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        <title>Die Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I. Zweiter Band.</title>
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            <forname>Heinrich von</forname>
            <surname>Sybel</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>sybel_begruendung_002</idno>
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        Die  Begründung

Deuts  hen  Reiches

Wilhelm  1.

Wornehmlich  nach  den  preußischen  Staatsacten

von

Heinrich  von  Sybel.

Zweiter  Band.

Er  besaß  in  bobem  Grade  den  Borzug.
durch  die  Macht  seiner  Natur  und  durch
kurzes  Nachdenken  das  Rechte  augenblicklich
  berauszufinden.

Tbuchrides.

Vierte  revidirte  Auflage.

 

München  und  Leipzig  1892.
Druck  und  Verlag  von  R.  Oldenbourg.
        <pb n="2" />
        Alle  Rechte  vorbehalten.

Papier  der
München-Dachauer  Actiengesellschaft  für  Papier-Fabrikation.
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        Inhalt  des  zweiten  Bandes.

Seite
Fäufles  Buch.  Herstellung  des  Bundeskags  1
Erstes  Lapitel.  Graf  Brandenhurg  in  Warschen  3

Brandenburg's  Instruction  S.  5.  Erstes  Gespräch  Brandenburg's
  mit  Kaiser  Nikolaus  S.  7.  Russisches  Drängen  in
der  holsteiner  Sache  S.  9.  Erbitterung  des  preußischen  Königs
gegen  den  Bundestag  S.  11.  Brandenburg's  Audienz  bei
Kaiser  Franz  Joseph  S.  13.  Verhandlung  mit  Schwarzenberg
S.  15.  Besprechung  der  hessischen  Frage  S.  17.  Vorläufige
Übereinkunft  S.  19.  Brandenburg's  Entschluß  für  den  Frieden
S.  21.  Radowitz  für  Krieg  S.  23.  Der  König  sucht  einen
Mittelweg  S.  25.  Der  König  überläßt  dem  Ministerium  die
Entscheidung  S.  27.  Brandenburg's  Antrag  S.  29.  Entscheidung
  des  Ministeriums  für  Frieden  S.  31.

Zmeites  #spitel.  Glmützer  Punctation  33
Drohende  Meldungen  über  feindliche  Rüstungen  S.  35.
Preußische  Mobilmachung  S.  37.  Schwarzenberg's  kriegerische
  Note  S.  39.  Scharmützel  bei  Bronzell  S.  41.  Aufhebung
  der  Unionsverfassung  S.  43.  Neue  Schwierigkeiten
S.  45.  Preußische  Thronrede  bei  Eröffnung  des  Landtags
S.  47.  Streitende  Ansichten  im  preußischen  Ministerium
S.  49.  Osterreichisches  Ultimatum  S.  51.  Antrag  auf  eine
Zusammenkunft  Manteuffel's  und  Schwarzenberg's  S.  63.
Vorbereitung  der  Zusammenkunft  S.  55.  Verhandlung  in
Olmütz  S.  57.  Beschlüsse  S.  59.  Schließliches  Einverständniß
  S.  61.  Frage  der  beiderseitigen  Abrüstung  S.  63.  Ratification
  des  Vertrags  S.  65.  Würdigung  des  Vertrags
S  67.  Wahrscheinlicher  Ausgang  eines  Kriegs  S.  69.

v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  l
        <pb n="4" />
        VI  Inhalt  des  zweiten  Bandes.

Seite
Dritfes  Capikel.  Die  Dresdener  Tonferenzen  70

Preußische  und  großdeutsche  Reformpläne  S.  71.  Eröffnung
der  Conferenzen  S.  73.  Streit  über  die  künftige  Bundesexecutive
  S.  75.  Graf  Alvensleben  S.  77.  Ausgleichungsversuch
  S.  79.  Die  Commissionsbeschlüsse  S.  81.  Schwarzenberg
  begehrt  die  Einsetzung  neuer  Bundesbehörden  S.  83.
Widerspruch  gegen  den  Antrag  S.  85.  Verhandlung  über  das
Bundespräsidium  S.  87.  Scheitern  der  österreichischen  Pläne
S.  89.  Preußische  Erklärung  S.  91.  Preußens  Vorschlag
einer  Allianz  mit  Osterreich  S.  93.  Preußens  Entschluß  zum
Eintritt  in  den  Bundestag  S.  95.  Schluß  der  Conferenzen
S.  97.

Vierkes  Capitel.  Uhäligbeik  des  erneuerken  Bundesfaass
  92999V9

Demokratische  Forderungen  S.  101.  Die  Reaction  in  Osterreich
  S.  103.  Erwägung  einer  Verfassungsänderung  in
Preußen  S.  105.  Reactionäre  Verwaltung  in  Preußen  S.  107.
Feudale  und  klerikale  Wirksamkeit  S.  109.  Anträge  der
Großmächte  im  Bundestag  S.  111.  Der  Reactions-Ausschuß
S.  113.  Erste  Schritte  der  kurhessischen  Execution  S.  115.
Peucker's  Vermittlungsversuche  S.  117.  Ende  der  Execution,
Fortdauer  der  Unterdrückung  S.  119.  Erster  Schritt  zum
Sturz  der  Landesverfassung  S.  121.  Beschluß  einer  Verfassungsrevision
  durch  die  Bundesorgane  S.  123.  Verwaltung
des  Landes  durch  die  Bundescommissare  S.  125.  Der  Bundestag
überläßt  die  Sache  den  beiden  Großmächten  S.  127.  Entwurf
einer  neuen  Verfassung  S.  129.  Differenzen  zwischen  Hassenpflug
  und  den  Commissaren  S.  131.  Meinungen  über  die
Einführung  der  neuen  Verfassung  S.  133.  Bundesbeschluß
vom  27.  März  1852  S.  135.

HGechstes  Buch.  Deutschland  zur  Zeit  des  Krimbriegs  137

Erstes  Capitel.  Dualismus  im  Bunne  139

Parteiverhältnisse  im  Bundestag  S.  141.  Otto  von  Bismarck-Schönhausen
  S.  143.  Friedrich  Wilhelm  IV.  und  Bismarck
S.  145.  Bismarck's  politischer  Standpunkt  S.  147.  Streitigkeiten
  mit  Osterreich  im  Bundestag  S.  149.  Streit  über  die
deutsche  Flotte  S.  151.  Versteigerung  der  deutschen  Flotte
S.  153.  Zollverein  und  Steuerverein  S.  155.  Vertrag  über
        <pb n="5" />
        Inhalt  des  zweiten  Bandes.

Anschluß  des  Steuervereins  an  den  Zollverein  S.  157.  Thronund
  Ministerwechsel  in  Hannover  S.  159.  Österreichs  Antrag
auf  Zolleinigung  S.  161.  Tod  des  Fürsten  Schwarzenberg
S.  163.  Annäherung  zwischen  Preußen  und  Osterreich  S.  165.
Handelsvertrag  mit  Österreich.  Neuer  Zollvereinsvertrag  S.  167.
Staatsstreich  in  Hannover  S.  169.

Zweikes  Capitel.  Neues  Bündniß  wischen  öfterreich
nund  Preußen

Wachsen  des  russischen  Einflusses  S.  171.  Russische  Pläne
gegen  die  Türkei  S.  173.  Opposition  der  Westmächte  und
Österreichs  S.  175.  Rußlands  Isolirung  S.  177.  Österreichs
Neigung  zum  Bunde  mit  den  Westmächten  S.  179.  Streitende
Tendenzen  in  Preußen  S.  181.  Bismarck's  Auffassung  S.  183.
Motive  und  Entschlüsse  des  Königs  S.  185.  Preußens
Neutralität  S.  187.  Preußens  Antrag  auf  ein  Bündniß
mit  Österreich  S.  189.  Sendung  des  Generals  von  Heß
nach  Berlin  S.  191.  Verhandlung  des  Bündnisses  S.  193.
Weitere  Forderungen  Österreichs  S.  195.  Abschluß  des
Bündnisses  S.  197.  Zusammenkunft  in  Tetschen  S.  199.

Driftes  Capifel.  Bermũrfuisse

Verhandlungen  über  die  Räumung  der  Donaufürstenthümer
S.  201.  Einvernehmen  Österreichs  mit  den  Westmächten  S.  203.
Die  vier  Punkte  S.  205.  Preußens  friedliche,  Napoleon's
drohende  Haltung  S.  207.  Osterreich  drängt  den  Bundestag
zum  Beitritt  S.  209.  Österreichs  Antrag  auf  Allianz  mit  den
Westmächten  S.  211.  Abschluß  der  Allianz  S.  213  Sendung
des  Grafen  Usedom  nach  London  S.  215.  Fruchtlose  Verhandlung
  zwischen  den  Verbündeten  und  Preußen  S.  217.
Sardiniens  Beitritt  zur  Triple-Allianz  S.  219.  Preußen
und  der  deutsche  Bund  lehnen  Truppenhülfe  ab  S.  221.

Viertes  Capitel.  Ergebnisse

Tod  des  Kaisers  Nikolaus  S.  225.  Der  Minister  Drouyn  de
Lhuys  S.  227.  Drouyn's  Gespräch  mit  Kaiser  Franz  Joseph
S.  229.  Politik  des  Kaisers  Napoleon  S.  231.  Abbruch  der
Conferenzen  S.  233.  Deutsche  Stimmen  für  Bundesreform
S.  235.  Ende  des  Krimkriegs.  Pariser  Congreß  S.  237.
Österreichs  ungünstige  Lage.  Selbstgefühl  der  Mittelstaaten
S.  239.

VII

Seite

200

223
        <pb n="6" />
        VIII  Inhalt  des  zweiten  Bandes.

Seite
Fünuftes  Capitel.  Der  Kusgang  der  Regierung
Friedrich  Wilhelm's  11.  .  240

Parteistellung  der  europäischen  Mächte  S.  241.  Bayerische
Anträge  zur  Kräftigung  des  Bundestags  S.  243.  Denkschrift
des  Ministers  von  Beust  S.  245.  Die  Neuenburger  Verwicklung
  S.  247.  Aufregung  König  Friedrich  Wilhelm's
S.  249.  Ablehnung  der  preußischen  Forderungen  durch  die
Schweiz  S.  251.  Der  König  gewinnt  Napoleon's  Unterstützung
S.  253.  Die  Schweiz  beharrt  auf  ihrer  Weigerung  S.  255.
Der  König  ruft  den  Bundestag  an  S.  257.  Napoleon's
verschärftes  Auftreten  S.  259.  Preußische  Rüstung.  Osterreichs
  Opposition  S.  261.  Die  Schweiz  entschließt  sich  zur
Nachgiebigkeit  S.  263.  Pariser  Conferenz  über  Neuenburg
S.  265.  Verwahrung  und  Bedingungen  des  Königs  S.  2067.
Fortgang  der  Conferenz  S.  269.  Abschluß.  Verhältniß  des
Königs  zu  Napoleon  S.  271.  Neue  Projecte  einer  Bundesreform
  S.  273.  Streit  über  die  Bundesfestung  Rastadt  S.  275.
Wachsende  Verstimmung  zwischen  Österreich  und  Preußen  S.  277.
Erkrankung  König  Friedrich  Wilhelm's  S.  279.

Hiehenfes  Buch.  Erste  Regierungsjahre  Wilhelm's  1.  281

Erftes  Capifel.  Antritt  der  Regentschaft  2383

Wilhelm  Prinz  von  Preußen  S.  285.  Politische  Grundsätze
des  Prinzen  S.  287.  Anschauungen  des  Prinzen  über  die
deutsche  Frage  S.  289.  Verhalten  des  Prinzen  in  der  Staats-Verwaltung
  S.  291.  Pflichttreue  und  Güte  des  Prinzen  S.  293.
Stellvertretung  oder  Regentschaft?  S.  295.  Vorbereitung
eines  neuen  Ministeriums  S.  297.  Die  Entscheidung  S.  299.
Ministerium  Hohenzollern-Auerswald  S.  301.  Intermezzo
in  Bayern  S.  303.  Ministerielle  Abgeordneten-Wahlen  in
Preußen  S.  305.  Europäische  Lage  S.  307.  Fortdauernde
Spannung  zwischen  Osterreich  und  Preußen  S.  309.  Bundesbeschluß
  über  Holstein  S.  311.

Zmeites  Capikel.  Der  ikalienische  Kriegg-312
Französisch-sardinisches  Bündniß  S.  313.  Österreichs  militärische
Vorkehrungen  S.  315.  Spaltung  der  öffentlichen  Meinung

in  Deutschland  S.  317.  Diplomatische  Vermittlungsversuche
S.  319.  Osterreichs  Utimatum.  Preußens  Neutralität  S.  321.
        <pb n="7" />
        Inhalt  des  zweiten  Bandes.

Preußische  Unterhandlung  in  Wien  S.  323.  Weiterer  Verlauf
  des  Kriegs  S.  325.  Preußische  Rüstung  S.  327.
Friedenspräliminarien  von  Villafranca  S.  329.  Erhebung
des  Volkes  in  Mittelitalien  S.  331.  Österreichs  Erbitterung
gegen  Preußen  S.  333.  Der  deutsche  Nationalverein  S.  335.
Getheilte  Stimmungen  in  Deutschland  S.  337.

Prittes  Capikel.  Deutsche  Reformfragen

Antwort  des  Regenten  auf  die  Stettiner  Adresse  S.  339.  Mannigsaltige
  Pläne  der  Mittelstaaten  S.  341.  Anträge  auf  Reform  der
Bundeskriegsverfassung  S.  343.  Die  kurhessische  Verfassungssache
  am  Bunde  S.  345.  Usedom's  Antrag  auf  Herstellung
der  Verfassung  von  1831  S.  347.  Die  preußische  Regierung
nimmt  Usedom's  Antrag  an  S.  349.  Österreichs  Widerspruch
S.  351.  Bundesbeschluß  für  eine  neue  Verfassung  S.  353.
Vermehrte  Bewegung  in  Italien  S.  355.  Napoleon  sucht
sich  Preußen  zu  nähern  S.  357.  Zusammenkunft  des  Prinz-=Regenten
  und  Napoleon's  S.  359.  Fürstenversammlung  in
Baden  S.  361.  Abreise  Napoleon's  S.  363.  Conferenz  der
großdeutschen  Fürsten  S.  365.  Schlußversammlung.  König
Max  und  der  Prinz-Regent  S.  367.  König  Maxs  Vermittlung
zwischen  Preußen  und  Österreich  S.  369.  Kaiser  Franz  Joseph
und  der  Prinz-Regent  in  Teplitz  S.  371.  Einheit  Italiens
S.  373.

Viertes  Capifel.  5freit  über  die  Heeresreform  in
Freußen

Gründe  für  die  Heeresreform  S.  377.  Plan  des  Prinz-Regenten
  S.  379.  Widerstreben  im  Lande.  Bonin's  Plan
S.  381.  Albrecht  von  Roon  Kriegsminister  S.  383.  Vorlagen
über  die  Reform  im  Landtage  S.  385.  Opposition  im  Landtage
S.  387.  Bedenkliches  Provisorium  S.  389.  Durchführung
der  Resorm.  Thronwechsel  S.  391.  Schärfung  der  Opposition
S.  393.  Forderung  eines  neuen  Gesetzes  über  die  Dienstpflicht
  S.  395.

Fünftes  Capitel.  Tonflicke  auf  allen  Seiken

—

Streit  über  Bundeskriegsverfassung  und  Küstenschutz  S.  397.
Fortdauer  des  kurhessischen  Verfassungestreits  S.  399.  Populäre
Bewegung  für  deutsche  Einheit  S.  401.  Frage  der  Erbhuldigung
in  Preußen  S.  403.  Krönung  Wilhelm's  I.  in  Königsberg
S.  405.  Jnlius  Fröbel  S.  407.  Fröbel's  Bundesreform-Seite



ö-!sms*-l

300
        <pb n="8" />
        Inhalt  des  zweiten  Bandes.

plan  S.  409.  Schmerling  und  Rechberg  über  Fröbel's  Plan
S.  411.  Beust's  Reformplan:  allseitig  bekämpft  S.  413.  Ablehnung
  des  Beust'schen  Planes  durch  Osterreich  S.  415.
Preußische  Entgegnung  auf  Beust's  Plan  S.  417.  Die  identischen
  Noten  vom  2.  Februar  1862  S.  419.  Mehrheit  der
Opposition  im  Hause  der  Abgeordneten  S.  421.  Wachsender
Zwiespalt  S.  423.  Streit  um  Heeresreform  und  Etatsrecht
S.  425.  Auflösung  des  Ministeriums  Hohenzollern  S.  427.

Achtes  Buch.  Einktritf  des  Ministeriums  Bismarch

Erstes  #pitel.  Verfassungsktreik  in  Verlin  und
Franbfursrs

Fortgang  des  kurhessischen  Verfassungsstreits  S.  433.  Sendung
  des  Generals  von  Willisen  nach  Cassel  S.  435.  Preußens
drohende  Haltung.  Schließlicher  Erfolg  S.  437.  Antrag  auf
einen  Handelsvertrag  des  Zollvereins  mit  Frankreich  S.  439.
Osterreichs  Einspruch  S.  441.  Paraphirung  des  Vertrags
in  Berlin  S.  443.  Osterreichs  Antrag  auf  eine  Delegirten-Versammlung
  beim  Bunde  S.  445.  Preußens  Protest  gegen
den  Antrag  S.  447.  Preußens  europäische  Stellung  S.  449.
Antrag  auf  Streichung  aller  Mehrkosten  der  Heeresreform
S.  451.  Das  Abgeordnetenhaus  streicht  die  Kosten  der  Heeresreform
  S.  453.  Ernennung  Bismarck's  zum  Ministerpräsidenten
S.  455.  Das  Herrenhaus  verwirft  das  Budget  S.  457.
Bismarck's  Auffassung  der  Streitfrage  S.  459.  Neubildung
des  Ministeriums  S.  461.  Nachspiel  des  kurhessischen  Streits
S.  463.  Bismarck's  Gespräch  mit  dem  Grafen  Karolyi  S.  465.
Der  Bundestag  lehnt  den  Antrag  Österreichs  ab  S.  467.

BZmeites  Capitel.  Polnische  Wirren

Napoleon's  Sympathien  für  Polen  S.  471.  Milde  Gesinnung
des  Zaren.  Polnische  Zustände  S.  473.  Polnische  Parteien
S.  475.  Napoleon's  Auftreten  für  Polen  S.  477.  Polnisches
Nationalcomité.  Marquis  Wielopolski  S.  479.  Straßenkampf
S.  481.  Wachsende  Macht  des  Nationalcomité's  S.  483.
Mieroslawki's  Weisungen  S.  485.  Wielopolski  und  die
Radicalen  S.  487.  Belagerungsstand  und  neue  Tumuslte
S.  489.  Neue  Civilverwaltung:  Großfürst  Constantin  und
Wielopolski  S.  491.  Mordversuche  S.  493.  Plan  einer

Seite

129

431

460
        <pb n="9" />
        Inhalt  des  zweiten  Bandes.

willkürlichen  Recrutirung  S.  495.  Revolutionäre  Rüstungen
S.  497.  Ausbruch  des  Aufstandes  S.  499.  Pläne  des  Großfürsten
  und  Wielopolski's  S.  501.

Driftes  Capitel.  Preuten  und  Un#land

Sendung  des  Generals  Alvensleben  nach  Petersburg  S.  505.
Entwurf  eines  russisch-preußischen  Vertrags  S.  507.  Unsichere
Lage  in  Polen  S.  509.  Frankreichs  drohende  Haltung  gegen
Preußen  S.  511.  Frankreichs  Angriffsplan  gegen  Preußen
mißlingt  S.  513.  Gortschakoff's  Umtriebe  gegen  Preußen
S.  515.  Angriffe  des  Abgeordneten-Hauses  auf  Bismarck
S.  517.  Unglückliche  Kämpfe  der  Polen  S.  519.  Englands
diplomatische  Schritte  zu  Gunsten  Polens  S.  521.  Frankreich
tritt  Englands  Vorgehen  bei  S.  523.  ÖOsterreichs  Bedenken
S.  525.  Österreich  tritt  den  Westmächten  bei  S.  527.  Rußland
  lehnt  die  Einmischung  der  drei  Mächte  ab  S.  529.  Schreiben
des  Zaren  an  König  Wilhelm  S.  531.  Vermittlungsversuch
Preußens  in  Wien  S.  533.  Antwort  König  Wilhelm's  an
den  Zaren  S.  535.  Neue  Noten  der  drei  Mächte  S.  537.
Wiederholte  Zurückweisung  durch  Rußland  S.  539.

Viertes  #pitel.  Der  Frauhfurter  Kürstenfag

Vorschlag  eines  deutschen  Fürstentages  durch  Ssterreich  S.  543.
Entgegnung  König  Wilhelm's  S.  545.  Preußische  amtliche  Erörterungen
  S.  547.  Nochmals  gehen  Noten  nach  Petersburg
S.  549.  Erste  Sitzung  des  Fürstentages  S.  551.  König
Wilhelm  lehnt  die  Theilnahme  ab  S.  553.  Verhandlungen
über  den  Verfassungsentwurf  S.  555.  Ergebniß  der  Berathungen
  S.  557.  Preußische  Kritik  des  Beschlusses  S.  559.
Umschwung  in  der  Stimmung  Napoleon's  S.  561.  Neue  Annäherung
  Frankreichs  an  Preußen  S.  563.  Zerwürfniß  zwischen
OÖsterreich  und  den  Mittelstaaten  S.  565.

Seite

503

541
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        <pb n="11" />
        Fünftes  Buch.
berstellung  des  Zundestags.

v.  Sybel,  Begründung  d,  deutschen  Reiches.  II.  1
        <pb n="12" />
        <pb n="13" />
        1850

I.  Tpitel.

Graf  Brandenburg  in  Warschanu.

Die  Sendung  des  Grafen  Brandenburg  nach  Warschau
und  ihr  Ergebniß  haben  in  der  Mitte  des  kritischen  19.  Jahrhunderts
  zu  einer  kräftigen,  beinahe  dramatischen  Mythenbildung
  Anlaß  gegeben.  Man  traut  dergleichen  gewöhnlich
nur  den  grauen  Urzeiten  oder  höchstens  dem  phantasievollen
Mittelalter  zu,  wobei  dann  vergessen  wird,  daß  auch  die
modernen  Menschen  Phantasie  haben  und  heute  wie  immer
die  Grundgedanken  ihrer  Anschauungen  in  concrete  Bilder
auszuprägen  lieben.  Die  Welt  war  1850  erfüllt  von  dem
Gedanken,  daß  Preußens  Ehre  den  Kampf  gegen  Oesterreich
und  Rußland  fordere:  als  dieses  Begehren  plötzlich  vereitelt
wurde,  erschuf  sie  sich  den  Helden,  welcher  an  der  schmerzvollen
  Katastrophe  tragisch  zu  Grunde  gehen  mußte.

Man  kennt  die  herrschende,  gleich  nach  Brandenburg's
Tod  entstandene,  sofort  veröffentlichte,  und  dann  in  mannigfachen
  Variationen  verbreitete  Überlieferung.  Brandenburg
sei  in  Warschau  mit  schnödem  Übermuth  empfangen  worden;
ich  habe  meinen  Schwager  hieher  beschieden,  sei  das  erste
Wort  des  Zaren  gewesen,  darauf  Brandenburgs  Antwort:

1*
        <pb n="14" />
        4  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

solche  Rede  darf  ein  Preuße  nicht  sanhören.  In  derselben
Weise  sei  die  Verhandlung  fortgeführt  worden;  auf  das  Tiefste
erschüttert  und  körperlich  angegriffen,  sei  Brandenburg  nach
Berlin  zurückgekommen;  gegen  seine  Überzeugung  habe  er  sich
den  friedfertigen  Wünschen  des  Königs  gefügt,  sei  dann  aber
sogleich  auf  das  Krankenlager  gesunken,  habe  in  den  Fieberphantasien
  nach  Helm  und  Schwert  gerufen,  und  sei  nach
wenigen  Tagen  an  gebrochenem  Herzen  gestorben.

Diese  Legende  ist  während  eines  Menschenalters  unwidersprochen
  geblieben,  obgleich  ihr  Hauptinhalt  und  ihre  ganze
Tendenz  in  geradem  Gegensatz  zu  den  geschichtlichen  Thatsachen
  steht:  denn  in  Wahrheit  ist  es  gerade  Graf  Brandenburg,
  welcher  der  preußischen  Politik  im  entscheidenden  Zeitpunkt
  die  Wendung  zu  nachgiebigem  Frieden  gegeben  hat.

Die  Aufgabe  des  Grafen  ging  im  Allgemeinen  dahin,
den  Kaiser  Nikolaus  von  der  Berechtigung  der  preußischen
Politik  zu  überzeugen,  und  damit  Rußlands  Billigung  der
preußischen  Vorschläge  in  der  deutschen  Verfassungsfrage  zu
gewinnen.  Eine  ministerielle  Denkschrift,  welche  er  mitnahm,
erklärte  in  erster  Linie  die  Unmöglichkeit  für  Preußen,  die  jetzt
in  Frankfurk  tagende  Versammlung  als  deutschen  Bundestag
anzuerkennen,  da  nach  der  Aufhebung  desselben  im  Jahre  1848
seine  Wiederberufung  nur  durch  einstimmigen  Beschluß  aller
deutschen  Regierungen  hätte  erfolgen  können.  Dieser  Standpunkt
  sei  absolut  und  unwiderruflich  zu  behaupten.  Sodann
solle  Brandenburg  Preußens  Forderung  freier  Conferenzen
zur  Feststellung  der  künftigen  Bundesverfassung  anmelden,
und  sofort  die  Hauptpunkte  mittheilen,  welche  bei  einer  solchen
Verhandlung  Preußen  vorzuschlagen  gedenke.  Es  waren
folgende  sechs  Sätze,  deren  wichtigste  ganz  mit  jenem  letzten.
        <pb n="15" />
        1850  Brandenburg's  Instruction.  5

von  Schwarzenberg  vertraulich  angebotenen,  und  dann  wieder
schleunig  zurückgezogenen  Programm  übereinstimmten:

1.  Preußen  erhält  in  Bezug  auf  das  Präsidium  des
Bundes  gleiches  Recht  mit  Osterreich;

2.  es  wird  ein  Bundesrath  von  siebenzehn  Stimmen  mit
der  gleichen  Competenz  der  alten  Bundesversammlung  gebildet;

3.  die  eigentliche  Executive  wird  gemeinschaftlich  an
Preußen  und  Osterreich  übertragen;

4.  eine  Volksvertretung  am  Bunde  findet  zur  Zeit
nicht  Statt;

5.  Osterreich  tritt  mit  seinen  sämmtlichen  Ländern  in  den
Bund  ein;

6.  die  Einzelstaaten  sind  zum  Abschluß  einer  engern
Union  berechtigt,  deren  Bedingungen  mit  den  Einrichtüngen
des  deutschen  Bundes  nicht  in  Widerspruch  stehen  dürfen.

Ülber  die  hessische  und  die  holsteiner  Frage  beschränkte
sich  Brandenburg's  Instruction  auf  die  Wiederholung  des
Begehrens,  daß  beide  nicht  durch  den  Bundestag,  sondern
unter  Vollmacht  aller  deutschen  Regierungen  durch  Commissare
der  beiden  Großmächte  behandelt  werden  müßten.  In  welchem
Sinne  dies  geschehen  sollte,  darüber  war  nichts  gesagt.  Jedoch
  haben  wir  schon  bemerkt,  daß  für  die  Herstellung  der
landesherrlichen  Autorität  in  beiden  Ländern  das  Berliner
Cabinet  sich  ebenso  interessirte,  wie  die  beiden  Kaiserhöfe.
Dem  Kaiser  Nikolaus  hatte  dies  der  König,  wie  wir  sahen,
in  Bezug  auf  Holstein  längst  anvertraut;  er  trug  jetzt  auch
kein  Bedenken,  mit  gleicher  Offenheit  sich  über  den  hessischen
Verfassungsstreit  gegen  den  Kaiser  von  Osterreich  auszusprechen.

Eben  als  Graf  Brandenburg,  mit  diesen  Instructionen
versehen,  sich  zur  Reise  anschickte,  kam  die  Nachricht  nach
        <pb n="16" />
        6  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

Berlin,  daß  auch  Kaiser  Franz  Joseph  mit  dem  Fürsten
Schwarzenberg,  von  der  Bregenzer  Zusammenkunft  zurückkehrend,
  sich  nach  Warschau  begeben  würde.  Der  König  ertheilte
  sofort  dem  Grafen  Brandenburg  die  Weisung,  jedesfalls
  die  Ankunft  der  Osterreicher  dort  abzuwarten,  und  meldete
dies  dem  Kaiser  Franz  Joseph  in  einem  eigenhändigen  Briefe,
der  im  Gegensatze  zu  den  Bregenzer  Kriegsfanfaren  mit
warmen  Freundschaftsworten  erfüllt  war,  und  zum  Schlusse
den  Kaiser  aufforderte,  von  dem  Bundestage  hinweg,  der  nur
Zwiespalt  zu  schaffen  vermöge,  sich  dem  preußischen  Freunde
zuzuwenden,  welcher  mit  ihm  in  Kurhessen  dasselbe  Interesse
habe,  nämlich  die  Beseitigung  des  bösen  Beispiels,  welches
die  dortigen  Officiere  und  Behörden  der  Welt  gegeben  hätten.

Am  17.  October  Nachmittags  kam  Graf  Brandenburg
in  Warschau  an.  Schon  nach  einer  Stunde  befahl  ihn  der
Kaiser  zur  Audienz,  empfing  ihn  äußerst  huldvoll,  nahm  einen
Brief  des  Königs  entgegen,  und  gestattete  gleich  nach  der
ersten  Begrüßung  dem  Grafen  einen  Vortrag  über  die  schwebenden
  Angelegenheiten.  Brandenburg  erklärte  die  Unmöglichkeit,
  den  sogenannten  Bundestag  anzuerkennen,  die  Bereitwilligkeit,
  durch  freie  Conferenzen  zu  einer  Bundesreform  zu
gelangen,  den  Antrag,  die  dänische  und  die  hessische  Frage
durch  besondere  Commissionen  zu  regeln.  Der  Kaiser,  berichtete
  Brandenburg  dem  Könige,  hörte  mich  ruhig  an,  und
blieb  auch  ruhig  während  des  mehrere  Stunden  dauernden
Gesprächs:  er  sagte,  er  verstehe  alle  unsere  Wünsche,  habe
die  Nothwendigkeit  von  Anderungen  der  Bundesverfassung
selbst  anerkannt  und  mehrmals  ausgesprochen;  er  glaube  aber,
daß  unter  den  jetzigen  Umständen  der  beste  Weg  die  Anerkennung
  der  seit  dreißig  Jahren  bestehenden  Verfassung  sei,
        <pb n="17" />
        1850  Erstes  Gespräch  Brandenburg's  mit  Kaiser  Nikolaus.  7

deren  Reform  dann  folgen  könne.  Als  eenrenkee  hienach
die  sechs  Punkte  entwickelte,  gebrauchte  er  absichtlich  das  Wort,
daß  bei  deren  Verhandlung  mit  Osterreich  die  Vermittlung  des
Kaisers  von  großem  Einfluß  sein  könne;  Nikolaus  aber  griff
dies  mit  einiger  Lebhaftigkeit  auf,  und  äußerte  wiederholt,
daß  er  keine  Vermittlung  beabsichtige.  Er  wünsche  beiden
Theilen  alles  Gute,  hauptsächlich.  Ruhe  und  Ordnung,  wolle
sich  aber  in  nichts  mischen.  Brandenburg  verkannte  nicht,
daß  Nikolaus  die  Einmischung  in  die  deutsche  Frage  nur  deshalb
  ablehne,  weil  er  den  Osterreichern  die  Entscheidung
darüber  völlig  frei  halten  wollte.  Eine  eigentliche  Unterhandlung
  würde  also  dort  mit  Rußland  gar  nicht,  sondern  nur
mit  dem  Fürsten  Schwarzenberg  Statt  finden  können.  Im
Fortgange  des  Gesprächs  lobte  der  Kaiser  den  Entschluß  des
Kurfürsten  von  Hessen,  sich  an  den  Bundestag  zu  wenden,
betonte  aber  vor  Allem  die  Nothwendigkeit  einer  schleunigen
Entwaffnung  Holsteins:  es  war  deutlich,  daß  diese  Sache
der  entscheidende  Punkt  für  seine  gesammte  Haltung  war.
Wenn  es  gelingt,  schrieb  Brandenburg,  die  beiden  Fragen
durch  Commissionen  zu  erledigen,  so  wird  der  Kaiser  wohl
ruhig  bleiben;  weniger  klar  ist,  was  im  entgegengesetzten  Falle
geschieht,  ob  dann  die  bloße  Überzeugung  von  dem  fruchtlosen
  guten  Willen  Preußens  ihn  beschwichtigen  wird.
Entgegenkommender  in  der  Sache  als  der  Kaiser  zeigte
sich  der  Kanzler  Graf  Nesselrode  bei  seinen  Unterredungen
mit  Brandenburg.  Er  erklärte  die  sechs  Punkte  für  sehr
geeignet  als  Grundlage  eines  Übereinkommens  zwischen  den
beiden  deutschen  Mächten,  und  erwirkte  sich  in  der  That  eine
Ermächtigung  von  dem  etwas  widerstrebenden  Kaiser,  dieselben
dem  Fürsten  Schwarzenberg  zu  solchem  Zwecke  zu  empfehlen.
        <pb n="18" />
        8  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

In  gleichem  Sinne  wirkte  auch  der  russische  Gesandte  Baron
Meyendorff  in  Wien,  obgleich  Schwarzenberg  seit  dem  Bregenzer
  Tage  unaufhörlich  erklärte,  der  Krieg  sei  das  einzige
noch  mögliche  Mittel,  um  Preußen  zur  Vernunft  zu  bringen.
Meyendorff  entgegnete  ihm  darauf,  da  die  friedlichen  Mittel
noch  keineswegs  erschöpft  seien,  so  werde  ein  offensives  Vorgehen
  Osterreichs  Rußland  als  Gegner  finden.  Da  stimmte
denn  Schwarzenberg  den  kamsflustigen  Ton  etwas  herunter
und  sprach  seine  Friedensbereitschaft  aus,  wenn  Preußen  die
Union  8  und  provisorisch  den  Bundestag  beschicke,  mit
dem  **  nach  sechs  Monaten  wieder  auszutreten,  falls
bis  dahin  ein  Einverständniß  über  die  künftige  Bundesverfassung
  nicht  erreicht  sei.  Meyendorff  überbrachte  diese  Vorschläge
  am  23.  October  nach  Warschau,  wo  sie  dann  von
dem  preußischen  Ministerpräsidenten  als  völlig  unannehmbar
zurückgewiesen  wurden.  —
Unterdessen  kam  Kaiser  Nikolaus  immer  und  immer
wieder  auf  die  holsteiner  Sache  zurück.  Euer  Vorschlag,
sagte  er  zu  Brandenburg,  sie  durch  eine  Commission  gemeinschaftlich
  mit  einem  dänischen  Bevollmächtigten  zu  ordnen,
ist  viel  zu  zeitraubend.  Das  Einfachste  und  Rascheste  wäre,
wenn  Preußen  sofort  selbst  Truppen  gegen  die  Holsteiner
marschiren  ließe.  Brandenburg  erwiderte,  Preußen  habe  die
von  ihm,  als  Preußen,  übernommenen  Pflichten  theils  schon
erfüllt,  theils  sei  es  zur  Erfüllung  bereit,  sobald  den  Vorbedingungen
  von  der  andern  Seite  genügt  würde.  Als  Mitglied
des  deutschen  Bundes  werde  es  zu  jeder  Leistung  die  Hand
bieten,  die  ihm  von  einer  allseitig  anerkannten  Bundexbehörde
übertragen  würde.  Eine  solche  aber  existire  zur  Zeit  nicht;
gerade  um  den  Wunsch  des  Kaisers  für  eine  baldige  Pacifi-
        <pb n="19" />
        1850.  Russisches  Drängen  in  der  holsteiner  Sache.  9

cation  zur  Erfüllung  zu  bringen,  bemühe  man  sich  jetzt  um
die  Verständigung  mit  Osterreich.  Auch  wisse  man,  daß  die
Statthalterschaft  in  Holstein  bereit  sei,  sich  einer  Commission,
wie  sie  Preußen  vorschlage,  zu  fügen.  Der  Kaiser  blieb  bei
seiner  Ansicht.  Es  sei  Preußens  Pflicht,  dem  Kriege,  den
es  entzündet  und  geführt  habe,  durch  einen  wirklichen  Frieden,
d.  h.  durch  die  Pacification  Holsteins,  ein  Ende  zu  machen,
namentlich  aber,  sich  den  Maaßregeln  dieses  Sinnes,  die  etwa
in  Frankfurt  beschlossen  würden,  nicht  zu  widersetzen.  Was
kann  Euch  hindern,  fragte  er,  wenn  von  Frankfurt  aus  ein
Inhibitorium  gegen  alle  Feindseligkeiten,  ein  Gebot  rascher
Abrüstung  nach  Kiel  erlassen  wird,  eine  gleiche  Maaßregel  von
Berlin  aus  zu  treffen?  Brandenburg  versprach,  zu  erwägen,
hatte  aher  gexinge  Hoffnung  auf  die  königliche  Genehmigung
eines  Verf  ,  welches  zu  einem  Zusammenwirken  mit  dem
Bundestag,  also  zu  einer  faͤctischen  Anerkennung  desselben,
führen  möchte.  Seine  Zurückhaltung  steigerte  das  Drängen
des  Kaisers.  Zu  General  Rochow,  mit  dem  er  seit  Jahren
in  familiärer  Weise  zu  reden  pflegte,  sagte  er:  Ihr  solltet
gegen  die  Holsteiner  marschiren  lassen,  sie  auseinander  jagen,
den  General  Willisen  aufhängen.  Dem  Grafen  Brandenburg
sprach  er  dann  in  bekümmertem,  aber  festem  Tone  am
22.  October  seine  Entschließung  in  dieser  Frage  aus;  er  müsse
einen  Widerstand  Preußens  gegen  Bundesmaaßregeln  zur  Pacifiration
  Holsteins  als  eine  Beldidigung  Seiner  Selbst  ansehen
und  militärische  Vorkehrungen  dagegen  treffen;  auch  werde  er
sich  verpflichtet  halten,  den  Bundestag  anzuerkennen,  sobald
derselbe  den  ersten  Schritt  zu  diesem  Ziele  gethan  habe.  Dann
wieder  sagte  er  Herrn  von  Rochow:  „Ich  werde  es  ruhig  mit
ansehen,  daß  Preußen  seine  Union  ausführt,  und  Osterreich  mit
        <pb n="20" />
        10  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

seinen  Verbündeten  in  Frankfurt  tagt.  Aber,  setzte  er  hinzu,
keiner  von  beiden  Theilen  darf  das  Recht  beanspruchen,  dem
Andern  Gesetze  vorzuschreiben,  oder  factisch  auf  dessen  Gebiet
hinüber  zu  greifen.  Wer  dies  thäte,  würde  mich  zum  Feinde
haben.“  Leider,  seufzte  Rochow,  ist  es  klar,  daß  er  Hessen
und  Holstein  zum  Gebiete  des  Bundestags  rechnet.

Alle  diese  kaiserlichen  Außerungen  trugen  keinen  amtlichen
Charakter;  Nikolaus  blieb  stets  bei  seinem  ersten  Worte,  daß
er  sich  in  nichts  einmischen  wolle,  eine  wirkliche  Unterhandlung
also  nicht  mit  ihm,  sondern  nur  mit  Osterreich  zu  führen  sei.
Immer  aber  machte  seine  Haltung  auf  Brandenburg  tiefen
Eindruck,  und  als  ihm  am  24.  October  Nesselrode  schilderte,
daß  die  Verständigung  mit  Österreich  noch  durchaus  nicht
unmöglich  sei,  daß  sie  es  aber  ganz  sicher  werden  würde,
wenn  es  in  Kurhessen  zu  einem  Zusammenstoße  preußischer
und  bayerischer  Truppen  käme,  schrieb  Brandenburg  nach
Berlin,  daß  er  diese  Ansicht  theile,  und  sich  deshalb  dafür
ausspreche,  daß  die  preußischen  Truppen  angewiesen  würden,
die  Bayern,  wenn  sie  auf  solche-  in  Kurhessen  stießen,  nicht
anzugreifen,  sondern  einstweilen  ihnen  gegenüber  stehen  zu
bleiben.  Allerdings  konnte  er  diese  persönliche  Meinung  dem
Grafen  Nesselrode  noch  nicht  mittheilen,  mußte  vielmehr
darauf  beharren,  daß  Preußen  das  Einrücken  der  sogenannten
Bundestruppen  in  Kurhessen  nicht  dulden  werde.  Um  so
mehr  stimmte  er  dem  Vorschlage  des  russischen  Ministers  zu,
vor  Allem  die  holsteiner  Frage  aus  der  Welt  zu  schaffen,
ehe  man  an  die  Verhandlung  der  deutschen  Bundesreform
ginge,  und  gab  nach  Berlin  die  Erwägung  anheim,  ob  man
nicht,  unter  steter  Betonung  der  Nichtanerkennung  des  Bundestags,
  thatsächlich  zu  gleicher  Zeit  mit  Frankfurt  Schritte  zur
        <pb n="21" />
        1850  Erbitterung  des  preußischen  Königs  gegen  den  Bundestag.  11

Pacification  Holsteins,  d.  h.  zur  Unterwerfung  des  Landes
unter  den  Dänenkönig,  thun  wolle.

In  Berlin  aber  war  man  in  diesem  Augenblicke  noch
weit  von  58  Stimmungen  entfernt.  Die  Entrüstung  über
die  Egeim  cht.  Berufung  und  Thätigkeit  des  sogenannten
Bundestags  überwog  noch  jede  andere  Rücksicht.  Radowitz
erklärte,  nicht  an  den  Ernst“  eines  kriegerischen  Entschlusses
bei  den  Gegnern  zu  glauben;  seit  1848  schien  ihm  die  Furchtbarkeit
  der  Osterreicher  nicht  erdrückend;  die  Russen,  hieß  es,
würden  sechs  Monate  bedürfen,  ehe  sie  zum  Angriff  vorgehen
könnten.  Demnach  vertrat  er  die  Überzeugung,  den  Frieden
um  so  fester  zu  sichern,  je  weniger  Furcht  und  Schwanken
Preußen  zeige;  je  stärker  gerüstet  es  auf  den  entscheidenden
Punkten  erscheine.  Wäre  man  nur  wirklich  gerüstet  gewesen!
Aber  wir  haben  gesehen,  wie  kümmerlich  die  bisherigen  Vorkehrungen
  Stockhausen's  ausgefallen  waren.  Demnoch  aber
beharrte  der  König  in  dem  Abscheu  gegen  die  Vorstellung,
daß  eine  ungesetzliche,  von  ihm  perhorrescirte  Versammlung  wie
die  Frankfurter,  trotz  seines  Widerspruchs  ihre  Truppenmassen
inmitten  der  preußischen  Provinzen,  ja  an  der  Nordküste  des
Staats  operiren  lassen  sollte.  Er  genehmigte  auf  einstimmigen
Beschluß  des  Staatsministeriums  vom  22.  October  die  Weisung
an  den  nach  Hessen  bestimmten  General  Grafen  Gröben,  bei
einem  Einrücken  der  Bayern  zwar  vor  Anwendung  bewaffneter.
Gewalt“"  alle  mildern  Mittel  zu  erschöpfen,  dann  aber  nur
nach  militärischen  Rücksichten  zu  handeln  und  die  Bayern
zurückzuwerfen,  wo  er  sie  fände.  Radowitz  meldete  dies  dem
Grafen  Brandenburg  und  schrieb  ihm  am  25.:  auch  der
Kriegsminister  erkläre  es  für  unmöglich,  daß  man  eine  Verpflichtung
  übernehme,  die  von  Bayern  etwa  vollzogene
        <pb n="22" />
        12  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

Besetzung  hessischen  Landes  zu  respectiren  und  sich  daher  jeder
Angriffsbewegung  zu  enthalten.  Alles  lasse  übrigens  erkennen,
daß  die  hessische  Sache  für  Preußens  Gegner  nur  ein  Mittel
sei,  uns  einem  fremden  Willen  zu  unterwerfen  und  damit
eine  tiefe  Niederlage  zu  bereiten.  Mit  derselben  Entschiedenheit
  wies  Radowitz  den  Vorschlag  Brandenburgs  zurück,
gleichzeitig  mit  dem  Bundestage  gleiche  Zwangsmaaßregeln
gegen  Holstein  zu  verhängen;  mit  dem  Bundestage  könne
man  keine,  auch  nur  thatsächliche,  Gemeinschaft  pflegen.

An  eben  dem  Tage,  an  welchem  Radowitz  diese  Depesche
absandte,  dem  25.  October,  erfolgte  die  Ankunft  des  Kaisers
Franz  Joseph  und  des  Fürsten  Schwarzenberg  in  Warschau.
Kurz  vorher  hatte  Schwarzenberg  den  preußischen  Antrag
auf  commissionelle  Regelung  der  hessischen  Sache  abgelehnt,
und  während  er  am  26.  in  Warschau  die  Friedensverhandlung
  begann,  faßte  der  Bundestag  in  Frankfurt  den  Beschluß,
die  Bayern  in  Hessen  einrücken  zu  lassen,  worauf  dann  aus
Berlin  die  entsprechenden  Befehle  an  General  Graf  Gröben
abgingen.  Man  besprach  sich  also  in  Warschau,  so  zu  sagen,
den  Revolver  in  der  Hand.  In  Wien  wie  in  Frankfurt
waren  die  mittelstaatlichen  Diplomaten  in  fieberhafter  Aufregung
  und  bestürmten  die  österreichischen  Collegen,  daß  man
diesen  hochmüthigen  Preußen  doch  nicht  die  geringste  Concession
  machen  werde:  sie  hatten  immer  noch  die  preußische
Kaiserwahl  von  1810  vor  Augen  und  drängten  zum  Kriege,
in  der  Hoffnung,  mit  russischer  Hülfe  dem  preußischen  Üübergewicht
  ein  für  alle  Male  ein  Ende  zu  machen.  Fürst
Schwarzenberg  theilte  damals  die  Stimmung  seiner  süddeutschen
Freunde,  blieb  aber  vorsichtiger  in  seiner  Haltung,  wohl
wissend,  daß  vor  Allem  er  die  Last  des  Kriegs  zu  tragen
        <pb n="23" />
        1850  Brandenburg's  Audienz  bei  Kaiser  Franz  Joseph.  13

haben  würde,  und  war  somit  in  erster  Linie  auf  Erhaltung
des  russischen  Wohlwollens  bedacht.  Kaiser  Nikolaus  aber
wünschte  jetzt  so  wenig  wie  früher  den  Krieg,  sondern  die
Verständigung  zwischen  den  deutschen  Mächten,  war  in  den
Hauptsachen  überall  einig  mit  Osterreich,  sandte  noch  am
26.  October  eine  scharfe  Mahnung  nach  Berlin,  die  Bundestruppen
  in  Hessen  nicht  zu  hindern,  drückte  aber  fortwährend
auch  auf  Osterreich,  dem  Gegner  goldne  Brücken  zum  Rückzug
  zu  bauen  und  in  allen  Form=  und  Ehrenpunkten  gefällig.
zu  sein.

Am  26.  October  Vormittags  hatte  Graf  Brandenburg
die  erste  Audienz  bei  dem  österreichischen  Monarchen.  Der.
Kaiser  verhielt,  sich  gegen  den  Grafen  durchaus  huldvpll  und
anadig-  trat  aber  persönlich  in  keine  politische  Erörterung
ein,  sondern  beschränkte  sich  darauf,  seinen  Standpunkt  durch
einige  Sätze  zu  bezeichnen,  über  die  er  auch  bei  spätern  Gesprächen
  nicht  hinausging:  ich  habe,  sagte  er,  den  heißesten
Drang  zur  Verständigung,  wünsche  lebhaft,  daß  eine  Form
dafür  gefunden  werde,  glaube  aber  mit  meiner  Regierung
auf  dem  Rechtsboden  der  Verträge  zu  stehen,  welchen  ich  unmöglich
  verlassen  kann.  Unmittelbar  auf  die  Audienz  folgte  ein
kurzes,  bald  unterbrochenes  Gespräch  zwischen  Brandenburg  und
Schwarzenberg;  man  hatte  eben  Zeit  genug,  daß  Schwarzenberg
  die  Erklärung  abgeben  konnte,  es  genüge  nicht,  daß
Preußen  die  Unionsverfassung  vom  26.  Mai  als  unausführbar
bezeichne,  nöthig  sei  die  ausdrückliche  Aufhebung  derselben.
Am  Abend  kam  es  dann  zu  einer  ausführlichen  Erörterung
zwischen  beiden  Ministern.  Die  Unterredung  bewegte  sich,
wie  Brandenburg  berichtete,  ohne  alle  Aufregung  in  cordialer
Form,  wie  bei  Gelegenheit  des  Wiedersehens  alter  Bekannter,
        <pb n="24" />
        14  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

die  aufrichtig  sich  zu  verständigen  wünschen.  Brandenburg
bemerkte  ihm,  er  sei  nicht  ermächtigt,  an  dem  Worflaute  des
Beschlusses  vom  8.  October  über  die  Unausführbarkeit  der
Unionsverfassung  etwas  zu  ändern.  Was  könne  Osterreich
übrigens  dabei  noch  beunruhigen,  da  Preußen  sich  durch  den
Beschluß  verpflichte,  bei  der  definitiven  Constituirung  der
Union  Alles  zu  vermeiden,  was  mit  der  Einrichtung  des
weitern  Bundes  collidiren  möchte.  Auf  Schwarzenberg's
Widerspruch  erläuterte  er  weiter,  der  Zweck  der  Union  sei
die  Begründung  eines  gesetzgebenden  Organs  für  die  unirten
Regierungen;  dies  solle  gebildet  werden  mit  dem  möglichst
geringen  Aufwand  eines  parlamentarischen  Apparats;  also
sei  ihm  die  Möglichkeit  der  Ausführung  der  Verfassung  vom
26.  Mai  in  jedem  Falle  höchst  unwahrscheinlich.  Demnach,
schloß  Brandenburg,  um  uns  nicht  aufzuhalten,  schlage  ich
vor,  in  der  Verhandlung  weiter  zu  gehen;  in  Berlin  werde
ich  zusehen,  ob  eine  mehr  befriedigende  Fassung  des  Protokolls
vom  8.  October  zu  finden  ist.

Schwarzenberg  konnte  unmöglich  verkennen,  daß  das  in
diesen  Worten  aufgestellte  Unionsprogramm  von  den  Bestrebungen
  des  Frühlings  1849  sehr  wenig  übrig  lasse.  Mit
einer  solchen  Definition  der  Union,  sagte  der  Fürst,  könne
er  sich  einverstanden  erklären,  und  unter  dem  obigen  Vorbehalt
  günstiger  Berathung  der  Sache  in  Berlin,  ging  man
weiter.

Brandenburg  legte  zunächst  seine  sechs  Punkte  betreffend
die  künftige  Bundesverfassung  vor.  Schwarzenberg's  Erklärung
  darüber  war  sehr  einfach;  mit  Vergnügen  nahm  er
diejenigen  Punkte  an,  welche  eine  preußische  Einräumung  an
Osterreich  enthielten,  die  Bildung  eines  Bundesraths  mit  den
        <pb n="25" />
        1850  Berhandlung  mit  Schwarzenberg.  15

17  Stimmen  und  mit,  der  Competenz  des  alten  Bundestags,
ohne  eine  Volksvert  etung  und  unker  Aufnahme  Gesammtösterreichs
  in  den  Bund.  Aber  die  dafür  durch  Preußen
begehrten  Zugeständpisse,  die  Gleichstellung  Preußens  mit
«  und  die  Ubertragung  der  Executive
allein  an  Preußen  und  SÖsterreich  lehnte  er  ab;  den  ersten
Punkt  wollte  er  der  Entscheidung  sämmtlicher  Bundesglieder
anheim  stellen;  statt  des  zweiten  schlug  er  „Begründung  einer
kräftigen  Executive“  ohne  Nennung  der  Inhaber  vor.  Damit
war  geradezu  ein  Lebenspunkt  für  Preußen  berührt:  sollten  in
Zukunft  die  beiden  Großmächte  gemeinsam  die  deutsche  Armee
und  die  Diplomatie  verwalten,  so  war  schon  dies  in  hohem
Grade  mißlich  für  Preußen;  indeß  blieb  ihm  dabei  stets  die
negative  Möglichkeit,  jede  schädliche  Maaßregel  zu  verhindern.
Trat  aber  nach  Schwarzenberg's  Vorschlag  ein  Dritter  in
das  Directorium,  so  daß  Majoritätsbeschlüsse  möglich  wurden,
so  war  es  aus  mit  Preußens  Unabhängigkeit.
Brandenburg  begnügte  sich,  den  Punkt  zu  weiterer
Berichterstattung  zu  nehmen.
Gegen  den  sechsten  Punkt,  die  Anerlennung  des  freien
Unirungsrechts,  *  der  Fürst  keine  Eimwendung,  da  das-   


 

selbe,  bemerkte  er  schon  durch  Artikel  11  der  Bundesacte
gewährleistet  sei.  Damit  verlor  allerdings  seine  Anerkennung
für  die  bestehende  Union  allen  Werth:  er  hatte  ja  stets  behauptet,
  daß  diese  den  Bestimmungen  des  Artikels  11  widerspreche,
  also  ungesetzlich  und  aufzuheben  sei.  Brandenburg
ging  über  dies  Bedenken  hinweg  und  registrirte  den  sechsten
Punkt  als  angenommen.  «
Man  kam  zu  der  Frage,  welche  den  preußischen  König
am  meisten,  ja  beinahe  allein  interessirte:  durch  welche
        <pb n="26" />
        16  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

Behörde  und  in  welchen  Formen  soll  die  eben  besprochene
Bundesreform  beschlossen  und  eingerichtet  werden?  An  dieser
Stelle  vornehmlich  hatte  der  russische  Einfluß  auf  Schwarzenberg
  eingewirkt.  Ursprünglich  hatte  er,  ganz  wie  es  Kaiser
Nikolaus  acht  Tage  früher  gegen  Brandenburg  geäußert,  als
Vorbedingung  jeder  Unterhandlung  die  preußische  Anerkennung
des  bestehenden  Bundestags  fordern  wollen,  welcher  dann
über  etwai  „Reformanträge  Beschluß  zu  fassen  hätte.  Seitdem
  aber  hatten  Meyendorff  und  Nesselrode  ihm  klar  gemacht,
wie  #  asschödlich  es  sei,  hier  den  Gefühlen  König  Friedrich
Wilhelm's  etwas  zu  Liebe  zu  thun,  die  erforderlichen  Beschlüsse
  also  nicht  in  Frankfurt,  sondern  in  den  von  Preußen
begehrten  freien  Conferenzen  fassen  zu  lassen  —  wenn  dann
nur,  wie  man  hoffen  dürfe,  auf  diesen  Conferenzen  die  preußische
  Regierung  den  Anttägen  der  Kaiserhöfe  über  Hessen,
Holstein  und  die  deutsche  Verfassung  zusümme.  Dies  war
so  unpidersprechlich,  daß  Schwarzenberg,  so  sehr  er  wünschte,
Preußen  auch  formell  gedemüthigt  zu  sehen,  doch  seinen  Widerspruch,
  nicht  völlig  *4  hielt.  Er  forderte  nicht  mehr  die
ausdrückliche  Anerkennung  seines  Bundestags  durch  Preußen,
wenn  dieses  nur  die  bestehende  Bundesversammlung  unangefochten
  lasse;  er  erklärte  sich  bereit,  die  Bundesreform  durch
freie  Conferenzen  in  Wien,  wie  solche  1819  die  Wiener
Silise  vorbereitet  hatten,  beschließen  zu  lassen.  Dieselben
würden  beschickt  werden  durch  die  eilf  in  Frankfurt  tagenden
Regierungen,  aber  nicht  als  Bundestag,  und  durch  die  21
Unirten,  aber  nicht  als  Union,  sondern  beiderseits  als  Einzelregierungen.
  Brandenburg,  eiwirstanden  in  der  Sache,
lehnte  Wien  als  Ort  der  Conferenzen  ab,  und  behielt  sich
seine  Erklärung  über  die  Bezugnahme  auf  1819  vor.
        <pb n="27" />
        1850  Besprechung  der  hessischen  Frage.  17

Darauf  ging  man  zur  Erörterung  der  hessischen  und  holsteiner
  Sache  über,  und  hier  fand  der  preußische  Minister  den
österreichischen  Collegen  schlechterdings  unnahbar-  Schwarzenberg
  blieb  bei  der  Abweisung  des  preußischen  Vorschlags,  die
beiden  Fragen  durch  gemeinsame  Commissare  beider  Mächte
behandeln  zu  lassen,  und  beharrte  fest  auf  dem  Rechte  und
der  Pflicht  des  Bundestags,  den  Requisitiom#  zweier  ihm
auleher  ldr  Sztrerane  Foue  zu  geben.  Uber  Holstein
wurden  die  bekannten  Gründe  und  Gegengründe  erfolglos
wie  immer  besprochen;  indessen  war  hier  nach  der  geographischen
  Lage  des  Landes  die  Nothwendigkeit  schleuniger
Einigung  nicht  so  pressend  wie  bei  der  hessischen  Angelegenheit.
In  dieser  mühte  Brandenburg  sich  ab,  den  Fürsten  Schwarzenberg
  auf  den  preußischen  Standpunkt  herüber  zu  ziehen.  Wir
können,  sagte  der  Fürst,  den  preußischen  Widerspruch  gegen
das  Einrücken  der  von  dem  Landesherrn  requirirten  Truppen
als  berechtigt  nicht  anerkennen;  das  Einrücken  wird  erfolgen.
Graf  Brandenburg  beklagte,  daß  dies  gerade  in  dem  Augenblick
  geschehen  solle,  wo  man  sonst  der  Einigung  so  nahe
wäre.  Wir  protestiren,  bemerkte  er,  nicht  gegen  das  Einrücken
  an  sich,  wenn  es  nothwendig  wärc,  und  wenn  es  in
der  Form  einer  mit  uns  gemeinsamen  Maaßregel  erfolgte.
Würde  es  jetzt  vollzogen,  so  wäre  es  klar,  daß  es  nur  geschähe,
  um  Eurem  Bundestag  eine  Thätigkeit  zu  schaffen,
und  uns  indirect  zur  Anerkennung  desselben  zu  zwingen.
Die  hessischen  Truppen  reichen  zur  Erhaltung  der  materiellen,
nirgend  gestörten  Ordnung  vollkommen  aus:  wozu  überhaupt
fremde  Truppen?  warum  nicht  den  Verfassungsstreit  auf
verfassungsmäßigem  Wege  oder  durch  Schiedsrichter  schlichten?

Das  Alles  war  unwiderleglich,  und  Schwarzenberg

v.  Sybel.  Begründung  d.  derutschen  Reiches.  II.  2
        <pb n="28" />
        18  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

versuchte  auch  keine  Widerlegung.  Er  antwortete  höchst  einsilbig;
er  bedauere  die  Folgen,  aber  er  könne  nicht  anders.  Brandenburg
  hatte  den  Eindruck  eines  unwiderruflich  genommenen
Entschlusses.

Die  Unterredung  endigte  hiemit.  Nachher,  im  Salon
der  Kaiserin,  wurde  verabredet,  daß  Brandenburg  die  Ergebnisse
  behufs  weiterer  Verhandlung  zu  Papier  bringen  solle.

Gewonnen  hatte  bis  dahin  der  preußische  Vertreter  nicht
viel.  Die  Union  hatte  er  so  gut  wie  aufgegeben;  dann  hatte
Osterreich  die  freien  Conferenzen  über  die  Bundesreform  allerdings
  eingeräumt;  aber  wenn  man  in  Berlin  es  bisher  als
selbstverständlich  betrachtet  hatte,  daß  während  ihrer  Dauer
der  Bundestag  vertagt,  oder  doch  dessen  Thätigkeit  sistirt
würde,  so  war  daran  nicht  zu  denken,  im  Gegentheil,  der
Bundestag  sollte  Hessen  unzögerlich  exeguiren.  Das  war,
nach  allen  bisherigen  Berliner  Beschlüssen,  der  Krieg,  und
zwar,  wie  Nesselrode  so  eben  hatte  erkennen  lassen,  der
Krieg  auch  mit  Rußland.  Brandenburg  erwog,  und  gelangte
wiederum  zu  dem  Schlusse,  daß  die  Sache  einen  solchen  Einsatz
  nicht  werth  sei.  Dazu  kam  eine  durch  Nesselrode  bekräftigte
  Mittheilung,  Schwarzenberg  sei  bereit,  Preußen  jede
wünschenswerthe  Garantie  zu  geben,  daß  die  Besetzung  Hessens
durch  die  Bundestruppen  keinen  andern  Zweck  als  die  Herstellung
  der  landesherrlichen  Autorität  habe,  und  nach  Erreichung
  desselben  die  Truppen  sofort  das  Land  wieder  verlassen
  würden.  So  schrieb  Graf  Brandenburg  am  27.  October
  nach  Berlin:  „die  brennendste  Frage,  besonders  nach  den
russischen  Erklärungen,  ist  und  bleibt  die  hessische.  Ich  würde
vorschlagen,  wenn  die  Bayern  wirklich  einrücken,  die  Sache
aus  dem  praktischen  Gesichtspunkt  aufzufassen,  Feindselig-
        <pb n="29" />
        1850  Vorläufige  Übereinkunft.  19

keiten  zu  vermeiden,  und  gemeinschaftlich  das  Land  zu  besetzen.
  Mir  scheint,  die  Folgerungen,  die  man  aus  der  Zulassung
  der  Execution  für  die  Anerkennung  des  Bundestags
durch  Preußen  ziehen  könnte,  wären  hiemit  praktisch  beseitigt.“

Noch  einmal  rühmte  er  die  Huld  und  Gnade  des  Kaisers
von  Osterreich,  welcher  allerdings  stets  wiederhole,  daß  er
auf  dem  Rechtsboden  der  Verträge  stehe.

Nach  wiederholter  Verhandlung  mit  Schwarzenberg  kam
dann  am  28.  October  eine  sogenannte  vorläufige  Übereinkunft
  zu  Stande,  welche  freilich  der  Thatsache  nach  nichts
Anderes  war,  als  die  preußische  Anerkennung  jener  drei  österreichischen
  Wünsche  (der  Bundesrath  von  17  Stimmen,  keine
Volksvertretung  beim  Bunde,  Eintritt  Gesammtösterreichs  in
den  Bund)  und  die  Nebeneinanderstellung  der  drei  preußischen
Begehren  und  der  österreichischen  Gegenvorschläge,  wie  wir
sie  oben  wiederholt  haben,  dazu  Osterreichs  Forderung,  daß
Preußen  die  Unionsverfassung  aufhebe  und  den  Bundestag
unangefochten  lasse.

Darauf  hieß  es  in  der  Übereinkunft  weiter:  unter  diesen
Voraussetzungen  und  nach  erlangter  Verständigung  über  die
sechs  Punkte  erklärt  sich  Osterreich  bereit,  dieselben  mit
Preußen  als  gemeinschaftliche  Anträge  den  sämmtlichen  übrigen
deutschen  Bundesstaaten  vorzulegen,  und  diese  zu  Conferenzen
über  die  Revision  der  Bundesacte  einzuladen.  Als  Ort  derselben
  schlägt  Preußen  Dresden,  Osterreich  Wien  vor.  Osterreich
  nimmt  für  dieselben  die  Analogie  der  Minister-Conferenzen
  von  1819  in  Aussicht,  und  begehrt  demnach,  daß
das  Resultat  derselben  durch  einen  förmlichen  Bundesbeschluß
zu  einem  der  Bundesacte  an  Kraft  und  Gültigkeit  gleichen.

Grundgesetz  des  Bundes  erhoben  werde.
22
        <pb n="30" />
        20  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

Brandenburg  bemerkte  dazu,  daß  über  die  Unionsverfassung
  eine  weitere  Erklärung  in  Übereinstimmung  mit  dem
sechsten  Punkte  beigebracht  werden  solle.  Eine  Anerkennung
der  bestehenden  Bundesversammlung  sei  nicht  ausgesprochen
noch  gemeint,  wenn  Preußen  dieselbe  unangefochten  lasse.
Gegen  die  Analogie  der  Minister-Conferenzen  von  1819  habe
Preußen  nichts  einzuwenden,  vorbehaltlich  weiterer  Einigung
über  das  Präsidium  und  den  Ort  der  Conferenzen.  Preußen
sei  einverstanden,  daß  das  Resultat  der  Conferenzen  zu  einem
Bundesgrundgesetz  erhoben  werde,  setze  aber  dabei  als  selbstverständlich
  voraus,  daß  dieser  Bundesbeschluß  erst  von  dem
aus  den  freien  Berathungen  hervorgehenden  neuen  Bundes-Centralorgan
  gefaßt  werden  könne.

Schwarzenberg  ließ  diese  Zustimmungen  des  preußischen
Ministerpräsidenten  ohne  Zustimmung  noch  Widerspruch.  Am
Tage  nachher,  dem  29.  October,  trennte  sich  die  erlauchte
Versammlung,  und  am  Morgen  des  31.  brachte  Brandenburg
seine  vorläufige  Übereinkunft  nach  Berlin.

Bei  seiner  Ankunft  fand  der  Ministerpräsident  Berlin
in  wachsender  kriegerischer  Erregung.  In  der  Bevölkerung
waren  die  uns  bekannten  Gefühle,  die  Verachtung  gegen  den
hessischen  Kurfürsten  und  Hassenpflug,  der  Zorn  über  die
Wiederaufrichtung  des  Bundestags,  vor  Allem  aber  der  Grimm
gegen  Osterreichs  Ubermuth  und  Bayerns  Keckheit,  auf  die
Kunde  von  den  nach  Hessen  gerichteten  Truppenmärschen  wie
in  Einer  großen  Flamme  empor  gelodert,  und  eine  ebenso
starke  patriotische  Entrüstung  wurde  aus  allen  Provinzen  gemeldet.
  Auch  bei  dem  Könige  und  der  Regierung  war  die
Meinung  unverändert,  die  Frechheit  des  sogenannten  Bundestags
  und  dessen  Exccution  gegen  Hessen  nicht  zu  dulden.
        <pb n="31" />
        1850  Brandenburg's  Entschluß  für  den  Frieden.  21

Noch  am  29.  October,  zwei  Tage  vor  Brandenburg's  Rückkehr,
  hatte  ein  vollzähliger  Ministerrath  die  Frage  erwogen,
ob  man  daran  auch  auf  die  Gefahr  eines  Kriegs  mit  Österreich
  festhalten  sollte.  Radowitz  bejahte:  er  beantragte  kriegerische
  Weisung  an  Graf  Gröben  und  auf  die  Nachricht  vom
Einmarsch  der  Bayern  sofortige  Mobilisirung  der  ganzen
preußischen  Armee,  etwa  mit  Ausnahme  der  Königsberger  und
Posener  Corps,  für  welche  Brandenburg's  Rückkehr  abgewartet
werden  könne.  Ohne  Widerspruch  von  irgend  einer  Seite  wurde
beschlossen,  daß  Radowitz  diese  Vorschläge  als  einstimmige
Anträge  des  Staatsministeriums  dem  Könige  vorlegen  solle.

Graf  Brandenburg  ließ  sich  durch  dies  Alles  nicht  irre
machen.  Er  war  von  Warschau  mit  dem  festen  Entschlusse
zurückgekehrt,  daß  es  wegen  dieser  Händel  zum  Kriege  nicht
kommen  dürfe  —  zu  einem  Kriege,  bei  dem  Preußen  Süddeutschland,
  Osterreich  und  Rußland  gegen  sich,  keinen  Genossen
  an  seiner  Seite,  das  völlig  unsichere  Frankreich  im
Rücken  haben  würde.

Die  Motive  dieses  Entschlusses  sind  nach  allem  Vorausgegangenen
  klar.  Aber  ebenso  deutlich  ist  es  auch,  daß  dem
Grafen  bei  der  Durchführung  desselben  ein  harter  und  bitterer
Kampf  bevorstand.  Durch  das  in  Halbheiten  und  Widersprüchen
  sich  bewegende  Verfahren  seit  dem  Schluß  des  Erfurter
  Parlaments  war  die  Stellung  Preußens  mit  jeder
Woche  unhaltbarer  geworden.  Obgleich  Osterreich  so  eben
eine  Hauptforderung  Preußens,  die  Behandlung  der  Bundesreform
  in  freien  Conferenzen,  bewilligt,  standen  die  beiden
Mächte  in  den  Fragen  der  Union  und  des  kurhessischen  Verfassungssturzes
  sich  so  schroff  wie  möglich,  die  Hand  am
Schwerte,  gegenüber.  Dabei  war  die  materielle  Differenz
        <pb n="32" />
        22  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

zwischen  beiden  Höfen  äußerst  gering:  der  König  stieß  die
Verfassung  vom  26.  Mai  ebenso  entschieden  wie  der  Wiener
Hof  zurück  und  erklärte  sie  für  unausführbar,  Fürst  Schwarzenberg
  aber  begehrte  ihre  förmliche  Aufhebung,  was  ihn  für
die  Zukunft  ebenso  wenig  wie  die  preußische  Formel  sicher
gestellt  hätte.  In  der  kurhessischen  Sache  sodann  forderte
der  König  ebenso  wie  der  Kaiser  die  Unterwerfung  des  Landes
unter  den  Willen  des  Kurfürsten;  man  stritt  nur  über  die
Frage,  wer  den  Sturz  der  Verfassung  gemeinsam  mit  Österreich
  ausführen  sollte,  ob  der  Bundestag  oder  Preußen.
Wegen  solcher  Streitpunkte  Preußen  in  einen  gewaltigen
Krieg  zu  verwickeln,  erschien  dem  Grafen  Brandenburg  absurd.
Leider  aber  hatte  die  preußische  Regierung  fort  und  fort  ihre
Begehren  für  eine  Ehrensache  und  die  Abweisung  derselben
für  eine  Demüthigung  Preußens  erklärt:  konnte  und  durfte
sie  jetzt,  wo  der  Gegner  mit  der  Waffe  zu  drohen  begann,
muthlos  zurückweichen?  So  stand  man  vor  der  traurigen
Wahl  zwischen  einem  zwecklosen  Krieg  und  einem  unrühmlichen
  Frieden.  Es  war  kein  Wunder,  daß  die  Ansichten
scharf  auseinander  gingen.

Am  Vormittage  des  1.  November  erstattete  Brandenburg
  dem  Staatsministerium  Bericht  über  Warschau,  und
schloß  mit  dem  Antrage,  auf  Grund  des  dort  Erreichten  die
Unterhandlung  mit  Wien  fortzusetzen.  Radowitz  ergriff  auf
der  Stelle  das  Wort  zum  energischen  Widerspruch.  Er  er
innerte  an  Schwarzenberg's  feindseliges  Verhalten  in  Betreff
der  Union  und  der  sechs  Punkte,  und  erklärte  dann,  auf  Kurhessen
  übergehend,  sobald  Preußen  dort  die  Execution  zulasse,
sei  die  Herrschaft  des  Bundestags  über  ganz  Deutschlaud  entschieden,
  also  müsse  dem  Einrücken  der  Bayern  auf  der  Stelle
        <pb n="33" />
        1850  Radowitz  für  Krieg.  23

das  Einrücken  preußischer  Truppen,  Zurückwerfen  des  Gegners,
Mobilmachung  der  ganzen  Armee,  ein  Manifest  an  die  Nation,
Einberufung  der  Kammern  folgen.  Halte  man  diesen  Weg
für  zu  gefährlich,  so  sei  es  die  höchste  Zeit,  unser  System
zu  wechseln,  d.  h.  sich  an  Osterreich  und  Rußland  anzuschließen,
  und  nach  Wien  unser  Eintreten  in  die  Conferenzen
  auf  der  Warschauer  Grundlage,  so  wie  unsere  Zustimmung
  zu  der  hessischen  Bundesexecution  anzuzeigen.  Diesen
andern  Weg  freilich  könne  er  nicht  mitmachen.

Die  Minister  von  Ladenberg  und  von  der  Heydt  stimmten
ihm  mit  lebhaftem  Nachdrucke  bei.  Dagegen  erhob  sich  Freiherr
  Manteuffel,  welcher  jetzt  durch  Brandenburg's  Auftreten
Luft  bekommen,  im  Interesse  der  conservativen  Grundsätze
für  die  Zulassung  der  Execution,  und  ihm  schlossen  sich  die
Herren  von  Rabe  und  Simons  an.

Beim  Schlusse  der  Verhandlung  stellte  Brandenburg
seinerseits,  ebenso  bestimmt  wie  vorher  Radowitz,  die  Cabinctsfrage.
  Unter  den  obwaltenden  Verhältnissen  könne  er  die
Verantwortung  für  den  Krieg  nicht  übernehmen.  Wolle  man
denselben  vermeiden,  so  dürften  in  Kurhessen  die  Bayern  nicht
angegriffen  werden;  im  entgegengesetzten  Falle  sei  die  Mobilmachung
  zu  beschleunigen.

In  diesem  Augenblicke  lief  die  telegraphische  Nachricht
ein,  daß  die  bayerischen  Truppen  die  hessische  Grenze  überschritten
  und  die  Execution  in  Hanau  begonnen  hätten.  Darauf
erhielt  General  Graf  Gröben,  der  für  einen  solchen  Fall  bereits
  Weisung  hatte,  Fulda  zu  besetzen,  den  weiteren  Befehl,
eine  Besatzung  nach  Cassel  zu  legen.  Neben  der  politischen,
war  jetzt  auch  die  militärische  Ehre  Preußens  eingesetzt.  Die
Entscheidung  war  unausfschiebbar.
        <pb n="34" />
        24  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

So  trat  denn  bereits  am  Nachmittage  der  Ministerrath
auf's  Neue  zusammen,  dieses  Mal  unter  dem  Vorsitze  des
Königs  und  in  Gegenwart  des  Prinzen  von  Preußen.

Graf  Brandenburg  stellte  nach  Eröffnung  der  Verhandlungen
  fest,  daß,  nachdem  Fürst  Schwarzenberg  auf  die
preußische  Anerkennung  und  Beschickung  des  Bundestags  jetzt
verzichtet  habe,  damit  der  Hauptgrund  für  den  preußischen
Protest  gegen  die  hessische  Execution  beseitigt  sei.  Auch  sei
zu  hoffen,  daß,  wenn  Preußen  nicht  bloß  die  Unausführbarkeit,
  sondern  die  Aufhebung  der  Unionsverfassung  erkläre,  dann
Osterreich  ihm  einen  Antheil  am  Bundespräsidinm  zugestehen
werde.  Ein  Kampf  in  Hessen  aber  sei  das  Signal  zu  großem,
gefahrvollem  Kriege.  Als  hierauf  der  König  das  Wort  nahm,
zeigte  sich's,  daß  Brandenburg's  Berichte  und  Argumente  nicht
verfehlt  hatten,  einen  gewissen  Eindruck  auf  ihn  zu  machen.
Er  suchte  einen  Mittelweg,  um  bei  einigen  Einräumungen  an
die  Gegner  doch  einen  Theil  der  eigenen  Wünsche  zu  retten.
Auf  die  Unionsverfassung,  sagte  er,  könne  man  zur  Zeit  verzichten,
  um  später  nach  vollendeter  Ordnung  des  weitern
Bundes  sie  wieder  aufleben  zu  lassen.  Nachdem  übrigens
Osterreich  die  lange  ersehnten  und  begehrten  freien  Conferenzen
bewilligt,  sei  auch  eine  Nachgiebigkeit  in  der  hessischen  Sache
gerechtfertigt.  Man  werde  in  Kurhessen  die  beiden  preußischen
Etappenstraßen  und  das  dazwischen  liegende  Land  besetzen
müssen,  so  daß  die  Bayern  sich  im  Süden  derselben  ausbreiten
  möchten,  und  damit  die  Besetzung  des  Landes  eine
gemeinschaftliche  würde.  Die  Herstellung  der  landesherrlichen
Autorität  könne  dann  nicht  ohne  Preußens  Theilnahme  bewirkt,
  und  damit  der  Kurfürst  genöthigt  werden,  sich  von  dem
Bundestage  hinweg,  und  Preußen  zuzuwenden.  Mittlerer
        <pb n="35" />
        1850  Der  König  sucht  einen  Mittelweg.  25

Weile  gewänne  Preußen  Zeit,  gegenüber  den  österreichischen
Rüstungen  die  Armee  mobil  zu  machen.

Brandenburg  erlaubte  sich  hierauf  die  Bemerkung,  zwar
habe  bis  jetzt  Osterreich  einer  solchen  gemeinschaftlichen  Besetzung
  Kurhessens  noch  nicht  zugestimmt,  jedoch  glaube  er,
wenn  man  in  der  von  Seiner  Majestät  angedeuteten  Weise
nachgiebig  verfahre,  für  eine  Mobilmachung  sich  nicht  aussprechen
  zu  sollen.

Hier  aber  fiel  ihm  Radowitz  in  lebhafter  Erregung  ein:
gewiß,  keine  Mobilmachung,  wenn  wir  die  Forderungen
Osterreichs  erfüllen,  in  Kurhessen  zurückweichen,  Schleswig-Holstein
  Preis  geben  —  wohl  aber  sofortige  Mobilmachung,
wenn  wir  Preußens  Würde  und  Unabhängigkeit  behaupten
wollen.  Er  führte  dann  aus,  daß  die  Mobilmachung  keineswegs
  sogleich  der  Krieg  sei;  man  möge  gleichzeitig  mit  ihr
die  in  Warschau  begonnene  Unterhandlung  in  Wien  fortsetzen,
  in  Hessen  die  Bayern  nicht  angreifen,  aber  möglichst
große  Landstrecken  besetzen;  dies  Verfahren  biete  entschieden
höhere  Vortheile,  als  das  des  Grafen  Brandenburg,  allerdings
  sei  es  aber  auch  mit  einer  nähern  Kriegsgefahr  verbunden,
  und  folglich  zur  eigenen  Sicherung  die  Mobilmachung
unerläßlich.  Auch  der  Prinz  von  Preußen  sprach  sich  dafür
aus,  weil,  von  allem  Andern  abgesehen,  die  formelle  Aufhebung
  der  Unionsverfassung,  wie  Schwarzenberg  sie  fordere,
mit  einer  Unterwerfung  Preußens  unter  Osterreich  gleichbedeutend
  sei.  Andrerseits  hob  Manteuffel  die  Gefahren
hervor,  welche  der  Beginn  des  Kriegs  durch  Erweckung  der
revolutionären  Leidenschaften  heraufbeschwören  würde,  und
erklärte  rückhaltlos,  daß  Preußen  keinen  Rechtstitel  zum  Einschreiten
  in  Hessen  besitze,  Osterreich  aber  guten  Grund  zum
        <pb n="36" />
        26  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

Begehren  völliger  Auflösung  der  Union  habe.  Der  Kriegsminister
  von  Stockhausen  beschränkte  sich  auf  die  kurze,  aber
gewichtige  Bemerkung,  die  Mobilmachung  in  diesem  Augenblick
werde  den  Krieg  gegen  Osterreich  und  Rußland  herbeiführen,
und  Preußen  diesen  Gegnern  nicht  gewachsen  sein.

Hier  befahl  der  König,  die  Verhandlung  abzubrechen,
und  am  folgenden  Vormittag  fortzusetzen.

An  diesem,  auf  lange  fortwirkenden  Tage,  dem  2.  November
  1850,  fiel  durch  die  Willenserklärung  des  Königs  die
Entscheidung.  Gleich  nach  dem  Beginn  der  Sitzung  entwickelte
  er  in  einem  ausführlichen  Vortrag  seine  Auffassung
der  Lage.  Auf  den  Einmarsch  der  Bayern  in  Kurhessen  habe
Preußen  mit  der  gleichen  Maaßregel  geantwortet,  darin  liege
eine  völlige  Compensation.  Aus  den  Rüstungen  Osterreichs
aber,  ohne  Anlaß  unsererseits,  müsse  man  schließen,  daß
Osterreich  den  Krieg  wolle.  So  müsse  denn  auch  Preußen
durch  die  Mobilmachung  der  Armee  sich  in  den  Stand  setzen,
den  Krieg  anzunehmen,  jedoch  gleichzeitig  sich  zur  Fortsetzung
der  Warschauer  Unterhandlung  erbieten.  Wenn  Preußen,  so
in  Waffen  gerüstet,  unterhandle,  so  könne  es,  ohne  Gefahr
für  seine  Ehre,  seine  Sprache  mildern,  und  eine  Nachgiebigkeit
  beweisen,  die  in  anderer  Lage  Schwäche  wäre.  Es  sei
nie  so  nöthig  gewesen,  wie  jetzt,  daß  Preußen  das  Herz  des
ganzen  Volkes  für  sich  habe:  dies  werde  durch  die  Mobilmachung
  der  Armee  erreicht  werden.  Alle  Parteien  im  Lande
mit  geringen  ungefährlichen  Ausnahmen  würden  sich  der
Regierung  freudig  anschließen;  es  werde  ein  Ausschwung  im
Lande  erfolgen,  der  seinen  Eindruck  auf  die  Gegner,  und
damit  seinen  Einfluß  auf  die  Unterhandlung  nicht  verfehlen
werde.
        <pb n="37" />
        1850  Der  König  überläßt  dem  Ministerium  die  Entscheidung.  27

Nach  alle  dem  gehe  also  Seine,  des  Königs,  Entschließung
  dahin:

1.  die  Armee  sofort  mobil  zu  machen;

2.  gleichzeitig  mit  Osterreich  zu  unterhandeln  und  zu
erklären,  daß  Preußen  die  Verfassung  vom  26.  Mai  nicht
ausführen  werde,  sie  also  als  abgethan  betrachte;

3.  in  Kurhessen  nicht  feindlich  aufzutreten,  und  zu  erklären,
  daß  man,  falls  die  in  Aussicht  gestellten  Garantien
gegeben  wären,  sich  auf  die  Besetzung  der  Etappenstraßen  und
des  dazwischen  liegenden  Landes  beschränken  werde;

4.  in  Holstein  müsse,  parallel  mit  dem  Inhibitorium  des
Bundes,  der  Statthalterschaft  der  Schutz  Preußens  aufgekündigt
  werden,  wenn  sie  sich  nicht  aller  Feindseligkeit  gegen
die  Dänen  enthalte;

5.  in  Wien  sei  zu  erklären,  daß  die  Mobilmachung
lediglich  zur  Abwehr  feindlicher  Angriffe  auf  die  preußischen
Grenzen  dienen  solle.

Auf  diesem  Wege  werde  die  Regierung  das  Volk  auf
ihrer  Seite  haben.

Dann  aber  folgte  eine  überraschende  Wendung.  Der
König  forderte  das  Ministerium  zur  Erklärung  auf,  ob  es
bereit  sei,  diesen  Weg  mit  ihm  zu  gehen.  Er  fügte  hinzu,
daß,  wenn  das  Ministerium  diesen  Weg  nicht  gehen,  sondern
nach  Brandenburg's  Vorschlag  friedliche  Unterhandlungen  in
Wien,  ohne  Mobilmachung,  führen  wolle,  dann  er  sich  von
dem  Ministerium  nicht  trennen  würde.  Das  Ministerium  solle
alsdann  freie  Hand  haben,  den  von  ihm  gewählten  Weg  zu
gehen,  müsse  dann  aber  auch  die  Verantwortlichkeit  dafür
allein  übernehmen.

Da  der  König  sonst  nicht  im  Sinne  parlamentarischer
        <pb n="38" />
        28  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

Regierungsweise  und  Ministerverantwortlichkeit  zu  denken  und
zu  handeln  pflegte,  so  wird  man  annehmen  dürfen,  daß  er
im  eigenen  Innern  sich  für  Brandenburg  bereits  entschieden
hatte  und  dies  nur  nicht  eingestehen  wollte.

Wenn  aber  Brandenburg  wegen  der  Werthlosigkeit  der
bisherigen  Forderungen  einen  Krieg  für  deren  Durchsetzung
zu  führen  ablehnte,  so  empörte  sich  der  einfache  soldatische
Sinn  des  Prinzen  von  Preußen,  wären  die  Forderungen
begründet  oder  nicht  gewesen,  gegen  jedes  Zurückweichen  in
diesem  Augenblick,  wo  preußische  und  feindliche  Truppen  sich
gegenüberstanden,  wo  die  Kaiserhöfe  gebieterisch  das  Ultimatum:
  Unterwerfung  oder  Krieg,  stellten.  Ehe  noch  Brandenburg
  auf  des  Königs  Frage  eine  Außerung  thun  kkonnte,
forderte  der  Prinz  in  lebhaftem  Ergusse  die  sofortige  Mobilmachung,
  die  bewaffnete  Unterhandlung,  welche  jeden  Flecken
von  Preußens  Schild  fernhalte,  die  allein  ehrenvolle,  die
allein  ausführbare,  die  einzige,  welche  die  Stimmung  des
Landes  und  der  Armee  für  sich  habe,  bei  der  Preußens
Ehre  unverletzt  bleiben  werde.

Offenbar  sah  er  nicht  wie  sein  königlicher  Bruder  in
der  Mobilmachung  das  Mittel,  größere  Nachgiebigkeit  sich
verstatten  zu  können.

Nicht  gleichgültig  bei  diesem  Auftreten  des  Prinzen,  aber
in  seiner  Uberzeugung  unerschüttert,  entwickelte  dann  als  Antwort
  auf  das  königliche  Programm  Graf  Brandenburg  das
seinige,  in  der  Form  des  Entwurfs  für  eine  nach  Wien  abzusendende
  Depesche.  Dieselbe  hatte  folgenden  Gedankengang.

Von  den  verabredeten  freien  Conferenzen  zur  Revision
der  Bundesverfassung  hoffe  Preußen  glücklichen  Erfolg.  Ein
völliges  Aufgeben  der  Unionsverfassung  liege  nicht  in  Preußens
        <pb n="39" />
        1850  Brandenburg's  Antrag.  29

Befugnissen,  sondern  könne  nur  unter  Zustimmung  der  verbündeten
  Regierungen  erfolgen.  Preußen,  als  Unionsvorstand,
erkläre  jedoch,  daß  es  die  Verfassung  nicht  in  das  Leben
führen  werde,  und  dieselbe  seinerseits  als  vollständig  aufgegeben
  betrachte.

Nach  Schwarzenberg's  Erläuterungen  könne  aus  einer
Zulassung  der  Executionstruppen  in  Kurhessen  nicht  mehr  eine
Anerkennung  der  Frankfurter  Versammlung  gefolgert  werden.
Preußen  könne  also  das  Einrücken  gestatten,  sobald  ihm  alle
erforderlichen  Garantien  wegen  der  Dauer  und  des  Zweckes
der  Besetzung  des  Kurstaats  und  namentlich  wegen  der  sonst
gefährdeten  Sicherheit  der  preußischen  Etappenstraßen  gewährt
würden.  Einstweilen  seien  die  preußischen  Truppen  in  Kurhessen
  angewiesen,  sich  jedes  Angriffs  zu  enthalten.  Ebenso
friedlich  würde  die  holsteiner  Sache  sich  ordnen  lassen.

Für  die  Conferenzen  schlage  man  Dresden  oder  Nürnberg
vor.  Erwünscht  wäre  gleich  bei  deren  Eröffnung  gemeinsame
Beantragung  der  sechs  Warschauer  Punkte  durch  beide  Mächte.
Sei  dies  nicht  erreichbar,  so  würden  beide  Regierungen  mit
voller  Freiheit  in  die  Conferenzen  eintreten.

Da  hienach  ein  Gegenstand  drohendes  Zwiespalts  nicht
mehr  vorhanden  sei,  so  erwarte  man  Einstellung  der  bisherigen
Rüstungen  auf  der  gegnerischen  Seite.  Andersfalls  würde
man  nicht  umhin  können,  sich  ebenfalls  in  Kriegsbereitschaft
zu  setzen,  eine  Maaßregel,  die  unter  den  gegebenen  Umständen
ebenso  überflüssig,  wie  in  weiten  Kreisen  Besorgniß  erregend
erscheinen  müßte.

Es  ist  klar,  daß  diese  Depesche  sowohl  die  Aufhebung
der  Unionsverfassung  als  die  Gestattung  der  hessischen  Exccution
  enthielt.  Nichts  konnte  dies  deutlicher  bekunden,  als
        <pb n="40" />
        30  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

gerade  die  Aufstellung  der  Bedingungen,  von  denen  einstweilen
noch  die  beiden  Concessionen  abhängig  gemacht  wurden.  Denn
zweifellos  würde  Osterreich  umgehend  antworten,  die  Zustimmung
  der  Unionsfürsten  werde  keinem  preußischen  Antrag
fehlen,  und  die  Garantie  für  die  vertragsmäßige  Benutzung
der  Etappenstraßen  werde  der  Bundestag  so  bindend  wie
möglich  gewähren.

Graf  Brandenburg  bemerkte  nach  Verlesung  dieses
Documents:  er  verkenne  nicht,  daß  das  Einschlagen  des  hier
bezeichneten  Weges  zur  Zersprengung  der  Union  und  zur
Auflösung  der  Kammern  führen  könne.  Nehme  man  dagegen
die  andere  Richtung,  so  sei  ein  Krieg  gewiß,  den  Preußen
mit  Erfolg  nicht  zu  führen  vermöge.  Eine  Mobilmachung
in  diesem  Augenblick  würde  aber  den  Krieg  entzünden.  Sollte
Osterreich  uns  trotz  unserer  Zugeständnisse  angreifen,  so  wäre
das  ein  Raubanfall,  bei  dem  wir  Rußland  auf  unserer  Seite
haben  würden.

Auf  die  Aufforderung  des  Königs  zog  sich  darauf  das
Staatsministerium  in  ein  Nebenzimmer  zurück,  um  über  die
von  jenem  gestellte  Frage  Beschluß  zu  fassen.  Sehr  bald
erschienen  die  Herren  wieder,  und  Brandenburg  gab  die  Erklärung
  ab:  die  Majorität  des  Ministeriums  sei  nicht  im
Stande  gewesen,  ihre  Überzeugung  zu  ändern  und  sich  für
die  Mobilmachung  auszusprechen;  sie  halte  es  vielmehr  für
das  Nothwendigste,  in  Kurhessen  Halt  zu  machen,  die  vorgelegte
  Erklärung  nach  Wien  abzusenden,  die  Einstellung  der
dortigen  Rüstungen  zu  fordern,  und  erst  wenn  die  Antwort
darauf  feindselige  Gesinnungen  zeige,  mobil  zu  machen.  Die
sofortige  Mobilmachung  würde  die  Verhandlungen  vereiteln
und  einen  Krieg  provociren,  für  welchen  Preußens  Kraft  nicht
        <pb n="41" />
        1850  Entscheidung  des  Ministeriums  für  Frieden.  31

ausreichend  wäre.  Radowitz  sprach  dann  ein  ebenso  festes
Beharren  der  Minorität  auf  ihrer  Ansicht  aus  und  theilte
einen  von  ihr  gebilligten  Entwurf  für  die  nach  Wien  zu
richtende  Erklärung  mit,  welcher  im  Wesentlichen  den  von
dem  Könige  entwickelten  fünf  Sätzen  entsprach.

Hierauf  folgte  sofort  die  königliche  Entscheidung.  Er
sei,  sagte  Friedrich  Wilhelm,  mit  der  Ansicht  der  Minorität
vollkommen  einverstanden.  Da  aber  die  Majorität  an  ihrer
Ülberzeugung  festhalte,  so  wiederhole  Er  die  Erklärung,

daß  Er  sich  gezwungen  sehe,  der  Majorität,  zu  deren  Beibehaltung
  Er  fest  entschlossen  sei,  freie  Hand  zu  lassen;

Er  wünsche,  daß  die  Mitglieder  der  Majorität  nicht  in

der  Zukunft  in  die  Lage  kommen  möchten,  den  heute  gefaßten,
nach  Seiner  Überzeugung  verderblichen  Entschluß  zu  bereuen.
Damit  schloß  die  Sitzung.

General  von  Radowitz  reichte  sogleich  seine  Entlassung
ein,  und  die  Herren  von  Ladenberg  und  von  der  Heydt  folgten
seinem  Beispiele.  Nach  den  Erklärungen  vom  1.  November
konnte  dies  niemand  überraschen.  Aber  um  so  unerwarteter
war  das  Geschick,  welches  über  den  Sieger  des  2.  November
plötzlich  hereinbrach.

Bei  den  letzten  Verhandlungen  hatte  Graf  Brandenburg,
soweit  unsere  Berichte  reichen,  an  keiner  Stelle  eine  Abnahme
oder  Störung  seiner  Kräfte  erkennen  lassen;  auch  als  er  im
Laufe  der  folgenden  Nacht  zweimal  geweckt  wurde,  um  in
Folge  einer  vom  Könige  durch  den  Regierungsrath  Niebuhr
gesandten  Nachricht  nach  eigenem  Ermessen  eine  Verfügung
zu  treffen,  zeigte  er  sich  vollkommen  rüstig  und  arbeitsfrisch.
Am  Morgen  des  3.  fühlte  er  sich  unwohl  und  vermochte  an
der  Sitzung  des  Staatsministeriums  nicht  Theil  zu  nehmen,
        <pb n="42" />
        32  Graf  Brandenburg  in  Warschau.  1850

unterzeichnete  und  expedirte  jedoch  die  von  ihm  redigirte  und
gestern  vorgelegte  Depesche  nach  Wien.  Dann  trat  rasche
Verschlimmerung  seines  Zustandes  ein;  am  4.  brachte  starkes
galliges  Erbrechen  eine  kurze  Erleichterung;  bald  aber  erneuerte
  sich  gesteigertes  Fieber  mit  rastlosen  Delirien,  und
während  Berlin  erschüttert  und  bewegt  war  von  drohenden
Nachrichten  über  die  Rüstungen  der  Gegner  und  der  deshalb
gegen  Brandenburg's  Votum  dennoch  befohlenen  Mobilmachung,
erfolgte  am  6.  der  Tod  des  trefflichen  Mannes.  Wenn  die
oben  erwähnten  Gerüchte  über  seine  letzten  Fieberphantasien
überhaupt  begründet  sind,  so  erklären  sie  sich  leicht  aus  dem
Umstande,  daß  ihm  in  lichten  Augenblicken  Kunde  von  dem
die  Stadt  erfüllenden  Kriegslärm,  von  dem  er  nur  Unheil
für  Preußen  erwartete,  zugekommen  ist.
        <pb n="43" />
        1850

2.  Capitel.

Olmützer  Prunctation.

Im  Verlaufe  des  3.  November  jagten  sich  in  Berlin  die
aufregenden  Nachrichten  und  Vorkommnisse.  General  Tietzen
war  im  Marsche  auf  Cassel;  General  Gröben  meldete  die
Besetzung  Fuldas,  wo  er  stündlich  dem  Anrücken  der  Bayern
vom  Süden  her  entgegen  sah.  Aus  Wien  traf  ein  Bericht
des  Grafen  Bernstorff  ein,  daß  Kaiser  Franz  Joseph  am
30.  October  von  Warschau  zurückgekommen,  und  sofort
Rüstungsbefehle  nach  allen  Seiten  ergangen  seien.  In  Böhmen
ständen  achtzig-,  nach  andern  Aussagen  hunderttausend  Mann,
die  in  allen  Richtungen  an  die  Nordgrenzen  herangeschoben
würden  und  mit  Sicherheit  auf  sächsische  Mithülfe  rechneten.
(In  Wahrheit  waren  es  damals  76000  Mann.)  Um  so
dringender  erschien  den  Ministern  die  Förderung  des  Friedenswerkes,
  um  so  widerwärtiger  der  Umstand,  daß  der  Führer
der  Majorität,  Graf  Brandenburg,  plötzlich  in  schwere  Krankheit
  gefallen  war.  Der  Dienstälteste  der  übrigen  Minister,
Herr  von  Ladenberg,  eröffnete  eine  schleunig  berufene  Sitzung
des  Ministerraths  mit  der  Anzeige,  daß  er  dem  Könige  seine
Entlassung  eingereicht  habe,  und  folglich  nicht  in  der  Lage

v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.
        <pb n="44" />
        34  Olmützer  Punctation.  1850

sei,  sich  an  politischen  Berathungen  zu  betheiligen  oder  die
Vertretung  des  erkrankten  Ministerpräsidenten  zu  führen.  Als
darauf  Herr  von  Manteuffel  den  Vorsitz  übernommen,  gab
Radowitz  dieselbe  Erklärung  ab,  mit  dem  Zusatze,  daß  der
König  ihm  die  Gewährung  seines  Gesuches  bereits  versprochen
habe,  so  daß  er  auch  an  den  laufenden  Geschäften  des  auswärtigen
  Amtes  sich  nicht  weiter  betheilige.  Mit  Ladenberg
hatte  dann  auch  von  der  Heydt  seine  Entlassung  erbeten.
Es  wurde  hienach  beschlossen,  dem  Könige  die  einstweilige
Versehung  des  auswärtigen  Amtes  durch  Brandenburg,  und
so  lange  dessen  Krankheit  dauere,  durch  Manteuffel  vorzuschlagen.
  Brandenburg's  gestern  vorgelegte  Depesche  nach
Wien  wurde  definitiv  genehmigt,  dem  Grafen  zur  Unterzeichnung
  zugeschickt  und  dann  expedirt.  Gröben  erhielt  Befehl,
die  besetzten  Punkte  zu  behaupten,  aber  nicht  weiter  vorzugehen.
  Zugleich  wurde  beschlossen,  der  Kieler  Statthalterschaft
zu  eröffnen,  daß  nach  der  Ablehnung  der  preußischen  Forderungen
  durch  dieselbe  die  Herzogthümer  auf  keine  preußische
Vermittlung  weiter  rechnen  dürften.  Die  preußischen,  noch  an
der  holsteiner  Grenze  stehenden  Truppen  wurden  bereits  am  4.
von  dort  nach  Süden  zürückgezogen.  Ebenso  sollten  die  in
Hohenzollern  und  im  südlichen  Baden  befindlichen  Truppen
den  Rückmarsch  hinter  die  Murg  antreten.  Trotzdem  überreichte
  der  österreichische  Gesandte,  Herr  von  Prokesch,  an
demselben  Tage  eine  drohende  Note,  worin  das  keiserliche
Cabinet  die  Respectirung  der  kurfürstlichen  Souveränität  und
folglich  unzögerliches  Zurückziehen  der  preußischen  Truppen
aus  Kurhessen  forderte.  Rochow  bestätigte,  daß  Kaiser  Nikolaus
die  Weigerung  dieses  Begehrens  auch  seinerseits  als  Kriegsfall
betrachten  würde.  Mit  der  höchsten  Ungeduld  sah  also
        <pb n="45" />
        1850  Drohende  Meldungen  über  feindliche  Rüstungen.  35

Manteuffel  der  österreichischen  Antwort  auf  Brandenburg's
friedenathmende  Depesche  entgegen,  welche  freilich  erst  am
5.  November  in  Wien  anlangen  konnte.  Er  verwies  Prokesch
auf  diese  Verhandlung,  und  schickte  Telegramm  auf  Telegramm
an  Bernstorff,  bei  Schwarzenberg  auf  schleunige  Erwiderung
zu  dringen.

Am  5.  November  kamen  günstige  Nachrichten  von  einigen
Stellen,  aus  Hannover  über  geringen  Kriegseifer  des  neuen
Ministeriums  Münchhausen,  aus  dem  Haag  die  Bereitwilligkeit
  des  leitenden  Ministers  Thorbecke,  den  Vertreter  Luxemburgs
  aus  der  Frankfurter  Bundesversammlung  abzurufen,
wodurch  diese  auf  acht  Stimmen  reducirt  wurde  und  mithin
nicht  mehr  die  Majorität  des  alten  Bundestages  in  sich  schloß.
Aber  dies  Alles  half  nicht  viel  gegenüber  der  Haltung  Rußlands,
  Osterreichs  und  der  Mittelstaaten,  und  über  diese  liefen
die  bedrohlichsten  Meldungen  von  allen  Seiten  ein.  Gröben
berichtete,  daß  der  bayerische  Befehlshaber,  Fürst  von  Thurn
und  Taxis,  alle  Vorschläge  zur  Vermeidung  eines  Conflicts
abgelehnt  habe.  Aus  Dresden  vernahm  man  die  ersten  Anstalten
  zur  Mobilmachung  der  sächsischen  Truppen.  Aus
Bayern  kam  die  Kunde,  daß  das  österreichische  Truppencorps
in  Vorarlberg,  angeblich  30  000  Mann,  die  bayerische  Grenze
überschritten  habe  und  in  Eilmärschen  nach  Norden  rücke.
Die  Großherzoge  von  Oldenburg  und  Weimar  ließen  dringende
Warnung  an  den  König  gelangen,  daß  man  in  Berlin  falschen
Friedenszusagen  vertraue  und  durch  einen  plötzlichen  Angriff
überrumpelt  werden  würde.  Eine  Depesche  Bernstorff's  vom  2.
meldete,  daß  in  Wien  nicht  bloß  von  russischem,  sondern
auch  von  französischem  Beistand  als  einer  sichern  Thatsache
geredet  werde;  Schwarzenberg  denke  entschieden  an  einen

3“
        <pb n="46" />
        36  Olmützer  Punctation.  1850

Vernichtungskrieg  gegen  Preußen;  die  großdeutschen  Gesandten
sprächen  die  größte  Sorge  und  Angst  vor  einer  Möglichkeit
aus,  daß  Preußen  durch  volle  Nachgiebigkeit  Osterreich  entwaffne',
  und  dann  in  den  Bundestag  eintrete,  ohne  durch
einen  Krieg  ruinirt  oder  geschädigt  zu  sein.  An  all  den
Gefahren  sei  der  dänische  Krieg  Schuld,  welcher  den  Kaiser
Nikolaus  so  heftig  gegen  Preußen  gereizt  habe.

Viele  dieser  Thatsachen  und  Meinungen  waren  auch
öffentlich  bekannt  geworden,  und  hatten  die  populare  Erbitterung
  hoch  gesteigert.  Eine  dumpfe  Schwüle  lag  über
Berlin,  die  Volksmassen  waren  in  leidenschaftlicher  Erwartung,
wann  endlich  ein  energischer  Beschluß  der  Regierung  den
Herzen  Luft  machen  würde,  und  die  Gerüchte  von  Brandenburg's
  zum  Kampfe  rufenden  Fieberphantasien  steigerten  die
Erhitzung  der  Gemüther.  Manteuffel  war  in  großer  Unruhe;
er  redete  mit  Prokesch,  wie  der  Gefahr  zu  steuern  sei,  und
trat  den  russischen  Gesandten  an,  daß  er  Preußens  Friedfertigkeit
  seinem  Kaiser  berichte.  Der  König  aber,  immer  ungnädig,
  wenn  er  von  der  Frankfurter  Versammlung  und  deren
Thaten  hören  mußte,  wollte  von  weiterer  Nachgiebigkeit  nichts
wissen,  sondern  blieb  auf  dem  Satze,  daß  man  die  Zulassung
der  Bayern  in  Hessen  angeboten  habe,  wenn  man  die  erforderlichen
  Garantien  erlange;  also  müsse  bis  zu  deren  Eintreffen
  der  gegenwärtige  Zustand  erhalten  bleiben,  auf  jede
Gefahr.  Manteuffel  telegraphirte  dies  nach  Wien  an  Bernstorff,
  und  nach  Frankfurt  an  General  Peucker,  und  hob  die
Verantwortlichkeit  derer  hervor,  welche  bei  dem  so  günstigen
Stande  der  Friedensverhandlung  durch  muthwilliges  Vorgehen
in  Hessen  die  Kriegsfurie  entfesseln  würden.  Preußische  Truppen
besetzten  indessen  den  ganzen  Landstrich  zwischen  den  Etappen-
        <pb n="47" />
        1850  Preußische  Mobilmachung.  37

straßen;  sie  wurden  von  dem  Volke  überall  als  Erretter  und
Befreier  ausgenommen,  und  die  Führer  der  hessischen  Opposition
verbargen  sorgfältig  ihre  nur  zu  begründeten  Zweifel,  ob
die  Preußen  wirklich  zum  Schutze  der  hessischen  Verfassung
in  das  Land  kämen.

Als  in  Frankfurt  General  Peucker  sein  Telegramm  dem
österreichischen  Präsidialgesandten,  Grafen  Thun,  mittheilte,
sagte  dieser,  der  Bundestag  wünsche  durchaus  keinen  Conflict,
sei  aber  gegen  den  Kurfürsten  verpflichtet,  die  Beschlüsse  in
Ausführung  zu  bringen,  und  gegen  die  Anwesenheit  der
preußischen  Truppen  in  Hessen  habe  der  Kurfürst  berechtigten
Protest  erhoben.  Ubrigens  berief  er  sogleich  seine  Collegen
zu  einer  Verhandlung  der  Sache,  und  sprach  hier  seinerseits
in  versöhnlichem  Sinne.  Hassenpflug  aber  forderte  unbedingte
Ausführung  der  Beschlüsse,  und  die  Mehrheit  stimmte  um
so  mehr  zu,  als  Gröben's  Stellung  bei  Fulda  nicht  innerhalb
der  Etappenstraßen  lag.  Es  ging  also  kein  zurückhaltender
Befehl  an  Taxis  ab;  man  meinte,  in  diesem  Augenblicke  könne
der  Zusammenstoß  schon  erfolgt  sein.  Peucker's  schleuniger
Bericht  über  diese  Vorgänge,  so  wie  ein  Petersburger  Telegramm
  über  russische  Rüstungen  entschied  Manteuffel's  Verfahren;
  er  sah  den  Ausbruch  des  Krieges  vor  Augen  und
hielt  jetzt  auch  seinerseits  die  Mobilmachung  für  unvermeidlich.
Noch  am  Abend  des  5.  November  erwirkte  er  dafür,  wie
man  sich  denken  kann,  ohne  Mühe,  die  Genehmigung  des
Königs.  Auf  der  Stelle  telegraphirte  er  diese  Entschließung
nach  Wien,  Frankfurt  und  Petersburg;  sie  sei  nöthig  geworden,
  sagt  er,  nachdem  die  allseitigen  Rüstungen  der  Gegner
und  die  Ungewißheit  über  die  endliche  Wendung  der  Politik
eine  Spannung  der  Gemüther  erzeugt,  und  auf  die  Stimmung
        <pb n="48" />
        38  Olmützer  Punctation.  1850

der  Armee  einen  Einfluß  geübt  hätten,  dem  man  Rechnung
tragen  mußte.  Ubrigens  sei  auf  das  Bestimmteste  zu  erklären,
daß  die  Maßregel  nicht  als  Angriffsmittel,  sondern  nur
zur  Abwehr  dienen  sollte;  die  friedlichen  Absichten,  welche
Brandenburg's  Depesche  vom  3.,  ausgesprochen,  blieben  in
allen  Punkten  ungeändert.

Am  folgenden  Morgen  trug  Manteuffel  dies  Alles  seinen
Collegen  im  Staatsministerium  zur  amtlichen  Beschlußnahme
vor;  der  König,  welcher  im  Verlaufe  der  Besprechung  selbst
in  der  Sitzung  erschien,  unterzeichnete  den  Befehl  für  die
Mobilmachung,  und  Ladenberg  und  von  der  Heydt,  deren
Entlassungsgesuche  der  König  bisher  nicht  genehmigt,  erklärten
sich  jetzt  weiter  zu  dienen  bereit.  Als  dann  im  Laufe  des
Tages  die  Tranuerkunde  von  Brandenburg's  Tod  einging,
übertrug  der  König  die  einstweilige  Führung  des  Präsidiums
im  Ministerrathe  an  Ladenberg,  so  daß  es  den  Anschein  gewinnen
  konnte,  als  sei  die  Minorität  vom  2.  November  vollständig
  zum  Besitze  der  Macht  gelangt,  zumal  General  Gröben
bei  der  Kampflust  der  Frankfurter  erneuerten  Befehl  erhalten
hatte,  lediglich  nach  militärischen  Rücksichten  zu  handeln.  Mit
der  Bekanntmachung  der  Mobilmachungs-Ordre  trat  ein,  was
der  König  am  2.  vorausgesagt  hatte;  ein  unendlicher  Jubel
durchbrauste  die  Presse,  das  Land  und  die  Armee,  die  Landwehrmänner,
  welche  das  Jahr  vorher  zu  dem  badischen  Feldzug
  oft  durch  Husarenpatrouillen  hatten  eingefangen  und  zu
den  Regimentern  geschleppt  werden  müssen,  strömten  jetzt  mit
Begeisterung  zu  den  Fahnen,  und  auch  die  zahllosen  Mängel,
welche  damals  in  der  preußischen  Heeresverwaltung  zu  Tage
traten,  kühlten  den  Eifer  der  Mannschaften  nicht  ab.  Ihrem
mächtigen  Schwunge  hätten  die  mit  meuterischen  Honveds
        <pb n="49" />
        1850  Schwarzenberg's  kriegerische  Note.  39

vollgepfropften  österreichischen  Bataillone  schwerlich  langen
Widerstand  geleistet.

Unterdessen  hatte  Schwarzenberg  die  preußische  Depesche
vom  3.  November  am  5.  erhalten.  Ihre  Einräumungen
befestigten  ihn  in  seiner  alten  Überzeugung,  daß  König
Friedrich  Wilhelm  nimmermehr  sich  zu  einem  Kriege  gegen
Osterreich  entschließen  würde,  daß  also  ein  Grund  zu  erheblichen
  Concessionen  für  das  kaiserliche  Cabinet  gar  nicht  vorhanden
  sei.  Vergebens  stellte  ihm  Baron  Meyendorff  vor,
mit  welchen  Schwierigkeiten  Manteuffel  als  Vertreter  der
Friedenspolitik  in  Berlin  zu  kämpfen  habe,  wie  wünschenswerth
  es  sei,  die  Stellung  desselben  durch  einiges  Entgegenkommen
  zu  stärken;  vergebens  drängten  Prokesch's  Depeschen
auf  dasselbe  Ziel,  Manteuffel  zu  unterstützen  und  thatsächlich
die  Weissagung  Radowitz's  zu  widerlegen,  daß  Osterreich  auf
jede  Concession  mit  neuen  Forderungen  antworten  würde.
Schwarzenberg  blieb  dabei,  die  militärischen  Maaßregeln
könnten  nicht  eingestellt  werden,  ehe  ihre  Ursache  beseitigt  sei.
Er  schrieb  auf  der  Stelle  eine  Antwort  auf  Brandenburg's
Depesche,  worin  er  unter  einem  wahren  Blüthenregen  freundschaftlicher
  Phrasen  die  preußischen  Wünsche  rund  und  bestimmt
  zurückwies.  Während  Brandenburg  die  Hoffnung  ausgesprochen
  hatte,  daß  nach  seinen  Erläuterungen  über  Hessen
und  Holstein  die  freien  Conferenzen  für  Bundesreform  sofort
eröffnet  werden,  und  während  ihrer  Dauer  jene  speciellen  Streitfragen
  ruhen  würden,  erklärte  Schwarzenberg's  Depesche  vom
6.  Novembet  gerade  umgekehrt,  von  der  Berufung  der  Conferenzen
  könne  erst  dann  die  Rede  sein,  wenn  die  preußischen
Truppen  Hessen  völlig  geräumt,  die  Bundesexecution  gegen
Holstein  von  Preußen  nicht  gehindert,  die  förmliche  Aufhebung
        <pb n="50" />
        40  Olmützer  Punctation.  1850

der  Unionsverfassung  vollzogen  sei.  Zu  der  Garantie  für
die  prcußischen  Etappenstraßen  erklärte  er  sich  mit  Vergnügen
bereit,  begehrte  aber,  daß  sie  nicht  als  Vorwand  für  eine
Besetzung  des  Landes  mißbraucht  würde.  Bis  zur  Erledigung
dieser  Fragen  sei  für  Osterreich  das  Einstellen  seiner  Rüstung
unmöglich.  Als  der  Fürst  dann  an  demselben  Tage  das
Telegramm  über  die  preußische  Mobilmachung  erhielt,  sagte
er  dem  russischen  Gesandten,  nun  habe  er  nicht  den  geringsten
Zweifel  mehr  an  der  Erhaltung  des  Friedens,  da  diese
Rüstung  für  Preußen  die  Brücke  zu  einem  ehrenhaften  Rückzug
  öffne.  Er  redete,  als  hätte  er  der  Auseinandersetzung
des  Königs  in  der  Sitzung  von  2.  November  beigewohnt.
Dieser  unerschrockenen  Haltung  des  österreichischen  Diplomaten
  entsprechend,  rückte  dann  auch  in  Hessen  der  Fürst  von
Taxis  mit  gleicher  Sicherheit  gegen  die  preußische  Stellung
bei  Fulda  vor.  Am  8.  November  standen  die  beiderseitigen
Vedetten  sich  gegenüber;  Parlamentäre  gingen  hin  und  her;
Gröben  verbat  sich  sehr  ernstlich  jede  weitere  Annäherung
des  Gegners.  Als  dennoch  an  einer  Stelle  die  bayerische
Spitze  an  die  preußischen  Vorposten  herandrängte,  gaben
diese  einige  Flintenschüsse  ab,  welche  von  drüben  erwidert
wurden;  fünf  österreichische  Jäger  und  ein  preußisches  Pferd
wurden  verwundet,  dann  aber  weiterer  Schaden  beiderseits
durch  rasches  Einschreiten  der  Officiere  verhindert,  welche
weniger  blutdürstig  als  am  grünen  Tische  die  Frankfurter
Diplomaten  waren.  In  denselben  Stunden  war  der  preußische
Ministerrath  gerade  beschäftigt,  die  Entgegnung  auf  die
österreichische,  eben  eingelaufene  Depesche  zu  redigiren.  Trotz
Ladenberg's  Präsidium  überwog  doch  immer  wieder  die  Tendenz
  der  größten  Friedenssehnsucht.  Manteuffel  stellte  vor,
        <pb n="51" />
        1850  Scharmützel  bei  Bronzell.  41

daß,  nachdem  Preußen  gesagt  habe,  man  werde  die  Unionsverfassung
  vom  26.  Mai  nicht  ausführen,  es  zuletzt  doch  nur
ein  formaler  Eigensinn  sei,  wenn  man  Osterreichs  Wunsch
weigere,  die  positive  Aufhebung  derselben  bei  den  verbündeten
Regierungen  zu  beantragen.

Dann  erachtete  es  Manteuffel  für  unbedenklich,  da  nach
dem  Verhalten  der  Kieler  Statthalterschaft  Preußen  seine
Vermittlung  aufgegeben  habe,  dies  auch  dem  Wiener  Cabinet
mitzutheilen  und  folglich  den  bisherigen  Widerspruch  gegen
die  holsteiner  Bundesexecution  zurückzuziehen.  Am  Abend
sollte  die  Berathung  zu  Ende  geführt  werden;  da  kam  Gröben's
Telegramm  über  die  Schüsse  von  Bronzell.  Der  Eindruck,
den  es  hervorbrachte,  war  nicht  gering.  Es  wurde  geltend
gemacht,  daß  eine  große  Verhandlung  durch  eine  solche  Soldatenrauferei
  nicht  gestört  werden  dürfe,  und  daß  überhaupt
die  vorgeschobene  Stellung  bei  Fulda  zur  Behauptung  der
Etappenstraße  unnöthig  sei:  einmüthig  wurde  beschlossen,  den
General  zum  Rückzug  auf  die  letztere,  wenn  sie  militärisch
haltbar  sei,  anzuweisen.  Nur  um  so  eiliger  wurde  dann  die
Antwort  nach  Wien  festgestellt.  Sie  begann  mit  den  beiden
erwähnten  Concessionen  betreffend  die  Union  und  Schleswig-Holstein,
  und  begehrte  in  Bezug  auf  Hessen,  daß  die  hinsichtlich
der  Dauer  und  des  Zweckes  der  Bundesexecution  beantragte
Garantie  nicht  bloß  von  Osterreich,  sondern  auch  von  dessen
Verbündeten  geleistet,  und  daß  in  Anbetracht  des  gestörten  Rechtszustandes
  und  der  Anwesenheit  fremder  Truppen  im  Lande  die
preußische  Besetzung  der  Etappenstraßen  während  der  Dauer
dieser  Verhältnisse  anerkannt  werde.  Am  9.  November  genehmigte
der  König  nach  einigen  kleinen  Abänderungen  die  Depesche.

Eine  noch  stärkere  Erregung  als  in  Berlin  rief  zur  selben
        <pb n="52" />
        42  Olmützer  Punctation.  1850

Zeit  das  Geknatter  von  Bronzell  in  Frankfurt  hervor;  die
großdeutschen  Gesandten  redeten  heftig  von  Bundesbruch  .und
Kriegserklärung.  Schwarzenberg  aber  blieb  in  seiner  stolz
gelassenen  Haltung,  mahnte  die  Frankfurter  zur  Geduld,  ließ
jedoch  am  10.  in  Berlin  anzeigen,  daß  Prokesch  seine  Pässe
fordern  müsse,  wenn  nicht  umgehend  eine  befriedigende  Auskunft
  über  den  Abzug  der  Preußen  aus  Kurhessen  erfolge.
Manteuffel  antwortete  sogleich,  daß  man  den  Bronzeller  Vorfall,
  der  ohne  Zweifel  durch  das  hastige  Drängen  der  Bayern
veranlaßt  sei,  höchlich  bedauere,  und  legte  Prokesch  die  eben
nach  Wien  abgegangene  Depesche  vor.  Diese  wirkte  denn  in
bestem  Maaße  besänftigend;  Prokesch  war  ganz  entzückt  über
die  Preisgebung  Schleswig-Holsteins,  und  Schwarzenberg
forderte  gleich  am  11.  November  den  Bundestag  zur  Ertheilung
  der  von  Preußen  begehrten  Garantie  über  Zweck
und  Dauer  der  hessischen  Execution  auf.  Allerdings  machte
er  zugleich  den  preußischen  Gesandten  darauf  aufmerksam,  daß
nach  der  Leistung  dieser  Garantie  Preußen  schlechterdings
keinen  Grund  mehr  haben  würde,  die  Etappenstraßen  besetzt
zu  halten  und  dadurch  das  Executionswerk  zu  erschweren;  in
einer  nach  Berlin  am  13.  abgesandten  Depesche,  in  welcher
er  die  preußischen  Zugeständnisse  bestens  acceptirte  und  den
baldigen  Beginn  der  Conferenzen  in  Aussicht  stellte,  wiederholte
  er  das  Begehren  der  Räumung  Kurhessens  in  verstärktem
  Tone.  Er  hielt  daran  um  so  fester,  als  an  demselben
  Tage  Fürst  Gortschakoff  in  Frankfurt  eintraf,  um  die
russische  Anerkennung  des  Bundestags  als  höchster  Centralbehörde
  des  ganzen  Deutschland  zu  überbringen,  und  damit
Rußlands  Solidarität  mit  dem  österreichischen  Systeme  öffentlich
  vor  aller  Welt  zu  bekunden.
        <pb n="53" />
        1850  Aufhebung  der  Unionsverfassung.  43

So  war  allmählich  ein  Streitpunkt  nach  dem  andern  durch
Preußens  Concessionen  aus  dem  Wege  geräumt,  und  wenige
Tage  weiter,  am  15.,  erfüllte  die  Regierung  auch  ihr  Versprechen,
  bei  dem  Fürsten-Collegium  der  Union  die  förmliche
Aufhebung  der  Verfassung  vom  26.  Mai  zu  beantragen.
Die  Eröffnung  war  für  das  Collegium  um  so  überraschender,
als  unmittelbar  vorher  an  die  Unionsstaaten  eine  preußische
Aufforderung  ergangen  war,  ihre  Truppen  kriegsbereit  zu
machen  und  unter  den  preußischen  Oberbefehl  zu  stellen.  Eine
tiefe  und  grollende  Niedergeschlagenheit  lag  jetzt  auf  der  Berathung;
  die  Gesandten  sämmtlich  erklärten,  ohne  Vollmacht
für  eine  solche  Abstimmung  zu  sein,  und  auf  ihre  Berichte
an  die  Regierungen  erfolgte  entweder  völliges  Schweigen,
oder,  wie  es  Radowitz  vorausgesagt  hatte,  von  den  längst
zweifelhaft  gewesenen  Mitgliedern  Baden,  Nassau,  Mecklenburg-Schwerin
  die  Erklärung,  daß  mit  der  Aufhebung  der
Verfassung  die  Union  selbst  erloschen  sei.  Zu  einem  förmlichen
  Beschlusse  des  Fürsten-Collegiums  kam  es  nicht;  von
einem  neuen,  früher  oft  für  einen  solchen  Fall  in  Aussicht
gestellten  Schutz=  und  Trutzbündniß  war  keine  Rede.

Hiemit  aber  war  auch  König  Friedrich  Wilhelm  an  der
Grenze  seiner  Nachgiebigkeit  angelangt.  Oder  genauer  gesagt,
er  hatte  bisher  bewilligt,  was  er  im  Grunde  seines  Sinnes
selbst  gewünscht  hatte;  er  war  völlig  gleicher  Meinung  mit
den  Kaiserhöfen,  daß  in  Kurhessen  und  Holstein  die  landesherrliche
  Autorität  hergestellt  werden  müsse;  er  war  Gott  in
seinem  Herzen  dankbar  dafür,  die  liberale  Verfassung  vom
26.  Mai  gründlich  losgeworden  zu  sein,  und  betrachtete  es
somit  als  einen  reinen  und  glänzenden  Triumph  seiner  Politik,
  Osterreich  zu  der  Annahme  der  freien  Conferenzen  für
        <pb n="54" />
        44  Olmützer  Punctation.  1850

die  Bundesreform  herbeigebracht  zu  haben.  Dieses  große
Hauptwerk  wäre  also  der  verhaßten  Frankfurter  Versammlung
  entrissen.  Um  so  zäher  blieb  er  jetzt  dabei,  dem  ungesetzlichen
  Club  auch  nicht  die  Ehre  zu  lassen,  die  fürstliche
Souveränität  in  Hessen  und  Holstein  zu  kräftigen.  Eine  so
schöne  Aufgabe  dürfe  nur  der  Gesammtheit  der  deutschen
Regierungen,  also  nach  seinem  alten  Vorschlag,  in  deren  Auftrag
  einer  österreichisch  -preußischen  Commission  anvertraut
werden.  Wir  hörten  ihn  schon  am  1.  und  2.  November
erörtern,  wie  ihm  dies  Ziel  erreichbar  dadurch  schien,  daß
er  in  Hessen  die  preußische  Besetzung  der  Etappenstraßen,
und  damit  die  Beschränkung  der  Bayern  auf  die  südlichen
Landestheile  behauptete.  Dann  wäre  die  Bundesexecution
unausführbar,  und  der  Kurfürst  wäre  gezwungen,  Preußens
Mithülfe  zu  seiner  Wiedereinsetzung  selbst  zu  begehren.  Würde
auf  diese  Art  das  Princip  in  Kurhessen  durchgesetzt,  so  ergäbe
sich  seine  Anwendung  auf  Holstein  von  selbst.  Dann  würde
er  zwar  in  den  einzelnen  Maaßregeln  gegen  beide  Länder
milder  und  humaner  verfahren,  als  jetzt  in  Hanau  und  Fulda
die  plumpe  Roheit  der  Bayern  und  Hassenpflug's  rachgierige
Spießgesellen:  in  dem  Werke  der  Restauration  selbst  aber
würde  seine  conservative  Gesinnung  hinter  jener  der  Kaiserhöfe
  nicht  um  eines  Haares  Breite  zurückstehen.

Also  die  preußischen  Truppen  bleiben  im  Besitz  der
Etappenstraßen;  das  ist  der  Grundstein  der  königlichen  Politik.
Mochte  Schwarzenberg  noch  so  oft  und  dringend  Gröben's
Rückzug  begehren,  mochte  Taxis  noch  so  kategorisch  seinen
unaufhaltsamen  Vormarsch  anmelden,  mochte  der  Bundestag
  am  15.  November  die  für  die  Etappenstraßen  begehrten
Garantien  bewilligen,  der  König  beharrte  auf  seinem  Befehl,
        <pb n="55" />
        1850  Neue  Schwierigkeiten.  45

Gröben  solle  seine  Stellung  behaupten  und  den  Bayern  die
Etappenstraße  sperren.

Vergebens  erklärte  der  Kriegsminister  Stockhausen,  daß
Osterreich  jetzt  130000  Mann  in  Böhmen  und  20000  Mann  in
Bayern  versammelt  habe,  daß  Bayern,  Württemberg,  Sachsen
aus  allen  Kräften  rüsteten,  daß  die  preußische  Aufstellung  in
Hessen  ein  verlorener  Posten  sei.  Der  König  befahl  am
18.  November  nach  Wien  zu  schreiben,  daß  er  jeden  Angriff
auf  seine  Truppen  in  Hessen  als  Kriegserklärung  zunächst  des
Kurfürsten  ansehen  müsse,  übrigens  hoffe,  daß  Osterreich  sich
nicht  durch  eine  Regierung  wie  die  kurhessische  zu  einem
Bruderkrieg  verleiten  lassen  werde.  In  der  That  genehmigte
hierauf  der  Bundestag  den  flehentlichen  Bitten  des  Kurfürsten
einen  einstweiligen  Aufschub  der  kriegerischen  Operationen.

So  erwuchs  Manteuffel  die  Sorge,  mit  seinem  Friedenswerke
  dicht  vor  dem  Hafen  zu  scheitern.  Und  Schlag  auf
Schlag  erschienen  neue  Kümmernisse.  Am  19.  kam,  man  kann
beinahe  sagen  verblüffend,  eine  Note  des  kleinen  Braunschweig:
man  höre,  daß  der  sogenannte  Bundestag  eine  Executionstruppe
  von  Kurhessen  über  braunschweiger  Gebiet  nach  Holstein
  senden  wolle;  man  sei  aber  nicht  gesonnen,  einer  unberechtigten
  Behörde  eine  solche  Anmaaßung  zu  gestatten,  und
frage,  ob  Preußen  seinem  Bundesgenossen,  dem  Herzog,  den
erforderlichen  Schutz  gewähren  würde.  Mit  Schrecken  sah
Manteuffel,  wie  wohlklingend  dieser  Protest  gegen  den  Bundcstag
  dem  königlichen  Ohre  sein,  mit  welchem  Zorne  seine
Unterstützung  in  Wien  und  Petersburg  aufgenommen  werden
würde.  Dazu  kam  in  demselben  Augenblick  die  Aussicht  auf
eine  europäische  Verwicklung  von  unberechenbarer  Tragweite.
Der  französische  Prinz-Präsident  Louis  Napolcon  zog  an
        <pb n="56" />
        46  Olmützer  Punctation.  1850

seiner  Ostgrenze  ein  Observationscorps  von  40000  Mann  zusammen,
  und  seine  Zeitungen  erklärten,  daß  Frankreich  weder
eine  österreichische  Vormundschaft  über  Italien,  noch  die  Entfaltung
  des  russisch-österreichischen  Ehrgeizes  über  Deutschland
gestatten  würde.  Was  sollte  daraus  werden,  wenn  diese
Drohungen  sich  verwirklichten?  wenn  die  preußische  Kriegspartei
  sich  auf  solchen  Beistand  stützen  konnte?

Alle  diese  Fragen  kamen  am  20.  November  in  einem
vom  Könige  präsidirten  Ministerrath  zur  Sprache.  Zuerst
genehmigte  der  Monarch  den  Entwurf  der  Thronrede  für  die
bevorstehende  Eröffnung  der  Kammern.  Derselbe  war,  was
die  deutschen  Verhältnisse  betraf,  ganz  in  Ladenberg's  Sinne
gedacht.  Der  König  werde  den  Unionsgedanken  wieder  aufnehmen,
  sobald  die  Gesammtverfassung  Deutschlands  neu  geordnet
  sei;  in  dieser  müsse  Preußen  eine  bessere  Stellung
erhalten;  in  der  kurhessischen  Sache  hätten  Preußens  Einwendungen
  noch  nicht  die  gebührende  Rücksicht  gefunden;  bis
dahin  bleiben  wir  in  starker  Rüstung  unter  den  Waffen.
Solche  Worte  mußten  aller  Welt  als  cin  offen  kriegerisches
Symptom  erscheinen.  Was  dann  Braunschweig  betraf,  so
war  der  König  sehr  erfreut  über  diesen  kecken  Einspruch  gegen
die  Anmaaßung  des  sogenannten  Bundestags;  eine  Depesche
nach  Wien  wurde  beschlossen  mit  der  Erklärung,  daß  der  Herzog
zur  Verweigerung  des  Durchmarsches  völlig  berechtigt,  und
demnach  von  Preußen  zu  schützen  sei;  übrigens  gebe  es  ein
einfaches  Mittel  zum  Ausgleich  der  Schwierigkeit,  nämlich
Aufschub  der  holsteiner  Execution,  bis  die  freie  Conferenz
die  ganze  Sache  definitiv  geordnet  hätte.

Der  König  bemerkte  hiebei  seinen  Ministern,  daß  er  damit
  die  Widersetzlichkeit  der  Holsteiner  gegen  ihren  König-
        <pb n="57" />
        1850  Preußische  Thronrede  bei  Eröffnung  des  Landtags.  47

Herzog  keineswegs  zu  begünstigen  denke;  man  solle  vielmehr
eine  neue  Mahnung  an  die  Kieler  richten,  nachgiebig  zu  sein
und  sich  mit  ihrem  Landesherrn  zu  verständigen.

Hinsichtlich  der  französischen  Drohungen  gegen  Osterreich
  verhielt  sich  der  König,  wie  im  Frühling  1849  bei
den  Aufständen  gegen  die  seiner  Oberhoheit  widerstrebenden
deutschen  Fürsten.  So  weit  wie  möglich  war  er  entfernt
von  dem  Gedanken,  von  einer  derartigen  Bedrängniß  seiner
Gegner  Nutzen  zu  ziehen.  Er  hatte  einen  beinahe  physischen
Widerwillen  gegen  den  Napoleoniden  wie  gegen  die  Revolution.
  Eine  solche  Hülfe,  sagte  er,  sei  eine  große  Gefahr;
sie  könne  weder  gerufen  noch  angenommen  werden;  im  Gegentheil,
  es  sei  derselben  entgegen  zu  treten.  Es  sei  ein  Versuch
zu  machen,  ÖOsterreich  zu  einem  gemeinsamen  Handeln  gegenüber
  dieser  Rüstung  zu  bestimmen,  und  es  dadurch  von  der
Nothwendigkeit  voller  und  schleuniger  Einigung  zu  überzeugen.
Die  Minister  sollten  das  erwägen.

