befindet  sich  im  Fabrikgebäude  der  Herren  Lange  und  Söhne  eine
Thurmuhr,  welche  noch  von  Herrn  F.  A.  Lange  selbst  construirt
worden  ist.  Deren  10  m  langes  Dreisecundenpendel  mit  einem  Gewichte
  von  mehr  denn  125  kg  schwingt  in  einem  im  Innern  des
Hauses  eingebauten  Schornsteine,  um  in  möglichst  unveränderter
        <pb n="214" />
        —  206  —

Temperatur  den  gleichmäßigen  Gang  der  Normaluhr  zu  erhalten.
Sämmtliche  Uhrenfabriken  Glashüttes  stehen  unter  einander  in  tele—
graphischer  Verbindung.  Höchst  interessant  ist  die  Besichtigung  der
verschiedenen  Fabriken,  soweit  sie  überhaupt  gestattet  wird  und  gestattet
werden  kann,  nicht  minder  aber  auch  der  Besuch  der  kleineren  Werkstätten
  mit  ihren  verschiedenen  Arbeiten.

Mit  der  Fabrikation  von  Taschenuhren  beschäftigen  sich  die
Fabriken  von  A.  Lange  und  Söhne,  J.  Aßmann,  W.  Schneider,
C.  Jentsch.  Es  werden  jährlich  1000  bis  1200  Uhren  gefertigt,
darunter  ungefähr  40  Chronoskope.

Präcisionspendeluhren,  Meßwerkzeuge,  elektrische  Apparate,  Telephone,
  Mikrophone  fertigen  ausschließlich  Straßer  und  Rohde.

Uhrmacherwerkzeuge  werden  gemacht  von  E.  Kreißig,  E.  Thalheim,
  E.  Lehmann.

Laufwerke  und  Uhrenfournituren  werden  von  O.  Lindig,  G.  Weichold,
H.  Wolf  gefertigt;  von  letzterem  auch  Thurmuhren  (etwa  2  Stück
jährlich).

Unter  den  Erzeugnissen  der  Feinmechanik  ist  noch  ein  ganz  eigenartiges,
  nicht  minder  hervorragendes  zu  nennen:  die  Rechenmaschine
von  Arthur  Burkhardt.  Dieselbe  wird  in  der  1878  gegründeten
Fabrik  nach  dem  anerkannt  zweckmäßigen  Princip  des  Arithmometers
von  Thomas  in  Colmar,  jedoch  in  bedeutend  verbesserter  Construction
ausgeführt.  Mit  derselben  ist  man  im  Stande,  die  vier  Species  des
Zahlenrechnens,  das  Potenziren,  Cubiren,  Radiciren  2c.  in  allen
möglichen  Combinationen  auf  mechanischem  Wege  schnell  und  sicher
auszuführen.  Man  kann  mit  ihrer  Hülfe  die  größten  und  complicirtesten
  Rechnungen  mit  außerordentlicher  Geschwindigkeit  und  unbedingter
  Sicherheit  ausführen.  —  Es  werden  6-,  8=  und  10stellige
Rechenmaschinen  (mit  Zehner-Ergänzungssignal)  mit  12-,  16=  und
20stelligen  Produkten  und  7-,  9=  und  1stelligen  Quotienten  angefertigt.
Die  Combination  dieser  Maschine  ist  in  ihrer  Gesammtheit,  wie  in
allen  ihren  einzelnen  Theilen  das  Ergebniß  des  sorgsamsten  und  ausdauerndsten
  Fleißes  und  der  eingehendsten  mathematischen  Studien.
Es  sind  gegenwärtig  über  250  Rechenmaschinen  bei  verschiedenen
Behörden  u.  s.  w.  im  Gebrauch.  Der  Preis  derselben  beträgt,  je
nach  Größe,  370,  470  und  670  Mark.-)

In  den  letzten  Jahren  hatte  die  Glashütter  Industrie  manche
Schwierigkeiten  zu  überwinden.  Die  ungünstigen  Geschäftsverhältnisse
von  Nordamerika,  sowie  die  Ueberfluthung  des  Marktes  mit  amerikanischen
  und  schweizerischen  Fabrikaten  verursachten  einen  bedeutenden

.  *)  Anleitung  zum  Gebrauche  der  Rechenmaschine.  Arthur  Burkhardt.
Glashütte.
        <pb n="215" />
        —  207  —

Rückgang  der  Fabrikation;  fast  ein  Viertel,  zum  Theil  sogar  ein
Drittel  des  Productionsumfanges  der  vorhergehenden  Jahre.  Dagegen
steigerte  sich  der  Umsatz  in  Präcisionspendeluhren,  mechanischen
Apparaten,  Meßinstrumenten  u.  s.  w.  Es  läßt  sich  jedoch  voraussetzen,
  daß  der  Schutz,  welchen  die  Erhöhung  des  Eingangszolles  der
deutschen  Uhrenindustrie  bringen  soll,  sich  schon  im  Laufe  der  nächsten
Jahre  wirksam  erweisen  wird.

„Lange's  Name“,  schließt  Bruhns,  „glänzt  in  seiner  fröhlich
erblühten  Schöpfung  fort.“  —  Schon  aus  dem  Wohlstande  des
Städtchens  erkennt  man  den  Umschwung.  Man  schätzt  die  Zahl  der
Arbeiter  auf  250  bis  300  und  rühmt  das  Verhältniß  zwischen
Arbeitnehmer  und  Arbeitgeber  als  ein  jederzeit  ungetrübtes  und  herzliches,
  dessen  wohltl-#uender  Grundton  der  eingeführten  Hausindustrie
mit  ihren  eigenen  kleinen  Werkstätten  und  dem  hiermit  verbundenen
persönlichen  Interesse  und  Gewinnantheil  ebenso  zugeschrieben  werden
muß,  wie  der  wohlwollenden  und  das  Interesse  des  Einzelnen  wie
des  Ganzen  nicht  aus  dem  Auge  verlierenden  Fürsorge  und  Verhalten
der  Fabrikanten.  Eins  aber  spricht  sich  gerade  hier,  im  Gedeihen
und  Emporblühen  der  Glashütter  Uhrenindustrie,  als  eine  beherzigenswerthe
  Lehre  für  alle  Arten  von  Fabrikationen  und  Fabrikationszweigen
  aus:  der  unwiderlegliche  Grundsatz,  daß  in  allen  Industrien
das  sorgfältig,  gewissenhaft  und  gleichmäßig  in  hervorragender  Qualität
angefertigte  Product  trotz  aller  Schwierigkeiten,  die  ihm  entgegengestellt
werden,  dennoch  seinen  Platz  auf  dem  Weltmarkte  erobert,  und  ihn
sicher  auch  behauptet,  wenn  die  Producte  dieser  Industrie  gewissenhaft
auf  dem  hohen  Standpunkte  erhalten  werden!  —  Die  gute  Arbeit
sichert  dem  guten  Arbeiter  dauernd  seinen  auskömmlichen  Lohn;  die
unsolide  Arbeit  verdirbt  Alles,  Absatz,  Absatzgebiet,  Arbeitslohn  und
Arbeiter.  Vielleicht  kann  sie  eine  kurze  Zeit  lang  den  Händler  bereichern,
  aber  nur  unter  der  Gefahr,  eine  ganze  Arbeiterbevölkerung
physisch  und  moralisch  zu  vernichten.  Es  war  ein  großer,  tiefgreifender
Gedanke  Lange's,  nur  die  Güte,  Zuverlässigkeit,  Sorgfalt  und  Gewissenhaftigkeit
  der  Arbeit  obenan  zu  stellen.

Die  Uhrmacherschule.

Ein  Lieblingswunsch  Lange's,  die  Errichtung  einer  allgemeinen
deutschen  Uhrmacherschule,  ging  erst  nach  seinem  Tode  in
Erfüllung.  Dem  Verband  der  deutschen  Uhrmacher  legten  1876  zu
Harzburg  schon  die  Uhrenfabrikanten  Herr  M.  Großmann  und  Herr
R.  Lange  aus  Glashütte  einen  vollständigen  Entwurf  für  die  Errichtung
  der  Schule  vor.  Das  Jahr  darauf  besuchte  Uhrenfabrikant
M.  Großmann  im  Einverständniß  mit  dem  königl.  sächs.  Ministerium
        <pb n="216" />
        —  208  —

des  Innern  die  Uhrmacherschulen  zu  Paris,  Besancon,  Cluses  (in
Ober-Savoyen),  Genf,  Neuenburg,  Biel,  Locle,  Chaux-de-fonds  und
St.  Imier,  um  die  innere  Einrichtung  und  die  wirthschaftlichen  Verhältnisse
  dieser  Schulen  kennen  zu  lernen.  Auf  Grund  der  gesammelten
Erfahrungen,  vom  Gemeinderath  und  den  Uhrenfabrikanten  von
Glashütte  unterstützt,  wurde  am  1.  Mai  1878  mit  zehn  Schülern
die  Uhrmacherschule  eröffnet.  Dem  Wachsthum  und  den  Bedürfnissen
der  Schule  entsprechend  wurde  im  Sommer  1880  auf  dem  von  der
Stadtgemeinde  geschenkten  geräumigen  Bauplatze  mit  Beihilfe  der
königl.  sächs.  Regierung  aus  den  Mitteln  des  Verbandes  deutscher
Uhrmacher  das  neue,  zweckmäßig  eingerichtete  Gebäude  der  Uhrmacherschule
  erbaut  und  am  14.  Mai  1881  von  den  42  Schülern  der
Uhrmacherschule  feierlich  bezogen.  Die  deutsche  Uhrmacherschule  ist  in
der  günstigen  Lage,  daß  der  theoretische  Unterricht  ausschließlich  von
Fachmännern  ertheilt  wird.

Der  Unterricht,  welcher  in  der  Regel  2  bis  3  Stunden  täglich  nicht
übersteigt,  umfaßt:  Zahlenlehre,  Geometrie,  Trigonometrie,  analytische  Geometrie,
  Grundbegriffe  der  Differential=  und  Integralrechnung,  Linearzeichnen,
  Physik,  Mechanik,  Theorie  der  Uhrmacherei,  französische
Sprache  und  Buchführung.  In  der  mündlichen  Prüfung  1885  wurde
bei  der  ersten  Classe  über  Theorie  der  Uhrmacherei  die  Aufgabe:
„Die  Theorie  des  bimetallischen  Stabes  nach  Villarceau  mit  Anwendung
  auf  Compensation“  —  eine  Aufgabe,  welche  eine  ziemliche
Fertigkeit  in  der  Anwendung  der  höheren  Mathematik  voraussetzt,
in  vorzüglicher  Weise  durchgeführt.  1886:  Die  „Anwendung  der
Differential=  und  Integralrechnung  auf  die  Bestimmung  der  genauen
Schwingungsdauer  des  Kreispendels.“  1887:  „Zeitdauer  der  Unruheschwingung
  mit  Berücksichtigung  der  Zapfenreibung.“  1888:  „Die
Gesetze  des  freien  Falles  unter  Berücksichtigung  der  Veränderlichkeit
der  Schwere.“  Die  praktischen  Arbeiten  richten  sich  nach  dem
Standpunkte  der  Schüler.  Die  dritte  Classe  umfaßt  ausschließlich
Schüler  im  ersten  Lehrjahre.  Sie  erhalten  eine  gründliche  Vorbildung
im  Feilen  und  Drehen;  die  weiter  vorgeschrittenen  Schüler  dieser  Classe
gehen  zur  Uhr  oder  zum  Gangmodell  über;  es  wird  aber  streng
darauf  gehalten,  daß  die  Schüler  erst  die  einfacheren  Arbeiten  correct
ausführen,  ehe  sie  zu  den  schwierigeren  übergehen.  In  der  zweiten
Classe  werden  schon  Schleif=  und  Polirmaschinen,  Rädermaße,
Mikrometer,  Gangmodelle  und  Uhrwerke,  sowie  kleinere  Werkzeuge
und  Hülfsmaschinen  angefertigt,  endlich  auch  leichtere  Reparaturen
ausgeführt.  Die  erste  Classe  fertigte  Taschenuhren  mit  Bügelaufzug,
mit  Chronometerhemmung,  mit  Chronograph,  Chronometer,  Marine-Chronometer,
  ganz  vollendet  und  theilweise  regulirt,  Stutzuhren  mit
        <pb n="217" />
        —  209  —

elektrischer  Einrichtung  für  zwei  Linien  und  Stromwechsel,  elektrische
Zeigerwerke,  Umschalter  für  Telephone,  Regulatorwerke  mit  elektrischem
Contact  und  Stromwechsel  ꝛc.,  sowie  zahlreiche  schwierigere  Reparaturen.

Die  mit  der  Prüfung  in  Verbindung  stehende  Ausstellung  der
Schülerarbeiten  gab  ein  erschöpfendes  Bild  der  regen  Thätigkeit  und
des  Fortschrittes  der  Schule.  Die  Ausführung,  die  Mannigfaltigkeit,
die  systematische  Reihenfolge  der  Arbeiten,  von  den  einfachsten  Feilund
  Dreharbeiten  stufenweise  aufsteigend  bis  zur  zusammengesetztesten
Taschenuhr,  ja  selbst  bis  zu  dem  in  allen  Einzelheiten  auf  das  Feinste
ausgeführten  Seechronometer.  Der  Bestand  der  Schule  umfaßte
1884  =  46,  1885  =  50,  1886  =  66,  1887  —  60  Schüler.
An  Stelle  des  die  Schule  seit  ihrem  Bestehen  leitenden,  1885  verstorbenen
  Director  G.  H.  Lindemann  ist  Herr  Director  L.  Strasser
Leiter  der  Schule,  dem  die  Herren  Hesse,  Gollmann  und  Lindig  als
Lehrer  zur  Seite  stehen.  (Vergl.  Allgemeines  Journal  der  Uhrmacherkunst.
  1886.  Nr.  10,  11,  12.  Bericht  des  Aufsichtsrathes
der  deutschen  Uhrmacherschule  1884/85,  1886/87,  1887/88.  Prüfung
der  deutschen  Uhrmacherschule.)  In  dem  Directorialzimmer  befinden
sich  eine  Anzahl  höchst  beachtenswerther  Uhren  und  Instrumente,  von
denen  die  elektrische  Normaluhr,  der  elektrische  Geschwindigkeitsmesser
(Telemeter),  verschiedene  Uhrwerke,  Meßwerkzeuge,  ein  Instrument,
welches  die  verschieden  starken  Schläge  des  menschlichen  Pulses  auf
Papier  verzeichnet,  u.  s.  w.  die  Aufmerksamkeit  des  Besuchers  in  hohem
Grade  auf  sich  ziehen.  Das  Bibliothekzimmer  enthält  eine  Anzahl
alter  und  seltener  Fachschriften,  Lehrmittel,  Modelle  und  physikalische
Apparate,  sowie  eine  überaus  lehrreiche,  wenn  auch  noch  nicht  vollständige
  Sammlung  von  Uhren  zur  Geschichte  und  Entwickelung  der
Taschenuhr.  An  der  Wand  des  Bibliothekzimmers  befindet  sich  ein
außerordentlich  bemerkenswerthes  Pendel  mit  Quecksilber-Compensation,
während  in  den  besonders  solid  erbauten  Kellerräumen  ein  elektromagnetisches
  Normalpendel  schwingt.  Mit  eingehendster  Aufmerksamkeit
  betritt  man  diese  Stätte  deutscher  Wissenschaft  und  deutschen
Fleißes,  deren  Besuch  durch  die  außerordentliche  Liebenswürdigkeit  des
Herrn  Director  Strasser  und  Herrn  Lehrer  Hesse  auch  für  den  Laien
zu  einem  überaus  anziehenden  und  lehrreichen  wird.

23.  Lauenstein.

Kurz  oberhalb  Glashütte  macht  das  Thal  der  Müglitz  wiederum
eine  Anzahl  von  Biegungen  und  Windungen,  welche  mit  zahlreichen
malerischen  frischen  und  prächtigen  Landschaftsbildern  geschmückt  sind.

14
        <pb n="218" />
        —  210  —

Das  schäumende  Wasser,  herrlich  grünende  Laub-  und  Nadelhölzer,
stotzige  Felsenblöcke  und  Klippen  in  der  mannigfaltigsten  Zusammensetzung
  und  Beleuchtung  erfreuen  das  Auge  des  Wanderers.  Zahlreiche
  Mühlen  beuten  die  reiche  Wasserkraft  alls.  Bei  Bärenhecke  wird
noch  auf  St.  Christoph  Fundgrube  der  Bau  auf  Eisenerze  betrieben;
die  große  Papierfabrik  Bärenklau  aber  steht  still,  ebenso  die  unweit
derselben,  am  Wege  in  das  reizende  Waldthal  des  Bielabaches  stehende
Holzwaarenfabrik,  in  welcher  Haus=  und  Küchengeräthe,  polirte  Kästchen,
Gewürz-,  Salz=  und  Gemüsekästen,  Spulen  und  allerlei  Drehereiartikel,
  Schlüssel=  und  Kleiderhalter,  hauptsächlich  aber  Kaffeemühlen
gefertigt  wurden.  Die  allgemeine  Ungunst  der  Verhältnisse  soll  deren
Stillstand  ebenso  veranlaßt  haben,  wie  die  mangelhaften  Verbindungen
und  Absatzwege,  welche  große  Transportkosten,  sowohl  für  Rohmaterial
  und  Kohle,  als  auch  für  das  fertige  Product  veranlaßten.

Während  die  östlichen,  trefflich  bewaldeten  Thalwände  bis  gegen
100  m  Höhe  haben,  erheben  sich  die  westlichen  zunächst  des  Weges,
welcher  nach  dem  Städtchen  Bärenstein  führt,  nur  wenig  über  d50  m,
um  weiter  gebirgsaufwärts  in  sanften  Hängen  allmälig  höher  anzusteigen.

Auf  schroff  gegen  das  Thal  gerichtetem,  prachtvoll  bewaldetem
Abhange  liegt  das  stattliche  Schloß  Bärenstein  gegen  75  m  über  der
Thalsohle  und  bildet  das  prächtige  Bild  eines  großen,  neuartigen
Herrschaftssitzes,  an  welchem  man  von  der  alten  Burg  nur  einige
wenige  allgemeine  Grundzüge  wiederfindet.  „Bernstein,  ein  Schloss  in
Meissen,  am  Behmisch  Gebirge,  sagt  der  Pirnaische  Mönch,  darauf
was  1489  Herr  Walcz  von  Bernstein.“  Ein  paar  Mauerüberreste
geben  noch  die  Lage  von  Basteien  oder  Vorwerken  an:  sonst  ist  Alles
den  Bedürfnissen  der  Neuzeit  gewichen.  Oberhalb  der  Schloßmühle
erweitert  sich  die  Thalsohle;  dem  Schießhause  gegenüber  weist  noch
eine  Schmelzhütte  auf  den  vormals  reichen  Zinnbergbau  dieser  Gegend
hin,  aber  von  den  zahlreichen  Zechen,  welche  sich  früher  in  südwestlicher
Richtung  von  der  Schmelzhütte  befanden,  ist  keine  Spur  mehr  zu
erkennen.  Am  Einflusse  des  rothen  Wassers  in  die  Miglitz  liegt
eine  große  Holzschleiferei,  Papier=  und  Pappenfabrik,  früher  die  Blechmühle,
  und  nun  steigt  man  gegen  Lauenstein  hinauf.  Von  Glashütte
bis  Lauenstein  12  km,  von  Lauenstein  aufs  Mückenthürmchen  11  km.
Die  Thalwände  Lauenstein  gegenüber  sind  prächtig  bewaldet,  mit
Felsenklippen  geschmückt  und  bieten  von  dem  Wege  nach  Liebenau  aus
einen  sehr  hübschen  Blick  auf  Stadt  und  Schloß.

Das  Thal  am  Zusammenflusse  des  Geisingbaches  und  der  Miüglitz
ist  eines  der  schönsten  in  diesem  Theile  des  Gebirges.  Auf  dem  Bergabhange
  über  der  Mühle  legte  anfangs  dieses  Jahrhunderts  der  Besitzer
  Spaziergänge  an,  baute  Hütten  und  Häuschen,  legte  Aussichts-
        <pb n="219" />
        —  211  —

punkte  an  u.  s.  w.  Diese  Parthien  sind  aber  vernachlässigt  und
eingegangen.

Burg  Lauenstein,  auf  der  Nordwestecke  des  Städtchens,  wahrscheinlich
  schon  im  11.  Jahrhundert  gegründet,  lange  Zeit  im  Besitze
und  unter  der  Oberherrschaft  der  böhmischen  Krone,  fiel  erst  1402
in  meißnische  Hand.  „Lawenstein  ein  stetlein  und  slos“  sagt  Mon.
Pirn.  „beim  Geisinge,  Bernstein  2c.  in  Meissen  am  Gebirge.“  1464
verkaufte  Kurfürst  Friedrich  der  Sanftmüthige  die  Burg;  von  1517  bis
1821  gehörte  sie  denen  von  Bünau,  gegenwärtig  den  Grafen  Hohenthal.

Das  Schloß  Lauenstein  liegt  auf  einem  Felsenvorsprunge,  der
auf  der  Nordseite  gegen  das  Müglitzthal,  auf  der  Südwestseite  gegen
ein  kleines  Nebenthal  steil  abfällt.  Der  Umriß  desselben  wird  daher
durch  ein  mit  der  Spitze  nach  Nordwest  gerichtetes  Dreieck  bezeichnet.
Die  nach  der  Stadt  gerichtete  Basis  dieses  Dreiecks,  vor  welcher  der
breite  Graben  noch  zum  größten  Theile,  wenn  auch  nicht  vollständig,
in  seiner  ursprünglichen  Tiefe  erhalten  ist,  bildet  der  zuletzt,  wahrscheinlich
  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  erbaute  Theil  des  Schlosses,
eine  breite  Front  mit  drei  thurmartigen  Vorsprüngen,  welche  wahrscheinlich
  bei  den  letzten  baulichen  Veränderungen  ihrer  oberen  Thurmaufsätze
  beraubt  worden  sind.  Hinter  diesem  Frontgebäude,  welches
auf  der  ehemaligen  Vorderseite  der  Burg  erbaut  wurde,  befindet  sich
ein  trapezförmiger  Hof,  dessen  Südwestgebäude  mit  dem  Treppenthurme
  noch  steht,  während  das  nördliche  in  Trümmern  liegt.  Die
Nordwestseite  dieses  inneren  Hofes  wurde  durch  Gebäude  geschlossen,
welche  auf  der  Felsennase  weit  vorwärts  reichten.  Nur  ein  Theil
derselben  steht  noch,  der  andere  liegt  auch  hier  in  Trümmern  und
wird  gegenwärtig  so  weit  wieder  hergestellt,  um  nicht  zusammenzustürzen.
Man  erkennt  in  den  aufgefüllten  Terrassen  allerdings  noch  die  ursprüngliche
  Form  eines  Theiles  der  Gebäude;  aber  es  wird  schwer,
den  Zusammenhang  festzustellen,  da  das  Niveau  derselben  wesentlich
verändert  ist.  An  diesem  Theile  der  Ruinen  erkennt  man  kaum  noch
die  Ausdehnung  und  Anordnung  der  im  17.  Jahrhundert  hier  errichteten
  Prachträume,  von  denen  ein  Theil  sogar  erst  nach  1849
niedergerissen  worden  ist.  In  dem  noch  stehenden  Theile  der  älteren
Burg  sind  zwei  übereinander  liegende  Säle  mit  Deckengewölben  sehenswerth.

„In  Lage  und  Bauart  glich  Lauenstein“)  den  übrigen  Burgwarten.
„Es  bestand  nur  aus  wenigen,  mit  einem  Thurme  versehenen  Ge-„bäuden
  und  war  auf  zwei  Seiten  durch  schroffe  Felsenwände,  auf
„der  dritten  durch  einen  breiten  und  tiefen  Graben  geschützt.  —  Wie

 

0  F.  A.  Brandner,  Lauenstein,  seine  Vorzeit,  früheren  Schicksale  und
jetzige  Beschaffenheit.  Lauenstein  1845.

147
        <pb n="220" />
        —  212  —

„das  Schloß  in  drei  Theile  zerfällt,  so  ist  es  auch  zu  drei  ver—
„schiedenen  Zeiten  erbaut  und  vergrößert  worden.  Der  hintere  Theil
„in  Form  eines  Dreiecks  ist  die  eigentliche  alte  Burg.  —  Der  gegen
„12  m  lange  gewölbte  Trompetersaal  mit  drei  mäßig  großen  Fenstern
„nach  Norden  wurde  1840  abgetragen.“

Die  ursprüngliche  Burg  bestand  nur  aus  einem  Thurme  mit
zwei  anstoßenden  Gebäuden  und  einem  kleinen,  engen  Hofe.  Der
Eingang  zur  Burg  lag,  wie  auch  noch  zu  erkennen  ist,  nach  Westen.
Ueber  die  kleine  Schlucht  führte  eine  Zugbrücke.  Die  Abbildung  der
Burg  Lauenstein  bei  Brandner  ist  allerdings  ohne  Angabe  der  Quelle;
aber  die  Gebäude  selbst  bestätigen  den  Gang  der  Vergrößerung.  Als
diese  nöthig  ward,  wurden  der  Form  des  Bergvorsprunges  entsprechend
die  Westseite  und  die  Nordostseite  der  Burg  verlängert;  die  erstere
steht  noch  heute;  in  ihr  befindet  sich  die  Ende  des  15.  Jahrhunderts
errichtete,  mit  einem  einfachen  Tonnengewölbe  überspannte  ehemalige
Kapelle;  die  Trümmer  auf  der  Nordostseite  lassen  nur  noch  aus
ihrem  Umfange  die  Größe  des  reich  geschmückten  und  mit  auf  riesigen
Gurtbögen  ruhenden  Kreuzgewölben  überspannten  Trompetersaales
erkennen.

Die  Südseite  der  vergrößerten  Burg  wurde  Ende  des  16.  und
Anfang  des  17.  Jahrhunderts  durch  den  Schloßflügel  mit  seinen  drei
bollwerkartigen  Thurmvorsprüngen  geschlossen,  von  denen  jedoch  die
unteren  Geschosse  wahrscheinlich  noch  älteren  Ursprunges  sind.

Der  vor  diesem  Flügel  befindliche  Graben  wurde  später  verbreitert
  und  in  eine  Gartenanlage  verwandelt;  an  Stelle  der  Zugbrücke
  vor  dem  nach  der  Ostfront  verlegten  Haupteingange  trat  eine
feste  Brücke  und  der  Wirthschaftshof  wurde  in  seiner  gegenwärtigen
Form  angelegt.

Im  Südosten  des  Schlosses  breitet  sich  die  Stadt  aus.  Von
den  1526  baulich  wieder  hergestellten  Befestigungen  derselben  haben
sich  kaum  einige  Ueberbleibsel  erhalten.

Im  höchsten  Grade  sehenswerth  und  allein  schon  eines  Ausfluges
nach  Lauenstein  werth  ist  die  Anfang  des  17.  Jahrhunderts,  nach
dem  Brande,  wieder  neu  erbaute  Kirche  mit  ihrem  kunstreichen  Gewölbe,
der  Kanzel,  dem  Altar  und  der  Bünaukapelle.

Die  von  Sandstein  erbaute  Kanzel,  von  Moses  mit  den  Gesetztafeln
  getragen,  und  mit  den  Darstellungen  des  Sündenfalles,  der
Opferung  Isaaks,  der  Kreuzigung  und  der  Himmelfahrt  Christi  geschmückt,
  deren  Schalldeckel  von  Engelshänden  getragen  wird,  ist  ein
vortrefflich  erhaltenes  Kunstwerk.  Nächst  ihr  der  sechseckige,  wappengeschmückte
  Taufstein,  mit  musicirenden  Engeln  und  dem  Relief  der
Taufe  Christi  geschmückt.
        <pb n="221" />
        —  213  —

Mächtig  wirkt  der  reich  mit  Reliefs  und  frei  stehenden  Figuren
kunstvoll  gearbeitete  und  trefflich  erhaltene  Altar.  Derselbe  ist  durch
Säulen,  mit  Flach-  und  Relief-Ornamenten  gezierte  Consolen  mit
Engelköpfen  u.  s.  w.  „in  acht  Abtheilungen  geschieden,  welche  in  der
untersten  Reihe  die  Verkündigung,  die  Geburt  Christi,  die  Anbetung
der  Könige,  in  der  zweiten  Christus  am  Oelberge,  das  Abendmahl
und  die  Kreuzigung,  in  der  dritten  die  Grablegung,  in  der  vierten
den  auferstandenen  Heiland  darstellen.  Auf  dem  breiten  Sims  über
der  zweiten  Reihe  stehen  Moses  und  Aaron.“  (Steche,  II,  56.)

Oberhalb  der  neben  dem  Altare  befindlichen  Bogenthüren  knieen
die  Porträtfiguren  Rudolf  v.  Bünau,  ##1609,  und  Anna  v.  Bünau,
geb.  v.  Schleinitz,  f1591.

In  der  nördlichen  Ecke  des  Chorabschlusses  führt  ein  kunstreich
aus  Sandstein  aufgeführtes,  mit  Köpfen  und  andern  Verzierungen
aus  Marmor,  Alabaster  2c.  geschmücktes  Portal  zu  dem  Bünau'schen
Erbbegräbniß  (Bünaukapelle);  auf  der  Außenseite  das  Bünau-Bredow'sche
Wappen.  Eine  kunstreich  geschmiedete  eiserne  Thür  schließt  das  von
Meister  Lorenz  Hörnung,  Bildhauer  in  Pirna,  1609  angefertigte
Kunstwerk.

Auf  einem  5  m  breiten  Sockel  von  Sandstein  ist  Günther
v.  Bünau  mit  seinen  zwei  Gemahlinnen,  sechs  Söhnen  und  fünf
Töchtern  in  zwei  großen  Gruppen,  zwischen  denen  sich  noch  zwei
ganz  klein  verstorbene  Kinder  befinden,  in  Lebensgröße  dargestellt.
„Vater  und  Söhne  in  vollem  Waffenschmuck,  den  Helm  neben  sich;
Frauen  und  Töchter  in  reichster  Tracht,  mit  unverhülltem  Munde,“
sämmtlich  Porträts,  und  in  Darstellung  aller  Details  der  Köpfe,
Figuren,  Tracht,  Hauben,  Kränzchen,  Krausen,  Spitzen,  Kleinodien
und  Geschmeide  von  einer  staunenswerthen  Sorgfalt  und  Genauigkeit.

Hinter  dieser  großen  Familiengruppe  erhebt  sich  die  in  drei
Absätze  getheilte  Rückwand,  vor  deren  unterem  Felde  König  Salomo,
die  vier  großen  Propheten  und  vier  Apostel  in  lebensgroßen  Figuren
stehen.  Das  Mittelfeld  enthält  in  Hautrelief  eine  Darstellung  des
Weltgerichts  mit  zahllosen  kleineren,  trefflich  durchgeführten  Figuren,
zu  dessen  Seiten  je  zwei  Apostel  im  obersten  Felde  Gott  Vater  und
Sohn,  von  musicirenden  Engeln  und  wiederum  von  vier  Aposteln
umgeben.  „Die  prachtvolle  Gesammtcomposition  wird  durch  die  Figur
Christi  mit  der  Weltkugel  und  Engelsfiguren  abgeschlossen.“

Von  einem  mächtigen  Eindrucke  bewegt  verläßt  man  dieses
herrliche  Kunstdenkmal.
        <pb n="222" />
        —  214  —

24.  Mückenberg.  Graupen.  Rulm.  Schloßberg.
Geising.  Altenberg.

Von  Lauenstein  steigt  man  in  südöstlicher  Richtung  in  das
Mühglitzthal  wieder  hinab,  ein  prächtiges  Waldthal  mit  herrlichem
Nadelholz,  am  Kratzhammer  vorüber,  bis  zur  Grenze  bei  Miglitz,
von  wo  an  die  Thalhänge  sich  verflachen  und  zum  Hochplateau
werden,  wo  sumpfige  Wiesenflächen  vorherrschen.  Auf  dem  steil  aufgerichteten
  Hügel  des  Mückenberges  liegt  das  Mückenthürmchen
(808  m),  eine  im  frühen  Mittelalter,  wahrscheinlich  jedoch  erst  nach
den  Hussitenkriegen  errichtete  Grenzwarte;  ursprünglich  ein  Zechenhaus
des  Mückenberger  Zinnbergbaues.  Das  alte  Häuerglöckchen  ist  noch
vorhanden.

Das  Mückenthürmchen  wird  seiner  Aussicht  wegen  viel  besucht;
doch  übersteigt  ihr  Ruf  ihren  Werth,  weil  sie  hauptsächlich  durch  den
Gegensatz  wirkt,  wenn  man  auf  den  lang  gedehnten  Wegen  der  Hochfläche
  zu  ihr  gelangt  ist.  Die  Aussicht  nach  Süden,  nach  dem  böhmischen
  Thalkessel  mit  seiner  Gebirgsumfassung  bietet  naturgemäß  den
Hauptreiz.  „Noch  vor  zehn  Jahren"  (also  etwa  1823,  sagt  Schumann,
XVIII.  216),  „als  die  Tannen  des  Mückenberges  weniger  hoch  waren,
konnte  man  von  hier  zu  gleicher  Zeit  Dresden,  das  Sternkloster  vor
Prag,  die  Schneekoppe  und  das  bairische  Gebirge  sehen.“  Nach
Osten  erblickt  man  am  Horizonte  die  Lausche,  den  Jeschken,  den  Ron
und  Wilhoscht  klar  abgezeichnet;  sodann  den  Zinkenstein,  den  Geltzschberg;
  im  Südost  den  Langenberg,  weiter  südwärts  den  Kletzschen,
den  Donnersberg  (Milleschauer)  und  im  Süden  den  Radelstein;
weiterhin  den  Boren  (Biliner  Stein)  und  im  Südwest  den  Brüxer
Schloßberg.  Auf  dem  Gebirgskamme  hat  man  Wieselstein,  Bärensteinberg,
  und  in  äußerster  Ferne,  bei  klarem  Wetter,  Keilberg  und
Fichtelberg.  Die  Aussicht  nach  Norden  ist  unbedeutend.

Unter  dem  Mückenthurme  liegt  (westlich)  die  1634  zerstörte  und
erst  um  1700  wieder  aufgebaute  Kapelle  St.  Wolfgang;  südlich  vom
Mückenthurme  das  vor  1630  gegründete  Ober-Graupen;  im  Norden
die  Mückenberger  Pinge,  ein  annähernd  dreieckiger,  nicht  übermäßig
tiefer,  zum  großen  Theil  mit  Rasen  überzogener  Zusammenbruch  der
alten  Bauten  am  Mückenberge.  Bis  vor  etwa  fünfzig  Jahren  waren
hier  auch  einige  Zechen  im  Betriebe.  (Schumann  XVIII,  217.)

Beinahe  nördlich  liegt  der  Schönwalder  Spitzberg,  östlich  die
Nollendorfer  Höhe.  Den  Schönwalder  Spitzberg  zu  besteigen,
kann  man  unterlassen.  Die  Aussicht  über  die  Gebirgshochebene  und
ihren  Abfall  nach  Norden  ist  einförmig;  nur  nach  dem  Sandstein-
        <pb n="223" />
        —  215  —

gebirge  hin  erkennt  man  anziehende  Gestaltungen.  Vor  Allem  bemerkenswerth
  ist  nur  der  durch  den  Gneiß  durchgebrochene  Basaltkegel.

Besonders  hervorragend  ist  die  Ansicht  des  böhmischen  Mittelgebirges
  von  dem  Nollendorfer  Berge,  östlich  der  Kirche  von
Nollendorf.  Sie  übertrifft  die  Ansicht  des  Mittelgebirges  von  der
Salesiushöhe  bei  Osseg  bei  Weitem  an  malerischer  Nebeneinanderstellung
der  Berge  und  wird  von  keiner  der  anderen  Mittelgebirgsansichten
erreicht.  Nordöstlich  begrenzt  der  im  Sandsteingebirge  liegende  Hohe
Schneeberg  die  Aussicht.  Südwärts  am  Horizonte  weiter  gehend
reihen  sich  Rosenberg,  Tannenberg,  Lausche,  Kaltenberg,  Kamnitzer
Schloßberg,  Kleißberg,  Wolfsberg,  Ronberg,  Geltzschberg,  Kreuzberg,
in  weiter  Ferne  der  Georgenberg  mit  seiner  hellleuchtenden  Kapelle,
sodann  der  Lobosch,  genau  im  Süden  den  Kletschen,  der  Donnersberg,
der  Biliner  Stein,  Spitzberg  und  Rösselberg  bei  Brüx,  an  einander;
zu  Füßen  liegt  das  Kulmer  Schlachtfeld,  die  Horkakapelle  und  schrägüber
  der  Teplitzer  Schloßberg.

Wenig  östlich  von  Nollendorf,  an  den  Trümmern  einer  Mühle,
hat  man  in  der  Thaleinsenkung  des  Eulabaches  einen  durch  seine
landschaftliche  Schönheit  ganz  hervorragenden  Ausblick  nach  Südost.
Von  beiden  Thalhängen  begrenzt,  tritt  das  Bild  vom  Zinkenstein,
Beileberg  bei  Graber  und  Geltzschberg  bei  Lewin,  welche  mit  ihrer
eigenthümlichen  Gestalt  über  die  näher  gelegenen,  farbenreichen  Höhenzüge
  und  Berge  des  Mittelgebirges  aufragen,  in  eigenthümlicher  Form
und  Bewegung  vor  das  Auge.

Südlich  vom  Mückenthürmchen,  in  der  tief  und  eng  eingerissenen
Schlucht  des  Gebirgsabhanges  mit  ihren  Nebenrissen  und  Abhängen
liegt  die  alte  Bergstadt  Graupen  zu  Füßen  der  auf  schroffen  Bergvorsprunge
  im  frühen  Mittelalter  errichteten  Burg.  „Graupen  eine
„Stat  zu  behmen  untern  Muckenberge",  sagt  der  Pirnaische  Mönch,
„von  Zinnbergfohrt  erbaut  hat  ein  Schloß  worauf  die  von  Kolditz
„gesessen.  Diese  statt  zwischen  den  Bergen  gelegen,  hat  nur  eine
„Gasse,  streckt  sich  in  die  Lenge."“

Die  ersten  Anfänge  der  Bergstadt  Graupen  reichen  allem  Vermuthungen
  nach  bis  in  das  elfte  Jahrhundert  zurück,  wenn  auch  erst
1305  der  Bergort  Graupen  als  Stadt  bezeichnet  wird.  Im  Wappen
von  Graupen  ragt  über  drei  Querbalken  ein  halber  schwarzer  Löwe,
der  an  das  Wappen  von  Colditz  erinnert.  Die  alterthümliche,  verräucherte
  Stadt  mit  ihren  zahlreichen  schindelgedeckten  Fachwerkhäusern,
war  im  frühen  Mittelalter  schon  stark  befestigt,  wenngleich  sie  nur
eine  Straße  und  zwei  Thore  hatte,  das  Mückenberger  im  Norden
und  das  Böhmische  im  Süden.  Von  dem  bis  Ende  des  14.  Jahrhunderts
  wachsenden  Wohlstande  der  Bürger  und  der  durch  den  reichen
        <pb n="224" />
        —  216  —

Bergseegen  geförderten  Bauwerke  und  Anlagen  ist  jedoch  in  Folge  der
1426  unter  Prokop  dem  Kahlen  durch  die  Hussiten  stattfindende
Zerstörung  der  Stadt  Nichts  übrig.  Was  noch  stehen  geblieben  war,
wurde  zertrümmert,  als  1429  die  versammelte  Hussitische  Macht  über
Graupen  zum  Einfall  in  die  Meißner  Lande  zog.

Nur  die  um  1220  von  Timo  von  Colditz  erbaute  Burg
Graupen  hatte  1426  dem  Angriff  der  Hussiten  widerstanden,  aber
auch  sie  wurde  1429  eingenommen  und  zerstört.  Zwar  wurden  1436
Burg  und  Stadt  wieder  aufgebaut;  bei  den  geringen  Mitteln  aber,
über  welche  seit  Plünderung,  Zerstörung  und  Vernichtung  des  Zinnbergbaues
  verfügt  werden  konnte,  war  der  Wiederaufbau  nur  ein
nothdürftiger.  Erst  1444  war  überhaupt  die  Stadt  mit  Mauern
und  Thürmen,  zwei  Thoren,  in  einer  langen  Straße  paßaufwärts
wiederhergestellt.

Ein  anderer  Timo  (Timotheus)  von  Colditz  war  noch  Anfang
des  16.  Jahrhunderts  auf  der  Burg  Graupen  seßhaft  und  Herr  des
umfangreichen  Besitzthums.  Aber  er  zersplitterte  das  Erbe  seiner
Väter  und  verließ  es  verschuldet  und  in  Elend.  1504  kaufte  Heinrich
von  Schleinitz  Graupen  zur  Abrundung  seiner  ausgedehnten  Besitzungen
in  Nord-Böhmen.  Herzog  Georg  von  Sachsen  unterstützte  sein  Bestreben,
  da  auch  er  seine  Oberherrschaft  weiter  nach  Süden,  über  das
Gebirge  hinweg,  ausdehnen  wollte;  aber  die  Krone  Böhmen  versagte
die  Bestätigung  des  Kaufes,  so  daß  er  1506  die  Herrschaft  Graupen
an  Albrecht  von  Kolowrat  auf  Liebstein  überließ.

Nach  manchfachem  Besitz=  und  Herrschaftswechsel  wurde  die  Stadt
Graupen  1579  zur  freien  kaiserlichen  Bergstadt  und  seit  1604  betrachteten
  sich  die  Bürger  von  Graupen  als  Herren  der  Burg,  von
welcher  1616  schon  gesagt  wird  „das  alte  Gemäuer  liegt  zum  großen
Theile  in  Trümmern“".  Die  Ruinen  blieben  ein  Trümmerhaufen  und
von  der  einst  so  großen,  ausgedehnten  und  festen  Burg  sind  nur  noch
zum  Theil  Anlage  und  Bauart  zu  erkennen.  1695  wurde  in  den
Ruinen  das  Amthaus  aufgeführt,  der  niedere  Theil  der  Burg  ausgeebnet
  und  ein  Garten  angelegt,  von  welchem  der  jetzt  gebräuchliche
Name  „Rosenburg“  abzuleiten  ist.

Die  Burg  Graupen  liegt  auf  dem  von  Nord  nach  Süd  gerichteten
  scharfen,  zum  großen  Theile  felsigen  Bergvorsprunge  zwischen
dem  vom  Mückenberg  abwärts  eingerissenen  Hauptthale  und  einem
Nebenthale.  Der  Zugang  zu  derselben  liegt  im  Norden,  auf  einer
kleinen  Hochfläche,  auf  welcher  durch  Felsensprengung  der  Graben
hergestellt  ist,  welchen  in  neuerer  Zeit  eine  gewölbte  Brücke  überspannt.
  Der  mächtige  viereckige  Thorthurm,  so  wie  einige  Nebenräume
  sind  zu  erkennen.  Von  diesem  steigt  am  Westfuße  der  Hochburg
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        —  217  —

ein  Fahrweg  mit  Mauereinfassung  nach  dem  niederen  Schloßhofe,  wo
die  alten  Grundmauern  eines  viereckigen  Thurmes  noch  auf  die
zwischen  diesem  und  der  Hochburg  einst  vorhandene  zweite  Thorbefestigung
  hinweist.  Auch  die  Ueberreste  eines  Rundthurmes  stehen
an  der  Umfassung.

Südlich  des  quer  eingebauten  Amthauses  lag  in  dem  jetzt  dort
angelegten  Garten  die  untere  Burg,  von  welcher  nur  noch  die  Um—
fassungen  mit  ihrem  kreisförmigen  Zwingervorsprunge,  sowie  die  Grundmauern
  eines  freistehenden  Rundthurmes  zu  erkennen  sind.

Nördlich  des  vor  dem  Amtshause  befindlichen  alten  Hofes  erhob
sich  die  Hochburg,  deren  noch  thurmhohe  Mauerüberreste  einen  gewaltigen
  Eindruck  machen.  Ueber  die  Anordnung  der  einzelnen  Gebäude
  läßt  sich  Nichts  sagen;  doch  deutet  der  runde  Thurmvorsprung
im  Norden  der  Burg  auf  einen  ähnlichen  Bau,  wie  er  in  Weesenstein
und  Kuckukstein  noch  vorhanden  ist,  und  dafür  zeugt,  daß  auch  diese
Burg  im  Anfange  des  12.  Jahrhunderts  errichtet  wurde,  wenngleich
sie  1330  von  einem  anderen  Timo  von  Colditz  wesentlich  vergrößert
worden  ist.

Auf  einem  südlich  von  der  Burg  gelegenen  Bergvorsprunge,  der
Wilhelmshöhe,  hat  man  eine  treffliche  Aussicht  über  den  Teplitzer
  Thalkessel.

Etwa  10  Minuten  von  Graupen  liegt  das  Kloster  Mariaschein.
  Im  Jahre  1442  wurde  hier,  an  einem  zur  Burg  Graupen
gehörenden  Vorwerke  „Scheune“,  wo  das  Gnadenbild  Maria  mit
Christus  nach  der  Kreuzabnahme  aufgefunden  worden  war,  eine
Kapelle  errichtet  und  1584  das  Kloster  gegründet.  Die  reich  ausgestattete
  Kirche  wird  von  einem  Kreuzgange  umschlossen;  im  Vorhof
befindet  sich  der  „Wunderbrunnen“,  auf  dem  Platze  vor  der  Kirche
der  „Freßbrunnen“.

Dort,  wo  die  Kirche  von  Mariaschein  steht,  waren  am  16.  Juli
1426  nach  der  Schlacht  auf  der  Bihana,  wo  die  Flucht  der  geschlagenen
  Deutschen  mit  der  großen  Masse  nach  Graupen  und  dem
Passe  des  Mückenberges  ging,  Tausende  von  Kämpfern,  und  darunter
über  dreihundert  Ritter  erschlagen  worden.  Hier  wurde  in  den  nächsten
Jahren  ein  kleiner  Altar  der  „Elenden  Maria“  errichtet.  Hieran
knüpft  die  Sage  von  dem  Marienbilde.

Der  Pirnaische  Mönch  schreibt:  „1426  Sonntags  vor  Johannis
„Baptiste  hielten  die  Behmen  mit  den  Meisern  und  ihrem  Anhange
„eine  mechtige  Feltschlacht,  nicht  ferr  von  danne,  do  die  Meissner  durch
„Vorreitrunge  ihrer  Hauptleute  darnyder  logen,  was  oberschwängliche

„Hicze  und  groß  stowb  die  Behme  rukten  vil  der  Meisner  reisigen
„mit  ihren  eisern  Howke  von  iren  Gawle  außerhalb  ihrer  Wanburk.“
        <pb n="226" />
        —  218  —

„Die  Behmen  ruckten  zu  haufen  und  die  Meisner  warn  übirn
„den  Wald  von  Freiberk  ausgezogen  und  worden  müde,  wenig  geessen
„und  getrunken  und  voreilten  sich  mit  streiten,  jedoch  beweisten  ihr
„vil  trefliche  turstige  Kunheit  und  Mannheit.  Der  Meisner  blieben
„über  12  000  todt.“

Eine  andere  geschichtliche  Stelle  ist  das  Schlachtfeld  von  Kulm.
In  seiner  Mitte  erhebt  sich  der  Horkaberg  etwa  50  m  über  die  Ebene.
Derselbe  bietet  eine  prächtige  Rundsicht.  In  nächster  Nähe,  im  Norden
und  Nordwesten  die  von  vielen  engen  und  kurzen  Schluchten  durchfurchten
  waldigen  Abhänge  des  Erzgebirges,  im  Osten  der  Tannichtberg
  und  Gratschenberg,  sowie  der  Vorsprung  aus  dem  Erzgebirge,
in  der  Ferne  vom  Zinkensteine  und  Matzensteine  überragt;  im  Süden
Kletschen,  Donnersberg,  Klotzberg;  im  Südwest  Teplitzer  Schloßberg,
Biliner  Stein  u.  s.  w.

Vom  Horkaberge  hat  man  einen  vollständigen  Ueberblick  über
das  Schlachtfeld,  obgleich  zahlreiche  Neubauten  dasselbe  verändert  haben.
Südwestlich  von  Priesten  steht  das  russische  Denkmal.  Auf  einem
Sockel  von  Granit  erhebt  sich  eine  über  2½  m  hohe  Victoria.  Um
das  Denkmal  ist  ein  Gärtchen,  in  dem  Häuschen  wohnt  ein  Veteran.
Etwa  fünf  Minuten  davon  liegt  in  einem  kleinen  Gehölz  die  1836
hergestellte  Grabstätte  der  in  den  Wäldern,  Feldern  und  Schluchten
aufgefundenen  Gebeine  der  in  diesen  Kämpfen  Gebliebenen.

In  der  Nähe  des  Arbesauer  Posthauses  steht  das  Preußische
Monument  mit  dem  prenußischen  Adler  und  nicht  weit  davon  das
österreichische,  an  das  Gefecht  von  Arbesau  erinnernde  Denkmal  mit
dem  Doppeladler.

Die  Ansicht  des  Erzgebirges  vom  Teplitzer  Schloßberge
aus  ist  malerisch  und  charakteristisch.  Man  ist  nur  7  km  Luftlinie
vom  Gebirgskamme  entfernt;  man  hat  im  Norden  das  Mückenthürmchen
  vor  sich,  im  Nordost  die  Nollendorfer  Höhe  und  Kirche,  im
Westen  den  Wieselstein  und  gegen  Südwest  den  Bärensteinberg  mit
dem  auf  seinem  Vorabsatze  liegenden,  sich  scharf  vom  Horizonte  abhebenden
  Schlosse  Eisenberg.  In  weiterer  Ferne  sind,  jedoch  nur  bei
ganz  hellem  Wetter  Haßberg,  Fichtelberg  und  Keilberg  zu  erkennen;
möglicher  Weise  auch  vor  dem  letzteren  die  Kapelle  auf  dem  Kupferhübel.
  Aus  der  mit  Ortschaften  und  Industrieanlagen  reich  besetzten,
fruchtbaren  Ebene  erhebt  sich  das  Gebirge  in  einem  Absatze,  von
zahlreichen,  steilen  und  engen  Schluchten  zerrissen,  welche  eben  so  viele
formen-  und  abpwechselungsreiche  Bergvorsprünge  einfassen,  von  dem
Thale  der  Tellnitz  an,  bis  zum  Thaleinschnitte  des  Seebaches,  und
von  diesem  weiter  westlich,  wo  sich  vom  Wieselsteine  an,  dem  Gebirgskamme
  breite,  terrassenförmige  Absätze  vorgelagert  haben.
        <pb n="227" />
        —  219  —

Eine  knappe  halbe  Stunde  östlich  vom  Mückenthürmchen  führt
die  Straße  vom  Geiersberg,  an  der  Geiersburg  vorüber,  vom
Gebirgskamme  zur  Ebene.  Die  Trümmer  dieser  ebenfalls  aus  dem
13.,  wo  nicht  schon  aus  dem  12.  Jahrhundert  stammenden  Burg,
dem  Mittelpunkte  einer  aus  Besitzungen  in  der  fruchtbaren  Ebene,  wie
in  dem  wildreichen  Waldgebiete  bestehenden  Herrschaft,  ein  Herrensitz
der  Vorzeit,  liegt  auf  einem  schmalen,  vorgestreckten  Bergvorsprunge
und  ist  in  ihren  Umrissen  noch  gut  zu  erkennen.  Die  Burg  wurde
1526  durch  eine  Feuersbrunst  zerstört.  Ein  aus  Uebermuth  abgegebener
Schuß  setzte  ein  Strohdach  in  Brand.  Seitdem  haben  Frost,  Schnee
und  Unwetter  die  starken  Mauern  zerbröckelt  und  auseinander  gesprengt.
Der  Zugang  lag  im  Norden,  auf  der  Gebirgsseite;  der  frühere  Graben
ist  durch  Trümmer  zum  großen  Theile  ausgefüllt,  die  Lage  von  Thor
und  Zugbrücke  nur  durch  eine  Lücke  in  der  Mauer  angedeutet.  Von
dem  durch  ein  hohes  und  starkes  Gebäude  abgeschlossenen  Vorhofe
führte  auf  der  Westseite  der  schmale  Weg  an  der  Hauptburg  vorüber
nach  dem  hinteren  Burghofe,  dessen  halbkreisförmiger  Mauerabschluß
noch  theilweise  vorhanden  ist.  Nun  gelangte  man  von  Süden  her
in  die  von  drei  Seiten  mit  Gebäuden  umschlossene  Hauptburg,  an
deren  Ostseite  der  heute  noch  in  ansehnlicher  Höhe  aufragende  viereckige
  Hauptthurm  stand.  Besonders  an  diesem  Thurme  ist  das  noch
stehende  Mauerwerk  mit  großer  Sorgfalt  ausgeführt  und  die  Mauerecken
  bestehen  aus  großen,  behauenen  Werkstücken.

Ungefähr  6  km  westlich  vom  Mückenthürmchen  führt  die  Straße
durch  den  Seegrund  über  den  Gebirgskamm.  Am  unteren  Ende  des
kostbaren  Waldthales  liegt  das  als  Sommerfrische  viel  besuchte  Eichwald.
  Etwa  20  Minuten  oberhalb  Eichwald  liegt  der  Schweißjäger,
  ein  Forsthaus,  von  dessen  Vorplatz  man  eine  entzückende
Aussicht  nach  dem  Mittelgebirge  hat.  Von  dem  etwa  10  Minuten
südlich  vom  Schweißjäger  liegenden  Soldatenberge,  auf  der
Vorterrasse  des  Gebirges,  gewinnt  man  einen  vortrefflichen  Rückblick
auf  die  halbkreisförmige  Ausbiegung  des  Erzgebirgsabhanges  vom
Mückenthürmchen  bis  zum  Strobnitzberge.  Die  Aussicht  nach  Süden,
über  den  Teplitzer  Thalkessel  und  nach  dem  Mittelgebirge  ist  hier,  wie
fast  auf  jedem  Punkte  des  Gebirgsabhanges  bis  zur  Nollendorfer
Höhe  hin,  eine  wahrhaft  entzückende.

Von  Eichwald  gelangt  man  durch  den  Seegrund,  oder  durch  den
nordöstlich  von  ihm  abbiegenden  Grund  auf  den  Gebirgskamm;  im
ersten  Falle  nach  Hinterzinnwald,  im  letzten  über  das  Siebengiebler
Forsthaus  nach  Vorderzinnwald.

Zinnwald  ist  der  Gesammtname  von  fünf  oder  sieben  Ortschaften,
  sagt  Schumann  (Ortslexikon  XIII,  605),  welche  auf  dem
        <pb n="228" />
        —  220  —

Gebirgskamme  liegen  und  mehr  oder  weniger  zusammenhängen.
„Hagecius  erzählt,  1146  sei  der  Zinnbergbau  und  mit  ihm  Zinnwald
„entstanden.“  Das  würde  für  die  erste  Anlage  der  Zinnwäschen  am
Heerwasser  treffen.  Da  wurde  zuerst,  auf  sächsischem  Gebiete,  Zinnwald,
  und  erst  als  der  bergmännische  Abbau  des  Zinnsteines  in  Angriff
  genommen  wurde,  Zechen,  das  heutige  Hinterzinnwald  gegründet.
In  beiden  Orten  geben  zahlreiche  Halden  den  Beweis  von  dem  einstigen
Umfange  des  Bergbaues.  Neueren  Ursprunges  sind  Vorderzinnwald
und  Alt=  und  Neugeorgenfeld  am  Fuße  des  Lugsteines.

Am  Zusammenflusse  des  Hüttenbaches  und  Heerwassers  liegt  bis
zum  Einfluß  des  von  Altenberg  herab  kommenden  tiefen  Baches  die
Stadt  Geising,  in  früheren  Zeiten  durch  den  Bach  in  Alt=  und  Neu-Geising
  getrennt,  seit  1857  vereinigt.  Auch  Geising  verdankt  seine
Entstehung  den  Zinnwäschen  im  angeschwemmten  Boden  der  Thalaue,
  welche  jetzt  zum  größten  Theile  von  der  Stadt  bedeckt  ist.
Bemerkenswerth  ist  das  1688  erbaute  Kaufhaus.

Das  Stadtwappen  von  Geising  ist  ein  schwarzer  Greif  in
goldenem  Felde.  Eine  in  Messing  gegossene,  mit  Griff  versehene
„Gerichtshand“  aus  der  ersten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  wird  im
Rathssitzungszimmer  aufbewahrt.

Auf  der  Ostseite  der  nördlich  vom  Kahlen  Berge  sich  ausbreitenden
  Hochebene,  am  Fuße  des  Geisingberges,  liegt  Altenberg.
Die  von  West  nach  Ost  gerichtete  Stadt  hat  am  oberen  Ende  753,
am  unteren  Ende  720  m,  in  dem  nördlich  gelegenen  Stadttheile  760
bis  768  m  Meereshöhe.  Man  theilt  dieselbe  in  das  Winterfelder,
Gründische,  Gebirgische  und  Neustädter  Viertel,  von  welchem  der
östliche  Theil  „Polen“  genannt  wird.  Boden  und  Klima  sind  rauh.
Der  strenge  und  lange  Winter  tritt  oft  schon  Ende  September  ein,
und  dehnt  sich  bis  in  den  April  hinein  aus.

Auch  Altenberg  verdankt  seine  Gründung  dem  Zinnbergbau.  Ein
Manuskript  der  Dresdener  Bibliothek  sagt:  „Die  Fündigmachung  des
„Zinnbergwerkes  zu  Altenberg  ist  occasione  einer  Kohlstadt  ge-„schehen,
  da  ein  Köhler  1458  bei  Ausstoßung  der  Kohlen  etwas  ge-„schmolzenes
  Zinn  gefunden.“  Auch  Albinus  giebt  dasselbe  Jahr  an
(II,  21)  „Der  Altenberg,  item  Glashütte  sind  neben  Ebersdorf
„vorzeiten  als  die  besten  Zinnbergwerk  berufen  gewesen.“  Altenberg
um  1458  aufgekommen.  Erbersdorf  oder  Ernfriedersdorf  ein  Zinnbergwerk,
  „welches  älter  als  der  alte  Berg  und  bei  Mannes  Gedenken
„alle  anderen  Zinnbergwerke  übertroffen.')  Aldenberg  im  Meissen
„am  Gebirge  hat  unter  ym  an  der  Möglitz  ein  offen  fleck  Geusing,

*)  Saxonica,  Misnica  et  Thuringiaca  ex  Monachi  Pirnensis  autographo
  etc.
        <pb n="229" />
        —  221  —

„den  der  Bergk  och  Gewsingbergk  wird  benant,  hat  an  einer  Seite
„Wald,  sonst  Graupen,  Muckenberg,  Leostein,  Bernstein  2c.  Daselbst
„ist  ein  reich  Czwittererz  anno  1458  gefunden.““)

Wahrscheinlich  ist  Altenberg  1458  zur  Bergstadt  erhoben  worden.
Es  hieß  früher  Geysingberg;  die  Bewohner  „die  Ziener  und  Einwohner
  ufn  Berge.“  1464  brachten  die  Altenbergischen  Zinngewerken
den  bei  Zinnwald  gefaßten,  beinahe  4  km  langen  Aschergraben  an
sich.  Die  Geschichte  der  Stadt  ist,  wie  die  aller  erzgebirgischen  Bergstädte,
  reich  an  Wechsel.  Da  dieselbe  wiederholt,  und  zuletzt  noch
1876,  von  großen  Feuersbrünsten  heimgesucht  worden  ist,  so  erinnern
nur  noch  vereinzelte  Häuser  an  die  Enstehung  in  früherer  Zeit.  So
ein  Haus  auf  der  Teplitzer  Straße,  Fachwerksbau  des  17.  Jahrhunderts;
  das  sogenannte  Alte  Amtshaus,  inmitten  des  Ortes.

Höhenlage  und  waldreiche  Umgebung  lassen  Altenberg  als  geeignete
  Sommerfrische  erscheinen.

Sehenswerth  ist  die  gegen  100  m  tiefe,  annährend  ovale  Pinge,
auf  dem  größten  Durchmesser  210  m  und  eingerechnet  des  flächeren
oberen  Absatzes  über  300  m  lang,  auf  dem  kleineren  Durchmesser
125  m  breit,  an  der  steilen  Südwestseite  fast  30  m  senkrecht  abfallend.
Nachdem  schon  seit  1545  mehrere  kleine  Zusammenbrüche  vorangegangen
  waren  und  1578  ein  größerer,  fand  1620  der  große  Tagebruch
  statt,  welchem  seitdem  wiederum  mehrere  kleinere  nachgefolgt
sind.  Bei  dem  ersten  Bruche  waren  10,  bei  diesem  letzten  21  Zechen
in  die  Tiefe  gegangen.  „Sie  ist  nach  dem  Umfange  an  Superficial-„Inhalt
  3822  gevierte  Lachter  oder  19½  Maassen  nach  dem  alten
„Vermessen."  (Meißner  S.  78).  Der  Flächenraum,  welchen  sie
einnimmt,  beträgt  fast  3¾  ha.  Ringsum  starrt  dunkelrothgraues
steiles  Gewände;  Schutthalden  bis  zur  Tiefe.  „Unter  dieser  beinahe
„300  Fuß  tiefen,  560  Fuß  im  Durchmesser  haltenden,  von  der
„Südostseite  her  auf  einem  Haldenschuttkegel  zugänglichen  großen
„Binge  ist  nun  das  bekannte  Stockwerk.“  (Charpentier  S.  150).
Dasselbe  enthält  derben  Zinnstein  und  Zinngraupen.  Beigemengt  sind.
Quarz,  Glimmer,  schörlartiger  Beryll;  der  Thon  erscheint  als  Steinmark
  oder  als  Speckstein;  auch  Jaspis,  Wolfram,  Wasserblei  u.  s.  w.
Der  Eingang  zum  Stockwerk  ist  durch  einen  der  drei  gangbaren
Schächte  oder  durch  den  im  Geisinggrunde  gelegenen  Hauptstollen.
Enge  Strecken  und  Gänge  wechseln  mit  zahlreichen  Höhlungen  und
Weitungen,  von  denen  einzelne  20  und  selbst  bis  gegen  80  m  (10
bis  40  Lachter)  hoch  sind  und  in  ihrer  Verbindung  mit  den  ver-*)

  Chr.  Meißner,  umständliche  Nachricht  von  der  freien  Zinn-Bergstadt
Altenberg.  Dresden  1747.
        <pb n="230" />
        —  222  —

schiedenen  Zugängen  ein  vollständiges  Labyrinth  bilden,  in  welchem
nur  der  Eingeweihte  sich  zurecht  zu  finden  vermag.

Auf  dem  nordöstlich  von  Altenberg  liegenden  Geising  (823  m)
wird  ein  eiserner  Aussichtsthurm  errichtet.  Die  Rundsicht  wird  eine
umfassende  sein.  Die  Aussicht  von  dem  3  km  entfernten  Kahlen
Berge  ist  unbedeutend;  besser  schon  die  von  dem  der  Stadt  zunächst
liegenden  Raupenneste  (825  m).  Dagegen  gewährt  die  6  km  entfernte,
  dem  Bärenburger  Forsthause  nahe  liegende  Friedrichshöhe
einen  sehr  guten  Ausblick,  besonders  nach  Osten,  nach  den  Kegeln  des
Sandsteingebirges  und  den  böhmischen  Bergen,  Kaltenberg,  Rosenberg,
Kleißberg.  —  Von  der  2  km  weiter  entfernten  Schwarzen
Tellkuppe  sieht  man  den  Fichtelberg,  die  Höhen  von  Sayda,
Schloß  und  Burg  Frauenstein,  die  Stadt  Freiberg  und  die  Höhenzüge
  bis  zum  Tharandter  Wald.  „Beide  Punkte  ergänzen  einander
„vortrefflich;  die  Tellkuppe  bietet  die  West-,  die  Friedrichshöhe  die  Ost-„hälfte
  einer  fast  vollständigen  Rundsicht.“)

25.  Der  Zinnbergbau.

Zinn,  das  weiße,  weiche,  geschmeidige,  leicht  schmelzbare  und
leicht  zu  bearbeitende  Metall,  war  schon  im  frühesten  Alterthume  bekannt
  und  verwendet,  sowohl  rein,  in  Platten  und  Stangen  und  zum
Ueberziehen  von  Gefäßen,  als  auch  zur  Mischung  mit  anderen  Metallen.

Die  Gewinnung  des  Zinnes  bezeichnet  die  älteste  Erzgewinnung
auf  unserm  Gebirge.

Lange  Zeit  bevor  man  Bergbau  betrieb,  gewann  man  Zinn  in
den  Seifenwerken.  »

Durch  Abschwemmung  und  Auswaschung  der  Abhänge  und  Thalspalten
  hatten  sich  zahlreiche  Schuttmassen  vor  den  Ausmündungen
und  in  den  Thalweitungen  der  Wasserläufe  angesammelt,  welche  reichlich
  mit  Zinnerzkörnern  durchsetzt  waren,  so  daß  frühzeitig  schon  die
Ablagerungsmassen  der  Gebirgswasser  als  Zinnseifen  abgebaut  worden
sind.  In  demselben  Verhältniß,  wie  das  Eindringen  in  das  Gebirge
fortschritt,  sind  auch  die  Zinnseifen  zuerst  im  Osten,  und  später  im
Westen  in  Angriff  genommen  worden.

Die  ersten  Zinnseifen  oder  Zinnwäschen  sind  allem  Anscheine
nach  in  der  Ebene  am  Südfuße  des  Gebirges,  zwischen  Graupen  und
St.  Prokop  auf  „dem  alten  Graupen“,  wahrscheinlich  schon  im
11.  Jahrhundert  entstanden.  Das  Zinnerz  findet  sich  hauptsächlich

*)  F.  Polle,  Weißeritzthal.  Dresden  1885,  S.  86.
        <pb n="231" />
        —  223  —

als  Zinnstein,  einem  Zinnoxyd  (Kassiterit)  in  Stockwerken  und  Gängen
oder  als  Zinngraupe,  in  größeren  oder  kleineren  ziemlich  reichhaltigen
Stücken,  welche  aus  der  Zertrümmerung  des  Zinnsteines  stammen,  in
Geschieben  und  Ablagerungen.

Erst  nachdem  die  reichen  Wäschen  nahezu  abgebaut  waren,  ging
man  zum  Bergbau  auf  Zinn  über;  denn  die  Seifen  aller  Metalle
sind  reicher  als  die  Lagerstätten,  von  denen  sie  herrühren.

Das  Waschzinn  ist  das  reinste;  das  Bergzinn  ist  weniger  rein.

Zwischen  1153  und  1173  wurden  die  Zinnerze  und  Zwitter
bei  Graupen  fündig  und  bergmännisch  abgebaut.'!)  Die  Graupner
Seifen  sind  entschieden  sehr  reich  gewesen,  da  der  Steilabfall  des  Gebirges
  die  Seifenbildung  außerordentlich  begünstigte.  An  einzelnen
Stellen,  wie  bei  St.  Prokop,  sind  die  Umrisse  alter  Wäschhalden  noch
zu  erkennen,  obgleich  die  spätere  Bebauung  die  Mehrzahl  derselben
vollständig  verwischt  hat.

Auf  dem  Nordabhange  des  Gebirges  mögen  gleichzeitig,  oder
kurz  darauf  ebenfalls  Zinnseifenwerke  entstanden  sein,  welche  zum  Anbau
  der  Orte  Fürstenau  und  Fürstenwalde,  vielleicht  auch  Löbenhain
und  weiter  abwärts  Glashütte  Veranlassung  gegeben  haben.  Der
Bergbau  auf  Zinn  muß  in  dieser  Gegend  aber  auch  schon  um  1200
in  Angriff  genommen  worden  sein,  da  er  1241  „sehr  bedeutend“
genannt  wird.

Auch  weiter  nach  Westen  hin  entstanden  schon  frühzeitig  Seifenwerke.
  So  z.  B.  bei  Seiffen,  bei  Eibenstock,  Platten,  Hengsterben,
Abertham,  Gottesgabe,  bei  Buchholz,  bei  Herrmannsdorf,  Hirschenstand,
Sauersack,  Frühbuß,  Trinkseifen,  Neuhammer  u.  s.  w.  „Bei  Mannes
„Gedenken  haben  die  Seifen  von  Hengs,  Erbesdorf  und  Geier  treff-„lichen
  Ertrag  gegeben,  auch  Neudeck,  Platten,  Bäringen  und  Schwarz=„wasser."“


An  vielen  Stellen  der  früher  ebenen  Thalboden  trifft  man  hohe
Schutt-,  Geröll=  und  Kießhalden  (Raithalden)  als  Anzeichen  von  in
der  Vorzeit  betriebenen  Seifenwerken.

Auch  in  der  Gegend  von  Neustädtel  bei  Schneeberg  sind  frühzeitig
  Seifenwerke  betrieben  worden;  sicher  in  der  zweiten  Hälfte  des

14.  Jahrhunderts,  vielleicht  sogar  früher.  Der  Filzteich  ist  zum
großen  Theile  auf  ehemaligen  Seifenwerken  angelegt  und  in  der
Richtung  auf  die  Fundgrube  Schwalbenschwanz  sind  zwischen  dem
Ficzteiche  und  dieser  noch  jetzt  die  Spuren  früherer  Seifen  zu  erennen.


 

*)  E.  Reyher,  das  Zinn,  eine  geologisch-montanistisch-historische  Monographie.
  Berlin,  Reimer  1881.  Dr.  H.  Hallwich,  Geschichte  der  Bergstadt
Graupen.  Prag,  Credner,  1868.
        <pb n="232" />
        —  224  —

Das  alte  Bergmannsdorf  Zschorlau  ist  unzweifelhaft  eine  slavische
Niederlassung.  Die  Bewohner  seiften  Zinnerze,  daher  im  Gemeindesiegel
  von  1413  schon  der  Rechen,  ganz  wie  im  Stadtwappen  von
Eibenstock  Schlegel,  Spitzhaue  und  Rechen,  die  Werkzeuge  des  Erzseifens.
  Das  Dorf  Zschorlau  heißt  in  den  Urkunden  Schorl,  Schorle,
gewöhnlich  Zschörl.  Die  Ableitung  von  eirlata  —  hellschwarzes  Erz,
Schörl,  Turmalin  (meist  schwarz)  oder  Turmalinfels  (Gemenge  von
Quarz  und  Turmalin)  liegt  nahe.  Auch  Schlema,  am  Schlemmbache
  verdankt  wahrscheinlich  Entstehung  und  Namen  früheren
Seifenwerken.

Ein  Seifen  werk  wurde  gewöhnlich  100  Lachter  (200  m)
lang  und  50  Lachter  breit  (100  m)  angelegt.  Man  grub  längs  des
Thales  einen  Hauptgraben  mit  gutem  Gefälle,  in  welchen  zahlreiche
Querrinnen  mündeten.  Die  erzhaltige  Erde  wurde  aufgewühlt,  Wasser
herein  gelassen,  Schlamm  und  Sand  fortgeschwemmt,  die  liegengebliebenen
  Geschiebstücke  gesondert,  und  die  dunkeln  (turmalinund
  erzhaltigen)  aufs  Pochwerk  gebracht.  Nach  etlichen  Monaten
wurde  der  Graben  geräumt,  das  Wascherz  gereinigt  und  geschmolzen.

Die  ersten  Schürfer  beuteten  das  Gebiet  der  Zinnwäschen  meist
nur  oberflächlich  aus;  daher  hat  man  zu  Anfang  dieses  Jahrhunderts
einige  alte  Wäschen  mit  Erfolg  wieder  durchgearbeitet;  die  alten  Seifen
von  Graupen,  Ehrenfriedersdorf  und  Geyer  sogar  zu  wiederholten
Malen.  Man  gewann  außer  den  Zinngraupen  nicht  selten  grüne
Berylle,  milchblaue,  halbdurchsichtige  Opale,  gelbe  Topase  und  einzelne
Goldkörner.  Wenn  der  Zwickauer  Chronist  Thomas  behauptet,  in
dem  Seifenwerke  Goldbrunnen  zu  Eibenstock  könne  (1579)  ein  Mann
des  Tages  1½  Pfund  Goldkörner  waschen,  das  Pfund  zu  15  bis
18  Gulden,  so  schneidet  er  offenbar  auf.  Immerhin  wurden  aber
dann  und  wann  Goldkörner  gefunden.  ·

So  wusch  man  am  Schwarzwasser  und  seinen  Zuflüssen  über
und  um  die  Platte,  Gottesgabe  und  Breitenbrunn  in  den  Zinn-,
Lauter=  und  Kühe-Seifen  von  der  güldenen  Höhe  herein,  noch  bis
gegen  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  hin  beim  Aus=  und  Reinmachen
Goldfließchen.  Auch  von  Dörrbach  und  Fletschmaul  (Agricola  nennt
es  1550  Blesmulum,  Bleßuiaul)  bei  Platten  wurde  behauptet,  daß
dort  Goldfließchen  zu  finden  seien.  Bleßmaul  weist  auf  die  sorbenwendische
  Wurzel:  blesk  =  Glanz,  Schimmer;  mula  —  Schlamm.

Charpentier  nennt  noch  in  seiner  Mineralogischen  Geographie
von  Sachsen  (S.  277)  die  Seifenwerke  von  Sauschwemme,  Steinbach,
Seifen,  Platten,  Irrgang,  Försterhäuser,  Bockau,  Sosa  (1682  mit
sechs)  als  im  Betriebe  befindlich.

Albinus  sagt  von  den  Eibenstocker  Seifen,  daß  „sie  nicht  der
        <pb n="233" />
        —  225  —

geringsten  gewesen“  und  noch  in  ziemlichem  Schwange,  und  Oettel
fügt  dem  bei  „es  findet  sich  auch  Zinn  unter  dem  Mob,  welchen
man  seiffet.“  Schon  der  Name  von  Eibenstock  (früher  Iben-,  Aibanoder
  Hibanstock)  weist  auf  sorbenwendischen  Ursprung;  denn  hyb  ist
das  Getriebe,  hybem  die  Bewegung  eines  solchen,  und  stok  der  Trog,
Bottich;  so  daß  unzweifelhaft  das  Erzwaschen  dem  Orte  den  Namen
gegeben  hat.

Der  Zinnstein  tritt  bei  Eibenstock  lager-,  strich=  und  gangweise
auf;  die  Zinnführung  ist  um  so  reicher,  je  mehr  sie  von  Turmalin
begleitet  wird,  besonders  in  mittel=  und  feinkörnigem  Granit.

Ueber  den  Betrieb  des  Bergbaues  nach  altem  Herkommen  giebt
ein  Manuskript  „Alte  Bergwerksgebräuche  zum  Eibenstock  1563“
Aufschluß;  aber  schon  1534  hatte  Kurfürst  Johann  Friedrich  die
erste  Zinnbergordnung  erlassen.  Die  Schmelzhütte  für  die  Zinnerze
stand  seit  alten  Zeiten  auf  Steinbacher  Revier.

Von  Mitte  des  16.  bis  gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts  betrug
  die  Jahresausbeute  des  Eibenstocker  Revieres  580  Centner  Zinn;
Mitte  des  18.  Jahrhunderts  kaum  400  Centner,  und  Ende  des
18.  Jahrhunderts  war  sie  hier,  wie  bei  Schwarzenberg  und  Johanngeorgenstadt
  fast  vollständig  erlegen.  Während  des  30jährigen  Krieges
standen  alle  Werke  still.

Im  Jahre  1823  gab  es  auf  Eibenstocker  Revier  noch  drei
freiverbauende  Seifenwerke,  von  600,  700  und  900  Lachter,  am
Steinbache.  Der  Zinnstein  wurde  in  feinen  Körnern  gefunden,  selten
in  derben  Stücken  oder  Kristallgraupen;  nächstdem  Topas,  Apatit,
Flußspath,  Melachit,  mitunter  auch  einmal  Gold.  —  Diese  Seifenwerke
  sind  gegenwärtig  vollständig  erschöpft.

Die  leichte  und  lohnende  Ausbeutung  von  Zinnseifen,  die  Waschgewinnung
  der  massenhaft  oberflächlich  vorkommenden  Zinnkornablagerungen,
  die  wie  Schweife  von  Erzgrus  an  den  Berggehängen
und  in  den  Bachschrunden  gehäuft  waren,  hörte  bald  auf.  Nachdem
die  Wäschen  erschöpft  waren,  trat  die  schwierigere  und  kostspieligere

Gewinnung  und  Aufbereitung  des  festen,  Zinn  führenden  Felsgesteines  ein.

Die  sogenannte  Entdeckung  des  Altenberger  Zinnreichthums  ist
höchst  wahrscheinlich  nur  ein  Wiederfinden  desselben  in  der  durch  die
Hussitengräuel  gänzlich  entvölkerten  Gegend.)  Der  antiquus  mons
kommt  ja  weit  früher  in  der  Geschichte  vor.  Die  hiesigen  Bergleute
nennen  den  Granit  Sandstein,  ist  er  dagegen  mit  thonigen  Massen,
Speckstein  und  viel  Glimmer,  so  heißt  er  Greissen.  Die  Erzlager
sind  schwache  Bänder  oder  Flötze  von  Quarz,  Flußspath,  Wolfram,

*)  Schumann,  Ortslexikon  von  Sachsen  2c.  XIII.  605,  606.
15
        <pb n="234" />
        —  226  —

Kupfergrün,  Speckstein  und  Glimmer.  Sie  enthalten  zugleich  das
Zinnerz.  Das  Zinnerz  ist  entweder  in  Graupen  krystallisirt  oder
derber  Zinnstein  oder  Zinnzwitter.  „Der  Abbau  des  Gesteines  ist
meist  Raubbau  gewesen  und  geht  nicht  in  bedeutende  Teufe  hinab;
daher  müssen  hier  noch  reiche  Schätze  verborgen  liegen.“

Lange  Zeit  hat  sich  die  Seifenwäscherei  neben  dem  Bergbau
erhalten.

Ende  des  14.  Jahrhunderts  stand  der  Graupener  Bergbau  in
hoher  Blüthe.  An  dem  oberen  Rande  des  Gebirges,  wo  reiche  Gänge
zu  Tage  traten,  baute  man  zahlreiche  und  ergiebige  Schächte  und
Stollen.  1379  entstand  der  Bergort  Obergraupen.  Von  den  Bauten
dieser  Zeit  ist  der  Dörrholzstollen,  welcher  bis  unter  die  Mückenberger
  Pinge  reichte,  der  bedeutendste;  doch  auch  er  kam  im  dreißigjährigen
  Kriege  zum  Erliegen.

Um  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  wurde  der  Zinnbergbau  bei
Zinnwald  und  fast  gleichzeitig  (1458)  Alterberg  fündig.  Das  „Geschrei“
  vom  neuen  Bergwerk  verbreitete  sich  rasch  über  das  Land,
und  die  Ausbeute  der  Zinnwalder,  Altenberger  und  Geisinger  Werke
mag  wohl  5000  bis  6000  Centner  Zinn  jährlich  betragen  haben,
wozu  allerdings  die  Wäschen  den  Hauptantheil  gaben.  Nachdem  diese
aufgearbeitet  waren,  sank  die  Gewinnung  an  Zinn  auf  etwa  3000  Centner.

Man  baute  bergmännisch  auf  Zinn  bei  Graupen,  Zinnwald,
Geising,  Altenberg,  Glashütte,  Seiffen,  Katharinaberg,  Marienberg,
Ehrenfriedersdorf,  Geyer,  Eibenstock,  Platten,  Abertham,  Gottesgab
  u.  s.  w.  In  der  neuesten  Zeit  hat  man  auch  Spuren  früheren
Zinnbergbaues  bei  Gottleuba  gefunden.

Der  Granit  wird  von  zahlreichen  Gängen  und  Nestern  aus
Zinnstein,  Quarz,  Glimmer,  Flußspath,  Schwerspath,  Wolfram  u.  s.  w.
durchsetzt.  Mächtigkeit  und  Abstand  der  Gänge  ist  verschieden;  von
ein  Viertel  bis  zum  ganzen  Meter  und  mehr.  Die  Gänge  werden
häufig  durch  Klüfte  unterbrochen;  dieselben  sind  aber  sehr  reich  an
Zinnstein,  und  nicht  selten  scheint  es,  als  ob  der  Zinngehalt  mit  der
Tiefe  zunehme.  Das  Zinnerz  findet  man  mitunter  krystallinisch,  hauptsächlich
  aber  fein  vertheilt  und  eingestreut  im  Zinnsteine,  jedoch  auch
in  Körnern,  Knoten  und  flachen  Butzen.

Im  Seiffener  und  Katharinenberger  Revier,  wo  der  Zinnstein
in  Quarzgängen  auftrat,  verschwand  der  Zinnstein  bei  einer  gewissen
Tiefe  und  Kupfererze  traten  an  seine  Stelle.  Jetzt  ist  weder  ein
Seifenwerk  noch  einer  der  Schachte  bei  Seiffen  noch  im  Gange.  Um
1778  schrieb  Charpentier:  „Eine  Menge  Pingen,  Halden  und
verbrochener  Schächte  sind  die  Ueberreste  eines  beträchtlichen  Bergbaues
  auf  Zinn  und  Kupfer.“  Die  beiden  Bingen  hatten  damals
        <pb n="235" />
        —  227  —

noch  über  20  m  Durchmesser  und  25  bis  30  m  Tiefe.  Bis  Mitte
dieses  Jahrhunderts  baute  man  auch  in  denselben  auf  Zinnstein  und
Zinngraupen.  *

Der  Abbau  der  Zinnerze  wurde  frühzeitig  schon  durch  Bergordnungen
  geregelt.  Der  Graupener  Bergordnung  von  1487  sind
unzweifelhaft  schon  ältere  vorangegangen.  .

Der  eigentliche  Abbau  war  ein  Strebenbau.  Man  brannte
Firsten  und  Strebestoß  mürbe  und  bearbeitete  sodann  das  mürbe  gewordene
  Gestein  mit  Schlägel  und  Eisen.  Das  Gezähe,  welches  die
Alten  führten,  war  dem  heutigen  ähnlich:  Schlägel,  Eisen  und  Keile.
Mit  diesen  wurde  das  Gestein  gewonnen,  klein  geschlagen  und  die
Zwitter,  das  zinnerzführende  Gestein,  rein  ausgelesen  und  geschieden,
mürbe  gebrannt  und  auf  Mühlen  gemahlen.  Seit  Mitte  des  16.  Jahrhunderts
  wurden  die  um  1507  durch  Sigismund  von  Malltitz  erfundenen
  Naßpochwerke  allgemeiner  eingeführt.  Matthesius")  schreibt:
„Nun  hat  man  Pochwerk,  da  hebt  ein  Wasserrad  die  Stempel  mit
dem  Bugeisen,  im  Kumpt  hat  es  ein  Sohleisen,  darauf  pocht  man
die  gerösten  Zwitter,  das  Wasser  jächt  den  Schlamm  und  Sand  mit
dem  Zinnstein  durch  ein  Blech  in  ein  langes  Gerinn,  darinn  der  beste
Stein  bleibt,  wenn  er  oft  mit  einem  Kreil  gerissen  wird."“

Der  Grubenabbau  mittelst  Feuersetzen  hat  sich  noch  lange  neben
der  Sprengarbeit  mittelst  Schießpulvers  erhalten;  erst  als  die  Hölzer
zu  theuer  wurden,  gab  man  es  auf.  Aber  Aufbereitung  und  Verhüttung
  blieben  wie  früher.  Die  alten  dreistempeligen  und  dreihübigen
Spundpochwerke  erhielten  sich  bis  1856.  Auf  dem  Schachte  stand
ein  Pferdegöpel;  abgebaut  wurde  eine  Art  Stockwerk.  Bei  mächtigen
Lagern  von  geringerem  Erzreichthum  legte  man  mehrere  Strecken  mit
großen  Weitungen  untereinander  an,  so  daß  sie  nur  durch  die  starken
Streckensohlen  von  einander  geschieden  wurden.

Das  Gebiet  des  Zinnbergbaues  war  jedoch  seit  Jahrhunderten
schon  in  unzählige  kleine  Gewerkschaften  zersplittert.  Grube,  Pochwerk
  und  Hütte  waren  meist  in  verschiedenen  Händen.  Die  Aufbereitung
  wurde  nicht  gebessert.  Ueber  den  Hüttenbetrieb  früherer
Zeiten  fehlen  alle  Nachrichten.  Wahrscheinlich  waren  die  Schmelzöfen
sehr  ursprünglich  und  nur  darauf  angelegt,  einen  Tag  in  ihnen  zu
schmelzen.  Das  Schmelzen  bei  Nacht  war  nicht  gebräuchlich.  Da
nur  die  größeren  Gewerkschaften  Pochwerke  und  Hütten  besaßen,  so
mußten  die  kleinen  um  Lohn  ihren  Zwitter  mahlen  und  den  fertigen
Schlich  ebenfalls  um  Lohn  schmelzen  lassen.  3

Schon  Ende  des  16.  Jahrhunderts  war  der  Zustand  des

*)  Matthesius,  Joh.,  Sarepta,  Joachimsthaler  Chronik.  Nürnberg  1562.
157
        <pb n="236" />
        —  228  —

Graupener  Bergwerks  ein  trübseliger.  Ende  des  17.  trieben  kaum
noch  drei  Bürger  Bergbau.  1694  nahmen  aber  48  städtische  Gewerke
  denselben  wieder  auf,  und  steigerten  ihn  bis  anfang  des  18.
Jahrhunderts.  Um  Mitte  desselben  bestanden  auf  Graupener  Revier
sechs  Zinnschmelzhütten,  vier  im  Müglitzthale,  zwei  unterhalb  der
Stadt.  Die  Zinngewinnung  betrug  1100  bis  1200  Centner  Zinn.
Um  1800  bestanden  noch  11  Pochwerke  und  3  Hütten;  die  Zinngewinnung
  war  aber  schon  auf  400  Centner  und  um  1850  auf  etwa
200  Centner  gesunken.

In  Altenberg  wurden  anfang  des  16.  Jahrhunderts  jährlich
3500  Centner  Zinn  gewonnen;  1545  fand  jedoch  der  erste  Einbruch
der  durch  Feuersetzen  entstandenen,  weiten  Aushöhlungen  statt,  1578
der  zweite,  welcher  schon  zu  Tage  ausging,  und  1620  der  dritte  und
größte  Bruch.  „Da  ist  unser  liebes  Bergwerk  alles  in  einen  Haufen
gegangen"  schreibt  der  Chronist.  1653  brach  endlich  der  1553  angelegte
  tiefe  Stollen  zusammen,  so  daß  erst  1662  der  Betrieb  wieder
in  Gang  kam.  Aus  dem  Bau  auf  Strecken  und  Weitungen  wurde
nunmehr  der  Bau  auf  dem  Bruuch,  eine  gefahrvolle  Arbeit,  da  es  galt,
das  lockere,  leicht  in  Bewegung  kommende,  zusammenstürzende  und
vorrückende  Material  zu  gewinnen.

Zur  einheitlichen  Leitung  und  Ausführung  des  Abbaues  hatten
sich  schon  1564  neunzig  Zechen  zur  Zwitterstocks-Gewerkschaft  vereinigt,
  und  außer  der  1554  angelegten  neuen  großen  Wasserkunst  1566
eine  zweite  angelegt;  im  Ganzen  war  aber  der  Ertrag  mäßig,  etwa
jährlich  2000  Centner,  und  da  das  Feuersetzen  die  vorherrschende
Gewinnungsart  blieb,  der  Zusammenbruch  der  weiten  Höhlungen  erklärlich,
  welchem  verschiedene  kleinere  Nachbrüche  folgten.  Seit  dem
Zusammenbruche  wird  nur  unter  der  Stollensohle  gebaut.  Man
treibt  Strecken  in  das  zertrümmerte  Gestein.

Die  Aufbereitung  erfolgt  in  den  nach  alter  Art  gebauten  Pochwerken
  mit  etwa  900  Pochstempeln;  doch  liegt  ein  Mangel  in  der
völlig  getrennten  Zugutemachung  der  Zwitter  (Zinnerze),  da  die  Gruben
selbst  pochen  und  schmelzen,  während  es  zweckmäßiger  sein  würde,
allgemeine  Zinnschmelzanstalten  zu  errichten.  Anstatt  der  kleinen
„Altenberger“  Oefen  sollten  Großöfen  benutzt  werden.  Die  Reinigung
des  geschmolzenen  Zinnes  erfolgt  auf  den  Pauschheerden;  doch  arbeiten
fast  alle  bestehenden  Zinnbergwerke  seit  längerer  Zeit  mit  Verlust.

Der  Zinnwalder  Bergbau  gab  Mitte  des  16.  Jahrhunderts
die  größte  Ausbeute,  fiel  im  17.  und  nach  kurzem  Steigen  im  18.
Jahrhundert  wieder,  im  19.  immer  mehr.  Hier,  wie  auch  an  anderen
Orten  wurde  lange  Zeit  nur  gebaut,  um  die  Privilegien,  vor  Allem
die  Befreiung  der  Bergleute  vom  Militärdienste  aufrecht  zu  erhalten.
        <pb n="237" />
        —  229  —

Eine  Vereinigung  der  Gruben  wurde  geplant  und  der  Abbau  zahlreicher
  bauwürdiger  alter  Halden  u.  s.  w.  beabsichtigt.

Bei  Seiffen  waren  im  letzten  Viertel  des  18.  Jahrhunderts  noch
15.  bis  20  Gruben  auf  Zinn  im  Gange;  sie  sind  seitdem  vollständig
erlegen.

Bei  Marienberg  wurde  seit  dem  16.  Jahrhundert  auch  Zinn
gebaut;  Ende  des  17.  Jahrhunderts  etwa  500  Centner  jährlich,
Mitte  des  18.  etwa  300  Centner,  Mitte  des  19.  etwa  200  Centner.
Seitdem  ist  der  Zinnbergbau  auch  dort  eingegangen.

In  der  Umgebung  von  Platten  und  Gottesgab  waren  ebenfalls
Zinnbergwerke  entstanden,  bei  Ziegenschacht,  Halbmeil,  Zwittermühl,
Goldenhöhe,  Bäringen,  Abertham,  Kaff  u.  s.  w.  1532  wurden  die
Gänge  im  Plattenberge  fündig,  1546  standen  schon  zwölf  Schmelz-=hütten
  und  bis  1581  fand  ein  reichlohnender,  lebhafter  Betrieb  statt.
Allmälig  verminderte  sich  jedoch  der  Ertrag,  so  daß  1637  schon  die
letzten  Zechen  auflässig  wurden.  1870  wurden  sie  zwar  wieder  aufgenommen,
  aber  nach  kurzer  Zeit  verlassen.  Die  wichtigste  Zeche  lag
auf  dem  Mauritiusgange  bei  Hengsterben;  aber  auch  ihr  Ausbringen
sank  und  kam  erst  lange  Zeit  nach  dem  30  jährigen  Kriege  wieder
empor;  um  1840  betrug  sie  150  Centner  jährlich.  (Seit  1878  ist
das  Werk  in  den  Händen  einer  englischen  Gesellschaft.)

Der  Zinnbergbau  von  Ehrenfriedersdorf,  welches  als  Silberbergwerk
  fündig  geworden  war,  betrug  Ende  des  15.  Jahrhunderts
600  bis  900  Centner,  anfang  des  16.  Jahrhunderts  500  bis  600
Centner.  1538  wollten  die  Bauern  die  neu  errichteten  Zinnschmelzöfen
  zerstören,  weil  die  Dämpfe  die  Feldfrüchte  schädigten.  Während
des  30  jährigen  Krieges  kam  der  Bergbau  vollständig  zum  Erliegen;
Ende  des  17.  Jahrhunderts  baute  man  aber  schon  wieder  680  Centner
Zinn,  um  1730  sogar  1800  bis  2000  Centner,  dagegen  1770  nur
600  Centner,  1790  nur  250  Centner,  dann  immer  weniger,  bis
1870  der  Zinnbergbau  vollständig  erlosch.

Auch  Geyer  war  ursprünglich,  und  bis  gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts
  reich  an  Silberausbringen;  der  Bergbau  kam  während  des
30  jährigen  Krieges  zum  Erliegen,  und  nachdem  nach  langer  Zeit
die  Nachwehen  des  Krieges  überwunden  waren,  brachte  der  Zinnbergbau
  um  1695  etwa  100  Centner  Zinn  Ausbeute.  Aber  schon
um  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  waren  die  Zechen  tief  in  Zubuße,
und  nach  einem  kurzen  Aufflackern  um  1760  vereinigten  sich  1773
die  meisten  der  armen  Zechen  zur  Zwitterstocks-Gesellschaft,  um  auch
als  solche  fortdauernd  mit  Zubuße  zu  bauen,  so  daß  der  Bergbau
gegen  Mitte  des  Jahrhunderts  vollständig  erlosch.  Eine  Zeit  lang
        <pb n="238" />
        —  230  —

fristete  man  sich  noch  mit  der  Aufarbeitung  der  alten  Halden  früherer
Seifenwerke  bei  Ehrenfriedersdorf  und  Geyer.

Im  Jahre  1845  berechnete  man  den  Jahresdurchschnitt  der
Zinnproduction  von  Marienberg  mit  121  Centnern,  Geyer  mit
102  Centnern,  Ehrenfriedersdorf  mit  98  Centnern.

Für  das  Graupener  Revier  waren  die  Abbaue  im  Gebiete  der
Mückenpinge  von  besonderer  Bedeutung.  Seit  1856  sind  die  ge—
sammten  Gruben  und  Pochwerke  vereinigt,  und  1864  das  große
(Heinrichs-)  Pochwerk  mit  21  Pochstempeln  und  4  Stoßheerden  an—
gelegt  worden.  Gleichzeitig  wurde  für  die  Verhüttung  der  Erze  ein
großer  Schachtofen  auf  dem  Nievenheimer  Pochwerke  angelegt.  Das
im  Jahre  1806  noch  im  Betrieb  befindliche  Seifenwerk  bei  Graupen
ist  längst  eingegangen.  Dagegen  hat  man  in  der  neuesten  Zeit  den
vor  1487  angelegten  und  bis  unter  die  Mückenberger  Pinge  reichenden
tiefen  (Antonio-)  Erbstollen  im  dürren  Holze,  sowie  den  Martinetzer
Stollen  oberhalb  Mariaschein  wieder  in  Stand  zu  setzen  begonnen,
um  dem  gegen  1870  wieder  lebhafter  aufgenommenen  Betrieb  zu
dienen.  Man  denkt  durch  Vollendung  des  oberen  und  tiefen  Antonistollen,
  nach  Abführung  der  hindernden  Wassermengen,  die  bauwürdigsten
Strecken  zu  eröffnen;  denn  trotzdem  man  nahe  zu  sieben  Jahrhunderte
hier  Bergbau  getrieben,  so  sind  die  besten  und  wichtigsten  Bergmittel
bei  Weitem  noch  nicht  abgebaut.  Der  Gehalt  der  besten  Gänge
wird  auf  3  Procent  metallisches  Feinzinn  auf  den  Centner  Erz
angegeben.

Auch  bei  Zinnwald,  wo  1868  der  tiefe  Hülfe  Gottes  Erbstollen
durchschlägig  wurde,  dar  man  voller  Zuversicht,  bis  die  australische
Concurrenz  Alles  lähmte,  die  Zinnproduction  sich  nicht  mehr  bezahlt
machte,  und  man  sich  darauf  beschränken  mußte,  Quarz  und  Wolframerz
  aus  den  alten  Halden  heraus  zu  klauben.

Im  Altenberger  Revier  sind  die  gegenwärtig  bestehenden  Zinnbergwerke
  Vereinigt  Feld  im  Zwitterstock  und  Zwitterstocks  tiefer  Erbstollen
  zu  Altenberg,  sowie  Vereinigt  Feld  Fundgrube  in  Zinnwald.
Bis  1886  waren  sechs,  von  da  an  fünf  Zinngruben  in  Betrieb,  von
denen  drei  im  Freiverbau  sich  erhielten.  Die  Belegschaft  betrug
zwischen  320  und  350  Mann;  das  Ausbringen  zwischen  2000  und
2200  Centner  an  Zinn,  Wismuth,  Phosphorzinn  und  sogenanntem
Kirchenzinn.  Das  Ausbringen  an  Zinn  sank  von  1862  Centner
(1884)  auf  1300  Centner  (1887).  Wolframerze  wurden  1884,
790  Centner,  1885  nur  530  Centner,  und  1887  erst  wiederum
790  Centner  ausgebracht.  Das  über  Hamburg  eingeführte  „Scheelit"
(Scheelium,  Schwerstein,  wolframsaurer  Kalk)  macht  durch  seinen  billigen
        <pb n="239" />
        —  231  —

Preis  und  seinen  hohen  Gehalt  an  Wolfram  der  Gewinnung  des
Wolframerzes  bedeutenden  Abbruch.

Der  Zinnbergbau  wurde  überhaupt  durch  die  niedrigen  Preise
des  Zinnes  sehr  ungünstig  beeinflußt.  —  Die  1870  beginnende  Einfuhr
  unglaublicher  Mengen  von  Zinn  aus  Ostindien,  Australien  und
Tasmanien  brachte  den  Zinnbergbau  vollständig  zum  Erliegen.  Die
Vorräthe  an  Banca-,  Billiton=  und  Australzinn  betrugen  Ende
November  1888  -—  9500  tons  (zu  1016  kg),  im  November  1887
—  1266600  tons  in  England  und  Ende  November  1888  =  4300  tons
(zu  907  kg),  im  November  1887  —  2000  tons  in  Amerika.  Die
Preise  für  Straits=  und  Australzinn  betrugen  Ende  November  1887
—  165  K  (3300  Mark)  pro  Tonne,  Ende  November  1888  =  101  0
(2020  Mark)  pro  Tonne  (zu  1000  kg).  Die  großen  Preisschwankungen
  des  Bankazinnes  bewegten  sich  (für  100  kg)

1887  zwischen  213,5  Mark  und  355  Mark.
1888  zwischen  172  Mark  und  365  Mark.

Die  Zinnpreise  auf  den  sächsischen  und  böhmischen  Werken  waren
1884  von  95  Mark  für  den  Centner  (50  kg)  auf  75  Mark  gesunken,
  so  daß  z.  B.  die  Altenberger  Zwitterstocks-Gesellschaft  in
Einem  Jahre  18000  Mark  zusetzen  mußte,  um  nur  zu  bestehen.
Dieses  Preisverhältniß  mußte  natürlich  den  ganzen  Zinnbergbau  binnen
Kurzem  zu  Grunde  richten.  Glücklicherweise  ging  schon  1886  der
Zinnpreis  nicht  unerheblich  in  die  Höhe,  von  1824  Mark  auf
2051  Mark  für  die  Tonne,  und  hielt  sich  auch  1887  bis  Ende
Oktober  ziemlich  gleichmäßig  auf  100  Mark  bis  106  Mark  für  den
Centner.  Wie  lange  die  seit  Ende  Oktober  1886  eingetretene  Preiserhöhung
  —  bis  zu  160  Mark  und  180  Mark  —  sich  erhalten
wird,  läßt  sich  nicht  beurtheilen;  für  den  erzgebirgischen  Zinnbergbau
sind  aber  diese  erhöhten  Preise  von  außerordentlicher  Wichtigkeit,  da
sie  allein  es  ihm  möglich  machen,  dem  Einflusse  der  überseeischen
Zinnproduction  auf  die  Dauer  Widerstand  zu  leisten  und  bis  zu  dem
Zeitpunkte  auszuharren,  wo  die  durch  Raubbau,  Ueberstürzung  und
Systemlosigkeit  erschöpften  Seifenwerke  Australiens  und  Tasmaniens
ihren  Betrieb  einstellen  werden.

Dann  wird  die  zähe  Ausdauer  des  Bergmannes  ihren  reichen
Lohn  finden.
        <pb n="240" />
        —  232  —

26.  Kreischa.  Maren.

„Der  „Lockwitzgrund“,“  sagt  schon  Schumann  (VII,  276)
indem  er  von  dem  unteren  Thale  des  Grimmschen  Wassers  spricht,
„gehört  zu  den  schönsten  Thälern  im  Lande  und  vereinigt  die
lieblichsten  Anblicke  mit  den  großartigsten.  Es  enthält  zwischen
steilen,  bebuschten,  verschieden  gestalteten  Bergabhängen  breite  Wiesenflächen
  “  .  .  ..  „Er  bietet,“  (fügt  er  VII,  474  hinzu)  „von  den
südlichen  und  westlichen  Höhen  gesehen  einen  eben  so  reichen,  wie
schönen  Anblick  dar.“  Der  Thaleinschnürung  kurz  oberhalb  Lockwitz
folgt  die  Thalweitung  an  der  Hummelmühle  und  der  weite  Thalkessel
von  Kreischa.  Das  Schloß  von  Klein-Borthen  liegt  stattlich  über
dem  mit  Laubholz  geschmückten  Abhange;  an  der  gegen  100  m  über
der  Thalsole  auf  dem  Bergvorsprunge  westlich  des  Dorfes  Burgstädtel
  stehenden  Linde  hat  man  einen  vortrefflichen  Ueberblick  über
das  Thal,  besonders  aufwärts,  über  Kreischa  nach  dem  Rückenzuge
der  Hermsdorfer  Höhe  und  den  35  m  über  denselben  steil  aufragenden
Wilisch.

In  anmuthiger  Thalaue  liegt  das  Bad  (Wasserheilanstalt)  Kreischa
und  daran  anstoßend  das  Rittergut  Kreischa  mit  seinen  Parkanlagen,
welche  sich  thalaufwärts  bis  Lungwitz  erstrecken.  Kurz  oberhalb  Lungwitz
  verengt  sich  das  Thal  des  Grimmschen  Wassers  wiederum  zu
einem  engen,  köstlichen  Waldthale  bis  an  die  Hirschbacher  Mühle.

Oestlich  von  Lungwitz,  etva  ½  Stunde  Wegs  liegt  der  kleine,
kegelförmige  Sandberg  bei  Wittgensdorf  mit  einer  prächtigen  Rundsicht,
  besonders  nach  Osten,  nach  den  Kegeln  des  Sandsteingebirges.
Im  Nordost  Schloß  Stolpen,  Hohburkersdorfer  Linde,  Rauensteine,
Bärensteine,  Lilienstein,  Königstein,  darüber  der  Winterberg,  Zschirnstein,
Rosenberg,  dahinter  der  Kaltenberg,  Schneeberg,  Sattelberg,  Geising.
Südöstlich  von  Lungwitz  sind  die  Maxener  Marmor=  und  Kalkbrüche.
Besonders  in  dem  nördlichsten  derselben  wurde  der  im  vorigen  Jahrhundert
  sehr  gesuchte  und  gerühmte  Maxener  Marmor  gebrochen.
„Das  Gestein  ist  grau,  weiß  und  von  gelbgemischter  bläulicher  oder
grünlicher  Farbe,  bald  mehr,  bald  weniger  feinkörnig  und  nimmt  eine
schöne  Politur  an.  Der  Werth  desselben  wird  noch  durch  seine  angenehm
  verschiedentlich  eingesprengten  Farben  erhöht.“  (Schumann  VI,
197  ff.)  In  den  Klüstungen  des  Marmors  fand  man  mit  zahlreichen
  schillernden  Krystallen  gefüllte  Drusen.  Der  Marmorbruch
wird  nicht  mehr  abgebaut.  Gegenwärtig  wird  hauptsächlich  Kalk
gebrochen  und  gebrannt.

Maxen  war  ebenfalls  eine  der  bei  der  Errichtung  der  Mark
        <pb n="241" />
        —  233  —

Meißen  angelegten  Grenzburgen.  Rektor  Freiberg  nennt  den  Namen
im  Programm  der  Annen-Realschule  zu  Dresden  von  1730  „Maxa“,
„Maxia“  einen  flavischen,  ohne  jedoch  dessen  Deutung  zu  versuchen,
die  auch  von  neueren  Forschern  nicht  unternommen  worden  ist)
Wahrscheinlich  hängt  der  Name  mit  machnaeé  —  Fechter,  Kämpfer
zusammen;  wenigstens  dürfte  dies  dem  Sinne  nach  nahe  liegen.  Den
altesten  Theil  des  Schlosses  bildet  ein  mächtiger,  schmuckloser,  quadratischer
  Thurm,  dessen  Aufbau  wahrscheinlich  in  das  12.  Jahrhundert
  zurück  reicht,  obgleich  von  Anderen  der  Bau  desselben  erst  in
das  13.  oder  14.  Jahrhundert  verlegt  wird.  Derselbe  war  unzweifelhaft
  der  Bergfried  der  einst  hier  stehenden  Grenzburg.  In  der
neuesten  Zeit  ist  derselbe  mit  einem  Ziegelwalmdache  gekrönt  und  gegen
früher  bedeutend  verschönert  worden.  Das  Schloß  macht  von  Südwest
  einen  stattlichen  Eindruck.

„Maxein“  war  ein  burggräflich  Dohnasches  Lehn.  1311  besaß
es  Günther  von  Karras.  1402  fiel  es  an  die  Markgrafschaft  Meißen.
1548  kam  es  an  die  Schönberge.  1570,  dann  1665  wurde  die
Burg  vollständig  umgebaut,  so  daß  von  ihrer  ursprünglichen  Anlage
Nichts  mehr  zu  erkennen  ist.  1727  wurde  der  nördliche  Schloßflügel
angebaut.

Maxen  war  im  ersten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  in  den
Besitz  des  Major  Serre  gelangt,  der  als  Gründer  der  Schillerstiftung
vor  Allem  bekannt  wurde.  Denn  seiner  Energie  hauptsächlich  war
die  Durchführung  der  1858  in  Dresden  veranstalteten  Schillerlotterie
zu  danken,  welche  dem  Vereine  zur  Unterstützung  verdienter  und  hülfsbedürftiger
  Schriftsteller  ganz  bedeutende  Mittel  zuführte.  Major
Serre  war  ein  weitbekannter  Gönner  und  Förderer  von  Kunst  und
Litteratur.  „Im  Hause  des  Major  Serre  versammelte  sich  zu  jener
Zeit  (Anfang  der  Vierziger  Jahre)  eine  ganze  Welt  von  geistreichen
und  berühmten  Menschen,  die  der  Wissenschaft,  der  Kunst  oder  dem
Theater  angehörten.““)

Zwischen  Falkenhain  und  Ploschwitz,  etwa  ¾  Stunde  nordöstlich
  von  Maxen,  liegt  der  Punkt,  wo  am  21.  November  1759
der  preußische  General  von  Finck  mit  13000  Mann  die  Waffen
streckte.  Welche  Gründe  General  von  Finck  auch  haben  mochte,  die
Stellung  von  Maxen  hartnäckig  zu  behaupten,  so  durfte  er  es  doch
unter  keinen  Umständen  dahin  kommen  lassen,  von  allen  Seiten  von
dem  überlegenen  Feinde  zu  gleicher  Zeit  angegriffen  zu  werden.
Denn  nachdem  er  den  Plan  des  Gegners  erfahren  hatte,  blieb  ihm

*)  J.  G.  Frietzsche,  Historischer  Nachtrag  zum  Rittergute  Maxen.  1762.
*')  Herzog  Ernst  von  Sachsen-Coburg.  Aus  meinem  Leben  1,  73.
        <pb n="242" />
        —  234  —

noch  ausreichend  Zeit,  sich  seiner  verzweiflungsvollen  Lage  zu  ent—
ziehen.  *)

König  Friedrich  II.,  welcher  Feldmarschall  Daun  durch  Bedrohung
seiner  Verbindung  mit  Böhmen  zum  Rückzuge  aus  Sachsen  veranlassen
wollte,  entsendete  General  von  Finck  mit  18  Bataillonen,  35  Escadrons
aus  dem  Lager  Lommatzsch  über  Nossen  und  Dippoldiswalde  nach
Maxen.  Auf  Fincks  Vorstellungen  wegen  der  gefährdeten  und  schwierigen
Lage  entgegnete  ihm  der  König  kurz:  „Ich  kann  die  Difficültäten  nicht
leiden!  Mach'  Er  daß  Er  fortkommt!“

Daun  ging  mit  seiner  Armee  bis  hinter  den  Plauenschen  Grund
zurück,  der  König  bis  Wilsdruf  vor  und  befahl  Finck  seine  bei
Dippoldiswalde  stehenden  4  Bataillone  und  6  Escadrons  ebenfalls
in  die  Stellung  von  Maxen  zu  ziehen.  Daun  fühlte  sich  durch  die
Stellung  eines  preußischen  Corps  in  seinem  Rücken  sehr  belästigt,
und  entschloß  sich  nach  vielem  Ueberlegen  zum  Angriff  desselben.
General  Sincere  marschirte  mit  25000  Mann  nach  Dippoldiswalde,
General  Brentano  mit  3000  Mann  leichten  Truppen  bis  Röhredorf,
Prinz  Stollberg  mit  9000  Mann  Reichstruppen  bis  Dohna,  Köttwitz
  und  Burkhardswalde.

Am  Abend  des  19.  November  erfuhr  General  von  Finck  die
Absicht  des  Feindes,  ihn  mit  dreifacher  Uebermacht  am  20.  November
von  drei  Seiten  zu  gleicher  Zeit  anzugreifen.

Finck  stellte  seine  Truppen  zur  Vertheidigung  auf;  die  Hauptstärke
  dem  Angriff  von  Reinhardsgrimma  her  gegenüber.  Dieses
wurde  jedoch  von  seinen  Vortruppen  vorzeitig  verlassen,  die  Oestreicher
kamen  ungefährdet  durch  das  äußerst  schwierige  Defilé  von  Reinhardsgrimma,
  und  gingen  nun  zum  Angriff  von  Maxen  über.  Eine  Batterie
  von  acht  24-Pfündern  ward  auf  der  Hausdorfer  Höhe  aufgestellt,
  um  den  Hauptangriff  vorzubereiten,  welcher  gegen  Mittag
begann.  Zum  Gedächtniß  des  Tages  wurde  hier  eine  Gruppe  von
Linden  gepflanzt,  von  denen  jedoch  nur  wenige  noch  stehen.  Nach
/  stündigem  Geschützfeuer  griff  Daun  das  Dorf  an,  welches  während
des  heftigen  und  blutigen  Kampfes  in  Brand  gerieth  und  nahm  es,
die  Preußen  bis  Schmorsdorf  zurückwerfend.  Ein  gegen  Brentano
inzwischen  ausgeführter  Angriff  der  preußischen  Reiterei  hatte  keinen
Erfolg  und  Brentano  vereinigte  sich  bei  Schmorsdorf  mit  Daun,
während  General  Wunsch  die  von  Dohna  her  vordringenden  Reichstruppen
  zurückgewiesen  hatte.

Auf  der  engen  Hochebene  zwischen  Falkenstein  und  Bloschwitz

*)  Militär-Wochenblatt  1824  Nr.  436,  439.  Zeitschrift  für  Kunst,  Wissenschaft
  und  Geschichte  des  Krieges.  1851,  81.  Band.  3.  Heft.
        <pb n="243" />
        —  235  —

zusammengedrängt,  von  allen  Seiten  eingeschlossen,  mit  zusammengeschmolzenen
  und  „intimitireten“  Truppen  nicht  im  Stande,  sich
durchzuschlagen,  mußte  General  von  Finck  das  Gewehr  strecken.  Der
Versuch  des  General  von  Wunsch,  mit  den  Dragonern  und  Husaren
während  der  Nacht  zu  entkommen,  schlug  fehl.  9  Generale,  549  Offiziere,
11  000  Unteroffiziere  und  Soldaten,  71  Geschütze,  44  Munitionswagen,
  4  Pauken,  24  Standarten,  96  Fahnen  fielen  den  Oestreichern
in  die  Hände.  —  Die  Verluste  an  Todten  und  Verwundeten  waren
auf  beiden  Seiten  verhältnißmäßig  unbedeutend.

Dagegen  war  das  Dorf  Maxen  vollständig  ein  Raub  der  Flammen
geworden.

Von  der  Hausdorfer  Höhe  kann  man  auf  einem  Feldwege  in
westlicher  Richtung  in  das  prächtige  Thal  des  Grimmschen  Wassers
niedersteigen  und  bis  oberhalb  der  Hirschbacher  Mühle  in  demselben
aufwärts  gehen.  Man  kann  auch  von  der  Teufelsmühle  (Hausdorfer
Mühle)  einen  Abstecher  am  Wilischbache  hinauf  unternehmen.  In
der  Hauptsache  wird  man,  mit  oder  ohne  Abstecher,  die  Busch--schenke
  zu  erreichen  suchen  (3¾4  Stunde  von  der  Hausdorfer  Höhe).
Von  hier  nach  dem  Grimmensteine  und  in  dem  engen,  steilen  und
felsigen  Waldthale  des  Schloitzbaches  nach  Schlottwitz  (¾  Stunde)
oder  über  Reinhardsgrimma  und  Luchau  (1¼  Stunde)  nach  dem
Luchberge.

Die  Kuppe  des  478  m  hohen  basaltischen  Wilisch  ist  bewaldet.
  Von  der  nordwestlich  derselben  liegenden  Hermsdorfer
Höhe  hat  man  einen  sehr  hübschen  Blick  gebirgsaufwärts.  Ueber
den  Wald,  nach  Süden,  aufragend  den  Luchberg,  links  davon  den
Geising  und  weiter  nach  Osten  den  Sattelberg,  rechts  den  Kahlen.
Berg  und  den  Höhenzug  der  Schwarzen  Tellkuppe.

Auf  dem  Luchberge,  576  m,  befindet  sich  ein  11  m  hohes
Aussichtsgerüst  mit  Orientirungsscheibe.  Im  Nordost  die  Hohburkersdorfer
  Linde,  dann  Rauensteine,  Bärensteine,  Lilienstein,  Königstein,
Cottaer  Spitzberg,  Pfaffenstein,  Winterberg,  Zschirnstein  (im  Osten),
Rosenberg,  Schneeberg,  Sattelberg  (im  Südost),  Ebersdorfer  Kirche,
Mückenthürmchen,  Geising  (im  Süd),  Kahle  Berg,  Schwarze  Tellkuppe,
Kohlberg  bei  Schmiedeberg,  Lichtenwald,  Frauenstein,  im  West  den
Höhenzug  von  Brand,  im  Nordwest  der  Tharandter  Wald,  im  Norden
den  Wilisch.

Von  Luchau  über  Frauendorf  nach  Schmiedeberg  13/4  Stunde,
durch  den  Wald  nach  der  Buschmühle  1½  Stunde,  über  Johnsbach
und  die  Ladenmühle  nach  Altenberg  3  Stunden,  nach  Glashütte
3/  Stunde.
        <pb n="244" />
        —  236  —

N.  VDie  Strohflechterei.

Die  Strohflechterei,  als  deren  Hauptsitz  in  allen  älteren
Quellen  Kreischa  angegeben  wird,  ist  eine  Handfertigkeit  und  Hausindustrie,
  welche  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  schon  im  16.  Jahrhundert
  dort  heimisch  war  und  sich  von  da  aus  über  das  ganze
von  ihr  gegenwärtig  eingenommene  Gebiet  ausbreitete.')  Wie  dieselbe
überhaupt  dahin  gekommen,  und  in  welcher  Weise  sie  sich  dort  festgesetzt
  hat,  entzieht  sich  aller  Beurtheilung,  da  wahrscheinlich  Jahrhunderte
  lang  keine  besonderen  und  bestimmten  Nachrichten  über  sie
niedergelegt  worden  sind.  Man  behauptet,  daß  schon  im  Jahre  950
bei  dem  Heere  Kaiser  Otto  I.  Strohhüte  in  Gebrauch  gewesen  seien;
unzweifelhaft  aber  ist  es,  daß  bei  vielen  Abbildungen  aus  den  Zeiten
des  Bauernkrieges,  also  um  1525,  die  Kopfbedeckungen  der  niederen
Stände  aus  Stroh=  und  Binsenhüten  bestanden,  und  daß  die  im
Mittelalter  gebräuchliche  Bezeichnung  „Schaubhuth“",  deren  Zusammenhang
  mit  Schoben,  Strohschoben,  nahe  liegt,  einen  großen  Strohhut
für  gemeine  Leute  zum  Schutz  gegen  Regen  und  Sonnenschein  bezeichnete.
  —  Die  Strohhüte  und  nach  ihrem  Bekanntwerden  erst  die
Strohflechterei,  sind  zweifelsohne  erst  aus  südlicher  gelegenen  Gegenden
nach  dem  Meißnischen  eingeführt  worden,  und  haben  hier  frühzeitig
Wurzel  geschlagen.  «  «

Die  Strohhutmanufaktur  hat  ein  sehr  hohes  Alter,  das  wahr—
scheinlich  bis  ins  15.  Jahrhundert,  wo  nicht  in  ein  noch  früheres
Jahrhundert  zurückreicht.')  Das  Alter  dieser  Manufaktur  reicht
gewiß  bis  ins  16.  Jahrhundert.“**)  Schon  im  16.  Jahrhundert
war  die  Strohflechterei  in  Kreischa  und  Lockwitz  im  Schwunge;  1670
wird  sie  als  eine  in  Lockwitzer  Gegend  „seit  uralter  Zeit“  bekannte
Arbeit  genannt;  ein  Lockwitzer  Schulmeister  verpflanzte  vor  1700
das  Strohflechten,  „eine  von  uralter  Zeit  her  gekannte  Arbeit“  in
den  Kurkreis.

Kreischa  war  nach  allen  älteren  Quellen  nicht  blos  der  Hauptsitz,
  sondern  auch  der  Muttersitz  dieser  Industrie.  (Schumann,  Orts-*)

  Einige  geschichtliche  Nachrichten  über  die  Strohflechtmanufaktur  in
Kreischa  und  Umgegend  und  über  ihren  Stand  zu  Anfang  dieses  Jahrhunderts.

Von  Ludwig  Lamer,  Dippoldiswalde-Hainsberg.  Glückauf  (Zeitschrift)
1885.  S.  110  ff.  -

Die  unerkannten  Wohlthaten  Gottes  2c.  von  M.  C.  Berbern,  Pfarrer
zu  Lockwitz.  1709  (im  II.  Theil  21.  Capitel  eine  Beschreibung  der  Strohflechterei;
  1711  erschienen).

Möhring,  Stadt  und  Burg  Dohna.  1843.  S.  15  ff.
hSaxonia  II,  36.

*“)  D.  J.  Merkel  III,  267.
        <pb n="245" />
        —  237  —

lexikon.  1818.)  Das  Gebiet  der  Strohflechterei  umfaßte  zu  Anfang
dieses  Jahrhunderts  etwa  6  Quadratmeilen  (—  330  O  km);  von
Lockwitz  einerseits  bis  über  Burkhardswalde,  andrerseits  bis  Possendorf,
  Welschhufe,  Nöthnitz  und  Kaitz.  Sie  beschäftigte  gegen  5000
Menschen.  Man  fertigte  Bauernhüte  in  Lockwitz  und  Maxen,  Modehüte
  in  Dresden  und  Kreischa.

In  den  früheren  Zeiten  machte  man  nur  Kappen,  Kiepen
(sogenannte  Pferdeköpfe)  und  Tyrolerhüte  von  ungeheurem  Umfange
mit  herabhängendem  Rande,  hauptsächlich  für  das  Inland,  aber  auch
für  das  Brandenburgische  und  für  Niedersachsen.  Die  feineren  Geflechte
  waren  zu  dieser  Zeit  noch  unbekannt.  Geflochten  wurde  in
allen  Strohdörfern;  genäht  aber  nur  in  Kreischa,  Lockwitz,  Maxen
und  Dresden.

Durch  M.  Berber  in  Lockwitz  wurde  1711  die  Strohflechterei
eingehend  beschrieben.

„Es  ist  bekannt,  sagt  derselbe,  „daß  in  der  Gegend  der  Stadt  Dreßden,
auf  zwei  Meilen  ungefähr  im  Umkreise,  von  viel  tausenden  Einwohnern
in  Dörfern  und  kleinen  Städten,  als  Dohna,  Dippoldiswalde,  Wilsdruff
  2c.  das  Waitzen-Stroh  so  künstlich  geflochten  wird,  daß  daraus
artige,  wohlformirte  Stroh-Hüte  werden,  kostbar  und  auch  wohlfeil,
wie  man  sie  haben  will.  Ein  Hut  aus  groben  oder  starken  Strohhalmen
  gemacht  gilt  2,  3  bis  4  Gr.,  einer  von  mittler  Art  6  bis
8  Gr.,  noch  klärer  10  bis  12  Gr.  Sie  können  aber  aus  den
zartesten  und  klärsten  Strohhalmen  so  zarte  Hüte  machen,  die  einen
Thaler  bis  dreißig  Groschen  kosten.  Und  dazu  flechten  sie  das  Waitzen-Stroh
  (Rockenstroh  gehet  nicht  an,  weil  es  zu  hart  ist)  auf  vielerlei
Art.  Eine  Art  nennen  sie  Breites,  die  andre  Mittels,  die  dritte
Zanken,  die  vierte  Binten;  welche  beide  letztere  dem  Strohhut  die
Zierrath  und  Gestalt  geben  müssen."

Berber  schildert  dann  die  Bereitung  des  Strohes,  das  Flechten
durch  Kinder,  und  erwähnt  des  Bleichens  durch  Schwefel,  „wie  sie
dann  auch  das  ausgesonderte  Stroh  in  gewissen  Fässern  mit  angezündetem
  Schwefel  noch  weißer  zu  machen  wissen“.

„Die  Strohhüte  werden  in  großen  Leinwand-Züchen  wie  Wolle
oder  Hopfen  eingepackt  und  fuderweise  nach  Leipzig  auf  die  Messen
und  von  denen  in  andere  Länder  als  Thüringen  und  Niedersachsen
verführet.  Es  werden  auch  im  Sommer  offt  ganze  Schiffe  voll  auf
der  Elbe  in  die  Mark  Brandenburg  geführt  und  sind  viele  die  damit
handeln,  zu  großem  Vermögen  kommen.  Es  werden  allein  an  diesem
Orte,  wo  ich  wohne  (Lockwitz)  jährlich  für  etliche  tausend  Thaler  solche
Strohhüte  gemachet  und  verkauffet:  Es  ist  auch  die  Abführung  so
stark,  daß  die  Leute  nicht  genug  von  dieser  Waare  machen  können.“
        <pb n="246" />
        —  238  —

Auch  in  der  durch  die  Strohflechterei  ermöglichten  guten  Ver—
werthung  des  Strohes  erblickt  er  einen  besonderen  Segen.  „Ein
Bund,  so  viel  als  in  ein  Strohseil  gehet,  können  sie  um  3  und
4  Groschen,  nachdem  es  schön  weiß  und  klar  ist,  verkaufen,  daher
denn  mancher  Hausvater  des  Jahres  wohl  50  Gülden  aus  Waitzenstroh
  lösen  kann."

Die  Arbeit  der  Strohflechterei  besteht  aus  nachfolgenden  Vorbereitungen
  und  Ausführungen,  welche  alle  mit  Sorgfalt  und  Aufmerksamkeit
  ausgeführt  werden  müssen.

Das  Rüffeln  des  Strohes,  um  die  Aehren  von  den  Körnern
zu  entleeren,  ohne  die  Halme  zu  beschädigen.

Das  Schöben  des  Strohes,  d.  h.  das  Zusammenbinden  des
reinen  Strohes.

Das  Ausschneiden  oder  Theilen  des  Halmes  in  drei  Theile,
von  denen  der  oberste  und  feinste  Theil  der  werthvollste  ist.  Hierzu
gehört  auch  das  Spalten  der  gröberen  und  feineren  Halme  in  mehrere
Theile,  um  zu  feinerem  Geflecht  verwendet  werden  zu  können.

Das  Schwefeln  oder  Bleichen  des  Strohes.

Das  Verlesen  oder  Sortiren  der  Halme  nach  ihrer  Stärke,
zu  den  verschiedenen  Geflechtsgattungen.

Das  Flechten  und  zwar  nach  Breite  und  Feinheit  des  Geflechtes
  von  drei  bis  zu  elf  Halmen,  wonach  auch  das  Geflecht  Dreihalm,
  Fünfhalm,  Siebenhalm,  Neunhalm,  Elfhalm  genannt  wird.

Das  Verschneiden,  Abschneiden  der  vorstehenden  Spitzen
und  Abgleichen  des  Geflechts.

Das  Weifen  oder  Aufwinden  der  geflochtenen  Strohborten
nach  bestimmtem  Maße,  ursprünglich  die  Mandel  zu  15  Klafter
—  45  Ellen  (—  27,7  m)  später  aber  meist  nur  40  Ellen  (—  24,6  m).
Eine  Zeit  lang  war  das  Maß  des  Stückes  auf  12½  m  zurückgegangen;
  jetzt  werden  Stücke  zu  50  m  verlangt.

Endlich  das  Nähen,  Zusammennähen  der  Flechtbänder  zu  bestimmten
  Hutformen  u.  s.  w.

Ursprünglich  wurden  natürlich  nur  sehr  einfache  Geflechte  und
eben  so  einfache  Hutformen  hergestellt,  und  erst  mit  der  Zeit  feinere
Formen  des  Geflechtes,  wie  der  daraus  gefertigten  Hüte  (später  auch
Mützen)  gebräuchlich.  Aber  frühzeitig  schon  wurden  gewisse  Verzierungen
  als  Zacken,  Bogen  2rc.  gemacht;  nicht  minder  auch  Rundschnuren
  verschiedener  Art,  endlich  auch  Quasten  und  andere  Verzierungen.


Der  ursprüngliche,  große,  runde  Arbeitshut  wurde  zwar  jederzeit
  angefertigt,  aber  feinere  Muster  und  Modelle  wurden  allmälig
auch  hergestellt.
        <pb n="247" />
        —  239  —

Die  Strohflechterei  hat  seit  Anfang  dieses  Jahrhunderts  bedeutend
  an  Umfang  gewonnen  und  sich  über  ein  Gebiet  ausgedehnt,
das  sich  von  der  Müglitz  bis  gegen  die  Freiberger  Mulde,  und  von
der  vereinigten  Weißeritz  bis  über  den  Gebirgskamm  nach  Böhmen
hinein  erstreckt.  Von  Dohna,  Kreischa  und  Possendorf,  den  Orten,
wo  die  Strohflechterei  bis  in  das  vorige  Jahrhundert  zurück  nachzuweisen
  ist,  hat  sie  sich  über  Dippoldiswalde  westlich  bis  in  die
Gegend  von  Freiberg,  und  von  Glashütte  über  Geising  und  Altenberg
  bis  nach  Schönwald,  Ebersdorf,  Graupen  und  Neustadt,  und
am  Fuße  des  Erzgebirges  bis  Mariaschein,  Klostergrab  und  Osseg
ausgebreitet.

Der  Flächenraum  dieses  Gebietes,  als  dessen  Grenzpunkte
Bobritzsch,  Rabenau,  Dohna,  Liebstadt,  Schönwald,  Osseg,  Frauenstein
bezeichnet  werden  können,  beträgt  über  750  qkm,  auf  denen  sich  25,
30,  35  und  selbst  40  Tausend  Menschen  mit  Strohflechterei  beschäftigen,
  je  nachdem  die  Bevölkerung  zu  dem  gewohnten  Arbeitsartikel
  sich  wendet,  oder  nicht,  was  hauptsächlich  von  dem  mit  der
stärkeren  Nachfrage  eng  verbundenen  besseren  Arbeitsverdienst  zusammenhängt.


Die  Strohflechterei  ist  eine  Hausindustrie,  welche  durch  Kinder
und  Erwachsene,  während  der  Freistunden  von  der  Schule,  von  der
landwirthschaftlichen  oder  bergmännischen  Arbeit  betrieben  wird.  Fast
in  allen  Häusern  des  Districtes  kann  sie  gefunden  werden,  und  wenn
die  Flechterei  auch  vorwiegend  Frauenarbeit  ist,  so  betheiligen  sich  doch
auch  die  Männer  an  der  Flechterei,  sobald  sie  ihre  sonstigen  Berufsarbeiten
  beendet  haben,  und  auch  Kinder  beginnen  schon  mit  kaum
5  Jahren  an  der  Arbeit  Theil  zu  nehmen.

Der  Erwerb  bei  der  Strohflechterei  ist  ein  geringer;  als  ausschließlicher
  Broderwerbszweig  kann  sie  kaum  in  Frage  kommen;  dagegen
  hat  sie  als  Nebenbeschäftigung  einen  Werth.  Der  bei  der
Flechterei  erzielte  Wochenverdienst  war  im  Jahre  1880  auf  120  bis
250  Pfg.  bei  Bastgeflechten,  360  bis  450  Pfg.  bei  Strohgeflechten,

450  bis  650  Pfg.  bei  Mustergeflechten;  im  Jahre  1882  verdienten
Erwachsene  200  Pfg.,  Kinder  50  Pfg.  in  der  Woche.  Seitdem  sind
die  Arbeitslöhne  wieder  gesunken  und  eine  sehr  geübte,  fleißige  Flechterin
vermag  es  nur  noch  auf  180  Pfg.  in  der  Woche  zu  bringen.

Zum  Theil  sind  diese  gedrückten  Preise  in  dem  Wesen  dieser
Hausindustrie  begründet:  denn  es  wollen  Alle  an  dem  Geflecht  verdienen,
  ehe  dasselbe  zur  weiteren  Verarbeitung  iu  der  Strohhut-Manufactur
  gelangt;  der  das  Rohmaterial  liefernde  Großhändler,
der  hausirende  Aufkäufer,  dann  wieder  der  den  weiteren  Vertrieb
besorgende  Großhändler,  so  daß  für  den  Arbeiter  selbst  sehr  wenig
        <pb n="248" />
        —  240  —

übrig  bleibt.  Die  Factoren  kaufen  das  rohe  Geflecht  auf,  bleichen
und  sortiren  es  und  führen  dasselbe  dem  Handel  zu.  Für  den  sehr
bedeutenden  Handel  mit  in-  und  ausländischen  Geflechten  bildet
Dresden  den  Hauptstapelplatz.  Die  Geflechte  werden  aus  Sachsen,
Böhmen,  aus  dem  Schwarzwalde,  aus  dem  Florentinischen  und
Venetianischen,  aus  der  Schweiz,  sowie  aus  China  und  Japan  be—
zogen.  Die  bedeutende  Einfuhr  von  ordinären  Geflechten  aus  China,
sowie  von  feinen  Geflechten  aus  der  Schweiz,  welche  im  Ganzen  bis
zu  */,  des  Gesammtbedarfs  stieg,  drückte  auf  die  Lage  der  Flechterei,
wie  auch  die  Holzbastflechterei  bedeutend  zurückgegangen  ist,  und  als
nicht  mehr  lohnend  bezeichnet  wird.  Im  großen  Ganzen  ist  in  der
Lage  der  Strohflechterei  in  den  letzten  Jahren  eine  Wendung  zum
Besseren  eingetreten.

Fabrikanten  und  Händler  klagen  aber,  daß  eine  gewisse  Schwerfälligkeit
  die  Flechterei  am  Aufschwunge  hindert.  Einestheils  liefern
die  Flechter  nicht  so  schöne  und  gleichmäßige  Arbeit,  wie  z.  B.  die
italienischen  und  schweizer  Flechter,  anderntheils  sind  sie  nur  schwer
dazu  zu  bringen,  neue,  andere  und  gangbare  Geflechte  herzustellen,
als  sie  von  Kindheit  an  gelernt  haben.  Sie  bleiben  viel  zu  lange
bei  den  hergebrachten  Sorten.

Zur  Hebung  der  Flechtindustrie  errichtete  man  Flechtschulen:
1836  zu  Dippoldiswalde,  1837  zu  Freiberg,  1878  zu  Altenberg,
Geising  und  Reinhardsdorf,  1883  in  Hohnstein,  Pirna  und  Schandau.
Die  Reinhardsdorfer  Flechtschule  ist  1881  eingegangen.  Diese  Flechtschulen
  sollten  durch  Anleitung  zur  Anfertigung  verkäuflicher  Gegenstände
  die  Hausindustrie  im  Allgemeinen  heben  und  beleben.  Daher
sollte  die  heranwachsende  Jugend  gelehrt  werden,  feinere  Mustergeflechte
  herzustellen  und  die  hinreichende  Geschicklichkeit  zu  gewinnen,
um  der  Mode  entsprechende  und  folgedessen  besser  bezahlte  Geflechte
zu  fertigen.  Da  nun  das  Flechten  von  je  her  in  der  Hauptsache
eine  Arbeit  von  Frauen,  Mädchen  und  Kindern  gewesen  war,  deren
flinken,  leichtbeweglichen  Fingern  es  am  leichtesten  wurde,  die  Flechtarbeit
  herzustellen,  so  waren  es  auch  diese  vor  Allem,  welche  zu
sorgfältigerer  Ausführung  der  Arbeit  zuerst  wieder  herangezogen
werden  mußten.  Indem  man  bei  dem  Unterricht  der  Kinder  anfing,
pflanzte  man  die  Sorgfalt  in  der  Anfertigung  der  Geflechte,  von  den
einfachsten  bis  zu  den  künstlichsten,  von  den  Kindern  zu  den  Erwachsenen,
Mädchen  und  Frauen  weiter  fort.  Der  Zudrang  zur  Aufnahme  in
die  Kunstflechtschulen  von  Altenberg  und  Geising  war  1885  so  bedeutend,
  daß  Viele  von  den  Angemeldeten  zurückgewiesen  werden
mußten.  —  Man  hoffte,  auf  diese  Weise  die  Strohflechterei  wieder
lebensfähig  zu  machen.
        <pb n="249" />
        —  241  —

Die  herangebildeten  Lehrerinnen  sollen  Erwachsene  und  Kinder
unterweisen,  nicht  blos  sorgfältiger  und  besser  zu  flechten  als  bisher,
sondern  ihnen  auch  Uebung  im  Schnellflechten  verschaffen,  worin  man
z.  B.  in  der  Schweiz  so  große  Uebung  hat.  Sie  sollten  aber  auch
darauf  sehen,  daß  nur  besseres  Stroh  zum  Flechten  verwendet  und
daß  auch  die  Fertigung  anderer  Artikel  gelernt  würde,  als  vorwiegend
Geflechte,  so  z.  B.  Untersetzer,  Körbe,  Badeschuhe,  Pantoffeln,  Stuhlsitze,
  Taschen,  Markt=  und  Luxuskörbchen  u.  s.  w.  Endlich  sollte
vermittelst  der  Flechtschulen  darauf  hingewirkt  werden,  daß  die  Landwirthe
  sich  bestrebten,  besseres  Flechtstroh  zu  gewinnen,  indem  sie  die
Art  der  Aussaat,  die  Zeit  des  Schnittes  und  die  Behandlung  des
Strohes  nach  dem  Schnitte  nach  den  Bedürfnissen  der  Strohflechterei
regelten.  (Vergl.  die  Berichte  der  Handels=  und  Gewerbekammer
Dresden  1868  bis  1887.)

Das  beste  Material  ist  Weizenstroh;  namentlich  aus  dem  Anlande
  des  Müglitz=  und  Lockwitzthales,  aus  dem  Saazer  und  Leitmeritzer
  Kreise.

Seine  Beschaffung  macht  oft  große  Schwierigkeiten;  die  Einbringung
  desselben  verlangt  außergewöhnliche  Sorfalt.  Namentlich
muß  es  vor  Nässe  geschützt  werden.  Selbst  der  Thau  macht  es
fleckig.  Ein  nasser  Sommer  liefert  daher  nur  schlechtes  Rohmaterial.

Das  Weizenstroh  hat  einen  hohen  Grad  von  Festigkeit,  Zähigkeit
und  Biegsamkeit;  dabei  eine  gleichmäßige  gelbe  Farbe.

Man  sät  bärtigen  Sommerweizen  sechsmal  so  dicht  wie  beim
Körnerbau,  damit  die  Halme  recht  fein  werden.  Die  Halme  werden
vor  der  Reife,  wenn  die  Aehren  erst  halb  ausgebildet  sind,  mit  der
Wurzel  gezogen  und  vor  Nässe  bewahrt.  Das  Stück  von  der  Aehre
abwärts  bis  zum  ersten  Knoten  ist  das  beste.  Die  Halme  werden
in  zwölf  Feinheitsnummern  und  nach  der  Länge  sortirt.  Die  feineren
Sorten  heißen  „Schaum“,  die  gröberen  „Rohr“.  Stärkeres  Stroh
wird  vermittelst  des  Strohspalters  in  Streifen  von  1  bis  4  mm
gerissen.

Zum  Flechten  nimmt  man  3  bis  14  Halmstreifen.  Die  starken
Geflechte  Ganzhalm  zum  Färben,  melirte  Geflechte)g  sind
zum  großen  Theile  durch  die  schwarzwälder  und  chinesischen  Geflechte
verdrängt.  Den  größten  Theil  der  Strohgeflechte  bildet  „Zackengeflecht“.
  Der  alte  sächsische  „Siebenhalm“  ist  nicht  mehr  so
gesucht,  für  den  Arbeiter  mühsamer  und  auch  weniger  lohnend;  dagegen
  hat  in  den  letzten  Jahren  das  feine  „Doppelhalm“"=  und
das  gespaltene  weiße  Siebenhalmgeflecht  wieder  an  Absatz
gewonnen.  Die  Namen  der  Geflechte  sind  so  verschieden  als  die
Arten  derselben.  Das  sieben=  und  elfhalmige,  welches  eigentlich  über-«

  16
        <pb n="250" />
        —  242  —

haupt  nur  zum  Hutnähen  kommt,  heißt  überhaupt  Breites,  oder
auch  Bastgeflecht.  Das  schmälere  von  drei  bis  fünf  Halm  heißt
Bündchen,  Zänkchen,  krumme  Nath  u.  s.  w.  Andere  heißen  Zacke
mit  Knicker,  Messerspitze  mit  Zacke,  Durchbruch,  Kirschkern  u.  s.  w.

Die  Halme  werden  so  zerschnitten,  daß  die  Knoten  herausfallen,
worauf  das  Stroh  mit  Schwefel  gebleicht,  mit  einem  stählernen
kammartigen  Instrumente  gerissen  und  in  Wasser  gelegt  wird,  um
es  elastischer  zu  machen.  Die  geflochtenen  Bänder  werden  nochmals
gewaschen  und  geschwefelt,  sodann  in  Mandeln  von  24  Ellen  an  die
Factoren  abgeliefert.  Die  sächsischen  Geflechte  werden  zum  großen
Theile  bei  der  einheimischen  Strohhutfabrikation  verwendet,  aber  auch
nach  Frankreich,  Amerika  und  England  ausgeführt.  Das  Färben  der
Strohgeflechte  geschieht  in  einigen  Kessel-  und  einer  Dampffärberei.
Die  Strohhutfabrikation  hat  in  Bezug  auf  die  Güte  des  Fabrikates,
wie  auf  die  Menge  der  Production  ganz  außerordentliche  Fortschritte
gemacht.  In  Dohna,  Mügeln,  Kreischa,  Pirna,  Dippoldiswalde  und
vor  Allem  in  Dresden  sind  bedeutende  Strohhutfabriken  entstanden.
Man  schätzt  den  Werth  der  in  Dresden  und  Umgegend  gefertigten
Strohhüte,  zu  denen  geringe,  wie  feine  und  feinste  Geflechte  inländischen,
schwarzwälder,  schweizer,  florentiner  und  venetianischen,  aber  auch
chinesischen  und  japanischen  Ursprunges  verwendet  werden,  auf  4  bis
selbst  6  Millionen  Mark.

Im  Jahre  1884  nahm  die  Lage  der  Strohflechterei  eine  kleine
Wendung  zum  Besseren,  und  besonders  wurde  feines  Doppelhalmund
  gespaltenes  weißes  Siebenhalm-Geflecht  gesucht.  Auch  die  Strohhutfabrikation
  ging  befriedigend,  wenngleich  die  Ausfuhr  sich  in  bescheidenen
  Grenzen  hielt,  und  mannigfache  Klagen  nicht  fehlten.  Im
folgenden  Jahre  zeigte  es  sich  aber,  daß  der  Aufschwung  weder  von
Dauer  noch  von  ansehnlichem  Umfange  gewesen  war;  Frauen  und
Kinder  hatten  fast  gar  keinen  Erwerb  mehr  und  viele  Flechtmädchen
verließen  das  Obergebirge,  um  einen  anderen  Erwerbszweig  zu  suchen.

Auch  das  Jahr  1886  bezeichnet  einen  entschiedenen  Niedergang
der  Strohflechterei,  wenngleich  das  Bestreben  der  Kunstflechtschulen  es
wenigstens  dahin  brachte,  den  feineren  sächsischen  Flechtwaaren  Anerkennung
  zu  verschaffen.  Eine  Besserung  der  allgemeinen  Lage  des
Erwerbszweiges  wurde  nicht  erzielt;  die  genauer,  besser  gearbeiteten
und  dabei  billigeren  chinesischen  Geflechte  beherrschten  den  Markt.

Im  Jahre  1887  war  ein  kleiner  Aufschwung,  da  ein  leichtes,
feines  Geflecht  mehr  gesucht  wurde.  Daß  gleichzeitig  die  Güte  der
chinesischen  Geflechte  bedeutend  geringer  wurde,  war  für  die  hiesige
Strohflechterei  von  Bedeutung.  Wenngleich  die  Strohflechterei  seit
Jahren  sehr  wenig  lohnend  ist,  so  macht  man  doch  alle  möglichen
        <pb n="251" />
        —  243  —

Anstrengungen,  um  der  italienischen,  japanischen  und  chinesischen
Concurrenz  die  Spitze  zu  bieten.

Von  den  feineren  Geflechtsorten  sind  hauptsächlich  Bastgeflecht,
Doppelhalm,  Spiegel  und  einige  andere  gesucht.

Das  Gebiet  der  Strohflechterei  bietet  ein  wenig  erfreuliches  und
nicht  allzu  hoffnungsreiches  Bild.

Gegen  Ende  der  70er  Jahre  hatte  die  Bastflechterei  (Holzflechterei,
  Sparterie)  im  Strohflechtterritorium  größeren  Umfang  ge—
wonnen,  so  daß  sie  eine  Zeit  lang  sogar  bedeutender  erschien,  als  die
Strohflechterei.  Die  verwendeten  Holzfäden  wurden  aus  der  Rumburger
  Gegend  geliefert.  In  den  Jahren  1876  bis  1880  schätzte
man  die  Jahresproduction  auf  3½  Millionen  Stück  zu  12⅞/  m  im
Durchschnittspreis  von  22½  bis  27½  Pfg.,  während  die  Production
in  Strohgeflechten  nur  ¾  Millionen  Stück  zu  121½  m  im  Durchschnittspreis
  von  35  bis  45  Pfg.  betrug.  Die  für  den  Arbeiter
leichtere  und  bequemere  Bastflechterei  erlitt  aber  einen  bedeutenden
Rückgang  durch  Ueberproduction  und  das  mit  dieser  verbundene  Sinken
der  Arbeitslöhne,  so  daß  in  den  letzten  Jahren  die  Strohflechterei
wiederum  das  Uebergewicht  gewann.  Die  Holzbastflechterei  wird  jetzt
als  nicht  mehr  lohnend  bezeichnet.

Wer  das  Strohflechtgebiet  besucht,  wird  sich  aber  immer  daran
erfreuen,  Jung  und  Alt  in  emsigem  Fleiße  mit  einer  Arbeit  beschäftigt
zu  sehen,  welche  die  Geschicklichkeit  und  Handfertigkeit  in  hohem  Grade
übt,  und  schon  von  Kindheit  an  die  Menschen  daran  gewöhnt,  ausdauernd
  zu  arbeiten  und  mit  verhältnißmäßig  geringem  Lohne  zufrieden
  zu  sein.  Heiter  schwatzend  und  singend  sitzen  die  kleinen
Mädchen  vor  den  Thüren  in  Gruppen,  sich  gegenseitig  zu  ununterbrochenem
  Eifer  anspornend,  während  auch  die  Erwachsenen  jede  freie
Viertelstunde  benutzen,  um  das  Maß  ihres  Geflechtes  zu  vermehren.
Von  erster  Kindheit  an  daran  gewöhnend,  thätig  und  fleißig  zu  arbeiten,
bildet  die  Flechterei  ein  bedeutsames  Element  in  der  Erziehung  der
Jugend,  und  in  dem  Leben  der  Erwachsenen,  bei  welchem  nur  zu
beklagen  ist,  daß  trotz  allen  Fleißes  und  trotz  aller  Ausdauer  das

Ergebniß  in  klingendem  Lohne  in  sehr  bescheidenen  Grenzen,  fast
möchte  man  sagen  in  kärglichem  Umfange,  gemessen  bleibt.

28.  Weißeritzthal.  Plauenscher  Grund.

Unmittelbar  an  der  Grenzlinie  des  Elbkessels  ragen  die  schroffen
Syenitfelsen  des  Plauenschen  Grundes  empor,  eine  mächtige  Pforte,
aus  welcher  die  schäumenden  Fluthen  der  Weißeritz  nach  kurzem
Laufe  durch  die  Thalebene  in  die  Elbe  sich  ergießen.

16
        <pb n="252" />
        —  244  —

Das  Thal  der  Weißeritz  bildet  bis  zum  Zusammenfluß  der  bei
Cosmannsdorf  sich  vereinigenden  zwei  Hauptwasserläufe  eine  nach
Südwest  gerichtete,  kesselartig  bei  Potschappel  und  Deuben  erweiterte
Thalspalte,  welche  von  70,  80  und  selbst  110  bis  120  m  hohen
Abhängen  und  Wänden  eingeschlossen  ist.  Es  ist  eine  der  reizendsten
und  merkwürdigsten  Gegenden,  mit  ihrer  Mannigfaltigkeit  an  Engen
und  Weitungen,  Felsenzacken  und  waldigen  Thalhängen.  Steil  aufragende
  Klippen  von  Syenit  bezeichnen  den  Eingang  in  das  Thal,
welches  seit  kaum  50  Jahren  den  idyllischen  Charakter  vollständig
verloren  hat,  der  ihm  bis  dahin  zukam,  da  von  dem  am  Eingange
liegenden  „Hegereiter“  bis  nach  Tharandt  nur  vereinzelt  industrielle
Etablissements  anzutreffen  waren.  Außer  den  verschiedenen  Mahlmühlen,
  welche  die  Wasserkraft  der  Weißeritz  einigermaßen  ausbeuteten,
war  das  „Kunstgestänge“,  welches  unweit  der  rothen  Schenke  im
Dorfe  Potschappel  die  Straße  überschritt,  die  einzige  Sehenswürdigkeit,
  auf  welche  der  Reisende  aufmerksam  gemacht  wurde,  ungerechnet
einige  Weinberge  bei  Döltzschen.

Das  hat  sich  nun  freilich  Alles  bedeutend  verändert.  Die  Vermehrung
  und  Vergrößerung  der  Kohlenschächte  des  Potschappler  Beckens
und  seiner  Umgebungen  hatte  die  Anlage  und  das  Wachsthum  zahlreicher
  industrieller  Etablissements  im  Gefolge,  so  daß  das  Weißeritzthal
  bis  Hainsberg  ein  großes,  überaus  dicht  bevölkertes  Industriegebiet
  bildet.

Oberhalb  Plauen  liegt  auf  dem  rechten  Weißeritzufer  ein  Aussichtsthurm
  auf  dem  Hohen  Steine,  von  welchem  man  eine  recht  gute
Aussicht  nach  dem  Sandsteingebirge  und  nach  dem  Elbthale  hat.“)

Am  Eingange  des  Plauenschen  Grundes  fand  am  26.  September
1719  das  großartige  Saturnusfest  statt,  der  Schluß  der  prunkvollen
  Vermählungsfeierlichkeiten  des  Kurprinzen  Friedrich  August  mit
der  Kaiserlichen  Prinzessin  Maria  Josepha.“)

Saturn  hatte  den  Entschluß  gefaßt,  alle  Berg-,  Hütten=  und
Wald-Leute  u.  s.  w.  aus  den  Klüften  des  Erzgebirges  herauszupochen
und  in  einem  großartigen  Aufzuge  von  den  Schätzen  des  Erzgebirges
Geschenke  darzubringen.  Den  Mittelpunkt  des  Festes  bildete  der  am
Eingange  des  Grundes,  auf  dem  linken  Weißeritzufer  über  der  Brücke
unweit  des  Forsthauses  (Hegereiters)  errichtete  Saturnustempel.  Der-*)

  Beschreibung  des  Planischen  Grundes  bei  Dresden.  Nebst
einer  umständlichen  Nachricht  von  den  verschiedenen  Steinarten,  Versteinerungen
und  Merkwürdigkeiten.  (Mit  Kupfern.)  Dresden,  Hilscher.  1781.

W.  G.  Becker,  Der  Plauische  Grund  bei  Dresden.  (Mit  25  Kupfern.)
Nürnberg.  Frauenholz  1799.

*“)  Der  Sammler  für  Geschichte  und  Alterthum  2c.  Dresden.  1837,  I,  135.
        <pb n="253" />
        —  245  —

selbe  war  von  Außen  als  Berg,  von  Innen  als  prachtvoll  geschmückter
Tempel  mit  bergmännischen  Abzeichen,  Bildern,  Inschriften,  Spiegeln
und  anderem  Prunk  ausgestattet.  Zwei  große  Pyramiden  und  drei
große  Caskaden  (Wasserfälle  mit  Stufenabsätzen)  bildeten  den  Abschluß.

Die  ganze  Gegend  glänzte  wider  von  der  Lichtmenge,  welche
von  dem  Festgebäude  ausging.  Ueber  dem  Bogen  loderten  Flammen
aus  Schmelztiegeln  hoch  auf,  neben  dem  Tempel  warfen  kleine  Vulkane
Feuersäulen  und  zahllose  Vasen  mit  Feuerbränden  beleuchteten  das
Gebäude  von  allen  Seiten.

Unter  Musik  und  Gesang  kam  der  Bergaufzug  heran.  Berg—
jungen  mit  Fackeln,  Heerpauker  und  Trompeter,  Bergleute,  Steiger,
Markscheider,  Bergmeister,  die  Knappschaftsfahne,  sodann  eine  große
von  allerhand  Erz  zusammengesetzte  kostbare,  mit  Figuren  geschmückte
Stufe  und  mehrere  kleinere  Erzstufen.  Sodann  der  große  Erzberg,
in  welchem  alle  bergmännischen  Arbeiten  dargestellt  wurden.  Hierauf
Bergleute  mit  Mulden  voller  Perlen,  Edelsteine,  Gold,  allen
verschiedenen  Arten  von  Silbererzen,  Kupfererzen,  Zinnerzen  und
Waschzinn.  Sodann  Andere  mit  Kobalt  und  Vitriolstufen,  Erzen  und
Steinarten.  Ferner  Bergleute  mit  vollständigem  Arbeitswerkzeug,
der  Oberberghauptmann,  Bergmeister,  Bergleute  in  Abtheilungen,
Köhler.  Darauf  ein  Wagen  mit  der  Darstellung  einer  Hütte,  mit
Schmelzofen  und  Schmelzern  in  voller  Arbeit.  Schmelzer,  Hüttenarbeiter,
  Bergleute  schlossen  diesen  Theil  des  Zuges.

Der  zweite  Theil  zeigte  die  Arbeiten  in  der  Hütte  und  in  der
Münze.  Bergjungen  mit  Fackeln  eröffneten  den  Zug,  Pauker,  Trompeter,
Bergleute,  Hüttenleute  mit  dem  Probierofen,  Schmelzer  mit  Probiergeräth,
  Fahne,  sodann  Bergleute  mit  Schmuck=  und  Prunkgefäßen,
darauf  ein  Treibeheerd,  auf  welchem  wirklich  getrieben  und  ein  Blick
von  etlichen  Mark  Silber  gemacht  ward,  sodann  Schmelzer  mit  Trögen
voller  Hüttenproducte,  Schmelzformen  für  Eisen  und  Zinn  u.  s.  w.
Dann  die  Münztiegelwärter  mit  dem  großen  Schmelztiegel,  der  Münzofen,
  die  Münzmaschine,  auf  welcher  geprägt  wurde  u.  s.  w.  Zum
Schluß  vier  Abtheilungen  Bergleute.  Es  waren  1500  bis  1600
Berg=  und  Hüttenleute  zu  diesem  Prachtaufzuge  aufgeboten.

Aufwärts  der  Felsenkellerbrauerei,  in  deren  Nähe  man  von  der
Felsenbastei  einen  guten  Ueberblick  über  das  Thal  gewinnt,  liegt  am
Fuße  des  Dorfes  Coschütz  in  engem  Wiesenthälchen  das  sogenannte
Coselschlößchen,  ein  vom  Grafen  Cosel  in  der  Zeit  August  des  Starken
erbauter  Sommerpavillon.  Auf  dem  linken  Ufer  liegt  hoch  oben  auf
der  Felsenwand  die  sogenannte  Beegerburg;  weiterhin,  bei  Potschappel,
unmittelbar  über  dem  Steiger  der  „Juchhe“,  ein  Berg=  und  Winzerschlößchen
  mit  hübschem  Park.  Vom  Zauberschloß  im  Windberge  und
        <pb n="254" />
        —  246  —

seinen  Reichthümern  erzählt  die  Sage  vom  Musikanten-Görge.  Auf
dem  Windberge  und  seinen  Abhängen,  im  Thale  bei  Döhlen  und
Potschappel,  längs  des  von  Zauckerode  und  Kesselsdorf  herabfließenden
Bächels  sind  zahlreiche  Kohlenschächte  mit  ihren  Maschinenhäusern,
Dampfessen,  Halden,  Kohlenplätzen  und  Eisenbahnverbindungsgleisen  rc.
Unmittelbar  am  Eingange  von  Potschappel  die  König  Friedrich  August-Hütte
  (gewöhnlich  nur  „der  Eisenhammer“  genannt)  mit  Eisengießerei,
Schmiede=  und  Maschinenwerkstätten.)

Interessant  ist  es,  auf  dem  unweit  Potschappel  liegenden  Augustusschachte
  anzufahren.  Auf  einer  etwa  500  Stufen  zählenden  Treppe
steigt  man  in  Begleitung  eines  Steigers,  welcher  auf  erfolgte  Anmeldung
  mitgegeben  wird,  bis  zu  den  Arbeitsorten  nieder,  an  denen
eine  kaum  zu  ertragende  Temperatur  von  30  und  mehr  Grad
Réaumur  herrscht.  Den  auf  das  Leichteste  bekleideten  Arbeitern  rieselt
der  Schweiß  am  Körper  herab,  besonders  an  denjenigen  Arbeitsorten,
wo  das  aufwärts  gerichtete  Kohlenflötz  nach  oben  zu  abgebaut  wird.
Bereitwillig  wird  man  zu  den  verschiedenen  Arbeitsorten  geführt,  so
daß  man  alle  Arten  der  bei  der  Kohlengewinnung  vorkommenden
Arbeiten  sehen  kann.  Als  Verf.  vor  mehr  als  30  Jahren  einmal
hier  angefahren  war,  ereignete  es  sich,  daß  durch  einen  unerklärten
Zufall  das  aus  einer  kleinen  Spalte  im  Kohlenflötz  ausströmende  Gas
sich  entzündet  hatte,  und  eine  winzige  bläuliche  Flamme  den  Punkt
anzeigte,  von  welchem  aus  dem  ganzen  Werke,  und  wohl  auch  allen
Nachbarwerken,  eine  unermeßliche  Gefahr  drohte.  Schleunigst  benachrichtigt,
  eilten  Steiger  und  Obersteiger  mit  den  verfügbaren
Maurern  und  Arbeitern  herbei.  Es  wurde  in  der  Zeit  von  kaum
zwei  Stunden  vor  dem  gefährlichen  Orte  eine  Mauer  aufgeführt  und
derselbe  vom  Zutritt  der  atmosphärischen  Luft  so  vollständig  abgesperrt,
daß  die  Gefahr  durch  Erstickung  des  Brandes  beseitigt  wurde.  Mit
staunenswerther  Energie  griffen  alle  Arbeiten  und  Arbeiter  in  einander,
so  daß  nach  fünfstündigem  Aufenthalte  unter  der  Erde  die  Besucher
des  Schachtes  denselben  verlassen  konnten,  wo  ihre  zufällige  Anwesenheit
  die  glückliche  Veranlassung  gewesen  war,  daß  die  Gefahr  in
ihrem  ersten  Entstehen  entdeckt  wurde.

Der  Steinkohlenbau  des  Potschappler  Beckens  wurde  schon  seit
mehreren  Jahrhunderten  betrieben;  natürlich  nur  in  geringerem  Umfange.
  Bei  Burg  und  Potschappel  wahrscheinlich  schon  Ende  des
15.  Jahrhunderts;  1542  erhielt  Münzmeister  Bienert  ein  Privilegium
auf  den  Steinkohlenbau  zwischen  Plauen  und  Tharandt.  Erst  seit
Einführung  der  Dampfmaschine  ist  die  Förderung  zu  bedeutenden

*)  Jul.  Petzold,  Plauensche  Bibliothek.  Verzeichniß  von  Schriften  über
den  Plauenschen  Grund.  Dresden  1846.
        <pb n="255" />
        —  247  —

Mengen  gestiegen.  Im  Jahre  1860  baute  man  auf  7  größeren
Werken  von  den  bekannten  vier  Kohlenflötzen,  von  denen  das  stärkste  3  ½
bis  fast  6  m  mächtig  ist,  8'/1%  Millionen  Centner  (etwa  400  000
Tonnen);  1884  dagegen  558  000  Tonnen  zu  1000  kg,  1885  —
560  000  Tonnen,  1886  =  583  700  Tonnen,  1887  endlich  603  000
Tonnen,  so  daß  der  Abbau  in  den  letzten  30  Jahren  sich  fast  um
die  Hälfte  vergrößert  hatte.  Die  Zahl  der  Arbeiter  betrug  2870  auf
den  Burgkschen,  Hähnichener  und  Zauckeroder  (fiskalischen)  Werken.
Von  den  zwei  kleineren  Werken  hat  das  eine  den  Betrieb  eingestellt.
Man  hat  in  den  vergangenen  Jahren  mehrere  Ventilationsanlagen
verbessert  und  einen  neuen  Schacht  nach  einem  bisher  noch  unverritzten
Theile  des  Kohlenfeldes  abzuteufen  begonnen.  Die  Einfuhr  der
böhmischen  Braunkohle  macht  dem  hiesigen  Steinkohlenbergbau  eine
fühlbare  Concurrenz.  .

Von  der  am  Anfange  von  Potschappel  liegenden  Friedrich-Augusthütte
  bis  zum  Zusammenflusse  der  rothen  und  wilden  Weißeritz
bei  Hainsberg  führt  der  Weg  fast  ununterbrochen  zwischen  Häusern
hindurch  und  der  weit  ausgedehnte  Thalkessel  ist  reich  mit  Ortschaften
und  Ortstheilen  besetzt.  Potschappel,  Burgk,  Döhlen,  Deuben,  Hainsberg
  schließen  sich  fast  an  einander  an.  Das  Thalbecken  von  Potschappel
  gehört  zu  den  am  dichtesten  bevölkerten  Theilen  von  Sachsen.
Das  bei  der  Gerichtseintheilung  von  1854  gegründete  Gerichtsamt
Döhlen,  welches  inzwischen  jedoch  wieder  aufgehoben  und  vertheilt
worden  ist,  zählte  1858  in  achtzehn  Dörfern  auf  einer  Fläche  von
7/10  geogr.  Quadratmeilen  (—  32,4  akm),  ohne  eine  Stadt  in  seinem
Bereiche  zu  haben,  26  660  Bewohner;  1875  war  die  Bevölkerung
dieser  18  Dörfer  (wahrscheinlich  infolge  ungünstiger  Industrieverhältnisse)
auf  22  500  Bewohner  gesunken,  dagegen  1885  wieder  auf  25  980  Bewohner
  gestiegen,  so  daß  in  diesen  Jahren  der  Quadratkilometer  mit
820,  700  und  802  Bewohnern  besetzt  gewesen  war.  .

Zahlreiche  Dampfessen  senden  ihre  dunkeln  Rauchwolken  empor:
von  den  vielen  kleinen  und  großen  industriellen  Etablissements  mögen
nur  die  Döhlener  große  Glasfabrik  und  Gußstahlfabrik,  in  Deuben
eine  Werkzeugfabrik,  eine  Schmirgelfabrik,  ein  Emaillirwerk,  vier
große  und  kleine  Glasfabriken,  eine  Gußstahlfabrik  in  Hainsberg,  die
große  Papierfabrik,  die  Holzstuhlfabrik,  eine  chemische  Fabrik,  sowie
eine  Schmelztiegelfabrik  genannt  werden.  «

Die  Gußstahlfabrik  Döhlen,  welche  1870  über  200  Arbeiter
beschäftigte  und  gegen  21.000  Centner,  hauptsächlich  Eisenbahnartikel,
herstellte,  nahm  besonders  nach  1872  einen  ganz  bedeutenden  Aufschwung,
  sodaß  über  100  000  kg  an  Bessemerstahl-Erzeugnissen  abgesetzt
  wurden.  In  den  80er  Jahren  stellte  man  Flußeisen  und
        <pb n="256" />
        —  248  —

Tiegelgußstahl  her.  Die  Production  stieg  auf  mehr  als  5000  Tonnen,
vorwiegend  Eisenbahnschienen,  Maschinentheile,  Schienen  für  Secundär—
bahnen,  Messer  für  Papierfabrikation,  Federn  für  Eisenbahnzwecke,
Gußstahl  in  Stangen  und  Schmiedestücken,  Faconguß  u.  s.  w.  Auf
dem  1880  angelegten  Fein=  und  Drahtwalzwerke  von  vier  Walzenstraßen
  werden  Flach=  Rund=  und  Quadrat-Stäbe  und  Drähte  von
135  bis  4½  mmn  herab  ausgewalzt;  außerdem  auch  Secundärbahnund
  Grubenschienen.

Die  Werke  bestehen  gegenwärtig  aus  der  Tiegelstahlschmelzerei
mit  Martinöfen  und  Facongießerei;  dem  Bessemerwerk  mit  zwei
Convertern,  dem  Walzwerk,  den  Hammerwerken  mit  8  größeren  und
kleineren  Dampfhämmern,  3  Schwanzhämmern,  mehreren  Heißeisen-Kreissägen,
  Scheeren,  Stanzen  und  Hülfsmaschinen  zur  Anfertigung
von  Stahlartikeln;  der  Kleinschmiede  für  weitere  Verarbeitung  der  in
den  Hammerwerken  vorgeschmiedeten  Stücke;  der  Federwerkstatt  mit
verschiedenen  Maschinen  und  Oefen,  zur  Anfertigung  von  Eisenbahn-,
Trag-,  Spiral=  und  anderen  Federn  und  der  mechanischen  Werkstatt
mit  der  entsprechenden  Anzahl  von  Drehbänken,  Hobel-,  Frais-,  Bohrund
  anderen  Werkzeugmaschinen.  Die  erforderlichen  Schmelztiegel
werden  von  der  Sächsischen  Gußstahlfabrik  selbst  angefertigt.

Die  auf  der  Gußstahlhütte  gefertigten  Artikel  umfassen:  Gußstahl
  in  Stangen,  Secundärbahnschienen,  Walzdraht,  Tiegelstahlfaconguß
  (Hämmer,  Zahnräder,  Karrenräder,  Hunderäder  für  Gruben=  und
Hüttenbetrieb,  Maschinentheile,  Pflugschaare),  Tragfedern  für  Eisenbahn-,
  Last=  und  leichte  Wagen,  Spiralfedern,  Kolbenfedern  u.  s.  w.
Schmiedestücke  (Kolbenstangen,  Kuppelstangen,  Schieber,  Walzen  u.  s.  w.)
Messer  aller  Art,  für  Papier-,  Holz-,  Blechfabrikation  u.  s.  w.
Spaten,  Schaufeln,  Kohlenlöffel,  Hämmer  aller  Art  u.  s.  w.  Das
Nebenwerk  in  Berggießhübel  fertigt  Regulir-,  Schütt=  und  Badeöfen,
Feuerthüren,  Maschinenguß,  Bauguß  u.  s.  w.  Es  besteht  aus  einer
Eisengießerei  mit  Cupolofenbetrieb  und  einem  Hammerwerk  mit
Raffinir=  und  Schweißfeuern,  und  einer  mechanischen  Werkstatt.

Das  Hauptwerk  in  Döhlen  beschäftigt  ungefähr  durchschnittlich
400  Arbeiter,  das  Nebenwerk  in  Berggießhübel  100  Arbeiter.  (Mittheilungen
  des  Directorium  der  Sächsischen  Gußstahlfabrik  Döhlen).

Unter  den  verschiedenen  Glashütten  steht  die  von  Siemens  oben
an.  Dieselbe  hat  die  Glasindustrie  unter  fortgesetzter  und  außerordentlich
  geschickter  Ausnutzung  der  neuesten  Erfindungen,  welche  auf
diesem  Gebiete  zum  großen  Theile  von  Herrn  Siemens,  dem  Besitzer
der  Dresdener  und  Döhlener  Glashüttenwerke,  selbst  gemacht  worden
sind,  zu  einer  bedeutenden  Entwickelung  gebracht.

Die  Siemens'sche  Glashütte  in  Döhlen  führte  schon
        <pb n="257" />
        —  249  —

1868  Glaspresserei  und  Glasschleiferei  mit  Dampfbetrieb  ein.  Der
Aufschwung  der  Glashütte  ward  ein  bedeutender,  im  engsten  Zusammenhange
  mit  dem  Wachsen  des  Absatzes  und  der  Ausfuhr  nach  England,
Nordamerika  und  Rußland,  obgleich  „geschickte  Glasmacher,  von  je
„her  selten,  immer  weniger  zahlreich  werden,  weil  das  Erlernen  nur
„in  frühester  Jugend  möglich  ist,  und  bei  reiferem  Alter  auf  fast
„unüberwindliche  Schwierigkeiten  stößt.““)

Seit  1871,  in  welchem  Jahre  die  ununterbrochen  arbeitenden
Glasschmelzwannen  und  Hafen  eingeführt  wurden,  hat  sich  die  Production
  der  Glashütte  unter  fortgesetzter  geschickter  Ausnützung  der
neuesten  Erfindungen  auf  dem  Gebiete  der  Glasindustrie  unausgesetzt
gesteigert.

Die  Tafelglas=  und  die  Hartglasfabrikation  verzeichnen  bedeutende
Fortschritte,  obgleich  die  Döhlener  Hütte  vorwiegend  Hohlglasartikel
anfertigt,  hauptsächlich  Beleuchtungsartikel,  Cylinder,  Schirme,  Bassins,
Kugeln,  Lampen,  Lampenfüße,  Schaalen  rc.  aus  hellem,  Opal-,  Alabasteroder
  buntfarbigem  Glase.  Der  Absatz  geht  vorwiegend  nach  Amerika,
England,  Spanien,  Italien  und  Rußland.  Die  Zahl  der  Arbeiter
betrug  1884  ungefähr  450  bis  500.

Im  Frühjahr  1886  übernahm  die  Dresdener  Glasfabrik  auch
den  Betrieb  der  Döhlener  Glashütte  und  seitdem  werden  vorwiegend
Flaschen  aller  Gattungen  und  Farben  angefertigt.  Die  Fabrik  hat
2  Wannenöfen  mit  Tag=  und  Nachtbetrieb,  sowie  2  Hofenöfen  in
Thätigkeit  und  beschäftigt  durchschnittlich  450  Arbeiter.  Die  gegenwärtige
  Jahresproduction  beträgt  gegen  9  Millionen  Flaschen  und
11½  Millionen  verschiedener  Beleuchtungsartikel.  Neben  der  Glasfabrik
  besteht  seit  neuerer  Zeit  eine  Fabrik  zur  Anfertigung  mechanischer
Bügelverschlüsse  für  Flaschen.  Die  Werke  haben  eine  eigene  Krankenkasse,
  welche  auch  den  Familienangehörigen  der  Mitglieder  freie  ärztliche
  Behandlung  und  Medicamente  gewährt,  und  in  Gemeinschaft
mit  der  Dresdener  Fabrik  eine  Pensions-,  Wittwen=  und  Waisen-Kasse
  für  Arbeiter,  welche  längere  Jahre  in  der  Fabrik  gearbeitet
haben,  ohne  Beitragserhebung.  (Mittheilungen  des  Directorium  der
Actiengesellschaft  für  Glasindustrie.)

*)  Bericht  der  Handels=  und  Gewerbekammer  Dresden.  1870,  S.  115.
        <pb n="258" />
        —  250  —

29.  Die  rothe  Weißeritz.  Rabenau.  Dippoldiswalde.

Bei  Hainsberg,  in  beinahe  185  m  Meereshöhe,  vereinigen  sich
rothe  und  wilde  Weißeritz  in  einem  landschaftlich  mit  allen  Reizen
ausgestatteten  zweiten  Thalkessel,  welcher  im  Norden  von  der  senkrecht
ansteigenden  Felsenwand  der  Taubenleithe,  im  Westen  von  dem
terrassenförmigen  Aufstieg  des  Somsdorfer  Weinberges  und  des  Steinhübels,
  im  Süden  von  dem  langgestreckten  Hange  des  Rabenauer
Galgenberges,  und  im  Osten  von  dem  reichbewaldeten  Thalrande  längs
des  Vorholzbaches  begrenzt  wird.  Vor  Allem  stellt  sich  der  nach
Osten  gerichtete  Abhang  des  Weinberges  vor  Somsdorf  mit  seinen
prächtigen  Baumgruppen,  niedlichen  Häuschen  oberhalb  der  im  Thale
liegenden,  sorgfältig  gepflegten,  mit  prachtvollen  Gehölzen  umgebenen
Villen  von  Heilsberg  und  Coßmannsdorf  in  vollster  landschaftlicher
Schönheit  dar.

Am  Ende  von  Coßmannsdorf  ist  der  „Eingang  in  den  Rabenauer
  Grund“  mit  einer  Aufschrift  bezeichnet.  Man  kann  vom  Bahnhofe
  Hainsberg  den  nächsten  Weg  auf  der  Tharandter  Chaussee  bis
Heilsberg  und  dann  durch  Coßmannsdorf  wählen,  oder  auch  mit
einem  kleinen  Umwege  durch  Hainsberg  gehen.  Von  Coßmannsdorf
bis  an  die  Rabenauer  Großmühle  wandert  man  bequem  in  einer
Stunde,  so  daß  man  diesen,  den  prächtigsten  Theil  des  Thales  ganz
gemächlich  zu  Fuß  besuchen  kann,  wenn  man  um  12  Uhr  30  Min.
in  Hainsberg  anlangt  und  mit  dem  2  Uhr  26  Min.  an  der  Rabenauer
  Mühle  haltenden  Zuge  thalaufwärts  fahren  will.  Das  Thal
der  rothen  Weißeritz,  welche  ihren  Namen  nach  den  in  früherer  Zeit
an  ihr  befindlichen  Zinnerzwäschen  erhalten  hat,  steigt  vom  Eintritt
in  die  eigentliche  Thalspalte  etwa  10  Minuten  südlich  von  Coßmannsdorf
  bis  zur  Sprechtritzmühle  ziemlich  scharf  aufwärts,  bildet  unterund
  oberhalb  Dippoldiswalde  eine  wenig  geneigte  Fläche  und  hat  erst
vom  Kipsdorfer  Bahnhofe  bis  zur  Schellermühle  den  schärfsten  Anstieg.
  Weiter  aufwärts  verflacht  es  sich  in  den  Sumpfflächen  des
Galgenteiches.

Kurz  nach  dem  Betreten  der  Thalschlucht  führt  der  vortrefflich
im  Stande  erhaltene  Fußweg  durch  das  „Nadelöhr“,  einen  kleinen,
gekrümmten  Felsendurchbruch  durch  die  sogenannte  Kanzel,  und  bleibt
nun  in  der  Nähe  des  sprung=  und  absatzweise,  in  kleinen,  prächtigen
Fällen,  glitzernd  und  blitzend,  rauschend  dahin  schießenden  Wassers,
bald  einmal  auf  dem  rechten,  bald  auf  dem  linken  Thalufer.  So
schön  die  Eisenbahnfahrt  durch  den  Rabenauer  Grund  auch  ist,  so  ist
der  volle  Genuß  der  zahlreichen  herrlichen  Landschaftsbilder  mit  ihrem
        <pb n="259" />
        —  251  —

mannigfachen  Wechsel  nur  bei  der  Fußwanderung  zu  erreichen.  Dieser
Theil  des  Weißeritzthales  gehört  zu  den  schönsten  Partien,  welche
man  auf  dem  ganzen  Erzgebirgsabhange  kennt,  und  wird  von  Vielen
als  die  schönste  angesehen,  obgleich  in  dieses  Urtheil  persönliche  Eindrücke,
  Beleuchtung,  Tages=  und  Jahreszeit,  Gemüthsstimmung  u.  s.  w.
mitsprechen.  Kurz  oberhalb  des  Nadelöhres  führen  zwei  steinerne
Eisenbahnbrücken  über  das  Wasser,  beide  in  prächtigem  Bogen  geschwungen,
  die  Eisenstraße  von  dem  rechten  auf  das  linke  und  dann
wieder  auf  das  rechte,  mit  Felsblöcken,  Zacken  und  kurzen  Wänden,
reich  mit  Laubholz  und  von  der  zweiten  Brücke  an  auch  mit  Nadelholz
  geschmückte  Ufer.  Unmittelbar  hinter  der  zweiten  Brücke  ist  ein
köstliches  Landschaftsbild  aufgethan:  glitzerndes,  die  Absätze  und  das
Felsengeröll  mit  seinen  großen  und  kleinen  Blöcken  herab  jagendes,
springendes,  sprühendes,  spritzendes  Wasser,  dunkles  Nadelholz,  hellgrün
prunkendes  Laubholz,  Farrenkräuter  und  niedriges  Buschwerk,  Felsen
und  Klippen:  Alles  vereinigt,  um  ein  stimmungsvolles  Ganze  in  der
prächtigen  Frühjahrssonne  zu  geben.  Die  dritte  Brücke  führt  die
Bahn  in  einen  kurzen  Tunnel,  welcher  eine  Schleife  des  Flusses  gerade
abschneidet  und  beim  Austritt  aus  dem  Tunnel  über  die  vierte  Brücke
wieder  auf  das  rechte  Ufer  führt.  Auch  hier  ist  ein  herrliches  Landschaftsbild
  mit  seinen  treppen-  und  stufenförmigen  kleinen  Wasserfällen
warm  von  der  Sonne  beleuchtet.  Bemerkenswerth  sind  an  der  vierten
Brücke  die  schön  gefalteten  Schiefer.

Kurz  oberhalb  der  Brücke  münden  zwei  Stollen,  welche  nach
einer  dort  angebrachten  Inschrift  von  den  Rittern  Theler  zu  Höckendorf,
  den  um  1340  reichen  Bergherren  von  Edle  Krone  und  anderen
Silberzechen,  angelegt  worden  sind.  Von  dem  Reichthum  der  Theler
erzählt  noch  die  Sage;  ihr  Geschlecht  ist  längst  untergegangen.  Weiter
thalaufwärts,  in  Laubholz,  in  Nadelholz,  dann  in  herrlich  gemischtem
Holzbestande,  ragen  große,  gewaltige  Felszacken  an  den  Thalwänden
hoch  auf,  unter  denen  kleine,  zahlreiche  Wasserfälle  bildend  die
Weißeritz  dahin  schießt.  Unter  den  zahllosen  prächtigen  landschaftlichen
Ansichten  ist  besonders  die  an  der  siebenten  Brücke  (der  dritten  eisernen)
hervorzuheben.

Auch  oberhalb  der  sogenannten  Großen  Mühle  ist  das  Thal
der  Weißeritz  noch  eine  ganze  Strecke,  fast  bis  zur  Spechtritzmühle,
oder  richtiger,  bis  kurz  oberhalb  des  Einfalles  des  Borlasbaches,
ein  enges  Felsenthal,  in  welchem  Wände,  Blöcke  und  Klippen,  Zacken
und  Nasen,  mit  Moos  und  gelben  Flechten  geschmückt,  zwischen  dunkeln
Fichten  und  hellgrünen  Buchen  oder  gelblichen  Birken,  längs  des  in
kurzen  Absätzen  dahin  schäumenden  Baches  mit  seinen  großen  und
kleinen  Blöcken  wechseln.  Weiter  aufwärts  werden  die  Thalwände
        <pb n="260" />
        —  252  —

niedriger;  an  Stelle  der  Felsen-  und  Waldabhänge  treten  Wiesen—
ränder  und  Wiesenflächen,  bis  zuletzt  dasselbe  zu  einem  breiten  Auen—
thale  wird.  *)

Die  Rabenauer  Große  Mühle,  seit  1868,  wo  sie  abbrannte,
eine  Holzschleiferei,  aber  früher  schon,  wie  noch  heute  eine  besuchte
Gastwirthschaft,  wenn  auch  durch  den  Neubau  das  Idyllische  der
alten  Mühle  beinahe  vollständig  verschwunden  und  nur  der  moderne
Restaurationsbegriff  übrig  geblieben  ist,  liegt  nur  ein  halbes  Stündchen
von  dem  in  dem  Seitenthale  des  Oelsenbaches  sichtbaren,  auf  hohem
Bergvorsprunge  bis  zu  80  m  über  der  Thalsohle  liegenden  Städtchen
Rabenau.  Im  frühen  Mittelalter  gegründet,  wahrscheinlich  nach
dem  slavischen  hrabi  —  Hagebuchengehölz  benannt,  war  Rabinowe,
wie  die  alten  Urkunden  schreiben,  ursprünglich  eine  jener  zu  Ausgang
des  11.  Jahrhunderts  gegründeten  Grenzburgen  zur  Sicherung  der
Mark  Meißen.  Von  dem  später  errichteten  Schlosse,  als  dem  Hauptpunkte
  der  Herrschaft  Rabenau,  welche  im  13.  Jahrhundert  an  die
Burggrafen  von  Dohna  kam,  im  15.  Jahrhundert  als  ein  böhmisches
Lehen  den  Markgrafen  von  Meißen  gehörte  und  von  diesen  Anfang
des  16.  Jahrhunderts  an  die  Miltitze  verliehen  wurde,  von  denen
es  1569  Kurfürst  August  zurückkaufte  —  von  dem  Schlosse  waren
um  1825  „nur  noch  auf  einem  mit  Holz  bewachsenen,  wenig  zugänglichen
  Berggipfel  seitwärts  der  Stadt  noch  einige  Mauern  und
Gewölbereste.“  (Schumann  VIII,  695.)  Wahrscheinlich  ist  das  der
felsige  Bergvorsprung,  auf  welchem  gegenwärtig  die  Fabrikgebäude  der
Holz-Industrie-Gesellschaft  liegen.  Wenig  Minuten  oberhalb  der
Stadt  ist  die  Restauration  König  Alberthöhe  mit  einer  recht  hübschen
Aussicht.  Zwischen  Wilisch  und  Luchberg  den  Sattelberg,  zwischen
Luchberg  und  Geising  das  Mückenthürmchen,  rechts  vom  Geising  den
Gebirgsrücken,  bis  zur  Frauensteiner  Burgruine,  welche  abschließt.  Auf
den  Höhen  vor  der  Stadt  erreicht  man  in  ¾  Stunden  den  Lerchenberg
  bei  Börnchen,  dessen  Thurm  eine  Orientirungsscheibe  hat.

In  Rabenau  wird  eine  schwunghafte  Möbel=  und  vorwiegend
Stuhlfabrikation  betrieben,  deren  Umfang  man  auf  jährlich  24.000  Dutzend
Stühle  aller  Art,  von  den  einfachsten  bis  zu  den  kunstreichen,  geschnitzten
oder  gebogenen  Stühlen  aus  den  feinsten  Holzarten,  veranschlagt.  Auch
in  Potschappel,  Deuben,  Hainsberg,  Dippoldiswalde  und  einigen  zunächst
  von  Rabenau  liegenden  Orten  bildet  die  Stuhlfabrikation  einen
bedeutenden  Erwerbszweig.

Die  Stuhlbauerei  bei  Rabenau  besteht  seit  mehr  als  300  Jahren

*)  F.  Polle.  Führer  durch  das  Weisseritzthal  nach  Schmiedeberg  rc.  (mit
2  Karten)  Dresden,  Huhle  1885.
        <pb n="261" />
        —  253  —

und  wird  sowohl  von  einzelnen  kleinen  Meistern,  als  auch  in  größeren
Fabriketablissements  betrieben,  unter  welchen  letzteren  das  der  Sächsischen
Holzindustrie-Gesellschaft  obenan  steht.  Man  rechnet  für  Rabenau
ca.  600  männliche  und  150  weibliche  Arbeiter  für  die  Holzbearbeitung,
gegen  300  Frauen  und  Mädchen  und  gegen  100  Kinder  für  das
Vorrichten  und  Flechten  des  Rohres  und  kann  die  in  der  Umgegend
beschäftigten  ungefähr  gleich  hoch  veranschlagen.  Der  Anfertigung
ordinärer  und  feinerer  Stühle  hat  sich  die  Fabrikation  gebogener
Möbels  angefügt,  welche  einen  sehr  guten  Ruf  erlangt  haben  und
den  Fabrikaten  der  großen  Wiener  Firmen  ebenbürtig  sind.  Rabenauer
  Stühle  gehen  in  großer  Anzahl  nach  dem  ganzen  Deutschen
Reich,  besonders  nach  dem  Rhein,  aber  auch  nach  Oesterreich,  den  Donauländern,
  England,  Schweden  und  Norwegen,  Aegypten  und  Amerika.
Die  Gesammtproduktion  steigt  in  günstigen  Jahren  auf  mehr  als
24  000  Dutzend.  —  Die  zu  verarbeitenden  Hölzer  werden  aus  weiter
Ferne  bezogen;  selbst  die  im  Inlande  seltener  gewordene  Birke  muß
aus  dem  hohen  Norden  ersetzt  werden.  Die  Arbeiterverhältnisse  werden
als  gesunde  gerühmt;  der  Wohlstand  des  Städtchens  ist  deutlich  erkennbar
  und  macht  einen  vortheilhaften  Eindruck.

Von  Rabenau  geht  man  nach  der  Barbarakapelle  und  dem  Einsiedlersteine.
  Wer  Rabenau  schon  kennt  und  die  Stuhlfabrikation  nicht
in  Augenschein  nehmen  will,  fährt  am  zweckmäßigsten  von  der  großen
Mühle  bis  Seifersdorf  mit  der  Eisenbahn  und  geht  von  da  auf  dem
Oelsaer  Wege  bis  auf  die  Höhe.  Links  des  Weges  steht  noch  eine
ziemlich  gut  erhaltene  Stations=  und  Betsäule,  welche  Konrad  Theler
Mitte  des  14.  Jahrhunderts  nach  seiner  Rückkehr  von  der  Wallfahrt
nach  Jerusalem  errichten  ließ.  Geht  man  von  Rabenau  aus,  so  folgt
man  dem  Wege  nach  Oelsa,  auf  dem  man  einen  guten  Ausblick  in
das  waldbegrenzte,  herrliche  Wiesenthal  des  Oelsenbaches  hat,  und
durch  Oelsa,  ein  Umweg  von  fast  ¼  Stunde,  aber  dem  langweiligen
Wege  über  das  grüne  Waldschlößchen  an  dem  der  Agxt  erliegenden
Götterbüschchen  bei  Weitem  vorzuziehen.  Man  betritt  den  Wald  auf
dem  breiten,  nach  Dippoldiswalde  führenden  Fahrwege  und  erreicht
in  nicht  ganz  10  Minuten  die  Ruine  der  östlich  von  der  Straße
liegenden  Barbarakapelle.  Auf  der  Generalstabskarte  ist  sie  die  „Klausnitzkirche“
  benannt;  früher  wurde  sie  häufig  die  Klausenkirche  genannt;
wahrscheinlich  weil  sie  dem  h.  Nicolaus  geweiht  gewesen  war.  Sie
gehörte  dem  Kloster  Altenzelle  und  war  eine  Station  für  fromme
Wallfahrer  auf  dem  Wege  nach  dem  Kloster.  Sie  wurde  1549  auf
Befehl  Johann's  VIII.,  Bischofs  von  Meißen,  zerstört,  da  sie  die
Reformation  angenommen  hatte.  Das  Altarbild  und  die  Glocken
kamen  in  die  Kirche  von  Seifersdorf.  Die  einfache  Ruine,  von  der
        <pb n="262" />
        —  254  —

nur  noch  niedrige  Seikenmauern  erhalten  und  wieder  hergestellt  worden
sind,  liegt  stimmungsvoll  einsam  im  Walde,  und  die  nach  der  Wiederherstellung
  eingegrabene  Inschrift:

„Was  uns  das  Alter  vererbt,

Schone  das  junge  Geschlecht"
verdient  es  wohl,  hier,  wie  auch  an  anderen  Stellen,  dem  heranwachsenden
  Geschlecht  ins  Gedächtniß  gerufen  zu  werden.

Von  der  Barbarakapelle  nach  dem  großen  Einsiedlerstein  führt
die  etwa  75  Schritt  von  derselben  entfernte,  ziemlich  nach  Südost
gerichtete,  gut  begangene  Schneuse  16  (auf  der  Oberreit'schen  Karte
Nr.  4)  in  nicht  ganz  20  Minuten.  Dieselbe  ist  kaum  zu  verfehlen,
und  der  Weg  bis  zum  Einsiedlersteine,  sowie  von  da  auf  dem  fast
genau  nach  Süden  gerichteten  Dresdener  Marktsteige  eben  so  wenig.
Vom  Betreten  des  Waldes  bei  den  Häusern  am  weißen  Steine  bis
zur  Stadt  Dippoldiswalde  hat  man  6  km  zurückzulegen.  Aus  einem
kleinen  Nebenthale  des  Oelsenbaches  aufsteigend,  kommt  man  an  die
steil  aufragende  Sandsteinklippe  des  Einsiedlersteines,  vor  welcher  eine
einzelne  große  Felsenzacke  stotzig  aufgerichtet  ist.  Die  Sandsteinfelsen,
vielfach  zerklüftet,  tragen  Spuren  von  Bauwerken,  und  auf  der  oberen
Fläche  die  Grundumrisse  einer  kleinen  Kapelle,  ungerechnet  die  Spuren
von  Baulichkeiten  aus  jüngerer  Zeit.  Hier  soll  der  Einsiedler  Dippold,
der  angebliche  Gründer  von  Dippoldiswalde,  im  12.  Jahrhundert
gelebt  haben.  An  den  Kapellenresten  hat  man  einen  Ausblick  nach
der  Hermsdorfer  Höhe  und  dem  WMilisch.

Beim  Verlassen  des  Waldes  liegen  die  Sandstein=  und  Schleifsteinbrüche
  mit  ihren  hellen  Halden  unmittelbar  am  Wege,  über  denen
ein  Thurm  von  20  m  Höhe  aufgerichtet  ist.  Nach  dem  Sandsteingebirge
  hin  ist  die  Aussicht  recht  hübsch;  Falkenberg,  Winterberg,
Lilienstein,  Königstein  Zschirnstein  —  dahinter  angeblich  die  Lausche,
wahrscheinlich  jedoch  der  Kaltenberg,  sodann  der  Schneeberg  und  der
Sattelberg.  Zwischen  dem  Luchberge  und  dem  Geising  die  Kirche  von
Ebersdorf  und  das  Mückenthürmchen,  westlich  vom  Geising  die  schwarze
Tellkoppe  und  dann  Frauenstein,  der  Sandberg  und  das  Schloß.  Im
Westen  angeblich  die  Thürme  von  Freiberg.  Unterhalb  des  sehr  gut
gebauten  Thurmes  lieqt  in  den  Sandsteinbrüchen  und  ihren  alten,
gut  bewachsenen  Halden  eine  kleine  Restauration.

Nahe  der  Stadt,  nur  ein  paar  Hundert  Schritt  vom  Wege  liegt
das  Tatarengrab.  Die  Inschrift  sagt:  „Mustapha  Sulkiewicz,
„ein  Tartar  (der  Sage  nach  ein  Prinz)  Premierlieutenant  unter  dem
„Königl.  Polnischen  und  Churf.  Sächs.  Löbl.  Obrist  von  Schiebel'schen
„Pulk  Ulanen,  ist  am  1.  Juli  1762  in  einer  Attake  bei  Reichstädt
perschossen  und  hier  begraben  worden.“  Seine  Freunde  kauften  die
        <pb n="263" />
        —  255  —

Stelle,  begruben  ihn  nach  tatarischer  Sitte  und  errichteten  ein  Denkmal;
  eine  steinerne,  mit  einem  Turban  bekrönte  Pyramide,  auf  deren
Sockel  an  einer  Seite  die  Inschrift,  auf  jeder  der  anderen  Seiten
in  blauem  Felde  ein  goldener  Stern,  ein  aufwärts  gerichteter  Pfeil
und  ein  halber  Mond.  Zeit  und  Unverstand  zerstörten  das  Denkmal;
1779  ließen  die  Offiziere  vom  Königl.  Preußischen  Infanterie-Regiment
v.  Saldern  dasselbe,  getreu  nachgebildet,  erneuern.  (Merkel,  Erdbeschreibung
  von  Kursachsen.  1804,  II,  47.)

Die  Stadt  Dippoldiswalde,  von  welcher  Rüger  in  seinen  Beiträgen
  zur  älteren  Geschichte  der  Stadt  eine  sehr  hübsche  und  charakteristische
  Ansicht  nach  einem  Oelgemälde  von  1656  bringt,  bildet  ein
herzförmiges  Oval,  dessen  frühere  Befestigung  noch  heute  erkennbar  ist,
wenngleich  nur  noch  ganz  vereinzelte  Reste  derselben  übrig  sind.  Die
Stadt  hatte  früher  drei  Thore,  das  Unterthor,  das  Oberthor  und  das
Böhmische  Thor,  aus  welchem  letzteren  die  alte  Böhmische  Straße
über  Schmiedeberg,  Bärenfels  und  Schellerhau  und  Altenberg  und
durch  die  sogenannte  lange  Gasse  nach  Zinnwald  führt.  Die  Stadt
wurde  wahrscheinlich  im  11.,  möglicherweise  doch  auch  erst  Anfang
des  12.  Jahrhunderts  gegründet.  Rüger  sagt:  „Was  die  ganze
Sage  (von  Dippold  dem  Einsiedler)  verdächtig  macht,  ist  der  von
Schmalz  und  Anderen  erzählte  Umstand,  daß  bis  zu  den  Zeiten  der
Reformation  mehrere  Einsiedler  die  Dippoldsklause  bewohnt  und
dort  von  einer  Kanzel,  dem  Einsiedlersitze  aus,  welcher  beiläufig  für
Jedermann  gerecht  sein  soll,  gepredigt  haben.  Einer  dieser  späteren
Einsiedler  hat  sich  durch  seinen  Hund  in  einem  Korbe  Lebensmittel
aus  der  Stadt  holen  lassen.  Diesen,  mit  vielleicht  mancherlei  Unwesen
  verknüpften  Waldgottesdiensten  machte  erst  der  Bischof  Johann
von  Maltitz  durch  Zerstörung  der  Dippoldsklause  und  der  Barbarakapelle
  ein  Ende.  Es  ist  sehr  wahrscheinlich,  das  diese  späteren  Einsiedler
  zu  der  Dippoldsage  Anlaß  gegeben  haben  und  daß  die  Stadt
erst  nach  Gründung  des  Klosters  Altenzelle  und  Beginn  des  Freiberger
  Bergbaues  zu  Ende  des  12.  Jahrhunderts  durch  Bergleute
entstanden  ist.“  Allem  Vermuthen  nach  erhielt  die  Stadt  jedoch  ihren
Namen  von  Dippold  von  Clomen,  dem  Besitzer  der  Gegend.  Der
Bergbau  veranlaßte  ihre  Gründung  und  zwischen  1363  und  1376
wurde  die  Stadt  wahrscheinlich  mit  Mauern,  Thürmen  und  Graben
befestigt.  Urkundlich  erscheint  Dippoldiswalde  erst  1266  in  seinem
Streite  mit  Freiberg  wegen  des  Bannrechtes,  Bier  sowie  alle  Bergbaubedürfnisse
  nur  in  Freiberg  kaufen  zu  dürfen.“)

Allem  Anscheine  nach  ermöglichte  die  Ergiebigkeit  der  Berg-*)

  Rüger,  Beiträge  zur  älteren  Geschichte  von  Dippoldiswalde.
        <pb n="264" />
        —  256  —

werke,  die  Stadt  mit  doppelten  Mauern,  vielen  Thürmen  und  breiten
Gräben  zu  versehen.  Dessen  ungeachtet  fiel  sie  1429,  als  die  Hussiten
über  Graupen  und  Frauenstein  in  die  Meißner  Lande  hereinbrachen,
in  deren  Hände.  Diese  legten  die  Vorstädte,  einen  Theil  der  inneren
Stadt  und  die  Hauptkirche  in  Asche.  1568  und  69  ging  Dippoldiswalde,
  welches  bis  1503  erst  den  Markgrafen  von  Meißen,  sodann
nach  Friedrich  des  Sanftmüthigen  Tode  den  Herzögen  Albrecht  und
Georg  und  sodann  den  Herren  von  Maltitz  gehört  hatte,  in  den
Besitz  des  Kurfürst  August  über.

Anfang  des  16.  Jahrhunderts  war  das  Schloß,  und  wenige
Jahrzehnte  später  das  Rathhaus  neu  erbaut  worden,  aber  während
des  dreißigjährigen  Krieges  wurde  1632  die  Stadt  von  Holcke  mit
glühenden  Kugeln  in  Brand  geschossen;  1634  das  Schloß  von  einer
österreichischen  Reiterschaar  unter  Oberstlieutenant  Schönickel  niedergebrannt,
  dabei  noch  150  Häuser  und  Scheunen.  Nur  ein  Haus  am
Markte  blieb  bei  beiden  Feuersbrünsten  stehen.  Der  siebenjährige
Krieg  stürzte  die  Stadt  durch  drückende  Contributionen  der  Preußen,
sowie  durch  ein  drei  Jahre  in  der  Weißeritzstellung  bleibendes  österreichisches
  Corps,  welches  seine  zahlreichen  Bedürfnisse  geliefert  erhalten
mußte,  in  eine  unverhältnißmäßige  Schuldenlast.

Die  Töpfer  von  Dippoldiswalde  fertigen  noch,  wie  seit  Jahrhunderten,
  zahlloses  thönernes  Kinderspielzeug  (Kochgeschirr,  Sparbüchsen,
  Pfeifen,  Leuchter,  Teller,  Krüge  u.  s.  w.).

Gegen  Ende  des  14.  Jahrhunderts  sollen  122  Berggebäude  im
Dippoldiswaldaer  Revier  im  Gange  gewesen  sein:  doch  werden  Anfang
  des  17.  Jahrhunderts  nur  noch  11  als  von  Bedeutung  genannt,
  aber  hinzugefügt,  „die  großen  hier  gelegenen  und  noch  da
liegenden  Schlossenhalden  überzeugen,  daß  bei  Weitem  mehr  Erze
geschmelzt  und  der  Bergbau  sehr  stark  betrieben  worden  ist  und  ergiebig
  gewesen  sein  muß".  Es  sind  jedoch  weder  von  dem  Betriebe,
noch  von  den  allgemeinen  Verhältnissen  des  hiesigen  Bergbaues  nähere
Nachrichten  vorhanden,  da  der  dreißigjährige  Krieg  und  die  mit  demselben
in  Verbindung  stehende  Aussaugung  und  Verarmung  des  Landes,  die
Verminderung  der  Bevölkerung  und  die  den  Krieg  begleitenden  Seuchen
und  Krankheiten  auch  den  Verfall  des  Bergbaues  im  Gefolge  hatten.
Erst  Ende  des  17.  Jahrhunderts  wurde  der  Betrieb  einzelner  Berggebäude
  wieder  aufgenommen.  Nach  kurzer  Zeit  liegen  gelassen,  dann
wieder  ausgenommen,  kann  von  einem  gleichmäßigen  Abbau  bis  ins
19.  Jahrhundert  nicht  die  Rede  sein,  und  auch  in  diesem  kamen  trotz
Vorkommens  von  Schwerspath,  Flußspath  und  Quarz,  sowie  angeflogenen
  Silber-,  Glas=  und  Rothgültig-Erzes  u.  s.  w.  der  Betrieb
nicht  wieder  in  Gang,  sondern  hörte  allmälig  vollständig  auf.
        <pb n="265" />
        —  257  —

In  der  freundlich  und  gut  gebauten  Stadt  sind  das  Ende  des
15.  Jahrhunderts  erbaute  Rathhaus  mit  seinen  Parterreräumen  und
dem  Sessionszimmer  mit  schönen  Netzgewölben,  die  Nicolaikirche  und
das  Portal  des  ehemaligen  Schlosses  mit  Medaillons  und  Wappenschilden
  sehenswerth.  Die  Stadtkirche,  mit  einem  Thurme  aus  Mitte
des  13.  Jahrhunderts  wurde  nach  der  Zerstörung  durch  die  Hussiten
Ende  des  15.  Jahrhunderts,  die  ebenfalls  aus  dem  13.  Jahrhundert
stammende  Nicolaikirche,  in  der  neuesten  Zeit  wieder  hergestellt.  In
dieser  letzteren  sind  Spuren  von  Wandgemälden  erhalten,  sowie  ein
aus  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  stammender  Flügelaltar.

Wer  von  Dippoldiswalde  nach  Schmiedeberg  zu  Fuß  geht,  kann
die  Wanderung  wesentlich  angenehmer  machen,  wenn  er  beim  Ausgange
aus  der  Stadt  die  Weißeritzbrücke  nicht  überschreitet,  sondern  auf  dem
rechten  Ufer  des  Wassers  bleibt,  welches  durch  die  längst  nicht  mehr
betriebenen  Zinnwäschen  und  Zinnseifen  den  Namen  „rothe  Weißeritz"“
erhielt,  obgleich  es  auf  dem  „Abriß  der  Stadt  Dippoldiswalde  a.
Ch.  1656“  die  „weisse  Weisserts“  genannt  wird.  Man  geht  an  drei
Mühlen  vorüber,  dann  den  sogenannten  Poetenweg  bis  zur  Chaussee,
welche  man  bei  der  Brücke,  kurz  vor  dem  ehemaligen  Chausseehause
erreicht.  Nun  wenige  Schritte  zurück,  über  die  Brücke  und  dann  auf
dem  linken  Weißeritzufer  den  unteren  Ziegenrückweg  bis  zum  Gasthof
von  Ober-Carsdorf.  Wer  jedoch  auch  von  hier  aus  nicht  im  Thale
bleiben  will,  überschreitet  die  Weißeritz  bei  der  Ulberndorfer  Mühle
und  geht  erst  auf  dem  Frauendorfer  Wege  von  der  Chaussee  ab.
Auf  diesem  steigt  er  bachaufwärts,  bis  ein  Feldweg  sich  nach  Süden
abzweigt,  und  folgt  nun  diesem  in  und  durch  den  Wald,  bis  er  auf
Flügel  P  trifft,  auf  dem  er  sich  südwestlich  wendet  und  nun  auf
einem  Holzwege  und  Fußsteige  in  das  Thal  hinuntersteigt,  welches
er  kurz  oberhalb  des  Jägerhauses  erreicht.  Der  durch  den  Wald
führende  Weg  heißt  „der  lange  Weg“.  ·

Südwestlich  von  Dippoldiswalde  zieht  sich  Reichstädt  mit  seinem
1765  von  Herzog  Carl  von  Curland  erbauten  großen  Schlosse  im
flachen  Thale  gebirgsaufwärts.  Etwa  1¾  Stunde  von  der  Stadt
lag  die  aus  dem  13.  Jahrhundert  stammende,  1533  geschlossene,
später  verfallene  und  abgetragene  kahle  Höhenkirche,  Kapelle  zu  den
Vierzehn  Nothhelfern  (12  Apostel,  Jungfrau  Maria,  Johann  der
Täufer)  ein  vielbesuchter  Wallfahrtsort.“)

Das  Jägerhaus  bei  Naundorf  ist  zur  Station  für  den  Besuch
des  Hauptthales,  wie  der  Nebenthäler  sehr  geeignet.  Es  liegt  6  km
von  Dippoldiswalde;  1  km  thalaufwärts  Schmiedeberg,  ein  Berg-*)

  Abbildung  in  Bergblumen.  1886,  Nr.  7.  Zöllner  &amp;amp;  Eckard.
17
        <pb n="266" />
        —  258  —

flecken,  vormals  ein  Bergstädtchen,  das  durch  seine  Pochwerke,  Eisenhämmer
  und  Hammerwerke  im  frühen  Mittelalter  einen  regen  Aufschwung
  erhalten  hatte.  Schmiedeberg  wird  zuerst  1501  genannt,
und  ein  Hammermeister,  sowie  eine  Pochmühle  daselbst  aufgeführt.
Obgleich  der  Zinnbergbau  an  der  Weißeritz  und  in  deren  Nähe  weit
älter  sein  mag,  wie  der  Eisensteinbergbau,  wofür  schon  verschiedene
Ortsnamen  sprechen,  wie  z.  B.  Seifen  und  Seifersdorf,  welche  zweifelsohne
  frühmittelalterlichen  Zinnseifen  ihren  Ursprung  verdanken,  so
erhielt  doch  später  der  Eisenbergbau  das  Uebergewicht.)  Aber  nur
noch  hoch  oben  am  Pöbelbache  befindet  sich  eine  Eisensteinzeche  in
halb  verfallenem  Zustande.  Der  Perlenschacht  in  Niederpöbel  und
St.  Michael  weiter  oben  stehen  still,  während  eine  große  Anzahl
verstreut  liegender  Halden  und  Haldenreste,  sowie  vor  Allem  die
Reste  von  Zinnseifen  (die  Zinnklüfte)  und  die  Kupferbinge  am  Nordfuß
  des  Gerichtsberges,  an  einem  von  Niederpöbel  nach  Sadisdorf
führenden  Waldwege,  den  früheren  Umfang  des  Zinn=  und  Eisensteinbaues
  bezeugen.  Der  30  jährige  Krieg  zerstörte  auch  hier  eine  blühende
Industrie  und  die  verarmte  Bevölkerung  vermochte  die  zu  Grunde
gerichteten  Werke  nicht  wieder  in  Betrieb  zu  bringen,  trotzdem  ihr
mancherlei  Privilegien  und  1675  sogar  Stadtrecht,  Bergfreiheit  und
Jahrmärkte  gewährt  wurden.  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  erwarb
die  Altenberger  Zwitterstocks-Gewerkschaft  die  Werke  und  Gruben,
aber  1825  waren  wenig  über  20  Mann  bei  den  Hüttenwerken  beschäftigt
  und  von  den  Eisensteingruben  kaum  noch  einige  von  nennenswerthem
  Ausbringen.  Das  1834  von  der  Altenberger  Zwitterstocks-Gewerkschaft
  erbaute  Hüttenwerk  mit  Hochofen  hat  1875  den  wenig
Jahre  vorher  nach  langjähriger  Pause  wieder  angeblasenen  Hochofen
kalt  gestellt  und  seitdem  nicht  wieder  angeblasen.  Die  Frischerei  und
Zeugschmiederei  wurde  1881  aufgegeben,  die  Frisch=  und  Zeughütte
verkauft  und  in  eine  Holzschleiferei  umgewandelt,  endlich  das  Jahr
darauf  die  Erzeugung  von  Flußeisen  und  Tigelgußstahl  aufgegeben.
Das  Burgk'sche  Eisenwalzwerk  in  Obercarsdorf  war  schon  früher
außer  Betrieb  gesetzt  worden.

Trotz  der  Reichhaltigkeit  und  Vorzüglichkeit  der  Eisenerze,  welche
hier  verhüttet  wurden,  konnte  der  Hochofenbetrieb  und  die  Roheisen--erzeugung
  hier  wie  in  Berggießhübel  und  anderen  erzgebirgischen  Hüttenwerken
  sich  nicht  behaupten,  da  der  Mangel  eines  jeden  Zollschutzes
dem  unter  ganz  anderen  Verhältnissen  und  Preisbedingungen  hergestellten
  englischen  Eisen  möglich  machte,  die  Preise  dergestalt  herabzudrücken,
  daß  die  einheimische  Industrie  nicht  mehr  mit  Nutzen

*)  Schmiedeberg.  Manuskript  der  Königl.  Dresdner  Bibliothek.  K.  9.
        <pb n="267" />
        —  259  —

arbeiten  konnte.  Bedeutende  Industrieanlagen  mußten  außer  Betrieb
gesetzt  werden  und  eine  zahlreiche  auf  sie  angewiesene  Bevölkerung
verlor  ihren  Erwerb.  Gegenwärtig  werden  im  Hüttenwerke  kleinerer
Eisen-,  Stahl=  und  Metallguß  gefertigt,  sowie  verschiedene  Schmiedewaaren
  und  landwirthschaftliche  Maschinen.

Gegenüber  der  Kirche  von  Schmiedeberg  (erbaut  1716  von
Georg  Bähr,  dem  Baumeister  der  Dresdener  Frauenkirche)  mündet
das  herrliche  Waldthal  des  Pöbelbaches,  mit  seinen  hohen,  mit  köstlichem
  Nadelholze  besetzten  Thalwänden.  Die  auf  der  Westseite  in
dasselbe  mündenden  Thäler  des  Saubaches  und  des  Höllbaches  mit
ihren  Ausgabelungen  bilden  besuchenswerthe  Partien.  Am  Pöbelbache
aufwärts  bis  zur  Putzmühle  rechnet  man  7  km.  Aber  auch  die  drei
Thäler,  welche  unweit  der  1½  km  aufwärts  von  Schmiedeberg
liegenden  Buschmühle  sich  vereinigen,  sind  in  hohem  Grade  besuchenswerth.
  Vor  allem  das  tief  eingeschnittene  Hauptthal  der  rothen
Weißeritz,  bis  kurz  oberhalb  der  Schellermühle  (auch  Buschmühle  genannt)
  7  km;  das  Thal  des  langen  Grundes  mit  seinen  Verästungen;
das  Thal  des  Fällbaches  bis  kurz  vor  Falkenhain.

Auf  dem  Höhenrücken  zwischen  Langengrundbach  und  rother
Weißeritz  Bärenburg  mit  der  Friedrichshöhe;  eine  Viertelstunde  westlich
  davon  die  Schwarze  Tellkuppe.

Zwischen  der  Weißeritz  und  dem  Pöbelbache  liegen  auf  schmalem,

steilabfallendem  Höhenzuge  Schellerhau,  Bärenfels  und  Kipsdorf,  von
welchen  Orten  man  an  vielen  Stellen  prächtige  Einblicke  in  eins  oder
das  andere  der  bewaldeten  Thäler  gewinnt.  Auch  Kipsdorf  hatte
vor  dem  dreißigjährigen  Kriege  bedeutenden  Bergbau  auf  Kupfer  und
Zinn;  Berggebäude,  Pochwerke,  Schmelzhütten  u.  s.  w.  Pöbel  ist
erst  Mitte  des  dreißigjährigen  Krieges  entstanden;  „die  Pöbel“  sagen
die  alten  Kirchenbücher.  Endlich  ist  das  Thal  des  Pöbelbaches  von
dem  Thale  der  wilden  Weißeritz  zwischen  Oberpöbel  und  der  sogenannten
Bretmühle  oberhalb  Schönfeld,  sowie  zwischen  der  Eisenzeche  und  der
Zinnstraßenbrücke  nur  durch  einen  1  bis  1½  km  breiten  Höhenrücken
getrennt,  so  daß  man  ohne  große  Anstrengung  in  den  oberen,  überaus
  schönen  Theil  dieses  Thales  übergehen  kann.  Vom  Jägerhaus
über  Oberpöbel  und  Sayda  nach  Rehefeld  14  km;  vom  Jägerhaus
durch  das  Saubachthal  nach  Ammelsdorf  und  der  Glöcknermühle  8  km;
von  da  im  Thale  der  wilden  Weißeritz  nach  Rehefeld  10  km;  von
Rehefeld  auf  dem  Neuen  Weg  bis  zur  alten  böhmischen  Straße,  und
über  Schellerhau  nach  der  Schellermühle,  und  von  dieser  im  Thale
der  Weißeritz  nach  dem  Jägerhaus  16  km.

17“
        <pb n="268" />
        —  260  —

30.  Die  wilde  Weißeritz  Tharandt.  Höckendorf.

Am  Eingange  des  nach  West  gerichteten  Thales  der  wilden
Weißeritz  liegt  das  Vorwerk  Heilsberg  mit  seinem  niedlichen  Park
und  auf  dem  nach  Ost  gerichteten  Vorsprunge  des  „Weinberges“  von
Somsdorf  eine  Anzahl  neuer,  freundlicher  Häuschen  in  verschiedenen
Absätzen  und  reichem  Baum-  und  Rebenschmuck.  Der  grüne  Wiesen—
grund,  die  herrlich  mit  Buchen  und  Birken,  zum  Theil  auch  mit
Fichten  bewachsenen  Abhänge,  die  schroffen  Formen  derselben  und
die  lebhafte  Belebung  vereinigen  sich,  um  ein  farbenreiches,  frisches
Bild  zu  geben.  Von  Hainsberg  bis  Tharandt  sind  etwa  3  km.“)

An  dem  Zusammenstoß  des  von  Norden  herabkommenden
Schloditzbaches  mit  seinen  zwei  in  nächster  Nähe  ihn  erreichenden
Zuflüssen,  dem  von  Hintergersdorf  in  weit  nach  Norden  gebauchtem
Bogen  in  steil  berandeter  Schlucht  herfließenden  Todtenbache  und
dem  in  fast  eben  so  tief  eingerissenem,  aber  weniger  gekrümmtem  Laufe
zu  ihm  stoßenden  Zeisigbache,  ragt  der  nach  Nordost  gerichtete  Felsenvorsprung
  des  Tharandter  Burgberges  weit  in  den  von  den  felsigen
Abhängen  des  Großopitzer  Schlafberges,  der  Somedorfer  Höhe  und
der  Ausläufer  des  Buchenberges  gebildeten  Thalkessel  hinein.  Mitten
innerhalb  der  bis  zu  150  und  160  m  ansteigenden  Abhänge  und
Höhen  ist  die  Felsenklippe,  auf  welcher  die  Burg  Tharandt  vor  Zeiten
gegründet  wurde,  30  bis  35  m  über  der  Thalsohle,  alle  drei  Hauptthäler
  beherrschend.

Auch  Tharandt  ist  allem  Vermuthen  nach  als  eine  markgräfliche
  Grenzburg  gegen  Ende  des  10.  Jahrhunderts  errichtet  worden,
wenngleich  dieses  „gute  und  achtbare  Schloß",  wie  es  von  einigen
mittelalterlichen  Geschichtsschreibern  genannt  wird,  überhaupt  erst  1190
erwähnt  wird,  wo  eine  Feuersbrunst  dasselbe  zerstörte.  Der  nach
diesem  Brande  aufgeführte  Neubau  der  Burg  muß  ein  sehr  stattlicher
gewesen  sein,  wie  man  nach  der  Ausdehnung  ihrer  Umfassungen  noch
heute  erkennen  kann.  Aber  es  ist  sehr  schwierig,  sich  von  der  Lage
der  einzelnen  Bestandtheile  derselben  noch  Rechenschaft  zu  geben,  da
die  Trümmer  der  Burg  größtentheils  zum  Aufbau  von  Häusern  u.  s.  w.
gedient  haben,  und  einzelne  Grundlinien  kaum  noch  nachzuweisen  sind.
1780  war  die  Ruine  und  ihre  Umgebung  noch  eine  verödete  Wildniß.
Man  verschüttete  die  Gewölbe,  trug  viele  Mauern  ab  und  ebnete  das

*)  J.  S.  Göbel,  die  Ruinen  von  Tharandt.  Ein  Beitrag  zur  Kunde
der  Vorzeit.  Dresden.  Gerlach.  1795.

F.  Schlenkert,  Tharandt.  Ein  historisch-romantisches  Gemälde  (mit
4  Kupfern).  Dresden.  Gerlach.  1804.

Fr.  Brosey,  Führer  für  Tharandt  und  Umgegend.  Tharandt  1880.
        <pb n="269" />
        —  261  —

Ganze.  Daher  läßt  sich  über  die  Einzelnheiten  der  Burganlage  nichts
sagen.  Der  im  Südwest  befindliche  große  viereckige  Thurm,  dessen
Ueberreste  in  der  neuesten  Zeit  durch  zweckentsprechende  Ausbesserungen
vor  dem  gänzlichen  Verfall  bewahrt  worden  sind,  war  jedenfalls  der
Bergfried  und  stammt  der  Anlage  und  dem  Mauerwerk  nach  aus  dem
12.  Jahrhundert,  zu  welcher  Zeit  wir  die  Grenzburg  als  baulich
vollendet  ansehen  dürfen.  Daß  die  Burg  eine  markgräfliche  Grenzburg
  war,  geht  auch  daraus  hervor,  daß  keine  anderen  Besitzer  von
Tharandt  genannt  werden,  als  die  Meißner  Markgrafen.  Vor  1223
besaß  es  Markgraf  Dietrich  von  Meißen.  Er  hinterließ  Tharandt,
Groitzsch,  Rochlitz  und  Neuenhof  seiner  Gemahlin  Jutta  als  Leibgedinge.
  Hier  ist  der  Name  Tharandt  aufgeführt.  Ob  die  Burg  nun
früher  Granaten  genannt  worden,  oder  ob  dies  der  Name  des  am
Juße  der  Burg  entstehenden  kleinen  Ortes  war,  läßt  sich  nicht  nachweisen:
  doch  ist  es  nicht  unwahrscheinlich,  daß  der  Name  Tharandt
von  dem  slavischen  dar-räna,  die  Morgengabe,  herzuleiten  sein  möchte;
Granaten  dagegen  weist  eher  auf  chrana  =  der  Zufluchtsort  hin.
Als  Markgräfin  Jutta  sich  ohne  Vorwissen  ihres  Bruders,  des  Landgrafen
  Ludwig  von  Thüringen,  mit  dem  Grafen  Poppo  von  Henneberg
  vermählte,  fiel  dieser  in  die  Meißner  Lande  ein  und  eroberte
am  Tage  vor  dem  Osterfest  1223  das  feste  Schloß  Tharandt.  Nach
Jutta  kam  Heinrich  der  Erlauchte  in  den  Besitz.  Zahlreiche  in  den
Jahren  1242  bis  1279  auf  Schloß  Tharandt  ausgestellte  Urkunden
bezeugen  seinen  Aufenthalt  in  dem  einsam  in  dem  Waldthale  gelegenen,
nur  von  der  Nordseite  her  überhaupt  zugänglichen  Schlosse.  Nach
seinem  Tode  kam  es  an  Friedrich  den  Kleinen  von  Dresden,  welcher
seinen  ganzen  Besitz  an  Wenzel,  König  von  Böhmen,  abtreten  wollte.
1316  aber  fiel  Friedrich's  des  Kleinen  Besitz  an  den  Markgrafen
Friedrich  den  Gebissenen  von  Meißen  und  1344  wurde  „das  Haus
zu  dem  Tarante“  zum  Leibgedinge  von  des  Kaisers  Tochter  bestimmt,
die  einen  von  den  Söhnen  des  Markgrafen  Friedrich  des  Ernsthaften
heirathen  sollte.  Im  Naumburger  Hauptreceß,  1410,  erhielt  Friedrich
der  Jüngere  die  „Veste  Tarant“  (was  beweist,  daß  das  Städtchen
damals  noch  nicht  gestanden  hat);  in  der  Erbtheilung  zu  Altenburg,
1445,  kam  die  Markgrafschaft  Meißen,  und  mit  ihr  Tharandt,  an
den  Kurfürsten  Friedrich  den  Sanftmüthigen.

In  den  Jahren  1499  bis  1510  lebte  die  Wittwe  Herzog
Albrecht's,  Zedena  (Sidonie),  Tochter  Podiebrad's  von  Böhmen,  auf
der  Burg  Tharandt,  welche  auch  sie  zum  Leibgedinge  erhalten  hatte.
Nach  ihrem  Tode  wurde  dieselbe  nicht  mehr  bewohnt.  1559  erhielt
der  Oberförster  Frisch  Befehl,  die  Burg  zu  bewohnen,  damit  sie
nicht  ganz  leer  stehe;  aber  seit  1568,  wo  dieselbe  durch  Blitzschlag
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        —  262  —

beschädigt  war,  ließ  man  sie  verfallen,  nahm  die  Schiefer  von  den
Dächern,  um  sie  anderweit  zu  verwenden,  und  beschleunigte  die  Zer—
störung  durch  Wegnahme  von  Fenstern,  Thüren  u.  s.  w.  Endlich
riß  man  1631  die  Burg  zum  großen  Theile  nieder,  um  die  Kirche
und  das  Fürstenhaus  zu  Tharandt  zu  erbauen.  Selbst  von  den  zahlreichen
  Kellern,  dem  Brunnen  u.  s.  w.  haben  sich  nur  wenige  Spuren
erhalten.  Der  westliche  Theil  der  Burg  ist  länger  erkennbar  geblieben,
aber  seit  1800  sind  die  malerischen  Reste  des  alten,  viereckigen  Thurmes,
einige  Mauerstücke,  ein  Keller  und  die  Reste  des  Eingangsthores  nur
durch  fürsorgliche  Nachhilfe  erhalten  worden.

Die  Stadt  Tharandt  in  freundlicher  und  gesunder  Lage,
reich  mit  Wald  umgeben,  ist  der  Sitz  der  1816  errichteten  Forstakademie,
  an  welcher  außer  dem  Cursus  über  Forstwissenschaft  (130
bis  140  Studirende)  auch  ein  Cursus  über  Fischzucht  gegeben  wird.
Die  Anstalt  für  künstliche  Fischzucht  ist  in  Coßmannsdorf.

Von  der  Ruine  und  dem  an  dieselbe  neu  angebauten  Altan  hat
man  einen  prächtigen  Ausblick  über  das  Städtchen  und  die  waldreichen
  Thäler,  welche  bis  an  dasselbe  heranreichen.

Vom  Fuße  der  Burgruine  geht  man  auf  mit  Wegweisern  versehenem
  Wege  nach  dem  Forstgarten  und  dem  Königsplatz  (Denkmal
von  Heinrich  Cotta),  sodann  nach  dem  Schweizerhaus  und  der  Bastei
(Ausblick  in  den  Zeisiggrund),  dem  eisernen  Aussichtsthurm,  Cotta's
Grab  auf  einem  großen,  mit  achtzig  Eichen  bepflanzten  Platze  und
dann  zum  Aussichtspunkte  „Heinrichseck“  mit  einem  prachtvollen  Ausblick
  in  das  Thal  der  wilden  Weißeritz.  Bis  hierher  etwa  1  ¼  Stunde.
Von  hier  geht  man  längs  des  Abhanges  durch  die  bedeutend  gelichteten,
  längst  überständigen  Buchen  der  vielbesungenen  „Heiligen
Hallen“  und  sodann  durch  die  schönen  Baumgruppen  und  Felspartien
am  Nordabhange  des  breiten  Grundes  hin  bis  auf  den  Fahrweg  und
auf  diesem  bis  zur  Köhlerhütte  (13/4  Stunde),  um  von  hier  aus  auf
prächtigem  Promenadenwege  auf  dem  westlichen  Thalhange  der  Weißeritz
bis  an  die  Einmündung  des  tiefen  Grundes,  und  in  diesem  bis
Schneuse  3,  wo  ein  Holzweg  in  das  Thal  hinab  führt.  Von  Heinrichseck
bis  an  die  Eisenbahnbrücke  im  Thale  etwa  1  ½  Stunde.