Manteuffel,  sonst  sehr  zufrieden,  daß  der  König  keine
Neigung  zu  einem  französischen  Bunde  gegen  Osterreich  zeigte,
hielt  es  aber  doch,  wie  seine  Collegen,  für  sehr  bedenklich,
Schritte  in  Betreff  der  französischen  Rüstung  nach  des
Königs  Sinne  in  Wien  zu  thun.  Die  Gefahr  des  Bruchs
mit  Osterreich  war  durch  die  letzten  Beschlüsse  offenbar  näher
gerückt.  Wie  wenn  Schwarzenberg  dann  dem  französischen
Machthaber  so  feindselige  Anträge  Preußens  mitzutheilen  in
der  Lage  war?

Der  König  ließ  es  einstweilen  dabei  bewenden,  gab  aber
seinen  Gedanken,  wie  wir  sehen  werden,  keineswegs  auf.

Am  21.  November  wurden  darauf  die  Kammern  mit
der  Verlesung  der  Thronrede  eröffnet,  welche  wegen  ihrer
        <pb n="58" />
        48  Olmützer  Punctation.  1850

energischen  Haltung  weit  und  breit  in  ganz  Deutschland  als
kriegerische  Drohung  gedeutet  und  eben  deshalb  von  der
unverkennbaren  Mehrheit  der  Abgeordneten  mit  lebhaftem
Beifall  aufgenommen  wurde.  Dagegen  legte  am  folgenden
Tage  Prokesch  endlich  die  österreichische  Antwort  auf  die
preußischen  Garantieforderungen  betreffend  die  Etappenstraßen
vor.  Sie  war  auf  Grund  und  im  Sinne  des  Bundesbeschlusses
  vom  15.  in  Wien  am  20.  redigirt  worden,  erklärte
  in  bündigen  und  unzweideutigen  Worten,  daß  die
Bundestruppen  nur  zum  Schutze  der  Ordnung  und  der  landesherrlichen
  Autorität  in  das  Land  einrückten  und  gleich  nach
Erreichung  dieses  Zweckes  dasselbe  wieder  verlassen  würden;
die  vertragsmäßige  Benutzung  der  Etappenstraßen  zum  Durchmarsche
  preußischer  Truppen  werde  in  vollem  Umfange  gewährleistet,
  und  demnach  die  Hoffnung  ausgesprochen,  daß
Preußen  nicht  durch  fernere  Besetzung  und  Sperrung  dieser
Straßen,  wozu  die  Verträge  keinen  Rechtsgrund  gewährten,
das  heilsame  Werk  der  monarchischen  Herstellung  erschweren
würde.  Die  Depesche  war  in  versöhnlichem  Tone  geschrieben;
auch  konnte  Prokesch  vertraulich  hinzufügen,  wenn  Preußen
die  Straßen  den  Executionsschaaren  öffne,  werde  Osterreich
keine  Einwendung  dagegen  erheben,  daß  einige  preußische
Truppen  auf  der  Etappenlinie  stehen  blieben.  Um  so  dringender
  wurde  die  Erwartung  rascher  und  befriedigender  Antwort
ausgesprochen.  Ein  weiteres  Schreiben  Schwarzenberg's
schilderte  die  Noth  der  Truppen  und  das  Elend  der  Einwohner
im  Fuldaer  Bezirke;  es  sei  schlechthin  unmöglich,  diesen  Zustand
  fortdauern  zu  lassen;  wolle  der  König  eine  solche  Masse
von  Unglück  auf  seine  Verantwortung  nehmen?  wir  können
es  nicht  glauben.
        <pb n="59" />
        1850  Streitende  Ansichten  im  preußischen  Ministerium.  49

Preußen  empfing  also  die  schönsten  Zusicherungen  über
die  Sicherheit  seiner  eigenen  Provinzen.  Aber  der  eigentliche
Wunsch  des  Königs,  das  Fernhalten  der  Bundestruppen  aus
Cassel,  und  damit  die  Vereitelung  der  Bundesexecution,  war
definitiv  abgeschlagen.  Der  kritische  Moment  war  gekommen.
Auf  das  Bestimmteste  erklärte  Prokesch,  daß  eine  negative
Antwort  Preußens  den  Beginn  des  Kriegs  sofort  zur  Folge
haben  würde.  Nicht  minder  lebhaft  unterstützte  ihn  der
russische  Gesandte,  Baron  Budberg.  Er  redete  mit  Ladenberg,
  mit  Manteuffel  und  dem  Generaladjutanten  General
Gerlach.  Kaiser  Nikolaus  sei  bereits  durch  das  von  Preußen
unterstützte  Auftreten  Braunschweigs  in  hohem  Maaße  ergrimmt,
  sehe  die  eigene  Ehre  durch  jede  Erschwerung  der
Bundesexecutionen  gekränkt,  habe  bereits  die  Mobilmachung
des  Grenadiercorps  und  der  donischen  Kosaken  befohlen,  und
werde  in  einem  Kampfe  über  Kurhessen  für  sich  selbst  den
Kriegsfall  erblicken.  Hierin  war,  wie  man  bald  erfahren
sollte,  nichts  übertrieben.  Preußen  stand  vor  einer  verhängnißschweren
  Entschließung.

Am  23.  November  trug  Manteuffel  dem  Ministerrathe
die  österreichische  Depesche  vor,  und  bemerkte  darüber,  dieselbe
enthielte  zwar  nicht  Alles,  was  man  am  9.  gefordert,  jedoch
sei  im  Wesentlichen,  zumal  nach  Prokesch's  vertraulicher  Mittheilung,
  die  Sache  in  Ordnung.  Osterreichs  Zweck  sei  einzig
die  Durchführung  der  Execution,  welche  nicht  zu  hindern  wir
bereits  zugesagt  hätten.  Hielten  wir  die  Etappenstraßen  jetzt
noch  geschlossen,  so  sei  dies  ein  Schwanken,  worin  man  feindselige
  Hintergedanken  finden  würde;  ohne  Noth  und  gerechten
Anlaß  würden  wir  damit  den  Krieg  hervorrufen.  Stockhausen

  und  Simons  traten  nicht  bloß  bei,  sondern  beanv.
  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  4
        <pb n="60" />
        50  Olmützer  Punctation.  1850

tragten  den  völligen  Abzug  der  preußischen  Truppen  aus
Hessen,  da  Preußen  sich  ja  in  die  innern  hessischen  Wirren
nicht  einmischen  wolle.  Allein  keiner  der  übrigen  Minister
wollte  sich  zu  einem  solchen  Verfahren  bekennen;  die  Vota
griffen  verschiedene  Punkte  der  Manteuffel'schen  Ausführung
an;  Ladenberg  erklärte  sogar  die  ganze  sogenannte  Garantie
für  eine  Spiegelfechterei,  hinter  der  sich  die  Absicht,  Preußen
feindlich  zu  überrumpeln,  verstecke.  „Wir  haben,  sagte  er,  auf
das  eine  unserem  Einrücken  in  Kurhessen  zu  Grunde  liegende
Princip  verzichtet;  um  so  bestimmter  müssen  wir  auf  dem
andern,  der  Sicherung  der  Etappenstraßen,  bestehen.  Die
österreichischen  Erklärungen  sind  völlig  ungenügend  ausgefallen.
  Von  einer  Verminderung  der  übertriebenen  Stärke
des  Executionscorps  ist  keine  Rede,  und  auffallender  Weise
wird  die  Bestimmung  des  Generals  Legeditsch  nach  Holstein
vollständig  ignorirt.  Wahrlich,  wir  hatten  Grund  zu  einer
sehr  dringenden  Frage,  ob  neben  der  hessischen  Execution  die
dort  eingerückten  Truppen  der  Coalition  vielleicht  noch  eine
weitere  Bestimmung  hätten.  Ein  Abzug  unserer  Divisionen
unter  solchen  Umständen  wäre  eine  unheilbare  Niederlage.
Wir  sind  es  unsern  Kammern  schuldig,  eine  solche  Maaßregel
nicht  ohne  ihre  Zustimmung  zu  beschließen."“

So  gingen  die  Meinungen  auseinander.  Eine  Beschlußfassung
  war  dabei  unmöglich.  In  einem  demnächstigen
Ministerrath  sollte  dem  Könige  Vortrag  über  die  Lage  der
Dinge  gehalten  werden.

Nun  war  schon  in  einer  Ministerialsitzung  am  19.  der
Vorschlag  gemacht  worden,  durch  eine  persönliche  Zusammenkunft
  Manteuffel's  mit  Schwarzenberg  die  Schwierigkeiten  zu
ebnen.  Die  Minister  hatten  beschlossen,  den  Antrag  dem
        <pb n="61" />
        100  Osterreichisches  Ultimatum.  51

Könige  zu  unterbreiten,  Friedrich  Wilhelm  hatte  ihn  damals
ohne  Bescheidung  liegen  lassen.  Jetzt  aber,  wo  der  Kriegsfall
  offen  gestellt  war,  er  aber  weder  Krieg  führen  noch  nachgeben
  wollte,  griff'er  darauf  zurück,  und  am  24.  November
wurde  ein  Graf  Stolberg  nach  Wien  gesandt,  mit  dem  Auftrage,
  die  gepreßte  Lage  der  Regierung  gegenüber  der  öffentlichen
  Meinung  zu  schildern,  und  Schwarzenberg  aufzufordern,
die  beiden  Specialfragen,  Kurhessen  und  Holstein,  einstweilen
beruhen  zu  lassen  und  schleunig  zu  den  freien  Conferenzen
über  die  deutsche  Frage  zu  schreiten;  zugleich  sollte  er  dem
Fürsten  die  Einladung  Manteuffel's  zu  einer  Zusammenkunft
in  irgend  einem  ihm  passenden  Orte  überbringen,  und  über
die  Aufnahme  derselben  schleunig  berichten.

Ehe  jedoch  durch  diesen  Canal  eine  Antwort  anlangen
konnte,  hatte  auf  die  wachsenden  Klagen  des  Fürsten  Taxis
und  des  Bundestags  Schwarzenberg  beschlossen,  ein  Ende  zu
machen.  Taxis  erhielt  den  Befehl,  am  27.  November  seinen
Vormarsch  auf  Cassel  zu  beginnen  und  einen  etwaigen
Widerstand  Gröben's  mit  Waffengewalt  zu  brechen.  Zugleich
empfing  Manteuffel  am  25.  November  Vormittags  von
Prokesch  folgende  Note:

„Die  zur  Wiederherstellung  der  landesherrlichen  Antorität
in  Kurhessen  eingerückten  K.  österreichischen  und  K.  bayerischen
Truppen  können,  der  Schwierigkeit  der  Verpflegung  wegen,
nicht  länger  in  ihrer  dermaligen  Aufstellung  bleiben.  Der
Gefertigte  hat  daher  den  Auftrag,  von  der  K.  Regierung  sich
innerhalb  48  Stunden,  d.  i.  bis  nächsten  Mittwoch,  den
27.  Mittags,  entschiedene  Antwort  auf  die  folgenden  Fragen
zu  erbitten:

Können  nunmehr,  nachdem  österreichischer  Seits  die
1
        <pb n="62" />
        52  Olmützer  Punctation.  1850

von  Preußen  verlangten  Garantien  gegeben  sind,  die
oben  bezeichneten  Truppen  unbehindert  nach  Cassel
einrücken?
Sind  die  entsprechenden  Befehle  an  Generallieutenant
von  Gröben  abgegangen?
Der  ergebenst  Gefertigte  benutzt  u.  s.  w.
«  Prokesch.“

Manteuffel  beeilte  sich,  dies  Ultimatum  an  den  König
nach  Potsdam  zu  berichten,  und  erhielt  darauf  Mittags
ein  Uhr  folgende  Depesche:

Telegraphiren  Sie  nach  Wien  sogleich:  ich  sendete  Sie
zum  Fürsten  als  Überbringer  guter  Botschaft,  und  erwartete
einen  guten  Empfang  für  Sie.  Dann  die  Anfrage  über  den
Ort.  An  Prokesch  kann  dasselbe  gesagt  werden.

Der  Minister  begnügte  sich  für  den  Augenblick,  an  Bernstorff
  zu  telegraphiren,  daß  er  so  rasch  als  möglich  von  Stolberg
  Antwort  erwarte  und  in  jedem  Augenblick  zur  Abreise
bereit  sei,  veranlaßte  dann  aber  zu  näherer  Instruction  noch
einen  Ministerrath  unter  dem  Vorsitze  des  Königs  und  in
Gegenwart  des  Thronfolgers.

Nach  genauer  Erörterung  der  Bedenken,  welche  gegen
die  Eröffnung  der  Etappenstraße  für  die  Executionstruppen
noch  geltend  gemacht  wurden,  nahm  der  König  das  Wort  zu
folgender  Auseinandersetzung:

Um  die  Erfüllung  des  österreichischen  Begehrens  zu  vermeiden,
  sei  eine  persönliche  Besprechung  Manteuffel's  mit
Schwarzenberg,  sei  es  in  Oderberg,  Olmütz  oder  Wien,  erforderlich.
  Dabei  müsse  dem  Fürsten,  unter  Hinweis  auf
die  Stimmung  des  Landes  und  der  Armee,  die  Unmöglichkeit
weiteres  Nachgebens  vorgestellt,  und  der  Versuch  gemacht
        <pb n="63" />
        1850  Antrag  auf  Zusammenkunft  Manteuffel's  u.  Schwarzenberg's.  53

werden,  die  Unterhandlung  auf  eine  andere  Basis  zu  leiten.
Es  müsse  die  kurhessische  Frage  auf  die  freien  Conferenzen
verwiesen,  und  zur  Begründung  dieses  Verlangens  auf  die
von  Frankreich  her  drohenden  Gefahren  aufmerksam  gemacht
werden.  Es  sei  an  1815  zu  erinnern,  wo  der  vorbereitete
Kampf  durch  Napoleon's  Rückkehr  verhindert  worden  sei.
Möge  in  Kurhessen  der  Kurfürst  bald  mit  seinen  Truppen
nach  Cassel  zurückkehren,  und  dann  alle  fremden  Truppen
das  Land  verlassen.  Dann  sei  darauf  hinzuweisen,  daß  der
sogenannte  Bundestag  durch  den  Rücktritt  des  Luxemburger
Gesandten  jeden  Schein  der  beanspruchten  Vertretung  des
Bundes  eingebüßt  habe.

Der  Zweck  der  Execution  sei  am  besten  dadurch  zu  ererreichen,
  wenn  durch  preußische  Vermittlung  die  hessischen  Behörden
  und  Gemeinden  sich  bestimmen  ließen,  die  Autorität
des  Kurfürsten  wieder  anzuerkennen,  die  Steuern  zu  zahlen
und  die  Rückkehr  des  Kurfürsten  nach  Cassel  zu  erbitten.
Dann  würde  der  Zweck  der  Execution  auf  friedlichem  Wege
erreicht;  die  Executionstruppen  brauchten  nicht  über  unsere
Etappenstraße  vorzugehen,  und  Preußen  könnte  fordern,  in
seiner  friedenbringenden  Thätigkeit  nicht  behindert  zu  werden.
Es  sollten  also  preußische  Specialbevollmächtigte  nach  Kurhessen
  zum  Zweck  jener  Friedensvermittlung  abgehen.

Es  wurde  hierauf  weiter  festgestellt,  auf  welche  Gegenstände
  Manteuffel  bei  der  Zusammenkunft  seine  Anträge  zu
richten  hätte,  nämlich

1.  Osterreichs  Eingehen  auf  die  sechs  Warschauer  Punkte,

2.  sofortige  Einberufung  der  freien  Conferenzen,

3.  Überweisung  der  hessischen  und  der  holsteiner  Frage
an  diese  Conferenzen.
        <pb n="64" />
        54  Olmützer  Punctation.  18560

Gleich  nachher  wiederholte  Manteuffel  den  Auftrag  an
Bernstorff,  so  schnell  wie  möglich  Antwort  von  Schwarzenberg
zu  verschaffen.  Am  26.  Morgens  ertheilte  er  darauf,  gemäß
den  Intentionen  des  Königs,  Weisung  an  den  Regierungsrath
Niebuhr  für  eine  Sendung  an  den  Kurfürsten  in  Frankfurt,
und  Weisung  an  den  Geheimrath  Delbrück  zu  einer  Unter—
handlung  mit  den  Führern  der  ständischen  Opposition  in
Cassel.  Dann  aber  erhielt  er  durch  Prokesch  ein  Telegramm
Schwarzenberg's,  welches  Alles  wieder  in  Frage  stellte.  Der
Fürst  schrieb,  daß  er  zu  der  Zusammenkunft  bereit  sein  würde,
sobald  er  günstige  Nachricht  über  die  Eröffnung  der  Etappenstraße
  und  den  Abzug  der  Preußen  aus  Cassel  erhalten  hätte.
Manteuffel  antwortete  im  Laufe  des  Nachmittags,  daß  der
Zweck  der  Zusammenkunft  eben  ein  Versuch  der  Verständigung
über  sämmtliche  Differenzen  sei,  also  auch  über  die  hessische
Angelegenheit,  in  welcher  so  eben  neue  Thatsochen  eingetreten
seien,  wodurch  die  Aussicht  auf  friedliche  Ausgleichung  anscheinend
  näher  gerückt  würde.  Die  Antwort  auf  Prokesch's
Frage  sollte  von  dem  Resultat  der  Zusammenkunft  abhängig
sein.  Hienach  erneute  Bitte  um  Erklärung,  ob  Schwarzenberg
die  gestellte  Bedingung  für  die  Zusammenkunft  fallen  lassen
wolle.  Da  zugleich  eine  Meldung  Gröben's  einlief,  daß
Taxis  den  Durchmarsch  mit  sofortigem  Angriff  zu  erzwingen
drohe,  bat  das  Ministerium  den  König,  noch  an  demselben
Tage  eine  Conseilsitzung  zu  befehlen.  Nach  Vorlage  der  drei
Depeschen  erklärte  der  König  mit  großer  Ruhe,  daß  sich  dadurch
  an  seinen  Absichten  nichts  ändere.  Er  las  den  Ministern
cinen  eigenhändigen  Brief  an  den  Kaiser  Franz  Joseph  vor:
Preußen  habe  nach  den  von  ihm  eingeleiteten  Vermittlungsversuchen
  das  Recht,  zu  verlangen,  daß  es  darin  nicht  gestört
        <pb n="65" />
        1850  Vorbereitung  der  Zusammenkunft.  55

werde.  Der  Vormarsch  der  Executionstruppen  nördlich  von
der  Etappenstraße  sei  dadurch  unnöthig  geworden,  also  auch
für  Preußen  kein  Grund  vorhanden,  den  Durchmarsch  zu  gestatten:
  Am  Schlusse  wies  der  Brief  auf  die  von  Frankreich
drohenden  Gefahren  hin.  Ein  ähnliches  Schreiben  der  Königin
an  ihre  Schwester,  die  Erzherzogin  Sophie,  war  beigefügt.
Der  König  erklärte,  daß  Manteuffel  beide  Briefe  durch
Schwarzenberg  an  die  Adressaten  gelangen  lassen,  und  zu
diesem  Zwecke  die  Zusammenkunft  unter  allen  Umständen
durchsetzen  sollte.  Manteuffel  sprach  seine  Bereitwilligkeit  aus,
jeden  Befehl  des  Königs  zu  erfüllen,  bemerkte  aber,  daß  er
von  diesem  Schritte  keinen  Erfolg  erwarte,  sondern  durch
seine  Reise  im  Fall  einer  ablehnenden  Antwort  die  Würde
der  Regierung  zu  compromittiren  fürchte.  Der  König  theilte
jedoch  eine  solche  Besorgniß  nicht.  Schwarzenberg  könne  die
Zusammenkunft  gar  nicht  ablehnen,  wenn  Manteuffel  sich  als
Überbringer  der  beiden  Briefe  und  Specialbeauftragten  des
Königs  ankündige.  Es  komme  bei  dem  Schritte  nicht  auf
den  Erfolg,  sondern  auf  den  Schritt  selbst  an;  bleibe  er  erfolglos,
  so  werde  dadurch  die  ganze  Verantwortung  für  den
Krieg  von  Preußen  abgewälzt.  Damit  hob  der  König  die
Sitzung  auf.

Nicht  gerade  leichtes  Herzens  kehrte  Manteuffel  aus  derselben
  zurück  und  wartete,  ehe  er  nach  dem  Befehle  des  Königs
verfuhr,  in  gespannter  Ungeduld  auf  weitere  Nachricht  von
Bernstorff.  Endlich  erschien  eine  nach  acht  Uhr  aufgegebene
Depesche,  daß  Schwarzenberg  nach  einer  längern  Unterredung
die  Zusammenkunft  schließlich  nicht  abgelehnt,  aber  sich  vorbehalten
  habe,  die  Entscheidung  des  Kaisers  einzuholen;  Bernstorff
  hoffte,  noch  heute  Abend  Antwort  zu  erhalten.  Es
        <pb n="66" />
        56  Olmützer  Punctation.  1850

war  bereits  zehn  Uhr  geworden;  nach  Ablauf  einer  Stunde
glaubte  Manteuffel  nicht  länger  zögern  zu  dürfen,  und  telegraphirte
  an  Bernstorff,  daß  er  in  speciellem  Auftrag  des
Königs  und  mit  eigenhändigen  Briefen  der  Majestäten  morgen
früh  zur  Zusammenkunft  abreise,  Olmütz  vorschlage,  Antwort
auf  morgen  nach  Breslau  erbitte.  Indessen  wieder  eine
Stunde  später,  und  es  erschien  Bernstorff's  ersehntes  weiteres
Telegramm:  auf  den  Befehl  des  Kaisers  reist  Schwarzenberg
am  28.  nach  Olmütz;  wenn  Sie  morgen  Abend  Berlin  verlassen,
  kommen  Sie  gleichzeitig  mit  ihm  an.

Nach  den  spätern  Berichten  Bernstorff's  war  Schwarzenberg
  höchst  widerwillig  an  die  Conferenz  herangegangen,  es
hatte  dem  Gesandten  große  Mühe  gekostet,  ihn  zur  Einholung
der  kaiserlichen  Willensmeinung  statt  sofortiger  Ablehnung  zu
bestimmen.  Jetzt  fügte  er  sich  und  sandte  am  27.  nach
Frankfurt  die  Aufforderung  an  den  Bundestag,  den  Vormarsch
der  Bayern  bis  auf  Weiteres  zu  verschieben.  In  denselben
Stunden  gingen  Delbrück  und  Niebuhr  zu  ihren  Bestimmungen
ab,  und  gegen  Mittag  übersandte  Manteuffel  an  Prokesch  ein
kurzes  Schreiben:  da  er  im  Begriffe  stehe,  abzureisen,  um  sich
direct  Allerhöchster  Aufträge  bei  dem  Kaiser  und  Schwarzenberg
  zu  entledigen,  scheine  diese  Sendung  den  Aufschub  der
Antwort  auf  die  Note  vom  25.  bis  zu  seiner  Rückkehr  von
selbst  zu  bedingen,  und  halte  er  sich  des  Einverständnisses
des  Gesandten  mit  diesem  Aufschub  im  Voraus  versichert.
So  fuhr  er  am  Abend  ab,  einer  Katastrophe  der  preußischen
Politik  entgegen,  welche  ihm  als  Errettung  aus  dreifacher
Todesgefahr,  dem  Könige,  wenn  nicht  als  ganzer,  so  doch  als
halber  Triumph,  der  übrigen  Welt  als  entsetzliche  Niederlage
erschien.
        <pb n="67" />
        1850  Verhandlung  in  Olmütz.  57

Am  Abend  des  28.  November  trafen  die  beiden  Minister
zu  Olmütz  im  Gasthofe  „zur  Krone“  ein,  und  begannen  um
sechs  Uhr  ihre  Verhandlung,  welche  dann  am  29.  fortgesetzt
und  zum  Abschluß  geführt  wurde.  Über  den  Gang  derselben
ist  bisher  kein  näherer  Bericht  bekannt  geworden,  jedoch  wird
man  nach  allem  Vorausgegangenen  und  Nachfolgenden  über
das  Wesentliche  kaum  im  Zweifel  sein  können.

Manteuffel  war  seit  lange  erklärter  Gegner  des  ganzen
preußischen  Unionswesens,  empfand  als  regelrechter  Staatsbeamter
  einen  gründlichen  Abscheu  gegen  die  meuterischen
Stände,  Behörden  und  Officiere  in  Kurhessen,  war  sehr  bereit,
Holstein  dem  Dänenkönig  zu  unterwerfen  und  die  Thronfolge
nach  dessen  Wünschen  regeln  zu  helfen.  Er  konnte  Schwarzenberg
  fragen:  worüber  streiten  wir  eigentlich?  haben  wir  nicht
überall  dieselben  Interessen  und  dieselben  Ziele  im  Auge?
Steht  denn  unserer  Einigung  irgend  etwas  Anderes  im  Wege,
als  euer  grundloser  Eigensinn,  mit  dem  ihr  in  einer  für  den
König  insultirenden  Weise  den  alten  Bundestag  wieder  berufen,
  und  ihm  jetzt  in  zwei  Ländern  innerhalb  unserer  Machtsphäre
  die  alleinige  Herstellung  der  Ordnung  aufgetragen
habt?  Ist  nicht  unser  Verständniß  vollkommen,  sobald  ihr
euch  herbeilaßt,  diese  Fragen  gemeinsam  mit  uns  zu  ordnen,
mit  uns,  die  wir  hier  dasselbe  erstreben  wie  ihr?  Und  ist  es
nicht  besser,  wenn  durch  unsere  Vermittlung  auf  friedlichem
Wege  die  Unterwerfung  Kurhessens  erzielt  wird,  als  daß  eure
bayerischen  Regimenter  durch  ihre  Dragonaden  immer  weiter
die  Entrüstung  der  ganzen  Welt  erregen?

Es  gab  auf  österreichischer  Seite  Gründe  genug  für  den
Eintritt  auf  diese  Gesichtspunkte,  nach  welchen  in  der  Sache
Osterreich  Alles  erhielt,  was  es  begehrt  hatte,  und  seinerseits
        <pb n="68" />
        58  Olmützer  Punctation.  1850

nur  einige  formale  Einräumungen  auf  Kosten  des  Bundestags
  machen  sollte,  welchen  ohnedies  Fürst  Schwarzenberg
möglichst  bald  einer  gründlichen  Reform  zu  unterziehen  gedachte.
  Dennoch  aber  scheint  es,  daß  der  Fürst,  wie  er
widerwillig  und  erst  auf  kaiserlichen  Befchl  nach  Olmütz  gekommen
  war,  so  auch  dort  mit  gleichem  Widerwillen  an  die
Verhandlung  heranging,  und  bei  jedem  Streitpunkte  die  unbedingte
  Unterwerfung  forderte.  So  berichteten  in  den  nächsten
Tagen  der  preußische  und  der  französische  Gesandte  aus  Wien
an  ihre  Regierungen,  Schwarzenberg  habe  Manteuffel's  Angebote
  für  ungenügend  erklärt,  und  sich  erst  am  29.  wieder
auf  kaiserlichen  Befehl  zum  Abschluß  herbeigelassen.  Es  war
hienach  Franz  Joseph's  persönliches  Verdienst,  ein  Blutvergießen
  von  unabsehbarem  Umfang  verhütet  zu  haben.

Was  nun  die  einzelnen  Punkte  der  Unterhandlung  betraf,
so  hatte  die  Ubertragung  der  Bundesreform  an  die  von
Preußen  begehrten  freien  Conferenzen  aller  deutschen  Regierungen
  der  Fürst  schon  in  Warschau  bewilligt,  und  zwar  aus
gutem  Grunde,  da  sie  für  einen  Reformfreund  —  und  der
Fürst  trug  sich  ja  mit  großen  Reformplänen  —  bessere  Aussichten
  boten  als  die  steifen  Geschäftsformen  des  Bundestags.
Stellte  nun  Prcußen  in  der  holsteiner  Sache  die  Unterstützung
der  österreichischen  Politik  in  Aussicht,  so  konnte  Osterreich
in  der  That  ohne  Verläugnung  seines  Princips  dem  Könige
die  Freude  machen,  zur  Leitung  der  Angelegenheit  anstatt
cines  Bundescommissars  eine  österreichisch-preußische  Commission
  zu  berufen.  Denn  der  Bundestag  hatte  bisher  gegen
Holstein  nur  eine  Abmahnung  erlassen,  war  aber  selbsthandelnd
noch  nicht  aufgetreten;  ein  Rückschritt  in  einer  begonnenen
Action  wurde  ihm  an  dieser  Stelle  durch  die  Erfüllung  des
        <pb n="69" />
        1850  Beschlüsse.  59

preußischen  Wunsches  nicht  zugemuthet.  Anders  freilich  stand
die  Frage  in  Kurhessen.  Wenn  hier  Manteuffel,  allerdings
nur  auf  königlichen  Befehl  und  gegen  die  eigene  Überzeugung,
die  Unmöglichkeit  weiteres  Nachgebens  wegen  der  Aufregung
des  preußischen  Heers  und  Volkes  behauptete,  so  mußte
Schwarzenberg  ihm,  namentlich  für  Bayerns  militärische  Ehrc,
die  gleiche  Unmöglichkeit  entgegensetzen,  die  in  vollem  Zuge
begriffene  Bundesexecution  auf  halbem  Wege  nach  Preußens
Gebot  still  zu  stellen  und  verduften  zu  lassen.  Wie  war
dieser  Gegensatz  auszugleichen?  Die  den  beiden  Staatsmännern
  gemeinsame  Reactionspolitik  wies  dazu  den  Weg.
Die  Bundesexecution  hatte  die  Aufgabe,  den  Widerstand  gegen
Hassenpflug's  September-Ordonnanzen  zu  brechen;  nach  deren
Lösung  hatte  sie  das  Land  zu  räumen.  Aber  beiden  Ministern
schien  es  deutlich,  daß  der  Bund  sich  damit  nicht  begnügen
dürfe,  daß  er  vielmehr  durch  eine  Umarbeitung  der  hessischen
Verfassung  die  Quelle  solcher  Wirren  für  immer  schließen
müsse.  Diese  für  die  Zukunft  wichtigste  Arbeit  erklärte  sich
Schwarzenberg  bereit,  den  freien  Conferenzen,  und  in  deren
Auftrag  einer  österreichisch-preußischen  Commission  nach
Preußens  Wunsch  zu  übertragen.  Dagegen  bewilligte  Manteuffel,
seinem  Votum  vom  23.  entsprechend,  den  Bundestruppen  den
Durchmarsch  durch  die  preußische  Stellung  auf  der  Etappenstraße
  und  die  vollständige  Ausführung  ihres  Auftrags;  er
fand  es  ganz  erfreulich,  daß  jene  die  Gehässigkeit  der  Exccution
für  sich  allein  ohne  Preußen  übernähmen,  wobei  er  frreilich
vergaß,  daß  die  Zulassung  derselben  nach  so  langem  Widerspruch
  mit  gleicher  Bitterkeit  gegen  Preußen  empfunden  werden
würde.  Was  die  preußischen  Truppen  betraf,  so  hatte
Schwarzenberg  schon  früher,  wie  wir  sahen,  die  Mittheilung
        <pb n="70" />
        60  Olmützer  Punctation.  1850

gemacht,  daß  er  gegen  das  Verbleiben  einer  mäßigen  Abtheilung
auf  der  Etappenstraße  keine  Einwendung  erheben  würde,  und
so  sollte  auch  jetzt  der  Punkt  mit  Stillschweigen  übergangen  und
damit  der  Schein  eines  Zurückweichens  der  preußischen  vor
den  bayerischen  Regimentern  vermieden  werden.  Eine  specielle
Schwierigkeit  machte  auch  die  Frage  der  Besetzung  der  Hauptstadt
  Cassel.  Dort  hatte  bisher  Osterreich  keine  preußischen,
Preußen  keine  bayerischen  Truppen  dulden  wollen:  man  verständigte
  sich  jetzt  auf  die  Bildung  der  künftigen  Besatzung
durch  ein  preußisches  und  durch  ein  Bataillon  der  vom  Kurfürsten
  requirirten  Truppen,  wobei  stillschweigend  vorausgesetzt
  war,  daß  das  letztere  ein  österreichisches  sein  würde.
Dagegen  bestand  Schwarzenberg  des  Princips  wegen  darauf,
daß  zu  dieser  Einrichtung  die  Zustimmung  des  Kurfürsten  erforderlich
  sei,  welche  dann  durch  beide  Regierungen  gemeinsam
beantragt  werden  würde.  Schwarzenberg  fügte  vertraulich
die  Zusage  hinzu,  daß  die  Executionstruppen  nur  langsam
vorrücken  und  nicht  vor  der  Zustimmung  des  Kurfürsten  bei
Cassel  anlangen  sollten.

Zuletzt  hatte  Manteuffel  noch  die  sechs  Warschauer
Punkte  als  Grundlage  der  in  den  freien  Conferenzen  vorzunehmenden
  Reform  der  Bundesverfassung  zur  Sprache  zu
bringen.  Hier  aber  blieb  Schwarzenberg  fest  auf  dem  in
Warschau  eingenommenen  Standpunkte.  Er  acceptirte  nach
wie  vor  den  Eintritt  Gesammtösterreichs  in  den  Bund,  den
Bundesrath  mit  den  17  Stimmen  und  der  Competenz  des
alten  Bundestags,  den  Wegfall  der  Volksvertretung  beim
Bunde  und  das  Unirungsrecht  nach  seiner,  von  Manteuffel
nicht  widersprochenen  Auffassung  des  Artikels  11  der  Bundesacte.
  Dagegen  wies  er  die  Theilung  des  Bundespräsidiums
        <pb n="71" />
        1850  Schließliches  Einverständniß.  61

mit  Preußen  unerbittlich  zurück,  und  wollte  zwar  die  Bildung
einer  starken  Executivgewalt  des  Bundes  genehmigen,  sich  aber
nicht  verpflichten,  dieselbe  allein  an  Osterreich  und  Preußen
übertragen  zu  lassen.  Dies  aber  war,  wie  wir  wissen,  für
Preußen  gerade  der  kritische  Punkt;  und  so  kam  man  an
dieser  Stelle  zu  keinem  Einverständniß.  Hinsichtlich  des  Inhalts
  der  Bundesreform  traten  die  beiden  Mächte  völlig  frei
in  die  Conferenzen  ein.  Ein  wenig  erhebliches  Zugeständniß
machte  hier  endlich  noch  Schwarzenberg,  indem  er  als  Ort
der  Conferenzen  anstatt  Wien  das  von  Preußen  vorgeschlagene
Dresden  genehmigte.

So  wurde  von  den  beiden  Ministern  am  29.  November
1850  die  Olmützer  Punctation  unterzeichnet  7).

Manteuffel  erklärte  zugleich  Preußens  Zustimmung  zu
folgendem  von  Schwarzenberg  vorgelegtem  Artikel:

Se.  M.  der  König  von  Preußen  werden  ersucht,  einen
nahen  Tag  für  die  Veröffentlichung  des  Beschlusses  zu  bestimmen,
  durch  welchen  die  am  6.  November  verfügte  Mobilmachung
  rückgängig  gemacht  wird.  Nach  hierauf  erfolgter
Mittheilung  wird  Se.  M.  der  Kaiser  von  Osterreich  (in  zuversichtlicher
  Erwartung  des  Einverständnisses  der  übrigen
in  der  Bundesversammlung  vertretenen  Regierungen)  an  demselben
  Tage  die  Einstellung  sämmtlicher  Kriegsrüstungen  bekannt
  geben,  und  zugleich  folgende  Maaßregel  anordnen:  die
Beurlaubung  der  Landwehrbataillone,  die  Beurlaubung  aller
vierten  Bataillone,  die  Einstellung  der  befohlenen  Recruten-Aushebung,
  den  schleunigst  einzuleitenden  Rückmarsch  der
bereits  an  den  Grenzen  aufgestellten  Truppen.

1)  Wunderbarer  Weise  findet  sich  ein  Original  der  Punctation  in
den  preußischen  Staatsacten  nicht  vor.
        <pb n="72" />
        62  Olmützer  Punctation.  1850

Schwarzenberg  bemerkte  dazu,  der  wesentliche  Punkt  in
dieser  Frage  sei,  daß  die  Abrüstung  vor  dem  Beginne  der
Conferenzen  erfolge;  Osterreich  könne  die  Einladung  zu  den
letztern  erst  dann  erlassen,  wenn  die  Zurückführung  der  Armeen
auf  den  Friedensfuß  in  der  angegebenen  Weise  befohlen  sei.

Überblicken  wir  das  schließliche  Ergebniß,  so  hatte  Manteuffel
  von  seinen  drei  Aufträgen  den  ersten,  die  Annahme
der  sechs  Warschauer  Punkte,  überhaupt  nicht  durchsetzen
können.  Eine  von  Geheimrath  Abeken  redigirte  Denkschrift
über  die  Olmützer  Unterhandlung  sagte  hierüber  beinahe  naiv:
die  Parität  mit  Osterreich  war  erstens  nicht  zu  erlangen,  und
zweitens  hätte  ihre  Verweigerung  auch  keinen  geeigneten
Kriegsfall  abgegeben.  In  dem  zweiten  Auftrag,  rasche  Eröffnung
  der  freien  Conferenzen,  hatte  Schwarzenberg  zugestimmt,
und  auch  den  Ort  derselben  nach  Preußens  Wunsch  bewilligt,
dann  aber  wieder  die  Berufung  der  Conferenz  von  der  vorausgegangenen
  Abrüstung  abhängig  gemacht.  Für  den  dritten
Auftrag,  die  Überweisung  der  kurhessischen  und  holsteiner
Sache  an  die  Conferenz,  war  die  Erfüllung  für  Holstein  vollständig,
  für  Kurhessen  nur  zur  Hälfte  erreicht,  die  Execution
war  dem  Bundestage,  die  Verfassungsfrage  der  österreichischpreußischen
  Commission  überlassen;  Schwarzenberg  bewilligte
die  Anwesenheit  preußischer  Truppen  auf  der  Etappenstraße,
wobei  die  Denkschrift  erörterte,  wenn  wir  unsere  Truppen
jetzt  aus  Kurhessen  zurückzögen,  so  geschehe  dies  lediglich  nach
unserem  freien  Entschluß.  Der  König  ging  über  die  Bestimmung
  der  Casseler  Garnison  und  die  einzuholende  Genehmigung
des  Kurfürsten  als  eine  bedeutungslose  Courtoisie  leicht  hinweg;
  den  Durchmarsch  der  Bayern  durch  die  Etappenstraße
bewilligte  er,  wenn  auch  bekümmertes  Sinncs,  ließ  aber  des-
        <pb n="73" />
        1850  Frage  der  beiderseitigen  Abrüstung.  63

halb  seine  Bestrebungen,  der  Execution  durch  eine  friedliche
Vermittlung  zwischen  dem  Kurfürsten  und  dessen  Unterthanen
zuvorzukommen,  nicht  fallen.  Es  machte  dies  seiner  humanen
Gesinnung  hohe  Ehre,  setzte  aber,  da  es  mit  dem  Olmützr
Vertrage  nicht  im  Einklange  stand,  ihn  und  seine  Commissare
einer  unangenehmen  Compromittirung  aus,  wenn  Österreich
und  der  Bundestag  ohne  Rücksicht  auf  seine  Bemühungen
genau  auf  der  in  Olmütz  eingeräumten  Durchführung  der
Execution  bestanden.

So  hatte  Manteuffel  um  des  lieben  Friedens  willen
wesentliche  Theile  seiner  Instruction  geopfert.  Ohne  alle
Frage  war  er  in  entschiedene  Abhängigkeit  von  der  überlegenen
Persönlichkeit  Schwarzenberg's  gerathen.  Das  stärkste  Stück
seiner  Nachgiebigkeit  aber,  auch  nach  den  Anforderungen  seines
eigenen  politischen  Standpunkts,  war  seine  Zustimmung  zu
Schwarzenberg's  Artikel  über  die  beiderseitige  Abrüstung.
Denn  wenn  man  auch  einig  war,  die  hessische  Verfassung,  die
holsteiner  Pacification,  die  deutsche  Bundesreform  durch  die
von  Preußen  gewünschten  Behörden  regeln  zu  lassen,  so  war
doch  über  das  Ergebniß  dieser  Verhandlungen  noch  nicht  die
geringste  Übereinkunft  getroffen;  bei  der  Schwierigkeit  und
Weitschichtigkeit  aller  dieser  Fragen  konnten  die  größten  Differenzen
  hervortreten,  und  offenbar  ein  bewaffnetes  Preußen
mit  ganz  anderem  Nachdruck  seine  Begehren  geltend  machen
als  ein  ungerüstetes.  Und  Schwarzenberg  hatte  sich  in  dieser
Hinsicht  vorgesehen.  Während  der  Artikel  Preußen  zu  vollständiger
  Abrüstung  verpflichtete,  stellte  er  es  Osterreich  frei,
drei  Bataillone  jedes  Infanterie-Regiments,  die  gesammte
Cavallerie  und  Artillerie,  die  40000  Mann  der  Exccutionstruppen
  für  Hessen  und  Holstein,  und,  wenn  die  Mittelstaaten
        <pb n="74" />
        64  Olmützer  Punctation.  1850

es  wollten,  deren  sämmtliche  Streitkräfte  auf  der  vollen
Kriegsstärke  zu  belassen.  Die  Annahme  eines  solchen  Artikels
zwingt  zu  dem  Schlusse,  daß  Manteuffel  mit  der  Ratification
des  Vertrags  seinen  einheimischen  Gegnern  jeden  Widerspruch
gegen  seine  und  Schwarzenberg's  Politik  unmöglich  machen
wollte.  Als  am  2.  December  im  Ministerium  die  Ratification
des  ganzen  Vertrags  berathen  wurde,  erhob  denn  auch  der
Prinz  von  Preußen  die  lebhaftesten  Bedenken  gegen  die  Abrüstung
  vor  dem  Schlusse  der  Dresdener  Conferenzen,  und
Ladenberg  beantragte  überhaupt  die  Ablehnung  der  Punctation.
Der  König  erachtete  es  als  einen  großen  Sieg,  daß  Österreich
  außer  den  Conferenzen  jetzt  auch  die  gemeinschaftlichen
Commissionen  für  Hessen  und  Holstein  nachgegeben  habe,  und
beruhigte  sich  über  die  Abrüstung  mit  dem  Gedanken,  daß
Preußen  jederzeit  wieder  eine  Mobilmachung  vornehmen  könne,
Osterreich  aber  bei  dem  übeln  Stande  seiner  Finanzen  zu
einer  solchen  nicht  im  Stande  sei.  Ganz  richtig:  hätte  nur
nicht  Österreich  sich  lediglich  zu  dem  Scheine  einer  Entwaffnung
  verpflichtet.  Nach  dem  Vollzuge  der  königlichen  Ratification
  schied  Ladenberg  aus  dem  Ministerium  aus.  Gleich
damals  erklärte  der  Abgeordnete  von  Bismarck-Schönhausen
in  der  zweiten  Kammer  den  Aufschub  der  Abrüstung  bis  zum
Schluß  der  Conferenzen  für  äußerst  wünschenswerth,  und
noch  vierzehn  Jahre  später  bezeichnete  General  von  Manteuffel
die  Übereilung  dieser  Maaßregel  als  die  Hauptursache  des
übeln  Ausgangs  der  weitern  Unterhandlungen.

In  Wien  wurde  die  Friedensbotschaft  mit  einstimmiger
Freude  aufgenommen.  Dem  dortigen  Publicum  war  Bundestag,
  Hessen  und  Holstein  so  gleichgültig  wie  möglich,  ein
preußischer  Krieg  aber  höchst  bedenklich  gewesen.  Jetzt  stiegen
        <pb n="75" />
        1850  Ratification  des  Vertrags.  65

die  Papiere,  das  Agio  sank,  die  Aussicht  auf  ungestörtes
Wohlleben  erquickte  die  Herzen.  Der  alte  Radetzky,  der  in
schwerem  Unmuth  das  Commando  übernommen,  dankte  mit
warmen  Worten  dem  Kaiser  für  die  Vermeidung  des  Kampfes
gegen  die  guten  Kriegskameraden  von  1813.  Nicht  anders
waren  die  Gefühle  der  Generale  Heß,  Welden,  Clam,  Schönhals;
  dem  preußischen  Gesandten  sprachen  sie  rückhaltlos,
unter  heftigem  Tadel  von  Schwarzenberg's  Politik,  ihre
Freude  über  die  glückliche  Beseitigung  der  Kriegsgefahr  aus.
Mit  wahrem  Grimme  erfüllte  dagegen  die  Olmützer  Abkunft
die  Diplomaten  des  Bundestags  und  die  süddeutschen  Regierungen.
  Freilich  war  es  für  jetzt  mit  den  preußischen
Träumen  von  1849  vorbei,  und  die  saubere  hessische  Execution
  ging  ihren  Gang:  aber  im  Ubrigen  war  doch  der
Bundestag  ohne  alle  Höflichkeit  auf  die  Seite  geschoben,
Preußen  in  ungeschädigter  Stärke  mit  Osterreich  vereint,  und
die  Mittelstaaten  wieder  in  die  zweite  Linie  zurückgestellt.
So  bestimmt  auch  Schwarzenberg  sie  auf  eine  schöne  Zukunft
verwies,  so  hart  blieb  doch  für  den  Augenblick  die  Enttäuschung
  nach  all  den  lockenden  Bildern  einer  gründlichen
Zertrümmerung  der  hohenzollern'schen  Macht.

Nun  aber  in  Preußen!  Wie  viele  Menschen  hatten  hier
eine  Ahnung  von  den  Form=  und  Competenzfragen,  deren
glückliche  Erledigung  den  Sinn  des  Königs  mit  Siegesbewußtsein
  erfüllte.  Für  sie  hatte  die  Frage  sehr  einfach  so
gestanden:  soll  der  Bundestag  die  deutsche  Nation,  soll  Hassenpflug
  sein  kurhessisches  Volk,  soll  der  Dänenkönig  das  deutsche
Schleswig-Holstein  mit  Füßen  treten  dürfen?  Sie  hatten
gejubelt,  als  ihr  König  —  sie  wußten  so  wenig  wie  das  übrige

Europa,  aus  welchen  Gründen  —  sich  dem  Allem  widersetzte
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  5
        <pb n="76" />
        66  Olmützer  Punctation.  1850

und  waren  für  Preußens  Ehre  und  Deutschlands  Heil  in
flammender  Begeisterung  zu  den  Fahnen  geeilt.  Jetzt  kam
plötzlich  die  Wendung;  der  Degen  entsank  der  zuckenden  Faust,
und  manchem  wackern  Kriegsmann  rollten  bittere  Thränen  in
den  Bart.  Vor  den  so  oft  besiegten  Osterreichern,  vor  einer
kaum  wieder  disciplinirten  bayerischen  Schaar  war  Preußen
gewichen,  und  als  hohe  Genugthuung  wurde  die  Erlaubniß
gepriesen,  daß  Preußen  an  der  Herstellung  Hassenpflug's
und  der  dänischen  Unterdrückung  Theil  nehmen  dürfe.  Aus
tausend  Stimmen  erscholl  der  zornige  Schmerzensruf,  zum
zweiten  Male  sei  das  Werk  Friedrich  des  Großen  vernichtet
worden.

Heute,  ein  Menschenalter  später,  verstattet  die  glorreiche
Wiedererhebung  unseres  Staats  ein  ruhigeres  Erwägen.
Auch  heute  wird  niemand  bestreiten,  daß  der  Olmützer  Vertrag
  eine  Niederlage  Preußens  war.  Aber  man  wird  die
Ursachen  derselben  in  anderem  Lichte  sehen  als  damals.

Zunächst  war  die  Lage  Preußens  unendlich  schwieriger
als  bei  einer  ähnlichen  Verwicklung  sechzehn  Jahre  später.
Jetzt  hatte  es  in  der  kurhessischen  sowie  in  der  Unionsfrage
Osterreich,  die  vier  deutschen  Königreiche  und  Rußland  gegen
sich,  und  vollends  in  der  schleswig-holsteinischen  standen  ihm
sämmtliche  Großmächte  Europas  feindlich  gegenüber.  Zu
rechter  Zeit  und  in  rechter  Weise  einer  solcher  Übermacht
Einräumungen  zu  machen,  hätte  keiner  Regierung  zur  Unehre
gereicht.  Dazu  kam,  daß  für  Friedrich  Wilhelm  seit  dem
Austritt  der  Könige  die  Union  den  Charakter  einer  Reichsverfassung
  eingebüßt  hatte  und  in  ihrer  Zerbröcklung  ihm
gleichgültig  und  lästig  geworden  war,  während  die  Auflehnung
der  Schleswig-Holsteiner  und  der  Kurhessen  gegen  ihre  Landes-
        <pb n="77" />
        1850  Würdigung  des  Vertrags.  67

herren,  mochte  es  um  die  sonstigen  Rechtsfragen  stehen  wie
es  wollte,  ihm  unter  allen  Umständen  unerlaubt  erschien.
Demnach  hätte  eine  consequente  Politik  es  erfordert,  gleich
nach  der  Ablehnung  der  Beschlüsse  des  Erfurter  Reichstags
die  Auflösung  der  Union  zu  proclamiren,  und  ebenso  gleich
nach  dem  dänischen  Frieden  vom  2.  Juli  mit  den  Großmächten
  über  die  künftige  Verfassung  der  Elbherzogthümer
unter  dänischer  Hoheit  in  Verhandlung  zu  treten.  Dann
wäre  allerdings  der  Bruch  mit  allen  Überlieferungen  von
1848  und  Preußens  Übertritt  in  „das  reactionäre  Lagererklärt
  worden:  aber  da  dies  Alles  aus  eigenem  freien  Entschlusse
  geschehen,  wäre  die  Ehre  des  preußischen  Staats
gegenüber  dem  Auslande  intact  geblieben.  Statt  dessen  aber
haben  wir  wahrgenommen,  wie  bei  dem  Zwiespalt  im  Ministerium
  und  bei  dem  Zorne  über  die  insultirende  Wiederberufung
  des  Bundestags  der  König  in  den  alten,  täglich
unhaltbarer  werdenden  Positionen  beharrte,  fort  und  fort  den
Widerstand  Preußens  gegen  die  gegnerischen  Zumuthungen
verkündigte,  und  endlich,  was  zu  thun  im  Grunde  seit  Monaten
  sein  Wunsch  gewesen,  jetzt  auf  die  Kriegsdrohung
Osterreichs  und  Rußlands  that.  Da  war  denn  freilich  auf
Preußens  Ehrenschild  ein  dunkler  Schatten  gefallen.  Die
Achtung  seiner  Freunde  sank,  der  Übermuth  der  Gegner  in
Wien  und  in  Kopenhagen  hielt  seitdem  Alles  für  möglich.
Niemals  hat  der  Prinz  von  Preußen  den  Eindruck  dieser
Tage  vergessen.

Man  hat  oft  die  Frage  verhandelt,  ob  Stockhausen
Recht  gehabt  in  der  Behauptung,  daß  Preußen  dem  Kampfe
gegen  seine  zahlreichen  Gegner  nicht  gewachsen  gewesen  wäre.

Bei  der  Begeisterung  der  preußischen  Truppen  und  der
5%
        <pb n="78" />
        68  Olmützer  Punctation.  1850

meuterischen  Gesinnung  der  Honveds,  welche  einen  großen  Theil
des  österreichischen  Heeres  bildeten,  ließe  sich  denken,  Preußen
hätte  im  ersten  Ansturm  den  Gegner  geworfen.  Aber  auch
dies  einmal  angenommen,  bleibt  immer  die  Frage  bestehen:
ob  dann  der  Sieg  so  zermalmend  ausgefallen,  und  die  militärische
  und  diplomatische  Führung  so  energisch  und  ausgiebig
aufgetreten  wäre,  um  nach  wenigen  Wochen  den  Frieden  zu
dictiren.  König  Friedrich  Wilhelm  war  erfüllt  von  Geist
und  Selbstgefühl,  aber  auch  seine  wärmsten  Verehrer  haben
ihn  niemals  für  einen  Realpolitiker  oder  eine  soldatische  Natur
gehalten.  Sehr  bald  nach  Olmütz  sagte  er  zu  dem  englischen
Gesandten  Grafen  Westmoreland,  Osterreich  habe  dort  viel
mehr  bewilligt,  als  man  habe  fordern  können,  das  größte
Glück  bei  der  Übereinkunft  sei,  daß  dadurch  ein  Sieg
Preußens  über  Osterreich  verhindert  worden,  welcher  bei  der
innern  Zerrissenheit  Osterreichs  unvermeidlich  gewesen.  Die
Außerung  stimmt  zu  Manteuffel's  geflügeltem  Worte,  ein
Krieg  zwischen  Preußen  und  Osterreich  gleiche  einem  (alt-japanesischen
  Duell,  bei  dem  jeder  der  Kämpfer  sich  selbst  den
Bauch  aufschnitt.  Bei  solchen  Stimmungen  der  Lenker  wäre
die  volle  Ausbeutung  eines  Sieges  und  die  rasche  Überwältigung
  des  Gegners  schwerlich  zu  erwarten  gewesen.  Hielt  aber
Osterreich  Stand  bis  zum  Frühling,  so  traten  200000  Russen
in  den  Streit  ein,  die  Mittelstaaten  vollendeten  ihre  Rüstung,
und  die  Lage  wurde  gefährlich  für  Preußen  wie  1757  nach
Kollin.  England  bot  dieses  Mal  nichts  als  schöne  Phrasen,
und  eine  Annäherung  an  Frankreich  war  durch  die  Gesinnung
des  Königs  ausgeschlossen,  während  Schwarzenberg  wahrhaftig
nicht  davor  zurückgeschreckt  wäre,  durch  Übersendung  jener
königlichen  Briefe  und  durch  Angebot  einer  rheinischen  Ufer-
        <pb n="79" />
        1850  Wahrscheinlicher  Ausgang  eines  Kriegs.  69

strecke  Louis  Napoleon's  Gunst  zu  gewinnen.  Vom  militärischen
  Standpunkte  wird  man  den  Schluß  kaum  vermeiden
können:  es  war  gut,  daß  sich  ein  Manteuffel  fand,  um  einen
Frieden  wie  den  Olmützer  auf  sich  zu  nehmen.

Einstweilen  schickten  die  beiden  deutschen  Mächte  sich  an,
im  jungen  Einverständniß  die  deutsche,  hessische  und  holsteiner
Sache  wirksam  zu  ordnen.  Die  Hoffnungen  des  Fürsten
Schwarzenberg  gingen  damals  hoch.  Nachdem  er  die  preußischen
  Verfassungsentwürfe  und  den  engern  Bund  siegreich
zertrümmert  hatte,  zweifelte  er  nicht  mehr  daran,  Großdeutschland
  unter  der  Leitung  Gesammtösterreichs  nach  seinen
Entwürfen  einrichten  zu  können.
        <pb n="80" />
        1850

3.  Capitel.
Die  Dresdener  Conferenzen.

Nachdem  am  3.  December  1850  in  der  preußischen  zweiten
Kammer  ein  heftiger  Sturm  der  Entrüstung  über  das  Olmützer
  Abkommen  losgebrochen,  und  in  Folge  dessen  am  4.
der  Landtag  bis  zum  3.  Januar  vertagt  worden  war,  drängte
König  Friedrich  Wilhelm  ungeduldig  auf  die  Eröffnung  der
„lange  begehrten  und  ersehnten“  Dresdener  Conferenzen,  von
denen  er  sich  für  die  deutsche  Verfassung  goldene  Berge  versprach.
  Seine  MWünsche  bewegten  sich  stets  in  derselben
Richtung,  wie  bei  den  Sendungen  der  Grafen  Canitz  und
Brandenburg,  also,  wie  wir  uns  erinnern,  auf  Anerkennung
seines  Rechts  zur  Bildung  eines  engern  Bundes  im  weitern,
für  diesen  letztern  eine  Bundesversammlung  nach  alter  Weise,
aber  mit  preußischem  Antheil  am  Präsidium,  über  derselben
eine  starke  Executivgewalt  für  Osterreich  und  Preußen,  so
zwar,  daß  beide  Mächte  mit  allen  ihren  Landen  in  den  Bund
einträten,  und  folglich  künftighin  keine  preußische  und  keine
österreichische,  sondern  nur  noch  eine  deutsche,  gemeinsam
von  Preußen  und  Osterreich  zu  führende  Politik  existiren
würde.  Die  deutsche  Einheit  wäre  hiedurch  in  der  Form  des
        <pb n="81" />
        1850  Preußische  und  großdeutsche  Reformpläne.  71

Duumpvirats,  der  österreichisch-preußischen  Zweiherrschaft  verwirklicht
  worden.  Von  einem  deutschen  Parlamente  war  hiebei
  keine  Rede;  der  König  behielt  sich  eine  Volksvertretung  für
seine  künftige  Union  vor,  wollte  übrigens,  wenn  von  anderer
Seite  ein  solcher  Antrag  auch  für  den  weitern  Bund  erschiene,
nicht  sofort  widersprechen,  sondern  weitere  Erwägung  pflegen.

Den  Unionsgenossen  wurden  diese  Absichten  in  skizzirter
Weise  mitgetheilt,  doch  könnte  man  nicht  sagen,  daß  sie  dort
warme  Begeisterung  erregt  hätten.  Die  Kleinstaaten  hatten
zwar  die  Unzulänglichkeit  der  Bundeseinrichtungen  bei  den
Stürmen  von  1848  schwer  empfunden,  und  deshalb  sich  bereitwillig
  zuerst  der  Verfassung  der  Paulskirche  und  dann  der
preußischen  Union  angeschlossen.  Aber  nach  den  Erfahrungen
der  beiden  letzten  Jahre  hatten  sie  große  Scheu  vor  jedem
neuen  Experimente,  da  bei  jedem  gerade  ihr  Schicksal  in  erster
Linie  gefährdet  erschien,  und  ohne  einen  Widerspruch  gegen
Preußen  zu  wagen,  begannen  sie  trotz  aller  bisherigen  Proteste
  gegen  den  Bundestag  mit  einer  stillen  Sehnsucht  an  ihr
macht=  und  einflußloses,  aber  immerhin  behagliches  Stillleben
im  Eschenheimer  Palast  zurückzudenken.

Ganz  andere  Pläne  aber  erfüllten  die  Herrscherseele  des
Fürsten  Schwarzenberg  und  den  aufstrebenden  Ehrgeiz  der
Mittelstaaten,  und  nach  den  Olmützer  Erlebnissen  meinten  sie
jeden  Zweifel  am  Erfolge  hinwegwerfen  zu  können.  Sie
bedauerten  freilich,  daß  es  zur  Niederlage  Preußens  auf  dem
Schlachtfelde  nicht  gekommen  war:  aber  wenn  der  preußische
König  die  Olmützer  Punctation  zur  Hälfte  als  einen  Sieg
seiner  eigensten  Politik  betrachtete,  so  hatten  seine  Gegner
den  Eindruck  gewonnen,  daß  Preußen  den  Krieg  scheue  auf
jede  Bedingung,  und  daß  man  es  nur  abwechselnd  mit  conser-
        <pb n="82" />
        72  Die  Dresdener  Conferenzen.  1850

vativen  Phrasen  und  mit  halben  Drohungen  zu  drängen
brauche,  um  des  Gewinnes  sicher  zu  sein.

Ihre  Meinung  ging  nun  ganz  und  gar  nicht  auf  die
einfache  Herstellung  des  alten  Bundestags.  Allerdings  hatten
sie  ihn  im  Frühling  zur  Bekämpfung  Preußens  wieder  in  das
Leben  gerufen.  Aber  sehr  ernst  gemeint  war  damals  Schwarzenberg's
  Ausspruch,  daß  er  hiemit  nicht  die  trockene  Herstellung
des  frühern  Zustandes,  sondern  nur  die  gesetzliche  Grundlage
einer  durchgreifenden  Reform  beabsichtigte.  Auch  er  hatte
seit  1849  seine  Entwürfe  in  keinem  Punkte  geändert.  Wie
damals  wollte  er  auch  jetzt  von  einem  engern  Bund  im  weitern
nichts  wissen,  so  wenig  wie  von  irgend  einer  Volksvertretung
bei  Bundesangelegenheiten.  Für  Freiheitsrechte  und  nationale
Bedürfnisse  war  ihm  nun  einmal  der  Sinn  völlig  versagt,
um  so  stärker  aber  sein  ganzes  Wesen  von  der  Forderung
materieller  Macht  durchdrungen.  So  fand  er  mit  Freude  in
dem  preußischen  Programm  zwei  Punkte  des  seinigen  wieder,
den  Eintritt  Gesammtösterreichs  in  den  Bund  und  die  Bildung
einer  starken  Executive  zur  Beherrschung  des  großen  Ganzen.
Aber  so  weit  wie  möglich  war  er  von  dem  Gedanken  entfernt,
  Preußen  in  dieser  Herrschaft  gleiches  Recht  mit  Osterreich
  einzuräumen.  Im  Gegentheil,  das  Präsidium  im  Bundestage
  und  in  der  Executive  sollte  ausschließlich  in  Osterreichs
Hand  sein,  und  die  Executive  nicht  von  den  beiden  Großmächten
  allein,  sondern  von  ihnen  und  den  vier  Königreichen
gebildet  werden.

Die  Mittelstaaten  kettete  er  durch  diesen  Vorschlag  unbedingt
  an  seine  Politik,  und  köderte  sie  weiter  durch  die  Aussicht
  auf  sein  Gruppensystem,  d.  h.  auf  die  Mediatisirung  der
Kleinstaaten,  sowie  auf  den  künftigen  Eintritt  Osterreichs  in
        <pb n="83" />
        1850  Eröffnung  der  Conferenzen.  73

den  Zollverein  und  endlich  auf  rücksichtslose  Beschränkung
der  landständischen  und  Freiheitsrechte  in  ihrem  Staatswesen,
die,  wie  wir  wissen,  nach  seiner  Ansicht  am  besten  durch  Soldaten
  geregelt  würden.  Wenn  dies  Alles  gelang,  so  zerfiel
Deutschland  in  sechs  absolutistisch  regierte  Staaten,  Preußen
wurde  in  die  bisherige  Lage  eines  deutschen  Mittelstaats  und
Europa  gegenüber  in  die  Zeit  vor  dem  großen  Friedrich  zurückgeworfen,
  und  die  deutsche  Einheit  bestand  in  der  Thatsache,
daß  sämmtliche  deutsche  Staaten  demselben  Gebieter  wie  die
galizischen  Ruthenen,  die  böhmischen  Czechen,  die  italienischen
Lombarden  gehorchten.

Es  ist  einleuchtend,  daß  es  zwischen  diesen  beiden  Systemen
keine  Verständigung,  keine  Vermittlung  gab.  Welches  würde
siegen?  Und  wenn  keines,  was  dann?

Die  feierliche  Eröffnungssitzung  in  Dresden  am  23.  December
  1850  nahm  sich  aus,  als  wenn  Fürst  Schwarzenberg
bereits  der  Herr  der  ganzen  Lage  wäre.  Wie  selbstverständlich
ergriff  er  den  Vorsitz  und  sprach  die  einleitenden  Worte.  Darauf
redete  Herr  von  Beust  als  begrüßender  Wirth  des  Hauses,
dann  erst  meldete  sich  der  preußische  Ministerpräsident  zum
Wort,  und  unmittelbar  folgte  ihm  Baron  von  der  Pfordten
als  Vertreter  des  nächstgrößten  Königreiches.  Preußen  befand
sich  wie  von  selbst  inmitten  der  Mittelstaaten.  Darauf  schlug
Fürst  Schwarzenberg  die  Bildung  mehrerer  Commissionen
zur  Vorbereitung  der  verschiedenen  Verfassungsstücke  vor;  es
wurde  schweigend  genehmigt,  und  ebenso  einige  Tage  nachher
die  von  dem  Fürsten  aufgestellte  Mitgliederliste  für  alle  Commissionen
  kurzer  Hand  angenommen.  Am  24.  December  fuhr
der  Fürst  mit  Herrn  von  Manteuffel  zu  einem  Besuche  nach
Berlin,  um  dort  persönlich  für  möglichst  rasche  Erledigung  der
        <pb n="84" />
        74  Die  Dresdener  Conferenzen.  1850

Geschäfte  zu  wirken.  Er  fand  die  freundlichste  Aufnahme.  Der
König,  nach  seinem  Herzenszug  zu  Osterreich,  verhieß  Alles  zu
thun,  was  mit  dem  Interesse  Preußens  irgend  verträglich  sei;
auch  in  seiner  nähern  Umgebung  überwog  in  Abwesenheit
Bunsen's  und  Radowitz's  die  Osterreich  günstige  Stimmung.
Ebenso  zeigte  Herr  von  Manteuffel  überall  den  Wunsch
schleuniges  Einvernehmenszer  bewilligte  nicht  nur  sofort  die  von
dem  Fürsten  begehrte  Abberufung  des  diesem  viel  zu  selbständigen
  Grafen  Bernstorff  aus  Wien,  sondern  auch  an  dessen
Stelle  auf  Schwarzenberg's  Vorschlag  die  Ernennung  des  beinahe
  unfähigsten  unter  den  damaligen  preußischen  Diplomaten,
eines  Grafen  Arnim-Heinrichsdorff.  Nicht  minder  zufrieden  war
der  Fürst  mit  der  Wahl  des  zweiten  preußischen  Bevollmächtigten
  für  Dresden,  des  frühern  Finanzministers,  Grafen
von  Alvensleben-Erxleben,  der  ihm  nach  seiner  schlechthin  conservativen
  Gesinnung  ganz  brauchbar  erschien.  Zu  festen  Abreden
  kam  es  indessen  in  Berlin  nicht.  Der  Fürst  erklärte
beim  ersten  Worte  die  Übertragung  der  Executive  allein  an
Osterreich  und  Preußen  für  unerreichbar,  da  alle  Mittelstaaten
  entschieden  dagegen  seien,  und  Manteuffel  räumte  ein,
daß  man  dann  suchen  müsse,  sich  über  ein  Directorium  zu
verständigen.  Gegen  den  Eintritt  Gesammtösterreichs  in  den
Bund  hatte  Manteuffel  keine  Einwendung,  erkundigte  sich
aber  über  den  Wechsel  im  Präsidium  und  war  zufrieden,  als
der  Fürst  leicht  hinwarf,  daß  er  persönlich  damit  ganz  einverstanden
  sei.  (Er  wußte  sehr  wohl,  daß  die  Königreiche  dies
ebenso  wenig  wie  die  alleinige  Executive  der  Großmächte  bewilligen
  würden.)  So  kam  der  österreichische  Staatsmann,
der  besten  Hoffnungen  voll,  nach  Dresden  zurück.

Dort  wurden  nun  die  Commissionen  constituirt,  und  die
        <pb n="85" />
        1851  Streit  über  die  künftige  Bundesexecutive.  75

erste,  zur  Berathung  der  künftigen  Bundesbehörden  und  des
Bundesgebietes  bestimmt,  begann  mit  Eifer  unter  österreichischem
Vorsitz  ihre  Thätigkeit.  Aber  gleich  in  der  ersten  Sitzung
trat  der  unversöhnliche  Gegensatz  schroff  zu  Tage.  Für  den
Bund  sollten  zwei  höchste  Organe  geschaffen  werden,  ein
Plenum  für  die  Gesetzgebung,  ein  Directorium  für  die  Executive.
  Zunächst  über  das  letztere  eröffnete  Fürst  Schwarzenberg
  die  Verhandlung  und  erklärte,  daß,  wenn  die  Executive
mit  Kraft  und  Schnelligkeit  wirken  sollte,  es  unmöglich  sei,
den  Kleinstaaten  darin  Sitz  und  Stimme  einzuräumen.  Er
schlug  demnach  ein  Collegium  vor,  bestehend  aus  Osterreich
und  Preußen  mit  je  zwei  Stimmen,  den  vier  Königreichen
mit  je  einer,  Baden,  den  beiden  Hessen,  Holstein  und  Luxemburg
  zusammen  mit  einer  Stimme,  also  sieben  Personen  und
neun  Stimmen.  Je  größere  Functionen  Preußen  ebenso  wie
Osterreich  dieser  Behörde  zudachte,  desto  entscheidender  war
die  Bildung  derselben  für  die  ganze  Verfassung.  Und  nun
beantragte  Fürst  Schwarzenberg,  man  darf  sagen,  mit  einer
unglaublichen  Unbefangenheit,  eine  Zusammensetzung,  in  welcher
Osterreich  bei  jeder  Meinungsverschiedenheit  mit  Preußen  über
sechs  sichere  Stimmen  von  neun  verfügte!  So  erklärte  denn
auch  Graf  Alvensleben  auf  der  Stelle,  daß  dies  System  unmöglich
  sei.  Mit  richtigem  Tacte  hob  er  vor  Allem  hervor,
es  bedeute  die  Aufopferung  der  kleinern  Staaten,  der  bisherigen
  Verbündeten  Preußens,  niemals  werde  der  König  dazu
seine  Zustimmung  geben.  Die  Aufregung  unter  den  Kleinen
wurde  gewaltig,  und  durch  Alvensleben's  bestimmte  Erklärung
nur  zum  Theile  beschwichtigt.  In  der  zweiten  Sitzung  kamen
darauf  verschiedene  Vorschläge  über  die  Zusammensetzung  der
Executive  zur  Sprache.  Alle  bildeten  dieselbe  aus  neun
        <pb n="86" />
        76  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

Stimmen,  je  zwei  für  jede  der  Großmächte;  die  übrigen  fünf
wurden  in  den  Anträgen  der  preußischen  Seite  unter  sämmtliche,
  von  jenen  der  österreichischen  unter  die  größern  Staaten
in  mannigfaltigen  Combinationen  vertheilt.  Man  stritt  hin
und  her;  jeder  der  Vorschläge  fand  seine  Anhänger  und
Gegner;  man  erhitzte  und  spaltete  sich  nach  allen  Richtungen;
an  eine  Beschlußfassung  war  nicht  zu  denken.

Graf  Alvensleben  war  ein  fester  und  ruhiger  Mann,
durch  und  durch  monarchisch  gesinnt  und  ein  preußischer
Patriot  echtes  Schlags,  dabei  gewiegt  in  den  Geschäften,
umsichtig  nach  jeder  Seite,  weit  vorausrechnend  auf  jede
Möglichkeit.  Diese  erste  Probe  reichte  aus,  sein  Urtheil
über  die  Lage  festzustellen.  Das  rücksichtslos  begehrliche  Auftreten
  des  Fürsten  Schwarzenberg  hatte  binnen  48  Stunden
einen  völligen  Umschwung  der  Gemüther  zu  Stande  gebracht.
Die  bisherigen  Gegner  des  alten  Bundestags,  die  kleinen
Unionsstaaten,  hatten  mit  dem  Siege  der  österreichischen
Reform  ihre  völlige  Niederdrückung  vor  Augen;  damit  war
ihre  bereits  keimende  Sehnsucht  nach  einfacher  Rückkehr  zum
alten  Bundestag  in  volle  Blüthe  getreten.  Alvensleben  theilte
ganz  und  gar  ihre  Meinung,  und  ergriff  damit  ihre  fast
unbedingte  Leitung  für  die  ganze  Dauer  der  Conferenz.  Er
fand  den  preußischen  Reformplan  hoffnungslos,  und  erkannte
in  den  österreichischen  Bestrebungen  eine  tödtliche  Gefahr  für
Preußens  historische  Machtstellung.  Demnach  berichtete  er
nach  Berlin  über  die  Stimmung  der  Kleinstaaten,  und  erhielt
den  Beifall  des  Ministers  für  seine  Ansicht,  daß  Preußen
keinen  Grund  mehr  habe,  einem  Vorschlag  auf  Übertragung
der  Executive  an  den  engern  Rath  der  alten  Bundesverfassung
entgegen  zu  treten.
        <pb n="87" />
        1851  Graf  Alvensleben.  77

In  nicht  geringerer  Aufregung  als  die  Kleinstaaten  über
Osterreichs  Antrag  war  Fürst  Schwarzenberg  über  den
preußischen  Gesandten.  Ein  so  bestimmter  Widerspruch  gleich
beim  ersten  Schritte  nach  all  den  schönen  in  Berlin  ge—
wechselten  Worten  war  ihm  uubegreiflich.  Alvensleben's
Haltung,  schrieb  er  an  Baron  Prokesch,  den  Gesandten  in
Berlin,  ist  mir  ein  doppeltes  Räthsel.  Prokesch  wandte  sich
an  den  vertrauten  Generaladjutanten  des  Königs,  Herrn  von
Gerlach,  und  bat  ihn  dringend,  bei  Sr.  Majestät  dahin  zu
wirken,  daß  Manteuffel  wieder  nach  Dresden  gehe,  mit  un—
bedingter  Vollmacht  und  kategorischem  Befehle  zum  Abschluß.
Die  Gothaer,  sagte  er,  schieben  sich  dort  in  die  vermeintliche
Spaltung  zwischen  Osterreich  und  Preußen;  die  Desorganisation
  in  der  Conferenz  gewinnt  Raum.  An  Manteuffel
selbst  wandte  sich  Schwarzenberg  mit  einem  Privatbrief:  er
sprach  darin  die  oft  geäußerte  Ansicht  aus,  daß  man  in
Deutschland  einer  stets  mobilen  Armee  des  Innern  von  etwa
100  000  Mann  bedürfe,  um  jede  Widerspenstigkeit  der  Landstände,
  der  Presse,  der  Volksmassen,  niederzuschlagen;  wer
dazu  keine  Truppenhülfe  leisten  könne,  gehöre  nicht  in  die
Executive,  in  diesem  Falle  aber  befänden  sich  die  Kleinstaaten
sämmtlich.  Es  machte  auf  Manteuffel  geringen  Eindruck:  er
fand,  daß  auch  die  Mittelstaaten,  und  selbst  Bayern  nicht  in
der  Lage  seien,  eine  Division  stets  mobil  zu  halten,  daß  also
nach  Schwarzenberg's  eigenem  Grundsatze  nur  den  beiden
Großmächten  ein  Platz  in  der  Executive  zukomme.  Indessen
erschien  es  doch  gar  zu  scandalös,  in  den  vielgepriesenen  Conferenzen
  gleich  am  ersten  Tage  zum  offenen  Bruche  zu  gelangen;
  es  war  nur  allzu  deutlich,  daß  dann  nichts  übrig
bleiben  werde,  als  die  Rückkehr  zum  alten  Bundestage,  und
        <pb n="88" />
        78  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

gegen  diese  sträubte  sich,  begreiflich  genug  nach  allem  Vorangegangenen,
  des  Königs  innerstes  Gefühl.  Alles  irgend  Erträgliche
  sollte  geschehen,  um  dieses  Elend  abzuwenden.  Es
wurde  also  beschlossen,  daß  Manteuffel  nach  Dresden  gehen
und  auf  ein  Compromiß  hinwirken  solle,  stets  unter  der
Voraussetzung  der  vollständigen  Rechtsgleichheit  der  beiden
Großmächte  im  Präsidium  des  Bundestags  und  der  Executive.
Über  den  letzten  Punkt  redete  dann  Schwarzenberg  wieder
ebenso  entgegenkommend  wie  in  Berlin,  und  auch  über  die
Theilnahme  der  Kleinstaaten  an  der  Executive  ließ  er  sich  bestimmen,
  von  der  Strenge  des  Princips  etwas  zurückzuweichen.
Man  kam  überein,  zu  den  neun  Stimmen  des  österreichischen
Vorschlags  noch  zwei  weitere  für  die  Kleinstaaten  hinzuzufügen,
also  eine  Executive  von  neun  Personen  und  eilf  Stimmen  zu
bilden:  dies  würde  als  gemeinsamer  Antrag  der  beiden  Großmächte
  der  Commission  vorgelegt  werden.  Fürst  Schwarzenberg
  konnte  dies  Ergebniß  als  einen  Sieg  betrachten:  denn
auch  unter  den  eilf  Stimmen  blieb  ihm  die  Mehrheit  der
sechs  unter  allen  Umständen  sicher,  und  über  die  preußische
Parität  hatte  er  zwar  alles  Gute  in  Aussicht  gestellt,  ein
bindendes-Versprechen  aber  auch  dieses  Mal  nicht  gegeben.
Ja,  noch  mehr,  es  war  ihm  gelungen,  von  Manteuffel  eine
halbe  Zusage  zu  gewinnen,  gleich  nach  der  Annahme  des
Eilferprojects  durch  die  Conferenz,  also  noch  vor  der  Feststellung
  der  übrigen  Verfassungsstücke,  zur  Einsetzung  der  neuen
Executive  zu  schreiten.  Manteuffel  hatte  ihn  eben  in  gleicher
Münze  bezahlt,  mit  freundlichen  Außerungen,  die  zu  nichts  verpflichteten.
  Indessen  reiste  Schwarzenberg  siegessicheres  Muthes
nach  Wien  zurück,  und  überließ  die  Vertretung  Osterreichs  dem
Grafen  Buol-Schauenstein,  dem  bisherigen  Gesandten  in
        <pb n="89" />
        —

1851  Ausgleichungsversuch.  79

Petersburg,  einem  stolzen  Herrn  von  schroffen  Formen,  rechthaberischem
  und  eigensinnigem  Charakter,  und  vollständig  von
den  politischen  Anschauungen  seines  Meisters  durchdrungen.

Nachdem  über  die  Bildung  der  Executive  die  beiden
Großmächte  einig  geworden,  traten  die  erste  und  die  zweite
Commission  zu  gemeinsamer  Berathung  der  Competenz  der
künftigen  Bundesorgane,  sowohl  gegen  einander,  als  im  Verhältniß
  zu  den  Einzelstaaten,  zusammen.  Fürst  Schwarzenberg
  hatte  dafür  gesorgt,  daß  in  beiden  Commissionen  seine
Freunde  das  Übergewicht  hatten:  so  ging  der  Antrag  auf  die
Aufnahme  aller  österreichischen  und  preußischen  Lande  in  das
Bundesgebiet  ohne  Schwierigkeit  durch.  Denselben  Erfolg
hatte  das  Eilferproject  für  die  Executive  zunächst  in  der
ersten  Commission;  in  der  gemeinsamen  Sitzung  aber  meldeten
die  beiden  Mecklenburg  und  Holstein,  d.  h.  Dänemark,  eine
entschiedene  Verwahrung  dagegen  an:  Dänemark  wollte  gar
keine  Executive,  Mecklenburg  wollte  sie  in  der  Hand  allein
von  Osterreich  und  Preußen.  Wie  sich  versteht,  hatte  der
Widerspruch  für  den  Commissionsbeschluß  keine  Folge.  Die
Befugnisse  der  Executive  wurden  erheblich  weiter  bemessen,  als
sie  nach  altem  Bundesrechte  der  engere  Rath  gehabt  hatte;
jedoch  gingen  hier  auch  die  Mittelstaaten  nicht  überall  so  weit,
wie  es  im  Sinne  des  Fürsten  Schwarzenberg  gelegen  war,
und  vollends  die  Kleinstaaten  in  ihrer  Scheu  vor  Schwarzenberg's
  Herrschsucht  folgten  unverbrüchlich  der  Tendenz,  so
weit  wie  möglich  keine  Neuerung  zuzulassen.  So  wurde  beschlossen,
  daß  die  Competenz  der  beiden  Bundesorgane  durch
das  Gesetz  geregelt  werde,  in  zweifelhaften  Fällen  aber  die
Vermuthung  für  das  Plenum  streiten,  und  diesem  die  Entscheidung
  über  die  Grenzen  seiner  Befugnisse  zustehen  sollte.
        <pb n="90" />
        80  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

Dann  kam  die  Frage  zur  Verhandlung,  für  welche  Beschlüsse
des  Plenums  Stimmeneinhelligkeit  nöthig,  für  welche  eine
qualificirte  oder  eine  einfache  Mehrheit  genügend  sein  sollte.
Charakteristisch  für  die  antipreußische  Gesinnung  der  Commissionen
  war  hier  der  Beschluß,  daß  über  die  Frage,  ob  ein
von  einem  deutschen  Staate  abgeschlossenes  Bündniß  der
Sicherheit  des  Bundes  oder  einzelner  Bundesglieder  zuwider
laufe,  durch  einfache  Mehrheit  des  Plenums  zu  befinden  sei:
man  wollte  ein  möglichst  handliches  Mittel,  jeden  Versuch
zur  Erneuerung  der  preußischen  Union  zu  verhindern.  Im
Ubrigen  aber  herrschte  die  Tendenz,  die  Forderungen  des
alten  Rechts  auf  Einstimmigkeit  aufrecht  zu  erhalten  oder
doch  nur  qualificirte  Mehrheiten  an  ihre  Stelle  zu  setzen.
So  sollten  die  Grundsätze  der  bekanntlich  elenden  Bundeskriegsverfassung
  nur  durch  einstimmigen  Beschluß  geändert
werden;  denn  einer  Steigerung  der  Militärlast  widerstrebte
Bayern  ebenso  wie  Reuß  und  Schwarzburg.  Beschlüsse  über
eine  deutsche  Flotte  sollten  einer  Mehrheit  von  drei  Viertel
bedürfen;  die  Königreiche  verlangten  sogar  Einstimmigkeit  für
die  Gründung  einer  Kriegsmarine,  und  nur  mit  Mühe  hintertrieb
  Graf  Alvensleben,  allein  von  Hannover,  Oldenburg
und  den  Hansestädten  unterstützt,  einen  Antrag,  daß  überhaupt
  eine  deutsche  Flotte  nicht  existiren  sollte.  Das  alte
Bundesrecht  begehrte  die  Einstimmigkeit  für  jeden  Beschluß
über  organische  Einrichtungen  und  gemeinnützige  Anordnungen:
als  dagegen  Anträge  angemeldet  und  zum  Theil  von  der
Commission  angenommen  wurden,  erhob  sich  Dänemark  in
seinem  ausführlichen  Proteste  zu  der  Erklärung,  daß  die
Unterdrückung  des  liberum  veto  der  Anfang  der  Centrali-=sation
  und  Desorganisation  des  Bundes  sein  würde.
        <pb n="91" />
        1851  Die  Commissionsbeschlüsse.  81

Es  würde  heute  ohne  Interesse  sein,  die  Menge  der
einzelnen  Anträge  und  Bestimmungen  aufzuzählen;  es  genügt
die  allgemeine  Bezeichnung  der  Tendenz,  aus  der  sie  hervorgingen.
  So  blieb  es  hinsichtlich  der  Einwirkung  der
Bundesbehörden  auf  die  Zustände  und  Verfassungen  der  Einzelstaaten
  bei  den  alten  Bundesgesetzen  von  1820  und  1832;
nur  daß  jetzt  auch  die  Executive  die  Befugniß  haben  sollte,
bei  besonders  dringlich  scheinenden  Fällen  ohne  Auftrag  des
Plenums  zur  Erhaltung  der  Ordnung  einzuschreiten.  Nicht
weniger  nach  Schwarzenberg's  Sinne  war  (in  der  dritten
Commission)  ein  bayerisch-sächsischer  Antrag  auf  Zolleinigung
aller  Bundesstaaten.  Graf  Alvensleben  wußte  die  Verhandlung
  über  diese  Lebensfrage  des  deutschen  Zollvereins  eine
Weile  hinzuhalten;  auch  konnte  die  Commission  die  materielle
Unmöglichkeit  eines  sofortigen  Eintritts  Osterreichs  in  den
Zollverein  nicht  verkennen,  und  so  beschränkte  sie  sich  auf
eine  Reihe  von  Artikeln  über  vorbereitende  Erleichterung  des
Binnenverkehrs,  damit  im  Jahre  1858  die  definitive  Beschlußnahme
  über  die  große  Zolleinigung  erfolgen  könne.  Leider
wurde  die  Befriedigung,  welche  Fürst  Schwarzenberg  den
Mittelstaaten  für  so  löbliche  Bemühungen  aussprach,  einiger
Maaßen  getrübt  durch  das  Vorgehen  der  werthen  Freunde
Beust  und  Pfordten  auf  einem  andern  Gebiete  in  der  ersten
Commission,  wo  dieselben  mit  großer  Lebhaftigkeit  das  Bedürfniß
  einer  Volksvertretung  neben  dem  Bundesplenum  darlegten.
  Graf  Buol  erklärte  auf  der  Stelle  den  unabänderlichen
  Widerspruch  Osterreichs.  Aber  es  war  doch  unangenehm,
daß  er  in  dieser  wichtigen  Frage  außer  Kurhessen  und  Luxemburg
  nur  noch  die  ihm  sonst,  wie  wir  sahen,  sehr  widerwärtigen

  Mecklenburge  und  Dänemark  auf  seiner  Seite  fand,
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches  II.  6
        <pb n="92" />
        82  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

während  alle  übrigen  Staaten  den  bayerischen  Antrag  unterstützten.
  Allerdings  erläuterte  Herr  von  Beust,  man  denke
nicht  an  ein  Parlament  nach  der  Art  der  Paulskirche;  ein
solches  Schreckniß  wolle  niemand  erneuern;  man  wünsche  nur
für  einzelne  Zweige  der  Bundesgesetzgebung  Delegirte  der
Einzelkammern  zum  Beirath  hinzuzuziehen.  Aber  auch  so  blieb
Schwarzenberg  unerbittlich,  schon  aus  dem  einfachen  Grunde,
weil  er  entschlossen  war,  die  österreichische  Verfassung  von
1849  baldigst  wieder  aufzuheben,  und  dann  kein  Reichsrath
existiren  würde,  der  eine  Delegation  nach  Frankfurt  senden
könnte.  Es  kam  hienach  in  der  Frage  Alles  auf  Preußen
an.  Graf  Alvensleben  aber  hatte  die  Weisung,  einen  Antrag
  solches  Inhalts  weder  zu  stellen  noch  zu  bekämpfen.
Fürst  Schwarzenberg  mahnte  also  mit  lebhaftem  Nachdruck
das  Berliner  Cabinet,  durch  gemeinsamen  Einspruch  diesen
Unfug  zu  beseitigen,  und  erlangte  dann  auch  wirksame  Unterstützung,
  da,  wie  wir  wissen,  Preußen  wohl  für  seinen  engern
Bund,  nicht  aber  für  den  weitern,  Gewicht  auf  eine  Volksvertretung
  legte.

Zieht  man  die  Summe  dieser  Verhandlungen,  so  wird
sie  niemand  erfreulich  nennen  können.  Alle  positiven  Beschlüsse
  waren  durch  eine  blinde  Revolutionsfurcht  dictirt;
die  schreiendsten  nationalen  Bedürfnisse  dagegen,  wie  die
Reform  der  Bundeskriegsverfassung  oder  die  Schaffung  einer
deutschen  Flotte,  begegneten  einer  zähen  Abneigung.

Indessen  gediehen  die  beiden  ersten  Commissionen  Anfang
Februar  1851  mit  ihrer  Arbeit  über  die  beabsichtigten  Bundesorgane
  in  der  Hauptsache  zum  Abschluß,  und  Fürst  Schwarzenberg
  in  seinem  ungeduldigen  Eifer  beschloß,  jetzt  den  entscheidenden
  Schritt  zu  thun.  Er  forderte  Herrn  von  Manteuffel  auf,
        <pb n="93" />
        1851  Schwarzenberg  begehrt  die  Einsetzung  neuer  Bundesbehörden.  83

mit  ihm  am  16.  Februar  in  Dresden  zusammen  zu  kommen,
und,  wie  früher  besprochen,  der  Versammlung  anzukündigen,
daß  die  beiden  Großmächte  auf  Grund  der  Commissionsbeschlüsse
  die  neuen  Bundesbehörden  sofort  in  Frankfurt
einzusetzen  gedächten,  während  die  Mitglieder  der  Conferenz
in  Dresden  fortführen,  die  übrigen  Abschnitte  der  Bundesverfassung
  in  aller  Ruhe  auszuarbeiten.  Er  meinte,  niemand
würde  den  Muth  haben,  den  Großmächten  zu  widersprechen
oder  die  Beschickung  des  neuen  Bundesplenums  zu  verweigern:
  sollte  dergleichen  gegen  Vermuthen  vorkommen,
so  würde  man  dem  Widerspenstigen  sein  Recht  zum  spätern
Eintritt  vorbehalten,  und  im  Ubrigen  keine  Notiz  von  ihm
nehmen;  seine  Verlassenheit  würde  ihm  bald  genug  unheimlich
werden.

Hier  erinnern  wir  uns  einer  Thatsache,  welche  damals
dem  Fürsten  Schwarzenberg  aus  dem  Gedächtniß  entschwunden
war.  Vor  einem  Jahre  hatte  Preußen,  welches  zu  jener  Zeit
außerhalb  des  Bundestags  stand,  es  als  einen  Vorzug  der
freien  Conferenzen  bezeichnet,  daß  die  dort  Zusammenstimmenden
  ohne  die  Dissidenten  ihre  Verfassung  einrichten  könnten,
während  im  Bundestag  jeder  Verfassungsbeschluß  durch  ein
Veto  Homburgs  oder  Liechtensteins  nichtig  würde.  Damals
hatte  Schwarzenberg  als  Haupt  der  Präsidialmacht  des
Bundestags  diese  Theorie  als  rechtswidrig  und  antinational  auf
das  Schärfste  zurückgewiesen.  Er  war  jetzt  noch  immer,  was
er  damals  gewesen,  der  erste  Vertreter  der  Bundesgesetze,
eignete  sich  aber  höchst  unbefangen  trotz  aller  Bundesgesetze
jene  preußische  Auffassung  an.  Der  Grund  zu  solch  einem
Verfahren  ist  freilich  leicht  zu  erkennen.  Herr  von  Manteuffel
hatte  sich  bis  dahin  überall  entgegenkommend  und  nachgiebig
        <pb n="94" />
        84  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

gezeigt;  es  kam  darauf  an,  diese  Stimmung,  so  lange  sie
dauerte,  zu  benutzen,  und  das  von  Manteuffel  glücklich  genehmigte
  Eilfer-Directorium  und  den  Eintritt  Gesammtösterreichs
  in  praktische  Wirksamkeit  zu  setzen,  ehe  neue
Zwischenfälle  vielleicht  in  Berlin  einen  ungünstigen  Umschlag
herbeiführten.  Dann  mochte  Preußen  hinterher  seinen  Anspruch
  auf  Parität  im  Präsidium  anmelden:  man  würde
Mittel  genug  haben,  demselben  die  Spitze  abzubrechen.
Hier  aber  hatte  die  Überhebung  sich  doch  selbst  die
Grube  gegraben.  Allerdings  man  hatte  bisher  in  Berlin  an
dem  Glauben  einer  aufrichtigen  Gemeinschaft  mit  Osterreich
festgehalten;  um  zu  einem  Einverständniß  zu  gelangen,  und
damit  dem  alten  Bundestag  zu  entrinnen,  hatte  man  Schritt
auf  Schritt  in  einzelnen  Punkten  zum  Theil  sehr  bedenkliche
Concessionen  gemacht,  stets  in  dem  Gedanken,  daß  bis  zum
Abschluß  der  Verfassungsarbeit  jede  definitive  Entschließung
vorbehalten  bleibe.  Gerade  dies  Allerwichtigste  aber  sollte
durch  den  neuen  Antrag  Schwarzenberg's  beseitigt  werden;
die  neue  Bundesregierung  mit  der  verdoppelten  Wucht  der
österreichischen  Gesammtmonarchie,  mit  ihrer  sichern  antipreußischen
  Majorität  sollte  sofort  in  Thätigkeit  treten,  ehe
für  die  Gleichberechtigung  Preußens  und  für  sein  freies
Unirungsrecht  gesorgt  wäre.  Nimmermehr  durfte  dies  zugelassen
  werden.  Dazu  kam,  daß  dieses  Mal  die  europäischen
Verhältnisse  ebenso  günstig  für  Preußen  lagen,  wie  einst
widerwärtig  in  Olmütz.  An  dem  Eintritt  Gesammtösterreichs
in  den  Bund  nahm  Rußland  nur  ein  schwaches  Interesse;
Frankreich  aber  und  England  erhoben  dagegen  offenen  Protest,
so  daß  die  Maaßregel  nicht  bloß  Preußen  nicht  aufgezwungen,
sondern  ohne  Preußens  active  Hülfe  gar  nicht  verwirklicht
        <pb n="95" />
        1851  Widerspruch  gegen  den  Antrag.  85

werden  konnte.  So  war  man  in  Berlin  einstimmig  über  die
Verwerfung  des  österreichischen  Antrags.  Als  Manteuffel
von  dem  Grafen  Alvensleben  einen  Bericht  über  die  Frage
forderte,  antwortete  dieser  am  9.  Februar:  im  Laufe  der
Verhandlungen  sei  auf  allen  Seiten  stets  anerkannt  worden,
daß  vor  Übersicht  des  Ganzen  über  keinen  einzelnen  Gegenstand
  bindende  Beschlüsse  zu  fassen  seien;  dies  werde  auch
gegen  einen  Antrag  auf  sofortige  Einsetzung  der  Bundesorgane
erklärt  werden.  Die  Commissionsbeschlüsse  kämen  erst  am
15.  Februar  im  Drucke  zur  Vertheilung  an  die  Mitglieder;
erscheine  dann  sogleich  jener  Antrag,  so  würde  allgemein
Mangel  an  Instruction  vorgeschützt  werden,  und  eine  Frist
von  vierzehn  Tagen  zur  Einholung  derselben  unmöglich  zu
weigern  sein.  Bei  dem  von  Schwarzenberg  gewünschten
Schritte  würde  die  neue  Executive  um  wenige  Wochen  früher
in  das  Leben  treten  als  bei  Befolgung  des  normalen  Weges.
Aber  der  Eindruck  würde  ein  sehr  übler  sein,  und  das  Odium
ganz  auf  Preußen  fallen;  denn  von  Schwarzenberg  sei  man
ein  gewaltthätiges  Verfahren  gewohnt;  man  würde  sagen,
Preußen  habe  sich  durch  Schwäche  fortreißen  lassen,  und
seine  alten  Verbündeten  Preis  gegeben.

Nicht  anders  redete  ein  Bericht  des  Grafen  Bernstorff
aus  Wien  vom  11.  Februar  an  den  König.  Nach  Schwarzenberg's
  Plane  solle  auf  keinen  Widerspruch  der  Kleinstaaten
geachtet  werden.  Dazu  solle  Preußen  helfen,  also  seine
Verbündeten  fallen  lassen  und  mit  eigener  Hand  ein  Directorium,
  in  dem  es  stets  in  der  Minderheit  sein  würde,  in  das
Leben  rufen  zum  Vortheil  seiner  erbittertsten  Gegner.  Rußland
  unterstütze  Osterreich  dabei:  die  beiden  Mächte,  welche
vor  Kurzem  Preußen  wegen  Verletzung  der  Verträge  von  1815
        <pb n="96" />
        86  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

bekriegen  wollten,  drängten  jetzt  selbst  zur  rückhaltlosen  Zerreißung
  derselben.  Wenn  es  sich  um  die  Übertragung  der
Executive  allein  an  die  beiden  Großmächte  handelte,  so  läge
darin  ein  Fortschritt,  für  dessen  Erzielung  sich  Manches  opfern
ließe.  Aber  gegenüber  diesem  vielköpfigen  Directorium,  wo
Osterreich  seine  Macht  nicht  mit  Preußen,  sondern  mit  den
Mittelstaaten  theile,  sei  die  Rückkehr  zum  alten  Bundestage
für  Preußen  entschieden  vorzuziehen.  Man  stände  dann  auf
dem  Boden  der  Verträge,  formell  in  der  alten  Stellung,  und
hätte  außer  seinen  deutschen  Verbündeten  England,  Dänemark
und  Niederland  auf  seiner  Seite.  Es  sei  übrigens  gewiß,  daß
bei  dem  von  Schwarzenberg  angestrebten  Vorgehen  Holstein-Lauenburg
  und  Luxemburg-Limburg  aus  dem  Bunde  austreten
  würden.  Um  diesen  Widerstand  zu  beschwichtigen,  würde
Schwarzenberg  vielleicht  die  neue  Bundesbehörde  zunächst  nur
als  provisorische  auftreten  lassen,  und  zwar  gebildet  durch  die
beiden  Großmächte  und  die  vier  Königreiche  allein,  während
es  den  drei  andern  Curien  anheimgestellt  bliebe,  sich  unter
einander  über  die  Stimmeneintheilung  zu  einigen.  Hienach
würde  das  Provisorium,  in  welchem  Preußen  zwei  Stimmen
gegen  sechs  besäße,  einen  langen  Bestand  gewinnen  können.

Die  Wirkung  dieser  Berichte  war  eine  vollständige.  Ich
finde  nicht,  daß  sich  in  Berlin  irgend  eine  abweichende  Stimme
erhoben  hätte.  Auch  darüber  gab  es  jetzt  keine  Meinungsverschiedenheit
  mehr,  daß  im  Vergleiche  mit  Schwarzenberg's
Entwürfen  der  so  oft,  und  mit  Grund,  verurtheilte  Bundestag
ein  leidliches  Auskunftsmittel  sein  würde.  Manteuffel  würde
also  nach  Dresden  gehen,  und  zunächst  bei  Schwarzenberg  die
preußische  Gleichberechtigung  als  unerläßliche  Vorbedingung
jedes  sonstigen  Zugeständnisses  zur  Sprache  bringen.
        <pb n="97" />
        1851  Verhandlung  über  das  Bundespräsidium.  87

Die  Verhandlung  der  beiden  Minister  begann  dann  in
Dresden  nach  Schwarzenberg's  Vorschlag  am  16.  Februar,
und  dauerte  eine  ganze  Woche  hindurch.  Es  zeigte  sich  sogleich,
  daß  Preußens  Forderung  der  Parität  im  Bundespräsidium
  keine  Aussicht  auf  Erfüllung  hatte.  Zunächst  erklärte
  Schwarzenberg  die  ungeheuere  Dringlichkeit  der  Einsetzung
der  neuen  Behörden;  man  dürfe  sie  durch  das  Einschieben
einer  doch  gar  nicht  so  einfachen  Frage  nicht  aufhalten;  sei
man  erst  in  Frankfurt,  so  solle  die  Theilnahme  Preußens
am  Präsidium  die  erste  Forderung  sein,  die  er  selbst  an  das
neue  Plenum  stellen  würde.  Zum  Beweise  seiner  guten
Gesinnung  begann  er  dann  die  Frage  zu  behandeln,  welche
Functionen  dem  Präses  als  solchem  nach  der  Geschäftsordnung
oblägen,  Eröffnung  der  Einläufe,  Überweisung  derselben  an
die  betreffende  Stelle,  Anberaumung  der  Sitzungen  u.  s.  w.,
und  erwog  bei  jeder  einzelnen,  ob  Preußen  dabei  Mitwirkung
erhalten  könne  oder  nicht.  Was  er  hier  bejahen  zu  dürfen
glaubte,  wollte  er  dann  in  Frankfurt  zur  Annahme  auf  das
Allerdringendste  empfehlen;  mehr,  versicherte  er,  könne  er
pflichtmäßig  nicht  thun;  einen  gewißen  Ehrenvorzug  aufzugeben,
  verbiete  die  Würde  des  Kaisers  unbedingt.  Das
Alles  blieb  weit  hinter  dem  preußischen  Begehren  völliger
Gleichberechtigung  oder  einfaches  Wechsels  im  Präsidium  zurück;
  Manteuffel  fuhr  dann  nach  Berlin,  um  persönlich  dem
Könige  Vortrag  zu  erstatten,  kam  aber  mit  der  bestimmten
Weisung  zurück,  fest  auf  dem  ganzen  Umfang  der  Forderung
zu  beharren.  Schwarzenberg  räumte  darauf  noch  einige
Punkte  der  Geschäftsordnung  ein;  auch  Manteuffel  vermied
es  zur  Zeit,  ein  klares  Ultimatum  zu  stellen,  eine  definitive
Verständigung  aber  wurde  nicht  erreicht,  und  Manteuffel
        <pb n="98" />
        88  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

mußte  hienach  erklären,  daß  bis  zu  deren  Erzielung  die  definitive
  Beschlußfassung  der  Conferenz  über  die  Commissionsanträge,
  und  um  so  mehr  also  auch  die  Einsetzung  der  neuen
Bundesorgane,  aufzuschieben  sei.  Am  23.  Februar  fand  dann
eine  Plenarsitzung  der  Conferenz  Statt.  Osterreich  forderte
zur  Annahme  der  Commissionsanträge  auf,  und  verband  damit
  den  Vorschlag  zur  sofortigen  Bildung  der  Executive.
Preußen  stimmte  hinsichtlich  der  Wichtigkeit  der  Sache  zu,
fand  aber  eben  deshalb  nöthig,  den  Regierungen  Zeit  zur
Erwägung  und  Instruction  zu  lassen,  und  beantragte  demnach
Aufschub  der  Abstimmung  um  vierzehn  Tage.  Da  Österreich
nichts  anführen  konnte,  um  einen  Widerspruch  gegen  diese
Vertagung  zu  begründen,  so  wurde  der  Antrag  einstimmig
angenommen.  Bayern  aber  fand,  es  würde  immerhin  von
Interesse  sein,  schon  jetzt  eine  vorläufige  Meinungsäußerung
der  Herren  Gesandten  zu  vernehmen,  und  nach  diesem  Vorschlag
  wurde  eine  solche  unmaaßgebliche  Abstimmung  vorgenommen.
  Do  zeigte  sich,  wie  erfolgreich  Graf  Alvensleben
gewirkt  hatte.  Von  35  Staaten  stimmten  nicht  weniger  als
18  (außer  den  ganz  kleinen  alle  Großherzogthümer)  gegen
die  Commissionsanträge;  Holstein,  Luxemburg  und  Homburg
enthielten  sich.  Für  jeden  unbefangenen  Beurtheiler  war  es
klar,  daß  damit  vor  Allem  das  sechs  Wochen  früher  von
Manteuffel  angenommene  Eilfer-Directorium  für  immer  begraben
  war.  Die  Frage  drängte  sich  auf,  was  geschehen
würde,  wenn  auch  die  weitere  Berathung  zu  keinem  allseitigen
Einverständniß  führe.  Die  Antwort  lag  so  nahe,  daß  Baron
Pfordten  eine  lebhafte  Verwahrung  dagegen  angemessen  erachtete.
  Etwas  Neues,  rief  er,  müsse  in  Dresden  zu  Stande
kommen;  einem  Beschlusse  der  Conferenz,  in  den  alten  Bundes-
        <pb n="99" />
        1851  Scheitern  der  österreichischen  Pläne.  89

tag  zurückzukehren,  werde  Bayern  seine  Zustimmung  versagen,
da  er  ein  Bruch  der  feierlichen  Zusagen  sein  würde,  welche
man  der  deutschen  Nation  gegeben  habe.  Herr  von  Beust
stimmte  den  patriotischen  Worten  seines  Freundes  mit  gleicher
Wärme  zu.  Es  war  der  unwillkürliche  Ausdruck  des  Kummers
  über  die  Vereitelung  der  lockenden  Hoffnung,  welche
Schwarzenberg's  Pläne  dem  Ehrgeiz  der  Mittelstaaten  eröffnet
hatten.  Sonst  hatte  es  keine  Bedeutung.  Denn,  wenn  man
einen  Conferenzbeschluß  über  Rückkehr  zum  alten  Bundestag
verhindern  konnte,  so  war  es  gerade  den  Mitgliedern  des
bestehenden  Bundestags  am  wenigsten  möglich,  den  andern
Einzelstaaten  den  Eintrit  in  denselben  zu  wehren.

Beim  Abschiede  verhieß  Herr  von  Manteuffel  dem  Fürsten
Schwarzenberg,  ihm  nach  wiederholtem  Vortrag  beim  Könige
ungesäumte  und  bestimmte  Eröffnung  der  Ansichten  zu  machen,
welche  für  Preußens  Stellung  zu  den  Conferenzen  entscheidend
seien.  Dies  geschah  bereits  am  27.  Februar,  und  das  Schreiben
redete  aus  einem  andern  Tone,  als  ihn  Schwarzenberg  bisher
bei  dem  preußischen  Collegen  gewohnt  gewesen.  Manteuffel
begann  mit  der  Erklärung,  daß  er  nicht  persönliche  Ansichten,
sondern  das  Ergebniß  fester  Thatsachen  und  Zustände  ausspreche,
  kein  preußisches  Cabinet  wwürde  jemals  davon  abweichen
  können.  Wenn  Osterreich  den  Eintritt  seiner  Gesammtmonarchie
  in  den  Bund  für  eine  Nothwendigkeit  halte,
so  sei  eine  gleiche  Nothwendigkeit  für  Preußen  die  Gleichberechtigung
  mit  Osterreich  im  Präsidium  des  Bundes.  Preußen
könne  dies  Verlangen  nicht  erst  von  einer  künftigen  Verhandlung
  der  neuen  Bundesbehörden  in  Frankfurt  abhängig
machen;  ehe  die  neue  Verfassung  in  das  Leben  treten  dürfe,
müßten  die  beiden  Fragen  in  günstiger  Weise  erledigt  sein.
        <pb n="100" />
        90  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

Er  lege  also  die  preußischen  Vorschläge  über  das  Bundespräsidium
  bei,  und  bemerke  zugleich,  daß  man  sich  auf  ein
gegenseitiges  Handeln  und  Abhandeln  nicht  einlassen  werde,
vielmehr  sei  hier  die  äußerste  Grenze  der  preußischen  Nachgiebigkeit
  bezeichnet.  Wenn  Osterreich  den  Vorschlag  annehme,
und  ihn  in  Dresden  durchsetzen  helfe,  sei  Preußen  bereit,
einen  etwa  von  Osterreich  aufzustellenden  Antrag  über  die
Bildung  der  Executive  zu  unterstützen,  welcher  mehr  Aussicht
auf  Annahme  hätte,  als  das  von  beiden  Mächten  gemeinsam
eingebrachte  Eilferprojekt.  Ebenso  würde  Preußen  jedem
andern  Vorschlag  seine  unbefangene  Prüfung  nicht  entziehen,
auch  wenn  er  von  einem  Kleinstaate  käme.  ÜUbrigens  möge
Osterreich  bei  dieser  Frage  nicht  auf  die  Sympathien  der
conservativen  Partei  in  Preußen  rechnen.  Diese  Conservativen
  seien  echte  Altpreußen,  sehr  erfüllt  von  dem  Wunsche
guter  Freundschaft  mit  Osterreich,  vor  Allem  aber  eifrig  für
die  Unabhängigkeit  und  die  Würde  des  preußischen  Staats.

Um  für  alle  Fälle  keine  Ungewißheit  über  die  preußischen
Entschlüsse  zu  lassen,  schloß  Manteuffel  mit  dem  Ausspruch,
daß,  wenn  eine  Verständigung  mit  Wien  nicht  zu  Stande
kommen  sollte,  Preußen  auf  den  1850  von  Österreich  angerufenen
  Boden  der  alten  Verträge  zurücktreten  würde.

Es  war  begreiflich,  daß  Fürst  Schwarzenberg  bei  dem
Empfang  dieses  halbofficiellen  Briefes  zornig  auffuhr.  Schon
die  Aufstellung  eines  festen  Ultimatum,  ganz  abgesehen  von
seinem  Inhalt,  war  mehr,  als  sich  Manteuffel  bisher  bei  ihm
in  irgend  welcher  Frage  herausgenommen  hatte  —  dann  die
volle  Parität  Preußens,  in  weiterem  Umfange,  als  sie  in
Dresden  von  Manteuffel  mündlich  bezeichnet  worden  war  —
ferner  diese  Parität  als  unabweisliche  Bedingung  für  den
        <pb n="101" />
        1851  Preußens  Erklärung.  91

Eintritt  Gesammtösterreichs  in  den  Bund  —  und  endlich  die
unverhüllte  Lossagung  Preußens  von  dem  Vorschlag  des
Eilfer-Directoriums,  also  der  gesicherten  Oberherrschaft  Oster—
reichs  in  der  neuen  Executive,  das  Alles  auf  Einem  Blatte
vereinigt,  überschritt  bei  Weitem  die  Grenzen  von  Schwarzenberg's
  Geduld.  Aber  wo  gab  es  ein  Mittel  dagegen?  Preußen
war  völlig  geeinigt  im  Innern,  und  hatte  nicht  bloß  die
Mehrzahl  der  Mitglieder  der  Conferenz,  sondern  auch  die
europäischen  Mächte  auf  seiner  Seite.  Genug,  die  ganze
Summe  des  so  hoffnungsreich  Erstrebten,  des  von  Manteuffel
im  Privatgespräch  so  leicht  erreichbar  Dargestellten  war  im
letzten  Augenblicke  vor  der  Vollendung  zertrümmert.  Es
war  der  Wendepunkt  für  die  ganze  Dresdener  Verhandlung.

Schwarzenberg's  erster  Schritt  war  jetzt,  am  2.  März,
ein  Circular  an  die  widersetzlichen  Regierungen,  worin  er  ihnen,
als  wenn  Manteuffel's  Brief  gar  nicht  existirte,  auf  Grund
des  letzten  Sitzungs-Protokolles  vom  23.  Februar  vorhielt,  daß
gegen  den  einigen  Willen  der  beiden  Großmächte  und  der
Königreiche  ein  Widerspruch  anderer  Staaten,  die  zusammen
nur  ein  Zehntel  der  Bevölkerung  des  Bundes  enthielten,  ein
höchst  gewagter  Schritt  sein  würde;  die  Zeitverhältnisse,  sagte
er,  reden  so  deutlich,  daß  wir  durch  weitere  Vorstellungen
die  Achtung  vor  unsern  Bundesgenossen  zu  verletzen  glauben
würden.  Natürlich  wußten  die  Kleinen,  wie  es  jetzt  in  Berlin
stand,  und  beeilten  sich,  das  Circular  dorthin  mitzutheilen
die  einzige  Folge  desselben  war  also  verdoppeltes  Mißtrauen
gegen  Schwarzenberg's  Heftigkeit  und  Unzuverlässigkeit.

Am  4.  März  beantwortete  dann  der  Fürst  die  preußische
Depesche  durch  ein  halbofficielles  Schreiben  an  Manteuffel,
23  Quartseiten  lang,  enthaltend  eine  breite  Wiederholung  der
        <pb n="102" />
        92  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

ganzen  bisher  geführten  Verhandlung,  eine  Klage  über  die
Verkoppelung  der  beiden,  gar  nicht  gleichwerthigen  Fragen,
des  Eintritts  Gesan#mtösterreichs  und  der  preußischen  Parität,
eine  Erklärung,  daß  man  zu  jeder  erlaubten  Concession  bereit
sei,  aber  der  Titel  des  Präsidialgesandten  und  die  Leitung
der  Sitzungen  müsse  Osterreich  verbleiben.  Den  ganzen  Arger
seiner  Seele  schüttete  er  dann  noch  in  einem  Privatbrief  an
Manteuffel  vom  selben  Tage  aus.  Unsere  gemeinsamen
Vorschläge,  sagte  er,  denen  die  Vertreter  von  neun  Zehnteln
des  deutschen  Bundes  beigestimmt,  hat  Preußen  also  fallen
lassen,  wahrscheinlich  aus  gewissenhafter  Rücksicht  auf  den
strengsten  Bundesrechtsbegriff.  Die  neueste  Wendung  hat
in  Paris  alle  Herzen  mit  Freude  erfüllt;  ich  habe  sichere
Anzeichen,  und  wundere  mich  nicht,  daß  wir  mehr  als  einen
Judas  in  unserer  Mitte  haben.  In  Dresden,  bemerkte  er,
würde  jetzt  eine  Menge  neuer,  ebenso  lehrreicher  wie  absurder
Denkschriften  erwachsen;  er  müsse  es  sich  deshalb  versagen,
wieder  dorthin  zu  kommen  und  diese  Ausarbeitungen  anzuhören;
  ein  solches  Opfer  könne  von  ihm  das  Vaterland  nicht
zweimal  fordern.  Das  Ohr  der  Gothaer  blicke  aus  jeder
Verkleidung  hervor.

Es  zeugte  von  der  ruhigen  Stimmung,  welche  jetzt  im
preußischen  Cabinet  herrschte,  daß  alle  diese  stachligen  Liebenswürdigkeiten
  nicht  den  Drang  zu  völligem  Bruche  hervorriefen.
  Im  Gegentheil,  so  fest  entschlossen  man  in  der
deutschen  Verfassungssache  war,  so  hatte  man  doch  den
dringenden  Wunsch,  im  Ubrigen  gute  Beziehungen  mit  Österreich
  zu  erhalten,  theils  im  Hinblick  auf  Rußland,  theils  in
der  Sorge  vor  Übergriffen  der  französischen  Republik  unter
der  Leitung  des  revolutionären  Emporkömmlings  Louis
        <pb n="103" />
        1851  Preußens  Vorschlag  einer  Allianz  mit  Ssterreich.  93

Napoleon,  der  so  eben  dem  preußischen  Gesandten  zur  Regelung
der  deutschen  und  sonstiger  europäischer  Fragen  die  Berufung
eines  Congresses  der  Großmächte  vorgeschlagen  hatte.  Manteuffel
  sandte  also  dem  Fürsten  Schwarzenberg  am  10.  März
ein  zweites  Schreiben,  worin  er  zwar  sein  Ultimatum  vom
27.  Februar  in  allen  Stücken  aufrecht  hielt,  zugleich  aber
auch  die  Bereitwilligkeit  Preußens  zu  einer  solidarischen  Verbürgung
  des  österreichischen  Gesammtgebietes  aussprach.  Je
ernster,  sagte  er,  eine  europäische  Verwicklung  werden  mag
desto  fester  werden  wir  in  der  engen  Verbindung  mit  Österreich
  beharren.  Dies  Wort  hatte  denn  auch  in  Wien,  wo
man  mit  gleichem  Argwohn  wie  in  Berlin  auf  Louis  Napoleon
blickte,  seine  volle  Wirkung.  In  der  Antwort  des  Fürsten
vom  17.  März  war  der  vorherige  gereizte  Ton  völlig  verschwunden,
  und  dafür  der  Ausdruck  lebhaftes  Dankes  für
den  Allianzvorschlag  an  die  Stelle  getreten.  Indessen  bat
der  Fürst,  ein  näheres  Eingehen  darauf  bis  zum  Schlusse
der  Conferenzen  zu  vertagen,  da  er  immer  noch  nicht  an
deren  völlige  Ergebnißlosigkeit  glauben  mochte.  Die  Correspondenz
  zwischen  beiden  Ministern  setzte  sich  dann  durch
einige  Wochen  fort;  neue  Vorschläge  über  Parität  und  Executive
  wurden  von  der  einen  wie  von  der  andern  Seite  gemacht;
  ihr  Schicksal  aber  war  stets  dasselbe;  sie  wurden  von
Osterreich  verworfen,  wenn  sie  das  preußische  Interesse  begünstigten,
  und  umgekehrt;  sie  scheiterten  also  an  derselben
Klippe,  welche  die  Conferenz  gleich  in  der  ersten  Sitzung  dem
Untergange  nahe  gebracht  hatte,  der  Nebenbuhlerschaft  der
beiden  Mächte.  So  lange  diese  nicht  auf  irgend  eine  Weise
gelöst  war,  gab  es  für  Deutschland  keine  andere  Verfassung
als  den  losen  Staatenbund  von  1815.
        <pb n="104" />
        94  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

Die  definitive  Erkenntniß  dieser  Wahrheit  bethätigte  zuerst
Preußen,  indem  es  am  27.  März  seine  frühern  Unionsgenossen
  zur  Beschickung  des  Bundestags  auf  den  Termin
des  12.  Mai  aufforderte.  Bald  nachher  überzeugte  sich  auch
Fürst  Schwarzenberg  von  der  Nichtigkeit  der  auf  Dresden
gesetzten  Hoffnungen  und  griff  dann  auf  Preußens  Anerbieten
  zu  einem  besonderen  Allianzvertrage  zurück.  Am
13.  April  sandte  er  einen  Entwurf  desselben  nach  Berlin,
in  dessen  Einleitung  noch  einmal  der  Wunsch  beider  Monarchen
  auf  den  Eintritt  ihrer  sämmtlichen  Besitzungen  in  den
Bund  erwähnt,  Angesichts  aber  der  von  England  und  Frankreich
  dagegen  erhobenen  „rechtlich  allerdings  ganz  unhaltbaren“
Einwendungen  für  jetzt  der  Abschluß  eines  Schutzbündnisses
zur  Sicherung  aller  ihrer  Besitzungen  vorgeschlagen  wurde.
Im  Texte  des  Vertrags  selbst  war  indessen  die  Verpflichtung
Preußens  auf  die  Zusage  des  Beistandes  mit  voller  Macht
bei  einem  Angriffe  auf  das  österreichische  Italien  beschränkt,
während  Osterreich  das  gleiche  Versprechen  bei  einer  Bedrohung
  irgend  welcher  preußischen  Provinz  ohne  Unterschied
  anbot.

Das  Berliner  Cabinet  strich  darauf  aus  diesem  Entwurfe
  die  Einleitung,  fügte  zu  den  italienischen  auch  die
bisher  im  deutschen  Bunde  befindlichen  Provinzen  Osterreichs
hinzu,  nannte  andrerseits  als  Gegenstand  des  österreichischen
Schutzes  die  preußischen  Bundeslande,  sowie  Ost=  und  Westpreußen,
  wollte  gegenseitige  Hülfe  bei  innern  Aufständen  in
Galizien,  Krakau  und  Posen  verabreden,  Rußland  den  Beitritt
  zu  dem  Vertrage  offen  halten,  die  Dauer  aber  des
Ganzen  auf  drei  Jahre  beschränken.  Denn  für  immer  sich
mit  der  Wiener  Politik  im  Orient  und  in  Italien  zu  identi-
        <pb n="105" />
        1851  Preußens  Entschluß  zum  Eintritt  in  den  Bundestag.  95

ficiren,  dazu  empfand  doch  niemand  in  Berlin  Verpflichtung
oder  Neigung.

Schwarzenberg  erklärte  sich  von  diesen  Anderungen  wenig
erbaut.  Noch  immer  wünschte  er  die  preußische  Zusage  für
den  Eintritt  aller  Provinzen  beider  Mächte  in  den  Bund,
und  lehnte  also  in  demselben  Sinne  die  Erwähnung  Ostund
  Westpreußens  in  dem  Vertrage  ab,  weil  damit  die  Absicht
  des  Berliner  Cabinets  auf  Zurückziehung  dieser  Provinzen
  aus  dem  Bunde  ausgesprochen  war.  Die  Bestimmung
über  gegenseitige  Hülfeleistung  bei  polnischen  Aufständen  erklärte
  er  für  überflüssig,  weil  sie  bereits  durch  die  Verträge
von  1833  feststehe.

Schließlich  vereinigte  man  sich  dahin,  Alles  wegzulassen,
wogegen  von  einer  Seite  Bedenken  erhoben  waren,  und  einfach
zu  sagen,  daß  im  Laufe  der  nächsten  drei  Jahre  jede  der  beiden
Regierungen  mit  voller  Macht  der  andern  Beistand  leisten
würde,  wenn  irgend  eine  Besitzung  derselben,  inner=  oder
außerhalb  des  deutschen  Bundes  gelegen,  angegriffen  würde.

Während  dieser  geheimen  Verhandlungen  der  beiden  Großmächte
  hatten  in  Dresden  die  Commissionen  der  Conferenz
so  treufleißig  ihre  Themata  weiter  bearbeitet,  als  sollte  durch
ihre  Leistungen  eine  neue  Epoche  der  Weltgeschichte  eröffnet
werden.  Um  die  Mitte  des  April  konnten  sie  melden,  daß
ihre  Berichte  gegen  Ende  des  Monats  festgestellt  sein  würden,
und  Preußen  schlug  darauf  vor,  am  5.  Mai  die  Conferenz
mit  der  einfachen  Erklärung  zu  schließen,  daß  die  Commissionsberichte
  dem  Bundestage  zur  weitern  Behandlung  zugehen
sollten.  Ein  solcher  Mißerfolg  der  in  der  sächsischen  Metropole
  tagenden  Versammlung  erschien  aber  dem  Baron  Beust
unerträglich;  er  eilte  nach  Wien,  um  dem  Fürsten  Schwarzen=
        <pb n="106" />
        96  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

berg  vorzuschlagen,  die  Conferenz  möge  die  Commissionsbeschlüsse
  allerdings  nicht  als  gesetzgeberische  Acte,  aber  doch
als  gemeinsame  Gutachten  genehmigen,  nur  um  sie  dann  den
deutschen  Regierungen  zu  beliebigem  Gebrauche  vorzulegen.
Da  hiebei  alle  zwischen  Osterreich  und  Preußen  streitigen
Punkte  wieder  zur  Sprache  hätten  kommen  müssen,  so  wäre
ohne  Zweifel  die  einzige  Wirkung  des  Beust'schen  Gedankens
das  Auseinandergehen  der  Conferenz  in  offenkundigem  Zmiespalt
  gewesen.  Schwarzenberg,  mit  Beust  in  dem  Wunsche
einverstanden,  die  Conferenz  nicht  mit  einem  völlig  negativen
Ergebniß  zu  schließen,  machte  demnach  in  Berlin  den  Vorschlag,
  die  letzte  Sitzung  erst  auf  den  15.  Mai  anzuberaumen,
und  vorher  noch  sechs  Reformbeschlüsse  zu  fassen,  deren  sachlicher
  Werth  unbestritten  sei.  Da  er  aber  in  das  Verzeichniß
derselben  mit  großer  Unbefangenheit  auch  den  Antrag  der
dritten  Commission  auf  Vorbereitung  der  großen  Zolleinigung
aufgenommen  hatte,  so  erfolgte  umgehend  von  Preußen  die
Ablehnung  des  ganzen  Vorschlags.  Schwarzenberg  war  darauf
wieder  sehr  erregt.  Die  Conferenz,  sagte  er  dem  preußischen
Geschäftsträger,  darf  nicht  ganz  resultatlos  verlaufen:  Wenig
oder  Viel,  etwas  muß  erreicht  werden;  ich  beharre  auf  der
Einbringung  meiner  sechs  Punkte.  Graf  Buol  stellte  darauf
am  2.  Mai  in  der  Conferenz  den  Antrag,  die  Regierungen
zu  einer  Außerung  ihrer  Ansichten  über  die  Commissionsanträge
  einzuladen,  und  zu  diesem  Behufe  eine  Sitzung  am
15.  Mai  anzuberaumen.  Hiegegen  konnte  man,  da  es  sich  nicht
um  Vota  oder  Beschlüsse  handelte,  nichts  einwenden;  wenn
aber  Fürst  Schwarzenberg  daran  noch  irgend  eine  Hoffnung
auf  ein  seinem  Sinne  entsprechendes  Ergebniß  gesetzt  hatte,
so  sollte  er  eine  gründliche  Enttäuschung  erleben.  Vormittags
        <pb n="107" />
        1851  Schluß  der  Conferenzen.  97

am  15.  war  die  hohe  Versammlung  vollzählig  vereinigt.
Osterreich  begann  mit  einer  ausführlichen,  durchgängig  lobenden
Kritik  der  Commissionsarbeiten,  und  schloß  daran  den  oben
erwähnten  Antrag  auf  Annahme  der  sechs  Punkte.  Preußen
setzte  dagegen  eine  kurze,  in  die  Sache  überall  nicht  eingehende
  Erklärung,  daß  die  Commissionsarbeiten  dem  Bundestage
  zu  überweisen  seien.  Dann  folgten  die  Ubrigen  mit
mannigfaltigen,  zum  Theil  recht  weitläufigen  Erörterungen.
Das  Ergebniß  war,  daß  über  keinen  Punkt  sich  irgend  eine
für  weitere  Schritte  brauchbare  Übereinstimmung  herausstellte.
Am  Nachmittage  fand  darauf  die  feierliche  Schlußsitzung
Statt.  Fürst  Schwarzenberg  hatte  die  dieses  Mal  wehmüthige
Aufgabe,  in  seiner  Präsidialrede  der  Versammlung  und  ihren
Bestrebungen  die  üblichen  Höflichkeiten  zu  sagen;  er  krönte
seinen  Vortrag  durch  das  im  Andenken  der  Nation  gebliebene
Wort,  daß  die  Conferenz  zwar  keine  neue  Verfassung  geschaffen,
wohl  aber  „schätzbares  Material“  für  weitere  Verhandlungen
geliefert  habe.

Zu  einigem  Troste  mochte  ihm  gereichen,  daß  am
folgenden  Tage,  dem  16.  Mai,  der  geheime  preußische
Allianzvertrag  in  Dresden  unterzeichnet,  und  damit  auf  drei
Jahre  für  Osterreichs  Herrschaft  über  Italien  die  preußische
Waffenhülfe  gesichert  wurde.  Aber  das  schöne  Bild  einer
bleibenden  Mediatisirung  Preußens  war  zerronnen  für  immer.

So  war  das  österreichisch-großdeutsche  System  eine  Fehlgeburt
  geblieben,  nicht  anders  als  die  Reichsverfassung  der
Paulskirche,  das  Dreikönigsbündniß  und  die  preußische  Union.
Das  Erzeugniß  der  revolutionären  Bewegung  war  von  beiden
Großmächten  auf  die  Seite  geschoben  worden;  Preußen  aber

und  Osterreich  hatten  die  Kraft  ihres  Einflusses  gemessen,
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.
        <pb n="108" />
        98  Die  Dresdener  Conferenzen.  1851

jedoch  keiner  den  andern  zu  bewältigen  vermocht.  Nichts
blieb  übrig,  als  der  alte  Bundestag,  der  noch  im  Mai  seine
jetzt  allseitig  anerkannte  Wirksamkeit  wieder  eröffnete.  Wer
im  Urtheil  nur  dem  äußern  Scheine  folgte,  konnte  glauben,
daß  nach  aller  Begeisterung  und  Hoffnung,  nach  heißem
Geisteskampf  und  blutigem  Schlachtendonner  Deutschland
genau  an  demselben  Punkte  angekommen  sei,  auf  dem  es  am
1.  Februar  1848  gestanden  hatte.  Niemand  sah  auf  dies
Ergebniß  mit  größerer  Befriedigung  als  der  alte  Fürst
Metternich.  In  einer  Denkschrift  vom  10.  November  1855
sagte  er:  „alle  Strebungen,  welche  der  Parteigeist  gegen  den
Begriff  des  Bundes  in  seiner  gesetzlichen  Gestaltung  in  den
Jahren  1848  und  1849  bis  zum  heutigen  Tag  gerichtet  hat,
haben  sich  als  schale,  der  Natur  der  Dinge  entgegen  stehende
Unternehmen  erwiesen.  Die  Fragen,  welche  sich  das  österreichische
  Cabinet  im  Jahre  1813  stellte,  waren  damals  und
werden  in  allen  Zeiten  die  allein  principiell  denkbaren,  und
keiner  andern  praktischen  Lösung  fähig  sein  als  derjenigen,
welche  dieselben  in  der  Bundesacte  gefunden  haben.  1“

1)  Historische  Zeitschrift  58,  S.  384.
        <pb n="109" />
        1851

4.  Capitel.
Thätigkteit  des  erneuerten  Bundestags.

In  einer  Beziehung  beeiferte  sich  der  wiedergeborene
Bundestag,  durchaus  als  Fortsetzung  des  alten  zu  erscheinen,
in  der  Bekämpfung  der  liberalen  und  demokratischen  Bestrebungen
  der  Zeit:  diese  hatten  im  Jahre  1848  eine  bisher
in  Deutschland  ungeahnte  Kraft  entwickelt;  dem  entsprach
jetzt  die  das  Karlsbader  Vorbild  weit  hinter  sich  zurücklassende
  reactionäre  Energie  des  Bundestags.  Auf  diesem
Gebiete  schien  plötzlich  die  particulare  Gesinnung  ausgetilgt
zu  sein;  die  Regierungen  der  Einzelstaaten  wetteiferten  mit
geringen  Ausnahmen,  entweder  solchen  Beschlüssen  des
Bundestags  sich  zu  unterwerfen,  oder  sie  selbst  zu  veranlassen.
  Niemals  früher  hatte  das  deutsche  Centralorgan  so
tief  in  das  innere  Leben  der  Einzelstaaten  eingreifen  dürfen,
wie  es  jetzt  —  um  den  Ausdruck  Friedrich  Wilhelm's  IV.
zu  gebrauchen  —  in  dem  Bestreben  geschah,  den  demokratischen
Schmutz  des  Jahres  der  Schande  aus  den  deutschen  Verfassungen
  zu  entfernen.

Einiges  der  Art  war  schon  vorausgegangen,  als  der
Bundestag  im  Mai  1851  die  alte  Vollzähligkeit  wieder  er-
        <pb n="110" />
        100  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

reichte.  In  Mecklenburg-Schwerin  war  trotz  alles  Wider—
strebens  der  großherzoglichen  Regierung  die  alte  Adelsherrschaft
  durch  Urtheil  eines  Compromißgerichts  hergestellt
worden.  Sachsen  hatte  im  Mai  1850,  als  in  seinen  Kammern
die  eine  Hälfte  der  Mitglieder  auf  den  Anschluß  an  die
preußische  Union,  die  andere  auf  die  Anerkennung  der  Frankfurter
  Reichsverfassung  drängte,  die  Kammern  aufsgelöst,  die
Gesetze  von  1848  für  erloschen  erklärt,  und  die  Verfassung
von  1831  wieder  erneuert.  Württemberg  war  diesem  Beispiele
  gefolgt,  als  seine  Volksvertreter  der  Regierung  das
Geld  zu  den  Rüstungen  verweigerten,  welche  in  Bregenz  zur
Unterstützung  der  kurhessischen  Execution  verabredet  worden
waren:  die  Abgeordneten  wurden  nach  Hause  geschickt,  und
die  Verfassung  von  1819  wieder  in  Kraft  gesetzt.  In  beiden
Staaten  nahmen  darauf  die  Minister  die  Zügel  kräftig  in
die  Hand,  und  führten  eine  stramme,  aber  zugleich  in  der
Pflege  der  materiellen  Interessen  einsichtige  Verwaltung;  der
in  seinen  alten  Rechten  hergestellte  Adel  war  ihnen  dankbar,
und  ein  großer  Theil  des  Bürgerthums  freute  sich  der  Beseitigung
  des,  für  Handel  und  Wandel  so  bedenklichen,
politischen  Treibens.

Ahnliche  Tendenzen  rührten  sich  nun  überall.  Es  würde
für  sich  allein  ein  umfangreiches  Buch  erfordern,  ihnen  durch
die  deutschen  Territorien  im  Einzelnen  nachzugehen;  es  muß
uns  genügen,  ihre  allgemeine  Richtung  zu  bezeichnen.  Es
handelt  sich  eben  überall  um  den  Gegensatz  zu  der  demokratischen
  Strömung  von  1848.

Wiederholen  wir  uns  kurz  deren  wesentliche  Forderungen.

Wo  man  nicht  geradezu  das  Banner  der  Republik  erhob,
  suchte  man  doch  den  Monarchen  in  die  Stellung  des
        <pb n="111" />
        1851  Demokratische  Forderungen.  101

ausübenden  Organs  für  den  souveränen  Willen  des  Volkes
oder  der  Volksvertretung  herabzudrücken,  durch  Beschränkung
auf  ein  bloß  ausschiebendes  Veto  bei  der  Gesetzgebung,  durch
unbeschränktes  Steuerverweigerungsrecht  der  Volkskammer,
durch  Verpflichtung  aller  Beamten  und  Officiere  auf  die
Verfassung,  durch  Überweisung  wichtiger  Verwaltungszweige
an  gewählte  Behörden.

Diese  mächtige,  die  Regierung  lenkende  Volksvertretung
sollte  dann  ihrerseits  wieder  von  dem  souveränen  Volke  ab—
hängig  bleiben  vermittelst  der  Ertheilung  gleiches  allgemeines
Stimmrechts  bei  kurzen  Wahlperioden,  durch  unbeschränkte
Ausübung  des  Vereins=  und  Versammlungsrechts,  durch  unbedingte
  Preßfreiheit  und  höchst  beschränkte  Polizeigewalt.

Nach  dem  Grundsatz  der  Gleichheit  sollten  alle  Standesvorrechte
  abgeschafft,  und  der  Adel,  wenn  nicht  einfach  aufgehoben,
  doch  seiner  bisherigen  Privilegien  verlustig  werden.
Die  Kirche  würde  in  ihren  äußern  Rechtsverhältnissen  zum
Gehorsam  gegen  die  Gesetze  des  demokratischen  Staats  verpflichtet,
  Wissenschaft  und  Schule  von  jedem  kirchlichen  Einfluß
  befreit,  und  niemand  zu  einem  religiösen  Bekenntniß
genöthigt  werden.

Zu  vollständiger  Verwirklichung  war  dies  System  wohl
an  keiner  Stelle  gelangt,  aber  in  zahlreichen  Staaten  doch  so
weit  durchgedrungen,  daß  der  1848  plötzlich  eintretende  Zusammenbruch
  der  bisherigen  Autoritäten,  die  Überfluthung  mit
neuen,  oft  provisorischen  und  unfertigen  Gesetzen  und  die
legalisirte  Ungebundenheit  der  Volksmassen  eine  große  Verwirrung
  und  Unsicherheit  in  allen  Verwaltungszweigen,  neben
Rechtsbrüchen  und  Gewaltthaten  aller  Art  hervorgerufen  hatte.
Daß  hier  Abhülfe  an  hundert  Stellen  nöthig  war,  ist  ebenso
        <pb n="112" />
        102  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

unläugbar,  als  daß  der  erste  Schritt  dazu  die  Stärkung  der
Obrigkeit  sein  mußte.  In  den  weitern  Organisationen  ging
offenbar  die  allerdings  nicht  leichte  Aufgabe  dahin,  die  berechtigten
  Forderungen  der  neuen  Zeit  von  den  schädlichen
Auswüchsen  zu  unterscheiden,  diese  zu  beseitigen  und  jene  der
monarchischen  Ordnung  in  passender  Weise  einzufügen.

Allein  die  uralte  Weisheit,  daß  eine  aus  monarchischen,
aristokratischen  und  demokratischen  Elementen  gemischte  Staatsverfassung
  die  beste  Gewähr  zugleich  für  Ordnung  und  Freiheit
  bietet,  war  der  jetzt  an  die  Leitung  der  Reaction  sich
drängenden  Partei  unbekannt  oder  erschien  ihr  lächerlich.
Die  Politik,  hieß  es  hier,  ist  nichts  als  ein  Streit  um  die
Macht;  wer  Macht  erstrebt,  ist  ein  Narr,  wenn  er  dem
Gegner  Theil  an  der  Macht  einräumt.  Die  Demokraten
haben  den  Monarchen  zum  Sprachrohr  der  Volksvertretung
erniedrigen  wollen:  wir  lassen  Volksvertreter  entweder  gar
nicht  oder  höchstens  mit  berathender  Stimme  zu.  Die  Demokraten
  haben  die  Beamten  von  den  Befehlen  des  Königs
und  das  Volk  von  den  Verfügungen  der  Behörden  emaneipirt:
wir  stellen  das  Volk  unter  die  Befehle  der  Polizei  und  die
Polizei  unter  die  Winke  des  Monarchen.  Die  Demokraten
haben  den  Adel  und  den  Pöbel  in  eine  Masse  geworfen,
und  die  Kirche  den  zerstörenden  Agitationen  der  Clubs  und
einer  trügerischen  Wissenschaft  Preis  gegeben:  wir  geben  dem
Adel  seine  localen  und  politischen  Rechte  zurück,  und  stellen
das  bethörte  Volk  wieder  unter  die  Vormundschaft  der  neugestärkten
  Kirche.

Es  arbeiteten  also  in  der  damaligen  Reaction  absolutistische,
  feudale  und  klerikale  Tendenzen  in  wechselnder  Gruppirung
  und  Wirkungskraft  neben  einander.
        <pb n="113" />
        1851  Die  Reaction  in  Österreich.  103

Osterreich  ging  mit  energischem  Beispiele  voran.  Da  hier
die  Revolution  durch  große  militärische  Machtentfaltung  niedergeworfen
  war,  und  der  leitende  Minister,  Fürst  Schwarzenberg,
  überhaupt  eine  Staatsordnung  nur  insoweit  als  brauchbar
  anerkannte,  als  sie  die  Unterthanen  zu  unbedingtem
Gehorsam  nach  militärischem  Muster  verpflichtete,  so  überwog
hier  die  absolutistische  Tendenz  bei  Weitem.  Die  Märzverfassung
  von  Kremsier  war  von  jeher  ein  todter  Buchstabe
geblieben,  obgleich  man  sich  das  Vergnügen  gemacht  hatte,
ihr  auf  dem  Papier  ebenso  todte  Landesverfassungen  für  jedes
Kronland  anzuhängen.  Entscheidend  war  ohne  Zweifel  die
Thatsache,  daß  bei  den  verwickelten  Zuständen  in  Ungarn  die
Ausführung  der  Verfassung  noch  größere  Schwierigkeiten  und
Gefahren  in  Aussicht  stellte  als  ihre  Aufhebung.  Nur  die
unbeschränkte  Allmacht  der  Regierung  schien  die  Einheit,  ja
die  Existenz  des  Reiches  sichern  zu  können.  So  siegte  die
Meinung,  von  allen  provinzialen  Besonderheiten  ebenso  wie
von  sogenannten  Grundrechten  und  einem  selbständigen  Reichstage
  abzusehen.  Die  ganze  Monarchie  sollte  in  gleichmäßig
organisirte  Verwaltungsbezirke  zerlegt,  eine  über  die  Unterthanen
  allmächtige,  von  der  Reichsregierung  unbedingt  abhängige
  Bureaukratie  eingerichtet,  und  so  ein  System  durchgreifender
  Centralisation  in  das  Leben  geführt  werden.  Um
dieser  Verwaltung  festen  Halt  zu  geben,  wurden  auch  an  den
Stellen,  wo  der  Belagerungsstand  nicht  verkündet  war,  die
Militärbehörden  mit  mannigfachen  Vollmachten  zur  Sicherung
allgemeiner  Botmäßigkeit  versehen.  In  noch  bedeutenderem
Umfange  aber  wurde  zu  gleichem  Zweck  der  große  Beamtenapparat
  der  katholischen  Kirche  herangezogen.  Der  römischen
Curie  wurden  die  weitesten  Aussichten  eröffnet,  Jesuiten  und
        <pb n="114" />
        104  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

Ligorianer  in  das  Reich  zurückgerufen,  das  ganze  Schulwesen
der  Aufsicht  der  Bischöfe  unterstellt,  alle  weltlichen  Beamten
zu  kräftiger  Unterstützung  der  kirchlichen  Censuren  und  Sittenzucht
  angewiesen.  Ganz  wie  der  erste  Napoleon  meinte  jetzt  auch
Fürst  Schwarzenberg  sagen  zu  können:  mit  meinen  Soldaten,
Polizisten  und  Klerikern  thue  ich  im  Lande,  was  ich  will.

Der  Adel  erhielt  bei  diesem  System,  namentlich  seit
die  ungarischen  Magnaten  noch  einmal  eine  eigene  Meinung
auszusprechen  gewagt  hatten,  nur  spärliche  Brocken.  Die
Robotfreiheit  der  Bauern  blieb  aufrecht;  den  Edelleuten
wurde  dafür  die  Befugniß  zur  Errichtung  von  Fideicommissen
gewährt;  ihre  Güter  wurden  aus  dem  Gemeindeverbande
ausgeschieden,  und  ihnen  Hoffnung  auf  eine  ständische  Bezirksvertretung
  mit  berathender  Stimme  gegeben.  Stärkere  politische
  Rechte  blieben  ihnen  versagt.

Drei  kaiserliche  Handschreiben  vom  20.  August,  und
drei  weitere  Handschreiben  vom  31.  December  1851  verkündeten
  den  Völkern  Osterreichs  die  Aufhebung  der  Verfassung
  und  die  Grundsätze  der  absolutistischen  Centralisation.
Keine  Stimme  erhob  sich  dagegen.  Die  Landtage  waren
beseitigt,  die  Presse  lag  in  festen  Banden,  jeder  Widerspruch
wäre  auf  der  Stelle  erstickt  und  schwer  geahndet  worden.
Erst  in  weiterem  Verlaufe  lehrten  die  Folgen,  daß  Schrankenlosigkeit
  nicht  immer  eine  Quelle  der  Stärke  ist.

Nachdem  die  kaiserliche  Regierung  im  August  1851  zum
Entschlusse  über  dies  Verfahren  gekommen  war,  erging  im
September  eine  dringende  Mahnung  nach  Berlin,  auf  gleiche
Weise  auch  in  Preußen  den  Erzeugnissen  der  Revolution  den
Garaus  zu  machen  und  vor  allen  Dingen  die  Verfassung
von  1850  wieder  aus  der  Welt  zu  schaffen.
        <pb n="115" />
        1851  Erwägung  einer  Verfassungsänderung  in  Preußen.  105

Nicht  amtlicher  Weise  im  Ministerium,  wohl  aber  in  der
persönlichen  Umgebung  des  Königs  hatten  ähnliche  Gedanken
bereits  feste  Form  gewonnen.  An  die  Stelle  einer  vertragsmäßig
vereinbarten  Verfassung  sollte  ein  königlicher  Freibrief,  an  die
Stelle  der,  wie  man  sich  ausdrückte,  unorganischen  Kopfzahl—
wahlen  sollten  die  Organe  der  historischen  Stände  treten;
für  das  Interesse  des  Staats  hätte  der  König,  die  Stände
aber  für  ihre  ständischen  Interessen  zu  sorgen;  genug,  nicht
wie  Fürst  Schwarzenberg,  auf  eine  Nachahmung  des  napoleonischen
  Despotismus,  sondern  auf  eine  Rückkehr  zu  dem
Systeme  des  Vereinigten  Landtags  von  1847  nahm  man
Bedacht.  Doa  dieses  der  Ausdruck  der  eigensten  Anschauungen
Friedrich  Wilhelms  gewesen,  so  war  die  Versuchung  für  den
Monarchen  stark,  denn  an  eine  revolutionäre  Auflehnung
gegen  die  Maaßregel  wäre  damals  in  Preußen  so  wenig  wie
in  Osterreich  zu  denken  gewesen.  Auf  der  andern  Seite  war
hier  kein  augenblicklicher  Nothstand  vorhanden,  keine  Unruhe
im  Lande,  kein  schwerer  Streit  mit  den  Kammern;  es  fehlte
an  jedem  Anlaß  und  Vorwand  zum  Staatsstreich,  außer  der
persönlichen  Ansicht  einiger  einflußreicher  Männer,  daß  die
Verfassung  von  1847  besser  sei  als  die  von  1850.  Nun  aber
hatte  bei  dem  Erlaß  der  letztern  der  König  in  feierlicher
Weise  den  Kammern  für  die  verbessernde  Revision  der  Verfassung
  gedankt,  ihnen  erklärt,  daß  sie  ihm  dadurch  ein  königliches
  Regiment  auf  Grund  der  Verfassung  möglich  gemacht,
und  dann  durch  eidliches  Gelöbniß  der  Verfassung  seine
Sanction  ertheilt.  War  es  denkbar,  daß  er  zwei  Jahre  nachher
diese  Erklärungen  als  offenbare  Irrthümer  zurücknähme,  und
daraufhin  sich  von  seinem  Eide  lossagte?  Der  König  wünschte
auch  einen  seiner  liberalen  Freunde  darüber  zu  hören,  und
        <pb n="116" />
        106  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

ließ  seinem  Gesandten  in  London,  Bunsen,  die  Frage  vor—
legen.  Wie  zu  erwarten  war,  rieth  Bunsen  auf  das  Dringendste
von  einem  Staatsstreich  ab,  der  mit  einem  Eidbruch  beginnen,
und  durch  seine  Schöpfungen  den  innern  Frieden  von  Grund
aus  aufwühlen  müßte.  Wie  mir  aus  zuverlässiger  Quelle
versichert  wird,  gaben  damit  die  Advocaten  des  Staatsstreichs
den  Plan  noch  nicht  auf.  Sie  sprachen  dem  „liberalen
Schwätzer“  in  London  jede  Urtheilsfähigkeit  in  der  Sache  ab;
sie  fanden,  es  sei  tugendhafter,  einen  sündhaften  Eid  zu
brechen  als  ihn  zu  halten;  sie  fragten:  wenn  König  Herodes
sein  der  Herodias  eidlich  gegebenes  Versprechen,  ihr  den
Kopf  des  Täufers  zu  schenken,  gebrochen  hätte,  wäre  das  vor
Gott  eine  Sünde  gewesen?  Gegen  sie  aber  erhob  sich  ein
Royalist  reinstes  Wassers,  ein  Mann,  welcher  damals  bei
allen  Liberalen  als  Gegner  aller  Freiheit  verrufen  war,  der
Oberpräsident  der  Provinz  Pommern,  Freiherr  von  Senft-Pilsach.
  Er  schrieb  dem  Könige  in  ehrfürchtigen  und  ernsten
Worten,  Majestät  möge  sich  durch  kein  frommes  Sophisma
von  dem  geraden  Wege  der  Ehre  und  Treue  verlocken  lassen;
niemals  würde  unser  norddeutsches  bedächtiges  und  kräftiges
Volk  einen  Eidbruch  seines  Königs  verwinden  und  vergessen.
Der  König  entschied,  das  sei  die  Wahrheit,  und  von  dem
Freibrief  war  keine  Rede  mehr.

Indessen  überzeugte  der  Minister  des  Innern,  Herr
von  Westphalen,  seine  Collegen  sehr  bald,  daß  der  erstrebte
Bruch  mit  der  Revolution  sich  auch  unter  dem  Fortbestand
der  Verfassung  von  1850  mit  einiger  Geschicklichkeit  und  Unbedenklichkeit
  in  ganz  auskömmlicher  Weise  erreichen  lasse.  Die
nöthige  Geschicklichkeit  bestehe  in  einer  unbedenklichen  Interpretation
  der  einzelnen  Verfassungsartikel  und  Gesetzespara-
        <pb n="117" />
        1851  Reactionäre  Verwaltung  in  Preußen.  107

graphen.  Eine  höchst  erfolgreiche  Regel  wurde  dahin  festgesetzt,
  daß  eine  lange  Reihe  jener  Artikel,  namentlich  im
zweiten  Titel  der  Verfassung  „von  den  Rechten  der  Preußen“
allgemeine  Grundsätze  ausspreche,  die  eine  bindende  Kraft
erst  durch  specielle  Ausführungsgesetze  erhalten  könnten,  so
daß  bis  zu  deren  Erlasse  die  betreffenden  frühern  Gesetze  in
Kraft  blieben.  Nach  dieser  einfachen  Formel  war  der  Gleichheit
  vor  dem  Gesetze,  der  Aufhebung  der  Standesvorrechte,
der  Freiheit  des  religiösen  Bekenntnisses,  der  Bildung  neuer
Religionsgesellschaften  mit  öffentlicher  Religionsübung,  der
Aufhebung  der  gutsherrlichen  Polizei  u.  s.  w.  die  gesetzliche
Bedeutung  entzogen.  Ich  versage  mir,  der  weitern  Entwicklung
  dieser  Kunst  der  Abschaffung  eines  Gesetzes  durch  seine
Interpretation  auf  den  einzelnen  Gebieten  der  Verwaltung
näher  nachzugehen:  für  unsern  Zweck  reicht  die  Bezeichnung
der  damit  durchgesetzten  Ergebnisse  hin.  Anders  als  in
Osterreich  theilten  sich  hier  die  Bureaukratie,  der  Adel  und
die  Kirche  ziemlich  gleichmäßig  in  den  Gewinn.  Gegen  die
gesetzwidrige  Verfügung  eines  königlichen  Verwaltungsbeamten
gab  es  thatsächlich  keine  Abhülfe  mehr  als  die  Beschwerde
bei  dem  vorgesetzten  Minister;  das  Recht  der  Polizeibehörden,
Verordnungen  mit  Strafandrohung  zu  erlassen,  wurde  von
jeder  Schranke  entbunden;  die  Bezirksregierungen  griffen  kraft
ihres  Oberaufsichtsrechts  in  die  Selbstverwaltung  der  Städte
mit,  ohne  und  gegen  Gesetz  nach  freiem  Ermessen  ein,  und
während  das  Gesetz  bei  einem  Mißbrauch  der  Preßfreiheit  den
Richter  bevollmächtigte,  in  gewissen  Fällen  dem  Buchhändler
oder  Buchdrucker  die  Concession  zu  entziehen,  so  interpretirte
Herr  von  Westphalen,  das  Gesetz  sage  nicht,  daß  allein  in
diesen  Fällen  die  Entziehung  statthaft  sei,  und  ließ  demnach
        <pb n="118" />
        108  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

überall,  wo  es  nützlich  schien,  durch  die  Polizei  die  Concession
zurückziehen.  So  wurde,  was  in  Osterreich  durch  ein
offenes  sic  volo,  sic  jubeo,  hergestellt  war,  eine  weite  Ausdehnung
  der  bureaukratischen  Macht,  in  Preußen  durch  eine
bisher  unbekannte  Auslegung  der  Gesetze  selbst  erreicht.  In
derselben  Weise  sicherte  sich  die  feudale  Partei  ihren  eigenen
Antheil  an  der  Beute.  Den  Großgrundbesitzern  wurde  die  durch
die  Verfassung  aufgehobene  Polizeigewalt  wieder  erneuert;  es
wurden  die  alten,  mit  den  Verfassungssätzen  unvereinbaren
Provinzialstände  und  Kreistage  von  Neuem  in  das  Leben
gerufen,  und  was  die  Hauptsache  war,  die  bisher  wählbare
erste  Kammer,  ebenfalls  nach  einer  sehr  zweifelhaften  Gesetzes-Interpretation,
  in  ein  Herrenhaus  verwandelt,  in  welchem
Grafen  und  Rittergutsbesitzer  ein  ganz  entscheidendes  Übergewicht
  und  damit  ein  sicheres  Bollwerk  gegen  etwaige  Versuche
  zu  einer  ihnen  mißliebigen  spätern  Gesetzgebung  besaßen.
Was  endlich  die  Kirche  betrifft,  so  überließ  man,  an  dieser
Stelle  die  Verfassung  buchstäblich  und  im  weitesten  Sinne
ausführend,  der  katholischen  Hierarchie  die  selbständige  Ordnung
  und  Verwaltung  ihrer  Angelegenheiten,  ohne  irgend
eines  der  frühern  Staatsaufsichtsrechte  sich  vorzubehalten.
Die  Bildung  und  die  amtliche  Stellung  des  Pfarrklerus,  die
Verwaltung  des  Kirchenvermögens  der  Gemeinden,  die  kirchlichen
  Zuchtmittel  über  die  Laien,  das  Alles  stand  fortan  zur
freien  Verfügung  der  Bischöfe.  Klöster  aller  Orden,  nicht
zum  wenigsten  der  Jesuiten,  erfüllten  das  Land  und  gewannen
mächtigen  Einfluß  bei  allen  Ständen.  In  beiden  Confessionen
wurde  die  locale  Aufsicht  über  die  Volksschule  ein  für  alle
Male  dem  betreffenden  Pfarrer  übertragen.  Mit  einem
Worte,  die  Krone  zeigte  sich  hier  noch  uneigennütziger  und
        <pb n="119" />
        1851  Feudale  und  klerikale  Wirksamkeit.  109

zur  Beschränkung  ihrer  Macht  bereiter,  als  im  Verhältniß  zum
Adel.  In  der  evangelischen  Kirche  gab  es  nun  keine  Hierarchie,
  die  außer  der  Schulpflege  zu  einer  Machtstellung  nach
katholischem  Muster  geeignet  gewesen  wäre.  Indessen  ließ
sich  doch  auch  auf  diesem  Gebiete  die  herrschende  Gesinnung
in  mannigfaltiger  Weise  bethätigen.  Die  Selbständigkeit  der
Kirche  vom  Staate  kam  zur  Geltung,  wenn  ein  Geistlicher
auf  Grund  eines  Bibelspruchs  dem  Landesgesetze,  z.  B.  in
der  Frage  der  Trauung  eines  gerichtlich  geschiedenen  Ehegatten
  mit  einer  andern  Frau,  den  Gehorsam  weigerte,  und
dann  von  den  Behörden  in  seiner  Haltung  geschützt  wurde.
Weiter  äußerte  sich  die  Fürsorge  des  Staats  für  die  gläubige
Kirche  in  empfindlichem  Drucke  auf  alle  Ungläubigen  oder
Lauen.  Die  Dissidenten-Gemeinden  wurden  als  politische
Clubs  der  gefährlichsten  Art  bezeichnet,  und  alle  Mittel  polizeilicher
  Quälereien  zu  ihrer  Auflösung  verwandt.  Jeder
emporstrebende  Beamte  wußte,  daß  sein  Vorwärtskommen
von  einem  erbaulichen  kirchlichen  Lebenswandel,  häufigem
Besuch  des  Gottesdienstes,  Theilnahme  an  frommen  Vereinen,
Beiträgen  zu  milden  Stiftungen  bedingt  war.  Die  erziehliche
Wirkung  dieser  Vorkehrungen  wurde  sehr  bald  augenfällig.
Die  herrschende  Partei  fühlte  sich  so  siegesgewiß,  daß  keine
ihr  verdächtige  Persönlichkeit  auf  Schonung  rechnen  durfte.
Dies  ging  so  weit,  daß  sogar  der  ihr  keineswegs  angehörige
Thronfolger  für  seine  abweichende  Meinung  bei  mehrfachen
Anlässen  mit  kleinen,  aber  empfindlichen  Unannehmlichkeiten
heimgesucht  wurde.

So  war  die  Verfassungspolitik  der  beiden  Großmächte
beschaffen,  unter  deren  Einfluß  der  neue  Bundestag  zur
Heilung  der  seit  1848  an  demokratischem  Gifte  erkrankten
        <pb n="120" />
        110  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

Landesverfassungen  schritt.  Am  8.  Juli  1851  brachten
Osterreich  und  Preußen  gemeinsam  einen  Antrag  ein,  dessen
Begründung  zunächst  weitere  Vorlagen  über  die  Bereithaltung
eines  Truppencorps  zum  Schutze  der  Bundesversammlung
und  über  die  Bildung  einer  Central-Bundespolizei  ankündigte,
und  sodann  auf  das  Recht  und  die  Pflicht  des  Bundes  hinwies,
  nach  Artikel  II  der  Bundesacte,  sowie  nach  dem  Gutachten
  einer  Commission  der  Dresdener  Conferenzen  für
Deutschlands  innere  Sicherheit  zu  sorgen,  und  deshalb  nicht
zu  dulden,  daß  die  politischen  Zustände  der  einzelnen  Bundesstaaten
  den  Zwecken,  Gesetzen  und  Beschlüssen  des  Bundes
entgegenstehen,  wie  dies  leider  vermöge  der  Geltung  der
Frankfurter  Grundrechte,  der  demokratischen  Wahlgesetze,  der
revolutionären  Gesinnungen  zahlreicher  Beamten  und  der
Zügellosigkeit  der  Presse  nur  zu  häufig  jetzt  der  Fall  sei.
Der  Schein  der  äußern  Ordnung  in  den  so  inficirten  Staaten
sei  trügerisch;  gerade  von  dort  aus  würden  auch  die  übrigen
Staaten  in  ihren  kaum  befestigten  Grundlagen  unterwühlt.
Die  Aufrechterhaltung  der  innern  Ruhe  und  Ordnung  stehe
zwar  nach  den  Gesetzen  des  Bundes  in  der  Regel  den  einzelnen
  Regierungen  zu;  dies  sei  aber  nicht  die  Regel,  die
entscheiden  könne,  wenn  es  darauf  ankomme,  in  diesen  einzelnen
  Staaten  Einrichtungen  zu  beseitigen,  welche  mit  den
Gesetzen  des  Bundes  in  Widerspruch  stehen  oder  seine  wesentlichsten
  Zwecke  zu  vereiteln  drohen.

Auf  diese  Erwägungen  wurde  der  Antrag  gegründet:
die  Bundesversammlung  wolle  durch  ausdrücklichen  Beschluß
ihre  grundgesetzliche  Befugniß  anerkennen,  an  die  Regierungen
solcher  Bundesstaaten,  deren  Zustände  für  die  allgemeine
Sicherheit  bedrohlich  erschienen,  nöthiges  Falls  die  Aufforderung
        <pb n="121" />
        1851  Anträge  der  Großmächte  im  Bundestag.  111

zu  richten,  die  Bestimmungen  ihrer  Verfassungen  und  Gesetze,
sowie  ihr  eigenes  Verhalten  in  Fragen  der  öffentlichen
Ordnung  mit  den  Grundgesetzen  des  Bundes  und  der  bundesmäßigen
  Verpflichtung,  die  allgemeine  Sicherheit  nicht  zu
gefährden,  in  ÜUbereinstimmung  zu  bringen;  die  Versammlung
wolle  einen  eigenen  Ausschuß  bestellen,  welcher  über  die  zu
einer  solcher  Einwirkung  geeigneten  Maaßregeln  schleunigst
Bericht  erstatten  wird.  Sollte  der  erlassenen  Aufforderung
nicht  bereitwillig  Folge  geleistet  werden,  so  würden  die
bundesgesetzlichen  Mittel  ergriffen,  und  vorerst  Bundescommissionen
  mit  entsprechender  Vollmacht  in  die  betreffenden
Staaten  gesandt  werden.  Hieran  schloß  sich  ein  zweiter  Antrag,
  unter  Vorbehalt  weiterer  Maaßregeln  alle  communistischen
  und  republikanischen  Druckschriften  von  Bundeswegen
sofort  zu  verbieten.

Es.  war  eine  umfassende  und  gründliche  Cur,  welche
hier  den  von  der  demokratischen  Epidemie  ergriffenen  Staaten
in  Aussicht  gestellt  wurde:  ein  mobiles  Truppencorps  zum
Bundesschutz,  eine  Bundespolizei,  Bundesverfügungen  gegen
dieschlechte  Presse,  Bundesmaaßregeln  gegen  mißliebige  Landesverfassungen.
  Wurde  dies  Alles  verwirklicht,  so  erhielt  Deutschland
  in  der  That  eine  Centralgewalt  von  einer  Herrschermacht
  über  die  Einzelstaaten,  wie  sie  die  Majorität  der  Paulskirche
  ihrem  deutschen  Kaiser  nicht  entfernt  zugedacht  hatte,
nämlich  statt  einer  fest  begrenzten  kaiserlichen  Regierung  eine
thatsächlich  unbegrenzte  Central-Bundespolizei.  Die  Mitglieder
  des  Ausschusses,  welchem  die  Anträge  zur  Begutachtung
  überwiesen  worden  (außer  Osterreich  und  Preußen
noch  Bayern,  Sachsen,  Hannover,  Baden  und  Darmstadt),
erwogen  die  Angelegenheit  denn  auch  mit  sehr  gemischten
        <pb n="122" />
        112  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

Gefühlen,  sehr  bereit  zur  Unterdrückung  der  Demokratie,  aber
nicht  ohne  Sorgen  über  die  schwer  abzusehenden  Grenzen
der  Bundescompetenz,  bei  einer  Action  mit  so  unbestimmten
Begriffen  wie  der  allgemeinen  Sicherheit,  des  monarchischen
Princips,  der  höchsten  Bundeszwecke.  Ihr  Vortrag  vom
16.  August  zeigt  ihre  schwankenden  Stimmungen.  Sie  hoffen,
daß  die  Regierungen  der  Einzelstaaten  selbst  Hand  an  das
Werk  legen;  sie  halten  es  für  unmöglich,  daß  irgend  eine
Regierung  einer  Aufforderung  des  Bundes  Folge  zu  leisten
weigerte,  von  Maaßregeln  des  Bundes  soll  also  nur  dann
die  Rede  sein,  wenn  sonstige  Hindernisse  die  Regierung  des
Einzelstaats  zurückhalten.  Um  so  eifriger  ermahnen  sie  die
Regierungen,  aus  freien  Stücken  vorzuschreiten.  Sie  erheben
  sich  sogar  zu  der  Hoffnung,  daß,  wenn  alle  Regierungen
  sich  hier  einmüthig  und  energisch  zeigten,  dann
die  Nation  anerkennen  würde,  in  dieser  Einigkeit  sei  eben
die  Kraft  zu  finden,  um  derentwillen  wackere  Patrioten  sich
zu  dem  Bundesstaat  mit  einheitlicher  Spitze  bekannt  hätten.
Übrigens,  bemerken  sie  vorsorglich,  handle  es  sich  in  diesem
Augenblick  mehr  darum,  zu  vermeiden,  daß  ein  Eingreifen
des  Bundes  in  die  innern  Zustände  einzelner  Bundesstaaten
nothwendig  werde,  als  darum,  sich  eine  solche  Einwirkung
anzumaaßen.  .

Indessen  war  trotz  aller  Scrupel  an  eine  Ablehnung
des  ersten  Antrags  der  beiden  Großmächte  bis  auf  einige
Milderung  im  Ausdruck  doch  nicht  zu  denken.  Er  wurde
von  dem  Ausschusse  empfohlen,  am  23.  August  angenommen,
und  sogleich  der  darin  vorgesehene  Ausschuß  (Osterreich,
Preußen,  Bayern,  Sachsen,  Darmstadt)  gewählt.  Was  jedoch
die  Presse  betraf,  so  wurden  die  von  den  Großmächten  ge-
        <pb n="123" />
        1851  Der  Reactions-Ausschuß.  113

wünschten  Verbote  schlechter  Zeitungen  durch  den  Bundestag
nicht  beliebt,  sondern  ein  anderer  Ausschuß  mit  der  Vorbercitung
  eines  Bundespreßgesetzes  beauftragt.

Der  Reactionsausschuß,  wie  die  Herren  Bundestagsgesandten
  selbst  ihre  Schöpfung  vom  23.  August  lächelnd  zu
nennen  pflegten,  erhielt  sehr  bald  vielfache  Beschäftigung.
Außer  Kurhessen,  dessen  Passionszeit  längst  begonnen  hatte,
kamen  allmählich  die  Verfassungen  von  Anhalt,  Bremen,
Hamburg,  Frankfurt,  Hannover,  Lippe,  Sachsen-Coburg,
Liechtenstein,  Hessen-Homburg,  Waldeck,  in  bundestägliche  Behandlung.
  Auch  hier  würde  es  den  heutigen  Leser  ermüden,
sich  durch  die  zahlreichen  Schriften  und  Gegenschriften  dieser
längst  gegenstandslos  gewordenen  Händel  durchzuarbeiten:  in
den  meisten  Fällen  waren  es  aristokratische  Corporationen,
welche  in  den  Revolutionsjahren  die  Standschaft  eingebüßt
hatten,  und  Herstellung  beim  Bunde  verlangten  und  erhielten.
Mit  welcher  Achtung  vor  Bundesrecht  und  Landrecht,  mit
welchem  Sinne  für  praktische  Zweckmäßigkeit,  und  mit  welchem
Eifer  politisches  Parteigeistes  gelegentlich  bei  diesen  Restaurationen
  verfahren  wurde,  soll  wenigstens  an  einem  in
mehrfacher  Beziehung  hervorragenden  Beispiele,  an  dem  Verlaufe
  der  kurhessischen  Execution,  anschaulich  gemacht  werden.

Wir  haben  früher  gesehen,  wie  gleich  die  Einleitung
der  Exccution  der  rechtlichen  Begründung  entbehrte.  Die
hessische  Regierung  hatte  den  Ständen  fort  und  fort  die  von
der  Verfassung  angeordnete  Vorlage  eines  Budgets  verweigert
  und  um  so  nachdrücklicher  vier  Mal  außerordentliche
Credite  begehrt.  Sachliche  Gründe  für  eine  solche  Verschleppung
  des  Budgets  waren  nicht  erkennbar,  und  die

Stände  thaten  nur  ihre  Pflicht,  indem  sie  endüich  bis  zur
v  Sybel,  Begrundung  d.  deutschen  Reiches.  II.
        <pb n="124" />
        114  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1850

Vorlage  eines  Budgets  weitere  Bewilligung  ablehnten,  und
ebenso  durften  die  Finanzbeamten,  als  Hassenpflug  auf  dem
Verordnungswege  die  Erhebung  der  Steuern  befahl,  gegen
das  ausdrückliche  Verbot  der  Verfassung  diesem  Befehle  nicht
nachkommen.

Offenbar  wäre  es,  als  Hassenpflug  hierüber  beim  Bunde
Beschwerde  erhob,  Sache  des  Bundestags  gewesen,  zunächst
ihn  selbst  zur  Pflichterfüllung,  zur  Budgetvorlage,  anzuweisen.
Statt  dessen  aber  bestätigte  der  Bundestag  unzögerlich  Hassenpflug's
  Schlußfolgerung,  das  Verhalten  der  Stände  sei  eine
Steuerverweigerung,  eine  solche  sei  nach  dem  Bundesgesetze
von  1832  gleichbedeutend  mit  Aufruhr  und  im  Falle  eines
Aufruhrs  habe  nach  Artikel  26  und  57  der  Wiener  Schlußacte
  der  Bundestag  die  Pflicht,  zu  helfen,  wenn  die  bedrängte
Regierung  der  nöthigen  Kraft  zum  Widerstande  entbehre.
Also  wurde  zur  Herstellung  der  Ordnung  schleunigst  Execution
beschlossen,  trotz  der  positiven  Vorschrift  der  Wiener  Schlußacte,
  daß  ein  solches  Verfahren  erst  nach  Erschöpfung  aller
andern  verfassungsmäßigen  Mittel  einzutreten  habe:  solcher
Mittel  für  Fälle  der  vorliegenden  Art  gab  es  nun,  wie
früher  erwähnt,  mehrere,  nämlich  außer  dem  Schiedsgerichte
der  Union  das  in  der  hessischen  Verfassung  vorgesehene
Compromißgericht  und  das  durch  Gesetz  von  1834  angeordnete
Bundesschiedsgericht.  Dann  aber  wären  ja  die  Wirren  auf
friedliche  Weise  geordnet  worden,  die  Sendung  von  Bundestruppen
  nach  Cassel  wäre  weggefasllen,  und  die  schöne  Gelegenheit
  zur  Schädigung  der  p##r  ußischen  Union  verloren
gegangen.  Also  geschah  jener  Geri  hte  nicht  mit  einer  Silbe
Erwähnung;  statt  dessen  rückte  ein  bayerisches  Armeecorps,
durch  einige  Osterreicher  verstärkt,  in  Kurhessen  ein  unter  der
        <pb n="125" />
        1850  Erste  Schritte  der  kurhessischen  Execution.  115

Leitung  eines  Bundes-Civilcommissars,  des  Grafen  Rechberg,
und  eines  hessischen  Regierungscommissars  Scheffer,  eines
bekehrten  Demokraten,  und  jetzt  nach  Convertiten-Weise  doppelt
eifrigen  Absolutisten.

Während  des  Novembers  konnte,  wie  wir  wissen,  die
Execution  in  Folge  des  preußischen  Einschreitens  sich  nur
auf  die  Bezirke  Hanau  und  Fulda  erstrecken.  Hier  wurde
der  Widerstand  der  hessischen  Beamten  und  Steuerpflichtigen
durch  das  einst  von  Ludwig  XIV.  gegen  die  Reformirten
erfundene  Mittel  der  Dragonaden  gebrochen,  hier  zu  deutsch
Bequartierungen  genannt  (im  Gegensatz  zu  der  regelmäßigen
Einquartierung).  Dem  Rebellen  wurden  zehn,  zwanzig,
dreißig  Mann  zur  Verpflegung  in  das  Haus  gelegt,  mit
einem  deutlichen  Wink  an  die  Soldaten,  ihre  Gegenwart  dem
Wirthe  möglichst  unangenehm  zu  machen.  Die  sichere  Folge
war  Unfug  aller  Art  im  Hause,  Besudelung  der  Zimmer,
nicht  selten  schwere  Mißhandlung  der  Personen,  und  schließlich
  der  ökonomische  Ruin  des  Betroffenen.  Der  Versuch  des
preußischen  Königs,  auf  den  Kurfürsten  in  Wilhelmsbad  und
auf  die  Führer  der  Opposition  in  Cassel  durch  die  Herren
Niebuhr  und  Delbrück  vermittelnd  einzuwirken,  blieb  nach
günstigem  Beginne  schließlich  doch  erfolglos:  dann  kam  die
Entscheidung  in  Olmütz,  nach  welcher  Preußen  die  Fortsetzung
  der  Execution  dem  Wiener  Hofe  und  dessen  Verbündeten
  überließ,  die  weitere  Regulirung  der  kurhessischen
Angelegenheit  aber  durch  Commissare  der  beiden  Höfe  und
ihrer  Verbündeten  Namens  aller  deutschen  Regierungen  Statt
finden  sollte.  Preußen  ernannte  zu  diesem  Behufe  den
General  von  Peucker,  Osterreich  den  Grafen  Leiningen,
welchem  dann  der  Bundestag  zugleich  die  Leitung  der  Exe-8r7
        <pb n="126" />
        116  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1850

cution  an  Rechberg's  Stelle  übertrug.  Peucker  erhielt  auch
den  Auftrag,  im  Interesse  möglichst  baldiger  Beendigung  der
Execution  das  Vermittlungsgeschäft  sowohl  in  Wilhelmsbad
als  in  Cassel  fortzusetzen,  dort  auf  Entlassung  Hassenpflug's
und  Rückkehr  des  Kurfürsten  in  seine  Residenz,  hier  auf  freiwillige
  Steuererhebung  und  Steuerzahlung  zu  dringen;  dann
sollte  die  Rechtsfrage  auf  den  Dresdener  Conferenzen  geprüft
werden.  Aber  in  Wilhelmsbad  richtete  der  General  nicht
mehr  als  Niebuhr  aus.  Von  einer  Entlassung  Hassenpflug's
durfte  keine  Rede  sein;  nach  Kassel  wollte  der  Kurfürst  erst
nach  vollständiger  Unterwerfung  der  Rebellen  und  Octroyirung
  verschiedener  nothwendiger  Verordnungen  zurückkehren.
Während  nun  die  Executionstruppen  nach  Passirung  der
preußischen  Etappenstraße  langsam  auf  Cassel  heranrückten,
eilte  Peucker  am  17.  December  ebenfalls  dorthin,  und  stellte
dem  höchsten  Gerichtshof  eindringlich  die  sachliche  Nothwendigkeit
  und  die  rechtliche  Möglichkeit  der  Unterwerfung  vor,  nachdem
  dieselbe  jetzt  auf  Grund  der  Olmützer  Punctation  von  der
Gesammtheit  der  deutschen  Regierungen  verlangt,  und  Aussicht
auf  Erörterung  der  Rechtsfrage  in  Dresden  gegeben  werde.
Die  Richter  waren  geneigt  dazu,  da  kam  am  19,  ein  Schreiben
von  Leiningen,  worin  die  Entwaffnung  der  Bürgerwehr,  die
Auflösung  des  ständischen  Ausschusses,  die  Anerkennung  des
Kriegsstandes  gefordert,  und  jeder  Weigerung  die  bewaffnete
Execution  durch  bayerische  Truppen  angedroht  wurde.  Darauf
erklärten  die  Richter  einstimmig,  das  sei  unmöglich.  Das  Einrücken
  der  Bayern  in  Cassel  und  die  Auflösung  sämmtlicher
Behörden  stand  damit  unmittelbar  bevor.  Peucker's  Beschwerde
bei  Leiningen  erzielte  nur  die  Antwort,  er,  Leiningen,  habe
als  österreichischer  Commissar  noch  keine  Instruction,  und
        <pb n="127" />
        1850  Peucker's  Vermittlungsversuche.  117

müsse  demnach  als  Executionscommissar  die  Befehle  des  Bundestags
  vollstrecken.  Manteuffel  zuckte  die  Achseln:  wir  haben
uns  in  Olmütz  jedes  Einflusses  auf  die  Execution  begeben.
Der  König  aber  war  entrüstet;  er  wollte  weder  bayerische
Truppen,  entgegen  der  Olmützer  Abrede,  in  Cassel,  noch
durch  die  Execution  in  den  Bestand  der  hessischen  Verfassung
(wie  es  durch  die  Auflösung  des  ständischen  Ausschusses  geschähe)
  eingegriffen  sehen.  Auf  der  andern  Seite  verweigerte
Fürst  Schwarzenberg  unbedingt  die  Zusage,  auf  den  Dresdener
  Conferenzen  die  Rechtsfrage  entscheiden  zu  lassen:  mit
Rebellen  unterhandle  man  nicht,  sondern  werfe  sie  nieder.
Am  19.  December  hatte  unterdessen  das  Oberappellationsgericht
  seine  Unterwerfung  unter  die  Verordnung  vom  4.  September
  (die  Steuererhebung)  beschlossen;  auch  die  Bürgerwehr
war  zur  Ablieferung  ihrer  Gewehre  bereit:  dennoch  aber  erschien
  am  22.  eine  bayerische  Brigade  in  Cassel,  und  die  Bequartierungen,
  jetzt  offenbar  nur  noch  Acte  der  Rache,  begannen
  in  drückendster  Weise.  Endlich  meldete  am  26.  Leiningen,
daß  er  als  österreichischer  Commissar  seine  Instruction  zu
gemeinsamem  Wirken  mit  Peucker  empfangen  habe,  ließ  sich
aber  nicht  abhalten,  daneben  immer  noch  als  Executionscommissar
  weiter  zu  verfahren.  Die  Casseler  Stadträthe  erhielten
  auf  Hassenpflug's  speciellen  Antrag  die  Weisung,  ihre
Verpflichtung  zur  Steuererhebung  auf  Grund  der  Verordnung
vom  4.  September  ausdrücklich  anzuerkennen;  sie  erwiderten,
daß  ihr  Amt  mit  Steuererhebung  nichts  zu  schaffen  habe;
da  erfolgte  der  Bescheid,  da  sie  einmal  die  Aufforderung  erhalten
  hätten,  müßten  sie  Ordre  pariren.  Sie  wurden  dann
eine  Woche  lang  durch  eine  starke  Bequartierung  mißhandelt,
und  die  kurfürstliche  Behörde  übersandte  Leiningen  eine  weitere
        <pb n="128" />
        118  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

Liste  von  130  Personen,  welche  durch  frühere  Vergehen  eine
solche  Maaßregelung  reichlich  verdient  hätten;  laut  Frankfurter
  Instruction  vollzog  darauf  Leiningen  die  Peinigung  in
mehreren  Fällen.  Indessen  machte  er  selbst  am  4.  Januar
1851  dem  empörenden  Unfug  ein  Ende,  und  da  am  7.  auch
die  Stadträthe  die  geforderte,  von  Peucker  etwas  modificirte
Erklärung  einreichten,  so  war  die  Unterwerfung  unter  die
Verordnung  vom  4.  September  vollständig,  und  der  Zweck
der  Execution  erreicht.  Nichtsdestoweniger  behielt  es  bei  der
Suspension  des  landständischen  Ausschusses  sein  Bewenden,
und  am  10.  Januar  erfolgte  die  Einsetzung  österreichischer
und  bayerischer  Kriegsgerichte  zur  Aburtheilung  aller  Überschreitungen,
  welche  ihnen  Leiningen  zuweisen  würde.  Die
Meinung  ging  dahin,  daß  sie  auch  zur  Bestrafung  solcher
Widersetzlichkeiten  dienen  sollten,  welche  vor  dem  Beginn  der
Bundesexecution  vorgekommen  waren.  Es  bedarf  keines  Beweises,
  daß  damit  sowohl  eine  Verletzung  des  hessischen  Landesrechts
  als  eine  Überschreitung  der  Bundesbefugnisse  gegeben  war.

Immerhin  war  allgemein  anerkannt,  daß  mit  der  Unterwerfung
  der  Casseler  Stadträthe  die  Execution  zu  Ende  sei.
Was  war  jetzt  zu  thund?

Der  österreichische  Minister-Resident  in  Cassel,  Graf
Hartig,  berichtete  am  2.  Januar:  „je  weiter  die  Execution
vorschreitet,  desto  schwieriger  wird  Leiningen's  Lage.  Die
Organe  der  Regierung  versuchen  bei  jeder  Gelegenheit,  die
Executionsmaaßregeln  als  Vorwand  und  Mittel  zu  benutzen,
um  ihre  kleinliche  Rancüne  gegen  einzelne  Personen  zu  befriedigen,
  und  dabei  alles  Gehässige  auf  die  höhere  Autorität
zu  laden  ...  Mit  der  Beendigung  der  Execution  tritt  die
hessische  Angelegenheit  in  ein  neues  Stadium,  welches  ich
        <pb n="129" />
        1851  Ende  der  Execution,  Fortdauer  der  Unterdrückung.  119

für  das  bei  Weitem  schwierigere  halte.  Graf  Leiningen  hat
bereits  die  Überzeugung  gewonnen,  daß,  wenn  einerseits  die
Regierung  mit  dieser  Verfassung  unmöglich  ist,  andrerseits
bei  diesen  Regierungsverhältnissen  und  mit  diesen  Elementen
die  Regierung  gleichfalls  unmöglich  ist.“

Obwohl  nun  mit  der  Verfassung  von  1831  beinahe
zwanzig  Jahre  lang  regiert  worden  war,  hatte  Hartig's  Er—
klärung,  unter  ihr  sei  die  Regierung  unmöglich,  sowohl  bei
Schwarzenberg  als  bei  Manteuffel  bereits  die  Gewißheit  eines
Glaubenssatzes  gewonnen.  Nicht  minder  zweifellos  galt  ihnen
die  Angabe,  daß  nach  dem  Gesetz  von  1849  die  Wahlen  zur
Ständeversammlung  nach  allgemeinem  Stimmrecht  erfolgt
wären.  Alle  Beamten  und  Officiere,  schrieb  Fürst  Schwarzen-=berg
  am  7.  Januar,  hatten  ein  Interesse  an  der  Erhaltung
der  demokratischen  unausführbaren  Verfassung,  während
der  Regierung  durch  eine  aus  allgemeinen  Wahlen  hervorgegangene
  souveräne  Ständeversammlung  die  Hände  gebunden
waren.  In  Wahrheit  wurde  nach  dem  Gesetz  von  1849  ein
Drittel  der  Kammern  von  den  großen  Grundbesitzern,  die
beiden  andern  Drittel  in  getrennten  Stadt=  und  Landbezirken
von  den  mindestens  dreißigjährigen,  selbständigen,  steuerzahlenden
  Bürgern  gewählt.  Mit  einer  solchen  Kenntniß  der  Thatsachen
  verfügten  diese  Hochmögenden  über  das  Schicksal  eines
tüchtigen  deutschen  Volksstammes:  nach  blinder  Doctrin  schickten
siesich  an,  ihn  der  Gewalt  eines  Fürsten  auszuliefern,  welchen  ihre
eigenen  Vertreter  so  eben  als  regierungsunfähig  bezeichnet  hatten.

Noch  war  übrigens  bei  beiden  Ministern  der  Entschluß
zur  gänzlichen  Aufhebung  der  Verfassung  von  1831  nicht
gefaßt.  Der  König  von  Prenßen  begehrte  vielmehr,  nachdem
die  Rebellion  unterdrückt  war,  ein  contradictorisches,  richter-
        <pb n="130" />
        120  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

liches  Verfahren  über  die  Veranlassung  derselben,  über  die
rechtliche  Begründung  der  Hassenpflug'schen  September=Ordonnanzen,
  und  befahl  seinem  Minister,  zu  diesem  Behufe
die  Wiederbelebung  des  Bundesschiedsgerichts  von  1834  in
Vorschlag  zu  bringen.  Dasselbe  könne  dann  auch  vom
Bundestag  den  weitern  Auftrag  zu  einer  Untersuchung  erhalten,
  in  wie  weit  die  Bestimmungen  der  kurhessischen  Verfassung
  mit  den  Bundesgesetzen  vereinbar  seien.  Hier  war
doch  der  Ausdruck  einer  Gesinnung,  daß  nicht  mit  völliger
Willkür  in  ein  dem  Volke  theuer  gewordenes  Verfassungsleben
  hineingegriffen  werden  dürfe;  es  war  zugleich  eine
letzte  Regung  des  Mitleids  mit  einem  Lande,  über  welches
das  Unglück  hereingebrochen  war,  weil  es  lieber  zur  preußischen
  Union  als  zu  dem  illegalen  Bundestage  halten  wollte.
Aber  der  König  stand  mit  seiner  Auffassung  völlig  vereinzelt.
Sein  Vorschlag  des  Bundesschiedsgerichts  fand,  so  weit  ich
sehe,  weder  Widerlegung  noch  Beachtung.  Man  ging  stillschweigend
  an  ihm  vorüber.

Fürst  Schwarzenberg  setzte  damals  noch  große  Hoffnung
auf  die  Dresdener  Conferenzen,  welche  sowohl  allgemeine
Grundsätze  für  die  deutschen  Landesverfassungen  feststellen,
als  auch  für  deren  Durchführung  eine  starke  Bundesexecutive
erschaffen  sollten.  Durch  diese  würde  dann  auch  das  kurhessische
  Staatsrecht  geregelt  werden.  Bis  zu  einem  so  glücklichen
  Zeitpunkt  aber  die  kurhessische  Regierung  ohne  thätigen
Beistand  zu  lassen,  sei  trotz  der  Wiederaufnahme  der  Steuerzahlung
  unmöglich;  man  würde  also  einstweilen  von  Fall
zu  Fall  verfahren,  im  Namen  des  Bundes  eingreifen,  wo  es
Noth  thäte,  durch  die  beiden  Commissare  jede  Erneuerung
der  Anarchie  verhindern.  Über  einen  Rechtstitel  für  ein
        <pb n="131" />
        1851  Erster  Schritt  zum  Sturz  der  Landesverfassung.  121

solches  Verfahren  der  Commissare  machte  sich  der  Fürst  keine
Sorge,  so  unzulänglich  es  in  dieser  Hinsicht  auch  bestellt
war:  genug,  man  hatte  die  Macht  in  Händen,  nimmermehr
wollte  man  den  Kurfürsten  wehrlos  der  allgemeinen  Erbitterung
  seines  Volkes  Preis  geben:);  ging  es  auf  andere  Weise
nicht,  so  konnte  Leiningen  sich  wieder  als  Executionscommissar
darstellen,  denn  die  Execution  war  zwar  beendet,  die  Beendigung
  aber  noch  nicht  amtlich  erklärt  worden.

Eben  jetzt  trat  nun  ein  Fall  ein,  wo  das  Princip  zur
Entscheidung  kommen  mußte.  Der  verfassungsmäßige  Termin
für  den  Zusammentritt  der  Ständeversammlung,  der  2.  März,
nahte  heran.  Hassenpflug  erklärte,  mit  dieser  demokratischen
Gesellschaft  sei  nicht  zu  hausen;  sie  werde  sofort  ihn  und
seine  Collegen  und  Agenten  in  Anklagestand  versetzen,  und
damit  im  ganzen  Lande  die  aufrührerische  Stimmung  neu
entflammen.  Also  müsse  die  Sitzung  verhindert  werden.
Dann  aber  war  sein  zweiter  Satz,  die  kurfürstliche  Regierung
sei  durch  ihren  Eid  an  die  Verfassung  gebunden,  könne  mithin
  die  Versammlung  nicht  verbieten.  Also  bleibt  nichts
übrig,  als  daß  der  Bund  das  Unheil  von  dem  Lande  abwende.
  Schon  diese  Sorte  Eidestreue  charakterisirt  den
ganzen  Mann.  Er  hatte  geschworen:  die  Verfassung  zu
beobachten  und  aufrecht  zu  erhalten;  demnach  ist  er  ängstlich,
sie  zu  verletzen,  aber  einen  Dritten  zu  ihrer  Zerstörung  aufzufordern,
  macht  ihm  kein  Bedenken.  Fürst  Schwarzenberg
und  Herr  von  Manteuffel  waren  übrigens  derselben  Meinung;

1)  Als  Leiningen  die  Kriegsgerichte  einsetzte,  bezog  er  sich  unter
Anderem  auch  auf  die  Thatsache,  daß  kein  Mensch  den  Kurfürsten  grüße.
Peucker  citirte:  zur  Liebe  kann  ich  Dich  nicht  zwingen,  doch  geb'  ich
Dir  die  Freiheit  nicht.
        <pb n="132" />
        122  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

nur  General  Peucker  legte  kräftigen  Widerspruch  ein,  erinnerte
daran,  daß  Hassenpflug  selbst  am  4.  September  als  Zweck
seiner  Verordnung  die  Erhaltung  der  Verfassung,  und  der
Bundestag  als  Zweck  der  Execution  die  Herstellung  der  gesetzlichen
  Ordnung  bezeichnet,  also  doch  sicher  nicht  den  Sturz
des  Grundgesetzes  gewollt  habe.  Es  war  vergeblich.  Leiningen
erhielt  Befehl,  wenn  Peucker  sich  nicht  anschließe,  als  Executionscommissar
  die  Maaßregel  allein  zu  vollziehen.  An  Peucker
aber  kam  eine  Weisung  Manteuffel's,  wenn  dies  geschehen,
sich  völlig  schweigend  zu  verhalten.

Das  Verbot  der  Ständeversammlung  eröffnete  einen
zweiten  Act  der  Vergewaltigung.  Schon  die  Execution  war
rechtswidrig  gewesen,  hatte  aber  doch,  wenn  auch  fadenscheinig
genug,  sich  in  gewisse  Rechtsformen  zu  hüllen  gesucht.
Fortan  aber  war  von  solcher  Umständlichkeit  keine  Rede  mehr;
man  war  zu  der  Ansicht  gekommen,  daß  in  Kurhessen  Regierung
  und  Volk  gleich  sehr  erkrankt  seien,  und  nur  durch
höhere  Macht  die  Genesung  herbeigeführt  werden  könne.
Am  21.  Januar  schrieb  Manteuffel:  „Das  verlorene  Vertrauen
  zwischen  Volk  und  Regierung  kann  in  Kurhessen  nicht
durch  Zwang  wieder  hergestellt  werden.  Mit  dem  Abzug  der
Bundestruppen  würde  die  Regierung  ihre  Autorität  nicht  zu
erhalten  vermögen,  zumal  sie  schwerlich  im  Stande  ist,  die
Meinung  zu  begründen,  daß  die  Fürsorge  für  das  Landeswohl
  bei  ihren  Beschlüssen  jede  andere  Rücksicht  überwiegt.
Wenn  schon  die  Executionsmaaßregeln  den  Organen  der  Regierung
  als  Mittel  zur  Befriedigung  ihrer  Privatleidenschaften
dienen,  wie  werden  diese  Organe  auftreten,  wenn  sie  nicht
mehr  die  Controle  fremder  Autoritäten,  und  ebenso  wenig
die  Rüge  berechtigter  einheimischer  Gewalten  zu  fürchten
        <pb n="133" />
        1851  Beschluß  einer  Verfassungsrevision  durch  die  Bundesorgane.  123

haben?  Das  Kurfürstenthum  kann  also  nicht  sich  selbst  über—
lassen  werden.  Das  Einschreiten  des  Bundes  ist  nicht  bloß
zur  Brechung  der  Widerstandes,  sondern  auch  zur  Herstellung
eines  Zustandes  erforderlich,  welcher  die  sittliche  und  rechtliche
Ordnung  verbürgt.  Es  handelt  sich  nicht  um  Aufrechthaltung
der  hessischen  Verfassung,  sondern  um  Schutz  vor  Willkür
und  Leidenschaft.“

Aus  so  unparteiischen  Erwägungen  ging  dann  der  Vorschlag
  hervor,  in  Gemeinschaft  mit  Osterreich  zwei  sachverständige
  Civilcommissare  zu  ernennen,  welche  zunächst  die
etwa  noch  nöthigen  Ausnahme-Maaßregeln  vollziehen,  und
dann  die  Entscheidung  der  Frage  vorbereiten  würden,  durch
welche  Mittel  dem  widernatürlichen  Zustande  des  Landes
abgeholfen  werden  könne.  Der  Erlaß  einer  neuen  Verfassung
und  die  constituirende  Gewalt  des  Bundes  war  damit  angekündigt.
  Bereits  am  27.  Januar  sprach  Fürst  Schwarzenberg
  sein  Einverständniß  mit  einem  solchen  Verfahren  aus.
Herr  von  Manteuffel  ließ  darauf  am  11.  Februar  die  Gesichtspunkte,
  nach  welchen  die  Commissare  zu  wirken  hätten,  in  einer
nach  Wien  bestimmten  nähern  Darlegung  entwickeln.  Die
Hauptaufgabe  sei  eine  Revision  der  unbrauchbaren  Verfassung;
an  die  Stelle  des  auf  Kopfzahl  basirten  Wahlgesetzes  müßte
die  Berufung  echt  conservativer  Elemente  nach  den  ständischen
Interessen  der  Großgrundbesitzer,  der  Städter  und  der  Bauern
treten;  rathsam  sei  das  Zweikammersystem,  noch  wichtiger  aber
eine  genaue  Abgrenzung  der  Competenz  der  Kammern.  Da
eine  solche  Neugestaltung  der  Verfassung  nicht  in  wenigen
Wochen  herzustellen  wäre,  so  trete  eine  Übergangsperiode
ein,  in  welcher  das  Land  gemeinsam  von  den  Bundesorganen
und  der  kurfürstlichen  Regierung  zu  verwalten  sei,  bis  eine
        <pb n="134" />
        124  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

neue  Verfassung  dem  Volke  die  nöthigen  Bürgschaften  gegen
Willkür  und  Eigenmacht  gebe.  Die  Commissare  müssen  also
unter  möglichster  Wahrung  der  landesherrlichen  Autorität
einen  directen  Antheil  an  der  Regierung  nehmen,  und  im
Namen  des  Bundes  die  Controle  über  die  Verwaltung  ausüben,
  welche  nach  der  Verfassung  der  Ständeversammlung
zukam.  Zugleich  wurde  vorgeschlagen,  daß  den  Commissaren
ihre  Vollmacht  durch  die  Gesammtheit  der  deutschen  Regierungen,
  also  durch  Beschluß  der  Dresdener  Conferenzen  gegeben
  werde,  wo  dann  auch  nach  dem  Wunsche  des  Königs
das  Bundesschiedsgericht  zur  schließlichen  Entscheidung  der
Sache  eingesetzt  werden  könnte.

Eine  Verhandlung  der  Dresdener  Conferenz  über  die
Angelegenheit  erschien  jedoch  dem  Fürsten  Schwarzenberg,  und
nicht  weniger  auch  dem  Herrn  von  Manteuffel  nach  seiner  persönlichen
  Ansicht  bedenklich;  es  sei  rathsamer,  zwar  cine  Prüfung
des  commissarischen  Werkes  den  in  Dresden  zu  beschließenden
neuen  Bundesbehörden  vorzubehalten,  für  jetzt  aber  sollte
jedem  Commissar  seine  Vollmacht  von  seiner  Regierung  „im
Namen  des  Bundes“  ausgestellt  werden.  Für  Österreich,
erklärte  Fürst  Schwarzenberg,  gebe  es  hier  keinen  besseren
Vertreter  als  den  Grafen  Leiningen;  für  Preußen  war  zur
Vollziehung  solcher  Aufträge  der  auf  Recht  und  Gesetz  haltende
  General  Peucker  absolut  ungeeignet;  er  erhielt  also  im
März  die  schon  mehrmals  begehrte  Entbindung  von  seinem
undankbaren  Posten,  und  als  Nachfolger  einen  alten  Bekannten
und  Gönner  Hassenpflug's,  den  vormärzlichen  Justizminister
Uhden,  einen  Mann,  der  unter  biedermännischen  Umgangsformen
  einen  gründlichen  Fanatismus  für  feudale  Theorien
und  absolutistische  Praxis  verbarg.
        <pb n="135" />
        1851  Verwaltung  des  Landes  durch  die  Bundescommissare.  125

Als  er  am  12.  März  in  Cassel  ankam,  fand  er  die  kurfürstliche
  Regierung  von  Mißtrauen  gegen  Preußen,  und
Hassenpflug  von  Erbitterung  wegen  seines  Greifswalder
Criminalprocesses  erfüllt,  und  gab  in  seinem  ersten  Berichte
anheim,  ob  derselbe  nicht  zu  sistiren  wäre,  wozu  jedoch  Manteuffel
  geringe  Neigung  bezeugte.  Zunächst  vertieften  sich
die  Commissare,  d.  h.  vornehmlich  Uhden,  welchem  Leiningen
gerne  solche  Anstrengungen  überließ,  behufs  Revision  der
Verfassung  in  historische  Studien,  „um  das  reale  Material  zu
gewinnen  und  den  Schein  abstracter  Theorien  zu  vermeiden“.
Staatsrath  Scheffer  lieferte  zu  diesen  Forschungen  den  Wissensstoff.
  Mitte  April  hatte  Uhden  bereits  ein  Wahlgesetz  redigirt,
welchem  Hassenpflug  seinen  vollen  Beifall  spendete,  dann
aber  auch  die  Spaltungen  im  Officiercorps  und  die  dringende
Nothwendigkeit  der  Aufhebung  des  Verfassungseides  der
Officiere  zur  Sprache  brachte.  Die  Commissare  waren  ganz
einverstanden,  und  wollten  einer  hierauf  zu  richtenden  Verordnung
  des  Kurfürsten  sofort  ihre  Zustimmung  geben.  Da
aber  kam  Hassenpflug  auf  seine  Erklärung  zurück,  daß  der
Kurfürst  die  Verfassung  beschworen  habe,  also  keinen  ihrer
Artikel  aufheben  könne;  folglich  müsse  die  Aufhebung  von
den  Commissaren  verfügt  und  von  dem  Kurfürsten  nur  bekannt
  gemacht  werden.  Eine  solche  definitive  Streichung
eines  Verfassungsartikels  schien  Uhden  doch  über  seine  Vollmacht
  hinauszugehen,  und  auch  Manteuffel  besorgte  lästige
Verhandlungen  darüber  in  der  preußischen  Kammer,  und  kam
mit  Schwarzenberg  überein,  die  Frage  an  den  demnächst  allseitig
  anerkannten  Bundestag  zu  bringen.

Als  darauf  in  Frankfurt  die  vollzähligen  Sitzungen  der
hohen  Versammlung  begonnen  hatten,  meldete  Uhden  am
        <pb n="136" />
        126  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

2.  Juni,  ehe  die  neue  Verfassung  erscheinen  könnte,  bedürfe
man  zur  Sicherung  der  Ordnung  nicht  bloß  des  Erlasses
über  den  Eid  der  Officiere,  sondern  einer  ganzen  Reihe  von
Verfügungen  über  die  Civilstaatsdiener,  das  Oberappellationsgericht,
  die  Bezirksräthe,  die  Presse,  die  Vereine.  Das  Alles
sei  unthunlich  für  den  an  die  Verfassung  eidlich  gebundenen
Kurfürsten,  und  folglich  ein  Einschreiten  des  Bundes  unerläßlich.
  Leider  mußte  Uhden  bekennen,  daß  er  einen  Rechtstitel
  für  ein  solches  Einschreiten  nicht  zu  finden  vermöge.
Aber  hier  rede  die  sachliche  Nothwendigkeit.  Sonst  würde  die
Unsicherheit  verewigt,  die  Gutgesinnten  entmuthigt,  die  Übelwollenden
  zu  fernern  Wühlereien  ermuntert.  Daß  der  Bund
den  Kurfürsten  zu  sofortiger  Octroyirung  der  Gesetze  auffordere,
  könne  er  nicht  rathen:  bei  der  herrschenden  Leidenschaft
  würden  bedenkliche  Unordnungen  zu  besorgen  sein.
Das  Zweckmäßigste  wäre  eine  Verfügung  des  Bundes,  daß
die  Regierung  die  Gesetze  unter  der  Controle  der  Commissare
ausarbeite.  Manteuffel,  mit  Schwarzenberg  darüber  einig,
sagte  einen  Antrag  beim  Bundestage  zu,  nach  dessen  Annahme
Raum  für  das  weitere  Verfahren  gewonnen  sein  würde.
Dieses  Mal  aber  sollte  es  den  Ubelthätern  nicht  gelingen,
ihre  Schuld  unter  einer  fremden  Flagge  zu  decken.  Die
beiden  Bundestagsgesandten,  Graf  Thun  und  General  von
Rochow,  mußten  berichten,  daß  sie  keine  Aussicht  hätten,  für
den  Antrag  eine  Mehrheit  zu  gewinnen.  Dies  würde,  schrieb
Rochow,  nur  dann  gelingen,  wenn  eine  ausdrückliche  Billigung
der  Richtung,  in  welcher  die  beiden  Großmächte  die  hessische
Sache  bisher  behandelt  haben,  nicht  begehrt,  und  wenn  die
von  uns  beantragte  Vollmacht  auf  eine  bestimmte  Zeitfrist
beschränkt  würde.  Die  beiden  Mächte  fügten  sich,  und  so
        <pb n="137" />
        1851  Der  Bundestag  überläßt  die  Sache  den  beiden  Großmächten.  127

kam  es  am  11.  Juni  1851  mit  einem  Mehr  von  10  gegen
7  Stimmen  zu  einem  Bundesbeschluß,  dahin  lautend,  die  fernere
Leitung  der  kurhessischen  Angelegenheit  und  deren  Vorbereitung
zur  definitiven  Erledigung  werde  Österreich  und  Preußen
übertragen,  und  die  Dauer  dieses  Commissoriums  vorläufig
auf  sechs  Wochen  festgesetzt;  wäre  die  Angelegenheit  dann  noch
nicht  zur  Erledigung  reif,  so  erwarte  die  Bundesversammlung
Bericht  und  behalte  sich  die  weitere  Beschlußnahme  vor.
Die  beiden  großen  Höfe  waren  aber  entfernt  nicht  gesonnen,
  sich  durch  diese  Zurückhaltung  des  Bundestags  auf
ihrem  Wege  irre  machen  zu  lassen.  Der  Bundestag  hatte
sie  mit  der  Leitung  der  kurhessischen  Sache  beauftragt;  dies
däuchte  ihnen  Vollmacht,  zu  thun,  auch  was  die  Mehrheit
des  Bundestags  nicht  wünschte,  und  wofür  Uhden  selbst  einen
Rechtstitel  des  Bundes  nicht  zu  entdecken  vermochte.  Unaufhaltsam
  ging  man  vorwärts;  es  galt,  für  die  Wohlfahrt  des
hessischen  Landes  —  so  stand  es  im  Antrag  vom  11.  Juni  —
und  für  die  allgemeine  Sicherheit  Deutschlands  zu  sorgen.
Uhden  kam  nach  Berlin  und  legte  Manteuffel  die  Entwürfe
zu  den  verschiedenen  Gesetzen  vor,  welche  der  Minister  tadellos
  und  Fürst  Schwarzenberg  ganz  vortrefflich  fand.  Vom
26.  Juni  ab  und  während  des  Monats  Juli  ergoß  sich  dann
ein  Platzregen  von  rettenden,  durch  den  Kurfürsten  verkündigten
  Ordonnanzen  der  Commissare  über  das  arme  Land,
davon  drei  als  definitiv  gültige  Gesetze:  die  Aufhebung  des
Verfassungseides  der  Officiere,  die  Beschränkung  der  Verantwortlichkeit
  der  Beamten  für  Verfassungsverletzung  auf  selbständige
  Handlungen,  und  demnach  ihre  Verpflichtung  zu
unbedingtem  Gehorsam  gegen  die  Befehle  ihrer  Vorgesetzten,
endlich  eine  Verfügung,  welche  den  Behörden  jede  Erörterung
        <pb n="138" />
        128  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

über  die  rechtliche  Gültigkeit  der  durch  die  Bundescommissare
erlassenen  Gesetze  als  Aufruhr  bei  kriegsrechtlicher  Strafe
untersagte.

Weiter  erschienen  sieben  provisorische  Verfügungen,  gültig
bis  zu  einer  Vereinbarung  darüber  mit  den  Landständen,
Beschränkung  der  Competenz  der  Bezirksräthe,  erweiterte  Befugniß
  der  Regierung  in  der  Polizeiverwaltung,  eine  neue
Organisation  der  gesammten  Justizpflege,  Beseitigung  des
ständischen  Präsentationsrechts  bei  Besetzung  des  höchsten
Gerichtshofes,  Beschränkung  des  Rechts,  gerichtliche  Hülfe
gegen  Mißbrauch  der  Amtsgewalt  durch  eine  Verwaltungsbehörde
  anzurufen,  endlich  eine  Erhöhung  der  Abgabe  für
Waffenscheine.

Auf  eine  Erörterung  des  sachlichen  Werthes  dieser  Gesetze
einzutreten,  ist  hier  der  Ort  nicht.  Auch  wenn  man  einräumt,
daß  einzelne  derselben  materielle  Verbesserungen  des  bisherigen
Zustandes  enthielten,  so  bleibt  doch  überall  die  formelle  Rechtlosigkeit
  ihrer  Verkündigung  bestehen,  da  der  Bund  selbst  zu
ihrem  Erlasse  nicht  competent  war,  also  auch  den  Großmächten
und  ihren  Commissaren  zu  solchen  Maaßregeln  keine  Vollmacht
  gegeben  hatte  oder  hätte  geben  können.  Und  selbst
wenn  man  die  Berechtigung  zu  solchen  Verfügungen,  welche
bei  der  augenblicklichen  Lage  zur  Aufrechthaltung  der  innern
Ruhe  und  Ordnung  nöthig  erschienen,  anerkennen  wollte,  so
stand  bei  der  großen  Mehrzahl  der  Verordnungen  der  Inhalt
mit  diesem  Zwecke  in  keinem  Zusammenhang,  und  die  Incompetenz
  ihrer  Urheber  ließ  sich  bei  ihnen  nicht  einmal  mit
dem  Deckmantel  einer  zwingenden  Salus  publica  verhüllen.

Neben  diesen  Thaten  gingen  dann  Uhden  und  Leiningen
mit  verdoppeltem  Eifer,  unter  täglichen  Gesprächen  mit  Hassen-
        <pb n="139" />
        1851  Entwurf  einer  neuen  Verfassung.  129

pflug  und  Scheffer,  in  der  Ausarbeitung  der  neuen  Verfassung
weiter.  Für  uns  genügt  es,  einige  bezeichnende  Punkte  hervorzuheben.
  Vor  Allem  wurden  die  „wahren“  Stände  definirt,
  Adel,  Städter  und  Bauern,  deren  Vertreter  sich  da—
durch  charakterisiren,  daß  sie  nichts  vertreten  wollen,  als  die
Interessen  ihres  Standes,  und  folglich  auch  zu  den  Mitgliedern
  des  Standes  selbst  gehören  müssen.  Darauf  folgt
der  allgemeine  Grundsatz,  daß  in  allen  Ständen  die  Wähler
nur  einen  Mann  aus  ihrer  Mitte  zum  Abgeordneten  wählen
dürfen.  Die  Ständeversammlung  zerfällt  sodann  in  zwei
Kammern,  die  erste  enthält  die  Prinzen  und  Standesherren,  den
Vicekanzler  der  Universität,  den  katholischen  Bischof,  drei
protestantische  Superintendenten  und  die  Abgeordneten  der
Stifter  und  der  Ritterschaft,  bei  der  Kleinheit  des  Landes,
wie  sich  in  der  Praxis  später  herausstellte,  eine  erlauchte
Gesellschaft  von  selten  mehr  als  14  Köpfen.  Die  zweite
Kammer  besteht  aus  16  Mitgliedern  des  übrigen  Großgrundbesitzes,
  in  einer  Wahlhandlung  von  sämmtlichen  Berechtigten
ernannt;  ferner  aus  16  Vertretern  des  kleinen  bäuerlichen
Besitzes,  deren  Wähler  die  Ortsvorsteher  und  deren  Beigeordnete
  im  Wahlbezirke  sind;  endlich  aus  16  Abgeordneten
der  Städte,  Wähler  sind  die  Bürgermeister,  Stadtverordnete
und  Zunftvorsteher.  Auf  den  Einwand,  daß  damit  die  gebildeten
  Classen  so  gut  wie  ausgeschlossen  aus  der  städtischen
Vertretung  sein  würden,  antwortete  Uhden:  die  Intelligenz
werde  in  der  Kammer  durch  die  Commissare  der  Regierung
vertreten;  sie  sei  übrigens  keine  charakteristische  Eigenthümlichkeit
  des  einen  oder  des  andern  Standes,  und  folglich  nicht
geeignet  zu  einer  besondern  ständischen  Vertretung.  Ohne  solche

wissenschaftliche  Verbrämung  hatte  auch  Manteuffel  schon  am
v.  Sybel,  Begründung  des  deutschen  Reiches.  11.
        <pb n="140" />
        130  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

11.  Februar  darauf  hingewiesen,  daß  Advocaten,  Notare,
Ärzte  und  ähnliche  Unruhstifter  aus  der  Kammer  fern  zu
halten  seien.

Ganz  diesen  Anschauungen  entsprach  dann.  die  Abmessung
der  den  wahren  Ständen  überwiesenen  Rechte.  Ohne  ihre
Beistimmung  kann  kein  Gesetz  über  Personenrecht,  Eigenthum
und  Rechtspflege  gegeben,  keine  neue  Steuer  eingeführt  oder
eine  bestehende  erhöht,  und  keine  Anleihe  gemacht  werden.
Ubrigens  erhielten  sie  das  Recht  zu  bitten,  zu  berathen,
Beschwerde  zu  erheben  und  Auskunft  zu  begehren;  ob
die  Regierung  verpflichtet  ist,  Auskunft  zu  ertheilen,  steht
dahin.  Alle  drei  Jahre  wird  man  den  Ständen  eine  Übersicht
  über  den  Staatshaushalt,  nicht  zur  Beschließung  oder
Beaufsichtigung  der  Staatsausgaben,  sondern  zur  Kenntnißnahme
  vorlegen.  Durch  diese  Bestimmungen  erhielt  die  Regierung
  vollkommen  freie  Hand  in  der  Verwendung  der
Staatseinnahmen;  es  war  damit  neben  der  Sprengung  der
Union  der  vornehmste  Zweck  des  Hassenpflug'schen  Verfassungssturzes
  erreicht.

Übrigens  fordert  die  Gerechtigkeit  das  Anerkenntniß,
daß  die  Bundescommissare  bei  diesen  Arbeiten  allerdings  nicht
ganz  ausschließlich  für  den  Kurfürsten  sorgten,  sondern
wirklich  hier  und  da  bedenklichen  Anforderungen  Hassenpflug's
  sich  widersetzten.  So  hatte  der  Minister  zu  beklagen,
daß  sie  ihm  nicht  die  unbedingte  Absetzbarkeit  und  Pensionirung
  aller  Beamten  bewilligten,  daß  sie  seine  Ansicht  verwarfen,
  wenn  in  gewissen  Fällen  die  beiden  Kammern  in  verschiedenem
  Sinne  beschlössen,  sei  es  Sache  der  Regierung,  der
einen  Ansicht  durch  ihre  Zustimmung  Gesetzeskraft  zu  geben,
daß  sie  ihm  einen  Satz  aus  der  landständischen  Geschäfts-
        <pb n="141" />
        1861  Differenzen  zwischen  Hassenpflug  und  den  Commissaren.  131

ordnung  herausstrichen,  wenn  für  eine  Vorlage  die  Bedürfnißfrage
  bejaht  sei,  würden  ständische  Amendemeuts  bei  einzelnen
Artikeln  nur  den  Werth  von  Petitionen  haben,  welche  die
Regierung  nach  eigenem  Belieben  berücksichtigen  oder  verwerfen
  würde.  Eine  solche  Degradirung  der  wahren  Stände
ging  doch  auch  Herrn  Uhden  zu  weit.

Am  22.  Juli  berichtete  darauf  Hassenpflug  dem  Bundestag,
  bei  Fortdauer  des  Belagerungsstandes  könne  jetzt  die
Regierung  auch  ohne  fremde  Truppen  für  die  innere  Ruhe
einstehen.  Die  beiden  Commissare  schlossen  demnach  ihre
Thätigkeit  auf  hessischem  Boden  und  gingen  nach  Frankfurt,
wo  Uhden  ihren  Generalbericht  an  den  Bundestag  und  eine
Reihe  von  Denkschriften  sowohl  über  die  provisorischen  Gesetze
als  über  die  neue  Verfassung  ausarbeitete,  im  Ganzen  über
hundert  Seiten.  der  gedruckten  Bundestags-Protokolle,  so  daß
der  schreibselige  Verfasser  erst  Anfang  October  sie  seiner  Regierung
  vorlegen  konnte.  Sofort  aber  stellten  sich  neue
Differenzen  zwischen  den  Commissaren  und  der  kurfürstlichen
Regierung  heraus.

Hassenpflug  beantragte  bei  den  Großmächten,  daß  der
Bundestag,  unter  ausdrücklicher  Genehmigung  und  Garantirung
  der  neuen  Verfassung,  die  kurfürstliche  Regierung  anweise,
  dieselbe  ohne  Zögern  definitiv  einzuführen,  da  ohne
eine  solche  Verfügung  der  höchsten  Behörde  der  Kurfürst
durch  seinen  alten  Verfassungseid  am  Vorgehen  gehindert  sei.
Die  Commissare  schlugen  dagegen  vor,  der  Bund  möge  dem
Verfassungsentwurf  seine  vorläufige  Zustimmung  ertheilen,
seine  definitive  Entscheidung  aber  sich  vorbehalten,  bis  die
auf  Grund  der  neuen  Verfassung  einzuberufende  Ständeversammlung
  über  dieselbe  gutachtlich  gehört  sein  werde.

9°
        <pb n="142" />
        132  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1851

Jedesfalls  aber  müsse  die  Verfassung  zwar  nur  provisorisch,
aber  mit  voller  Rechtsgültigkeit  sogleich  eingeführt  werden.
Manteuffel  stimmte  dieser  Ansicht  bei,  da  den  wahren  Ständen
Gelegenheit  sich  auszusprechen,  geboten  werden  müsse.  Anderer
Meinung  aber  war  Fürst  Schwarzenberg.  Die  kurhessische
Regierung  erklärt,  schrieb  er  am  1.  December,  daß  ihr  alter
Verfassungseid  sie  hindere,  ohne  einen  positiven  Befehl  des
Bundes  eine  neue  Verfassung  einzuführen.  So  tief  aber,  wie
durch  ein  solches  Verfahren,  habe  der  Bund  noch  nie  in  eine
innere  Landesgesetzgebung  eingegriffen.  Dagegen  sei  es  unzweifelhaft,
  daß  die  Verfassung  von  1831  eine  Menge  Bestimmungen
  enthalte,  die  mit  dem  Bundesrecht  in  Widerspruch
ständen;  daraus  folge  die  Competenz  des  Bundes,  diese  Verfassung
  außer  Wirksamkeit  zu  setzen!).  Dann  sei  der  Weg
für  die  Regierung  eröffnet,  eine  neue  Verfassung  nicht  bloß
provisorisch,  sondern  definitiv  einzuführen,  was  in  jeder  Hinsicht
  einem  verlängerten  Provisorium  vorzuziehen  sei.  Manteuffel
  hätte  zuletzt  auch  dagegen  nicht  viel  zu  erinnern  gehabt,
forderte  aber  doch  von  dem  preußischen  Bundestagsgesandten
Bericht,  wie  sich  Kurhessen  in  dem  zwischen  Preußen  und
Osterreich  ausgebrochenen  Streite  über  den  Zollverein  verhalte,
und  wies,  als  die  Antwort  eine  durchaus  preußenfeindliche
Stellung  Kurhessens  constatirte,  den  Gesandten  an,  auf
provisorischer  Einführung  der  neuen  Verfassung  zu  bestehen.
Es  ergab  sich  daraus  ein  die  streitenden  Auffassungen  vermittelnder
  Antrag  der  beiden  Großmächte  vom  3.  Januar  1852;:
der  Bundestag  möge  die  Verfassung  von  1831  außer  Wirksamkeit
  setzen,  den  neuen  Verfassungsentwurf  im  Allgemeinen
billigen,  und  der  kurfürstlichen  Regierung  die  Erwartung  aus-1)
  In  Wahrheit:  die  bundeswidrigen  Artikel  auszumerzen.
        <pb n="143" />
        1852  Meinungen  über  die  Einführung  der  neuen  Verfassung.  133

sprechen,  sie  werde  durch  sofortige  Verleihung  der  Verfassung
den  definitiven  Abschluß  der  Angelegenheit  ohne  Zögerung
herbeiführen,  wobei  die  definitive  Zustimmung  und  die  förmliche
  Garantie  dieser  Verfassung  von  Seiten  des  Bundes  einer
spätern  Beschlußfassung  nach  Anhörung  der  gutachtlichen
Außerung  der  Ständeversammlung  vorbehalten  bleibe.

Der  Antrag  wurde  an  einen  Ausschuß  verwiesen  (Württemberg,
  Darmstadt,  Mecklenburg,  dessen  Gesandter  von  Oertzen
Berichterstatter).

Der  Bericht  erfolgte  am  6.  März.  Es  zeigte  sich  wieder
wie  am  11.  Juni,  daß  der  beherrschende  Einfluß  der  Großmächte
  in  der  Versammlung  bei  allem  Gewicht  doch  seine
Grenzen  hatte.  Der  Ausschuß  war  bereit,  den  auf  die
Gegenwart  zielenden  Anträgen  der  beiden  Mächte  zuzustimmen,
wollte  aber  für  die  Zukunft  die  Frage  offen  halten.  Die  Aufhebung
  der  Verfassung  von  1831  erschien  ihm  außer  ihren
zahlreichen  bundeswidrigen  Bestimmungen  schon  nach  Art.  2
der  Bundesacte  und  Art.  1  der  Wiener  Schlußacte  zum
Schutze  der  innern  Sicherheit  geboten.  Daraus  ergab  sich
von  selbst  die  Einführung  der  neuen  revidirten  Verfassung
mit  einstweiliger  voller  Rechtsgültigkeit.  Zugleich  aber  erörterte
  der  Ausschuß  die  Nothwendigkeit  einer  Prüfung  derselben
  durch  die  Ständeversammlung;  diese  müsse  darüber
nicht  bloß  zu  einer  gutachtlichen  Außerung,  sondern  zu  einer
bestimmten  Erklärung  aufgefordert  werden;  nichts  würde  erfreulicher
  sein,  als  ein  Übereinkommen  darüber  zwischen  der
Regierung  und  dem  Landtag;  sollte  aber  diese  Hoffnung
trügen,  so  würde  die  Bundesversammlung  die  zurückbleibenden
Differenzen  zu  erledigen  haben.

Hienach  beantragte  der  Ausschuß:
        <pb n="144" />
        134  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags.  1852

die  Genehmigung  der  von  den  Commissaren  erlassenen
Verordnungen;

die  Verfassung  von  1831  nebst  den  sie  ergänzenden
Gesetzen  von  1848  und  1849  sei  außer  Wirksamkeit  zu  setzen;

die  kurfürstliche  Regierung  sei  aufzufordern,  nach  Erwägung
  dieses  Ausschußberichtes,  die  mit  den  Commissaren
berathene  Verfassung  als  Gesetz  zu  publiciren,  dieselbe  der
auf  deren  Grund  einzuberufenden  Ständeversammlung  zur
Erklärung  vorzulegen,  und  von  dem  Resultate  dem  Bunde
Bericht  zu  erstatten;

die  Bundesversammlung  ertheile  jedoch  dem  Entwurfe
nur  im  Allgemeinen  ihre  Zustimmung,  ohne  sich  über  die
einzelnen  Bestimmungen  auszusprechen;

sie  erwarte  Bericht  über  die  Beruhigung  des  Landes  und
über  die  Beendigung  des  Kriegszustandes;

sie  behalte  sich  auf  die  zu  erwartenden  Mittheilungen
weitere  Beschlußnahme  über  eine  definitive  Erledigung  der
kurhessischen  Verfassungs-Angelegenheit  vor.

Der  Antrag  entsprach  der  ursprünglichen  Meinung  Manteuffel's
  und  der  Commissare;  Schwarzenberg  ließ  ihn  sich
demnach  um  so  mehr  gefallen,  als  Luxemburg,  Oldenburg  mit
Waldeck  und  Schwarzburg,  Weimar  und  die  sächsischen  Herzogthümer
  und  die  freien  Städte  mit  dem  ganzen  Verfahren
nichts  zu  schaffen  haben  wollten,  und  auch  sonst  sich  Stimmen
gegen  einzelne  Artikel  des  Antrags  erhoben.

Am  27.  März  erfolgte  darauf  durch  eine  Mehrheit  von
zehn  Stimmen  die  Annahme  des  Ausschußantrags,  und  am
13.  April  1852  in  Cassel  die  Publication  der  neuen  Verfassung,
  sowie  auf  den  16.  Juli  die  Einberufung  der  wahren,
oder  wie  dann  die  Thronrede  sagte,  der  wirklichen  Stände.
        <pb n="145" />
        1852  Bundesbeschluß  vom  27.  März  1852.  135

Alle  Welt  vermuthete,  daß  es  nach  dem  Schrecken  der
Execution  unter  der  Fortdauer  des  Belagerungsstandes  und
bei  der  Herrschaft  der  commissarischen  Gesetze  Hassenpflug
leicht  sein  würde,  gefügige  Kammern  und  damit  auf  unabsehbare
  Zeit  die  freie  Verfügung  über  die  Staatseinkünfte,
sowie  eine  unbedingte  Allmacht  in  der  Staatsverwaltung  für
den  Kurfürsten  und  sich  selbst  zu  erlangen.

War  nun  auch  nicht  Alles  durchgegangen,  was  die  beiden
Großmächte  begehrt  hatten,  immer  war  die  von  ihnen  gelenkte
Bundesgewalt  über  die  Einzelstaaten  überall,  wo  es  auf  Vernichtung
  liberaler  Gedanken  und  Einrichtungen  ankam,  zu
einer  Höhe  emporgehoben,  welche  zu  erklimmen  Metternich
weder  1819  noch  1834  unternommen  hatte.  Mit  den  beiden
Forderungen  der  Landeswohlfahrt  und  der  allgemeinen  Sicherheit
  setzte  sich  jetzt  die  Bundesgewalt  unter  Schwarzenberg's
und  Manteuffel's  Oberbefehl  über  jede  Rechtsschranke  ebenso
leicht  hinweg,  wie  1793  in  Paris  unter  derselben  Formel
das  Comité  de  Salut  Public  und  das  Comité  de  Süreté
Générale.  Jene  durch  Metternich's  behutsame  Umsicht  und
Preußens  Nachgiebigkeit  dreißig  Jahre  lang  fortgefristete
Gestalt  der  deutschen  Einheit,  das  Duumvirat  von  Ssterreich
und  Preußen,  war  jetzt  zu  einer  bis  dahin  unerhörten  Stärke
gegenüber  der  Unabhängigkeit  der  Particularstaaten  gelangt.

Es  war  aber  Alles  leerer  Schein.  Was  zunächst  die
Wirkung  des  neuen  Systems  betraf,  so  erging  es  dieser
Centralgewalt  nicht  anders  als  ihrer  Vorgängerin  von  1819
und  1832;  trotz  der  Allmacht  ihrer  politischen  Polizei
blieb  sie  auf  allen  anderen  Gebieten  zur  Unfruchtbarkeit  verurtheilt.
  So  erweckte  ihre  Energie  bei  dem  Volke  bittern
Haß,  ihr  Unvermögen  erneuerte  Verachtung.  Trotz  aller
        <pb n="146" />
        136  Thätigkeit  des  erneuerten  Bundestags  1852

Begünstigung  der  Fürsten  und  des  Adels,  wie  sie  in  Frank—
furt  gang  und  gäbe  war,  blickten  auch  die  Regierungen  der
Einzelstaaten  mehr  mit  Mißtrauen  als  mit  Dankbarkeit  auf  das
dictatorische  Verfahren  der  Centralgewalt.  Das  Ergebniß  war,
wie  nach  den  Karlsbader  Beschlüssen,  eine  allseitige  Stärkung
der  particularistischen  Gesinnung.  Lieber  gar  keine  Centralgewalt,
  als  eine  so  gewaltthätige  und  zugleich  so  ohnmächtige.

Entscheidend  aber  war  noch  eine  andere  Thatsache.  Die
Grundlage  des  Systems,  die  herzliche  Eintracht  der  beiden
Großmächte,  schon  unter  Metternich  auf  wichtigen  Gebieten
sehr  problematisch,  war  durch  die  Ereignisse  von  1848  und
1849  in  der  Wurzel  vernichtct.  Mochten  die  beiden  Höfe
in  dem  Kriege  gegen  den  Liberalismus  noch  so  freudig  Hand
in  Hand  gehen:  die  tiefe  Differenz  ihrer  Stellung  zu  den
Interessen  Gesammtdeutschlands,  dreißig  Jahre  lang  nach
Kräften  verhüllt,  war  seit  der  Märzrevolution  unauslöschlich
zu  Tage  getreten,  und  drängte  die  leitenden  Staatsmänner
beider  Seiten,  mochten  sie  es  wollen  oder  nicht,  mit  eisernem
Zwange  in  den  weitern  Kampf  um  die  großen  Parteiprogramme
von  1849  hinein.
        <pb n="147" />
        Sechstes  Buch.
Deutschland  zur  Seit  des  Krimkriegs.
        <pb n="148" />
        <pb n="149" />
        1851

1.  Capitel.

Dualismus  im  Bunde.

Der  wiedergeborene  Bundestag  behielt  auch,  nachdem  er
endlich  vollzählig  geworden,  die  Signatur  seines  Ursprungs;
er  war  und  blieb  ein  Kampfmittel  Osterreichs  und  der  Mittelstaaten
  gegen  Preußen.  Nach  der  Beseitigung  des  deutschen
Parlaments  war  die  Frage  der  künftigen  deutschen  Verfassung
auf  die  einfache  Formel  der  Machtfrage  zwischen  den  beiden
Großmächten  des  Bundes  zurückgebracht,  und  diese  spielte  direct
oder  indirect  bei  fast  jeder  Verhandlung  des  Bundestags
ihre  Rolle,  trotz  der  geheimen  Allianz,  trotz  der  Gemeinschaft
im  Kampf  gegen  den  Liberalismus,  trotz  der  Instruction  an
den  neuen  preußischen  Bundestagsgesandten  Herrn  von  Rochow
und  dessen  eifrigstem  Bestreben,  mit  Osterreich  Hand  in  Hand
zu  gehen.

Denn,  wie  es  einst  Kaiser  Franz  Joseph  dem  preußischen
Könige  geschrieben:  die  Dinge  sind  stärker,  als  die  Menschen.
Wie  die  Dinge  sich  nun  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert
gestaltet  hatten,  waren  zwar  die  beiden  Mächte  Europa
gegenüber  auf  feste  Freundschaft  angewiesen,  auf  deutschem
Boden  aber  waren  ihre  Lebensinteressen  unvereinbar,  und
        <pb n="150" />
        140  Dualismus  im  Bunde.  1851

folglich  in  den  wichtigsten  Beziehungen  der  Conflict  unvermeidlich.
  Die  Aussichten  in  demselben  schienen  damals  für
Osterreich  durchaus  günstig  zu  stehen,  da  es  sich  am  Bundestage
  einer  selten  schwankenden  Majorität  erfreute.  Aus  den
Reihen  der  einst  in  der  preußischen  Union  vereinigten  Kleinstaaten
  waren  die  beiden  Hessen  und  Nassau  längst  in  das
österreichische  Lager  übergegangen;  es  brauchte  dann  nicht
zahlreicher  Nachfolger,  um  ein  Mehr  unter  siebzehn  Stimmen
zu  sichern,  und  die  Zahl  solcher  Nachfolger  war  nicht  gering.
Seit  Olmütz  galt  Osterreichs  Gunst  für  wirksamer,  seine  Ungnade
  für  gefährlicher  als  die  preußische;  eine  Menge  adlicher
Familien  ließ  ihre  Söhne  in  kaiserlichen  Dienst  treten,  und
wirkte  dann  zu  Hause  für  Osterreich;  ohne  Frage  war  auch
der  Wiener  Hof  auf  dem  Felde  der  persönlichen  Bearbeitung
thätiger  und  geschickter  als  der  Berliner.  In  Frankfurt
selbst  kam  der  Einfluß  des  österreichischen  Präsidiums
hinzu,  genug,  der  kaiserliche  Wille  war  durchgängig  das  herrschende
  Element  im  Bundestage,  und  Fürst  Schwarzenberg
war  wahrlich  nicht  der  Mann,  um  eine  solche  Quelle  der
Macht  unbenutzt  zu  lassen.  Er  war  sehr  bereit  zu  dem  in
Rochow's  Instruction  begehrten  Einvernehmen  mit  Berlin,
unter  der  Voraussetzung,  daß  Preußen  sich  den  Wiener  Absichten
  ebenso  gefügig  zeige,  wie  einst  Ancillon  dem  Fürsten
Metternich.  Sollte  aber  Manteuffel  sich  herausnehmen,
einen  eigenen  Willen  zu  haben,  so  meinte  Schwarzenberg
gerade  im  Bundestage  das  geeignete  Werkzeug  zu  besitzen,
denselben  zu  brechen  und  Preußen  durch  Mehrheitsbeschlüsse
niederstimmen  zu  lassen,  was  dann  in  einfacher  Folgerung
zu  dem  Streben  führte,  die  Competenz  des  Bundestags  allmählich
  zu  erweitern,  und  Preußens  selbständigen  Wirkungs-
        <pb n="151" />
        1851  Parteiverhältnisse  im  Bundestag.  141

kreis  damit  zu  beschränken.  Wenige  Wochen,  nachdem  der
Bundestag  vollzählig  geworden,  that  Schwarzenberg  einen
ersten  wichtigen  Schritt  zu  diesem  Ziele,  indem  er  in  Frankfurt
  am  10.  Juli  1851  die  Bildung  eines  Ausschusses  veranlaßte,
  welchem  die  in  Dresden=  erwachsenen  Materialien,
betreffend  eine  Zolleinigung  zwischen  Österreich  und  den
übrigen  deutschen  Staaten,  zu  weiterer  Bearbeitung  zu  überweisen
  wären.  Dies  bedeutete,  wie  wir  wissen,  Osterreichs
Willen,  den  preußischen  Zollverein  entweder  ganz  zu  sprengen
oder  sich  mit  Preußen  in  die  Leitung  desselben  zu  theilen,  oder
endlich  Preußen  ganz  aus  derselben  hinaus  zu  werfen.  Der
Fürst  war  auch  hier  der  Unterstützung  der  meisten  Mittelstaaten
  sicher,  welchen  nichts  erwünschter  schien,  als  in  Handelsund
  Zollsachen  wie  in  den  übrigen  Bundesangelegenheiten
zwei  Häupter  statt  eines  zu  erhalten,  gegen  Ubergriffe  des
einen  den  Schutz  des  andern  zu  genießen,  und  bei  Streitigkeiten
  zwischen  beiden  die  schöne  Rolle  des  entscheidenden
Schiedsrichters  zu  gewinnen.

In  Berlin  sah  man  gelassenes  Muthes  der  Entwicklung
dieser  Action  entgegen.  Man  war  in  Olmütz  einer  höchst
ungünstigen  europäischen  Conjunctur  gewichen;  man  hatte
starke  Einbuße  an  politischem  Ansehen  erlitten,  aber  jede  materielle
  Schädigung  vermieden.  So  fühlte  man  sich  zurückgedrängt,
  aber  nicht  niedergeworfen.  Für  den  Augenblick
hatte  man  das  Emporstreben  aus  der  frühern  Stellung  im
Bunde  aufgegeben,  aber  man  war  keineswegs  gesonnen,  sich
in  demselben  jetzt  tiefer  als  vor  1848  herabdrücken  zu  lassen.
In  militärischer  Beziehung  glaubte  man  sich  Osterreich  mindestens
  ebenbürtig,  in  finanzieller  Kraft  und  in  innerer  Consistenz
  des  Staats  bei  Weitem  überlegen,  und  wenn  der
        <pb n="152" />
        142  Dualismus  im  Bunde.  1851

Wiener  Hof  auf  das  Mißtrauen  der  mittelstaatlichen  Regierungen
  gegen  Preußen  seine  Rechnung  setzte,  so  meinte
Preußen  eine  noch  zuverlässigere  Stütze  in  der  Gemeinschaft
der  materiellen  und  Culturinteressen  der  gesammten  deutschen
Bevölkerung  außerhalb  Osterreichs  zu  haben.  Auf  dem
handelspolitischen  Gebicte  war  man  bereits  im  Stillen  mit
der  Vorbereitung  eines  durchschlagenden  Gegenzuges  beschäftigt.
In  den  Bundestag  aber  ernannte  der  König  an  die  Stelle
des  nach  Petersburg  zurückkehrenden  Herrn  von  Rochow  den
bisherigen  Deichhauptmann  Herrn  Otto  von  Bismarck  Schönhausen,
  der  mit  der  Uberreichung  seiner  Creditive  an  den
Bundespräsidenten  am  29.  August  1851  den  ersten  Schritt
auf  einer  Laufbahn  von  weltgeschichtlicher  Bedeutung  that.

Bismarck  stand  damals  mit  36  Lebensjahren  in  der
vollen  Blüthe  des  kräftigsten  Mannesalters.  Eine  hohe  Gestalt,
  welche  die  Mehrzahl  der  Menschenkinder  um  eine  Kopfeslänge
  überragte,  ein  gesundheitstrahlendes  Antlitz,  ein  von
Intelligenz  belebter  Blick,  in  Mund  und  Kinn  der  Ausdruck
unbeugsames  Willens,  so  erschien  er  damals  den  Zeitgenossen,
in  jedem  Gespräche  erfüllt  von  originalen  Gedanken,  farbigen
Bildern,  frappanten  Wendungen,  von  gewinnender  Liebenswürdigkeit
  im  geselligen,  von  schneidender  Überlegenheit  im
geschäftlichen  Verkehr.  Sein  Bildungsgang  war  großes
Theils  der  eines  Autodidakten  gewesen;  die  frische  Ursprünglichkeit
  seiner  Natur  hatte  er  weder  durch  mechanische  Schulung
noch  durch  äußerlichen  Dienstzwang  einschnüren  oder  umschleifen
  lassen.  Auf  der  Universität  hatte  er  bald  den  Besuch
  langweiliger  Vorlesungen  aufgegeben,  und  als  flotter
Corpsbursche  alle  Freuden  der  akademischen  Freiheit  gründlich
genossen.  Aber  sein  Dasein  ging  nicht,  wie  bei  so  Vielen,
        <pb n="153" />
        1851  Otto  von  Bismarck-Schönhausen.  143

im  Corpsdienst  auf  und  unter,  um  dann  in  geistlosem  Philisterium
  trocken  hinzuschleichen:  sondern  kein  Tag  erschien,  an
dem  er  nicht  nach  lehrreicher  und  anregender  Lectüre  gegriffen,
  und  dem  aufstrebenden  Gedanken  Nahrung  und  Erfrischung
  geboten  hätte.  Schon  als  Knabe  hatte  er  eifrig
Geographie  getrieben,  welche  Wissenschaft  sich  damals  noch
nicht  zu  dem  modernen  Conglomerat  von  Fragmenten  aller
Naturwissenschaften  entfaltet  hatte,  sondern  sich  wesentlich  mit
der  Vertheilung  und  den  äußern  Zuständen  der  Menschen  in
den  verschiedenen  Ländern  befaßte:  Bismarck  pflegte  gerne  zu
erzählen,  wie  früh  ihm  durch  gründliches  Studium  der  Karte
von  Deutschland,  mit  ihrem  Farbenreichthum  von  39  verschiedenen
  Landesgrenzen,  die  Erkenntniß  der  Naturwidrigkeit
eines  solchen  Gebildes  aufgegangen  sei.  Vor  Allem  aber
widmete  er  sich,  wie  nach  einem  Vorgefühl  des  künftigen
Wirkens,  historischen  Studien.  Nach  der  eigenen  weitern  Erfahrung
  sprach  er  den  Grundsatz  aus,  für  jeden  Staatslenker
sei  ein  richtig  geleitetes  Studium  der  Geschichte  die  wesentliche
  Grundlage  des  Wissens;  hier  allein  sei  zu  lernen,  was
bei  der  Verhandlung  mit  andern  Staaten  in  jeder  Frage
erreichbar  sei;  in  der  Fähigkeit  aber,  die  Grenzen  des  Erreichbaren
  zu  erkennen,  sei  die  höchste  Aufgabe  der  diplomatischen
Kunst  bezeichnet.

Sein  ganzes  späteres  Leben  bildet  einen  praktischen
Commentar  zu  diesem  Satze.  Hier  hat  er  sowohl  die  Kühnheit
  geschöpft,  die  Ziele  seiner  Action  sich  möglichst  hoch  zu
setzen,  als  die  Besonnenheit,  niemals  im  Siegesrausche  über
die  Grenze  des  Erreichbaren  hinaus  zu  schweifen.

Nach  den  akademischen  Jahren  machte  Bismarck  eine
kurze  Probezeit  im  Verwaltungsdienste  durch;  bald  aber  wurde
        <pb n="154" />
        144  Dualismus  im  Bunde.  1851

ihm  in  den  Bureaux  die  Luft  zu  eng,  und  er  kehrte  wieder
in's  Freie,  auf  einen  Landsitz  seiner  Familie  zurück,  wo  er
sich  als  rüstigen  Jäger,  kühnen  Reiter  und  tapfern  Zecher,
zugleich  aber  auch  als  sorgsamen  Verwalter  und  tüchtigen
Gutsherrn  bewährte,  und  bei  aller  brausenden  Geselligkeit
sein  inneres  Leben,  wie  seine  Briefe  zeigen,  auf  dem  Grunde
einer  tiefernsten  Religiosität  zu  voller  Klarheit  und  Sicherheit
ausgestaltete.  Dann  kamen  die  bewegten  Jahre,  welche  auch
ihn  in  dẽn  Strom  der  Politik  hineinrissen.  Im  Vereinigten
Landtag  von  1847  sahen  wir  ihn  feste  Stellung  in  der  Vertheidigung
  der  königlichen  Intentionen  einnehmen:  gleich  bei
diesem  ersten  Auftreten  zeigte  er  eine  seltene  Beherrschung  der
Sprache,  eine  klassische  Formgewandtheit  des  Ausdrucks,  eine
unversiegliche  Schlagfertigkeit  der  Replik.  Charakteristisch  war
es  schon  an  dieser  Stelle,  wie  auch  bei  den  Fragen  der
innern  Politik  seine  Gedanken,  über  die  Grenzen  des  Staats
hinübergreifend,  das  Verhältniß  zum  Ausland  erwogen.  Den
Nutzen  der  vorgeschlagenen  Berlin-Königsberger  Eisenbahn
erkannte  er  an,  nicht  so  sehr  aus  mercantilen  und  finanziellen,
als  aus  militärischen  und  politischen  Gründen.  In  gleicher
Weise  mahnte  er  die  Versammlung,  sich  nicht  durch  Mehrforderungen
  über  das  vom  Könige  Gebotene  hinaus  mit  der
Regierung  zu  überwerfen,  sondern  durch  festes  Einverständniß
mit  dem  Könige  in  dem  gesammten  Europa  einen  mächtigen
Eindruck  hervorzurufen.  Als  dann  im  folgenden  Jahre  die
Wogen  der  Revolution  über  Preußen  zusammenschlugen,  und
eine  wüste  Anarchie  Berlin  erfüllte,  wallte  sein  königstreues
Blut  heftig  auf,  und  er  wurde  einer  der  streitbarsten  Genossen
  der  Kreuzzeitungspartei.  Allmählich  bildete  sich  jetzt
ein  näheres  persönliches  Verhältniß  zum  Könige,  der  bereits
        <pb n="155" />
        1851  Friedrich  Wilhelm  IV.  und  Bismarck.  145

1847  Bismarck's  Ausführungen  im  Vereinigten  Landtag  über
den  christlichen  Staat  und  das  Königthum  von  Gottes  Gnaden
mit  Wohlgefallen  bemerkt  hatte.  Ich  weiß  nicht,  ob  bei  ihm
ein  sympathischer  Zug  zu  dem  genialen,  aber  in  seinem  Wesen
von  ihm  so  grundverschiedenen  Manne  vorhanden  war;  jedesfalls
  nahm  Friedrich  Wilhelm,  zu  dessen  starken  Seiten  sonst
eine  zutreffende  Menschenkenntniß  nicht  gehörte,  Bismarck's
hervorstechende  Begabung  wahr,  und  setzte  sich  vor,  ihn  zu
einer  großen  Bestimmung  selbst  heranzubilden.  Er  hielt  mich,
sagte  später  Bismarck,  für  ein  Ei,  aus  dem  er  einen  Minister
ausbrüten  wollte.  Er  überraschte  ihn  also  durch  die  Sendung
nach  Frankfurt,  als  auf  eine  hohe  Schule  der  Diplomatie,
wo  damals  in  der  That  alle  Fäden  der  deutschen  Politik
zusammen  liefen.

Ganz  im  Sinne  des  Königs  hat  man  oft  von  Bismarck's
Frankfurter  Lehrjahren  geredet,  ungefähr  ebenso  passend,  wie
wenn  man  von  der  Schwimmschule  eines  jungen  Fisches
sprechen  wollte.  Gewiß,  er,  der  bisher  niemals  im  diplomatischen
  Dienste  sich  geübt  hatte,"  trat  hier  in  eine  ihm
fremde  Welt,  und  hatte  manche  Kenntniß  von  Personen  und
Sachen  sich  erst  anzueignen.  Aber  nachdem  er  sich  binnen
wenigen  Wochen  auf  dem  neuen  Boden  orientirt  hatte,  entwickelte
  er  seit  den  ersten  Schritten  seines  Wirkens  seine
politische  Meisterschaft.  Er  war  ein  Staatsmann  von  Geburt.
Eine  freigebige  Natur  hatte  ihn  mit  allen  Erfordernissen  des
Herrscherberufes  ausgestattet,  mit  rascher  und  durchdringender
Auffassung  aller  Verhältnisse,  mit  scharfer  Erkenntniß  der
Stärken  und  Schwächen  jeder  Position,  mit  sicherem  Blick
für  die  Brauchbarkeit  der  verschiedensten  Menschen  zur

Förderung  seiner  Zwecke.  Mit  einer  unerschütterlichen  Willensv.
  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  10
        <pb n="156" />
        146  Dualismus  im  Bunde.  1851

kraft  in  der  Verfolgung  seiner  Absichten  verband  er  eine  niemals
  versagende  Elasticität  des  Geistes  in  der  wechselnden
Anwendung  des  jedes  Mal  zweckmäßigen  Verfahrens;  ohne
jemals  einen  systematischen  Unterricht  durchgemacht  zu  haben,
besaß  er  die  Fähigkeit,  welche  Thucydides  von  Themistokles
rühmt,  durch  die  Macht  seiner  Natur  in  kurzem  Nachdenken
das  Erforderliche  sofort  zu  treffen.

Alle  diese  Züge  werden  bereits  in  seiner  Frankfurter
Correspondenz  gleich  deutlich  wie  in  seinem  spätern  Wirken
auf  höherer  Stufe  sichtbar.  Überall  bewundert  man  die
Umsicht  der  jede  Frage  allseitig  beleuchtenden  Erörterung,
den  raschen  Muth  in  der  Aufstellung  des  anzustrebenden  Ziels,
die  unerschöpfliche  Fülle  immer  neuer,  den  Gegner  überraschender
und  verwirrender  Evolutionen,  und  dabei  den  festen  Pulsschlag
  einer  stets  vom  Verstande  geleiteten  Energie.  Noch
befand  er  sich  nicht  in  der  leitenden  Stellung,  sondern  hatte
den  Befehlen  der  vorgesetzten  Behörde  zu  gehorchen;  aber
stets  traf  der  Gang  seiner  Berichte  in  thatsächlicher  Begründung
  und  zwingender  Logik  so  unwiderstehlich  zum
Zweck,  daß  sich  nur  in  seltenen  Fällen  dem  Minister  die
Möglichkeit  einer  abweichenden  Auffassung  darbot.  Herr  von
Manteuffel  brummte  wohl  in  aufkeimender  Eifersucht:  der
junge  Schönhäuser  scheint  ja  seiner  Sache  sehr  gewiß  zu
sein  —  schrieb  aber  dann  sein  „Einverstanden“  unter  den
Bericht.

Durch  die  Frühreife  des  Talents  und  die  indirecte  Be-Oerrschung
  des  Vorgesetzten  erinnert  Bismarck  lebhaft  an  das
Auftreten  des  Generals  Bonaparte  im  Jahre  1796.  In
allem  Ubrigen  aber  erscheint  neben  der  Ahrlichkeit  der  tiefste
Gegensatz  der  Charaktere  zwischen  beiden  Männern.  Statt
        <pb n="157" />
        1851  Bismarck's  politischer  Standpunkt.  6  147

der  colossalen,  jedes  andere  Gefühl  erdrückenden  Selbstsucht
des  corsischen  Imperators  zeigt  sich  bei  dem  preußischen
Beamten  die  patriotische  Hingabe  an  den  Staat,  die  unbedingte
  Pflichttreue  gegen  König  und  Vaterland.  Seine
Seele  war  erfüllt  von  dem  Berufe,  Preußen  zu  Macht  und
Blüthe  zu  erheben;  jeder  Schritt  seines  Wirkens  war  abhängig
  von  dieser  einzigen  und  beherrschenden  Aufgabe.  War
er  früher  Parteimann  gewesen,  so  wurde  er  jetzt,  im  prägnantesten
  Sinne  des  Wortes,  Diener  des  Staats.  Gegen
dessen  Anforderung  trat  jede  andere  Rücksicht  in  den  Hintergrund.
  Fragen  höchster  Bedeutung,  Freihandel  oder  Schutzzoll,
  feudale  oder  demokratische  Einrichtungen,  Religionsfreiheit
oder  Hierarchie,  Fragen  also,  die  für  viele  tausend  Menschen
als  bestimmende  Principien  des  ganzen  Daseins  gelten,  waren
für  ihn  nichts  als  je  nach  den  Umständen  gebrauchte  Mittel
für  Preußens  ferneres  Emporwachsen,  so  daß  ihn  nicht  selten
seine  Gegner  den  grundsatzlosesten  Opportunisten  aller  Zeiten
schalten.  Wenn  ferner  Friedrich  der  Große,  der  ein  langes
Leben  dem  harten  Dienste  des  Staatsinteresses  widmete,  im
innersten  Herzen  der  Überzeugung  war,  daß  der  Staat  nur
ein  Mittel  zur  Erhaltung  und  Pflege  der  idealen  Güter,  der
Schönheit  und  Wahrheit,  der  Kunst  und  der  Wissenschaft,
sei:  so  war  umgekehrt  Bismarck  auch  hier  Utilitarier,  und  so
sehr  er  jene  Güter  zu  schätzen  verstand,  so  war  doch  stets
seine  erste  und  letzte  Frage,  in  wie  weit  diese  Kunst  oder
jene  Wissenschaft  dem  preußischen  Staatszweck  nutze.  Obgleich
  nicht  ganz  in  diesen  Zusammenhang  gehörig,  mag  hier
auch  die  Thatsache  erwähnt  werden,  daß  er,  der  weiter  als
irgend  ein  Mensch  von  religiösem  Indifferentismus  entfernt

war,  wiederholt  seine  ehemaligen  Parteigenossen  vor  der
10“
        <pb n="158" />
        148  Dualismus  im  Bunde.  1851

damals  üblichen  Verquickung  von  Politik  und  Kirchenthum
warnte:  ihr  predigt  damit,  war  sein  Wort,  die  Menschen
nicht  in  die  Kirche  herein,  sondern  aus  der  Kirche  hinaus,
und  schadet  dem  Staate,  indem  ihr  dem  Volkle  seine  Religion
verleidet.

Den  Widersachern  Preußens  im  Bundestage  war  natürlich
ein  solcher  Mann  höchst  unbequem,  ein  Mann,  der  alle  Waffen
der  Polemik  als  Virtuose  handhabte,  keine  Überhebung  des  Gegners
  ungerügt,  keine  Blöße  unbenutzt  ließ,  und  sehr  bald  den
Ruf  gewann,  es  sei  gefährlich,  mit  ihm  den  Kampf  aufzunehmen.
  Die  correcten  Diplomaten,  und  nicht  bloß  in  Frank
furt,  klagten,  daß  er  oft  so  burschikos  auftrete,  oder  wunderten
sich,  daß  er  höchst  unbefangen  die  Haltung  des  künftigen
Ministers  schon  jetzt  annehme.  Anfangs  zwar  zeigte  er  sich
den  Collegen  im  Bundestage  durchaus  entgegenkommend  und
auf  gutes  Einvernehmen  bedacht.  Denn  nicht  als  principieller
Gegner  Osterreichs  war  er  nach  Frankfurt  gekommen;  im
Gegentheil,  bei  seinem  ganzen  bisherigen  Verhalten  war  er
stets  von  der  Nothwendigkeit  eines  festen  Zusammenhaltens
von  Preußen  und  Osterreich  ausgegangen  und  hat  auch  später
Alles  gethan,  um  die  deutsche  Politik  auf  dieser  Grundlage
sicher  zu  stellen.  Demnach  bemühte  er  sich  auch  im  Bundestage,
jede  etwa  auftauchende  Meinungsverschiedenheit  durch  vertrauliches
  Benehmen  mit  dem  Präsidialgesandten,  Grafen  Thun,  auszugleichen,
  um  nicht  den  kleinen  Staaten  das  Schauspiel  einer
Spaltung  zwischen  den  beiden  Großmächten  zu  geben.  Aber  nur
zu  bald  mußte  er  sich  überzeugen,  daß  die  wesentliche  Voraussetzung
  dieses  Strebens,  die  Gegenseitigkeit,  fehle,  daß  an  eine  Anerkennung
  der  preußischen  Gleichberechtigung  durch  Ssterreich  nicht
zu  denken  und  bei  der  Stellung  der  beiden  Höfe  zu  den  deutschen
        <pb n="159" />
        1851  Streitigkeiten  mit  Osterreich  im  Bundestag.  149

Berhältnissen  auch  nie  zu  erhoffen  sei.  Damit  war  seine
fernere  Haltung  entschieden.  Er  war  zum  Widerstand  bis
auf  die  äußerste  Grenze,  ja  über  diese  hinaus,  bis  zum  Bruche
des  Bundes  entschlossen,  ehe  er  eine  Schädigung  an  Preußens
Würde  oder  gutem  Rechte  gestatte.  Gleich  in  den  ersten
Wochen  kamen  die  Anlässe,  diese  Gesinnung  zu  bethätigen.

Preußen  wünschte  die  juristische  Grundlage  seiner  euro
päischen  Selbständigkeit  durch  die  Ausscheidung  von  Ost=  und
Westpreußen  aus  dem  Bundesgebiete  wieder  herzustellen:  für
Osterreich,  welches  seine  sämmtlichen  Lande  in  den  Bund  einzufügen
  gedachte,  war  dieser  Antrag  lästig,  und  so  erschienen
von  mehreren  Seiten  her  Anstände  und  Bedenken.  Mit
welchem  Nachdruck  Bismarck  sie  zurückwies,  zeigt  sein  Gesuch
bei  Manteuffel  um  die  Erlaubniß  zu  einer  Erklärung,  wenn
die  Herren  bei  ihrem  Widerspruch  beharrten,  würde  Preußen
die  Maaßregel  selbständig  vollziehen.  Es  kam  indeß  nicht
so  weit,  da  die  Mehrheit  sich  bei  Bismarck's  drohendem  Einwirken
  schließlich  zur  Genehmigung  des  Antrags  herbeiließ.

Eine  andere  Frage,  bei  deren  Behandlung  die  Majorität
der  Bundesversammlung  ihre  Preußen  ungünstige  Stimmung
zeigte,  betraf  die  Publication  der  Sitzungs-Protokolle).  Auf
Osterreichs  Antrag  wurde  ein  besonderer  Ausschuß  bestellt,
welcher  die  zur  Veröffentlichung  geeigneten  Verhandlungen
aussondern  und  nach  ihrem  wesentlichen  Inhalte  zum  Abdruck
bringen  sollte.  Herr  von  Bismarck,  der  gegen  den  Vorschlag
gestimmt  hatte  und  dann  auch  in  den  Ausschuß  nicht  gewählt
worden  war,  sah  gleich  bei  dessen  erster  Publication  durch

1)  Im  Folgenden  verstatte  ich  mir,  einige  Seiten  der  großes  Theils
von  mir  redigirten  Einleitung  zu  der  Archivpublikation:  Preußen  im
Bundestage,  hier  zu  wiederholen.
        <pb n="160" />
        150  Dualismus  im  Bunde.  1851

die  Auswahl  und  Wiedergabe  des  Stoffes  seine  Besorgniß
bestätigt,  daß  es  sich  hier  um  die  Schaffung  eines  einseitigen,
im  österreichischen  Interesse  gegen  Preußen  wirkenden  Parteiorgans
  handle.  Er  trat  diesem  Beginnen  auf  der  Stelle,
sowohl  öffentlich  in  der  Presse,  als  durch  eine  geharnischte
Erklärung  in  der  Versammlung  selbst  entgegen,  und  verhinderte
  damit  unter  schmerzlichem  Erstaunen  der  Gegner  die
Wiederholung  des  Verfahrens.

Widerwärtiger  noch  als  dieser  Vorgang  und  unerquicklich
in  jeder  Beziehung  war  sodann  der  Zank  über  die  im  Jahre
1848  geschaffene  deutsche  Nordseeflotte,  welcher  lange  Monate
hindurch  den  Bundestag  in  Athem  hielt  und  aus  einem  hartnäckigen
  Feilschen  um  eine  unbedeutende  Geldsumme  allmählich
zu  einem  Streite  über  die  fundamentalen  Fragen  der  ganzen
Bundesverfassung  heranwuchs.

Die  deutsche  Flotte  jener  Jahre  war  ausgerüstet  worden
für  die  damals  in  nächster  Zukunft  erwartete  deutsche  Reichsgewalt.
  In  diesem  Sinne  hatte  Preußen  bereitwillig  die
Zahlung  seines  matricularmäßigen  Beitrags  geleistet  und
damit  den  größern  Theil  der  Kosten  geliefert,  während  Osterreich
  und  eine  Anzahl  der  binnenländischen  Staaten  mit  ihren
Zahlungen  ganz  oder  theilweise  zurückgeblieben  waren.  Eben
an  deren  Widerstand  war  dann  die  beabsichtigte  Reichsgewalt  in
Rauch  aufgegangen,  die  Flotte  aber  bestand,  und  über  die
Aufbringung  ihrer  Kosten  war  Beschluß  zu  fassen.  Schon
auf  den  Dresdener  Conferenzen  zeigte  sich,  wie  wir  gesehen
haben,  bei  den  binnenländischen  Staaten  eine  geringe  Neigung
für  die  Erhaltung  einer  deutschen  Kriegsmarine;  es  wurde
Einstimmigkeit  oder  doch  Dreiviertel-Mehrheit  für  jeden
Beschluß  darüber  gefordert.  Jetzt  beantragte  Preußen,  daß
        <pb n="161" />
        1851  Streit  über  die  deutsche  Flotte.  151

für  die  Unterhaltung  der  Flotte  zunächst  die  rückständigen
Matricular-Umlagen  des  Jahres  1848  eingezahlt  und  verwandt
  würden.  Die  im  Rückstand  verbliebenen  Staaten  aber
wollten  davon  nichts  wissen,  und  auf  ihr  Betreiben  beschloß
der  Bundestag  am  7.  Juli  1851  mit  Stimmenmehrheit  eine
neue  Vorschußumlage  von  532000  Gulden.  Hiegegen  legte
Preußen  Verwahrung  ein,  weil  nach  Bundesrecht  die  Flotte
noch  keine  organische  Einrichtung,  und  folglich,  ganz  wie  es
die  Süddeutschen  in  Dresden  begehrt,  für  die  zu  ihrer  Unterhaltung
  nothwendigen  Beschlüsse  Einstimmigkeit  erforderlich
sei.  Dieser  Vorgang  wiederholte  sich,  als  gegen  Ende  des
Jahres  die  Majorität  zur  Deckung  des  Ausfalls  ein  Anlehen
bei  dem  Hause  Rothschild  aufzunehmen  beschloß:  auch  diese
gegen  seinen  Widerspruch  verfügte  Maaßregel  wurde  von
Preußen  für  verfassungswidrig  und  nichtig  erklärt.  Die  Majorität
  entgegnete,  daß  kein  Bundesgesetz  für  solche  Beschlüsse
die  Einstimmigkeit  fordere.  Preußen  begehrte  umgekehrt  den
Nachweis  für  die  bundesrechtliche  Competenz  der  Mehrheit.
Hiemit  kam  der  Streit  auf  einen  sehr  bedenklichen  Boden.
Die  Majorität  war  der  Ansicht,  daß  in  zweifelhaften  Fällen
über  die  Competenz  des  Bundestags  nur  dieser  selbst,  d.  h.
seine  Majorität,  zu  entscheiden  habe,  sonst  könne  ja  der  kleinste
Bundesstaat  die  nothwendigsten  Beschlüsse  durch  sein  Veto
hindern.  Preußen  erwiderte,  nach  dieser  Theorie  sei  die  verfassungsmäßige
  Souveränität  der  Einzelstaaten  der  Willkür
der  Majorität  durch  Erweiterung  der  Bundescompetenz  schutzlos
  Preis  gegeben.  Die  beiden  Sätze  waren  gleich  unwiderleglich;
  neben  einander  gestellt,  bewiesen  sie  schlagend  die
Unnatur  und  Unvernunft  der  Principien,  auf  welche  die
Bundesverfassung  von  1815  begründet  war.
        <pb n="162" />
        152  Dualismus  im  Bunde.  1851

Ubrigens  barg,  wie  gewöhnlich,  der  Gegensatz  der  formalen
  Rechtsauffassung  auch  eine  nicht  minder  tiefe  Verschiedenheit
  der  realen  Forderungen.  Preußen  wäre  gern  zu
weitern  Beiträgen  bereit  gewesen,  wenn  die  neue  Nordseeflotte
  mit  der  preußischen  Marine  dergestalt  in  Verbindung
gesetzt  würde,  daß  Preußen  der  gemeinsame  Kriegsherr  geworden
  wäre.  Bei  den  Mittelstaaten  waltete  die  Ansicht  vor,
Osterreich  möge  die  Flotte  auf  der  Adria,  Preußen  die  der
Ostsee,  die  andern  Staaten  jene  der  Nordsee  stellen.  Für
Osterreich  hätte  sich  vielleicht  das  System  empfohlen,  nach
welchem  die  Nordseeflotte  wie  das  Bundesheer  zur  Verfügung
des  von  ihm  beherrschten  Bundestags  geblieben  wäre.  So
zeigte  sich,  daß  kaum  ein  Jahr  nach  Olmütz  die  alten  Tendenzen
  des  österreichischen  Großdeutschland,  der  preußischen
Union,  der  mittelstaatlichen  Trias,  sich  in  erfrischter  Lebendigkeit
  gegenüber  standen.  Noch  kam  es  zwischen  ihren  Vertretern
  nicht  zum  offenen  Bruche,  aber  die  Flotte  ging  an
ihrer  Unversöhnlichkeit  zu  Grunde.

Als  der  Plan  der  Trias  zur  Abstimmung  gelangte,  erschien,
  wie  der  Berichterstatter  des  Marine-Ausschusses  zugestehen
  mußte,  ein  Ergebniß  der  unläugbar  traurigsten  Art.
Denn  nicht  genug,  daß  die  Vota  so  weit  auseinander  liefen,
daß  fast  jedes  derselben  —  wenigstens  in  einzelnen  Modalitäten
  —  eine  andere  Richtung  verfolgte,  legten  einzelne
Stimmen  von  vorn  herein  gegen  etwa  noch  offen  stehende
Auswege  Verwahrung  ein.

Kein  besseres  Schicksal  hatte  dann  der  Versuch,  einen
engern  Staatenverein  zur  Erhaltung  der  Nordseeflotte  zu
Stande  zu  bringen.  Die  Schwierigkeit  lag  hier  sehr  einfach
darin,  daß  die  kleinern  Küstenstaaten,  so  gerne  auch  Hannover
        <pb n="163" />
        1852  Versteigerung  der  deutschen  Flotte.  153

Bundes-Admiral  der  Nordsee  geworden  wäre,  ohne  Preußen
nicht  die  Kraft,  und  mit,  d.  h.  unter  Preußen,  nicht  die
Neigung  zur  Übernahme  der  Aufgabe  hatten.  So  war  die
Sache  hoffnungslos  schon  im  Februar  1852,  als  der  Bund
die  Auflösung  der  Flotte  verfügte,  falls  nicht  jener  Staatenverein
  bis  zum  April  zu  Stande  komme.  Bei  dem  Eintritte
des  Termins  war  dies  nicht  geschehen,  und  die  Flotte  verfiel
zum  Kummer  und  zum  Scandale  von  ganz  Deutschland  dem
Auctionator.  Die  Schiffe  wurden  durch  den  Oldenburger
Staatsrath  Hannibal  Fischer  öffentlich  versteigert.

Es  war  dieselbe  Zeit,  in  welcher  der  Bundestag  seine
Leistungsfähigkeit  durch  die  Octroyirung  der  neuen  kurhessischen
Verfassung  der  deutschen  Nation  bethätigte.

Unterdessen  begann  auch  über  die  handelspolitische  Frage
ein  hartnäckiger  diplomatischer  Kampf  zwischen  Preußen  einerund
  Osterreich  und  dessen  Genossen  andrerseits.

Wie  man  weiß,  hatten  sich  die  Küstenstaaten  Norddeutschlands
  dem  großen  Zollverein,  dessen  Eingangszölle  für
Colonialwaaren  und  Weine  ihnen  zu  hoch  erschienen,  bisher
nicht  angeschlossen;  statt  dessen  waren  vielmehr  Hannover,
Oldenburg  und  Braunschweig  1834  zu  einem  besondern  Steuerverein
  zusammen  getreten,  jedoch  hatte  Braunschweig  diesen
1841  wieder  verlassen,  um  seine  Aufnahme  in  den  großen
Zollverein  zu  bewirken.  Vielfache  Verhandlungen,  um  auch
Hannover  zu  dem  gleichen  Schritte  zu  bestimmen,  blieben
ohne  Erfolg.  Der  Hof  von  Hannover  sah  in  dem  Beitritt
zu  dem  Zollverein  eine  schwere  Beeinträchtigung  königlicher
Souveränität  und  forderte  zur  Entschädigung  für  ein  solches
Opfer  so  große  finanzielle  Vorrechte  vor  allen  übrigen  Vereinsmitgliedern,
  daß  Preußen  dieselben  stets  für  unzulässig  erklärte.
        <pb n="164" />
        154  Dualismus  im  Bunde.  1850

Seit  1848  aber  trat  in  diesen  Verhältnissen  ein  allmählicher
  Wandel  ein.

Das  hannoverische  Märzministerium  Graf  Bennigsen-Stüve
  bewirkte  zahlreiche,  der  damaligen  Strömung  entsprechende
  Anderungen  an  der  1840  vom  Könige  Ernst
August  dem  Lande  gegebenen  Verfassung.  Die  erste  Kammer,
in  welcher  die  Abgeordneten  aus  den  Ritterschaften  der  einzelnen
  Provinzen  die  entscheidende  Mehrheit  besessen,  wurde
gewählten  Vertretern  des  größern  Grundbesitzes  aller  Stände
eröffnet.  In  der  Finanzverwaltung  hatte  Ernst  August  die
alte  Trennung  der  sogenannten  königlichen  von  der  Staatscasse
  wieder  hergestellt;  jene  empfing  die  Einkünfte  von  den
Domänen  und  sonstigen  Gefällen,  bestritt  die  Kosten  des
Hofhalts  und  die  Ausstattung  der  königlichen  Familie,  und
lieferte  dann  den  Rest  zur  Bestreitung  gewisser  Verwaltungskosten
  an  die  Staatscasse  ab.  Die  Gesetzgebung  von  1848
kehrte  unter  Vereinigung  beider  Cassen  dies  Verhältniß  um,
unterstellte  die  Verwaltung  der  Domänen  ebenso  wie  die  der
Steuern  dem  Finanzministerium,  und  setzte  für  den  König
auf  Lebenszeit  eine  Civilliste  fest.  Außer  diesen  und  zahlreichen
  sonstigen  Anderungen  der  Verfassung  war  auch  eine
neue  Organisation  der  Justiz=  und  Verwaltungsbehörden,
sowie  eine  Umformung  der  Provinzialverfassungen  und  Ermäßigung
  des  auch  dort  Statt  findenden  Ubergewichts  der
Ritterschaften  in  Absicht  genommen.  Im  Herbste  1850  wurde
zwar  das  Ministerium  Bennigsen-Stüve  von  dem  Könige
entlassen,  weil  es  trotz  seines  particularistischen  Widerstandes
gegen  Preußen  sich  an  den  kurhessischen  Thaten  des  Rumpfbundestags
  nicht  betheiligen  wollte:  jedoch  blieb  das  neue
Cabinet  unter  der  Leitung  des  Freiherrn  von  Münchhausen
        <pb n="165" />
        1851  Zollverein  und  Steuerverein.  155

in  den  innern  Angelegenheiten  durchaus  auf  den  Bahnen
seiner  Vorgänger,  und  begann  insbesondere  die  Ausführung
der  von  diesen  beabsichtigten  Organisationen.  Indessen,  diese
wie  alle  guten  Dinge  auf  unserer  Erde  kosteten  Geld,  und
die  Staatscasse  war,  wie  aller  Orten  sonst,  durch  die  vielfachen
  Ausgaben  der  Revolutionsjahre  erschöpft;  die  Stände
zeigten  sich  freilich  der  Regierung  überall  äußerst  willfährig,
aber  die  Steuererhöhungen  hatten  doch  in  dem  bis  dahin
ökonomisch  wenig  entwickelten  Ackerbaustaate  ihre  bestimmte
Grenze.  So  griff  bereits  1850  die  Regierung  zu  einer
Steigerung  ihrer  Einnahmen  durch  Erhöhung  der  Zölle,
scheiterte  aber  damit  an  dem  Widerspruch  der  Oldenburger
Landstände.  Die  Verlegenheit  war  seitdem  groß,  und,  einmal
den  Blick  auf  diese  Frage  gelenkt,  drängten  sich  die  Gründe
für  einen  Anschluß  an  den  deutschen  Zollverein.  Namentlich
seit  dem  Abfalle  Braunschweigs  war  die  Grenzbewachung
dußerst  kostspielig  und  verwickelt;  den  hannoverischen  Eisenbahnen
  würde  der  Anschluß  eine  bedeutende  Rentabilität  in
Aussicht  stellen,  mehrere  Zweige  der  seit  einiger  Zeit  herauwachsenden
  Industrie  sehnten  sich  nach  einem  freien  Verkehr
auf  dem  deutschen  Markte  und  stärkerem  Schutze  vor  der
englischen  Concurrenz.  Die  preußische  Regierung  war  von
diesen  Symptomen  vollständig  unterrichtet  und  kam  Anfang
1851  zu  dem  Entschlusse,  sie  in  energischer  Weise  für  die
eigenen  Interessen  zu  verwerthen.