Kurz  vor  der  Eisenbahnbrücke  wendet  man  sich  südlich,  überschreitet
  am  Bahnwärterhaus  die  Eisenbahn  und  steigt  nun  am  Ostabhange
  des  Weißeritzthales  auf  gut  gepflegtem  Wege  in  der  Schlucht
der  Harthenbachfälle  hinauf.  Felsengeröll,  Klippen,  hochstämmige
Buchen,  Farrenkräuter,  niedriges  Buschwerk  bilden  die  Umrahmung
um  ein  zaghaft  durch  die  Felsen  sich  windendes  Wasseräderchen,  welches
allerdings  unmittelbar  in  oder  nach  der  Schneeschmelze  oder  nach
einem  starken  Sommergewitter  einen  köstlichen,  treppenförmigen,
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        —  263  —

rauschenden  und  polternden  Wasserabsturz  bilden  muß.  —  In  der
Mitte  des  Bergabhanges  führt  ein  Promenadenweg  thalwärts  und
nach  Tharandt  zurück.  Man  kreuzt  auf  diesem  einen  Fahrweg,  der
wieder  bergauf  bringt;  man  kann  aber  auch  in  der  Harthenbachschlucht
bergauf  gehen  bis  auf  die  Hochebene  und  den  kleinen  Sammelteich
und  nun  auf  Feld-  und  Fußwegen  bis  vor  an  die  Ecke  des  Abhanges,
wo  der  Sonnentempel  einen  prächtigen  Blick  über  Tharandt  und  seine
Thäler  bietet.  Die  Entfernung  von  der  Eisenbahnbrücke  bis  zum
Harthenbachteiche  beträgt  eine  reichliche  Viertelstunde,  von  da  bis  zum
Sonnentempel  eine  reichliche  halbe  Stunde,  der  Abstieg  zur  Stadt
nicht  ganz  10  Minuten.

Von  Tharandt  bis  Edle  Krone,  am  Einflusse  des  Höckendorfer
Baches,  geht  man  eine  Stunde.  Das  Thal  des  Hoöckendorfer  Baches
ist  bis  kurz  vor  das  Dorf  und  weiter  aufwärts  an  der  Weißeritz
das  Thal  des  Seerenbaches  in  hohem  Grade  besuchenswerth,  beide
jedoch  nur  auf  eine  Strecke  von  etwa  10  Minuten;  denn  nachher
verflachen  sie  sich.  Dagegen  ist  der  Weg  durch  das  Thal  der  wilden
Weißeritz  alle  Denen  zu  empfehlen,  welche  sich  vor  einem  einsamen
Tagemarsche  von  6,  8  und  nach  Befinden  10  Wegstunden  nicht
scheuen  und  nicht  davor  zurückschrecken,  vier,  fünf  Male  durchs  Wasser
zu  gehen.  Es  wird  einem  nicht  immer  so  wohl,  mit  einem  Holzwagen
  zusammen  zu  treffen,  der  gerade  die  zu  überschreitende  Stelle
durchfuhrtet,  oder  einen  freundlichen  Holzknecht  zu  finden,  der  einen
Huckepack  über  die  groben  Kiesel  und  Steine  trägt.  Bis  Großdorfhain
führt  eine  herrliche  Straße,  und  von  dort  bis  zur  Barthmühle  ein
guter  Weg.  Dann  wird  der  Fahrweg  aber  weniger  gut,  und  von
der  Steinmühle  bis  zur  Winkelmühle  geht  nur  ein  Fußsteig,  von  der
Winkelmühle  bis  zur  Hosenmühle  nur  eine  Art  von  Fußsteig  auf  dem
rechten  Weißeritzufer  hin.  Von  hier  bis  zur  Klingenberger  Vordermühle
  ist  gar  kein  Weg.  Wer  dieses  köstliche  Wald=  und  Felsenthal
  besuchen  will,  muß  wiederholt  das  Ufer  wechseln,  um  diese  Strecke
von  kaum  einer  halben  Stunde  zu  durchwandern.  An  zwei  Stellen
ist  eine  Furth  erkennbar,  dessen  ungeachtet  aber  das  Durchschreiten
des  Wassers  immer  mit  einer  gewissen  Vorsicht  zu  unternehmen,  da
man  von  den  glatten,  rundlichen,  lockern  Kieseln  2c.  leicht  abrutscht.
Dieser  Fall  wiederholt  sich  zwischen  der  Röthenbacher  Mühle  und  der
Lehnmühle,  wo  die  Felsen  so  nahe  an  das  Wasser  heranreichen,  daß
man  nicht  vorbei  kann,  während  es  überaus  anstrengend  ist,  an  diesen
Felsenecken  in  die  Höhe  zu  steigen  und  sie  auf  diese  Weise  zu  umgehen.
  Ein  oder  zwei  Mal  bringt  man  das  fertig;  ein  drittes  Mal
schon  kehrt  man  um  und  sucht  nach  der  Stelle,  wo  das  Wasser  am
leichtesten  durchschreitbar  erscheint.  Von  der  Steinbrückmühle  an
        <pb n="272" />
        —  264  —

führen  gebahnte  Wege  bis  zur  Landesgrenze  und  von  dieser,  immer
dem  Wasserlaufe  nahe  bleibend  bis  Neustadt  bei  Niklasberg  in  Böhmen.
Man  kann  rechnen  von  Edle  Krone  bis  Klingenberger  Vordermühle
8  km,  von  da  bis  Röthenbachermühle  9  kmw,  von  da  zur  Steinbrückmühle
  6  km;  von  der  Steinbrückmühle  bis  Rehefeld  13  km,
von  Rehefeld  bis  Neustadt  5  km.  Auf  jeder  dieser  einzelnen  Strecken,
man  mag  in  das  Thal  hereinkommen,  von  wo  man  will,  und  mag
es  verlassen,  wo  es  sei,  wird  man  von  einem  mächtigen  Eindrucke
seiner  landschaftlichen  Schönheit  erfaßt.

Das  Dörschen  Zaunhaus  und  das  königliche  Fagdhaus  Reheseld
  mit  dem  Forsthause  liegen  in  einem  sich  von  der  Brücke  am
Einfluß  des  Becherbaches  bis  über  die  Grenze  weit  hinaus,  an  den
Fuß  des  Niklasberger  Keilberges  ausdehnenden  Waldthale  mit  breiter
Wiesensohle,  an  deren  beiden  Seiten  der  waldfreie,  grasbedeckte  Abhang
  hoch  hinauf  reicht,  ehe  der  prächtig  anstehende  Nadelholzwald,
auf  der  Westseite  des  Thales  mit  starken  Buchen  gemischt,  sich  weiter
aufwärts  erhebt.  Rehefeld  hieß  ursprünglich  in  Verbindung  mit  Zaunhaus
  „Sorgenfrei“.  Es  war  ein  Forsthaus  mit  etwas  Feldwirthschaft.
Auf  Waldung  und  Holzblöße  bauten  sich  Holzarbeiter  an,  und  nach
einer  Jagd  trennte  es  König  August  der  Starke  von  Zaunhaus  ab
und  benannte  es  Rehefeld.

Dieser  Theil  des  Thales  hat  ein  an  Hochgebirgslandschaft
erinnerndes  Ansehen.

Das  Thal  der  wilden  Weißeritz  ist  überhaupt  auf  dem  ganzen
Rücken  der  Erzgebirgsabdachung  das  einzige  Thal,  in  welchem  auf
seiner  ganzen  Ausdehnung  von  Rehefeld  bis  Tharandt,  37  km  weit,
kein  einziger  Ort  im  Thale  selbst  angesiedelt  ist.  Man  zählt  von
Tharandt  bis  Rehefeld  22  Mühlen  an  der  wilden  Weißeritz;  von
den  Ortschaften  reichen  aber  nur  Klingenberg,  das  25  km  weiter  aufwärts
  liegende  Schönfeld  und  das  Dorf  Seyda  mit  ihren  untersten
Häusergruppen  bis  an  den  Bach  heran.  Das  tiefe,  schroff  eingeschnittene
Thal,  welches  bei  der  Tharandter  Kirche  und  Schloßruine  rechtwinklig
nach  Osten  biegt,  verengt  sich  aufwärts,  bei  der  Edlen  Krone  schluchtartig
  von  Felsenwänden  eingefaßt,  und  behält  diesen  Charakter  bis
oberhalb  Klingenberg  bei,  nur  an  den  größeren  Flußbiegungen  im
ausspringenden  Bogen  sich  etwas  verflachend.  Von  der  Hintermühle
bei  Klingenberg  an  bis  zur  Lehnmühle  bei  Hartmannsdorf  von  70,
80  und  90  m  hohen  zum  Theile  bewaldeten  Thalwänden  eingefaßt,
nur  zwischen  der  Lehnmühle  und  Steinbrückmühle  von  flachen  waldfreien
  Hängen  begrenzt,  wird  es  von  der  Steinbrückmühle  an  von
90  und  100  m  hohen  Abhängen  gebildet,  deren  Waldbedeckung  wiederholt
  bis  an  die  Bachrinne  hinabreicht,  so  daß  auf  manchen  Strecken
        <pb n="273" />
        —  265  —

nicht  einmal  Platz  für  eine  Thalwiese  bleibt.  Das  ganze  Thal,  dessen
Besuch  höchst  genußreich  ist,  bietet  zahlreiche  Stellen  voller  malerischer,
landschaftlicher  Schönheit  und  hat  infolge  der  dünnen  Besiedelung  und
des  seltenen  Besuches  den  Charakter  von  Jungfräulichkeit  und  Reinheit
  erhalten,  wie  er  in  keinem  der  Gebirgsthäler  wieder  so  unverletzt
  sichtbar  wird.  Besonders  hervorragend  tritt  der  landschaftliche
Charakter  dieses  Thales  bei  der  Hölzelmühle,  bei  der  Röthenbacher
Mühle,  am  Einflusse  des  Hennersbaches,  aufwärts  der  Steinbrückmühle
  und  vor  Allem  vom  Dorfe  Seyda  an  aufwärts  bis  gegen  die
Quellen  der  Weißeritz  hervor.

Das  königliche  Jagdhaus  Rehefeld  ist  unzweifelhaft  an
einer  der  schönsten  Stellen  des  Thales  errichtet:  dicht  an  der  Waldesgrenze,
  vor  sich  einen  breiten,  über  30  m  ansteigenden  Wiesenabhang,
im  Thale  hinauf,  wie  an  der  gegenüberliegenden  Thalwand  sich  weithin
  fortsetzend  bis  an  die  hoch  über  dem  Wasser  befindliche  Grenze
des  aus  Fichten  und  Buchen  bestehenden  Hochwaldes.  Das  1870
erbaute  Jagdhaus  liegt  in  etwa  710  m  Meereshöhe,  ein  zweistöckiges
Gebäude  mit  vorspringenden  Eckerkern,  und  einem  durch  Ziergiebelfenster
  geschmückten  Dach.  Im  Erdgeschoß  befindet  sich  das  Eßzimmer
und  das  Rauchzimmer,  im  ersten  Stock  das  Empfangszimmer  und
das  Cabinet  der  Königin.  Das  Möblement  und  die  ganze  Ausstattung
  ist  einfach  aber  höchst  geschmackvoll;  Tapeten,  Gardinen,
Möbelbezüge  hellblau  und  weiß;  Hirsch=  und  Rehgeweihgarnituren
zum  Schmuck  wie  zur  Ausstattung  der  Möbel  vielfach  verwendet;  geschnitzte
  Jagdembleme  und  Wildstücke  dem  Charakter  des  Jagdhauses
entsprechend  angebracht;  zahlreiche  interessante  Bilder  (darunter  einige
von  J.  M.  der  Königin  selbst  gemalte)  den  Blick  des  Besuchers
fesselnd.  Hinter  dem  Jagdhaus  liegt  das  Wirthschaftsgebäude,  nördlich
desselben  die  kleine,  geschmackvolle  Kapelle.

Der  Kastellan  hat  Erlaubniß,  Fremde  herumzuführen.  —

Von  Rehefeld  führt  eine  treffliche  Straße  durch  den  Wald  nach
Altenberg;  vom  Forsthause  bis  zum  Altenberger  Schießhause  6  km.
Man  kann  im  Vorbeigehen  das  trigonometrische  Signal  oder  den
Aussichtsthurm  auf  dem  Kahlen  Berge  besuchen.

Unmittelbar  an  der  Station  Edle  Krone  mündet  das  von  Süden
kommende  Thal  des  Höckendorfer  Baches,  über  dessen  Felsenwänden
sich  das  Berggebäude  Edle  Krone  erhebt.

Nach  etwa  20  Minuten  Wegs  durch  das  enge  Felsenthal  gelangt
man  in  die  Thalweitung,  in  welcher  das  lange,  wohlhabende  Ackerbaudorf
  Höckendorf  liegt  und  sich  über  eine  halbe  Stunde  aufwärts
zieht.  Inmitten  des  Dorfes  steht  die  Kirche  mit  einem  kostbaren
Altar  und  mehreren  Denkmälern  der  Ritter  Theler  (unter  anderen
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        —  266  —

des  1361  verstorbenen  Conrad  von  Theler),  deren  Reichthum  und
Silberbergbau  zu  verschiedenen  Sagen  Veranlassung  gegeben  hat.“)

Wahrscheinlich  ist  der  Höckendorfer  Silberbergbau  zu  Anfang  des
13.  Jahrhunderts  fündig  geworden  und  Mitte  des  14.  Jahrhunderts
besonders  ergiebig  gewesen.  Höckendorf  gehörte  vom  14.  bis  Mitte
des  16.  Jahrhunderts  den  Rittern  von  Theler,  wie  auch  die  Denk—
mäler  nachweisen.  Besonders  ertragreich  waren  um  1830  die  in  der
Höckendorfer  Heide  gelegenen  Gruben  „Neue  Krone“,  welche  quartaliter
1500  Thaler  Reinertrag  gegeben  haben  soll;  ferner  „Obere  Krone“,
auf  welcher  150  Bergleute  täglich  anfuhren,  „St.  Johann“  mit  an—
geblich  118  Mark  Silber  pro  Quartal,  „Güldene  Hauptkupferkrone“
mit  quartaliter  50  Mark  Gold,  14  Mark  Silber,  100  Mark  Kupfer,
„Silberne  Fundgrube“  mit  60  Mark,  „Silberne  Blume“  mit  40  Mark
Silber  pro  Ouartal.

Obgleich  ein  Grubenbild,  eine  Art  von  Grundriß,  vorhanden  ist,
so  giebt  dieß  doch  außer  den  Namen  der  Gruben  kein  Anhalten  über
die  Lage  derselben,  und  auch  von  den  verstürzten  Stollen  und
Gruben  aus  hat  man  nur  einzelne  Spuren  des  früheren  Bergbaues
gefunden.

Der  in  hohem  Aufschwunge  befindliche  Höckendorfer  Silberberg—
bau  kam  wahrscheinlich  schon  im  15.  Jahrhundert  zum  Erliegen  und
ist  durch  einen  Wolkenbruch  am  22.  August  1557  vollends  zu  Grunde
gegangen.  Wenigstens  hat  man  bei  einem  um  1850  über  Unverhofft
Glück  Erbstollen  angelegten  Tageschachte  Schlacken,  Trümmer,  Werkzeuge
  u.  s.  w.  gefunden,  welche  den  Beweis  lieferten,  daß  die  hier
befindlichen  berg=  oder  hüttenmännischen  Betriebe  ganz  plötzlich  verlassen
  worden  seien.

Die  wiederholten  Versuche,  die  alten  Gruben  wieder  aufzufinden,
blieben  ohne  dauerndes  Ergebniß.  Trotzdem  man  ein  Gangnetz  mit
reicher  Erzführung  traf,  Nester  von  Rothgüldigerz,  Glaserz,  Bleiglanz,
Schwefelkieß  mit  starkem  Goldgehalt,  Schwerspath  mit  Bleiglanz  2c.,
ist  es  nicht  möglich  geworden,  den  Betrieb  aufrecht  zu  erhalten.

Eine  Menge  von  Stollen,  Mundlöchern,  berasten  Halden,  die
Ueberbleibsel  von  einem  alten  Kunstgraben,  die  Trümmer  von  Pochwerken,
  große  Schlackenhaufen  u.  s.  w.  waren  noch  Anfang  dieses
Jahrhunderts  vorhanden.  (Schumann  IV.  107.)

Im  Jahre  1798  wurde  die  1330  fündig  gewordene,  und  seinerzeit
  auf  acht  Zechen  betriebene  „Edle  Krone“  wieder  ausgenommen;“)

*)  Dr.  J.  A.  E.  Köhler,  Sagenbuch  des  Erzgebirges.  Schneeberg,
Gärtner.  1886.  Nr.  718,  719,  757.
*“)  Sächsische  Bergwerkszeitung.  1852.  Nr.  47.
        <pb n="275" />
        —  267  —

Mitte  dieses  Jahrhunderts  noch  unterhalb  Edle  Krone  ein  Stollen
auf  einem  Morgengange  getrieben,  Tageschachte  angelegt,  u.  s.  w.
Trotz  bedeutenden  Aufwandes  sind  die  einst  so  ergiebigen  Zechen  in
der  neuesten  Zeit  vollständig  aufgegeben  worden.

Von  den  sieben  Betsäulen  (Stationen)  welche  Conrad  von  Theler
nach  seiner  Rückkehr  von  der  Wallfahrt  nach  dem  Heiligen  Grabe
(nach  einer  Angabe  1334,  nach  einer  anderen  1360)  auf  dem  Wege
von  Cunnersdorf  bis  zur  Höckendorfer  Kirche  errichten  ließ,  stehen
noch  drei.

Im  Westen  von  Tharandt  liegt  der  Tharandter  Wald,
ein  nahezu  60  qkm  umfassendes  Waldgebiet,  mit  kostbaren  Laubund
  Nadelholzbeständen  und  etlichen  kleinen,  aber  landschaftlich  entzückenden
  Thälern.  Gegen  11  km  lang,  und  in  seiner  größten  Ausdehnung
  über  8½%  km  breit,  bietet  er  in  den  Nebenthälern  der  Wilden
Weißeritz,  dem  Zeisiggrunde,  tiefen  Grunde,  breiten  Grunde  und  dem
Haide=  oder  Seerenbachgrunde  eine  Reihe  prächtiger  Bilder,  welche  in
dem  die  nördlichen  Wasseradern  des  Gebietes  sammelnden  Thale  der
Triebisch  von  Grund  bis  oberhalb  des  Jungfernsteines  ebenfalls  mit
voller  Farbenfrische  und  Pracht  den  Besucher  erfreuen.

Inmitten  des  Waldes,  dem  Südrande  näher,  wie  den  anderen
Grenzen,  von  Wiesenflächen,  Wasser  und  Wald  umgeben,  ein  wahres
Stillleben  ermöglichend,  liegt  Grüllenburg,  ursprünglich  ein
Jagdschloß  und  als  solches  wohl  Grillenburg  genannt.

Am  Nordrande  des  Tharandter  Waldes  erhebt  sich  der  Landberg,
  von  welchem  man  eine  ausgedehnte  Fernsicht  hat,  während
die  Höhen  des  Laux,  des  Buchenwaldes,  des  Markgrafensteines  u.  s.  w.
mitten  im  Walde  liegen.

Vom  Landberge  sieht  man  im  Norden  über  der  bewaldeten
Höhe  der  Struth  die  Kirche  von  Sohra  und  daneben  am  Horizont
die  Kirche  von  Wantewitz;  Wilsdruf,  die  Kirche  von  Grumbach,  darüber
Schloß  Moritzburg,  die  Windmühle  von  Vordergersdorf;  im  Nordost
am  Horizont  den  Keulenberg,  weiter  ostwärts  die  Höhen  bei  Pulsnitz,
im  Osten  den  Porsberg,  dahinter  den  Valtenberg  und  den  Ungar
bei  Neustadt,  sodann  den  Windberg,  die  goldene  Höhe,  die  Golberoder
Kiefer,  im  Südost  den  Wilisch,  dahinter  den  langgestreckten  Schneeberg
  mit  Thurm  und  den  Luchberg.

Der  Landberg  ist  von  Tharandt  auf  dem  nächsten  Wege  über
Hintergersdorf  und  Spechtshausen  etwa  6  km.  Vom  Landberge  nach
Grund  2  km,  von  der  Lohmühle  im  Triebischthale  bis  zur  Chaussee
5  km,  bis  Grüllenburg  2  km  weiter.  Von  Grüllenburg  über  den
Warnsdorfer  Born  und  durch  den  tiefen  Grund  nach  Tharandt  8  km;
        <pb n="276" />
        —  268  —

oder  vom  Warnsdorfer  Born  durch  den  Buchenwald  und  Breiten
Grund  eben  so  weit;  endlich  von  Grüllenburg  über  den  Floßteich
durch  den  Seerengrund  nach  Tharandt  10  km.  Die  Triebischquelle
liegt  3  km  von  Grüllenburg,  südlich  von  Angermanns  Krenz.

31.  Gebirgshkamm.  Ueustadt.  Uiklasberg.  Blostergrab.
  Osseg.  Riesenburg.  Brürer  Schloßberg.

Das  kurze  Stück  des  Gebirgskammes  zwischen  den  Weißeritzquellen
  ist  nach  Südwest  gerichtet;  der  charakteristische  Eckstein  dieses
Theiles  vom  Gebirgskamme  liegt  jedoch  im  Wieselstein,  von  welchem
an  sich  derselbe  scharf  nach  Nordwest  wendet.  Auf  dem  Gebirgsrückenzuge
  liegt  der  Kleine  Lugstein  (898  m)  bei  Altgeorgenfeld,
mit  einer  recht  guten  Aussicht  nach  Südost,  das  böhmische  Mittelgebirge
  im  Hintergrunde;  sodann  das  Kreuz  (811  m)  oberhalb
Niklasberg  mit  seinem  prächtigen  Blick  über  den  Thalabsturz  des
Grundbaches  und  die  böhmische  Ebene,  nahezu  im  Süden  den  Borschen
vor  sich;  endlich  der  Wieselstein  (956  m),  von  welchem  man  am
trigonometrischen  Signal  eine  ausgedehnte  Rundsicht  hat.  Im  Südwest
  Fichtelberg,  Haßberg,  Keilberg,  den  Hengsberg  und  das  Liesengebirge,
  den  Chlumberg;  im  Süden  den  Brüxer  Schloßberg  und
weiter  ostwärts  Schladnig,  Borschen,  Radelstein,  Milleschauer,  Kletzschen,
Langen  Berg,  im  Osten  die  Wostrey;  in  äußerster  Ferne  Geltschberg,
Kaltenberg,  Kleißberg.  Im  Westen  Bärenstein,  Scheibenberger  Hügel,
Pöhlberg;  im  Nordwest  Jagdschloß  Lichtenwald.

Bei  Weitem  malerischer  ist  die  Aussicht  vom  Kreuze  am  Südende
  von  Langewiese  (740  m).  Im  Westen  von  dem  steil  aus  dem
Wald  aufragenden  Wieselstein  dem  sich  anschließenden  Hohen  Schußberg
  und  dessen  Abhängen  begrenzt,  im  Osten  abgeschlossen  durch  den
Waldrücken  des  Hohen  Hau  und  des  Strobnitzberges,  sieht  man  durch
den  Thaleinschnitt  des  Riesenbaches  hinaus  über  die  reichgeschmückte,
gartenähnliche  böhmische  Ebene  nach  dem  Mittelgebirge,  seinen  Vorbergen
  und  Gipfeln.  Die  Aussicht  von  dem  höher  gelegenen  Wolfsberge
  (889  m)  ist  zwar  umfassender,  aber  weniger  schön.

Nahe  der  schmalsten  Stelle  des  Gebirgskammes,  an  den  Quellen
der  wilden  Weißeritz,  welche  unmittelbar  über  dem  Orte  entspringt,
liegt  Neustadt,  und  3  km  in  nördlicher  Richtung  davon  entfernt
das  Fischerhaus,  in  dessen  Nähe  der  Durchstich  durch  die  Wasserscheide
  zwischen  Hirschbach  und  Holperbach  durch  eine  Straßenbrücke
überschritten  wird.  Oestlich  davon  Bahnhof  Moldau  in  etwa
        <pb n="277" />
        —  269  —

790  m  Meereshöhe.  Der  Glaserberg,  zwischen  Neustadt  und  Fischerhaus,
  hat  keine  Aussicht;  eben  so  wenig  der  südöstlich  von  Neustadt
liegende  Stürmer.  ·

Vom  Fischerhaus  nach  Rehefeld  sind  etwa  30  Minuten;  der
Albertthurm  ist  nicht  besteigbar.  Von  Zaunhaus  über  das  Kalkofener
Jagdhaus  nach  Neustadt  sind  gegen  5  km.,  von  da  nach  Niklasberg
etwas  über  3  Kkm.  Das  herrliche  Waldthal  der  wilden  Weißeritz  ist
jedoch  zwischen  Zaunhaus  und  den  Neustädter  Sägemühlen  ohne  Weg.

Die  Eisenbahn  führt  vom  Bahnhofe  Moldau  an  ziemlich  hoch
über  der  Sohle  des  Thales  durch  den  Wald  und  bietet  nur  an
einzelnen  Stellen  einen  Ausblick  auf  die  frischen  grünen  Wiesenflächen
und  nach  den  waldigen  Höhen  des  Bornhauberges.  Doch  Bach  und
Bahn  kommen  einander  immer  näher;  an  der  Gabelung  zweier  kleinen
Nebenwässer  liegt  tief  in  Thal  und  Wald  versteckt  die  Station  Neustadt,
  und  kurz  hinter  ihr  tritt  mit  einer  scharfen  Biegung  die  Bahn
in  einen  wenig  über  200  m  langen  Tunnel  durch  den  Rückenzug  des
Gebirges  ein.  Der  kurze  Einschnitt  hat  jede  Umsicht  benommen,  das
Dunkel  steigert  sich,  ein  Augenblick  Finsterniß.  .  und  man  tritt  zur
Tunnelpforte  auf  die  Südseite  des  Gebirges  hinaus.  Vor  dem  tiefen
Thalschrunde,  in  welchen  man  hineinblickt,  mit  seinen  von  Nadel=  und
Laubholz  üppig  begrünten  Steilhängen,  den  Schuttkegeln  von  kahlem
Geröll,  den  durch  den  Eisenbahnbau  geschaffenen  nackten  Felsklippen
und  Terrassenvorsprüngen,  mit  der  in  zahlreichen  Windungen  von
der  einen  nach  der  anderen  Seite  sich  biegenden  und  wendenden  Bahn,
tief  unten,  wie  aus  der  Schachtel  aufgebaut,  das  niedliche  Städtchen
und  vor  der  Oeffnung  des  kurzen,  engen  und  schroffen  Thalkessels
duftigblau  der  Donnersberg  mit  seinem  bewaldeten  Kegel  die  vor  ihm
liegende  Höhenkette  um  fast  300  m  überragend  —  ein  köstlich  schönes
Bild,  das  nur  zu  schnell  durch  den  Eintritt  in  einen  Felseneinschnitt
und  in  einen  zweiten,  kleineren  Tunnel  geschlossen  wird.  Beim  Austritt
  aus  diesem  zweiten  Tunnel  liegt  Station  Niklasberg  hoch
über  der  mit  einer  holprigen  Berggasse  nahe  herauf  reichenden  Stadt.
Die  Bahn  hat  sich  gewendet;  man  sieht  hinüber  nach  den  Westabhängen
des  Thales,  nach  dem  dicht  bewaldeten  Stürmer  und  dem  Hohen  Hau
bei  Langewiese.  Tief  unten  das  Städtchen  mit  seinen  kleinen  Häusern,
den  Ziegel=  und  Schindeldächern,  den  kurzen  Straßen,  dem  niedrigen
Thurme  ..  .  Auch  Niklasberg  verdankt  dem  Silberbergbau  seinen
Ursprung;  derselbe  ist  aber  längst  ausgegeben.  Im  Thale  des  Grundbaches

  liegen  einige  Mühlen  und  eine  Glasfabrik;  am  unteren  Ende
wird  das  Thal  durch  eine  hochgelegene,  eiserne  Gitterbrücke  überspannt.

Die  Eisenbahn  wendet  sich  vom  Bahnhofe  Niklasberg  erst  südund
  dann  in  weitem  Bogen  ostwärts,  um  mit  stetigem,  starken  Fall
        <pb n="278" />
        —  270  —

die  Station  Eichwald  zu  erreichen.  Dieselbe  liegt  am  Steilabhange
des  Seegrundbaches,  etwa  1  km  aufwärts  von  der  Biliner  Mühle,
in  etwa  600  m  Meereshöhe.  Es  ist  eine  enge  und  kurze  Kopfstation.
Größere  Züge  können  überhaupt  bei  der  enormen  Steigung  auf  der
Bahnstrecke  Moldau-Eichwald-Klostergrab  nicht  verkehren.  Denn  der
Tunnel  oberhalb  Niklasberg  liegt  etwa  in  790  bis  800  m  Meereshöhe,
  die  Station  Eichwald  in  600  m.  Die  Station  Klostergrab
in  380  m.  Die  Bahnstrecke  vom  oberen  Niklasberger  Tunnel  ist
etwa  6  km  bis  Eichwald  und  von  da  5  ½  km  bis  Klostergrab;  auf
dem  einen  Theile  eine  Steigung  von  1:33,  auf  dem  anderen  von
1:39.  Die  Maschinen  keuchen  und  ächzen  den  Berg  hinauf  und  ein
Zug  von  nur  wenigen  Wagen  verlangt  schon  eine  Hülfs-Maschine,
welche  die  Last  schiebt.

Auf  der  Fahrt  von  Station  Eichwald  bis  Klostergrab  hat  man
schöne  Ausblicke  nach  Böhmen  hinein;  auf  der  großen  Eisenbahnbrücke
nach  Niklasberg  und  dem  Gebirgsabsturz  hinauf.  Unweit  des  Forsthauses
  Fuchswarte  ist  der  wegen  seiner  Aussicht  nach  dem  Mittelgebirge
  viel  besuchte  Wolfsstein.

Auf  einem  terrassenähnlichen  Vorsprunge  unterhalb  des  Bahnhofplateaus
  liegt  die  langgestreckte,  Ende  des  11.  Jahrhunderts  gegründete
  Stadt  Klostergrab.  Auch  hier  gab  die  Entdeckung  reichhaltiger
  Silberadern  Veranlassung  zur  Ansiedelung  und  so  lange  der
Bergbau  ergiebig  war,  stand  das  Städtchen  in  hohem  Wohlstande.
Aber  schon  gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts  war  der  Ertrag  des
Bergbaues  sehr  gesunken,  und  im  30jährigen  Kriege  und  der  sich
ihm  anschließenden  Vertreibung  der  Protestanten  erlag  er  gänzlich.
Noch  zeigt  man  die  Stelle  hinter  dem  Rathhause,  wo  die  1616  zerstörte
  protestantische  Kirche  stand.

So  lange  die  Eisenbahn  frei  am  Bergabhange  hin  führt,  hat
man  eine  prächtige  Aussicht  nach  dem  böhmischen  Thalkessel  und  den
ihn  abschließenden  Bergen.

Auf  dem  sanft  fallenden  Schuttkegel  des  Uhrenbaches  liegt  der
wohlhabende  Ort  Alt=  und  Neu-Osseg  und  das  große,  1193
gegründete  Cistercienserstift.  Dasselbe  wurde  schon  1249  zerstört,  gerieth
  nach  seinem  Wiederaufbau  1341  in  Brand,  und  wurde  nach
seiner  Wiederherstellung  1421  von  den  Pragern  und  1429  von  den
Taboriten  dergestalt  verwüstet,  daß  es  fast  zwei  Jahrhunderte  lang
verödet  liegen  blieb.  Erst  von  1626  an,  dem  Jahre  der  Gegenreformation
  Böhmens,  wurden  Kloster  und  Kirche  in  ihrer  gegenwärtigen
  Pracht  aufgebaut.  Kirche  und  Klostergarten  sind  jederzeit
offen.  Die  Besichtigung  der  Klostergebäude  wird  gern  gestattet.
        <pb n="279" />
        —  271  —

(Anmeldung  beim  Pförtner;  50  Kr.  dem  Führer.)  Die  große
Klosterbibliothek  ist  reich  an  alten  Handschriften  und  Urkunden.

Zum  Aufenthalte  eignen  sich  in  Osseg  das  Gasthaus  zum  Kaiser
von  Oestreich,  in  Eichwald  das  Theresienbad,  in  Graupen  das  Gasthaus
  zur  Stadt  Dresden,  in  Mariaschein  das  dem  Klosterthor  gegenüberliegende
  Gasthaus.

Wer  den  Besuch  von  Teplitz  mit  einer  Wanderung  durch  das
Erzgebirge  verbindet,  wird  das  köstliche  Thal  des  Seegrundes,  von
Eichwald  bis  zur  Biliner  Mühle  3  km,  von  da  bis  Zinnwald
5  km,  in  seiner  ganzen  Länge  durchwandern  oder  durch  einen  der
Nebengründe  über  das  Gebirge  steigen,  westlich  über  das  Kalkofener
Jagdhaus,  nordöstlich  über  Hinter-Zinnwald.

Auf  dem  Gebirgsfuße  zwischen  dem  Seegrunde  und  dem  Uhrengrunde
  liegt  2  km  vom  unteren  Ende  von  Eichwald  das  Jagdschlößchen
Doppelburg  mit  den  acht  von  ihm  ausgehenden,  strahlenförmig
geordneten  Walpdurchhieben  und  Alleen;  1  km  weiter  auf  einem  Bergvorsprunge
  Schloß  Kosten,  3  km  davon  Klostergrab,  3  km  davon
das  Forsthaus  bei  Ober-Haan,  2  km  Osseg.  Der  ganze  Weg  ist,
besonders  zwischen  Eichwald  und  Kosten,  reich  an  schönen  Waldparthieen
  und  Durchsichten  nach  der  Ebene  und  dem  Mittelgebirge.

Westlich  von  Osseg,  etwa  1  km  vom  Eisenbahnübergange  der
Brüx-Moldauer  Bahn  liegt  die  Salesiushöhe  mit  einer  prachtvollen
  Aussicht  nach  dem  böhmischen  Kessel;  im  Süden  der  Brüxer
Spitzberg;  von  Süd  nach  Ost  weiter  gehend  Schladnig,  Borschen,
Radelstein,  Klotzberg,  Donnersberg,  Kletschen  u.  s.  w.  bis  zum  Wostrey
  und  Teplitzer  Schloßberge.

Im  Nordwesten  von  Osseg,  im  steilen  Waldthale  des  Uhrenbaches
  aufwärts  steigend,  erreicht  man  in  etwa  ¾  St.,  zuletzt  nach
steilem  Anstiege,  das  Riesenburger  Forsthaus,  auf  der  Nordseite  der
gewaltigen  Trümmer  der  Riesenburg.  Auf  steilem  Felsen=  und
Bergvorsprunge,  weit  genug  in  die  Steilhänge  des  Gebirges  zurückgezogen,
  um  jedem  Angriffe  trotzen  zu  können,  und  doch  hinreichend
vorgeschoben,  um  die  Thalebene  vollständig  zu  beherrschen,  war  die
Riesenburg,  eben  so  wie  alle  großen  frühmittelalterlichen  Burgen  der

Sitz  eines  den  weiten  Umkreis  besitzenden  Dynastengeschlechtes.  Für
die  von  Einzelnen  ausgesprochene  Meinung,  daß  die  auf  dem  südlichen
Abhange  des  Erzgebirges  liegenden  Burgen  Grenzburgen  gegen  Meißen
gewesen  seien,  läßt  sich  kein  Anhalt  finden.  Die  Thatsache,  daß  die
Eingänge  zu  diesen  Burgen  ausnahmelos  auf  der  Gebirgsseite  liegen,
spricht  wenigstens  nicht  dafür.

Die  angeblich  im  9.  Jahrhundert  gegründete,  nach  den  vorhandenen
  Resten  jedoch  erst  nach  Ende  des  12.  oder  Anfang  des
        <pb n="280" />
        —  272  —

13.  Jahrhunderts  in  ihrem  vollem  Umfange  erbaute  Burg  dehnt
sich  auf  dem  Bergvorsprunge  weit  nach  Südost  aus.  Der  Pirnaische
Mönch  sagt:  „Risenbergk,  ein  Schloss  zu  Behmen  1226  von  Bosso
von  Risenberg“  erbaut.  Der  Zugang  lag  aller  Wahrscheinlichkeit
nach  zunächst  des  weit  später  erbauten  Jägerhauses;  der  Graben  ist
mit  Trümmerschutt  angefüllt  und  kaum  zu  erkennen.  Hier  trat  man
in  den  unteren  Burgtheil,  über  welchem  sich  bastionsförmig  ein  kreisförmig
  abgerundeter  Bau  erhob,  über  dessen  noch  hoch  aufragende
Ueberreste  sich  der  nördliche  der  noch  stehenden  quadratischen  Thürme
erhob.  Mit  einem  Zwischenraume  von  etwa  20  bis  25  m  ist  hinter
demselben,  also  südöstlich,  ein  noch  stärkerer  und  auch  in  seinen  Ueberresten
  noch  höher  stehen  gebliebener  viereckiger  Thurm  errichtet;  beide
Thürme  mit  großen  Werkstücken  an  den  Ecken  und  wechselnd  großen
Steinen  in  den  Zwischenräumen  sehr  sorgfältig  und  gewissenhaft  hoch
aufgemauert.  Die  Fensterlöcher  sind  durch  Wetter  und  Feuersbrunst
der  Fensterstöcke  beraubt.  Zwischen  diesen  beiden  Thürmen,  und  auf
der  Westseite  über  dieselben  hervorragend  befand  sich  das  höchstgelegene
  Gebäude  der  Burg,  wahrscheinlich  das  Palatium.  An  den
großen  Thurm  schloß  sich  südöstlich  ein  langgestreckter,  viereckiger  Hof,
der  rings  mit  Gebäuden,  auf  der  Ostseite  wenigstens  mit  einem  hohen
Wehrgange  umgeben  gewesen  zu  sein  scheint.  Hier  befand  sich  das
Hauptgebäude  allem  Vermuthen  nach  auf  der  Südseite,  wenigstens
sprechen  die  Trümmer  und  ein  zum  Theil  stehen  gebliebener,  kleinerer
quadratischer  Thurmvorsprung  dafür.  Rings  um  diese  beiden  stufenförmig
  liegenden  Haupttheile  der  Burg,  von  deren  äußeren  Umrissen
noch  ganz  bedeutende  Mauerreste  den  Nachweis  geben,  während  die
inneren  Mauern  fast  sämmtlich  zerstört  sind,  und  der  Uleberblick  der
inneren  Verhältnisse  der  Burg  dadurch  wesentlich  erschwert  ist  —
rings  um  diese  Haupttheile  der  Burg  zieht  sich  der  niedere,  zum
Theil  von  sehr  hohen  Umfassungsmauern  begrenzte,  einen  Umgang
bildende  Unterhof  der  Burg,  welcher  ohne  Zweifel  in  verschiedene  Abschnitte
  getrennt  gewesen  ist.  Auf  der  Westseite,  zunächst  des  Einganges,
lag  wahrscheinlich  ein  größerer  unterer  Hof,  dessen  viereckiger  Grundriß
  noch  erkennbar  ist.  Von  da  steigt  der  zwischen  der  Umfassungsmauer
  und  den  Hauptgebäuden  der  Burg  hinaufführende  Weg  nach
dem  höher  gelegenen  zweiten  Hof,  und  von  dort  erst  in  den  dritten
Hof  hinauf.  In  dem  auf  dem  Südostende  der  Burg  befindlichen
zweiten  Hofe  steht  der  noch  jetzt  bedeutend  hohe  und  wohlerhaltene
runde  Wartthurm,  welcher  auch  noch  bestiegen  werden  kann  (Anmeldung
  im  Forsthause).  Die  Aussicht  geht  nach  Südost  weit  hinaus.
Vor  diesem  Wartthurme,  der  dicht  an  der  Umfassungsmauer  des
zweiten  Hofes  steht,  ist  noch  ein  niedriger  gelegener  Zwinger  kenntlich.
        <pb n="281" />
        —  273  —

Ueberall  liegt  aber  Schutt;  ganze  Mauerstücke  sind  niedergebrochen,
wie  Felsblöcke  von  steinhartem  Mörtel  zusammengehalten;  aber  man
sieht  auch,  daß  das  Mauerwerk  der  alten  Burg  als  Steinbruch  benutzt
  und  als  Baumaterial  weggefahren  wird.  Die  Burg  wurde
durch  die  Hussiten  zerstört.

Um  eine  Ansicht  des  Erzgebirges  von  der  Südseite  zu  gewinnen,
ist  der  Besuch  des  in  der  Luftlinie  15  km  vom  Wieselsteine  entfernten
Brüxer  Schloßberges  zu  empfehlen.  Es  ist  derselbe  allerdings
  nicht  ganz  bequem  zu  erreichen,  da  Brüx  von  Osseg  12,  von
Ober-Leutensdorf  8  km  entfernt  ist.  Nun  ist  aber  der  Nachmittag
überhaupt  auch  nur  die  geeignete  Zeit,  um  eine  Ansicht  des  Erzgebirges
  von  einem  südlich  gelegenen  Punkte  zu  gewinnen,  und  besonders
die  Zeit  zwischen  4  und  6  Uhr.  Man  kann  hier  gerade  die  Eisenbahn
  zwei  Mal  benutzen.  Fährt  man  z.  B.,  wenn  der  Fahrplan
nicht  inzwischen  geändert  ist,  1,49  Nachm.  von  Station  Osseg-Riesenburg,
  so  ist  man  2,24  in  Brix,  besucht  die  Stadt  und  den  Schloßberg,
  auf  welchem  man  bis  5,20  verweilen  kann,  um  rechtzeitig  noch
auf  Station  Ober-Leutensdorf  der  Bodenbacher  Bahn  in  den  Zug
7,58  einzusteigen  und  8,16  in  Station  Osseg  anzukommen.

Brüyx  ist  eine  der  ältesten,  deutschen  Städte  Böhmens.  Ueberreste
  der  früheren  starken  Befestigungen  sind  noch  vielfach  zu  erkennen.
Bemerkenswerth  die  1517  von  Benesch  von  Laun  erbaute  Stadtkirche,
  73  m  lang,  37  m  breit,  24  m  hoch  (im  Innern).  Die  nach
Innen  liegenden  Strebepfeiler  sind  durchbrochen,  so  daß  man  auf  der
Empore  herumgehen  kann;  die  Kirche  ist  dreischiffig.  Das  Gewölbe
wird  von  16  Pfeilern  getragen.  Die  zwei  Wendeltreppen  zu  den
Emporen,  eine  einfache  und  eine  doppelte,  sind  freitragend;  die  Darstellungen
  an  den  Brüstungen  der  Emporen  stammen  aus  der  Bauzeit.
Die  Brüxer  Stadtkirche  gehört  ihrer  ganzen  Ausführung  und  Anlage
nach  zur  Gruppe  der  großen  erzgebirgischen  Kirchenbauten.

Die  Burg  auf  dem  Schloßberge  wurde  1651  von  den  Bürgern
von  Brüx,  ihren  Besitzern,  vollständig  zerstört.  Ueber  die  Anlage
dieser  großen  Burg,  deren  Umfang  noch  durch  den  ringsum  reichenden
Wallgraben  bezeichnet  wird,  läßt  sich  nicht  das  Geringste  sagen;  nur
Trümmerhaufen  und  zusammenhangslose  Mauerstücke  sind  noch  vorhanden.


Einzig  schön  ist  an  einem  hellen  Nachmittage  die  Aussicht  nach
dem  Erzgebirge.  Im  Westen,  über  dem  Durchbruche  der  Eger,  erhebt
  sich  der  gewaltige  Keilberg,  vor  ihm  der  Kupferhügel,  sodann
der  Fichtelberg,  der  Spitzberg,  der  Haßberg  (genau  in  West),  der
Bärenalleeberg,  der  Beerhübel,  und  nunmehr  in  nächster  Nähe  der
Tannigberg,  der  gewaltige  Bärensteinberg,  der  Wolkenhübel,  der  Farben-18
        <pb n="282" />
        —  274  —

hübel  und  genau  im  Norden  über  dem  Hohen  Schußberg  hoch  aufragend
  der  Wieselstein.  Sodann  Wolfsberg,  Dreiherrenstein,  Stürmer,
Bornhauberg  mit  allen  ihren  Steilabsätzen  und  tief  eingerissenen  Thalschrunden,
  Schluchten  und  Absätzen,  Vorterrassen  und  kulissenförmigen
Verschiebungen;  weiter  nach  Osten  die  Höhen  von  Zinnwald,  das
Mückenthürmchen,  die  Nollendorfer  Kirche.

Die  Ost-Mulde.  Nossen.  Altenzella.

Etwa  50  m  über  der  Thalsohle,  auf  steilem,  felsigen,  nach  Ost
vorgestrecktem  Felsvorsprunge  liegt,  das  Schloß  Nossen.  Der  Name
„Nuzzin“,  wie  es  urkundlich  1185  erwähnt  wird,  ist  bezeichnend;
Nolz  —  Nase,  Bergvorsprung,  Ecke  —  denn  an  dieser  Ecke  war  die
Südgrenze  des  slavischen  Landes  Dalamince.

Anfang  des  12.  Jahrhunderts  gegründet,  wurde  1315  die  Burg
und  das  Städtchen  Nossen  durch  Witigo  II.  Bischof  von  Meißen
von  den  Herren  von  Auzzin  erkauft  und  dieser  erbaute  auf  der  östlichen
  Bergkante  ein  neues  Schloß;  die  Dechantei  (jetzt  Strafanstalt).
Es  ist  nicht  leicht  sich  eine  Vorstellung  von  der  ursprünglichen  Burganlage
  zu  machen,  da  zahlreichere  neuere  Bauten  aneinander  gereiht,
vielfach  verändert  und  umgebaut,  die  Uebersicht  erschweren.  Die  Gesammtanlage
  der  großen  und  ausgedehnten  Burg  bildet  ein  Trapez,
dessen  beide  längere  Seiten  nach  Nord  und  nach  Süd  gerichtet  sind,
die  kürzeste  nach  Ost,  die  etwas  breitere  nach  West.  An  das  kleine,
alte  Hauptgebäude  der  Burg  reihen  sich  die  verschiedenen  übrigen
Bauten  der  Nord=  und  Westseite  an.  Bischof  Thimo  von  Meißen
verpfändete  die  Burg  und  Bischof  Johann  IV.  verkaufte  sie  an  das
reiche  Kloster  Alten-Zella  (1437)  und  obgleich  Kaiser  Friedrich  III.
Nossen  1483  als  Reichslehen  erklärte,  sielen  Burg  und  Stadt  mit
dem  Kloster  bei  der  Säcularisation  an  das  Kurhaus  Sachsen.  Kurfürst
  August  ließ  1554  die  Burg  wieder  herstellen.  Der  nach  der
Stadt  gerichtete,  quer  über  den  Bergriegel  erbaute,  schloßähnliche
Flügel  mit  seinen  drei  starken  Rundthürmen,  ein  stattlicher  Bau,
welcher  jedenfalls  diesem  Umbau  seine  gegenwärtige  Gestalt  verdankt,
erinnert  in  seinen  Grundlinien  an  den  fast  gleichzeitigen  Neubau  auf
Burg  Lauenstein;  nur  daß  der  Kurfürst  reicher  baute,  wie  der  Vasall.
Bei  den  1630,  1667  und  1670  vorgenommenen  Umbauten  ist  der
Charakter  der  Burg  vollständig  verändert  worden;  das  Ganze  aber
hat  in  seiner  äußeren  Gestalt  auf  keinen  Fall  gewonnen.  Einen
stattlichen  Anblick  gewährt  das  Schloß  hauptsächlich  von  der  West-
        <pb n="283" />
        —  275  —

seite;  einen  fast  eben  so  schönen  von  der  Ostseite,  auf  halber  Höhe
des  Rothigberges.

Die  Stadt  Nossen  hat  weder  Mauern,  noch  Thore;  sie  ist  unzweifelhaft
  in  früheren  Zeiten  nur  ein  kleines  Städichen  unter  dem
Schutze  der  großen  Burg  gewesen.  Das  Portal  der  Stadttirche
stammt  aus  der  Klosterkirche  von  Altenzella;  die  im  Bogenschild  des
Südportals  befindliche  „Rose“  ist  ihres  kunstgeschichtlichen  Werthes
halber  bekannt.

Oestlich  der  Stadt  erreicht  man  den  auf  dem  Rothig  errichteten
eisernen  Thurm.  Man  sieht  von  ihm  den  Colmberg  bei  Oschatz,  die
Kirche  von  Lommatzsch,  den  Keulenberg  bei  Königsbrück,  die  Ruine
von  Frauenstein.

Etwa  ½  Stunde  südlich  vom  Rothig  liegt  die  Stadt  Siebenlehn.
  Sie  gehört  zu  den  ältesten  Bergstädten  Sachsens  und  ist
angeblich  schon  1106  gegründet.  Der  Name  ist  ein  redender.  Albinus
  sagt,  daß  der  Muther  3½  Lehen  zu  7  Lachter  aufwärts  und
ebensoviel  abwärts  vom  Rundbaume  (der  Schachthaspel)  für  sich  erhalten
  habe.  Das  alte  Stadtwappen  enthält  die  Inschrift:  „Mons
Siebenlebhn"“;  aber  nirgend  werden  in  der  Umgebung  noch
Haldenzüge  gefunden.  Die  nordöstlich  der  Stadt  liegende  Zeche
Romanus  ist  neueren  Ursprunges.  1632  brannte  der  Croatenoberst
Markus  Carpitz  die  Stadt  vollständig  nieder.  (Schumann  XI.  137.
XVIII.  7711.)

Auf  der  Anhöhe  südlich  von  dem  an  Siebenlehn  anstoßenden
Dorfe  Breitenbach  hat  man  einen  herrlichen  Ausblick  über  das  Thal
der  Bobritzsch,  den  Tharandter  Wald  im  Hintergrunde.

Etwa  20  Minuten  westlich  vom  Nossener  Schlosse  liegen  die
Trümmer  des  Klosters  Alten-Zelle.

Der  noch  jetzt  mit  einer  Mauer  unmschlossene  frühere  Klostergarten
  bildet  ein  unregelmäßig  begrenztes  Viereck  von  etwa  400  m
mittler  Breite  und  Länge.  Der  Haupteingang  in  der  Mitte  der
Westseite  der  Umfassung,  ein  großes,  weites  Thor  in  prächtigem
Rundbogen,  dessen  drei  absatzförmige  Rundleisten  auf  tief  in  Schutt
begrabenen  Säulen  ruhen,  von  denen  kaum  noch  die  Hälfte  zu  sehen
ist,  stammt  zweifelsohne  aus  dem  Anfange  des  13.  Jahrhunderts.
Die  Einfachheit  der  Säulen  und  Capitäle,  die  Construction  des
weiten  Thorbogens,  Zeichnung  und  Anlage  sprechen  dafür.  Wie  man
hört,  sollen  die  Sockel  der  Säulen  freigelegt  werden.

Von  diesem  Haupteingange  kommt  man  in  gerader  Linie  auf
die  Hauptthüre  der  Klosterkirche,  deren  von  West  nach  Ost  gerichtete
Achse  die  Basis  bildet,  von  welcher  man  aus  den  vorhandenen  geringen

  und  zerstreuten  Resten  eine  Vorstellung  über  die  Anlage  der
18“
        <pb n="284" />
        —  276  —

hauptsächlichsten  Gebäude  des  weitläufigen,  reich  angelegten  und  reich
ausgestatteten  Klosters  gewinnen  kann.

Die  Klosterkirche,  deren  Grundmauern  und  Fundamente  von
zwanzig  Säulen,  welche  das  Hauptschiff  von  den  Seitenschiffen
trennten,  noch  gegenwärtig  deutlich  zu  erkennen  sind,  war  vermuthlich
eine  dreischiffige  Basilika,  welche  schon  bei  ihrem  Aufbau  auf  das
Reichste  und  Kostbarste  ausgestattet  wurde  (vergl.  Eduard  Beyer,  das
Cistercienserstift  und  Kloster  Alt-Zella,  Dresden,  Jansen,  1855).
Wie  das  äußere  Thor  darauf  hinweist,  so  auch  die  ausgegrabenen
Trümmerreste,  welche  vielfach  Spuren  von  Malerei,  vorwiegend  hellblau
  und  roth,  sowie  starke  Vergoldung  zeigten.  Mit  Laubwerk  verzierte
  Gewölbschlußsteine,  Säulenschäfte,  Capitäle  und  Sockel  in  zahlreichen
  Bruchstücken,  Theile  von  Figuren  und  Verzierungen,  Stücke
von  bunten  Glasscheiben,  geschmolzenes  Blei,  mosaikartige,  bunte  Fußbodenfließe
  u.  s.  w.  bezeugen  die  Pracht  der  ersten  Anlage,  wie  die
Kostbarkeit  aller  späteren  Bauten,  welche  mit  allem  Luxus  ihrer  Zeit
ausgeführt  worden  waren.

Außer  dem  der  Jungfrau  Maria  geweihten  Hochaltar  hatte  die
Klosterkirche  ursprünglich  sechs  Nebenaltäre,  auf  der  Südseite  dem
h.  Stephanus,  Thomas  und  Bernhardus,  auf  der  Nordseite  dem
h.  Pancratius,  dem  heiligen  Kreuz  und  dem  h.  Augustinus  geweiht.
Diesen  wurde  1367  der  Altar  der  h.  Barbara,  1393  der  des
h.  Geistes,  im  14.  Jahrhundert  der  Altar  des  h.  Bartholomäus,
1402  der  der  vier  Evangelisten,  1432  der  der  Empfängniß  Mariä,
1508  der  der  h.  Anna  noch  zugefügt.  Nächst  diesen  13  Altären
befanden  sich  in  der  Kirche  eingebaut  die  Johannes=  und  Peterskapelle,
beide  auf  der  Nordseite  des  hohen  Chores  vor  dem  Altare  (1175
geweiht)  die  Benediktus=  und  Martinus-Kapelle,  beide  an  der  Seite
des  Sanctuarium  (1180  geweiht)  und  nahe  am  Ausgange  der  Kirche
die  Marienkapelle,  deren  Stiftungsjahr  nicht  angegeben  ist.

Außerhalb  der  Kirche,  jedoch  an  dieselbe  angebaut,  stand  unmittelbar
  südlich  des  Hauptportals  die  1339  von  Markgraf  Friedrich
dem  Ernsthaften  errichtete  und  1349  geweihte  Andreaskapelle,  die
markgräfliche  Begräbnißkapelle,  von  quadratischem  Grundriß,  deren
Kreuzgewölbe  auf  zwei  in  der  Mittellinie  stehende  Säulen  ruhen,  an
deren  einer  das  Grabmahl  Friedrich  des  Ernsthaften  stand.

Nördlich  des  Hauptportales  der  Kirche  war  eine  Kapelle,  welche
als  die  Truchseß-Kapelle  bezeichnet  wird,  obgleich  sich  hierfür  kein
Nachweis  findet.

Auf  der  Südseite  des  hohen  Chores  schloß  sich  die  Michaelsoder

  v.  Schönberg'sche  Kapelle  an,  1218  geweiht,  eine  der  größten
        <pb n="285" />
        —  277  —

der  anstoßenden  Kapellen,  mit  zwei  noch  in  den  Grundmauern  erkennbaren
  halbrunden  Nischen.  Ihr  gegenüber  auf  der  Nordseite  der
Kirche  eine  kleinere  Kapelle,  an  welche  das  Gebäude  mit  dem  Capitelsaal
  sich  anschloß,  wie  an  die  Mauern  der  sogenannten  Truchseß-Kapelle
  das  Winter-Refectorium,  an  welche  Gebäude  sich  nördlich  das
Sommer-Refectorium  anschloß.

Um  den  durch  diese  Gebäude  gebildeten  quadratischen  Hof  führte
der  Kreuzgang,  an  welchem  die  1472  gestiftete,  ebenfalls  in  ihren
Grundmauern  noch  erkennbare  Gerhardskapelle  (die  neue  Kapelle  im
Kreuzgange)  stand.  Die  Ostseite  dieses  Vierecks  wurde  von  der  schon
genannten  kleineren  Kapelle,  dem  großen  Capitelsaal  und  einer  größeren
Kapelle  gebildet.  Der  Capitelsaal  hatte  einen  Fußboden  aus  Thonmosaikplatten,
  zwei  runde  Säulen  von  Rochlitzer  Sandstein  trugen
die  Decke.  Die  nördlich  von  demselben  befindliche  Kapelle  hatte  ein
hohes  Chor,  welches  durch  drei  hohe  gothische  Fenster  Licht  erhielt.
Die  Decke  war  gewölbt.  In  den  bunten  Mosaikfußboden  waren  drei
Grabsteine  eingelassen.  Auf  der  Nordseite  des  Kreuzganges  stand
das  Sommer-Refectorium,  in  welchem  sich  unten  die  Küche,  darüber
der  Speisesaal  befand.  Die  Westseite  bildete  das  jetzt  noch  stehende
Winter-Refectorium.  In  den  mit  schönen  Gewölben  aus  der  ersten
Zeit  des  Klosters  geschlossenen  Parterreräumen  befand  sich  die  Bibliothek,
  darüber  ein  großer  Saal  mit  hölzerner  Decke,  welche  von
starken  doppelten  Balken  getragen  wurde,  welcher  entweder  als  Speisesaal
  (coenaculum)  oder  als  Sprechsaal  (conventus)  benutzt  wurde.
Nach  den  Fenstergewänden  stammt  dieses  Gebäude  aus  der  Mitte  des
13.  Jahrhunderts;  vielleicht  hat  es  erst  später  die  gegenwärtige  Gestalt
erhalten.  Jetzt  ist  es  ein  Wirthschaftsgebäude  des  Kammergutes;  im
Parterre  befindet  sich  der  Kuhstall;  in  den  oberen  Räumen  sind  Schüttböden.
  Zwischen,  dem  Sommer=  und  dem  Winter-Refectorium  füllte
der  Schlafsaal  (dormitorium)  die  Ecke  des  viereckigen  Gebäudecomplexes.


Von  zahlreichen,  außerhalb  und  innerhalb  der  Hauptgebäude
befindlichen  Kapellen  läßt  sich  die  Stelle  nicht  mehr  angeben.  Die
1357  geweihte  Lazarus-Kapelle  wird  wahrscheinlich  durch  das  Trümmer--sechseck
  bezeichnet,  welches  auf  dem  Klosterkirchhofe  sich  südlich  der
Michaelis-Kapelle  befindet.  In  der  Regel  wird  dieselbe  als  die  Begräbnißkapelle
  der  Burggrafen  von  Dohna  genannt.  Ueber  die  1198
geweihte  Kapelle  der  h.  Maria  Magdalena  im  Siechenhause,  die
Simon=  und  Juda-Kapelle  (1280  geweiht),  die  Allerheiligen-Kapelle
im  neuen  Siechenhause,  die  1443  geweihte  neue  Fürstenkapelle,  die
Kapelle  der  Burggrafen  von  Meißen  und  von  Dohna  und  der  von
Heinitz  läßt  sich  gar  nichts  angeben.  Im  Capitelhause  befand  sich
        <pb n="286" />
        —  278  —

noch  die  Kapelle  zu  den  Leiden  Christi  (1441  geweiht),  im  Hörsaale
der  Laienbrüder  die  Kapelle  zu  den  Drei  Königen.

Nördlich  vom  Winter-Refectorium,  etwas  abseits  erhebt  sich
gegenwärtig  noch  ein  hochaufgerichteter  Giebel  in  Ziegelbau  mit
mehreren  langgestreckten  Fensteröffnungen  gothischer  Form,  jedoch  ohne
Sandsteinverkleidung,  welcher  das  Westende  einer  größeren  Kirche
späteren  Ursprunges  bezeichnet.  Die  Längenausdehnung  derselben  ist
noch  ziemlich  vollständig  nachzuweisen.  Dies  sind  jedenfalls  die  Ueberreste
  der  1393  geweihten  Abtei-Kapelle,  welche  der  h.  Dreieinigkeit
geweiht  war.

An  ihrem  Ende,  jedoch  nur  ein  nicht  aufzulösendes  Ganze,
bezeichnen  zahlreiche,  mehr  oder  weniger  hohe  Mauerreste,  mit  Ecken
und  Vorsprüngen,  ausgedehnten  Gewölben  und  Kellern,  Ueberbleibseln
von  Treppen  und  Gängen  u.  s.  w.,  die  Stelle,  wo  ein  ausgedehnter
zweiter  Gebäudecomplex  gestanden  hat,  wahrscheinlich  die  sogenannte
Abtei,  in  welcher  ein  Saal,  drei  Stuben  und  zehn  Kammern  sich  befanden,
  darunter  die  Fürstenstube  mit  Kammer.

Von  dem  langen  Kornhaus  stehen  noch  die  Giebel,  auf  dem
einen  ein  steinernes  Kreuz.

Was  von  den  gegenwärtigen  Wirthschaftsgebäuden  seinem  Ursprunge
nach  der  Klosterzeit  angehört,  ist  schwer  nachzuweisen.

Markgraf  Otto  gründete  Kloster  Zelle  als  einen  Eckpfeiler  für
die  Cultur  seines  Landes,  als  Ausgangs=  und  Stützpunkt  für  die
Verbreitung  von  Christenthum,  deutscher  Sitte  und  Gesetze.

Zu  dieser  Arbeit  eigneten  sich  vor  Allem  die  Cistercienser,  eine
Verjüngung  der  Benedictiner.  Gegenüber  der  eingerissenen  Verweichlichung,
  dem  wachsenden  Reichthum  und  dem  Verfall  der  Klosterzucht
hatten  die  Cistercienser  die  alte  Strenge,  Armuth  und  Entsagung
hergestellt.  Ihre  Klöster  waren  arm  und  wurden  in  entlegenen
Gegenden  als  deutsches  Culturelement  in  die  slavische  Landschaft  hineingesetzt.
  So  entstanden  als  vorgeschobene  Posten  von  Morimund
Altenkampen,  von  diesem  Walkenried,  von  Walkenried  Schmölln,
welches  1141  nach  Kösen  und  1175  nach  Pforte  übersiedelte;  von
Schmölln  Altenzelle  (Marienzelle)  bei  Nossen;  von  diesem  Neuenzelle
(Stara  Zella)  1228  und  von  Sichem  (Sittichenbach)  ausgesendet
Kloster  Buch  (Ilgenthal)  1192.

Die  Cistercienser  gaben  das  Beispiel  eines  entsagungsvollen
Lebens,  einer  Verbindung  von  Frömmigkeit  und  Gebet  mit  harter
Arbeit,  Anstrengung  und  Schweigen.  Valcuin  spricht  von  „männererzeugender
  Armuth“  und  die  Ungunst  der  äußeren  Verhältnisse  erhielt
  geistige  Spannkraft  und  Thatkraft.
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        —  279  —

Das  Leben  im  Kloster  beruht  auf  Gemeinsamkeit.  Kein  Mönch
hatte  einen  Raum  für  sich;  Schlafsaal  (dormitorium),  Versammlungssaal
  (Oratorium),  Speisesaal  (Remter  oder  Refectorium)  Krankenhaus,
Küche  u.  s.  w.  waren  gemeinsam.  Das  Lager  bestand  aus  Stroh
mit  einer  Decke;  die  Kleidung,  eine  weiße  Kutte  mit  schwarzem  Skapulier,
  aus  grobem  Tuch  ohne  Zierrath.  Fußbekleidung  von  Leder
und  Handschuhe  waren  nicht  erlaubt.  Die  Speisen  waren  einfach,
nur  zwei  Gerichte  gestattet;  Fett,  Fleisch  und  ausländische  Gewürze
untersagt.  Ein  jeder  erhielt  täglich  ein  Pfund  grobes  Schwarzbrod;
als  Getränk  Wein  mit  Wasser  gemischt.“)

Ebenso  einfach  wie  ihr  ganzes  Leben  waren  ihre  Kirchen  und
ihre  gottesdienstlichen  Gebräuche.  In  den  Kirchen  waren  bunte  Fußböden,
  Glasmalereien,  Bilder  und  Skulpturen  verpönt.  Auf  dem
einfachen  Altar,  welcher  nur  an  den  Hauptfesten  mit  einfarbigen
Decken  belegt  werden  durfte,  sollte  nur  ein  Kreuz  stehen  und  ein
Paar  Leuchter  nicht  über  1½  Juß  hoch.  Kelch  und  Weinkanne
sollten  nur  ausnahmsweise  von  Silber  sein.  Keine  Kirche  sollte
steinerne  Thürme,  sondern  nur  hölzerne  Dachreiter  haben;  die  Glocken
durften  nicht  über  500  Pfund  wiegen,  und  zwei  Glocken  zu  gleicher
Zeit  zu  läuten  war  nicht  gestattet.

Ein  Cistercienserkloster  war  das  vollendete  Bild  eines  kleinen,
christlichen  Socialstaates.  Was  man  erwarb,  erwarb  man  nicht  sich,
sondern  dem  Kloster.

Der  Cistercienserorden,  welcher  um  1180  noch  ausgedehnte
Privilegien  von  den  Päßpsten  erhielt,  verbreitete  die  Lehren  der  christlichen
  Kirche,  und  mit  ihnen  abendländische  Cultur  und  Bildung.
Große  Strecken  Landes  würden  ohne  n-  unbebaut,  versumpft  oder
bewaldet,  liegen  geblieben  sein.  Die  eigenthümliche  Zusammensetzung
des  Ordens,  dessen  Glieder  ein  Gemisch  von  Bauer,  Handwerker  und
Asketen  waren,  trug  nirgend  mehr  Früchte  als  in  den  jeweiligen
deutschen  Ostmarken.

Im  letzten  Viertel  des  12.  Jahrhunderts  stießen  die  deutschen
und  slavischen  (oder  wendischen)  Länder  als  geschlossene  Gebiete  an
einander.  In  die  Slavenländer  hinein  schoben  sich  die  Ansiedelungender
  Cistercienser  wie  Keile,  um  das  fremde  Gebiet  zu  sprengen.  Wie

die  Filiation  der  Cistercienserklöster  von  West  nach  Ost  vordringt,
schieben  sich  deutsche  Völkerstämme  und  deutsche  Ansiedler  in  das
slavische  Gebiet  ein.  In  der  Mark  Meißen  begannen  die  Niederlassungen
  am  Nordrande  des  Waldgebietes.  ·

*)  F.  Winter,  die  Cistercienser  des  nordöstlichen  Deutschland.  Gotha.
Perthes.  1871.  3  Bände.
        <pb n="288" />
        —  280  —

Von  großem  Einfluß  war,  daß  die  Cistercienser  Landwirthschaft
trieben.  Die  Sorben-Wenden  wurden  nicht  verdrängt,  sondern  das
zum  Ackerbau  nöthige  Land  in  dem  Waldgebiete  gewonnen.  Mit
Einsicht  wurde  die  Bodenbeschaffenheit  berücksichtigt.  Thäler,  Bachläufe,
  Wiesengründe  dienten  zur  Anlehnung;  die  Berghöhen  blieben
mit  Wald  besetzt.  Man  zog  Colonisten  herbei,  welche  den  Grund
und  Boden  zum  größten  Theile  unentgeltlich  erhielten.  Von  Abgaben
und  Zehnten  waren  sie  frei;  nur  an  das  Kloster  entrichteten  sie  einen
mäßigen  Jahreszins.  Getreidebau  und  Viehzucht  wurden  mit  Erfolg
betrieben,  aber  auch  treffliche  Obstarten  von  den  Cisterciensern  aus
Frankreich  und  Italien  in  das  Innere  Deutschlands  gebracht.  Die
Mönche  lehrten  den  Anbau  und  die  Veredelung  der  Obstbäume;  sie
legten  auch  bei  jeder  Niederlassung  Weinberge  an,  und  wo  der  Weinbau
  eingegangen  ist,  bezeugt  noch  heute  die  Benennung  der  Oertlichkeit,
daß  er  einstmalen  dort  betrieben  wurde.

Die  Cistercienserklöster  zeichneten  sich  durch  musterhafte  Wirthschaftlichteit
  aus,  besonders  da,  wo  sie  sich  noch  in  voller  Culturthätigkeit
  befanden.  Pforte  und  Altenzelle  sind  niemals  in  wirthschaftlichen
  Verfall  gerathen,  wenn  auch  seit  Ende  des  13.  Jahrhunderts
sich  Mißbräuche  einschlichen,  gegen  welche  der  Orden  lange  Zeit  tapfer
kämpfte.

Markgraf  Otto  von  Meißen  machte  eine  Stiftung  im  großartigsten
  Maßstabe.  Achthundert  Hufen  Landes  (23  bis  24  Tausend
Acker)  bestimmte  er  dem  zu  errichtenden  Kloster.  Der  anfänglich  an
der  Striegis  gewählte  Platz  wurde  aufgegeben  und  dafür  eine  Stelle
an  der  östlichen  Mulde,  am  Einfluß  der  Pietschbach  (Tränkebach)
gewählt.“)

1175,  am  27.  Mai  (oder  26.  Juni)  konnte  Abt  Heinrich  mit
einem  Convent  von  12  Mönchen  in  das  Kloster  Zell-Maria  einziehen.

Zahlreiche  Einwanderer,  vorzugsweise  aus  dem  Thüringischen
und  Mannsfeldschen,  wurden  auf  dem  Gebiete  des  Klosters  angesiedelt,
  und  um  1230  bestehen  schon  vierundzwanzig  neue  Dörfer,
von  denen  nur  vier  slavische  Namen  tragen.  Etzdorf,  Marbach,

Dotationis  Cellae  veterae  litteras.  Dissert.  von  Lauhn.
Jena.  1759.  a  plaga  milde  fluvi  mansos  octincentos,  dui  franconica
livgua  lehn  dicuntur  itus  itaque  loci  est  ubi  torrens  betstowa  versus
orientem  decurrit  .  tendit  a  cumulo  in  cumulum  usque  in  vallem  hino-Tidol,
  que  teutonice  dicitur  hartzdal  et  per  vallem  in  mildaum  usque
ad  meridionales  fines  bertoldisdorf,  deinde  versus  eandam  plagam  usdue
ad  fines  langena  et  ab  inde  usque  ubi  oritur  rivulus  strigus  usque  ad
villas  echardi  ..  ferner  als  Grenzpunkte  frankenstein,  bukendorf,  cumulus
grona.  Als  schon  vorhandene  Dörfer  Tutendorf,  Christianisdorf,  Bertoldesorf.
        <pb n="289" />
        —  281  —

Pappendorf,  Langhennersdorf,  Kleinschirma  und  Waltersdorf  sind  die
Mittelpunkte  und  Pfarrorte  im  neuerschlossenen  Gebiete,  welches
zwischen  der  Striegis  und  der  Mulde,  zu  beiden  Seiten  des  Zeller
Waldes,  südlich  hinauf  reicht  bis  gegen  Erbisdorf  und  Berthelsdorf.

Das  Anwachsen  der  Bevölkerung,  die  vorwärtsdringende  Bebauung
  von  Grund  und  Boden,  die  Ergiebigkeit  der  Ernten  entwickelten
  den  Reichthum  des  Klosters,  welcher  durch  die  Entdeckung
der  Freiberger  Silberanbrüche  wesentlich  gesteigert  wurde.

Seit  Beginu  des  13.  Jahrhunderts  hatte  Kloster  Zelle  schon
zehn  hervorragenden  Geschlechtern  angehörende  Begräbnißkapellen.
Die  größte  Bedeutung  aber  erhielt  es,  als  das  Chor  der  Hauptkirche
zur  Begräbnißstätte  der  Markgrafen  von  Meißen  wurde,  von  Markgraf
  Otto  (dem  Reichen),  #  1190,  an.  Es  ruhen  hier  Markgraf
Albrecht  (der  Stolze),  Dietrich  (der  Bedrängte),  Heinrich  (der  Erlauchte),
  Friedrich  (der  Kleine)  mit  ihren  Gemahlinnen  und  Kindern.
In  der  1339  gestifteten  Andreaskapelle  wurden  Friedrich  der  Ernsthafte
  und  Friedrich  der  Strenge  mit  ihren  Gemahlinnen  und  Kindern
beigesetzt.  Die  ganze  Reihe  der  Meißner  Markgrafen  aus  dem  Hause
Wettin  fand  hier  ihre  letzte  Ruhestätte.

Der  zunehmende  Reichthum  des  Klosters  und  seine  wachsende
weltliche  Bedeutung  riefen  aber  Müßiggang,  Genußsucht  und  Schwelgerei
hervor.  Lange  widerstanden  die  Cistercienser  der  in  das  Innere
der  Klöster  dringenden  Zersetzung,  lange  übten  sie  noch  großen  Einfluß
  durch  Selbstverleugnung,  ungeschmälerte  Arbeitslust  und  rastlose
Thätigkeit,  sowie  durch  große,  weitausgedehnte  Milde  und  Wohlthätigkeit.
  Lange  Zeit  widerstanden  sie:  aber  auch  sie  wurden  unbrauchbar,
  sobald  ihre  Aufgabe  erfüllt  war.  Die  Entsagungs-kraft,  welche
den  Orden  so  groß  gemacht  hatte,  war  verschwunden.  Die  Mönche
starben  auch  in  Thüringen  und  Meißen  innerlich  ab.

Die  Reformation  machte  dem  Klosterleben  ein  Ende.  Wohl
wehrte  Paul  Bachmann,  der  Abt  von  Kloster  Zelle,  den  Neuerungen
und  trat  Luther  entschieden  und  heftig  entgegen.  Aber  schon  1524
entflohen  mehrere  Mönche;  1539  beim  Regierungsantritt  Herzog
Heinrich's  wurde  das  Halten  der  Messe  untersagt,  und  am  15.  Februar
1540  trat  eine  Visitations-Commission  ein,  welche  das  fernere  Tragen
der  Ordensgewänder  verbot  und  einem  jeden  Mitgliede  gestattete,  das
Kloster  zu  verlassen.  Es  waren  der  Abt,  19  Mönche,  8  Laienbrüder
noch  da.  Mehrere  verließen  das  Kloster  gegen  eine  Abfindung.  1545

resignirte  der  Abt  Andreas  Schmiedewald  und  übergab  das  Kloster
an  Kurfürst  Moritz  von  Sachsen.  Das  Kloster  wurde  aufgehoben,
die  auswärtigen  Güter  verkauft,  das  Kloster  selbst  mit  seinen  Umgebungen
  als  Amt  verwaltet,  ein  Kammergut  und  ein  Vorwerk.
        <pb n="290" />
        —  282  —

Die  Altäre  und  heiligen  Gefäße  wurden  an  evangelische  Kirchen
verschenkt.  So  erhielt  Roßwein  den  stark  vergoldeten  Hochaltar,
Etzdorf,  Nossen,  Gleisberg,  Döbeln  je  einen  kleineren  Altar,  Belzig
und  Mühlberg  einige  Tafeln  eines  Flügelaltars,  Marienberg  die  schöne
Orgel,  die  Frauenkirche  zu  Dresden  drei  Glocken,  Mochau  drei  Glocken,
Etzdorf  zwei,  Zedlitz,  Nossen  und  Marbach  je  eine.  Marbach  erhielt
dazu  noch  die  drei  Glocken  aus  der  Marienkapelle  im  Zeller  Walde.
Das  Klosterarchiv  kam  nach  Dresden,  die  Klosterbibliothek  nach  Leipzig.
Schon  1514  war  in  Altenzelle  ein  Katalog  angefertigt  worden.
„Die  Bibliothek  erstreckte  sich  über  heiliges  und  irdisches  Wissen  und
enthielt  die  ältesten,  besten  und  seltensten  Handschriften  aus  jedem
Fache."“

Kurfürst  Moritz  befahl,  daß  Kirche  und  Fürstenkapelle  in  baulichem
  Zustande  erhalten  werden  sollten;  Kurfürst  August  ließ  1559
diese  beiden  Gebäude  mit  neuen  Dächern  versehen.  Die  übrigen
zahlreichen  und  ansehnlichen  Gebäude  werden  nirgend  erwähnt.  1553
wird  ein  Inventar  von  Kloster  Zelle  aufgenommen  und  1580  heißt
es:  „in  der  Abtey,  Kirche  und  Kapell  daran  ist  nichts  zu  inventiren,
sondern  Alles  zerbrochen,  zerschlagen  und  mehrentheils  an  Dachungen
und  Gebäuden  eingegangen.  Wie  denn  dies  Jahr  die  Kirchenspitze
sammt  einem  Stück  am  Gewölb  eingefallen,  davon  auf  kurfürstlichen
Befehl  der  Kirchfahrt  zu  Nossen  der  Knopf  gefolget  worden.“  (Msc.
Dresd.  L.  26).  —  Nossen  erhielt  überhaupt  Ziegel,  Fenstergitter,
Werkstücke,  Thüren,  Thürgerüste  und  -Simse,  Altarstein  u.  s.  w.

In  diesen  überhand  nehmenden  Verfall  brach  am  10.  Juni
1599  ein  „errschrecklich  Unwetter“  herein,  in  welchem  der  Blitz  einschlug
  und  zündete  und  der  Pachtmann,  George  von  Nischwiz,  seine
ganze  Habe  verlor.  Mit  Ausnahme  des  Refectorium  wurden  sämmtliche
  Gebäude  in  Asche  gelegt.

Lange  Zeit  kümmerte  sich  Niemand  um  diese  Stätte.

1676  wurde  eine  Commission  nach  Kloster  Zelle  entsendet,  welche
„die  in  bloßen  Ruin  liegenden  Kirchen  und  deren  ferner  zur  rechten
Hand  gebaut  gewesene  Fürstenkapelle“  über  6  Ellen  hoch  im  Schutt
und  in  Trümmern  liegend  fanden.  „Bei  Einfall  des  Gewölbes  und
der  Mauern  sind  die  Gräber  von  der  großen  Last  herabgestürzten
Steinwerks  durchschlagen.“  Kurz,  es  war  nur  ein  Trümmerhaufen,
der  außer  dem  Refectorium  vorgefunden  wurde.

An  die  Aemter  Meißen,  Nossen,  Freiberg,  Rochlitz  und  Wolkenstein
  erging  Verordnung,  wöchentlich  50  Arbeiter  zu  stellen,  um  den
Kirchen=  und  Kapellenplatz  abzuräumen.  Man  entdeckte  hierbei  vier,
jedoch  vielfach  beschädigte  Leichensteine.  Die  Mauern  des  Hohen
Chors  wurden  wieder  hergestellt  und  mit  einem  Dache  versehen.
        <pb n="291" />
        —  283  —

Hauptsächlich  auf  Anregung  des  Senator  Klotzsch  in  Freiberg
wurde  1786  der  Bau  des  jetzt  noch  stehenden  Mausoleums  auf  der
Stelle  des  Hohen  Chors  der  Hauptkirche  angeordnet  und  sodann  in
Steinsärgen  die  gesammelten  Ueberreste  der  im  Kloster  beigesetzten
fürstlichen  Personen  unter  demselben  bestattet.  Die  Kapelle  hat  eine
unvergleichlich  schöne  Akustik.  Sie  ist  vom  Oberlandbaumeister  Frank  erbaut.
  In  der  Mitte  derselben  steht  ein  kolossaler  Marmorblock,
dessen  Inschriften  die  Namen  der  10  daselbst  bestatteten  Markgrafen,
ihrer  Gemahlinnen  und  Kinder  angeben.)

Man  kann  sich  dem  aber  wohl  kaum  verschließen,  daß  dieses
Denkmal,  so  kostbar  und  schön  es  auch  seiner  Zeit  gehalten  worden
sein  mag,  doch  wenig  geschmackvoll  ist,  so  daß  der  Wunsch  gerechtfertigt
  erscheint,  dasselbe  durch  ein  würdiges,  den  Anforderungen  der
Gegenwart  entsprechendes  ersetzt  zu  sehen.  Es  würde  gewiß  nicht
schwer  fallen,  diese  Kapelle  in  eine  weihevolle  Kirche  im  Stile  des
13.  Jahrhunderts,  also  der  Zeit  der  ersten  Beisetzungen,  umzuwandeln.
Nach  Anleitung  der  vier  vorhandenen,  wenn  auch  beschädigten  Grabdenkmäler
  der  Markgrafen  Otto  und  Albrecht  und  ihrer  Gemahlinnen
ließen  sich  diese  historisch  treu  neu  herstellen.  In  zweiter  Reihe  würden
die  Grabmäler  von  Markgraf  Dietrich  und  Heinrich  mit  ihren  Gemahlinnen
  dem  Ende  des  13.  Jahrhunderts,  und  drittens  die  Grabmäler
  Friedrich  des  Ernsthaften  und  Friedrich  des  Strengen  dem
Kunstgeschmack  von  Mitte  und  Ende  des  14.  Jahrhunderts  entsprechend
aufzustellen  sein.  An  den  mit  Steinwerk,  Steinverzierungen,  Säulen,
Bögen,  Friesen  u.  s.  w.  reich  verzierten  farbigen  Wänden  würden
die  Gedächtnißtafeln  der  übrigen  fürstlichen  Personen  anzubringen
sein  und  das  Ganze,  von  Innen  wie  von  Außen,  eine  würdige,  entsprechend
  reiche  und  kostbare  Ausführung  und  Ausstattung  erhalten  müssen.

33.  Der  Graben.  Der  tiefe  Elbstollen.  Balsbrücke.

Von  Nossen  geht  man  über  den  Rothigberg  auf  einem  Fußwege
  durch  den  Wald  in  das  Muldenthal,  oder  durch  die  Stadt  bis
an  die  Brücke,  und  nun  über  die  Beiermühle  nach  dem  Biebersteiner

)  Lauhn,  Dotationis  Cellae  veterae  litteras.  Dissertation.  Jena.  1759.
Bruno  Valerianus,  Kurtze  Beschreibung  des  vormals  berühmten
Klosters  Alten-Zella.  Mskpt.  der  Königl.  Dresdener  Bibliothek.  L.  236.
H.  von  Martius,  Kloster  Alten-Zella  bei  Nossen.  Ein  Beitrag  zur
Kunde  der  Vorzeit.  Freiberg,  Craz  &amp;amp;  Gerlach.  1826.  ·
C.  H.  F.  von  Zehmen,  die  Andreas=  oder  Fürsten-Kapelle  zu  Alten-Zella.
  Dresden,  Meinhold.  1847.
Ed.  Beyer,  Das  Cistercienserstift  und  Kloster  Alten-Zella  in  dem  Bisthum
  Meißen.  Dresden,  Jannsen.  1852/54.
        <pb n="292" />
        —  284  —

Zollhaus.  Die  Entfernung  von  der  Nossener  Brücke  beträgt  nicht
ganz  6  km.  Das  Thal  ist  auf  beiden  Seiten  von  50  bis  zu  70  m
hohen  gutbewaldeten  Abhängen  eingeschlossen.

Das  Biebersteiner  Zollhaus,  an  der  in  235  m  Meereshöhe
  stattfindenden  Vereinigung  von  Bobritzsch  und  Mulde  gelegen,  ist
ein  trefflicher  Punkt  zu  einem  längeren  Aufenthalte.  Derselbe  ist
ganz  zu  einer  Pension  für  Sommergäste  geeignet.  Im  Winkel  des
Zusammenflusses  gelegen,  wo  ostwärts  die  Brücke  über  die  Bobritzsch,
westwärts  die  Brücke  über  die  Mulde  führt,  von  köstlichen  Bäumen
umgeben,  auf  der  Nordseite  von  den  waldbedeckten  Abhängen  eingeschlossen,
  während  nach  Südost  hin,  bis  gegen  Reinsberg,  die  breite
auf  beiden  Ufern  von  saftig  grünen  Laubhölzern  eingerahmte  Thalaue
  der  Bobritzsch  sich  öffnet,  und  nahezu  von  Südwest  her  die
Mulde  aus  einem  schluchtartigen  Thale  hervorbricht,  dessen  gegen  60  m
hohe  Abhänge  mit  dunkelm  Nadelholze  bedeckt  sind.  In  dieser  Schlucht
führt  nur  ein  Fußweg  bis  zur  Brücke  am  Hammerwerk  (2½  km)
und  von  hier  aus  ist  es  schwierig,  aber  interessant,  bis  zur  Brücke
von  Klein-Voigtsberg,  oder  bis  zur  Brücke  von  Hohentanne  (2  km
weiter)  vorzudringen.  Die  eng  zusammengedrängten  Thalwände  mit
ihren  Felsenabsätzen,  der  Fluß  und  seine  Biegungen,  der  Wald  mit
verschiedenen  Beständen,  welche  zuletzt  aus  Nadelholz  in  Laubholz
übergehen,  geben  zahlreiche  nette  Bilder.  Das  Thal,  welches  sich  von
Hohentanne  an  erweitert,  bleibt  bis  gegen  Rothenfurth  recht  hübsch;
dann  aber  macht  es  bis  oberhalb  der  Muldener  Hütten  vorwiegend
einen  öden,  melancholischen  Eindruck,  besonders  wenn  die  Rauch=  und
Dampfwolken  der  Hüttenwerke  tief  an  den  Abhängen  hinziehen.

Vom  Zollhause  in  der  Richtung  auf  Reinsberg  giebt  das  Bobritzschthal
  ein  lachendes  blühendes  Bild.  Auf  dem  linken  Ufer  reicht  den
ganzen  Abhang  bedeckend  das  Laubholz  weit  bis  über  Reinsberg  hinauf,
nur  erst  später  von  Nadelholz  unterbrochen  und  verdrängt,  während
auf  dem  rechten  Ufer  ein  stattliches  Fichtengehölz  bis  an  die  große
Lindenallee  von  Niederreinsberg  sich  ausdehnt.  Der  Fußweg  führt
längs  des  linken  Ufers  bis  an  die  Brücke,  wo  der  Fahrweg  von
Bieberstein  herabkommt.

Stattlich  erhebt  sich  auf  einem  Felsenvorsprunge  Schloß  Bieberstein,
  dessen  erste  Anlage  in  das  Ende  des  12.  Jahrhunderts  zurückversetzt
  werden  kann.  Bei  dem  1666  stattgefundenen  Neuban
wurden  aber  fast  alle  älteren  Theile  beseitigt,  so  daß  vielleicht  nur
der  alte  viereckige  Thurm  aus  der  früheren  Anlage  stammt.  Auf
dem  nördlichen  Bergvorsprunge  stand  das  1630  abgebrochene  niedere
Schloß,  auf  dessen  Resten  1721  ein  kleineres,  unbedeutendes  Gebäude
aufgeführt  wurde.
        <pb n="293" />
        —  285  —

Das  auf  dem  rechten  Ufer  der  Bobritzsch,  2  km  vom  Zollhause
gelegene  Schloß  Oberreinsberg  gewährt  ein  prächtiges  Bild.
Auf  steilem  Felsenvorsprunge  wurde  die  älteste  Burg  angeblich  durch
Reino  im  12.  Jahrhundert  gegründet.  Urkundlich  wird  sie  zuerst
1197  erwähnt;  1411  kam  sie  an  Caspar  v.  Schönberg,  dessen  Familie
noch  heute  in  ihrem  Besitze  ist.

Von  der  alten  Ritterburg,  welche  früher  ein  Wartthurm  hoch
überragte,  sind  wohl  nur  die  Grundmauern.  Das  gegenwärtige  Schloß
ist  nach  dem  dreißigjährigen  Kriege  erst  wieder  aufgebaut,  während
desselben  wurde  es  erstürmt,  zum  Theil  ausgebrannt,  zum  Theil  zerstört.
  Der  breite,  tiefe,  in  den  Felsen  gesprengte  Graben  sicherte  es
von  der  einen,  der  in  das  Bobritzschthal  abfallende  Felsen  von  der
anderen  Seite.  Die  Zugbrücke  wurde  später  durch  eine  zweibogige
steinerne  Brücke  ersetzt,  von  welcher  man  einen  interessanten  Blick  in
den  dicht  mit  Epheu  bewachsenen  Graben  hat,  in  welchem  früher  Rehe
gehalten  wurden.  Der  Haupt=  und  Eingangsthurm,  welcher  einst  die
Burg  hoch  überragte,  wurde  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  zum  Theil
abgetragen,  und  überhaupt  Veränderungen  und  Umbauten  in  verschiedenen
  Zeiten  vorgenommen.  Dabei  sind  Erker  und  Vorbauten
beseitigt,  innere  Räume  verändert,  und  der  ursprüngliche  Zusammenhang
  der  einzelnen  Theile  wiederholt  unterbrochen  worden.  Die  ehemalige
  Kapelle  bildet  jetzt  zwei  Zimmer,  von  denen  das  eine  noch
gothische  Wölbung  hat.  Da  der  Besitz  von  1572  an  lange  Zeit,  bis
in  das  19.  Jahrhundert,  getheilt  war,  so  führten  zwei  Brücken  in
die  Burg,  die  eine  auf  der  Hauptseite,  die  andere  auf  der  Thalseite.
Durch  den  abgerundeten  Vorbau  des  Eingangsthores  tritt  man  in
den  viereckigen  innern  Hof,  an  dessen  Ost=  und  Nordseite  die  Wohngebäude
  des  oberen  Schlosses  stehen,  an  der  Südseite  das  Küchenhaus.
Durch  eine  Mauer  getrennt,  liegt  weiter  westlich  der  Hof  des  niederen
Schlosses,  dessen  Hauptgebäude  der  Fräuleinflügel  genannt  wird  und
mit  dem  spitzen  Giebel  der  schmalen  Westseite  das  Thal  der
Bobritzsch  hoch  überragt.  „Noch  heute  gewährt  das  romantisch  gelegene
  Schloß  mit  seinem  hohen,  gothischen  Giebel  auf  der  Felsenseite,
  und  mit  seinen  steilen  Dachungen  ein  anziehendes  mitteelalterliches
  Bild.“?)

Zwischen  dem  Rittergut  Oberreinsberg  und  der  Schäferei  führt
der  Weg  nach  Wolfsgrün,  den  man  an  der  Ziegelei  verläßt,  und  nun
am  Reinsberger  Schießhause  vorüber  auf  einen  wohlgepflegten
Promenadenweg  kommt,  der  nach  etwa  7  Minuten  (von  der  Ziegelei)

*)  Gautzsch,  Schloß  Ober-Reinsberg.  Mittheilungen  des  Freiberger
Alterthums-Vereines.  14.  Heft.  1269  ff.
        <pb n="294" />
        —  286  —

an  einen  Wassergraben,  längs  dessen  man  bis  zur  Krummhennersdorfer
  (oder  Becker-Mühle  geht  (3  km  von  der  Ziegelei).  Durch
mäßig  hohes  Nadelholz  gelangt  man  an  das  Ufer  der  Bobritzsch,
welches,  durch  Laub=  und  Nadelholz  besetzt,  auf  beiden  Ufern  gut
bewaldet,  eine  theilweis  nur  wenige  Schritte  breite,  aber  im  herrlichsten
Grün  prangende  Wiesenfläche  einfaßt,  in  welcher  das  helle  Wasser
der  Bobritzsch  über  Felsenstücke  und  Querriegel  schäumend  und  tosend
dahinstürzt,  um  von  Zeit  zu  Zeit  an  einer  ausgebuchteten  Stelle  mit
klarem  Wasserspiegel  scheinbar  still  zu  stehen.  Eichen  und  Birken,
dunkle  Fichten,  einzelne  Lärchen  neigen  sich  über  dem  Wasser,  das  in
seiner  verschiedenartigen  Bewegung,  besonders  bei  Sonnenschein,  abwechselungsreiche,
  prächtige  kleine  Landschaftsbilder  gewährt.  Weiter
aufwärts  wird  der  Wiesengrund  breiter.  Das  Wasser  in  dem  Graben,
welches  in  einem  gleichmäßigen  langsamen  Zuge  thalwärts  rinnt,
biegt  inmitten  des  Weges  schon  einmal  in  einen  unterirdischen  Lauf
ein  und  geht  sodann  aus  dem  Thale  der  Bobritzsch,  kurz  nachdem
man  von  Oberreinsberg  kommend  in  den  Wald  eingetreten  ist,  unterirdisch
  in  das  Thal  des  Reinsberger  Dorfbaches  über.

Dieser  prächtige  Weg  mit  seiner  reizenden  Scenerie  verdankt
ebenso  wie  der  Wassergraben,  längs  dessen  er  hinführt,  seinen  Ursprung
  einem  der  großartigsten  Bauwerke,  welche  dieses  Jahrhundert
aufzuweisen  hat.

Schon  eine  Reihe  von  Jahren  trug  sich  Oberberghauptmann
Wolfgang  Frhr.  v.  Herder  mit  dem  Plane,  dem  Niedergange  des
Freiberger  Silberbergbaues  durchgreifend  entgegen  zu  treten,  ehe  er
mit  der  Schrift  „Der  tiefe  Meißner  Elbstolln,  der  einzige
den  Bergbau  der  Freiberger  Reviere  für  die  fernste  Zukunft  sichernde
Betriebsplan“  (Leipzig,  1838)  in  die  Oeffentlichkeit  trat.  Alexander
v.  Humboldt  sagte  über  das  Project:  „Der  Plan,  von  Meißen  herauf
  einen  Stolln,  den  möglichst  tiefen,  nach  den  Freiberger  Silbergruben
  zu  treiben,  ist  so  groß,  so  weit  aussehend,  so  kostbar,  daß
eine  genaue  Bekanntschaft  mit  den  Reichthümern  der  dortigen  Erzniederlagen,
  ein  inniges  Vertrautsein  mit  den  bisherigen  Betriebsverhältnissen
  jener  Reviere,  eine  eigene  Anschauung  großartiger,  bisher
im  Bergbau  ausgeführter  Anlagen  erfordert  wird,  um  denselben  nicht
als  chimärisch  ohne  Prüfung  zu  verwerfen.“"

Von  dem  Grundgedanken  ausgehend,  das  Freiberger  Revier  sei
das  reichste  und  ergiebigste;  die  in  demselben  ansetzenden  Erzgänge
noch  nicht  in  sehr  großer  Tiefe  aufgeschlossen  und  bebaut;  endlich  der
Reichthum  der  erzführenden  Gänge  nehme  mit  der  Tiefe  zu:  erkannte
Oberberghauptmann  v.  Herder  im  tiefen  Meißner  Stolln  das  einzige
Mittel,  die  Ergiebigkeit  des  Bergbaues  für  lange  Zeiten  hinaus  zu  sichern.
        <pb n="295" />
        —  287  —

Die  damals  tiefsten  Gruben  Thurmhofer  Zug,  Alte  Hoffnung
Gottes  Erbstolln,  Hohbirkener  Zug  reichten  zwar  192,  110  und
72  m  unter  den  Meeresspiegel;  aber  Wasserhaltung,  Förderung  und
Wetterlosung  (Luftführung,  Ventilation)  waren  mit  den  vorhandenen
Wasserkräften  kaum  noch  mit  Erfolg  zu  bewältigen.

In  dem  vorzugsweise  aus  Gneis  und  Glimmerschiefer,  im
Norden  auf  eine  kurze  Strecke  aus  Syenit  und  kleineren  eingesprengten
Gruppen  von  Grünstein,  Granit,  Granulit  und  Porphyr  bestehenden
Territorium  ist  ein  Hauptzug  der  Erzgänge  in  der  Richtung  von
Südsüdwest  nach  Nordnordost,  aus  der  Gegend  von  Brand  bis  gegen
Scharfenberg  mit  zwei  parallelen  Gangzügen,  dem  Morgenzug  und
dem  Abendzug,  sowie  einem  die  Mitte  des  Reviers  durchschneidenden
Querzug  nachgewiesen,  in  welchen  die  kiesige  Bleiformation  (in  ihr
der  silberhaltige  Bleiglanz),  die  edle  Bleiformation  (mit  Bleiglanz,
Blende,  Weißgüldigerz),  die  edle  Quarzformation  (mit  Blende,  Bleiglanz,
  Spießglaserz,  Rothgüldigerz),  die  barytische  Bleiformation  und
die  Kupferformation  auftreten.

Um  den  Erzreichthum  des  ganzen  Reviers  zu  erschließen,  sollte
der  Meißner  tiefe  Stolln  an  der  Triebisch,  zwischen  der  fünften  und
sechsten  Mühle  einsetzen  (die  Rösche  bei  der  dritten  Mühle)  und
ziemlich  gradlinig  nach  den  Halsbrückner  Tiefbauten  geführt  werden.
Derselbe  sollte  eine  Länge  von  22720  m  erhalten,  einen  Fall  von
6,8  m  und  193,5  m  saigertief  (senkrecht)  unter  dem  Annastolln  bei
Halsbrücke  einkommen.  Zu  seinem  Bau  sollten  außer  dem  Mundloch
elf  Lichtlöcher  geschlagen  werden  (oberhalb  Buschbad,  nördlich  von
Semmelsberg,  bei  Roitzschen,  unterhalb  Munzig,  unterhalb  Rothschönberg
  an  der  Triebisch,  an  der  kleinen  Triebisch  bei  Neukirchen,  in
Niederreinsberg,  an  der  Bobritzsch,  auf  der  Amselwiese  bei  Krummenhennersdorf
  und  innerhalb  der  Muldenschleife  bei  Halsbrücke).  Von
jedem  Lichtloche  sollte  die  Arbeit  aufwärts  und  abwärts  in  der
Stollenrichtung  getrieben  werden.  Die  Bauzeit  wurde  auf  47  Jahre,
der  Kostenbetrag,  ohne  die  Verbindungsarbeiten  nach  dem  weiter  oben
liegenden  Revier,  auf  3  658  385  Thaler  (nahezu  11  Millionen  Mark)
berechnet.

Das  Unternehmen  an  sich,  die  lange  Bauzeit,  die  für  jene
Zeiten  unermeßlich  und  unbeschaffbar  erachtete  Kostensumme,  die
Schwierigkeiten  der  Vorbereitungen  und  der  Ausführung,  das  Unerhörte
  und  noch  nie  Dagewesene  eines  so  weit  hinausgedehnten
Unternehmens  2c.  ließen  gar  viele  Zweifel  an  seiner  Ausführbarkeit
und  seinem  Erfolge  erstehen.  Jetzt,  wo  man  in  der  Bewältigung
unterirdischer  Bauten  und  Schwierigkeiten  einerseits,  in  der  Beschaffung
enormer  Geldmittel  andererseits  so  Außerordentliches  geleistet  hat,
        <pb n="296" />
        —  288  —

würde  man  nicht  zögern,  in  ein  so  großartiges  Unternehmen  ein—
zutreten.

Schon  Frhr.  v.  Herder  hatte  die  Frage  gestellt,  „ob  nicht  auch
mit  einem  oberen,  weniger  langen  und  daher  weniger  kostbaren  Stolln
auszukommen  wäre“  —  und  die  Stollnmündung  unterhalb  Roth—
schönberg  (an  die  Stelle  des  fünften  Lichtloches  vom  ersten  Project),
die  Länge  auf  12  425  m,  das  Einkommen  auf  106  m  unter  dem
Annastolln,  die  Kosten  auf  1  498  012  Thaler  (5  494  036  Mark)
gesetzt,  gleichzeitig  aber  dazu  bemerkt:  „Die  durch  den  Rothschönberger
Stolln  dargebotenen  Maschinenkräfte  gestatten  nur,  den  Halsbrückener
Bergbau  nicht  weiter  als  bis  in  die  neunte  Gezeugstrecke,  d.  h.  240
Lachter  (480  m)  unter  den  Anner  Stolln  fortzustellen,  während  mit
dem  Meißner  Stolln  zum  Allerwenigsten  bis  in  die  fünfzehnte  Gezeugstrecke,
  d.  h.  392  Lachter  (784  m)  unter  den  Anner  Stolln
niedergegangen  werden  kann.“

Die  Kostspieligkeit  und  der  ungeheure  Zeitbedarf  für  die  Ausführung
  des  tiefen  Meißner  Stolln  wurden  Veranlassung,  das  vom
Bergmeister  v.  Weißenbach  ausgearbeitete  Project  des  Rothschönberger
Stolln  anzunehmen.  Derselbe  sollte  eine  Länge  von  13  054  m  erhalten,
  ungerechnet  die  846,75  m  lange  Adbzugsrösche,  bis  zum
siebenten  Lichtloche  2,.,5  m,  von  da  1,5  m  breit,  durchgehend  3  m  hoch
angelegt  werden,  89  m  höher  als  der  tiefe  Meißner  Stolln,  94  m
tiefer  als  der  Annastolln.  Der  Bau  begann  im  dritten  Quartal
1844,  unter  Oberleitung  des  Oberbergrath  v.  Warnsdorff  und  nach
dessen  Tode  (1871)  des  Oberbergrath  C.  H.  Müller.  Obersteiger
Jobst  und  Bergrath  Schwamkrug  beaussichtigten  von  Anfang  bis  zu
Ende  die  Arbeiten.  Im  Jahre  1868  legte  man  ein  achtes  Lichtloch
gegenüber  von  Halsbrücke  an,  dessen  Turbinenkunstgezeug,  wie  das
Radkunstgezeug  des  siebenten  Lichtloches  durch  die  Wasserkraft  des
rothen  Grabens  getrieben  wurde.  Am  zweiten,  dritten  und  sechsten
Lichtloche  waren  Dampfmaschinen  aufgestellt;  am  ersten,  vierten  und
fünften  Lichtloche  wurde  Wasserkraft  angewendet.  Um  beim  fünften
Lichtloche  zwei  vertikale  Turbinen  zum  Betriebe  der  Wasserhebungs-,
Wetter=  und  Fördermaschinen  verwenden  zu  können,  wurde  die  Bobritzsch
bei  der  Beckermühle  zu  Krummenhennersdorf  gefaßt  und  in  einem
1652  m  langen  offenen  Graben  geführt;  kurz  hinter  der  Stelle,
wo  das  fünfte  Lichtloch  sich  befand  und  die  Reste  des  Maschinengebäudes
  und  der  Bergschmiede  noch  zu  erkennen  sind,  biegt  dieser
Graben  in  eine  1905  m  lange  unterirdische  Rösche,  um  in  Reinsberg
  am  vierten  Lichtloche  wieder  herauszutreten,  wo  er  ein  Radkunstgezeug
  trieb.

Ende  März  1877,  also  nach  einer  Bauzeit  von  32½  Jahren,
        <pb n="297" />
        —  289  —

ersolgte  der  Durchschlag  des  Stolln,  bei  dessen  Ausführung  schon
1857  bis  1863  die  Anwendung  von  Bohrmaschinen  versucht  und
von  1876  an,  nach  Aufstellung  der  nöthigen  Dampfmaschinen,  Luftcompressoren
  und  Windkessel,  in  größerem  Umfange  erfolgt  war.
Mitte  Mai  1877  wurden  die  Arbeiten  am  Rothschönberger  Stolln
beendet.  Die  Kosten  der  ganzen  Anlage  betrugen  7  378  831  M.  19  Pf.

Bis  Anfang  Juni  erfolgte  die  Abführung  der  Grundwasser  von

Ober-Neugeschrei,  Himmelfahrt,  Junge  Hohe  Birke,  Vereinigt  Feld
bei  Brand,  so  daß  die  zusammenhängende  Länge  und  Fortsetzung  des
Rothschönberger  Stolln  29  000  m  betrug.  Binnen  wenig  Jahren
wird  auch  die  Verbindung  mit  den  Grubenfeldern  von  Beihilfe,  Isaak
und  Churprinz  hergestellt  sein,  und  die  gesammte  Stollnlänge  50  900  m
betragen.  Die  Wiederinangriffnahme  der  alten,  ersoffenen  Grubenbauten
  auf  dem  Halsbrückener  Spatgange,  welche  als  das  Nächste  der
Anlage  des  Rothschönberger  Stolln  galt,  ist  zum  Theil  schon  eingetreten,
  die  Verbindung  nach  dem  Innern  des  Freiberger  Reviers
hergestellt,  ein  großer  Kraft=  und  Raumgewinn  für  den  Weiterbau
in  größeren  Tiefen  gewonnen  und  auf  Jahrhunderte  hinaus  die  Ergiebigkeit
  der  Freiberger  Gruben  wieder  gesichert.  „Glück  auf!“"

„Der  bergmännischen  Thätigkeit  in  dem  Freiberger  Revier  ist
noch  ein  sehr  weites  Feld  mit  den  hoffnungsreichsten  Aussichten  auf
eine  große  Zukunft  geboten.  In  der  fortschreitenden  berg=  und
hüttenmännischen  Technik,  in  der  Vollendung  des  Rothschönberger
Stolln,  in  der  bedeutenden  Anzahl  großartiger  Betriebsanlagen  u.  s.  w.
kann  man  eine  Garantic  erblicken,  daß  der  Freiberger  Bergbau  sich
als  ein  Hauptgewerbe  des  sächsischen  Erzgebirges  behaupten  wird.“?)

Das  Thal  der  Bobritzsch  ist  von  Krummhennersdorf  bis  Falkenberg
  von  reichbewaldeten,  interessant  geformten  Abhängen  eingefaßt,
aber  es  fehlt  der  Weg,  um  es  mit  Begquemlichkeit  zu  durchschreiten.
Man  wird  vorzichen,  durch  Krummhennersdorf  und  am  sechsten  Lichtloche
  vorbei  in  der  Richtung  auf  Rothenfurth,  und  sodann  nach  der
Altväter-Wasserleitung  zu  gehen,  oder  über  Grüneburg  nach  den
Halsbrückner  Schmelzhütten,  den  Johannesbruch,  die  Altväters-Wasserleitung
  und  Herder's  Ruhe  nach  Freiberg.

Der  Weg  über  den  kahlen  Höhenzug  ist  eintönig,  die  Aussicht
unbedeutend.  Von  der  Beckermühle  bis  Altväter-Wasserleitung,  am
Schacht  „Gottes  Hilfe“  vorüber  4  km;  von  der  Beckermühle  über
Grüneburg  nach  den  Halsbrückner  Hütten  ebenfalls  4  km,  von  diesen

*)  Jahrbuch  für  das  Berg=  und  Hüttenwesen  1877.  Die  Verhältnisse
  des  Freiberger  Berg=  und  Hüttenwesens,  von  Oberhüttenraiter  Gottschalk.
Jahrbuch  für  das  Berg=  und  „Hüttenwesen.  1878.  Die  Ausführung
  des  fiskalischen  Nochschönderger  Stolln,  von  Oberbergrath  H.  Müller.

19
        <pb n="298" />
        —  290  —

am  Johannesbruch  vorüber  nach  der  Altväter-Wasserleitung  1½  km;
von  da  nach  Herder's  Ruhe  4  km,  von  Herder's  Ruhe  nach  Freiberg
  1  km.

Geht  man  über  Grüneburg,  so  besichtigt  man  die  Halsbrückner
Schmelzhütten,  zu  denen  der  Zutritt  auf  Anmeldung  in  der  Expedition
  (Person  1  Mark)  gestattet  wird.  Wer  die  Muldener  Hütten
zu  besuchen  beabsichtigt,  wird  nur  die  Goldscheidung  in  Augenschein
nehmen.  -

Nahe  an  Beihilfe  Erbstolln  liegt  der  Johannesbruch,  eine  schmale,
tiefe  Spalte,  welche  sich  in  einer  Länge  von  gegen  400  m  in  der
Breite  bis  zu  45  m  und  einer  Tiefe  von  30  bis  60  m  guer  vor
der  Muldenschleise  am  siebenten  Lichtloche  vorlegt.  Die  am  12.  März
1662  und  in  späteren  Wiederholungen  bis  auf  die  tiefste  Strecke  zusammengebrochenen
  alten  Bauten  der  vor  Zeiten  reichen  Fundgrube
Sct.  Johannes  werden  durch  diese  Staunen  erregende  Kluft  auf  dem
Halsbrückner  Gange  im  größten  Theile  ihrer  Längenausdehnung
nachgewiesen.

Westlich  vom  Johannesbruche  liegt  die  Altväter-Wasserleitung,
ein  ehrwürdiger,  eigenthümlicher  Bau,  dessen  südliche  sechs  Bögen
mit  großer  Sorgfalt,  dessen  nördliche  sechs  Bögen  mit  einer  gewissen
Uebereilung  und  Sorglosigkeit  ausgeführt  sind,  wofür  die  ungleiche
Weite,  sowie  die  Unterstützung  des  ersten  Bogens  durch  eine  nochmalige,
  und  zwar  einseitig  ausgeführte  Wölbung  spricht.  In  einem
hölzernen  Gerinne,  welches  auf  beiden  Seiten  mittels  Holzanbauten
weiter  geführt  wurde,  brachte  man  über  die  190  m  lange,  2,3  m  breite
und  20,6  m  über  dem  Muldenspiegel  hohe  Brücke  bis  1752  die  an
der  Davider  Wäsche  gefaßten  Wasser  des  rothen  Graben,  sowie  auch
das  Münzbachwasser  mit  18,3  m  Gefälle  auf  die  Kunsträder  der
Grube  Altväter  sammt  Anna,  deren  Gebäude  zum  Theil  noch  heute
stehen.  Man  sagt,  die  Altväter-Wasserleitung  sei  1680  erbaut.  Nachgewiesen
  ist,  daß  1690  die  südliche  Hälfte  stand  und  daß  die  nördliche
Hälfte  erst  später  in  Stein  ausgeführt  worden  ist.  Der  Bau  wird
erhalten,  denn  es  ist  leicht  möglich,  daß  bei  Wiederaufnahme  des
Bergbaues  anf  dem  Halsbrückner  Spath  die  Wasserleitung  wieder  in
Gang  gesetzt  wird.

Die  Straßenbrücke,  welche  am  Fuße  der  Altväter-Wasserleitung
über  die  Mulde  führt,  ist  allem  Anscheine  nach  älteren  Ursprunges.

In  der  Halde  der  früheren  Grube  zu  den  Drei  Königen  ist  die
Ruhestätte  des  1838,  den  29.  Januar,  in  Dresden  verstorbenen
Oberberghauptmann  Sigmund  August  Wolfgang  Frhr.  v.  Herder,
zweiten  Sohnes  des  berühmten  Theologen  und  als  Präsident  des
Oberconsistoriums  in  Weimar  1803  gestorbenen  Johann  Gottfried
        <pb n="299" />
        —  291  —

v.  Herder.  In  Bückeburg  1776  geboren,  studirte  er  1797  bis  1799
in  Freiberg  die  Bergwissenschaft  und  1800  in  Wittenberg  die  Rechtswissenschaft.
  1802  trat  er  als  Bergamtsassessor  in  Marienberg  in
den  sächsischen  Staatsdienst,  in  welchem  er  sich  um  den  Bergbau  und
das  Hüttenwesen  unvergeßliche  Verdienste  erwarb.  Sein  großartiger
Plan  des  tiefen  Meißner  Erbstollns  erschien  erst  nach  seinem  Tode.
„Hier  ruht  der  Knappen  treuster  Freund!  —  ihr  Erster  einst  —
ihr  Erster  auch  in  Wort  und  That,  galt  es  der  Berge  und  der
Knappen  Wohl."“

34.  Freiberg.

Von  Herder's  Ruhe  hat  man  bei  Morgenbeleuchtung  einen  ganz
hübschen  Blick  auf  die  Stadt  Freiberg  und  den  sich  hinter  ihr
erhebenden  Höhenzug.

Von  da  kommend,  betritt  man  Freiberg  am  Meißner  Thor  und
hat  die  Jacobikirche  zunächst  vor  sich.  Dieselbe  bildet  den  Hauptpunkt
  des  noch  jetzt  als  Sächsstadt  (urkundlich  1241  civitas  saxonum)
benannten,  wahrscheinlich  von  Harzer  Bergleuten  gegründeten  Stadttheiles.
  Die  völlig  um=  und  verbaute  Kirche  erhielt  um  1550  ihre
gegenwärtige  Gestalt.  Bemerkenswerth  ist  die  in  einem  Schlußsteine
des  südlichen  Seitenschiffes  befindliche,  mit  Pilgermuschel,  Schlägel
und  Eisen  geschmückte  Inschrift:  „Das  ist  die  elteste  Kirch  in  Freiberg
  zu  St.  Jacob  in  der  Sachs."“

Nahe  der  Kirche  hat  man  einen  interessanten  Blick  auf  die
Stadt,  deren  Erhebung  aus  dem  Thale  des  Münzbaches  zu  dem
oberen  Plateau  der  neueren  Stadt  man  recht  gut  übersieht,  und  den
Namen  Freiberg,  d.  h.  mit  Freiheiten  und  Rechten  reich  ausgestattete
  Bergstadt  als  eine  vollkommen  richtige  Localbezeichnung  erkennt.

Auch  der  Grundriß  der  Stadt  bezeugt  das  Vorhandevsein  eines
älteren  Ortes  um  die  Jacobikirche,  dessen  Begrenzung  durch  die  Gasse
am  Mühlgraben,  die  Gerbergasse  und  Donatsgasse  bezeichnet  wird;
mit  engen  und  krummen  Gassen  und  Gäßchen  ein  längliches  Oval
bildend,  und  vermuthlich  mit  einer  Mauer  umgeben,  welcher  bei  der
Neuanlage  der  Stadt  erst  in  deren  Umfassung  mit  hereingezogen
wurde.

Die  Stadt  Freiberg  hat  annähernd  die  Gestalt  eines  Ovals,
dessen  Hauptachse  durch  die  Erbsche  Straße  und  die  Burgstraße  gegeben
  wird.  Oestlich  derselben,  fast  halb  kreisrund  ausgebaucht,  in
der  oberen  Hälfte  mit  regelmäßig  angelegten  Straßen,  in  der  unteren
nach  der  Nikolaikirche  und  dem  Dome  zu,  mit  krummen  und  winkligen

19*
        <pb n="300" />
        —  292  —

Gassen  und  Gäßchen  an  die  beinahe  gradlinige  Borngasse  sich  an—
schließend.  Auch  diese  Erscheinung  legt  wiederum  dar,  daß  der  obere,
regelmäßige  Theil  der  Stadt  der  zuletzt  erbaute  ist.  Die  westliche
Hälfte,  bedeutend  kleiner  als  die  östliche,  würde  nahezu  einen  Halbkreis
  bilden,  wäre  nicht  in  Anlehnung  an  die  Bodengestaltung  der
zwischen  dem  Petersthore  und  dem  Schlosse  befindliche  Theil  des
Kreisbogens  nach  Innen  gedrückt,  anstatt  nach  Außen.

Die  Umfassung  der  Stadt  wurde  schon  unter  Otto  dem  Reichen,
zwischen  1185  und  1190,  mit  einer  starken  Mauer  und  dem  Graben
versehen,  innerhalb  dessen  längs  der  Mauer  der  mit  18  Rondelen
versehene  Zwinger  oder  Niederwall  sich  erstreckte.  Die  Stadtmauer
war  mit  39  viereckigen  Thürmen  verstärkt.  Aus  der  Entfernung
(etwa  100  m)  und  der  Anlage  derselben  läßt  sich  schließen,  daß  sie
gleichzeitig  mit  der  Stadtmauer  im  Anfange  des  13.  Jahrhunderts
errichtet  wurden.  Der  Außenrand  des  Grabens  war  mit  einer  senkrechten
  glatten  Futtermauer  versehen.  Auf  der  Innenseite  der  eigentlichen,
  6—8  m  hohen,  1½  m  starken  Stadtmauer  führte  ein  Gang
von  Thurm  zu  Thurm,  von  welchem  aus  man  durch  die  Schießscharten
  das  Vorland  unter  Feuer  nehmen  konnte.

Der  an  der  Ostecke  der  Stadt  aufgeführte  runde  Donatsthurm
ist  neueren  Ursprunges  und  weist  in  seiner  Anlage  auf  die  durch
Albrecht  Dürer  in  der  Städtebefestigung  eingeführten  starken  Rundthürme
  mit  Geschützvertheidigung.  Seine  Erbauung  ist  daher  zwischen
1525  und  1550  zu  setzen.  Er  ist  kreisrund,  14,3  m  im  Durchmesser
  und  hat  in  seiner  unteren  Hälfte  über  5  m  Mauerstärke.  Die
Pforte  nebem  dem  Thurme,  sowie  der  zum  7  m  über  der  Straße
liegenden  Thurmeingange  führende  Gang  wurde  mit  der  südwärts  anstoßenden
  Stadtmauer  ungefähr  1844  abgetragen.

Außer  dem  Donatsthurme  führten  das  Meißner,  das  Roßweiner
oder  Kreuzthor,  das  Petersthor  und  das  Erbsche  Thor  aus  der
Stadt.  Die  Thore  waren  mit  einfachen  oder  auch  mit  doppelten
Zwingern  (Basteien  oder  Rondelen)  versehen  und  durch  nahe  liegende
Seitenthürme  verstärkt.  Das  Petersthor  führte  durch  einen  starken
viereckigen  Thurm  mit  zwei  oberen  für  Aufnahme  von  Geschützen
eingerichteten  Stockwerken;  auf  dem  zuletzt  (1846)  abgetragenen
Erbschen  Thorthurme  befand  sich  ein  achtseitiger  Aufsatz  mit  einem
für  Geschütz=  und  einem  für  Handfeuerwaffen-Vertheidigung  eingerichteten
  Stockwerke.  Die  starken  Rundvorbauten  der  Thore  waren
für  Geschützvertheidigung  in  dem  Obergeschoß,  wie  in  den  tiefer  liegenden
Gewölben  eingerichtet.  4

Der  Stadtgraben  ist  zum  großen  Theile  zugeschüttet,  die  Thore
und  Thorthürme  sind  abgetragen,  die  Zugbrücken  beseitigt.  Nur
        <pb n="301" />
        —  293  —

einzelne  Stücke  der  Stadtmauern  sind  noch  erhalten,  so  am  Korn—
hause,  am  Donatsthore  und  hinter  den  Mönchen,  wo  noch  vier
Thürme  stehen  geblieben  sind.  Im  Ganzen  von  den  39  Thürmen
der  Stadtmauer  noch  10.“)

Freiberg  verdankte  besonders  dem  Markgrafen  Heinrich  dem
Erlauchten  viele  Freiheiten  und  Privilegien;  die  Befreiung  von  der
Entrichtung  des  Marktzolles;  den  großen  vierzehntägigen  Jahrmarkt
nach  Jacobi;  den  Bierzwang,  so  daß  auf  allen  Bergwerken  nur
Freiberger  Bier  geschenkt  werden  durfte  u.  s.  w.  Gleichzeitig  erhielt
aber  auch  (1255)  die  Stadt  ihre  eigene,  weit  über  das  Gebirge  hinauf
sich  erstreckende  Gerichtsbarkeit,  wobei  der  Voigt  des  Markrafen  im
Verein  mit  den  24  geschworenen  Bürgern  von  Freiberg  Recht  in
allen  Berg=  und  anderen  Sachen  sprach.  Das  Freiberger  Stadtrecht
und  das  Freiberger  (dem  Iglauer  nachgebildete)  Bergrecht  erhielten
eine  große,  Jahrhunderte  lang  nachwirkende  Bedeutung.

Gewerbe  und  Kunst  entwickelten  sich  frühzeitig  schon  in  der
kräftig  aufblühenden  Stadt;  ein  lebhafter  Handel  belebte  dieselbe  und
machte  sie  frühzeitig  schon  zu  einem  wichtigen  Markte  für  alle  Bedürfnisse
  eines  weiten  Umkreises.  Getreide,  Obst,  Wein,  Butter,
Hühner,  Eier,  Rindvieh,  Schweine  bildeten  schon  Mitte  des  13.  Jahrhunderts
  die  hier  zu  Markte  kommende  Einfuhr  aus  Böhmen,  Salz
und  Heringe  aus  dem  nördlichen  Deutschland  und  von  der  See.
Unter  den  Handwerksinnungen  waren  außer  den  Bäckern,  Fleischern,
Schneidern  und  Schuhmachern  besonders  die  Tuchmacher,  die  Leineweber
  und  die  Schmiede  die  bedeutendsten.

Besonders  hervorragend  war  von  Mitte  des  15.  bis  gegen  Ende
des  16.  Jahrhunderts  die  Glocken=  und  Geschützgießerei  der  Hilliger,
einer  durch  mehr  als  vier  Generationen  ihren  Ruhm  behauptenden
Erzgießerfamilie.

Von  den  gegenwärtig  in  der  Stadt  Freiberg  vorhandenen  und
in  lebenskräftiger  Entwickelung  sich  befindenden  Industriezweigen  seien
nur  die  nachstehenden  hervorgehoben.“)

Die  Gold=  und  Silberdrahtwaaren-Fabrik,  (W.  Röseler)  1692

*)  A.  Moller,  Theatrum  Freibergense  Chronicum  etc.  Freiberg.  1653.
Heinrich  Gerlach,  Kleine  Chronik  von  Freiberg  als  Führer  durch
Sachsens  Berghauptstadt  2c.

A.  Breithaupt,  Die  Bergstadt  Freiberg  in  Hinsicht  auf  Geschichte,
Statistik,  Cultur  und  Gewerbe,  besonders  Bergbau  und  Hüttenwesen.  2.  Aufl.
Freiberg,  Craz  &amp;amp;  Gerlach.  1847.

Gust.  Ed.  Benseler,  Geschichte  Freibergs  und  seines  Bergbaues.  3  Bde.
Freiberg,  Engelhardt.  1843—1853.

“)  F.  Krumbiegel,  Oberlehrer.  Zur  Lage  und  Entwickelung  der  Stadt
Freiberg.  Freiberg,  Craz  &amp;amp;  Gerlach.  1889.
        <pb n="302" />
        —  294  —

angelegt,  eine  fast  200  Jahre  alte,  durch  Privilegien  geschützte  und
mannigfach  vervollkommnete  Industrieanlage,  welche  in  großartigem
Umfange  Gold-  und  Silberdrähte,  Lahn,  Gespinnste,  Flitter,  sowohl
echt,  als  auch  plattirt  und  leonisch  (unecht  —  nach  der  ersten  An—
fertigung  falschen  Goldes  in  Lyon  so  benannt),  sowie  Tressen,  Spitzen,
Gallonen,  Schnüre,  Fransen,  Quasten,  Flitterstickereien  u.  s.  w.

Die  Eisengießerei,  Maschinenfabrik  und  Kesselschmiede  fertigt
Pumpen,  Müllereimaschinen,  landwirthschaftliche  Maschinen;  nächst
ihnen  besteht  eine  Kupferschmiederei  und  Kesselschmiede,  eine  Metall—
tuch=  und  Drahtgewebe-Fabrik.

Die  Fabrik  wissenschaftlicher  Präcisionsinstrumente  ist  bekannt
durch  ihre  geodätischen,  astronomischen,  berg=  und  hüttenmännischen
Meß=  und  Hilfswerkzeuge.

Besonders  interessant  für  den  Laien  ist  die  von  Olbernhau  nach
Freiberg  übergesiedelte  Fabrikation  von  Lehrmitteln  und  feinen  Spielwaaren.
  (V.  Dürfeld  Nachfolger).  Sie  fertigt  naturgetreue  Nachbildungen
  aller  Arten  von  Obst  (Aepfel,  Birnen,  Kirschen,  Pflaumen,
Aprikosen,  Pfirsiche  2c.),  Kartoffeln,  Rüben,  Gurken,  Pilze  (94  Arten,
darunter  46  eßbare)  ferner  Thiere  in  ½10  u.  Gr.  (Rinder-,  Pferde-,
Geflügelrassen  u.  s.  w.).

Die  Bleiwaarenfabrik  (Jung  und  Lindig)  fertigt  Bleche,  Folien,
Draht,  Rohre,  Schrot,  Kugeln  und  Gefäße  von  Blei;  sowie  Rohre,
Bleche  und  Gefäße  von  Zinn.  Die  Zinngußwaarenfabrik  (C.  W.  Pilz,
1764  gegr.)  Ornamente,  Spielwaaren,  Verzierungen  (für  Sarg,
Christbaum,  Hut,  Schuh  u.  s.  w.)  und  Wirthschaftsgegenstände.

Außer  der  Fabrik  feiner  Lederwaaren  (A.  Schlegel),  in  welcher
Necessaires,  Mappen,  Etuis,  Bestecke,  Kästen  u.  s.  w.  gefertigt  werden,
sind  noch  die  Lederfabrik,  Treibriemenfabrik,  Bürsten=  und  Pinselfabrik
  zu  nennen.  Im  engsten  Zusammenhange  mit  der  Production
der  Hütten  bestehen  fünf  Fabriken  künstlicher  Düngemittel.

Die  1181  (wahrscheinlich  jedoch  erst  1189)  gegründete  Stadt
Freiberg  wuchs  schnell  und  erhielt  in  Folge  des  Bergsegens  ein
reich  ausgestattetes  Ansehen,  eine  originelle  und  wohlhäbige  Architektur.
Aber  die  großen  Brände  von  1375,  1386,  1471  und  14384,  besonders
  aber  die  harten  Belagerungen  1639  und  1643  haben  Vieles
von  der  Ausstattung  und  dem  Schmucke  der  Bürgerhäuser  zerstört.
Dessen  ungeachtet  deuten  noch  mancherlei  Ueberreste  auf  die  ursprüngliche
  Anlage  zurück.  Eingangsthüren,  Flurgewölbe,  Wendeltreppen,
Erker,  Verzierungen  durch  bergmännische  Wahrzeichen,  Bergmannsfiguren,
  aber  auch  Heiligenbilder  bezeichnen  das  Ende  des  15.
und  die  erste  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  als  die  Periode  ihrer
        <pb n="303" />
        —  295  —

Entstehung,  womit  die  schmalen  Fronten  der  Häuser  und  die  hohen,
mehrstöckigen  Ziegeldächer  übereinstimmen.

Das  1410  bis  1416  erbaute  Rathhaus  wurde  nach  dem  Brande
1471  wiederholt  umgebaut.  Im  Erdgeschoß  und  ersten  Stockwerk
sind  mächtige  Gewölbe.  Im  Vorsaal  des  ersten  Stockwerkes  befinden
sich  die  lebensgroßen  Bildnisse  der  sächsischen  Kurfürsten  und  Könige
von  Johann  Georg  I.  und  dessen  Gemahlin  Magdalene  Sibylle  an
bis  zu  König  Friedrich  August  dem  Gerechten.  In  dem  anstoßenden
Rathszimmer  die  Bildnisse  von  Herzog  Heinrich  dem  Frommen,  den
Kurfürsten  Moritz,  August,  Christian  I.  und  II.,  der  Kurfürstin  Anna.

Im  ersten  Stockwerk  des  westlichen  Rathhausthurmes  ist  die
ehemalige  St.  Lorenzkapelle  mit  schön  geripptem  Kreuzgewölbe.

Das  slädtische  Kaufhaus  am  Obermarkt,  mit  reich  verziertem
Portal,  enthält  im  ersten  Stockwerk  die  sogenannte  Kastenstube.
(Raths-Trinkstube).  Die  reich  profilirte  Holzdecke  ruht  auf  einer
Holzsäule  mit  geschnitztem  Unterzuge.  An  die  ursprüngliche  Bestimmung
des  Zimmers  erinnert  die  1515  errichtete,  1549  erneuerte  und  1563
von  Kurfürst  August  bestätigte  Trinkordnung.  Die  Thür  des  Wandschränkchens,
  in  welchem  dieselbe  aufbewahrt  wird,  ist  auf  der  Außenseite
  mit  einem  Bild  der  Trinkstube,  auf  der  Innenseite  mit  dem
großen  sächsischen  Wappen  geziert.  Ein  zweites  Wandschränkchen
giebt  auf  der  Außenseite  die  Darstellung  von  Spielen,  auf  der  Innenseite
  das  Wappen  Herzog  Heinrich's.

Im  zweiten  Stockwerke  des  Kaufhauses  befindet  sich  das  Freiberger
  Alterthums  -Museum.  „Die  auch  kunstgewerblich  wichtige
Sammlung  besteht  wesentlich  aus  kirchlichen  und  bürgerlichen  Alterthümern
  der  Stadt  und  Umgegend.  Wandtafeln,  Fahnen,  Waffen
und  Wappenschilde  alter  Freiberger  Patriziergeschlechter  erinnern  an
die  denkwürdige  Vergangenheit  der  Stadt.  Werthvoll  sind  die  Willkomme
  von  den  Freiberger  Handwerksinnungen,  die  Innungssiegel
der  Stadt,  die  bergmännischen  Geräthe  alter  Zeit,  Bergparden,
Tscherper,  Steigerhäkchen,  Grubenlampen,  Gläser,  Trinkgeräthe  der
Berg=  und  Hüttenknappschaft  und  eine  17  m  lange  Darstellung  des
Begräbnißzuges  bei  der  Beisetzung  des  Kurfürsten  Christian  I."
(Vergl.  Steche  III,  98.)

Die  von  Markgraf  Otto  dem  Reichen  zwischen  1171  und  1175
erbaute  Burg  „Freistein“  (in  späteren  Zeiten  erst  „Freudenstein“
genannt),  im  Norden  und  Westen  vom  Stadtgraben,  im  Süden  und
Osten  vom  breiten  und  tiefen  Schloßgraben  umfaßt,  war  der  Sitz
der  markgräflichen  Voigte;  zu  Zeiten  auch  der  Markgrafen  selbst.
Heinrich  der  Erlauchte  war  wiederholt  hier;  Heinrich  der  Fromme
von  1505  bis  1539.  Seine  Söhne  Moritz  und  August  wurden
        <pb n="304" />
        —  296  —

hier  geboren.  „Er  war  ein  getreuer,  frommer  Fürst,  ohne  Betrug,
ohne  Falsch:  Was  er  zusagte,  das  mußte  gehalten  werden“,  schreibt
Freydiger,  sein  Geheimschreiber.

Kurfürst  August  begann  1566  einen  vollständigen  Umbau,  „weil
unsser  schloß  zu  Freiberk  hin  und  wider  bapfelligk  ist“  nach  den
Modellen  und  Bauanschlägen  von  Hans  Irmisch.  Dieser  Bau  ist  in
seiner  Umfassung  und  Höhe  noch  jetzt  beinahe  vollständig  erhalten.
Von  der  alten  Burg  blieb  Nichts,  höchstens  der  runde  Thurm  in
der  Südspitze.  Um  das  längliche  Viereck  des  Hofes,  dessen  Winkel
nahezu  nach  den  Himmelsgegenden  gerichtet  sind,  erstrecken  sich  auf
der  Nordwest=  und  Nordostseite  die  Hauptflügel,  auf  den  beiden
anderen  Seiten  schmälere  Verbindungsflügel,  so  daß  das  Ganze  dem
Zwecke  wohl  entsprechen  konnte,  als  Citadelle  die  Befestigung  der
Stadt  zu  verstärken.  Auf  der  Ostecke  erhob  sich  ein  starker  Thurm,
die  Nordecke  bildete  einen  bastionähnlichen  Vorsprung,  und  in  der
Westecke  machte  die  Baulinie  einen  einspringenden  Winkel,  um  vor
dem  Kreuzthore  ein  Kreuzfeuer  der  in  den  unteren  Gewölben  des
Schlosses  aufgestellten  Geschütze  zu  gewinnen.

Die  oberen  Räume  des  Schlosses  waren  als  kurfürstliche  Residenz
  mit  entsprechender  Pracht  ausgestattet;  einc  reich  geschmückte
Kapelle  in  dem  nach  Nordost  gerichteten  Flügel;  Säle,  Zimmer  und
Corridore  wurden  an  Wänden,  Decken,  Thürgewänden  und  Fensternischen,
  Erkern,  Oefen  u.  s.  w.  mit  Holzverkleidung,  Flächenmalerei,  Vergoldung
  u.  s.  w.  reich  verziert;  das  Aeußere  des  Schlosses  mit  seinen
Thürmen,  zahlreichen  Giebeln,  hohen  Fenstern  u.  s.  w.  stattlich  hergerichtet.

Aber  mit  dem  Beginn  des  18.  Jahrhunderts,  von  welchem  an
das  Freiberger  Schloß  verlassen  stand,  begann  auch  sein  Verfall.
Wie  weit  Nachlässigkeit,  Habsucht  und  Gedankenlosigkeit  daran  Schuld
getragen,  wird  sich  nicht  entscheiden  lassen;  unzweifelhaft  aber  ist,  daß
das  Schloß  in  seiner  inneren  Ausstattung  schon  bedeutend  gelitten
hatte,  als  man  es,  nach  verschiedenartiger  vorübergehender  Benutzung
im  Jahre  1804  zu  einem  Magazin  für  Militär  und  Bergleute  umbaute.
  Die  innere  Eintheilung  der  Säle,  Zimmer  und  Corridore,
selbst  die  Kapelle  wurde  durch  Ausbrechen  sämmtlicher  Zwischenwände
und  Einziehen  zahlreicher  Zwischenböden  bis  zur  Unkenntlichkeit  umgestaltet.
  Der  große  östliche  Eckthurm  wurde  zum  Theil  abgetragen,
die  Giebel  mit  ihren  Aufsätzen  und  Verzierungen,  die  Erker  und
Erkervorsprünge  weggerissen,  ein  einförmiges  glattes  Dach  mit  zahlreichen
  Bodenfenstern  hergestellt,  die  hohen  Fenster  zum  großen  Theil
zugemauert  und  lange  Reihen  niedriger,  unansehnlicher  Magazinfenster
daraus  gemacht.  Es  wurde  dem  Ganzen  ein  möglichst  prosaisches
Ansehen  gegeben.
        <pb n="305" />
        —  297  —

Der  Domherrenhof  (die  Thumerei),  am  Untermarkte,  wahrscheinlich
  um  1480  erbaut,  ist  wegen  der  Sternkeilgewölbe  des  Erdgeschosses
und  des  großen  Saales,  dessen  Gewölbe  auf  einem  Mittelpfeiler
ruhen,  sehenswerth.  (Steche,  Heft  III.  S.  72.)

Hier  befand  sich  das  alte  Gymnasium,  welches  1515  als  lateinische
Schule  gegründet,  1537  unter  Rektor  Rivius  die  erste  evangelischlutherische
  Hochschule  Sachsens  wurde.  Die  Verlegung  derselben  in
das  neue  Gymnasium  Albertinum  erfolgte  1875.

Gegenüber  dem  Domherrenhofe  liegt  der  Dom,  die  einstige
Marien=  oder  Pfarrkirche  zu  „Unserer  lieben  Frauen“.  Wahrscheinlich
  gegen  1200  gegründet,  wie  einzelne  Ueberreste  bezeugen,
aber  nach  den  Bränden  von  1386  und  1471  wesentlich  verändert
wieder  aufgebaut.  Ulrich  Groß  sagt:  „Anno  1480  den  19.  September
  ward  die  schöne  und  herrliche  Thumb  und  Kirche  mit  so  ein
kunstreichen  Predigt,  Taufstein,  Porkirchen  und  schönen  Bildnussen
über  die  Masse  geziehrt,  welchen  der  hochlöbliche  Fürst  Herzog  Albrecht
zu  Sachsen  mit  großen  Kosten  stadtlich  erbawet."“

Nach  den  Mittheilungen  des  Hr.  Baurathes  Dr.  O.  Mothes,
des  Wiederherstellers  der  Annaberger  und  Zwickauer  Hauptkirche,  ist
der  Freiberger  Dom  von  Meister  Tolkewalt,  welcher  der  sächsischen
Bauhütte  angehörte,  unter  theilweiser  Benutzung  eines  älteren  Baues
in  den  Jahren  1480  bis  etwa  1520  aus  einer  Marienkirche  umgestaltet
  worden.  Die  1480  zum  Dom  geweihte  Kirche  brannte  schon
1484  nieder  und  der  1512  von  Neuem  geweihte  Dom  wurde  erst
1520  vollendet.  Schon  im  Jahre  1539  wurde  die  Reformation
eingeführt.

Die  40  m  lange,  22½  m  breite  und  gegen  18  m  hohe,  dreischiffige
  Hallenkirche,  deren  Gewölbe  durch  zehn  freistehende  Säulen
getragen  wird,  welchen  eine  gleiche  Anzahl  von  Strebepfeilern  entspricht,
  die  an  der  Außenwand  der  Kirche  vorstehen,  aber  auch  nach
dem  Innern  derselben  ebensoweit,  wo  nicht  mehr,  hereinragen.  Um
diese  ist  die  Empore  herumgeführt,  ganz  in  ähnlicher  Weise,  wie  man
an  der  Annaberger  Hauptkirche  wieder  findet.  Die  Verhältnisse  der
Kirche  machen  einen  angenehmen  und  schlanken  Eindruck.

Allem  Vermuthen  nach  stammt  der  später  zur  Grabkapelle  umgebaute
  Chor,  wenigstens  in  seinen  fundamentalen  Theilen,  von  der
alten  romanischen  Marienkirche,  von  welcher  auch  die  goldene  Pforte
herrührt.  —

Gleichzeitig  wurden  die  Kreuzgänge  angelegt,  welche  den  „grünen
Kirchhof“  begrenzen.  Sie  haben  schöne  Gewölbe  und  Fenster,  machen
aber  einen  düsteren  Eindruck,  weil  ihnen  das  Licht  fehlt.  Die
v.  Schönberg'sche  Begräbnißkapelle  dagegen  gewährt  in  Folge  der
        <pb n="306" />
        —  298  —

sorgfältigen  Erhaltung  und  Vervollständigung  der  Denkmäler  ein
freundliches  Bild.  „Besonders  Bemerkenswerth  sind  die  schön  ent—
worfenen  und  vortrefflich  in  Schmiedearbeit  ausgeführten  eisernen
Gitter.“  (Steche  III.,  S.  65.)  Sie  erinnern  an  die  Gitterthüren
der  Bünaukapelle  in  Lauenstein.  Glücklicher  Weise  ist  die  Wiederherstellung
  der  Kreuzgänge  in  würdiger,  der  ganzen  Anlage  entsprechenden
  Weise  nunmehr  gesichert,  so  daß  dieses  Denkmal  mittelalterlicher
Baukunst  in  seiner  vollen  Schönheit  auch  für  die  Nachwelt  erhalten
bleibt.  Es  wäre  in  hohem  Grade  zu  beklagen  gewesen,  wenn  dieser
herrliche  Kreuzgang,  von  dem  so  schon  ein  Theil  weggerissen  ist,  um
die  Goldene  Pforte  frei  zu  machen,  den  Forderungen  eines  übernüchternen
  Materialismus  erlegen  wären.

An  der  Südseite  des  Domes  befindet  sich  die  vor  Zeiten  reich
bemalte  und  vergoldete,  gegenwärtig  in  reiner  Sandsteinarbeit  wieder
hergestellte  „Goldene  Pforte“.  Wiahrscheinlich  in  der  ersten
Hälfte  des  13.  Jahrhunderts  zur  besonderen  Schmückung  der  Marienkirche
  angebracht,  hat  sie  alle  Zerstörungen  von  Kirche  und  Stadt
fast  unbeschädigt  überstanden.  In  der  allgemeinen  Form  romanischer
Kirchenportale,  bei  denen  Breite  und  Höhe  gleich  sind,  bilden  neun
Glieder,  und  zwar  fünf  Säulen  und  vier  Pfeiler,  welche  in  rechtwinkeligen
  Absätzen  zurücktreten,  die  Unterlagen  für  neun  halbkreisförmige
  Bogen  in  reichster  Verzierung.  In  den  Pfeilernischen  sind
die  Figuren  aufgestellt.

Die  acht  unteren  Statuen  stellen  rechts  Prophet  Daniel,  Königin
von  Saba,  König  Salomo,  Johannes  den  Täufer  dar,  links  Aaron,
Ecclesia,  König  David,  Prophet  Nahum;  über  der  Thür  im  Mittelfeld
  das  Jesuskind  auf  dem  Schooße  der  thronenden  Maria,  rechts
Erzengel  Gabriel  und  der  h.  Joseph,  links  die  Weisen  aus  dem
Morgenlande;  in  der  Mitte  der  aufsteigenden  Rundbogen  Gott  den
Vater  und  vier  Engel;  über  diesen  Gott  den  Sohn  mit  sieben
Heiligen  und  einem  Engel;  im  dritten  Bogen  Gott  den  heiligen  Geist
inmitten  von  acht  Aposteln;  im  höchsten  Bogen  endlich  den  Engel
des  Weltgerichts.

„Dieses  Portal  ist  das  herrlichste  Werk  der  gesammten  romanischen
  Bildnerkunst,  und  weder  in  Deutschland  noch  in  Italien  ist  ein
zweites  dieses  Zeitalters  zu  finden,  das  an  Hoheit  und  Sinnigkeit
der  Zusammenstellung,  wie  an  Schönheit  und  Großartigkeit  der  Ausführung
  damit  vergleichbar  wäre.“  (H.  Gerlach,  Kleine  Chronik  von
Freiberg,  S.  34.)  Leider  ist  dieselbe  durch  gedankenlose  Reparaturen
und  Erneuerungen  fast  eben  so  geschädigt,  wie  durch  die  Ungunst  des
Klimas  und  der  Witterung.  Die  vollständige  Wiederherstellung  des
kostbaren  Kunstwerkes  ist  eine  außerordentlich  schwierige  und  verlangt
        <pb n="307" />
        —  299  —

umfängliche  und  gewissenhafte  technische  und  kunstgeschichtliche  Studien
und  Vorarbeiten.

Das  Innere  des  Domes  bilden  drei  gleich  hohe  Schiffe  mit
schlankem  Netzgewölbe,  welche  von  zehn  achteckigen  Pfeilern  getragen
werden.  Rings  um  den  inneren  Raum  führt  eine  Galerie  von  Stein.

Am  sidlichen  Mittelpfeiler  ließ  1638  Bürgermeister  Schönlebe
die  von  zwei  Bergleuten  gestützte  Kanzel  bauen,  welche  mit  einer  dem
Zeitgeschmacke  entsprechenden  Darstellung  der  Verurtheilung,  Kreuztragung
  und  Kreuzigung  Christi  geschmückt  ist.

Die  ältere  Kanzel,  die  sogenannte  Tulpenkanzel  (im  Volksmunde
„Teufelskanzel“)  zwischen  dem  2.  und  3.  Pfeiler  auf  der  Südseite
des  Schiffes,  ein  phantastisch  geformtes  Kunstwerk  aus  weißem  Thonstein,
  ist  um  1500  von  einem  unbekannten  Meister  gefertigt.  Diese
3  m  hohe,  in  Tulpenform  endigende,  von  durchbrochenem  Blatt=  und
Rankenwerk  getragene  Kanzel  ist  mit  den  Figuren  von  vier  Kirchenvätern
  und  von  Engeln  geschmückt.  Zwei  Löwen  bewachen  die  Aufgangstreppe,
  welche  ein  auf  Astwerk  sitzender  Mann  stützt,  während
an  ihrem  Fuße  ein  klagender,  Trost  bedürfender  Mann  und  auf  der
Treppenspille  ein  wachsames  Hündchen  sitzt.  Kunstreich  und  elegant
ausgeführt,  wird  sie  jedoch  seit  langen  Jahren  nicht  mehr  benutzt.

Der  Altarplatz  oder  hohe  Chor  mit  der  Vierung  und  der  früheren
nach  Süden  gelegenen  Allerheiligen-Kapelle  sowie  der  nach  Norden
befindlichen  Sakristei  bildet  die  vom  Schiff  vollständig  abgetrennte
Fürstengruft.

Die  ehemalige  Sakristei  steht  leer;  doch  ist  das  Gewölbe  derselben
  mit  den  Tragsteinen  der  Gurtbögen  sehenswerth.

In  der  früheren  Allerheiligen-Kapelle  befindet  sich  seit  1811
das  von  Permoser  gefertigte  Denkmal  der  beiden  Schwestern,  Kurfürstin
  Anna  Sophia  (1  1717),  Wittwe  Johann  Georg  III.,  und
der  Kurfürstin  Wilhelmine  Ernestine  von  der  Pfalz.  Dasselbe  war
bis  dahin  in  Schloß  Lichtenburg  bei  Prettin.  Vor  demselben  stehen
die  lebensgroßen  Figuren  der  Mutterliebe  und  der  Güte.

In  der  Vierung  sieht  man  das  vom  Antwerpener  Bildhauer
Anton  v.  Zerum  ausgeführte  Marmordenkmal  des  Kurfürst  Moritz.
Auf  drei  schwarzen  Marmorstufen  erhebt  sich  der  durch  Säulen  und
Gebälk  in  zwei  Abtheilungen  getrennte  Unterbau,  auf  welchem  zwanzig
mit  lateinischen  Inschriften  von  Georg  Fabricius  versehene  Tafeln
von  weißem  Marmor  das  Leben  und  die  Thaten  des  Kurfürst  Moritz
berichten.  Auf  der  zweiten  Stufe  stehen  zwölf  Genien.  Der  reich

verzierte  Sockel  trägt  eine  Reihe  paarweis  geordneter  Säulen,  über
welche  ein  verziertes  Gebälke  und  stark  hervortretender  Sims  wiederum
eine  Reihe  von  zwanzig  Alabasterfiguren  trägt,  oberhalb  welcher  auf
        <pb n="308" />
        —  300  —

dem  geländerförmig  verzierten  Gebälk  der  Unterbau  dachförmig  ab—
geschrägt  zurücktritt,  um  mit  einer  von  zehn  messingenen  gegossenen
Greifen  getragenen  sarkophagartig  geformten  Platte  von  schwarzem
Marmor  zu  schließen.  Auch  diese  Platte  ist  mit  Wappenschilden,
Engels=  und  Genienfiguren  reich  geschmückt.  Auf  ihr  erhebt  sich  ein
Crucifix,  vor  welchem  die  Porträtfigur  des  Kurfürst  Moritz,  aus
weißem  Marmor,  betend  und  knieend  in  Lebensgröße  dargestellt  ist,
das  messingene  Kurschwert  in  der  Hand,  Helm,  Handschuhe,  Streithammer
  und  Pistole  neben  sich.

Leider  giebt  es  keinen  Standpunkt,  um  einen  vollständig  befriedigenden
  Anblick  dieses  kostbaren  Denkmales  zu  gewinnen.

Seitwärts  des  Monuments,  hoch  an  der  Wand,  steht  die  Rüstung
des  Kurfürsten,  in  welcher  er  bei  Sievershausen,  am  9.  Juli  1553,
tödtlich  verwundet  wurde.  Die  eiserne,  schwarzgefärbte,  schmucklose
Rüstung  ist  auffallend  leicht.  Panzerstecher  und  Dolch  sind  von  vortrefflicher
  Arbeit,  die  Gefäße  in  geschnittenem  Eisen,  Gurt  und  Scheiden
von  Sammt  und  mit  Silber  verziert.

Der  eigentliche  Chor,  zu  dessen  Umbau  Kurfürst  August  schon
1555  Pläne  anfertigen  ließ,  ist  durch  den  Architekt  und  Bildhauer
Nosseni  unter  Mitwirkung  des  Baumeisters  Hans  Irmisch,  des  Zeugmeisters
  Paul  Puchner  und  des  Oberhauptmanns  Heinrich  v.  Schönberg
  zur  Fürstengruft  in  seiner  gegenwärtigen  Gestalt  umgebaut
worden.

Bis  zum  Tode  Herzog  Georg  des  Bärtigen  (1539)  war  der
Meißner  Dom  Grabstätte  der  sächsischen  Fürsten  Albertinischer  Linie.
Von  1541  bis  1694  sind  Herzog  Heinrich  der  Fromme  und  die
Kurfürsten  Moritz,  August,  Christian  I.  und  II.,  Johann  Georg  I.,
II.,  III.  und  IV.  mit  ihren  Gemahlinnen  und  Kindern  in  Freiberg
beigesetzt.

Die  kurfürstliche  Begräbnißkapelle  wurde  erst  1594  vollendet.
Nosseni  ist  zwar  der  Erfinder  und  Leiter  des  Umbaues,  aber  Freiberger
  Steinmetzen  (Michael  und  Jonas  Grünberger),  Zöblitzer
Steindrechsler,  Freiberger  und  Dresdner  Maler  sind  hervorragend
an  demselben  betheiligt  gewesen.  Die  Statuen  und  sämmtliches
Figurenwerk  hat  der  Florentiner  Erzgießer  Carlo  de  Cesare,  ein
Schüler  von  Giovanni  da  Bologna,  in  Freiberg  modellirt  und  gegossen.
  Nur  die  Statue  Johann  Georg's  I.  ist  von  dem  Venetianer
Pietro  Boselli  gefertigt.  Marmor,  Alabaster  und  Serpentin  stammen
aus  den  Brüchen  von  Schwarzenberg,  Grüna,  Wildenfels,  Crottendorf
  und  Zöblitz.

Auf  einem  hohen  Sockel  von  schwarzem  Marmor,  aus  dem
die  Säulenfüße  von  rothgrauem  Marmor  vorspringen,  und  einem
        <pb n="309" />
        —  301  —

breiten  Fries  von  weißem  Marmor  erhebt  sich  eine  Säulenstellung
korinthischer  Ordnung.  Die  Säulen,  deren  Schäfte  aus  rothgrauem
und  gelbem,  deren  Fuß  aus  dunkelm,  deren  Capitäle  aus  weißem
Marmor  gefertigt  sind,  stehen  paarweise  (am  Eingange  in  Doppelpaaren),
  so  daß  in  dem  flachen,  nischenartigen  Raume,  welcher
zwischen  ihnen  bleibt,  das  eine  Mal  eine  lebensgroße  Figur  von  vergoldetem
  Messing,  das  andere  Mal  eine  große  weiße  Marmortafel
Platz  findet.

Nach  dem  Altar  gewendet,  hat  man  zu  seiner  rechten  Hand  die
Figuren  von  Kurfürst  Christian  I.,  Kurfürst  August  und  Herzog
Heinrich  dem  Frommen,  zur  linken  Hand  Kurfürst  Johann  Georg  I.,
Kurfürstin  Anna,  Herzogin  Katharina.  Die  Kurfürsten  knieen  in
voller  Rüstung,  das  Kurschwert  in  der  rechten  Hand,  die  linke  vorgestreckt,
  das  Antlitz  dem  Altar  zugewandt,  Helm  und  Handschuh
zur  Seite;  die  Kurfürstin  und  Herzogin  falten  im  Knieen  die  Hände
zum  Gebet.  „Die  Figuren  sind  (mit  Ausnahme  der  des  Kurfürsten
Johann  Georg  I.)  wegen  Haltung,  lebenstreuer  Auffassung  und  tüchtiger
Ausbildung  der  Köpfe  und  des  Trachtlichen  längst  als  bedeutende
Kunstwerke  geschätzt.“  (Steche  III.,  53.)

Die  Säulenuntersätze  am  Sockel  sind  mit  Löwenköpfen  von
weißem  Marmor  geschmückt,  und  zwischen  den  Säulenstellungen  befinden
  sich  auch  hier  weiße  Marmortafeln  mit  Inschriften.  Oberhalb
  der  Figuren  sind  Wappen  angebracht.  Das  hohe  Gebälke  des
Frieses  ist  reich  geschmückt  mit  Mascarons,  Wappen,  Cartouchen,
Frucht=  und  Laubgewinden,  Knaben=  und  Engelsfiguren.  Ein  stark
hervortretender  Sims  schließt  diesen  unteren  Theil  der  Fürstengruft
  ab.

Oberhalb  dieses  Simses  enthält  eine  zweite  Pilasterstellung  von
Sandstein  in  Rundnischen  die  Bildsäulen  von  acht  Propheten.  Auf
dem  darüber  befindlichen  oberen  Sims  sieht  man  Engelsfiguren  mit
Musikinstrumenten.

Der  marmorne  Altartisch  ist  mit  dem  Crucifix  geschmückt,  neben
welchem  Johannes  der  Täufer  und  Petrus  der  Apostel  stehen;  hinter
demselben  die  Figuren  der  Barmherzigkeit,  der  Gerechtigkeit,  der  Treue
und  der  Hoffnung  mit  der  Taube.  Den  Chorabschluß  bilden  vier
Engel  mit  den  Marterwerkzeugen;  zwischen  ihnen  der  auferstandene
Christus  in  großartiger  Auffassung.

Die  Decke  stellt  in  eigenthümlicher  Ausführung  das  Nahen  des
jüngsten  Gerichts,  den  Erzengel  Michael  und  den  von  einer  Engelschaar
  umgebenen  Christus  dar.

Der  Fußboden  ist  mit  achtundzwanzig  messingenen  Grabplatten
von  vortrefflicher  Composition  und  Arbeit  in  Figuren,  Wappen,
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        —  302  —

Verzierungen  und  Schriftgravirung  bedeckt.  (Freiberger  Erzgießer
Hilliger.)

„Der  Eindruck  der  Fürstengruft  auf  den  Beschauer  ist  ein
mächtiger.  Die  Architektur  ist  durchaus  maßvoll,  die  Gliederung  vor—
nehm,  voller  Schönheit.  In  Verbindung  mit  den  Metallfiguren  wirkt
vor  Allem  der  untere  Theil  mit  dem  ihn  bekrönenden  freien  Figuren—
und  Wappenwerk  im  höchsten  Grade  prächtig.“

35.  Freiberg  im  dreißigjährigen  Kriege.

Die  Befestigungen  von  Freiberg  sind  zum  größten  Theile  niedergelegt,
  die  Gräben  in  Spaziergänge  verwandelt,  Wiesen  und  Teiche
in  ihren  Bereich  hereingezogen,  Alleen  und  Baumgruppen  gepflanzt
und  mit  den  noch  vorhandenen  mit  Ephen  umzogenen  Mauerthürmen
prächtig  geschmückt.

Vor  dem  Petersthore  erhebt  sich  das  Schweden-Denkmal,  „den
tapfern  Bertheidigern  Freibergs  im  Jahre  1643“  gewidmet.  Nicht
weit  davon,  mit  einem  Gitter  eingefaßt,  das  letzte  kleine  Trümmerstück
  des  von  Lieutenant  Peter  Schmohl  mit  seinen  Defensionern  vertheidigten
  Mauerthurmes,  das  tiefergreifend  von  diesem  Abschnitt  der
Freiberger  Geschichte  erzahlt.

Die  schweren  Jahre  des  dreißigjährigen  Krieges  waren  eine  große
Zeit  für  Freiberg,  für  seine  Bürger,  seine  Bergleute  und  deren
Führer.  Was  Mannesmuth,  Zähigkeit,  Tapferkeit  und  Ausdauer,
Hingabe  an  Heimath,  Vaterland  und  Regenten  leisten  konnten,  das
ist  hier  geschehen.  Mitten  in  den  Gräuelscenen  bietet  die  Geschichte
von  Freiberg  ein  erhebendes  Bild.

Allerdings  mußte  die  1632,  am  3.  October,  von  den  Holk'schen
Truppen  unter  GF#M.  Graf  Gallas  beschossene  und  mit  Pechkränzen
beworfene  Stadt  aus  Mangel  an  Munition  und  Proviant  capituliren
  und  30  000  Thlr.  Brandschatzung  und  46  000  Thlr.  Verpflegsgelder
  zahlen.  Das  wurde  aber  die  Veranlassung,  sich  für  die
Vertheidigung  zu  rüsten  und  nach  dem  anfänglichen  Mißgeschick  den
Widerstand  bis  aufs  Aeußerste  zu  steigern.  Die  Stadtthore,  bis  auf
das  Erbsche,  wurden  zugesetzt,  die  Zwingerthüren  in  den  Rondelen
vermauert,  die  Vorstädte  durch  Gräben  und  Schlagbäume  abgeschlossen.
Als  Besatzung  blieb  freilich  nur  ein  Regiment  Fußvolk.

Schon  am  30.  September  erschien  GFM.  Holk  mit  6000
Mann  und  brannte  Fernesiechen,  etliche  Huthäuser  und  3000
Schragen  Holz  auf  dem  Floßplatze  nieder.  Als  nun  am  2.  October
GFM.  Graf  Gallas  mit  8000  Mann  zu  ihm  stieß  und  Tags
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        —  303  —

darauf  nach  Besetzung  der  Vorstädte  mit  neun  Stücken  am  Hospitalgarten
  und  zwei  Batterien  am  Meißner  Thore,  zum  großen  Theile
Dreiviertel-Karthaunen  (36  pfünder),  ein  gewaltiges  Feuer  eröffnete,
so  daß  die  Mauer  zwischen  dem  Feuer=  und  dem  Rothgießerthurm
zusammengeschossen  wurde  und  in  der  Stadt  eine  Feuersbrunst  ausbrach,
  wurde  eine  höchst  ungünstige  Uebereinkunft  geschlossen.  Die
Besatzung  erhielt  freien  Abzug.  GFM.  Graf  Gallas  verlangte
50  000  Thlr.  Ranzion  und  Entschädigung  für  die  Plünderung,  welche
nach  vielem  Bemühen  auf  30  000  Thlr.  herabgesetzt  wurde.

Bis  gegen  Ende  des  Jahres  blieb  eine  kaiserliche  Besatzung,
welche  vor  ihrem  Abmarsche  die  Stadt  noch  einmal  brandschatzte  und
die  Vorstädte  niederbrannte.  „In  unserer  und  gemeiner  Bürgerschaft
  Nahrung  sind  wir  gänzlich  ruinirt:  aller  Bergbau  bleibt  gänzlich
  liegen.“  (Vergl.  Benseler,  Geschichte  Freibergs  und  seines  Bergbaues.
  Freiberg,  Engelhard.  1853.  2  Zde.)

Fünfhundert  Häuser  der  Stadt  standen  leer.  Die  umliegenden
Dörfer  waren  ebenfalls  zum  größten  Theile  leer,  verwüstet,  die
Güter  verödet,  die  Felder  unbebaut,  die  wenigen  übrig  gebliebenen
Leute  zu  Grunde  gerichtet.

Im  Jahre  1633  wurde  die  Stadt  durch  die  Kaiserlichen  unter
Oberst  Ulefeld  angegriffen;  doch  die  Bürger  behaupteten  sich  tapfer,
trotz  großen  Schadens  in  der  Stadt,  und  auch  1634  wiesen  sie  die
Angriffe  unter  Oberstleutnant  Schütz  und  14  Tage  später  unter  Oberst
Schönickel  mit  Erfolg  zurück.

Nun  begann  man  in  der  Stadt  den  Widerstand  für  die  Zukunft
zu  organisiren,  besonders  da  man  gesehen  hatte,  daß  Unterstützung
und  Besatzung  nur  schwer  erlangt  werden  könnten.

Am  19.  Mai  wurde  die  Defensionsfahne  wieder  errichtet.
Schon  1612  waren  18  Fähnlein  Defensioner-Fußvolk  im  Kurfürstenthum,
  9360  Mann  stark,  aufgestellt:  das  Fähnlein  also
520  Mann  stark.  Dieselben  wurden  1620  wieder  entlassen,  nachdem
  Graf  Mannzfeld  erklärt  hatte,  „es  sei  ihnen  kein  Posten  anzuvertrauen,
  und  man  wage  mit  ihnen  Reputation  und  Ehre.“

Die  alte  Defensionsordnung  war  aber  in  Giltigkeit  und  blieb
es  bis  1663,  und  auf  Grund  derselben  traten  die  Bürger  und
Angesessenen  der  Stadt,  vom  regierenden  Bürgermeister  aufgefordert
und  von  einem  Rathsverwandten  befehligt,  zu  einer  starken  Defensionsfahne
  zusammen.  Der  „ehrenveste,  ehrenwohlgeachtete  und  mannhafte“
  Daniel  Süssemilch  wurde  zum  „wohlbestallten  Defensionsfehnrich"
  ernannt.  Derselbe  erlag  1639  während  der  Belagerung
den  Anstrengungen.
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        —  304  —

SOberst  v.  Schwalbach  verlangte,  daß  „umlaufende  Gänge  und
Wehren  von  Holz“  zwischen  die  40  Thürme  der  Stadtmauer  gesetzt
würden.  Der  halbe  Mond  (Ravelin)  vor  dem  Kreuzthore  wurde
wieder  hergestellt;  die  Teiche  bei  vollem  Wasser  erhalten,  und  vom
Kurfürsten  zwei  bis  drei  Geschütze  mehr  auf  die  Thürme  und  50
Doppelhaken,  sowie  später  noch  drei  Feldschlangen  gegeben.

Der  Rath  lehnte  zwar  beim  Einbruch  der  Schweden  unter  Baner
(1639)  eine  Besatzung  ab  und  bat  nur  um  100  Musketen,  3  bis
4  Ctnur.  Pulver  und  5  bis  6  Ctur.  Lunte;  als  aber  Zwickau  und
Chemnitz  in  Feindes  Hand  gefallen  waren,  sendete  der  Kurfürst  den
Oberstlieutenant  v.  Haubitz  mit  vier  Compagnien  Dragoner  und
etlichen  Munitionswagen  nach  Freiberg.

Die  Befestigungen  wurden  möglichst  verstärkt.  Die  Dragoner  besetzten
  mit  je  einer  Compagnie  vier  Thore,  die  Bürger  das  Schloß,
das  Kreuzthor  und  sämmtliche  Thürme  der  Stadtmauer;  9  Geschütze,
150  Doppelhaken,  sehr  viele  Musketen  und  Rohre  standen  der  Vertheidigung
  zur  Verfügung.

Feldmarschall  Baner  erschien  am  2.  März  mit  30  Regimentern
Reiterei,  1500  Mann  Fußvolk,  4  Geschützen  und  12  Regimentsstücken,
  und  setzte  sich  allen  Thoren  gegenüber  fest,  besonders  im
Gießhause  vor  dem  Petersthore.  Den  Hauptangriff  richtete  er  auf
das  Petersthor  und  Erbsche  Thor.  Ein  Ausfall  des  Hauptmann
Törmer  zerstörte  zwar  die  neu  angelegte  Batterie  vor  dem  Petersthore
  und  ermöglichte,  Vieh  und  Fourage  in  die  Stadt  zu  bringen;
aber  am  18.  März  früh  6  Uhr  begannen  die  Schweden  aus  zwei
neu  angelegten  Batterien  mit  2  halben  Karthaunen  und  etlichen
Viertelskarthaunen  die  Stadtmauer  zwischen  dem  Schloß  und  dem
Meißner  Thor  zu  beschießen.  Mit  über  500  Schuß  hatten  sic  ein
großes  Stück  Mauer  niedergeworfen.  Die  Bresche  wurde  mit  Erdkästen
  versetzt  und  verbollwerkt,  so  weit  es  möglich  war,  dahinter
ein  Graben  gezogen  und  ein  Abschnitt  mit  Palissaden  hergestellt.
Der  Aufforderung,  sich  zu  ergeben,  antwortete  der  Commandant:
„so  der  General  ihm  die  Ehre  eines  Sturmes  anthun  wolle,  werde
er  bei  der  Stadt  auch  Leute  genug  finden“.

Nach  3  Uhr  Nachmittags  drangen  etwa  1000  Mann  schwedische
Commandirte  mit  Leitern  und  Sturmgeräth  aus  den  Laufgräben
gegen  die  Bresche  vor.  Als  aber  gegen  400  schon  ziemlich  oben
waren,  gaben  die  Dragoner  und  Bürger,  welche  im  Zwinger  hinter
den  Abschnitten  im  Feuer  lagen,  eine  grimmige  Salve  unter  sie
Ebenso  glücklich  wurde  der  Sturm  auf  das  Petersthor  abgeschlagen.
Die  Vertheidigung  war  zum  Bewußtsein  ihrer  Kraft  gekommen.
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Im  schwedischen  Belagerungspark  kam  Feuer  aus;  Munitionswagen
  gingen  in  die  Luft,  und  voller  Zerstörungswuth  brannten
die  Schweden  800  Schragen  Holz  auf  dem  Floßplatze  und  die
Schmelzhütten  nieder,  zerstörten  Gruben,  Zechen,  Pochwerke  und
Berggebäude.

Das  Anrücken  Marzin's  mit  8000  Mann  veranlaßte  Baner
am  20.  März  Abends  die  Belagerung  aufzuheben  und  in  der  Richtung
  auf  Oederan  abzuziehen.

Drei  und  dreiviertel  Jahr  hatte  die  Stadt  Ruhe.  Die  Befestigungen
  waren  wieder  hergestellt,  die  Bürger  hatten  sich  fleißig
im  Waffengebrauch  geübt.

Kleine  Streifparteien  hatte  man  mit  Erfolg  abgewiesen;  die
Stadt  wurde  nicht  unmittelbar  von  den  Kreuz=  und  Querzügen  der
Schweden  und  der  Kaiserlichen  berührt.

Nach  der  zweiten  Schlacht  von  Breitenfeld,  den  2.  December
1642,  drangen  die  Schweden  aber  wieder  im  Erzgebirge  vor.

Schon  seit  dem  11.  October  hatte  sich  die  Stadt  mit  flüchtigem
Landvolk  gefüllt.

Die  Thore  wurden  vermacht,  die  Wachen  verstärkt.

Der  Kurfürst  schickte  Oberstlieutenant  v.  Schweinitz  mit  3  Compagnien
  zu  Fuß  und  1  Compagnie  Dragoner  zur  Unterstützung.
Energischer  Widerstand  wurde  beschlossen.  Zwei  Compagnien  sollten
das  Petersthor  vertheidigen,  1  Compagnie  das  Erbsche  Thor,  1  Compagnie
  das  Donatsthor,  die  Dragoner  das  Meißner  Thor,  die  Defensioner
  das  Kreuzthor  und  das  Schloß.  Die  übrigen  Bürger  sollten
die  Thürme  und  die  Stadtmauer  besetzen,  250  Bergleute  unter  Berghauptmann
  v.  Schönberg  ausbrechende  Feuer  löschen,  eingeworfene
Granaten  dämpfen  oder  Gegenminen  treiben.

Die  schwedische  Vorhut  war  schon  am  27.  December  vor  der  Stadt
eingetroffen;  zwei  Tage  darauf  waren  8  Brigaden  Infanterie  (zu
ungefähr  1300  Mann),  mehrere  Schwadronen  Reiter,  104  große
und  kleine  Stücke  und  5  Mörser  am  Hospitalwalde  versammelt.

Eine  Brigade  drang  mit  zwei  Viertelskarthaunen  bis  in  den
Hospitalgarten  und  beschoß  das  Petersthor.  Den  31.  December  eröffneten
  vier  Geschütze,  am  1.  Januar  zwanzig  ihr  Feuer,  außerdem
drei  Feuermörser  von  der  Viehgasse  her,  ein  80pfdger  Mörser  Feuerballen
  von  150  Pfd.  und  vier  Mörser  Granaten  von  60  Pfd.  in
die  Stadt  werfend.

Das  Petersthor  und  die  Stadtmauern  wurden  sieben  Stunden
lang  ununterbrochen  beschossen,  so  daß  das  Rondel  schwer  beschädigt,
auf  seiner  linken  Seite  die  Stadtmauer  20  Ellen  breit  in  Bresche
gelegt,  auf  seiner  rechten  Seite  so  stark  von  Kugeln  durchlöchert  war,

20
        <pb n="314" />
        —  306  —

daß  sie  jeden  Augenblick  einstürzen  konnte.  Da  eine  schwedische  Mine
fehl  ging,  wagten  die  Schweden  nicht  zu  stürmen.

Die  Vertheidiger  verwahrten  und  verbauten  die  Bresche  nach
Möglichkeit.  Die  Posten,  Streichwehren  und  Zwinger  wurden  stärker
besetzt,  in  großen  Mengen  aus  Messing  gegossene  Handgranaten  ver—
theilt,  zwei  Geschütze  in  der  Petersstraße  aufgestellt.  Die  Bergleute
räumten  den  Schutt  im  Stadtgraben  und  erhielten  für  jede  brauch—
bare  Stückkugel  einen  Groschen.  Trotz  des  heftigen  Feuers  der  Schweden
gelang  es  in  der  Nacht  vom  2.  zum  3.  Januar  beide  Breschen  mit
Petardirkästen  zu  versetzen  und  in  der  Petersstraße  einen  Abschnitt
zu  errichten.

Am  3.  Januar  schossen  die  Schweden  von  früh  bis  Abend  aus
allem  Geschütz  und  legten  die  Mauer  auf  70  Fuß  in  Bresche,
während  gleichzeitig  eine  Mine  vor  dem  Petersthor  ein  Stück  Futter—
mauer  in  den  Graben  warf.  Mittags  12  Uhr  stürmten  200  Mann
vergeblich  gegen  die  Bresche,  Nachmittags  3  Uhr  gingen  2000  Mann
mit  fliegenden  Fahnen  zum  Sturm  vor.  Sechs  Fähnlein  drangen
bis  in  den  Stadtgraben  und  auf  das  Rondel  am  Petersthor:  hier
wurden  sie  aber  so  empfangen,  daß  sie  nach  dreiviertelstündigem
Kampfe  den  Graben  verlassen  mußten.  Auch  am  Erbschen  und
Meißner  Thor  wurden  die  Schweden  zurückgeschlagen.  Eine  große
Kanonade  beschloß  den  Tag.

Am  nächsten  Morgen  erst  konnte  man  übersehen,  wie  das  Petersthor
  zugerichtet  war:  der  Thorthurm  und  die  beiden  Nebenthürme
von  Kugeln  durchlöchert,  das  Rondel  mit  Schutt  und  Trümmern
größtentheils  ausgefüllt,  die  Stadtmauer  niedergeworfen.

Glücklicher  Weise  ließen  die  schwedischen  Angriffe  an  Heftigkeit
nach.  Torstenson  errichtete  neue  Batterien,  verstärkte  die  Laufgräben,
griff  mit  Minen  an.  So  warf  er  am  19.,  20.  und  29.  Januar
große  Stücke  der  Futtermauer,  sowie  auch  einen  Theil  Stadtmauer
zwischen  dem  Donatsthor  und  Meißner  Thor  nieder.  Eine  neu  aufgeführte
  Batterie  beschoß  mit  zwei  Karthaunen  den  Wetterthurm  und
den  Wasserthurm.  Granaten  und  Feuerballen  zündeten  wiederholt
in  der  Stadt.

Die  Vertheidiger  gingen  mit  Gegenminen  vor  und  machten
wiederholt  mit  Erfolg  Ausfälle;  aber  die  Munition  ging  zur  Neige,
da  man  nun  schon  in  die  vierte  Woche  täglich  über  einen  Centner
Pulver  gebraucht  hatte.

Am  30.  Januar  eröffnete  eine  neue  Batterie  von  17  Geschützen
das  Feuer  gegen  das  Petersthor.  Die  Besatzung  machte  einen  Ausfall
  in  die  feindlichen  Vorbereitungen  zum  Sturme  hinein  und  vertheidigte
  die  Bresche  sodann  mit  Handgranaten.  Den  4.  Februar
        <pb n="315" />
        —  307  —

wiederholten  sich  Beschießung  und  Sturm.  Zwei  Mal  wurde  das
Rondel  verloren;  zwei  Mal  wurden  die  Schweden  wieder  hinausgeworfen;
  aber  beim  dritten  Sturm  behaupteten  sie  das  Rondel,  verbauten
  den  Graben  und  bewarfen  die  Bresche  und  den  Petersthurm
nun  ihrerseits  mit  Handgranaten.

Der  Kampf  um  das  Petersthor  selbst  dauerte  fort.  Große
Holzhaufen  wurden  herbeigeschleppt  und  angezündet,  um  die  Vertheidiger
  zu  vertreiben.  Da  ließen  die  Schweden  am  9.  Februar
zwei  Minen  springen,  welche  das  Rondel  öffneten.  Der  niedergeschossene
  Thorthurm  wurde  bestiegen  und  mit  Musketieren  besetzt.

Dagegen  errichteten  die  Vertheidiger  in  der  Petersstraße  noch
eine  Batterie  von  zwei  Zwölfpfündern  und  besetzten  alle  Häuser  ebenfalls
  mit  Musketieren.  Aber  die  Lage  der  Stadt  wurde  immer
schwieriger.  Ein  Thurm  nach  dem  anderen  mußte  aufgegeben  werden.
Man  vertheidigte  sich  noch  hartnäckig,  aber  trotz  aller  Anstrengung
wurde  die  Lage  immer  unhaltbarer.

Noch  am  10.,  11.  und  13.  Februar  ließ  man  mit  Erfolg
Minen  gegen  die  schwedischen  Werke  springen.  Die  Schweden  griffen
nun  auch  das  Kreuzthor  an,  hinter  welchem  man  einen  neuen  Vertheidigungsabschnitt
  hergestellt  hatte.

Vergebens  hatte  man  einen  Waffenstillstand  nachgesucht,  als
in  der  Nacht  zum  15.  Februar  zwei  aufgehende  Feuer  und  Schüsse
aus  großem  Geschütz  von  Lichtenberg  her  Zeichen  gaben,  daß
Ersatz  nahe.

Torstenson  ließ  noch  am  Petersthor  zwei  Minen  springen,
welche  eine  Bresche  von  mehr  als  20  Ellen  in  die  Mauer  legten
und  den  Feuerthurm  so  beschädigten,  daß  sein  Einsturz  drohte;  aber
in  der  Hoffnung  baldigen  Entsatzes  hatte  man  schon  Tags  vorher
die  Werke  wieder  hergestellt  und  auch  hier  gelang  es,  hinter  der
Bresche  eine  Palissadirung  zu  errichten,  um  einem  neuen  Sturmangriff
mit  Erfolg  entgegen  zu  treten.

Den  17./27.  Februar  hob  Torstenson  die  Belagerung
eiligst  auf.

Der  österreichische  General  Piccolomini  traf  mit  9000  Reitern,
5000  Mann  Fußvolk  und  26  Geschützen  ein  und  drängte  Torstenson
nach  der  Lausitz.

Groß  war  der  Jubel.  Ein  allgemeiner  Dankgottesdienst  wurde
gefeiert.  Der  Ruhm  Freibergs  und  seiner  tapfern  Vertheidiger  ging
durch  das  ganze  Reich;  Kaiser  Ferdinand  III.  erließ  Dankschreiben
und  Gnadenketten  an  den  Commandanten  v.  Schweinitz  und  den
Bürgermeister  Schönlebe,  den  Rath  und  die  Bürgerschaft.

20“
        <pb n="316" />
        —  308  —

Die  Stadt  hatte  1628  noch  1700  bewohnte  Häuser  und  mehr
als  4000  bewehrte  Männer  gehabt;  1640  zählte  man  kaum  noch
500  bewohnbare  Häuser  und  500  wehrhafte  Bürger.  Schon  1632
fehlten  innerhalb  der  Ringmauer  an  500  Häuser  und  678  Häuser
waren  1639  allein  in  den  Vorstädten  zu  Grunde  gerichtet  worden.
Die  Zahlungen,  welche  die  Stadt  Freiberg  von  1630  bis  1640  zu
leisten  hatte,  betrugen  über  eine  Tonne  Goldes  und  die  Verluste,
welche  der  Stadt  außerdem  zugefügt  wurden,  über  zwei  Tonnen
Goldes.  Im  Ganzen  nach  damaligem  Geldwerthe  über  300  000
Thaler.

Auch  im  siebenjährigen  Kriege  erlitt  die  Stadt  mancherlei  Drangsale,
  welche  ihren  Wohlstand  aufs  Neue  erschütterten,  und  im  Spätsommer
  1813  wurde  dieselbe  durch  die  Heeresmassen  der  Franzosen
und  Verbündeten,  welche  lange  Zeit  hin  und  her  wogten,  vielfach
geschädigt  (Schumann,  Ortslexikon  II,  734).

Groß  waren  die  Verluste,  schwer  die  Lasten;  für  lange  Jahre
war  der  Wohlstand  erschüttert,  und  erst  späteren  Zeiten  gelang  es,
die  Schäden  vollständig  auszugleichen.

36.  Der  Vergmann.

Moller  schreibt  in  der  Freiberger  Chronik:  „Zu  Freiberg  gibt
„es  auch  eine  besondere  Berggesellschaft,  welche  jetzo  die  Berg-„Knappschaft,
  vor  diesem  aber  die  Häuerzeche  oder  Bergbrüder-„zeche
  genannt  wurde.  Dieses  ist  eine  uralte,  löbliche  Verbrüderung,
„zu  welcher  kein  unehelich  Geborener,  oder  Wer  unehrlich  gehandelt,
„auch  nicht  die  Handwerker  alle,  zugelassen  werdin  Die
„Vorsteher  sind  der  Bergmeister,  die  Geschworenen,  vier  Zechmeister
„und  zwölf  Aeltest  Es  ist  Keiner  unter  der  Fahne  und
„dieser  ehrlichen,  untadelhaften  und  reinen  Zunft  gelitten  worden,
„bis  so  lange  er  sich  der  Unthaten,  Verdachtes,  und  bösen  Geschreies
„genugsam  entbrochen."“

Die  Bergleute  bilden  einen  besonderen  Stand  mit  eigener  Verfassung,
  Freiheiten,  Tracht,  zum  Theil  auch  Sitten  und  Sprache.
Alle  anfahrenden  Bergleute  heißen  Bergleute  vom  Leder  (wegen
des  Bergleders);  die  Pocher,  Schmelzer,  Amalgamirer  u.  s.  w.  Bergleute
  vom  Feuer,  oder  Hüttenleutez;  alle  in  der  Verwaltung  beschäftigten
  Bergleute  von  der  Feder.  Die  Berg=  und  Hüttenleute
  eines  Revieres  bilden  die  Knappschaft,  wie  auch  ursprünglich
der  Bergmann  Knappe  genannt  wurde.  Die  Bergleute  einer  Zeche
stehen  unter  dem  Steiger,  der  Oberaufseher  der  Zeche  ist  der
        <pb n="317" />
        —  309  —

Schichtmeister;  die  Berg-  und  Hüttengebäude  eines  bestimmten
Revieres  stehen  unter  dem  Berg-Amt.

So  verschieden  wie  die  Arbeit,  sind  auch  die  Benennungen  der
Bergarbeiter.  Man  unterscheidet  Kunstarbeiter,  Ganghäuer,  Zimmer—
linge,  Doppelhäuer,  Lehrhäuer,  Siebsetzer,  Treibeleute,  Haspelmeister,
Nachtpocher,  Grubenjungen,  Wäschjungen,  Scheidejungen  u.  s.  w.

Das  Bergglöckchen,  welches  vom  Petersthurme  die  Zeit  des  Ein—
fahrens  verkündet,  die  eintönig  sich  wiederholenden  Anschläge  der
Signalglocken,  welche  den  gleichmäßigen  Gang  der  Wasserhaltungsmaschinen
  melden,  die  zur  Grube  gehenden  oder  von  der  Grube
kommenden  Bergleute  mit  ihrem  „Glück  auf!“  dem  einfachen,  aber
bedeutungsreichen  Gruß  und  Gegengruß,  machen  auf  den  Besucher
von  Freiberg  einen  eigenthümlichen,  interessanten  Eindruck.

Wenn  auch  der  Bergkittel  bei  Weitem  nicht  mehr  so  allgemein.
getragen  wird  als  vor  Jahrzehnten,  so  erhält  man  doch  auf  jedem
Schritte  die  Erinnerung,  daß  man  in  einer  Bergstadt  sei.

Die  Masse  der  Bergleute  lebt  allerdings  nicht  in  Freiberg,  viele
wohnen  von  ihren  Zechen  entfernt;  die  ärmeren  in  Bergfreiheiten
oder  in  auf  alten  Berghalden  erbauten  Häusern.  Die  umliegenden
Orte  Zug,  Brand,  Erbisdorf,  Hilbersdorf,  Halsbach,  Conradsdorf,
Tuttendorf,  Halsbrücke,  Sand,  Rothenfurth,  Groß-Schirma,  Loßnitz
u.  s.  w.  stellen  das  Hauptcontingent  der  Bergleute  vom  Leder.

„Der  Bergmann“,  sagt  B.  Sigismund  (Lebensbilder  vom  Erzgebirge,
  S.  57.)  „stellt  das  Urbild  des  Erzgebirgischen  Volkscharakters
dar.“  Er  ist  „anstellig,  fleißig,  ehrlich,  heimathliebend,  wohlwollendhöflich,
  werkthätig  =  brüderlich,  bei  der  Arbeit  ernst,  an  Festtagen  mit
Anstand  fröhlich  und  überaus  genügsam.“  —  Beim  Erzbergbau  ergreift
  in  der  Regel  der  Sohn  den  Beruf  des  Vaters.  Während
beim  Kohlenbergbau  nur  die  rohe  mechanische  Kraft  des  Arbeiters
verlangt  wird,  muß  beim  Erzbergbau  Mancherlei  gelernt  sein,  was
nur  durch  lange  Uebung  und  durch  sorgfältigen  Unterricht  erreicht
werden  kann.

Der  Bergmannsknabe  erhält  in  der  Knappschaftsschule  unentgeltlichen
  Unterricht  und  setzt  sich  nach  den  Schulstunden,  etwa  vom
12.  Jahre  an,  schon  mit  an  die  Scheidebank,  um  die  erzreicheren
Stücken  von  den  erzleeren  unterscheiden  zu  lernen.  Sobald  er  aus
der  Schule  entlassen  ist,  wird  er  Scheidejunge,  und  erhält  seine
Schicht  (Arbeitszeit)  regelmäßig  bezahlt.  Die  Schicht  beträgt  sechs,
aber  auch  acht  Arbeitsstunden.  In  der  Regel  arbeitet  der  Bergmann
nur  eine  Schicht  täglich.  Zur  Anfahrtstunde  wird  mit  der  Häuerglocke
  geläutet  und  seit  1595  im  Huthause  vor  dem  Anfahren  und
nach  dem  Ausfahren  Betstunde  gehalten.  Mit  etwa  sechzehn  Jahren
        <pb n="318" />
        —  310  —

tritt  der  Junge  in  die  nächste  höhere  Classe  der  „Grubenjungen“  über,
wo  er  vor  Ort  die  gesprengten  Steinstücke  abräumt,  oder  den  Karren
(Hund)  bis  zum  Förderschachte  bringt.  Nach  einem  weiteren  Jahre
wird  er  „Ausläufer“  und  arbeitet  auf  der  Scheidebank,  auf  der  Halde,
oder  bei  den  Pochwerken.

Mit  dem  20.  Jahre  tritt  er  in  die  Classe  der  Lehrhäuer  und
darf  den  Zscherper  im  Leibgurt  tragen.  Hier  beginnt  sein  Lohn
mit  „einem  Gülden“;  später  erhält  er  für  fünf  Wochenschichten
„einen  Thaler“,  bringt  es  aber  durch  Verfahren  von  täglich  einer
„ledigen  Schicht“  auf  etwa  8  bis  12  Mark.  Seine  Arbeit  besteht
vorwiegend  in  Bohren  und  Sprengen  von  Gesteins=  und  Erzmassen.
In  der  Hauptsache  bedient  er  sich  des  Fäustels  und  Bohrers  und
sprengt  mit  Dynamit.  Wenn  er  sieben  Jahre  Lehrhäuer  gewesen  ist
und  ein  „Probegedinge“  bestanden  hat,  d.  h.  bei  mehrwöchentlicher
Geding=  oder  Accord-Arbeit  einen  Schichtlohn  von  70  Pfennigen  erarbeitet
  hat,  so  wird  er  Doppelhäuer  oder  Knappe  und  hat  als  solcher
das  Vorrecht,  zwei  Zscherper  im  Gürtel  zu  tragen.

Die  Tracht  des  Bergmannes  ist  in  der  Hauptsache  unverändert
  geblieben.  Die  1768  eingeführte  Berguniform  schloß  sich
den  alten,  volksthümlichen  Formen  derselben  vollständig  an.  Der
Bergkittel,  eine  kurze,  vorn  zugeknöpfte  Jacke,  von  grober  schwarzer
oder  schwarzgrauer  Leinwand:  das  Bergtäschchen  mit  Feuerund
  einigem  Handwerkzeug;  das  Bergleder  (UArschleder),  die
Blende  mit  dem  Grubenlicht  (Lampe)  und  der  Berghut
waren  die  Hauptbestandtheile  des  Anzuges.)

Der  bergmännische  Kalender  von  1790  sagt,  der  gemeine  Bergarbeiter
  trägt  eine  runde,  steife  Mütze  von  Tuch,  ohne  alle  Verzierung,
mit  einer  schwarz  und  gelben  Kokarde.  Sein  Oberkleid  ist  der  allgemein
  bekannte  Grubenkittel,  den  er  auch  für  gewöhnlich  trägt  und
tragen  muß;  vorn  zusammengeknöpft,  um  die  Hüften  gegürtet,  mit
einem  Bergleder  versehen.  Knöpfe  und  Aermelaufschläge  waren  zu
dieser  Zeit  verschiedenartig;  die  ersteren  weiß  oder  gelb,  die  letzteren
scharlach,  carmoisin,  paille  oder  weiß,  um  die  verschiedenen  Bergämter
zu  unterscheiden.  Unter  der  Mütze  (oder  dem  Berghut  von  Filz)
trug  man  einen  weißleinenen  Capuchon  mit  Flügelenden,  bei  Paraden
weißleinene,  enge  Hosen,  weiße  Strümpfe,  schwarze  Kniebügel;  eine
schwarze  Bergtasche,  eine  messinggefütterte  Blende  mit  dem  Grubenlicht;
  bei  Paraden  die  Bergparde,  die  Zimmerlinge  den  Kaukam.
Die  Hüttenarbeiter  trugen,  wie  hier  gleichzeitig  mit  erwähnt  werden
mag,  ein  langes  weißes  Ueberhemd  mit  gelben  Knöpfen  und  rothen

*)  Rost,  Trachten  der  Berg-  und  Hüttenleute  (mit  Abbildungen).
        <pb n="319" />
        —  311  —

Aermelaufschlägen,  weiße  Beinkleider,  eine  Lederschürze,  schwarze  Filzhüte,
  darunter  eine  weißleinene  Kappe;  in  der  Hand  die  Furkel,  den
Glätthaken,  oder  das  Stecheisen.  -

Der  Tracht  des  Häuers  schließt  sich  die  der  Steiger  und  Obersteiger,
  der  Obereinfahrer,  Schichtmeister,  Bergmeister  u.  s.  w.  bis
zum  Berghauptmann  und  Oberberghauptmann  an,  indem  eine  jede
höhere  Rangstufe  reichere  Verzierungen  am  Berghute  und  dem  Grubenkittel
  hat,  so  daß  eine  völlige  Berguniform  entsteht.  Die  höheren
Beamten  tragen  Säbel  und  kostbar  verzierte  Bergparden.

In  früheren  Zeiten  waren  in  Freiberg  große  Bergaufzüge  nicht
selten,  bei  welchen  Berg=  und  Hüttenleute  mit  allen  niederen  und
oberen  Beamten,  mit  Einschluß  der  höchsten,  in  ihrer  alterthümlichen,
reichen  Tracht  paradirten.  „Solche  Aufzüge,  besonders  wenn  sie
unter  den  Klängen  feierlicher  Märsche  und  dem  Wehen  prächtiger
Fahnen  beim  Scheine  unzähliger  Grubenlichter  und  Fackeln  erfolgten,
  haben  jederzeit  einen  ungewöhnlichen  Eindruck  hervorgebracht."“
(Gerlach,  S.  70.)

Der  Bergmann  sieht  dem  Bergfeste  freudig  entgegen.  Unter
Anführung  von  Steigern  rücken  die  einzelnen  Züge  nach  dem  Sammelplatze.
  Eine  Abtheilung  holt  mit  Musik  die  Fahne  vom  Bergamte.
Darauf  setzt  sich  der  Zug  in  Bewegung.

Voran  schreitet  ein  Schichtmeister  in  ganzer  Parade.  Den
Kopf  bedeckt  der  hohe  chlindrische  Schachthut,  grün  überzogen,  oben
und  unten  mit  Goldtresfse  eingefaßt,  vorn  das  königliche  Wappen  aus
Blech  getrieben  und  vergoldet,  an  der  linken  Seite  die  sächsische
Kokarde,  aus  welcher  der  schwarze,  unten  gelb  unterbundene  hohe
Federstutz  hervorragt.  Den  Oberkörper  kleidet  die  enganliegende,
schwarzblaue  Puffjacke  (der  Bergkittel)  mit  vergoldeten  Knöpfen,  goldbetreßtem
  Stehkragen  und  silbernem  Stern,  sowie  mit  weißen  Aufschlägen
  am  Handgelenk.  Die  weißen,  enganliegenden  Hosen  und
Gamaschen  verleihen  ihm  ein  schmuckes  Aussehen.  Die  Kniee  sind
mit  schwarzledernen  Kniebügeln  versehen  und  hinten  ist  das  Bergleder
befestigt.  Ein  Säbel  mit  vergoldetem  Gefäß  ziert  die  Seite  und  in
der  rechten  ruht  ein  schwarzer  Stock.

Hinter  dem  Schichtmeister  folgen  die  Knappschaftsältesten,  ähnlich
  wie  dieser  gekleidet,  nur  statt  des  Hutes  den  Kopf  mit  einer
sog.  fliegenden  Kappe  bedeckt,  einer  Art  Haube  von  weißer  Leinwand,
hinten  mit  weißem,  zwei  Zoll  breiten,  flatternden  Bande.  «

Es  kommen  nun  drei  Züge  Häuer,  angeführt  von  je  einem
Steiger.  Die  Häuer  tragen  Schachthüte  und  Paradekittel  von  schwarzer
Leinwand,  unter  deren  liegenden  Kragen  ein  mit  Spitzen  besetzter
        <pb n="320" />
        —  312  —

weißer  Leinwandkranz  hervorsteht.  An  die  bis  zu  den  Knieen  reichenden
weißen  Leinwandhosen  schließen  sich  weiße  Strümpfe  und  schwarze
Schuhe.  An  der  rechten  Schulter  ruht  ein  Beil,  die  Bergparde.

Es  folgt  nun  in  Bergmannstracht  das  Musikcorps  und  darauf
die  Bergfahne,  vom  ältesten  Steiger  getragen.

Dahinter  gehen  die  Beamten  der  theilnehmenden  Gruben  in
halber  Parade,  d.  h.  in  blauschwarzer,  mit  goldenen  Tressen  und
Knöpfen  besetzter  Kleidung,  an  der  Seite  den  Säbel,  auf  dem  Kopfe
den  dreieckigen  Hut  mit  grünseidener  silberner  Cokarde.  In  ihrer
Mitte  haben  sie  den  Bergprediger.

Die  Berghandwerker,  Schmiede,  Maurer  und  Zimmerlinge  bilden
das  Centrum  des  Zuges  und  die  Häuer  und  Lehrhäuer  (ohne  Knie—
bügel),  Knechte  und  Bergjungen  den  Schluß.

Der  jüngste  Steiger  geht  zuletzt.

Nach  dem  Gottesdienste  marschiert  die  Bergparade  wieder  nach
dem  Markte  zurück,  wo  sie  entlassen  wird.)

Das  Tagesleben  des  Bergmannes  beginnt  mit  der
Wanderung  nach  dem  Berggebäude  auf  hoher  Halde.  Die  Namen
der  Berggebäude  haben  zum  großen  Theile  eine  religiöse,  glaubens-=volle
  Beziehung,  wie  z.  B.  Liebe  Gottes,  Gottes  Hilfe,  Christbescheerung,
Unsere  liebe  Frau  am  Wege,  Himmelfahrt,  Himmelsfürst  u.  s.  w.,
oder  eine  locale  Bezeichnung,  wie  z.  B.  Rothe  Grube,  Hohe  Birke,
Weißer  Hirsch,  Thurmhof,  Reiche  Zeche,  Mordgrube,  Brüllender  Löwe,
Neugeschrei  u.  s.  w.,  oder  sie  beziehen  sich  auf  Heilige,  Fürsten,
Grubeneigenthümer,  wie  z.  B.  Abraham,  Elisabeth,  Johannes,  Herzog
August,  Prinz  Leopold,  Kurprinz,  Fürst  zu  Sachsen  u.  s.  w.,
abgesehen  von  zahlreichen  einzelnen,  ganz  eigenthümlichen  Namensgebungen.


In  früher  Morgendämmerung,  einen  Theil  des  Jahres  sogar
noch  bei  Dunkelheit,  erreicht  der  Bergmann  das  Grubengebäude,  wo
sich  die  Bergleute  in  der  Betstube  vereinigen  und  nach  gemeinschaftlichem
  Gesang  und  Gebet  zu  ihrer  Arbeit  hinabsteigen.  Die  Fahrten
sind  nach  Maßgabe  der  Strecke,  auf  welcher  gearbeitet  wird,  und  nach
der  Tiefe,  in  welche  der  Schacht  vorgedrungen  ist,  verschieden  tief.
Zur  Zurücklegung  einer  jeden  Fahrt  zwischen  den  24  Lachter  (48  m)
von  einander  liegenden  Strecken  dienen  etwa  144  Sprossen,  welche
auf  5  bis  6  Leitern  abwärts  wie  aufwärts,  bei  einer  Schachttiefe  bis
zur  10.  Strecke  also  ungefähr  1440  Sprossen  zu  steigen  sind.  Wo
keine  Fahrkunst  das  Ausfahren  und  Einfahren  erleichtert,  kann  man

*)  Dr.  M.  Spieß,  Aberglaube,  Sitten  und  Gebräuche  des  sächsischen
Obererzgebirges.
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        —  313  —

für  je  sechs  Gezeugstrecken  eine  volle  Stunde  zum  Ausfahren,  über
eine  halbe  Stunde  zum  Einfahren  an  Zeit  rechnen.

Auf  der  entsprechenden  Gezeugstrecke  begiebt  sich  der  Bergmann
„vor  Ort“.  Hier,  weit  entfernt  vom  Förderschachte,  wo  er  eingefahren,
arbeitet  er  häufig  mit  Mehreren,  aber  oft  ist  der  Bergmann  allein,
einzeln,  fern  von  allen  Andern,  nur  sich  selbst  uid  seiner  Arbeit
überlassen.  Beim  geringen  Grubenlicht  Schlägel  und  Eisen  gebrauchend,
  mit  Dynamit  das  Gestein  sprengend,  verfolgt  er  die
Erzader,  mit  jedem  Hammerschlage  hoffend,  daß  sie  reichen  Bergsegen
  bringe.

Mit  dem  tauben  Gestein  werden  Räume  in  den  Gruben  wieder
zugesetzt,  um  das  Ausfördern  zu  Tage  zu  ersparen,  oder  es  wird
auf  die  Halde  geschüttet.  Die  Gangart,  von  den  Berg=  und  Scheidejungen
  auf  der  Scheidebank  klein  geschlagen,  wird  wiederum  nach  ihrem
Werthe  geschieden  und  die  erzhaltigen  Stücke  auf  dem  Pochwerk
durch  Stampfen  zermalmt  und  in  Wasserbecken  geschlämmt,  wobei
sich  die  schwereren  Erztheile  zu  Boden  setzen  und  der  leichtere  Schlamm
vom  Wasser  fortgeführt  oder  auf  andere  Art  davon  getrennt  wird.
Die  gewonnenen  silberhaltigen  Schlämme  werden  getrocknet  und  an
die  Hüttenwerke  abgeliefert.

In  der  Regel  wird  der  Abbau  einer  Grube  nicht  von  einem
Einzelnen  (Eigenlehner)  betrieben,  sondern  von  einer  Gewerkschaft,
welche  nach  bestimmten  Antheilen  (Kuxen)  die  Kosten,  beziehentlich
den  Gewinn  unter  sich  vertheilt.  Die  Gewerkschaft  ist  eine  Genossenschaft,
  bei  welcher  das  Gesammtvermögen  der  Unternehmung  für  die
Verbindlichkeiten  derselben  haftet.  Als  Vorstand  des  Unternehmens
stehen  der  Schichtmeister  und  der  Obersteiger  unter  Aufsicht  und
Leitung  des  Bergamtes  an  der  Spitze.  Die  Bergarbeiter  (Knappen)
haben  wiederum  unter  sich  selbst  eine  genossenschaftliche  Verbindung
(Knappschaft),  welche  in  ihrer  Organisation  den  Zünften  ähnlich  ist.
Die  Knappschaftscasse  wird  aus  den  regelmäßigen  Beiträgen  der
Bergarbeiter  und  Werkseigenthümer,  welche  beide  gesetzlich  verpflichtet
sind,  derselben  beizutreten,  sowie  aus  Büchsenpfennigen  und  Strafgeldern
  gesammelt,  und  dient  zur  Unterstützung  bergfertiger  Arbeiter,
wie  zu  Vertheilung  von  Almosen.  Die  Versammlung  der  Berg=  und
Hüttenleute  zum  Knappschafthalten,  d.  h.  zur  Verhandlung  und  Besprechung
  ihrer  Angelegenheiten,  womit  in  der  Regel  ein  feierlicher
Aufzug  und  eine  gemeinschaftliche  Feier  verbunden  war,  findet  nur
selten  statt.  Das  letzte  Freiberger  Knappschaftsfest  wurde  1836  im
Kaufhaus  abgehalten.  Die  Freiberger  Knappschaftscasse  ist  schon  seit

1503  eine  segensreiche  Pensions=  und  Unterstützungsanstalt.  Die
Bergknappschaft  und  die  Hüttenknappschaft  besitzen  noch  ihre  alten
        <pb n="322" />
        —  314  —

Fahnen,  sowie  werthvolle  Gefäße.  Außer  den  Knappschaftscassen
stammen  noch  zahlreiche  milde  Stiftungen  aus  alter  Zeit.

In  der  Regel  werden  bei  jeder  Gewerkschaft  128  Kuxe  ausgegeben;
  doch  wächst  ihre  Zahl  noch  durch  die  zum  Vortheil  bestimmter
  Personen  oder  Grundstücke,  z.  B.  Knappschaftscasse,  Krankenoder
  Schulcasse,  Gemeinde,  Kirche  u.  s.  w.  zugeschriebenen  Freikuxe,
welche  keine  Zubußen  zahlen,  sondern  nur  an  der  Ausbeute  Antheil
haben.  Die  Grunderbkuxe  erhält  der  Besitzer  des  Grund  und  Bodens
als  Entschädigung,  daß  er  sich  die  Anlage  des  Schachtes  und  der
Schachtgebäude,  der  Wege  und  Gräben,  das  Stürzen  von  Halden
u.  s.  w.  muß  gefallen  lassen.  Jeder  Kux  gilt  als  ein  besonderer,
mit  dem  Bergwerkseigenthum  nicht  weiter  in  Verbindung  stehender
Vermögenstheil;  es  giebt  ganze  und  getheilte  Kuxe;  diese  können
verpfändet,  veräußert  und  vererbt  werden.

Der  Bergbau  auf  edle  Metalle  ist  ein  Regal.  Nur  dem  Landesherrn
  steht  das  Recht  zu,  die  unterirdischen  Schätze  zu  heben.  Wollen
daher  Privatpersonen  Bergbau  auf  edle  Metalle  betreiben,  so  können
sie  dies  nur  auf  Grund  besonderer  Verleihung.  Für  den  bergmännischen
  Betrieb  gilt  daher  als  Regel,  daß  die  Bergschätze  demjenigen
  gehören,  welcher  nach  erlangter  staatlicher  Erlaubniß  nach
ihnen  sucht  und  die  Grube  unter  Aufsicht  der  Bergbehörde  gehörig
fortbaut.  Um  dieses  Recht  zu  erwerben,  muß  man  das  Vorhandensein
  von  im  Bergfreien  befindlichen  Mineralien  nachweisen.  Dies
erfolgt  durch  das  Schürfen.  Zu  diesem  Zwecke  wird  vom  Bergamt
eine  auf  bestimmte  Zeit  und  gewisse  Gegend  lautende  Erlaubniß,
der  Schürfzettel,  ausgestellt.  Sind  wirklich  Erzlagerstätten  erschürft
worden,  so  wird  gemuthet,  d.  h.  Besitz  und  Eigenthum  der  aufgefundenen
  Erzlagerstätte  durch  das  Bergamt  bestätigt.  Dabei  wird
der  Umfang  der  Verleihung  bestimmt.  Bei  Gängen  erfolgt  die  Vermessung
  nach  geviertem  Feld  dergestalt,  daß  man  an  den  Saalbändern
des  Ganges  haltend,  und  die  Mächtigkeit  des  Ganges  nicht  mit
rechnend,  3½  Lachter  in  das  Hangende  und  3½  Lachter  in  das
Liegende  mißt,  und  mit  dieser  Begrenzung  dem  Gange  folgt.  Hinsichtlich
  der  Tiefe  erstreckt  sich  die  Verleihung  senkrecht  bis  in  die
„ewige  Teufe“.

Der  Schacht,  welchen  man  anlegt,  um  zu  den  Erzgängen  in  der
Tiefe  zu  gelangen,  ist  entweder  senkrecht  (saiger)  oder  etwas  schräg
(donleg  =  tonnlegend).  Derselbe  hat  einen  viereckigen  Querschnitt,
dessen  Ausmaße  von  den  zu  fördernden  Massen  bestimmt  werden.
In  der  Regel  bildet  ein  mit  Brettern  abgeschlossener  Theil  des
Schachtes  den  Fahrschacht,  in  welchem  die  Bergleute  auf  Leitern
(Fahrten)  auf=  und  absteigen;  ein  zweiter  Theil  den  Förderschacht,
        <pb n="323" />
        —  315  —

in  welchen  in  Kübeln  oder  Karren,  an  Seilen  von  Draht  2c.  die
aus  dem  Schachte  zu  Tage  zu  bringenden  Erze  oder  Steine  mit
Maschinenkraft  heraufgewunden  werden;  ein  dritter  Theil  den  Kunstschacht,
  welcher  die  Wasserhaltung  enthält,  großartige  Pumpwerke,
welche  die  Wasser  aus  der  Tiefe  bis  auf  den  nächsten  Stolln  heben.
Nächstdem  dient  der  Schacht)  (oder  ein  besonders  angelegter  Wetterschacht),
  um  innerhalb  der  Grube  den  nöthigen  Luftwechsel  zu  bewirken.


Die  Strecken  werden  nahezu  horizontal  angelegt,  1½  m  weit,
2  bis  2½  m  hoch,  vom  Schachte  aus  in  verschiedener  Richtung  nach
den  Erzgängen  hin  oder  diesen  folgend.  Die  Strecken,  welche  dazu
dienen,  die  zufließenden  Wasser  den  Kunstgezeugen  zuzuführen,  um
sie  auf  die  Hauptstollnsohle  heben  zu  können,  werden  Gezeugstrecken
genannt.  Die  Stolln,  welche  von  der  nächst  zugänglichen  Thalsohle
in  das  Grubenfeld  geführt  werden,  dienen  hauptsächlich  zur  Abführung
  der  Grubenwasser.  Schon  im  16.  Jahrhundert  wurde  der
Thelersberger  Stolln  im  Brander  Revier,  der  alte  tiefe  Fürstenstolln
im  Freiberger  Revier  mit  seinen  späteren  Fortsetzungen,  dem  Kurfürst
Johann-Georgenstolln  und  dem  Moritzstolln,  angelegt.

Für  den  Betrieb  der  Wasserhaltungsmaschinen  dient  außer  den
in  neuester  Zeit  an  verschiedenen  Stolln  angelegten  Dampfmaschinen
eine  ausgedehnte  Anlage  von  Wasserzuführung  in  Gräben  und  die
zur  ausdauernden  Speisung  derselben  nöthigen  Sammelteiche.  Die
elf  Sammelteiche  des  Freiberger  Revieres  können  5  Millionen  chm
Wasser  fassen  und  in  normalem  Ablauf  565  Liter  Wasser  in  der
Secunde  abgeben,  um  im  Ganzen  33  Wassersäulen-,  Radkunst=  und
Turbinengezeuge,  14  Kehrrad-,  Wassersäulen=  und  Turbinengöpel
und  39  Wäsch=  und  Walzwerksräder  zu  treiben.  Die  Wasserleitungen
  hatten  1874  eine  Länge  von  80  149  m.  Der  große  Teich
in  Großhartmannsdorf,  etwas  über  55  ha  umfassend,  ist  1726  bis
1732  angelegt  worden.

Es  ist  im  hohen  Grade  interessant,  das  Innere  eines  Bergwerkes
  zu  besuchen.  Die  Gelegenheit  dazu  ist  auf  der  Himmelfahrt-Fundgrube
  geboten.  Man  meldet  sich  auf  der  Expedition  des
Abrahamschachtes,  etwa  10  Minuten  vom  Donatsthurm,  wo  man
gern  Erlaubniß  und  einen  Führer  erhält.  Die  sehr  mäßigen  Gebühren
  fließen  zum  Theil  in  die  Unterstützungscasse  des  Werkes,  zum
Theil  sind  sie  dem  Führer  bestimmt,  zum  Theil  zum  Entgelt  für
Fahrkleider,  Berghut,  Fahrkappe,  Bergleder,  Geleuchte,  Waschwasser
mit  Seife  und  Trockentuch.  Man  kleidet  sich  im  Huthause  des
Abrahamschachtes  vollständig  um  und  geht  von  da  nach  dem  Elisabethschachte,
  wenn  man  die  bequemere  Einfahrt  auf  schrägstehender  Fahrt
        <pb n="324" />
        —  316  —

der  auf  senkrechter  vorzieht.  Neben  dem  Fahrschachte  gleiten  auf
schiefer  Ebene  die  Fördertonnen  auf  und  ab,  ein  starkes  Getöse  inner—
halb  des  nur  in  Felsen  gehauenen  Schachtes  hervorrufend.  Das
Einfahren  ist  sehr  bequem;  die  doppelten  Griffstangen  verhindern
jede  Gefahr.  Auf  jeder  Strecke  (nach  der  einen  Angabe  40  m,  nach
einer  anderen  Angabe  24  Lachter,  also  18  m  Abstand)  ist  die  Fahrt
des  Luftzuges,  wie  der  Sicherheit  wegen  mit  einer  Fallthüre  geschlossen.
  Bis  in  die  Strecke  des  Rothschönberger  Stolln  steigt  man
etwa  3  Stunden,  und  ist  nun  ungefähr  235  m  unter  Tage.  In
den  1½  m  breiten  etwa  3  m  hohen  Strecken  wird  man  zu  den
verschiedenen  Orten  geführt,  an  welchen  gearbeitet  wird,  kann  aber
noch  weiter  in  die  Tiefe  dringen,  wenn  man  die  Einsamkeit  des
Bergmannes  vor  Ort  vollständig  auskosten  will.

Es  ist  erklärlich,  daß  bei  dem  geringen  Bildungsgrade  früherer
Zeiten  die  Phantasie  dem  Bergmann  manchen  Streich  spielte,  und
gute  und  böse  Berggeister,  Gnomen  und  Kobolde  „Männlein
winzig  kleiner  Art,  mit  recht  struppig  großem  Bart,  dicke  Köpfe  auf
dem  Nacken,  angethan  mit  Bergmannsjacken,  auch  ein  Leder  um  den
Bauch,  nach  dem  alten  Bergmannsbrauch,  und  Kapuzen  auf  dem
Kopf“  .  .  ...  blaue  Flämmchen,  irrende  Lichter  und  Grubenlämpchen,
ebenso  eine  Rolle  hatten,  wie  Umherhuschen,  Pochen,  Trappen  und
Tappsen  in  den  Gruben  oder  wie  glückverheißende  Amuclette,  Schutzbriefe,
  Geheimmittel,  Wünschelruthen  u.  s.  w.  Vor  der  immer  weiter
greifenden  Aufklärung  und  Bildung  ist  das  Gebiet  des  Aberglaubens
zurückgewichen,  dafür  aber  dem  Bergmanne  eine  tief  gegründete
Religiosität  und  Gläubigkeit  verblieben,  an  welcher  er  in  seiuem
schweren  Berufe  vollen  Anhalt  findet.

Seit  1770  besteht  eine  königliche  Bergschule,  welche  junge  und
anstellige  Bergarbeiter  zu  Steigern  für  den  vaterländischen  Bergbau
ausbildet.

Der  schwere  und  mühselige  Beruf  des  Berg=  und  Hüttenmannes,
der  mit  mannigfachen  Beschwerden  verbunden  ist,  hat  nicht  selten  zwei
eigenthümliche  Krankheiten  im  Gefolge,  welche  unter  den  Namen
Bergkrankheit,  Berg=  und  Hüttenkatze  bekannt  sind.  Sie  werden  beide
durch  das  Einathmen  mineralischer  Beimengungen  und  vielfach  verderbter
  Luft  hervorgerufen.  Die  Bergsucht  kennzeichnet  sich  durch
Athmungsbeschwerden,  welche  häufig  zur  Abzehrung  führen,  während
die  Hüttenkatze  unter  allen  Anzeichen  langsamer  Bleivergistung  in
Folge  des  Einathmens  von  Blei=  und  Arsenikdämpfen  die  Erkrankten
zum  höchsten  Grade  abmagert  und  entkräftet,  wenn  nicht  rechtzeitig
Hülfe  eintritt.  Diese  Krankheiten  rafften  früher,  wo  die  Fürsorge
für  die  Gesundheit  der  Arbeiter  eine  bei  Weitem  noch  nicht  so  ein-
        <pb n="325" />
        —  317  —

gehende  war,  wie  jetzt,  einen  großen  Theil  der  Berg=  und  Hüttenleute
  frühzeitig  hin.  Ein  großer  Theil  welkte  im  40.  Lebensjahre
hin  und  nur  wenige  erreichten  ein  höheres  Alter.  An  den  Hohöfen
wurden  viele  Arbeiter  mit  der  Zeit  blind;  in  den  Gifthütten  und
Blaufarbenwerken  gingen  sie  schnell  zu  Grunde,  und  nur  in  den
Silber=  und  Zinnhütten  und  in  den  Eisenhütten  erreichten  die  Arbeiter
ein  höheres  Lebensalter.

Eine  tiefempfundene  Darstellung  des  Bergmannslebens  in  seinem
ganzen  Umfange  giebt  der  bekannte  Bergmannsgruß  (Einleitung,
Kindergesang,  Steigerarie,  Männerchor,  Grubenlied,  Silberblick,  Letzte
Fahrt).)

Der  Bergmann  hat  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte  seine  eigene
in  hohem  Maße  einfache  und  bezeichnende  Berufssprache  gebildet.
  Bei  treuem  Festhalten  am  überlieferten  Alten  besitzt  sie  eine
Frische,  Anschaulichkeit  und  Knappheit,  besonders  in  allen  Zusammensetzungen,
  welche  ein  beredtes  Zeugniß  für  ihre  Lebenskraft  giebt.)

37.  Der  Silber-Bergbau.

Mit  dem  Fündigwerden  der  Silbererze  traten  die  Meißner
Markgrafen  in  eine  Machtstellung,  welche  bei  der  Errichtung  der
Grenzmarken  nicht  geahnt  worden  war.

Fehlt  es  auch  nicht  an  Uebertreibungen,  welche  im  Gewande  der
Sage  Jahrhunderte  lang  sich  erhalten  haben;  so  war  doch  unzweifelhaft
  die  Ergiebigkeit  des  Bergbaues  eine  der  Hauptstützen  der
wachsenden  Macht  der  Meißner  Markgrafen.

Allerdings  giebt  es  für  die  ersten  Jahrhunderte  des  Bergbaubetriebes
  keine  nur  einigermaßen  sichere  Unterlage,  um  die  Größe  der
Ausbeute  zu  beurtheilen,  und  schon  hierin  liegt  es,  daß  man  die
Ausbringer  der  früheren  Zeiten  immer  als  außerordentlich  groß  bezeichnet.
  Gewiß  wurden  in  vielen  Fällen  ungewöhnliche  Schätze  gehoben;
  man  würde  aber  fehl  gehen,  wollte  man  das  allgemeine  und
durchschnittliche  Ausbringen  der  Gruben  auf  diese  Höhe  setzen.

Die  Unzulänglichkeit  der  technischen  Hülfsmittel,  die  mangelhafte
Förderung  und  Wasserhaltung,  der  auf  Schlägelarbeit  und  Feuersetzen

—

 

*)  Der  Bergmannsgruß  „Glück  auf!“  Gedicht  von  Moritz  Döring.
Musik  von  August  Ferdinand  Anacker.  Freiberg,  Gerlach.
*“)  M.  F.  Gätzschmann,  Professor,  Sammlung  bergmännischer  Ausdrücke.
  2.  Aufl.  Freiberg,  Craz  &amp;amp;  Gerlach.  1881.  -
»Dr.J.Poeschel,EinBerufohneFremdwöxter.LeipzigerZeitung.
Wissenschaftl.  Beilage  1885,  Nr.  45.
        <pb n="326" />
        —  318  —

beschränkte  Betrieb,  die  Kleinheit  der  Grubenfelder,  die  Unvollkommen—
heit  des  Hüttenwesens,  die  Zersplitterung  der  Betriebskräfte,  die  geringe
Tiefe  der  meisten  Grubenbauten  —  Alles  dies  bestätigt  nur,  daß
das  Ausbringen  in  jenen  früheren  Zeitabschnitten  sehr  großen
Schwankungen  unterworfen  war.“)  Je  weniger  man  es  verstand,
den  Bergbau  kunstgemäß  zu  führen,  um  so  mehr  wurde  Raub=  und
Versuchsbau  betrieben.  Man  schlug  hier  ein,  man  schlug  dort  ein;
Zechen,  welche  keine  Ausbeute  gaben,  wurden  schnell  verlassen,  und
das  Aufkommen  neuer,  hoffnungsreicher  Bauten  veranlaßte  die  Bergleute
  schnell  dem  Berg-Geschrei  nachzuziehen.

Freiberg,  Ehrenfriedersdorf  und  Schneeberg  galten  um  1300
als  die  Hauptpunkte  des  Silberbergbaues.  Der  angeblich  schon  von
den  Sorbenwenden  betriebene  und  um  1250  ergiebige  Bergbau  von
Dippoldiswalde  war  1266  durch  eine  Wasserfluth  zum  Erliegen  gekommen.
  Der  Frankenberger  Silberbergbau  auf  dem  Trappenauer
Stolln  und  Reiche  Segen  Gottes  Zeche  kam  durch  den  Kriegseinfall
König  Adolfs  (1297—1308),  welchen  die  Freiberger  Silbergruben
gewaltig  reizten,  sowie  durch  die  1312  bis  1318  herrschende  Theurung,
Hungersnoth  und  Pest  zum  Erliegen.

„Das  Bergwerk  blieb  jedoch  bei  den  verschiedenen  Landestheilungen
  ungetrennter,  gemeinschaftlicher  Besitz.  Folgedessen  entwickelte
  sich  eine  eigenthümliche  bergmännische  Verfassung.  Schon
unter  Heinrich  dem  Erlauchten  (1247—1288)  sind  die  Grundzüge
derselben,  sowie  des  Berg=  und  Münzregales  der  Meißner  Markgrafen
  zu  erkennen.  Angeblich  soll  jedoch  schon  Markgraf  Otto  der
Reiche  1185  das  Bergregal  durch  Kaiserliche  Verleihung  erhalten
haben.  Die  Urkunde  über  die  Chemnitzer  Theilung  1382  bestätigt
die  Gemeinschaftlichkeit  des  Bergwerks  und  der  Einsetzung  der  Amtsleute
  bei  demselben;  eine  Urkunde  von  1407  bestimmt  den  Preis
der  Mark  Silber  Prager  Gewichts  mit  64  böhmischen  Groschen,  den
Verkauf  der  Metalle  überhaupt,  den  Bergzehnten,  den  Münzfuß  2c.
Es  entstehen  Berggerichte  und  das  Freiberger  (dem  Iglauer  nachgebildete)
  Bergrecht.  Die  Bergleute  bildeten  einen  eigenen  Stand
mit  mannigfachen  Vorrechten  und  Befreiungen.  Ihr  treues  Halten

 

*)  Das  Silberausbringen  des  Freiberger  Revieres  von  1524  bis
mit  1847  von  Oberbergamtsassessor  W.  v.  Herder  und  Prof.  M.  F.  Gätzschmann.
  (Jahrbuch  für  den  Berg=  und  Hüttenmann  1849).

Die  Production  des  Sächsischen  Bergbaues  und  Hüttenbetriebes
von  1825  bis  1858.  (Zeitschrift  des  Statistischen  Büreaus  2c.  1860.  Heft
7  und  8.).

F.  c.  Frhr.  von  Beust,  Oberberghauptmann,  Ueber  die  Entwicklungs—
fähigkeit  des  Freiberger  Silberbergbaues.  Freiberg,  Engelhardt,  1851.
        <pb n="327" />
        —  319  —

zum  Landesfürsten  hatte  sich  schon  1296  bei  der  Belagerung  von
Freiberg  durch  König  Adolf  bewährt.

Gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts  fanden  im  Westen  des  Gebirges
  die  großen  Erzanbrüche  statt.  Die  übertriebensten  Erzählungen
von  dem  unermeßlichen  Ertrage  der  Bergwerke  unter  den  Herzögen
Ernst  und  Albrecht  fanden  in  den  großartigen  Ausbeuten  Entstehung
und  Bestätigung.  Der  Bergsegen  des  „Schneeberges“  soll  in  den
ersten  80  Jahren  seines  Bestehens  jährlich  1½  Million  Gulden
betragen  haben.  Kuxinhaber  und  Arbeiter  erhielten  an  Stelle  geprägten
Geldes  Silberkuchen.  Der  Zwickauer  Bergherr  Martin  Römer  soll
sogar  zwei  Frachtwagen  mit  Silberkuchen  nach  Nürnberg  zum  Verkauf
  gebracht  haben.  Auch  am  Schreckenberge  soll  die  Ausbeute
anfangs  jährlich  125  000  rh.  Gulden  betragen  haben.  Diese  Uebertreibungen
  werden  jedoch  durch  die  seit  1350  eingetretene  Münzverschlechterung,
  sowohl  wie  durch  die  harten  Steuern  und  die  nach
1481  herrschende  Wohlfeilheit  der  Lebensmittel  widerlegt.

Dessen  ungeachtet  ist  die  Ausbeute  um  1480  unzweifelhaft  eine
sehr  bedeutende  gewesen.

Die  Herzöge  Ernst  und  Albrecht  hielten  das  Bergwerk  hoch  in
Ehren.

Jeder  Schacht  hatte  wenigstens  einen  Ganghäuer,  welcher  mit
Schlägel  und  Eisen  arbeitete.  Der  Tag  wurde  schon  zu  dieser  Zeit
in  drei  Schichten  getheilt,  jede  von  sieben  Stunden;  die  erste  begann
früh  4  Uhr,  die  zweite  Mittags  12,  die  dritte  (Nachtschicht)  Abends
8  Uhr.  Die  dazwischen  liegenden  Mittelstunden  dienten  zum  Ausund
  Einfahren.  Wenn  die  Bergleute  hartes  Gestein  mürbe  machen
wollten,  so  setzten  sie  Feuer,  d.  h.  sie  schichteten  Haufen  dürren  Holzes
aub  und  brannten  sie  an.  Durch  das  Anzünden  und  Verbrennen

der  Hölzer  entstanden  die  Schwaden,  welche  oft  längere  Zeit  nicht
gestatteten,  die  Grube  zu  befahren.

Der  Schichtmeister  vertheilte  die  Arbeit.

An  Stelle  des  ursprünglichen  Ausschöpfens  der  Grubenwasser
und  der  Entfernung  derselben  durch  den  Menschen=  oder  Pferdegöpel,
weshalb  Matthesius  sagt:  „Bergarbeit  ist  eine  Roßarbeit“"  —  traten
Radpumpen  (zuerst  in  Ehrenfriedersdorf;  nach  einer  anderen  Angabe

1497  in  Schneeberg),  Pumpenkünste,  Kehrräder  oder  Balgenkünste.
Auch  Stolln  wurden  zum  Wasserabzuge  getrieben.  Die  Bewältigung
der  Grubenwasser  machte  schwere  Sorgen  und  1489  wurde  es  auf
dem  Freiberger  Reviere  sehr  zweifelhaft,  ob  die  wegen  Wasser  ins
Stocken  gerathenen  Baue  überhaupt  fortgesetzt  werden  könnten.  1473
wurde  die  erste  Wasserkunst  in  Geising  angelegt.