Damals  nämlich  hatten  sich  im  Zollverein  bedenkliche
Spaltungen  gezeigt.  Preußen  neigte,  nicht  gerade  zum
Freihandel,  aber  doch  zu  Zollermäßigungen  und  Verkehrserleichterungen,
  während  die  süddeutschen  Staaten  im  Interesse
ihrer  Fabrikanten  auf  ein  möglichst  vollständiges  Schutzzoll-
        <pb n="166" />
        156  Dualismus  im  Bunde.  1851

system  ausgingen,  und  sich  damit  dem  handelspolitischen
Standpunkte  des  befreundeten  Osterreich  annäherten.  Wenn
also  Osterreich  jetzt  seine  Zolleinigungs-Pläne  in  kräftigen
Betrieb  setzte,  war  allerdings  für  Preußen  die  Gefahr  nicht
gering,  vielleicht  Abfall  der  Südstaaten  zu  Osterreich,  vielleicht
gänzliche  Sprengung  des  Zollvereins  und  Unterbrechung  des
freien  Verkehrs  zwischen  den  beiden  Hälften  der  Monarchie.
Vor  Allem  dies  Letzte  mußte  verhindert  werden  um  jeden
Preis,  und  dafür  gab  es  kein  besseres  Mittel  als  den  Zollverein
  mit  Hannover.  War  dieser  erreicht,  so  konnte  man,
auf  festem  Boden  stehend,  das  Vorgehen  der  Südstaaten
erwarten.

Kaum  also  hatte  Osterreich  am  10.  Juli  1851  am
Bundestage  die  Einsetzung  des  handelspolitischen  Ausschusses
veranlaßt,  so  richtete  Preußen  eine  geheime  Mittheilung  nach
Hannover:  man  wünsche  eine  Verhandlung  über  den  Eintritt
des  Steuer=  in  den  Zollverein  anzuknüpfen,  werde  dieselbe
aber  erst  dann  beginnen,  wenn  man  vorher  die  vertrauliche
Versicherung  eines  raschen  Abschlusses  nach  den  hier  beiliegenden
  Bedingungen  erhalten  habe.  Diese  waren  denn  in
der  That  für  Hannover  und  Oldenburg  äußerst  vortheilhaft,
die  Einräumung  alles  dessen,  was  bei  den  früheren  Verhandlungen
  Preußen  stets  als  unmöglich  abgewiesen  hatte,  eine
starke  Herabsetzung  der  Zölle  auf  Thee,  Caffee,  Wein,
Franzbranntwein,  zollfreie  Einfuhr  von  Schienen  für  die
hannoverischen  Eisenbahnen,  ein  Präcipuum  von  75  Procent
bei  der  künftigen  Vertheilung  der  Zollvereinseinnahmen.  In
Hannover  griff  man  ohne  langes  Bedenken  zu,  sandte  den
Steuerdirector  Klenze  nach  Magdeburg,  wo  er  in  tiefem
Geheimniß  mit  dem  preußischen  Geheimrath  Delbrück  die
        <pb n="167" />
        1851  Vertrag  über  Anschluß  des  Steuervereins  an  den  Zollverein.  157

einzelnen  Artikel  ausarbeitete,  und  zeichnete  den  Vertrag,
welcher  auf  den  1.  Januar  1854  den  Eintritt  Hannovers
und  Oldenburgs  in  einen  Zollverein  mit  Preußen  und  dessen
Zollverbündeten  festsetzte,  zu  Berlin  am  7.  September.  Am
11.  theilte  ihn  darauf  Preußen  den  übrigen  Regierungen  des
Zollvereins  mit.  "

Während  dieser  Verhandlungen  aber  bereitete  sich  in
Hannover  eine  innere  Krisis  vor:  mehrere  der  ritterschaftlichen
  Verbände  hatten  sich  beschwerend  an  den  Bundestag
mit  dem  Gesuche  um  Herstellung  und  Sicherung  ihrer  alten
Rechte  sowohl  in  den  Provinzialständen,  als  in  der  allgemeinen
Ständeversammlung  gewandt.  In  Hannover  legte  die  Bevölkerung
  der  Sache  keine  Bedeutung  bei,  da  ja  im  Jahre
1839  der  Bundestag  die  Beschwerde  mehrerer  Städte  und
Corporationen  gegen  den  rechtswidrigen  Staatsstreich  Ernst
August's  zurückgewiesen  hatte,  hier  aber  die  den  Rittern
mißliebigen  Gesetze  durchaus  verfassungsmäßig  unter  Zustimmung
  des  Königs  und  beider  Kammern  zu  Stande  gekommen
waren.  Das  Ministerium  aber,  welches  mit  großem  Nachdrucke
  sich  gegen  jeden  Eingriff  des  Bundestags  in  die  innern
Verhältnisse  des  Staats  verwahrt  hatte,  war  nicht  ohne  Besorgniß,
  da  ihm  eine  große  Vorliebe  des  Königs  und  des
Kronprinzen  für  die  Ritterschaften  wohl  bekannt  war.  Als
daher  der  handelspolitische  Ausschuß  des  Bundestags  Sachverständige
  zu  seinen  Berathungen  hinzuzog,  und  Klenze  deshalb
  nach  Frankfurt  gesandt  wurde,  suchte  dieser  Herrn  von
Bismarck  auf,  und  bemerkte  ihm,  daß  der  Vertrag  vom
7.  September  in  Hannover  zahlreiche  Gegner,  namentlich
unter  der  ritterschaftlichen  Partei,  habe;  wenn  es  dieser  gelinge,
durch  Erfolge  im  Bundestag  das  Ministerium  Münchhausen
        <pb n="168" />
        158  Dualismus  im  Bunde.  1851

zu  stürzen,  so  würde  es  unmöglich  sein,  dem  Vertrage  die
Zustimmung  der  Kammern  zu  verschaffen;  es  liege  also  im
eigenen  Interesse  Preußens,  das  Ministerium  Münchhausen
sowohl  beim  Bundestage  als  am  hannoverischen  Hofe  zu
unterstützen.  Es  entspann  sich  daraus  ein  für  beide  Seiten
charakteristischer  Briefwechsel  zwischen  Bismarck  und  Manteuffel.
Jener,  welcher  die  Competenz  des  Bundestags  in  der  Beschwerdesache
  allerdings  für  begründet  hielt,  schrieb  doch  am
9.  October  in  einem  Privatbriefe  dem  Minister:  „so  entschiedene
Abneigung  ich  dagegen  habe,  im  eigenen  Vaterlande  das  Recht
der  Politik  zu  opfern,  so  habe  ich  doch  preußischen  Egoismus
genug,  um  in  Bezug  auf  Hannovers  Recht  nicht  in  demselben
Grade  gewissenhaft  zu  sein,  und  würde  unmaaßgeblich  rathen,
in  Hannover  nur  ein  solches  Ministerium  zu  stützen,  welches
sich  unserer  Politik  im  Sinne  des  Vertrags  vom  7.  September
anzuschließen  bereit  wäre,  möchte  seine  politische  Farbe  sein,
welche  sie  wolle.  Unser  eigenes  Haus  ist  fest  genug,  so  daß
wir  in  Hannover  eher  ein  liberales  als  ein  österreichisches
Ministerium  dulden  und  halten  können.“  Manteuffel  berieth
darüber  mit  seinem  damaligen  Unterstaatssecretär  Lecoq,  einem
sonst  wenig  begabten  oder  angenehmen  Manne,  aber  einem
Politiker  ganz  und  gar  nach  dem  Herzen  der  Kreuzzeitung
und  der  Herren  von  Gerlach.  Diesem  wäre  es  wie  eine
Sünde  gegen  den  heiligen  Geist  erschienen,  wegen  eines
preußischen  Interesses  in  Hannover  die  Gegner  einer  Ritterschaft
  zu  begünstigen.  Manteuffel  antwortete  also  am
13.  October.  Klenze,  sagte  er,  habe  bereits  in  Berlin  jene
Außerungen  gethan,  daß  die  Ritterschaften  dem  Vertrage
feindlich  seien,  also  der  Sturz  Münchhausen's  demselben  Gefahr
bringen  würde.  Aber  diese  Auffassung  sei  rein  individuell.
        <pb n="169" />
        1851  Thron=  und  Ministerwechsel  in  Hannover.  159

Abgesehen  von  den  finanziellen  Vortheilen  des  Vertrags  für
Hannover  würden  doch  die  Ritterschaften  aus  politischen
Motiven  in  dem  Vertrage  mit  dem  conservativen  Preußen
eine  wesentliche  Bürgschaft  für  ihre  eigene  Zukunft  erkennen.
Auch  seien  der  alte  König  und  der  Kronprinz  für  die  Erhaltung
  des  feierlich  sanctionirten  Vertrags.  Es  sei  nur  zu
wünschen,  daß  der  Bundestag  gegenüber  der  hannoverischen
Regierung  mild  und  schonend  auftrete,  so  daß  ihren  Maaßregeln
  der  Charakter  freier  Entschließung  bleibe.  Mehr  dürfte
unsererseits  nicht  erforderlich  sein,  um  die  immer  peinliche
Wahl  zwischen  Unterstützung  eines  politisch  unsichern  (durchstrichen:
  liberalen)  Ministerit  und  Gefährdung  des  Vertrags
vom  7.  September  zu  vermeiden.

Preußen  blieb  also  dabei,  sich  jeder  positiven  Einwirkung
auf  Hannovers  innere  Politik  zu  enthalten.  Man  belobte
sich  dieses  Emschlusses  um  so  mehr,  als  am  18.  November
1851  König  Ernst  August  starb,  und  sein  blinder  Sohn,
Georg  V.,  nachdem  er  bei  seiner  Thronbesteigung  die  Aufrechthaltung
  der  Verfassung  durch  Königswort  verheißen
hatte,  sogleich  ein  conservatives  Ministerium  unter  dem  Vorsitz
des  bisherigen  Bundestagsgesandten,  Freiherrn  von  Schele,
ernannte,  welcher  dann  in  der  nächsten  Sitzung  der  Stände
die  Anerkennung  des  Zollvertrags  durch  beide  Kammern  bewirkte.
  Klenze's  Reden  schienen  sich  damit  als  grundlose
Parteibestrebungen  herausgestellt  zu  haben.

Unterdessen  war  in  dem  übrigen  Deutschland  die  Aufregung
  über  den  Septembervertrag  nicht  gering.  Die  Mittelstaaten
  nahmen  die  Miene  an,  durch  das  Geheimniß  seiner
Betreibung  schwer  verletzt  zu  sein;  hier  zeige  sich  eine  kränkende
Mißachtung  ihrer  Würde,  offenbar  ein  Act  der  Rache  für  die
        <pb n="170" />
        160  Dualismus  im  Bunde.  1158

von  ihnen  veranlaßte  Niederlage  in  Olmütz.  Diese  Klage
konnte  Eindruck  machen  auf  politische  Kinder,  deren  Zahl  im
Vaterlande  freilich  nicht  gering  war.  Offenbar  hatte  es  sich
preußischer  Seits  nicht  um  Rache  für  eine  vergangene,  sondern
um  Vorsicht  gegen  eine  gegenwärtige  Feindseligkeit  gehandelt,
gegen  die  zu  Osterreich  hinüber  neigende  Tendenz  der  Mittelstaaten,
  welche,  von  der  Unterhandlung  des  Vertrags  vor  dem
Abschluß  in  Kenntniß  gesetzt,  ohne  allen  Zweifel  eine  vorausgehende
  Einigung  mit  Wien  zur  Bedingung  ihres  Einverständnisses
  gemacht  hätten.  Dies  zeigte  sich  auf  der  Stelle,  als
Preußen,  jetzt  seiner  Stellung  sicher,  im  November  1851  die
Kündigung  des  Zollvereins  auf  den  Termin  des  1.  Januar  1854,
und  zugleich  seine  Bereitwilligkeit  aussprach,  ihn  dann  auf
Grund  des  Septembervertrags  zu  erneuern.  Zu  diesem
Zwecke  wurden  alle  Zollverbündeten  auf  den  1.  April  1852
zu  Conferenzen  nach  Berlin  geladen.  Ohne  Zaudern  übernahm
  darauf  Fürst  Schwarzenberg  die  Führung  des  Widerstandes,
  indem  er  sämmtliche  deutsche  Staaten  bereits  für  den
Januar  zu  einer  Conferenz  nach  Wien  berief,  um  hier  zunächst
  über  einen  Handelsvertrag  (Urkunde  A),  dann  aber
auch  über  die  Vorbereitung  einer  vollständigen  Zolleinigung
zwischen  Osterreich  und  Deutschland  (Urkunde  B)  zu  berathen.
Die  Grundbedingung  beider  Entwürfe  war,  wie  sich  aus  den
Verhältnissen  mit  Nothwendigkeit  ergab,  eine  immer  wachsende
Erleichterung  des  innern  Verkehrs  zwischen  beiden  Ländergruppen,
  verbunden  für  den  Zollverein  mit  einer  Erhöhung
seiner  Eingangszölle  gegen  das  übrige  Ausland,  nach  Maaßgabe
  des  österreichischen  Systems,  mithin  in  geradem  Gegensatze
  zu  den  Tendenzen  des  hannoverischen  Vertrags.  Für
den  vorauszusehenden  Fall,  daß  Preußen  dagegen  wider-
        <pb n="171" />
        1852  Österreichs  Antrag  auf  Zolleinigung.  161

spenstig  bleibe,  wurde  im  Geheimen  den  alten  Freunden,
Bayern,  Württemberg,  Sachsen,  den  beiden  Hessen  und  Nassau
ein  weiterer  Entwurf  (Urkunde  C)  vorgelegt,  durch  welchen
diese  Staaten  sich  zur  Zolleinigung  mit  Ssterreich  ohne  Preußen,
also  zum  Austritt  aus  dem  bisherigen  Zollverein  verpflichteten.
Die  Versammelten  fanden  darauf  den  Zweck  der  Urkunden
A  und  B  sehr  schön,  jedoch  gab  es  zahlreiche  Meinungsverschiedenheiten
  über  die  einzelnen  Bestimmungen.  Auch  unter
den  sechs  Vertrauten  kam  es  über  die  Urkunde  C  zu  keinem
Entschluß,  als  dem  einer  ernstlichen  weitern  Erwägung.  Sie
traten  deshalb  Anfangs  April  zu  einer  engern  Conferenz  in
Darmstadt  zusammen,  wo  zunächst  verabredet  wurde,  in  den
weitern  Verhandlungen  als  fest  geschlossene  Einheit  aufzutreten,
  und  deshalb  für  sich  die  bisherigen  Zollvereinsverträge
als  fortbestehend  und  verbindlich  anzuerkennen,  mit  Preußen
aber  einen  Vertrag  über  die  Verlängerung  des  Zollvereins
auf  keinen  Fall  vor  dem  1.  Januar  1853  abzuschließen,  sofern
  nicht  vorher  eine  Verständigung  zwischen  Osterreich  und
allen  Zollvereinsstaaten  erreicht  worden  wäre.  Hierauf  erwiderte
  Preußen  in  der  Berliner  Conferenz,  daß  die  Zolleinigung
  mit  Osterreich  eine  sehr  allmählich  zu  erreichende
Sache  der  Zukunft  sei;  zur  Unterhandlung  eines  inhaltreichen
Handelsvertrags  zwischen  den  Zollvereinen  und  Ssterreich  sei
man  bereit,  sobald  die  Fortdauer  des  Zollvereins  über  den
1.  Januar  1854  hinaus  gesichert  sei.  Es  wurde  nun  den  ganzen
Sommer  hindurch  auf  allen  Seiten  unendlich  viel  gesprochen
und  verhandelt;  allmählich  stellte  sich  zwischen  Preußen  und
den  Darmstädter  Verbündeten  ein  Einverständniß  über  den
materiellen  Inhalt  sowohl  des  neuen  Zollvereinsvertrags,  als

des  österreichischen  Handelsvertrags  heraus.  Aber  unversöhnt
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  11
        <pb n="172" />
        162  Dualismus  im  Bunde.  1852

blieb  die  formale  Differenz.  Preußen  beharrte  auf  seinem
logischen  Satze:  erst  die  Erneuerung  des  Zollvereins  und  dann
ein  Vertrag  des  Zollvereins  mit  einem  Dritten  —  und  die
Süddeutschen  standen  ebenso  fest  auf  ihrer  Forderung  der
gleichzeitigen  Unterhandlung  beider  Gegenstände.  Es  war  die
praktische  Frage:  soll  sich  der  Vertrag  mit  Ssterreich  nach
den  Bedürfnissen  des  Zollvereins,  oder  die  Gestaltung  des
Zollvereins  nach  den  Wünschen  Osterreichs  richten?  Endlich
auf  einer  letzten  Conferenz  mit  den  Darmstädtern  im  September
  hatte  Preußen  der  sich  im  Kreise  herumbewegenden
Argumente  genug;  es  erklärte  die  Auflösung  der  Conferenz
und  den  Abbruch  der  Unterhandlung.

In  Wien  erwartete  man  jetzt,  daß  die  Südstaaten  den
Entwurf  C  vollziehen  und  auf  Grund  desselben  ihren  Zollverein
  mit  Osterreich  abschließen  würden,  womit  dann  Süddeutschland
  dem  preußischen  Einflusse  endgültig  entzogen  worden
wäre.  Nach  der  Aussage  des  Herrn  von  Beust  wären  damals
Bayern  und  Württemberg  dazu  nicht  übel  geneigt  gewesen;
dem  aber  stand  jene  Darmstädter  Abrede  im  Wege,  jedesfalls
unter  einander  zollvereint  zu  bleiben,  und  Sachsen  lehnte  nach
der  Lage  seiner  hochentwickelten  Industrie  den  Verein  mit
Osterreich  unbedingt  ab.  Es  kam  dazu,  daß  auch  in  den
übrigen  Staaten  der  Coalition  die  öffentliche  Meinung  sich
trotz  aller  schutzzöllnerischen  Interessen  für  die  Erhaltung  des
alten  Zollvereins  mit  Macht  erhob,  wozu,  beiläufig  gesagt,
von  Frankfurt  aus  Herr  von  Bismarck  durch  Einwirkung  auf
die  Presse,  Gründung  von  Vereinen,  Aussendung  von  Agenten
u.  dgl.  nicht  wenig  beigetragen  hatte,  wozu  aber  freilich  die
Natur  der  Dinge  das  Beste  that.  Die  Regierungen  der  Coalition
  waren  rathlos.
        <pb n="173" />
        1852  Tod  des  Fürsten  Schwarzenberg.  163

Da  trat  aus  verschiedenen  Gründen  sowohl  in  Berlin
als  in  Wien  ein  unerwarteter  Umschwung  ein.

In  Wien  war  der  bedeutende  Staatsmann,  dessen  Kühnheit
  und  Energie  Osterreich  von  Erfolg  zu  Erfolg  geführt
hatte,  Fürst  Felix  Schwarzenberg,  aus  dem  Leben  geschieden.
Seine  Gesundheit,  durch  Leidenschaften  aller  Art  längst  untergraben,
  war  durch  die  Anstrengungen  der  politischen  Arbeit
vollends  zerrüttet.  Aber  trotz  mehrfacher  Kränklichkeit  war
seine  Lebenslust  noch  nicht  erloschen.  Als  er  am  Morgen
des  5.  April  1852  die  Einladung  zu  einem  Balle  erhielt,  wo
er  einer  von  ihm  verehrten  Schönen  zu  begegnen  hoffte,  rief
er:  ganz  bestimmt  werde  ich  kommen,  außer  ich  wäre  todt.
Im  Laufe  des  Tags  hielt  er  verschiedene  Sitzungen  und
Conferenzen,  sandte  dazwischen  jener  Dame  einen  auserlesenen
Blumenstrauß,  und  machte  gegen  Abend  Toilette  zum  Diner,
als  er  plötzlich  vom  Schlagfluß  getroffen  zusammenbrach  und
nicht  wieder  in  das  Bewußtsein  zurückkehrte.  Es  mag  dahingestellt
  bleiben,  wie  weit  seine  Kraft  in  der  Durchführung
seiner  alle  Verhältnisse  überanspannenden  Herrscherpläne
gereicht  hätte;  sicher  ist,  daß  sein  Schüler  und  Nachfolger,
Graf  Buol-Schauenstein,  zwar  den  eifrigsten  Willen,  in  keiner
Beziehung  aber  die  Fähigkeit  besaß,  die  politischen  Gedanken
des  Verstorbenen  zur  vollen  Verwirklichung  zu  bringen.  Nun
kann  unter  Umständen  ein  herrischer  Despotismus  imponiren
und  retten,  aber  nichts  ist  bedenklicher,  als  der  Versuch  eines
ungeschickten  Nachahmers,  das  Werk  eines  solchen  Vorbildes
fortzusetzen.

In  der  Zollvereinssache  trat  Graf  Buol  Anfangs  äußerst
gebieterisch  auf.  Als  im  Juni  der  vom  Könige  in  Spezialmission

  nach  Wien  gesandte  Herr  von  Bismarck  sich  bei  ihm
116
        <pb n="174" />
        164  Dualismus  im  Bunde.  1852

meldete,  erklärte  er  diesem,  Osterreich  lasse  sich  von  Deutschland
  nicht  als  Ausland  behandeln;  dies  aber  würde  geschehen,
wenn  man  ihm  einen  bloßen  Handelsvertrag  ohne  Aussicht
auf  Zolleinigung  anböte;  übrigens  gehöre  die  Behandlung
dieser  Dinge  an  den  Bundestag,  und,  setzte  er  nicht  eben
höflich  hinzu,  er  müsse  bedauern,  daß  in  diesem  Augenblicke,
wo  Graf  Thun  wichtige  Instructionen  erhalten  habe,  Herr
von  Bismarck  sich  nicht  auf  seinem  Posten  befinde.  In  gleichem
Sinne  arbeitete  seine  Diplomatie  an  allen  deutschen  Höfen
mit  äußerstem  Nachdruck.

Im  Herbste  aber  fand  er  mehrfachen  Anlaß,  seinen  antipreußischen
  Eifer  einiger  Maaßen  herabzustimmen.  In  Frankreich
  that  Louis  Napoleon  Schritt  auf  Schritt  hinan  zu  den
Stufen  des  Kaiserthrons,  und  es  war  kein  Geheimniß  mehr,
daß  er  die  Volksabstimmung  darüber  nicht  als  den  Ursprung,
sondern  nur  als  die  Anerkennung  seines  ererbten  Kronrechts
betrachten,  und  sich  so  in  offenen  Widerspruch  mit  den  Verträgen
  von  1815  setzen  würde,  welche  das  Haus  Bonaparte
für  immer  von  dem  französischen  Throne  ausschlossen.  Hier
erschien  die  Möglichkeit  einer  schweren  europäischen  Gefahr,
und  damit  die  Wünschbarkeit  eines  aufrichtig  guten  Verhältnisses
  mit  Preußen.  Dazu  mahnte  auch  Kaiser  Nikolaus  in
dringender  Weise,  und  als  sich  dann  zu  bitterer  Enttäuschung
des  Grafen  Buol  zeigte,  daß  bei  den  süddeutschen  Staaten
der  Entwurf  C  ein  todter  Buchstabe  bleiben  würde,  bot  Kaiser
Franz  Joseph  seinem  königlichen  Oheim  die  Hand  zur  Versöhnung.


Das  gute  Wort  fand  in  Berlin  eine  gute  Statt.  Denn
wie  in  Wien  die  Beziehungen  mit  der  Darmstädter  Coalition
sich  unfruchtbar  erwiesen  hatten,  so  war  für  Preußen  das
        <pb n="175" />
        1852  Annäherung  zwischen  Preußen  und  Österreich.  165

Fundament  seiner  neuen  Stellung,  die  Freundschaft  mit  Hannover,
  brüchig  geworden.  Der  junge  König  hatte  den  lebhaften
  Wunsch,  wenn  nicht  die  ganze  Gesetzgebung  von  1848
umzuwerfen,  so  doch  ihre  Anderungen  an  der  Verfassung  von
1840  ungeschehen  zu  machen  und  zugleich  die  Verwirklichung
der  neuen  Behörden-Organisationen  zu  hindern.  Er  war
damit  der  natürliche  Verbündete  der  von  ihm  ohnehin  begünstigten
  Ritterschaften,  und  deren  Häupter  überzeugten  ihn
leicht,  daß  der  Septembervertrag  den  Ruin  des  gesammten
Gewerbestandes  in  Hannover  und  zugleich  eine  Abhängigkeit
Hannovers  von  Preußen  herbeiführen  werde,  gegen  welche
nur  ein  fester  Anschluß  an  Osterreich  Rettung  bringen  könnte.
So  fand  während  des  Sommers  der  österreichische  Gesandte
breiten  Boden  für  die  Darmstädter  Theorie,  daß  vor  oder
wenigstens  gleichzeitig  mit  der  Herstellung  des  Zollvereins  die
Verhandlung  mit  Osterreich  zu  gutem  Ziele  geführt  werden
müsse.  Ein  besonderer  Umstand  trat  hinzu,  die  Stimmung
in  Hannover  zu  schärfen.  Man  brachte  in  Erfahrung,  daß
Preußen  im  Begriffe  stehe,  mit  Oldenburg  einen  Vertrag
über  Abtretung  des  Jahdebusens  behufs  Anlegung  eines
preußischen  Kriegshafens  an  der  Nordsee  abzuschließen.  Dies
traf  die  Nerven  des  Königs  auf  einem  empfindlichen  Punkte.
Es  war  ein  alter  Ehrgeiz  Hannovers,  auf  der  Nordsee  die
Führung  der  deutschen  Flagge  zu  gewinnen,  und  nun  strebte
Preußen,  sich  auch  auf  dieser  angestammten  Domäne  des
Welfenhauses  einzunisten.  Das  wäre,  rief  der  Minister
Bacmeister,  neben  Magdeburg  und  Minden  die  dritte  Festung,
womit  Preußen  uns  umgarnen  will.

Der  üble  Wille  gegen  den  Septembervertrag  fand  Gelegenheit,
  sich  bereits  praktisch  zu  bethätigen.  In  demselben
        <pb n="176" />
        166  Dualismus  im  Bunde.  1852

hatte  Hannover  versprochen,  vor  dem  1.  März  1853  einen
den  Eintritt  in  den  Zollverein  vorbereitenden  Vortarif  zu
veröffentlichen.  Die  betreffende  Verordnung  war  ausgearbeitet,
wurde  aber  trotz  wiederholter  preußischer  Erinnerung  von
König  Georg  nicht  vollzogen,  so  daß  man  im  Herbste  1852
in  Berlin  zu  besorgen  anfing,  sie  werde  überhaupt  nicht  erscheinen,
  und  damit  die  ganze  Sache  ruinirt  sein.  Es  war
der  letzte  Anstoß  zu  dem  Entschluß,  auf  Osterreichs  freundliches
Entgegenkommen  einzutreten.

Es  erschien  dann  der  österreichische  Minister  Freiherr
von  Bruck  selbst  in  Berlin  zur  Unterhandlung  zunächst  des
Handelsvertrags.  Gegen  die  im  Entwurfe  A  von  Österreich
aufgestellten  Grundsätze  ließ  Preußen  seine  Einwendungen
fallen;  es  wurden  also  für  den  innern  Verkehr  zwischen  Osterreich
  und  dem  Zollverein  geringere  Eingangszölle  für  eine
große  Reihe  von  Waaren  verabredet,  als  beide  Theile  sie  für
deren  Einfuhr  aus  dem  sonstigen  Auslande  zu  erheben  gedachten;
  würde  einer  der  Theile  einen  solchen  Eingangszoll
gegen  das  Ausland  künftig  herabsetzen,  so  würde  er  den
andern  davon  drei  Monate  vorher  benachrichtigen,  damit
dieser  dann  die  ihm  erforderlich  dünkende  Gegenmaaßregel
beim  innern  Verkehr  treffen  könnte;  keiner  der  beiden  Theile
aber  würde  einem  ausländischen  Staate  eine  Zollbegünstigung
zuwenden,  welche  nicht  auch  dem  andern  Theile  sofort  zu
Gute  käme.  Darauf  aber  brachte  Bruck  die  zweite  große
Frage,  die  Zolleinigung,  zur  Sprache.  Preußen  war  auch
jetzt  von  ihrer  Unmöglichkeit  in  nationalökonomischer,  wie  von
ihrer  Bedenklichkeit  in  politischer  Beziehung  überzeugt,  ließ
sich  jedoch  unter  den  obwaltenden  Verhältnissen  zu  einem  nachgiebigen
  Schritte  herbei:  es  sollte  sechs  Jahre  nach  dem
        <pb n="177" />
        1853  Handelsvertrag  mit  sterreich.  Neuer  Zollvereinsvertrag.  167

Abschlusse  dieses  Vertrags,  also  1859,  eine  Verhandlung  über
die  dann  hoffentlich  erreichbare  Zolleinigung  eröffnet  werden.
Hierauf  wurde  dann  am  19.  Februar  der  Handelsvertrag
unterzeichnet.

Damit  schienen  die  Schwierigkeiten  auch  für  die  Erneuerung
  des  Zollvereins  beseitigt.  Wer  aber  auf  den  sofortigen
  Abschluß  des  Vertrags  gehofft  hatte,  fand  sich  jetzt,
nicht  durch  die  Süddeutschen,  sondern  durch  Hannover  enttäuscht,
  welches  zwar  jenen  Vortarif  gleichzeitig  mit  dem
österreichischen  Handelsvertrage  publicirte,  dann  aber  zu  den
reichen  Gaben  des  Septembervertrags  noch  eine  lange  Reihe
weiterer  Vortheile  forderte,  und  damit  die  Verhandlungen
Wochen  lang  hinzögerte  und  einen  allgemeinen  Unwillen  bei
den  übrigen  Staaten  hervorrief.  Es  bedurfte  endlich  einer
nachdrücklichen  Mißbilligung  durch  die  beiden  Großmächte,
um  Hannover  zu  grollendem  Verzicht  auf  jene  übertriebenen
Forderungen  zu  nöthigen.  Am  8.  April  wurde  darauf  der
Zollvertrag,  wie  der  österreichische  Handelsvertrag,  auf  zwölf
Jahre  abgeschlossen.

Die  Krisis  war  also  beendigt.  Preußen  hatte  für  jetzt
seine  Stellung  behauptet,  hatte  aber  in  formeller  wie  in
materieller  Beziehung  Zugeständnisse  machen  müssen.  Vor
Allem  war  ihm  nicht  gelungen,  die  principielle  Verwerfung
des  österreichischen  Anspruchs  auf  Betheiligung  am  Zollverein
kraft  der  Stellung  Osterreichs  im  deutschen  Bunde  durchzusetzen;
  es  war  vorauszusehen,  daß  nach  sechs  Jahren  neue
Weiterungen  aus  derselben  Quelle  hervorgehen  würden.  Einstweilen
  war  Waffenstillstand  geschlossen,  und  sehr  bald  sollte
eine  neue  Wandlung  der  europäischen  Politik  die  Heilsamkeit
desselben  bekunden.
        <pb n="178" />
        168  Dualismus  im  Bunde.  1853

Hier  mag  nun  noch  eine  kurze  Angabe  über  den  Aus—
gang  der  hannoverischen  Verfassungsfrage  Platz  finden.

König  Georg  war  in  noch  stärkerem  Maaße  als  sein
Vater  von  der  Hoheit  und  Herrlichkeit  der  königlichen  Würde
durchdrungen.  Bei  Ernst  August  war  es  im  Grunde  die
Übertragung  der  Macht  des  militärischen  Oberbefehls  auf  die
Krone,  welche  seinen  politischen  Absolutismus  bestimmte.  Den
Geist  des  Sohnes  aber,  eines  eifrigen  Hochkirchenmannes,
erfüllte  das  Bild  einer  mystischen  Weihe  des  Königthums,
eines  ewigen  Rathschlusses  Gottes,  nach  welchem  das  Welfenhaus
  bis  an  das  Ende  der  Dinge  zur  Souveränität  in  seinen
Landen  berufen  sei;  die  Souveränität  aber  schließe  ihrem
Wesen  nach  jede  Theilung,  Unterordnung  und  Beschränkung
aus.  Die  unmittelbare  Consequenz  dieser  Anschauungen  war
sowohl  jene  Abneigung  gegen  den  Eintritt  in  den  Zollverein,
als  das  Begehren  nach  möglichster  Beseitigung  der  Gesetze
von  1848.  Der  Minister  von  Schele  war  mit  diesem  letzteren
Wunsche  großes  Theils  einverstanden,  und  that  das  Mögliche,
ihn  auf  verfassungsmäßige  Weise  zu  verwirklichen,  vermochte
aber  die  dazu  erforderliche  Zustimmung  der  Kammern  nicht
zu  erlangen,  und  erhielt  am  21.  November  1853  seine  Entlassung.
  Sollte  die  Forderung  des  Königs  erfüllt  werden,
so  gab  es  nur  noch  zwei  Wege.  Dem  einen,  der  Octroyirung
einer  neuen  Verfassung  nach  königlicher  Machtvollkommenheit,
stand  das  bei  der  Thronbesteigung  feierlich  gegebene  Königswort
  im  Wege.  Es  blieb  noch  der  zweite  Weg,  die  Anrufung
  des  Reactionsausschusses  im  Bundestage,  daß  er  diesen
zum  Befehle  einer  Anderung  der  Verfassung  veranlasse.  Aber
auch  hier  fand  der  König  Schwierigkeiten.  Zwar  ließ  er  sich,
ganz  wie  der  Kurfürst  von  Hessen,  überzeugen,  daß  man
        <pb n="179" />
        1855  Staatsstreich  in  Hannover.  169

einen  Wortbruch  nicht  selbst  begehe,  wenn  man  einen  Vor—
gesetzten  veranlasse,  den  Wortbruch  zu  befehlen.  Aber  es
widerstrebte  seinem  souveränen  Gefühle,  dem  Bunde  die  hiebei
unerläßliche  Stellung  einer  vorgesetzten  Behörde  zuzuerkennen,
und  anderthalb  Jahre  vergingen  unter  fortdauernden  Schwankungen
  ergebnißlos.  Indessen  legte  der  Reactionsausschuß
unter  fortdauernder  Mitwirkung  Hannovers  ein  colossales
Verzeichniß  angeblich  bundeswidriger  Bestimmungen  der  Verfassung
  von  1848  an,  und  nachdem  der  Bundestag  durch
Beschluß  vom  12.  April  1855  die  Beschwerden  der  Ritterschaften
  als  berechtigt  anerkannt  und  am  19.  April  die
Reinigung  der  Verfassung  von  jenen  Bestandtheilen  verfügt
hatte,  kam  dann  endlich  auch  der  König  zum  Entschlusse,  und
beauftragte  sein  zu  diesem  Behufe  ernanntes  Ministerium
Graf  Kielmannsegge-von  Borries  am  1.  August  1855  mit
der  Ausführung  der  Bundesbeschlüsse.

Von  den  bisherigen  Rechten  der  Ständeversammlung
wurde  hiemit  ein  erheblicher  Theil  hinweg  geschnitten,  die
Ritterschaft  in  die  alten  Vorrechte  wieder  eingesetzt,  und  jeder
Widerstand  im  Lande  durch  neue  Bundesgesetze  über  Presse
und  Vereine,  sowie  durch  weitere  Octroyirung  verschärfter
Polizeigesetze  1856  gründlich  unterdrückt.  Die  Ritterschaften
waren  seitdem  begeistert  für  ein  ihnen  so  wohlgesinntes
Königthum;  sonst  aber  war  im  Lande  die  Verehrung  für
den  Bundestag  ebenso  gründlich  erschüttert,  wie  die  Anhänglichkeit
  an  das  Welfenhaus.
        <pb n="180" />
        2.  Capitel.
Aeues  Bündniß  zwischen  Gsterreich  und  Preußen.

Die  deutschen  Zustände  erlitten  im  Jahre  1854  eine
starke  Verschiebung  und  bedenkliche  Risse  durch  eine  große
europäische  Krisis,  den  Krieg  Rußlands  gegen  die  Türkei  und
die  Westmächte.  Uns  interessirt  hier  nur  die  Rückwirkung
desselben  auf  die  deutschen  Verhältnisse;  über  den  sonstigen
Verlauf  genügen  uns  kurze  Andeutungen,  so  weit  sie  zum
Verständniß  der  deutschen  Politik  in  jenen  Jahren  erforderlich
  sind.

Kaiser  Nikolaus  stand  damals  auf  der  Höhe  der  Erfolge,
des  Ansehens,  der  Macht.  Entsprechend  seiner  Herrscherwürde
in  Rußland,  als  unbeschränkter  Gebieter  über  Staat  und
Kirche,  hatte  er,  wie  wir  sahen,  von  jeher  alle  Anschauungen
des  modernen  Liberalismus  verworfen,  und  war  den  Revolutionen
  von  1848,  so  weit  seine  Mittel  reichten,  mit  höchster
Energie  entgegen  getreten.  Aller  Orten  hatte  diese  Politik
ihm  bedeutende  Ergebnisse  geliefert.  Durch  die  Bändigung
des  ungarischen  Aufstandes  hielt  er  sich  der  unbedingten  Anhänglichkeit
  Osterreichs  versichert.  Den  preußischen  König
hatte  er  mit  rauher  Hand,  zuletzt  aber  zu  dessen  eigener
        <pb n="181" />
        1852  Wachsen  des  russischen  Einflusses.  171

Befriedigung,  aus  den  Schlingen  der  unionistischen  Politik
herausgerissen,  und  damit  die  für  die  Mittelstaaten,  wie  für
Rußland  gleich  angenehme  Zersplitterung  Deutschlands  wiederhergestellt.
  Durch  seine  Drohungen  waren  die  deutschen
Mächte  zur  Auslieferung  Schleswig-Holsteins  an  Dänemark
genöthigt  worden,  und  der  Zar  hatte  davon  Anlaß  genommen,
seine  vor  Jahren  geknüpfte  persönliche  Freundschaft  mit
mehreren  der  leitenden  englischen  Staatsmänner  vollends  zu
befestigen.  Die  einzige  Großmacht  Europas,  die  ihm  nicht
dienstwillig  entgegen  kam,  damals  die  verhaßte  Quelle  aller
Revolutionen,  erschien  ihm  durch  Anarchie  und  Parteihader
gelähmt;  er  stand  nicht  an,  seine  Verachtung  gegen  das
französische  Wesen  durch  berechnete  Beleidigung  des  neuen
Oberhaupts  der  Republik  öffentlich  zu  bekunden.  So  war
er  der  Hort  des  legitimen  Zustandes  und  der  conservativen
Grundsätze  in  den  Augen  aller  Welt  geworden;  er  wurde
von  den  Liberalen  Europas  gehaßt  und  noch  mehr  gefürchtet,
mit  heißer  Inbrunst  aber  von  einflußreichen  Kreisen  der
feudalen  und  hochkirchlichen  Parteien  verehrt.  Es  war  kein
Wunder,  daß  er  sich  in  solcher  Stellung  mit  einem  Solbstbewußtsein
  ohne  Gleichen  erfüllte,  getragen  sowohl  von  dem
Gefühl  seiner  überragenden  Stärke,  als  von  dem  festen
Glauben  an  die  Heiligkeit  seines  Strebens,  und  stets  vorwärts
  gedrängt  durch  die  andächtige  Bewunderung  der  nach
seinem  Urtheil  allein  achtbaren  Elemente  der  gesammten
europäischen  Gesellschaft.

Im  Jahre  1852  sah  er  nach  seinen  Weisungen  den
Occident  unseres  Welttheils  leidlich  geordnet,  und  sein  Blick
lenkte  sich  wieder  zurück  auf  das  alte  Gebiet  des  moskowitischen
  Ehrgeizes,  auf  den  osmanischen  Orient.
        <pb n="182" />
        172  Neues  Bündniß  zwischen  O  sterreich  und  Preußen.  1852

Auch  hier  meinte  er  Stoff  in  Fülle  für  die  Ausübung
seines  Herrscherberufes  anzutreffen.  So  demüthig  und
schweigsam  sich  die  Pforte  bei  seinen  Winken  zeigte,  so  war
doch  auch  nach  Constantinopel  das  Gift  der  revolutionären
Gedanken  gedrungen;  die  Pforte  hatte  polnischen  und  ungarischen
  Flüchtlingen  gastliche  Zuflucht  und  einer  Anzahl
derselben  sogar  die  Aufnahme  in  ihre  Dienste  bewilligt.  Als
Frankreich  für  die  römischen  Katholiken  in  Jerusalem  größern
Antheil  an  dem  Besitz  und  dem  Gebrauch  der  sogenannten
heiligen  Stätten  auf  Kosten  der  dortigen  Griechen  begehrte,
zeigte  sich  der  Divan  nach  einigem  Sträuben  zu  solchen  Einräumungen
  bereit;  freilich  beschränkte  er  auf  Rußlands
heftigen  Widerspruch  jene  Zugeständnisse  sogleich  wieder  auf
ein  lächerlich  geringes  Maaß,  auf  die  Bewilligung  eines
Schlüssels  zu  einer  nie  verschlossenen  Kirchenthür;  aber  auch
dann  noch  blieb  Nikolaus,  auf  Englands  Zustimmung  gestützt,
bei  der  Erklärung,  schon  jener  Versuch  einer  Kränkung  der
griechischen  Kirche  enthalte  eine  schwere  persönliche  Beleidigung
gegen  ihn  selbst,  zumal  auch  sonst  die  griechischen  Gemeinden
in  verschiedenen  Provinzen  durch  die  Willkür  der  türkischen
Beamten  Verletzungen  und  Einbußen  erlitten  hätten,  Rußland
aber  durch  alte  Verträge  ein  formelles  Recht  zur  Beschützung
seiner  Glaubensgenossen  besitze.  Je  vorsichtiger  jetzt  Frankreich,
  trotz  der  offenbaren  Grundlosigkeit  der  russischen  Rechtsansprüche,
  von  seinen  Forderungen  zurücktrat,  je  gewaltiger
sich  1852  Rußlands  Machtstellung  in  dem  übrigen  Europa
entfaltet  hatte,  desto  näher  lag  dem  stolzen  Selbstherrscher
der  Gedanke,  der  günstige  Zeitpunkt  zur  Lösung  der  längst
gestellten  orientalischen  Frage  im  ausschließlich  russischen
Sinne  sei  gekommen.  Oder  mit  andern  Worten,  er  erging
        <pb n="183" />
        1853  Russische  Pläne  gegen  die  Türkei.  173

sich  wieder  wie  1829  in  der  Vorstellung,  die  Türkenherrschaft
liege  durch  innere  Zerrüttung  im  Sterben;  ihre  christlichen
Unterthanen,  wovon  in  Europa  zehn  bis  zwölf  Millionen
Glaubensgenossen  Rußlands  waren,  ständen  im  Begriffe,
das  Joch  des  Halbmondes  abzuwerfen;  es  wäre  ehrlos  und
gottlos,  sie  davon  abzuhalten,  sie  nicht  zu  ermuntern,  nicht
zu  unterstützen.  Damit  wäre  dann  die  Erbschaft  des  kranken
Mannes  eröffnet,  und  es  würde  nur  noch  darauf  ankommen,
bei  der  Regulirung  derselben  die  Theilnahme  abgeneigter
Gefährten  möglichst  fern  zu  halten.  In  dieser  Auffassung
redete  er  im  Februar  1853  mit  dem  englischen  Gesandten  in
Petersburg,  Sir  Hamilton  Seymour,  erklärte,  für  sich  nur
ein  Protectorat  über  die  Moldau,  Walachei  und  Serbien  zu
begehren,  England  aber  Candia  und  Agypten  überlassen  zu
wollen.  Er  hoffte  auf  die  Unwiderstehlichkeit  dieses  Anerbietens
  für  England;  sind  wir  Beide  einig,  sagte  er,  so
brauchen  wir  sonst  uns  um  Niemand  zu  kümmern;  wenn  ich
Rußland  sage,  so  sage  ich  damit  auch  Osterreich,  denn  unsere
Interessen  im  Orient  sind  identisch.  Preußen  erwähnte  er
überhaupt  nicht.  Über  Frankreich  sprach  er  gegen  Sir  Hamilton
  mit  wegwerfender  Feindseligkeit,  was  ihn  jedoch  nicht
abhielt,  als  aus  London  eine  kühle  Ablehnung  seiner  Pläne
erfolgte,  denselben  Versuch  bei  dem  französischen  Gesandten,
Herrn  von  Castelbajac,  zu  wiederholen.  Er  fühlte  sich  seiner
Sache  bereits  so  sicher,  daß  er  seine  Pontusflotte  in  Sebastopol
  zum  Auslaufen  bereit  stellte,  in  Bessarabien  eine
starke  Armee  zusammenzog,  und  zur  Überreichung  eines  entscheidendenden
  Ultimatums  den  Admiral  Fürsten  Mentschikoff
nach  Constantinopel  sandte.  Dessen  Begehren  ging  auf  einen
Vertrag,  in  welchem  die  beiden  Mächte  sich  die  genaue
        <pb n="184" />
        174  Neues  Bündniß  zwischen  Österreich  und  Preußen.  1853

Aufrechthaltung  aller  Rechte  und  Privilegien  der  Bekenner
des  griechisch-russischen  Cultus  im  türkischen  Reiche  zusagten:  so
daß  fortan  bei  jeder  wirklichen  oder  angeblichen  Verletzung
der  Zar  die  Befugniß  zu  praktischem  Einschreiten  gehabt  hätte.
Es  leuchtet  ein,  daß  dies  gleichbedeutend  mit  dem  Untergang
der  türkischen  Selbstständigkeit,  mit  dem  Tode  des  „kranken
Mannes“  gewesen  wäre.  Dem  Divan  also  war  nur  die
Wahl  zwischen  freiwilliger  Unterwerfung  oder  der  Vernichtung
durch  das  russische  Schwert  gelassen.

Aber  auch  hier  kam  Hochmuth  vor  dem  Fall.  Dem
siegesgewissen  Zaren  war  eine  lange  Reihe  bitterer  Enttäuschungen
  auf  allen  Seiten  bestimmt.

Zunächst  gelangte  der  Divan  zu  dem  Entschlusse,  daß
ein  Ende  mit  Schrecken  rühmlicher  sei,  als  ein  Schrecken  ohne
Ende.  Das  russische  Ultimatum  wurde  abgelehnt.  Nikolaus
antwortete  darauf,  indem  er  die  Moldau  und  die  Walachei
durch  seine  Truppen  besetzen  ließ,  nicht  in  kriegerischer  Absicht,
  wie  er  erklärte,  sondern  um  ein  materielles  Pfand  für
die  Erfüllung  seiner  berechtigten  Forderungen  zu  ergreifen.

Es  war  sein  zweiter,  schwererer  Irrthum.  Er,  der  bis
dahin  Europa  nach  seinem  Willen  gelenkt  hatte,  rief  jetzt
selbst  den  Widerspruch  Europas  gegen  sein  Thun  hervor.

Seit  dem  Beginn  der  Verwicklung  hatte  Napoleon,  so
eben  auf  den  Kaiserthron  erhoben,  und  in  dieser  Zeit  vortrefflich
  berathen,  in  der  russischen  Überhebung  für  sich  die
Möglichkeit  großer  Erfolge  wahrgenommen.  Durch  berechnete
Nachgiebigkeit  in  der  Frage  der  heiligen  Stätten  hatte  er
das  rücksichtslose  Vorgehen  des  Gegners  ermuthigt,  bei
Mentschikoff's  Auftreten  aber,  welches  den  Bruch  unvermeidlich
machte,  sofort  eine  französische  Flotte  in  die  griechischen
        <pb n="185" />
        1853  Opposition  der  Westmächte  und  Österreichs.  175

Gewässer  gesandt.  Die  englischen  Minister  ließen  sich  Anfangs
  noch  durch  schöne  Worte  ihres  hohen  russischen  Gönners
einlullen;  bei  der  Besetzung  der  Fürstenthümer  erhob  sich  aber
die  öffentliche  Meinung  in  London  mit  solcher  Kraft  gegen
den  Zaren,  daß  das  Cabinet  sich  dem  französischen  Beispiele
einer  Flottensendung  zum  Schutze  der  Türkei  anschloß.
Nicht  weniger  bedeutsam  war  die  Wirkung  des  russischen
Verfahrens  auf  den  Wiener  Hof.  Zwar  die  persönliche  Verehrung
  und  Dankbarkeit  des  jungen  Kaisers  gegen  seinen
gewaltigen  Nachbar  blieb  ungeändert,  aber  zu  deutlich  bedrohte
dessen  letzte  Maaßregel  die  wichtigsten  Lebensinteressen  der
Monarchie.  Bereits  umfaßte  Rußland  die  Grenzen  Österreichs
  im  Norden  und  Osten:  es  ging  nicht  an,  sich  fortan
auch  im  Süden  durch  dieselbe  Riesenmacht  umklammern  zu
lassen.  Besondere  Momente  verschärften  diese  Erwägung.
Die  Freiheit  der  Donauschifffahrt  wäre  durch  russische  Festsetzung
  in  der  Walachei  der  Willkür  des  Zaren  vollständig
überantwortet  worden.  Sodann  erfuhr  man,  daß  russische
Agenten  die  christlichen  Unterthanen  der  Türkei  zur  Erhebung
gegen  die  Pforte  anreizten.  Nun  aber  war  der  größere
Theil  der  türkischen  Christen  zwar  religionsverwandt  mit  dem
russischen  Volke,  aber  stammverwandt  mit  den  österreichischen
Südslaven,  und  niemand  konnte  ermessen,  wie  leicht  eine
nationale  Bewegung  der  erstern  über  die  Reichsgrenze  hinübergreifen
  möchte.  Allerdings  gab  im  weitern  Verlauf  der
Dinge  Nikolaus  für  sich  und  seine  Erben  dem  Kaiser  Franz
Joseph  die  feierliche  Zusage,  ein  solches  Übergreifen  niemals
dulden  zu  wollen:  Graf  Buol  aber,  ohne  die  Ehrlichkeit
dieses  Versprechens  zu  bezweifeln,  hegte  doch  starke  Bedenken
gegen  die  Haltbarkeit  desselben,  und  war  also  sehr  bereit,  in
        <pb n="186" />
        176  Neues  Bündniß  zwischen  Österreich  und  Preußen.  1853

Gemeinschaft  mit  den  beiden  Westmächten  zunächst  eine  diplomatische
  Vermittlung  des  bösen  Handels  zu  erstreben.

Was  endlich  Preußen  betraf,  so  waren  der  König  und
die  Minister  sehr  zufrieden,  vermöge  der  geographischen  Lage
kein  unmittelbares  Interesse  an  dem  Ausgang  der  Verwicklung
zu  haben,  erkannten  aber  ebenso  wie  alle  Welt  die  Rechtlosigkeit
  der  russischen  Offensive  an,  und  trugen  kein  Bedenken,
  sich  den  diplomatischen  Schritten  der  andern  Höfe
anzuschließen.  So  trat  in  Wien  eine  Conferenz  der  vier
Mächte  zusammen,  um  auf  billige  Bedingungen  eine  Einigung
der  Parteien  zu  Stande  zu  bringen.  Ein  erster  Versuch
schlug  fehl,  da  Rußland  zwar  Anfangs  den  Vorschlag  der
Mächte  annahm,  ihn  dann  aber,  bei  näherer  Auslegung  seines
Inhalts,  zurückwies.  Darauf  erklärte  die  Pforte  dem  nordischen
  Angreifer  den  Krieg,  und  ließ  ein  Heer  zur  Befreiung
der  Walachei  ausrücken;  es  folgten  heftige  Kämpfe  an  der
Donau  mit  wechselndem  Erfolge,  und  zugleich  erschienen  die
Flotten  der  Westmächte  im  Bosporus,  um  die  Türkei  gegen
jeden  Angriff  von  der  Seeseite  zu  decken.  Als  aber  trotzdem
Admiral  Nachimoff  ein  türkisches  Geschwader  bei  Sinope  vernichtete,
  ließen  die  Westmächte  ihre  Flotten  in  das  schwarze
Meer  selbst  unter  der  Erklärung  einlaufen,  daß  sie  weitere
Angriffe  auf  die  türkischen  Küsten  nicht  dulden  würden.  Rußland
brach  darauf  den  diplomatischen  Verkehr  mit  Frankreich  und
England  ab;  in  Wien  aber  einigte  sich  die  Conferenz  der  vier
Mächte  über  die  für  einen  dauernden  Frieden  erforderlichen
Grundlagen:  Unverletzlichkeit  des  türkischen  Gebietes  und
folglich  als  erste  Bedingung  des  Friedens  die  Räumung  der
Fürstenthümer  durch  die  Russen,  neue  Regelung  der  Verträge
von  1841  und  damit  Aufnahme  der  Türkei  in  den  euro-
        <pb n="187" />
        1854  Rußlands  Isolirung.  177

päischen  Staatenverein,  freie  Erklärung  des  Sultans,  den  christlichen
  Kirchen  aller  Confessionen  seinen  Schutz  zu  gewähren.

Der  Divan  war  mit  dem  Allem  einverstanden,  Rußland
aber  beharrte  auf  seinen  ursprünglichen  Forderungen,  wollte
überhaupt  von  guten  Diensten  der  vier  Mächte  nichts  wissen,
da  sein  Streit  mit  der  Türkei  eine  innere,  häusliche  Angelegenheit
  sei.

So  hatte  sich  binnen  Jahresfrist  in  der  politischen  Lage
Europas  eine  gründliche  Anderung  vollzogen.  Zu  Anfang
1853  hatte  Rußland  an  der  Spitze  der  heiligen  Allianz  und  in
vertrauter  Freundschaft  mit  England  ohne  Frage  die  leitende
Stellung  in  der  großen  Politik,  während  Frankreich,  von  allen
Höfen  beargwohnt,  sich  in  völlig  vereinzelter  Lage  befand.
Ein  Jahr  nachher  stand  Rußland  einem  einmüthigen  Zusammenwirken
  sämmtlicher  Großmächte  gegenüber,  sah  sein  Vorgehen
von  ihnen  Allen  gleichmäßig  verurtheilt,  von  zweien  bereits
mit  schwerer  Waffengewalt  bedroht.  Und  was  nicht  am
wenigsten  in  Petersburg  empfunden  wurde,  an  der  Spitze
dieser  mächtigen  Vereinigung  stand  gerade  der  zumeist  gehaßte,
zumeist  verachtete  Napoleonide,  dessen  energisches  Drängen
Schritt  auf  Schritt  die  englischen  Flotten  in  Bewegung  gebracht,
  dessen  umsichtige  Diplomatie  in  der  Wiener  Conferenz
die  leitende  Stimme  gewonnen  hatte.  Bereits  war  England
mit  ihm  einverstanden,  daß  die  Metzelei  von  Sinope  die  eigene
Ehre  der  Seemächte  befleckt  habe,  also  bei  fortdauerndem
Trotze  Rußlands  für  sie  selbst  der  Kriegsfall  vorhanden  sei.
Wenn  man  jetzt  auch  die  beiden  deutschen  Mächte  zu  dem
gleichen  Entschlusse  herbeibrachte,  ihr  in  den  Conferenz-Protokollen
  niedergelegtes  Urtheil  ebenfalls  mit  den  Waffen
zur  Execution  zu  bringen:  dann  lag  die  heilige  Allianz  in

v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.
        <pb n="188" />
        178  Neues  Bündniß  zwischen  Österreich  und  Preußen.  1854

Trümmern,  und  für  Napolcon's  unruhig  träumenden  Ehrgeiz
gab  es  keine  Schranke  mehr.  So  erging  in  den  letzten
Tagen  des  Februar  1854  an  die  Höfe  von  Wien  und  Berlin
die  Frage  der  beiden  Westmächte:  sie  beabsichtigten,  Rußland
zu  schleuniger,  spätestens  am  30.  April  zu  vollendender
Räumung  der  Fürstenthümer  aufzufordern,  und  die  Nichterfüllung
  dieses  Begehrens  als  Kriegserklärung  zu  betrachten;
sic  bäten  also  um  Auskunft,  welche  Entschlüsse  der  Wiener
(Berliner)  Hof  in  diesem  Falle  zu  fassen  gedächte.  Gleich
darauf  überreichten  die  Vertreter  der  Seemächte  den  beiden
Höfen  den  Entwurf  einer  Convention,  wodurch  die  vier  Regierungen
  sich  verpflichten  sollten,  für  die  Verwirklichung  der
in  den  Conferenz-Protokollen  festgestellten  Sätze  diejenigen
Mittel  anzuwenden,  welche  ihre  Vertreter  in  der  Conferenz
berathen  und  beschließen  würden.

Der  Augenblick  der  Entscheidung  war  gekommen.  Hier
aber  trennten  sich  die  Wege.

In  Wien  hatte  Kaiser  Franz  Joseph  mit  tiefem  Kummer
und  schwerer  Sorge  die  Kluft,  die  sich  zwischen  seinen  und
den  russischen  Interessen  aufgethan,  sich  täglich  erweitern
sehen.  Aber  so  war  es  nun  einmal.  Die  Russen  begannen
nach  Überschreitung  der  Donau  in  Bulgarien  vorzudringen:
ihre  Sendlinge  arbeiteten  mit  verdoppelter  Kraft  an  einer
Erhebung  der  dortigen  Christen;  in  Epirus  und  Thessalien
stand  bereits,  von  Athen  her  angefeuert,  die  Empörung  unter
den  Waffen.  Nimmermehr  konnte  Österreich  eine  weitere
Entwicklung  dieser  Dinge  zulassen.  Graf  Buol  verfügte  die
Aufstellung  von  25000  Mann  im  Banat,  veranlaßte  die
Seemächte  zu  kräftigem  Einschreiten  bei  dem  Hofe  von  Athen,
und  sprach  gegen  Rußland  sein  hohes  Befremden.  aus,  daß
        <pb n="189" />
        1854  Österreichs  Neigung  zum  Bunde  mit  den  Westmächten.  179

der  erhabene  Schirmherr  der  Legitimität  jetzt  selbst  die  Revolution
  entfesseln  wolle.  Dieses  Erstaunen  war  freilich
grundlos,  da  der  Zar  nicht  nur  der  Imperator,  sondern
auch  der  Pontifex  Maximus  Rußlands  war,  und  folglich
ihm,  wie  zu  andern  Zeiten  dem  Propheten  Muhammed  und
den  römischen  Päpsten,  ein  Aufstand  rechtgläubiger  Unterthanen
  gegen  eine  ungläubige  Obrigkeit  als  ein  völlig  legitimcs
Werk  erschien.  Sei  dem,  wie  ihm  wolle,  Graf  Buol  war
der  Meinung,  diese  Gefahren  im  Keime  zu  ersticken,  und
schlimmstes  Falls  auch  den  offenen  Bruch  mit  Rußland  nicht
zu  scheuen.  Der  Muth  zu  einer  solchen  Politik  wuchs  in
ihm,  je  näher  die  Westmächte  an  den  bewaffneten  Kampf
herantraten,  und  hier  sich  also  ein  mächtiger  Rückhalt  für
entsprechende  Schritte  Osterreichs  zeigte.  Ging  Alles  gut,  so
konnte  daraus  für  Osterreich  die  Erwerbung  der  Donaufürstenthümer
  oder  doch  eines  Protectorats  über  dieselben
anstatt  des  russischen  hervorgehen.  Allerdings  verbarg  er
sich  nicht  Osterreichs  innere  finanzielle  und  politische  Schwierigkeiten,
  und  hatte  deshalb  den  dringenden  Wunsch,  für  den
Kriegsfall  sich  außer  den  weit  entfernten  Westmächten  auch
den  Beistand  des  nahen  Preußen  und  Deutschland  zu  sichern.
Schon  am  8.  Januar  hatte  er  deshalb  in  Berlin  den  Vorschlag
eines  Bundesvertrags  gemacht,  welcher  mit  der  Erklärung
gemeinsamer  Neutralität  begann,  und  mit  dem  Vorbehalte
freier  Action  zum  Schutze  aller  eigenen  Interessen  endigte.
Damals  hatte  Preußen  erwidert,  da  man  thatsächlich  überall
einig  und  von  niemand  bedroht  sei,  bedürfe  es  keiner  formell
bindenden  Urkunde.  Trotzdem  aber  stieg  in  Wien,  je  weiter
Rußland  seine  militärischen  Operationen  an  der  Donau  ausdehnte,

  der  Unwille  gegen  den  moskowitischen  Übermuth;
12.
        <pb n="190" />
        180  Neues  Bündniß  zwischen  Österreich  und  Preußen.  1854

man  zog  große  Truppenmassen  in  Ungarn  zusammen,  und
erwiderte  am  25.  Februar  den  Westmächten,  daß  man  eine
energische  Aufforderung  nach  Petersburg  sende,  die  Fürstenthümer
  in  Erfüllung  des  Begehrens  der  Westmächte  zu
räumen,  im  entgegengesetzten  Falle  die  Verantwortung  der
Folgen  dem  russischen  Cabinet  zuschiebe,  und  fortan  nur  die
eigenen  Interessen  Osterreichs  zur  Richtschnur  seines  Handelns
nehmen  werde.

Über  Preußen  berichten  wir  etwas  ausführlicher.

Dort  hatte  die  orientalische  Verwicklung  vom  ersten
Tage  an  die  Gemüther  weit  und  breit  im  Lande  lebhaft
bewegt.  Wer  irgendwie  liberale  Stimmungen  gehabt,  wer  für
die  deutsche  Einheit  geschwärmt,  wer  über  Olmütz  und
Schleswig-Holstein  getrauert  hatte,  sah  mit  Jubel,  wie  Rußlands
  Ehrsucht  immer  wachsende  Gefahren  über  sich  heraufbeschwor.
  Eine  neue  Zeit  der  Freiheit  meinte  man  anbrechen
zu  sehen,  wenn  der  nordische  Vorkämpfer  des  Despotismus
unter  den  Streichen  des  vereinten  Europa  zusammenbreche.
Es  schien  der  großen  Mehrheit  des  Volkes  undenkbar,  daß
Preußen,  auf  welchem  Rußlands  feindselige  Wucht  am
schwersten  gelastet  hatte,  sich  dem  allgemeinen  Strome  nicht
anschließen  sollte.  Hier  sei,  meinte  man,  wieder  einmal  eine
Gelegenheit  geboten,  wo  Preußen  durch  eine  kühne  Politik
sich  mit  einem  Schlage  an  die  Spitze  Deutschlands  emporschwingen
  und  der  ganz  Europa  beengenden  russischen  Übermacht
  für  immer  ein  Ende  machen  könnte.  Diese  Ansichten
gingen  hoch  in  einflußreiche  Kreise  hinauf.  Eine  Gruppe
vornehmer  Beamten  und  Diplomaten,  die  Grafen  Goltz  und
Pourtales,  die  Geheimräthe  Bethmann-Hollweg  und  Mathis,
die  sich  zur  Bekämpfung  der  feudalen  Tendenzen  ein  eigenes
        <pb n="191" />
        1854  Streitende  Tendenzen  in  Preußen.  181

Organ,  das  Preußische  Wochenblatt,  gegründet  hatte,  mahnte
dringend  zum  Zusammenwirken  mit  den  Westmächten.  Baron
Bunsen,  damals  preußischer  Gesandter  in  London,  entwarf
mit  den  englischen  Staatsmännern  eine  neue  Karte  Europas,
auf  welcher  die  Grenzen  Rußlands  stark  zurückgeschoben  waren.
Der  Kriegsminister  Bonin  sah  keinen  Grund,  unter  den  gegebenen
  Verhältnissen  einem  Bruche  mit  Rußland  auszuweichen.
Der  Thronfolger  selbst,  der  Prinz  von  Preußen,  neigte  auf
diese  Seite;  er  fand,  nachdem  Rußland  muthwillig  der  Störer
des  europäischen  Friedens  geworden,  gebühre  jenem  eine
scharfe  Lection,  und  dem  übrigen  Welttheil  eine  Sicherung
vor  der  Wiederkehr  ähnlicher  Gefahren.

Aber  an  den  entscheidenden  Stellen  in  Berlin  machten
sich  ganz  andere  Auffassungen  geltend.
Deer  leitende  Minister,  Herr  von  Manteuffel,  welcher
seinen  Olmützer  Vertrag  durchaus  nicht  als  eine  Niederlage
betrachtete,  fühlte  sich  durch  dic  schmetternden  Signale  der
liberalen  Kriegslust  weit  mehr  abgestoßen  als  angefeuert.
Immerhin  erkannte  er,  und  noch  entschiedener  sein  damals
einflußreichster  Referent,  Balan,  Rußlands  schweres  Unrecht
an,  und  hatte  mithin  ohne  Zaudern  Preußen  in  die  Wiener
Conferenz  eintreten,  allen  Beschlüssen  derselben  zustimmen
lassen,  und  gedachte  damit  ferner  fortzufahren.  Ob  auch  mit
gewaffneter  Hand?  wer  will  es  sagen?  Gewiß  ist,  daß  er
nach  seiner  kühlen,  oft  apathischen  Natur  nicht  eine  kühne,
sondern  eine  gefahrlose  Politik  zu  machen  wünschte:  und  so
lag  der  Gedanke  nahe,  daß  eine  feste  Einmüthigkeit  der  vier
Mächte  auch  ohne  Kriegsdrohung  schließlich  den  russischen
Monarchen  zur  Nachgiebigkeit  bestimmen,  und  so  die  Herstellung
  des  Friedens  bewirken  würde.
        <pb n="192" />
        182  Neues  Bündniß  zwischen  Österreich  und  Preußen.  1854

In  schneidendem  Gegensatze  zu  diesen  Entschließungen
oder  Velleitäten  stand  die  Gesinnung  der  persönlichen  Um—
gebung  des  Königs,  an  erster  Stelle  des  Generaladjutanten
Generals  von  Gerlach,  sowie  der  Generale  Grafen  Dohna
und  von  der  Gröben,  zu  welchen  dann,  wenn  auch  mit  geringerem
  Ansehen,  der  Flügeladjutant  Oberst  von  Manteuffel,
der  Cabinetsrath  Niebuhr,  und  gelegentlich  der  frühere  Minister
Graf  Alvensleben-Erxleben,  hinzutraten.  Hier  war  man,  nach
conservativer  Anschauung,  kurz  und  bestimmt  russisch,  erfüllt
von  begeisterter  Verehrung  für  den  großen  Zaren,  welcher
1849  Osterreich  und  1850  Preußen  vor  dem  Dämon  der
Revolution  beschirmt  hätte,  und  der  jetzt  in  den  heiligen
Kampf  zöge,  um  das  Kreuz  wieder  auf  der  Hagia  Sofia  zu
erhöhen,  und  Europa  von  der  Besudelung  durch  den  Islam
zu  reinigen.  Man  wollte  nicht  geradezu  für  den  Zaren  in
den  Krieg  stürmen,  im  Ubrigen  aller  Alles  thun,  um  Rußlands
  Stellung  zu  verbessern;  würde  jedoch  die  Theilnahme
am  Kampfe  unvermeidlich,  so  gehöre  Preußen  an  die  Seite,
nicht  des  revolutionären  Frankreich,  sondern  des  conservativen
Rußland.

Zu  dieser  Partei  zählte  sich  damals  noch  ein  Mann,
welcher  ein  gläubiger  Christ  und  fester  Royalist,  aber  befreit
von  dem  doctrinären  Überschwang  der  Kreuzzeitung,  durch  und
durch  Realpolitiker  war,  der  preußische  Bundestagsgesandte.
Bismarck  stimmte  mit  General  von  Gerlach  in  dem  Wunsche,
einen  Krieg  mit  Rußland  zu  vermeiden,  durchaus  überein,
aber  wenn  jemals,  galt  hier  der  Spruch:  si  duc  faciunt
idem,  non  est  idem.  Er  erwog  die  Folgen  eines  solchen
Kriegs,  und  sah  nur  Nachtheile  für  Preußen  voraus.  Für
die  Westmächte  bringe  der  Kampf  keine  erhebliche  Gefahr,
        <pb n="193" />
        1854  Bismarck's  Auffassung.  183

der  Sieg  höchst  fruchtbaren  Gewinn.  Für  Preußen  sei  das
Umgekehrte  der  Fall.  Auf  Preußen  würde  die  Hauptlast
des  Kampfes  drücken;  auch  nach  dem  glorreichsten  Siege
biete  sich  uns  kein  Vortheil.  Was  hätten  wir  im  Orient  zu
suchen?  Um  so  mehr  hätten  wir  Grund,  unsere  freundlichen
Beziehungen  zu  Rußland  zu  schonen,  die  in  der  Zukunft
uns  vielleicht  äußerst  werthvoll,  ja  unentbehrlich  werden
könnten.  Unser  einziger  Gegner,  wie  Zollverein  und  Bundestag
  fortdauernd  darthun,  sei  Osterreich,  und  zugleich  die
einzige  Macht,  deren  Einschränkung  uns  wirklichen  Nutzen
bringen  könne.  Müßte  durchaus  gekämpft  werden,  so  hätten
wir  auf  die  Osterreich  feindliche  Seite  zu  treten,  es  wäre
denn,  daß  der  Wiener  Hof  uns  tüchtige  Einräumungen  in
den  deutschen  Angelegenheiten  machte.  Einstweilen  aber  sei
eine  festbewehrte  Neutralität  das  Beste,  zumal  sie  auch  dem
Wunsche  aller  andern  deutschen  Staaten  entspreche.

Jeden  Tag  vernahm  der  Monarch,  auf  den  hier  Alles
ankam,  die  Außerungen  all  dieser  Ansichten,  und  jede  derselben
  fand,  wie  es  seine  Art  war,  Anklang  in  seiner  allen
Eindrücken  weit  geöffneten  Brust.  Er  lobte  es,  wie  Bunsen,
daß  England  sich  der  Eroberung  der  Türkei  durch  Rußland
widersetzte,  und  klagte,  daß  durch  den  Übermuth  seines
Schwagers  der  Zusammenhalt  des  alten  Europa  gegen  die
Revolution  und  deren  Vertreter  Napoleon  zerrissen  sei.  Wie
immer  aber  wirkten  auch  hier  auf  ihn  die  religiösen  Anschauungen
  noch  stärker  als  die  politischen  ein.  Von  jeher
war  ihm  wegen  des  gemeinsamen  protestantischen  Bekenntnisses
  England  der  wertheste  Bundesgenosse  erschienen,  aber
von  demselben  Standpunkte  aus  war  es  ihm  ein  empörender
Gedanke,  in  der  Türkei  viele  Millionen  Christen  unter  heid-
        <pb n="194" />
        184  Neues  Bündniß  zwischen  Osterreich  und  Preußen.  1854

nischer  Herrschaft  zu  erblicken,  und  ein  göttliches  Strafgericht
sah  er  für  jeden  voraus,  welcher  für  den  Halbmond  gegen
das  Kreuz  das  Schwert  ziehen  würde.  So  konnte  es  für
ihn  keine  traurigere  und  rathlosere  Wendung  geben,  als  daß
England  Schritt  auf  Schritt  in  ein  Bündniß  zugleich  mit
der  Türkei  und  mit  Napoleon,  in  einen  Incest,  wie  er  sagte,
mit  dem  Heidenthum  und  der  Revolution,  hineingezogen
wurde,  ohne  daß  er  im  Stande  gewesen  wäre,  Rußlands
Verfahren  als  die  Quelle  des  ganzen  Unheils  zu  rechtfertigen.
Zunächst  that  er,  was  er  konnte,  den  offenen  Bruch  zu  verhüten.
  Schon  im  Juni  1853  hatte  er  einen  Vermittlungsversuch
  gemacht,  der  aber  wie  gewöhnlich  das  Unglück  hatte,
allen  Parteien  zu  mißfallen.  Dann  stimmte  er  den  Beschlüssen
  der  Wiener  Conferenzen  zu  und  befürwortete  sie
dringend  in  Petersburg,  stets  in  der  Hoffnung,  daß  gegenüber
  dieser  Einmüthigkeit  Europas  Rußland  sich  nachgiebig
erweisen  würde.  Als  dies  aber  fehlschlug,  und  die  Kriegserklärung
  der  Westmächte  gegen  Rußland  immer  wahrscheinlicher
  wurde,  kam  er  in  dem  Wirbel  der  in  ihm  kämpfenden
Gefühle  zu  Entschlüssen  von  ganz  besonderer  Art.  Daß  er
in  diesem  „scheußlichen“  Kriege  neutral  bleiben  wolle,  stand
bei  ihm  fest:  denn  mit  Rußland  konnte  er  nicht  gehen,  weil
es  Unrecht  hatte,  und  gegen  Rußland  nicht,  weil  dies  ein
Kampf  für  Muhammed  gegen  Christus  wäre.  Dann  aber
zweifelte  er  nicht,  daß  Napoleon  gegen  das  neutrale  Preußen
alle  Bluthunde  der  Revolution  loslassen  und  leider  dafür  in
Deutschland  nur  zu  viele  Helfer  finden  würde.  Um  diese
Gefahr  zu  beschwören,  beschloß  er,  sich  noch  einmal  in  vertraulicher
  Weise  an  England  zu  wenden.  Er  ersah  sich  dazu
einen  jener  antirussisch  gesinnten  Diplomaten,  den  talentvollen
        <pb n="195" />
        1854  Motive  und  Entschlüsse  des  Königs.  185

und  kräftigen,  freilich  nicht  immer  besonnenen  und  fügsamen
Grafen  Albert  Pourtales,  und  empfahl  ihn  dem  Prinzen
Gemahl  durch  einen  Brief  vom  22.  December  1853,  worin
es  unter  Anderem  hieß:  „Ich  werde  Alles  thun,  was
Preußen  vermag,  um  „dem  Sprunge  des  Tigers“  von
Westen  her  gewachsen  zu  sein,  und  um  das  arme,  unglück—
liche,  schuldige,  und  deshalb  halb  „stultisirende“,  halb  con—
spirirende  Deutschland  vor  seinen  Krallen  zu  bewahren,  und
das  gottlose,  antichristliche  Scheusal  der  Revolution  zu  bekämpfen,
  welches  „den  Tigersprung“  in  Ungarn,  Polen,
Italien  und  Deutschland  weckt.  Es  war,  bemerkt  er  dann
weiter,  mein  ernster  Entschluß  und  aufrichtiger  Wunsch,  in
diesen  Verwicklungen  auf  Tod  und  Leben  vereint  mit  meinem
lieben  England  zu  gehen.  Wenn  aber  England  jetzt  Verderben
  und  Tod  für  die  Türken  auf  christliche  Soldaten
schleudert,  so  bricht  auch  dieser  Lieblingswunsch  zusammen“.

Pourtales  sollte  also  Alles  aufbieten,  um  den  Gedanken
der  preußischen  Neutralität  der  englischen  Regierung  schmackhaft
  zu  machen,  ja  ihn  als  einen  Gewinn  für  die  gemeinsame
Sache  darzustellen.  Von  dem  größten  Vortheil  müsse  die
Existenz  eines  jeder  Zeit  zu  Vermittlung  und  Friedensbotschaft
  bereiten  Organs  sein;  Preußens  Neutralität  werde
keine  passive,  im  Gegentheil  fortdauernd  thätig  sein,  guten
Vorschlägen  in  Rußland  Eingang  zu  verschaffen,  und  wenn
es  zur  schließlichen  Entscheidung  komme,  werde  auch  Preußen
nicht  ermangeln,  im  Nothfall  sein  eigenes  Gewicht  in  die
Wagschale  zu  werfen.  Um  so  bedeutende  Dienste  aber  leisten
zu  können,  müsse  Preußen  begehren,  daß  England  selbst,
und  auf  englische  Einwirkung  auch  Frankreich,  die  Integrität
und  Unverletzlichkeit  des  preußischen  und  deutschen  Gebietes
        <pb n="196" />
        186  Näeues  Bündniß  zwischen  Osterreich  und  Preußen.  1854

gewährleiste,  daß  beide  Mächte  sich  jeder  Einmischung  in  die
innern  Angelegenheiten  Deutschlands  enthielten,  und  daß  sie
im  Voraus  ihre  Zustimmung  aussprächen,  falls  Preußen,
sei  es  in  Folge  revolutionärer  Bewegungen,  sei  es  wegen
entgegengesetzter  Parteinahme  einzelner  deutscher  Staaten,
sich  genöthigt  fände,  auf's  Neue  und  vielleicht  über  das
jetzige  Bundesrecht  hinaus,  die  Pflichten  auf  sich  zu  nehmen,
die  es  im  Jahre  1849  erfüllt  habe.

Die  englischen  Minister  waren  nach  diesen  Eröffnungen
erstaunt,  daß  Preußens  Neutralität  ihnen  nützlicher  sein  sollte,
als  der  Beistand  einer  preußischen  Armee  von  300  000  Mann.
Ihr  Erstaunen  wuchs,  daß  sie,  zum  Lohne  dieser  köstlichen
Neutralität,  Preußen  unbedingte  Vollmacht  zur  Umgestaltung
des  deutschen  Bundes  geben  sollten.  Aber  den  höchsten  Grad
erreichte  ihre  Verwunderung,  als  Baron  Bunsen  als  Preis
jener  „echten  und  autonomen“  Neutralität  1)  noch  die  weitere
Bedingung  stellte,  daß  England  dem  Könige  nach,  in  und
durch  den  Frieden  das  treue  Neuenburg  wieder  verschaffe.

Wir  haben  oben  berichtet,  wie  nach  der  Februar-Revolution
  1848  die  radicale  Partei  in  Neuenburg  die  königlichen
Behörden  vertrieben  und  eine  demokratische  Regierung  eingesetzt
  hatte.  Der  König,  dessen  Proteste  fruchtlos  geblieben.
erlangte  jedoch  1852  von  den  übrigen  Großmächten  ein  Protokoll,
  welches  seine  Souveränitätsrechte  unbedingt  anerkannte
und  Verhandlungen  der  Mächte  darüber  einzuleiten,  zusagte,
während  deren  Dauer  der  König  einseitige  Schritte  zu  unterlassen
  verhieß.  Seitdem  hatten  die  Mächte  in  der  Sache
keinen  Finger  gerührt:  bei  dem  Könige  aber  stand  die

1)  Brief  des  Königs  an  Bunsen,  9.  Jannar  1854.
        <pb n="197" />
        1854  Preußens  Neutralität.  187

Wiedererlangung  „des  lieben  Ländchens  am  Jura“,  des  stets
getreuen  Neuenburg,  auf  dessen  Bewohner  er  „stolzer  sei,
als  auf  alle  andern  Unterthanen",  in  der  ersten  Reihe  seiner
politischen  Gedanken;  wir  werden  später  sehen,  wie  dies
krankhaft  überspannte  Gefühl  die  wichtigsten  Folgen  für  ihn
und  Preußen  haben  sollte.

Es  bedarf  kaum  der  Bemerkung,  daß  die  Sendung  des
Grafen  Pourtales  in  London  völlig  erfolglos  blieb.  Aber
ebensowenig  vermochte  Baron  Bunsen  trotz  aller  Freundschaft
seines  königlichen  Gönners,  diesen  auf  den  Standpunkt  der
Westmächte  hinüber  zu  ziehen.  Als  im  Februar  1854  die
entscheidende  Anfrage  der  Westmächte  erschien,  sandte  zwar
der  König  eine  warme  Bitte  an  seinen  hohen  Schwager,
durch  Räumung  der  Fürstenthümer  ein  colossales  Unheil  von
Europa  ferne  zu  halten:  aber  unverrückbar  blieb  er  auf
seinem  Standpunkte,  daß  er  mit  einem  Kriege  für  Türken
und  gegen  Christen  nichts  zu  thun  habe,  lehnte  die  von  den
Westmächten  vorgeschlagene  Convention  unbedingt  ab.  und  erklärte,
  Preußen  sei  nach  wie  vor  mit  den  Grundsätzen  der
Protokolle  einverstanden,  aber  in  der  Wahl  der  Mittel  zu
ihrer  Verwirklichung  wolle  es  sich  die  Hände  nicht  binden.

Anfangs  März  sandte  er  darauf  in  eigenhändigen  Briefen
—  denn  die  Zeit  schien  ihm  gekommen,  wo  die  Kunst  der
Diplomaten  zu  Ende  sei,  und  die  Souveräne  die  Sache  in
die  Hand  nehmen  müßten  —  an  Victoria  und  Napoleon  die
eindringlichsten  Mahnungen  zu  Versöhnung  und  Frieden,  und
sprach  die  Erklärung  seiner  absoluten  und  unbedingten  Neutralität
  aus.  Denke  man  nun  über  seine  Beweggründe,  über
die  einzelnen  Schritte  und  die  krausen  Arabesken,  womit  der
König  sie  decorirte,  wie  man  wolle,  heute  wird  kein  unbefangener
        <pb n="198" />
        188  Neues  Bündniß  zwischen  Csterreich  und  Preußen.  1854

Beobachter  läugnen,  daß  bei  der  damaligen  Lage  Preußens,
bei  seinem  Verhältniß  zu  Osterreich,  bei  der  Schwäche  des
deutschen  Bundes,  die  Neutralität  die  den  Interessen  des
Staats  einzig  entsprechende  Politik  war.  Die  Vorstellung,
daß  Preußen  durch  einen  kräftigen  Angriff  auf  Rußland  ganz
Deutschland  um  sich  gesammelt,  und  damit  die  nationale  Einheit
  unter  seiner  Führung  hergestellt  hätte,  ließe  sich  hören,
hätte  man  bei  einem  solchen  Kriege  nicht  zwei  Bundesgenossen
gehabt,  welche  preußische  Bataillone  sehr  gerne  mit  den  Russen
im  Streite  gesehen,  aber  jede  unitarische  Regung  in  Deutschland
  dann  um  so  rücksichtsloser  zertreten  hätten.  Nur  keine
deutsche  Einheit,  erklärte  Napoleon  dem  Herzog  von  Coburg.
Kein  Gedanke  ist  verruchter,  als  der  der  deutschen  Einheit,
sagte  Buol  ebenso  bestimmt,  wie  einst  Metternich.  Genug,
Bismarck's  oben  kurz  wiederholte  Gründe  schließen  über  die
Richtigkeit  der  Neutralität  jeden  Zweifel  aus.  Das  Gepolter
der  französischen  und  mehr  noch  der  englischen  Zeitungen,
daß  Preußen  damit  auf  den  Rang  einer  Großmacht  verzichte,
war  zwar  kindisch,  denn  welche  Großmacht  würde  sich  anders
als  nach  den  eigenen  Interessen  entschließen,  aber  allerdings
begreiflich  genug,  da  man  gar  zu  gerne  die  Hauptlast  des
Kriegs  auf  Preußens  Schultern  abgeladen  hätte.

Wäre  man  nur  in  Berlin  dem  weitern,  von  Bismarck
unaufhörlich  wiederholten  Rathe  gefolgt,  trotz  alles  Schmähens
und  Drohens  die  Neutralität  in  ruhigem  Muthe  und  stolzer
Gelassenheit  aufrecht  zu  halten.  Dort  aber  ließ  das  Bild
„des  Tigersprungs  vom  Westen,  her“  den  Gemüthern  keine
Ruhe  1),  und  General  von  Gerlach  drängte,  da  man  bei

1)  Napoleon  sagte  einmal  dem  Herzog  von  Coburg  ausdrücklich,
er  werde  endlich  doch  Krieg  gegen  Preußen  führen  müssen.
        <pb n="199" />
        1854  Preußens  Antrag  auf  ein  Bündniß  mit  Osterreich.  189

England  keine  Stütze  gefunden,  sich  jetzt,  um  nicht  völlig
vereinzelt  der  Gefahr  gegenüber  zu  stehen,  an  Osterreich  zu
wenden.  Wie,  wenn  Osterreich  die  von  den  Westmächten  angebotenen
  Conventionen  abschlösse  und  dann  die  andern  deutschen
Staaten  in  seine  Kriegspolitik  nachzöge?  Wir  sahen,  wie
man  im  Januar,  um  sich  überall  freie  Hand  zu  wahren,  ein
von  Osterreich  angebotenes  Neutralitätsbündniß  abgelehnt
hatte:  jetzt  entschloß  sich  der  König,  denselben  Antrag  seinerseits
  nach  Wien  gelangen  zu  lassen,  in  der  Hoffnung,  damit
im  Osten  den  Wiener  Hof  vom  Kriege  abzuhalten,  und  im
Westen  Sicherung  der  deutschen  Grenzen  gegen  Frankreich
zu  gewinnen.  Am  11.  März  schrieb  er  dem  Kaiser  Franz
Joseph,  indem  er  ihm  seinen  Brief  an  die  Königin  Victoria
mittheilte,  daß  er  diesen  Schritt  zwar  sehr  ostensibel,  aber  ohne
alle  vernünftige  Hoffnung  auf  Erfolg  gethan  habe.  Ew.  Majestät,
  erläuterte  er,  werden  verstehen,  wie  der  Brief  an  die
Königin,  ich  möchte  sagen,  mit  meinem  Gewissen  geschrieben
ist.  Er  soll  einst  Zeugniß  von  der  Wahrheit  ablegen,  daß
ich  den  Beruf  erkannt  habe,  den  die  göttliche  Vorsehung  auf
mich  gelegt  hat,  nämlich  der  Mann  und  Fürsprecher  des  Friedens
  zu  sein,  es  sei  Zeit  oder  Unzeit,  gutes  oder  schlechtes
Wetter.  Ich  muß  den  Leuten  die  Wahrheit  sagen,  die  Gefahren
  schildern,  die  Furchtbarkeit  der  Verantwortung  vormalen,
mag  das  Alles  Erfolg  haben  oder  keinen.  Ich  will  eben
meine  erkannte  Schuldigkeit  gethan  haben.  Gott  der  Herr
wird  es  lenken.  Am  Ende  des  Briefes  erkläre  ich  mein  Vorhaben
  der  absoluten  Neutralität,  und  meinen  festen  Entschluß,
mit  derselben  die  Unabhängigkeit  Preußens  gegen  jeden,  der
unsern  Zwingherrn  spielen  wollte,  zu  vertheidigen  mit  allen
Heereskräften,  über  die  ich  gebieten  kann.
        <pb n="200" />
        190  Neues  Bündniß  zwischen  Osterreich  und  Preußen.  1854

Er  gab  dann  der  Freude  über  eine  Nachricht  Ausdruck,
daß  Osterreich  jene  Convention  mit  den  Seemächten  nur  zu
Vieren,  d.  h.  nicht  ohne  Preußen  eingehen  wolle.  Vorausgesetzt,
  fuhr  er  fort,  daß  „dieser  Labetrunk“  keine  Täuschung
ist,  ersuche  ich  Ew.  Majestät,  uns  bald  Nachricht  von  dem
Begehren  zukommen  lassen  zu  wollen,  welche  Sie  ohne  Zweifel
an  diese  „gesegneten“  Entschlüsse  knüpfen  wollen.  Mir  scheint
ein,  in  rechter,  lebendiger  Vereinigung  Osterreichs  und  Preußens
zu  erlassender  Antrag  an  alle  teutschen  Staaten  dringend
nöthig,  und  augenblicklich  damit  an's  Werk  zu  gehen.  Die
Form  mögen  die  Diplomaten  bestimmen;  der  Kern  aber  muß
—  so  däucht  mir  —  eine  Offensiv=  und  Defensiv-Allianz  der
drei  großen  central-europäischen  Ländermassen  sein,  geschlossen
auf  die  Zeit  des  bevorstehenden  scheußlichen  Kriegs,  und  so
für  seine  ganze  Dauer  gegenseitige  integrale  Garantie  aller
unserer  Grenzen.

Er  schloß  mit  den  Worten:  unsere  Lage  ist  nicht  ohne
große  und  ernste  Gefahren,  aber  ich  habe  frischen  Muth  und
Gottvertrauen.  Ew.  Majestät  wird  das  mit  jugendlichem
Muthe  noch  viel  leichter  als  mir.  Ich  empfehle  mich  nun
von  ganzem  Herzen  und  von  ganzer  Seele  Ihrer  belebenden
Freundschaft  und  Güte.

In  Wien  fiel  der  Inhalt  dieses  Schreibens  mit  großem
Nachdruck  in's  Gewicht.  Auch  dort  sah  man  mit  schwerer
Besorgniß  nach  Paris  hinüber,  und  hatte  in  der  That,  wegen
der  italienischen  Verhältnisse,  viel  mehr  Grund  dazu  als
Preußen.  Dann  aber  hatte  der  Krieg  zwischen  Rußland  und
den  Westmächten  begonnen;  an  der  Donau  schickten  sich  die
Russen  zu  einer  verstärkten  Offensive  nach  Bulgarien  an;
die  Nothwendigkeit,  dies  zu  hindern  und  die  Fürstenthürme
        <pb n="201" />
        1854  Sendung  des  Generals  von  Heß  nach  Berlin.  191

zu  befreien,  erschien  dem  Grafen  Buol  immer  gebieterischer.
Wie,  wenn  Preußen  sich  bestimmen  ließe,  in  das  angebotene
Bündniß  die  Vollmacht  zu  einer  solchen  Action  für  Osterreich
aufzunehmen,  und  auch  in  diesem  Falle,  wenn  nicht  eigene
Theilnahme  am  Kampfe,  so  doch  wie  im  Mai  1851  die  Beschützung
  der  außerdeutschen  Lande  Osterreichs  zuzusagen?
Man  beschloß,  den  Versuch  sofort  zu  machen.  Der  Kaiser
beantwortete  den  Brief  seines  erlauchten  Oheims  mit  einem
ausführlichen  Schreiben,  worin  er  vor  Allem  seinen  heißen
Wunsch  auf  die  Erhaltung  des  Weltfriedens,  und  dann  die
Überzeugung  aussprach,  daß  es  dazu  kein  besseres  Mittel  als
die  vom  Könige  vorgeschlagene  Defensiv-Allianz  von  ganz
Mitteleuropa  gebe.  Er  werde  also  den  Feldzeugmeister  von
Heß  nach  Berlin  senden,  um  die  innersten  Gedanken  und
Absichten  Osterreichs  für  jede  denkbare  Eventualität  mit  voller
Offenheit  dem  Könige  darzulegen.

„Es  würde,  sagte  er  dann,  nach  dem  Abschlusse  des
Bündnisses  jeder  Contrahent  außerhalb  des  erwähnten  Vertragszweckes
  seine  Freiheit  der  Bewegung  behalten,  und  wenn
Osterreich  die  seinige  dazu  benutzen  wollte,  um  gewisse  türkische
  Provinzen  zu  besetzen,  so  würde  es,  falls  in  Folge
dessen  Rußland  einen  Angriff  auf  das  österreichische  Gebiet
richtete,  auf  den  vollen  Beistand  des  Bundes  zählen  können.
Es  scheint  mir  von  höchster  Wichtigkeit,  daß  wir  uns  über
die  Tragweite  dieses  Punktes  vollkommen  klar  werden.  Wenn
ich  gleich  fest  entschlossen  bin,  meine  bisher  behauptete,  freie
expectative  Stellung  einzuhalten,  und  mich  von  den  Westmächten
  aus  derselben  nicht  drängen  zu  lassen,  so  kann  ich
leider  die  gräßliche  Eventualität  nicht  ausschließen,  wo  ich
durch  rücksichtsloses  Vorgehen  Rußlands  gezwungen  würde,
        <pb n="202" />
        192  Neues  Bündniß  zwischen  sterreich  und  Preußen.  1854

zur  Wahrung  der  österreichischen  und  wohl  auch  deutschen
Interessen,  zur  Besetzung  der  Moldau  und  Walachei  zu
schreiten.  Dabei  denke  ich  weder  an  eine  förmliche  Kriegserklärung
  gegen  Rußland,  noch  an  einen  Angriff  gegen  russisches
  Gebiet.  Die  österreichischen  Bajonette  würden  dann
jedesfalls  am  Pruth  Halt  machen."“

Trotz  aller  Friedensliebe,  welche  einzelne  Sätze  dieses
Schreibens  athmeten,  war  doch  die  Verschiedenheit  des  Zweckes
augenfällig,  welchem  das  vorgeschlagene  Bündniß  nach  Wiener
oder  nach  Berliner  Ansicht  dienen  sollte.  Bismarck,  welcher
dieses  Mal  nicht  vorher  gehört  worden,  war  mit  dem  ganzen
Gedanken  unzufrieden.  Er  meinte,  als  er  davon  erfuhr,  man
hätte  den  Schritt  nicht  mit  Osterreich,  sondern  bei  den  übrigen
Bundesstaaten  gegen  Österreich  thun  sollen.  Was  könne
erfreulicher  für  Preußen  sein,  als  wenn  die  Coalition  von
Rußland,  Osterreich  und  den  Mittelstaaten,  welche  seit  1849
so  drückend  auf  Preußen  gelastet,  sich  hoffentlich  auf  immer
getrennt  hätte.  Andrerseits  war  General  Gerlach  jetzt  der
besten  Hoffnungen  voll,  wenn  er  auch  bei  Osterreichs  Thatenlust
  große  Vorsicht  in  der  Unterhandlung  für  nothwendig
hielt.  Daß  dazu  Grund  vorhanden  war,  zeigte  sich,  als  Heß
Ende  März  in  Berlin  anlangte  und  seine  Vorschläge  eröffnete.
Sie  gingen  sehr  einfach  auf  den  Abschluß  eines  Schutz=  und
Trutzbündnisses  zwischen  Osterreich,  Preußen  und  Deutschland
für  alle  Zeiten,  zur  Sicherung  ihrer  gesammten  Besitzungen,
von  welcher  Seite  her  auch  die  Gefahr  kommen  mochte.
OÖsterreich  habe  in  Ungarn  150000  Mann  aufgestellt,  werde
demnächst  weitere  100  000  aufstellen,  proponire,  daß  Preußen
jetzt  100000  und  weiterhin  noch  50000  aufstelle,  daß  die
andern  deutschen  Staaten  sogleich  die  Hälfte  ihrer  Bundes-
        <pb n="203" />
        1854  Verhandlung  des  Bündnisses.  193

contingente  mobil  machten,  und  versprächen,  die  andere  Hälfte
auf  Mahnung  der  beiden  Großmächte  folgen  zu  lassen.  Bald
nachher  fügte  der  General  noch  einen  weitern  Artikel  hinzu,
daß  die  Verbündeten  die  Kosten  der  Rüstung  und  Kriegführung
  solidarisch  tragen  würden.

An  dies  Alles  war  nun  preußischer  Seits  nicht  zu  denken.
Balan  redigirte  einen  Gegenentwurf,  in  welchem  das  Bündniß
auf  die  Daner  des  gegenwärtigen  Kriegs  beschränkt,  die
nähere  Bestimmung  seiner  Wirkungen,  sowie  der  Beginn  und
Umfang  der  Rüstungen  von  weitern  Vereinbarungen  abhängig
gemacht,  der  Kostenpunkt  mit  völligem  Stillschweigen  übergangen
  wurde.  Als  darauf  Heß  den  Entwurf  einer  gemeinsamen
  Depesche  nach  Petersburg  einbrachte,  worin  die  Räumung
  der  Fürstenthümcr  durch  die  Russen  unter  der  Drohung
bewaffnetes  Einschreitens  gefordert  wurde,  erklärten  sich  die
preußischen  Unterhändler  in  der  Sache  einverstanden,  forderten
aber  eine  jeden  herausfordernden  Charakter  vermeidende
Milderung  der  Form.

Gegenüber  dieser  preußischen  Behutsamkeit  war  man  in
Wien  bemüht,  die  Beziehungen  zu  den  Westmächten  lebendig
zu  erhalten  und  enger  zu  ziehen.  Am  9.  April  versammelte
Graf  Buol  wieder  einmal  die  Gesandten  der  vier  Großmächte
zur  Conferenz,  und  diese  verfaßte  ein  Protokoll,  daß  die
Mächte,  obwohl  zwei  derselben  jetzt  im  Kriege  mit  Rußland
stehenn,  doch  bei  den  früher  festgestellten  Grundsätzen  beharren,
der  Integrität  der  Türkei,  mithin  der  Räumung  der  Fürstenthümer
  durch  die  Russen,  der  Befestigung  der  Rechte  der
christlichen  Rajah  durch  freie  Entschließung  des  Sultans,  der
Aufnahme  der  Türkei  in  das  europäische  Staatenconcert:  in

keinem  Falle  werde  eine  der  Mächte  in  ein  diesen  Grundv.
  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  I.  13
        <pb n="204" />
        194  Neues  Bündniß  zwischen  Österreich  und  Preußen.  1804

sätzen  zuwiderlaufendes  Einvernehmen  treten,  ohne  vorherige
gemeinsame  Erwägung.  Als  dem  preußischen  Könige  dies
Protokoll  zur  Genehmigung  vorgelegt  wurde,  hatte  er  einige
Bedenken,  wollte  aber  schließlich  doch  nichts  zurücknehmen,
was  er  früher  erklärt  hatte,  und  unterzeichnete.

Unterdessen  verständigte  man  sich  in  Berlin  lüber  die
einzelnen  Bestimmungen  des  Bundesvertrags  im  Wesentlichen
auf  der  Grundlage  von  Balan's  Entwurf.  Für  die  Dauer
des  gegenwärtigen  Kriegs  würden  sich  die  beiden  Mächte
ihren  gesammten  Besitzstand  garantiren.  Sie  würden  sich
verpflichten,  die  Rechte  und  Interessen  Deutschlands  zu  schützen,
und  gegen  jeden  Angriff  auf  ihre  Gebiete  auch  in  dem  Falle
auftreten,  wenn  Eine  von  ihnen  im  Einverständniß  mit  der
Andern  zur  Wahrung  deutscher  Interessen  activ  vorzugehen
sich  veranlaßt  fände.  Die  Verständigung  über  den  Eintritt
dieses  Falls  sollte  den  Gegenstand  einer  besondern  Übereinkunft
  bilden.  Über  die  Bereitstellung  der  durch  dieses  Bündniß
erforderlichen  Kriegsmacht  würde  ebenfalls  eine  besondere  Festsetzung
  erfolgen.  Sämmtliche  deutsche  Bundesregierungen
sollten  zum  Eintritt  in  das  Bündniß  aufgefordert  werden.
Keine  der  beiden  Mächte  würde  während  der  Dauer  desselben
ein  Separatbündniß  mit  andern  Mächten  eingehen,  welches
mit  den  Grundlagen  des  gegenwärtigen  Vertrags  nicht  in
voller  Übereinstimmung  stände.  1

Wie  man  sieht,  hatte  Preußen  sich  gehütet,  wider
seinen  Willen  durch  einseitige  Schritte  Osterreichs  in  kriegerische
  Verwicklungen  hineingezogen  zu  werden.  Der  zweite
Artikel  sah  die  Möglichkeit  solcher  Schritte  voraus,  verpflichtete
  jedoch  in  diesem  Falle  Preußen  zum  Schutze  des
österreichischen  Gebietes  nur  dann,  wenn  Österreich  vorher
        <pb n="205" />
        1854  Weitere  Forderungen  Osterreichs.  195

Preußens  Zustimmung  zu  seinem  Unternehmen  erlangt  hätte.
Kaum  aber  hatte  man  sich  hierüber  geeinigt,  so  trat  noch  vor
der  Unterzeichnung  des  Vertrags  General  Heß  mit  der  Erklärung
  hervor,  daß  ein  solcher  Fall  bereits  vorliege,  daß
nämlich  Osterreich  im  deutschen  Interesse  und  auf  Grund  des
Protokolls  vom  9.  April  die  Räumung  der  Fürstenthümer
durch  Rußland  zu  fordern,  und  im  Nothfall  durch  Waffengewalt
  zu  erzwingen  gedenke  —  und  beantragte  demnach  für
dieses  Unternehmen  kraft  des  zweiten  Artikels  die  Sicherstellung
  seines  Gebietes  durch  Preußen.  Der  Antrag  konnte
an  sich  nach  allem  Vorausgegangenen  nicht  überraschen;  dennoch
  stutzte  der  König  über  die  so  schleunige  Einbringung
desselben,  besann  sich  über  die  möglichen  Folgen  und  berente
beinahe  die  Bestätigung  des  Wiener  Protokolls.  Indessen
wünschte  er  dringend  den  Abschluß  des  Vertrags,  und  dazu
kam  eben  jetzt  eine  scharfe  russische  Ablehnung  früherer  preu-Püischer
  Vermittlungsvorschläge,  welche  nach  Form  und  Inhalt
den  König  in  lebhaften  Unwillen  gegen  seinen  Schwager  versetzte.
  So  genehmigte  er  gemäß  dem  Antrage  des  Generals
Heß  einen  Zusatzartikel  zu  dem  Vertrage,  daß,  wenn  Rußland
auf  eine  österreichische,  von  Preußen  unterstützte  Aufforderung
die  Fürstenthümer  nicht  räume,  dann  die  von  Osterreich  zu
ergreifenden  Maaßregeln  unter  den  Schutz  des  zweiten
Artikels  fallen  würden.  Ein  offensives  beiderseitiges  Vorgehen
aber,  hieß  es  weiter,  würde  erst  durch  eine  Incorporation
der  Fürstenthümer  —  so  wie,  setzte  der  König  in  seinem
Arger  über  die  letzte  russische  Antwort  hinzu,  durch  einen
Angriff  oder  Übergang  des  Balkans  von  Seiten  Rußlands
bedingt.

Hienach  wurde  das  Bündniß  nebst  Zusatzartikel  am
13%
        <pb n="206" />
        196  Neues  Bündniß  zwischen  Österreich  und  Preußen.  1854

20.  April  unterzeichnet,  und  zugleich  eine  Militärconvention
verabredet,  durch  welche  Preußen  sich  verpflichtete,  unter  Umständen
  100000  Mann  binnen  36  Tagen  an  seiner  Ostgrenze
aufzustellen,  und  sein  Heer,  wenn  nöthig,  auf  200  O00  Mann
zu  verstärken;  es  wird,  hieß  es  dann,  sich  über  dies  Alles
mit  Osterreich  verständigen.  Die  Frage,  ob  und  wann  diese
Maaßregeln  nöthig  würden,  war  also  auch  hier  nicht  dem
freien  Ermessen  Osterreichs,  sondern  einem  Einvernehmen
beider  Verbündeten  vorbehalten.

In  der  That,  es  war  eine  Allianz  von  ganz  besonderer
Art,  herzliche  Einigkeit  unter  größter  Vorsicht,  brüderliches
Vertrauen  unter  allseitigen  Verwahrungen.  Wohl  sah  Preußen
die  Möglichkeit  eines  Bruches  mit  Rußland,  und  Österreich
freute  sich  der  Allianz  auch  im  Hinblick  auf  Italien  und
Frankreich.  Der  wesentliche  Zweck  des  Vertrags  aber  war
und  blieb  für  Osterreich  die  Deckung  seines  Gebietes  bei  seinem
Vorgehen  gegen  Rußland,  für  Preußen  aber  die  Sicherung
seiner  Neutralität  gegen  etwaige  Gelüste  Frankreichs  und  der
Revolution.  Im  Sinne  Osterreichs  machte  die  Allianz  Front
gegen  Osten,  in  Preußens  Meinung  gegen  Westen.  Wie
entschieden  in  dieser  Hinsicht  die  Intentionen  Friedrich  Wilhelm's
  waren,  wurde  der  Welt  offenbar  durch  die  Behandlung
der  bisher  einflußreichen  Vertreter  der  entgegenstehenden
Tendenz:  in  den  ersten  Tagen  des  Mai  wurde  Baron  Bunsen
aus  London  abberufen,  der  Kriegsminister  von  Bonin  plötzlich
entlassen,  und  der  Prinz  von  Preußen  von  allen  seinen  militärischen
  Ämtern  beurlaubt,  ja  wegen  seiner  bisherigen  Opposition
  mit  Festungshaft  bedroht.

Unterdessen  erging  aus  Wien  und  aus  Berlin  ein  Rundschreiben
  an  die  deutschen  Höfe,  mit  der  Nachricht  von  dem
        <pb n="207" />
        1854  Abschluß  des  Bündnisses.  197

Abschluß  des  Vertrags,  der  Anfrage  über  ihre  Bereitwilligkeit
  zum  Beitritt,  der  Absicht  des  betreffenden  Antrags  im
Bundestag.  Hier  aber  war  Osterreich  eine  höchst  unliebsame
Erfahrung  bestimmt.  Noch  schärfer  als  bei  dem  neulichen
Zollvereinskrieg  sollte  sich  dieses  Mal  herausstellen,  wie  sehr
die  deutschen  Interessen  von  jenen  der  österreichischen  Monarchie
verschieden,  mit  den  preußischen  aber  identisch  waren.  In
ruhigen  Tagen  mochte  das  Mißtrauen  der  Höfe  gegen  preußische
Unions=  oder  Annexionsgedanken  dies  Verhältniß  verdecken:
in  jeder  wahrhaft  ernsten  Lage  trat  die  Natur  der  Dinge
unwiderstehlich  an  das  Licht.

Wie  Preußen  hatten  die  Mittelstaaten  die  stärkste  Abneigung
  gegen  irgend  welche  Theilnahme  an  einer  kriegerischen
Politik.  Die  einzige  Ausnahme  davon  machte  der  niemals
rastende  Ehrgeiz  des  Herrn  von  Beust.  Er  hatte  die  Dienste
nicht  vergessen,  welche  Rußland  1850  dem  deutschen  Particularismus
  geleistet  hatte:  wir  müssen  Rußlands  Triumph
wünschen,  sagte  er,  wir  bedürfen  Rußlands  gegen  preußische
Eroberungsgelüste.  Seit  dem  Sommer  1853  bearbeitete  er
die  Regierungen,  die  sich  im  Zollstreit  gegen  Preußen  zur
Darmstädter  Coalition  zusammengeschlossen,  für  ein  engeres
Bündniß  der  Mittelstaaten,  welches  sich  dann  einer  österreichisch-preußischen
  Allianz  mit  Rußland  anschließen  sollte.
Aber  diese  kriegerischen  Pläne  fanden  gleich  bei  den  Freunden
in  München  und  Stuttgart  eine  entschiedene  Ablehnung.  Hier
wollte  man  nichts  als  Ruhe  und  Frieden,  und  in  der  orientalischen
  Frage  absolute  Neutralität.  Ganz  wie  das  Berliner
Cabinet  fanden  auch  sie,  daß  eine  Einmischung  in  die  türkischen
Händel  für  Deutschland  nur  schwere  Opfer  und  nicht  den
geringsten  Gewinn  in  Aussicht  stellte.  Demnach  traten  jetzt
        <pb n="208" />
        198  Neues  Bündniß  zwischen  Österreich  und  Preußen.  1854

die  Darmstädter  Coalirten  zu  neuen  Conferenzen  in  Bamberg
zusammen,  um  ihre  Bedenken  gegen  Osterreichs  thatlustige
Pläne  geltend  zu  machen.  Sie  gelangten  hier  am  25.  Mai
zu  einer  identischen  Note,  welche  in  den  üblichen  Wendungen
die  patriotische  Hochherzigkeit  der  beiden  Monarchen  und  das
von  ihnen  angestrebte  Zusammenfassen  aller  deutschen  Kräfte
pries.  Sie  würden  also  gern  für  den  Beitritt  zu  dem  Bündniß
stimmen,  hofften  aber,  daß  im  Sinne  echter  Neutralität  die
Absicht  dahin  ginge,  ebenso  wie  die  Russen,  auch  die  türkischen
und  allürten  Truppen  aus  den  Fürstenthümern  fern  zu  halten.
#uch  setzten  sie  voraus,  daß  bei  künftigen  Friedensconferenzen
der  deutsche  Bund  als  solcher  neben  Osterreich  und  Preußen
eine  besondere  Vertretung  erhalte,  während  der  Dauer  des
Kriegs  aber  Deutschland  eine  Betheiligung  daran  möglichst
vermeiden  würde.  Graf  Buol  war,  wie  man  sich  denken
ka.  u,  über  diese  Außerungen  ebenso  betroffen  wie  erzürnt.
Während  König  Friedrich  Wihelm  seinen  kaiserlichen  Neffen
eindringlich  ersuchte,  die  friedliche  Gesinnung  der  deutschen
Fürsten  gnädig  aufzunehmen,  die  nach  Petersburg  zu
richtende  Aufforderung  in  möglichst  mildem  Tone  zu  halten
und  die  Absendung  bis  zu  dem  Beitritt  des  deutschen  Bundes
aufzuschieben:  beschloß  Graf  Buol  gerade  umgekehrt,  den
Bamberger  Zumuthungen  eine  vollendete  Thatsache  entgegen
zu  stellen,  und  die  Aufforderung  sofort,  ohne  Berathung
ihrer  Form  mit  dem  Bunde  oder  mit  Preußen,  am  3.  Juni
nach  Petersburg  abgehen  zu  lassen.  Um  eine  preußische
Verstimmung  über  dieses  rasche  Vorgehen  zu  verhüten,  lud
Kaiser  Franz  Joseph,  welcher  damals  mit  seiner  eben
heimgeführten  jungen  Gemahlin  in  Prag  verweilte,  durch
ein  äußerst  herzliches  Schreiben  den  König  zu  einer  perfön-
        <pb n="209" />
        1854  Zusammenkunft  in  Tetschen.  190

lichen  Zusammenkunft  in  Tetschen  ein,  wohin  dann  auch
Buol  und  Manteuffel  beschieden  wurden.  Es  gelang  hier
dem  Kaiser,  seinen  Oheim,  welchem  die  Wünsche  der  Bamberger
  allerdings  richtig,  ihr  Auftreten  aber  doch  immer  als
etwas  Großmannssucht  kleiner  Leute  erschien,  für  den  Augenblick
im  österreichischen  Fahrwasser  festzuhalten.  Der  König  billigte
die  Form  der  österreichischen  Aufforderung;  eine  preußische
Depesche  zu  ihrer  Unterstützung  wurde  verabredet,  und  eine
gemeinsame  Antwort  an  die  Bamberger  festgestellt,  welche  im
Wesentlichen  darauf  hinauslief,  daß  man  ihren  Beitritt  zum
Bündniß  mit  Sicherheit  erwarte,  und  dann  ihre  Wünsche
erfüllen  werde,  so  weit  es  die  Umstände  gestatteten.  Im
Übrigen  machte  der  Kaiser,  der  kurz  vorher  eine  neue  Aushebung
  von  95000  Mann  angeordnet  hatte,  seinem  hohen
Verbündeten  kein  Hehl  daraus,  daß  eine  russische  Ablehnung
den  Krieg  zur  unmittelbaren  Folge  haben,  und  er  dann  auf
Preußens  Schutz  für  das  österreichische  Gebiet  rechnen  müsse.
Der  König  aber  hoffte,  von  Rußlands  Willfährigkeit  das
Beste  erwarten  zu  dürfen.
        <pb n="210" />
        1854

3.  Capitel.
Zerwürfnisse.

Nur  zu  bald  sollte  sich  zeigen,  auf  wie  unsicherem  Grunde
das  Bündniß  vom  20.  April  aufgerichtet  worden  war.

Zunächst  kam  Alles  auf  den  Entschluß  Rußlands  über
die  Räumung  der  Fürstenthümer  an,  und  dieser  schien  Anfangs
völlig  ungünstig  ausfallen  zu  sollen,  bald  aber  erwog  man
in  Petersburg  die  mißlichen  Folgen  eines  solchen  Verfahrens.
Der  Kaiser  war,  wie  der  preußische  Geschäftsträger  berichtete,
mit  Arbeit  überlastet,  dabei  fortdauernd  krank,  sorgenvoll,  abwechselnd
  auffahrend  und  unschlüssig.  Die  früher  gewohnte
Einheit  und  Folgerichtigkeit  verschwand  aus  der  Behandlung
der  Geschäfte;  der  Kaiser  faßte  heftige  Entschlüsse,  sah  dann
die  schweigende  Mißbilligung  des  Kanzlers  Grafen  Nesselrode,
und  ließ  geschehen,  daß  dieser  die  Ausführung  nach  eigenem
Sinne  regelte  und  mäßigte.  So  setzte  der  Graf  auch  jetzt
eine  halbwegs  eingehende  Antwort  auf  die  Wiener  Sommation
  durch.  Sie  erklärte,  29.  Juni,  die  russische  Bereitwilligkeit
  zur  Räumung  der  Fürstenthümer,  wenn  Osterreich
die  Gewähr  übernähme,  daß  dann  auch  die  Gegner  sich  jeder
weitern  Feindseligkeit  gegen  russisches  Gebiet  enthalten  würden;
        <pb n="211" />
        1854  Verhandlungen  über  die  Räumung  der  Donaufürstenthümer.  201

Rußland  sei  bei  einem  solchen  Waffenstillstand  zu  Friedens—
unterhandlungen  auf  Grundlage  des  Wiener  Protokolls  vom
9.  April  bereit.

Hier  waren  in  der  That  nicht  unerhebliche  Einräumungen
gemacht.  Allein  Graf  Buol  war  damit  nicht  zufrieden.  Bereits
  am  14.  Juni  hatte  er  (ohne  vorheriges  Einvernehmen
mit  Berlin)  einen  Vertrag  über  gemeinsame  Besetzung  der
Fürstenthümer  mit  der  Türkei  abgeschlossen,  und  schob  jetzt
stärkere  Truppenmassen  gegen  die  rumänischen  Grenzen  heran.
Am  9.  Juli  erklärte  er  der  russischen  Regierung,  er  werde
ihren  Wunsch  auf  Waffenstillstand  den  Westmächten  bestens
empfehlen,  könne  aber  keine  Garantie  für  ihren  Entschluß
übernehmen;  falle  dieser  jedoch  aus,  wie  er  wolle,  so  müsse
OÖsterreich  auf  der  Forderung  der  Räumung  der  Fürstenthümer
  in  kurzer  Frist  beharren.  Zugleich  drängte  er  bei
Preußen  auf  die  Mobilmachung  von  200000  Mann  und
der  Hälfte  der  Bundescontingente;  ja  er  meldete  bald  nachher,
zu  Preußens  großem  Befremden,  den  deutschen  Staaten  einen
demnächst  bevorstehenden  Mobilmachungs-Antrag  der  beiden
Großmächte  beim  Bundestag  an.  Genug,  jede  seiner  Handlungen
  bekundete  eine  kaum  noch  verhüllte  Kampflust.

Um  so  sicherer  aber  beharrte  Preußen,  gemäß  den
Interessen  seines  Landes,  in  seiner  friedfertigen  Haltung.
Der  Gegensatz  zwischen  seiner  und  der  österreichischen  Ansicht,
der  im  Aprilvertrage  ausgeglichen  schien,  trat  in  scharfer
Deutlichkeit  zu  Tage.  In  Berlin  erklärte  man  sich  von  der
russischen  Antwort  befriedigt;  die  russische  Forderung,  bei
Räumung  des  feindlichen  Gebietes  auch  das  eigene  von  feindlichen
  Angriffen  nicht  bedroht  zu  sehen,  sei  in  der  Billigkeit
begründet:  jedesfalls  sei  die  russische  Note  ganz  geeignet,  zum
        <pb n="212" />
        202  Zerwürfnisse.  1854

Ausgangspunkt  einer  allgemeinen  Friedensverhandlung  zu
dienen.  Also  kein  Gedanke  an  Mobilmachung;  das  Einzige,
wozu  der  König  sich  entschloß,  war  die  Erhöhung  des  Pferdestandes
  bei  der  Cavallerie  und  Artillerie  auf  die  Kriegsstärke.
Er  selbst  ließ  Depeschen  nach  Paris  und  London  abgehen,
welche  mit  der  Erklärung  schlossen,  cs  seijetzt  an  den  Seemächten,
zu  sagen,  welche  Kriegszwecke  sie  verfolgten,  und  welche  Bedingungen
  für  Stillstand  und  Frieden  sie  ihrerseits  stellen  würden.

In  denselben  Tagen  kam  dann  nach  Paris  und  London
auch  die  österreichische  Anfrage,  wie  die  Westmächte  den
russischen  Vorschlag  beurtheilten.  Die  Antwort  zeigte  sich,
wie  sie  Graf  Buol  erwartet  hatte.  Sobald  man  in  Paris
den  Inhalt  der  russischen  Note  vom  29.  Juni  erfahren  hatte,
war  die  Ansicht  der  Westmächte  entschieden,  daß  die  gebührende
Erwiderung  darauf  der  Abschluß  eines  Trutz=  und  Schutzbündnisses
  mit  dem  Wiener  Cabinet  und  folglich  der  Eintritt
OÖsterreichs  in  den  Krieg  gegen  Rußland  sei.  Der  Entwurf
zu  einem  solchen  Vertrage  wurde  in  Paris  ausgearbeitet  und
in  Wien  sehr  ernstlich  erwogen.  Da  geschah  aber  das  Unerwartete.
  Nachdem  Kaiser  Nikolaus  durch  die  letzte  Note
gezeigt  hatte,  daß  er  sich  von  Fremden  keine  Vorschriften
geben  lasse,  befahl  er  gleich  nachher  aus  allerhöchst  eigener
Erwägung  „nach  strategischen  Gründen“  den  Abzug  seiner
Truppen  aus  den  Fürstenthümern  hinter  den  Pruth,  und
nahm  damit  dem  Grafen  Buol  den  bisher  aufgestellten
Kriegsfall  aus  der  Hand.  Und  nun  kam  die  politische
Tendenz  der  deutschen  Mittel=  und  Kleinstaaten  auf  dem
Bundestag  in  vollem  Lichte  zur  Erscheinung.  Die  Mehrzahl
der  Regierungen  war  auch  nach  dem  Tetschener  Circular  ohne
jegliche  Begeisterung  für  den  beantragten  Beitritt  zum  April-
        <pb n="213" />
        1854  Einvernehmen  Osterreichs  mit  den  Westmächten.  203

bündniß  geblieben;  dann  kam  an  mehreren  Stellen  die  Mei—
nung  auf,  man  solle  beitreten,  um  Preußens  Widerstand
gegen  die  Pläne  des  Grafen  Buol  kräftigen  Rückhalt  geben
zu  können.  Dennoch  aber  bewegten  sich  die  vorbereitenden
Berathungen  der  betreffenden  Ausschüsse  im  Schneckenschritt
voran.  Erst  jetzt,  nachdem  durch  den  Abzug  der  Russen  der
bedenkliche  Zusatzartikel  des  Vertrags  gegenstandslos  ge—
worden,  wurde  am  21.  Juli  der  Beitritt  des  Bundes  beschlossen,
  wieder  mit  der  vorsichtigen  Clausel,  daß  die  Mittel
zur  Erreichung  des  Zweckes  weiterer  Berathung  vorbehalten
blieben.  Um  die  neue  Führerrolle  Preußens  nicht  gar  zu
offenkundig  hervortreten  zu  lassen,  hatte  Osterreich  überall
mit  der  Mehrheit  gestimmt.

Dies  Alles  wäre  geeignet  genug  gewesen,  den  Eifer  des
Grafen  Buol  einiger  Maaßen  zu  dämpfen.  Von  einem
förmlichen  Bündniß  mit  den  Scemächten  sah  er  denn  auch
für's  Erste  ab;  indessen  ging  die  Unterhandlung  weiter,
welche  Bedingungen  den  Russen  für  Stillstand  und  Friedensverhandlungen
  zu  stellen  wären.  In  der  Sache  war  man
auf  Grund  der  früheren  Wiener  Protokolle  sehr  bald  einig,
und  auch  damit  war  Graf  Buol  einverstanden,  daß  bei  der
Berathung  die  Seemächte  sich  jede  Betheiligung  des  in  so
lästiger  Weise  friedliebenden  Preußen  verbaten,  dafür  aber
Osterreich  in  einer,  fast  wie  ein  Bündniß  aussehenden  Form
auf  die  vereinbarten  Artikel  verpflichteten.  Durch  Austausch
gleichlautender  Noten  wurden  demnach  am  8.  August  folgende
Forderungen,  unter  Vorbehalt  weiterer  Begehren  je  nach  dem
Verlaufe  der  Kriegsereignisse,  beschlossen:

1.  Europäische  Garantie  für  die  Rechte  der  Donaufürstenthümer,

  anstatt  des  früheren  russischen  Protectorats;
        <pb n="214" />
        204  Zerwürfnisse.  1854

2.  freie  Schifffahrt  auf  der  Donau  bis  zum  Meer;

3.  Revision  des  Vertrags  von  1841  im  Interesse  des
europäischen  Gleichgewichts;

4.  Förderung  der  Rechte  der  türkischen  Christen  in  einer
mit  den  Souveränitätsrechten  des  Sultans  vereinbaren
  Weise.

Keiner  der  Contrahenten  würde  russische  Vorschläge,  die
nicht  eine  volle  Annahme  dieser  Principien  aussprächen,  in
Erwägung  ziehen.

Am  10.  August  sandte  darauf  Graf  Buol  dieses  Programm
  als  gemeinsame  Forderung  der  drei  Mächte  nach
Petersburg,  und  machte  zu  gleicher  Zeit  die  entsprechende
Mittheilung  nach  Berlin,  mit  einer  Einladung  zum  Anschluß
an  dieses  Friedenswerk.

Man  wird  leicht  den  Eindruck  ermessen,  welchen  eine
solche  Nachricht  bei  der  preußischen  Regierung  hervorrief.
Wieder  hatte  der  vertraute  Bundesgenosse  vom  20.  April,
auf  eigene  Hand  und  ohne  Benehmen  mit  Preußen,  einen
Schritt  gethan,  welcher  für  Osterreich  einen  neuen  Kriegsfall
gegen  Rußland  stellte,  und  dann  Preußen  und  Deutschland
in  die  Verwicklung  hinein  zu  ziehen  nur  zu  geeignet  war.
Der  Verdruß  darüber  wurde  durch  den  Umstand  gesteigert,
daß  die  Westmächte  gegen  Prcußen  ein  tiefes  Schweigen  über
die  Sache  beobachteten:  es  scheint,  sagte  Herr  von  Manteuffel,
man  will  uns  für  die  Abweichung  unserer  Ansichten  von  den
westmächtlichen  bestrafen.  Dazu  kam,  daß  man  in  den  vier
Punkten  sehr  geringen  Vortheil  für  die  deutschen  Interessen
erkannte.  Die  Freiheit  der  Donauschifffahrt  verhieß  einen
zur  Zeit  geringfügigen,  erst  in  weiter  Zukunft  vielleicht  bedeutenden
  Gewinn.  Die  Beseitigung  des  russischen  Protectorats
        <pb n="215" />
        1854  Die  vier  Punkte.  205

über  die  Donaufürstenthümer  war  recht  schön  und  gut,  aber
die  Ersetzung  desselben  durch  eine  europäische  Gesammt-Garantie
  konnte  unter  Umständen  sehr  lästige  Folgen  haben.
Der  dritte  und  vierte  Punkt  waren  für  Deuschland  schlechthin
  gleichgültig,  und  zudem  kam  hier  bei  ihrer  völligen  Unbestimmtheit
  Alles  erst  auf  ihre  nähere  Auslegung  an.  Trotz
alledem  beschloß  der  König  am  13.  August  dem  Zaren  die
Annahme  der  vier  Punkte  als  Ausgangspunkt  für  Waffenstillstand
  und  Friedensverhandluug  zu  empfehlen,  ließ  aber
in  Wien  hervorheben,  daß  er  sich  damit  im  Falle  der  Ablehnung
  zu  keiner  feindlichen  Maaßregel  gegen  Rußland  verpflichte.
  Während  dieses  Schriftwechsels  hatten  die  Russen
die  Walachei  vollständig  geräumt,  und  am  20.  August  rückten
Osterreicher  und  Türken  in  das  Land  ein.  Indessen  war
man  in  Wien  nicht  ohne  Sorge  über  die  Folgen.  So  beauftragte
  Graf  Buol  den  Bundestagsgesandten  Herrn  von
Prokesch,  zunächst  vertraulich  die  Gesinnung  der  deutschen
Höfe  dort  zu  sondiren,  und  dieser  stellte  darauf,  unmittelbar
vor  dem  Beginne  der  üblichen  Bundestagsferien,  in  einer
Ausschußsitzung  die  Frage,  ob  die  deutschen  Regierungen  geneigt
  seien,  die  österreichischen  Truppen  in  den  Donaufürstenthümern
  ebenso  wie  das  eigene  Ländergebiet  Osterreichs  unter
den  Schutz  des  Aprilbündnisses  zu  stellen,  und  ferner,  ob  die
Regierungen  nach  Osterreichs  Vorgang  sich  zu  bindender  Annahme
  und  Durchführung  der  vier  Punkte  verstehen  würden.
Die  übrigen  Mitglieder  des  Ausschusses  konnten  darauf  nur  zusagen,
  nach  den  Ferien  die  Antworten  ihrer  Höfe  zu  überbringen.

Anfang  September  erschien  dann  eine  russische  Note
vom  26.  August,  welche  die  unbedingte  Ablehnung  der  vier
Punkte  mit  der  Erklärung  aussprach,  Rußland  werde  fortan
        <pb n="216" />
        206  Zerwürfnisse.  1854

sich  auf  die  Vertheidigung  seines  Gebietes  beschränken  und
in  fester  Entschlossenheit  die  kommenden  Ereignisse  erwarten.
Der  preußische  König  war  damals  in  Putbus  auf  der  Insel
Rügen,  umgeben  von  Bismarck,  Alvensleben  und  dem  Obersten
Manteuffel.  Auch  der  Ministerpräsident  wurde  jetzt  dorthin
berufen,  und  am  3.  September  zur  Abweisung  der  von  Prokesch
gestellten  Fragen  ein  Rundschreiben  an  die  deutschen  Höfe
erlassen,  des  Inhalts,  daß  nach  der  russischen  Erklärung,  auf
der  Defensive  bleiben  zu  wollen,  eine  Gefahr  für  die  österreichischen
  Truppen  in  den  Fürstenthümern  nicht  vorhanden,
also  eine  Ausdehnung  des  Aprilbündnisses  zu  deren  Schutze
nicht  nöthig  sei;  die  vier  Punkte  unterlägen  mehrfachen  Bedenken,
  und  vollends  jetzt,  nach  der  russischen  Ablehnung,
könne  der  König  seinen  Verbündeten  nicht  empfehlen,  sie  sich
in  einer  Weise  anzueignen,  daß  dadurch  Lasten  und  Verbindlichkeiten
  entstehen  könnten;  es  sei  zu  hoffen,  daß  auch  Osterreich
  sich  von  jedem  aggressiven  Vorgehen  fern  halten,  und
damit  neue  Verwicklungen  verhüten  werde.  Hiemit  war  bei
den  bekannten  Ansichten  der  Mittelstaaten  für  Österreich  jede
Hoffnung  auf  kriegerische  Entschlüsse  des  Bundestags  zerronnen,
  es  wäre  denn,  daß  sich  Friedrich  Wilhelm  zu  einem
Wechsel  seiner  Stellung  noch  in  der  letzten  Stunde  bestimmen
ließe.  Für  jetzt  beschloß  also  Graf  Buol,  sich  ruhig  zu
verhalten,  zumal  am  5.  September  die  bisher  in  Varna  versammelten
  englisch-französischen  Landtruppen,  50000  Mann,
nebst  einem  Theile  des  türkischen  Heers  sich  nach  der  Krim
zur  Belagerung  des  großen  Kriegshafens  Sebastopol  einschifften,
  an  der  Donau  also  und  den  Karpathen  Österreich
bei  einer  Offensive  gegen  die  Russen  auch  von  dieser  Seite
keine  Unterstützung  erhalten  konnte.
        <pb n="217" />
        1854  Preußens  friedliche,  Napoleons  drohende  Haltung.  207

Die  Westmächte  waren  über  diesen  Verlauf  der  Dinge
in  hohem  Grade  erbittert.  Nach  früheren  Äußerungen  Buol's
hatten  sie  bei  einer  russischen  Ablehnung  der  vier  Punkte
wenigstens  auf  Abberufung  des  österreichischen  Gesandten  aus
Petersburg,  also  auf  diplomatischen  Bruch  gerechnet,  welchem
dann  der  militärische  bald  gefolgt  wäre.  Aber  nichts  der
Art  geschah,  und  Rußland  mochte  gelassenes  Muthes  große
Massen  seiner  Streitkräfte  auf  die  kecken  Angreifer  Sebastopols
werfen.  Osterreich  schob  die  Schuld  auf  Preußen,  erzielte
aber  damit  in  Paris  und  London  nur  einen  halben  Erfolg.
Wohl  blieben  die  beiden  Höfe  in  ihrer  zornigen  Stimmung
gegen  das  Berliner  Cabinct,  aber  sie  fanden,  daß  dieses  allerdings
  mehr  Grund  als  Osterreich  zur  Russenfreundschaft  habe,
und  stets  bei  der  einmal  bekannten  Farbe  geblieben  sei,  während
Osterreich  immer  mit  dem  Säbel  rassele,  im  entscheidenden
Augenblicke  ihn  aber  nicht  ziehe.  So  ergossen  sie  die  Schalen
ihres  Verdrusses  gleichmäßig  über  beide  deutsche  Mächte.
Napoleon,  welcher  damals  einen  Besuch  des  Prinzen  Albert
empfing,  sagte  in  vertraulichem  Gespräche  seinem  Gaste,  er
müsse  natürlich  seine  Politik  dem  Gange  der  Ereignisse  anpassen,
  der  innerste  Wunsch  aber  seines  Herzens  sei  und  bleibe
die  Befreiung  Polens  von  dem  russischen,  und  Italiens  von
dem  österreichischen  Joche,  ein  Wunsch  also,  welcher  sein  damaliges
  Streben,  Österreich  zum  Kriege  gegen  Rußland  anzutreiben,
  in  ein  eigenthümliches  Licht  setzte.  Seine  Gesandten
an  den  deutschen  Höfen  äußerten  mit  bedenklichen  Mienen,
wenn  durch  Deutschlands  Verhalten  Rußland  nicht  vor
Jahresschluß  zum  Frieden  gezwungen  würde,  müsse  man  im
Frühling  revolutionäre  Kräfte  zu  Hülfe  rufen.  Dem  entsprach
ein  an  verschiedenen  Stellen  auftretendes  Gerücht,  daß  Frank-
        <pb n="218" />
        208  Zerwürfnisse.  1854

reich  im  stillen  Einverständniß  mit  Osterreich  Truppen  an
seiner  Ostgrenze  sammle,  um  dieselben  durch  Süddeutschland
nach  Polen  zum  Angriff  auf  Rußlands  verwundbarste  Stelle
ziehen  zu  lassen.  Die  englischen  Zeitungen  erläuterten,  wenn
die  schläfrigen  Deutschen  nicht  bald  freiwillig  ihre  Pflichten
gegen  Europa  erfüllten,  werde  man  sie  mit  Schimpf  und
Schande  auf  den  Kampfplatz  schleppen,  und  gleichartige  Dinge
ließ  die  englische  Diplomatie  vernehmen,  so  daß  der  Minister
von  Manteuffel  an  die  Möglichkeit  einer  Blockade  der  preußhischen
  Küsten  durch  die  verbündete  Ostseeflotte  zu  glauben
begann.  Bismarck  lachte  darüber.  An  eine  Blockade,  schricb
er,  welche  dem  englischen  Handel  größern  Schaden  als  uns
zufügen  würde,  glaube  ich  nicht,  bis  ich  sie  sehe,  und  was
den  Durchmarsch  einer  französischen  Armee  betrifft,  so  wäre
dagegen  das  einfache  und  durchschlagende  Mittel  die  Mobilmachung
  von  zwei  preußischen  und  zwei  süddeutschen  Armeecorps;
  wenn  wir  uns  absolut  furchtlos  zeigen,  so  wird  man
Respect  vor  uns  haben.  Indessen  wurde  der  König  von  sehr
ernsten,  ebenfalls  halb  drohenden  Briefen  des  Prinzen  Albert
heimgesucht,  und  durch  deren  Inhalt  zu  einem  Versuche  bestimmt,
  nicht  durch  Mobilmachung,  sondern  durch  Freundlichkeit
  den  Sturm  zu  beschwichtigen.  Er  sandte  deshalb  einen
seiner  Generaladjutanten,  den  alten  General  von  Wedell,  ohne
bestimmte  Aufträge,  aber  mit  einem  schönen,  von  Neigung  und
Hochachtung  überfließenden  Briefe  an  Napoleon  nach  Paris.
Die  Wirkung  dieses  Schrittes  aber  war  keine  glückliche.
Napolcon,  voll  von  Dank  für  die  gütige  Gesinnung,  ließ
jedoch  durch  Drouyn  de  Lhuys  den  preußischen  Gesandten
Grafen  Hatzfeldt  fragen,  ob  es  sich  nur  um  das  persönliche
Verhältniß  von  Souverän  zu  Souverän,  oder  um  ein  Bündniß
        <pb n="219" />
        1854  Österreich  drängt  den  Bundestag  zum  Beitritt.  209

der  beiden  Regierungen  zu  gemeinschaftlichem  Wirken  handle.
Graf  Hatzfeld  glaubte  darauf  nur  erwidern  zu  können,  die
Meinung  gehe  schwerlich  dahin,  daß,  wenn  die  eine  Regierung
einen  Krieg  führe,  dann  auch  die  andere  sofort  auf  den  gemeinsamen
  Gegner  losschlage.  Während  hienach  Wedell's
Sendung  in  Paris  erfolglos  blieb,  rief  sie  in  Deutschland
überall  den  Eindruck  hervor,  daß  Preußen  zu  schwanken  beginne,
  und  auch  dieses  Mal  Ssterreich  sich  als  die  stärkere
unter  den  Bundesmächten  bewähre.

So  lagen  die  Dinge,  als  am  28.  September  in  Wien
eine  Depesche  aus  Bukarest  einlief,  ein  Tartar  habe  dorthin
die  Nachricht  gebracht,  daß  nach  einer  großen  Niederlage  der
Russen  Sebastopol  in  die  Hände  der  Verbündeten  gefallen  sei.
Graf  Buol  jubelte,  sandte  zwei  Mal  einen  feurigen  Glückwunsch
  an  Napolon,  und  beschloß,  unter  dem  ganz  Europa
berauschenden  Eindruck  dieser  Siegeskunde,  den  Widerstand
Preußens  und  der  Mittelstaaten  gegen  seine  Anträge  über
den  Haufen  zu  rennen.  Am  30.  September  erklärte  er  nach
Berlin,  Österreich  müsse  jetzt  auch  ohne  Preußens  Unterstützung
  in  Frankfurt  vorgehen,  und  meldete  am  1.  October
den  übrigen  deutschen  Höfen,  daß  Osterreich  am  Bundestage
jetzt  den  bestimmten  Anspruch  erhebe  auf  den  Schutz  der
österreichischen  Truppen  in  den  Fürstenthümern  und  auf  entschiedene
  Aneignung  der  vier  Punkte.  Buol's  Berechnung
erwies  sich  als  nicht  unbegründet;  Mittel=  und  Kleinstaaten
in  ihrer  großen  Mehrzahl  waren  völlig  eingeschüchtert  und
betheuerten  dem  kaiserlichen  Gesandten  ihre  allerbeste  Gesinnung.
  Preußen  erließ  zwar  am  13.  October  ein  warnendes
Rundschreiben  an  sie  Alle,  sich  nicht  zu  einem  Versprechen

verlocken  zu  lassen,  nach  dessen  Ertheilung  eine  elende  Rauferei
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  14
        <pb n="220" />
        210  Zerwürfnisse.  1854

zwischen  Türken  und  Russen  am  Pruth  zunächst  die  Osterreicher
  und  damit  ganz  Deutschland  in  den  Krieg  hineinziehen
könnte.  Indessen  verminderte  sich  diese  Kriegsgefahr  thatsächlich
  mit  jedem  Tage,  da  die  Tartarenpost  sich  sehr  bald  als
eine  freche  Ente  herausstellte,  vielmehr  Sebastopol  mit  heldenmüthiger
  Ausdauer  Widerstand  leistete;  so  sammelten  sich  die
Kräfte  beider  Parteien  mehr  und  mehr  um  diesen  Punkt,  und
von  Kämpfen  am  Pruth  war  keine  Rede.  Demnach  wiederholte
Rußland  in  Berlin  seine  Außerung,  sich  auf  die  Defensive
zu  beschränken,  ja  ließ  sogar  die  Neigung  erkennen,  unter
gewissen  Voraussetzungen  die  vier  Punkte  anzunehmen.  Auch
von  Wien  kamen  mildere  Erklärungen.  Freilich  sei  man  verpflichtet,
  die  Annahme  der  vier  Punkte  im  Nothfalle  mit  den
Waffen  zu  erzwingen,  sei  im  Ubrigen  aber  fern  von  jeder
Angriffslust,  und  werde  keine  Abreden  über  den  Kriegsfall
mit  andern  Mächten  ohne  vorherige  Mittheilung  an  Preußen
und  Deutschland  eingehen  (9.  November).

Mehrmals  erkundigte  sich  darauf  Herr  von  Manteuffel
in  den  folgenden  Wochen  bei  Graf  Buol  über  dessen  Beziechungen
  zu  den  Westmächten  und  erhielt  lediglich  die  Auskunft,
  daß  man  die  nähere  Anwendung  und  Auslegung  der
vier  Punkte  erwäge.  Unter  diesen  Umständen,  wo  sich  Alles
zum  Frieden  zu  neigen  schien,  däuchte  es  dem  Berliner  Hofe
ungefährlich,  den  Wünschen  Osterreichs  einen  Schritt  entgegen
zu  thun;  am  26.  November  vereinbarte  man  demnach  in  Wien
einen  Zusatzartikel  zum  Aprilbündniß,  welcher  sogleich  dann
auch  dem  Bundestage  zum  Beitritt  vorgelegt  wurde.  Darin
erstreckte  Preußen  den  im  April  zugesagten  Schutz  des  österreichischen
  Gebietes  auch  auf  die  österreichischen  Truppen  in  den
Fürstenthümern,  und  beide  Mächte  erklärten,  gemeinschaftlich
        <pb n="221" />
        1851  Ssterreichs  Antrag  auf  Allianz  mit  den  Westmächten.  211

für  die  Annahme  der  vier  Punkte  durch  Rußland  wirken
zu  wollen.  Eine  Zusage  kriegerischer  Mittel  aber  im  Falle
der  Ablehnung,  oder  bewaffneter  Hülfe  bei  einer  österreichischen
  Offensive,  war  wie  früher  streng  vermieden.  Auch  schien
sie  sofort  überflüssig,  denn  schon  am  28.  November  meldete
der  Gesandte  Fürst  Gortschakoff  dem  Grafen  Buol,  daß  Kaiser
Nikolaus  die  vier  Punkte  in  ihrer  wörtlichen  Fassung  genehmige.
Man  konnte  annehmen,  daß  damit  der  Weg  zu  einer  erfolgreichen
  Friedensverhandlung  eröffnet  sei.

Nochmals  aber  stand  der  preußischen  Regierung  eine
Überraschung,  und  zwar  eine  stärkere  als  jemals  früher,  durch
ihren  „intimen  Alliirten“  vom  20.  April  bevor.

Es  war  nicht  die  vollständige  Wahrheit  gewesen,  wenn
Graf  Buol  gesagt  hatte,  daß  er  mit  den  Westmächten  nur
über  die  Auslegung  der  vier  Punkte  verhandle.  Ganz  andere
Dinge  von  größter  Erheblichkeit  hatte  er  in  den  letzten  Wochen
betrieben.  Wie  es  scheint,  war  er  des  langen  Hinzögerns  der
Entscheidung  müde;  bei  der  Erschöpfung  der  Finanzen  mußte
die  Armee  entweder  auf  den  Friedensfuß  zurückkommen  oder
losschlagen;  zum  Schlagen  aber  begehrte  man  gesicherten
Beistand,  welchen  Deutschland  nicht  leisten  wollte.  So  ging
er  die  Westmächte  um  den  Abschluß  eines  engern  Allianz-Vertrages
  an!).  Sowohl  in  London  wie  in  Paris  kam  man
diesem  Wunsche  bereitwillig  entgegen,  zumal  der  zähe  Widerstand
  Sebastopol's  es  auch  hier  zu  einer  Lebensfrage  machte,
durch  eine  drohende  Haltung  Osterreichs  den  Russen  die  Ansammlung
  einer  erdrückenden  Übermacht  in  der  Krim  zu  erschweren.
  Graf  Buol  erklärte  sich  demnach  bereit,  am  Kriege
Theil  zu  nehmen,  wenn  Rußland  die  auf  Grund  der  vier

1)  Rede  Lord  Clarendon's  im  Oberhause  am  26.  Juni  1855.
14"
        <pb n="222" />
        212  Zerwürfnisse.  1854

Punkte  zu  stellenden  Forderungen  verwerfe;  die  Westmächte
wollten  sich  Anfangs  auf  die  vier  Punkte  überhaupt  nicht
mehr  beschränken,  begnügten  sich  dann  aber  mit  dem  schon
am  8.  August  gemachten  Vorbehalt,  je  nach  dem  Laufe  der
Kriegsereignisse  neue  Bedingungen  hinzuzufügen.  Graf  Buol
schlug  dann  weiter  vor,  sobald  es  zum  Kriege  zwischen  Osterreich
  und  Rußland  käme,  sollte  ein  Schutz=  und  Trutzbündniß
der  drei  Mächte  in  Kraft  treten,  welches  Osterreich  den  Beistand
  der  Land=  und  Seemacht  der  Verbündeten  zusichere.
Endlich  begehrte  er  die  Bestimmung  eines  festen  Termins,
an  welchem  die  Action  dieses  Bündnisses  beginnen  würde,
falls  dann  der  allgemeine  Friede  noch  nicht  gesichert  sei,  und
schlug  dafür  den  letzten  Tag  des  laufenden  Jahres  vor.  Die
Vertreter  der  Westmächte  konnten  zu  dem  Allem  ihre  Zustimmung
  geben,  und  um  die  Mitte  des  November  waren  die
Diplomaten  einig.  Kaiser  Franz  Joseph  hatte  bis  dahin
keinen  Einspruch  erhoben.  Als  ihm  jetzt  aber  Graf  Buol
das  fertige  Werk  vorlegte,  wandte  er  sich  ab.  Sein  persönliches
  Gefühl  für  den  Kaiser  Nikolaus  sträubte  sich  gegen
einen  Schritt,  welcher  den  Kampf  gegen  den  früher  so  hoch
verehrten  Herrscher  nach  menschlichem  Ermessen  unvermeidlich
machte.  Allein  Graf  Buol,  heißt  es,  erklärte  ihm,  wie  die
Interessen  seines  Reiches  zu  dem  Entschlusse  drängten,  wie
bei  der  Lage  der  Dinge  nur  noch  zwischen  dem  Bruche  mit
den  Westmächten  und  dem  Bruche  mit  Rußland  zu  wählen  sei.
wie  er  also,  wenn  der  Kaiser  in  seiner  abwartenden  Haltung
verharre,  um  seine  Entlassung  bitten  müßte1l).  Der  Kaiser,
wenn  auch  schmerzlich  bewegt,  gab  darauf  seine  Genehmigung.

1)  Augsburger  Allgemeine  Zeitung,  14.  December.  Harcourt,  les
duatre  ministeres  de  Mr.  Drouyn  de  Lhuys,  p.  76,  88.
        <pb n="223" />
        1854  Abschluß  der  Allianz.  213

Bis  dahin  hatte  man  von  alll'  diesen  Vorgängen  in
Berlin  keine  Ahnung.  Jetzt  erinnerte  Graf  Buol  sich  seines
Versprechens  vom  9.  November,  und  gedachte  es  —  denn
noch  war  ja  der  neue  Bundesvertrag  nicht  in  amtlicher  Form
gezeichnet  und  untersiegelt  —  durch  eine  Mittheilung  an
Herrn  von  Manteuffel  buchstäblich  zu  erfüllen.  Es  erschien
also  am  1.  December  der  Gesandte  Graf  Esterhazy  bei  dem
preußischen  Minister,  um  ihm  eine  Depesche  vom  28.  Nozember
  vorzulesen  (jedoch  nicht  einzuhändigen),  worin  Graf
Buol  ihm  mittheilte,  die  Westmächte  hätten  schlechterdings
noch  weitere  und  stärkere  Forderungen  als  die  der  vier  Punkte
aufstellen  wollen;  Osterreich  habe  dies  mißbilligt,  bald  aber
sich  überzeugen  müssen,  daß  sein  Widerspruch  nur  dann  wirksam
  sein  würde,  wenn  es  mit  jenen  in  eine  nähere  Verbindung
trete.  Dies  hätte  dann  die  Übernahme  fester  gegenseitiger
Verpflichtungen  erheischt.  Die  darüber  gepflogenen  Verhandlungen
  hätten  als  Ergebniß  einen  Bundesvertrag  gehabt,
der  zwar  noch  nicht  formulirt  und  unterzeichnet,  aber  im
Wesentlichen  doch  vereinbart  sei.  Es  folgte  dann  die  Angabe
der  oben  erwähnten  Abreden,  mit  der  Bemerkung,  daß  Osterreich
  den  Beitritt  zu  diesem  Vertrage  Preußen  offen  halten
werde.

Bereits  am  folgenden  Tage,  dem  2.  December,  telegraphirte
aus  Wien  der  Gesandte,  Graf  Arnim,  daß  der  Bundesvertrag
definitiv  abgeschlossen  sei.

Die  Wirkung  des  Ereignisses  war  heftige  Aufregung
nach  allen  Seiten.  Zunächst  erfuhr  Rußland  die  Richtigkeit
des  einst  vom  Fürsten  Schwarzenberg  gesprochenen  Wortes,
Osterreich  werde  die  Welt  durch  seine  Undankbarkeit  in  Erstaunen
  setzen.  Fürst  Gortschakoff  war  wie  vom  Donner
        <pb n="224" />
        214  Zerwürfnisse.  1854

gerührt,  als  Graf  Buol  ihm  in  kurzen  Worten  den  Inhalt
des  Vertrags  mittheilte,  wollte  zuerst  seine  Pässe  fordern,
klagte,  daß  man  ihn  betrogen,  daß  man  die  russische  Ge—
nehmigung  der  vier  Punkte  freundlichst  vor  drei  Tagen  an—
genommen  und  gleich  nachher  ein  Kriegsbündniß  gegen  Rußland
  abgeschlossen  habe.  Er  erklärte  endlich,  daß  er  vor
neuen  Weisungen  aus  Petersburg  nichts  erwidern  könne,  und
verließ  den  Minister,  mit  bleibendem  Hasse  erfüllt,  nicht  gegen
die  in  offenem  Kriege  stehenden  Westmächte,  sondern  gegen
das  treulose  Osterreich.  Ebenfalls  außer  sich,  im  Angesichte
der  jetzt  so  nahe  herandrohenden  Kriegsgefahr,  waren  in  Wien
die  Gesandten  der  deutschen  Mittel-  und  Kleinstaaten,  und
bald  auch  diese  Höfe  selbst.  so  daß  einen  Augenblick  sogar  die
Verwerfung  des  neuen  Zusatzartikels  vom  26.  November
durch  den  Bundestag  möglich  erschien.  Indessen  überwog
in  Berlin  doch  die  Meinung,  daß  die  Ankündigung  einer  so
offenbaren  Gegnerschaft  für  jetzt  noch  nicht  rathsam  sei,  und
so  vollzog  am  9.  December  der  Bundestag  seinen  Beitritt,
allerdings  in  einer  jede  Verpflichtung  zur  Offensive  gegen
Rußland  ausschließenden  Form,  und  gab  seiner  Militär-Commission
  die  Weisung,  die  für  Deutschlands  Sicherheit
nöthigen  Vorkehrungen  zu  beantragen.  In  Berlin  war,  wie
man  sich  denken  kann,  nur  Eine  Stimme  über  die  Hinterhaltigkeit
der  Wiener  Politik  und  die  Unzuverlässigkeit  eines  solchen
Bundesgenossen.  Der  König,  innerlich  schwer  gekränkt,  erklärte
  zunächst  mit  äußerer  Ruhe,  daß  er  cinfach  bei  seinen  Zusagen
  vom  20.  April  beharre.  Aber  sein  stets  in  Schwingungen
begriffener  Sinn,  seine  überall  her  gleich  stark  erregte  Phantasie
bewegten  sich  wieder  in  verschiedenen  Richtungen.  Gewiß,  er
wollte  mit  Osterreich  nichts  mehr  zu  schaffen  haben.  Aber
        <pb n="225" />
        1854  Sendung  des  Grafen  Usedom  nach  London.  215

dessen  neues  Bündniß  machte  ihm  doch  auch  die  alte  Sorge
vor  der  feindseligen  Gesinnung  der  Westmächte  doppelt  drückend.
Bereits  verlautete,  daß  zu  den  Conferenzen  über  den  defini—
tiven  Frieden  Preußen  nur  dann  zugelassen  werden  sollte,
wenn  es  der  neuen  Triple-Allianz  beiträte.  Dem  Könige
aber  erschien  eine  solche  Ausschließung  ebenso  ehrenrührig,
wie  nach  Österreichs  Benehmen  der  Beitritt  zum  Bündniß.
Er  sann  und  sann,  wie  er  Beides  vermeide,  und  kam  auf  den
Gedanken,  zwar  den  Wiener  Vertrag  seinerseits  abzulehnen,
dafür  aber  den  Westmächten  ein  besonderes  preußisches  Bündniß
anzubieten,  ähnliches  Inhalts  wie  die  Acte  vom  2.  December,
und  weiter  zu  versprechen,  falls  der  Friede  nicht  zu  Stande
komme,  ein  Heer  an  seiner  Ostgrenze,  Front  gegen  Rußland,
aufzustellen,  dies  Alles  jedoch  unter  zwei  Bedingungen,  einmal
der  Garantie,  daß  das  Königreich  Polen  nicht  durch  eine
Revolution  wieder  hergestellt  werde  (denn  der  militärische
Zweck  einer  Insurgirung  von  Russisch-Polen,  die  Lahmlegung
der  russischen  Streitkräfte  daselbst,  werde  schon  durch  jene
Aufstellung  preußischer  Heertheile  erreicht),  sodann  einer  Garantie
  gegen  die  Zumuthung  fremder  Truppendurchmärsche
durch  preußisches  oder  deutsches  Gebiet.  Zunächst  nach  London
wollte  er  diese  Vorschläge  senden,  und  ersah  sich  dazu  einen
Diplomaten  liberaler  Farbe,  den  Grafen  Usedom.  Ihn  und
seine  Aufträge  empfahl  er  durch  ein  eigenhändiges  Schreiben
vom  14.  December  der  Königin  Victoria:  er  ist,  sagte  er,
der  Träger  wichtiger  Angelegenheiten,  die  ich  in  Ihre  Hände
vertrauensvoll  niederlege;  als  Weltmacht  sowohl,  wie  als  erste
protestantische  Macht  darf  Großbritannien  Preußen  nicht
dem  Schicksal  überlassen,  welches  ihm  zugedacht  ist;  Usedom's
Mission  ist  lediglich  ein  vertraulicher'  Schritt  gegenüber
        <pb n="226" />
        216  Zerwürfnisse.  1854

Ew.  Majestät;  Sie,  gnädigste  Königin,  werden  alsdann  bestimmen,
  ob  er  Rücksprache  mit  Ihren  Ministern  nehmen  soll;
die  arrière-pense  einer  Trennung  Englands  von  Frankreich
ist  mir  und  meiner  Regierung  dabei  völlig  fremd.

Diese  Botschaft  hatte  keine  andere  Wirkung  als  die
frühere  Sendung  des  Grafen  Pourtales.  Die  Königin  eröffnete
  keine  amtliche  Verhandlung  darüber,  und  als  später
etwas  von  dem  Inhalt  in  Paris  bekannt  wurde,  erörterte
der  Minister  Drouyn  de  Lhuys  in  scharfem  Tone,  daß  dies
Alles  auf  die  Verhinderung  eines  französischen  Einbruchs  in
Polen,  also  auf  die  Deckung  der  verwundbarsten  Seite  Rußlands
  hinauslaufe;  es  scheine,  als  habe  Usedom  mehrere
Bündniß-Entwürfe  in  seinem  Koffer  gehabt,  und  aus  Versehen
  den  nach  Petersburg  bestimmten  in  London  mitgetheilt.
Es  war  also  vollständig  eingetroffen,  was  Bismarck  am
19.  December  an  Baron  Manteuffel  geschrieben:  ich  glaube
doch,  daß  eine  einseitige  Verhandlung  mit  England  unsere
Beziehungen  zu  den  Westmächten  eher  schlechter  als  besser
macht;  England  läßt  uns  ablaufen,  und  wir  geben  ohne
Noth  ein  Zeichen,  daß  wir  uns  in  unserer  Haut  unbehaglich
fühlen.

Einfacher  und  praktischer  als  dieses  Intermezzo  war  das
Verhalten  der  preußischen  Regierung,  als  ihr  am  16.  December
die  Gesandten  der  drei  Mächte  amtlich  die  Urkunde  ihres
Bündnisses  vorlegten  und  um  eine  Erklärung  über  Preußens
Beitritt  ersuchten.  In  seiner  Antwort  vom  19.  December
führte  der  Minister  von  Manteuffel  aus,  wie  viel  des  Guten
Preußen  in  der  orientalischen  Frage  schon  gethan;  die  Westmächte
  hätten  mit  den  Waffen,  Preußen  aber  auf  diplomatischem
  Wege  gewirkt,  und  damit  nicht  wenig  zu  den  bisher
        <pb n="227" />
        1854  Fruchtlose  Verhandlung  zwischen  den  Verbündeten  und  Preußen.  217

erreichten  Erfolgen  beigetragen.  Unter  der  Anwendung  ver—
schiedener  Mittel  habe  man  stets  dasselbe  Ziel  verfolgt.  Jetzt
aber  solle  Preußen  in  den  Krieg  gegen  Rußland  eintreten,
wenn  dieses  nicht  vor  dem  Jahresschluß  die  Friedensbedin—
gungen  der  Verbündeten  annähme.  Da  liege  es  in  der  Natur
der  Sache,  daß  man  Preußen  vor  Allem  mit  diesen  Friedensbedingungen
  bekannt  mache,  denn  unmöglich  könne  es  sich
zu  einem  großen  Kriege  für  die  Durchsetzung  unbekannter
Forderungen  verpflichten.  Alles  komme  zur  Zeit  auf  die
nähere  Auslegung  der  vier  Punkte  an,  und  Preußen  ersuche
demnach  die  Mächte  um  die  Mittheilung  ihrer  darüber  gefaßten
  Beschlüsse.

Dagegen  war  nicht  viel  einzuwenden.  Allein  die  begehrte
  Mittheilung  hätte  Preußen  sofort  in  die  fernern  Verhandlungen
  wieder  eingeführt,  und  dies  wurde  von  Frankreich
und  England  entschieden  bestritten.  So  antwortete  am
24.  December  Graf  Buol,  über  die  Auslegung  der  vier
Punkte  durch  die  Mächte  könne  er  nichts  sagen,  weil  dieselben
sich  darüber  selbst  noch  nicht  verständigt  hätten,  und  zudem
eine  solche  Verständigung,  so  lange  der  Krieg  wüthe,  nicht
wohl  möglich  sei.  Der  kühne  Satz,  daß  die  Friedensbedingungen
  nicht  während  des  Kriegs  formulirt  werden  könnten,
ließ  in  Berlin  nur  die  Wahl,  entweder  an  eine  wunderbare
Wiener  Logik  oder  an  die  Absicht  offenbarer  Verhöhnung
zu  glauben.

Um  so  drastischer  war  dann  der  Eindruck,  als  gleichzeitig
  eine  zweite  Depesche  des  Grafen  Buol,  ebenfalls  vom
24.  December,  einlief,  worin  Preußens  Fernbleiben  von  der
Triple-Allianz  bedauert,  dann  aber  mit  völliger  Unbefangenheit
  wegen  der  jetzt  vom  1.  Jannar  an  augenfälligen  Gefahr
        <pb n="228" />
        218  Zerwürfnisse.  1854

russischer  Angriffe  auf  österreichisches  Gebiet  die  in  der  Militär-Convention
  vom  20.  April  dafür  vorgesehene  Aufstellung
von  200  000  Mann  preußischer  Truppen  beantragt  wurde.
Zugleich  wurde  bemerkt,  daß  Herr  von  Prokesch  Weisung
habe,  die  entsprechenden  Anträge  auf  Mobilisirung  der  halben
oder  ganzen  Bundescontingente  und  Zutheilung  derselben  an
die  österreichische  und  preußische  Armec  zu  stellen.  Offenbar
schmeichelte  sich  Graf  Buol,  daß  gerade  nach  der  engen  Verbindung
  Ssterreichs  mit  den  Westmächten  keine  deutsche  Regierung
  den  Muth  haben  würde,  gegen  die  Wiener  Anforderungen
  Widerspruch  zu  erheben.

Ubrigens  zeigte  sich  gleich  nach  der  Absendung  der  beiden
Depeschen,  daß  zwar  am  Jahresschluß  der  Friede  noch  nicht
gesichert  sein,  also  das  Schutz=  und  Trutzbündniß  in  Wirksamkeit
  treten,  deshalb  aber  Osterreich  noch  nicht  sogleich  den
Krieg  gegen  Rußland  beginnen  würde.  Mit  welchem  innern
Grimme  auch  Kaiser  Nikolaus  die  feindselige  Wendung  Osterreichs
  erfuhr,  so  war  doch  das  russische  Interesse  an  der
Verhütung  des  offenen  Bruches  zu  einleuchtend,  und  Fürst
Gortschakoff  erhielt  also  die  Weisung,  in  eine  Friedensverhandlung
  auf  Grundlage  der  vier  Punkte  einzutreten.  Am
28.  December  fand  daaruf  eine  erste  Conferenz  zwischen  ihm
und  den  Vertretern  der  drei  Mächte  Statt.  Hier  erschienen
einige  Forderungen  der  Verbündeten,  bei  welchen  Fürst
Gortschakoff  wieder  erklären  mußte,  daß  dieselben  in  seinen
Vollmachten  nicht  vorgesehen  seien,  und  er  um  eine  weitere
Frist  von  vierzehn  Tagen  zur  Einholung  neuer  Instructionen
bitten  müsse.  Wie  sehr  auch  Graf  Buol  über  den  Zeit=  und
Geldverlust  seufzen  mochte,  so  ließ  sich  der  Antrag  um  so
weniger  zurückweisen,  als  der  sehr  strenge  Winter  für  den
        <pb n="229" />
        1854  Sardiniens  Beitritt  zur  Triple-Allianz.  219

Augenblick  alle  kriegerischen  Operationen  verhinderte.  Überdies
  hatte  die  westmächtliche  Gesinnung  des  Grafen  bereits
eine  starke  Trübung  durch  den  Umstand  erlitten,  daß  Napoleon
  —  wir  wissen,  nach  welcher  Gesinnung  —  im  Laufe
des  December  in  Sardinien  eine  Verhandlung  über  Eintritt
in  das  Bündniß  und  Truppensendung  nach  der  Krim  führte.
England  bei  seiner  Armuth  an  Soldaten  hatte  dies  lebhaft
ergriffen  und  eine  stattliche  Geldunterstützung  dem  König
Victor  Emanuel  zugesagt;  daraufhin  war  dann  am  26.  December
  der  Bundesvertrag  zwischen  Sardinien  und  den  Westmächten
  unterzeichnet  worden.  Etwas  Unangenehmeres  und
Bedrohlicheres  hätte  dem  Wiener  Hofe  nicht  widerfahren
können.  Der  Verfechter  der  italienischen  Einheit,  der  Beschützer
  aller  italienischen  Revolutionäre,  der  Todfeind  der
österreichischen  Herrschaft  in  Italien  sollte  sich  jetzt  Ansprüche
auf  die  Dankbarkeit  und  Unterstützung  der  Westmächte,  und
vor  Allem  jenes  italienischen  Verschwörers  erwerben,  der  sich
zum  unumschränkten  Imperator  Frankreichs  gemacht  hatte.
Niemals,  sagte  Graf  Buol  dem  Baron  Bourqueney,  können
die  Fahnen  Piemonts,  auch  wenn  sie  an  der  Seite  der  französischen
  wehen,  für  uns  etwas  Anderes  als  feindliche  Feldzeichen
  sein.  Wie  sehr  auch  Drouyn  de  Lhuys  die  einzig
militärische  und  vorübergehende  Bedeutung  des  Vertrags  betonte,
  die  mißtrauische  Stimmung  des  Grafen  Buol  blich
unbeschwichtigt.  Um  so  gespannter  sah  er  jetzt  der  preußischen
Antwort  auf  seine  Depesche  vom  24.  December  entgegen.
Sie  kam  am  5.  Januar  1855,  und  fiel  ganz  so  aus,
wie  sie  nach  der  Lage  der  Dinge  eben  ausfallen  mußte.  Der
Aprilvertrag  und  seine  Zusätze  haben  stets  nur  die  Abwehr
russischer  Angriffe  zum  Zweck  gehabt.  An  die  Möglichkeit
        <pb n="230" />
        220  Zerwürfnisse.  1855

solcher  Angriffe  ist  jetzt  weniger  als  jemals  zu  denken.  Würde
aber  Osterreich  seinerseits  das  russische  Gebiet  angreifen,  so
hätte  es  dafür  keinen  Anspruch  auf  Beistand  der  deutschen
Staaten.  Insbesondere  ist  die  Voraussetzung  des  Zusatzartikels
  vom  26.  November  eine  gemeinschaftliche  Unterstützung
der  vier  Punkte  durch  beide  Mächte:  so  lange  also  Osterreich
fortfährt,  Preußen  von  den  Wiener  Conferenzen  fern  zu
halten,  ist  der  Artikel  überhaupt  für  Preußen  nicht  bindend.
Nach  alledem  ist  für  eine  preußische  Mobilmachung  kein  Grund
vorhanden.  Ubrigens  hat  Preußen  die  Kriegsbereitschaft  seines
Hcers  im  Stillen  so  weit  gefördert,  daß  es  eintretendes
Falls  viel  schneller  als  nach  der  im  April  verheißenen  Frist
von  36  Tagen  gerüstet  auf  dem  Schauplatz  erscheinen  kann.

Also  für  Osterreich  auf  der  einen  Seite  die  schweren
Bedenken  über  Sardinien,  auf  der  andern  die  runde  Versagung
  deutsches  Rückhalts.  Der  Muth  des  Grafen  Buol
sank,  und  bei  Kaiser  Franz  Joseph  lebte  die  alte  Abneigung
gegen  einen  Kampf  mit  Nikolaus  wieder  auf.  Indessen  konnte
Fürst  Gortschakoff  am  7.  Januar  der  Conferenz  die  Zustimmung
  seiner  Regierung  zu  den  am  28.  December  aufgestellten
Forderungen  der  Verbündeten  vorlegen:  der  Erörterung  der
speciellen  Friedensbedingungen  stand  also  nichts  mehr  im
Wege.  Immer  hielt  es  Graf  Buol  für  gerathen,  noch  einmal
einen  Versuch  bei  den  übrigen  deutschen  Regierungen  zu  machen.
Er  theilte  denselben  durch  Rundschreiben  vom  14.  Januar
mit,  daß  trotz  Preußens  abweichender  Ansicht  der  kaiserliche
Präsidialgesandte  den  Befehl  erhalten  habe,  beim  Bundestage
die  Mobilisirung  der  halben  oder  ganzen  Contingente,  so  wie
die  Wahl  eines  Bundes-Oberfeldherrn  zu  beantragen.  Für
den  nur  zu  wahrscheinlichen  Fall  des  Mißlingens  eincs  solchen
        <pb n="231" />
        1855  Preußen  und  der  deutsche  Bund  lehnen  Truppenhülfe  ab.  221

Bundesbeschlusses  that  er  durch  eine  zweite  Depesche  von
demselben  Tage  den  weitern  Schritt,  eine  vertrauliche  Anfrage
  an  mehrere  deutsche  Höfe  zu  richten,  ob  sie  dann  einzeln
Osterreich  ihre  Truppen  zur  Verfügung  stellen  würden,  unter
Oberbefehl  Sr.  Majestät  des  Kaisers,  gegen  Garantie  ihres
jetzigen  Besitzstandes  und  Verheißung  eines  verhältnißmäßigen
Antheils  an  dem  beim  Kriege  zu  erzielenden  Gewinn.  Freilich
  wäre  schwer  zu  sagen  gewesen,  welche  Vortheile  etwa
Württemberg  oder  Hannover  aus  einem  orientalischen  Kriege
davon  tragen  sollten.

Obgleich  nun  Drouyn  de  Lhuys  diese  österreichischen
Anträge  durch  sehr  grobe  und  dringende  Noten  unterstützte,
war  doch  die  Folge  derselben  lediglich  eine  neue  Niederlage
der  Wiener  Politik.  Bayern  und  Sachsen  antworteten  sogleich
  ablehnend;  mehrere  kleinere  Staaten  wiesen  ihre  Bundestagsgesandten
  an,  für  jeden  von  beiden  Großmächten  eingebrachten
  Antrag,  aber  für  keinen  ohne  diese  Voraussetzung
zu  stimmen;  selbst  das  stets  getreue  Darmstadt  wollte  seine
Truppen  nicht  zu  Osterreichs  Dienst  in  eine  unabsehbare
Ferne  weggeben;  schließlich  blieb  das  einzige  Braunschweig
an  Osterreichs  Seite.  Am  8.  Februar  erfolgte  der  Bundesbeschluß,
  daß  in  Abwesenheit  jeder  Gefahr  eines  russischen
Angriffs  kein  Anlaß  zur  Mobilmachung  oder  zur  Wahl  eines
Bundesfeldherrn  gegeben  sei;  jedoch  sollten  in  Betracht  der
unsichern  Lage  Europas,  da  der  Bund  für  Deutschlands
Unabhängigkeit  und  Unverletzlichkeit  nach  Artikel  2  der  Bundesacte
  zu  sorgen  habe,  die  Contingente  so  weit  kriegsbereit
gestellt  werden,  daß  sie  14  Tage  nach  erfolgtem  Aufruf  zum
Ausmarsch  aus  ihren  Standguartieren  befähigt  wären.

Das  hieß  in  die  Sprache  der  Praxis  übersetzt:  mit
        <pb n="232" />
        222  Zerwürfnisse.  1855

einer  offensiven  Kriegspolitik  haben  wir  nichts  zu  schaffen,
wir  wollen  uns  aber  gegen  einen  Jeden  decken,  der  unsere
Neutralität  zu  verletzen  suchen  möchte.

Der  Zorn  des  Grafen  Buol  über  dieses  ungünstige  Ergebniß
  war  groß.  Es  folgte,  während  des  Februar  und  März,
eine  sehr  lebhafte  Correspondenz  zwischen  Wien,  Berlin  und
den  Mittelstaaten,  die  von  Seiten  Osterreichs  in  gereiztem
und  drohendem,  von  Seiten  Preußens  in  gemessen  abweisendem
  Tone  geführt  wurde.  Die  Sachlage  wurde  dadurch
nicht  geändert,  die  Entfremdung  aber  zwischen  Osterreich  und
Deutschland  fortdauernd  gesteigert.
        <pb n="233" />
        4.  Capitel.

Ergebnisse.

Unterdessen  zögerte  sich  die  Eröffnung  der  Friedensconferenzen
  von  Tage  zu  Tage,  von  Woche  zu  Woche  hin.
Ehe  man  mit  dem  Gegner  die  Einzelbestimmungen  erörtern
konnte,  mußten  natürlich  die  drei  Mächte  unter  einander  sich
darüber  verständigt  haben.  Hier  aber  erschienen  jetzt  Schwierigkeiten
  fast  bei  jedem  Worte,  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil
die  hohen  Verbündeten  nicht  mehr  wie  am  2.  December  sich
in  der  gleichen  Richtung  bewegten.  Die  Westmächte  wollten
fordern,  was  ihnen  sachlich  nothwendig  schien,  und  den  Krieg
fortsetzen,  wenn  es  abgelehnt  würde;  OÖsterreich  aber  wünschte
nach  den  neuesten  Erlebnissen  keine  Forderung  zu  stellen,
bei  welcher  die  Ablehnung  und  damit  der  Krieg  im  Voraus
wahrscheinlich  wäre.  Anfangs  stritt  über  einige  Artikel  in
diesem  Sinne  Osterreich  mit  Frankreich,  während  es  bei
England  Unterstützung  für  seine  mildere  Fassung  fand:  dann
aber  erklärte  Drouyn  de  Lhuys,  wenn  ein  so  lahmes  Verhalten
  fortdauere,  werde  Frankreich  einen  inhaltlosen  Frieden
mit  Rußland  abschließen,  und  seinen  bisherigen  Allürten
allein  die  Beschränkung  der  russischen  Ubermacht  im  Orient
        <pb n="234" />
        224  Ergebnisse.  1855

überlassen.  Dazu  kam  in  England  ein  Ministerwechsel,
welcher  an  die  Stelle  des  sanften  Lord  Aberdeen  den  kriegseifrigen
  Palmerston  brachte,  so  daß  bald  die  englischen  Begehren
  sich  noch  schärfer  als  die  französischen  accentuirten,
Graf  Buol  aber  für  Osterreichs  Zurückhaltung  keinen  andern
Vorwand  als  stete  Klagen  über  Preußens  heillose  Freundschaft
  mit  Rußland  zu  finden  wußte.  In  diese  unerquicklichen
Zänkereien  fiel  dann  die  Nachricht  aus  Petersburg,  daß
Kaiser  Nikolaus  einer  vernachlässigten  und  dann  zur  Lungenentzündung
  entwickelten  Grippe  am  2.  März  erlegen  sei.
Sein  einst  so  glorreiches  Leben  hatte  in  düsterem  Niedergange
  geendet.  Seine  mächtige  Körperkraft,  durch  langes
Siechthum  ermattet,  war  endlich  in  den  furchtbaren  Gemüthsbewegungen
  des  letzten  Jahres  zusammengebrochen.  Herabgestürzt
  aus  der  Europa  beherrschenden  Stellung,  hatte  er
die  Mißgriffe  seines  Größenwahns  von  aller  Welt  verurtheilt,
sein  Riesenreich  in  wachsende  Wehrlosigkeit  versunken,  sein
Heer  durch  colossalen  Menschenverlust  geschwächt,  seine  Flotte
halb  vernichtet,  seine  Finanzen  tief  zerrüttet  gesehen.  Nur
um  so  fester  aber  hatte  er  bis  zum  letzten  Athemzuge  an  der
Rolle  festgehalten,  in  welcher  er  sich  sein  Leben  lang  der
Welt  gezeigt  hatte.  Wie  er  ohne  selbstsüchtige  Pläne  1828
nur  zum  Schutze  der  christlichen  Griechen  das  Schwert  gezogen,
  wie  er  1848  in  gleichem  Sinne  der  Gottlosigkeit  der
Revolution  entgegen  getreten,  so  verkündete  auch  ein  wenige
Tagc  vor  seinem  Tode  erlassenes  Manifest,  daß  er  in  völliger
Uneigennützigkeit,  nur  zur  Befreiung  der  orthodoxen  Kirche,
den  Kampf  eröffnet  habe.  Gewiß,  es  war  nicht  Heuchelei,
die  ihm,  der  zugleich  politischer  und  kirchlicher  Autokrat  war,
solche  Worte  lieh.  Wenn  bei  glücklicher  Lösung  so  heiliger
        <pb n="235" />
        1855  Tod  des  Kaisers  Nikolaus.  225

Aufgaben  auch  eine  Erweiterung  des  russischen  Machtgebietes
als  Nebenproduct  herausfiel,  so  war  damit  nur  bestätigt,  daß
denen,  die  dem  Herrn  dienen,  alle  Dinge  zum  Besten  gereichen.

Da  der  junge  Kaiser  Alexander  II.  bei  seinem  Regierungsantritt
  die  Politik  durchaus  im  Sinne  des  Vaters  fortzuführen
erklärte,  hatte  der  Thronwechsel  zunächst  nur  die  Folge,  daß
der  Beginn  der  Conferenzen  wegen  der  Nothwendigkeit  neuer
Vollmachten  für  den  Fürsten  Gortschakoff  wieder  um  vierzehn
  Tage  verschoben  wurde.  In  dieser  Zeit  gelangten  die
Verbündeten  zum  Einverständniß  über  die  Entwicklung  der
beiden  ersten  unter  den  vier  Punkten,  die  Stellung  der  Donaufürstenthümer
  und  die  Freiheit  der  Donauschifffahrt.  Nachdem
  dann  auch  ein  türkischer  Bevollmächtigter  eingetroffen,
konnte  endlich  am  16.  März  die  Berathung  begonnen  werden.
Es  zeigte  sich  sehr  bald,  daß  ernstliche  Schwierigkeiten  bei
jenen  beiden  Punkten  nicht  vorlagen,  und  in  sechs  Sitzungen
erhielt  eine  Reihe  von  hierauf  bezüglichen  Artikeln  die  Zustimmuug
  aller  Parteien.  Anders  aber  verhielt  es  sich  bei
dem  dritten  Punkte,  der  Revision  des  Vertrages  von  1841.
Bereits  wußte  es  jedermann,  daß  hier  mehr  als  eine  Abweichung
  der  Meinungen  bestand,  und  folglich  an  dieser
Stelle  die  Entscheidung  über  Krieg  und  Frieden  lag.

Der  Vertrag  von  1841  bestimmte,  daß  in  Friedenszeiten
kein  fremdes  Kriegsschiff  die  Dardanellen  passiren  dürfe.  Seitdem
  aber  hatte  Rußland  sich  auf  dem  schwarzen  Meerc  eine
der  türkischen  weit  überlegene  Flotte  gebildet,  und  der  wahre
Zweck  bei  der  Aufstellung  des  dritten  Punktes  war  die  Beseitigung
  dieses  russischen  Ubergewichtes  auf  dem  Pontus.
Fürst  Gortschakoff  hatte  am  7.  Januar  im  Allgemeinen  zugestimmt,

  aber  mit  großem  Nachdruck  den  Vorbehalt  gemacht,
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  15
        <pb n="236" />
        226  Ergebnisse.  1855

daß  kein  Souveränitätsrecht  des  Zaren  durch  die  betreffenden
Maaßregeln  verletzt  werden  dürfe.  Es  fragte  sich  nun,  ob
der  Zweck  unter  diesem  Vorbehalt  überhaupt  zu  erreichen
wäre.  Eine  Möglichkeit  wäre  nach  Aufhebung  des  Vertrages
von  1841  die  Errichtung  fester  Flottenstationen  der  Westmächte
  in  türkischen  Pontushäfen  gewesen:  Rußland  hätte
zur  Zeit  keinen  Widerspruch  dagegen  erhoben.  Aber  England
fand  in  einer  solchen  Vorkehrung  mehrfache  Beschwerlichkeiten
und  beschloß,  als  zugleich  gründlichstes  und  einfachstes  Mittel,
die  Neutralisation  des  schwarzen  Meeres,  d.  h.  die  Entfernung
aller  Kriegsschiffe  und  Kriegshäfen  aus  diesem  Bereiche  zu
fordern,  trotz  der  höchst  wahrscheinlichen  Abweisung  eines
solchen  Begehrens  durch  die  Russen.  Wer  den  baldigen  Frieden
wünschte,  mußte  hienach  auf  Vermittlungsvorschläge  sinnen,
statt  der  völligen  Neutralisation  auf  Beschränkung  der  beiderseitigen
  Pontusflotten,  sei  es  durch  Verbot,  den  bisherigen
Bestand  zu  erhöhen,  sei  es  durch  Feststellung  einer  bestimmten
Zahl  der  Schiffe,  im  letzteren  Falle  entweder  durch  die  Conferenz
  oder  durch  freien  Vertrag  zwischen  Rußland  und  der
Türkei.  Bei  der  Wichtigkeit  der  Sache  entsandten  England
und  die  Pforte  Ende  März  je  einen  ihrer  hervorragendsten
Minister,  Lord  John  Russell  und  Aali  Pascha,  zur  Conferenz,
und  daranf  erwirkte  sich  auch  Drouyn  de  Lhuys  von  Napoleon
die  Vollmacht  zu  derselben  Reise.  An  die  Stelle  der  Gesandtentrat
  eine  Ministerconferenz.  Sie  sollte  nicht  bloß  für  den
Krimkrieg,  sondern  für  ein  volles  Jahrzehnt  der  europäischen
Politik  bedeutungsschwer  werden.

Drouyn  de  Lhuys  war  ein  gescheidter,  kenntnißreicher,
in  seinen  Uberzeugungen  consequenter,  in  seinem  Handeln
schmiegsamer  Mann,  in  katholischer  Erziehung  erwachsen  und
        <pb n="237" />
        1855  Der  Minister  Drouyn  de  Lhuys.  227

in  der  alten  Schule  französischer  Diplomatie  gebildet.  Als
Politiker  durchaus  conservativ,  war  er  frei  von  jedem  Ehr—
geiz  altnapoleonisches  Styles,  trachtete  weder  nach  Kriegsruhm,
  noch  Umwälzungen,  fand  vielmehr  für  eine  hohe  Stellung
seines  Landes  in  dem  curopäischen  Staatensystem  nichts  geeigneter
  als  die  1815  sanctionirte  Ordnung:  Einheit  und
deshalb  Macht  des  französischen  Volkes,  Zersplitterung  und
demnach  Ohnmacht  seiner  Nachbarn,  also  Italiens  und  Deutschlands.
  Geschärft  wurde  sein  Abschen  gegen  die  italienische
Einheit  durch  die  damit  verbundene  Bedrohung  der  päpstlichen
Herrschaft,  denn  die  katholische  Kirche  verehrte  er  nicht  nur
als  den  Eingang  zur  himmlischen  Seligkeit,  sondern  auch  als
conservatives  Element  im  innern  Staatsleben,  als  alte  Bundesgenossin
  der  französischen  Monarchie  und  als  Verleiherin  eines
großen  französischen  Einflusses  im  Orient.  In  Deutschland
widmete  er  eine  entschicdene  Abneigung  dem  protestantischen
und  unitarischen  Preußen,  denn  beide  Eigenschaften  schienen
ihm  unaustilgbar  in  der  Natur  und  der  Geschichte  dieses
Staates  begründet,  wie  gnädig  auch  Friedrich  Wilhelm  IV.
der  katholischen  Kirche  volle  Unabhängigkeit  gestattete  und  die
höchste  Achtung  vor  der  Souveränität  der  deutschen  Fürsten
zur  Schau  trug.  Nach  all  diesen  Momenten  hielt  Drouyn
de  Lhuys  den  österreichischen  Kaiserstaat,  den  Beschützer  des
Papstes  und  den  Hort  des  deutschen  Bundestags,  für  den  besten
Allü#rten,  welchen  Frankreich  in  Europa  finden  könne,  wohl  auch
mit  dem  stillen  Hintergedanken,  daß  ein  solches  Verhältniß
der  unruhigen  Politik  seines  Herrn  nicht  bloß  eine  Stütze,
sondern  zugleich  ein  Zügel  sein  würde.  Somit  wünschte  er
lebhaft,  aus  dem  für  den  Krimkrieg  mit  Osterreich  geschlossenen
Bündniß  eine  bleibende  Allianz  herauswachsen  zu  sehen.  Er

157
        <pb n="238" />
        228  Ergebnisse.  1855

dachte  in  Wien  Alles  aufzubieten,  um  mit  Osterreich  vereinigt
zu  bleiben,  sei  es  für  den  Frieden,  sei  es  für  den  Krieg.
Als  kluger  Diplomat  reiste  er  zuerst  nach  London  hinüber,
  um  englischen  Störungen  seiner  Pläne  vorsichtig  vorzubauen.
  Indem  er  sich  dort  entschieden  für  die  völlige
Neutralisation  des  Pontus  aussprach,  stellte  er  doch  die
Vermuthung  auf,  daß  Osterreich  einer  so  weit  gehenden  Forderung
  nicht  beitreten  und  folglich  deren  Verwerfung  nicht  als
Kriegsfall  betrachten  würde.  Nichts  aber  sei  wichtiger,  als
Osterreichs  Eintritt  in  den  bewaffneten  Kampf,  und  dieser  sei
höchst  wahrscheinlich,  wenn  Rußland  auch  ein  gemäßigtercs
Begehren  im  Sinne  einer  Beschränkung  seiner  Kriegsflotte
ablehne.  Er  schlug  demnach  vor:  Rußland  und  Türkei  werden
im  Pontus  nur  je  vier  Linienschiffe,  vier  Fregatten  und  eine  entsprechende
  Anzahl  leichter  Fahrzeuge,  jede  der  drei  verbündeten
Mächte  aber  die  Hälfte  dieser  Schiffszahlen  unterhalten;  für
Rußland  bleibt  die  Ausfahrt  in  das  Mittelmeer  geschlossen;
die  Pforte  kann  bei  drohender  Gefahr  alle  verbündeten  Flotten
in  den  Pontus  berufen.  Die  englischen  Lords  erklärten  zu
dieser  ganzen  Erörterung  ihr  Einverständniß,  und  Drouyn  de
Lhuys  brach  dann  nach  Wien  auf,  wo  er  nach  eiliger  Fahrt
am  6.  April  anlangte.  Zwei  Tage  nachher  hatte  er  eine
Audienz  bei  dem  Kaiser.  Er  begann  mit  einigen  Worten  über
den  festen  und  redlichen  Entschluß  Napolcon's,  mit  seinen
Verbündcten  zusammen  zu  wirken,  entweder  zum  Abschluß
eines  dauernden  Friedens  oder  zur  Fortsetzung  eincs  gerechten
Kriegs.  Ja,  rief  der  Kaiser,  lassen  Sie  uns  den  Frieden
herbeiführen.  Der  Minister  entwickelte  darauf  seine  Pläne
über  den  dritten  Punkt,  in  erster  Linie  Neutralisirung,  in
zweiter  Beschränkung.  Er  bemerkte,  mit  welcher  Energie  in
        <pb n="239" />
        1855  Drouyn's  Gespräch  mit  Kaiser  Franz  Joseph.  229

den  letzten  Tagen  Frankreich  für  die  Fürstenthümer  und  die
Donauschifffahrt,  also  für  die  Punkte  eingetreten  sei,  die
hauptsächlich  Osterreich  interessirten;  er  sprach  die  Hoffnung
aus,  Osterreich  werde  jetzt  bei  dem  dritten  Punkte,  an  welchem
den  Seemächten  Alles  gelegen  sei,  mit  gleichem  Nachdruck
verfahren.  Er  verbreitete  sich  dann  weiter  über  die  allgemeinen
Vortheile  einer  engen  Verbindung  Frankreichs  und  Osterreichs.
„Den  Zusammenhalt  seiner  Kronländer  befestigen,  sagte  er,
die  hohe  Stellung  in  Deutschland  gegen  einen  gefährlichen
Nebenbuhler  behaupten,  den  Übergriffen  Rußlands  an  der
Donau  Einhalt  gebieten,  die  Anarchie  und  den  Socialismus
erdrücken,  das  innere  Gedeihen  des  Reiches  befördern,  das
sind  doch  die  Ziele  der  österreichischen  Politik.  Nun,
welcher  Bundesgenosse  könnte  mehr  als  Frankreich  zu  ihrer
Erreichung  beitragen?  Die  große  Aufgabe  ist  Zügelung
der  Revolution  ohne  Hülfe  Rußlands,  und  Zügelung  Rußlands
  ohne  Hülfe  der  Revolution.  Dreißig  Jahre  lang  war
die  Aufgabe  unlösbar,  und  die  Folge  waren  die  gleichzeitigen
Triumphe  Rußlands  und  der  Revolution.  Heute  ist  in  der
Allianz  Osterreichs  und  Frankreichs  die  Lösung  gegeben.  Was
mich  nach  Wien  geführt  hat,  ist  viel  weniger  der  Wunsch,
mit  Rußland  Frieden  zu  schließen,  als  die  Allianz  mit  Oster—
reich  zu  befestigen  und  zu  befruchten.  In  den  Augen  der
wahren  Politik  ist  die  orientalische  Frage  im  Vergleiche  hiemit
bei  aller  ihrer  Wichtigkeit  nur  ein  Gegenstand  zweites  Ranges.“

Der  Kaiser  erwiderte  darauf  mit  einigen  allgemeinen
Sätzen,  fand  aber  das  System  der  Neutralisirung  unannehmbar
  für  Rußland,  und  erklärte  sich  also  für  das  System  der
Beschränkung.  Noch  trug  der  französische  Minister  vor,  der
durch  Graf  Crenneville  nach  Paris  überbrachte  Feldzugsplan
        <pb n="240" />
        230  Ergebnisse.  1855

sei  dem  Kaiser  Napoleon  völlig  genehm,  könne  also  auf  der
Stelle  die  Form  eines  eventuellen  Vertrags  erhalten.  Franz
Joseph,  etwas  verlegen,  antwortete,  es  sei  damit  wohl  bis
zum  Schlusse  der  Conferenzen  zu  warten,  da  man  dann  erst
wissen  würde,  ob  Osterreich  zur  Theilnahme  am  Kriege  berufen
  sei.

Nach  diesem  Gespräche  trat  Drouyn  de  Lhuys  mit  stark
herabgestimmten  Hoffnungen  in  die  Conferenz  ein.  Er  sah
wohl,  daß  Osterreich  keine  Schwierigkeit  machte,  Rußland
zu  mahnen  und  zu  drängen,  daß  aber  die  frühere  Kriegslust
  in  Wien  verraucht  war.  Der  von  ihm  in  London  verabredete
  Plan,  die  russische  Flotte  auf  vier  Linienschiffe
u.  s.  w.  zu  beschränken,  wurde  von  Gortschakoff  vollständig  abgewiesen,
  und  die  Westmächte  sahen  jetzt  mit  Spannung  einer
kriegerischen  Erklärung  Osterreichs  entgegen.  Graf  Buol
meinte  aber,  damit  seien  die  Möglichkeiten  einer  friedlichen
Lösung  noch  nicht  erschöpft,  und  machte  dem  französischen
Minister  einen  Vorschlag,  bei  welchem  allerdings  die  russische
Pontusflotte  erheblich  besser  fuhr:  sie  sollte  nicht  auf  vier
Linienschiffe  beschränkt,  sondern  nur  ihr  Bestand  von  1853
nicht  weiter  erhöht  werden.  Dies  ist,  erklärte  Buol,  Österreichs
  Ultimatum;  wir  halten  es  für  unzulässig,  Rußland
härtere  Bedingungen  aufzuerlegen,  die  Ablehnung  aber  unseres
Begehrens  würden  wir  durch  die  Kriegserklärung  beantworten.
Drouyn  de  Lhuys,  entzückt  durch  die  Aussicht  auf  Verwirklichung
  seines  curopäischen  Systems,  schlug  cin,  und  entriß,
während  Gortschakoff's  Sprache  immer  herausfordernder  wurde,
sogar  dem  etwas  bedenklichen  Lord  John  seine  Zustimmung.
Am  21.  April  ersuchten  demnach  beide  Minister  ihre  Souveränc
telegraphisch  um  die  Genehmigung  ihres  Schrittes.
        <pb n="241" />
        1855  Politik  des  Kaisers  Napoleon.  231

Für  das  Streben  Deutschlands  und  Italiens  nach  nationaler
Einheit  war  es  ein  gefährlicher  Moment.  Ein  enges  austrofranzösisches
  Bündniß  wäre  die  Vernichtung  ihrer  Hoffnungen
auf  lange  Zeit  gewesen.  Zum  Glücke  für  beide  Völker  war
Drouyn  de  Lhuys,  so  wenig  wie  vier  Jahre  früher  Fürst
Schwarzenberg,  dazu  bestimmt,  den  Geschicken  Europas  die
entscheidende  und  bleibende  Richtung  zu  geben.

Allerdings  stimmte  Kaiser  Napoleon  so  weit  mit  seinem
Minister  überein,  daß  er,  der  keine  militärische  Ader  in  sich
trug,  nicht  wie  sein  gewaltiger  Oheim  auf  Welteroberung
sann.  Im  Ubrigen  aber  standen  seine  Wünsche  und  Ideale
zu  jenen  des  Ministers  in  schneidendem  Gegensatz.  Dem
Oheim  war  er  darin  ähnlich,  daß  ihm  jeder  französische
Patriotismus  fremd  war:  im  Exil  herangewachsen,  auf  dem
Augsburger  Gymnasium  erzogen,  in  der  deutschen  Schweiz
militärisch  gebildet,  als  Prätendent  und  Verschwörer  nach
Italien,  England,  Amerika  verschlagen,  in  Frankreich  nur  mit
den  Mauern  seiner  Gefängnisse  bekannt  geworden,  war  er  in
seinen  Anschauungen  und  Gefühlen  Kosmopolit,  und  Frankreichs
  Regierung  nicht  das  Ziel  seines  Strebens,  sondern
Mittel  zum  weitern  Zweck  geworden.  Er  war  ein  guter
Artillerist  und  ein  gründlicher  Kenner  seiner  Familiengeschichte;
  sonst  war  nach  seinem  unsteten  Lebensgang  seine
Bildung  lückenhaft,  und  die  wichtigste  Vorschule  des  Staatsmannes,
  ein  tüchtiges  historisches  Wissen  von  der  Entwicklung
  und  den  Bedürfnissen  der  europäischen  Völker,
fehlte  ihm  ganz  und  gar.  So  hatte  er  in  den  langen  Jahren
seines  Flüchtlingslebens  ohne  den  Zügel  fester  Beschäftigung
seiner  rastlos  brütenden  Phantasie  freien  Lauf  gelassen,  überall
in  den  bestehenden  Zuständen  die  ärgsten  Mängel  wahrzu-
        <pb n="242" />
        232  Ergebnisse.  1855

nehmen  gemeint,  und  sich  von  der  Leichtigkeit  einer  ganz
Europa  umfassenden  Reform  überzeugt,  stets,  wie  sich  versteht,
  unter  der  Voraussetzung,  daß  der  Urheber  derselben
stark  genug  sei,  darüber  mit  den  Großmächten  des  Welttheils
.als  Gleicher  mit  Gleichen  zu  verhandeln.  Nachdem  er  dann
durch  den  Glanz  seines  Namens,  und  durch  eine  ebenso  geschickte
  wie  gewissenlose  Bearbeitung  der  Volksmassen  und
der  Soldaten  den  französischen  Kaiserthron  errungen  hatte,
zauderte  er  nicht,  an  die  Verwirklichung  seiner  weltumfassenden
Projecte  heranzutreten.  Die  erste  Bedingung  dafür  war  die
Sprengung  der  ihn  überall  einengenden  Allianz  der  drei  Ostmächte,
  und  wir  haben  gesehen,  wie  trefflich  ihm  dabei  der
Übermuth  des  Kaisers  Nikolaus  in  die  Hände  arbeitete.  So
weit  gediehen,  hatte  er  keinen  Zweifel  mehr  an  seinen  weitern
Erfolgen.  Der  Natur  der  Dinge  entsprechend  erachtete  er
die  Verschmelzung  Portugals  und  Spaniens  zu  einer  iberischen,
die  Verbindung  Schwedens  und  Dänemarks  zu  einer  skandinavischen
  Union.  Eine  Forderung  der  Gerechtigkeit  und  der
Menschenliebe  sei  die  Befreiung  Polens  von  der  russischen,
die  Unabhängigkeit  Italiens  von  der  österreichisch-päpstlichen
Unterdrückung;  auch  für  Deutschland  würde  die  Beseitigung
des  lähmenden  Einflusses  der  östlichen  Kaiserhöfe  ein  Segen
sein.  Er  hatte  dabei  ganz  sicher  nicht  die  nationale  Einheit
Italiens  oder  Deutschlands  im  Sinne:  im  Gegentheil,  jene
erschien  ihm  unbequem,  diese  geradezu  gefährlich.  Wohl  aber
meinte  er  durch  eine  wirksame  Unterstützung  hier  des  kleinen,
aber  aufstrebenden  Piemont,  dort  des  seit  1850  stark  unterschätzten
  Preußen  den  eigenen  leitenden  Einfluß  an  die  Stelle
des  österreichischen  setzen,  und  damit  Wohlstand  und  Gedeihen
in  dem  ganzen  weiten  Völkerkreise  entwickeln  zu  können.  Denn
        <pb n="243" />
        1855  Abbruch  der  Conferenzen.  233

in  diesem  wunderbar  organisirten  Kopfe  flossen  unaufhörlich
despotische,  revolutionäre  und  humanitäre  Bestrebungen  in
einander.  Wie  Kaiser  Nikolaus  seine  Herrschsucht  mit  der
Bekämpfung  der  Revolution  und  der  Ausbreitung  der  rechtgläubigen
  Kirche,  so  decorirte  Napoleon  III.  die  seinige  mit
dem  Ideale  einer  demokratischen  Volksbeglückung.

Da  ihm,  dem  alten  Mitgliede  der  italienischen  Geheimbünde,
  in  erster  Linie  die  italienische  Sache  am  Herzen  lag,
so  bildete  der  Gegensatz  gegen  Osterreich  den  innersten  Kern
seiner  künftigen  Politik.  So  sehr  er  zur  Zeit  in  Wien
freundlich  that,  um  Österreich  in  den  offenen  Krieg  gegen
Rußland  hinein  zu  hetzen,  und  damit  vielleicht  schon  jetzt
die  Herstellung  Polens  zu  erlangen  —  so  sehr  er  seinen
Minister  wegen  der  weisen  Ansprache  an  Franz  Joseph  zu
diesem  Zwecke  belobte:  so  weit  wie  möglich  war  er  von  dem
Streben  Drouyn's  nach  einer  bleibenden  Allianz  mit  Osterreich
  entfernt.  Es  kam  ihm  nicht  in  den  Sinn,  für  die  Erlangung
  derselben  die  an  Rußland  zu  stellenden  Forderungen
auf  ein  ungebührliches  Maaß  herabzumindern.  Als  solches
aber  erschien  ihm  ebenso  wie  dem  Lord  Palmerston  der
Vorschlag  des  Grafen  Buol  vom  21.  April.  Umgehend
telegraphirte  er  nach  Wien,  daß  davon  keine  Rede  sein  dürfe.

Damit  war  der  Abbruch  der  Conferenzen,  und  zugleich
die  Trennung  zwischen  Osterreich  und  Frankreich  gegeben.
Graf  Buol  erklärte,  daß  Österreich  jede  Steigerung  der
Forderungen  für  unzulässig  halte,  und  da  die  Westmächte
auf  solchen  beharrten,  an  dem  Kriege  keinen  Antheil  nehmen
werde.  Nochmals  machte  er  einen  Versuch,  in  geänderter
Form  seine  Auffassung  den  Westmächten  annehmbar  zu
machen;  Drouyn  de  Lhuys  beschloß  schleunige  Rückreise  nach
        <pb n="244" />
        234  Ergebnisse.  1855

Paris,  um  durch  persönliche  Einwirkung  seinen  Gebieter  vielleicht
  noch  umzustimmen.  Beis  seiner  Abschiedsaudienz  sprach
ihm  Kaiser  Franz  Joseph  die  Hoffnung  aus,  daß  schließlich
auch  in  Napoleon's  Augen  ein  ewiges  Bündniß  mit  Österreich
  zu  gemeinsamer  Beschützung  der  Türkei  von  größerer
Bedeutung  sein  würde,  als  eine  höhere  oder  geringere  Zahl
russischer  Schiffe.  Allein  dieser  Vorstellung  war  eine  lange
Dauer  nicht  bestimmt.  Wenige  Wochen  nachher  erfuhr  man,
daß  Drouyn  de  Lhuys  aus  dem  Ministerium  ausgeschieden
war,  und  am  2.  Juli  eröffnete  Napoleon  die  Sitzung  des
gesetzgebenden  Körpers  mit  einer  Rede,  welche  rückhaltlos
das  Verhalten  Osterreichs  anklagte:  wir  haben  noch  zu  erwarten,
hieß  es,  daß  Osterreich  seinen  Verpflichtungen  nachkomme,
welche  darin  bestanden,  unsern  Bündnißvertrag  offensiv  und
defensiv  zu  machen,  falls  die  Verhandlungen  erfolglos  blieben.
An  der  gereizten  Stimmung  Napoleons  konnte  seitdem  in
Wien  kein  Zweifel  sein.

Auch  in  Deutschland  rief  der  Abbruch  der  so  lange  ersehnten
  Friedensconferenz  und  das  dann  erfolgende  Zurücksinken
  Osterreichs  in  vollständige  Unthätigkeit  eine  starke  Erregung
  der  populären  Gefühle  hervor.  Mit  tiefer  Beschämung
sah  man  den  räthselhaften  Abenteurer,  dem  sich  Frankreich
zu  Füßen  geworfen  hatte,  über  die  Geschicke  zweier  Welttheile
entscheiden;  und  wo  war  Deutschland?  Nun  freilich,  wie
hätte  das  mächtige  Volk  zur  Geltung  kommen  sollen  bei  dem
Elend  seiner  Zersplitterung,  bei  dem  Mangel  jedes  einheitlichen,
  kräftigen  und  nationalen  Organs,  bei  der  erdrückenden
Masse  von  Trägheit,  Feigheit  und  Eifersucht?  Zum  ersten
Male  seit  1850  ging  wieder  der  Ruf  nach  Reform  der
Bundesversassung  durch  die  Zeitungen  und  bald  auch  durch
        <pb n="245" />
        1855  Deutsche  Stimmen  für  Bundesreform.  235

die  parlamentarischen  Kreise.  Im  Laufe  des  Sommers  1855
folgten  sich  in  den  Kammern  von  Bayern,  Württemberg  und
Gotha  die  Anträge  und  Resolutionen  dieses  Sinnes,  und
auch  das  schwerwiegende  Wort  Volksvertretung  beim  Bundestage
  wurde  vernommen.  Graf  Buol,  damals,  wie  wir  wissen,
über  den  Bundestag  gründlich  erbittert,  war  leichtsinnig
genug,  sich  auf  jene  Verhandlungen  einzulassen.  Auf  die
Klagen  über  Osterreichs  orientalische  Politik,  die  mit  einem
Aufwande  von  160  Millionen  Gulden  völlig  unfruchtbar
geblieben,  ließ  er  in  den  von  ihm  inspirirten  oder  unterstützten
Blättern  im  September  geharnischte  Erwiderungen  folgen:
gewiß  sei  die  jetzige  Bundesverfassung  ungenügend  und  die
Ursache  des  letzten  Mißerfolgs;  es  dürfe  nicht  mehr  vorkommen,
  daß  bei  einem  Kriege  ein  Bundesglied  von  den
andern  im  Stiche  gelassen  werde;  es  müsse  ein  Bundesgericht
existiren,  und  eine  mächtige  Gewalt,  ein  Kaiser,  müsse  über
die  Ausführung  der  Urtheile  desselben  wachen;  unter  allen
Umständen  sei  zu  fordern,  daß  die  auf  historischem  Boden
erwachsenen  Ansprüche  Osterreichs  die  gebührende  Berücksichtigung
  finden.  Es  zeigte  sich  sogleich,  daß  diese  Erörterungen
  Osterreichs  Ansehen  in  Deutschland  zu  steigern  nicht
geeignet  waren.  Da  bayerische  Blätter  sie  gebracht  hatten,
so  richtete  Minister  Pfordten  sehr  unbefangen  eine  Anfrage
nach  Wien,  ob  diese  Zeitungsstimmen  eine  Ansicht  der  kaiserlichen
  Regierung  aussprächen.  Buol  zog  dann  zurück;  freilieh
  sei  die  Bundesverfassung  mancher  Verbesserung  fähig,
und  jedesfalls  die  Zukunft  des  deutschen  Föderativsystems
von  dem  Verhalten  des  Bundes  in  der  orientalischen  Frage
abhängig.  Damit  verdarb  er  es  aber  bei  seinen  werthen
Bundesgenossen  ganz  und  gar,  und  Manteuffel  fand  beinahe
        <pb n="246" />
        236  Ergebnisse.  1855

allseitigen  Beifall,  als  er  einige  Wochen  später  auseinandersetzte,
  man  dürfe  von  einem  Bunde  souveräner  Staaten,  wie
dem  deutschen,  nicht  mehr  verlangen,  als  er  eben  leisten
könne,  und  in  keinem  Falle  stehe  die  Beurtheilung  dieser
Verfassungsform  mit  der  orientalischen  Frage  in  irgend  einem
Zusammenhang.

Während  man  durch  so  viele  Tintenergüsse  die  deutsche
Sache  nicht  einen  Schritt  vorwärts  brachte,  hatten  endlich
colossale  Blutströme  im  Orient  die  europäische  Krisis  zur
Entscheidung  geführt.  Als  nach  einem  zwölfmonatlichen
Riesenkampfe  am  23.  September  1855  Sebastopol  endlich
gefallen,  und  damit  der  Waffenruhm  der  Westmächte  befriedigt
war,  als  darauf  am  15.  November  Napoleon  am  Schlusse
einer  Pariser  Weltausstellung  der  friedlichen  Gesinnung
Frankreichs  feierlichen  Ausdruck  gab,  beschloß  das  Wiener
Cabinet  einen  neuen  Vermittlungsversuch,  und  sondirte  zuerst
die  Westmächte  über  die  von  ihnen  aufzustellenden  Bedingungen.
  Das  Ergebniß  war  eine  österreichische  Depesche
vom  16.  December  nach  Petersburg,  mit  einer  nähern  Erläuterung
  der  vier  Punkte,  unter  der  geschärften  Forderung
der  vollständigen  Neutralisation  des  schwarzen  Meeres,  und
einer  kleinen  Gebietsabtretung  in  Bessarabien,  wodurch  die
Donaumündungen  der  russischen  Hoheit  ganz  entzogen  wurden.
Gleichzeitig  hatte  sich  auch  Kaiser  Alegander,  nachdem  die
Ehre  der  russischen  Fahnen  durch  bedeutende  Siege  in  Kleinasien
  gedeckt  worden,  zu  größerer  Nachgiebigkeit  als  im  April
entschlossen,  und  seinerseits  am  23.  December  ein  Anerbieten
nach  Wien  gesandt,  welches  nur  unerhebliche  Abweichungen
von  dem  österreichischen  Vorschlag  enthielt.  Graf  Buol  aber,
jetzt  wieder  ganz  um  die  Gunst  der  Westmächte  bemüht,  er-
        <pb n="247" />
        1856  Ende  des  Krimkriegs.  Pariser  Congreß.  237

klärte  darauf  die  Unabänderlichkeit  seiner  Bedingungen  mit
der  Drohung  sofortiges  Abbruchs  des  diplomatischen  Verkehrs.
  Die  russische  Regierung  ließ  darauf  ihre  Anstände
fallen,  und  bequemte  sich  zur  Unterzeichnung  der  Präliminarien
nach  dem  Wortlaut  der  Wiener  Ausfertigung.  Aber  die
zornigste  Stimmung  gegen  dieses  herrische  Auftreten  Buol's
blieb  in  allen  russischen  Herzen  zurück;  mit  grimmiger  Begierde
  sahen  sie  einem  Tage  der  Abrechnung  mit  dem  einst
von  ihnen  erretteten  Bundesgenossen  entgegen.

Die  Urkunde  des  definitiven  Friedens  sollte  dann  auf
einem  großen  Congresse  der  Mächte  ausgcarbeitet  werden.
Bei  der  Wahl  des  Versammlungsorts  zeigte  sich  der  Vorrang,
  welchen  die  gewaltigen  Leistungen  Frankreichs  bereits
der  Regierung  Napoleons  verschafft  hatten;  weder  Wien  noch
London  konnten  ihre  Wünsche  durchsetzen:  der  Congreß  wurde
auf  zuletzt  einstimmigen  Beschluß  nach  Paris  berufen.  Zu
Osterreichs  großem  Verdrusse  erschien  hier  als  kriegführende
Macht  auch  Sardinien;  dagegen  erhielt  Preußen,  als  unbetheiligt
  am  Kriege,  zunächst  keine  Einladung.  Als  Osterreich
und  Rußland  eine  solche  in  der  zweiten  Sitzung,  am  28.  Februar
1856,  beantragten,  setzte  Lord  Clarendon  den  Beschluß  durch,
daß  dies  erst  zu  geschehen  habe,  wenn  der  Congreß  zu  einer
Verständigung  über  die  Hauptpunkte  bercits  gelangt  sei.  Dies
wurde  in  Berlin  sehr  unangenehm  als  demüthigende  Isolirung
empfunden,  und  von  der  liberalen  Opposition  dem  Ministerium
als  die  natürliche  Folge  seiner  elenden  Politik  scharf  vorgerückt.
  In  Wahrheit  aber  war  die  Verzögerung  nichts  als
ein  unverständiger  Ausdruck  des  englischen  Argers  über
Preußens  Neutralität,  in  deren  fester  Behauptung  trotz  alles
Drohens  und  Polterns  es  sich  endlich  cinmal  wieder  als
        <pb n="248" />
        238  Ergebnisse.  1856

selbständige  Großmacht  bewährt  hatte.  Wäre  es  bei  seiner
Ausschließung  aus  dem  Congresse  geblieben,  so  wäre  die
Folge  davon  nicht  für  Preußen,  sondern  für  die  Congreßmächte
  nachtheilig  gewesen,  die  einfache  Thatsache  der  Unverbindlichkeit
  der  Congreßbeschlüsse  für  die  Berliner  Regierung.
Vierzehn  Tage  später  übersandte  denn  auch  der  Congreß
seine  Einladung,  und  am  18.  März  erfolgte  der  Eintritt  der
preußischen  Bevollmächtigten,  des  Ministers  von  Manteuffel
und  des  Grafen  Hatzfeldt.

Den  Gang  und  das  Ergebniß  der  Congreßverhandlungen
haben  wir  nicht  im  Einzelnen  zu  verfolgen.  Es  genügt  uns,
zu  sehen,  wie  sich  im  Verlauf  derselben  allmählich  die  Beziehungen
  der  Mächte  zu  einander  gestalteten,  namentlich  in
den  letzten  Sitzungen  nach  dem  am  30.  März  vollzogenen
Friedensschluß,  wo  noch  anderweitige  europäische  Sorgen  ohne
bindende  Abmachungen  zur  Sprache  kamen.  Frankreich  hatte
sich  vom  ersten  Tage  an  bei  jeder  Detailfrage  Rußland
höchst  entgegenkommend  gezeigt,  und  stimmte  mit  ihm  für  die
künftige  Union  Rumäniens,  unter  lebhaftem  Widerspruche
der  Türkei  und  Osterreichs.  Dann  beklagte  Graf  Walewski,
der  Nachfolger  Drouyn's  de  Lhuys,  die  Mißregierung  in
Neapel  und  Rom,  welche  der  Sache  der  Revolution  stets  zahlreichere
  Anhänger  zuführe  und  die  leidige  Anwesenheit  fremder
Truppen  im  Kirchenstaat  nothwendig  mache,  worauf  Sardiniens
großer  Staatsmann  Cavour  gegen  die  österreichischen  Besatzungen
  in  Toscana,  Parma  und  den  Legationen  Beschwerde
erhob.  Graf  Buol  legte  gegen  die  Fortsetzung  eines  gar  nicht
hieher  gehörigen  Gesprächs  feierliche  Verwahrung  ein,  fand
damit  aber  Beifall  auf  keiner  Seite.  England  neigte  in  dieser
Frage  auf  die  französische,  in  der  rumänischen  auf  Osterreichs
        <pb n="249" />
        1856  Osterreichs  ungünstige  Lage.  Selbstgefühl  der  Mittelstaaten.  239

Seite.  Manteuffel  hütete  seine  Zunge,  doch  war  in  seinen  vor—
sichtigen  Worten  die  Abkehr  von  Osterreich  unverkennbar.
Seinerseits  hatte  er  auch  an  dieser  Stelle  die  Ansprüche  seines
Königs  auf  Herstellung  in  Neuenburg  zu  erwähnen;  jedoch  vermied
  er  sorgfältig,  durch  Einbringung  bestimmter  Anträge  die
Gemüthlichkeit  dieser  Conversationen  zu  stören.  Das  deutlichste
Ergebniß  der  Conferenz  war  die  Isolirung  des  Wiener  Hofes
und  die  thätige  Sympathie  Frankreichs  für  Sardinien.

So  hatte  die  begehrliche,  schwankende  und  zuletzt  unthätige
Politik  des  Grafen  Buol  bei  schweren  Kosten  an  keiner  Stelle
Früchte  geerntet.  In  Berlin  freute  man  sich,  den  Segen
des  bewahrten  Friedensstandes  wohlfeiler  eingeheimst  zu  haben,
stand  in  warmer  Freundschaft  mit  Petersburg,  und  erfuhr,  seit
Drouyn's  de  Lhuys  Fall,  aus  Paris  nichts  als  Liebes  und
Gutes.  Am  Bundestag  hatte  Preußen  zur  Zeit  den  Einfluß
Osterreichs  bei  Weitem  überflügelt,  sollte  aber  bald  erleben,
wie  wenig  sicheren  Bestand  die  Freundschaft  der  Mittelstaaten
darbot.  Der  Verlauf  der  orientalischen  Krisis  hatte  in  München
und  Dresden  das  Selbstgefühl  in  hohem  Maaß  gesteigert.
Wir  können  Europa  nicht  beherrschen,  pflegte  damals  Baron
von  der  Pfordten  zu  sagen,  aber  wir  sind  stark  genug,  um
das  Zünglein  an  der  Wage  Deutschlands  zu  bilden;  wie  wir
1850  Preußen  verhindert  haben,  Osterreich  aus  Deutschland
hinauszudrängen,  so  haben  wir  jetzt  es  dem  Wiener  Hofe
unmöglich  gemacht,  Deutschland  mit  Ausschluß  Preußens  um
sich  zu  sammeln;  wir  bedürfen  die  Anwesenheit  zweier  Großmächte
  im  deutschen  Bunde;  dann  ist  der  Bundestag  die  einzig
heilsame  Vertretung  der  deutschen  Gesammtheit.
        <pb n="250" />
        1856

5.  Capitel.

Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich
Wilhelm's  IV.

Die  allgemeine  politische  Lage,  wie  sie  sich  auf  dem
Pariser  Congresse  gezeichnet,  behielt  auch  nach  dem  Schlusse
desselben  Bestand.  Napoleon,  in  seinen  Gedanken  bereits
mit  italienischen  Plänen  und  deren  gegen  Osterreich  gerichteten
  Spitze  beschäftigt,  zeigte  sich  ununterbrochen  freundlich
  gegen  Preußen  und  Rußland,  und  sah  mit  Befriedigung
die  durch  die  Wendungen  des  Krimkriegs  erzeugte  Stimmung
gegen  Osterreich,  in  Berlin  mißtrauische  Kälte,  in  Petersburg
den  offen  ausgesprochenen  Haß.  Als  Graf  Buol  einmal  von
Herstellung  der  alten  Beziehungen  zu  Rußland  geredet  hatte,
sagte  Fürst  Gortschakoff  zu  dem  preußischen  Gesandten,  daß
er  von  Freundschaft  mit  Osterreich  nichts  wissen  wolle,  jedesfalls
  müsse  einer  solchen  die  Zustimmung  Preußens  vorausgehen.
  In  den  Berliner  Regierungskreisen  gab  es  niemand,
welcher  damit  nicht  von  Herzen  einverstanden  gewesen  wäre.

Dieser  Gegensatz  trat  bei  jedem  Anlasse  wirksam  zu  Tage.
Der  Pariser  Congreß  hatte  mehrere  Bestimmungen  des  Friedens
der  näheren  Regulirung  durch  gemischte  Commissionen  über-
        <pb n="251" />
        1856  Parteistellung  der  europäischen  Mächte.  241

wiesen,  darunter  die  specielle  Feststellung  der  neuen  russischwalachischen
  Grenzlinie,  und  die  innern  Verhältnisse  der  beiden
Donaufürstenthümer.  In  der  erstern  Frage  erhob  Rußland
Anspruch  auf  die  Stadt  Bolgrad  und  die  Schlangeninsel,  und
fand  Unterstützung  bei  Preußen  und  Frankreich,  zähen  Widerspruch
  aber  bei  Osterreich  und  England.  Noch  schärfer  traten
sich  die  Parteien  gegenüber,  als  Rußland,  Preußen  und  Frankreich
  das  schon  auf  dem  Congresse  angemeldete  Verlangen  der
Union  der  beiden  Fürstenthümer  wiederholten.  Dagegen  legten
England  und  Osterreich  leidenschaftliche  Verwahrung  ein,  und
namentlich  Preußen  fand  Veranlassung,  sich  über  den  Ton
und  die  Mittel  ihrer  Polemik  zu  beschweren.  Man  beklagte
das  hochmüthige  Auftreten  Englands,  wo  leider  keine  Aussicht
  anf  Besserung  zu  hoffen  sei,  „so  lange  Palmerston's
Gehässigkeit  und  Clarendon's  Verblendung  dort  maaßgebend
blieben.“  Und  nicht  minder  empfand  man  die  in  Wien  beliebte
Haltung.  Osterreichs  Verfahren  gegen  uns,  schrieb  Manteuffel
dem  Gesandten  in  Wien,  ist  rückhaltvoll  und  rücksichtslos.
In  der  That  benahm  sich  Graf  Buol  hier  nach  derselben
Gesinnung,  mit  welcher  er  einst  während  des  Verlaufs  des
Kriegs  dem  württembergischen  Gesandten  gesagt  hatte,  Württemberg
  müsse  lernen,  daß  Osterreich  allein  in  ganz  Deutschland
eine  selbständige  Politik  zu  treiben  habe.  Er  erhob  in  Berlin
Beschwerde  über  den  preußischen  Commissar,  daß  er  sich  erlaube,
  mit  dem  französischen  gegen  den  deutschen  Alliirten  seiner
Regierung  zusammenzuhalten,  und  sandte  dem  Bundespräsidialgesandten,
  Grafen  Rechberg,  Abschrift  der  dortigen  Verhandlungen
  nach  Frankfurt,  um  sie  bei  den  übrigen  Bundestagsgesandten
  als  Beweis  der  undeutschen  Gesinnung  Preußens
zu  benutzen.  Es  verstand  sich,  daß  unter  solchen  Verhaͤltnissen

v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches  II.
        <pb n="252" />
        242  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1855

von  einer  Verlängerung  des  Aprilbündnisses  keine  Rede  war;
von  dem  idyllischen  Zustande,  in  welchem  die  Einheit  Deutschlands
  durch  die  Eintracht  seiner  Großmächte  repräsentirt  wurde,
war  man  so  weit  wie  möglich  entfernt.

Unterdessen  war  bei  den  deutschen  Mittelstaaten  der  Eindruck,
  welchen  die  Forderung  einer  Volksvertretung  beim  Bunde
durch  mehrere  Kammern,  und  des  Kaiserthums  für  Österreich
durch  die  großdeutsche  Presse  gemacht  hatte,  keineswegs  verklungen.
  König  Max  von  Bayern  wollte  von  dem  einen  so  wenig
wie  von  dem  andern  etwas  wissen.  Ihm,  dem  die  Selbständigkeit
  Bayerns  und  in  derselben  die  Wahrung  seiner  Kronrechte
am  Herzen  lag,  war  die  Verfassung  des  deutschen  Bundes
durchaus  genehm.  Um  so  mehr  beklagte  er,  daß  dies  treffliche
Institut  durch  seine  völlige  Dürre  bei  dem  deutschen  Volke
in  so  gründliche  Mißachtung  gesunken  sei,  und  wünschte
also  mit  aller  Leidenschaft,  deren  seine  zarte  Natur  fähig
war,  dem  Bundestag  einen  erweiterten  Berufskreis  und  die
Lösung  schöner,  gemeinnütziger  Aufgaben  zuzuweisen.  Damit
aber  verband  sich  bei  ihm  noch  ein  anderer  Gedankengang.
Bei  seinen  wohlgegründeten  Bestrebungen  theils  für  die  Erhöhung
  der  bayerischen  Wehrkraft  theils  für  die  Verbesserung
des  bayerischen  Unterrichtswesens  fand  er  sich  nur  zu  häufig
durch  Nativisten  und  Ultramontane  in  der  Presse  und  in  den
Kammern  behindert:  er  dachte,  wenn  nach  seinen  Entwürfen
der  Bundestag  sich  erst  einmal  dem  Volke  als  Schöpfer
großen  materiellen  Segens  bewiesen  habe,  werde  derselbe  so
gut  wie  1820  und  1850  auch  jetzt  für  die  Kräftigung  des
fürstlichen  Ansehens  gegen  widerhaarige  Zeitungsschreiber  und
Parlamentsredner  wirken  können.  Sein  Minister,  Baron  von
der  Pfordten,  war  nicht  ohne  Bedenken  bei  diesen  Plänen
        <pb n="253" />
        1855  Banerische  Anträge  zur  Kräftigung  des  Bundestages.  243

seines  Gebieters,  welche  nach  Umständen  auch  Bayerns  Selbständigkeit
  stark  beschränken  konnten,  mußte  aber  schon  am
10.  November  1855  nach  Frankfurt  den  Antrag  senden,  die
Bundesversammlung  möge  die  Anfertigung  gemeinnütziger
Gesetze  über  ein  deutsches  Handelsgesetzbuch,  deutsches  Hcimathsrecht,
  gemeinsame  Münze,  Maaß  und  Gewicht,  deutsche  Auswanderung,
  in  Berathung  nehmen.

Nun  war  bekanntlich  nach  seinen  Grundgesetzen  der
Bundestag  zwar  berechtigt  zu  gemeinnützigen  Einrichtungen,
jedoch  war  hiebei  für  jeden  Beschluß  Einhelligkeit  aller
Stimmen  erforderlich.  Eine  solche  aber  war  in  den  meisten
Fällen  unmöglich,  oder  nur  durch  Compromisse  erreichbar,
welche  dann  niemand  völlig  befriedigten;  einmal  aber  beschlossen,
  stand  die  Einrichtung  unkündbar  fest,  denn  ihre
Aufhebung  oder  Anderung  setzte  wieder  Stimmeneinhelligkeit
voraus.  Wo  also  bisher  Bedürfnisse  solcher  Art  hervorgetreten
  waren,  hatten  die  Betheiligten,  Preußen  voran,  es
stets  vorgezogen,  das  Ziel  durch  freie  und  kündbare  Vereinbarung,
  sei  es  nach  Anregung  im  Bundestag,  sei  es  völlig
unabhängig  vom  Bunde,  zu  erreichen.  Preußen  war  um  so
weniger  geneigt,  von  diesem  Standpunkte  zu  weichen,  je  deutlicher
  das  Bestreben  Osterreichs  in  den  letzten  Jahren  hervorgetreten
  war,  durch  die  ihm  dienstwillige  Bundesmajorität  die
Selbständigkeit  der  preußischen  Politik  zu  beeinträchtigen.
Bismarck  entwickelte  diese  Auffassung  gleich  nach  dem  Erscheinen
  des  bayerischen  Antrags  am  26.  November  in  einem
ausführlichen  Berichte,  welcher  sofort  die  volle  Zustimmung
des  Ministers  von  Manteuffel  fand.  Man  wurde  darin  durch
die  Thatsache  noch  weiter  befestigt,  daß  Graf  Buol  sich  sehr
lebhaft  für  den  bayerischen  Antrag  aussprach,  um,  wie

16
        <pb n="254" />
        244  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1855

Bismarck  bemerkte,  die  Gegenstände  desselben  in  den  Bereich
des  Bundes  und  hoffentlich  des  Präsidiums  desselben  zu  ziehen.
Immer  aber  warnte  Bismarck  dringend,  mit  Rücksicht  auf
die  öffentliche  Meinung  und  die  innere  Güte  der  Sache,  dem
Antrage  nicht  in  offener  Feindschaft  entgegenzutreten,  sondern
im  Verlauf  der  Verhandlung  darauf  bedacht  zu  bleiben,
die  Lösung  der  Aufgabe  dem  Bundestage  aus  der  Hand  zu
nehmen,  und  auf  das  Feld  der  freien  Vereinbarung  hinüber
zu  führen.  In  diesem  Sinne  wurde,  als  im  Februar  1856
Bayern  beantragte,  zunächst  zur  Bearbeitung  eines  deutschen
Handelsgesetzbuches  zu  schreiten,  von  preußischer  Seite  verfahren.

König  Max  blieb  aber  nicht  lange  allein  in  dem  Bestreben,
  die  Competenz  und  Wirksamkeit  des  Bundestags  zu
erweitern.  Wie  hätte  der  rührigste  Staatsmann  der  Mittelstaaten,
  wie  hätte  Baron  Beust  dabei  fehlen  sollen?

Herr  von  Beust  hatte  schon  im  October  1855  bei  dem
oben  erwähnten,  durch  Osterreich  veranlaßten  Schriftwechsel
dem  Grafen  Buol  erwidert,  auch  Sachsen  halte  die  Bundesreform
  für  ein  dringendes  Bedürfniß,  denn  in  Deutschland
herrsche  eine  wahre  Anarchie;  während  Coburg  in  der  Domänenfrage
  die  Beschlüsse  des  Bundes  verachte,  hätten  die
Souveräne  von  Hannover  und  Nassau  sich  Rechte  über  alles
Maaß  hinaus  beigelegt;  ebenso  bestehe  ein  greller  Widerspruch
zwischen  dem  Artikel  13  der  Bundcsacte,  welcher  landständische
Verfassungen  anordne,  und  dem  Einschleppen  des  französischenglischen
  Constitutionalismus;  man  müsse  den  letztern  entweder
  in  den  Einzelstaaten  ausrotten,  oder  ihn  auch  beim
Bundestage  einführen.  Daß  dies  Letztere  durchaus  nicht  seine
Meinung  war,  zeigte  sich,  als  er  Ende  Juni  1856  an  die
leitenden  Minister  in  Wien,  Berlin  und  der  Mittelstaaten
        <pb n="255" />
        1856  Denkschrift  des  Ministers  von  Beust.  245

eine  Denkschrift  übersandte,  eine  Privatarbeit,  wie  er  sagte,
worüber  er  ein  vorläufiges  Urtheil  der  Collegen  erbat.  Darin
führte  er  zunächst  den  revolutionären  Charakter  der  Forderungen
  aus,  welche  die  deutsche  Einheit  durch  feste  Unterordnung
  der  Souveräne  in  Kriegswesen  und  Diplomatie  unter
eine  starke  Centralgewalt  bezwecken.  Alle  Bundesregierungen,
erklärte  er,  sollten  sich  zu  einem  Bundesbeschluß  vereinigen,
keine  solche  Außerung  mehr  zu  dulden.  Die  Grundlosigkeit
des  Vorwurfs,  der  Bund  leiste  nichts  für  die  äußere  Sicherheit
  Deutschlands,  habe  sich  1830,  1848  und  1854  einleuchtend
  erwiesen.

Schwerer  wiegen,  fährt  er  fort,  die  Mängel  auf  dem
Gebiete  der  innern  Politik.  Die  Pflege  der  materiellen
Interessen  ist  allerdings  durch  die  Vorschrift  der  Einstimmigkeit
  in  hohem  Maaß  gehindert.  Aber  auf  dem  Gebiete  der
Landesverfassungen  wäre  viel  zu  thun.  Wir  verwahren  uns
gegen  einen  allgemeinen  Bruch  mit  dem  Repräsentativsystem.
Aber  schon  die  Verkürzung  der  Sessionen  der  endlos  redenden
und  amendirenden  Landtage  wäre  ein  großer  Gewinn.  Beim
Budget  sollten  sie  nur  über  Erhöhung  einzelner  Posten  und
die  Prüfung  des  Rechenschaftsberichtes  beschließen.  Die
Kammern  selbst  würden  dies  einsehen  und  gerne  genehmigen.
Die  allgemeine  Durchführung  dieser  Normen  würde  auch  die
Möglichkeit  eines  vollständigen  Rechtsschutzes  gewähren.  Bei
Verfassungsstreitigkeiten  wären  die  Mitglieder  des  Bundestags
  zu  einer  unparteisschen  Rechtsprechung  nach  der  Natur
ihrer  Stellung  nicht  geeignet.  Nur  ein  Bundesgericht  könnte
hier  helfen;  für  dessen  Thätigkeit  wäre  aber  die  auf  Bundesgesetz
  beruhende  Gleichmäßigkeit  der  Verfassungen  die  Voraussetzung.
        <pb n="256" />
        246  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1856

Es  war  also  der  einfache  Vorschlag,  in  ganz  Deutschland
  jede  Außerung  unitarischer  oder  kleindeutscher  Gedanken
polizeilich  zu  unterdrücken  und  in  den  Einzelstaaten  die  Befugnisse
  der  Kammern  einer  starken  Beschränkung  zu  unterwerfen,
  der  Antrag  auf  eine  Wiederholung,  bemerkte  Bismarck,
  der  Karlsbader  Beschlüsse  von  1819.  Daß  das
Bekanntwerden  eines  solchen  Entwurfes  bei  allen  liberalen
Parteien  einen  Sturm  der  Entrüstung  hervorgerufen  hätte,
bedarf  keiner  Bemerkung:  bezeichnend  aber  für  den  Wandel
der  Zeiten  war  es,  daß  Herr  von  Beust  dieses  Mal  auch  bei
den  Regierungen  fast  an  keiner  Stelle  Anerkennung  fand.
Sein  Freund,  Herr  von  Dalwigk,  nannte  die  Denkschrift
eine  hübsche  litterarische  Produktion,  welche  viel  Wahres  und
wenig  Neues  enthalte.  Dem  König  von  Hannover  gefiel  die
Unterdrückung  der  Einheitsschwärmer  wohl,  jedoch  gegen  die
Errichtung  eines  Bundesgerichts  hatte  er  schwere  Bedenken.
Umgekehrt  hielt  man  in  Stuttgart  die  Schöpfung  eines
Bundesgerichts  für  zweckmäßig,  alle  andern  Vorschläge  aber
für  unpraktisch.  Der  Kurfürst  von  Hessen  wollte  von  gar
keinen  Neuerungen  an  der  bestehenden  Bundesverfassung  etwas
wissen;  die  von  Beust  angeregte  Beschränkung  der  ständischen
Rechte  hatte  er  ja  in  seinem  Lande  längst  durchgesetzt.  König
Max  von  Bayern  nahm  Anstoß  an  Beust's  Gleichgültigkeit
gegen  die  Erweiterung  der  Bundesthätigkeit  auf  dem  Gebiete
materieller  Reformen.  Aus  Berlin  übersandte  der  Minister
von  Manteuffel  an  Beust  eine  Fülle  verbindlicher  Worte,
gemischt  mit  zweifelnden  Fragen  und  geschlossen  mit  der  Bitte
um  nähere,  zur  praktischen  Behandlung  gceignete  Darlegung.
Nur  Graf  Buol  sprach  sich  Mitte  August  unbedingt  lobend
aus,  und  erklärte  sich  bereit,  ganz  nach  dem  Karlsbader
        <pb n="257" />
        1856  Die  Neuenburger  Verwicklung.  247

Muster,  zu  vorbereitenden  Conferenzen  der  leitenden  Minister
aller  deutschen  Staaten.

Ehe  aber  irgend  etwas  zur  Einleitung  einer  solchen
Pflege  des  deutschen  Nationalrechts  geschehen  konnte,  traten
Ereignisse  ganz  anderer  Art  ein,  die,  aus  kleinem  Ursprung
heranwachsend,  ganz  Preußen  und  bald  Europa  in  fieberhafte
Unruhe  versetzen.

Wir  sahen  oben,  mit  welcher  heißen  Neigung  König
Friedrich  Wilhelm  an  dem  Gedanken  hing,  sein  geliebtes
Neuenburg  wieder  aus  den  Klauen  der  schweizer  Demokraten
heraus  zu  reißen.  Die  Zahl  der  Einwohner  des  Ländchens,
welche  diesen  Wunsch  theilten,  war  nicht  klein,  da  die  Königsherrschaft
  in  den  anderthalb  Jahrhunderten  ihrer  Dauer  immer
milde  und  wohlthätig  gewesen,  und  sich  jeder  Störung  der
altgewohnten  Zustände  und  Einrichtungen  enthalten  hatte.
Es  sah  1847  in  Neuenburg  nicht  viel  anders  aus  als  1747:
auf  dem  Lande  ein  herrschender  Einfluß  der  großen  Adelsgeschlechter,
  in  den  Städten  das  Regiment  der  alteingesessenen
Bürgerschaften,  an  dem  kein  neuer  Einwanderer  Antheil  erhielt,
  im  Ganzen  ein  behagliches  Stillleben  in  leidlichem
Wohlstand  und  reger  Kirchlichkeit.  Darüber  hatte  sich  dann
1848  der  Strom  der  revolutionären  Demokratie  ergossen,
hatte  alle  Standesunterschiede  beseitigt,  Municipalitäten  aus
allgemeinem  Stimmrecht  eingesetzt,  jedem  Schweizer  nach
zweijährigem  Aufenthalt  cantonales  Bürgerrecht  verliehen,
so  daß  1856  beinahe  die  Hälfte  der  Bevölkerung  aus
solchen  Zugezogenen  bestand.  Es  konnte  nicht  fehlen,  daß
eine  so  gründliche  Umwälzung  die  Gefühle  und  die  Interessen
  bei  einer  Menge  der  alten  Einwohner  tief  verletzte,
und  namentlich  die  Edelleute  dringende  Bitten  um  Erlösung
        <pb n="258" />
        248  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1856

von  dem  demokratischen  Joche  nach  Berlin  gelangen  ließen.
Das  Londoner  Protokoll  von  1852,  in  welchem  alle  Großmächte
  das  gute  Recht  des  Königs  anerkannten,  hob  ihre
Erwartungen;  daß  während  des  großen  orientalischen  Kriegs
von  Neuenburg  keine  Rede  war,  konnte  sie  nicht  Wunder
nehmen;  als  aber  1856  auf  dem  Pariser  Congreß  Preußens
Erinnerung  an  Neuenburg  platt  zu  Boden  fiel,  erlosch
die  letzte  Hoffnung  auf  fremden  Beistand,  und  sie  kamen
zu  dem  verzweifelten  Entschlusse,  nach  alter  schweizer  Art
durch  einen  Putsch  sich  selbst  zu  helfen.  Einige  ihrer
Führer  gingen  nach  Berlin,  und  legten  dort  mehreren  einflußreichen
  Personen  vertraulich  ihre  Pläne  vor;  der  Minister
von  Manteuffel  rieth  dringend  ab;  der  König  verhielt  sich
schweigend.  Sie  nahmen  dies  Schweigen  für  Zustimmung,
und  in  der  Nacht  auf  den  3.  September  setzten  sich  zwei
kleine  Colonnen  unter  Oberstlieutenant  Meuron  und  Graf
Friedrich  Pourtales  in  Bewegung,  überraschten  und  besetzten
das  Neuenburger  Schloß,  verhafteten  die  Behörden,  und
ließen  am  Morgen  ihre  Manifeste  auf  Herstellung  der
königlichen  Regierung  in  das  Land  gehen.  Aber  der  Aufstand
  war  ungenügend  vorbereitet;  es  kam  zu  keinem  Zusammenwirken
  der  royalistisch  gesinnten  Ortschaften.  Um
so  lebhafter  aber  erhob  sich  die  republikanische  Partei,  in
La  Chaux  de  Fonds  und  Val  Travers,  so  wie  die  Neubürger
  im  ganzen  Canton.  Auch  etwas  eidgenössisches  Militär
war  zur  Hand,  und  bereits  am  4.  September  wurde  Meuron
mit  den  Seinen  überwältigt,  und  die  royalistische  Bewegung
aller  Orten  erstickt.  Zwei  Commissare  des  eidgenössischen
Bundesraths  eilten  aus  Bern  herbei;  etwa  3000  Mann
Berner  und  Waadtländer  Milizen  nahmen  das  kleine  Land
        <pb n="259" />
        1856  Aufregung  König  Friedrich  Wilhelm's.  249

in  militärischen  Gewahrsam,  eine  Menge  Verhaftungen  folgten,
und  66  Gefangene  wurden,  des  Hochverrathes  angeklagt,  vor
einen  eidgenössischen  Staatsgerichtshof  verwiesen.  Die  nicht
eingesperrten  Royalisten  verfolgte  der  Parteihaß  mit  demselben
Mittel,  womit  1851  der  Kurfürst  von  Hessen  seine  ver—
fassungstreuen  Beamten  heimgesucht  hatte,  mit  massenhafter
Einquartierung,  deren  Ernährung  auch  wohlhabende  Männer
ruinirte,  und  kleine  Bauern  binnen  Kurzem  an  den  Bettel—
stab  brachte.

Die  Kunde  dieser  Vorgänge  traf  nun  Schlag  auf  Schlag
in  das  Herz  des  Königs,  erschütternd,  überwältigend.  Seine
eigenen  Besitzrechte  traten  für  sein  Gefühl  in  den  Hintergrund,
Angesichts  des  Unglücks  jener  wackern  Männer,  welche  aus
Treue  gegen  ihn  und  in  Heilighaltung  seines  von  Europa
anerkannten  Rechtes  ihr  Leben  eingesetzt  hatten,  in  einem
hoffnungslosen  Unternehmen,  welches  Er  zwar  nicht  ver—
anlaßt  oder  belobt,  aber  doch  gekannt  und  nicht  verhindert
hatte.  Er  war  außer  sich  in  Schmerz  und  Zorn  bei  der
Vorstellung,  seine  Getreuen  als  gemeine  Verbrecher  vor  Gericht
  gestellt  und  mit  langjähriger  Zuchthausstrafe  bedroht
zu  sehen.  Dies  konnte  und  durfte  nicht  sein;  es  erschien  ihm
als  höchste  Ehrenpflicht,  mit  allen  Mitteln  und  Hintansetzung
jeder  andern  Erwägung  hier  Rettung  und  Befreiung  zu
bringen.  Er  war  damals  in  Ostpreußen,  und  befahl  sofort,
ihm  Briefe  an  die  Souveräne  der  vier  Großmächte  zu  entwerfen,
  mit  dringender  Bitte,  seine  Aufforderung  an  die
Schweiz  um  bedingungslose  Freilassung  der  Gefangenen  zu
unterstützen;  zugleich  sollte  in  demselben  Sinne  seine  Regierung
  sich  an  die  Ministerien  der  Mächte  wenden.  Aber
er  mußte  hier  trübe  Erfahrungen  machen.  Kaiser  Alexander
        <pb n="260" />
        250  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1856

von  Rußland  bezeugte  warme  Theilnahme  und  verhieß,  das
Mögliche  zu  thun;  freilich  habe  er  nach  der  geographischen
Lage  keine  andern  Mittel  als  gute  Worte.  In  Paris  erklärte
  Graf  Walewski,  das  Recht  des  Königs  sei  zweifellos;
aber  es  sei  ein  übler  Handel;  auch  die  Schweiz  fühle  sich
im  Rechte  des  thatsächlichen  Zustandes,  und  werde  schwerlich
in  den  Gang  des  Gerichtsverfahrens  eingreifen.  Napoleon,
damals  in  Biarritz,  redete  in  gleichem  Tone,  Neuenburg  sei
für  Preußen  kein  Gewinn,  sondern  eine  Last,  für  Europa
eine  stete  Quelle  von  Verlegenheiten.  Beinahe  wie  ein  Hohn
wurde  dann  in  Berlin  die  Antwort  des  Grafen  Buol  empfunden:
  Österreich  werde  gerne  Preußens  Wünsche  unterstützen,
  sehe  aber  in  dieser  Sache  dafür  keine  Mittel  und
Wege,  und  werde  dankbar  sein,  wenn  ihm  Preußen  solche
angäbe.  Vollends  das  englische  Cabinet  war  zwar  bereit,
sich  für  milde  Behandlung  der  Gefangenen  zu  verwenden,
hatte  aber  sonst  keinen  andern  Rath,  als  daß  der  König
durch  schleunigen  Verzicht  auf  seine  Souveränität  über  Neuenburg
  die  Freiheit  der  Gefangenen  erkaufe.  Die  Berufung
auf  die  englische  Anerkennung  dieser  Souveränität  1815  und
1852  machte  keinen  Eindruck.  Es  sind  viele  Verträge  und
Protokolle,  sagte  Lord  Palmerston,  durch  die  Gewalt  der
Thatsachen  zerrissen  worden;  man  muß  heute  zugestehen,  daß
die  Völker  nicht  für  die  Fürsten,  sondern  die  Fürsten  für
die  Völker  da  sind,  und  daß  das  Fürstenrecht  verschwindet,
wenn  ihm  die  Zustimmung  des  Volkes  entzogen  wird.

In  noch  schärferem  Tone  lehnte  der  schweizerische  Bundesrath
  die  Forderung  des  preußischen  Gesandten  auf  Niederschlagung
  des  Processes  ab,  wenn  der  König  nicht  vorher
alle  Rechtsansprüche  auf  Neuenburg  aufgebe.  In  der  Schweiz
        <pb n="261" />
        1856  Ablehnung  der  preußischen  Forderungen  durch  die  Schweiz.  251

herrschte  damals  die  radicale  Partei,  und  der  zeitige  Präsident
  des  Bundesraths,  Stämpfli,  war  ein  Eifriger  unter
seinen  Genossen.  Neuenburg,  sagte  er,  habe  1848  sich  nicht
anders  verhalten  als  einst  die  Waldstätte  gegen  die  österreichischen
  Vögte;  auf  solche  Weise  sei  die  ganze  Schweiz
entstanden,  und  der  Volkswille  ihr  unverbrüchlicher  Rechtsboden.
  Zu  einer  Verhinderung  des  Processes  sei  der  Bundesrath
  gar  nicht  befugt,  und  sie  bei  der  Bundesversammlung
zu  beantragen,  sei  bei  der  Stimmung  des  souveränen  Volkes
unmöglich.  Gegen  Drohungen  aber  mit  Waffengewalt  würde
das  Schweizervolk  sich  in  Waffen  erheben  wie  ein  einziger
Mann.  Wer  damals  die  schweizer  Zeitungen  las,  fand  für
dies  Alles  reichliche  Bestätigung.  Dem  Auslande  gegenüber
traten  die  sonstigen  Gegensätze  der  Parteien  zurück.  Man  fühlte
sich  vollständig  im  Rechte,  und,  was  ebenso  schwer  wog,  in
unbedingter  Sicherheit.  Zunächst  trug  man  eine  verachtende
Geringschätzung  Preußens  zur  Schau.  Man  schilderte  die
Feigheit  desselben  in  Olmütz,  die  Kriegsscheu  in  den  letzten
Jahren  und  erging  sich  in  groben  Schmähungen  gegen  die
Person  des  Königs.  Man  betonte  andrerseits  die  nachbarliche
  Freundschaft  und  den  regen  Handelsverkehr  mit  den  süddeutschen
  Staaten,  die  wahrhaftig  nicht  Lust  haben  würden,
preußische  Truppen  an  ihren  Grenzen  und  vielleicht  auf  ihrem
Gebiete  mit  den  Schweizern  kämpfen  zu  sehen.  Vor  Allem
erschien  es  unmöglich,  daß  Frankreich  solche  Vorgänge  dulden,
die  seine  eigenen  Grenzen  deckende  Neutralität  der  Schweiz
verletzen  lassen,  dem  Marsche  eines  preußischen  Heeres  durch
Baden  geduldig  zusehen  würde.  Einst  hatte  Napoleon  als
Flüchtling  auf  schweizer  Boden  gelebt;  die  Eidgenossenschaft
hatte  ihn  tapfer  gegen  die  Drohungen  Ludwig  Philipp's
        <pb n="262" />
        252  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1856

geschützt;  es  sei,  glaubte  man,  nicht  daran  zu  denken,  daß  der
Kaiser  jemals  einen  preußischen  Angriff  gegen  ihr  Gebiet
erlaube.  So  ließ  man  den  Proceß  gegen  die  Gefangenen
ungehemmt  seinen  Gang  gehen,  und  zuckte  die  Achseln  mit
heiterem  Gleichmuth  bei  den  Erzählungen  von  dem  ohn—
mächtigen  Zorn,  den  Briefen  und  Sendungen  des  preußischen
Königs.

Unterdessen  aber  hatte  auch  dieser  erkannt,  wo  der
Schwerpunkt  der  Entscheidung  liege.  Sein  Urtheil  über
Napoleon  hatte  durch  den  Verlauf  des  Krimkriegs  und  die
seitherige  Haltung  der  französischen  Politik  eine  wesentliche
Änderung  erfahren.  Mit  dem  Gedanken,  bei  der  jetzigen
Weltlage  auf  Neuenburg  zu  verzichten  und  darüber  zunächst
mit  den  Großmächten  in  Einvernehmen  zu  treten,  hatte  er
sich  vertraut  gemacht:  aber  um  so  unerschütterlicher  stand
sein  Entschluß,  sich  auf  keine  Unterhandlung  einzulassen,  ehe
die  Schweiz  die  vorgängige  und  bedingungslose  Freilassung
der  Gefangenen  gewährt  habe.  Ließen  ihn  die  Mächte  hiebei
im  Stich,  so  würde  er  durch  preußische  Truppen  Schaffhausen
und  Basel  in  Pfandbesitz  bis  zur  Erfüllung  seiner  gerechten
Forderung  nehmen.  Am  16.  September  theilte  er  in  einem
zweiten,  eigenhändigen  Briefe  diese  Intentionen  dem  Kaiser
Napolcon  mit.  „Der  Ton  meines  officiellen  Schreibens  an
Ew.  Majestät,  sagte  er  darin,  war  kalt,  und  ermangelte  der
warmen  Sprache,  die  mein  Herz  und  mein  Vertrauen  zu
Ew.  Majestät  mir  vorschreiben.  Der  Augenblick  ist  gekommen,
wo  es  von  Ew.  Majestät  abhängt,  einen  ergebenen  und  für
jede  Probe  zuverlässigen  Freund  zu  gewinnen,  einen  Bewunderer
  der  großen  Fähigkeiten,  welche  Europa  Sicherheit
und  Frieden  wieder  gegeben  haben.“  Nachdem  er  darauf  die
        <pb n="263" />
        1856  Der  König  gewinnt  Napoleon's  Unterstützung.  253

Trefflichkeit  und  das  Elend  seiner  mißhandelten  Getreuen
geschildert,  erklärte  er,  daß  er  für  sie  im  schlimmsten  Falle
den  Krieg  nicht  scheuen  würde;  er  wisse,  daß  der  Kaiser  ihm
im  Augenblick  des  Sieges  in  den  Arm  fallen  könnte;  er  fürchte
dies  aber  nicht;  um  so  mehr  würde  er  den  Mächten  gegenüber
  zu  jeder  mit  der  Ehre  verträglichen  Concession  bereit
sein.  Er  schloß  dann  mit  dem  Satze:  ich  schreibe  diesen
Brief  mit  blutendem  Herzen,  die  Thränen  in  den  Augen.
Im  Berliner  Cabinet  liebte  man  solche  Herzensergüsse
des  Königs  über  politische  Fragen  nicht  sehr;  dieses  Mal
aber  traf  das  Schreiben  zum  Zweck.  Der  Brief  des  Königs,
sagte  die  Kaiserin  Eugenie  dem  Grafen  Hatzfeldt,  hat  den
Kaiser  tief  gerührt.  Was  hätte  ihm  auch  bei  seinen  Zukunftsplänen
  Erwünschteres  kommen  können,  als  solche  Stimmungen
des  Königs,  deren  Befriedigung  auf  lange  hin  ein  warmes
Einvernehmen  beider  Mächte  in  Aussicht  stellte?  Napoleon
antwortete  gleich  am  24.  September  aus  Biarritz.  Er  verhehlte
  dem  König  nicht,  daß  er  als  französischer  Souverän
nicht  ohne  Unruhe  eine  preußische  Armee  in  der  Schweiz
erblicken  würde,  sagte  aber  um  so  nachdrücklicher  seinen  Beistand
  zu,  die  Schweiz  auf  friedlichem  Wege  zur  Freilassung
der  Gefangenen  zu  nöthigen.  In  der  That  erging  ein  amtliches
  Schreiben  aus  Paris  nach  Bern,  welches  in  energischer
Ausführung  die  Schweiz  auf  die  schwere  Gefährdung  ihrer
eigenen  Interessen  bei  Fortsetzung  des  Processes  aufmerksam
machte,  und  ihr  den  dringenden  Rath  des  Kaisers  zur  Nachgiebigkeit
  in  diesem  Punkte  aussprach.  Dann  werde  Napoleon
bereit  sein,  ihr  alle  guten  Dienste  zur  endlichen  Lösung  der
ganzen  Frage  zu  leisten.  Im  Weigerungsfalle  aber,  ließ
außerdem  Graf  Walewski  dem  Bundesrathe  sagen,  würde
        <pb n="264" />
        254  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1856

Preußen  mit  Unterstützung  der  süddeutschen  Staaten  eine
Armee  in  die  Schweiz  einrücken  lassen.

Der  König  war  mit  alledem  im  höchsten  Grade  zufrieden.
  So  wenig  wie  Napoleon  wünschte  er  den  Krieg,
theilte  aber  auch  durchaus  des  Kaisers  Hoffnung,  daß  dessen
mächtiges  Wort  die  günstige  Entscheidung  herbeiführen  würde,
vollends  wenn  die  übrigen  Großmächte  in  gleichem  Sinne
reden  wollten.  In  der  That,  wie  hätte  man  zweifeln  sollen?
Irgend  eine  sachliche  Gefahr  konnte  die  Freilassung  der  Gefangenen
  der  Schweiz  nicht  bringen.  Es  war  eine  Frage
des  Princips  und  der  Ehre.  Allerdings  enthielt  die  Freilassung
  die  Anerkennung,  daß  die  Gefangenen  im  Rechte,  die
Schweiz  im  Unrecht  gewesen.  Eben  deshalb  wurde  sie  vom
Könige  gefordert  und  von  der  Schweiz  verweigert.  Wie
aber,  wenn  nun  ein  völlig  Unbetheiligter,  welcher  zugleich
der  mächtigste  Nachbar  und  der  beste  Freund  der  Schweiz
war,  sie  aufforderte,  im  eigenen  und  im  französischen  Interesse,
nicht  auf  preußisches  Begehren,  sondern  auf  französisches
Ersuchen,  den  Proceß  niederzuschlagen?  Welcher  vernünftige
Grund  konnte  die  Schweiz  von  der  Erfüllung  dieses  Wunsches
abhalten?  Mit  allen  Ehren  wäre  sie  darauf  in  eine  Verhandlung
  eingetreten,  deren  Ausgang  kein  anderer  als  der
Verzicht  des  Königs  auf  Neuenburg  sein  konnte.

Es  sollte  aber  anders  kommen.

So  kräftig  auch  Walewski  geredet  hatte,  der  Bundesrath
glaubte  nicht  an  den  Ernst  der  Worte.  Einerseits  hielt  man
es  nicht  für  sicher,  daß  Napoleon's  gute  Dienste  in  Berlin
ausreichen  würden,  den  bedingungslosen  Verzicht  des  Königs
auf  Neuenburg  herbeizuführen,  wenn  dieser  nicht  mehr  durch
Sorge  um  seine  gefangenen  Getreuen  gedrängt  würde.  Andrer-
        <pb n="265" />
        1856  Die  Schweiz  beharrt  auf  ihrer  Weigerung.  255

seits  schien  dem  Bundesrath  die  Gefahr  eines  preußischen
Angriffes  mit  Hecresmacht  in  der  That  sehr  gering  zu  sein.
Die  liberalen  oder  demokratischen  Stimmungen  der  Volksmassen
  in  Frankreich  und  Deutschland  waren  zwar  seit  1851
unterdrückt,  bestanden  aber  in  desto  größerer  Spannkraft  fort,
und  traten  bei  der  Neuenburger  Frage  ebenso  wie  während  des
Krimkriegs  hervor.  Die  überwiegende  Neigung  stand  auf  der
Seite  der  Schweiz;  man  fand  den  Gedanken  ebenso  lächerlich
wie  gehässig,  daß  um  13  Quadratmeilen  entlegenes  Landes,
welches  den  preußischen  Staat  gar  nichts  anging,  das  preußische
Volk  in  einen  ernsten  Krieg  hineingedrängt  werden  sollte.  Nun
wußte  man  in  Bern  sehr  wohl,  wie  sehr  Napoleon  und  die  süddeutschen
  Höfe  auf  die  öffentliche  Meinung  ihrer  Völker  Rücksicht
  nahmen;  man  hielt  sich  also  überzeugt,  daß  selbst  bei  dem
bösesten  Willen  diese  Regierungen  es  nicht  wagen  würden,
der  preußischen  Armee  den  Durchmarsch  wirklich  zu  gestatten.

Ein  Zweites  kam  hinzu.

Einer  energischen  Forderung  sämmtlicher  Großmächte
hätte  sich  die  Schweiz  ohne  Zweifel  schon  jetzt  gefügt.  Aber,
wie  wir  wissen,  standen  die  Großmächte  seit  dem  Pariser
Congresse  in  zwei  Gruppen  gesondert,  und  dies  Verhältniß
machte  sich  auch  in  der  Neuenburger  Frage  geltend.  Wie
Frankreich  dem  preußischen  Cabinet,  so  secundirte  in  Bern
der  russische  Gesandte  dem  französischen  mit  unausgesetztem
Eifer.  Aber  äußerst  lau  verhielt  sich  der  Vertreter  Osterreichs,
  beantragte  zwar  die  Freilassung  der  Gefangenen,  verhielt
  sich  aber  nach  der  Abweisung  völlig  ruhig.  Vollends
der  englische  Gesandte  Gordon  erwog  täglich  mit  Stämpfli,
wie  man  den  König  von  Preußen  nöthigen  könne,  zuerst  zu
verzichten,  und  damit  die  Freiheit  der  Rebellen  zu  erkaufen.
        <pb n="266" />
        256  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1856

So  kam  der  Bundesrath  nach  zweitägiger  Berathung  zu
dem  Beschluß,  der  französischen  Regierung  zu  antworten,  daß
die  Freilassung  erst  nach  dem  Beginne  einer  Unterhandlung
erfolgen  könne,  deren  Grundlage  der  Verzicht  des  Königs
auf  Neuenburg  sei.  Die  dem  Könige  so  werthen  Gefangenen
sollten  gewisser  Maaßen  als  Faustpfand  für  die  Nachgiebigkeit
  Preußens  dienen.  Ich  hoffe,  sagte  darauf  Graf  Walewski
dem  schweizerischen  Gesandten,  diese  Ablehnung  wird  nicht
Euer  letztes  Wort  sein:  es  ist  für  niemanden  rathsam,  einen
ernsten  Rath  des  Kaisers  der  Franzosen  hartnäckig  oder  leichtsinnig
  in  den  Wind  zu  schlagen.

Der  König,  der  in  seiner  Aufregung  nach  jedem  vielleicht
nützlichen  Strohhalm  griff,  faßte  darauf  den  Gedanken,  den
deutschen  Bundestag  anzurufen.  Graf  Buol  erklärte  das
für  eine  treffliche  Maaßregel,  nur  müsse  jede  Reizung,  jede
Rechtsverwahrung,  und  vollends  jede  Drohung  vermieden
werden.  Er  hatte  dann  das  seltene  Vergnügen,  daß  der  preußische
Bundestagsgesandte  seine  Regierung  vermochte,  ihren  Antrag
ganz  nach  Osterreichs  Wünschen  einzuschränken,  nämlich  auf
Beitritt  des  Bundes  zum  Londoner  Protokoll,  und  auf
Forderung  der  Freilassung  der  Gefangenen  im  Namen  des
Bundes,  durch  alle  in  Bern  vorhandenen  deutschen  Gesandten.
Nur  in  den  Motiven  des  Antrags  wurde  die  Hoffnung  ausgesprochen,
  daß  eintretendes  Falles  —  nicht  der  Bundestag  —
sondern  die  einzelnen  Regierungen  den  preußischen  Truppen
den  Durchmarsch  verstatten  würden.  Bismarck  hatte  nämlich
Herrn  von  Manteuffel  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  man
in  dieser  Sache  vom  Bunde  nichts  begehren  dürfe,  was  nicht
mit  Einstimmigkeit  angenommen  würde;  es  würde  äußerst
gefährlich  sein,  hier  einen  Mehrheitsbeschluß  für  zulässig  und
        <pb n="267" />
        1856  Der  König  ruft  den  Bundestag  an.  257

bindend  zu  erklären;  man  würde  sich  damit  der  Möglichkeit
aussetzen,  künftig  einmal  Mehrheitsbeschlüsse  zur  Vertheidigung
der  österreichischen  Besitzungen  in  Italien  anerkennen  zu
müssen.  Denn,  daß  Napoleon  mit  solchen  Plänen  umgehe,
hatte  Bismarck  schon  gleich  nach  dem  Pariser  Congresse  er—
kannt,  und  seiner  Regierung  dargelegt.  Um  so  unbegreiflicher
erscheint  nun  hier  das  Verhalten  Osterreichs,  dieses  unvergleichliche
  Präcedens  nicht  zu  benutzen,  nicht  mit  allen  Kräften
Preußen  zu  militärischen  Maaßregeln  gegen  die  Schweiz  zu
ermuthigen,  und  bei  dieser  Gelegenheit  einen  wahrscheinlich
einstimmigen  Bundesbeschluß  hervorzurufen,  daß  die  Bundestreue
  den  Schutz  jedes  Bundesgenossen  auch  in  seinen  außerdeutschen
  Besitzungen  zur  Pflicht  mache.  Es  wäre  ein  bedeutender
  Gewinn  für  Osterreichs  Zukunft  gewesen,  und  hätte
ihm  in  der  Gegenwart  nicht  die  geringste  Gefahr  bereitet.
Denn  nichts  ist  sicherer,  als  die  sofortige  Nachgiebigkeit  der
Schweiz,  sobald  sich  Osterreich  in  drohender  Entschlossenheit
mit  Preußen  und  Frankreich  vereinigte.  Statt  dessen  aber
sehen  wir  den  Grafen  Buol  überall,  in  Bern,  in  Süddeutschland,
  in  Frankfurt,  den  preußischen  Wünschen  Hindernisse  in
den  Weg  legen,  damit  den  Sinn  des  Königs  immer  tiefer
verwunden  und  reizen,  und  das  sichere  Selbstgefühl  der
Schweizer  fortdauernd  versteifen.  Es  verstand  sich  bei  dieser
Sachlage  von  selbst,  daß  der  Bundesrath  das  Ansuchen  der
deutschen  Centralbehörde  nicht  anders  als  alle  frühern  Forderungen
  zurückwies.

Unterdessen  hatte  Napoleon,  sehr  verstimmt  über  die
Nichtachtung  seiner  Rathschläge,  seine  Thätigkeit  keineswegs
eingestellt.  Zunächst  bat  er  den  König  um  vertrauliche  Aufklärung,

  unter  welchen  Bedingungen  er  nach  Freilassung  der
r.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  17
        <pb n="268" />
        258  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1856

Gefangenen  sich  den  Mächten  gegenüber  zum  Verzichte  auf
Neuenburg  entschließen  würde.  Er  erhielt  die  Antwort,  der
König  behalte  für  den  Beginn  der  Verhandlung  sich  Weiteres
vor,  werde  aber  schließlich  auf  Verlangen  der  Mächte  sich
mit  drei  Punkten  begnügen:  Fortführung  des  Titels  Fürst
von  Neuenburg,  Wiedererlangung  der  fürstlichen  Domänen,
Herstellung  der  alten  Bürgerschaften  in  den  Neuenburger
Städten  nebst  Garantie  für  die  Erhaltung  der  milden  Stiftungen.
  Es  solle,  wurde  bemerkt,  dies  in  tiefem  Vertrauen
dem  Kaiser,  keineswegs  aber  der  Schweiz  mitgetheilt  werden,
welcher  gegenüber  der  König  auf  der  vorgängigen,  bedingungslosen
  Freilassung  der  Gefangenen  beharre.  Napoleon  war
ganz  einverstanden,  hatte  aber  den  Gedanken,  der  schweizer
Regierung  durch  den  französischen  Gesandten  andeuten  zu
lassen,  um  wie  wohlfeilen  Preis  er  ihr  nach  der  Freilassung
den  Verzicht  des  Königs  würde  verschaffen  können,  und  sie
damit  zur  Erfüllung  seines  Wunsches  zu  bestimmen.  Allein
diese  gute  Absicht  wurde  ihm  im  Augenblicke  der  Ausführung
durch  einen  beinahe  komödienhaften  Zwischenfall  vereitelt.
Der  englische  Gesandte  in  Berlin  hatte  durch  nicht  ganz  ungewöhnliche
  Mittel  Kenntniß  von  den  drei  Punkten  gewonnen,
sie  sofort  dem  Minister  Lord  Clarendon,  und  dieser  sie
schleunig  dem  Gesandten  Gordon  in  Bern  mitgetheilt.  Plötzlich
ging  dann  die  Kunde  durch  die  Welt,  England  habe  dem  Bundesrathe
  vorgeschlagen,  die  Garantie  der  beiden  Westmächte  für  den
königlichen  Verzicht  auf  Grundlage  der  drei  etwas  modificirten
Punkte  zu  begehren,  worauf  dann  die  Niederschlagung  des
Processes  erfolgen  würde;  der  Bundesrath  habe  sich  darauf
beeilt,  dieses  gütige  Erbieten  anzunehmen.  Damit  war  die
beste  Karte  des  Spiels  dem  Kaiser  vorweg  genommen  und
        <pb n="269" />
        1856  Napoleon's  verschärftes  Auftreten.  259

dem  Gegner  überliefert  worden.  Napoleon  war  entrüstet,  und
erklärte  jetzt  dem  preußischen  Gesandten,  da  die  englische  Einmischung
  der  französischen  Regierung  die  Mittel  fernerer
Wirksamkeit  entzogen  habe,  werde  er  seine  eigene  Person  einsetzen.
  Er  lud  den  Feldherrn  des  schweizer  Sonderbundkrieges,
den  General  Dufour,  seinen  alten  Lehrer  in  den  Kriegswissenschaften,
  zu  sich  nach  Paris,  legte  ihm  den  unerschütterlichen
Entschluß  des  Königs,  die  unabweisliche  Nothwendigkeit  der
Nachgiebigkeit  in  Sachen  der  Gefangenen,  und  in  deren  Folge
die  thatsächliche  Sicherheit  des  königlichen  Verzichtes  auch  ohne
officielle  Garantie  Frankreichs  dar,  und  schloß  mit  der  bestimmten
  Erklärung,  nach  der  Freilassung  der  Gefangenen  die
Schweiz  in  jeder  Weise  unterstützen,  ohne  dieselbe  aber  den
Marsch  einer  preußischen  Armece  in  keiner  Weise  verhindern  zu
wollen.  Zugleich  erhielten  die  französischen  Vertreter  bei  den
süddeutschen  Höfen  die  Weisung,  bei  den  dortigen  Ministern  sich
in  gleichem  Sinne  auszusprechen,  und  Graf  Walewski  ermahnte
im  Stillen  den  Grafen  Hatzfeldt,  Preußen  möge  einige  militärische
  Vorkehrungen  treffen;  das  sei  das  einzige,  aber  auch  das
wirksamste  Verfahren,  umdie  Schweizer  zur  Besinnung  zubringen.