Die  Förderung  geschah  mittelst  der  Haspel  durch  die  Tonne;
        <pb n="328" />
        —  320  —

seit  1504  mit  dem  Pferdegöpel.  Der  erste  bei  Schneeberg.  Zwei
Pferde  leisteten  die  Arbeit  von  10  Menschen.  Bei  100  Ellen
(60  m)  Schachttiefe  dauerte  das  Herauswinden  der  Tonne  immer  eine
Viertelstunde.  Die  tauben  Gesteine  wurden  auf  die  Halden  gestürzt.
Je  weniger  genau  man  es  damit  nahm,  um  so  eher  fanden  sich
Leute  —  und  das  schon  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  —  welche  die
Halden  wieder  ausklaubten.

Das  edlere  Erz  wurde  auf  besondere  Haufen  gestürzt.  Diese
kamen  nun  auf  die  Pochbank  und  dann  auf  die  Erzmühlen;  seit
1507  auf  das  Naßpochwerk.  Der  Schlich  wurde  nun  auf  den  Planheerd
  gebracht,  dessen  Boden  mit  leinenen  Planen  bedeckt  war;  Wasser
darüber  gelassen,  der  Schlamm  abgewaschen  und  die  Graupen  zurückbehalten.


Nun  war  das  Erz  soweit,  daß  man  es  schmelzen  konnte,  entweder
  über  den  Stich,  oder  über  den  Gang,  wie  man  es  nannte.
Jedes  Erz  erhielt  zum  Schmelzen  einen  Zusatz.  War  es  nun  flüssig,
so  zog  man  mit  eisernen  Hacken  die  Schlacken  ab,  oder  man  schöpfte
mit  eisernen  Kellen  „die  Bleie  darinnen  das  Silber  ist  und  geußt
es  in  eiserne  Pfännlein“.  Solche  Kuchen,  sowie  den  zuletzt  ausgeschöpften
  „König“  nannte  man  Hüttenwerk  oder  Werksilber.  —  Wenn
das  Feuer  und  Gebläse  aber  recht  regiert  wurde,  so  trieb  das  Gebläse
  das  Blei  vom  Silber  zu  Rande.  „Jetzt  will  das  Silber  blicken."“

Diese  Art  des  Röstens  und  Schmelzens  verbrauchte  natürlich
ungeheure  Mengen  von  Holz  und  Holzkohlen.

Die  Ausbeute  durfte  aber  nur  an  den  Landesherrn  verkauft
werden.  Schon  das  älteste  Bergrecht  sagte:  „Das  Silber  gehört  in
die  Münze  zu  Freiberg.“  Aber  schon  1487  sollten  von  dem  gewonnenen
  Silber  erst  die  Hüttenkosten  abgezogen,  und  sodann  dem
Landesherrn  der  Zehnte,  den  Stöllnern  (Stollngewerken)  darauf  der
Neunte  gezahlt  werden.

Die  Wettiner  Fürsten  richteten  um  1500  ihre  Blicke  aufmerksam
auf  den  Bergbau.  Herzog  Georg  erließ  die  Annaberger  Bergordnung
von  1509,  eine  Erweiterung  und  Ergänzung  der  Schneeberger  Bergordnung
  von  1492,  dem  ältesten  Gesetze  dieser  Art,  an  „das  treue
Bergvolk“.  Durch  zahlreiche  Vorrechte,  Befreiungen  und  Begünstigungen
sollte  „das  Bergwerk“  gefördert  und  die  Menge  zum  Bauen  gereizt
werden.  Das  alte  Freiberger  Bergbuch  lag  allen  Entscheidungen  in
Bergsachen  zu  Grunde;  das  Eigenthümliche  im  Leben,  in  der  äußeren
Erscheinung  wie  im  Bergwesen  überhaupt  begann  sich  als  ein  geschlossener
  Ring  auszubilden.

Bis  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  standen  alle  Bergwerke  unter
dem  Bergmeister  in  Freiberg.  1466  wurde  ein  zweiter  Bergmeister
        <pb n="329" />
        —  321  —

ernannt,  und  das  Gebiet  des  ersten  Bergmeisters  mit  Freiberg,  Zwickau,
Geyer  und  Ehrenfriedersdorf  begrenzt.  Um  1510  wurde  ein  Bergamt
  eingesetzt,  und  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  der  thatsächlich
schon  seit  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  bestehende  Bergschöppenstuhl
in  Freiberg  errichtet.

Vor  allem  widmete  Kurfürst  August  dem  Bergbau  große  Aufmerksamkeit
  und  die  in  der  Ullgemeinen  Bergordnung  von
1554  gegebenen  gesetzlichen  Bestimmungen  zeugen  von  der  tiefen  Einsicht,
  welche  er  auch  in  Bezug  auf  den  Bergbau  gewonnen  hatte.

Seit  1542  war  für  den  ganzen  gebirgischen  Kreis  ein  Oberhauptmann
  eingesetzt,  vorher  schon  ein  Berghauptmann  in  Schneeberg
und  ein  Berghauptmann  in  Annaberg,  endlich  1548  auch  ein  besonderer
  Berghauptmann  in  Freiberg.  Seit  1558  stand  der  Hauptmann
  im  Erzgebirge  an  der  Spitze  der  zahlreichen  Beamten
des  Bergwesens,  welches  hierdurch  eine  einheitliche  Leitung  erhielt.

In  technischer  Beziehung  sind  in  diesem  Zeitraume  nur  die
1549  beginnende  Einführung  von  Stangenkünsten,  Kunstgestängen,
Kunstwerken  zur  Wasserhaltung,  1555  die  Erfindung  des  Rohschmelzens;
  1561  die  erste  Stollnmauerung;  1567  die  erste  Grubenmauerung
  durch  den  Bergmeister  Martin  Planer  in  Freiberg  zu
nennen.

Die  von  Kurfürst  August  durchgeführte  Regelung  des  Münzwesens
  war  vom  vortheilhaftesten  Einflusse  auf  den  Erzbergbau.  Die
seit  1350  eingerissene  Münzverschlechterung  hatte  dazu  geführt,  daß
die  alte  Schockrechnung,  nach  welcher  z.  B.  1380  die  lothige  Mark
Silbers  mit  64  breiten  Freiberger  Groschen  ausgeprägt  wurde,  immer
mehr  von  der  Guldenrechnung  verdrängt  wurde,  so  daß  1497  der
Goldgulden  zu  21  Groschen,  von  denen  7  auf  2  Loth  Silber  gingen,
geprägt  wurde,  was  zum  Meißnischen  Gülden  führte.  1556  wurde
die  Münzstätte  von  Freiberg  nach  Dresden  verlegt,  und  die  Münzordnung
  von  1558  bestimmte,  daß  der  Guldengroschen  zu  24  Silbergroschen
  ausgemünzt  werden  sollte,  woraus  die  Thalerwährung
hervorging.

Die  Verhältnisse  des  Bergbaues  wurden  auch  von  Kurfürst
Christian  II.  durch  verschiedene  Gesetze  geordnet.  1555  wurde  das
Oberhüttenamt  errichtet,  und  1578  die  Abhaltung  des  Gebetes  vor
und  nach  dem  Anfahren  auf  den  Gruben  bestimmt.  1589  erließ  er
die  Bergordnung  vom  12.  Juni  und  die  Schmelz=  und  Hüttenordnung

  vom  12.  September;  1606  errichtete  er  das  Berggemach
mit  der  Bergkanzlei;  1609  ertheilte  er  den  bei  den  Bergwerken  angestellten
  Personen  den  privilegirten  Gerichtsstand  und  1624  erhielten
21
        <pb n="330" />
        —  322  —

die  Bergstädte  Befreiung  von  der  halben  Landsteuer  gegen  Verwendung
dieses  Betrages  im  Bergbau.

Der  Ertrag  des  Bergbaues  war  aber  schon  Anfang  des
17.  Jahrhunderts  bedeutend  zurückgegangen.  1620  und  1640  fehlte
im  Schneeberger  Revier  die  Ausbeute  fast  vollständig  und  die  1635
beginnende  Kobaltnutzung  konnte  das  bei  Weitem  nicht  ausgleichen.
Der  Einfluß  des  dreißigjährigen  Krieges  war  ein  vernichtender.  —
„Wenn  schon  bei  den  Bergwerken  Gottes  reicher  Segen  noch  schein-„barlich
  vor  Augen  und  zu  verspüren  sei,  so  hätten  sie  doch  hülf-„reiche
  Handleistung  äußerst  von  nöthen,  wenn  nicht  die  Stolln
„vollends  verbrechen,  und  die  Zechen  mit  Wasser  oder  sonsten  zu
„Sumpfe  gehen  sollten.“

Zu  allen  Drangsalen  des  Krieges  gesellte  sich  noch  die  seit
1609  eingetretene  Ueberschwemmung  des  Landes  mit  geringwerthigem
Gelde.

Erst  seit  1656  trat  wieder  eine  Zeit  des  Aufschwunges  im
Bergbau  ein.  Die  Leitung  aller  Bergsachen  kam  an  das  1661  errichtete
  Bergraths-Collegium.  Freiberg,  Schneeberg  und  Marienberg,
vor  Allem  aber  das  neugegründete  Johanngeorgenstadt  zeichneten  sich
durch  den  Reichthum  ihrer  Reviere  an  Silberertrag  aus.  Dagegen
beschränkte  sich  der  Bergbau  in  Annaberg,  Geyer  und  Ehrenfriedersdorf
  fast  nur  noch  auf  Zinn  und  Kobalt.  Seit  1690  wurde  die
schon  1613  an  einzelnen  Orten  angewendete  Schießarbeit  in  den
Gruben  allgemein.  1707  unternahm  man  auch  die  Mauerung  der
Gruben,  zuerst  auf  dem  Thurmhof  bei  Freiberg.  Von  großem  Einfluß
  war  die  Einführung  der  Stoßheerde  zur  Erzwäsche,  die  allgemeiner
werdende  Aufstellung  von  Kunstgezeugen  und  später  Wassersäulenmaschinen
  auf  den  größeren  Gruben,  sowie  ausgedehnte  Teich=  und
Röschenanlagen  zur  Wasserhaltung.

Von  durchgreifender  Wirkung  war  die  Errichtung  der  General-Schmelzadministration
  (1710),  welche  den  seit  1582  gebräuchlichen
landesherrlichen  Erzeinkauf  regelte  und  seit  1712  vollständig  durchführte,
  so  daß  eine  Anzahl  kleinerer  Hütten  eingingen.  Nicht  weniger
wichtig  war  die  Bergresolution  von  1709  „zur  Abstellung  von
Mängeln  und  Gebrechen  im  Bergwesen.“  Die  Jahresausbeute  stieg
in  Folge  dessen  in  kurzer  Zeit  um  die  Hälfte.  Besonders  einflußreich
  ward  die  Stollnordnung  von  1749  und  der  seit  1755  geleitfreie
  Transport  aller  Bergwerksmaterialien,  sowie  endlich  die  1738
stattfindende  Einführung  des  Leipziger  Münzfußes  als  Reichsmünzfuß.
  Der  Leipziger  Münzfuß  hatte  schon  1690  die  Ausprägung  der
Mark  fein  Silber  mit  12  Thaler  oder  18  Gulden  festgesetzt  mit  der
Ausprägung  von  Zählthalern  (Species)  zu  1  Thlr.  8  gr.  und  der
        <pb n="331" />
        —  323  —

Torgauer  Vertrag  bei  der  Ausprägung  kleinerer  Münzen  die  Ausprägung
  der  Mark  mit  12  Thlr.  9  gr.  gestattet.

Der  siebenjährige  Krieg  mit  dem  großen  Elend,  welches  er  über
Sachsen  und  das  Erzgebirge  brachte,  und  die  ihn  begleitende  Münzzerrüttung,
  brachte  au  den  Bergbau  an  die  Grenze  des  Erliegens.

Ein  frisches  Leben  trat  erst  nach  dem  Hubertusburger  Frieden
in  den  ganzen  Bergbau.  Während  die  Maßregeln  der  Regierung
Handel  und  Wandel  zu  beleben,  die  Sicherheit  des  Verkehres  zu  befestigen,
  den  allgemeinen  Credit  des  Landes  zu  heben  suchten,  war
besonders  das  Mandat  von  1763  von  tiefem  Einflusse,  indem  es
das  Conventionsmünzsystem  in  voller  Reinheit  annahm,  welches  die
Regierung  mit  musterhafter  Treue  bis  in  die  neueste  Zeit  durchführte
und  damit  den  allgemeinen  Wohlstand  auf  das  Kräftigste  förderte.

1764  erließ  das  Freiberger  Oberbergamt  eine  Anweisung  über
die  Führung  der  Grubenregister,  1768  eine  neue  Instruction  für  die
Markscheider  der  obererzgebirgischen  Reviere  (Marienberg,  Ehrenfriedersdorf,
  Annaberg,  Johanngeorgenstadt).  Zu  gleicher  Zeit  traten
verschiedene  Stiftungen  zum  Besten  der  Bergarbeiter  ins  Leben;  die
alten  Knappschaftscassen  erhielten  eine  bessere  Organisation  und  um
1768  wurden  fast  in  allen  Revieren  Bergmagazine  angelegt,  welche
schon  im  Theurungsjahre  1770  ihren  wohlthätigen  Einfluß  äußerten.

Große  Verbesserungen  wurden,  namentlich  im  Maschinenwesen

und  im  Hüttenwesen  eingeführt.  Hier  machte  sich  der  Einfluß  der
1765  gegründeten  Bergakademie  sehr  bald  kenntlich,  welche  dem
beginnenden  Ausschwunge  die  Bahn  brach,  indem  der  Bergbau  seine
Maschinentechniker  und  seine  Hüttentechniker  nunmehr  selbst  ausbildete.
Um  1770  führte  man  die  ungarischen  Hunde,  ferner  die  Wassersäulenmaschinen,
  1773  die  großen  Wassergöpel,  und  wenige  Jahre
später  die  Hebemaschine  auf  dem  Kurprinzenkanal  ein.  Für  die
Wasserwirthschaft  des  Freiberger  Revieres  war  die  Anlage  des  Dörnthaler
  Bergwerksteiches  (1787  bis  1789,  ca.  15  ha  groß)  und  des
Dörnthaler  Kunstgrabens,  welcher  das  Flöhawasser  durch  den  fast
2  km  langen  Friedrich-Bennostolln  herbei  brachte,  von  außerordentlicher
Bedeutung.

Um  1770  führte  man  die  Stoßheerde  ein  und  1787  bis  1790
wurde  das  Amalgamirwerk  zu  Halsbrücke  errichtet.

Anfang  des  19.  Jahrhunderts  zählte  man  auf  dem  Erzgebirge
etwa  700  Gruben  mit  gegen  12  000  Bergleuten,  während  50  000
Menschen  vom  Bergbau  lebten.

Der  Erzgebirgische  Bergstaat  bestand  1815  aus  dem
Oberbergamt  und  dem  Oberhüttenamt  zu  Freiberg.

Unter  dem  Oberbergamt  standen  die  beiden  Oberzehndner=  und

21“
        <pb n="332" />
        —  324  —

Austheilerämter  in  Freiberg  und  im  Obergebirge,  die  Bergakademie
und  die  Bergämter  Altenberg  mit  Berggießhübel  und  Glashütte,
Annaberg,  Freiberg,  Geyer  mit  Ehrenfriedersdorf,  Johanngeorgenstadt
mit  Schwarzenberg  und  Eibenstock,  Marienberg,  Scheibenberg  mit
Oberwiesenthal  und  Hohenstein,  Neugeysing,  Bärenstein,  Seifen.

Unter  dem  Oberhüttenamte  standen  alle  Schmelzhütten  und  das
Halsbrückener  Amalgamirwerk.  Dagegen  waren  die  Saigerhütte  Grün—
thal,  das  doppelte  Blaufarbenwerk  in  Oberschlema,  die  Blaufarben—
Communfaktorei  in  Schneeberg,  das  Pfannenstieler,  Zschopenthaler  und
Schindler'sche  Blaufarbenwerk  unmittelbar  unter  dem  Geheimen  Finanz=Collegium.


Unter  der  Verwaltung  des  Oberberghauptmann  Frhr.  v.  Herder
(1821  Berghauptmann,  1826  Oberberghauptmann)  entwickelte  sich
auf  Grund  der  alten  organisch  gebildeten  Verfassung  und  eines  edlen
Standesgeistes  ein  außerordentlich  reges  bergmännisches  Leben.  Neue
Maschinen  wurden  in  Anwendung  gebracht,  das  Schmelzwesen  bedeutend
verbessert  (besonders  seit  der  Einführung  der  Koaks  im  Hüttenwesen,
1820)  und  das  Ausbringen  bedeutend  erhöht,  wenn  es  auch  noch
nicht  den  Umfang  der  neuesten  Zeit  erreichte.

Im  Freiberger  Revier  baute  man  auf  Silber  und  Blei,  im
Altenberger  auf  Zinn  und  Eisen,  im  Glashütter  auf  Silber  und
Vitriol  (schwefelsaure  Metallsalze),  im  Marienberger  auf  Silber,
etwas  Arsenik  und  Zinn,  in  Geyer  und  Ehrenfriedersdorf  auf  Zinn,
Vitriol  und  Arsenik,  in  Annaberg  auf  Silber  und  Kobalt,  im  Scheibenberger
  Revier  (welches  jedoch  in  dieser  Zeit  schon  einging)  auf  Silber,
Kobalt,  Eisen,  Arsenik,  im  Johanngeorgenstädter  auf  Silber,  Eisen,
Zinn,  Vitriol,  Schwefel,  und  im  Schneeberger  auf  Silber,  Kobalt,
Wismuth,  Eisen,  Vitriol,  Schwefel  und  Arsenik.

Die  Abnahme  der  bergmännischen  Production  führte  dazu,  daß
1856  die  Bergämter  Annaberg  mit  Scheibenberg,  Hohenstein,
Oberwiesenthal,  Marienberg,  Geyer  und  Ehrenfriedersdorf,  Bergamt
Johanngeorgenstadt  mit  Eibenstock  und  Schwarzenberg  und
Bergamt  Schneeberg  aufgehoben  und  dafür  das  Bergamt  Marienberg
  und  das  Bergamt  Schwarzenberg  eingerichtet  wurden.  Im  Jahre
1868  hob  man  auch  diese  auf  und  das  Bergamt  Freiberg
blieb  als  einziges  in  Sachsen.  1886,  nach  dem  Ankaufe  der  großen
Gewerkschaftsgruben,  wurde  die  Oberdirection  der  Königl.  Erzbergwerke
in  Freiberg  errichtet.  «

Seit  Anfang  der  vierziger  Jahre  hatte  man  den  Grundsatz
angenommen,  die  Erzmittel  stärker  anzugreifen,  als  bisher.  Die
Grubenarbeit  war  wenig  verändert,  doch  benutzte  man  jede  technische
        <pb n="333" />
        —  325  —

Verbesserung.  Für  die  Förderung  legte  man  Schienenstränge  und
führte  eine  andere  Art  von  Hunden  (Förderwagen)  ein,  u.  s.  w.  In
der  neuesten  Zeit  benutzt  man  Bohrmaschinen  zur  Gesteinsarbeit,
doch  haben  sich  dem  Handbohren  gegenüber  bis  jetzt  keine  wesentlichen
Vortheile  herausgestellt.  Dagegen  wird  zum  Sprengen  Gelatine-Dynamit
  und  elektrische  Zündung  verwendet.  Zwischen  dem  Abrahamund
  dem  Davidschachte  ist  eine  große  neue  Erzaufbereitungsanstalt
errichtet  worden,  während  eine  kleinere  auf  der  Grube  Beihilfe  bei
Halsbrücke  schon  seit  September  1888  im  Betriebe  ist.  Seit  1884
hat  man  auch  Versuche  gemacht,  die  Trennung  der  gepochten  Erzgemenge
  nach  den  Gesetzen  der  Schwere  durch  Luftströme  zu  bewirken.


Die  Beschaffung  und  Verwendung  der  Wasserkräfte  hat  immer
große  Aufmerksamkeit  verlangt  und  erhalten.  Durch  ziemlich  weitläufige
  und  zusammengesetzte  Anlage  von  Zuführungsgräben,  Sammelteichen
  u.  s.  w.  hat  man  eine  gleichmäßig  ausdauernde  Leistungsfähigkeit
derselben  zu  erlangen  gesucht.  Man  zählt  gegenwärtig  elf  große
Bergwerksteiche,  von  denen  der  Dittmannsdorfer  erst  1827  angelegt
wurde.  —  Wahrscheinlich  wird  es  noch  möglich,  vermittelst  der  Wasserkraft
  magnetelektrische  Maschinen  in  Verwendung  zu  bringen;  gewiß
ist  es  aber  auch  der  Zukunft  vorbehalten,  die  Kraft  der  atmosphärischen
Strömungen  für  die  Zwecke  des  Bergbaues  in  Anspruch  zu  nehmen.
Eine  wesentliche  Verstärkung  der  verfügbaren  Maschinenkräfte  hat
allerdings  schon  durch  die  Einführung  der  Dampfmaschine  stattgefunden,
  doch  ist  der  Betrieb  derselben  immer  mit  einem  bedeutenden
Kostenaufwande  verbunden.

Es  bestehen  gegenwärtig  nur  noch  zwei  große  fiskalische  Hüttenwerke,
  die  Halsbrückner  Hütten  und  die  Muldener  Hütten.  Der  ungeheure
  Holzverbrauch  der  Hütten  lichtete  die  Waldbestände  des
Gebirges  ganz  bedeutend.  Man  rechnet,  daß  durch  die  1787  eingeführte
  Amalgamation  auf  der  Halsbrückener  Hütte  allein  jährlich
über  10  000  Klaftern  Holz  erspart  wurden.*)  Die  General-Schmelz-Administration
  wurde  1871  aufgehoben.  Das  in  neuerer  Zeit  errichtete
  Hüttenlaboratorium  dient  zur  Analysirung  der  Hüttenprodukte,
zu  chemischen  Versuchsarbeiten  u.  s.  w.  Die  1556  von  Freiberg
nach  Dresden  verlegte  Münze  wurde  1887  nach  den  Muldener
Hütten  zurückverlegt.

*)  Erinnerungen  an  Freibergs  Bergbau.  Ein  Leitfaden  bei  dem
Besuche  der  Halsbrückener  Amalgamir=  und  Hüttenwerke,  so  wie  beim  Befahren
der  vorzüglichsten  sich  dazu  am  besten  eignenden  Gruben.  Freiberg.  Engelhardt.
  9.
        <pb n="334" />
        —  326  —

Das  Ausbringen  des  Erzgebirgischen  Silberbergbaues  war,  wie
schon  bemerkt,  im  Jahre  1524  bis  auf  5000  Mark,  etwa  2600
Pfund,  gesunken,  was  als  die  Folge  der  Verheerungszüge  der  Hussiten
und  der  das  Erzgebirge  überziehenden  Pest  anzusehen  ist.  Von  da
an  stieg  dasselbe  ziemlich  gleichmäßig  bis  1539  auf  26  000  Mark
und  von  da  an  erhielt  es  sich  bis  1603  auf  durchschnittlich  26  000,
25  000  und  24000  Mark.  Einzelne  Jahre  mit  höheren  Erträgen
wie  z.  B.  1550  mit  30  000  Mark,  1572  mit  34  000  Mark  lagen
dazwischen.  Schon  zu  Anfange  des  17.  Jahrhunderts  war  die  Ergiebigkeit
  des  Erzgebirgischen  Bergbaues  bedeutend  im  Sinken;  die
Ereignisse  des  dreißigjährigen  Krieges  brachten  denselben  aber  so  herunter,
daß  er  1623  auf  etwa  7500  Mark,  und  nach  wechselndem  Heben
und  Weitersinken  1643  sogar  auf  4000  Mark  fiel,  wozu  allerdings
der  seit  1631  auf  sächsischem  Grund  und  Boden  wüthende  Krieg,
die  von  1632  bis  1633  aufs  Neue  verheerende  Pest,  alle  die  Bedrängnisse
  nach  dem  Prager  Frieden,  die  Belagerungen  von  Freiberg
und  die  1643  ausgeführte  gewaltsame  Zerstörung  von  Berggebäuden,
Gruben,  Wasserführungen  und  Hütten  zusammenwirkten.

Mühsam  und  langsam  erholte  sich  der  Bergbau,  so  daß  der
Ertrag  in  den  Jahren  1645  bis  1673  allmälig  auf  9000  Mark
und  10  000  Mark  stieg  und  sich  von  1673  bis  1731  bei  wechselndem
Steigen  auf  der  Höhe  von  10000  Mark  erhalten  und  weiter  allmälig
  bis  zu  23.000  Mark  ansteigen  konnte,  obgleich  der  Nordische
Krieg  mancherlei  Störungen  des  Bergbaues  im  Gefolge  hatte.  Von
besonders  günstigem  Einfluß  waren  seit  1710  der  gleichförmigere
Betrieb  und  die  Verbesserungen  des  Schmelzwesens.  Besonders  seit
1701  erhielt  sich  die  Ausbeute  auf  der  Höhe  von  über  19  000
Mark,  wenngleich  im  ersten  Viertel  des  18.  Jahrhunderts  große
Störungen  durch  Wassermangel  eintraten.

Die  Kriegszeiten  von  1740  bis  1745,  besonders  aber  der  siebenjährige
  Krieg  von  1756  bis  1763  brachten  dem  Bergbau  von  Neuem
schwere  Zeiten  und  geringe  Erträge,  so  daß  er  erst  von  1764  an
wieder  zu  größerer  Ergiebigkeit  gelangte  und  bis  1794  von  etwa
20  000  Mark  auf  etwas  über  40  000  Mark  anstieg.  Von  1794
bis  1826  blieb  der  Jahresertrag  sich  nahezu  gleich  mit  40  000
Mark,  von  1827  bis  1844  stieg  er  auf  60  000  Mark;  von  1845
bis  1847  sogar  ganz  auffallend  von  65  000  auf  85  000  Mark
(von  33  000  Pfund  auf  43  000  Pfund).  In  der  Zeit  von  1848
bis  etwa  1854  war  der  Bergbau  jedoch  in  einer  sehr  schwierigen
Lage  und  es  hob  sich  erst  nach  1860  der  Jahresertrag  auf  mehr
als  45000  Pfund.  Vom  Durchschlag  des  Rothschönberger  Stolln
        <pb n="335" />
        —  327  —

an,  von  1877  bis  1887  betrug  er  im  Durchschnitt  über  60  000
Pfund  Feinsilber.*)

Der  Silberbergbau  auf  dem  Erzgebirge  hatte  schon  in  den  ersten
Jahrhunderten  eine  große  Verbreitung  gewonnen  und  war  an  ein—
zelnen  Orten  schon  bedeutend  in  die  Tiefe  gedrungen.  Er  hatte
einen  gewinnreichen,  zum  Theil  glänzenden  Erfolg.  In  den  nächst—
folgenden  Jahrhunderten  galt  es  mehr,  unter  großen  Anstrengungen
und  Opfern  mühselig  den  Bergbau  zu  erhalten  und  ein  mäßiges
Metallausbringen  sicher  zu  stellen.  Erst  seit  1825  ist  die  Metallproduction
  gestiegen,  hauptsächlich  in  Folge  der  Ausdehnung  des  gesicherten
  und  großartigen  Betriebes.  Mit  seltener  Ausdauer  und  Beharrlichkeit
  wußte  sich  der  erzgebirgische  Erzbergbau  den  enormen
Silberzufuhren  von  Mexiko  und  Peru  gegenüber  zu  behaupten.  Die
außerordentlichen  Fortschritte  der  berg=  und  hüttenmännischen  Technik
gestatteten  ihm  selbst  geringhaltigere  Erze  zu  verhütten,  obgleich  auch
ungewöhnlich  reiche  und  anhaltende  Erzmittel  angefahren  wurden.“)

Die  zahlreichen  Gänge,  welche  die  Hauptmasse  des  Erzgebirges
durchsetzen,  und  als  senkrechte,  von  Quarz,  Schwerspath,  Kalkspath
und  Flußspath  ausgefüllte  Spalten  zu  erkennen  sind,  in  denen  Silber-,
Blei=  und  Kupfererze,  Zink-,  Kobalt-,  Nickel-,  Arsen=  und  Antimon-Verbindungen
  auftreten,  bilden  stundenlange,  parallel  laufende  Züge,
welche  wiederum  von  einzelnen  Querspalten  durchschnitten  werden.

Das  ganze  Vorkommen  der  Erze  weist  aber  darauf  hin,  daß
der  Abbau  derselben  sich  auf  möglichst  großartige  Vorrichtung  und
Benutzung  aller,  und  selbst  der  geringsten  Produkte  stützen  müsse,
die  reichen  Erze  als  willkommene  Zugabe  mitnimmt,  sein  Bestehen
aber  nicht  auf  dieselben  gründet.

Wohlfeile  und  ausreichende  Wasser=  und  Maschinenkraft,  vortheilhafte
  Verhüttung  aller  Erze,  ausreichende  Wege=  und  Eisenbahn-Verbindungen
  —  das  sind  die  Grundbedingungen,  unter  welchen  der
Erzgebirgische  Erzbergbau  sich  wieder  zu  hoher  Blüthe  entfalten  kann,
wenn  dem  Rückgange  der  Silberpreise  einmal  Stillstand  geboten
sein  wird.

Die  1765  durch  den  Administrator  von  Sachsen,  Prinz  KDaver,
errichtete  Bergakademie  bildete  von  ihrem  Entstehen  an  die  Central-»

  *)  Production  des  Sächsischen  Bergbaues  und  Hüttenbetriebes  1825
bis  1858.  (Zeitschrift  des  Statistischen  Bureaus.  1860.  Nr.  7.  8.)  Der
Sächsische  Bergbau  und  Hüttenbetrieb  1883.  (Leipziger  Zeitung.  1885.
Nr.  148.  Beilage  2.)  «
**)  Ueber  die  Entwickelungsfähigkeit  des  Freiberger  Silberbergbaues.
F.  C.  Frhr.  von  Beust,  Oberberghauptmann.  Freiberg.  Engelhardt.  1851.
Festrede  vom  Bergrath  Prof.  Zirkel.  Leipz.  Zeitung.  1887.  Wiss.  Beil.
        <pb n="336" />
        —  328  —

stelle  für  den  wissenschaftlichen  Bergbau  und  die  vervollkommnete
Metallurgie.  Schon  1702  hatte  Kurfürst  Friedrich  August  I.  angeordnet,
  junge  Bergleute  in  der  Markscheide=  und  Probirkunst  zu
unterrichten.  Später  wurde  dem  der  Unterricht  in  metallurgischer
Chemie  zugefügt,  und  schon  1746  entstand  der  erste  Entwurf  einer
obersächsischen  Bergakademie.  Den  Plan  zu  der  nun  eröffneten
Akademie  hatten  Generalbergcommissar  v.  Heinitz  und  Oberberghauptmann
  v.  Oppel  entworfen.))  Dieselbe  entfaltete  ihre  Thätigkeit
  und  ihren  Ruhm  mächtig,  seitdem  Abraham  Gottlob  Werner,
der  große  Mineralog  und  Geolog,  1775  Lehrer  der  Mineralogie
und  Bergbaukunde  wurde,  und  ist  seit  dieser  Zeit  ununterbrochen
in  Deutschland  der  Centralpunkt  für  Bergbau=  und  Hüttenkunde,
sowie  aller  ihnen  zugehörigen  Hilfswissenschaften  gewesen.  Im  ersten
Jahrhundert  ihrer  Errichtung  betrug  die  Anzahl  der  Studirenden
im  Durchschnitt  jährlich  25;  Mitte  dieses  Jahrhunderts  stieg  sie  auf
mehr  als  50;  im  Jahre  1885  86  zählte  man  145  Studirende,
darunter  45  Nichtdeutsche  und  23  Hospitanten,  darunter  13  Nichtdeutsche.
  Aus  der  großen  Reihe  bedeutender  und  hervorragender
Lehrer  der  Bergwissenschaften  seien  nur  Joh.  Aug.  Friedrich  Breithaupt,
  der  Mineralog,  Johann  Wilhelm  v.  Charpentier,  Bernhard
v.  Cotta,  der  Geognost,  Johann  Carl  Freiesleben,  als  Oberberghauptmann
  der  Nachfolger  Herder's,  Wilhelm  August  Lampadius,  der
Lehrer  für  Hüttenkunde  und  Hüttenwesen,  Karl  Friedrich  Naumann,
der  Geognost  und  Mineralog,  Julius  Weisbach,  der  Lehrer  der  Hydraulik
  und  Maschinentechnik,  genannt;  von  den  Besuchern  der  Akademie
  Leopold  v.  Buch  und  Alexander  v.  Humboldt,  obgleich  in
allen  Ländern  der  Erde,  in  denen  Bergbau  getrieben  wird,  sich
Männer  befinden,  welche  ihre  bergmännische  und  hüttenmännische  Ausbildung
  hier  erhalten  oder  vervollständigt  haben.

38.  Der  Freiberger  Erzbergbau.

Im  Freiberger  Reviere  zählte  man  1888  etwa  56  Berggebäude,
von  denen  11  dem  Staate  gehörten.  Von  der  Gesammtheit  war
etwa  ein  Viertel  nicht  im  Betriebe,  ein  Viertel  förderte  noch  keine
Erze,  ein  Viertel  förderte  zwar  Erze,  baute  aber  nur  auf  Zubuße,
während  1  Grube  im  Freiverbau  war,  2  Ausbeute  gaben  und

*)  Breithaupt,  Die  Bergstadt  Freiberg  2c.  1825.
        <pb n="337" />
        —  329  —

10  lediglich  der  Wasserbewältigung  dienten.  Die  gesammte  Belegschaft
betrug  340  Beamte,  5163  Mann  Bergleute  und  392  Tagelöhner.

Die  Zahl  der  gangbaren  Werke  hatte  sich  innerhalb  des  letzten
Jahrzehntes  bedeutend  vermindert,  hauptsächlich  durch  die  Zusammenlegung
  kleinerer  Werke;  der  Betrieb  einer  Anzahl  von  Gruben  war
durch  die  Lösung  derselben  vermittelst  des  Rothschönberger  Stolln
wesentlich  erleichtert  und  gefördert,  so  von  Bescheert  Glück,  Vereinigt
Feld,  Einigkeit  Fundgrube,  Himmelsfürst  u.  A.  m.  Aber  wie  auch
die  Vereinigung  kleinerer  Gruben  zu  größeren,  das  Vordringen  in
bedeutendere  Tiefen  und  damit  in  die  reichere  Erzführung  der  Gänge,
der  beschleunigte  Aushieb  der  Erzmittel  und  die  schnellere  Erschließung
der  Erzadern  unter  Verwendung  von  Bohr=  und  elektro-magnetischen
Kraftmaschinen,  Dynamit-Sprengstoffen  und  elektrischen  Zündmitteln,
der  Gewinn  an  Wasserkräften  durch  Anspannung  der  vorhandenen
Sammelbecken,  wie  durch  den  Anschluß  an  den  tiefen  Rothschönberger
Stolln,  die  Verbesserungen  in  der  Aufbereitung  der  Erze,  und  andere,
zahlreiche,  bedeutende  technische  und  mechanische  Vervollkommnungen
würden  dem  Freiberger  Erzbergbau  eine  durchaus  nicht  ungünstige
Lage  sichern,  und  ihm  für  weite  Zukunft  hinaus  die  Stelle  einer  ausgiebigen
  und  zuverlässigen  Quelle  des  nationalen  Wohlstandes  sichern,
bildete  nicht  das  andauernde  Sinken  der  Silber=  und  Bleipreise  eine  nicht  zu
beseitigende  Gefahr  für  den  Bestand  des  ganzen  erzgebirgischen  Bergbaues.

Die  Entwerthung  der  ganzen  Bergbau-Production  wird  durch
den  seit  25  Jahren  eingetretenen  Rückgang  aller  Preise  der  Bergbau-Erzeugnisse
  unwiderleglich  dargethan.  Während  1862  das  Pfund
Feinsilber  mit  69,30  Mark  bezahlt  wurde,  galt  es,  allmälig  sinkend,
1887  nur  65,63  Mark.  Der  Centner  Bleiprodukte  wurde  1862
mit  17,82  Mark,  dagegen  1887  mit  nur  12,66  Mark  bezahlt;  der
Centner  Bleifabrikate  sank  von  20,77  Mark  auf  14,33.  Der  Ctnur.
Kupfervitriol  galt  1862  noch  24,56  Mark,  dagegen  1887  nur
12,90  Mark  und  Schwefelsäure  aller  Sorten,  von  denen  der  Centner
im  Durchschnitt  3,38  Mark  gekostet  hatte,  brachte  nur  noch  einen
Preis  von  1,64  Mark.  Die  Preise  des  Silbers  waren  also  in
25  Jahren  um  26,5  Procent  zurückgegangen,  die  der  Bleiprodukte
um  28,9  Procent,  die  der  Bleifabrikate  um  31  Procent,  die  des
Kupfervitrioles  um  47,5  Procent,  die  der  Schwefelsäure  um  51,8
Procent.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  wenn  die  Entwerthung  der
Bergbau-Erzeugnisse  in  gleichem  Maaße  fortgeht,  auch  ohne  andere
Einwirkungen,  wie  Vertheurung  der  Production,  Steigerung  der
Arbeitslöhne  u.  s.  w.  der  Bergbau  immer  weniger  lohnend  wird,  und
zuletzt  an  einem  Punkte  ankommt,  wo  er  in  Mangel  eines  jeden  Ertrages
  ein  Ende  nimmt.
        <pb n="338" />
        —  330  —

Die  außerordentliche  Verminderung  des  Silberwerthes  ist  seit
mehr  als  zwanzig  Jahren  unaufhaltsam  vor  sich  gegangen;  vor
Allem  in  Folge  der  großen  Zunahme  der  Silberproduction;  denn
während  man  die  durchschnittliche  Jahresgewinnung  an  Gold  in  den
Jahren  1861  bis  1870  auf  188  500  kg  und  die  an  Silber  auf
1  220  000  kg  veranschlägt,  betrug  dieselbe  1871  bis  1880  an
170  700  kg  Gold  (also  gegen  18000  kg  weniger),  während  die
Silberproduction  auf  2000.000  kg  (also  um  fast  800  000  kg)  stieg.
Da  gegenwärtig  aber  die  jährliche  Silberproduction  die  Höhe  von
etwa  3.000.000  kg  erreicht  hat,  so  ist  ein  Steigen  der  Silberpreise
kaum  eher  wieder  zu  erwarten  als  bis  die  zahlreichen  neuen  Silberminen
  in  ihrer  Ergiebigkeit  nachzulassen  beginnen.

Die  gespannte  Lage  des  Freiberger  Bergbaues,  welche  durch
das  Sinken  der  Preise  von  Silber  und  Blei  hervorgerufen  war,
wurde  aber  durch  eine  Reihe  von  Uebelständen  erhöht,  welche  vorwiegend
  in  den  örtlichen  und  herkömmlichen  Verhältnissen  lagen.
Ungünstige  Betriebs=  und  Verwaltungs-Zustände;  ungenügende  Vorrichtungen
  für  den  Abbau;  geringe  Leistungen  der  Arbeiter,  namentlich
  der  Häuer,  in  Folge  fehlerhaften  Gedingwesens,  des  Mangels
an  Maschinen-Bohrbetriebes  und  an  Maschinen-Mannschaftsfahrung;
Unzulänglichkeit  der  Förder=  und  Wasserhaltungs-Maschinen;  mangelhafte
  Aufbereitungsvorrichtungen  verbunden  mit  viel  zu  weitläufigen
und  kostspieligen  Zwischentransporten  der  Erze;  endlich  Mangel  an
Centralisation  der  Betriebs=  und  Verwaltungs-Verhältnisse.)

Obgleich  nirgend  eine  Verarmung  der  Erzgänge  festzustellen
war,  sowie  die  bisherige  Erfahrung  dafür  sprach,  daß  die  Gänge
auch  in  größeren  Teufen  vollkommen  abbauwürdig  seien  und  das
Erzvorkommen  ein  eben  so  reiches  sei,  so  war  von  einer  Besserung
in  der  Lage  des  Bergbaues  nicht  die  Rede,  trotzdem  das  Ausbringen
sich  günstiger  gestaltet  hatte.  Die  finanzielle  Kraft  der  Gewerken
erlahmte  mehr  und  mehr,  und  wenn  auch  einzelne  besonders  günstig
gestellte  und  kräftiger  organisirte  Gruben  noch  erfolgreich  Widerstand
leisten  konnten,  so  wurde  doch  die  Hilfe  des  Staates  in  immer
steigendem  Maße  in  Anspruch  genommen.

Auf  Grund  eines  eingehenden  Gutachtens  des  Bergwerksdirektors
a.  D.  Bilharz  „über  die  Sicherstellung  des  Freiberger  Bergbaues“
gelangte  die  Staatsregierung  zu  der  Ueberzeugung,  daß  eine  wirksame
und  dauernde  Sicherstellung  der  Zukunft  des  Freiberger  Bergbaues
in  der  That  nur  durch  eine  Verstaatlichung  der  wichtigsten  bei  Freiberg
  und  Brand  gelegenen  Gruben  erreicht  werden  könne.  Durch

*)  Jahrbuch  für  das  Berg=  und  Hüttenwesen.  1884  b.  m.  1888.
        <pb n="339" />
        —  331  —

den  Ankauf  der  Gruben  allein  wurde  der  Staat  in  die  Möglichkeit
versetzt,  einen  einheitlichen,  plangemäßen  und  energischen  Betrieb  zu
unternehmen,  der  allen  Anforderungen  der  heutigen  Technik,  den
richtigen  wirthschaftlichen  Anschauungen  und  ihrer  consequenten  Durchführung,
  sowie  den  Bedürfnissen  der  Schmelzhütten  vollständig  entsprach.
  Nur  der  Staat  war  im  Stande,  alle  die  nöthigen,  und  zwar
überaus  kostspieligen,  Einrichtungen  und  Verbesserungen  zu  treffen,
welche  den  Betrieb  der  Gruben  auf  Jahrzehnte  hinaus  sicher  stellen
konnte,  und  so  dem  Erliegen  des  Bergbaues,  zuerst  auf  den  kleineren
und  schwächeren  Werken,  und  damit  dem  Rückschlag  auf  den  ganzen
übrigen  Freiberger  Bergbau,  die  Hütten,  zahlreiche  Gewerbe  und
Gemeinden,  die  Knappschaftskassen  u.  s.  w.  vorzubeugen.

Die  Ständeversammlung  des  Landes  nahm  in  voller  Würdigung
der  Interessen  einer  zahlreichen,  immerhin  auf  etwa  30  000  Köpfe
zu  veranschlagenden,  auf  den  Fortbestand  des  Bergbaues  und  Hüttenbetriebes
  angewiesenen  Bevölkerung,  welche  durch  Einstellung  der
Arbeit  nur  zu  schnell  in  die  drückendste  Nothlage  versetzt  werden
würde,  die  Regierungsvorlage  einstimmig  an.  —  Angesichts  der  Unsicherheit
  des  finanziellen  Ergebnisses  nahm  man  eine  schwere  Verantwortung
  auf  sich,  welche  nur  durch  die  Hoffnung  gestärkt  werden
konnte,  daß  es  dem  Staatsbetriebe  vergönnt  sein  möge,  den  uralten
Freiberger  Erzbergbau  wieder  zu  ersprießlichem  Gedeihen  zu  bringen.

Der  Kaufpreis  betrug  nicht  ganz  2½  Millionen  Mark;  zu
Neuanlagen  und  Betriebsvorrichtungen  sind  ungefähr  1½  Millionen
Mark  erforderlich.

Es  wurden  vom  Staate  angekauft  die  Fundgrube  Himmelsfahrt
  vor  dem  Donatsthor,  bei  Freiberg,  mit  den  ihr  zugehörigen
Fundgruben  Bergmanns  Lust,  Oberes  Neues  Geschrei  und  Prophet
Samuel,  sowie  dem  Morgenstern  und  dem  Rudolf  Erbstolln.  Himmelfahrt,
  eine  sehr  alte  Grube,  hatte  wie  so  manche  andere,  schwere
Zeiten  durchzumachen.  So  waren  um  1816  die  Kuxe  von  Himmelfahrt
  fast  werthlos  und  die  Grube  tief  verschuldet.  Gegen  40  000
Thaler  Vorschüsse  aus  der  ehemaligen  Gnadengroschencasse  und  aus
den  Zubußen  der  Gewerken  waren  zu  tilgen;  die  Aussichten  entmuthigend.
  Da  wurden  1831  auf  dem  Neue  Hoffnung  Flachen
und  dem  Gott  Lob  Morgengange  reiche  Erzmittel  angefahren,  und
von  da  an  immer  wieder  neue  Anbrüche  gewonnen.  Nach  und
nach  konnte  Himmelfahrt  nicht  blos  alle  Schulden  tilgen,  sondern
auch  das  Grubenfeld  erweitern,  um  das  großartigste  und  ergiebigste
Silberbergwerk  Sachsens  zu  werden.  Im  Jahre  1874  vertheilte
Himmelfahrt  über  230  000  M.  Ausbeute;  1878  betrug  die  Erzgewinnung
  u.  s.  w.  247  400  Ctr.  bei  1940  Mann;  1883
        <pb n="340" />
        —  332  —

—  267  870  Ctr.  bei  2366  Mann  Belegschaft.  Das  Jahr  1884
„gestaltete  sich  unter  dem  Einflusse  mehrerer  reicher  Anbrüche  hinsichtlich
  des  Silberausbringens  zu  einem  der  besten,  welche  Himmelfahrt
  Fdgr.  bisher  gesehen.  Es  steht  in  dieser  Beziehung  nur  gegen
die  Jahre  1866,  1867  und  1868  zurück,  in  denen  man  reiche
Erzmittel  von  verhältnißmäßig  großer  Ausdehnung  in  kürzester  Frist
abgebaut  hat,  während  das  Ergebniß  des  vergangenen  Jahres  zum
großen  Theile  der  in  ausgedehntem  Maße  betriebenen  Ganguntersuchung
  und  dem  Abbau  dadurch  erschlossener  edler  Erzmittel  von
geringem  Umfange  zuzuschreiben  ist“.  (Freib.  Anzeiger  und  Tageblatt
Nr.  140,  vom  20.  Juni  1885.)

Die  Belegung  betrug  1887  98  Beamte,  1527  Bergleute,
135  Tagelöhner;  das  Ausbringen  10  500  Tonnen  im  Werthe  von
994000  Mark.  Die  Haueinrichtungen  verlangten  eine  Zubuße  von
525000  Mark.  Die  Leistungen  der  Häuer  bei  den  Gesteinsarbeiten
sind  wesentlich  gestiegen.  Zahlreiche  Versuchs=  und  Hilfsbauten  wurden
getrieben;  der  Davider  und  Reichezecher  Kunst=  und  Treibeschacht
tiefer  gebracht;  mehrfache  Verbindung  zwischen  den  einzelnen  Gezeugstrecken
  hergestellt  und  ein  edles  Erzmittel  auf  dem  Kirschbaum
Stehenden  erschlossen.  —  Besonders  aber  wurden  auf  dem  Christian
Stehenden,  einem  der  besten  und  ertragreichsten  Gänge,  mehrere  Erzmittel
  gewonnen,  welche  einen  bedeutenden  Ertrag  an  Speiskobalt,
Glaserz  und  gediegen  Silber  lieferten.

Unter  dem  Namen  Mittelgrube  wurden  die  Fundgruben
Bescheert  Glück,  Junge  Hohe  Birke,  Kröner  und  Vereinigt  Feld  bei
Brand,  sowie  Friedrich  Erbstolln  zu  einem  Betriebe  vereinigt.  Dieselben
  haben,  schon  ihrer  Lage  im  Innern  des  Reviers  wegen,  besonders
  aber  wegen  ihrer  starken  Betheiligung  an  der  Unterhaltung
der  Revier-Wasserversorgungs-Anstalten  und  Stolln,  sowie  wegen  des
großen  Antheiles  ihres  Ausbringens  an  der  Bleiproduction,  eine  besondere
  Wichtigkeit  für  das  ganze  Revier.  Bei  Bescheert  Glück,  Fundgrube
  hinter  den  drei  Kreuzen  bei  Freiberg,  welches  1697  eröffnet
wurde,  war  die  Glanzperiode  von  1800  bis  1826,  wo  eine  Jahresausbeute
  von  durchschnittlich  270  000  M.  vertheilt  wurde.  Junge
Hohe  Birke  an  der  Münzbachhütte  gewann  1872  31.000  Ctur.,
1883  sogar  35  695  Ctnr.  Silber-,  Blei-,  Kupfer-,  Arsen=  und
Schwefelerze;  in  neuester  Zeit  auch  Bleiglanz  und  Zinkblende.  Die
Mittelgrube  hatte  1887  eine  Belegschaft  von  64  Beamten,  879  Bergleuten,
  60  Tagearbeitern.  Gefördert  wurden  2246  Tonnen,  im
Werthe  von  428  000  Mark;  ein  Zuschuß  von  243  000  Mark  war
für  die  nöthigen  Neuanlagen  erforderlich.

Himmelsfürst  Fundgrube  hinter  Erbisdorf  bei  Brand,
        <pb n="341" />
        —  333  —

welchem  1885  die  Grube  Hoffnung  Gottes,  Fundgrube,  bei  Brand,
zugetheilt  wurde,  hatte  eine  Belegschaft  von  105  Beamten,  1524
Bergleuten  und  97  Tagelöhnern.  Himmelsfürst  Fundgrube  hatte
1872  bei  1246  Mann  Belegung  ein  Ausbringen  von  56  917  Ctnr.
Silber-  und  Bleierzen.  Schon  1857  war  unerwartet  eine  beträchtliche
  Masse  gediegenen  Silbers  gebrochen  worden  und  seitdem  hatte
sich  dessen  Vorkommen  in  Begleitung  anderer,  reicher  Silbererze  wiederholt,
  so  daß  bis  1860  in  grauem  Gneis  mit  Zwischenschiebungen
von  Granatglimmerschiefer  2116  Ctr.  Silbererz  mit  85  Ctr.  42  Pfd.
reinem  Silber  gewonnen  wurden.  Im  Jahre  1878  wurden  bei
1480  Mann  Belegschaft  77  000  Ctr.  Silber-,  Kupfer-,  Blei-,  Zink-,
Arsen=  und  Schwefelerze  ausgebracht  und  86  400  Mark  Ausbeute
vertheilt;  1883  bei  1655  Mann  Belegung  132  265  Ctr.  Erze.
Das  Ausbringen  der  Erze  stieg  1884  auf  134  751  Ctr.  mit  einem
Silbergehalt  von  19  790½  Pfd.  —  Zahlreiche  Versuchs=  und  Hilfsbauten
  wurden  unternommen.  „Als  besonders  wichtig  ist  die  Entdeckung
  zweier  bis  jetzt  unbekannter  Erzgänge  anzuführen;  der  eine
besteht  aus  einem  porösen,  silberhaltigen  Gemenge  von  Schwefelkies
und  Blende  mit  Braunspath;  der  andere  aus  Braunspath,  silberreichem,
  goldgelbem  Schwefelkies  mit  verglaster  Zinkblende  und  Spuren
von  gediegenem  Silber.“  (Vergl.  Freiberger  Tageblatt  und  Anzeiger
Nr.  144  vom  25.  Juni  1885).  1887  betrug  die  Ausbeute  an
Silber-,  Blei-,  Kupfer-,  Zink-,  Arsen=  und  Schwefelerzen,  Bleiglanz
und  Schaustufen  7400  Tonnen  im  Werthe  von  1  097  000  Mark,
wobei  aber  immer  noch  für  Neuanlagen  und  Verbesserung  Zubußen
in  der  Höhe  von  292  000  Mark  nöthig  waren.

Unter  dem  Namen  Beihülfe  Kurprinz  sind  der  Kurprinz
Friedrich  August  Erbstolln  zu  Großschirma  und  Beihülfe  Erbstolln
zu  Hals  vereinigt  worden.  Das  bedeutende  und  aussichtsreiche  Werk
Kurprinz  Friedrich  August  Erbstolln  hatte  schon  1872  eine  Belegschaft
  von  567  Mann  und  eine  Förderung  von  34  000  Ctr.  Silber
und  Bleierze,  Fluß=  und  Schwerspath.  Im  Jahre  1878  war  allerdings
  die  Belegschaft  auf  395  Mann,  die  Gewinnung  auf  15  600  Ctr.
gesunken,  die  Summe  der  Zubußen  auf  98  000  Mark  gestiegen.
Aber  schon  1881  wurde  die  Belegschaft  auf  440  Mann,  die  Erzgewinnung
  auf  19  100  Ctr.  gesteigert;  doch  waren  noch  72  000  Mark
Zubußen  erforderlich.  Auch  1882,  wo  die  Belegschaft  nur  321  Mann
betrug  und  das  Ausbringen  19  665  Ctr.,  bei  einem  Werthe  von
170  250  Mark,  machten  sich  52  500  Mark  Zubußen  nöthig,  1883
bei  327  Mann  Belegung  und  19  000  Ctr.  Ausbringen  sogar
107  000  Mark.  1887  wurden  bei  einer  Belegschaft  von  29  Beamten
318  Bergleuten,  39  Tagelöhnern  2027  Tonnen  Silber=  und  Bleierze,
        <pb n="342" />
        —  334  —

Schwerspath  und  Bleiglanz  gefördert,  im  Werthe  von  287  000  Mark,
aber  immer  noch  39  400  Mark  Zubuße  erfordert.

Von  den  entfernter  liegenden  Gruben  des  Freiberger  Revieres
sind  nachstehende  Gewerkschaften  noch  zu  nennen:

Alte  Hoffnung  Gottes  zu  Kleinvoigtsberg  mit  14  Beamten,
318  Bergleuten,  5  Tagelöhnern  und  einem  Ausbringen  an  Silber-,
Blei=  und  Schwefelerzen  von  947  Tonnen  im  Werthe  von
337500  Mark.  .  ,

Christbescheerung  Erbstolln  bei  Großvoigtsberg  mit
6  Beamten  und  74  Bergleuten  und  einem  Ausbringen  von  184  Tonnen
an  Silber=  und  Schwefelerzen  im  Werthe  von  39  600  Mark.

Gesegnete  Bergmanns-Hoffnung  bei  Obergruna  mit
19  Beamten  und  313  Bergleuten,  und  einem  Ausbringen  an  Silber-,
Blei-,  Kupfer-,  Zink=  und  Schwefelerzen  von  908  Tonnen  im  Werthe
von  431.000  Mark.

Zenith  bei  Oberschöna,  mit  5  Beamten,  86  Bergleuten,
2  Tagelöhnern  und  einer  Ausbeute  von  214  Tonnen  an  Silbererzen
im  Werthe  von  58  800  Mark,  wenngleich  noch  18  000  Mark  Zubuße
  zu  zahlen  waren.

Außerhalb  des  eigentlichen  Freiberger  Revieres  sind  nur  noch
zu  nennen:

Güte  Gottes  zu  Scharfenberg  mit  10  Beamten,  242  Bergleuten,
  6  Tagelöhnern  und  einer  Ausbeute  an  Silber-,  Blei=  und
Zinkerzen  von  639  Tonnen  im  Werthe  von  175  000  Mark.  Das
Werk  verlangt  jedoch  30  000  Mark  Zubuße.

Vater  Abraham  Fundgrube  (vormals  Marienberger  Silberbergbau-Gesellschaft)
  eine  Gewerkschaft  mit  4  Beamten,  108  Bergleuten,
  und  einem  Ausbringen  von  233  Tonnen  an  Silbererzen,
Uranpech,  Arsenikkies  im  Werthe  von  161  900  Mark.“)

Zu  den  ungünstigen  Verhältnissen  des  Jahres  1886  traten  1887
noch  ganz  neue  außerordentlich  nachtheilige  Einflüsse  hinzu.  Außer  den  lang
anhaltenden  und  schwer  zu  beseitigenden  Schneeverwehungen,  welche
im  Beginne  des  Jahres  sehr  empfindliche  Verkehrsstockungen  für  die
Gruben  mit  sich  brachten,  trat  schon  gegen  Ende  des  Jahres  1886
ein  solcher  Mangel  an  Aufschlagwasser  und  Wasser  für  die  Erzwäschen
  ein,  wie  er  in  solchem  Grade  seit  mehr  als  einem  Jahrzehnt
bei  dem  Freiberger  Bergbau  überhaupt  niemals  stattgefunden  hatte.
So  wurden  in  allen  Theilen  der  Mittelgrube,  sowie  auf  Himmelfahrt
sämmtliche  Tiefbaue  dergestalt  unter  Wasser  gesetzt,  daß  dessen  Aufgewältigung
  erst  nach  langer  Zeit  möglich  wurde.  Auch  auf  Junger

*)  Jahrbuch  für  Berg=  und  Hüttenwesen  1888.
        <pb n="343" />
        —  335  —

Hoher  Birke  waren  alle  productiven  Erzbaue  bis  Mitte  des  Jahres
1887  ersoffen  und  der  Wäschebetrieb  mußte  überall  eingeschränkt
werden.  Dazu  kamen  die  sehr  erheblichen  Betriebsstörungen,  welche
durch  Umbauten  und  Neuanlagen  von  Fördermaschinen  und  Erzwäschen
hervorgerufen  wurden.

Wenn  nun  auch  jede  Periode  allgemeiner  Umgestaltung  Opfer
bedingt,  welche  erst  später  Erfolge  mit  sich  bringen,  so  ist  der  niedrige
Preis  des  Silbers  doch  eine  voraussichtlich  bleibende  ungünstige  Bedingung
  des  ganzen  Erzbergbaues,  welche  weder  durch  das  Steigen
der  Preise  des  Bleies,  noch  durch  die  allgemeinen  Vortheile  des  einheitlichen
  Betriebes  aller  Werke  —  namentlich  die  erhebliche  Verbesserung
  des  Verhältnisses  der  Auffahrung  in  Versuchs=  und  Vorrichtungsbauten
  zum  Abbaubetriebe  und  in  der  Steigerung  der
Häuerleistung  —  ausgeglichen  werden  können.  So  lange  als  der
Preis  des  Silbers  im  Rückgange  bleibt,  kann  die  wirthschaftliche  Lage
des  Bergbaues  nur  als  eine  ungünstige,  und  das  Jahr  1886  als
eins  der  ungünstigsten  der  letzten  zehn  Jahre  bezeichnet  werden.

Der  zehnjährige  Durchschnitt  der  Erzgewinnung  beziffert  sich
(von  1877  bis  mit  1886)  mit  jährlich

60  204,8  Pfund  Silber,

83  320,4  Centner  Blei,
7953  „  Arsen,

74  985  „  Schwefel  2c.

Von  56  Berggebäuden  im  Freiberger  Revier  gaben  nur  2  Gruben
Ausbeute  und  nur  1  Grube  war  im  Freiverbau;  die  anfahrende
Mannschaft  betrug  1888  nur  noch  5163  Mann.

Trotz  einzelner  Lichtblicke  hat  die  Lage  des  erzgebirgischen
Silberbergbaues  in  der  Hauptsache  noch  keine  Wendung  zum  Besseren
genommen,  wenngleich  zahlreiche  Erzanbrüche  für  die  Zukunft  wenigstens
eine  reichere  Ausbeute  an  Erzen  versprechen.

„Da  sitzt  der  Bergmann  emsig  schon  vor  Ort,
„Allmälig  weicht  dem  schweren  Schlag  Gestein,
„Und  sollt’  es  auch  nur  taub  Gerölle  sein,
„Auf  Hoffnung  baut  er  unverdrossen  fort.“

39.  Die  Balsbrückener  und  Muldener  Schmelzhütten.

Nahezu  östlich  von  Freiberg,  etwa  3  km  entfernt,  liegen  die
Muldener  Schmelzhütten;  4  km  nördlich  der  Stadt  die
Halsbrückener  Hütten.  Die  fiskalischen  Hütten  werden  von
dem  Königl.  Oberhüttenamte  verwaltet.  Die  Werke  umfassen  gegen-
        <pb n="344" />
        —  336  —

wärtig:  Die  Schmelz-,  Zink=  und  Arsenikhütten  der  Muldener  Hütten,
die  Schmelzhütte  und  Goldscheideanstalt  zu  Halsbrücke,  sowie  die
Schwefelsäure=  und  Thonwaaren-Fabriken  beider  Hütten;  die  Schrotfabrik
  zu  Freiberg  und  auf  den  Muldener  Hütten  die  Königliche
Münzstätte.  Der  Besuch  derselben  (Fremdenkarte  auf  Anmeldung  in
der  Expedition,  die  Person  1  Mark)  ist  höchst  interessant  und  lehrreich.
  Der  Führer  giebt  jede  gewünschte  Erläuterung.

Das  Hüttenwesen  hatte  schon  in  den  frühesten  Zeiten  des  erzgebirgischen
  Bergbaues  eine  bedeutende  Ausdehnung  gewonnen;  aber
trotz  der  reichhaltigeren  Erze  machte  die  Zersplitterung  den  Hüttenbetrieb
  sehr  kostspielig.  Schon  vor  1530  ging  eine  Anzahl  Hütten
des  Freiberger  Revieres  ein;  1587  zählte  man  noch  8,  1612  sogar
  9.  Die  von  Kurfürst  August  1556  und  von  Christian  I.  1589
erlassene  Berg=  und  Schmelzordnung  giebt  interessante  Ausfschlüsse
über  den  Betrieb  der  Hütten.  Aber  die  Pest  und  der  dreißigjährige
Krieg  brachten  Bergbau  und  Hüttenwesen  in  tiefen  Verfall.

Erst  mit  der  Errichtung  der  General-Schmelz-Administration,
1710,  durch  Kurfürst  August  II.  trat  wieder  Besserung  ein.  Es
wurde  das  Schmelzwesen  centralisirt;  der  Einkauf  der  Erze  unter
staatliche  Controle  nach  festen  Taxen  gestellt.

Die  Zahl  der  Hütten  verminderte  sich  auf  drei:  die  obere
Muldenhütte,  die  angeblich  schon  im  13.  Jahrhundert  errichtete  untere
Muldenhütte  und  die  Halsbrückener  Hütte.  Die  letztere  war  1612
errichtet;  die  beiden  ersteren  wurden  1825  vereinigt.

Der  Hüttenbetrieb  war  anfangs  sehr  primitiv.  Die  silberhaltigen
Erze  wurden  unter  Zuschlag  von  geröstetem  Rohstein  und  Bleierzen
auf  silberhaltiges  Blei  (Werkblei)  geschmolzen,  das  Werkblei  abgetrieben,
  die  fallende  Glätte  aufs  Neue  geschmolzen.  Der  Bleiverlust
betrug  über  81  Procent,  und  noch  vor  40  Jahren  gewann  man
nur  die  Hälfte  des  vorgelaufenen  Bleies.  Erst  durch  die  neueste
Hohofen  -Construction  wurde  der  Bleiverlust  auf  ein  Minimum
gebracht.

In  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  stieg  die  Silberproduction
  auf  20  000  Pfund,  aber  der  Verbrauch  an  Holz  und  an
Holzkohlen  war  ein  außerordentlicher.

Daher  wurde  die  von  Bergrath  Keller  in  Freiberg  erfundene
kalte  Amalgamation,  welche  nur  zu  der  vorbereitenden  Röstung
Heizung  erforderte  und  sodann  das  Silber  auf  nassem  Wege  vermittelst
  Quecksilber  aus  den  Erzen  abscheiden  ließ,  sehr  bald  in
größerem  Maßstabe  in  Anwendung  gebracht.  Das  seit  1557  in
Südamerika  bekannte  Amalgamiren  wurde  dort  ganz  anders  betrieben.

Im  Jahre  1784  wurde  in  Halsbrücke  das  für  damalige  Ver-
        <pb n="345" />
        —  337  —

hältnisse  großartig  angelegte  Amalgamirwerk  gegründet.  Prof.
Gellert  und  Berghauptmann  v.  Charpentier  hatten  dessen  Erbauung
durchgesetzt.  Es  brannte  zwar  1792  nieder,  wurde  aber  mit  drei
großen  dreistöckigen  Gebäuden  schleunigst  wieder  aufgebaut.  Die  Arbeiten
  umfaßten  Beschicken,  Rösten,  Sieben  und  Mahlen  der  Erze,
Amalgamiren  (das  Erz  wurde  unter  Zusatz  von  Wasser  und  etwas
Eisen  mit  50%  Qruecksilber  in  18  Stunden  lang  in  drehender  Bewegung
  erhaltenen  Fässern  „angequickt“),  Filtriren,  Ausglühen  des
Quecksilbers,  Verwaschen  des  Rückstandes.  Man  gewann  bei  einer
Verarbeitung  von  jährlich  70000  Ctr.  Erz  39  000  Mark  kupferhaltig
  Raffinatsilber.“)

Bis  1857  war  das  Halsbrückner  Amalgamirwerk  im  Betrieb.

Hier  errichtete  Professor  Lampadius,  welcher  schon  1811  an
seinem  Hause  in  Freiberg  eine  Laterne  mit  Leuchtgas  (Thermolampe)
brennen  ließ,  1815  die  erste  Leuchtgasanstalt.

Bei  allen  drei  Hütten  waren  Versuche  gemacht  worden,  das
Holz  durch  mineralische  Brennstoffe  zu  ersetzen.  Die  ersten  Versuche,
Steinkohlen  zu  brennen,  reichen  bis  1635  zurück;  im  Jahre  1820
wurden  schon  20  000  Ctr.  Steinkohlen  verbraucht.  Größere  Schwierigkeiten
  machte  die  Einführung  der  Cokes,  da  die  alten  Balgenkünste
und  Kastengebläse  durch  gußeißerne  Cylindergebläse  ersetzt  werden
mußten.  Aber  schon  1823  waren  die  Holzkohlen  fast  vollständig
verdrängt.

Im  Jahre  1845  begann  die  Einführung  der  englischen  Schmelz-Flammöfen
  und  der  Doppelschachtöfen,  welche  durch  Ersparniß  an
Brennmaterial  und  Verlängerung  der  Schmelzcampagne  das  Schmelzwesen
  bedeutend  veränderten.  Seit  1852  wurden  sie  vorwiegend
benutzt  und  verschmolzen  hauptsächlich  arme  Erze.  Daher  stieg  die
Erzlieferung  zwischen  1845  und  1865  von  200  auf  520  Tausend  Ctr.

Bei  diesen  ungeheuren  Erzmengen,  welche  jährlich  verschmolzen
wurden,  strömte  der  größte  Theil  des  in  denselben  enthaltenen  Schwefels
und  Zinks  durch  die  Essen  mit  aus  und  der  Hüttenrauch  erstreckte
seinen  schädlichen  Einfluß  in  ganz  auffallender  Weise  stärker  und
weiter  denn  vorher.  Entschädigunsansprüche  steigerten  sich.  Bald
war  man  genähtigt,  Versuche  in  großem  Maßstabe  dahin  zu  richten,
ser  schwefelige  Säure  unschädlich  zu  machen  und  den  Flugstaub  zu
angen.

Um  die  Wirkung  der  schwefeligen  Säure  zu  beseitigen,  errichtete
man  1857  die  Schwefelsäurefabrik,  welche  gegenwärtig  in  7  Blei-*)

  Toussaint  v.  Charpentier,  Amalgamirwerk  Hatsbrücke  Leipzig,  1802.
Amalgamirwerk  Halsbrücke.  Saxonia.  Bd.  1.  S.  31  ff.

22
        <pb n="346" />
        —  338  —

kammersystemen  mit  20  000  chm  Raum  täglich  1000  Ctr.  Schwefelsäure
  herstellt.

In  Verbindung  mit  der  Schwefelsäurefabrikation  entstand  die
Fabrikation  künstlicher  Düngemittel.

Die  Gewinnung  des  Flugstaubes  war  schwieriger.  Um  ihn
abzukühlen  und  niederzuschlagen,  erbaute  man  hohe  Schornsteine.  Auf
den  Muldener  Hütten  vor  etwa  10  Jahren,  auf  den  Halsbrückner
Hütten  seit  1888.  Diese  Riesenesse  wird  135  m  hoch,  am  oberen
Ende  3  m,  am  viereckigen  Fuße  12  m  stark.  Sie  steht  auf  dem
Höhenrande  des  nördlichen  Muldenufers.  „Die  Wirkung  der  hohen
Esse  schien  nur  die  zu  sein,  den  Schaden  in  weitere  Ferne  zu  tragen.“)
Gegenwärtig  ist  auf  den  Muldener  Hütten  ein  Rauch-Condensations-Apparat
  von  22  000  chm  Inhalt  aufgestellt,  auf  der  Halsbrücker
Hütte  ein  Ventilator;  beide  mit  Erfolg.

Um  den  im  Flugstaube  befindlichen  Arsenik  zu  verwerthen,  wurde
1862  eine  Arsenikhütte  errichtet.

Die  seit  1865  eingeführten  Pilz'schen  Hohöfen  arbeiten  so  vorzüglich,
  daß  man  auch  die  ärmsten  Erze  schmelzen  kann;  folgedessen
wurden  die  Flammöfen  abgeschafft.

Das  Kupfer  wird  in  Form  von  Kupfervitriol  gewonnen.

Die  Verarbeitung  des  aus  den  Erzen  erschmolzenen  Werkbleies
hat  einen  ganz  bedeutenden  Umfang.  Man  stellt  aus  demselben
Silber,  ein  sehr  reines  Verkaufsblei,  Wismuth,  Antimonblei,  Zinnblei
in  hoher  Vollkommenheit  her.

Im  Jahre  1864  wurde  auf  der  Halsbrücke  eine  Goldscheideanstalt
  errichtet.

Auf  den  Muldener  und  Halsbrückner  Hütten  findet  seit  mehr
als  30  Jahren  eine  umfangreiche  Verwendung  überseeischer  Erze  statt.“)
Die  Muldener  Hütte  verarbeit  ungefähr  zwei  Drittel  der  ganzen
Erzlieferung.

In  der  Schwefelsäurefabrik  werden  alle  Erze  mit  mehr  als
25%  Schwefel  geröstet,  die  Röstgase  in  Flugkammern  und  Canälen
abgekühlt,  so  daß  die  Schwefelsäure  an  den  Bleiblechwänden  niederschlägt.
  Fünf  Bleikammersysteme  haben  einen  Inhalt  von  13  125  ebm.
Die  Säure  (Kammersäure)  wird  gereinigt,  filtrirt  und  in  bleiernen
Pfannen  und  Platingefäßen  auf  660  B.  (Baumé)  concentrirt.  Die
Bleikammern  produciren  täglich  700  Ctr.  Kammersäure;  in  jedem

*)  K.  Merbach,  Die  Freiberger  Hütten.  Freiberg,  1883.

Merbach,  die  Entwickelung  der  Freiberger  Hütten.  Leipziger  Ztg.  1882,
Wissenschaftl.  Beil.  Freibergs  Berg=  und  Hüttenwesen.  Leipz.  Ztg.  1883,  Nr.  45.
Jahrbuch  für  Berg=  und  Hüttenwesen,  1877.

**)  Die  Verhältnisse  des  Freiberger  Berg=  und  Hüttenwesens  von  Gottschalck.
        <pb n="347" />
        —  339  —

Reinigungsthurme  reinigt  man  gegen  300  Ctr.  und  in  55  Bleipfannen
  und  3  Platinapparaten  kann  man  täglich  800  Ctr.  Säure
zu  600  B.  und  300  Ctr.  Säure  zu  660  B.  fertigen.

Die  Arsenikhütte  macht  Schwefelarsenik,  metallischen  Arsenik  und
arsenige  Säuren.  Schwefelarsenik  oder  Rothglas,  aus  in  thönernen
Retorten  erhitztem  Schwefelkies  und  Arsenkies,  ein  glasiger  Körper
von  schöner  hochrother  Farbe,  in  der  Kugelmühle  fein  gemahlen,  in
9  Oefen  täglich  aus  200  Ctr.  Erz;  1882  =  5124  Ctr.  Rothglas.
Metallischen  Arsenik  oder  Fliegenstein  gewinnt  man  durch  Erhitzung
reinen  Arsenkieses  in  Thongefäßen,  482  Ctr.  im  Jahr.  Die  arsenige
Säure  wird  als  Arsenmehl  in  Pulverform  und  als  Weißglas  in
Stückkorm  aus  dem  Flugstaube  in  Röstöfen  mit  Giftfang  durch  Gasfeuerung
  hergestellt,  im  Ganzen  3000  Ctr.  Arsenmehl  und  8031  Ctr.
Weiß=  und  Gelbglas  im  Jahr.

In  der  Zinkhütte  wird  die  schwarze,  silberhaltige,  vielfach  vorkommende,
  aber  sehr  schwierig  rein  abzuscheidende  Zinkblende  geschieden;
1882  aus  12  583  Ctr.  Erz,  2834  Ctr.  Zink  und  233  Ctr.  Zinkstaub.

Die  Schmelzhütte  übernimmt  nun  die  von  Schwefel,  Arsenik  und
Zink  möglichst  befreiten  Erze  zur  Verarbeitung.

In  sieben  Röstöfen  werden  täglich  1800  Ctr  Erze  geröstet.
Der  Rauch  tritt  durch  einen  42½  m  hohen  Schornstein  ins  Freie,
nachdem  der  Flugstaub  in  dem  6506  chm  großen  Condensationsapparat
  niedergeschlagen  ist.  Die  noch  vorhandenen  schwefeligen
Säuren  kommen  vollständig  verdünnt  aus  der  Esse.

Das  Erz  wird  nun  zerschlagen  und  in  den  fünf  Hohöfen  (mit
im  Ganzen  38  Formen)  geschmolzen.  Jeder  dieser  mit  eisernen
Gürteln  umzogenen,  drei  bis  vier  Jahre  lang  zu  benutzenden  Oefen
nimmt  600  bis  700  Ctr.  Erz  auf.

Daraus  wird  silberhaltiges  Blei  (Werkblei)  gewonnen,  welches
Gold,  Silber,  Blei,  Kupfer,  Zinn,  Arsen,  Antimon,  Wismuth  2c.
enthält.  Die  Zugutemachung  ist  sehr  mühsam  und  zusammengesetzt.
Zuerst  wird  das  Werkblei  in  zwei  Saigeröfen  gesaigert,  um  das

Kupfer  in  den  Saigerdörnern  zurück  zu  behalten.  Sodann  wird
das  Blei  in  fünf  Raffiniröfen  mit  tiefen  Herden,  jeder  zu  ca.  400  Ctr.
Blei,  raffinirt,  d.  h.  bei  Rothglühhitze  und  mittels  Gebläseluft  Zinn,
Antimon  und  Arsen  als  Oxyde  ausgeschieden.  Je  nach  der  Reinheit
des  Werkbleies  dauert  das  Raffiniren  2—3  Tage.

.  Dieser  Arbeit  folgt  die  Silberconcentration  nach  Pattinson  auf

15  Kesseln.  Durch  dieses  1833  von  Pattinson  entdeckte  Verfahren

wird  das  silberleere  Blei  abgeschieden,  indem  große  Mengen  von

Werkblei  geschmolzen  und  sodann  bis  zu  dem  Grade  abgekühlt  werden,

wo  das  Blei  krystallisirt.  Diese  Bleikrystalle  schöpft  man  mit  sieb-22“
        <pb n="348" />
        —  340  —

artigen  Löffeln.  Hierdurch  erhält  man  silberleeres  (Saxonia-)  Blei
und  Reichblei  (mit  etwa  2  Procent  Silbergehalt).

Das  Reichblei  wird  nun  auf  Treibeheerden  deutscher  Construction
abgetrieben.  Man  schmilzt  dasselbe  und  läßt  einen  Luftstrom  darüber
gehen,  so  daß  bei  heller  Rothgluth  das  Blei  als  Bleiglätte  abfließt.
Durch  fortwährenden  Zusatz  von  Reichblei  setzt  man  diesen  Prozeß
6—  7  Tage  fort,  und  vertreibt  auf  einem  großen  Heerde  1000  bis
1200  Ctr.,  auf  einem  kleinen  700—750  Ctr.  Reichblei.

Durch  dieses  Verfahren  erhält  man  Blicksilber  mit  95  Procent
Silbergehalt,  wismuthhaltige  Glätte  und  übrig  bleibende  Heerdmasse.

Das  Raffiniren  des  Blicksilbers  findet  auf  der  Halsbrückner
Hütte  statt.  Das  Blicksilber  wird  mit  Mergelmasse  bestreut,  bis  die
Oxyde  von  Blei  und  Wismuth  völlig  von  der  Heerdmasse  aufsgenommen
worden  sind,  und  göldisches  Raffinatsilber  mit  einem  Silbergehalt
von  99  Procent  gewonnen.

Das  Raffinatsilber  wird  durch  Eingießen  in  kaltes  Wasser
granulirt  und  sodann  das  Gold  aus  demselben  geschieden.

In  der  auf  der  Halsbrückner  Hütte  befindlichen  Goldscheideanstalt
  löst  man  das  granulirte  Silber  in  eisernen  Kesseln  durch
Schwefelsäure  von  660  B.,  so  daß  das  Gold  als  Staub  zurückbleibt,
während  die  Silberlösung  als  Cementsilber  ausgefällt,  in  Tiegeln
geschmolzen  und  in  Barren  gegossen  wird.  Der  Goldrückstand  wird
nach  dem  von  Bergrath  Professor  Dr.  Winkler  angegebenen  Verfahren
  gereinigt  und  in  Platinkesseln  concentrirt.  Das  in  den  Handel
gebrachte  Gold  hat  einen  Feingehalt  von  99,7  bis  99,8  Procent.

Auf  der  Halsbrückner  Hütte  befindet  sich  auch  noch  die  Bleiwaarenfabrik,
  in  welcher  aus  Weich=  und  Hartblei  Drähte,  Bleche,
Röhren  u.  s.  w.  gefertigt  werden.

Die  Schrotfabrik  befindet  sich  in  Freiberg.

Die  Zahl  der  auf  beiden  Hütten  beschäftigten  Hüttenleute  und
Arbeiter  beträgt  zwischen  1400  und  1500  Mann.

Die  Production  der  Hütten  betrug  in  den  Jahren  1884  bis
mit  1887  zwischen
7,9  und  11,75  Ctr.  Feingold  in  Scheidegold  im  Werthe  von

1  102  000  bis  1  640  000  Mark,
1206  und  1599  Ctr.  Feinsilber  in  Scheidesilber  9  024  000  bis
12  032  000  Mark,  (1888  =  1587  Ctr.  Feinsilber).
1190  und  2040  Ctr.  Wismuth  im  Werthe  von  8125  bis  32  300  Mark,
798  und  1126  Ctr.  Nickel  und  Kobaltspeise  17  800  bis  27700  Mark,
922  und  1874  Ctr.  Zink  und  Zinkstaub  13  200  bis  26  000  Mark,
46  700  und  74  400  Ctr.  Bleiproducte  (Probirblei,  Weichblei,  Antimonblei,
  Zinnblei,  Bleiglätte,  Bleirauch)  599  000  bis  884  000  Mark,
        <pb n="349" />
        —  341  —

23  000  und  24000  Ctr.  Arsenikalien  (Arsenige  Säure,  Roth—-,
Gelb=  und  Weißglas,  sowie  metallisches  Arsen)  303.000  bis
391  000  Mark.  "·

Ferner:

300  000  und  325  000  Ctr.  Schwefelsäure  (50,  60  und  66  grädige
Säure  und  Oleum)  490  000  bis  700  000  Mark,

32  300  und  41  300  Ctr.  Kupfervitriol  im  Werthe  von  681  000
bis  533  000  Mark,

23900  und  28  300  Ctr.  Eisenvitriol,  schwefelsaures  Natron  und
andere  Chemikalien  47  000  bis  58  000  Mark,

16  000  und  16  200  Ctr.  Bleibleche  201  000  bis  224  000  Mark,

3800  und  4000  Ctr.  Schrotwaaren  54  000  bis  57.000  Mark,

20  600  und  22  800  Ctr.  andere  Bleifabrikate  (Bleiröhren,  Bleidrath,
verschiedene  Bleiapparate)  245  000  und  303  000  Mark.

Der  Gesammtwerth  der  Hüttenproduction  betrug  in  dieser  Zeit
im  Jahre  zwischen  13  415000  Mark  und  15975  000  Mark.

Der  durchschnittliche  Gehalt  der  Silbererze  war  1888  =  0,09
Procent,  1887  =  0,103;  das  der  Bleierze  1888  =  12,7,  1887=13,04
  Procent.

Der  Antheil  des  sächsischen  Bergbaues  an  der  Silberproduction
der  Hütten  betrug  1884  gegen  58  Procent,  1885  nur  46¾  Procent,
  1886  nur  43  Procent,  1887  nur  wenig  über  40  Procent.
Der  Silberpreis  sank  1884  auf  76  und  selbst  auf  73  Mark,  für
das  Pfund  Feinsilber,  1885  auf  681/  Mark,  1886  bis  auf  62  Mark,
stieg  aber  Ende  des  Jahres  wieder  auf  67½  Mark.  Gegenwärtig
beträgt  der  Preis  des  Silbers  für  das  Feinpfund  63¼  Mark.  —
Auch  die  Bleipreise  waren  schon  bis  1884  bedeutend  gesunken;  der
Ctr.  11  Mark  13  Pf.,  stiegen  aber  bis  1837  wieder  auf  13½  Mark
und  Ende  November  sogar  auf  15½  Mark.  Gegenwärtig  steht  es
wieder  auf  13½  bis  13¾  Mark.  ·

Die  Muldener  Hütten  haben  bereits  Verbindung  mit  der  Eisenbahn;
  die  Halsbrückner  Hütten  erhalten  dieselbe.

„Die  Freiberger  Hüttenwerke  haben?)  in  den  letzten  ahren
ganz  bedeutende  Fortschritte  gemacht,  indem  nicht  allein  die  Pro  »sse
der  Metallgewinnung  aus  den  Erzen  zu  dem  Grade  der  Vollkommenheit
  gebracht  wurden,  welcher  dem  heutigen  Stande  der  Wissenschaft
entspricht,  sondern  auch  großartige  Einrichtungen  ins  Leben  traten,
wodurch  die  in  früherer  Zeit  die  Land=  und  Forstwirthschaft  be-*)

  Freiberg's  Hütten=  und  Bergwesen  von  F.  C.  Frhr.  v.  Beust,  im
Jahrbuche  1884,  S.  182.  "
Jahrbuch  für  das  Berg=  und  Hüttenwesen.  1885.  86.  87.  88.
        <pb n="350" />
        —  342  —

lästigenden  Hüttengase  in  werthvolle  industrielle  Producte,  wie  Schwefelsäuren,
  Arsenikalien,  verschiedene  Vitriole  u.  s.  w.  umgewandelt
werden.  —  Endlich  gelang  es  auch  mit  Hilfe  der  Eisenbahnverbindungen
den  Hüttenbetrieb  auf  südamerikanische  und  überhaupt  auf  fremde
Erze  auszudehnen,  welche  in  Verbindung  mit  den  großen  Mengen
inländischer,  bleiischer  und  kiesiger  Erze  ungeachtet  einer  sehr  guten
Bezahlung  vortheilhaft  verwendet  werden  können.  Diese  Verarbeitung
überseeischer  reicher  Erze  hat  an  Umfang  und  Bedeutung  gewonnen;
die  Freiberger  Hütten  sind  nicht  allein  die  vortheilhafteste  Verarbeitungsstätte
  inländischer  Erze,  sondern  auch  industrielle  Etablissements  ersten
Ranges  für  die  Erzeugung  werthvoller  Nebenproducte.  Dabei  gewähren
  sie  dem  Staate  eine  Rente  von  mehr  wie  einer  Million  Mark.“

Vielfache  und  wiederholte  Beschwerden  über  Schädigung  der
Landwirthschaft  durch  den  Hüttenbetrieb  und  den  Hüttenrauch  haben
Veranlassung  gegeben,  alle  nur  erdenklichen  Maßregeln  zu  treffen,  um
diesen  mehr  und  minder  berechtigten  Klagen  Abhülfe  zu  schaffen.

Die  Fläche,  auf  welcher  Schädigungen  durch  den  Hüttenrauch
nachweisbar  werden,  ist  bestimmt  abgegrenzt.

Ungefähr  2  km  südlich  der  Muldener  Hütten  beginnend  reicht
sie  mit  ihrer  westlichen  Grenzlinie  nahe  an  Freiberg  und  Loßnitz
vorüber  bis  an  die  nördliche  Ecke  von  Kleinwaltersdorf.  Von  hier
wendet  sich  die  Begrenzung  nordwärts,  am  Ostende  von  Rothenfurt
vorüber,  durch  Großvoigtsberg,  um  Neudörfel  und  Kleinvogtsberg
herum,  in  den  oberen  Theil  von  Obergruna,  wo  sie  sich  nach  Osten
biegt  und  vom  Bibersteiner  Zollhause  an  Oberreinsberg  vorüber  bis
an  das  obere  Ende  von  Niederschöna  reicht.  Von  hier  reicht  sie
weit  östlich,  durch  den  Tharandter  Wald  bis  gegen  Grüllenburg  vor
und  über  das  untere  Ende  von  Niederbobritzsch  nach  dem  Ausgangspunkte
  zurück.

Auf  dieser  etwa  88  qkm  großen  Fläche,  deren  größte  Länge  15,
deren  größte  Breite  10  km  beträgt,  ist  der  Einfluß  des  Hüttenrauches
in  der  nächsten  Umgebung  der  Muldener  und  der  Halsbrückner
Hütten  ram  bedeutendsten.

Die  schwefelige  Säure  ist  der  wesentlich  schädigende  Bestandtheil
  des  Hüttenrauches.

Es  hat  sich  herausgestellt,  daß  das  Laubholz  vom  Hüttenrauch
weniger  geschädigt  wird,  als  das  Nadelholz;  daß  unter  den  Laubhölzern
  die  Eiche  und  unter  den  Nadelhölzern  die  Kiefer  am  widerstandsfähigsten
  ist;  aber  es  ist  noch  kein  Mittel  gefunden,  in  den
gefährdetsten  und  nächsten  Umgebungen  der  Hütten  den  Holzbestand
zu  erhalten.  Selbst  das  Haidekraut  hat  auf  die  Länge  der  Zeit  der
        <pb n="351" />
        —  343  —

verderblichen  Einwirkung  des  Hüttenrauches  nicht  wiederstehen  können,
und  im  nächsten  Umkreis  der  Hütten  ist  der  Boden  nackt.

Erst  mit  der  größeren  Entfernung  aus  dem  Bereiche  der  Dämpfe
und  des  Rauches  tritt  wieder  eine  kräftigere  Vegetation  ein;  aber  auf
dem  ganzen  umgrenzten  Gebiete  läßt  sich  der  Einfluß  des  Hüttenrauches
  auf  die  gesammte  Pflanzenwelt  nachweisen.  Die  äußeren
Krankheitserscheinungen  stehen  mit  der  durch  chemische  Analhse  festzustellenden
  Größe  des  Schwefelsäuregehaltes  der  Niederschläge  in
Wechselbeziehung.

Eine  Linie,  welche  südlich  der  Muldener  Hütten  beginnt  und
über  diese,  die  Halsbrückner  Hütten,  über  den  Höhenzug  hin  bis
Obergruna  reicht,  bezeichnet  nahezu  in  nordwestlicher  Richtung  das
Maximum  der  Rauchschäden,  während  gleichzeitig  in  nordöstlicher
Richtung,  sowohl  von  den  Halsbrückner,  als  auch  von  den  Muldener
Hütten,  zwei  Querstreifen  der  Hauptbeschädigungen  durch  den  Hüttenrauch
  erkennbar  werden.  An  den  Kreuzungspunkten  dieser  Strömungen
machen  sich  die  Rauchschäden  besonders  bemerkbar.  Die  Landschaft  bei
Halsbrücke  und  Grüneburg  ist  für  die  Einwirkung  des  Hüttenrauches
charakteristisch.  Die  Hauptlinien  der  Rauchschäden  weisen  auf  ein
Vorwiegen  südöstlicher  und  südwestlicher  Winde  hin,  obgleich  man  in
dieser  Höhenlage  eigentlich  nur  35  Tage  Südost=  und  60  Tage
Südwestwind  annimmt.

Nach  dem  äußeren  Rande  dieses  Gebietes  schwächt  sich  die  Einwirkung
  des  Hüttenrauches  ab,  während  dieselbe  bei  Hilbersdorf,
Conradsdorf,  Grüneburg,  Krummhennersdorf,  Gotthelf-Friedrichsgrund
und  am  oberen  Ende  von  Burkersdorf  sehr  bemerkbar  ist.

Ueber  die  angegebenen  Grenzen  hinaus  werden  die  Rauchschäden
wohl  auch  in  der  Zukunft  sich  nicht  ausbreiten,  und  das  um  so
weniger,  als  die  nachtheilige  Einwirkung  des  Hüttenrauches  durch  die
Fortschritte  der  Technik  in  immer  engere  Grenzen  zurück  gedrängt  wird.

40.  Die  GOstmulde.  Weißenborn.  Mulda.  Rechenberg.
  Frauenstein.

Südlich  der  Muldener  Hütten,  unmittelbar  an  der  hohen  Eisenbahnbrücke,
  ist  das  Thal  der  Mulde  auf  beiden  ungefähr  50  m  hohen
Abhängen  mit  Wald  bedeckt.  In  einer  Thalschleife  liegt  die  obere
Pulvermühle,  auf  nächstem  Wege  4½  km  vom  Erbschen  Thore,  ein
interessantes,  mit  den  neuesten  Maschinen  und  Einrichtungen  versehenes
  Werk,  dessen  Besichtigung  jedoch  nur  ausnahmsweise  gestattet
wird.  Dieselbe  wurde  1689  angelegt,  nachdem  die  1502  vor  dem
        <pb n="352" />
        —  344  —

Kreuzthore  erbaute  Pulvermühle  außer  Betrieb  gesetzt  wurde.  Seit
etwa  10  Jahren  ist  unweit  derselben  auch  eine  Dynamitfabrik  erbaut.

Im  Thale  weiter  wandernd,  hat  man  von  der  Pulvermühle
bis  Lichtenberg  6  km,  von  da  nach  Mulda  4  km.  Der  Weg  ist
zwar  recht  hübsch,  aber  doch  nicht  interessant  genug,  um  die  ganze
Strecke  zu  Fuß  zurückzulegen.  Auf  der  Frauensteiner  Straße  geht
man  vom  ehemaligen  Erbschen  Thore  der  Stadt  Freiberg  bis  Weißen—
born  6  km,  von  da  nach  Lichtenberg  3  km.  Der  Bergvorsprung
an  der  Mulde  wird  von  der  ehemaligen  Burg  Weißenborn  gekrönt.
Das  alte,  außerordentlich  starke  Mauerwerk  im  Erdgeschoß  reicht
möglicherweise  bis  ins  13.  Jahrhundert  zurück,  wenngleich  spätere
Umbauten  mancherlei  Beränderungen  hervorgerufen  haben.  Der  Wallgraben
  ist  an  der  Bergseite  zugeschüttet;  der  Eingang  zur  Seite  des
ursprünglichen  Zuganges  gelegt.  An  der  Westseite  des  dreieckigen
inneren  Hofes  stand  der  Bergfried,  dessen  Lage  noch  aus  dem  Mauerwerke
  des  Grundrisses  deutlich  zu  erkennen  ist.  Der  Thurm  ist  jedoch
  bei  dem  Umbau  der  Burg,  Ende  des  15.  oder  Anfang  des
16.  Jahrhunderts  bedeutend  erniedrigt,  und  die  Burg  in  ihrer  gegenwartigen
  Gestalt  umgebaut  worden.

Das  Thal  der  Mulde  ist  von  Weißenborn  bis  an  das  untere
Ende  von  Lichtenberg  ein  enges  Waldthal,  erweitert  sich  jedoch  zwischen
Lichtenberg  und  Weigmannedorf,  und  bildet  weiter  aufwärts  eine  von
Waldabhängen  eingefaßte  Wiesenaue.  Im  Dorfe  Mulda  mündet  das
liebliche  Thal  des  Chemnitzbaches,  welches  bis  gegen  Dorf-Chemnitz
zum  großen  Theile  zum  engen  Waldthale  wird.

Das  Dorf  Mulda,  in  etwa  430  m  Meereshöhe,  ist  in  den
letzten  Jahren  eine  beliebte  Sommerfrische  geworden.  Die  sauberen,
freundlichen  und  netten  Häuser  im  breiten  Wiesenthale  und  am
Höhenrande,  die  bewaldeten  Abhänge  mit  verschiedenen  Spazierwegen,
die  mäßigen  Preise  bei  entsprechend  guter  Wohnung  und  Verpflegung
lassen  die  Wiederkehr  zahlreicher  Sommergäste  erklärlich  finden.)

Das  Thal  der  Mulde  wird  vom  Forsthause  Mulda  an  ein
Waldthal  mit  mehr  oder  weniger  breiter  Wiesensohle.  Vom  Forsthause
  Ks  zur  Wolfsmühle  bei  Nassau  (Haltestelle  der  Eisenbahn)
5  km.  Von  hier  Fußsteig  durch  Nassau  und  quer  durch  das  Thal
der  Gimmlitz  nach  Frauenstein  7  km.  Von  Wolfsmühle  bis  Bienmühle
  5  km.

Angenehmer  ist  es,  vom  Forsthause  Mulda  aus  in  das  Thal
der  Gimmlitz  überzugehen.  Kurz  oberhalb  des  Forsthauses  wendet

*)  Sommerkurort  Mulda.  Freiberg,  E.  Mäukisch.  1887.
Führer  für  die  Erzgebirgseifenbahn  Freiberg-Klostergrab.  Vom
gcographischen  Verein  zu  Freiberg.  Freiberg,  J.  G.  Engelhardt.
        <pb n="353" />
        —  345  —

man  sich  nordwärts,  überschreitet  den  Höhenzug  und  gelangt  bei  der
Flachsschwingerei  von  Lichtenberg  in  das  Thal  der  Gimmlitz,  welches
man  an  den  untersten  Gütern  von  Dittersbach  und  von  Burkersdorf
vorüber,  bis  zur  Walkmühle  oder  bis  zur  Rathsmühle  oder  bis  zu
einem  etwa  500  Schritt  weiter  aufwärts  liegenden  ehemaligen  Pochwerke
  verfolgt.  Vom  Muldener  Forsthause  bis  zu  diesem  letzteren
Punkte  sind  9  km.

Nördlich  der  Lichtenberger  Flachsschwingerei  liegt  der  Burgberg,
etwa  210  m  über  der  Gimmlitz,  rings  bewaldet,  nur  um  den  Gipfel
etwas  freier,  auf  einer  Schneuße  leicht  zu  ersteigen.  Der  auf  dem
Gipfel  aufragende  Porphyrfelsen,  welcher  südwärts  von  zwei  mauerähnlichen
  Felsentrümmerwänden  umschlossen  wird,  gewährt  eine  ganz
hübsche  Aussicht.  B.  v.  Cotta  hält  den  doppelten  Steinwall  mit  dem
Brunnen  (Jungfernbrunnen)  für  ein  Baudenkmal  heidnischer  Vorzeit.
Man  hat  gegenwärtig  eine  Unterstandshütte  daselbst  errichtet.  Von
der  Flachsschwingerei  steigt  man  etwa  20  Minuten  hinauf.

Bis  zur  Schillermühle  bei  Burkersdorf  führt  der  Weg  durch
ein  breites,  nur  theilweis  von  Wald  begrenztes  Wiesenthal.  Von
hier  bis  zu  dem  ehemaligen  Pochwerke  wird  das  Gimmlitzthal  zu
einem  von  70—80  m  hohen  Hängen  eingeschlossenen,  schmalsohligen
Waldthal,  auf  dessen  Grunde  der  Bach  schäumend  dahinschießt.  Von
dem  Pochwerke  aufwärts,  welches  vor  Zeiten  durch  die  ergiebigen
Reichenauer  Zechen  beschäftigt  wurde,  so  auch  die  zur  Schneidemühle
umgewandelte  Silberwäsche,  verflacht  sich  das  Thal  bis  zu  der  9  km
aufwärts  unter  Schickels  Höhe  liegenden  Gimmlitzquelle.

Auch  in  dem  Gimmlitzthale  sollen  vor  Zeiten  bedeutende  Funde
an  Goldkörnern  gemacht  worden  sein.  Sagt  ein  Wahlenbuch  von
1590  „„ein  Fluß  gelegen  eine  Meile  von  Freiberg,  bei  einer
Mark  „der  Frauenstein“  zwei  Meilen  von  Soda  (Sayda),  da  findest
Du  zwei  Wege  .  folge  dem  auf  der  rechten  Hand  .  so  kommst
Du  an  ein  Wasser  genannt  die  Grimnitz  .  gehe  daran  wohl
hinauf  .  so  wirst  Du  kommen  an  den  Fluß,  darin  sind  rothe
Fische,  derselbe  Fluß  trägt  Körner  die  seyn  horngrau,  da  hab  ich  Mareus
rein  wohl  neulich  Gold  gewaschen,  in  3  Tagen  vor  4  R,  uno  die
Körner  sein  schier  eitel  Gold,  ihm  geht  wenig  ab...  Darnach  folge
der  Grimnitz  hinabwärts  ..  so  kömmst  Du  an  ein  Bächlein,  da
findest  Du  schwarze  Körner,  die  auch  nicht  böse  sein  ...  Von  diesen
beyden  Körnern  habe  ich  Jeremias  und  Marcus  beyde  Wahlen  viel
gen  Venedig  getragen  "7)

“
*)  Grässe,  Sagenschatz,  Nr.  592.
Sagenbuch  des  Erzgebirges.  Dr.  J.  A.  E.  Köhler.  Nr.  348.
        <pb n="354" />
        —  346  —

Von  dem  Pochwerke  oder  von  der  Rathsmühle  hat  man  nicht
ganz  eine  halbe  Stunde  nach  Frauenstein.  Inmitten  des  Marktes,
etwa  651  m  über  dem  Meere,  steht  die  Kirche.  Von  hier  führt
westlich  die  Straße  ziemlich  eben  bis  zum  Weißen  Steine,  die  südlich
gerichtete  Straße  geht  am  Sandberge  vorüber  und  theilt  sich  kurz
darauf  in  den  Richtungen  nach  Bienmühle  und  nach  Moldau  in
Böhmen.  Durch  eine  östlich  ausbiegende  Seitengasse  gelangt  man  zu
der  im  Thale  liegenden  Begräbnißkirche.

Auf  einem  nach  Norden  gerichteten  Felsenvorsprunge  von  Granitporphyr
  erheben  sich  die  Trümmer  der  alten  Burg  Frauenstein,
welche  zwar  erst  1266  urkundlich  erwähnt  wird,  ohne  Zweifel  aber
schon  Anfang  des  12.  Jahrhunderts  als  Grenzburg  errichtet  worden
war.  Die  Burg  ist  auf  der  in  „Bahn,  das  Amt,  Schloß  und
Städtchen  Frauenstein“  befindlichen  Abbildung  noch  ziemlich  erhalten
dargestellt.

Diese  Burg  bestand  nach  ihrer  Vollendung  aus  drei  Abschnitten.
Die  innere  Hoch=  oder  Hauptburg,  auf  dem  nördlichsten,  höchsten
Theile  des  Bergvorsprunges,  bildete  den  Kern  der  ganzen  Anlage,
welche  um  und  zwischen  den  beiden  großen,  viereckigen,  wenn  auch
nicht  ganz  winkelrechten  Thürmen  sich  aufbaute.  Der  südliche  Hauptthurm,
  „die  Lärmstange“,  beschützte  den  Eingang  zur  Hochburg,  der
durch  das  westlich  sich  an  ihn  anschließende,  jetzt  zerstörte  Thorhaus
nach  dem  winklichen  Hofe  führte.  An  diesem  südlichen  Thurme  waren
hoch  oben  sieben  große  steinerne  Kugeln  eingemauert,  wahrscheinlich
Denkzeichen  einer  Beschießung;  doch  ist  die  Mehrzahl  dieser  Kugeln
herabgefallen.  Am  Nordende  der  Hauptburg  steht  der  andere  der
beiden  viereckigen  Hauptthürme,  „der  dicke  Märten“,  welcher  gegenwärtig
  noch  besteigbar  ist.  Von  seiner  Plattform  hat  man  eine
prachtvolle  Aussicht.

Zwischen  den  beiden  Thürmen,  und  theilweise  an  dieselben  angelehnt,
  war  das  Hauptgebäude  der  Burg  mit  seinen  Wohnräumen
und  der  Burgkapelle,  deren  Lage  noch  an  einem  romanischen,  gekor
  D#en  Fenster  erkennbar  ist.  Die  Räume  des  palastähnlichen
Baͤlles  unzweifelhaft  mit  starken  Balken-  und  Estrichdecken,  wie  noch
im  nördlichen  Thurme  zu  sehen,  während  die  unteren  Stockwerke
sämmtlich  mit  Tonnengewölben  geschlossen  waren,  wie  in  den  Thürmen
noch  kenntlich.  An  dem  schmalen,  langen  Hofe  der  oberen  Burg  stand
auf  der  Westseite  des  hinteren  Thurmes  noch  ein  längeres,  niedrigeres
Wohngebäude.

Die  Grenzen  der  mittlen  Burg,  welche  sich  südlich  und  östlich
an  die  Hochburg  anlehnte,  werden  nach  Süden  durch  die  Begrenzung
der  Terrasse,  durch  das  heutige  Thorhaus  und  durch  Mauer  und
        <pb n="355" />
        —  347  —

Gebäude  bis  zum  noch  stehenden  Rundthurm  gegeben,  und  reichen
von  hier  bis  an  die  nördlichste  Bastei,  wo  sie  sich  der  Umfassung
der  Hochburg  anschließen.  Der  südliche  Theil  dieser  Burganlage  ist
jedoch  durch  den  1585  bis  1587  durch  den  Dresdener  Baumeister
Hans  Irmisch  ausgeführten  Bau  des  neuen  Schlosses  und  die  mit
demselben  in  Verbindung  stehenden  Veränderungen  umgewandelt
worden,  so  daß  nur  der  nördlich  vom  Rundthurm  stehende  Theil
noch  alt  ist.

Auch  der  niedrige  Theil  der  Befestigungen,  welcher  sich  vom
Thorhause  ostwärts  bis  zum  Rundthurme  erstreckt,  ist  nur  noch  zum
Theil  alt,  mit  Mauern  und  Mauervorsprüngen,  und  der  früher  vorhanden
  gewesene  Abschnitt  zwischen  diesem  niederen  Theile  der  Burg
und  der  mittlen  Burg  nur  schwer  zu  erkennen.  Zahlreiche  zwischen
den  Mauern  und  Mauertrümmern  und  auf  dem  in  den  ehemaligen
Höfen  und  Gebäuden  hoch  aufgethürmten  Schutt  ausgewachsene  Bäume
erschweren  die  Uebersicht  des  Zusammenhanges  dieser  großen  Burg.

Die  ursprünglich  den  Burggrafen  von  Meißen,  und  später  den
Burggrafen  von  Reuß-Plauen  zugehörige,  wahrscheinlich  erst  im
14.  Jahrhundert  in  ihrem  vollem  Umfange  hergestellte  Burg  war
unzweifelhaft  schon  im  frühen  Mittelalter  ein  die  Macht  seiner  Besitzer
  kennzeichnender  Prachtbau.  1440  erkaufte  Kurfürst  Friedrich
der  Sanftmüthige  Burg  und  Herrschaft  Frauenstein;  1473  kam  es
durch  Kauf  an  die  Schönberge,  1647  wieder  in  kurfürstlichen  Besitz.

1632  wurden  Stadt  und  Schloß  von  Holke  überfallen  und
fünfzehn  Wochen  lang  besetzt  und  bedrückt.  Es  wurde  der  Stadt
und  der  Umgegend  „sehr  übel  mitgespielt".  Vier  Wochen  später
plünderten  die  Truppen  von  Gallas  und  Ullfeld  nochmals.  Man
kann  sich  denken,  was  da  etwa  übrig  blieb.

1728  brannten  beim  Brande  der  Stadt  das  alte  und  das  neue
Schloß  nieder.  Die  ganze  Pracht  der  Ausstattung  der  Gemächer
mit  Waffen,  Geräthen,  Schmuck,  Bibliothek,  Möbels,  Bildern  u.  s.  w.
gingen  bei  der  Einäscherung  aller  Haupt=  und  Nebengebäude  vollständig
  verloren.  Das  neue  Schloß  wurde  1783  wieder  aufgebaut,
das  alte  Schloß  blieb  Ruine.  1814  wurde  das  neue  Schloß  züm
größten  Theile  nochmals  im  Innern  vom  Feuer  vernichtet  und  1817
in  seiner  gegenwärtigen  Gestalt  wieder  hergestellt.“)

Vom  nördlichen  Thurm  der  Ruine  hat  man  eine  ausgedehnte

*)  Bahn,  Das  Amt,  Schloß  und  Städtchen  Frauenstein  2c.  1748.

Der  Meißnische  Burggraf  Herrmann  verlegt  1115  seinen  Sitz  nach
Frauenstein.  Mstk.  der  K.  Dresdner  Bibl.  L.  12.  c.

Lic.  Dr.  Hasse,  Pfarrer  2c.,  Norddeutschlands  höchste  Burgruine  im
Sächs.  Erzgebirge.  Glückauf  (Zeitschr.)  1881.  S.  31  ff.
        <pb n="356" />
        —  348  —

Rundschau.  Im  Süden  Jagdschloß  Lichtenwald  in  Böhmen  und,
von  da  westlich  weiter  schreitend,  Bärensteinberg,  Schwartenberg,
Haßberg,  Keilberg,  Fichtelberg,  Bärenstein,  Pöhlberg,  Auersberg,
Greifenstein,  den  langen  Stein  bei  Lengefeld,  Schloß  Augustusburg,
die  Stadt  Freiberg,  Kolmberg  bei  Oschatz,  Tharandter  Wald,  Moritzburg,
  Keulevberg  bei  Königsbrück,  Porsberg,  Valtenberg  und  Hohwald
  bei  Neustadt,  Unger,  Winterberg,  Rosenberg,  Schneeberg  und
die  verschiedenen  Kegel  des  Sandsteingebirges,  Sattelberg  und  Mückenthürmchen,
  sowie  zahllose  innerhalb  dieses  Umkreises  liegende  Punkte.

Die  Stadt  Frauenstein,  von  deren  Befestigungen  und  Thoren
Nichts  mehr  zu  sehen  ist,  soll  vor  1438  um  die  gegenwärtige  Begräbnißkirche
  gelegen  haben,  wo  auch  noch  zahlreiche  Spuren  von
Häusern  und  Straßenanlagen  aufzufinden  sein  sollen.  Die  Stadt  ist
wiederholt  zerstört  und  niedergebrannt  worden,  hauptsächlich  1534,
1728  und  1814.  Die  schon  1384  urkundlich  erwähnte  Stadt  hatte
eine  Mauer,  drei  Thore  mit  Thürmen  und  zwei  Pforten.

Die  neu  aufgebaute,  freundliche  Stadt  eignet  sich  sowohl  wegen
ihrer  Höhenlage,  als  auch  wegen  ihrer  Umgebungen  vorzüglich  zu
einer  Sommerfrische.  Von  dem  südlich  der  Stadt  auf  dem  Sandberge
  befindlichen  trigonometrischen  Signal  hat  man  eine  weite  Umschau.
  20  Minuten  westlich  der  Stadt,  vom  weißen  Steine  und  der
dortigen  Unterstandshütte  blickt  man  in  das  Thal  der  Gimmlitz.  Das
Buttertöpschen  ist  eine  am  Wege  dahin  liegende  Granitklippe.  Auf
der  nach  Südost  führenden  Straße  erreicht  man  das  Buschhaus  bei
Hermsdorf  (6  km)  und  hat  fast  auf  dem  ganzen  Wege  eine  freie
Aussicht  nach  Norden.

Im  Thale  der  Bobritzsch,  lang  hingestreckt  liegt  das  Dorf
Reichenau  und  an  den  Abhängen  südlich  desselben  sind  noch  zahlreiche
Halden  und  Haldenzüge  zu  erkennen.  Es  ist  vor  Zeiten  hier,  wie
an  der  Weißeritz,  ein  lebhafter  Bergbau  betrieben  worden.  Halden,
Pingen,  Stolln  u.  s.  w.  sind  noch  vielfach  zu  erkennen,  wenn  auch
ein  großer  Theil  derselben  bereits  eingeebnet  worden  ist.  „Man
„erkennt  (Schumann  1817,  IV,  239)  aber  auch  das  hohe  Alter
abes  Frauensteiner  Bergwerkes  aus  den  alten  Haldenzügen  oder  dem
„alten  Lehnbaue,  weil  man  solchen  nicht,  wie  im  Anfange  des  16.  Jahr-„hunderts
  üblich  war,  nach  Fundgruben  und  Maßen,  sondern  sieben-„lehnweise
  verlieh  und  nur  auf  Nieren  führte,  wovon  man  die
„einander  ganz  nahe  liegenden  Halden  und  Pingen  (die  Pfaffengruben)
„auf  dem  Frauensteiner  Pfarrgute  und  dem  Erbgericht  in  Reichenau
„vor  Augen  hat.“

Von  Frauenstein  nach  Rechenberg  sind  8  km;  bei  Weitem
interessanter  ist  der  Weg  vom  Buschhause  bei  Hermsdorf  durch  den
        <pb n="357" />
        —  349  —

Wald  nach  dem  Forsthause  am  Drachenkopf  nach  Rechenberg  6  km;
von  Bienemühle  nach  Rechenberg  2  km.

Die  alte  Burg  Rechenberg,  wahrscheinlich  Anfang  des  12.,  wo
nicht  schon  Ende  des  11.  Jahrhunderts  gegründet,  stand  auf  einem
etwa  18  m  hohen,  senkrecht  aus  dem  Thale  ansteigenden,  fast  isolirten
Granitfelsen,  welcher  aus  dem  Thalhange  des  rechten  Muldenufers
weit  vorsprang.  Sie  war  eine  der  kleinen  Grenzburgen;  von  ihren
beiden  Thürmen  sah  man  noch  Anfang  dieses  Jahrhunderts  geringe
Ueberbleibsel.  (Schumann,  VIII,  817,  XVIII,  561.)  Noch  um
1760  hatte  die  Burg  Dach  und  Fach.  Auf  einer  von  Wizani,  wahrscheinlich
  um  1780  gemalten  Ansicht  von  Rechenberg  sieht  man  nur
einen  Thurm  und  hohe  Burgmauern,  beide  jedoch  im  Verfall.  Jetzt
ist  von  der  Burg  nur  noch  ein  Theil  der  äußeren  Umfassung  zu
erkennen;  der  Felsen  ragt  auf  der  Dorfseite  etwa  25  bis  30  m  steil
auf;  die  obere  Fläche  gegen  20  m  lang  und  12  m  bereit,  ist  nur
noch  auf  der  Ostseite  von  einer  3  bis  4  m  hohen,  über  1  m  starken,
im  vollen  Verfall  befindlichen  Mauer  eingefaßt;  alles  Uebrige  ist  ausgeglichen
  und  eingeebnet.

Urkundlich  gehörte  sie  1270  Heinrich,  von  Rechenberg,  kam  1500
an  die  Schönberge  und  1647  durch  Kauf,  als  ein  Theil  der  Herrschaft
  Frauenstein,  an  Kurfürst  Johann  Georg  I.

Von  Rechenberg  nach  dem  Teichhause  5  km,  von  hier  nach
dem  Fischerhause  bei  Bahnhof  Moldau  5  km,  nach  Rehefeld  6  km.
Von  Rechenberg  über  Deutsch-Georgenthal  nach  Jagdschloß  Lichtenwald
  2  Stunden.
        <pb n="358" />
        Die  Mitte  des  Erzgebirges.

Die  Mitte  des  Erzgebirges  erstreckt  sich  im  Höhenzuge  des
Gebirgkammes  streng  genommen  vom  Gebirgssattel  bei  Neustadt  bis
zum  Gebirgssattel  bei  Platten.  Der  Nordabhang  wird  durch  die
Wasseradern  des  Zschopaugebietes  belebt,  und  nur  ein  kleiner  Theil,
im  Westen  des  höchsten  Gebirgsstockes,  gehört  in  den  Quellenbächen
des  Schwarzwassers  zur  westlichen  Mulde.  Dieser  Theil  des  Nordabhanges
  wird  seinen  Wasserläufen  entsprechend  dem  Gebiete  der
Westmulde  erst  zugezogen  werdeu.  Der  Südabhang,  welcher  von
dem  charakteristischen  Eckvorsprunge  des  Wieselssteines  an  in  Berücksichtigung
  kommt,  reicht  vom  Thale  des  Flößbaches  bis  zum  Thale
der  weißen  Wistritz.

41.  Mulde.  Striegis.  Sschopau.  Fainichen.
Waldheim.  KRriebstein.

Der  Wasserlauf  der  östlichen  Mulde  bildet  für  die  Gewässer
des  Nordabhanges  des  Erzgebirges  von  ihrer  Biegung  bei  Nossen
an  die  natürliche  Sammellinie.  Obgleich  dieselbe  schon  bei  Nossen,
wie  bei  Roßwein  ein  ganzes  Stück  nördlich  vom  Fuße  des  Erzgebirges
  fließt,  ist  das  zum  großen  Theile  mit  steilen  und  bewaldeten
Abhängen  eingefaßte  Thal  reich  an  anmuthigen  Landschaftsbildern,
bis  es  bei  Döbeln,  wo  die  Mulde  zum  zweiten  Male  die  Richtung
von  Ost  nach  West  annimmt,  nachdem  sie  vorher  nordwestlich  und
selbst  nördlich  geflossen  war,  in  eine  breite  Thalniederung  der  250  m
Erhebung  eintritt.

Bei  Schweta,  in  156  m  Meereshöhe,  vereinigen  sich  die  Mulde
und  die  von  Süden  her  strömende  Zschopau,  auf  dem  Nordufer  von
etwa  50  m  hohem  Höhenrande  überragt.

Kurz  unterhalb  Roßwein,  der  alten,  im  12.  Jahrhundert  vorhandenen,
  1220  schon  urkundlich  erwähnten,  seit  1293  dem  Kloster
        <pb n="359" />
        —  351  —

Altenzella  angehörenden  und  bereits  im  14.  Jahrhundert  durch  seine
Tuchmacherzunft  weit  bekannter  Stadt,  mündet  in  181  m  Höhe  die
Striegis  in  die  Mulde.  Auf  dem  Höhenrückenzuge  zwischen  der
Mulde  und  Flöha  in  zwei  Hauptbächen  entspringend,  der  großen
und  der  kleinen  Striegis,  welche  meilenlang  in  flachen  Thalmulden
dahin  fließen,  bildet  die  große  Striegis  schon  von  Wegefahrt  abwärts
ein  mit  steilen  und  höher  ansteigenden  Abhängen  eingefaßtes  Thal,
welches  besonders  zwischen  Bräunsdorf  und  der  Heumühle,  so  wie
abwärts  von  Pappendorf  landschaftlich  reich  geschmückt  ist.

Geht  man  dem  Wasserlaufe  entgegen,  wie  das  ja  bei  jedem
Thale,  wenn  es  irgend  angeht,  geschehen  soll;  so  tritt  man  schon
bei  Böhrigen  in  ein  enges  Waldthal,  welches  von  40  bis  50  m
hohen,  zum  Theil  von  Felsenklippen  und  Felsenvorsprüngen  unterbrochenen
  Thalrändern  eingefaßt  ist.  Auch  das  wegelose  Thal  der
kleinen  Striegis  ist  von  der  Berbersdorfer  Mühle  an,  die  in  einem
breiten  Kessel  an  der  Vereinigung  der  kleinen  und  großen  Striegis
liegt,  auf  etwa  eine  halbe  Stunde  Wegs  hin  sehr  besuchenswerth.
Besonders  schön  wird  aber  von  hier  an  das  Thal  der  großen  Striegis,
mit  seinen  Windungen  durch  die  enger  werdende  Thalspalte  bis  zur
Niedermühle  bei  Pappendorf,  und  dann  weiter  stromauf,  von  der
Heumühle  bei  Mobendorf  bis  gegen  Wegefahrt,  vor  Allem  an  der
Wiesenmühle  und  an  der  Kerstenmühle.

In  flacher  Thalmulde  der  kleinen  Striegis  liegt  die  Stadt
Hainichen.  Anfang  des  13.  Jahrhunderts  eine  neu  gegründete
Niederlassung,  erhielt  sie  erst  gegen  Ende  desselben,  nach  einer  anderen
  Angabe  sogar  erst  um  1400  Stadtrechte,  blieb  aber  eine
Vasallenstadt  bis  ins  16.  Jahrhundert.  Tuchmacher,  Zeug=  und  Leineweber
  bildeten  hauptsächlich  ihre  Bevölkerung.  1543  wurde  hier  der
Vertrag  zwischen  Kurfürst  Johann  Friedrich  und  Herzog  Moritz
geschlossen,  welcher  die  zahlreichen  Streitigkeiten  wegen  der  Türkensteuer,
  Leibgeleite,  Hasenjagd  u.  s.  w.  beendete.  Die  großen  Brände
um  Mitte  des  17.  Jahrhunderts,  besonders  aber  die  der  Nenuzeit,
1831  und  1832,  haben  alles  alterthümliche  zerstört.  Die  Stadt  ist
nen  gebaut  und  von  ihrer  früheren  Befestigung  nichts  mehr  zu  erennen.



In  Hainichen  wurde  Christian  Fürchtegott  Gellert  den  4.  Juli
1715  geboren.  Seine  Fabeln  und  Erzählungen,  sowie  seine  geistlichen
  Oden  und  Lieder;  unter  letzteren  „Auf  Gott,  und  nicht  auf
meinen  Rath“  2rc.,  „Gott  deine  Güte  reicht  so  weit“  2c.,  „Mein
erst  Gefühl  sei  Preis  und  Dank“  2c.,  „Nach  einer  Prüfung  kurzer
Tage“  2c.,  „Wie  groß  ist  des  Allmächtgen  Güte“  2c.,  werden  für
alle  Zeiten  für  Haus  und  Familie  ihren  Werth  behalten.  Das  von
        <pb n="360" />
        —  352  —

Rietschel  entworfene  Denkmal  auf  dem  Markte;  vor  Allem  aber  die
1819  errichtete  Gellertstiftung  (ein  Rettungshaus)  erhalten  sein  Andenken
  auch  für  die  nachfolgenden  Geschlechter.

Das  Thal  der  Zschopau  ist  von  der  Vereinigung  derselben
mit  der  Mulde  bei  Schweta  an,  den  ganzen  Lauf  aufwärts,  bis  zu
dem  Hochplateau,  ein  reich  geschmücktes,  köstliches  Waldthal,  in  welchem
nur  einzelne,  breiter  gemessene,  von  sanfteren  Abhängen  begrenzte
Auen  eingefügt  sind.

Mit  ein  Paar  kühn  und  lang  gezogenen  Schleifen  den  selbstständigen
  Flußlauf  beschließend,  ist  das  Bett  der  Zschopau  schon  hier,
innerhalb  der  200  und  250  m  Erhebung,  bis  in  die  Linie  Tanneberg
  —  Falkenhain,  wo  das  Thal  in  die  300  m  Erhebung  eintritt,
mit  50,  60,  70  und  80  m  hohen  Abhängen  eingefaßt,  welche  reich
mit  Laub=  oder  Nadelwald  und  mit  eingestreuten  Felsklippen,  Felsbrocken
  und  Felsenabhängen  besetzt  sind.

„Ich  hätte  eigentlich  nie  gedacht,  daß  unser  Erzgebirge  so  reich
„an  Naturschönheiten  sei.  Was  für  ein  Aufhebens  macht  man  von
„den  Thälern  der  sächsifchen  Schweiz!  Ich  glaube  kaum,  daß  dieses
„Zschopauthal  ihnen  nachsteht.  Dabei  hat  es  aber  einen  großen
„Vorzug,  den  der  fast  unberührten,  unentweihten  Natur.  Die  Ein-„samkeit
  seiner  unvergleichlich  schönen  Waldwege  wird  noch  nicht  durch
„die  bunte  Schaar  lärmender  Touristen  gestört.  Nur  selten  kommt
„mit  freundlichem  Gruß  ein  Holzfäller  oder  ein  altes  Mütterchen,
„das  Kräuter  und  Pilze  sucht,  uns  entgegen,  wenn  wir  die  Wald-„pfade
  dahin  schlendern,  in  erquickender  Morgenkühle  oder  bei  goldiger
„Abendbeleuchtung.““)

Wer  die  wegelose  Schleife  der  untern  Zschopau  nicht  ausgehen
will,  wird  bei  der  Holzstofffabrik  von  Kleinlimmeritz  den  auf  dem
linken  Flußufer  weiter  führenden  Fußsteig  einschlagen,  bei  der  Kummersmühle
  den  Fluß  überschreiten  und  von  der  neuen  Niethammerschen
Fabrik  an  der  Nixkluft  die  Diedenmühle  und  über  den  Eichberg
Waldheim  erreichen;  von  Klein-Limmeritz  bis  zur  Waldheimer  Brücke
6  km.

Die  im  gegenwärtigen  Jahrhundert  (1810,  1831,  1832  und
1852)  durch  große  Brände  heimgesuchte  Stadt  Waldheim  ist  vollständig
  neu  erbaut  und  besonders  in  der  neuesten  Zeit  bedeutend
vergrößert  worden.  Der  um  1200  gegründete  Ort  Waltherswalde
soll  zwar  schon  1286  zur  Stadt  erhoben  worden  sein;  doch  wird
Waldheim  erst  1324  als  Stadt  urkundlich  genannt.  Das  1404  gegründete
  Augustinerkloster,  welches  1544  säcularisirt  wurde,  baute

*)  Glückauf  (Zeitschrift.)  1881.  S.  34.
        <pb n="361" />
        —  353  —

man  1688  in  ein  Jagdschloß  um.  Aber  schon  1715  ward  es  zur
Zuchtanstalt  (Zuchthaus)  bestimmt,  zweckentsprechend  umgebaut  und
bezogen.

Die  Hauptindustrieen  von  Waldheim  sind  Cigarrenfabrikation  und
Stuhlbauerei.

Die  Anfang  dieses  Jahrhunderts  von  Rabenau  nach  Moritzfeld
bei  Waldheim  durch  Gottlieb  Wünschmann  verpflanzte  Stuhlbauerei
verbreitete  sich  nach  den  Städten  Waldheim,  Geringswalde,  Mittweida,
sowie  nach  den  Dörfern  der  Umgebung,  besonders  nach  Beerwalde,
Neu-Schönberg,  Holzhausen,  Neuwallwitz,  Reinsdorf  und  Ehrenberg.
In  der  Stadt  Waldheim  entstanden  seit  Anfang  der  50er  Jahre
nach  und  nach  drei  größere  Stuhlwaarenfabriken,  welche  zur  Herstellung
  ihrer  Erzeugnisse  die  verschiedenartigsten  Werkzeuge  und
Maschinen  anwenden.  Im  Jahre  1887  /88  fertigten  dieselben  19  550
Sophagestelle;  11  500  Dutzend  Stühle  und  über  2000  Gestelle  zu
größeren  Polsterstühlen.  In  derselben  Zeit  wurden  aber  noch  von
ca.  125  Kleinmeistern  6900  Dutzend  Stühle  und  2500  Gestelle  verschiedener
  Größe,  sowie  in  der  Strafanstalt  noch  17  400  Stück  verschiedener
  Sitzgeräthe  hergestellt.  Außerdem  wurden  noch  von  den
zahlreichen  selbstständigen  Kleinmeistern  mit  ihren  Gesellen  und  Lehrlingen
  eine  stattliche  Anzahl  von  Sitzen  und  Gestellen  angefertigt.
Man  macht  Sopha=  und  Polstergestelle,  Drehstühle,  Sessel:  in  den
Fabriken  geradsitzige  Bockstühle,  Schwung=  und  geschweifte  rundlehnige
Wiener  Stühle,  in  der  Neuzeit  auch  Stühle  r2c.  in  Barockstyl,  gothisch
und  in  deutscher  Renaissance,  gestochen  und  geschnitzt.  Die  Massenanfertigung
  richtet  sich  aber  vorwiegend  auf  einfache  Muster;  in  der
Hausindustrie  werden  fast  nur  Stühle  einfacher  Art  gebaut,  mit  Rohroder
  auch  mit  Patentsitz  von  Holz.  Man  verwendet  hauptsächlich
Rothbuche  und  Birke,  aber  auch  Kirschbaum,  Esche  und  Eiche,  sowie
deutschen  Nußbaum;  zu  besseren  Sachen  Birnbaum,  Ahorn,  Mahagoni
und  amerikanischen  Nußbaum.  Die  gewöhnlichen  Sophagestelle  werden
aus  Fichte  oder  Kiefer  gefertigt.

Der  Wagenbau  von  Waldheim  umfaßt  jährlich  gegen  50  Kutschund
  Luxuswagen  und  etwa  30  Schlitten,  der  von  Hartha  250  bis
325  Wagen  und  60  bis  120  Schlitten.

Im  Süden  der  Stadt,  auf  der  Höhe  des  Wachberges  steht  der
Siegesthurm,  von  welchem  man  eine  sehr  hübsche  Aussicht  über  den
Thalkessel  hat.

Auf  dem  linken  Ufer  der  Zschopau  führt  ein  guter  Weg  durch
Rauschenthal  und  den  Wald  nach  Kriebstein;  man  kann  aber  auch
durch  das  Seitenthal  nach  Heiligenborn  und  über  Neu-Schönberg
gehen;  endlich  auf  dem  rechten  Ufer  der  Zschopau  über  Kriebethal,

23
        <pb n="362" />
        —  354  —

immer  Schloß  Kriebstein  am  Thalschlusse  vor  sich,  nach  der  großen
Niethammerschen  Papierfabrik,  über  welcher  sich  die  Burg  auf  schroffem
Felsenvorsprunge  erhebt.

Ueber  die  Zschopau  führt  eine  bedeckte  Holzbrücke,  eins  jener
früher  im  Erzgebirge  vielfach  angewendeten,  sogenannten  Sprengwerke,
wo  die  tragenden  Balken  zum  Schutze  gegen  die  Witterung  mit  Bretwänden
  verkleidet  und  mit  einem  Schindeldache  bedeckt  wurden,  so  daß
der  Weg  durch  eine  dunkle,  tunnelartige  Röhre  führte,  welche  nur
spärlich  durch  ein  Paar  Fensterchen  erleuchtet  wurde.

Kriebstein  liegt  äußerst  malerisch  auf  einer  Felsenklippe  an
der  Zschopau.  Unter  den  vielen  alten  Burgen  Sachsens  ist  Kriebstein,
  urkundlich  Crywenstein,  eine  der  wenigen,  von  denen  man  Erbauer
  und  Erbauungsjahr  kennt.  Dietrich  von  Bernwalde  (Bärenwalde)
  errichtete  sie  1387  bis  1407.7)

Der  Felsenkegel,  auf  welchem  die  Burg  errichtet  wurde,  ward
durchbrochen,  um  den  Graben  herzustellen,  über  welchen  jetzt  eine
Brücke  von  Mauerwerk  geschlagen  ist.  Das  Thor  führt  durch  das
Hauptgebäude,  an  welches  sich  der  starke,  fünf  Stockwerke  hohe,  im
Mauerwerk  sorgfältig  ausgeführte  Hauptthurm  oder  Bergfried  anschließt.
  Dieser  Hauptthurm  ist  auf  drei  Seiten  von  zwei  und  drei
Stockwerken  hohen  Gebäuden  umgeben,  welche  zum  Theil  erst  später
an=  und  umgebaut  worden  sind,  so  daß  nur  im  vorderen,  nordwestlichen
  Flügel  ein  Theil  der  ursprünglichen  Einrichtung  noch  vorhanden
ist.  Der  längliche,  gebogene  und  thalwärts  geneigte  Hof  wird  von
einem  Stallgebäude  und  einem  Wirthschaftsgebäude  geschlossen,  neben
welchem  ein  kleiner  runder  Treppenthurm  steht.  Auf  dieser  Seite
schließt  der  Bergabhang  an;  auf  der  anderen  erhebt  sich  der  Fels,
auf  welchem  die  Burg  steht,  fast  senkrecht  aus  dem  Bette  der  Zschopau.
Trotz  ihrer  Festigkeit  wurde  Dietrich  von  Bernwalde  1415  vom
Ritter  Staupitz  auf  Reichenstein  aus  ihr  vertrieben.  Friedrich  der
Streitbare,  Landgraf  in  Thüringen,  welcher  überhaupt  in  dieser  Zeit
in  verschiedene  kleinere  Fehden  verwickelt  war,  belagerte  nun  Kriebstein.
  Als  die  Burg  sich  ergeben  mußte,  bewilligte  er  der  Hausfrau
freien  Abzug,  mit  Allem  Was  ihr  lieb  wäre.  Diese  trug  ihren  Ehemann
  als  das  Liebste  ihrer  Besitzthümer  auf  den  Schultern  aus  der
Burg;  ähnlich  wie  von  Weinsberg  (1140)  erzählt  wird.  Friedrich
behielt  Kriebstein  als  verfallenes  Lehen  für  sich.  Später  kam  es  an
Apel  von  Vitzthum,  dann  an  Kunz  von  Kaufungen,  dann  an  verschiedene
  Familien,  zuletzt  an  die  von  Arnim.

Eine  Anzahl  alter  Hakenbüchsen,  ein  paar  Böller  rc.  schmücken

 

*)  Schumann,  Ortslexikon.  V.  183.
        <pb n="363" />
        —  355  —

den  Eingang.  Zahlreiche  alte  Waffen,  Schwerter,  Hellebarden,  Gefäße
  und  Möbel  sind  zu  sehen.  Der  Zutritt  wird  auf  Anmeldung
gestattet.

Gegenüber  liegt  Schloß  Ehrenberg  mit  seinem  Park,  und  einer
Terrasse,  von  der  man  einen  trefflichen  Blick  nach  Kriebstein  hat.
Von  einer  Laube  des  Kriebsteiner  Gasthofes  sieht  man  auf  das  Thal
und  das  Schloß  von  der  Westseite.

Die  Zschopau  bildet  von  hier  bis  Ringethal  ein  enges  Waldbthal,
welches  nur  unterhalb  Falkenhain  sich  etwas  erweitert.  Die  60,  70
und  80  m  hohen  Abhänge  sind  mit  herrlichem  Wald  bestanden.
Auf  der  etwas  über  9  km  langen  Strecke  führt  jedoch  kein  Weg,
und  wer  die  Rücksichtslosigkeiten  des  sogenannten  großen  Publikums
kennt,  verargt  es  den  Grundbesitzern  nicht,  wenn  sie  Führung  eines
Weges  durch  ihre  Holz=  und  Jagdgründe  ablehnen.  Von  der  Kriebsteiner
  Brücke  bis  zur  Lochmühle  führt  ein  Fußweg,  dessen  Beschaffenheit
  jedoch  dem  Wanderer  große  Aufmerksamkeit  abverlangt;  von
Falkenhain  bis  gegenüber  der  Lauenhainer  Mühle  geht  ein  Holzweg;
von  der  Lauenhainer  Mühle  führt  ein  Fußsteig  an  der  sogenannten
Ruine  vorüber,  über  den  Bergvorsprung  nach  Ringethal.

Das  Raubschloß,  eine  künstliche  Ruine,  soll  nach  Peccenstein,
einem  bekannten  Fabelnerzähler,  auf  dem  Platze  der  wenigstens  vor
800  Jahren  zerstörten  Burg  Grunado  (Gozne)  gestanden  haben.
Schumann  sagt  (IX.  193.  197.):;  „Spuren  von  doppelten  Wällen
und  Gräben,  welche  den  Felsen  umziehen,  der  als  isolirte  gegen  40  m
hohe  Klippe  die  neuen  Ruinen  trägt,  Pfeilspitzen,  Schwertklingen  u.  s.  w.
sind  hier  gefunden  worden“,  und  bemerkt  weiter:  „Die  Aussicht  ist
eine  der  originellsten  im  Lande.  Der  herrlich  gewundene  und  breite
Fluß,  die  Stille  des  tiefen  Thales,  kaum  vom  Rauschen  des  Lauenhainer
  Wehres  unterbrochen,  der  Gegensatz  zwischen  der  anmuthigen
Aue  im  Südwest  und  dem  rauhen,  engen,  von  60  bis  85  m  hohen,
mit  Schwarzholz  bedeckten  Abhängen  eingefaßten  Zschopauthale  —  alles
dies  gibt  eins  der  interessantesten  Naturgemälde,  und  selbst  die  Kriebsteiner
  Gegend  weist  kein  schöneres  auf.“

Ringethal  liegt  in  einer  der  schönsten  Auen  weit  und  breit.
Das  Thal  der  Zschopau  und  das  breite  Wiesenthal  des  Rossauer
Baches  vereinigen  sich  hier.  Auf  dem  Kirchhofe  findet  man  die  Reste
einer  Linde;  Schumann  (IX.  193.)  schreibt  im  Jahre  1822  von
vier  ungeheuern  Linden,  deren  größte  über  6  m  im  Umfange  hatte.
Hier  soll  Luther  im  Freien  gepredigt  haben.  Obgleich  diese  Sage
durch  Nichts  beglaubigt  ist,  wird  zu  Fastnacht  eine  Gedächtnißpredigt
gehalten.

23“
        <pb n="364" />
        —  356  —

Das  Schloß  hat  auf  drei  Seiten  Wassergräben;  auf  der  vierten
eine  große  Freitreppe.  Von  seinen  Umgebungen  schreibt  Schumann:
„Angenehme  Spaziergänge  und  Anlagen.  Ihr  Charakter  ist  durchaus
  jene  Einfachheit  und  Mäßigung,  welche  der  echte  Geschmack  immer
beobachtet,  und  welche  viel  inniger  anspricht,  als  die  Zusammenhäufung
von  Anlagen,  die  man  in  manchem  Parke  trifft.“

42.  Mittweida.  Frankenberg.  Lichtenwalde.

Ebersdorf.

Von  Ringethal  hat  man  zwei  Wege  nach  Mittweida.  Entweder  man
bleibt  auf  dem  rechten  Ufer  der  Zschopau  und  geht  längs  des  Flusses
bis  zur  Liebenhainer  Mühle  und  von  da  am  Flusse  weiter  bis  Neudörschen,
  zum  großen  Theile  an  Felsenwänden  und  felsigen,  bewaldeten
Abhängen  hin,  ein  Weg  von  etwa  einer  Stunde  bis  zur  Zschopaubrücke
  von  Neudörsfchen;  von  da  auf  den  Markt  von  Mittweida  eine
Viertelstunde;  oder  man  geht  am  unteren  Ende  von  Ringethal  über
die  Zschopau  und  von  der  Weißthaler  Fabrik  einen  trefflichen,  wohlgepflegten
  Weg  mit  prächtigem  Einblick  in  die  große  Thalschleife  der
Zschopau,  welcher  über  Rößgen  in  einer  Stunde  auf  den  Markt  von
Weida  führt.

Mittweida,  eine  sehr  alte  Stadt,  hat  in  der  neuesten  Zeit
ihre  Anlage  so  wesentlich  verändert,  daß  es  nicht  leicht  wird,  den
ursprünglichen  Grundriß  festzustellen.  Die  zahlreichen  Brände,  besonders
  im  15.,  16.  und  17.  Jahrhundert,  sowie  auch  1824  und
1830  haben  fast  alle  älteren  Gebäude  beseitigt.  Mittweida  gehört
allem  Anscheine  nach  unter  die  ältesten  Städteanlagen  des  niederen
Erzgebirges.  Schon  im  12.  Jahrhundert  soll  hier  der  Bergbau  geblüht
  haben,  wenn  er  auch  nicht  von  so  hoher  Bedeutung  gewesen
sein  mag,  wie  die  Tradition  erzählt.  „Kriege,  wilde  Wasser,  Brüche,
sowie  Uneinigkeit  der  Gewerken  trugen  zum  Verfall  des  Bergbaues
bei.  Spuren  finden  sich  nur  noch  (um  1819)  bei  Neudörschen,  wo
am  rechten  Zschopauufer  zwei  Stolln  ausgehen.  Die  wichtigsten
Bergwerke  waren  jedoch  südlich  der  Stadt  und  bei  dem  Vorwerke
Biensdorf.“  (Schumann,  VI,  522).

Die  Stadt  hatte  noch  im  ersten  Viertel  dieses  Jahrhunderts
Mauern  und  vier  Thore,  und  wurde  in  die  Altstadt  und  in  die
Neustadt  getheilt.  Die  1469  neu  erbaute  Stadtmauer  wurde  seit
1823  abgetragen;  die  1551  abgebrannten  Thürme  waren  gar  nicht
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        —  357  —

wieder  aufgebaut  worden.  Von  dem  großen  unregelmäßigen  Markt
gingen  fünf  Hauptgassen  aus,  darunter  der  Brühl,  welcher  bis  an
das  Dorf  Rößgen  sich  erstreckte.  Die  Stadt  bildete  ein  eigenthümlich
gedrücktes  Oval.  Die  Straße  von  Rochlitz  nach  Hainichen  theilte  sie
in  eine  Nord-  und  eine  Südhälfte;  die  erstere  war  sehr  klein,  die
andere  sehr  groß.  Der  Brühl  und  die  Straße  nach  Chemnitz  schnitten
die  Stadt  in  zwei  gleich  große  Theile,  eine  Osthälfte  und  eine  Westhälfte.
  Die  Stadt  galt  im  Mittelalter  für  eine  starke  Feste;  1430
wurde  sie  jedoch  von  den  Hussiten,  trotz  hartnäckigen  Widerstandes,
überwältigt  und  in  Brand  gesteckt.  Was  die  Brände  von  1498  und
1551  vom  Wiederaufbau  verschont  hatten,  ging  im  Brande  von  1624
und  im  dreißigjährigen  Kriege  zu  Grunde,  der  durch  Brand,  Plünderungen
und  Erpressungen  den  Wohlstand  vollständig  vernichtete.  Der  Bergbau
Mittweidas  ging  in  dieser  Zeit  ebenfalls  zu  Grunde.  Nur  die  aus
dem  14.  Jahrhunderte  stammende  Leinen-Industrie  kam  später  wieder
empor.

Die  große,  wahrscheinlich  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  nahe
der  Stadtmauer  erbaute  Hauptkirche  gehört  allem  Anscheine  nach  in
die  Zeit  der  großen  erzgebirgischen  Kirchenbauten,  wenngleich  sie  in
vielen  Einzelheiten  von  den  anderen  großen  Kirchen  abweicht.  Gegen
60  m  lang,  30  m  breit  und  im  Gewölbe  20  m  hoch,  bildet  sie  eine
eigenthümlich  zweischiffige  Kirche,  wo  auf  der  Mittelachse  des  Schiffs
vier  Säulen  stehen,  während  sich  auf  der  Nordseite  ein  niedriger
Gang  mit  darüber  befindlichen  Emporen,  sowie  die  große  Sakristei
anschließt.  Beim  Eintritt  vom  Westportale  tritt  man  in  eine  breite
Vorhalle,  in  welcher  einige  bemerkenswerthe  Grabsteine,  sowie  ein
alter,  gut  erhaltener  Taufstein  von  Rochlitzer  Stein  stehen.  Die
achtkantigen  Säulen  des  Schiffes  ohne  Kapitäle  tragen  das  Kreuzgewölbe
  mit  einfachen  Gurten.  Das  Gewölbe  des  Altarplatzes  überspannt
  denselben  in  einem  Bogen  und  ist  von  hervorragender  Schönheit.
  Jede  der  ziemlich  flach  in  der  Wand  liegenden  Säulen  ist  am
Gurt  mit  zwei  Köpfen  geziert,  und  unter  dem  Mittelfenster  ist  ein
auf  beiden  Seiten  mit  Köpfen  geschmücktes,  von  Adlern  überragtes
  Tabernakel  aus  Rochlitzer  Stein,  wahrscheinlich  aus  dem
14.  Jahrhundert.  Der  Altarplatz  stammt  dementsprechend  aus  einem
älteren  Kirchenbau.

Der  Altar,  in  Holz,  bunt,  farbig  und  vergoldet,  giebt  in  kleinen
Figuren  eine  Darstellung  des  Abendmahles,  darüber  ein  Bild  Gethsemane
und  darüber  Christus  in  Ueberlebensgröße,  die  vier  Evangelisten  in
Dreiviertellebensgröße,  sehr  gut  geschnitten;  weiter  oben  Bilder  und
Figurenaufbau.  Die  Darstellung  des  Christus  ist  bemerkenswerth.

An  der  Kanzel,  welche  von  einem  lebensgroßen  sitzenden  Moses
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        —  358  —

getragen  wird,  sind  in  den  Figurenfeldern  die  Propheten.  Der  Taufstein
  in  Rochlitzer  Stein  ist  neu.  Die  Fenster  am  Altar  werden
nach  und  nach  mit  buntgemalten  Fenstern  ausgestattet.

Die  Kirche  ist  im  Laufe  des  letzten  Jahres  durch  Baumeister
Altendorf  wieder  hergestellt.

Der  über  60  m  hohe,  dicke,  aber  unvollendete  Hauptthurm
überragt  Kirche  und  Stadt.

Auf  dem  Kirchhofe  steht  ein  Todesengel  von  Marmor,  welchen
Christian  Rauch  (7  in  Berlin  1857)  gefertigt  hat.

Ueber  die  Umgebungen  der  Stadt  sagt  Schumann:  „Die  Gegend
hat  sowohl  an  der  Zschopau,  wie  in  den  Seitenthälern  viele  Schönheit.
  Die  lieblichsten  Parthieen  wechseln  mit  den  ernstesten;  die
Einsichten  in  das  Thal  sind  vortrefflich.  Bellevue  am  Scheibenberge,
das  Felsenkanapee  zwischen  Neudörsfchen  und  Liebenhain,  der  Teufelsstein
  auf  dem  Galgenberge  vor  der  Rochlitzer  Vorstadt.“

Der  Weg  im  Thale  der  Zschopau,  an  der  Floßschenke  vorüber
bis  Dreiwerden  und  von  da  zu  Alte  Hoffnung  Erbstolln  beträgt
3  km,  von  da  zur  Krumbacher  Fabrik  2  km,  von  hier  bis  zur
Fischerschenke  3  km,  von  dieser  nach  Frankenberg  2  km.  Der  ganze
Weg  ist  reich  an  landschaftlicher  Schönheit.

Auf  dem  Treppenhauer  (oder  nach  einer  anderen  Angabe  Trappenauer)
  soll  die  urkundlich  1214  erwähnte  Burg  Hwoznie  gestanden
haben.  Das  ist  nicht  wahrscheinlich;  diese  würde  wohl  auf  der  Stelle
der  Sachsenburg  zu  suchen  sein.  Dagegen  ist  Anfang  dieses  Jahrhunderts
  noch  auf  dem  Berge,  rings  um  das  Plateau,  Graben  und
Wall,  also  die  Ueberreste  eines  Ringwalles,  zu  erkennen  gewesen.

Sachsenburg,  eine  im  12.  Jahrhundert  angelegte  Burg,
wird  1289  zuerst  urkundlich  genannt  (Sassenberg,  Saxenberg  2c.).  Im
15.  Jahrhundert  kam  die  Burg  an  die  Schönberge,  welche  sie  neu
aufbauten;  1632  wurde  sie  aber  von  den  Kaiserlichen  überfallen,
ausgeplündert  und  zum  Theil  niedergebrannt.  Seit  1609  war  sie,
mit  Frankenberg  2c.,  Eigenthum  des  Kurfürsten  Johann  Georg  I.
Die  kleine  Kapelle  stammt  von  Ende  des  15.  oder  Anfang  des  16.
Jahrhunderts.  Gegenwärtig  ist  das  Schloß  zu  einer  Straf=  und
Besserungsanstalt  für  jugendliche  männliche  Verbrecher  benutzt.)

Das  vielfach  gewundene  Thal  des  nördlich  von  Frankenberg
fließenden  Lützenbaches  mit  seinen  bewaldeten  Abhängen  und  Umgebungen
  bietet  eine  Reihe  von  prächtigen  Landschaftsbildern  und
Aussichtspunkten.

*)  Schloß  und  Herrschaft  Sagsenburs  bis  zum  17.  Jahrhundert.  B.  Schlegel.
Glückauf  (Zeinshrifh  1887.  S.  3
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        —  359  —

Auch  Frankenberg  verdankt  seinen  Ursprung  allem  Anscheine
nach  dem  Bergbaue,  wenn  auch  derselbe  frühzeitig  schon  wieder  aufgegeben
  wurde.  1243  wird  Frankenberg  urkundlich  genannt.  Der
Bergbau  auf  Kupfer  wurde  später  wieder  aufgenommen;  1683  erhielt
die  Stadt  sogar  Bergfreiheit,  dessen  ungeachtet  ist  aber  der  Bergbau
längst  erlegen,  ganz  wie  der  Abbau  der  1559  entdeckten  Steinkohlen.
Weit  wichtiger  für  die  Entwickelung  der  Stadt  wurde  die  1558  eingeführte
  Wollenmanufaktur,  die  Baumwollenfabrik  und  die  Anlage
einer  niederländischen  Zwirnmühle.  Man  fertigte  damals  meist  sogenanntes
  Grobgrün,  später  Berkau.  Der  Einschuß  wurde  zwei-,
drei=  und  mehrfach  eingetragen.  Die  wollnen  Artikel  wurden  unter
dem  Namen  „Frankenberger  Zeuge“  bekannt.  Um  1815  war  das
Hauptgewerbe  Kattunweberei  (besonders  ordinäre  und  Mittelsorte,
sowie  bunte  Tücher)  und  Kattundruckerei.

Die  von  großen  Bränden  wiederholt  heimgesuchte  Stadt  ist  besonders
  in  der  neuesten  Zeit  außerordentlich  gewachsen.

Etwa  2  km  vom  Markte  der  Stadt  führt  eine  Brücke  der
Straße  nach  Chemnitz  über  die  Zschopau,  und  wieder  2  km  von
dieser,  in  südöstlicher  Richtung,  kaum  eine  Viertelstunde  vom  Dorfe
Ortelsdorf  steht  unweit  einer  sehr  starken  Eiche  das  Harras-Denkmal.
„Gegenüber  desselben,  am  jenseitigen  Ufer  steigt  aus  dem  reizenden
„und  romantischen  Thale  der  Zschopau,  welchem  hier  in  einem  engen
„Felsengrunde  der  Altenheimer  Bach  zufällt,  der  berüchtigte  Haus-„stein
  empor,  eine  Felsenmasse  von  60  m  (und  nicht  50  Klafter
wie  Theodor  Körner  etwas  hyperbolisch  singt)  „und  nur  geringer
Basis,  von  welcher  ein  Sprung  in  den  Fluß  hinab  rein  unmöglich
ist.“  (Vergl.  Schumann  VII,  829,  und  Köhler,  Sagenbuch  Nr.  763.)
Dessen  ungeachtet  ist  es  vollkommen  glaubhaft,  daß  Ritter  Harras
mit  seinem  Roß  an  der  Seite  des  Haussteines  herab  ritt,  in  den
Fluß  hinein  setzte  und  an  das  andere  Ufer  entkam.  Dieß  soll  1499
geschehen  sein.  Man  sagt,  Ritter  Harras  habe  der  Kirche  von  Ebersdorf
  ein  silbernes  Hufeisen  gestiftet;  jetzt  noch  zeigt  man  dort  ein
großes  Hufeisen,  aber  von  Eisen.  Inschrift  und  Wappen  auf  dem
Harrasdenkmale  sind  verwittert,  kaum  Sporen  und  Hufeisen  noch  zu
erkennen;  die  Ansicht  des  Haussteinfelsens,  auf  welchem  1863  das
Körnerkreuz  errichtet  wurde  ist  aber  prächtig  und  der  herrliche  Laubwald,
  welcher  sich  bis  gegen  die  Lichtenwalder  Mühle  hin  erstreckt,
erhält  die  gehobene  Stimmung.

Vom  Haussteine  hat  man  eine  schöne  Ansicht  vom  Schloß
Lichtenwalde.

Lichtenwalde  wird  schon  1198  urkundlich  erwähnt.  1455
besaß  es  Apel  von  Vitzthum,  nach  ihm  die  Harras  bis  1651,  wo  sie
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        —  360  —

ausstarben.  Es  fiel  an  den  Kurfürsten  und  Kurfürst  August  II.
vertauschte  es  gegen  Pillnitz.  1722  erwarb  Graf  Watzdorf  die
Herrschaft  Lichtenwalde,  baute  das  neue  umfangreiche  und  großartig
angelegte  Schloß  im  herrschenden  Styl  seiner  Zeit  und  legte  gleich—
zeitig  den  ausgedehnten  Park  mit  seinen  Terrassen,  Wasserkünsten,
Statuenschmuck  u.  s.  w.  an.  Der  höher  gelegene  Theil  desselben
erinnert  noch  heute  an  die  Gartenanlagen  jener  Zeit,  während  der
am  Abhange  gelegene  und  niedere  Theil  des  Gartens  vollständig  zur
waldartigen  Parkanlage  mit  Rasenplätzen,  Ruhebänken,  Aussichtspunkten
  u.  s.  w.  geworden  ist.  Prachtvolle  Lindenalleen,  schattige
Buchengänge,  Gruppen  von  Laub=  und  Nadelhölzern,  ehrwürdige
Eichen,  dunkle  Fichten,  ausländische  Gewächse  u.  s.  w.  tragen  ein
jedes  an  seinem  Theil  zum  Gesammteindrucke  bei.  „Einfache,  überraschende
  Anlage;  nur  mit  kaum  bemerkbarer  Hand  hat  die  Kunst
der  Natur  nachgeholfen.“  (Schumann,  Ortslexikon  1818,  V,  687.)

Nicht  ganz  3  km  vom  Schlosse  Lichtenwalde  liegt  die  Kirche
von  Ebersdorf  auf  einer  kleinen  Anhöhe  im  flachen  Thale  des
Angerbaches.  Ebersdorf,  ebenfalls  eine  sehr  alte  Niederlassung  auf
dem  Erzgebirgsabhange,  gewöhnlich  auch  Stift  Ebersdorf  genannt,
war  schon  frühzeitig  durch  ein  wunderthätiges  Marienbild  zu  einem
besuchten  Wallfahrtsorte  geworden  und  besaß  eine  reich  geschmückte
Kirche  und  eine  Marienkapelle.  Vom  Dorfwege  aus  sieht  das  Stift
noch  heute  recht  stattlich  aus,  wenngleich  ihm  nach  der  Reformation
manch  äußerer  Glanz  verloren  gegangen  ist.  Die  Lage  auf  der  Anhöhe,
  das  stattliche  Pfarrhaus,  das  Thor  mit  dem  Thorthurm,  der
thurmartige  Bau  der  ehemaligen  Marienkapelle,  die  Kirche  mit  ihrem
hoch  aufragenden  Dache  und  Thurme  machen  immer  noch  einen  stattlichen
  Eindruck.  Die  Kirche  ist  erst  in  der  neuesten  Zeit  wieder  hergestellt,
  dabei  allerdings  auch  ein  großer  Theil  alterthümlichen  Schmuckes
beseitigt  worden.  Die  besseren  Sachen  hat  man  an  das  Königl.
Sächs.  Alterthumsmuseum  zu  Dresden  abgegeben.

Die  Stiftskirche  zeigt  in  ihrem  Grundrisse  eine  gewisse  Aehnlichkeit
  mit  der  Mittweidaer  Kirche;  ein  breites  Hauptschiff,  ein  schmales
Seitenschiff,  beide  allerdings  nur  mit  zwei  einfachen  Kreuzgewölben
überspannt;  während  der  Altarplatz  die  Breite  der  beiden  Schiffe  besitzt
  und  ein  einfaches  aber  gutes  Kreuzgewölbe  den  ganzen  Raum
überspannt.  Der  Altar  ist  ein  Marienaltar  mit  zwei  Flügeln,  allem
Vermuthen  nach  aus  den  best  erhaltenen  und  gut  geschnitzten  Figuren
der  früheren  Altäre  zusammengestellt,  neu  gemalt  und  vergoldet.  Die
Kanzel  ist  neu.  In  der  kleinen  Taufkapelle  sind  die  Gewölberippen
besonders  bemerkenswerth;  der  Taufstein  ist  neu.  Am  Pfeiler  des
Chors  ist  das  Denkmal  von  Ritter  Harras  ebenfalls  wieder  hergestellt.
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        —  361  —

Unter  dem  Orgelchor,  ziemlich  im  Dunkeln,  hängen  in  Glaskästen
auf  der  einen  Seite  die  Kleider  der  Prinzen  Ernst  und  Albrecht,  auf
der  andern  die  des  Köhler  Schmidt,  welche  nach  dem  Mißlingen  des
Prinzenraubes  hier  aufgehängt  wurden.

Kurz  unter  dem  südwestlichen  Ende  von  Ebersdorf,  das  über
den  Höhenzug  hinüber  reicht,  streicht  die  bekannte  und  interessante,
von  nahezu  Südwest  gegen  Nordost  gerichtete  Gebirgseinsenkung  von
der  Chemnitz  zur  Flöha,  deren  höchster  Punkt  nur  330  m  über  dem
Meere  liegt,  also  nur  50  m  über  der  Zschopau  und  95  m  niedriger
als  der  2  km  entfernte  Beuthenberg,  von  dessen  Aussichtsthurme  man
eine  gute  Aussicht  nach  Norden  und  Osten,  besonders  nach  dem
Zschopauthale  hat.

In  der  Meereshöhe  von  etwa  280  m  vereinigt  sich,  dicht  unter
dem  Dorfe  Flöha,  ungefähr  in  der  Mitte  der  von  Nordwest  nach
Südost  gerichteten,  1  km  breiten  Aue,  am  Fuße  des  Katzenberges
mit  seinen  steilen,  waldbedeckten  Abhängen  die  breite,  dunkle  Zschopau
mit  der  fast  eben  so  starken,  aber  helleren  Flöha.  Von  der  Braunsdorfer
  Mühle  bis  Falkenau,  auf  fast  7  km  Länge  ist  die  Thalaue
im  Norden  von  einem  30  bis  45  m  hohen  Steilrande  eingefaßt,
über  welchen  sich  die  zum  Theil  mit  Wald  bedeckten  Höhen  des
Wachtelberges  erheben,  während  die  Dörfer  Flöha,  Gickelsberg,
Falkenau  mit  ihren  wohlhäbigen,  großen  Bauernhöfen,  freundlichen
Häusern,  zahlreichen  Mühlen  und  bedeutenden  Fabrikanlagen  den
Wohlstand  der  anmuthenden  Niederung  bestätigen.  Im  Süden  steigt
der  Bergrand  höher  und  schroffer,  während  die  Ausbuchtungen  des
Thalkessels  nach  Nordwest  und  Südost  flacher  erscheinen.

In  Flöha  war  seit  1634  der  Vater  von  Samuel  Frh.  von
Pufendorf  Pfarrer.  Derselbe  wurde  1661  Professor  des  Naturund
  Völkerrechtes  an  der  Universität  zu  Heidelberg  und  1670  an
der  Universität  zu  Lund,  an  welche  ihn  König  Karl  XI.  von  Schweden
berief,  zum  Staatssekretär  und  Historiographen  und  1694  zum  Freiherrn
  ernannte.  „Derselbe  gab  dem  historischen  Unterrichte  durch
Verbindung  von  Geographie  und  Statistik  mit  der  Geschichte  und
durch  Beziehung  der  Begebenheiten  auf  die  Politik  eine  neue,  das
Studium  wesentlich  veredelnde  Richtung.“  (Schumann  II,  657.)
Samuel  Pufendorf  war  den  8.  Jannar  1632  in  Dorf-Chemnitz  im
Erzgebirge  geboren  und  starb  den  26.  Oktober  1694  in  Berlin,  wo
er  seit  1686  als  Historiograph  lebte.
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        —  362  —

43.  Die  Flöha.  Rauenstein.  Olbernhau.  Grünthal.
Purschenstein.  Sanda.

Beim  Besuche  des  Flöhathales  wird  Eisenbahnfahrt  und  Fußwanderung
  entsprechend  verbunden.

Das  Thal  der  Flöha  ist  reich  an  landschaftlich  schönen  Punkten,
und  es  ist  wohl  nur  eine  sehr  einseitige  Auffassung,  wenn  gesagt
wird  (Saxonia  IV,  95):  „Das  enge  Thal  der  Flöha  charakterisirt
durch  eine  ernste  Melancholie,  ein  schauerliches,  geheimnißvolles  Düster,
das  nur  bei  Olbernhau  und  Purschenstein  einen  Zug  lächelnder
Heiterkeit  annimmt,  und  nur  in  dem  weiten  Becken  bei  Flöha  in
eine  lebensvolle,  reich  gruppirte  Scenerie  übergeht.“

Bei  Hetzdorf  überschreitet  die  Chemnitz-Freiberger  Eisenbahn  auf
einer  etwa  50  m  hohen,  imposanten  Brücke  das  Flöhathal,  nachdem
sie  am  Hange  langsam  ansteigend  die  Uebergangshöhe  gewonnen  hat.

Nur  eine  kurze  Strecke  stromauf  der  Brücke  ist  in  dem  bewaldeten,
  felsenreichen  Thalrande  eine  Klippe  zu  einem  Austritt  vergrößert,
  von  dem  man  eine  schöne  Aussicht  in  das  Thal  und  nach
Augustusburg  hat.

Fast  3  km  nordöstlich  der  Eisenbahnbrücke  liegt  an  Eisenbahn
und  Hauptstraßenzug  das  alte,  schon  im  13.  Jahrhundert  als  Stadt
genannte  Oederan.  Die  Mauern  und  die  vier  Thore  sind  längst
abgetragen.  Im  Hussitenkriege  und  im  dreißigjährigen  Kriege,  sowie
durch  zahlreiche  Feuersbrünste  wiederholt  zerstört,  hat  die  Stadt  bei
den  verschiedenen  Neubauten  eine  ziemlich  regelmäßige  Gestalt  erhalten.
Von  der  gegen  3  km  nordwestlich  der  Stadt  liegenden  Karolinenhöhe
gewinnt  man  eine  ausgedehnte  Aussicht  nach  dem  Gebirge.  Wilisch,
großer  Winterberg,  Luchberg  (genau  im  Ost),  Frauensteiner,  Altenberger
  und  Einsiedler  Gebirgskamm,  Bärensteinberg;  Haßberg  (genau
im  Süd),  Preßnitzer  Spitzberg,  Keilberg,  Fichtelberg,  davor  Bärenstein
  und  Pöhlberg,  sodann  Scheibenberger  Hügel,  Greifenstein  und
dahinter  den  Schatzenstein;  nahezu  im  Südwest  bei  ganz  hellem
Wetter  in  weitester  Ferne  der  Auersberg.

Etwa  20  Minuten  oberhalb  der  Eisenbahnbrücke  mündet  das
Thal  der  großen  Lößnitz,  welches  nahezu  von  Südost  kommend,
ein  7  km  langes,  einsames  Waldthal  mit  verhältnißmäßig  breiter
Wiesensohle  ist.  Der  Besuch  desselben  ist  sehr  ansprechend.  Weiter
oben  wird  das  Thal  muldenförmig.  Außer  einer  nahe  der  Thalmündung
  liegenden  Fabrik  ist  nur  die  Ortsgruppe  Leubsdorfer  Hammer
in  ihm;  man  geht  also  lange  Zeit  in  Wald  und  Wiesle,  ehe  man
wieder  an  bewohnte  Orte  kommt.  Eine  Eisenbahn  wird  durch  dasselbe
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        —  363  —

gebaut,  um  den  Verkehr  der  oberhalb  gelegenen  Orte  mit  der  Flöhathalbahn
  zu  vermitteln.

Von  Hohenfichte,  wo  sich  das  Thal  der  Flöha  ein  wenig  erweitert,
erreicht  man  in  bequemem  Aufstiege  in  drei  Viertelstunden  Augustusburg.
Bei  der  Höllmühle  erblickt  man  auf  der  Höhe  eines  Bergsporen,
oberhalb  des  mit  Wald  eingefaßten  Flußthales  die  Kirche  von  Dorf
Schellenberg,  und  über  ihr  breit  auf  sanft  ansteigender  Berglehne  die
isolirt  aufragende  Kuppe  mit  dem  Schlosse  Augustusburg  und  dem
darunter  hingestreckten  Städtchen  Schellenberg.  Es  ist  dies  die  beste
und  stattlichste  Ansicht  des  Schlosses.

Die  anfangs  niedrigen  Thalränder  rücken  von  Hohenfichte  an
nahe  an  den  Flußlauf  und  erheben  sich  an  vielen  Stellen  ganz  bedeutend;
  Felssporen  und  Felsklippen  treten  aus  den  mit  Wald  bedeckten
  Abhängen;  anmuthige  Landschaftsbilder  wechseln  bei  jeder
Biegung  des  Thales.  Dessen  ungeachtet  ist  es  gerathen,  den  Weg
von  Hohensichte  bis  Rauenstein  mit  der  Eisenbahn  zurückzulegen.

Rauenstein  (urkundlich  Rawenstein)  war  vor  Zeiten  der
Mittelpunkt  einer  ausgedehnten  Herrschaft,  welche  an  die  Dynastenherrschaften
  Wolkenstein,  Scharfenstein,  Schellenberg  und  Lauterstein
grenzte.  1289  beabsichtigte  Friedrich  der  Kleine  sie  an  Böhmen  abzutreten;
  1476  kam  sie  an  die  v.  Günterode.  1567  (15762)  kaufte
sie  Kurfürst  August.  Er  bildete  das  Amt  Rauenstein.  Das  Schloß
wurde  ausgebaut  und  nach  Abtrennung  der  Wälder  und  Regalien  an
die  v.  Römer  verkauft;  später  besaßen  es  die  Carlowitze,  gegenwärtig
  die  Freiherren  v.  Herder.

Schumann  sagt  von  Rauenstein:  „Selten  sieht  man  anderwärts
ein  ähnliches  Gebäude  alter  Zeit;  eine  so  seltsame  Architektur,  ohne
allen  Sinn  für  Schönheit  und  Ebenmaß,  für  Ordnung  und  Regel;
hier  eine  massive  Felsenmauer,  dort  hölzernes  Fachwerk;  hier  hoch,
dort  niedrig,  kantig  und  eckig,  recht=  und  schiefwinklig,  gleich  als  wäre
iedern  einzelne  Stück  nach  blinder  Wahl  auf=  und  durcheinander
gestellt."“

Das  Schloß  steht  auf  einem  Felsenvorsprunge  des  reich  mit
Buchen  und  Nadelholz  bedeckten,  steilen  Hanges,  so  daß  man  vom
Thale  aus  nur  einige  Giebel  und  den  viereckigen  Mittelthurm  sieht.
Dieser  ist  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  früher  bedeutend  höher  gewesen,
  um  weit  ins  Land  hinaus  lugen  zu  können,  wie  auch  eine
Federzeichnung  Dilichs  aus  der  ersten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts
bestätigt.  An  denselben  schließen  sich  ein  Paar  kurz  vorspringende
Seitenflügel,  und  vor  ihm  liegt  das  Hauptgebäude,  einen  kleinen
inneren  Hof  umfassend.  Die  Burg  ist  ursprünglich  eine  sehr  kleine
Grenzburg  gewesen.  Der  Vorhof  der  ehemaligen  Burg  theilt  sich  in
        <pb n="372" />
        —  364  —

den  unteren,  den  gegenwärtigen  Wirthschaftshof,  und  den  oberen,  der
zum  Theil  Garten  geworden  ist  und  auf  der  östlichen  Seite  von
einem  älteren  Gebäude  eingeschlossen  wird.  Die  Schloßgebäude,  in
denen  die  Burgkapelle  und  der  Fürstensaal  Holzdecken  haben,  sind
noch  sämmtlich  mit  Schindeln  gedeckt.  Die  Wirthschaftsgebäude  sind
neueren  Ursprunges.

Durch  den  Wirthschaftshof  führt  die  alte  Poststraße  von  Annaberg
  nach  Freiberg  unterhalb  des  Gartens  durch  einen  40  m  langen,
zum  größten  Theil  in  den  Gneisfelsen  gesprengten  Tunnel.

In  etwa  20  Minuten  kommt  man  auf  den  Markt  der  Stadt
Lengefeld.  Beim  Austritt  aus  dem  Schloßhofe  von  Rauenstein
hat  man  ein  herrliches,  kleines,  von  hohem  Laubholz  begrenztes
Wiesenthälchen  vor  sich.  Die  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  gegründete
  Stadt  ist  1582  bis  1599  viele  Male,  und  von  1637  bis
1643  ununterbrochen  von  der  Pest  heimgesucht  worden.

Vom  Lengefelder  Markte  bis  zum  Lauterbacher  Knochen  sind
etwas  über  4,  von  da  bis  zum  Bahnhofe  Pockau-Lengefeld  etwas
über  5  km.  Man  geht  von  Lengefeld  auf  der  Straße  nach  Heinzebank
  bis  zu  dem  Punkte,  wo  sie  mit  der  von  Marterbüschel  herauf
kommenden  Straße  zusammentrifft;  unweit  davon  steht  noch  ein  altes
Marienbild.  Unterwegs  hat  man  wiederholt  schöne  Ausblicke  nach
dem  Flöhathale  mit  dem  Gebirgsabschlusse  vom  Schwartenberge  und
Bärensteinberge.  An  dem  Straßenknoten  wendet  man  sich  auf
holperigem  Waldwege  nach  Süden,  am  Adlersteine  vorüber  zum
trigonometrischen  Signal  auf  dem  Lauterbacher  Knochen.

Hier  hat  man  eine  sehr  gute  Ansicht  des  Gebirgskammes.  Genau
  im  Süden,  über  Marienberg  und  dessen  Kirche,  ragt  aus  dem
ausgedehnten  Waldgebiete  der  Haßberg  bei  Preßnitz,  westwärts  daran
anschließend  der  Spitzberg,  der  Keilberg  mit  seinem  Thurme,  der
Fichtelberg  mit  dem  Thurme  auf  dem  vorderen  Fichtelberge,  im  Südwest
  der  Auersberg,  sodann  der  Schatzenstein  und  mehr  nach  West
zu  der  Greifenstein  bei  Thum.  Bärenstein,  Pöhlberg  und  Scheibenberger
  Hügel  liegen  dicht  neben  einander;  vor  dem  in  der  Mitte
befindlichen  Pöhlberge  steht  der  dünne  Thurm  der  Dreibrüderhöhe
bei  Marienberg.  Nach  Norden  ist  die  Aussicht  durch  die  bewaldeten
Höhen  des  Adlersteines  und  des  Bornwaldes  geschlossen:  den  Langen
Stein  kann  man  wegen  des  hoch  gewachsenen  Waldes  nicht  mehr
sehen.  Ostwärts  vom  Haßberge  bei  Preßnitz  unterscheidet  man  den
Bärenallee-Berg,  den  Beerhübel,  im  Südost  den  Bärensteinberg,
weiter  nach  Osten  den  Urs  oder  Ahornberg  bei  Deutsch-Einsiedel,
den  Schwartenberg  und  nahe  zu  im  Osten  die  Stadt  Sayda.  Ein  großer
Theil  der  Thalaue  der  Flöha  bei  Olbernhau  ist  zu  übersehen  und  vor
        <pb n="373" />
        —  365  —

den  ausgedehnten  Waldungen  die  Stadt  Zöblitz  mit  der  weithin  erkennbaren
  Kirche.  Zahlreiche  Ortschaften  liegen  auf  den  Hochplateaus
und  Höhenzügen.  Im  Nordosten  schließt  der  Höhenrücken  zwischen
Flöha  und  Mulde  die  Aussicht  ab.

Die  Rundschau  von  der  Dreibrüderhöhe  bei  Marienberg  ist  bei
Weitem  nicht  so  charakteristisch  für  den  Kamm  des  Gebirges,  nicht
so  landschaftlich-malerisch  für  die  näheren  Umgebungen.

Vom  Lauterbacher  Knochen  geht  man  nordwärts  auf  einem
Waldwege  nach  der  Straße,  an  dem  interessanten  fiskalischen  Kalkbruche
  vorüber,  in  einem  niedlichen  Seitenthale  nach  Marterbüschel
und  der  Eisenbahnstation  Pockau-Lengefeld.  Der  Kalkbruch  wird  auf
einem  Kalklager  in  Gneis  betrieben,  dessen  6  bis  12  m  mächtigen
Bänke  aus  einem  weißen,  feinkörnigen  Kalkstein  bestehen.  Gneis,
Asbest,  Schörl,  Hornblende  und  Eisenstein  sind  die  Bestandtheile  der
Zwischenlager.  Marterbüschel  ist  zu  längerem  Aufenthalte  sehr
geeignet.

Ein  prächtiges  Waldthal  ist  nordwestlich  von  Lengefeld,  das
Thal  des  Lautenbaches,  unterhalb  des  Langen  Steines.  Von  Lengefeld
  bis  zur  Klatschmühle  2½  km,  von  da  bis  Neunzehnhain  1½  km,
von  Neunzehnhain  südlich  bis  zur  Wolkensteiner  Straße  3  km;  von
Neunzehnhain  westlich  über  die  Bornwaldhäuser  bis  zur  Zschopauer
Straße  4  km;  von  Hohndorf  nach  Zschopau  nicht  ganz  4  km.

Von  Osten  her  mündet  bei  Rauenstein  das  Thal  des  Seidenbaches,
  ein  anmuthiges  Waldthal,  2  km  bis  zur  Hölzelmühle,  und  von
da  in  nordöstlicher  Richtung  am  Seidenbache  hinauf  2  km  bis  zur
Schafbrücke,  oder  in  südöstlicher  Richtung  längs  des  Haselbaches  2  km
bis  Forchheim.

Von  Station  Pockau-Lengefeld  nach  Olbernhau  wird  man  die
Eisenbahnfahrt  vorziehen.  Das  Thal  hat  zwar  einige  recht  hübsche
Punkte,  vor  Allem  die  Thalenge  oberhalb  der  Nennigmühle;  aber
die  Fußwanderung  ist  lang  (10  km).

An  den  untersten  Gütern  von  Blumenau,  in  etwa  425  m
Meereshöhe,  beginnt  die  ziemlich  1  km  breite  Thalebene  der  Flöha,
welche  bis  zur  Vereinigung  der  Schweinitzbach  mit  der  Flöha,  an
der  Schweinitzmühle  oberhalb  Grünthal,  in  480  m  fast  9  km  hinauf
reicht.  Das  Thal  hat  nur  55  m  Fall,  d.  h.  1:180.  Zum  größten
Theile  Wiesen,  mit  zahlreichen  Büschen  und  Bäumen  längs  der  verschiedenen
  Wasserläufe  bedeckt,  von  sanfteren,  erst  in  größerer  Entfernung
  mit  Wald  bedeckten  Abhängen  begrenzt,  giebt  es  aufwärts
wie  abwärts  ein  farbenfrisches  Bild.

Gebirgsaufwärts  von  stattlichen  Wäldern  umrahmt,  über  welche
Bergkuppen  aufragen,  bildet  zur  linken  Seite  die  am  Thalrande  hoch
        <pb n="374" />
        —  366  —

gelegene  Kirche  von  Ober-Neuschönberg,  von  Häusern  und  Bäumen
umgeben,  eine  prächtige  Staffage,  während  oberhalb  des  auf  sanfter
Lehne  ansteigenden  böhmischen  Dorfes  Brandau  das  Städtchen  Katharinaberg
  in  der  Ferne  auf  stotzigem  Bergvorsprunge,  hell  leuchtend,  zu
erkennen  ist.  Ueber  demselben  die  oberste  Häusergruppe  von  Gebirgs-Neudorf,
  dahinter  die  bewaldeten  Höhen  der  böhmischen  Haide  zwischen
Gebirgs-Neudorf  und  Böhmisch-Einsiedel.  Weiter  rechts  (also  südwärts)
  die  bewaldeten  Höhen  des  Bärensteinberges  und  des  Steindls,
und  herwärts  der  Katzenhaide;  zwischen  diesen  letzteren  die  Thalöffnung
  der  Natzschkau.

Thalabwärts  gewinnt  man  das  schönste  Landschaftsbild,  besonders
bei  Abendbeleuchtung,  wenn  man  auf  der  Zöblitzer  Straße  von  Olbernhau
  bis  an  die  erste  Biegung  hinaufsteigt,  also  halbwegs  bis  zur
neuen  Schenke  bei  Grundau.  Von  hier  übersieht  man  die  ganze,
nach  Nordwest  gerichtete  Thalspalte  der  Flöha  mit  ihren  verschieden
gestalteten  Abhängen,  den  Waldrändern  und  Abstürzen,  und  den
sanft  geneigten  Höhenzügen  oberhalb  des  eigentlichen  Thales,  die
ganze  Fernsicht  durch  den  Bergkegel  des  Schellenberges  mit  dem
darüber  aufragenden  Schlosse  Augustusburg  prächtig  geschlossen.

Andere  ziehen  die  Aussicht  vom  Bruchberge  hinter  Leubnitzdörfel
und  vom  großen  Hahn  (berge)  hinter  dem  Hahngute  vor.

Olbernhau,  ein  langgedehnter,  wohlhabender  Ort  von  etwa
6000  Einwohnern,  hat  einen  starken  Handel  mit  Spielwaaren.  Ungefähr
  25  größere  und  kleinere  Handlungen  kaufen  die  Spielwaaren
von  den  Arbeitern  auf,  von  denen  der  Eine  Pferde  fertigt,  der
Andere  Kühe,  der  Dritte  Schweine,  der  Vierte  Bäume,  der  Fünfte
Häuser,  der  Sechste  Soldaten,  der  Siebente  Kanonen,  der  Achte
Reiter,  der  Neunte  Festungen,  der  Zehnte  Puppenstuben,  der  Elfte
Küchen,  der  Zwölfte  klingende  Leierkästen  u.  s.  w.  Aus  diesen  einzelnen
Gegenständen  stellt  der  Händler  die  verschiedenen  Spielwaarenschachteln
und  Sortimente  zusammen.  Die  Einfüller  und  Einfüllerinnen  packen
genau  nach  Vorschrift  so  viel  Schafe,  Schäfer,  Bäume,  Gatter,  Häuser
in  eine  Schachtel,  daß  sie  eine  größere  oder  kleinere  Schäferei  darstellen,
  und  in  ähnlicher  Weise  werden  Meierhöfe,  Bauergüter,  Dörfer
und  Städte,  Spielschachteln  von  Infanterie,  Cavallerie,  Artillerie,  ferner
Jagden,  aber  auch  Schachteln  mit  allerlei  Haus=  und  Küchengeräth  rc.
zusammengestellt.  Die  Schachteln  werden  nach  Dutzenden  sortirt  zusammengeschnürt
  versendet.

Außer  der  Spielwaarenindustrie  ist  die  Fabrikation  von  Strumpfund
  Webstühlen,  von  Zündhölzern,  eine  Pulverfabrik  und  eine  Fabrik
von  Fruchtsäften  zu  erwähnen.

Ollbernhau,  welches  1289  noch  zu  Böhmen  gehörte  und  erst
        <pb n="375" />
        —  367  —

nachher  von  den  Berbisdorfern  erworben  wurde,  hieß  bis  1504
Alberhau.

Nicht  ganz  3  km  oberhalb  der  Kirche  von  Olbernhau  liegt  die
Saigerhütte  Grünthal.

Die  aus  Ungarn  nach  Sachsen  eingewanderten  Gebrüder  Allenpeck
  legten  1491  ein  Hüttenwerk  an,  in  welchem  das  Saigern  silberhaltigen
  Schwarzkupfers  betrieben  wurde.  Saigern  heißt,  eine  leichtflüssigere
  Substanz  von  einer  schwerflüssigeren  dadurch  trennen,  daß
man  die  Mischung  vorsichtig  bis  zum  Schmelzen  des  leichter  flüssigen
Metalles  erhitzt,  welches  dann  aus  dem  ungeschmolzenen  herausläuft.
So  scheidet  man  Wismuth  und  Schwefelantimon  von  Gangart,  Zinn
von  beigemengten  Unreinigkeiten,  Schwefel  aus  Schwefelkies;  besonders
trennte  man  (was  in  der  Nenuzeit  freilich  ganz  aufgegeben  ist)  das
Silber  vom  Kupfer  dadurch,  daß  man  dieses  durch  Zusammenschmelzen
der  Masse  mit  Blei  in  eine  leichtflüssigere  Legirung  verwandelte,
welche  sich  nun  aus  dem  Kupfer  aussaigern  ließ.  Der  Schmelzpunkt
des  Bleis  liegt  bei  ca.  3320  C.,  der  des  Silbers  bei  ca.  10000  C.,
der  des  Kupfers  bei  ca.  1150°0  C.  Die  Saigerstücke  wurden  auf  die
hohe  Kante  gestellt,  die  Zwischenräume  mit  Brennmaterial  gefüllt,
und  nun  sorgfältig  beobachtet,  daß  die  Hitze  nur  gerade  groß  genug
sei,  um  das  bleihaltige  Silber  zu  schmelzen.  Blei  und  Silber
tröpfelten  in  die  Saigertiegel  und  wurden  in  einer  zweiten  Procedur
von  einander  geschieden;  das  zurückbleibende,  schwammige  Kupfer
wurde  auf  dem  Darrofen  von  dem  noch  anhaftenden  Blei  vollends
getrennt  und  dann  eingeschmolzen.

Kurfürst  August  brachte  die  Hütte  1567  in  seinen  Besitz
und  verbesserte  und  erweiterte  ihre  Einrichtungen.  Während  des
dreißigjährigen  Krieges  wurde  sie  zu  wiederholten  Malen  durch  die
Schweden,  wie  auch  durch  die  Kaiserlichen  verwüstet.

Im  Jahre  1710  besuchte  Peter  der  Große,  von  Carlsbad  her
kommend,  mit  großem  Gefolge  das  Gebirge.  „In  der  Saigerhütte
Grünthal“  (schreibt  Hering)  „setzte  sich  der  Kaiser  auf  einen  der
größten  auf=  und  niedergehenden  Hämmer  und  hielt  die  Erschütterung
wirklich  einige  Minuten  aus.“  ...  Als  er  1712  wiederum  „ins
Carlsbad“  reiste  und  „in  Unterwiesenthal  das  Fischer'sche  Hammerwerk
  besah,  schmiedete  er  hier  mit  eigener  Hand  einen  Stab  Eisen,

welcher  lange  daselbst  als  eine  Merkwürdigkeit  aufbewahrt  wurde“.

Während  des  siebenjährigen  Krieges  besetzten  preußische  Truppen
wiederholt  die  Hütte,  ohne  sie  zu  schädigen;  1778  wurde  sie  aber
durch  ein  österreichisches  Streifcorps  niedergebrannt.

Seit  1752  war  auf  der  Hütte  eine  Münzstätte  für  Kupfergeld
  angelegt,  in  der  man  während  des  siebenjährigen  Krieges  auch
        <pb n="376" />
        —  368  —

polnische  Groschen  und  sächsische  Silberscheidemünze  prägte.  Später
wurden  Platten  zu  Kupfermünzen,  welche  in  Dresden  geprägt  wurden,
hergestellt,  doch  1803  auch  400  Centner  Kupferdreier  geprägt.

Die  Hütte  lieferte  hauptsächlich  gewerblichen  Zwecken  dienende
Gegenstände,  z.  B.  ausgeschmiedete  Bleche,  Braupfannen=  und  andere
Böden,  Kesselschalen,  Blasen,  Rund=  und  Quadratkupfer  2c.  Nach
den  verschiedenen  Vergrößerungen  Mitte  der  vierziger,  Anfang  der
fünfziger  und  sechziger  Jahre  fertigte  dieselbe  z.  B.  1868  =  10740  Crr.
Kupferwaaren  aller  Gattungen.

Im  Jahre  1873  gingen  die  Werke  in  den  Besitz  des  Herrn
Kammerrathes  F.  A.  Lange  über,  welcher  umfangreiche  Erweiterungen
und  verschiedene,  den  technischen  Fortschritten  der  Neuzeit  entsprechende
Einrichtungen  schuf.  Als  ganz  neu  ist  die  Fabrikation  von  Tombak
(Tombak  ist  der  malaysche  Name  für  Kupfer  und  bezeichnet  eine
Mischung  von  elf  Theilen  Kupfer  und  zwei  Theilen  Zink)  und
Messing  (drei  Theile  Kupfer,  ein  Theil  Zink),  beide  in  Blechen  und
Drähten.  Es  werden  Kupferblöcke  und  Kupferbleche,  Kupferdraht  und
Kupferdrahtseile  zu  Blitzableitungen  von  chemisch  reinem  und  von
Legirkupferdraht  gefertigt;  ferner  Druckkupferbleche,  Kupferstechplatten
und  Kupferdrähte  zum  Umspinnen  von  Cloaviersaiten  u.  s.  w.  Alle
Erzeugnisse  der  Werke  stehen  wegen  ihrer  vorzüglichen  Eigenschaften,
ihrer  Reinheit,  Dehnbarkeit  und  Politurfähigkeit  in  hohem  Rufe.

Auf  den  Werken  sind  gegenwärtig  gegen  300  Arbeiter  beschäftigt.
  (Mittheilungen  des  Herrn  Kammerrath  F.  A.  Lange.)

Die  glühenden  Metallblöcke  werden  unter  dem  Hammer  getheilt,
gestreckt  und  zu  Blechen  oder  Stäben  vorgerichtet.  Die  Bleche  dehnt
man  auf  den  Walzwerken  aus  starken,  kurzen  Tafeln  zu  langen  und
schwachen,  die  einzelnen  Tafeln  werden  dann  an  einander  gelöthet
und  wieder  gestreckt,  beschnitten,  polirt.  Aus  den  Stäben  werden,
ebenfalls  auf  dem  Walzwerke,  starke  runde  Drähte  hergestellt,  und
diese  nun  auf  dem  eigentlichen  Drahtzuge  allmälig  in  immer  feiner
werdende  Zugmaschinen  eingesetzt,  so  daß  alle  Arten  und  Stärken
von  Messing-,  Kupfer=  und  anderem  Draht  gefertigt  werden.  Aus
dem  Getöse  des  Hammerwerkes  und  dem  Summen  und  Brausen  der
Walzwerke  kommend,  findet  man  es  in  dem  Drahtzuge  ziemlich  still
und  geräuschlos.

Die  Saigerhütte  Grünthal  liegt  am  Einflusse  der  Natzschung  in
die  Flöha.  Da  haben  sich  wieder  ein  paar  slavische  Ortsnamen  hoch
ins  Gebirge  hinauf  verirrt.  Natrzka  —  die  Rückleine  am  Vogelheerde;
dylce  —  der  Theiler  (Grenzbach).

Der  Schwefelbrunnen  in  Grünthal  ist  erst  seit  einigen  Jahren
gefaßt  und  ein  Bad  angelegt.
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        —  369  —

Vom  Kirchhofe  zu  Neuschönberg,  etwa  40  m  über  der  Thalsohle,
hat  man  eine  treffliche  Aussicht  nach  Südost,  über  den  Thalkessel  bis
Katharinaberg  und  die  sich  erhebenden,  waldbedeckten  Höhen  des  Gebirgsrückens
  bis  zum  Bärensteinberge.

Gegen  8  km  aufwärts  von  Neuschönberg,  in  einer  Weitung  des
Wald=  und  Wiesenthales  der  Flöha,  liegt  auf  einer  vorspringenden
Klippe  Schloß  Purschenstein,  angeblich  von  Borsze  v.  Rysinborg
  erbaut,  wahrscheinlich  ursprünglich  Pyrsenstein  (Pirschenstein
—  Jagdschloß)  genannt.  1252  wird  es  zuerst  in  den  Streitigkeiten
Heinrich  des  Erlauchten  um  die  böhmischen  Lehen  erwähnt,  und  von
Ottokar  von  Böhmen  mit  Sayda  an  denselben  abgetreten.  Seit
1336  ist  es  unverändert  im  Besitz  der  alten  meißnischen  Adelsfamilie
von  Schönberg.

Das  Schloß  ist  neu;  nur  ein  alter  etwa  20  m  hoher,  runder
Thurm  und  die  Umfassungen  des  oberen  Hofes  erinnern  noch  an  die
alte  Burg.  Der  Wallgraben  auf  der  Nordwestseite,  der  mächtige
Rundthurm,  das  Thorgebäude  im  Nordosten  sind  noch  ziemlich  erhalten.
  Der  schmale  Flügel  im  Westen  war  eigentlich  ursprünglich
wohl  nur  ein  Wehrgang.  Das  Palatium  lag  im  Südost  und  wurde
durch  Mauern,  später  auch  durch  offene  Gänge  mit  dem  Thorflügel
verbunden.  Durch  die  Belagerungen  von  1640,  1641  und  die
Plünderung  und  den  Brand  von  1643  sowie  die  demselben  folgenden
  Umbauten  wurde  die  frühere  Anlage  bedeutend  verändert.  1735
hatte  das  Schloß  noch  fünf  Thürme;  jetzt  nur  den  Rundthurm  und
den  kleinen  Kapellenthurm.  Die  Kapelle  in  diesem  südlichen  Eckthurme
ist  neu.  Im  Schlosse  befindet  sich  eine  reiche  Waffensammlung  an
Zweihändern,  Schwertern,  Partisanen,  Panzerhemden,  Sturmhauben,
Radschloßpistolen  u.  s.  w.

Das  Flöhathal  von  dem  unterhalb  Purschenstein  liegenden  Neuhausen
  aufwärts  bis  zur  Hasenbrücke  bei  Deutsch-Georgenthal  (7  km)
ist  ein  anmuthig  eingefaßtes  Auenthal,  von  da  bis  gegen  Fleyh  (5  km)
in  südöstlicher  Richtung  ein  herrliches,  enges  Waldthal,  weiter  aufwärts
  wird  es  flach.  Nächst  diesem  sind  die  Thäler  des  Wernsbaches
  und  des  Schwarzen  Floßes  (das  sogenannte  tiefe  Thal)
charakteristisch;  enge,  tief  eingeschnittene  Waldthäler,  in  welchen  jeder
Schritt  aufwärts  oder  abwärts  Auge  und  Herz  ergquickt.

Auf  einem  rauhen  Hochplateau,  welches  auf  der  Saydaer  (728  m)
und  Voigtsdorfer  (706  m)  Höhe,  sowie  ostwärts  der  Stadt,  längs
der  Frauensteiner  Straße  eine  Neubeforstung  sehr  angemessen  erscheinen
ließe,  liegt  die  Stadt  Sayda,  in  680  m  Meereshöhe,  eine  der
ältesten  Städte  auf  dem  Erzgebirge,  einst  wichtige  Grenzfeste  gegen-Böhmen,
  nach  dem  großen  Brande  von  1842  sehr  regelmäßig  wieder

24
        <pb n="378" />
        —  370  —

aufgebaut.  Schumann  sagt:  „Die  Lage  von  Sayda  ist  demnach  rauh,
da  es  auch  an  Bäumen  fehlt,  das  Land  nach  allen  Thälern  hin
gleich  sehr  stark  abfällt,  unfreundlich,  hat  langen  Winter  mit  sehr
viel  Schnee,  im  Sommer  oft  Wassermangel,  besonders  weil  die  nordöstlichen
  Höhen  kahl  sind,  im  Frühjahr  und  Herbst  viel  Nebel.
Dagegen  wird  das  Korn  doch  in  der  Regel  reif  und  nur  selten  begräbt
  der  Schnee  den  Hafer.  Flachs  und  Erdäpfel  werden  mit
Vortheil,  und  daher  stark  gebaut;  der  hiesige  Flachs  wird  dem  Annaberger
  gleich  hoch  gestellt.“

Sayda,  ursprünglich  Seydowe,  Saidowe,  Saydow,  ist  eine
sehr  alte  Grenzveste,  wahrscheinlich  sorbenwendischen  Ursprunges.  Der
böhmische  Geschichtsschreiber  Balbinus  (7  1621;  1633  Jezguit)  spricht
von  „Burggrafen  de  Borsenstein  et  Seydowe"“,  nennt  beide  Burgen
böhmische  Lehen.  Beide  Burgen  gehörten  den  Rittern  von  Rysinborg.

Bald  nach  1240  erhielt  Heinrich  der  Erlauchte  Sayda  und
Purschenstein  vom  böhmischen  König  Wenzel  dafür,  daß  er  den  Erbansprüchen
  an  Oestreich  entsagte.  1289  bot  Friedrich  der  Kleine
von  Meißen  dem  König  Wenzel  auch  Castrum  et  civitatem  Seydowe
zum  Kauf  an;  es  war  also  eine  Stadt  mit  Mauern  und  Burg.
Der  Stadtbrief  von  1442  ist  nur  eine  Bestätigung  und  Erneuerung
der  in  den  hussitischen  Kämpfen  verlorenen  älteren  Urkunden.)

Zu  welchen  Ungeheuerlichkeiten  die  älteren  Chronisten  zuweilen
griffen,  davon  giebt  Sayda  den  treffendsten  Beleg.  Da  wird  in  einer
angeblich  in  Klostergrab  gefundenen  Chronik  erzählt,  Sayda  sei
345  n.  Chr.  gegründet  worden;  im  Jahre  768  sei  die  Stadt  ausgestorben
  bis  auf  30  Mann  und  habe  fünf  Jahre  leer  gestanden,
bis  sich  773  wieder  unverzagte  Menschen  gefunden  haben.  Im  Jahre
902  habe  die  Stadt  wieder  734  Häuser  und  6000  Einwohner  gehabt;
  nach  einer  anderen  Angabe  soll  im  13.  Jahrhundert  die  Stadt
sogar  von  20  000  Menschen  bewohnt  gewesen  sein.  Gegen  das
Fabuliren  gewisser  alter  Chronisten  ist  Münchhausen  nur  ein  Stümper.

Mitte  des  12.  Jahrhunderts  wurde  in  der  alten,  befestigten
Stadt  die  Burg,  angeblich  mit  zwei  großen  Thürmen,  erbaut,  sowie
die  Befestigung  der  Stadt  mit  Mauer,  Thürmen  und  Graben  erneut
und  verstärkt.  Die  Stadt  hatte  drei  Thore,  das  Böhmische  Thor
nach  Süd,  das  Freiberger  Thor  nach  Nord,  das  Wasserthor  nach
Südwest.  Im  13.  Jahrhundert  war  sie  jedenfalls  am  blühendsten
und  mächtigsten.  1465  brannte  sie  beinahe  vollständig  nieder;  1598
und  1599  wüthete  die  Pest;  in  demselben  Jahre  brannte  aber  auch
nochmals  die  ganze  Stadt  sammt  der  Kirche  nieder;  und  kaum  hatte

*)  Schumann,  Ortslexikon,  X,  191.
        <pb n="379" />
        —  371  —

man  die  Stadt  wieder  aufgebaut,  da  wurde  sie  1634  von  den  Kaiserlichen
  größtentheils  in  Asche  gelegt  und  1640  von  den  Schweden
vollständig  ausgeplündert.  1702  brannten  die  Kirche  und  44  Häuser;
1842  Kirche,  Schule,  Rathhaus  und  133  Wohnhäuser  nieder.)

Von  den  Befestigungen  der  Stadt  ist  noch  die  Linie  zu  erkennen,
sowie  von  der  Burg  nur  der  Platz,  auf  welchen  sie  einstmal  gestanden.
Thore,  Thürme,  Mauern  u.  s.  w.  sind  längst  abgetragen.  Der  einst
mitten  durch  die  Stadt  führende,  gegen  3⅛½  m  tiefe  Hohlweg,
welchen  die  böhmische  Straße  bildete,  wurde  schon  1554  ausgefüllt.

44.  Bad  Einsiedel.  Seiffen.  Katharinaberg.
Gabrielahütte.

Im  Thalkessel  von  Grünthal  vereinigen  sich  bei  Hirschberg  die
Schweinitz,  bei  Grünthal  die  Natzschung  mit  der  Flöha.

Das  Thal  der  Schweinitz  wird  von  der  Hirschberger  Mühle
an  von  höheren  bewaldeten  Abhängen  eingefaßt,  und  erst  bei  Katharinaberg
  erscheinen  die  Thalwände  wieder  kahl.

Man  kann  drei  Wege  einschlagen,  um  nach  Bad  Einsiedel  zu
gelangen.  Entweder  man  folgt  dem  Laufe  der  Flöha  bis  Neuhausen
und  geht  über  Frauenbach;  im  Ganzen  von  Grünthal  14  km,  oder
man  geht  am  Schweinitzbache  aufwärts,  über  Deutsch-Neudorf  und
Brüderwiese,  15  km,  oder  man  geht  zwischen  beiden  über  Nieder-Lochmühle
  und  den  Seiffner  Grund,  11  km.

Bad  Einsiedel  liegt  auf  dem  nördlichen  Abhange  eines
kleinen,  sanften  Rückens,  rings  von  Wiese  umgeben,  mitten  im  Walde,
etwa  in  749  m  Meereshöhe.  Das  Gehöfte  enthält  25  Fremdenzimmer,
  welche  im  Hochsommer  meist  nicht  ausreichen,  weshalb  ein
Theil  der  Badegäste  in  dem  nahe  gelegenen  Heidelberg  Unterkommen
suchen  muß.  Die  Bäder  werden  als  außerordentlich  wohlthuend  gerühmt;
  der  Aufenthalt  ist  angenehm,  die  Verpflegung  vortrefflich,  die
Preise  sind  mäßig.“)

Die  Reinheit  der  Luft,  die  Nähe  des  Waldes,  der  geringe  Grad
von  Feuchtigkeit  und  die  gleichmäßige  Temperatur  wirken  im  hohen

Grade  erfrischend.  Bad  Einsiedel  ist  allen  zu  längerem  Aufenthalte
zu  empfehlen,  welche  sich  von  größeren  geistigen  Anstrengungen  er- 



*)  Thost  und  Flade,  Beschreibung  des  Brandes  von  Sayda  mit
1  Grundriß.  Annaberg.  Rudolf  &amp;amp;  Dieterici.  1842.

Sayda  im  Jahre  1887  von  Paul  Eckard,  Raths-Controleur.

*  )  A.  Kiesling,  das  Mineralbad  zu  Einsiedel  bei  Seiffen  (mit  Plau  und
Karte).  Dresden.  Höckner.  1881.

24
        <pb n="380" />
        —  372  —

holen,  oder  für  solche  vorbereiten  wollen.  Wer  Waldesluft  und
Waldesstille  genießen  will,  bleibt  innerhalb  der  nach  Süd  und  Ost
weit  ausgedehnten  Waldungen;  wer  Aussichtspunkte  sucht,  findet  deren
in  der  Nähe,  wie  in  der  Ferne.

Ein  Ausblick  nach  dem  Gebirge  ist  auf  der  Brüxer  Chaussee.
Von  dieser  ist  der  Schwartenberg  (787,7  m)  leicht  zu  erreichen.
Die  Aussicht  ist  ansprechend.  Genau  im  Süden,  dicht  neben  dem
Ahorn=  (Urs-)  Berge  liegen  vor  einander  Adelsberg  und  Bärensteinberg,
  dessen  Signal  man  gerade  noch  über  den  Baumwipfeln  erkennen
kann.  Neben  der  Höhe  von  Hübladung  stehen  auf  dem  Hochplatean
die  Kirche  und  die  nächsten  Häuser  von  Kleinhan,  in  scharfer  Silhouette
  vom  Horizonte  sich  abhebend;  daran  schließt  sich  die  Höhe
des  Steindls  und  der  weit  in  die  Ferne  streichende  Höhenzug  des
Kriegwaldes,  aus  welchem  die  Kuppe  oberhalb  des  Ullersdorfer  Teiches
bezeichnend  emporragt.  Vor  diesen  allen  dehnen  sich  die  bewaldeten
Höhen  des  Hirschberger  Waldes  und  des  Zechenwaldes,  über  welche
man  in  die  breite  Thalaue  der  Flöha  meilenweit  hinaussieht,  bis
zum  Lauterbacher  Knochen,  und  bei  hellem  Wetter  selbst  bis  Schloß
Augustusburg.  —  Im  Nordwesten  liegt  neben  dem  Höhenzuge  der
Steinberge  auf  kahler  Hochfläche  die  Stadt  Sayda,  welche  mit  ihrem
weit  hinaus  leuchtenden  Kirchthurme  auf  vielen  Punkten  der  Umgebung
  zur  Orientirung  dient.  —  Im  Norden,  tief  unten  im  Thale
das  stattliche  Schloß  Purschenstein  im  dichten  Laubholz  des  Parkes,
und  das  Dorf  Neuhausen  mit  seiner  neuen  Kirche.  Das  Flöhathal
sieht  man  ein  Stück  aufwärts  und  abwärts.  —  Im  Osten  die  Höhen
des  Einsiedler  Waldes.

Nur  wenige  Schritte  von  der  Straße  nach  dem  Höhenrande
vortretend  übersieht  man  die  lang  hingestreckten  Häusergruppen  von
Heidelbach  und  Heidelberg,  die  Häuser  an  der  ehemaligen  Glashütte,
weiter  unten  die  Häusergruppe  beim  Himmelsschlüssel-Stolln,  eine
Anzahl  Halden,  und  dicht  unterhalb  der  größten,  hoch  aufragenden,
den  Kern  des  Bergfleckens  Seiffen  mit  der  Kirche.

Seiffen,  ein  ausgedehnter  Ort  mit  gegen  1400  Bewohnern,
ist  von  Grünthal  auf  dem  nächsten  Wege  7  km,  von  Neuhausen
4  km,  von  Deutsch-Katharinenberg  5  km  entfernt.

Vom  Bad  in  südwestlicher  Richtung  ausgehend,  kommt  man  auf
verschiedenen  Wegen  nach  der  böhmischen  Stadt  Katharinaberg;  fast
ein  jeder  hat  seinen  Reiz.  Man  geht  über  Brüderwiese,  Heidelberg,
Oberseiffenbach,  Oberlochmühle  2c.  Die  Malersäge  an  der  Schweinitz
hat  freilich  innerhalb  der  letzen  zwanzig  Jahre  durch  Umbau  ihre
Originalität  verloren.
        <pb n="381" />
        —  373  —

Katharinaberg,  auf  einem  weit  vorragenden  Bergsporen
mit  kahlen  Steilhängen,  zwischen  dem  Schweinitzbache  und  dem  Zobelbache,
  macht  aus  der  Ferne  einen  anmuthenden  Eindruck;  besonders
bei  der  Häusergruppe  von  Deutsch-Neudorf,  wo  die  Straßen  von
Deutsch-Katharinenberg  und  von  Gebirgs-Neudorf  her  zusammentreffen.
Von  da  sieht  es  stattlich  aus;  die  Häusermenge  auf  der  Bergplatte,
Kirche,  Rathhaus,  im  Hintergrunde  die  bewaldeten  Höhen  zwischen
dem  Adelsberge  und  dem  Steindl,  auf  der  Hochfläche  das  Dorf  Kleinhan
  mit  der  Kirche  und  verschiedenen  Häusergruppen  ..  Aber
je  näher  man  kommt,  um  so  mehr  tritt  die  kahle  Wirklichkeit  vor:
Katharinaberg  ist  ein  armseliger  Ort.  Weberei  und  Holzdreherei
sind  die  Beschäftigungen  der  Bevölkerung.  Die  Stadt,  welche  mit
dem  Aufbruche  von  Silberadern  wahrscheinlich  Anfangs  des  16.  Jahrhunderts
  entstanden  ist,  bietet  nichts  Bemerkenswerthes;  ein  Paar
Haldenüberreste  weisen  noch  auf  den  seit  dem  30jährigen  Kriege  vollständig
  zum  Erliegen  gekommenen  Bergbau.

Auf  dem  lang  gestreckten,  flachen  Bergrücken  zwischen  Schweinitz--bach
  und  Natzschung  liegt  das  Dorf  Brandau.  Der  Sage  nach  hat
auf  der  Felsenklippe  über  Rothenthal  eine  Burg  gelegen;  doch  sind
die  Spuren  derselben  vollständig  verwischt.  Südlich  von  Brandau,
man  geht  über  das  Forsthaus,  liegt  nicht  ganz  4  km  von  der  Kirche
das  Steindl.  Der  Besuch  des  Steindl  (Steinerl)  wird  empfohlen.
Die  Aussicht  von  diesem  836  m  hoch  liegenden  Signalpunkte  ist
allerdings,  nach  Südost  von  der  Hübladunghöhe  und  dem  Bärensteinberge,
  nach  Süd  vom  Beerhübel,  nach  Südwest  vom  Feuerröstberge
  und  nach  West  vom  Lauschhübel  bei  Natzschung  und  den  Höhen
im  Kriegwalde  geschlossen;  dessen  ungeachtet  muß  aber  der  Einblick
in  die  Thäler  der  Schweinitz,  des  Wildbaches,  Seiffenbaches  und  der
Flöha  mit  den  dahinter  anstrebenden  Höhenzügen  und  Bergen,  in
Nordwest  Schloß  Augustusburg,  sehr  interessant  sein.

Das  Thal  bei  Natzschung,  welches  man  bei  Rothenthal  betritt,
2  km  von  Grünthal,  4  km  von  Olbernhau,  ist  von  hinreißender
Schönheit.  Von  Rothenthal  bis  zur  Neumühle  von  Rübenau  7  km;
von  Gabrielahütte  an  den  Ufern  des  Töltzschbaches  hinauf  bis  über
Josephi  Kreuz  3  km.  Aus  südlicher  Richtung  kommend,  lange  Zeit
die  Grenze  bildend,  vereinigt  sich  die  im  Schonwalde  als  Keilbach
entsprungene  mit  den  vom  Bärenallee=  und  vom  Keilberge  her
kommenden  Nebenbächen  verstärkte  Natzschung  mit  dem  von  Südost,
vom  Rabensteine  und  den  Vorhügeln  des  Bärensteinberges  herabrauschenden
  Töltzschbache,  kurz  unterhalb  der  Gabrielahütte.  Von
Rothenthal  an  treten  die  Ufer  zurück;  bis  dahin  reichen  sie  malerisch
und  abwechselungsreich  an  die  dahin  schießenden  Bergwasser  heran.
        <pb n="382" />
        —  374  —

Inmitten  dieser  drei  Thalstrecken,  des  Natzschungthales  von  der
Straßenbrücke  zwischen  Kallich  und  Niedernatzschkau  bis  zum  Einflusse
des  Töltzschbaches;  des  Töltzschbaches  von  der  Vereinigung  der  ver—
schiedenen  Quellenzuflüsse  unterhalb  des  alten  und  des  neuen  Teiches
(beide  unter  Kleinhan)  bis  zur  Mündung  in  die  Natzschkau,  und  des
Natzschkauthales  von  dieser  Vereinigung  bis  Rothenbach;  alle  drei
reich  an  landschaftlicher  Scenerie,  an  vielen  Stellen  einander  ähnlich
in  Felsengruppirung,  Wasserlauf,  Thalrand  und  Wald,  liegt  die  ehe—
malige  Gabrielahütte.  Der  überaus  lohnende  Besuch  dieser
Thalstrecken  erfordert,  von  Olbernhau  aus,  etwa  acht  Stunden  Zeit.
Man  geht  nach  Rothenthal,  5  km  bis  an  das  Forsthaus,  von  hier
nach  Gabrielahütte  3  km,  sodann  am  Töltzschbache  bis  zur  zweiten
Brücke  4  km,  von  hier  über  das  Ochsenstaller  Forsthaus  und  den
Feuerröstberg  (trigonometrisches  Signal)  nach  Kallich;  bis  an  die
Brücke  zwischen  Kallich  und  Ober-Natzschung  5  km;  sodann  an  der
Natzschung  abwärts  bis  Gabrielahütte  6  km,  endlich  durch  die  Katzenhaide,
  mit  Besuch  des  Stösserfelsen  und  seines  prächtigen  Ausblickes
nach  dem  Thale,  nach  Olbernhau  zurück  8  km.

45.  Die  Spielwaaren=  und  Dolzwaaren-Industrie.

Die  Anfertigung  von  Spielwaaren  und  Holzwaaren  aller  Art
zum  Wirthschaftsgebrauche  u.  s.  w.  ist  mit  der  Zeit  aus  kleinen  Anfängen
  eine  sehr  umfangreiche  und  bedeutende  geworden.

Schon  im  16.  Jahrhundert  begann  ein  Theil  der  Bevölkerung
von  Seiffen  die  Anfertigung  von  Holzwaaren.  Die  geringe  Ausbeute
der  Zinngruben  und  der  ungenügende  Erwerb  veranlaßte  die  armen
Bergleute,  in  der  Anfertigung  der  einfachsten  Holzwaaren  einen  Nebenerwerb
  zu  suchen.  Feder=  und  Nadelbüchsen,  hölzerne  Hemdenknöpfe,
und  alle  die  einfachen  Erzeugnisse  der  Drehbank  mögen  den  Anfang
gemacht  haben,  welchem  sich  Schnitzereien  von  Löffeln,  Quirlen  u.  s.  w.
anschlossen,  bis  (zu  Anfang,  nach  anderen  Angaben  jedoch  erst  Mitte
des  18.  Jahrhunderts)  die  Spielwaarenfabrikation  mit  den  einfachsten
Artikeln  begann,  und  mit  der  Zeit  immer  mehr  Menschenkräfte  beschäftigte.


Den  Umfang  und  die  Vertheilung  der  Spielwaaren=  und  Holzwaarenfabrikation
  geben  Schumann,  Merkel,  Leonhardi  rc.  als  den
nachstehenden:  „Zu  Grünhainichen,  Borstendorf,  Leubsdorf,  Waldkirchen
  u.  s.  w.  blühen  die  Nebenzweige  der  großen  Holzwaarenmanufaktur.
  In  und  bei  Seiffen  wird  mehr  Spielzeug,  zu  Grünhainichen
  und  dessen  Nachbarschaft  mehr  Haus-,  Küchen=  und  andere
        <pb n="383" />
        —  375  —

Wirthschaftsgeräthe  gefertigt,  als  da  sind:  Scheffel,  Viertelmaaße,
Kasten  und  Schachteln  aller  Art,  Quirle,  Löffel,  Teller,  Mulden,
u.  s.  w.  Doch  liefert  man  auch  hier  Spiele  und  Spielsachen,  z.  B.
Damenbreter,  Schachspiele,  Kegel-,  Grillen-,  Wolfs-  und  andere  Spiele;
Geigen,  Trommeln,  Pfeifen,  Violinen  für  Kinder,  Puppen  aller
Art  u.  s.  w.  Jeder  Ort  hat  immer  seine  eigenen  Fabrikate.  Zu
Grünhainichen  z.  B.  fertigt  man  besonders  Gemäße,  Schachteln,
hölzerne  Teller;  zu  Borstendorf  ordentliche  Violinen,  auch  Kindergeigen,
  Schaufeln,  Mulden;  zu  Waldkirchen  und  Börnichen  Schachteln,
Trommeln,  Quirle;  zu  Marbach  und  Grünberg  besonders  Spindeln,
auch  Tabakspfeifen  und  Röhre  von  Horn.“*)

Die  Kisten-  und  Schachtelmacher  in  Ansprung,  Borstendorf,
Börnchen,  Eppendorf,  Grünhainichen,  Hirschberg,  Kühnheide,  Lauterbach,
  Neuschönberg,  Olbernhau,  Pobershau,  Pockau,  Rübenau  und
Wünschendorf  versorgen  nicht  allein  die  Spielwaarenindustrie  mit  dem
nöthigen  Packmaterial,  sondern  liefern  auch  noch  hunderte  von  Centnern
  nach  auswärts,  vorzugsweise  nach  Berlin,  aber  auch  nicht  wenig
nach  Freiberg,  Dresden,  Leipzig,  Naumburg,  Merseburg,  Quedlinburg
u.  s.  w.  Die  Kisten  werden  aus  schwachen  geschnittenen  Bretern  mit
flachen  Deckeln  genagelt,  seltener  verzapft,  und  in  Sätzen,  d.  h.  einer
bestimmten  Anzahl  in  einander  passender  Stücke,  in  den  Handel  gebracht.
  Die  Schachteln  werden  aus  entsprechend  breiten  und  langen
Spänen  von  Tannen=  oder  Fichtenholz  über  eine  Form  gebogen,  an
den  Enden  mit  Spänchen  zusammengeheftet  und  mit  einem  dünnen
mit  Holzstiften  befestigten  Bretboden  versehen.  Auch  die  Schachteln
werden  in  Sätzen  von  6  und  12  Stück  verkauft.  Die  Schachtelmacher
  fertigen  auch  Siebränder  und  hölzerne  Siebe.

In  jeder  Ortschaft  werden  vorwiegend  bestimmte  Artikel  gefertigt;
so  in  Neuhausen  Hohlmaße;  in  Olbernhau  Federkasten  und  Längenmaß
  (Meterstäbe  und  Schmiegen);  in  Börnchen  Schippen,  Flachsbrechen,
  Wagen,  aber  auch  Trommeln  und  Geigen;  in  Waldkirchen
größere  Holzwaaren  und  Packkisten;  in  Lengefeld,  Marienberg,  Zöblitz
Packkisten  und  Holzschachteln,  Mulden,  Schaufeln,  Kuchenschieber,
Buchbinder=  und  Schusterspähne  u.  s.  w.;  in  Eppendorf  Puppenstuben=
  und  Kindermöbel;  in  Borstendorf  Baukästen  und  Glasharmonikas;
  in  Münschendorf  und  Zöblitz  Schweizerhäuser;  in  Grünhainichen
  und  Waldkirchen  Puppenstuben,  Theater,  Materialläden,
Puppenküchen,  Häuser  und  Kirchen;  in  Pobershau  gedrehte  Sachen;
in  Seiffen,  Heidelberg  2c.  gedrehte  Sachen,  Thiere,  Figuren,  überhaupt
Kinderspielzeug.

 

*)  Schumann,  Ortslexikon.  III.  610.  (1816.)
        <pb n="384" />
        —  376  —

Das  Gebiet  der  Spielwaaren-  und  Holzwaarenfabrikation  bildet
zwei  große  Gruppen,  eine  nördliche  mit  den  Hauptorten  Grünhainichen
und  Eppendorf  und  eine  südliche  mit  dem  Hauptorte  Olbernhau.
Zur  nördlichen  Gruppe  gehören  Leubsdorf,  Borstendorf,  Marbach,
Waldkirchen,  Börnichen,  Wünschendorf,  Lengefeld;  zur  südlichen
Marienberg,  Pobershau,  Zöblitz,  Ansprung,  Neu-Schönberg,  Rothenthal,
  Seiffenbach,  Seiffen,  Heidelberg,  Neuhausen,  Deutsch-Katharinen—
berg,  Deutsch-Neudorf,  Deutsch-Einsiedel  u.  s.  w.  Hierzu  muß  man
noch  die  böhmischen  Orte  Katharinaberg,  Gebirgs-Neudorf,  Böhmisch=Emsiedel
  rechnen.  Im  Ganzen  kann  man  die  von  der  Spielwaarenund
  Holzwaaren-Industrie  beschäftigten  Menschenkräfte  auf  50  000
veranschlagen,  da  in  derselben  schon  4  und  5jährige  Kinder  an  der
Arbeit  betheiligt  sind.

Obgleich  sich  die  Fabrikationszweige  in  vielen  Punkten  berühren
und  in  einander  übergehen,  so  läßt  sich  doch  im  Allgemeinen  nachstehende
  Uebersicht  des  ganzen,  überaus  reichhaltigen  Waarenverzeichnisses
  dieser  Industrieen  aufstellen.

An  eigentlichen  Haus=  und  Wirthschaftsgeräth  werden  Putz-,
Wichs-,  Sand-,  Messer-,  Kamm=  und  Nähkasten,  kleine  Schatullen
und  einige  Arten  kleiner  Laden,  Gewürzschränke,  Küchenrahmen,
Tücherhängen,  Löffel=  und  Quirlgestecke,  Mehl=  und  Rührlöffel,  Mehlschaufeln,
  Fleischhämmer,  Bratenleitern,  Salz=  und  Mehlfäßchen,  aber
auch  Garnwinden  und  Stiefelknechte  in  den  verschiedenartigsten  Ausstattungen
  gefertigt;  nächstdem  Federbüchsen,  Federkästen  (in  etwa
30  verschiedenen  Arten)  Lineale  (zehnerlei)  Nadelbüchsen,  Stopfpilze,
Cigarrenspitzen.

An  Geräthen  für  Kinder  macht  man  außer  Kindergartenmöbels,
Feldstühlen,  Turnapparaten  auch  Eimer,  Kübel,  Kannen,  Wannen,
Waschgeräthschaften,  Spaten,  Schaufeln,  Harken,  Handkörbe,  Schiebeböcke,
  Kastenkarren  (in  8  verschiedenen  Gattungen),  Wagen  (Bier-,
Fracht-,  Karren-,  Kasten-,  Leiter-,  Rüst-,  Post=  und  Sandwagen).
Ferner  Baukasten  (deutsche,  englische,  gothische,  amerikanische  2c.  in
33  verschiedenen  Arten),  Puppenstuben,  Schweizerhäuser,  Küchen,
Verkaufsläden  mit  mehr  oder  weniger  reicher  Ausstattung.

Vorzügliches  leistet  die  Industrie  von  Eppendorf  in  Puppenmöbeln
  von  der  einfachsten  bis  zur  besten,  theilweise  sehr  geschmackvollen
  Ausstattung.  In  verschiedenen  Größen  sind  da  Sopha,  Spiegel,
runde,  ovale  und  viereckige  Tische,  Stühle,  Lehnstühle,  Buffets,  Vertikows,
  Bettstellen,  Betttischchen,  Kleiderhänge,  Waschtische  u.  s.  w.
zusammengestellt,  aber  auch  Kücheneinrichtungen  mit  Schrank,  Gewürzstellage,
  Mehl=  und  Salzmeste,  Anrichte  und  Küchenstühlen.
        <pb n="385" />
        —  377  —

An  Kinderwaffen  werden  Säbel  in  Holz,  Blech  und  mit  Eisenklinge,
  Flinten  von  Holz  oder  Blech,  Hinterlader  und  mit  Knalleffect,
  Fahnen  in  allen  Größen,  Kanonen,  Armbrüste  und  Blasrohre
gefertigt;  an  Instrumenten  Pfeifen,  Flöten,  Trompeten  von  Holz
oder  Metall,  Mundharmonikas,  Accordeons,  Glas-  und  Stahlpianinos,
Metallophons,  Geigen,  Guitarren,  Harfen.

Zahllos  sind  die  verschiedenen  Spielwaaren  in  Schachteln  und
Kisten  (Schachtelwaare).  Thiere  aller  Art,  Esel,  Kühe,  Ochsen,  Pferde,
Schaafe,  Ziegen,  Schäfereien,  Thierweiden,  Geflügel,  Bauernhöfe,  Landgüter,
  Dörfer,  Städte,  Bergwerke,  Eisenbahnwagen,  Jagden,  Menagerieen,
  Militär,  Artillerie,  Infanterie  und  Cavallerie  auf  Scheeren,
Wachtparaden,  Lager  r2c.  Hausrath,  Küchen-,  Kaffee=  und  Eßgeschirr,
sowie  Möbels  aller  Gattungen  (Bettstellen,  Kommoden,  Fußbänke,
Glas-,  Kleider-,  Küchen=  und  Geschirrschränke,  Servanten,  Sopha,
Spiegel,  Stühle,  Tische,  Waschtische,  Wiegen  u.  s.  w.).  Arche  Noah
mit  Thieren.

An  Balgsachen  sind  zu  nennen:  Hund,  Kukuk,  Quitscher;  an
fahrenden  beweglichen  Gegenständen  Harlekin,  Hühner,  Reiter,  Tänzer,
Vögel  2c.,  ferner  Ziehmänner,  Kletteraffen,  Schwenkhähne,  Stehaufchen,
Steckenpferde,  Wiegepferde,  Pferdeställe  mit  Pferden,  Theater  mit
Figuren,  Klapperpuppen,  Kreisel,  Brummer  u.  s.  w.;  an  klingenden
Sachen:  Leiern,  Tänzer,  Trommler,  Thiere,  Jagden  2c.

An  Spielen  werden  gefertigt:  Kegel-,  Crokett-,  Boccia-,  Dame-,
Schach-,  Domino-,  Drehvogel--,  Glocke  und  Hammer-,  Lotto-,  Vogel-,
Ring-,  Thurm-,  Festungsspiel;  Abschießvögel  und  Abschießsterne.

An  Blechspielwaaren  macht  man  Küchen  und  Kochheerde  mit  oder
ohne  Ausstattung,  Küchengeschirre,  Eßgeschirre,  Töpfe,  Kannen,  Eimer,
Krüge,  Trommeln,  Trompeten,  Pfeifen  u.  s.  w.

Der  Absatz  dieser  Waaren  geht  nach  dem  ganzen  Deutschen
Reiche;  nach  der  Schweiz,  Belgien,  Holland,  England,  Italien  und
den  Vereinigten  Staaten.  Von  den  Absatzgebieten  sind  Rußland,
Frankreich,  Spanien,  Schweden  und  Norwegen  durch  die  hohen  Eingangszölle
  fast  ganz  verloren  gegangen.  Die  Ausfuhr  nach  England,
Amerika  und  Australien  findet  nur  bei  sehr  gedrückten  Preisen  statt;
Oestreich  ist  ganz  verschlossen  und  der  Absatz  nach  Frankreich  wird
mit  jedem  Jahre  immer  mehr  erschwert.  Der  deutsche  Markt  bleibt
das  wesentliche  Verbrauchsfeld  für  diese  Industrieen.

Für  die  Ausbildung  entsprechender  Arbeitskräfte  sorgen  die
Fachschulen,  welche  auf  Staats=  und  Gemeindekosten  Unterricht
im  Freihand=  und  Ornamentzeichnen,  im  Entwerfen,  Herstellen  und
Bemalen  von  Spielwaarenmustern,  im  Pappen  und  Schnitzen,  in
Tischler-,  Laubsäge=  und  Drechslerarbeit,  im  Rechnen  und  in  der
        <pb n="386" />
        —  378  —

Buchführung  ertheilen.  Jede  der  drei  Fachschulen  besteht  aus  einer
Vorschule  und  einer  Fachschule;  die  zu  Grünhainichen  zählte  im  letzten
Jahre  170,  die  zu  Olbernhau  90,  die  zu  Seiffen  50  Schüler.

Der  Besuch  der  verschiedenen  größeren  und  kleineren  Werkstätten
ist  außerordentlich  interessant.

Die  Dreher,  Schnitzer,  Papiermache-  und  Blecharbeiter,  die
Maler-,  Papp-,  Stroh=  und  Federarbeiter,  die  Tischler  und  Kastenmacher
  mit  ihren  verschiedenen  Vorarbeitern  und  Zuarbeitern,  Gehilfen,
  Lehrlingen  und  den  zahlreichen  Kinderhänden,  welche  zu  tausenderlei
  Hülfsarbeit  eingreifen,  geben  an  jedem  einzelnen  Arbeitsplatze
wie  in  ihrer  Gesammtheit  ein  treffliches  Bild  von  Fleiß,  Ausdauer,
Kraft  und  Zusammenwirken.

Der  größte,  wo  nicht  der  wichtigste  Theil  bei  der  Fabrikation
der  Massenartikel  fällt  dem  Dreher  zu.  Nachdem  das  Holz  vorgerichtet,
  geschält  und  getrocknet  ist,  wird  es  zerkleinert,  theils  abgedreht,
  theils  mit  der  Kreissäge  zerschnitten  und  nun  zur  richtigen
Form  gedrechselt.  Für  verschiedene  Artikel  werden  die  Hölzer  in
naturfeuchtem  Zustande  verarbeitet.  Einzelne  Gegenstände  werden  auf
der  Drehbank  marktfertig;  andere  kommen  erst  in  die  Hände  der
Schnitzer  und  Maler.  Besonders  gilt  dies  von  den  „Reifen“,  welchen
die  Spielwaarenindustrie  ihre  staunenswerthe  Billigkeit  und  Massenproduction
  verdankt.  Diese  Reifen  werden  nach  einer  bestimmten
Schablone  gedreht  und  dann  radial  in  eine  Anzahl  (50,  60,  70)  Theile
zerlegt,  von  denen  ein  jeder,  wenn  auch  nur  in  Umrissen,  eine  bestimmte
  Thiergestalt  hat.  Der  Schnitzer  und  der  Maler  machen  das
Thier  fertig,  indem  sie  die  Beine  ausschneiden,  Ohren,  Hörner,  Schwänze
ansetzen  und  Farbe  geben.  Häufig  besteht  das  Malen  nur  darin,  daß
man  das  Thier  in  flüssige  Farbe  taucht  und  trocknen  läßt,  nachher
ein  Paar  schwarze  Punkte  als  Augen  aufsetzt.  Zuweilen  gehen  die
Stücke  in  halbfertigem  Zustande  noch  in  dritte  und  vierte  Hand  über.

Die  Drehstellen  (Spindeln)  werden  entweder  durch  Menschen-,
Wasser--  oder  Dampfkraft  getrieben.  Fast  in  jedem  Hause  steht  eine
Drehspindel  mit  Fußbetrieb.  Die  mit  Wasserkraft  getriebenen  Drehwerke
  sind  von  verschiedenem  Umfange;  im  Durchschnitt  15  Spindeln.
Die  Drehstellen  werden  verpachtet;  bei  knappem  Wasser  nach  halben
und  viertel  Tagen,  ja  selbst  nach  Stunden.  Das  1867  in  Betrieb
gesetzte  Seiffener  Dampfdrehwerk  hat  150  Drehstellen,  von  denen  bis
zu  120  verpachtet  wurden.  Ein  Reifendreher  zahlt  bei  täglich  zwölfstündiger
  Arbeit  für  eine  Drehstelle  im  Dampfdrehwerk  100  bis
120  Mark  Pacht;  ein  gewöhnlicher  Dreher  36  bis  40  Mark.  Auf
den  Wasserwerken  wird  nur  die  Hälfte  dieses  Preises  bezahlt.

Der  Hausindustrie  tritt  in  neuerer  Zeit  die  Vereinigung  zahl-
        <pb n="387" />
        —  379  —

reicher  Arbeitsstellen  unter  einem  Dache  und  unter  einer  Leitung,  der
fabrikmäßige  Betrieb  der  Holzwaaren-  und  Spielwaarenanfertigung
mit  großem  Erfolge  durch  gleichmäßigere  und  bessere  Arbeit  gegenüber.
  Der  Fabrikant  kann  die  gewerbliche  Seite  der  Industrie  mehr
ins  Auge  fassen,  durch  Geschäftskenntniß,  Intelligenz,  Geschmack,  Waarenkunde
  und  Bekanntschaft  mit  den  Anforderungen  fremder  Märkte  dahin
  wirken,  durch  bessere  Formen  und  neue  Muster  die  Fabrikation
zu  heben  und  das  dauernde  Interesse  derselben  zu  wahren.

Vielfach  geschädigt  durch  gegenseitiges  Herunterdrücken  der  Preise,
durch  frühzeitiges  Selbständigmachen  junger,  kaum  ausgebildeter  Arbeitskräfte
  und  durch  die  Versuche,  unmittelbar  aus  den  Arbeiterkreisen
heraus  Verbindungen  mit  den  Ausfuhrhäusern  zu  gewinnen,  ist  es
in  manchen  Richtungen  zu  einer  thatsächlichen  Ueberproduction  und
Lieferung  unsolider  Waaren  gekommen,  welche  für  den  Bestand  der
ganzen  Spielwaarenindustrie  nur  nachtheiligen  Einfluß  haben  können.

Man  verarbeitet  Fichten-,  Tannen=  und  Buchenholz,  auch  Erle
und  Ulme.  Die  Anpflanzung  von  Ahorn  und  Esche  wären  sehr  erwünscht,
  denn  gegenwärtig  wird  das  für  feinere  Artikel  verwendete
Ahorn=  und  Eschenholz  zum  größten  Theile  aus  Böhmen  bezogen.

Das  Holz  wird  von  Holzhändlern  in  Auctionen  der  Staatsund
  Privatwaldungen  erstanden  und  nach  Klaftern  oder  Blöcken,  ja
selbst  nach  Scheiten  an  den  Arbeiter  verkauft.  Die  Preise  des  Holzes
sind  bedeutend  gestiegen.  Die  höchsten  Preise  werden  für  die  zur
Schachtelfabrikation  geeigneten  Fichten=  und  Tannenhölzer  gezahlt,  sobald
  diese  astrein,  gut  spaltend  und  nicht  verdreht  gewachsen  sind.
Das  Steigen  der  Holzpreise  wird  um  so  empfindlicher,  je  mehr  die
Holzparzellen  der  kleinen  Besitzer  verschwinden,  denn  diese  werden
nicht  wieder  angepflanzt.  Es  wäre  wünschenswerth,  daß  der  Staat
alle  über  600  m  hoch  liegenden  Kahlschläge  ankaufte  und  wieder
bewaldete.

In  neuester  Zeit  macht  man  auch  viele  Spielwaarenartikel  in
Blech,  welche  früher  nur  in  Holz  angefertigt  wurden.  Sie  sind  leicht,
haltbar  und  geschmackvoll,  zum  Export  ganz  vortrefflich  geeignet.

Der  Gesammtwerth  des  Holz=  und  Spielwaarengeschäfts  wird
auf  2¾  bis  3  Millionen  Mark  geschätzt.  Bei  dem  verhältnißmäßig
geringen  Werthe  des  Rohmaterials  sind  60,  65,  vielleicht  sogar  70
Procent  Arbeitslöhne  darin  enthalten.

In  der  neuesten  Zeit  sind  die  Arbeitslöhne  im  Ganzen  bessere,
wie  früher,  vor  Allem  natürlich  für  Arbeiter,  welche  gute  und  solide
Waare  liefern.  Gerade  in  der  Hausindustrie  ist  es  sehr  wahrscheinlich,
  daß  sie  vom  Fabrikbetriebe  überflügelt  wird,  wenn  sie  sich  der

Fortbildung  verschließt.  Fleiß  und  Intelligenz  der  Arbeiter  sind  maß-
        <pb n="388" />
        —  380  —

gebend.  Die  Hausindustrie  muß  mit  allen  möglichen  Mitteln  und
Anstrengungen  Das  zu  erhalten  suchen,  was  sie  bisher  an  Verdienst
und  Arbeit  gehabt  hat.  Der  Wochenlohn  eines  Spielwaarenarbeiters
mit  Frau  und  Kindern  (denn  jedes  Glied  der  Familie  muß  zur  Ver—
mehrung  des  Arbeitslohnes  beitragen)  ist  12,  15  und  bei  ganz  ge—
übten  und  intelligenten  Arbeitern  auch  18  und  selbst  20  Mark.  Ein
Mehr  bedingt  schon  erweiterte  Arbeitskräfte  durch  Gehülfen,  Hülfsmaschinen
  rc.  sowie  größere  Räume  und  stärkeres  Betriebskapital.  Ein
Hülfsarbeiter  erhält  je  nach  Alter  und  Tüchtigkeit  6  bis  12  Mark
Wochenlohn.

Die  Holzwaaren=  und  Spielwaarenfabrikation  hat  sich  innerhalb
der  letzten  Jahre  ziemlich  auf  gleicher  Höhe  erhalten.  Wenn  einzelne
Artikel  einmal  mehr  verlangt  wurden,  sind  andere  dafür  weniger  verlangt
  worden;  im  Allgemeinen  ist  aber  die  Herstellung  von  Holzund
  Blechspielwaaren,  wirthschaftlichen  Gebrauchsgegenständen,  Glasund
  Stahlpianos  sowie  gewöhnlichen  Holzwaaren  sich  gleich  geblieben
nuud  weder  ein  Aufschwung  noch  ein  Rückgang  zu  verzeichnen.

46.  Pockauthal.  Lauterstein.  Marienberg.

In  der  Thalweitung,  in  welcher  das  Dorf  Pockau  und  nordwestlich
  desselben  die  Eisenbahnstation  Pockau-Lengefeld  liegt,  mündet
die  Schwarze  Pockau  in  die  Flöha.  Dieselbe  entspringt  gleichzeitig
mit  dem  großen  Assigbache  aus  einem  Moor  am  Ostfuße  des  Haßberges.
  Beide  Bäche  gehen  eine  kurze  Strecke  nebeneinander  nordwärts,
  bis  der  Assigbach  nach  Osten  biegt,  während  die  Schwarze
Pockau,  oder  das  Schwarzwasser,  wie  sie  hier  genannt  wird,  in  mäßig
flacher,  von  nur  leichten  Abhängen  eingefaßter,  aber  von  zahlreichen
Moor=  und  Sumpfstrecken  besetzter  Niederung  in  nördlicher  Richtung
dahinfließt.  Kurz  unterhalb  Kühnheide  —  die  richtigere  Schreibweise
wäre  allerdings  Kienheide,  es  hieß  ursprünglich  „Dörfel  am  Walde“
—  tritt  die  Pockau  in  den  schärferen  Thaleinschnitt  und  wird  von
hier  bis  zur  Vereinigung  mit  der  Flöha  von  herrlicher  Landschaft
eingefaßt.

Die  rings  von  Wald  umgebenen  Orte  Kühnheide,  Reitzenhain
und  Satzung  werden  in  der  neuesten  Zeit  vielfach  als  Sommerfrischen
aufgesucht.  In  Reitzenhain  befindet  sich  ein  Kurhaus,  auf  böhmischer
Seite  das  Malzhaus  (Gasthaus).

Unmittelbar  an  den  untersten  Häusern  von  Kühnheide  wird  der
„grüne  Graben“  gefaßt  und  führt  längs  des  westlichen  Bachufers,
        <pb n="389" />
        —  381  —

bis  er  etwa  in  700  m  den  Höhenrücken  überschreitet,  um  bei  Pobershau
  seine  Wasserkraft  im  Bergwerksbetrieb  verwenden  zu  lassen.  Länger
ist  der  sogenannte  Zeuggraben,  welcher  oberhalb  der  Reißigmühle  bei
Reitzenhain  gefaßt  ist,  in  der  Erlhaide  die  Wasserscheide  überschreitet
und  nach  einem  Lauf  von  17  km  beim  alten  Kunsthaus  unterhalb
Marienberg  endet.  Er  wurde  vom  Bergmeister  Homilius  Mitte  des
16.  Jahrhunderts  angelegt.

Das  Thal  der  Schwarzen  Pockau  ist  von  der  neuen  Brücke
unterhalb  Kühnheide  bis  zur  Einmündung  in  das  Flöhathal  reich  an
köstlichen  Punkten.  Wandert  man  vom  Dorfe  Pockau  am  Wasser
aufwärts,  so  erfreut  an  jeder  Thalbiegung  ein  neues,  reizendes  Bild.
Bis  Rittersberg  führt  die  Eisenbahn.  Man  hat  zwar  bei  der  Eisenbahnfahrt
  Zeit,  die  Thalbildung  und  die  landschaftliche  Zusammenfügung
  derselben  zu  betrachten:  genußreicher  aber  ist  die  Fußwanderung,
  bei  welcher  man  eine  Zahl  von  Einzelheiten  entdeckt,  welche
bei  der  Eisenbahnfahrt  kaum  bemerkt  werden.  Vom  Bahnhofe  Pockau-Lengefeld
  bis  zum  Bahnhofe  Zöblitz  sind  7  km.

Besonders  interessant  ist  die  Landschaft  unter  dem  Hohen  Steine,
an  der  Einmündung  des  Lauterbaches;  sodann  unterhalb  der  Ruine
von  Nieder-Lauterstein  und  zunächst  des  Bahnhofes  Zöblitz  am  Ober-Lauterstein.


Steinbach,  Historie  2c.  von  Zöblitz,  sagt:  „Das  alte  ruinirte
Schloß  Lauterstein,  auf  einem  Felsen,  war  ehemals  drei  Geschoß  von
Stein  und  ein  Geschoß  von  Holz  hoch,  mit  Schindeln  gedeckt  und
hatte  viele  Gemächer,  Gebäude  und  große,  ausgedehnte  Keller,  sowie
auch  eine  Kapelle.“  Der  Hauptthurm  hatte  3  m  starke  Mauern.
Nach  einer  in  dieser  Chronik  befindlichen  Ansicht  bestand  dasselbe  aus
drei  Flügeln,  welche  einen  Hof  umgaben,  in  dessen  vorderer  Seite
der  runde  Hauptthurm  stand;  unterhalb  war  ein  niederer  Burghof
mit  einigen  Wirthschaftsgebäuden.  Nach  Schumann  war  die  Burg
„wahrscheinlich  im  11.  Jahrhundert  von  den  Burggrafen  von  Leisnig
gegründet“;  uns  erscheint  wahrscheinlicher,  daß  sie  erst  im  12.  Jahrhundert
  als  eine  Grenzburg  errichtet  wurde  und  Ende  des  15.  oder
Anfang  des  16.  Jahrhunderts  die  in  Steinbach's  Chronik  angegebene
Gestalt  erhalten  hat.  An  einer  anderen  Stelle  sagt  Schumann  (V,
436):  „Das  1315  erbaute  Schloß  Nieder-Lauterstein  wurde
1430  ebenfalls  von  den  Hussiten  zerstört,  aber  wieder  aufgebaut.“  Im
Jahre  1289  wurde  ein  Ritter  von  Berbisdorf  mit  Lauterstein  belehnt.
Die  Berbisdorfe,  deren  Reichthümer  durch  den  Bergbau  bedeutend
gewachsen  waren,  nahmen  die  ganze  Gegend  in  Besitz.  Als  1530
im  Schloß  Lauterstein  Feuer  ausgekommen  war,  wurde  der  neunzigjährige
  Georg  v.  Berbisdorf  in  Betten  zum  Fenster  herabgelassen
        <pb n="390" />
        —  382  —

und,  da  er  hierbei  hinabstürzte,  zerschmettert.  Der  letzte  Aufbau  des
Schlosses  hat  jedenfalls  nach  diesem  Brande  stattgefunden.  Kurfürst
August,  welcher  in  den  großen  Besitzungen  der  einzelnen  Familien
eine  Gefahr  für  das  Aufblühen  des  Landes,  besonders  aber  für  die
Entwickelung  seiner  eigenen  Macht  sah,  nöthigte  1560  die  Berbis—
dorfe,  ihre  ausgedehnten  Besitzungen  für  107784  Gulden  an  ihn
abzutreten.

Das  Schloß  Lauterstein  wurde  1639  von  drei  schwedischen
Reitern  angezündet  und  brannte  vollständig  nieder.

Eine  kurze  Strecke  oberhalb  des  Bahnhofes  Zöblitz,  wo  das
Rothe  Wasser  sich  mit  dem  Hüttenbache  vereinigt  in  die  schwarze
Pockau  ergießt,  liegt  das  Gasthaus  zur  „Kniebreche".  Das  breite
Auenthal  ist  auf  beiden  Seilen  von  80  bis  90  m  hohen  Abhängen
eingefaßt,  welche  auf  dem  rechten  Pockauufer  von  Felsenzacken,  Vorsprüngen
  und  Felsenwänden  gekrönt  sind.  Das  linke  Ufer  ist  stattlich
bewaldet.

Wenig  über  3  km  von  der  „Kniebreche“"  ist  das  letzte  Haus
der  im  Thale  verstreuten  Ortsgruppe  „im  hinteren  Grunde“,  eines
Theiles  von  Pobershau.  Hier  tritt  das  Thal  aus  der  nordwestlichen
Richtung  scharf  in  die  nördliche  ein.  Die  bis  zu  120  und  130  m
ansteigenden  Thalwände  rücken  enger  aneinander,  die  Felsenbildung
wird  grotesker,  die  schmale  Thalsohle  windet  sich  in  zahlreichen  kurzen
Biegungen  und  Drehungen  bis  zur  neuen  Brücke,  1  km  unterhalb
Kühnheide.

Den  Glanzpunkt  dieses  malerischen,  mit  Felsenwänden  und  Felsenzacken,
  steilen  grünen  Abhängen,  köstlichem  Walde,  Farrenkräutern,
Himbeer=  und  Brombeerstränchen  reich  ausgestutteten  Thalstückes  bildet
die  Partie  am  Katzensteine.  „Es  ist  eine  wilde,  romantische  Felsenschlucht,“
  sagt  Hering  in  seiner  Geschichte  des  sächsischen  Hochlandes,
„auf  der  nimmer  weichend  die  schwarzen  Schatten  ruhen,  welche  die
hohen  Felsen  mit  ihren  dichten  Fichten  niedersenken  Jetzt
beugt  der  Weg  sich  rechts  in  den  schauervollen  Grund,  und  plötzlich
wird  eine  schwindelnd  hohe,  ganz  glatte,  lang  hin  am  Bache  sich  breitende
Felswand  sichtbar,  welche  den  Namen  der  Ringmauer  führt,  auf  der
ein  hervorragendes  Felsenstück  der  Katzenstein  benannt  wird."“

Von  beiden  Seiten  des  Thales  ragen  hochanstrebende  Felsenklippen
  und  Wände  empor,  welche  auf  der  rechten  Seite  des  Baches
drei  große  Felsenriffe  bilden,  während  auf  dem  linken  Bachufer  eine
einwärts  gebogene,  steile,  60  bis  65  m  hohe  Wand  dem  größten
und  höchsten  der  drei  Riffe  gegenüberliegt.  Gegen  das  zweite,  kürzere
Riff  steht  ein  Felsenhorn  vor,  welches,  mit  einem  eisernen  Geländer
eingefaßt,  auch  dem  weniger  schwindelfreien  Wanderer  den  Besuch
        <pb n="391" />
        —  383  —

dieses  herrlichen  Punktes  gestattet.  Der  Katzenstein  liegt  ca.  60  m
über  der  Thalsohle;  zwei  Schutzhütten  bieten  Obdach  bei  Unwetter.
Die  dritte,  stromab  gelegene  Riffpartie  schließt  die  Einsicht  in  das
Thal  ab;  ein  Bild,  welches  durch  Wildheit  und  Großartigkeit
mächtig  wirkt.  «

Den  besten  Eindruck  der  ganzen  Scenerie  gewinnt  man,  wenn
man  im  Pockauthale  weiter  geht,  bis  ein  Weg  mit  der  Bezeichnung
„zum  Katzenstein“  in  mäßiger  Steigung  auf  der  linken  Thalwand
zur  Höhe  führt.  Dieser  Punkt  ist  von  der  Kniebreche  5  km  entfernt;
  der  Aufstieg  zum  Katzenstein  dauert  etwa  20  Minuten.  Von
hier  geht  man  entweder  nach  dem  grünen  Graben  zurück  und  an
diesem  nach  Pobershau  hinunter  und  im  Thale  des  Rothen  Wassers
nach  der  Kniebreche,  etwas  über  4  km,  oder  direct  den  Abhang
hinunter,  nach  den  Häusern  im  hinteren  Grunde  und  zur  Kniebreche,
etwa  3  km.

Dem  Katzenstein  gegenüber  liegen  auf  dem  Höhenrande,  unweit
des  niederen  Leitenweges,  die  Ruinen  der  Burg  Ober-Lauterstein,  jetzt
gewöhnlich  nur  „das  Raubschloß"  genannt.  „Von  drei  Seiten  tiefer
Abgrund,"  sagt  Hering,  „in  der  Mitte  zusammengefallenes,  zum  Theil
aber  noch  festes  Mauerwerk,  nach  dem  Walde  hin  ein  noch  sichtbarer
Graben.“  Die  Steinbach'sche  Historie  von  Zöblitz,  1750  erschienen,
schreibt:  „Es  mag  dem  Augenschein  nach  einen  starken  Thurm  und
doppelte  Mauern,  sowie  auch  zwei  starke  Gräben  gehabt  haben,  davon
man  noch  jetzo  auf  der  Nordseite  deutliche  Spuren  sieht"  ...  „unterirdische
  Gewölbe  und  selbst  Thüren=  und  Fensterreste  sind  noch  zu
erkennen.“  Schumann  sagt  (IV,  485  im  Jahre  1817):  „Der  Katzenstein
  thürmt  sich  jenseit  des  Schwarzwassers  dem  älteren  Schlosse
Lauterstein  gegenüber  auf,“  und  an  einer  anderen  Stelle  (V,  535):
„Lauterstein  wurde  auf  einem  Felsen  an  der  Pockau,  daher  ursprünglich
  der  Name  „aufm  Lauterstein“  an  Stelle  einer  kleinen,  älteren
Burg  1296  vom  Burggrafen  Albericus  von  Leißnig  erbaut.  Die
Burggrafen  von  Leißnig  verpfändeten  1300  die  Herrschaft  Lauterstein
an  die  Berbisdorfe  und  überließen  sie  1315  denselben  erblich.  Dabei
theilten  sie  die  Herrschaft  in  Ober=  und  Nieder-Lauterstein  und  erbauten
  das  zweite  Schloß  Lauterstein,  den  Nieder-Lauterstein.“

Die  Hussiten  kamen,  nach  Verwüstung  des  Schneeberger  Bergwerkes,
  nach  Lauterstein  und  machten  dieses  Schloß  der  Erde  gleich.

Der  Kampf  gegen  die  Hussiten,  dessen  Last  Kaiser  Sigismund
auf  Kurfürst  Friedrich  hauptsächlich  abgewälzt  hatte,  begann  nicht  glücklich.
  1425  erlitten  die  Meißner  unter  großen  Verlusten  eine  Niederlage,

  so  daß  „das  Geschrei  kam,  wie  die  Hussiten  willens  wären  ins
Meißner  Land  einzufallen.  Darüber  erhub  sich  ein  großer  Schrecken.
        <pb n="392" />
        —  384  —

Allenthalben  wurde  man  rege,  besserte  Thore  und  Mauern  aus,  baute
Schläge  und  Brustwehren“.  (Köhler,  Wolkensteiner  Chronik.)

Die  zweite  große  Niederlage  des  Kurfürsten  bei  Aussig  1426
vermehrte  die  allgemeinen  Besorgnisse,  und  nach  der  von  Kurfürst
Friedrich  aufgegebenen  Belagerung  von  Mieß,  wo  auf  dem  Rückzuge
an  zehntausend  Mann  erschlagen  worden  sein  sollen,  drangen  1429
die  Hussiten  über  das  Gebirge  in  das  Meißner  Land.  M.  C.  Lehmann
  berichtet,  die  Hussiten  seien  durch  den  Commotauer  Paß  und
den  Kriegwald  nach  Zöblitz  und  durch  den  Satzunger  Paß  und  den
Kriegwald  an  der  Preßnitz  gekommen.  Sie  haben  Lößnitz  angegriffen,
ob  aber  dieses  der  hussitischen  Tyrannei  sich  erwehrt,  habe  er  nicht
erfahren;  dagegen  seien  ringsum  die  Dörfer  verwüstet  worden.  Stadt
und  Kloster  Grünhain,  Klösterlein,  Aue,  Schwarzenberg  „am  Peler
Passe“,  sei  ganz  eingeäschert,  die  drei  Ellen  dicke  Stadtmauer  abgebrochen,
  Crotendorf  ganz  ausgeplündert,  Kraxdorf  zerstört  (als  Neudorf
  wieder  aufgebaut),  Zwönitz  verwüstet,  Burgstädtel,  Elterlein,
Schletta,  Sehma,  Cranzahl,  die  Waldhäuser  am  Bärensteine,  in  der
Annaberger  Gegend  einige  Dörfer,  von  der  Schmalzgrube  an  bis
Preßnitz  26  Hammerhütten  zerstört,  Flecken  und  Dörfer  ringsum  verwüstet,
  Alles  mit  Brand,  Zerstörung,  Raub  und  Mord  heimgesucht.
„Nur  Zschopau  und  Scharfenstein  haben  sie  nicht  viel  anhaben
können.“  ·

Die  Graupner  Chronik  schreibt:  „Am  24.  December  1428
überschritt  die  gesammte  hussitische  Macht  unter  Prokop  Holy  (oder
Raso)  über  Teplitz  und  Graupen  das  Gebirge,  zog  gegen  Dresden,
verheerte  Dippoldiswalde,  Frauenstein,  Pirna,  nachdem  sie  vorher
Graupen  zerstört  hatte,  und  zog  über  den  Paß  vom  Mückenthürmchen
und  den  Paß  vom  Geiersberg  den  ganzen  Winter  hindurch  mit  immer
neuen  Haufen  und  Schaaren  über  das  Gebirge  ins  Meißner  Land.
Viele  Städte  wurden  gebrandschatzt  und  mit  Feuer  und  Schwert  verwüstet.
  Bei  Gottleuba  bestand  eine  Schaar  tapfrer  Bürger  einen
harten  Kampf  gegen  die  Hussiten,  deren  Weg  mit  Raub,  Mord,  Brand
und  Zerstörung  bezeichnet  war.

Die  größeren  festen  Orte  wurden  von  diesen  Raubschaaren  weniger
belästigt.  So  schreibt  Moller  „wurde  auch  die  Stadt  (Freiberg)  bei
diesen  wie  bei  den  folgenden  Streifzügen  der  Hussiten  nie  ernstlich
angegriffen,  weil  sie  mit  Bedacht  die  festen  Städte  vermieden,  so  haben
doch  die  Bürger  dabei  viel  Schaden  gelitten,  theils  wegen  der  Kriegsfolgen
  und  der  Wachen,  theils  wegen  der  Verheerung  des  Landes  und
der  Unsicherheit  der  Straßen"“.  Tobias  Schmidt  ergänzt:  „Die
Hussiten  haben  etliche  Jahre  nacheinander  großen  Schaden  gethan.
1430  im  Januar  lagen  sie  vor  Zwickau,  ohne  der  Stadt  Was
        <pb n="393" />
        —  385  —

anhaben  zu  können;  brannten  die  Vorstädte  und  die  Moritzkirche  nieder,
plünderten  die  Umgegend  und  haben  viel  umliegende  Dorfschaften  verwüstet.“
  Die  wilden  Schaaren,  welche  man  auf  70  000  Mann  angiebt,
  durchzogen  das  Hügelland  an  der  Mulde,  brannten  Mittweida
vollständig  nieder  und  gingen  dann  durch  das  Oster=  und  Pleißnerland
  nach  dem  Vogtlande,  überall  sengend,  brennend,  plündernd,  zerstörend
  und  mordend,  so  daß  auf  lange  Jahre  hinaus  der  Wohlstand
der  heimgesuchten  Gegenden  vernichtet  war.

Die  alte  Kommotauer  Straße,  welche  jetzt  als  einfacher  Waldweg
der  Schneuse  9  ziemlich  parallel  läuft,  ist  vom  Forsthause  Kriegwald
bei  Rübenau,  unweit  dessen  auch  die  Ueberreste  einer  Schwedenschanze
noch  im  Walde  zu  erkennen  sind,  bis  zur  Hüttstadt  und  von  da  nach
Zöblitz  zu  verfolgen.  Wenig  über  fünf  Minuten  von  ihr  entfernt
liegen  die  Trümmer  der  alten  Burg.

Von  der  Kniebreche  nach  Kühnheide  längs  der  Pockau  sind  10  km,
vom  unteren  Ende  von  Kühnheide  nach  Reitzenhain  4  km,  von  Reitzenhain
  nach  Satzung  über  4  km.

Im  Norden  von  Satzung,  auf  flacher  Höhe  liegt  der  Hirtstein,
  ein  höchst  interessanter  Durchbruch  von  Basalt  durch  den  Gneis.
In  einem  Durchmesser  von  50  bis  60  m  lagern  sich  am  südwestlichen
  Theile  der  Kuppe,  theils  ziemlich  horizontal,  theils  15  bis
30  Grad  geneigt,  große,  prächtige  Basaltsäulen  strahlenförmig  und
schichtenweise  auf  und  hinter  einander  um  einen  kraterähnlichen  Mittelpunkt,
  welcher  vor  einigen  Jahren  noch  mit  größeren  Kugelbasalten
gekrönt  war.  Die  Absonderung  des  Basaltes  in  Säulen  von  außergewöhnlicher
  Länge  ist  sehr  regelmäßig  und  deren  strahlenförmige
Anordnung  bemerkenswerth.  Im  ganzen  Erzgebirge  ist  kein  zweites
Vorkommen  von  ähnlicher  Schönheit  nachzuweisen.  Einer  weiteren
Zerstörung  dieser  wunderbaren  Bildung  ist  vorgebeugt.

Die  Aussicht  vom  Hirtsteine  bietet  ringsum  Wald,  über  demselben
  nahezu  im  Süden  den  Haßberg,  westlich  desselben  den  Preßnitzer
  Spitzberg,  den  Keilberg,  im  Südwest  den  vorderen  Fichtelberg,
dann  den  Bärenstein,  im  West  den  Scheibenberger  Hügel,  sodann  den
Pöhlberg,  im  Nordwest  den  Greifenstein,  nahezu  im  Norden  Schloß
Augustusburg,  nahezu  im  Osten  den  Bärensteinberg.

Von  der  Kniebreche  nach  West  führt  der  Hüttengrund  in  etwa
einer  Stunde  nach  Marienberg.  6

„Es  ist  bekannt“,  sagt  Hering  in  der  Geschichte  des  Sächsischen
Hochlandes,  „daß  Marienberg  unter  allen  Bergstädten  am  ordentlichsten
  gebaut  ist“  ..  ...  „wie  groß  solche  im  Umkreise  gefaßt,  und
wie  die  Gassen  angelegt  werden  sollen,  hat  Ullrich  Rülein  von  Calbe

25
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        —  386  —

abgesteckt.“  Rivius“)  bemerkt:  „Als  man  Marienberg  zu  bauen  anfing,
  durften  nur  solche  hier  ihren  Wohnsitz  aufschlagen,  welche  von
ihrem  bisherigen  Wohnorte  ein  gutes  Leumundszeugniß  erhalten  hatten;
kein  Gesindel,  keine  Verbannte,  Verschuldete,  unruhige  Köpfe,  schlechte
Menschen  u.  s.  w.“  Er  sagt  ferner,  daß  die  Bürgerhäuser  geräumig
und  ziemlich  schön,  aber  mehr  zum  Nutzen  als  glänzend  und  prachtvoll
  gebaut  seien;  sehr  wenige  Häuser  hätten  Ziegeldächer,  die  große
Mehrzahl  Schindeln.  Das  Rathhaus  allerdings  sei  mit  ausgezeichneter
  Pracht  aufgebaut.  Er  nennt  zahlreiche  Röhrbrunnen  und  rühmt
die  Anmuth  der  Gärten,  welche  mit  Bäumen,  Kräutern  und  Blumen
herrlichen  Anblick  und  lieblichen  Duft  gewährten.  Ein  Berichterstatter
aus  Mitte  der  fünfziger  Jahre  schreibt:  „Da  liegt  die  Stadt  vor
uns  mit  ihrem  ansehnlichen  Kirchthurme,  wie  die  Gluckhenne  mit  den
Küchlein.  Wir  passiren  ein  altes,  enges  Thor  —  es  mahnt,  wie
die  stehengebliebenen  Reste  der  alten  Stadtmauer  an  die  Zeit  der
Hakenschützen.“  (Europa,  1855,  Nr.  50.)

Die  Stadt,  welche  1610  vollständig  abbrannte,  denn  von  556
Häusern  blieben  nur  7  stehen,  war  kaum  nothdürftig  wieder  aufgebaut,
  als  die  Drangsale  des  dreißigjährigen  Krieges  über  sie  hereinbrachen.
  Die  erste  Kirche  von  Marienberg  war  ein  um  1540  vollendetes
kleines,  hölzernes  Gebäude.  Dieses  wurde  1556  „weggeschraubt",
wie  eine  alte  Handschrift  sagt,  d.  h.  durch  Schrauben  auf  die  Seite
geschoben,  um  Platz  für  den  Bau  der  neuen  Kirche  zu  gewinnen.
Die  1564  eingeweihte  Kirche  brannte  1610  mit  nieder.  Die  gegenwärtig
  noch  stehende  Kirche  wurde  1616/17  nach  dem  Plane  von
Andreas  Klengel  gebaut.  Dieselbe  ist  50  m  lang,  25  m  breit,  gegen
20  m  hoch,  dreischiffig,  halb  gothisch,  halb  barock,  mit  reicher  Stuckatur
und  steinernen  Emporen.  Sie  wirkt  nach  Steche  „lichtvoll  und  feierlich",
  nach  Anderen  ist  sie  nüchtern  und  kalt.  Das  Altarbild,  die
Holzfiguren  am  Bergchor,  die  Vorhalle  und  die  Taufkapelle  sind  bemerkenswerth.


Von  1520  bis  1550  war  die  Ausbeute  auf  den  Hauptzechen
Fabian  Sebastian,  Reiche  St.  Barbara,  Kaiser  Heinrich,  Bauernzug,
Molchner  Zug,  St.  Elisabeth  eine  außerordentliche.  1540  erhielt  der
Rath  von  den  zwei  Stadtkuxen  6070  Gulden  Ausbeute,  und  die
Gesammtausbeute  der  Gruben  wurde  auf  270  384  Gulden  angegeben.
Bis  1578  betrug  die  vertheilte  Ausbeute  3⅛  Million  Guldengroschen.
Selbst  bis  in  das  erste  Drittel  des  17.  Jahrhunderts  hinein  blieb
sie  noch  sehr  bedeutend.

*)  Mariebergi  descriptio  per  Joannem  Rivium.  Lips.  Nikol.  Wohlrab.
  1541.  «
        <pb n="395" />
        —  387  —

Da  kam  der  dreißigjährige  Krieg  mit  seinen  Verheerungen.  1631
wurde  die  Stadt  vom  21.  August  an  zehn  Tage  lang  vollständig
ausgeplündert.  Die  Bürgerschaft  war  1640  von  500  Bürgern  auf
nicht  ganz  70  zusammengeschmolzen;  dessenungeachtet  mußte  sie  die  Beimetze
  liefern,  viele  Wildschäden  erleiden,  Defensioner  unterhalten  und
doppelte  Contributionen,  nach  Chemnitz  und  nach  Wildenfels,  zahlen.

Der  Marienberger  Bergbau  war  vollständig  zum  Erliegen  ge—
kommen.  Berggebäude,  Wasserleitungen,  Kunstgezeuge  waren  zerstört,
die  Gruben  ersoffen;  die  Schmelzhütten  entweder  von  den  Schweden
oder  von  den  Kaiserlichen  niedergebrannt,  die  Ortschaften  ringsum
ausgeplündert,  zerstört  und  entvölkert.  Trotzdem  auf  Marienberger
Revier,  mit  Ausnahme  von  Gold,  alle  Erze  gefunden  worden  waren,
besonders  der  „Silbermulm“,  ein  Gemenge  von  Silbererz,  Kobalt,
Kupfer,  Nickel,  Arsenik  und  Schwefelkies,  waren  die  Mittel  nicht  mehr
vorhanden,  die  Gruben  wieder  aufzunehmen.

Gegenwärtig  ist  nur  Vater  Abraham  Fundgrube  am  Stadtberge
bei  Marienberg  noch  im  Betrieb,  verlangt  aber  eine  Zubuße  von
25  000  Mark.

47.  Zöblitz.  Serpentindrechsler.

Oestlich  von  der  Kniebreche,  etwa  20  Minuten  entfernt,  liegt
das  Städtchen  Zöblitz,  mit  etwas  Spielwaarenindustrie,  hauptsächlich
  durch  seine  Serpentinsteinwaaren  bekannt.  Die  „Historie  des
von  dem  edlen  Serpentinstein  weitbekannten  Städtchen  Zöblitz  im
meißnischen  Oberertzgebürge“  von  W.  Steinbach,  Pastor  daselbst,  sagt:
„Es  ist  dieser  Serpentinstein  ums  Jahr  1546  von  Justo  Raben,
einem  in  Italien,  Schweiz  und  andern  weit  entfernten  Ländern  wohlgereisten
  bergwerksverständigen  alten  sechzigjährigen  Manne  entdeckt
worden.“

Der  Serpentin  (Ophit)  kommt  sowohl  in  krystallinischen  als  auch
körnigen,  blättrigen  und  fasrigen  Massen  zwischen  anderen  Gesteinsarten
  eingesprengt  vor.  Die  Hauptmasse  des  Serpentinfelsen  bildet
der  dunkelgrüne,  gefleckte  und  gestreifte  gemeine  Serpentin,  während
der  edle  Serpentin,  gelblich,  hellgrün,  seltener  dunkelgrün,  durchscheinend
  und  im  Bruche  glänzend,  zu  feineren  Ornamenten  und  Gefäßen
  verarbeitet  wird.  Der  Serpentin  ist  nicht  selten  mit  Glimmer
und  Asbest  durchzogen,  auch  findet  man  in  ihm  Granaten,  Strahlstein,
  Augit  und  andere  Mineralien.

Bei  Zöblitz,  Waldheim,  Lichtenstein  und  Siebenlehn  in  Sachsen,
bei  Epinal  in  Frankreich,  sowie  an  verschiedenen  Orten  Italiens  werden
Serpentine  gebrochen.

25
        <pb n="396" />
        —  388  —

Die  Serpentinsteindrechsler  von  Zöblitz  bildeten  bis  1861  eine
Innung  (zuletzt  40  Meister  mit  15  Gesellen  und  10  Lehrlingen).
Zu  welcher  Zeit  dieselbe  errichtet  wurde,  kann  nicht  mehr  nachgewiesen
werden.  Angeblich  hat  Michael  Boßler  gegen  Ende  des  16.  Jahrhunderts
  angefangen,  den  weichen,  frisch  aus  dem  Bruche  kommenden
Stein  auf  der  Drehbank  zu  bearbeiten.  Kurfürst  Johann  Georg  I.
bestätigte  1613  die  Artikel  der  erneuerten  Innung  mit  allen  Privilegien,
  denen  1713  noch  die  Befreiung  der  Serpentinsteindrechsler
vom  Militärdienste  zugefügt  wurde.  Im  Allgemeinen  hatte  es  aber
der  Innungszopf  nicht  verstanden,  sich  mit  der  Zeit  und  dem  veränderten
  Geschmacke  fortzubewegen.  Von  diesen  Drechslern  konnte
man  dies  aber  auch  nicht  erwarten,  und  so  blieben  wiederholte  Bemühungen
  der  Staatsregierung,  die  Meister  zu  Fortschritten  zu  bewegen,
  unverstanden  und  ohne  Erfolg.  „Die  Zöblitzer  zerklopfen
manchen  schönen  Stein,  weil  er  sich  nicht  drechseln  läßt,  aber  er  ließe
sich  schneiden  und  schleifen.  Der  Unternehmungsgeist  fehlte.“  (Europa,
1855,  Nr.  50).  Im  Ganzen  war  dies  auch  bei  den  geringen  Mitteln,
über  welche  der  Einzelne  verfügen  konnte,  bei  der  Vielköpfigkeit  der
Innung  und  bei  dem  beschränkten  Standpunkte  vieler  Einzelner  auch
nicht  anders  zu  erwarten.

Im  17.  Jahrhundert  schrieb  man  dem  Serpentinsteine  Heilkräfte
zu,  und  Meister  Bach  in  Zöblitz,  „den  innerlichen  Nutzen  und  Tugend
des  Steines  erkennend“,  machte  „ein  gar  herrliches  Pflaster  und
Pillen,  und  auch  eine  vortreffliche  Tinktur“  das  Pflaster  wider  Kopfschmerzen,
  Reißen  und  Gicht,  die  Pillen  wider  Schwachheit  des  Magens,
die  Tinktur  wider  „Gifft  und  allerlei  anfällige  Krankheiten“.

Man  fertigte  aus  dem  Serpentin  Leuchter,  Krüge,  Schaalen,
Mörser,  Becher,  Tintenfässer,  Schreibzeuge,  Schmuckkästen,  Dosen  u.  s.  w.;
in  früheren  Zeiten  auch  Pfeifenköpfe,  Thee=  und  Kaffeezeug,  Tassen,
flaut-doucen  (Dolzflöten,  flauto-dolce,  veraltete  Art  der  Querflöte  mit
7  Tonlöchern)  und  andere  Pfeifen  u.  s.  w.,  endlich  zu  allen  Zeiten
Handwärmer  und  Wärmsteine.  Die  Artikel  waren  im  Ganzen  geschmacklos.


Die  1862  errichtete  Actiengesellschaft,  welche  sämmtliche  Serpentinsteinbrüche
  an  sich  brachte,  führte  fürs  Erste  einen  rationellen
Abbau  der  Steine  ein.  Das  frühere,  eigentlich  nur  der  alten  Innung
mögliche  System  des  Raubbaues,  was  folgerecht  immer  nur  mit  dem
Ersaufen  des  Bruches  enden  konnte,  wurde  aufgegeben,  die  anstehenden
Bänke  in  ihrer  ganzen  Ausdehnung  freigelegt  und  nunmehr  Blöcke
bis  zu  100  Centnern  Gewicht  und  entsprechender  Länge  und  Breite
gewonnen.  Es  wurde  ein  Stollen  von  ca.  150  Lachter  (300  m)
Länge  getrieben,  die  Fabrik  durch  ein  Schienengleis  mit  dem  Bruuche
        <pb n="397" />
        —  389  —

verbunden  und  jeder  Block  in  bergfeuchtem  Zustande  zur  Bearbeitung
gebracht.  25  Drehwerke,  4  große,  7  kleinere  Sägewerke,  3  Schleifund
  Polirmühlen  waren  im  Gange,  gegen  130  Arbeiter  in  der  Fabrik,
gegen  20  Meister  durch  Hausarbeit  beschäftigt.

Der  geschmackvollen,  exakten  und  kunstgerechten  Ausführung  der
Artikel  wurde  große  Aufmerksamkeit  gewidmet;  die  Anfertigung  von
Bauornamenten,  z.  B.  Säulen,  Wandbekleidungen,  Balustraden,  Kaminsimse,
  Platten  für  Tische  und  Consolen  rc.,  sowie  feinerer  Artikel  der
Kleinindustrie,  z.  B.  Serpentintheile  für  Broncewaaren,  Lampen,
Ornamente  und  Figuren  wurde  mit  Erfolg  eingeführt,  und  den  Serpentinsteinartikeln
  durch  natürliche  Politur  anstatt  der  bisher  gebräuchlichen
  Wachspolitur  ein  gefälligeres  Ansehen  gegeben.

Im  Jahre  1870  ging  die  Serpentinsteinindustrie  an  eine  neue
Actiergesellschaft  über.  Auch  diese  hat  die  Fabrikation  nach  Möglichkeit
  zu  heben  gesucht,  und  das  Absatzgebiet  nach  Oesterreich,  Rußland,
der  Schweiz,  Dänemark,  Norwegen  und  Schweden  ausgedehnt.  Außer
den  schon  genannten  Artikeln  werden  architektonische  Dekorationen,
Simse,  Parkets,  Mosaikverzierungen,  Grabsteine  und  Monumente,  Vasen,
Urnen,  Sockel  für  Säulen,  Figuren,  Lampen  und  Leuchter,  Ziergefäße,
  Schaalen  mit  und  ohne  Broncedekorationen,  Telegraphentaster,
Schmucksachen,  Domino=  und  Würfelspiele,  sowie  Apothekerutensilien
aller  Art  gefertigt.

Aber  seit  1864  ist  der  Fabrikation  von  Wärnsteinen,  Handwärmern
  und  aller  einfachen  Massenartikel  eine  bedeutende  Concurrenz
dadurch  entstanden,  daß  man  dieselben  auch  anderwärts  anfertigt;  die
Herstellung  dieser  einfachen  Artikel  kann  aber  eine  in  der  Hauptsache
in  kunstgewerblicher  Richtung  vorwärts  schreitende  Industrie  nicht  entbehren,
  schon  um  den  älteren  Arbeitern,  deren  Fähigkeiten  den  Uebergang
  zu  neueren  und  schwierigeren  Artikeln  nicht  gestatten,  eine  gewisse
  Erwerbsfähigkeit  zu  erhalten.

Der  Waldheimer  Serpentin,  von  vorzüglicher  Qualität,  außerordentlich
  feinkörnig  und  gleichmäßig,  besonders  in  den  grünen  und
rothen  Varietäten  leicht  zu  bearbeiten,  bricht  in  starken,  oft  40  Fuß
mächtigen  Bänken,  aus  denen  große  Blöcke  mit  Leichtigkeit  zu  gewinnen
  sind,  so  daß  er  besonders  für  architektonische  Arbeiten  größeren
Umfanges  geeignet  erscheint.

In  der  Gegend  von  Kuhschnappel  bei  Lichtenstein  bricht  man  seit
einigen  Jahren  Broncitserpentinstein.  Auch  bei  Siebenlehn  und  an
mehreren  anderen  Orten  sind  bauwürdige  Serpentinsteinlager.

Zur  Verwendung  in  der  Baukunst,  zu  Säulen,  Fenster-  und
Thürstöcken,  Geländern  rc.  sowie  zum  Schmuck  ist  der  Zöblitzer  Serpentinstein
  infolge  seiner  Härte  und  Druckfestigkeit,  seiner  hervorragenden
        <pb n="398" />
        —  390  —

Bearbeitungsfähigkeit,  sowie  durch  seine,  durch  keine  Marmorart  zu
übertreffende  Schönheit  und  Politur  ganz  besonders  geeignet.

Die  Arbeiten  der  Zöblitzer  Serpentinindustrie  haben  auch  viele
Anerkennung  gefunden.

Die  Lage  der  Serpentinindustrie  ist  im  Ganzen  in  den  letzten
Jahren  ziemlich  unverändert  geblieben.  Wohlfeile  Massenartikel  sind
im  Ganzen  gesucht  gewesen;  in  den  feineren  Luxusgegenständen  hat
sich  der  Absatz  vermindert.  Die  Ausfuhr  nach  Oesterreich  hat  fast
ganz  aufgehört;  die  nach  Rußland  hat  sich  bedeutend  vermindert;  dagegen
  sind  Norwegen,  Schweden,  Nordamerika,  vor  Allem  aber
Deutschland  selbst  getreue  Abnehmer  für  die  Serpentinsteinindustrie
geblieben.

48.  Das  erzgebirgische  Waldgebiet.

Ein  ausgedehntes  Waldgebiet  erstreckt  sich  geschlossen  zu  beiden
Seiten  des  Pockauthales  von  der  Sehma  bis  zum  Wernsbache,  in
gerader  Linie  gegen  50  km  breit,  an  die  ausgedehnten  böhmischen
Forsten  auf  dem  Gebirgskamme  angelehnt,  so  daß  man  mit  Hinzurechnung
  dieser  den  Kamm  des  Erzgebirges,  einschließlich  des  Südabhanges,
  als  ein  Waldgebtet  von  gegen  40  Quadratmeilen  bezeichnen
kann.  Vom  Schneckensteine  bei  Hammerbrück  über  den  Plattenberg,
die  Wirbelsteine,  den  Haßberg,  Feuerröstberg,  Jagdschloß  Lichtenwald
bis  zum  Kahlen  Berge  bei  Altenberg  ist  die  Längenausdehnung  dieses
Waldgebietes  auf  110  km  anzunehmen;  seine  Breite  zwischen  Eibenstock
  und  Heinrichsgrün  in  Böhmen  22  km;  zwischen  Markersbach
bei  Scheibenberg  und  Lichtenstadt  in  Böhmen  24  km;  zwischen
Mildenau  bei  Annaberg  und  Boxgrün  bei  Warta  21  km;  zwischen
Schindelbach  bei  Marienberg  und  Preßnitz  15  km;  zwischen  Hüttstadt
bei  Zöblitz  und  Sebastiansberg  14  km;  zwischen  Olbernhau  und
Göttersdorf  bei  Görkau  12  km;  zwischen  Rechenberg  bei  Frauenstein
und  Oberleutersdorf  15  km;  zwischen  Schmiedeberg  bei  Dippoldiswalde
  und  Eichwald  bei  Teplitz  20  km.  Eine  oberflächliche  Schätzung
läßt  dieses  Waldgebiet  auf  2000  Quadratkilometer  (gegen  40  Quadratmeilen)
  veranschlagen.  Selbst  wenn  man  ein  Viertel  der  Fläche  für
Feld  und  Wiesen  ausscheidet,  bleiben  noch  über  1500  qkm  Waldfläche.

Außer  diesem  geschlossenen  Wald  des  Obergebirges  sind  aber
auch  gar  nicht  unbedeutende  Waldflächen  auf  dem  Abhange  des  Gebirges
  vorhanden.  Von  Ost  nach  West,  ohne  die  zahllosen  kleineren
Waldflächen  von  weniger  als  4  qkm  zu  zählen,  den  Hirschbacher  und
Reinhardsgrimmer  Wald  mit  gegen  8  qkm,  die  Dippoldiswalder
        <pb n="399" />
        —  391  —

Haide  mit  über  9,  die  Höckendorfer  und  Paulsdorfer  Haide  mit  4,
der  Tharandter  Wald  mit  nahezu  60  qkm;  der  Zellaer  Wald  mit
22,  der  Wald  bei  Mönchenfrei  mit  4,  die  Grune  bei  Dorsfchemnitz
mit  gegen  8;  der  Rossauer  Großwald  mit  fast  10,  der  Oederaner
Wald  mit  gegen  8;  der  Wald  zwischen  Augustusburg  und  Waldkirchen
mit  10,  der  Heinzenwald  und  Lengefelder  Wald  mit  mehr  als
34  qkm;  die  Struth  bei  Bernsdorf  mit  gegen  8,  der  Zeisigwald  mit
über  7;  der  Hohensteiner  und  Rabensteiner  Wald  mit  über  25;  der
Rümpfwald  mit  mehr  als  8;  der  Abt-,  Bürger=  und  Streitwald  bei
Stollberg  mit  gegen  33;  der  Hartensteiner  Wald  mit  über  15,  der
Wiesenburger  Wald  mit  fast  24,  und  der  Gotteswald,  Schatzensteinwald,
  Geyersche  Wald  und  Freiwald  mit  zusammen  über  60  qkm.

„Es  wachsen  in  diesem  Waldrevier",  sagt  die  Zschopauer  Chronik,
„Buchen,  Eichen,  Fichten  und  Tannen.“

Die  gemeine  Buche  (fagus  sylvatica),  ein  gerader,  hoher  Stamm
mit  weißgrauer  Rinde  und  festem,  schwerem,  weißlichem  oder  bräunlichem
  Holze,  gedeiht  auf  gutem  Boden  bis  zu  1300  m  Höhe,  wird
bis  zu  120  Jahre  alt,  gegen  35  m  hoch  und  über  1  m  stark.  Sie
wächst  besonders  gern  und  gut  in  lichten  Beständen.  Die  Hainbuche
(Weißbuche,  Hagebuche,  Hornbaum  —  carpinus  betulus)  auf  dem
ganzen  Gebirge,  mit  schwarzgrauer,  glatter  Rinde,  weißem,  sehr
festem,  schwerem  und  zähem  Holze,  langsam  wachsend,  25  bis  30  m
Höhe  und  bis  zu  1  m  Stärke  erreichend,  bis  zu  100  Jahre  alt
werdend,  besonders  zu  Drechsler=  und  Stellmacherarbeiten  geeignet.
Die  Eiche  (quercus)  und  zwar  die  Stieleiche,  wie  die  Steineiche,
kommt  auf  dem  Südabhange  des  Gebirges  in  größeren  Mengen  vor,
während  auf  dem  Nordabhange  sie  erst  in  den  niederen  Höhenlagen
und  vorwiegend  vereinzelt,  sehr  selten  in  geschlossenen  Beständen  gezogen
  wird.  Ahorn  (acer)  kommt  nur  wenig  vor,  zuweilen  mit
Buchen  gemischt,  obgleich  der  spitzblättrige  Ahorn  (acer  platanoides)
ein  ziemlich  hartes  Klima  verträgt  und  ein  schönes  festes  Holz  (zu
Drechslerarbeiten)  liefert.  Die  Birke  (betula),  besonders  die  Weißbirke
  (betula  alba)  mit  weißem  und  zähem  Holze  (Böttcher,  Wagner,
Muldenhauer,  Tischler  und  Stuhlbauer  schätzen  es)  ist  auf  dem
ganzen  Gebirge  zu  finden.

Den  Hauptbestand  der  erzgebirgischen  Waldungen  bilden  aber
die  Nadelhölzer,  vorwiegend  die  Fichte  (gemeine  Fichte,  Roth=  oder
Harztanne  —  HPinus  abies  —),  weniger  die  Tanne  (Edeltanne,
Weißtanne  —  pinus  picea  —),  in  noch  geringerem  Umfange  die
Lärche  (pinus  larix)  und  ziemlich  vereinzelt  die  Kiefer  (Föhre  —
binus  silvestris  —).  Die  Fichte,  mit  braunrother  Rinde,  kurzen,
nach  oben  und  den  Seiten  gerichteten  Nadeln,  weißem,  leichtem  und.
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        —  392  —

harzreichem  Holze,  schlank  gewachsenem  Stamme,  wird  im  80-  bis
90jährigen  Bestande  am  nutzbarsten.  Zu  ihren  Abarten  zählt  man
die  Schlangen-  oder  Zigeunerfichte.  Die  Tanne,  ebenfalls  mit  geraden,
schlanken,  1  bis  1½  m  starken,  35  bis  50  m  hohen  Stämmen,  grauweißlicher
  Rinde,  dunkelgrünen,  breitgedrückten,  kammförmigen  Nadeln,
giebt  im  100=  bis  120jährigen  Bestande  den  höchsten  Ertrag  an
weißem,  feinfaserigem,  gleichförmig  gefügtem  und  elastischem  Holze,
welches  als  Bau=  und  Nutzholz  allem  anderen  vorgezogen  wird.  Die
Königstanne  bei  Olbernhau  (abies  pectinata),  welche  man  auf  500  Jahre
alt  schätzt,  ragt  etwa  30  m  über  den  70jährigen  Buchenbestand  und
hat  1½⅛½  m  über  dem  Boden  2,1  m  Durchmesser;  ihre  Höhe  beträgt
47,4  m.  Auf  Moor=  und  Torfgrund  wächst  die  Zwergkiefer  (Krummholzkiefer,
  Sumpfkiefer  —  pinus  pumilio  —)  strauchartig,  als  verkümmerter
  Baum.  Die  Lärche,  ein  schöner,  schnellwüchsiger  Baum,
der  in  70  Jahren  25  bis  30  m  Höhe  erreicht  und  1:  bis  5/1  m
stark  wird,  giebt  ein  feinfaseriges,  zähes  und  festes,  rostgelbes  Holz,
das  zu  feineren  Holzarbeiten  gesucht  ist.  Die  büschelförmig  stehenden
Nadeln  fallen  im  Herbste  ab.

Auf  verschiedenen  Forstrevieren  sind  Anbauversuche  mit  der
Pechkiefer  (pitch-pine,  abies  excelsior),  mit  der  Douglastanne  (abies
Douglasü),  mit  der  Nordmannetanne  (abies  Nordmania),  mit  pinus
rigida,  sowie  mit  picea  sitchensis  (Sitchafichte)  u.  s.  w.  gemacht
worden.

An  Sträuchen  zählt  schon  Lehmann  Schleedorn,  Wachholder,
(Schwelken  —  viburnus  opulus),  Hollunder,  Attich,  Vogelbeere,
Arolsbeere  (Crataegus  torm),  Brombeere,  Himbeere  u.  s.  w.;  im
niederen  Gebirge  auch  Mehlfäustlein,  Hundsbeere  und  Schießbeere.

Das  waldreichste  Land  Deutschlands  ist  Bayern;  dort  rechnet
man  auf  1000  Einwohner  176  Hektar  Wald;  in  Preußen  und
Württemberg  97,  in  Elsaß-Lothringen  91,  in  Baden  57,  in  Sachsen  56.
Die  königl.  sächsischen  Staatswaldungen  umfaßten  1879  =  170  335  ha,
was  dem  angeführten  Verhältniß  entsprechen  würde,  wenn  man  die
Privatwaldungen  außer  Ansatz  läßt.  Nach  den  1879  angestellten
Ermittelungen  über  die  Bodenbenutzung  Sachsens  beträgt  der  Wald
aber  27,75  Procent  der  Gesammtfläche;  das  wären  75,43  Quadratmeilen
  (oder  424  394  ha).

Die  Verwaltung  der  sächsischen  Staatsforsten  ist  seit  langer
Zeit  eine  hervorragende.  Das  Wirthschaftssystem,  welches  auf  wissenschaftlicher
  Grundlage  den  Waldbau,  den  Forstschutz  und  die  Forstbenutzung
  mit  Hilfe  von  Botanik  und  Technologie,  Rechts=  und
Polizeiwissenschaft,  Wasser=  und  Wegebaukunde,  sowie  Jagdwissenschaft
zu  einer  Höhe  entwickelt  hat,  welche  Anderen  seit  einer  Reihe  von
        <pb n="401" />
        —  393  —

Jahren  zum  Vorbilde  dient,  bildet  in  dem  Organismus  des  Königreichs
  Sachsen  einen  bedeutungsreichen  Factor.

Die  von  Kurfürst  August  1560  erlassene  Holzordnung
und  die  an  dieselbe  in  Geist  und  Durchführung  sich  eng  anschließende
Forstordnung  von  1697  bezeichnen  den  Beginn  einer  geregelten
Wald=  und  Forstwirthschaft.  Fürs  Erste  wehrten  sie  allerdings  nur
dem  Mißbrauche  und  der  rücksichtslosen  Wirthschaft,  der  Mißachtung
des  Waldes,  welche  weit  eingerissen  war.  Die  Forste  wurden  gar
übel  behandelt,  Kurfürst  August  beschränkte  das  Aeschern,  d.  h.  das
Niederbrennen  von  Holz  und  Buschwerk,  um  mit  der  Asche  zu  düngen;
die  den  Dörfern  eingeräumten  Waldtriften  (Triften  im  Walde)  durften
nicht  vergrößert  werden;  die  Holzscheite  sollten  auf  den  Schlägen
nach  ordentlicher  Länge  geschnitten,  die  Schragen  und  Klaftern  nach
richtigem  Maß  in  Weite  und  Höhe  aufgestellt  werden.  —  Den  Köhlern
wurde  das  eigenmächtige  Holzschlagen  im  Walde  untersagt  und  das
Kohlenbrennen  nur  von  Mariä  Verkündigung  bis  Galli  (vom  25.  März
bis  16.  October)  gestattet.  Der  Kurfürst  bestimmte  ferner,  daß  der
Neubau  von  Häusern  nur  dann  erlaubt  werden  dürfe,  wenn  das
untere  Stock  (Parterre)  von  Steinen,  das  obere  Stock  aber  mit  verkleideten
  Wänden  und  die  Dachung  in  Stroh  ausgeführt  werde.  Auf
alle  Fälle  wurde  untersagt,  die  Wände  mit  hölzernen  Schroten  auszulegen
  und  die  Dächer  mit  Schindeln  zu  decken.

Da  die  Waldungen  und  Hölzer  durch  übermäßiges  Viehtreiben
großen  Schaden  gelitten  hatten,  wurde  es  gänzlich  verboten,  böhmisches
oder  fremdes  Vieh  in  Hutung  zu  nehmen.  Es  wurde  nur  gestattet,
daß  ein  ganzes  (Hufen-)  Gut  8,  ein  halbes  4,  ein  viertel  2,  ein
Häusler  1  Stück  Vieh  in  den  Wald  treiben  dürfe.  Ziegen  in  Wälder
und  Hölzer  zu  bringen  wurde  streng  untersagt.  Waldfeuer  und  Abbrennen
  von  Haidekraut.  war  nur  an  ganz  gefahrlosen  Orten  erlaubt.
Endlich  wurden  die  „Partierereien“  der  Forstbedienten  auf  das
Strengste  verboten.

Der  dreißigjährige  Krieg  mit  seinen,  besonders  seit  1635  über
ganz  Sachsen  sich  ergießenden  Drangsalen,  der  nordische  Krieg  mit
der  schwedischen  Occupation,  und  zuletzt  der  siebenjährige  Krieg,  hatten
einen  Nothstand  über  das  Erzgebirge  verbreitet,  welcher  erst  dem  nach
1763  beginnenden  neuen  Wirthschaftsleben  Sachsens  zu  weichen  begann.
  Ein  großer  Theil  der  Wälder  war  niedergeschlagen,  und  das
Stammholz,  um  nur  Geld  zu  machen,  auf  der  Elbe  nach  Hamburg
gesendet  worden.

Heinrich  Cotta,  1795  Förster  in  Zillbach  am  Thüringer  Walde,
errichtete  eine  Forstlehranstalt,  welche  1810  bei  seinem  Uebertritt  in
den  königlich  sächsischen  Dienst  nach  Tharandt  übersiedelte  und  seit
        <pb n="402" />
        —  394  —

1816  als  königliche  Forstakademie  unter  seiner  Leitung  stand.  Cotta's
Schriften  und  Vorträge  begründeten  die  Forstwissenschaft  der  Gegenwart.

Die  Wirthschaftssysteme,  welche  bei  der  Forstcultur  in  Anwendung
kommen,  sind  zum  Theil  durch  die  Standortsverhältnisse,  also  Klima,
Lage  und  Bodenbeschaffenheit,  zum  Theil  durch  die  mehr  oder  weniger
günstige  Verwerthung  der  Waldproducte,  zum  Theil  durch  die  vorherrschenden
  Holzarten  und  endlich  durch  das  Alter,  welches  die
einzelnen  Waldbestände  erreichen  sollen,  bedingt.

Auf  dem  Erzgebirge  ist,  mit  Ausnahme  einiger  ganz  kleinen
Flächen,  ausschließlich  der  Hochwaldbetrieb  eingeführt.  Die  rationelle
Forstwirthschaft  verlangt  die  Bewirthschaftung  großer  Complexe;  nur
der  Großgrundbesitzer  und  der  Staat  können  sie  durchführen.  Für
den  Kleingrundbesitzer  ist  es  überhaupt  nicht  möglich,  eine  rationelle
Forstwirthschaft  zu  betreiben;  die  Flächen  sind  zu  klein.  Bei  40jährigem
Umtriebe  würden  Waldflächen  von  4000  ha,  bei  80jährigem  von
8000  ba  die  Einheit  bilden  müssen,  um  mit  dem  geringsten  Regie—
aufwande  wirthschaften  zu  können.  Das  bedingt  für  alle  Districte,
wo  keine  so  großen  geschlossenen  Waldflächen  vorhanden  sind,  die
Nothwendigkeit,  eine  gewisse  Anzahl  kleinerer  Parzellen  zu  einer  großen
wirthschaftlichen  Einheit  zu  verbinden.

Bei  der  sächsischen  Staatsforstverwaltung  betrug  der  Reinertrag
pro  Hektar  1856  bis  1860  nur  22,50  Mark  für  den  Hektar,  stieg
1861  bis  1865  auf  30,16  Mark,  1871  bis  1875  sogar  auf
45,88  Mark.  Im  Jahre  1884  war  er  44,68  Mark.  Die  Gesammtfläche
  der  Staatsforsten  war  171  494  ha  im  Werthe  von
296¼  Millionen  Mark.  Im  Jahre  1887  betrug  die  Fläche  der
Staatsforsten  173981  ha;  der  Werth  derselben  300/  Millionen
Mark;  der  Reinertrag  pro  Hektar  42,21  Mark.

Von  den  herkömmlichen  Waldrechten  wird  die  Holznutzung  in
erster,  die  Jagdgerechtigkeit  in  zweiter  Stelle  ausgeübt;  die  Streunutzung
  ist  sehr  beschränkt,  ebenso  die  Grasnutzung.  Das  Harzreißen
findet  nur  noch  in  einem  kleinen  Districte  statt,  und  wird  auch  dort
aufhören,  wenn  die  angerissenen  Bestände  einmal  geschlagen  sind.
Einzelne  Großgrundbesitzer  haben  infolge  von  stattgefundenen  Unzukömmlichkeiten
  (Feueranmachen,  Culturenschädigen,  Wildhetzen  u.  s.  w.)
ihre  Reviere  unter  Forstbann  gelegt,  d.  h.  das  Betreten  derselben  für
alle  Fälle,  und  besonders  auch  für  Holzlesen,  Beeren=  und  Pilzesuchen
  u.  s.  w.,  untersagt.

Holzlesen,  Beeren=  und  Pilzesuchen  ist  aber  ein  bedeutender
Nebenerwerb  der  Bewohner  der  Waldregion  und  schädigt  die  Forstwirthschaft
  eigentlich  nur  dann,  wenn  Mißbräuche  überhand  nehmen.
Durch  Beschränkung  dieser  Waldbesuche  auf  gewisse  Tage  und  Reviere,
        <pb n="403" />
        —  395  —

durch  Beaufsichtigung  und  durch  Ausgabe  von  Lesescheinen  lassen  sich  die
Nachtheile,  welche  dieselben  immer  im  Gefolge  haben,  wesentlich  verringern.

Die  Heidelbeere  (vaccinium  myrtillus)  und  die  Preißelsbeere
(vaccinium  vitis  idaea),  kleine  strauchartige  Gewächse  in  schattigen
Waldungen,  ½  bis  2  Fuß  Höhe  erreichend,  die  erstere  im  Juli,  die
letztere  im  Herbst  reifend,  die  erstere  mit  schwarzen,  blau  bereiften,
die  letztere  mit  scharlachrothen  Beeren,  sowie  die  in  den  Torfmooren
vorkommende  Moosbeere  (Oxycocos  palustris)  und  die  Sumpbheidelbeere
  oder  Trunkelbeere  (vaccinium  uliginosum),  mit  auffallend  großen,
schwarzen,  zusammenziehend  schmeckenden  Beeren,  werden  in  ganz
bedeutenden  Mengen  gesammelt.  Die  Heidelbeeren  verbraucht  man
roh,  eingesotten,  getrocknet,  auch  zum  Färben  von  Weinen;  die  Preißelsbeeren
  werden  nur  eingesotten.  Lehmann  erwähnt  auch  schon  die
Erdbeere,  und  zwar  die  kleine  und  die  große  oder  den  Preßling
(fragaria  collina.)  Eine  gute  Beerenernte  ist  für  die  Bewohner  des
oberen  Gebirges  ein  bedeutender  Erwerbszweig,  an  dem  Erwachsene
und  Kinder  aller  Jahrgänge,  bis  zum  vierjährigen  herab,  Theil  nehmen
können.  Mit  dem  Beerenkamme,  einem  kastenähnlichen  Gefäß  mit
einem  Kamme  von  Holz,  werden  die  Beeren  gesammelt  und  in  großen
Massen  an  die  Händler  verkauft.

Aber  auch  die  Himbeere  (rubus  idaeus)  und  die  Brombeere
(rubus  silvaticus  etc.)  mit  ihren  zahlreichen  Arten,  in  Wäldern  und
Vorhölzern,  an  Waldgrenzen  und  Rändern,  auf  Steinhaufen  und
Felsengeröll,  Blößen,  Schlägen,  Wegen  u.  s.  w.  wild  wachsend  und
sich  weit  ausbreitend,  die  erstere  mit  ihren  rothen,  die  letztere  mit
ihren  schwarz  glänzenden  Beeren,  die  Himbeere  im  Spätsommer,  die
Brombeere  im  Herbst  reifend,  werden  in  großen  Mengen  gesammelt.
Sie  werden  roh  oder  gekocht  gegessen,  vorwiegend  aber  eingesotten
und  als  Fruchtsäfte  2c.  in  den  Handel  gebracht.  Gräser  in  Wolkenstein,
  C.  Schneider  in  Olbernhau  u.  A.  versenden  gepreßte  und  gesottene
  Fruchtsäfte.

Die  Pflanzenfamilie  der  Pilze  (kungi),  unter  denen  die  Rothhäuptchen,
  Lipperitzen,  Steinpilze,  Brätlinge,  Reizker,  Morcheln  die
bekanntesten  in  der  Waldregion  sind,  wird  bei  Weitem  noch  nicht
hinreichend  gewürdigt.  An  genießlichen  Schwämmen  zählt  Lehmann
Morcheln,  Peißlinge,  Brätlinge,  Täublinge,  gelbe  Schwämme,  Stockschwämme
  und  Ziegenbart  (Hasenöhrlein)  auf.  Alle  Pilze  sind  reich
an  Stickstoff  und  daher  für  die  Ernährung  sehr  werthvoll.  Man  ißt
sie  frisch  wie  getrocknet,  gekocht  oder  gebraten  u.  s.  w.  Mit  dem
Sammeln  und  Trocknen  der  Pilze  würden  viele  Familien  sich  einen
bedeutenden  Nebenerwerb  sichern,  da  auch  hier  Kinder  mit  Nutzen
verwendet  werden  können.
        <pb n="404" />
        —  396  —

Die  Waldwirthschaft  auf  dem  Erzgebirge  besteht,  wie  schon  ge—
sagt,  fast  ausschließlich  im  Hochwaldbetriebe.  Die  Umtriebszeiten  sind
vorwiegend  lange;  60-,  75-,  80jährig,  an  einzelnen  Stellen  100jährig.
Die  langen  Umtriebszeiten  liefern  größere  und  werthvollere  Massen
von  Nutzholz;  aber  der  Privatmann  ist  nicht  immer  im  Stande,  mit
der  geringeren  Capitalverzinsung  fürlieb  zu  nehmen,  und  kürzt  die
Umtriebszeit  so  weit  wie  möglich,  um  die  Capitalrente  zu  steigern.
Die  Holzschleifereien  verwenden  selbst  30=  und  40jähriges  Holz;  die
Sägewerke  und  Bretmühlen  mit  höherem  Nutzen  60=  bis  80jähriges.

Das  Interesse  des  Staates  tritt  bei  der  Erhaltung,  wie  bei  der
Bewirthschaftung  der  Wälder  dem  Interesse  des  Privatbesitzers  gegenüber.
  Der  Privatbesitzer  braucht  die  höchste  Rente;  der  Staat  die
längste,  ausdauernde  Wirthschaftskraft.  Dem  Staate  ist  der  Wald
nicht  bloß  der  Erzeuger  des  Holzes,  sondern  auch  der  Erhalter
klimatischer  Zustände,  aushaltender  Wasserkräfte,  gleichmäßigen  Arbeitsgebietes
  für  große  Menschenmengen  u.  s.  w.  Der  Staat  muß  bei
seinen  Forstinstitutionen  mit  Jahrhunderten  rechnen;  der  Privatbesitzer
wird  meist  nur  nach  Jahrzehnten  denken  können.

Die  rationelle  Forstcultur  ist  ein  zu  bedeutsamer  Factor  für
das  öffentliche  Wohl,  als  daß  nicht  schon  durch  sie  allein  die  Forderung
bedingt  würde,  den  Wald  in  der  Hand  des  Staates,  oder  in  der
Hand  gefestigten  Grundbesitzes  auf  Jahrhunderte  hinaus  in  seinem
Bestande  gesichert  zu  sehen.  Die  allgemeine  Fruchtbarkeit  des  Landes,
die  Gleichmäßigkeit  der  Niederschläge  und  infolge  dessen  die  Verhütung
außergewöhnlicher  Wasserzusammenflüsse  in  der  Niederung,  die  Regelmäßigkeit
  der  klimatischen  Verhältnisse  u.  s.  w.  werden  zum  großen
Theile  durch  die  pflegliche  Behandlung  der  Wälder  bedingt.

Die  Abholzung  größerer  Flächen  kann  wohl  für  kurze  Zeit  dem
Besitzer  eine  höhere  Rente  schaffen;  aber  schon  nach  wenigen  Jahren
wird  derselbe  die  Nachtheile  der  Entwaldung  zu  tragen  haben,  besonders
  dann,  wenn  höher  gelegene  Strecken  kahl  geschlagen  wurden.
Die  tiefer  gelegenen  Gegenden  aber  haben,  selbst  auf  große  Entfernungen
  hinaus,  die  nachtheiligen  Folgen  der  vollendeten  Thatsache
zu  tragen,  ohne  irgend  welche  Mittel  und  Wege  finden  zu  können,
sich  gegen  diese  zu  schützen.

Auch  der  rücksichtslosen  Entwässerung  der  Hochmoore,  wie  sie
eine  Zeit  lang  im  Gange  war,  muß  entschieden  entgegengetreten  werden.
Die  Ansicht,  man  werde  den  Moorgründen  eine  bessere  Holznutzung
abgewinnen,  hat  sich  nicht  bestätigt,  die  Trockenlegung  der  Moore
aber  zahllose  andere  Nachtheile  im  Gefolge  gehabt.  Nächst  diesem
ist  die  Erhaltung  und  Anlage,  beziehentlich  Wiederanlage  von  Teichen,
sowohl  im  Waldgebiete,  wie  außerhalb  desselben,  in  den  Thalsenkungen
        <pb n="405" />
        —  397  —

des  oberen  und  mittleren  Erzgebirges  dringend  geboten.  Zu  tausenden
kann  man  wohl  sagen,  sind  solche  Teiche  trocken  gelegt  worden;  ein
großer  Theil  ist  zu  Wiese,  ein  anderer  zu  Feld  gemacht  worden;
einem  zweifelhaften  Nutzen  zu  Liebe  hat  man  den  unzweifelhaften
geopfert,  welchen  diese  Teiche  als  Sammelbecken,  als  Fischbehälter,
wie  für  Bewässerung,  für  trockene  Jahreszeit  und  Feuchtigkeitsregulatoren
für  ihre  ganze  Umgebung  besaßen.

Der  Plänterbetrieb  (Fehmelwirthschaft),  welcher  in  früheren
Zeiten  die  vorwiegende  Betriebsform  der  erzgebirgischen  Waldwirthschaft
  bildete,  hat  in  neuester  Zeit  wieder  Fürsprecher  gefunden.  Man
schlug  nach  Bedarf  einzelne  Bäume  innerhalb  der  Bestände,  und  obgleich
  diese  Art  des  Betriebes  die  Controle  der  Wirthschaft  erschwert
unnd  ein  stärkeres  Forstpersonal  verlangt,  so  ist  der  Lichtungszuwachs
sehr  beachtenswerth  und  das  freier  erwachsene  Holz  von  größerer
Dauer  als  das  im  Schluß  erzogene.  Vor  Allem  bleibt  die  Bodenkraft
  und  Bodenfrische  in  höherem  Grade  erhalten.  Besonders  in
den  oberen  Gebirgslagen  ist  die  Aufforstung  großer  Kahlschlagflächen
mit  großen  Schwierigkeiten  verbunden,  so  daß  man  hier  den  Plänterbetrieb
  vorziehen  wird.  Man  hat  aber  auch  versucht  durch  sogenannte
Kulissenschläge  von  nur  etwa  30  m  Breite  den  Neuculturen  den  erforderlichen
  Schutz  gegen  Wind,  Sonne  und  Ungeziefer  zu  geben.

Die  systematische  Anlage  von  Waldwegen,  Flügelwegen  und
Schneusen,  welche  der  forstwirthschaftlichen  Eintheilung  größerer  Waldgebiete
  als  mathematische  Unterlage  auf  dem  Terrain  dient,  bildet  in
der  Regel  das  äußere  Merkmal  des  Hochwaldbetriebes.  Von  den
ältesten,  nun  schlagbaren  Beständen,  mit  ihren  weit  aufragenden,
starken  Stämmen,  stufenweise  bis  zu  den  jüngsten  Jahrgängen,  deren
zarte  Wipfelspitzen  kaum  über  die  hohen  und  steifen  Rispen=  und
Schwingelgräser  emporragen,  sind  alle  Altersclassen  und  Jahrgänge
vertreten  besonders  schön  in  den  jungen  dichten  Beständen
der  15=  bis  20jährigen  Nadelhölzer,  und  dann  in  den  30=  bis
40jährigen,  sowie  wiederum  in  den  reinen  Hochwaldbeständen  von  60,
70  und  80  Jahren  mit  ihrem  Untergrunde  von  Heidel=  und  Preißelsbeeren,
  von  fächer=  und  wedelförmigen  Farrenkräutern  und  den  verschieden
  gefärbten,  mannigfaltig  blühenden  zahlreichen  Moosen.

Ein  bedeutender  Wildstand  belebt  diese  Wälder:  Wildschweine
(jedoch  nur  in  den  meilenweit  ausgedehnten  Thiergärten  auf  dem
Südabhange  des  Gebirges),  Hirsche,  Rehe,  Füchse  u.  s.  w.  Das
Ergebniß  der  Jagden  ist  immer  noch  ein  bedeutendes,  wenngleich
verschwindend  gegen  die  Jagdbeute  zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts.
Die  Jagdverzeichnisse  von  1611  bis  1653  ergeben  113  629  Stück
Wild,  welche  auf  den  Jagden  des  Kurfürsten  Johann  Georg  I.  erlegt
        <pb n="406" />
        —  398  —

wurden,  darunter  28  000  Wildschweine,  208  Bären,  3543  Wölfe,
200  Luchse,  18  957  Füchse  u.  s.  w.  Auf  der  Marienberger  Jagd
1628  brachte  man  403  und  auf  der  Grumbacher  Jagd  570  Stück
Rothwild  auf  die  Strecke.  Die  Steinbach'sche  Chronik  von  Zöblitz
besagt:  „Churfürst  Johann  Georg  IJ.  bejagte  anno  1624  im  Julio
und  Augusto  alle  Wälder  um  St.  Marienberg,  an  der  Grenze  und
unter  Zöblitz  und  schoß  oft  60,  70  bis  100  Stück.  Auf  denen  Lautersteinischen
  Wäldern  jagte  er  286  Stück,  darunter  73  Hirsche  waren,
wovon  der  schwerste,  ein  Vierzehnender,  5⅛½  Centner  wog;  im
September  desselben  Jahres  schoß  er  226  Stück.“

Schon  Kurfürst  August  war  ein  großer  Waidmann  gewesen;  er
jagte  wiederholt  im  Obergebirge  und  ließ  dazu  sogar  „ein  Sommerstüblein“
  von  Holz  zum  Auseinandernehmen  und  Zusammensetzen
bauen,  das  er  mitnahm.  1574  wurde  noch  ein  Hauptbär  im  Lautersteiner
  Forst  gefangen.  Es  gab  Bären=  und  Wolfsgärten  zum  Fange;
Saugärten  bei  Annaberg,  Sayda  und  Tharandt  zur  Pflege  dieser
Wildgattung.)

Auch  das  Vogelwaidwerk  ward  gepflegt  und  transportable
Vogelheerde  und  Vogelhütten  dienten  dem  Fange  von  Federwild
(Schnepfen,  Haselhühner,  Rebhühner,  Krammetsvögel  n.  s.  w.).

49.  Der  dreißigjährige  Rrieg  im  Erzgebirge.

Bis  zum  Jahre  1629  hatte  man  im  Erzgebirge  von  dem
großen  Kriege  in  den  deutschen  Landen  nur  wenig  bemerkt.  Einige
Durchmärsche  der  Kaiserlichen  über  das  Gebirge  brachten  nur  vorübergehende
  Unzuträglichkeiten.  Die  entscheidende  Wendung  in  der
Politik  des  Kurfürsten  Johann  Georg  I.  brachte  das  Jahr  1631.
Truppen  wurden  geworben;  die  Erzgebirgspässe  besetzt;  aber  erst
1632  wurde  das  Gebirge  wirklich  der  Schauplatz  des  Krieges  und
seiner  Drangsale.  Lehmann  sagt  in  Bezug  hierauf:  „Das  gute
Gebirg  mußte  alle  Partheien  von  Freund  und  Feind  erdulden,
sie  speisen,  auslösen,  fördern  und  hausen  lassen.““)

Von  Eger  kommend,  drang  1632,  Mitte  August,  der  General

*)  Die  Jagden  des  Kurfürst  August  im  Erzgebirge.  Glückauf  (Zeitschr.)
1887.  S.  89  ff.

**)  Der  Vernichtungszug  des  Kaiserlichen  Feldherrn  Holcke  durch  das
sächsische  Erzgebirge.  Von  A.  Textor.  Zwickau,  Höfer.  1829.
Ueber  M.  Christ.  Lehmanns  Kriegschronik.  (Handschrift  der  Königl.
öffentl.  Bibl.  zu  Dresden.)  Von  Dr.  Johannes  Poeschel.  (Jahresbericht  der
Fürstenschule  zu  Grimma.)  1889.
        <pb n="407" />
        —  399  —

Holcke  mit  seinen  Schaaren  über  Ellbogen,  Neudeck  nach  Eibenstock
und  von  da  gegen  Schneeberg  vor.  Gar  übel  haben  die  Kroaten
überall  gehaust.  Schwarzenberg,  Schneeberg,  Lößnitz,  Grünhain,
Elterlein,  Geyer  wurden  geplündert  und  niedergebrannt.  Am  15.  August
stand  Holcke  vor  Zwickau,  welches  nach  vergeblicher  Aufforderung  mit
7  über  Nacht  aufgepflanzten  schweren  Geschützen  beschossen  und  dann
mit  „Akkord“  besetzt  wurde.  Während  dieses  Angriffes  war  „ein
Regiment  Crobaten“  auf  Chemnitz,  Oederan,  Freiberg  bis  gegen
Dresden  gegangen.  Oederan  wurde  niedergebrannt,  Augustusburg
geplündert,  Annaberg  angegriffen  und  dessen  Umgebung  verwüstet  und
ausgeraubt.  „Werden  uf  dem  Lande  hin  und  wider  schreckliche
Zeitungen  gehört  von  Tyranney,  Morden,  Plündern  und  Brennen.
Das  liebe  Getraide  wird  schrecklich  zertreten,  viel  hundert  Stück  geraubt
  Vieh  von  den  Markadännern  theuer  verkauft,  Brot  und  Bier
durch  dieselben  abgeführt,  dadurch  Hunger,  Brotmangel,  Zagen  und  Wehklagen
  bei  männiglich  verursacht  worden.“  (Chronicon  Annabergense).
Scharfenstein  wurde  verheert,  die  Scheibenberger  und  Königswalder
Kirche  angezündet  „und  Waß  die  benachbarten  Städte  Kriegspressuren
außgestanden,  solches  berichten  die  Chroniken."“

Das  in  Brandschutt  liegende  Marienberg  wurde  zehn  Tage  lang
ausgeplündert;  sodann  auf  dem  Zuge  gegen  Freiberg,  Lauterbach,
Zöblitz,  Olbernhau,  Pfaffroda,  Sayda,  Dörnthal  geplündert,  „daß  nicht
ein  Stück  Vieh  im  ganzen  Dorfe,  ja  nicht  ein  Huhn  übrig  geblieben."“
Frauenstein,  Dippoldiswalde,  Bärenstein,  Lauenstein,  Altenberg  u.  s.  w.
wurden  ausgeplündert  und  zum  großen  Theile  zerstört.  Den  3.  September
  überfiel  Holcke  Frauenstein  und  ließ  alle  Defensioner,  so  er
im  Gewehr  gefunden,  niederhauen,  „hauste  auch  sonst  sehr  übel.“
Von  da  rückte  er  gegen  Chemnitz,  wo  er  sich  mit  Feldmarschall  Gallas
vereinigte.  Dieser  belagerte  sodann  Freiberg,  welches  kapitulirte,  und
Holcke  marschirte  nach  Zwickau  und  Plauen,  um  sich  mit  Wallenstein
zu  vereinigen.

Der  Rückzug  der  Kaiserlichen  nach  der  Schlacht  bei  Lützen  verbreitete
  über  das  Gebirge  von  Neuem  Schrecken,  Elend  und  Noth.
Die  Kaiserlichen  trieben  alles  Vieh,  was  sie  überhaupt  noch  in  den
Ställen  fanden,  mit  fort.  Als  einigermaßen  wieder  Ruhe  wurde,
kamen  die  geflüchteten  Landesbewohner  aus  den  Bergschluchten  und
Wäldern  wieder  hervor;  kaum  elendes  Kleienbrod  und  Salz  konnten
sie  auftreiben,  als  der  Landmann  wieder  zum  Pfluge  griff.  -

Scharfenstein,  von  wo  eine  kleine  Kaiserliche  Besatzung  die
Aemter  Wolkenstein,  Lauterstein,  Augustusburg,  sowie  die  Bergstädte
brandschatzten,  ließ  Herzog  Bernhard  von  Weimar  überfallen.  Am

16.  December  rückte  er  vor  Zwickau,  beschoß  die  sich  lebhaft  ver-
        <pb n="408" />
        —  400  —

theidigende,  von  den  Kaiserlichen  besetzte  Stadt  und  legte  mit  dem
Feuer  von  acht  halben  Karthaunen  die  Stadtmauer  am  Rößleinthurme
  nieder,  so  daß  die  Kaiserlichen  am  27.  mit  Akkord  —.
„fliegenden  Fahnen,  Kugeln  im  Munde,  brennender  Lunte  und  viel
Pagagiwagen“  abzogen.

Aber  schon  im  folgenden  Jahre  blutete  das  arme  Gebirge  von
Neuem  unter  der  Geißel  der  Kaiserlichen.  Holcke  brach  über
Joachimsthal  ein.  Schwarzenberg  und  Schneeberg  wurden  noch  ärger
gemißhandelt,  wie  das  Jahr  vorher  „Alles  geplündert  und  zu  nichte
gemacht;  raubt  den  Altar,  heilige  Geräthe,  Meßgewänder,  demolirt
die  Bilder  von  Luther  und  Melanchthon“.  Aue  wurde  niedergebrannt,
Lößnitz  geplündert  und  ausgeraubt.  „Dazumal  ist  auch  das  Getraidig
  im  Felde,  so  zum  Theil  in  Garben,  theils  abgeschnitten,
meistentheils  aber  noch  unabgemäht  hinterlassen,  und  hernach  an
vielen  Orten  vom  Feinde  ganz  niedergetreten,  zerstreuet  und  verderbet
worden.  Dabei  wird  überall  übel  gehauset,  das  benachbarte  Bauernvolk
  geplündert,  in  die  Wälder  gejagt,  daß  sie  sich  allhier  theils
retiriren  müssen.  Bald  sind  sie  auf,  bald  kommen  sie  wieder,  peinigen
die  armen  Leute,  denen  sie  uff  der  Straße  begegnen.  Dahero  großer
Jammer  gehöret,  welcher  nicht  zu  beschreiben.“  (Chronicon  Annabergense.)
  Buchholz,  Purschenstein,  Seiffen,  Frauenstein,  die  ganze
Schwarzenberger  und  Eibenstocker  Gegend  werden  wiederholt  ausgeplündert.
  Wochenlang  bringen  die  Bewohner  in  den  Wäldern  zu.

Zu  diesen  Drangsalen  durch  den  Feind  gesellten  sich  die  Verheerungen,
  welche  die  Pest  über  das  ganze  obere  Gebirge  brachte.
Sie  wüthete  besonders  im  August  und  September  in  Annaberg,
Marienberg,  Zöblitz,  Altenberg,  Zwickau  und  Umgegend.

Die  Kaiserlichen  setzten  ihre  Verheerungen  fort,  bis  der  sächsische
Oberst  von  Taube  das  Land  von  ihnen  befreite.  Der  rohe  Kriegsgeist
  der  eigenen  Truppen  verursachte  aber  fast  eben  so  große  Bedrückungen
  und  verlangte  eben  so  unerschwingliche  Contributionen,  wie
der  Feind.

„Ich  könnte  gerade  hin  Alles  von  Wort  zu  Wort  noch  einmal
wiederholen,  was  vom  Jahre  1633  soeben  erzählt  wurde,  und  es
wäre  ein  treuer  Bericht  der  Drangsale  von  1634.“  (Hering,  Saächs.
Hochland.)  Nach  der  Ernte  brachen  die  Kaiserlichen  an  mehreren
Punkten  wieder  über  das  Gebirge  herein.  Sayda,  Marienberg,
Annaberg,  Wolkenstein,  Zschopau,  Frauenstein,  Glashütte,  Dippoldiswalde
  u.  s.  w.  wurden  wiederholt  geplündert.  „Die  Kaeiserlichen
haben  in  unserem  Erzgebirge  grausam  gewüthet  mit  Ausplündern,
Brennen  u.  s.  w.“  (Steinbach,  Zöblitz.)  Aber  die  eigene  verwilderte
Soldateska  hauste  nicht  minder  schrecklich.  Man  fürchtete  die  Sachsen
        <pb n="409" />
        —  401  —

eben  so  wie  die  Kaiserlichen.  Es  waren  sächsische  Dragoner,  welche
die  Thore  von  Marienberg  stürmten  und  die  Stadt,  wie  später  auch
Annaberg,  plünderten.

„Um  diese  Zeit“,  schreibt  Jenisius,  „begibt  sich  das  arme,  verjagte
  Landvolk  aus  den  Wäldern  wiederum  in  ihre  zerstörte  und  ausgeplünderte
  Hüttlein  mit  Furcht“,  denn  es  ward  „viel  vom  Frieden
ausgesprengt".

Kurfürst  Johann  Georg  I.  hatte  am  20./30.  Mai  1635  den
Prager  Frieden  geschlossen;  aber  weder  für  Sachsen  noch  für  das
Reich  ging  eine  der  auf  ihn  gegründeten  Hoffnungen  in  Erfüllung.
Im  Gegentheil:  der  Prager  Frieden  hatte  die  größten  Drangsale  für
Kursachsen  im  Gefolge.  Verödung,  Hungersnoth  und  Pest  waren
schon  da;  nun  aber  brachte  die  gesteigerte  Verwilderung,  und  vor
Allem  die  Rachsucht  der  verlassenen  Bundesgenossen  die  fürchterlichsten
Greuel.  Hatten  vorher  nur  die  Kaiserlichen  im  Lande  gehaust;  so
wurden  von  nun  an  auch  die  Schweden  zu  Feinden  und  übertrumpften
die  Kaiserlichen  an  Ingrimm  und  Wuth.

General  Baudiß,  welcher  die  Schweden  aus  dem  Reiche  hinausdrängen
  sollte,  unterlag  bei  Dömitz,  Goldberg  und  Kyritz.  Furchtbar
hausten  die  Schweden  in  der  Saalgegend.  Als  aber  die  Sachsen
von  Neuem  bei  Wittstock  durch  Baner  geschlagen  waren,  da  „erschien
diese  Niederlage  den  Protestanten  wie  ein  Gottesurtheil  über  das
Judaswerk  des  Prager  Frieden“.

Die  Schweden  drangen  in  Kursachsen  ein;  Raub,  Plünderungen
und  Erpressungen  bezeichneten  ihren  Weg;  Städte  und  Dörfer  wurden
verheert  und  niedergebrannt,  Wohnungen  und  Eigenthum  zerstört,  keine
Kirche  und  Schule,  kein  Hospital  oder  milde  Stiftung  verschont  und
die  Bewohner  auf  die  grausamste  Weise  gequält,  gemartert  und  getödtet.
  Das  unglückliche  Land  mußte  Baner's  Zorn  gegen  den  Kurfürsten
  entgelten.  „Die  Schweden  sengen,  brennen  und  plündern
überall“  .  „vvon  dieser  Zeit  an  hat  es  viel  Plackerei  im  Lande
gegeben“  ..  .  (Tobias  Schmidt).

Das  Land  athmete  etwas  auf,  als  der  Krieg  sich  nach  Schlesien
und  Pommern  zog;  aber  schon  1638  drang  Baner,  aus  Thüringen
kommend,  über  das  Voigtland  im  Erzgebirge  ein,  belagerte  Freiberg
zwar  vergeblich,  unterwarf  aber  das  ganze  Gebirge  ein  volles  Jahr
lang  methodischen  Brandschatzungen,  welche  die  kaiserlichen  Streifcorps
und  selbst  sächsische  Truppen  unmethodisch  vervollständigten.  Der
kleine  Krieg,  welcher  zwei  Jahre  lang  in  Sachsen  geführt  wurde,  und
die  unaufhörlichen  Truppendurchzüge  saugten  das  Land  bis  auf  das
Mark  aus.

26
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        —  402  —

Im  Februar  1639  rückte  Baner  vor  Zwickau,  welches  sich  schwach
vertheidigte  und  „auf  gut  Credit  geöffnet“  ward.  Ranzion,  Brandschatzung,
  Rekruten,  Getreide  wurden  „mit  großer  Bosheit  eingefordert“.
Dann  marschirte  Baner  nach  den  Bergstädten,  „wodurch  abermals
eine  große  Furcht  und  Schreckniß  verursacht  wird".  Vor  Annaberg
nahmen  die  Schweden  „allenthalben  die  besten  Pferde  weg,  lassen
sich  mit  Kleidung,  Schuhen,  Stiefel,  Sattel,  Hufeisen,  Nägel  u.  s.  w.
mundiren.“  Ihre  Partheien  hausen  zu  Marienberg,  Wolkenstein,
Preßnitz  und  den  Dörfern.  Nachdem  Baner  die  Sachsen  bei  Chemnitz
  den  4.  (14.)  April  geschlagen,  wies  er  seinen  Generalen  das
Obergebirge  in  bestimmten  Bezirken  zur  Brandschatzung  an.  Die
Schweden  behaupteten  dasselbe  ein  ganzes  Jahr,  in  welchem  sich  alle
Gräuel  wiederholten,  welche  bis  dahin  das  Gebirge  heimgesucht  hatten.
„Da  war  kein  Amt,  Stadt,  Flecken,  Dorf  oder  Schloß  im  Gebirge,
welches  nicht  geplündert  oder  gebrandschatzt  wurde.  Lauterstein,  Zöblitz,
Altenberg  rc.  wurden  niedergebrannt,  Buchholz,  Zschopau,  Frauenstein,
Rabenau  2c.  bis  auf  den  letzten  Deut  geplündert,  so  daß  den  Einwohnern
  kaum  Kleienbrod  übrig  blieb.  Die  Einwohnerschaft  ganzer
Orte  floh  in  die  Wälder  oder  verkroch  sich  in  den  Gruben.  (Hering,
Sächs.  Hochland.  I.  357  ff.)

Die  Schweden  hielten  als  Hauptpunkte  Zwickau  und  Chemnitz
besetzt.  Freiberg  hatten  sie  vergebens  angegriffen.  Im  März  1640
verließ  Baner  mit  seiner  Hauptmacht  Zwickau,  im  April  Chemnitz;
dafür  kamen  die  Kaiserlichen  und  machten  es  nicht  besser;  im  Juli
besetzten  kursächsische  Truppen  die  Umgegend  von  Zwickau,  zahlreiche
Scharmützel  und  Plünderungszüge  beunruhigten  das  Land  und  das
Gebirge;  aber  Kaiserliche  und  Kurfürstliche  gaben  es  Mitte  November
auf,  die  schwedische  Besatzung  aus  Zwickau  zu  vertreiben.

Erst  im  Juni  1641,  nach  einer  den  19.  Mai  begonnenen
Belagerung  und  hartnäckiger  Vertheidigung  der  Schweden,  gelang  es
Zwickau  durch  „Accord“  zu  gewinnen.  Die  Stadt  hatte  außerordentlich
  gelitten;  Durchzüge,  Einquartirung,  Angriffe,  Vertheidigung  u.  s.  w.
alle  Lebensmittel-Vorräthe  aufgezehrt.  „Viel  arme  Leute  haben  nur
Kleienbrot  gegessen;  bei  vielen  hat  auch  dieses  mangeln  wollen.  Kein
Tropfen  Wein.  Man  hat  am  3.  Juni  die  Communion  einstellen
müssen.  Die  Stadt  hat  insgesammt  über  1  ½  Tonne  Goldes  zahlen
müssen  an  Ranzionen,  Brandschatzung,  für  die  Glocken,  Waffen,
Pferden,  Geschirren,  Getreide,  Wein,  Bier  u.  s.  w.  Der  Schaden
an  Häusern,  Brücken,  Vorwerken,  Scheuern,  Gärten  beträgt  1¼  Tonne
Goldes.  „Es  ist  nicht  möglich,  daß  man  Alles  erzähle“.  (Tobias
Schmidt.)  «

Im  Obergebirge  folgte  1642  eine  Plünderung  der  anderen.
        <pb n="411" />
        —  403  —

„Das  Volk  im  Gebirge  muß  viel  leiden,  sowohl  von  den  Kaiserlichen,
die  nach  Böhmen  retiriren,  als  auch  von  den  Schweden.“  Große
Drangsale.

Im  December  zog  Torstenson  von  Leipzig  gegen  Freiberg  und
belagerte  es  vom  27.  December  bis  zum  17.  Februar  1643,  wo
die  Kaiserlichen  unter  Piccolomini  die  heldenmüthigen  Vertheidiger
entsetzten.  Auch  während  dieser  Zeit  hatten  die  Schweden  das  Obergebirge
  wieder  furchtbar  verwüstet;  hauptsächlich  Wolkenstein  und
Frauenstein.  Torstenson  ließ  eine  Besatzung  in  Chemnitz  und  in
Zwickau  zurück.  Auch  Schwarzenberg  besetzten  die  Schweden.  „Die
Stadt  empfand  es  merklich,  daß  die  Schweden  keine  Freunde,  sondern
Feinde  waren“.

Im  Frühjahr  1644  „gingen  die  Partheien  stark  um  Zwickau
und  thaten  viel  Schaden“;  auch  die  drei  Regimenter  Schweden  in
Schneeberg,  welche  bis  Mitte  Januar  1645  stehen  blieben,  haben
„Schächte  eingeworfen  und  beschädigt,  Berghäuser  spoliret,  die  armen
Leute  ausgeraubt,  gejagt,  geschändet  und  geängstigt,  die  Häuser  geplündert
  und  verderbt"“.

Da  schloß  der  Kurfürst  den  Waffenstillstand  zu  Kötzschenbroda,
den  27.  August  (6.  September)  1645,  welcher  den  schlimmsten
Drangsalen  ein  Ende  machte  und  Raub,  Mord,  Brand  und  Verwüstung
  endigte,  wenngleich  noch  im  folgenden  Jahre  besonders  das
sächsische  Erzgebirge  durch  die  aus  Böhmen  herüberstreifenden  Schweden
Vieles  zu  leiden  hatte,  und  die  Märsche  der  Schweden  in  Eibenstock,
Annaberg  und  Zwickau  Furcht  und  Schrecken  verursachten.

Die  größeren  Kriegs-Drangsale  hatten  nunmehr  ein  Ende;  aber
in  welch'  einem  Zustande  befand  sich  das  Land,  dessen  Anbau  systematisch
verwüstet,  dessen  Städte  und  Dörfer  niedergebrannt,  dessen  Bevölkerung
um  mehr  als  die  Hälfte  gesunken,  dessen  Wohlstand  auf  Menschenalter
hinaus  vollständig  vernichtet  war!  Hungersnoth  und  Seuchen  hatten
die  Bewohner  dahin  gerafft;  das  ganze  Kursachsen  war  grauenvoll
verwüstet  und  die  Einkünfte  des  Landes,  wie  seine  Reichthümer,
wurden  von  den  Feinden  bis  auf  den  letzten  Heller  vernichtet  und
verzehrt.

Das  Friedensfest  wurde  von  Vielen  nur  auf  den  Trümmern
ihrer  Habe  begangen.

26
        <pb n="412" />
        —  404  —

50.  Der  Gebirgskamm  und  Südabhang  bis  zum
Assigbache.

Das  Quellengebiet  der  Flöha  bildet  auf  dem  Gebirgskamm  einen
zum  größten  Theile  bewaldeten,  flachen  Thalkessel,  der  vom  Höhen—
zuge  des  Waltersberges,  des  Dreiherrensteines,  Wolfsteines,  Wieselsteines,
  Schwarzen  Berges,  des  Farbenhübels  und  der  Höhe  vom
Jagdschloß  Lichtenwald  eingefaßt  wird.

Vom  Fuße  des  Wieselsteines  über  das  Jagdhaus  Georgenshöhe
  auf  breiter  Waldschneuße  erreicht  man  das  auf  basaltischer  Kuppe
liegende  Jagdschloß  in  etwa  134  Stunde;  auf  dem  längs  der  Höhe
hinführenden,  bis  an  den  Farbenhübel  nach  Nordwest,  von  da  nach
Nordost  und  Nord  gerichtetem  Wege  in  etwa  2  Stunden.  Westlich
des  Forsthauses  Georgenshöhe  liegt  der  Schwarze  Berg,  von  welchem
man  eine  gute  Aussicht  nach  Süd  und  Südost  haben  soll.  Jagdschloß
  Lichtenwald  bietet  nichts  Sehenswerthes.  Etwa  10  Minuten
nördlich  von  Lichtenwald  kann  man  in  einem  verfallenden  Meierhofe
bei  einem  Paar  freundlicher  alter  Leute  ein  Glas  Milch  erhalten.
Von  hier  bis  zur  Hasenbrücke  bei  Deutsch-Georgenthal  ist  abwärts
etwa  3/4  Stunde,  aufwärts  1  Stunde  Wegs.  Die  Waldungen  des
Lichtenwalder  Revieres  sind  in  den  letzten  Jahren  mit  Flügelwegen
und  Schneußen  versehen  worden,  um  eine  sach=  und  fachgemäße  Forstwirthschaft
  zu  erhalten;  sie  werden  daher  in  einer  Reihe  von  Jahren
den  Gräflich  Thun'schen,  Fürstlich  Lobkowitz'schen  und  anderen  in  hoher
Kultur  stehenden  Forsten  gleich  stehen.  Bisher  machten  die  Waldungen
dieser  Strecke  des  Gebirgkammes  keinen  hervorragenden  Eindruck.

Wenig  über  4  km  südwestlich  vom  Jagdschloß  Lichtenwald  liegt
auf  dem  Quellengebiet  des  Flötzbaches  der  Schwarze  Teich,  ein  gegen
300  Schritt  langes,  150  Schritt  breites  Wasserbecken,  das  zum  großen
Theile  von  Laubholz  eingefaßt,  in  seiner  Ruhe  und  Stille  einen
herrlichen  Eindruck  großartiger  Ruhe  und  Waldesstille  bietet.  Nur
1½  km  entfernt  liegt  das  Forsthaus  und  1½  km  weiter  in  südöstlicher
  Richtung,  aber  schon  bedeutend  tiefer  und  im  Thalanfange  versteckt
  die  Kirche  von  Göhren.  An  der  obersten  Häusergruppe  des  Dorfes
hat  man  bei  hellem  Wetter  einen  prächtigen  Blick  auf  die  Wälder,  den
Schwarzen  Berg  und  den  Wieselstein;  nahezu  im  Norden  auf  sanft
ansteigender  Kuppe  die  Gebäude  von  Lichtenwald;  in  nächster  Nähe
die  herrlich  begrünten  Abhänge  des  Flößbachthales  und  über  den
vordersten  Sporen  des  Göhrener  Plateaus  und  die  weite  Thalöffnung
hinaus  die  Berge  von  Bilin,  den  charakteristischen  Boren,  sowie  einen

großen  Theil  des  Mittelgebirges.
        <pb n="413" />
        —  405  —

Zwischen  dem  Dorfe  und  dem  Schwarzen  Berge  ist  das  Thal
des  Flößbaches  tief  eingeschnitten.

Will  man  dasselbe  näher  kennen  lernen,  so  steigt  man  bei  der
östlichsten  Häusergruppe  des  Dorfes,  durch  eine  Pforte  des  Wildgatters,
auf  steilem  Fußpfade  bis  an  den  Bach  hinunter.  Verpaßt  man  diese
Pforte  und  geht  man  durch  die  bei  den  oberen  Häusern  befindliche
durch  das  Wildgatter,  so  kann  man  eine  köstliche  Kletterpartie  durch
den  herrlichen  Buchenwald  den  etwa  160  m  hohen  Steilabhang
hinunter  machen,  zu  der  man  etwa  40  Minuten  Zeit  braucht.  Unten
—  am  rauschenden  Flößbache,  der  glitzernd  und  plätschernd  über  die
Felsenstufen  dahin  stürzt,  von  Himbeer=  und  Brombeergesträuchen,
zahlreichen  Moosen,  Erdbeeren,  Farrenkräutern  und  anderen  eingefaßt,
zu  beiden  Seiten  kostbarer  Wald  —  steigt  man,  dem  Wasser  entgegen,
allmälig  aufwärts  und  kommt  nach  etwa  1½  Stunde  wieder  beim
Göhrener  Forsthause  an.

Man  kann  auch,  wenn  man  von  Göhren  hinunter  gestiegen
ist,  den  Flößbach  überschreiten  und  im  Bären=  (oder  Kieferleithen-)
Grunde  in  der  Richtung  nach  dem  Wieselsteine  wieder  aufsteigen.  Es
ist  dies  eine  höchst  interessante  Wanderung  in  einem  unhbesuchten
Waldthale,  und  bis  zu  einer  Art  Waldzwinger,  nahe  dem  Thalschlusse,
auch  sehr  leicht.  Von  hier  aber  steigt  die  Thalwand  so  jähe  in  die
Höhe,  daß  es  eine  vollständige  Kletterpartie  wird,  mit  der  man  die
letzten  150  bis  160  m  überwinden  muß.  Der  Hohlweg  hat  an
dem  Wildzwinger  geendet.  Von  der  Sohle  des  Flößbaches  bis  zum
Hochplateau  hat  man  gegen  400  m  Steigung  zu  bewältigen.  Bis
zur  Wegkreuzung  nach  Nordwest  zurückgehend,  dann  nach  Nordost
biegend,  erreicht  man  unschwer  den  Wieselstein.

Wer  das  ganze  Flößbachthal  besuchen  will,  tritt  entweder  von
Ober-Leutensdorf  oder  von  Bettelgrün  in  dasselbe  ein,  und  geht  über
Rauschengrund  und  die  Feitmühle  längs  des  Baches  aufwärts,  eine
prachtvolle,  aber  durch  die  2½  stündige  Dauer  doch  ermüdende
Wanderung.

Vom  Göhrener  Forsthaus  in  südwestlicher  Richtung,  3  km  entfernt
  liegt  das  obere  Ende  von  Böhmisch-Einsiedel,  und  von  diesem
südöstlich,  2  km  weit  der  Haselstein.  Derselbe  ist  mit  einem
Thurme  gekrönt.  Man  gewann  dieselbe  Aussicht,  und  bei  Weitem
malerischer,  vom  Plateau  des  Felsen,  welches  mit  wenig  Aufwand
und  Mühe  hätte  zugänglich  gemacht  werden  können.  Die  noch  von
Wald  bedeckte  westliche  Hälfte  der  Felsengruppe  ist  ein  interessantes,
mit  Moos  und  Flechten,  Gräsern  und  Farren,  Gestrüpp  und  einzelnen

Bäumen  bedecktes  Gebilde.

Weit  umfassender,  ruhiger  und  anschaulicher  ist  der  Blick  auf
        <pb n="414" />
        —  406  —

die  ganze  Kette  des  Mittelgebirges  vom  Kletschen  bei  Lobositz  bis  zu
den  Höhenzügen  hinter  Kommotau  und  Kaaden  von  der  Restauration
„Bruderhalle“  in  Hammer,  welche  man  auf  dem  Fußsteige  in  einer
Stunde  vom  Haselsteine  aus  erreicht.  Hier,  auf  einer  mit  breitästiger
Linde  gekrönten  Terrasse,  ist  man  auf  einem  der  besten  Punkte,  um
über  die  wohl  angebaute  Ebene  hin  die  böhmischen  Berge  zu  über—
sehen.  Im  Osten,  wo  der  Vorsprung  des  Erzgebirges  gegen  das
Mittelgebirge  sich  anschließt,  lassen  sich  die  in  der  Gegend  von  Karbitz
aufragenden  Berge  nicht  mit  voller  Sicherheit  bestimmen;  dagegen
reihen  sich  die  Gipfel  des  Mittelgebirges  deutlich  erkennbar  aneinander:
der  Kletschen,  der  Milleschauer,  davor  der  breitrückige  Binayer  Berg,
der  Kegel  von  Sahoslaw,  der  Tattina,  der  Lotzberg,  im  Südost  die
Wostray  bei  Roth-Augezd,  sodann  der  dunkle  Biliner  Stein  (Boren)
mit  seiner  charakteristischen  Form,  der  Schafferberg,  der  hohe  und
breite  Schladmig,  der  Spitzberg  auf  der  einen,  der  Schloßberg  auf
der  anderen  Seite  von  Brüx,  der  breit  ausgedehnte  Rösselberg,  die
niederen  Höhenzüge  nördlich  von  Saaz  bis  zu  dem  ansteigenden
Liesengebirge  bei  Kaaden,  in  blauer  Ferne  hinter  Kommotau.  Am
Fuße  des  Erzgebirges  auf  vorspringenden  Bergsporen  hoch  über  der
Ebene  thronend  Schloß  Eisenberg.

Von  Bruderhalle  kann  man  durch  den  schönen  Hammerbachgrund
mit  nur  etwa  20  Minuten  Umweg  nach  Böhmisch-Einsiedel  gehen.
Aber  auch  der  Aufstieg  über  Kreuzweg  ist  reich  an  guten  Aussichtspunkten.


Das  Marienthal  bietet  auf  der  Straße  von  Obergeorgenthal
über  Nickelsdorf  nach  Gebirgs-Neudorf  den  kürzesten  Aufstieg  zum
Gebirgskamme;  vom  oberen  Ende  von  Obergeorgenthal  bis  auf  den
Gebirgssattel  sind  wenig  über  4  km.

Die  zwischenliegenden  kleineren  Thäler  sind  fast  sämmtlich  unwegsam.


Südlich  von  Katharinaberg  erhebt  sich  der  Bären  steinberg.

Derselbe  ist  von  Göhren  12,  von  Böhmisch-Einsiedel  8,  von
Gebirgs-Neudorf  5,  von  Katharinaberg  6  km  entfernt.  Von  Bad
Einsiedel  geht  man  über  Böhmisch-Einsiedel  auf  dem  Wege  durch
den  Wald  nach  der  Kirche  von  Gebirgs-Neudorf.  Bis  an  die  obersten
Häuser  des  Dorfes  (8  km)  geht  man  2  Stunden,  von  da  zum  Flößteiche
  (2  km)  eine  halbe  Stunde,  bis  zur  großen  Schneuse  (1  km)
eine  Viertelstunde,  und  nun  auf  den  Gipfel  des  Berges  eine  halbe
Stunde.

Kurz  vor  Gebirgs-Neudorf  durchschreitet  man  ein  großes
Trümmerfeld  granitischer  Blöcke.  Die  Umgebungen  des  Bärensteinberges
  sind  überhaupt  in  überraschender  Weise  mit  Blöcken  über-
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schüttet,  welche  besonders  auf  den  flachgeneigten  moorigen  Wiesenflächen
in  außerordentlichen  Mengen  vorkommen.  Als  wenn  große  Granitmauern
  zerbrochen  und  die  Blöcke  reihen=  und  lagenweise  umher
gestreut  wären,  sind  die  flachen  Wiesenabhänge  östlich  von  Gebirgs-Neudorf
  und  nördlich  des  Adelsberges,  eines  Vorsprunges  vom
Bärensteinberge,  in  den  Thalmulden  zum  Rainflössel  und  zum  Zobelbache,
  vor  Allem  aber  in  der  flachen  Mulde  östlich  der  Kirche  von
Gebirs-Neudorf  mit  Felsstücken  übersäet.

Der  Besuch  des  Bärensteinberges,  des  fürstlich  Lobkowitz'schen
Thiergartens  und  des  Schlosses  Eisenberg  ist  nur  mit  vorher  eingeholter
  Erlaubniß  gestattet.  Verschiedenartiger  Unfug  im  Park,  im
Walde  und  auf  dem  Berge  haben  Veranlassung  gegeben,  diese  dem  allgemeinen
  Besuche  zu  verschließen.  Es  giebt  ja  eine  Gattung  von
Touristen,  welche  jede  Unart  für  erlaubt  halten;  im  Walde  Feuer
machen,  im  Wildstande  schießen,  im  Park  über  die  Beete  laufen,  im
Gewächshause  Blumen  pflücken,  in  Sammlungen  Alles  angreifen  2c.
sind  Dinge,  welche  einem  jeden  Besitzer  verleiden,  den  Zutritt  frei
zu  geben.  Mit  großer  Liebenswürdigkeit  und  Zuvorkommenheit  wird
auf  vorherige  Anmeldung  bei  der  Verwaltung  (pr.  Adr.  Hr.  Forstmeister
  Peters  in  Eisenberg)  gestattet,  den  Bärensteinberg  und  dessen
Umgebungen,  sowie  den  Park  zu  besuchen.  Die  Erlaubnißkarte  hat
man  bei  sich  zu  tragen,  um  sich  gegenüber  dem  Forstpersonale  ausweisen
  zu  können.

Der  Gipfel  des  Bärensteinberges  ist  nicht  schwer  zu
finden,  wenn  man  vom  Flößteiche  kommend  auf  dem  zweiten  breiten
Waldschneusenwege  in  nahezu  südwestlicher  Richtung  aufwärts  steigt
und  darauf  Acht  giebt,  daß  ein  betretener  Fußsteig  von  diesem  rechts
ab  führt.  Zwischen  Felsblöcken  und  tief  herabhängenden  Fichtenzweigen
sich  hindurch  windend,  sieht  man  den  Gipfel  erst,  wenn  man  nahe
an  ihn  heran  ist.  Auf  einer  Gruppe  großer  Felsenblöcke  ist  das
trigonometrische  Signal  als  Säule  errichtet,  um  welche  ein  hölzernes
Gerüst  mit  Treppe,  Plattform  und  Geländer  angebracht  ist.

Der  Umblick  von  diesem  921  m  hohen  Aussichtspunkte  ist  umfassend.
  Ueber  die  Wipfel  des  rings  ausgedehnten  Waldes  mit  seinem
kräftigen  Duft  und  seinem  herrlichen  Grün  sieht  man  im  Norden
den  Ahornberg  und  dicht  neben  ihm  die  Spitze  des  Schwartenberges,
im  Nordwest  in  weiter  Ferne  Schloß  Augustusburg,  im  West  den
Fichtelberg  und  den  Keilberg,  bei  hellem  Wetter  auch  die  Thalspalte
der  Eger  zwischen  dem  Erzgebirge  und  dem  Liesengebirge  mit  dem
Hengberge,  im  Süden  die  Gebirgszüge  im  Innern  Böhmens,  im
Osten  das  Mittelgebirge,  auf  dem  Erzgebirgskamme  den  Wieselstein
und  den  Bornhauberg  bei  Niklasberg.
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        —  408  —

Beim  Abstiege  nach  der  Südseite  des  Berges  führen  zwei  Schneusen,
und  zwischen  ihnen  ein  Waldweg,  nach  dem  breiten  Flügel,  auf  welchem
ziemlich  in  der  Mitte  zwischen  den  Schneusen  das  Forsthaus  Rothen—
grube  (Hr.  Förster  Milkis),  ein  früher  viel  besuchter  Punkt,  auf
kleiner,  freier  Bergterrasse  liegt.

Von  hier  bringen  zwei  Wege  nach  dem  Südfuße  des  Gebirges,
der  östliche  nach  Eisenberg,  der  westliche  nach  Schimberg,  beide  an
schroffer  Thalwand  hin,  beide  durch  die  sorgfältig  gepflegten,  im  herr—
lichsten  Stande  befindlichen  Buchen-  und  Nadelholzwaldungen  des  fürst—
lichen  Thiergartens,  welche  zu  den  köstlichsten  Waldungen  auf  dem
Südabhange  des  Erzgebirges  gehören,  wenn  sie  nicht  überhaupt  die
erste  Stelle  unter  denselben  einnehmen.

Der  östliche  Weg  führt  bis  an  das  Gatterthor  mit  der  Holztreppe
  zurück  und  dann  südlich,  theils  durch  Nadelholz,  theils  durch
Buchenwald,  und  sodann  längs  des  jähen  Absturzes  des  tief  eingeschnittenen
  Thalrisses,  welcher  unmittelbar  unter  dem  Forsthause
Rothengrube  einsetzt  und,  von  einem  kleinen  Bache  auf  steiler  Felsentreppe
  durchrieselt,  unterhalb  des  Seeberges,  durch  den  Anschwemmungsschuttkegel
  seitwärts  abgelenkt,  in  die  Ebene  eintritt.  Je  weiter  man
nach  der  Felsenklippe  des  Seeberges  vorkommt,  um  so  steiler  wird
der  Abhang,  dessen  ganze  Böschung  man  an  einer  Stelle,  wo  der
Wald  abgeschlagen  ist,  mit  ihren  Felsenecken  und  Blöcken  in  ihrer
vollen  Schroffheit  vor  sich  sieht.  Ein  ganz  alpiner  Eindruck.

An  der  hoch  aufgerichteten  Klippe  des  Seeberges  biegt  der  Weg
östlich  um  den  Bergvorsprung  in  den  Hochwald  zurück,  um  nach
wiederholten  Krümmungen  ein  zweites,  kurz  eingeschnittenes  Thal  zu
überschreiten  und  sodann  die  Waldstraße  vom  Flößteiche  nach  Eisenberg
  zu  gewinnen.  Die  Klippe  des  Seeberges  liegt  frei,  da  der  Wald
um  sie  herum  niedergeschlagen  ist;  man  kann  auf  einem  schmalen
Steige  um  sie  herum  gehen  und  in  beide  Seitenthäler  hineinblicken.
Es  würde  nicht  schwer  sein,  die  steil  aufgerichteten  Felsenplatten  zu
erklimmen.

Vom  Rothengruber  Forsthaus  bis  in  das  Dorf  Eisenberg  bedarf
  man  auf  diesem  Wege  1  ½  Stunde.

Auf  dem  anderen  Wege,  welcher  westlich  vom  Forsthause  abgeht,
längs  des  Abhanges  vom  Tannichberge,  in  nahezu  südlicher  Richtung,
mit  mehreren  Schleifen,  bis  zum  Forsthause  von  Schimberg,  und  sodann
  längs  des  Gebirgsfußes  in  etwa  400  bis  300  m  Meereshöhe
nach  Eisenberg  führt,  auf  herrlichem  Waldwege  die  verschiedenen
größeren  und  kleineren  Thalriffe  überschreitend,  braucht  man  etwa
2  ½  Stunden.
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        —  409  —

Man  kann  aber  auch,  auf  dem  östlichen  Wege  vom  Rothengruber
Forsthause  abgehend  und  den  nächsten  in  das  Thal  führenden  Waldweg
  einschlagend,  den  steilen  Grund  durchschreiten,  und  auf  diesem
Waldwege,  nahezu  parallel  der  westlichen  Waldstraße,  aber  fast  100  m
tiefer,  das  Aussichtshäuschen  „Theresiensitz“  (550  m)  erreichen.  Dieser
Weg,  ebenso  reich,  wo  nicht  reicher  an  landschaftlicher  Schönheit,  wie
der  obere,  aber  beschwerlicher,  führt  mitten  durch  die  wildesten  Partien
der  Thalschlucht  hindurch.

Will  man  dieselbe  in  ihrer  ganzen  Länge  durchschreiten,  so
braucht  man  nur  auf  dem  Holzwege  zu  bleiben,  der  an  der  kleinen
Wasserrinne  des  Thälchens  längs  der  Felsenabsätze  hinunterführt.  Besonders
  als  Aufstieg  zum  Rothengruber  Forsthause  wird  dieser  Weg,
wenn  auch  der  mühsamste,  der  reichste  an  charakteristischen  Landschaftsund
  Terrainbildern  sein.

Vom  Dörschen  Eisenberg  führt  eine  breite,  auf  beiden  Seiten
von  einer  Rasenfläche,  Boskets  und  hochaufragenden  Laubhölzern  eingefaßte,
  außerordentlich  stattliche  Anfahrt  zur  Forstmeisterei,  von  dieser
eine  trefflich  gehaltene  Straße  nach  dem  Schlosse  hinauf.  Von  hier
geht  die  Straße  längs  der  Abhänge  des  Minichberges  und  des  Rothenhübels
  in  gleichmäßiger  Steigung  bis  zum  Flößteiche;  von  da,  aus
dem  Walde  heraustretend,  nach  Nickelsdorf  und  nach  Katharinaberg.

Alle  diese  Waldstraßen  des  Eisenberger  Thiergartens,  dessen
größte  Länge  vom  Forsthause  Hohenofen  bei  Schimberg  bis  zur  Grundmühle
  im  Marienthale  8  km  und  dessen  Breite  bis  über  4  km  Luftlinie
  beträgt,  sind  in  einem  vortrefflichen  Zustande  und  stechen  gar
gewaltig  von  alle  den  Fahrwegen  ab,  welche  man  sonst  auf  dem
Kamme  und  den  Südabhängen  des  Gebirges  findet.  Obgleich  das
beste  Straßenmaterial  unmittelbar  daneben  liegt  und  man  nur  die
Blöcke  zu  zerschlagen,  den  Knack  über  die  Fahrbahn  auszubreiten  und
mit  Sand  und  Grus  festzuwalzen  brauchte  und  mit  wenig  Arbeit
und  Aufwand  Waldstraßen  und  Verbindungswege  in  guten  Stand
gesetzt  werden  könnten,  sind  sie  abscheulich.  Man  braucht  nur  die
Strecke  durch  Nickelsdorf,  zwischen  Gebirgs-Neudorf  und  Böhmisch-Einsiedel,
  vom  Schwarzen  Teich  oberhalb  Göhren  bis  zur  sächsischen
Grenze,  oder  von  diesem  Teiche  bis  nahe  an  Fleyh  zu  begehen.

Das  Schloß  Eisenberg,  in  387  m  auf  einem  Vorsprunge
des  Minichberges  weit  über  den  nach  beiden  Seiten  zurückweichenden
Zug  des  Gebirgsabhanges  vorspringend,  von  der  ganzen  böhmischen
Seite  her  aus  großer  Ferne  bemerkbar  und  auffallend,  bietet  von  der
Schloßterrasse  (Zutritt  erlaubt),  wie  von  den  Fenstern  der  Südseite

einen  ausgedehnten  Blick  nach  Böhmen  hinein,  vom  Mittelgebirge  bis
an  das  Liesengebirge  und  nach  den  im  Innern  Böhmens  sich  er-
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hebenden  Höhenzügen  des  Sbanwaldes,  des  Horka  und  des  Wladaz
bei  Chiesch.

Der  Besuch  des  Schlosses  wird  auf  besondere  Anfrage  gestattet.
Im  Salon  sind  zwei  vortrefflich  gemalte  Ansichten  von  Eisenberg  von
Dietrich,  im  Jagdzimmer  Waffen  und  Jagdtrophäen  besonders  bemerkenswerth.


Der  untere  Park  breitet  sich  auf  dem  sanft  geneigten  Anschwemmungsschuttkegel
  gegen  die  Eisenbahn  und  gegen  Ullersdorf  aus
und  bietet  zahlreiche,  prächtige  Punkte,  wo  zwischen  dem  frischen  Grün
der  herrlichsten  Baumanlagen  einzelne  Gipfel  des  Mittelgebirges  sichtbar
  werden.

Am  Fuße  des  Johannisberges  liegt  in  tiefer  Waldeinsamkeit
eine  kleine  Kapelle;  auf  dem  Wege  nach  dem  Flößteiche,  etwa  dreiviertel
  Stunde  vom  Schlosse,  der  Aussichtspavillon  „Josefinensitz“
(ca.  570  m).

An  das  Schloß  Eisenberg  knüpft  sich  eine  der  interessantesten
Episoden  der  Geschichte  des  sächsischen  Fürstenhauses.  Hier  wurde
der  Prinzenraub  geplant;  nach  Eisenberg  sollten  die  Prinzen  Ernst
und  Albrecht  entführt  werden.

Wie  lange  die  Kauffungen  Eisenberg  nach  dem  Prinzenraube  noch
besessen  haben,  darüber  fehlen  alle  Nachrichten.  Im  16.  Jahrhundert
war  es  im  Besitz  der  von  Hohenhausen;  1540  ließ  Niklas  von  Hohenhausen
  das  Schloß  umbauen;  aber  nach  der  Schlacht  am  Weißen
Berge  wurden  die  Güter  der  Hohenhausen  confiscirt.  1623  erwarb.
es  Wilhelm  der  Jüngere  Popel  von  Lobkowitz.

Gestalt  und  Anlage  des  Schlosses  sind  im  Laufe  der  Zeiten
wesentlich  verändert  worden.  Außer  dem  Umbau  von  1540  wurden
1627  und  1696  bedeutende  Bauten  ausgeführt;  als  aber  1713  ein
großer  Brand  das  ganze  Schloß  zerstörte,  so  daß  nur  die  Grundund
  Hauptmauern  stehen  blieben,  ist  dasselbe  um  1720  vollständig
neu  aufgebaut  worden.

Nirgend  sind  Bestandtheile  der  alten  Ritterburg  noch  mit  Sicherheit
  herauszufinden.  Auch  von  den  äußeren  Befestigungen  ist  nichts
mehr  übrig.

Die  Umfassungsmauern  der  Terrasse  und  das  kleine  Gärtchen
geben  allerdings  mit  großer  Wahrscheinlichkeit  die  äußere  Umfassungslinie
  der  Burg  an;  die  große  Durchfahrt  deutet  auf  auf  einen  früheren
unteren  Hof;  über  dem  gewölbten  Durchgange,  wo  jetzt  Gewächshäuser
  und  ein  kleiner  Garten  sich  befinden,  stand  wahrscheinlich  ein
oberes  Burggebäude  mit  an  den  Berg  angelehuten  Außenmauern  und
Befestigungen;  der  obere  Hof,  von  der  Ringmauer  auf  der  Außenseite
eingefaßt,  lag  vor  dem  auf  der  Stelle  des  gegenwärtigen  Schlosses
        <pb n="419" />
        —  411  —

befindlichen  Mittelgebäude,  und  einer  der  beiden  Eckthürme  bezeichnet  den
Punkt,  wo  vormals  der  Hauptthurm  der  Burg,  der  Luginsland,  stand.

Der  stattliche  Bau  des  modernen  Schlosses,  besonders  die  sogenannte
  Riesenhoffacade  mit  dem  Haupteingange  und  den  beiden  viereckigen,
  abgerundeten  Seitenthürmen  macht  einen  imposanten  Eindruck.

Westlich  vom  Bärensteinberge  ist  das  tief  eingeschnittene  Thal
des  Dorfbaches,  in  welchem  ein  steiler  Holzweg  das  Forsthaus  Rothengrube
  mit  dem  Dorfe  Schimberg  verbindet,  weiter  westlich  der  mindestens
  ebenso  tief  und  scharf  gezogene  Grund  des  Aubaches,  welcher
von  Neuhaus  an  mit  einem  Wege  längs  der  Thalsohle  bis  zum
Rothenhäuser  Gestüt  versehen  ist;  endlich  noch  weiter  westlich  das
köstliche  Thal  des  Töltzschbaches,  von  der  Hix-Mühle  (eine  halbe  Stunde
von  Görkau)  in  einer  Länge  von  6  km  bis  zur  Linz-Mühle  oberhalb
  Uhrissen  ansteigend.  Auf  dem  über  der  Siegertsmühle  gelegenen
Neusteine  bezeichnet  nur  ein  Haufen  wirr  untereinander  geworfener
Steine  die  Stelle,  wo  einstmalen  eine  größere  Burg  gestanden  hat.

Wer  einen  vollen  Einblick  in  die  Formen  dieser  Thäler  erlangen
will,  muß  von  Forsthaus  Rothengrube  über  Stolzenhan,  die  Aumühle,
Göttersdorf,  Uhrissen  nach  der  Siegertsmühle  und  Görkau  gehen,  etwa
3¼  Wegstunden.

Am  Fuße  des  Gebirges,  nördlich  von  Görkau,  steht  auf  einer
Terrasse  das  große  quadratisch  angelegte  Schloß  Rothenhaus,
zu  welchem  von  der  Stadt  eine  breite  Kastanienallee  führt.  In  der
ersten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  erbaut,  macht  es  in  seinen
großen  Verhältnissen,  in  einem  herrlichen  Park  mit  ausgedehnten  Wegen,
zahlreichen  Teichen,  wohlgehaltenen  Gehölzen,  den  Glas=  und  Gewächshäusern
  u.  s.  w.  einen  bedeutenden  Eindruck.

Der  Kamm  des  Gebirges  reicht,  immer  von  Wald  bedeckt,  ohne
hervorragenden  Höhen=  und  Aussichtspunkt,  mit  nur  geringen  Höhenunterschieden
  vom  Fuße  des  Bärensteinberges  bis  zum  Fuße  des  Haßberges,
  auf  dieser  ganzen  langen  Strecke  breit  mit  Wald  bedeckt.  Auf
den  nach  Südost  gerichteten  Hochterrassen  sind  die  Dörfer  Göttersdorf
auf  der  einen,  Rodenau,  Quinau,  Platten  auf  der  anderen  zu  nennen.

Das  nach  Südost  gerichtete  Thal  des  Assigbaches,  von  seinem
Eintritt  am  Bahnhofe  von  Sebastiansberg  in  die  tiefere  Thalspalte
bis  zu  seinem  Austritt  aus  dem  Gebirge  an  der  Hammermühle  bei
Kommotau,  13  km  lang,  von  100,  150  und  selbst  200  m  hohen,
steilen,  bewaldeten  Abhängen  eingefaßt,  ist,  wenn  auch  nicht  in  der
ganzen  Länge,  so  doch  unzweifelhaft  auf  die  Strecke  zwischen  den  drei
Grundmühlen  und  etwa  2  km  über  der  oberen,  dritten,  und  etwa
2  km  unterhalb  der  unteren,  ersten  Grundmühle,  also  doch  mindestens
auf  eine  Strecke  von  1  Stunde  bis  1  ½  Stunde  im  höchsten  Grade
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        —  412  —

besuchenswerth,  wenn  es  auch  nicht  leicht  zugänglich  ist.  Den  Glanzpunkt
  dieses  Thales  von  hoher  Schönheit  bildet  außer  den  schluchtenähnlichen
  Seitenthälern  eine  Klamm  mit  mehreren  kleinen  Wasserfällen.
Von  Reitzenhain  über  den  Otterstein  bis  an  die  obere  Grundmühle
2½  Stunde;  von  Sebastiansberg  über  Tschoschl  an  dieselbe  1  1½  Stunde;
von  Eisenbahnhaltestelle  Domina-Schönlind  an  die  untere  Grundmühle
3¾  Stunde;  von  Dorf  Platten  bis  an  die  mittlere  Grundmühle  etwas
über  eine  halbe  Stunde.

51.  Schloß  Augustusburg.  RKurfürst  August.

Zwischen  den  Thälern  der  Zschopau  und  Flöha  ist  der  Gebirgszug
  nahezu  nordwärts  vorgestreckt.  Derselbe  beginnt  im  Kamme  des
Gebirges  am  Hirtsteine  (889  m)  und  reicht  über  die  Höhe  der  drei
Brüder  bei  Marienberg  und  den  Wildstein  bei  Waldkirchen  nach  dem
Schloßberge  von  Augustusburg.  Der  Bergrücken  verflacht  sich  allmälig;
  er  hat  in  der  Waldkirchener  Höhe  gegen  530  m,  in  der
flachen  Mulde  am  Mörbitzwalde  nur  etwa  450  m.  Von  hier  aus
wieder  ansteigend  erhebt  sich  der  isolirt  aufragende  Porphyrkegel  des
Schellenberges  bis  zu  515  m  steil  über  seine  Umgebungen.

In  frühester  Vorzeit  schon  wurde  auf  diesem  die  Burg  Schellenberg
  gegründet,  wahrscheinlich  nach  der  Errichtung  der  Mark  Meißen,
um  gegen  Süden  mitten  in  den  Ansiedelungen  der  Slaven  im  Miriquidiwalde
  und  an  dessen  Grenzen  einen  Stützpunkt  zu  besitzen.

Die  Ansiedelungen  der  Slaven  in  dem  Waldgebiete  deuten  auf
den  uralten  Straßenzug,  welcher  aus  Franken  nach  dem  Elbthale  bei
Dresden  und  dem  Osten  führte.  Zu  dessen  Beherrschung  war  die
Burg  wichtig.

Die  Lage  des  Schellenberges,  seine  bedeutende  Erhebung,  die
freie  Umsicht  nach  allen  Richtungen,  die  Leichtigkeit,  ihn  vor  Angriffen
und  Ueberfällen  zu  sichern,  gaben  ihm  eine  besondere  Stärke.

.  Trotz  alledem  sind  weder  von  dieser,  noch  von  den  anderen  zum
Schutze  der  Südgrenze  angelegten  Burgen  während  eines  Zeitraumes
von  mehreren  Jahrhunderten  Nachrichten  vorhanden,  und  erst  1387
bei  der  Erbtheilung  zu  Chemnitz  zwischen  den  Brüdern  und  den
Söhnen  Friedrich  des  Strengen,  beziehentlich  im  Erbvertrage  zu  Freiberg
  (1403)  und  im  Theilungsvertrage  zu  Naumburg  (1410)  kommt
Schellenberg  wieder  vor.  Ob  die  Burg  im  Besitze  der  „Herren  von
Schellenbergk“  gewesen,  oder  ob  diese  blos  Lehnsträger  und  Burghauptleute
  der  Meißner  Markgrafen  waren,  läßt  sich  nicht  nachweisen.
Unzweifelhaft  ist  der  Schellenberg  von  da  an  in  landesherrlichem
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        —  413  —

Besitze  geblieben,  wenn  er  auch  bei  den  vielfachen  Theilungs=  und
Tauschverträgen  wiederholt  den  Herrn  gewechselt  hat.  1387  kam  er
an  Wilhelm  den  Einäugigen,  1407  an  Friedrich  den  Streitbaren,
1437  vertauschte  Friedrich  der  Sanftmüthige  Mittweida  gegen  den
Schellenberg,  1485  gehörte  er  Herzog  Albrecht,  1504  flüchtete  Georg
der  Bärtige  vor  der  Pest  nach  dem  Schellenberge,  welchen  er  1524
zum  Gefängniß  für  die  noch  zum  lutherischen  Bekenntniß  übertretenden
Buchholzer  Bürger  bestimmte.  1528  brannte  ein  Theil  der  Burg
nieder.  —  Drei  Tage  nach  der  Mühlberger  Schlacht  (27.  April  1547)
wurde  das  Schloß  Schellenberg  durch  Bilitzschlag  eingeäschert.

Zwanzig  Jahre  lag  die  Burg  in  Trümmern.

1567  entschloß  sich  Kurfürst  August  zum  Wiederaufbau  des
Schellenberges.  Der  Fall  des  Grimmensteines,  der  für  unüberwindlich
  geltenden  Burg  von  Gotha,  hatte  sein  Ansehen  so  hoch  erhoben,
daß  ein  sichtbares  Zeichen  seiner  Macht  weithin  über  Berg  und  Thal.
hinaus  seinen  Ruhm  verkünden  sollte.

Wilhelm  von  Grumbach,  welcher  Würzburg  überfallen  und  den
Bischof  zu  einem  sehr  nachtheiligen  Vertrage  gezwungen  hatte,  war
(1563)  als  Landfriedensbrecher  in  die  Acht  erklärt  und  gleichzeitig
das  Achtsexecutionsmandat  erlassen  worden.  Trotzdem  fanden  Grumbach,
  Stein,  Mandelsloh,  Zedtwitz  auf  dem  für  uneinnehmbar  geltenden
Grimmensteine  bei  Herzog  Johann  Friedrich  dem  Mittlen  Aufnahme,
da  er  sie  für  seine  eigenen  Pläne  benutzen  wollte.  Denn  er  hatte
die  Niederlage  seines  Vaters  noch  nicht  verschmerzt;  er  wollte  August
niederwerfen,  Kurfürst,  ja  vielleicht  Kaiser  werden.  „Er  hat  wunderliche
  Conspirationes“  ..  aber  der  Beistand  von  Frankreich,  Schweden,
den  Niederlanden  und  vom  deutschen  Adel  blieb  aus;  selbst  der  Einfall
  der  Türken  brachte  den  allgemeinen  Losbruch  nicht  zu  Wege.
Am  12.  December  1566  wurde  auch  er  in  die  Acht  erklärt;  Tags
darauf  übertrug  der  Kaiser  dem  Kurfürsten  die  Execution  und  schon
am  24.  December  rückte  Kurfürst  August  mit  5500  Reitern  und
31  Fähnlein  Fußvolk  vor  Gotha.

Die  Schnelligkeit  des  Einschreitens  ließ  keine  einzige  der  geplanten
Bewegungen  zum  Ausbruch  kommen.  Der  Grimmenstein  mußte  am
13.  April  1567  sich  auf  Gnade  und  Ungnade  ergeben.  Die  Empörer
  verfielen  dem  Blutgericht;  die  Feste  wurde  geschleift.

Dieser  wichtige  Sieg  sollte  auch  sein  den  Ruhm  des  Kurfürsten
für  alle  Zeiten  verkündendes  Denkmal  erhalten.

Hieronymus  Lotter,  Bürger=  und  Baumeister  in  Leipzig,  wurde
mit  dem  Bau  der  „Augustus-Burg“  beauftragt.)

*)  Dr.  Wustmann,  Der  Leipziger  Baumeister  Hieronymus  Lotter.  Leipzig,
Seemann.  1875.
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Am  8.  September  1567  begann  das  Abtragen  der  Ruine  Schellenberg;
  die  Niederlegung  eines  alten  Thurmes  machte  besondere  Schwierigkeiten.
  Am  30.  März  1568,  Dienstag,  „ein  wenig  vor  12  Uhr“
wurde  der  Grundstein  gelegt.  An  1000  Arbeiter  waren  angestellt.
Der  Maurer  erhielt  die  Woche  21  Groschen.  Die  Amtsunterthanen
wurden  mit  harter  Frohne  belästigt,  denn  die  Bauern  mußten  Material
  anfahren,  aber  auch  mit  den  Nichtbegüterten  zusammen  täglich
100  Mann  zur  Handfrohne  stellen,  wo  ein  Jeder  6  Pfennige  Tagelohn
  erhielt.  Der  benachbarte  Adel  wurde  um  Leistung  von  Fuhren
ersucht;  den  Aemtern  Lauterstein,  Wolkenstein,  Schwarzenberg,  Grünhain
  und  Nossen  anbefohlen,  Kalk  herbeizuschassen.

Die  Schwierigkeiten,  mit  denen  der  Baumeister  zu  kämpfen  hatte,
waren  bedeutend.  Die  Beschaffung  des  Baumaterials  wurde  durch
die  schlechten  Wege  verzögert;  die  Untauglichkeit  der  Frohnarbeiter,
die  Unzufriedenheit  der  Handwerksleute,  die  Ungunst  der  Witterung,
insbesondere  der  frühe  Eintritt  des  Winters  und  der  späte  Beginn
der  Bauzeit  im  Frühjahr,  endlich  der  Mangel  an  Geld  —  konnten
weder  durch  die  Ungeduld  des  Kurfürsten,  noch  durch  die  ins  Kleinliche
  gehende  Ueberwachung  des  Baues  beseitigt  werden.

Lotter  wurde  noch  vor  Vollendung  desselben  in  Ungnaden  entlassen.
  Der  Artillerie-Zeug=  und  Baumeister  Graf  Rocho  v.  Lynar
vollendete  den  Bau.  Ende  Januar  1572  wurde  das  Schloß  eingeweiht;
  doch  schon  1603  das  Ziegeldach  in  ein  Schieferdach  umgewandelt
  und  1776  die  innen  und  außen  um  das  Dach  führende
Galerie  abgebrochen  und  dem  Dache  seine  gegenwärtige  Gestalt
gegeben.“)

Das  vollständig  aus  Quadern  erbaute  Schloß  Augustusburg  bildet
ein  regelmäßiges  Viereck,  dessen  Seiten  nahezu  nach  den  Himmelsgegenden
  gerichtet  sind,  und  erhebt  sich  aus  einem  mächtigen  Unterbau
von  168  m  Seitenlänge,  aus  welchem  nur  die  Kirche  vorspringt.
Von  den  Eckpavillons  heißt  der  nördliche  das  Lindenhaus,  wegen  der
vor  ihm  stehenden  großen  Linde,  der  nordwestliche  das  Sommerhaus,
der  südwestliche  das  Hasenhaus,  wegen  der  darin  angebrachten  Abbildungen,
  der  südöstliche  das  Küchenhaus.

In  dem  östlichen  Zwischengebäude  befindet  sich  die  Kapelle,  ein
Tonnengewölbe  in  Rochlitzer  Sandstein,  welches  durch  die  gelbliche

*)  J.  E.  von  Schütz,  Historisch-ökonomische  Beschreibung  von  dem  berühmten
  Schlosse  und  Amte  Augustusburg.  Leipzig,  Büschel,  1770.

F.  W.  Renkewitz,  Kurze  Beschreibung  des  Schlosses  Augustusburg  und
seiner  Umgebungen.  Leipzig,  K.  Tauchnitz,  1836.
(P(FP.  C.  Freyer,  Schloß  Augustusburg.  Mit  Bildern  und  Karten.  Schellenberg,
  Lange,  1882.  «-
        <pb n="423" />
        —  415  —

Uebertünchung  keineswegs  verschönert  worden  ist.  Dessenungeachtet
macht  sie  in  ihrer  Einfachheit  und  ihren  trefflichen  Verhältnissen  einen
bedeutenden  Eindruck.  Sehenswerth  bleibt  der  in  Holz  geschnitzte
Altar  mit  dem  Bilde  von  Lucas  Cranach  dem  Jüngeren.  In  der
Mitte  Christus  am  Kreuze,  links  davon  Gethsemane  und  dahinter
das  alte  Schloß  in  der  Lochauer  Haide;  rechts  davon  die  Auferstehung
und  dahinter  das  alte  Schloß  Schellenberg.  Unter  dem  Kreuze  knieen
Kurfürst  August  mit  acht  Söhnen  und  Kurfürstin  Anna  mit  sechs
Töchtern.  Der  Altar  ist  reich  mit  Schnitzwerk,  Säulen,  Wappen  u.  s.  w.,
vorwiegend  in  Weiß,  Blau  und  Gold  geschmückt;  auf  demselben  liegt
ein  von  der  Kurfürstin  geschenkter  türkischer  Teppich.
Aus  der  Kirche  geht  man  in  der  Regel  auf  den  Pavillon  des
Lindenhauses,  von  dem  man  (allerdings  nur  durch  geöffnete  Läden)
eine  vorzügliche  Umsicht  hat.  Im  Osten:  den  Kirchthurm  von  Eppendorf,
  die  Großhartmannsdorfer  Höhe  und  darüber  die  Ruine  vom
Schloß  Frauenstein;  bei  ganz  hellem  Wetter  den  Geising  und  den
kahlen  Berg  bei  Altenberg.  Weiter  nach  Süden  sich  wendend  die
Voigtsdorfer  Höhe  bei  Dörnthal,  die  Saydaer  Höhe  bei  der  Stadt
Sayda,  das  Jagdschloß  Lichtenwald  in  Böhmen,  die  dürre  Tanne,  den
Ahorn=  oder  Ursberg  und  im  Südost  den  Bärenstein  bei  Katharinaberg.
  Davor  den  ganzen  Thaleinschnitt  der  Flöha  mit  seinen  malerischen
  Abhängen,  zahlreichen  Ortschaften,  dunklen  Waldungen.  Gegen
Süden  weiter  fortschreitend  unterscheidet  man  am  Horizonte  den  Feuerröstberg,
  den  Bärenalleeberg,  den  Haßberg  und  genau  im  Süden  den
Preßnitzer  Spitzberg,  welcher  die  Kupferberger  Kapelle  verdeckt.  Vor
dem  Bärenalleeberge  liegt  der  bewaldete  Höhenzug  des  Langen  Steines,
vor  dem  Haßberge  der  Thurm  auf  den  drei  Brüdern.  Weiter  westlich
  erscheinen  der  Bärenstein  hinter  dem  Pöhlberge  und  über  diesem
die  Wirbelsteine,  Keilberg  und  vordere  Fichtelberg.  Neben  dem  Pöhlberge
  der  Thurm  der  Annaberger  Kirche,  sodann  der  Scheibenberger
Hügel,  vor  demselben  das  Städtchen.  Nahezu  im  Südwesten  liegen
fast  in  einer  Linie  voreinander  der  Auersberg,  der  Schatzenstein,  der
Greifenstein  und  der  Krebsberg;  ein  wenig  südlich  von  dieser  Linie
der  Sauberg  bei  Ehrenfriedersdorf  und  die  kleine  Vierung.  Weiter
nach  Westen  erkennt  man  den  Steinbusch  bei  Auerbach,  den  Taubenstein
  auf  der  Dittersdorfer  Höhe,  den  langgedehnten  Rücken  des  Bürgerwaldes
  bei  Stollberg,  die  Höhen  von  Claffenbach  und  Neukirchen,  das
Dreidörfel  bei  Wüstenbrand,  und  genau  im  West  den  Pfaffenberg  beie
Hohenstein.  Weiter  nach  Norden  zu  liegt  der  Taurastein,  die  Kirche
von  Ebersdorf,  der  Rochlitzer  Berg,  Schloß  Lichtewalde,  Bahnhof
Mittweida,  Schloß  Sachsenburg  und  nahezu  im  Norden  der  Kolmberg
  bei  Oschatz.  Vor  diesem  der  Rossauer  Wald.  Weiter  nach
        <pb n="424" />
        —  416  —

Osten  die  Schönerstädter  Höhe,  der  Beuthigwald  bei  Hartha,  die
Memmendorfer  Höhe,  davor  die  Stadt  Oederan,  Schloß  und  Dorf
Börnichen,  im  Nordost  das  kalte  Feld,  die  Grube  Himmelsfürst,  sodann
  die  Häusergruppe  vom  Neubau  Hohenlinde,  und  nahezu  im
Osten  der  breite  flache  Rücken  des  Struthwaldes  bei  Langenau.  —
Zahlreiche  Orte,  Kirchen,  einzelne  Häuser  u.  s.  w.  sind  zwischen  den  verschiedenen
  Höhenzügen  und  Bergrücken,  in  den  Thallinien  und  Terraineinschnitten,
  zwischen  Waldungen  und  einzelnen  Gehölzen  zu  erkennen.

Während  der  Regierung  des  Kurfürsten  August  fanden  in  dem
umfangreichen  Schlosse,  das  seinem  Charakter  als  großartiges  Jagdschloß
  gemäß  geschmückt  und  ausgestattet  war,  glänzende  Feste  statt.
Ueber  den  25  geräumigen  Kellern  enthielt  dasselbe  in  jedem  Eckpavillon
  einen  großen  Saal  und  im  westlichen  Langhause  einen  fünften,
den  Fürstensaal;  außerdem  59  Stuben,  70  Kammern  und  7  Corridore;
nach  einer  anderen  Angabe  5  große  Säle,  7  Vorsäle,  74  Zimmer,
96  Kammern,  3  Küchen  (Steche  VI,  36).  Die  innere  Eintheilung
der  Eckpavillons  ist  einander  sehr  ähnlich.

Im  Lindenhaus  waren  die  kurfürstlichen  Wohnzimmer.  Diese
waren  vor  Allem  reich  geschmückt  und  ausgestattet.  Prachtvolle  Möbels,
venetianische  Spiegel,  Bronze-Kron=  und-Wandleuchter,  kostbare  Gefäße,
kunstvolle  Gläser,  orientalische  Teppiche  u.  s.  w.  bildeten  die  Ausstattung
  der  Gemächer,  welche  reich  mit  Geweihen  von  Hirschen,  Elennthieren,
  Steinböcken,  Gemsen  und  Rehen  geziert  waren.  Das  Sommerhaus
  war  am  Einfachsten  eingerichtet;  der  große  Saal  im  zweiten
Stockwerk  wurde  als  Tanzsaal  benutzt.  Das  Küchenhaus  enthielt
den  Speisesaal;  im  Hasenhaus,  welches  seinen  Namen  nach  den  vom
Hofmaler  Göding  gemalten  Darstellungen  des  menschlichen  Lebens  in
Hasenfiguren  erhalten  hatte,  war  der  Venussaal.  Die  Malereien  sind
jedoch  alle  fast  vollständig  zerstört  und  kaum  noch  zu  erkennen.  Zwischen
dem  Hasenhause  und  dem  Sommerhause  liegt  der  vor  Zeiten  reich
geschmückte  Fürstensaal.  Nur  die  zerfallende  Kassettendecke  erinnert
noch  an  die  frühere  Pracht.  Hier  hingen  32  (später  35)  große  Porträts
  der  sächsischen  Fürsten  von  Wittekind  bis  Kurfürst  Johann
Georg  I.,  sämmtlich  von  der  Hand  Lucas  Cranach  des  Jüngeren.
Als  diese  nach  andern  Schlössern  gebracht  worden  waren,  wurden  sie
durch  Copien  ersetzt,  von  denen  der  Chronist  Schumann  sagt:  „Die
Porträts  gehören  zu  den  Ueberresten  der  Gurkenmalerei  der  Vorzeit,
und  nicht  ein  einziges  ist  mehr  genau  zu  erkennen.“

Allmälig  kamen  die  Landesherren  seltener,  ihre  Aufenthalte  wurden.
kürzer,  zuletzt  kamen  sie  gar  nicht  mehr.  Kurfürst  Johann  Georg  J.
verweilte  noch  1617,  1628  und  zuletzt  1650  während  der  Jagdzeit
mehrere  Wochen  daselbst.
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        —  417  —

Das  Schloß,  welches  bereits  im  dreißigjährigen  Kriege  viel  ge—
litten  hatte,  besonders  1632  den  22.  August  bei  der  Plünderung
durch  die  Kroaten,  verfiel  immer  mehr.  In  der  Zeit  von  1722  bis
1732  wurde  das  Beste  und  Meiste  der  Ausstattung  nach  dem  neuen
Schlosse  Hubertusburg  übergeführt,  im  siebenjährigen  Kriege  noch
Vieles  zerstört  und  verzettelt  und  endlich  seit  Anfang  dieses  Jahrhunderts
  auch  das  Letzte  noch  fortgebracht,  meist  nach  Moritzburg.

In  den  Napoleonischen  Kriegen  diente  es  als  Militärlazareth.  —
Was  durch  frevelnde  Hände  nicht  verdorben  war,  verfiel,  weil  Sorgsamkeit
  und  Nachbesserung  fehlte.  Die  gewaltigen  Mauern  trotzten
dem  Verfall.  Eine  große  Anzahl  von  Fenstern  (es  waren  ursprünglich
  über  550)  ist  zugemauert  worden,  weil  dies  weniger  kostspielig
war,  als  die  Reparatur.  Ein  Theil  des  Schlosses  wurde  zu  Beamtenwohnungen
  und  Expeditionen  eingerichtet.  Außerdem  finden  sich
überall  Trümmer  und  Schutt.  Nur  einzelne  Malereien  über  Thüren
und  an  den  Wänden,  Bruchstücke  von  Inschriften  und  Verzierungen,
vereinzelte  große  Kamine  und  dergleichen,  erinnern  an  frühere  Pracht
und  Herrlichkeit.

Im  Jahre  1814  wurde  Augustusburg  wieder  bewohnbar  gemacht.
  Verschiedene  Theile  des  Schlosses  drohten  mit  Einsturz;  viele
Zimmer  und  Säle,  besonders  aber  die  um  das  ganze  Schloß  laufende,
ehemals  mit  Blei  gedeckte  Gallerie  konnte  man  ohne  Lebensgefahr  nicht
betreten.  1798  schon  waren  die  Gallerieen  und  Erker  abgetragen,
1802  das  Dach  in  seiner  gegenwärtigen  Gestalt  hergestellt  worden.

Noch  im  Jahre  1828  sagt  Hering  in  seiner  Geschichte  des
sächsischen  Hochlandes:  ..  „Zwar  ganz  verödet  im  Innern  und
zum  Vorrathshause  herabgesunken,  spricht  es  uns  in  seinen  hohen,
gewölbten  Zimmern  und  riesenhaften  Sälen  nicht  an.  Aber  im  Geiste
jener  Zeit  ist  es  groß  gedacht,  und  wahrhaft  fürstlich  ausgeführt.“

Heutzutage  kann  man  nur  beklagen,  daß  dieses  geräumige,  sicher  und
gesund  gelegene  Schloß,  welches  seiner  ursprünglichen  Bestimmung  doch
niemals  wieder  gegeben  werden  wird,  nicht  eine  Verwendung  gefunden  hat.

Der  ca.  170  m  tiefe  Brunnen,  von  dem  160  m  in  stehendem
Porphyr  niedergebrochen  sind,  wurde  1568  begonnen  und  nach  langer,
schwerer  Arbeit  vollendet.  An  jedem  Lachter  (2  m)  Tiefe  wurde
Tag  und  Nacht  sieben  Wochen  lang  gearbeitet;  die  Bergleute  erhielten
50  Gulden  Lohn.  Nach  vier  und  einem  halben  Jahre  Arbeit  hatte
man  bei  61  m  Tiefe  noch  kein  Wasser,  und  erst  nach  einem  Aufwande
  von  72000  rh.  Gulden  wurde  der  Brunnen  ausgiebig.  Als
1650  Kurfürst  Johann  Georg  I.  mit  seinem  ganzen  Hofhalte  und
1000  Pferden  drei  Wochen  lang  täglich  150  Eimer  (ca.  10  800  Liter)
Wasser  beansprucht  hatte,  wurde  der  Brunnen  allerdings  erschöpft;

27
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        —  418  —

man  könnte  aber  den  Verbrauch  von  9000  Liter  als  Durchschnittsleistung
  annehmen,  so  daß  bei  12  Liter  täglich  pro  Kopf  eine  Schloßbevölkerung
  von  750  Mann  ausreichend  mit  Wasser  versorgt  sein
würde.  Das  seinerzeit  angewendete  Göpelrad,  welches  von  Ochsen
getrieben  wurde,  förderte  drei  Mal  in  der  Woche  den  Wasserbedarf
in  steinerne,  mit  Blei  gefütterte  Tröge.  Seit  1879  werden  die  Bewohner
  des  Schlosses  (allerdings  nur  ca.  50  Köpfe)  durch  eine  Wasserleitung
  versorgt;  der  tiefe  Brunnen  wird  nicht  mehr  benutzt.

Das  stolz  auf  dem  Felsenkegel  des  Schellenberges  liegende
Schloß  Augustusburg  ist  trotz  seines  Verfalles  und  des  Verlustes
der  inneren  Pracht  noch  für  eine  lange  Zukunft  das  weithin  sichtbare
Denkmal  eines  Regenten,  welcher  den  Wohlstand  Sachsens  begründete
und  zahlreiche  Einrichtungen  schuf  oder  anbahnte,  welche  erst  im
Laufe  der  Jahrhunderte  in  ihrer  vollen  Bedeutung  erkannt  wurden.

Kurfürst  August  erhob  Sachsen  zu  einem  Musterstaate  für  das
übrige  Deutschland.

Während  seiner  langen  und  verhältnißmäßig  ruhigen  Regierungszeit
  führte  er  bedeutende  und  durchgreifende  Verbesserungen  ein.
Regierung  und  Verwaltung  des  Staates  wurden  streng  geordnet;  die
landesfürstliche  Macht  nach  Innen  und  nach  Außen  zu  hohem  Ansehen
  gebracht;  Aufsicht  und  Controle  der  Beamten  verschärft  und
im  Justizwesen  feststehende,  allgemein  giltige  Rechtsnormen  eingeführt.
Auf  der  Landesordnung  vom  1.  October  1555  gründet  sich  die
Mehrzahl  der  späteren  Einrichtungen,  welche  durch  besondere  Mandate
und  Polizeiverordnungen  vorbereitet  und  ergänzt  wurden.

Kurfürst  August  stellte  die  Sorge  für  die  Wohlfahrt  des  Volkes
an  die  Spitze  seiner  Regierungsgrundsätze.  Eine  rastlose,  persönliche
Thätigkeit  auf  volkswirthschaftlichem  Gebiete  ergänzte  durch  eigene
Betheiligung  die  unzureichenden  Hilfsquellen.  Wie  er  auf  strengste
Ordnung  des  kurfürstlichen  Haushaltes  hielt,  verlangte  er  auch  in
allen  Regierungszweigen  Klarheit,  Regelmäßigkeit,  Festigkeit  und  Sicherheit.
  Er  entwarf  bis  ins  Einzelne  gehende  Hofküchen-,  Keller-,
Kammer-,  Licht=  und  Speiseordnungen:  mit  derselben  Ausführlichkeit
aber  auch  Amtsbestallungen  für  verschiedene  Kategorieen  von  Beamten.

Mit  richtiger  Einsicht  in  die  Bedürfnisse  seines  Volkes  wendete
er  sich  den  Aufgaben  der  Nationalökonomie  zu,  ohne  deshalb  die
Wissenschaften  und  ihre  Anforderungen  zu  vernachlässigen  oder  den
Festlichkeiten  seines  Hofes  Pracht  und  Glanz  zu  verkürzen.  Als
treue  Gefährtin  stand  ihm  Kurfürstin  Anna  zur  Seite,  welche  durch
Uebereinstimmung  der  Neigungen,  sowohl  in  praktischen  Dingen,  als
auch  in  der  kirchlichen  Richtung,  großen  Einfluß  gewann.  Die  Landwirthschaft,
  der  Garten=  und  Obstbau,  die  Bienenzucht  wurden
        <pb n="427" />
        —  419  —

besonders  von  ihr  ins  Auge  gefaßt.  Seit  1568  übernahm  „Mutter
Anna“  die  Oberaufsicht  über  die  Viehzucht,  die  Milchwirthschaft,  das
Gesindewesen  der  Kammergüter,  für  deren  Verpachtung  der  Kurfürst
die  Contracte  mit  den  genauesten  Vorschriften  selbst  entworfen  hatte.
Auch  die  Fischereien  und  die  Weinberge  gehörten  in  das  Ressort  der
Kurfürstin.  Auf  dem  Vorwerk  Ostra  bei  Dresden  gründete  sie  eine
Musterwirthschaft,  um  von  da  aus  richtigere  Grundsätze  über  die
Bewirthschaftung  von  Landgütern  zu  verbreiten.

Einzelne  Vorwerke  wurden  zerschlagen  und  an  Bauernfamilien
in  Erbpacht  gegeben,  große  Strecken  uncultivirtes  Land  unter  den
Pflug  genommen  und  so  die  Güter  „aus  rauher  Wurzel“  gegründet.
Die  auf  Widerruf  besessenen  Laßgüter  verwandelte  der  Kurfürst  in
erbliches  Eigenthum.

Mit  großer  Energie  verfolgte  aber  der  Kurfürst  auch  gleichzeitig
  den  Plan,  seine  Macht  zu  vergrößern.  Er  erwarb  die  Grafschaft
  Mansfeld,  das  Vogtland,  die  großen  Besitzungen  der  Herren
von  Berbisdorf,  einen  Theil  der  niederen  Grasschaft  Hartenstein  2c.,
führte  bei  den  großen  Waldungen  eine  geordnete  Forstwirthschaft
ein  und  erließ  die  „Holzordnung“  von  1560,  an  welche  sich
die  1697  erlassene  „Forstordnung“"  iddeell  anschließt,  welche
beide  ihre  heilsamen  Wirkungen  bis  in  die  Gegenwart  erstrecken.

In  Verbindung  mit  dem  sich  infolge  des  kurfürstlichen  Beispieles
in  großer  Schnelligkeit  und  Energie  hebenden  Landbau  brachte  die
Entwickelung  von  Gewerbe  und  Verkehr  einen  steigenden  Wohlstand
mit  sich,  der  durch  die  Niederlassung  von  etwa  20  000  Einwanderern
noch  gehoben  wurde.  Die  Bevölkerung  stieg  bis  gegen  1  ½  Million.
Der  wohlgefüllte  Schatz,  die  Kraft  des  Landes,  die  geordnete  Verwaltung
  gaben  Kurfürst  August  eine  Stellung,  wie  Sachsen  sie  lange
Zeit  vorher  und  lange  Zeit  nachher  nicht  wieder  gehabt  hat.

52.  Sschopau.  Scharfenstein.  Wolkenstein.

Die  Zschopau  durchströmt  in  der  Preßnitz  von  Christophhammer
bis  zum  Einfluß  derselben  bei  Wolkenstein  und  von  da  bis  zu  ihrer
Vereinigung  mit  der  Flöha  eine  Thalspalte,  in  welcher  sich  „allenthalben
  romantische  Wildheit  mit  reizender  Anmuth  und  Milde  paart
und  einen  reichen  Wechsel  malerischer  Ansichten  entfaltet".  Der  Thalweg
  erscheint  als  eine  bei  der  Erhebung  des  Gebirges  weit  aufgerissene
  Spalte,  „die  sich  in  gedrängter  Schlangenwindung  durch  die
Grundfesten  des  Gebirges  hinabzieht,  als  ein  Felsengerinne,  zu  beiden
Seiten  von  schwarzem  Tannenwald  verhüllt..  Selten  leuchtet  das

27*
        <pb n="428" />
        —  420  —

lichte  Grün  eines  Wiesenstreifens  und  der  spiegelnde  Bergstrom  aus
der  Tiefe  empor.  Verborgen  unter  überhangendem  Strauchwerk,  unter
hohen  Tannen  und  Fichten  rauscht  er  über  graues  Steingeröll  dahin“.
(Saxonia  IV.  95  ff.)

Von  der  Flöhabrücke  in  Flöha  bis  zur  Zschopaubrücke  bei  Plaue
ist  eine  Entfernung  von  2  km;  von  da  auf  dem  rechten  Zschopauu#fer
  bis  zur  Brücke  von  Erdmannsdorf  3  km;  auf  dem  anmuthigeren
Wege  des  linken  Ufers  4  km.  Auf  dem  nächsten  Wege  kann  man
in  nicht  ganz  3¾/4  Stunden  nach  der  Stadt  Schellenberg  hinaufsteigen;
angenehmer  ist  der  Weg  durch  den  Wald,  auf  welchem  man  die
Stadt  von  der  Südseite  betritt.  Dieselbe  ist  längs  der  Ostseite  des
Porphyrkegels  angebaut,  auf  welchem  die  Augustusburg  liegt.

Von  dem  Schlosse  Augustusburg  steigt  man  wieder  zum  Städtchen
Schellenberg  nieder,  und  geht  von  hier  entweder  auf  dem  nächsten
Waldfußwege  in  20  Minuten  nach  Erdmannsdorf,  oder  durch  das
Städtchen  nach  Hohenfichte,  auf  welchem  Wege  man  einen  seitwärts
liegenden  Pavillon  mit  Aussicht  nach  dem  Flöhathale  nicht  unbesucht
lassen  darf.

Man  kann  aber  auch  das  Zschopauthal  gewinnen,  wenn  man
vom  Südende  des  Städtchens  nach  dem  Kunnersteine  wandert,  auf
angenehmem  Waldwege,  an  einem  alten  Wasserbottich  vorbei,  in  südwestlicher
  Richtung  etwa  eine  halbe  Stunde.  Der  Kunnerstein,  eine
70  m  über  die  Zschopau  sich  erhebende  Felsenklippe,  bietet  einen  trefflichen
  Ausblick  über  das  anmuthige  Flußthal  mit  seinen  Einfassungen,
die  grüne  Aue,  den  frischen  Wald,  einzelne  Gehöfte  von  Hennersdorf
und  den  größten  Theil  von  Kunnersdorf.

Vom  Kunnerstein  nach  Zschopau  nimmt  man  den  Weg  über
Witzschdorf.  Man  steigt  ins  Thal,  überschreitet  in  Hennersdorf  das
Wasser  und  geht  auf  dem  Fürstenwege  bis  Witzschdorf.  Hier  hat
man  bei  der  südlich  vom  Rittergute  liegenden  Galgenfichte  (einem
Trupp  Bäume  auf  kahler  Anhöhe)  einen  prächtigen  Blick  nach  dem
Zschopauthale  und  dem  närdlich  über  demselben  hoch  aufragenden
Schloß  Augustusburg.

Von  Schellenberg  nach  dem  Kunnersteine  geht  man  25  Minuten,
von  da  zur  Witzschdorfer  Höhe  eine  Stunde  10  Minuten,  von  hier
nach  Zschopau  30  Minuten.

Der  Kern  der  Stadt  Zschopau  bildet  auf  einem  mäßigen
Vorhügel  des  Gebirgszuges  zwischen  Zschopau=  und  Zwönitzfluß  ein
ziemlich  regelmäßiges  Oval,  welches  durch  zwei  von  Nord  nach  Süd
gerichtete  Hauptstraßen  und  mehrere  unregelmäßige  Nebenstraßen  in
zahlreiche  Abschnitte  zerlegt  wird.  Hering  sagt:  „Obgleich  keine  besonders
  große,  starke  und  hohe  Stadtmauer  um  selbige  geführt,  ist
        <pb n="429" />
        —  421  —

doch  die  Stadt  links  vom  Chemnitzer  Thore  bis  zum  Wolkensteiner
herum  seit  dem  Jahre  1495  mit  einer  nicht  ganz  unbedeutenden
Mauer  verbaut  worden.  Unterhalb  dem  Schlosse  steht  ein  großer
Felsberg.“  Die  Stadt  hatte  ehedem  drei  Hauptthore,  das  Chem—
nitzer  (1548  steinern  überbaut,  1815  abgebrochen),  das  Wolkensteiner
(ebenfalls  hoch  überbaut,  1813  abgebrochen)  und  das  Hermsdorfer
Thor  (das  größte,  1548  ebenfalls  ganz  steinern  umgebaut,  1821  im
Dachstuhle  baufällig  und  dann  abgetragen).  Erst  später  ist  das  neue
oder  Augustusburger  Thor  angelegt  worden.  „Die  Vorstädte  sind
nicht  von  großer  Bedeutung“,  doch  hat  seit  des  Chronisten  Zeit  sich
dies  wesentlich  verändert;  die  Zschopense  ist  gegenwärtig  stark  bevölkert?).


Die  Gründung  des  Schlosses  Wildeck  wird  dem  Kaiser  Heinrich  I.
zugeschrieben.  Das  ist  zweifelhaft,  obgleich  es  wohl  zwischen  923
und  932  als  Grenzburg  angelegt  worden  sein  mag;  wahrscheinlich
von  Riddag,  Markgraf  von  Meißen.  Sicher  ist,  daß  1180  Markgraf
  Otto  der  Reiche  von  Meißen  die  Burg  Wildeck  vollständig  wieder
herstellen  ließ.  Der  alte,  gegen  26  m  hohe,  runde  Thurm,  mit  gewaltig
  dicken  Mauern,  dessen  Dach  erst  weit  später  aufgesetzt  ist,
stammt  wahrscheinlich  aus  dem  12.  Jahrhundert.  Derselbe  wird  der
„dicke  Heinrich“  genannt,  was  allerdings  darauf  hindeuten  könnte,  daß
er  erst  1265  von  Heinrich  dem  Erlauchten  errichtet  worden  wäre.
Nach  einer  Abbildung  in  Merian's  obersächsischer  Topographie  ist
das  Zschopauer  Schloß  mit  dem  Wolkensteiner  Thore  durch  die  Stadtmauer
  verbunden,  hat  an  den  äußeren  Seiten  drei  Thürme,  an  der
vierten,  inneren  aber  einen  sehr  dicken,  runden  und  weit  höheren  (den
Luginsland).  Das  Schloß  hat  in  dieser  Zeit  nur  zwei  Stockwerke.
Dasselbe  ist  1545  von  Kurfürst  Moritz  in  seiner  gegenwärtigen  Gestalt
  umgebaut  worden.  (Schumann,  XVIII,  765.)

Südwestlich  der  Stadt  bietet  die  „Bodemer  Kanzel“  eine  gute
Ansicht  derselben;  über  ihr  Schloß  Augustusburg.

Vom  Kaiserblick  auf  dem  vorderen  Ziegenrück,  Kreuzung  mit
Schneuse  8,  hat  man  die  Aussicht  auf  Keil-,  Fichtel=  und  Pöhlberg,
das  Scharfensteiner  Schloß  im  Mittelgrund.

Verfolgt  man  den  Weg  auf  dem  Ziegenrück,  so  kommt  man  nach
einstündiger  Wanderung  von  Zschopau  aus  an  eine  Stelle,  von
welcher  man  früher  eine  entzückende  Aussicht  ins  Thal  hatte.  Diese
Felsenklippe  liegt  etwa  180  m  über  dem  Flußbett.  Hier  war  eine
Rundmauer  aufgeführt,  welche  Ruhebänke  u.  s.  w.  umfaßte.  (Schu-*)

  E.  F.  W.  Simon,  Kurze  historisch-  Fgmoqraphisch-  topographische  Nachrichten
  von  der  Bergstadt  Zschopau.  Dresden  1821
        <pb n="430" />
        —  422  —

mann,  X,  233;  XVIII,  666.)  Dieselbe  wurde  vor  Jahren  schon
in  jugendlichem  Unfug  zerstört.  Dieser  Punkt  ist  die  Scharfensteiner
Kanzel.  Die  Aussicht  ist  im  Laufe  der  Jahre  verwachsen.  Etwa
u¼  Stunde  weiter  erreicht  man  einen  nach  Südwest  gerichteten  Felsenvorsprung,
  welchem  Schloß  Scharfenstein  gegenüber  liegt.  Der  Weg
ist  nicht  schwer  zu  finden.

Von  den  zahlreichen  besuchenswerthen  Punkten  der  Umgebungen
von  Zschopau  ist  das  Wolperts-Büschchen  (621  m)  zwischen  Hohndorf
  und  Groß-Olbersdorf  wegen  seiner  Aussicht  nach  Annaberg  und
dem  oberen  Gebirge  besonders  zu  nennen.

An  der  Haltestelle  Wilischthal  mündet  von  West  kommend  die
Wilsch  in  die  Zschopau,  deren  Thal  bis  über  die  Kalköfen,  etwa
3  km  weit  einen  anmuthigen  und  der  Ausführung  werthen  Ausflug
bietet,  wenn  man  nahe  der  Thalsohle  bleibt  und  die  aussichtslos  durch
den  Wald  führende  Chaussee  meidet.

Scharfenstein  gehörte  vor  Zeiten,  ganz  wie  Zschopau,  zur
Herrschaft  Wolkenstein,  welche  die  Herren  von  Waldenburg  besaßen.
Das  Schloß  wurde  bereits  1312  in  der  Fehde  zwischen  dem  Markgrafen
  Friedrich  dem  Gebissenen  und  dem  Markgrafen  Waldemar  von
Brandenburg  zerstört;  seine  erste  Anlage  ist  aber  unzweifelhaft  in
das  12.,  wo  nicht  schon  in  das  11.  Jahrhundert  zu  setzen.  Auch
Scharfenstein  ist  als  Grenzburg  entstanden,  sobald  als  die  Landeshoheit
  weiter  nach  Süden  sich  ausdehnte.

Das  Schloß  ist  auf  einem  35  m  hohen  Bergvorsprunge  erbaut,
aus  welchem  nach  Südwest  ein  ungeheurer  Felsengrat  vorreicht  und
den  Fluß  zu  einer  riesigen  Schleife  zwingt.  Das  Schloß  besteht  aus
den  wenigen  Ruinen  der  alten  Burg  und  dem  Neubau  aus  dem  15.
und  16.  Jahrhundert.  Beide  unschließen  einen  Hof,  zu  welchem
über  den  Schloßgraben  hinweg  eine  lange,  steinerne  Brücke  führt.
Der  alte,  über  17  m  hohe  und  über  8  m  starke  runde  Thurm  ist
in  späterer  Zeit  mit  einem  Dachkegel  von  Mauerwerk  versehen  worden.
  Auf  diesem,  wie  auf  den  Zinnen  haben  sich  einige  Birkensträuche
festgesetzt  und  schmücken  das  alte  Mauerwerk  mit  ihrem  frischen  Grün.
Die  zwei  Hauptgebäude,  etwa  250  Jahre  alt,  stoßen  ziemlich  rechtwinklig
  an  einander;  die  dritte  Seite  des  Hofes  wird  von  einem  nach
der  Berglehne  gekrümmten,  niederen  Flügel  eingenommen.  Bemerkenswerth
  ist  der  östliche  Giebel  des  Hauptgebäudes,  zur  rechten  Hand,
wenn  man  über  die  Brücke  herein  kommt.  Auf  dem  westlichen  Bergvorsprunge
  steht  noch  ein  kleiner  Thurm.

Seit  1427  gehört  Scharfenstein  den  Herren  v.  Einsiedel.  1584.
besaß  es  der  kurfürstliche  Kanzler  Haubold  v.  Einsiedel  gemeinschaftlich
  mit  seinen  Brüdern  Abraham  und  Hildebrand.  Während  des
        <pb n="431" />
        —  423  —

dreißigjährigen  Krieges  wurde  Scharfenstein  zu  wiederholten  Malen
überfallen,  belagert,  eingenommen,  geplündert,  ausgeranbt,  theilweise
niedergebrannt  und  zerstört.

Um  die  höchst  interessante  Schleife  der  Sschopau  näher  zu  betrachten,
  geht  man  von  dem  Fahrwege  unterhalb  des  Schlosses  vor
bis  zu  dem  Pavillon,  von  welchem  aus  man  dieselbe  vollständig  übersieht.
  Durch  den  Felsengrat  ist  der  Mühlgraben  durchgeführt.  Im
15.  oder  16.  Jahrhundert  soll  ein  Bergmann,  der  auf  dem  Schlosse
gefangen  saß,  ihn  angegeben  haben,  um  frei  zu  werden.  Nach  einer
anderen  Sage  sollen  zwei  Bergleute  den  17,5  m  langen  Tunnel  in
einem  Jahre  durchgeschlagen  haben).

Von  der  Eisenbahnstation  gelangt  man  entweder  über  Hopfgarten
  auf  anmuthigem  Thalwege  über  den  Floßplatz  bis  zur  Zschopaubrücke
  vor  Wolkenstein,  oder  man  geht  über  die  Scharfensteiner  Brücke
den  Weg  bergan  bis  zur  halben  Höhe,  sodann  durch  den  Heidelbachwald
  und  auf  der  breiten  Waldstraße  bis  auf  die  Felsenklippe  oberhalb
  des  Floßplatzes.  Hier  hat  man  einen  prächtigen  Blick  in  das
Thal  der  Zschopau  und  nach  dem  Hüttenmühlengrunde.  Nun  steigt
man  in  das  Thal  und  geht  über  die  Brücke  nach  Wolkenstein  hinauf.
Der  Zeitbedarf  ist  für  beide  Wege  ziemlich  gleich:  13¾/  Stunde.

Man  kann  auch  vom  Floßplatze  über  die  Wald-(Loch-ymühle
und  Hüttenmühle  nach  dem  Wolkensteiner  Bade,  sowie  nach  der  Stadt
gehen.

Das  Wolkensteiner  Bad  —  oder  wie  es  früher  hieß  „das
Warmbad  zu  unserer  lieben  Frau  auf  dem  Sande“  —  soll  bereits
um  1300  benutzt  worden  sein.  Die  Marienkapelle,  welche  früher  auf
der  Höhe  zwischen  dem  Bade  und  dem  Dorfe  Geringswalde  stand,
wurde  allerdings  wohl  erst  1385  gegründet,  wie  es  scheint,  von  einem
dankbaren  Genesenen,  und  das  Bad  erst  im  15.  Jahrhundert  nach
ihr  benannt.  Die  Kapelle  war  aber  schon  im  16.  Jahrhundert  Ruine,
wurde  1609  vollständig  abgetragen  und  jetzt  kann  man  ihre  Stelle
kaum  noch  angeben.

Nach  den  „Historischen  Nachrichten  von  dem  warmen  Bade  unter
der  kursächsischen  Bergstadt  Wolkenstein“  (von  M.  F.  W.  Köhler  1791)
ließ  Kurfürst  August  die  Quellen  fassen.  Das  Bad  ist  seit  Mitte
des  16.  Jahrhunderts  in  Privatbesitz.  Die  23½0  R.  (300  C.)  warme
Quelle  „gehört  zu  jenen  Mineralwässern,  welche  bei  geringem  Gehalt
an  festen  Bestandtheilen  und  bei  auflösender  Natur  dieser  selbst,  besonders
  wenn  sie  eine  höhere  Temperatur  besitzen,  bedeutende  Heilwirkungen
  äußern“.  Dieselbe  wird  in  ihrer  chemischen  Zusammen-*)

  Dr.  J.  E.  A.  Köhler,  Sagenbuch  des  Erzgebirges.  706.
        <pb n="432" />
        —  424  —

setzung  wie  in  ihren  Wirkungen  den  alkalisch-salinischen  Mineral—
wässern  von  Wildbad,  Gastein  und  Pfeffers  zur  Seite  gestellt.  Das
Bad  liegt  geschützt.  Wohnungen  sind  im  Restaurationshause,  im
Badehause,  im  „Luxemburg“,  im  Landhause  und  im  Pavillon  (von
3  bis  15  Mark  pro  Woche),  Verpflegung  im  Restaurationshause  zu
erlangen;  Kurtaxe  und  Kurmusik  allerdings  nicht  zu  umgehen.

Auf  steil  aufragender  Felsenklippe  liegt  das  Schloß  Wolkenstein,
77  m  über  der  Zschopau,  ein  aus  mehreren  Jahrhunderten  stammender
  Schloß=  und  Burgbau,  der  zu  wiederholten  Malen  sächsischen
Fürsten  zum  Aufenthalte  gedient  hat.  (Georg  der  Bärtige,  Heiurich
der  Fromme,  Kurfürstin  Sophie  u.  s.  w.)  Der  westliche  Theil  des
Schlosses  ist  Ruine  eines  älteren  Baues.  Die  Herrschaft  Wolkenstein,
möglicherweise  ursprünglich  Bolkenstein,  gehörte  bis  1470  den  Grafen
und  Herren  von  Schönburg;  1413  verkauften  diese  Schlettau  an  das
Kloster  Grünhain,  welches  bei  der  Säcularisation  an  das  Kurhaus
fiel;  1418  verloren  sie  Hassenstein  an  die  böhmische  Krone;  1568
kaufte  Kurfürst  August  die  obere  Grafschaft  Hartenstein,  1590  Kurfürst
  Christian  Geringswalde.  So  kam  der  größte  Theil  dieser  ausgedehnten
  Besitzungen  an  das  sächsische  Regentenhaus.  Der  Schloßgraben
  ist  in  den  Felsen  gesprengt,  ebenso  die  vor  ihm  liegende
Cisterne.  Der  Schloßbau  auf  alten  Fundamenten  stammt  aus  dem
16.  Jahrhundert,  ist  aber  durch  viele  Um=  und  Einbauten  verändert
worden.

Die  Aussicht  nach  dem  Thale  der  Zschopau  und  der  Preßnitz
von  der  Terrasse  des  Schlosses  ist  eine  hervorragende.  Beide  Thäler
von  herrlichem  Wald  eingefaßt,  mit  zahlreichen  Bergvorsprüngen,
Klippen  und  Felsenwänden,  durch  Gehöfte,  Mühlen,  einzelne  Häuser
belebt,  und  über  den  in  anmuthigen  Formen  anstehenden  Thalwänden
und  den  flachen,  plateauartigen  Rücken  im  Süden  der  Pöhlberg,  in  weiterer
  Ferne  vom  Kamme  des  Gebirges  mit  seinen  Gipfeln  überragt.

Die  wiederholt  abgebrannte  Stadt  (1540,  1610,  1802)  bietet
wenig  Bemerkenswerthes;  doch  sind  auf  ihrer  Ostseite  noch  Ueberbleibsel
  der  Mauern  zu  erkennen;  im  Südost  die  Rundung,  auf  welcher
der  Pulverthurm  stand  (in  einem  Garten)  und  nahe  der  Marktstraße
einige  Mauerstücke,  sowie  die  Reste  eines  viereckigen  Thurmes').  Der
Pirnaische  Mönch  sagt:  „Wolkenstein  eine  Stadt  und  Schloß  in
Meissen  hat  nur  ein  Thor  ein=  und  auszufahren“.

Vom  oberen  Ende  der  Stadt  Wolkenstein  führt  ein  anmuthiger

 

*)  F.  W.  Köhler,  Historische  Nachrichten  von  der  alten  freien  Bergstadt
  Wolkenstein  im  Meissner  Ober-Ertz-Gebirge  (mit  1  Kupfer).  Altenburg
1785,  Richter.  (Schneeberg  1781.)
        <pb n="433" />
        —  425  —

Weg  auf  dem  rechtsuferigen  Abhange  längs  der  Zschopau  und  Preßnitz,
  an  der  Spinnerei  Niederau,  der  Holzschleiferei  Oberau  und  dem
Lehngute  Finsterau  vorüber,  im  Thale  der  Preßnitz  aufwärts  nach
Steinbach  und  Christophshammer.  Ein  prächtiges,  waldeingefaßtes
Gebirgsthal,  in  welchem  die  kleinen  Ortschaften  Boden,  Nieder-,
Mittel=  und  Ober-Schmiedeberg,  sowie  einige  einzelne  Mühlen  und
Fabriken  auf  dem  grünen  Wiesengrunde  verstreut  liegen,  während  die
Preßnitz  mit  ihrem  dunklen  Wasser  mächtig  einherrauscht.  Zahlreiche
Ecken  und  Bergsporen,  Felsenklippen  und  Steilhänge  lassen  die  landschaftliche
  Scenerie  von  heiter-grüner  Wald=  und  Wiesenlandschaft  bis
zu  ernstem,  feierlichem  Felsenthale  wechseln.  Wer  nicht  bis  Steinbach
(14  km)  oder  von  dort  über  Schlössel  bis  Jöhstadt  (22  km)  im
engen  Waldthale  des  Schwarzwassers,  oder  von  Steinbach  über
Schmalzgrube  bis  Christophshammer  (21  km)  längs  der  Preßnitz
gehen  will,  sollte  dieses  herrliche  Thal  wenigstens  bis  zur  Einmündung
  des  Haselbaches  kennen  lernen.  Im  engen  Waldthale  des  Haselbaches
  gelangt  man  von  Mittel-Schmiedeberg  in  1  ½  Stunde  nach
Reitzenhain;  bis  Mittel-Schmiedeberg  sind  12  km.

Bei  Schmalzgrube  mündet  das  Thal  des  Schmiedeberger  Schwarz--wassers,
  ein  herrliches  Waldthal,  welches  bis  über  Pleil  hinauf,  6  km
von  Schmalzgrube,  und  fast  bis  Schmiedeberg,  gegen  4  km  weiter,
besuchenswerth  bleibt.  Ueber  Schlössel  oben  liegt  auf  dem  linken
Ufer  des  Schwarzwassers  die  Stadt  Jöhstadt;  von  da  auf  den  Weißen
Hirsch  2  km,  nach  Weipert  4  km.

53.  Wiesenbad.  Weipert.  Schlettau.  Scheibenberg.

Nach  dem  Wiesenbade  gelangt  man  auf  der  Chaussee,  4  km,
zieht  man  nicht  vor,  über  Streckewalde  und  die  Schafbrücke  zu  gehen.

Wiesenbad,  oder  auch  „Warmbad  Wiesenbad  im  Erzgebirge",
war  schon  im  16.  Jahrhundert  als  Heilbad  bekannt.  1501  ließ
Hans  Friedrich,  ein  reicher  Bergherr  in  Geyer,  die  Quelle  in  einem
viereckigen  Holzkasten  fassen  und  ein  Badehaus  bauen.  Lehmann  sagt
in  „das  edle  meissnisch  ober  ertzgebürgische  Wiesenbad“:  „Der  Quell
ist  in  hölzern  Pohlen  geckig  eingefaßet,  oben  bedecket,  auswendig  in
der  erde  mit  festen  letten  sehr  dichte  versetzet,  so  daß  kein  Wildwasser
hinein  dringen  kann,  in  der  Weite  vier  ellen,  mannestief,  wie  ein
Crystall  so  hell,  wirffet  schöne  Blasen  auf,  welche  denen  Patienten
als  eine  Hoffnung  der  Genesung  eingeschwatzet  werden,  sonderlich  wenn
sie  Geld  hinein  werffen,  welches  der  Bademann  wohl  heraus  zu  langen
weiß.“  Nach  der  neben  dem  Badehause  erbauten,  1505  vom  Meißner
        <pb n="434" />
        —  426  —

Bischof  eingeweihten,  kleinen  Kapelle  des  heiligen  Hiob  wurde  das
Bad  Jobsbad  genannt,  bis  1602  Kurfürst  Christian  II.  das  Fürstenhaus
  bauen  ließ  und  das  Bad  infolge  des  wiederholten  Aufenthaltes
der  Kurfürstin  Sophie,  Wittwe  Christian's  I.,  den  Namen  Sophienbad
  erhielt.  Seit  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  ist  der  Name  „Wiesenbad“
  der  gebräuchliche).

Die  Gebäude  sind  neueren  Ursprunges.  Das  Badehaus  (mit
23  Badezellen),  Restaurationshaus,  Posthaus  und  Fürstenhaus  bieten
guteingerichtete  Wohnungen  (im  Preise  von  4  bis  16  Mark  pro
Woche).  Die  Verpflegung  wird  sehr  gerühmt.

Die  170  R.  (213/¾0  C.)  warme  Quelle  ist  durch  einen  Ueberbau
  mit  Kuppelwölbung  geschützt.  Sie  würde  wahrscheinlich  durch
tiefere  Fassung  eine  höhere  Temperatur  erlangen.  Die  Quelle  gehört
zu  den  indifferenten  Thermen,  ist  Wildbad  und  Gastein  ähnlich  und
verdient  weit  größere  Beachtung,  als  ihr  bisher  zu  Theil  geworden.
Das  Wasser  ist  hell  und  durchsichtig,  hat  keinen  auffallenden  Geruch,
schmeckt  fade  und  weich.  (Analyse  von  Lampadius,  Freiberg  1818.)
Wiesenbad  hat  das  gesunde,  zum  Theil  frische  Klima  des  Erzgebirges,
liegt  434  m  über  dem  Meeresspiegel  und  eignet  sich  vortrefflich  für
Nervenleidende,  durch  Anstrengung  Erschöpfte  und  überhaupt  der  Ausspanne
  Bedürftige.  Der  Hauptbesuch  fällt  in  die  Ferienzeit;  wer
Ruhe  in  dieser  Idylle  begchrt,  komme  vor  Mitte  Juli  oder  nach
Mitte  August.

Nicht  ganz  1  km  unterhalb  Wiesenbad  mündet  der  Pöhlbach
oder  das  Grenzwasser  in  die  Zschopau.  Das  Thal,  in  welchem  bis
Geyersdorf  eine  neu  angelegte  Straße  führt,  wird  von  50  bis  70  m
hohen  Abhängen  eingefaßt,  welche  zum  Theil  bewaldet  sind;  am
großen  Riß,  dem  Zusammenbruch  von  Seegen=  und  Hülfe  Gottes-Zeche,
  ist  der  Abhang  sogar  140  m  hoch.  Die  bis  zu  150  m  ansteigenden
  Thalwände  verflachen  sich  aber  dergestalt,  daß  man  bei
Königswalde  ihre  Höhe  vollständig  unterschätzt,  und  erst  in  der  Nähe
des  Forsthauses,  wo  die  bewaldeten  Abhänge  wieder  steiler  werden,
von  Neuem  ein  tieferes  Thal  zu  betreten  glaubt.  Von  Südost  kommt
hier  das  Kontuppelthal,  welches  als  enges  Waldthal  bis  zum  Zigeunerfelsen
  besuchenswerth  ist;  von  Südwest  das  Thal  des  Grenzbaches,
welches  bis  zu  der  etwa  3  km  entfernten  Grundmühle  von  steilen,
bewaldeten,  bis  zu  120  m  hohen,  von  Felsenklippen  unterbrochenen

*)  Dr.  C.  G.  Müller,  Nachrichten  über  die  Wirkungen  und  das  Fortbestehen
  der  warmen  Quelle  zu  Wiesenbad  im  Erzgebirge.  Annaberg,  Rudolf
u.  Dieterici,  1847.

Warmbad  Wiesenbad  im  sächsischen  Erzgebirge.  Von  der  Badeverwaltung.
        <pb n="435" />
        —  427  —

und  geschmückten  Abhängen  eingefaßt  wird.  Von  Wiesenbad  bis  zur
Grundmühle  14  km.

Oberhalb  der  Grundmühle,  nur  vom  Grenzbache  getrennt,  liegt
auf  dem  rechten  Bachufer  das  ausgedehnte,  von  mehr  als  8000
Menschen  bewohnte  und  in  einzelnen  Gruppen  verstreute  Weipert,
auf  dem  linken  Bachufer  Bärenstein,  Stahlberg  und  Niederschlag,  so
daß  man  die  Gesammtheit  dieser  Orte  mit  ihrer  Ausdehnung  von
6  km  Länge  und  2  km  Breite  und  ihren  12  000  Bewohnern  leicht
für  eine  einzige,  weit  zerstreut  angelegte  Bergstadt  halten  könnte.

Allem  Anscheine  nach  ist  Weipert  in  seinen  ersten  Anfängen  von
sorbenwendischen  Ackerbauern  angelegt  worden;  ein  Vorposten,  welcher
über  Königswalde  südwärts  im  Gebirge  vorgedrungen  war;  wenigstens
liegt  die  Ableitung  des  Ortsnamen  von  vFprah  =  der  Brandacker
nicht  fern,  während  Preßnitz  auf  brsina  =  die  Hutweide,  das
Wiesenthal  im  Gebirge,  Orpus  auf  hor  —  Berg  und  poust  =
Einöde,  sowie  endlich  Pleil  auf  plejidlo  —  Rodehaue  und  Waldroden
  hinweist.

Im  15.  Jahrhundert  mag  in  der  Umgebung  von  Weipert  Eisenstein--Bergbau
  getrieben  worden  sein,  und  1506  erwähnt  eine  Urkunde
„diesen  wüsten  Hammer  Weyberth  genannt“".  Um  1530  ward  aber
schon  auf  Silbererze  gebaut,  und  als  1550  ein  Sturm  eine  Fichte
entwurzelte,  und  dabei  ein  „Erzgeschub“  herausriß,  welches  achtzig
Mark  Silbers  enthielt,  entstand  ein  so  großes  Berggeschrei,  daß  man
den  Ort  selbst  „Neu-Geschrei“  benannte.  Im  Jahre  1617  erlangten
die  vier  Städte  Weipert,  Preßnitz,  Sonnenberg  und  Sebastiansberg
die  Gerechtsame  als  „königliche  Bergstädte“;  doch  1628  schon  begann
die  Auswanderung  der  protestantischen  Bergleute,  in  Folge  der  unerhörten
  Bedrückungen  und  Verfolgungen,  und  am  Ende  des  dreißigjährigen
  Krieges  zählte  Weipert  kaum  noch  600  Bewohner.

Alle  Versuche,  den  Bergbau  wieder  zu  beleben,  waren  vergeblich.
Die  Stadt  hatte  schwere  und  trübe  Zeiten  zu  überstehen  und  erst
nach  Beendigung  der  Napoleonischen  Kriege  entstanden  allmälig  neue
Industrieen  und  Erwerbszweige.  Nächst  der  Anfertigung  von  Posamenten,
  Strumpf=  und  Wirkwaaren  ist  die  Gewehrfabrikation  besonders
  zu  nennen.

Von  Wiesenbad  aufwärts  macht  die  Zschopau  drei  große  Schleifen,
deren  bis  zu  80  m  hohe  Abhänge  mit  Wald  bedeckt  und  zum  Theil
mit  Felsbrocken  übersät  sind.  Von  Wiesa  an  erweitert  sich  das  Thal
bis  zum  Einfluß  der  Sehma,  welche  von  50  bis  70  m  hohen  auf
der  Westseite  des  Thales  zum  größten  Theile  bewaldeten  Abhängen
eingefaßt  ist.  Das  von  Süden  her  kommende  Thal  der  Sehma  ist
bis  oberhalb  Buchholz  reich  an  anmuthigen  Landschaftsbildern.  Im
        <pb n="436" />
        —  428  —

Nordwesten  von  Annaberg  erhebt  sich  der  Schreckenberg  mit  seinem
Aussichtsthurme  und  nördlich  von  demselben  von  Busch  umgeben  der
Markus  Röhling;  beide  mit  guter  Aussicht  gegen  Annaberg  und  den
Pöhlberg.

Das  Thal  der  Zschopau  bleibt  westlich  gerichtet  bis  Tanneberg,
wo  die  Ueberreste  eines  alten,  viereckigen,  von  einem  Wassergraben
umgebenen  Thurmes  die  Zeit  der  ersten  Ansiedelung  und  der  Errichtung
  einer  Grenzburg  in  diesen  Gegenden  als  den  Anfang  des  13.
Jahrhunderts  bezeichnen.  Hier  wendet  sich  das  Thal  der  Zschopau
scharf  nach  Süden,  um  bis  gegen  Schlettau  hin  zum  großen  Theile
noch  von  waldbedeckten  Abhängen  eingefaßt  zu  bleiben.

Schlettau,  welches  erst  um  1500  in  Folge  der  in  seinen
Umgebungen  aufgeschlossenen  Erzanbrüche  die  Rechte  einer  freien  Bergstadt
  erhielt,  ist  unzweifelhaft  eine  bedeutend  ältere  Ansiedelung  sorbenwendischen
  Ursprunges.  Der  Name  Schlettau  weist  auf  sleta  —=  der
Schiefer;  eine  vollkommen  richtige  Bezeichnung  des  Glimmerschieferbodens,
  auf  welchem  die  Ansiedler  sich  niedergelassen  hatten.  Die
Stadt  ist  1708  vollständig  niedergebrannt  und  seitdem  neu  aufgebaut;
sie  bildet  ein  sehr  langgestrecktes  Oval;  die  drei  Straßen  gehen  der
Umfassung  ziemlich  parallel,  doch  ist  von  der  ehemaligen  Stadtbefestigung
  nur  wenig  erhalten,  obgleich  man  die  Linie  derselben  erkennt.


Am  Nordostende  der  Stadt  lag  die  Burg,  das  heutige  Schloß,
welches  jedoch  durch  spätere  Umbauten  vollständig  verändert  worden
ist.  Ein  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  von  Dilich  gezeichnetes  Bild
von  Schlettau  zeigt  noch  die  Stadtmauern  und  das  alte  Schloß.
Auch  die  Burg  von  Schlettau  ist  wahrscheinlich  Anfang  des  12.  Jahrhunderts
  errichtet  worden.  Ende  des  15.  und  Anfang  des  16.  Jahrhunderts
  war  in  Folge  des  Bergseegens  unzweifelhaft  die  Blüthezeit
der  Stadt;  das  Schloß  war  bis  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  kurfürstliches
  Eigenthum.

Südlich  des  in  breiter  Thalmulde  lang  gestreckten  Dorfes  Crotten-=dorf
  liegt,  etwa  1  km  entfernt,  8  km  von  Schlettau,  der  früher  als
Marmor  =  jetzt  lediglich  als  Kalkbruch  ausgebeutete  Bruch,  der  vorwiegend
  für  den  Fachmann  ein  größeres  Interesse  bietet.  Derselbe
wurde  1575  entdeckt  und  seit  1583  von  Nosseni  vielfach  benutzt.  Die
Statue  König  Augusts  und  das  Gellertstandbild  in  Leipzig,  die  Fußböden
  der  katholischen  Kirche  in  Dresden  u.  s.  w.  sind  von  Crottendorfer
  Marmor.

Südwestlich  von  Schlettau,  nahezu  auf  der  Wasserscheide  zwischen
  dem  Gebiete  der  Zschopau  und  dem  Gebiete  der  Mulde  liegt
Scheibenberg,  die  „seitdem  1515  der  Bergbau  fündig  worden“
        <pb n="437" />
        —  429  —

regelmäßig  gebaute  ehemalige  Bergstadt  am  Fuße  des  Scheibenberger
Hügels?).

Der  Scheibenberg,  oder  wie  er  gewöhnlich  genannt  wird,  der
Scheibenberger  Hügel,  erhebt  sich  aus  dem  Plateau  mit  ziemlich
steilen  Wänden  über  50  m,  mit  dem  dreieckigen  Gipfel  sogar  gegen  74  m.
(Vgl.  S.  45.)  Die  Längenachse  des  Berges  ist  von  Süd  nach  Nord,
mit  einer  Abweichung  gegen  Ost.  Die  Aussicht  vom  Scheibenberg  ist
bei  Weitem  anziehender  als  die  vom  Pöhlberg  und  vom  Bärensteine.
Der  Verfasser  der  Wanderungen  durch  das  sächsische  Erzgebirge
schreibt  (1840)  über  dieselbe:  „Die  gemischten  Bilder  romantischer
Wildniß,  gewerblichen  Fleißes  und  ländlicher  Einfalt  lagen  vor  nmir.4
Hochwälder  und  Buchenhaine,  Berge  und  Hügel,  auf  der  einen  Seite
in  ansteigender  Erhöhung,  auf  der  anderen  in  niedergehender  Abdachung
  ...  Die  tafelförmigen  Höhen  des  Pöhlberges  und  Bärensteines
  gönnten  einen  mächtigen  Zwischenraum  zum  Durchblick  —
weithin  bis  an  den  böhmischen  Haßberg;  nordwärts  über  die  Granitsäulen
  des  Greifensteines  hinaus  Nicht  nennen  kann  ich  die
Ortschaften  alle,  die  ich  hier  sah  ....  Die  vielen  Teiche,  die  einst  zu
der  alten  Abtei  Grünhain  gehörten,  blitzten  hervor  auf  der  grünen
Landschaft.  ..  Alles  verherrlichte  der  frohe  Sonnenglanz  des
Tages.“  Besonders  hervorzuheben  ist  die  Aussicht  nach  Südwest  und
West.

Im  Osten  von  Annaberg  erhebt  sich  der  Pöhlberg,  mit  seiner
Längenachse  genau  von  Süd  nach  Nord  gerichtet,  über  80  m  steil
aus  der  allmälig  ansteigenden  Hochebene.  Der  Gipfel  des  Berges  ist
bepflanzt,  doch  bietet  der  Rundweg  um  denselben  nach  allen  Richtungen
  hin  vortreffliche  Aussichtspunkte,  zum  Theil  malerischer  und
besser  als  eine  Rundsicht  sie  gewähren  könnte.  Am  Nordende  des
Berges  sind  Basaltsäulen  (die  sog.  Butterfässer)  bemerkenswerth.  Der
Basalt  des  Pöhlberges  ist  schwarzgrau,  die  Mehrzahl  der  Säulen
6  bis  10  m  lang,  einzelne  1  bis  1¾  m  stark.  Die  Aussicht  vom
Pöhlberge  rühmt  schon  Schumann  (VIII,  453).  Man  sieht  Scheibenberg,
  Buchholz  (besonders  schön),  Annaberg,  Geyer,  Augustusburg,
Wolkenstein,  Frauenstein  und  Sayda.

Am  Ostfuße  des  Pöhlberges  liegt  Briccius-Fundgrube.

Von  dem  unmittelbar  über  dem  Dorfe  Bärenstein  sich  erhebenden
Bärensteine  hat  man  nur  zwei  Aussichten,  die  eine  nach  Norden
und  die  andere  nach  Süden.  Der  in  einem  dreieckigen  Plateau
endigende  Berg  steigt  über  60  m  schroff  aus  der  Hochebene  empor,
ist  vollständig  bewaldet  und  gewährt  nur  an  seinen  Enden  eine  freie

*)  Dietrich,  Chronik  der  freien  Bergstadt  Scheibenberg.  Leipzig  1839.
        <pb n="438" />
        —  430  —

Aussicht.  Besonders  interessant  ist  die  Aussicht  von  der  südlichen
Felsenklippe  nach  dem  Kamme  des  Gebirges.  Oberhalb  des  wald—
freien  Thalgebietes  von  Bärenstein  und  Weipert  nahezu  im  Osten  der
Haßberg,  genau  im  Südost  der  Preßnitzer  Spitzberg,  daneben  die
blendendweiße  Kapelle  auf  dem  Kupferhübel,  im  Süden  die  Wirbelsteine,
  sodann  der  Keilberg  mit  dem  Thurm,  die  Sonnenwirbelhäuser,
der  vordere  Fichtelberg  mit  dem  Fichtelberghause,  am  fernen  Horizonte,
nahezu  im  Westen  der  Auersberg.

Enger  begrenzt,  aber  auf  keinen  Fall  weniger  malerisch  ist  die
Aussicht  nach  Süden  von  dem  am  Fuße  des  Berges  liegenden  ehemaligen

  Zechenhause  von  Prinz  Joseph.

54.  Annaberg.  Tuchholz.

Am  21.  September  1496  wurde  in  „dickem  finstern  Walde,  der
voller  Steinblöcke  und  Felsen  war  und  gleich  einer  Warte  vom  Pilberge
  überragt  wurde"“,  durch  Herzog  Georg  den  Bärtigen,  in  Folge
des  mit  den  reichen  Silberanbrüchen  am  Schreckenberge  in  Verbindung
  stehenden  Zustromes  von  Bergleuten,  Hüttenleuten,  Handwerkern
u.  s.  w.  die  Stadt  „Neustadt  am  Schreckenberge“  gegründet,  welche
1501  den  Namen  „St.  Annaberg“"  erhielt.  Grundsteinlegung
und  Bau  leitcte  Meister  Apollonius  Röling.

Die  Stadt,  auf  der  geneigten  Hochfläche  östlich  des  Sehmabaches,
bildet  ein  Oval,  dessen  lange  Achse  von  Südost  nach  Nordost  gerichtet,
durch  die  beiden  Kirchgassen  längs  des  Marktes  und  die  Frohnauer
Gasse  reicht,  dessen  kurze  Achse  durch  die  Buchholzer  und  die  Wolkensteiner
  Gasse  bezeichnet  wird.  Die  Nebengassen  sind  nicht  ganz  regelmäßig
  angelegt,  obgleich  sich  innerhalb  der  einzelnen  Stadtviertel  auch
bei  ihnen  gewisse  Wiederholungen  nachweisen  lassen.

Auf  der  langen  Achse  liegen  der  Markt  und  die  Sct.  Annenkirche.


In  kurzer  Zeit  entstand  die  ansehnliche,  und  dabei  reiche  Stadt.
Salianus  schrieb  1507  von  ihr:  „er  habe  den  unermeßlich  großen
Hartz=  und  Schwarzwald,  auf  dessen  Gebürgen  die  Stadt  Annaberg
gegründet,  durchreiset  und  sich  gewundert,  daß  die  Stadt  innerhalb
zehn  Jahren  mit  Mauern,  Wällen  und  Graben  versehen"“.  Der  Bau
der  Stadtmauer  begann  1503  mit  dem  Theile  zwischen  dem  Böhmischen
  und  dem  Wolkensteiner  Thor;  dann  folgte  der  Theil  bis  zum

)  Jenisius,  Annabergae  Misniae  urbis  historia;  fortges.  von  Rektor
Arnold  bis  1658  als  Chronicon  Annabergense.
J.  B.  Ficker,  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  von  Annaberg.  1843  bis  1868.
        <pb n="439" />
        —  431  —

Buchholzer  Thor,  dann  bis  zum  Frohnauer  Thore,  bis  zum  Mühlthore
  und  zuletzt  der  Theil  vom  Mühlthore  bis  zum  Wolkensteiner
Thore.  Außer  diesen  fünf  Thoren  führten  noch  zwei  Pforten  aus
der  Stadt  und  siebzehn  Thürme  verstärkten  die  Mauer,  deren  Bau
1540  vollständig  beendigt  war.

Jetzt  stehen  von  der  Stadtmauer  nur  noch  einzelne  Theile,  besonders
  auf  der  Westseite.  Von  der  Stadtbefestigung  ist  eigentlich
nur  noch  wenig  zu  sehen:  ein  runder  Thurm  westlich  vom  Böhmischen
Thore,  und  zwar  nur  noch  in  seinem  unteren  Theile;  eine  ehemalige
Bastei  am  Buchholzer  Thore;  ein  runder  und  ein  viereckiger  Thurm
zwischen  dem  Buchholzer  und  Frohnauer  Thore;  eine  halbrunde  Bastei
zwischen  Fleischergasse  und  Klostergasse;  ein  runder  Thurm  gegenüber
dem  vormaligen  Turnplatze.

Die  junge  Bergstadt  blühte  schnell  auf,  da  die  Erzgänge  sich
während  des  16.  Jahrhunderts  äußerst  ergiebig  zeigten.

Der  Annaberger  Bergbau  hatte  eigentlich  schon  1442  auf  der
Zeche  St.  Briccius  am  Pöhlberge,  wo  man  auf  Kupferkieß  und  Silbererze
  baute,  die  man  „in  dem  Geyer"“  zu  Gute  machte,  seinen  Anfang
  genommen.  1498  und  1511  „cstand  das  Bergwerk  in  hohem
Flor“  und  viele  neue  Zechen  wurden  aufgethan.  Die  berühmtesten
waren:  Gottes  Gabe,  Heilige  Kreuz,  Himmlisch  Heer.  Im  Jahre
1507  brachte  der  Annaberger  Bergbau  333.000  rh.  Gulden  Ueberschuß.
  1503  war  die  Annaberger  Knappschaftslade  errichtet  und
1509  die  Annaberger  Bergordnung  erlassen  worden.  —  1536  wurde
„Himmlisch  Heer“  fündig,  wo  ein  „braun  gediegen  Silber"  brach,
und  dreizehn  andere  Zechen  waren  noch  wegen  großer  Ausbeute  in
Ruf.  Aber  1568  schon  war  der  Bergseegen  bedeutend  zurückgegangen,
und  1584  am  Quartal  Crucis  geschah  es  zum  ersten  Male,  daß
keine  Ausbeute  fiel.  1628  wurde  die  Annaberger  Bürgerschaft  sogar
durch  eine  kurfürstliche  Commission  angehalten,  das  „gefallene  Bergwerk
  zu  bauen"“.  —  Markus  Röhling,  welche  Grube  Mitte  des  16.
Jahrhunderts  außerordentlich  große  Ausbeute  gegeben  hatte,  verfiel,
und  trotzdem  er  1870  von  Neuem  aufgenommen  wurde,  ist  er  gegenwärtig
  noch  nicht  wieder  im  Freiverbau.  Von  den  in  diesem  Theile
des  Gebirges  betriebenen  Gruben  waren  die  Fundgrube  Mittle  Vierung
  bei  Neundorf,  wo  auf  Zinnstein  und  Schaustufen  in  einem  Reinertrage
  von  etwa  18  000  Mk.  gebaut  wurde,  und  der  Sct.  Michaelisstolln
  am  Stadtberge  bei  Annaberg,  wo  auf  Silber  -,  Kobalt=  und
Nickelerze  im  Reinertrage  von  etwa  13.000  Mk.  gebaut  wurde,  bis
in  die  letzten  Jahre  die  einzigen,  welche  im  Freiverbau  waren.  Alle
übrigen  Gruben  bauten  nur  noch  auf  Zubuße.

Die  reiche  Stadt  hatte  eigene  Gerichtsbarkeit  und  zahlreiche  Vor-
        <pb n="440" />
        —  432  —

rechte  und  Freiheiten.  Sie  besaß  eigenes  Maaß  und  Gewicht,  so  wie
eine  Münze,  in  welcher  die  Engelsgroschen  oder  Schreckenberger  geprägt
  wurden.  Gegen  das  Ende  des  16.  Jahrhunderts  wanderten
viele  vor  Alba  fliehende  Niederländer  in  Annaberg  ein,  welche  besonders
  die  Posamentirerei  betrieben.

Annaberg  wurde  jedoch  schon  1604  durch  eine  große  Feuersbrunst
  heimgesucht,  welche  700  Häuser,  sowie  fast  alle  öffentlichen  Gebäude,
  Rathhaus,  Schule,  Kloster,  Dach  und  Thürme  der  Hauptkirche
u.  s.  w.  in  Asche  legte.  Bei  diesem  Brande  sind  alle  Schneebergische,
  Geyersche  und  Buchholzer  Bergurkunden  mit  verbrannt.  (Oesfeld
  II,  29.)  Eine  zweite  große  Feuersbrunst  zerstörte  1630  wieder
über  300  Häuser,  eine  dritte  1634  an  440  Häuser  und  die  Brände
von  1731  (320  Häuser)  und  1837  (153  Häuser)  verheerten  wiederum
einen  großen  Theil  der  neu  aufgebauten  Stadt.

Der  dreißigjährige,  der  Nordische,  der  siebenjährige,  der  Bairische
Erbfolgekrieg  und  die  Napoleonischen  Kriege  gingen  nicht  vorüber,
ohne  in  Annaberg  mehr  oder  weniger  tief  eingreifende  Spuren  zurück
zu  lassen.  Von  der  ehemaligen  Herrlichkeit  Annabergs,  welche  von
verschiedenen  Zeitgenossen  als  eine  außergewöhnliche  gerühmt  wird,
sind  fast  alle  Spuren  verweht.  Was  an  interessanten  Baulichkeiten
vorhanden  ist,  entstammt  beinahe  alles  der  neuesten  Zeit.

Nur  die  Set.  Annenkirche  überragt  als  ein  beredtes  Denkmal
  der  Vorzeit  die  Stadt.

Bereits  1498  war  eine  hölzerne  Kirche  erbaut  worden,  doch
schon  am  25.  April  1499  wurde  in  Gegenwart  Herzog  Georgs
der  Grundstein  zur  massiven  Sct.  Annakirche  gelegt.  Als  1512  die
Mauern  bis  unter  das  Dach  geführt  waren,  wurde  die  hölzerne  Kirche,
welche  in  der  Mitte  des  Neubaues  stehen  geblieben  war,  abgetragen.
Den  Grundstein  zum  Thurme  hatte  Meister  Konrad  Schwabe  1507
gelegt;  bereits  vor  1512  aber  muß  „die  Visirung“  zu  dem  reichen
Netzgewölbe  der  Decke  entworfen  gewesen  sein,  welche  einem  Meister
Erasmus  zugeschrieben  wird.  An  dessen  Stelle  trat  1513  Peter  von
Pirna  und  1514  Jacob  von  Schweinfurt.  Peter  von  Pirna  führte
den  Thurmbau  bis  zu  etwa  30  m  Höhe.  Zu  dieser  Zeit  dachte  man
schon  an  die  Fertigung  der  Emporkirchenbrüstungen,  deren  hundert
schöne  Reliefs  eine  der  Hauptzierden  der  Kirche  bilden?).

Die  große  Aehnlichkeit  der  Emporenanlagen  in  Freiberg,  Schneeberg,
  Zwickau  und  Brüx  mit  der  zu  Annaberg  läßt  auf  einen  Ein-*)

  Vergl.  Wochenblatt  für  Baukunde  1885,  Nr.  11,  13,  15.  17.
„Aus  der  Bauhütte“  von  Baurath  Dr.  O.  Mothes.
        <pb n="441" />
        —  433  —

fluß  des  Jörg  von  Maulbronn  und  des  Jacob  von  Schweinfurt  auf
alle  diese  Kirchenbauten  schließen.
Die  hundert  Emporenfelder  sind  von  Franz  von  Magdeburg  ge—
ertigt.
fertis  „Der  ganze  Charakter  der  Annaberger  Kirche  ist,  trotzdem  sie
noch  vor  der  Reformation  vollendet  ward,  ein  völlig  protestantischer,
so  daß  man  an  eine  Vorahnung  der  Reformation,  an  einen  Geist
der  evangelischen  Aufklärung,  des  Protestirens  gegen  päßpstliche
Satzungen  glauben  möchte,  der  unbewußt  in  dem  Meister  gewirkt
abe."
I  Der  Bau  wurde  1525  vollendet.  Die  Kirche  ist  62  m  lang,
27,5  m  breit,  20,5  m  hoch.  Das  hohe  und  kühne  Deckengewölbe
ruht  auf  12  Pfeilern  und  macht  trotz  seiner  Einfachheit  eine  großartige
  Wirkung.  Die  Kirche  ist  1883  unter  Leitung  des  Baurathes
Dr.  Oskar  Mothes  in  vortrefflichster  Weise  wieder  hergestellt  worden.
Bei  dem  bedeutenden  Gesammteindrucke  der  Kirche  darf  man  jedoch
  zahlreiche  höchst  bemerkenswerthe  Einzelheiten  nicht  übersehen.

Der  1521  von  dem  Augsburger  Adolf  Doyher  angefertigte

Hauptaltar  stellt  in  feiner  Ausführung  in  verschiedenfarbigem
Marmor  und  Solenhofer  Kalkstein  den  Stammbaum  Christi  dar.
Von  den  vier  Nebenaltären  ist  der  1521  gestiftete  Knappschaftsaltar
  der  bemerkenswertheste  und  werthvollste.  Dieser  doppelte
Flügelaltar  ist  reich  mit  farbigen  und  vergoldeten  Schnitzereien  geschmückt,
  hat  werthvolle  Gemälde  von  Matthäus  Grunewald  und  auf
der  Rückseite  sehr  interessante  Darstellungen  bergmännischer  Arbeiten
und  Trachten.  Der  1522  errichtete  Münzeraltar  ist  ebenfalls
mit  farbigen,  reich  vergoldeten  Schnitzereien  und  werthvollen  Bildern
von  Albrecht  Altdorfer  ausgestattet.  Links  vom  Knappschaftsaltar  ist
seit  1834  aus  den  Bildertafeln  des  Grabdenkmals  für  den  Rathsherrn
  Lorenz  Pflock  (7  1521)  der  sogenannte  „Neue  Altar“  errichtet
worden.  Die  fünf  Gemälde  desselben  sind  von  hohem  Kunstwerth
und  entstammen  einer  der  besten  deutschen  Malerschulen  des  16.  Jahrhunderts.
  Gegenüber  davon,  rechts  vom  Münzeraltar,  erhebt  sich
mit  geschnitzten  vielfarbigen  und  vergoldeten  Darstellungen  von  geringerem
  Werth  der  Bäckeraltar.

Hinter  dem  Bergaltar  befindet  sich  ein  kleiner  Altarschrein
vom  Epitaphium  des  Münzmeisters  Melchior  Irmisch  (f1557)  mit
einer  Verkündigung  Mariä  von  hohem  Kunstwerth  (von  einem  unbekannten
  Maler).  Unterhalb  dieses  Schreins  steht  ein  Marienbild,
  aus  Buchenholz  geschnitzt,  mit  zwei  Engeln  und  vierundzwanzig
anbetenden  Figuren,  angeblich  von  Michael  Wohlgemuth.  Außerdem
noch  das  Epitaphium  von  dem  Zehntner  Johann  Unwirt  (7  1578)

28
        <pb n="442" />
        —  434  —

aus  röthlichem  Marmor  und  Solenhofener  Stein,  die  Auferstehung
Christi  darstellend.

Vor  dem  Altar  ist  der  1556  aus  der  Grünhainer  Klosterkirche
hierher  versetzte,  mit  Kinder-  und  Engelgestalten  voller  Anmuth  und
Naivität  geschmückte  Taufstein  von  Porphyr  aufgestellt.

Das  1883  wieder  hergestellte  Triumphkreuz  stammt  ebenso
wie  die  obenerwähnte  Reliefgruppe  der  Jungfrau  aus  dem
1539  aufgehobenen  und  1604  durch  Brand  völlig  zerstörten  Franziskanerklosters.


Die  Kanzel  (von  1516)  enthält  an  ihrer  Brüstung  sieben
Reliefs  von  vortrefflicher  Arbeit,  welche  1528  bemalt  und  vergoldet,
1883  ebenfalls  wieder  hergestellt  wurden.

Rings  um  das  Schiff  der  Kirche  führt  eine  Empore,  deren
steinerne  Brüstung  mit  100  Reliefdarstellungen  von  Franz  von
Magdeburg,  Jakob  Hallwig  und  Theophilus  Ehrenfried,  zum  Theil
nach  Zeichnungen  von  Albrecht  Dürer  geschmückt  sind.  (1522  —  1524.)
Von  den  79  biblischen  Darstellungen  sind  der  Sündenfall,  die  Verkündigung
  an  Joachim,  der  Kirchgang  Marias,  die  Heimsuchung,  die
Fußwaschung,  die  Höllenfahrt,  die  Auferstehung,  der  Auferstandene
und  Maria  Magdalena,  der  Auferstandene  in  Emmaus,  und  der
Auferstandene  und  Thomas  übereinstimmend  mit  Zeichnungen  von
Albrecht  Dürer.  Dem  Altar  gegenüber  ist  Christus  am  Kreuze.  —
Auf  beiden  Seiten,  dem  Altare  zunächst,  sind  je  10  derb  humoristische
Vorstellungen  der  Stufenjahre  beider  Geschlechter.

Die  alte  Sakristei,  auf  der  Nordseite  der  Kirche,  1507
vollendet,  mit  einem  schönen,  kunstvollen  Gewölbe,  dessen  eigenthümlich
geformte  Rippen  an  die  ähnlichen  in  der  ehemaligen  Sakristei  des
Freiberger  Domes  erinnern,  enthält  eine  kleine  Sammlung  kirchlicher
Alterthümer,  sowie  Bilder  von  Lukas  Cranach  und  Holbein  dem
Jüngeren.

In  der  sog.  neuen  Sakristei  ist  ein  kleiner  Flügelaltar  mit
Bildern  von  Van  Edyck.

Auf  die  Nordseite  des  Kirchenschiffes  ist  die  1512  vollendete
„schöne  Pforte“  aus  dem  Franziskanerkloster  versetzt,  eine  figurenund
  verzierungsreiche  Darstellung  der  Dreieinigkeit;  „Gleich  ausgezeichnet
  durch  Erfindung,  Behandlung  und  Zeichnung“.  (Steche.)

Die  Sct.  Annenkirche  besaß  bis  zur  Einführung  der  Reformation
1539  sehr  reichen  Schmuck;  einen  großen  Schatz  an  Gewändern  und
Altarbekleidungen,  Reliquien,  heiligen  Gefäßen  und  Kostbarkeiten;  unter
Anderem  12  Apostel  aus  gediegenem  Silber,  und  zahlreiche  silberne
Kelche,  Monstranzen  u.  s.  w.  (für  1036  Mark  Silbers  =  100  000
Mark  j.  W.).
        <pb n="443" />
        —  435  —

Als  1517  ein  neuer  Begräbnißplatz  angelegt  werden  mußte,
erbat  man  sich  von  Papst  Leo  X.  Erde  vom  heiligen  Felde  am
Marienhospitale  zu  Rom.  Der  Papst  bewilligte  einen  Kasten  voll
Erde,  welche  im  Beisein  von  Herzog  Georg,  des  Bischofs  von  Meißen
und  eines  Weihbischofs  am  27.  Oktober  1519  über  den  Kirchhof
gestreut  wurde.  Das  Crucifix  im  vorderen  Theile  desselben  bezeichnet
die  Stelle,  wo  die  heilige  Erde  ausgestreut  wurde;  eine  Predigt  und
die  Schmückung  des  Kirchhofes  halten  die  Erinnerung  an  diese  Feie
bis  in  unsere  Tage  fest.  «

Unweit  des  Crucifixes  ist  die  nunmehr  mit  23  Steinpfeilern  gestützte
  Linde,  welche  mit  den  Wurzeln  nach  oben  gepflanzt  wurde.
(Dr.  J.  E.  A.  Köhler,  Sagenbuch  des  Erzgebirges,  Nr.  377.)

In  der  Nähe  des  Crucifixes  ist  auch  das  1834  errichtete  Denkmal
  von  Barbara  Uttmann.  Das  am  10.  November  1886  auf  dem
Marktplatze  zu  Annaberg  enthüllte  Standbild  derselben,  eine  Bronzestatue
  vom  Bildhauer  Henze  in  Dresden,  ist  eine  vortrefflich  gelungene
Arbeit.