Da  es  bei  kriegerischen  Maaßnahmen  vor  Allem  auf  das
Verhältniß  zu  Frankreich  und  den  süddeutschen  Staaten  ankam,
lud  der  preußische  Ministerpräsident  den  Grafen  Hatzfeldt  und
den  Bundestagsgesandten  zu  einer  Conferenz  am  2.  December
nach  Berlin.  Hier  erörterte  Bismarck,  in  der  Sache  ganz
mit  Napoleon  übereinstimmend,  das  einzige  Mittel  gegen
das  Übelwollen  der  Schweiz  und  der  Mächte  sei  der  ernstliche
  Beginn  der  Rüstung.  Krieg  wünsche  kein  Monsch,
und  Preußen  werde  eben  deshalb  seine  Bedingungen  erlangen,

  wenn  es  für  den  entgegengesetzten  Fall  an  der
17°
        <pb n="270" />
        260  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1856

Gewißheit  des  Krieges  keinen  Zweifel  lasse.  Der  Beschluß
ging  dahin,  nach  diesen  Gesichtspunkten  zu  handeln.  Zwar
legte  man  sich  materiell  noch  nicht  erhebliche  Kosten  auf.
Indessen,  verschiedene  Anordnungen  wurden  ausgefertigt,
wie  sie  zur  Vorbereitung  einer  Mobilmachung  nöthig  sind.
Es  wurde  bestimmt,  daß  jedes  der  neun  Armcecorps  eine
Division  nebst  deren  Landwehr  zu  dem  Kriegszuge  abgeben
würde,  im  Ganzen  ungefähr  160000  Mann,  von  denen
sechs  Divisionen  Schaffhausen  und  Basel  besetzen,  drei  eine
Reservestellung  einnehmen  würden.  Militärbevollmächtigte
gingen  nach  Darmstadt  und  Carlsruhe,  nach  Stuttgart  und
München,  um  die  Unterbringung  und  Verpflegung  der  durchmarschirenden
  Truppen  im  Einzelnen  zu  regeln.  Das  Alles
wurde  nicht  veröffentlicht,  aber  allen  Regierungen  mitgetheilt,
und  dabei  bemerkt,  man  werde  demnächst  der  Schweiz  ein
Ultimatum  übersenden,  und  wenn  dann  bis  zum  2.  Januar  die
Gefangenen  nicht  frei  seien,  an  diesem  Tage  die  Mobilmachung
verfügen,  von  hier  an  aber  der  Eidgenossenschaft  höhere
Forderungen  stellen.  Natürlich  fand  das  so  vielen  Menschen
anvertraute  Geheimniß  seinen  Weg  auch  in  die  Presse,  und
in  den  schweizer  Zeitungen  erhob  sich  sofort  ein  gewaltiges
Säbelgerassel  mit  der  Forderung  eines  Offensivkriegs  zum
Umsturz  aller  Fürstenthrone  in  Deutschland.  Der  Bundesrath
  sträubte  sich  noch,  die  preußische  Drohung  oder  Napoleon's
  Einverständniß  für  baare  Münze  zu  nehmen.  Da  aber
brachte  am  17.  December  der  kaiserliche  Moniteur  eine  scharfe
Note,  welche  das  gute  Recht  und  die  langjährige  Mäßigung
des  Preußenkönigs  auf  der  einen,  die  Gewaltthätigkeit  und
Verstocktheit  des  schweizer  Bundesraths  auf  der  andern  Seite
constatirte,  und  zu  dem  Schlusse  kam,  die  Schweiz  werde
        <pb n="271" />
        1856  Preußische  Rüstung.  Osterreichs  Opposition.  261

sich  hienach  nicht  wundern  können,  wenn  sie  ferner  geringeres
Wohlwollen  als  bisher  erfahre.  Das  Aufsehen,  welches  diese
öffentliche  Absage  erregte,  war  groß;  der  Bundesrath  beeilte
sich  darauf,  die  Vertretung  des  souveränen  Volkes,  die  Bundesversammlung,
  einzuberufen.  Noch  gab  es  eine  Hoffnung,  die
preußischen  Spitzkugeln  von  Schaffhausen  fern  zu  halten:
man  wußte,  daß  Osterreich  alle  Mittel  aufbot,  den  preußischen
Heereszug  zu  verhindern.  In  der  That  ließ  damals  Graf
Buol  in  Berlin  erörtern,  daß  Preußen  im  Londoner  Protokoll
versprochen  habe,  während  der  Dauer  der  Unterhandlung,
mit  welcher  die  Mächte  Berücksichtigung  seiner  Rechte  bei  der
Schweiz  anstreben  würden,  keine  einseitigen  Schritte  zu  thun:
folglich  dürfe  es  jetzt  keine  Truppen  aussenden,  sondern  habe
sich  zuerst  des  Einverständnisses  der  Mächte  zu  versichern.
Die  Antwort  war  freilich  einfach:  die  Mächte  haben  seit  vier
Jahren  keine  Unterhandlung  begonnen,  folglich  thun  wir  jetzt
einseitig,  was  uns  richtig  scheint.  Zugleich  erklärte  Graf
Buol,  der  Durchmarsch  des  preußischen  Heeres  durch  Süddeutschland
  könne  nur  vom  Bundestag,  nicht  aber  von  den
einzelnen  Staaten  erlaubt  werden:  hierauf  aber  erhielt  er
von  allen  Seiten  die  Erwiderung,  gerade  das  Umgekehrte  sei
richtig  kraft  der  souveränen  Unabhängigkeit  der  deutschen
Einzelstaaten.  Ebenso  fruchtlos  waren  seine  diplomatischen
Bemühungen  bei  den  verschiedenen  Höfen;  als  die  Sorge
vor  einer  französischen  Intervention  verschwunden  war,
herrschte  bei  diesen  Cabinctten  eitel  Freude,  daß  dem  revolutionären
  Wesen  in  der  Schweiz  endlich  einmal  eine  gründliche
  Lehre  ertheilt  werden  sollte.  Die  einzige  Folge  der
österreichischen  Haltung  war  eine  täglich  zunehmende  Verbitterung
  des  preußischen  Königs,  in  dessen  Nerven  jede
        <pb n="272" />
        262  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1857

Wiener  Depesche  einen  neuen  Sturm  hervorrief.  Trotz  alledem
  war  die  alte  Freundschaft  in  seinem  Herzen  noch  nicht
völlig  erstickt:  Ende  December  sandte  er  den  Obersten  Manteuffel
  noch  einmal  mit  einem  ausführlichen  eigenhändigen
Briefe  an  den  damals  in  Venetien  weilenden  Kaiser.  In
Wien  kam  es  zwischen  dem  Obersten  und  dem  Grafen  Buol
zu  einer  heftigen  Auseinandersetzung,  wobei  jeder  auf  seinem
Standpunkt  beharrte;  Kaiser  Franz  Joseph  empfing  einige
Tage  darauf  den  Obersten  in  der  gnädigsten  Weise,  redete
in  der  Sache  aber  ganz  wie  sein  Minister.

In  denselben  Wochen  reiste  im  Auftrage  des  schweizer
Bundesraths  eins  seiner  Mitglieder,  Furrer,  ein  kluger  und
gemäßigter  Mann,  zuerst  nach  Frankfurt,  wo  er  mit  dem
Präsidialgesandten  Grafen  Rechberg  eine  lange  Unterredung
hatte,  dann  an  die  drei  süddeutschen  Residenzen,  um  sich  über
die  Frage  des  preußischen  Durchmarsches  zu  erkundigen.  Die
Antwort  war  überall  die  gleiche:  derselbe  sei  genehmigt  und
geregelt;  er  werde  nach  Ablauf  des  gesetzten  Termins  unaufhaltsam
  erfolgen,  wenn  die  Gefangenen  bis  dahin  nicht  freigelassen
  seien.  Auf  Napoleon's  Wunsch  hatte  Preußen  am
27.  December  den  Termin  noch  bis  zum  15.  Januar  erstreckt:
bis  dahin,  so  glaubte  der  Kaiser,  würde  die  Birnc  reif  sein.
Und  in  der  That,  so  war  es.  Wohl  traf  die  Schweiz  alle
Anstalten,  den  herandrohenden  preußischen  Angriff  abzuwehren.
Der  Bundesrath  setzte  mit  großer  Eile  Auszug  und  Reserve
in  Kriegsbereitschaft  und  schob  schleunig  einige  Milizdivisionen
an  die  nördliche  Grenze  vor;  die  Großräthe  der  Cantone
bewilligten  ihren  Regierungen  alle  für  die  Vertheidigung  erforderlichen
  Credite,  Vereine  zur  Unterstützung  der  Familien
der  ausrückenden  Wehrmänner  und  zur  Verpflegung  der  Ver-
        <pb n="273" />
        1857  Die  Schweiz  entschließt  sich  zur  Nachgiebigkeit.  263

wundeten  traten  zusammen,  und  überall  ertönte  der  Ruf,  daß
Neuenburg  nimmermehr  unter  das  Joch  einer  monarchischen
Regierung  zurückfallen  dürfe.  Unter  der  Bevölkerung  aber
sank  die  Kriegslust  mit  der  Dauer  des  Alarms,  es  stieg  der
Wunsch  nach  friedlicher  Verständigung  1),  und  vollends  aus
Neuenburg  desertirten  1500  Soldaten  über  die  französische
Grenze,  um  nicht  gegen  ihren  König  fechten  zu  müssen.  Angenehm
  war  es  freilich  für  den  Bundesrath  nicht,  eine  bisher
verweigerte  Einräumung  Angesichts  einer  preußischen  Kriegsdrohung
  zu  machen:  indessen  kam  Napoleon,  nachdem  er  diese
Drohung  veranlaßt  hatte,  den  alten  Freunden  in  der  Verlegenheit
  durch  eine  neue  Erklärung  zu  Hülfe,  deren  Inhalt
freilich  nur  eine  Wiederholung  der  seit  October  gegebenen
Zusicherungen  war,  nach  der  Freilassung  der  Gefangenen  für
den  Verzicht  des  Königs  und  die  Unabhängigkeit  Neuenburgs
nach  allen  Kräften  zu  wirken.  Er  sprach  dies  dem  schweizerischen
  Gesandten  mit  eindringlicher  Wärme  aus,  allerdings
ohne  formelle  Garantien  oder  bindende  Zusagen  über  einzelne
Punkte  zu  geben:  dazu  wäre  er  auch  nicht  in  der  Lage  gewesen,
  da  auf  seine  Veranlassung  es  bereits  feststand,  daß
eine  Conferenz  der  Großmächte  über  die  Lösung  der  so  lange
verschleppten  Streitfrage  berathen  und  beschließen  sollte.
Immer  konnte  jetzt  der  Bundesrath,  ohne  Erwähnung  der
preußischen  Armee,  bei  der  Bundesversammlung  am  13.  Januar
den  Antrag  auf  freundliche  Erfüllung  der  französischen  Wünsche,
also  auf  Niederschlagung  des  Processes  und  Freilassung
der  Gefangenen,  stellen.  Die  Versammlung  sprach  darauf,

1)  Die  Berichte  der  in  Bern  anwesenden  neutralen  Gesandten  (der

preußische  war  am  13.  November  abberusen  worden)  bezeugen  dies  auf
das  Bestimmteste.
        <pb n="274" />
        264  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1857

unmittelbar  nach  dem  Ablauf  des  preußischen  Termins,  am
16.  Januar  ihre  Genehmigung  aus?.

Die  Kriegsgefahr  war  damit  abgewandt.  Drei  Monate
früher  hätte  die  Schweiz  dieses  Ergebniß  wohlfeiler  und
rühmlicher  haben  können.  Indessen  durften  ihre  Politiker
sich  als  gute  Geschäftsmänner  trösten.  Je  länger  und  leidenschaftlicher
  die  Heftigkeit  des  Königs  und  damit  die  Erregung
Europas  sich  auf  die  Frage  des  Processes  gesammelt  hatte,
desto  gewisser  war  nach  deren  Erledigung  eine  allgemeine
Abspannung  und  Gleichgültigkeit  der  übrigen  Mächte  und
folglich  eine  baldige  Anerkennung  des  schweizerischen  Besitzstandes
  durch  ganz  Europa.

Mit  Eifer  betrieb  Napolcon  für  diesen  Zweck  den  Zusammentritt
  der  Conferenz  der  Großmächte  in  Paris.  England
  zögerte  eine  Weile,  hätte  die  Verhandlung  lieber  nach
London  verlegt,  fügte  sich  aber  schließlich,  und  am  10.  Februar
konnte  Graf  Walewski  die  Einladungen  an  die  vier  Cabinette,
sowie  an  die  Schweiz  versenden.  Am  5.  März  erfolgte

1)  Herr  Oechsli  wird  bemerken,  daß  ich  seine  gegen  die  erste  Auflage
  dieses  Buchs  erhobene  Polemik  (Bausteine  zur  Schweizergeschichte)
an  mehreren  Stellen  theils  dankbar,  theils  ablehnend  berücksichtigt  habe.
Ein  Versuch,  mich  mit  ihm  über  die  historische  Beurtheilung  des  Ereignisses
  zu  verständigen,  würde  hoffnungslos  sein.  Er  ist  von  vorne  herein
nicht  bloß  von  der  politischen  Zweckmäßigkeit  des  Schweizer  Verfahrens
in  der  Neuenburger  Sache,  worüber  sich  reden  ließe,  überzeugt,  sondern
auch  mit  stolzem  Patriotismus  von  dem  guten  Rechte  der  Schweiz
gegenüber  dem  preußischen  Könige  durchdrungen.  Bis  jetzt  aber  gilt  es
in  aller  Welt  für  das  gerade  Gegentheil  des  Rechts,  wenn  ein  Staat
einen  internationalen  Vertrag  zerreißt  ohne  einen  andern  Rechtsgrund,
als  den  Willen  seines  sonveränen  Volkes.  Die  Geschichte  der  Schweiz
ist  so  reich  an  Ruhmcsthaten,  daß  die  Ehre  und  Würde  der  Eidgenossenschaft
  eine  falsche  Verherrlichung  einzgelner  unrechtlicher  und  unrühmlicher
Vorkommnisse,  wie  des  hier  erzählten,  wahrhaftig  nicht  bedarf.
        <pb n="275" />
        1857  Pariser  Conferenz  über  Neuenburg.  265

zunächst  eine  Sitzung  der  Vertreter  der  vier  neutralen  Großmächte,
  und  in  dieser  —  nachdem  der  König  am  1.  März
in  einem  Privatbrief  dem  Kaiser  Napoleon  gepreßtes  Herzens
seine  Opferwilligkeit  nochmals  ausgesprochen  —  der  einstimmige
  Beschluß,  im  Interesse  Europas  und  Neuenburgs
den  König  zu  befragen,  ob  er  seine  Rechte  auf  Neuenburg
aufgeben  wolle.  Hinsichtlich  des  Ganges  der  Verhandlungen
wurde  verabredet,  daß,  wenn  Preußen  Bedingungen  zu  seinem
Verzicht  aufstelle,  der  Vertreter  der  Schweiz  zu  den  Berathungen
  zugezogen,  Gründe  und  Gegengründe  gehört,  und
dann  über  jeden  Punkt  abgestimmt  werden  solle.  ÜUber  das
vermuthliche  Ergebniß  eröffnete  Graf  Hatzfeldt  seinem  Hofe
nicht  eben  günstige  Aussichten.  England  werde  in  der  Conferenz
  sehr  bestimmt  für  jeden  Anspruch  der  Schweiz  eintreten;
  die  andern  Mächte  aber  hätten  in  der  Sache  keinen
Wunsch,  als  rasche  Beendigung,  und  würden  also  nur  sehr
ungern  scharfen  Widerspruch  gegen  England  erheben.

Bei  diesen  Nachrichten  wallte  das  Blut  des  Königs
wieder  heftig  auf.  Er  hatte  gedacht,  die  Mächte  würden  auf
Grund  des  Protokolls  von  1852  mit  einer  wiederholten  Anerkennung
  seines  Rechts  beginnen,  dann  sich  mit  ihm  über
die  Bedingungen  seines  Verzichts  verständigen,  und  hierauf
dies  Ergebniß  der  Schweiz  als  ihren  Gesammtbeschluß  auferlegen.
  Statt  dessen  sah  er  sich  in  die  Lage  versetzt,  als
Partei  gegen  Partei,  auf  einer  Linie  mit  den  schweizer
Demokraten,  vor  dem  Richterstuhl  Europas  zu  verhandeln.
Er  erging  sich  in  lebhaften  Auslassungen;  hier  gilt  es,  rief
er,  frei  von  der  Leber  weg  zu  reden.  Graf  Hatzfeldt  erhielt
am  18.  März  den  Befehl,  in  der  Conferenz  zu  beklagen,  daß
die  Mächte  den  Boden  von  1852  verließen.  Er,  der  König,
        <pb n="276" />
        266  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1857

sei  im  Recht,  folglich  habe  Er  die  Bedingungen  seines  Opfers
zu  bestimmen;  als  eine  Gefahr  für  Europa  oder  Neuenburg
habe  niemals  sein  Recht,  sondern  die  Verletzung  desselben  durch
die  Revolution  gewirkt.  Indessen,  Europa  gegenüber  vermeide
  er  jede  weitere  Erörterung;  er  wolle  sein  Recht  aufgeben
  unter  folgenden  Bedingungen,  die  er  als  ein  untheilbares
  Ganzes  aufstelle;  sobald  deren  Annahme  durch  die
Mächte  erfolgt  sei,  werde  er  sie  nebst  dem  Verzichte  auf  seine
Souveränität  über  Neuenburg  durch  einen  offenen  Brief  bekannt
  machen.

Die  mit  so  zürnenden  Worten  eingeführten  Bedingungen
selbst  waren  durchaus  gemäßigt,  da  mehrere  früher  vom  König
geäußerte  Wünsche  ihm  durch  die  Neuenburger  Royalisten
selbst  als  unausführbar  nachgewiesen  worden  waren.  Für
sich  begehrte  der  König  die  Fortführung  des  Titels  eines
Fürsten  von  Neuenburg  und  Grafen  von  Valendis,  sowie
die  Zahlung  von  zwei  Millionen  Franken,  als  Capital  entsprechend
  der  früheren  jährlichen  Neuenburger  Civilliste  von
100000  Franken.  Die  übrigen  Artikel  bezweckten  den  Schutz
der  Neuenburger  Royalisten:  vollständige  Amnestie  für  alle
politischen  Vergehen  vor  und  seit  dem  September-Ereigniß,
UÜbernahme  aller  durch  dieses  entstandenen  Kosten  auf  die
Eidgenossenschaft,  so  daß  Neuenburg  und  dessen  Einwohner
nur  pro  rata  wie  alle  andern  Cantone  dazu  beitrügen,  Rückgabe
  der  seit  1848  säcularisirten  Kirchengüter  in  Neuenburg
an  die  frühere  kirchliche  Verwaltung,  Sicherstellung  aller
milden  Stiftungen  und  Vermächtnisse  im  Lande,  endlich  nach
Ablauf  eines  Jahres  Berufung  einer  constituirenden  Versammlung
  in  Neuenburg,  gewählt  allein  durch  die  altangesessenen
Bürger,  unter  Ausschluß  der  Neuzugczogenen.
        <pb n="277" />
        1857  Verwahrung  und  Bedingungen  des  Königs.  267

Als  Graf  Hatzfeldt  am  24.  März  diese  Instruction  der
Conferenz  vorlegte,  riefen  die  Erörterungen  des  Eingangs
vielfachen  Widerspruch  und  allgemein  eine  peinliche  Stimmung
hervor.  Es  wurde  beschlossen,  am  25.  März  den  schweizer
Vertreter,  Dr.  Kern,  zuzuziehen,  und  ihm  die  preußischen
Bedingungen  mitzutheilen.  Dieser  erklärte  natürlich,  an  seine
Regierung  berichten  zu  müssen;  die  eigentliche  Verhandlung
konnte  demnach  erst  am  31.  März  beginnen.

Hier,  sowie  in  der  folgenden  Sitzung  am  1.  April,  traten
dann  große  Differenzen  hervor.  Zwar  gegen  die  meisten
Artikel  zum  Schutze  der  Neuenburger  hatte  Dr.  Kern  keine
erheblichen  Einwendungen,  erklärte  aber  die  Rückgabe  der
Kirchengüter  für  ebenso  unmöglich,  wie  die  Ausschließung  der
Neubürger  von  den  Wahlen  zur  Constituante,  legte  ferner
Verwahrung  gegen  die  Fortführung  des  Fürstentitels  durch
den  König  ein,  und  wies  mit  der  denkbar  größten  Energie
die  Zahlung  der  zwei  Millionen  zurück.  Man  stritt  an  beiden
Tagen  vier  bis  fünf  Stunden  lang:  die  vier  Mächte  kamen
endlich  überein,  daß  die  Fortführung  des  Titels  unbedenklich,
und  der  Schweiz  die  Geldentschädigung  im  Principe  anzurathen
  sei.  Ist  sie  unerläßlich  im  Princip,  rief  darauf  Kern,
dann  wenigstens  nicht  dieser  erdrückende  Betrag  von  zwei
Millionen!

Eine  Ausgleichung  zwischen  den  beiden  Parteien  zeigte
sich  unerreichbar.  Vielleicht  hättet  Ihr  Vieles  erlangen  können,
sagte  Graf  Walewski  dem  preußischen  Gesandten,  hättet  Ihr
nicht  die  der  Schweiz  so  überaus  lästige  Geldforderung  gestellt.
  Es  beschlossen  nun  die  vier  Neutralen  zunächst  unter
sich  über  ein  Vermittlungsprogramm  einig  zu  werden.  Sie
arbeiteten  daran  mehrere  Wochen  lang,  denn  auch  sie  waren
        <pb n="278" />
        268  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1857

gespalten,  England  überall  energisch  auf  der  Seite  der  Schweiz,
die  drei  andern  Preußen  günstig,  Osterreich  jedoch  meist  nachgiebig
  gegen  die  englischen  Ansprüche.  England  wollte  zuerst
  von  einer  Geldleistung  der  Eidgenossenschaft  gar  nichts
wissen,  und  bezeichnete  es  endlich  als  eine  große  Concession,
wenn  man  dem  Könige  eine  Million  bewillige.  Sodann  fand
die  Streichung  des  Artikels  über  die  Constituante  den  einstimmigen
  Beifall  aller  Mächte;  dagegen  wurde  die  Amnestie
und  die  Frage  über  die  Kosten  des  Septemberputsches  nach
dem  preußischen  Antrag  geregelt;  endlich  die  Kirchengüter
sollten  dem  Staate  verbleiben,  aber  die  Kirchen  für  die  Einkünfte
  derselben  entschädigt  werden.  Sodann  erklärten  die
Gesandten  es  für  unerläßlich,  da  der  Verzicht  des  Königs  eine
Anderung  der  Wiener  Congreßacte  in  sich  schließe,  alle  jene
Bestimmungen  in  einen  förmlichen  Vertrag  zu  Sechsen  (die
vier  Neutralen,  Preußen  und  Schweiz),  aufzunchmen.  Die
Fortführung  des  Fürstentitels  würden  in  einem  besondern  Protokoll
  allein  die  Mächte  dem  Könige  zuerkennen.  Diese  Vorschläge
  wurden  am  20.  April  den  Parteien  unterbreitet.
Da  bewegte  sich  dann  auf's  Neue  die  Galle  des  Königs.
Zwar  konnte  er,  gerade  auf  seinem  Standpunkte  die  Nothwendigkeit
  der  Vertragsform  nicht  läugnen,  immer  aber  war
ihm  der  Gedanke  abscheulich,  gemeinsam  mit  den  schweizer
Aufrührern  einen  solchen  Act  zu  vollziehen.  Mit  stolzem
Selbstgefühl  sagte  er,  ein  Protokoll  über  den  Fürstentitel  sei
überflüssig,  er  behalte  hiemit,  was  er  habe;  wer  werde  es
ihm  nehmen?  Und  in  noch  höherem  Tone  fuhr  er  fort:  ich
habe  zwei  Millionen  gefordert,  nicht  weil  ich  nach  Geld  lüstern
war,  sondern  weil  die  Zahlung  eine  letzte  Anerkennung  meines
Rechts  enthalten  hätte;  dieses  Princip  ist  auch  durch  den
        <pb n="279" />
        1857  Fortgang  der  Conferenz.  269

Beschluß  der  Mächte  ausgesprochen;  damit  bin  ich  zufrieden
und  begehre  gar  keine  Zahlung  weiter;  mit  der  Schweiz
feilsche  ich  nicht  über  Geld.  Bereits  glaubte  sein  Minister,
er  werde  hienach  den  Befehl  zur  Annahme  der  sonstigen
Vorschläge  der  Conferenz  erhalten.  Aber  die  tiefe  Erbitterung
ließ  weder  bei  Tag  noch  bei  Nacht  das  leidende  Gemüth  des
Königs  zur  Ruhe  kommen:  plötzlich  befahl  er,  seine  Annahme
nach  Paris  zu  melden,  unter  der  Bedingung,  daß  alle  seine
Rechte  wieder  aufleben  würden,  wenn  die  Schweiz  den  kleinsten
Punkt  des  Vertrages  unerfüllt  ließe.  Das  schien  freilich
selbstverständlich,  indessen  begann  Balan  die  Redaction  des
Schreibens;  da  warf  sich  die  Stimmung  Friedrich  Wilhelm's
wieder  herum,  und  es  kam  ein  königlicher  Brief,  es  solle  zunächst
  eine  Zwischenstation  versucht,  und  der  Conferenz  der
Verzicht  auf  jede  Zahlung  erklärt  werden,  wenn  die  Schweiz
die  Artikel  über  die  Kirchengüter  und  die  Constituante  annehme.
  Sie  werden  es  ablehnen,  sagte  der  König,  aber  ich
habe  dann  das  Mögliche  gethan,  und  später  —  nous  verrons.
So  geschah  es  am  26.  April.

Was  später  erfolge,  sollte  man  bald  genug  sehen.  Bereits
  am  28.  April  nahm  der  schweizer  Bundesrath,  in
sicherer  Erwartung  der  Ratification  durch  die  Bundesversammlung,
  den  Vertragsentwurf  der  vier  Neutralen  einstimmig
an.  Unverkennbar  war  damit  die  Entscheidung  gegeben.
Bismarck,  kurz  zuvor  in  Paris  anwesend,  hatte  dies  schon
am  24.  April  seiner  Regierung  entwickelt.  Für  den  preußischen
Staat  sei  es  ziemlich  gleichgültig,  ob  der  König  den  Vertrag
annehme  oder  nicht.  Allein  die  Verwerfung  desselben  ließe  die
Neuenburger  Royalisten,  deren  Sicherung  ja  der  Zweck  der
ganzen  Action  gewesen,  entweder  hülflos  im  Exil  oder  schutzlos
        <pb n="280" />
        270  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1857

gegen  alle  Partei-Chicanen  in  der  Heimath.  Jedem  künftigen
Schritte  des  Königs  aber  zu  ihren  Gunsten  würden  die
Mächte  nur  mit  dem  Bedauern  antworten,  daß  Preußen  den
Vertrag  verworfen  habe.  Von  einer  Möglichkeit  militärischen
Einschreitens  würde  dann  keine  Rede  mehr  sein.  Im  ersten
Augenblick  bestritt  der  König  diese  Erörterung:  die  Macht
aber  der  am  28.  April  vollendeten  Thatsache  machte  auch
seinen  Zweifeln  und  Hoffnungen  ein  Ende.  Zudem  erfuhr
er  von  allen  Seiten,  daß  an  die  Annahme  seines  letzten  Vorschlages
  durch  die  Schweiz  nicht  zu  denken  sei,  und  als  am
6.  Mai  Kaiser  Napoleon  durch  ein  vertrauliches  Schreiben
ihm  den  Besuch  des  Prinzen  Napoleon  in  Berlin  angekündigt,
ihm  in  warmen  Worten  die  Hoffnung  auf  fernere  treue  Freundschaft
  und  festes  Zusammengehen  in  allen  europäischen  Händeln
ausgesprochen,  und  daran  die  Hoffnung  auf  Annahme  des
Vertrags  geknüpft  hatte,  da  kam  Friedrich  Wilhelm,  wenngleich
  mit  schwerem  Kummer,  am  10.  Mai  zum  Entschluß,
und  antwortete  dem  Kaiser  am  13.,  daß  er  Geld  von  den
Schweizern  gar  nicht  haben  wolle,  im  Ubrigen  aber  dem
Vertragsentwurfe  der  Conferenz  beitrete.  Am  16.  ging  die
entsprechende  Weisung  an  den  Grafen  Hatzfeldt  ab,  und  am  26.
crfolgte  die  allseitige  Vollziehung  des  Vertrags.

Dies  war  der  Ausgang  einer  Angelegenheit,  welche
während  neun  langer  Monate  Kopf  und  Herz  und  Nerven
des  Königs  stärker  bewegt  und  gequält  hatte,  als  irgend  ein
Ereigniß  seit  den  Märztagen  von  1848.  Er  hatte  so  ziemlich
Alles  erreicht,  was  die  einmal  vorhandenen  Umstände  gestatteten.
  Aber  der  Kummer  über  den  Verlust  wurde  dadurch
  nicht  gehoben,  und  bohrend  blieb  in  seinem  Gemüthe
der  Stachel  haften,  daß  die  Greuel  der  Revolution  einen
        <pb n="281" />
        1857  Abschluß.  Verhältniß  des  Königs  zu  Napoleon.  271

neuen  Sieg  unter  der  Sanction  Europas  gewonnen  hätten.
Im  Übrigen  konnte  von  einem  materiellen  Schaden  keine  Rede
sein;  für  den  preußischen  Staat  war  der  Besitz  Neuenburgs
werthlos,  im  Gegentheil,  das  Aufhören  der  Zwitterstellung
desselben  ein  Gewinn.  Um  so  wichtiger  aber  waren  für  ihn
die  mittelbaren  Folgen  des  langwierigen  Streites,  und  darunter
vor  allem  die  Entwicklung  freundlich  naher  Beziehungen  zu
Frankreich.  Wir  bemerkten  schon  oben,  daß  Napoleon's
Mäßigung  in  der  Benutzung  seiner  Siege  bei  dem  Könige
die  alte  Sorge  vor  dem  revolutionären  Emporkömmling  ge—
mildert  hatte:  jetzt  war  an  deren  Stelle  ein  warmes  persön—
liches  Verhältniß  der  beiden  Souveräne  getreten;  im  Juni
äußerte  Napoleon  in  einem  Privatbriefe  an  den.  König,  er
hoffe,  daß  die  Gesinnung,  nach  welcher  vor  zehn  Monaten
der  König  ihm  zuverlässige  Freundschaft  angeboten  habe,
fortbestehe;  seinerseits  sei  er  fortdauernd  überzeugt,  daß  für
die  Entwicklung  der  preußischen  Macht  und  Größe  nichts
förderlicher  sein  könne,  als  vertraute  Beziehungen  mit  dem
überall  durch  gleiche  Interessen  geleiteten  Frankreich.  Der
König  antwortete  umgehend  in  lebhafter  Zustimmung.  Gewiß,
von  hier  bis  zu  einem  Bündnisse  mit  Frankreich  war  der  Weg
noch  weit.  Gerade  in  dem  Kreise  der  persönlich  dem  Könige
vertrautesten  Männer,  den  Führern  und  Schützern  der  in  der
innern  Politik  mächtigen  Kreuzzeitungspartei,  lebte  der  Abschen
gegen  den  Erben  der  Revolution  noch  ungemindert  fort,  und
General  von  Gerlach  schrieb  in  diesem  Sinne  eifrige  Briefe
an  Bismarck,  als  dieser  nach  seinen  Pariser  Beobachtungen
den  Wunsch  Napoleon's  nach  einer  Zusammenkunft  mit
dem  Könige  erwähnte,  und  dringend  zu  der  Benutzung
solcher  Stimmungen  aufforderte.  Bismarck  rechtfertigte  seine
        <pb n="282" />
        272  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1857

Auffassung  durch  mehrere  classische  Denkschriften,  die  mit  der
vollen  Klarheit  seines,  die  Vergangenheit  und  Gegenwart
Europas  umfassenden  Blickes  geschrieben  waren.  Mit  überzeugendem
  Nachdrucke  wies  er  darin  die  Verkehrtheit  nach,
in  der  auswärtigen  Politik  nicht  die  Bestrebungen,  sondern
den  legitimen  Ursprung  eines  Nachbars  in  die  erste  Linie  der
Erwägung  zustellen,  und  entwickelte  in  unwiderleglicher  Bündigkeit
  nach  der  damaligen  Zerrüttung  der  deutschen  Verhältnisse
die  Nothwendigkeit  für  Preußen,  durch  auswärtige  Bündnisse
einen  festen  Rückhalt  zu  gewinnen,  und  namentlich  mit  Frankreich
  auf  gutem  Fuße  zu  sein  oder  doch  zu  scheinen!).  Wie
viel  Lob  diesen  Erörterungen  damals  in  Berlin  zu  Theil
wurde,  weiß  ich  nicht;  wenn  ihnen  jedoch  Gerlach  und  die
Kreuzzeitung  fortdauernd  widersprach,  so  sorgte  für  den  Erweis
  ihrer  Richtigkeit  Tag  für  Tag  das  Verhalten  keiner  geringeren
  Männer  als  des  Grafen  Buol  in  Wien  und  des
Herrn  von  Beust  in  Dresden.

Die  kühle  Aufnahme,  welche  im  Sommer  1856  die
Denkschrift  des  sächsischen  Ministers  über  Bundesreform,  d.h.
über  Einschränkung  der  Presse  und  der  ständischen  Rechte,
gefunden,  hatte  den  ehrgeizigen  Staatsmann  keineswegs  abgeschreckt.
  Er  wußte,  daß  er  bei  jenen  Bestrebungen  auf  den
Rückhalt  Osterreichs  zählen  konnte,  und  beschloß  also  im
Frühling  1857,  den  Inhalt  der  Denkschrift,  jetzt  in  bestimmten
Anträgen  formulirt,  zu  erneuter  Verhandlung  zu  bringen.
Bereits  hatte  er  im  März  einen  Concurrenten  in  dem  badischen
Minister  Baron  Meysenbug  gefunden;  welcher  einen  der
Beust'schen  Vorschläge,  die  Errichtung  eines  Bundesgerichts,

1)  Preußen  im  Bundestag,  Bd.  IV,  S.  264  ff.
        <pb n="283" />
        1857  Neue  Projecte  einer  Bundesreform.  273

sich  aneignete  und  amtlich  in  Frankfurt  einbrachte.  Der
Antrag,  bemerkte  Bismarck,  sei  ohne  Zweifel  dem  Streben
nach  Popularität  entsprungen;  es  nehme  sich  sehr  schön  auf
den  ersten  Blick  aus,  daß  fortan  ein  Verfassungsstreit  nicht
mehr  durch  die  Diplomaten-Versammlung  in  Frankfurt,  sondern
durch  eine  unabhängige  Gerichtsbehörde  entschieden  werden
solle:  leider  werde  die  Freude  aber  nur  so  lange  dauern,  als
man  den  Antrag  noch  nicht  vollständig  gelesen  habe.  In  der
That  gab  Meysenbug  Alles,  was  die  sonstigen  Paragraphen
des  Antrags  dem  Bundestag  entzogen,  demselben  durch  die
einfache  Clausel  zurück,  daß  bei  jedem  einzelnen  Streitfall
der  Bundestag  zu  entscheiden  habe,  ob  er  unter  die  Competenz.
des  Gerichtshofes  falle  oder  nicht.  Baron  Beust  hätte  statt
dessen  eine  Bestimmung  vorgezogen,  nach  welcher  der  Bundestag
  erst  nach  einer  Competenz-Überschreitung  des  Gerichtes
gegen  dasselbe  einzuschreiten  hätte,  ließ  sich  aber  dadurch
nicht  abhalten,  den  badischen  Mitstreber  freudig  zu  begrüßen,
und  legte  Ende  April  seine  neue  Ausarbeitung  den  Regierungen
  mit  dem  Antrag  auf  baldigen  Zusammentritt  einer
großen  Ministerconferenz  vor.  Bei  der  Mehrzahl  der  Höfe
blieb  jedoch  das  Urtheil  des  vorigen  Jahres  ungeändert.  In
München  war  allerdings  König  Max,  erzürnt  durch  die  hartnäckige
  Eigenwilligkeit  seiner  Stände,  sehr  geneigt  zu  Maaßregeln
  im  Beust'schen  Sinne;  seine  Minister  aber  machten
geltend,  daß  man  dergleichen  mit  eigener  Kraft  im  eigenen
Lande  zu  vollziehen,  nicht  aber  zum  Schaden  der  bayerischen
Souveränität  beim  Bundestag  als  allgemeines  deutsches  Gesetz
zu  beantragen  habe.  Ich  sehe  gar  nicht  ein,  sagte  Baron
Pfordten  dem  preußischen  Gesandten,  daß  wir  überhaupt

einen  Grund  hätten,  an  der  bestehenden  Bundesverfassung
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  18
        <pb n="284" />
        274  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1857

etwas  zu  ändern;  was  Herrn  von  Beust  betrifft,  so  ist  dieser
regsame  Minister,  wenn  es  ihm  an  Stoff  zu  politischer  Thätigkeit
  fehlt,  nur  zu  geneigt,  sich  einen  solchen  selbst  zu  erfinden.
Bismarck  berichtete  nach  Berlin,  Beust's  ganze  Erörterung
laufe  auf  eine  neue  Auflage  der  Ausnahmegesetze  von  1819
und  1834  hinaus,  ein  wunderbares  Mittel,  um  das  Ansehen
des  Bundestags  in  den  Augen  der  Nation  zu  heben;  der
Minister  von  Manteuffel  pflichtete  dieser  Auffassung  in  vollem
Maaße  bei,  und  sprach  sie  rückhaltlos  den  in  Berlin  weilenden
deutschen  Gesandten  aus.  Darauf  aber  ließ  ihm  Baron  Beust
die  Abschrift  einer  österreichischen  Depesche  zustellen,  in  welcher
Graf  Buol  dem  sächsischen  Minister  seine  warme  Zustimmung
zu  dessen  sämmtlichen  Vorschlägen,  und  zugleich  sein  tiefes
Bedauern  aussprach,  daß  er  für  den  Augenblick  durch  Preußens
mannigfache  Bedenken  verhindert  sei,  thatkräftige  Schritte  zur
Verwirklichung  der  Reform  zu  thun;  nicht  an  Osterreich  liege
es  also,  wenn  auch  dieses  Mal  ein  erfreulicher  Fortschritt  in
der  deutschen  Sache  unmöglich  gemacht  werde.

So  deutlich  wie  möglich  war  hier  die  enge  Verbindung
der  beiden  Höfe  mit  der  Front  gegen  Berlin  erklärt.  Der
Vorgang  machte  um  so  mehr  böses  Blut  bei  der  preußischen
Regicrung,  als  kurz  zuvor  auch  im  deutschen  Westen  eine
ähnliche  Errungenschaft  des  österreichischen  Einflusses  zu  Tage
getreten  war,  und  zwar  an  einer  Stelle,  wo  man  es  bei  der
nahen  Verwandtschaft  des  Fürstenhauses  mit  dem  preußischen
am  wenigsten  erwartet  hatte,  in  Baden.  Seitdem  Herr  von
Meysenbug  dort  die  Leitung  der  Geschäfte  übernommen  hatte,
zeigte  er  überall  Abwendung  von  Preußen  und  Hinneigung
zu  Osterreich;  bei  der  Neuenburger  Sache  verhielt  er  sich  in
der  Erörterung  des  preußischen  Durchmarsches  lange  Zeit  rück-
        <pb n="285" />
        1857  Streit  über  die  Bundesfestung  Rastadt.  275

haltender  als  die  Nachbarstaaten,  so  sehr  er  auch  den  schweizer
Radicalen  eine  Züchtigung  für  die  Jesuitenfeindschaft  von  1847
gönnte.  Zum  offenen  Zerwürfnisse  aber  führten  dann  weitschichtige
  Verhandlungen  über  die  Bundesfestung  Rastadt.
Schon  im  Sommer  1856  hatte  es  lebhaften  Streit  am
Bundestage  über  fernere  Geldbewilligungen  für  deren  Ausbau
gesetzt,  wo  Osterreich  und  die  Süddeutschen  sich  sehr  freigebig
erwiesen,  Preußen  aber  mit  einigen  Norddeutschen  der  Meinung
war,  die  Forderungen  müßten  einmal  ein  Ende  haben.  Nach
scharfen  Verhandlungen  war  schließlich  ein  einstimmiger  Beschluß
in  vermittelndem  Sinne  zu  Stande  gekommen;  mit  doppelter
Heftigkeit  aber  erneuerte  sich  der  Hader,  als  im  Mai  1857
OÖsterreich  und  Baden  einen  Antrag  im  Bundestage  einbrachten,
  die  Friedensbesatzung  von  Rastadt,  die  nach  einem
einstimmig  vereinbarten  Beschlusse  von  1841  aus  2500  Badensern
  bestand,  zu  verdoppeln  und  dazu  5000  Osterreicher
zu  berufen.  Der  preußische  König  war  Anfangs  nicht  abgencigt,
  die  Anderung  zuzulassen.  Bismarck  aber  machte
darauf  aufmerksam,  daß  zwar  im  Bundesinteresse  der  Antrag
als  eine  Garantie  für  die  kräftige  Theilnahme  Osterreichs  an
der  Vertheidigung  des  Oberrheins  vortheilhaft  sei,  daß  aber
Preußen  unmöglich  eine  solche  bleibende  Stärkung  der  österreichischen
  Machtstellung  in  Baden  ohne  einen  entsprechenden
eigenen  Gewinn  zulassen  könne.  Er  erhielt  hienach  die  Weisung,
nach  diesem  Grundsatze  zu  verfahren.  Zunächst  ging  der
Antrag  zum  Berichte  an  den  Militärausschuß  und  die  technische
Militär-Commission,  aber  schon  bei  diesen  vorbereitenden  Besprechungen
  zeigte  sich,  daß  ein  harter  Kampf  in  Aussicht
stand.  Denn  die  Mehrheit  war  dem  Antrag  günstig,  und

machte  auch  kein  Hehl  aus  ihrer  Ansicht,  darüber  bindend
18°
        <pb n="286" />
        276  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1857

beschließen  zu  können,  während  Bismarck  ihr  diese  Befugniß
ebenso  wie  den  Antrag  selbst  bestritt  und  für  jede  Anderung
des  bestehenden  Zustandes  einstimmige  Genehmigung  forderte.
Jede  Controverse  aber  über  diese  Frage  rührte,  wie  wir
wissen,  an  den  tiefsten  Grund  der  Bundesverfassung  und
brachte  den  ganzen  Zustand  in's  Schwanken.

Solche  Wechselfälle  der  Zukunft  vor  Augen,  erhielt
Bismarck  von  dem  Ministerpräsidenten  den  Auftrag,  die  Antwort
  auf  die  oben  erwähnten  Buol-Beust'schen  Auslassungen
über  Bundcsreform  zu  entwerfen.  In  dieser  am  1.  Juli  1857
eingesandten  Arbeit  zahlte  dann  Bismarck  dem  Wiener  Cabinet
die  Klage,  daß  Preußen  das  Hinderniß  der  Reform  sei,  mit
Zinsen  zurück.  Unter  reichem  Lobe  für  Beust's  patriotische
und  einsichtige  Bestrebungen  machte  er  ihn  auf  die  Nothwendigkeit
  aufmerksam,  von  seinem  Werke  jede  Ahnlichkeit  mit
den  Karlsbader  Beschlüssen  ferre  zu  halten;  für  den  Grundgedanken
  des  Planes,  Herbeiführung  größerer  Gleichmäßigkeit
in  dem  Verfassungsrecht  der  deutschen  Staaten,  liege  die  hauptsächliche
  Schwierigkeit  in  den  eigenthümlichen  Verhältnissen
der  österreichischen  Monarchie.  Denn  diese  hinderten  die
Regierung,  den  zum  deutschen  Bunde  gehörigen  Landestheilen
ständische  Vertretung  zu  gewähren,  welche  mit  jener  der  übrigen
deutschen  Staaten  so  weit  homogen  wären,  um  die  allgemeine
Anwendung  gleichmäßiger  Grundsätze  für  sämmtliche  Bundesstaaten
  zu  ermöglichen.  Dies  gelte  auch  von  dem  vorgeschlagenen
  Bundesgericht.  Wenn  alle  Bundesglieder  sich
dessen  Wirksamkeit  unterwerfen  wollten,  so  würde  Preußen
seine  bisherigen  Bedenken  mit  Freuden  fallen  lassen.  Aber
es  liege  auf  der  Hand,  wie  schwer  für  Osterreich  die  Lösung
solcher  Probleme  sei.  Auf  diesem  Gebiete  jedoch  Einrichtungen
        <pb n="287" />
        1857  Wachsende  Verstimmung  zwischen  Österreich  und  Preußen.  277

zu  treffen,  welche  auf  ein  so  hervorragendes  Mitglied  des
Bundes,  wie  Osterreich,  unanwendbar  blieben,  würde  nicht  zur
Förderung  der  Einheit  des  Bundes,  sondern  zur  Befestigung
einer  Ausbildung  der  einzelnen  Theile  in  abweichender  Richtung
  führen.  Vor  allen  Dingen  möge  also  der  sächsische
Minister  sich  über  die  Stellung  Osterreichs  zu  diesen  Fragen
unterrichten.

Ganz  nach  diesem  Entwurfe  ließ  Herr  von  Manteuffel
seine  Depesche  nach  Dresden  gestalten,  und  den  Inhalt  derselben
  in  Wien  mittheilen.  Den  Verdruß  des  Grafen  Buol
zu  schildern,  können  wir  uns  versagen.  Es  war  gegen  die
Ausführung  nichts  aufzubringen,  aber  um  so  empfindlicher
war  es,  daß  sie  die  schwachen  Seiten  des  absolutistischen
Kaiserstaats  so  unbefangen  aufdeckte,  oder  vielmehr  sie  als
selbstverständlich  bekannt  voraussetzte.  Sehr  bestimmt  nahm
man  sich  vor,  die  Entgegnung  nicht  schuldig  zu  bleiben.

Indessen  wurde  für  den  Augenblick  der  diplomatische
Schriftwechsel  durch  einen  raschen  Entschluß  des  Königs  von
Preußen  unterbrochen.  Die  gepreßte  und  reizbare  Stimmung,
mit  welcher  der  Monarch  aus  der  Neuenburger  Verhandlung
herausgetreten,  hatte  sich  seitdem  durch  die  wachsende  Spannung
  mit  Österreich  fortdauernd  verschlimmert.  Denn  auch
hier  war,  wie  so  häufig,  seine  Seele  von  streitenden  Empfindungen
  bewegt.  Er  sah  wohl,  daß  seine  Herrscherpflicht  ihm
weitere  Nachgiebigkeit  verbiete,  aber  trotz  aller  Kränkungen
erschien  ihm  doch  immer  noch  die  Vorstellung  eines  völligen
Bruches  mit  dem  Kaiserhause  abscheulich.  Seine  besten  Jugenderinnerungen
  wurzelten  in  der  Waffenbrüderschaft  von  1813,
seine  Mannsjahre  waren  erfüllt  von  dem  Cultus  der  heiligen
Allianz,  bei  seiner  Thronbesteigung  lag  ihm  die  letztwillige
        <pb n="288" />
        278  Der  Ausgang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  1857

Ermahnung  seines  Vaters  zum  Festhalten  an  Osterreich  und
Rußland  vor.  Wohl  hatte  er  in  den  Stürmen  der  Revolutionszeit
  oft  genug  auf  Osterreich  gezürnt,  zuletzt  aber  war  ihm
die  Vermeidung  des  Kriegs  eine  Freude  über  alle  Freuden
gewesen,  und  ihm  nichts  mehr  im  Gedächtniß  geblieben,  als
die  Gemeinsamkeit  in  der  Bekämpfung  der  Revolution.  Und
seitdem  hatte  er  nun  Jahr  für  Jahr,  zuerst  durch  Schwarzenberg,
  dann  durch  Buol,  eine  lange  Reihe  steter  Feindseligkeiten
erleben  müssen,  beim  Zollverein  und  beim  Bundestag,  bei  den
deutschen  Cabinetten  und  bei  den  europäischen  Mächten,  alle
darauf  abzweckend,  Preußen  zu  überflügeln  oder  zu  lähmen,  sein
Gedeihen  zu  stören,  sein  Wachsthum  zu  hindern.  Bis  vor  Kurzem
hatte  er  dies  diplomatische  Geplänkel,  wie  es  die  hohe  Politik
einmal  mit  sich  bringe,  gelassenes  Muthes  durchgemacht;  allmählich
  aber  wurde  seinen  Nerven  die  fortdauernde  Reibung
unerträglich.  In  dieser  Lage  kam  ihm  der  Gedanke,  einen
letzten  Versuch  persönlich  zu  machen:  wie  er  einst  der  Königin
Victoria  geschrieben,  daß,  wo  die  Kunst  der  Diplomaten  zu
Ende  gehe,  die  Souveräne  selbst  eintreten  müßten,  so  beschloß
er  jetzt  eine  Reise  nach  Wien,  um,  wenn  möglich,  durch  ein
brüderliches  Gespräch  die  alte  Freundschaft  herzustellen.  Er
reiste  mit  schwacher  Hoffnung  ab,  und  kehrte  mit  voller  Enttäuschung
  zurück.  Erfüllt  von  trüben  Gedanken,  schweres
Unheil  voraussehend,  wohin  er  blicken  mochte,  kam  er  nach
Dresden,  wo  ein  kurzer  Aufenthalt  gemacht  werden  sollte.
Aber  auch  hier  erwarteten  ihn  widerwärtige  Verhandlungen,
bei  welcher  er  seiner  Erregung  nicht  mehr  Meister  zu  werden
vermochte.  Gleich  nach  einer  solchen  Scene  brach  er  ohnmächtig
zusammen;  die  in  den  letzten  Jahren  durchgemachten  Affectionen
hatten  seine  Kraft  verzehrt,  ein  Schlagfluß  hatte  ihn  getroffen.
        <pb n="289" />
        1857  Erkrankung  König  Friedrich  Wilhelm's.  279

Noch  hatte  man  Hoffnung,  da  seit  den  erschütternden  Tagen
von  1848  mehrmals  schwächere  Anfälle  ähnlicher  Art  vor—
gekommen  waren,  wo  das  Gedächtniß  aussetzte,  oder  der  König
in  stilles  Brüten  versank,  wo  es  gefährlich  war,  ihn  zu  erwecken.
  Das  Alles  aber  war  wieder  vorübergegangen,  und
auch  jetzt  besserte  sich  nach  einiger  Zeit  des  Schwankens  sein
Zustand;  er  besichtigte  Truppen,  machte  eine  kleine  Reise,  und
hielt  noch  einmal  eine  Sitzung  des  Staatsministeriums  ab,
bei  der  ein  Vorgang  noch  besonders  tragisch  erscheint.  Seit
den  Märztagen  war  die  düstere  Vorstellung  in  ihm  entstanden,
daß  zu  seiner  eigenen  Buße  Gott  ihn  zur  Zuchtruthe  alles
sündhaften  Wesens  eingesetzt  habe.  Dies  äußerte  sich  unter
Anderem  auch  darin,  daß  er,  von  Natur  mild  und  heiter  geschaffen,
  seitdem  nur  schwer  zur  Begnadigung  bei  schweren
Criminalstrafen  zu  bestimmen  war  (während  bei  seinem  Nachfolger
  das  gerade  Gegentheil  Statt  fand).  In  jener  Sitzung
nun  traf  es  sich,  daß  in  der  Zwischenzeit  sich  dreizehn  Todesurtheile
  angesammelt  hatten,  über  welche  der  Justizminister
Simons  Bericht  erstattete.  Der  König  bestätigte  davon  eilf.
Es  war  seine  letzte  Regierungshandlung.

Das  Gehirnleiden  brach  wieder  aus;  das  geistige  Leben
war  umnachtet,  und  gegen  Ende  October  erschien  ein  königlicher
  Erlaß,  daß  er  seinem  Bruder  Wilhelm,  dem  Prinzen
von  Preußen,  auf  drei  Monate  die  Stellvertretung  in  den
Regierungsgeschäften  übertrage.  Der  Prinz  schloß  daran  die
Erklärung,  daß  er  den  Auftrag  annehme,  und  die  Regierung
nach  den  ihm  wohlbekannten  Intentionen  Seiner  Majestät
führen  werde.
        <pb n="290" />
        <pb n="291" />
        Siebentes  Buch.

Erste  Regierungsjahre  Wilhelm's  J.
        <pb n="292" />
        <pb n="293" />
        1.  Capitel.
Antritt  der  Regentschaft.

Wilhelm,  Prinz  von  Preußen,  war  sechzig  Jahre  alt,
als  er  im  Herbst  1857  die  Leitung  der  Staatsgeschäfte  als
Stellvertreter  seines  königlichen  Bruders  übernahm.  In  seiner
schlichten  Weise  hat  er  es  später  oft  ausgesprochen:  in  jungen
Jahren  habe  ich  niemals  an  die  Möglichkeit  meiner  Thronbesteigung
  gedacht;  ich  habe  damals  gelernt,  eine  Infanteriedivision
  richtig  zu  führen,  um  Staatssachen  aber  habe  ich
mich  wenig  bekümmert.  In  der  That  ging  der  junge  Officier
in  seinen  militärischen  Arbeiten  mit  Leib  und  Seele  auf,  zum
Heile  Preußens,  denn  unter  tüchtiger  Leitung  ist  der  militärische
  Beruf  eine  treffliche  Vorschule  für  den  künftigen
Herrscher,  durch  die  Gewöhnung  an  raschen  Entschluß,  sichern
Befehl  und  unbedingte  Pflichterfüllung.  Allerdings  blieb
dann  seine  Bildung  für  geraume  Zeit  eine  einseitige,  wurde
jedoch  bei  seinem  ernsten  Fleiß  in  ihrem  Kreise  um  so  gründlicher.
  Gründliche  Arbeit  aber  erzieht  alle  Kräfte  des  Geistes,
und  macht  sie  geschickt,  wo  es  erforderlich  wird,  auch  auf
früher  unbekannten  Gebieten  sich  bald  zurecht  zu  finden,
        <pb n="294" />
        284  Autritt  der  Regentschaft.  1857

während  dilettantisches  Naschen  nach  allen  Richtungen  den
Geist  zerstreut  und  das  Urtheil  abschwächt.

Wir  haben  gesehen,  wie  nach  solcher  Vorbereitung  der
Prinz,  zum  Manne  herangewachsen,  seine  politische  Wirksamkeit
  begann,  überall  eine  selbständige  Auffassung  bewährte,
mit  schwerer  Besorgniß  der  Einführung  einer  ständischen
Verfassung  zustimmte,  dann  aber,  nachdem  die  königliche  Entscheidung
  gefallen  war,  rückhaltlos  und  aufrichtig  in  die  neue
Bahn  eintrat,  und  sich  auch  durch  die  Insulten  des  Berliner
Straßen=  und  Zeitungspöbels  1848  weder  beirren  noch  verbittern
  ließ.  Nicht  immer,  bemerkten  wir,  war  er  mit  den
Wegen  der  preußischen  Politik  zufrieden:  nimmermehr  wäre
er  nach  Olmütz  gegangen,  nimmermehr  hätte  er  preußische
Truppen  ohne  scharfen  Schwertschlag  im  Angesichte  des
Feindes  das  Feld  räumen  lassen.  Bald  nachher  kam  der
Krimkrieg,  während  desselben  der  harte  Zusammenstoß  mit
dem  Bruder,  und  darauf  der  Zwang,  die  gegen  ihn  verdeckt
geführten  Stiche  der  herrschenden  Partei  gelassenes  Angesichts
zu  ertragen.  So  in  der  schweren  Schule  des  Lebens  gereift,
im  politischen  Urtheil  befestigt,  in  seinem  Interessenkreis  erweitert,
  trat  er  jetzt  in  die  höchste  irdische  Stellung  ein,  eine
stattliche  Gestalt,  mit  festem  Schritt,  im  Antlitz  den  Ausdruck
ungesuchter  Überlegenheit,  mildes  Ernstes  und  herzliches
Wohlwollens.

Suchen  wir  uns  seine  Persönlichkeit  noch  etwas  näher
zu  vergegenwärtigen.

Er  war  ein  gläubiger  Christ,  der  mit  einfacher  Überzeugung
  auf  dem  Bekenntniß  der  Vorfahren  stand.  Er  war
weder  zweifelnder  Philosoph  wie  Friedrich  der  Große,  noch
Liturgiker  oder  Theosoph  wie  Friedrich  Wilhelm  IV.,  und
        <pb n="295" />
        1857  Wilhelm  Prinz  von  Preußen.  285

fern  lag  ihm  der  Gedanke,  Reformator  der  christlichen  Kirchen
zu  werden.  Seine  Frömmigkeit  war,  wie  das  Evangelium,
Matthäi  am  6.,  es  vorschreibt,  ohne  Prunken  noch  Kopfhängen,
ohne  Rechthaberei  und  Unduldsamkeit.  Aber  sie  war  das
Brod  seines  Lebens,  der  Trost  seiner  Schmerzen,  das  Richtmaaß
  seines  Handelns.  Aus  seinem  Glauben  erwuchs  ihm
ein  unbedingtes  Gottvertrauen,  das  sein  ganzes  Wesen  erfüllte,
  und  in  allen  Bedrängnissen  aufrecht  erhielt,  ganz  nach
dem  alten  Worte:  weil  ich  weiß,  daß  ich  ohnmächtig  bin  in
Gottes  Hand,  bin  ich  stark  gegenüber  aller  Welt.  So  war
er  bis  zur  Angstlichkeit  gewissenhaft  bei  jeder  Erwägung,  und
absolut  furchtlos  bei  jeder  Gefahr.  Es  war  das  nicht  bloß
der  ritterliche  Muth  aus  Nervenreiz  oder  Ehrliebe,  die  Worte
Furcht  und  Gefahr  hatten  für  ihn  überhaupt  keinen  Sinn.
Er  schritt  durch  das  Leben,  niemals  zagend,  niemals  prahlend,
stets  in  innerem  Gleichgewicht.

Er  gehörte  nicht  zu  den  genialen  oder  dämonischen
Naturen,  welche  entweder  durch  überragende  Geisteskräfte
dem  Jahrhundert  neue  Bahnen  vorzeichnen,  oder  mit  unwiderstehlicher
  Leidenschaft  sich  und  ihr  Volk  von  schwindelnder
  Höhe  in  furchtbare  Abgründe  stürzen.  Nicht  einmal
geistreich,  in  dem  Sinne,  wie  sein  älterer  Bruder  geistreich
war,  wird  man  ihn  nennen  können.  Dafür  war  er,  was
von  Rudolf  von  Habsburg  ein  gleichzeitiger  Chronist  rühmt,
ein  ausrichtiger  Mann.  Er  besaß  den  praktischen  Verstand,
  zwischen  zutreffenden  und  schlechten  Rathschlägen  zu
unterscheiden,  neben  einer  fortdauernd  wachsenden  Sicherheit
des  Urtheils  in  der  Wahl  seiner  Rathgeber.  Nach  seiner
selbstlosen  Gewissenhaftigkeit  hat  er  niemals  einen  Schritt
gegen  seine  wohldurchdachte  Überzeugung  gethan,  war  aber
        <pb n="296" />
        286  Antritt  der  Regentschaft.  1857

stets  bereit,  bei  der  Bildung  seiner  Ansichten  seine  Wünsche
guten  Gründen  unterzuordnen.  Denn  in  ihm  lebte  eine
seltene  Verbindung  von  Festigkeit  und  Biegsamkeit  des
Geistes,  wie  sie  im  Gegensatze  zum  Doctrinär  den  wirksamen
  Staatsmann  charakterisirt.  Bis  an  sein  Lebensende
blieb  er  unerschütterlich  in  seinen  conservativen  Grundsätzen,
erkannte  aber  ohne  Widerstreben  an,  daß  in  veränderten
Zeiten  auch  die  Mittel  zur  Bewahrung  der  Macht  sich  ändern,
und  die  fortschreitende  Reform  die  bleibende  Bedingung  der
Erhaltung  ist.  Wie  sich  versteht,  war  er  durchdrungen  von
der  Nothwendigkeit  einer  starken  Monarchie  in  dem  durch  seine
Monarchen  gegründeten,  aus  vereinzelten  Provinzen  zusammengesetzten,
  von  eifersüchtigen  Nachbarn  umgebenen  Staate.
Hier  mußte  eine  von  festen  politischen  Überlieferungen  geleitete
  Centralgewalt  bestehen,  unabhängig  von  den  täglichen
Schwankungen  der  öffentlichen  Meinung;  der  Zwang  zum
Ministerwechsel  bei  jedem  Wechsel  der  Kammermehrheit  würde
hier  eine  tödtliche  Gefahr,  nicht  bloß  im  Innern  für  die
Würde  der  Krone,  sondern  auch  für  die  Sicherheit  des
Staats  nach  Außen  sein.  Weit  entfernt  aber  war  der  Prinz,
hicraus  die  Nothwendigkeit  eines  absolutistischen  Regiments
zu  folgern.  „Ich  will  nicht  untersuchen,  sagte  er  bald  nachher
  dem  König  Max  von  Bayern,  ob  Constitutionen  heilsam
sind.  Aber  wo  sie  existiren,  soll  man  sie  halten,  und  nicht
durch  gezwungene  Interpretationen  verfälschen.  Ich  habe
lange  genug  gesehen,  welchen  Schaden  das  Ministerium  Manteuffel
  auf  diese  Weise  gethan  hat.  Die  constitutionelle  Idee,
daß  die  Regierungsmaaßregeln  an  die  Offentlichkeit  gezogen,
und  das  Volk  gesetzlich  zur  Theilnahme  an  der  Gesetzgebung
berechtigt  wird,  ist  in  das  Volksbewußtsein  eingedrungen.
        <pb n="297" />
        1857  Politische  Grundsätze  des  Prinzen.  287

Diesem  entgegenzutreten,  ist  sehr  gefährlich,  da  es  Mißtrauen
des  Herrschers  gegen  das  Volk  bekundet.  Nicht  durch  Restrictionen
  der  Verfassung,  die  eben  ein  solches  Mißtrauen
zeigen,  sondern  durch  weises  Nachlassen  und  Anziehen  der
Zügel  ist  die  Regierung  zu  befestigen.  Sie  ist  mit  der  Regulirung
  eines  Flußbettes  zu  vergleichen.  Man  muß  die  Ufer
sichern,  die  Dämme  nicht  zu  eng  und  nicht  zu  weit  machen,
vor  Allem  nicht  quer  in  den  Fluß  hineinbauen.  In  England
  sind  sie  zu  weit,  in  Kurhessen  und  in  Hannover  zu
eng.  Hoffentlich  treffen  wir  in  Preußen  die  richtige  Mitte.“!1)

Aus  diesen  Worten  redete  keine  politische  Theorie.  Aber
schwer  würde  es  sein,  die  praktischen  Pflichten  eines  constitutionellen
  Herrschers  mit  treffenderem  Ausdruck  und  in  liberalerem
Sinne  zu  bezeichnen.  Z

Nicht  minder  bestimmt,  als  seine  Ansicht  des  constitutionellen
  Systems,  war  seine  Auffassung  von  Preußens
Stellung  in  Deutschland.

Wie  sein  Bruder,  war  er  nach  seinen  Jugenderinnerungen
von  Herzen  zu  einer  warmen  Freundschaft  mit  dem  österreichischen
  Herrscherhause  geneigt,  und  bei  seiner  conservativen
und  loyalen  Gesinnung  durchaus  gewillt,  die  Rechte  auch
der  übrigen  deutschen  Bundesfürsten  in  weitem  Umfange  zu
achten.  Nur  forderte  er  dabei  die  volle  Gegenseitigkeit,  die
Gleichberechtigung  Preußens  und  Osterreichs,  die  Anerkennung
der  Ehre  und  der  Lebensbedingungen  Preußens  im  deutschen
Bunde:  nie  hätte  er  sich  gestattet,  wie  es  bei  Friedrich
Wilhelm  IV.  mehrmals  geschehen,  aus  Großmuth  oder  Edelsinn
  das  kleinste  der  ihm  anvertrauten  Staatsinteressen  seinen

1)  Eigenhändige  Aufzeichnung  vom  20.  Juni  1860.
        <pb n="298" />
        288  Antritt  der  Regentschaft.  1857

fürstlichen  Brüdern  Preis  zu  geben.  Die  Mängel  der  deutschen
Bundesverfassung  lagen  klar  vor  seinem  Blicke,  und  vom
ersten  Tage  an  bereitete  er  seine  Reformvorschläge  vor.  Allerdings
  er  selbst  mit  geringer  Hoffnung  auf  Erfolg.  Er  hatte
in  den  Sturmjahren  gelernt,  daß  Osterreichs  Widerspruch  und
das  Sonderthum  der  Mittelstaaten  nicht  durch  Parlamentsbeschlüsse
  und  populäre  Bewegung  beseitigt  werden  konnten.
Einen  Krieg  gegen  Deutsche  aber  nur  im  Falle  rechtloser  Angriffe
  auf  Preußen,  und  nicht  offensiv  zur  Neugestaltung  des
Bundes  zu  beginnen,  dieser  Beschluß  stand  in  seiner  Seele
fest  —  und  hienach  glaubte  er,  die  Verwirklichung  der  deutschen
Einheit  selbst  nicht  mehr  zu  erleben.  Im  Begriffe,  gegen  die
badischen  Rebellen  1849  in  das  Feld  zu  gehen,  schrieb  er  am
20.  Mai  an  den  General  von  Natzmer:  „wer  Deutschland
regieren  will,  muß  es  sich  erobern;  dà  la  Gagern  geht  es  nun
einmal  nicht.  Ob  die  Zeit  zu  dieser  Einheit  schon  gekommen
ist,  weiß  Gott  allein.  Daß  Preußen  bestimmt  ist,  an  die
Spitze  von  Deutschland  zu  kommen,  liegt  in  unserer  ganzen
Geschichte  —  aber  das  Wann  und  das  Wie?  Darauf  kommt
es  an.“  Und  ebenso  am  4.  April  1851:  „ja  wohl!  es  war
im  November  1850  ein  zweites  1813  und  vielleicht  noch
erhebender,  weil  nicht  ein  siebenjähriger  fremdherrlicher  Druck
diese  Erhebung  hervorgerufen  hatte;  es  war  ein  allgemeines
Gefühl,  daß  der  Moment  gekommen  sei,  wo  Preußen  die
ihm  durch  die  Geschichte  angewiesene  Stellung  erobern  sollte!
—  Es  sollte  noch  nicht  sein.  Aber  so  bald  sehe  ich  jetzt
dazu  keine  Aussicht;  es  muß  wohl  verfrüht  gewesen  sein,
und  ich  glaube,  wir  sehen  die  gehoffte  Stellung  für  Preußen
nicht  mehr.“  1)

1)  G.  von  Natzmer,  Unter  den  Hohenzollern,  Bd.  IV.,  S.  141.
        <pb n="299" />
        1857  Anschauungen  des  Prinzen  über  die  deutsche  Frage.  289

Noch  zwei  andere  Äußerungen  des  Prinzen  mögen  hier
angeführt  werden,  weil  sie,  sich  ergänzend,  den  ganzen  Kreis
seiner  deutschen  Anschauungen  umzeichnen.

Wenige  Monate  nach  dem  Antritt  der  Regentschaft  war
die  deutsche  Welt  —  wir  werden  bald  sehen,  weshalb  —  in
gewaltiger  Aufregung.  Der  Prinz  empfing  damals  einen
Besuch  des  mit  ihm  durch  wechselseitige  Hochachtung  nahe
befreundeten  Königs  von  Sachsen.  Dieser  erwähnte,  sie  Alle,
die  deutschen  Fürsten,  fürchteten,  daß  Preußen  sie  verschlucken
wolle.  Der  Prinz  wies  das  energisch  zurück,  mit  der  Erinnerung
  an  die  stets  bewiesene  Gesinnung  seines  Vaters  und
Bruders.  Der  König  rief  dagegen:  aber  alle  Gassenjungen
Berlins  reden  schon  davon.  Ja,  bemerkte  der  Prinz,  die
Gassenjungen  müssen  es  freilich  besser  wissen  als  ich;  er
wiederholte  seine  Erklärung,  sprach  zugleich  aber  auch  die
Nothwendigkeit  aus,  daß  von  anderer  Seite  nichts  geschehe,
was  Preußens  Existenz  bedrohen  würde.  Siehe  her,  sagte
er,  auf  die  Landkarte  und  dort  auf  Hannover  deutend,  unter
keinen  Umständen  darf  ich  zulassen,  daß  zwischen  meinen  Provinzen
  eine  Macht  entsteht,  die  möglicher  Weise  feindlich  gegen
Preußen  auftreten  könnte.

Ende  Januar  1863  hatte  er  ein  längeres  Gespräch
über  die  politische  Lage  mit  dem  englischen  Gesandten,  Sir
Andrew  Buchanan.  Dieser  ließ  ihm  gleich  nachher  seinen  nach
London  abzusendenden  Bericht  zur  Prüfung  vorlegen,  und
es  erfolgte  unter  Anderem  auch  die  Correctur:  ich  habe
nicht  gesagt,  daß  weder  ich,  noch  mein  Sohn,  noch  mein
Enkel  die  deutsche  Einheit  sehen  würden;  im  Gegentheil,  ich
habe  gesagt,  wahrscheinlich  würde  ich  nicht  lange  genug  leben,
um  Zeuge  derselben  zu  sein,  aber  ich  hoffte  allecdinge,  daß

v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.
        <pb n="300" />
        290  Antritt  der  Regentschaft.  1857

die  Einheit  zur  Zeit  meines  Sohnes  oder  meines  Enkels  sich
verwirklichen  würde.

So  stellte  er  denn  diese  deutschen  Hoffnungen,  welche
fortdauernd  sein  Herz  bewegten  und  fortdauernd  durch  seinen
Rechtsinn  fern  gehalten  wurden,  der  Zukunft  anheim,  und
wandte  seine  ganze  Kraft  den  nächsten  Sorgen,  der  Verwaltung
  seines  Preußen,  zu.  Die  rastlose  Pflichttreue,
welche  er  hier  bis  zum  letzten  Athemzuge  bewährte,  bis
zu  jenem  ergreifenden  Worte:  ich  habe  keine  Zeit,  müde
zu  sein  —  ruhte  wie  seine  Furchtlosigkeit  auf  der  religiösen
Grundstimmung  seines  Wesens.  Vielleicht  ohne  den  Ausspruch
  seines  großen  Vorfahren  zu  kennen,  der  sich  den  ersten
Diener  des  Staates  nannte,  hielt  er  den  Herrscher  von  Gott
berufen,  dem  Wohle  seines  Volkes  zu  dienen.  In  diesem
Dienste  war  er  streng,  aber  strenger  gegen  sich  als  gegen
jeden  Andern.  Die  Geschäfte  ergriff  er  mit  unermüdlichem
Fleiße;  was  ihm  früher  gleichgültig  gewesen,  strebte  er  jetzt,
als  zu  seinem  Amte  gehörig,  zu  lernen,  und  mit  welchem
Eifer  hat  er  gelernt!  Als  die  großs  Reform  unserer  Justizverfassung
  in  Vorbereitung  war,  ließ  er,  der  Siebenzigjährige,
sich  noch  einen  Cursus  über  Encyklopädie  der  Rechtswissenschaft
  vortragen;  gewiß  nicht,  sagte  er,  um  die  Männer  des
Faches  zu  meistern,  aber  um  die  Belehrung  über  etwaige
Bedenken  zu  verstehen,  und  um  doch  einen  Begriff  davon  zu
haben,  was  durch  meine  Unterschrift  Gesetzeskraft  erhalten
soll.  Nach  seinem  Tode  fand  man  unter  seinen  Papieren
zahlreiche  engbeschriebene  Bogen,  bedeckt  mit  Auszügen  aus
allen  Abschnitten  der  ihm  vorgelegten  Entwürfe  der  Justizgesetze,
  wodurch  er  Sinn  und  Bedeutung  derselben  sich  klar
gemacht  hatte.  Im  Vergleich  mit  seinem  Bruder  war  ur-
        <pb n="301" />
        1857  Verhalten  des  Prinzen  in  der  Staatsverwaltung.  291

sprünglich  sein  ästhetisches  Interesse  gering  und  das  Maaß
seiner  wissenschaftlichen  Kenntnisse  bescheiden,  aber  auch  hier
wußte  er,  was  dem  Könige  obliegt,  und  unter  keiner  frühern
Regierung  ist  in  Preußen  so  viel  und  so  erfolgreich  für  Kunst
und  Wissenschaft  gewirkt  worden,  wie  unter  der  seinigen.  Und
auch  hier  erweckte  die  Anfangs  aus  Pflichtgefühl  übernommene
Arbeit  seinem  empfänglichen  Sinne  Theilnahme  und  Freude
an  ihrem  Gegenstande.  Als  er  bei  einem  Königsmanöver  die
Rheinprovinz  bereiste,  und  die  Düsseldorfer  Maler  ihm  ein
glänzendes  Künstlerfest  gaben,  schrieb  er  ihnen  am  folgenden
Tage  herzliche  Dankesworte:  „ich  wurde  aus  den  Mähen
der  Gegenwart  so  freundlich  in  die  poetisch  verklärte  Vergangenheit
  Deutschlands  geführt,  ich  sah  mich  nach  der  rauhen
Arbeit  der  dem  Schutze  des  Vaterlandes  gewidmeten  Waffenübungen
  in  eine  so  sinnig  geschaffene  Märchenpracht  versetzt,
daß  ich  mich  nur  schwer  von  diesem  Reiche  zauberischer  Gestaltung
  zu  trennen  vermochte.“  Mit  gleich  eingehendem
Verständniß  studirte  er  weiterhin  die  Pläne  für  das  neue
Reichstagsgebäude,  und  man  weiß,  wie  er  nach  seinem  praktischen
  Blicke  wesentliche  Verbesserungen  desselben  angegeben
hat.  Die  Vollendung  der  Ausgrabungen  in  Olympia  verdankt,
  gegen  den  Widerspruch  der  Ministerialinstanz,  die  Welt
seiner  persönlichen  Entscheidung.  Über  die  kunstgeschichtliche
Bedeutung  des  pergamenischen  Altars  ließ  er  sich  durch  den
Vorstand  des  Museums,  welches  diese  kostbaren  Trümmer
mit  einem  Schlage  zu  einem  Institute  europäisches  Ranges
erhoben,  einen  Stunden  langen,  mit  lebhaftem  Interesse  entgegen
  genommenen  Vortrag  erstatten.  So  ging  dies  durch
alle  Fächer  hindurch:  sein  Leben  war  Arbeit,  Arbeit  in  allen

Verwaltungszweigen,  Arbeit  für  das  Glück  der  Andern.  Wo
19%
        <pb n="302" />
        292  Antritt  der  Regentschaft.  1857

der  Anlaß  sich  bot,  war  er  bereit,  königliche  Pracht  in  vollem
Maaß  zu  entfalten;  im  eigenen  Dasein  aber  war  er  äußerst
mäßig  und  einfach,  ein  abgehärteter  Soldat  und  ein  sparsamer
Haushalter.  Sein  persönlicher  Verkehr  war  überall  bei
königlicher  Haltung  von  innerer  Freundlichkeit  durchdrungen;
er  wünschte,  die  stille  Heiterkeit  der  eigenen  Seele  seiner
ganzen  Umgebung  mitzutheilen.  Für  die  Widersacher  seiner
Politik  hatte  er  stets  das  hohe  Wort:  nichts  vergessen  und
Alles  vergeben;  den  Männern,  die  er  einmal  seiner  Freundschaft
  gewürdigt,  blieb  er  ein  unerschütterlich  treuer  Freund,
und  niemals  ist  in  seinem  Herzen  die  Quelle  der  reinsten
Freude,  die  dem  irdischen  Menschen  geboten  ist,  versiegt,  der
Freude,  Andern  Freude  zu  machen.

Als  er  zwanzig  Jahre  später  auf  der  Höhe  der  Macht
und  der  Erfolge  stand,  und  ein  ruchloser  Verbrecher  einen
Mordversuch  gegen  ihn  gewagt  hatte,  konnte  der  erste  und
vertrauteste  seiner  Diener  von  ihm  sagen  1):  „Da  haben  wir
einen  Greis,  einen  der  besten  Menschen  dieser  Erde,  und
trotzdem  strebt  man  ihm  nach  dem  Leben.  Niemals  gab  es
einen  Menschen  von  einem  bescheidenern,  großmüthigern  und
humanern  Charakter  als  den  Kaiser.  Er  unterscheidet  sich
ganz  und  gar  von  den  in  so  hoher  Stellung  geborenen
Menschen,  oder  doch  von  den  meisten  derselben.  Sie  legen
wenig  Gewicht  auf  die  Empfindungen  und  Wünsche  Anderer;
sie  meinen,  Menschen  ihrer  Abstammung  sei  Vieles  erlaubt;
ihre  ganze  Erziehung  scheint  dahin  zu  zielen,  in  ihnen  die
menschliche  Seite  zu  ersticken.  Der  Kaiser  hält  sich  nicht  für
einen  solchen  Olympier;  im  Gegentheil,  er  ist  in  jeder  Be-1)

  Fürst  Bismarck  zu  General  Grant.  Nach  Grant's  Aufzeichnung
mitgetheilt  von  Simon,  LEmpereur  Guillaume  et  son  regne.
        <pb n="303" />
        1857  Pflichttreue  und  Güte  des  Prinzen.  293

ziehung  Mensch,  und  unterzieht  sich  jeder  menschlichen  Pflicht.
Er  hat  nie  in  seinem  Leben  jemand  Unrecht  gethan,  nie  das
Gefühl  eines  Andern  verletzt,  nie  sich  einer  Härte  schuldig
gemacht.  Er  ist  einer  jener  Menschen,  deren  gütiges  Naturell
die  Herzen  gewinnt,  der  sich  fort  und  fort  mit  dem  Wohle
seiner  Umgebung  und  seiner  Unterthanen  beschäftigt,  geschmückt
mit  allen  hohen  Eigenschaften  eines  Fürsten,  und  mit  allen
Tugenden  eines  Menschen.  Es  ist  unmöglich,  sich  einen
schönern  und  wohlthuendern  Typus  eines  Edelmanns  zu
denken.“

Niemand  wird  König  Wilhelm  eine  Geistesmacht,  wie
jene  Friedrich's  oder  Napoleon's  zuschreiben.  Die  Signatur
seines  Wesens  war  Fleiß  und  Pflichttreue,  Milde  und  Beständigkeit.
  So  viel  sein  Erfolg  den  Gedanken  seiner  Paladine
verdankt  hat,  niemals  kann  das  Verdienst  dieser  Männer  das
seinige  beeinträchtigen.  Neidlos  sah  er  auf  ihren  Ruhm,  weil
er  wußte,  daß  es  auch  der  seine  war.  Denn  er  hatte  sie
auf  die  wirksame  Stelle  berufen,  ihnen  die  hohen  Zwecke
gesetzt,  sie  gegen  alle  Widersacher  aufrecht  erhalten,  ihre  Entwürfe
  durch  sein  Königswort  zur  Verwirklichung  geführt.
Wie  auch  die  Geschlechter  der  Menschen  kommen  und  gehen,
immer  wird  sein  Andenken  die  Herzen  seines  Volkes  erwärmen;
mit  stiller  Sehnsucht  werden  unsere  Enkel  auf  den  guten
Kaiser  Wilhelm  zurückblicken,  der  so  Großes  vollbringen
konnte,  weil  er  so  gut  war.

Die  Aufgabe,  welche  1857  dem  Prinzen  zufiel,  die  Regierung
  nach  den  Intentionen  seines  Bruders  zu  führen,  war
weder  leicht  noch  erfreulich.  Da  seine  eigenen  Intentionen
vielfach  andere  Richtung  hatten,  so  gehörte  eine  große  Selbst-
        <pb n="304" />
        294  Antritt  der  Regentschaft.  1858

verläugnung  dazu,  den  Absichten  des  Bruders  sich  anzupassen.
Er  übte  sie,  rechtlich  wie  immer,  in  vollem  Umfang.  Daß
er  die  bisherigen  Minister  ruhig  ihres  Amtes  walten  ließ,
war  selbstverständlich;  wie  weit  er  aber  bis  auf  kleine  Einzelheiten
  in  der  Beobachtung  der  Regel  ging,  mag  ein  einziges
Beispiel  veranschaulichen.  Ein  übel  beläumdeter  Litterat,
Namens  Lindenberg,  hatte  kurz  zuvor  sich  gehässiger  Umtriebe
gegen  den  Prinzen  schuldig  gemacht,  der  König  aber  hatte
auf  einflußreiche  Empfehlung  ihm  ein  kleines  Amt  im  Posen'schen
in  Aussicht  gestellt.  Jetzt  kam  das  Patent  zur  Vollziehung,
und  der  Prinz  gab  seine  Unterschrift,  ohne  die  Miene  zu
wechseln.

Zu  Neujahr  1858  wurde  die  Stellvertretung  auf  ein
zweites  Vierteljahr  erstreckt,  obgleich  die  Hoffnung  auf  eine
Genesung  des  Königs  eigentlich  schon  damals  verschwunden
war.  Eine  Sitzung  des  Landtags  stand  nahe  bevor,  und
der  Justizminister  Simons  erwog,  ob  eine  so  lange  fortgesetzte
Stellvertretung  verfassungsmäßig  sei,  und  nicht  die  von  der
Verfassung  für  den  Fall  dauernder  Verhinderung  des  Königs
vorgeschriebene  Regentschaft  eintreten  müsse.  Allerdings
wußte  man,  daß  am  Hofe  des  Königs  in  Sanssouci  gegen
eine  solche  Maaßregel  ein  tiefer  Widerwille  herrschte.  Die
Königin  Elisabeth,  welche  ihren  Gemahl  mit  aufopfernder
Hingebung  pflegte,  fürchtete  davon  einen  üblen  Eindruck  auf
den  Zustand  des  Kranken.  Die  Führer  der  Kreuzzeitungspartei,
  bis  dahin  die  vertrauten  Freunde  des  Königs,  die
Gerlach,  Uhden,  Götze,  besorgten  unter  einer  selbständigen
Verwaltung  des  Prinzen  einen  Umschwung  der  Politik  und
den  Verlust  ihres  Einflusses.  Es  hieß  dort,  das  sei  ein
schlechter  Royalist,  welcher  dem  Könige  die  Befugniß  streitig
        <pb n="305" />
        1858  Stellvertretung  oder  Regentschaft?  295

mache,  die  jeder  Gutsherr  besitze,  nach  seinem  Belieben  einen
Verwalter  zu  bestellen,  woraus  dann  im  engern  Kreise  sogar
die  Möglichkeit  gefolgert  wurde,  anstatt  des  angeblich  liberalisirenden
  Prinzen  die  Königin  Elisabeth  mit  der  Leitung
der  Geschäfte  zu  beauftragen.  Simons  legte  darauf  Angesichts
dieser  schönen  Theorie  seinen  Collegen  ein  von  Friedberg,
dem  spätern  Minister,  verfaßtes  Gutachten  vor,  welches  die
Regentschaft  für  nothwendig  erklärte,  dann  aber  als  eine  Art
von  Mittelweg  einen  Erlaß  des  Königs  vorschlug,  der  aus
eigenem  souveränen  Rechte  den  Prinzen  zur  Übernahme  der
Regentschaft  aufforderte,  darauf  würde  ein  Erlaß  des  Prinzen
folgen,  der  sich  dazu  aus  agnatischem  Rechte  bereit  erklärte,
schließlich  sollte  das  durch  die  Verfassung  vorgesehene  Ver—
fahren  im  Landtag  eintreten.  Aber  mit  Eifer  widersprachen
die  Minister  des  Innern  und  des  Cultus,  Westphalen  und
Raumer,  und  so  ließ  Manteuffel,  obwohl  mit  Simons  einverstanden,
  die  Sache  liegen.

Der  Prinz,  der  ebenfalls  mit  dem  1.  April  den  Beginn
der  selbständigen  Regentschaft  erwartete,  hatte  unterdessen  für
diesen  Fall  die  Umbildung  des  Ministeriums  erwogen,  und
da  ihm  die  Männer  der  Kreuzzeitung  zuwider  waren,  sein
Augenmerk  auf  den  frühern  Finanzminister  von  Alvensleben-Erxleben
  geworfen,  einen  streng  conservativen  Beamten  von
Sachkunde  und  Einsicht,  wie  wir  ihn  bei  den  Dresdener
Conferenzen  am  Werke  gesehen  haben,  und  dieser  schlug  ihm
dann  den  Bundestagsgesandten  von  Bismarck  als  Minister
des  Auswärtigen  vor.  Der  Prinz,  welcher  sich  längst  davon
überzeugt  hatte,  daß  Bismarck  über  den  Gesichtskreis  der
Kreuzzeitung  weit  empor  gewachsen  war,  genehmigte,  und  auch
Bismarck  erklärte  sich  bereit.  Allein  ehe  diese  Combination
        <pb n="306" />
        296  Antritt  der  Regentschaft.  1858

zur  Reife  gediehen  war,  erfolgte  zum  1.  April  in  Sanssouci
die  zweite  Erstreckung  der  Stellvertretung;  einige  Wochen
später  starb  Alvensleben  nach  kurzer  Krankheit,  und  damit
fiel  der  ganze  Plan  zu  Boden.  Gegen  alles  Vermuthen
ging  auch  der  Landtag  schweigend  an  der  Frage  vorüber.
Die  feudale  Partei  hatte  für's  Erste  ihre  Forderungen  durchgesetzt,
  der  Prinz  aber  konnte  in  ihrem  Verfahren  nur  eine
neue  persönliche  Kränkung  erblicken,  und  wandte  sich  um  so
entschiedener  ihren  Gegnern  zu,  so  weit  er  bei  diesen  auf
zuverlässig  monarchische  Gesinnung  rechnen  durfte.

Sein  Vertrauen  gehörte  in  jenen  Tagen  vornehmlich
dem  Herrn  Rudolf  von  Auerswald,  einem  Manne  von
reiner  Gesinnung  und  warmer  Vaterlandsliebe,  einem  treuen
Anhänger  seines  Königs  bei  gemäßigt  liberalen  Grundsätzen,
nach  seinem  Temperamente  mehr  zum  Ausgleichen  als  zum
Durchgreifen,  im  Parteikampf  mehr  zur  Hervorhebung  der  Berührungs=
  als  der  Scheidungspunkte  geneigt,  bei  jeder  Verhandlung
  entgegenkommend  und  versöhnlich.  Seine  Verbindung
  mit  dem  Prinzen  reichte  in  ihre  Knabenjahre  zurück,
in  die  Zeit  des  Königsberger  Exils  nach  dem  Tilsiter  Frieden.
Auerswald  hatte  im  Sommer  1848  während  seines  Ministeriums
  die  Rechte  der  preußischen  Krone  gegen  die  Übergriffe
  der  Frankfurter  und  der  Berliner  Nationalversammlung
tapfer  vertheidigt,  war  aber  1852  als  Oberpräsident  der
Rheinprovinz  wegen  seiner  Opposition  gegen  die  feudale
Politik  des  Ministers  Westphalen  aus  dem  Amte  entfernt
worden.  Während  dieser  ganzen  Zeit  war  ihm  die  Zuneigung
des  Prinzen  bewahrt  geblieben.  Im  Sommer  1858  berief
ihn  der  Prinz  zu  einem  längern  Besuche  nach  Baden-Baden,
wo  sich  der  Beschluß  entschied,  nicht  länger  als  irgend  nöthig,
        <pb n="307" />
        1858  Vorbereitung  eines  neuen  Ministeriums.  297

das  bisherige  Ministerium  im  Amte  zu  belassen.  Ganz
dieselbe  Meinung  vertrat  dann  auch  Freiherr  von  Schleinitz,
einst  Minister  des  Auswärtigen  unter  dem  Grafen  Brandenburg,
schon  seit  1849  durch  lebhaftes  Gespräch  und  ansprechende
Umgangsformen  an  dem  Hofe  des  Prinzen  und  der  Prinzessin
von  Preußen  ein  stets  gerne  gesehener  Gast.  Als  Politiker
war  er  farblos,  als  Diplomat  nicht  ohne  Geschick,  aber  ohne
selbständige  Entschlüsse  und  festen  Charakter;  sein  Streben
war  stets,  den  Schwierigkeiten  aus  dem  Wege  zu  gehen,
anstatt  sie  zu  überwinden,  Preußens  Stellung  möglichst  zu
wahren,  vor  Allem  aber  verträglich  zu  sein  und  namentlich
Osterreich  gegenüber  es  nie  zum  Bruche  kommen  zu  lassen.
Er  schlug  jetzt  dem  Prinzen  vor,  nach  baldigster  Entlassung
des  jetzigen  Ministeriums  sein  Cabinet  aus  neuen,  bisher  noch
nicht  angefeindeten  Personen  zu  bilden,  also  von  ihm  selbst
und  Auerswald  abzusehen.  Darüber  wurde  damals  noch  keine
Entscheidung  getroffen,  wohl  aber  als  officieller  Vorsitzender
des  künftigen  Ministeriums  der  Fürst  Anton  von  Hohenzollern-Sigmaringen,
  ein  patriotischer,  wohlmeinender  und  rechtlicher
Herr,  in  Aussicht  genommen.

Unterdessen  war,  wie  die  harmloseste  Sache  von  der
Welt,  am  1.  Juli  eine  dritte  Erstreckung  der  Stellvertretung
in  Sanssouci  bewirkt  worden.  Die  feudale  Partei  fühlte  sich
bei  der  schweigenden  Zurückhaltung  des  Prinzen  bereits  so
sicher,  daß  sie  offen  einen  Jeden  als  Königsfeind  erklärte,  der
in  irgend  einem  Falle  eine  Regentschaft  verlangen  würde;
denn  sich  nach  Belieben  einen  Stellvertreter  zu  setzen,  sei  ein
angestammtes  Recht  der  preußischen  Monarchen,  welches  durch
Artikel  der  papiernen  Verfassung  nicht  beschränkt  werden  könne.
Allein  der  Augenblick,  der  sie  aus  diesen  Träumen  erwecken
        <pb n="308" />
        298  Antritt  der  Regentschaft.  1858

sollte,  war  nahe.  Die  Geduld  des  Prinzen  ging  zu  Ende,
und  am  8.  August  forderte  er  das  Staatsministerium  zu
einem  Gutachten  auf,  ob  der  gegenwärtige  Zustand  ohne
Verletzung  der  Landesverfassung  noch  ferner  verlängert  werden
könne.  Die  Krisis  war  um  so  dringender,  als  die  Legislaturperiode
  zu  Ende  ging,  und  eine  allgemeine  Abgeordnetenwahl
nöthig  wurde.  Das  Staatsministerium  berieth  die  Frage  in
mehreren  Sitzungen.  Herr  von  Westphalen  blieb  aus  den
oben  erwähnten  Gründen  bei  der  Ablehnung  der  Regentschaft,
und  beantragte  mindestens  Vertagung  der  Sache  bis  nach
Vollendung  der  Landtagswahlen.  Dagegen  erklärten  sich
aber  mit  großer  Schärfe  die  beiden  Minister  von  Manteuffel,
da  es  wahrhaft  heillos  sein  würde,  dem  bevorstehenden  Wahlkampfe
  die  Frage  „königlich  oder  regentschaftlich“,  die  bereits
in  der  Presse  eifrig  behandelt  wurde,  als  Parteilosung  zu
überliefern.  Die  Mehrheit  stimmte  zu,  und  der  Bericht  des
Ministeriums  sprach  sich  am  6.  September  für  die  verfassungsmäßige
  Nothwendigkeit  der  Regentschaft  und  deren  Herbeiführung
  in  den  vom  Justizminister  vorgeschlagenen  Formen  aus.

Noch  einige  Wochen  der  Überlegung  vergingen.  Der
Prinz  in  seiner  Gewissenhaftigkeit  wog  unaufhörlich  die
Pflichten  gegen  den  Staat,  den  Bruder,  sich  selbst,  ab;  je
unabweisbarer  die  Stunde  der  Entschließung  heranrückte,  desto
tieser  empfand  er  die  Schwere  der  auf  sein  Haupt  gelegten
Verantwortung.  Er  suchte  eine  mündliche  Verständigung  mit
der  Königin,  die  Zusammenkunft  scheiterte  aber  an  einem  zufälligen
  Hinderniß.  Auch  Manteufsel  erlangte  die  zweimal
bei  der  Königin  nachgesuchte  Audienz  nicht.  Am  20.  September
berief  der  Prinz  eine  Sitzung  des  Gesammtministeriums,  wo
in  seiner  Gegenwart  Simons  und  Westphalen  das  Für  und
        <pb n="309" />
        1858  Die  Entscheidung.  299

Wider  nochmals  entwickelten,  ohne  daß  der  Prinz  eine  Ansicht
aussprach.  Aber  unmittelbar  nachher  theilte  er  der  Königin
mit,  daß  er  mit  der  Rechtsansicht  des  Ministeriums  einverstanden
  sei.  Sie  mußte  sich  in  das  Unabänderliche  fügen,
ließ  aber  durch  den  Hausminister  von  Massow  den  Collegen
desselben  eröffnen,  daß  sie,  wenn  auch  in  schweren  Sorgen,
bereit  sei,  dem  Könige  die  Regentschaftsfrage  vorzulegen;  wenn
es  seiner  Gesundheit  schade,  so  müsse  das  Ministerium  die
Verantwortung  tragen.

Ein  erschütternder  Augenblick  folgte.  Auf  ärztlichen
Rath  war  beschlossen,  daß  der  König  den  Winter  in  Italien
zubringen  sollte.  An  einem  Tage,  wo  seine  Stimmung  freier
war,  am  7.  October,  sagte  ihm  die  Königin,  da  ihr  Aufbruch
  zu  einer  längeren  Abwesenheit  bevorstehe,  müsse  der
Prinz  doch  wohl  eine  größere  Machtbefugniß  erhalten,  und
Regent  werden.  Der  König  äußerte  ruhig  seine  Zustimmung,
und  so  legte  sie  ihm  die  Urkunde  zur  Unterschrift  vor.  Der
König  las  sie  schweigend,  unterzeichnete  sie,  stets  schweigend;
dann  schlug  er  beide  Hände  vor  das  Gesicht,  brach  in  einen
Thränenstrom  aus,  und  verließ  das  Zimmer.  Der  entscheidende
  Schritt,  schrieb  darauf  der  Prinz  seiner  Gemahlin,
ist  also  geschehen!  Gott  gebe  seinen  Segen  zu  dem  ernsten
Werke,  das  nun  durch  mich  für  das  Vaterland  beginnt.  Du
kannst  denken,  in  welcher  Aufregung  ich  bin,  und  wie  ich  nur
im  Gebet  mich  stärken  und  kräftigen  konnte,  und  mich  Gottes
Barmherzigkeit  anheimgeben!  Er  berichtete  ihr  dann  den  Hergang,
  und  fügte  hinzu:  wenn  somit  Vielen  ein  Stein  vom
Herzen  fällt,  so  beginnt  für  mich  nun  erst  die  wahre  Sorge
und  Qual,  die  mir  schwerlich  (bei  der  voraussichtlichen  Unheilbarkeit
  des  Königs]  wieder  entnommen  werden  wird.  Ich
        <pb n="310" />
        300  Antritt  der  Regentschaft.  1858

schließe  mit  der  Bitte,  daß  du  für  mich  und  das  Vaterland
und  das  schmerzlich  berührte  Königspaar  beten  mögest.  Dein
Wilhelm.

Die  königliche  Verkündigung,  welche  den  Prinzen  zur
lbernahme  der  Regentschaft  aufforderte,  wurde  am  folgenden
Tage  veröffentlicht.  Die  erste  Maaßregel  des  Prinzen  war
die  sofortige  Entlassung  Westphalen's,  und  die  Berufung  des
Oberpräsidenten  von  Flottwell,  eines  verdienten,  hochangesehenen,
  jetzt  aber  altersschwachen  Verwaltungsbeamten,  an
dessen  Stelle.

Nicht  mit  leichtem  Herzen,  aber  mit  festem  Entschlusse
begann  der  Prinz  seine  fortan  selbständige  Regierung.  Noch
ehe  der  October  zu  Ende  ging,  berief  er  den  Landtag  zur
Anerkennung  der  Regentschaft,  und  leistete  in  dessen  Gegenwart
  den  Eid  auf  Beobachtung  der  Verfassung.  Er  sprach
das  Gelübde  in  tiefem  Ernste  aus,  obgleich  mehr  als  ein  Satz
der  Verfassung  ihm  schwere  Bedenken  von  jeher  erweckt  hatte.

Er  meinte  damals,  wie  er  es  einmal  später  dem  Großherzog
  von  Weimar  schrieb,  der  Welt  zu  zeigen,  daß  es  möglich
  sei,  selbst  mit  einer  mißlichen  Verfassung  zu  regieren,
wenn  man  eine  conservative  Basis  beibehalte,  und  Ehrenmänner
zur  Durchführung  eines  solchen  Systems  als  Helfer  erwähle.
Er  hatte  sich  jetzt  definitiv  für  ein  Ministerium  Hohenzollern-Auerswald
  entschieden,  und  in  dieser  Combination  gab  es  allerdings
  für  Bismarck  keine  Stelle.  Fachminister  ohne  ausgesprochene
  politische  Tendenz  wurden  Herr  von  Flottwell,
Herr  von  Schleinitz  und  als  Kriegsminister  General  von  Bonin,
der  Leidensgenosse  des  Prinzen  bei  der  Ungnade  von  1854.
Dic  Partei  des  preußischen  Wochenblattes  lieferte  Herrn  von
Bethmann-Hollweg  als  Minister  des  Cultus,  und  den  Grafen
        <pb n="311" />
        1858  Ministerium  Hohenzollern-Auerswald.  301

Pückler  als  landwirthschaftlichen  Minister.  Das  Finanzministerium
  wurde  dem  Präsidenten  der  Seehandlung,  Otto
Camphausen,  Ludolf's  jüngerem  Bruder,  angeboten;  er  lehnte
aber  unter  einem  technischen  Vorwande  ab,  weil  er  dem  Cabinet
weder  Stärke  noch  Dauer  zutraute.  Auf  seinen  Vorschlag
berief  Auerswald  Herrn  von  Patow,  einen  Führer  der  liberalen
Opposition  gegen  Manteuffel,  nach  Berlin.  Kurz  zuvor,  am
30.  October,  hatten  die  bisherigen  Minister  dem  Regenten  eine
Denkschrift  übersandt,  worin  sie  die  Nothwendigkeit  ihres
Bleibens  für  das  Staatswohl  erörterten,  der  Regent  aber
hatte  sie  einstweilen  ohne  Bescheidung  gelassen.  Nachdem  jetzt
am  4.  November  die  Verständigung  mit  Patow  gelungen  war,
sollte  die  Antwort  an  die  alten  Minister  ergehen,  daß  Fürst
Hohenzollern  ein  neues  Cabinet  gebildet  habe,  und  die  bisher
durch  die  Herren  von  der  Heydt  und  Simons  geführten
Ministerien  des  Handels  und  der  Justiz  einstweilen  von  den
betreffenden  Unterstaatssecretären  verwaltet  werden  würden.
Aber  plötzlich  erhob  sich  eine  neue  Schwierigkeit.  Herr
von  Patow  hatte  bei  der  Verhandlung  mit  dem  Prinzen  geäußert,
  es  sei  ihm  zweifelhaft,  ob  der  König  seine  Ernennung
gerne  sehen  würde.  Dies  machte  dem  Prinzen  eine  schlaflose
Nacht;  er  fragte  sich,  ob  Patow  nicht  zu  liberal  sei,  und  erklärte
  am  folgenden  Morgen,  daß  er  ihn  nicht  zum  Minister
haben  wolle.  Do  war  denn  einige  Stunden  lang  die  Noth
groß,  bis  Auerswald's  Vermittlungstalent  sich  wieder  einmal
bewährte.  Am  Abend  wurde  Patow  angezeigt,  daß  er  ernannt
sei,  nachdem  der  Prinz  das  Bleiben  der  beiden  bisherigen
Minister  von  der  Heydt  und  Simons  genehmigt,  und  damit
eine  Verstärkung  des  conservativen  Elements  und  Herstellung
einer  Continuität  mit  dem  alten  Ministerium  erlangt  hatte.
        <pb n="312" />
        302  Antritt  der  Regentschaft.  1858

Ich  habe  diese  Einzelheiten  so  ausführlich  berichtet,  weil
sie  die  Intentionen  des  Regenten  in  noch  deutlicheres  Licht
rücken,  als  es  durch  die  feierliche  Ansprache  geschah,  mit
welcher  er  die  erste  Sitzung  des  neuen  Cabinets  am  8.  November
  eröffnete.  Wohl  betonte  er  auch  hier  mit  vollem
Nachdruck,  daß  von  einem  Bruche  mit  der  Vergangenheit  nun
und  nimmermehr  die  Rede  sein,  daß  nur  die  sorgliche  und
bessernde  Hand  angelegt  werden  solle,  wo  sich  Willkürliches
oder  Unzeitgemäßes  zeige.  Das  Wohl  der  Krone  und  des
Landes  sei  unzertrennlich  und  müsse  auf  conservativer  Grundlage
  beruhen.  Nicht  von  sogenannten  liberalen,  in  Wahrheit
überspannten  Ideen  dürfe  die  Regierung  sich  fort  und  fort
in  das  Unbestimmte  treiben  lassen;  die  wahre  Staatsweisheit
bestehe  in  richtiger  Erkenntniß  der  vorhandenen  Bedürfnisse,
in  Wahrheit,  Gesetzlichkeit  und  Consequenz:  dann  werde  eine
Regierung  stark,  weil  sie  ein  reines  Gewissen,  und  damit  das
Recht  zum  Widerstande  gegen  alles  Böse  habe.  Indem  darauf
aber  der  Regent  die  einzelnen  Verwaltungszweige  durchging,
erfuhr  das  Verhalten  der  bisherigen  Regierung  auf  mehreren
Gebieten  eine  so  einschneidende  Kritik,  und  wurde  namentlich
die  Verquickung  politischer  und  kirchlicher  Tendenzen,  welche
nicht  Frömmigkeit,  sondern  Heuchelei  erzeuge,  mit  solcher
Wärme  verurtheilt,  daß  trotz  der  vorausgehenden  Sätze  weit
und  breit  sich  im  Lande  die  Vorstellung  verbreitete,  eine  völlig
neue  Zeit  sei  für  Preußen  angebrochen,  und  das  Cabinet
Hohenzollern  im  Volksmund  den  Namen  des  Ministeriums
der  neuen  Aera  erhielt.  Weniger  beachtet  wurden  die  Worte
des  Regenten  über  die  dringende  Nothwendigkeit  einer,  wenn
auch  kostspieligen,  Verbesserung  des  Heerwesens.  Über  die
auswärtige  Politik  begnügte  sich  der  hohe  Redner  mit  der
        <pb n="313" />
        1858  Intermezzo  in  Bayern.  303

Angabe  einiger  allgemeiner  Richtpunkte.  Mit  allen  Großmächten
  Friede  und  Freundschaft,  aber  keine  Beschränkung
der  eigenen  Selbständigkeit  durch  frühzeitige  Tractate.  In
Deutschland  habe  Preußen  moralische  Eroberungen  zu  machen
durch  die  Weisheit  seiner  eigenen  Gesetzgebung  und  durch  die
Ergreifung  von  Einigungselementen,  wie  z.  B.  dem  allerdings
reformbedürftigen  Zollverein.  Die  Welt  müsse  wissen,  daß
Preußen  überall  das  Recht  zu  schützen  bereit  sei.  Alle  diese
Sätze  konnten  in  der  Allgemeinheit,  wie  sie  hier  erschienen,
theils  nichtssagend,  theils  gefährlich  erscheinen;  im  Sinne  des
Regenten  bezogen  sie  sich  sämmtlich  auf  deutsche,  damals
schwebende  Fragen,  und  wir  werden  demnächst  wahrnehmen,
wie  genau  und  zutreffend  sie  für  diese  bemessen  waren.
Die  Einsetzung  des  neuen,  mit  einigen  liberalen  Namen
geschmückten  Ministeriums,  hatte  sehr  bald  gewaltige  Wirkung
in  der  Nähe  wie  in  der  Ferne.  In  München  stand  zwischen
der  Regierung  und  der  zweiten  Kammer  schon  seit  längerer
Zeit  ein  zäher,  stets  an  Erbitterung  wachsender  Streit,  so  daß
unter  Zustimmung  des  Königs  die  Minister  von  der  Pfordten
und  Graf  Reigersberg,  der  Eine  nach  seiner  sanguinischen,
der  Andere  nach  seiner  herrischen  Natur,  sich  mit  dem  Gedanken
  eines  kleinen  Staatsstreichs,  Auflösung  der  Kammer,
Octroyirung  eines  neuen  Wahlgesetzes,  und  was  sonst  solche
Rettungen  zu  begleiten  pflegt,  zu  tragen  begannen.  Freilich
mußte  man  bei  dem  Eintritt  der  preußischen  Krisis  inne  halten:
bei  einer  liberalen  Entwicklung  in  Preußen  war  ein  Verfassungsbruch
  in  Bayern  doch  unmöglich.  Indessen  schickte
der  bayerische  Gesandte  in  Berlin  fortdauernd  die  fröhlichsten
Nachrichten:  daß  das  Ministerium  Manteuffel  fester  als  jemals
stehe,  erfuhr  er  noch  in  den  letzten  Octobertagen  aus  der
        <pb n="314" />
        304  Antritt  der  Regentschaft.  1858

besten  Quelle,  natürlich  vom  Herrn  von  Manteuffel  selbst.  Da
kam  denn  die  Ernennung  Hohenzollern's  wie  ein  Blitz  aus
blauem  Himmel  nach  München.  Pfordten  eilte  zum  Könige;
nach  langen,  durch  mehrere  Monate  wiederholten  Erwägungen
kam  man  zu  dem  unvermeidlichen  Schlusse,  daß  in  gewissen
Forderungen  der  Kammer  nachzugeben  sei.  Aber  wie  ist  das
möglich,  rief  dann  der  König,  nach  allem  Vorgegangenen,
ohne  eine  tiefe  Demüthigung  der  Krone?  Nichts  leichter  als
dies,  erwiderte  der  unerschütterliche  Pfordten;  Majestät  erlassen
  ein  Manifest:  Meine  Minister  haben  in  letzter  Zeit
mehrfache  Differenzen  mit  den  Kammern  gehabt,  Ich  aber
will  Frieden  haben  mit  Meinem  Volke.  Und  so
geschah  es,  während  Pfordten  mit  dem  Bundestagsgesandten,
Freiherrn  von  Schrenck,  die  Stelle  tauschte.  Der  von  dem
Staatsstreichminister  erfundene  Satz:  Ich  will  Frieden  haben
mit  meinem  Volke  —  wurde  zu  einem  populären  Schlagwort,
auf  welches  während  der  spätern  preußischen  Verfassungswirren
  jeder  Bayer  mit  patriotischem  Stolze  hinwies,  ohne
zu  ahnen,  daß  Bayern  die  Erhaltung  seines  allerdings  hohen
Ruhmes,  niemals  einen  Bruch  seiner  Verfassung  erlebt
zu  haben,  in  erster  Linie  dem  Prinzen  von  Preußen  verdankte.


In  Preußen  selbst  aber  wurde  das  Erscheinen  der  neuen
Acra  von  der  großen  Mehrheit  des  Volkes  mit  einem  Jubel
begrüßt,  vor  welchem  die  zornige  Besorgniß  der  feudalen,
ebenso  wie  die  verbissene  Gleichgültigkeit  der  demokratischen
Partei  vollständig  in  den  Hintergrund  trat.  Charakteristisch
für  diese  Bewegung  der  Geister  war  es,  daß  sie  zwar  mit
überschwänglichen  Hoffnungen  auf  eine  allseitige  Glückseligkeit
sich  erfüllte,  aber  von  bewußtem  Streben  nach  radicalen  oder
        <pb n="315" />
        1858  Ministerielle  Abgeordneten-Wahlen  in  Preußen.  305

republikanischen  Idealen  nichts  spüren  ließ.  Bei  dem  Beginne
der  allgemeinen  Landtagswahlen  gaben  die  Programme  das
genaue  Gegenbild  zu  der  Praxis  der  bisherigen  Verwaltung;
sie  richteten  sich  durchaus  auf  die  Punkte,  an  denen  man  den
Druck  des  alten  Systems  besonders  schmerzhaft  empfunden
hatte,  gegen  die  polizeiliche  Willkür,  die  verfälschende  Auslegung
  der  Gesetze,  die  kirchliche  Engherzigkeit  und  Verfolgungssucht,
  die  parteiische  Begünstigung  der  Rittergutsbesitzer,
  die  arge  Beeinflussung  der  Parlamentswahlen.  Das
Alles  konnte,  mit  der  Programmrede  des  Regenten  verglichen,
als  ein  allerdings  verstärkter  Widerhall  derselben  gelten.  Ein
anderer,  nicht  minder  bezeichnender  Zug  in  dieser  Wahlbewegung
war  die  bereitwillige  Zustimmung,  als  die  Minister  sehr  bald
erkennen  ließen,  daß  die  Abstellung  langjähriger  Mißbräuche
nicht  leicht,  daß  die  Verwirklichung  auch  berechtigter  Wünsche
schwieriger  als  ihr  Aussprechen  sei,  daß  man  also  der  Regierung
  vertrauen,  aber  nicht  durch  hastiges  Überstürzen  die
Aufgabe  erschweren  möge.  Alle  Welt  war  dazu  bereit;  die
Aufforderung:  nur  nicht  drängen,  wurde  ein  Losungswort
der  liberalen  Partei.  Uberall  gaben  die  Freunde  des
Ministeriums,  die  altliberalen  Führer,  den  Ton  an.  Man
wollte  die  feudalen  Gegner  der  Regierung  entfernen,  aber  ihr
durch  die  Wahl  extremer  Freiheitsmänner  keine  Verlegenheit
bereiten.  Das  Ergebniß  war  dann  eine  gründliche  Niederlage
der  feudalen  Partei,  eine  vollständige  Beseitigung  der  Demokraten
  und  eine  überwältigende  Mehrheit  für  das  neue  Ministerium.
  Zum  ersten  Male  seit  dem  Beginne  des  constitutionellen
  Lebens  in  Deutschland  rechneten  liberale  Wähler
und  Volksvertreter  es  sich  zur  Ehre,  ministerielle  Partei  zu

heißen.  Allerdings  gab  es  Ausnahmen  von  dieser  Stimmung
v.  Sybel,  Begründung:  d.  deutschen  Reiches.  II.  20
        <pb n="316" />
        306  Antritt  der  Regentschaft.  1858

gerade  unter  den  hervorragenden  liberalen  Männern,  die  sich
bei  der  Mischung  der  verschiedenen  Elemente  im  Cabinet  der
Lage  noch  nicht  sicher  fühlten.  Georg  von  Vincke  äußerte
gelegentlich,  ein  populäres  Ministerium  müsse  der  Landtag
doppelt  genau  beaufsichtigen,  und  Graf  Schwerin  erklärte
seinen  Wählern,  er  sei  ein  warmer  Freund  der  neuen  Minister,
könne  aber  nicht  nach  deren  Winken,  sondern  in  jedem  einzelnen
Falle  nur  nach  unabhängiger  Überzeugung  stimmen.  Er
wußte  damals  noch  nicht,  daß  er  in  einigen  Monaten  selbst
Minister  sein  würde.  Im  Allgemeinen  aber  war  die  preußische
Bevölkerung  erfüllt  von  der  Auffassung,  daß  die  neue  Aera
eine  liberale,  und  jeder  Mißklang  zwischen  dem  Ministerium
und  der  Volksvertretung  unmöglich  sein  würde.

Der  Prinz-Regent  mußte  mit  diesem  Beifall  für  sein
Ministerium  immerhin  zufrieden  sein.  Aber  das  Übermaaß  des
Erfolgs  rief  bei  seiner  besonnenen  Weise  ihm  sofort  auch  leisen
Zweifel  an  der  Dauer  des  Jubels  und  zugleich  die  Frage
hervor,  in  wie  weit  es  möglich  sein  würde,  den  so  mächtig
hervorsprudelnden  Erwartungen  gerecht  zu  werden.

Einflüsse  anderer  Art  stritten  sich  um  seine  Entschließungen
in  der  auswärtigen  Politik.  Wir  müssen  uns  hier  noch
einmal  in  den  Sommer  1858,  in  die  Tage  des  Aufenthalts
in  Baden-Baden  zurückversetzen.

Wie  wir  sahen,  hatte  der  Krimkrieg  mehrere  ungelöste
Fragen  hinterlassen,  bei  deren  Behandlung  sich  die  Großmächte
  in  zwei  Parteien  spalteten,  Osterreich  und  England
auf  der  einen,  Frankreich,  Rußland  und  Preußen  auf  der
andern  Seite.  Dieser  Gegensatz  beherrschte  damals  die  europäische
  Lage,  und  überall  war  das  Gefühl  einer  drückenden
Schwüle  in  der  politischen  Atmosphäre  vorhanden.  Die
        <pb n="317" />
        1858  Europäische  Lage.  307

Allianz  der  drei  Ostmächte,  welche  seit  1815  den  vertragsmäßigen
  Zustand  Europas  gesichert  hatte,  war  gründlich
zerrissen;  über  den  künftigen  Plänen  des  französischen  Emporkömmlings,
  der  sich  so  plötzlich  an  die  Spitze  des  Welttheils
geschwungen,  lag  eine  bedenkliche  Unsicherheit,  welche  dadurch
nicht  sorgenfreier  wurde,  daß  die  von  Bismarck  schon  1856
geäußerte  Ansicht,  Napoleon  denke  seine  nächste  Thätigkeit
gegen  Österreichs  Herrschaft  in  Italien  zu  richten,  jetzt  in
weiten  Kreisen  getheilt  wurde.  Cavour,  der  im  Sommer  1858
einen  Aufenthalt  in  Baden-Baden  machte,  erzählte  dort  den
preußischen  Staatsmännern,  mit  einer  allerdings  beschränkten
Offenheit,  er  habe  soeben  in  Plombieères  mit  Napoleon  die
Zustände  Italiens  besprochen;  der  Kaiser  sei  in  dieser  Hinsicht
  nicht  ganz  frei,  da  er  auf  den  französischen  Klerus  und
dessen  Sympathien  mit  dem  Papste  und  folglich  mit  Osterreich
  Rücksicht  nehmen  müsse;  so  viel  aber  sei  gewiß,  daß,
wenn  es  zum  Bruche  zwischen  Osterreich  und  Sardinien  käme,
Napoleon  an  Sardiniens  Seite  stehen  würde.  Ein  anwesender
russischer  Diplomat,  Herr  von  Balabin,  bemerkte  dazu:  wenn
Ihr  ausrückt,  wird  auch  die  russische  Garde  marschiren.  Der
Prinz  von  Preußen,  welchem  der  sardinische  Staatsmann
ebenfalls  die  traurigen  Verhältnisse  Italiens  schilderte,  trug
kein  Bedenken,  ihin  seine  Bereitwilligkeit  auszusprechen,  zur
Besserung  derselben  mitzuwirken;  er  hatte  allerdings  dabei
nichts  Anderes  als  Reformen  der  theils  stagnirenden,  theils
despotischen  Verwaltung  der  italienischen  Territorien  im  Sinn.
Jedesfalls  war  Osterreichs  Stellung  in  keiner  Weise  behaglich.
Frankreich  in  verdeckter,  vielleicht  bald  offener  Feindseligkeit,
Rußland  in  unverhehltem,  bitterem  Grolle,  Preußen  durch

die  Neuenburger  und  die  deutschen  Händel  schwer  gereizt  und
207
        <pb n="318" />
        308  Antritt  der  Regentschaft.  1858

dicht  bis  an  den  entschiedenen  Bruch  herangeführt:  so  fand
während  der  Stellvertretung  der  Prinz  von  Preußen  die
Verhältnisse  Europas  vor.

Es  war  natürlich,  daß  jeder  Freund  Osterreichs  als  das
wirksamste  Schutzmittel  gegen  alle  solche  Gefahren  die  Herstellung
  eines  echten  Einverständnisses  zwischen  den  beiden
deutschen  Großmächten  betrachtete  und  herbeiwünschte.  In
erster  Linie  stand  hiebei  England,  sowohl  das  Tory-Ministerium
Derby,  als  auch  persönlich  die  Königin  Victoria  und  der
Prinz-Gemahl.  Die  Herrschaften  waren  soeben  mit  dem
Prinzen  und  der  Prinzessin  von  Preußen  in  enge  Familienverbindung
  durch  die  Vermählung  ihrer  Kinder,  des  Prinzen
Friedrich  Wilhelm  und  der  Prinzeß  Royal  Victoria,  getreten
(17.  Januar  1858),  wobei  sich  insbesondere  zwischen  den
beiden  hohen  Müttern  ein  Band  warmer  Freundschaft  geknüpft
hatte.  Schon  nach  der  Verlobung  des  jungen  Paares  hatte
die  Prinzessin  von  Preußen  am  12.  April  1856  an  den
Herzog  von  Coburg  geschrieben:  Gott  segne  die  Verbindung
für  die  geliebten  Kinder,  für  unsere  Familie,  und  für  das
arme  deutsche  Vaterland,  das  sich  naturgemäß  nur  im  Bunde
mit  England  aus  seiner  jetzigen  Lage  erheben  kann!  1)  Bund
mit  England  bedeutete  aber  1858  nichts  Anderes  als  Freundschaft
  mit  Osterreich.  Lebhaft  vertreten  wurde  diese  Tendenz
auch  durch  den  König  Leopold  I.  von  Belgien,  der  in  früherer
Zeit  sich  von  dem  preußischen  Hofe  mißachtet  geglaubt,  und
deßhalb  sich  fest  an  Österreich  angeschlossen  hatte,  jetzt  aber
mit  peinlichem  Mißtrauen  auf  den  gefährlichen  Nachbar  in
den  Tuilerien  hinblickte,  und  seinen  ganzen  diplomatischen

1)  Ernst  II.,  Aus  meinem  Leben,  II.,  347.
        <pb n="319" />
        1858  Fortdauernde  Spannung  zwischen  sterreich  und  Preußen.  309

Einfluß  für  die  Eindämmung,  des  französischen  Ehrgeizes,  und
folglich  für  ein  unerschütterliches  Einvernehmen  zwischen  Preußen
und  Osterreich  aufbot.  Dazu  kamen  die  Bemühungen  der
süddeutschen  Könige,  welchen  das  drohende  Bild  eines  Kriegs
zwischen  Frankreich  und  Osterreich  das  Herz  zusammenpreßte,
und  deshalb  die  sonst  nicht  unerwünschte  Spannung  zwischen
den  deutschen  Großmächten  zur  Zeit  als  der  Gipfel  des
Unheils  erschien.  Der  König  von  Württemberg  reiste  selbst
nach  Baden--Baden,  um  in  diesem  Sinne  persönlich  auf  den
Prinzen  von  Preußen  einzuwirken.

In  der  Umgebung  des  Prinzen  war  Herr  von  Schleinitz
wie  früher  stets  geneigt,  dem  Zusammengehen  beider  Staaten
das  Wort  zu  reden.  Herr  von  Auerswald  war  nicht  gerade
schwarz-gelb,  meinte  aber  auch,  Friede  mit  Osterreich  sei  besser
als  Feindschaft.  Der  Prinz  hatte  dagegen  nichts  einzuwenden,
fand  aber,  daß  zur  Zeit  für  die  Lösung  der  schwebenden
Steitfragen  Alles  auf  Osterreichs  guten  Willen  ankomme,
und  bisher  ein  solcher  an  keiner  Stelle  zum  Vorschein  gekommen
  sei.  Aus  dem  Streite  über  die  Rastadter  Besatzung
war,  wie  wir  sahen,  wieder  einmal  die  gefährliche  Frage,  ob  zu
einem  Bundesbeschluß  darüber  Majorität  oder  Einstimmigkeit
erforderlich  sei,  hervorgewachsen;  Bismarck  hatte  den  Protest
gegen  die  Majorität  mit  der  Drohung,  die  Matricularbeiträge
Preußens  zurückzuhalten,  begleiten  wollen,  und  Manteuffel
die  Drohung  zwar  gestrichen,  den  Protest  aber  in  aller  seiner
Schärfe  nach  Wien  gesandt.  Dazu  kamen  dann  Nachrichten,
daß  Osterreich  fest  auf  dem  Plane  beharre,  bei  dem  demnächstigen
  Ablaufe  des  Zollvereins  mit  Hülfe  der  Mittelstaaten
entweder  in  denselben  einzutreten,  oder  mit  Süddeutschland
seinerseits  einen  Zollverein  zu  schließen,  in  jedem  Falle  also
        <pb n="320" />
        310  Antritt  der  Regentschaft.  1858

die  bisherige  preußische  Hegemonie  auf  diesem  Felde  zu  brechen.
Solche  Bestrebungen  konnten  die  preußische  Stimmung  nicht
verbessern,  und  vollends  unwillig  wurde  der  Prinz,  als  die
Hofburg  Ende  Juni  das  preußische  Cabinet  mit  einem  Anerbieten
  überraschte,  in  Rastadt  einige  preußische  Bataillone
zuzulassen,  wenn  ihr  Preußen  wie  1854  Gewähr  für  alle
ihre  deutschen  und  außerdeutschen  Besitzungen  leiste  —  ungefähr
  so,  wie  wenn  eine  alte  Dame  einem  jungen  Freunde
schriebe,  sie  schenke  ihm  ein  schönes  Hündchen,  erwarte  aber
dafür,  daß  er  sie  heirathe.  Es  verstand  sich,  daß  der  Prinz
sehr  bestimmt  erklärte,  er  hoffe  auf  gutes  Vernehmen  mit
Osterreich,  wolle  sich  aber  nicht  durch  voreilige  Tractate  die
Hände  binden.  So  fielen  Schleinitz's  milde  Worte  bei  dem
Prinzen  auf  einen  harten  Boden;  dieser  berief  vielmehr  Bismarck
  dreimal  nach  Baden-Baden  und  genehmigte  sogar,  daß
auch  Manteuffel  auf  einige  Wochen  sich  dort  einstellte.  Denn
ein  besonderer  Anlaß  forderte  im  Juli  ein  wichtiges  und
durchgreifendes  Handeln  vom  Bundestage.  Seit  Anfang  1857
beschäftigte  die  Versammlung  —  wir  kommen  später  des
Näheren  darauf  zurück  —  eine  Beschwerde  der  holsteiner
Stände  über  das  verfassungs=  und  vertragswidrige  Benehmen
der  dänischen  Regierung  gegen  die  Herzogthümer.  Nach  langem
Berathen  und  Hin=  und  Herschreiben  waren  endlich  im  Februar
und  im  Mai  Bundesbeschlüsse  zu  Stande  gekommen,  welche
bestimmte  Forderungen  an  Dänemark  stellten.  Dieses  nahm
sich  Zeit  zur  Antwort,  und  erklärte  endlich  am  15.  Juli  sich
bereit,  nicht  etwa  die  Forderungen  zu  erfüllen,  sondern  über
dieselben,  wic  seit  sechs  Jahren,  so  auch  jetzt  weiter  zu  verhandeln.
  Österreich  nach  seiner  alten  Freundschaft  mit  Dänemark,
  und  ihm  zustimmend  die  süddeutschen  Regierungen,
        <pb n="321" />
        1858  Bundesbeschluß  über  Holstein.  311

erklärten  sich  im  Bundestage  mit  dieser  Antwort  vollkommen
zufrieden  gestellt.  Hier  aber  schritt  der  Prinz  von  Preußen
mit  entscheidendem  Nachdruck  ein.  Auf  die  erste  vorläufige
Kunde  von  der  dänischen  Antwort  telegraphirte  er  nach
Berlin,  daß  sie  ungenügend  sei,  daß  der  Bundestag  energisches
Vorgehen  zu  beschließen  habe,  und  Preußen  hiebei  stets  die
Initiative  nehmen  müsse.  Es  war  die  Erinnerung  an  Olmütz,
die  hier  in  ihm  aufkochte,  es  war  die  Gesinnung,  die  ihn
am  8.  November  sagen  ließ,  Preußen  sei  stets  bereit,  das
Recht  zu  schützen.  Bismarck  wurde  nach  Baden  berufen,  der
Prinz  kam  mit  ihm  über  das  Verfahren  am  Bundestag  überein,
  und  nach  einigen  Wochen  war  ein  Bundesbeschluß  fertig,
welcher  dem  König-Herzog  von  Holstein  bei  längerem  Widerstand
  die  bewaffnete  Execution  ankündigte.

Die  Rastadter  Streitfrage  wurde  gegen  Ende  des  Jahres
durch  ein  vermittelndes  Abkommen  erledigt,  und  damit  die
äußere  Eintracht  zwischen  den  beiden  Höfen  wieder  hergestellt.
Mehr  wurde  allerdings  nicht  erreicht:  der  Prinz-Regent  blieb
bei  dem  Entschlusse,  Osterreich  gegenüber  sich  freie  Hand  zu
erhalten.

Nur  zu  bald  aber  traten  Ereignisse  ein,  wo  es  nicht
bloß  auf  das  Vermeiden  voreiliger  Verpflichtung,  sondern  auf
die  Entschließungen  einer  positiven  Politik  ankam.  Gleich  auf
der  Schwelle  ihres  Wirkens  wurde  der  Regentschaft  eine
schwere  Probe  auferlegt.
        <pb n="322" />
        1859

2.  Cepifel.
Der  italienische  Krieg.

Am  1.  Januar  1859  erklärte  Kaiser  Napoleon  bei  der
feierlichen  Gratulationscour  dem  österreichischen  Gesandten:
ich  bedaure,  daß  die  Beziehungen  zwischen  unsern  Regierungen
nicht  mehr  so  gut  sind  wie  früher,  bitte  Sie  aber,  Ihrem
Kaiser  zu  versichern,  daß  meine  persönliche  Hochachtung  für
ihn  unverändert  dieselbe  ist.

Diese  Worte  dröhnten  wie  ein  Donnerschlag  durch  ganz
Europa.  Alle  Welt  nahm  sie  als  Vorläufer  einer  Kriegserklärung.
  An  allen  Börsen  sanken  und  stürzten  die  Course.

Die  Welt  hatte  nicht  Unrecht,  obgleich  Napoleon  bald
nachher  seine  Verwunderung  über  ein  solches  Mißverständniß
aussprach:  gerade  umgekehrt  habe  er  ja  erklärt,  daß  trotz
einiger  Spannung  seine  friedfertige  Gesinnung  gegen  den
Kaiser  Franz  Joseph  unverändert  sei.  #

In  Wahrheit  war  er  mit  dem  Grafen  Cavour  über  den
Krieg  gegen  Osterreich  einig.  In  Plombieres  war  verabredet
worden,  daß  der  sardinische  König  Victor  Emanuel  Lombardo-Venetien,
  Parma  und  Modena,  Frankreich  aber  für  seine
Hülfe  Savoyen  und  Nizza  erhalten  sollte.  Als  Unterpfand
        <pb n="323" />
        1859  Französisch-sardinisches  Bündniß.  313

dieses  Bündnisses  würde  sich  der  Vetter  des  Kaisers,  Jerome
Napoleon,  mit  einer  Tochter  des  Königs  vermählen.  Wie
man  nach  der  Vertreibung  der  Osterreicher  Italiens  Verhältnisse
  gestalten  würde,  blieb  einstweilen  dem  Gang  der  Ereignisse
  anheimgestellt.  Napoleon  dachte  an  einen  italienischen
Staatenbund  unter  dem  Ehrenvorsitz  des  Papstes,  und  Cavour
erhob  dagegen  keine  Einwendung,  wenn  nur  kein  ausländischer
Fürst  zu  den  Bundesgliedern  zähle.  Was  die  Einleitung  des
Kriegs  betraf,  so  wollte  man  natürlich  Europa  nicht  das
Argerniß  geben,  plump  heraus  den  Umsturz  des  seit  1815
vertragsmäßigen  Besitzstandes  zu  verkünden:  im  Gegentheil,
streng  auf  dem  Boden  dieses  Vertragsrechts  würde  man
vorgehen.  Zunächst  würde  Napoleon  in  Wien  den  Antrag
stellen,  den  Papst  zu  Reformen  im  Kirchenstaat  aufzufordern,
damit  dort  die  französischen  und  österreichischen  Garnisonen
überflüssig  würden.  Dann  wollte  man  Osterreich,  das  stets
legitime  Osterreich,  eines  groben  Bruchs  der  Verträge  von
1815  anklagen;  diese  hatten  nämlich  die  souveräne  Selbständigkeit
  der  italienischen  Staaten  erklärt,  und  nun  hatte
Osterreich  mit  mehreren  derselben  Bündnisse  geschlossen,  in
welchen  dem  Wiener  Hofe  sehr  starker  Einfluß  auf  die  innern
Verhältnisse  jener  Staaten  zugestanden,  die  Selbständigkeit
derselben  also  wesentlich  beschränkt  war.  Hier  dachte  man
einzusetzen  und  auf  Grund  der  Wiener  Congreßacte  die  Aufhebung
  dieser  rechtswidrigen  Bündnisse  zu  fordern,  woraus
sich  dann  bei  einer  ablehnenden  Antwort  ein  höchst  anständiger
Kriegsfall  ergeben  würde.  Es  war  allerdings  die  Widerlegung
  eines  solchen  Ansinnens  nicht  schwer.  Wenn  jene
Staaten  selbständig  waren,  so  hatten  sie  auch  das  Recht,
Osterreichs  starken  Schutz  durch  Beschränkung  gewisser  Hoheits-
        <pb n="324" />
        314  Der  italienische  Krieg.  1859

rechte  zu  erkaufen.  Leider  aber  konnte  diese  sonst  schlagende
Bemerkung  in  Osterreichs  Munde  nur  geringen  Eindruck  machen,
da  es  1850  ganz  dasselbe  Argument,  welches  jetzt  Frankreich
vorzuführen  sich  anschickte,  seinerseits  gegen  Preußen  aufgestellt
  hatte:  weil  die  Bundesacte  die  deutschen  Fürsten  für
souverän  erklärt  hat,  ist  es  unstatthaft,  daß  diese  gewisse
Hoheitsrechte  an  den  preußischen  Unionsvorstand  abtreten.
Während  Napoleon  dieses  diplomatische  Rüstzeug  im
Stillen  vorbereitete,  waren  den  ganzen  Herbst  hindurch  Cavour
und  der  italienische  Nationalverein  für  die  Entflammung  der
populären  Gefühle  thätig.  In  allen  Theilen  der  Halbinsel
erhob  sich  der  Ruf  nach  Befreiung  Italiens  von  der  erdrückenden
  Fremdherrschaft,  nach  Vereinigung  der  zerrissenen
Glieder  des  Vaterlandes.  Presse,  Kammerdebatten,  Vereinswesen,
  Alles  wirkte  in  diesem  Sinne  zusammen,  in  möglichster
Unbefangenheit  und  Offentlichkeit,  um  den  Wiener  Gegner
zu  beunruhigen  und  zu  unbedachten  Schritten  zu  reizen.
Dies  gelang  denn  nach  Wunsch  und  über  alle  Wünsche
hinaus.  In  Wien  war  man  entrüstet;  die  geringste  Nachgiebigkeit
  erschien  mit  der  Würde  des  Reichss  unverträglich;
man  wollte  nicht  angreifen,  aber  man  ersehnte  den  Augenblick,
  in  welchem  der  Widersacher  einen  Anlaß  böte,  ihn  zu
fassen  und  dann  vernichtend  zu  treffen.  Seitdem  Sardinien
ein  constitutioneller  Staat  geworden,  erklärte  ein  österreichischer
Staatsmann  dem  Herrn  von  Bismarck,  ist  unsern  Behörden
eine  regelmäßige  Verwaltung  der  Lombardei  unmöglich;  es
ist  für  uns  eine  Lebensfrage,  daß  wir  Sardinien  zur  Abschaffung
  der  Constitution  und  zum  Verzicht  auf  den  nationalen
  Gedanken  zwingen.  Ganz  so,  wie  einst  in  Deutschland
Metternich  den  Einheitsgedanken  den  verruchtesten  genannt,
        <pb n="325" />
        1859  Osterreichs  militärische  Vorkehrungen.  315

und  Schwarzenberg  in  Berlin  zum  Verfassungssturz  gedrängt
hatte.  Freilich,  es  ist  weder  eine  schöne  noch  eine  sichere
Lage,  wenn  man  das  Elend  der  Nachbarn  als  die  nothwendige
  Bedingung  des  eigenen  Daseins  betrachten  muß.  Indessen,
  so  hatten  die  Dinge  sich  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert
  entwickelt,  und  der  Wiener  Hof  ersehnte  den  Krieg
mit  nicht  geringerer  Leidenschaft  als  der  Turiner.  Kaum  war
Napoleon's  Neujahrsgruß  durch  Europa  erklungen,  so  warf
Osterreich  30000  Mann  in  die  Lombardei,  und  ließ  Woche
auf  Woche  Verstärkung  folgen.  Natürlich  erklärte  sich  darauf
Sardinien  durch  solche  Anhäufung  großer  Truppenmassen  an
seinen  Grenzen  bedroht,  begann  ebenfalls,  ganz  gewiß  nur
zur  Vertheidigung,  zu  rüsten,  und  rief  zu  Österreichs  höchster
Erbitterung  Freiwillige  aus  ganz  Italien  unter  sein  Banner,
welche  dann  eine  besondere  Heerschaar  unter  dem  großen
revolutionären  Führer  Garibaldi  bildeten.

Dieses  Mal  griff  nun  auch  der  Wiener  Hof  zu  dem
Mittel  der  populären  Agitation,  so  wenig  sich  dasselbe  sonst
mit  seinen  politischen  Gewohnheiten  vertrug.  Hier  aber  kam
ihm  Alles  auf  die  Gewinnung  der  deutschen  Bundeshülfe  an,
deren  Ankündiguug  vielleicht  den  französischen  Angriff  ganz
verhüten,  andersfalls  aber  die  französische  Armee  an  den
Rhein  führen  und  damit  von  Italien  ferne  halten  würde.
Während  also  die  kaiserlichen  Diplomaten  an  allen  deutschen
Höfen  Himmel  und  Erde  in  Bewegung  setzten,  um  den  Fürsten
die  Unterstützung  der  deutschen  Präsidialmacht  als  selbstverständliche
  patriotische  Pflicht  zu  schildern,  und  auch  bei
der  großen  Mehrzahl  bereitwilliges  Gehör  fanden,  erscholl  in
der  süddeutschen  Presse  Tag  für  Tag  die  Losung,  daß
der  wälsche  Erbfeind  mit  Deutschlands  vereinter  Kraft  zu
        <pb n="326" />
        316  Der  italienische  Krieg.  1859

zerschmettern  sei.  Nimmermehr  dürfe  sich  wiederholen,  was
1805  und  1807  geschehen,  daß  zuerst  Preußen  den  österreichischen
  Bruderstamm  im  Stiche  lasse,  und  nach  kurzer
Frist  dann  seinerseits  in  der  Vereinzelung  zusammenbreche.
Wenn  Osterreich  in  Italien  angegriffen  werde,  so  sei  dadurch
auch  Deutschland  unmittelbar  bedroht,  denn  der  Rhein  könne
ohne  den  Besitz  des  Po  nicht  vertheidigt  werden.  Der  französische
  Despot  habe  im  Innern  seines  Reiches  jede  Freiheit
erstickt;  jetzt  mache  er  nicht  die  Freiheit,  sondern  die  Revolution
  zum  Ausfuhrartikel,  ganz  so  wie  die  frühern  Könige
die  Protestanten  zu  Hause  verbrannt,  und  draußen  gegen
Kaiser  und  Kirche  unterstützt,  und  darin  das  Mittel  gefunden
hätten,  Lothringen  und  Elsaß  dem  Reiche  zu  rauben.  Wer
jetzt  in  dem  heiligen  Kampfe  zurückbleibe,  verrathe  das  Vaterland
  und  zerreiße  die  deutsche  Nation.  So  tönte  es  in
München  und  Augsburg,  wie  in  Stuttgart  und  Darmstadt;
mit  lärmendem  Terrorismus  wurde  jede  abweichende  Meinung
erstickt,  und  unaufhörlich  die  Regierungen  zu  schleuniger  Bewaffnung
  (gedrängt.  Die  Wirkung  war  groß;  die  Herzen
des  süddeutschen  Volkes  geriethen  in  glühende  Bewegung:
niemals  war  seit  1848  so  lautes  Schalles  Deutschlands  Ehre
und  Deutschlands  Einheit  gepriesen  worden,  wie  es  in  diesem
Zeitungssturme  des  Wiener  Preßbureaus  geschah.

Ganz  anders  war  die  Stimmung  im  deutschen  Norden.
Dort  hatte  man  weder  Schleswig-Holstein  und  Olmütz,  noch
die  schwere  Krisis  des  Zollvereins  vergessen;  bei  der  großen
Mehrheit  des  preußischen  Volkes  herrschte  nach  liberalen
und  nationalen  Gefühlen  eine  starke  Abneigung  gegen  Osterreich,
  während  das  Aufstreben  Italiens  zu  Freiheit  und  Einheit
  einer  lebhaften  Sympathie  begegnete.  Napoleon's  klug
        <pb n="327" />
        1859  Spaltung  der  öffentlichen  Meinung  in  Deutschland.  317

berechnete  Haltung  trug  dazu  bei,  die  öffentliche  Meinung
Preußens  in  dieser  Richtung  zu  befestigen.  Gegenüber  dem
Waffenlärm  in  Osterreich  war  auf  französischem  Boden  von
ernstlicher  Rüstung  keine  Rede;  ein  kleines  Armeecorps  sammelte
sich  an  der  Grenze  von  Savoyen,  sonst  herrschte  tiefer  Friede
im  Lande,  und  die  Kriegsflotte  lag  abgetakelt  im  Hafen  von
Toulon.  Auch  die  preußische  Regierung  fand  bei  dieser  Sachlage
  keinen  Anlaß  zu  kriegerischen  Beschlüssen.  Mochte  sich
aus  begreiflichen  Gründen  in  Piemont  eine  starke  Aufregung
entwickeln:  ohne  Napoleon's  Hülfe  würde  der  kleine  Staat
keine  Schilderhebung  wagen,  Napoleon  aber  begehrte  bisher
nichts  weiter  als  auf  dem  Grunde  der  europäischen  Verträge
von  1815  eine  Besserung  der  auch  nach  preußischem  Urtheil
unleidlich  gewordenen  italienischen  Zustände.  Der  Prinz-Regent
  war  also  nicht  einen  Augenblick  zweifelhaft,  daß  bis
jetzt  mit  der  ganzen  Frage  der  deutsche  Bund  nichts  zu
schaffen  habe,  daß  mithin  Preußen  an  der  Behandlung  derselben
  nicht  als  Bundesstaat,  sondern  selbständig  als  europäische
  Großmacht  sich  betheiligen  werde.  Herr  von  Schleinitz
war  bei  aller  Freundschaft  für  Osterreich  vor  Allem  ein  Feind
scharfer  und  vielleicht  gefährlicher  Entschlüsse,  und  that  Alles,
seinen  Gebieter  in  dieser  Auffassung  zu  bestärken.  Am  Bundestag
  mußte  damals  Bismarck  dem  Herrn  von  Usedom,  einem
Parteigenossen  der  neuen  Aera,  den  Platz  räumen,  um
Preußens  Vertretung  in  Petersburg  zu  übernehmen:  die
beiden  Herren  liebten  sich  sonst  sehr  wenig,  stimmten  aber
völlig  in  der  schwebenden  Frage  überein,  da  Bismarck  fortdauernd
  Osterreich  für  Preußens  Hauptgegner  hielt,  und
Usedom  für  Italiens  Unabhängigkeit  schwärmte.  Ebenso
stand  es  in  Berlin  bei  den  Führern  und  der  Mehrheit  der
        <pb n="328" />
        318  Der  italienische  Krieg.  1859

Abgeordneten;  niemand  hatte  Lust,  für  die  italienische  Mißregierung
  Osterreichs  und  der  Curie  eine  Lanze  zu  brechen.

Was  die  beiden  andern  neutralen  Großmächte,  Rußland
und  England,  betraf,  so  gab  es  in  Petersburg  nur  Eine
Meinung,  die  Freude  über  die  bevorstehende  Demüthigung
des  österreichischen  Stolzes,  in  solchem  Grade,  daß  Kaiser
Alexander  den  Gedanken  nicht  verhehlte,  seinerseits  gegen  jeden
einzuschreiten,  welcher  Osterreich  durch  Hülfsbereitschaft  ermuthigen
  würde.  In  England  ging  der  vorherrschende  Wunsch
auf  Erhaltung  des  Friedens,  wobei  die  jetzt  regierende  Torypartei
  mehr  auf  die  österreichische  Seite  neigte,  während  die
Whigs  entschieden  die  Sache  der  italienischen  Patrioten  vertraten.
  Der  Minister  Lord  Malmesbury  machte  zunächst
einen  Vermittlungsversuch,  indem  er  den  englischen  Gesandten
in  Paris,  Lord  Cowley,  nach  Wien  gehen,  und  dort  nachdrücklich
  zur  Berücksichtigung  der  französischen  Anträge  auf
innere  Reformen  in  Italien,  mahnen  ließ.  Der  Gesandte
wurde  mit  dem  Worte  empfangen:  wir  brauchen  keine  Vermittler,
  sondern  Allirte.  Auf  seine  Vorschläge,  bei  Bewilligung
  der  Reformen  Osterreich  den  bisherigen  Territorialbestand
  zu  gewährleisten,  erhielt  er  halb  zustimmende,  halb
ausweichende  Antworten.  Ehe  aber  die  Verhandlung  zu  festem
Ergebniß  gekommen  war,  wurde  sie  von  Rußland  durch  den
Vorschlag  gekreuzt,  die  italienischen  Verhältnisse  auf  einem
Congreß  der  Großmächte  unter  Zuziehung  von  Vertretern
der  italienischen  Staaten,  zu  ordnen.  Der  Vorschlag  wurde
von  Frankreich  mit  Eifer,  von  England  und  Preußen  ohne
Bedenken  angenommen.  Dagegen  erregte  er  wahren  Grimm
bei  Osterreich.  Wie?  man  sollte  sich  herbeilassen,  wenn  auch
dem  Namen  nach  als  Gleicher  unter  Gleichen,  thatsächlich
        <pb n="329" />
        1859  Diplomatische  Vermittlungsversuche.  319

aber  als  Angeklagter  gegenüber  dem  verhaßten  Sardinien  vor
dem  Tribunal  der  übrigen  Mächte  zu  erscheinen?  Man  sollte
die  Fremden  einreden  lassen  in  die  von  Europa  geschaffenen,
seit  einem  Menschenalter  geübten  Herrscherrechte?  Lieber  ginge
ich  an  den  Galgen,  als  in  diese  Conferenz,  soll  Graf  Buol
gerufen  haben.  Man  lehnte  den  Antrag  nicht  kurzer  Hand
ab,  man  machte  aber  Weiterungen  im  Einzelnen,  zuerst  über
den  Ort  des  Congresses,  dann  über  seine  Vorbedingungen.
Man  erklärte  jede  Verhandlung  unmöglich,  so  lange  nicht
Sardinien  die  Freiwilligen  Garibaldi's  entlassen  und  sein
Heer  auf  Friedensfuß  gesetzt  habe,  dann  werde  auch  Osterreich
  abrüsten  und  in  den  Congreß  eintreten.  Rußland  und
England  fanden,  daß  Piemont  durch  die  doppelt  stärkere
Truppenmacht  des  Gegners  viel  mehr  bedroht  sei,  als  ster—
reich  durch  das  kleine  piemontesische  Heer;  sie  schlugen  also
gleichzeitige  Entwaffnung  vor.  Napoleon  blieb  sanftmüthiges
Gesichts,  nahm  jeden  Vermittlungsvorschlag  an,  ängstigte
Cavour  nicht  wenig  durch  diese  grenzenlose  Nachgiebigkeit,
sagte  dann  aber  dem  sardinischen  Gesandten  in's  Ohr:  macht
Euch  keine  Sorgen,  aus  alledem  wird  nichts.

Er  hatte  das  österreichische  Cabinet  richtig  beurtheilt.
Graf  Buol  begann  allerdings  zu  zaudern,  in  der  Besorgniß,
durch  falsche  Schritte  die  Gunst  Europas  dem  Gegner  zuzuwenden.
  Aber  die  Entscheidung  lag  nicht  mehr  in  seiner
Hand.  Die  Häupter  der  vornehmen  Officiere  und  des  höhern
Klerus,  der  Chef  des  Militärcabinets,  Graf  Grünne,  und  der
Exzbischof  von  Wien,  Cardinal  Rauscher,  drängten  den  Koaiser,
nicht  bloß  jede  Nachgiebigkeit  abzuweisen,  sondern  so  schnell
wie  möglich  den  heiligen  Kampf  gegen  die  offene  Revolution
in  Turin  und  die  heuchlerische  in  Paris  zu  beginnen.  Mit
        <pb n="330" />
        320  Der  italienische  Krieg.  1859

jedem  Tage  stieg  die  Ungeduld,  die  so  energisch  begonnenen,
für  den  armen  Staatsschatz  so  erdrückenden  Rüstungen  zu
verwerthen,  und  Sardinien  vor  der  Vollendung  der  französischen
  Kriegsvorkehrungen  zu  zermalmen.  Erzherzog  Albrecht
kam  nach  Berlin,  meldete  die  Absicht  des  Kaisers  an,  ein
Ultimatum  nach  Turin  zu  senden,  um  dort  binnen  kürzester
Frist  die  Abrüstung  zu  begehren,  und  sie  im  Weigerungsfalle
durch  Waffengewalt  zu  erzwingen;  wenn  darauf  Frankreich
den  Piemontesen  zu  Hülfe  komme,  hoffe  der  Kaiser  auf
nachdrückliche  Unterstützung  des  preußischen  Bundesfreundes.
Der  Prinz-Regent  erwiderte,  wenn  Frankreich  die  Verträge
breche,  deutsches  Bundesgebiet  verletze,  die  Neutralität  Belgiens,
der  Schweiz,  Savoyens  bedrohe,  werde  Preußen  mit  voller
Stärke  auf  den  Kampfplatz  treten;  überall  aber  sei  die
Voraussetzung,  daß  Osterreich  jetzt  kein  Mittel  zur  Erhaltung
des  Friedens  unversucht  lasse,  also  vor  Allem  aufhöre,  dem
Zusammentritt  des  Congresses  Hindernisse  in  den  Weg  zu
legen  ).  Trotzdem  brach  in  demselben  Augenblick  die  Wiener
Kampflust  durch  alle  Schranken  hindurch.  Noch  einmal
warnte  Graf  Buol  und  zögerte  den  verhängnißvollen  Schritt
drei  Tage  hin;  dann  aber  fiel  die  Entscheidung  gegen  ihn,
so  daß  er  seine  Entlassung  einreichte,  und  bald  nachher  durch
den  Bundestags-Gesandten,  Grafen  Rechberg,  ersetzt  wurde.
Am  23.  April  erschien  darauf  ein  österreichischer  Officier  in
Turin  mit  dem  Ultimatum,  entweder  vollständige  Entwaffnung
oder  Krieg  binnen  drei  Tagen.  Cavour  athmete  auf.  Er
schickte  den  Abgeordneten  mit  der  Antwort  zurück,  daß  die
Frage  der  Entwaffnung  nur  mit  jener  des  Congresses  ent-1)

  Nach  eigenhändiger  Aufzeichnung  des  Prinzen.
        <pb n="331" />
        1859  OÖsterreichs  Ultimatum.  Preußens  Neutralität.  321

schieden  werden  könne.  Er  wußte  jetzt,  daß  ganz  Europa
die  Schuld  des  Friedensbruches  auf  Osterreichs  Rechnung
setzen  würde.  Und  so  war  es.  In  England,  wo  man  bisher
  mit  starkem  Mißtrauen  auf  Napoleon  gesehen  hatte,  begeisterte
  sich  das  Volk  für  Italiens  Auferstehung.  Rußland
machte  vier  Armeecorps  mobil,  um  eintretendes  Falls  einen
österreichischen  Triumph  zu  verhindern.  Preußen  erklärte  in
einem  Rundschreiben  vom  26.  April,  daß  es  sich  fortan  auf
die  Beschützung  des  Bundesgebiets  beschränken,  übrigens  aber
in  neutraler  Stellung  verharren  würde.

Jedoch  eine  neue  Wendung  stand  bevor,  welche  den
Sinn  des  Regenten  bis  zu  einem  gewissen  Grade  wieder  zu
Osterreich  hinüber  lenkte.  Während  die  französischen  Truppen
in  größter  Eile  nach  Italien  hinübergeschafft  wurden,  erhob
sich  in  Parma  das  Volk  am  1.  Mai  und  verjagte  seine  Regierung.
  Am  3.  Mai  erklärte  Napoleon,  daß  Osterreich  durch
llberschreiten  des  Tessin  den  Frieden  gebrochen  habe;  durch
Osterreichs  Schuld  sei  es  jetzt  dahin  gekommen,  daß  entweder
Osterreich  bis  zu  den  Alpen  herrschen,  oder  Italien  bis  zur
Adria  frei  werden  müsse.  Dies  widersprach  aber  den  Anschauungen
  des  Prinz-Regenten  durchaus.  Bei  allem  Mitgefühl
  für  Italiens  elende  Lage  war  er  doch  entrüstet  über
den  napoleonischen  Ubermuth,  welcher  eigenmächtig  die  vor
vierzig  Jahren  gegründete  Ordnung  Europas  umzuwerfen
unternahm.  Er  wünschte  heilsame  Reformen  in  Italien,  aber
keinen  Umsturz  der  Throne,  keine  Verschiebung  der  Grenzen.
Es  war  derselbe  Standpunkt,  von  dem  aus  er  die  den
italienischen  so  ähnlichen  deutschen  Verhältnisse  beurtheilte
und  zu  behandeln  wünschte.  Wie  fest  er  auch  überzeugt  war,
daß  dereinst  das  Schwert  Preußens  die  deutsche  Einheit

v.  Sybel,  Begründung  d.  dentschen  Reiches.  II.  21
        <pb n="332" />
        322  Der  italienische  Krieg.  1859

erringen  würde,  so  sicher  war  auch  sein  Entschluß,  auf  dem
Wege  gesetzlicher  Reform  zu  beharren  und  die  Rechte  seiner
deutschen  Mitfürsten  zu  achten,  so  lange  sie  nicht  ihrerseits
durch  feindselige  Schritte  gegen  Preußen  ihm  selbst  das
Schwert  in  die  Hand  drängten.  Auch  dem  französischen
Kaiser  dachte  er  dieselbe  Schranke  zu  setzen  und  thatkräftig
einzugreifen,  wenn  sie  überschritten  würde.  So  entstand
bei  ihm  der  Plan  einer  bewaffneten  Vermittlung  im  geeigneten
Augenblick.  Zunächst  ließ  er  das  preußische  Heer,  wie  dies
jeder  Staat  beim  Ausbruch  eines  großen  Krieges  im  Nachbarlande
  thut,  in  die  sogenannte  Kriegsbereitschaft,  eine  Vorbereitung
  der  Mobilmachung,  treten.  Durch  vorzeitiges
Waffenklirren,  z.  B.  Aufstellung  eines  Beobachtungsheeres
am  Rhein,  den  französischen  Angriff  von  Italien  hinweg  auf
Deutschland  zu  ziehen,  war  er  keineswegs  geneigt.  Vielmehr
sollte  die  bewaffnete  Vermittlung  erst  eintreten,  wenn  die
französische  Armee,  deren  Sieg  über  die  Osterreicher  er  für
sicher  hielt,  sich  so  weit  in  Italien  verbissen  hätte,  daß  im
Falle  des  Bruches  die  deutschen  Heere  am  Rhein  mit  entscheidender
  Ubermacht  den  Kampf  aufnehmen  könnten.  So
ließ  er  einstweilen  das  Lärmen  und  Toben  der  süddeutschen
Presse  gelassen  über  sich  und  seine  Regierung  ergehen,  für
sich  selbst  völlig  klar  über  sein  Verfahren,  von  seinen  Ministern
  freilich  schwach  unterstützt,  da  Fürst  Hohenzollern
nicht  fest  genug  gegen  das  süddeutsche  Drängen,  und  Herr
von  Schleinitz  und  sein  Unterstaatssecretär  von  Gruner
einiger  Maaßen  außer  sich  über  die  Gefahren  jedes  activen
Entschlusses  waren.

Unterdessen  ging  der  Krieg  seinen,  Anfangs  sehr  langsamen
  Gang.  General  Graf  Gyulay  brach  am  29.  April  mit
        <pb n="333" />
        1859  Preußische  Unterhandlung  in  Wien.  323

112000  Mann  über  den  Tessin  in  das  piemontesische  Gebiet
ein,  und  da  an  diesem  Tage  erst  eine  kleine  französische
Schaar  in  Piemont  angelangt  war,  glaubte  die  Welt,  er
werde  in  kurzer  Frist  das  halb  so  starke  sardinische  Heer
überrennen,  Turin  einnehmen,  die  Alpenpässe  sperren.  Aber
nichts  der  Art  geschah.  Nachdem  er  die  nächste  piemontesische
Provinz,  die  Lomellina,  besetzt  hatte,  blieb  er  Woche  auf
Woche  ruhig  stehen,  wie  wenn  er  keine  andere  Aufgabe  hätte,
als  dort  die  Ankunft  der  Franzosen  zu  brüderlicher  Umarmung
  abzuwarten.  Der  Prinz-Regent  beschloß  in  dieser
Zeit,  den  jüngern  General  Willisen  nach  Wien  zu  senden,
nicht  gerade  zum  Abschluß  eines  bindenden  Vertrags,  sondern
zum  Meinungsaustausch  über  die  von  Preußen  beabsichtigte
Vermittlung.  Preußen  würde  dabei  für  die  Erhaltung  des
österreichischen  Länderbesitzes  in  Italien  eintreten,  bedürfe
aber,  um  mit  dem  erforderlichen  Gewichte  wirken  zu  können,
der  vollen  Verfügung  über  die  Streitkräfte  des  deutschen
Bundes,  es  wäre  denn,  daß  in  der  That  ein  österreichisches
Heer  die  Deckung  des  Oberrheins  übernehme,  welchem  dann
die  süddeutschen  Truppen  zuzuweisen  wären.  Anfangs  redeten
die  Wiener  Staatsmänner  in  sehr  hohem  Ton.  Man  habe
von  den  deutschen  Bundesbrüdern  etwas  Besseres  als  eine
kühle  Vermittlung  erwartet.  Es  reiche  nicht  aus,  daß  Preußen
für  Osterreichs  Herrschaft  in  Lombardo-Venetien  die  Stimme
erhebe.  Osterreich  bedürfe  auch  die  Erhaltung  seiner  Schutzverträge
  mit  den  italienischen  Staaten;  nicht  bloß  Sardinien
müsse  unschädlich  gemacht  werden,  sondern  auch  der  freche
Pariser  Usurpator  gestürzt,  und  in  Frankreich  der  legitime
König  Heinrich  V.  wieder  eingesetzt  werden.  Erst  damit  könne
für  Europa  der  Segen  allseitiger  Ruhe  und  Ordnung  zurück-21
        <pb n="334" />
        324  Der  italienische  Krieg.  1859

gewonnen  und  der  Dämon  der  Revolution  gründlich  gebändigt
werden.  Man  gebe  sich  also  der  Hoffnung  hin,  daß  unter
Preußens  Mitwirkung  die  Gesammtkraft  Deutschlands  für
diese  legitimen  und  hohen  Zwecke  zu  den  Waffen  eilen  werde.
Dem  Allem  konnte  Willisen  nur  mit  runder  Ablehnung  antworten,
  weder  für  die  Schutzverträge  noch  für  den  sardinischen
Verfassungssturz  oder  gar  einen  französischen  Thronwechsel
werde  sich  Preußen  verpflichten.  Während  dieser  Verhandlungen
  aber  waren  1500000  Franzosen  in  Piemont  angelangt.
damit  eine  bedeutende  UÜberzahl  gegen  Graf  Gyulay  in  Bewegung,
  und  ein  erstes  größeres  Gefecht  bei  Montebello  am
20.  Mai  für  die  Osterreicher  unglücklich  ausgefallen.  So
stimmte  denn  Graf  Rechberg  seine  Begehren  wesentlich  herab,
erklärte  sich  mit  den  preußischen  Vorschlägen  einverstanden,
und  beantragte  demnach,  daß  die  beiderseitigen  Verpflichtungen,
also  die  österreichische  Zusage,  Preußen  die  alleinige  Verfügung
über  das  Bundesheer  zu  überlassen,  sowie  die  prcußische  Verheißung,
  die  Vermittlung  auf  der  Basis  der  Erhaltung  des
österreichischen  Besitzstandes  in  Italien  zu  beginnen,  durch
Notenaustausch  in  eine  schriftliche  Vertragsform  gebracht
würde.  Diesen  letzten  Punkt  lehnte  Herr  von  Schleinitz  in
einer  Depesche  vom  14.  Juni,  welche  der  preußische  Gesandte
dem  Grafen  Rechberg  vorzulesen  hatte,  aus  dem  einleuchtenden
Grunde  ab,  daß  nach  dem  Abschlusse  eines  solchen  formellen
Vertrags  Preußen  unmöglich  mehr  als  Vermittler  auftreten
könne;  in  der  Sache  wiederholte  er  die  preußische  Erklärung,
„zum  Zwecke  der  Erhaltung  des  bestehenden  Territorialbesitzes
eine  bewaffnete  Vermittlung  eintreten  zu  lassen,  und  je  nach
dem  Erfolge  derselben  so  weiter  zu  handeln,  wie  es  seine
Pflichten  als  europäische  Großmacht  und  der  hohe  Beruf
        <pb n="335" />
        1859  Weiterer  Verlauf  des  Kriegs.  325

Deutschlands  erheischen.“  An  demselben  Tage  verfügte  der
Prinz-Regent  die  Mobilmachung  von  sechs  Armeecorps,  also
einer  Streitmacht  von  180  000  Mann,  und  einen  Antrag
am  Bundestag  auf  Bildung  eines  Observationscorps  von
60000  Mann  aus  den  beiden  süddeutschen  Bundescorps.
Eine  solche  Rüstung,  so  scheint  es,  war  ausreichend,  um  den
Ernst  des  preußischen  Auftretens  darzuthun.

In  Wien  aber  war  man  anderer  Meinung.  Zwar  hatte
Graf  Gyulay  am  4.  Juni  die  Schlacht  bei  Magenta  verloren,
dann  die  Lombardei  geräumt,  und  sich  hinter  den  Mincio
zurückgezogen;  gleichzeitig  hatte  in  Toscana,  Modena,  Bologna
  die  Bevölkerung  ihre  bisherigen  Regierungen  verjagt
und  dem  sardinischen  Heere  ansehnlichen  Zuzug  geleistet.  Trotz
alledem  war  im  kaiserlichen  Cabinet  der  Muth  noch  ungebrochen;
die  Soldaten  hatten  sich  trefflich  geschlagen,  und  man  hoffte,
unter  besserer  Führung  und  frischer  Verstärkung  des  Heeres,
auf  endlichen  glänzenden  Sieg.  Kaiser  Franz  Joseph  eilte
nach  Verona,  um  den  Oberbefehl  persönlich  zu  übernehmen;
sein  Chef  des  Generalstabs  war  der  in  italienischen  Kämpfen
glorreich  bewährte  General  Heß;  über  40  000  Mann  neuer
Truppen  stießen  zu  der  Armee,  so  daß  jetzt  zwei  Drittel  der
gesammten  österreichischen  Streitmacht  am  Mincio  versammelt
waren  und  in  erheblicher  Überzahl  gegen  den  Feind  vorgehen
konnten.  Bei  solchen  Hoffnungen  blickte  man  mit  Unwillen
auf  den  deutschen  Bundesfürsten,  der  nur  von  guten  Absichten
redete,  aber  keine  Verpflichtung  zum  Waffendienst  übernehmen
wollte,  und  am  22.  Juni  ließ  Rechberg  eine  Depesche  nach
Berlin  abgehen,  worin  er  Preußens  Bundespflicht  nicht  bloß
zur  Wahrung  des  ganzen  österreichischen  Gebiets,  sondern
auch  zur  Erhaltung  der  österreichischen  Schutzverträge  in
        <pb n="336" />
        326  Der  italienische  Krieg.  1859

Italien  behauptete,  und  für  alle  Verhandlungen  beim  Bundestag
  Osterreich  freie  Hand  vorbehielt.  Also  Aufrechterhaltung
der  weitesten  eigenen,  Ablehnung  der  einzigen  preußischen
Forderung.  Aber  diesem  Hochmuth  folgte  die  Vergeltung
auf  dem  Fuße.  Am  23.  Juni  führte  Franz  Joseph  sein
Heer  über  den  Mincio  den  Franco-Sarden  entgegen  und  erreichte
  am  Abend  die  Höhen  von  Cavriana  und  Solferino.

Am  24.  Morgens  wurde  er  dort  von  dem  Ansturm  des
Feindes  betroffen,  und  in  Folge  eines  hartnäckigen,  äußerst
blutigen  Kampfes  nach  der  Durchbrechung  seines  Centrums
zu  erneutem  Rückzug  genöthigt.  Mehr  als  20000  Todte
und  Verwundete  bedeckten  das  grausige  Schlachtfeld,  und  die
beiden  kaiserlichen  Feldherren  schauderten  bei  dem  Anblick
dieses  unabsehbaren  Massenelends.  General  Benedek,  der
einzige  unter  den  österreichischen  Führern,  der  an  dem  Unglückstage
  mit  Erfolg  gekämpft,  hat  später  erzählt,  er  habe
im  Kriegsrath  am  folgenden  Morgen  auf  die  sofortige  Erneuerung
  des  Kampfes  gedrungen,  da  die  Franzosen  ebenso
starke  Verluste  gehabt  und  weniger  frische  Truppen  im  Rückhalt
  hätten  als  die  Osterreicher;  der  Kaiser  aber  habe  mit
Thränen  im  Auge  gerufen:  lieber  eine  Provinz  verlieren,  als
noch  einmal  so  gräßliche  Dinge  erleben.  Die  Armee  ging
unter  die  Kanonen  von  Verona  oder  hinter  die  Etsch  zurück.
Die  Lombardei  war  aufgegeben.

Eben  an  diesem  entscheidenden  24.  Juni  sandte  der
Prinz-Regent,  unbeirrt  durch  Rechberg's  abweisenden  Erlaß,
eine  Depesche  nach  London  und  Petersburg,  worin  Preußen
den  Beginn  seiner  bewaffneten  Vermittlung  auf  den  beiden
Grundlagen  der  Erhaltung  des  Territorialbestandes  und  der
Durchführung  politischer  Reformen  in  Italien  ankündigte,  und
        <pb n="337" />
        1859  Preußische  Rüstung.  327

die  beiden  Großmächte  um  Unterstützung  dieses  Programms
ersuchte.  Zugleich  befahl  der  Regent  die  Mobilmachung  seiner
gesammten  Armee,  und  stellte  am  Bundestage  den  Antrag  auf
Zusammenziehung  der  beiden  süddeutschen  Bundescorps.
Binnen  weniger  Wochen  wären  hienach  beinahe  400000  Mann
am  Rheine  kampfbereit  gewesen,  welchen  Frankreich  in  diesem
Augenblick  kaum  die  Hälfte  entgegen  stellen  konnte.  Wenn
Napoleon  die  Lombardei  herauszugeben  weigerte,  war  auch
ohne  österreichische  Bundestruppen  am  Rheine  eine  große
Aussicht  auf  deutsche  Triumphe  eröffnet.

Aber  in  demselben  Augenblick  vollzog  sich  auf  dem  Kriegsschauplatze
  ein  ganz  Europa  überraschender  Umschwung.

Die  beiden  streitenden  Kaiser  waren  des  Kriegs  in
gleicher  Weise  überdrüssig.  Napoleon  sah  sich  dem  berühmten
Festungsviereck,  und  zu  dessen  überwältigung  schweren  Kämpfen
gegenüber;  er  fürchtete  im  Innern  große  Schwierigkeiten  durch
den  Zorn  des  Klerus  über  den  jetzt  auch  die  weltliche  Herrschaft
  des  Papstes  bedrohenden  Krieg;  er  vernahm,  daß  sein
hoher  Freund,  der  russische  Kaiser,  sehr  ungnädig  auf  die
revolutionäre  Bewegung  in  Italien  schaute.  Auch  ihm  selbst
erschien  das  italienische  Nationalgefühl  nicht  mehr  in  überall
rosigem  Lichte,  da  ihm  sein  Vetter  Jerome,  dem  er  den  Thron
von  Toscana  zugedacht  hatte,  von  dort  berichtete,  daß  er
auch  nicht  Eine  Stimme  für  seine  Candidatur  habe  gewinnen
können.  Jetzt  kam  ihm  aus  London  die  Kunde  von  der
herandrohenden  preußischen  Vermittlung  und  deren  erster
Forderung:  Unantastbarkeit  des  österreichischen  Länderbesitzes
in  Italien.  Nach  seinen  Abreden  in  Plombières  und  dem
Kriegsmanifeste:  „Frei  bis  zur  Adria“  war  dies  für  ihn
schlechthin  unannehmbar,  dann  aber  hatte  er  einen  gefährlichen
        <pb n="338" />
        328  Der  italienische  Krieg.  1859

Kampf  mit  ganz  Deutschland  zu  befahren,  ohne,  wie  #n  Anfang
des  Kriegs,  auf  eine  russische  Diversion  im  Rücken  des  Gegners
hoffen  zu  dürfen.  So  faßte  er  plötzlich  den  Beschluß,  damit  er
dem  Vermittler  entgehe,  mit  dem  Feinde  unmittelbare  Verbindung
zu  suchen.  Am  Abend  des  6.  Juli  sandte  er  seinen  Adjutanten,
den  General  Fleury,  hinüber  nach  Verona,  um  dem  Keiser
Franz  Joseph  zunächst  einen  Waffenstillstand  vorzuschlagen.

Hier  fand  der  Unterhändler  vollkommen  übereinstimmende
Gefühle:  eine  lebhafte  Sehnsucht  nach  Beendigung  des  Kriegs,
schwere  Besorgnisse  über  unruhige  Bewegung  in  Ungarn,  entschiedenen
  Widerwillen  gegen  Preußens  Einmischung.  An
der  von  Preußen  versprochenen  Errettung  der  Lombardei
war  dem  Wiener  Cabinet  weniger  gelegen,  als  an  den  von
Preußen  aufgegebenen  Schutzverträgen,  welche  Osterreich  die
indirecte  Herrschaft  über  Mittel=  und  Unteritalien  sicherten.
Und  vollends  abscheulich  war  die  Vorstellung,  daß  nach  den
eigenen  Niederlagen  in  Italien  Preußen  vielleicht  große  Siege
in  Frankreich  erfechten  und  sich  damit  an  die  Spitze  Deutschlands
  schwingen  könnte.  So  eben  hatte  am  4.  Juli  Preußen
am  Bundestage  den  Antrag  gestellt,  daß  sämmtliche  Bundestruppen
  unter  seinen  Oberbefehl  treten  sollten,  jetzt  am  7.  erschien
  der  österreichische  Gegenantrag,  daß  der  Prinz-Regent
zum  Bundesfeldherrn  nach  den  Grundsätzen  der  löblichen
Bundeskriegsverfassung,  also  mit  siebzehn  beaufsichtigenden
Bundescommissaren  in  seinem  Hauptquartier,  und  mit  Unterstellung
  unter  die  Weisungen  des  Bundestags,  gewählt  werden
möge.  Das  hieß  Preußen  den  Krieg  verbieten,  denn  man  wußte
sehr  gut,  daß  der  Prinz  zu  einer  solchen  Stellung  sich  niemals
herbeilassen  würde.  Die  nothwendige  Consequenz  war  die  begierige
  Ergreifung  der  von  Napoleon  gebotenen  Friedenshand.
        <pb n="339" />
        1859  Friedenspräliminarien  von  Villafranca.  329

Bereits  am  8.  Juli  kam  ein  Waffenstillstand  bis  zum
15.  August  zum  Abschluß.  Am  11.  Juli  fand  in  Villafranca
eine  persönliche  Zusammenkunft  der  beiden  Monarchen  Statt,
wo  Napoleon  seinem  österreichischen  Gegner  das  Friedenswerk
durch  eine  erfundene  Geschichte  erläuterte,  unter  der  Zustimmung
  Englands  und  Rußlands  werde  Preußen  als  Vermittler
  die  Forderung  aufstellen,  daß  Venetien  ein  unabhängiger
  Staat  unter  einem  österreichischen  Erzherzog  werde,
und  die  Lombardei,  Modena  und  Parma  an  Sardinien,
Toscana  an  den  Herzog  von  Parma  falle  —  in  Wahrheit  hatte
er  selbst  solche  Artikel  in  London  vorlegen  lassen  —  er  aber,
Napoleon,  sei  bereit,  dem  von  ihm  hochverehrten  Kaiser  viel
bessere  Bedingungen  zu  gewähren.  Er  erhob  dann  in  der
That  keinen  Widerspruch,  daß  Venetien  so  wie  Mantua  und
Peschiera,  wie  bisher  österreichisch  bleibe,  und  nur  die  Lombardei
  abgetreten  werde;  er  war  einverstanden  mit  der  Wiedereinsetzung
  der  vertriebenen  Fürsten  von  Toscana  und  Modena,
allerdings  mit  der  Bedingung,  daß  dazu  keine  Waffengewalt
angewandt  würde.  Franz  Joseph  nahm  dies  an,  in  der  gutmüthigen
  Meinung,  wenn  jene  Länder  erst  von  den  feindlichen
Truppen  geräumt  wären,  würden  die  Einwohner  sich  beeilen,
ihre  geliebten  Landesväter  mit  Jubel  zurückzuholen.  Die
italienischen  Staaten  sollten  dann  mit  Einschluß  Österreichs
unter  dem  Vorsitz  des  Papstes  eine  Bundesverfassung  erhalten,
Osterreich  liberale  Institutionen  in  Venetien  gewähren,  der
Paypst  eingeladen  werden,  im  Kirchenstaat  die  unvermeidlichen
Reformen  einzuführen.  In  einigen  Stunden  waren  diese
Friedenspräliminarien  einträchtig  durchgesprochen;  darauf
brachte  sie  Napoleon  eigenhändig,  zum  Theil  unter  dem  Dictat
des  Grafen  Rechberg,  zu  Papier;  die  nähere  Ausarbeitung
        <pb n="340" />
        330  Der  italienische  Krieg.  1859

sollten  sie  auf  einer  baldigst  zusammentretenden  Conferenz  in
Zürich  erhalten.  ·

Ein  seltsamer  Friede,  bei  dem  der  Sieger  allen  Hoffnungen
  entsagte,  um  derentwillen  er  den  Krieg  unternommen,
und  der  Besiegte  zwar  eine  italienische  Provinz  verlor,  dafür
aber  die  Oberherrschaft  über  ganz  Italien  auf's  Neue  zugesichert
  erhielt.  Auf  das  Tiefste  verletzt  über  diesen  Bruch
der  Zusagen  von  Plombières  war  König  Victor  Emanuel,
und  Cavour,  im  ersten  Augenblick  innerlich  niedergeschmettert,
trat  auf  der  Stelle  aus  dem  Ministerium  aus.  Um  keinen
Preis  hätte  er  sich  bei  der  Ausführung  betheiligt,  denn  ein
italienischer  Bundesstaat,  mit  dem  Papste  als  Vorsitzer  und
mit  Osterreich  nebst  dessen  beiden  Agnaten  von  Toscana  und
Modena  als  Mitgliedern,  würde  die  Knechtschaft  Italiens
nicht  erleichtert,  sondern  verewigt  und  vor  Allem  auf  Piemont
ausgedehnt  haben.  Cavour  hatte  sich  früher,  wie  wir  bemerkten,
mit  dem  Gedanken  eines  von  Italienern  geleiteten  Bundesstaats
vertraut  gemacht;  jetzt  aber  kehrte  er  jeder  Vorstellung  dieser  Art
den  Rücken,  und  je  härter  das  Schicksal  ihn  und  sein  Volk  zu
erdrücken  schien,  desto  kühner  steigerte  er  die  nationale  Forderung
  an  die  Zukunft:  da  unsere  Fürsten  fremdes  Bluts  und
Vasallen  fremder  Machthaber  sind,  gibt  es  für  Italien  nur
Eine  Rettung,  den  absoluten  Einheitsstaat.  Nicht  mehr  als
Minister,  aber  als  Parteiführer  sandte  er  die  Mahnung  an
die  Häupter  der  Erhebung  in  Parma  und  Modena,  in
Florenz  und  Bologna,  Stand  zu  halten  auf  jede  Gefahr,
die  Rückkehr  der  alten  Machthaber  unmöglich  zu  machen,  jede
gewaltsame  oder  communistische  Unordnung  zu  hindern,  durch
allgemeine  Volksabstimmung  die  Verschmelzung  mit  Sardinien
verfügen  zu  lassen.  Hier  zeigte  sich  denn,  wie  viel  das  italie-
        <pb n="341" />
        1859  Erhebung  des  Volkes  in  Mittelitalien.  331

nische  Volk  in  der  Schule  des  Leidens  gelernt  hatte.  Mit
musterhafter  Sicherheit  und  Einmüthigkeit  wurden  jene  Instructionen
  durchgeführt,  und  ehe  der  August  zu  Ende  ging,
hatten  die  vier  Provinzen  ihre  Annexion  an  Piemont  beschlossen
  und  dem  König  Victor  Emannel  ihre  Huldigung
übersandt.  Dieser  war  für  den  Augenblick  noch  zu  einem
hinhaltenden  Verfahren  genöthigt:  er  nahm  dankend  von  den
Abstimmungen  Kenntniß  und  versprach,  ihre  Wünsche  den
großen  Mächten  Europas  auf  das  Wärmste  zu  empfehlen.
Die  Entrüstung  in  Wien  bei  diesem  Hergang  brauchen  wir
nicht  zu  schildern;  der  Papst  schleuderte  seine  Bannstrahlen
gegen  das  rebellische  Bologna,  beide  Mächte  aber  wagten  doch
kein  gemeinsames  Einschreiten:  Alles  kam  hier  auf  Napoleon
an.  Dieser  aber  sah  mit  Verdruß  und  Verlegenheit  den  Ereignissen
  zu,  wußte  sie  jedoch  nicht  zu  hindern.  Er  selbst
hatte  in  Villafranca  jede  Restauration  durch  die  Waffen  ausgeschlossen;
  er  selbst  regierte  in  Frankreich  auf  Grund  einer
Verfügung  des  allgemeinen  Stimmrechts:  wie  konnte  er  einer
solchen  in  Bologna  und  Florenz  mit  brutaler  Gewalt  entgegentreten?
  Er  hatte  die  Fluthen  sich  sammeln  und  steigen
lassen;  so  mächtig  er  war,  fehlten  ihm  jetzt  die  Mittel,  sie
beliebig  zurückzustauen;  trotz  seiner  Ungnade  brachen  sie  unaufhaltsam
  durch  die  künstlichen  Ddämme  hindurch.  Für  die
künftige  Einheit  Italiens  war  ein  breites  Fundament  gegründet.

Die  Aufregung,  welche  der  Verlauf  des  Kriegs  in  den
Gemüthern  der  Menschen  hervorrief,  war  in  Deutschland  kaum
geringer  als  in  Italien,  brachte  es  aber  diesseits  der  Alpen  nur
zu  unscheinbaren,  wenn  auch  nicht  ganz  erfolglosen  Früchten.
Im  Anfang  des  Kriegs  sahen  wir  die  Wellen  der  geistigen
Bewegung  im  Norden  und  Süden  des  Landes  heftig  gegen
        <pb n="342" />
        332  Der  italienische  Krieg.  1859

einander  brausen:  in  Preußen  überwog  die  liberale  Hinneigung
zu  Italien  bei  Weitem,  in  Bayern  und  Württemberg  riß  die
ultramontane  Partei  das  ganze  Volk  zu  schwarz-gelber  Begeisterung
  fort.  Auch  manche  liberale  Patrioten  haben  damals
und  später  beklagt,  daß  Preußen  hier  wie  im  Krimkrieg  die
Gelegenheit  versäumt  habe,  durch  eine  rasche  und  energische
Kriegspolitik  die  Führung  des  nationalen  Enthusiasmus  zu
ergreifen  und  sich  damit  an  die  Spitze  des  Vaterlandes  zu
setzen.  Für  1859  wäre  dabei  nur  vor  Allem  die  Frage  zu
beantworten,  welchen  Enthusiasmus  der  Prinz-Regent  hätte
verwerthen  sollen,  jenen  der  sechs  Millionen  Süddeutschen  für
Osterreich,  oder  den  der  zwölf  Millionen  Preußen  für  Italien.
Auf  dem  ersten  dieser  beiden  Wege  hätte  der  Bundesfreund
Osterreich  sattsam  dafür  gesorgt,  daß  nichts  aus  der  deutschen
Einheit  und  der  preußischen  Spitze  geworden  wäre.  Auf  dem
zweiten  wäre  das  Werk  vielleicht  gelungen,  dann  aber  mit
dem  Brandmal  ausländischer  Beihülfe  behaftet,  und  das  verbündete
  Frankreich  ohne  Zweifel  auf  die  Einimpfung  mehr  als
eines  Krankheitsstoffs  bedacht  gewesen.  Mit  gutem  Grunde
also  vermied  der  Prinz-Regent  den  einen  wie  den  andern  Weg.
Ebenfalls  unberechtigt  und  nur  aus  Unkenntniß  der  Thatsachen
entsprungen  sind  die  oft  gegen  seine  Politik  erhobenen  Vorwürfe
  des  Zauderns  und  Schwankens:  wir  haben  gesehen,
daß  sein  Entschluß  vom  ersten  Tage  an  feststand,  und  dann
sicher  und  planmäßig  mit  jeder  neuen  Wendung  des  Kriegs
Schritt  auf  Schritt  ausgeführt  wurde.  Eine  andere  Frage
aber  ist  es,  ob  das  Programm  der  beabsichtigten  Vermittlung
richtig  entworfen  war,  und  den  gegebenen  Verhältnissen  entsprach.
  Der  Erfolg  entschied  dagegen.  Preußen  erlebte,  was
so  oft  wohlgesinnte  Vermittler  erfahren  haben:  der  Vermitt-
        <pb n="343" />
        1859  Osterreichs  Erbitterung  gegen  Preußen.  333

lungsvorschlag  erschien  beiden  streitenden  Parteien  in  solchem
Maaße  unannehmbar,  daß  sie  sich  unter  einander  auf  das  gerade
Gegentheil  desselben  vereinigten.  Der  Prinz,  nach  seinem
Rechtsgefühl,  hatte  Osterreich  den  Besitz  Lombardo-Venetiens
sichern,  dafür  aber  den  Verzicht  auf  die  Hegemonie  über  Mittelitalien
  auferlegen  wollen.  Statt  dessen  trat  Osterreich  die
Lombardei  ab,  und  Napoleon  stellte  ihm  die  Fortdauer  jener
Hegemonie  in  Aussicht.  Offenbar  hatte  dem  preußischen
Cabinet  damals  eine  ausreichende  Kenntniß  der  italienischen
Zustände  gefehlt,  um  zu  dem  entsprechenden  Urtheil  zu  gelangen,
  daß  hier  eine  Vermittlung  überhaupt  nicht  mehr  möglich,
  und  jede  Reform  der  Verwaltung  gleichbedeutend  mit
dem  Sturze  sowohl  der  österreichischen  als  der  päpstlichen
Herrschaft  war.  Wollte  man  nicht  willenlos  die  von  Osterreich
  geforderte  Waffenhülfe  leisten,  so  wäre  dann  nichts  übrig
geblieben,  als  unbedingte  Neutralität,  bis  nach  der  französischen
  Besetzung  Venetiens  der  Krieg  an  den  deutschen  Bundesgrenzen
  von  selbst  erloschen  wäre.

Wie  dem  auch  sei,  das  Wiener  Cabinet  war  namentlich
seit  Napoleon's  Einflüsterungen  von  bitterem  Grolle  gegen
Preußen  erfüllt.  Gleich  nach  Villafranca  verkündete  zwar
Napoleon  der  Welt,  er  habe  Frieden  geschlossen,  um  den
herandrohenden  Ausbruch  eines  neuen,  schweren  Kriegs  mit
Preußen  und  Deutschland  zu  vermeiden,  Franz  Joseph  aber
ließ  sich  dadurch  nicht  abhalten,  im  formellen  Gegensatz  zu
dieser  Erklärung  seinerseits  öffentlich  die  Anklage  gegen  Preußen
zu  erheben,  er  habe  die  Lombardei  geopfert,  weil  er  von  dem
nächsten,  natürlichen  Bundesgenossen  verlassen  worden  sei.
Der  Prinz-Regent,  der  eben  seine  Hecresmassen  an  den  Rhein
vorrücken  ließ,  war  empört.  Zwischen  beiden  Cabinetten
        <pb n="344" />
        334  Der  italienische  Krieg.  1859

entspann  sich  eine  heftige  litterarische  Fehde;  die  Erbitterung
wuchs  zu  einer  solchen  Höhe,  daß  eine  Zeitungsnachricht,  die
beiden  Regierungen  ständen  im  Begriffe,  sich  wieder  zu  nähern,
österreichischer  Seits  sowohl  in  deutschen  als  in  französischen
Zeitungen  nachdrücklich  Lügen  gestraft  wurde.  So  flogen
bald  wilde  Gerüchte  durch  die  Luft  von  dem  Abschlusse,  wenn
nicht  eines  Bündnisses,  so  doch  eines  Einvernehmens  zwischen
Wien  und  Paris  zur  Züchtigung  Preußens.  Es  war,  so  viel  wir
wissen,  grundlos,  die  Spannung  aber  äußerst  besorglich.  Immer
mußte  der  Druck  einer  so  gepreßten  Lage  auch  in  der  öffentlichen
  Meinung  des  deutschen  Volkes  eine  starke  Gegenwirkung
hervorrufen.  Auf  allen  Seiten  erhoben  sich  mahnende  und
drohende  Stimmen.  Schon  vor  dem  Friedensschluß,  im  Juni,
hatten  Versammlungen  in  Nassau  und  in  Frankfurt  Beschlüsse
gefaßt,  daß  man  Osterreich  helfen  müsse,  und  Preußen  die
Führung  zu  übertragen  sei;  in  Stuttgart  brachte  der  Schwäbische
Merkur  gleichzeitig  eine  Erklärung  württemberger  Patrioten,
das  Vaterland  bedürfe  Preußens  Führung  und  ein  deutsches
Parlament.  Nach  Villafranca  veröffentlichte  der  hannoverische
Abgeordnete  Rudolf  von  Bennigsen  mit  34  Genossen  eine  Erklärung
  gleiches  Sinnes  und  vertheidigte  sie  in  der  zweiten
Kammer  glänzend  gegen  den  heftigen  Tadel  des  Ministers
von  Borries,  so  daß  die  Erklärung  binnen  wenigen  Wochen  nahe
an  700  Unterschriften  erhielt.  Auf  diesen  Anstoß  lief  derselbe
Ruf  wie  ein  elektrischer  Funke  durch  Nord=  und  Mitteldeutschland:
  mochte  man  Preußens  bisheriges  Verhalten  gelobt  oder
getadelt  haben,  unwidersprechlich  war  es,  daß  Deutschlands
Kraft  ohne  Preußen  null  und  nichtig  war,  daß  Deutschlands
Bundesverfassung  ohne  ein  Organ  des  nationalen  Willens
lahm  und  ohnmächtig  blieb.  Die  Bürger  Stettins  übersandten
        <pb n="345" />
        1859  Der  deutsche  Nationalverein.  335

eine  Bitte  um  eine  neue  deutsche  Centralgewalt  dem  Prinz-Regenten;
  die  Bürger  von  Gotha  schickten  dem  Herzog  Ernst
eine  Abordnung,  welche  um  eine  neue  Verfassung  des  außerösterreichischen
  Deutschland  bat,  und  der  Herzog,  von  jeher
national  und  liberal  gesinnt,  gab  ihnen  eine  zustimmende  Antwort.
  Am  14.  August  tagte  eine  Versammlung  in  Eisenach,
welche  eine  möglichst  große  Zusammenkunft  deutscher  Patrioten
nach  Frankfurt  zur  Gründung  eines  deutschen  Nationalvereins
und  zur  Wiederaufnahme  des  seit  zehn  Jahren  begrabenen
Werkes  deutscher  Einheit  zu  berufen  beschloß.  Die  Einladung
hatte  bedeutende  Wirkung;  in  Frankfurt  erschienen  liberale
Politiker  aller  Farben  aus  allen  Staaten.  Man  war  einig
über  die  Nichtsnutzigkeit  des  Bundestags  und  über  die  Nothwendigkeit
  eines  deutschen  Parlaments.  Aber  als  der  Antrag
gestellt  wurde,  für  die  Leitung  der  nationalen  Angelegenheiten
durch  Preußen  zu  stimmen,  brauste  der  seit  dem  Frühling
angehäufte  Zorn  der  Süddeutschen  so  heftig  auf,  daß  man
sich  schließlich  begnügte,  das  Bedürfniß  einer  deutschen  Centralgewalt
  ohne  Bezeichnung  ihres  Trägers  auszusprechen.  So
constituirte  sich  der  Nationalverein,  wie  einst  die  Paulskirche,
unter  Hinausschiebung  der  Alles  entscheidenden  Frage.  Der
leitende  Ausschuß,  welcher  die  Thätigkeit  des  Vereins  zu
organisiren  hatte,  wurde  auf  Betreiben  des  Bundestags,  der
bei  dem  Worte  deutsche  Einheit  ergrimmte,  wie  der  Puter
beim  Anblick  des  rothen  Tuches,  aus  Frankfurt  ausgewiesen,
fand  aber  eine  sichere  Heimathstätte  in  Coburg  unter  dem  Schutze
des  Herzogs  Ernst,  der  seit  Jahren  die  Bildung  einer  solchen
Genossenschaft  auf  nationaler  Grundlage  gewünscht  und  mehrfach
  selbst  angeregt  hatte.  Der  Ausschuß  wirkte  seinerseits
durchaus  im  kleindeutschen  Sinne,  und  suchte  so  viel  wie  möglich
        <pb n="346" />
        336  Der  italienische  Krieg.  1859

im  Einvernehmen  mit  der  preußischen  Regierung  zu  handeln,
welcher  guten  Absicht  aber,  wie  wir  bald  sehen  werden,
besondere  Schwierigkeiten  im  Wege  standen.  Immerhin  ließ  das
Berliner  Cabinet  den  Verein  unangefochten,  obwohl  der  Prinz-Regent
  der  Meinung  war,  daß  der  Zeitpunkt  für  unitarische
Bewegung  so  ungünstig  wie  möglich  gewählt  wäre.

Der  Wiener  Hof  wollte  zwar  nicht,  wie  Herr  von  Beust
es  wünschte,  Bundesbeschlüsse  gegen  den  Verein  veranlassen,
forderte  aber  im  Stillen  mit  großem  Erfolge  die  Ministerien
der  Einzelstaaten  zur  Unterdrückung  desselben  auf.  Die  kurhessische
  Regierung  verbot  darauf  ihren  Unterthanen  unter
Strafandrohung  den  Beitritt  zum  Verein.  Der  König  von
Hannover  befahl  seiner  Polizei,  genaue  Listen  der  Mitglieder
zu  führen;  Beamte  jeder  Art,  die  sich  auf  diesem  Vergehen
betreffen  ließen,  sollten  disciplinarisch  bestraft,  Kaufleuten  und
Gewerbetreibenden  von  den  Behörden  die  Kundschaft  entzogen
werden.  „Die  jetzige  Lage,  schrieb  Herr  von  Beust,  ist  ohne
Beispiel.  Gegenüber  einer  Bewegung,  die  den  Sturz  einer
Verfassung  fordert,  pflegt  man  entweder  die  Verfassung  zu
ändern,  oder  die  Bewegung  zu  bekämpfen.  Hier  thut  man
weder  das  Eine  noch  das  Andere.  Das  Ende  muß  ein  plötzlicher
  Zusammenbruch  sein.“  So  wurden  polizeiliche  Vorkehrungen
  gegen  den  schlimmen  Verein  in  Sachsen,  Mecklenburg,
  Württemberg  getroffen;  im  Süden  stand  auch  die  große
Mehrheit  der  Bevölkerung  feindlich  gegen  die  Nationalpartei.
Noch  einmal  zeigte  sich,  in  schneidendem  Contraste  gegen
Italien,  die  Stärke  des  Sonderthums  auf  deutschem  Boden.
Man  schwärmte  nach  wie  vor  für  das  Ideal  der  deutschen
Einheit,  aber  bei  dem  ersten  Schritte  zur  Verwirklichung
platzten  die  Geister  heftig  auf  einander.  Man  wollte  deutsch
        <pb n="347" />
        1859  Getheilte  Stimmungen  in  Deutschland.  337

sein,  aber  bayerisch,  schwäbisch,  sächsisch  bleiben,  und  vor
Allem  weder  preußisch  noch  österreichisch  werden.  Allerdings
bestand  auch  zwischen  den  italienischen  und  den  deutschen  Verhältnissen
  ein  erheblicher  Unterschied.  In  Italien  waren  außer
Sardinien  die  Fürstenhäuser  Fremde,  und  höchstens  in  Toscana
  einiger  Maaßen  mit  dem  Lande  verwachsen,  während  der
Kirchenstaat  sich  der  zugleich  unfähigsten  und  erdrückendsten
Verwaltung  in  Europa  rühmte:  jeder  Tag  hielt  dort  den
Drang  zur  nationalen  Einheit  und  Befreiung  trotz  des  auch
hier  vorhandenen  Municipalgeistes  lebendig.  Dagegen  in
Deutschland  herrschten  überall  angestammte,  im  Lande  einheimische
  Fürstengeschlechter,  und  wenn  in  Hannover,  Kurhessen,
  Nassau  die  Regierungen  mit  harter  Hand  jede  selbständige
  Regung  niederhielten,  so  war  es  in  Sachsen  und
Bayern,  in  Württemberg  und  Darmstadt  der  Masse  der
Bürger  ganz  wohl  in  ihrer  Haut,  und  die  Regierungen  nahmen
zur  Erhaltung  dieser  Stimmung  bereitwillig  Rücksicht  auf  die
in  der  Presse  und  den  Kammern  hervortretenden  Begehren.
So  blieb  hier  beim  Volke  die  Einheit  eine  Theorie,  die  Praxis
particularistisch.

v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.
        <pb n="348" />
        1859

3.  Capitel.

Deutsche  Reformfragen.

Der  Prinz-Regent  hatte  sehr  bald  Veranlassung,  seinen
Gedanken  über  die  so  lebhaft  wieder  aufgeworfene  Frage  der
Bundesreform  einen  vorsichtigen  Ausdruck  zu  geben.  Fort
und  fort  glaubte  er  an  ein  deutsches  Reich  der  Zukunft,  im
Augenblick  aber  schien  ihm  das  Ausstecken  eines  solchen
Banners  höchst  gefährlich.  Bei  der  heftigen  Spannung  mit
Osterreich,  der  gereizten  Empfindlichkeit  der  Mittelstaaten  und
der  geräuschvollen  Abneigung  der  süddeutschen  Bevölkerung,
sah  er  aus  der  Forderung  deutscher  Einheit  eine  giftige  Saat
innerer  Zwietracht  aufgehen,  während  bei  der  Unberechenbarkeit
  der  napolconischen  Politik  und  der  zweideutigen  Haltung
Rußlands,  dessen  Kaiser  dem  Prinz-Regenten  übrigens  bei
einer  persönlichen  Zusammenkunft  in  Breslau  die  wärmsten
Freundschaftsversicherungen  aussprach,  gerade  damals  gegenseitiges
  Vertrauen  und  festes  Zusammenschließen  aller  deutschen
Kräfte  dringendes  Bedürfniß  erschien.

Was  bei  ihm  Ergebniß  der  momentanen  Lage  war,  trat
bei  der  Mehrzahl  der  Minister  beinahe  als  festes  Glaubensbekenntniß
  auf.  Graf  Schwerin,  ein  Führer  der  früheren
liberalen  Opposition,  der  wenige  Monate  nach  dem  Beginne
der  Regentschaft  an  Flottwell's  Stelle  das  Ministerium  des
        <pb n="349" />
        1859  Antwort  des  Regenten  auf  die  Stettiner  Adresse.  339

Innern  übernommen  hatte,  gab  mit  vollem  Brustton  die
Losung:  nicht  Einheit,  sondern  Einigkeit;  Herr  von  Schleinitz
stimmte  mit  Freude  einem  so  ungefährlichen  Programm  zu,
und  ertheilte  den  preußischen  Gesandten  an  den  deutschen
Höfen  gemessene  Weisung,  allen  Demonstrationen  des  National—
vereins  vollkommen  fremd  zu  bleiben.  Als  die  Stettiner
Bürgerschaft  im  August  jene  Adresse  über  Schaffung  einer
deutschen  Centralgewalt  an  den  Prinz-Regenten  richtete,
dachte  der  Minster,  ihr  und  ihren  Gesinnungsgenossen  durch
eine  öffentliche  Ablehnung  den  Standpunkt  klar  zu  machen;
indessen  wurde  der  von  Schwerin  ausgesetzte  Entwurf  doch
von  dem  Regenten  einiger  Maaßen  in  positivem  Sinne  modificirt.
  Die  Uberzeugung,  daß  eine  energische  Zusammenfassung
  der  Kräfte  und  folglich  eine  Umgestaltung  der  Bundesverfassung
  nöthig  sei,  wurde  in  ihrer  vollen  Berechtigung  anerkannt.
  Nur  dürfte  man  nicht  durch  ein  Haschen  nach  dem
Allerbesten  sich  von  dem  Wege  abbringen  lassen,  welchen  die
Achtung  vor  fremdem  Rechte  und  die  Rücksicht  auf  das  zur
Zeit  Erreichbare  vorzeichnen.  Preußen  glaube  durch  die
Stärkung  der  deutschen  Wehrkraft  und  die  Befestigung  gesicherter
  Rechtszustände  in  ganz  Deutschland  zur  Zeit  mehr
nützen  zu  können,  als  durch  verfrühte  Anträge  auf  eine  umfassende
  Bundesreform.

Aber  schon  diese  streng  beschränkte  Kritik  des  Bestehenden
erregte  den  hohen  Unwillen  der  deutschen  Höfe.  Das  heiße
doch,  fand  man  in  Dresden,  Hannover,  Braunschweig,  den
Nationalverein  ganz  ausdrücklich  ermuthigen,  wenn  Preußen
die  Unzulänglichkeit  der  Bundesverfassung  selbst  ausspreche;
indem  es  die  fürstlichen  Rechte  für  die  Gegenwart  anerkenne,

bedrohe  es  für  die  Zukunft  ihren  ganzen  Bestand.  Die  Un-22“
        <pb n="350" />
        340  Deutsche  Reformfragen.  1859

ruhe  war  groß.  Graf  Rechberg,  um  Preußen  zu  treffen,
schlug  auf  den  Herzog  von  Coburg,  indem  er  in  den  schärfsten
Worten  eine  förmliche  Rechtsverwahrung  gegen  dessen  Zustimmung
  zu  der  Gothaer  Adresse  erließ,  und  sie  abschriftlich
nach  Berlin  unter  Anheimgabe  weiterer  Maaßregeln  mittheilte.
Das  Übel  aber  wurde  dadurch  nur  schlimmer,  da  der  Prinz-Regent
  sein  volles  Vertrauen  auf  die  loyale  Gesinnung  des
Herzogs  aussprach,  der  ja  seinen  Gothaern  nur  erklärt  hätte,
worüber  vor  zehn  Jahren  alle  deutschen  Fürsten  einig  gewesen,
die  Nothwendigkeit  einer  Bundesreform;  ein  Grund  zur  Rechtsverwahrung
  gegen  eine  solche  Meinungsäußerung  sei  nicht
erfindlich.  Bald  wurde  auch  weiter  bekannt,  daß  die  Absicht
der  preußischen  Regierung  auf  eine  Reform  der  Bundeskriegsverfassung
  gehe,  dieses  heiligsten  Palladiums  der  mittelstaatlichen
  Selbstherrlichkeit.  Die  Aufregung  an  den  Höfen  wuchs;
man  wünschte  allerseits  sich  über  die  Abwehr  so  schlimmer
Dinge  zu  verständigen,  aber  nach  der  Natur  des  Particularismus
erging  es  im  Kleinen  unter  den  Mittelstaaten  genau  so  wie
am  Bundestage  im  Großen:  man  wußte,  was  man  nicht
wollte,  aber  was  man  wollen  sollte,  darüber  gab  es  sehr  verschiedene
  Recepte.  Freiherr  Beust  forderte  die  lässigen  Collegen
zwar  zu  scharfen  Maaßregeln  gegen  den  Nationalverein  auf,
erklärte  aber  zugleich,  die  Polizei  allein  reiche  nicht  aus,  vielmehr
  habe  man  der  Nation  durch  die  That  zu  beweisen,  daß
auch  auf  dem  Boden  der  jetzigen  Bundesverfassung  schöne
Reformen  möglich  seien;  wenn  irgend  thunlich,  müsse  man
dem  preußischen  Cabinet  darin  zuvor  kommen.  Er  war  bei
diesem  Bestreben  unermüdlich,  conferirte  in  München  mit
Bayern  und  Württemberg;  Württembergs  Minister  Hügel
hatte  dann  eine  Besprechung  in  Heidelberg  mit  Baden  und
        <pb n="351" />
        1859  Mannigfaltige  Pläne  der  Mittelstaaten.  341

Darmstadt,  während  Beust  sich  in  Wien  mit  dem  Grafen
Rechberg  über  harmlose  Reformen  zu  verständigen  suchte.
Aber  von  diesem  Beust'schen  Schöpfungstrieb  wollte  der  blinde
König  Georg  von  Hannover  schlechterdings  nichts  wissen:  er
war  der  Meinung,  eine  bessere  Bundesverfassung  als  die  von
1815  lasse  sich  gar  nicht  ersinnen;  man  solle  sich  also  hüten,
an  dem  Bestehenden  irgend  wie  zu  rütteln.  Sein  Minister  des
Außern,  Graf  Platen,  fand  zwar  eine  so  extreme  Haltung  be—
denklich;  um  so  eifriger  aber  sprach  sich  der  Minister  des
Innern,  Herr  von  Borries,  im  Sinne  des  königlichen  Gebieters
aus,  und  erregte  einen  großen  Sturm  in  der  liberalen  Presse
durch  eine  Erklärung,  ehe  die  deutschen  Fürsten  sich  die  an—
gestammte  Souveränität  schmälern  ließen,  würden  sie  selbst
die  Hülfe  des  Auslandes  nicht  verschmähen.  Wie  König
Georg,  war  auch  der  Kurfürst  von  Hessen  nach  den  schönen
Erfahrungen  von  1850  erfüllt  mit  unbedingter  Verehrung
des  Bundesrechts,  nicht  ahnend,  welch'  düstere  Wolke  in  diesem
Augenblick  am  Bundeshorizont  selbst  gegen  ihn  heraufstieg.
Auch  in  Nassau,  wo  ein  starkes  bureankratisch-klerikales  Regiment
am  Ruder  saß,  hätte  man  gegen  den  Standpunkt  der  reinen
Negation  keine  Einwendung  gehabt,  würde  aber  doch,  wenn
die  Genossen  vorgingen,  sich  nicht  ausschließen.  Umgekehrt
wäre  in  Baden  zwar  der  gut  österreichiseh  gesinnte  Minister
von  Meysenbug  den  Plänen  des  Herrn  von  Beust  nicht  abgeneigt
  gewesen,  hier  aber  blieb  der  Großherzog  Friedrich
fest  auf  dem  Satze,  daß  einc  wirkliche  Reform  nur  durch
gemeinsame  Anträge  der  beiden  Großmächte  erreichbar  sei.
Er  beschränkte  sich  auf  seine  alte  Proposition  eines  Bundesgerichts,
  deren  Mängel  wir  schon  früher  kennen  gelernt  haben.
So  schwirrten  die  Meinungen  und  die  Vorschläge  bunt  durch-
        <pb n="352" />
        342  Deutsche  Reformfragen.  1859

einander.  Endlich  aber  die  Hauptmacht,  auf  deren  Rückhalt
Herr  von  Beust  hoffte,  Osterreich,  war  doch  nicht  der  Ansicht,
unter  allen  Umständen  auf  gleiche  Linie  mit  den  Mittelstaaten
zu  treten.  Gegen  unitarische  Bestrebungen  Prcußens  im  Sinne
des  Nationalvereins  würde  sie  selbstverständlich  Widerstand
auf  Tod  und  Leben  leisten.  Dies  war  um  so  gewisser,  je
größere  Wichtigkeit  nach  den  italienischen  Verlusten  für  den
Wiener  Hof  seinc  deutsche  Stellung  gewonnen  hatte.  Was
aber  Graf  Rechberg  im  Grunde  des  Herzens  wünschte,  war
inmitten  alles  Argers  der  letzten  Zeit  die  Vermeidung  eines
solchen  Conflicis:  es  war  nicht  Krieg,  sondern  Verständniß
mit  Preußen,  und  zwar  lieber  mit  Preußen  als  mit  den
Mittelstaaten.  Ein  Menschenalter  hindurch  hatte  Fürst  Metternich
  in  engster  Freundschaft  mit  dem  Berliner  Hofe  die  Geschicke
  Deutschlands  geleitet:  sollte  es  unmöglich  sein,  eine
Ernenerung  dieses  glücklichen  Verhältnisses  herbeizuführen?
Graf  Rechberg  wäre  bereit,  zu  diesem  Behufe  gar  manchem
Wunsche,  der  nicht  geradczu  gegen  die  Grundgesetze  des  Bundes
anstieße,  entgegen  zu  kommen.  Während  des  litterarischen
Haders  nach  Villafranca  hatte  er  im  August  den  Gedanken
angeregt  und  dafür  bei  Schleinitz  Eingang  gefunden,  daß  wie
in  den  alten  friedlichen  Zeiten  keine  der  beiden  Mächte  einen
Antrag  beim  Bundestag  ohne  vorheriges  Benehmen  mit  der
andern  einbringe.  Als  Preußen  von  der  Reform  der  Bundeskriegsverfassung
  zu  reden  begann,  sprach  Rechberg  dem
preußischen  Gesandten  seine  große  Bereitwilligkeit  aus,  auf
die  Sache  einzutreten,  und  bat  nur  um  baldige  Mittheilung
der  preußischen  Vorschläge.  Es  war  also  einstweilen  unsicher,
wie  weit  die  Mittelstaaten  hiebei  auf  Osterreichs  Beistand
rechnen  durften.
        <pb n="353" />
        1859  Anträge  auf  Reform  der  Bundeskriegsverfassung.  343

Indessen  war  es  Herrn  von  Beust  gelungen,  seine  Freunde
zu  einem  Antrag  beim  Bunde  in  dieser  ihnen  allerwichtigsten
Frage  zu  vereinigen.  Am  17.  October  wurde  er  eingebracht,
unterzeichnet  von  den  vier  Königreichen,  Darmstadt  und
Nassau.  Sein  Inhalt  war  möglichst  bedeutungslos;  um  so
unverkennbarer  war  die  gegen  Preußen  gerichtete  Spitze  der
Begründung.  Unter  Lobsprüchen  auf  die  fruchtbare  Entwick—
lungsfähigkeit  des  Bundes  wurde  erklärt:  man  würde  gerne
auf  Vorschläge  eingehen,  durch  welche  die  Wiederholung  der
neuerlich  leider  hervorgetretenen  Eimvendungen  gegen  die  Ausführung
  rechtmäßiger  Bestimmungen  und  gegen  Beschlüsse  des
Bundestags  ferne  gehalten  werden  könnte.  Es  sei  die  Pflicht
Aller,  dafür  einzustehen,  und  Agitationen  zum  Umsturz  der
Bundesverfassung  zu  unterdrücken.  In  neuerer  Zeit  sei  die
Bundeskriegsverfassung  besonders  Gegenstand  tadelnder  Außerungen
  gewesen;  deshalb  werde  beantragt,  der  Bundes-Militärcommission
  eine  genaue  Prüfung  derselben  und  Bericht  über  etwa
nöthige  Anderungen  aufzugeben.  Die  Antragsteller  vermieden  jede
Andentung  über  etwaige  eigene  Wünsche;  freilich  war  es  kein
Geheimniß,  daß  der  einzige  Zweck  des  Antrags  die  Verwerfung
der  preußisehen  Reformpläne  und  die  Unantastbarkeit  ihres
geliebten  Bundesheeres  war.  Preußen  stimmte  indessen  bercitwillig
  für  den  Antrag,  und  legte  dann  auch  dem  Ausschusse
seinen  Reformvorschlag  vor,  nach  welchem  sehr  einfach  bei
einem  Bundeskrieg,  an  welchem  Osterreich  und  Preußen  mit
ihrer  gesammten  Heereskraft  Theil  nähmen,  die  beiden  süddeutschen
  Bundcscorps  unter  österreichischen,  die  beiden  norddeutschen
  unter  preußischen  Oberbefehl  treten,  also  kein  Bundesfeldherr
  vom  Bundestage  gewählt,  geleitet  und  beaussichtigt
werden  sollte.  Es  zeigte  sich  sehr  bald,  daß  Csterreich,
        <pb n="354" />
        344  Deutsche  Reformfragen.  1859

welches  erst  am  7.  Juli  die  Wahl  eines  solchen  Bundesfeldherrn
  in  Frankfurt  beantragt  hatte,  trotz  aller  vermittelnden
Worte  Rechberg's  sich  den  preußischen  Vorschlag  nicht  aneignen
  würde;  denn,  bemerkte  Rechberg,  die  kleinen  norddeutschen
  Staaten  würden  sich  dem  preußischen  Oberbefehl
schließlich  unterwerfen  müssen,  im  Süden  aber  würde  Bayern
unüberwindliche  Schwierigkeit  gegen  die  Unterstellung  unter
Osterreich  erheben.  Damit  war  das  Schicksal  des  Vorschlags  entschieden;
  nach  Frankfurter  Brauch  dauerte  es  freilich  noch  lange
Monate,  bis  der  Ausschuß  im  Mai  1860,  mit  allen  Stimmen
gegen  eine,  die  Verwerfung  desselben  dem  Bundestage  zu
empfehlen  beschloß.

Unterdessen  aber  hatte  eine  andere  preußische  Action  bei
der  Mehrzahl  der  deutschen  Höfe  ein  nicht  geringeres  Argerniß
und  eine,  wenn  möglich,  noch  peinlichere  Stimmung  hervorgerufen.


In  der  unglückseligen  kurhessischen  Verfassungssache  hatte,
wie  wir  uns  erinnern,  der  Bundestag  eine  Erklärung  der  Ständeversammlung
  über  etwaige  Verbesserungen  der  Verfassung  von
1852  begehrt,  welcher  hoffentlich  die  Zustimmung  der  Regierung
  nicht  fehlen  würde.  Hiebei  zeigte  sich  nun  die  Festigkeit
  und  Zähigkeit  des  hessischen  Volksstamms  in  glänzendem
Lichte.  Zwar  erhob  sich  bei  der  hoffnungslosen  Lage  kein
principieller  Widerspruch  gegen  die  Rechtsgültigkeit  der
octroyirten  Verfassung.  Aber  bei  jener  vom  Bunde  vorgeschriebenen
  Prüfung  derselben  vermochte  Hassenpflug  weder  durch
Überredung  und  Drohung,  noch  durch  neue  Octroyirung,  die
Kammer  und  die  Wähler  von  einer  Forderung  erweiterter  ständischer
  Rechte  zurückzuhalten.  Der  Kampf  dauerte  fünf  Jahre
lang,  und  hatte  keine  andere  Wirkung,  als  allmählich  immer
        <pb n="355" />
        1859  Die  kurhessische  Verfassungssache  am  Bunde.  345

weitere  Kreise  der  Bevölkerung  um  ihre  wackern  Vertreter
zu  sammeln.  Gerade  die  erste  Kammer  war  einstimmig  in
der  Opposition,  und  auch  die  Mehrheit  der  zweiten,  obwohl
weniger  geschlossen,  als  die  erste,  blieb  doch  auch  unerschütterlich
  bei  ihren  Anträgen  stehen,  und  fügte  denselben  zuletzt
noch  einige  weitergehende  Begehren  hinzu.  Da  Hassenpflug
ein  Einvernehmen  beider  Kammern  zu  einem  gemeinsamen  Beschlusse
  der  Ständeversammlung  verhinderte,  so  gelangten
endlich  an  den  Bundestag  die  gesonderten  Anträge  der  beiden
Kammern,  beide  mit  der  Erklärung,  daß  ihre  Anderungsvorschläge
  ein  untheilbares  Ganze  bildeten,  und  außerdem  Seitens
der  Regierung  eine  Reihe  Anderungsvorschläge  an  ihrem
cigenen  Werke,  um  für  die  Zukunft  auch  jene  Regungen  einer
bescheidenen  Opposition  unmöglich  zu  machen.  Diese  Actenstücke
  ruhten  dann  beinahe  zwei  Jahre  lang  bei  dem  hessischen
Ausschuß  des  Bundestags,  bis  endlich  1859  das  Drängen
des  Casseler  Hofes  den  Referenten,  den  Badenser  Freiherrn
Marschall,  aus  der  Ruhe  an  die  Arbeit  herantrieb.  Mit
völliger  Unbefangenheit  blieb  dabei  der  Ausschuß  in  der  seit
1851  geübten  Gewohnheit,  die  Landesverfassungen  nach  bundestäglicher
  Allmacht,  unter  absoluter  Nichtachtung  der  Wiener
Schlußacte,  umzuarbeiten.  Die  Zeiten  hatten  sich  allerdings
seit  1852  einiger  Maaßen  geändert,  und  so  dachte  auch  der
Ausschuß,  zwar  zu  Ehren  des  monarchischen  Princips  dem
Kurfürsten  möglichst  zu  Gefallen  zu  leben,  aber  doch  einige
Rücksicht  auch  den  getreuen  Ständen  zu  schenken,  da  es  für
diese  im  deutschen  Volke  und  fast  in  allen  deutschen  Kammern
so  lebhaftes  Mitgefühl  gab.  Demnach  lehnte  er  die  kurfürstlichen
  Verschärfungsanträge  ab,  strich  dann  auch  einige  der
ständischen  Begehren,  gab  aber  den  übrigen  seine  Zustimmung,
        <pb n="356" />
        346  Deutsche  Reformfragen.  1859

und  beantragte,  dem  Kurfürsten,  wenn  er  hienach  verführe,
die  erbetene  Garantie  in  Aussicht  zu  stellen.  Dann  wäre
endlich  der  heillose,  seit  Jahren  am  deutschen  Körper  nagende
Krebs  mit  milder  Hand  herausgeschnitten.

Allein  diese  anziehende  Vorstellung  sollte  eine  unver—
muthete  Störung  erleiden.

Nachdem  der  Ausschuß  am  28.  August  1859  der  Bundesversammlung
  seinen  Bericht  erstattet,  und  von  dieser  die
Beschlußfassung  auf  den  20.  October  anberaumt  worden  war,
richtete  Herr  von  Usedom  an  das  preußische  Cabinet  die
dringende  Bitte,  jede  Entschließung  bis  zum  Einlauf  einer
Denkschrift  zu  verschieben,  in  der  er  Preußens  Stellung  zu
der  hessischen  Frage  beleuchten  werde.  Usedom  hat  sich  nicht
immer  als  einsichtigen  Diplomaten  bewährt:  dieses  Mal  aber
traf  er,  ebenso  vom  Herzen  wie  vom  Verstande  geleitet,  den
Nagel  auf  den  Kopf.  In  einem  geschichtlichen  Rückblick  wies
er  die  Reihe  der  Rechtswidrigkeiten  nach,  auf  welche  sowohl
dic  kurhessische  Regierung  als  der  Bundestag,  leider  unter
preußischer  Mitwirkung,  ihr  Verfahren  bei  dem  Verfassungssturz
begründet,  und  damit  ein  rechtlich  überall  nichtiges  Werk  geschaffen
  hatten.  Jetzt  nahe  der  letzte  Angenblick  heran,  in
welchem  Preusßen  sich  unter  dem  Beifall  der  ganzen  Nation
von  dem  gesetzwidrigen  Treiben  lossagen  und  den  Bundestag
in  die  Schranken  seiner  rechtlichen  Competenz  zurückweisen
könne.  Es  sei  eine  selbstmörderische  Politik  gewesen,  wenn
1852  das  preußisehe  Ministerium  dem  Bundestag  die  Befugniß
zuerkannt  habe,  als  constituirende  Gewalt  in  die  innern
Rechtszustände  der  Einzelstaaten  einzugreifen,  und  dann  vielleicht
  auch  einmal  die  preußische  Verfassung  abzuschaffen.
Die  einzige  rechtmäßige  Aufgabe  des  Bundestags,  auch  in  der
        <pb n="357" />
        1859  Usedom's  Antrag  auf  Herstellung  der  Verfassung  von  1831.  347

hessischen  Sache,  habe  darin  bestanden,  in  der  Verfassung  von
1831  die  bundeswidrigen  Artikel  genau  zu  bezeichnen  und
auszumerzen,  im  Ubrigen  aber  nach  Artikel  56  der  Wiener
Schlußacte  sich  jeder  Einmischung  in  das  kurhessische  Verfassungsleben
  zu  enthalten.  Der  Bundestag  selbst  habe  eine
Empfindung  von  dieser  Pflicht  gehabt,  und  deshalb  die  Verfassung
  nicht  aufgehoben,  sondern  nur  „außer  Wirksamkeit"
gesetzt.  Hieran  sei  anzuknüpfen,  und  da  ein  Einverständniß
zwischen  dem  Kurfürsten  und  den  Ständen  über  das  Werk
von  1852  sich  unmöglich  zeige,  der  Antrag  zu  stellen,  die
Suspension  der  Verfassung  von  1831  zu  beendigen  und
sich  auf  die  Tilgung  etwaiger  bundeswidriger  Artikel  zu  beschränken.


In  der  ganzen  Darlegung  war  jedes  Wort  zutreffend,
mit  einziger  Ausnahme  der  Behauptung,  daß  der  Bundesbeschluß
  von  1852  nur  eine  zeitweise  Suspension  beabsichtigt
habe.  So  zartfühlend  waren  die  damaligen  Machthaber  in
der  That  nicht  gewesen,  und  Usedom  glaubte  auch  selbst  nicht
daran.  Seine  Unterscheidung  hatte  keinen  andern  Zweck,  als
den  Ubelthätern  die  Umkehr  zu  einer  gesetzmäßigen  Politik
zu  erleichtern.

Bei  der  Lesung  dieser  allem  bundestäglichen  Herkommen
in  das  Gesicht  schlagenden  Denkschrift  empfand  zunächst  Herr
von  Schleinitz  einen  gelinden  Schrecken.  Er  forderte  von
Herrn  von  Gruner  eine  Beleuchtung  der  Frage,  in  wic  weit
Preußen  dureh  Uhden's  und  Manteuffel's  Verhalten  in  der
Sache  gebunden  sei.  Der  Ausschußantrag  sei  freilich  unannehmbar,
  aber  die  Herstellung  der  Verfassung  von  1831  werde
man  niemals  beim  Bundestage  durchsetzen;  treten  wir  hier
entschieden  auf  die  Seite  des  Landes,  so  werde  der  ganze
        <pb n="358" />
        348  Deutsche  Reformfragen.  1859

Bundestag  darin  eine  revolutionäre  Tendenz  wittern.  Es
verstand  sich,  daß  nach  diesen  Ausführungen  Gruner's  Auf—
satz  sich  entschieden  gegen  Usedom  aussprach;  es  mag  gleich
hier  angeführt  werden,  daß  bei  dem  weitern  Verlaufe  der
Sache  auch  die  preußischen  Gesandten,  Herr  von  Sydow  in
Cassel,  Herr  von  Savigny  in  Dresden,  Herr  von  Werther
in  Wien,  sich  zu  derselben  Farbe  bekannten,  und  dadurch  das
Vorgehen  ihrer  Regierung  nicht  gerade  erleichterten.

Indessen  reiste  Schleinitz  zur  Berathung  der  Sache  nach
Baden-Baden,  wo  damals  der  Prinz-Regent  mit  Auerswald
Aufenthalt  genommen,  und  wohin  jetzt  auch  Usedom  berufen
wurde.  Dieser  brachte  weiteres  Material  zur  Beurtheilung
der  begangenen  Mißgriffe  in  Fülle  mit,  und  legte  am
7.  October  den  Entwurf  des  im  Bundestage  abzugebenden
Votums  vor.  Der  Regent  nahm  von  Allem  genaue  Kenntniß;
Auerswald  sprach  sich  sofort  für  Usedom's  Standpunkt  aus;
allmählich  ließ  auch  Schleinitz  ein  Bedenken  nach  dem  andern
fallen,  und  schließlich  entschied  der  Regent  gemäß  seinem
Worte  vom  8.  November:  Die  Welt  muß  wissen,  daß  Preußen
überall  das  Recht  zu  schützen  bereit  ist.  Usedom's  Votum
wurde  genehmigt;  eine  ausführliche  Denkschrift  über  die  ganze
Frage,  durchaus  nach  Usedom's  Sinn,  am  10.  October  von
Geheimrath  Abeken  fertig  gestellt,  und  nachdem  am  11.  ein
vollzähliger  Ministerrath  auf  Befehl  des  Regenten  noch  einmal
  die  Angelegenheit  geprüft  und  daun  einmüthig  seine
Zustimmung  ausgesprochen  hatte,  an  demselben  Tage  nach
Wien  mit  dem  Ersuchen  um  Osterreichs  Beitritt  abgesandt.
Zugleich  wurde  bemerkt,  daß  bei  dieser  Rechtsfrage  Preußen
in  seinem  Entsehluß  unwiderruflich  feststehe,  und  also  auch,
wenn  Österreich  versage,  danach  handeln  werde.
        <pb n="359" />
        1859  Die  preußische  Regierung  nimmt  Usedom's  Antrag  an.  349

Diese  Wendung  der  preußischen  Politik  wurde  in  kurzer
Zeit  zallgemein  bekannt,  und  rief  auf  allen  Seiten  eine  lebhafte,
  in  ihren  Schattirungen  höchst  charakteristische  Bewegung
hervor.  In  Kurhessen  wirkte  sie,  wie  die  Erlösung  aus  einem
bösen,  beängstigenden  Traum.  Von  der  lbermacht  erdrückt,
ohne  Aussicht  auf  Unterstützung,  hatten  die  Stände  sich
begnügt,  wenigstens  einige  Concessionen  zu  beantragen,  ohne
die,  wie  Usedom  sagte,  ihr  Dasein  eine  Posse  bleiben  würde,
und  selbst  gegen  diese  hatte  ihr  Zwingherr  protestirt.  Da
kam  ihnen  die  Kunde  von  Preußens  Auftreten,  wie  sie  hofften,
als  untrügliche  Botschaft  der  nahen  Errettung.  In  einem
Moment  verschwand  das  Streben  nach  kleinen  Almosen,  und
erhob  sich  auf's  Neue  die  Forderung  des  Rechts,  des  alten,
dreifach  bewährten  Landesrechts.  Die  zweite  Kammer  sagte
sich  mit  beinahe  einstimmiger  Mehrheit  von  ihren  neulichen.
durch  den  Kurfürsten  abgelehnten  Verbesserungsanträgen  los,
und  nahm  eine  Adresse  an  den  Kurfürsten,  sowie  eine  Eingabe
an  den  Bundestag  auf  Herstellung  der  rechtmäßigen  Verfassung
  von  1831  an.  In  dem  ganzen  kleinen  Lande  kam
ihr  begeisterter  Zuruf  der  Bevölkerung  entgegen;  Beamte,
Bürger  und  Bauern  waren  unermüdlich  in  der  Einsendung
patriotischer  Resolutionen,  und  mit  ohnmächtigem  Grimme
sah  der  Kurfürst  dem  unwiderstehlichen  Anwachsen  dieser
nichts  als  Gerechtigkeit  fordernden  Bewegung  zu.  Dabei  reichte
der  Aufschwung  weit  über  die  hessischen  Grenzen  hinaus.  In
allen  deutschen  Landen  erhob  sich  die  liberale  Partei  für  die
gute  Sache;  in  Versammlungen,  Vereinen  und  Zeitungen
ertönte  die  Losung  auf  die  Anerkennung  des  so  schwer  und
so  lange  gekränkten  Rechts;  mit  wahrer  Wuth  wurde  Hessens
Mißhandlung  durch  den  Bundestag  als  eine  Schmach  und
        <pb n="360" />
        350  Deutsche  Reformfragen.  1859

Schande  der  deutschen  Nation  dargestellt,  und  keinem  Zweifel
konnte  es  unterliegen,  daß  demnächst  die  Kammern  der
deutschen  Staaten  fast  ausnahmslos  ihre  Stimme  für  den
preußischen  Antrag  und  gegen  die  Mehrheit  des  Bundestags
erheben  würden.

Um  so  unangenehmer  war  die  Mehrzahl  der  deutschen
Regierungen  durch  Preußens  Auftreten  berührt.  Der  Arger,
daß  dieses  Cabinet  jetzt  auch  in  Süddeutschland  Popularität
gewinnc,  wurde  durch  das  Bewußtsein  geschärft,  im  Jahre
1850  zur  Bekämpfung  der  preußischen  Union  für  eine  durch
und  durch  faule  Sache  Partei  ergriffen  und  damit  sich  selbst
Jahr  für  Jahr  die  Hände  immer  ärger  beschmutzt  zu  haben.
Keiner  der  Souveräne  oder  Minister  hatte  Achtung  vor  dem
Kurfürsten  oder  Hassenpflug  gehabt:  sie  ballten  die  Faust  in
der  Tasche,  um  solcher  Freunde  willen  jetzt  vor  die  Wahl
gestellt  zu  sein,  entweder  mit  Preußen  das  eigene  Werk  als
gesetzwidrig  und  untauglich  wegzuwerfen,  oder  den  erregten
Zorn  des  ganzen  deutschen  Volkes  auf  sich  und  den  Bundestag
zu  ziehen,  und  dem  Nationalverein  ein  unschätzbares  Material
für  seine  abscheuliche  Forderung  eines  deutschen  Parlaments
zu  liefern.  Und  sie  wären  so  gerne  populär  geblieben,  in
dieser  schlimmen  Zeit,  wo  durch  den  italienischen  Krieg
Osterreichs  Macht  erschüttert,  Preußens  Ansehen  gehoben,
das  Blut  der  Nation  in  Wallung  gerathen  war.  So  begann
man,  mit  Preußen  zu  unterhandeln.  Graf  Rechberg  bedauerte,
  daß  Preußen  trotz  der  Abrede  vom  August  seine
Ansicht  ohne  vorheriges  Benehmen  mit  Wien  unwiderruflich
festgestellt  habe,  wies  darauf  hin,  daß  die  jetzt  von  Preußen
so  hart  beurtheilte  Verfassung  von  1852  vorwiegend  die
Schöpfung  preußischer  Arbeiter  gewesen;  jedesfalls  sei  durch
        <pb n="361" />
        1859  Österreichs  Widerspruch.  351

die  damaligen  Bundesbeschlüsse  zwischen  dem  Kurfürsten  und
dem  Bunde  ein  fester  Rechtsboden  geschaffen,  an  welchem  der
Bundestag  nicht  rütteln  dürfe.  Auch  sei  der  bisher  eingehaltene
Weg  keineswegs  aussichtslos.  Erst  durch  Preußens  Umkehr
seien  in  Kurhessen  die  eben  in  Beruhigung  begriffenen  Gemüther
  wieder  aufgeregt  worden;  es  bedürfe  nichts  weiter,
als  daß  der  Bundestag  seinen  Ausschuß  beauftrage,  seinen
Bericht  in  einigen  Punkten  noch  etwas  günstiger  für  die
Stände  umzugestalten,  und  sachlich  tadellose  Artikel  der  Verfassung
  von  1831  als  Amendements  in  die  neue  Verfassung
einzufügen.  Aber  unmöglich  sei  es,  im  umgekehrten  Verfahren
die  durch  den  Bundestag  vernichtete  Verfassung  von  1831
als  Ganzes  herzustellen,  und  dann  die  einzelnen  schädlichen
Artikel  zu  ermitteln  und  auszumerzen.  Eine  von  Rechberg's
erstem  Referenten  in  deutschen  Sachen,  Herrn  von  Biegeleben,
verfaßte  Denkschrift  vom  26.  October  erhob  sich  hier  zu  der
salbungsvollen  Weihe  der  schönsten  Metternich'schen  Zeiten.
Ist  es  einmal  anerkannt,  sagte  sie,  daß  die  alte  Verfassung
mit  dem  Bundesrechte  unvereinbar  war,  so  wird  „kein  Wohlmeinender"
  es  tadeln,  daß  die  Gelegenheit  zu  einer  vollständigen
  Revision  benutzt  wurde,  um  unter  der  Autorität  des
Bundes,  unter  „freier"“  Mitwirkung  des  Landes  und  mit
„gutem“  Willen  „aller“  Betheiligten,  ein  vor  aller  künftigen
Anfechtung  sicheres,  des  Beifalls  der  Regierung  und  „der
Unterthanen“  würdiges  Werk  zu  erschaffen:  das  ist  der  wahre
Sinn  des  Bundesbeschlusses  von  1852;  zu  diesem  Zweck  sind
wir  bereit,  die  Zurückweisung  an  den  Ausschuß  auszusprechen,
um  dort  das  Werk  noch  weiter  zu  vervollkommnen.

Es  wurde  Herrn  von  Schleinitz  nicht  schwer,  in  Widerlegung
  dieser  wohltönenden  Redewendungen  den  preußischen
        <pb n="362" />
        352  Deutsche  Reformfragen.  1860

Standpunkt  zu  rechtfertigen.  Indessen  ging  er  auf  eine  Verschiebung
  des  Beschlusses  und  eine  nochmalige  Berathung
durch  den  Ausschuß  ein,  zu  lebhaftem  Verdrusse  Usedom's,
der  sich  dafür  rächte,  indem  er  die  von  Schleinitz  streng  verbotene
  Veröffentlichung  der  Denkschrift  vom  10.  October
unter  der  Hand  veranlaßte,  und  damit  ein  neues  Aufwogen
der  öffentlichen  Meinung  bewirkte.  Die  weitschichtigen  Verhandlungen
  zwischen  den  deutschen  Höfen,  welche  sich  jetzt
durch  lange  Monate  fortsetzten,  brauchen  wir  nicht  im  Einzelnen
  zu  verfolgen.  Die  erneuerte  Berathung  im  Ausschusse
des  Bundestags  lieferte  dann  in  einem  Vortrage  vom
19.  Januar  1860  folgendes  Ergebniß.  Wo  die  kurfürstliche
Regierung  und  die  Stände  einig  geworden,  gilt  ihr  Beschluß
für  die  betreffenden  Artikel  der  Verfassung  von  1852.  Wo
keine  Einigung  erzielt  worden,  gilt  der  Text  von  1852,  jedoch
mit  der  Ausnahme,  daß,  wo  die  Stände  eine  nicht  bundeswidrige
  Bestimmung  von  1831  beantragt  haben,  diese  aufzunehmen
  ist.  Dagegen  sind  die  von  der  Regierung  vorgeschlagenen
  Anderungen  ihrer  Verfassung  unstatthaft.  Es
war  als  Vermittlungsvorschlag  gemeint;  als  eine  große  Nachgiebigkeit
  erschien  es  den  Verfassern,  daß  sie  trotz  des  Bundesbeschlusses
  von  1852  eingeräumt  hatten,  es  gebe  doch  in  der
damals  völlig  verurtheilten  Verfassung  von  1831  bundesmäßige
  Bestandtheile.  Nichts  desto  weniger  aber  war  und
blieb  der  Ausschußantrag  ein  Werk  constituirender  Gewalt,
wie  sie  dem  Bundestage  nach  dessen  Grundgesetzen  nicht
zustand.  Ständische  Vorschläge  lagen  dem  Ausschusse  nach
den  letzten  Erklärungen  der  hessischen  Kammern  überhaupt
nicht  mehr  vor;  dem  Verdicte  des  Ausschusses,  daß  diese
Erklärungen  bedeutungslos  seien,  fehlte  es  an  jedem  Rechts-
        <pb n="363" />
        1860  Bundesbeschluß  für  eine  neue  Verfassung.  353

grunde;  so  hatte  der  Ausschuß  lediglich  nach  seinem  subjectiven
Ermessen  hier  einen  Artikel  geändert,  dort  einen  andern  genehmigt,
  als  wäre  in  aller  Welt  die  Befugniß  des  Bundestags,
  in  innern  Landessachen  materielles  Recht  zu  schaffen,
anerkannt.

Natürlich  blieb  Preußen  bei  seinem  Widerspruch.  Auf
der  andern  Seite  war  der  König  von  Hannover  sehr  verdrießlich
  über  den  Ausschuß,  der  in  16  Artikeln  der  liberalen
Strömung  nachgegeben  hatte.  Auch  der  Kurfürst  von  Hessen
grollte  über  die  Ablehnung  seiner  Amendements;  er  hatte
ernstlich  gehofft,  nach  deren  Durchsetzung  stark  genug  zu  sein,
um  einem  seiner  Söhne  die  Thronfolge  zu  sichern.  Indessen,
beide  Potentaten  erkannten  doch  bald,  daß  Besseres  als  der
Ausschußantrag  nicht  zu  erlangen  sei,  und  bequemten  sich,
demselben  ihre  unbedingte  Zustimmung  zu  geben.  So  wurde
am  24.  März  1860  vom  Bundestage  im  Sinne  des  Ausschusses
  beschlossen.  Mit  Preußen  stimmten  nur  die  sächsischen
Herzogthümer,  Oldenburg,  Waldeck,  Reuß  j.  L.,  die  freien
Städte.  Preußen  legte  darauf  gegen  den  Beschluß,  als  auf
einer  Competenzüberschreitung  beruhend,  Protest  ein,  und  erklärte
  ihn  für  rechtlich  nichtig  und  unverbindlich.  Der  stets
leidenschaftliche  Pfordten  sagte,  ein  solches  Verfahren  mache
dem  Ansehen  des  Bundestags  den  Garaus,  und  schlug  vor,
das  preußische  Votum  einem  speciellen  Ausschuß  zur  Censur
zu  überweisen.  Indessen  Osterreich,  Hannover,  Baden  riethen
ab,  und  man  ließ  es  bei  der  Präsidialerklärung  über  die
verfassungsmäßige  Pflicht  aller  Regierungen  zur  Anerkennung
des  Beschlusses  bewenden.  In  Privatgesprächen  räumten  die
Minister  Schrenck  in  München  und  von  Hügel  in  Stuttgart

sowie  der  König  von  Sachsen  ein,  man  sei  1852  am  Bunde
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  23
        <pb n="364" />
        354  Deutsche  Reformfragen.  1860

zu  weit  gegangen;  jedoch  der  Beschluß  sei  einmal  gefaßt  und
müsse  respectirt  werden.  Als  das  preußische  Abgeordnetenhaus
  darauf  im  April  nach  einer  äußerst  lebhaften  Verhandlung
die  Regierung  aufforderte,  in  der  Vertheidigung  des  hessischen
Landesrechts  unerschütterlich  fest  zu  bleiben,  antwortete  der
Württemberger  Staatsanzeiger  mit  einer  heftigen  Polemik
gegen  die  gesammte  preußische  Politik.  In  Cassel  aber
arbeitete  die  Regierung,  dem  Bundestagsbeschluß  entsprechend,
das  Grundgesetz  von  1852  um,  nahm  eine  Anzahl  der  frühern
ständischen  Anträge  und  damit  eine  homöopathische  Dosis
ständischer  Berechtigung  in  den  Text  auf,  und  publicirte  die
so  erwachsene  Verfassungsurkunde  am  30.  Mai  1860.  Es
kam  zunächst  darauf  an,  welche  Wirkung  sie  damit  im  Lande
erzielen  würde.

Während  auf  solche  Art  über  die  Grundgesetze  des  deutschen
Bundes  ein  heftiger  Streit  entbrannt  war,  führte  ein  Umschlag
in  der  großen  europäischen  Politik  noch  einmal  eine  überraschende
  Demonstration  deutscher  Einmüthigkeit  herbei.

Kaiser  Napoleon,  in  der  Klemme  zwischen  den  Anforderungen
  Osterreichs,  des  Papstes  und  des  französischen  Klerus
auf  der  einen,  und  den  in  Plombieres  von  ihm  halbwegs  anerkannten
  Bestrebungen  der  italienischen  Nationalpartei  auf
der  andern  Seite,  hatte  zuerst  mit  Österreich  Abrede  genommen,
  zur  Ordnung  der  italienischen  Verhältnisse  einen
Congreß  der  fünf  Großmächte  zu  berufen.  Dann  aber  fand
er,  daß  weder  Osterreich  noch  der  Papst  zu  den  in  Villafranca
  und  Zürich  verabredeten  innern  Reformen  irgend  welche
Anstalten  träfen,  und  folglich  auch  er  sich  an  diese  Verträge
nicht  weiter  zu  binden  brauche.  Trat  er  dagegen  wieder  mit
Sardinien  in  freundschaftliches  Benehmen,  so  konnte  er  auf
        <pb n="365" />
        —

1860  Vermehrte  Bewegung  in  JZtalien.  355

die  in  Plombieres  vereinbarte  Erwerbung  Savoyens  und
Nizzas  zurückkommen,  von  der  natürlich  seit  Villafranca  keine
Rede  gewesen  war.  Gegen  Ende  des  Jahres  1859  hatte  er
seinen  Entschluß  gefaßt.  Anfang  Januar  1860  erschien  eine
officiöse  Abhandlung:  Der  Papst  und  der  Congreß,  in  welcher
der  Satz  entwickelt  wurde,  die  weltliche  Herrschaft  des  Papstes
im  Kirchenstaat  sei  für  dessen  kirchliche  Autorität  weder  nöthig
noch  nützlich,  sondern  im  Gegentheil  verderblich.  Zugleich  erfolgte
  ein  ebenso  bezeichnender  Ministerwechsel:  an  die  Stelle
des  conservativen  Walewski  trat  der  italienisch  gesinnte  Thouvenel.
  Sofort  ergriff  auch  Cavour  in  Turin  die  Zügel  der
Regierung  auf's  Neue,  und  die  populäre  Bewegung  für  die
Einheit  Italiens  kam  in  allen  Theilen  des  Landes  in  verstärkten
  Fluß.  In  Florenz  und  Bologna  wurde  die  sardinische
Verfassung  und  das  sardinische  Wahlgesetz  eingeführt;  aus
Rom  und  den  Marken  gingen  zahlreiche  Bittschriften  nach
Paris  um  Befreiung  von  dem  unerträglichen  Regimente  des
Papstes;  in  Neapel  stieg  die  populäre  Gährung  zu  einer
solchen  Höhe,  daß  der  englische  Gesandte  erklärte,  es  gebe
kein  Drittes  mehr  außer  einem  Wechsel  des  Systems  oder
einem  Wechsel  der  Dynastie.  Napoleon  ließ  darauf  durch
eine  Depesche  vom  24.  Februar  dem  König  Victor  Emanuel
eröffnen,  wenn  er  sich  mit  der  Annexion  von  Parma  und
Modena  begnügen  und  daneben  die  Romagna  als  päpstlicher
Vicar  verwalten  wolle,  werde  Frankreich  ihm  gegen  jeden
feindlichen  Angriff  Beistand  leisten;  würde  er  aber  weiter
gehen,  so  geschehe  dies  auf  seine  eigene  Gefahr,  und  müsse
Frankreich  dann  seinen  Anspruch  auf  Savoyen  und  Nizza
erneuern.  Victor  Emanuel  wählte  die  letztere  Alternative,  und

im  Laufe  des  März  erfolgte  dann  auf  Grund  feierlicher  Volks-23“
        <pb n="366" />
        356  Deutsche  Reformfragen.  1860

abstimmung  die  Annexion  Toscanas  und  der  Emilia  (wie  jetzt  die
vereinten  Landschaften  von  Modena,  Parma  und  der  Romagna
genannt  wurden),  an  die  sardinische  Krone,  und  gleichzeitig  die
Einverleibung  Savoyens  und  Nizzas  in  das  französische  Reich.

Von  dem  großen  Congreß  war  längst  keine  Rede  mehr.
Wohl  aber  hatte  Napoleon  seinerseits  nach  der  Abwendung
von  Wien  und  Rom  sonstige  Anknüpfung  gesucht,  und  zum
Theil  auch  gefunden.  Das  englische  Whigministerium  nahm
warmen  Antheil  an  dem  Emporstreben  Italiens,  und  freute
sich  von  Herzen  an  der  Zertrümmerung  des  in  Villafranca
entworfenen  Systems.  Dazu  kam,  daß  Napoleon  schon  seit
einiger  Zeit  für  Frankreich  den  Übergang  von  den  bisher
herrschenden  Einfuhrverboten  und  Schutzzöllen  zu  den  Grundsätzen
  eines  gemäßigten  Freihandels  im  Sinne  trug,  in  England
  auch  dafür  lebhaftes  Entgegenkommen  fand,  und  am
20.  Januar  1860  zur  Unterzeichnung  eines  Handelsvertrags
gelangte,  dessen  Consequenzen,  wie  wir  bald  sehen  werden,
auch  für  die  Entwicklung  unserer  deutschen  Zustände  eine
hohe  Bedeutung  gewannen.  So  weit  war  also  das  französischenglische
  Einverständniß  vollkommen.  Auch  in  Rußland  war
zwar  die  Neigung  zu  Frankreich  nicht  mehr  so  warm  wie  im
Frühling  1859,  immer  aber  waren  Kaiser  Alexander  und
Fürst  Gortschakoff  auch  jetzt  noch  der  Ansicht,  daß  eine
Triple-Allianz  zwischen  Rußland,  Preußen  und  Frankreich
eine  wahre  Friedensliga  für  das  zur  Zeit  so  beunruhigte
Europa,  und  nebenbei,  wie  die  russischen  Gedanken  weiter
gingen,  auch  wohl  ein  trefflicher  Rückhalt  für  Rußlands
Stellung  im  Orient  gegenüber  Österreich  und  England  sein
würde.  Napoleon  hütete  sich,  derartige  Andeutungen  zurückzuweisen:
  im  Gegentheil,  ganz  im  russischen  Sinne  machte
        <pb n="367" />
        1860  Napoleon  sucht  sich  Preußen  zu  nähern.  357

er  wiederholte  Versuche,  bei  dem  preußischen  Regenten  ent—
sprechende  Tendenzen  hervorzurufen.  Er  sandte  freundliche
Winke  nach  Berlin,  daß  Frankreich  die  Erhebung  Preußens
zu  einer  würdigen  Stellung  im  deutschen  Bunde  mit  Freude
begrüßen  würde,  und  wenn  dann  Preußen  eine  kleine  Grenzberichtigung
  am  Rheine  zulasse,  würde  Frankreich  ihm  eine
reiche  Entschädigung,  ekwa  die  Erwerbung  Schleswig-Holsteins,
zusichern.

Der  Prinz-Regent  ließ  alle  diese  Eröffnungen  platt  zu
Boden  fallen,  und  als  dann  Ende  März  die  Annexion  von
Savoyen-Nizza  durch  Napoleon  unter  der  amtlichen  Erklärung
erfolgte,  daß  Frankreich  an  dieser  Stelle  seine  natürlichen
Grenzen  wieder  gewonnen  habe,  ging  ein  tiefer  Riß  durch
das  ganze  diplomatische  Gewebe.  Napoleon  hatte  vor  dem
Kriege  Frankreichs  hohe  Uneigennützigkeit  verkündet:  jetzt  lag
hier  die  Erwerbung  einer  stattlichen  Provinz,  und  zugleich
der  Wunsch  auf  die  weitere  Herstellung  der  sogenannten  natürlichen
  Grenze,  also  die  Eroberung  des  linken  Rheinufers,
offen  zu  Tage.  Die  Schweiz  und  Deutschland  sahen  sich
gleichmäßig  bedroht,  und  die  Aufregung  äußerte  sich  in  immer
stärkerem  Maaße,  als  auch  in  England  die  Regierung  und
die  Zeitungen  ihr  Mißtrauen  gegen  die  gefährliche  und  unberechenbare
  Politik  des  französischen  Imperators  aussprachen.
Es  war  vergebens,  daß  Napoleon  so  feierlich  wie  möglich
seine  Friedensliebe  betheuerte;  Alles,  was  er  erreichte,  war
eine  Erklärung  Lord  Palmerston's,  daß  England  zwar  keinen
Krieg  wegen  der  Anncxion  Savoyens  beginnen  würde,  bei
der  Mißbilligung  des  Ereignisses  aber  nachdrücklich  beharre.
Der  preußische  Regent,  der  in  dieser  Zeit  eine  Fahrt  durch
die  Saargegend  machte,  nahm  hier  bei  einer  festlichen
        <pb n="368" />
        358  Deutsche  Reformfragen.  1860

Begrüßung,  zu  Napoleon's  schwerem  Verdruß,  Gelegenheit  zu
dem  Ausspruche:  niemals  werde  er  einwilligen,  daß  eine
Scholle  deutscher  Erde  dem  Vaterlande  verloren  gehe.  Als
dann  vollends  Anfang  Mai  Garibaldi  mit  einer  Schaar  von
1000  Freiwilligen  aus  dem  Hafen  von  Genua  in  See  ging,
und  nach  einigen  Tagen  bekannt  wurde,  daß  er  in  Sicilien
gelandet  sei,  um  auch  diese  Insel  der  Herrschaft  Victor
Emanuel's  zu  unterwerfen:  da  war  alle  Welt  überzeugt,
niemals  hätte  Garibaldi  ein  solches  Unternehmen  ohne  Cavour's
Mitwirkung,  und  niemals  Cavour  es  ohne  die  Billigung
Napoleon's  gewagt.  Besonders  das  russische  Cabinet,  welches
von  jeher  es  liebte,  sich  als  besondern  Beschützer  Neapels
hinzustellen,  drückte  sowohl  in  Turin  als  auch  in  Paris  sein
großes  Befremden  aus.  Napoleon  versicherte,  daß  ihm  die
schlimme  Sache  völlig  fremd  sei,  fand  aber  wenig  Glauben
damit,  obwohl  er  dieses  Mal  vollkommen  die  Wahrheit  sprach,
und  selbst  durch  Cavour  gründlich  getäuscht  worden  war.
Dieser  hatte  Garibaldi's  Ausrüstung  in  jeder  Weise  befördert,
im  Stillen  eine  Anzahl  neapolitanischer  Generale  für  die
italienische  Einheit  gewonnen,  und  zuletzt  Garibaldi's  Fahrt
durch  ein  schützendes  sardinisches  Geschwader  geleiten  lassen:),
unausgesetzt  aber  hatte  er  zugleich  dem  französischen  Gesandten
die  bestimmtesten  Versicherungen  gegeben,  daß  er  von  Garibaldi's
Plänen  und  Treiben  absolut  keine  Ahnung  habe  —  so  daß
Napoleon  durch  die  Landung  in  Sicilien  ebenso  wie  die
übrigen  Menschen  überrascht  wurde.

1)  Dem  Commandanten  desselben  gab  Cavour  mündlich  die  Weisung,
die  Expedition  im  Nothfall  zu  schützen.  Der  Officier  sagte:  wenn  es
geschehen  ist,  werden  Sie  mich  auf  die  Festung  setzen.  Cavour  erwiderte:
ganz  gewiß,  mein  Bester;  ich  sehe,  daß  Sie  mich  verstanden  haben.
        <pb n="369" />
        1860  Zusammenkunft  des  Prinz-Regenten  und  Napoleon's.  359

Aber  was  half  es  ihm?  Er  war  einmal  der  Gegenstand
allgemeines  Argwohns  geworden;  nach  den  Schwankungen
seiner  doch  immer  aggressiven  Politik  traute  man  ihm,  und
nicht  ohne  Grund,  Umwälzungspläne  an  allen  Enden
Europas  zu;  in  diesem  Augenblicke  fand  sich  niemand  mehr
geneigt,  mit  ihm  sich  einzulassen.  Unter  solchen  Umständen
wandte  er  auf's  Neue  seinen  Blick  auf  Preußen.  Das  ruhige,
offene  und  feste  Verhalten  des  Prinz-Regenten  im  vorigen
Jahre  hatte  bei  ihm  nicht  Haß,  sondern  Achtung  hervorge—
rufen:  er  ließ  den  Vorschlag  zn  einer  persönlichen  Zusammen—
kunft  nach  Berlin  gelangen.  Der  Regent  hatte  die  Vor—
stellung,  Napoleon  suche  ihn  mit  Deutschland  zu  verfeinden
und  den  Austausch  Rheinlands  gegen  Schleswig-Holstein
wieder  zur  Sprache  zu  bringen,  lehnte  den  Antrag  also
zweimal  ab,  und  nahm  ihn  endlich  nur  unter  der  erklärten  Voraussetzung
  an,  daß  die  Grundlage  aller  Verhandlungen  die
Unverletzlichkeit  des  deutschen  Gebictes  sein  werde.  Bereits
hatte  ihm  König  Max  von  Bayern  seinen  Besuch  in  Baden-Baden
  während  des  üblichen  Sommeraufenthalts  des  Prinzen
angemeldet;  auch  der  König  von  Württemberg  wollte  kommen;
dorthin  lud  der  Regent  auch  den  französischen  Kaiser  ein,
und  machte  die  bevorstehende  Zusammenkunft  durch  Circular
den  deutschen  Höfen  bekannt.  Dies  bewirkte  aller  Orten  ein
nervöses  Unbehagen,  bei  dem  König  von  Hannover  aber,  den
schon  der  Besuch  des  Königs  Max  in  Baden  mit  Sorge  und
Verdruß  erfüllte,  die  tiefste  Gemüthsbewegung.  Längst  war
ihm  der  Prinz-Regent  mit  seinen  liberalen  Ministern  und
seinen  Bundesreformen  verdächtig;  das  napoleonische  Kaiserthum
  aber  betrachtete  er  vollends  als  die  Fleischwerdung  des
teuflischen  Geistes.  Aus  einer  Verbindung  Beider  konnte
        <pb n="370" />
        360  Deutsche  Reformfragen.  1860

nichts  als  Unheil,  Annexion,  Vernichtung  fürstlicher  Souveränität
  hervorgehen.  Nach  langem  Sinnen  entschloß  er  sich,
der  Gefahr  dicht  auf  den  Leib  zu  rücken,  fuhr  die  Nacht  durch
nach  Berlin,  und  trat  früh  Morgens  am  13.  Juni  bei  dem
Regenten  ein.  Du  darfst  nicht  hingehen,  rief  er,  oder  Du
mußt  alle  deutschen  Fürsten  und  den  Kaiser  von  Osterreich
ebenfalls  zu  der  Zusammenkunft  einladen.  Der  Regent,  etwas
verwundert  über  den  Eifer,  ließ  die  Erwähnung  des  Keisers
von  Osterreich  auf  sich  beruhen,  lud  zunächst  den  hohen  Interpellanten
  selbst  ein,  und  schrieb  dann  auch  zu  gleichem  Zweck
an  König  Johann  von  Sachsen.  Ich  konnte  niemand  einladen,
  sagte  er  nachher,  und  niemand  ausschließen,  aber  ich
wollte  nicht,  daß  es  aussehe,  als  dächte  ich  etwas  hinter  dem
Rücken  Deutschlands  zu  thun.

Wir  müssen  über  diese  Zusammenkunft  etwas  näher
berichten,  nicht,  als  wären  dort  wichtige  Ergebnisse  erzielt
worden,  sondern  weil  ihr  Verlauf  so  ungemein  charakteristisch
für  den  Prinz-Regenten  ist,  der  jeden  Gedanken  abwies,  die
französische  Zuvorkommenheit  als  diplomatisches  Pressionsmittel
  gegen  die  deutschen  Widersacher  seiner  nationalen
Zwecke  zu  benutzen,  und  sich  mit  unbedingter  Offenheit
als  Vertreter  aller  deutschen  Staaten  Napoleon  gegenüber
stellte.

Am  14.  Juni  kam  der  Regent  in  Baden  an,  wo  König
Max  schon  seit  einigen  Tagen  eingetroffen  war;  die  drei  andern
Könige,  und  eine  Anzahl  kleinerer  Fürsten,  Baden  als  Hausherr,
  Darmstadt  und  Nassau,  Weimar  und  Coburg  waren
ebenfalls  erschienen.  Der  Regent  sprach  ihnen  seinen  Entschluß
  aus,  keine  Gebietsveränderung  auf  Kosten  Deutschlands
oder  deutscher  Staaten  zuzulassen.  Die  vier  Könige  ver-
        <pb n="371" />
        1860  Fürstenversammlung  in  Baden.  361

abredeten  unter  sich,  dem  Prinzen  königliche  Ehren  zu  erweisen
und  ihm  den  Vortritt  einzuräumen.  So  empfing  er  am  15.  Juni
Abends  7  Uhr  den  kaiserlichen  Gast  an  der  Spitze  einer  Schaar
gekrönter  Häupter.  Nach  8  Uhr  machte  er  dem  Koaiser  seinen  Besuch;
  ihr  Gespräch,  das  einzige,  was  sic  unter  vier  Augen  hatten,
dauerte  etwa  eine  Stunde,  hatte  aber  kaum  einen  andern  Inhalt,
als  Napoleon's  Klage  über  die  grundlose,  gegen  ihn  in  Deutschland
  herrschende  Aufregung  und  die  feindselige  Haltung  fast
der  gesammten  deutschen  Presse.  Es  sei  wahr,  sagte  er,  es
gebe  eine  Partei  in  Frankreich,  die  nach  deutschem  Gebiet  strebe.
E  aber  sei  anderer  Ansicht;  er  wünsche,  daß  die  beiden  Völker,
die  an  der  Spitze  der  Civilisation  ständen,  in  Frieden  verkehren
und  ihre  Interessen  verschmelzen  möchten.  Um  diese  Gesinnung
zu  bekunden,  sei  er  hergekommen.  Der  Regent  sprach  darauf
seine  Freude  und  Zustimmung  aus,  er  sei  um  so  bereitwilliger
auf  die  Zusammenkunft  eingegangen,  als  sie  ein  Pfand  des
Friedens  sein  sollte.  Zugleich  bemerkte  er,  daß  die  Beunruhigung
in  Deutschland  die  Folge  der  Einverleibung  Savoyens  nach  der
feierlichen  Proclamation  französischer  Uneigennützigkeit  gewesen
sei.  Das  sei,  rief  Napoleon,  ein  Ausnahmefall,  in  Folgc  eines
vorausgegangenen  Vertrags,  nach  welchem,  wenn  Sardinien
Vortheile  erlange,  Frankreich  für  die  geleistete  Hülfe  eine  Entschädigung
  erhalten  sollte.  Was  Deutschland  betreffe,  so
lägen  hier  die  Dinge  ganz  anders.  Auch  ich,  erwiderte  der
Prinz,  habe  von  jenem  Vertrage  keine  Kenntniß  gehabt,  und
bei  dem  Publicum  war  der  Eindruck  der  Annexion  um  so
stärker,  als  Ew.  Majestät  sich  im  Kriege  als  glücklichen  Feldherrn
  bewährt  haben.  Nun,  fragte  Napoleon,  was  ist  zu
thun,  um  diese  Besorgnisse  zu  stillen?  Sagen  Sie  den  deutschen
Fürsten,  antwortete  der  Prinz,  was  Sie  mir  gesagt  haben.
        <pb n="372" />
        362  Deutsche  Reformfragen.  1860

Der  Kaiser  erging  sich  darauf  länger  über  die  Geißel
der  Presse,  die  eine  Macht  geworden  sei;  er  selbst  habe  sehr
wenig  Gewalt  über  sie;  man  müsse  sich  aber  hüten,  daß  sie
nicht,  wie  in  England,  das  Land  regiere.  Dann  bezeichnete
er  die  Furcht  Englands  vor  einer  französischen  Invasion  als
eine  kindische,  denn  die  Sache  sei  unmöglich.  Diese  Unmöglichkeit
  bestritt  der  Prinz,  da  einer  Dampfflotte  sehr  wohl
die  Landung  gelingen  könne.  Napoleon  erwiderte:  Landen
und  Sichbehaupten  ist  zweierlei,  und  das  Letztere  ist  un—
möglich.  Er  knüpfte  daran  die  Betheuerung,  er  wünsche  im
Gegentheil  immer  engere  Beziehungen  mit  England,  und  er
habe  deshalb  den  Handelsvertrag  geschlossen.  Es  würde
sehr  erfreulich  sein,  wenn  ein  solcher  Vertrag  auch  zwischen
Frankreich  und  dem  Zollverein  zu  Stande  käme.  Der  Prinz
wies  das  nicht  zurückt).

Napoleon's  friedliche  Erklärungen  an  die  deutschen
Jürsten  erfolgten  denn  am  Morgen  des  16.  Juni  im  Verlaufe
  der  fürstlichen  Besuche  und  Gegenbesuche.  Lassen  Sie,
sagte  ihm  der  König  von  Württemberg,  Ihre  Worte  in  allen
französischen  Zeitungen  publiciren.  Als  darauf  Napoleon
sondirte,  ob  Preußen  nicht  nach  Gebietserweiterung  strebe,
sprach  der  König  seine  entgegengesetzte  Überzeugung  aus.
Auch  bei  dem  König  von  Hannover  fuhr  der  Kaiser  vor,
vernahm  aber,  daß  der  König  nicht  zu  Hause  sei;  der  König
war  in  der  That  nicht  im  Hause,  sondern  hinter  demselben
im  Garten.  Bei  dem  König  von  Sachsen  äußerte  Napoleon
den  Wunsch  eines  Handelsvertrags,  worauf  ihn  der  König
an  Preußen  verwies.  Es  gab  dann  Kirchenbesuch,  Promenaden,

1)  Aufzeichnung  des  Prinzen  und  Flemming's  nach  Mittheilung
des  Prinzen  an  Schleinitz,  16.  Juni.
        <pb n="373" />
        1860  Abreise  Napoleon's.  363

Festschmaus,  wie  üblich;  am  Abend  eine  große  Soiree;  der
anwesende  österreichische  Gesandte,  Graf  Trautmannsdorff,
berichtete  darüber,  das  Benehmen  des  Kaisers  sei  während
des  ganzen  Abends  sehr  ruhig  und  gemessen,  beinahe  still
gewesen;  er  habe  mit  niemand  ein  längeres  Gespräch  gepflogen,
die  meisten  deutschen  Fürsten  ihm  gegenüber  eine  verlegene
Zurückhaltung  gezeigt.  Auch  die  Bevölkerung  verhielt  sich
gegen  ihn  äußerst  kühl,  gebot  einem  Trupp  Franzosen  bei
einem  Hochruf  Schweigen,  und  ließ  dann  ihrerseits  den
Prinz-Regenten  hochleben.  Am  17.  hatte  der  Kaiser  noch
ein  Gespräch  mit  dem  Regenten  und  König  Max  über  Neapel;
wie  dieser  nachher  erzählte,  wären  Napoleon's  ÄAußerungen
nicht  befriedigend  gewesen;  er  müsse  bei  den  italienischen  Ereignissen
  stets  die  Möglichkeit  eines  Conflicts  mit  England
vor  Augen  haben;  auch  könne  er  dem  Könige  von  Sardinien
nicht  energisch  entgegen  treten,  der  von  der  Volkspartei  vorwärts
  gedrängt  werde  und  nicht  die  Kraft  zum  Widerstand
besitze.  Indessen  versprach  er,  wie  bisher  abmahnend  auf
Sardinien  wirken  zu  wollen.  Der  Prinz  vertrat  die  dynastischen
Interessen  Neapels,  trotz  des  unglücklichen  Regierungssystems.
Der  Orient,  Osterreich,  Dänemark  wurden  nicht  erwähnt  .

Am  Abend,  kurz  vor  der  Abreise,  gelang  dem  Kaiser  noch
eine  Eroberung  besonderer  Art.  Er  trat  unangemeldet  in  den
Salon  des  Königs  von  Hannover,  wartete  dort  ganz  ruhig,
bis  der  blinde  Herr  erschien,  der  zuerst  sehr  unwillig  über  das
Eindringen  eines  Fremden  war,  dann  aber  aus  der  Hand
des  Kaisers  den  Orden  der  Ehrenlegion  mit  gnädigem  Danke
empfing,  und  durch  die  wohlberechneten  Reden  Napoleon's

1)  Telegramm  des  Regenten  an  Schleinig,  18.  Juni.
        <pb n="374" />
        364  Deutsche  Reformfragen.  1860

so  bezaubert  wurde,  daß  er  seitdem  das  Lob  desselben  in
allen  Tonarten  verkündete.  Um  9  Uhr  reiste  Napoleon  ab,
schwerlich  erbaut  von  dem  Verlauf  und  den  nichtigen  Ergebnissen
  seiner  Expedition.

Dem  Prinz-Regenten  war  übrigens  noch  ein  Nachspiel
des  großen  Fürstentages  zugedacht.  Er  war,  auf  die  Gefahr
einer  schweren  Verstimmung  Napolcon's,  so  nachdrücklich  im
Sinne  deutscher  Eintracht  aufgetreten,  daß  ihm  über  das
Wesen  derselben  eine  deutliche  Belehrung  nicht  unerwartet
kommen  konnte.

Am  Vormittag  des  17.  Juni  hatte  (wenn  ich  nicht  irre,
auf  Betreiben  des  Königs  von  Hannover),  eine  Conferenz  der
großdeutsch  gesinnten  Fürsten  —  zu  welchen  der  Großherzog
von  Baden  bereits  nicht  mehr  gerechnet  wurde  —  also  der
vier  Könige,  des  Großherzogs  von  Darmstadt  und  des  Herzogs
von  Nassau,  bei  dem  König  Max  von  Bayern  Statt  gefunden,
um  die  zwischen  ihnen  und  Preußen  schwebenden  Streitfragen
zu  besprechen.  Zuerst  erwogen  sie  die  widerwärtige  kurhessische
Sache:  Hannover  und  Sachsen  begehrten,  daß  man  sie  sofort
und  definitiv  erledige,  indem  der  Bund  der  neuen  Verfassung
vom  30.  Mai  seine  Garantie  ertheile.  Aber  Bayern  und
Württemberg  mahnten  zur  Vorsicht;  Württemberg  hatte  verfassungsrechtliche
  Bedenken,  und  Bayern  war  dagegen  aus
Rücksicht  auf  die  öffentliche  Meinung.  So  kam  kein  Beschluß
zu  Stande,  und  man  wandte  sich  zu  der  noch  wichtigeren
Frage,  zu  der  von  Preußen  begehrten  Reform  der  Bundeskriegsverfassung.
  Alle  Stimmen  waren  einig,  daß  der  preußische
Antrag  nach  dem  von  Pfordten  verfaßten  Ausschußgutachten
abzulehnen  sei.  Aber  bei  näherer  Betrachtung  ergaben  sich
auch  hier  verschiedene  Meinungen.  König  Johann  von  Sachsen
        <pb n="375" />
        1860  Conferenz  der  großdeutschen  Fürsten.  365

schlug  vor,  die  Motive  des  Ausschußgutachtens,  nach  welchen
bei  dem  Eintritt  des  ganzen  österreichischen  oder  preußischen
Heeres  in  den  Bundeskrieg  besondere  Abrede  vorbehalten  bliebe,
ausdrücklich  anzuerkennen,  und  danach  den  Prinz-Regeuten
zu  bitten,  entweder  seinen  Antrag  zurückzuziehen,  oder  doch
gegen  den  bevorstehenden  Bundesbeschluß  nicht  wieder  Protest
einzulegen.  Aber  dagegen  erhob  sich  König  Georg  von  Hannover
mit  lebhaftem  Eifer.  Danach  würde  Preußens  Plan  für  den
Kriegsfall  dennoch  verwirklicht;  lasse  es  sich  nicht  erreichen,
daß  die  beiden  Großmächte  je  drei  Armeecorps  bundesmäßig
unter  den  gewählten  Bundesfeldherrn  stellten,  so  sei  es  dann
das  Beste,  drei  Armeen  zu  bilden,  neben  jenen  der  Großmächte
die  übrigen  Bundestruppen,  deren  Feldherr  von  den  betreffenden
  Regierungen  gewählt,  und  nach  Bundesrecht  geleitet  und
beaufsichtigt  würde.  Auch  hier  zeigte  sich  ein  einhelliger
Beschluß  unmöglich;  man  begnügte  sich  endlich  mit  einem
Auftrage  für  König  Max  von  Bayern,  mit  dem  Prinz-Regenten
  Namens  der  deutschen  Fürsten  sowohl  hierüber,  als
über  die  Unterdrückung  des  Nationalvereins  mit  möglichstem
Nachdruck  zu  unterhandeln.

König  Georg  aber  vermochte  sich  dabei  nicht  zu  beruhigen.
  Gleich  nach  der  Besprechung  dictirte  er  noch  eine
Denkschrift  über  die  Kriegsverfassung  für  seine  Freunde,  des
Inhalts,  daß  nach  den  bestimmten  Erklärungen  des  Prinz-Regenten
  bei  einem  Kriege  die  Bundeskriegsverfassung  in
ihrer  jetzigen  Gestalt  auffliegen  würde,  das  wäre  jedoch  ein
Ereigniß  von  der  größten  politischen  Tragweite,  denn  der
damit  durchgeführte  Dualismus  würde  die  Einheit  Deutschlands
  zerreißen,  aber  auch  die  Axt  an  die  Wurzel  der  fürstlichen
  Souveränität  legen.  Nun  sei  eins  ihrer  Hauptmomente
        <pb n="376" />
        366  Deutsche  Reformfragen.  1860

die  Militärhoheit;  deren  Verlust  sei  der  Anfang  des  Endes,
und  die  Fürsten  dann  Vasallen  der  Großmächte.  Ein  solcher
Zwitterzustand  sei  auf  die  Dauer  nicht  haltbar;  die  Sou—
veränität  müsse  entweder  in  ihrer  Unumschränktheit  und
Heiligkeit  walten,  oder  sie  werde  in  kurzer  Frist  gänzlich
erlöschen.

Der  stolze  Welfe,  der  mit  solchem  Eifer  für  die  Unan—
tastbarkeit  seines  historischen  Rechtes  kämpfte,  wußte  nicht,
daß  vor  dem  letzten  Jahrhundert  seine  erlauchten  Vorfahren
stets  nur  eine  beschränkte  und  getheilte  Souveränität  besessen
hatten,  oder  genauer,  daß  überhaupt  der  Begriff  der  un—
getheilten  Souveränität  ein  Erzeugniß  erst  sehr  moderner
Zeiten  gewesen  ist.