BarbaraUttmann,  geboren  1514,  gestorben  1575,  stammte
aus  dem  Hammerherrengeschlechte  derer  von  Elterlein  und  war  an
den  reichen  Bergherrn  Christoph  Uttmann  verheirathet.  Nach  dessen
Tode  betrieb  sie  selbst  den  Bergbau  weiter,  und  war  sogar  im  Besitze
eines  Privilegiums,  nach  welchem  alle  im  Annaberger  Bergbezirke  gewonnenen
  Kupfererze  gegen  einen  bestimmten  Preis  an  sie  abgeliefert
werden  mußten?).  Noch  ehe  der  Annaberger  Bergbau  in  seiner  Ausbeute
  so  bedeutend  zurückging  wie  in  den  Jahren  1565  bis  1570,
so  daß  er  um  1580  vollständig  zum  Erliegen  kam,  war  die  Bortenund
  Spitzenindustrie  zu  einer  bedeutenden  Ausdehnung  gediehen;  die
erstere  um  1550,  die  andere  um  1560.  In  einer  1571  an  den
Rath  zu  Annaberg  gerichteten  Supplik  ist  von  „Bortenwirkerinnen“
und  „Klipplerinnen“,  von  „kluppeln“  und  „Klippelkussen“  die  Rede.
In  diesem  Bericht  wird  von  der  „Erbaren  Frau  Vtmanin“  gesagt,

„daß  sie  allein  in  neunhundert  Personen  Borttenwirkerin  gefurderet“.
Tobias  Schmidt  schreibt:  „In  diesem  Jahr,  1561,  sind  auch  die
Klippelborten  und  Spitzen  oder  das  Klippeln  ins  Gemein,  welches
zwar  im  Anfang  schlecht  Ding  gewesen,  anitzo  aber  hoch  gestiegen,  erdacht
  worden"“.  Wie  weit  Barbara  Uttmann  die  Begründerin  der
erzgebirgischen  Spitzenindustrie  gewesen  ist,  läßt  sich  nach  den  vorhandenen
  Quellen  schwer  entscheiden.  Thatsächlich  hat  sie  einen  aus-*)

  E.  Finck,  Barbara  Uttmann,  die  Begründerin  der  Spitzen-Industrie
im  Erzgebirge.  Annaberg  1886,  Rudolf  und  Dieterici.
L.  Bartsch,  Hat  Barbara  Uttmann  in  der  That  das  Klöppeln  im  Erzgebirge
  eingeführt?  (Wissensch.  Beilage  der  Leipziger  Zeitung  1887,  Nr.  96.)
28“
        <pb n="444" />
        —  436  —

gedehnten  Handel  mit  Borten  und  Spitzen  betrieben  und  Hunderte
von  Bortenwirkerinnen  und  Klöpplerinnen  beschäftigt;  wahrscheinlich
hat  sie  aber  auch  den  letzteren  die  Anfertigung  der  verschiedenen
Spitzengattungen  gelehrt;  denn  allem  Vermuthen  nach  war  das  Klöppeln
  um  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  eine  nicht  unbekannte  Beschäftigung
  vornehmer  Frauen.  Gestickte  Spitzen  und  spitzenartige  Arbeiten
sind  eine  sehr  alte  Erfindung.  Im  frühen  Mittelalter  schon  giebt  es
Altartücher,  Meß=  und  Prunkgewänder  mit  genähten  und  gestickten
Spitzen.  In  den  Niederlanden,  in  Brabant  und  in  der  Normandie
wurden  die  zarten  Geflechte  oder  Gewebe  mit  durchsichtigem  Grund
und  einem  Muster  aus  dichter  liegenden  Fäden  gefertigt,  welche  in
Leinenzwirn  Spitzen,  in  Seide  Blonden  und  bei  aufgenähtem  Muster
Application  genannt  und  zum  Theil  aus  freier  Hand  mit  der  Nadel,
hauptsächlich  jedoch  vermittelst  zahlreicher  an  Klöppeln  befestigter
Fäden  auf  dem  Muster  des  Klöppelkissens  hergestellt  werden.

Bis  zu  welchem  Umfange  die  Einführung  des  Spitzenklöppelns
im  Erzgebirge  das  vorwiegende  oder  ausschließliche  Verdienst  von
Barbara  Uttmann  gewesen  ist,  läßt  sich  nicht  feststellen;  dafür  hat  die
Sage,  das  allgemeine  Urtheil  des  Volkes  und  die  wiederholten  Berichte
  der  Geschichtschreiber  es  als  unumstößlich  angenommen,  daß  ihr
vor  Allem  und  ausschließlich  die  Einführung  der  Spitzenklöppelei  zu
danken  sei.

Der  Jugendschriftsteller  Christian  Felix  Weiße  ist  zu
Annaberg  am  28.  Januar  1726  geboren.  Sein  „Kinderfreund"
(24  Jahrgänge)  und  sein  „Briefwechsel  der  Familie  des  Kinderfreundes“
  wurden  mit  dem  größten  Beifall  aufgenommen).

In  Annaberg  lebte  der  „berühmte  und  vortreffliche  Rechenmeister“
Adam  Ries,  geboren  1492  nach  den  alteren  Angaben  in  Zwönitz,
  nach  dem  Ergebniß  neuerer  Forschungen  in  Staffelstein  in  Franken.
1515  war  der  zweifellos  in  der  Markscheidekunst,  Bergbaukunst  und
Bergtechnologie  bewanderte  Mathematiker  nach  Annaberg  übergesiedelt,
„wo  er  bald  eine  sehr  große  und  beruffene  Schule  hatte“.  1518
gab  er  das  kleine  Rechenbuch  „Rechnung  auf  den  Linien  und  Federn,
auff  allerlei  Handtierung,  gemacht  durch  Adam  Rysen“,  gedruckt  zu
Erfurt,  heraus.  Dasselbe  begründete  seinen  R'hm.  Die  Anwendung
der  arabischen  Ziffern,  die  Einführung  des  Stellenwerthes  und  des
dekadischen  Systemes,  die  Beseitigung  der  langwierigen  und  mühseligen
Rechnung  mit  den  bis  dahin  üblichen  römischen  Buchstabenwerthen
verschaffte  ihm  schnell  eine  Bedeutung,  welche  bis  heutzutage  in  der

*)  Professor  Dr.  Wildenhahn,  Vortrag  über  Christian  Felix  Weiße.
Annaberg,  Graser,  1884.
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        —  437  —

Redewendung  „nach  Adam  Rieses  Rechenbuche“  ihren  Ausdruck
findet.  —  Ueber  zweihundert  Jahre  lang  ist  man  den  in  den  vier
Ausgaben  des  Großen  und  Kleinen  Rechenbuches  niedergelegten  Anweisungen
  gefolgt,  bis  im  18.  Jahrhundert  (1720)  neuere  Lehrmeister
  und  Lehrsätze  sie  verdrängten.  Seit  1528  Receßschreiber,
seit  1530  Gegenschreiber  auf  Sct.  Annaberg,  gab  er  1550  mit  Unterstützung
  durch  Kurfürst  Moritz  das  große  Rechenbuch  „Die  Praktika“"
heraus.  Die  „Coss“,  sein  Manuskript  über  Algebra,  nach  dem
Italienischen  Regola  della  Cosa  also  benannt,  ist  nur  handschriftlich
in  der  Bibliothek  der  Stadtkirche  von  Marienberg  vorhanden.  Er
starb  1559.  Das  von  ihm  1539  erkaufte  Bauerngut,  welches  1641
von  den  Schweden  niedergebrannt  wurde,  wird  heute  noch  „die  Riesenburg“
  genannt?p.

Die  lateinische  Stadtschule  von  Annaberg  war  1498  gegründet
und  bestand  unter  dem  Namen  eines  Lyceums  bis  1835,  in  welchem
Jahre  das  Schulgesetz  die  Unterrichtsverhältnisse  von  ganz  Sachsen
neu  ordnete.  Das  Lyceum  wurde  in  ein  Gymnasium  umgewandelt,
um  1842  zu  einem  Lehrerseminar  eingerichtet  zu  werden;  1843  wurde
die  Realschule  errichtet.

Mit  dem  Niedergange  des  Bergbaues  vollzog  sich  allmälig  die
Verwandlung  der  Stadt  in  eine  Industrie=  und  Handelsstadt.

Unter  den  14000  Bewohnern  derselben  zählt  man  gegenwärtig
469  Posamentirer,  darunter  215  Innungsmeister,  ferner  61  Posamenten-Faktore
  und  Verleger,  114  Posamenten-  und  Spitzen-Fabrikanten
  und  Handlungen,  12  Posamentenhändler,  18  Schnurenfabrikanten,
  17  Knopffabrikanten,  11  Chenillefabrikanten,  11  Seidenwicklerinnen,
  8  Perlgeschäfte,  8  Klöpplerinnen,  3  Gold=  und  Silberdrahtgespinnstfabriken,
  und  41  Buchbinder=  und  Cartonnagefabrikanten
u.  s.  w.

Zwei  Kilometer  thalaufwärts  liegt  auf  dem  linken  Ufer  der
Sehma  die  Stadt  Buchholz  am  Fuße  des  Schottenberges.  Südlich
von  demselben  befanden  sich  Zinnseifenwerke,  nach  denen  der  Seifenwald
  seinen  Namen  führt.  Zahlreiche  Löcher  und  Erhöhungen,  Haldenreste
  und  ehemalige  Seifengraben  bekunden  heute  noch  die  Thätigkeit
der  ersten  Ansiedler.  Bergleute  aus  Geyer,  Ehrenfriedersdorf,  Freiberg
  und  Schneeberg  begründeten  den  Ort  vor  1496  auf  kurfürstlichem
  (ernestinischem)  Gebiete,  während  Annaberg  auf  herzoglich  sächsischem
  (albertinischem)  Gebiete  errichtet  worden  war.  Durch  die

*)  Programm  der  Realschule  von  Annaberg,  1855.  Ueber  Adam  Riese,
vn  Professor  Bruno  Berlet,  1860.  Die  Coss  von  Adam  Riese,  von  demelben.
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        —  438  —

Wittenberger  Kapitulation  (1547)  fiel  diese  Grenze.  Im  Jahre  1504
erhielt  Buchholz  Stadtrechte  und  den  Namen  „Sct.  Katharinenberg
im  Buchholze“,  welcher  im  Laufe  der  Zeiten  auf  „Buchholz“  zusammenschrumpfte?).


Buchholz  zeigt  keine  regelmäßige  Anlage;  Reste  früherer  Befestigung
  sind  kaum  nachzuweisen.  Die  Stadt  ist  terrassenförmig  erbaut.
  Sie  bietet  von  der  Annaberger  Chaussee,  vor  Allem  aber  auf
dem  Wege  von  der  Hüttenmühle  her,  den  Bärenstein  im  Hintergrunde,
ein  prächtiges  Landschaftsbild,  in  welchem  die  neuhergestellte,  mit
Thurm  versehene  Stadtkirche  der  Mittelpunkt  ist.

Außer  den  Zinnwäschen  waren  um  1500  die  Gruben  St.  Konrad,
  Heilige  Drei  Könige  u.  A.  m.  überaus  ergiebig.  Die  Stolln
Sct.  Paul  und  Sct.  Apollonia  gaben  die  erste  Ausbeute.  Fast  jedes
Jahr  entdeckte  man  neue  Silberfundorte;  doch  Niemand  kann  angeben,
wo  die  von  dem  Chronisten  der  Stadt,  Pfarrer  Meltzer  angeführten
Ottilien-,  St.  Andreas-,  St.  Blasius=  und  Konradstolln  gewesen.  Die
Stadt  hatte  zahlreiche  Pochwerke,  eine  Schmelzhütte  und  sogar  eine
Münze,  worauf  der  Name  Münzgasse  noch  hindeutet.  Durch  einen
großen  Wolkenbruch  wurde  im  Jahre  1565  ein  großer  Theil  der
Gruben  unter  Wasser  gesetzt;  die  Pest  von  1626,  sowie  die  Drangsale
  des  dreißigjährigen  Krieges  gaben  dem  hiesigen  Bergbau  den
Todesstoß.

Der  Bau  der  Kirche  begann  1504  und  dauerte  bis  1524,  ohne
jedoch  die  Kirche  zur  Vollendung  zu  bringen.  Die  Anlage  derselben
ist  nicht  winkelrecht;  das  26,3  m  lange  Schiff  ist  an  der  einen  Seite
16,4,  auf  der  anderen  18  m  breit;  das  schräg  angefügte  Chor
12,5  m  lang,  10  m  breit.  Erst  1875  bis  1877  wurde  die  Kirche
durch  Baumeister  Möckel  ausgebaut  und  mit  einem  Thurme  versehen,
so  wie  im  Innern  stylgemäß  ausgestattet.  Von  den  alten  Fenstern
mit  ihren  Glasgemälden  waren  nur  noch  wenige  Ueberreste  erhalten.
Der  Flügelaltar  stammt  aus  der  Kirche  des  1539  säaularisirten
Annaberger  Franziskanerklosters,  aus  welchem  er  1594  hierher  versetzt
  wurde,  wobei  einer  der  vier  inneren  Flügel  verloren  ging.  Es
sind  daher  nur  noch  drei  innere  und  zwei  äußere  Flügel  vorhanden.
Die  Darstellung  der  heiligen  Veronika  mit  dem  Schweißtuche  „zählt
zu  den  schönsten  Werken  deutscher  Kunst.  Der  Kopf  des  Heilandes
ist  von  ergreifender,  tiefster  Wirkung“  (Steche  IV,  61).  Diese  Gemälde
  sind  von  Michael  Wohlgemuth,  dem  Lehrmeister  Albrecht
Dürer's,  und  zeichnen  sich,  wie  alle  seine  Bilder  durch  Derbheit  der

*)  Dr.  M.  Spieß,  Beiträge  zur  Geschichte  von  Buchholz  und  seiner
Kirche  insbesondere.  (Elfter  Bericht  der  Realschule  zu  Annaberg,  1854.)
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Form  und  des  Ausdruckes,  leuchtende  Farbe,  scharf  gebrochene  Falten
charakteristisch  aus.  Diese  Bilder  sind  1840  restaurirt*)  und  wurden
bei  der  Erneuerung  der  Kirche  nicht  mehr  als  Altar  aufgebaut,  sondern
  an  den  Seitenwänden  angebracht.  Der  neue  Altar  wurde  erst
1888  entsprechend  aufgestellt  und  ist  mit  einem  werthvollen  Oelgemälde,
  Christus  die  Armen  und  Mühseligen  tröstend,  vom  Historienmaler
  Anton  Dietrich  in  Dresden  geschmückt.

Auch  in  der  Begräbnißkapelle  befindet  sich  eine  Anzahl  von  Bildern,
  welche  man  Wohlgemuth  und  seiner  Schule  zuschreibt.

Das  Sinken  der  Silberausbeute  war  der  Grund,  daß  Buchholz,
ebenso  wie  Annaberg  sich  allmälig  in  eine  Industrie=  und  Handelsstadt
  verwandelte;  während  Annaberg  die  Heimath  für  das  Spitzenklöppeln
  wurde,  ward  es  Buchholz  für  die  Posamentirerei  und  noch
heute  gelten  beide  Städte  für  den  gemeinsamen  Vorort  der  Spitzenund
  Posamenten-Fabrikation.

Die  Stadt  Buchholz  zählte  1886  eine  Bevölkerung  von  6955
Seelen.  Unter  dieser  befinden  sich  490  Posamentirer,  dabei  220
Meister,  50  Posamentenverleger,  11  Posamentenfabrikanten,  1  mechanische
  Posamentenfabrik,  1  mechanische  Perlweberei,  1  mechanische
Spitzenklöppelei,  3  Schnurenfabriken,  2  Chenillenfabriken,  1  Knopffabrik
  und  27  Posamentenhandlungen.

Für  die  10  Prägeanstalten  für  Verzierungen  aller  Art  u.  s.  w.,
unter  denen  die  von  Oskar  Brauer  die  umfangreichste,  fertigen  zwei
größere  Graviranstalten  die  nöthigen  Stahlstanzen.

Von  den  sechs  Cartonnagenfabriken  ist  die  von  Georg  Adler
(1855  gegründete)  die  älteste  und  größte.  Aus  unbedeutenden  Anfängen
  heraus  hat  sich  die  Cartonnagenfabrikation,  welche  früher  fast
ausschließlich  in  Paris  betrieben  wurde,  zu  einem  blühenden,  durchaus
  selbständigen  Industriezweige  entwickelt.  Die  gegenwärtig  in
Sachsen  befindlichen  98  Cartonnagefabriken  beschäftigen  an  2300
Arbeiter;  die  Adlerschen  Fabriken  in  Buchholz  und  Waltersdorf  275.
Die  Arbeiterverhältnisse  sind  im  Allgemeinen  günstige.  Besonders
bemerkenswerth  sind  die  seit  1862  bestehende  Fabrikordnung  des
Adlerschen  Etablissements,  die  seit  1875  eingeführte  Pensions=  und
Unterstützungskasse,  sowie  das  1884  angenommene  Statut  der  Betriebs-Krankenkasse,
  sowie  noch  verschiedene  Einrichtungen  der  Fabrik
für  das  Wohl  der  Arbeiter.  Vor  einer  Reihe  von  Jahren  schon
hat  Commerzienrath  Adler  begonnen  die  Arbeiterfrage  praktisch  zu

*)  Die  Hauptkirche  zu  Buchholz  nach  ihrer  Erneuerung.  Von  P.  M.  H.
Rosenhauer.
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        —  440  —

lösen  und  seine  sich  bewährenden  Einrichtungen  sind  wiederholt  anderwärts
  geprüft  und  zum  Muster  genommen  worden?.

55.  Die  Spitzen-Induftrie.

Mit  dem  Namen  „Spitzen“  bezeichnet  man  ein  feines,  größere
und  kleinere  Maschen  bildendes  Geflecht,  welches  bandartig,  mit  oder
ohne  Zacken,  als  Schmuckstück  der  Kleidung  hergestellt  wird.  Die
Spitzen  werden  entweder  geklöppelt  (Dentelles)  oder  mit  der  Nadel
genäht  (Points)  oder  auch  gewebt;  man  fertigt  sie  von  seidenen,  halbseidenen
  (die  Blonden),  leinenen  (die  Zwirnspitzen)  oder  baumwollenen
gezwirnten  Fäden;  aber  auch  von  Gold=  und  Silberfäden.  Als
schönste  Spitzen  bezeichnet  man  die  Brabanter,  sodann  die  Brüsseler
(Flachszwirnspitzen),  die  Mechelner  oder  Malines  (feinste  Zwirnspitzen):
die  Valencienner  Spitzen  sind  geklöppelt,  die  Alenconer  genäht.  Die
englischen  Spitzen  sind  geringer  als  die  Brabanter  und  die  französischen;
  nächstdem  fertigt  man  Spitzen  in  der  Schweiz,  in  Italien,  im
böhmischen  und  sächsischen  Erzgebirge.  „Zum  Theil  kommen  die  sächsischen
  den  Brabantern  an  Güte  ziemlich  gleich"“).

Das  Klöppeln  erfolgt  auf  dem  Klöppelsack  (Klöppelkissen)  vermittelst
  des  Klöppelbriefes  (Klöppelmusters),  wo  die  Fäden  um  eingesteckte
  Nadeln  geschlungen  und  verknüpft  und  dadurch  die  Maschen
und  das  Muster  gebildet  werden.  Der  Faden  ist  um  den  Klöppel
gewunden  und  durch  die  Klöppelhülse  (Düte)  gegen  Verschmutzen  geschützt.
  Zu  feinen  und  breiten  Spitzen  braucht  man  bis  zu  200
Klöppeln,  und  mehr;  die  Klöppel,  welche  man  nicht  gerade  bedarf,
werden  mit  größeren  Nadeln  (Bambelnadeln)  zurückgesteckt.

Die  Arbeit  ist  mühsam  und  will  schon  in  früher  Kindheit  erlernt
  sein;  denn  es  gehören  gelehrige  und  gelenke  Finger  dazu  und
je  zeitiger  die  Kinder  angelernt  werden,  um  so  schneller  und  geschickter
  lernen  sie  klöppeln.  Dessen  ungeachtet  lohnt  die  Arbeit
schlecht,  trotz  des  hohen  Preises  der  fertigen  Spitzen.  Um  1840  betrug
  der  Wochenverdienst  einer  fleißigen  Klöpplerin,  je  nach  ihrer
Geschicklichkeit  6  bis  20  Groschen.  Man  schätzte  um  diese  Zeit  die
Zahl  der  Klöppler  auf  40  000.  Schon  Kinder  von  4  Jahren  fertigten
  schmale  Kanten  und  auch  die  Männer  betrieben  im  Winter
diese  Arbeit.  Aber  schon  seit  dem  Beginn  dieses  Jahrhunderts  hatten
sich  an  manchen  Orten  die  Klöpplerinnen  dem  Ausnähen  zugewendet,

*)  Vergl.  Ein  Baustein  zur  Lösung  der  socialen  Frage,  von  Georg  Adler.
Buchholz  1871.  (Als  Mannfkript  gedruckt.)  In  Commission  bei  H.  Graser,
Annaberg.  #

*“)  Friedrich  Georg  Wieck,  Industrie-Zustände  Sachsens.  Chemnitz  1840.
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        —  441  —

und  es  klöppelten  nur  noch  alte  Frauen,  die  das  Nähen  nicht  gelernt
hatten.  Denn  schon  in  dieser  Zeit  wurde  die  Klage  laut,  daß  der
uralte  Klöppelsack  sich  nur  mit  Ehren  würde  behaupten  können,  wenn
er  nicht  immer  schlechtere  Waare  lieferte.  Die  Spitzenklöppelei  hatte
für  das  Erzgebirge  eine  ganz  außerordentliche  Wichtigkeit  erhalten;
sie  hat  aber  auch  viele  und  schwere  Krisen  zu  bestehen  gehabt.

Im  Allgemeinen  erhielten  die  Spitzenklöppler  Muster  und  Zwirn
von  den  Verlegern  (Verkäufern)  und  wurden  nach  der  Masse  der
Nadeln,  welche  bei  Ausführung  des  Musters  gesteckt  werden  mußten,
pro  Schock  Nadeln  bezahlt.  Die  Arbeitgeber  verkauften  die  Spitzen
an  die  Fabrikanten  (Kaufleute)  oder  vertrieben  sie  im  Hausirhandel.
Die  Namen  der  Spitzen  waren  äußerst  verschieden.  Um  1800  unterschied
  man  die  Muster  Bierebrod,  Wasserlinseln,  Pfefferkücheln,  Goldwurzeln,
  Häsle,  Trommeln,  Bäumle,  Krohägeln  u.  s.  w.  und  bei  den
schwarzen  Spitzen  noch  besonders  Herzeln,  Ochsenköpfe,  Schlangen,
Hahnbuttel,  gute  Blume,  Schwanzbirne,  Ochsenauge  u.  s.  w.  Die
Länge  der  Stücke  war  verschieden;  bis  zu  57  m.

Anfang  dieses  Jahrhunderts  wurden  die  sächsischen  Zwirnspitzen
noch  aus  wirklichem  Leinenzwirn  gemacht.  Der  Grund  der  Spitzen
wurde  in  verschiedenen,  künstlichen  Klöppelarten  gefertigt,  Valencienner-,
Kreuz-,  Nadel=  oder  Erbsgrund;  das  machte  die  Spitzen  solid  und
haltbar,  aber  auch  theuer.  Um  die  Arbeit  zu  beschleunigen  und  bei
billigerem  Preise  noch  einen  Lohn  zu  haben,  machte  man  den  Grund
nur  aus  dem  einfachen  Schlag;  dann  wandte  man  aber  auch  baumwollenen
  Zwirn  an  und  mit  der  Verringerung  des  Erzeugnisses  ging
die  Klöppelei  zurück,  besonders  seitdem  die  Bobbinetmaschine  ein  dem
geklöppelten  Spitzengrunde  ähnliches  Fabrikat  lieferte.  Die  Klöppelei
warf  sich  nunmehr  auf  die  Anfertigung  schwarz=  und  weißseidener
Blonden,  kam  besonders  um  1840  wieder  in  Aufnahme,  wo  hauptsächlich
  schwere,  schwarzseidene  Spitzen  gesucht  waren;  aber  seitdem
die  Ende  der  50er  Jahre  eingeführte  Klöppelmaschine,  eine  Art  Rundschnurmaschine,
  die  Arbeit  besser  und  fast  um  die  Hälfte  wohlfeiler
liefert,  ist  der  Anfertigung  aller  geringeren  Spitzensorten  der  Todesstoß
  gegeben.

Um  1870  zählte  man  noch  gegen  11.000  Spitzenklöppler,  darunter
  4000  Kinder,  im  westlichen  Ober-Erzgebirge.  Man  fertigte
damals  nur  geklöppelte  Spitzen:  Bettspitzen  in  der  Umgebung  von
Aue  und  Schwarzenberg;  weiße  Zwirnspitzen,  vorzugsweise  Malines
mit  Halbgrund  in  Schneeberg  und  Umgegend;  Valenciennes  in  Breitenbrunn,
  Rittersgrün  und  Pöhla;  weißleinene  Guipüre  und  Clunyspitze
in  Rittersgrün,  Pöhla  und  Raschau.  Die  schwarze  Guipürespitze
hatte  sich  über  das  ganze  Arbeitsgebiet  verbreitet  und  die  übrigen
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Spitzengenres  zurückgedrängt.  Die  mit  der  Nadel  hergestellte  Pointspitze
  (Points  d’'Alencon)  wurde  ausschließlich  im  böhmischen  Klöppeldistrikt
  hergestellt.

Der  günstige  Geschäftsgang  der  vorangegangenen  Jahre,  wie  bis
1872,  erhielt  der  Spitzen-Industrie,  deren  Fortbestand  schon  wiederholt
  bezweifelt  worden  war,  Arbeitskräfte  und  Arbeitsgebiet.  Beides
vergrößerte  sich  sogar,  denn  die  amtlich  aufgestellte  Zahl  von  9000
Spitzenklöpplern  blieb  hinter  der  Wirklichkeit  zurück.

Aber  die  Verschlechterung  der  Waaren  in  Qualität,  Solidität
und  Muster,  und  mit  ihr  das  Bestreben,  durch  Wohlfeilheit  Absatz  zu
gewinnen,  verursachten  einen  bedeutenden  Rückgang.  Die  besseren
französischen  Handspitzen  kamen  in  Aufnahme  und  die  Mode  wendete
sich  schon  vor  mehr  als  10  Jahren  fast  vollständig  von  den  Spitzen  ab.

Valenciennes  und  weiße  Guipürespitzen  wurden  kaum  noch  verlangt;
  Bett=  und  Torchonspitzen,  sowie  Faconsachen  (Hauben,  Barben,
Fanchons)  fanden  etwa  Käufer,  und  von  den  Schleiern,  besonders  den
bis  zu  3  m  langen  spanischen,  wurden  nur  noch  großgemusterte,  kostbare,
  und  im  Winter  Spitzentücher,  hauptsächlich  in  schwarzer  Guipüre
gesucht.

Zur  Hebung  der  Spitzen-Industrie  hatte  man  schon  frühzeitig
Klöppelschulen  errichtet;  so  z.  B.  1808  in  Schneeberg,  1814  in
Neustädtel,  1816  in  Ober-Wiesenthal,  1817  in  Pöhla  und  Crottendorf
  sowie  nach  dem  Nothjahre  1817  in  Aue,  Bermsgrün,  Breitenbrunn,
  Crandorf,  Hundshübel,  Nieder-Haßlau  (zwei),  Neustadt  bei
Falkenstein,  Ober-Planitz,  Nieder-Planitz,  Rittersgrün  (drei),  Rothenkirchen,
  Ober-Schlema,  Schwarzenberg,  Johanngeorgenstadt,  Wilkau,
Zschorlau,  Grünhain,  Elterlein,  Ehrenfriedersdorf,  Hammer  Unter-Wiesenthal,
  Unter-Wiesenthal,  Jöhstadt  und  in  neuester  Zeit  in  Brand
bei  Freiberg.  «

Crottendorf,  Neustadt  und  Johanngeorgenstadt  sind  eingegangen.

Die  Klöppelschulen  hatten  in  den  letzten  Jahren,  besonders  1880,
wo  die  Gorlnäherei  einen  außerordentlichen  Umfang  gewann,  schwere
Zeiten  durchzumachen,  da  mit  allen  erdenklichen  Mitteln  und  Vorspiegelungen
  Arbeiterinnen,  und  zwar  hauptsächlich  Kinder,  für  die
Gorlnäherei  angeworben  wurden.

Mit  Ausnahme  der  Klöppelschule  in  Neustädtel,  in  welcher  von
jeher  nur  Malines=  und  Chantilly-Spitzen  geklöppelt  wurden,  beschäftigt
  man  in  sämmtlichen  Klöppelschulen  die  Anfänger  mit  Bettspitzen
  und  geht  von  diesen  allmälig  auf  Guipüre=  und  Torchon-=spitzen
  über.  Diese  letztere  Gattung  bildet  ein  vorzügliches  Lehrmittel,
besonders  für  die  älteren,  geübteren  Schüler,  da  sich  in  ihr  die  verschiedenen
  Techniken  der  Guipüre-,  Chantilly=  und  Valenciennes-
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        Spitzen  vereinigen.  Man  nennt  sie  daher  auch  weißleinene  Melange-Spitzen.
  Außer  diesen  werden  in  Schwarzenberg,  Pöhla,  Rittersgrün
und  Bermsgrün  noch  Valenciennes-,  Malines-  und  Brabanter  Spitzen,
in  Zschorlau  und  Schlema  Malines-,  in  Crandorf  und  Breitenbrunn
Idrianer  Spitzen  und  Faconsachen  geklöppelt;  in  Breitenbrunn  speciell
Dentelles  russes  (russische  Spitzen).

Die  Klöppelschulen  sollen  durch  Unterricht  und  Uebung  das
Spitzenklöppeln  erhalten  und  zu  höherer  Vollkommenheit  bringen.  Sie
streben  nach  Einführung  verbesserter  Arbeitsmethoden  und  feinerer,
lohnenderer  Spitzengattungen;  nach  Förderung  der  gewerblichen  Ausbildung
  und  Geschicklichkeit  der  Kinder  und  Gewöhnung  derselben  an
Aufmerksamkeit,  Ordnung,  Fleiß,  Pünktlichkeit  und  Reinlichkeit.  Der
Unterricht  wurde  in  den  letzten  Jahren  von  etwa  1500  Kindern,
meist  Mädchen,  besucht.  An  Schulgeld  bezahlte  jedes  Kind  wöchentlich
5  Pf.  erhielt  aber  dafür  die  gelieferte  Arbeit  vergütet.

Seitdem  ein  großer  Theil  der  Spitzenklöpplerinnen  zu  der  besser
lohnenden  Posamentenarbeit  übergegangen  war,  und  es  an  jungem
Nachwuchse  fehlte,  war  die  Spitzenindustrie,  welche  außerdem  noch  mit
schwierigen  Handelsverhältnissen  und  einer  starken  Concurrenz  zu
kämpfen  hatte,  bedeutend  zurückgegangen.  Man  hörte  wiederholt  die
Klage,  daß  es  nicht  mehr  Klöppler  gebe,  welche  bessere  Muster  zu
fertigen  verständen,  daß  ein  großer  Theil  sich  dieser  Kunst  durch  Annahme
  leichterer  Arbeit  entwöhnt  habe,  und  daß  man  erst  wieder
Spitzenklöppler  heranbilden  müsse.

Die  1878  in  Schneeberg  eröffnete  Klöppel-Musterschule,  in
welcher  befähigte  und  strebsame  Klöpplerinnen  weiter  ausgebildet  werden,
  soll  die  Schönheit  und  Gleichmäßigkeit  der  Arbeit  sichern  und
die  Einführung  neuer  Muster  und  Spitzengattungen  ermöglichen.  Daher
  werden  hier  sämmtliche  im  Erzgebirge  heimische  Spitzen  mit  besonderer
  Sorgfalt  angefertigt;  außer  diesen  jedoch  auch  Brüsseler
und  Ragusaner.  Die  Kunst  der  Anfertigung  der  letzteren  war  seit
ungefähr  200  Jahren  verloren  gegangen;  nach  mühsamem  Studium
ihrer  Technik  ist  dieselbe  wieder  gefunden  worden.  Man  fertigt  gegenwärtig
  schwarzseidene  Schnürl=  und  Guipürespitzen,  weiße  und  farbige
Wollspitzen,  feine  Creme-Wollspitzen  für  Kindersachen,  leinene  Spitzen
in  Weiß,  Créme  und  Ecrü,  schmale  und  mittelbreite  Torchonspitzen,
breitere  Guipürespitzen,  Kirchenspitzen,  billige,  schmale  Bettspitzen,  sowie
  Metallspitzen,  besonders  Goldspitzen.  Das  Arbeitsverdienst  der
Klöpplerinnen  ist  auf  2  bis  3,5  M.  für  die  Woche  gesunken,  und
dabei  haben  sie  noch  Mühe,  ihre  Erzeugnisse  abzusetzen.  Die  Hausirer
bieten  die  Spitzen  zu  Spottpreisen  an.

„Die  sächsischen  Spitzen  und  Tülle  sind  den  von  Calais  an
        <pb n="452" />
        —  444  —

Eleganz  und  Ausführung  vollständig  ebenbürtig,  und  haben  außerdem
den  großen  Vorzug,  erheblich  billiger  zu  sein.“  (Industrie-Zeitung
1886,  Nr.  12.)

Dessen  ungeachtet  war  der  Begehr  nach  sächsischen  Spitzen  nicht
im  Zunehmen.  Gegen  die  Maschinenspitzen  von  Calais  ist  nicht  aufzukommen;
  von  den  billigeren  und  geschmackvolleren  französischen  und
englischen,  und  selbst  von  den  ordinären  Barmener  Maschinenspitzen
wird  die  Erzgebirgische  Klöppelspitze  vollständig  verdrängt.  Dieser
schöne  und  einst  so  bedeutende  Industriezweig  befindet  sich  in  einer
beklagenswerthen  Lage.  Die  Spitzenklöppelei  fristet  nach  wie  vor  ein
kümmerliches  Dasein;  an  einen  Aufschwung  ist  nach  Lage  der  Dinge,
wenigstens  augenblicklich,  nicht  zu  denken.  Das  Wenige,  was  an
schmalen  Wollenspitzen,  weißleinenen  Bettspitzen,  seidenen  Spitzen  und
geklöppelten  Kragen  in  der  letzten  Zeit  noch  verlangt  wurde,  reicht
nicht  aus,  diesen  Industriezweig  zu  erhalten.

Nur  wenn  die  Mode  wiederum  den  Geschmack  nachhaltig  auf
die  prächtigen  Erzeugnisse  der  erzgebirgischen  Industrie  richtet,  wird
dieser  Erwerbszweig  wieder  zur  entsprechenden  Geltung  kommen.  Da
dies  aber  unzweifelhaft  in  nicht  gar  zu  langer  Zeit  der  Fall  sein
wird,  gilt  es  vor  Allem  vermittelst  der  Klöppelschulen  und  ihrer  Anstrengungen,
  die  Uebung  und  Handfertigkeit  im  Klöppeln  guter,  schwerer
und  theurer  Spitzen  lebensfähig  zu  erhalten  und  die  Anfertigung  der
geringen,  durch  die  Maschine  überholten  Waare,  ganz  aufzugeben.

56.  Die  Posamenten-Industrie.

Schon  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  war  die  Posamenten=  Industrie
  in  Annaberg  und  in  Buchholz  in  Aufnahme.  Die  Annaberger
Kirchenbücher  aus  der  Zeit  von  1570  führen  Bortenwirker  und
Posamentmacher  auf,  Bortenwirkerinnen  und  Klipplerinnen,  und  Jenisius
  giebt  für  das  Inslebentreten  der  Bortenindustrie  und  des
Bortenhandels  ebenfalls  diese  Zeit  an.  Die  Kunst  des  Bortenwirkens
selbst  ist  bedeutend  älter.  Schon  im  13.  und  14.  Jahrhundert  wurde
sie  geübt  und  im  15.  war  diese  ursprünglich  nur  von  Frauen  geübte
Kunst  in  die  Hände  männlicher  Berufsbortenwirker  übergegangen.

Georg  Einenkel  führte  1589  das  Posamentirgewerbe  in  Buchholz
  ein.  Aus  dem  Umstande,  daß  die  Annaberger  Posamentirer
den  Buchholzer  nur  die  Anfertigung  geringerer  Waaren  gestatteten,
geht  jedoch  hervor,  daß  das  Annaberger  Posamentirgewerbe  das  ältere
und  bereits  lebenskräftigere  war.  Die  Herstellung  gewirkter  Borten
ist  die  älteste  Manufaktur  von  Annaberg,  denn  „von  dem  Borten-
        <pb n="453" />
        —  445  —

wirken“  heißt  es  1571:  „ihr  souil  Leutte  als  von  dem  Perckwerck
neeren  mussen".  Durch  kurfürstliche  Privilegien  wurde  die  Annaberger
  Posamentirer-Innung  besonders  begünstigt.  «

Die  Bandmanufaktur  beschäftigte  Anfang  dieses  Jahrhunderts
400  Meister,  200  Gesellen  und  300  Lehrlinge.  „Gegen  800  arbeiten
  auf  Bandstühlen,  die  übrigen  fertigen  Räupchen,  seidene  und
zwirnene  Fransen,  gewirkte  Spitzen  und  andere  Posamentirarbeit.“
(Merkel  I,  239.)  „Gegen  Mitte  des  Jahrhunderts  ging  das  vor  30
und  40  Jahren  noch  so  kräftig  dastehende  Posamentir  -Bandgewerbe
im  Obergebirge  Schritt  vor  Schritt  abwärts.  Gegen  die  Bandfabrikation
  in  St.  Etienne,  in  Basel,  in  Wien  2c.  stand  die  obergebirgische
weit  zurück,  welche  sich  vom  Gebiete  der  Mode  fern  auf  einem  eng
beschränkten  Gebiete  hielt  und  weder  Mühlenstühle,  Jaquardvorrichtungen,
  noch  Appreturen  und  Färbereien  in  entsprechendem  Umfange
besaß.“  (Wieck,  35  ff.)

Annaberg,  Buchholz,  Oberwiesenthal,  Ehrenfriedersdorf,  Geyer,
Wolkenstein,  Jöhstadt,  Lößnitz,  Scheibenberg,  Schlettau  bilden  gegenwärtig
  den  Sitz  der  Posamentenfabrikation,  in  welcher  Annaberg  mit
Buchholz  herrschend  obenan  steht.  Schon  seit  Jahren  hat  eine  Anzahl
  Berliner  Häuser  in  Annaberg  Filialen  errichtet  und  einen  nicht
unbedeutenden  Einfluß  auf  die  Arbeitsverhältnisse  gewonnen,  besonders
dadurch,  daß  sie  feine  Waaren  für  die  inländische  Anfertigung  von
sogenannten  „Confectionen“  verlangten.  Infolge  dessen  haben  sich
viele  Arbeiter  von  den  billigen  Massenartikeln  ab=  und  den  feineren
Arbeiten  zugewendet,  wodurch  die  Arbeitslöhne  wesentlich  stiegen.

Die  neue  Zollgesetzgebung  hat  aber  auf  die  sächsische  Posamentenindustrie
  nachtheilig  eingewirkt.  Die  Schutzzölle  an  sich  haben  dieselbe
allerdings  nicht  geschädigt,  aber  die  Aufhebung  des  Veredelungsverkehrs
  (mit  Oesterreich),  da  beinahe  die  Hälfte  der  Arbeiter  der  sächsischen
  Posamentenfabrikation  in  Böhmen  wohnt,  und  nunmehr  diese
billigeren  Arbeitskräfte  der  sächsischen  Industrie  verloren  gehen.  Schon
1882  verlegte  eine  Anzahl  Annaberger  und  Buchholzer  Häuser  Filialen
nach  Weipert.

„Als  erfreulich  ist  hervorzuheben,“  sagt  der  Bericht  der  Handelsund
  Gewerbekammer  zu  Chemnitz  1879/80,  „daß  sich  mit  gutem  Erfolge
  bemüht  wurde,  die  einzelnen  Artikel  in  immer  besserer  und  vollkommenerer
  Qualität  herzustellen,  und  daß  dies  auch  besonders  von
der  Confection  in  Deutschland  sehr  beifällig  aufgenommen  worden  iste
Für  den  Export  nach  England  und  Anmerika  sind  allerdings  noch
immer  niedrige  Preise  die  Hauptbedingung,  zu  welchen  wirklich  gute
Waare  leider  oft  zu  schwer  zu  liefern  ist".  Natürlich  verdienen  bei
diesen  weder  Arbeiter  noch  Fabrikant.  «
        <pb n="454" />
        —  446  —

Fransen  aus  Baumwolle,  Wolle  und  Seide  werden  zwar  noch
vielfach  gemacht;  aber  der  Bedarf  ist  zurück=  und  viele  Posamentirer
zur  Anfertigung  von  Schnuren,  Faden,  Ornamenten  2c.  übergegangen.
Man  fertigt  Schnuren  aller  Art,  Kleiderschnuren,  Quadratcordel,
Schnuren  und  Faden  zu  Besätzen,  Seidenschnuren,  Schling=  und  Nähgorl,
  und  die  aus  demselben  hergestellten  Gimpen  (Besatzschnuren)
und  Ornamente,  seidene  Gimpen,  Ornamente  mit  Quasten,  Agraffen,
Besatzartikel  aus  Seidenschnuren  und  Perlen,  besonders  feinere  Besatzartikel
  mit  Glasperlen,  Schmelzperlen,  Seidenschnuren,  Soutache,
Chenille,  seidene  Fransen  2rc.

In  der  Hauptsache  werden  gut  ausgeführte  Waaren  verlangt
und  dafür  auch  entsprechende  Preise  bezahlt.

Die  neuerdings  errichteten  Posamentirschulen  zu  Annaberg,
  Buchholz,  Geyer  und  Scheibenberg  wirken  sehr  segensreich  und
verbreiten  gute  Fachkenntnisse,  so  daß  die  jüngere  Generation  der
Posamentenarbeiter  bedeutend  höheren  Ansprüchen  zu  genügen  vermag,
als  die  ältere.  Ueberhaupt  macht  sich  im  Allgemeinen  unter  den  Arbeitern
  das  Streben  nach  größerer  Ausbildung  bemerkbar.

Beim  Nähen  von  Gorl  und  Soutache  verdienten  die  Arbeiter,
je  nach  Beschaffenheit  der  Arbeit,  1864  wöchentlich  3½  bis  12  M.;
die  Löhne  der  weiblichen  Arbeiter  hatten  sich  schon  im  Jahre  vorher
auf  9  M.  gehoben.  Aber  seit  dieser  Zeit  sind  dieselben  bedeutend
gesunken.  Der  Wochenlohn  des  Arbeiters  betrug  1884  3  bis  4  M.,
der  Arbeiterin  3½  bis  4½  M.,  des  Kindes  1½  M.,  was  allerdings
  nicht  ausschloß,  daß  einzelne  besonders  befähigte  und  fleißige
Arbeiter  selbst  das  Doppelte  verdienten.  Gegenwärtig  hat  sich  ein
gewisser  Normalarbeitslohn  entwickelt;  für  die  Stunde  12  Pf.,  in  der
Hauptarbeitszeit  18  Pf.,  und  bei  guten  und  sauberen  Händen  bis  zu
25  Pf.  Die  Kinder  werden  bis  zu  6  und  4  Jahren  herab  zu  leichten
Arbeiten,  Perlen  anreihen,  anknüpfen,  Fäden  schlingen  u.  s.  w.  verwendet.

Sehr  richtig  bemerkt  in  Bezug  auf  die  Arbeitsverhältnisse  ein
älterer  Bericht  der  Chemnitzer  Handels=  und  Gewerbekammer  (1865):
„Wenn  sich  auch  im  Ganzen  die  Löhne  der  Arbeiter  wieder  um
Einiges  gehoben  haben,  so  ist  doch  die  Lage  eine  gedrückte.  Die  vermehrten
  Ansprüche  der  Gesellen  und  Gehilfen  und  die  leichte  Beweglichkeit
  derselben  lassen  während  einer  flotten  Arbeitsperiode  im
Verein  mit  der  häufig  vorkommenden  Arbeit-Verlassung  ohne  Kündigung
  die  günstige  Zeit  nicht  dauernd  ausnutzen  und  bringen  um  so
fühlbarere  Nachtheile,  als  der  Meister  dem  Fabrikanten  gegenüber  an
den  Arbeitsvertrag  und  die  darin  festgesetzten  Strafen  gebunden  bleibt
und  so  die  den  Verdienst  schmälernden  Verluste  in  der  Regel  allein
zu  tragen  verurtheilt  ist.“
        <pb n="455" />
        —  447  —

Bei  der  eigenthümlichen  Organisation  des  Geschäftsganges  innerwalb
  der  Posamentenindustrie  bildet  der  Verleger  (Factor)  das  Bindeglied
  zwischen  den  Großkaufleuten  und  den  Arbeitern  der  Hausindustrie,
wenn  sich  nicht  Kaufmann  und  Verleger  in  einer  Person  vereinigen,
wie  bei  einem  großen  Theile  der  erzgebirgischen  Häuser.  Die  Verleger
  erhalten  von  den  Geschäftshäusern  Aufträge,  gewisse  Artikel  nach
vorgeschriebenen  Mustern  und  innerhalb  einer  bestimmten  Zeit  von
den  betreffenden  Arbeitern  in  ihren  Wohnungen  anfertigen  zu  lassen.
Sie  empfangen  das  nöthige  Rohmaterial  (Schnuren,  Seide,  Garn,
Perlen  rc.)  und  vertheilen  dieses  nach  ihrem  Ermessen  an  die  einzelnen
  Arbeiter  in  den  verschiedenen  Orten.  Diese  fertigen  nun  die
Theile  zu  gewissen  Posamenten;  der  Eine  macht  Scheibchen,  der  Andere
  Glöckchen,  Schleischen,  Gehänge;  der  Eine  Fransen,  der  Andere
Schnuren,  Faden,  Cordel;  der  Eine  Knöpfe,  der  Andere  Band,  Besatz,
  Einfassung  und  wie  die  einzelnen  Theile  alle  heißen,  welche
wiederum  durch  dritte  und  vierte  und  mehr  Arbeiter  zu  einzelnen  Abschnitten
  eines  Musters  oder  zum  Ganzen  zusammengestellt  werden.
Dabei  wandern  die  einzelnen  Bestandtheile  eben  so  wie  das  Rohmaterial
  aus  einer  Hand  in  die  andere  und  von  einem  Orte  zum
anderen;  von  Annaberg  und  Buchholz  gebirgsaufwärts  nach  Königswalde,
  Bärenstein,  Stahlberg,  Wiesenthal  und  von  da  wieder  zurück
bis  in  die  Hände  des  Großkaufmanns,  welcher  die  Modewaarengeschäfte
  in  Berlin,  London,  Neuyork  mit  diesen  Artikeln  versorgt.

Durch  exacte  Arbeit  und  pünktliche  Lieferung  ist  die  französische
Concurrenz,  wenn  auch  nicht  überwunden,  so  doch  bestanden  worden.
Es  war  schwierig,  da  die  Arbeiter  nur  langsam  die  französische  Manier,
auf  Holzringen  zu  arbeiten,  annahmen  (was  das  Abnähen  der  Agréments
  wesentlich  erleichtert)  und  die  geschickte  und  geschmackvolle  Anordnung
  der  einzelnen  Theile,  welche  dem  Franzosen  geläufig  ist,  erst
allmälig  mit  Anstrengung  angelernt  sein  wollte.  Die  übertriebenen
Lohnforderungen,  welche  die  Arbeiter  stellten,  bedrohten  außerdem  eine
Zeit  lang  diesen  Industriezweig,  der  seinen  Aufschwung  den  billigen
Arbeitslöhnen  zu  verdanken  hatte  ..  Vor  Allem  aber  scheint  die
Wiedereinführung  des  Veredelungsverkehrs  mit  Böhmen  nöthig  zu  sein,
da  der  gegenwärtige  Zustand,  welcher  die  Benutzung  der  böhmischen,
billigeren  Arbeitskräfte  für  gewisse  Bestandtheile  und  ihre  Anfertigung
ausschließt,  die  erzgebirgische  Posamentenindustrie,  vor  Allem  die  Anfertigung
  der  billigen,  zumeist  gesuchten  Gorlartikel  2c.  zu  vernichten  droht.

Von  den  Erzeugnissen  der  Posamenten-Industrie  sind  gegenwärtig
die  nachstehenden  zu  nennen.  Genähte  Ornamente,  Gimpen  und
Garnituren  aus  wollener  Soutache  (Crottendorf,  Sehma,  Cranzahl  rc.);
Besätze  und  Ornamente  aus  Seidenschnuren,  matt,  aber  auch  mit
        <pb n="456" />
        —  448  —

Perlen,  Kugeln,  Eicheln  ꝛc.  behangen  (Annaberg,  Buchholz,  Schlettau,
Scheibenberg,  Bärenstein  2c.);  Schnuren  aller  Art,  hauptsächlich  Faconschnuren;
  Galons  und  Stuhlarbeit  mit  und  ohne  Perlen;  Fransen,
besonders  matte;  sogenannte  Annaberger  Ueberlegarbeit;  halbechte  und
echtseidene  Crochetgimpen,  und  Möbelposamente,  als  Fransen,  Quasten,
Kugeln,  Gardinenhalter  2c.  in  Wolle,  Baumwolle,  Seide  und  gemischt,
von  den  einfachsten  und  billigsten  bis  zu  den  feinsten  und  geschmackvollsten.
  Die  Näharbeit  wird  vorwiegend  in  Annaberg,  Buchholz,
Bärenstein,  Stahlberg,  Wiesenthal,  Sehma,  Cranzahl,  Neudorf,
Schlettau,  Crottendorf,  Scheibenberg  und  dem  Raschauer  Grund  ausgeführt;
  die  Schlingarbeit  in  Geyer  und  Ehrenfriedersdorf.

Die  geringeren  Sachen  haben  stets  gedrückte  Preise;  die  besseren
werden  ausnahmslos  gut  bezahlt.

Intelligenz  und  Thatkraft  haben  es  verstanden,  sich  fremde,  und
vor  Allem  Pariser  Ideen  anzueignen,  sie  entsprechend  umzuwandeln,
zu  verbessern  und  zu  verwerthen,  so  daß  die  „Nouveautés“"  in  Annaberg
  fast  zu  gleicher  Zeit  wie  in  Paris  erscheinen.  Man  hat  aber
auch  neue  und  originelle  Formen  selbständig  geschaffen.  Man  hat
nicht  nur  in  billigen  und  mittlen  Sachen,  sondern  auch  zum  Theil
schon  in  feinen  und  feinsten  Posamenten  das  Feld  erobert.

Die  billigeren  und  Mittelqualitäten  für  den  Export  werden  in
Folge  der  wesentlich  billigeren  Löhne  mehr  und  mehr  in  Böhmen  angefertigt.
  Die  Preisunterbietungen  seitens  der  Fabrikanten  haben  jedoch
  fast  unausbleiblich  eine  Verschlechterung  der  Qualität  zur  Folge.
Die  Aufträge  kommen  immer  erst  im  letzten  Moment,  so  daß  sehr
häufig  nur  der  emsigste  Fleiß  sie  zu  erfüllen  vermag.

Es  wird  anempfohlen,  Fachzeichnen=  und  Posamenten-Nähschulen
zu  errichten,  um  jugendliche  Kräfte  zu  guter  und  gründlicher  Arbeit
heran  zu  ziehen.  «

Die  Posamenten-Industrie  des  Erzgebirges  muß  alle  ihre  Kräfte
zusammenhalten,  um  ihren  Standpunkt  zu  behaupten,  der  Concurrenz
gewachsen  zu  bleiben  und  den  Forderungen  der  Mode  jederzeit  entsprechen
  zu  können.  Bei  der  Vielgestaltigkeit  der  Erzeugnisse  dieser
Industrie,  wo  die  Ueberbleibsel  der  früheren  Saisons  meist  werthlos
geworden  sind,  und  doch  gegen  40  000  Menschen  in  fast  100  Ortschaften
  des  Erzgebirges  angemessen  beschäftigt  sein  wollen,  gehört  eine
große  Intelligenz,  der  sorgsamste  Fleiß  und  die  regste  Aufmerksamkeit
dazu,  um  alle  diese  farbigen  oder  bunten,  verzierten  oder  unverzierten,
kostspieligen  oder  billigen  Schmuck=  und  Putzgegenstände  dem  herrschenden
  Geschmacke  entsprechend  bereit  zu  halten.

Alle  diese  flimmernde  Herrlichkeit  findet  nur  so  lange  den  Beifall
  der  Mode,  als  neuere  Formen  sie  nicht  verdrängt  haben,  und
        <pb n="457" />
        —  449  —

wenn  auch  in  dem  Einzelnen  kein  großer  Werth  steckt,  so  sind  es
doch  immer  ganz  ungeheure  Summen,  welche  die  Massen  vorstellen.

Die  Vereinigten  Staaten  von  Nord-Amerika  nehmen  gegenwärtig
fast  die  Hälfte  aller  Fabrikate  für  sich  in  Anspruch;  Berlin  mit  seiner
hochentwickelten  Confection  braucht  große  Mengen  von  Posamenten;
Deutschland  selbst  ist  ein  guter  Kunde,  auch  England;  aber  Rußland
und  Oesterreich  sind  durch  hohe  Zollschranken  verschlossen.

57.  Sebastiansberg.  Sonneberg.  Preßnitz.  Gottesgab.
Oberwiesenthal.  Platten.

Der  Kamm  des  Gebirges  wird  im  Südwest  des  Punktes,  wo
auf  mooriger  Hochebene  die  Wasserläufe  der  schwarzen  Pockau  und
des  Assigbaches  nur  wenige  Minuten  von  einander  entfernt  sind,  von
dem  kegelförmig  gegen  100  m  aus  der  Hochebene  aufsteigenden  Haßberge
  überragt.  Man  besteigt  denselben  entweder  von  Christophhammer,
  oder  von  Preßnitz  aus.  Von  Preßnitz  ist  der  Anstieg  am
leichtesten.  Man  geht  von  der  Stadt  bis  auf  den  Höllberg  ziemlich
ostwärts  und  wendet  sich  hier  auf  einem  Feldwege,  der  gerade  gegen
die  Höhe  des  Haßberges  führt  und  als  Fußsteig  bis  weit  hinauf
reicht  in  fast  nördlicher  Richtung,  zum  Theil  auf  einer  Schneuse,  von
welcher  aus  ein  Holzweg  und  eine  Art  von  Fußsteig  in  ziemlich  weit
ausholendem  Bogen  nach  dem  Gipfel  führt.  Diesen  Weg  muß  man
ebenfalls  zu  erreichen  suchen,  wenn  man  von  Christophhammer  aus
auf  die  Kaiserstraße  gelangt  ist.  Von  Osten  her  führt  der  Weg
stundenlang  durch  den  Wald,  ehe  man  diesen  Punkt  erreicht.  Die
Rundsicht  vom  Haßberge  ist  ganz  bedeutend.  Im  Sunüdost  weit  nach
Böhmen  hinein,  bis  zum  Mittelgebirge,  im  Ost  bis  zum  Bärensteinberge,
  im  Norden  Augustusburg,  im  Nordwest  den  Pöhlberg  und
darüber  den  Greifenstein,  sodann  den  Schatzenstein,  den  Scheibenberger
Hügel  und  zunächst  den  Bärenstein,  genau  im  Westen;  den  Fichtelberg,
  den  Keilberg,  die  Wirbelsteine,  die  Kupferberger  Kapelle  nahezu
im  Süden.

Oestlich  vom  Haßberge  liegen  Sebastiansberg  und  Sonneberg,
das  letztere  auf  einem  durch  die  Thalmulde  des  Alten  und  Neuen
Teiches  vom  eigentlichen  Gebirgsrücken  getrennten  Höhenzuge.  Beide
Städte  außerordentlich  regelmäßig  als  Bergstädte  angelegt,  haben  den
Bergbau  jedoch  schon  seit  langer  Zeit  ausgegeben.  Die  weithin  sichtbaren,
  hell  leuchtenden  Kirchen  mit  ihren  Thürmen  dienen  vortrefflich
zur  Orientirung.

Im  weiten  Thalkessel  zwischen  dem  Haßberge  und  dem  Kupfer-29
        <pb n="458" />
        —  450  —

hügel  liegt  die  Stadt  Preßnitz,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  eine
sorbenwendische  Niederlassung  unmittelbar  unter  dem  Kamme  des  Gebirges.
  Auch  hier  hat  der  im  15.  Jahrhundert  stattfindende  Anbruch
von  Silbererzen  die  Erhebung  der  alten  Ansiedelung  zur  Bergstadt
im  Gefolge  gehabt.  Preßnitz  ist  der  Hauptort  der  „fahrenden  Musikanten“
  geworden,  welche  auf  Harfe,  Guitarre,  Violine,  Cello  und
anderen  Instrumenten,  aber  auch  als  Liedersängerinnen  sich  hören
lassen.  Seit  dem  großen  Brande  von  1811  gehen  die  Preßnitzer  in
die  Welt;  die  Mädchen  vorwiegend  mit  der  Harfe,  die  Männer  mit
Geige,  Flöte  u.  s.  w.  Bis  in  die  entferntesten  Gegenden  Europas
wandernd,  und  selbst  darüber  hinaus,  kehren  sie  meist  mit  schönem
Erwerb  in  die  Heimath  zurück.  Anna  Görner  soll  die  erste  Harfenspielerin
  und  Sängerin  gewesen  sein,  welche  die  Leipziger  Messen  bezog.
  Im  Anfange  der  vierziger  Jahre  machte  die  Familie  Fischer,
ein  Vater  mit  zwei  Töchtern  und  zwei  Söhnen,  großes  Aufsehen  durch
ihre  trefflichen  Leistungen.  Seitdem  in  Preßnitz  eine  Musikschule  besteht,
  sind  auch  die  Leistungen  der  Preßnitzer  Musikanten  bedeutend
gestiegen.

Etwa  3  km  westlich  von  Preßnitz  liegt  der  Preßnitzer  Spitzberg
  mitten  im  Walde,  von  dessen  Felsengipfel  man  eine  auf  die
nächsten  Umgebungen  beschränkte  Aussicht  hat.

Ungefähr  5  km  von  Preßniß,  in  fast  südlicher  Richtung,  ist  die
Stadt  Kupferberg,  ein  regelmäßig  um  den  viereckigen  Markt  angelegtes
  Bergstädtchen,  dessen  Ansehen  sein  hohes  Alter  nicht  erkennen
läßt.  Haldenreste,  Schachteinbrüche  und  Pingen  geben  noch  Zeugniß
von  dem  einstmalen  bedeutenden  Bergbau  hauptsächlich  auf  Kupfererze.
Nicht  ganz  10  Minuten  nördlich  des  Städtchens  erhebt  sich  der
Kupferhübel  mit  der  Maria-Hilf-Kapelle.  Hier  hat  man  eine  vortreffliche
  Aussicht  über  das  Böhmer  Land.  Dieselbe  ist  nach  West,
Nord  und  Nordost  durch  die  Erhebung  des  Gebirges  beschränkt,  so
daß  man  nur  einzelne  Gipfel  in  der  Ferne  sehen  kann;  dagegen  nach
Südost  und  Süd,  nach  dem  Mittelgebirge,  dem  Inneren  von  Böhmen,
dem  Liesen=  und  Carlsbader  Gebirge  von  entzückender  Schönheit.  Die
Beleuchtung  ist  während  des  Vormittags  am  Besten.

Von  der  Stadt  Kupferberg  geht  man  auf  einem  Parallelwege
südlich  der  Chaussee  nach  Oberhals,  um  die  nahen  Felsenklippen  zu
besuchen  und  den  Eirnblick  in  das  schroff  abfallende  Thal  zu  gewinnen.
  «

Von  Kupferberg  auf  der  Chaussee  über  Oberhals  nach  der
Oberförsterei  unter  den  Wirbelsteinen  sind  9  km,  von  da  nach  den
Wirbelsteinen  1  km.  Man  geht  auf  der  breiten  Waldschneuse  in  südöstlicher
  Richtung  fast  1  km  weit,  bis  der  Fahrweg  nach  dem  Hauen-
        <pb n="459" />
        —  451  —

steiner  Forsthaus  sich  nach  Süd  biegt  und  folgt  demselben  etwa
5  Minuten  weit  bis  an  eine  Rundung,  von  der  ein  sehr  guter,  deutlich
  erkennbarer  Weg  in  westlicher  Richtung  nach  dem  Felsenkamme
der  Wirbelsteine  führt.  Auf  jeder  anderen  Stelle  ist  die  Ersteigung
derselben  mühsam  und  anstrengend.  Die  Aussicht  nach  Böhmen  hinein
ist  vortrefflich.

Von  der  Oberförsterei  nach  dem  Gasthaus  Hofberg  sind  2  km;
von  da  auf  den  Keilberg  3¾4  Stunden.  Da  der  Weg  sehr  schlecht
im  Stande  und  bezeichnet  ist,  thut  man  gut,  einen  Knaben  als  Führer
mitzunehmen.

Der  Keilberg  oder  Bardum  bildet  einen  zwei  Stunden  langen
Rücken  mit  einem  überaus  steilen,  vielfach  zerrissenen  Abfall  nach
Süden.  Der  westliche,  wiesenbedeckte,  niedere  Theil  heißt  der  kalte
„Winter,  östlich  daran  liegt  die  Schlauderwiese  mit  den  Quellen  des
Pöhlbaches,  darüber  die  Sonnenwirbelhäuser;  der  östliche  Theil  des
Berges  mit  dem  Gipfel  heißt  die  hohe  Wiese,  auf  welcher  ein  kleiner,
mooriger  Tümpel  den  ganzen  Sommer  über  Wasser  hält.

1809  wurde  auf  dem  Gipfel  des  Keilberges  ein  trigonometrisches
  Signal  errichtet,  später  ein  hölzerner,  sechseckiger  Thurm,  das
Gloriet,  welches  um  1860  abbrannte;  in  den  letzten  Jahren  der  Franz--Josephthurm.


Die  Aussicht  von  der  oberen,  gegen  Wind  und  Wetter  geschützten
Gallerie  des  Thurmes  ist  eine  umfassende').  Man  übersieht  einen
großen  Theil  des  nördlichen  Böhmen.  Von  dem  jähen  Absturze  des
Erzgebirges  nach  Süden  wird  man  allerdings  wenig  gewahr,  da  der
Wald  den  Einblick  in  die  nächste  Umgebung  verdeckt.  Nach  Norden
liegt  der  Fichtelberg  quer  vor.  Zwischen  dem  Fichtelberge  und  dem
Preßnitzer  Spitzberge  ist  Annaberg,  der  Pöhlberg,  der  Bärenstein,  der
Bahnhof  von  Weipert  und  die  Stadt  Jöhstadt  zu  sehen;  am  Fuße
des  Haßberges  die  Kirchthurmspitze  von  Preßnitz,  das  Dorf  Reischdorf,
  der  Reischberg;  zwischen  Preßnitz  und  dem  Reischberge  am
fernsten  Horizonte  der  Bärensteinberg  bei  Katharinaberg.  Auf  dem
Südabhange  des  Gebirges  sieht  man  zahlreiche  Orte,  in  geringerer
und  größerer  Entfernung,  sodann  den  Kupferberger  Hübel  mit  der
Kapelle  und  dem  Gasthause,  daneben  die  Stadt  Kupferberg;  im  Osten
den  Milleschauer,  den  Biliner  Stein,  den  Wostray  und  andere  Kuppen
des  Mittelgebirges.  Im  Thale  der  Eger  liegen  die  Städte  Klösterle,
Kaaden  und  Saatz;  weiter  nach  Süden  die  Bergkuppen  des  Liesengebirges;
  unter  diesen  im  Südost  der  Rabenstein,  unmittelbar  dahinter

*)  Vergl.  Ober-Erzgebirgische  Ausflüge,  von  Dr.  Richard  Manke.  Annaberg,
  Graser,  1887.

297
        <pb n="460" />
        —  4562  —

die  Langenauer  Kuppe  des  lang  gestreckten  Eichberges;  sodann  der
Herrgottstuhl  bei  Ockenau  und  gerade  dahinter  der  Liesenberg  beim
Dorfe  Liesen;  weiter  der  Hengberg  bei  Totzau  und  von  demselben
bedeckt  der  Legerberg  und  der  Hasenberg  bei  Duppau.  Ziemlich
genau  im  Süden  sieht  man  den  Bahnhof  von  Schlackenwerth  und  die
Stadt  Schlackenwerth,  darüber  auf  dem  auffallend  sich  kennzeichnenden
Klingsteinhübel  die  Ruine  der  Burg  Engelhaus,  und  ein  wenig  östlich
von  ihr  den  Burgstadtel  und  den  Oedschloßberg  im  Duppauer  Gebirgszuge.
  Am  Horizonte  erkennt  man  den  Huretzberg  bei  Petschau,
den  Podhorn  bei  Marienbad,  den  Glatzeberg  bei  Königswart,  den
Dillenberg  bei  Sandau,  und  südwärts  von  diesem  in  ganz  zarten
Umrissen  die  zunächst  liegenden  Gipfel  des  Böhmer  Waldes.  Im
Südwest,  die  Ebene  des  Egerthales  begrenzend,  liegt  die  Kuppe  mit
der  Maria-Hilf-Kapelle  bei  Kulm,  darüber  in  der  Ferne  der  Kaiserwald,
  mehr  nach  West  der  Kapellenberg  bei  Schönberg  und  der  Hainberg
  bei  Asch;  endlich  hinter  diesen  der  Gebirgszug  des  Fichtelgebirges
mit  der  bei  hellem  Wetter  zu  unterscheidenden  Kösseine,  dem  Ochsenkopf,
  Schneeberg  und  Waldstein.  Von  den  Gipfeln  des  Erzgebirges
liegt  der  Pleßberg  beinahe  vor  dem  Kapellenberge,  der  Peindlberg  bei
Bäringen  verdeckt  den  Hohen  Stein  bei  Markt-Neukirchen,  der  Gottesgaber
  Spitzberg  den  Rammelsberg  bei  Klingenthal.  Dagegen  tritt
der  Auersberg  bei  Wildenthal,  der  Kuhberg  bei  Halbmeil  und  der
Hahnberg  bei  den  Försterhäusern  deutlich  über  die  allgemeine  Erhebung
  des  Gebirgskammes  hervor.  —  Während  auf  der  Nordseite
der  weit  umfassenden  Rundschau  der  Wald  vorherrscht,  sind  auf  der
Südseite  zahllose  Ortschaften  zu  erkennen,  und  die  eruptiven  Formen
der  böhmischen  Gebirge  geben  eine  lebensvolle  Abwechslung  in  der
landschaftlichen  Zusammenstellung.  Ob  man  wirklich  bis  zum  Riesengebirge
  im  fernen  Osten  und  bis  zu  dem  Brdi-Gebirge  im  Innern
Böhmens  bei  Beraun  sehen  kann,  mag  bei  hellem  Wetter  und  mit
starken  Gläsern  entschieden  werden.

Etwa  4  km  westlich  am  Keilbergsthurme  liegt  das  Städtchen
Gottesgab.  Vor  Entdeckung  der  Silberanbrüche  hieß  der  kleine
Ort  Wintersgrün.  1525  wurde  die  Grube  Sct.  Lorenz  gemuthet,
welche  „viel  gediegen  Silber,  auch  rothgültig  Erz“  brachte  und  den
Namen  „Gottes  Gabe“  veranlaßte.  1534  erhielt  auf  Verordnung
des  Kurfürsten  Johann  Friedrich,  denn  das  Gebiet  gehörte  damals
zu  Kursachsen,  jeder  Ansiedler  einen  Bauplatz  von  15  Ellen  Breite
und  30  Ellen  Tiefe  angewiesen.  Seitdem  der  Bergbau  aufgehört
hat,  von  dessen  früherem  Umfange  zahlreiche  und  große  Halden  Zeugniß
  ablegen,  bilden  Klöppeln,  Nähen  und  Sticken  die  Haupterwerbszweige.
  Im  Jahre  1808  brannte  die  Stadt  fast  vollständig  nieder.
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        —  453  —

Das  Städtchen  liegt  auf  einer  unwirthbaren,  baumlosen  und
öden  Hochfläche,  welche  nur  an  den  Rändern  von  Waldungen  umgeben,
  im  Norden  vom  Fichtelberge,  im  Osten  von  der  Höhe  der
Sonnenwirbelhäuser,  im  Süden  vom  Spitzberge  begrenzt  wird.  Die
nördliche  Seite  desselben  erhebt  sich  ein  wenig,  die  südliche  Seite  fällt
den  Quellenbächen  des  Schwarzwassers  entsprechend  sanft  abwärts.  In
den  Umgebungen  sind  weitläufige  Torfgräbereien;  sonst  ist  der  größte
Theil  der  Hochfläche  mit  Wiesen  bedeckt.

In  nahezu  südwestlicher  Richtung,  3  km  von  Gottesgab,  licgt
der  Gottesgaber  Spitzberg.  Vom  Wirthshaus  der  Spitzberghäuser
geht  man  auf  der  Westseite  des  Berges  durch  aufgethürmtes  Phonolithgeröll
  und  Gestrüpp  nach  dem  Gipfel  des  steil  aufragenden  Klingsteinkegels.
  Derselbe  ist  bewaldet,  ohne  Weg,  mühsam  zu  besteigen,
bietet  aber  auf  drei  Punkten  besuchenswerthe  Aussichten.  Nach  Westen
von  da,  wo  man  den  Aufstieg  genommen,  nach  Norden  auf  einer
freien  Stelle  der  Nordseite,  nach  Süden  und  Osten  auf  einer  die
höchste  Spitze  des  Berges  bildenden  Felsenklippe.  Um  die  Südseite
des  Berges  führt  ein  Fußsteig  mitten  durch  zahlreiche  Sumpfstellen
und  Wasserlöcher  hindurch.  Kurz  unterhalb  des  Berges  hat  man  an
einer  Holzecke  eine  vortreffliche  Ansicht  von  Gottesgab,  den  Fichtelberg
mit  seinem  sanften  Südabhange  als  Hintergrund;  die  hellen  Schindeldächer,
  die  dichtgedrängt  erscheinenden  Häuser  2c.  erinnern  an  ein
Alpendorf  auf  hochgelegenem  Plateau.

Im  Südwest  von  Gottesgab,  in  einer  Entfernung  von  etwas
über  9  km  liegt  der  Pleßberg.  Man  geht  auf  der  Chaussee  bis
Werlsberg,  von  da  über  das  Forsthaus  Weiters  Wiese,  bis  kurz  vor
den  Pleßberg  fast  ununterbrochen  durch  den  Wald.  Vom  Städtchen
Abertham  aus  ist  der  rasenbedeckte  Kegel  des  Berges  unschwierig  in
einer  Stunde  zu  besteigen.  Der  Gipfel  ist  vollständig  frei.  Ein
früher  hier  befindliches  trigonometrisches  Signal  ist  spurlos  verschwunden.
  Zahlreiche  Klingsteindurchbrüche  auf  den  Abhängen  und  auf  dem
Gipfel  bezeichnen  die  Art  der  Erhebung.  Die  Aussicht  ist  prachtvoll!
  —  Im  Westen  von  dem  bewaldeten  Höhenzuge  des  Bäringer
Berges,  Drachenfelsen  und  Rammelsberges  begrenzt,  wird  dieselbe  im

Norden  vom  Plattenberge  und  vom  Wagnerberge  geschlossen.  Die
Stadt  Abertham  und  ostwärts  oberhalb  derselben  das  ausgedehnte
Hengsterben  sind  charakteristisch  an  der  Berglehne  terrassenförmig  aufgebaut.
  Im  Waldesgrün  liegen  die  Häuser  von  Werlsberg,  vor  dem
Walde  der  breite,  grüne,  sanft  geneigte  Wiesenhang  mit  einzelnen
Baumgruppen,  über  dem  Walde  der  Spitzberg,  der  Kirchthurm  von
Gottesgab,  darüber  der  Fichtelberg  und  die  Fichtelbergschenke,
weiter  ostwärts  die  Sonnenwirbelhäuser  und  der  breit  hingestreckte,
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        —  454  —

waldbedeckte  Keilberg.  Vor  Allem  aber  reich  an  Abwechselung  der
Formen  und  der  landschaftlichen  Gestaltung  ist  die  Aussicht  südwärts
und  ostwärts  in  das  jäh  und  tief  eingeschnittene  Thal  des  Reinbaches
mit  seinen  köstlich  bewaldeten  Abhängen  und  Bergsporen,  nach  den
hellgrau  glänzenden  Schindeldächern  des  unter  großen  Laubbäumen
versteckt  liegenden  Klosters  Mariasorg  und  den  oberhalb  desselben  aufragenden,
  gut  bewaldeten  Höhen  des  Wolfsberges  und  des  Kobersteines,
  mit  ihren  längs  des  Abhanges  verstreut  liegenden  hellen
Häusern  und  Gehöften.  Im  breiten  Thale  der  Egerniederung  sieht
man  Schlackenwerth,  südwärts  derfelben  die  Berge  bei  Carlsbad,  den
Kreuzberg,  den  Aaberg,  vor  Allem  bezeichnend  die  Ruine  Engelhaus
auf  dem  steilen  Klingsteinkegel  und  weiter  zurück  den  Oedschloßberg
bei  Duppau,  den  Huretz  bei  Petschau,  den  Stenzka  bei  Tepl,  den
Podhorn  bei  Marienbad,  den  Glatzeberg  bei  Königswart.

Nicht  ganz  2  km  nordwestlich  vom  Pleßberge  liegt  Abertham
und  4  km  weiter  Platten.  Bäringen  ist  von  Abertham  3  km,  und
Platten  von  Bäringen  wieder  3  km  entfernt.  Das  auf  rauhem
Hochplateau  gelegene  Städtchen  Abertham  verdankt  seinen  Ursprung
dem  Bergbau  ebenso  wie  das  am  Südwestfuße  des  Plattenberges
liegende  Platten,  welches  außer  zahlreichen  Zechen  1544  acht
Schmelzhütten  besaß.  Der  Bergbau,  vorwiegend  auf  Zinn-,  aber
auch  auf  Silbererze,  wurde  im  Schmalkaldischen  Kriege  bedeutend  geschädigt,
  kam  aber  1653  ganz  in  Verfall,  als  die  protestantischen
Bergleute  mit  Gewalt  vertrieben  wurden.

Der  Gebirgssattel  liegt  in  908  m  halbwegs  zwischen  Bäringen
und  Platte.1.

Im  Nordosten  von  Platten  erhebt  sich  der  große  Plattenberg,
von  dem  im  16.  Jahrhunderte  erbauten  Plattengraben  in  weitem
Bogen  umzogen.  Die  große  Plattener  Binge  (Wolfsbinge),  gegen
70  m  lang,  10  m  tief  und  verschieden  breit,  ist  durch  den  Zusammenbruch
  der  etwa  eine  halbe  Stunde  unterhalb  des  Gipfels  befindlichen
Grubenbauten  entstanden.  In  einer  Spalte  derselben  erhält  sich  das
Eis  während  des  ganzen  Jahres.

Nordöstlich  von  Gottesgab,  etwa  1  km  entfernt,  liegt  auf  dem
Sattel  des  Gebirgskammes  die  Fichtelbergschenke,  und  3  km  von  der
Stadt  der  vordere  Fichtelberg  mit  seinem  Unterkunftshause.  Der  lang
gestreckte  Rücken  des  Fichtelberges  fällt  auf  der  Nordseite  charakteristisch
  steil  ab;  die  südwestliche  Kuppe  desselben  heißt  der  hintere
Fichtelberg.  An  Stelle  des  baufällig  gewordenen  alten  Thurmes  ist
das  Fichtelberghaus  mit  Aussichtsthurm  neu  erbaut  und  am  21.  Juli
1889  dem  Verkehr  übergeben  worden.

Die  Aussicht  vom  vorderen  Fichtelberge  wird  zum  großen  Theile
        <pb n="463" />
        —  455  —

durch  den  Gebirgszug  selbst  beschränkt.  In  Südwest  beginnend  und
nordwärts  weiter  gehend,  reihen  sich  nachstehende  Punkte  an  einander.
Der  Pleßberg  bei  Abertham,  der  Spitzberg  bei  Gottesgab,  der  Plattenberg
  bei  Platten,  der  Hahnberg  bei  Goldenhöhe,  der  Auersberg  bei
Wildenthal,  der  Ochsenkopf  bei  Schwarzenberg,  der  Gleesberg  bei
Schneeberg,  der  Spiegelwald  bei  Grünhain,  der  Schatzenstein  bei
Elterlein,  die  Langenberger  Höhe  bei  Hohenstein,  der  Thurm  auf  dem
Todtensteine,  der  Thurm  auf  dem  RNochlitzer  Berge,  der  Greifenstein
bei  Thum,  der  Thurm  auf  dem  Colmberge  bei  Oschatz,  Schloß
Augustusburg,  der  Pöhlberg  bei  Annaberg,  der  Bärenstein,  der  Thurm
auf  der  Drei-Brüder-Höhe  bei  Marienberg,  der  Haßberg  und  Spitzberg
  bei  Preßnitz  und  bei  hellem  Wetter  in  der  Lücke  zwischen  beiden
der  Bärensteinberg  bei  Katharinaberg;  sodann  der  Kupferberger  Hübel,
und  nach  Südost  der  Keilberg.  In  der  Lücke  zwischen  dem  Preßnitzer
  Spitzberge  und  dem  Keilberge  sieht  man  die  Gipfel  des  Böhmischen
  Mittelgebirges,  Kletschen,  Milleschauer,  Biliner  Stein,  Millayer
  Berg.  Daß  man  in  Südwest,  in  der  Gegend  von  Königswart
den  Glatzeberg  und  den  Dillenberg  sehen  könne,  ist  zu  bezweifeln.

Am  Ostfuße  des  hinteren  Fichtelberges  liegt  die  Stadt  Ober-Wiesenthal.
  Das  erste  Haus  von  Ober-Wiesenthal  wurde  1526
von  Valentin  Thauhorn,  dem  Entdecker  der  Silberadern,  erbaut.  1527
erhielt  der  Ort  Stadtrechte  und  Bergfreiheit.  Bergleute  aus  dem
älteren  Unter-Wiesenthal  so  wie  der  Religion  wegen  Vertriebene  aus
Joachimsthal,  Schlackenwerth  und  Gottesgab  zogen  herbei,  doch  schon
1567  kam  der  Bergbau  in  Verfall.  Schuman  bemerkt  (VII,  695):
„Es  fehlt  auf  den  ungeheuren  Bergen,  welche  die  vier  Orte  Wiesenthal
  (Hammer  -,  Unter-,  Böhmisch=  und  Ober-Wiesenthal)  wie  die
Wände  eines  Kessels  umgeben,  weder  an  Holz  noch  an  Morast.  Diesen
Kessel  füllen  fruchtbare,  weit  ausgedehnte,  durchaus  leicht  zu  bewässernde
  Wiesen  aus  und  befördern  die  Viehzucht  ungemein,  welche
hier  wenigstens  zehnmal  wichtiger,  einträglicher  und  sicherer  ist  als
der  Ackerbau"  ..  „Gefährlich  sind  die  Gewitter,  besonders  wenn
sie  am  Keilberge  und  Fichtelberge  hängen  bleiben  und  die  Paßhöhe
nicht  überschreiten  können.  Auch  wenn  die  ungeheure  Menge  Schnee
schmilzt,  welche  ein  oft  siebenmonatiger  Winter,  ungerechnet  die  Windwehen,
  zu  einer  Höhe  von  3  und  4  m  aufhäuft,  werden  die  unzähligen
  Wassergerinne  zur  Pöhl  hinab  beschwerlich  und  gefährlich.“

Ober-Wiesenthal  eignet  sich  vortrefflich  zum  Stationspunkte  für
den  Besuch  von  Keilberg,  Fichtelberg  u.  s.  w.;  für  die  Nordseite  des
Fichtelbergabhanges  und  dessen  Umgebungen  jedoch  mehr  Kretzscham-Rothensehma.
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        —  466  —

58.  Der  Südabhang.  Dassenstein.  Schönburg.  Pürstein.
  Warta.  Der  Bengberg.  Dauenstein.  Joachimsthal.
  Mariasorg.  Bäringen.

Der  terrassenförmige  Südabhang  des  Gebirges,  auf  welchem
man  fast  auf  jedem  Punkte  einen  schönen  Ausblick  nach  dem  Böhmer
Lande  gewinnt,  wird  zwischen  dem  Assigbache  und  dem  Bettlohbache
bei  Klösterle  von  mehreren  größeren  und  kleineren  Thalschluchten
unterbrochen,  unter  denen  das  Thal  des  Höllenbaches,  des  Hassenbaches,
  des  Radis=  und  Bettlohbaches  die  bedeutendsten  sind.

Vor  Allem  ist  das  vielfach  gewundene  Thal  des  Hassenbaches,
welcher  oberhalb  der  Hassenmühle  den  Namen  Fleckelmühler  Bach
führt  und  unterhalb  des  Drahthammers  Brunnersdorfer  Bach  genannt
wird,  reich  an  landschaftlicher  Schönheit  der  zum  Theil  über  100  m
hohen  und  gut  bewaldeten  Abhänge.

Südwestlich  von  dem  kleinen,  auf  dem  Hochplateau  in  ca.  580  m
liegenden  Städtchen  Platz  stehen  auf  scharf  geschnittenem,  dicht  bewaldeten
  und  mit  Felsenklippen  geschmückten  Bergvorsprunge,  beinahe  von
dem  emporgewucherten  Buschwerk  und  Gehölz  bedeckt  und  versteckt  die
Trümmer  der  großen  Burg  Hassenstein.

Die  Umfassungen  sind  größtentheils  verfallen,  der  Wallgraben
auf  der  Nordseite  verschüttet,  und  die  ehemaligen  vier  Burghöfe  kaum
noch  erkennbar.  „Drei  Mal  muß  man  über  Wallgräben,  die  mit
Schutt  und  Trümmern  ausgefüllt  sind,  steigen),  dann  durchschreitet
man  ein  morsches  Thorgewölbe  und  befindet  sich  auf  einem  grünen
Grasplatze,  den  riesige  Mauern  umschließen.  ..  Welch'  ein  Chaos
von  Mauern,  Thürmen,  Basteien,  Gewölben  ....  Aber  kein  Gemach
ist  mehr  ganz,  die  Trümmer  sind  einsam,  die  Fensterbögen  zerbröckelt,
die  Treppen  eingestürzt,  die  Keller  gefüllt  mit  Gerölle,  und  Berge
von  Schutt  bedecken  die  Burghöse  ...  Auffallend  sind  die  vielen  ungewöhnlich
  massiv  gebauten  Rundthürme,  von  denen  einer  mit  seinem
zwei  Klafter  dicken  Gemäuer  allen  Stürmen  der  Zeit  getrotzt  hat,
und  heute  noch  in  eine  bedeutende  Höhe  emporragt.  Ein  anderer
ähnlicher  Thurm  kann  von  Innen  aus  auf  einer  steinernen  Wendeltreppe
  noch  mühsam  erstiegen  werden.  Von  seiner  Zinne  genießt
man  eine  zauberhafte  Aussicht.  Doch  Vorsicht  ist  hier  ein  Gebot;
mancher  lockere  Stein  bedarf  nur  der  kleinsten  Erschütterung,  um  zur
Tiefe  hinab  zu  rollen.“

Die  Burg  stammt  allem  Anscheine  nach  aus  dem  13.  Jahr- 



*)  Die  Ruine  Hassenstein,  von  Karl  Jentscher.  (Erzgebirgszeitung  1889,
Nr.  6.  Weigand.  Teplitz.)
        <pb n="465" />
        —  457  —

hundert,  wo  nicht  aus  dem  Ende  des  12.  „Als  König  Wenzel  im
Jahre  1250  von  seiner  Rheinreise  zurückkehrte,  war  sein  erstes  Werk,
auf  den  Höhen,  welche  die  Elbe,  Moldau,  Eger  u.  s.  w.  begleiteten,
Schlösser  nach  Art  der  Rheinburgen  erbauen  zu  lassen.  Deutschen
Baumeistern  wurden  die  Arbeiten  übertragen  und  in  der  Regel  erhielten
  dann  auch  diese  Burgen  deutsche  Namen.“  Hassenstein  gehörte
  im  13.  Jahrhundert  den  Schönburgen;  1412  kam  die  Burg
an  Heinrich  den  Jüngeren  von  Plauen;  1418  an  Nikolaus  von  Lobkowitz.
  1606,  in  welchem  Jahre  Popel  von  Lobkowitz  im  Schlosse
zu  Elbogen  enthauptet  wurde,  kam  Hassenstein  an  Bernhard  von
Stammbach,  1623  an  Borita  von  Martinitz.  1630  nahmen  die
Schweden  Hassenstein  ein,  plünderten  es  und  brannten  es  nieder.
Die  verlassene  Burg  ging  schnell  dem  vollständigen  Verfall  entgegen.
Der  Zusammenhang  der  einzelnen  Theile  der  Ruine  ist  jetzt  nur  noch
schwer  zu  erkennen.

Wenn  man,  südwestlich  von  Klösterle  bei  dem  Meierhofe  Schönburg,
  die  Abdachung  des  Gebirges  vom  Kupferberger  Hügel  bis  zu
diesem  Punkte  betrachtet,  so  macht  dieselbe  den  Eindruck  einer  gleichmäßig
  geneigten  schiefen  Ebene,  an  deren  Ende  der  Klingsteinkegel,  auf
welchem  die  Schönburg  steht,  dem  Weiterflusse  des  Schlammstromes
ein  Ende  gesetzet  und  dessen  Erstarrung  beschleunigt  hätte.  Die  sanft
geneigte  Fläche  fällt  116.  Mit  dem  Kegel  der  Schönburg  tritt  der
Fuß  des  Erzgebirges  an  die  Eger  heran.  Die  Trümmer  der  Schönburg
  bilden  die  von  Nordwest  nach  Südost  gerichtete  Bekrönung  des
Berges,  von  der  noch  weitaufragende  Theile  von  Thürmen,  Mauern
und  Gebäuden  am  südöstlichen  Ende,  wie  am  nordwestlichen  stehen,
aber  durch  hochaufgeschüttete  Trümmer  und  Steingerölle  nur  außerordentlich
  mühsam  zugänglich  sind.

Am  Zusammenstoß  des  Thales  von  Kleinthal  und  des  Weigensdorfer
  Thales  liegt  die  Burg  Fürstenstein.  Die  Trümmer  derselben
geben  einen  dreieckigen  Grundriß,  die  Linie  des  Grabens  und  einiger
Stücke  der  Umfassungen,  Theile  eines  viereckigen  Thurmes  und  die
Hälfte  des  runden  Hauptthurmes;  doch  läßt  sich  hier  über  den  Zusammenhang
  der  einzelnen  Theile  fast  noch  weniger  sagen.

Das  Kleinthal  mit  seinen  beiden  Thalenden  oberhalb  Unterhammer,
  bei  der  Kremelmühle,  und  dann  bei  Steingrün  ist  außerordentlich
  besuchenswerth;  nicht  minder  das  Weigensdorfer  Thal  mit
seinem  Aufstieg  nach  dem  Hohen  Hau.  Geht  man  von  diesem  abwärts,
  so  wird  man  beim  Austritte  aus  dem  Walde  von  dem  herrlichen
  Blicke  über  das  steil  abwärts  sich  senkende  Thal  außerordentlich
überrascht.  Von  dem  unter  hohen  Bäumen  halb  versteckt  liegenden
Jägerhause  fällt  in  frischem  Grün,  zu  beiden  Seiten  von  prächtig
        <pb n="466" />
        —  458  —

gruppirten  Nadelholz  eingefaßt,  das  mit  Wiese  und  Feld  und  ein—
zelnen  Haus=  und  Baumgruppen  bedeckte  Thal  mit  einer  Steile  zu
den  ersten  Häusern  von  Weigensdorf  hinab,  daß  man  in  den  Voralpen
  zu  stehen  meint.

Aber  auch  bei  jedem  Aufstieg  aus  dem  Thale  von  Pürstein
nach  dem  Gebirgskamme  bei  Kupferberg  geben  die  Rückblicke  fast  auf
jeder  Stelle  Bilder  von  entzückender  Schönheit;  vor  Allem  auf  dem
Wege  vom  Kreuze  bei  Steingrün,  westlich  der  ersten  Häusergruppe
des  Dorfes  auf  dem  Bergsporen  bis  zum  Begräbnißplatze  von  Kupferberg.
  Man  steigt  von  Pürstein  bis  Kupferberg  1¾  bis  2  Stunden.

Das  Thal  des  Rummelsbaches,  von  Wotsch  aufwärts,  führt  als
schmales  Waldthal,  nach  sehr  langem  Wandern  über  den  Gebirgskamm
  bis  zur  Königsmühle,  über  9  km,  nach  Westen  aufwärts,  von
der  Mühle  oberhalb  Wotsch  in  etwa  einer  Stunde  an  das  obere
Ende  von  Boxgrün,  auf  das  Plateau  der  Steinkoppe,  auf  welchem
man  von  der  südlich  von  Boxgrün  gelegenen  Kuppe  (778  m)  einen
außerordentlich  aufsuchenswerthen  Umblick  hat.  Man  kann  auch  von
Wotsch  in  dem  der  Kirche  zunächst  mündenden  Seitenthale  aufwärts
steigen,  und  hoch  oben,  um  den  Hutberg  herum  nach  Sorwiese  und
den  Meierhof  Himmelstein  gehen.  Auf  dem  steilen  Klingsteinkegel,  zu
dem  nur  von  Norden  her  ein  Weg  führt,  liegen  die  wenigen  Thurmund
  Mauerüberreste  der  Burg  Himmelstein,  deren  höher  gelegener
Theil  vollständig  mit  Schutt  und  auf  diesem  mit  herangewachsenem
Buchenwald  bedeckt  ist.

Der  Theil  des  schönen  Krampusbachthales  zwischen  der  Eger
und  dem  unteren  Ende  von  Gesmesgrün  heißt  das  Höllthal;  oberhalb
  Höll  führt  kein  Weg  durch  das  mit  einem  interessanten  Abschlusse
  endende  Thal.

An  der  Eger,  4  km  von  Wotsch,  7  km  von  Pürstein  liegt
Warta,  ein  Ort,  der  zu  längerem  Aufenthalte  sehr  geeignet  sein  würde.

In  Warta  überschreitet  man  die  Eger  und  geht  am  Bahnhofe
vorüber  nach  dem  Krondorfer  Sauerbrunnen,  und  von  hier  im  Thale
des  Krondorfer  Baches  durch  die  Teufelskluft  aufwärts  nach  dem
Kottershof  (4  km)  und  von  hier,  auf  dem  Bergrücken  sich  nordwestlich
  wendend,  bei  einem  Kreuze  vorüber  in  3¾  Stunden  nach  dem
Signal  auf  dem  Hengberge  bei  Totzau.

Von  diesem  Punkte  hat  man  den  herrlichsten  Blick  über  die
Erzgebirgskette,  welche  meilenweit  gerade  ausgestreckt,  mit  ihrem  nächsten
Kammpunkte  in  einer  Entfernung  von  etwa  10  km  Luftlinie  bis  in
unabsehbare  Ferne  zu  verfolgen  ist.

Bei  hellem  Horizonte  beginnt  die  Erzgebirgsansicht  im  Westen
mit  dem  Kapellenberge  bei  Schönberg,  an  welchen  sich  in  der  Richtung
        <pb n="467" />
        —  459  —

nach  dem  Centralstocke  des  Gebirges  zu  nachstehende  Gipfelpunkte
deutlich  erkennbar  anreihen:  der  Hohe  Hau  bei  Bleistadt,  dahinter
der  Hohe  Stein  bei  Erlbach;  der  Ursprungberg  bei  Graßlitz,  davor
der  Schönauer  Berg  bei  Schönau;  der  Glasberg  und  der  Muckenbiel
bei  Graßlitz,  davor  der  Zulegerbiel  (bühl?)  bei  Scheft;  weiter  der
Spitzberg  bei  Friebus,  davor  der  Mittelwald  bei  Trinkseifen  und  der
Futtersberg  bei  Neudeck;  ferner  der  Rammelsberg  bei  Platten,  etwas
westlich  davor  geschoben  der  Peindlberg  bei  Bäringen;  der  Traußnitzberg
  bei  Ullersloh  mit  seinem  Aussichtsthurme,  der  Pleßberg  bei
Abertham,  in  einer  höchst  charakteristischen  Form;  sodann  der  Neujahrsberg
  bei  Werlsberg,  davor  der  Koberstein  bei  Joachimsthal,  weiter
der  Spitzberg  bei  Gottesgab,  das  Plateau  von  Gottesgab,  der
Schwarzfels,  der  Sonnenwirbel,  der  Keilberg,  dicht  daneben  die  Spitze
und  der  Thurm  des  vorderen  Fichtelberges,  über  dem  Sattel  zwischen
dem  Keilberge  und  den  Wirbelsteinen.  Ferner  die  Wirbelsteine,  der
Hohe  Hau,  das  Hochplateau  von  Oberhals,  der  Kupferhübel  mit  der
Kapelle,  die  Stadt  Kupferberg;  über  dem  auf  dem  rechten  Egerufer
liegenden  Herrgottstuhle  die  Pöllmahöhe  bei  Preßnitz,  darüber  der
Haßberg;  der  Reischberg,  darüber  der  Mückenhübel,  östlich  davon  der
Neudorfer  Berg  und  die  Kirche  von  Sebastiansberg;  weiter  hin  der
Galgenberg,  sodann  die  Stadt  und  weit  hervorleuchtend  die  Kirche
von  Sonneberg.  Ueber  dem  Plateau  von  Krima  schließt  der  Bärensteinberg
  in  der  Hauptsache  die  Ansicht  des  Erzgebirges,  obgleich  man
wohl  im  Stande  ist,  weiter  ostwärts  den  Wieselstein  bei  Langewiese,
den  Stürmer  oder  auch  den  Bornhauberg  bei  Niklasberg,  das  Mückenthürmel
  bei  Graupen  und  den  hohen  Schneeberg  bei  Tetschen  vermittelst
  eines  guten  Fernglases  zu  unterscheiden.

Es  giebt  keinen  zweiten  Punkt  auf  der  Linie  des  ganzen  Erzgebirges,
  von  dem  aus  man  eine  derartige  Totalansicht  seines  Südabhanges
  gewinnen  könnte.

Bei  der  Kürze  des  Gebirgsabsturzes  nach  Süden  treten  vor
Allem  am  Centralstocke  die  Thaleinschnitte  mit  Formen  auf,  welche
vollständige  Bilder  aus  den  Voralpen  geben.  Besonders  auf  der
Strecke  Lichtenstadt-Schlackenwerth-Warta-Klösterle-Brunnersdorf  wird
das  Uebergewicht  voralpiner  Terrainformen  auffallend;  denn  hier,  wo
die  Entfernung  zwischen  Fuß  und  Kamm  des  Gebirges  nur  zwischen
9  und  7  km  beträgt,  die  Höhendifferenz  beider  dagegen  550  bis
700  m,  und  die  Höhenunterschiede  zwischen  den  Thalsohlen  und  den
vorgeschobenen  Bergsporen  immer  200  m  und  mehr,  —  hier  sind
die  steilsten  Abhänge,  die  schroffsten  Thalwände  und  Felsenklippen  auf
einer  kleinen  Fläche  dicht  zusammengedrängt.  Zahlreiche  Durchbrüche
von  Phonolithen  (Klingsteine,  Porphyrschiefer,  Hornschiefer)  treten
        <pb n="468" />
        —  460  —

hervor.  Auf  dem  Gebirgskamme  sind  sie  am  Pleßberge,  am  Gottesgaber
  Spitzberge,  an  den  Wirbelsteinen,  den  Felsenklippen  bei  Oberhals,
  am  Kupferberger  Hügel  u.  s.  w.  deutlich  zu  erkennen;  in  den
Thälern  des  Wistritz=  und  Reinbaches,  der  Weseritz  und  ihrer  Seitenzuflüsse,
  des  Holzbaches,  Eichelbaches,  Höllbaches,  Rummelbaches  und
Kleinthaler  Baches,  sowie  auf  der  Strecke  Welchau-Warta-Klösterle
des  Egerthales  spielen  sie  eine  große  Rolle.  Ueberall  haben  sie  in
den  Felsenwänden  und  Felsenklippen,  den  Geröllhalden  und  Thalhängen
  eine  Schroffheit  und  Steile  hervorgerufen,  welche  die  Anschauungen
  über  Terrainformationen,  wie  man  sie  auf  dem  Nordabhange
  des  Erzgebirges  gewinnt,  vollständig  ändern.

Dem  Centralstocke  des  Gebirges  mit  seinem  Reichthum  an  Formen
  und  Details  gegenüber  wird  man  trotz  der  Mühe  des  Auf=  und
Abstieges,  welche  sich  auf  der  nächsten  Linie  auch  bedeutend  abkürzen
lassen,  im  hohen  Grade  befriedigt  sein,  wenn  das  Wetter  nur  einigermaßen
  hell  bleibt.

Jeder  Punkt  läßt  sich  genau  bestimmen.  Von  dem  auf  südöstlich
  des  Pleßberges  befindlichen  Hochplateau  am  Fuße  des  Ullersberges
  gelegenen  Dorfe  Ullersgrün,  dem  auf  ähnlicher  Terrasse  liegenden
  Dorfe  Pfaffengrün  am  Fuße  des  Kobersteines,  und  den  wenigen
oberhalb  des  Kobersteines  zu  erblickenden  Häusern  von  Werlsberg  bis
zur  Neustadt,  und  den  Thürmen  der  Ruine  Freudenstein,  zunächst
der  im  tief  eingeschnittenen  Thalgrunde  eingekeilten  Stadt  Joachimsthal;
  ferner  von  den  auf  der  höchsten  Terrasse  stehenden  Häusern
von  Dürrenberg  und  Holzbach,  den  auf  der  mittlen  Terrasse  hingestreckten
  Orten  Holzbachlehen  und  Hüttmesgrün,  sowie  den  auf  der
unteren  Terrasse  liegenden  Dörfern  Marletzgrün,  Schönwald  und
Gesmesgrün;  endlich  von  dem  im  Thale  eingepreßten  Hauenstein
westlich  und  Höll  östlich  des  Eichelberges  ist  jede  Einzelheit  zu  erkennen.
  Nach  oben,  dicht  unter  den  Wirbelsteinen,  glänzt  das  Hauensteiner
  Jägerhaus  mitten  im  Waldesgrün  oberhalb  einer  steil  abfallenden
  Bergwiese,  und  auf  dem  Plateau  südlich  des  Hohen  Hau
liegen  die  obersten  Häuser  von  Boxgrün,  unterhalb  des  Höllensteines
die  Häuser  von  Reihen.  —  Die  auf  dem  Plateau  südöstlich  von
Kupferberg  liegenden  Dörfer  Kunau,  Bettlern  und  Tomitschau  sind
durch  den  Herrgottstuhl  verdeckt.

In  das  Egerthal  sieht  man  vom  Hengberge  in  südwestlicher
Richtung  über  Jokes  nach  Wickwitz  hinein,  in  das  Holzbachthal  bei
Damitz,  in  das  Eichelbachthal  bei  Warta,  und  in  das  Egerthal  abwärts
  von  Warta  bis  zum  Thale  des  Rummelsbaches  und  dem
Dorfe  Wotsch,  dessen  hochgelegene  Kirche  hellleuchtend  aus  dem  Grün
der  Umgebungen  freundlich  hervorblickt.
        <pb n="469" />
        —  461  —

Wenn  nun  auch  der  Ueberblick  über  das  Erzgebirge  vorwiegend
das  Ziel  ist,  wegen  dessen  man  den  Hengberg  besteigt,  so  ist  die  Aussicht
  nach  den  anderen  Seiten  doch  nicht  ganz  uninteressant.  Im
fernen  Westen  erkennt  man  den  Zug  des  Fichtelgebirges,  im  Osten
überragen  die  Spitzen  des  Mittelgebirges  die  vorliegenden  Berge  des
Liesengebirges.  Unmittelbar  neben  der  Kirche  von  Wotsch  steigen  die
Thalhänge  des  südlichen  Egerufers  zu  der  bewaldeten  Höhe  des
Herrgottstuhles  an,  welcher  sich  der  Höhenzug  von  Horn  und  Tunkau
und  der  Liesenberg  anschließt.  Die  Aussicht  nach  Süd  und  Südwest
wird  vom  Oedschloßberge,  der  Ruine  Engelhaus,  Huretz,  Podhorn,
Glatze  und  Dillenberg  begrenzt.  Unmittelbar  am  Südfuße  des  Hengberges
  liegt  das  Dorf  Totzau,  dahinter  der  Höhenzug  vom  Leger  und
von  der  Höllenkoppe,  über  welcher  unter  verschiedenen  anderen  Bergspitzen
  der  Drei-Kreuzberg  bei  Karlsbad  deutlich  zu  unterscheiden  ist.
Die  westliche  Verlängerung  der  Egerniederung  schließt  die  Maria-Hilf-Kapelle
  bei  Kulm.

Etwa  3  km  nordwestlich  von  Warta  liegt  am  Zusammenstoß
des  Kesselbaches  und  des  Eichelbaches  die  ehemalige  Burg  Hauenstein
malerisch  auf  einem  fast  senkrecht  abfallenden  Basaltfelsen,  in  Absätzen
und  Terrassen  ansteigend,  „waldumgürtet,  buschumweht,  ein  anspruchsloses
  Schloß  im  alten  Gebirgsstyl,  mit  Riegelwänden  und  hohen
Giebeln,  über  denen  sich  trotzig  der  alte  steinerne  Rundthurm  erhebt"“.
Die  aus  dem  13.  Jahrhundert  stammende  Burg  ist  in  der  neuesten
Zeit  durch  Um-=  und  Anbauten  vergrößert  worden.

Von  der  Koppe  des  Eichelberges,  über  welche  der  Weg  von
Warta  her  führt,  hat  man  eine  schöne,  wahrhaft  malerische  Rundsicht.

Die  engen  Waldthäler  des  Kesselbaches,  des  Eichelbaches  und
des  Holzbaches  sind  nur  zum  Theil  gangbar;  doch  führen  zahlreiche
Wald=  und  Holzwege,  mehr  oder  minder  anstrengend,  zum  Kamme
des  Gebirges  hinauf.  Besonders  schön  ist  allerdings  nur  der  Weg,
welcher  von  Hüttmesgrün  nach  dem  Hauensteiner  Forsthause  am  Südfuße
  der  Wirbelsteine  führt,  einem  Punkte  mit  einer  großartigen  Aussicht
  über  das  Böhmer  Land.

Von  der  Hochterrasse  zu  beiden  Seiten  des  Dorfes  Schönwald,
von  der  kleinen  Kapelle  über  Marletzgrün,  vom  Kreuze  über  Honnersgrün,
  eben  so  wie  von  den  beiden  Kreuzen  in  Holzbachlehen  hat  man
mehr  oder  weniger  ausgedehnte  Aussichten  nach  Böhmen  hinein,  eine
jede  mit  einer  größeren  oder  kleineren  Verschiebung  der  bemerkenswerthesten
  Hauptpunkte,  als  welche  der  Herrgottstuhl,  der  Hengberg,
der  Oedschloßberg,  die  Ruine  Engelhaus,  der  Huretzberg,  der  Podhorn
und  der  Glatzeberg  bei  Königswart  zu  bezeichnen  sind.  «

Oestlich  vom  Dorfe  Schönwald  hat  man  auf  der  Höhe  einen
        <pb n="470" />
        —  462  —

schönen  Blick  gebirgsaufwärts  das  Thal  des  Eichel-  oder  Grünbaches
hinauf;  westlich  des  Dorfes  von  einer  kleinen  Anhöhe  einen  nicht
minder  schönen  im  Thale  des  Holzbaches  aufwärts  nach  dem  Schwarzfelsen.


Das  Thal  der  Weseritz,  welches  bei  Ober-Brand  aus  dem  Ge—
birge  heraus  tritt,  ist  von  150  bis  zu  200  m  hohen  Thalwänden
eingefaßt;  besonders  schön  sind  aber  seine  Nebenthäler  mit  ihren  waldbedeckten
  Abhängen,  das  Thal  des  Dürrenbaches  mit  seinen  Verästungen,
  als  besonders  das  Thal  vom  Edelen  Leute  Stolln  und
seinen  Zweigthälern  nach  den  Sonnenwirbelhäusern,  wie  nach  dem
Elbecken  Jagdhause,  an  vielen  Stellen  noch  die  Spuren  eines  früheren
emsig  betriebenen  Bergbaues  in  Halden,  Stollnöffnungen  u.  s.  w.
aufweisend.  Auf  dem  Edelen  Leute  Stolln  ist  in  der  neuesten  Zeit
ein  Uranothallitanbruch  angefahren  worden.  Nicht  minder  schön  ist
das  Thal  von  Rauscher  Erb,  oder  wie  es  auch  genannt  wird,  von
der  Reichen-Geschick=  Zeche  am  Widergebirge,  von  welcher  ein  Weg
am  Graben  über  das  Forsthaus  „Auf  der  Hut“  nach  Joachimsthal
führt.

Wer  jedoch  den  Absturz  des  Gebirges  in  einer  Thalspalte  kennen
lernen  will,  bleibt  am  Bächel,  steigt  die  etwa  50  m  hohe  Felsentreppe
  von  Stufe  zu  Stufe  und  von  Absatz  zu  Absatz,  unbekümmert
darum  wie  er  naß  werde,  aufwärts  und  gelangt  sodann  durch  eine
kurze  Schlucht  in  ein  breiteres,  sumpfiges,  von  Nadelholz  eingefaßtes
Wiesenthälchen,  von  welchem  aus  er  bald  in  die  flache  Thalmulde
des  Gebirgskammes  gelangt.

Joachimsthal,  ¾  Stunde  lang  in  das  enge  Thal  der
Weseritz  eingekeilt,  verdankt  seinen  Ursprung  dem  reichen  Bergsegen,
welcher  zu  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  mit  einem  Schlage  auch
hier  eine  ansehnliche  Stadt  von  400  Häusern  entstehen  ließ.  Der
schon  vorher,  wahrscheinlich  längst  vor  Mitte  des  15.  Jahrhunderts,
in  dieser  Gegend  betriebene  Bergbau  auf  Silbererze  gewann  mit  dem
Jahre  1515  durch  Fündigmachung  über  alle  Vorstellungen  reicher
Silberanbrüche  und  Gründung  der  Gewerkschaft  auf  der  alten  Fundgrube
  am  Schottenberge  einen  derartigen  Aufschwung,  daß  auch  hier
von  allen  Seiten  deutsche  Bergleute  herbeiströmten.  1516  wurde  aus
dem  Dörfchen  Cunradsgrün  die  „im  Thale“  angebaute  Bergstadt
Joachimsthal.  Der  Pirnaische  Mönch  schreibt:  „ein  reich  bergfahrt
am  bemischen  Gebirge“,  „zwischen  Bergen  wie  eine  statt  erbawt“.
1518  erließen  die  Grundherren,  die  Grafen  Schlick,  die  Joachimsthaler
  Bergordnung  und  1519  wurden  in  der  Joachimsthaler  Münze
die  ersten  Güldengroschen,  zu  24  weißen  Groschen,  geprägt.  Sie
trugen  auf  der  Vorderseite  das  Bild  des  h.  Joachim,  auf  der  Rück-
        <pb n="471" />
        —  463  —

seite  den  böhmischen  Löwen.  Die  zwei  Loth  schwere  Silbermünze
(15  Loth  fein,  von  1536  an  14  Loth  8  Grän  fein)  verdrängte  in
kurzer  Zeit  die  Güldengroschen  und  wurde  bald  so  allgemein,  daß  der
Name  Joachimsthaler,  Schlickenthaler,  Löwenthaler  in  die  Jahrhunderte
  lang  gebräuchliche  Abkürzung  Thaler  überging,  welche  als
Daler,  Dallaro,  Dollar  u.  s.  w.  sich  über  die  ganze  Erde  verbreitete.
Die  um  1500  zu  Annaberg  geprägten  zweilöthigen  Güldengroschen
(15  Loth  fein)  sowie  die  um  1470  unter  Kaiser  Maximilian  I.  geprägten
  zweilöthigen  feinen  Silbermünzen  können  als  die  Vorläufer
der  Thalerwährung  angesehen  werden.  1520  wurde  Joachimsthal
  zur  freien  Bergstadt  erhoben  und  erhielt  alle  hiermit  in
Verbindung  stehenden  Rechte  und  Vorrechte;  ein  Schöppenstuhl  wurde
errichtet.  Man  zählte  um  1530  über  1200  Häuser  und  gegen  800
im  Betrieb  stehende  Zechen  mit  über  13  000  Bergleuten,  Schichtmeistern
  und  Steigern.  1540  war  ganz  Joachimsthal  der  Reformation
  beigetreten.  M.  Johannes  Matthesius  war  erst  Rector  an
der  Lateinschule,  dann  Pfarrer  (7  1565);  der  Liederdichter  Nicolaus
Herrmann  „der  alte  Cantor“  (11561),  der  Mineralog  Georg  Agricola
  1527  bis  1533  Arzt.  Der  schmalkaldische  Krieg,  in  welchem
Joachimsthal  den  böhmischen  Ständen  sich  angeschlossen  hatte,  schlug
der  Stadt  und  dem  Bergbau  aber  schwere  Wunden,  so  daß  der  letztere,
trotz  aller  Versuche  ihm  frischen  Aufschwung  zu  geben,  immer  mehr
dem  Verfalle  entgegen  ging.  Die  reichen,  oberflächlichen  Erzgänge
waren  bald  erschöpft;  zu  ausgedehnteren  Kunstbauten,  sowie  zum  Tiefbau
  fehlten  in  den  Kriegszeiten  die  Mittel.  Der  schmalkaldische  Krieg
mit  den  ihm  vorangehenden  unruhigen  Zeiten  und  den  ihm  folgenden
Kriegszügen  nach  Norden  und  nach  Süden  und  bis  nach  Ungarn
gegen  die  Türken;  die  fast  ununterbrochenen  Reibungen  der  verschiedenen
  Religionsbekenntnisse,  trotz  des  Passauer  Vertrages  und  des
Augsburger  Religionsfriedens,  ließen  größere  Unternehmungen  nicht
aufkommen,  selbst  wenn  man  die  technischen  Mittel  und  Erfahrungen
dazu  gehabt  hätte.  So  krankte  der  Erzbergbau  dahin.  Zahlreiche
Zechen  verfielen.  Die  inneren  Zustände  Böhmens,  die  Kämpfe  zwischen
  den  utraquistischen  Ständen  und  König  Ferdinand,  endlich  der
dreißigjährige  Krieg  mit  allen  seinen  über  das  Land  sich  ergießenden
Schrecknissen  riefen  den  vollständigen  Verfall  des  Joachimsthaler  Bergbaues
  hervor,  aus  welchem  er  sich  nur  zum  kleinen  Theile  mit  den
außerordentlichsten  Anstrengungen  wieder  zu  erheben  vermochte.  Der
Einigkeitsschacht,  der  Kaiser  Joseph-Schacht,  die  Reichen-Geschieb-Zeche
sind  die  nächsten  noch  gangbaren  Berggebäude;  am  Eliasbache  wird
die  Eliaszeche,  am  Elbeckenbache  (Oelbeckenbache)  der  Edle  Stolln  betrieben,
  und  das  Jagdhaus  Elbecken  selbst  hieß  früher  als  Berg-
        <pb n="472" />
        —  464  —

gebäude  „Schönerz“.  Von  der  Reichen-Geschieb-Zeche  führt  der  sogenannte
  „Graben“  über  den  Höhenrücken  „auf  der  Hut“,  auf  dessen
südöstlichem  Vorsprunge  die  in  Trümmern  liegende  Procopius-Kapelle
einen  Aussichtspunkt  giebt,  sowohl  gebirgsaufwärts  in  die  Schluchten
nach  dem  Sonnenwirbel  und  dem  Keilberge  zu,  als  auch  gebirgsabwärts
  in  das  Thal  der  Weseritz  und  nach  den  Höhenzügen  in  der
Gegend  von  Duppau  hinaus.

Gegenwärtig  baut  man  ausschließlich  auf  Uranpecherze.  Die  in
dem  Glimmerschiefer  nester=  und  lagerweise  vorkommenden  Erze  in
kleinen  Linsen  und  Putzen  bis  zu  großen,  mächtigen  Klumpen  und
Stöcken  sind  lichtes  und  dunkles  Rothgiltigerz,  Glaserz,  gediegen  Silber,
Silberschwärze,  Roth=  und  Weiß-Nickelkieß,  Speiskobalt,  Wismuth,
gediegen  Arsen  und  Arsenpecherz.  Der  tiefe  Joachimsthaler  Schacht,
500  m,  reicht  angeblich  gegen  130  m  unter  den  Spiegel  der  Eger
bei  Wickwitz.  Dem  Erzbergbau  des  Joachimsthaler  Reviers,  und  vielleicht
  auch  des  Gottesgaber  Reviers,  würde  zweifelsohne  durch  einen
unterhalb  Ober-Brand,  in  450  m  Meereshöhe  einsetzenden  Stolln  ein
bedeutender  Aufschwung  gebracht  werden.

Auf  dem  steilen,  westlichen  Thalrande  der  Weseritz  liegen  in
814  m  Meereshöhe  die  Reste  der  großen  Burg  Freudenstein,  ein
großer  Thurm,  welcher  gegenwärtig  als  Wach=  und  Signalthurm  benutzt
  wird,  ein  kleinerer,  ver  als  Pulvermagazin  dient,  und  ein  Paar
Mauerstücke,  welche  jedoch  nicht  dazu  beitragen,  die  Zusammensetzung
der  früheren  Burg  kenntlich  zu  machen.  Wann  dieselbe  gegründet  ist,
darüber  fehlen  alle  Nachrichten;  denn  wahrscheinlich  legte  1518  Graf
Stephan  Schlick  die  Burg  Freudenstein  auf  der  Stelle  einer  älteren
Burg  an.  Sie  wurde  1520  vollendet  und  lag  bald  mitten  in  einer
schnell  um  sie  aufwachsenden  Stadt,  welche  sich  auf  dem  Hochplateau
der  jetzigen  Neustadt  weit  ausdehnte.  Schon  1525  wurde  sie  in  einem
Aufstande  der  Bergleute  theilweise  zerstört;  wieder  aufgebaut,  behauptete
  sich  in  ihr  1632  bis  1634  eine  kaiserliche  Besatzung.  Als
die  Schweden  die  Burg  nach  einer  hartnäckigen  Beschießung  eroberten,
plünderten  sie  sie  aus  und  brannten  sie  nieder,  wie  auch  den  größten
Theil  der  oberen  Stadt,  von  deren  Ausdehnung  Reste  von  Mauern
und  Kellern  noch  Zeugniß  geben.  Joachimsthal  war  1526  bei  der
gewaltsamen  Gegenreformation  schon  zum  größten  Theil  von  seinen
Bewohnern  verlassen.  Im  Jahre  1873  wurde  fast  die  ganze  Stadt
durch  einen  großen  Brand  in  Trümmer  verwandelt;  über  300  Häuser
mit  ihren  Nebengebäuden.  Das  Rathhaus  mit  der  Bibliothek  wurde
gerettet.

Südwestlich  von  Joachimsthal  in  einem  Nebenthale  des  Reinbaches
  liegt  das  kleine,  köstlich  umgebene  Mariasorg,  ein  Kapuziner-=
        <pb n="473" />
        —  465  —

kloster  mit  wunderthätigem  Marienbilde  in  der  sehenswerthen  Doppelkirche.
  Auch  der  Kreuzgang  ist  interessant.  Der  Platz  vor  der  Kirche
ist  von  hohen,  prächtigen  Bäumen  eingefaßt.  Auf  dem  Wege  von
Joachimsthal  hierher,  etwas  über  ¾  Stunde,  muß  man  auf  der
Höhe  ¼  Stunde  nach  Südost  ausbiegen,  um  von  dem  Schimitzberge
aus  den  Einblick  in  das  Thal  von  Mariasorg,  den  Querriegel  des
Pleßberges  mit  seinem  Kegel  als  Abschluß,  in  seiner  vollen  Schönheit
  zu  gewinnen.  Etwa  20  Minuten  weiter  nach  Südost  bietet
das  Signal  vom  Koberstein  einen  sehr  besuchenswerthen  Aussichtspunkt.


Das  Thal  des  Reinbaches  ist  ein  von  hohen,  bewaldeten  Abhängen
  eingeschlossenes  Waldthal,  in  welchem  man  bis  zum  Eliasschachte
  auf  gebahntem  Wege  aufwärts  gehen  kann.  Weit  interessanter
ist  es,  dasselbe  zu  durchqueren,  und  von  Mariasorg  aus  dasselbe  zu
überschreiten,  um  an  den  steilen  Abhängen  des  Steinberges  hinauf,
auf  wenig  begangenem  Steige  die  Höhe  des  Pleßberges  zu  gewinnen.
Man  kann  auch  von  Mariasorg  aus  ein  Stück  an  dem  Reinbache  abwärts
  gehen,  um  sodann  über  Lindig,  Mittel=  und  Ober-Kaff  den
Pleßberg  zu  besteigen.

Das  Thal  der  Wistritz,  welches  kurz  vor  Lichtenstadt  aus  dem
Gebirge  heraus  tritt,  ist  oberhalb  Merkelsgrün  von  über  200  m
hohen,  waldbedeckten  Thalrändern  eingeschlossen  und  steigt  von  dem
Vereinigungspunkte  mit  dem  Reinbache  ziemlich  bedeutend  an.  Nicht
ganz  2  Stunden  braucht  man,  um  Bäringensy)  zu  erreichen.

Die  Stadt  verdankt  ihren  Ursprung  ebenfalls  dem  Bergbau;
das  Wappen  der  Stadt,  einen  Bären  darstellend,  der  einen  Ring  im
Rachen  hat,  schließt  sich  an  die  Sage  über  die  Entdeckung  der  ersten
Erzadern.  (Dr.  J.  A.  E.  Köhler,  Sagenbuch,  Nr.  536.)  Der  1532
gegründete  Ort  erhielt  1559  Stadtrechte.  In  der  höchsten  Blüthe
des  Bergbaues  sollen  allein  72  Pochwerke  im  Betrieb  gewesen  sein.
Daß  dies  übertrieben  ist,  braucht  man  wohl  nicht  erst  zu  sagen.  Der
Bergbau  ging  allmälig  zurück,  bis  er  endlich  anfangs  des  19.  Jahrhunderts
  vollständig  aufhörte  und  Bäringen  Industriestadt  wurde,  wie
so  viele  andere  Bergstädte  vorher  und  nachher.  Maschinenstickerei
und  Spitzenweberei  bilden  gegenwärtig  die  Hauptnahrungszweige  der
Stadt.

*)  Die  k.  k.  östr.  Gen.-Stabs-Karte  schreibt  Bäringen;  ortsgebräuchlich
dagegen  ist  Bärringen.

30
        <pb n="474" />
        Die  Gebirgserhebung  zwischen  der  Sschopau
und  der  westlichen  Mulde.

Die  nordwestliche  Ecke  der  obererzgebirgischen  Erhebung  bildet
in  dem  Höhenzuge  vom  Greifensteine  und  Schatzensteine  mit  seinen
breiten  Rücken  und  verschiedenartig  gestalteten  Abhängen  ein  fast  selbst—
ständiges  Gebirgsglied,  das  zwischen  der  Zschopau  und  Mulde,  in  Ost
und  West,  von  dem  langgestreckten  Querthale  des  Lungwitzbaches  und
seines  Quellenzuflusses  aus  dem  kurzen  Höllenthale,  sowie  seiner  nach
Osten  gerichteten  Fortsetzung  im  Kappelbache  und  in  der  breiten  Thalsenkung
  von  Hilbersdorf  im  Norden  begrenzt  wird,  während  im  Süden
das  Raschauer  und  Mittweidaer  Querthal  die  Erhebung  vom  Hauptzuge
  des  Erzgebirges  trennt.  Dieses  kleine  Gebirge  hat  ein  selbst—
ständiges  System  zahlreicher  Wasseradern,  welche  sich  nach  allen  Richtungen
  der  Windrose  ergießen.  Die  kurzen  Rinnen  des  Schiffelbaches,
des  Lößnitzbaches  mit  dem  Hasen=  und  Aubache,  der  Rumpelsbach
und  Bernsbach,  zum  Theil  in  tief  eingeschnittenen  Schluchten  und
Waldthälern  dahinrauschend  der  Oswaldbach  (oder  volksthümlich
verstümmelt  Dudelsbach)  mit  seiner  köstlichen  Wald=  und  Felsenlandschaft
  unterhalb  des  Glasberges  und  des  Viehknochen,  der  Geyers'sche
Bach  und  der  Greifenbach  fließen  in  der  Hauptsache  nach  Süd,
während  das  einsame  Waldthal  des  Heidelbaches,  das  nur  in  seinem
unteren  Ende  bewaldete  Thal  des  langaus  mit  Wohnungen  besetzten
Drehbaches  und  die  aus  mehreren  an  den  Abhängen  des  Greifensteines
  entspringenden  Quellenbächen  gebildete  Wiltzsch  in  nordöstlicher
Richtung  durch  ein  von  Wald  und  Felsenklippen  eingefaßtes,  gegen
die  Zschopau  hin  sich  verengendes  Wiesenthal  fließt.  —  Die  Hauptwasserader
  dieses  Gebietes  bildet  jedoch  die  am  Fuße  des  Schatzensteines
  im  Torfstiche  des  Bärenloches  entspringende  Zwönitz  mit  ihren
Zuflüssen  mit  der  Würschnitz  und  dem  Stollberger  Wasser.  Die  westlich
  vom  Katzensteine  entspringende  Würschnitz  (Beuthenbach)  vereinigt
sich  mit  dem  Stollberger  Wasser  in  dem  breiten,  langen,  von  mäßig
        <pb n="475" />
        —  467  —

steilen  Abhängen  eingefaßten  Auenthale,  das  vom  unteren  Ende  von
Niederdorf  bis  gegen  Harthau  hinabreicht,  fast  11  km  weit,  und  nur
an  einer  einzigen  Stelle,  bei  Jahnsdorf,  eine  kurze  Einschnürung  hat.
Am  Nordende  von  Harthau  vereinigen  sich  Würschnitz  und  Zwönitz,
und  nehmen  von  da  den  Namen  Chemnitz  an,  eine  Benennung,  welche
schon  von  den  ältesten  Chronisten  Ditmar  und  Annalista  Saxo  gebraucht
  wird.

59.  Grünhain.  Der  Prinzenraub  1455.

Am  östlichen  Abhange  des  Spiegelwaldes,  von  dessen  Aussichtsthurme
  man  einen  prachtvollen  Ausblick  gebirgsaufwärts,  nach  Süd
und  nach  West  hat,  liegt  in  breiter  Thalmulde  die  Stadt  Grünhain,
  eine  der  ältesten  Ansiedelungen  auf  diesem  Theile  des  Gebirges.
  Die  Stadt  dehnt  sich  in  zwei  Straßen,  von  denen  die  eine
den  Markt  bildet,  von  West  nach  Ost  abwärts.  Weder  von  den
Thoren  noch  von  der  Stadtmauer  sind  Ueberreste  zu  erkennen;  ältere
Bauwerke  sind  nicht  vorhanden.

Am  Ostende  der  Stadt  lag  das  große  und  für  die  Besiedelung
des  Gebirges  wichtige  Kloster  Grünhain,  1236  (nach  Anderen  1238
oder  1240)  vom  Burggrafen  Meinhardt  von  Meißen  gegründet.  In
den  Urkunden  „Grunenhayn"  genannt,  sagt  der  Pirnaische  Mönch:
„Grunhayn,  ein  Kloster  Cistercienserorden  am  Behmischen  Gebirge,
hat  umher  die  Lysnicz,  Elterlen,  Czwinitz,  Slete  2c.  im  Walde,  ist
am  allermeisten  von  großen  Almusen  und  Einkommen."  .  .  „Der
rawm  soll  etwa  der  Vtenhöler  gewest,  erstlich  mit  Munchen  von
Sittichenbach  besetzt.“  .  .  .  .  „Diß  Kloster  hat  merklichen  Raum  in  der
Stadt  zu  Zwickau  und  etliche  Gerechtigkeit“"  .  .  .  „1429  vorterbten
diß  Kloster  die  Hussiten“  .  .  .  .  „1525  Montags  vor  Cantate  triben
die  pawern  den  Abt  aus  mit  den  Munchen,  logirten  sich  darein,  vorzehrten
  Was  sie  guts  funden,  blunderten  das  Closter  u.  s.  w.  Die

Niklaskirche  war  vordem  ein  großer  Wallfahrtsort.“

Das  Kloster  gewann,  vorwiegend  durch  Schenkungen,  zahlreiche,
wenn  auch  zerstreut  liegende  Besitzungen.  Der  Grünhainer  Hof  in
Zwickau,  der  Schlettauer  Hof  in  Schlettau,  der  Gardschützer  Hof  in
der  Altenburger  Pflege  und  der  Wistritzer  Hof  im  böhmischen  Eger—
lande  bildeten  die  Mittelpunkte  für  die  Verwaltung  des  ausgedehnten
Besitzes.  Zur  Zeit  seines  höchsten  Reichthums  gehörten  dem  Kloster
die  drei  Städte  Grünhain,  Zwönitz  und  Schlettau,  sowie  56  Dörfer
und  Dorfantheile.  Die  Güter  „in  der  Lunkewitz“  erhielten  den
Namen  Abtey-Lungwitz.  Als  Beispiel  für  den  Reichthum  des  Klosters

30“
        <pb n="476" />
        —  468  —

wird  erzählt,  daß  nach  Fündigwerden  der  Erzadern  in  Mildenau  so
viel  Silber  gewonnen  wurde,  daß  man  die  12  Apostel  in  Silber  goß
und  in  der  Klosterkirche  aufstellte.

Im  Jahre  1429  wurde  das  Kloster,  sowie  die  Städte  Grün—
hain,  Zwönitz,  Schlettau,  Elterlein  und  andere  von  den  Hussiten  überfallen.
  Sie  „demoliren  das  Kloster,  ermorden  die  Mönche,  schleppen
fort,  brennen  nieder  und  zerschlagen  Alles“).

In  der  Geschichte  des  Prinzenraubes  wird  Abt  Liborius  genannt.


Im  Jahre  1515  legte  Abt  Gregor  den  Grund  zu  der  nach
kurzer  Zeit  eingegangenen  Frohnauer  Sebastianskapelle  und  zu  der
von  dem  Hammerherrn  Klinger  in  Folge  eines  Gelübdes  errichteten
Sct.  Oswaldkirche  (Dudelskirche)  an  der  alten  Raschauer  Straße.
Diese  letzten  Anstrengungen,  das  kirchliche  Leben  zu  heben,  waren  der
vordringenden  Reformation  und  den  gleichzeitig  mit  ihr  auflodernden
socialen  Ideen  gegenüber  nicht  mehr  lebensfähig.  1522  verließen
„des  Glaubens  wegen“  16  Mönche  das  Kloster  und  traten  zum
Lutherthume  über.  „Weil  ich  sehr  spüre  und  vermerke,  daß  mit
unserm  Klosterleben  mißlich  sein  will,  wie  wir  denn  allbereits  einestheils
  die  Klosterkleider  abgelegt  und  ausgezogen  haben,“  schrieb  der
Laienbruder  Frenzel.

1525  überfielen  die  Bauern  das  Kloster  und  verwüsteten  es.

Dem  1529  stattfindenden  Einzuge  der  Reformation  folgte  1533
die  Auflösung  und  Segquestration.  Die  wenigen  dem  Ordensgelübde
treu  bleibenden  Cistercienser  gingen  nach  Kloster  Osseg  (Oesfeld  sagt
nach  Kaaden),  wohin  sie  auch  das  Klosterarchiv  mitnahmen.  Die
Klosterbibliothek  kam  anfangs  nach  Wittenberg,  später  nach  Jena.
Der  letzte  Abt,  Johannes  Göpfert,  heirathete  und  zog  nach  Schlettau,
wo  er  1548  starb.

Im  Jahre  1536  wurde  ein  großer  Theil  der  Stadt  Grünhain,
sowie  das  verlassene  Kloster  von  Neuem  durch  einen  großen  Brand
zerstört.  Die  schlimmste  Verwüstung  der  Klostergebäude  verursachte
jedoch  ein  Raschauer,  welcher  unter  den  Mauern  und  selbst  unter  den
Altären  nach  Schätzen  grub.  Oesfeld  schreibt  im  Erzgebirgischen  Zuschauer
  (1776,  I,  181).  „Das  alte  verfallene  Kloster  bei  Grünhain
ist  eine  Reliquie  aus  dem  13.  Jahrhundert.  Man  sieht  noch  einen
großen  Klosterkeller  mit  Pfeilern  ...  Daneben  sind  noch  alte  ein-*)

  Schöttgen,  Historia  diplomatica  abbatiae  Grünhaynensis.  Altenburg.
  158
Dr.  E.  Herzog,  Geschichte  des  Klosters  Grünhain  (im  Band  VII  des
Archivs  für  Sächsische  Geschichte).  Leipzig,  Tauchnitz,  1869.
        <pb n="477" />
        —  469  —

gefallene  Mauern  von  der  Kirche  zu  sehen,  welche  nun  vor  30  Jahren
abgetragen  und  die  Steine  nach  der  Grünhainischen  Feuersbrunst  zum
Aufbau  der  Häuser  genommen  worden;  darbei  nur  Dieses  zu  beklagen,
  daß  die  alten  Leichensteine  zerschlagen  und  mit  vermauert  sind.“

Der  beim  Brande  stehen  gebliebene  Theil  des  Klosters  wurde
hergestellt  und  seit  1559  als  Amtsgebäude  benutzt;  die  übrigen  Gebäude
  ließ  man  verfallen;  die  Klosterkirche  wurde  1740  abgetragen.
Orgel  und  Glocken  kamen  in  die  Stadtkirche.  Das  Amthaus  wurde
1632  von  den  Kaiserlichen  unter  Holcke,  ebenso  wie  die  Stadt,  zum
größten  Theile  niedergebrannt.  Das  Amthaus  wurde  1821  neu  aufgebaut
  und  ist  gegenwärtig  zu  einer  Strafanstalt  2c.  verwendet.  Vom
Kloster  stehen  nur  noch  die  Umfassungsmauer,  ein  Schuppen,  ein  Theil
des  Kellers  und  der  Fuchsthurm,  ein  viereckiger,  zum  Theil  abgeragener
  Thurm,  so  wie  einige  Stücke  Grundmauern  der  Klosterrche.



Im  Städtchen  werden  Ackerbau,  Posamenten-  und  Blechwaaren-Industrie
  betrieben  (Löffel  und  Gabeln  von  Stahlblech).

Jenisius  sagt  betr.  den  Bauernkrieg  im  Chronicon  Annabergense:
  „Um  diese  Zeit  (1525)  sind  die  Bauern  im  ganzen  Lande
aufgestanden,  welche  Thomas  Münzer  zu  Empörung  und  Aufruhr
angeregt,  daß  sie  frei  und  der  Obrigkeit  nicht  unterthan  sein  sollten.“

Schon  1520  hatte  Thomas  Münzer,  Prediger  zu  Sct.  Katharinen
  in  Zwickau  gegen  Pfaffenthum  und  Mönchswesen  losgedonnert,
so  daß  bereits  1521  ein  Aufstand  ausbrach,  welcher  nur  durch  das
kräftige  Einschreiten  des  Zwickauer  Rathes  niedergehalten  wurde.
Münzer  floh  zwar,  aber  dessen  ungeachtet  vermehrte  sich  die  Schaar
der  Wiedertäufer  und  der  neue  Prophet  Storch  machte  es  nicht  besser,
wie  bis  dahin  Pfeifer  und  Thomas  Münzer.  1522  brach  der  lang
genährte  Haß  gegen  die  Mönche  los.  Der  Grünhainer  Hof  wurde
erstürmt  und  zerstört.  Mit  Mühe  wurde  die  Ruhe  wiederhergestellt,
und  Luther  selbst  kam  nach  Zwickau  und  predigte  vier  Male,  um  den
wiedertäuferischen  Geist  zu  bändigen.

Eine  allgemeine  Gährung  hatte  sich  der  Gemüther  bemächtigt.
Wanderprediger  und  Flugschriften  trugen  die  Gedanken  in  das  Volk
hinaus.  Auf  der  einen  Seite  der  Druck  der  Kirche  und  des  verderbten
  Pfaffenwesens,  auf  der  anderen  der  Druck  der  weltlichen
Herren  und  die  Privilegien  der  Städte.  Man  darf  sich  nicht  wundern,
  wenn  die  Bewegung  nächst  dem  religiösen  auch  bald  einen  politischen
  und  socialen  Charakter  annam.

Die  „zwölf  Artikel“  der  Bauern  geben  ein  Bild  ihrer  Forderungen
  ...  „Die  Gemeinde  soll  das  Recht  haben,  den  Prediger  zu
wählen  und  zu  entsetzen.  ...  Der  Prediger  soll  das  reine  Evangelium
        <pb n="478" />
        —  470  —

lehren  .  .  .  .  Der  große  Zehnte  (vom  Getreide)  soll  dem  Pfarrer  zum
Unterhalte  dienen;  der  kleine  Zehnte  (von  den  übrigen  ländlichen  Er—
zeugnissen)  und  das  Ehegeld  soll  abgeschafft  sein  .  .  .  .  Sie  wollen
nicht  unfrei  sein  (Hörige,  Lite,  Lassen),  sondern  freie  Männer
die  Frohndienste  sollen  aufhören  und  mit  ihnen  die  Belastung  der
Güter  und  die  Hutungsrechte  ...  Gemeindeäcker,  Wiesen  und  Forsten
sollen  an  die  Gemeinden  zurückgegeben  werden  .  Jagd  und
Fischerei  frei  sein.“  Allen  auf  die  12  Artikel  gegründeten  Forderungen
  war  das  Oertliche  und  Persönliche  in  reichem  Maaße  beigemischt.


Wachsmuth  sagt  (Geschichte  des  Deutschen  Bauernkrieges,  S.  130):
„Die  Geschichte  des  Bauernkrieges  ermangelt  ganz  und  gar  des  hochherzigen
  Aufschwunges,  des  freudigen  Heldenmuthes,  der  Hingebung
und  der  Mäßigung,  die  in  mancher  anderen  Kriegsgeschichte,  auch  unter
Gräuel,  das  Edlere  im  Menschen  zu  erkennen  geben.  Sie  ist  in
Nichts  anregend  —  nur  niederschlagend."

Das  Thun  und  Treiben  der  Bauern  stand  in  vollem  Widerspruche
  zu  ihren  Erklärungen  von  Gehorsam,  Gesetzlichkeit  und  Willigkeit,
  sich  eines  Besseren  belehren  zu  lassen.  Lärmen,  Toben,  Saufen,
Fressen,  Schlemmen,  Unbotmäßigkeit,  Plündern,  Rauben,  Verwüsten,
Sengen  und  Brennen:  Das  waren  ihre  Heldenthaten.

Zunächst  fanden  1525-  große  Ansammlungen  von  aufständischen
Bauern  und  Bergleuten  in  der  Gegend  von  Zwickau,  Stollberg  und
Elterlein  statt.  Die  Unruhen  verbreiteten  sich  über  das  ganze  Gebirge,
  und  man  dachte  in  Annaberg  schon  daran,  die  Schätze  der
Stadt  auf  den  Schellenberg  in  Sicherheit  zu  bringen.

Die  Bauern  nahmen  die  Wiesenburg  ein,  so  wie  Schloß  Stein
und  „haben  viel  Unfug  getrieben,  gemartert  und  geplündert“.  Die
bei  Elterlein  Versammelten  zogen  auf  Grünhain  und  Schlettau,  hieben
die  Thore  ein  und  plünderten  Stadt  und  Schloß;  der  Haufen  von
Zwickau  her  zerstörte  Klösterlein  bei  Aue.  Darauf  wendeten  sich  die
Bauern  gegen  Grünhain.  Bergvoigt  Busch  in  Buchholz  ritt  mit  den
wenigen  Leuten,  die  er  aufbringen  konnte,  nach  Grünhain,  aber  Abt
und  Mönche  flohen  nach  Annaberg,  und  die  Grünhainer  Bürger  mit
der  geringen  Verstärkung  sind  nicht  im  Stande,  Widerstand  zu  leisten.
Das  große,  schöne  Kloster  wurde  am  7.  Mai  1525  geplündert  und
zerstört.

*)  Der  Bauernkrieg  1525.  Vortrag  von  Oberlehrer  Dr.  B.  Wolf  in
Annaberg.  Glückauf  (Zeitschrift)  1887.

Die  Unruhen  im  Erzgebirge  während  des  Deutschen  Bauernkrieges  1525.
J.  C.  Seidemann.  (Abhandlungen  der  K.  Bair.  Akademie  der  Wissenschaften.
III.  ClI.  X.  Bd.  I.  Abthl.  München  1865.)
        <pb n="479" />
        —  471  —

„Weil  es  den  Bauern  so  glücklich  hinausginge,  stunden  auch  die
Schönburgischen,  Aebtischen  und  Wolkensteinischen  Bauern  im  Wolkensteiner
  und  Lautersteiner  Amte  auf.“

Annaberg  blieb  ruhig.  Die  Knappschaft  stand  zur  Obrigkeit.
Dagegen  hatten  sich  die  Bergleute  in  Joachimsthal  erhoben,  die  Burg
des  Grafen  Schlick  eingenommen  und  geplündert,  und  vom  20.  bis
25.  Mai  behauptet.  Hier  schlichtete  ein  Vergleich  die  Unruhen.

Der  Sieg  der  Fürsten  bei  Frankenhausen,  den  15.  Mai  1525,
wo  Herzog  Georg  der  Bärtige  von  Sachsen,  im  Verein  mit  Philipp
Landgraf  von  Hessen  und  Heinrich  Herzog  von  Braunschweig  das
über  9000  Mann  starke  Heer  der  aufständischen  Bauern  unter  Thomas
  Münzer  vollständig  geschlagen  hatte,  wirkte  wie  ein  Donnerschlag
  ins  Gebirge  herauf.  Die  aufrührerischen  Haufen  zerstreuten  sich
eilends.

Kurfürst  Johann  rückte  mit  1500  Reitern  und  700  Mann
Fußvolk  in  Zwickau  ein,  hielt  strenges  Gericht,  begnadigte  aber  schließlich
  die  Schuldigen.  Herzog  Georg  von  Sachsen  kam  nach  Annaberg.
  Was  die  Bauern  mit  Gewalt  genommen,  mußten  sie  wieder
erstatten  oder  Schadenersatz  leisten,  die  Rädelsführer  angeben  und  von
jedem  Hause  10  Gulden  Buße  zahlen.  Herzog  Heinrich  war  ebenfalls
  streng;  besonders  hart  aber  verfuhr  Ernst  von  Schönburg,
welcher  am  Leben,  an  Geld  und  an  Gütern  schwere  Strafen  auferlegte.


Etwa  3  km  südlich  von  Grünhain  liegt  der  Fürstenberg
und  an  seinem  Abhange  der  Fürstenbrunnen.  Hier  wurde  schon  1306
Bergbau  betrieben,  und  noch  um  1700  sah  man  am  Elterleiner
Wege  unweit  des  früheren  Hammerwerkes  des  Klosters  Grünhain
große  Schlackenhalden.

Am  Fürstenberge  endigte  der  Prinzenraub  mit  der  Gefangennahme
  des  Ritters  Kunz  von  Kauffungen  durch  den  Köhler  Schmidt.

Die  Beweggründe  dieser  ganz  außerordentlichen  That  waren  ursprünglich
  wohl  persönliche;  aber  verletzter  Hochmuth  und  Rachsucht
ließen  Kunz  willig  finden,  seinen  Arm  einem  politischen  Spiele  zu
leihen,  durch  welches  Kurfürst  Friedrich  gezwungen  werden  sollte,  sich
jeder  Bedingung  seiner  Gegner  zu  unterwerfen.

Das  seit  längerer  Zeit  geplante  Unternehmen  wurde  durch  die
Besprechung  mit  dem  Vertrauten  Podiebrad's,  des  Gubernators  von
Böhmen,  bestimmt  festgesetzt.  Kunz  von  Kauffungen  und  seine  Genossen
  Wilhelm  von  Mosen,  Wilhelm  von  Schönfeld,  Bernhard  von
Trebin,  Dix  und  Bartel  von  Trebin,  Nicol  von  Forst  waren  über
die  Ausführung  einig.  Mit  der  Oertlichkeit  und  allen  Verhältnissen.
auf  dem  Altenburger  Schlosse  war  Kunz  von  Kauffungen  vollständig.
        <pb n="480" />
        —  472  —

bekannt;  war  er  selbst  doch  längere  Zeit  Schloßhauptmann  gewesen.
Hans  Schwalbe  „den  ansehnlichen  Koch  aus  Böhmen“  hatte  er  schon
etliche  Zeit  vorher  dort  in  den  Dienst  gebracht,  um  „Condition  am
dasigen  Hofe  zu  suchen“.  Hans  Schwalbe  setzte  Kauffungen  durch
einen  Brief  vom  5.  in  Kenntniß,  daß  der  Kurfürst  den  6.  Juli  mit
dem  größten  Theile  seines  Hofstaates  nach  Leipzig  zur  Messe  reise,
und  daß  der  Rest  des  Hofpersonals  am  7.  beim  Kanzler  von  Haugwitz,
  in  der  Stadt  Altenburg,  „ein  Ehegelöbde“  feiere.

Während  des  Tages  versammelte  er  seine  Helfer,  6  Ritter  und
4  Knechte,  mit  36  Berittenen  (nach  Albinus  35  Reiter  und  10  Fußknechte),
  erstieg  etwa  gegen  10  Uhr  Abends  das  Schloß,  dessen  Thore
seine  Vertrauten  öffneten,  und  raubte  die  Prinzen  Ernst  und  Albrecht.
Die  mitgebrachten  Leitern  sollten  wohl  nur  den  Verdacht  von  den
Verräthern  ableiten.

Es  wurde  im  Schlosse  zwar  sogleich  Lärm,  aber  da  die  Kurfürstin,
  wie  die  Anderen,  durch  von  außen  angelegte  Schlösser  in
ihren  Zimmern  eingesperrt  waren,  gelang  es  der  Kurkfürstin  erst  nach
Mitternacht,  Beistand  zu  erhalten.  Konnten  gegen  2  Uhr  Morgens
die  ersten  Verfolger  aufbrechen  —  und  die  Spur  von  36  Reitern
lust  sich  sicher  halten  —,  so  hatte  Kunz  nur  etwa  3  Stunden  Vorprung.


Der  Kurfürst  war  unverzüglich  durch  Eilboten  aus  Leipzig  geholt
  worden.  In  früher  Vormittagsstunde  des  8.  Juli  begann  die
allgemeine  Verfolgung:  Landschaft  und  Städte  sollten  „mit  reisigem
Gezeug  und  Fuhren  in  den  Wäldern  und  Hölzern“  halten  und  suchen;
die  Sturmglocken  ertönten,  und  die  Nachricht  vom  Geschehenen  flog  so
schnell  von  Ort  zu  Ort,  daß  es  auf  allen  Wegen  „wibbelte  und
kribbelte".

„Des  Morgens  am  Dienstage  Kiliani,“  sagt  das  Manifest  des
Kurfürsten,  „umb  die  neunte  Stunde  worden  den  Unsern  uf  Schloß
zu  Aldenburg  Cuntzen  und  seiner  Helfer  Fehdebriefe  nach  der  That
ausgeantwortet,“  (aber  vorher  schon)  „wurden  die  Unsern  bereit  und
folgtem  ihm  alsbald  nach  auf  frischem  Fuße“  ...  .  „ließen  mit  der
Folge  nicht  ab  und  fingen  seiner  Gesellen  in  der  Flucht  sechs.
„und  drangen  den  Fliehenden  vierzehn  gesattelte  Pferde  ab“.  „Als
nun  unsere  Fliehende  also  gedrungen  wurden,  theileten  sie  sich  im
Walde“.

Die  Verfolger  waren  den  Fliehenden  besonders  in  der  letzten
Zeit  hart  auf  den  Fersen.  Kunz  mußte  sich  mit  seinen  Begleitern
auf  gangbaren  Straßen  halten,  denn  nur  auf  ihnen  kamen  sie  vorwärts,
  aber  auf  ihnen  hatten  sie  auch  die  Verfolger  zuerst  hinter
sich.  —  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ritt  Kunz  von  Kauffungen  über
        <pb n="481" />
        –  473  —

Waldenburg,  wo  er  die  Mulde  überschritt,  nach  Callenberg,  Ober-Lungwitz,
  Erlbach,  Stollberg,  um  über  Zwönitz  die  Schwarzenberger
Grenze  zu  erreichen  und  durch  die  obere  Grafschaft  Hartenstein  nach
Böhmen  zu  gelangen.  Bei  einem  scharfen  Ritte  konnte  er  nach  etwa
10  Stunden,  abgesehen  von  etwaigem  Aufenthalte,  die  Gegend  von
Zwönitz  erreichen.  Aber  die  ersten  Verfolger  waren  ihm  bald  nahe;
das  Sturmläuten  verbreitete  mit  Riesenschnelle  die  Nachricht  von  der
außerordentlichen  That  und  rief  von  allen  Seiten  Verfolger  herbei.

Kunz  hatte  zweifelsohne  schon  vor  10  Uhr  Vormittags  Widerstand
  mit  der  Waffe  in  der  Hand  zu  beseitigen.

Ueber  den  Punkt,  wo  er  und  seine  Genossen  sich  theilten,  lassen
sich  nur  Vermuthungen  aufstellen.  Wahrscheinlich  kurz  hinter  Stollberg.
  Hier,  wo  eine  alte  Straße  über  Oberndorf  und  Beutha  nach
der  Eisenbrücke  bei  Kloster  Zell-Maria  an  der  Mulde,  etwa
20  Minuten  von  der  Prinzenhöhle  vorüberführend,  sich  von  einem
anderen  alten  Straßenzuge  trennt,  der  durch  Kühnheide  über  den
Fürstenberg  und  den  Graul  nach  der  böhmischen  Straße  geht,  ließ  er
wahrscheinlich  den  größten  Theil  seiner  Begleiter  zurück,  um  die  Verfolger
  aufzuhalten.

Nachdem  Kunz  Grünhain  umgangen  hatte,  kamen  im  Walde  die
Verfolger  „Cuntzen  an  und  unsern  lieben  Sohn  Herzog  Albrecht,  den
er  selb  Dritte  bei  ihm  hatte  im  Walde  bei  dem  Kloster  Grünhain,
und  brachten  unsern  Sohn  von  ihm  zu  unsern  Handen".  Die  Altenzellaer
  Chronik  (von  1513)  sagt:  „ein  armmann  kam  und  vermerkte,
daß  er  den  jungen  Herrn  gefangen  führte,  der  lief  zurück  und  offenbarte
  es  dem  Abt  zu  Grünhain  und  andern  mehr,  die  da  nachfolgten,
also  daß  er  mit  dem  Fürsten  gefangen  ward“.  Am  8.  Juli,  angeblich
  Mittags,  war  Kunz  nicht  weiter  als  eine  halbe  Stunde  Wegs
von  der  böhmischen  Grenze  entfernt,  mitten  im  Walde,  allem  Anscheine
  nach  sicher,  trotz  des  von  allen  Seiten  schallenden  Sturmgeläutes,
  so  daß  er  die  Bitte  des  Prinzen  Albrecht  um  etwas  Nahrung
  und  Trank  gewährte.  In  der  nächsten  Köhlerhütte  ließ  er
etwas  Brod  und  Bier  geben.  Hier  mag  das  Auffallende  der  Erscheinung,
  das  Sturmläuten,  das  vornehme  Aussehen  des  Knaben,
vielleicht  dessen  Bitte  um  Befreiung  Veranlassung  zu  einem  Wortwechsel
  und  zu  Thätlichkeiten  gegeben  haben,  bei  welchen  das  Bellen
des  Köhlerhundes  und  das  Nothzeichen  der  Frau  schnell  Köhler  und
Holzhauer  herbeirief,  so  daß  Kunz  der  Uebermacht  unterlag  und  trotz
verzweifelter  Gegenwehr  gefangen  genommen  wurde.  „Den  jungen
Herrn“,  so  wie  den  gefangenen  Ritter,  seinen  Knappen  und  zwei
Knechte  lieferte  man  an  den  Abt  von  Grünhain,  welcher  die  Gefangenen
  Tags  darauf  unter  starker  Bedeckung  nach  Zwickau  bringen  ließ.
        <pb n="482" />
        —  474  —

Prinz  Albrecht  wurde  am  9.  Juli  im  Triumphzuge  von  Grün—
hain  nach  Altenburg  gebracht;  Prinz  Ernst  am  12.  Juli.

Mosen  und  Schönfeld  mit  zwei  Knechten  hatten  sich  mit  dem
Prinzen  Ernst  nach  einer  „Steinritzen“  beim  Schlosse  Stein  geflüchtet
und  hielten  sich  bis  Freitag,  den  11.,  hier  verborgen.  Sie  übergaben
den  Prinzen  „uf  den  Hartenstein,  Herrn  Friedrichen  von  Schönburg“
und  wendeten  sich  außer  Landes.

Kunz  von  Kauffungen  wurde  gefangen  nach  Freiberg  gebracht
und  dem  Geschworenengericht  der  Vierundzwanziger  überantwortet,
welches  ihn  wegen  schweren  Landfriedensbruches  mit  hinterlistigem
Ueberfall  und  versammelter  Mannschaft  zum  Tode  verurtheilte.  Er
wurde  den  14.  Juli  1455  auf  dem  Marktplatze  zu  Freiberg  enthauptet.
  Ein  Theil  seiner  Helfer  wurde  in  Zwickau,  ein  anderer  in
Altenburg  hingerichtet.  Das  vom  Kurfürsten  erlassene  Manifest  „an
unterschiedene  Chur=  und  andere  Fürsten  Cuntzens  von  Kauffungen
böse  Handlungen  betreffend“  schweigt  über  dessen  geheime  Verbindungen,
  über  Podiebrad's  Antheil  an  der  Verschwörung  und  die  ihm
drohende  Kriegsgefahr.

60.  Elterlein.  Geyer.  Ehrenfriedersdorf.

Im  Nordosten  von  Grünhain  erhebt  sich  der  Schatzenstein.  Man
besteigt  denselben  auf  einem  Waldwege,  der  von  der  Brücke  über  den
Glasbach  in  gerader  Richtung,  zuletzt  als  Schneuse,  auf  den  Gipfel
führt,  in  etwa  einer  Stunde;  die  Aussicht  gebirgsaufwärts  ist  recht  gut.

Vom  Schatzenstein  nach  Elterlein  sind  nicht  ganz  3  km.  Von
der  nahe  an  der  Straße  liegenden  Lorenzzeche,  besser  aber  noch  vom
Ziegenberge  (Punkt  717  der  Gen.  St.  Karte)  oder  der  vor  ihm  befindlichen
  Halde  hat  man  eine  vortreffliche  Aussicht  nach  Südost.

Das  von  Nordwest  nach  Südost  gerichtete  Städtchen  Elterlein
  hat  eigentlich  nur  eine  Straße.  Die  Stadt  ist  eine  alte  sorbenwendische
  Niederlassung,  worauf  auch  der  Name  hinweist,  und  zwar
eine  bergmännische.  Der  Pirnaische  Mönch  schreibt  noch  Elterlen.
Wahrscheinlich  lautete  derselbe  ursprünglich  Delderlen,  was  von
he!  —  Malachit  und  drlem  —  zermalmen  abzuleiten  sein  würde.
Malachit  oder  Rothkupfererz  tritt  in  Lagern  und  Gängen  auf,  ist  wie
die  Mehrzahl  der  gefundenen  Kupfererze  silberhaltig  und  jedenfalls
hier  mit  Erfolg  gebaut  worden.  In  gleicher  Weise  ist  der  Name
„Kutten“  von  kutäm  =  schürfen,  dem  Erze  nachgraben,  abzuleiten.


Schon  Albinus  (II,  23)  sagt:  „Das  Elterlein  soll  weit  über
600  Jahr  sein  .  .  ..  Wie  alt  aber  das  Bergwerk  ist,  ist  mir  nicht
        <pb n="483" />
        —  475  —

bewußt.  Aber  wohl  zu  achten,  es  sei  mit  den  anderen  umbliegenden
auch  rege  geworden,  denn  man  von  etlichen  alten  Zechen  allda  zu
sagen  weiß,  deren  eine  „ufm  Kutten“  genannt,  sonderlich  berufen.“

Im  Elterleiner  Kirchenbuche  steht  ein  Bericht  des  Pfarrers
C.  Schreiter  vom  Jahre  1781,  als  ein  Auszug  aus  den  von  ihm
verfaßten,  vor  Jahren  verbrannten  „Denkwürdigkeiten“  von  Elterlein.
Nach  diesem  ist  die  Stadt  eine  germanische  Niederlassung,  im  Jahre
960,  unter  dem  Statthalter  Hermannus  Bilingus  gegründet,  mit  dem
Namen  Quedlinburg  an  der  alten  Salzstraße  nach  der  Pöla.  Es  ist
ein  Irrthum,  wenn  Schreiter  den  Sachsenherzog  Herrmann  Billung
in  das  Meißner  Land  versetzt;  aber  auch  andere  Chronisten  schreiben
„Elterlinum  quod  prisca  vocaverat  olim  lingua
Quedlinburgum“,  ohne  jedoch  anzugeben,  wie  eigentlich  der
Ortsname  gelautet  habe.  «

Die  kleine,  freundliche  Stadt  liegt  auf  dem  Plateau  eines  Bergvorsprunges;
  auf  dessen  höchster  Stelle  die  Kirche.  Vom  Balkon  des
Thurmes  hatte  man  eine  prachtvolle  Aussicht  nach  dem  Gebirge;  unzweifelhaft
  die  schönste,  welche  man  auf  der  Nordseite  haben  konnte.
Im  engen  Rahmen  der  Balkonthüre,  dem  Gebirgskamme  nahe  genug,
um  die  Erhebung  desselben  über  dem  flachen  Rücken  des  Emler  aus
dem  Raschauer  Thale  und  von  der  Scheibenberger  Hochfläche  bis  in
alle  Einzelnheiten  verfolgen  zu  können,  sah  man  den  mittlen  Theil
des  Gebirges  kurz  vor  sich  aufgebaut.  Im  Osten  den  Pöhlberg,  und
von  diesem  südwärts  weiter  gehend,  Hirtstein,  Haßberg,  Bärenstein,
Preßnitzer  Spitzberg;  im  Südost  Scheibenberger  Hübel  und  über  demselben
  die  Kupferberger  Kapelle,  den  Eisenberg,  darüber  die  Wirbelsteine,
  den  Keilberg,  Fichtelberg,  großen  Henneberg,  Steinberg,  über
diesem  im  Süden  der  Gottesgaber  Spitzberg;  sodann  den  großen
Plattenberg,  den  Ochsenkopf  bei  Rittersgrün,  den  Auersberg  im  Südwest,
  endlich  Morgenleithe,  Sachsenstein  u.  s.  w.  Der  Kirchthurm
wurde  1887  abgetragen,  doch  wird  beim  Neubau  der  Austritt  wieder
hergestellt.

Von  Elterlein  nach  Geyer  sind  etwas  über  6  km;  zweckmäßiger
ist,  nach  dem  oberen  Ende  von  Hermannsdorf  zu  gehen,  4  km,  und
von  hier  auf  den  Hundsrück  oder  den  Singerstein;  den  ersten  mit
Aussicht  nach  Südost,  den  anderen  mit  Aussicht  nach  Süd;  der  Weg
nach  beiden  etwa  2  km.  Vom  Singersteine  durch  den  Wald  ins
Thal  und  nach  Geyer  3  km.

Albinus  schreibt  in  der  Meißnischen  Land=  und  Berg-Chronica,
1589  (II,  20):  „Der  Geyer  als  ein  Silber-,  Kupfer=  und  Zinnbergwerk
  soll  um  1395  angegangen  sein.“  Der  Ursprung  der  Stadt
ist  aber  viel  weiter  in  die  Vorzeit  zurück  zu  legen,  denn  schon  1377
        <pb n="484" />
        —  476  —

wird  sie  urkundlich  Gyher  genannt,  und  ihr  Bergbau  als  „ufm  perg
zum  gyer“  aufgeführt.  Schon  1407  erhielt  Geyer  von  dem  Mark—
grafen  von  Meißen  in  Bezug  des  freien  Marktes  Verbietungsrecht
auf  eine  halbe  Meile  im  Umkreise.  Meltzer  erwähnt  sogar  eine  Quittung
  von  1315,  den  Zinnbergbau  in  Geyer  betreffend  (Oesfeld,
Historische  Beschreibung  2c.  II,  S.  29).  Der  Ort  selbst  ist  unzweifelhaft
  noch  älter  und  die  erste  Anlage  in  das  12.  Jahrhundert,  wo
nicht  früher,  zu  setzen.  Der  Ortsname  selbst  ist  ein  bergmännnischer  —
chyr  —  das  Gerücht,  das  Geschrei,  ganz  wie  Altes  und  Neues
Geschrei  bei  Freiberg,  Neu-Geschrei  bei  Weipert  u.  A.  m.  Aus  dem
Namen  Gyr,  Gyer  machten  die  deutschen  Zuwanderer  Geyer,  und
dadurch  kamen  die  drei  Geyerköpfe  in  das  Stadtwappen  und  der  Vogel
selbst  in  den  Sagenkreis  der  Stadt.

Dieselbe  soll  in  den  ältesten  Zeiten  sieben  Silberhütten  und  eine
Saigerhütte  gehabt  haben;  mit  dem  Steigen  und  Sinken  der  Bergwerkserträge
  stieg  und  sank  auch  ihr  Wohlstand.  Zwar  wurde  Geyer
1429  von  den  Hussiten  zerstört;  aber  bei  dem  steigenden  Ertrage  der
Gruben,  von  2000  bis  4000  Mark  Silberausbeute,  hob  sie  sich
Mitte  des  15.  Jahrhunderts  ganz  bedeutend.  Aber  schon  1470
wurde  geklagt:  „Zum  Ersten  sind  die  Bergwerke  zum  Geier  verfallen
und  eingegangen,  da  doch  wohl  stünde  zu  bauen  und  auch  zu  gewinnen
  wäre,  wenn  man  dieselben  wieder  gewältigen  möchte.  Das
Andere  ist  große  Wassersnoth  und  Gebrechen  der  Stolln,  die  nicht
wolln  gehalten  werden,  wie  vor  Alters.“

Der  Silber=  und  Kupferbergbau  der  Stadt,  so  wie  die  Verhüttung
  des  „unterm  Bielberge“  gewonnenen  Erzes  in  Geyer  hatte
nur  vorübergehend  zugenommen;  denn  von  1492  an  begannen  die
Bergleute  auszuwandern  und  reicheren  Erzanbrüchen  nachzuziehen.
Annaberg,  Buchholz  und  Joachimsthal  verdanken  ihre  ersten  Häuser
Geyerschen  Bergleuten  und  seitdem  auch  bei  Annaberg  Schmelzhütten
angelegt  wurden,  gingen  Wohlstand  und  Stadt  schnell  zurück.

„So  lange  Geyer  einen  lebhaften  und  ergiebigen  Bergbau  trieb,
wahrte  es  eine  gewisse  hervorragende  Stellung  und  zeigte  im  Innern
eine  sehr  wohl  erkennbare  Wohlhabenheit  und  Behäbigkeit  seiner
Bürgerschaft.  Diese  bessere  Zeit  dauerte  bis  in  die  zweite  Hälfte  des
16.  Jahrhunderts“  ....  Die  Stadt  zählte  um  1550  an  250  Häuser
mit  etwa  1800  Bewohnern.  „Nach  dem  Abnehmen  des  Bergbaues
ist  die  Geschichte  von  Geyer  ein  fortgesetztes  Ringen  um  eine  dürftige
Existenz,  eine  ununterbrochene  Kette  von  Nothzuständen"“.  .Groß
sind  die  Klagen  über  verfallende  Häuser  und  wachsende  Armuth,
steigende  Verschuldung  und  sich  verschlimmernde  Zustände.  Von
1560  an  bringen  Seuchen,  Pestilenz,  Theuerung,  das  Darniederliegen
        <pb n="485" />
        —  477  —

des  Bergbaues,  die  Drangsale  des  dreißigjährigen  Krieges  u.  s.  w.
das  Städtlein  in  großes  Decrement.“  (Falcke,  Geschichte  der  Bergstadt
  Geyer.)  «

Prediger  Rollenhagen  verbrannte  im  dreißigjährigen  Kriege  alle
Urkunden,  Acten  und  Kirchenbücher  öffentlich  auf  dem  Markte.

Auch  die  Kriege  zu  Anfang  des  18.  Jahrhunderts,  besonders
der  Nordische,  brachten  viel  Noth  und  Elend  über  die  Stadt.  Im
Winter  von  1719  zu  1720  stieg  in  Geyer,  Ehrenfriedersdorf,  Thum
und  den  Umgebungen  die  Noth  aufs  Höchste.  Das  wiederholte  sich
gegen  Ende  des  Jahrhunderts;  denn  kaum  waren  die  Nothstände  des
siebenjährigen  Krieges  überwunden,  so  wüthete  1771  und  1772  durch
das  ganze  Erzgebirge  eine  Hungersnoth,  welche  besonders  in  der  verarmten
  Stadt  Geyer  eine  außerordentlich  große  Anzahl  von  Menschen
dahin  raffte.  Im  Jahre  1843  wurde  Geyer  aufs  Neue  durch  Theuerung
  und  Hungersnoth  schwer  heimgesucht;  1862  brannte  der  größte
Theil  der  Stadt  nieder  und  1863  verwüstete  eine  zweite  Feuersbrunst
den  im  Aufbau  begriffenen,  wie  den  noch  stehen  gebliebenen  Theil
derselben.  Seitdem  ist  sie  neu  aufgebaut,  die  Straßen  breiter,  die
Häuser  stattlicher  und  solider).

Auf  der  Höhe  östlich  der  Stadt  liegt  der  Lotterhof,  auf  welchem
Hieronymus  Lotter,  der  Erbauer  der  Augustusburg  sein  schaffensreiches
  Leben  beschloß.  In  Nürnberg  1497  geboren,  zog  er  mit
seinem  Vater  nach  Annaberg,  welches  durch  seinen  Silberbergbau  in
raschem  Ausschwunge  war.  Er  ließ  sich  dann  in  Leipzig  als  Baumeister
  nieder  und  erbaute,  außer  zahreichen  Privatbauten  die  Pleißenburg,
  das  Rathhaus  in  Leipzig  und  in  Pegau  und  die  Augustusburg.
Während  dieses  letzten  Baues  kaufte  er  sich  in  Geyer  an  und  erbaute
  den  Lotterhof,  verwendete  aber  seine  Mittel  größtentheils  im
Bergbau,  so  daß  sein  Wohlstand  auffallend  zurückging,  als  sich  die
Schwierigkeiten  und  Aergernisse  beim  Bau  der  Augustusburg  steigerten
und  er  beim  Kurfürst  August  in  Ungnade  fiel,  der  sogar  seine  Ansprüche
  aus  dem  Bau  der  Augustusburg,  15  000  Gulden,  niemals
befriedigte.  Lotter  starb  in  gedrückten  Verhältnissen  in  Geyer  1580).

Neben  dem  Lotterhofe  steht  die  alte  Stadtkirche;  ein  zweiter
Thurm  ein  Stück  von  der  Kirche  abseit;  wahrscheinlich  ist  das  ein
Thurm  aus  der  ehemaligen  Stadtbefestigung.  An  den  Prinzenraub
erinnert  die  große  Glocke.  Die  Glocke  war  1455  beim  Sturmläuten
gesprungen,  und  wurde  darauf  auf  kurfürstliche  Kosten  zum  ersten

dach  ’*  Johannes  Falcke,  Geschichte  der  Bergstadt  Geyer.  Dresden,  Burach,
  .  »

Der  Leipziger  Baumeister  Hieronymus  Lotter.  Dr.  G.  Wustmann.
Leipzig,  Seemann,  1875.
        <pb n="486" />
        —  478  —

Male  und  1539  zum  zweiten  Male  (92  Centner  schwer)  umgegossen.
Die  mit  dem  Bildnisse  Heinrich  des  Frommen  und  einem  breiten
Laubwerkfriese  geschmückte  Glocke  zeichnet  sich  durch  vortreffliche  Gußund
  Ciselirarbeit  aus.

Südöstlich  von  der  Kirche,  fast  auf  der  Höhe  des  Geiersberges
liegt  die  große  Binge.  Schon  1704  fand  ein  bedeutender  Zusammensturz
  im  „Stockwerck“,  den  zahllosen  über-,  unter=  und  nebeneinander
  geführten  Aushöhlungen,  Gängen,  Strecken  und  Schächten
statt.  Kleinere  Zusammenbrüche  waren  schon  vorher  erfolgt  und  haben
sich  nachher  auch  zu  verschiedenen  Malen  wiederholt.  Der  Hauptzusammenbruch
  war  aber  am  11.  Mai  1803,  wo  der  größte  Theil
der  ganzen  bergmännischen  Anlage  in  sich  zusammenstürzte,  eine  Anzahl
  von  Bergleuten  verschüttete  und  die  sämmtlichen  Betriebsbauten
fast  vollständig  zerstörte.  „Man  sieht  die  große  Binge  steil  eingebrochen,
  20  bis  25  Lachter  (40  bis  50  m)  tief.  fast  aus  der
Mitte  ragen  einige  frei  stehende  Felsen...  verschiedene  Höhlen  und
Ueberreste  des  Bergbaues  sind  zu  erkennen  ..  eine  Menge  Schächte
und  Strecken,  ein  Feldgestänge  ..  .“  (Charpentier,  Mineralogische
Geographie  2c.,  S.  203).

Die  58  m  tiefe  große  Binge  bildet  einen  halbmondförmig  gekrümmten
  Absturz,  aus  dessen  Innern  sich  eine  Klippe  erhebt.  Man
könnte  sagen,  sie  gleiche  cinem  hörnerartig  gebogenen  Krater,  an  dessen
Felsenwänden,  besonders  an  der  auf  der  Suüdseite  vorspringenden
Felsenecke  noch  die  Spuren  früherer  Strecken,  Abbau=  und  Fördergänge
  zu  erkennen  sind.  Die  größte  Längenausdehnung  der  Binge
beträgt  gegen  200  m,  die  größte  Breite  gegen  160  m.  Dieselbe  ist
zum  Theil  zugänglich;  besonders  von  Südost  her  kann  man  weit  in
derselben  vordringen.

Etwa  1  km  nordöstlich  von  Geyer  liegt  Schlegels  Berg  (Walthers
Höhe)  mit  guter  Aussicht  nach  Süden.

Im  Norden  von  Geyer,  etwa  3  km  entfernt,  ist  der  Greifenstein.
  Derselbe  besteht  aus  sieben  freistehenden  25  bis  30  m  hohen
Granitmassen,  welche  aus  großen,  plattenförmigen  Blöcken  mauerartig
aufgebaut  sind,  und  an  die  Teufelsmühlen  und  Teufelsmauern  erinnern,
  wie  sie  im  Fichtelgebirge,  in  der  Rhön,  dem  Vogelsberg  und
überhaupt  allen  granitischen  Territorien  in  größerem  und  kleinerem
Maaßstabe  vorkommen.  „Offenbar  sind  die  jetzt  noch  stehenden  Felsen
des  Greifensteines  nur  die  von  der  Verwitterung  und  vollständigen
Abtragung  verschont  gebliebenen  Reste  einer  ursprünglich  vorhandenen
Kuppe,  welche  in  einzelne  Blöcke  aufgelöst  worden  ist.“  (Erläuter.
z.  geogr.  Karte,  Sect.  127.)  Von  Weitem  gesehen  ragen  sie  wie  die
Zinnen  einer  Burg  über  den  waldigen  Bergrücken  empor.  Der  eine
        <pb n="487" />
        —  479  —

Gipfel  (726,1  m)  ist  zugänglich  gemacht,  und  von  ihm  hat  man  eine
ausgedehnte  Rundsicht.  Im  Süden  Haßberg,  Pöhlberg,  Bärenstein,
Keilberg,  Fichtelberg,  Scheibenberger  Hübel,  Auersberg;  im  Norden
Rochlitzer  Berg  und  Kolmberg  bei  Oschatz.

Am  Greifensteine  kommt  Veilchenstein  vor,  der  seinen  Wohlgeruch
einer  auf  ihm  wachsenden  Flechte  verdankt?).  Eine  halbe  Stunde
westlich  vom  Greifensteine  liegt  die  erzgebirgische  Dynamitfabrik  mit
ihren  zahlreichen  zwischen  Erdwällen  errichteten  Gebäuden,  auf  derselben
  Stelle,  wo  in  der  sog.  Gifthütte  seit  langen  Jahren  aus  den
arsenikhaltigen  Erzen  das  Arsenikmehl  (Giftmehl)  als  weißes  Pulver
gewonnen  worden  war.

Nur  10  Minuten  nördlich  vom  Greifensteine  entfernt  befinden
sich  in  dem  nach  Thum  gerichteten,  jetzt  vollständig  mit  Wald  bedeckten
  kleinen  Thale  unverkennbare  Spuren  früherer  Seifenwerke.
Dagegen  giebt  nach  Osten  hin,  in  der  Richtung  des  breiten  Waldflügels
  A,  ein  langausgedehnter  Bruch  und  Haldenzug  bis  gegen  den
Goldgrund  hin  Zeugniß  von  früher  betriebenem,  lebhaften  Bergbau
auf  Zinn  und  Kupfererze.

In  der  breiten  Thalmulde  zwischen  dem  Greifensteine  und  dem
Sauberge  liegt  Ehrenfriedersdorf,  ursprünglich  Erinfridisdorf,
dann  Irbersdorf,  ebenfalls  eine  der  ältesten  bergmännischen  Ansiedelungen
  auf  dem  Erzgebirge.  Wahrscheinlich  wurde  es  Mitte  des  13.
Jahrhunderts  gegründet.  Schon  1315  lieferte  es  Zinn  nach  Geyer;
1407  wurde  es  zur  Stadt  erhoben.  Zwei  große  Brände,  1802  und
1866  zerstörten  die  alten  Gebäude.  Nur  die  etwas  höher,  außerhalb
der  Stadt  stehende,  alterthümliche,  aber  vielfach  umgebaute  Kirche  läßt
sich  in  ihren  ältesten  Theilen  als  aus  dem  14.  Jahrhundert  stammend
erkennen.  Bemerkenswerth  ist  der  eigenthümliche  Aufbau  des  Thurmes.
Ein  werthvoller  und  gut  erhaltener  Altar  mit  reichvergoldetem  Schnitzwerk
  und  trefflichen  Bildern,  sowie  ein  ausgezeichnet  gearbeiteter  Kelch
aus  dem  15.  Jahrhundert  sind  sehenswerth.

Der  tiefe  Sauberger  Stolln,  unterhalb  des  Krebsberges  mündend,
  bildet  den  Schlüssel  zum  Abbau  des  Ehrenfriedersdorfer  Gebirges.
  Das  Gestein  des  Sauberges  ist  ein  dünnblättriger  Gneis
von  dunkelgrauer  Farbe.  Man  sieht  den  Rücken  des  Berges  fast  in
einer  Breite  von  1½  km  mit  aneinanderstoßenden  Halden  bedeckt,
welche  sich  bis  gegen  500  m  in  der  Breite  ausdehnen  und  die  Oberfläche
  des  Höhenzuges  vollständig  einnehmen.  „Dieß  sind  die  Ueberreste
  des  ehemals  so  wichtigen  Zinn=  und  Silberbergbaues,  von  dessen

102  Dr.  Köhler,  Veilchensteine  im  Erzgebirge.  Glückauf  (Zeitschr.)  1884,
        <pb n="488" />
        —  480  —

Größe  der  Anblick  dieser  Halden  den  lebhaftesten  Eindruck  hinterläßt.“
(Charpentier,  S.  191.)  Noch  um  1770  fuhren  am  Sauberge  immer
700  bis  800  Bergleute  an;  1804  nur  60.  Trotz  aller  Versuche,
den  Bergbau  neu  zu  beleben,  ist  derselbe  fast  vollständig  zum  Erliegen
  gekommen.

An  den  Sauberg  knüpft  sich  die  Erzählung  von  der  „langen
Schicht“.  Meltzer  schreibt  (S.  739)..  „1568  zzu  Ehrenfriedersdorf,
  einem  Bergstädtlein  in  unserm  Ober-Ertz-Gebürge,  ist  ein
Bergmann  Oßwald  Barthel,  welcher  vor  61  Jahren,  nemlich  1507,
im  Sauberge  daselbst  verfallen  war,  unversehener  Weise  noch  ganz
und  unversehrt  in  seiner  ledernen  Bergkappe  und  Kleidern,  mit  dem
Grubenbeil,  Unschlitttasche  und  Tscherper  wieder  gefunden  worden.“
Die  vom  Pfarrer  Raudte  gehaltene  Leichenpredigt  ist  im  Pfarrarchiv
noch  vorhanden.

Von  der  Kleinen  Vierung  hat  man  eine  gute  Aussicht  nach
Norden;  von  Hofberg  oder  Franzenshöhe  nach  Süden;  besonders
schön  aber  ist  die  Aussicht  vom  Birkenberge  (686,9  der  Gen.  St.
Karte).  Haßberg,  Pöhlberg,  Kupferhübel,  Bärenstein,  Wirbelsteine,
Keilberg,  Fichtelberg;  vor  dem  Bärensteine  breit  daliegend  die  Stadt
Annaberg;  das  Bild  auf  beiden  Seiten  von  Wald  eingefaßt.

61.  Zwönitz.  Stollberg.  Lichtenstein.  Glauchau.

Nördlich  vom  Greifensteine,  etwa  3  km  entfernt,  und  eben  so
weit  von  Ehrenfriedersdorf  liegt  die  ehemalige  Bergstadt  Thum,  welche
seit  dem  großen  Brande  von  1707  vollständig  neu  aufgebaut  ist.
Thum  gehört  ebenfalls  zu  den  ältesten  sorben-wendischen  Niederlassungen
  (dum  —  das  Haus).  Der  Bergbau  ist  längst  erlegen.
Der  hier  gefundene  Thumer  Stein  (Axinit)  gehört  zu  den  mineralogischen
  Seltenheiten;  er  wird  nur  noch  bei  Schneeberg,  bei  Bouay
d'Oisan  in  Frankreich  und  bei  Kongsberg  in  Norwegen  gefunden.  Bei
Thum  fand  am  15.  Januar  1648  das  letzte  Gefecht  des  dreißigjährigen
  Krieges  auf  sächsischem  Boden  statt.  Ein  Denkstein  erinnert
daran.

Von  Thum  nach  Burkersdorf  sind  7  km.  Nach  einer  halben
Stunde  erreicht  man  das  obere  Ende  von  Gelenau  und  übersieht  das  Thal
über  eine  Stunde  weit,  bis  zu  der  auf  einem  Bergvorsprunge  liegenden
  Kirche.  Wie  die  allgemeinen  Verhältnisse  sich  geändert  haben,
bezeichnet  recht  deutlich,  was  Schumann  (II.  71)  über  das  Dorf  sagt:
„Gelenau  ist  der  ärmste  Ort  im  Erzgebirge,  da  die  blutarmen  Spitzenklöppler
  und  Klöpplerinnen  unter  dem  Despotismus  der  Spitzen-
        <pb n="489" />
        —  481  —

händler  stehen,  die  ihnen  außer  dem  Beichtgeld  in  der  Regel  keinen
baaren  Pfennig  zukommen  lassen,  sondern  ihnen  Brod  und  Alles,
was  sie  brauchen,  bis  auf  den  Schwefelfaden  und  Waschhader  statt
Zahlung  liefern.“  —  Diese  Art  trauriger  Zustände  hat  nun  glücklicher
  Weise  ein  Ende  genommen.  Aber  der  Gebirgsabhang  im
Nordosten  des  Greifensteines  ist  in  der  neuesten  Zeit  zu  wiederholten
Malen  der  Schauplatz  von  Unwettern,  Wolkenbrüchen  und  allen  mit
ihnen  im  Zusammenhange  stehenden  Beschädigungen  und  Zerstörungen
geworden,  so  daß  die  Bewohner  dieser  Gegenden  aufs  Aeußerste  geschädigt
  worden  sind.  Besonders  die  nach  Nordost  gerichteten  Thäler
von  Drehbach,  Venusberg  und  Gelenau  sind  Ueberflussungen,  Wasserströme
  und  was  damit  zusammenhängt,  in  hohem  Grade  ausgesetzt
gewesen,  obgleich  die  waldfreie  Umgebung  von  Drehbach  nur  etwa  7,
von  Venusberg  nicht  einmal  über  4,  von  Gelenau  höchstens  7½  akm.
umfassen.  Unzweifelhaft  hängt  die  Heftigkeit  dieser  außergewöhnlichen
Niederschläge  mit  der  Entwaldung  der  Flächen,  dem  Aufgeben  der
zahlreichen  kleinen  Teiche  und  Sammelbecken  und  dem  Kahlschlage  der
meisten  Steilhänge  auf  das  Engste  zusammen,  da  die  massenhaft
niederströmenden  Wasser  weder  durch  Strauchwerk,  noch  durch  das
Unterholz  der  Wälder  und  die  dichte  Bedeckung  mit  Heidelbeer=  und
Haidekrautbüschen  in  ihrem  Laufe  aufgehalten  werden.  Die  zahlreichen
Unwetter  der  neuesten  Zeit  haben  sich  fast  ausnahmslos  auf  größeren
und  kleineren  entwaldeten,  kahlen  Flächen  entladen,  Aecker  zerrissen,
Getreide  zerschlagen,  Wege  zerstört  und  mit  Schlamm  überdekkt,
Wohnungen  beschädigt  und  weggerissen,  so  daß  der  Gedanke  doch
ernstlich  nahe  gelegt  wird,  durch  Anpflanzungen  die  Abhänge  vor
Abschwemmungen  zu  sichern  und  der  Gewalt  des  Wasserlaufes  Einhalt
  zu  thun.

Im  Norden  von  Gelenau  liegt  mitten  auf  dem  Höhenzuge  der
Kemtauer  Felsen.  Die  Aussicht  von  der  im  Nordost  liegenden
Dittersdorfer  Höhe  wird  von  der  Aussicht  vom  Kemtauer  Felsen,
591,8  m,  bedeutend  übertroffen.  Leider  ist  derselbe  nicht  mehr  zu
erreichen,  da  eine  frisch  geflanzte  Forstkultur  ihn  umgiebt  und  kein
Weg  zu  der  dreifach  gezackten  Felsenhöhe  führt.  Haßberg,  Pöhlberg,
Bärenstein,  Keilberg,  Fichtelberg  aus  dem  Hauptkamme  des  Erzgebirges
schließen  sich  oberhalb  des  formenreichen,  bewaldeten  Thales  von
Gelenau,  dessen  Kirche  nach  dieser  Seite  hin  den  Mittelpunkt  der
Aussicht  bildet,  an  den  breiten,  waldigen  Höhenzug  des  Greifensteines,
dessen  Granitblöcke  das  Waldgebiet  thurm=  und  burgartig  überragen.
Im  Nordwest  erkennt  man  Hohenstein  und  Wüstenbrand,  darüber
den  Pfaffenberg  und  den  Todtenstein;  im  Norden  die  Bergschenke
von  Claffenbach,  weiter  hin  den  Rochlitzer  Berg,  und  in  Nordost  in

31
        <pb n="490" />
        —  482  —

vortrefflicher  Zeichnung  frei  auf  hochanstrebendem  Bergkegel  Schloß
Augustusburg;  weiter  östlich  lang  gedehnte  Höhenrücken  mit  einzelnen
Erhebungen,  bei  hellem  Wetter  unzweifelhaft  Schloß  Frauenstein  und
einen  der  Berge  bei  Katharinaberg,  Ursberg  oder  Bärensteinberg.
Von  der  weiter  nach  Osten,  südlich  des  alten  Fahrweges  befindlichen
Klippe  hat  man  eine  recht  gute  Aussicht  nach  Süd,  dem  Greifenstein
und  dahinter  dem  Schatzenstein.  Von  hier  sind  nach  Burkhardtsdorf,
am  Pestkirchhof  vorbei,  etwa  8/,  Stunden.

Abwärts  von  Burkhardtsdorf  bildet  das  bis  dahin  von  mäßig
steilen  und  hohen,  nur  zum  Theil  bewaldeten  Abhängen  eingefaßte
Thal  der  Zwönitz  bis  Einsiedel  hinab,  ungefähr  auf  eine  Strecke  von
7  km  ein  von  schön  geformten  und  prächtig  bewaldeten  Abhängen
gebildetes  Waldthal,  dessen  unterer  Theil  von  Einsiedel  bis  oberhalb
der  Dittersdorfer  Mühle  unter  dem  Taubensteine  nach  Süd,  und  von
da  an  unter  verschiedenen  Krümmungen  bis  nach  Burkhardtsdorf  gegen
West  ansteigt.

Vom  unteren  Ende  von  Burkhardtsdorf  2  km  entfernt,  und
eben  so  weit  von  der  Kirche  des  Dorfes  liegt  die  Bergschenke  auf
der  Höhe  von  Claffenbach,  wo  man  eine  recht  gute  Aussicht  nach
dem  Gebirge,  besonders  aber  nach  Osten  hin  hat.  Auf  dem  etwa
20  Minuten  südöstlich  der  Bergschenke  gelegenen  Geiersberge  ist  eine
20  m  hohe  Plattform  errichtet.

Fünf  Minuten  westlich  der  Bergschenke,  unten  im  Thale  des
Dorfbaches,  steht  das  Claffen  bacher  Kreuz.  Dasselbe  ist  von
seinem  ursprünglichen  Standpunkte  auf  der  sumpfigen  Wiese,  dicht  am
Zaune  und  einem  Wassergraben,  wo  es  tief  eingesunken  da  lag,  weggenommen
  und  auf  seinem  gegenwärtigen  Platze,  etwa  50  Schritt
davon  entfernt,  wieder  aufgestellt  worden.  Man  hat  die  Stelle
geebnet,  einen  halbkreisförmigen  Platz  frei  gemacht  und  zwei  kräftige
Linden  zu  Seiten  dieses  wahrscheinlich  ältesten  Denkmales  auf  dem
Erzgebirge  gepflanzt.  Das  Kreuz  besteht  aus  einem  harten,  grobkörnigen
  Porphyrsandsteine  —  man  möchte  dessen  Herkunft  auf  den
Rochlitzer  Berg  versetzen  —  und  ist  auf  seiner  vorderen  Seite  mit
einem  Schwerte  in  natürlicher  Größe  geziert,  in  der  Form,  wie  die
Schwerter  des  12.  Jahrhunderts  auf  zahlreichen  Denkmälern  und
Bildern  dargestellt  sind,  flach  vertieft  eingehauen.  Die  ziemlich  verwitterte
  Außenseite  des  Steinkreuzes  trägt  sonst  kein  Merkmal.  Dessen
ungeachtet  darf  man  annehmen,  daß  dieses  Kreuz  im  12.  Jahrhundert,
möglicherweise  auch  früher,  zur  Erinnerung  eines  bedeutenden  Ereignisses
  errichtet  worden  ist.  Der  Ortsname  Claffenbach  ist  mit  großer
Wahrscheinlichkeit  von  klava-boje,  Mordstelle,  Hauptmordplatz,  abzuleiten.
  Hier  war  allem  Vermuthen  nach  die  Schlußstelle  des
        <pb n="491" />
        —  483  —

Kampfes,  in  welchem  892  (13.  Juli)  das  Heer  des  Bischofs  Arno
von  Würzburg  von  den  Sorbenwenden  vernichtet  wurde).

Oberhalb  Burkhardtsdorf  erweitert  sich  das  Thal  der  Zwönitz
bis  zu  der  14  km  aufwärts  liegenden  alten  offenen  Bergstadt
Zwönitz,  am  Fuße  des  Ziegenberges,  eines  Vorsprunges  des  aus
dem  Walde  nur  nach  Süden  hin  steil  aufragenden  Schatzensteines.
Die  Stadt,  unzweifelhaft  slavischen  Ursprunges,  füllt  mit  wenig  regelmäßiger
  Anlage  in  dreieckiger  Form  die  zwei  Seitenthäler  und  das
abwärts  reichende  Hauptthal.  Sie  wurde  1429  von  den  Hussiten
vollständig  zerstört.  Nur  die  St.  Blasiikirche  von  Nieder-Zwönitz,
welche  dicht  bei  der  Stadt  steht,  hat  diesen  hussitischen  Raubzug  überdauert.
  Fünf  vergoldete  Hufeisen,  welche  auf  einem  Bret  befestigt
über  der  Thür  im  Innern  der  Kirche  hängen,  haben  Veranlassung
zu  verschiedenen  Sagen  gegeben.  (Köhler  Sagenbuch.  702.)

In  der  neuesten  Zeit  hat  die  Anfertigung  von  Haus=  und
Küchengeräthen  aus  Weiß-,  Schwarz-,  Zink=  und  Messingblech  großen
Umfang  gewonnen.  Sie  werden  gefalzt,  gestanzt,  emaillirt,  verzinnt  rc.
Außer  einem  1887  erbauten  größeren  Stanzwerk  arbeiten  Ziehpressen
mit  Wasserkraft,  so  wie  kleinere  Handstanzen  und  Maschinen.  Absatzgebiet
  sind  Sachsen  und  Thüringen.

In  einer  flachen  Einsenkung  des  westlich  von  Zwönitz  sanft  ansteigenden,
  zum  Theil  bewaldeten  Höhenzuges,  in  welchem  auf  der
heiligen  Wiese  der  Queerenbach  entspringt,  einer  der  Zuflüsse  des
Stollberger  Wassers,  liegt  auf  dem  Abhange  des  langgestreckten  und
breiten  Streitwaldes  an  der  Quelle  des  Hellbaches  das  kleine  Bad
„zum  guten  Brunnen“,  auch  nach  einer  daselbst  errichteten  Kapelle
der  Gesundbrunnen  zu  „St.  Annen“  genannt.  Er  wurde  1498
oder  1501  entdeckt.  Derselbe  wurde  bis  1558,  wo  ihn  ein  Wolkenbruch
  verunreinigte,  vielfach  gebraucht.  Der  Brunnen  wurde  1608
gereinigt  und  wieder  hergestellt  und  1646  eine  zweite  Quelle  entdeckt,
der  Krätzbrunnen,  wahrscheinlich  nur  ein  zweiter  Ausfluß  der  ersten.
Nachdem  auch  diese  Quelle  um  1711  gefaßt  worden  war,  stieg  der
Besuch  des  guten  Brunnen  außerordentlich,  besonders  in  Folge  der
„Relation“  des  Zwönitzer  Rektor  Junghanns.  Es  währte  aber  nicht
lange,  so  ward  er  wieder  vergessen,  bis  er  endlich  1819  von  Neuem
gereinigt  und  ein  Badehaus  mit  20  Badezellen  und  14  Wohnungen
errichtet  wurde.  Das  Bad  wird  gegenwärtig  noch  besucht.  Eine
halbe  Stunde  westlich  desselben  liegt  der  Katzstein  mit  seiner  schönen
Aussicht  nach  Süd  und  Südwest.

*)  Das  Klaffenbacher  Kreuz.  M.  v.  Süßmilch.  (Chemnitzer  Tageblatt
1887,  Nr.  210,  Beil.  2.)  i

317
        <pb n="492" />
        —  484  —

Vom  Katzsteine  nördlich,  etwa  5  km  weit,  in  das  von  60  und
70  m  hohen  Abhängen  eingefaßte  Thal  gezwängt,  liegt  die  Stadt
„Stollberg  im  Gebirge“  unterhalb  des  auf  einem  Bergvorsprunge
liegenden  Schlosses,  welches  bald  Stollberg,  bald  Hoheneck  genannt
wurde.  Die  Vorgeschichte  von  Stollberg  (Castrum  Stolberg)  ist  unbekannt.
  1287  wird  es  urkundlich  erwähnt;  1367  kam  es  an  König
Wenzel  von  Böhmen,  und  erst  durch  den  Egerschen  Vertrag  als  zum
Voigtlande  gehörendes  Reichsafterlehen  an  Kursachsen.  1  565  erkaufte
es  Kurfürst  August  von  den  Schönburgen,  die  Stollberg  seit  1388
besaßen.

Das  alte  Schloß,  welches  lange  Zeit  in  Ruine  lag,  wurde  1564.
durch  Kurfürst  August  durch  einen  neu  erbauten  Schloßflügel  vergrößert
  und  zum  großen  Theile  wieder  hergestellt,  jedoch  allem  Vermuthen
  nach  durch  Brand  oder  Blitzschlag  von  Neuem  zerstört.  Als
1809  das  Amthaus  wegbrannte,  erbaute  man  aus  den  Steinen  der
Schloßruine  das  Justizamt  und  richtete  den  stehengebliebenen  Flügel
zum  Rentamt  ein.  Seitdem  ist  eine  Strafanstalt  nach  Hoheneck  verlegt.
  Die  Stadt,  sowie  die  Hauptkirche  wurden  1632  durch  die
Holke'schen  Schaaren  niedergebrannt.  Der  Bergbau,  welchem  die
Stadt  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ihren  Ursprung  verdankt,  wurde
lange  Zeit  nur  noch  betrieben,  um  die  „Bergfreiheit“  zu  erhalten,
ist  aber  seit  Beginn  dieses  Jahrhunderts  vollständig  zum  Erliegen
gekommen.

Sowohl  der  östlich  der  Stadt  gelegene  Wischberg,  als  auch  der
westlich  gelegene  Panzerberg  geben  eine  freie  Aussicht,  besonders  nach
Norden.

Ungefähr  2  ½  Stunden  thalabwärts  liegt  in  der  breiten  Thalaue
der  Würschnitz  das  alte,  aus  dem  13.  Jahrhundert  stammende  Schloß
Neukirchen,  eine  der  wenigen  Thalburgen,  die  auf  dem  Erzgebirgsabhange
  nachzuweisen  sind.  Vielfach  verändert  und  umgebaut,  läßt
sich  von  der  ursprünglichen  Anlage  nichts  mehr  erkennen.  Das  in
der  prächtigen,  fruchtbaren  Thalaue  liegende  Schloß  giebt  mit  seinem
drei  Stockwerk  hohen  Aufbau,  dem  Schieferdach  und  dem  Thürmchen
ein  recht  stattliches  Bild.  Dasselbe  umschließt  einen  kleinen  Hof  und
wird  von  einem  breiten  Wallgraben  umgeben.

Die  Eisenbahn,  welche  von  Norden  her,  von  St.  Egidien  durch
den  Rödlitzgrund  den  Höhenzug  gewinnt,  vereinigt  sich  bei  der  Station
Höhlteich,  einem  in  der  flachen  Einsenkung  am  Loo=  (Loh-)  Walde
befindlichen  Sammelbecken  für  mehrere  kleine  Wasseradern,  mit  der
von  Wüstenbrand  her  auf  dem  Höhenzuge  der  Wasserscheide  zwischen
Lungwitzbach  und  Beuthen=  oder  Würschnitzbach  über  die  Roßteichund
  Bornwiesen  daher  kommenden  Eisenbahnlinie,  welche  von  da  in
        <pb n="493" />
        —  485  —

einem  unregelmäßigen  Halbkreise  nach  Stollberg  führt.  Zahlreiche
Steinkohlenbergwerke  sind  auf  dem  Plateau  des  Strutholzes  zwischen
Oelsnitz,  Lugau  und  Nieder-Würschnitz  und  weiter  nach  Nordosten
bis  Kirchberg  und  Seifersdorf  hin  ausgebreitet.  Der  Charakter  der
Gegend  hat  sich  dadurch  vollständig  verändert.  „Westlich  von  Werrschenz
  (Würschnitz),“  sagt  Schumann  (Bd.  VII.  S.  551),  „breitet
sich  eine  hochliegende,  fast  ebene  Gegend  im  Glimmer=  und  Thonschiefergebirge
  aus.  Saures  Grasland,  eine  Menge  von  Teichen,  die
aber  zur  Benutzung  wenig  passen,  unordentliche  Waldungen  machen
sie  zu  einer  der  melancholischsten  und  unangenehmsten  des  Erzgebirges."


Die  im  Lugau-Oelsnitzer  Kohlenbezirke  befindlichen  14  Steinkohlenwerke
  förderten  auf  ihren  28  Schächten  im  Jahre  1888
1  251  767  Tonnen  Steinkohlen.  Es  dienten  28  Dampfmaschinen
zur  Förderung,  24  zur  Wasserhaltung,  28  zur  Wetterführung  u.  s.  w.
Auf  den  Werken  waren  5063  Grubenarbeiter  und  1434  Tagearbeiter
beschäftigt.

An  der  Kirche  von  Oelsnitz,  das  Thal  des  Heegebaches  kreuzend,
über  den  bewaldeten  Berg  und  im  Thale  den  Rödlitz  weiter  gehend,
kommt  man  nach  etwa  zwei  Stunden  von  Höhlteich  bis  nach
Lichtenstein.  Die  Herrschaft  Lichtenstein  ist  eine  der  ältesten
Schönburgischen  Besitzungen,  urkundlich  schon  1297.  Das  in  einem
Viereck  erbaute,  mittels  Brücke  zugängliche  Schloß  ragt  aus  dem  mit
Laubholz  bedeckten  Abhange  malerisch  oberhalb  des  Städtchens  empor.
Dasselbe  ist  auf  den  Trümmern  des  1538  abgebrannten  Schlosses
Pürschenstein  zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  erbaut  und  wahrscheinlich
  Ende  des  18.  Jahrhunderts  in  seiner  gegenwärtigen  Einrichtung
  beendet.  Es  bietet  weder  in  der  Anlage,  noch  in  seinem
inneren  Ausbau  eine  Erinnerung  an  die  frühere  Burg;  dagegen  ist
es  ein  stattlich  angelegter  Dynastensitz,  welcher  in  seinem  Hauptstockwen
  böahlreiche  Säle  und  Gemächer  durch  alle  vier  Flügel  hindurch
enthält.

Die  nach  dem  Brande  von  1771  neuerbaute  Stadtkirche  besitzt
ein  1793  gemaltes  Altarbild  von  Vogel  v.  Falkenstein,  auf  welchem
die  Figur  des  Petrus  bemerkenswerth  ist.  Sonst  ist  in  der  Stadt
Lichtenstein,  wie  in  dem  auf  dem  linken  Rödlitzufer  regelmäßig  angelegten,
  Ende  des  17.  Jahrhunderts  erbauten  Städtchen  Callenberg
(wohl  richtiger  Kahlenberg)  keine  Sehenswürdigkeiten  zu  verzeichnen.
Fachmänner  werden  nicht  unterlassen,  das  Lehrerinnen  -Seminar  zu
Callenberg  zu  besuchen.

Von  Lichtenstein  über  Albertinenhof,  durch  den  Rümpfwald,  am
        <pb n="494" />
        —  486  —

Forsthause  vorüber,  sind  10  km  nach  Glauchau,  von  denen  4  durch
den  Wald  führen.

Geht  man  im  Thale  des  Lungwitzbaches  vom  Bernsteiner  Hofe
aus,  oder  fährt  man  vom  Bahnhofe  St.  Egidien  weiter  westlich,  so
kommt  man  durch  das  reichbevölkerte,  landschaftlich  anmuthige  Thal
bis  Glauchau,  dem  Eckpfeiler,  wenn  man  so  sagen  darf,  des  Erzgebirges,
  an  dem  Thalrande  der  Mulde  beim  Eintritt  des  Lungwitz-Querthales
  gelegen,  ebenfalls  eine  der  ältesten  Ansiedelungen.  Nur
wenig  vom  Fuße  der  300  m  Erhebung  entfernt,  steht  der  ältere  Theil
der  Stadt  auf  dem  250  m  hoch  liegenden  Rande  des  Muldenufers.
Wenn  auch  der  slavische  Ursprung  sich  nicht  ganz  unzweifelhaft  nachweisen
  läßt,  so  ist  er  doch  in  hohem  Grade  wahrscheinlich.  Die  älteren
  urkundlichen  Bezeichnungen  Glukow,  Clukowe  u.  s.  w.  weisen
ebenfalls  auf  sorben-wendischen  Ursprung  hin.  Der  Pirnaische  Mönch
sagt:  „Glauche  eine  Stat  an  einem  Berge  darunter  die  Zwicksche
Mulde  fließt,  hat  zum  Theil  sehr  tiefe  Graben,  eine  feste,  wohl  erbaute
  Burg,  unter  der  Krone  zu  Behmen.“  Die  ältere,  ein  Oval
bildende  Stadt,  an  deren  Südende  auf  einem  Vorsprunge  des  hohen
Uferrandes  das  Schönburgsche  Schloß  liegt,  welches  in  seinen  verschiedenen
  Abschnitten  Entstehungs-,  Theilungs=  und  Besitzgeschichte
bietet,  ist  an  der  Nordseite  durch  einen  halbmondförmigen  Anbau  vergrößert,
  welcher  heute  noch  durch  den  in  einem  Bergrisse  oder
in  einer  Schlucht  angelegten  ehemaligen  Befestigungsgraben  von
ihr  getrennt  wird.  Eine  Brücke  führt  zu  dem  nur  wenig  alten  Thoreingang,
  über  welchem  ein  Thurm  sich  erhebt,  welcher  der  Buttermilchsthurm
  genannt  wird,  aber  weder  durch  Architektur  noch  durch
Alter  sich  auszeichnet.  Ueberreste  der  Stadtmauer  und  der  Stadtbefestigungsthürme
  sind  nicht  mehr  vorhanden.  Eben  so  wie  sich  am
Westfuße,  in  der  Muldenniederung,  ein  ausgedehnter  Stadttheil  entwickelt
  hat,  eben  so  ist  im  Osten  eine  große,  breit  angelegte  Vorstadt
entstanden;  beide  dem  Wachsthume  der  Bevölkerung  und  ihrer  Thätigkeit
  entsprechend.

Das  vordere  Schloß,  zwei  Stockwerke  hoch  und  mit  vielen  Giebeln
  geziert,  umfaßt  einen  Hof,  welcher  an  den  Graben  stößt,  der
beide  Schlösser  trennt.  Das  hintere  Schloß,  wiederum  aus  dem  älteren
  und  dem  neueren  Theile  bestehend,  drei  und  selbst  vier  Stockwerke
  hoch,  enthält  nach  dem  vorderen  Schloß  hin  das  Wohngebäude
und  die  Schloßkapelle;  die  Hinterseite  umschließt  mit  einer  hohen
Mauer  und  einigen  alten  Thürmen,  an  welche  die  beiden  neueren
Flügel  anstoßen,  den  eigentlichen  Schloßhof.

In  Glauchau  wurde  1490  Georg  Bauer,  bekannt  unter  dem
später  von  ihm  angenommenen  Namen  Agricola,  geboren.  Der-
        <pb n="495" />
        —  487  —

selbe  war  1518  bis  1522  Rector  in  Zwickau,  dankte  ab  und  ging,
um  Medicin  zu  studiren,  nach  Leipzig,  und  von  da  nach  Italien.
Nach  Deutschland  zurückgekehrt,  lebte  er  seit  1527  in  Joachimsthal,  seit
1531  in  Chemnitz.  Hier  widmete  er  sich  der  Bergbaukunde  und
starb  1555  als  Bürgermeister,  Stadtphysicus  und  Generalstabsmedicus.
  Wegen  seines  Rücktritts  zum  Katholicismus  wurde  er  in
Zeitz  begraben.  Er  gilt,  mit  Recht,  als  der  Gründer  der  deutschen
Mineralogie  und  Bergwerkskunde.  Eine  treffliche  Uebersetzung  seiner
mineralogischen  Schriften  lieferte  Fr.  Lehmann  (5  Bde.  Freiberg
1806/13).  Sein  „Bermannus“  oder  Gespräche  über  den  Bergbau
wurde  von  Schmidt  übersetzt  (Freiberg  1806).  Eine  hobchst  interessante
  Schrift  verfaßte  Becher,  „Die  Mineralogen  Agricola  und
Werner“  (Freiberg  1820).

62.  Dohenstein.  Rabenstein.  Die  Blankenau.

In  dem  von  West  nach  Ost  ansteigenden  Auenthale  des  Lungwitzbaches
  reihen  sich  fast  18  km  lang  Ortschaft  an  Ortschaft,  Dorf
an  Dorf,  so  daß  man  häufig  nicht  weiß,  wo  das  Eine  aufhört  und
das  Andere  anfängt.  Die  zahlreichen  hellgrauen  und  blauen  Schieferdächer,
  die  weißen  Gebäude  mit  schwarz  oder  auch  blau  angestrichenen
Balken,  welche  durch  das  Grün  der  Obstgärten  und  der  längs  des
Baches  sich  reihenden  Erlen  hindurchscheinen,  geben  dem  ganzen  Landstriche
  den  Charakter  hoher  Cultur,  dichter  Bevölkerung  und  entwickelter
  Industrie.  Selbst  wenn  man  flüchtig  im  Eisenbahnzuge  vorüberfährt,
  kann  man  sich  dieses  Eindruckes  nicht  erwehren.  Vor  Allem
fällt,  unweit  der  Mündung  des  Rödlitzbaches,  der  Bernsteiner  Hof  ins
Auge,  mit  seinen  ausgedehnten,  wenn  auch  nicht  hohen  Gebäuden  auf
einem  mit  Bäumen  reich  geschmückten  hügelartigen  Bergvorsprunge.
Unzweifelhaft  auf  der  Stelle  eines  älteren  Hofes  ist  das  Herrenhaus
des  Bernsteiner  Hofes  erst  1710  erbaut.  Von  1702  bis  1800  war
es  Wohnsitz  der  Grafenlinie  Schönburg-Stein.

An  dem  Nordabhange  des  Goldbaches,  nur  2  km  vom  Lungwitzthale
  entfernt  liegt  die  Doppelstadt  Hohenstein-Ernstthal.  Hohenstein,
  urkundlich  „uff  den  Hohenstein“,  eine  offene  Bergstadt,  deren
Gründungsjahr  nicht  nachzuweisen  ist,  erhielt  1548  erneuerte  Statuten
durch  den  Grafen  Georg  von  Schönburg.  Der  Bergbau  auf  dem
Hohensteine  soll  im  13.  Jahrhundert  begonnen  haben;  nach  anderen
Angaben  erst  im  14.)  Man  sagt  vor  1473  sei  Hohenstein  schon

)O.  Sebastian,  Entstehung  und  Entwickelung  der  Bergstadt  Hohenstein,
  1887.
        <pb n="496" />
        —  488  —

eine  ansehnliche  Bergstadt  gewesen,  deren  Hauptzeche  „der  Bretschneider“
  im  Hussitenkriege  1430  zerstört  worden  sei.  1507  wurde
Hohenstein  als  Stadt  neu  aufgebaut,  da  die  Bergwerke  um  diese  Zeit
die  ansehnlichste  Ausbeute  gaben;  aber  gleichzeitig  mit  dem  Beginn
des  Bergbaues  am  Zechenberge  ließen  sich  1517  die  ersten  Weber  in
Hohenstein  nieder.  Im  16.  Jahrhundert  trieb  man  Bergbau  auf
Kupfer  und  auf  Arsenik;  eine  Schmelzhütte,  sowie  eine  Arsenik=  und
Gisthütte  stand  vor  der  Stadt,  der  Zechenteich  sammelte  die  Aufschlagwasser
  für  die  Gruben.  Aber  schon  im  dreißigjährigen  Kriege  kam
der  Bergbau  in  Verfall  und  seit  Ende  des  18.  Jahrhunderts  ganz
zum  Erliegen.  Umgeben  von  dem  Glimmerschiefer  findet  man  Serpentin,
  sowie  in  einzelnen  Nestern  Achat,  Tobas,  Karneol  u.  s.  w.
Die  Schnabelgasse  trennt  Hohenstein  von  Ernstthal,  welches  der  in
Hohenstein  herrschenden  Pest  seinen  Ursprung  verdankt.  Denn  um
dem  Pestheerde  zu  entfliehen  wurde  1679  das  erste,  1680  das  zweite
Haus  der  Stadt  erbaut,  welche  schnell  an  Häuser=  und  Einwohnerzahl
  zunahm  und  1689  schon  eine  eigene  Kirche  erhielt.  Beide
Städte  treiben  Strumpfwirkerei  und  Weberei.  Auf  der  oberen  Seite
des  terrassenförmig  ansteigenden  Marktes  von  Hohenstein  hat  man
einen  sehr  guten  Ausblick  gebirgsaufwärts,  bis  zum  Keil-,  Fichtelund
  Auersberge,  Greifenstein  und  Schatzenstein.  Schon  1805  schrieb
K.  Ruheim:  „Da  lagen  die  blauen  Berge  des  Erzgebirges;  immer
erhob  sich  einer  über  den  anderen,  die  höchsten  derselben  schienen  den
Himmel  zu  küssen.  Der  Fichtelberg,  Auersberg  und  Riesenberg  erhoben
  sich  über  alle  und  neben  ihnen  sah  man  in  weiterer  Entfernung
  auch  noch  einige  böhmische  sich  in  den  Wolken  verlieren.“  Eine
halbe  Stunde  nordwestlich  von  der  Stadt  liegt  im  waldigen  Thale
des  Hüttenbaches,  dicht  an  der  Waldenburger  Chaussee,  das  Bad,  ein
vielbesuchter  Vergnügungsort,  wo  eine  Stahlquelle  zur  Errichtung  einer
Badeanstalt  Veranlassung  gab.

Hohenstein  ist  Geburtsort  des  Naturforschers  G.  H.  v.  Schubert,
  1780,  1  1860;  Ernstthal  des  Historikers  und  Professors
der  Politik  und  der  Staatswissenschaften  K.  H.  L.  Pölitz,  1772,
1838.

Im  Norden  der  Stadt  erhebt  sich  der  langgestreckte  Glimmerschieferrücken,
  dessen  höchste  Punkte  die  bewaldete  Langenberger  Höhe,
der  Pfaffenberg  und  der  Todtenstein  bilden.  Auf  diesem  letzteren,
von  Hohenstein  6  km,  von  Grüna  ca.  2  km,  hat  man  einen  eisernen
Aussichtsthurm  errichtet.  Nach  Norden  hat  man  eine  recht  hübsche

1045  *)  Carl  Beckert,  das  Bad  Hohenstein.  (3  Stahlstiche,  1  Plan.)  Leipzig
        <pb n="497" />
        —  489  —

Aussicht;  die  Aussicht  nach  Süd  ist  unbedeutend  und  wird  von  der
oberhalb  der  Stadt  Hohenstein  bei  Weitem  übertroffen.

Drei  Kilometer  östlich  vom  Todtensteine  liegt  die  alte  Burg
Rabenstein.  Die  nach  Südost  gerichtete,  auf  einer  freistehenden
Felsenklippe  errichtete  kleine  Burg  ist  in  ihrem  Umfange  noch  genau
zu  erkennen.  Dieselbe  erhob  sich  inmitten  eines  noch  vorhandenen
Wallgrabens  auf  einem  Abhange  und  war  von  Nordwest  her  auf
einem  ansteigenden  Wege  zugängig,  so  daß  der  nordwestliche,  etwa
10  m  breite  und  20  m  lange  Burghof  etwa  10  bis  12  m  über  der
Grabenbrücke  lag.  Am  Südostende  dieses  Burghofes  stand  der  noch
vorhandene  sehr  dicke  Rundthurm,  der  Bergfried,  welcher  früher  eine
mit  Schiefer  gedeckte  Haubenkuppel  hatte,  gegenwärtig  aber  mit  einer
von  Zinnen  umgebenen  Plattform  geschlossen  wird.  Der  auf  Felsen
gegründete  Fuß  des  Thurmes  liegt  etwa  6  m  über  dem  Burghofe.
An  den  Rundthurm  schließt  sich  das  Hauptgebäude  der  Burg,  zwei
Stockwerke  hoch  und  fünf  Fenster  breit.  Schumann  (VII,  643)  sagt:
„Zu  mehr  Gebäuden  hat  die  Oberfläche  des  steilen,  ganz  nackten,
gegen  25  Ellen  (14,3  m)  hohen  Felsen  nicht  Raum  dargeboten  und
man  kann  es  deshalb  mit  dem  ehemaligen  Rechenberger  Schlosse  vergleichen.“


Gute  Aussicht  von  der  „Mondscheinlinde".

In  flacher  Thaleinsenkung  liegt  nordwestlich  von  Rabenstein,
5  km  entfernt,  die  Stadt  Limbach,  die  jüngste  der  erzgebirgischen
Städte,  mit  ihrem  höchsten  Theile  in  380  m  Meereshöhe.  Von  hier
zum  Taurasteine  7  km.

Nordwärts  von  Chemnitz  erstreckt  sich  das  breite  Auenthal  des
Chemnitzflusses  mit  seinen  waldbesetzten  niedrigen  Thalrändern,  in
welches  verschiedene  Nebenbäche  einmünden,  deren  Lauf  meist  mit  einer
Dorfansiedelung  besetzt  ist.  Auf  einem  mäßig  hohen  Vorsprunge  liegt
die  Kirche  von  Glösa,  wahrscheinlich  eins  der  ältesten  Denkmäler
des  Vordringens  des  Christenthums  in  diesen  Gegenden  der  sorbenwendischen
  Heiden,  über  deren  Religion  und  Götter  so  zahlreiche  und
verschiedene  Meinungen  von  den  Chronisten  verbreitet  worden  sind,
ohne  daß  eine  von  ihnen  eine  größere  Wahrscheinlichkeit  beanspruchen
könnte.  Nicht  weiter  entfernt  wie  Glösa,  aber  auf  dem  linken  Ufer
der  Chemnitz,  liegen  die  Reste  eines  Ringwalles,  der  alte  Burgwall,
welcher  wahrscheinlich  von  einer  sorbenwendischen  Befestigung  herrührt.
Es  ist  einer  der  wenigen  Ringwälle,  welche  am  Fuße  des  Erzgebirges
überhaupt  nachzuweisen  sind.  Er  bezeichnet  das  Vordringen  der
Slaven  bis  in  die  fruchtbare  Niederung  des  Chemnitzflusses  und  steht
mit  der  Behauptung  und  Vertheidigung  dieser  einzelnen  vorgeschobenen
Niederlassung  gegen  die  aus  Franken  und  Thüringen  vordringenden
        <pb n="498" />
        —  490  —

fränkischen  und  thüringischen  Schaaren,  sowohl  der  Verbreitung  des
Christenthumes,  als  auch  und  das  wohl  hauptsächlich  des  Ländererwerbes
  und  der  Ausdehnung  der  Machtsphäre  wegen,  im  engsten
Zusammenhange.  Nördlich  der  Grenze  des  erzgebirgischen  Waldgebietes
  sind  die  Vertheidigungslinien,  welche  das  zurückgedrängte
Slaventhum  nach  und  nach  einnahm,  an  der  Mulde,  an  der  Döllnitz
u.  s.  w.  bis  an  die  Spree  noch  an  zahlreichen  Rundwällen  u.  s.  w.
nachzuweisen.  Nach  einer  anderen  Annahme  wären  dieß  jedoch  die
Ueberreste  einer  Burg,  welche  im  13.  Jahrhundert  niedergebrannt
worden  sei.  Der  Umfang  der  noch  vorhandenen  Ueberreste  würde
dem  nicht  widersprechen,  wenn  wirklich  größere  Mengen  von  verglasten
  Backsteinziegeln  dort  gefunden  worden  wären;  doch  würde  in
diesem  Falle  die  Zerstörung  der  Burg  in  die  Zeit  des  Hussiteneinbruches
  zu  setzen  sein.

Wer  das  untere  Thal  des  Chemnitzflusses  kennen  lernen  will,
fährt  mit  der  Eisenbahn  bis  Station  Cossen  und  geht  von  da  nordwärts
  bis  in  das  von  steilen,  bewaldeten,  theilweise  felsigen  Abhängen
eingefaßte  Thal  hinab.  Von  der  Niedermühle  unterhalb  Wiedersberg
führt  ein  Weg  auf  dem  rechten  Ufer  der  Chemnitz,  4½  km  bis  zur
Brücke  von  Mohsdorf;  von  da  auf  dem  linken  Flußufer,  8  km  weit,
bis  zur  Markersdorfer  Brücke.  Von  da  die  Straße  auf  dem  rechten
Ufer  bis  zur  Kirche  von  Glösa  10  km,  und  von  dort  nach  Chemnitz
  3  km.  Die  schönsten  Stellen  des  Thales  sind  zwischen  Taura
und  Köthensdorf  und  an  der  Flußschleife  bei  Auerswalde.

In  den  Umgebungen  von  Chemnitz  sind  noch  verschiedene  andere
Punkte  besuchenswerth.  Nächst  der  Steinbruchhalde  (Engelshalde)  bei
Hilbersdorf  das  Aussichtsgerüst  auf  dem  Beuthenberge  und  der  Thurm
auf  dem  Adelsberge.  Beide  werden  als  Aussichtspunkte  gerühmt.
Mit  Berücksichtigung  kleiner  Verschiebungen  sieht  man  von  beiden
Augustusburg,  Seydaer  Höhe,  Bärensteinberg,  Haßberg,  Keilberg,
Fichtelberg,  davor  Pöhlberg,  Bärenstein,  Scheibenberger  Hügel,  sodann
Greifenstein,  Auersberg  u.  s.  w.

63.  Chemnitz.

In  dem  breiten,  auf  seiner  Westseite  von  scharfem  Rande,  auf
seiner  Ostseite  von  langgedehnten,  sanft  abfallenden  Hängen  eingeschlossenen
  Thalkessel  der  Chemnitz,  am  Einfluß  des  Kappel-,  Bernsund
  Gablenzbaches,  in  296  m  Meereshöhe,  liegt  die  Stadt  Chemnitz,
  mit  ihrem  ältesten,  wenn  auch  nicht  ursprünglichen,  sondern  im
frühen  Mittelalter  erbauten  Theile  einen  etwas  von  Südost  einge-
        <pb n="499" />
        —  491  —

drückten  Kreis  bildend.  Die  alte  durch  die  Stadt  führende  Hauptstraße
  wird  durch  die  Reihenfolge  der  drei  Märkte,  Holzmarkt,  Roßmarkt,
  Hauptmarkt,  bezeichnet,  und  führte  vom  Nicolaithore  bis  zum
Dresdner  Thore  in  leicht  gekrümmtem  Bogen;  die  größere  Hälfte  der
Stadt  lag  nördlich  derselben.  Von  Nord  nach  Süd  kreuzte  die  zweite
Hauptlinie  den  Hauptmarkt  auf  der  Westseite.  Die  vier  Thore  waren
ziemlich  ungleich  vertheilt  auf  dem  Umkreise  der  noch  1817  mit
Mauern  und  Gräben  umgebenen  Stadt.  Nach  Mollers  Chronik  von
Freiberg  ist  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  bei  Chemnitz  auch  Bergbau
  getrieben  worden.  Er  erwähnt  ein  Pochwerk  in  der  Nähe  der
Bierbrücke,  eine  Schmelzhütte  am  Niklasberge  und  einen  Kupferhammer
  unterm  Schloßberge.

Die  alte  Burg  Chemnitz  stand  nördlich  der  Stadt,  auf  der  Anhöhe,
  wo  später  das  Benedictinerkloster  gegründet  wurde;  angeblich
schon  990,  wahrscheinlich  erst  1125.  Von  der  Burg,  die  allem  Vermuthen
  nach  auf  der  Stelle  eines  sorbenwendischen  Gaugrafen=  oder
Herrenschlosses  errichtet  worden  ist,  vielleicht  schon  im  letzten  Viertel
des  10.  Jahrhunderts,  worauf  die  Jahreszahl  der  angeblichen  Klostergründung
  hindeutet,  ist  keine  Spur  mehr  vorhanden;  sind  doch  selbst
die  Gebäude  des  auf  seiner  Stelle  errichteten  und  erst  1548  säcularisirten
  Klosters  in  der  Hauptsache  verschwunden,  bis  auf  einen
kleinen  Rest.  Nur  die  Schloßkirche  giebt  eine  Andeutung  über  die
Großartigkeit  der  einst  hier  vorhandenen  Bauwerke.  Dieselbe  hat
jedoch  bedeutende  bauliche  Veränderungen  erlitten.  Aus  einem  romanischen
  Kirchenbau  entstand  eine  dreischiffige  Hallenkirche,  welche
1867  bis  1875  restaurirt  worden  ist.  Das  1525  errichtete  Hauptportal,
  mit  Astwerk,  Baumstämmen  und  Figuren  reich  geschmückt,  ist
künstlerisch  vortrefflich  durchgeführt,  und  „wirkt  bedeutend  durch  die
Verbindung  der  Darstellung  des  Erlöserwerkes,  welches  die  Engel
jubilirend  feiern“".  Die  Figur  der  h.  Jungfrau  ist  vor  Allem  weich
und  anmuthig.  (Steche  VII,  11.)  Im  nördlichen  Querschiff  ist
eine  in  Holz  geschnittene  Gruppe  der  Geiselung  bemerkenswerth.

Am  Juße  dieser  Burg  entstand  aus  dem  wahrscheinlich  auch  hier
schon  vorhandenen  sorbenwendischen  Orte  die  Stadt,  welche  ebenfalls
den  Namen  Chemnitz  erhielt;  urkundlich  Cemniz,  Kamenicz  2c.  von
kamena  —  das  Steinhaus,  wie  die  Burg  im  Gegensatze  zu  dem
damals  vorherrschenden  Hausbau  von  Holz=  und  Plackwerk  bezeichend
genannt  worden  ist.  Chemnitz  erhielt  1143  Marktrecht,  1264  Stadtrecht,
  wurde  1136  durch  Kaiser  Lothar  erweitert,  im  13.  Jahrhundert
  in  seinen  Befestigungen  verstärkt  und  wahrscheinlich  Ende  des
14.  Jahrhunderts  mit  einer  neuen  Stadtumwallung  versehen,  wofür
die  zwei  noch  vorhandenen  viereckigen  Mauerthürme  mit  ihrem  gegen
        <pb n="500" />
        —  492  —

3  m  starken  Mauerwerk  aus  Quadern  sprechen.  Oesfeld  sagt  in
seiner  historischen  Beschreibung  2c.  (Bd.  2,  S.  19):  „Die  Stadt  hat
(um  1400)  eine  gedoppelte  Mauer,  welche  4500  Ellen  im  Umfange
hat  und  mit  25  Thürmen  und  Schießscharten  versehen  ist.  Diese  ist
mit  einem  breiten  Zwinger  und  einer  etwas  niedrigen  Mauer,  auch
einem  Stadtgraben  umgeben.  Die  Stadt  hat  vier  Thore  und  ist  inwendig
  ganz  rund.  Sie  hat  vier  Vorstädte,  die  Johannis-,  Chemnitzer-,
  Nicolai=  und  Kloster-Vorstadt.“  1376  wurden  die  Mauern
verstärkt,  neue  Zwinger  und  Thore  angelegt,  und  in  der  nächstfolgenden
  Zeit  25  Thürme  in  dieselbe  eingebaut;  die  Thürme  zwischen
Nicolai=  und  Klosterthor  von  1415  an,  der  rothe  Thurm  1486;
die  eigentlichen  Thorthürme  jedoch  noch  später.  Der  Thurm  des
Chemnitzer  Thores  1521,  der  des  Klosterthores  1547,  der  des  Nicolaithores
  1593  und  der  vom  Johannisthore  1597.  In  den  Jahren
1429  und  1430  widerstand  die  Stadt  den  Angriffen  der  Hussiten,
wurde  1531  durch  einen  großen  Brand  verheert;  aber  besonders  im
dreißigjährigen  Kriege  1631,  1633,  1634,  1639  und  1643  durch
Feuersbrünste,  Plünderungen,  Kriegslasten  aller  Art,  Krankheiten  und
Nothstände  schwer  heimgesucht.  Nach  1711  besserte  man  die  Befestigungen
  sorgfältig  aus  und  lange  Jahre  hindurch  wurde  die  nach
den  Stadtvierteln  in  vier  Banner  eingetheilte  wehrhafte  Bürgerschaft
in  den  Waffen  geübt.  Der  nordische  und  der  siebenjährige  Krieg,
sowie  die  Kriege  der  Napoleonischen  Zeit  legten  der  Stadt  bedeutende
Opfer  auf,  welche  seit  dem  letzten  Viertel  des  18.  Jahrhunderts  einen
bemerkenswerthen  Aufschwung  zu  nehmen  begann.  Die  Befestigungen
verfielen.  Denn  wenn  auch  die  Zerstörungen,  welche  Mauern  und
Thürme  im  dreißigjährigen  Kriege  erlitten  hatten,  sorgfältig  gebessert
worden  waren,  so  trat  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  die  Baufälligkeit
  derselben  doch  in  dem  Maaße  hervor,  daß  man  1768  begann,
Thürme,  Basteien  und  Rondele  abzutragen.  1805  stürzte  der  Thurm
des  Johannisthores  ein.  1806  überließ  der  Staat  die  Befestigungen
der  Stadt,  welche  nunmehr  die  Ringmauer  zur  Hälfte,  die  Thürme
fast  sämmtlich  abtragen  ließ  und  Zwingerwall  und  Graben  als
Gärten  in  Erbpacht  gab.  1822  standen  nur  noch  drei  Thorthürme
und  der  Rothe  Thurm  (Frohnfeste).  Im  Jahre  1308  kam  Chemnitz,
  welches  wiederholt  an  die  Wettiner  verpfändet,  aber  immer  wieder
von  den  Kaisern  für  das  Reich  eingelöst  worden  war,  und  als  eine
kaiserliche  Stadt,  wenn  auch  nicht  als  freie  Reichsstadt  gegolten  hatte,
an  die  Markgrafen  von  Meißen,  da  Friedrich  der  Freidige  die  Stadt
auf  die  Nachricht  vom  Tode  König  Albrechts  unverzüglich  besetzte.
Aber  erst  1410  unterwarf  sich  Chemnitz  vollständig  den  Wettinern
und  nahm  zum  Zeichen  dessen  den  meißnischen  Löwen  nebst  dem
        <pb n="501" />
        —  493  —

Reichsadler  im  Wappen  auf.  1429  und  1430  wurde  die  Stadt
vergebens  von  den  Hussiten  angegriffen;  aber  im  dreißigjährigen
Kriege  fiel  sie  vier  Male  in  Feindes  Hand,  wurde  wiederholt  vollständig
  ausgeplündert  und  die  den  Drangsalen  des  Krieges  sich  zugesellende
  Pest  ließ  kaum  den  fünften  Theil  der  Bewohner  übrig.

Die  Kriegsdrangsale  dauerten  für  ganz  Sachsen  bis  die  schwedische
  Armee,  nach  Zahlung  der  Entschädigungssumme  1650,  das  Land
räumte.  Erst  jetzt  trat  auch  für  Chemnitz  die  langersehnte  Ruhe  ein.
Aber  die  Einwohnerschaft  war  ebenso  ruinirt,  wie  das  ganze  städtische
Gemeinwesen.  Nur  allmälig  vermochte  man  sich  aus  Zerstörung  und
Verderb  emporzuarbeiten.  Hunderte  von  Bürgerhäusern  lagen  noch
Jahre  lang  in  Schutt.  Die  Stadtbefestigung,  welche  vor  Beginn  des
Krieges  eine  stattliche  und  starke  gewesen,  war  durch  die  viermaligen
Beschießungen,  denen  sie  zwischen  1632  und  1644  ausgesetzt,  zum
großen  Theile  niedergelegt.  Breite  Breschen  lagen  noch  da,  wie  die
letzte  Beschießung  sie  geschaffen  hatte,  und  der  Verfall  griff  weiter
um  sich,  da  die  verarmte  Stadt  keine  Mittel  hatte,  die  Werke  wieder
herzustellen.

Dem  äußeren  Verfall  kam  der  innere  Ruin  gleich.  Die  Stadt
war  nicht  bloß  tief  verschuldet,  die  Einwohnerschaft  war  verarmt  und
vermindert,  in  den  Pestjahren  allein  um  11000  Bewohner.  Die
Entwerthung  des  Grundbesitzes  war  eine  außerordentliche,  die  Häuser
sanken  auf  /8  ihres  Werthes,  der  Familien=  und  Privatbesitz  ging
auf  ½8  und  selbst  ¼  des  früheres  Werthes  zurück.

Im  Anfange  des  18.  Jahrhunderts  wechselten  die  Truppendurchmärsche
  der  sächsischen,  wie  der  dänischen  und  russischen  Hülfstruppen,
  und  1707  nach  der  Besitzergreifung  Sachsens  durch  Carl  XII.
war  Chemnitz  über  ein  Jahr  lang  der  Hauptwerbeplatz  für  das  Erzgebirge
  und  von  einem  Regiment  Schweden  besetzt.

Der  zweite  Schlesische  Krieg  brachte  mit  den  wiederholten
Truppendurchmärschen  alle  seine  Unruhen,  Requisitionen  und  Plackereien
  über  Chemnitz,  wie  über  das  Erzgebirge;  aber  trotzdem,  daß
das  Land  wie  die  Städte  unter  der  Brühlschen  Mißwirthschaft  seufzten,
stieg  der  Wohlstand  von  Chemnitz  doch  einigermaßen  in  die  Höhe.
Da  kam  der  siebenjährige  Krieg  mit  seinen  Contributionen  und  Lieferungen,
  Truppendurchmärschen  und  Einquartierungen,  Brandschatzungen
und  Zwangs-Rekrutirungen,  welcher  mit  seinen  das  Land  furchtbar
drückenden  Lasten  nichts  als  Jammer  und  Elend  erzeugte.  Der
siebenjährige  Krieg  kostete  der  Stadt  über  1  Million  Thaler,  abgesehen
  von  den  Privatverlusten  ihrer  Bewohner,  welche  man  wahrscheinlich
  eben  so  hoch  veranschlagen  muß.

Noch  im  Jahre  1697  zählte  Chemnitz  nur  3250  Einwohner,
        <pb n="502" />
        —  494  —

welche  bis  1789  auf  11600  gewachsen  waren,  und  1816  gegen
16  000  betrugen.  Um  1830  zählte  man  etwa  30  000,  um  1850
gegen  50  000  und  1885  über  110  800,  so  daß  die  Bewohnerzahl
derselben  sich  seit  1697  verdreißigfacht,  seit  1789  verneunfacht,  seit
1850  verdoppelt  hat?).

Auf  der  Stelle  der  Burg  war  1125  ein  Benedictinerkloster  errichtet
  worden,  welches  hohen  Ruf  erlangte  und  großen  Grundbesitz
erwarb.  1548  wurde  es  säcularisirt;  Kurfürst  Moritz  wies  die  Einkünfte
  zu  geistlichen  Bedürfnissen  an  und  baute  1549  ein  Schloß  an
das  Kloster  an,  welches  den  Namen  Schloß  Chemnitz  auf  diesen  Ort
übertrug,  aber  im  Laufe  der  Jahrhunderte  vollständig  verschwunden
ist.  Noch  kurz  vor  der  Reformation  wurde  innerhalb  der  Stadt
1481  (oder  1483)  ein  Franziskanerkloster  (nach  Anderen  Barfüßeroder
  Minoritenkloster)  gegründet;  aber  schon  „1540,  den  19.  April,
sind  die  Mönche  aus  diesem  Kloster  weg  und  nach  Böhmen  gewandert,
darauf  haben  es  Privatpersonen  bewohnt,  bis  es  1643  bei  der  großen
Feuersbrunst  mit  abbrannte“.  (Oesfeld.)

Wiederholte  große  und  kleine  Feuersbrünste  haben  den  größten
Theil  aller  der  Vorzeit  entstammenden  Gebäude  zerstört;  ein  fast
eben  so  großer  Theil  ist  bei  Neubauten  und  Umbauten  der  Vernichtung
  anheim  gefallen,  so  daß  von  Baulichkeiten  eigentlich  keine  mehr
dem  Mittelalter  angehört;  vielleicht  die  Laubengänge  am  Markte.
Selbst  die  nach  dem  Brande  von  1397  neu  aufgebaute  Kirche  zu
St.  Jacob  ist  durch  die  1667  stattgefundene  große  Reparatur  vollständig
  verändert  und  erst  durch  den  1877  bis  1880  unternommenen
Umbau  wieder  in  ein  mittelalterliches  Ansehen  gebracht  worden.

Unter  den  Neubauten  ziehen  das  Carola-Hotel  (nach  einem
mittelalterlichen  Bürgerhause  in  Osnabrück  erbaut)  und  die  auf  dem
Schillerplatze  neu  erbaute  frühgothische  Kirche  Sct.  Petri  die  Aufmerksamkeit
  auf  sich.  Außerdem  herrscht  in  allen  Bauwerken  praktischer,
  nüchterner  Sinn  vor:  das  Zweckmäßige,  den  Bedürfnissen  Entsprechende,
  Nützliche  und  Nutzbare  wiegt  vor.

Schon  im  frühen  Mittelalter  kennzeichnete  sich  Chemnitz  als
Industriestadt.  Trotz  der  schweren  Verluste  und  Leiden,  welche  die
verschiedenen  Kriege  über  die  Stadt  brachten  und  trotz  der  großen
Anforderungen,  welches  gerade  das  18.  Jahrhundert  stellte,  war  es
gerade  dieses,  in  welchem  sich  eine  vollständige  Umwandlung  der  Chemnitzer
  Industrieverhältnisse  vollzog.  Daß  sich  Chemnitz  überhaupt
durch  alle  die  schwierigen  Zeiten  nach  dem  dreißigjährigen  Kriege

)  C.  W.  Zöllner,  Geschichte  der  Fabrik=  und  Handelsstadt  Chemnitz.
Chemnitz,  Treitzsch,  1888.
        <pb n="503" />
        —  495  —

rüstig  hindurch  arbeiten  konnte,  verdankte  es  der  von  Alters  her  stammenden
  Rührigkeit  der  Gewerken  und  industriellen  Erziehung  und
Heranbildung,  wie  der  eigenthümlichen  Anstelligkeit  von  Alt  und  Jung,
welche  sich  jederzeit  befleißigte,  in  neue,  ungewohnte  Verhältnisse  sich
schnell  hinein  zu  finden  und  die  nutzbringende  Seite  derselben  zu  erfassen.


Die  fortgeschrittene  Technik  des  Baues  von  Maschinen  und  Hülfsmaschinen,
  sowie  die  durch  die  Eisenbahnen  hervorgerufene  großartige
Verkehrsentwickelung,  unterstützt  von  der  Gestaltung  der  politischen
und  merkantilen  Verhältnisse  haben  die  Chemnitzer  Industrie  vom
Auslande  unabhängig  gemacht  und  ihr  den  großartigen  Aufschwung
der  neuesten  Zeit  verliehen.

Die  vier  großen  Chemnitzer  Hauptindustriezweige  —  Spinnerei,
Weberei,  Wirkerei  und  Maschinenbau  —  haben  eine  so  bedeutende  Anzahl
  von  Hülfs=  und  Ergänzungs-Industriezweigen  im  Gefolge,  daß
es  nicht  möglich  wird,  sie  alle  hier  aufzuführen,  wenn  sie  auch  bei
Besprechung  der  einzelnen  Hauptindustrieen  möglichst  berücksichtigt  werden
  sollen.  Wie  groß  und  umfangreich  einzelne  derselben  sind,  erhellt
schon  daraus,  daß  z.  B.  53  Cartonfabriken  die  zahllosen  Cartons
fertigen,  welche  zum  Einpacken,  wie  zum  Aufputz  der  fertigen  Waaren
dienen,  ungerechnet  die  bedeutenden  Massen  von  Cartons,  Pappschachteln
  u.  s.  w.,  welche  von  auswärts  bezogen  und  hauptsächlich  in  der
Wirkwaarenindustrie  in  außerordentlich  großen  Mengen  verbraucht
werden.  Zahlreiche  lithographische  Anstalten  und  Druckereien  sind  beschäftigt,
  die  Etiketten,  von  den  einfachsten  bis  zu  den  aufs  Reichste
verzierten  Bunt=  und  Farbendrucken,  herzustellen.  Von  den  16chemischen
  Fabriken  sind  die  Orseille=  und  Anilinfabrik  von  Th.  Peters,
sowie  die  Tintenfabrik  von  Ed.  Beyer  zu  nennen;  auch  die  Fabrik
von  Büffelhautkörben  oder  sog.  Skips  von  White  Child  &amp;amp;  Co.

Wer  die  Chemnitzer  Industrie  einigermaßen  will  kennen  lernen,
wird  gut  thun,  mehrere  Tage  diesem  Studium  zu  widmen  und  zu
diesem  Zwecke,  mit  dem  Stadtplane  in  der  Hand,  ein  Programm  zu
entwerfen,  um  nicht  unnöthige  Wege  zu  machen,  und  die  Zeit  dergestalt
  einzutheilen,  daß  Vormittags  die  verschiedenen  Etablissements
besucht,  Nachmittags  kleinere  oder  größere  Ausflüge  in  der  Umgegend
gemacht  werden,  welche  durch  die  guten  und  zahlreichen  Eisenbahnverbindungen
  erleichtert  sind  und  für  die  Anstrengungen  des  Vormittags
  ein  Gegengewicht  schaffen.  —-Die

  königl.  Höhere  Gewerbschule  und  ihre  mechanische,  chemisch
und  baugewerkliche  Abtheilung,  die  königl.  Werkmeisterschule  mit  ihrer
mechanischen  Abtheilung  für  Maschinenbauer,  Schlosser,  Spinner  u.  s.  w.
sowie  für  Müller  und  die  Höhere  Webschule  können  auf  Anmeldung
        <pb n="504" />
        —  496  —

besucht  werden.  Die  Schule  für  Färber  und  Seifensieder  ist  nur
während  des  Winterhalbjahres  geöffnet.

Der  Productionsvortheil  der  Chemnitzer  Industrie  besteht  in
erster  Linie  im  Vorhandensein  einer  zahlreichen  geschulten,  intelligenten,
fleißigen  und  verhältnißmäßig  billigen  Arbeiterbevölkerung  im  mittleren
  Theile  des  Erzgebirges).

Von  dieser  hat  sich  im  Laufe  der  letzten  50  Jahre  ein  Theil
in  die  Stadt  gezogen,  während  ein  anderer  großer  Theil  auf  dem
Lande  zurückgeblieben,  als  Producent  wie  als  Consument  mit  Chemnitz
  in  inniger  Verbindung  steht.

Seine  industrielle  Stellung  und  seinen  Weltruf  verdankt  Chemnitz
  besonders  dem  Umstande,  daß  es  der  Mittelpunkt  der  sächsischen
Wirkwaaren-Industrie  ist,  die  soweit  sie  für  den  Weltmarkt  arbeitet,
1882  rund  38.000  Arbeiter  beschäftigte.  In  der  Stadt  selbst  hatten
die  40  bedeutenderen  Fabriken  Ende  vorigen  Jahres  rund  5500
Arbeiter;  der  in  den  letzten  4  Jahren  eingetretene  Zuwachs  von  ca.
1000  Arbeitern  fällt  zu  einem  großen  Theile  auf  die  Tricotagenfabriken.
  Der  Productionswerth  der  Wirkwaaren-Industrie  einschließlich
  des  Materiales  ist  nach  den  zuverlässigsten  Ermittelungen  von
7⅛  Millionen  Mark  im  Jahre  1851  auf  45  Mill.  Mark  1879
und  mindestens  70  Mill.  Mark  im  letzten  Jahre  gestiegen.  Nach  den
Vereinigten  Staaten  allein  versendet  Chemnitz  mehr  baumwollene
Wirkwaaren,  als  England  nach  allen  Theilen  der  Erde.  Die  größte
Gefahr,  welche  Chemnitz  bedroht,  ist  der  Umstand,  daß  in  den  Vereinigten
  Staaten  selbst  die  Wirkwaaren-Industrie  sich  immer  mehr
entwickelt.  Doch  wird  die  sächsische  Industrie  voraussichtlich  die  Oberhand
  behalten  auf  denjenigen  Gebieten,  auf  denen  der  Productionsvortheil
  der  verhältnißmäßig  billigen,  geschickten  Arbeit  den  Ausschlag
  giebt.

In  der  Weberei  der  Stadt  hat  die  Herstellung  von  Möbelstoffen
fast  ausschließliche  Bedeutung.  In  Folge  Verdrängung  der  Handweberei
  hat  die  Zahl  der  in  der  Weberei  überhaupt  beschäftigten
Personen  seit  40  Jahren  eher  ab=  als  zugenommen;  die  wirthschaftliche
  Lage  der  Arbeiter  hat  sich  jedoch  bedeutend  gebessert.  Der  Productionswerth
  der  in  Chemnitz  und  für  Chemnitzer  Rechnung  in  der
Umgegend  gefertigten  Möbelstoffe  ist  auf  etwa  20  Mill.  Mark  zu
veranschlagen;  dieselben  finden  ihren  Absatz  überwiegend  im  Inland,
zu  einem  sehr  großen  Theil  aber  auch  in  den  allerverschiedensten
Theilen  der  Erde.  Hervorzuheben  ist  der  günstige  Einfluß,  welchen

*)  Vortrag  von  Prof.  Dietzmann  im  Sächs  Ingenieur=  und  Architekten-Verein,
  am  14.  Juli  1889.
        <pb n="505" />
        —  497  —

das  Musterschutzgesetz,  sowie  direkt  und  indirekt  die  Königl.  Kunstgewerbeschule
  in  Dresden  ausübt.

Als  Hülfsgewerbe  der  Textilindustrie  haben  sich  in  der  Stadt
besonders  Färberei  und  Appretur  einerseits  und  der  Maschinenbau
andererseits  entwickelt.  Letzterer  beschäftigt  im  Ganzen  nur  einen
kleinen  Bruchtheil  der  deutschen  Maschinenbauarbeiter,  1882  nur  etwa
4  Procent,  ansehnlich  weniger  als  allein  die  deutschen  Nähmaschinenfabriken,
  aber  vielleicht  ein  Viertel  aller  im  Bau  von  Spinnerei=  und
Webereimaschinen  Thätigen.  Auf  dem  Gebiete  der  Textilindustrie  hat
der  Chemnitzer  Maschinenbau  auch  die  meisten  Originalconstructionen
geliefert.  Die  Zahl  der  Maschinenbauarbeiter  in  Chemnitz  betrug
1871  gegen  7000,  sank  1878  auf  gegen  5000,  hat  sich  aber  seitdem
  ziemlich  stetig  wieder  gehoben,  bis  auf  10  500  Mitte  dieses
Jahres.  Der  jährliche  Productionswerth,  der  1877  schwerlich
15  Mill.  Mark  betrug,  ist  für  1887  auf  etwa  22,  und  für  jetzt  auf
etwa  27  Mill.  Mark  zu  veranschlagen.

Die  Entwickelung  der  Stadt  Chemnitz  ist  in  besonderem  Maaße
den  durch  das  Deutsche  Reich  geschaffenen  politischen  Verhältnissen  zu
danken.

64.  Die  Spinnerei.

Die  Leinenindustrie,  der  älteste  bekannte  Industriezweig  der  Stadt,
besteht  bereits  im  11.  Jahrhundert.  Schon  1048  wird  ein  Chemnitzer
  Bleichamt  erwähnt.  Daß  die  Garnbleichen  bei  der  Stadt  Chemnitz
„in  guter  Verfassung“  und  die  Markgrafen  Friedrich  und  Balthasar
Theilhaber  an  denselben  sind,  bestätigt  eine  Urkunde  von  1358.  Im
Jahre  1405  gab  es  nur  eine,  aber  sehr  bedeutende  und  umfangreiche
Bleiche,  welche  aus  drei  Antheilen  bestand,  von  denen  ein  jeder  150
Schock  Groschen  kostete.  Der  Landesherr  erhielt  von  der  Bileicherei,
ganz  wie  vom  Bergbau,  den  Zehnten;  die  Bleicherei  selbst  wurde  vom
Bleichgericht  überwacht,  das  jedes  gebleichte  Stück  mit  dem  Siegel
der  „Bleichgewerken  in  Chemnitz“  versah.  Kurfürst  Friedrich  der
Sanftmüthige  untersagte  die  Ausfuhr  von  rohen  Garnen,  um  die
Chemnitzer  Bleicherei  zu  heben,  und  die  späteren  Landesherren  bestätigten
  und  erweiterten  die  Bleichprivilegien.  Im  Jahre  1817  gab
es  außer  den  vielen  Bleichen,  welche  zu  den  Kattunfabriken  gehörten,
und  den  anderen,  vorzüglich  der  Strumpfwaarenfabrikation  dienenden
Bleichen  auf  den  nächstliegenden  Dörfern  in  Chemnitz  sieben  große
Communalbleichen  und  vier  große  Privatbleichen.  Jede  Bleiche  hatte
ein  großes  Trockenhaus,  oder  auch  einen  Trockenthurm  aus  Lattenwerk.
  Aber  schon  um  1800  fing  man  auf  einigen  Fabriken  mit  der

32
        <pb n="506" />
        —  498  —

Fixbleiche  an  (Schnellbleiche  mit  dephlogistisirter  Salzsäure).  „Schnell
und  wohlfeil“  sagt  Schumann  (Bd.  4,  S.  526).  „Es  wird  aber
wenig  Gebrauch  gemacht.“  Das  Chemnitzer  Adreßbuch  für  1886
neunt  sieben  Bileichereien.

Die  Gespinnste  wurden  natürlich  durch  Handspinnerei  gewonnen,
und  erst  sehr  spät  hat  die  aus  dem  frühesten  Alterthum  stammende
Weberei  sich  anderer  als  mit  der  Handspindel  oder  mit  dem  Handspinnrad
  gewonnener  Garne  bedient.

Einen  bedeutenden  Umschwung  in  der  Textilindustrie  hatte  schon
die  Erfindung  der  Handspinnmaschine  hervorgerufen.  In  England
wurde  1761  für  Erfindung  einer  Maschine  oder  eines  Instrumentes,
mittels  dessen  eine  einzige  Person  sechs  Fäden  von  Wolle,  Flachs,
Hanf  oder  Baumwolle  gleichzeitig  spinnen  könnte,  ein  Preis  ausgesetzt.
Die  einfache  Handspinnmaschine,  welche  der  Erfinder  J.  Hargreaves
nach  seiner  Tochter  Jenny  nannte,  wurde  schon  1775  durch  die
von  Arkwrihgt  erfundene  und  in  Nottingham  angelegte  Spinnmihle,
auf  welcher  Cylinder  spannen,  und  durch  die  mit  Wasserkraft  getriebene
  Spinnmaschine  weit  überflügelt.  Man  baute  jetzt  Handgetriebe
  (Mules),  Klappenwerke  (Tennys),  welche  einen  lockern,  zum
Einschlag  tauglichen  Faden  spannen,  und  Garnmühlen  (Water  frames).
Arkwrihgt  erfand  die  Watermaschine,  den  Hacker  an  der  Krempel,  die
Krempelmaschine;  1779  Crompton  die  Mulemaschine;  1797  Snodgras
  die  Schlagmaschine.  1825  führte  Dyes  in  Manchester  die
Röhrenmaschine  (ttube  frame)  ein  und  Roberts  erhielt  das  erste
Patent  auf  die  selt  acting  mule.  In  Sachsen  waren  zu  dieser
Zeit  kleine  Handmaschinen  von  10  bis  20  Spulen  zum  Spinnen  der
Baumwolle  im  Gebrauch.

Der  erste  Gedanke  zum  Bau  der  verbesserten  englischen  Handspinn=
  und  Handkrempelmaschinen  wurde  durch  Erzählungen  von  den
englischen  Maschinen  1791  in  Chemnitz  angeregt,  und  kurze  Zeit
darauf  fertigten  Forkel  und  Irmisch  Krempel=  und  Spinnmaschinen.
Binnen  10  Jahren  wurden  in  Chemnitz,  Frankenberg,  Oederan  u.  s.  w.
über  4000  Handspinnmaschinen  und  über  300  große  Krempelmaschinen
aufgestellt.  Da  die  Handspinnmaschine  in  der  Regel  42  Spindeln
zählte,  so  waren  168  000  Spindeln  im  Betriebe.  Gebrüder  Pflugbeil
  in  Chemnitz  lieferten  vorwiegend  stärkere  Garnsorten.  Noch
1807  waren  über  50  000  Menschen  im  Erzgebirge  und  dem  anstoßenden
  Vogtlande  mit  dem  Spinnen  von  baumwollenen  Garnen
mit  der  Hand  beschäftigt,  und  wenige  Jahre  darauf  wurde  das  Handgespinnst
  nur  zu  den  geringeren  Geweben  verwendet.

Im  Jahre  1782  fand  die  Spinnmaschine  überhaupt  die  erste
Verwendung,  1787  die  Krempelmaschine.  1790  waren  von  der  von
        <pb n="507" />
        —  499  —

Frey  in  Mittweida  construirten  Handspinnmaschine  etwa  50  im
Gange  und  1800  wurde  die  erste  Spinnmaschine  nach  englischem
Muster  mit  Betrieb  durch  Wasserkraft  als  Spinnerei  für  Watertwist
(Baumwolle)  mit  Krempel-,  Vorspinn=  und  Spinnmaschine  angelegt.
1802  erbaute  Watson  die  Baumwollspinnerei  in  Harthau  für  Mulegarn,
  und  1812  der  bis  dahin  in  Harthau  angestellte  Eli  Evans
die  erste  Baumwollspinnerei  im  oberen  Erzgebirge,  in  Siebenhöfen
bei  Geyer.  Die  Spinnerei  nahm  einen  wesentlichen  Aufschwung,  als
man  nunmehr  die  Watermaschinen  in  Mulemaschinen  umbaute.  1821
wurden  die  Baumwollspinnereien  Chemnitz,  Flöha,  Erfenschlag,  Einsiedel,
  Dittersdorf  erbaut;  1822  die  erste  Dampfmaschine  zum
Spinnereibetriebe  aufgestellt.

In  der  Flachsspinnerei  wurde  die  Handspinnerei  aufgegeben,
  weil  sie  nicht  mehr  entsprechend  lohnte.  Nur  noch  selten  sieht
man  die  Spindel  oder  das  Spinnrad  sich  drehen.  Die  Maschinenspinnerei
  des  Flachses  beruht  auf  denselben  Arbeitsvorgängen,  wie  die
Maschinenspinnerei  der  Baumwolle;  Bandbildung,  Theilen  und
Strecken,  Vorspinnen  und  Feinspinnen.  Die  erzgebirgischen  Flachse,
welche  bei  richtiger  Behandlung  von  Acker,  Saat  und  Flachs  vor,
während  und  nach  der  Ernte  vorzügliche  sein  würden  und  die  russischen
  Flachse  recht  gut  verdrängen  könnten,  sind  größtentheils  geringe.
Es  ist  nothwendig,  dem  Anbau  dieser  wichtigen  Gespinnstpflanze  die
angemessene  Sorgfalt  zu  widmen.

Erst  in  der  neuesten  Zeit  haben  sich  die  Geschäfte  der  Flachsgarnspinnereien
  befriedigender  gestaltet,  obgleich  die  Flachsgarne  immer
gesucht  waren.  Bei  der  geringen  Qualität  der  Flachse  wurden  naturgemäß
  mehr  Werggarne  (Towgarne)  gewonnen,  als  Flachsgarne.  Die
Garnpreise  sind  zurückgegangen.  Nur  wenn  der  Flachs  rationell  gebaut
  und  behandelt  wird,  kann  die  Flachsspinnerei  mit  Nutzen  arbeiten.
  Mehrere  erzgebirgische  Flachsspinnereien  haben  den  Spinnereibetrieb
  eingestellt  und  andere  Fabrikationszweige  angenommen.

Von  den  im  Jahre  1870  auf  dem  Erzgebirgsabhange  befindlichen
  14  mechanischen  Flachsspinnereien  mit  fast  28  000  Spindeln
waren  seit  1878  nur  noch  acht  mit  ungefähr  18  000  Spindeln  im
Gange.  1880  stellten  wieder  einige  den  Betrieb  ein,  so  daß  gegenwärtig
  wohl  nur  noch  die  Spinnerei  in  Wiesenbad  (mit  5000  Spindeln),
  Marienberg,  Finsterau,  Wolkenstein,  Freiberg  und  Chemnitz  noch
im  Betriebe  sind.

Die  Baumwollspinnerei  hatete  in  der  ersten  Hälfte  dieses
Jahrhunderts  einen  außerordentlichen  Aufschwung  genommen.  Wieck
nennt  (S.  118  ff.)  nachstehende  Baumwollspinnereien  im  Erzgebirge.
Chemnitz  (3),  Alt-Chemnitz  (4),  Harthau  (3),  Burkhardsdorf  (5),

32“
        <pb n="508" />
        —  500  —

Kappel,  Kändler,  Mühlau,  Schönau,  Siegmar,  Neukirchen,  Pleißa,
Wittgensdorf,  Stollberg,  Thalheim  (3),  Nieder-Zwönitz,  Gornsdorf
  (3),  Lugau,  Zschopau  (5),  Porschendorf,  Einsiedel  (5),  Weißbach
  (2),  Dittersdorf,  Altenhain,  Erdmannsdorf  (3),  Hennersdorf,
Cunnersdorf  (2),  Witzschdorf,  Krummhennersdorf,  Plaue,  Flöha,
Gückelsberg,  Falkenau  (2),  Hohenfichte,  Braunsdorf,  Dreiwerden,
Draisdorf,  Mittweida  (2),  Furth,  Sachsenburg,  Schlettau,  Geyer  (2),
Venusberg,  Hilmersbach,  Hüttengrund,  Marienberg  (2),  Herold  (2),
Wünschendorf,  Rittersberg,  Himmelmühle  bei  Wiesenbad,  Sehma,
Thum,  Wiese,  Scharfenstein,  Wilischau,  Rothenthal,  Lichtenstein  (2),
Hartmannsdorf,  Lauter,  Dreiwerden,  Hermsdorf,  Mülsen  (6),  Aue,
Hermersdorf,  Wegefahrt.  —  Im  Ganzen  103.  Von  diesen  hatte  die
kleinste  (Hartmannsdorf)  nur  384  Spindeln,  12  weniger  als  1000,
52  zwischen  1000  und  4000  Spindeln,  34  zwischen  4001  und
10  000  Spindeln,  und  4  mehr:  Becker  in  Chemnitz  10  248,  Neubert
in  Harthau  11  200,  Himmelmühle  13  400,  Scharfenstein  16  000.

Um  1860  faßte  die  Baumwollenspinnerei  vorzüglich  in
den  Thälern  der  Chemnitz,  Zschopau,  Zwönitz,  Wilzsch,  Flöha  und
Mulde,  sowie  in  einzelnen  Nebenthälern  noch  Fuß;  davon  20  mit
150  000  Spindeln  an  der  Zschopau,  11  mit  50  000  Spindeln  an
der  Wilzsch;  27  an  der  Chemnitz,  19  an  der  Flöha,  9  an  der  westlichen
  Mulde.  Die  Mehrzahl  derselben  arbeitete  mit  Wasserkraft  und
hatte  3500  bis  4000  Spindeln.  Größere  Anlagen  verwendeten
Dampfkraft;  die  Actienspinnerei  zu  Chemnitz  mit  50  000  Spindeln.
Die  Gesammtzahl  der  in  Bewegung  gesetzten  Spindeln  kann  man  auf
650  000,  die  Arbeiter  auf  12  000,  die  Größe  der  Arbeitsleistung  auf
10  Millionen  Kilogramm  Garn,  den  Werth  derselben  auf  18  Mill.
Mark  veranschlagen.  Im  Jahre  1888  waren  35  Baumwollenspinnereien
  mit  ca.  500  000  Spindeln  im  Gange.

Die  Baumwolle,  d.  i.  die  meist  weiße,  dichte  lange  Wolle,  welche
den  Fruchtsamen  der  Baumwollenstaude  einhüllt  und  nach  dem  Aufspringen
  der  Fruchtschale  mächtig  sich  ausdehnend  hervorquillt,  wird
gereinigt  und  in  Ballen  versendet.  Man  unterscheidet  nordamerikanische,
  darunter  die  lange  Georgia  als  die  werthvollste  aller  Baumwollensorten,
  brasilianische,  die  beste  südamerikanische,  ägyptische,  ebenfalls
  eine  sehr  geschätzte  Gattung,  und  die  geringeren,  mittelamerikanische,
  west=  und  ostindische,  levantinische  Baumwolle  u.  s.  w.  Die
Baumwolle  wird  zunächst  aufgelockert  und  gereinigt.  Die  Mölfe
(devils)  und  Zaußler  (willows)  zerrupfen  die  Wolle,  lockern  den  Faden
auf,  entfernen  die  größeren  Unreinlichkeiten.  Reinigungsmaschine.
Die  Schlagmaschinen  (batteurs)  blasen  den  Staub  vollends  heraus.
Die  erste  Schlagmaschine  (batteur  Eplucheur)  giebt  ihr  Product  an  die
        <pb n="509" />
        —  501  —

zweite  (batteur  étaleur).  welche  die  gereinigte  Baumwolle  durch  Druckwalzen
  in  eine  dünne  Watte  vereinigt  und  auf  Cylinder  aufwickelt.
Bei  einer  anderen  Construction  der  Schlagmaschine  (double  seutcher)
werden  beide  Arbeiten  von  ein  und  derselben  Maschine  nach  und  nach
ausgeführt.  Die  Wattenwickel  werden  nun  auf  Krempeln,  Kard=  und
Kratzmaschinen  durchgearbeitet,  und  durch  Trichter  gehend  zu  einem
Bande  zusammengezogen.  Der  Speiseregulator  bewegt  das  Speisetuch
mit  veränderlicher  Geschwindigkeit,  und  zwar  im  umgekehrten  Verhältniß
  zur  Dicke  der  zwischen  den  Speisewalzen  befindlichen  Baumwollenschicht.
  Diese  Bänder  werden  durch  Wiederholung  dieses  Processes
  zu  immer  dünneren  Bändern  gestreckt,  während  gleichzeitig  drei
dergleichen  Bänder  zu  Einem  verbunden  werden.  Die  Karde  (carding
engine)  bringt  die  Fasern  in  parallele  Lage,  reinigt  die  Baumwolle
von  den  ihn  noch  anhängenden  Unreinigkeiten  und  bildet  das  Band,
welches  für  feinere  Garnnummern  durch  die  Doublirmaschine  (derby
doubler)  mit  zweimaligem  Karden  noch  besonders  bearbeitet  wird.
Die  Streckbank  (drawing  frame)  giebt  dem  Bande  nun  die  erforderliche
  größere  Gleichmäßigkeit.  Durch  weiteres  Drehen  und  Strecken
vermittelst  der  mit  verschiedener  Geschwindigkeit  sich  bewegenden
Walzenpaare  wird  der  Faden  allmälig  hergestellt  und  sogenanntes
Vorgarn  gewonnen.  Die  Spindelbänke  oder  Differentialflyer  (Jack
trame)  bewirken  das  Vorspinnen  in  den  verschiedenen  Stadien,  welche
durch  Grob-,  Mittel  -,  Fein=  und  Doppelfein-Flyer  hervorgerufen
werden.  Der  Flher  ist  eine  sehr  complicirte  und  wichtige  Maschine
auf  dem  Gebiete  der  Spinnerei.  Das  Vorgarn  wird  nunmehr  auf
den  Mule=  oder  Water-Maschinen  fein  gesponnen.  Die  von  Sharp
und  Roberts  erfundenen  Selfacting  Mules  verbinden  Strecken,  Drehen
und  Aufwinden  des  Fadens  durch  Maschinenarbeit.  Die  Mule-Jenny
oder  Mule-Spinnmaschine  besteht  aus  einem  feststehenden  Gestelle  und
einem  vor=  und  zurückbewegten  Wagen  mit  200,  300,  aber  auch  mit
500  und  600  Spindeln.  Der  Wagen  fährt  aus,  der  Docht  wird
gestreckt  und  gedreht;  der  Wagen  fährt  zurück,  das  Garn  wird  auf
den  cylindrischen  Kötzer  (copf  gewunden.  Der  selbstwirkende  Spinnstuhl
  (Seltactor,  Selfacting  mule)  wird  durch  Wasser=  oder  durch
Dampfkraft  in  Bewegung  gesetzt.  Die  Drosselmaschine  (der  throstle-Spinnstuhl),
  in  der  Hauptsache  ebenso  wie  die  Watermaschine,  in  der
Construction  dem  Flyer  ähnlich,  wird  zum  Feinspinnen  von  Garnen,
aber  nur  bis  Nr.  40  verwendet.  Die  vorwiegend  angefertigten
Drossel-(throstle-garne  sind  Nr.  20  bis  Nr.  30  (Water  twist)“).

*)  J.  C.  Schedel,  Geschichte  der  Baumwolle,  1796.
H.  Grothe,  Spinnerei,  Weberei  und  Appretur,  1861.
        <pb n="510" />
        —  502  —

Die  Mehrzahl  der  Baumpwollenspinnereien  liefert  vorzugsweise
Webegarne,  und  zwar  um  1860  ungefähr  94.  Von  diesen  arbeiteten
4  Webe=  und  Barchentgarn,  4  Docht=  und  Strickgarn,  3  Fransen—
garn,  11  Strumpfgarn,  19  Webe=  und  Strumpfgarne.  Gegenwärtig
spinnt  man  Strumpfgarne,  einfache  Webgarne,  zweifache  Zwirne  und
zweicylindrige  Garne.  Die  verarbeitete  Baumwolle  ist  zum  Theil
langfaserige  amerikanische,  zum  Theil  kurzfaserige  gelbe,  chinesische,
seltener  ostindische  und  indische.  Die  Länge  und  Beschaffenheit  der
Faser  im  engsten  Zusammenhange  mit  der  Leichtigkeit  der  Enthülsung
bilden  die  Hauptanforderungen  an  die  zu  verspinnende  Baumwolle;
die  Bedürfnisse  des  Absatzes  an  das  erzielte  Gespinnst  in  Bezug  auf
Stärke,  Dichtheit  und  äußere  Beschaffenheit  des  Fadens.  Die  deutschen
  Spinnereien  haben  ohne  Ausnahme  englische  Weife  und  enges

  Numerirungssystem.  Die  Durchschnittsnummer  des  Gespinnstes
der  sächsischen  Baumwollspinnereien  wird  auf  23  angegeben,  d.  h.
1  englisches  Pfund  Baumwolle  ist  zu  einem  Faden  versponnen,  welcher
23  Mal  2520  engl.  Fuß  mißt,  also  57  960  engl.  Fuß  —=  17  665  m.
(Vgl.  Sachsen  und  Thüringen,  Grundzüge  einer  Vaterlandskunde,
1862,  III,  S.  67.)

Der  nordamerikanische  Krieg  rief  in  der  Baumwollenindustrie
eine  so  bedeutende  Krisis  hervor,  daß  ein  großer  Theil  der  sächsischen
Baumwollenspinnereien  zum  Stillstand  kam.  Von  den  720  000  Feinspindeln,
  welche  1862  im  Gange  waren,  befanden  sich  1876  nur
noch  420  000  in  Betrieb,  welche  Zahl  sich  seitdem  sogar  noch  um
etwas  vermindert  hat.  Ein  großer  Theil  der  unter  den  ungünstigen
Verhältnissen  außer  Betrieb  gekommenen  Spinnereien  ist  nach  und
nach  zu  anderen  Zwecken  umgebaut  worden.  Aber  auch  Chemnitz  ist
nicht  mehr  der  Centralpunkt  für  Garne,  wie  die  Stadt  es  früher
war,  und  die  mächtigen  Spinnereien,  welche  an  anderen  Orten  nach
und  nach  entstanden  sind,  machen  ihren  Einfluß  auf  die  hiesige
Spinnerei-Industrie  fühlbar.  Während  Deutschland  etwa  43¾/  Millionen
  Baumwollenspindeln  besitzt,  also  sechs  Mal  so  viel,  wie  die
erzgebirgische  Baumwollenspinnerei,  hat  Großbritannien  gegen  40  Millionen
  Spindeln,  oder  fast  10  Mal  so  viel  als  ganz  Deutschland.
Wenn  nun  (nach  Beutner,  Das  Zollbündniß  der  Ostmächte.)
18  Spindeln  hinreichen,  um  den  Bedarf  von  100  Menschen  zu  decken,

F.  Kohl,  Spinnerei  und  Weberei,  1861.

J.  D.  Fischer,  Der  praktische  Baumwollenspinner,  1855.
K.  Neste,  Die  englische  Baumwollenmanufactur,  1865.
Fischer,  Die  Fortschritte  der  Baumwollspinnerei.
Baines,  Geschichte  der  Baumwollenmanufactur.
Bischoff,  Das  Manufacturwaaren-Geschäft.
        <pb n="511" />
        —  503  —

so  braucht  Deutschland  nur  noch  etwa  3  Millionen  Spindeln,  um  den
eigenen  Bedarf  zu  versorgen,  während  Großbritannien  34  Millionen
Spindeln  zu  viel  hat,  mit  deren  Erzeugnissen  es  den  Markt  der  anderen
  Nationen  bedrückt.  Die  Lage  der  Baumwollenspinnerei  hat  sich
daher  von  Jahr  zu  Jahr  verschlechtert,  der  Fortbetrieb  der  Spinnereien
  wurde  nur  mit  schweren  Opfern  und  zum  Theil  durch  Beschränkung
  der  Arbeitszeit  ermöglicht.  Die  fortdauernde  wirthschaftliche
  Krisis  in  Verbindung  mit  der  wachsenden  Verdienstlosigkeit  und
der  dadurch  verminderten  Consumtionsfähigkeit,  die  immer  mächtiger
werdende  englische  Concurrenz,  endlich  der  constante  Rückgang  der
Rohstoffpreise  und  die  damit  in  Verbindung  stehende  Entwerthung
der  vorhandenen  Lager  fertiger  und  halbfertiger  Waaren  fanden  erst
seit  1880  ein  Ende,  so  daß  von  da  an  wiederum  normale  Verhältnisse
  und  ein  befriedigender  Geschäftsgang  eintraten.  Das  Jahr  1884
gestaltete  sich  allerdings  wieder  sehr  ungünstig.  „In  dieser  schlechtesten
  Periode  für  die  Baumwollenspinnerei  blieb  englischen  Offerten
gegenüber  auch  deutschen  Spinnern  nichts  übrig,  als  sich  ins  Unvermeidliche
  zu  fügen  und  Aufträge  zu  sehr  geringen  Preisen  anzunehmen."
  Die  Lohnspinnerei  für  Zwischenhändler  hatte  aber  schon
frühzeitig  durch  mangelhafte  Garne  den  Ruf  der  Chemnitzer  Mule-Spinnerei
  für  Webzwecke  bedeutend  geschädigt,  und  es  kostete  große
Anstrengungen,  diese  Scharte  wieder  auszuwetzen.  Die  Strumpfgarnund
  Medio-Spinnereien,  welche  meist  mit  größeren  Geldkräften  arbeiteten
  und  in  ihren  Einrichtungen  mit  allen  Fortschritten  der  Technik
stets  gleichen  Schritt  hielten,  arbeiteten  meist  für  den  heimischen  Bedarf
  und  bewahrten  durch  anerkannte  Solidität  ihren  alten,  guten
Ruf.  Man  fabricirte  alle  Sorten  baumwollene  Strick=  und  Häkelgarne,
  auch  cordonnirte  Häkelgarne  in  roh  und  gebleicht,  gefärbt,  bunt
in  der  Wolle  gefärbt;  ferner  halbwollene  Strickgarne  in  weiß  und
bunt;  nach  Kammgarnsystem  bunte  (Merino-)  Strumpfgarne  in  den
Nrn.  6  bis  60.  Strick=  und  Häkelgarne,  besonders  bunte,  einfarbige,
finden  großen  Absatz,  vor  allem  im  Deutschen  Reiche.  Von  Webgarnen
  waren  Kettengarne  in  den  Nrn.  6  bis  32  und  prima  Water
in  den  Nrn.  26  bis  32  gesucht.  Das  Absatzgebiet  ist  der  Zollverein,
ganz  Europa  mit  Ausnahme  von  Spanien  und  Portugal,  die  Vereinigten
  Staaten,  Brasilien;  die  außerdeutschen  Länder  jedoch  nur  in
geringem  Umfange.  Die  Strumpfbranche,  welche  für  die  heimische
Spinnerei  so  wichtig  ist,  lag  während  des  ganzen  Jahres  1884  darnieder
  und  die  anerkannt  guten  sächsischen  Marken  in  Strumpfgarnen
wurden  vielfach  durch  minderwerthige  auswärtige  Gespinnste  ersetzt.  Erst
in  dem  letztvergangenen  Jahre  trat  ein  nachhaltiger  Aufschwung  zum
Besseren  ein,  von  dem  auch  die  Baumwollenspinnerei  erfaßt  wurde.
        <pb n="512" />
        —  504  —

Von  den  14  im  Chemnitzer  Industriegebiete  liegenden  Baumwollenspinnereien
  mögen  nur  die  Chemnitzer  Actienspinnerei,  die
Spinnereien  von  Bürger  &amp;amp;  Kühne  in  Griesbach,  E.  J.  Clauß  in  Plaue,
A.  und  M.  Meister  in  Erdmannsdorf  und  in  Wiesa  bei  Annaberg,
Tetzner  &amp;amp;  Sohn  in  Schweizerthal,  Trübenbach  in  Dorsschellenbach,
Weißbach  &amp;amp;  Sohn  in  Flöha  genannt  werden.

Die  Chemnitzer  Actienspinnerei,  mit  Dampfmaschinenbetrieb  von
ca.  800  Pferdekräften,  hat  63  000  Water=  und  Mulespindeln  mit  ca.
2000  Zwirnspindeln  in  ihrem  Hauptetablissement  und  ca.  18000
Spindeln  in  der  Filiale  an  der  Annaberger  Straße.

Die  Nähfadenfabrikation  konnte  nur  mit  Anstrengung
das  vaterländische  Gebiet  behaupten  und  erst  in  der  letzten  Zeit  der
englischen  Concurrenz  mit  Erfolg  entgegentreten.

Das  Bleichen  von  Garn  hat  ganz  bedeutend  abgenommen,  besonders
  seit  die  Mode  der  bunten  Strümpfe  aufgekommen  ist.  Nur
in  Hohenstein,  Lichtenstein,  Hüttengrund,  Hermsdorf,  Wüstenbrand,
Reichenbrand  bleicht  man  noch  Garne  zur  Waffeldeckenweberei.

Die  Wollspinnerei,  welche  die  Verspinnung  der  Schafwolle
bewirkt,  und  zwar  entweder  zu  Streichgarn,  oder  zu  Kammgarn,  hat
sich  naturgemäß  überall  da  niedergelassen,  wo  die  Weiterverarbeitung
des  gewonnenen  Productes  Fuß  gefaßt  hat.  Diese  ist  in  Bezug  auf
ihre  geographische  Lage  nur  zu  einem  Theile  in  dem  Hauptterritorium
der  Spinn=  und  Webeindustrie  inbegriffen,  zu  einem  ebenso  großen
sporadisch  verstreut,  da  die  Verarbeitung  der  Wollgespinnste  vorwiegend
  den  Städten  und  nur  ausnahmsweise  den  Dörfern  und  ihrer
Bevölkerung  anheim  fällt.

Man  unterscheidet  Streichwollen=  und  Kammwollengarne.  Die
Streichgarnspinnerei  erzielt  einen  rauhen,  kurzen  und  krausen  Wollenfaden;
  die  Wolle  soll  ihre  natürliche  Kräuselung  behalten,  der  Faden
ein  möglichst  rauhes,  wolliges  Ansehen  erhalten,  die  Oberfläche  des
Gewebes  die  Eigenschaft,  sich  durch  Walken  zu  verdichten  und  zu  verfilzen.
  Das  Streichgarn,  bei  dessen  Anfertigung  die  Wolle  gerissen,
wiederholt  gekrempelt,  in  zwei  verschiedenen  Abschnitten  vorgesponnen
und  zuletzt  feingesponnen  wird,  verwendet  man  in  der  Tuch-,  Flanell-,
Stoff=  und  Strumpffabrikation.  Die  aus  Wolle  und  Baumwolle
gemischten  Vigognegarne  werden  in  der  Strickerei  und  Strumpfwirkerei
verbraucht;  die  aus  Lumpenwolle  angefertigten  Mungo=  und  Shoddygarne
  dienen  zur  Anfertigung  geringer,  wenig  haltbarer  Wollen=  und
Halbwollenstoffe.  (J.  D.  Fischer,  Die  Streichgarnspinnerei.)

Die  Kammgarnspinnerei  fertigt  die  harten,  zum  Theil  glänzenden
  Wollenfaden  für  die  Zeugweberei  aus  der  langen  und  glatten
Wollfaser;  doch  auch  buntes  Webergarn,  Krempelwolle  und  gemischtes
        <pb n="513" />
        —  505  —

Baumwollengarn  (Vigogne);  ferner  farbige  Strickgarne,  Posamentirgarne,
  Halbkammgarne  u.  s.  w.  Durch  Behandlung  mit  heißen
Stahlkämmen  wird  der  Wolle  die  Eigenschaft  des  Filzens  genommen,
und  dem  Faden  eine  glatte  Beschaffenheit  gegeben.  Der  Wollkämmmaschine
  folgt  die  Vorspinn=  und  sodann  die  Feinspinnmaschine.  Alle
Maschinen  sind  nach  Art  der  Watermaschinen  gebaute  Selfactors.  —
Die  für  Kammgarnspinnerei  vorzüglich  geeigneten  Alpaka=  und  Lamawollen
  (aus  England  und  Frankreich)  in  Verbindung  mit  der
Maschinenkämmerei  üben  einen  großen  Druck  auf  die  deutsche  Kammgarnindustrie,
  welche  so  lange  im  Vortheil  war,  als  ausschließlich  mit
der  Hand  gekämmt  wurde.

Seit  dem  Jahre  1878  hat  sich  die  Lage  der  Kammgarnspinnerei
jedoch  wesentlich  gebessert,  so  daß  1880  im  Bezirk  der  Handels=  und
Gewerbekammer  Chemnitz  100  000  Kammgarnspindeln  neu  aufgestellt
wurden.  Die  wesentliche  Vergrößerung  der  Spinnereien  rief  aber
eine  bedeutende  Steigerung  der  Wollpreise  hervor,  während  auf  der
anderen  Seite  die  Kammgarnpreise  so  tief  sanken,  wie  noch  nie.  Die
Zahl  der  Kammgarnspinnereien  ist  nicht  groß.  Die  sächsische  Kammgarnspinnerei
  Harthau  arbeitet  mit  15  500  Fein=  und  2300  Zwirnspindeln;
  die  Kammgarnspinnerei  von  Klemm  &amp;amp;  Burmann  in  Kappel
mit  ungefähr  ebenso  viel  Spindeln.  Es  werden  hauptsächlich  Kettenund
  Schußgarne  gefertigt,  welche  in  Greiz,  Gera,  Elberfeld,  Barmen,
Reichenbach,  Netzschkau,  Zittau,  Grottau  und  Reichenberg  Absatz  finden.
  Die  einfachen  Kettengarne  zu  Damenkleiderstoffen,  wie  auch  die
einfachen  Tricotgarne;  die  gezwirnten  Kettengarne  zu  Herrenkleiderstoffen.
  Bei  voller  Beschäftigung  wurden  1888  im  Ganzen  befriedigende
  Preise  erzielt.  Tricotagegarne  lohnten  besser,  auch  Zephyr-Lgarne
  in  den  Nrn.  46/2  bis  52/2.  Auch  in  den  feineren,  qualitätreicheren
  Webgarnen  (Canettes)  sowie  in  feineren  Zwirnen,  78er  und
84er  zweifach,  wurden  bessere  Preise  bezahlt.

In  der  Kammgarnspinnerei  macht  sich  der  allgemeine  Geschäftsaufschwung
  der  neuesten  Zeit  ebenfalls  bemerkbar.

Die  Streichgarnspinnerei  hatte  ganz  wie  die  Tuch=  und
Buckskinfabrikation  unter  dem  Drucke  der  Zeitverhältnisse,  Börsenkrisis
und  Ueberproduction  zu  leiden.  Die  Chemnitzer  Streichgarnspinnerei
hat  alle  Stadien  der  Geschäftsungunst  seit  1873  durchzumachen  gehabt,
  bis  sich  auch  hier  in  den  letzten  Jahren  das  Geschäft  wesentlich
besserte.  4

Die  Streichgarnspinnerei  hat  durch  Einführung  der  neuesten  und
besten  Maschinen  einen  bedeutenden  Ausschwung  genommen,  so  daß  sie
gegenwärtig  im  Stande  ist,  der  belgischen  Spinnerei  mit  Erfolg  entgegen
  zu  treten.  In  Bezug  auf  die  Qualität  ist  das  belgische
        <pb n="514" />
        —  506  —

Gespinnst  sogar  von  dem  erzgebirgischen  übertroffen.  Man  fertigt
gezwirnte  Garne  für  Phantasiearktikel,  Strumpf-  und  Stoffwaaren,
ebenso  für  Tricotwaare,  doch  auch  andere  einfache  Gespinnste.

65.  Die  Weberei.

Die  Leinenweberei,  welche  den  Ausgang  aller  Weberei
bildet,  wurde  bei  den  sorbenwendischen  wie  bei  den  germanischen
Stämmen  als  Hausweberei  betrieben,  welche  den  Ueberschuß  der  gewonnenen
  Gewebe  auf  den  Markt  brachte,  bis  auch  hier  ein  besonderes
  Gewerbe  der  Weber  entstand,  welches  schon  im  frühen  Mittelalter
  für  die  Herstellung  der  einfachen,  leinenen  Bekleidungsstoffe
sorgte.  Die  Leinenweberei  entwickelte  sich  bedeutend,  und  selbst  die
unruhige  und  kriegerische  Zeit  des  15.  und  16.  Jahrhunderts  vermochte
  nicht,  ihr  Abbruch  zu  thun;  aber  der  den  Wohlstand  des
deutschen  Reiches  vernichtende  dreißigjährige  Krieg  brachte  auch  hier
unersetzliche  Verluste.  Zählte  man  vor  dem  Kriege  250  Leinewebermeister
  in  Chemnitz,  so  gab  es  lange  nach  seiner  Beendigung,  1690,
erst  wieder  80.  Im  18.  Jahrhundert  stieg  die  Zahl  der  Weber.
1726  zählte  man  300,  1738  schon  550  Meister  mit  2000  Webstühlen.
  1803  bestand  die  Innung  der  Chemnitzer  Zeug=  und  Leinweber
  aus  1110  Meistern,  908  Gesellen,  201  Lehrlingen.  1757
wurden  über  40  000,  um  1780  gegen  50  000,  1790  gegen  60  000
Stück  Kattun,  Piqué,  Wallis,  Bettdecken  u.  s.  w.  jährlich  gestempelt
und  vergeben.

Im  16.  Jahrhundert  kam  die  Barchentmanufactur  auf.  Viele
Niederländer,  besonders  Antwerpener,  wanderten  1539  in  Chennitz
und  Leipzig  ein,  um  den  Peinigungen  Alba's  zu  entgehen;  auch  Arbeiter
  aus  dem  deutschen  Reiche  wurden  herbeigezogen  und  Kurfürst
August  förderte  und  unterstützte  das  Unternehmen,  welches  jedoch  erst
Anfang  des  17.  Jahrhunderts  in  Schwung  kam.  Die  Tuchmacherei,
welche  im  16.  Jahrhundert  sich  bedeutend  entwickelt  hatte,  so  daß
1608  sich  240  Meister  mit  100  Gesellen  mit  derselben  nährten,
wurde  durch  den  dreißigjährigen  Krieg  vollständig  zu  Grunde  gerichtet.
  Dieses  älteste  Gewerbe  der  Stadt  ging  ein  und  die  vormals
tonangebende  Innung  verlor  sich  in  anderen  Erwerbszweigen.

Anfang  des  17.  Jahrhunderts  hatten  die  Chemnitzer  Leineweber
angefangen  Canevas  und  Köper  sowie  Barchent  zu  weben,  kurze  Zeit
darauf  auch  Rasche,  wegen  welcher  die  Tuchmacher  einen  Proceß  anfingen,
  der  im  Jahre  1723  auch  glücklich  zu  Gunsten  der  Tuchmacher
entschieden  wurde.  Seit  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  wurden  über-
        <pb n="515" />
        —  507  —

haupt  außer  wollenen  und  halbwollenen  Zeugen  auch  Kattun  gewebt.
Das  Leineweberhandwerk  gab  die  Leineweberei  auf  und  wendete  sich
der  Baumwoll=  und  Zeugweberei  zu.  Der  Canevas  wurde  von  1712
an  fabrikmäßig  hergestellt,  seit  1725  webte  man  Cottonnade,  aber
erst  seit  1772  kam  der  Piquk  auf.  Man  hatte  zwar  schon  seit
1722  Versuche  mit  der  Fabrikation  von  Piqué  gemacht,  der  bis  dahin
nur  von  den  Engländern  gefertigt  werden  konnte,  und  machte  ihn
Anfangs  nur  aus  weißen  baumwollenen  Garnen.  Später  mischte
man  türkische  Garne  hinein,  bedruckte  den  Piqu  und  webte  ihn  auch
von  Seide  und  Flachs.  Der  Einführung  der  Kattune  folgten  sehr
bald  die  sogenannten  Peruviennen  und  geblumten  Waaren,  besonders
seitdem  die  Kattundruckerei  eingeführt  worden  war.

Im  Jahre  1755  war  die  erste  Kattundruckerei  in  Plauen  i.  V.
errichtet  worden;  1760  eine  in  Burgstädt;  1770  die  erste  in  Chemnitz
  (Schlüssel),  und  1771  die  zweite  in  Chemnitz  (Pflugbeil).

Man  erfand  eine  Menge  neuer  Zusammenstellungen  und  Muster,
zahlreiche  Verbesserungen  alter  Artikel,  und  ebenso  viele  neue.  Im
ersten  Viertel  dieses  Jahrhunderts  webte  man  Piqué,  Canevas,  Köper,
Kattun,  Barchent,  Wallis,  Cottonnade,  Musselin,  bunte  Leinwand,
baumwollene,  halbseidene,  halbwollene,  wollene  Westen,  Tücher  mit
eingewirkten  Blumen,  Bettdecken,  Petinets,  halbseidene  Waaren  u.  s.  w.
1785  waren  die  pelouchirten  Piqués  aufgekommen,  ein  sehr  gesuchter
Stoff,  sowie  die  baumwollenen  Doppelmoltons;  1795  webte  man  die
ersten  extrafeinen  Kattune  nach  ostindischer  Art,  ferner  halbseidene
Musselinets,  sowie  gestreifte  und  gemusterte  bunte  Baumwollenstoffe.

Mit  der  zwischen  1770  und  1780  erfundenen  Maschinenspinnerei
begann  der  Aufschwung  der  Baumwollenmanufactur  in  Europa  und
die  allmälige  Verdrängung  der  anderen  Stoffe  durch  die  Baumwolle.
Die  ostindische  Baumwollweberei  ist  allerdings  durch  die  europäische
zu  Grunde  gerichtet  worden.  Die  in  Ostindien  und  Indien  seit  frühen
Jahrhunderten  bekannten  baumwollenen  Zeuge,  welche  erst  im  Mittelalter
  nach  Europa  gelangten  und  durch  die  Feinheit  und  Weichheit
des  Gewebes  ganz  bedeutend  vor  allen  europäischen  Geweben  hervorragten,
  ist  allmälig  so  zurückgedrängt  worden,  daß  gegenwärtig  fast
gar  keine  ostindischen  Gewebe  mehr  nach  Europa  eingeführt  werden;
nur  rohe  Baumwolle  aus  den  verschiedenen  zur  Baumwollencultur
geeigneten  Ländern.

Besonders  seit  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  entwickelte  sich  die
Chemnitzer  Baumwollenmanufactur,  und  wenn  sie  auch  Anfangs  die
Feinheit  der  englischen  Stoffe  nicht  vollständig  erreichte,  so  hatte  sie
den  Vorzug  größerer  Wohlfeilheit,  der  ihr  einen  weiten  Absatz  eröffnete.
  Nach  verhältnißmäßig  kurzer  Zeit  machte  aber  die  Vervoll-
        <pb n="516" />
        —  508  —

kommnung  der  Chemnitzer  Maschinenspinnerei  es  möglich,  eben  so  feine
Stoffe  zu  liefern,  wie  die  Engländer.  Die  Regierung  unterstützte
Nachahmung  und  Erfindung  neuer  Stoffe,  Maschinen  und  Werkzeuge.
Im  Jahre  1799  ertheilte  die  Regierung  Prämien  für  die  ersten  Versuche
  in  halbseidenem  geblumten  Zeug,  in  gelben  und  gesprengten
Nankings,  halbseidenem  geblumten  Droguet,  Zeugen  von  Schafwolle
mit  seidenen  Streifen  u.  s.  w.

Noch  ist  zu  bemerken,  daß  ohne  Vorwissen  und  Erlaubniß  des
Chemnitzer  Industrie-Amtmannes  kein  Ausländer  Maschinenwerkstätten
und  Fabrikanlagen  besichtigen,  und  daß  kein  Maschinenbauer  ohne  Erlaubniß
  Maschinen  oder  Modelle  an  Ausländer  zeigen  oder  verkaufen
durfte.

Man  braucht  nur  das  Adreßbuch  für  Chemnitz  aufzuschlagen,
um  zu  erkennen,  in  welchem  Umfange  die  Weberei  mit  ihren  zugehörigen
  Branchen  schon  in  der  Stadt  Chemnitz,  abgesehen  von  den
Umgebungen  derselben,  betrieben  wird.  Es  werden  in  demselben
83  Manufacturwaaren=  und  Modewaarenfabrikanten,  2  Kattunfabrikanten,
  sowie  461  selbständige  Weber  aufgeführt,  ungerechnet  das
zahlreiche  Hilfspersonal,  welches  diesem  Industriezweige  angehört.
7  Bleichereien,  27  Färbereien,  darunter  die  Chemnitzer  Actienfärberei
und  Appreturanstalt,  6  Seidenfärbereien,  5  Appreturanstalten  für  Webwaaren,
  13  Webstuhlbauer,  einschließlich  von  3  Maschinenfabriken,
welche  Webstühle  aller  Art,  Webmaschinen,  Webschützen,  Webeblätter
und  Webutensilien,  Zwirn  -,  Spul-„  Schlicht=  und  Zettelmaschinen,
Centrifugen,  Trockenmaschinen  u.  s.  w.  bauen,  8  Webschützenfabrikanten,
6  Ketten=  und  Scheibenfabrikanten,  4  Webeblätter=  und  Zeugmacher,
11  Musterzeichner  für  Weberei,  8  Musterkartenschläger  für  Weberei
u.  s.  w.  stellen  das  Hilfspersonal  für  die  gesammte  Webindustrie,
welche  sich  weit  über  die  Umgebungen  von  Chemnitz  hinaus  erstreckt.
Es  werden  deutsche  Leinen=  und  Baumwollenwaaren  gefertigt,  Bett-,
Matratzen=  und  Kummet-Drelle,  Rohnessel,  Kattun,  Schirtings,  Chiffons,
  Futterzeuge;  Gardinenstoffe,  Tischdecken,  Damastdecken,  baumwollene,
  halbwollene  und  ganzwollene  Möbelstoffe,  wollene  und  halbwollene
  Damaste  und  Ripse,  Portièren=  und  Wagenstoffe,  Tisch=  und
Bettdecken,  Moirées,  Velvets,  Moleskins  und  Velours;  wollene,  halbwollene
  und  halbseidene  Damenkleiderstoffe;  baumwollene,  halbwollene
und  halbseidene  gemischte  Frauentücher,  Decorationsstoffe,  orientalische
Stoffe,  Gold=  und  Silberbrocate,  Plüsche  und  Cords,  endlich  einseitige
und  doppelseitige  Jutestoffe,  Jutedecken  u.  s.  w.

Die  Anfertigung  von  Webwaaren  hat  seit  etwa  50  Jahren  eine
staunenswerthe  Ausdehnung  erreicht.  Kaum  ein  anderes  Gewebe  hat
so  viele  Wechsel  in  Material  und  Anfertigung  durchgemacht.  Von
        <pb n="517" />
        —  509  —

den  einfachen  Leinengeweben  an,  durch  Baumwolle  und  Wolle  und  die
verschiedenartigsten  Zusammensetzungen  hindurch,  von  den  einfachsten
Mustern  bis  zu  den  kostbarsten  und  buntesten  Zusammenstellungen  von
Farbe  und  Zeichnung  vermittelst  der  Jacqardmaschine.

Die  Weberei  gruppirt  sich  nach  Maßgabe  des  verarbeiteten  Materials
  in  gewisse  Districte,  in  welchen  entweder  rein  leinene,  baumwollene
  oder  wollene  Stoffe  gefertigt,  oder  aus  der  Mischung  und
Zusammensetzung  der  verschiedenartigen  reinen  und  gemischten  Webfäden
  verschiedene  Stoffarten  hergestellt  werden.

Die  Leinenweberei  ist  naturgemäß  in  den  Gegenden  des
Flachsbaues  ansässig.  Sie  tritt  im  Erzgebirge  nur  sporadisch  auf,  in
der  Gegend  von  Frauenstein  und  Sayda,  in  Großhartmannedorf  bei
Freiberg,  in  und  bei  Chemnitz.  Von  den  in  Chemnitz  befindlichen
zwei  Flachsgeschäften  hat  das  von  Oehme  &amp;amp;  Sohn  eine  permanente
Flachsbau-Ausstellung,  welche  im  hohen  Grade  interessant  und  besuchenswerth
  ist.  Unter  Mitwirkung  dieser  Firma  sind  vom  erzgebirgischen
  landwirthschaftlichen  Verein  Flachsbereitungscurse  eingeführt
worden.  Außerdem  wurde  unter  staatlicher  Oberaufsicht  eine  Flachsbau=
  und  Flachsbereitungsschule  in  Chemnitz  eröffnet,  um  in  einem
sechswöchentlichen  Cursus  Belehrung  über  den  anatomischen  Bau  der
Flachspflanze,  über  deren  Ansprüche  an  Boden  und  Klima,  über  Anbau-,
  Ernte-,  Röste=  und  Bearbeitungsmethoden  zu  geben  und  durch
praktische  Arbeiten  für  Flachsanbau  und  Flachsbereitung  Anleitung  zu
bieten.  Näheres  über  den  Anbau  und  die  Bereitung  des  Flachses
giebt  das  Flachsbaualbum  von  Boye  (durch  Oehme  &amp;amp;  Sohn  zu  beziehen)
  und  der  Katechismus  des  Flachsbaues  und  der  Flachsbereitung
von  C.  Sonntag  (Leipzig,  J.  J.  Weber).  Die  Sächsische  Flachsbau-Gesellschaft
  bebaute  1886  eine  Fläche  von  110  Hektaren  mit  Flachs:
das  Gahlenzer  Musterflachsfeld  gab  1885  einen  Reingewinn  von
340,82  Mark  pro  Hektar.  Es  stellt  sich  aber  immer  mehr  heraus,
daß  die  Regeln  im  Anbau,  der  Röste  und  Zubereitung  des  Flachses
genau  befolgt  werden  müssen,  wenn  etwas  Vollkommenes  erzielt
werden  soll,  —  und  daß  nur  intelligente  Landwirthe  sich  hierzu  entschließen.


Die  Baumwollenweberej  folgt  in  ihrer  räumlichen  Ausdehnung
  den  durch  die  Baumwollenspinnerei  gezogenen  Grenzlinien
und  reicht  von  Olbernhau,  Hainichen,  Hartha,  Rochlitz  nach  Thüringen
hinaus  und  gebirgsaufwärts  bis  gegen  Stollberg  und  Zwönitz.  In
diesem  Webereidistricte  ist  Chemnitz  der  Centralpunkt,  ganz  wie  in  der
Spinnerei.  Die  weißen,  glatten,  dichten,  ganz  baumwollenen  Gewebe

(long  cloths,  shirtings,  stouts  u.  s.  w.)  bilden  in  Chemnitz  und  seiner
Umgebung  einen  bedeutenden  Fabrikations=  und  Handelsartikel;  doch
        <pb n="518" />
        —  510  —

war  die  Weberei  gedruckter  Kattune  und  der  leichteren  baumwollenen
Zeuge  um  1860  noch  umfangreicher.

In  den  feineren  und  leichteren  Baumwollengeweben  (Cambric,
Jaconnet,  Mull  u.  s.  w.),  sowie  vorzüglich  in  den  feinen  weißgemusterten
  Geweben  (Jaconnet,  feine  Mousseline  u.  s.  w.)  zeichnet
sich  die  sächsische  Webeindustrie  durch  treffliche,  geschmackvolle  und  billige
Waare  von  vorzüglicher  Appretur  und  Zeichnung  aus.  Gardinenzeuge
  (Vorhangstoffe)  werden  allerdings  vorwiegend  im  Votgtlande,
jedoch  auch  im  Chemnitzer  Bezirke  gefertigt.  In  Hohenstein  und
Lichtenstein  webt  man  vorzüglich  Piquc  (Bettdecken,  Westenstoffe  u.  s.  w.).
Chemnitz,  Mittweida  und  Umgegend  sind  Hauptsitze  der  Barchentweberei
  (gewöhnlicher  Barchent,  langgerauhter  Barchent,  Biber,  baumwollen
  Kalmuck,  Moleskin  u.  s.  w.),  Buchbinderleinen  (Sarsenets).
Ein  besonderer  Zweig  der  Baumwollenweberei  ist  die  Buntweberei
(Ginghams,  Saxons,  Tüchel)  sowie  die  Nachahmung  wollener
Rock=  und  Hosenstoffe,  welche  in  und  um  Chemnitz  lebhaft  betrieben
wird.

Die  einfachste  und  älteste  Art  der  Weberei  ist  die  Leinwandoder
  Taffetweberei,  bei  welcher  die  Fäden  von  Schuß  und  Kette  sich
einfach  rechtwinklig  kreuzen.  Der  Webstuhl,  aus  Kettenbaum  mit
Spannvorrichtung,  Geschirr  mit  Tritten  und  Lade  nebst  Riet  und
Schützen  bestehend,  ist  noch  ebenso  einfach,  wie  vor  tausend  und  mehr
Jahren.  Der  Arbeiter  tritt  einen  Tritt  nieder  und  bildet  so  in  den
Fäden  der  Kette  ein  Fach,  drängt  die  Lade  zurück,  wirft  den  Schützen
durch  das  Fach,  zieht  die  Lade  an  und  läßt  den  Tritt  los.  Hierauf
beginnt  ein  anderer  Moment  des  Webens,  der  zweite  Tritt  wird
niedergetreten  u.  s.  w.  Auf  diese  Weise  wird  das  einfachste  Gewebe
hergestellt.  Alle  Muster  werden  damenbrettähnlich  quadratisch  oder
viereckig,  und  die  Stoffe  Taffet,  Leinwand,  Tuch,  Kattun,  Wollmousselin,
  Battist,  Orleans,  Lustrine,  Mohair,  Toile  de  Soie,  Chaly
u.  s.  w.  benannt.  Bei  der  Herstellung  der  Köperstoffe  werden  diagonal
fortlaufende  Höhenstreifen  und  schmälere  Furchen  erzielt;  das  Muster
erhält  eine  diagonale  Bewegung  und  nennt  man  die  Stoffe  bei
Leinengewebe  Drells  und  Zwilliche,  bei  Baumwollengewebe  Drells  und
Barchente,  bei  Streichgarngewebe  Buckskins  und  Kaschmir,  bei  Kammgarngewebe
  Kasimir,  bei  Seidengewebe  Levantines,  Croisées,  Bombasins
  u.  s.  w.  Die  Schußköper  werden  Cassenet,  Merino,  Napolitain,
  Barchent,  Levantine  genannt;  die  doppelt  rechtseitigen  Köper
Thibet,  Batavia,  Croisée,  Köperflanelle,  Coatings,  Lamas  u.  s.  w.
Den  dritten  Grundstoff  bezeichnet  man  als  Atlas  oder  Satin.  Der
Atlas  besitzt  keine  zusammenhängende  Bindung.  Der  Kettenfaden  umschlingt
  eine  Anzahl  von  Schußfäden,  die  Umschlingung  rückt  aber  bei
        <pb n="519" />
        —  511  —

je  zwei  auf  einander  folgenden  Kettenfäden  wenigstens  um  zwei  Einschlagfäden
  weiter.
Der  einfache  Webstuhl  ist  in  der  Hauptsache  längst  überholt,
und  der  von  Charles  Marie  Jacquard  1801  in  Lyon  erfundene
Jacquardstuhl  für  gemusterte  Stoffe  dergestalt  vervollkommet  und  verbessert,
  daß  selbst  die  complicirtesten  Muster  mit  Leichtigkeit  hergestellt
werden  können.  Der  alte  hölzerne  Webstuhl  ist  seit  1813  durch  den
ganz  von  Eisen  construirten,  einfach  fest  und  elegant  gebauten,  wenig
Platz  einnehmenden  mechanischen  Webstuhl  (powerloom)  oder  Kraftstuhl
  verdrängt  worden.  Die  Spulmaschine  (winding  frame)  arbeitet
ihm  in  die  Hand,  die  Zettelmaschine  (warping  mill)  vereinigt  die
Fäden  einer  Anzahl  von  Spulen  zu  einer  Kette,  die  Schlichtmaschine
(izing  trame)  bereitet  dieselbe  zum  Weben  vor,  so  daß  der  Maschinenwebstuhl,
  wenn  er  vorwiegend  für  einfache  Stoffe  gebraucht  wird,  in
12  Stunden  11¾  bis  17  m  (20  bis  30  Ellen)  Stoff  in  sehr
gleichmäßiger  und  tadelloser  Arbeit  fertigt,  wozu  der  Handweber
6  bis  8  Tage  Zeit  brauchen  würde.  1827  wurde  der  erste  Jacquard-Webstuhl
  aufgestellt.  Durch  die  verbesserten  Webstühle,  bei
welchen  vermittelst  der  Wechsellade  mehrere  Schützen  gleichzeitig  gehen
und  durch  die  Anwendung  eiserner  Schützen,  Cylinder  und  Musterpatronen
  die  complicirtesten  Muster  gewebt  werden  können,  besonders
aber  durch  die  Anwendung  der  Dampfkraft  zum  Betriebe  der  Webstühle,
  bei  denen  der  Arbeiter  nur  die  Aufsicht  über  den  Gang  der
Arbeit  führt,  ist  die  Productionsfähigkeit  außerordentlich  gesteigert
worden.  Mit  der  Einführung  der  Jacquardstühle  eröffnete  sich  der
Weberei,  und  vor  Allem  der  Buntweberei  ein  neues  Arbeitsfeld  in
der  Herstellung  von  allerhand  einfarbig  oder  bunt  hergestellten  Mustern.
Mit  unermüdlichem  Fleiß  und  rastlosem  Nachdenken  wurde  den  immer
wechselnden  und  wachsenden  Ansprüchen  des  Geschmackes  Genüge  gelejstet
  und  ein  wohlgeschulter  Arbeiterstand  zu  erhalten  und  zu  schaffen
gesucht,  um  dem  Aussterben  der  gelernten  Hand=  und  Maschinenweber
  vorzubeugen.  Man  hat  auch  die  Verwendung  der  Elektricität
in  der  Weberei  versucht.  Die  Einrichtung  des  Webstuhles  an  sich  ist
wie  beim  Jacquard-Webstuhle,  nur  daß  Lade,  Cylinder  und  Poppen
durch  den  galvanischen  Apparat  ersetzt  werden.  Doch  ist  die  Anwendung
  derselben  nur  bei  sehr  großen  Mustern  vortheilhaft  und  kommen
selbst  da  immer  noch  viele  Fehler  vor.

Von  besonderem  Interesse  ist  die  ins  Detail  gehende  Vorführung
der  einzelnen  Handlungen,  welche  zur  Herstellung  eines  Stoffes  dienen.
Bei  der  Kohlenskizze  des  Zeichners  und  der  ihr  entsprechend  fertig
gemalten  Zeichnung,  Patrone  und  Karte  zur  technischen  Herstellung
des  Musters  beginnend,  hat  man  andererseits  das  zu  dem  betreffenden
        <pb n="520" />
        —  512  —

Stoff  zu  verwendende  Material  für  Kette  und  Schuß  in  rohem  und
gebleichtem  oder  auch  in  nach  den  verschiedenen  zur  Verwendung  kommenden
  Farben  hergerichtetem  Zustande  vor  sich.  Nun  wird  es  den
verschiedenen  Arbeiten  unterworfen,  welche  die  Aufwickelung  für  die
Treiberei,  Scheererei,  Spulerei  auf  Pfeifen  und  Spulen,  der  gescheerten
  Kette  auf  dem  Kettenbaum,  sowie  auf  die  Spulen  im  Schützen
umfaßt.  Ist  dies  Alles  beendet,  so  beginnt  die  Weberei  selbst.  Der
Webstuhl  mit  Jacquardmaschine  und  Vorrichtung  ist  mit  großer  Aufmerksamkeit
  im  Ganzen  und  in  seinen  einzelnen  Theilen  zu  betrachten,
um  der  Erläuterung  des  Mechanismus  und  der  Wirkung  der  einzelnen
  Theile  der  Maschine  und  des  Stuhles  folgen  zu  können.  Zu
dem  kunstvoll  gewebten  Gedenkblatt,  welches  für  die  Bremer  und
Hamburger  Handelskammergäste  in  der  Vogel'schen  Möbelstofffabrik
in  Lunzenau  hergestellt  wurde,  waren  nicht  weniger  als  5000  Jacquardblätter
  nothwendig.  Dasselbe,  ein  Kunstwerk  der  Weberei,  als
Kissen  gedacht  und  umrahmt  von  geschmackvollen  Ornamenten  und  den
Wappen  von  Hamburg,  Bremen,  Deutschland  und  Sachsen,  trägt  die
Worte:  „Zur  Erinnerung  an  den  Besuch  der  Handelskammern  von
Hamburg-Bremen  in  den  sächsischen  Industriebezirken.  Lunzenau.
Juni  1886.“  (Chemnitzer  Tageblatt  Nr.  137.)

Außer  der  höheren  Webschule  in  Chemnitz  bestehen  noch  11  Fachschulen
  für  Weberei  und  zwar  zu  Chemnitz,  Frankenberg,  Glauchau,
Hainichen,  Hartha,  Oederan,  Zschopau,  Hohenstein-Ernstthal,  Lengefeld,
  Lichtenstein,  Mittweida,  Mülsen  Sct.  Jacob.

Die  1857  errichtete  höhere  Webschule  hat  sämmtliche  für  alle
Zweige  der  Weberei  erforderlichen  Webstühle  mit  ihren  Hülfsmaschinen
aufgestellt,  welche  für  den  Unterricht  durch  Dampfkraft  in  Betrieb  gesetzt
  werden  können.  Der  Unterricht  umfaßt  im  ersten  Halbjahre  Vorträge
  über  Webmaterialien,  Construction  und  Systeme  der  verschiedenen
  Handwebstühle  und  Hülfsgeräthe,  Maschinenelemente  und  -
toren,  sowie  praktische  Uebungen  in  der  Schaftweberei.  Im  zweilẽn
Halbjahre:  Vorträge  über  Maschinenwebstühle  und  Hülfsmaschinen
für  mechanische  Weberei,  sowie  über  Construction  und  Vorrichtung
der  Jacquardstühle  und  anderer  complicirter  Stühle.  Praktische
Uebung  in  der  mechanischen,  sowie  in  der  Jacquardweberei,  einschließlich
  der  Sammte,  Gazen,  Bänder  u.  s.  w.  Musterzeichnen,  Zusammenstellen
  farbiger  Muster  u.  s.  w.

Von  bedeutendem  Umfange  ist  die  Weberei  der  gemischten
Stoffe,  bei  welchen  die  Kette  entweder  aus  leinenen,  baumwollenen
oder  leinen=  und  baumwollen=  gemischten  Fäden  besteht,  der  Schuß
aus  Kammgarn.  Zu  diesen  gehört  eine  ganze  Reihe  verschiedener
Gewebe,  welche  theils  im  Allgemeinen  als  Kleiderstoffe,  Westen-  und
        <pb n="521" />
        —  513  —

Möbelstoffe,  Drells  und  Drilliche,  Kaschemirs  und  Alepins  u.  s.  w.
bezeichnet  und  zum  Ersatz  von  ganz  kammwollenen  Stoffen  gefertigt
werden,  oder  als  Shawls,  Plüsche  und  Teppichzeuge  ganz  besondere
Gattungen  des  Gewebes  und  des  Verbrauches  geben.  In  Mode—
kleiderstoffen,  Tüchern  und  Möbeldamasten  nimmt  die  Production  der
sächsischen  Weberei  eine  hervorragende  Stelle  ein.  Chemnitz,  Glauchau
leisten  in  der  Fabrikation  von  Möbeldamasten,  einem  besonderen
Zweige  der  Kunst-  und  Musterweberei  (Möbel-,  Decken-,  Gardinenund
  Portierenstoffe),  ein=  und  zweifarbig,  ganz  Vorzügliches.  Dieselben
  werden  in  Mischungen  von  Wolle,  Baumwolle  und  Seide,  zuweilen
  auch  mit  Manillahanf,  zuweilen  auch  mit  Jutegarn  gemischt,
aber  auch  ganz  in  Wolle  ausgeführt,  —  Tischdecken,  theils  in  Mischgewebe,
  theils  in  Wolle,  neuerdings  auch  mit  Jute  gemischt,  zum
Theil  reich  bedruckt,  sowie  wollene  und  wollmousseline  Tücher  und
Shawls  werden  in  Chemnitz  und  Glauchau  in  großer  Vollkommenheit
gefertigt.

Die  Fabrikation  der  halbseidenen  Kleiderstoffe,  welche  vorwiegend
in  Chemnitz  gepflegt  wurde,  ist  in  den  letzten  Jahren  nicht  unbedeutend
  zurückgegangen,  da  die  Mode  die  wollenen,  glatten,  carrirten
und  gestreiften  Stoffe  begünstigte.  Der  Geschmack  wendete  sich  von
den  matteren  wieder  den  lebhafteren  Farben  zu  und  neben  Phantasiestoffen
  wurden  auch  die  Unistoffe  wieder  gesucht.  Von  den  glatten
Wollstoffen  waren  die  Ripse  durch  den  neuen  Genre  „Granit“  etwas
verdrängt  worden.  Das  Absatzgebiet  für  halbseidene  Kleiderstoffe  war
vorwiegend  Deutschland,  obgleich  die  Schweiz,  Holland,  Dänemark
und  Skandinavien  immer  noch  einen  Theil  ihres  Bedarfes  in  Deutschland
  decken.  Im  Exportgeschäfte  machte  sich  im  Allgemeinen  fühlbar,
daß  ein  Land  nach  dem  anderen  sich  durch  hohe  Schutzzölle  abschließt
und  seine  eigene  heimische  Industrie  durch  dieselben  möglichst  befördert.
Daher  sind  Oesterreich,  Italien,  Belgien,  sowie  auch  Rußland  der
deutschen  Ausfuhr  verloren  gegangen.  Der  größere  Theil  der  fabricirten
  halbseidenen  Kleiderstoffe  ist  für  die  Landbevölkerung  bestimmt;
aber  der  Absatz  in  solchen  Genres,  welche  speciell  für  Nationaltrachten
  berechnet  sind,  namentlich  in  den  bunt  brochirten,  nimmt
immer  mehr  ab  (Bericht  der  H.=  und  G.-K.  Chemnitz).  Die  Fabrikation
  von  Schirmstoffen  aus  Baumwolle,  Halbwolle  und  Halbseide
war  in  den  letzten  Jahren  eine  lebhafte  und  rege.  Die  Alpachastoffe
waren  aber  durch  die  Zanellastoffe  (baumwollene  Kette  verbunden  mit
Kammgarn  und  Seide)  beinahe  vollständig  verdrängt  worden.  Die
Fabrikation  von  Möbel=  und  Gardinenstoffen,  sowie  von  Tischdecken
hat  sich  im  Allgemeinen  nicht  wesentlich  verändert.  Der  Geschmack
  bevorzugte  längere  Zeit  bunte  Phantasiestoffe,  jedoch

33
        <pb n="522" />
        —  514  —

weniger  in  den  billigen  Jutewaaren  als  in  preiswerthen  Baumwoll—
stoffen.

Damenkleiderstoffe  in  reiner  Wolle  werden  vorwiegend  in  Glauchau
und  dessen  Umgebungen  gefertigt,  aber  auch  Herrenkleiderstoffe,  sowie
Webstoffe  aus  Bourette.  In  der  neuesten  Zeit  hat  auch  die  Fabri—
kation  von  wollenen,  baumwollenen  und  halbwollenen  Jacquard-Schlafdecken,
  sowie  Sealskin-Reisedecken  sich  so  weit  entwickelt,  daß
mit  der  Zeit  die  englischen  Decken  von  dem  deutschen  Markte  werden
verdrängt  werden.  In  den  Glauchauer  Kleiderstoffen  bevorzugt  man
in  den  letzten  Jahren  carrirte  und  gestreifte  Muster.  Die  Carreaux
sind  theils  auf  glattem  Grunde  durch  feine  Linien  von  bunten  Flocken
hergestellt,  während  die  Streifen  meist  aus  Beige  bestehen.  Reinwollene
  und  wollene  mit  Seide  verzierte  Stoffe,  weniger  jedoch
Cheviotstoffe  waren  eine  Zeit  lang  gesucht.  Auch  Lodenstoffe,  welche
ebenfalls  in  Glauchau  gefertigt  werden,  sind  von  der  Mode  außerordentlich
  begünstigt;  aber  auch  Lamas,  Mohairs  und  Bisonstoffe  in
schönen  Dessins  gemustert.  Auch  ein  neuer  Baumwollenstoff  wird  angefertigt:
  schwarze  Kette  mit  dreifarbigem  bunten  Blumenmuster.  Der
häufige  Wechsel  der  Mode  in  den  Damenkleiderstoffen  in  Verbindung
mit  der  von  Zeit  zu  Zeit  nachweisbaren  Ueberproduction;  der  eine  Zeit
lang  sehr  fühlbare  Rückgang  der  Consumtionsfähigkeit  und  die  erdrückende
  Concurrenz  haben  jedoch  der  Glauchauer  Webwaarenindustrie
schon  viele  schwere  Zeiten  gebracht,  so  daß  es  in  hohem  Grade  erfreulich
  ist,  wenn  die  Geschäfte  einmal  andauernd  einen  besseren
Schritt  annehmen.  In  der  neuesten  Zeit  hat  sich  der  Geschmack  im
Allgemeinen  wieder  den  einfarbigen  Stoffen,  besonders  in  den  besseren
Qualitäten,  zugewendet.

Die  Bedeutung  der  Glauchau-Meeraner  Webwaaren-Industrie
war  schon  1863  eine  sehr  große.  Es  wurden  in  dem  bis  über
Zwickau  und  weit  in  das  Voigtland  hinaus  und  bis  Hohenstein-Ernstthal
  reichenden  Bezirke  gegen  19/10  Millionen  Stück  Waaren  im
Werthe  von  77½  Millionen  Mark  geliefert.  Außer  230  mechanischen
  Webstühlen  standen  in  und  um  Meerane  15700,  in  und  um
Glauchau  15000  Handwebstühle  und  50  bis  60  000  Personen  wurden
  an  ihnen  beschäftigt.  Die  Zahl  der  mechanischen  Webstühle  wuchs
bis  1880  in  Meerane  auf  2535,  in  Glauchau  auf  1060  und  die
der  Handwebstühle  in  beiden  Orten  auf  3200  ungerechnet  die  übrigen
im  Gebiete  der  Webwaaren-Industrie  befindlichen.  Es  wurden  hauptsächlich
  ganz=  und  halbwollene  Damenkleiderstoffe,  sowohl  einfache,
einfarbige,  sogenannte  Unis,  als  auch  gemusterte  Besatz=  und  Phantasiestoffe,
  vielfach  mit  Seide  gemischt,  gefertigt;  ferner  ganz=  und  halbwollene
  Beiges,  baumwollene  Damenkleiderstoffe,  besonders  carrirte
        <pb n="523" />
        —  515  —

(Schotten),  baumwollene  und  wollene  Futterstoffe,  welche  auf  Schaftwie
  auf  Jacquardstühlen  hergestellt  werden.

Die  Weber  werden  entweder  von  den  Fabrikanten  direct  oder
durch  Vermittelung  von  Factoren  mit  Arbeit  versehen.  Die  Weber
klagen  jedoch  häufig  über  die  Höhe  der  Vergütung  (etwa  10  %  bis
12½  00),  welche  die  Factore  für  die  Herbeischaffung  des  Garnes,
die  Fortschaffung  der  Gewebe  und  das  Risico  wegen  vorschriftsmäßiger,
  fehlerfreier  und  pünktlicher  Ablieferung  der  Waare  vom
Weblohne  zurück  behalten.  Der  Wochenverdienst  eines  Handwebers
bei  voller  Beschäftigung  auf  einem  Webstuhle  beträgt  6  bis  10  Mark.
In  der  besten  Zeit,  1856  und  1857  sowie  1871  bis  1873,  betrug
der  Wochenverdienst  bei  Anfertigung  von  wollenen  Popelines,  Purelaines,
  Gaze  (Drehern)  und  Streichköpern  auf  einem  Webstuhle  10  bis
20  Mark.  Die  Nebenarbeiten,  das  Treiben  und  Spulen  des  Garnes,
werden  dabei  immer  von  den  Angehörigen  des  Webers  besorgt.  Die
Kinder  müssen  sehr  häufig  schon  vom  6.  Jahre  an  beim  Spulrade
sitzen,  und  ihre  schulfreie  Zeit  diesen  Arbeiten  widmen.  Das  Vorrichten
  des  Webstuhles  gehört  zu  den  von  dem  Weber  selbst  zu  verrichtenden
  oder  zu  bezahlenden  Arbeiten.  Im  Mülsener  Grunde  verstand
  es  bis  etwa  1880  jedoch  nur  die  Hälfte  der  Weber,  die  andere
Hälfte  bezahlte  diese  complicirte  Arbeit  an  besonders  geübte  Personen
mit  2  Mark  Tagelohn:  doch  ist  in  dieser  Beziehung  durch  die  Webschulen
  schon  eine  bedeutende  Wendung  zum  Besseren  hervorgerufen
worden.  Die  Arbeitslöhne  haben  seit  dieser  Zeit  keine  Aufbesserung
erfahren;  denn  wenn  auch  geschickte  Weber  für  die  Zeit  der  Saison
bei  mäßigen  Löhnen  ausreichende  Beschäftigung  fanden,  so  waren
sie  in  den  eintretenden  Pausen  oft  längere  Zeit  ohne  Arbeit.  Die
Handweberei  kam  allmälig  zu  vollständigem  Erliegen,  und  für  die  Beschäftigung
  an  mechanischen  Webstühlen  fehlte  es  wiederum  häufig  an
guten  Arbeitern.

Hohenstein  und  Ernstthal,  sowie  Lichtenstein  fertigen  Waffel-,
Rips=  und  Piquêèdecken,  gewebte  bunte  Jutedecken,  Jutestoffe,  sowie
auch  Möbelstoffe  und  Tischdecken,  baumwollene  Phantasiemöbelstoffe,
etwas  seidene  und  halbseidene  Lavallieres.  In  baumwollenen  Waffeldecken
  stieg  die  Production,  hauptsächlich  für  die  Ausfuhr  nach  Südamerika;
  aber  auch  Nordamerika,  Ostindien,  Afrika  und  selbst  Dänemark
  und  Scandinavien  bezogen  solche  Decken  (Rips  -,  Piqué=  und
Waffeldecken).  Dagegen  sank  die  einst  so  blühende  Anfertigung  billiger
Westenstoffe,  mit  welcher  um  1857  gegen  1000  Arbeiter  in  Hohenstein
  und  Ernstthal  beschäftigt  waren,  und  diese  Stoffe  sind  dergestalt
  aus  der  Mode  gekommen,  daß  kaum  noch  einige  Weber  sie
fertigen.  Die  Verhältnisse  der  Weber  in  Stollberg  im  Gebirge  und

33“
        <pb n="524" />
        —  516  —

in  Oelsnitz  bei  Lichtenstein  sind  nicht  besser  wie  in  Hohenstein.  Nur
die  Arbeiter  auf  Decken  haben  bei  geringem  Lohne  noch  ausreichende
Beschäftigung.

Am  Allgemeinen  wendet  sich  die  Nachfrage  gegenwärtig  in  bemerkenswerthem
  Grade  den  besseren  Stoffen  zu;  eine  Thatsache,  welche
fast  von  sämmtlichen  Fabrikanten  bestätigt  wird.  Die  baumwollenen
Waaren  haben  einen  sehr  starken  Absatz  gehabt,  allerdings  bei  etwas
niedrigeren  Preisen  als  im  Vorjahre;  doch  hat  das  Tagelohn  in  der
Baumwollenspinnerei  und  Weberei,  je  nach  Tüchtigkeit  und  Zuverlässigkeit
  des  Arbeiters,  immer  noch  von  1,20  bis  zu  2,40  Mark
betragen.  Shirtings  und  breite  Cambrics,  ferner  Futterstoffe,  gedruckte
  oder  faconnirte  Cambrics  und  Satins,  gedruckte,  ein  =  und
zweiseitig  gerauhte  Barchente,  Flanelle,  Callicos,  Levantines  u.  s.  w.
mit  Bordüren  oder  glatt,  sowie  Möbelcallicos  und  doppelseitig  bedruckte
  Crépes  sind  in  bedeutenden  Quantitäten  abgesetzt  worden.
Unter  den  gemischten  Geweben  haben  besonders  Phantasie=  und  feine
Modeartikel  obenan  gestanden;  besonders  schwere  Gewebe  aus  reiner
Wolle.  Alle  Arten  von  Kammgarnstoffen,  Kaschmirs,  Merinos  und
Fancys  haben  ein  lebhaftes  Geschäft  gehabt,  wenn  auch  nur  zu  mäßig
hohen  Preisen.  Die  Arbeitslöhne  in  der  Webeindustrie  gemischter
Stoffe  sind  natürlich  sehr  verschiedene,  je  nach  der  Art  des  Stoffes
und  seiner  Herstellung,  sowie  der  Geübtheit  und  Zuverlässigkeit  des
Arbeiters,  angeblich  zwischen  1,50  und  3,50  Mark.  Auch  Möbelund
  Gardinenstoffe,  Damaststoffe  und  einzelne  Gattungen  von  Tischdecken
  haben  guten  Absatz  gehabt,  und  auch  hier  macht  sich  im  Allgemeinen
  der  Begehr  für  bessere  Qualitäten  geltend.  Das  große
Publikum  scheint  endlich  zu  der  Ueberzeugung  zu  kommen,  daß  man
besser  thut,  für  reelle  und  solide  Waare  mehr  zu  geben,  als  sich
mit  den  bekannten  billigsten  Schleuder=  und  Massen-Artikeln  zu  versehen.


Es  darf  nicht  unerwähnt  bleiben,  daß  die  baumwollenen,  halbwollenen
  und  halbseidenen  2c.  Stoffe  des  sächsischen  Webe-Industrie-Bezirkes
  eine  beachtungswerthe  Stellung  auf  dem  Weltmarkte  einnehmen.


Unter  den  Hülfs=  und  Vollendungsarbeiten  der  Textil-Industrie
ist  außer  der  Bleicherei  für  naturfarbene  Stoffe  die  Druckerei,
Färberei  und  Appretur  von  großer  Bedeutung.

Die  Chemnitzer  Baumwollen-Färberei  hat  weit  und  breit
einen  guten  Namen  erworben.  Nach  manngifachen  vergeblichen  Versuchen,
  welche  zwischen  1763  und  1776  gemacht  worden  waren,  gelang
  es,  wirklich  gut  zu  färben.  So  stand  um  1800  die  Türkischroth
  =  Färberei  wegen  ihrer  ganz  vorzüglichen  Leistungen  in  hohem
        <pb n="525" />
        —  517  —

Flor.  Um  1840  rühmte  man  außer  türkisch  Roth  noch  echt  Violett
(Schnapsviolett),  Krapprosa  u.  s.  w.

Gegenwärtig  färbt  man  Baumwolle,  Wollgarn,  Handschuhe  und
Tricotstoffe,  sowie  auch  Seide.  Die  Baumwollenfärberei  beschäftigt  in
Chemnitz  allein  über  600  Arbeiter.  Die  Ansprüche  an  die  Leistungsfähigkeit
  der  Fabriken,  an  die  Schönheit  und  Dauerhaftigkeit  der
Farben  sind  aber  bedeutend  gestiegen.  In  neuester  Zeit  ist  in  den
Chemnitzer  Färbereien  das  Färben  in  echt  schwarz  eine  hervorragende
Specialität.

Seitdem  1785  der  Schotte  Bell  die  Walzendruckmaschine  erfand
und  es  durch  dieselbe  möglich  wurde,  die  zeitraubende  und  unsichere
Druckerei  aus  freier  Hand  mittels  der  Druckpatronen  zu  beseitigen,
chat  das  Druckereigeschäft  durch  eine  Reihe  verbesserter  Druckmaschinen
einen  außerordentlichen  Aufschwung  genommen.  Man  hat  es  möglich
  gemacht,  mit  3,  4,  5  und  mehr  Cylindern  gleichzeitig  in  3,  4,
5  und  mehr  Farben  zu  drucken  und  selbst  sehr  complicirte  Muster
herzustellen.  «

Bei  der  Kattundruckerei  war  die  Handdruckerei  in  stetigem  Rückgange;
  es  blieben  ihr  nur  die  von  der  Maschinendruckerei  nicht  zu
bewältigenden  Aufträge,  und  diese,  dem  rein  ländlichen  Geschmacke
entsprechenden  Artikel,  welche  nur  noch  in  einzelnen  Gegenden  Deutschlands
  Absatz  finden,  gehen  sehr  zurück,  da  die  Landleute  immer  weniger
  bedruckte  Kattuntücher  kaufen.  Nur  ordinäre  und  leichte  Waare
fand  noch  Absatz;  aber  die  Preise  waren  so  heruntergegangen,  daß
kaum  noch  die  Herstellungskosten  gedeckt  wurden.  Auch  die  Blaudruckerei,
  welche  in  den  letzten  Jahren  noch  einen  ganz  leidlichen  Umsatz
  hatte,  ist  bedeutend  zurückgegangen.  Dagegen  hat  der  Druck  von
Jutestoffen,  Jute=  und  Mohair-Plüschen,  Crépegeweben  (aus  Baumwolle
  und  Jute),  buntgewebten  baumwollenen  Stoffen  und  wollenen
Stoffen,  als  Tischdecken,  Gardinen=  und  Möbelstoffen,  bedeutend  zugenommen,
  was  die  gegenwärtige  Geschmacksrichtung  wesentlich  unterstützt.
  Die  Arbeitslöhne  bewegen  sich  meist  in  Accordsätzen;  wegen
der  schwierigen  Arbeit  waren  sie  meist  hohe,  da  es  schwer  hielt,  gute
Arbeiter  zu  jeder  Zeit  zu  erhalten.

Unter  den  Kattundruckereien  nahm  die  Pflugbeil'sche  lange  Zeit
die  erste  Stelle  ein.  Gegenwärtig  bedruckt  man  Kattune  und  baumwollene
  Gewebe,  sowie  alle  Arten  von  wollenen  und  gemischten
Stoffen  von  Decken,  Tischdecken,  Vorhängen,  Portieren,  Möbelstoffen  u.  s.  w.
Mohairplüsche,  Juteplüsche,  wollene  und  baumwollene  Ripse,  Creépegewebe
  (Baumwolle  und  Jute)  u.  s.  w.  Besonders  schön  werden
Blaudrucke  auf  weißen  oder  leicht  gefärbten  Baumwollen=  und  Halbwollenstoffen
  ausgeführt.
        <pb n="526" />
        —  518  —

Die  Wollengarnfärberei  gewann  ebenfalls  in  den  letzten  Jahren
einen  befriedigenderen  Geschäftsgang.  Bunte  und  carrirte  Artikel
wurden  gesucht.  Auch  bei  der  Baumwollengarnfärberei  war  ein  Aufschwung
  bemerkbar,  hauptsächlich  durch  die  Möbelstoff=  und  Strumpfbranche.
  In  den  v0er  Jahren  freilich  war  sie  ein  höchst  gewinnbringender
  Geschäftszweig,  dem  sich  folgedessen  zahlreiche  Etablissements
zuwandten.  Dadurch  gingen  die  Färbelöhne  wesentlich  zurück.  Dessen
ungeachtet  sind  gut  eingerichtete  Färbereien  unter  sachverständiger  Leitung
  noch  immer  ertragsfähig.  Die  Strumpf-,  Möbelstoff=  und  Stück-Färbereien
  gehen  befriedigend;  die  Baumwollenfärberei  nahm  in  der
Strumpf=  und  Handschuhbranche  einen  Aufschwung.  Der  große  Bedarf
  der  Strumpfwirkerei  zur  Herstellung  von  im  Garne  gefärbter
glatter  Waare  gab  den  Hauptanstoß;  doch  blieben  die  Bedürfnisse  der
Weberei  nicht  weit  zurück.

Auch  die  Seidenfärberei  hat  an  Umfang  gewonnen.  Auch  hier
erfolgt  die  Arbeit  meist  durch  Maschinen.  Wasch=  und  Klopfmaschinen
reinigen  nach  jedem  Färbergange  die  Waare;  Centrifugen  und  Quetschmaschinen
  entwässern  dieselbe,  nachdem  sie  von  Beizen  befreit  und  ausgedrückt
  wurde;  Chevalirmaschinen  verleihen  Glanz  und  Ansehen.
Auch  die  Färberei  von  halb=  und  ganzseidenen  Handschuhen  hat  ein
lebhaftes  Geschäft  gehabt.

Die  Appreturbetriebe,  unter  ihnen  oben  an  die  Chemnitzer  Actienfärberei
  und  Appreturanstalt,  sind  hauptsächlich  mit  der  Appretur
wollener  Kleider=  und  Mantelstoffe  beschäftigt,  wenngleich  neuerdings
manche  Artikel  ohne  Appretur  in  den  Handel  kommen;  nächstdem  mit
der  Appretur  von  Futterstoffen  aus  Wolle  und  Baumwolle,  sowie  auch
mit  der  Appretur  baumwollener  und  wollener  Schlafdecken.

Die  Tuchfabrikation  wird  in  Chemnitz  gar  nicht  mehr  betrieben;
sie  hat  sich  nach  Döbeln,  Roßwein,  Waldheim  und  Leisnig  gewendet,
wo  wollfarbige  Tuche,  hauptsächlich  für  den  Export  nach  dem  Orient,
aber  auch  Buckskins,  Rock=  und  Hosenstoffe  gefertigt  werden.  Die
Fabrikation  von  Cassinetten  und  ähnlichen  Stoffen  bestand  hauptsächlich
  in  Zschopau,  hat  aber  auch  in  den  letzten  10  Jahren  fast  ganz
aufgehört.  Flanelle  werden  in  Böhringen,  Hainichen,  Frankenberg,
Oederan  gefertigt,  sowohl  ganzwollene,  als  auch  halbwollene.  Gestreifte,
  carrirte  halbwollene,  reinwollene,  einfarbige  und  carrirte
Unterrock  -,  Jacken=  und  Schürzenflanelle,  Moltons,  Boi,  Lama  und
Velour,  festgewalkte  Stoffjacken  für  Männer,  Unterröcke  mit  bordirten
Kanten  2c.  Die  bunten  Flanelle  fast  ausschließlich  für  das  Inland,
die  glatten,  weißen  und  einfarbigen  für  den  europäischen  Continent,
sowie  für  China,  Japan,  Vorder-Indien,  Südamerika  2c.,  wo  sie  als
„Saxony  flanells“  seit  Jahrzehnten  eingeführt  sind.  Auf  dem
        <pb n="527" />
        —  519  —

europäischen  Markte  wurden  die  guten  und  reellen  Stoffe  wesentlich
durch  die  neuentstandenen,  billigen  und  schlechten  Fabrikate  in  Filz,
Shoddy,  Vigogne  u.  s.  w.  wesentlich  geschädigt.  Auch  Baumwolle
fand  mehr  und  mehr  in  der  Fabrikation  von  Rockstoffen  Verwendung.
Shoddy  oder  Mungo,  Kunstwolle,  Lumpenwolle,  nennt  man  die  aus
wollenen  Lumpen  gewonnene  Wolle,  welche  gereinigt  und  mit  neuer
Wolle  gemischt,  versponnen  und  verwebt  wird.  Mungo  stammt  von
gewalkten,  Shoddy  von  gewirkten,  gestrickten  und  gehäkelten  Lumpen.
Die  Gewebe  gleichen  den  aus  neuer  Wolle  gefertigten,  sind  aber  bedeutend
  weniger  haltbar.

In  Böhrigen  fertigte  man  im  letztvergangenen  Jahre  weiße
und  farbige  Hemden-  und  Rockflanelle,  aber  auch  Jacquardartikel,
Stoffe  für  Damenconfection,  Decken  und  neuerdings  auch  indische
Shawls.  Die  Oederaner  Flanellfabrikation  ist  sehr  zurückgegangen,
besonders  weil  der  Bedarf  an  starkem  Rockflanell  durch  die  Concurrenz
der  billigeren  und  schlechteren  Shoddywaaren  und  Baumwollenimitate
sehr  abgenommen  hat.  Auch  die  Köper=  und  Jacgquardstoffe  leiden
durch  die  Halblama=  und  Barchentstoffe.  Bunte  Rockflanelle,  Lamas,
Morgenrockstoffe,  weiße  und  einfarbige  Flanelle,  Stoffe  für  Damenmäntel
  2c.  waren  in  Hainichen  die  gangbaren  Fabrikate.  Nur  in
Zschopau  behaupteten  drei  Tuchfabriken  erfolgreich  das  Feld.

66.  Die  Wirterei.

In  dem  großen  Gebiete  der  Textilindustrie,  welches  sich  zwischen
westlicher  Mulde  und  Zschopau,  beziehentlich  Flöha,  von  der  Schatzenstein
  =  und  Greifenstein  =  Erhebung  nach  Nord  erstreckt,  bis  über  die
Grenzen  des  sächsischen  Mittel=  oder  Granulitgebirges  hinaus,  abgesehen
  von  den  westlich  der  Mulde  und  östlich  der  Flöha  befindlichen,
ganz  bedeutenden  Außenposten,  bildet  die  Strumpfwirkerei  wiederum
ein  kleineres,  ziemlich  geschlossenes  Gebiet.  Die  Strumpfwirkerei
hat  ihren  Sitz  von  dem  Abhange  des  Beuthwaldes  und  Greifensteines
nordwärts  bis  in  die  Höhe  von  Lunzenau,  Wiederau  und  Alt-Mittweida
  und  bildet  inmitten  des  großen  Territoriums  der  Webeindustrie
in  sich  wiederum  geschlossene  Ortschaften.  Westlich  und  östlich  dieses
Gebietes  tritt  sie  in  einzelnen  Städten  und  Orten  Sachsens  und  Thüringens
  wieder  auf,  aber  immer  mit  der  ihr  eigenthümlichen  Abgeschlossenheit.
  Es  ist  wohl  in  nur  wenig  Industriezweigen  die  Theilung
  der  Arbeit  schon  so  frühzeitig  consequent  durchgeführt  worden,
wie  in  der  Wirkwaarenmdustrie,  wo  sie  in  Bezug  auf  Einheit  des
Materials,  Feinheit  der  zu  verarbeitenden  Garnnummern  und  Gleich-
        <pb n="528" />
        —  520  —

mäßigkeit  der  einzelnen  Artikel  fast  so  weit  geht,  daß  fast  jeder
Strumpfwirker  einen  anderen  Artikel  oder  mindestens  eine  andere
Qualität  desselben  Artikels  arbeitet.  Es  gruppiren  sich  hierdurch  ge—
wisse  Districte,  in  denen  die  Fabrikation  von  Strümpfen  und  Socken,
die  verschiedenen  Arten  von  Jacken  und  Handschuhen,  der  regulären
und  der  geschnittenen  und  der  genähten  Waaren  vorwalten.  Man
konnte  den  Umfang  der  sächsischen  Strumpfwirkerei  um  1860  auf
etwa  300  Rundstühle  nach  englischem  und  französischem  System  und
etwa  25  000  Handstühle  veranschlagen,  auf  welchen  eine  Menge  von
fast  35.000  Menschen  Beschäftigung  fand  und  Waaren  im  Werthe
von  beinahe  10  Millionen  Mark  herstellte.  Die  Zahl  der  Handstühle
wird  sich  annähernd  gleich  geblieben  sein;  dagegen  hat  sich  die  Zahl
der  Rundstühle  mit  4  bis  6  Köpfen,  der  Rundstühle  mit  großem,
weitem,  sackähnlichem  Product  für  geschnittene  Waare,  der  mechanischen
  Wirkstühle  nach  verschiedenen  Systemen,  der  Strickmaschinenstühle,
  mechanischen  drehbaren  Wirkstühle,  der  Kettenstühle  und  der
verschiedenen  Stuhlgattungen  für  Anfertigung  einzelner  Theile  der
herzustellenden  Wirkwaaren  u.  s.  w.  bedeutend  vermehrt,  daß  man  sie
kaum  unter  5000  veranschlagen  darf.  Den  Umfang  der  Wirkwaarenindustrie,
  welcher  selbst  in  der  neuesten  Zeit  ein  sehr  bedeutender  geblieben
  ist,  schätzte  man  1886  auf  50  Millionen  Mark.

Der  1589  wahrscheinlich  von  Lee  in  Cambridge  erfundene
Strumpfwirkerstuhl,  an  sich  schon  eine  höchst  complicirte  Maschine,
hat  allmälig  eine  große  Reihe  von  Abänderungen  und  Verbesserungen
durchgemacht,  so  daß  nur  noch  die  allgemeinen  Constructionsgrundzüge
  der  alten  Handstühle  an  den  neuen  mechanischen  Stühlen  zu  erkennen
  sind.  In  Deutschland  war  der  Stützen=  oder  Stelzenstuhl  der
gebräuchlichste  Strumpfwirkerstuhl.  Er  besteht  aus  dem  Stuhlgerüste
mit  dem  Rechen,  den  Lagerplatten  mit  den  Crochirhaken  und  wird
nach  der  Feinheit  der  Nadeln  in  Zweinadelstühle  und  Dreinadelstühle
eingetheilt,  jede  Gattung  nach  der  Stärke  der  Nadeln  wieder  in  acht
Nummern.  Doavid  Esche,  ein  Strumpfwirker,  welcher  in  der  Seidenstrumpf=
  und  Handschuhfabrik  eines  Franzosen  in  Dresden  einen
französischen  Strumpfstuhl  gesehen  hatte,  baute  denselben  aus  dem
Gedächtniß  nach,  und  errichtete  eine  Strumpffabrik  in  Limbach.  1764
waren  daselbst  schon  80  Meister  beschäftigt  (Schumann,  V,  730).
Das  Geschäft,  welches  David  Esche  gründete,  seit  1777  Johann
Samuel  Esche,  seit  1836  Moritz  Samuel  Esche,  siedelte  1870  nach
Chemnitz  über,  wo  die  wesentlich  vergrößerte  Fabrik  über  800  Personen
  innerhalb  der  Fabrik,  gegen  2500  Personen  außerhalb  derselben
beschäftigt.

Eine  andere  Quelle  sagt,  daß  1728  schon  die  Strumpfwirkerei
        <pb n="529" />
        —  521  —

auf  den  Dörfern  um  Chemnitz  eingeführt  worden  sei,  und  wieder  eine
andere,  daß  sich  1741  in  Lungwitz  der  erste  Strumpfwirker,  Namens
Fischer,  ein  Schulmeisterssohn,  niedergelassen  habe.  1765  sei  die
Strumpfwirkerei  in  Chemnitz  selbst  aufgekommen,  und  um  diese  Zeit
habe  J.  G.  Esche  durch  Nachahmung  englischer  Stühle  für  Seidenwirkerei
  die  Seidenstrumpf-Manufactur  eingeführt.  Im  Anfange
wurden  auf  diesen  Stühlen  nur  seidene  Strümpfe  gewirkt,  und  erst
später  fing  man  an  baumwollene  und  wollene  Waare  zu  fertigen.
Man  machte  weiße  und  bunt  faconnirte  Strümpfe  und  Mützen;  seit
1785  bunte  Tricotwesten,  nach  englischer  Art  gefertigte  Patentstrümpfe,
Moltonstrümpfe,  sowie  weiße  mit  blumigen  Kanten  auf  Piquéart  gewirkte
  Gilets.  1  "

Um  1840  bestanden  22  Strumpfwirkerinnungen,  bei  denen
man  gegen  22  000  gangbare  Stühle  und  34  bis  36  000  Arbeiter
zählte.

Unter  den  verbesserten  Handstühlen  ist  die  wahrscheinlich  in
Sachsen  zuerst  aufgekommene  Riegelmaschine  zu  nennen;  sodann  folgte
die  Weefmaschine  mit  Haken,  welche  sehr  schöne,  gleichmäßige  Arbeit
lieferte,  sodann  die  einfache  Kantenmaschine  von  Dumont,  wahrscheinlich
  englischen  Ursprunges,  und  zuletzt  der  Kollirkettenstuhl  (Coulirkettenstuhl)
  von  Reichel  in  Berlin,  wo  vermittelst  einer  besonderen
Vorrichtung  der  Strumpfwirkerstuhl  mit  dem  Webstuhle  verbunden  ist.
Sodann  die  Links=  und  Rechts-Maschine).

Der  Anfang  der  Arbeit  geschieht  durch  geschlängeltes  Umlegen
des  Fadens  um  die  Nadeln;  darauf  folgt  das  Eincrochiren  (Einhaken)
des  Fadens  und  Niedertreten  der  Seitenschemel,  hierauf  das  Auscrochiren
  und  Niedertreten  der  Querschemel.  Hierdurch  wird  die  erste
Maschenreihe  gebildet.  Ein  geübter  Arbeiter  kann  täglich  3400
Maschenreihen  (Ranscheen)  machen.  Im  Erzgebirge  nahm  die  Strumpfwirkerei,
  hauptsächlich  in  Folge  der  billigen  Arbeitslöhne,  einen  großen
Aufschwung  und  entwickelte  sich  schnell  zu  einem  noch  heute  außerordentlich
  umfang=  und  bedeutungsreichen  Industriezweige.  Aber  die
Engländer  haben  seit  einer  langen  Reihe  von  Jahren  erfolgreiche
Anstrengungen  gemacht,  durch  Verbesserung  der  Maschinen,  wie  durch
geschmackvolle  Fabrikation  der  sächsischen  Industrie  entgegen  zu  treten.
Die  Wirkwaaren  werden  zum  Theil  rein  aus  Wolle  oder  Baumwolle,
zum  Theil  gemischt  u.  s.  w.  angefertigt.  Sie  zeichnen  sich  durch
Elasticität,  gute  Facons,  geschmackvolle  Muster  in  allen  besseren
Artikeln  aus;  die  geringe  Waare  freilich  auch  durch  unbegreifliche

*)  Langsdorf,  Der  Strumpfwirkerstuhl.
Lambs,  Die  neue  Strickmaschine.
        <pb n="530" />
        —  522  —

Billigkeit.  In  den  großen  Strumpfwirkerdörfern,  welche  sich  im
Mülsener  Grund,  im  Lungwitzthale  und  seinen  Seitenästen  von  Lichtenstein,
  Gersdorf  und  Erlbach,  im  Thale  von  Grüna  und  Reichenbrand,
  im  Mürschnitzthale  mit  den  Nebenthälern  von  Neukirchen,
Leukersdorf  und  Kirchberg,  im  Zwönitzthale  bis  hinauf  über  Thalheim,
  längs  des  Gablenzbaches,  in  dem  zur  Stadt  angewachsenen
Limbach,  im  Thale  von  Pleißa  und  Röhrsdorf,  von  Wittgensdorf,  im
Thale  von  Hartmannsdorf,  Göppersdorf  und  Burkersdorf,  im  Thale
von  Frohna  und  von  Kaufungen,  von  Taura  und  von  Markersdorf
u.  s.  w.  oft  stundenweit  ausdehnen,  hört  man  von  Haus  zu  Haus
den  Strumpfstuhl  rasseln,  und  es  werden  Massen  angefertigt,  welche
nur  durch  die  Arbeit  der  großen  Strumpfmaschinen  überflügelt  werden.
  Socken  und  Strümpfe,  Handschuhe,  Unterjacken,  Unterhosen,
Mützen,  Shawls,  Spencer,  Aermelwesten  und  Ueberjacken,  Blousen,
Frauenhauben,  Pulswärmer,  Kinderkleider  u.  s.  w.  werden  zu  Hunderttausenden
  gemacht.  Ein  Dutzend  baumwollener  Frauenstrümpfe  ist  für
1  Mark  zu  haben,  während  es  in  einer  guten  Qualität  bis  zu  10
und  12  Mark,  in  den  besten  und  modernsten,  ausgewählten  Gattungen
bis  zu  24  und  30  Mark  kostet.

Die  Vermehrung  der  Kraftstühle  hat  eine  große  Steigerung  der
Production  hervorgerufen.  Dessen  ungeachtet  war  das  Geschäft  in
Strümpfen  aller  Art,  aus  Baumwolle,  Flor,  Seide  und  Wolle,  nicht
ungünstig,  trotzdem  das  Geschäft  in  starken  Strumpfwaaren  der  Großfabrikation
  durch  den  Betrieb  von  Strickmaschinen  von  Seiten  kleiner
Leute  immer  mehr  entzogen  wird.  Von  den  hölzernen  Wirkstühlen
stehen  immer  mehr  still,  besonders  da  auch  die  Hausindustrie  sich
immer  mehr  mit  eisernen,  mechanischen  Stühlen  versorgt,  welche  im
Allgemeinen  die  Herstellung  besserer  Arbeit  fördern.  Es  werden  auf
vielen  Stühlen  farbige  Waaren  hergestellt,  welche  dem  Vergleiche  mit
französischen  und  englischen  Waaren  vollkommen  gewachsen  sind.  Die
Arbeitslöhne  für  die  herkömmlichen  Producte  der  Hausindustrie  sind
allerdings  auf  einen  so  niedrigen  Stand  gesunken,  daß  es  dem  Arbeiter
  kaum  noch  möglich  ist,  die  allernöthigsten  Bedürfnisse  von
seinem  Lohne  zu  bestreiten.  Nur  diejenigen  Arbeiter,  welche  sich  in
Anfertigung  von  bunten  Waaren  (sogenannten  Fancy-Artikeln)  gut
eingerichtet  haben,  oder  solche,  die  auf  feinen  Maschinen  gut  zu  arbeiten
  verstehen,  verdienen  einen  auskömmlichen  Lohn,  ganz  wie  die
Arbeiter,  welche  in  geschlossenen  Etablissements  auf  Maschinen  arbeiten.


Der  Export  wurde  in  den  letzten  Jahren  zwar  aufrecht  erhalten,
aber  die  Preise  waren  beim  Exportgeschäft  wie  beim  inländischen  sehr
gedrückt.  Dazu  kam  die  gesteigerte  Concurrenz  der  Zuchthausarbeit,
        <pb n="531" />
        —  523  —

welche  nur  etwa  ein  Viertel  der  sonst  gegebenen  Löhne  zahlt.  Auch
die  Zollgesetzgebung  ist  der  Strumpfwaarenfabrikation,  welche  ja  vorwiegend
  für  den  Export  arbeitet,  entschieden  ungünstig.  Bei  dem
wieder  eingetretenen  Ueberwiegen  der  Stapelartikel  ist  die  Concurrenz
Englands  sehr  empfindlich.  Im  Allgemeinen  sind  die  Geschäftsaussichten
  jedoch  bessere  geworden,  als  man  noch  vor  nicht  zu  langer  Zeit
erwarten  durfte.

Im  Handschuhgeschäft  waren  halb=  und  ganzseidene  Handschuhe
besonders  gesucht.  Dieselben  wurden  schon  in  den  letzten  Jahren  in
großen  Mengen  angefertigt  und  ausgeführt.  Seit  dem  Jahre  1885
machte  sich  aber  die  Vorliebe  für  die  seidenen  und  plattirten  halbseidenen
  Handschuhe  in  höherem  Grade  bemerkbar.  Auch  baumwollene
Atlas=  und  Tricot-,  sowie  Kammgarn=  und  Cashemir-Handschuhe  waren
sehr  gesucht;  lange  Handschuhe  blieben  in  der  Mode,  der  Geschmack
bevorzugte  die  ruhigen  Farben  und  die  kurz  vorher  gesuchten  grellen
Nüancen  wurden  nicht  mehr  verlangt.  Bei  den  Coulirhandschuhen
waren  die  Preise  sehr  gedrückt;  dessen  ungeachtet  verdrängte  die  billigere
Kettenstuhlwaare  zum  großen  Theil  die  Cashemirhandschuhe.  In
Amerika  macht  sich  eine  lebhaftere  Nachfrage  nach  Strumpfwaaren,
sowie  gewirkten  Hemden  und  Unterkleidern  geltend,  obgleich  Nordamerika
  viele  Strumpfwaaren  selbst  fabricirt.  Den  Absatz  nach  Frankreich
  und  Rußland  hat  die  Wirkwaarenindustrie  ohne  ihr  Verschulden
durch  schwere  Eingangszölle  fast  ganz  verloren.  Auch  Oesterreich
schließt  sich  ab;  England  kauft  wenig  und  Belgien  nur  noch  Strumpfwaaren
  in  den  besseren  Qualitäten.

Man  zählt  gegenwärtig  in  Chemnitz  119  Strumpf=  und  Handschuhwaarenfabrikanten,
  23  Tricotagen-  und  Tricotfabrikanten,  mehrere
Appreteure  für  Strumpfwaaren.  Von  den  zahlreichen  Maschinenfabriken
  in  Chemnitz  beschäftigen  sich  viele  mit  der  Anfertigung  von
Wirkstühlen  zur  Fabrikation  regulärer  Strümpfe,  Socken,  Hosen,
Jacken  und  geschnittener  Wirkwaaren,  von  Cottonmaschinen  für
Strumpf=  und  Hosenfabrikation,  von  einfachen  und  complicirten  Wirkstühlen
  und  Strumpfmaschinen,  von  Rundstrickstühlen,  2-,  4-,  6=  und
mehrbändrigen  regulären  Rändermaschinen  2c.  12  Strickmaschinenfabriken
  fertigen  Facon-,  Expreß-,  Saxonia-Rundstrickmaschinen,  Längenund
  Rändermaschinen  mit  Doppelmechanik,  Umlegemuster  2c.

Unter  den  verschiedenen  größeren  Etablissements  der  Chemnitzer
Wirkwaaren--Industrie  sind  die  Handschuhfabrik  von  H.  Gulden  und
die  Strumpfwaarenfabrik  von  M.  S.  Esche  in  hohem  Grade  sehenswerth,
  wenngleich  man  auch  in  kleineren  Etablissements  sich  über  den

Gang  der  Arbeit  sehr  gut  unterrichten  kann.  Man  vermag  sehr  leicht
dem  Verlaufe  der  Strumpfwaaren-Fabrikation  in  seinen  einzelnen
        <pb n="532" />
        —  524  —

(Stadien  zu  folgen,  wenn  auch  nicht  jede  technische  Verschiedenheit  der
verwendeten  Wirkstühle  dem  Nichtfachmann  sogleich  erkennbar  ist.  In
den  größeren  Etablissements  gewinnt  man  jedoch  weit  leichter  einen
Ueberblick  über  die  verschiedenen  Specialitäten  der  im  Gebiete  der
Wirkwaarenindustrie  hergestellten  Sorten.  Von  den  nur  in  der  Hausindustrie
  angefertigten  regulären  Coulirhandschuhen  an  bis  zu  der  ausschließlich
  in  geschlossenen  Etablissements  hergestellten  geschnittenen
Waare,  sowie  durch  die  Reihenfolge  der  verschiedenen  Manipulationen,
welche  durchzumachen  sind,  um  vom  rohen  Garne  bis  zur  fertigen
Waare,  von  den  geringsten  bis  zu  den  feinsten  und  reichst  ausgestatteten
  Sorten  zu  gelangen,  erhält  man  allerdings  nur  in  den  größeren
Fabriken  den  schnellsten  Ueberblick.  Die  Gulden'sche  Fabrik  beschäftigt
gegenwärtig  500  Arbeiter  innerhalb  und  2500  Arbeiter  außerhalb
der  Fabrik  und  fertigt  in  1800  bis  2000  verschiedenen  Mustern
Handschuhe  in  6  bis  7  Kindergrößen,  8  Frauengrößen  und  4  bis  5
Männergrößen.

Die  Strumpfwaarenfabrik  von  M.  S.  Esche  hat  ungefähr  800
Arbeiter  innerhalb  der  Fabrik  und  über  2500  Arbeiter  außerhalb
derselben  in  der  ganzen  Hausindustrie  des  ganzen  Bezirkes,  vorwiegend
in  Limbach  und  Umgegend.  Im  Erdgeschoß  der  Fabrik  befinden  sich
in  großen  Sälen  gegen  300  eiserne  Wirkstühle  Chemnitzer  Bauart,
auf  denen  regulär  geminderte  Strümpfe  in  den  verschiedensten  Größen
und  Feinheiten  gearbeitet  werden.  3,  4,  5  und  6  Strumpflängen
werden  gleichzeitig  auf  einem  solchen  Stuhle  gewirkt,  denen  auf  anderen
  Stühlen  die  Füße,  auf  anderen  die  Fersen  angefügt  werden.
Die  Säle  im  Obergeschoß  enthalten  eine  ähnliche  Anzahl  von  Stühlen
englischer  Construction,  theils  aus  England  bezogen,  theils  nach  englischem
  System  in  Chemnitz  gebaut,  auf  welchen  bis  zu  12  Längen
gleichzeitig  angefertigt  werden  können.  Im  zweiten  Obergeschoß  stehen
eine  Anzahl  Ränder=  oder  Ribbadstühle  von  großen  Dimensionen,
welche  bis  zu  16  Bändern  gleichzeitig  herstellen,  sowie  verschiedene
Rund=  und  Schlauchstühle  für  die  billigen  Strumpfschläuche  und  die
großen  sockenartigen  Schläuche,  aus  denen  die  geschnittenen  Strümpfe,
Jacken  und  Hosen  gefertigt  werden.  Im  Dachgeschoß  ist  der  Nähsaal,
  wo  aus  den  mit  der  Maschinenscheere  geschnittenen  Stofftheilen
Strümpfe,  Jacken,  Hosen  rc.  mittelst  Nähmaschinen  mit  hervorragender
Gleichmäßigkeit  und  Schönheit  genäht  werden.  In  dem  geräumigen
Lager  werden  die  rohen  Waaren,  wie  sie  eben  gefertigt  oder  von  den
zahlreichen  Arbeitern  der  Hausindustrie  auf  den  Dörfern  abgeliefert
worden  sind,  gesammelt,  um  sodann  die  nöthige  Appretur  zu  erhalten.
Die  fertige  Waare  erhält  in  den  Formsälen  durch  Formbreter  und
Trocknen  in  heißer  Luft  die  richtige  Fagon,  worauf  sie  nochmals
        <pb n="533" />
        —  525  —

durchgesehen  (repassirt)  und  jeder  gefundene  Fehler  oder  Defect  mit
der  Nadel  ausgebessert  wird.  Die  fertige  Waare  wird  nach  nochmaliger
  Durchsicht  in  Dutzenden  und  Halbdutzenden  gebunden,  in
Cartons  gepackt  und  mit  den  nöthigen  Etiketten  versehen.  Die  Fabrikation
  umfaßt  alle  Arten  von  Strumpfwaaren,  Strümpfe,  Hosen,
Jacken,  Westen  u.  s.  w.  von  den  billigsten  Sorten  in  rohem,  weißem,
gefärbtem  oder  buntem  Garn  bis  zu  den  allerfeinsten  und  besten
Qualitäten  in  Baumwolle,  fil  d'Ecosse,  Halbwolle,  Wolle,  Halbseide
und  Seide.  Ein  großer  Theil  der  sogenannten  Phantasieartikel  wird
nach  Muster  aus  dem  dazu  verabreichten  Material  in  den  Dörfern
des  Webebezirkes  gearbeitet.  Die  Fabrikate  finden  Absatz  nach  allen
Welttheilen,  vorwiegend  jedoch  nach  Nordamerika.  „Es  ist  anerkannt,
  daß  die  Fortschritte  der  Wirkindustrie  des  Bezirkes  in  Billigkeit,
  Güte  und  zugleich  Geschmack  einen  großen  Vorsprung  gegen
England  und  Frankreich  haben  erreichen  lassen.“  (Chemnitzer  Tageblatt
  1886,  Nr.  139.)

In  den  jüngstvergangenen  Jahren  hatte  die  Wirkindustrie  schwere
Zeiten  durchzumachen.  Mit  der  Vermehrung  der  Kraftstühle  war
eine  Steigerung  der  Production  eingetreten,  welche  große  Gefahren
  mit  sich  brachte,  da  das  maßlose  Wachsen  der  Vorräthe  mit
sehr  mittelmäßigem  Geschäftsgange  und  unausgesetztem  Sinken  der
Preise  verbunden  war.

Die  Fabrikation  von  Strumpfwaaren  hat  sich  jedoch  wieder
wesentlich  gehoben.  In  Chemnitz  fertigte  man  hauptsächlich  reguläre
Strumpfwaare,  geschnittene  Strumpfwaare  von  Rundmaschinen,  geminderte
  Strümpfe  von  Strickmaschinen,  baumwollene  Strumpfwaaren,
aber  auch  wollene  Strickwaaren,  Herren=  und  Damenwesten,  gestrickte
Frauenröcke  u.  s.  w.  Wollene  gestrickte  Socken,  Frauen=  und  Kinderstrümpfe
  waren  weniger  gesucht.  In  Lichtenstein  fertigte  man  baumwollene,
  wollene  und  imitathalbwollene  Flor=  und  Seidenstrumpfwaaren,
  besonders  Herrensocken,  Frauen=  und  Kinderstrümpfe;  in
Stollberg  baumwollene,  rohe  glatte,  reguläre  Frauen=  und  Kinderstrümpfe
  und  Herrensocken,  besonders  für  die  Ausfuhr  nach  Nordamerika;
  in  Limbach  und  Burgstädt  Strumpfwaaren  aller  Gattungen;
in  Geringswalde  hauptsächlich  auf  der  Strickmaschine  hergestellte
Strumpfwaaren,  vor  Allem  feine  und  theure  Strümpfe.  Dagegen.
klagte  man  in  Thum  über  den  Rückgang  der  Wirkerei,  da  die  zunehmende
  Verbreitung  der  Strickmaschine  und  die  allgemeiner  werdende
  Handstrickerei  die  Fabrikation  starker  Strümpfe  sehr  beeinträchtige.
Die  gestreiften  und  gemusterten  Strümpfe  sind  gesuchter  wie  die  glatte
Farbwaare;  doch  werden  die  gefärbten  und  Maco-Strümpfe  mehr  in.
geschlossenen  Etablissements  als  von  der  Hausindustrie  angefertigt.
        <pb n="534" />
        —  526  —

Im  Ganzen  bleibt  aber,  trotz  der  im  Allgemeinen  günstig  sich  ge—
staltenden  Verhältnisse,  der  Gewinn  doch  nur  innerhalb  bescheidener
Grenzen.

Die  Handschuhfabrikation  hat  in  jüngster  Zeit  eine
Krisis  zu  bestehen  gehabt.  Die  Ueberproduction,  besonders  in  gerin—
gerer  Waare  (Schundwaare)  hatte  dergestalt  überhand  genommen,
daß  sie  ein  gewaltsames  Ende  nehmen  mußte.  Besonders  in  Kulir—
handschuhen  wurden  große  Vorräthe  zu  jedem  Preise  verschleudert.
Die  Gesundung  der  Verhältnisse  wird  hauptsächlich  dadurch  bedingt,
daß  zu  den  mehr  als  unterwerthigen  Preisen  überhaupt  nicht  weiter
gearbeitet  wird.  Es  ist  ja  unvermeidlich,  daß  durch  das  Bestreben,  auf
Kosten  der  Qualität  immer  billigere  Sorten  zu  fabriciren,  ganz  un—
haltbare  Verhältnisse  geschaffen  werden.

Die  Handschuhbranche  hat  sich  nur  dort  allein  aufrecht  erhalten
können,  wo  sie  auf  einer  soliden  Grundlage  stand.  Bei  dem  niedrigen
Stande  der  Preise  erwächst  aus  der  in  den  Vereinigten  Staaten
Nordamerikas  sich  immer  mehr  ausbreitenden  Handschuhfabrikation
noch  eine  besondere  Gefahr.  Kulirhandschuhe,  deren  Herstellung  in
feinen  Sorten  die  höchste  Geschicklichkeit  des  Arbeiters  verlangt,  sind
fast  gar  nicht  begehrt.  Ganzseidene  und  seidenplattirte  Handschuhe
gehen  recht  gut,  aber  nur  bei  sehr  billigen  Preisen.  Handschuhe  mit
Spitzen  von  Glacéleder  sind  gesucht.  Dagegen  sind  baumwollene
Atlas=  und  Tricothandschuhe,  Kammgarn=  und  Cachemirhandschuhe,
selbst  bei  ruhigen  und  einfachen  Farben  (Modebraun,  Gold,  Grau,
heller  oder  dunkler)  zurückgegangen.  Die  Herstellung  von  Lamahandschuhen
  ist  ganz  unlohnend  geworden.

Auch  in  der  Anfertigung  von  Tricotstoffen  hat  sich  die
Production  bedeutend  gesteigert,  ohne  eine  entsprechende  Preiserhöhung
mit  sich  zu  bringen.  Tricotstoffe  werden  zu  Frauentaillen,  Kinderkleidern
  und  Herrenanzügen  massenhaft  verbraucht,  sowohl  in  den  gewöhnlichen,
  glatten  Tricotstoffen,  als  auch  in  gemusterten  und  Waffelstoffen.
  Man  fertigt  baumwollene,  halbwollene  und  wollene  Tricotstoffe,
  sowohl  in  Streichgarn,  als  auch  in  Vigogne,  besonders  zu
Unterkleidern.  Auch  Tricotstoffe  aus  Kammgarn  sind  begehrt,  und  in
allen  Gattungen  derselben  werden  praktische  und  geschmackvolle  Neuheiten
  angefertigt.  Das  Absatzgebiet  der  Tricotstoffe  dehnt  sich  immer
weiter  aus.  Die  einfarbigen  Stoffe  sind  die  gesuchtesten;  gemusterte
müssen  sich  erst  Bahn  brechen.  In  neuester  Zeit  fertigt  man  auch
einfarbige,  sowie  mehrfarbige  schillernde  Tricotstoffe.  Man  veranschlagt
  den  Werth  der  Ausfuhr  des  Chemnitzer  Bezirkes  in  Wirkwaaren
  auf  durchschnittlich  26  Millionen  Mark.

-  Im  Allgemeinen  darf  man  aber  wohl  auch  hier  darauf  hin-
        <pb n="535" />
        —  527  —

weisen,  daß  nur  die  gute,  sich  in  Qualität  bleibende,  zuverlässig  an—
gefertigte  Waare  im  Stande  ist,  einer  Industrie  für  längere  Zeit
einen  gesicherten  Stand  zu  erhalten.

Die  in  Limbach  seit  1869  bestehende  Wirkschule,  die  ein—
zige  in  Deutschland,  gilt  als  ein  Mittelpunkt  für  alle  in  das  Gebiet
der  Wirkerei  einschlagenden  Interessen.  Der  Unterricht  umfaßt  Arithmetik,
  Geometrie,  geometrisches  Zeichnen,  Physik  und  Mechanik,  Maschinenzeichnen,
  Technologie  der  Spinnerei  und  Wirkerei,  praktisches
Arbeiten,  Buchführung.  Das  Schulgeld  beträgt  für  sächsische  Schüler
180  Mark  jährlich.  Die  Schule  wurde  im  20.  Lehrjahre  1888/89
von  36  Schülern  besucht;  von  diesen  waren  21  aus  Sachsen,  6  aus
dem  Deutschen  Reiche,  9  aus  dem  Auslande  (Oesterreich  4,  Frankreich,
  Schweiz,  Schweden,  England,  Nordamerika  je  1).  Der  Jahresbericht
  1889  enthält  eine  wichtige  Abhandlung:  „Die  Wirkerei  vor
und  nach  der  Einführung  des  allgemeinen  deutschen  Patentgesetzes“,
von  Director  Professor  Willkomm).

67.  Maschinenbau.

Der  jüngste  der  vier  großen  Industriezweige  ist  der  seit  Mitte
der  20er  Jahre  entstandene  Maschinenbau.

Die  erste  Entstehung  verdanken  die  Maschinenbauwerkstätten  der
Einführung  der  Baumwollspinnmaschinen  und  der  Dampfmaschinen.
Die  Begründer  des  Maschinenbaues  waren  meistentheils  Männer,
denen  die  Erfahrung  den  größten  Theil  der  wissenschaftlichen  Vorbildung
  ersetzen  mußte.  Eine  der  ersten  Werkstätten  für  Maschinenbau
war  die  von  C.  G.  Haubold  1826  in  der  ehemaligen  Wöhler'’schen
Baumwollenspinnerei  in  Chemnitz;  sie  beschränkte  sich  jedoch  vornehmlich
  auf  den  Bau  von  Spinnmaschinen.  Nach  Eintritt  Sachsens  in
den  Zollverband  entstanden  verschiedene  Maschinenbauanstalten;  vor
Allem  nahmen  die  Eisenwerke  den  Bau  von  Walzen,  Pressen,  Gebläsen,
  Constructionswerkzeugen  u.  s.  w.  auf.  In  Burgk  begann
Frhr.  v.  Burgk;  ihm  folgten  Lattermann  in  Morgenröthe,  v.  Querfurth
  in  Schönheide,  v.  Elterlein  auf  Pfeilhammer,  Nestler  und  Breitfeld
  in  Erla,  welche  letztere  vorzugsweise  Maschinenwebstühle  (power
looms),  Wasserräder  und  eisernes  treibendes  Zeug  bauten.  (Wieck,
Industrielle  Zustände  Sachsens,  1840,  S.  259.)  —
·  DieHaubold’scheMaschinenbauanstaltinChemnitzwardlssS
zueinemgroßenActienuutemehmen,,SächsifcheMaschinenbau-Com-*)

  Programm  der  Wirkschule  zu  Limbach  in  Sachsen.  Ostern  1889.
        <pb n="536" />
        —  528  —

pagnie“  umgewandelt,  welches  jedoch  nach  kurzer  Zeit  nicht  mehr
lebensfähig  war.  Auch  eine  nicht  unbedeutende  Anzahl  von  kleineren
und  größeren  Maschinenbau-Werkstätten  waren  schwer  bedrängt,  so
daß  ein  Theil  derselben  seine  Arbeiten  einstellen  mußte.  Unter  den
fortarbeitenden  sind  Borchardt  für  Dampfmaschinen,  Tetzner  &amp;amp;  Pfaff
für  Spinn=  und  Druckmaschinen,  Götze  &amp;amp;  Hartmann  (Streichwoll-,
Haubold  jun.  (Kammwoll-),  Schwalbe,  Seifert  für  Spinnmaschinen,
Schnebely  für  Druckmaschinen,  Auerbach,  Nendel  für  Jacquard=  und
Spulmaschinen  zu  nennen.  Schönherr  in  Nieder-Schlema  baute  ausschließlich
  die  patentirte  Schönherr'sche  Webmaschine.

Nur  der  Intelligenz  und  Thatkraft  einzelner  Männer  war  es
zu  danken,  daß  der  ganze  Maschinenbau  nicht  schon  nach  einem  glücklichen
  Anfang  wieder  zu  Grunde  ging.

Unter  diesen  Männern  nimmt  Richard  Hartmann))  die
oberste  Stelle  ein.  Sohn  eines  Weißgerbers  zu  Barr  im  Elsaß,
1809  geboren,  1878  gestorben,  hatte  er  das  Zeugschmiedhandwerk  gelernt.
  1832  kam  er  auf  seiner  Gesellenwanderung  nach  Chemnitz
und  fand  in  der  Maschinenbauanstalt  von  Haubold  Arbeit.  Mit
rastlosem  Eifer  und  dem  ihm  angeborenen  Geschick  machte  er  sich
bald  in  der  ihm  ungewohnten  Thätigkeit  heimisch.  Er  machte  sich
selbständig  und  eröffnete  mit  drei  Arbeitern  eine  Maschinenbauwerkstätte,
  die  er  unter  schwerem  Ringen  aufrecht  erhielt.  Hartmann  hatte
erkannt,  daß  nur  ein  ununterbrochenes  Fortschreiten  in  den  technischen
Einrichtungen  der  gefertigten  Maschinen  das  Gedeihen  im  Gefolge
habe.  1840  führte  er  die  von  ihm  erfundene  Vorspinnvorrichtung
für  Streichgarn,  die  Kontinue,  aus.  1841  verlegte  er  seine  Fabrik
nach  der  Klostermühle,  aber  schon  1845  gründete  er  die  Fabrik  an
der  Leipziger  Straße,  mit  Dampfmaschinenfabrik.  Die  Maschinen
für  das  Spinnereifach,  für  Baumwoll=  und  Kammgarn  und  die  unermüdlich
  eingeführten  Verbesserungen  derselben  trugen  wesentlich  zum
Aufschwunge  des  Spinnereigeschäftes  bei.  Nach  und  nach  führte  Hartmann
  fast  alle  Zweige  des  Maschinenbaues  ein,  welcher  einen  gewaltigen
  Aufschwung  nahm.  Dem  Bau  von  Dampfmaschinen  schloß  sich
1845  die  Anfertigung  von  Dampfkesseln  und  gegen  1850  die  Anfertigung
  von  beweglichen  Dampfmaschinen  (Locomotiven  und  Locomobilen)
  an.  Hartmann,  unter  dessen  Leitung  der  Maschinenbau  sich
zu  großartiger  Ausdehnung  entfaltet  hatte,  hatte  das  größte  Maschinenbau-Etablissement
  von  Chemnitz  geschaffen,  welches  noch  jetzt,
außer  einer  großen  Zahl  von  Beamten,  3000  Arbeiter  beschäftigt.

471  *)  Zöllner,  Geschichte  der  Fabrik=  und  Handelsstadt  Chemnitz,  Seite
ff.
        <pb n="537" />
        —  529  —

1871  ging  das  Hartmann'sche  Unternehmen  an  eine  Actien-Gesellschaft
  über.

Die  Bedürfnisse  der  Landwirthschaft  und  des  Feuerlöschwesens
hatten  zwar  damals  schon  zu  dem  Bau  von  landwirthschaftlichen
  und  Feuerlösch-Maschinen  Anstoß  gegeben;  für
erstere  besonders  seit  Ablösung  der  Frohndienste  und  der  beginnenden
Zusammenlegung  der  Grundstücke.  Der  Bau  der  landwirthschaftlichen
Maschinen  nahm  allmälig  und  von  den  größeren  Gütern  und  Wirthschaften
  ausgehend  an  Umfang  und  Bedeutung  zu,  hauptsächlich  in
Chemnitz,  wenngleich  ein  großer  Theil  der  im  Erzgebirge  zur  Verwendung
  kommenden  landwirthschaftlichen  Maschinen  aus  dem  Unterlande,
  aus  Leisnig,  Frankenberg,  Döbeln  u.  s.  w.,  sowie  aus  dem
Auslande  stammt.  Die  geringe  Anzahl  der  großen  Güter,  das  Ucberwiegen
  der  zersplitterten  kleinen  Bauernhöfe  ohne  finanzielle  und
wirthschaftliche  Lebenskraft  auf  der  einen  Seite,  die  starke  ausländische
Concurrenz  auf  der  anderen  Seite  beschränkten  den  Bau  landwirthschaftlicher
  Maschinen  hauptsächlich  auf  kleinere  Werkstellen.  Erst  in
der  neuesten  Zeit  fertigten  auch  größere  Etablissements  landwirthschaftliche
  Maschinen,  besonders  seit  dem  Frühjahr  1882,  welches
einen  starken  Absatz  nach  den  deutschen  Staaten,  sowie  auch  nach
Rußland  und  Oesterreich  mit  sich  brachte.  Das  Jahr  1884  brachte
einen  lebhaften  Gang  dieses  Fabrikationszweiges,  welcher  an  Bedeutung
  gewinnt,  je  mehr  seine  Erzeugnisse  in  der  Bebauung  und  Bewirthschaftung
  von  Grund  und  Boden  Eingang  finden.  Der  Aufschwung
  im  Bau  landwirthschaftlicher  Maschinen  hat  sich,  wenn  auch
in  mäßigem  Umfange,  bis  jetzt  erhalten.

Die  Herstellung  von  Feuerlöschgeräthen  hat  besonders  seit  1842,
in  welchem  Jahre  zahlreiche  Feuersbrünste  erzgebirgische  Städte  zerstörten,
  an  Ausdehnung  gewonnen.  Es  werden  größere  und  kleinere
Fahrspritzen,  Krücken-,  Hand=  und  Tragspritzen  für  Deutschland,  Rußland
  2rc.  gefertigt.  Namentlich  waren  in  der  neuesten  Zeit  die  soliden
Fabrikate  an  Feuerspritzen,  Pumpen  und  Armaturen  besonders  für
den  deutschen  Markt  gesucht.  Acht  Fabrikanten  beschäftigten  sich  mit
der  Herstellung  von  Blitzableitern,  während  drei  Bronzegießereien  die
Metalltheile  (Cylinder,  Ventile,  Schraubenkuppelungen  u.  s.  w.)  für
die  Feuerspritzenfabrikation  herstellen.

Ein  großer  Theil  der  114  Maschinenfabriken  von  Chemnitz  fertigt
die  verschiedenen  Maschinen  und  Maschinentheile  für  die  Textil-Industrie.

An  erster  Stelle  sind  zu  nennen  die  Spinnereimaschinenbei
Hand-,  Wasser=  und  Dampfbetrieb,  die  Zwirn=  und  Spulmaschinen
u.  s.  w.  Vorwiegend  sind  drei  größere  Maschinenfabriken  (Schimmel  &amp;amp;  Cie.,
Küchenmeister  und  die  Dampf=  und  Spinnerei-Maschinenfabrik,  vor-34
        <pb n="538" />
        —  530  —

mals  Wiede  —  wahrscheinlich  jedoch  noch  mehrere  andere  —)  damit
beschäftigt,  verticale  Baumwollenöffner-,  Schlag=  und  Wickelmaschinen,
Klopfwölfe,  Spiralklopf=  und  Krempelwölfe,  Fadenreißer,  Reiß-,  Oel-,
Kletten-,  Mungo-,  Shoddy=  und  Trümmerwölfe,  Krempeln  mit  4,  5
und  6  Paar  Walzen,  Kunstwollkrempeln,  Circulardeckenkrempeln  mit
automatischem  Putzapparat,  Doubler,  Strecker,  Flyer  in  den  verschiedensten
  Constructionen,  Zwirn  -,  Spul=  und  Treibmaschinen,  Baumwoll-Selfactors
  u.  s.  w.  anzufertigen.  Der  Bau  von  Spinnereimaschinen
  hat  seit  1879,  nachdem  ein  mehrjähriger  Stillstand  und
selbst  Rückgang  in  demselben  stattgefunden  hatte,  hauptsächlich  in  Folge
der  neueren  Zollpolitik  einen  wesentlichen  Aufschwung  genommen,
trotzdem  auch  in  dieser  Branche  die  Concurrenz  des  Auslandes  eine
bedeutende  war  und  die  Anforderungen  der  Besteller  immer  größere
wurden.  Nach  einem  Rückschlage  1883  ging  1884  die  Fabrikation
von  Spinnereimaschinen  und  Maschinentheilen  sehr  lebhaft,  wenn  auch
hauptsächlich  nur  für  das  Inland.  Zur  Anfertigung  der  Spinnmaschinenspindeln
  wurde  der  Stahl  aus  England  bezogen.  Zahlreiche
Vergrößerungen  und  Neubauten  mechanischer  Webereien  veranlaßten
eine  gesteigerte  Nachfrage  nach  Spulmaschinen,  und  auch  in  der  neuesten
Zeit  erhielt  sich  die  Fabrikation  von  Spinnereimaschinen  in  zufriedenstellendem
  Gange  und  Umfange.  In  den  letzten  Jahren  hat  der
Spinnereimaschinenbau  so  bedeutende  Fortschritte  gemacht,  daß  die  hier
gebauten  den  englischen  vollkommen  gleich  stehen.  R.  Voigt  fertigte
die  2000.  Spulmaschine;  O.  Schimmel  &amp;amp;  Cie.  jährlich  allein  100
Selfactors.  Die  solid  gebauten  Spinnereimaschinen  für  Streichgarn,
Vigogne,  Kammgarn  und  Baumwollenabfall,  sowie  Spinnereimaschinentheile
  haben  einen  durchaus  sichern  und  festen  Markt.

Die  Anfertigung  von  Webmaschinen  und  Webutensilien
beschäftigt  eine  große  Zahl  der  Maschinenfabriken.  Es  werden  Webstühle
  verschiedener  Systeme,  von  den  einfachsten  Handwebstühlen  bis
zu  den  complicirtesten  mechanischen  Webstühlen,  Spul-,  Schlicht=  und
Zettelmaschinen,  Ketten=  und  Scheiben-,  Tritt=  und  Jacquardmaschinen,
Cylinder,  Plattbänder  und  Spindeln,  Webschützen,  Musterkarten  u.  s.  w.
von  15  Webstuhlbauern,  einschließlich  dreier  Maschinenfabriken,  hergestellt.
  Die  Sächsische  Webstuhlfabrik  (L.  Schönherr)  lieferte  1883
ihren  1000.  Kurbelbuckskinstuhl  (Cromptonstuhl)  und  baute  bis  Ende
1887  im  Ganzen  30  000  mechanische  Webstühle  (für  Buckskin  und
Tuchstoffe,  Kammgarnstoffe,  halbwollene  Waaren,  Leinen=  und  Baumwollenwaaren,
  Segeltuch,  Papierfilze,  Möbel=  und  Teppichstoffeh,
3625  Spul=  und  Treibmaschinen,  975  Bäum-,  Scheer=  und  Leimmaschinen.
  1888  beschäftigte  sie  1050  Arbeiter  und  lieferte  2856
Webstühle  und  Maschinen.
        <pb n="539" />
        —  531  —

Die  Sächsische  Maschinenfabrik  (R.  Hartmann)  baut  alle  Arten
von  Webereivorbereitungsmaschinen,  wie  Ketten-,  Scheer-,  Leim-,
Trocken-,  Aufbäum-,  Spulmaschinen,  Centrifugen,  Appreturmaschinen,
Garntrockenmaschinen,  Webstühle  für  leichte  Kammgarn-,  Baumwollund
  Leinenstoffe,  Webstühle  für  Läufer=  und  Jutestoffe,  patentirte
Webstühle  für  Tuch,  Buckskin,  Flanell,  Decken,  Teppiche  und  Möbelstoffe;
  patentirte  Smyrnateppichwebstühle,  Seidenwebstühle  u.  s.  w.  Die
400  neuen  mechanischen  Webstühle,  welche  1884  im  Plauenschen
Handelskammerbezirk  zur  Aufstellung  kamen,  wurden  größtentheils  aus
der  Sächsischen  Maschinenfabrik  in  Chemnitz  bezogen,  weil  dieselben
breiter  sind  als  die  englischen  und  leicht  für  Confectionsstoffe  eingerichtet
  werden  können.  (Industrie-Zeitung  1885,  Nr.  38.)  Im  Geschäftsjahre
  1884/85  lieferte  die  Sächsische  Maschinenfabrik  überhaupt
1604  Webstühle;  im  Jahre  1872/73  —  1732,  im  Jahre  1873/74
nur  1107.  1885  wurde  der  15  000.  mechanische  Webstuhl  gebaut.
1874  übte  die  amerikanische  Krisis  einen  großen  Rückschlag  auf  die
Webstuhlfabrikation,  so  daß  die  Arbeiterzahl  fast  auf  die  Hälfte  vermindert
  werden  mußte.  Erst  seit  Eintritt  der  neueren  Zollpolitik  ist
eine  bemerkenswerthe  Steigerung  in  der  Fabrikation  von  Webereimaschinen
  eingetreten.  Besonders  lebhaft  war  1888  die  Nachfrage
nach  Jacquardmaschinen  in  allen  Gattungen,  sowohl  für  Handstühle,
als  auch  für  mechanische  Webstühle.  Die  Sächsische  Maschinenfabrik
hat  in  der  neuesten  Zeit  sehr  viele  mechanische  Webstühle  mit
Sicherheitsvorrichtung  und  anderen  patentirten  Verbesserungen  hergestellt.

In  den  Montageräumen  der  Sächsischen  Maschinenfabrik  beanspruchen
  besonders  die  Streichgarnselfactors  mit  ihrer  dreifachen
Spindelgeschwindigkeit  ein  eingehenderes  Interesse.  Dieselben  sind  im
Stande,  selbst  aus  geringerem  Material,  wie  Kunstwolle  und  Baumwollenabfälle,
  ein  vorzügliches  Garn  zu  spinnen.  Auch  die  verbesserten
Kammgarnselfactors  für  feine  Kammgarne,  mit  den  zugehörigen  Vorbereitungsmaschinen,
  Doublirspul=  und  Zwirnmaschinen,  die  Zwirnmaschinen
  für  Stick=  und  Strumpfgarne,  die  Zwirnmaschinen  für
feine  zweifache  Kammgarn=  und  Baumwollen=  Zwirnketten  und  mit
den  bis  zu  6000  Touren  in  der  Minute  machenden  Rabbothspindeln
  u.  s.  w.  erregen  hohe  Aufmerksamkeit.  (Chemnitzer  Tageblatt

1886,  Nr.  138.)

Von  den  zahlreichen  Maschinen  für  die  Strumpfwirkerei
nennen  wir  hier  nur  Strumpfstühle,  Culir-,  Ketten=  und  Fangstühle,
Strumpfmaschinen,  Cottonmaschinen  für  Strumpf=  und  Hosenfabrikation,
  Maschinen  für  Fabrikation  regulärer  Strümpfe,  Socken,  Hosen,
Jacken  und  geschnittene  Wirkwaaren,  ferner  2-,  4-,  6=  und  mehrbändrige
  reguläre  Rändermaschinen,  Rundwirkstühle  u.  s.  w.  Die

34*
        <pb n="540" />
        —  532  —

Wirkmaschinenfabrik  von  F.  A.  Ludwig  fertigt  Wirkmaschinen  für
reguläre  Strümpfe,  Jacken,  Hosen,  auch  mit  zwei=  bis  vierfarbigem
Streifenmuster,  Ränder-,  Kettelmaschinen  u.  s.  w.  Die  Wirkmaschinenfabrik
  von  R.  Brauer  Strumpfmaschinen  für  alle  Arten
Strumpfwaaren,  Hosen  und  Jacken  in  allen  Größen  und  Breiten,
mit  Ringelapparat  bis  zu  vier  Farben  und  Lieerreihenapparat;
Maschinen  für  reguläre  Handschuhe,  Kettenstühle,  türkische  Kappen-(Feß-)
  Maschinen,  Cottonmaschinen,  runde  und  flache  Kettelmaschinen,
Strumpfnähmaschinen,  Rändermaschinen  u.  s.  w.  Nächst  dem  Hauptsitze
  Chemnitz  wurde  1873  auch  in  Stollberg  eine  Strumpfstuhlbauerei
  errichtet.  In  drei  Fabriken  wurde  dort  die  Anfertigung  sog.
„englischer“  Stahlnadeln  für  Strumpfmaschinen  betrieben.  Die
Strumpfwebemaschinen  breiteten  sich  von  Mitte  der  70er  Jahre  an
bedeutend  aus  und  die  Rundwebemaschinen  wurden  vielfach  verbessert;
dessen  ungeachtet  waren  die  Stühle  für  reguläre  Waare  vorwiegend
gesucht.  Die  Strumpfwirkstühle  von  Holz  sind  beinahe  vollständig
von  den  eisernen  verdrängt.  Die  eisernen  mechanischen  Kettenwirkstühle,
  welche  seit  Anfang  der  80er  Jahre  in  Aufnahme  kamen,  obgleich
  sie  anfangs  eine  weniger  gesuchte  Waare  lieferten,  wurden  besonders
  von  1883  an  sehr  gesucht,  da  die  Nachfrage  nach  gewirkten
Handschuhen  in  Ganzseide,  Halbseide  und  Doppeltricot  außerordentlich
wuchs.  Die  Arbeitslöhne  und  Kettenstuhlpreise  stiegen  um  so  mehr,
als  es  an  guten  Nadeleinrichtern  und  Einpassern  fehlte.  Mit  dem
Eintritt  der  Geschäftsstille  in  Handschuhen  und  Tricotstoffen  ging  der
Bau  der  Kettenstühle  in  gleichem  Maaße  zurück.  In  der  neuesten
Zeit  ist  von  Saupe  in  Limbach  ein  Diagonal-Kettenstuhl  erbaut
worden,  welcher  vollständig  gleichmäßige  und  fehlerfreie  Arbeit  liefert.

Die  Fabrikation  von  Strickmaschinen,  welche  längere  Zeit
wenig  verlangt  wurden,  nahm  seit  1882  einen  Aufschwung,  hauptsächlich
  seit  Erfindung  der  Jacquard-Strickmaschine,  mit  welcher  der
Wirker  ganz  ähnlich  arbeitet,  wie  der  Weber  mit  dem  Jacquardstuhle.
Die  Strickmaschine  wurde  in  bedeutenden  Mengen  hergestellt,  seitdem
sie  durch  verschiedene  Verbesserungen  für  den  praktischen  Gebrauch
geeigneter  wurde  und  den  Wirkstuhl  in  seinen  Leistungen  wesentlich
übertraf.  Von  den  Strickmaschinenfabrikanten  werden  Strickmaschinen
nach  verbessertem  Lamb'schen  System  angefertigt  sowie  Specialstrickmaschinen
  für  Fancyhandschuh  =  und  Ränderwaare,  ferner  einseitige
und  patentirte  doppelseitige  Maschinen,  Maschinen  mit  patentirtem
sechsfarbigem  Ringelapparat  u.  s.  w.  Die  Fabrikation  hat  sich  vorwiegend
  den  technisch  verbesserten  und  durch  Patente  geschützten
Specialstrickmaschinen  zugewendet.

Die  Herstellung  von  Strickmaschinen  verfolgte  vor  Allem  das
        <pb n="541" />
        —  533  —

Ziel,  Maschinen  zu  construiren,  welche  mit  den  neuesten  technischen
Fortschritten  gleichen  Schritt  hielten.  Daraus  entwickelte  sich  der  bedeutende
  Vortheil,  daß  die  Strickmaschine,  ganz  wie  seinerzeit  der
Webstuhl,  vom  Handbetriebe  zum  Maschinenbetriebe  übergeleitet  wurde,
und  nicht  blos  das  Doppelte  und  Dreifache  an  Quantität  leisten
konnte,  sondern  auch  in  Folge  der  Verwendung  automatischer  Jacquardmaschinen
  das  Verschiedenartigste  in  Mustern.  Die  Musterstrickämaschine
  (Umlegmusterstrickmaschine),  sowie  die  Strickmaschine  zur
Herstellung  faconnirter  oder  regulärer,  geschlossener  Schlauchwaare
ohne  Nath  verlangt  aber  ebenso  wie  alle  Specialstrickmaschinen,  die
vollkommensten  Hülfsmaschinen  und  die  bestgeschulten  Arbeitskräfte.
Eine  höchst  interessante  und  eigenthümliche  Maschine  ist  die
Stickmaschine.  Die  1860  in  Kändler  gegründete,  seit  1867
nach  Kappel  übergesiedelte  Sächsische  Stickmaschinenfabrik  (vorher
Albert  Voigt)  betreibt  den  Bau  von  Stickmaschinen  und  Stickmaschinentheilen
  als  Specialität.  Die  Handstickmaschine  wird,  wenn  sie  größer
ist,  durch  einen  Mann,  ist  sie  kleiner,  durch  eine  Frau  in  Bewegung
gesetzt,  während  ein  Mädchen  das  Einfädeln  und  Aufstecken  der  Nadeln
  besorgt.  Bis  1860  hatte  eine  solche  Stickmaschine  176  Nadeln,
welche  1½  Par.  Zoll  von  einander  (Rapport)  zwei  Reihen  von
etwa  3,5  m  Länge  bildeten.  Bald  jedoch  machte  man  die  Nadelreihen
  länger  und  den  Abstand  (Rapport)  kürzer,  so  daß  die  1865
von  A.  Voigt  construirte  Stickmaschine  von  3  oder  4,5  m  langen
Nadelreihen  von  1  Par.  Zoll  Rapport  von  504  Nadeln  großen  Absatz
  fand.  Außerdem  baute  man  zweireihige  Maschinen  mit  1“  Rapport,
  dreireihige  mit  1  ½“",  mitunter  auch  dreireihige  mit  ¾4"  Rapport
  und  672  Nadeln.  Diese  Stickmaschinen  waren  4,5  m  lang  und
wurden  im  Laufe  der  Jahre  wesentlich  vervollkommnet,  sowie  mit
Festonnir=  und  Bohrapparaten  versehen.  Die  gebräuchlichsten  Stickmaschinen
  sind  zweireihig  oder  dreireihig,  gewöhnlicher  Construction
mit  Kreis-,  Festonnir=  und  Bohrapparat,  im  Preise  von  1770  bis
zu  2670  Mark;  oder  zwei=  und  dreireihig  nach  neuestem  Modell,
mit  Druckschieneneinrichtung,  Kreis-,  Festonnir=  und  Bohrapparat  im
Preise  von  1870  bis  2820  Mark.  In  Sachsen  wird  vorwiegend
die  große  dreireihige,  4,5  m  lange  Handstickmaschine  mit  4“  Rapport
  angewendet;  in  der  Schweiz  die  kleinere,  zweireihige,  4,28  m
lange  mit  64“  Par.  Rapport.  Seit  1883  ist  eine  neue  Gattung,
die  Dampf=  oder  Schiffchenstickmaschine  in  Anwendung  gekommen.  Bei
dieser  sind  die  Nadeln  in  der  Maschine  festgeschraubt,  und  haben
daher  nur  eine  Spitze  und  nicht  zwei,  wie  die  wechselweis  von  den
Greifzangen  ergriffenen  Nadeln  der  anderen  Stickmaschinen;  es  werden
  die  Fäden  direct  von  der  Spule  verarbeitet  und  die  Bindung
        <pb n="542" />
        —  534  —

auf  der  Rückseite  des  Stoffes  durch  den  Faden  des  durchgehenden
Schiffchens  bewirkt.  Der  Betrieb  der  Maschine  erfolgt  durch  Hand—
schwungrad  oder  Wasser-,  Dampf-  oder  Gasmaschine;  jede  Maschine
wird  durch  zwei  weibliche  Arbeiter  bedient;  auf  fünf  Maschinen  rechnet
man  einen  Garnspuler.  Diese  Maschine  erreicht  aber  die  ältere  Stick—
maschinen  -Construction  bei  Weitem  nicht  an  Feinheit  und  Mannigfaltigkeit
  der  hergestellten  Waare,  auch  fehlt  ihr  der  echte  Festonnirstich
  und  die  Hohlstickerei;  dagegen  leistet  sie  an  Arbeitsmasse  das
Vier=  und  Fünffache.  Hauptartikel  sind  Tüllstickerei,  Tischdecken  u.  s.  w.
Die  Zahl  der  Schiffchen-Stickmaschinen  ist  in  den  letzten  Jahren  bedeutend
  gewachsen.  Im  Ganzen  schätzt  man  die  Zahl  der  in  Sachsen
verwendeten  älteren  oder  Plattstich  =  Stickmaschinen,  welche  um  1830
von  dem  Elsässer  Heilmann  erfunden,  in  den  40er  Jahren  schon  in
der  Schweiz,  aber  erst  seit  Anfang  der  60er  Jahre  in  Sachsen  verwendet
  wurde,  auf  ungefähr  4500  Stück.  Die  Sacchsische  Stickmaschinenfabrik
  hat  etwa  4400  gebaut,  welche  in  der  Hauptsumme
nach  dem  Erzgebirge  und  dem  Voigtlande  gingen,  aber  auch  zu  einem
ansehnlichen  Theile  nach  Böhmen,  Preußen,  der  Schweiz,  Rußland,
England  und  Nordamerika.  Diese  Stickmaschine  wird  vom  Sticker
vermittelst  Tretens  zweier  Fußschemel  betrieben,  während  durch  das
Drehen  einer  Kurbel  mit  der  linken  Hand  und  Einsetzen  eines  Stiftes
(Pantograph)  auf  den  bezeichneten  Punkt  der  in  sechsfacher  Vergrößerung
  ausgeführten  Musterzeichnung  die  Nadeln  an  der  richtigen
Stelle  eingesetzt  und  durch  den  Stoff  durchgeführt  werden.  Hier  erfaßt
  sie  die  Greifzange  der  anderen  Seite,  während  die  Greifzange
der  ersten  Seite  sich  öffnet  und  die  Nadel  losläßt.  Das  Treten  des
zweiten  Fußschemels  läßt  die  Rückwärtsbewegung  ausführen,  nachdem
der  Stift  des  Pantographen  auf  die  entsprechende  andere  Stelle  des
Musters  geführt  und  dadurch  der  Nadel  die  Größe  des  Stiches  angegeben
  worden  ist.  Eine  oder  zwei  Hülfsarbeiterinnen  sind  beschäftigt,
  neue  Nadeln  einzusetzen,  frische  Fäden  einzufädeln  u.  s.  w.  Je
nach  Größe  der  Maschine  macht  eine  solche  bis  zu  1  Million  Stiche,
und  zwar  in  Plattstichstickerei.  Man  stickt  mit  Baumwolle,  Wolle
oder  Seide,  weiß  oder  farbig  in  die  verschiedenartigsten  Stoffe.  Einsatz
  und  Ansatzstreifen  für  Wäsche  und  für  Damenkleider,  sowie
Kragen,  Volants,  Kanten,  Schärpen,  Shäwlchen,  Taschentücher,
Schürzen,  Tischdecken,  Hosenträger,  Handschuhe,  Etuis  (Vögel,  Schmetterlinge,
  Blumen)  u.  s.  w.  Die  Schiffschenstickmaschine,  von  welcher  etwas
über  400  in  Sachsen  und  dem  angrenzenden  Theile  Böhmens  in  Betrieb
  sind,  von  denen  über  300  aus  der  Sächsischen  Stickmaschinenfabrik
  stammen,  wird  hauptsächlich  zu  der  in  der  jüngsten  Zeit  erfundenen
  Tüllstickerei  (Spitzenimitation)  verwendet.  Diese  Maschinen
        <pb n="543" />
        —  535  —

machen  60  bis  80  Stiche  in  der  Minute  mit  allen  ihren  224  oder
336  Nadeln  zugleich,  deren  Abstand  (Rapport)  bis  auf  1“  Par.  verringert
  ist,  stellen  auch  durchbrochene  Stickerei  (Hohlstickerei)  her,  sowie
verschiedenfarbige  Stickerei,  durch  abwechselndes  Sticken  mit  zwei  Fäden
ohne  Umfädeln.

Für  die  Handstickerei  fertigt  die  Sächsische  Stickmaschinenfabrik
die  Piquir-  oder  Musterstechmaschine.  Vermittelst  derselben  werden
Musterzeichnungen  nach  ihren  Contouren  fein  durchstochen  und  so
Schablonen  hergestellt,  mit  welchen  man  durch  Farbenpulver  die
Zeichnungsumrisse  auf  die  zu  bestickenden  Stoffe  überträgt.

Die  Fabrikation  von  Stickmaschinen  hat  jedoch  in  den  letzten
Jahren  bedeutend  abgenommen,  obgleich  dieselbe  durch  eine  Fädelmaschine
  vervollständigt  worden  ist.

Die  Fabrikation  von  Nähmas  chinen  betreiben  vier  Fabriken.
Da  die  Verwendung  der  Nähmaschinen  eine  immer  allgemeinere  geworden
  ist,  so  hat  auch  die  Fabrikation  derselben  eine  wesentliche
Steigerung  erlebt.  Fast  jede  Hausfrau  hat  sich,  wenn  sie  'es  irgend
vermochte,  in  den  Besitz  einer  Nähmaschine  zu  setzen  gesucht,  so  daß
man  die  Zahl  derselben  nur  nach  Tausenden  schätzen  kann,  ungerechnet
  die  zahlreichen  Nähmaschinen,  welche  in  der  Wäsche=  und
Strumpfwaaren-Fabrikation  Verwendung  finden.  Für  den  Familiengebrauch
  hat  sich  die  Singer-Maschine  eingeführt  und  bewährt;  doch
werden  auch  Grover  &amp;amp;  Baker-,  sowie  Wheeler  &amp;amp;  Wilson-Maschinen
auferfalb  der  größeren  Etablissements  in  kleineren  Werkstätten  hergestellt.


Die  Herstellung  von  Maschinen  zur  Posamentenfabrikation  beschäftigt
  ebenfalls  einige  Etablissements  (Schnuren-,  Klöppel=  und  Flechtmaschinen).


Von  besonderer  Bedeutung  und  Ausdehnung  ist  die  Fabrikation
der  Werkzeugmaschinen  und  Werkzeuge,  welche  in  den  verschiedenen
  Maschinenfabriken  und,  ungerechnet  die  Zeugschmiede,  in
10  ausschließlichen  Werkzeugfabriken  hergestellt  werden.  21  Metallgießereien,
  ungerechnet  die  Maschinenfabriken,  welche  sich  mit  dem  Rohguß
  von  Werkzeugen  und  Maschinentheilen  beschäftigen,  sieben  Metalltuch-,
  Sieb=  und  Geflechtfabriken,  eine  Drahtweberei,  drei  Schraubenfabriken,
  eine  Drahtseilfabrik  müssen  wenigstens  mit  einem  Theile
ihrer  Erzeugnisse  zu  den  Hülfsarbeitern  der  Werkzeug-Maschinenfabriken
  gezählt  werden,  während  von  den  23  Eisengießereien  auch
ein  großer  Theil  Rohguß  und  Feinguß  für  diesen  Fabrikationszweig
liefert.  Alle  großen  Maschinenfabriken  bauen  ebenfalls  Werkzeugmaschinen.
  Die  Chemnitzer  Werkzeug-Maschinenfabrik  (vormals
Zimmermann),  die  Werkzeug-Maschinenfabrik  Union  (vormals  Diehl),
        <pb n="544" />
        —  536  —

die  Deutsche  Werkzeug-Maschinenfabrik,  die  Werkzeug-Maschinenfabrik
Vulcan,  die  Werkzeug-Maschinenfabrik  von  Escher,  die  Saächsische
Maschinenfabrik,  sowie  die  Sächsische  Stickmaschinenfabrik  in  Kappel
und  die  Werkzeug-Maschinenfabrik  von  Junghanns  und  össer  in  Altchemnitz
  u.  A.  m.  haben  sich  dem  Bau  von  Werkzeugmaschinen  mehr
oder  weniger  ausschließlich  zugewendet.

Unter  den  Werkzeugmaschinen  für  Holz=  und  Metallbearbeitung
sind  zu  nennen:  Handlochmaschinen,  Rollmaschinen,  Bohrmaschinen,
Hobelblechscheeren,  Eisen=  und  Drahtschneider,  Schraubenpressen,
Stanzen  für  Schloßbau  und  Platinen,  Schraubenschneidwerkzeuge,
Gasrohrwerkzeuge,  Gewindeschneider,  Kluppen,  Spiralbohrer,  Reibahlen,
  Fraiser,  Bohrer,  Hobel-,  Bohr-,  Shaping-,  Stoß=  und  Nuthstoßmaschinen,
  Horizontal-,  Vertical-,  Radial-,  Langloch=  und  Cylinder=Bohrmaschinen,
  Drehbänke  aller  Art,  Leitspindel=  und  Plandrehbänke,
Revolverbänke,  Räderformtheil-,  Fraise=  und  Hobelmaschinen,  Schleifmaschinen,
  Pressen,  Universal-,  Säulen=  und  Langfraisemaschinen,
Sägegatter  rc.,  Lehren  und  Meßwerkzeuge  2c.

Von  den  Hülfsfabriken  liefern  Schnicke  in  Chemnitz  stählerne
Spiralfedern,  gehärtete  Druckfedern,  Blechplattenfedern;  Schmidt  &amp;amp;
Bretschneider  in  Chemnitz,  sowie  Seiffert  in  Altendorf  gewebte  und
imprägnirte  baumwollene  Treibriemen,  Draht-,  Hanf=  und  Baumwollenseile,
  Gurte  und  Schläuche  u.  A.  m.

Die  Fabrikation  von  Werkzeugmaschinen  und  Werkzeugen,  welche
einige  Jahre  hindurch  sehr  von  der  ungünstigen  Lage  der  Eisenwerke
und  des  Eisenmarktes  zu  leiden  hatte,  ist  in  den  letzten  Jahren  bedeutend
  gewachsen.  Die  gesteigerten  Anforderungen  an  die  Genauigkeit
  der  Ausführung  haben  aber  auch  die  Anforderungen  an  die  Geschicklichkeit
  und  Zuverlässigkeit  der  Arbeiter  wesentlich  erhöht  und  die
Arbeitslöhne  gesteigert.

Unter  den  speciell  für  Holzbearbeitung  construirten  Werkzeugmaschinen
  sind  die  eigenthümlichen  Constructionen  der  Sachsischen
Stickmaschinenfabrik  in  Kappel  besonders  nennenswerth.  Von  diesen
eine  Universalkreissäge  zum  Lang-,  Quer=  und  Gehrungsschneiden,
zum  Fugen,  Nuthen,  Federn,  Kehlen,  zum  Schlitzen  und  Zapfenschneiden,
  zum  Bohren  runder  und  langer  Löcher;  ferner  eine  combinirte
  Bandsäge,  Decoupirsäge,  Bohr=  und  Fraismaschine;  eine  combinirte
  Abricht-,  Dickten=  und  Kehlhobelmaschine  mit  selbstthätiger  Zuführung;
  eine  Fraismaschine  mit  verticaler  Spindel  zum  Fraisen  geschweifter
  Gegenstände,  zum  Kehlen  gerader  Leisten,  mit  selbstthätiger
Zuführung,  zum  Nuthen,  Schlitzen,  Zapfenschneiden,  und  zum  Abplatten
  eingerichtet;  eine  combinirte  Saumsäge,  Hobel-,  Fuge-,  Nuth-,
Spund=  und  Kehlmaschine;  endlich  eine  Schleifmaschine.  Alle  diese
        <pb n="545" />
        —  537  —

Maschinen  zeichnen  sich  durch  einfache  Construction  und  leichte  Anwendbarkeit
  aus.  (Chemnitzer  Tageblatt  1886,  Nr.  138.)  Die
Leistungsfähigkeit  des  Werkzeugmaschinenbaues  ist  in  der  neuesten  Zeit
bedeutend  erhöht  und  ausgenützt  worden.  Im  Allgemeinen  verschaffen
sich  die  guten  Werkzeuge  und  Werkzeugmaschinen  immer  mehr  Eingang.
  Werkzeuge  und  Apparate  für  die  Textil-Industrie,  vor  Allem
Hülfsinstrumente  für  Spinner  und  Weber,  als  Garnfsortirwaagen,
Weifen,  Präcisionswaagen,  Festigkeitsprüfer,  Schußzähler  u.  s.  w.
haben  einen  bedeutenden  Umsatz  gewonnen;  doch  in  der  neuesten  Zeit
auch  Holzbearbeitungsmaschinen  aller  Art.

Von  den  Maschinenfabriken,  welche  sich  mit  der  Herstellung
besonderer  Maschinengattungen  beschäftigen,  möchten  besonders
  genannt  werden,  ohne  jedoch  dadurch  eine  Vollständigkeit  der
Industrieübersicht  beanspruchen  zu  wollen,  die  Maschinenfabrik  von
Haubold  in  Chemnitz,  welche  Maschinen  für  Wäschereien,  Bleichereien,
Roth=  und  Buntfärbereien,  Blau=  und  Buntdruckereien  und  Appreturanstalten
  fertigt;  O.  Ruppert,  mit  der  Fabrikation  von  Wäschmangeln
und  Schleudermaschinen  (Centrifugaltrockenmaschinen);  Näher,  mit  der
Fabrikation  rotirender  Pumpen  und  unexplodirbarer  Dampfkessel;
Pilz,  Armaturfabrik,  mit  der  Anfertigung  von  Manometern,  und
zwar  Plattenfeder-,  Bourdon-,  Stahlrohr  -,  Hydraulic=  2c.  Vacuummanometern;
  E.  Petzold  jun.  in  Chemnitz,  Drahtbürstenfabrik,  mit  der
Anfertigung  von  Stahldrahtbürsten  zum  Reinigen  der  Dampfkessel,
Drahtsiederöhrenbürsten,  Stahldrahtflammenrohrbesen,  Stahldrahtrußbürsten,
  Stahldrahtkesselsteinbürsten  u.  s.  w.  Die  Maschinenfabrik
Germania  (vorm.  Schwalbe  &amp;amp;  Sohn)  liefert  vorwiegend  Einrichtungen
für  Mälzereien  und  Bierbrauereien,  Sudhausanlagen,  Pfannenrührwerke,
Wendeapparate,  Hordendarren,  Dampfmalzdarren,  Pichapparate  u.  s.  w.,
ferner  Einrichtungen  von  Holzschleifereien,  Pappen-  und  Papierfabriken,
Mahlmühlen,  Cementfabriken,  Dampfwaschanstalten,  Eismaschinen  und
Kühlanlagen.  R.  Drescher  in  Chemnitz  stellt  Anlagen  zur  Oelgasbereitung,
  Leitungen,  Apparate  und  Werkzeuge  für  Gas-Installation
her  u.  s.  w.  u.  s.  w.

Ein  Theil  der  Maschinenfabriken  beschäftigt  sich  mit  der  Anlage
von  Wasserwerken  und  der  Anfertigung  ihrer  einzelnen  Bestandtheile.
Unter  den  23  Eisengießereien,  welche  Maschinen  und  Maschinentheile
herstellen,  sind  die  Maschinenfabrik  Germania,  Haubold,  May  &amp;amp;  Comp.,
Michaelis,  die  Sächsische  Maschinenfabrik,  die  Spinnerei-Maschinenfabrik,
  die  Werkzeugfabrik  Sondermann,  die  Maschinenfabrik  Vulcan,
die  Werkzeugfabrik  Zimmermann  u.  s.  w.  zu  nennen.  Sie  fertigen
Turbinen  und  Wasserräder,  Wassersäulenmaschinen,  Transmissionen,
vollständige  Wasserwerke,  Sägereien  und  Mahlmühlen,  Holzschleifereien,
        <pb n="546" />
        —  538  —

Holzmassefabriken,  Papp=  und  Papierfabriken,  Waschanstalten,  Spülmaschinen,
  Trockenmaschinen  u.  s.  w.

Auch  in  der  Sächsischen  Maschinenfabrik  bildet  der  Turbinenbau
  einen  bedeutenden  Fabrikationszweig.  Man  fertigt  im  Durchschnitt
  jährlich  75  Turbinen  der  verschiedensten  Constructionen,  sowie
Mühlenstühle,  Papiermaschinen  u.  s.  w.  Der  Turbinenbau  hat  seine
eigenen  Werkzeugmaschinen  und  es  ist  sehr  interessant,  diese  großen
mächtigen  Turbinen=  und  Diagonalräder  zum  Abdrehen  und  Richten
auf  den  mächtigen  Drehbänken  aufgespannt  zu  sehen.  Einige  fertig
montirte  Girardturbinen  mit  den  dazu  gehörigen  Arbeitstransmissionen,
sowie  das  Modell  einer  solchen  veranschaulichen  ihre  Anwendung.  Ein
Wassermotor  zeigt  die  Benutzung  der  treibenden  Kraft  einer  Wasserleitung
  für  das  Kleingewerbe.

Einen  wichtigen  Zweig  der  Maschinenfabrikation  bildet  die  Herstellung
  von  Dampfmaschinen  und  ihrer  Theile.  Wie  in  den
anderen  Zweigen  des  Maschinenbaues,  so  hat  auch  hier  Chemnitz  in
hervorragendem  Maße  mit  seltener  Kraft  und  Ausdauer  und  einem
Nacheiferung  und  Bewunderung  erregenden  Fleiße  diesen  Industriezweig
  gepflegt,  der  im  Verlaufe  der  letzten  30  Jahre  eine  außerordentliche
  Ausdehnung  gewonnen  hat  und  in  steter  Fortbildung  und
Weiterentwickelung  sich  aufwärts  bewegt.  Die  Chemnitzer  Maschinen,
Werkzeuge  und  Werkzeugmaschinen  werden  nach  allen  Ländern  der
Erde  ausgeführt  und  haben  überall  eine  wohlverdiente  Anerkennung
gefunden,  so  daß  auch  jetzt  noch,  wo  dieser  Zweig  vaterländischer  Industrie
  eine  bedeutende  Ausdehnung  gewonnen  hat,  demselben  eine
große  Zukunft  bevorsteht.

Eine  große  Anzahl  der  Chemnitzer  Maschinenfabriken,  21  Metallund
  23  Eisengießereien,  beschäftigen  sich  mit  der  Herstellung  einzelner
Theile  oder  auch  mit  dem  Bau  vollständiger  Dampfmaschinen.  Ungerechnet
  die  Sächsische  Maschinenfabrik  (vormals  Hartmann)  und  die
Maschinenfabrik  Germania  (vormals  Schwalbe)  bestehen  acht  Dampfkesselfabriken,
  welche  ausschließlich  die  Herstellung  von  Dampfkesseln
bewirken.  Die  Dampfkesselfabrik  von  Sulzberger  lieferte  u.  A.  den
1000.  Dampfkessel.  Die  Eisengießereien  fertigen  Cylinder,  Balanciers,
Schwungräder,  Zahn=  und  Kegelräder,  Uebertragungen  rc.  in  Rohund
  Feinguß,  welche  hierauf  in  den  eigentlichen  Maschinenfabriken
hergerichtet  und  zusammengestellt  werden.  Man  baut  horizontale  und
verticale  Dampfmaschinen,  Balanciermaschinen  mit  Condensation  und
Expansion,  Dampfmaschinen  mit  liegendem  Cylinder  und  variabler
Expansion  u.  s.  w.  nach  den  verschiedensten  und  neuesten  Systemen.

Durch  den  Besuch  einer  der  großen  Maschinenfabriken  gewinnt
        <pb n="547" />
        —  539  —

man  in  kürzester  Zeit  einen  eingehenden  Ueberblick  über  den  Umfang
und  Gang  dieser  ausgedehnten  Fabrikation.

Im  höchsten  Grade  belehrend  und  anregend  ist  der  Besuch  der
Sächsischen  Maschinenfabrik.  Dieselbe  beging  am  22.  Juli
1850  die  Feier  ihres  50jährigen  Bestehens.

In  der  großen  Gießerei  werden  in  sieben  Cupolöfen  die  Mengen
von  Eisen,  welche  täglich  erforderlich  sind,  und  zwar  täglich  ungefähr
40  bis  50  000  kg,  geschmolzen  und  aus  ihnen  die  bestimmten  Maschinentheile
  in  Sandformen  gegossen.  Größere  Blöcke,  Räder  und
Maschinentheile  werden  direct  aus  den  Oefen  gegossen,  während  für
den  Guß  von  kleineren  Gegenständen  das  flüssige  Metall  in  Kübeln
an  die  verschiedenen  Gußformen  herangebracht  und  mit  Schöpflöffeln
in  dieselben  gegossen  wird,  wenn  man  nicht  einen  ganzen  Kübel  zum
Gusse  des  betreffenden  Gegenstandes  verwendet.  Die  kleineren  Gegenstände
  werden  ebenso  wie  die  größeren  nach  Holzmodellen  in  den
Formkästen  in  trockenem,  gelblichem,  besonders  gemischtem  und  zubereitetem
  Formsande  abgeformt,  die  Formkästen  nach  dem  Trocknen  entsprechend
  geschlossen  und  das  flüssige  Metall  durch  ein  oder  mehrere
Eingußlöcher  hineingegossen,  während  durch  entsprechend  freigelassene
Abzugslöcher  die  Luft  entweicht.  Bei  dem  Guß  größerer  Gegenstände
ist  es  wichtig,  durch  die  gleichhohe  Temperatur  der  einzelnen  Eingüsse
die  Verbindung  derselben  herzustellen.  Man  ist  im  Stande,  Gußstücke
  bis  zu  30  000  kg  Gewicht  zu  gießen.  Eine  besondere  Abtheilung
  bildet  die  Metallgießerei,  in  welcher  ausschließlich  Rothguß
und  Messingguß  der  verschiedenen  Maschinentheile  angefertigt  wird.
Das  Metall  wird  in  feuerfesten  Tiegeln  geschmolzen.  Die  Einrichtung
  der  Gießerei  und  Formerei  zeichnet  sich  durch  ihre  Anordnung
wie  durch  die  Verwendung  zahlreicher  Hülfsmaschinen  aus.  Unter
den  Gußstücken  fallen  die  Seilräder  durch  ihre  große  Zahl  auf,
Panzerplatten  und  Gußstahlblöcke  durch  ihre  Größe.  Als  ein  Meisterwerk
  der  Eisengießerei  ist  ein  Holländer  zur  Papierfabrikation,  bei
welchem  Trog  mit  Mittelwand  und  Kropf  in  einem  Stück  gegossen
sind,  zu  nennen.

Eine  Anzahl  Hülfsmaschinen  dient  zur  Bearbeitung  selbst  der
größten  Gußstücke.  Da  ist  eine  riesige  Hobelmaschine,  welche  bis  zu
15  m  Länge  und  4  m  Breite  arbeitet;  eine  andere  hobelt  Stücke
von  10  m  Länge,  2  m  Breite  und  2  m  Höhe.  Große  Drehbänke,
Fraismaschinen,  Bohr=  und  Stoßmaschinen.  Ferner  eine  Hobelmaschine
zum  Abhobeln  der  Panzerplatten  von  5  m  Länge,  3  m  Breite  und
0,6  m  Dicke,  eine  Drehbank  für  Schiffswellen,  eine  Drehbank  zum
gleichzeitigen  Abdrehen  der  beiden  Schildzapfen  großer  Geschütze,  eine
zusammengesetzte  Dreh=  und  Bohrbank  von  25  m  Länge  zum  Fertig-
        <pb n="548" />
        —  540  —

bohren  großer  Stahlgeschütze  von  40  em  Kaliber  und  zu  gleichzeitigem
Abdrehen  derselben  auf  der  Außenseite.

Die  Schmiede  der  Fabrik  befindet  sich  in  einem  Gebäude  von
140  m  Länge  und  15  m  Breite.  Es  sind  in  ihr  156  Feuer  im
Gange.  12  Dampfhämmer  von  verschiedener  Größe  und  Schwere
arbeiten  durch  Dehnen,  Theilen,  Ausbreiten,  Stauchen  u.  s.  w.  der
Handarbeit  vor,  bei  welcher  zahlreiche  große  und  kleinere  Hämmer
von  kräftigen  Armen  geschwungen  die  verschiedensten  Gegenstände  herstellen.
  Der  große  Dampfhammer,  dessen  Stöße  erschütternd  in  der
ganzen  Umgebung  fühlbar  werden  und  der  doch  von  dem  stärksten
Aufschlage  bis  zum  leisen  Auftreffen  durch  die  Gewalt  des  Dampfes
regiert  werden  kann,  bearbeitet  die  großen  in  hohe  Rothgluth  und
selbst  Weißgluth  versetzten  Eisenblöcke,  staucht  sie  zusammen,  preßt
alle  Schlackentheile  aus  ihnen  heraus  und  richtet  sie  zu  weiterer  Verarbeitung
  vor.  Der  3000  kg  schwere  Hammer  schlägt  mit  voller
Kraft  auf  den  glühenden  Klumpen,  daß  alle  Schlackentheile  als
glühende  Funken  herausspritzen,  und  veredelt  und  reinigt  das  Eisen
durch  seine  gewaltigen  Schläge,  während  sein  leiseres  Auftreffen  dazu
dient,  dem  Eisenblocke  die  richtige  Form  zu  geben.  Eine  Stauchund
  Schweißmaschine  ermöglicht  das  Anschweißen  der  schwersten  Stücke.

In  einem  der  Schmiede  parallel  laufenden  Gebäude  befinden
sich  noch  mehrere  Dampshämmer  von  geringeren  Ausmaßen,  sowie
zwei  Schmiedemaschinen,  deren  Stempel  in  der  Minute  über  500
Schläge  machen.  Auf  diesen  werden  Schrauben  und  Bolzen  hergestellt.
Am  anderen  Ende  des  Raumes  sind  zwei  Fallhämmer,  welche  in  Gesenken
  selbst  complicirte  Gegenstände  mit  überraschender  Schnelligkeit
schmieden.

Das  Gebäude  für  die  Kesselschmiede  enthält  zwei  Glühöfen,  in
welchen  die  großen  Platten,  bis  zu  2  m  Breite  und  4  m  Länge  für
die  Bearbeitung  angewärmt  werden  können.  Auf  zwei  Blechbiegemaschinen,
  deren  jede  aus  drei  großen  Walzen  besteht,  werden  die
Kesselblechplatten  entsprechend  gebogen,  wohin  sie  durch  große  Krahne
aus  dem  Ofen  bis  zu  den  Biegemaschinen  geführt  werden.  In  den
anstoßenden  Werkstätten  sind  zwei  Blechkantenhobelmaschinen  aufgestellt,
welche  die  Kanten  der  Bleche  dergestalt  abhobeln,  daß  sie  genau  an
einander  passen.  Außer  diesen  arbeiten  hier  noch  mehrere  Scheere,
Loch-,  Stanz=  und  Sägemaschinen.  Platten  bis  zu  40  mm  Stärke
werden  mit  der  größten  Sicherheit  und  Gleichmäßigkeit  durchlocht  und
durch  nahe  an  einander  liegende  Stanzlöcher  nach  Bedarf  und  Zeichnung
  glatt  abgeschnitten.  Der  Druck  beim  Durchstanzen  der  starken
Bleche  ist  ein  so  gewaltiger,  daß  die  herausfallenden  Druckstücke  so
heiß  werden,  daß  man  sie  kaum  mit  der  bloßen  Hand  anfassen  kann.
        <pb n="549" />
        —  541  —

Die  Nietlöcher  werden  gegenwärtig  jedoch  nicht  mehr  durchgestanzt,
sondern  durchgebohrt,  da  bei  dem  Bohren  die  Structur  des  umgebenden
  Eisens  nicht  verändert  wird,  wie  beim  Stanzen,  die  Nietlöcher
selbst  genauer  und  gleichmäßiger  werden,  und  dadurch  die  Nietung
eine  erhöhte  Haltbarkeit  bietet.  —  Eine  andere  Maschine  dient  dazu,
die  Kesselplatten  genau  zu  richten,  ehe  sie  zu  Kesseln  zusammengenietet
werden;  endlich  werden  einzelne  Kesseltheile  in  warmem  Zustande
vollendet  und  in  die  nöthige  Form  gebracht,  wobei  man  die  warmen
Platten  mit  hölzernen  Hämmern  bearbeitet.  In  dem  165  m  langen,
30  m  breiten,  hellen  und  geräumigen  Kesselschmiedehause,  in  welchem
eine  fünfzigpferdige  Dampfmaschine  eine  Anzahl  von  Radialbohrmaschinen
  treibt,  um  die  Nietenlöcher  in  die  Kesselplatten  zu  bohren,
und  sechs  große  Drehkrähne  die  gewaltigen  Lasten  bewegen,  einer  der
besteingerichteten  und  rationell  angelegten  Werstätten,  werden  die  Kessel
genietet.  Eine  Anzahl  fertiger  und  halbfertiger  Kessel  verschiedener
Systeme,  sowohl  für  feststehende  Anlagen,  wie  auch  für  Locomobilen
und  Locomotiven  sind  hier  in  allen  Stadien  der  Bearbeitung  und
Fertigstellung  zu  sehen.  Ein  betäubender  Lärm  erfüllt  diesen  Raum.
Hunderte,  Tausende  von  Hammerschlägen  schallen  dröhnend  aus  den
Kesselwänden  heraus.  Mit  offenem  Munde,  um  die  Gewalt  des
Schalles  zu  mildern,  sitzt  oder  steht  der  Arbeiter  im  Kessel,  in  den
er  durch  den  Boden  oder  durch  das  Mannloch  hineingestiegen  ist,  und
hält  mit  starkem  Schlägel  oder  Hammer  gegen  den  Nietenkopf  wider,
während  zwei  auf  der  Außenseite  des  Kessels  stehende  oder  knieende
Arbeiter  mit  kräftigen  Hammerschlägen  das  andere  Ende  der  Niete
bearbeiten,  um  es  rund  und  breit  zu  schlagen,  und  so  den  anderen
Nietenkopf  zu  bilden.  Ein  Hallen  und  Schallen,  gewaltiges  Dröhnen
dringt  betäubend  durch  den  ganzen  Raum,  so  daß  Hören  und  Sehen
vergeht  und  man  froh  ist,  ihn  zu  verlassen.  Nicht  viel  weniger  Lärm
ist  in  der  Werkstelle,  in  welcher  die  Tenderkasten  gebaut  werden.
Dann  folgen  die  geräumigen  Werkstellen  der  Klempner  und  Kupferschmiede.
  Nach  dem  betäubenden  Dröhnen  in  der  Kesselschmiede  erscheint
  der  hier  sich  entwickelnde  Lärm  ziemlich  unbedeutend,  obgleich
er  an  sich  groß  genug  ist.  Blechbiegemaschinen,  Rohrbiegemaschinen,
Richtmaschinen,  Ausziehhämmer,  Drehbänke  u.  s.  w.  dienen  zur  Herstellung
  der  Gegenstände  aus  Blech  und  Kupfer,  während  eine  Anzahl
  von  Feuerstellen  zum  Erwärmen  und  Biegen  der  Schwarz=  und
Kupferbleche  hilft,  deren  einzelne  Theile  nach  Befinden  auch  gelöthet
werden.

In  der  sogenannten  Einsetzerei  werden  alle  diejenigen  Theile  der
Dampfmaschinen,  welche  einer  besonderen  Reibung  und  Abnutzung
ausgesetzt  sind,  eingesetzt,  d.  h.  gehärtet.  In  einer  daneben  befindlichen
        <pb n="550" />
        —  542  —

kleinen  Schmiede  paßt  man  die  zusammengehörenden  Theile,  sowie
die  Siederohre  und  die  zu  ihnen  gehörigen  Kupferstutzen  u.  s.  w.  aneinander.


Die  Schleiferei  wird  durch  20  große  Schleifsteine  betrieben,
welche  durch  eine  120  Pferdekräfte  starke  Dampfmaschine  in  Bewegung
gesetzt  werden;  in  den  daneben  liegenden  Räumen  werden  die  betreffenden
  Stücke  auf  Schmirgelscheiben  blank  polirt.

Alle  Maschinen  werden  in  den  Montagewerkstätten  zusammengestellt
  und  fertig  gemacht.

Die  Gesammtproduction  bis  Ende  1888  veranschlagt  man  auf
1450  Locomotiven,  640  Tender,  975  Dampfmaschinen,  1130  Dampfkessel
  u.  s.  w.

Von  der  Ausdehnung,  welche  die  Verwendung  der  Dampfkraft
in  dem  Chemnitzer  erzgebirgischen  Industriebezirke  gewonnen  hat,  giebt
die  Anzahl  der  am  1.  Januar  1888  in  demselben  vorhandenen
Dampfmaschinen  Zeugniß.  Es  waren  im  Gange  überhaupt  1480
Dampfmaschinen  mit  durchschnittlich  25  377  wirklich  ausgeübten  Pferdekräften.
  Davon  im  Berg=  und  Hüttenwesen  152  Dampfmaschinen
mit  6079  Pferdekr.,  in  der  Metallverarbeitung  62  mit  518  Pferdekräften;
  in  der  Industrie  der  Maschinen,  Werkzeuge  und  Apparate
202  mit  2993  Pferdekr.;  in  der  Chemischen  Industrie  15  mit  151
Pferdekr.;  in  der  Textil-Industrie  664  mit  11014  Pferdekr.;  in  der
Papier=  und  Leder-Industrie  72  mit  1400  Pferdekr.;  in  der  Industrie
der  Holz=  und  Schnitzstoffe  84  mit  744  Pferdekr.  Von  der  Gesammtheit
  kamen  auf  die  Stadt  Chemnitz  407  Dampfmaschinen  mit
6475  Pferdekr.  und  auf  die  Amtshauptmannschaft  Chemnitz  392  mit
7697  Pferdekr.,  Flöha  171  mit  3315,  Annaberg  81  mit  1035,
Marienberg  83  mit  1299,  Glauchau  346  Dampfmaschinen  mit  5556
Pferdekräften.  «

Einen  besonderen  Zweig  des  Dampfmaschinenbaues  bildet  der
Bau  von  Eisenbahnlocomotiven,  welcher  in  der  Sächsischen  Maschinenfabrik
  eine  große  Ausdehnung  gewonnen  hat.  Im  Jahre  1885  wurde
die  1400.  Locomotive  fertig  gestellt.  Seitdem  hat  man  den  Locomotivenbau
  jedoch  bedeutend  eingeschränkt,  da  der  Niedergang  der
Preise  denselben  nur  wenig  nutzbringend  machte.  Die  Locomotivwerkstatt
  hat  eine  Länge  von  132  m  und  eine  Breite  von  42  m,
so  daß  auf  den  zwei  in  ihr  befindlichen  Gleisen  gleichzeitig  36  Locomotiven
  oder  Tender  montirt  werden  können.  Die  schweren  Maschinentheile
  werden  auf  jeder  Seite  vermittelst  eines  Laufkrahns  herbeigebracht.


In  der  Dreherei  für  Locomotiv=  und  Tenderräder  werden  dieselben
  auf  großen  Drehbänken  abgedreht,  gerichtet  und  sodann  mit  den
        <pb n="551" />
        —  543  —

nöthigen  Bandagen  (Reifen)  versehen,  zu  welcher  Arbeit  sie  vorher
auf  einem  sinnreich  construirten  Apparat  mit  Gas  warm  gemacht
werden.  An  die  Dreherei  stößt  der  große  Montagesaal,  hinter  welchem
in  einem  mit  Glas  überdeckten  Zwischenbau  die  fertigen  Locomotiven
mit  Dampf  probirt  werden.  In  diesem  Raume  werden  auch  die
Rahmen  der  Locomotive  mit  Maschinen  durchlocht,  gebohrt  und  bestoßen,
  sowie  die  Locomotivräder  mit  hydraulischer  Presse  auf  die
Achsen  gepreßt.  Man  baut  normalspurige  Locomotiven  mit  Tender,
normalspurige  Locomotiven  nach  dem  Compoundsysteme,  Eilzug=  und
Güterzuglocomotiven,  sowie  Locomotiven  für  Schmalspurbahnen.  Auf
den  durch  eiserne  Wendeltreppen  zugänglichen  Oberräumen  werden  die
einzelnen  Locomotivtheile  auf  Drehbänken,  Hobelmaschinen  u.  s.  w.
bearbeitet,  polirt  und  vorgepaßt.  Im  Jahre  1884/85  baute  die
Sächsische  Maschinenfabrik  54  Locomotiven,  18  Tender,  17  Locomotivkessel;
  1873/74  allerdings  die  außerordentliche  Zahl  von  104
Locomotiven  und  70  Tendern.  Der  Rückgang  der  Materialienpreise
rief  eine  Beschränkung  der  Production  hervor,  und  trotz  der  bedeutenden
  Vergrößerung  des  Etablissements,  besonders  durch  die  Trennung
  der  Locomotivbauwerkstätten  von  den  Dampfmaschinenbauwerkstätten,
  und  der  Erweiterung  der  Eisen=  und  Metallgießerei,  der
Schmiede=  und  Kesselschmiedewerkstätten  wirkte  die  Geschäftskrisis  bis
gegen  Ende  1878  niederdrückend  ein.  1875  wurden  an  25  Maschinenfabriken
  und  Gießereien  geschlossen  und  von  der  Sächsischen  Maschinenfabrik
  gegen  1100  Arbeiter  entlassen.  Der  Bedarf  an  Maschinen
aller  Art  war  auf  das  Aeußerste  gesunken.  Die  Hauptzweige  der
Industrie  und  die  Landwirthschaft  lagen  schwer  darnieder  und  der
hauptsächlich  vom  inländischen  Markte  abhängende  Maschinenbau  fand
weder  bei  diesem,  noch  bei  den  Eisenbahnen,  deren  Bedarf  ebenfalls
wesentlich  gesunken  war,  Abnahme.  Im  Bau  von  Locomotiven  und
Werkzeugmaschinen  herrschte  Beschäftigungslosigkeitt  der  Bau  von
Dampfmaschinen  und  von  Maschinen  für  die  Textilindustrie  wurde
von  der  Concurrenz  des  Auslandes  auf  das  Aeußerste  bedrückt;  die
Ausfuhr  von  Maschinen  2c.  durch  hohe  Zölle  außerordentlich  erschwert.
Obgleich  Deutschland  nur  die  Hälfte  an  Eisen  und  Eisenfabrikaten
von  der  Gesammtsumme  producirt,  zu  der  es  der  Bevölkerungsziffer
und  der  Meilenzahl  seiner  Eisenbahnen  entsprechend  berechtigt  wäre,
so  wurde  auch  diese  Production  von  der  Einfuhr  der  Maschinen
fremden  Ursprunges  bedrückt.  Der  deutsche  Maschinenbau  ward  daher
fast  gänzlich  auf  den  inneren  Bedarf  zurückgedrängt  und  vermochte
nur  mit  schweren  Opfern  die  Ausfuhr  nach  dem  Auslande  noch  aufrecht
  zu  erhalten.  Mit  dem  Jahre  1879  begann  im  Maschinenbau,
mit  dem  Jahre  1882  auch  im  Locomotiven=  und  Werkzeugmaschinen-
        <pb n="552" />
        —  544  —

bau  ein  Aufschwung  bemerklich  zu  werden;  bei  der  im  Allgemeinen
günstigen  Lage  der  Maschinenindustrie  ist  aber  das  Verhältniß  der
Verkaufspreise  zu  den  Rohmaterialpreisen  und  den  Herstellungskosten
der  fertigen  Maschinen  ein  wenig  vortheilhaftes,  so  daß  nur  durch
Wahrnehmung  aller  Vortheile  in  der  Fabrikation  und  Erhaltung  aller
Einrichtungen  auf  einer  durch  die  Fortschritte  der  Technik  gebotenen
Höhe  der  erworbene  Ruf  guter  Constructionen  und  gediegener  Ausführung
  erhalten  werden  kann.  Die  Sächsische  Maschinenfabrik  hat
auf  allen  Eisenbahnen  den  Ruf  erworben,  daß  sie  vortreffliche  Locomotiven
  und  Maschinen  herstellt  und  in  Bezug  auf  Haltbarkeit,  Sicherheit
  des  Ganges  und  andauernde  Gleichmäßigkeit  der  Leistung  sowohl
durch  Verwendung  vortrefflichen  Materiales  als  auch  durch  sorgfältigste
Arbeit  vollständige  Garantie  bietet.

Dem  Besucher  der  Sächsischen  Maschinenfabrik  werden  die  zahlreichen
  verschiedenen  Maschinen  und  Hülfsmaschinen  für  Textilindustrie,
welche  nach  den  neuesten  und  verschiedensten  Systemen  angefertigt
werden,  die  Werkzeugmaschinen,  die  Betriebs=  und  Kraftmaschinen,
Wasserräder,  Turbinen,  Apparate  für  Zuckerfabrikation,  Buchdruckerpressen
  und  Hülfsmaschinen  für  typographische  Gewerbe  u.  s.  w.  in
einer  Menge  und  Vollständigkeit  vorgeführt,  daß  man  bei  nur  einigermaßen
  ausreichender  Zeit  einen  vollständigen  Ueberblick  über  diese
Fabrikationszweige  gewinnt.

Einem  besonderen  Fabrikationszweige  haben  sich  die  Scchsische
Maschinenfabrik  und  die  Chemnitzer  Werkzeugmaschinenfabrik  gewidmet,
nämlich  der  Herstellung  von  Specialmaschinen  für  Gewehr-,  Geschützund
  Geschoß-Fabrikation,  für  Gewehr=  und  Geschütz-Patronen,  für
Geschoßzünder  aller  Art,  für  Torpedofahrzeuge  und  Geschosse,  sowie
für  Geschosse  von  Revolverkanonen  u.  s.  w.

Mit  Ausdauer  und  Zähigkeit  wurde  der  harte  Kampf  mit  auswärtigem
  und  ausländischem  Mitbewerb  durchgeführt,  und  durch  schwere
Zeiten  hindurch,  bei  niedrigen  Verkaufspreisen  und  unvortheilhaften
Zahlungsbedingungen  sogar,  durch  unerschütterliches  Festhalten  an
solider  Arbeit,  durchdachter  Vielseitigkeit  und  Empfänglichkeit  für  das
Neue  der  Kampfplatz  behauptet.  „Während  der  letzten  15  Jahre
haben  die  Deutschen  Vieles  gethan,  ihre  alten  Maschinen  zu  verbessern
und  neue  zu  erfinden.  Sie  haben  die  mechanischen  und  wissenschaftlichen
  Fortschritte  anderer  Länder  beobachtet  und  haben  nicht  gezögert,
von  denselben  Nutzen  zu  ziehen.  In  England  und  Amerika  gemachte
Erfahrungen  nehmen  sie  rasch  und  eifrig  auf.“  Dabei  ist  aber  nicht
zu  vergessen,  daß  hervorragende  Intelligenz,  Vielseitigkeit  der  Leistung
und  unerschütterliches  Festhalten  an  solider  Arbeit  die  ins  Auge
fallenden  Merkmale  des  hiesigen  Maschinenbaues  sind.
        <pb n="553" />
        —  545  —

Schon  in  den  letzten  Jahren  hat  sich  ein  Geschäftsaufschwung
und  besonders  in  der  neuesten  Zeit  eine  gewisse  Unternehmungslust
erkennen  lassen.  Zuerst  im  Gebiete  der  Spinn=  und  Webmaschinen,
sodann  bei  den  Werkzeugmaschinen,  den  Dampfmaschinen  und  den
Turbinen  und  Wasserkraftmaschinen.  Auch  im  Metallguß  und  den
Armaturen  der  verschiedenen  Maschinen  ward  die  Nachfrage  reger.
Bedeutende  Aufträge  haben  einen  angestrengten  Betrieb  in  allen
Zweigen  des  Maschinenbaues  hervorgerufen,  welcher  die  Ausnutzung
aller  zu  Gebote  stehenden  Hülfsmittel  und  Hülfskräfte  bedingt.  Besonders
  sind  es  Spinnerei=  und  Weberei-Maschinen,  sodann  Dampfmaschinen
  aller  Gattungen,  welche  verlangt  werden,  vor  Allem  große
Maschinen  von  1000  Pferdekräften  und  mehr,  für  Förderung  und
Wasserhaltung,  für  Walzwerke,  Wasserleitungswerke  u.  s.  w.  Auch
beim  Locomotivenbau,  welcher  in  den  letzten  Jahren  nur  mit  Verlust
betrieben  werden  konnte,  sind  bessere  Verhältnisse  eingetreten.

Wenngleich  den  für  den  Betrieb  günstigen  Verhältnissen  —  bedeutende
  Aufträge,  angestrengter  Betrieb,  wachsende  Unternehmungslust
  —  die  höheren  Preise  für  Rohmaterialien,  Kohlen,  Koke  und
Zinder,  sowie  die  gestiegenen  Arbeitslöhne  gegenüberstehen,  so  läßt
sich  doch  wohl  erwarten,  daß  dem  Maschinenbau,  wie  der  ganzen  Industrie
  des  Erzgebirges  eine  aussichtsreiche  und  hoffnungsvolle  Zeit
bevorsteht.

35
        <pb n="554" />
        Der  Westen  des  Erzgebirges.

Der  Westen  des  Erzgebirges  umfaßt  die  Thäler  der  Mulde  und
ihrer  Zuflüsse  vom  Sattel  des  Gebirgskammes  bei  Platten  an  bis
zum  Ende  desselben  bei  Schöneck.  Eine  reich  gegliederte  Landschaft
erschließt  sich  dem  Besucher,  deren  stattliche  Wälder,  ansehnlichen
Höhenzüge,  aussichtsreichen  Berge  und  Bergvorsprünge,  die  herrlichen
Thalzüge  der  von  der  Mitte  der  Gebirgserhebung  herkommenden
Mittweida,  des  Pöhlwassers  und  des  Schwarzwassers  und  der  auf
dem  westlichen  Ende  des  Gebirgszuges  entspringenden  Mulde  und
ihrer  Nebenbäche  gebildet  werden.  Fleißige  und  thätige  Menschen,
verschiedenartige  Erwerbszweige,  große  und  kleine  Industriegruppen,
freundliche  und  stattliche  Dörfer  und  Städte  beleben  die  Oberfläche
dieses  Landstriches,  welcher  in  jeder  seiner  Einzelnheiten  interessant
und  besuchenswerth  ist.

66.  Zwickau.

Zwickau  ist  der  geeignete  Ausgangspunkt  für  den  Besuch  der
westlichen  Mulde,  des  Schwarzwassers  und  deren  Nebenthäler.

Zwickau,  eine  Stadt  von  nahezu  40  000  Einwohnern,  zählte
vor  50  Jahren  nicht  ganz  8000  und  erinnerte  nur  durch  seine  Anlage
  und  einzelne  Gebäude  an  vergangene  Herrlichkeit.  Denn  Ende
des  15.  und  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  war  es  eine  große,  bedeutende
  Stadt  mit  starker  und  kräftiger  Bürgerschaft,  an  der  Hauptstraße
  aus  dem  Reich,  unmittelbar  betheiligt  an  der  Silberausbeute
des  Schneeberges.  Allem  Vermuthen  nach  zwischen  1192  und  1212
zur  Stadt  erhoben,  urkundlich  jedoch  schon  1118  genannt,  wurde  diese
ehemalige  slavische  Niederlassung  zwischen  1486  und  1513  an  Stelle
der  1295  schon  vorhandenen  Mauer  mit  allen  Hülfsmitteln  der  damaligen
  Befestigungskunst  umgürtet  und  1536  noch  mit  einer  äußeren
        <pb n="555" />
        —  547  —

Grabenmauer  versehen.  In  ihrem  vollen  Bestande  umgab  diese
mittelalterliche  Befestigung  die  Stadt  mit  einer  8  bis  10  Ellen  hohen
Mauer,  rings  welcher  ein  bedeckter  Gang  mit  Schießscharten  führte.
Vor  derselben  reichte  eine  niedere  Befestigung,  der  Zwinger,  mit
breitem  Wassergraben,  um  die  Stadt.  An  den  vier  Hauptthoren
führten  breite  hölzerne  Brücken,  an  den  beiden  Pforten  schmale  Stege
über  den  Graben.

Vom  Tränkthore,  im  Osten  der  Stadt,  vor  der  Muldenbrücke,

bis  an  die  Fleischerpforte,  welche  durch  einen  Thurm  führte,  waren
zwei  große  Rondele  der  inneren  Mauer;  dann  kam  der  Oberthurm,
nach  diesem  der  Rösselthurm,  von  dem  aus  man  den  hohlen  Weg  an
der  Lichtensteiner  Straße  mit  Donnerbüchsen  und  Geschütz  bestreichen
konnte;  darauf  das  Oberthor  mit  einer  guten  Wehr,  d.  h.  einem
größeren,  die  Vertheidigungsfähigkeit  stärkenden  Vorwerke.  Vom  Oberthor
  zum  Frauenthor  stand  der  Bärenhäuterthurm  und  der  Grünhainer
  Thurm;  letzterer  auf  dem  Hofe  des  Grünhainer  Klosters.  Den
Westausgang  der  Stadt  bildete  das  Frauenthor  mit  dem  stärksten
Thurme  und  der  stärksten  Wehr.  An  dieses  stieß  das  von  Martin
Römer  erbaute  Kornhaus.  Dann  folgte  der  Weiße  Thurm,  das
iederthor  mit  seinem  niedrigen  Thurme,  das  1481  ebenfalls  von
Martin  Römer  sehr  stark  gebaute  Zeughaus;  sodann  das  Schloß,
1533  hieß  es  noch  Schloß  Zwickaw;  der  Name  Osterstein  ist  neueren
Ursprunges.  Seit  1775  wurde  dasselbe  als  Zucht=  und  Arbeitshaus
verwendet;  jetzt  ist  es  Landesgefängniß.  Neben  der  Schloßpforte  stand
der  niedrige,  starke  Kesselthurm  und  halben  Wegs  zum  Tränkthor  der
Pulverthurm.  Der  vorliegende  Zwinger  hatte  24  Rondele.

Diese  starke  mittelalterliche  Städtebefestigung  hatte  manchem  Angriffe
  schon  widerstanden;  als  aber  1630  Herzog  Bernhard  von  Weimar
  seinen  Angriff  auf  die  Südostseite  verlegte,  warf  er  einen  großen
Theil  der  Stadtmauer  durch  sein  schweres  Geschütz  nieder.

Das  war  das  letzte  Mal,  wo  sie  einem  Angriffe  zu  widerstehen
hatte;  als  befestigte  Stadt  hatte  Zwickau  keine  Bedeutung  mehr,  und
Ende  des  18.  Jahrhunderts  fing  man  an,  die  Stadtmauer  niederzulegen:
  1798  bis  1812  die  innere  Stadtmauer,  von  welcher  nur
einzelne  Strecken  stehen  blieben;  1799  bis  1803  die  Zwingermauer,
1802  den  Bärenhäuter  und  Grünhainer  Thurm,  1806  den  Rösselthurm,
  1818  den  Weißen  Thurm,  1824  und  1825  das  Ober=  und
das  Niederthor;  endlich  begann  man  1836  den  Stadtgraben  auszufüllen
  und  in  Gärten  umzuwandeln.

Im  Jahre  1836  standen  nur  noch  einzelne  Theile  der  innern
Mauer,  Pulverthurm,  Fleischerthurm,  Frauenthor  vollständig,  vom
35“
        <pb n="556" />
        —  548  —

Tränkthore  nur  der  Thurm.  Die  Stadt  machte  im  Ganzen  einen
kleinstädtischen  Eindruck;  Handel  und  Verkehr  hielten  sich  in  engen
Schranken,  und  die  Belebung  der  Stadt  beruhte  nur  auf  der  Straße
aus  dem  Reich  und  der  Straße  aus  dem  Gebirge?.

Die  Gassen  waren,  wie  bei  allen  frühmittelalterlichen  Städten,
leicht  gekrümmt,  schon  um  das  Bestreichen  mit  Geschütz  zu  hindern.
Die  Häuser  hatten  außer  dem  Erdgeschoß  meist  nur  ein  Stockwerk.
Die  Gassen  waren  mit  kleinen  rundlichen  Steinen  gepflastert,  an  ein
Trottoir  dachte  Niemand,  und  in  der  Mitte  der  Gasse  floß  der
„Bach“  in  einer  Rinne.  Der  Chronist  Tobias  Schmidt  sagt  1656:
„Das  Gießrad,  so  an  dem  Mühlgraben  gleich  dem  Rösselthurm  steht,
treibt  so  viel  Wasser  in  die  Stadt,  daß  man  auf  denen  Gassen
überall  Bäche  fließen  sieht.“  Ursprünglich  wegen  Feuersgefahr  eingeführt,
  diente  das  Wasser  der  Bäche  allerlei  häuslichem  Gebrauche.
Nicht  blos  die  liebe  Jugend  baute  einen  Damm  guer  durch  den  Bach
und  staute  ihn  an,  um  darin  herum  zu  pantschen;  auch  die  gute  Hausfrau,
  um  Geschirr  und  Gefäße  zu  waschen  und  dabei  mit  der  Nachbarin
  zu  plaudern.

Zu  dieser  Zeit  sah  man  auch  noch  Kegel  und  Strohwische  vor
den  Häusern,  welche  dem  durstigen  Wanderer  meldeten,  daß  man  Bier
trinken  könne.  Denn  ein  jeder  brauberechtigte  Bürger  schenkte  der
Reihe  nach,  daher  Reihschank,  in  seinem  Hause,  und  ein  braunangestrichener
  Kegel  auf  einer  Stange  verkündete  Braunbier,  drei  Kegel
Doppelbier  und  weißangestrichene  Weißbier,  welche  Zeichensprache
durch  Strohwische  und  Strohkränze  verschiedener  Bedeutung  unterstützt
wurde.

Von  den  noch  vorhandenen,  aus  dem  Mittelalter  stammenden
Gebäuden  ist  in  erster  Stelle  die  Marienkirche  zu  nennen.  Ihre
Gründung  fällt  zwischen  1110  und  1117;  Benedictiner  leiteten  angeblich
  den  Bau;  aber  nur  wenige  Spuren  sind  von  diesem  ursprünglichen
  Baue  zu  erkennen.  Die  um  1289  vergrößerte  Kirche  wurde
1328  vom  Feuer  zerstört,  bis  1336  wieder  aufgebaut,  aber  schon
1383  von  Neuem  eingeäschert.  Nach  dem  Wiederaufbau  wurde  sie
1403  bei  dem  großen  Brande,  welcher  die  Stadt  Zwickau  fast  vollständig
  zerstörte,  die  Kirchen,  das  Rathhaus  und  alle  öffentlichen  Gebäude
  in  Asche  legte,  zum  großen  Theile  von  Neuem  vernichtet.
Bis  1430  wurde  die  Kirche  wiederum  aufgebaut  und  aus  allen

*)  Tobias  Schmidt,  Chronica  Cygnea  etc.  Zwickau  1056.
Melchior  Merkel,  Chronik  2c.  der  Stadt  Zwickau.  2  Bde.  Zwickau  1800.
E.  Herzog,  Chronik  von  Zwickau.  Zwickau,  Richter,  1833/1845.
        <pb n="557" />
        —  549  —

diesen  verschiedenen  Bauperioden  sind  deutlich  erkennbare  Theile  erhalten
  *).

Die  nicht  vollständig  genau  von  West  nach  Ost  gerichtete  Hallenkirche
  mit  architektonisch  gegliedertem  Chor  hat  eine  Gesammtlänge  von
64  m  und  eine  Gesammtbreite  von  25  m,  von  welcher  ungefähr
10  m  dem  Mittelschiff  angehören.  Die  innere  Höhe  beträgt  nur  gegen
16  m.  Das  Gewölbe  des  Mittelschiffes  ist  eigenthümlich  zwiebelförmig
  ausgebogen;  die  Verhältnisse  scheinen  nicht  ganz  günstig;  dessen
ungeachtet  ist  der  Gesammteindruck  ein  außerordentlich  ansprechender.
Die  auf  beiden  Seiten  des  Schiffes  um  die  zum  Theil  nach  Innen
gerückten  Strebepfeiler  kanzelförmig  herumgreifenden  Emporen  sind
mit  einer  Brüstung  von  durchbrochenem  Maßwerk  eingefaßt.  Die  Zeit
der  Erbauung  der  einzelnen  Theile  der  Kirche  wird  von  Herrn  Baurath
  Mothes  in  nachstehender  Weise  bestimmt.  Der  Unterbau  des
Thurmes,  zu  beiden  Seiten  des  Portales  1328;  der  Vorbau  des
Portales  auf  der  Thurmseite  1383;  der  „Koller“,  d.  h.  der  Raum
zur  Aufbewahrung  von  Oel  und  Wein  1478  und  1479;  die  auf  der
Südseite  befindliche  „Brauthalle“  1476;  die  Nordseite  und  ihr  Nebenschiff
  von  1506  bis  1516,  davon  der  Theil  an  der  Sakristei  bis
1511;  die  Südseite  und  ihr  Nebenschiff  1517  bis  1529;  das  neue
Gewölbe  des  Mittelschiffes  von  1530,  wo  das  alte  Gewölbe  weggenommen
  wurde,  bis  1536.  .

Der  Chor  wurde  1453  bis  1470  erbaut  und  1563,  nachdem
ein  Theil  des  Gewölbes  eingestürzt  war,  mit  zwei  neuen  Pfeilern
und  neuem  Gewölbe  versehen.  Oberhalb  des  Kollers  befindet  sich  die
„Götzenkammer“,  also  genannt,  weil  eine  Anzahl  katholischer  Bilder
und  Figuren  nach  der  Reformation  und  dem  sie  begleitenden  Bildersturme
  hier  aufbewahrt  wurden.  Oberhalb  der  Brauthalle  befindet
sich  der  Saal  der  Kalandbrüderschaft.  Am  Ostende  des  Schiffes  ist
auf  der  Südseite  eine  einfache,  auf  der  Nordseite  eine  interessante
doppelte  Wendeltreppe;  auf  der  Nordseite  des  Thurmes  ist  auf
kleinstem  Raume  eine  neue  Wendeltreppe  für  die  Besteigung  des
Thurmes,  sowie  ein  Kohlen=  und  Wasseraufzug  für  den  Thürmer
eingefügt.  Der  Thurm,  dessen  Kern  wahrscheinlich  schon  bei  dem
ersten  Bau  der  Kirche  gegründet  wurde,  ist  jedenfalls  schon  um  1290
vergrößert  und  erhöht  worden.  1328  erhielt  er  eine  Verstärkung
von  Quadern  und  1475  wurde  ein  vergoldeter  Wetterhahn  auf  die
niedrige  und  stumpfe  Spitze  aufgesetzt.  Durch  Blitzschlag  1482  beschädigt,
  wurde  er  um  ein  Stück  erhöht,  ein  Achteck  und  1499  ein

*)  O.  Mothes,  K.  Baurath,  Werkmeister  zu  St.  Marien,  Baugeschichte  der
St.  Marienkirche  zu  Zwickau.  Zwickau,  Günther,  1885.
        <pb n="558" />
        —  550  —

neuer  Thurmhelm  aufgesetzt.  Als  1650  dieser  ebenfalls  infolge  eines
Blitzschlages  vollständig  niederbrannte,  wurde  1672  der  bis  88  m
erhöhte  Thurm  mit  zwei  Durchsichten  in  seiner  gegenwärtigen,  zwar
nicht  häßlichen,  aber  barocken  und  mit  dem  Stile  der  Kirche  im
vollsten  Widerspruch  stehenden  Form  vollendet.  Um  diesem  herrlichen
Kirchenbau  eine  einheitliche  Gestalt  zu  geben,  wäre  es  unerläßlich,
auch  den  Thurm  in  entsprechender  Weise  umzubauen.

Der  inneren,  reichen  Ausstattung  entsprechend,  hatte  die  Kirche
außer  dem  Haupt=  oder  Hochaltare  dreiundzwanzig  Nebenaltäre  (Kreuzaltar,
  St.  Peter  und  Paul,  Kunigunde,  Martinus,  Felix  Adauctus,
St.  Johannes,  Thomas,  Erasmus,  Laurentius,  Drei  Könige,  Cosmas
und  Damianus,  Matthias,  Barbara,  Matthäus,  Ursula,  Tausend
Märtyrer  u.  s.  w.),  welche  sämmtlich  1525  abgebrochen  und  beseitigt
wurden.

Nur  der  1479  bei  Michel  Wohlgemuth  bestellte  herrliche  Schrein
des  Hauptaltars  wurde  in  dem  Bilder=  und  Zerstörungssturme  nicht
berührt.  Derselbe  enthält,  durch  zwei  Flügelthüren,  sechs  Gemälde.
Im  Innern  des  Schreines  steht  Maria  mit  acht  Heiligen,  vorzüglich
geschnitzte,  bemalte  und  reich  vergoldete  Figuren  von  Holz.  Durch
die  Flügel  des  Altars  werden  drei  Bilderfolgen  hergestellt.  Die  erste:
Christus  am  Oelberge,  Geiselung,  Kreuztragung,  Kreuzigung;  die
zweite:  Verkündigung,  Geburt,  Anbetung,  Heilige  Familie;  die  dritte:
Heilige  Agnes,  Magdalena,  Katharina,  Barbara,  Margaretha  und
Dorothea,  an  zweiter  und  vorletzter  Stelle  das  Bild  eines  Unbekannten.
  Auch  die  Predella  giebt  drei  Verwandlungen.  Nur  die  zweite
Folge  wurde  von  Wohlgemuth  selbst  gemalt,  das  übrige  von  seinen
Schülern.  Die  Bilder  wurden  1832  restaurirt.  In  der  mit  den
Wappen  der  Stifter  gekennzeichneten  Brauthalle  sind  die  Figuren  von
Martin  Römer  und  seiner  Frau,  in  Holz  geschnitten  und  durch
Baurath  Mothes  farbig  restaurirt,  aufgestellt.  Ein  vortreffliches
Kunstwerk,  unzweifelhaft  von  einem  alten  Meister  ersten  Ranges,  ist
die  in  der  nördlichen  Seitenkapelle  befindliche  Gruppe  der  Maria  mit
dem  vom  Kreuze  abgenommenen  Christus,  in  Holz  geschnitten,  eine
überaus  schön  aus=  und  durchgeführte  Arbeit  von  ungefähr  Ende  des
15.  Jahrhunderts.  Besonders  bemerkenswerth  ist  der  Gesichtsausdruck
der  Maria,  welche  sich  schmerzerfüllt  über  den  Körper  Christi  beugt.
Das  Gesicht  der  Maria  ist  von  Baurath  Mothes  nur  gereinigt,  die
übrige  Gruppe  jedoch  vollständig  farbig  erneut  worden.  Die  Linien
der  Körper  und  des  Mantels  der  Maria  sind  voller  Lebenswahrheit
und  plastischer  Formvollendung.

Auch  der  Altar  dieser  Nebenkapelle  und  das  Altarbild,  die
Schränke,  Thüren  und  Schlösser,  zu  deren  Erneuerung  einzelne
        <pb n="559" />
        —  551  —

Ueberreste  der  alten  Stücke  die  Motive  gaben,  sowie  der  hinter  dem
Hauptaltare  befindliche  Paramentenschrank  legen  Zeugniß  für  die  bis
ins  kleinste  Detail  durchdachte  Wiederherstellung  ab.  Der  Taufstein
ist  eine  reiche,  sehr  schöne  Arbeit  aus  der  ersten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts.
  Die  an  der  Kanzel  um  1550  eingefügten  Rundbildnisse
aus  gebranntem  und  bemaltem  Thon  bezeugen  die  hohe  Entwickelung
der  mittelalterlichen  Töpferkunst.  Das  in  der  nordöstlichen  Emporenhalle
  aufgestellte,  1833  erneuerte  heilige  Grab  ist  eine  reich  durchbrochene
  Schnitzarbeit  von  Laub=  und  Fruchtwerk  in  Holz.  Die
Orgel  und  die  Sängerempore  liegen  zu  hoch.  Von  den  buntgemalten
Glasfenstern  wurden  die  letzten  1517  und  1520  eingesetzt  und  ungefähr
  zu  gleicher  Zeit  der  größte  Theil  der  die  Außenseiten  schmückenden
  Statuen  aufgestellt.

Aber  die  schon  1521  eintretenden,  durch  Thomas  Münzer
lebhaft  geschürten  Unruhen  und  Bilderstürme  unterbrachen  diese  Arbeit.
Die  aufgestellten  Statuen  wurden  herabgestürzt,  die  übrigen  bei  Seite
gebracht  und  das  Innere  der  Kirche  im  Sinne  der  Bilderstürmer
gesäubert.  Zahlreiche  Kunstwerke  und  Kleinodien,  Monstranzen,  Kelche,
Kreuze  u.  s.  w.  wurden  zerstört,  oder  eingeschmolzen  oder  verschleudert.
  Die  Nebenaltäre,  das  Sacramentshäuschen,  der  Chrisamschrank
  u.  s.  w.  wurden  beseitigt,  und  der  kaum  vollendete  Kirchenbau
durch  Unverstand  und  reformatorischen  Eigensinn  über  alle  Maßen
geschädigt.  Alle  silbernen  oder  vergoldeten  Heiligenbilder  wurden
zerschlagen  und  verkauft;  die  alten,  schönen  Chorstühle  vielfach  verstümmelt;
  zahlreiche  An=  und  Einbauten  in  system=  und  geschmackloser
  Weise  eingefügt;  ein  Theil  der  gemalten  Fenster  und  der
Butzenscheibenfenster  durch  gewöhnliches  Glas  ersetzt,  und  endlich
1819  verkaufte  man  die  noch  vorhandenen  30  gemalten  Glasfenster
für  200  Thaler!  Die  sogenannte  Restaurirung  der  Kirche  in  den
Jahren  1839  bis  1842  reinigte  die  Kirche  von  den  zopfigen  Zuthaten,
  ohne  eine  wirkliche  Wiederherstellung  dieses  eigenartigen,
kostbaren  und  in  allen  Beziehungen  hervorragenden  Bauwerkes  zu
bewirken.  Erst  seit  1883  brach  der  Gedanke  sich  Bahn,  das  wankelmüthiger
  und  schadhafter  werdende  Aeußere  der  Kirche  einer  wirklichen
Wiederherstellung  zu  unterwerfen  und  unter  Ausbeutung  aller  bis
jetzt  gewonnenen  Kenntniß  mittelalterlichen  Kunst  vollkommen  wieder
herzustellen.  Der  stilgerechten  Restaurirung  des  Innern  soll  die
plastische  Ausschmückung  des  Aeußern  würdig  zur  Seite  stehen.

Die  Marienkirche  in  Zwickau  zeichnet  sich  vor  den  mit  ihr
nahezu  gleichzeitig  entstandenen  Kirchenbauten  der  Meißnischen  Bauhütte
  vor  Allem  dadurch  aus,  daß  ihr  Aeußeres  unter  völlig  organischer
  Kenntlichmachung  der  inneren  Disposition  mit  einem  geradezu
        <pb n="560" />
        —  552  —

anstaunenswerthen  Reichthume  durchgeführt  ist,  besonders  die  Nordseite.
  Die  Werkmeister  derselben  —  1506  bis  1512  Meister  Hans
Cziller,  von  1517  an  Caspar  Teucher,  und  die  mit  ihnen  in  Verbindung
  stehenden  Lorenz  Löfler  (vom  Schneeberger  Kirchenbau)  und
Hans  von  Torgau  —  sagten  sich  1528  von  der  Straßburger  Bauhütte
  los  und  errichteten  durch  den  Annaberger  Hauptbeschluß  den
Meißnischen  (oder  Obersächsischen)  Hüttenbund.  Die  von  demselben
befolgten  Grundsätze  zeigen  sich  in  ihren  ersten  Anfängen  an  den
Dorfkirchen  von  Ruppertsgrün,  Langhermsdorf  und  Schömberg,  sowie
an  der  Hauptkirche  St.  Johannis  zu  Plauen,  einer  dreischiffigen
Hallenkirche  mit  Kreuzarmen  und  einschiffigem  Chorraum,  dessen
geradliniger  Abschluß  sie  als  Ordenskirche  der  Deutschherren  charakterisirt.
  Die  zur  Hälfte  nach  Innen  gerückten  Strebepfeiler  sind  mit
einer  schmalen  Pforte  durchbrochen,  welche  die  Verbindung  der  Emporen
  —  einer  rein  protestantischen  Anlage  —  herstellt.  Im  Freiberger
  Dom,  wo  die  Verbindung  der  Emporen  durch  kanzelähnliche
Vorbauten  um  die  zum  größten  Theile  nach  Innen  gerückten  Strebepfeiler
  geschaffen  ist,  stehen  die  Emporen  zu  hoch;  in  der  Schneeberger
  Kirche,  deren  stilgerechte  Wiederherstellung  und  vor  Allem  die
Wiederaufstellung  des  von  Lucas  Cranach  gemalten  Haupt=  und
Flügelaltares,  trotz  aller  Bemühungen  des  Baurathes  Möckel  nicht
durchzuführen  gewesen,  ist  die  Wirkung  der  Emporen  wesentlich  durch
Einbauten,  sogen.  Kapellen,  resp.  Glaskästen,  beeinträchtigt,  wenngleich
die  Anordnung  der  Strebepfeiler  ganz  dem  in  Freiberg  und  Annaberg
  angewendeten  System  entspricht.  Die  Annaberger  Hauptkirche
giebt  diese  Anordnung  der  Emporen  nicht  blos  in  der  besten  Höhe
und  Anordnung,  sondern  auch  in  der  künstlerisch  am  vorzüglichsten
ausgeführten  Ausschmückung,  indem  die  Brüstung  der  Emporen  mit
Reliefs  geziert  und  diese  wiederum  durch  Farbengebung  zu  ihrer  vollen
Wirkung  gebracht  worden  sind.  Bei  der  Annaberger  Hauptkirche  sind
die  Strebepfeiler  vollständig  eingezogen,  das  Aeußere  daher  sehr  schlicht
und  einfach;  auch  die  beim  Freiberger  Dom  nur  wenig  nach  Außen
vortretenden  Strebepfeiler  bringen  keine  Abwechselung  in  das  Aeußere;
dagegen  ist  die  Außenseite  der  Marienkirche  in  Zwickau  mit  einer
Sorgfalt  und  einem  Verständniß  gegliedert  und  geschmückt,  daß  sie
ein  einzig  hervorragendes  Beispiel  dieser  Bauperiode  bildet  und  es
eine  höchst  interessante  und  dankenswerthe  Aufgabe  ist,  dieses  Bauwerk
in  seinem  vollen  Glanze  wieder  herzustellen.

Die  Erneuerung  der  in  ihrem  Innern  durch  Einbauten,  in  ihrem
Aeußern  durch  Klima  und  Zerstörungen  in  hohem  Grade  geschädigten
Kirche  zur  ursprünglichen  Schönheit  war  eine  große,  zeiterfordernde
und  schwierige  Arbeit.  Es  handelte  sich  darum,  Beschädigungen  zu
        <pb n="561" />
        —  553  —

ergänzen,  Fehlendes  in  angemessener  Weise  anzufügen,  Räume  zugänglich
  und  nutzbar  zu  machen,  verwitterte  und  zerbröckelte  Steine  herauszunehmen
  und  in  Maaß  und  Zeichnung  passend  neu  einzufügen  u.  s.  w.
Die  Herstellung  des  Thurmes,  des  Westeinganges  und  des  Aeußeren
der  Kirche  ist  bis  zur  Nordseite  vorgeschritten.  Der  veräucherte  Sandstein
  ist  abgeschliffen,  die  kleinen  Zerstörungen  am  Laub=  und  Zierwerke
  sind  ergänzt  und  über  dem  südlichen  Hauptportale,  vor  der
sogenannten  Brautkapelle,  die  fünf  klugen  und  fünf  thörichten  Jungfrauen
  aus  französischem  Kalkstein  (von  Misch  in  Düsseldorf)  aufgestellt.
  Im  Giebelfeld  stehen  die  von  Rassau  in  Dresden  ausgeführten
  drei  großen  Statuen  Christus,  Moses  und  Johannes  der
Täufer.  Die  Außenseite  der  Kirche  wird  im  Ganzen  mit  52  Statuen
geschmückt.  Auf  die  Südseite  kommen  die  zwölf  Apostel,  auf  die  Ostseite
  die  vier  großen  Propheten  und  einige  alttestamentarische  Gestalten,
auf  die  Nordseite  die  Helden  und  Männer  der  Reformation:  Luther,
Melanchthon,  Bugenhagen,  Kurfürst  Friedrich  der  Weise,  Franz  von
Sickingen,  der  Zwickauer  Bürgermeister  Mühlpfort,  der  erste  evangelische
  Stadtpfarrer  Nicolaus  Hausmann,  der  Drucker  der  heiligen
Schrift  Hans  Lufft,  der  Liederdichter  Paul  Speratus,  der  Choralcomponist
  Walther,  Ulrich  v.  Hutten,  Hans  Sachs,  Lukas  Cranach,
Albrecht  Dürer.  Ferner  die  Theologen  Martin  Chemnitzer  und  Martin
Butzer,  der  Jurist  Hieronymus  Schurf  und  der  kurfürstliche  Kanzler
Dr.  Brück.  Sodann  die  Kurfürsten  Johann  der  Beständige  und
Johann  Friedrich  der  Großmüthige,  Kurfürstin  Anna,  Margarethe
Blaurer  (als  erste  Diaconissin),  Rector  Plateanus,  Käthe  Luther,
Hans  Luther,  Barbara  Uttmann.  Am  Westgiebel  Erzengel  Michael.

Die  Ausstattung  der  Kirche  mit  gemalten  Glasfenstern  ist  im
Werke.  Für  das  Fenster  hinter  dem  Altare  wird  das  „Himmlische
Jerusalem“  nach  Zeichnungen  des  Historienmalers  A.  Dietrich  gemalt.

Sobald  als  die  Herstellung  des  Aeußeren  beendet  ist,  wird  das
Innere  derselben  erneut.  So  weit  die  Gerüste  weggenommen  sind,
erkennt  man  jetzt  schon  die  wunderbare  Schönheit  der  Kirche.  Der
Werkmeister,  Baurath  Dr.  O.  Mothes,  wird  diesen  mittelalterlichen
Prachtbau  zur  vollen  Geltung  bringen.

Die  Anfang  des  13.  Jahrhunderts  gegründete  Katharinenkirche
ist  ebenfalls  wiederholt  durch  Brand,  am  meisten  aber  durch  die  Beschießung
  im  dreißigjährigen  Kriege  beschädigt  worden;  man  hat  ie  jedoch
stets  in  der  ursprünglichen  Bauweise  wieder  hergestellt  und  so  macht
sie,  trotz  ihres  dürftigen  gothischen  Styles,  einen  trefflichen  Eindruck.
Von  den  früheren  zehn  Altären  ist  nur  noch  einer  vorhanden.  Derselbe
  giebt  in  seinen  zwei  Flügeln  das  eine  Mal:  Kaiser  Heinrich  II.
Christus  am  Oelberge,  den  Gekreuzigten  mit  Maria  und  Johannes,
        <pb n="562" />
        —  554  —

die  Kaiserin  Kunigunde;  das  andere  Mal:  Apostel  Bartholomäus,
Kurfürst  Friedrich  den  Weisen,  die  Fußwaschung  der  Jünger,  den
Apostel  Jacobus  d.  A.  und  Herzog  Georg  von  Sachsen.  Die  Bilder
sind  angeblich  von  Lukas  Cranach  dem  Aelteren.  Fein  und  kostbar
sind  die  Bildnisse  der  beiden  Fürsten,  vortrefflich  ist  die  Gruppe  der
Fußwaschung;  vor  Allem  aber  ausgezeichnet  Gesicht  und  Bart  des
Kaisers,  das  Brokatkleid  der  Kaiserin  und  „die  wonnig  milde  Schön—
heit,  welche  den  Kopf  der  Kaiserin  verklärt“  (Steche).  Leider  sind
die  Tafeln  bei  der  Wiederherstellung  1876  stark  übermalt  worden.

Das  etwa  um  1296  gegründete  Kloster  der  St.  Clara-Nonnen
war  schon  1656  „ganz  eingerissen,  so  daß  man  eigentlich  nicht  weiß,
wo  es  gestanden"“.  Das  1231  errichtete  Franziskanerkloster  dagegen
wurde  1508  vollständig  neu  aufgebaut;  aber  schon  1525  vertrieb
man  die  Mönche.  Auch  die  im  Grünhainer  Hofe  befindliche  Niederlassung
  der  Cistercienser-Mönche  vom  Kloster  Grünhain  wurde  durch
die  Reformation  von  ihren  Insassen  gesäubert  und  1542  die  lateinische
Schule  in  denselben  verlegt.  Diese  Schule  erhielt  schon  1523  eine
vortreffliche  Schulordnung;  1835  wurde  sie  zum  Gymnasium  erhoben.
Die  alte  Zwickauer  Stadtschule,  für  welche  Martin  Römer  1479  ein
neues  Schulgebäude  errichtete,  war  es,  welche  die  „Schleifmühle"  genannt
  wurde.

Das  Rathhaus,  welches  1403  abbrannte  und  nach  langsamem
und  bedächtigem  Wiederaufbau  1515  und  1516  mit  Figuren  in  Fresko
und  1614  aufs  Neue  mit  „schönen  Figuren  und  einem  Thurme  verziert"
  worden  war,  machte  vor  fünfzig  Jahren  einen  sehr  nüchternen
Eindruck.  Die  obere  Fensterreihe  war  von  ovalen  Ochsenaugen  gebildet,
  die  Dacheinfassung  mit  Zinnen  verbrämt,  das  Ganze  ein  Monstrum
  von  Geschmacklosigkeit.  Seitdem  in  einer  Art  von  Gothik
umgebaut,  hat  es  wol  wenig  künstlerischen  Werth.  Interessant  und
charakteristisch  ist  der  kaum  veränderte  Frontgiebel  des  1522  erbauten
alten  Gewandhauses.

Als  Muster  eines  mittelalterlichen  Bürgerhauses  konnte  der  1480
von  Martin  Römer  erbaute  Anker  am  Markte,  zunächst  dem  Gewandhause,
  genannt  werden.  Mit  seinem  thurmartigen  Erker  an  der  Hausecke
  und  einem  allerliebsten  Dreieck=  (oder  Nasen-)  Erker  in  der  Mitte,
der  Thoreinfahrt,  den  Fensterbrüstungen,  dem  großen  Frontgiebel  stellte
er  ein  charakteristisches,  nobles  Patrizierhaus  vom  Ende  des  15.  Jahrhunderts
  dar.  Der  alte  schöne  Anker,  das  architektonisch  werthvollste
Gebäude,  wurde  1872  niedergerissen.  Ein  gleich  werthvolles  Bauwerk
  mit  reicher  gothischer  Fensterarchitektur  und  Giebeln  der  Früh-Renaissance
  stand  bis  1884  auf  der  innern  Schneeberger  Straße.
Bei  weitem  einfacher  als  der  Anker  und  durch  einen  späteren  Zwischen-
        <pb n="563" />
        —  555  —

bau  ganz  von  demselben  getrennt  ist  das  auf  der  Fleischergasse  liegende
Solbrig'sche  Haus,  in  demselben  Style  aber  schmucklos  und  ohne  Erker.
Das  Schiffhaus  an  der  Ecke  der  Klostergasse,  giebt,  wie  Herzog  in
seiner  Zwickauer  Chronik  sagt,  „überhaupt  noch  das  treueste  Bild
der  alten  gothischen  Bauart".  Ein  Haus  auf  der  Langgasse  (das
Ullrich'sche),  ein  Haus  auf  der  Amtsgasse  (das  Klinkhardt'sche)  waren
wohl  erst  nach  dem  dreißigjährigen  Kriege  erbaut.  Am  reichsten  ward
unzweifelhaft  die  Stadt  zwischen  1500  und  1600  mit  ansehnlichen
  Bürgerhäusern  geschmückt;  doch  nur  geringe  Ueberreste  sind
erhalten.

Seitdem  ist  Zwickau  aus  der  kleinen  Stadt  eine  große  Mittelstadt
  und  in  Bezug  auf  Industrie,  Handel  und  Verkehr  eine  Großstadt
  geworden.  Das  erkennt  man  an  der  räumlichen  Ausdehnung,
an  zahlreichen  Neubauten,  Verbesserungen  und  Verschönerungen.  Treffliches
  Pflaster,  verhältnißmäßig  breite  Trottoirs  und  Gehwege,  Gasbeleuchtung,
  Versenkung  der  Bäche  und  Schleußen  unterhalb  des
Straßenniveaus,  Durchbruch  verschiedener  Straßen  nach  der  Umfassung
der  inneren  Stadt,  Anlage  neuer  Straßen  und  Stadttheile  lassen  dies
erkennen.  Am  auffallendsten  ist  die  Verwandlung  der  Straße  rings
um  die  innere  Stadt:  vor  50  Jahren  ein  schmaler  Fahrweg,  auf
dem  sich  kaum  zwei  Wagen  ausweichen  konnten  (war  aber  auch  nicht
nöthig,  da  fast  niemals  zwei  Wagen  auf  diesem  Wege  fuhren),  auf
der  äußeren  Seite  von  einer  Hecke,  auf  der  inneren  von  einer  Pappelreihe
  und  dem  Stadtgraben  begrenzt,  in  welchem  einzelne  Gärten
angelegt  wurden.  Jetzt  erinnert  nur  noch  ein  kleiner  Theil  der  Ostseite
  der  Stadt  an  die  ehemalige  Befestigung.  Alle  Thore,  Thorthürme,
  Basteien,  Rondele  und  Zwinger  sind  abgetragen,  die  Stadtmauer
  fast  vollständig  verschwunden,  der  Graben  ausgefüllt  und  mit
Gartenanlagen  geschmückt,  eine  breite  Fahrstraße  mit  Gehwegen  und
Alleen  zu  beiden  Seiten  hergestellt;  zahlreiche  neue,  zum  Theil  prachtvolle
  Gebäude  an  ihr  entstanden.

Mehrere  gothische  Profanbauten,  zum  Theil  in  Ziegelrohbau,
zum  Theil  in  farbigen  Glasziegeln,  sind  mit  vielem  Geschick  und
Verständniß,  constructiven  und  sinnreichen  Facaden,  sowie  trefflichen
Garteneinfriedigungen  ausgeführt  worden.  Besonders  nennenswerth
ist  die  List'sche  Villa  am  Schulgrabenweg,  ein  reizender  Privatbau
(Frühgothik  in  reiner  Sandsteinarbeit),  die  Villen  Ebert  und  Kästner
in  italienischer  Renaissance,  sowie  an  der  Parkstraße  die  Villen  von
Wolf,  Schulze,  Teichmann,  Schreck,  sämmtlich  ziemlich  reiche  italienische
Renaissance  in  reiner  Sandsteinarbeit  mit  hübschen  Terrassen  und  parkartig
  angelegten  Gärten.

Von  Staatsgebäuden  sind  das  neue  Landgericht  und  die  Post,
        <pb n="564" />
        —  656  —

beide  Sandstein-  und  lichter  Ziegelrohbau  in  sauberer  italienischer
Renaissance,  zu  nennen.

Der  1477  angelegte  Schwanenteich  wird  von  hübschen  Pro—
menaden  umgeben.

Die  in  und  um  Zwickau  ausgebreitete  Industrie  umfaßt  fünf
chemische  Fabriken,  darunter  die  großen  Etablissements  von  Devrient
und  von  Fickentscher,  die  umfangreiche  Porzellanfabrik  von  Christian
Fischer,  sowie  noch  zwei  andere,  die  Glashüttenwerke  von  G.  Wagner,
zehn  Maschinenfabriken,  Metall-  und  Eisengießereien,  zehn  Kessel—
schmieden,  eine  Metall-  und  Blechwaarenfabrik  (doppelt  verzinnte
Stahlblechlöffel),  eine  Draht-  und  Hanfseilfabrik,  zwei  Vigogne-  und
Streichgarnspinnereien,  zwei  Kammgarnspinnereien  (von  Petrikowski  in
Schedewitz  und  Dietel  in  Wilkau),  vier  mechanische  Webereien  und
Färbereien,  mehrere  Dampf-  und  Mahlmühlen,  fünf  Dampfschneide—
mühlen,  eine  Thonwaarenfabrik,  achtzehn  Dampfziegeleien  u.  s.  w.,
ungerechnet  zahlreiche  kleinere  Betriebe  aller  Art.

69.  Der  Rohlenbergbau.

Die  Steinkohlengewinnung  und  Verwendung  soll  schon  den  Sorbenwenden
  bekannt  gewesen  sein  und  bereits  im  10.  Jahrhundert  stattgefunden
  haben.  Die  erste  urkundliche  Nachricht  über  die  Steinkohlen
giebt  die  Zwickauer  Schmiedeordnung  von  1348,  welche  den  Schmieden
außerhalb  der  Stadtmauer  die  Steinkohlenfeuerung  untersagte.  Von
Agricola,  welcher  1519  bis  1522  an  der  Zwickauer  Schule  Rector
war,  ist  es  bekannt,  daß  er  wiederholt  die  Kohlenschächte  befuhr.
1520  bildeten  die  Kohlenwerksbesitzer  eine  Innung  und  führten  eine
Kohlenordnung  und  mit  ihr  die  Reihenladung  ein,  welche  bis  1823
maßgebend  blieb.  1549  wurden  die  ersten  Stollenbauten  für  die
Wasserhaltung  angelegt.  1681  betrug  der  Abbau  9000  Dresdener
  Scheffel  (8667  hl),  1783  —  33  000  Dr.  Scheffel,  1820  =
65  000  Dr.  Scheffel,  1830  =  165  000  Dr.  Scheffel.  Die  Steinkohlenfeuerung,
  welche  seit  1718  in  den  Wildenfelser  und  seit  1760
in  den  Planitzer  Kalköfen  gebräuchlich  war,  wurde  1796  in  den
Ziegeleien  und  Branntweinbrennereien,  1820  in  den  Freiberger  Hüttenwerken
  und  1823  in  der  Zimmerheizung  eingeführt.  Seitdem  hat
der  Verbrauch  der  Steinkohle  durch  die  Einführung  der  Dampfmaschine
  in  der  Industrie  und  dem  Verkehr,  wie  des  Gases  in  der
Beleuchtung  einen  ganz  außerordentlichen  Umfang  gewonnen.  Gegenwärtig
  ist  der  Bau  auf  Steinkohlen  der  umfangreichste,  die  größte
Anzahl  von  Menschen=  und  Maschinenkräften  beschäftigende  Industrie-
        <pb n="565" />
        —  557  —

zweig  der  Zwickauer  Gegend.  Die  Chronik  von  Thomas  (1656)  sagt:
„Eine  halbe  Meile  von  Zwickau,  gegen  den  Schneeberg  und  Kirchberg
zu,  zwischen  dem  Schloß  Planitz  und  den  Dörfern  Bockwa  und  Wilkau,
  auf  den  Hohendörfer  und  Kainsdorfer  Bergen,  findet  man  Steinkohlen.
  Wenn  man  den  Berg  an  etlichen  Orten  ein  Lachter,  an
etlichen  aber,  sonderlich  gegen  Planitz  mehr  abräumet,  da  trifft  man
einen  Fletz  oder  schwebenden  Gang  von  weichen  Steinkohlen  an,  welche
fast  viertenhalb  Lachter  tief  dick  liegen,  wiewohl  an  einem  Ort  tiefer
als  am  andern,  und  darunter  einen  Stein,  unter  welchen  sie  wieder
die  Kohle  schlagen,  welche  alsdann  hart  sein,  und  die  man  Bech-Stein-Kohlen
  nennet,  derenthalben,  daß  sie  dem  Bech  ähnlich  sein  an
Schwärtze  und  Glantz.  Weiter  unter  diesem  Gang  ist  ein  bichichter
Kobalt,  und  wird  darunter  ein  Kieß,  so  alaunisch  ist,  zerstreut  gefunden.
  Diese  Kohlen  werden  von  den  Schmiedten  täglich  herein  gebracht;
  sondern  aber  in  andere  umbliegende  Städte  als  nach  Altenburg,
Leipzig,  Merseburg  2c.  geführt.“

Im  Jahre  1884  war  die  Zahl  der  Steinkohlenwerke  eine  ganz
bedeutende.  Es  bestanden  sieben  Actiengesellschaften,  welche  20,  und
dreiundzwanzig  Steinkohlenwerke  in  Privatbesitz,  welche  39  Schachte
mit  Maschinenförderung  betrieben.  Im  Ganzen  zählte  man  85  Schachte
und  5  Wetterschachte.  Als  tiefster  Schacht  gilt  der  Einigkeitsschacht
des  Brückenbergvereins  (750  m),  während  Schacht  Nr.  I  der  v.  Arnim'schen
  Steinkohlenwerke  die  geringste  Tiefe  hat  (25  m).  Die  tiefste
Fördersohle  des  Reviers  liegt  691  m  unter  Tage.

Man  unterscheidet  im  Zwickauer  Kohlenbecken  drei  Steinkohlenflötze.
  Das  Seegen-Gottes-Flötz,  6,,  m  mächtig,  aber  wenig  verbreitet,
  streicht  zum  Theil  aus,  zum  Theil  zersplittert  es  sich  in  eine
Anzahl  schwächerer  Flötze.  Das  Planitzer  Flötz,  10  m  mächtig,  weit
verbreitet,  in  drei  Abtheilungen  durch  schwächere  Ablagerungen  von
Schiefern  getrennt.  Das  Rußkohlenflötz  bei  Bockwa,  8  bis  9  m  mächtig.

Zwei  Dinge  übten  auf  die  Gestaltung  des  Steinkohlenbergbaues
den  größten  Einfluß  aus:  seit  Anfang  der  20er  Jahre  begehrten  die
Eisenwerke  statt  der  theuren  Holzkohle  die  Steinkohle,  und  seit  1826
wurde  die  Dampfkraft  zur  Wasserhaltung  und  Kohlenförderung  benutzt.
Im  Anfange  und  noch  1831  waren  auf  dem  Gitterseer  Werke  (bei
Potschappel)  und  anderen  schwerfällige,  langsam  arbeitende  Balanciermaschinen,
  d.  h.  Maschinen  mit  einfach  wirkendem  Dampfe,  wo  durch
entsprechende  Gegengewichte  der  Aufgang  des  Balanciers  bewirkt  wurde.
So  gab  es  1836  nur  eine  einzige  Dampfmaschine,  und  zwar  auf
einem  Planitzer  Werke,  im  ganzen  Kohlendistricte  von  Zwickau.  Wer
bei  Neudörfel  auf  der  Höhe  stand,  sah  zwischen  dem  Dorfe  Schedewitz
  und  der  Stadt,  sowie  im  ganzen  Westen  der  Schneeberger  Chaussee,
        <pb n="566" />
        —  558  —

bis  über  die  Reichenbacher  Straße  hinaus,  nur  eine  große  Fläche
Feld,  welche  im  Osten  vom  Mühlgraben  und  der  Devrient'schen  Fabrik
begrenzt  wurde.

Wenn  nun  auch  1823  schon  die  den  Kohlenabbau  beengenden
Vorschriften  gefallen  waren,  so  trat  doch  erst  Anfang  der  40er  Jahre
mit  der  Gründung  größerer  Actienunternehmungen  und  der  Aufstellung
einer  entsprechenden  Anzahl  von  Dampfmaschinen  der  großartige  Aufschwung
  der  ganzen  Kohlenindustrie  ein.  Noch  im  Jahre  1840
wurden  nur  ⅜¾8  Millionen  Centner  Kohlen  gefördert;  im  Jahre  1850
schon  4  Millionen,  1856  =  7  Millionen,  1863  —  14  Millionen,
1872  =  34  Millionen,  1881  =  47  Millionen  Centner.  In  40
Jahren  war  die  Steinkohlengewinnung  um  das  63fache  gestiegen.
1884  schätzte  man  die  Kohlenförderung  auf  50  Millionen  Centner
(  322⅝  Millionen  Hektoliter);  von  diesen  wurden  in  10  Coksbereitungsanstalten
  1⅛  Millionen  Centner  Coks  und  bei  der  Briquettesfabrikation
  aus  ca.  4000  Karren  Waschkohle  1½⅛  Millionen
Briquettes  gefertigt.  Die  Coksfabrikation  wurde  1830,  die  Fabrikation
  der  Briquettes  nach  1840  eingeführt.

Durch  Unvorsichtigkeit  und  andere  Veranlassungen  sind  wiederholt
  Kohlenflötze  in  Brand  gerathen.  Die  frühesten  Kohlenbrände
werden  in  die  Vorzeit  zurückgelegt,  denn  die  Brände  des  16.  Jahrhunderts
  sind  nicht  die  ersien  gewesen.  Der  größte,  durch  ein  Paar
Jahrhunderte  hindurch  fortdauernde  Brand  wurde  1641  auf  Planitzer
Revier  durch  die  Kaiserlichen  hervorgerufen,  welche  die  Schachthütten
ansteckten.  Der  Brand  ging  auf  den  Schachthölzern  in  die  Tiefe  und
wechselte  wiederholt  in  seiner  Stärke.  1837  legte  Dr.  Geitner  Gärten
auf  den  Kohlenbränden  an,  welche  er  1846  durch  Warmhäuser  vergrößerte.
  1862,  als  der  Kohlenbrand  fast  vollständig  erlosch,  hörte
die  Gärtnerei  auf  und  1882  wurden  die  Gebäude  abgetragen.

Bei  einer  Anzahl  von  Kohlenwerken  sind  aber  auch  schon  die
Kohlenflötze  abgebaut.  In  Bockwa  und  Oberhohndorf  werden  allem
Vermuthen  nach  binnen  wenig  Jahren  die  letzten  Kohlen  gefördert
sein,  und  nur  die  vier  großen  Actiengesellschaften  (Brückenberg,  Bürgerschacht,
  Vereinsglück  und  Erzgebirgischer  Steinkohlenbau-Verein)  mit
ihren  ausgedehnten  Kohlenfeldern  werden  noch  längere  Zeit  (man
spricht  von  50  Jahren)  Kohlen  gewinnen  können.  Wenn  einmal  die
Kohlenwerke  abgebaut  sind,  vielleicht  schon,  wenn  größere  abgebaute
Strecken  aneinander  stoßen  und  Tagewasser  durch  Spalten  in  die
hohlen  Räume  eindringend  das  Deckgebirge  aufweichen,  werden  größere
Einbrüche  stattfinden.  An  Vorboten  fehlt  es  nicht.  Die  Zahl  der
kleinen  Werke,  welche  ihr  Kohlenfeld  abgebaut  haben,  nimmt  mit  jedem
Jahre  zu.  Ueberall,  wo  die  großen  Höhlungen  keine  besonderen
        <pb n="567" />
        —  559  —

Stützpunkte  haben,  zeigen  sich  an  der  Oberfläche  Einsenkungen,  Risse,
Schrunde.  Anfangs  unwesentliche  Bodensenkungen  nehmen  zu  und
vertiefen  sich.  In  Bockwa,  Schedewitz,  Neudörfel,  Nieder-Planitz,
Oberhohndorf  u.  s.  w.  haben  sich  einzelne  Gebäude,  ganze  Gehöfte,
Brücken  u.  s.  w.  gesenkt,  zeigen  Risse,  sind  eingestürzt  oder  mußten
abgetragen  werden.  In  vielen  Kohlenwerken  dringt  Wasser  ein  und
auf  Bockwaer  Revier  sind  vier  große  Wasserhaltungsmaschinen,  von
zusammen  650  Pferdekräften  ausschließlich  zur  Wasserhebung  in  Arbeit.
Die  Anzahl  der  im  Zwickauer  Kohlen-Revier  im  Gange  befindlichen
  Werke  betrug  1883—  32,  1884  =  29  mit  71  Schächten,
1885  =  30  mit  75  Schächten,  1886  =  24,  1887—21,  1888  =  20
mit  65  Schächten.  Es  waren  13  Kohlenwerke  in  Bockwa  und  Oberhohndorf
  wegen  Abbau  des  Kohlenlagers  eingegangen  und  nur  ein
neues  Werk  entstanden.  Die  Zahl  der  auf  diesen  Werken  befindlichen
Dampfmaschinen  zur  Förderung,  Wasserhaltung,  Ventilation,  Aufbereitung
  und  anderen  Zwecken  betrug  1883.—  263  mit  9663  Pferdekräften,
  1886  —  279  mit  9819  Pferdekräften,  1888—  306  mit
10  570  Pferdekräften.  Die  Zahl  der  Arbeiter  betrug  1885  bis  1888
zwischen  7395  und  7226  Mann  unter  Tage  und  2396  und  2461  Mann
über  Tage,  im  Durchschnitt  9700  Mann.
Die  Production  betrug
Kohlen  Coks  Briquettes
1884  -—  2  488  000  Tonnen,  76  000  Tonnen,  836  000  Stück
1885  =  2  500  000  „  v70000  „  270  000  „
1886  =  2472  000  „  62  500  „  498  000  „
1887  —  2478  000  „  64  250  „  846  000  „
1888  -2  481  000  „  65  600  886  000
Der  Gesammtwerth  der  Production  von  1888  wird  auf
20  218  426  Mk.  veranschlagt.  Der  durchschnittliche  Arbeitslohn  eines
Kohlenbergmannes  war  im  Jahre  1888  im  Zwickauer  Bezirke  883,88  Mk.,
stieg  auf  914,16  und  beträgt  nach  dem  Ausstande  1005,58  Mk.
Von  den  8  größeren  Werken  des  Zwickauer  Reviers  (Erzgebirgischer,
  Brückenberger,  Zwickauer,  Zwickau-Oberhohndorfer,  Oberhohndorf-Forster
  Steinkohlenbau-Verein,  Bürgergewerkschaft,  sowie  die
von  Arnim''schen  Steinkohlenwerke  in  Planitz)  hat  ein  jedes  seinen  Knappschaftsverband
  und  seine  Knappschaftskasse  zu  Invaliden-,  Wittwen=  und
Waisenpensionen,  Sterbegeldern  und  außerordentlichen  Unterstützungen.
Die  14  kleineren  Werke  bilden  den  Bockwa-Oberhohndorfer  Knappschaftsverband.
  -
Die  Kohlenbergwerke  des  Plauenschen  Grundes  lieferten
1886  —  583  716  Tonnen  (zu  1000  kg),  1887  —  603  105  Tonnen,
1888  =  582  849  Tonnen.  Die  Zahl  der  Arbeiter  war  2656;  der
        <pb n="568" />
        —  560  —

Durchschnittslohn  874,23  Mk.,  für  die  Arbeiter  unter  Tage  933,26  Mk.,
für  die  Arbeiter  über  Tage  799,38  Mk.

Im  Lugau-Oelsnitzer  Kohlenbecken  wurden  auf  den
14  im  Betriebe  befindlichen  Werken  im  Jahre  1883  über  1  200  000
Tonnen  Kohlen  gefördert.

Während  die  unteren  Schichten  des  Gebietes  sehr  wechselnde,
schwache,  nicht  bauwürdige  und  wenig  ausgedehnte  Flötze  und  Zwischenflötze
  und  Kohlenschmitzen  enthalten,  besteht  das  2  m  mächtige  Grundflötz
  vorwiegend  aus  Rußkohle.  Oberhalb  desselben  streicht  das  Hauptflötz,
  am  Ostrande  2  bis  5  m  mächtig,  in  der  Mitte  20  bis  23  m,
am  Westende  jedoch  nur  1  bis  3  m  stark,  vorwiegend  aus  Rußkohle
bestehend,  nächstdem  aus  Pechkohle  und  stellenweise  Hornkohle.  In
der  neuesten  Zeit  hat  man  hier  noch  ein  Zwischenflötz,  das  Neuflötz,
3,6  m  mächtig,  in  ausgezeichneter  Pech=  und  Rußkohle  angefahren.
Das  weiter  aufwärts  liegende  Vertrauensflötz,  vorwiegend  aus  Rußkohle
bestehend,  ist  nur  1,5  m  stark.  Das  oberste  der  vier  vorhandenen
Flötze,  das  Glückaufflötz,  ein  fast  reines  Pechkohlenflötz,  etwa  2  m,
ist  jedoch  im  östlichen  Theile  des  Gebietes  gar  nicht  vorhanden.

Die  Förderung  war  auf  den  11  bestehenden  Werken  1873
—  3½  Millionen  hl  und  stieg  bis  1880  auf  8½  Millionen  hl.
Seit  1882  sind  14  Werke  mit  28  Schächten  und  156  Dampfmaschinen
  mit  im  Ganzen  7240  Pferdekräften  zur  Förderung,  Wasserhaltung,
  Wetterführung,  Aufbereitung  u.  s.  w.  im  Gange.  Die  Förderung
  betrug  1884  =  1  076  000  Tonnen  und  stieg  1887  auf
1  199  000  Tonnen.  Die  Zahl  der  Arbeiter  betrug  1886  =  5944,
1887  —  6112,  1888  =  6497;  davon  4533  bis  zuletzt,  5063  unter
Tage,  1434  bis  1501  über  Tage.  Der  Durchschnittslohn  betrug
1886  =  841,24  Mk.,  1888  —=  875,26  Mk.

Die  Schächte  dieses  Gebietes  sind  zum  Theil  sehr  tief:  im
Mittel  532  m.  Der  tiefste  Schacht,  der  frische  Glückschacht  bei  Oelsnitz,
  hat  sogar  eine  Tiefe  von  894  m.  Auf  den  neuen  hier,  wie  im
Zwickauer  Gebiete  aufgestellten  Aufbereitungsanstalten  (von  Ingenieur
Lührig)  sortirt  man  mittelst  Maschinen  in  10  Stunden  30  000  Centner
Kohlen.  Alle  unreinen  Bestandtheile  werden  ausgeschieden  und  die
Kohlen  nach  Größe  der  Stücke  und  Güte  von  einander  getrennt.

Auf  den  Grenzlinien  der  Kohlen  führenden  Schichten  des  erzgebirgischen
  Beckens  hatte  man  schon  1700  bei  Altenhain,  1741  bei
Flöha,  um  1780  bei  Ebersdorf  und  um  1800  bei  Gückelsberg  den
Abbau  von  kleineren  Kohlenlagern  unternommen.  Diese  Werke  erlagen
  doch  schon  alle  zwischen  1860  und  1870,  die  letzten  1880.
Die  Kohle  dieser  überhaupt  sehr  schwachen  und  wechselnden  Flötze
        <pb n="569" />
        —  561  —

war  von  einer  sehr  geringen  Qualität  und  die  Förderung  überstieg
kaum  5000  hl  =  7650  Centner  =  38250  kg  jährlich.  Der  Abbau
blieb  in  der  Regel  liegen,  weil  er  nicht  lohnend  genug  war  und  die
stärksten,  etva  1  bis  1¼  m  starken  Flötze  bald  abgebaut  wurden.

Auf  dem  Urgebirge  ist  in  der  Gegend  von  Schönfeld  und  Sayda,
inmitten  vieler  Eruptivgesteinen,  die  produktive  Kohlenformation  aufgelagert.
  Abgesehen  von  einigen  Vorkommen  kleineren  Umfanges  ist
das  Vorkommen  von  Kohle  nächst  dem  von  Brandau  das  bedeutendste
im  Gneisgebirge  des  östlichen  Erzgebirges,  umgeben  von  Quarzporphyr,
Gneisconglomeraten,  Porphyrtuffen  und  Schieferthon.  Es  ist  eine
Glanzkohle  —  Anthracit  —,  die  älteste  Kohlenart,  von  eisenschwarzer
bis  gräulichschwarzer  Farbe,  meist  über  90  Procent  Kohlenstoff  enthaltend,
  welche  schwer  und  mit  schwacher  Flamme  brennt,  aber  nicht
zusammenbackt  und  nicht  raucht.  Man  unterscheidet  verschiedene  Flötze.
Das  stärkste,  Jakober  Flötz,  ist  1  bis  4  m,  das  Hauptflötz  /  bis  2  m
mächtig,  das  Walterflötz  nur  /  m.  In  allen  dreien  sind  die  Pflanzenreste
  spärlich  vertreten.

Auf  dem  Anthracitwerke  bei  Schönfeld  förderte  man  1885  bis  1888
jährlich  ungefähr  300  Tonnen  Anthracitkohlen  im  Werthe  von  4900  Mk.

70.  Die  Königin-Marien-Hütte.

Mit  der  Eisenbahn  fährt  man,  an  Kohlenwerken,  Coksöfen,
Fabriken  aller  Art  vorüber,  durch  die  rauchende  und  dampfende  Umgebung
  der  Stadt  mit  ihren  zahlreichen  Essen  nach  der  großartigen
Königin-Marien-Hütte  bei  Kainsdorf.  Dampfessen  und
Häusergiebel,  schwarz  beräucherte  Mauern,  berußte  Dächer  und  Rauchabzüge,
  stöhnende  Maschinen,  Brausen  und  Hämmern  der  Werke
machen  diese  Werkstätte  menschlichen  Fleißes  schon  von  Weitem  kenntlich.
  Die  Marienhütte  wurde  1838  durch  die  „Sächsische  Eisenbahn=Compagnie“,
  eine  Actiengesellschaft,  gegründet,  ihr  Betrieb  am  30.
Juni  1842  eröffnet.  Aber  schon  am  1.  Juni  1851  ging  sie  in
den  Besitz  der  Gebrüder  v.  Arnim  über,  welche  Pächter  der  Hütte
gewesen  waren.  Hatte  Anfangs  der  Betrieb  der  Hütte  nur  eine  bebeschränkte
  Ausdehnung  gehabt,  so  wurde  nun  Betrieb  und  Anlage
mit  jedem  Jahre  vergrößert.  1868  bestand  dieselbe  aus  einer
Cokserei  mit  54  Coksöfen,  3  Hohöfen,  einer  Gießerei  mit  4  Cupolöfen
  und  1  Flammenofen,  dem  Schienen=  und  Stabeisen-Walzwerk

*)  K.  Dalmer,  Die  Steinkohlenformation.  Erläuterungen  zur  geogn.
Karte.  Sect.  124.  Ebersbrunn.

36
        <pb n="570" />
        —  562  —

mit  4  Walzenstraßen,  18  Schweiß-  und  38  Puddelöfen,  dem  Fein—
walzwerk  mit  3  Schweißöfen,  der  Bessemerstahlanlage  mit  2  Convertoren
  und  3  Cupolöfen,  einer  Maschinenwerkstätte  und  einer  Chamotteziegelei.
  Es  wurden  120  000  Ctr.  Roheisen,  51750  Ctr.  Gußwagen
aller  Art,  75000  Ctr.  Schienen  und  Walzeisen,  340  000  Ctr.  Schienen
mit  Bessemerstahlköpfen,  185  000  Ctr.  Bessemerrohstahl  hergestellt.
Die  Summe  der  Beamten  und  Arbeiter  schwankte  zwischen  1550
und  1650  Mann.

Seit  1868  hat  die  Hütte  eine  Knappschaftscasse,  welche  den  Arbeitern
  bei  Krankheitsfällen  freie  ärztliche  Behandlung,  sowie  eine  dem
Arbeitslohne  entsprechende  Geldunterstützung  gewährt.  Bei  Todesfällen
  giebt  sie  einen  Betrag  zu  den  Beerdigungskosten,  sowie  Unterstützung
  an  Wittwen  und  Kinder  unter  14  Jahren;  bei  Invalidität
Pension,  welche  nach  25  Dienstjahren  bis  zu  50  Procent  des  Schichtlohnes
  steigt.

Während  des  Krieges  1870  mußten  zwei  Hohöfen  ausgeblasen
werden,  doch  schon  1871  stieg  die  Production  wieder  und  das  Jahr
1872  wird  von  der  Geschäftsleitung  der  Hütte  selbst  als  ein  epochemachendes
  bezeichnet.  Die  allgemeiner  werdende  Verwendung  von
Eisen  bei  den  verschiedenartigsten  Anlagen,  die  bedeutenden  in  Angriff
genommenen  Eisenbahnbauten,  die  umfangreiche  Verwendung  von
Eisen  bei  Schiffbauten  2c.  riefen  einen  außerordentlichen  Bedarf  von
Eisen  aller  Art  hervor.  Trotzdem,  daß  die  Preise  um  50  bis  60
Procent  stiegen,  konnte  der  Bedarf  nicht  immer  gedeckt  werden.

Die  Production  der  Marienhütte  betrug  1872  über  303  000  Ctr.
Roheisen,  über  101  000  Ctr.  Gußwaaren,  über  508  000  Ctr.  Schienen
von  Bessemerstahl  und  über  342  000  Ctr.  geschmiedeten  Bessemerstahl.

Ende  1872  ging  die  Hütte  in  den  Besitz  der  „Deutschen  Reichsund
  Continental-Eisenbahnbau=  (Actien)  Gesellschaft"  über.  Der  Betrieb
  der  Hütte  ging  aber  zurück  und  1875  schien  eine  rentable
Herstellung  von  Roheisen  nicht  mehr  möglich,  so  daß  sämmtliche  Hohöfen
  des  Werkes  nach  und  nach  kalt  gelegt  wurden.

Die  Aufhebung  der  Eingangszölle  auf  Eisen=  und  Stahlwaaren
brachte  die  deutsche  Eisenindustrie  in  eine  schwere  und  besorgnißerregende
  Lage.  Der  Druck  der  ausländischen  Concurrenz  ließ  keinen
Geschäftsaufschwung  zu.  Die  englischen  Eisenwerke  sind  ja  infolge
glücklicherer  Productionsbedingungen  im  Stande,  um  20  Procent  billiger
zu  fabriciren,  als  die  deutschen,  und  können  infolge  der  niedrigen
Wasserfrachten  billiger  mitten  nach  Deutschland  hinein  liefern,  als  selbst
die  westfälischen.  So  wurden  1877  der  Marienhütte  selbst  die  Brückenbleche
  aus  England  um  20  bis  25  Mark  per  Tonne  billiger  angeboten,
  als  sie  überhaupt  in  Deutschland  hergestellt  werden  können.
        <pb n="571" />
        —  563  —

Seit  1877  hat  sich  die  Production  wieder  gehoben,  obgleich
die  Eisensteine  aus  den  thüringischen  Gruben,  welche  von  der  Hütte
hauptsächlich  verwendet  werden,  viel  zu  hohen  Transportkosten  unterworfen
  sind.  Besonders  1880  bis  1882  wurde  der  Betrieb  umfangreicher.
  Der  Geschäftsbericht  für  1883  sagt:  „Die  Geschäftsergebnisse
  des  Jahres  1883  haben  sich  unter  dem  Einflusse  der  allgemeinen
Depression  im  Stahl=  und  Eisengeschäft  weniger  günstig  gestaltet,  als
die  des  Vorjahres.“  Geringere  Beschäftigung  der  Walzwerke  für
Stahlschienen,  Preisrückgang  der  Walzwerkfabrikate,  Preissteigerung
der  Rohproducte,  namentlich  Kohlen  und  Coks.  Der  Hohofen  ist
aber  in  ununterbrochenem  Betriebe  gewesen  und  hat  einen  Durchschnitt
  von  täglich  57  588  kg  ergeben;  dagegen  konnte  der  Walzwerkumbau
  nur  zum  Theil  ausgeführt  werden.  Die  Herstellung
von  Rohschienen  ist  infolge  der  Neuanlage  der  Luppen  und  Blockwalzwerke
  um  etwa  50  Procent  gestiegen,  während  die  Selbstkosten
um  14  Procent  erniedrigt  werden  konnten.

Der  Gang  der  Verhältnisse  der  Königin-Marien-Hütte  und
ihres  Betriebes  wird  durch  die  Ausdehnung  des  Betriebes  innerhalb
  der  letzten  Jahre  am  besten  dargelegt.

Der  Hohofen  verarbeitete  1884  =  53½  Mill.  kg  Erze,
1885  =  47,  1886  sogar  nur  23¾¾:;  sein  Verbrauch  stieg  aber  1887
auf  fast  37  Millionen  kg  und  1888  auf  57  Millionen  kg  Erze.
Der  Hohofen,  welcher  1886  kalt  gestellt  worden  war,  wurde  im
zweiten  Quartal  1887  wieder  angeblasen  und  war  das  ganze  Jahr
1888  in  ununterbrochenem  Gange.  Der  mit  dem  Hohofenbetriebe
unmittelbar  in  Verbindung  stehende  Eisensteinbergbau  wurde  ebenfalls
wieder  lebhafter  betrieben.

Der  Gießereibetrieb  aus  zweiter  Hand  umfaßte  in  den  Jahren
1884  bis  mit  1888  zwischen  7  und  8/¾  Millionen  kg  und  stellte
Bauguß  und  Röhrenguß  her;  die  Preise  waren  lange  Zeit  im  Zurückgehen
  und  erst  in  der  neuesten  Zeit  wurden  sie  wieder  besser.
1888  stieg  der  Umfang  der  Röhrengießerei  bedeutend,  besonders  seitdem
  volsständge  Wasserleitungsanlagen  in  der  Herstellung  übernommen
wurden.

Die  Schweißeisenfabrikation,  welche  die  Herstellung  von  Eisenbahnschienen,
  Schienenbefestigungstheilen,  Bahnschwellen,  sowie  von  Fagon-,
Bau=  und  Profileisen  umfaßte,  verbrauchte  1884  =  18½  Mill.  kg
Roheisen,  sank  1885  unter  dem  Rückgange  aller  Preise  bis  auf
15¾  Millionen  kg  und  stieg  von  1886  an  wieder  auf  19,  21  und
20  Millionen  kg  im  Jahre  1888  bei  besseren  Verkaufspreisen  empor.

Die  Flußeisenfabrikation,  welche  nur  auf  der  Königin-Marien-Hütte
  betrieben  wird,  verarbeitete  1885  =  173¾  Millionen  kg

36“
        <pb n="572" />
        —  564  —

Roheisen  zu  Eisenbahnschienen,  Schienenbefestigungstheilen,  Bahn—
schwellen  u.  s.  w.  Trotzdem,  daß  1885  für  das  Walzwerk  eine
Doppelpresse  mit  Dampfmaschine,  eine  Stanzmaschine,  zwei  Richt—
maschinen  für  Winkeleisen,  Grubenschienen  und  Rundeisen  aufgestellt
worden  waren,  beschränkte  man  schon  1886  die  Fabrikation  von  Eisenbahnschienen
  bedeutend,  und  1887  sank  der  Verbrauch  von  Roheisen
sogar  auf  12½  Millionen  kg.  Die  Eisenfabrikation  stieg,  während
die  Stahlfabrikation  sank.  In  Folge  der  Beschränkung  der  Bessemerstahlfabrikation
  war  der  Hohofen  ausgeblasen  worden,  da  für  Gießerei
und  Walzwerk  hinreichende  Vorräthe  von  Roheisen  da  waren.  Von
Mitte  1887  an  trat  der  Aufschwung  ein,  so  daß  1888  =  221½
Millionen  kg  Roheisen  verarbeitet  wurden.  Wie  seit  längeren  Jahren
war  die  Königin-Marien-Hütte  in  der  Hauptsache  mit  der  Herstellung
von  Eisenbahnmaterial  beschäftigt,  und  das  seit  dem  Verschwinden  der
belgischen  und  dem  theilweisen  Zurücktreten  der  englischen  Concurrenz
in  steigendem  Umfange  und  zu  besseren  Preisen.  Die  Erzeugung
von  Rohstahl  ging  in  der  Bessemerhütte  wie  gewöhnlich,  jedoch  mit
Unterbrechungen  vor  sich,  während  in  der  neuen  Martinstahlanlage
fast  ununterbrochen  fort  gearbeitet  wurde.  Zu  diesem  Zwecke  war  eine
ältere  Anlage  wieder  in  Betrieb  gesetzt  und  ein  zweiter  größerer  Ofen
neu  angelegt  worden;  die  Ergebnisse  aus  dieser  Neuanlage  waren  sehr
befriedigend.

Im  Jahre  1887  wurden  hergestellt  151¼  Millionen  kg  Roheisen,
  9¼/4  Millionen  kg  Bessemer=  und  Martinstahl,  7  9/10  Millionen  kg
Stahlschienen  und  Stahlschwellen,  über  14½  Millionen  kg  Handelseisen
  und  Träger,  ½  Millionen  kg  Eisenschwellen,  17/10  Millionen  ka
andere  Stahlproducte,  6⅛½  Millionen  kg  Gußwaaren,  2  8/10  Millionen  kg
Brückenconstructionen  (unter  diesen  ein  Viaduct  der  Annaberg-Schwarzenberger
  Linie).

An  Arbeitern  waren  beschäftigt  auf  der  Hütte  1564,  auf  den
Gruben  126;  im  Jahre  1888  auf  der  Hütte  1730,  auf  den  Gruben
163  Mann.

Der  Besuch  des  Werkes  wird  bei  vorheriger  Anmeldung  unter
Führung  eines  Angestellten  bereitwillig  gestattet.

71.  Wiesenburg.  Wildenfelst.  Stein.  Bartenstein.

Von  der  Marienhütte  führt  die  Eisenbahn  an  der  Brauerei  von
Kainsdorf,  verschiedenen  Etablissements  im  Muldenthale  und  bei  Wilkau
vorüber  nach  Fährbrücke  und  Stein.  Das  Thal  ist  von  einem  mäßig
hohen,  zum  Theil  mit  Gehölz  besetzten  Uferrande  eingefaßt.  An  der
        <pb n="573" />
        —  565  —

Haßlauer  Brücke,  oberhalb  des  Gasthofes,  steht  eine  Felsenecke,  welche
vor  40  Jahren  wegen  der  Faltungen  des  Thonschiefers  vielfach  angestaunt
  wurde.  Seitdem  man  die  blätterartige  Bildung  mit  ihren
Faltungen  und  Biegungen  an  vielen  Orten  und  allerlei  anderem  Gestein
  gesehen  hat,  wie  z.  B.  im  Muschelkalk  in  den  Einschnitten  der
Thüringer  Eisenbahn,  in  den  Kalkfelsenwänden  des  Lauterbrunner
Thales,  auf  den  Sprengflächen  von  Granitblöcken  unweit  der  Barberine
  im  Valorcinethale  u.  s.  w.,  macht  man  kein  Aufhebens  mehr
von  den  Oberhaßlauer  Felsen.

Etwa  1  km  nordöstlich  der  Haßlauer  Brücke  liegen  im  sogen.
Kieferig  die  wenigen  Trümmer  einer  Burg,  welche  wahrscheinlich  schon
in  den  Hussitenkriegen  zerstört  worden  ist.  Dieselben  sind  nur  unter
dem  Namen  „das  Raubschloß"“  bekannt.  «

Nicht  ganz  2  km  südöstlich  der  Haßlauer  Brücke  stehen  auf
einer  felsigen  Bergnase  die  Reste  der  Wiesenburg,  deren  Umfassung
  jetzt  noch  kenntlich  und  nachweisbar  ist,  trotzdem  vielfach  an
den  Mauerresten  abgetragen  und  zerstört  worden  ist.  Der  alte  Rundthurm,
  mit  über  3  m  dicken  Mauern,  gegen  11  m  Durchmesser  und
17  m  hoch,  ist  kaum  noch  zur  Hälfte  seiner  ursprünglichen  Höhe
erhalten.  Noch  im  ersten  Viertel  dieses  Jahrhunderts  war  derselbe
  zu  besteigen,  bis  ungefähr  1826  die  Thurmtreppe  verstürzte.
Wiesenburg,  welches  1663  bis  1728  den  Herzögen  von  Holstein  gehörte,
  war  später  Kammergut  und  bis  1842  Sitz  eines  Amtes.

Nicht  ganz  ¾  Stunden  nordöstlich  vom  Muldenübergange  unterhalb
  Wiesenburg  ragt  auf  steiler  Felsenklippe  das  Schloß  Wildenfels
  aus  dem  Thale  des  Schönauer  Baches  empor.  Wildenfels  ist
eine  sehr  alte  Burg,  als  deren  Besitzer  1119  schon  Anarch  von
Wilden  genannt  wird.  Die  Herren  von  Wildenfels,  von  denen  1222
Heinrich  von  Wildenfels  urkundlich  erwähnt  wird,  waren  Vasallen  der
Burggrafen  von  Meißen.  Als  dieselben  1602  ausstarben,  erbten  die
Grafen  Solms-Laubach  Wildenfels,  welche  es  jetzt  noch  besitzen.  Das
auf  isolirtem  Felsen  liegende  Schloß  besteht  aus  dem  vorderen,  neuen
Schloß,  einem  drei  und  an  der  Südseite  vier  Stockwerke  hohen  Bau,
wahrscheinlich  aus  dem  17.  Jahrhundert,  zu  welchem  eine  auf  drei
Bogen  ruhende  Auffahrt  führt,  und  dem  hinteren  Schlosse,  der  alten
Burg,  in  welcher  der  gegen  30  m  hohe  Thurm  steht.  Nur  dieser
hintere  Hof,  der  östliche  Querflügel  und  Ueberreste  von  Wehrgängen
zeigen  noch  die  frühere  Anlage,  welche  durch  die  Brände  von  1521
und  1589  zum  großen  Theile  zerstört  wurde.  ·

Von  Wildenfels  nach  Stein  geht  man  durch  den  Wald  etwa
eine  Stunde;  nach  der  Eisenbahnstation  Fährbrücke  nur  ½  Stunde.
Von  Fährbrücke  führt  ein  prächtiger  Waldweg  bis  gegen  Schloß  Stein.
        <pb n="574" />
        —  566  —

Die  Frontansicht  des  Schlosses  Stein  ist  zwar  immer  noch  eine
recht  stattliche,  durch  den  Eckthurm  geschmückte;  aber  vor  40  Jahren,
wo  die  Burg  dem  Verfalle  weit  näher  stand,  wie  jetzt,  war  sie  nicht
blos  malerischer,  sondern  ihre  Anlage  und  der  Zusammenhang  ihrer
Befestigungen  klarer  und  deutlicher.  Die  Restauration  der  Burg,  kahl,
nüchtern,  für  den  gegenwärtigen  Gebrauch  vielleicht  zweckmäßig,  auf
alle  Fälle  aber  billig,  hat  ohne  Rücksicht  auf  die  nothwendige  Erhal—
tung  einzelner  Theile  Mauerwerk  abgetragen  und  niedergelegt,  das
stehen  bleiben  sollte,  um  eine  der  schönsten  Burgen  Sachsens  in  ihrer
Anlage  verständlich  bleiben  zu  lassen.

Das  um  und  in  den  Felsen  gebaute  Schloß,  dessen  erste  Anlage
in  das  13.  und  14.  Jahrhundert  fällt,  bildete  drei  Abschnitte.  Die
niedere  Burg,  in  der  Front  von  dem  Wallgraben,  in  der  Flanke  von
der  Mulde  gedeckt,  hatte  eine  mit  Bögen  und  darüber  befindlichem,
einstmalen  auch  bedecktem,  Wallgange  versehene  Umfassungsmauer  längs
der  Mulde,  während  die  Vorderseite  von  dem  jetzt  noch  stehenden,
aber  wenig  glücklich  restaurirten  Hauptgebäude  gebildet  wurde.  Der
32  m  hohe  Eckthurm  flankirte  beide  Seiten.  Zunächst  dem  Hauptgebäude
  war  die  mittle  Burg  an  den  Felsen  angebaut,  und  an  diese
stieß  die  obere  Burg,  welche  auf  dem  bis  in  das  dritte  Stockwerk  der
mittlen  Burg  reichenden  Felsen  stand  und  mit  dem  Haupthurme  (dem
Luginsland)  abschloß.  Dieser  obere  Theil  der  Burg  ist  wahrscheinlich
der  älteste  Theil;  der  Rundthurm  erhielt  im  16.  Jahrhundert  die
Haube.  Unter  der  Kapelle  befinden  sich  doppelte  Gewölbe,  neben  ihr
ein  kleines  Gärtchen  und  an  dieses  anstoßend  das  Hauptgebäude  der
oberen  Burg.  Der  Anbau  der  niedern  Burg  erfolgte  während  des
15.  Jahrhunderts.  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  wurde  die  schöne
Burg  zum  größten  Theile  durch  Brand  zerstört.

Kurz  hinter  dem  Schlosse  wird  der  schmale  Bergrücken  von  der
Eisenbahn  durchbrochen;  eine  sanft  ansteigende  Straße  führt  in  einem
Seitenthale  nach  dem  Städtchen  Hartenstein.  Auf  halbem  Wege  hat
man  eine  hübsche  Ansicht  des  Schlosses  Hartenstein,  das  sich  auf
waldbedeckter  Anhöhe  über  dem  Städtchen  erhebt.  Auf  dem  Markte
desselben  steht  ein  Haus  in  prächtiger  Holzconstruction,  mit  Frontispizen
  und  einem  Eckerker  mit  Zwiebeldach,  etwa  Mitte  des  17.  Jahrhunderts
  erbaut.  Vor  Zeiten,  als  noch  ein  mächtiger  Birnbaum  am
Spalier  seine  Aeste  über  die  ganze  Front  ausbreitete  und  mit  herrlichem
  Blättergrün  Parterre  und  Etage  deckte,  so  daß  die  Holzconstructionen
  nur  schüchtern  aus  dem  Laubwerk  hervorlugten,  gab  das
Ganze  ein  herrliches  Bild.  Hartenstein  ist  der  Geburtsort  von  Paul
Flemming  (geb.  1609,  #  1640  in  Hamburg),  des  bedeutendsten
        <pb n="575" />
        Lyrikers  des  17.  Jahrhunderts,  dessen  erotischen  Lieder,  originellen
Sonette  und  geistlichen  Gesänge  bleibenden  Werth  haben.

Vom  Städtchen  geht  man  bergauf  zum  Schloß,  das  von  unten
einen  gar  stattlichen  Eindruck  macht.  Von  der  ursprünglichen  Anlage
der  Burg  sind  nur  noch  die  Umfassungen,  ein  Theil  des  Graben  und
der  Thorvorbau  erhalten.  Aus  dem  unteren  Hofe  führte  ein  zweites
Thor  in  den  oberen,  welcher  nach  Nordwest  durch  einen  halbrunden
thurmähnlichen  Vorbau  geschlossen  wurde.  Die  Burg  wurde  1572
zum  großen  Theile  umgebaut;  die  westlichen  Umfassungen  erst  in
diesem  Jahrhundert  zum  Theile  niedergelegt.

Am  Vorwerke  und  am  Jägerhause  vorüber  wandert  man  durch
den  Wald  nach  der  Prinzenhöhle.  Man  folgt  dem  ausgiebig  mit
Merkzeichen  versehenen  Wege  durch  das  Nadelholz,  bis  man  in  einen
prächtigen  Buchenwald  tritt.  Die  säulenförmig  anstrebenden  Stämme,
das  goldig  beleuchtete  Laubdach,  der  glitzernde  Sonnenschein  auf  dem
Boden  und  die  Schatten  von  Aesten  und  Stämmen,  dazwischen  ein
flatternder  Vogel  oder  ein  dahinhuschendes  Thier  bilden  einen  herrlichen
  Gesammteindruck.  Aber  das  dichte  Buchenlaub  auf  dem  Fußboden
  läßt  die  rechte  Wegspur  von  den  zahllosen  sich  kreuzenden  nicht
unterscheiden.

Die  Prinzenhöhle  selbst  —  allem  Vermuthen  nach  eine  zu  einem.
Stollen  erweiterte  und  dann  verlassene  Felsenklüftung  —  ist  eng,  naß
und  schmutzig.

Nur  wenige  Schritte  abwärts  liegt  ein  prächtiges  Jägerhäuschen
auf  einem  Felsenvorsprunge,  von  dessen  Terrasse  ein  herrlicher  Blick
in  das  Thal  erfreut.

Im  Thale  unten  läßt  man  sich  über  die  Mulde  setzen  und
klettert  auf  engem  Pfade  zum  Raubschloß  hinauf.  Die  Isenburg
(Eisenburg),  vor  Zeiten  wahrscheinlich  eine  kleine  Burg,  ist  gegenwärtig
  nur  noch  an  den  niedrigen  Ueberresten  eines  5  m  im  Durchmesser
  haltenden  aus  Schiefer  erbauten  runden  Thurmes,  einigen
niedrigen  Mauerresten  und  den  Spuren  von  Gebäuden  und  Mauern
westlich  davon  zu  erkennen.  Der  Thurm  hatte  schon  um  1700  nur
etwa  5  m  Höhe.  Wahrscheinlich  ist  er  zu  Bauzwecken  abgetragen
worden.  Die  Burg  selbst  soll  um  1060  als  Vorburg  von  Stein
erbaut  worden  sein.

Von  Stein  fährt  man  mit  der  Eisenbahn  durch  das  prächtige,
scharf  eingeschnittene,  auf  beiden  Seiten  von  dicht  bewaldeten  Abhängen
eingefaßte  Thal,  in  welches  dann  und  wann  eine  Felszacke  hereinblickt,
  nach  Aue.  Nur  an  der  Einmündung  des  Schlemmbaches  ist
eine  kleine  Thalweitung,  und  von  der  Mündung  des  Lößnitzbaches
bis  zu  der  des  Schwarzwassers  die  größere  zweite.
        <pb n="576" />
        —  568  —

Aue  ist  durch  seine  Lage  in  dem  nach  Süden  und  Westen  erweiterten
  Thalkessel,  rings  von  Bergen  umgeben  und  geschützt,  für
längeren  Aufenthalt  geeignet,  besonders  da  man  Eisenbahnverbindungen
hat,  um  Tagesausflüge  selbst  auf  größere  Entfernungen  zu  machen.

Der  Aufstieg  von  Aue  nach  dem  Gleesberge  ist  sehr  leicht.
Man  folgt  der  Chaussee  nach  Schneeberg,  überschreitet  den  Floßgraben
und  geht  auf  einem  Feldwege  in  der  Richtung  nach  dem  Gipfel.  Vom
Thurme  hat  man  eine  landschaftlich  schöne  und  umfassende  Aussicht.
Im  Nordwest  steigt  hinter  der  Stadt  Schneeberg  die  Griesbacher
Höhe  empor,  im  Norden  erkennt  man  über  dem  bewaldeten  Höhenzuge
  Schloß  Stein  und  darüber  Schloß  Hartenstein;  weiter  östlich
den  Katzstein  bei  Ober-Affalter,  im  Osten  den  Schatzenstein  bei  Elterlein
  und  südwärts  desselben  den  Thurm  auf  dem  Spiegelwald;  sodann
den  Scheibenberger  Hügel  und  den  Bärenstein;  am  Horizonte  die
Gipfel  auf  dem  Kamme  des  Gebirges,  und  zwar  Haßberg,  vorderen
Fichtelberg,  Keilberg,  Hahnberg  bei  Seiffen,  großen  Plattenberg  bei
Platten.  Genau  im  Süden  ist  der  Auersberg,  westlich  davon  der
Rammelsberg,  endlich  im  Südwest  der  Kuhberg  bei  Schönheide.  Im
Westen  liegt  der  Filzteich  mit  seinem  glänzenden  Spiegel,  das  Berggebäude
  von  Siebenschlehen  und  Daniel  Fundgrube,  dahinter  der
Hirschenstein.  Höchst  interessant  ist  der  Einblick  in  das  Thal  von
Schlema,  die  Thalweitung  von  Aue  und  in  das  Thal  des  Zschorlbaches:
  alle  Thäler  reich  bewohnt  und  bebaut,  von  prächtigen  Waldungen
  eingefaßt.  Eine  Unterstandhütte  auf  der  Ostecke  gewährt  bei
schlechtem  Wetter  Schutz.  Auf  der  Höhe  des  Vorwerkes  am  Gleesberge
  hat  man  eine  sehr  gute  Ansicht  der  Stadt  Schneeberg.

72.  Schneeberg.

Auf  dem  breiten  Plateau  des  Stangenberges  mit  seinen  Steilabfällen
  nach  dem  Thale  des  Schlemmbaches  und  zweier  Seitenbäche
erhebt  sich  die  Stadt  Schneeberg,  deren  große  Hauptkirche  den
höchsten  Punkt  des  vom  Keilberge  gegen  Südost  reichenden  städtischen
Territorium  einnimmt.  Karl  Ruhheim  sagt  in  seiner  Reise  durch
das  Sächsische  Erzgebirge  (Leipzig,  Schäfer,  1805):  „Schneeberg  selbst
ist  sehr  höckrig  und  krumm  gebaut  und  hat  nur  eine  einzige  gerade
Gasse,  die  übrigen  alle  krumm.  Im  Ganzen  ist  sie  weit  schlechter
gebaut  als  Annaberg,  jedoch  findet  man  größere  und  schönere  einzelne
Häuser,  die  Leipzig  und  Dresden  Ehre  machen  würden.  Der  Markt
ist  nicht,  wie  man  vermuthet,  ein  viereckiger  Platz,  sondern  eine  lange,
unregelmäßige  Gasse,  die  aber  meistens  große,  massive  Gebäude  ent-
        <pb n="577" />
        —  569  —

hält".  Vor  fünfzig  Jahren  standen  „von  ehemaliger,  doch  nie  stark
gewesener  Befestigung  noch  vier  Thore.  Im  Norden  das  Hartensteiner,
  im  Nordwest  das  Hospitalthor,  im  West  das  Griesbacher,
gegen  Süd  das  Baderthor.  Das  Lößnitzer  Thor  existirt  schon  längst
nicht  mehr.  Im  Osten  sind  noch  einige  Reste  der  Stadtmauer  und
ihrer  Rondele  zu  erkennen“.  (Schumann,  Ortslexikon.)  Wahrscheinlich
  beabsichtigte  Kurfürst  Johann  Georg  II.  die  Stadt  nach  einem
regelmäßigen  Plane  umzubauen;  er  hatte  schon  durch  den  Baumeister
Starke  die  Risse  anfertigen  lassen,  als  der  Tod  die  Ausführung  aller
seiner  Pläne  unterbrach.

Seit  1470  hatte  sich  der  Strom  der  Einwanderung  in  Folge
neuer  bedeutender  Silberanbrüche  nach  dem  Stangenberge  gedrängt.
Die  Menschen  bauten  sich  an,  wie  sie  kamen  und  wie  es  ihnen  gefiel,
ohne  Plan  und  ohne  Ordnung,  aber  so  zahlreich,  daß  1471  Schneeberg
  zur  Stadt  erhoben,  1477  die  Wolfgangskirche  gegründet,  1479
Berg=  und  Gerichtsordnung  und  1481  der  Stadbrief  gegeben  wurde?).

Es  läßt  sich  kaum  noch  erkennen,  daß  die  äußere  Umfassung  der
Stadt  ziemlich  horizontal  um  den  Berg  herum  ging,  wie  die  Linie
der  Langgasse  und  die  rings  um  die  Kirche  und  dann  weiter  nach
Nordwest  reichende  Gasse  mit  ihren  auf  ehemaligen  Rondelen  weit
vorspringenden,  einzelnen  Grundstücken  andeutet,  während  ein  ziemlich
geradliniger  Abschnitt  vom  Hartensteiner  Thore  bis  jenseits  des  Griesbacher
  Thores  über  die  Höhe  hinweg  reicht.  Oesfeld  sagt  (Historische
Beschreibung  2c.  1I.  130):  „Nachdem  nun  also  Schneeberg  fündig
geworden  war,  so  wurde  anfänglich  ein  hölzerner  Schranken
statt  einer  Mauer  .  aufgerichtet.  Dieser  Schranken  finge  sich
von  dem  bekannten  Lößnitzer  Thore,  welches  damals  mit  einem  Sturmhäuslein
  zur  Wehr  aufgeführt  war,  an  und  erstreckte  sich  unten  herum,
unter  denen  großen  Halden  hinweg,  weiter  hinm  .  .  bis  an  die
Brodbänke.  Man  war  entschlossen,  eine  steinerne  Stadtmauer,
Thore,  Basteien  und  Pforten  zu  bauen“.  Nach  Jacobi  gingen  die
Schranken,  welche  bald  mit  Mauern  und  Thürmen  umgeben  wurden,
vom  unteren  Ende  des  Frauenmarktes  durch  die  obere  Zobelgasse,  am
Gehänge  hin,  unter  der  Kosakengasse  weg  nach  der  oberen  Kirchgasse
bis  wieder  zum  Frauenmarkt“).

Jetzt  sind  kaum  einzelne  Mauerreste  zu  erkennen.  Allem  Vermuthen
  nach  wurde  das  Material  der  Stadtbefestigung  bei  dem  Wieder-*)

  Bergläuffige  Beschreibung  der  Churf.  Sächsischen  Freyen  und  im  Meißnischen
  Ober-Ertz-Gebirge  löbl.  Bergk-Stadt  Schneebergk  pp.  Von  Christian
Meltzern.  1684.  «

**)  H.  Jacobi,  Gedenkblatt  zur  Geschichte  von  Schneeberg.  1881.
        <pb n="578" />
        —  570  —

aufbau  der  Stadt  nach  den  großen  Bränden  1543,  besonders  aber
1719  und  1744  verbraucht.

Der  Georgenplatz  bezeichnet  den  ältesten  Theil  der  Stadt.  Hier
fällt  das  Dankwart'sche  Haus  durch  Größe  und  Lage  besonders  auf.
Auf  dem  Markt  und  in  der  Nähe  desselben  stehen  überhaupt  stattliche,
im  großen  Style  angelegte  Patrizierhäuser.  Die  meisten  sind  erst
nach  dem  großen  Brande  von  1719  erbaut,  aber  solid,  mit  stattlichen
Fronten,  großen  Höfen  und  ansehnlichen  Hintergebäuden,  Zeugniß  von
dem  Reichthume  und  der  alten  Seßhaftigkeit  ihrer  Erbauer  ablegend.
Schon  Agricola  sagt:  „unter  allen  Bergstädten  Deutschlands  war
Schneeberg  am  reichsten  an  gediegenem  Silber“.  Das  Haus  mit
dem  goldenen  Hirsche,  das  Simon'sche  Haus  mit  dem  Brodmännchen,
das  Hauptmannsche  oder  Fürstenhaus  u.  s.  w.  zeugen  für  den  Wohlstand
  ihrer  Erbauer.  Von  den  alten  Pratrizierfamilien  Schneebergs,
welche  die  Denkmäler  der  Stadtkirche  nennen,  sind  nur  noch  die  Geitner,
Koch,  Uhlmann  und  Schnorr  in  der  Stadt  angesessen.

Die  auf  der  Stelle  einer  der  ältesten  Zechen  und  der  später  daselbst
  erbauten  Wolfgangskapelle  errichtete  Hauptkirche  ist  in  spätgothischem
  Style  erbaut  und  in  Anlage  und  Ausführung  der  Annaberger
  sehr  ähnlich.  Dieselbe  wurde  von  1516  bis  1540  erbaut,  ist
61  m  lang,  27  m  breit.  Das  von  zehn  Pfeilern  getragene  einfache
Gewölbe  hat  eine  Höhe  von  19  m.  Die  äußere  Höhe  der  Kirche  mit
dem  Dache  beträgt  36  m,  die  des  angebauten  viereckigen,  mit  einer
geschmacklosen  Haube  geschlossenen  Thurmes  angeblich  73  m.  Der  Bau
wurde  von  „Meister  Hans“  (von  Waldau)  entworfen  und  begonnen,
von  Fabian  Lobwasser  beendet.  Das  Innere  der  Kirche  wurde  1870
durch  Architekt  Möckel  erneuert.  1539  wurde  der  Hauptaltar  aufgestellt;
  zwei  Nebenaltäre,  der  Bergknappenaltar  und  der  Schmelzeraltar
  waren  schon  vorher  aufgestellt  worden.  Der  Hauptaltar,  ein
Flügelaltar  mit  Gemälden  von  Lucas  Cranach  dem  Aelteren,  gilt  als
hervorragendes  Werk  dieses  mit  Luther  befreundeten  Meisters,  dessen
historischen  Gemälden,  trotz  mancher  Anachronismen  und  Fehler  im
Costüm,  Leichtigkeit,  Wahrheit,  treffliche  Zeichnung,  kräftige  Pinselführung
  und  frisches,  liebliches  Colorit  nachgerühmt  wird.  Das  große
Mittelbild  stellt  auf  der  Vorderseite  die  Kreuzigung  und  das  Abendmahl
dar,  auf  der  Rückseite  die  Auferstehung  und  das  jüngste  Gericht  (mit
Hölle  und  Papst).  Auf  den  Flügeln  rechts  Moses  und  die  vier  großen
Propheten,  Adam  und  die  Hölle;  auf  den  Flügeln  links  Johannes
der  Täufer,  Christus  am  Kreuz  und  Christus  als  Ueberwinder  der
Hölle.  Wurden  die  Flügel  aufgemacht,  so  war  rechts  Kurfürst  Johann
der  Beständige,  darüber  Christus  am  Oelberge,  links  Kurfürst  Johann
Friedrich  der  Großmüthige,  darüber  die  Auferstehung.  Rückwärts
        <pb n="579" />
        —  571  —

auswendig  die  Sündfluth,  der  Untergang  von  Sodom  und  Gomorra,
Lot  und  seine  Töchter.

Kaum  war  der  Hauptaltar  aufgestellt,  so  wurden  1541  die
Nebenaltäre  und  das  Sakramentshäuschen  durch  die  Bilderstürmer  abgebrochen.
  1633  bei  der  Plünderung  Schneebergs  durch  die  Kaiserlichen
  wurde  der  Hauptaltar  nach  Kloster  Strahow  in  Prag  entführt
und  erst  1649  nach  dem  Friedensschlusse  wieder  zurückgebracht.  1705
wurde  der  Altar  umgebaut,  im  Geschmack  jener  geschmacklosen  Zeit
mit  dorischen  und  korinthischen  Säulen  verziert,  das  Mittelbild  auf
demselben  aufgestellt  und  die  Flügelbilder  bei  Seite  gesetzt.  Es  ist
wohl  kein  Zweifel,  daß  das  schöne  und  edle  Kunstwerk  in  sachverständiger
  Weise  vollständig  und  angemessen  wieder  aufgestellt  werden  wird.

Bemerkenswerth  ist  die  von  einem  Erzengel  mit  ausgespannten
Flügeln  getragene  Kanzel.

Von  der  früheren  Ausschmückung  der  Kirche  mit  Freskobildern
sind  noch  einzelne  Spuren  zu  erkennen;  einige  Chorstuhlreste  erinnern
an  die  frühere  Ausstattung  der  Kirche.  Um  den  Altar  herum  befinden
  sich  Familienbegräbnisse  mit  Schildereien,  Bildern  und  Inschriften
  hinter  eisernen  Gittern.

Weiter  ab  vom  Centrum  der  Stadt  wird  die  Bauart  geringer.
Außerhalb  der  ehemaligen  Umfassungslinie  sind  die  Häuser  am  Bergabhange
  verstreut,  wie  es  die  Bedürfnisse  oder  die  Lage  der  Gruben
mit  sich  brachten.

Im  ehemaligen  Bergmagazin  befindet  sich  gegenwärtig  die  große
weit  bekannte  Puppenfabrik.

In  einem  Seitenthälchen  des  Schlemmbaches  zieht  sich  südlich
von  Schneeberg  „das  Neustädtel“,  ursprünglich  eine  Bergmannsniederlassung,
  höhenaufwärts  gegen  Wilde  Schwein=  und  gegen  Priester-Fundgrube.
  Der  obere  Theil  des  Städtchens,  die  Scheibe,  soll  zuerst
angebaut  gewesen  sein  und  mag  wohl  über  hundert  Jahre  vor  dem

Fündigwerden  der  reichen  Silberanbrüche  auf  dem  Schneeberge  bestanden
  haben.

Die  aus  dem  Anfange  des  15.  Jahrhunderts  stammende,  1875
erneuerte,  früher  gewölbte,  jetzt  mit  einer  Holzdecke  versehene  Kirche
besitzt  in  dem  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  angefertigten  Altar  ein
wahrhaft  künstlerisches  kirchliches  Kunstwerk.
        <pb n="580" />
        —  572  —

73.  Der  Schneeberger  Silber-Bergbau.

„Die  alte  Fundgrube“  scheint  das  erste  Berggebäude  gewesen
zu  sein,  auf  welchem  Silbererze  gebaut  wurden.  Albinus  setzt  in
seiner  Chronik  die  ersten  Silberfunde  in  den  December  1470  und
die  neuen,  großen  Silberanbrüche  auf  den  6.  Februar  1471.  Schnell
entstanden  St.  Georg,  St.  Paul,  St.  Cyriax,  die  neue  Fundgrube
Ueberschaar,  Hoffnung  u.  s.  w.  und  1475  zählte  man  13  Stollen,
darunter  als  wichtigsten  den  Fürstenstollen.  Näher  an  dem  Neustädtel
  Katharina  Neufang  und  die  heiligen  Drei  Könige.  „Das
Bergwerk  erwies  sich  sehr  höfflich.“  Im  Jahre  1478  gab  es  innerhalb
  der  Schranken  57  Zechen  im  Abbau,  und  110  außer  der
Schranken,  keine  über  ¼/  Stunde  Wegs  von  den  Thoren  der  Stadt.
Vor  allen  zeichnete  sich  „St.  Georg“  aus.  „Im  Jahre  1476  wurde
auf  St.  Georgenzeche  die  größte,  edelste,  kostbarste  und  derbste  Erzstuff,
  7  Ellen  hoch,  3½  Ellen  breit  angehauen,  davon  400  Ctr.
Silbers  ausgeschmolzen  worden.  Der  Kux  auf  der  Georgenzeche
brachte  quartaliter  einen  Silberkuchen  Ausbeute,  11000  Gulden
werth.“  Der  Kux  auf  diesem  Werke  gab  1477  an  reiner  Ausbeute
4000,  1478  =  2000  Gulden  und  ein  Kux  auf  dem  Römer  Stolln
1500  Gulden.  Von  der  „alten  Fundgrube“  zahlte  1478  der  Kux
900  rheinische  Gulden.  Aber  bald  gingen  die  Erträge  zurück.
Obgleich  1481  der  Marcus  Semmler  Stolln  begonnen  und  1503,
unterhalb  Schlema  in  die  Mulde  mündend,  beendet,  viel  zur  Abführung
  der  Grubenwasser  beitrug,  so  war  1501  der  St.  Georg  ersoffen
  und  wurde  nach  seiner  Wiederherstellung  1513  abermals  von
den  übermächtig  eindringenden  Wassern  bewältigt.  Nach  hartem
Kampfe  wurde  er  zwar  1516  wieder  in  Betrieb  gesetzt;  aber  hier,
wie  ringsum,  wurde  der  Ertrag  immer  geringer.  Auch  die  wahrscheinlich
  1502  angelegte  St.  Daniel  Fundgrube,  welche  sich  1529
noch  „höfflich  und  ergiebig“  erwies,  ging  in  ihren  Erträgen  zurück.

Von  den  dreizehn  Silberhütten,  welche  um  1500  im  Gange
waren,  standen  acht  in  der  Nähe  von  Schneeberg,  darunter  die
Georgenhütte  im  Lindenauer  Grunde,  welche  1823  noch  im  Betrieb
war,  und  Katharina  Neufang,  welche  schon  1573  zur  Kobalthütte  eingerichtet
  wurde.  Fünf  Hütten  waren  in  der  Schlema.  Um  1743
wurde  in  Schneeberg  auch  eine  Münze  errichtet,  um  den  Silberertrag
hier,  wie  in  Zwickau,  zu  münzen.  Man  prägte  Schneeberger  Groschen,
vulgo  „Schnieber“  genannt.  Von  den  Silbertransporten  her  heißt
der  Ort  „Arme  Ruhe“  vor  der  Haßlauer  Brücke  heute  noch  „Silberstraße."


Der  Betrieb  der  Gruben  wurde  immer  schwieriger  und  weniger
        <pb n="581" />
        —  573  —

lohnend,  besonders  seitdem  der  böse  Feind,  der  Kobalt,  sich  eingestellt
hatte.  1560  war  „Peter  Paul“  am  Gebirge,  1566  „Armer
Wittwe  bescheert  Glück“  in  der  Stadt,  sowie  „Auferstehung  Christi“,
1572  „St.  Wolfgang“,  1781  der  Fürstenstollen  „sehr  höfflich“;
aber  1588  schon  gab  es  keine  Ausbeutezeche  mehr,  und  seit  1594
hörte  der  Silberertrag  der  Schneeberger  Gruben  vollständig  auf.  Der
Verfall  der  Zechen  wurde  1630  durch  den  Bruch  auf  dem  Marcus
Semmler  Stollen  vollständig.

Es  war  eine  große  Zeit  in  der  Entwickelung  der  Bergbaues,
welcher  mit  diesem  Einbruche  zum  Abschluß  kam,  und  zahlreiche
wohldurchdachte  Einrichtungen  und  Anlagen  haben  schon  in  dieser
Epoche  zur  Hebung  des  bergmännischen  Ertrages,  zur  Sicherung  des
Betriebes,  wie  zur  Vervollständigung  der  Arbeitskräfte  Anwendung
gefunden.

Hierher  gehört  vor  Allem  die  Anlage  von  großen  Wasser-Reservoirs,
  um  die  Aufschlagswasser  der  für  den  Grubenbetrieb  nöthigen
Wasserhaltungsmaschinen,  Wasserhebmaschinen,  Wasserkünste  u.  s.  w.
gleichmäßig  und  ausdauernd  zu  beschaffen.  Der  ungefähr  21  ha  große
Filzteich  wurde  1483  durch  Aufführung  des  Hauptdammes  und  Vertiefung
  des  Grundes  hergestellt  und  ging  1517  durch  Kauf  in  das
gemeinschaftliche  Eigenthum  der  Schneeberger  Gruben  über.  Von  der
Fundgrube  Sieben  Schlehen  aus  übersieht  man  den  Teich  am  besten.

In  engster  Beziehung  zu  diesen  Anlagen  stehen  auch  die  ausgedehnten
  Wasserleitungen  und  Kunstgräben  zum  Betrieb  von  Wasserrädern
an  Bergwerken  und  Hütten,  zur  Gewinnung  der  nöthigen  Arbeitskräfte
für  verschiedene  Hülfsarbeiten,  zur  Herbeischaffung  der  für  die  Hütten
nöthigen  Brennhölzer.  So  wurde  1539  vom  Markscheider  Kunstmann
  der  7097  m  lange  Schneeberger  (oder  Schlemaer)  Floßgraben  entworfen
  und  von  ihm  und  dem  Stadtschreiber  Wolf  Schön  in  den  Jahren
1556  bis  1559  ausgeführt.  Der  Bau  begann  den  18.  Juli  Abends
10  Uhr,  „als  welche  Stunde  zu  einem  fürtrefflichen  Gelingen  ganz
besonders  geeignet  wäre“.  Der  Floßgraben  beginnt  am  Rechenhaufe
unterhalb  Bockau,  in  der  Meereshöhe  von  etwa  425  m,  geht  längs
der  Mulde  vor,  überschreitet  den  Zschorl=  (Filz-ybach  und  führt  in
weitem  Bogen  um  den  Klosterberg  herum,  bis  er  in  380  m  Meereshöhe
  am  Huthause  vom  „Max  Semmler“  endigt.  Längs  des  Floßgrabens,
  von  hier  bis  oberhalb  Aue  und  von  der  Pulvermühle  beie
Auerhammer  bis  zum  Rechenhause  führt  ein  köstlicher  Weg  thalaufwärts.
  Mächtige  Granitfelsen,  gewaltige  Blöcke  in  wildem  Durcheinander,
  prächtige  Bäume  auf  den  Thalhängen  bis  an  die  brausende
und  über  Hunderte  von  Felsenstufen  schäumend  dahinstürzende  Mulde
geben  ein  köstliches  Landschaftsbild.
        <pb n="582" />
        —  574  —

In  dieser  Zeit  sind  überhaupt  wichtige  Kunstgräben  angelegt
worden:  auf  dem  höchsten  Gebirgsplateau  in  eintöniger  Umgebung
murmelnd  dahinschießend,  1540  durch  Stephan  Lenken  der  Plattener
Kunstgraben;  auf  kurfürstlichen  Befehl  zur  Hebung  des  Eibenstöcker
Bergbaues  1555  der  „Grüne  Graben“;  ferner  die  Kunstgraben  bei
Carlsfeld,  Johann-Georgenstadt,  Sosa  u.  s.  w.

Nur  wenig  später,  Ende  des  16.  Jahrhunderts,  wurde  der  „Große
Teich"  an  der  Straße  von  Geyer  nach  Elterlein  durch  Georg  und
Wolf  von  Elterlein  zur  Förderung  einer  „Kunst“  auf  der  St.  Lorenzzeche
  angelegt.  Die  Lorenzzeche  wird  jetzt  nur  noch  durch  eine  Halde
oberhalb  der  Stadt,  an  der  Straße  nach  Grünhain,  bezeichnet.  Der
Sage  nach  wurde  der  Elterleiner  Bergbau  ja  schon  in  sorbenwendischer
Zeit  betrieben.  Als  Merkzeichen  steht  noch  der  sogenannte  Hüttenhof,
eine  längst  eingegangene  Silberschmelzhütte.  Von  dem  „Kutten“,  dem
seiner  unermeßlichen  Silberschätze  wegen  vor  Zeiten  weltbekannten
Schachte,  sind  im  Norden  der  Stadt  nur  noch  ein  paar  Halden  übrig.
Der  Kutten  ist  seit  Mitte  des  dreißigjährigen  Krieges  auflässig.

Aber  weder  der  technische  Fortschritt  in  den  Kunstbauten,  Wasserhaltungen,
  Fördermaschinen  u.  s.  w.,  noch  die  gesteigerte  Kraft  der
Wassergräben  und  Maschinen,  noch  irgend  welche  Anstrengungen  vermochten
  den  Verfall  des  Silberbergbaues  aufzuhalten.

74.  Kobalt.  UNickel.

Den  reichen  Silbererzen  hatte  sich  bald  ein  unbekanntes  Mineral
beigesellt,  mit  dem  man  nichts  anzufangen  wußte,  so  vielversprechend
es  auch  aussah.  Der  Bergmann  nannte  es  „Kobold“  (Kobalt,
Kobal);  denn  wo  dieses  Mineral  auftrat,  hatte  das  Erz  wohl  verlockenden
  Schein,  aber  keinen  Gehalt,  und  getäuscht  warf  er  es  mißmuthig
  bei  Seite.  Selbst  im  Kirchengebete  wurde  um  „Bewahrung
der  Erze  vor  Kobolt“  gefleht,  und  da  der  Kobalt  immer  von  einem
ebenso  widerwärtigen,  bösartigen  und  unnützen  Dinge  begleitet  wurde,
mit  dem  man  ebenfalls  nichts  anzufangen  wußte,  nannte  man  es
„Nickel“.  Sein  Vorkommen  bestätigte  das  Ausbleiben  der  Silbererze.
  Diese  verachteten  Mineralien  haben  seitdem  eine  Bedeutung
und  einen  Werth  erhalten,  an  welche  Anfang  des  16.  Jahrhunderts
Niemand  denken  konnte.

In  diesen  Erzen  tritt  der  Kobalt  als  Glanzkobalt,  Kobaltkies,
Speiskobalt,  Tesseralkies,  sowie  in  der  Kobaltblüthe,  dem  Erdkobalt
und  Kobaltvitriol,  immer  von  Nickel  begleitet,  auf,  wie  wiederum  alle
Nickelerze  mehr  oder  weniger  kobalthaltig  sind.
        <pb n="583" />
        —  575  —

Das  Nickelmetall  ist  fast  silberweiß,  dehnbar,  stark  magnetisch,
glänzend,  politurfähig,  zäh,  schweißbar  und  fast  so  weich  wie  Kupfer.
Es  wird  hier  in  kleinen  Würfeln  in  den  Handel  gebracht  und  findet
eine  ausgedehnte  Verwendung,  besonders  in  der  neuesten  Zeit,  sowohl  rein
zu  Blechen,  Gefäßen  und  Münzen,  sowie  zum  Ueberzug  anderer  Metalle
  auf  galvanischem  Wege,  als  auch  in  Legirungen  mit  Kupfer,
Zink  u.  s.  w.  zu  Gefäßen  und  Werkzeugen.  Das  Kobaltmetall  ist
grau,  hart,  dehnbar,  sehr  fest.  Es  findet  sich  hauptsächlich  mit  Arsen
im  Speiskobalt  und  mit  Schwefel  und  Arsen  im  Glanzkobalt.  Die
gerösteten  Kobalterze  dienen  zur  Darstellung  der  Kobaltfarben.

Schon  Peter  Weydenhammer  (7  1520)  soll  aus  Kobalterzen
eine  Art  blauer  Farbe  hergestellt  haben,  „eine  Fritte,  welche  er  mit
vielem  Gewinn  nach  Venedig  verkaufte,  wo  man  sie  zur  Fabrikation
blauer  Glasperlen  verwendete“.

„Mehr  als  20  Jahr  später  versuchte  der  böhmische  Glasmacher
Christoph  Schürer  auf  seiner  Glashütte  bei  Neudeck  Schneeberger
Kobalt  mit  dem  Glassatze  zusammenzuschmelzen;  das  Ergebniß  war
ein  sehr  dunkelblau,  fast  schwarz  gefärbtes  Glas,  welches  zerklopft
und  zerrieben  sich  in  ein  schönes  Himmelblau  verwandelte  und  immer
lichter  wurde,  je  feiner  man  es  rieb.  Das  war  der  Uranfang  der
Smalte,  einer  später  viel  begehrten  Handelswaare“).

Schürer  legte  um  1540  die  Plattener  Farbmühle  an,  hatte  aber
wenig  Gewinn  von  seiner  Erfindung,  deren  Geheimniß  ihm  Holländer
ablockten.  .  »

In  Folge  dessen  begann  der  Verkauf  gerösteter  Schneeberger
Kobalte  (Zaffer,  Safflor)  nach  Holland,  wo  mehrere  kleine  Smaltewerke
  entstanden;  aber  auch  bei  Schneeberg  wurden  mehrere  Farbmühlen
  angelegt.  Der  Kobalthandel  gewann  zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts
  eine  solche  Ausdehnung,  daß  Kurfürst  Christian  II.  ihn
1610  monopolisirte,  indem  er  allen  Kobalt  aufkaufte,  auf  sechs  Jahre
hinaus  mit  holländischen  Kaufleuten  Lieferungsverträge  schloß  und
eine  „Kobaltverwaltung  für  den  Verkauf  u.  s.  w.“  einsetzte.

Im  dreißigjährigen  Kriege  hörte  das  Geschäft  auf;  die  Erze
mußten  um  jeden  Preis  hingegeben,  aus  Mangel  an  baarem  Gelde
sogar  die  Bergleute  mit  Kobalt  bezahlt  werden.

Da  trat  mitten  im  Toben  des  Krieges  der  Schneeberger  Bürger
Hans  Veit  Schnorr,  Besitzer  der  Hammerwerke  Pfannenstiel,  Aue,
Ellefeld,  Carlsfeld  und  Neidhardtsthal,  1635  mit  der  Gründung  des
Blaufarbenwerkes  Pfannenstiel  hervor.  Wenige  Jahre  später  (1644)

–

 

3)  Sachsens  Kobalt=  und  Blaufarbenwesen  vom  Oberhüttenmeister  Winkler.
(Wissenschaftl.  Beilage  zur  „Leipziger  Zeitung“  1858,  Nr.  71.)
        <pb n="584" />
        —  576  —

verlegte  der  Schneeberger  Rathsherr  Johann  Burkhardt  das  ihm  ge—
hörige  Schürer'sche  Farbenwerk  von  Platten  nach  Oberschlema,  welches
1651  testamentarisch  an  Kurfürst  Johann  Georg  II.  fiel.  Ferner
gründete  Erasmus  Schindler  1649  das  Blaufarbenwerk  bei  Bockau,
und  in  demselben  Jahre  Sebastian  Oeheim  aus  Leipzig  das  Blau—
farbenwerk  an  der  Sehma  bei  Annaberg  (in  der  Hüttenmühle),  welches
jedoch  1687  nach  Zschopenthal  verlegt  und  1845  aufgehoben  wurde;
endlich  1660  Johann  Gabriel  Löser  ein  Blaufarbenwerk  an  der  Jugel
bei  Johanngeorgenstadt,  das  jedoch  schon  1661  in  eine  Silberhütte
verwandelt  wurde.

Gleichzeitig  (1641)  hatten  Oeheim,  Rosine  Schnorr  (die  Wittwe
von  Hans  Veit  Schnorr),  Eras  und  Schindler  den  ersten  Kobaltvertrag
  geschlossen,  welcher  die  Menge  und  den  Preis  der  anzufertigenden
  Kobaltproducte  fest  begrenzte.  Um  1681  bedurften  die  Blaufarbenwerke
  gegen  5000  Ctr.  Kobalterze  und  1682  theilte  man  die
Blaufarbenproducte  der  vereinigten  Werke  in  Smalten  (smaltum  —
Schmelzglas),  Safflore  (saphir)  und  Aescher  (Asche).  Die  feinste
Smalte  nannte  man  Amidam.

Von  1651  an  waren  die  Werke  Oberschlema  (kurfürstliches
Doppelwerk),  Nieder-Pfannenstiel,  Schindler'sches  und  Zschopenthal,
von  denen  die  Privatwerke  später  an  Gewerkschaften  übergingen,  vereinigt,
  so  daß  ein  jedes  zu  gleichen  Theilen  den  verkauften  Kobalt
erhielt,  genau  dieselben  Smalte=  und  Safflor-Sorten  fabricirte  und
durch  ein  gemeinschaftliches  Handelslager  verkaufte.  Der  Kobaltinspector
  überwachte  die  richtige  Aufbereitung,  Taxirung  und  Vertheilung
  der  Kobalterze,  der  Communfactor  die  Mustermäßigkeit  der
Waaren.

Ende  des  17.  Jahrhunderts  wußte  man  jedoch  wunderbarer
Weise  noch  nicht,  was  mit  den  großen  Mengen  jährlich  nach  Holland
gesendeter  Smalte  gemacht  wurde.  Sobald  aber  die  Verwendung
mehr  bekannt  und  nicht  blos  Malerei,  Töpferei,  Glasmacherei,  sondern
  auch  die  Fabrikation  von  Papier,  Leinwand,  Baumwollgewebe
u.  s.  w.  Abnehmer  wurden,  stieg  die  Production  enorm,  um  1700
auf  jährlich  12  000,  um  1800  auf  jährlich  16=  bis  17000  Ctr.

Nun  machte  aber  die  Anlage  von  Blaufarbenwerken  in  Thüringen,
  Baden,  Hessen,  am  Harz,  in  den  Rheinlanden,  Schlesien,
Oesterreich,  in  Frankreich  und  Norwegen  den  sächsischen  Werken  große
Concurrenz.

Da  brachte  Ober-Berghauptmann  Frhr.  v.  Herder,  seit  1826
an  der  Spitze  des  Blaufarbenwesens,  einen  neuen  Aufschwung  in  die
ganze  Fabrikation.  Er  legte  den  Schwerpunkt  in  die  Reinheit  der
gewonnenen  Kobaltoxyde  und  Kobaltsalze.
        <pb n="585" />
        —  577  —

Der  Kobalt  ist  in  der  Regel  mit  Eisen,  Nickel,  Wismuth,  Arsenik,
  Schwefel  und  Antimon  verbunden.  Es  handelt  sich  darum,
diese  Verbindung  zu  lösen.  Das  Wismuth  wird  durch  Saigern  getrennt,
  d.  h.  die  Erze  werden  bis  zum  Schmelzen  des  leichter  flüssigen
  Wismuth  erhitzt,  das  Wismuth  gesammelt  und  die  Kobalterze
darauf  gepocht  und  in  Flammenöfen  geröstet.  Bei  dieser  wiederholt
vorgenommenen  Operation  entweicht  der  (in  Giftfängen  gesammelte)
Arsenik  und  das  porös  gewordene  Kobalterz  oxydirt  leichter.  Je
mehr  es  Sauerstoff  anzieht,  um  so  mehr  färbt  es.  Bei  dem  Rösten
dürfen  jedoch  die  Erze  nicht  zu  stark  erhitzt  werden,  damit  Arsenik
und  Schwefel,  das  etwa  noch  vorhandene  Wismuth,  sowie  der  mit
ihnen  verbundene  Nickel  sich  als  Kobaltspeise  (Speiskobalt)  auf  dem
Boden  der  Röstherde  sammeln.  Das  auf  diese  Weise  gewonnene
Kobaltoxyd  (Safflor,  Zaffer)  ist  ein  graubraunes  Pulver,  welches  zur
Blauglasur  von  Töpferwaaren,  zur  Blaumalerei  auf  Porzellan  (zu
welcher  es  den  Chinesen  und  Japanesen  schon  seit  mehr  als  1000
Jahren  bekannt  war),  sowie  zum  Färben  von  Glas  und  Emaille  verwendet
  wird.

Zur  Bereitung  von  Kobaltblau  wird  nun  das  Kobaltoxyd
(Safflor)  mit  Pottasche  gemengt,  in  großen  thönernen  Tiegeln  zum
Schmelzen  gebracht,  und  diese  „Fritte“  8  bis  10  Stunden  lang
unter  fortgesetztem  Umrühren  in  Fluß  erhalten.  Darauf  schöpft  man
mit  eisernen  Löffeln  die  Glasmasse  in  eine  große  Kufe,  durch  welche
unausgesetzt  kaltes  Wasser  fließt,  und  hierdurch  erhält  das  Blaufarbenglas
  die  hochblaue  Farbe  und  wird  hinreichend  spröde,  um  geklopft
und  gemahlen  werden  zu  können.  Auf  dem  Boden  der  Kufen  sammelt
sich  die  noch  vorhandene  Kobaltspeise.

Das  Blaufarbenglas  wird  nun  gepocht,  gesiebt  und  gemahlen,
dabei  wiederholt  geschlämmt  und  durch  Haarsiebe  sortirt.  Das  vielfache
  Waschen  der  Smalte  (d.  h.  der  gewonnenen  blauen  Farbe)  beseitigt
  die  salzigen  Bestandtheile  und  ermöglicht  die  Trennung  der
verschiedenen  Farbensortimente.  Man  unterscheidet  feine,  mittle,  ordinäre
  Smalte,  Couleur,  Eschel,  böhmischen  Eschel,  Stückeneschel  und
Mittelblausand.

Die  Erfindung  des  künstlichen  Ultramarin  (eine  aus  Thonerde,
Natron  und  Schwefel  bereitete,  sehr  schöne,  aber  wenig  beständige
Farbe)  machte  der  Smalte  bedeutende  Concurrenz;  wenn  sie  aber
auch  nicht  die  Smalte  verdrängen  konnte,  so  wurden  doch  die  Preise
sehr  niedergedrückt.

Einen  großen  Einfluß  auf  die  Kobaltfarbenindustrie  hatte  die
Erfindung  des  Argentan.  Indem  durch  diese  das  Nickelmetall  erst
Werth  erhielt,  veranlaßte  sie  die  vollständigere  Gewinnung  des  in  den

37
        <pb n="586" />
        —  578  —

Erzen  enthaltenen  Nickels  und  ermöglichte  dadurch,  nickelfreie  und
daher  weit  gesuchtere  Kobaltoxyde  in  den  Handel  zu  bringen.  Die
Smalten  gewannen  eine  Schönheit,  wie  sie  früher  nur  bei  Herstellung
aus  den  nickelfreiesten  Erzen  möglich  war.

Seitdem  (1851)  der  Contract  aufgehoben  wurde,  nach  welchem
alle  Nickelspeise  an  das  Amalgamirwerk  zu  Oberschlema  abgeliefert
werden  mußte,  entstand  eine  bedeutende  Fabrikation  von  Würfelnickel
in  Oberschlema  und  Pfannenstiel.

Gegenwärtig  bestehen  nur  noch  zwei  Blaufarbenwerke  in  Sachsen:
das  königl.  55-Werk  in  Oberschlema  und  das  Privat=  55-Werk  in
Pfannenstiel.  Sie  bilden  das  Blaufarben-Consortium.  Zschopenthal
ist  verkauft  und  das  Blaufarbenwerk  nach  Oberschlema  verlegt;  das
Schindler'sche  Werk  ist  zu  einer  auf  /8-Rechnung  gehenden  Ultramarinfabrik
  umgewandelt.

Den  Vertrieb  aller  Kobaltproducte  besorgt  das  Hauptblaufarbenlager
  zu  Leipzig  mit  einem  Unterlager  zu  Schneeberg.  Die  feinen,
alaunbeständigen  Ultramarinfarben  finden  in  der  Papierfabrikation,
Bleicherei,  Druckerei  u.  s.  w.  Verwendung,  die  mittlen  als  Waschblau,
die  ordinären  bei  der  Stubenmalerei.

Die  Blaufarbenwerke  Oberschlema  und  Pfannenstiel  hatten  1884
bis  1888  im  Ganzen  12  Beamte,  234  bis  200  Arbeiter  (Handwerker,
  Hüttenleute,  Blaufarbenarbeiter  und  Tagelöhner)  und  producirten,
  besonders  in  den  letzten  drei  Jahren  ansteigend,  von  380  bis
438  Tonnen  Blaufarbenwaaren,  Nickel  und  Wismuth  im  Werthe  bis
über  2¼  Million  Mark.

Das  Blaufarbenconsortium  hat  die  Schneeberger  Gruben  erworben
  und  den  Bezug  von  Annaberger  Kobalterzen  aufgegeben.

Im  „Schneeberger  Kobaltfeld“  sind  gegenwärtig  die  gangbaren
Gruben  im  Freiverbau:  Bergkappe  Fundgrube,  Daniel  sammt  Siebenschlehen,
  Gesellschaft  sammt  Sauschwart,  Schwalbener  Flügel  und
Zug,  Tiefer  Marcus  Semmler  Stolln,  Weißer  Hirsch  sammt  St.  Georg
und  Fürstenvertrag,  Wolfgang  Maßen  sammt  Priesterfundgrube.  Man
baut  auf  Silber,  Kobalt  und  Nickel,  Wismuth,  Uranpecherze  u.  s.  w.
Die  Belegschaft  beträgt  660  Mann.  Die  Förderung  umfaßt  circa
4500  Ctr.  Kobalterze,  4876  Ctr.  Silbererze.  Im  Jahre  1881
wurde  ein  reiches  Kobalt-Wismuthmittel  erschlossen.

In  den  Jahren  1885  bis  mit  1888  betrug  die  Belegschaft
zwischen  617  und  647  Mann;  die  Ausbeute  an  Kobalterzen  hatte
im  Durchschnitt  einen  Werth  von  457.000  Mark,  am  meisten  1885
—  474000  M.,  die  Ausbeute  an  Silbererzen  war  1886  nur
42000  M.,  1887  —=  68  900  M.,  1888  -—  89  350  M.  Die
        <pb n="587" />
        —  579  —

Ausbeute  an  Uranpecherzen  betrug  1886  =  19  800  M.,  1887  =
67  800  M.,  aber  1888  nur  33  500  M.

Im  westlichen  Erzgebirge  bauten  1884  im  Ganzen  10  Zechen
auf  Silber,  8  Zechen  auf  Wismuth,  1  Zeche  auf  Schwefelkies.  Im
Jahre  1888  baute  man,  ungerechnet  die  Gruben  des  Kobaltfeldes,
auf  4  Gruben  Silbererze,  auf  5  bei  Johanngeorgenstadt  Nickel-,
Kobalt=  und  Wismutherze,  auf  3  Manganerze,  auf  2  Uranpecherz.
auf  1  Braunstein.

Die  Blaufarbenwerke  zu  besichtigen  ist  nicht  gestattet.

75.  Hößnitz.  Aue.  Auerhammer.

Im  prächtigen  Thale  des  Affalterbaches,  eine  kleine  Stunde
nördlich  der  Mulde  liegt  die  alte,  freie  Bergstadt  Lößnitz,  unstreitig
  eine  der  ältesten  Städte  in  diesem  Theile  des  Gebirges,
zweifellos  sorbenwendischen  Ursprunges.  Nach  Schöttgens  Meinung
war  sie  schon  im  8.  Jahrhundert  gegründet;  urkundlich  kommt  sie
erst  seit  1284  vor  und  wird  Lißnitz,  Leßeniz,  Lußeniz  genannt.  Sie
gehörte  den  Burggrafen  von  Meißen  und  kam  1406  durch  Kauf  an
Veit  von  Schönburg  zu  Lichtenstein.

Die  Stadt  bildet  ein  langes,  schmales,  terrassenförmig  abfallendes
Oval,  dessen  Umriß  noch  die  Grundlinien  der  alten  Stadtbefestigung
angiebt.  Oesfeld  sagt:  „Unsre  Stadtmauern  sind  sehr  hoch  und
feste“.  Vor  Zeiten  waren  dieselben  erneuert  worden,  aber  „in  der
Neuen  Stadt  an  der  unteren  Seite  soll  Niemand  eines  Schrittes  weit
an  die  Mauern  bauen“.  Die  Zahl  der  Rundele,  Bollwerke  und
Thürme  giebt  er  nicht  an;  wahrscheinlich  war  ein  großer  Theil  derselben
  schon  abgetragen,  denn  (fügt  er  hinzu)  „der  obere  und  niedere
Graben  ist  jetzt  ausgefüllt  und  mit  Häusern  bebaut  und  mit  Gärten
gezieret".  Um  1700  sind  allerdings  noch  Zugbrücken  an  den  Thoren
vorhanden  gewesen.  Mauertheile  und  Thurmüberreste  sind  jetzt  nirgend
  mehr  nachzuweisen,  obgleich  Schumann  noch  (1818)  sagt:  „Die
Stadt  hat  noch  alte  Mauern  mit  Schießscharten  und  Thore  mit  Thürmen.“
  Der  am  Ende  der  oberen  Gasse  der  Stadt  gelegene  Theil
heißt  der  Bärenwinkel,  die  nach  Aue  zu  gelegene  Vorstadt  Brunnstädtel,
  die  nach  Affalter  gelegene  Hasenschwanz.

Das  sehr  alte  Hospital  wird  schon  1283  urkundlich  aufgeführt.
Die  älteste  Kirche  brannte  1383  nieder  und  seitdem  zu  wiederholten
Malen.  Die  Hauptkirche  ist  Anfang  dieses  Jahrhunderts  erbaut  und
auch  die  Georgenkapelle  ist  neu.  Vor  der  Reformation  bestand  in
Lößnitz  eine  Caland-Brüderschaft,  sowie  eine  Terminey  der  Bettel-37
        <pb n="588" />
        —  580  —

mönche  des  Zwickauer  Franziskanerklosters.  Als  eine  Eigenthümlichkeit
  hebt  Oesfeld  hervor  (S.  87):  „Bei  der  Haltung  des  h.  Abendmahles
  werden  hier  weder  Kerzen  angezündet,  noch  ein  Meßgewand
von  den  Priesiern  angelegt  ..  Viele  Weiber  gehen  bei  der  h.  Communion
  wie  bei  Begräbnissen  verschleiert,  welches  ein  zwar  etwas
kostbarer,  aber  sehr  wohlanständiger  Gebrauch  ist."

Der  Bergbau  auf  Silbererze  und  Eisenstein  war  unzweifelhaft
sehr  alt;  später  wurde  er  auf  Wismuth  und  Kobalt  gerichtet,  kam
aber  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  zum  Erliegen.  Bis  1740  hatte
Lößnitz  ein  Bergamt.  „Der  Stollnbrunnen“,  ein  altes  Berggebäude,
wird  1383  in  einer  Urkunde  erwähnt.  Der  „Kutten“  am  Rumpelsbache
  im  Gotteswalde  war  noch  1565  im  Betriebe.  Berghalden  und
zugebühnte  Schächte  erinnern  wiederholt  an  die  Vorzeit  .  „Die
Bergleute  kommen  oft  auf  die  Fußtapfen  ihrer  Vorfahren,  die  sie  vor
Jahrhunderten  hinterlassen  haben  ...  So  ist  auch  in  dem  Stollenbrunnen,
  welcher  vor  400  Jahren  getrieben,  noch  allerlei  Berg-Gezäh
gefunden  worden.“  (Erzgeb.  Zuschauer  1773,  S.  183.)

Die  Papiermühle  von  Nieder-Lößnitz  war  bis  1584  ein  Hammerwerk.


Oberhalb  der  Stadt,  wenige  Minuten  vom  Schießhause,  steht
ein  Aussichtsthurm,  von  dessen  Fuße  man  einen  vortrefflichen  Blick
nach  dem  Thale  des  Schlemmbaches,  der  auf  dem  Stangenberge  ausgebreiteten
  Stadt  Schneeberg  und  den  hinter  ihr  aufsteigenden  Höhen
des  Sandberges  und  Hirschensteines  hat.

Die  Schieferbrüche  am  Hasenschwanz,  bei  Affalter  und  bei
Dittersbach  sind  besuchenswerth.  Die  glimmerigen  und  thonschieferähnlichen
  Phyllite  haben  eine  dünne,  gerade  und  ebenschieferige  Textur,
so  daß  sie  als  Dachschiefer  gebrochen  und  verwendet  werden  können.
Seit  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  sind  die  Tagebrüche  im  Gange.
1881  waren  drei  im  Betrieb;  der  eine  bei  Dreihannsen,  der  andere
(Hasenschwanzbruch)  an  der  Straße  nach  Stollberg,  der  dritte  zwischen
Affalter  und  Leukersdorf.  Der  Abbau  erfolgt  in  Strossen  von  2  bis
4  m  Höhe  und  schreitet  vom  Hangenden  nach  dem  Liegenden  fort.
Das  wilde  Gestein  wird  weggesprengt  und  der  brauchbare  Schiefer
durch  Herstellung  eines  Schrames  auf  der  Strossensohle  und  durch
Abtreiben  der  unterschramten  Wand  mit  Keil  und  Brechstange  als
Spaltsteine,  Deckplatten  und  Mauersteine  gewonnen.  Die  Spaltsteine
werden  mit  Stahlmeißel  und  Holzschlägel  in  möglichst  dünne  Platten
gespalten.  Die  großen  geben  Fuß-,  Bind=  und  Firststeine,  die  mittlen
schuppenförmige  Dachsteine,  die  kleinen  Wandschiefer.  Die  Truhe
Dachschiefer  (60  Stück),  mit  welcher  ein  Quadratmeter  Dach  gedeckt
werden  kann,  kostet  je  nach  Farbe  und  Stärke  75  bis  125  Pfennige;
        <pb n="589" />
        —  581  —

die  dünneren  natürlich  mehr  als  die  dickeren.  Die  dunkleren  Schiefer
stehen  an  Festigkeit  und  Dauer  den  besten  ausländischen  vollkommen
gleich.  Thatsache  ist,  daß  mit  Lößnitzer  Schiefer  gedeckte  Dächer  ohne
irgend  eine  beträchtlichere  Reparatur  über  ein  Jahrhundert  gelegen
haben.  Die  Lößnitzer  Schiefer  haben  einen  metallartigen  Glanz,  sind
aber  weder  so  glatt,  noch  so  ebenflächig,  noch  brechen  sie  in  so  großen,
rechteckigen  Tafeln,  wie  man  sie  für  flachere  Dächer  braucht;  dagegen
sind  sie  für  steilere  Dächer  vortrefflich.  Die  ungünstigen  Verhältnisse
innerhalb  der  Gesteinsmassen  vertheuern  aber  den  Dachschiefer  außergewöhnlich;
  denn  auf  100  ebm  Bruch  kann  man  nur  5  ebm  Dach—
schiefer  rechnen.  Die  Hälfte  der  Arbeiter  ist  ausschließlich  mit  dem
Wegräumen  des  unbrauchbaren  Gesteines  beschäftigt.  Außer  Dachschiefer
  gewinnt  man  noch  Platten  für  Tische,  Fenstersohlbänke,  Thürsohlen,
  Treppenstufen,  Brunnen=  und  Schleusendecken,  Zaunsäulen,
Wassertröge  u.  s.  w.).

Von  einem  Felsenvorsprunge  oberhalb  der  Eisenbahnbrücke  von
Nieder-Schlema  hat  man  einen  anmuthigen  Blick  über  das  Muldenthal;
  vom  Hubert  (Hohe  Warte)  und  von  der  Häusergruppe  „Dürre
Henne“  eine  gute  Aussicht  gebirgsaufwärts.

Unmittelbar  hinter  dem  Blaufarbenwerk  Nieder-Pfannenstiel
mündet  das  von  hohen  Wänden  eingeschlossene  Waldthal  des  Rumpelsbaches,
  weiter  aufwärts  das  Zweibrückenthal  abzweigend.  Wendet
man  sich  hinter  dem  Blaufarbenwerke  aufwärts,  so  gelangt  man  auf
aussichtsreicher  Waldstraße  nach  Ober-Pfannenstiel  und  von  da  nach
dem  Thurme  auf  dem  Spiegelwalde  (1  1½  Wegstunde).  Die  Aussicht
von  demselben  ist  eine  vortreffliche.  Von  der  Dreibrüderhöhe  bei
Wolkenstein,  den  Höhen  bei  Sayda  und  Seiffen  und  vom  Bärensteinberge
  an  sieht  man  den  ganzen  Gebirgskamm  entlang  bis  zum
Schneckensteine  und  zum  Kuhberge  bei  Schnarrtanne.  Im  Westen
schließt  seitwärts  des  Gleesberges  der  Höhenzug  des  Hirschsteines  die
Aussicht  ab,  den  leuchtenden  Wasserspiegel  des  Filzteiches  mit  seinen
Umgebungen  vor  sich.

Dicht  unterhalb  des  Bahnhofes  liegt  die  Holzstoff=  und  Papierfabrik
  zu  Nieder-Schlema.  Von  einem  Pavillon  auf  einem
Felsenvorsprunge  an  der  neuen  Straße  nach  derselben  hat  man  einen
guten  Einblick  in  das  Thal.  Die  Holzschleiferei  der  Papierfabrik  ist
bedeutend  vergrößert.  Der  Lumpensammler  mit  Kratze  und  Hacke  ist
schon  längst  nicht  mehr  der  Haupt-Rohstofflieferant  für  die  Papierfabrikation.
  Bei  dem  außerordentlichen  Wachsthum  des  Papierverbrauchs
  mußte  man  schon  längst  nach  Ersatzmitteln  suchen;  das

*)  Erläuterungen  zur  geogn.  Karte,  Sect.  126.  Lößnitz.  K.  Dalmer.
        <pb n="590" />
        —  682  —

Material  an  Lumpen  war  unzureichend,  an  Pflanzenstoffen  nur  Holz,
Stroh  und  in  den  Küstenländern  das  afrikanische  Alscha  zu  gebrauchen.
Stroh  eignet  sich  nur  zu  geringen  Papiersorten.  Das  Holz,  zu  dessen
Verwendung  der  Sachse  Keller  die  erste  Anregung  gab,  wird  entweder
auf  mechanischem  Wege  durch  das  Schleifen,  oder  auf  chemischem
durch  Freilegung  des  Holzfaserstoffes  (Cellulose)  unter  hohem  Dampfdrucke
  verwendbar  gemacht.

Die  Verwendung  von  durch  Schleifen  und  Zerkleinern  gewon—
nenen  Holzstoff  ist  eine  außerordentlich  umfangreiche,  obgleich  seit  dem
Erlöschen  des  Patentes  Mitscherlich  sich  verschiedene  Fabriken  der
Herstellung  der  Cellulose  bemächtigt  haben.  Cellulose  ist  der  allge—
mein  verbreitete  Baustoff  der  Pflanzen  und  findet  eine  ausgedehnte
Verwendung,  von  der  Papierfabrikation  an  bis  zur  Herstellung  explodirender
  Nitroverbindungen.  Holzschliff  ist  nichts  anderes  als  ge—
mahlenes  Holz.  Man  fertigt  aus  Holzschliff,  Strohschliff,  Cellulose
und  Lumpenstoff  in  verschiedenartigen  Zusammensetzungen  Pappen  und
Papiere,  Packpapiere,  Druckpapiere,  von  den  geringsten  bis  zu  feinsten,
braun,  gelblich,  bläulich,  weiß,  geleimt  und  ungeleimt,  für  die  Ausfuhr,
  wie  für  den  einheimischen  Verbrauch.  In  einzelnen  Fabriken
werden  Bunt-,  Glacé=  und  Glanzpapiere  gemacht,  in  anderen  sogenannte
  Tuch=  oder  Lederpappe,  in  einzelnen  Torf=  oder  Halblederpappe.
  Die  Anzahl  der  Holzschleifereien  (mit  und  ohne  Pappfabrikation
  u.  s.  w.)  an  den  erzgebirgischen  Wasseradern  ist  eine  ganz
außerordentlich  große;  weit  über  hundert.

Die  Holzschleiferei  wird  in  ihrem  Gange  und  Umfange  natürlich
bedeutend  von  dem  Stande  der  Gewässer  beeinflußt,  so  daß  mit  den
besseren  Wasserständen  eine  lebhaftere  Holzstoffherstellung  immer  in
Verbindung  steht.  Während  in  den  letzten  Jahren  verschiedene  ältere
Holzschleifereien  zur  Fabrikation  von  Pappen  und  Papieren  übergingen,
  sind  in  der  neuesten  Zeit  bedeutende  Holzschleifereien  erweitert
und  neue  umfangreiche  angelegt  worden.  Der  Lang=  oder  Differentialschliff
  (im  Gegensatz  zu  dem  bisher  eingeführten  Ouerschliff)  giebt
einen  wesentlich  besseren  Stoff,  sowohl  für  die  Pappe,  als  auch  bei
genügend  feiner  Sortirung  für  die  Papierfabrikation.

Die  Mehrzahl  der  Holzschleifereien  ist  mit  Papp=  oder  Papierfabrikation
  verbunden.  Man  fertigt  weiße  Holzpappen,  für  Gorl  2c.,
braune  Lederpappen  zu  Emballagen,  braune  Leder-,  Düten=  und  Einschlagepapiere.
  In  Carlsfeld  macht  man  Packpappe  aus  Torf  und
Holzstoff.  Eine  Zeit  lang  fertigte  man  auch  graue  Schrenzpappe  aus
Papp=  und  Papierabfällen.  Einige  große  Pappenfabriken,  vier  im
Schwarzwasserthale,  eine  an  der  Mittweida,  u.  A.  gingen  zur  Papierfabrikation
  über.
        <pb n="591" />
        —  583  —

Die  Mehrzahl  der  kleineren,  älteren  Papiermühlen  betreibt  jedoch
die  Pappenfabrikation,  und  zwar  Buchbinder-,  Cartons-,  Schachtel-,
Jacquardpappen  (für  Tüllweberei),  Klöppelpappen,  Balgpappen  (für
die  Instrumentenfabrikation).  In  Untersachsenfeld  werden  Preßspäne
gefertigt;  Buntpapier  in  verschiedenen  Sorten  und  Mustern  in  Ober-Schlema.
  Die  Cartonfabrikation  wird  auf  dem  Schindler'schen  Blaufarbenwerke,
  in  Rautenkranz  u.  s.  w.  betrieben.

Auf  dem  Schindler'schen  Blaufarbenwerke  deckt  sie  nicht  allein
den  eigenen  Bedarf,  sondern  bringt  auch  noch  eine  große  Menge  auf
den  Markt;  in  einem  Jahre  werden  ca.  5  Millionen  Stück  verschiedener
  Cartons  und  Kapseln  angefertigt;  aus  Rautenkranz  gehen  jährlich
  gegen  10  000  Ctr.  Cartonnagen  nach  Süddeutschland.  Fast  alle
für  die  Weißwaaren-,  Spitzen-,  Muschel=  und  Instrumentenfabrikation
nöthigen  Cartons  werden  im  Erzgebirge  angefertigt.

Der  Bahnhof  von  Aue  liegt  auf  dem  rechten  Muldenufer.  Die
Mulde  behauptet  auch  hier  ihren  Namen,  obgleich  am  Vereinigungspunkte
  das  Schwarzwasser  das  stärkere  ist;  ganz  wie  die  schwächliche
Ost-Mulde,  in  welche  die  mächtige  Zschopau  untergeht.

Die  Stadt  Aue  bildet  scheinbar  mit  Zelle  und  Klösterlein  einen
Ort.  Das  Kloster  Zell-Maria  an  der  Mulde  wurde  1173  von
Bernhardinern  gegründet,  ging  später  an  die  Augustiner  und  1263
an  die  Cistercienser  über.  Es  bestand  bis  1533;  wurde  1429  von
den  Hussiten  und  1525  von  den  Bauern  verwüstet.  Die  über  700
Jahre  alte  Kirche  ist  der  einzige  Ueberrest  vom  Kloster.  Im  Innern
Holzschnitzereien  an  der  Kanzel,  einige  Bilder  an  der  Empore,  sowie
das  Altargemälde.  Besonders  bemerkenswerth  aber  ist  das  außen,
an  der  Straße  nach  Alberode,  wahrscheinlich  zwischen  1220  und  1270
in  Sgraffitomanier  von  Martinus  gemalte  Wandbild:  in  der  Mitte
die  heilige  Jungfrau  mit  dem  Jesuskinde  auf  dem  Arme,  links  ein
Bischof  mit  Krummstab,  Buch  und  Mithra,  rechts  eine  weibliche  Gestalt
  mit  Palmenzweig  und  Glorienschein.  Die  Sgraffitomanier,
welche  meist  erst  dem  16.  Jahrhunderte  zugeschrieben  wird,  ist  hier
nachweislich  schon  drei  Jahrhunderte  früher  angewendet  worden  und
hat  sich  durch  sechs  Jahrhunderte  hindurch,  trotz  des  nördlichen  Klima,
vortrefflich  erhalten.

In  Klösterlein  liegt  die  große  Maschinen=  und  Werkzeugfabrik
von  E.  Kircheis,  welche  sich  ausschließlich  der  Herstellung  von  Blechbearbeitungsmaschinen
  und  von  Klempnerwerkzeugen  widmet.  Dieselbe
wurde  1861  in  Aue  gegründet,  wo  noch  die  „alte  Fabrik“  in  der

Stadt  steht,  um  in  der  Heimath  der  Blech=  und  Blechwaarenfabrikation
  die  menschliche  Kraft  und  Geschicklichkeit  durch  Maschinenarbeit,
wo  nicht  zu  ersetzen,  so  doch  zu  unterstützen  und  zu  vervollständigen.
        <pb n="592" />
        —  584  —

Die  Fabrikation  von  den  deutschen  Verhältnissen  angepaßten  Blechbearbeitungsmaschinen,
  bei  deren  Anfertigung  anfangs  die  Wasserkraft
eine  hervorragende  Rolle  spielte,  nahm  nach  mancherlei  bittern  Erfahrungen
  und  herben  Enttäuschungen  doch  einen  derartigen  Aufschwung,
  daß  schon  1873  die  neue  Fabrik  in  Klösterlein  angelegt  und
mit  80  Arbeitern  daselbst  gearbeitet  werden  konnte.  Gegenwärtig  besitzt
  sie  sechs  Wassermotoren,  über  200  Hülfsmaschinen,  eine  eigene
Gießerei  mit  Kupolofen  u.  s.  w.  und  beschäftigt  gegen  400  Arbeiter.
Die  Jahresleistung  beträgt  etwa  4500  Maschinen  und  10  000  Stück
Klempnerwerkzeuge  von  auserwählter  Form  und  Güte.  Von  den  verschiedenen
  Blechbearbeitungsmaschinen  mögen  hier  nur  genannt  werden:
Maschinen  zum  Zuschneiden  (Tafel-,  Schlag-,  Kreis-,  Kurbel-,  Hebel-,
Streifen  -,  Oval-Scheeren,  Schnittstanzen);  Maschinen  zum  Sicken,
Bördeln,  Drahteinlegen,  Verzieren  (für  Gesimse,  endlose  Wurlsten
u.  s.  w.);  Falzzudrückemaschinen  (Falz-,  Doppelfalz-,  Bodenfalz-,
Rohrfalz-Zudrückemaschinen,  Conservedosen-Verschlußmaschinen);  Rundmaschinen
  (verschiedener  Größe,  Trichterrundmaschinen,  Bandeisenbiegemaschinen,
  Rohrbiege-,  Rohrrunde-Maschinen,  Riffelwalzwerke);  Abbiegemaschinen,
  Wulstmaschinen,  Drehbänke,  Pressen,  darunter  Kraftziehpressen
  und  große  Geschirrziehpressen,  ferner  Lochstanzen  für
Hand=  und  Motorenbetrieb,  Bohrmaschinen,  Ziehbänke,  Fallwerke  und
andere  verschiedene  Maschinen  und  Apparate.  (Maschinen  und  Werkzeuge
  zur  Blech=  und  Metallbearbeitung  von  E.  Kircheis.  Auc  in
Sachsen,  1887.)

Das  am  Zusammenflusse  von  Schwarzwasser  und  Mulde,  in
einer  landschaftlich  reich  ausgestatteten  Thalweitung  liegende  Städtchen
Aue  ist  sorbischen  Ursprunges.  Wahrscheinlich  waren  auch  hier
Zinnseifen.  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  begann  der  Abbau  eines
Zinnlagers,  welcher  über  ein  Jahrhundert  lang  glänzende  Ausbeute
brachte.  Früher  stand  hier  auch  eine  Silberschmelzhütte;  aber  weit
bekannter  ward  Aue  durch  seine  Porzellanerde.  Halben  Wegs  an
der  Straße  nach  Lauter  lieferte  die  Grube  Andreas  Neufang  fast  ein
Jahrhundert  lang  ausschließlich  den  plastischen  Thon  für  die  Meißner
Porzellanfabrik.  Die  Porzellanerde,  Caolin,  chinesisch  Kao-ling,  ist
eine  weißliche  Thonart,  hauptsächlich  kieselsaurer  Thon,  von  erdigem
Bruche  und  geringerer  Plasticität,  welche  durch  längeres  Einsumpfen,
Schlemmen  und  Mahlen,  unter  Versetzung  mit  Quarz  u.  s.  w.,  die
nöthigen  Eigenschaften  für  die  Porzellansabrikation  erhält.  Der  Andreas
  ist  seit  längerer  Zeit  erschöpft;  Porzellanerde  wird  jetzt  an  anderen
  Orten  gefunden.  Sachsen  ist  noch  heute  reich  an  Porzellanerde.
  Die  Hauptlager  derselben  befinden  sich  bei  Garsebach  und
Löthain  bei  Meißen.
        <pb n="593" />
        —  585  —

In  dem  großen  Gasthofe  an  der  Ecke  des  Marktes  zum  „Engel“
war  die  „Tausendguldenstube“.  Ein  in  Stein  gehauener  Engel  über
der  Hausthüre  war  Zierstück  und  Schild  des  Hauses.  Der  Fußboden
der  großen  Eckstube  war  getäfelt,  die  Wände  in  Felder  getheilt,  ein
geräumiger  Erker  bildete  die  Ecke,  Alles  mit  vom  Alter  gedunkeltem
Nußbaumholz  verkleidet.  Besonders  schön  war  die  Kassettendecke;  auf
jedem  Kreuzpunkte  der  Vierecke  stand  ein  rosettenartiger  Knopf  und
in  der  Mitte  der  Felder  ein  erhaben  geschnitzter  Engelskopf.  Die
Wandflächen  waren  durch  flache,  reich  geschnitzte  Pfeiler  in  Felder
getheilt;  die  Thürgewände  und  Thürfüllungen  mit  Schnitzwerk  geschmückt.
  Hinter  dem  Kachelofen  war  in  die  Wandfläche  ein  sitzender
Dudelsackpfeifer  geschnitten.  Eine  mit  einer  Muschel  geschlossene
Wandnische  enthielt  —  ein  Waschbecken,  darüber  einen  Engelskopf.
Das  ganze  war  augenscheinlich  Nürnberger  Arbeit  aus  dem  ersten
Viertel  des  16.  Jahrhunderts.  Dieses  Prunkzimmer  ist  mit  dem  Gasthofe
  1856  durch  Verwahrlosung  in  Asche  gelegt  worden.

Westlich  von  Aue  liegt  am  Einflusse  des  Filzbaches  in  die  Mulde
Auerhammer  mit  seiner  riesigen  Spinnerei  und  der  Argentanfabrik
  von  Dr.  Geitner  (H.  A.  Lange).  Dieselbe  beschäftigt  gegen
300  Arbeiter,  besitzt  die  vorzüglichsten  Maschinen  für  Blech=  und
Drahtfabrikation  und  stellt  vermittelst  Wasserkraft,  einer  achtzigpferdigen
und  einer  kleineren  Dampfmaschine  in  der  Gießerei,  den  Walzwerken
und  der  Drahtzieherei  Bleche  und  Drähte  aller  Stärken  in  vorzüglicher
  Qualität  her.  Das  Argentan  von  Auerhammer  ist  wegen  seiner
Dichtigkeit  und  seines  festen  Glanzes  berühmt.

Dr.  E.  A.  Geitner  war  als  Chemiker  an  den  Mückenbergischen
Eisenwerken  angestellt  gewesen,  als  er  1810  eine  chemische  Fabrik  in
Lößnitz  gründete,  mit  welcher  er  1815  nach  Schneeberg  übersiedelte.
Hier  machte  er  wichtige  Entdeckungen  auf  dem  Gebiete  der  Färbekunst
(Kupferammonium,  Chromverbindungen,  Kobaltgrün  u.  s.  w.)  und
erfand  Anfang  der  20er  Jahre  das  Argentan,  eine  Composition  aus
55  %  Kupfer,  25  %  Zink,  20  %  Nickel.  Dasselbe  ist  fester  und
fast  so  dehnbar  wie  Messing,  härter  und  zäher  als  Silber,  silberweiß
mit  einem  Stiche  ins  Gelbgraue,  von  schönem  Glanz,  politurfähig
und  vom  specifischen  Gewichte  7,1  bis  8,95.  Es  ist  wenig  oxydirbar
und  verhält  sich  gegen  schwache  Säuren  und  Fette  fast  wie  121öthiges
Silber.  Veranlassung  zu  dieser  Erfindung  gaben  Versuche,  die  Nickelspeise
  für  die  Industrie  nutzbar  zu  machen.  Dieselbe  wurde  bis  dahin
  als  werthlos  auf  die  Halden  oder  ins  Wasser  geworfen,  oder
auch  zu  Wegebauten  verwendet.  Nachdem  es  gelungen,  ein  reines
Nickelmetall  herzustellen,  entstand  durch  Zusätze  von  Kupfer  und  Zink
das  Argentan;  die  fast  gleichzeitig  in  Berlin  gemachte  Erfindung  des
        <pb n="594" />
        —  586  —

Neusilbers  und  die  demselben  gewährten  Privilegien  hielten  jedoch  die
Verbreitung  des  Argentan  bedeutend  auf.  Auch  die  demselben  ähn—
lichen  Compositionen:  chinesisch  Turtenag  und  Packfong,  Elektrum,
Alfenid,  Argyroid,  Argyrophan,  Semilargent  u.  s.  w.  machten  Con—
currenz,  und  nur  die  Beharrlichkeit  in  der  Herstellung  vorzüglicher
Waare  ließ  die  Auer  Argentanfabrikation  ihren  gegenwärtigen  Standpunkt
  erreichen.  Die  Verwendung  des  Argentan  zu  Speise=  und
Trinkgefäßen,  Pfeifen-,  Stock-,  Geschirr=  und  Wagenbeschlägen,  Musikinstrumenten,
  Verzierungen  und  eingelegten  Arbeiten  ist  eine  sehr  bedeutende.


Die  Argentanwerke  in  Auerhammer  sind  in  der  neuesten  Zeit
bedeutend  vergrößert  und  erweitert,  sowie  in  Grünthal  bei  Olbernhau
und  in  der  naheliegenden  Schweinitzmühle  Draht=  und  Walzwerke  neu
angelegt  worden.  Die  Werke  besitzen  im  Ganzen  Dampfmaschinen
von  etwa  1000  Pferdekräften  und  beschäftigen  gegen  400  Arbeiter.
In  einem  eigenen,  neuen  Laboratorium  werden  unausgesetzt  Versuche
und  Proben  behufs  der  Vervollkommnung  der  Fabrikation  und  Zusammenstellung
  neuer  Legirungen  gemacht.  So  ist  es  gelungen,  ein
Neusilber  herzustellen,  welches  sich  durch  einen  außerordentlich  hohen,
specifischen  Leitungswiderstand  auszeichnet,  und  folgedessen  zu  Stromregulatoren
  bei  elektrischen  Beleuchtungsanlagen  besonders  geeignet  ist.
Von  diesen  Widerstandsdrähten  werden  zwei  Sorten  „Nickelin“  und
„Rheotan"“  gefertigt,  welche  nur  in  äußerst  geringem  Grade  von  der
Temperatur  beeinflußt  werden.

Die  Besichtigung  der  Walzwerke  und  der  Drahtzieherei  wird
gestattet.  (Mittheilungen  von  Herrn  J.  A.  Lange.)

Am  1.  Oktober  1877  wurde  die  deutsche  Fachschule  für
Klempner  in  Aue  eröffnet,  welche  1878  in  das  neue  Schulgebäude
übersiedelte.  Sie  soll  jungen  Leuten  der  Blechindustrie  (Klempnern,
Spenglern,  Flaschnern,  Blechnern)  Gelegenheit  geben,  sich  in  möglichst
kurzer  Zeit  theoretische,  geschäftsmännische,  kunstgewerbliche  und  praktische
  Kenntnisse  zu  erwerben,  sich  zu  tüchtigen  Fachmännern  heranzubilden
  und  den  Fortschritten  des  Faches  mit  Verständniß  zu  folgen.
Reichliche  Sammlungen  an  Vorlagen  und  Modellen,  eine  zweckentsprechende
  Bibliothek  unterstützen  den  Unterricht  in  den  verschiedenen
Lehrfächern.  Es  läßt  sich  voraussetzen,  daß  der  Einfluß  dieser  Fachschule
  auch  in  weitere  Kreise  hinausdringt,  bis  zum  einzelnen,  selbstständigen
  Arbeiter  und  denselben  zu  einer  fachgemäßen  Berechnung
der  Herstellung  anleitet  und  auf  die  Erzeugung  solider  Waare  hinwirkend,
  der  Anfertigung  der  Massen=  und  Schwindelartikel  ein  Ende
macht.  Der  Unterricht  der  drei  Klassen  zerfällt  in  die  theoretischen
Lehr=  und  die  praktischen  Uebungsstunden,  von  denen  unabhängig
        <pb n="595" />
        —  587  —

noch  ein  besonderer,  theoretischer  und  praktischer  Unterricht  im  Metalldrücken
  ertheilt  wird.  Im  Sommerhalbjahr  1887  zählte  die  Schule
43  Schüler.  (Deutsche  Fachschule  für  Blecharbeiter  zu  Aue  in  Sachsen.
10.  Jahresbericht,  Michaelis  1886  87.)

76.  Blechlöffel.  Plechwaaren.

Die  Blechlöffel=  und  Blechwaarenfabrikation  haben  in  der  Gegend
von  Auc  und  gebirgsaufwärts  seit  langer  Zeit  ihren  Sitz.

Die  Blechlöffelfabrikation  wird  gegenwärtig  noch  in  Beierfeld,  Bernsbach
  und  Lauter  betrieben.  Schumann  nennt  (1.  325.)  Beierfeld  und
Sachsenfeld  als  Mutterorte  dieses  Erwerbszweiges  und  (1814)  Bernsbach,
  Pfannenstiel,  Wildenau,  Pöhla,  Raschau,  Zschorlau,  Neuwelt,
Grünstädtel,  so  wie  die  Städte  Aue  und  Grünhain  als  die  Orte,  über
welche  dieser  Erwerbszweig  sich  ausgebreitet  habe.  Dieselbe  wurde
1710  durch  einen  Schlossergesellen  in  Beierfeld  eingeführt  und  die
nach  demselben  benannten  Schlosserlöffel  (lange)  und  Doppellöffel
(runde)  angefertigt.  Später  unterschied  man  21  Sorten,  und  zwar
sieben  Arten  gemeine  Löffel  (dicke,  Silber  „rundpolirte,  breite,  schmale,
Bauer-Pfennig“),  3  Arten  Kinderlöffel,  3  Arten  gemeine  und  4  Arten
dicke  Potagelöffel,  3  Arten  Rahmlöffel  und  schließlich  Kaffeelöffel.
Ursprünglich  waren  die  Plattenschmiede  (in  Aue,  Pöhla,  Raschau,
Rittersgrün)  von  den  Löffelmachern  (in  Beierfeld,  Bernsbach)  getrennt,
doch  in  Zschorlau,  Grünstädtel  und  Wildenau  waren  die  Plattenschmiede
  gleichzeitig  Löffelmacher.  Die  Löffel  wurden  nicht,  wie  der
Name  vermuthen  ließe,  aus  Blech,  sondern  aus  Stabeisen  gemacht.

Die  ganze  Löffelfabrikation  beruhte  auf  Handarbeit.  Die  Platten,
von  denen  je  nach  der  Stärke  8,  9,  oder  17,  18  auf  das  Pfund
gingen,  wurden  durch  die  Plattenschmiede  hergestellt.  An  einem
Feuer  arbeiteten  in  der  Regel  drei  Mann,  ein  Arbeiter  aus  dem
Feuer,  ein  Aufschläger  und  ein  Ausstieler.  Die  ersten  beiden  machten
das  Eisen  nach  vorn  breit  und  gaben  ihm  die  Schale  (Laffe,  Löffelform):
  der  dritte  dem  Stiele  die  Facon.  Ein  Meister  hatte  bis  zu
drei  Feuer  im  Gange.  Die  Platten  wurden  in  Paketen  abgeliefert
und  kamen  nun  in  die  Hände  der  Schwarzarbeiter,  welche  sie  vertieften,
  beschnitten  und  ihnen,  natürlich  aus  freier  Hand,  die  Facon
gaben.  Bei  einem  Beierfelder  Geschäft  erfolgte  dies  letztere  jedoch
schon  in  den  sechziger  Jahren  vermittelst  einer  Maschine.  Hierauf
wurden  die  Löffel  wieder  an  den  Fabrikanten  (Verleger)  abgeliefert,
und  von  diesen  an  den  Zinner  gegeben.  Vor  der  Verzinnung  werden
die  Löffel  mit  Salzsäure  gebeizt  und  dann  mit  kaltem  Wasser
        <pb n="596" />
        —  588  —

abgewaschen.  Man  unterscheidet  deutsche  und  englische  Politur;  bei
der  ersteren  erfolgt  die  Politur  nach,  bei  der  letzteren  vor  dem  Ver—
zinnen.  Hierauf  werden  die  Löffel  in  halbe  Dutzende  gebunden  und
in  Fässer  gepackt,  welche  man  in  Beierfeld  und  Bockau  fertigt.  Man
veranschlagte  1868  die  wöchentliche  Fabrikation  auf  10  000  Dutzend.
Die  Preise  schwanken  zwischen  40  und  120  Mark  für  hundert  Dutzend
Speiselöffel,  15  und  36  Mark  für  hundert  Dutzend  Kaffeelöffel  und
2  und  6  Mark  für  das  Dutzend  Vorlegelöffel.  Man  hat  auch  schon
frühzeitig  versucht,  die  Löffel  aus  Schwarzblech  zu  schneiden  und  kalt
auszutiefen;  diese  Art  hatte  jedoch  zu  wenig  Dauerhaftigkeit,  weil
die  Stiele  zu  schwach  waren.

Die  Fabrikation  von  aus  Schwarzblech  gestanzten  Löffeln,  welche
schon  1869  begann,  gewann  bei  dem  hohen  Bedarf,  welchen  der
Krieg  mit  sich  brachte,  bedeutend  an  Ausdehnung  und  trat  besonders
seit  1875  ganz  in  den  Vordergrund.  Die  Maschinenfabrikation  wurde
zuerst  in  Beierfeld,  später  in  Lauter  (wo  die  Gebrüder  Gnüchtel  &amp;amp;  Sohn
1872  drei  Löffelstanzen  aufstellten),  zuletzt  in  Bernsbach  eingeführt.
Die  Löffel  werden  aus  Siegener  und  Steiermärker  Bessemerblech  in
zwei  getrennten  Operationen  geteuft  und  gestanzt.  Diese  Löffel  sind
natürlich  schöner  und  gleichmäßiger,  wie  die  aus  freier  Hand  gefertigten,
  auch  die  Zwickauer  und  Grünhainer  Löffelfabrik  verwenden
Maschinen.  Der  Preis  stellte  1872  für  hundert  Dutzend  Eßlöffel
auf  105  bis  120  Mark,  für  hundert  Dutzend  Kaffeelöffel  auf
60  bis  75  Mark.

Die  Anfertigung  von  Gegenständen  aus  Schwarz=  und  Weißblech
  hat  sich  in  ähnlicher  Weise  entwickelt,  wie  die  Bilechlöffelfabrikation,
  und  geht  mit  ihr  Hand  in  Hand.  Wie  der  Hausirer
beide  Artikel  gleichzeitig  führte,  so  stammen  beide  auch  ziemlich  aus
denselben  Orten.

Man  unterscheidet  Schwarzblechklempner  in  Lauter,  Beierfeld,
Raschau,  Johanngeorgenstadt  und  Bockau,  und  Weißblechklempner  in
Lauter,  Beierfeld,  Neuwelt,  Bernsbach,  Eibenstock.  In  Schönheide
werden  nur  noch  wenige  ordinäre  Schwarzblechartikel  (Ofenrohre,
Kuchenbleche,  Stürzen  u.  dergl.)  gemacht.

Das  Rohmaterial  zu  den  gefertigten  Gegenständen  sind  böhmische
und  rheinische  Weißbleche,  sowie  westphälische  Schwarzbleche  und
Schwarzbleche  von  Erlahammer.  Einzelne  Gegenstände,  wie  z.  B.
Barbierbecken,  Fidibusbecher,  Cylinderlaternen,  Leuchterschalen,
Schlüsselhaken,  Theesiebe,  Uhrgewichte  2c.  werden  aus  Messingblech;
Waschkübel  und  Wannen  aus  Zinkblech  hergestellt.  —  Eine  besondere
Gattung  von  Schwarzblechwaaren  bilden  die  Saxoniageschirre,  welche
        <pb n="597" />
        —  589  —

entweder  innen  und  außen  verzinnt,  oder  auch  nur  innen  verzinnt
und  außen  getheert  und  mit  Eisenlack  gestrichen  werden.

Man  fertigt  Töpfe,  Kasserole,  Kocher,  Pfannen,  Schüsseln,  Topfstürzen,
  Backformen,  Botanisirtrommeln,  Durchschläge,  Reibeisen,  Gemäße,
  Gießkannen,  Kaffeemaschinen,  Trichter,  Klappern,  Laternen,
Lampen,  Leuchter,  Krüge,  Schreibzeuge,  Sparbüchsen,  Tabaks-,
Cigarren=  und  andere  Dosen  und  Döschen,  Kasten  und  Kästchen,
Flaschen,  Schaalen,  Leuchter,  Christbaumdillen,  Näpfe,  Büchsen,  Teller,
Wagschalen,  Waschbecken,  Eimer,  Zuckerdosen  u.  s.  w.  aus  Weißblech,
und  Kaffetrommeln,  Ascheneimer,  Maschinen=  und  Bratröhren,  Oefen,
Ofenrohre,  Stürzen,  Reinigungsthüren,  Kehrichtschaufeln,  Kuchenbleche,
Aschenkasten  u.  s.  w.  aus  Schwarzblech;  aus  beiden  Blechgattungen
Kinderspielzeug  aller  Art.

In  Lauter  ist  seit  1875  die  Fabrikation  von  emaillirten  Blechwaaren
  entstanden.  Anfänglich  wurden  die  Gegenstände  gefalzt,  doch
seit  1878  vermittels  einer  Ziehpresse  aus  einem  Stück  gefertigt.
Manche  Geschirre  werden  in  zwei  Stücken  gepreßt  und  dann  zusammengefalzt.
  Ein  flaches,  rundes  Stück  Blech  wird  auf  die  untere
Preßfläche  aufgelegt,  die  beiden  Stempel,  der  obere  und  untere,
kommen  einander  entgegen,  der  obere  drückt  den  flachen  Blechteller
in  die  Form  hinein,  und  nachdem  er  sich  wieder  gehoben  hat,  bringt
ein  Cylinder  den  Gegenstand  aus  der  Form  des  unteren  Stempels
heraus.  Die  gepreßten  Gegenstände  werden  hierauf  ausgeglüht,  geglättet
  und  justirt,  nach  Befinden  die  zusammengehörigen  Theile  gefalzt,
Henkel  aufgenietet,  und  dann  innen  weiß,  außen  dunkelblau  emaillirt.
Die  Emaille  wird  gemahlen,  geschmolzen  und  in  Wassergefäßen  gesammelt.
  Beim  Emailliren  werden  die  Gefäße  erst  außen  mit  der
blauen  Emaille  versehen,  getrocknet  und  im  Glühofen  gebrannt;  sodann
mit  der  weißen,  inneren  Glasur,  welche  in  gleicher  Weise  aufgetragen
und  aufgeschmolzen  wird.

Die  erzgebirgische  Blechwaarenfabrikation  hat  jedoch  im  Laufe
der  Zeiten  eine  vollständige  Umänderung  erlitten.  Während  früher
unzählige  kleine  Meister  auf  eigene  Rechnung  arbeiteten  und  ihre
Waaren  auf  dem  Hausirwege  selbst  oder  durch  ihre  Angehörigen  vertrieben,
  sind  jetzt  schon  mehrere  große  Fabriken  thätig,  um  die  verschiedenen
  Arten  von  Küchengeschirren,  Kinderspielsachen  u.  s.  w.  in
großen  Massen  zu  erzeugen.  (Industriezeitung  1885.  Nr.  29.)

Die  Anfertigung  aller  Art  Hausgeräthe  von  emaillirtem  Eisenblech
  hat  in  der  neuesten  Zeit  eine  außerordentliche  Ausdehnung  gewonnen,
  sowohl  in  Bezug  auf  den  Umfang  der  Fabrikation  als  auch
in  Bezug  auf  den  Umfang  des  Gebrauches.  Das  emaillirte  Eisenblechgeschirr
  ist  leicht,  haltbar,  besitzt  zweckjmäßige  Formen,  ein  gutes
        <pb n="598" />
        —  590  —

Aussehen  und  wird  zu  einer  großen  Anzahl  von  Hausgeräthen  verwendet.
  Die  Geschirre  werden  innen  weiß  und  außen  blau  oder  braun
gefertigt,  oder  innen  und  außen  grauwolkig,  oder  in  vierzehn  verschiedenen
  Farben  marmorirt,  oder  endlich  innen  und  außen  weiß  mit
bunter  Verzierung.

Es  kommen  in  den  Handel  Schöpf-,  Schaum-,  Rahm-,  Suppen-,
Potagelöffel,  flache  Kellen  u.  s.  w.  Maschinentöpfe,  Ringtöpfe,  Kaffeekocher,
  Kasserole  mit  und  ohne  Ring,  Bratpfannen,  Eiertiegel,  Bauch-,
Schmor=  und  Absatztöpfe,  Fischkessel,  Spargelkocher,  Kartoffeldampftöpfe,
  Töpfe  und  Kasserole  für  Petroleumöfen,  Kaffee=  und  Theegeschirre,
  Wannen,  Schüsseln,  Waschgeschirre,  Küchengeräth,  Eßgeschirr,
  und  zwar  flache  und  tiefe,  Teller,  Schüsseln  mit  und  ohne
Deckel,  Henkeltöpfe,  Essenträger,  Milchäsche,  Milchkrüge,  Melkgelten,
Milchtransportkrüge,  Oelkännchen,  Oelflaschen,  Petroleumkannen  u.  s.  w.

77.  Eisenbergbau.  Hammerwerke.

Daß  die  Blechwaarenindustrie  frühzeitig  auf  dem  Obergebirge
Platz  fassen  konnte,  beruhte  darauf,  daß  schon  mit  dem  Beginn  des
Silberbergbaues  der  Abbau  von  Eisenerzen  sich  entwickelte  und  eine
Anzahl  von  Hohöfen  und  Hammerwerken  entstand,  welche  bei  dem
Reichthume  an  Brennmaterial  die  Erze  an  Ort  und  Stelle  schmelzen
und  bearbeiten  konnten.

Auf  allen  Abhängen  des  Gebirges  zwischen  der  großen  Mittweide
und  der  Mulde,  am  Pöhler  Wasser  und  am  Schwarzwasser  sind  noch
heute  zahlreiche  Eisengruben  zu  erkennen,  zum  großen  Theile  noch  in
Betrieb.  Im  Jahre  1882  beschäftigte  der  Eisenerzbergbau  im  Bergamte
  Schwarzenberg  etwa  1000  Mann,  welche  auf  15  Zechen  ungefähr
  132  000  Centner  Eisenstein  und  Magneteisenstein  förderten.

Der  Eisensteinbergbau  ist  verhältnißmäßig  nur  wenig  jünger  wie
der  Bergbau  auf  Silbererze;  im  Obergebirge  vielleicht  sogar  älter.

Hier  kann  man  den  Beginn  desselben  auf  die  zweite  Hälfte  des
14.  Jahrhunderts  setzen,  wie  die  Anlage  der  ältesten  Hammerwerke
bezeugt,  und  einen  bedeutenden  Aufschwung  des  Bergbaues  auf  Eisenerze
  in  die  erste  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts.  Die  Eisen=  und
Hammerordnung  des  Kurfürst  August  von  1583  und  die  Pirneische
Berg-,  Eisen=  und  Hammerordnung  vom  25.  Februar  1594  gaben  der
eigenen  und  selbstständigen  Entwickelung  des  Eisenbergbaues  und  des
Hammerwesens  nur  den  gesetzlichen  Abschluß.

Die  Hammerwerke  des  Erzgebirges  und  des  Vogtlandes  erhielten
bei  ihrer  Begründung  zum  großen  Theile  Feld-,  Wiesen=  und  Wald-
        <pb n="599" />
        boden  zu  mäßigem  Preise  überlassen,  vor  Allem  aber  die  zum  Betriebe
  der  Hohöfen  nöthigen  Holzmengen  gegen  sehr  niedrige  Taxpreise
angewiesen.  Die  Klafter  3¾  Ellen  (1,282  m)  langes  Scheitholz  kostete
bis  1816  =  9  Gr.  4  Pf.,  die  Klafter  Stöcke  4  Gr.  Bis  1814  durfte,
ausgenommen  die  bestimmt  festgesetzte  Menge  von  Floßhölzern  für
Zwickau  und  Leipzig,  kein  Holz  aus  den  oberen  Waldungen  in  das
Niederland  abgegeben  werden.  Die  Eisenerzeugung  des  Obergebirges
war  auf  das  Ausbringen  des  Eisens  mittelst  billiger  Holzkohlen  dergestalt
  angewiesen,  daß  sie  nur  bei  den  niedrigsten  Holzpreisen  bestehen
konnte.  Man  legte  Hammerwerke  an,  wo  man  Eisenstein  fand;  denn
Holz  war  genug  in  der  Nähe.

Im  engsten  Zusammenhange  mit  der  Zahl  und  Verbreitung  der
Hammerwerke  war  daher  jederzeit  die  Ausdehnung  des  Eisenbergbaues.

Die  auf  dem  Erzgebirge  vorkommenden  Eisenerze  sind  Magneteisenstein,
  Rotheisenerz,  auch  Glanzeisenerz,  Eisenglanz  oder  rother
Glaskopf  genannt,  Brauneisenstein,  auch  brauner  Glaskopf,  Brauneisenerz,
  sowie  Thoneisenstein,  Eisennieren,  Spatheisenstein  u.  s.  w.
Die  besseren  Eisenerze  (Rotheisenerze)  wie  Glaskopf,  Strahlstein,  reicher
dichter  Rotheisenstein,  guter  Braunstein  u.  s.  w.  sind  nur  nesterweise
eingelagert.

Ueber  den  Umfang  des  Eisensteinbergbaues  der  früheren  Zeiten
lassen  sich  jedoch  nur  Schätzungen  aufstellen.  Merkel  sagt  (I.  156):
„Der  Eisenstein  wird  im  Amte  Schwarzenberg  am  Ergiebigsten  gefunden“
  und  nennt  (1804)  als  die  vorzüglichsten  Gruben:  Johannes
am  Rothenberge  bei  Schwarzenberg,  den  Henneberger  Zug,  Frrgang.
bei  Johann-Georgenstadt,  Vier  Gesellen,  Alter  Mann,  Spitzleithe,  Johannes
  am  Rehhübel  und  Urbanus  bei  Eibenstock  u.  s.  w.  Er  beziffert
  die  Eisenerzgewinnung  im  Schwarzenberger  und  Annaberger
Revier  auf  9500  Centner  jährlich.  Johannes  am  Rothenberge  war
seit  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  im  Betriebe  und  lieferte  Rotheisenstein,
  darunter  viel  Glaskopf;  die  Gruben  am  Magnetenberge  jedoch
seit  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  *).

Aber  schon  1697  gingen  einige  Hammerwerke  ein,  weil  sie  nicht
mehr  so  viel  Holz  erhalten  konnten,  als  sie  zu  den  ihnen  nöthigen
Kohlen  bedurften.  Denn  trotzdem  sie  sich  entschlossen  „Stöcke“  zu  verbrauchen,
  beschränkte  fast  jede  Verfügung  des  Landesherrn  den  Bezug
des  billigen  Brennmateriales,  und  mit  dem  Stillstand  des  Hammers
trat  gleichzeitig  auch  der  Stillstand  der  ihn  versorgenden  Eisensteingruben
  ein.

—.  —

 

*)  H.  Igcobi,  Von  der  erzgebirgischen  Eisen-Industrie.  Glückauf  eitschrift)
  1888,  Nr.  4.  zaebirgisch  8
        <pb n="600" />
        —  592  —

Im  Jahre  1862  baute  man  auf  18  Obergebirgischen  Zechen
108  000  Centner  Eisenerze;  doch  schon  1863  nur  74  000  Centner
und  1865  nur  66  000  Centner.  Die  Eisenerzgewinnung  sank  bis
auf  27000  Centner.  Im  Jahre  1871  waren  auf  Eibenstocker  und
Johann-Georgenstädter  Revier  nur  4  Zechen  im  Freiverbau,  während
29  auf  Zubuße  bauten  und  die  Erzgewinnung  auf  12  000  und
186000  Centner  gesunken  war.  Dieselbe  stieg  Ende  der  70er  Jahre
wieder  auf  28  000  bis  30  000  Centner.  1882  wurden  25  000  Centner
Magneteisenstein  gewonnen,  1883  17600  Centner.  Von  1884  bis  1888
war  die  Erzproduction  auf  Neue  Silberhoffnung  Fundgrube  bei  Raschau
von  1425  Tonnen  auf  450  Tonnen  herabgegangen;  auf  Rothem-Adler-Stolln
  bei  Rittersgrün  von  2200  Tonnen  auf  710  Tonnen;
auf  Glücksburg  am  Rehhübel  von  20  Tonnen  auf  86  Tonnen  gestiegen;
  Gottes  Geschick  bei  Raschau  gab  1884  noch  611  Tonnen;
Christoph  =  Fundgrube  bei  Breitenbrunn  sank  von  433  Tonnen  auf
10  Tonnen.  Dagegen  förderten  die  neuen  Eisensteingruben  Vereinsglück
  bei  Schedewitz  1887  890  Tonnen,  Vorsicht-Fundgrube  bei
Cainsdorf  2017  Tonnen.  Die  noch  1871  in  voller  Ausbeute  befindlichen
  Gruben  Gesegnete  Bergmannshoffnung  bei  Unterblauenthal,
Heinrich-Stolln  an  der  Hoffnung,  Sosaer  Glück  und  Friedrich-August-Stolln,
  Himmelfahrt  Christi  am  Gerstenberge,  Johannes-Fundgrube
und  Lorenz-Fundgrube  am  Rehberge,  Morgenstern,  Rohnert-Fundgrube
  am  Bucker  Berge,  Riesenberg  tiefer  Erbstolln  und  Frisch  Glück
am  Graul  haben  seitdem  alle  den  Betrieb  eingestellt.  Nur  am  Magnetenberge
  und  bei  Erla  sind  noch  einige  Zechen  im  Gange.

Schon  Albinus  schreibt  (II.  134):  „Erstlich  hat  man  viel  Eisenhammer
  nicht  weit  von  dem  Dorfe  Pela.  Eisensteingruben  auf  der
Burkhardsleithe.  Das  andere  Eisenbergwerk  ist  zwischen  Raschau  und
Grünhain;  dies  nennt  man  auf  dem  Memmler,  andere  schreiben
Emmler.“  —  Der  Bergbau  bei  Raschau  wird  schon  1316  erwähnt;
der  Eisenhammer  in  Raschau  urkundlich  1402.  In  Lößnitz  bestand
ein  Hammerwerk,  und  in  Steinbach  soll  um  1400  auch  schon  ein
Hammerwerk  im  Gange  gewesen  sein.  Das  Tännicht  bei  Elterlein
wurde  1500  von  Kaspar  Klinger  als  Hammerwerk  angelegt.  Am
Pöhlbache  unter  dem  Fichtelberge  lagen  der  Rothe  Hammer  und  der
Schlösselhammer,  an  der  Preßnitz  der  Christophshammer,  Ober-,  Mittelund
  Nieder-Schmalzgrube  (Schmiedeberg),  sowie  „das  Werkel“  unterhalb
  Steinbach;  an  der  Zwönitz  der  Thalheimer  und  der  Einsiedler
Hammer  und  ganz  im  Osten,  an  der  Natzschkau,  Einsiedel-Sensen-Hammer;
  ganz  im  Westen  auf  der  Südseite  des  Gebirges  Höllhammer
(Klingenthal).

Die  Hammerwerke,  welche  im  ersten  Viertel  des  16.  Jahrhunderts
        <pb n="601" />
        —  593  —

von  den  Herren  von  Elterlein  angelegt  worden  sind,  nannte  man
lange  Zeit  hindurch  die  „Elterleiner  Hämmer“.  Zu  diesen  gehörte
der  Pfeilhammer  und  der  Pöhlhammer  (später  Siegel's  Hammer)
zu  Pöhl,  der  doppelte  Hammer  zu  Rittersgrün  (später  Schmertzing's
Hammer  und  Arnold's  Hammer),  der  rothe  Hammer  an  der  Miepe
(später  Löwenthalhammer,  Wolfshammer,  dann  Ober-Mittweidaer
Hammer),  der  Hammer  zu  Elterlein,  der  Drahthammer  zu  Mittweida.
Außer  diesen  bestanden  der  Hammer  zu  Wildenau,  sodann  am  Schwarzwasser
  der  1640  von  Caspar  Wittich  gegründete  Hammer  Wittichsthal,
  der  1570  von  böhmischen  Exulanten  errichtete  Hammer  Breitenhof,
der  Kugelhammer  (später  Erlahammer),  der  Hammer  in  Pfannenstiel.
An  der  Bockau  lag  der  1598  gegründete  Hammer  Wildenthal,  an  der
Wiltzsch  der  1676  (oder  1678)  erbaute  Hammer  Carlsfeld,  weiter
östlich  die  schon  im  15.  Jahrhundert  im  Betrieb  befindlichen  Hammerwerke
  Morgenröthe  und  Tannebergsthal;  an  der  Mulde  der  obere
Muldenhammer  (später  Ficker's  Messing=  und  Eisenhammer  genannt),
das  Hammerwerk  Rautenkranz,  der  Blechhammer  unter  Schönheide
(war  vor  1615  nur  ein  „Stabhämmerlein"),  der  andere  Muldenhammer
  (wahrscheinlich  der  älteste  aller  Muldenhammer;  er  soll  schon
von  den  Sorbenwenden  angelegt  worden  sein  und  wurde  auch  deshalb
der  Windische  Hammer  oder  Windischthal  genannt,  im  16.  Jahrhundert
jedoch  der  Hammer  unter  Eibenstock);  ferner  das  1614  errichtete
Hammerwerk  Schwefelhütte  (später  Neidhardtsthal),  Hammer  Wolfsgrün,
  Hammer  Ober-Blauenthal,  Hammer  Unter-Blauenthal  (1510
gegründet),  der  Auerhammer.  Nächstdem  waren  noch  1779  im  Gange
Kühnheide,  Hammer  Unterwiesenthal  und  Schlössel,  an  der  Zwota  der
Hammer  Zwodtenthal.

Aus  dieser  stattlichen  Anzahl  von  Hammerwerken  läßt  sich  ein
Rückschluß  auf  den  Umfang  der  Eisenindustrie  ziehen,  wenngleich  auch
nur  Wasser=  und  Menschenkraft  angewendet  und  Holzkohlen  verfeuert
wurden.

Die  innere  Einrichtung  dieser  Hammerwerke  war  sehr  übereinstimmend.
  Ein  Hohofen,  4  bis  höchstens  7  m  hoch,  1¼  bis  1½  m
im  Bauche  weit  (also  von  sehr  geringen  Ausmaßen),  mit  einem  durch
Wasserkraft  getriebenen  Gebläse  diente  zur  Schmelzung  der  Eisenerze.
Der  Hohofen  wurde  gewöhnlich  täglich  zwei  Mal  abgestochen;  ein
Gang  wog  12  bis  16  Centner.  Der  Hammer,  ebenso  wie  das  zum
Heerd  (oder  Hammerfeuer)  gehörige  Gebläse,  durch  Wasserkraft  in
Bewegung  gesetzt,  5  Centner  schwer,  schlug  das  gewonnene  Eisen  zu
einer  homogenen  Masse,  indem  die  Schlacken  aus  demselben  herausgetrieben
  und  Eisenstücke  hergestellt  wurden,  welche  man  nachher  zu
Stangen  von  beliebiger  Stärke  und  Länge  ausschmiedete.

38
        <pb n="602" />
        —  594  —

Zu  jedem  Hohofen  gehörten  sechs  Arbeiter:  ein  Steinpocher,  zwei
Aufgeber,  zwei  Hohöfner,  ein  Schlacken-  oder  Wascheisenpocher.  Bei
einem  Stabhammer  oder  Frischfeuer  arbeiteten  der  Frischer,  der  Vorschmied,
  zwei  Pursche,  ein  Junge;  bei  jedem  Blechfeuer,  wo  das  Eisen
zu  Blechen  geschmiedet  wird,  sieben:  der  Blechmeister,  der  Ausgleicher,
der  Heerdschmied,  der  Urweller,  der  Lehrknecht,  zwei  Kölbelaufgeber.
Im  Zinnhause,  wo  das  Blech  verzinnt  wird,  der  Meister,  drei  Gesellen,
  ein  Junge,  vier  Wischweiber.  Das  Verzinnen  der  Eisenbleche
war  seit  1620  in  Aufnahme,  obgleich  es  Agricola  schon  kennt.  Außerdem
  braucht  jedes  Hammerwerk  noch  einen  Kohlenbrenner  und  vier
Tagelöhner.  (Peck.)

„Es  wird  auf  diesen  und  anderen  Hammerwerken"“,  sagt  Engelschall
  in  der  Chronik  von  Johann-Georgenstadt  (S.  286)  „der  vorräthige
  Eisenstein  im  Hohenofen  vermittelst  des  Gebläses  geschmelzt,
und  wenn  der  Heerd  voll  lauteres  Eisen  mit  einer  eisernen  Stange
ein  Loch  in  Vorheerd  gemacht,  worauf  das  lautere  Eisen  in  die  hierzu
gemachte  Form  oder  Leisten  läuft.  Das  heißt  ein  Gantz.“

„Aus  dergleichen  wird  Stabeisen  geschmiedet.  Wenn  das  Eisen
nicht  mehr  so  lauter,  wird  es  ausgebrochen  und  zu  Theilen  von
1⅜4  Centner  gehauen.  Diese  nimmt  der  Blechmeister  über,  macht
sie  heiß,  zerschrotet  sie  und  macht  Stangen,  oder  er  zahnet  sie  (zieht
sie  aus).  Mit  einem  kleineren  Hammer  theilt  man  die  Stangen  in
Stücke,  welche  man  breitschmiedet,  in's  Feuer  legt,  wieder  streckt
(„gleicht")  und  das  wiederholt,  bis  sie  die  rechte  Breite  haben
Die  guten  Bleche  werden  verzinnt,  nachdem  sie  vorher  gerichtet,  beschnitten
  und  gebeizt  sind.  Man  verzinnt  100  Blatt  auf  einmal.
Darauf  werden  sie  sortirt.  Man  nennt  „Kreuz“  das  stärkste  Blech,
„Fuder“  das  mittle,  „Senkler“  das  schwächste  Blech  und  den  Ueberrest
„Ausschuß“.  «

In  Bezug  auf  die  Hammerschmiede  fügt  Engelschall  hinzu,  „daß
sie  ein  stark  und  dauerhaft  Volk,  so  von  ihrer  schweren  Arbeit,  worzu
nicht  geringe  Force  erfordert  wird,  herkommen  mag.  Sie  haben  die
Werkeltage  und  bei  ihrer  Arbeit  nichts  mehr  an  als  ein  Hembd  und
ein  Schurzfell,  und  weil  sie  immer  am  Feuer  stehen,  geht  viel  von
ihrem  Lohn  aufs  Getränke.  Daher  sie  in  den  Privilegiis  „unbändig
Hammervolk“  heißen;  es  ist  ihnen  aber  zu  dieser  Zeit  der  Muth
ziemlich  gefallen.“

Im  Jahre  1820  bestand  das  Hammerwerk  Tannebergsthal  noch
aus  1  Hohofen,  2  Stab-,  2  Frischfeuern,  2  Blechhämmern,  1  Zinnhaus,
  1  Drahtmühle  und  lieferte  gegen  4000  Waag  (80  000  kg)
Stabeisen  und  1000  Faß  Beleche.

Von  den  genannten  Hammerwerken  bestanden  1824  noch  zwanzig
        <pb n="603" />
        —  595  —

mit  15  Hohöfen,  1836  noch  achtzehn,  später  nur  zwölf,  von  denen
jedoch  der  größte  Theil  den  Hohofenbetrieb  eingestellt  hatte.

Das  eigenthümliche,  kleine,  aber  sehr  alte  Hammerwerk  in
Wildenau,  der  sogenannte  Schaufelhammer,  auf  welchem  mit  zwei
Maschinenhämmern  von  3  bis  4  Arbeitern  aus  altem  Eisen  u.  s.  w.
wöchentlich  im  Durchschnitt  3  Schock  sogenannte  Landschaufeln  verfertigt
  und  im  Hausirhandel  vertrieben  wurden,  erhielt  sich  bis  Mitte
1871,  wo  es  seinen  Betrieb  vollständig  einstellte.

Die  kleinen  Hammerwerke  konnten  überhaupt  die  Concurrenz  der
großen  neuen  Anlagen  nicht  aushalten,  besonders  seitdem  die  Steinkohle,
  deren  Transport  für  sie  zu  theuer  wurde,  in  den  Hohofenbetrieb
  eingeführt  war.  So  ging  denn  ein  Hohofen  und  Hammerwerk
nach  dem  anderen  ein;  die  Mehrzahl  mußte  ihren  Betrieb  ändern
und  andere  Industriezweige  annnehmen.

Im  Jahre  1886  bestanden  noch  2  Hohofen,  5  Stabeisenhämmer,
1  Schweißofen,  5  Gießereibetriebe,  1  Schwarzblechhammer,  1  Blechnagelfabrik,
  2  Fabriken  von  gestählten  und  ungestählten  Zeugwaaren.
Die  Weißblechfabrikation  hatte  seit  1862  vollständig  aufgehört.  Die
Roheisenerzeugung  war  auffallend  zurückgegangen,  trotzdem  der  Bezirk
so  reich  an  Eisenerzen  ist,  daß  dieselben  auf  Jahrhunderte  hinaus  den
Bedarf  gedeckt  hätten.

Die  vier  mit  Hohofenbetrieb  verbundenen  Eisenhüttenwerke  Morgenröthe
  mit  Rautenkranz,  Schönheider  Hammer,  Erlahammer  und
Pfeilhammer  behaupteten  Anfang  der  70er  Jahre  noch  ihren  Hohofenbetrieb
  mit  Holzkohlenfeuerung;  aber  die  Production  derselben  war
bedeutend  gesunken,  ja  ihr  Betrieb  wurde  von  den  Besitzern  als  eine
Last  empfunden,  von  welcher  sie  sich  noch  nicht  hatten  befreien  können.
Die  Hohöfen  waren  1871  nur  3,  5,  7  und  8  Monate  im  Betriebe;
1872  nur  Pfeilhammer  und  Schönheider  Hammer;  1873  und  1874
nur  Erlahammer  und  Morgenröthe;  1875  nur  Morgenröthe.  Nach
einjährigem  Stillstand  setzten  1877  zwar  Erlahammer  und  Morgenröthe
  ihre  Hohöfen  wieder  in  Brand,  aber  nur  auf  Wochen;  endlich
ließ  1879  Erlahammer  auch  seinen  wiederholt  in  Gang  gesetzten  Hohofen
  kalt  werden.

Dagegen  stellten  diese  Werke  aus  Cupol=  und  Flammenöfen  verschiedene
  Gußwaaren  her:  Morgenröthe  Glockenschaalen  zu  Signalapparaten
  und  Schlagwerken  mit  einer  bis  dahin  noch  nicht  erreichten
Ausdauer  und  Reinheit  des  Tones;  Erlahammer  und  Schönheide
emaillirte  Gußwaaren  (Kochgeschirre,  Krippen  u.  s.  w);  Schönheide
(leit  1866)  Eisen=  und  Stahlfaconguß;  Erlahammer  Achsen  und  Zeugeisen;
  Erlahammer,  Rautenkranz  und  Wildenthal  Stabeisen  und  Zeugwaaren;
  Erlahammer  und  Rautenkranz  Schwarzbleche  (gegen  2000

387
        <pb n="604" />
        —  596  —

Centner);  Wildenthal  Blechnägel.  Wildenthal  ging  nach  den  Bränden
von  1870  und  1873  ganz  ein.  Neidhardtsthal  war  kurze  Zeit
Maschinenfabrik.

Aber  die  Eisenindustrie  des  sächsischen  Erzgebirges  erlitt  1873
einen  starken  Rückschlag,  von  welchem  sie  sich  erst  Anfang  der
80er  Jahre  wieder  erholen  konnte.  Von  den  Hammerwerken  hatte
Erlahammer  nur  noch  4,  Schönheide  und  Morgenröthe  nur  2,  Pfeilhammer
  und  Unter-Blauenthal  nur  je  1  Copulofen  im  Gange,  und
sehr  langsam  wendete  sich  der  Kampf  mit  ungünstigen  Handels=  und
Zollverhältnissen  zum  Besseren,  besonders  seitdem  sich  die  Qualität
des  inländischen  Eisens  steigender  Anerkennung  versichert  hatte.  Die
Werke  gingen  zum  Gusse  von  Maschinen=  und  Kleineisentheilen  über.
Morgenröthe  und  Schönheide  liefern  im  Jahre  über  400  000  Centner
Maschinentheile,  5000  Centner  Hartgußwaaren,  35000  Centner  getemperte
  Gußwaaren,  260  000  Centner  sonstige  Gußwaaren  (Oefen,
Theile  von  Nähmaschinen,  Velocipeden  u.  s.  w.).  Dieselben  verschmelzen
ungefähr  100  000  Centner  Roheisen  und  200  000  Centner  altes  Guß-,
Bruch=  und  Wascheisen.  Schönheide  ist  schon  seit  langen  Jahren  durch
die  Feinheit  seines  Gusses  bekannt.  Die  Fabrikation  von  schmiedbarem
  Eisen=  und  Stahlfacon-,  sowie  schweißbarem  Gusse,  welche  seit
etwa  20  Jahren  auf  dem  Hammerwerk  Schönheide  heimisch  ist,  hat
in  dem  letzten  Jahrzehnt  schwere  Kämpfe  durchzumachen  gehabt.  An
Gußstahl  und  schmiedbarem  Eisenguß  fabricirt  Schönheide  über  6000
Centner,  an  emaillirten  Geschirren  über  1200  Centner.

In  Schönheide  hatte  sich  um  1700  die  Schwarz=  und  Weißblechfabrikation,
  und  im  Zusammenhange  hiermit  in  Eibenstock  und
Dorf  Schönheide  die  Röhrenschieberei  und  Klempnerei  bedeutend  entwickelt.
  Nach  dem  siebenjährigen  Kriege  wurde  der  Hohofenbetrieb
vergrößert  und  vervollkommnet,  die  Schwarzblechfabrikation,  sowie  die
Stab=  und  Zain-Eisenfrischerei  erweitert  und  die  Anfänge  gemacht,
das  Roheisen  durch  Heerdguß  zu  gewinnen.  Die  Napoleonischen
Kriege  brachten  das  Hammerwerk  jedoch  ganz  herunter;  1827  war
es  Ruine.  C.  Edler  von  Querfurt,  der  neue  Besitzer,  widmete  der
Wiederherstellung  des  Werkes  alle  Kräfte,  so  daß  es  nach  einem
Jahrzehnt  wieder  vollständig  leistungsfähig  war.  Das  Anfang  der
60er  Jahre  errichtete  Puddlings-Walzwerk  wurde  1863  aufgegeben,
dagegen  Mitte  der  70er  Jahre  ein  Eisen=  Emaillirwerk  errichtet,
sowie  nach  jahrelangen  Versuchen  und  Anstrengungen  die  schwierige
Fabrikation  des  schmiedbaren  und  schweißbaren  Eisengusses  und  des.
Stahlfacongusses  eingeführt.  Mit  diesem  trat  Schönheide  in  Sachsen,
vielleicht  wohl  in  ganz  Deutschland  zuerst  auf.

Das  Eisenhüttenwerk  Schönheide  beschäftigt  gegenwärtig  gegen
        <pb n="605" />
        —  597  —

400  Arbeiter.  Der  Hauptbetriebszweig  ist  die  Fabrikation  schmiedbaren
  Eisen=  und  Stahlfacongusses,  sowie  schweißbaren  Gusses  in  den
patentirten  Schmelz=  und  Temperöfen.  Es  werden  täglich  20  bis
24  Oefen  geschmolzen  (24,000  Centner  Jahresproduction).  Zum  Entkohlen
  des  rohen,  schmiedbaren  Gusses  dienen  10  gewöhnliche  und
2  patentirte  Temperöfen.  Es  werden  die  verschiedensten  Maschinen-,
Wagen-,  Schlossereitheile,  sowie  Maschinen-Klein=  und  Feinguß  gefertigt.

Die  nächstgrößte  Branche  ist  die  des  Graugusses;  drei  Cupolöfen
neuesten  Systems  sind  im  Gange  und  liefern  täglich  250  bis  280
Centner  Guß,  und  zwar:  Stuben-,  Wirthschafts=  und  Reguliröfen,
Wasserpfannen,  Kessel,  Bau=  und  Maschinenguß  aller  Art  u.  s.  w.
Eine  besondere  Gießerei  fertigt  Roststäbe  —  600  bis  750  Doppelcentner.


In  den  mit  Verzinnerei,  Verzinkerei,  Schmirgel=  und  Poliranstalt
verbundenen  Maschinenwerkstätten  werden  eine  Masse  von  Artikeln  zum
Versenden  fertig  gestellt.  Drei  große  Wasserräder  von  je  150  bis
180  Pferdekräften  geben  die  erforderliche  Betriebskraft.

Das  Enmaillirwerk,  welches  seit  1865  besteht,  liefert  emaillirte
Pfannen,  Kessel,  Tornister,  Küchenausgüsse,  Pferdekrippen,  Sautröge
  u.  s.  w.  besonders  nach  dem  neuen  Emaillirverfahren  in  ganz
vorzüglicher  Beschaffenheit.  «

In  der  galvanischen  Anstalt  werden  Eisentheile  vermittelst  des
galvanischen  Stromes  in  besonderen  Metallbädern  mit  Ueberzügen
von  Kupfer,  Messing,  Nickel  oder  Zinn  versehen.

Bedeutende  Erweiterungs=  und  Neubauten  haben  in  jedem  Jahre
stattgefunden.  (Mittheilungen  von  Hr.  H.  Edlen  von  Querfurt.)

Die  Eisen-,  Frisch=  und  Streckwerke  zu  Erlahammer  und  Rautenkranz
  liefern  jährlich  gegen  17000  Centner.  Erlahammer,
welches  früher  Kugelhammer  genannt  wurde,  weil  es  vorwiegend
Artilleriegeschosse  lieferte,  war  schon  Anfang  dieses  Jahrhunderts  durch
seine  Stahlerzeugung  berühmt  und  besitzt  heute  noch  die  Eisenzechen
am  Rothenberge,  welche  durch  ihren  Rotheisenstein  und  Glaskopf  bekannt
  sind.  1770  wurde  der  Drahtzug  angelegt,  welcher  39  Sorten
Draht  hauptsächlich  aus  Eisen  von  Breitenhof,  Rittersgrün  und  Wiesenthal
  herstellte.  1780  wurde  vortrefflicher  Stahl  gewonnen.  Man
machte  auch  viel  gegossene  Waare,  Oefen,  Krummzapfen  u.  s.  w.
Gegenwärtig  beschäftigt  Erlahammer  bei  der  Schweißeisenfabrikation
3  Frischfeuer  und  2  Schweißfeuer.  Es  werden  daselbst  Stabeisen,
Zeugwaaren,  Wagenachsen,  Maschinentheile,  Eisenguß=  und  Stahlguß-=waaren,
  emaillirte  Geschirre,  Schwarzbleche  u.  s.  w.  gefertigt.

Im  Jahre  1887  begründete  das  Hammerwerk  Erla-Pfeilhammer
        <pb n="606" />
        —  598  —

in  Wittigsthal  bei  Johann-Georgenstadt  eine  Fabrik  von  schmiedbarem
Eisen=  und  Stahlfaconguß.

v  Nach  den  Berichten  der  Handels=  und  Gewerbekammer  Plauen
verarbeiteten  die  Hammerwerke  Schönheide  und  Morgenröthe  in  den
Jahren  1886,  1887  und  1888  im  Gießereibetriebe  aus  zweiter
Hand  2518  000  kg,  2  704  000  kg  und  3  853  000  kg,  aus  welchen
1  631  000  kg,  1  805  000  kg,  2  845  000  kg  Gußwaaren  hergestellt
wurden.

Unter  den  alten  Familien  der  Hammerherren  stehen  die  Elterlein
oben  an;  doch  sollen  die  Siegel  schon  um  1400  Eisenhämmer  oder
Rennfeuer  an  der  Pöhl  und  dem  Schwarzwasser  gehabt  haben  und
als  „baulustige  Bergleute  und  hammerverständige  Männer“  bekannt
gewesen  sein.  Ferner  nennt  man  die  Gottschald  auf  dem  Wildenthaler
  und  Muldener  Hammer,  die  Müller  von  Berneck  auf  Breitenhof,
  die  um  1650  eingewanderten  Niederländer  Uttenhofen  auf  Unter-Morgenröthe,
  die  Kleinhempel  auf  dem  Rittersgrüner,  die  Arnold
auf  dem  Mittweidaer  Hammer,  die  Klinger  auf  dem  Tännicht,  die
Pistorius  auf  Schmalzgrube  u.  A.  m.  Die  Mehrzahl  dieser  Familien
ist  jedoch  nicht  mehr  im  Obergebirge  angesessen.

78.  Lauter.  Schwarzenberg.  Naschau.

Das  im  Allgemeinen  nach  Südost  gerichtete  Thal  des  Schwarzwassers
  bildet  im  großen  Bogen  zwischen  Aue  und  Lauter  ein  enges,
von  bis  zu  200  m  hohen  Abhängen  eingefaßtes  Waldthal,  in  welchem
die  Eisenbahn  den  einzigen  durchgehenden  Verkehrsweg  bildet,  abgesehen
  von  ein  Paar  hoch  oben  dahin  führenden  einsamen  Waldwegen.


Auf  der  Straße  nach  Schwarzenberg  gelangt  man  in  einer
Stunde  nach  dem  langausgedehnten  Dorfe  Lauter.  Von  den  Ende
des  vorigen  Jahrhunderts  im  Gange  befindlichen  Vitriolölbrennereien
ist  längst  keine  mehr  im  Gange.  Ebenso  ist  die  Vitriolölbrennerei  in
Beyerfeld  und  in  Geyer  gegen  Anfang  dieses  Jahrhunderts  zum  Erliegen
  gekommen.  Aber  schon  Schumann  sagt  (V,  423):  „Man
fertigt  hier  besonders  im  Winter  geflochtene  Arbeit  von  Weidenruthen
und  Spänen,  z.  B.  alle  Arten  von  Füllfässern,  Schlitten  -,  Wagen-,
Kohlen-,  Schiebock-,  Wäsch-,  Bett=  und  Arbeitskörben.  Die  hiesigen
Schlittenkörbe  stehen  im  Rufe  und  werden  weit  verfahren.“  Seitdem
hat  sich  in  Lauter  und  in  Bockau  die  Anfertigung  von  Spankörben
für  die  Ausfuhr  nach  Amerika,  England  und  Frankreich  entwickelt,
so  daß  sie  im  Sommer  gegen  600.  im  Winter  gegen  900  Menschen
        <pb n="607" />
        —  599  —

beschäftigt.  Man  fertigt  Emballagekörbe  für  Strohhüte,  Mützen,  für
Weintrauben-  und  Spargelversand,  für  Blumen  und  Kränze,  für
Putzmacherartikel,  wie  überhaupt  für  den  Postversand.  In  der  neuesten
Zeit  sind  die  feineren  Körbe  für  Haus  und  Wirthschaft,  Wäsche  2c.
weniger  gesucht  gewesen  als  die  geringeren  für  Post=  und  Eisenbahnversand.
  In  Lauter  und  Aue,  sowie  an  einzelnen  Orten  der  Umgebung,
  ist  in  einigen  kleineren  Etablissements  Malerei  auf  schlesische
Porzellane  im  Gange,  besonders  auf  begehrte  Gebrauchs=  und  Mittelwaare.
  6

Von  Lauter  führt  die  Straße  in  einer  Stunde  nach  Schwarzenberg.
  Vom  Jeremisberge  zwischen  Lauter  und  Neu  Welt  hat  man
eine  sehr  gute  Ansicht  des  Thales  gebirgsaufwärts.

In  dem  scharf  eingeschnittenen  Thale  des  Schwarzwassers  liegt
kurz  vor  Vereinigung  desselben  mit  der  großen  Mittweida,  auf  einem
schroff  nach  Osten  gerichteten  Bergvorsprunge,  Schloß  und  Stadt
Schwarzenberg  in  einer  breiten  Schleife  des  Schwarzwassers.
Ueber  der  Felsenklippe,  welche  in  der  neuesten  Zeit  ein  Tunnel  der
Eisenbahn  nach  Johanngeorgenstadt  durchbohrt,  liegt  das  alte,  vielfach
umgewandelte,  aber  an  interessanten  Bauwerken  arme  Schloß.  Es
soll  schon  im  10.  Jahrhundert  gestanden  haben,  wie  ganz  erklärlich
lange  vor  der  Stadt,  die  Straße  nach  Böhmen  beherrschend,  welche
„über  die  Platte“"  ging.  Die  Grafschaft  Schwarzenberg  soll  schon
950  bestanden  haben;  nur  wenig  später  die  Grasschaft  Hartenstein,
welche  in  einem  schmalen  etwa  55  km  langen  Streifen  bis  auf  den
Gebirgskamm  an  den  Kupferhübel  reichte.  Diese  gehörte  den  Burggrafen
  von  Meißen,  später  den  Schönburgen;  Schwarzenberg  im
11.  Jahrhundert  angeblich  einem  Grafen  Ziska.  Erst  Ende  des  14.
Jahrhunderts  kam  die  Herrschaft  Schwarzenberg  an  die  Burggrafen
von  Leisnig;  1481  an  die  Tettaus.  Das  Schloß,  dessen  alter  Thurm
wohl  aus  dem  12.  Jahrhundert  stammt,  ist  1433  durch  die  Hussiten
zerstört  und  erst  1555  umgebaut  und  das  obere  Stockwerk  in  Stein
aufgeführt  worden.  Nach  dem  Brande  1709  wurde  es  wieder  hergestellt,
  der  Thurm  niedriger,  die  Brücke  von  Stein.  Trotzdem  machen
die  hohen  Schloßgebäude  auf  der  das  Thal  überragenden  Felsenklippe
einen  landschaftlichen  Eindruck,  der  nur  durch  die  1690  erbaute  Kirche
massig  und  schwerfällig  wird.  Die  Befestigungen  der  an  das  Schloß
westlich  angelehnten,  ovalen  Stadt  sind  nicht  mehr  zu  erkennen.  Von
der  durch  die  Hussiten  zerstörten  über  drei  Ellen  starken  Stadtmauer
ist  kein  sicher  nachzuweisendes  Ueberbleibsel  da,  und  von  den  späteren
Befestigungen  läßt  sich  kaum  noch  der  Umriß  erkennen.

In  Schwarzenberg  besteht  seit  1884  eine  Erzgebirgische  Frauenschule,
  in  welcher  alle  für  den  Haushalt  nothwendigen  Arbeiten  —
        <pb n="608" />
        —  600  —

Nähen,  Stricken,  Wäschezuschneiden,  Kleideranfertigen,  Nähen  an  der
Nähmaschine,  Platten,  Putzmachen  —  gelehrt  werden.  Die  im  letzten
Jahre  von  50  Mädchen  besuchte  Anstalt  hat  es  sich  zur  Aufgabe  gemacht,
  ihre  Schülerinnen  als  Arbeiterinnen  oder  Dienerinnen  unterzubringen,
  sobald  das  Erlernte  nicht  in  der  eigenen  Familie  verwerthet
werden  kann.

An  beiden  Ausgängen  der  Stadt,  welche  zum  Schwarzwasserthale
  führen,  hat  man  frische,  lebendige  Landschaftsbilder  vor  sich,  besonders
  am  südlichen;  auf  der  Straße  nach  dem  Ochsenkopfe  gewinnt
man  am  Vorwerk,  besonders  aber  auf  der  Höhe  vom  Rackelmann
einen  interessanten  Ueberblick  nach  Ost  und  Südost.

Innerhalb  der  Schleife  des  Schwarzwassers  am  Fuße  des  Schlosses
liegt  Bad  Ottenstein.

Dicht  unter  dem  Rackelmann  liegt  Bermsgrün,  ein  durch  zugewanderte
  Blechschmiede  gegen  Ende  des  16.  Jahrhunderts  gegründeter
  Ort,  in  welchem  um  1840  =  72  Familien  wohnten,  welche  den
Namen  „Blechschmidt“  führten.  4  km  westlich  von  Schwarzenberg
ist  oberhalb  des  Vorwerkes  Henneberg  die  Morgenleithe;  Aussichtsgerüst
  mit  umfassender  Rundsicht.

Nordöstlich  von  Schwarzenberg  mündet  bei  Wildenau  die  große
Mittweida,  welche  die  gesammten  von  der  Mitte  der  Erzgebirgserhebung
nach  dem  Schwarzwasser  fließenden  Quellenbäche  in  ihrer  Wasserrinne
sammelt.  Das  Thal  der  Mittweida  hat  als  Parallelthal  zum  Gebirgskamme
  eine  Länge  von  10  km.  Bis  Markersbach  ist  es  nur
auf  der  Südseite  von  bedeutend  hohen  Abhängen  begrenzt,  welche  bei
Mittweida  bis  zu  150  m  ansteigen.

Von  diesem  dicht  besiedelten  Thale,  welches  gemeinhin  „die
Rasch“  genannt  wird,  berichtet  Schumann  (VIII,  759),  daß  „immer
noch  für  jedes  Haus  die  erstaunliche  Bevölkerung  von  11  bis  12
Köpfen“  sich  enge  zusammendränge.  „Da  sitzen  nicht  selten  10  und
mehr  Klöpplerinnen  (um  1820)  vor  einem  Hause,  ein  Haufen  Kinder
umschwärmt  sie“  „So  könnte  man  durch  das  Dorf  hindurch  300
Klöpplerinnen  und  mehr  zählen,  während  rasche  Hammerschläge  in
den  Häusern,  der  Rauch  aus  den  Nagelschmieden,  aus  den  Oleumhütten
  und  dem  Vitriolwerk  angeben,  womit  die  Männer  sich  beschäftigen.“
  „Es  ist  hier  eine  Industrie  und  ein  unverdrossener  Fleiß,  ein
Durcheinanderleben  und  Handeln,  wovon  der  Niederländer  auf  dem
Dorfe  sich  keinen  Begriff  machen  kann,  so  lange  er  nicht  hierher  oder
nach  Pöhl,  nach  Schönhaide  oder  nach  Beierfeld  kommt;  denn  diese
vier  Orte  möchten  es  wohl  allen  anderen  im  Gebirge  zuvor  thun.“

Weiter  oben  verflachen  sich  die  Thalwände  des  Scheibenbaches;
doch  sind  die  Verhältnisse  immerhin  sehr  gewaltig,  wie  die  bei  Mitt-
        <pb n="609" />
        —  601  —

weida  das  Nebenthal  überspannende  eiserne  Brücke  veraugenscheinlicht.
  Auf  acht,  einem  eisernen  Gerüst  ähnelnden  Pfeilern  schwebt
gewissermaßen  die  237  m  lange  Brücke  in  der  Höhe  von  37  m  über
dem  Thaleinschnitte,  einestheils  eine  interessante  Belehrung  über
Steigungs=  und  Neigungsverhältnisse  des  Gebirges  gebend,  anderntheils
  ein  bemerkenswerthes  Beispiel  für  Technik  und  Erfindung.

Von  besonderem  landschaftlichen  Reize  sind  die  Thäler  der  großen
und  kleinen  Mittweida;  das  erstere  von  Markersbach  an  gegen  14  km
weit,  bis  unter  den  hinteren  Fichtelberg  wegsam,  fast  auf  dieser
ganzen  Strecke,  von  100,  120  und  selbst  130  m  hohen,  bewaldeten
Abhängen  eingefaßt,  voller  großartiger  Ruhe,  die  nur  an  wenigen
Stellen  von  menschlichen  Ansiedelungen  unterbrochen  wird;  das  andere
kurz  oberhalb  des  Mittweidaer  Hammers  mündende  ist  über  6  km
weit,  ebenfalls  von  100  bis  130  m  hohen  bewaldeten  Abhängen  eingefaßt,
  ein  großartiges,  tief  stilles  Waldthal.

In  dem  sich  auenartig  verbreiternden  Thale  der  Mittweida  liegt
das  mit  2700  Menschen  besetzte,  stattliche  Dorf  Raschau  mit  der
ältesten  und  größten  Korkwaarenfabrik  des  Gebirges.  Schon  1855
wurde  die  Anfertigung  von  Flaschenkorken  aller  Arten  und  Größen
und  Korksohlen  in  Raschau  eingeführt,  1873  in  Bockau,  später  auch
in  Neustädtel  bei  Schneeberg  und  beschäftigt  gegenwärtig  in  Raschau
über  150  Arbeiter,  an  den  beiden  anderen  Orten  ungefähr  ebensoviel.
Vor  Zeiten  fand  man  in  der  Mittweida  (Miepe)  bis  Raschau  herab
sog.  Goldgranaten.

Da  wo  das  Pöhlwasser  bei  seiner  Vereinigung  mit  der  Mittweida
  eine  breite  Thalaue  durchfließt,  liegt  am  Ostfuße  des  sanften
Anhanges  der  Bärenstallung  das  freundliche  Grünstädtel,  oder  wie
es  vor  alten  Zeiten  hieß,  Dorfstädtel,  allem  Vermuthen  nach  eine
der  ältesten  Ansiedelungen  in  diesem  Theile  des  Gebirges.  Die  Nachrichten
  über  Grünstädtel  sind  spärlich.  Im  14.  und  15.  Jahrhundert
gehört  es  zu  Schwarzenberg.  Im  16.  Jahrhundert  ward  es  selbstständiges
  Kirchspiel  und  um  1550  gehörten  diesem  Breitenbrunn  und
Rittersgrün  (bis  1559),  Crandorf  (bis  1711)  zu.  Grünstädtel  war
ein  besuchter  Wallfahrtsort.  Von  dem  ehemaligen  Altar  der  h.  Anna
Minor  mit  Jesus  und  Maria  auf  dem  Arme  sind  noch  das  in  Holz
geschnittene  Mittelstück  mit  den  Figuren  vorhanden,  auch  die  Flügel
it  werthvollen  Bildern;  aber  seit  der  Reformation  bei  Seite  getellt.



Das  Thal  des  Kaffbaches  und  dessen  Nebenthäler  sind  außerordentlich
  besuchenswerth.  Breit  und  auenähnlich  bis  Siegelhof  macht
es  hier  eine  scharfe,  eng  gefaßte  Biegung  und  tritt  in  einem  Bogen
in  die  südöstliche  Richtung  zwischen  über  100  m  hohen,  von  Felsen-
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        —  602  —

klippen  und  Blöcken  verzierten  Waldabhängen  ein.  Die  Thalsohle
verbreitert  sich  in  Ober-Rittersgrün,  bis  wohin  die  Schmalspurbahn
von  Grünstädtel  führt.  Das  Hauptthal  steigt  nach  den  Tellerhäusern,
das  größte  Nebenthal  nach  Goldenhöhe,  ein  nicht  minder  schönes  von
der  Böhmischen  Mühle  nach  Halbmeil;  alle  drei  von  130,  140  und
selbst  150  m  hohen  Waldabhängen  eingeschlossen.  Von  Ober-Rittersgrün
  nach  Goldenhöhe  4  km.,  von  da  nach  Gottesgab  7  km,  von
Ober-Rittersgrün  nach  den  Tellerhäusern  7  km,  von  da  nach  der
Fichtelbergschenke  4  km,  von  Ober-Rittersgrün  auf  der  alten  Pöhlaer
Straße  nach  dem  rothen  Vorwerk  bei  Ober-Wiesenthal  14  km.  Dieser
einsame,  herrliche  Waldweg,  der  nur  unterhalb  der  Hirschpfalz  etwas
schwieriger  wird,  ist  ganz  besonders  schön.  Man  kann  aber  auch  am
Pöhlwasser  hinauf  gehen  bis  Zweibächen  und  von  hier  im  Thale  des
Höllbächels  nach  dem  Kreuzpunkte  mit  der  alten  Pöhler  Straße.  Die
Thäler  des  Luchsbaches,  Friedrichsbaches  und  Wernsbaches  mit  ihren
verschiedenen  Verästungen  bieten  ebenfalls  zahlreiche  herrliche  Punkte;
doch  nur  ein  Theil  derselben  ist  wegsam.

Die  Tellerhäuser  sind  1570  vom  Bergmann  Teller  gegründet
worden;  Groß-Pöhla  entstand  um  1600  als  Umgebung  des  Pfeilhammers,
  Rittersgrün  um  1670  am  Rothen  Hammer,  Globenstein
um  1700  auf  der  Stelle  alter,  nicht  mehr  benutzter  Pochwerke  und
Wäschen.  In  der  Bürstenhölzerfabrik  zu  Globenstein  werden  Wagenräder,
  Handwagen,  Schlitten,  Rundstäbe,  Rouleaux=  und  Besenstangen,
Kleiderbügel,  Klammern,  Kinderreifen,  Satz=  und  Postkisichen  in
großen  Mengen  gefertigt.

79.  Johanngeorgenstadt.

Von  Schwarzenberg  aus  tritt  man  oberhalb  Erlahammer  in  das
tief  eingeschnittene,  von  150  bis  180  m  hohen  Abhängen  und  Thalwänden
  begrenzte  Waldthal  des  Schwarzwassers,  in  welchem  der  Bach
lärmend  und  tosend  über  Geschiebe  und  Felsentrümmer  abwärts  eilt.
Gneis=  und  Glimmerschiefermassen  stehen  einander  bis  zur  Antonshütte
  gegenüber.  Hier  mündet  das  köstliche,  enge  Waldthal  des  Halsbaches,
  welches  bis  zum  Huthause  von  Unverhofft  Glück  im  hohen
Grade  besuchenswerth  ist.

Die  Antonshütte  wurde  1830  auf  Veranlassung  des  Oberberghauptmann
  Frhr.  von  Herder  angelegt,  um  die  geringhaltigeren  Erze
der  oberen  Reviere  zu  Gute  zu  machen,  da  die  Transportkosten  nach
Halsbrücke  zu  hoch  stiegen.  Ein  Ofen  und  drei  Amalgamirfässer
lieferten  jährlich  3000  Mark  Silber,  40  Ctr.  Kupfer  und  25  Ctr.
        <pb n="611" />
        —  603  —

Nickelspeise.  Ein  gußeisernes  Wasserrad  von  ca.  9  m  Durchmesser
setzte  ein  großartiges  Cylindergebläse  in  Gang,  dessen  Luftstrome  ein
starker  Mann  kaum  Widerstand  leisten  konnte.  Mit  dem  Rückgange
des  Silberbergbaues  kam  auch  die  Hütte  zum  Stillstand.  Später
entstand  daselbst  eine  Schuhleistenfabrik  und  eine  der  vielen  im  oberen
Gebirge  die  Wasserkraft  ausnutzenden  Holzschleifereien.  Dieselbe  ging
später  zur  Holz=  und  Lederpappenfabrikation  über  und  ist  gegenwärtig
eine  große  Papierfabrik.  Seit  dem  Eingehen  der  Hütte  hat  das.
Oertchen  den  Namen  Antonsthal.  «

Der  Magnetenberg  erhebt  sich  steil  auf  der  Westseite  des  Thales
und  wird  in  etwa  40  m  Höhe  oberhalb  der  Thalsohle  von  dem
2  km  weiter  aufwärts  abgeleiteten  Mühlgraben  umfaßt.  Längs  desselben
  führt  ein  schöner  Weg  mit  einzelnen  freien  Ausblicken  nach
dem  Thale  und  den  gegenüberliegenden  Abhängen  und  Felsenklippen
der  Wilden  Taube  und  des  Zechenhübels  hin.  Der  prächtige  Weg
wird  aber  beinahe  von  der  Thalwanderung  an  landschaftlicher  Schönheit
  übertroffen.  Das  Seitenthal  des  Fällbaches  ist  etwa  ¼  Stunde
weit  hinauf  höchst  besuchenswerth;  ebenfalls  ein  prächtiges,  enges
Waldthal.  .  «"

Etwa  4  km  aufwärts  von  Antonsthal,  8  km  von  Schwarzenberg,
  biegt  sich  das  nach  Nord  gerichtete  Schwarzwasserthal  scharf
westlich  ab.  Das  Thal  erscheint  hier  als  eine  nach  Südost  ausgebogene,
  verhältnißmäßig  sanfte  Mulde,  in  welcher  das  große,  lang
und  breit  ausgedehnte  Dorf  Breitenbrunn  gegen  Ost  ansteigt.  Unterhalb
  des  Dorfes  liegt  das  Hammerwerk  Breitenhof;  oberhalb  der
Kirche,  auf  dem  nördlich  gelegenen  Tellerfelsel  hat  man  einen  guten
Einblick  in  das  Rittersgrüner  Thal  mit  seinen  Nebenthälern,  Fichtelberg
  und  Keilberg  im  Hintergrunde.

Wenig  über  2  km  westlich  von  Breitenbrunn  mündet  der  Goldsand
  führende  Steinbach.  Die  Bärenzeche  am  Auersberge  war  noch
1501  in  ergiebigem  Betriebe  auf  Gold.  Das  Thal  des  Steinbaches
ist  ein  stilles,  enges  Waldthal,  von  nahezu  5  km  Länge  bis  Steinbach.
  In  diesem  ist  die  Klippe  des  Teufelsteines  besonders  bemerkenswerth.
  „Der  Fels  hat  die  Gestalt  einer  alten  Burgruine
er  steigt  zu  beträchtlicher  Höhe  auf.  hat  mehrere  senkrechte  Spalten
und  viele  viereckige,  säulenförmige  Felsmassen.“"  (Schumann  XI,
659.)  Von  der  Rückseite  kann  er  bestiegen  werden  und  bietet  einen
interessanten  Einblick  in  das  Thal.

Von  der  Mündung  des  Steinbaches  bis  zum  Felshause  aufwärts
  strömt  das  Schwarzwasser  wieder  durch  ein  enges,  dicht  bewaldetes,
  tiefes  Thal.  Hier  liegt  der  von  Grundig  (1752)  angeführte
„Semmelstein“,  welchen  Lindner  (1846)  „die  Hefenklöse“  nennt,  eine
        <pb n="612" />
        —  604  —

großen  Wollsäcken  ähnlich  aufgethürmte  Granitpartie,  deren  grob—
körnige  Säulen  und  Blöcke  durch  senkrechte  Klüfte  getheilt  und  durch
waagerechte  Querschnitte  noch  weiter  zerlegt  werden.

Alle  diese  Thalstrecken  sind  von  bedeutender  landschaftlicher  Schönheit
  und  reich  an  wechselnder  Gestaltung.

Von  Breitenbrunn  nach  dem  Felshause  5  km,  nach  Wittigsthal
7  km,  durch  das  Steinbachthal  bis  zum  Teufelstein  und  von  da  nach
Johanngeorgenstadt  9  km.

Johanngeorgenstadt,  die  jüngste  Stadt  des  oberen  Erzgebirges,
  ist  seit  dem  letzten  Brande  freundlich  aus  den  Trümmern
erstanden.  Man  wird  unwillkürlich  zum  Vergleich  mit  dem  aufgefordert,
  was  Lehmann  (1656)  sagt:  „Wer  vor  40  Jahren  den  wilden
Wald  gesehen,  da  itzo  die  ziemlich  volkreiche  Bergstadt  Johanngeorgenstadt
  angebaut  ist,  der  mag  sich  wohl  wundern,  daß  die  Stadt  innerhalb
  10  Jahren  mit  Mauern  und  Gräben  versehen,  mit  stattlichen
Häusern  erbaut  und  von  einer  so  volkreichen  Gemeinde  bewohnt  sei“.
Vorher  waren  auf  dem  rauhen  Berge  nur  einzelne  Häuser,  Wildzäune
und  Wälder.

„Anno  1654  den  1.  Mai,  des  Schnees  wegen  nicht  eher,  Zuweisung
  der  Baustätten,  wobei  der  Schulmeister  zu  Schwarzenberg
Zacharias  Georgi  die  Stadt  und  eines  Jeden  Stelle  abziehen  mußte.
Die  erste  Thürschwelle  wurde  den  10.  Mai  gelegt  ..  Die  erbauten
Häuser  sind  damals  schlecht  conditionnirt  gewesen  .  es  hatten  einige
bis  in  acht  Jahren  lang  keine  Fenster““).  1657  wurde  die  Kirche
eingeweiht.  1664  begann  der  Bau  des  Rathhauses.  Dasselbe  hatte
auf  der  Mitte  des  Daches  ein  Thürmchen  und  an  der  vorderen  Kante
desselben  zwei  kleine  Erker.  Das  Haus  war  Holzbau  mit  Balkenverschränkung,
  das  Dach  mit  Schindeln  gedeckt.  So  waren  fast  alle
Häuser  hergestellt.  1666  erhielt  das  Rathhaus  eine  Uhr  (für  130
Thaler).  „Sonsten  ist  auch  dieses  Uhrwerk  dergestalt  gefertigt,  daß
außen  bei  den  Zeigern  oben  zwei  Böcke  stehen,  darunter  aber  ein
Bergmann.  Beim  Schlagen  der  Viertel  stoßen  die  Böcke  aneinander,
bei  dem  Stundenschlage  nimmt  der  Bergmann  den  Schachthut  ab,
zählt  mit  dem  Munde  und  giebt  die  Zahl  der  Schläge  mit  der  in
seinen  Händen  befindlichen  Wünschelruthe  an.“

Die  ersten  Ansiedler  hatten  sich  schon  1652  am  Fastenberge
niedergelassen;  1653  folgte  die  große  Masse  der  aus  Platten,  Gottesgab
  u.  s.  w.  vertriebenen  Bergleute,  welche  trotz  der  1646  vertragsmäßig
  zugesagten  völligen  Religionsfreiheit  allen  Kränkungen  und

*)  Engelhardt,  Beschreibung  der  Exulanten=  und  Bergstadt  Johanngeorgenstkadt,
  1723.
        <pb n="613" />
        —  605  —

Verfolgungen  ausgesetzt  blieben  und  zuletzt  noch  den  Befehl  erhielten,
entweder  römisch-katholisch  zu  werden  oder  auszuwandern.  Johanngeorgenstadt
  zählte  schon  wenige  Jahre  nach  seiner  Gründung  gegen
2000  Bewohner?).

Wer  die  große,  rauchende  Trümmerstätte  vom  22.  August  1867
gesehen  hat,  staunt,  wie  trotz  aller  Verluste  und  Schwierigkeiten  die
Stadt  in  wenigen  Jahren  freundlich  und  wohlhäbig  wieder  aufgebaut
ist.  Von  der  ganzen  Stadt  standen  nur  noch  einzelne  Häuser  an
den  äußersten  Enden.  Gegen  330  Brandstellen  bildeten  eine  große
Trümmerstätte,  über  welche  Mauerreste,  stehengebliebene  Thür=  und
Fenstergewände,  einzelne  Schornsteine  u.  s.  w.  aufragten.  Die  Bewohner
  waren  nach  den  Nachbarorten  geflüchtet,  und  die  Wenigen,
welche  auf  den  rauchenden  Trümmern  ihrer  Habe  umher  irrten,  suchten
noch  Einzelnes  aus  Schutt  und  Asche  zu  retten.

1874  zählte  die  Stadt  wieder  384  Häuser  mit  4200  Bewohnern.


Der  Bergbau,  welcher  zur  Besiedelung  dieser  Gegend  den  Anstoß
  gegeben  hatte,  wurde  1883  nur  noch  auf  fünf  Zechen  auf  Silbererze,
  auf  12  Gruben  und  Stolln  auf  Eisenerze  betrieben.  Die  einst.
so  reichen  Ertrag  gebenden  Zechen  Neujahr,  Neujahrs  Maaßen,  Frisch.
Glück  und  Samuel  waren  schon  1718  liegen  geblieben,  zu  welcher
Zeit  auch  die  Schmelzhütte  auf  der  Jugel  eingegangen  ist.

Johanngeorgenstadt  wurde  seit  Anfang  des  Jahrhunderts  der
Sitz  der  Kunsttischlerei,  welche  gegenwärtig  zwei  größere  und  einige
kleinere  Werkstätten  hauptsächlich  für  die  Ausfuhr  betreiben.  Dieselben
beschäftigen  gegen  400  Arbeiter  (Tischler,  Metallarbeiter,  Graveure
und  Schlosser)  und  fertigen  Schreibekasetten,  Spielmarken-,  Cigarren-,
Thee-,  Toiletten-,  Tabaks-,  Zucker-,  Arbeits=  und  Handschuh-Kasten,
Kasten  und  Kästchen  aller  Art,  Bretspiele,  Damenbreter  u.  s.  w.
in  Jacaranda,  Palisander,  amerikanischem  Ahorn,  mit  Ceder  und
Ahorn  innen  fournirt,  mit  eingelegten  und  ausgeschnittenen  Figuren
von  Perlmutter,  Neusilber,  Bronce,  mehr  oder  weniger  kunstvoll  beschlagen,
  in  Naturfarbe  oder  grau,  hell  oder  dunkel  gebeizt  oder
polirt.  Besonders  feinere  Arbeiten  sind  sehr  gesucht.  Der  Absatz
geht  nach  Holland,  Dänemark,  England,  Frankreich,  Rußland  und
Nordamerika.

Der  Schatullentischlerei  fehlte  es  in  der  letzten  Zeit  nicht  an
Aufträgen,  obgleich  sie  1887  durch  das  Ausbleiben  größerer  Bestellungen,
  und  1888  durch  die  gedrückten  Preise  leiden  mußte.  Der

*)  Fr.  Franke,  Zur  Gründungsgeschichte  von  Johanngeorgenstadt  u.  s.  w.
Schneeberg,  Goedsche,  1854.  asgesch
        <pb n="614" />
        —  606  —

Absatz  in  Europa,  wie  nach  Amerika,  hatte  sich  gegen  früher  nicht
unbedeutend  verringert,  und  nur  von  England  gingen  noch  mitunter
ansehnliche  Aufträge  ein.

In  der  neuesten  Zeit  ist  eine  ziemlich  bedeutende  Fabrik  von
Regulatorgehäusen  entstanden.

Ein  zweiter  Johanngeorgenstadt  eigenthümlicher  Fabrikationszweig
  ist  seit  1868  die  Anfertigung  von  Glacéhandschuhen.  Derselbe
entwickelte  sich  aus  der  seit  den  30er  Jahren  hier,  in  Bockau,  Schönheide,
  Pöhla  u.  s.  w.  bestehenden  Handschuhnäherei  in  wollener  und
baumwollener  Waare.  Gegenwärtig  ist  die  Handschuhfabrikation  auf
dem  Erzgebirge  eine  weit  ausgebreitete  Haus=  und  Fabrik-Industrie.
Außer  in  Johanngeorgenstadt  wird  sie  in  Eibenstock,  Platten,  Abertham,
  Bäringen,  Gottesgab,  Sonneberg,  Katharinaberg,  Neudeck  und
Joachimsthal  betrieben.  Das  Leder  wird  in  besonderen  Werkstätten
zugerichtet,  sodann  der  Handschuh  auf  der  Maschine  zugeschnitten  und
dann  von  den  Arbeiterinnen  genäht,  zum  Theil  in  Fabriken,  zum
Theil  im  Hause,  und  das  in  der  Mehrzahl.  Die  Handschuhe  werden
hauptsächlich  aus  spanischem  Lammleder  gemacht;  man  verwendet  aber
auch  Smasche,  d.  i.  zugerichtetes  Fell  von  todtgeborenen  Lämmern
und  zuweilen  auch  Roßleder.

Man  fertigte  hauptsächlich  Damenhandschuhe,  sogenannte  Josephinenhandschuhe
  ohne  Nath  an  der  Seite  und  3=  bis  10kuöpfige
Handschuhe  in  den  feinsten  Qualitäten.  Im  Jahre  1884  lag  die
Fabrikation  der  Glacêhandschuhe  sehr  darnieder;  doch  hat  sich  der
Geschäftsgang  seitdem  wieder  gehoben.  Die  böhmischen  Orte  arbeiten
hauptsächlich  für  Prag  und  Wien;  die  sächsischen  Fabrikanten  für  die
Ausfuhr  nach  Holland,  England,  Nord=  und  Süd-Amerika,  Australien.
Während  eine  Zeit  lang  viel  geringe  Waare  nach  dem  Auslande  versendet
  wurde,  ist  in  der  neueren  Zeit  das  Hauptgeschäft  in  den  besseren
  und  besten  Sorten.  Der  deutsche  Handschuh,  von  Lamm=  oder
Ziegenleder  oder  von  Smasche,  hat  einen  hohen  Ruf,  sowohl  in  Bezug
  auf  die  Güte  des  Leders,  als  in  Bezug  auf  die  Vortrefflichkeit
der  Arbeit.  Von  der  feinsten  Sorte  kann  ein  Paar  vierknöpfiger
Damenhandschuhe  um  eine  Haselnuß  gewickelt  und  in  eine  leere  Wallnuß
  verpackt  werden.

Im  Jahre  1887  waren  immer  noch  die  langen  vier=  und  mehrknöpfigen
  Handschuhe  vorherrschend  gesucht,  aber  fast  durchweg  nur  in
billigerer  Waare.  Nächst  diesen  erhielt  sich  die  Mode  für  tamburirte
Handschuhe,  zu  denen  noch  andersfarbige  Säume  und  Schichteln  getragen
  wurden,  auf  gleicher  Höhe;  auch  Stepphandschuhe  und  dänische
Handschuhe  waren  gesucht.  1888  arbeitete  die  Eibenstocker  Fabrik
nur  nach  den  Vereinigten  Staaten,  ausschließlich  lange,  fünf=  und
        <pb n="615" />
        —  607  —

mehrknöpfige  Handschuhe,  klagte  aber  bei  ausreichenden  Bestellungen
über  niedrige  Preise.  In  Johanngeorgenstadt  ging  es  anfangs  sehr
flott;  darauf  trat  aber  eine  Stockung  ein,  bei  welcher  Stepperinnen,
Knopfmacherinnen  und  Tamburirerinnen  am  meisten  leiden  mußten,
während  die  Handschuhnäherinnen  noch  volle  Arbeit  hatten.  Die
Mode  begehrte  mehr  Suede=  und  Chair-Handschuhe,  aber  die  Ausfuhr
  hatte  sich  um  das  Vorjahr  doch  nahezu  um  ein  Viertel  vermindert.


In  der  kleinen  Thalaue  im  Osten  der  Stadt  stoßen  die  Wasserläufe
  des  Schwarzwassers,  des  Breitenbaches  und  des  Jugler  Baches
zusammen.  Das  Thal  des  Schwarzwassers,  welches  eine  lange  Strecke
aufwärts  noch  eine  ziemliche  breite  Wiesensohle  besitzt,  und  auf  beiden
Seiten  von  bewaldeten  Abhängen  eingefaßt  ist,  wird  von  Bretmühl
an  zum  engen  Waldthale,  bis  oberhalb  Zwittermühle  das  Gebiet  des
Hochplateaus  erreicht  ist.  Von  Wittigsthal  bis  Zwittermühl  6  km;  von
da  bis  Seifen  3  km;  von  Seifen  bis  Gottesgab  7  km.  Das  Thal
des  Breitenbaches  ist  bis  Platten  ein  enges  Waldthal;  interessant  ist
der  Sattelübergang  nach  Bäringen.  Von  Wittigsthal  über  Streitseifen
und  Halbmeil  nach  der  Böhmischen  Mühle  bei  Rittersgrün  8  km;
von  Wittigsthal  nach  Platten  6  km;  nach  Bäringen  8  km.  Von
Johanngeorgenstadt  über  Jugel  und  den  Sattel  zwischen  Buchschachtelberg
  und  Scheffelsberg  nach  Hirschenstand  6  km;  von  Johanngrorgenstad
  über  Henneberg  und  Sct.  Johannes  nach  Ober-Wildenthal
  7  km.

30.  Vockau.  Eibenstock.  Schönheide.

In  Aue  vereinigt  sich  die  aus  Südwest  kommende  Mulde  mit
dem  aus  Süden  strömenden  Schwarzwasser.  Das  bedeutendste  Thal
des  westlichen  Erzgebirges  ist  das  Thal  der  Mulde,  an  dessen  Abhängen
  der  Fichtenwald  meist  bis  zur  Thalsohle  herabreicht.  Aus
der  breiten,  moorigen  Hochebene,  in  welcher  sie  von  dem  Quellenteiche
  der  rothen  Mulde  bei  Tannenhaus,  775  m,  und  der  weißen
Mulde  bei  Kottenheide  779  m  bis  unterhalb  Friedrichsgrün  fließt,
tritt  sie  in  ein  enges,  von  höher  und  steiler  werdenden  Abhängen
eingefaßtes  Waldthal  bis  gegen  Jägersgrün.  Von  hier  an  wird  die
erweiterte  Thalsohle  von  blumenreichen  Wiesen  geschmückt,  in  deren
Mitte  der  Fluß  in  zahllosen  Biegungen  und  Windungen  rauschend
dahin  schießt.  Groteske  Felsen,  Thürme  und  Bergsporen,  Blockanhäufungen,
  Riesenmauern,  ruinenartige  Gebilde,  Geröllhalden  u.  s.  w.
bilden  von  hier  an  die  Ausschmückung  herrlicher  Wald=  und  Thal-
        <pb n="616" />
        —  608  —

landschaft,  besonders  in  der  Thalenge  zwischen  dem  Einflusse  der
Wiltzsch  und  der  großen  Riedert,  an  dem  Flußknie  unterhalb  des  Rockensteines
  bei  Schönheide,  bei  Neuwerk,  und  zwischen  dem  Rechenhause
und  Auerhammer.  Fast  eben  so  schön  sind  die  auf  beiden  Seiten
einmündenden  Nebenthäler,  besonders  in  ihren  tiefer  eingeschnittenen
Absätzen:  die  kleine  Pyhra  vom  Floßteiche  bis  Tannebergsthal,  die
große  Pyhra  vom  Brücken=  oder  Pyhrenteiche  bis  zur  Mulde,  die
Wiltzsch  vom  Stabhammer  bis  zur  Mulde,  die  Große  Riedert,  die
Dönitz  vom  Gabe  Gottes  Stolln  bis  nahe  Eibenstock,  die  große
Bockau  fast  in  ihrem  ganzen  Laufe,  der  Sosabach  von  den  Lochhäusern
  bis  zur  Mulde;  auf  dem  linken  Ufer  nur  der  Silberbach
und  der  untere  Theil  des  Filzbaches.

Eine  der  schönsten  Wanderungen  im  westlichen  Gebirge  führt
längs  des  Floßgrabens.  Will  man  sie  in  ihrer  ganzen  Ausdehnung
machen,  so  beginnt  man  sie  bei  Ober-Schlema  am  Semmler  Stolln
und  geht  längs  des  Floßgrabens  um  den  Klosterberg  herum  bis  an
das  obere  Ende  von  Aue.  Der  5  km  lange  Weg  bietet  an  vielen
Stellen  herrliche  Ausblicke  in  das  Thal  der  Mulde  und  des  Schwarzwassers.
  Hier  schneidet  man  die  lange  Schleife  im  Nebenthale  des
Zschorlbaches  ab  und  geht  an  Auerhammer  vorbei  bis  zum  Floßgraben,
  an  welchem  man  auf  prächtigem  Wege,  anfangs  bis  zu  40  m
über  der  in  treppenförmigen  Absätzen  rauschend  und  schäumend  dahin
stürzenden  Mulde,  bis  zum  Rechenhause  (5  km)  geht,  wo  der  Floßgraben
  der  Mulde  entnommen  ist.

Kaum  1  km,  ehe  man  an  das  Schindlersche  Blaufarbenwerk  kommt,
mündet  aus  kurzer,  enger,  von  50  bis  60  m  hohen  Wänden  eingeschlossener
  Schlucht  der  aus  fünf  kleinen  Quellenbächen  entstandene
Bach,  in  dessen  breiter  gestalteten  Mulde  das  große,  von  2400  Menschen
bewohnte  Dorf  Bockau  liegt.

„Viele  Hunderte  von  Händlern“  (schreibt  Engelhardt  1804)
„ziehen  fast  den  größten  Theil  des  Jahres  mit  Blechwaaren,  blauer
Farbe,  Schwefel,  Spielzeug,  Spitzen,  Bändern,  Pulvern,  Pillen,
Pflastern,  Tinkturen,  Elixiren,  Balsamen,  Oelen  u.  s.  w.  im  Lande
umher"“.  Um  1800  gab  man  die  Zahl  der  „Landreisenden“  in
Bockau  auf  104,  in  Sosa  auf  75  an;  1817  in  Jöhstadt  auf  104,
1821  in  Eibenstock  auf  45  an;  aber  auch  von  Crottendorf,  Neudorf,
Jugel,  Steinheidel,  Johann-Georgenstadt,  Friedrichsgrün,  Hundshübel,
Burkhardtsgrün,  Lauter,  Stützengrün  u.  s.  w.  zogen  zahlreiche  Hausirer  mit
wohlriechenden  Oelen,  Feuerschwamm,  Wurzeln,  Theekräutern,  Schwefelfäden,
  Schneeberger  Schnupftabak,  Blech=  und  Holzwaaren,  Spitzen,
Bändern,  Zierrathen  u.  s.  w.  im  Lande  umher.  Fast  hundert  Jahre  früher
schon  hatte  sich  vor  allem  der  Arzneienhandel  nach  der  Schweiz,  dem  Elsaß,
        <pb n="617" />
        —  609  —

nach  Preußen,  Polen,  Rußland  und  nach  allen  Provinzen  Deutschlands
  ausgebildet.

In  den  Gärten  von  Bockau  und  Neudorf  bauten  die  „Kräutler
und  Wurzler“  zahlreiche  Pflanzen,  aus  denen  sie  die  verschiedenartigsten
  Medikamente  bereiteten.  Wahrscheinlich  wurde  der  Kräuteranbau
  und  die  Medikamentenbereitung  schon  Mitte  des  17.  Jahrhunderts
  hier  eingeführt.  Es  mögen  nur  nachstehende  genannt
sein:  Sonnenthau  (alchemilla  vulgaris),  Jungfernelke  (dianthus  deltoides),
  Schwertwurzel  (iris),  Bärenwurzel,  Bärentraube  (herba  uvae
ursi),  Affodil  (asphodelus  ramosus),  Rosenwurzel  (sedum  rhodiola),
Alant  (inula  helenicum),  Liebstöckel  (levisticum  officinale),  Goldwurzel,
  Türkenbund  (lilium  martagon),  Knoblauch  (allium  sativum),
Knoblauchskraut  (alliaria  officinalis),  Engelwurz  (angelica  sylvestris),
Meisterwurz  (imperatoria  ostruthium),  Eibischwurzel  (althaea  officinalis),
  Zehrwurzel,  Aronstab  (arum  maculatum),  Eberwurz  (carolina
acaulix),  weißer  Enzian,  Zaunrübe  (bryonia  alba),  Alraun  (geranium
maculatum),  Meerzwiebel  (scilla  maritima),  Bibernell  (pimpinella),
Anis  (pimpinella  anisum),  Baldrian  (valeriana),  Geist=  oder  Nießwurz
  (helleborus),  Ackelei  (aquilegia)  u.  s.  w.

„Der  Anbau  und  die  gute  Abwartung  der  Wurzeln  und  Kräuter
trägt  mehr  ein,  als  der  beste  Weizen  bei  der  reichlichsten  Ernte.“
(Schumann.  I.  4

Um  1840  schätzte  man  die  jährlich  versendeten  Arzneiwaaren
auf  800  bis  900  Ctr.  Angelica,  15  bis  20  Ctr.  Baldrian,  10  bis
15  Ctr.  Rhabarber,  15  bis  20  Ctr.  wilde  Bärwurzel,  2  bis  3  Ctr.
Leibstöckel  u.  s.  w.  ferner  20  bis  24  000  Dutzend  Schachteln
Schneeberger  Kräuterschnupftabak,  50  000  Schachteln  Räucher-,  Zahnund
  Seifenpulver,  Pflaster,  Pillen,  Räucherkerzen,  sowie  zahllose
  Flaschen  und  Fläschen  mit  Balsam,  Liquor,  Spiritus,  Tinkzeen-
  *  Pulvern  u.  s.  w.  (Lindner,  Wanderungen  u.  s.  w.

22.  ff

Das  Hausiren  mit  Medikamenten  und  Hausmitteln  hat  ebenso
aufgehört,  wie  das  Herumziehen  von  Bergleuten  mit  Bergwerksmodellen
  und  Schaukästen  mit  Erzen  und  Krystallen;  aber  die  wohlbestellten
  und  wohlgepflegten,  von  Unkraut  gereinigten  und  sorgfältig
  bewässerten  Felder  von  Bockau  haben  trotz  ihrer  Meereshöhe
von  500  bis  550  und  sebst  bis  gegen  600  m  einen  reichen  Anbau
von  Blatt-,  Blüthen=  und  Wurzelpflanzen  zu  medizinischen  Zwecken.
So  baut  man  jetzt  jährlich  zwischen  600  und  800  und  sogar  bis
1000  Ctr.  Angelicawurzel;  andere  Wurzeln  und.  Kräuter  aber  in
geringeren  Verhältnissen.  ·  ,

39
        <pb n="618" />
        —  610  —

Von  Bockau  nach  Eibenstock  geht  man  entweder  von  der  Kirche
nach  der  Niedermühle  von  Sosa  und  über  Zimmersacher  in  2  Stunden;
oder  man  geht  über  den  Berg  nach  Schindlers  Blaufarbenwerk,  2  km,
im  Muldenthale  bis  Unter-Blauenthal,  4  km  und  von  da  über  den
Berg,  3  km,  oder  ebenfalls  über  Zimmersacher  im  Thale  der  großen
Bockau,  4  km.

Das  Thal  der  Mulde  wird  vom  Rechenhause  an  bis  Unter-Blauenthal
  von  etwa  150  m  hohen  bewaldeten  Abhängen  eingefaßt,
welche  an  der  Muldenbiegung  zwar  etwas  niedriger  erscheinen,  aber
bis  oberhalb  Neuwerk  hin  in  der  Hauptsache  dieselbe  Höhe  beibehalten,
nur  daß  ihre  Formen  von  der  Mündung  der  großen  Bockau  an  dadurch
  wesentlich  an  Einförmigkeit  verliereu,  daß  zahlreiche  kleinere
Nebenthäler  sie  unterbrechen.

Die  Stadt  Eibenstock  liegt  auf  einer  flachen,  plateauartigen
Einsenkung  des  zwischen  der  großen  Bockan  und  des  Kohl=  oder
Dorfbaches  nach  der  Mulde  nordwärts  reichenden  Höhenzuges,  der
im  Bühel  wieder  auf  650  m  ansteigt.  Die  obersten  Häuser  haben
670,  die  untersten  600  m  Meereshöhe.  Die  untere  Vorstadt  nördlich
  des  Baches  heißt  das  Ringer  Viertel,  die  südlich  am  Dorfbache
und  seinen  Hängen  aufsteigende  das  Rehmer  Viertel,  die  obere,  östliche
  das  Krötensee-Viertel.  Die  Stadt  selbst  soll  schon  919  gegründet
worden  sein.

Daß  auf  dem  Terrain  der  Stadt  schon  Seifenwerke  zur  Zeit
der  deutschen  Einwanderung  bestanden  und  die  neuen  Ankömmlinge
seßhafte  Slaven  hier  fanden,  wird  durch  die  Benennungen  Windischer
Knock,  Windische  Wiesen,  Windischer  Hammer,  Krotensee,  Garstenberg
u.  s.  w.  bestätigt.  Erst  die  Ende  des  12.  Jahrhunderts  stattfindende
Masseneinwanderung  hat  den  Ort  germanisirt.  Die  Eibenstocker
Chronik  (1749)  sagt:  „Von  der  hiesigen  Sprache  ist  dieses  sehr
bedenklich,  daß  sie  weder  der  Schneeberger  noch  Johanngeorgenstädter
  und  andern  Nachbarn  gleichkommt,  und  wie  die  Einwohner
sowohl  von  denen  im  Lande  gebliebenen  Wenden,  als  auch  den  Harzländern,
  Böhmen,  Meißnern  und  Voigtländern,  die  sich  hier  angebaut,
abstammen,  so  ist  auch  die  Aussprache  hierselbst  sehr  verschieden  und
kömmt  mit  der  vom  Harze  meist  überein.“  Dagegen  schreibt
M.  Grundig,  1752:  „Hier  hat  die  Natur  noch  gleichsam  einen
Garten  von  schönen  Auen,  Wiesen,  Feldern  vor  dem  Eingang  des
hohen  Gebirges  und  deren  hohen  Grenzwälder,  welche  Böhmen  und
Meissen  scheiden,  anlegen  wollen.“

«  Zu  Eibenstock  gehörte  der  obere,  mittlere  und  untere  Freihof  zu
Eibenstock  und  der  Freihof  zu  Sosa  (in  alten  Urkunden  Zoze).  Der
        <pb n="619" />
        —  611  —

Freihof  besaß  bis  1780  die  Bären-,  Reh-,  Schweine=  und  Hasen-Jagd).


Das  bei  Unter-Blauenthal  mündende  Thal  der  Großen  Pockau
ist  das  bedeutendste  der  Nebenthäler  der  oberen  Mulde.  Fast  8  km
lang  bis  zum  Zusammenflusse  der  Großen  Pockau  mit  dem  Zigeunerbache
  bei  Wildenthal  wird  dasselbe  anfangs  von  50  und  60  m  hohen
Thalwänden  eingefaßt,  deren  Höhe  aber  oberhalb  der  Vereinigung  mit
der  kleinen  Pockau  sehr  bald  auf  100  und  150  m  ansteigt,  bis  sie
endlich  bei  Wildenthal  selbst,  am  Fuße  des  Auersberges  sogar  200
und  250  m  in  einem  Anstiege  erreicht.  Im  Thale  des  Zigeunerbaches
  geht  man  nicht  ganz  ¾  Stunden  bis  Weiters-Glashütte;  im
Thale  der  Großen  Pockau  eine  halbe  Stunde  bis  zum  Gasthofe  Ober-Wildenthal,
  von  wo  man  noch  eine  zweite  halbe  Stunde  im  Thale
weiter  gehen  kann,  ehe  man  das  Hochplateau  erreicht.  Von  Wildenthal
  nach  Hirschenstand  2  Stunden.

Etwa  300  m  über  Wildenthal  liegt  der  Thurm  des  Auersberges.
  Kurfürst  Johann  Georg  I.  hatte  schon  einen  hölzernen  Aussichtsthurm
  errichten  lassen.  Den  18  m  hohen  steinernen  Aussichtsthurm
  erreicht  man  von  Wildenthal  auf  einem  vortrefflich  angelegten
Zickzackwege  beguem  in  2  Stunden  auf  dem  geraden  Fußsteige  etwa
in  1¼  bis  1⅛½  Stunde.  Von  Eibenstock  geht  man  über  das
Nonnenhaus  und  den  Bärenweg  etwa  2  ½  Stunden.  Von  Johanngeorgenstadt
  über  Sauschwemme  ungefähr  ebenso  lange.  Man  hat
eine  weitausgedehnte  Rundsicht.  Im  Nordost  Scheibenberger  Hügel,
Pöhlberg  und  am  fernsten  Horizonte  die  Schwarze  Tellkuppe  hinter
einander;  Bärenstein,  darüber  in  weiter  Ferne  den  Bärensteinberg;
sodann  den  Haßberg.  Im  Osten  den  Preßnitzer  Spitzberg,  Kupferhübler
  Kapelle,  Fichtelberg,  Keilberg,  Gottesgaber  Spitzberg;  im
Südost  den  Pleßberg;  den  Rammelsberg,  im  Südwest  den  Aschberg
vei  Ober-Sachsenberg,  den  Schneckenstein.  Nahezu  im  Norden  den
Rochlitzer  Berg,  östlich  davon  die  Stadt  Hohenstein  und  den  Pfaffenberg;
  am  Horizonte  den  Colmberg.  Es  ist  möglich,  daß  man  bei
ganz  hellem  Wetter  mit  guten  Ferngläsern  das  Altenburger  Schloß,
die  Leipziger  Thürme  und  den  Petersberg  bei  Halle  sehen  kann.

Von  Eibenstock  besucht  man  den  Schönheider  Hammer
und  das  ausgedehnte  Dorf  Schönheide.  Von  dem  Aussichtstempel
auf  dem  Knock  hat  man  einen  sehr  guten  Ueberblick  über  den  aus-*)

  J.  P.  Oettel  (Schullehrer  in  Eibenstock),  Alte  und  Neue  Historie  der
Königl.  Poln.  und  Churf.  Sächs.  Freien  Bergstadt  Erbenstock  im  Meißnischen
Ober-Ertz-Gebürge  1748.

39“.
        <pb n="620" />
        —  612  —

gedehnten  Ort  und  seine  einzelnen  Theile,  aus  welchen  man  in  großen
Zügen  die  Entstehungsgeschichte  dieses  ausgebreiteten,  volkreichen  und
gewerbfleißigen  Ortes  herausliest.  Die  Aussicht  nach  dem  Gebirgskamme
  ist  sehr  ansprechend,  ja  landschaftlich  schön.

Das  erste  Haus  von  Schönheide  wurde  1537  durch  Urban
Männel  erbaut.  1563  war  Schönheide  ein  kleines  Dörschen,  „ist  ungefähr
  auf  zwanzig  Hofstätten  zu  achten“  (Peck,  Amt  Schwarzenberg).
„Die  Schnarrtanne  seind  etwa  fünf  oder  sechs  Häuslein,  haben  nichts
denn  ein  wenig  Räume  und  klein  Stücklein  Feld  (im  Rodeland)  zu
genießen.“  Vogelsgrün  sind  auch  vier  oder  fünf  Höfe.  Wernsgrün
und  Stützengrün,  „zwei  Dörfer  nicht  fast  groß,  beide  auf  vierzig
oder  fünfzig  Hofstätten  zu  achten,  haben  aber  sehr  feine  Felder  und
Wiesenräume“.

In  Schönheide  beschäftigt  die  Bürstenfabrikation  gegen  500
Menschen.  Man  macht  Borstwische,  Bürsten  (in  517  Sorten,  darunter
  besonders  hervorragend  Huf-,  Wagen=  und  Speichen-Bürsten),
Kardätschen  in  vorzüglichster  Qualität  und  Pinsel  (in  126  Sorten);
in  der  neuesten  Zeit  auch  Drahtbürsten  (Stahlbürsten),  feine  Nagelbürsten
  u.  s.  w.  Die  Zurichtung  der  Borsten,  nämlich  das  Kämmen,
Kochen,  Auftheilen,  Zupfen,  Vorschneiden  und  Vorrichten  derselben
findet  hauptsächlich  in  Rothenkirchen,  neuerdings  auch  in  Stützengrün
statt;  die  Bürstenhölzer  werden  in  Globenstein,  Rautenkranz  und
Rothenkirchen  gemacht.  In  großen  Massen  werden  besonders  Militärartikel
  für  Norddeutschland  gefertigt,  auch  Bürsten  aus  mexikanischer
Fibre  (—  californischem  Gras);  nächst  den  Massenartikeln  aber  auch
feine  und  elegante  Luxusbürsten.  Die  Bürstenfabrikation  ist  in  den
letzten  Jahren  bedeutend  gestiegen.  Mehrere  Fabriken  sind  erweitert.
Die  größte  hat  eine  Dampfmaschine  von  40  Pferdekr.  aufsgestellt,
welche  1  horizontale,  3  verticale  Bandsägen,  6  Kreissägen,  5  Hobelmaschinen,
  15  Fraismaschinen  u.  s.  w.  in  Bewegung  setzt.  Es  werden
auch  Zahn=  und  Nagelbürsten  nach  englischem  und  französischem
System  gefertigt;  bei  den  Drahtbürsten  werden  die  Bügel  und  die
Drahtstücke  vernickelt.

Die  Ausfuhr  war  bedeutend,  der  Absatz  innerhalb  Deutschlands
umfangreich,  so  daß  alle  Fabriken  voll  beschäftigt  waren.  Der  Arbeiterstand
  ist  vergrößert,  die  Zahl  der  Dampfmaschinen  und  zahlreichen
Hülfsmaschinen  vermehrt  worden;  dessen  ungeachtet  vollzieht  sich  der
Uebergang  zum  mechanischen  Betriebe.  Obgleich  das  Einziehen  der
Borsten  durch  die  Maschine  bewirkt  wird,  macht  sich  ein  Mangel  an
geschulten  Arbeitskräften  fühlbar.  Die  Fabrikation  widmet  sich  der
Herstellung  der  feineren  Waaren,  dehnt  sich  aber  auch  auf  die  ge-
        <pb n="621" />
        —  613  —

ringeren  als  Haushaltungsbürsten,  Straßenbesen  u.  s.  w.  und  die
Pinselfabrikation  aus.

Während  der  alte  Muldenhammer  oder  Kleinhempel,  sowie  der
Eisenbahnhof  von  Eibenstock  in  einer  breiten  Thalaue  liegen,  welche
besonders  in  südöstlicher  Richtung  von  flachen  Hängen  begrenzt  wird,
verengt  sich  das  Thal  der  Mulde  ganz  auffallend  von  der  durch  ein
weit  vorspringendes  Felsenriff  bedingten  Schleife  an,  und  wird  auf
der  Nordseite  von  bis  zu  80  m  hohen,  auf  der  Südseite  sogar  von
bis  zu  160  m  hohen  Abhängen  eingeschlossen,  welche  von  verschiedenen
  Granitklippen,  dem  Rockenstein  u.  A.  m.  geschmückt  werden.
Zwischen  Schönheide  und  Jägersgrün  breitet  sich  die  Thalsohle  der
Mulde  das  eine  Mal  zur  Wiesenaue  aus,  ein  ander  Mal  verengt  sie
sich,  daß  nur  der  Wasserlauf  sich  zwischen  den  Abhängen  hindurch
drängen  kann,  welche  in  der  Regel  50  bis  70  m  hoch  über  die  Thalsohle
  emporsteigen,  häufig  auch  mehr;  fast  durchgängig  bewaldet,  doch
auch  an  ein  paar  Stellen  frei  und  dem  Feldbau  und  Wiesenbau
überlassen.

Die  große  Riedert  bietet  nur  auf  etwa  2½  km  eine  enge,  von
hohen  bewaldeten  Abhängen  eingeschlossene  Schlucht,  ehe  sie  zu  flacheren
Formen  übergeht;  dagegen  ist  das  Thal  der  Wiltzsch,  mit  seiner  breiten-t
Sohle  bis  zum  Wiesenhaus,  von  wo  an  es  zum  engen  Waldthale
wird,  auf  dem  ganzen,  7  km  langen  Wege  von  Haltestelle  Wiltzschhaus
  bis  Carlsfeld  von  mehr  als  50  m  hohen,  reich  bewaldeten  Abhängen
  eingefaßt.  Das  schöne  Thal  der  großen  Pyhra  ist  auf  seiner
ganzen  Länge,  bis  oberhalb  Sachsengrund,  auf  über  8  km  Wegs,
ein  von  hohen  Abhängen  begrenztes  Waldthal,  welches  nur  auf  kurze
Strecken  eine  breitere  Wiesensohle  hat;  außer  der  oberen  Thalstrecke,
bis  Sachsengrund  und  eine  halbe  Stunde  darüber  hinaus,  sind  die  beiden
Nebenthäler,  das  Thal  des  Markersbaches  ostwärts,  das  Thal  des
Heroldsbaches  westwärts  der  Hauptwasserlinie  in  hohem  Grade  besuchenswerth.
  Besonders  der  Freund  einfacher,  großartiger  Waldesstille
  wird  sich  an  ihnen  erquicken.  Auch  das  Thal  der  kleinen  Pyhra,
welches  bis  Tannebergsthal  von  weit  über  50  m  hohen  Abhängen
gebildet  wird,  hat  seine  schönsten  Theile  in  den  Thälern  der  oberen
Quellenbäche,  im  Thälchen  von  Gottesberg,  im  Hauptthale  bis  zum
Neuberger  Floßteiche  und  im  Thälchen  von  Boda.

Von  Boda,  1  Stunde  vom  Bahnhofe  Jägersgrün,  führt  ein
lich  zu  findender  Fußsteig  in  etwa  20  Minuten  nach  dem  Schneckenteine.



Wie  spät  übrigens  dieser  westliche  Theil  des  Gebirges  erst  mit
Bewohnern  besetzt  worden  ist,  ergiebt  sich  daraus,  daß  Mulde  —  die
jetzigen  Muldenhäuser  —  erst  1620  genannt  wird  als  ein  kurfürst-
        <pb n="622" />
        —  614  —

liches  Jagd=  und  Pachthaus.  Die  östlich  der  Weißen  Mulde  liegenden
  Saubachhäuser  sind  erst  1630  oder  1632  errichtet  worden;  das
zwischen  Mulde  und  Schöneck  liegende,  nach  seinem  Erbauer  Zacharias
Schmerler  benannte  Zachariashaus  ist  erst  nach  dem  dreißigjährigen
Kriege,  Muldenberg  auf  der  Ostseite  der  Mulde  sogar  erst  nach  1760
erbaut  worden.

Nach  dem  Kuhberge  führen  von  der  Ostseite  von  Schönheide  her
drei  Wege.  Entweder  man  geht  vom  unteren  Ende  auf  der  Straße
nach  Rothenkirchen  bis  zu  den  Tannhäusern,  3  km,  und  steigt  von
da  in  südwestlicher  Richtung  den  Berg  hinauf,  eine  halbe  Stunde;
oder  man  geht  durch  Schönheide  hindurch,  bis  zu  der  Häusergruppe
Ascherheide  und  von  da  westwärts  bis  zum  Fuße  des  Berges,
3⅛  km;  oder  endlich  man  geht  gegenüber  der  Kirche  auf  einem  Fußsteige
  über  die  Höhe  nach  Neuheide,  2½  km,  und  von  da  den  Berg
hinauf,  20  Minuten.

Von  dem  Thurme  auf  dem  Kuhberge  hat  man  eine  prachtvolle
Aussicht  nach  dem  Gebirgskamme,  im  Süden  den  Großen  Rammelsberg,
  westlich  davor  den  Schneckenstein,  die  Höhe  vom  Tannenhaus,
im  Südwest  den  Großen  Affenstein  oberhalb  Rißbrücke;  östlich  vom
Rammelsberge  den  Auersberg,  welcher  den  großen  Plattenberg  verdeckt,
  sodann  den  Gottesgaber  Spitzberg,  den  Keilberg,  den  vorderen
Fichtelberg,  den  Bärenstein,  im  Osten  der  Pöhlberg.

81.  Näherei  und  Stickerei.

Näherei  und  Stickerei  sind  uralt.  Die  Kunst  mit  den  Nadel  zu
sticken  sollen  die  Phrygier  erfunden  und  nach  Babylon  gebracht  haben.
Im  Orient  trugen  nur  Könige  und  die  Vornehmsten  gestickte  Gewänder;
  auch  die  Stiftshütte  der  Juden  hatte  gestickte  Vorhänge.

Im  Allgemeinen  bezeichnet  man  mit  Näherei  und  Stickerei  die
Herstellung  von  allerlei  Figuren  und  Mustern  auf  einem  Grundstoff
vermittelst  Nadel  und  Faden.  Die  Faden  werden  dergestalt  ein=  oder
aufgenäht,  daß  dadurch  allerlei  Zeichnungen  auf  dem  Stoffe  entstehen
und  nach  Befinden  sich  wiederholen.  Man  unterscheidet  Weiß=  und
Bunt-Näherei  und  -Stickerei,  aber  auch  platte  und  erhabene,  bei
welcher  letzteren  durch  Unterlegen  von  Papier  u.  s.  w.  oder  durch
Unterziehen  von  Fäden  das  Muster  erhoben  wird.

Die  Ausnäherei  gliedert  sich  in  zwei  Gruppen;  die  Arbeit  mit
der  Nähnadel  nennt  man  Näherei,  wenn  sie  in  offenem  Grunde  stattfindet,
  Stickerei  so  wie  sie  auf  dichten  oder  nur  halboffenen  Geweben
ausgeführt  wird.  Dagegen  rechnet  man  die  mit  der  Nähnadel  aus-
        <pb n="623" />
        —  615  —

geführte  Arbeit  in  Plattstich,  mag  sie  nun  flach  oder  hoch  ausgeführt
werden,  immer  zur  Stickerei  (französische  Stickerei).  Die  Arbeit  mit
der  Tamburirnadel  wurde  immer  zur  Stickerei  gezählt.

Vor  einem  halben  Jahrhundert  war  Näherei  und  Stickerei  noch
über  das  ganze  Gebirge  verbreitet.  „In  der  Dresdener  und  Freiberger
  Gegend  findet  die  französische  Stickerei  statt;  in  Marienberg,
Wolkenstein,  Annaberg  und  Umgegend  etwas  Bobinnetnäherei,  vornehmlich
  aber  das  Ausnähen  der  baumwollenen  Gardinen-Fransen,
welches  eine  große  Anzahl  weiblicher  Hände  beschäftigt.  In  den  Bezirken
  von  Scheibenberg,  Crottendorf,  Schwarzenberg,  Stollberg,
Hartenstein  bis  Hohenstein  näht  man  in  seidenen  Petinnet  und  Bobinnet.
  In  Schönheide,  Eibenstock  und  in  einem  bedeutenden  Umkreis
von  Schneeberg  herrscht  das  Sticken  mit  der  Tamburirnadel  vor,
obgleich  auch  sehr  viel  mit  der  Nähnadel  gearbeitet  wird.  Fast  jedes
Städtchen  und  jeder  Ort  des  Gebirges  hat  ihre  gewohnte  Weise  dieser
Nadelarbeit,  deren  Vielseitigkeit  eine  genaue  Classification  unmöglich
macht.“  (Wieck,  S.  337.)

Seit  dieser  Zeit  ist  dieselbe  im  östlichen  Gebirge  fast  vollständig
zum  Erliegen  gekommen.  Um  1860  schon  war  die  Ostgrenze  des
von  der  Näherei  und  Stickerei  eingenommenen  Gebietes  bis  Annaberg
zurück  gewichen;  dasselbe  erstreckte  sich  über  die  Umgebungen  von
Eibenstock,  Lößnitz,  Hartenstein,  Aue,  Schneeberg,  Neustädtel  auf  der
Nordseite,  Platten,  Neudeck,  Hirschenstand,  Frühbuß,  Graßlitz  auf  der
Südseite  des  Gebirges  bis  Schöneck  und  von  da  weit  hinaus  über
den  größten  Theil  des  Vogtlandes  bis  in  das  Fichtelgebirge  hinein;
bis  Wunsiedel,  Stadt  Steinach  und  Schwarzenbach  am  Wald.  Man
veranschlagte  zu  dieser  Zeit  die  Zahl  der  im  Plattstich  und  im  Tamburirstich
  beschäftigten  Ausnäherinnen  auf  20  bis  25000,  welche  in
Weiß  und  Bunt  arbeiteten;  um  1872  in  Sachsen  dagegen  nur  auf
10  000,  von  denen  4500  Plattsticer,  4500  Tambursticker  und  1000
Buntsticker  gezählt  wurden.

Die  Hauptorte  der  Weißstickerei  waren  um  diese  Zeit
Plauen,  Schönheide,  Eibenstock,  Schneeberg.  Bis  von  etwa  30  Jahren
war  alle  Stickerei  nur  Handstickerei,  welche  die  verschiedenen  Arten
von  Frauenputz  —  Kragen,  Manschetten,  Unterärmel,  Fanchons,
Schleier,  Tücher,  Mantillen  u.  s.  w.  —  anfertigte.  Die  Blüthezeit
derselben  war  die  erste  Hälfte  der  50er  Jahre.  Mit  dem  1857  durch
die  Mode  herbeigeführten  Umschlage  erschienen  gleichzeitig  die  ersten
Stickmaschinen  aus  der  Schweiz.  Noch  1840  hatte  Wieck  gesagt
(S.  338),  „die  sinnreiche  Stickmaschine  kann  trotz  ihrer  genialen  Construction
  gegen  die  unermüdlichen  Finger  unserer  Mädchen  nicht  aufkommen“;
  aber  nur  kurze  Zeit  später  war  die  Maschine  dergestalt
        <pb n="624" />
        —  616  —

vervollkommnet,  daß  die  Handarbeit  von  ihr  überflügelt  wurde.  In
Schneeberg  und  Plauen  wurde  damals  vorwiegend  Tambur=  und
Plattstickerei  auf  dichterem  Grunde,  in  Eibenstock  Tamburstickerei  auf
wollenem  und  seidenem  Tüll,  in  Schönheide  Tamburstickerei  auf  Tüll
(Pleinstickerei)  ausgeführt.  Im  Jahre  1866  kam  der  Hoch=  und
Reliefstich  auf.  An  eingelegten  Sachen  wurden  Tischdecken,  Sophakissen,
  Untersetzer  u.  s.  w.  gefertigt.

Die  Plattstickerei  wurde  hauptsächlich  in  Schneeberg,  Neustädtel,
Auerhammer,  Niederschlema,  Schöneck,  Klingenthal,  Steindöbra,  Ober-Sachsenberg,
  Eibenstock  u.  s.  w.  ausgeführt;  die  Tamburstickerei  in
Eibenstock,  Sosa,  Schönheide,  Carlsfeld,  Morgenröthe,  Tannebergsthal,
Jägersgrün,  Rautenkranz,  Hammerbrück,  Schönheide,  Neustädtel,
Zschorlau,  Oberstützengrün,  Wildenthal,  Schöneck,  Zwota,  Klingenthal,
Brunndöbra  u.  s.  w.  Das  Gebiet  derselben  setzt  sich  nach  Böhmen
fort,  wo  Hirschenstand,  Sauersack  und  Frühbuß  die  Hauptorte  sind.

Die  Tamburstickerei  geschieht  mit  der  Tamburirnadel,  einer
feinen,  der  Häckelnadel  ähnlichen  Nadel,  ohne  Oehr  und  mit  einem
Wiederhaken  an  der  Spitze,  mit  welcher  man  durch  das  auf  den
Rahmen  gespannte  und  mit  Rollen  angestraffte  Zeug  sticht,  unter  dem
Zeuge  den  Faden  um  dieselbe  schlingt,  und  so  von  Stich  zu  Stich
die  vorangehende  Schlinge  mit  dem  Faden  festhält.  Nach  Muster
oder  Zeichnung  fertigt  man  auf  diese  Weise  Figuren  u.  s.  w.  in  Kettelstich.
  In  der  Schweiz  nennt  man  diese  Arbeit  Crochet  =  oder  auch
Grobstickerei.

Die  Tamburirnadel  wurde  1775  durch  Frau  Clara  Nollain
geb.  Ungermann  in  Eibenstock  eingeführt.  Dieselbe  stammte  aus  der
Gegend  von  Bialystock  und  hatte  die  Tamburirstickerei  in  einem  Kloster
bei  Thorn  erlernt.  (Wieck,  S.  337.)

Die  Handstickerei  ging  zurück,  seitdem  die  Zahl  der  Stickmaschinen
mit  jedem  Jahre  stieg.  Nur  die  feinere  und  feinste  Handstickerei  erhielt
  sich;  aber  die  Zahl  der  guten  und  geübten  Arbeiter  nahm  immer
mehr  ab.  Die  geschlungene  Arbeit  (Spachtelarbeit),  fortlaufende
durchbrochene  Tambur=  oder  Plattstichpleins  auf  Jaconnet,  Mull
oder  Tüll,  welche  ausgeschnitten  wurden,  war  Anfang  der  50er
Jahre  Mode  gewesen  und  wurde  es  Anfang  der  V0er  Jahre
wieder.

Aber  auch  die  Maschinenstickerei  begann  Mitte  der  70er  Jahre
zurückzugehen,  so  daß  sie  meist  nur  mit  der  Ausführung  geringerer
Muster  beschäftigt  war.  Erst  gegen  1880  gelang  es  durch  saubere
Ausführung  guter  Zeichnung  die  Handstickerei  in  leichten  Mustern  für
den  großen  Absatz  zu  überflügeln.  Die  Arbeitslöhne  der  Handsticker
waren  in  Folge  dessen  so  herabgegangen,  daß  nur  noch  die  Anferti-
        <pb n="625" />
        —  617  —

gung  der  besseren  Sachen  lohnte.  Der  Absatz  ging  nach  Deutschland,
aber  auch  nach  Rußland,  Spanien,  Amerika.

Der  Aufschwung  der  Stickerei  wurde  wesentlich  durch  die.  Mode
begünstigt,  was  die  Entwickelung  der  Muster  in  Zeichnung  und  Geschmack
  förderte.  Aber  ein  Theil  der  Fabrikanten  bemühte  sich  nicht,
„gute  Waare  und  schöne  Muster  herzustellen“.  „Man  verliert  die
Hoffnung  der  Aufbesserung  dieser  großen  Industrie,  wenn  man  sieht,
wie  dieselbe  durch  schlechte,  aber  billige  Waare  in  Mißcredit  gebracht
wird.“

1882,  in  dem  25.  Jahre,  daß  die  Stickmaschine  eingeführt
wurde,  lieferte  die  Stickmaschinenfabrik  in  Kappel  die  3000.  Maschine.
  Aber  schon  wenige  Jahre  darauf  verminderte  sich  die  Zahl
der  Schiffchenstickmaschinen  auffallend.  Man  fertigte  gestickte  Tüllspitzen
(dentelles  de  Saxe)  in  Weiß,  Jvoire  und  Creme,  Guipüre=  und
Tüllspachtelspitzen  und  Kragen  (Eibenstock,  Schönheide,  Klingenthal).
Großen  Erfolg  hatten  die  Nachahmungen  echter  Points  in  Ecrü  (ungebleicht)
  und  in  Weiß.  Gutes  Fabrikat  war  gesucht;  Jaconnet=  und
Nansocstriche,  vor  Allem  aber  Tüllspitzen.  In  Eibenstock  machte  man
auch  gestickte  Schleier  auf  seidenem  mit  Grenadine  unterlegten  Tüll
für  Spanien.  Die  alten  Eibenstocker  Artikel  in  untergelegten  und
ausgeschnittenen  Tüllsachen  kamen  jedoch  nicht  wieder  empor;  auch
nicht  die  tamburirten,  meist  untergelegten  und  ausgeschnittenen,  auf
offenem  Grunde  bestickten  Tüllgardinen,  Rouleauxkanten  und  Decken.
Sie  erlagen  hauptsächlich  der  englischen  Concurrenz.  Dagegen  wurde
die  zwischen  Falkenstein  und  Schöneck,  aber  auch  in  Böhmen,  eingeführte
  Spachtelarbeit  gesuchter,  besonders  seitdem  es  gelang,  dieselbe
mit  der  Cornely'schen  dreinadlichen  Bogenmaschine  herzustellen.

In  neuester  Zeit  hatte  die  Handstickerei  noch  eine  leidliche  Beschäftigung
  in  mittlen  Waaren  in  Weiß,  Créme,  Lindenblüthe,  Beige,
Abricot  auf  Gazestoffen,  Seidentüllen,  Krepplisse  u.  s.  w.  Eine  neue
Art  Maschinenspitze,  die  Nachahmung  der  französischen  dentelles  de
venise,  in  wirkungsvollen  Mustern,  bis  zu  1  m  breit  und  bis  zu
40  Mark  für  den  Meter  im  Preise,  ist  sehr  gesucht;  überhaupt
wendet  man  sich  in  allen  Stickereiartikeln  den  besseren  Qualitäten  zu;
auch  in  der  Tüllstickerei,  wie  in  der  Seidenstickerei  auf  Kleider  und
Kleiderbesätze,  sowie  in  der  Bohrstich=  und  Spachtelstickerei  und  der
feinen,  durchbrochenen  Stickerei,  den  gestickten  Nansoc=  und  Zephir-Volants
  u.  s.  w.

Die  Weißtamburstickerei  wurde  seit  1881  durch  die  Gorl=  und
Perlnäherei  und  die  Bunttamburstickerei  auf  dichtem  Stoff  sehr  beeinträchtigt.

  Die  bis  dahin  sehr  gesuchten  geringen  Handtamburarbeiten
  auf  Jaconnet  (Taschentücher,  Cravatten),  sowie  die  besseren,
        <pb n="626" />
        —  618  —

mit  Tüll  unterlegten  Tischdecken  u.  s.  w.  verloren  an  Absatz.  Da—
gegen  kam  die  Tamburstickerei  auf  offenem  Tüllgrund  sehr  in  Aufnahme.
  In  Eibenstock  fertigte  man  Lockerstichgardinen,  zu  denen  die
Lockerei  hauptsächlich  in  Sosa,  die  Festnäherei  in  Carlsfeld,  Sauersack
  und  Friebus  erfolgte;  in  Silberbach  und  Schwaderbach  machte
man  Guipures  d'art,  einen  Concurrenzartikel.  Weiße  Tüllpleins
  fertigte  man  in  Neuheide  und  Schönheide.  In  Eibenstock
fertigte  man  später  an  Stelle  der  früher  gebräuchlichen  Mantillen  die
Madrilesas,  große  fichuartige  Fanchons.

Obgleich  die  Hand-  und  Maschinentamburstickerei  auf  Jaconnet
immer  weiter  zurück  geht,  so  gewinnt  doch  die  Anfertigung  von
Tüllgardinen  und  Spitzengardinen  wiederum  bedeutend  an  Umfang,
welche  in  Eibenstock,  sowie  die  Kleidertamburstickerei,  welche  in  Schönheide,
  Aue  und  Plauen  ihren  Hauptsitz  haben.

Die  in  Eibenstock,  Schönheide,  Klingenthal,  Schneeberg  und
Ober-Schlema  befindlichen  Bleichereien  sind  ausschließlich  für  Stickereien,
  Tülle,  Confectionswaaren  u.  s.  w.  bestimmt.

Die  Buntstickerei  in  Langstich  war  in  Stützengrün,  Klingenthal,
  Sachsenberg,  Rautenkranz,  Tannebergsthal,  Jägersgrün,  Friedrichsgrün,
  Neidhardtsthal,  Eibenstock,  Schönheide,  Johanngeorgenstadt,
Hundshübel  u.  s.  w.;  auch  in  Hirschenstand,  Sauersack,  Friebus,
Schwaderbach,  Silberbach  u.  s.  w.  u.  s.  w.  Aber  die  Ausschließlichkeit
der  einen  oder  anderen  Stickart  erhielt  sich  nicht,  sondern  es  wurde
in  den  meisten  Orten  sowohl  in  Langstich,  wie  in  Tamburstich  mit
der  Hand  und  mit  der  Maschine  gearbeitet.  Die  Handstickerei  ging
jedoch  seit  1865  sehr  zurück.  Man  bestickte  Tischdecken,  wollene
Shawls,  Sonnenschirmüberzüge;  Cachemir  -,  Satin-,  Zanella=  und
Tibettücher  mit  Sammetmustern,  mit  Chenille,  mit  Wolle;  Kleiderstoffe
  mit  Pleins,  Kanten,  Streublümchen  u.  s.  w.  Tüllstickereien  in
Schwarz  (Spanische  Schleier  und  Mantillen);  Strümpfe  und  Schärpen
(lajas)  in  Bunt  (für  Mexiko)  u.  s.  w.

In  neuester  Zeit  ist  in  der  Chenillenstickerei  eine  neue  Tamburirmaschine
  eingeführt,  welche  sehr  schnell  und  sauber,  sowohl  in
Wolle  als  auch  in  Seide  arbeitet.  Dieselbe  ist  mit  einer  Scheere
versehen,  welche  den  Faden  zerschneidet,  sobald  er  durch  den  Stoff
geführt  ist,  und  dadurch  der  Arbeit  das  Ansehen  von  Chenillenstickerei
  giebt.

Gegen  Ende  der  V70er  Jahre  regte  man  den  Gedanken  an,
Stick=  und  Handtamburirschulen  zu  errichten,  um  gute  Sticker  heranzubilden.


In  den  letzten  Jahren  hatten  die  Handstickmaschinen  viel  Arbeit;
Flanelltücher  und  Cachemir  mit  Bordüren  und  Streublumen.  Die
        <pb n="627" />
        —  619  —

bunt  tamburirten  und  geschlungenen  Tücher  waren  weniger  gesucht,
dagegen  Plüschstickereien  in  Kleiderbordüren,  abgepaßten  Garnituren
und  Kleiderbesätzen.  An  Spachtelsachen  wurden  Cachemirshawls  und
fortlaufende  Bordüren  gefertigt.  Mützen,  Cachemirkleiderstoffe,  Schürzen,
bunte  Costüme  u.  s.  w.  wurden  mit  guter  Cousir-  oder  Cordinetseide
tamburirt,  oder  auch  mit  italienischer  und  französischer  Seide  mit
Hochstickerei  versehen.  Die  Handstickerei  arbeitete  in  buntem  Styl-,
Kreuz-,  Platt-,  Tambur=  und  Schlingstich  im  Kreuz-,  Punkt-,  Nullenund
  Ringelmustern  auf  Cambric,  Cretonne,  Satin  u.  s.  w.  Die
Tamburperlmaschine  konnte  zu  allen  Arten  von  Stickereien  verwendet
werden.  „
Die  Handschuhstickerei  hört  fast  ganz  auf;  auch  die  Bunttamburstickerei
  auf  Kleider  wurde  weniger  verlangt;  dagegen  Besatzartikel,
Galons,  Kleiderbordüren  u.  s.  w.,  darunter  Galonstickerei  in  Metallund
  Seidefäden  auf  Flanell=  und  Cachemirstoffen.  Im  Allgemeinen
sind  die  in  Tamburstickerei  ausgeführten  Artikel  nicht  so  schön  und.
glänzend,  wie  die  in  Plattstich  ausgeführten  gleichen  Muster;  dagegen
fester  und  solider.  Der  Absatz  derselben  geht  vorwiegend  nach  dem
Auslande,  Nord=  und  Süd-Amerika,  England.

Einen  besonderen  Zweig  der  Näherei  und  Stickerei  bildet  die
Wäschefabrikation,  sowohl  mit  als  auch  ohne  gestickte  Verzierungen.
  Dieselbe  stammt  aus  Ober-Pfannenstiel.  Vor  einem  halben
Jahrhundert  etwa  fingen  die  Frauen  aus  Ober-Pfannenstiel  an,  mit
Weißwaaren,  Stickereien  und  Tüllfabrikaten  hausiren  zu  gehen.  Da
die  Sache  einträglich  war,  gingen  auch  die  Männer  mit  dem  Hausirranzen.
  Frau  Göthel  fing  die  Geschäfte  größer  an  und  verkaufte
nicht  mehr  im  Stück,  sondern  im  Dutzend  an  andere  Hausirer,  und
ihr  Mann,  der  Strumpfwirker  Gotthold  Göthel,  unternahm  einen
Handel  mit  Weißwaaren,  Vorhemden,  Chemissettes,  Lätzen,  Hemdeneinsätzen,
  Manschetten  u.  s.  w.,  welche  mit  Handstepperei  gefertigt
waren.  Als  1855  die  Steppmaschine  eingeführt  wurde,  fürchteten
die  Näherinnen,  ihre  Arbeit  zu  verlieren,  konnten  aber  bald  nicht
mehr  genug  schaffen.  Der  Hausirhandel  nahm  allerdings  ein  Ende,
aber  die  Wäschefabrikation  fing  an.  In  Pfannenstiel,  Lauter,  Aue,
Schneeberg,  Eibenstock,  Schönheide,  Lößnitz  u.  s.  w.  bestehen  Wäschefabriken,
  welche  Hemden,  Vorhemdchen,  Victorias,  Einsätze,  Kragen,
Manschetten,  Chemisetten,  Blousen,  Aermel  und  Stulpen  liefern.

Der  sich  seit  etwa  1862  weiter  ausbreitende  Industriezweig
wendete  sich  nächst  dem  Artikel  für  Herren  bald  auch  auf  genähte  und
gesteppte  Damenartikel,  als  Kragen,  Manschetten,  Tücher,  Fichus,
Blousen,  Unterröcke,  Hauben  u.  s.  w.  in  Leinwand  oder  Shirting  mit
der  Näh=  und  Steppmaschine  einfacher  oder  reicher  hergestellt.  Bald
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        —  620  —

ging  man  aber  auch  zu  ganzen,  ausschließlich  in  Leinen  hergestellten
Ausstattungen,  Betttüchern,  Kissenüberzügen  u.  s.  w.  über.  Die  Wäschestickerei
  wurde  vorwiegend  in  Plattstich  mit  der  Hand  ausgeführt,  mit
handgestickten  Festons  verziert  und  mit  Buchstaben  und  Monogrammen
  versehen  (freilich  zuweilen  in  den  wunderlichsten  Formen  und
Farbenzusammenstellungen).  Man  fertigt  auch  handgestickte  Einsätze
zur  Morgentoilette  in  durchbrochenem  Madeiragenre,  sowie  leinene
Striche  in  hohlen,  zarten,  schmalen  Dessins  zur  Ausschmückung  der
Damenwäsche.

Die  Handstickerei  ging  1887  und  1888  lebhafter  denn  je  und
hatte  reichliche  Beschäftigung  in  Buchstaben,  Monogrammen,  Figuren,
Arabesken,  Emblemen  für  die  Ausstattung  von  Leib-,  Bett=  und  Tischwäsche,
  Tischläufern,  Handtüchern,  Decken  u.  s.  w.  Die  Stickerei  auf
dichtem  Grunde  leistete  Besseres  wie  vorher,  insbesondere  die  Wäschestickerei
  auf  weißem  Cambric.  Der  Hauptabsatz,  etwa  sieben  Achtel
der  ganzen  Fabrikation,  war  in  Deutschland.

82.  Der  Gebirgskamm.

Der  Kamm  des  Gebirges  ist  von  dem  Sattel  bei  Platten
bis  zum  steinigten  Fichtig  bei  Schöneck  vollständig  bewaldet.  Nur
als  kleine  Inseln  liegen  die  oberen  Enden  von  Hirschenstand  und
Steindöbra  mit  Aschberg  in  den  Thalenden  der  Bäche,  Sauersack  auf
öder  Hochterasse  zerstreut,  Weiters  Glashütte,  Carlsfeld,  Mühlleiten,
Winselburg,  das  breit  hingelagerte  Hammerbrück  und  Muldenberg,
endlich  Kottenheide  und  Tannenhaus  im  Waldgebiete  verstreute  größere
oder  kleinere  Häusergruppen  bildend.

Auf  der  Ostseite  der  Straße  von  Eibenstock  nach  Frühbuß  dehnt
sich  in  800  bis  820  m  Meereshöhe,  am  Fuße  des  Hüttenbrand=  und
des  Postelberges,  auf  mooriger  Hochwiesenfläche  das  in  mehreren  unregelmäßigen
  Reihen  angelegte  Dorf  Sauersack  aus.  M.  Grundig
sagt:  „Sauersack,  ein  fast  auf  dem  höchsten  Gipfel  derer  Gebirge
sehr  zerstreut  liegender  Bergort,  welcher  auf  dem  kahlen  Boden  derer
abgetriebener  Holzungen  an  einem  aus  Nordwest  nach  Südost  streichenden
  Gehänge  sich  als  Rest  des  ruinirten  Waldes  vom  Grunde
bis  auf  die  Gipfel  der  Häuser  hölzern  erhebt  und  einige  Pochwerke
zeiget,  hat  wohl  den  Namen  in  der  That.“  Ihm  mißfällt  die  Bauart
  der  Häuser  von  Holz,  besonders  die  geschnörkelten  Kreuzbänder,
vierfach  übereinander  gelegten  und  schnörkelhaft  ausgezogenen  Gesimse
unter  der  Dachung,  die  halbrunden  übersetzten  Giebel,  das  Beschlagen
der  Seitenwände  mit  Schindeln,  die  Ercker  und  mancherlei  hölzerne
        <pb n="629" />
        —  621  —

Zierrathen.“  Noch  sieht  man  hier  einzelne  Blockhäuser;  aber  in  der
Neuzeit  sind  die  Holzbauten  zum  großen  Theile  durch  Steinbauten
ersetzt  worden.  «

Auf  der  Westseite  der  Straße  dehnt  sich  ein  Moorgebiet  aus,
in  welchem  der  gewachsene  Torf  4,  5  m  und  mehr  hoch  ansteht.
Es  lassen  sich  hier  alle  Stadien  der  Torfbildung  verfolgen,  von  der
lebenden  Pflanze  bis  zum  braunglänzenden  Specktorf.

In  der  Linie  des  eigentlichen  Gebirgskammes,  3  km  nordwestlich
  von  Sauersack,  3  km  südlich  von  Carlsfeld,  am  sanftgeneigten
  Abhange  der  Stangenhöhe  liegt  der  Kranichsee.  Der  Kranichsee
  ist  ein  Moorlager  in  920  bis  930  m  Meereshöhe.  Bleichgrüne
Torfmoose  bilden  vorherrschend  den  schlammigen  Boden.  Sphagnum
ymbisolium,  von  wechselnder  Größe,  Farbe  und  Stärke,  bleichgrün,
fahl,  röthlich,  roth,  dichte  Rasen  bildend;  dazwischen  graue  Säulchenflechten,
  becherförmig,  mit  großen  braunen  oder  rothen  Fruchtlagern;
dazwischen  die  Sumpbheidelbeere  (Rauschbeere)  mit  ihren  großen
rothen  Beeren;  die  Moosbeere  mit  ihren  braunrothen  Früchten,  die
poleyblättrige  Gränke,  die  schwarze,  kuglige  Krähenbeere,  das  scheidige
Wollgras  mit  seinen  graugrünen  Blättern.  Zahlreiche  niedrige
Stämme  der  Sumpfkiefer  (Kuhbucken,  Kiehbicken)  stehen  auf  kleinen
hügelförmigen,  mehr  oder  weniger  schwarzgrünen  Inseln  und  sind
dicht  mit  Flechten  bedeckt.  Zwischen  ihnen  kleine  trübe  Wasserlachen;
laugenartig,  bräunlich,  öde,  todt.  Der  Aberglaube  nennt  sie  unergründlich;
  ihre  Tiefe  beträgt  aber  nur  wenige  Fuß.  Kein  lebendes
Wesen  läßt  sich  sehen,  kein  Vogel,  kein  Frosch;  selten  einmal  ein
Wasserkäfer.  Blasen  schwimmen  im  Sommer  auf  der  braunen  Fläche;
schwere  dicke  Nebel  lagern  im  Herbste  über  dem  Moor.

Man  kann  wohl,  von  Kaupe  zu  Kaupe  springend,  eine  Strecke
weit  vordringen,  aber  immer  ist  es  nicht  ungefährlich,  in  dieser  Einö5de
  sich  weit  in  Moor  und  Sumpf  hinein  zu  wagen.

Der  Vegetationscharakter  aller  dieser  Hochmoore  ist  außerordentlich
  öde.  Der  sogenannte  Kranichsee,  wie  der  Kuhbuckensee,  die
vier  Torfmoore  bei  Hirschenstand  und  bei  Frühbuß,  jeder  9/10  bis
1  km  breit,  10  bis  15  m  tief;  ebenso  die  zwei  großen  Moore  bei
Gottesgab,  ein  jeder  von  fast  4  qkm  Fläche,  und  1  bis  5  m  Tiefe,
die  früheren  Moore  am  Fuße  des  Haßberges  mit  dem  sagenhaften
„thörichten  See“  bei  Satzung  (Lehmann,  S.  205.)  u.  s.  w.  bieten
in  ihrer  naßkalten,  dunstreichen  Lage  von  900  bis  1000  m  Meereshöhe
  immer  wieder  dasselbe  Bild,  und  immer  dieselbe  Pflanzenwelt.
Die  Knieholzform  der  Kiefer  (Sumpfkiefer  —  pinus  obliqua
Sauter),  welche  im  Westen  des  Gebirges  „Kiebucken“  genannt
wird,  mitunter  auch  die  verkümmerte  gewöhnliche  Kiefer  (pinus.
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        —  622  —

mughus)  und  die  Zwergbirke  (betula  nana)  sind  die  Vertreter  der
Baumwelt;  nächst  diesen  findet  man  die  Sumplheidelbeere  (Rauschbeere
  =  vaccinium  uliginosum),  die  schwarze,  am  Boden  hinkriechende,
  heideartige  Krähenbeere  (empetrum  nigrum),  die  Moosbeere
  (oxycoccos  palustris),  die  poleyblättrige  Gränke  (andromeda
polifkolia),  das  scheidige  Wollgras  (eriophorum  vaginatum),  die
graue  Säulchenflechte  (Cladonia)  und  zahlreiche  Riedgräser,  Torfmoose,
Flechten  u.  s.  w.

Die  Torfbildung  ist  das  Ergebniß  der  Zersetzung  von  Pflanzen,
welche  an  dem  Orte  derselben  wachsen.  Auf  der  abgestorbenen
Pflanze  entwickeln  sich  neue,  und  unter  dem  Einflusse  von  reichlich
vorhandenen  stehenden  Gewässern  nimmt  die  Torfbildung  schichtenförmig
zu,  an  der  Oberfläche  leichten,  hellen,  schnell  und  ohne  große  Wärmeentwickelung
  verbrennenden  weißen  Moos-,  Sumpf=  oder  Wurzeltorf
  bildend.  Die  tieferen  Schichten,  braun  bis  selbst  schwarz,
schwer  und  eine  gleichförmige  starke  Hitze  entwickelnd,  werden  brauner
Moostorf  und  Klipptorf  genannt.  Wollgras,  Cypergräser  und  Torfmoose
  sind  die  Hauptbestandtheile.  Das  truppweis  stehende  Eriophorum,
  die  grasartigen  Cyperiodeen  mit  ihren  saftigen,  knolligen  Wurzeln,
und  die  fahlen  röthlichen,  dicht  aneinander  gedrängten  Sphagnaceen
liefern  mit  ihren  unterirdischen  Stengeln,  den  weitverzweigten,  filzartig
verwachsenden  Wurzelfasern  in  verhältnißmäßig  kurzer  Zeit  eine  beträchtliche
  Anhäufung  vegetabilischer  Substanz.  Da  wo  die  Sumpfkiefer
  (Mooskiefer)  ihre  Schatten  ausbreitet  und  die  fallenden  Nadeln
in  die  schwammartigen  Moore  senkt,  oder  von  Stürmen  gebrochen
selbst  mit  zur  Torfbildung  beiträgt  (Waldtorf),  wird  das  Wachsthum
derselben  ein  noch  bedeutend  schnelleres  sein.  Man  nimmt  an,  daß
ein  Torflager  unter  günstigen  Bedingungen  bis  zu  1,5  m  hoch  in
30  Jahren  nachwächst.  Zahlreiche  Wasseradern  entquellen  einem  jeden
Moorgebiete.

Wie  bedeutend  seinerzeit  das  Vorurtheil  gegen  die  Torffeuerung
sich  auflehnte,  wird  schon  dadurch  bewiesen,  daß,  als  man  1708  am
Filzteiche,  am  Kranichsee,  bei  Johanngeorgenstadt  und  bei  Scheibenberg
  Torfgräbereien  angelegt  hatte,  kein  Mensch  den  Torf  kaufen
wollte.  1756  wurde  der  Versuch  eben  so  erfolglos  wiederholt.  Man
gab  1000  Torfziegel  für  21  Groschen,  aber  das  Vorurtheil  war  so
groß,  daß  die  Leute  den  Torf  nicht  einmal  umsonst  haben  wollten;
hatte  man  doch  Holz  genug.  Erst  seit  1789  ist  der  Verbrauch  von
Torf  ein  allgemeiner  geworden.

Lehmann  sagt  im  „Historischen  Schauplatz  des  Meißner  Ober-Ertz-Gebürges“
  (1699):  „Massen  auch  in  diesem  Waldgebürge  offt
kalte  und  sumpfigte  Heiden  gefunden  werden,  die  versauern,  die  Bäume
        <pb n="631" />
        —  623  —

bleiben  kurtz  und  struppigt,  und  verbutten,  werden  von  Wind  und
Schnee  zur  Erde  gebeuget  und  gedrucket,  daß  sie  nicht  gedeyen  können,
daher  man  sie  wegen  ihrer  Niedrigkeit  Kniebüsche  nennet.“

„Man  bedenke  die  unzähligen  Moraste,  Sümpfe,  Mooßräume,
Brüchwerke  und  Weichen  in  Räumen  und  Wäldern  umb  und  unter
Plette,  Gottesgabe  gegen  die  Johann-Georgenstadt,  umb  Scheibenberg,
Grünhain,  Elterlein,  Schlette,  Geyer,  Buchholtz,  Zöblitz,  Lengefeld,
Kühnheyde,  Was  für  eine  schreckliche  Wüstung  gewesen,  ehe  die  hohen
Wälder  abgetrieben,  die  Waldpässe  gebrücket  (d.  h.  Knüppeldämme  in
ihnen  gelegt),  die  Wildberge  nach  ihren  Flügeln  und  Rundungen  abgezogen,
  so  viel  Floß=  und  andere  Teiche  gemacht,  und  durch  die
Röschen  und  Stölln  die  Wasser  abgezapft  worden.  Dahin  abermalen
einige  Benennungen  der  gebirgischen  Situation  zielen,  als  der  Moßraum,
  die  rothe  Pfütz,  das  Saubad,  die  Sauschwemme,  die  Sausudel,
Crotensee,  thörichte  See,  Filtz-Sumpf,  darinnen  nicht  nur  Lastwagen,
sondern  auch  Menschen  und  Vieh  versinken,  hingegen  die  wilden  Siu
sich  gebadet,  die  Bären  abgekühlet,  die  Hirsche  und  Wölfe  sich  gesuhlet
  haben  ...  Dazu  kommen  so  viel  grimmiger,  reißender  Thiere,
die  sich  in  einem  so  alten  und  rauhen,  unbewohnten  Waldgebirge  unzehlig
  vermehret  haben  ...  Die  Einsamkeit  selbst  in  einer  so  ungeheuern,
  unbewohnten  Wildniß  erweiset,  daß  dieses  alte  Gebirge  fast
allen  fünf  Sinnen  des  Menschen  verdrüßlich  gefallen."“

Vom  Kranichsee  geht  man  in  etwa  ¾  Stunden  nach  Carlsfeld.
Die  Eibenstocker  Chronik  sagt:  „Der  Anblick  dieser  Gegend  erweckt
leicht  den  Gedanken,  daß  hier  eine  höchst  schauerliche  Wildniß  gewesen
sein  müsse."  Das  1678  gegründete  Hammerwerk,  den  Ursprung  des
Dorfes  wahrscheinlich  in  sich  schließend,  kam  1823  zum  Erliegen.
„Seit  dem  Aufhören  des  Hammerwerkes  war  der  Ort  sehr  darnieder
gekommen.“  Die  1829  gegründete  Uhrenfabrik  ging  ein.  Dagegen
macht  die  1860  errichtete  Hohlglashütte  seit  1869  alle  Arten  von
Medicinal-,  Tinten=  und  Parfürmeriegläsern,  Pastendosen,  Selbstöler,
Milchglassalbenkruken;  in  der  neuesten  Zeit  auch  Preßglas  und  zeichnet
sich  durch  Regelmäßigkeit  und  Gleichmäßigkeit  ihres  Fabrikats  aus.

Die  1684  bis  1688  von  G.  Roth  „Tischler  von  der  Lößnitz“
erlaute  Kirche  (nach  Oesfeld  II,  55  „eine  Nachahmung  der  Petersluche
  in  Rom“)  hat  einen  quadratischen  Grundriß  mit  verbrochenen
Ecken  und  ist  einer  der  ältesten  Centralbauten  in  Sachsen.  Die  Architeltur
  ist  einfach,  das  Ebenmaaß  aber  hervorragend.  Der  Altar  ist
mit  einer  vortrefflich  in  Holz  geschnittenen  Darstellung  der  Kreuzigung
Christi  (in  halber  Lebensgröße)  geschmückt.  Neben  der  Kanzel  stehen
die  Figuren  der  Apostel  Paulus  und  Petrus.

Eine  halbe  Stunde  östlich  von  Carlsfeld  liegt  Weiters  Glas-
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        —  624  —

hütte.  Dieselbe  besteht  seit  1661.  Als  Magister  Grundig  (Nachrichten
  und  Bemerkungen  von  seiner  Reise  ins  Carlsbad  1752  und
1756)  sie  besuchte,  machte  sie  nur  grünes  Glas;  später  ausschließlich
gewöhnliches,  böhmisches  Tafelglas,  das  in  Bunden  von  ca.  20  Qu.=Fuß
  in  verschiedenen  Längen,  Breiten  und  Güten  verkauft  wird.  Die
Glashütte  wurde  1871  umgebaut  und  vergrößert.

Nicht  ganz  1  Stunde  südlich  von  Carlsfeld,  1  km  südwestlich
vom  Kranichsee,  liegt  der  Pyhrenteich  oder  Schwarze  Teich,  in  ernster
Waldesstille.  Weiter  nach  Westen  wandernd,  an  der  Landesgrenze
hin,  erreicht  man  in  einer  Stunde  die  nach  Aschberg  führende  Waldstraße.
  Von  hier  15  Minuten  südwärts  liegt  über  offene  Wiesenflächen
  hin  der  Aschberg  mit  seinem  ausgedehnten  Blick  über  den
Abfall  des  Gebirges  und  das  Böhmer  Land.  Geht  man  dagegen
auf  dem  Gebirgskamme  weiter,  so  wendet  man  sich  nordwestlich  bis
an  die  ersten  Häuser  von  Mühlleiten,  2  km,  und  von  hier  mehr
westlich  nach  Winselburg  und  dem  Kiel,  wieder  2  km  (921  m).
Zwischen  alten  Halden  sind  zahlreiche  mit  Wasser  gefüllte  Grubentümpel.
  Von  den  Halden  hat  man  eine  weite,  aber  unbedeutende
Aussicht  nach  Süd.  Weiter  westlich,  1  km,  liegt  der  Schneckenstein.
Derselbe  besteht  aus  schieferartigem,  mit  langen  Quarzstreifen  gemischtem
  Gneis.  In  dem  mit  feinem  Glimmer,  grünlicher  Erde  und
schwarzem  Schörl  untermengten  Quarz  sind  zahlreiche  große  und
kleine  Drusen  mit  Krystallen;  zwischen  diesen  weingelbe  Topase.  Der
durch  einen  Spalt  in  zwei  Gruppen  getheilte  und  mit  einer  großen
Aushöhlung  versehene  Schneckenstein  erhebt  sich  22,7  m  über  seine
Umgebungen.  Man  besteigt  ihn  auf  einer  Art  in  den  Felsen  gehauener
  Treppe  und  hat  eine  ausgedehnte,  wenn  auch  wenig  interessante
  Umsicht.

In  früher  Zeit  schon  hat  man  hier  Topase  gebrochen,  später
damit  aufgehört;  auch  1727,  wo  der  Tuchmacher  Kraut  diesen  Edelsteinbruch
  wieder  in  Gang  brachte  und  eine  Art  von  Stolln  getrieben
wurde,  kam  er  wieder  zum  Erliegen.

Auf  halbem  Wege  nach  Muldenberg,  4  km,  liegt  der  Affenstein
im  Walde,  eine  ganz  unbedeutende  Felsenklippe  ohne  Aussicht,  nicht
zu  verwechseln  mit  dem  3  km  westlich  von  Muldenberg  im  Quellengebiete
  der  Göltzsch  liegenden  Großen  und  Kleinen  Affensteine.

Vom  Schneckensteine  trifft  man  in  südwestlicher  Richtung  nach
wenigen  Minuten  auf  die  Schneuse  B,  auf  welcher  man  bis  zum
Neuen  Graben  und  längs  desselben  westwärts  bis  zu  den  Sauhäusern
geht,  3  km.  Wendet  man  sich  am  Neuen  Graben  östlich,  so  kommt
man  nach  einer  Stunde  bis  an  die  scharfe  Biegung  desselben  gegen
        <pb n="633" />
        —  625  —

Norden,  und  von  hier  ins  Thal  steigend  in  wieder  einer  Stunde  über
Brunndöbra  nach  Klingenthal.

Von  den  Sauhäusern  geht  man  wenige  Minuten  nach  West,
und  dann  auf  breiter  Waldstraße  nach  Kottenheyde,  4  km.  Kuttenheide,
  ursprünglich  bergmännische  Versuchsbauten,  später,  im  16.  Jahrhundert
  eine  Wallfahrtskapelle  zu  Sct.  Peter,  darauf  Jagd=  und
Pachthaus,  jetzt  Forsthaus;  eine  Häusergruppe  auf  hochgelegener  Waldwiese,
  rings  vom  Wald  umgeben,  die  Quellen  der  Weißen  Mulde  in
einem  kleinen  Teiche  enthaltend.

Auf  dem  westlichen  Ende  des  Erzgebirges  wird  noch,  wenn
auch  in  sehr  beschränktem  Maaße,  Pechsiederei  und  Rußbrennerei  betrieben.


Die  mit  der  Gewinnung  des  Harzes  in  Verbindung  stehende
Pechsiederei  und  Rußbrennerei  hat  in  dem  Maaße  abgenommen,  als
die  geregelte  Forstwirthschaft  das  Harzreißen  nur  noch  auf  den  einmal
  angerissenen  Waldflächen  gestattete.  Die  Zunahme  der  Holzgewinnung
  an  Güte  und  Menge  übertrug  bei  Weitem  den  Gewinn
des  Harzreißens,  welcher  nur  mit  einer  großen  Schädigung  des  Waldbestandes
  überhaupt  erzielt  werden  konnte.  Schon  Ende  des  vorigen
Jahrhunderts  war  „die  Nutzung  der  Wälder  zum  Pechssieden  nicht
mehr  so  beträchtlich  wie  früher"“.  (Peck.)  Im  16.  Jahrhundert
waren  auf  dem  Theile  des  Gebirges,  welcher  Bockau,  Breitenbrunn,
Bergmannsgrün,  Sosa,  Schwarzenberg  und  Schneeberg  umfaßte,  über
300  Personen  mit  dem  Rechte  belehnt,  in  der  Herrschaft  Schwarzenberg
  zu  harzen.

In  den  Jahren  1883  und  1884  wurden  im  Eibenstocker  und
Schönecker  Bezirk  noch  gegen  3600  Ctr.  Kessel=  oder  Gelbpech  und
gegen  700  Ctr.  Griefen=  oder  Schwarzpech  gewonnen;  1886  nur
etwa  die  Hälfte.  Die  Kienrußfabrikation  ging  ebenfalls  weiter  zurück.

Von  Kottenheide  nach  dem  Tannenhaus  sind  3  km,  von  da  nach
Schöneck  2  km.

Aus  dem  Walde  heraustretend  hat  man  nach  Westen  hinaus
einen  freien  Umblick  auf  das  vogtländische  Hügelland  des  Elstergebietes.
Die  Stadt  Schöneck  ist  hufeisenförmig  um  den  etwa  bis  zu  730  m
hohen,  25  m  über  den  Marktplatz  aufragenden  Schönecker  Felsen
aufgebaut.  Von  diesem  Felsen  hat  man  einen  herrlichen  Ausblick
über  das  ganze  Thalgebiet  der  Elster,  im  Südwest  den  Höhenzug  des
Hainberges  und  des  Rehauer  Waldes,  darüber  den  Großen  Kornberg,
  den  Waldstein,  den  Schneeberg,  die  Kösseine;  im  Süden  den

Kapellenberg,  im  Südost  den  Hohen  Stein.  Es  ist  thatsächlich  eine
Ecke  des  Gebirges,  von  der  man  über  drei  Viertel  des  Kreises  hinaus
in  Thäler  und  Thalzüge  hinein  sieht,  während  nur  nach  Osten  hin
40
        <pb n="634" />
        —  626  —

der  waldige  Höhenzug  der  Tannenhaus-Erhebung  die  Aussicht  abschließt.
  Dieser  Fels  wurde  unzweifelhaft  schon  von  den  ersten  Ansiedlern
  „  Die  schöne  Ecke“  genannt,  und  so  ist  die  älteste  Bezeichnung
  der  Stadt  „Stadt  unter  Schöneck“,  und  ihres  Gebietes
„Mark  unter  Schöneck".

Im  13.  Jahrhundert  gehörte  Schöneck  den  Grafen  v.  Eberstein;
Anfang  des  14.  Jahrhunderts  wird  es  als  ein  zur  Herrschaft  der
Vögte  gehörendes  Schloß  genannt;  urkundlich  1327.  Ein  oberhalb
des  Schönecker  Felsens  befindliches  kleines  Plateau  könnte  der  Standpunkt
  einer  kleinen  Burg  oder  eines  kleinen  Schlosses  gewesen  sein.
Schiffner  schreibt  zwar  (S.  358):  „von  der  Burg  hat  sich  auf  der
Felsenklippe  ein  runder  Thurm  erhalten“;  gegenwärtig  ist  nicht  die
geringste  Spur  desselben  zu  erkennen.  Doch  schon  1370  wird
Schöneck  urkundlich  als  Stadt  bezeichnet,  als  es  von  Kaiser  Carl  IV.
seine  Privilegien  erhielt.  Die  Stadt  hatte  bedeutenden  Grundbesitz
am  Schönecker  Walde,  der  ostwärts  bis  Klingenthal  und  Stein-Döbra,
nordwärts  bis  an  den  Affenstein  und  Schneckenstein  reichte.  Aus
diesem  erhielt  jeder  Bürger  jährlich  unentgeltlich  sechs  Klaftern  Holz.
Nach  dem  Privilegium  von  1370  durfte  die  Stadt  jedoch  nur  130
Häuser  zählen.  Sie  hatte  volle  Abgabenfreiheit;  dagegen  mußte  sie
dem  Landesherrn,  so  wie  er  persönlich  nach  Schöneck  kam,  fünf  Pfund
schwäbische  Heller  in  einem  hölzernen  Becher  überreichen.  Als  Kurfürst
  August  II.  1708  durch  Schöneck  reiste,  enthielt  der  ihm  überreichte
  Becher  6063  Stück  schwäbische  Heller  (im  Werthe  von  etwa
12  Thalern  nach  damaligem  Münzfuße).  Kurfürst  August  gestattete
die  Vermehrung  der  Häuserzahl  auf  141,  welche  Zahl  bis  Anfang
dieses  Jahrhunderts  inne  gehalten  wurde,  jedoch  bis  zu  dem  1856
stattfindenden  Brande  sich  um  einige  wenige  vermehrt  hatte.  Die
Brände  von  1632,  1680  und  1761  hatten  keiner  den  Umfang  wie
der  große  Brand  vom  6.  Mai  1856.  Es  war  ein  trostloser  Anblick,
  durch  die  rauchende  Trümmerstätte  zu  gehen.  Stehen  gebliebene
Schornsteine  ragten  aus  den  Ueberbleibseln  der  Parterremauern  hoch
empor  —  mitten  in  den  noch  rauchenden  Ruinen  ragte  der  Schönecker
Felsen  in  die  Höhe,  am  Fuße  desselben,  am  Markte,  stand  ein  großer
hölzerner  Wasserbottig,  leer,  fast  vollständig  verkohlt,  die  eisernen
Reifen  bis  zur  Basis  herabgesunken.  Schmuck  und  anmuthig  hat  sich
die  Stadt,  wenn  auch  mit  großen  Opfern,  aus  diesem  letzten  und
Hauptbrande  wieder  erhoben.  Die  Kirche  ist  neu.  Die  alte  wurde
schon  1491  als  „eine  sehr  alte“  bezeichnet.  Die  Ansiedelung  ist  auf
das  13.  Jahrhundert,  wo  nicht  auf  frühere  Zeiten,  zurückzuführen.
        <pb n="635" />
        —  627  —

83.  Neudeck.  Graßlitz.  Klingenthal.

Der  gewaltige  Höhenrückenzug,  welcher  die  Thäler  der  Weißen
Wistritz  und  der  Rohlau,  bez.  ihres  Quellenbaches  des  Schwarzwasserbaches,
  von  einander  trennt,  reicht  in  südöstlicher  Richtung  vom
Rammelsberge  bei  Platten  bis  zum  Wölfingsberge  bei  Merkelsgrün,
in  der  Schwebung  von  900  m,  aus  welcher  der  Bäringer  Plattenberg
  mit  1004  m  Meereshöhe,  der  Drachenfels  mit  seiner  vielgezinnten
  Wand  960  m,  der  Bäringer  Berg  984  m  und  der  Wölfingsberg
  971  m  emporragen.  Der  Uebergang  über  denselben  erfolgt  von
Merkelsgrün  über  den  Wölfingsberg  und  Ullersloh,  oder  von  Bäringen
über  Tellerhäuser,  oder  von  Bäringen  über  Neuhammer,  oder  von
Platten  über  Wolfsberghäuser  und  Neuhammer  mit  dem  Zielpunkte
Neudeck.  Der  kürzeste  Uebergang  von  Bäringen  über  Tellerhäuser
2  Stunden;  der  längste  von  Platten  über  Wolfsberghäuser  und  durch
das  Thal  der  Rohlau  gegen  drei  Stunden.

Tief  unten,  eingekeilt  in  das  Thal  der  Rohlau  und  auf  den  beiderseitigen
  Abhängen  in  die  Höhe  kletternd,  liegt  das  Bergstädtchen  Neudeck,
wahrscheinlich  in  Bezug  auf  die  Ergiebigkeit  der  dort  erschlossenen
Seifenwerke  ursprünglich  „Neidecke“  genannt.  Aus  den  Zinnseifen
entstanden  Bergwerke;  der  Bergbau  ist  gegenwärtig  erloschen.  Die  Sage
berichtet,  daß  die  „im  Winkel“  gelegene  alte  Zinnschmelzhütte,  welche
ihrer  Baufälligkeit  wegen  vor  einer  Reihe  von  Jahren  abgetragen
werden  mußte,  das  erste  Haus  von  Neudeck  gewesen  sei.  Auf  einer
Granitklippe  erhebt  sich  der  Glockenthurm  von  trapezartigem  Grundriß,
  so  daß  man  von  Süden  her  alle  seine  vier  Ecken  gleichzeitig  sehen  kann.
Derselbe  ist  der  Ueberrest  einer  alten  Burg,  welche  sich  auf  dem  nach
Nordost  gerichteten  Felsenvorsprunge  erhob  und  das  Thal  aufwärts  und
abwärts  beherrschte.  Oberhalb  der  Stadt  liegt  das  große  Eisenhüttenwerk
  Neudeck,  eines  der  ältesten  der  österreichischen  Monarchie.  Dasselbe
  liefert  Schwarzbleche,  decopirte,  verzinnte  und  lackirte  Bleche.
Es  hat  eine  Grobstrecke  und  sechs  Blechwalzenstraßen,  drei  Schweiß--öfen,
  sechs  Frischfeuer,  zwei  Dampfhämmer,  so  wie  fünf  Dampfmaschinen
  und  eine  Turbine.  Die  Anzahl  der  Arbeiter  beträgt
gegen  450.

Am  Südende  der  Löffelschmiederei,  Handschuh=  und  Spitzenfabrikation
  treibenden  Stadt  liegt  das  Gräflich  Asseburgsche  Schloß

—  ein  unansehnliches  Gebäude  in  Normannischem  Style.

Von  dem  östlich  der  Stadt  sich  erhebenden  Kapellen=  oder
Kreuzberge  hat  man  einen  vortrefflichen  Ueberblick  über  die  Stadt.
Die  Aussicht  nach  West  ist  bei  Abendbeleuchtung  unbedeutend;  dagegen
  sieht  man  südwärts  im  Innern  Böhmens  die  Höhenzüge  vom

40“
        <pb n="636" />
        —  628  —

Liesengebirge  bis  bei  Tepl  und  Einsiedel.  Einen  besonders  schönen
Ausblick  über  den  Thalkessel  der  Rohlau  und  gebirgsaufwärts  hat
man  von  der  Nordseite  des  Kapellenberges  bei  einer  hoch  gelegenen
Häusergruppe,  wo  man  das  Thal  von  Trinkseifen  hinaufsieht  mit
seiner  Einfassung  von  Berg  und  Wald.  Auf  dem  Wege  von  Bä—
ringen  über  die  Tellerhäuser  hat  man  einen  sehr  schönen  Ausblick
nach  West  und  Südwest,  ehe  man  in  das  reizende,  in  seinen  Formen
an  die  Voralpen  erinnernde  kleine  Thal  niedersteigt,  welches  bis  an
das  Südende  von  Neudeck  führt.  Man  kann  aber  auch  auf  einem
Waldwege  den  Sattel  des  Limitzberges  überschreiten  und  von  Norden
her  nach  Neudeck  kommen.  Der  Peindlberg  ist  bis  oben  hinauf  mit
Wald  bedeckt;  nur  von  dem  Peindlfelsen  an  seiner  Südwestecke  hat
man  eine  Aussicht  nach  Böhmen  hinein.

Von  Neudeck  steigt  man  durch  den  Ullersloher  Grund,  oder  auch
durch  den  Grund  von  Hohenstolln,  beide  Thäler  reich  an  Landschaftsbildern,
  in  etwa  2  Stunden  bis  zu  dem  rings  von  Wald  umgebenen
„Gloriett"  im  Hohen  Hau,  einem  aus  Steinen  gesetzten  Aussichtsthurme
  mit  ausgedehnter  Rundsicht.  Vom  Keilberg  und  den  Sonnenwirbelhäusern
  sieht  man  den  Gebirgskamm  bis  zum  großen  Plattenberge;
  von  Südost  bis  Südwest  weit  in  das  Böhmer  Land  hinein.  Auf
gutem  Waldwege  erreicht  man  in  einer  halben  Stunde,  von  hier,  das
Forsthaus  Wölfing,  einen  durch  seine  köstliche  Lage  und  Aussicht  an
den  Schweißjäger  bei  Eichwald  erinnernden  Punkt.  Unter  großen
Buchen  ein  herrlicher  Ruheplatz.  Von  hier  nach  Merkelsgrün,  oder
nach  Edersgrün  ¾  Stunden;  durch  den  Wald,  am  Drachenfelsen
vorüber  nach  Bäringen  3/¾  Stunden.

Nur  etwa  ½  Stunde  südlich  von  Neudeck  liegt  auf  dem  Höhenzuge
  oberhalb  Thierbach  eine  kleine  Kapelle,  von  der  man  eine  vortreffliche
  Aussicht  hat.  Man  kann  aber  auch  bis  zum  Waldrande  am
Füttersberge  zurückgehen.  Nach  Norden  sieht  man  in  die  tief  eingeschnittene
  Thalspalte  der  Rohlau,  welche  auf  der  Westseite  von  den
Abhängen  des  Hochtannenberges  und  des  über  demselben  aufragenden
Mittelwaldberges,  auf  der  Ostseite  von  den  Steilhängen  des  Peindlberges
  und  des  darüber  sich  erhebenden  Bäringer  Plattenberges,  im
Norden  von  dem  terrassenförmig  zum  Thale  gehenden  Plattner  Berge
und  dem  im  Hintergrunde  aufragenden  Rammelsberge  abgeschlossen
wird.  Nach  Osten  erhebt  sich  der  Trausnitzberg  mit  dem  landschaftlich
  an  Formen  reichen,  von  etwa  fünf  Nebenthälern  in  einzelne  Abschnitte
  und  Absätze  getheilten  Westabhange  des  zwischen  der  Rohlau
und  dem  MWistritzbache  vorgestreckten  Gebirgsarmes.  Die  einzelnen
Häusergruppen  von  Gibacht,  Hohenstollen  und  Ullersloh,  welche  auf
den  verschiedenen  Absätzen  von  600,  700,  800  und  850  m  Meeres-
        <pb n="637" />
        —  629  —

höhe  mit  Feld  und  Wiese  zwischen  Laub=  und  Nadelwald  verstreut
liegen,  geben  dieser  Gebirgsansicht  einen  besonderen  Reiz.

Von  Neudeck  nach  Norden,  im  Thale  der  aus  dem  Zusammenflusse
  des  vom  Rammelsberge  kommenden  Weißbaches  und  des  vom
Büngerhau  oberhalb  Hirschenstand  entspringenden  Schwarzbaches,  unterhalb
  Neuhammer  entstehenden  Rohlau,  einem  von  150  m  hohen
Wänden  gebildeten  Waldthale,  kommt  man  über  Hirschenstand  (11  km)
nach  Wildenthal  (im  Ganzen  18  km).  Man  kann  aber  auch  von
Neuhammer  über  die  Wolfsberghäuser  nach  Platten  (11  km)  oder
am  Zinnerwiesbache  über  die  Farbenmühle  nach  Johanngeorgenstadt
gehen  (15  km).

Von  Neudeck  nach  dem  in  flacher  Thalmulde  ausgebreiteten  Trinkseifen
  sind  5  km,  von  da  durch  den  Wald  nach  Frühbuß  ebensoweit.


Frühbuß,  ein  hochgelegenes,  ärmliches  Städtchen,  verdankt
Ursprung  und  Namen  dem  längst  erloschenen  Bergbau.  Halden  und
Ueberreste  von  Seifenwerken  sind  noch  erkennbar.  Es  zieht  sich  in
einer  lang  gestreckten  Straße  von  dem  oberen,  etwa  900  m  hoch
liegenden  Ende  bergab  bis  etwa  860  m  in  einer  sanften  Mulde  thalwärts
  nach  den  Mühlhäusern.  Kurz  oberhalb  derselben  tritt  die
Straße  in  das  schmale,  bewaldete  Thal  der  Rothau,  an  dessen  Ostabhange
  sie  zu  den  Möschelhäusern  aufsteigt  und  das  Plateau  des
Hüttenberges  überschreitet.  Hier  hat  man  eine  sehr  schöne  Aussicht
nach  Süd  und  Südwest.  Ueber  die  Waldberge  zwischen  Rothau  und
Rohlau,  mit  dem  Zulegerbühl  (716  m)  und  dem  Füttersberge  (700  m),
sieht  man  im  Südwest  den  durch  seine  Form  ausgezeichneten  Kapellenberg,
  im  Süden  die  hoch  gegen  den  Horizont  sich  erhebenden  Bergzüge
  des  inneren  Böhmen  und  zwischen  beiden  in  duftiger  Ferne  den
Dillenberg  und  die  Glatze,  die  Gipfel  des  Böhmer  Waldes.

Man  kann  auch  von  Trinkseifen  durch  den  Wald  nach  den
Mühlhäusern  gehen,  5  km,  und  von  da  nach  Schönlind,  3  km;  oder
durch  den  Wald  über  Ober-  Kohling  nach  Schönlind,  6  km.  Am  Fuße
des  Gebirgsabsatzes  vom  Hüttenberge  liegt  auf  einer  kleinen  Terrasse
in  etwa  725  m  Meereshöhe  der  Marktflecken  Schönlind.  (Gasthof
zum  Adler.)

Um  auf  dem  nächsten  Wege  Graßlitz  zu  erreichen,  steigt  man
unmittelbar  hinter  der  Kirche  von  Schönlind  in  das  Thal  der  Rothau
hinab,  überschreitet  dieselbe  vor  dem  Eisenwerke  und  geht  auf  leicht
zu  findendem  Wege  in  südwestlicher  Richtung  durch  den  Wald  nach
Ober-Rothau  und  von  da  auf  der  Straße  zur  Adalbertskapelbe,  von
welcher  man  in  das  Thal  nach  Graßlitz  gelangt;  2  Stunden  von
Schönlind.  Das  Jagdschloß,  ½  Stunde  südlich  von  Schönlind,  liegt
        <pb n="638" />
        —  630  —

auf  einem  kleinen  Wiesenplateau,  von  dem  aus  man  einen  herrlichen
Blick  nach  dem  Gebirge  hat.

Das  unvergleichlich  schöne  Thal  der  Rothau  führt  in  das  nicht
minder  prächtig  von  Waldhängen,  Felsenvorsprüngen,  Klippen  und
gegen  200  m  hohen  Wänden  eingeschlossene  Thal  der  Zwota  bis
zur  Eisenbahnstation  Bleistadt  thalabwärts,  etwa  9  kin,  bis  zur  Eisen—
bahnstation  Unter-Graßlitz  thalaufwärts,  etwa  8  km.  Die  auf  dem
westlichen  Thalrande  der  Zwota  gelegene  alte  Bergstadt  Bleistadt  ist
von  zahlreichen  Halden  umgeben,  welche  von  der  Ausdehnung  des
Bergbaues  auf  Bleierze  noch  Zeugniß  ablegen,  obgleich  derselbe  seit
langer  Zeit  schon  eingestellt  worden  ist.  Auf  den  Halden  sollen  noch
bleihaltige  Erze,  aber  auch  Stücke  von  reinem  Braunbleierz  (Pyromorphit)
  zu  finden  sein;  auch  Opale  im  Bleiglanz  bei  Bleistadt  und
Heinrichsgrün.  Der  Bergbau  auf  Bleierze  wurde  bei  Beeistadt,
Liebenau,  Prünleß,  Hartenberg,  Pichelberg,  Horn,  auf  Kupfererze  am
Eibenberge  bei  Graßlitz,  auf  Zinnerze  bei  Silberbach  und  Schwaderbach,
  Hirschenstand,  Neudeck,  Frühbuß,  Trinkseifen  u.  s.  w.  betrieben.
Unzweifelhaft  würde  die  Wiederaufnahme  desselben  mit  hinreichender
Geld-,  Maschinen=  und  Menschenkraft  nicht  ohne  Erfolg  sein.  Bei
Klostergrab  hat  man  zwei  Zechen  im  Deutzendorfer  Grunde  wieder
angefahren,  auf  Silbererze  und  Wismuth,  und  im  Hüttengrunde  eine
auf  silberhaltige  Bleierze.

Die  Stadt  Graßlitz  verdankt  ihren  Ursprung  dem  Bergbau
auf  Kupfererze,  welcher  hier  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  begonnen
haben  soll.  An  der  Wende  zwischen  dem  16.  und  17.  Jahrhundert
beschäftigte  der  an  zahlreichen  Halden,  Stollen  und  anderen  Merkmalen
  noch  erkennbare  Bergbau  auf  Kupfererze  gegen  2000  Bergleute.
  An  dem  Abhange  des  zwischen  Schwaderbach  und  Silberbach
bis  zu  80  2  mIsich  erhebenden  Eibenberges  befinden  sich  noch  ausgedehnte
  Halden,  lang  am  Thale  hin,  hoch  den  Abhang  hinauf.  Von
Klingenthal  steigt  man  auf  einem  Fußsteige  an  zahlreichen  einzeln  und
truppweise  zwischen  Baumgruppen  liegenden  Häusern  vorüber  den
Höhenrücken  der  Berghäuser  hinan  und  dann  in  südöstlicher  Richtung
über  den  Fritzschberg,  durch  das  Thal  von  Schwaderbach  und  durch
verschiedene,  ziemlich  wagrecht  ausgebreitete  Häusergruppen  zum  kahlen
Gipfel  des  Eibenberges,  dem  steilabfallenden  Südende  eines  Rückenzuges.
  Der  Eibenberg  bietet  eine  prachtvolle  Aussicht  nach  Ost.  Unmittelbar
  über  dem  Steilabfalle  nach  dem  Silberbache  und  seiner
schmalen  Thalwiese  erhebt  sich  im  Südost  der  Muckenbil  (Mückenbühl)
  bis  zu  949  m,  im  Nordost  der  Spitzberg  bis  zu  993  m,  beide
mit  trefflich  bewaldeten  Abhängen,  auf  deren  freien  Stellen  die  oberen
        <pb n="639" />
        —  631  —

Häusergruppen  von  Silberbach,  am  Tobisenberge  und  an  der  Platte
eingebaut  sind.

Das  Thal  des  Silberbaches,  welches  man  beim  Abstieg  von  der
Höhe  des  Eibenberges  in  der  Nähe  der  Hauptgruppe  des  Ortes  erreicht
  oder  am  Zusammenstoß  der  beiden  Bäche  unterhalb  des  Forsthauses,
  bildet  von  diesem  an  ein  schmales,  von  Wald  eingefaßtes
Wiesenthal,  welches  mit  bedeutender  Steigung  sich  nach  den  Quellen
hinauf  zieht.  Dem  vom  Norden  kommenden  Aste  mit  seinen  bewaldeten
  Hängen  dient  der  schmale  Sattel  zwischen  dem  Hirschberge  und
dem  Aschberge  in  850  m  Meereshöhe  als  Quellengebiet;  der  von
Osten  her  rauschende  Bach  entspringt  in  900  m  Meereshöhe  auf  der
Hochebene  westlich  von  Frühbuß  und  wird  durch  drei  kurze,  von
Norden  einfallende  Nebenbäche  verstärkt.  Die  Thalwände  dieses  östlichen
  Silberbaches,  100  bis  150  m  ansteigend,  reich  bewaldet,  geben
bis  oberhalb  des  Jagdschlosses  (wo  vor  Zeiten  die  Glashütte  Nancy
stand)  ein  köstliches  Waldthal.  Vom  Zusammenfluß  der  beiden  Silberbäche
  bis  Frühbuß  geht  man  2  Stunden.

Der  interessanteste  Weg  von  Klingenthal  nach  Neudeck  führt  über
Graßlitz,  die  Adalbertskapelle,  Unter-Rothau  und  Heinrichsgrün  nach
Scheft,  4  Stunden,  von  da  auf  dem  welligen  Hochplateau  etwas  eintönig
  über  Oedt  nach  Thierbach  und  über  die  Thierbacher  Kapelle
nach  Neudeck  2  Stunden.  Das  Städtchen  Heinrichsgrün  verdankt
dem  Bergbau  auf  Bleierze  seinen  Ursprung;  später  wurde  auch  auf
Eisenerze  gebaut;  auch  Edelsteine  und  Halbedelsteine  sind  hier  gefunden
  und  geschliffen  worden.  1  Stunde  östlich  der  von  dem  Schlosse
überragten  Stadt,  auf  der  Höhe  dicht  über  Scheft,  hat  man  eine
prachtvolle  Ansicht  des  Gebirges  nach  Nordost.  Die  Nordwestansicht
des  Gebirges  gewinnt  man  ½  Stunde  vor  Scheft  nördlich  der
Straße  auf  dem  Zulegerbühl.  Von  diesem  sieht  man  nahezu  im
Südwest  den  Kapellenberg,  dann  Hohenhau,  Hohen  Stein,  Schönauer
Berg,  Glasberg,  Muckenbühl,  Hartelsberg;  vor  ihm  den  Hüttenberg
und  an  seinem  Steilabhange  Schönlind;  nach  Süden  und  Südosten
in  das  Egerland,  bis  zu  den  fernen  Gipfeln  des  Fichtelgebirges,
Böhmer  Waldes  und  des  inneren  Böhmen  hinaus.

Wenn  diese  beiden  Gebirgsansichten  über  die  Eintönigkeit  des
Weges  von  Scheft  bis  Thierbach  erheben:  so  bringt  der  Blick  von
der  Thierbacher  Kapelle  einen  prächtigen  Abschluß  in  die  etwa  sechsstündige
  Wanderung.

Klingenthal  wurde  im  Höllengrund  1591  als  Hammerwerk
von  Klinger  gegründet,  hieß  anfänglich  Höllhammer,  und  später  wahrscheinlich
  nach  seinem  ersten  Besitzer  „Klingerthal“.  Dieser  Theil  des

Gebirges  wurde  bald  der  Sammelpunkt  böhmischer  Exulanten.  Un-
        <pb n="640" />
        —  632  —

mittelbar  nach  der  Protestantenvertreibung  von  1626  wurde  Zwota,
urkundlich  Zwoda,  mit  zwei  Häusern  gegründet,  1628  Brunn-Döbra
und  Stein-Döbra,  letzteres  ursprünglich  als  Glashütte,  vielleicht  sogar
zeitiger  wie  Klingenthal,  weshalb  ein  Theil  des  Ortes  noch  jetzt  „die
Glashütte“  heißt,  1629  Untersachsenberg,  1631  Obersachsenberg,  um
1640  Aschberg,  1677  Georgenthal,  1680  Landsgemeinde.  Das
Hammerwerk  Klingenthal  ging  im  dreißigjährigen  Kriege  ein.  Der
bedeutend  angewachsene  Ort,  mit  gegenwärtig  gegen  2500  Bewohnern,
dehnt  sich  im  Thale  der  Zwota,  ebenso  wie  im  Thale  des  Döbrabaches
  nahezu  2  km  weit  aus,  und  selbst  nach  Südost,  wo  die  Grenze
so  nahe  liegt,  erstrecken  sich  die  einzelnen  Häusergruppen  von  Quittenbach,
  Kriegberg  und  Unter-Klingenthal  immer  noch  über  1  km  weit
an  dem  linken  Ufer  der  Zwota  hin.

Von  Klingenthal  nordwärts  liegt  in  etwa  2  Stunden
Entfernung  der  Schneckenstein,  iu  1½  Stunden  Entfernung  nordöstlich
  der  Aschberg,  und  nordwestlich  von  den  Glasbachhäusern  bei
Unter-Zwota  das  Forsthaus  Kottenheide,  etwa  2  Stunden  weit.  Zum
Aschberge  steigt  man  etwa  1  ½  Stunde,  über  die  unteren  Berghäuser,
Gösselhäuser  und  mehrere  andere  Häusergruppen  nach  Ober-Sachsenberg
  und  Aschberg.  Auf  kahler  Höhenfläche  liegen  die  höchsten  Häuserreihen,
  kurz  vor  dem  Walde  in  fast  900  m  Meereshöhe,  Blockhäuser
mit  Schindeldachung,  von  etlichen  Baumkrüppeln  umgeben,  die  geringen
  Feldstücke  mit  Dämmen  von  aufgelesenen  Steinen  eingefaßt,
allen  Winden,  Regen,  Schneestürmen  schutzlos  preisgegeben.  Die  Aussicht
  ist  der  vom  Eibenberge  ähnlich,  vielleicht  etwas  weiter  in  die
Ferne  hinausreichend,  in  der  Hauptsache  aber  ebenfalls  durch  den  nach
Südost  gerichteten  Höhenzug  des  Ursprungberges  abgeschlossen,  über
welchen  nur  die  Gipfel  ferner  Gebirgszüge  emporragen.  Dagegen  ist
von  den  weiter  vorgeschobenen  Häusergruppen  der  Einblick  in  die  tief
eingeschnittenen  Thäler  höchst  interessant;  auf  der  Ostseite  in  das  Thal
des  Silberbaches,  auf  der  Westseite  in  das  Thal  von  Steindöbra  mit
ebenso  hohen,  theils  bis  zur  Thalsohle  bewaldeten,  theils  absatzförmig
mit  Häusern  besetzten  Hängen.  Bemerkenswerth  als  Aussichtspunkte
sind  das  unmittelbar  an  der  Grenze  liegende  Waldgut,  sowie  etwa
20  Minuten  weiter  südlich  die  Höhe  über  den  Glassenhäusern  (778  m)
mit  ihrem  Steilabsturze  nach  Nordwest.

In  einem  jeden  der  über  den  Bergabhang  in  größeren  und
kleineren  Gruppen  verstreuten  Häusern  herrscht  ein  reges  Leben,  ein
lebendiger  Fleiß.  Es  wird  gedreht,  geschnitzt,  gehämmert,  geleimt,
polirt  u.  s.  .  Man  mag  hineintreten,  wo  man  will,  da  wird  man
freundlich  begrüßt  und  bereitwillig  in  die  Geheimnisse  der  Thätigkeit,
wenn  auch  nicht  in  alle,  eingeweiht.  Mann,  Frau  und  Kinder,  ein
        <pb n="641" />
        —  633  —

jedes  hat  seinen  bestimmten  Arbeitsantheil,  und  bestände  er  zuletzt  blos
darin,  das  Gefertigte  fortzutragen,  um  es  in  die  nächste  Hand,  in
das  folgende  Arbeitsstadium  zu  bringen,  und  neues  Material  herbeizuschaffen.
  Mit  einer  nahezu  rührenden  Gesprächigkeit  und  Aufrichtigkeit
  hört  man  über  alle  einschlagenden  Verhältnisse  und  manchmal
auch  etwas  darüber  hinaus.  Die  große  Stube  im  Erdgeschoß  ist  die
Werkstatt;  die  Mehrzahl  der  Häuser  zwar  im  Grundriß  das  gekoppelte
Blockhaus,  aber  doch  häufig  mit  einem  Oberstock,  oder  doch  wenigstens
mit  Giebelkammern  versehen,  um  die  Zahl  der  Bewohner  und  ihrer
Arbeitsplätze  zu  fassen.  An  einzelnen  Häusern  ist  ein  Querflügel
angesetzt.  Bei  aller  Aehnlichkeit  jedoch,  welche  diese  Bauwerke  in  ihren
Grundzügen  wie  in  ihren  Einzelheiten  besitzen,  machen  sie  einen  bedeutend
  mehr  malerischen  Eindruck  als  die  im  Thale  dicht  zusammengedrängten
  Neubauten,  denen  bei  aller  Zweckmäßigkeit,  Wetterbeständigkeit
  und  Feuersicherheit  das  Gepräge  des  Unschönen  anhaftet.  Trotz
der  vor  vielen  Häusern  befindlichen,  sorgfältig  gepflegten  Vorgärten
behaupten  die  älteren  Wohnstätten  den  Vorrang  in  Bezug  auf  landschaftlichen
  und  wohnlichen  Reiz.

Von  Klingenthal  nach  Markneukirchen  im  Vogtlande  führt  ein
Weg  in  2⅛  bis  3  Stunden  durch  den  Wald.

Marknenkirchen  soll  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  gegründet
worden  sein  und  1360  aus  17  Häusern  bestanden  haben.  1627  erhielt
  es  Stadtgerechtigkeit.  Hauptsächlich  durch  Einwanderung  aus
Böhmen  verstärkte  sich  ihre  Bewohnerschaft,  aber  die  schnell  angewachsene
  Stadt  wurde  1546,  sowie  1633  und  1634,  endlich  1840
beinahe  vollständig  eingeäschert.  Eine  freundliche  und  lebhafte  Stadt
ist  seitdem  entstanden.  Zugleich  mit  den  böhmischen  Exulanten  ist  die
Fabrikation  von  Musikinstrumenten  hier  eingezogen.

Ein  und  eine  halbe  Stunde  östlich  von  Markneukirchen,  drei
Stunden  Wegs  südlich  von  Klingenthal,  und  fast  eben  so  weit  von
Graßlitz,  über  Schönau  und  Kirchberg,  liegt  auf  der  Wasserscheide
zwischen  Zwota  und  Elster  der  Hohe  Stein,  776  m,  eine  Felsenwand
von  mit  zahlreichen  Quarzadern  durchsetztem  Thonschiefer,  welche  steil
auf  dem  flach  geneigten  Höhenzuge  aufgerichtet  ist  und  aus  welcher
zahlreiche  Klippen  bis  zu  26  m  über  den  Bergrücken  emporragen.
Von  der  höchsten,  mit  Geländer  gesicherten,  zugänglichen  Felsenklippe
hat  man  einen  sehr  guten  Ausblick  nach  Südwest.  Ueber  dem  Kapellenberge
  und  Hainberge  ragen  Kösseine,  Schneeberg,  Großer  Kornberg
und  hinter  diesem  der  Waldstein  am  Horizonte;  die  übrige  Aussicht
ist  unbedeutend.

Weit  besuchenswerther  ist  der  nur  wenig  über  eine  Stunde  von
        <pb n="642" />
        —  634  —

Graßlitz  entfernte  Schönauer  Berg,  von  welchem  man  einen  vollständigen
  Einblick  in  die  Thäler  des  Döbrabaches,  des  Eibenbaches
und  Silberbaches  hat.

34.  Die  Fabrikation  von  Musik-Instrumenten.

Wann  und  wo  die  Anfertigung  von  Musik-Instrumenten  in
Böhmen  ihren  Ursprung  zu  suchen  hat,  ist  nicht  nachweisbar;  doch
unzweifelhaft  stammt  die  zu  einem  außerordentlichen  Umfange  angewachsene
  Instrumentenfabrikation  von  den  nach  Markneukirchen
und  Klingenthal  eingewanderten  böhmischen  Exulanten.  Diese  1626
beginnende  Bewegung  setzte  sich  während  des  dreißigjährigen  Krieges
und  nach  Beendigung  desselben  in  ausgedehntem  Umfange  fort.  So
ließ  sich  denn  in  Markneukirchen  eine  Anzahl  von  Geigenmachern
nieder,  welche  Violinen  und  Bässe  anfertigten.  Im  Jahre  1680
beantragten  „von  den  vor  nicht  langer  Zeit  eingewanderten  Exulanten
etwa  9  bis  10  Geigenmacher,  sich  eine  Empore  in  der  Kirche  bauen
zu  dürfen.“  Man  wird  also  nicht  weit  fehlgreifen,  wenn  man  den
Beginn  der  Instrumentenfabrikation  einige  Jahre  früher  ansetzt  (vielleicht
  um  1650),  da  die  böhmischen  Einwanderer  doch  schon  hinreichend
  seßhaft  sein  mußten,  um  in  corpore  das  Verlangen  nach
einem  besonderen  Kirchenplatze  auszusprechen.  Obgleich  der  Umfang
der  Fabrikation  nur  langsam  wuchs,  dehnte  sie  sich  doch  in  Bezug
auf  den  Umfang  der  Production,  wie  auf  den  Umfang  des  Absatzgebietes
  bedeutend  aus.  Der  Verkehr  bewegte  sich  bis  zur  Mitte
dieses  Jahrhunderts  noch  in  sehr  engen  Schranken.  Auf  den  großen
Reichs=  und  Heerstraßen  herrschte  zwar  ein  reges  Leben;  aber  von
Massenbewegung  und  Massenerzeugung,  wie  sie  gegenwärtig  Handel
und  Wandel  mit  sich  bringen,  hatte  man  selbst  noch  in  den  vierziger
Jahren  dieses  Jahrhunderts  keine  Ahnung.  Dazu  lagen  Markneukirchen
  und  Klingenthal  beide  abseit  der  großen  Heerstraße.  Erst
1835  erhielt  Markneukirchen  und  später  noch  Klingenthal  eine
Verbindung.  Bis  zu  dieser  Zeit  wurde  der  Vertrieb  der  Instrumente
  auf  alle  mögliche  Art  bewirkt.  „Wenn  wir  unsere  Waaren
nur  erst  bis  Oelsnitz  haben;  nach  Amerika  kommen  sie  dann  schon
von  selber"“  —  war  der  Ausspruch  eines  Fabrikanten  jener  Zeit.

Um  1840  bestand  die  Instrumentenfabrikation  in  Markneukirchen,
Klingenthal,  Brunndöbra,  Ober=  und  Untersachsenberg,  Erlbach  und
Adorf.  Die  Geigenmacherei  hatte  sich  seit  1690,  wo  Tavgel  aus
Danzig  eine  neue  Art  von  Geigenlack  einführte,  besonders  gehoben.
Das  Bogenmachen  wurde  von  Joseph  Ströz  aus  Baiern  eingeführt;
        <pb n="643" />
        —  635  —

das  Saitenmachen  um  1720;  die  Anfertigung  von  Messinginstrumenten
zwischen  1740  und  1750;  die  Anfertigung  von  Holzblasinstrumenten
um  1770.  *

Die  ersten  Geigenhändler  trugen  ihre  Waaren  mit  dem  Reff
in  die  Welt  hinaus,  sie  besuchten  Märkte  und  Messen,  fanden  Absatz
und  ihre  Waaren  Anerkennung,  so  daß  sie  mit  Aufträgen  zurückkehrten.
  Mit  der  Vergrößerung  des  Arbeitsumfanges  erweiterte  sich  auch
das  Absatzgebiet;  der  anfänglich  einfache  Hausirhandel  war  schon  Ende
des  vorigen  Jahrhunderts  zu  einem  vollständigen  Handelssystem  ausgebildet.
  Die  Fabrikate  gingen  nach  Holland,  England,  Dänemark,
Schweden,  Norwegen,  nach  Polen  und  Rußland,  nach  Frankreich,  der
Schweiz  und  Tyrol,  nach  Portugal  und  Spanien,  nach  der  Türkei
und  dem  Morgenlande,  sowie  über  den  Ocean,  nach  Amerika.  Aus
kleinen  Anfängen  entwickelte  sich  eine  umfangreiche  Industrie;  von
einzelnen  Orten  dehnte  sie  sich  über  einen  ganzen  Landstrich;  von
geringwerthigem  Fabrikate  entwickelte  sie  sich  bis  zur  Herstellung
meisterhafter  Instrumente;  mit  der  Anfertigung  von  Geigen  beginnend,
  zog  sie  alle  Arten  von  Streichinstrumenten  und  Saiteninstrumenten,
  Holz=  und  Messing-Blasinstrumenten  u.  s.  w.  in  ihren  Bereich.
  Im  Jahre  1800  arbeiteten  „in  Neukirchen  Jahr  ein  Jahr
aus  78  Meister  mit  Gesellen  und  Lehrlingen  an  Geigen,  Bratschen,
Bässen,  Harfen,  Lauten,  Zithern  u.  s.  w.;  26  Meister  mit  Gesellen
und  Lehrlingen  an  Bogen;  15  an  messingenen  Instrumenten;  24  an
Flöten,  Clarinetten  und  Bassethörnern  u.  dergl.;  30  an  Darmsaiten
..  In  einigen  nahen  Dörfern  und  dem  darunter  liegenden  Flecken
Klingenthal  arbeiten  85  Meister  mit  Gesellen  und  Lehrlingen  an
Geigen;  doch  giebt  es  in  den  umherliegenden  Städtchen  und  Dörfern
dvoch  eine  Menge  Instrumentenmacher".  (Allgem.  musik.  Zeitung,  1800.

r.  1.)

Von  den  Hauptorten  der  Instrumentenfabrikation  Marknenkirchen
und  Klingenthal  erstreckt  sich  dieselbe  über  Erlbach,  Eubabrunn  und
Wernsgrün  nach  Osten,  über  Siebenbrunn  nach  Adorf  gegen  West,
über  Bernitzgrün,  Wohlbach,  Gunzen  nach  Schöneck  gegen  Norden,
über  Zwota,  Brunndöbra,  Sachsenberg,  Steindöbra  nach  Nordost,  ein
enggeschlossenes  Gebiet  bildend,  welchem  Quittenbach,  Döhlerwald,
Zwotenthal,  Eschenbach,  Breitenfeld,  Gopplasgrün,  Hermsgrün  und
Marieney,  Freiberg  und  Arnsgrün,  Remtengrün,  Jugelsburg  und
Mühlhausen  angehören,  während  Raun,  Landwüst  und  Brambach  weiter
nach  Süden  vorgeschoben  sind  und  die  Verbindung  mit  dem  böhmischen
Theile  des  Fabrikationsbezirkes  Schönbach,  Kirchberg,  Ursprung,
Fleissen,  Schwarzbach  und  Graßlitz  mit  seinen  Nachbarorten  herstellen.
Die  Anzahl  der  in  den  verschiedenen  Zweigen  der  Instrumenten-
        <pb n="644" />
        —  636  —

fabrikation  regelmäßig  beschäftigten  erwachsenen  Arbeiter  läßt  sich  auf
4500  bis  5000  veranschlagen.

Die  Fabrikation  gliedert  sich  in  die  Anfertigung  von  Streichinstrumenten
  und  ihrer  Bestandtheile,  von  anderen  Saiteninstrumenten,
von  Darm=  und  Metallsaiten,  von  Holz=  und  Blechblasinstrumenten,
von  Instrumentenkästen  und  Futteralen,  von  Trommeln  und  Schlaginstrumenten,
  von  Mund=  und  Kastenharmonikas  (Accordions  u.  s.  w.).
Gewisse  Fabrikationszweige  haben  sich  local  entwickelt,  andere  sind
über  das  ganze  Gebiet  zerstreut;  in  der  Hauptsumme  aber  ist  die
Instrumentenfabrikation  eine  Hausindustrie  und  mit  allen  Vorzügen
und  Nachtheilen  ausgestattet,  welche  diese  Art  von  Industriebetrieb
mit  sich  bringt.  In  allen  den  einzelnen  Häusern  und  Häuschen
herrscht  ein  reger  Fleiß,  eine  musterhafte  Thätigkeit,  und  doch  giebt
es  unter  den  zahlreichen  Arbeitern  recht  viele,  welche  über  ein  bescheidenes
  Maß  der  Leistungsfähigkeit  hinauszugehen  nicht  im  Stande
sind.  Auch  hier  zeigt  es  sich,  daß  der  Pfuscher  nur  ein  kärgliches
Lohn  zu  erarbeiten  vermag;  daß  er  vor  Allem  es  ist,  welcher  den
besseren  und  zuverlässigen  Arbeiter  auf  das  Empfindlichste  schädigt.
Obgleich  es  unzweifelhaft  ist,  daß  die  Hausindustrie  vorwiegend  im
Stande  ist,  einen  seßhaften  Stamm  gut  ausgebildeter  Arbeiter  heranzuziehen,
  liegt  gerade  bei  ihr  die  Gefahr  am  nächsten,  von  dieser  hohen
Richtlinie  abzukommen.  Bestimmtes  Festhalten  in  Bezug  auf  solide
Fabrikation,  an  hohen  Anforderungen  in  Bezug  auf  Güte  der  Arbeit,
Form  und  Ansehen,  auf  die  ausgiebige  Benutzung  des  Materials  und
seiner  Eigenschaften,  sowie  endlich  auf  das  richtige  und  entsprechende
Verhältniß  von  Arbeit  und  Lohn,  von  Aufwand  an  Intelligenz  und
Zuverlässigkeit  mit  dem  Erwerb  ..  pdas  Alles  sind  Dinge,  welche
sich  nur  an  der  Hand  der  Großindustrie  auf  die  Hausindustrie  übertragen
  lassen.  Dann  werden  die  Fortbildungs=  und  die  gewerbliche
Fachschule  Erfolge  verzeichnen.

Die  Fachschulen  für  Musikinstrumentenbau  in  Adorf,  Klingenthal
  und  Markneukirchen,  welche  1862  „wegen  mangelnder  Theilnahme
  nicht  gedeihen“  wollten,  haben  seitdem  einen  bedeutenden  Aufschwung
  genommen.  Die  Fach=  und  Fortbildungsschule  zu  Adorf
zählt  60,  die  Musikschule  zu  Klingenthal  100,  die  Fachschule  für  Instrumentenbau
  zu  Markneukirchen  gegen  180  Schüler.  Jede  dieser
Schulen  ertheilt  fachgemäßen  Unterricht  im  Spielen  der  verschiedenen
Instrumente,  da  der  Instrumentenbauer  sein  Instrument  zunächst  fertig
zu  spielen  verstehen  muß,  um  es  auch  richtigen  Grundsätzen  entsprechend
  anfertigen  zu  können.  Die  Fachschule  zu  Adorf  berücksichtigt
besonders  das  Holzdrechseln  und  Schnitzen.  In  Böhmen  sind  Musikschulen
  in  Graßlitz  und  in  Schönbach.
        <pb n="645" />
        —  637  —

Die  Specialgewerbeschule  für  Musik  und  Instrumentenbau  in
Markneukirchen  wurde  1854  gegründet,  ging  1859  ein,  erhielt  sich
aber  als  Musik=  und  Sonntagsschule.  1878  als  Fachschule  neu  gegründet,
  umfaßt  sie  drei  Jahreskurse  und  eine  Vorschule,  welche
1887/88  von  176  Schülern  besucht  wurden.  In  Verbindung  mit
derselben  stehen  Lehrwerkstätten,  ein  werthvolles  Gewerbemuseum  mit
einer  bedeutenden  Sammlung  von  Instrumenten  aus  allen  Zeiten  und
Gegenden  und  eine  Bücher=  und  Notensammlung?).

Die  Geigenmacher  sind  der  Grundstock  der  Instrumentenfabrikation.
  Die  1680  in  Marknenkirchen  vorhandenen  9  bis  10
Geigenmacher  vermehrten  sich  bis  Ende  des  18.  Jahrhunderts  auf
etwa  80,  und  stiegen  in  der  Neuzeit,  Meister,  Gesellen  und  Lehrlinge
  der  verschiedenen  Neben=  und  Hülfsbranchen  mit  eingerechnet,
auf  etwa  750  bis  800,  ohne  die  in  Böhmen  mit  denselben  Artikeln
beschäftigten  500  bis  600  Arbeiter.  Bei  der  Fabrikation  der  Streichund
  Saiteninstrumente  ist  die  Arbeitstheilung  durchgeführt.  Man
unterscheidet  von  den  Instrumentenmachern  die  Verfertiger  von  Bestandtheilen,
  welche  sich  wiederum  in  die  Arbeiter  auf  Saitenhalter,
Wirbel,  Bogenfrösche,  Stege,  Dämpfer,  Bogen,  Griffbreter,  Stäbe
u.  s.  w.  gliedern,  während  die  Instrumentenmacher  selbst  sich  in
Geigenmacher  und  Baßmacher  trennen.  Die  Geigenmacher  fertigen
Geigen  (halbe,  dreiviertel  und  ganze  Geigen)  und  Bratschen  (Violas,
Altos),  die  Baßmacher  Bässe  (Contrabässe,  Violons)  sowie  Cellos
(Violoncellos);  die  Zahl  der  Geigenmacher  ist  für  Sachsen  etwa  250,
für  Böhmen  etwa  200.  Der  Umfang  des  hauptsächlich  in  Markneukirchen
  concentrirten  Handels  mit  Streich=  und  Saiteninstrumenten
wurde  für  1874  im  Bericht  der  Handelskammer  Plauen  mit  einer
Jahresproduction  von  384  000  Violinen,  im  Preise  von  3  bis  150
Mark,  750  Bässen,  im  Preise  von  30  bis  450  M.,  540  Cellos,
im  Preise  von  18  bis  300  M.,  12  000  Guitarren,  im  Preise  von
7⅛  bis  150  M.,  4000  Zithern,  im  Preise  von  9  bis  155  M.,
30  Lauten,  im  Preise  von  12  bis  120  M.,  40  Harfen  im  Preise
von  36  bis  150  M.  das  Stück,  360  Banjos  (einem  Negerinstrumente),
  im  Preise  von  20  bis  30  M.  angegeben,  und  wird  auch.
heute  nicht  hinter  diese  bedeutende  Summe  zurückgegangen  sein.  Eine
andere  Angabe  nennt  für  1884  =  400  000  Geigen,  1000  Bässe,
1000  Cellos,  15  000  Guitarren,  5000  Zithern  u.  s.  w.  Tobisch
beziffert  die  Fabrikation  von  Schönbach  auf  jährlich  10  000  Dutzend
Geigen,  1000  Dutzend  Bässe,  1500  Dutzend  Cello,  2500  Dutzend

*)  Bericht  über  die  Fahschule  für  Instrumentenbauer  in  Martneutirchen,
von  E.  Bachmann,  Director.  1883.  ·
        <pb n="646" />
        —  638  —

Guitarren  und  5000  Dutzend  Zithern  an;  die  Fabrikation  von  Graßlitz
  auf  25  000  Stück  Blasinstrumente.  Neuere  Angaben  (Erzgeb.
Ztg.  1889,  Nr.  4)  berechnen  die  Graßlitzer  Fabrikation  auf  5000
Blechblasinstrumente,  4500  Signalhörner,  1200  Holzblasinstrumente,
800  Schlaginstrumente,  30  000  Kindertrompeten,  6000  Dutzend
Mundharmonikas  u.  s.  w.

An  Material  wird  Holz,  Elfenbein  und  Metall  verarbeitet.
Buchen=  und  Fichtenholz  für  ordinäre  Sachen,  tiroler  und  bayerisches
Fichten=  und  Tannenholz  zu  Resonanzböden,  Birnbaumholz  zu  mittleren
  Sachen,  tiroler  Ahorn  nach  seiner  Beschaffenheit  zu  geringeren,
wie  zu  feineren  Instrumenten,  geflammtes  Ahornholz  aus  Galizien,
Serbien  und  Siebenbürgen,  Erlenholz,  Nußbaum,  Jacaranda  (besonders
  zu  Guitarren),  Buchsbaum  vom  Schwarzen  Meere  und  vom
Kaukasus,  Fernambuco  Brasil)-holz  aus  Südamerika,  Schlangenholz
aus  Surinam,  Pferdefleischholz,  Cocosholz  und  Grenadillholz  aus  den
Tropenländern  und  von  der  afrikanischen  Küste;  Ebenholz  aus  Ceylon,
  Madagaskar,  Isle  de  France,  Zanzibar  und  Ostindien.  Elfenbein,
  und  an  dessen  Stelle  Messing  (Augsburger),  Argentan  (von  Aue)
und  Silber,  Perlmutter,  Irismuschel  u.  s.  w.

Bei  der  Anfertigung  der  Saiteninstrumente  ist  die  Arbeitstheilung
  vollständig.  Die  einzelnen  Theile  werden  von  verschiedenen
Arbeitern  und  an  verschiedenen  Orten  gefertigt.  Bogen,  Griffbreter,
Saitenhalter,  Bogenfrösche,  Wirbel,  Geigenhälse,  Schachteln  u.  s.  w.
treffen  auf  dem  Arbeitstische  des  Instrumentenmachers  zusammen,  um
dort  zu  einem  Ganzen  vereinigt  zu  werden.

Bei  allen  Bogeninstrumenten  ist  die  Anfertigung  des  Kastens
(der  Schachtel)  eine  der  wichtigsten  Arbeiten.  Die  aus  Fichten=  oder
Ahornholz  gefertigten  Rücken  und  Decken  werden  sorgfältig  und  gleichmäßig
  in  der  entsprechenden  Wölbung  ausgestochen  und  ausgearbeitet
und  auf  den  in  verschiedenen  Bogen  und  Ecken  zusammengesetzten
Zargen  oder  Seitenwänden  aufgeleimt  und  mit  den  Schalllöchern  versehen.
  Am  oberen  Ende  wird  der  Hals  mit  dem  schneckenförmig
endenden  Wirbelkasten  eingesetzt  und  mit  dem  Griffbret  versehen,  am
unteren  Ende  der  Saitenhalter  befestigt  und  die  Saiten  durch  den
Steg  hoch  gehalten.  Der  aus  hartem,  elastischem  Holze  (Pferdefleisch
  -,  Fernambuc=  oder  Schlangenholz)  gefertigte  Bogen  dient  zur
Hervorbringung  der  Töne.  Man  unterscheidet  Violinen  (halbe,  dreiviertel
  und  ganze,  Discantgeigen,  zweite  Geigen),  Violas  (Bratschen,
Tenorgeigen),  Violoncellos  und  Violons  (Baßgeigen).  Aeltere  Formen,
  wie  Viola  d’amore,  Viola  di  Bardone,  Viola  di  Gamba  sind
außer  Gebrauch  gekommen.  Die  verschiedenen  Streichinstrumente
werden  in  den  verschiedensten  Qualitäten  und  Preisen  gefertigt.  Es
        <pb n="647" />
        —  639  —

giebt  zahlreiche  Werkstätten,  welche  nur  die  geringsten  und  billigsten
Sorten,  und  wiederum  andere,  wo  ausschließlich  bessere,  einzelne,  wo
nur  vorzügliche  Instrumente  gearbeitet  werden.  Für  die  geringen
Massenartikel  wird  das  geringste  Material  genommen.  Die  ganz
ordinären  Geigen  im  Preise  von  7  bis  36  M.  für  das  Dutzend,
welche  vorzugsweise  in  der  Umgebung  von  Klingenthal,  in  Brunndöbra,
  Schöneck  und  Schönbach  in  Böhmen  gefertigt  werden,  und  nur
wenige  in  Klingenthal  selbst,  obgleich  sie  unter  der  Benennung
„Klingenthaler  Geigen“  in  den  Handel  kommen,  werden  nur  noch
wenig  gesucht.  Auch  die  sogenannte  Schönbacher  Waare,  Geigen  im
Preise  von  36  bis  54  M.  für  das  Dutzend,  hatte  einen  sehr  geringen
  Absatz,  während  die  mittlen  Sorten  von  40  bis  70  M.  für
das  Dutzend,  und  die  zunächst  aufwärts  stehenden  Sorten  von  48  bis
90  M.  für  das  Dutzend  in  bedeutenden  Mengen  angefertigt  werden.
W.  Kellner  (Industriezeitung  1885,  Nr.  33)  bezeichnet  die  Erzeugnisse
  von  Schönbach,  Graßlitz,  Fleißen,  Kirchberg,  Ursprung  u.  s.  w.
als  „minderwerthige  böhmische  Instrumente“.  Die  feineren  Instrumente
  werden  nur  in  Markneukirchen  gefertigt.  Besonders  in  der
neuesten  Zeit  hat  sich  die  Fabrikation  in  den  besseren  Sorten,  im
Preise  bis  zu  90  M.  für  das  Stück  gehoben.  In  der  Hauptsache
vorzugsweise  für  den  inländischen  Bedarf;  doch  auch  ein  Theil  nach
Rußland  und  Italien.  Mit  den  Fortschritten  der  Technik  ist  eine
Verbesserung  des  Tones  verbunden  gewesen.  Man  kann  die  Zahl
der  hauptsächlich  in  Markneukirchen  angefertigten  besseren  Geigen  auf
jährlich  5000  veranschlagen.

Auch  in  der  neuesten  Zeit  war  das  Geschäft  in  geringeren
Geigensorten  sehr  gut,  und  in  mittlen  und  feinen  Geigen  gut  zu
nennen.  Hervorzuheben  ist  jedoch,  daß  auch  in  den  billigeren  Sorten
sehr  gute  Geigen  gemacht  werden,  welche  die  Schönbacher  und  Fleißener
Geigen  übertreffen.  Große  Nachfrage  war  nach  Geigen  von  gutem
Ton.  Geringe  Waare  in  Cellos  wird  nicht  gefertigt.  Das  deutsche
Geschäft  war  das  befriedigendste.

Einen  besonderen  Fabrikationszweig  bildet  die  Imitation,  d.  h.
die  Nachbildung  von  Instrumenten  berühmter  Meister.  Dieselbe  sucht
neuen  Geigen  das  Ansehen  alter  italienischer  Instrumente  zu  geben
und  dieselben  in  Bezug  auf  Ausstattung,  Ton  und  Klangfülle  zu  erreichen.
  Man  hat  gerade  in  diesem  Fabrikationszweige  außerordentliche
  Fortschritte  gemacht.  Man  fertigt  nach  Modellen  von  A.  Stradivarius,
  J.  Guarnerius,  N.  Amati,  P.  Maggini,  J.  Stainer  jährlich
zwischen  800  bis  1000  Stück  der  getreuesten  Copien  im  Preise  von
90  bis  180  M.

Einen  besonderen  Zweig  der  Geigenmacherei  bildet  der  ungefähr
        <pb n="648" />
        —  640  —

1820  in  Markneukirchen  eingeführte  Guitarrenbau.  Abgesehen
von  der  Massenfabrikation  ordinärer  Guitarren  werden  hier  „nicht
nur  sehr  schöne,  mit  zierlichen  Einlagen  versehene,  sondern  auch  im
Tone  ausgezeichnete  Guitarren  gefertigt".  (Berthold  und  Fürstenau,
die  Fabrikation  musikalischer  Instrumente.)  Außer  den  Gutitarren
macht  man  Lauten  und  Mandolinen  für  den  Orient,  Violas  für
Südamerika,  Banjos  für  die  Neger  in  Nordamerika;  Zithern,  besonders
  für  den  deutschen  Bedarf,  darunter  ganz  ausgezeichnete,  und
endlich  in  einzelnen  Werkstätten  auch  Harfen.  Große  Massen  von
billigen  Kindergeigen  und  Kinderguitarren  werden  gefertigt.  Die
Fabrikation  von  Musikspielwaaren,  oder  Kinderinstrumenten  überhaupt
hat  einen  bedeutenden  Umfang.

Leider  finden  sich  immer  Arbeiter,  welche  um  Hungerlöhne  arbeiten,
aber  auch  Fabrikanten,  welche  zu  Spottpreisen  liefern  und  nur  Schundwaare
  fertigen  lassen.  Daß  hierdurch  eine  Industrie  mit  der  Zeit
vernichtet  wird,  wollen  Kurzsichtige  nicht  einsehen.  Glücklicher  Weise
ist  aber  die  Mehrzahl  der  Fabrikanten  von  der  Bedeutung  guter
Waare  durchdrungen  und  bestrebt,  unter  deutscher  Bezeichnung  und
eigener  Firma  mustergiltige  Waare  zu  liefern.

Im  Zusammenhange  mit  der  Anfertigung  der  Instrumente  entwickelte
  sich  die  Fabrikation  der  Darm-,  übersponnenen
und  seidenen  Saiten.  Die  Dannmsaiten  werden  aus  russischen
und  englischen  Schafdärmen  gefertigt,  die  ersteren  geben  einen  besseren
Klang  und  sind  weißer,  die  letzteren  dauerhafter.  Die  Jahresproduction
  beträgt  15  —  20  Millionen  Saiten  und  beschäftigt  gegen
400  Arbeiter.  Zu  den  feinen  Darmsaiten  nimmt  man  Lämmerdärme,
  zu  den  stärkeren  Schaf-,  Ziegen=  und  Katzendärme.  Dieselben
werden  geweicht,  mehrere  Tage  in  der  Lauge  (Beize)  gelassen,  von
den  Fettbestandtheilen  gereinigt  (geschleimt);  in  Streifen  getheilt  und
auf  dem  Drehrad  gesponnen;  die  Violinsaite  E  aus  zwei  bis  drei,
A  aus  vier,  D  aus  sechs  Strähnen,  eine  Contrabaßsaite  aus  vierzig
bis  sechzig.  Während  des  Spinnens  werden  die  Saiten  glatt  gestrichen
  und  geschwefelt,  sodann  getrocknet,  geglättet  und  in  Ringel
gebunden.  Die  Länge  der  Saiten  wird  nach  Zug  (d.  h.  Violin-,
Cello-,  Baß=  u.  s.  w.  Längen)  angegeben;  bei  der  großen  Verschiedenheit
  dieses  Maaßes  soll  jedoch  50  cm  Länge  für  den  Zug  eingeführt
  werden.  Eine  gute  Saite  soll  gleichmäßig  stark,  hell,  durchsichtig
  und  elastisch  sein.  Die  Markneukirchner  Saiten  gehen  nach
allen  Ländern  der  Erde.  Die  Herstellung  übersponnener  Saiten  und
seidener  Violinquinten  beschäftigt  50  bis  70  Arbeiter.  Dieselben
werden  über  die  Spinnsaite  von  geringerer  Qualität  oder  von  Seide
angefertigt;  die  feinsten  Violin=  und  Violasaiten  (C  und  C)  mit
        <pb n="649" />
        —  641  —

Silberdraht,  die  übrigen  mit  versilberten,  feine  Guitarrensaiten  mit
vergoldetem  Kupferdraht  übersponnen;  jährlich  ungefähr  3½⅛½
Millionen.  «

Der  Begehr  nach  besseren  Saiten  hat  zugenommen,  besonders
in  den  feineren  Sorten.

Die  Fabrikation  der  Holz-Blas-Instrumente  ist  Mitte
des  vorigen  Jahrhunderts  in  Markneukirchen  und  Klingenthal,  seitdem
  aber  auch  in  Erlbach,  Adorf,  Breitenfeld,  Bernitzgrün,  Wernitzgrün,
  Zwota,  Wohlbach  und  anderen  Orten  des  Industriebezirks  eingeführt
  worden.  Man  schätzt  den  Unfang  derselben  gegenwärtig  auf
7000  Flöten  im  Preise  von  6  bis  120  M.,  4000  Flöten  im
Preise  von  3  bis  6  M.,  9000  Flöten  im  Preise  von  1  bis  3  M.,
11  000  Piccolos  im  Preise  von  0,8  bis  12  M.,  2500  Flageolets
im  Preise  von  1,5  bis  12  M.,  4000  Clarinetten  im  Preise  von
6  bis  75  M.  Ordinäre  Flöten  und  Clarinetten  werden  noch  in
Klingenthal  und  seinen  nächsten  Umgebungen,  sowie  in  Adorf  gefertigt;
  in  der  neueren  Zeit  vorwiegend  mittlere  Qualitäten  gesucht,
sowie  die  in  Markneukirchen  und  Klingenthal  gefertigten  feineren
und  ganz  feinen  Artikel.  Die  ordinären  werden  aus  Ahorn=  und
Buchenholz  gemacht;  die  feineren  aus  Buchsbaum-,  Cocos-,
Eben=  und  Grenadillholz;  in  einzelnen  Fällen  macht  man  auch  Flöten
und  Clarinetten  ganz  von  Messing,  Neusilber,  Argentan  und  Silber.
Clarinetten,  Flöten  und  Piccolos  sind  in  der  neuesten  Zeit  sehr  gesucht.
  Ein  Meister  in  Adorf  liefert  gerühmte  Oboen  und  Fagots.
Auch  in  der  neuen,  tieferen  Normalstimmung  haben  die  Markneukirchner
  Instrumente  einen  weichen  und  vollen  Ton,  bei  gutem  Material
  und  trefflicher  Arbeit.

Alle  Formen  der  Messingblasinstrumente  haben  sich  verändert,
seitdem  Klappen  und  Ventile  Tonumfang  und  Tongebung  regeln.

1811  erfand  man  die  Klappentrompete,  1830  die  Ventilmaschine,
  1842  die  Cylindermaschine.  Die  Waldhornmacherei,  im
Gegensatze  zur  Pfeifenmacherei  also  benannt,  wurde  um  1750  von  J.
Eschenbach  in  Markneukirchen  eingeführt.  1821  gab  es  16  Waldhornmacher,
  1871  70  Fabrikanten  messingner  Blasinstrumente  daselbst.
1876  zählte  man  in  Markneukirchen,  Erlbach,  Adorf,  Wohlhausen,
Zwota,  Klingenthal,  Untersachsenberg,  Eubabrunn  u.  s.  w.  über  400,
gegenwärtig  aber  600  in  diesem  Fabrikationszweige  beschäftigte  Arbeiter.
  In  Schönbach,  Graßlitz  und  den  böhmischen  Orten  gegen
300  Arbeiter.  Man  schätzt  die  Jahresproduction  im  Ganzen  auf
40  bis  45  Tausend  Instrumente.  Es  werden  Signal,  Alt-,  Tenorund
  Baßtrompeten,  Signal-,  Klapp-,  Sax=  und  Waldhörner,  Cornets,

41
        <pb n="650" />
        —  642  —

Pistons,  Posaunen,  Tenorhörner,  Tubas,  Baßtubas,  Helikons  u.  s.  w.
nach  preußischem,  österreichischem,  französischem  und  amerikanischem
System,  aber  auch  Kindertrompeten  und  Kinderposaunen  angefertigt.
Der  größte  Theil  der  Production  gehört  noch  der  Hausindustrie  an;
die  in  geschlossenen  Etablissements  gefertigten  Instrumente  überragen
die  anderen  aber  in  allen  Beziehungen.  Die  kleinen  Meister  machen
noch  große  Mengen  von  Instrumenten  und  Instrumententheilen,  jedoch
vorwiegend  die  geringwerthigen.  Die  zwei  anfangs  der  sechziger
Jahre  in  Markneukirchen  gegründeten  Fabriken  haben  Dampf-  und
Wasserkraft,  Blechbearbeitungsmaschinen,  Röhrenziehmaschine,  Gießerei,
Schmelzerei  u.  s.  w.  und  vereinigen  unter  einem  Dache  alle  einzelnen
Arbeitsstadien.  Obgleich  die  Maschine  die  einzelne  Arbeit  schneller,
gleichmäßiger  und  sicherer  liefert,  fällt  doch  der  Handarbeit  ein
großer  Theil  der  Arbeiten  zu.  Aus  den  Blechen  (Messing,  Neusilber
oder  Argentan)  wird  nach  Schablonen  das  Instrument  zugeschnitten,
das  Blech  über  eine  Holzform  gebogen  und  mit  seinen  Kanten  durch
Umbiegen  der  Zargen  und  Löthen  vereinigt.  Hierauf  erhält  die  kegeloder
  trombenförmige  Röhre  über  einen  eisernen  Dorn  die  runde
Gestalt  und  wird  nun  mit  Blei  ausgegossen,  um  in  die  entsprechende
Biegung  gebracht  zu  werden.  Dann  wird  das  Blei  ausgeschmolzen,
das  Instrument  gerichtet,  äußerlich  abgedreht  und  abgeschliffen,  gereinigt
  und  polirt,  so  daß  jedes  einzelne  Stück  wiederholt  durch  das
Feuer  und  durch  die  Menschenhand  gehen  muß.  Die  in  Markneukirchen
  gefertigten  Instrumente  zeichnen  sich  durch  Reinheit  der
Stimmung,  Güte  des  Materiales,  solide  und  saubere  Arbeit  aus.

Man  beklagt,  daß  viele  deutsche  Militärcapellen  ihren  Bedarf
aus  Böhmen  decken  (Königgrätz)  und  den  Druck  der  böhmischen  und
französischen  Concurrenz.  Dessen  ungeachtet  bleibt  man  dem  Grundsatze
  treu,  nur  gute  Waare  zu  fertigen.

Die  Fabrikation  von  Schlag-Instrumenten  hat  einen
geringeren  Umfang.  Becken  (Cinellen),  Triangel,  Lyras  (Glockenspiele),
  Schellenbäume  (Halbmonde),  Castagnetten,  Tambourins,
Trommeln.  Tambourins  jährlich  gegen  1000,  das  Stück  2  bis  9
M.,  Trommeln  etwa  550  —  600,  das  Stück  zu  6—  180  M.,
aber  auch  Kindertrommeln.  In  Graßlitz  fertigt  man  jährlich  300
bis  400  Schlaginstrumente.

Klingenthal,  Brunndöbra,  Unter=  und  Obersachsenberg,  Steindöbra,
  Zwota  u.  s.  w.  sind  der  Sitz  der  Harmonika-  Fabrikation.
  Die  Mundharmonika  besteht  aus  einer  durchbrochenen
  Metallplatte,  auf  welcher  die  gestimmten  Metallzungen
neben  einander  befestigt  sind,  so  daß  man  durch  Blasen  oder  Ziehen
die  Töne  hervorruft.  Damian  in  Wien  gab  dem  viereckigen  Har-
        <pb n="651" />
        —  643  —

monika=  (oder  Stimm-)  Kasten  auf  der  einen  Seite  einen  Blasebalg
und  auf  der  anderen  Seite  der  Windführung  zu  den  Stimmenzungen
  Tasten.  So  entstand  die  Ziehharmonika.  Der  Form
nach  unterscheidet  man  Accordions  (länglich  viereckig)  und  Concertinos
  (sechs=  und  achteckig).  Die  Anfertigung  der  Mundharmonika
  besteht  seit  Mitte  der  dreißiger  Jahre,  die  der  Ziehharmonika
  seit  Anfang  der  fünfziger  Jahre.  Die  Arbeitstheilung  ist
vollständig.  Die  Zinkplatten,  auf  welche  man  die  Stimmenzungen
fest  nietet,  werden  gerichtet  und  gerade  gemacht,  die  Zungenlöcher
durchgestoßen,  die  Löcher  für  die  Nieten  gebohrt  und  die  Platten
nochmals  gerichtet  und  glatt  gefeilt.  Ein  anderer  Arbeiter  fertigt
die  Federn  (Metallzungen)  aus  Messing  oder  Neusilber,  feilt  sie
nach  der  Stimmung  zurecht,  befestigt  sie  mit  Drahtnieten  auf  der
Platte,  richtet  und  stimmt  sie  durch  Biegen,  Abfeilen,  Festermachen
u.  s.  w.  Darauf  folgt  das  Reinstimmen  der  Platten,  das  Beledern
derselben  für  Ziehharmonikas,  das  Aufschrauben  auf  die  Holzgehäuse,
das  Fertigmachen  und  nochmalige  Reinstimmen.  Andere  Arbeiter
machen  die  Kästchen:  für  Mundharmonika  lediglich  durch  Aussägen
und  Ausstoßen  aus  einem  Holzklotze;  für  Ziehharmonika  durch  Anfertigung
  des  Gehäuses,  des  Resonanzbodens  und  des  Balgrahmens;
die  Ausstattung  durch  Belegen  mit  Jacarandafournire,  Neusikberrand
und  Einlagen  von  Perlmutter,  Goldfisch,  Neusilber,  Elfenbeinimitation
oder  Messing.  Die  Claviaturmacher  fertigen  die  kleinen  Klappen
und  Drahtfedern,  beledern  die  Klappendecken,  bohren  die  Kästchen,  in
welche  die  Claviatur  eingesetzt  wird,  und  bezeichnen  jedes  Loch  mit
Nummer.  Sodann  kleben  sie  den  Gazebezug  ein,  setzen  die  Tasten
auf  die  Klappe  und  machen  das  Gehäuse  durch  Beledern  luftdicht.
Die  Tasten  sind  Holz  mit  Knochenplättchen,  Holz  mit  Neusilberüberzug,
  oder  Elfenbein;  die  Luftklappen  Messing  oder  Neusilber.  Die
Anfertigung  der  Bälge  besteht  aus  dem  Zuschneiden  und  Faltigpressen
  der  Pappen,  dem  Aufleimen  des  Balges  und  der  Lederecken,
dem  Ueberziehen  mit  Papier,  dem  Beledern  des  unteren  Theiles  und
dem  Zusammenschrauben  von  Balg  und  Stimmkasten.

Das  Fertigmachen  des  Instruments  und  das  Futteralmachen
beschließen  die  Einzelarbeiten.  Eine  Maschinenfabrik  fertigt  seit  etwa
zwanzig  Jahren  Hilfsmaschinen  für  die  Instrumentenfabrikation,
Hobel-,  Bohr=  und  Schneidemaschinen,  Plattenstanzmaschinen,
Stimmenfraismaschinen.  Die  Anfertigung  von  Mundharmonikas  ist
in  Folge  der  immer  schlechter  werdenden  Qualität  bedeutend  zurück
gegangen.  Nur  in  den  besseren  und  feineren  Sorten  haben  die
Richter-Harmonikas  noch  befriedigenden  Absatz  nach  Deutschland,  der
Schweiz,  Rußland,  Schweden  und  Amerika.

417
        <pb n="652" />
        Die  Fabrikation  der  Ziehharmonika,  zu  welcher  die  Tischlerarbeit
  größtentheils  aus  Böhmen,  bis  Neudeck  und  Heinrichsgrün,
aber  auch  aus  Adorf,  Schöneck  und  Johanngeorgenstadt  kommt,  trennt
sich  in  die  Anfertigung  von  Accordions  und  von  Concertinos.  Die
Accordions  haben  ihr  Absatzgebiet  in  Deutschland,  Südamerika  und
Belgien,  bez.  Frankreich,  neuerdings  auch  in  England  und  Nordamerika.
  Sie  sind  bei  gutem  Klang  der  Töne  geschmackvoll  ausgestattet,
  reich  und  mannigfaltig  verziert.  Die  Concertinos  gehen  nach
Südafrika,  Ostindien,  dem  Capland,  den  Englischen  Kolonien.  Im
Ganzen  ist  der  Umfang  der  Fabrikation  gesunken;  nur  die  besseren
Sorten  finden  noch  Absatz.  Die  1868  in  Klingenthal  erfundenen
Harmonikaflöten,  von  schöner  Klanglage,  großem  Tonumfange  und
eleganter  Ausstattung,  sind  gesucht.  Man  fertigt  auch  Drehharmonikas
(Melodions,  Drehorgeln,  Leierkasten)  in  verschiedener  Größe  und  Ausstattung.
  Einen  besonderen  Fabrikationszweig  bildet  die  Anfertigung
von  Kinderinstrumenten,  Hörnern,  Trompeten,  Posaunen  u.  s.  w.  mit
eingesetzten  Stimmen,  und  von  anderen  Spielwaarenartikeln.
        <pb n="653" />
        Die  Landwirthschaft.

Die  Landwirthschaft  nimmt  auf  dem  Erzgebirgsabhange
eine  bedeutende  Stelle  ein  und  beschäftigt  und  ernährt  Hunderttausende
von  Menschen,  obgleich  der  Ertrag  noch  nicht  die  vollständige  Ausnutzung
  aller  vorhandenen  Kräfte  erreicht.

Der  Verlauf  und  die  Entwickelung  der  Ansiedelung  auf  dem
Erzgebirge,  die  Anlage  und  Bauart  der  Dörfer,  die  Zeit  der  Besiedelung
  und  der  Volksstamm  der  Ansiedler,  die  Errichtung  von
Bauernhöfen  und  von  Einzelhäusern  brachten  eine  ganze  Reihe  von
Verschiedenheiten,  bei  selbst  scheinbarer  allgemeiner  Uebereinstimmung
mit  sich,  welche  wiederum  von  Höhenlage,  Bodenbeschaffenheit  und
Klima,  von  Umfang  und  Größe  der  Bauernhöfe  und  Besitzungen
und  von  dem  auf  den  verschiedenen  Güter=  und  Hofgrößen  gehaltenen
Viehstande  und  der  angenommenen  Bewirthschaftungsweise  bedingt
wurden.

Während  die  Gründung  geschlossener  Dorffluren  und  Güter  den
landwirthschaftlichen  normalen  Großbetrieb  mit  sich  brachte,  rief  die
Errichtung  zahlloser  Einzelhäuser  von  den  frühesten  Zeiten  an  die
Gegensätze  der  Großbetriebe  und  der  zahlreichen  Kleinbetriebe  hervor.
Nächst  diesen  zwei  großen,  mit  der  Gründung  der  einzelnen  Anwesen
zusammenhängenden  Gegensätzen  ist  im  Laufe  der  Zeiten  eine  Reihe
von  Zwischengliederungen  entstanden,  welche  zahlreiche  Verschiebungen
in  der  Art  des  landwirthschaftlichen  Betriebes  im  Gefolge  gehabt  hat.

Die  Größenverhältnisse  an  sich  bedingen  schon  eine  Reihe  von
Verschiedenheiten  in  der  Ausübung  des  landwirthschaftlichen  Gewerbes;
nächstdem  das  Verhältniß  von  Ackerland,  Wiese  und  Weide.

Erbrecht,  Vergrößerung,  Verkleinerung  und  selbst  Zersplitterung
großer  Anwesen,  Gründung  neuer  Wirthschaften  mit  ganz  verschieden

*)  Vergl.  Die  Landwirthschaft  im  Erzgebirge.  Von  M.  v.  Süßmilch.
Chemnitzer  Tageblatt.  Landwirthschaft-Beilage.  1888.  Nr.  200  bis  mit  315.
1889  Nr.  6  bis  mit  48.
        <pb n="654" />
        —  646  —

bemessener  Fläche,  Zusammensetzung  und  Wirthschaftsführung  haben
die  ursprünglichen  landwirthschaftlichen  Einheiten  vollständig  umgestaltet,
so  daß  die  Vertheilung  des  Grundbesitzes  gegenwärtig  eine  andere
geworden  ist.  Gab  es  ursprünglich  nur  Großgrundbesitzer
(Herren,  weltliche  oder  geistliche)  Vollbauern  oder  Hufengut—
besitzer  (Bauern)  und  Häusler  (Handwerker,  Tagelöhner  2c.),
so  ist  gegenwärtig  der  bäuerliche  Grundbesitz  in  eine  Reihe  von
Zwischenstufen  gegliedert,  die  von  dem  eine  wirthschaftliche  Einheit
bildenden  Vollbauerngute  bis  zu  der  wirthschaftlich  in  den  ungünstigsten
Verhältnissen  sich  bewegenden  Zwergwirthschaft  hinabreicht.  Selbst  bei
den  Großbauergütern,  Mittelbauergüternund  Klein—
bauergütern  spaltet  sich  eine  jede  der  Gattungen  in  drei  Größen,
während  unterhalb  der  Zwergwirthschaften,  die  Gärtnerwirth—
schaften  und  die  Häuslerwirthschaften,  in  große  und
kleine  sich  trennen,  obgleich  bei  beiden  von  einem  landwirthschaftlichen
Betriebe  nicht  die  Rede  sein  kann.

Von  der  Wirthschaftsführung  der  ersten  Ansiedler  ausgehend,
kommt  man  durch  verschiedene  Phasen  und  Bedrängnisse  derselben  bis
zu  dem  heutigen  Standpunkte  der  Landwirthschaft  im  Erzgebirge.
Im  Großen  und  Ganzen  nimmt  dieselbe  eine  anerkennenswerthe
Stellung  ein  und  besitzt  eine  bedeutende  Leistungsfähigkeit.

Natürlich  üben  die  absoluten  Erhebungen  einen  bedeutenden  Einfluß
  auf  die  Ertragsfähigkeit  von  Grund  und  Boden.  Die  dem
geringen  Ackerbau  von  Oberwiesenthal  angehörende  Ackerfläche  liegt
zwischen  900  und  1100  m  über  dem  Meere.  Auf  dem  ganzen
Gebirgskamm  hin  findet  man  urbar  gemachte  Flächen  in  700  bis
950  m.  Schon  diese  absolute  Erhebung  bedingt  eine  so  geringe
mittlere  Temperatur  und  eine  so  kurze  Vegetationsperiode,  daß  der
Getreidebau  nur  einen  zweifelhaften  Ertrag  geben  kann.

Eine  Stufe  weiter  abwärts  legt  sich  die  600  m  Erhebung  als
ein  breites,  wellenförmiges,  von  Thaleinschnitten  unterbrochenes  Hügelland
  vor  den  Gebirgskamm,  und  an  diese  schließt  sich  in  ähnlichen
Formen  die  500  m  Erhebung  an.  Bei  weniger  als  400  m  Meereshöhe
  hört  der  Charakter  der  gebirgischen  Landwirthschaft  auf.  Es
treten  im  Allgemeinen  die  Verhältnisse  des  Niederlandes  ein.

Es  sind  hierdurch  vier  Stufen  des  landwirthschaftlichen  Betriebes
bezeichnet,  die  unterste  von  400  bis  500  m  Höhenlage  der  Fluren,
die  zweite  von  500  bis  600  m,  die  dritte  von  600  bis  700  m  und
die  letzte  über  700  m  bis  zu  1000  und  1100  m.

Nächst  dem  Einflusse  der  Höhenlage  macht  sich  die  Bodenbeschaffenheit,
  die  Beschaffenheit  der  Ackerkrume  geltend.
        <pb n="655" />
        —  647  —

Großbauerngüter  haben  einen  Arealumfang  von  mehr  als
20  ha  an  Acker  und  Wiesenfläche.

Im  großen  Ganzen  haben  die  Hälfte  der  Großbauerngüter
zwischen  22  und  27  ha,  zwei  Drittel  27  bis  32  ha,  ein  Sechstel
über  32  ha.

Die  Mittelbauerngüter  von  10  bis  20  ha  (18  bis  36
Acker)  Feld  und  Wiesenfläche  bilden  bei  dem  gegenwärtigen  Stande
des  landwirthschaftlichen  Betriebes  unzweifelhaft  eine  volle  wirthschaftliche
  Einheit.  .

Die  Mittelbauerngüter  von  mehr  als  14  und  weniger  als  16  ha
(25  bis  fast  29  Acker)  umfassen  mehr  als  die  Hälfte,  die  Güter  von
mehr  als  13  und  weniger  als  17  ha  sogar  mehr  als  zwei  Drittel
der  Gesammtheit.

Anders  wird  das  Zahlen=  und  Größenverhältniß  bei  den  Kleinbauerngütern
  mit  einem  Areal  von  mehr  als  5  und  weniger
als  10  ha  (9  bis  18  Acker).

Im  großen  Ganzen  hat  von  diesen  Kleinbauerngütern  ein  Neuntel
über  5  ha,  ein  Sechstel  über  6  ha,  die  Hälfte  über  7  ha,  ein
Sechstel  über  8  ha,  ein  Achtel  über  9  ha  Fläche.  Im  Osten  des
Gebirges  wiegen  die  Gütchen  von  6  ha  und  von  7  ha  vor,  im
Westen  besonders  gebirgsaufwärts,  die  Kleinbauerngüter  von  8  und
9  ha.

Die  Zwergwirthschaften  nehmen  fast  den  zehnten  Theil
der  Gesammtfläche  ein.  Obgleich  bei  weniger  als  5  ha  (9  Acker)
von  einem  landwirthschaftlichen  Betriebe,  welcher  die  Arbeitskräfte
vollständig  ausnutzt,  und  den  Ertrag  der  Bodenfläche  auf  angemessene
Höhe  steigert,  nicht  die  Rede  sein  kann,  so  ist  die  Anzahl  dieser
kleinen  Wirthschaften  doch  eine  sehr  bedeutende.  Die  Zwergwirthschaften
  sind  einestheils  die  Endergebnisse  fortgesetzter  Theilungen
größerer  Stammgüter;  Achtelhufen  und  Splitter  bedeutenderer  Anlagen,
  anderntheils  Neugründungen,  welche  sogar  vergrößert  worden
sind.  Im  Ganzen  hat  die  große  Hälfte  dieser  Wirthschaften  über
3  ha,  mehr  als  das  Viertel  2  ha,  aber  nur  der  achte  Theil  über
4  ha  Feld.

Die  Kleingrundbesitzer,  welche  nur  1  bis  2  ha  (1,8  bis
3,6  Acker)  Land  haben,  gebräuchlichermaßen  Gärtner  oder  Gartennahrungsbesitzer
  genannt,  weil  ursprünglich  die  Feldwirthschaft
derselben  auf  Spatenkultur  angewiesen  war,  bilden  eine  ganz  bedeutende
Anzahl.  Das  Verhältniß  der  Großgärtner  mit  über  1  ha  Land
zu  den  Kleingärtnern  mit  über  55  a  Land  ist  11  zu  8.

Von  den  Häuslern  oder  Hausbesitzern  hat  man  drei
Gattungen:  Großhäusler  mit  mehr  als  20  a  (etwas  über  ½  Acker)
        <pb n="656" />
        —  648  —

Land,  Kleinhäusler  mit  weniger  als  20  a  Land,  und  die  große
Anzahl  von  Häuslern  ohne  Garten  oder  Feld.  Das  Verhältniß
der  Großhäußler  zu  den  Kleinhäuslern  ist  9:  15.

Das  Verhältniß  in  Prozenten  ist:  7  Großbauerngüter,  17  Mittelbauerngüter,
  13  Kleinbauerngüter,  19  Zwergwirthschaften,  11  große
Gartennahrungen,  8  kleine  Gartennahrungen,  9  Großhäusler,  15  Kleinhäusler;
  und  auf  die  Grundfläche  von  1000  ha  258  die  Großbauerngüter,
  443  die  Mittelbauerngüter,  158  die  Kleinbauerngüter,
100  die  Zwergwirthschaften,  31  die  großen  Gartennahrungen,  7  die
kleinen  Gartennahrungen,  3  die  Großhäusler,  2  die  Kleinhäusler.

Auf  den  großen  Großbauernhöfen  wechselt  die  Zahl
der  Gespanne  zwischen  2  und  4.  Der  Stand  des  Melkviehes  ist  im
Osten  im  Durchschnitt  15  bis  16  Kühe,  in  der  Gegend  von  Chemnitz
und  Flöha  18  bis  21  und  25,  im  Annaberger  Bezirke  zwischen
14  und  17,  im  Schwarzenberger  durchschnittlich  18  Stück.  Die
Schweinehaltung  beträgt  2  bis  3  Stück,  im  Schwarzenberger,  Freiberger
  und  Marienberger  Bezirk  bis  zu  6,  im  Dippoldiswalder  bis
zu  8  Stück.  An  Ziegen  werden  im  Osten  mehr  gehalten  wie  im
Westen;  im  Marienberger  1  bis  3,  im  Annaberger  und  Schwarzenberger
  Bezirke  aber  höchstens  1.

Die  mittlen  Großbauerngüter  winthschaften  im  Flöhaer
und  Chemnitzer  Bezirke  mit  1  bis  2  Gespannen,  jedoch  ohne  Zugochsen;
  im  Freiberger,  Marienberger  Bezirke,  sowie  im  Annaberger
mit  3  gemischten  Gespannen;  im  Schwarzenberger  Bezirke  mit  Pferden
und  Ochsen,  aber  auch  ausschließlich  mit  2  oder  3  Ochsengespannen.
Der  Rindviehstand  beträgt  in  den  niedern  Bezirken  13  bis  17,  in
den  oberen  14  bis  15  Stück.  An  Schweinen  werden  2,  3  und  selbst
4  gehalten;  Ziegen  vorwiegend  im  Osten  des  Gebirges.

Bei  den  kleinen  Großbauernhöfen  gestaltet  sich  das
Zahlenverhältniß  des  Spannviehes  nicht  viel  anders;  nur  daß  zuweilen
der  Bestand  an  Spannvieh  zu  groß  gegenüber  den  in  Arbeit  zu
nehmenden  Flächen  erscheint.  Im  Annaberger  und  Schwarzenberger
Bezirke  hat  man  2  oder  3  Gespanne,  jedoch  vorwiegend  Ochsen.  Der
Rindviehbestand  beträgt  10  bis  14  Kühe,  in  einzelnen  Fällen  bis  18,
aber  auch  nur  7  oder  8.  An  Schweinen  werden  vorwiegend  2,  in
vielen  Fällen  aber  auch  nur  1  Stück  gehalten.  Ziegen  vorwiegend
im  Osten  des  Gebirges.

Die  Mittelbauerngüter  im  Umfange  von  10  bis  20  ha
Ackerland  scheiden  sich  ebenfalls  in  drei  große  charakteristische  Gruppen.
Ueber  sieben  Zwölftel  dieser  Güter  haben  einen  Umfang  von  14  bis
16  ha,  ein  Drittel  derselben  einen  Umfang  von  10  bis  13  ha,  und
nur  ein  Zwölftel  einen  Umfang  von  17  bis  19  ba.
        <pb n="657" />
        —  649  —

Diese  Güter  haben  fast  durchgehend  ein  Gespann  von  2  Pferden:
in  einzelnen  Fällen  ein  drittes  Pferd;  mitunter  einen  einzelnen  Ochsen,
aber  auch  wiederholt  ein  zweites  Gespann,  von  2  Zugochsen.  Der
Melkviehbestand  beträgt  12  bis  15,  in  einzelnen  Fällen  auch  18  Stück.
Schweine  werden  2  bis  4,  im  oberen  Gebirge  vorwiegend  3  gehalten;
Ziegen  hauptsächlich  im  Annaberger  und  Schwarzenberger  Bezirke,
meist  1.

Die  Mehrzahl  der  Mittelbauerngüter  wird  von  den
Gütern  von  14  bis  16  ha  (25,2  bis  29,5  Acker)  gebildet.  Im
Chemnitzer  und  Flöhaer  Bezirke  haben  diese  Güter  an  Spannvieh
vorwiegend  Pferde,  und  zwar  2;  im  Annaberger  und  Schwarzenberger
Bezirke  fast  durchgängig  1  Pferd  und  2  Ochsen,  mitunter  auch  3.
Im  Osten  des  Gebirges,  im  Marienberger,  Freiberger  und  vor  Allem
im  Dippoldiswalder  Bezirke  sind  die  Verhältnisse  sehr  wechselnd.  An.
Melkvieh  haben  diese  Güter  9  oder  10,  im  Schwarzenberger  und
Annaberger  Bezirke  8  Kühe;  in  den  kleinsten  Ställen  des  Obergebirges
  wenigstens  6  oder  7,  in  den  größten  des  niederen  Gebirges
12  oder  13  Kühe.  Die  Schweinehaltung  beziffert  sich  im  Osten  mit
2  bis  3,  im  oberen  Gebirge  mit  2.  Ziegen  im  Osten  durchgängig
1,  mitunter  auch  2,  im  Flöhaer  und  Chemnitzer  Bezirke  fast  keine,
selten  1,  ganz  wie  im  Annaberger  und  Schwarzenberger  Bezirke.

Bei  den  Mittelbauerngütern  von  weniger  als  14  ha
beträgt  die  Zahl  der  Gespanne  1,  1½  bis  2;  im  niederen  Gebirge
vorwiegend  Pferde.  Das  Melkvieh  besteht  in  der  Schwarzenberger
Gegend  aus  4  oder  5  Kühen,  in  der  Annaberger  aus  5  oder  6,
in  der  Freiberger  vorwiegend  aus  6  oder  7,  in  der  Marienberger
aus  6  bis  9,  in  der  Flöhaer  aus  7  bis  9  und  in  der  Dippoldiswalder
  Gegend,  je  nach  der  Höhenlage  aus  4,  6,  8  und  selbst  9
Stück.  Schweine  hält  man  1  bis  2;  Ziegen  im  Osten  meist  1.
Eine  sehr  bedeutende  Anzahl  bilden  die  Kleinbauerngüter
im  Umfange  von  5  bis  10  ha.  Auch  diese  gliedern  sich  in  drei
Größen;  ein  Viertel  derselben  hat  über  8  ha,  die  Hälfte  über  7  ha,
und  ein  Viertel  zwischen  5  und  7  ha.  Die  Größe  des  Viehstandes
nimmt  mit  dem  Umfange  der  Ackerflächen  ab,  aber  bei  den  großen
wie  bei  dem  mittleren  Kleinbauer  ist  das  Spannvieh  von  dem  übrigen
Viehstande  getrennt,  während  bei  einem  großen  Theile  der  kleinen
Kleinbauern  besonderes  Spannvieh  nicht  mehr  vorhanden  ist,  sondern
die  Spannarbeit  von  dem  Melkvieh  mit  ausgeführt  werden  muß.
Bei  den  Kleinbauerngütern  über  8  ha  ist  durchgehend  ein  Gespann

vorhanden:  entweder  2  Pferde,  oder  2  Ochsen,  oder  1  Pferd  und
1  Ochse.  Der  Viehstand  dieser  Güter  besteht  in  6,  7  oder  8,  in
einzelnen  Fällen  bis  zu  12  Kühen.  An  Schweinen  hält  man  mindestens
        <pb n="658" />
        —  650  —

1,  in  der  Mehrzahl  2.  Im  Dippoldiswalder  Bezirke  werden  fast
auf  allen  diesen  Gütern  Ziegen  gehalten  1,  2  und  selbst  3;  im
Freiberger  Bezirke  gar  keine,  im  Marienberger  und  Annaberger  auf
der  Mehrzahl  1  oder  2;  im  Westen  und  Norden  nur  bei  der
Hälfte  1.

Die  Kleinbauerngüter  von  über  7  ha  Feld=  und  Wiesenfläche
  (12,6  Acker)  stellen  das  Viertelhufengut  dar,  wie  es  aus  der
zwei  Mal  wiederholten  Theilung  hervorgegangen  ist.

Diese  Kleinbauerngüter  haben  im  Dippoldiswalder,  Freiberger,
Marienberger  und  Annaberger  Bezirke  durchgängig  1  Gespann,  entweder
  2  Pferde,  oder  2  Ochsen  oder  1  Pferd  und  1  Ochsen;  im
Schwarzenberger  Bezirke  vorwiegend  Ochsen,  im  Chemnitzer  und  Flöhaer
Bezirke  Pferde,  jedoch  in  der  Regel  nur  1,  welches  für  den  Wirthschaftsbetrieb
  auch  vollkommen  ausreicht.

Die  Anzahl  der  Kühe  ist  vorwiegend  6.  Ziegen  werden  nur  im
Dippoldiswalder  Bezirke  gehalten.

Von  den  Kleinbauerngütern  hat  ein  großer  Theil  nicht  einmal
6  ha  (10,8  Acker)  Feld=  und  Wiesenland,  so  daß  hier  schon  das
Verhältniß  zwischen  der  Bebauungsfläche  und  den  Arbeitskräften  sich
wenig  vortheilhaft  gestaltet.  Diese  Kleinbauerngüter  haben  ein  Gespann,
meist  1  Pferd  oder  1  Ochsen,  häufig  1  Pferd  und  1  Ochsen,  zuweilen
2  Ochsen.  Bei  einer  großen  Anzahl  dieser  Bauerngüter  muß  aber
das  Melkvieh  zu  den  Ackerarbeiten  verwendet  werden.  Der  Viehstand
beträgt  4  bis  5  Kühe.  Schweine  hält  man  1  bis  2.  Ziegen  nur
im  Dippoldiswalder  Bezirke.

Die  große  Anzahl  Zwergwirthschaften  gliedert  sich  in
zwei  Gruppen:  in  solche  mit  mehr  als  3  ha  (5,4  Acker)  und  solche
mit  weniger  als  3  ha.  Drei  Viertel  der  sämmtlichen  Zwergwirthschaften
  gehören  der  ersteren  und  nur  ein  Viertel  der  letzteren  an.
Die  Zwergwirthschaften  über  3  ha  haben  zum  großen  Theile  ein
Gespann.  Allerdings  ist  aber  auch  schon  eine  ganz  merkliche  Anzahl
dieser  Wirthschaften  ohne  Spannvieh  und  verwendet  Kühe  zu  den
Feld=  und  Wirthschaftsarbeiten.  Die  Anzahl  der  gehaltenen  Kühe
beträgt  3,  4,  5,  6;  wo  kein  Spannvieh  gehalten  wird,  5  oder  6.
Schweine  hält  man  mindestens  1.  Ziegen  werden  fast  überall  gehalten.

Die  Zwergwirthschaften  unter  3  ha  haben  sämmtlich  kein  Spannvieh.
  An  Kühen  halten  sie  in  der  großen  Mehrzahl  3,  Schweine  1
bis  2;  Ziegen  nur  wenige.  #

Die  Gärtnerwirthschaften  haben  kein  Spannvieh.  Nur  in  einzelnen
Fällen  wird  auf  denselben  ein  Pferd  gehalten.  Im  Allgemeinen
besitzen  diese  Gärtnerwirthschaften  jedoch  mindestens  1  Kuh;  an
Schweinen  1  bis  2.  Ziegen  giebt  es  fast  überall,  mindestens  1.
        <pb n="659" />
        Die  Viehhaltung  der  kleineren  Gärtnerwirthschaften  ist  der  größeren
sehr  ähnlich,  wo  nicht  gleich.

Die  Großhäusler  besitzen  fast  durchgängig  1  oder  2  Schweine;
fast  überall  1  Kuh,  mitunter  auch  2.  Ziegen  findet  man  1,  2  und
3,  aber  auch  gar  keine.

Die  Kleinhäusler  halten,  wo  es  irgend  angeht,  1  oder
2  Schweine;  im  Flöhaer  Bezirke  sehr  häufig,  im  Chemnitzer  wenigstens
  ausnahmsweise  1  Kuh.  Ziegen  halten  die  Kleinhäusler  fast
durchgängig.

Für  die  Beurtheilung  des  Betriebes  der  Landwirthschaft  und
ihres  allgemeinen  Standpunktes  erscheint  die  Wirthschaft  auf  dem
Großbauernhofe  als  die  maßgebende,  da  bei  ihr  das  entsprechendste
  Verhältniß  zwischen  der  Größe  der  Arealfläche  und  dem
Bestande  an  Feld  und  Wiese,  an  Spann-,  Melk=  und  Jungvieh,  an
Mast=  und  Kleinvieh,  an  Ackerwerkzeugen  und  Maschinen,  am  Umfange
von  Flachs-,  Garten-,  Gemüse=  und  Obstbau,  an  Geflügel=  und
Bienenzucht  rc.  besteht,  und  die  Bewirthschaftung  selbst  unter  der
durchdachtesten  und  vollständigsten  Ausnutzung  aller  verfügbaren  Kräfte
erfolgt.  Auf  dem  Großbauernhofe  trifft  man  fast  ausnahmelos  das
angemessenste  Verhältniß  aller  einzelnen  Theile,  so  daß  nirgend  eine
Kraft  unvollständig  ausgenutzt  in  dem  Wirthschaftsbetriebe  mit  fortgeführt
  wird,  aber  auch  nirgend  eine  Arbeit  wegen  unzureichender
Arbeitskräfte  ungenügend  zur  Ausführung  kommt.  Und  zwar  wird  man
daher  die  Wirthschaft  auf  dem  mittlen  Großbauerngute  als
den  Maaßstab  erkennen  müssen,  nach  welchem  die  Beurtheilung  der
wirthschaftlichen  Verhältnisse  unternommen  werden  kann,  da  derselbe
die  Verhältnisse  bietet,  wie  sie  bei  dem  größten  Theile  der  Großbauern
wirklich  sind,  und  wie  sie  sich  in  entsprechendem  Umfange  und  Gange
bei  allen  übrigen  Stufen  gestalten,  welche  eine  selbständige  und  organisch
  gegliederte  Bewirthschaftung  gestatten.

Ueber  die  Viehhaltung  ist  zu  bemerken:  Das  Spannvieh
besteht  aus  Pferden  und  Ochsen.  In  früheren  Zeiten  war  die
Verwendung  des  Pferdes  eine  weniger  allgemeine.  Im  Flach=  und
Niederlande  gebrauchte  man  Pferde,  im  Gebirge  vorwiegend  Ochsen.

In  der  Feldarbeit  kann  der  Ochse  länger  arbeiten,  pflügt  genauer
und  regelmäßiger  und  läßt  nicht  so  leicht  im  Zuge  nach.  Bei  gutem
Futter  und  sorgfältiger  Abwartung  stehen  bei  gleichgemessener  Tagesarbeit
  6  Ochsen  4  Pferden  gleich.  Der  Ochse  liefert  einen  werthvolleren
  Mist  und  kann  zuletzt  noch  zur  Mast  aufgestellt  werden.

Das  landwirthschaftliche  Arbeitspferd  entspricht  noch  nicht
vollständig  den  Anforderungen,  welche  man  an  Gestalt,  Leistungsfähigkeit
  und  Ausdauer  zu  machen  berechtigt  ist.
        <pb n="660" />
        —  652  —

Haltung  und  Behandlung  das  Spannviehes  stehen  noch  nicht
auf  der  Höhe,  um  die  höchste  Leistungsfähigkeit  zu  gewinnen.

Seit  langer  Zeit  schon  hat  man  erkannt,  daß  für  die  erzgebirgische
  Landwirthschaft  die  Rindviehzucht  den  Brennpunkt
aller  Bestrebungen  bilden  müsse.  Das  ursprüngliche  Landvieh  hatte
sich  nur  in  einzelnen  Theilen  des  Gebirges  zu  einer  kräftigen  und
nutzbringenden  Form  entwickelt.  Die  äußere  Form  der  Thiere  ist
natürlich  von  der  Pflege,  Ernährung  und  Aufzucht  abhängig.  Der
Gegensatz  der  Höhenrassen  und  der  Niederrungsrassen  macht  sich
schon  bei  geringen  Höhenunterschieden  geltend,  wenn  Aufzucht  und
Haltung  des  Viehes  systematisch  betrieben  werden.  Schon  mit  einer
geringen  Aufbesserung  in  Züchtigung,  Wartung  und  Fütterung  kann
der  Milch=  und  Fleischertrag  bedeutend  gesteigert  werden.

Obgleich  ein  Aufschwung  in  der  Viehhaltung  und  Viehzüchtung
nicht  zu  verkennen  ist,  so  war  der  Niedergang  doch  ein  so  bedeutender,
daß  nur  mit  großer  Beharrlichkeit  die  begangenen  Fehler  wieder  ausgeglichen
  werden  können.  «

Wenn  im  oberen  Erzgebirge  neben  Milcherzeugung  Fleisch—
production  erstrebt  wird,  so  muß  das  Simmenthaler  Rind  als  das
passendste  bezeichnet  werden;  wo  man  die  Milch  ohne  weitere  Verarbeitung
  verwerthen  kann,  besonders  in  den  mittleren  und  niederen
Gebirgslagen  ist  die  Oldenburger  Rasse  geeigneter.  Das  Simmenthaler
  Vieh  giebt  als  Melkvieh  viele  und  fette  Milch,  ist  seines
Knochenbaues  wegen  zum  Zuge  geeignet  und  bringt  bei  der  Kreuzung
mit  dem  Landvieh  sehr  befriedigende  Nachzucht.

Die  Milchwirthschaft  wird  auf  den  Bauernhöfen  von  der
Hausfrau  betrieben.  Die  Haltung  vou  Melkvieh  gestattet  die  lohnendste
Verwerthung  des  Futters.  Die  Milchgewinnung  hat  außerordentlich
an  Umfang  zugenommen.  Einestheils  ist  der  Viehstand  bedeutend
vermehrt  worden,  anderntheils  hat  man  durch  Haltung  und  Fütterung
die  Milchproduction  erhöht,  endlich  durch  sorgfältige  Züchtung,  reichlichere
  Ernährung,  bessere  Wartung  und  Pflege  den  Viehstand  im
Allgemeinen  gehoben.  Im  Durchschnitt  schätzt  man  den  Ertrag  einer
guten  Landkuh  auf  jährlich  1200  bis  1500  Liter,  einer  Simmenthaler
  und  Allgäuer  Kuh  auf  2000  bis  3000  Liter.  Der  Fettreichthum
  der  Milch  des  Simmenthaler  Viehes  bietet  eine  bedeutend
größere  Butterbereitung,  bis  zu  125  —  130  kg.  Die  Verwerthung
der  Milch  erfolgt  wo  der  Absatz  gesichert  ist,  in  frischem  Zustande,
sonst  wird  sie  in  Butter,  Käse,  Magermilch  2rc.  verwandelt.

Im  Allgemeinen  werden  auf  allen  Bauernhöfen  die  Kühe  täglich
  drei  Mal  gemolken,  früh,  Mittags  und  Abends,  was  bedeutend
vortheilhafter  ist,  als  das  auf  einzelnen  kleineren  Höfen  gebräuchliche
        <pb n="661" />
        —  653  —

zweimalige  Melken.  Die  Molkereierzeugnisse  werden  im  Allgemeinen
im  Erzgebirge  selbst  verbraucht.  Der  landwirthschaftliche  Westen  hat
die  Verbrauchsmittelpunkte  Annaberg  und  Schneeberg  innerhalb,
Zwickau,  Glauchau,  Chemnitz  an  der  Umfassung  des  Gebietes.  Im
Osten  wird,  besonders  aus  der  Gegend  von  Dippoldiswalde,  Frauenstein
  und  Sayda,  ein  bedeutender  Handel  mit  Gebirgsbutter  nach
Dresden  und  Freiberg  betrieben.

Die  Schweinehaltung,  sowohl  für  den  Hausbedarf,  als
auch  zum  Verkauf,  ist  auf  allen  Bauernhöfen  bis  zu  den  kleinsten
Wirthschaften  hinab,  ein  wesentlicher  Bestandtheil  der  ländlichen
Wirthschaftsweise.  Dessen  ungeachtet  steht  sie  noch  nicht  auf  der
Höhe,  welche  sie  einnehmen  könnte.

Im  Erzgebirge  ist  die  Koppelwirthschaft  von  Anfang  an  heimisch
gewesen.  Die  Koppelwirthschaft  besteht  darin,  daß  das  Feld
in  kürzeren  oder  längeren  Zeitabschnitten  dem  Fruchtbaue  mit  einem
gewissen  Wechsel  in  der  Reihenfolge  der  Feldfrüchte  dient,  und  sodann
längere  Zeit  als  Weideland  brach  liegt.  In  dem  rauheren  Klima,
mit  welchem  die  erzgebirgische  Landwirthschaft  um  so  mehr  zu  rechnen
hat,  je  bedeutender  die  Höhenlage  der  Ackerfläche  ist,  bedarf  man
außer  der  erforderlichen  Menge  von  Dünger  und  der  zwoeckmäßig
  geordneten  Reihenfolge  der  Fruchtarten  auch  noch  der  eigenthümlichen
  Kraft  des  Bodens,  welche  eine  kräftige  Grasnarbe  nach
ihrem  Umbruch  gewährt.  Das  Verständniß  des  Erfahrungssatzes,
daß  der  Dünger  die  Grundlage  des  Ackerbaues  bilde,  dringt  in
immer  weitere  Kreise.  Die  vollständige  Reinigung  der  Ackerkrume
bis  zu  einer  Tiefe  von  20  und  25  em,  die  Beseitigung  der  Steine,
die  gute  und  starke  Düngung,  die  sorgfältigste  Bearbeitung  des  Bodens,
die  zweckmäßige  Reihenfolge  der  Feldfrüchte  und  die  gewissenhafte
Auswahl  des  Saatgutes  werden  auf  der  kleineren  Fläche  größere  Erträge
  erzielen  lassen,  wie  auf  der  schlechter  bestellten  großen.  Der
Stallmist  vereinigt  alle  Stoffe,  welche  die  Ackerpflanzen  zu  ihrem
Gedeihen  bedürfen  und  wirkt  nächstdem  äußerst  vortheilhaft  auf  den
Boden.  Ebenso  ist  die  Jauche  ein  vorzügliches  Düngemittel.  Daher
fordert  man  entsprechend  angelegte  Düngerstätten  und  Jauchengruben.

Schon  Schumann  sagt  (9.  Bd.,  S.  703).  „Der  Gebirger
muß  doppelt  stark  düngen,  trotz  Koppelwirthschaft  und  vieler  und
trefflicher  Wiesen.  Man  würde  dem  Gebirgischen  gänzlich  unrecht
thun,  wenn  man  ihm  Trägheit  und  Unbesorgtheit  nachsagen  wollte.
Er  ist  in  seiner  Feldbestellung  unverdrossener  und  sorgsamer  als  der
Niederländer;  wendet  sein  Flachsfeld  vier  bis  fünf  Mal;  jätet  Flachs
und  Erdäpfel  2c.  Der  Gebirger  trägt  an  manchen  Orten,  wo  die
        <pb n="662" />
        —  654  —

Berge  nicht  zu  befahren  sind,  den  Dünger  auf  den  Schultern
hinauf.“

In  den  niederen  Lagen  bis  über  500  m  Meereshöhe  ist  eine
fünf-,  sechs=  bis  achtjährige  Periode  des  Fruchtwechsels  gebräuchlich.
Winter=  und  Sommerrogen,  Hafer,  Lein,  Kartoffeln,  Erbsen,  Kraut
und  Klee  bilden  die  angebauten  Früchte.

In  den  mittleren  Gebirgslagen,  von  520  bis  gegen
700  m  wächst  die  Periode  des  Fruchtwechsels  bis  zu  einer  neunjährigen
  Periode  an,  bei  welcher  der  Acker  mindestens  zwei,  wo  nicht
drei  Jahre  brach  liegt  (Dreeschacker).  Der  Anbau  des  Hafers  tritt
schon  bedeutend  in  den  Vordergrund.  Lein,  Winterroggen,  Sommerroggen,
  Kartoffeln  überwiegen  den  Futterbau.

In  den  hohen  Gebirgslagen,  von  etwa  650  m  bis
800  m  und  darüber,  kann  man  zwei  Arten  der  Feldbaugliederung
erkennen,  eine  kurze,  sechsjährige,  und  eine  lange,  elfjährige;  beide
jedoch  kennzeichnen  sich  durch  eine  lange  Dreeschperiode.  Bei  der
ersteren  liegen  die  Felder  die  halbe  Zeit  im  Graswuchse,  bei  der
letzteren  vier  Jahre.  Der  Anbau  von  Winterroggen  unterbleibt;
Sommerrogen,  Hafer,  Kartoffeln  und  nur  in  bevorzugten  Lagen
etwas  Lein.

Alles  Getreide  wächst  stroh=  und  grasreich,  liefert  aber  in  der
Hauptsache  mehr  leichte  und  flache  Körner,  als  schwere  und  runde.
Roggen  und  Hafer  werden  vorwiegend  angebaut,  schon  von  den
frühesten  Zeiten  her.  Der  Anbau  von  Weizen  und  Gerste  in  den
niederen  Lagen  ist  erst  in  späteren  Zeiten  eingeführt  worden.  Im
Gebirge  ist  der  Hafer  die  Hauptfrucht.  Der  Hafer  wurde  schon
von  den  Sorbenwenden  angebaut;  wahrscheinlich  kam  er  durch  die
germanischen  und  keltischen  Völkerstämme  zu  den  Römern.  Aber
schon  Plinius  bemerkt,  daß  er  von  den  Germanen  als  Nahrungsmittel
  benutzt  werde.  Man  urnterschied  schon  im  frühesten  Mittelalter
  Weiß=  und  Grauhafer,  die  leichteste  aller  kultivirten  Hafersorten
  mit  langer  Rispe  und  langer  Granne,  welche  trefflich  auf
steinigem  und  bergigem  Lande  gedeiht  und  einen  starken  Grad  von
Frost  vertragen  kann.

Der  ebenfalls  seit  den  ältesten  Zeiten  erbaute  Roggen  ist  die
eigentliche  Brotfrucht  des  nördlichen  Europa.  Der  früher  sehr  verbreitete
  Anbau  des  Buchweizens  (Heidekorn)  hat  beinahe  vollständig
aufgehört.

Die  seit  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  im  Erzgebirge  angebaute
  Kartoffel  hat  sich  dergestalt  verbreitet,  daß  sie  in  den
höchsten  Gegenden  desselben  die  größten  Flächen  des  in  Kultur  genommenen
  Landes  bedeckt.  Der  Ertrag  des  Kartoffelbaues  ist  selbst
        <pb n="663" />
        —  655  —

in  den  mittleren  Gebirgslagen  zwischen  500  bis  600  m  noch  ein
ganz  bedeutender.  Vorwiegend  angebaut  wird  die  rothe  Zwiebelkartoffel;
  in  neuester  Zeit  auch  bessere  Kartoffelsorten.

Von  allen  Futterpflanzen  enthält  das  Gras  die  Nährbestandtheile
  für  das  Vieh  in  der  für  die  Viehzucht  und  Milchgewinnung
vortheilhaftesten  Zusammensetzung.  Der  Grasbau  hat  daher  die
höchste  Bedeutung  für  die  gebirgische  Landwirthschaft.

Die  Bergwiesen  liefern  in  der  Regel  weniger,  aber  um  so
besseres  Futter;  die  Brachwiesen,  wie  sie  durch  Selbstberasung  in  den
höheren  Lagen  entstehen,  nach  zwei  Jahren  schon  einen  ansehnlichen
Ertrag;  die  Thalwiesen  endlich  werden  nicht  blos  durch  die  bei
ihnen  mögliche  Bewässerung,  sondern  auch  durch  die  Zuführung  der
von  den  Höhen  abgeschwemmten,  sehr  düngungsreichen  Bodentheile
in  ihrem  Ertrage  bedeutend  gehoben.

Der  Anbau  des  Flachses  ist  über  den  größten  Theil  des  Erzgebirges
  verbreitet.  Derselbe  reicht  von  Schlettau  über  Königswalde,
Mildenau,  Rückerswalde,  längs  der  Waldgrenze  des  Obergebirges,
über  Blumenau,  Cämmerswalde,  Nassau,  Dittersdorf,  Liebenau,  Altenberg
  und  Lauenstein  bis  gegen  die  Elbe,  und  von  Elterlein  über
Zwönitz  und  Stollberg  bis  in  die  Linie  Chemnitz,  Augustusburg,  Freiberg,
  Tharandt;  im  Westen  bis  in  die  Gegend  von  Lößnitz,  Hartenstein
  und  Kirchberg  und  an  das  Vogtland  heran.  „Der  Lein  ist  ins
Erzgebirge  zurückgedrängt  worden,  vor  Allem  in  die  höheren  Lagen,
wo  das  Klima  demselben  günstig  ist.  Die  mangelhafte  Behandlung
des  Flachsstengels,  wie  sie  sich  eingenistet  hatte,  wird  mehr  und  mehr
verlassen.  Wird  freilich  der  Flachs  „zur  Unzeit  gesäet  und  geerntet,
im  Backofen  geschmort,  im  Brechhaus  gebrochen  und  dergestalt  systematisch
  entwerthet,  weil  es  der  Großvater  auch  so  gemacht  hat“,  —
so  steht  der  Ertrag  in  keinem  Verhältniß  zur  Arbeit  und  Auslage.
Der  rationelle  Anbau  des  Flachses  gewinnt  wesentlich  an  Ausdehnung.

Die  Federviehzucht  wird  mehr  als  eine  unabweisbare  Zugabe
  angesehen.  Das  weit  verbreitete  Landhuhn  brütet  gut  und
führt  seine  Jungen  vortrefflich,  legt  wohlschmeckende  Eier,  und  gibt
ein  kräftiges  und  nahrhaftes  Fleisch.

An  jedem  Bauernhofe  befindet  sich  ein  Hausgarten;  bei  größeren
Gütern  bildet  dieser  Garten  den  Ziergarten,  während  der  Gemüsegarten
  seitwärts  oder  hinter  dem  Gehöfte  liegt  und  der  Obstgarten
sich  an  diesen  anschließt.

Der  Obstbau  auf  dem  Erzgebirgsabhange  hat  sich  bedeutend  gehoben.
  Tausende  von  Obstbäumen  sind  auch  in  der  neuesten  Zeit
gepflanzt  und  zahlreiche  unbenutzbare  Plätze  nutzbar  gemacht  worden.
Es  ist  unzweifelhaft,  daß  selbst  in  den  rauheren  Gegenden  der
        <pb n="664" />
        —  656  —

Obstbau  mit  Erfolg  betrieben  werden  kann,  wenn  man  Sorten  einführt,
  welche  dem  Klima  angepaßt  sind.

Die  Besitzer  von  2  bis  5  ha  (3,6  bis  9  Acker)  Land  sind
streng  genommen  keine  Landwirthe.  An  einen  regelrechten  Wirthschaftsplun
  ist  bei  dem  geringen  Umfange  der  Ackerflächen  nicht  zu
denken.  Diese  Kleinbesitzer  müssen  neben  der  Bewirhschaftung  ihres
Gücchens  noch  eine  andere  und  lohnende  Beschäftigung  betreiben
önnen.  .

Die  Zwergwirthschaft  schleppt  sich  mühsam  dahin,  ohne  auf
einen  grünen  Zweig  zu  kommen.  Mit  der  wachsenden  Zahl  der
Eigenthümer  sinkt  die  Leistungsfähigkeit  der  einzelnen  Besitzer  und  die
Poductionsfähigkeit  des  Bodens;  denn  die  Bodenfläche  tritt  zu  den
vorhandenen  Arbeitskräften  und  Mitteln  in  ein  ungünstiges  Ver—
hältniß.  „Mangel  an  Arbeit,  geringe  Verwerthung  derselben,  un—
vollkommene  Bearbeitung,  Unsicherheit  der  Behauptung  des  Eigenthums
und  Besitzes,  Mangel  an  Kapital,  Mangel  an  geistiger  Thätigkeit
sind  die  Folgen  der  Zerstückelung  des  Grund  und  Bodens.“  (Vergl.
Festschrift.)

Im  Allgemeinen  hat  die  erzgebirgische  Landwirthschaft  bedeutende
Fortschritte  gemacht,  trotzdem  sie  mit  mannigfachen  Schwierigkeiten
kämpfen  muß.  Die  zum  großen  Theile  weniger  günstigen  Bodenverhältnisse,
  die  Bedingungen  von  Klima  und  Höhenlage,  von  Terrainform
  und  Seichtheit  der  Ackerkrume  lassen  in  Verbindung  mit  dem
vielen  Einzelnen  nur  in  sehr  beschränktem  Maaße  zu  Gebote  stehenden
Betriebskapitale  —  besonders  bei  dem  Mangel  einer  lebensfähigen
Kreditorganisation  für  den  Kleingrundbesitz  —  einen  allgemeinen
Aufschwung  nur  durch  außerordentliche  Zähigkeit  und  Ausdauer  erreichen.
  Die  Bestellungs=  und  Erntezeit  wird  mit  der  zunehmenden
Höhenlage  kürzer,  der  Bedarf  an  Arbeitskräften  daher  größer,  die
Leistungsfähigkeit  des  Spannviehes  im  bergigen  Terrain  geringer.
Der  Wirthschaftsbetrieb  gründet  sich  noch  zum  größten  Theile  auf
eine  Reihe  von  Erfahrungs=  und  Gewohnheitsregeln.

Eine  Hauptbedingung  für  die  Ausnutzung  der  Arbeitskräfte  und
der  Bodenfläche  ist  das  richtige  Verhältniß  derselben;  des  Viehstandes
und  der  Düngergewinnung  zu  der  Bodenfläche,  des  Viehfutterbaues
zu  dem  Anbau  von  Brot=  und  Verkaufsgetreide,  die  Zeit  des  Anbaues
  auf  der  Ackerfläche  und  der  Ruhe  desselben  als  Dreeschland  2rc.
Die  Anordnung  aller  wirthschaftlichen  Einrichtungen,  die  Vertheilung
der  Bestellungs=  und  Erntearbeiten,  die  Wahl  der  anzubauenden  Feldfrüchte
  u.  s.  w.  wird  immer  den  örtlichen  Verhältnissen  angepaßt
werden  müssen.
        <pb n="665" />
        —  657  —

Die  noch  zu  Anfang  der  Vierziger  Jahre  mangelhafte  Bewirthschaftung

  der  Güter  hat  sich  gehoben.  Nur  bei  einzelnen  Kleinbauern
und  Zwergwirthen  ist  noch  der  alte  Schlendrian  und  das  alte  Elend
u  finden.
Die  Bestellung  der  Felder  ist  durchgehends  bis  in  die  höchstgelegenen
  Gegenden  hinauf  eine  sorgfältigere  und  bessere  geworden.
Man  ackert  tiefer,  düngt  besser  und  reichlicher  und  reinigt  den  Acker
sorgfältiger  von  Unkraut  und  Steinen.

Es  ist  unzweifelhaft,  daß  die  Landwirthschaft  im  Erzgebirge
bei  allen  Groß=  und  Mittelbauerngütern,  also  bei  70  Prozent  der
bäuerlichen  Landwirthschaft  zugehörenden  Bodenfläche,  auf  einer  vollständig
  gesunden  Grundlage  steht,  während  bei  weiteren  15  Prozent
der  Bodenfläche,  welche  von  den  Kleinbauerngütern  eingenommen
werden,  es  in  hohem  Grade  wahrscheinlich  ist,  daß  auch  sie  auf  einer
lebenskräftigen,  gesunden  Unterlage  sich  befinden.  Wo  dies  nicht  der
Fall  ist.  ###.  sind  nicht  die  Verhältnisse  des  Umfanges,  sondern  die

Verhöl“  Bewirthschaftung  die  Ursache  der  ungesunden  Zustände.
Bei  rawirthschaften,  welche  10  Prozent  der  Gesammtfläche
ei.  iist  z  leider  gewiß,  daß  der  bei  ihnen  überhaupt  mögliche

Hafisbetri“?  jeglichen  Fortschritt  ausschließt.
Der  Umfang  und  die  Zahl  der  lebenskräftigen  und  lebensgen
  landwirthschaftlichen  Betriebe  ist  aber  so  bedeutend,  daß  die
uuf  ihnen  vorwaltenden  Verhältnisse  den  Ausschlag  für  den  Stand
der  Landwirthschaft  geben.  Dieselben  sind  vollständig  in  der  Lage,
jeden  Fortschritt  in  der  Bewirthschaftung,  wie  im  Anbau  von  Getreide=
  und  Futterpflanzen,  in  der  Haltung  und  Aufzucht  von  Melk-,
Mast=  und  Zuchtvieh  2rc.,  selbständig  und  aus  eigener  Kraft,  zielbewußt
und  mit  Ausdauer  durchzuführeu  und  für  den  Gang  der  landwirthschaftlichen

  Entwickelung  Ton  und  Takt  anzugeben.

42
        <pb n="666" />
        Schluß.

Es  ist  bei  allem  Fleiße  und  aller  Aufmerksamkeit  und  Liebe,
welche  der  Darstellung  des  vaterländischen  Erzgebirges,  seiner  Bewohner
und  seiner  reichen  und  großartigen  Industrieen  und  ihrer  Entwickelung
gewidmet  worden  ist,  doch  wohl  nicht  zu  vermeiden  gewesen,  einzelne
Punkte,  Erwerbszweige  und  Ereignisse  zu  übersehen  oder  nicht  mit
dem  ihnen  gebührenden  Eingehen  zu  schildern.  Wohl  sst  auch  bei
dem  schnellen  Wechsel  mancher  Zustände  auch  in  dieser  Bezieyn  eine
oder  die  andere  Lücke  in  der  Darstellung  hervorgergen  worden,  #d
es  bleibt  der  Nachsicht  des  Lesers  immer  noch  ein  hinreichend  b.
Gebiet,  um  sie  dem  Verfasser  wohlwollend  erkennen  zu  lassen.

Trotz  alledem  wird  aber  Niemand  sich  dem  Eindrucke  verschließen
können,  daß  unser  Erzgebirge  in  unendlich  vielen,  wo  nicht  in  allen
Beziehungen  den  Vergleich  mit  andern,  vielfach  und  hochgerühmten
Gegenden  und  Landstrichen  wohl  vertragen  und  ihnen  mindestens
gleichgestelt  werden  kann,  wenn  nicht  blinde  Vorliebe  und  Eingenommenheit
  das  Urtheil  trübt.  An  landschaftlicher  Schönheit,  pittoresken
  Ansichten  und  Aussichten  ist  es  zweifellos  jedem  anderen
Mittelgebirge  ebenbürtig,  wenn  auch  seine  Oberflächengestalt  nicht  den
reichen  Wechsel  der  Formen  bietet,  wie  manches  weniger  hohe,  aber
mit  zahlreichen  größeren  und  kleineren  Erhebungen  und  Einschnitten
geschmückte  Bergland.

Wer  es  näher  kennen  lernt,  lernt  es  lieben,  das  Land,  wie  seine
Bewohner  mit  ihren  Eigenschaften,  und  je  mehr  man  es  kennen  lernt,
und  je  tiefer  man  in  die  Eigenart  von  Land  und  Menschen  eindringt,
um  so  lieber  werden  sie  Einem.  Wenn  Jemand  länger  als  sechzig
Jahre  das  Erzgebirge  kennt,  in  früher  Kindheit  schon  im  niedern
Gebirge  lebte,  seine  ersten  Ausflüge  in  Jünglingsjahren,  seine  letzten
im  reifen  Mannesalter  und  später  machte,  und  immer  wieder  von
den  Eindrücken  desselben  erfrischt  und  erquickt  wurde,  trotzdem  er  fast
alle  Mittelgebirge  Deutschlands  und  das  Alpenland  bis  in  seine  Hoch-
        <pb n="667" />
        —  659  —

regionen  wiederholt  besucht  hat:  so  ist  das  wohl  zuletzt  ein  Beweis,
daß  der  eigenthümliche  Reiz  des  Erzgebirges  eine  hohe  und  ausdauernde
Anziehungskraft  besitzt.  .

Wer  Land  und  Leute  kennen  lernen  will,  der  muß  sie  besuchen;
das  heißt,  er  darf  nicht  mit  dem  Eisenbahnzuge  an  ihnen  vorüberfliegen
und  am  oberflächlichen,  flüchtigen  Eindrucke  sich  genügen.  Er  muß
Zeit  und  Aufmerksamkeit  auf  die  Dinge  wenden,  welche  ihm  besonders
kennenswerth  erscheinen,  sei  es  das  Land,  seien  es  die  Bewohner,  seien
es  die  Industrieen.  Er  muß  mit  den  Leuten  verkehren  und  mit
ihnen  leben;  ihre  Arbeiten  und  die  Erzeugnisse  ihres  Fleißes  ebenso
beachten,  wie  die  landschaftlichen  Formen  von  Berg  und  Thal.

Die  schönste  Zeit  im  oberen  Erzgebirge  zu  wandern  ist  in  der
Regel  die  letzte  Mai-  oder  die  erste  Juni-Woche,  wo  die  Nadelhölzer
alle  ihre  frischen  Triebe  entwickelt,  die  Laubhölzer  ihren  vollen  Blätterschmuck
  entfaltet  haben.  In  den  niedriger  gelegenen  Gebirgstheilen
entsprechend  zeitiger.  Aber  auch  der  Herbst  mit  dem  Schmuck  der
verschieden  gefärbten  Laubhölzer  hat  seinen  besonderen  Reiz,  während
der  Nachsommer  durch  seine  langen  Tage  und  seine  angenehme
Temperatur  besonders  empfehlenswerth  ist.

Die  angemessenste  Weise  ein  Land  kennen  zu  lernen,  bietet  das
Fußreisen.  Bei  den  zahlreichen  Eisenbahnlinien  jedoch,  welche  in  das
Erzgebirge  führen,  weit  hinauf  reichen,  und  eine  den  Bedürfnissen
entsprechende  große  Anzahl  von  Zügen  haben,  so  wie  bei  den  vielfachen
  Postverbindungen  der  einzelnen  Städte,  ist  es  selbstverständlich,
daß  man  Eisenbahnfahrt,  Postfahrt  und  Fußwanderung  verbindet.

Je  nach  dem  Zwecke,  welcher  der  Reise  zu  Grunde  liegt,  wird
man  mit  Hülfe  von  Eisenbahn=  und  Postenfahrplan,  mit  der  Karte
in  der  Hand,  seine  Reise  selbst  entwerfen,  sie  naturgemäß  an  die
Haupt--Eisenbahn=  und  Straßen-Züge  anlehnen,  und  seinen  Kräften
und  Bedürfnissen  entsprechend  die  Ausdehnung  der  einzelnen  Tagereisen
  bemessen.  Für  die  Eisenbahn=  und  Postfahrt  giebt  der  Fahrplan
  die  entsprechende  Anleitung.  Für  die  Fußwanderung  wird  man
sich  eine  bestimmte,  gleichmäßige  Tageseintheilung  zum  Gesetz  machen,
mag  man  sie  nun  auf  den  ganzen  Tag,  oder  nur  auf  Theile  desselben
anwenden.

Man  steht  z.  B.  früh  5  Uhr  auf,  frühstückt  ½6  Uhr,  macht
sich  zurecht,  bricht  um  6  Uhr  im  Sommer  auf.  Im  Frühjahr  und
Herbst  vielleicht  ½  Stunde  später,  unbekümmert  um  die  Frühnebel.
Man  steckt  einige  Lebensmittel,  Paßkarte,  Landkarte,  Reise=  und  Notizbuch,
  sowie  Zeichenmaterial  in  die  kleine  Umhängetasche,  das  Köfferchen
oder  den  Reisesack  schickt  man  mit  Post  (zu  sofortiger  Bestellung)  an  das
Tagesziel,  um  es  dort  vorzufinden.  Man  muß  sich  daran  gewöhnen,

42
        <pb n="668" />
        —  660  —

drei  bis  vier  Stunden  zu  wandern,  ohne  einzukehren.  Dann  erst
macht  man  einen  einstündigen  Ruhehalt,  um  darauf  wieder  etwa  drei
Stunden  zu  wandern,  ohne  zu  ruhen.  Damit  beziffert  man  die
Tageswanderung  mit  etwa  30  km.  Aufenthalte,  um  ein  landschaftliches
Bild  zu  Papier  zu  bringen,  ein  gewerbliches  oder  technisches  Etablissement
  anzusehen,  von  einer  Industrie  eine  eingehendere  Anschauung  zu
gewinnen  u.  s.  w.,  gehören  natürlich  nicht  zu  den  Ruhehalten.  Die
Mittagsrast  macht  man  möglichst  kurz  und  verlegt  die  Hauptmahlzeit
auf  das  Nachtquartier,  wo  man  zeitig  genug  eintrifft,  um  mit  Bequemlichkeit
  und  Ruhe  die  Eindrücke  der  Tageswanderung  zu  überdenken
  und  festzustellen.  —  Es  ist  zweckwäßig  größeren  Tageswanderungen
  eine  kleinere  folgen  zu  lassen,  oder  wo  dieß  nicht  angeht,
einen  Rasttag  einzuschalten,  der  zu  kleineren  Spaziergängen  und  zur
Besichtigung  von  Werkstellen  und  gewerblichen  oder  industriellen  Anlagen
  benutzt  werden  kann.

Bei  durchdachtem  Reiseentwurfe  wird  man  niemals  genöthigt  sein,
am  späten  Abend  an  einem  Orte  zu  bleiben,  wo  man  weder  ausgiebige
  Nachtruhe  noch  angemessene  Verpflegung  hat.  In  allen
Städten,  in  vielen  Dörfern.  und  einzelnen  Gasthäusern  wird  man  zu
voller  Zufriedenheit  Unterkommen  finden.  —  Als  Hauptregel  für
den  Wanderer  gilt:  „Lebe  einfach  und  bescheiden;  mache  keine  unnöthigen
  und  unerfüllbaren  Ansprüche!“  —  Dann  wird  es  Jedermann
gut  gehen  und  ihm  gefallen.  Vorbereitung  und  Ausführung  sollen
den  materiellen  und  ideellen  Genuß  sichern;  Herz  und  Gemüth  sollen
sich  erheben  und  dankbar  empfangen,  was  ihnen  geboten  wird.  Eine
angemessene  Sparsamkeit  soll  jeden  Reisenden  leiten;  er  soll  kein
Geld  verschleudern,  und  seinen  Genuß  nicht  in  den  Staub  ziehen;
er  soll  den  Bettel  weder  anregen  noch  unterstützen.

Bei  längerem  Aufenthalte  an  einem  Orte  wird  man  die  Umgebungen
  um  so  eingehender  kennen  lernen  und  im  engsten  Zusammenhange
  damit  Land  und  Leute  recht  lieb  gewinnen.  Der  Aufenthalt
in  der  Sommerfrische,  wie  ihn  die  Verhältnisse  hervorgerufen  haben
und  weiter  entwickeln,  wird  dem  Erzgebirge  immer  zahlreichere
Freunde  zuführen,  wenn  nicht  kurzsichtiger  Unverstand  und  blinde
Habgier  die  schönen  Anfänge  zerstören,  welche  in  dieser  Beziehung
gemacht  worden  sind.)

Wer  irgend  das  Erzgebirge  mit  Aufmerksamkeit  besucht,  und
nicht  den  zweckwidrigsten  Reiseplan  seinen  Wanderungen  zu  Grunde
gelegt  hat,  wird  von  Tag  zu  Tag  immer  mehr  davon  durchdrungen

)  Vergl.  Ueber  Sommerfrischen  im  Erzgebirge.  Glückauf.  (Zeitschrift)
  1889.  No.  1.
        <pb n="669" />
        —  661  —

werden,  daß  unser  Erzgebirge,  sowohl  beim  flüchtigen  Wandern,  wie
beim  längeren  Verweilen  einen  Reichthum  an  landschaftlichen  Bildern,
an  gewerblichen,  industriellen  und  technischen  Betrieben,  an  bemerkenswerthen
  Anfertigungen  und  Beschäftigungen,  an  menschlichem  Fleiß,
Wissen  und  Können  in  sich  schließt,  der  um  so  bemerkenswerther  ist,
als  bei  der  dicht  gedrängten  Bevölkerung  jede  einzelne  Thätigkeit
regelrecht  und  exakt  in  den  Gang  des  Ganzen  eingreifen  muß,  um
demelben  in  seiner  Stetigkeit  zu  erhalten.

Der  hohe  Aufschwung,  welchen  das  Erzgebirge  in  allen  Beziehungen
  in  der  neuesten  Zeit  genommen  hat;  die  im  Fortschreiten
begriffene  Entwickelung  der  geistigen  und  moralischen  Kräfte  in
engster  Verbindung  mit  dem  Aufschwunge  aller  materiellen  Beziehungen
  im  täglichen  Leben  und  in  allen  Erwerbszweigen,  in  der  Landund
  Forstwirthschaft,  in  allen  Verästungen  einer  reich  gegliederten,
weit  ausgedehnten  Industrie  und  ihrer  wissenschaftlichen  und  tech-Hülfsgewerbe,
  im  Kleingewerbe  und  der  Hausarbeit  u.  s.  w.  lassen
z-x  einer  frischen  und  frohen  Zuversicht  in  die  Zukunft  hinausblicken.


Glück  auf!
        <pb n="670" />
        Register.

Achthundertmetererhebung  Binge  (Pinge)  bei  GeyerEinzelhof  98.
20.  65.  Eisenberg,  Schloß  409.

Ackererden  48.  Blaftrhenwerke  576.  Eisenbergbau  590.
Agricola  486.  lecharbeiter-  Fachschule  Elbstolln,  tiefer  286.
Altenberg  220.  Elterlein  474.
Alten-Zella  275.  *  Blechwaaren  Erlahammer  597.
Altväter-Wasserleitung  Erzbergbau,  Freiberger
290.  vod  Industrie  587.  328.
Amalgamirwerk  337.  Blockhaus  94.
Anlage  und  Bauart  der  Bockau  608.  Fachschulesf  Blecharbeiter
Dörfer  88.  Boden-Verhältnisse  47.
Anlage  und  Bauart  der  Brüx  273.  Fahlsure  für  Musik-In-Städte
  105.  Buchholz  437.  strumentenbau  636.
Annaberg  430.  Bürstenfabrikation  612.  Fall  der  Gewässer  30.
Antonshütte  (Antonsthal)  Buntstickerei  618.  Feldmark  88.
602.  Burgberg  bei  Lichtenberg  Fichtelberg  454.
Argentan  585.  345.  Finckenfang  233.
Aue  584.  Burgen  u.  Burgenbauten  Flöha  361.
Auersberg  611.  184.  Frankenberg  359.
Augustusburg  413.  Frauenstein  346.
Carlsfeld  623.  Freiberg  291.
Bärenstein  (Berg)  429.  Chemnitz  490.  Freiberg,  Belagerung  1643
Bärenstein  (Stadt)  210.  Cisterzienser  278.  302.
Bärensteinberg  406.  Claffenbacher  Kreuz  482.  Friedrichshöhe  222.
Bäringen  465.  Cotta,  Heinrich  393.  Frühbuß  629.
Barbara-Kapelle  253.  Fünshundertmetererhebung
Bauerngut  101.  647.  Dippoldiswalde  255.  65.
Bauernkrieg  469.  Döhlen  247.  *  671.
Bergämter  324.  Dohna  180.  Fürstenwalde  175.
Bergakademie  327.  Dorf,  deutsches  91.

Berg-Gießhübel  171.  Dorf,  sorbenwendisches  91.  Gabrielahütte  374.
Bergmannsleben  308.  Dreißigjähriger  Krieg  398.  Gebirgspässe  122.
Bergmannstracht  310.  Dreißigj.  Krieg.  Freiberg  Gebirgsrückenzug  7.

Besiehelung  des  Gebirges  302.  Geiersburg  219.
Geising  220.
#biterungsziffern  78.  Ebersdorf  360.  Gelenau  480.

Bewohner  des  Gebirges  Ehrenfriedersdorf  479.  Geognostische  Verhältnisse
130.  Eibenstock  610.  38.

Binge  Ginge)  bei  Alten=  Einsiedel,  Bad  371.  Gewässer  und  Thäler  22.
berg  2  Einzelhaus  94.  Geyer  475.
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        —  663  —

Glashütte  199.  Kemtauer  Felsen  481.  Musik-Instrumenten-Glauchau

  486.  Kleinbauerngüter  649.  Fabrikation  634.

Gleesberg  568.  Klima  52.

Glösa  489.  Klingenthal  631.  Nachtfröste  62.

Gottesgab  452.  Klöppelschulen  442.  Nahrung  137.

Gottleuba  173.)  Klösterlein  583.  Namen  des  Gebirges  66.
Gre  .  Klostergrab  270.  Napoleon  in  Liebstadt  195.
(Sraßli-.  *  Kobalt  576  Neudeck  627.

Graupen  215.  Königin  -Marien-Hütte

Graupen  15-8.  nigit  Neunhundertmetererhebung
GroöJauerngüter  648.  Kohlenbergbau  246.  556.  N  dtel  571.
Grüllenburg  267.  Koppelwirthschaft  653.  Bäs  Ir#.

Grünhain  467.  Kranichsee  621.  Niederschläge  62.
Grünstädtel  601.  Kreuz  bei  Claffenbach  482.  Niklasberg  269.

Grünthal,  Saigerhütte367.  Kreuz  bei  Langewiese  268.  Nollend  5
Kreuz  bei  Niklasberg  268.  Nossen  unser  Berg  215.

Hlsehen  501.  Kriebstein  354.
alsbrücke  Kuhberg  614.  „:
Hammerwerke  590.  Kuhierge  e  194.  Dber-Wiesenthal  455.
Hanoschnhfabrikation  606.  Kulm  179.  218.  —
armonikafabrikation  642.|Kunsttischlerei  605.  »·  .
gartcnstem  566.  Ktich  Osseg  270.
Harthenbach  262.  Landwirthschaft  645.  ·
Haselstein  405.  Lange,  F.  A.  200.  Pechsiederei  625.
Haßberg  449.  Lauenstein  211.  Platten  454.
Hassenstein  456.  Lanter  598.  Plauenscher  Grund  244.
Hauenstein  461.  Lauterbacher  Knochen  364.  Pleßberg  453.
Haus-Bau  96.  114.  Lauterstein  381.  Pöhlberg  429.
Hengberg  458.  Lehmann,  M.  Christ.  158.  Posamenten-Industrie  444.
Hennersdorfer  Wasserfall  Lehmann,  Major  164.  Posamentirschule  445.
170.  Lengefeld  364.  Pottschappel  246.
Hirtstein  385.  Liebstadt  194.  Preßnitz  450.
Hochmoore  621.  Lichtenstein  485.  Prinzenhöhle  567.
Höckendorf  265.  Lichtenwald  404.  Prinzenraub  471.
Hohenstein-Ernstthal  487.|Litteratur  157.  Purschenstein  309.
Holzblasinstrumente  641.  Lößnitz  579.
Holz=  u.  Spielwaaren  374.  Luchberg  235.  Rabenau  252.
Holzschleiferei  581.  Rabenauer  Grund  250.
Hütten  (Muldener  und  Mariaschein  217.  Rabenstein  489.
Halsbrückner  325.  Mariasorg  464.  Raschau  600.
Hüttenrauch  342.  Marienberg  385.  Rauenstein  363.
Hussitenzüge  384.  Marienhütte  561.  Rechenberg  349.
Mark-Neukirchen  633.  Rechenmaschine  206.
Jägerhaus  257.  Maschinenbau  527.  Regenfall  63.
Jahrestemperatur  61.  Maxen  232.  Rehefeld  265.
Joachimsthal  462.  Milchwirthschaft  652.  Ries,  Adam  436.
Johanngeorgenstadt  604.  Mittelbauerngüter  649.  Riesenburg  271.
ittweida  356.  Rindvieh  652.
Karten  164.  Mückenthürmchen  214.  Mindpiet  652
Katharinaberg  373.  Mulde  344.  Rosenburg  216.
Katzenstein  382.  Muldener  Schmelzhütten  Rothenhaus  411.

Keilberg  451.  335.  Rußbrennerei  625.
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        —  664  —

Sachsenburg  358.  Silberbergban,  Schnee=  Begetationsperioden  56.
Sagendes  Erzgebirges  55.  berger  572.  Verkehrswege  119.
Saigerhütte  Grünthal  367.  Sorbenwenden  67.  Vierhundertmetererhebung
Salzstraße  121.  122.  Spannvieh  651.  12.  65.

Sandberg  232.  Spiel=  u.  Holzwaaren  374.  Vogelliebhaberei  145.
Saturnusfest  244.  Spinnerei  497.  Volkslied  155.
Sauersack  620.  Spinnstube  144.

Sayda  369.  Spitzberg,  Cottaer  170.  Wäschefabrikation  619.
Scharfenstein  422.  Spitzberg,  Gottesgaber  453.  Wahlenbuch  345.
Scheibenberg  428.  Spitzberg,  Schönwalder  Waldgebiet,  erzgebirgif
Scheibenberger  Hügel  45.  214.  390.

429.  Spitzen-Industrie  440.  Waldheim  352.
Schellenberg  412.  Sprache  im  Erzgebirge  149.  Weberei  506.
Schieferbrüche  580.  Städte  (Anlage  und  Bau-Weesenstein  188.
Schlettau  428.  art)  105.  Weipert  427.

Schloßberg,  Brüxer  273.|  Städte-Befestigung  110.  Weisse,  Christ.  Felix  436.
Schloßberg,  Teplitzer  218.]  Städte-Bevölkerung  844  Weissenborn  344.

Schmelzhütten  325.  Städte-Wappen  113.  Weißstickerei  615.
Schmiedeberg  (a.  d.  Weiße=  Stein  556.  Wieselstein  268.
ritz)  258.  Steinkohlenbergbau  246.  Wieslenbad  425.
Schneeberg  505.  556.  Wiesenburg  565.
Schneckenstein  624.  Steinkohlenformation  46.  Wiesenthal,  Ober=  455.
Schöneck  625.  Stollberg  im  Gebirge  484.  Wildenfels  565.
Schönheide  611.  Straßen,  alte  119.  Wirkerei  519.
Schönheider  Hammer  596.  Streichinstrumente  637.  Wolkenstein  424.
Schwartenberg  372.  Strohflechterei  237.  Wolkensteiner  Bad  423.
warzenberg  599.  4.
Sthwansenaren  653.  Tarrongrab  254.  ella,  Alten-  275.

-  ausendmetererhebun921.-  ..-Schweißjäger
  219.  Tellkuppe,  schwarze  222  Jeic,  ai  193.
Sechshundertmeter-  Tharande  260  z  Zinnbergbau  222.

erhebung  15.  Tharandter  Wald  267.  Zinnstraße  124.

Seifenwerk  224.  "„  Zinnwald  219.
Thalerstraße  123.  Zöblitz  387.

Seiffen  372.  Thä  "„

„  häler  und  Gewässer  22.
Serpentindrechsler  388.  Zschopau  420.
Siebenhundertmeter-  Tracht  der  Bewohner  140.  Zürner  125.

erhebung  18.  Uhrenindustrie  201.  Zwergwirthschaft  650.
Siebenlehn  275.  Uhrmacherschule  207.  Zwickau  546.
Silberbergbau  317.  Uttmann,  Barbara  435.  Zwönitz  483.

 

Druck  von  Oskar  Bonde  in  Altenburg.
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