Seinerseits  lud  der  Prinz-Regent,  um  dem  Congresse  einen
förmlichen  Abschluß  zu  geben,  auf  Betreiben  Badens,  Wei—
mars  und  Coburgs,  am  18.  Juni  die  sämmtlichen  Souveräne
zu  einer  Versammlung  ein.  In  einer  genau  erwogenen  Rede
betonte  er  die  Unverletzlichkeit  des  deutschen  Gebiets,  die  er
bei  der  Zusammenkunft  mit  Napoleon  als  Bedingung  jedes
guten  Einvernehmens  bezeichnet  hatte,  erklärte  dann  seinen
Entschluß,  bei  seiner  bisherigen  innern  und  äußern  Politik
zu  beharren,  und  sprach  die  Hoffnung  auf  baldige  Her—
stellung  herzlicher  Beziehungen  zu  Osterreich  aus.  Als
darauf  die  vier  Könige  ihn  um  gemeinsame  Maaßregeln
gegen  den  Nationalverein  bestürmten,  lehnte  er  weitere  Erklärungen
  ab,  und  bewirkte  sofort  die  Auflösung  der  Versammlung:).
  Die  hohen  Herren  trennten  sich  in  sehr  gemischter
Stimmung.

1)  Ernst  II.,  aus  meinem  Leben  III,  46.
        <pb n="377" />
        1860  Schlußversammlung.  König  Max  und  der  Prinz-Regent.  367

Indessen  versuchte  nach  der  Abreise  der  deutschen  Fürsten,
wobei  der  König  von  Württemberg  zum  Prinz-Regenten
noch  einmal  über  den  Nationalverein  heftig  polternd  sprach,
der  gute  König  Max  am  19.  Juni  sein  Heil  bei  dem  preußischen
  Herrscher.  Zuerst  vertrat  er  als  Vermittlungsvorschlag
die  Dreitheilung  des  Bundesheeres;  der  preußische  Plan  sei
für  die  deutschen  Souveräne  unannehmbar,  da  er  ihnen  die
Verfügung  über  ihre  Truppen  nähme;  Preußen  möge  also
seinen  Plan  zurückziehen.  Aber  ganz  entschieden  erwiderte
der  Prinz,  daß  daran  nicht  zu  denken  sei;  beide  Pläne  kämen
vor  dem  Bund  zur  Entschließung.  Die  Einheit  sei  an  sich
das  Beste,  jedoch  ergebe  sich  bei  der  Größe  der  Heere  und
der  Entfernung  der  Kriegstheater  die  Zweithcilung  von  selbst.
Bei  der  Dreitheilung  proclamire  man  die  Anarchie;  die  Einsprüche
  und  Verwahrungen  der  im  Hauptquartier  anwesenden
fürstlichen  Commissare  würden  alle  Bewegungen  des  Bundesheeres
  lähmen.  Die  Zweitheilung,  sagte  der  König,  wäre  die
Theilung  Deutschlands  nach  der  Mainlinie.  Sie  wäre,  erwiderte
  der  Prinz,  eine  momentane  Maaßregel  für  die  Dauer
des  Kriegs.  Ebenso  geringen  Erfolg  hatte  der  König  mit
dem  Begehren,  dem  Nationalverein  energisch  entgegen  zu
treten.  Der  Prinz  bezog  sich  hinsichtlich  seiner  eigenen
Stellung  zu  den  deutschen  Fragen  auf  die  Antwort  an  die
Stettiner,  weigerte  aber  jede  Verfolgung  des  Vereins,  so
lange  keine  strafbaren  Handlungen  vorlägen;  was  Derartiges
in  Sachsen,  Hannover  und  sonst  geschehen,  habe  allgemeine
Mißbilligung  erfahren.  Der  König  konnte  dies  nicht  läugnen,
und  wandte  sich  jetzt  um  so  eifriger  zu  einem  persönlichen
Wunsche,  der  ihn  eigentlich  zu  dem  Besuche  in  Baden  getrieben
hatte,  dem  Wunsche,  eine  Annäherung  an  Österreich  herbei-
        <pb n="378" />
        368  Deutsche  Reformfragen.  1860

zuführen.  Der  Prinz  erklärte  sich  sehr  bereit  dazu,  unter  der  einfachen
  Bedingung,  daß  Osterreich  endlich  aufhöre,  Preußen  als
Emporkömmling  zu  betrachten,  und  es  aufrichtig  als  gleichberechtigte
  Großmacht  anerkenne.  Schon  die  Zusammensetzung
des  heutigen  Preußen  im  Jahre  1815  aus  zwei  getrennten
Ländermassen  seibereits  auf  seine  Schwächung  berechnet  gewesen;
als  Preußen  dennoch  gestiegen,  sei  von  Wien  die  Verdächtigung
ausgegangen,  Preußen  suche  die  zwischen  seinen  Provinzen
liegenden  Staaten  einzuverleiben,  und  eine  vierzigjährige  Erfahrung
  habe  das  so  genährte  Mißtrauen  nicht  auslöschen
können.  Ich  muß  abwarten,  sagte  der  Prinz,  ob  meine
neuesten  Außerungen  diese  Stimmung  verscheuchen  werden,
aber  niemand  kann  mir  verdenken,  wenn  ich  mich  verletzt
fühle:  Osterreich  hat  die  Lösung  der  Frage  in  der  Hand;
sobald  es  aufhört,  Preußen  schaden  zu  wollen,  wird  der
Ausgleich  leicht  erreichbar  sein.  König  Max  meinte  darauf,
Preußens  Haltung  während  des  letzten  Kriegs  habe  ihm
sehr  geschadet;  man  habe  geglaubt,  Preußen  zögere  absichtlich,
um  Osterreich  in  das  Unglück  gerathen  zu  lassen.  Der  Prinz
fragte:  wann  wurde  damals  Deine  Armce  marschfertig?  Im
Juli,  antwortete  der  König,  gerade  als  Deine  Aufforderung
ankam.  Nun  ganz  dasselbe,  fuhr  der  Regent  fort,  hat  mir
auch  Prinz  Friedrich  von  Württemberg  gesagt:  wie  wäre  es
geworden,  wenn  ich  schon  im  April  hätte  marschiren  wollen?
Nein,  wir  haben  gezögert,  um  nicht  das  französische  Hauptheer
  von  Anfang  an  auf  deutschen  Boden  zu  ziehen,  Osterreich
  aber  hat  zu  Villafranca  lieber  auf  eine  Provinz  verzichtet,
  als  daß  es  uns  einen  Siegesruhm  gegen  Frankreich
gegönnt  hätte.

Trotz  des  gereizten  Gefühls,  welches  aus  diesen  Worten
        <pb n="379" />
        1860  König  Max's  Vermittlung  zwischen  Preußen  u.  Österreich.  369

sprach,  machte  der  König  den  Vorschlag  zu  einer  persönlichen
Zusammenkunft  des  Prinzen  mit  dem  Kaiser  Franz  Joseph,
zu  deren  Einleitung  er  mit  Freuden  die  erforderlichen  Schritte
thun  würde.  Der  Prinz  erhob  keine  Einwendung  dagegen;
nur  müsse,  nach  dem  für  Preußen  beleidigenden  Manifeste
vom  vorigen  Jahr,  der  erste  Schritt  von  Wien  aus  geschehen.
Er  fügte  hinzu,  daß  er,  seinem  Grundsatze  getreu,  auf  vorzeitige
  Garantien  und  Allianzen  nicht  eingehen  würde,  wohl
aber  auf  Besprechung  bestimmter  Kriegs-Eventualitäten,  bei
denen  Osterreich  und  Preußen  in  Verbindung  mit  Deutschland
vereint  aufzutreten  hätten.

König  Max  ging  darauf  bei  der  Wiener  Hofburg  mit
Eifer  an  das  Werk  der  Versöhnung,  und  fand  hier  um  so
günstigeren  Boden,  als  Osterreich  kurz  zuvor  in  Petersburg
über  die  Herstellung  der  heiligen  Allianz  sondirt  hatte,  und
vom  Fürsten  Gortschakoff  deshalb  an  Preußen  verwiesen
worden  war  1).  Auch  der  Prinz-Regent  that  das  Seinige,
indem  er  in  einem  Briefe  an  den  Kaiser  Franz  Joseph  die
Vorgänge  in  Baden  schilderte,  und  daraus  den  Nutzen  des
Zusammengehens  von  Osterreich  und  Preußen  in  der  europäischen
  Politik  folgerte.  Am  10.  Juli  antwortete  dann  der
Kaiser  mit  dem  Vorschlage  einer  Zusammenkunft  etwa  in
Dresden.  Es  war  unterdessen  bekannt  geworden,  daß  die
Könige  der  Mittelstaaten  dringend  wünschten,  auch  hier,  wie
es  in  Baden  geschehen,  der  Vereinigung  der  beiden  Machthaber
  beizuwohnen;  der  Prinz-Regent  aber  fand  darin  keine
Verschönerung  der  Sache,  und  schlug  deshalb  dem  Kaiser
eine  Conferenz  unter  vier  Augen  in  Toeplitz  vor,  welche

1)  Bismarck's  Berichte.
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  21
        <pb n="380" />
        370  Deutsche  Reformfragen.  1860

umgehend  von  diesem  angenommen  wurde.  Rechberg  und
Schleinitz  sollten  ihre  Souveräne  begleiten.  Der  Prinz-Regent
erwog  am  20.  Juli  in  Mainz  das  Programm  für  die  Besprechung.
  Es  wurde  anerkannt,  daß  durch  die  Vorgänge
in  Baden  eine  französisch-preußische  Allianz  auf  lange  hin
unmöglich  geworden  sei;  damit  habe  sich  der  Kreis  der  diplomatischen
  Mittel,  um  von  Osterreich  Zugeständnisse  zu  erlangen,
  erheblich  verengt.  Immer  müßte  Preußen  für  eine
Unterstützung  Osterreichs  in  Italien  entsprechende  Vortheile
in  Anspruch  nehmen,  also  Beseitigung  der  Mißstände  im
Bunde,  Alternat  im  Präsidium  des  Bundestags,  Erledigung
der  holsteiner  Sache  im  preußischen  Sinne.  Sonst  würde
der  Landtag  niemals  Geld  für  einen  Krieg  zu  Gunsten
Osterreichs  bewilligen.  Außerdem  hatte  der  Prinz-Regent
schon  seit  längerer  Zeit  den  Gedanken,  daß  eine  Allianz  mit
Osterreich  nur  dann  Werth  habe,  wenn  dieses  wieder  innerlich
gekräftigt  sei,  und  daß  eine  solche  Herstellung  liberale  Reformen
  und  religiöse  Duldsamkeit  voraussetze.  Nach  diesen
Gesichtspunkten  machte  er  am  26.  Juli  dem  Keiser  seine
Vorschläge.  Nach  denselben  würde  Preußen  bereit  sein  zu
gemeinschaftlicher  Abwehr  gemeinschaftlicher  Gefahr,  also  zur
Abwehr  eines  französischen  Angriffs  auf  die  Besitzungen  beider
Staaten,  es  wäre  denn,  daß  der  Krieg  von  Osterreich  provocirt
  würde:  worauf  Franz  Joseph  sofort  erklärte,  nie  einen
Krieg  provociren  zu  wollen,  und  falls  er  sich  zu  einem  Angriff
  gezwungen  glaube,  ihn  nur  nach  Verständigung  mit
Preußen  zu  unternehmen.  Ferner  sei,  proponirte  der  Prinz,
gemeinsamer  Widerstand  gegen  etwaige  französische  Annexionsgelüste
  auf  die  Schweiz,  Belgien  und  Holland  zu  leisten.
Einen  Angriff  Sardiniens  werde  Deutschland  als  Kriegsfall
        <pb n="381" />
        1860  Kaiser  Franz  Joseph  und  der  Prinz-Regent  in  Teplitz.  371

betrachten,  wenn  deutsches  Gebiet  dabei  verletzt  werde.  So
weit  befand  man  sich  im  schönsten  Einklang.  Darauf  aber
entwickelte  der  Prinz  die  gewünschten  Gegenleistungen  ster—
reichs,  und  hier  blieb  die  Harmonie  sehr  unvollständig.  Das
Alternat  im  Vorsitz  des  Bundestags  lehnte  der  Kaiser  ab,
ein  altes  Ehrenrecht  seines  Hauses  sei  für  ihn  unantastbar.
Fortschritte  in  der  ständischen  Gesetzgebung,  so  wie  Gleich—
berechtigung  der  Confessionen  erklärte  er  für  innere  Angelegenheiten,
  über  die  er  keinen  schriftlichen  Vertrag  eingehen  könne,
sprach  jedoch  mündlich  die  Absicht  aus,  auf  dieser  Bahn
vorwärts  zu  schreiten.  Darauf  brachte  der  Prinz  die  in  Frankfurt
  schwebende  Verhandlung  über  die  Bundeskriegsverfassung
zur  Sprache,  erwirkte  aber  nur  die  Zusage,  daß  eine  Conferenz
beiderseitiger  Generale  die  Frage  der  Zwei=  oder  Dreitheilung
berathen  sollte.  Endlich  über  Schleswig-Holstein  begnügte
sich  der  Kaiser  mit  der  allgemeinen  und  dehnbaren  Erklärung,
Osterreich  werde  die  preußische  Politik,  welche  auch  die  deutsche
sei,  und  sich  auf  dem  gesetzlichen  Felde  bewegen  werde,  entschieden
  unterstützen.

Am  Abend  brachte  darauf  der  Prinz  das  Ergebniß  des
Gesprächs,  nach  den  einzelnen  Gegenständen  geordnet,  zu
Papier,  indem  er  nach  Aufzählung  der  von  Preußen  beabsichtigten
  Leistungen  einen  Paragraphen  einschob,  daß  dafür
der  Landtag  keine  Geldbewilligung  machen  würde,  wenn  ihm
nicht  entsprechende  Gegenleistungen  Osterreichs  vorgelegt
würden:  aus  diesem  Grunde  sei  Preußen  nicht  im  Stande,
Stipulationen  durch  Verträge  oder  Punctationen  einzugehen.
Der  Kaiser,  welchem  das  von  dem  Prinzen  unterzeichnete
Document  bei  der  Abreise  am  27.  Juli  vorgelegt  wurde,

sandte  es,  ebenfalls  von  ihm  mit  seinen  Gegenbemerkungen
24=
        <pb n="382" />
        372  Deutsche  Reformfragen.  1860

und  seiner  Unterschrift  versehen,  zurück,  indem  er  zu  jener
Ablehnung  eines  formellen  Vertrags  bemerkte,  der  Wille  und
das  Wort  des  Prinzen  hätten  für  ihn  denselben  Werth  wie
ein  officieller  Vertrag.

Er  kam  dann  auch  nicht  unbefriedigt  aus  Teplitz  zurück.
Hatte  er  kein  bindendes  Versprechen  preußischer  Hülfe  bei
einem  französischen  Angriff  erhalten,  so  war  ihm  doch
kein  Zweifel  geblieben,  daß  der  Prinz-Regent  nach  seiner
eigenen  Gesinnung  in  einem  solchen  Falle  nicht  unthätig
zusehen  würde.  Ich  bin  sicher,  sagte  er  gleich  nachher  dem
Könige  von  Sachsen,  daß  ich  nicht  zum  zweiten  Male  im
Stiche  gelassen  werde.

Indessen  wurde  das  Wetter  in  der  europäischen  Politik
immer  düsterer  und  stürmischer.  Wo  Garibaldi  erschien,  lösten
die  neapolitanischen  Heertheile  sich  fast  ohne  Kampf  auf,  liefen
auseinander  oder  traten  zu  ihm  über.  Am  7.  September
zog  er  triumphirend  unter  dem  Jubel  der  Bevölkerung  in  der
Hauptstadt  Neapel  ein,  und  verkündete  jetzt  die  Absicht,  zunächst
Rom  und  darauf  Venetien  zu  befreien,  und  dann  erst  das
gecinte  Italien  dem  König  Victor  Emanuel  huldigen  zu  lassen.
Das  wäre  also  ein  Angriff  auf  die  französische  Besatzung  in
Rom,  und  wenn  es  wider  alles  verständige  Erwarten  gelänge,
darauf  ein  Krieg  des  revolutionären  Italien  gegen  Osterreich
gewesen.  Nimmermehr  konnte  Cavour  diesen  Wahnsinn  zulassen.
  Es  gab  nur  ein  Mittel:  man  mußte  selbst  in  Italiens
Namen  vorgchen,  den  östlichen  Theil  des  Kirchenstaats  zwischen
der  Emilia  und  Neapel  besetzen,  von  dort  das  sardinische
Heer  nach  Neapel  vorschieben  und  unter  sanfter  Beseitigung,
Garibaldi's  auf  der  Stelle  die  Herrschaft  Victor  Emanuel's
über  beide  Sicilien  ausrufen.  Das  war  der  einzige  Weg,
        <pb n="383" />
        1860  Einheit  Italiens.  373

um  die  Einheit  Italiens  zu  sichern,  und  zugleich  die  Aera  der
Revolution  für  Italien  zu  schließen.  So  geschah  es,  und  in
kurzer  Frist  war  das  Werk  vollendet.  Außer  Rom  und
Venetien  gehorchte  die  Halbinsel  dem  König  von  Italien,
und  Cavour  verkündete  bei  jeder  Gelegenheit,  daß  die  Regierung
  Venedigs  Schicksal  fest  im  Auge  behalte,  zur  Zeit
aber  aus  Rücksicht  für  Europa  an  keinen  Krieg  gegen  Osterreich
  denke.

Diese  Versicherung  begegnete  freilich  aller  Orten  einem
wirklichen  oder  vorgewandten  Mißtrauen.  Zwar  die  englische
Regierung  erklärte  sich  mit  Cavour's  Erfolgen  von  Herzen
einverstanden,  in  den  Cabinetten  des  Continents  aber  war  nur
Eine  Stimme  der  Verwerfung  jener  revolutionären  Triumphe
und  völkerrechtswidrigen  Angriffe,  und  hundert  Mal  besprach
man  in  den  leitenden  Kreisen  die  Unmöglichkeit,  daß  Cavour
seine  radicalen  Genossen  von  einem  Angriff  auf  Venetien
würde  abhalten  können.  Erschiene  aber  ein  solcher,  wer  möchte
die  Folgen  voraussehen?  Napoleon,  welchen  der  Lärm  des
Klerus  wegen  der  neuen  Verluste  des  Papstes  beunruhigte,
kam  wieder  auf  den  Gedanken  eines  Congresses  der  Großmächte
  zurück,  dessen  Beschlüsse  ihm  die  Verantwortung  für
Italiens  Geschicke  abnehmen  möchten.  Rußland  war  bereit,  ihm
hierin  gefällig  zu  sein,  in  der  Hoffnung,  in  Sachen  des  Ortents
dafür  Gegendienste  zu  erhalten.  Sonst  war  Kaiser  Alexander
durch  Garibaldi's  Auftreten  gründlich  erzürnt  worden,  und
wünschte  sehr,  mit  dem  Prinz-Regenten  persönlich  sich  über
die  Weltlage  zu  verständigen;  man  kam  demnach  überein,
daß  im  October  die  beiden  Herrscher  einige  Tage  in  Warschau
mit  einander  zubringen  würden;  derselbe  Gedanke  veranlaßte
den  Kaiser  Franz  Joseph  ebenfalls  zu  der  bereitwillig  auf-
        <pb n="384" />
        374  Deutsche  Reformfragen.  1860

genommenen  Anfrage,  ob  sein  Besuch  dem  Zaren  willkommen
sein  würde.  Dies  wurde  in  verbindlichster  Weise  bejaht,  zugleich
  aber  auch  bemerkt,  daß  sowohl  der  Prinz-Regent  als
der  Kaiser  Alexander  nicht  die  Absicht  hätten,  bindende  Verträge
  zu  Stande  zu  bringen.  Die  Zusammenkunft  der  drei
Monarchen,  welche  in  den  Tagen  vom  22.  bis  26.  October
Statt  fand,  hatte  so  weit  ein  Ergebniß,  daß  die  persönliche
Bitterkeit  zwischen  den  beiden  Kaisern  für  einige  Zeit  gemildert
wurde,  zu  positiven  Entschließungen  aber  gelangte  man  auch
hier  nicht.  Die  Vorschläge  Napoleon's  über  einen  Congreß
zur  Ordnung  der  italienischen  Verhältnisse,  welche  Kaiser
Alegander  vorlegte,  wurden  von  Preußen  als  nicht  bestimmt
genug  zu  praktischem  Verfahren  bezeichnet,  von  Osterreich  einfach
  abgelehnt.  Es  kam  dazu,  daß  Kaiser  Alexander  nach
dem  Vorgehen  Cavour's  seine  Gesandtschaft  von  dem  revolutionslustigen
  Turiner  Hofe  abberufen  hatte,  und  seinen
Verdruß  nicht  verbarg,  daß  Preußen  diesem  Beispiel  nicht
folgte,  sondern  sich  begnügte,  nach  Turin  einen  scharfen  Tadel
der  dortigen  illegalen  Politik  zu  senden.  Man  blieb  also  bei
einer  allgemeinen  Unsicherheit  ohne  einen  gemeinsamen  Plan.

Jür  den  Prinz-Regenten  gesellten  sich  dazu  die  Anfänge
einer  bedenklichen  Krisis  im  eigenen  Lande.
        <pb n="385" />
        1859

4.  Capitel.
Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.

Je  begeisterter  der  Jubel,  je  übertriebener  die  Erwartungen
  gewesen  waren,  mit  welcher  die  große  Mehrheit  des
preußischen  Volkes  die  neue  Regierung  aufgenommen  hatte,
desto  schneller  stellte  sich  Abkühlung  und  Ernüchterung  ein,
als  zwar  die  groben  Mißbräuche  des  vorigen  Systems,  die
polizeiliche  Willkür,  die  Umdeutung  der  Gesetze,  die  kirchliche
Verfolgungslust,  verschwanden,  sonst  aber  Alles  ruhig  im  alten
Geleise  blieb,  und  ein  paradiesischer  Zustand  unerhörter  Freiheit
  und  Glückseligkeit  sich  nicht  zeigen  wollte.  Auch  traten
bald  einzelne  Begehren  hervor,  deren  Nichterfüllung  heftige
Klagen  veranlaßte.  Man  ärgerte  sich,  daß  der  neue  Minister
des  Innern,  Graf  Schwerin,  es  für  liberaler  erklärte,  feudalgesinnte
  Präsidenten,  so  lange  sie  nichts  Gesetzwidriges  trieben,
im  Amte  zu  lassen,  als  alle  einflußreichen  Stellen,  wie  es
Herr  von  Westphalen  gethan,  nur  mit  Parteigenossen  zu  besetzen.
  Als  das  Herrenhaus  zwei  liberale,  von  der  Regierung
vorgelegte,  von  den  Abgeordneten  mit  Beifall  angenommene
Gesetze,  über  Einführung  der  Civilehe  und  Ausgleichung  der
Grundsteuer,  energisch  zurückwies:  da  zürnte  das  Publicum,
        <pb n="386" />
        376  Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.  1859

daß  die  Regierung  nicht  sogleich  zu  einer  Reform  des  Herrenhauses,
  zu  einer  gründlichen  Ausfegung  dieses  Nestes  der
Feudalpartei  schritt.  Man  wollte  nicht  an  der  liberalen  Ge—
sinnung  der  Minister  zweifeln,  aber  man  hatte  gehofft,  daß
so  wackere  Vorkämpfer  der  frühern  liberalen  Opposition  jetzt
als  Minister  mit  festerem  Griff  die.  Axt  an  die  Wurzel  der
Reaction  legen  würden.  Dann  kam  der  italienische  Krieg;
die  Bevölkerung,  sahen  wir,  hatte  nicht  die  geringste  Lust,
für  Osterreich  zum  Schwert  zu  greifen,  indessen  traute  doch
auch  hier  dem  unruhigen  Napoleoniden  kein  Mensch,  und  der
Landtag  bewilligte  ohne  Widerstreben  für  die  Kriegsbereitschaft
  des  Staates  eine  Anleihe  von  40  Millionen  Thalern
und  die  Erhöhung  der  wichtigsten  Steuern  um  25  Procent.
Freilich,  als  dann  die  große  Mobilmachung  erfolgte,  um
nach  Villafranca  wieder  thatlos  sich  aufzulösen,  und  Osterreich
und  Frankreich  wetteifernd  alle  Verantwortung  des  Unheils
auf  Preußen  schoben,  da  stellte  sich  beim  Volke  die  Meinung
fest,  es  gehe  leider  auch  jetzt  nicht  viel  anders  als  1850,
Herr  von  Bonin  scheine  nicht  mehr  Kriegsmuth  als  damals
Herr  von  Stockhausen,  und  Herr  von  Schleinitz  nicht  mehr
Energie  als  damals  Herr  von  Manteuffel  zu  haben.  Vollends
aber  als  der  Nationalverein  die  Frage  der  deutschen  Einheit
wieder  in  das  Leben  rief,  war  man  unzufrieden  mit  Schwerin's
Antwort  auf  die  Stettiner  Adresse,  in  der  man  nichts  als
gewundene,  sich  gegenseitig  aufhebende  Sätze  zu  finden  meinte.
Es  sind  ehrenwerthe  Männer,  diese  Minister,  sagte  man,  aber
der  Behandlung  großer  Fragen  nicht  gewachsen;  es  fehlt
ihnen  an  Kraft  und  Entschlossenheit,  wenn  sich  wirklich  ihre
frühere  Gesinnung  nicht  geändert  hat.  Das  Volk  muß  die
Augen  offen  halten.
        <pb n="387" />
        1859  Gründe  für  die  Heeresreform.  377

So  lagen  die  Dinge,  als  der  Prinz-Regent  die  Hand
an  die  Ausführung  des  Werkes  legte,  welches  von  ihm  längst
als  die  Vorbedingung  jedes  Fortschritts  in  den  deutschen  Angelegenheiten
  erkannt  war,  die  Neugestaltung  des  preußischen
Heerwesens.  Ihm  stand  die  Thatsache  deutlich  vor  Augen,
daß  jedes  ernste  Auftreten  für  die  in  Olmütz  geopferten
Forderungen,  die  Bundesreform,  das  kurhessische  und  das
holsteinische  Verfassungsrecht,  Preußen  mit  schwerer  Kriegsgefahr
  bedrohte,  und  für  die  Lösung  der  großen  Aufgabe  das
bestehende  Heer  nicht  ausreichte.

Bekanntlich  beruhte  damals  die  preußische  Kriegsverfassung
auf  den  Gesetzen  von  1814  und  1815,  welche  bei  allgemeiner
Dienstpflicht  die  Mannschaft  für  drei  Jahre  den  Linienregimentern
  und  für  weitere  zwei  Jahre  der  Kriegsreserve
derselben,  sodann  für  sieben  Jahre  dem  ersten  und  sieben
weitere  Jahre  dem  zweiten  Aufgebot  der  Landwehr  zuwiesen.
Im  Kriege  würden  Linie  und  Landwehr  ersten  Aufgebots  die
active  Feldarmee,  das  zweite  Aufgebot  aber  die  Besatzung  der
Festungen  bilden.  Nun  betrug  1815  die  Ziffer  der  Bevölkerung
ctwas  über  zehn  Millionen,  jene  der  jährlich  zur  Aushebung
Gelangenden  38000  Köpfe;  man  hatte  also  die  Zahl  und
Stärke  der  Linienregimenter  auf  die  Einstellung  von  drei
solchen  Jahrgängen  bemessen.  Nach  vierzig  Jahren  aber
war  die  Bevölkerung  auf  beinahe  achtzehn  Millionen,  und
damit  die  jährliche  Zahl  der  Dienstpflichtigen  auf  etwa
65000  Köpfe  gestiegen,  während  die  Regimenter  nach  wie
vor  nur  38000  aufnehmen,  ausbilden  und  dann  der  Landwehr
  überweisen  konnten,  dagegen  aber  jährlich  27000  junge
Burschen  völlig  dienstfrei  blieben.  Von  allgemeiner  Dienstpflicht
  konnte  hienach  in  Wahrheit  nicht  mehr  geredet  werden,
        <pb n="388" />
        378  Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.  1859

vielmehr  ergaben  sich  auf  allen  Seiten  Ungerechtigkeiten  und
Übelstände  schwerster  Art.  Wie  vorher  erwähnt,  gehörte  die
Landwehr  ersten  Aufgebots,  also  die  gedienten  Männer  vom
25.  bis  zum  32.  Lebensjahr,  zur  activen  Feldarmee;  bei  den
Mobilmachungen  von  1849,  1850  und  1859  hatte  sich  nun
gezeigt,  daß  unter  ihnen  die  Hälfte  verheirathet  und  Familienväter
  waren,  deren  Tod  einen  ganzen  Hausstand  ruiniren
mußte,  und  die  man  dennoch  dem  feindlichen  Feuer  aussetzte,
während  man  viele  Tausende  lediger  Jünglinge  ruhig  hinter
dem  Ofen  sitzen  ließ.  Allein  damit  nicht  genug.  Zwischen  dem
Officiercorps  der  Linie  und  jenem  der  zum  Kriege  einberufenen
Landwehr  war  der  Abstand  groß.  Jencs  aus  Berufssoldaten
gebildet,  die,  stets  im  Dienst,  fest  mit  den  Truppen  verwachsen
waren,  dieses  zum  größten  Theil  aus  früheren  Einjährig-Freiwilligen
  hervorgehend,  die  sonst  ihren  bürgerlichen  Geschäften
  lebten  und  erst  bei  der  Mobilmachung  mit  ihrer
Truppe  bekannt  wurden.  Dabei  waren  sie  selbst  wie  ihre
Mannschaften,  wenigstens  für  den  Anfang,  der  strammen
Disciplin  und  der  Sicherheit  der  taktischen  Bewegungen  entwöhnt;
  bei  aller  Kraft  und  Tapferkeit  war  demnach  die
innere  Consistenz  und  die  schlagfertige  Gelenkigkeit  ihrer  Bataillone
  geringer  als  bei  der  Linie.  Nicht  genug,  daß  man
50000  Familienväter  in  die  erste  Reihe  der  Kämpfer  stellte,
man  brachte  sie  auch  in  schlechterer  Organisation  als  die
jungen  Männer  der  Linie  vor  den  Feind.  Die  Wirkung
hatte  der  Prinz-Regent  selbst  1849  beim  badischen  Feldzug
in  der  schwächern  Manövrirfähigkeit  und  den  daraus  folgenden
unverhältnißmäßigen  Verlusten  der  Landwehr  vor  Augen  gehabt,
  und  schon  damals  seinen  Entschluß  gefaßt,  daß  hier
eine  Anderung  von  Grund  aus  eintreten  müsse.
        <pb n="389" />
        1859  Plan  des  Prinz-Regenten.  379

Nach  langer  Durcharbeitung  mannigfaltiger  Systeme
war  er  endlich  bei  einem  Plane  stehen  geblieben,  der  gerade
durch  seine  Einfachheit  seine  allseitige  Brauchbarkeit  bewährte.
Die  zur  Caricatur  eingeschrumpfte  „allgemeine  Dienstpflicht“
sollte  wenigstens  annähernd  wieder  zur  Wahrheit,  und  die
jährliche  Aushebung  von  38  000  auf  63000  Köpfe  gesteigert
werden.  Um  diese  Massen  aufzunehmen,  bedurfte  die  Linie
eine  Vermehrung  von  39  Infanterie=  und  10  Cavallerie=Regimentern.
  Auf  der  andern  Seite  sollte  die  Landwehr
ersten  Aufgebots  getheilt,  ihre  drei  jüngern  Jahrgänge,  wo  die
Zahl  der  Unverheiratheten  noch  überwog,  zur  Kriegsreserve
der  Linienregimenter  gezogen,  die  vier  ältern  aber  aus  der
activen  Feldarmee  ausgeschieden,  und  mit  dem  zweiten  Aufgebot
  als  Besatzungstruppe  den  Festungen  überwiesen  werden.
Damit  wurde  den  erwähnten  Mängeln  überall  abgeholfen,
die  Familienväter  geschont,  die  jungen  Männer  gleichmäßig
herangezogen,  die  active  Feldarmee  in  allen  Theilen  mit  einem
zuverlässigen  Officiercorps  versehen.  Der  Regent  benutzte
die  Mobilmachung  von  1859  als  bequemen  Anlaß  zum  Beginn
  der  Ausführung.  Bei  der  Demobilisirung  ließ  er  sämmtliche
  Landwehrstämme  mit  einem  Theil  der  Mannschaften
stehen;  eben  aus  ihnen  sollten  die  neuen  Truppenkörper  der
Linie  gebildct  werden.  Der  Kriegsminister  General  von  Bonin
hatte  den  Gedanken  der  Heeresreform  mit  lebhaftem  Eifer
ergriffen,  ließ  ihn  durch  seine  Referenten,  General  von  Voigts-Rhetz
  und  Oberstlieutenant  von  Hartmann,  im  Einzelnen  ausarbeiten,
  und  bereitete  für  den  nächsten  Landtag  die  Gesetzentwürfe
  und  Kostenanschläge  vor.  Die  neuen  Linienregimenter
waren  natürlich  ohne  Geldmittel  nicht  zu  unterhalten;
die  Mehrkosten  der  künftigen  Feldarmece  stellten  sich,  bei
        <pb n="390" />
        380  Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.  1859

nahe  gleicher  Stärke  mit  der  alten,  auf  jährlich  9½  Million
Thaler.

Heute  gibt  es  nur  Eine  Stimme  der  Anerkennung  für
das  Werk  König  Wilhelm's,  ohne  welches  die  Gründung  des
deutschen  Reiches  ein  wesenloses  Traumbild  geblieben  wäre.
Damals  aber  war  es  anders.  Die  öffentliche  Meinung  war
verbittert  durch  die  Niederlagen  der  Regierung  Friedrich
Wilhelm's  IV.  nach  Außen  bei  einem  harten  Drucke  des
feudalen  Systems  im  Innern;  sie  war  zugleich  mißvergnügt
gegen  das  neue  Ministerium  geworden,  von  dessen  Schwächlichkeit
  sie  weder  nach  Außen,  noch  nach  Innen  große  Lei—
stungen  mehr  erwartete.  Wozu  einer  solchen  Regierung  49
neue  Regimenter  schaffen,  lediglich  zu  glänzenden  Parademärschen
  und  zur  Besoldung  adlicher  Lieutenants,  die  überall
durch  Hochmuth  und  Grobheit  den  Bürger  belästigten?  Dafür
wolle  man  die  Landwehr  abschaffen,  die  herrliche  Schöpfung
des  Befreiungskriegs,  die  eigentliche  Vertretung  des  Volkes
in  der  Armee:  Und  für  solche  Zwecke  zu  den  bereits  drückend
hohen  Steuern  noch  weitere  neun  Millionen  für  die  Linie,
deren  Kosten  schon  bisher  dem  Staate  die  gebührende  Unterstützung
  der  productiven  Erwerbszweige  unmöglich  gemacht
haben.  So  tönte  es  aus  allen  Theilen  des  Landes:  es  war
gewiß,  daß  in  der  nächsten  Landtagssession  heiße  Debatten
bevorstanden.

Trotz  dieser  populären  Bewegung  war  General  Bonin
bereit,  den  in  seinem  Ministerium  ausgearbeiteten  und  von
dem  Regenten  im  Allgemeinen  genehmigten  Reformplan  im
Landtage  nach  besten  Kräften  zu  vertreten.  Aber  er  hielt
das  Gelingen  für  hoffnungslos,  wenn  man  nicht  die  Kosten
der  neuen  Einrichtung  auf  das  möglichst  geringe  Maaß  be-
        <pb n="391" />
        1859  Widerstreben  im  Lande.  Bonin's  Plan.  381

schränkte,  und  hatte  deshalb  in  den  Reformplan  drei  Anträge
aufgenommen,  die  er  übrigens  auch  vom  militärischen  Standpunkte
  aus  für  nützlich  oder  doch  für  unschädlich  erklärte,
Verminderung  der  Kriegsstärke  der  Bataillone  von  1002  auf
800  Mann,  Beurlaubung  eines  großen  Theils  der  Mannschaften
  während  des  Winters,  Wegfall  der  Ubungen  bei  den
ältern  Jahrgängen  der  Landwehr.  Allein  von  diesen  Vorschlägen
  wollte  der  Regent  nichts  wissen.  Die  Herabsetzung
der  Kriegsstärke  der  Bataillone  schwäche  den  Bestand  der
Feldarmee  in  ganz  unzulässiger  Weise.  Eine  so  große  Winter-Beurlaubung
  enthalte  thatsächlich  die  Beschränkung  der  eben
wieder  hergestellten  dreijährigen  Dienstzeit  auf  2½  Jahre.
Der  Wegfall  der  Landwehrübungen  ertödte  bei  den  Wehrmännern
  den  letzten  Rest  militärisches  Sinnes,  das  Bewußtsein
  ihrer  Zugehörigkeit  zur  Armee.  Er  lehnte  Alles  unwiderruflich
  ab,  und  ertheilte,  als  Bonin  fest  blieb,  ihm  die  erbetene
  Entlassung  aus  dem  Ministerium  und  das  Commando
des  rheinischen  Armeccorps.

Sein  Nachfolger  als  Kriegsminister  wurde  General
Albrecht  von  Roon,  ein  Mann,  der  seit  dem  badischen  Feldzug
  hoch  im  Vertrauen  des  Regenten  stand,  und  einer  der
Ersten  gewesen  war,  mit  welchen  der  Prinz  die  wesentlichen
Grundsätze  der  Reform  besprochen  hatte.  Schon  im  Sommer
1858  hatte  Roon  eine  ausführliche  Denkschrift  über  die  Neugestaltung
  des  Heeres  eingereicht,  deren  allgemeine  Begehren,
Erhöhung  der  jährlichen  Aushebung,  Vermehrung  der  Linienofficiere,
  bessere  Führung  der  Landwehr,  sich  mit  jenen  des
Prinzen  und  Bonin's  deckten,  deren  Organisationsvorschläge
aber,  gänzliche  Einverleibung  der  Landwehr  in  die  Linie  und
eine  künstliche  Formation  der  Infanterie  im  Friedensstand,
        <pb n="392" />
        382  Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.  1859

so  weit  wie  möglich  von  den  im  Kriegsministerium  herrschenden
Anschauungen  abwichen.  Als  dann  der  Regent  die  Denkschrift
  an  Bonin  zur  Begutachtung  abgab,  erfolgte  eine
geradezu  vernichtende  Kritik  des  Roon'schen  Systems  durch
General  von  Voigts-Rhetz,  welche  nach  mehrfachem  Hin=  und
Herschreiben  die  völlige  Beseitigung  der  Roon'schen  Vorschläge
zur  Wirkung  hatte.  Als  jedoch  der  Ruf  des  Kriegsherrn
an  Roon  erging,  fand  dieser  auch  in  dem  Werke  des  bisherigen
  Kriegsministeriums  die  wesentlichen  Punkte  gegeben,
und  erklärte  sich  bereit,  die  Reform  in  der  vorliegenden  Gestalt
durchzuführen  1).  Am  5.  December  1859  wurde  er  zum
Kriegsminister  ernannt.

General  Roon  war  ein  fester,  in  sich  zusammen  genommener
  Charakter,  eine  Natur,  auf  deren  Grunde  stets
heiße  Leidenschaften  arbeiteten,  aber  mit  strenger  Zucht  unter
die  Entschlüsse  der  Vernunft  gebeugt  wurden,  und  dann  zu
ausdauernder  Arbeits=  und  Willenskraft  im  Dienste  der  erkannten
  großen  Zwecke  führten.  Nach  Außen  erschien  sein
Auftreten  verschlossen  und  gebieterisch,  manches  Mal  herbe;
immer  flößte  er  Achtung,  selten  Neigung  ein;  auch  als  sein
Werk  anerkannt  war,  hat  er  niemals  in  weiteren  Kreisen
Popularität  erlangt.  Als  Politiker  hatte  er  bis  dahin  keine
Stellung  genommen,  war  aber  unbedingter  Monarchist,  und
verhehlte  bei  seiner  Ernennung  dem  Regenten  nicht,  daß  er
keineswegs  zu  den  Genossen  der  liberalen  Minister  gehöre,
und  von  dem  ganzen  constitutionellen  Wesen  niemals  viel

1)  Ich  habe  diese  Vorgänge  nach  den  Acten  des  preußischen  Kriegsministeriums
  ausführlich  dargelegt  in  der  Beilage  der  „Allgemeinen
Zeitung“  vom  21.,  22.  und  23.  December  1891.  Sie  enthalten  die

authentische  Widerlegung  der  von  Roon  selbst  in  seiner  damaligen  Correspondenz
  ausgesprochenen  Auffassung.
        <pb n="393" />
        1859  Albrecht  von  Roon  Kriegsminister.  383

gehalten  habe,  daß  er  aber  bereit  sei,  lediglich  als  Fachminister
zu  amtiren,  und  die  politischen  Wege  seiner  Collegen  nicht
zu  kreuzen.  Der  Regent  erhob  dagegen  keinen  Einspruch,
sondern  sagte:  Hätte  und  wüßte  ich  einen  Bessern,  so  würde
ich  Sie  nicht  gewählt  haben.

An  sich  war  die  fortdauernde  Möglichkeit  einer  solchen
Haltung  sehr  zweifelhaft:  bei  Roon's  Überzeugungen  war  sie
bei  dem  redlichsten  Vorsatz  ausgeschlossen.  Denn  wenn  Bonin
bereit  gewesen  war,  die  Heeresreform  dem  Landtag  bestens
zu  empfehlen,  und  soweit  dessen  Beschlüsse  es  gestatteten,
sie  auszuführen,  so  war  Roon  entschlossen,  sie  durchzusetzen,
wenn  möglich  im  Einverständniß,  wenn  nöthig  im  Kampfe
mit  der  Volksvertretung,  so  lange  der  Regent  es  begehrte,
trotz  jeder  Schwierigkeit  und  Gefahr,  mit  Einsetzung  seiner
Persönlichkeit  bis  zum  letzten  Athemzuge.  Er  hatte,  wie  es
der  zum  Kampf  bestimmte  Mensch  bedarf,  ein  starkes  Selbstgefühl,
  allerdings  verbunden  mit  einer  äußerst  reizbaren
Empfindlichkeit  und  einer  unglücklichen  Neigung  zu  schlimmem
Argwohn  1).  Aber  so  viel  diese  Stimmungen  ihn  selbst  peinigten,
  niemals  haben  sie  erheblichen  Einfluß  auf  sein  Verhalten
  im  Dienste  der  Armee  und  des  Thrones  gehabt.  In
seinem  Streite  für  die  große  Aufgabe  blieb  er  fast  immer
Meister  des  eigenen  Affects  auch  in  stürmischen  Momenten.
Anfangs  im  öffentlichen  Vortrage  etwas  befangen,  entwickelte
er  sehr  bald  eine  volle  Herrschaft  über  die  Rede  in  jeder
Form  und  Farbe  des  Gedankens,  sowie  eine  große  Sicherheit

1)  Seine  vertrauten  Briefe,  herausgegeben  in  der  „Deutschen  Revue“
zeigen  dies  an  zahlreichen  Stellen  in  seinen  momentanen  Urtheilen  über
Bonin,  Manteuffel,  Bismarck,  von  der  Heydt,  Delbrück  u.  s.  w.  Es
sind  Erzeugnisse  augenblicklicher  Verstimmung;  dergleichen  aber  pflegt
sonst  ein  einsichtiger  Herausgeber  nicht  durch  den  Druck  zu  verewigen.
        <pb n="394" />
        384  Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.  1860

in  der  Verwendung  jeder  Waffe  der  parlamentarischen  Polemik.
Indessen  bei  all  diesem  Talent  blieb  die  Hauptsache  die  unerschütterliche
  Festigkeit  seines  Willens  und  die  rastlose  Energie
seines  Thuns.  Man  kann  ihn  nicht  mit  Bismarck  und  Moltke
auf  eine  Linie  stellen,  aber  bei  der  damals  über  Preußens
Schicksal  entscheidenden  Frage  hatte  der  Scharfblick  des  Regenten
  in  der  Auswahl  seiner  Rathgeber  den  rechten  Mann
für  die  rechte  Stelle  gefunden.

Allerdings  in  einer  Beziehung  erschwerte  für  den  Augenblick
  seine  Ernennung  die  Lage.  Bei  den  liberalen  Parteien
wuchs  das  Mißtrauen  gegen  die  allgemeine  Tendenz  der
Regierung.  Man  hielt  Bonin  mit  gutem  Grunde  für  liberal,
und  Roon,  so  wenig  er  bisher  hervorgetreten  war,  mit  gleich
richtiger  Vermuthung  für  absolutistisch.  Man  meinte,  die  Zeit
des  Nichtdrängens  sei  abgelaufen;  man  thue  den  liberalen
Elementen  des  Ministeriums  einen  Dienst,  wenn  man  ihnen
den  Rückhalt  eines  starken  Volkswillens  zeige.

Unter  solchen  Umständen  wurde  die  Landtagssession  am
12.  Januar  1860  eröffnet.  Die  Thronrede  des  Regenten
erwähnte  Preußens  Bestrebungen  für  die  Bundesreform,
Kurhessen  und  Schleswig-Holstein,  und  ging  dann  zur  Ankündigung
  der  Heeresreform  über.  „Die  letzten  Jahrzehnte,
sagte  der  Regent,  haben  Opferwilligkeit  und  Streitbarkeit  der
Bevölkerung,  aber  auch  tief  empfundene  Ubelstände  im  Heerwesen
  herausgestellt,  deren  Beseitigung  meine  Pflicht  und
mein  Recht  ist.  Es  ist  nicht  die  Absicht,  mit  dem  Vermächtniß
einer  großen  Zeit  zu  brechen;  die  preußische  Armee  wird
auch  in  Zukunft  das  preußische  Volk  in  Waffen  bleiben.
Gewähren  Sie  einer  reiflichst  erwogenen,  die  bürgerlichen  wie
die  militärischen  Gesammtinteressen  gleichmäßig  umfassenden
        <pb n="395" />
        1860  Vorlagen  über  die  Reform  im  Landtage.  385

Vorlage  Ihre  vorurtheilsfreie  Prüfung  und  Beistimmung.
Sie  wird  nach  allen  Seiten  hin  Zeugniß  geben  von  dem
Vertrauen  des  Landes  in  meine  redlichen  Absichten.  Der
Vertretung  des  Landes  ist  eine  Maaßregel  von  solcher  Bedeutung
  für  den  Schutz  und  den  Schirm,  für  die  Größe  und
Macht  des  Vaterlandes  noch  nicht  vorgelegt  worden.“

Es  waren  schlichte  und  deshalb  doppelt  nachdrückliche
Worte.  Sie  konnten  keinen  Zweifel  darüber  lassen,  daß  der
Regent  in  dieser  Frage  den  Brennpunkt  seiner  Politik  erblickte,
jede  andere  Rücksicht  von  dieser  höchsten  abhängig  machte,
und  als  Freund  oder  Feind  einen  Jeden  betrachten  würde,
welcher  dieser  Vorlage  Helfer  oder  Gegner  wäre.  Wenn  die
Liberalen  hier  klug  sind,  sagte  der  frühere  Ministerpräsident
von  Manteuffel,  so  ist  ihnen  auf  lange  Jahre  der  Besitz  der
Macht  gesichert.  Es  war  aber  bestimmt,  daß  nicht  die  Liberalen,
  sondern  ihre  Gegner  diese  Klugheit  haben  sollten.

Am  10.  Februar  1860  brachte  die  Regierung  zwei
Gesetzentwürfe,  über  die  Regelung  der  Dienstpflicht  und  über
die  Bewilligung  von  9  ½  Millionen  Thalern,  in  das  Haus
der  Abgeordneten  ein.  Die  Commission,  der  sie  überwiesen
wurden,  wählte  Georg  von  Vincke  zu  ihrem  Vorsitzenden  und
den  Generalmajor  außer  Diensten  Stavenhagen  zu  ihrem
Berichterstatter.  Der  Letztere  genoß  damals  eines  großen
Vertrauens  der  liberalen  Partei  in  militärischen  Dingen;  er
war  ein  rechtschaffener  und  ehrenhafter  Mann,  ohne  die  bei
verabschiedeten  Officieren  so  häufige  Verbitterung.  Aber  auch
er  entzog  sich  der  herrschenden  Strömung  nicht.  Allerdings
war  er  völlig  einverstanden  mit  der  auf  63000  Mann  zu
verstärkenden  Aushebung,  und  hatte  auch  keine  Einwendung

gegen  die  beabsichtigte  Vermehrung  der  Linienregimenter.
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  25
        <pb n="396" />
        386  Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.  1860

Allein  er  erklärte  das  Ausscheiden  der  Landwehr  aus  der
Feldarmee  für  eine  Ehrenkränkung  derselben,  für  einen  Abfall
von  den  heiligsten  Traditionen  des  preußischen  Volkes.
Ferner  aber  erachtete  er  für  die  Ausbildung  der  Infanterie
eine  zweijährige  Dienstzeit  als  genügend  für  den  Kriegszweck;
bei  ihrer  Einführung  würde  man  im  Vergleich  mit  den  Folgen
der  dreijährigen  Dienstzeit  entweder  ein  Drittel  der  Kosten
sparen  oder  die  Zahl  der  ausgebildeten  Mannschaften  um  ein
Drittel  erhöhen.  Vergeblich  erhoben  sich  die  Minister  gegen
beide  Anträge.  Sie  wiesen  nach,  daß  bei  zweijähriger  Dienstzeit
  die  Hälfte  jedes  Bataillons  aus  ungeübten  Recruten  bestehen,
  und  die  andere  Hälfte  nicht  stark  genug  sein  würde,
um  nach  Einberufung  der  Reserven  einen  festen  Rahmen  des
Ganzen  zu  bilden.  Überhaupt  gebe  nur  ein  längeres  Zusammenleben
  im  Dienste  einem  Truppenkörper  den  innern
Zusammenhalt,  der  zu  wuchtigem  und  zähem  Wirken  im  Kriege
erforderlich  sei.  Die  Erfahrungen,  welche  in  den  spätern
Kriegen  die  glänzende  Bestätigung  dieses  Satzes  liefern  sollten,
waren  damals  noch  nicht  gemacht:  man  fragte  zurück,  ob  die
Krümper  und  Landwehren  von  1813  eine  dreijährige  Dienstzeit
  für  ihre  herrlichen  Siege  bedurft  hätten?  Die  beiden
Anträge  Stavenhagen's,  Erhaltung  der  Landwehr  in  der  Feldarmee
  und  zweijährige  Dienstzeit  der  Linieninfanterie,  wurden
von  der  Commission  beschlossen;  es  bestand  kein  Zweifel  an
ihrer  Annahme  und  damit  der  Verwerfung  der  ministeriellen
Vorlage  auch  im  Plenum  des  Hauses.

Diese  Vorgänge  veranlaßten  die  Regierung  zu  einem
bedenklichen  Schritt,  dem  ersten  Schritt  auf  einem  Wege,  der
von  dem  Streite  über  das  Heer  zu  einem  Streite  über  die
Verfassung  führen  sollte.
        <pb n="397" />
        1860  Opposition  im  Landtage.  387

Man  erwog,  daß,  wenn  man  auf  einige  Nebenvortheile
Verzicht  leiste,  ein  neues  Gesetz  über  die  Dienstpflicht  gar
nicht  nöthig  sei.  Das  Gesetz  von  1814  verfüge  die  allgemeine
Wehrpflicht  und  den  dreijährigen  Dienst.  Die  Stärke  des  Heeres,
hieß  es  dort  weiter  (also  die  Zahl  der  jährlichen  Recruten),
werde  nach  den  jedesmaligen  Verhältnissen  des  Staats  bestimmt:
  daß  im  Jahre  1814  diese  Bestimmung  alleiniges  Recht
des  Königs  gewesen,  verstand  sich  von  selbst;  daß  die  Verfassung
  von  1850  hieran  nichts  geändert  habe,  war  bis  dahin
von  niemand  bezweifelt  worden.  Daraus  folgte  dann  nothwendig
  das  gleiche  Recht  des  Königs  für  die  Anordnung  der
Heereskörper,  durch  welche  die  ausgehobenen  Recruten  ihre
militärische  Bildung  erhalten  sollten,  und  auch  in  diesem
Punkte  hatte  sich  bisher  keine  Meinungsverschiedenheit  gezeigt.
Allerdings  schien  der  Plan  der  Regierung,  die  drei  jüngsten
Jahrgänge  der  Landwehr  an  die  Kriegsreserve  der  Linie  zu  überweisen,
  nicht  im  Einklang  mit  dem  Gesetze  von  1814  zu  stehen.
Indessen  galt  auch  in  diesem  die  scharfe  Trennung  der  Linie
von  der  Landwehr  nur  für  die  Friedenszeit;  im  Kriege  sollte
einzig  das  Bedürfniß  über  die  Verwendung  der  Mannschaft
entscheiden:  nun,  die  Kriegsreserve  trat  ja  nur  für  den  Kriegsfall
  unter  die  Waffen,  und  dann  war  es  auch  nach  dem  alten
Gesetze  erlaubt,  Landwehrmänner  ihr  anzuschließen.

In  Summa  also  hielt  sich  die  Regierung  befugt,  auf
Grund  der  alten  Gesetze  ihre  Heeresreform  ohne  Räücksicht
auf  den  Widerspruch  des  Landtags  durchzuführen.  Sie  zog
also  ihren  so  hart  angefochtenen  Gesetzentwurf  zurück.  Indessen,
  sie  bedurfte  Geld  für  die  Fortführung  ihrer  neuen
Formationen,  und  dafür  eines  Beschlusses  des  Landtags;

Herr  von  Patow  brachte  also  einen  Antrag  an  das  Haus,
25“
        <pb n="398" />
        388  Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.  1860

der  Regierung  für  die  nächsten  vierzehn  Monate  neun  Millionen
  zu  bewilligen,  zum  Zwecke  „der  Aufrechthaltung  und
Vervollständigung  derjenigen  Maaßnahmen,  welche  für  die
fernere  Kriegsbereitschaft  und  die  erhöhte  Streitbarkeit  des.
Heeres  erforderlich,  und  auf  den  bisherigen  gesetzlichen  Grundlagen
  thunlich  sind“.  Dies  führte  zu  einer  Verhandlung  von
schlimmen  Folgen.  Patow  erklärte  der  Commission,  daß  der
definitiven  Regelung  aller  Fragen  durch  den  Vorschlag  nicht
präjudicirt  werde;  es  handle  sich  um  ein  Provisorium;  wenn
später  das  Haus  die  Mittel  nicht  bewillige,  könne  Alles  wieder
reducirt  werden.  Später,  bei  der  Verhandlung  im  Hause  selbst,
schränkte  er  den  Sinn  seiner  Worte  dahin  ein,  er  bezeichne  den
jetzigen  Zustand  nur  in  dem  Sinne  als  einen  provisorischen,
daß  ein  Definitivum  erst  nach  einer  nochmaligen  Berathung  im
Landtag,  nämlich  bei  der  Feststellung  der  Kosten  im  Budget,
entstehen  könne.  Aber  die  Mehrheit  des  Hauses,  und  wie  sich
bald  zeigte,  auch  im  Lande,  hielt  fest  an  der  ursprünglichen
Erklärung  in  der  Commission,  daß  es  sich  nur  um  vorübergehende
  Maaßregeln  handle,  die  bei  einer  Ablehnung  durch
den  Landtag  unter  Herstellung  des  frühern  Zustandes  zurückgenommen
  werden  würden.  Nachdem  dann  Vincke  wieder  mit
großem  Eifer  Namens  der  Commission  die  zweijährige  Dienstzeit
  und  die  Erhaltung  der  Landwehr  als  unerläßlich  bezeichnet
hatte,  wurden  die  neun  Millionen  für  das  laufende  Jahr
beinahe  einstimmig  bewilligt.  Das  Herrenhaus  folgte  diesem
Beispiel,  fügte  aber  eine  einstimmige  Resolution  hinzu,  worin
es  in  scharfem  Gegensatze  zu  dem  andern  Hause  die  Regierung
  dringend  aufforderte,  an  dem  ursprünglichen  Reformplan
  festzuhalten,  und  alle  dazu  erforderlichen  Maaßregeln
kräftig  zur  Ausführung  zu  bringen.
        <pb n="399" />
        1860  Bedenkliches  Provisorium.  389

Der  Prinz-Regent,  der  am  23.  Mai  1860  die  Session
schloß,  beklagte  die  Beanstandung  der  Gesetzvorlage  über  die
Wehrpflicht;  die  dadurch  herbeigeführte  Verzögerung,  sagte
er,  hätte  bedenklich  werden  können,  wenn  der  Landtag  nicht
die  Mittel  zu  der  nöthigen  Steigerung  der  vaterländischen
Wehrkraft  gewährt  hätte;  er  sehe  darin  ein  Pfand,  daß  die
Nothwendigkeit  der  Heeresreform  endlich  richtig  gewürdigt,
und  die  Lösung  der  zurückgestellten  Frage  in  kürzester  Frist
gelingen  werde.

Diese  Worte  lassen  keine  andere  Auslegung  zu,  als  daß
der  Regent  in  der  Creditbewilligung  die  factische  Zustimmung
zu  der  Heeresreform  erblickte,  und  von  der  nächsten  Session
die  definitive  Genehmigung  der  Kosten  erwartete.  Er  hielt  sich
dabei  offenbar  an  den  Wortlaut  der  jetzt  angenommenen  Vorlage,
  worin  die  Regierung  die  Geldmittel  nicht  bloß  für  die
augenblickliche  Kriegsbereitschaft,  sondern  auch  für  die  erhöhte
Streitbarkeit,  d.  h.  die  neue  Organisation  des  Heeres,  gefordert
  hatte.  Die  Opposition  aber  blieb  unerbittlich  bei
Patow's  erster  Erklärung  stehen,  nach  welcher  jedes  Stück
der  neuen,  durchaus  provisorischen  Einrichtungen  durch  ihren
Widerspruch  im  nächsten  Jahre  wieder  beseitigt  werden  könnte.
Diese  Verschiedenheit  der  beiderseitigen  Auffassungen,  oder  wenn
man  will,  diese  Doppeldeutigkeit  des  Provisoriums,  wurde  die
Quelle  alles  folgenden  Unheils.  Denn  je  überzeugter  jeder  Theil
von  der  Richtigkeit  seiner  Ansicht  war,  desto  geneigter  wurde  er,
an  dem  guten  Glauben  des  andern  zu  zweifeln  und  bei  diesem
eine  planmäßige  Täuschung  vorauszusetzen.  Damit  aber  verschwand
  jede  Möglichkeit  eines  gutwilligen  Übereinkommens.

Der  Prinz-Regent  verfügte  im  Juli  1860  nach  der  Vollendung
  der  neuen  Formationen  die  Eintheilung  derselben  in
        <pb n="400" />
        390  Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.  1860

Regimentsverbände  und  die  definitive  Ernennung  der  Officiere
und  Unterofficiere.  Im  October  wurden  den  Regimentern
ihre  Fahnen  oder  Standarten  verliehen,  im  Januar  1861  die
feierliche  Einweihung  dieser  Feldzeichen  vollzogen.  Fortan
konnte  ein  Jeder  sich  sagen,  daß  dies  nicht  mehr  provisorische,
sondern  bleibende  Formationen  waren,  zu  deren  Auflösung
der  Regent  sich  nimmermehr  nach  freiem  Willen  entschließen
würde.  Die  neugestaltete  Armee  stand,  eine  vollendete  Thatsache,
  da.  Um  so  größer  aber  war  seitdem  die  Enttäuschung,
und  bald  die  Erbitterung  im  Lande.  Patow  hatte  gesagt,
Alles  bleibe  provisorisch,  Alles  könne,  wenn  der  Landtag  die
Mittel  verweigere,  wieder  reducirt  werden.  Nun  folgten  die
Fragen,  ob  die  Tausende  der  Officiere  provisorische  Patente
hätten?  Ob  die  117  Bataillone  bei  einem  Abstrich  im  Budget
wieder  verschwinden  würden?  Die  Regierung,  sagten  die
Gemäßigten,  hätte  vor  der  Bewilligung  des  Credits  ihre
Absicht  deutlich  erklären  müssen.  Ein  naives  Verlangen,  riefen
die  Eifrigen,  wollt  Ihr  denn  schlechterdings  nicht  sehen,  daß
Alles  schlau  ersonnen  war,  um  Euch  zu  betrügen?  So  fraß
Zorn  und  Verdruß  immer  weiter  um  sich,  und  obgleich  damals
  anstatt  des  conservativen  Simons  der  liberale  Bernuth
Justizminister  wurde,  steigerte  sich  die  Abwendung  von  dem
Ministerium  in  solchem  Maaße,  daß  bei  zwei  Nachwahlen  im
Herbste  dieselben  Wahlmänner,  welche  1858  jeden  Demokraten
von  1848  zurückgewiesen  hatten,  jetzt  zwei  Häupter  dieser
Partei,  Waldeck  und  Schulze-Delitzsch,  in  das  Haus  der  Abgeordneten
  sandten.

Unter  so  trüben  Vorzeichen  für  die  innere  Politik  erlebte
Preußen  den  Thronwechsel.  Am  2.  Januar  1861  endigte
der  Tod  das  düstere  Leiden  Friedrich  Wilhelm's  IV.,  und
        <pb n="401" />
        1861  Durchführung  der  Reform.  Thronwechsel.  391

im  eigenen  Namen  begann  König  Wilhelm  I.  seine  Regierung,
ein  Ereigniß,  welches  sonst  die  Neigung  zur  Etfüllung  der  königlichen
  Wünsche  ohne  Zweifel  gesteigert  hätte,  jetzt  aber  bei
dem  herrschenden  Groll  nur  in  geringem  Maaße  seine  Wirkung
äußerte.  In  der  Thronrede  bei  Eröffnung  des  Landtags  am
14.  Januar  sprach  der  König  über  die  Heeresreform  als  eine
fertige  Schöpfung;  die  Landesvertretung  werde  sich  der  Aufgabe
  nicht  versagen,  das  Geschaffene  zu  bewahren  und  zu
fördern.  Zugleich  erhielt  das  Herrenhaus  die  Mahnung,  der
Reform  des  Eherechts  und  der  Ausgleichung  der  Grundsteuer,
ohne  welche  die  Heeresreform  finanziell  nicht  gesichert  sei,
endlich  seine  Zustimmung  zu  geben.  Dieser  Wink,  daß  ein
ungünstiges  Votum  über  die  Grundsteuer  die  Heeresreform
stören  würde,  bewährte  sehr  schnell  seinen  Einfluß:  die  beiden
früher  verworfenen  Gesetze  wurden  jetzt  vom  Herrenhause  mit
starker  Mehrheit  angenommen,  und  damit  ein  harmonisches
Verhältniß  zwischen  der  Krone  und  der  hohen  Körperschaft
auf's  Neue  hergestellt.

Leider  kam  es  im  zweiten  Hause  zu  einem  solchen  positiven
  Ergebniß  nicht.

Schon  bei  den  Verhandlungen  über  die  Antwortadresse
auf  die  Thronrede  machten  sich  scharfe  Meinungsverschiedenheiten
  zwischen  dem  Ministerium  und  der  bisherigen  ministeriellen
Partei  auf  dem  Gebiete  der  auswärtigen  und  der  deutschen
Politik  geltend.  Trotz  des  lebhaften  Widerspruchs  des  Herrn
von  Schleinitz  nahm  das  Haus  einen  Antrag  Vincke's  an,
Preußen  habe  kein  Interesse,  sich  der  Consolidation  Italiens
zu  widersetzen,  so  wie  einen  andern  seiner  Commission,  man
sei  dem  Könige  dankbar  für  seine  Bemühungen  um  eine
Reform  der  Bundeskriegsverfassung;  dies  aber  sei  nicht  aus-
        <pb n="402" />
        392  Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.  1861

reichend  für  das  nationale  Bedürfniß,  welches  eine  Gesammtreform
  der  Bundesverfassung  unter  Erlangung  der  dem
preußischen  Staate  gebührenden  Stellung  erheische.  Schleinitz,
wohl  wissend,  daß  der  König  vor  der  Sicherung  der  Heeresreform
  zu  solchen  Schritten  sich  nicht  entschließen  würde,  erklärte,
  daß  der  Antrag  weit  über  den  jetzigen  Standpunkt
der  Regierung  hinausgehe,  erzielte  aber  nur  die  Wirkung,  die
Abneigung  des  Hauses  gegen  die  Heeresreform  zu  steigern.  Denn,
sagten  die  Liberalen,  einem  Ministerium,  das  zu  einem  kräftigen
Schritt  in  der  großen  nationalen  Sache  ohne  Nerv  und  Muth
ist,  mehr  als  100000  Soldaten  und  viele  Millionen  Zulage
zum  Kriegsbudget  zu  bewilligen,  liegt  kein  Grund  vor.  Möge
Herr  von  Schleinitz  fortfahren,  Depeschen  zu  schreiben;  weiter
wird  er  es  doch  nicht  bringen,  und  dazu  bedarf  er  weder
Geld  noch  Soldaten.

Was  nun  die  Heeresreform  selbst  betraf,  so  hatte  die
Regierung,  dem  einmal  eingenommenen  Standpunkt  entsprechend,
kein  Gesetz  über  die  Dienstpflicht  vorgelegt,  sondern  die  Neugestaltung
  des  Heeres  nur  in  den  betreffenden,  jetzt  nicht  um
9½,  sondern  nur  um  8  Millionen  erhöhten  Positionen  des
Etats  zur  Anschauung  gebracht.  Die  Herren  von  Patow  und
von  Roon  thaten  das  Mögliche,  die  Ausführung  der  Heeresreform
  auf  Grund  der  bestehenden  Gesetze  zu  rechtfertigen.  Aber
unauslöschlich  haftete  der  Argwohn  planmäßiger  Täuschung
in  den  Gemüthern.  Alles  sei  provisorisch,  habe  Patow  gesagt,
  Alles  widerruflich:  jetzt  werde  Alles  für  definitiv  und
unabänderlich  erklärt.  Eine  Gruppe  von  etwa  fünfzig  Mitgliedern
  unter  Waldeck's  Führung  war  der  Meinung,  sämmtliche
  Mehrkosten  der  neuen  Formationen  zu  streichen,  und
dann  abzuwarten,  was  die  Regierung  bieten  würde.  So  weit
        <pb n="403" />
        1861  Schärfung  der  Opposition.  393

wollte  indeß  die  Mehrheit  doch  nicht  gehen.  Gegen  den  Fortbestand
  der  neuen  Regimenter  hatte  sie  nichts,  wohl  aber
wünschte  sie  das  Ministerium  zur  Vorlage  eines  Gesetzes  über
die  Dienstpflicht  zu  nöthigen,  um  bei  dessen  Beschließung  die
zweijährige  Dienstzeit  und  die  Erhaltung  der  Landwehr  in
der  Feldarmee  durchzusetzen.  Um  dies  zu  erreichen,  galt  es,
eine  Verletzung  der  alten  Gesetze  durch  das  neue  System
nachzuweisen,  zu  deren  Legalisirung  ein  neues  Gesetz  erforderlich
  wäre:  und  man  muß  es  gestehen,  es  war  kein  glänzendes
  Argument,  welches  man  für  diese  Auffassung  in  das
Feld  führte.  Man  sagte,  daß  die  Überweisung  mehrerer
Jahrgänge  der  Landwehr  an  die  Kriegsreserve  der  Linie,  wie
das  neue  System  sie  ein  für  alle  Male  vorschreibe,  in  dem  alten
Gesetz  nur  für  die  Zeit  nach  dem  wirklichen  Ausbruch  des
Krieges  gestattet  sei,  nicht  aber  für  die  Mobilmachung  vor
dem  Kriege.  Für  dies  Letztere  sei  also  ein  neues  Gesetz
erforderlich.

Nach  dieser  Theorie  hätte  der  alte  Gesetzgeber  zuerst
die  Bataillone  in  Friedensstärke  vor  den  Feind  führen  wollen,
um  ihnen  die  Reserven  erst  nach  Beginn  des  Kampfes  nachzusenden.
  Da  ein  so  absurder  Satz  nicht  zu  behaupten  war,
so  half  man  sich  mit  der  Unterscheidung,  es  gebe  außer  der
Mobilmachung  zum  Kriegszweck  auch  solche  zu  bloß  diplomatischen
  Demonstrationen,  wie  man  sie  1850  und  1859  erlebt
habe,  und  bei  dergleichen  sei  die  Heranziehung  von  Landwehren
  nach  dem  alten  Gesetze  absolut  unstatthaft.  Aber
auch  diese  Erörterung  war  nicht  besser  begründet.  In  den
beiden  angeführten  Fällen  hatte  es  sich  in  Wahrheit  um  sehr
ernste  Kriegsgefahr  gehandelt,  und  überhaupt  bleibt  jede
Mobilmachung,  auch  wenn  man  dabei  vielleicht  noch  auf
        <pb n="404" />
        394  Streit  über  die  Heeresreform  in  Preußen.  1861

Einschüchterung  des  Gegners  ohne  Kampf  hoffen  mag,  eine
Kriegsdrohung,  deren  Folgen  zu  bestimmen,  man  nicht  mehr
selbst  in  der  Lage  ist.  1)  Indessen,  wie  die  Leidenschaften  einmal
erregt  waren,  erschien  der  Majorität  jene  Auslegung  der
Gesetze  gut  genug,  um  den  Satz  daran  zu  knüpfen,  daß  ohne
die  Vorlage  eines  neuen  Gesetzes  über  die  Dienstpflicht  die
definitive  Anerkennung  der  Heeresreform  unmöglich  sei.  Man
genehmigte  also  nach  einem  Abstrich  von  750000  Thalern
zwar  noch  einmal  die  Kosten  der  neuen  Einrichtungen  für  das
laufende  Jahr,  übertrug  aber  diese  Summen  aus  dem  Ordinarium
  des  Etats  in  das  Extraordinarium,  d.  h.  in  die  Reihe
der  „einmaligen  und  vorübergehenden  Ausgaben"“,  und  fügte

1)  Auch  die  Texte  der  betreffenden  Anordnungen  lassen  darüber
keinen  Zweifel.  Das  Gesetz  vom  3.  September  1814  sagt  Artikel  6  von
der  Mannschaft  der  Kriegsreserve:  sie  dient  im  Falle  eines  entstehenden
  Krieges  zum  Ersatz  des  stehenden  Heeres.  Artikel  8  heißt  es
von  der  Landwehr  1.  Aufgebots:  sie  ist  bei  entstehendem  Kriege
zur  Unterstützung  des  stehenden  Heeres  bestimmt.  Die  Verpflichtung  der
Landwehr  wird  wörtlich  gleichlautend  mit  jener  der  Kriegsreserve  festgesetzt;
  wenn  die  Einberufung  der  Landwehrmänner  erst  nach  Ausbruch
des  Krieges  und  nicht  schon  bei  der  Mobilmachung  erfolgen  dürfte,  so
müßte  hienach  die  gleiche  Beschränkung  auch  für  die  Reservisten  der
Linie  gelten.

Die  Landwehr-Ordnung  vom  21.  November  1815  sagt  Artikel  58:
wie  die  Landwehr  bei  einem  entstehenden  Kriege  in's  Feld  rücken
und  mit  den  Linienregimentern  in  Brigaden  formirt  werden  soll,  darüber
werden  besondere  Anweisungen  erfolgen.  Es  ist  deutlich,  daß  hier  der
Übergang  vom  Friedens=  zum  Kriegsstande  für  beide  Truppenkörper  als
vollkommen  gleichzeitig  gedacht  ist,  nämlich  bei  der  Mobilmachung,  welche
Bezeichnung  denn  auch  Artikel  59  ausdrücklich  gebraucht  wird.

In  Summa:  mit  der  Mobilmachung  beginnt  für  die  gesammte
Armee  der  Kriegsstand,  und  tritt  damit  die  im  Gesetz  von  1815  Artikel  15
festgestellte  Regel  ein,  daß  im  Frieden  die  im  Gesetze  angegebenen  Jahre
den  Ein=  und  Austritt  in  die  verschiedenen  Heeresabtheilungen  bestimmen,
im  Kriege  hingegen  sich  dies  durch  das  Bedürfniß  bestimmt.
        <pb n="405" />
        1861  Forderung  eines  neuen  Gesetzes  über  die  Dienstpflicht.  395

dem  Etat  noch  eine  von  Vincke  beantragte  Resolution  hinzu,
worin  unter  der  obigen  Beweisführung  die  Vorlage  eines
Gesetzes  über  die  Dienstpflicht  behufs  Abänderung  der  Vorschriften
  von  1814  als  unerläßlich  zur  Aufrechthaltung
der  Heeresreform  bezeichnet  wurde.  Noch  einmal  war  der
offene  Bruch,  nicht  eigentlich  vermieden,  aber  doch  hinausgeschoben.
  Die  Legislaturperiode  ging  zu  Ende;  allgemeine
Neuwahlen  standen  bevor:  mochte  also  hiebei  das  preußische
Volk  selbst  über  das  Werk  des  Königs  seine  Ansicht  aussprechen.
        <pb n="406" />
        1861

5.  Cepikel.

Conslicte  auf  allen  Seiten.

Noch  gab  die  Regierung  die  Hoffnung  auf  einen  günstigen
Erfolg  in  der  kommenden  Session  nicht  auf.  Schritt  auf
Schritt  war  sie  in  jedem  Jahre  auch  beim  Landtag  ihrem
Ziele  näher  gekommen;  sie  meinte,  nach  der  Abkühlung  der
ersten  Überraschung  werde  das  Land  und  der  Landtag  die
Vortheile  der  Heeresreform  nicht  länger  verkennen.  Sie
klammerte  sich  um  so  fester  an  diese  Auffassung  an,  je
wünschenswerther  ihr  die  Sicherung  der  neuen  Armee  durch
die  täglich  wachsende  Verwirrung  in  den  deutschen  Angelegenheiten
  wurde,  wo  an  mehr  als  einem  Punkte  die  Möglichkeit
bewaffneter  Zerwürfnisse  sich  immer  deutlicher  erkennen  ließ.

Zunächst  zeigte  sich  nebeneinander,  nach  ganz  deutscher
Weise,  ein  wachsender  Drang  bei  Fürsten  und  Völkern  nach
Bundesreform  im  Allgemeinen,  und  eine  völlige  Aussichtslosigkeit
  zur  Verständigung  über  die  vorliegenden  Reformvorschläge
  im  Besondern.  Dem  preußischen  Antrag,  betreffend
die  Bundeskriegsverfassung,  hatten  im  August  1860  auf
einer  Conferenz  zu  Würzburg  die  vier  Königreiche  nebst
Darmstadt  und  Nassau  den  Vorschlag  entgegen  gesetzt,  die
        <pb n="407" />
        1861  Streit  über  Bundeskriegsverfassung  und  Küstenschutz.  397

Einheit  des  Bundesheers  zu  erhalten,  in  dem  Falle  aber,  daß
Osterreich  und  Preußen  ihre  ganze  Streitmacht  dem  Bunde
zur  Verfügung  stellten,  die  Ernennung  des  Bundesfeldherrn
den  beiden  Großmächten  anheim  zu  geben.  Bei  der  Teplitzer
Zusammenkunft  beschlossen  darauf,  wie  wir  sahen,  die  beiden
Monarchen,  beiderseitige  Generale  in  Berlin  die  Frage  berathen
zu  lassen.  Die  Conferenzen  dauerten  bis  zum  April  1861:
über  die  technisch-militärischen  Fragen  gelangte  man  zum
Einverständniß;  dann  aber  kamen  politische  Erwägungen  zur
Sprache,  und  das  Ende  war,  daß  man  unverrichteter  Dinge
auseinander  ging.  Es  zeigte  sich,  daß  Osterreich  weit  entfernt
  war,  den  Grundgedanken  des  preußischen  Vorschlags,
die  Gleichberechtigung  Preußens,  anzuerkennen,  daß  es  vielmehr,
  nachdem  es  im  Innern  sich  durch  eine  starke  Centralregierung
  auf  eigene  Füße  gestellt  hätte,  dann  in  Deutschland
nur  eine  Föderation  zuzulassen  meine,  in  der  es  die  erste
Macht  bleibe:  dazu  würde  ihm  eine  deutsche  Trias  sehr  wohl
passen,  da  hier  die  Mittelstaaten  bereit  sein  würden,  Preußens
Ehrgeiz  in  festen  Schranken  zu  halten.

Ebenso  schroff  standen  sich  bei  einer  nicht  minder  wichtigen
Frage,  der  Vertheidigung  der  Nord=  und  Ostseeküsten,  die
Ansichten  gegenüber.  Preußen  begehrte  dafür  ein  einheitliches
System,  sowohl  für  Uferbefestigung  als  für  eine  Kanonenboot-=flottille
  unter  seiner  Leitung;  Hannover  aber  beantragte  für
die  nichtpreußischen  Uferstaaten  ein  gesondertes  System  unter
hannover'scher  Führung.  Für  Preußen  stimmten  die  zunächst
Betheiligten,  welchen  es  ernstlich  um  den  Küstenschutz  zu
thun  war,  Oldenburg  und  die  Hansestädte,  für  Hannover  aber
Osterreich  und  die  Mittelstaaten,  denen  weniger  an  dem
Schutze  der  Nordseeküsten,  als  an  der  Verhinderung  eines
        <pb n="408" />
        398  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

preußischen  Machtzuwachses  lag.  Das  Ergebniß  endlos  hinschleppender
  Verhandlungen  war,  daß  es  zu  keinem  Beschlusse
kam,  und  die  Nordseeküsten  ebenso  wehrlos  blieben  wie  der
Oberrhein.

Auf  der  andern  Seite  hinderte  Preußens  Rechtsverwahrung
  jeden  Beschluß  des  Bundestags  zur  Erweiterung
seiner  Competenz  über  solche  Angelegenheiten,  welche  nach
der  Bundesacte  als  gemeinnützige  Einrichtungen  der  freien
Vereinbarung  überlassen  waren,  worüber  also  der  Bundestag
nur  bei  Einstimmigkeit  aller  Mitglieder  verfügen  konnte.  Die
Mittelstaaten  hatten  sich  jetzt  geeinigt,  auf  diesem  Wege  das
populäre  Ansehen  des  Bundestags  zu  kräftigen,  und  brachten
einen  Antrag  zu  löblichem  Zwecke  nach  dem  andern:  Einsetzung
einer  Bundescommission  zur  Feststellung  gleiches  Maaßes
und  Gewichts  für  ganz  Deutschland,  einen  andern  für  ein  Gesetz
gegen  den  Nachdruck,  einen  dritten  für  die  Ausarbeitung  eines
deutschen  Civil=  und  Criminalproceßgesetzes.  Preußen  wies
aus  den  uns  bekannten  Gründen  dies  Alles  zurück  und
machte  damik  die  Ausführung  unmöglich.

Von  diesen  Verhandlungen  gelangte  einstweilen  wenig
in  die  Offentlichkeit.  Um  so  heißer  aber  wurden  die  Gefühle
des  deutschen  Volkes  durch  das  Fortbrennen  der  beiden  großen
Streitfragen,  der  kurhessischen  und  der  holstein'schen,  erregt.

Weder  durch  den  Bundesbeschluß  noch  durch  die  darauf
begründete  Verfassung  von  1860  war  der  kurhessische  Handel
zum  Abschluß  gekommen.  Der  Führer  der  hessischen  Opposition,
  der  Rechtsanwalt  Friedrich  Otker,  ein  Mann  von  unbeugsamem
  Charakter,  von  ebenso  viel  Muth  wie  Zähigkeit,
ein  durch  und  durch  gebildeter  Jurist  und  zugleich  ein  Parteihaupt
  von  niemals  abzulenkender  Klugheit,  sammelte  Schritt
        <pb n="409" />
        1861  Fortdauer  des  kurhessischen  Verfassungsstreits.  399

auf  Schritt  alle  Theile  des  Landes,  alle  Schichten  des  Volkes
um  das  Banner  der  einzig  rechtmäßigen  Verfassung  von  1831.
Als  die  Stände  nach  dem  Gesetz  von  1860  gewählt  werden
sollten,  stimmten  alle  Wähler  und  nahmen  alle  Gewählten  an,
unter  dem  Vorbehalt  des  alten  Rechts.  Hassenpflug  hatte
die  Beschwörung  der  Verfassung  durch  die  Abgeordneten  abgeschafft;
  dies  kam  jetzt  den  Kämpfern  für  das  alte  Recht
zu  Gute:  einmüthig  constituirte  sich  die  zweite  Kammer  und
beschloß  unmittelbar  darauf,  daß  sie,  weil  nicht  nach  den
Gesetzen  von  1831  und  1849  berufen,  zu  landständischen
Beschlüssen  unfähig  sei.  Sie  wurde  auf  der  Stelle  aufgelöst.
Eine  Neuwahl  einige  Monate  später  lieferte  das  gleiche  Ergebniß,
  während  am  Bundestag  ein  Antrag  der  badischen
Regierung  eingebracht  wurde,  dem  Kurfürsten  anheim  zu
geben,  bei  der  offenbaren  Unausführbarkeit  der  bisherigen
Bundesbeschlüsse  zu  der  alten  Verfassung  zurückzukehren.  Der
Kurfürst  war  im  höchsten  Grade  ergrimmt,  löste  den  Landtag
nach  dreitägiger  Sitzung  wieder  auf,  und  ließ  dem  Bundestag
  eine  über  alle  Maaßen  grobe  Denkschrift  gegen  den
badischen  Antrag  überreichen.  Fort  und  fort  erklärte  zugleich
sein  enthusiastischer  und  confuser  Minister  Abeée,  der  Kurfürst
sei  in  diesen  schweren  Zeiten  der  einzige  Hort  der  Legitimität,
und  weissagte,  ein  Prophet  wider  Willen,  mit  dem  Falle  des
Kurfürsten  werde  die  ganze  Bundesverfassung  in  Deutschland
zu  Grunde  gehen.

Von  Schleswig-Holstein  berichten  wir  später.  Am
7.  Februar  drohte  der  Bundestag  wieder  einmal  mit  Execution,
  worauf  dann  aber  England  und  Rußland  sogleich
dringende  Vorstellungen  in  Wien,  Berlin  und  Frankfurt
machten,  daß  man  von  einer  solchen  Maaßregel,  als  einer
        <pb n="410" />
        400  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

schweren  Gefährdung  des  europäischen  Friedens,  absehen
möge.

Diese  Dinge  waren  es  nun,  welche  die  populäre  Be—
wegung  in  allen  deutschen  Gauen  unaufhörlich  steigerten.
Donnernde  Aufrufe  des  Nationalvereins,  energische  Beschlüsse
der  Kammern  in  Dresden,  Carlsruhe,  Braunschweig,  brausende
Bürgerversammlungen  in  Schwaben  und  Franken,  Alle  wiederholten
  die  Forderung,  das  gute  Recht  Hessens  und  Holsteins
herzustellen,  und  Alle  kamen  zu  dem  Schlusse,  daß  die  erste
Bedingung  für  das  Gedeihen  deutsches  Rechts  und  deutscher
Macht  die  Schaffung  einer  deutschen  Centralgewalt  und  eines
deutschen  Parlaments  sei.  Eifrige  Patrioten,  wie  der  Herzog
von  Coburg,  bemühten  sich  in  jeder  Weise,  den  Einheitsgedanken
  aus  den  Kreisen  der  Gebildeten  auch  in  die  großen
Massen  des  Volkes  zu  tragen:  bei  einem  Fest  der  Gothaer
Bürgerschützen  wurde  auf  seine  Anregung  ein  deutscher
Schützenbund  gegründet;  bald  gab  es  deutsche  Turner=  und
deutsche  Sängerbünde,  und  bei  jedem  deutschen  Festschießen
und  Festsingen  wurde  des  geeinten  Vaterlandes  Macht  und
Glanz  gepriesen.  Dann  folgten  deutsche  Abgeordnetentage,
deutsche  Städtetage,  Handelstage,  Juristentage,  und  durch
alle  Mannigfaltigkeit  der  behandelten  Gegenstände  zog  sich
als  rother  Faden  stets  die  Mahnung  zur  deutschen  Einheit
unter  dem  Beifall  dichtgedrängter  Zuhörer  hindurch.  Es
war  überall  dieselbe  Weise,  dieselbe  Begeisterung,  dieselbe
Einmüthigkeit.  Nur  durfte,  um  dieselbe  nicht  zu  stören,  ein
Punkt  nicht  berührt  werden,  und  zwar  der  entscheidende  für
den  ÜUbergang  aus  der  Welt  der  Idcale  in  das  Reich  der
Praxis,  die  Frage  nach  dem  künftigen  Träger  der  deutschen
Centralgewalt.  Darüber  kreuzten  sich,  wie  zehn  Jahre  früher,
        <pb n="411" />
        1861  Populäre  Bewegung  für  deutsche  Einheit.  401

die  Forderungen  der  Großdeutschen  und  Kleindeutschen,  der
Klerikalen  und  Liberalen,  der  Südländer  und  Nordländer.
Deshalb  wurde  es  bald  stillschweigende  Übereinkunft,  bei  den
großen  Tagen  und  Festen  der  heiklen  Frage  möglichst  aus
dem  Wege  zu  gehen,  und  dafür  durch  farbenprächtige
Schilderungen  von  des  deutschen  Reiches  Herrlichkeit  und  der
deutschen  Einheit  Glückseligkeit  die  Gefühle  der  versammelten
Menge  zu  entflammen.  Man  ahnte  nicht,  wem  man  damit
in  die  Hände  arbeitete.  Den  so  aufgeregten  Stimmungen
konnte  kein  auf  die  Wirklichkeit  der  Dinge  gegründetes  Programm,
  gleichviel  ob  groß=  oder  kleindeutsch,  genügen;  je
heißer  der  Rausch,  desto  mehr  erschwerte  er  jedes  praktische
Reformbestreben,  und  kam  somit,  wie  sich  bald  genug  zeigen
sollte,  nur  dem  Particularismus  zu  Gute.

Das  Ergebniß  aller  dieser  Vorgänge  war  übrigens  bei
dem  preußischen  König  der  Eindruck,  daß  seine  bisherige
Zurückhaltung  in  ver  großen  Frage  sich  nicht  lange  mehr
würde  behaupten  lassen,  daß  er  genöthigt  sein  würde,  eine
bestimmte  Stellung  darin  zu  nehmen.  Nun  reiste  er  nach
dem  Landtagsschlusse  wie  gewöhnlich  nach  Baden,  wo  am
14.  Juli  der  Mordversuch  eines  halb  verrückten  Studenten
keine  andere  Wirkung  bei  ihm  hatte,  als  Befestigung  seines
ruhigen  Gottvertrauens.  Von  dort  ging  der  König  in  das
Seebad  nach  Ostende,  in  Begleitung  des  Ministers  von  Schleinitz
  und  des  Gesandten  aus  London,  Grafen  Bernstorff.
Eben  dorthin  kam  dann  auch  der  Großherzog  von  Baden,
mit  seinem  neuen  Minister,  dem  Freiherrn  von  Roggenbach,
einem  jüngeren  Manne  von  reichem  Geist,  gewinnenden
Formen,  rührigem  Thatendrang,  der  sich,  der  vorwiegenden

Stimmung  seines  Landes  entsprechend,  offen  zu  dem  Programm
v.  Sybel,  Begründung  des  deutschen  Reiches.  II.  26
        <pb n="412" />
        402  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

einer  starken  deutschen  Centralgewalt  bekannte,  welche  von  dem
König  von  Preußen  geführt  werden  und  einem  aus  Volkswahlen
hervorgegangenen  Parlamente  durch  ihre  Minister  verantwortlichsein
  müsse,  im  Großen  und  Ganzen  also  einer  Verfassung,
ähnlich  dem  Entwurfe  des  Dreikönigsbündnisses  vom  26.  Mai
1849,  ähnlich  auch  darin,  daß  der  Eintritt  in  den  neben
Osterreich  aufzurichtenden  engern  Bund  dem  freien  Ermessen
jeder  einzelnen  Regierung  anheim  gestellt  wurde.  Roggenbach
erklärte  sich  bereit,  diesen  Vorschlag,  sei  es  als  Circularschreiben
bei  den  Höfen,  sei  es  als  Antrag  am  Bundestage  einzubringen,
wenn  er  dabei  der  Zustimmung  Preußens  sicher  sei.

Herr  von  Schleinitz  hatte  große  Bedenken.  Vor  allen
Dingen  hob  er  hervor,  daß  von  einer  preußischen  Initiative
in  dieser  Sache  keine  Rede  sein  dürfe.  Dann  aber  sei  nicht
abzusehen,  wie  ein  solcher  doppelter  Regierungsapparat:  Reichsminister,
  die  dem  Parlament,  preußische  Minister,  die  dem
Landtag  verantwortlich  wären,  ohne  Streit  und  Reibung
arbeiten  sollte;  unmöglich  könne  der  preußische  Staat  sich  ohne
Verbürgung  seiner  Selbständigkeit  unbedingt  der  Leitung  durch
ein  deutsches  Parlament  unterwerfen.  Ehe  man  über  den  Plan
sich  äußere,  müßten  alle  diese  Fragen  gründlich  erörtert  werden.
Graf  Bernstorff  stimmte  in  manchen  Einzelheiten  der  Kritik
des  Ministers  zu,  zeigte  sich  jedoch  den  Grundgedanken  des
Planes  geneigter  als  jener.  Noch  entgegenkommender  sprach
sich  der  König  aus,  und  man  gelangte  endlich  zu  der  Abrede,
daß  Roggenbach  eine  nähere  Ausarbeitung  seines  Systems
demnächst  in  Berlin  zur  schließlichen  Prüfung  vorlegen  würde.

Während  dieser  Gährung  der  deutschen  Fragen  hatte  gleichzeitig
  in  Preußen  die  innere  Zersetzung  bedenkliche  Fortschritte
gemacht.
        <pb n="413" />
        1861  Frage  der  Erbhuldigung  in  Preußen.  403

Jene  Vorstellung  Roon's,  für  die  Neugestaltung  des
Heeres  als  unpolitischer  Fachminister  wirken  zu  können,  hatte
sehr  bald  in  der  rauhen  Wirklichkeit  zerrinnen  müssen.  Er  sah
die  Heeresreform  durch  eine  stets  wachsende  Opposition  bedroht
und  die  Mehrzahl  seiner  Collegen  von  der  Vorstellung  beherrscht,
die  Neigung  der  liberalen  Mehrheit  durch  weitere  liberale
Concessionen  zu  gewinnen.  Ihm  schien  daraus  nur  eine
Stärkung  und  Ermuthigung  der  Gegner  seines  Lebenswerks
zu  folgen,  und  so  erhob  er  sich  zu  kräftigem  Widerspruch,
und  setzte  mehr  als  einmal  bei  dem  Könige  die  Ablehnung
der  von  Schwerin  vorgeschlagenen  Gesetzentwürfe  durch.  So
wurde  er,  halb  wider  Willen,  wofür  ihn  die  Liberalen  von
Anfang  an  gehalten,  der  Keil  zur  Sprengung  des  liberalen
Ministeriums.  Mehrmals  bot  er  wegen  dieses  Zwiespalts
dem  Könige  seine  Entlassung  an,  und  als  sie  stets  mit  Entschiedenheit
  abgelehnt  wurde,  entschloß  er  sich,  seinerseits  auf
die  Umgestaltung  des  Ministerraths  im  conservativen  Sinne
hinzuwirken.  Den  Anlaß  bot  die  Forderung  des  Königs,
nach  altem  Brauche  die  feierliche  Erbhuldigung  seines  Volks
entgegen  zu  nehmen,  welche  Ceremonie  die  liberalen  Minister
mit  der  Verfassung  nicht  im  Einklang  fanden.  Roon  war
in  seinem  royalistischen  Herzen  empört  über  solche  staatsrechtliche
  Spitzfindigkeiten,  und  erlangte  von  dem  ebenfalls  erzürnten
Könige  die  Erlaubniß,  Erkundigungen  über  etwaige  Nachfolger
der  liberalen  Minister  einzuziehen.  Er  wandte  sich  in  erster
Linie  an  Bismarck,  mit  dem  er  seit  langen  Jahren  befreundet
war,  und  dessen  mächtigen  Geist  er  vollkommen  würdigte.
Bismarck  aber  fand,  daß  die  Frage  der  Erbhuldigung  als
Anlaß  einer  Ministerkrisis  übel  gewählt  sei;  auch  könne  er
nur  dann  in  das  Ministerium  eintreten,  wenn  der  König  mit

26*
        <pb n="414" />
        404  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

seiner  auswärtigen  Politik  einverstanden  sei;  dies  aber  scheine
ihm  einstweilen  zweifelhaft,  da  der  König  in  legitimistischer
Achtung  vor  jedem  gekrönten  Haupte  auch  den  gegen  Preußen
feindseligsten  Fürsten  kein  Haar  krümmen  wollte.  Roon  veranlaßte
  darauf  eine  Berufung  Bismarck's  zum  Könige  nach
Baden,  wo  Bismarck's  erstes  und  letztes  Wort  an  den  Monarchen
  die  Mahnung  zu  einer  tapfern  Politik  war.  Indessen
  löste  sich  in  diesem  Moment  die  Krisis  noch  einmal
in  friedlicher  Weise:  das  Ministerium  schlug  dem  Könige
anstatt  der  Erbhuldigung  eine  feierliche  Krönung  in  Königsberg
  am  18.  October  vor,  und  der  König  genehmigte  dies
als  einen  Akt  von  noch  höherer  Weihe,  der  nur  einmal,  bei
der  Verwandlung  des  brandenburger  Kurhuts  in  die  preußische
Königskrone,  und  seitdem  nicht  wieder  stattgefunden  hatte.
Diese  Feier  im  Auge,  befestigte  er  sich  in  dem  Gedanken,
seiner  auswärtigen  Politik  ohne  Anderung  ihrer  Tendenz  doch
einen  etwas  kräftigern  Ton  als  bisher  zu  geben.  Nachdem
er  Anfang  October  den  Besuch  Napoleon's  in  Compiêgne
erwidert,  und  auf's  Neue  mit  dem  Kaiser  Versicherungen  von
Friede  und  Freundschaft  ausgetauscht  hatte,  ernannte  er  an
Schleinitz's  Stelle  nicht  Bismarck,  von  dem  er  unnöthige
Wagnisse  besorgte,  sondern  den  Grafen  Bernstorff  zum  Minister,
  und  reiste  dann  nach  Königsberg,  um  in  kirchlichem
Pompe  die  Krone  sich  auf  das  Haupt  zu  setzen.  Den  feierlichen
  Act  erlebte  er  in  tiefer  Gemüthsbewegung,  als  ein
Gelöbniß  treuer  Pflichterfüllung  im  Angesichte  Gottes  des
Herrn.  Eingedenk  dessen,  sagte  er  dann  den  anwesenden
Landtagsmitglicdern  und  Ständen:  da  die  Krone  nur  von
Gott  kommt,  habe  ich  durch  die  Krönung  an  geheiligter  Stätte
bekundet,  daß  ich  sie  in  Demuth  aus  seinen  Händen  empfangen
        <pb n="415" />
        1861  Krönung  Wilhelm's  J.  in  Königsberg.  405

habe.  Um  so  unantastbarer  erschienen  ihm  fortan  die  Rechte
dieser  Krone,  welche  sich  seinem  ernsten  und  ehrlichen  Sinne
unmittelbar  in  strenge  Pflichten  umsetzten.  Die  Pflichten  zu
erfüllen,  die  Rechte  zu  wahren,  war  sein  in  tiefer  Andacht
gefaßter  Entschluß,  mochte  ihm  dabei  Widerspruch  und  Kampf
begegnen,  auf  welcher  Seite  er  wolle.

An  Verwicklungen  auf  allen  Seiten  sollte  es  nicht  fehlen.

Zwar  mit  Osterreich  schien  sich  in  diesem  Augenblicke
ein  besseres  Verhältniß  in  gemeinsamem  Wirken  anzubahnen.
Während  bis  dahin  die  Verhandlung  über  die  Elbherzogthümer
nur  am  Bundestage  geführt,  und  folglich  auf  Holstein  beschränkt
  worden  war,  versuchte  Dänemark  im  August  1861
eine  directe  Auseinandersetzung  mit  den  beiden  deutschen  Großmächten,
  worauf  diese  in  vollem  Einverständniß  auf  Grund
der  internationalen  Verträge  von  1852  auch  die  Beschwerden
Schleswigs  zur  Sprache  brachten.  Dagegen  bestritt  Dänemark
  den  beiden  Höfen  jedes  Recht  zu  einer  solchen  Einmischung
  in  die  innern  Angelegenheiten  des  dänischen  Staates,
so  daß  man  den  Kriegsfall  und  damit  vielleicht  auch  Conflicte
  mit  den  fremden  Großmächten  nahe  und  näher  rücken
sah.  Hier  war  offenbar  nichts  wichtiger,  als  so  lange  wie
irgend  möglich  Osterreich  in  der  gemeinsamen  Action  festzuhalten.
  Um  so  mehr  war  man  in  Berlin  erfreut,  daß  im
Herbste  1861  Graf  Rechberg  auch  in  der  kurhessischen  Sache
sich  dem  preußischen  Standpunkte  anzunähern  begann.  Er  war
1850  eine  Zeit  lang,  wie  wir  sahen,  Bundescommissar  in
Kurhessen  gewesen,  und  hatte  dort  den  Kurfürsten  und  dessen
Räthe  gründlich  kennen  gelernt.  Jetzt  sah  er  Preußens  Ansehen
  durch  dessen  neuestes  Auftreten  weit  und  breit  in  Deutschland
  wachsen;  er  hatte  die  allgemeine  Sympathie  für  das
        <pb n="416" />
        406  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

mißhandelte  hessische  Volk  vor  Augen;  Österreich  selbst  war
seit  dem  26.  Februar  1861  ein  constitutioneller  Staat,  und
Rechberg  mußte  im  Reichsrath  bittere  Worte  über  sein  früheres
Wirken  in  Hessen  vernehmen.  Genug,  er  überzeugte  sich,  daß
in  dieser  Sache  der  Bundestag  auf  einem  verlorenen  Posten
stand,  und  äußerte  dem  preußischen  Gesandten  seine  Bereitwilligkeit
  zum  Einlenken.  Wie  gerne  man  in  Berlin  auf  dies
Entgegenkommen  eintrat,  bedarf  keiner  Schilderung.

Von  beiden  Seiten  war  dies  ehrlich  gemeint.  Rechberg
sowohl  als  Bernstorff  hätten  ein  dauerndes  Freundschaftsverhältniß
  zwischen  Osterreich  und  Preußen,  wäre  es  erreichbar
gewesen,  jeder  andern  politischen  Combination  vorgezogen.
Erreichbar  aber  war  es  damals  nur  auf  dem  Boden  des  alten
Bundesrechts;  sobald  eine  der  beiden  Mächte  sich  zur  Wiederaufnahme
  der  Bundesreform  bestimmen  ließ,  trat  der  Gegensatz
  zwischen  ihnen  mit  elementarer  Nothwendigkeit  zu  Tage.
Nun  geschah,  daß  in  derselben  Zeit,  in  der  König  Wilhelm
Roggenbach's  Vorschlägen  ein  wohlwollendes  Gehör  schenkte,
auch  in  dem  bisher  zurückhaltenden  Wien  eine  überraschende
Anregung  die  deutsche  Frage  in  Fluß  brachte,  und  somit,
trotz  aller  Friedenswünsche  die  deutsche  Entwicklung  von
beiden  Seiten  her  in  kriegerische  Bahnen  gedrängt  wurde.)

Wir  erinnern  uns  jenes  Julius  Fröbel,  der  Robert
Blum's  Gefährte  auf  der  für  diesen  verhängnißvollen  Sendung
in  das  belagerte  Wien  gewesen  war.  Damals,  1848,  war
Fröbel,  obgleich  schon  43  Jahre  alt,  von  jugendlicher  Schwär-1)

  Die  folgende  Darstellung  beruht  großen  Theils  auf  Fröbel's
kürzlich  erschienener  Selbstbiographie.  Er  hatte  schon  früher  die  wichtigsten
  Documente  aus  seiner  Wiener  Thätigkeit  in  dem  preußischen

Geheimen  Staatsarchiv  deponirt;  neben  denselben  habe  ich  auch  hier  die
preußischen  Gesandtschafteberichte  benutzt.
        <pb n="417" />
        1861  Julius  Fröbel.  407

merei  für  das  Ideal  der  Republik  erfüllt,  wie  er  es  sich  nach
philosophischer  Speculation  und  in  litterarischem  Kampf  gegen
die  absolute  Monarchie  gebildet  hatte.  Zugleich  aber  hatte
ihm  die  Natur  ein  offenes  Auge  für  die  Wirklichkeit  der  Dinge
und  einen  unbewußten  Trieb  zu  zweckmäßigem  Handeln  gegeben,
  so  daß  Ideal  und  Praxis  bei  ihm  nicht  selten  in  auffallenden
  Widerspruch  geriethen.  In  Frankfurt  war  er
republikanischer  Großdeutscher  und  hatte  seinen  Platz  auf  der
alleräußersten  Linken  genommen.  Bei  einem  früheren  Aufenthalte
  in  Wien  aber  hatte  er  sich  überzeugt,  daß  die  Existenz
der  Großmacht  Osterreich  zur  Abwehr  der  russischen  Barbarei
ein  Bedürfniß  Europas  sei,  und  ferner,  daß  hier  nur  eine
feste  Monarchie  das  Reich  zusammen  halten  könne,  da  mit
der  Erklärung  der  Republik  die  dort  vereinigten  Nationalitäten
sofort  sich  gegenseitig  abstoßen  würden.  Diese  Gedanken  veröffentlichte
  er  im  September  1848  in  einer  kleinen  Abhandlung,
welche  bald  nachher  auch  dem  Fürsten  Windischgrätz  bekannt
wurde  und  ihn  bestimmte,  sich  mit  Blum's  Hinrichtung  zu
begnügen  und  dessen  sonst  gleich  schuldigen  Genossen  zu  begnadigen.
  Fröbel  kam  dann  nach  Frankfurt  zurück,  folgte
dem  Rumpfparlament  nach  Stuttgart,  ging  nach  dessen  Erlöschen
  zu  dem  badischen  Revolutionsheer,  wo  er  durch  einen
besonderen  Glücksfall  dem  preußischen  Standrecht  entkam,  und
siedelte  endlich  aus  der  Schweiz,  wo  er  Zuflucht  gefunden,
nach  Amerika  über.  Hier  lernte  er,  während  eines  siebenjährigen,
  von  Anstrengungen  und  Abenteuern  aller  Art  erfüllten
  Aufenthalts,  die  republikanische  Wirklichkeit  kennen.  Er
fand,  daß  darin  nicht  bloß  die  hohen  Gedanken,  sondern  auch
alle  Leidenschaften  der  menschlichen  Natur  einen  freieren  Spielraum
  als  in  den  Monarchien  Europas  hatten,  und  folglich
        <pb n="418" />
        408  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

mehr  als  bei  uns  die  Masse  der  kleinen  Leute  der  Willkür
der  Schlauen,  der  Starken,  der  Reichen  Preis  gegeben  war.
1857  kam  er  nach  Deutschland  zurück,  von  republikanischer
Schwärmerei  geheilt,  aber  immer  noch  ffest  in  seinen  großdeutschen
  und  österreichischen  Anschauungen.  Er  wußte  jetzt,
daß  Recht  ohne  Macht  in  der  Politik  nicht  weiter  helfe  als
Macht  ohne  Recht;  er  sah,  daß  in  Deutschland  eine  Bundesreform
  ohne  die  Fürsten  nicht  zu  erlangen,  und  daß  die  Verwirklichung
  des  großdeutschen  Gedankens  ohne  thätiges  Eingreifen
  des  Kaisers  von  Osterreich  nicht  möglich  sei.  So
arbeitete  er  im  Juni  1861  bei  einem  Badeaufenthalt  in
Kissingen  eine  Denkschrift  aus,  die  in  kurzen  festen  Zügen
folgende  Gedanken  entwickrlte.

Das  deutsche  Reich  wird  aus  allen  bisherigen  Bundesstaaten
  bestehen.  Die  österreichischen  und  preußischen  Nebenländer
  stehen  für  immer  unter  dem  Schutze  des  Reichs.

Dem  Kaiser  Franz  Joseph  wird  die  erbkaiserliche  Würde
des  Reichs  übertragen.  Er  erhält  alle  Regierungsrechte,  die
für  die  Erhaltung  der  innern  Ordnung  und  äußern  Sicherheit
des  Reichs  erforderlich  sind,  in  fester  Abgrenzung  gegen  die
den  Einzelstaaten  zu  belassende  innere  Selbständigkeit.

Das  Reichsparlament  theilt  sich  in  ein  Fürstenhaus  und
ein  Volkshaus.

Das  Fürstenhaus  besteht  aus  den  regierenden  Souveränen
der  deutschen  Staaten,  die  sich  nur  durch  Prinzen  ihrer  Familie
vertreten  lassen  können.  Der  König  von  Preußen  ist  erster,
der  König  von  Bayern  zweiter  Präsident  des  Hauses.  Oster--reich
  ist  dort  durch  einen  Erzherzog  vertreten.

Das  Volkshaus  besteht  aus  Delegationen,  die  von  den
Volksvertretungen  der  Einzelstaaten  gewählt  werden.  Vielleicht
        <pb n="419" />
        1861  Fröbel's  Bundesreformplan.  409

können  später  Delegate  Ungarns,  der  Schweiz,  Hollands  hinzutreten.


Osterreich  und  Preußen  verzichten  zu  Gunsten  der  Reichsgewalt
  auf  das  Recht,  als  europäische  Großmächte  selbständig
Kriege  zu  führen.

Fröbel  erörtert  dann  weiter,  daß  zur  Erreichung  dieses
Ziels  zunächst  durch  zuverlässige  Männer  eine  Verfassung
auf  den  angegebenen  Grundlagen  auszuarbeiten  sei;  darauf
seien  im  Stillen  die  Fürsten,  die  Minister,  die  Kammermehrheiten
zu  gewinnen,  und  in  vorsichtiger  Weise  durch  die  Presse  die
leitenden  Gedanken  unter  dem  Volke  zu  verbreiten.  Dann
habe  Osterreich  beim  Bundestage  einen  Beschluß  zu  bewirken,
Delegationen  der  deutschen  Kammern  auf  einen  bestimmten  Tag
nach  Frankfurt  zu  berufen.  Dies  erlangt,  möge  der  Kaiser
alle  deutschen  Souveräne  auf  denselben  Tag  nach  Frankfurt
zu  einem  großen  Fürstentag  einladen.  Seine  Proclamation
als  deutscher  Erbkaiser  werde  dann  höchst  wahrscheinlich  sein.

Der  einzige  Widerspruch,  bemerkt  Fröbel,  könnte  vielleicht
von  Preußen  kommen,  obgleich  dessen  Popularität  in  Deutschland
  durch  den  Streit  zwischen  Krone  und  Volksvertretung
stark  im  Sinken,  jene  Osterreichs  dagegen  seit  dem  Erlaß  der
Februarverfassung  ebenso  stark  im  Steigen  begriffen  sei.  Sollte
Preußen  dennoch  es  auf  den  Bruch  ankommen  lassen,  und
Osterreich  noch  nicht  zur  ultima  ratio  greifen  wollen,  so
würde  freilich  nichts  übrig  bleiben,  als  unter  Aufrechthaltung
des  sonstigen  Verfassungsentwurfs  den  Erbkaiser  für  jetzt  durch
ein  Bundesdirectorium  zu  Dreien  (Osterreich,  Preußen,  ein
von  den  Ubrigen  zu  wählendes  Mitglied)  zu  ersetzen.

Fröbel  sandte  diese  Denkschrift  zunächst  dem  österreichischen
Bundestagsgesandten,  Baron  Kübeck,  der  ihr  großen  Werth
        <pb n="420" />
        410  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

beilegte,  und  sie  sofort  nach  Wien  beförderte,  wo  sie  dem
Kaiser  und  den  beiden  leitenden  Ministern,  Rechberg  und
Schmerling,  vorgelegt  wurde.  Besonders  Schmerling,  welcher
sein  Wirken  in  der  Paulskirche  keineswegs  vergessen  hatte,
wurde  lebhaft  von  der  Bedeutung  der  darin  niedergelegten
Vorschläge  ergriffen:  dies  offene  Begehren  der  deutschen
Kaiserkrone  für  das  Haus  OÖsterreich,  die  Mediatisirung  Osterreichs
  und  Preußens  unter  der  Reichsgewalt,  diese  Versammlung
  der  deutschen  Fürsten  zu  persönlicher  Berathung  der
Reichsverfassung  und  dann  zum  persönlichen  Erscheinen  im
Oberhause  des  Rciches,  das  Alles  waren  neue,  möglicher
Weise  äußerst  fruchtbare  Gedanken.  Schmerling  ließ  den
kühnen  Schriftsteller  nach  Wien  kommen  und  hatte  mit  ihm
in  der  ersten  Septemberwoche  eingehende  Besprechungen.  Er
hielt  das  aus  den  Kammern  der  Einzelstaaten  hervorgehende
Volkshaus  für  ganz  zweckmäßig,  sah  in  der  Berufung  eines
Fürstentags  sowie  in  der  spätern  Bildung  eines  Fürstenhauses
eine  treffliche  und  auch  leicht  zu  verwirklichende  Idee,  erklärte
aber  die  Ausrufung  eines  deutschen  Erbkaisers,  so  wünschenswerth
  sie  wäre,  zur  Zeit  für  schlechthin  unausführbar.  Man
müsse  sich  für  jetzt  auf  ein  Directorium  zu  Dreien  zurückzichen.
  Wie  aber  sollten  die  Drei  die  Geschäfte  führen?  Es
ließ  sich  in  verschiedener  Weise  denken,  collegialisch,  oder  vertheilt
  nach  einzelnen  Hoheitsrechten,  oder  in  abwechselnder
Oberleitung.  Fröbel  erklärte  sich,  im  Widerspruch  mit  allen
bisherigen  österreichischen  Uberlieferungen,  für  die  wechselnde
Leitung,  und  schlug,  wenn  man  nicht  Frankfurt  als  festen
Sitz  sowohl  der  Reichsregierung  als  des  Parlamentes  annehmen
  wollte,  mit  dem  Wechsel  des  Vorsitzes  zugleich  den
Wechsel  des  Reichsvororts,  etwa  Wien,  Berlin,  Frankfurt,
        <pb n="421" />
        1861  Schmerling  und  Rechberg  über  Fröbel's  Reformplan.  411

vor.  Schmerling  war  einverstanden.  Denn,  wurde  bemerkt,
dieser  Wechsel  gibt  dem  Ganzen  einen  provisorischen  Charakter
und  erleichtert  im  günstigen  Augenblick  den  Übergang  zum
Erbkaiserthum.  Daß  die  außerdeutschen  Nebenländer  deutscher
Fürsten  unter  der  Garantie  des  Reiches  stehen,  und  daß  dann
Osterreich  und  Preußen  auf  ihr  selbständiges  Kriegsrecht  verzichten
  müßten,  erschien  Schmerling  selbstverständlich.  Erfreulich
  däuchte  ihm  auch  ein  Bundesgericht:  wir  vernehmen
nichts  von  einer  Erörterung  der  großen  Schwierigkeiten  der
Sache.  Die  Competenz  der  Reichsgewalt  wurde  nach  der
schon  damals  üblichen  Schablone  auf  Auswärtiges,  Krieg,
Handels=  und  Verkehrswesen  abgegrenzt.  Fröbel  sollte  hienach
einen  Verfassungsentwurf  unter  dem  unscheinbaren  Titel  von
Ergänzungen  zur  Bundes=  und  zur  Wiener  Schlußacte  ausarbeiten.


Graf  Rechberg  stand  der  Sache  sehr  viel  bedenklicher
und  kühler  als  Schmerling  gegenüber.  Er  war  zweifelhaft,
ob  Osterreich  zu  einer  Initiative  in  der  Bundesreform  berufen
sei,  ob  es  den  ständigen  Vorsitz  im  Bunde  opfern  dürfe.  Dabci
fühlte  er  sich  unsicher,  weil  sein  erster  Berather  in  deutschen
Angelegenheiten,  Hofrath  von  Biegeleben,  gerade  damals  schwer
krank  lag.  Immer  aber  war  ihm,  nach  den  Niederlagen  von
1859,  jede  Anregung  willkommen,  die  ihm  populären  Beifall
in  Aussicht  stellte,  und  eben  jetzt  wurde  er  noch  von  einer
andern  Seite  zu  deutschen  Reformen  aufgemahnt.

In  der  sächsischen  Kammer  war  ein  Antrag  auf  deutsche
Centralgewalt  und  Volksvertretung  vorgekommen.  Herr  von
Beust,  wie  wir  wissen,  überzeugt  von  der  Nothwendigkeit,
regierungsseitig  für  etwas  Reform  zu  sorgen,  beschloß,  nicht
länger  zu  zandern,  und  entwarf  einen  deutschen  Verfassungs-
        <pb n="422" />
        412  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

plan,  bei  dem  er  auf  den  Beifall  aller  Parteien  rechnete,  weil
er  darin  einer  jeden  ein  Bröckchen  Reform  gönnte.  Es  war
sein  alter  Gedanke  der  Ersetzung  des  Bundestags  durch
Ministerconferenzen  aller  deutschen  Staaten,  zwei  Mal  in
jedem  Jahre  vier  Wochen  lang  zu  rascher  Abwicklung  aller
Geschäfte,  einmal  im  Süden  zu  Regensburg  unter  Osterreichs,
das  andere  Mal  im  Norden  zu  Hamburg  unter  Preußens
Vorsitz.  Daneben  eine  Versammlung  von  Delegirten  der
deutschen  Landtage,  einberufen,  sobald  es  der  Bundestag  für
nöthig  halte,  zur  Berathung  der  ihr  vorzulegenden  Gesetze.
Endlich  ein  Bundesgericht  zur  Entscheidung  von  Verfassungsstreitigkeiten.
  Im  September  reiste  er  nach  Wien  zu  vertraulicher
  Besprechung  mit  Rechberg.  Dieser,  bereits  von
Schmerling  halb  gewonnen,  nahm  ihn  freundlich  auf  und
trat  bereitwillig  in  die  Erwägung  des  Beust'schen  Planes  ein,
schluckte  einige  Bedenken  gegen  die  Delegationen  hinunter  und
bestimmte  Herrn  von  Beust,  für  die  Zwischenzeit  zwischen  den
beiden  Jahresconferenzen  eine  Bundes-Executivbehörde,  und
zwar  das  Directorium  von  Dreien,  Osterreich,  Preußen  und
einem  gewählten  Mitglied,  einzuschieben.  Sehr  hart  aber
erschien  ihm  der  auch  von  Beust  vorgeschlagene  Wechsel  im
Vorsitz  des  neuen  Bundestags.  Was  wird  die  Nachwelt  von
mir  sagen,  seufzte  er,  wenn  ich  nach  Villafranca  und  Zürich
auch  noch  diese  Einräumung  mache?  Jedoch  auch  hier  überwand
  er  sich,  und  erwirkte  bei  dem  Kaiser  eine  bedingte  Zustimmung,
  den  Preis  zu  zahlen,  wenn  damit  das  ganze  Werk
gesichert,  und  ohne  dies  nicht  durchzuführen  sei  10.  Im  Grunde
erschien,  gegenüber  Fröbel's  großgedachtem  Plane,  Beust's  Vor-1)

  Bericht  des  preußischen  Gesandten  Savigny,  2.  Januar  1862,
nach  ausführlicher  Erzählung  Beust's.
        <pb n="423" />
        1861  Beust's  Reformplan:  allseitig  bekämpft.  413

schlag  den  Wiener  Staatsmännern  als  eine  ziemlich  kümmerliche
  Erfindung,  jedoch  hatten  sie  nichts  dagegen,  daß  er  als
ein  Fühler  für  die  politischen  Stimmungen  in  das  Reich  hinausging,
  immer  unter  Vorbehalt  ihres  eignen  schließlichen  Urtheils.
So  ermuthigt,  legte  dann  Herr  von  Beust  seine  Schöpfung
am  15.  October  den  sämmtlichen  deutschen  Höfen  vor.  Allein
er  mußte  einen  Fehlschlag  erleben,  wie  er  vollständiger  nicht
gedacht  werden  konnte.  Die  Verwerfung  auf  der  kleindeutschen
wie  auf  der  liberalen  Seite  war  selbstverständlich:  dies  heißt,
rief  Herr  von  Roggenbach,  dem  deutschen  Volke  einen  Stein
statt  Brod  bieten.  Aber  auch  die  großdeutschen  Freunde  und
Genossen  stießen  die  Gabe  zurück.  Das  Ding,  sagte  der
König  von  Württemberg,  ist  ebenso  unpraktisch  wie  gefährlich.
In  München  war  man  tief  gekränkt,  daß  Bayern  nicht  ein
für  alle  Male  die  dritte  Stelle  im  Directorium  zugewiesen
war.  Der  sonst  stets  getreue  Herr  von  Dalwigk  amendirte
aus  dem  Entwurfe  gerade  die  Grundgedanken  als  unausführbar
  hinaus.  Ganz  entschieden  blieben  Hannover  und
Kurhessen  bei  ihrem  Satze,  daß  die  Bundesacte  von  1815
unabänderlich,  unverbesserlich  und  unantastbar  sei.  Und  nun
vollends  die  Antworten  der  beiden  Großmächte,  für  den  Urheber
  des  Antrags  die  eine  ebenso  überraschend,  wie  die  andere
beinahe  verhängnißvoll.

In  Wien  war  mittlerer  Weile  Herr  von  Biegeleben
wieder  genesen,  und  hatte  durch  sein  entschiedenes  Auftreten
sowohl  den  schwankenden  Rechberg  als  den  von  Anfang  an
bedenklichen  Kaiser  zur  Ablehnung  zunächst  des  Beust'schen
Entwurfs  bestimmt.  Auch  Fröbel's  Plan  fand  nicht  in  allen
Stücken  seinen  Beifall;  er  wollte  nichts  von  einem  Verzichte
Osterreichs  auf  sein  selbständiges  Kriegsrecht  und  noch  weniger
        <pb n="424" />
        414  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

von  einem  Wechsel  im  Vorsitze  des  Bundes  wissen;  in  beiden
Punkten  gewann  er  die  Zustimmung  des  Kaisers  und  Rechberg's,
  während  im  Ubrigen  Fröbel's  Gedanken,  wie  wir
bald  sehen  werden,  der  Ausgangspunkt  für  wichtige  Schritte
der  Wiener  Regierung  wurden.  In  der  Hauptsache  aber  ließ
sich  Biegeleben  von  seinem  Wege  nicht  abbringen:  er  war  fest
in  jedem  einmal  gefaßten  Entschlusse,  sachkundig  in  den
deutschen  Fragen;  es  kam  bei  ihm  ein  starkes  persönliches
Selbstbewußtsein  mit  katholischem  Eifer  und  dem  überlieferten
Stolze  der  Wiener  Hofkanzlei  zusammen.  Die  amtliche  Antwort
  Osterreichs  an  Beust  vom  5.  November  war  unverkennbar
aus  seiner  Feder  —  der  wir  fortan  noch  häufig  begegnen
werden  —  geflossen.  Mit  einem  halb  mitleidigen  Ausdrucke
wollte  sie  dem  Beust'schen  Kunstwerk  gewisse  Vorzüge  nicht
bestreiten  und  die  großen  Schwächen  desselben  nicht  näher
erörtern.  Aber  alles  Gewicht  warf  sie  dann  auf  den  vorgeschlagenen
  Wechsel  des  Vorsitzes  im  Bundestag.  Sie  ging
noch  weit  über  Schwarzenberg's  Gegengründe  von  1851
hinaus,  indem  sie  darlegte,  daß  in  Osterreichs  festem  Vorsitz
die  nationale  Einheit  Deutschlands  ihre  einzige  Verkörperung
habe;  es  heiße  Deutschland  zerreißen,  wenn  man  diese  den
Wechselfällen  des  Alternats  Preis  gebe.  Daran  könne  nur
gedacht  werden,  wenn  man  der  deutschen  Einheit  zur  Entschädigung
  für  den  Umsturz  der  Spitze  ein  in  gleichem  Grade
erweitertes  und  verstärktes  Fundament  gebe,  d.  h.  wenn  man
auch  die  außerdeutschen  Besitzungen  der  deutschen  Mächte
unter  die  Garantie  des  Bundes  einbegreife.  Dies  war  denn
großdeutsche  Politik  in  hohem  Style.

In  entgegengesetzter  Richtung  gelangten  die  Berliner
Erwägungen  zum  Entschluß.  Schon  auf  der  Rückreise  von
        <pb n="425" />
        1861  Ablehnung  des  Beust'schen  Planes  durch  Österreich.  415

Königsberg  hatte  Herr  von  Patow  seinen  Collegen  den
Entwurf  einer  Reichsverfassung  auf  Grundlage  des  „engern
Bundes“  mitgetheilt,  aber  nach  der  Gesinnung  seiner  Collegen
gar  keine  Antwort  über  das  lästige  Document  erhalten.  Gleich
nachher  kam  dann  von  Roggenbach  der  verabredete  Entwurf
eines  Rundschreibens  an  die  deutschen  Höfe;  der  König  und
das  Staatsministerium  traten  darüber  in  Berathung,  und  obgleich
  Graf  Schwerin  heftig  erklärte,  eine  solche  Unterordnung
Preußens  unter  ein  deutsches  Parlament  sei  das  Verderben
des  Staates,  entschied  der  König,  daß  die  preußische  Zustimmung
  zu  der  Depesche  im  Allgemeinen  zu  ertheilen,  und  nur
ein  Vorbehalt  zu  fernerer  Sicherung  der  preußischen  Machtstellung
  zu  machen  sei.  Darüber  empfing  man  den  Text  des
österreichischen  Schreibens  an  Beust  vom  5.  November,  und
war  nicht  wenig  befremdet  über  die  dort  dem  Bundestagspräsidium
  beigelegte  Bedeutung:  was  1816  ohne  Widerspruch
als  formale  Geschäftsleitung  bezeichnet  worden  war,  sollte  jetzt
zu  einer  Art  von  Principat  über  ganz  Deutschland  ausgedehnt
werden.  Unterdessen  hatte  Roggenbach  bei  dem  Erscheinen
des  Beust'schen  Vorschlags  den  seinigen  einstweilen  zurückgelegt,
  statt  dessen  aber  ihn  vertraulich  mit  Beziehung  auf  ihre
alte  Frankfurter  Bekanntschaft  Herrn  von  Biegeleben  nach  Wien
mitgetheit.  Darauf  kam  eine  Antwort  vom  27.  November,
auf  der  ersten  Seite  mit  etwas  zurückgehaltener  Wallung,  dann
aber  auf  die  Frage,  ob  Osterreich  heute  eher  als  unter  Fürst
Schwarzenberg's  Leitung  auf  das  System  des  engern  und
des  weitern  Bundes  eingehen  würde,  ein  leidenschaftlich  verneinender
  Erguß.  Nimmermehr  könne  Osterreich  auf  seine
historische  Stellung  als  erste  deutsche  Macht  verzichten;  neben
einem  großen  Nationalstaat  habe  es  keine  Zukunft;  schnell
        <pb n="426" />
        416  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

genug  würde  dieser  die  deutschen  Osterreicher  in  seine  Kreise
hineinreißen.  Jetzt  stehe  Osterreich  an  der  Spitze  Deutschlands,
und  doch  sei  zugleich  die  Monarchie  auf  sich  selbst  gestellt
und  brauche  nicht  erst  von  Deutschland  den  Verband  ihrer
Lande  zu  erwarten:  dies  allein  sei  die  richtige  Stellung  für
die  Wiener  Centralregierung.  Leider  sehen  wir,  schloß  er,
wie  in  nächster  Zeit  wieder  Versuche  einer  preußisch-deutschen
Union  auftauchen  mögen:  an  peremptorischem  Widerstande
wird  es  dann  nicht  fehlen.

Es  war  eine  Variation  über  das  alte  Thema,  Osterreich
unabhängig  von  Deutschland,  aber  die  herrschende  Macht  in
Deutschland:  eben  dieselbe  Theorie,  die  man  fast  wörtlich
gleichlautend  in  den  Conferenzen  über  das  Bundesheerwesen
vernommen  hatte.  Hier  blieb  keine  Wahl.  Wollte  man  sich
nicht  blind  unterwerfen,  so  mußte  man  sich  offen  zu  dem  in
Wien  verpönten  Standpunkt  bekennen.  Demnach  befahl  der
König  die  Antwort  auf  Beust's  Reformplan  abzufassen.  Der
deutsche  Bund  sei  ein  völkerrechtlicher  Verein  unabhängiger
und  unter  sich  höchst  verschiedener  Staaten;  Preußen  wünsche
lebhaft  dessen  Erhaltung  und  eben  deshalb  die  Beschränkung
seiner  Competenz  auf  das  unerläßlich  geringste  Maaß;  wer
auf  deutschem  Boden  Besseres  verlange,  könne  es  nur  durch
freie  Vereinbarung  gleichartiger  Staaten  zu  einer  engern
Gemeinschaft  innerhalb  des  großen  Bundes,  also  durch  die
Errichtung  eines  Bundesstaats  im  Staatenbund,  erlangen.
Am  20.  December  1861  ging  diese  Depesche  nach  Dresden
ab  und  wurde  gleich  nachher  veröffentlicht.  Es  war  kein
Antrag,  keine  Aufforderung,  kein  Verfassungsentwurf:  es  war
nichts  als  eine  Meinungsäußerung  über  den  Weg  zu  einer
fruchtbaren  Bundesreform.  Aber  von  diesem  Organe  aus-
        <pb n="427" />
        1862  Preußische  Entgegnung  auf  Beust's  Plan.  417

gesprochen,  reichte  es  hin,  eine  allgemeine  Explosion  der  Leidenschaften
  auf  der  gegnerischen  Seite  herbeizuführen.

Wie  ein  Ameisenhaufen,  in  welchen  der  Stab  eines
Gärtners  hineingefahren,  wirbelten  die  Botschaften  und  Schutzvorschläge
  der  Mittelstaaten  durcheinander.  Wie?  Preußen
begehrt  den  engern  Bund?  Kommt  also  auf  die  heillosen
Gedanken  der  Union  und  der  Paulskirche  zurück?  Die  Depesche
redet  zwar  nicht  von  preußischem  Kaiserthum,  Mediatisirung
der  Mittelstaaten,  Herausdrängung  Osterreichs,  demokratischem
Parlament:  aber  in  dem  einen  Worte  Bundesstaat  ist  wie  in
der  Büchse  der  Pandora  all  dieses  Unheil  eingeschlossen.  Hier
gilt  es,  beim  ersten  Anfang  Halt  zu  rufen,  zusammenzustehen,
vereint  zu  handeln.  Indessen  beruhigte  man  sich  einiger
Maaßen,  als  man  im  Januar  1862  erfuhr,  daß  Osterreich
den  Anlaß  ernst  genug  erachte,  um  selbst  die  Führung  im
Kampfe  zu  übernehmen.  Graf  Rechberg  kam  um  die  Mitte
des  Monats  von  einer  Reise  nach  Venedig  zurück,  sagte  dem
preußischen  Gesandten,  er  wolle  in  keine  Erörterung  der
Depesche  vom  20.  December  eintreten,  weil  dadurch  die  Verständigung
  über  Kurhessen  erschwert  werden  könne,  ergriff
aber  sogleich  alle  Maaßregeln,  um  eine  möglichst  imposante
Demonstration  gegen  die  preußische  Ketzerei  zu  Stande  zu
bringen.  Denn  seine  leicht  entzündlichen  Affecte  waren  dieses
Mal  heftig  emporgeschnellt.  Jene  Depesche,  erklärte  er  mit
bitterem  Zorne  dem  badischen  Gesandten,  sei  eine  preußische
Herausforderung  ohne  Gleichen,  eine  unverhüllte  Berufung
an  die  Revolution.  Nach  diesem  Vorgang  läge  es  für  Osterreich
  nahe,  den  Handschuh  aufzunehmen  und  durch  ein  offenes
und  entschiedenes  Gegenprogramm  die  Majorität  der  deutschen

Nation  um  sich  zu  sammeln.  Noch  nehme  man  Anstand,
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  27
        <pb n="428" />
        418  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1862

dies  zu  thun,  weil  dann  der  Bruch  mit  Preußen  unvermeidlich
  und  der  Bürgerkrieg  erklärt  sei.  Lange  aber  könne
Osterreich  nicht  mehr  zusehen,  wie  Preußen  in  der  perfidesten
Art  den  Kaiserstaat  aus  Deutschland  hinaus  zu  intriguiren
suche.  Ebenso  erzürnt  wie  Rechberg  redete  auch  der  Minister
des  Innern,  Herr  von  Schmerling,  dessen  Zeitung  (der  Bot
schafter)  bereits  in  grimmigen  Artikeln  den  Feldzug  gegen
Preußen  eröffnete.  Ich  will,  sagte  er,  diese  Hitze  nicht  rechtfertigen,
  aber  sie  ist  die  begreifliche  Folge  der  preußischen
Herausforderungen.

Die  österreichischen  Gesandten  bei  den  Mittelstaaten
wurden  nach  Wien  berufen;  ein  eifrig  emporstrebender  österreichischer
  Diplomat,  Graf  Blome,  bereiste  dann  die  mittelstaatlichen
  Höfe;  aus  diesen  Berathungen  ging  schließlich  eine  vom
2.  Februar  datirte  Note  hervor,  welche  gleichlautend  an  einem
Tage  durch  sieben  Regierungen,  Osterreich,  die  vier  Königreiche,
Darmstadt  und  Nassau,  dem  Berliner  Cabinet  zugestellt  wurde.
Darin  hielt  man  mit  stolzem  Ernste  dem  preußischen  Sünder
die  Verwerflichkeit  seiner  Gedanken  vor,  erinnerte  ihn  nachdrücklich
  an  die  bei  gleichem  Vorgehen  erlittene  Niederlage,
legte  kräftige  Verwahrung  gegen  jede  Beschränkung  deutscher
Souveränitäten  ein,  und  forderte  zu  Conferenzen  über  die
Errichtung  eines  Bundesdirectoriums  und  einer  Delegirten-Versammlung
  auf.  Graf  Bernstorff  antwortete  darauf  am
14.  Februar  völlig  kühl,  unter  kurzer  Zurückweisung  der  erhobenen
  Vorwürfe  und  Ablehnung  der  Theilnahme  an  Confcrenzen
  auf  einer  hoffnungslosen  Grundlage.

Noch  bemerkte  der  hannoverische  Minister,  Graf  Platen,
dem  preußischen  Gesandten,  König  Georg,  bisher  Gegner
jeder  Anderung  der  Bundesverfassung,  sei  nur  durch  Preußens
        <pb n="429" />
        1861  Die  identischen  Noten  vom  2.  Februar  1862.  419

Benehmen  auf  den  Standpunkt  der  Note  vom  2.  Februar
hinüber  gedrängt  worden;  er,  Platen,  habe  bisher  stets  das
preußische  Interesse  vertreten,  müsse  jetzt  aber  erklären,  daß
Hannover  fest  mit  den  Würzburger  Conföderirten  verbündet
sei,  und  zu  den  entschiedenen  Gegnern  Preußens  zähle.

So  war  der  Gegensatz  zwischen  der  groß=  und  der  kleindeutschen
  Partei,  wie  bisher  in  der  populären  Bewegung,  so
jetzt  auch  unter  den  Regierungen  erklärt,  und  wenigstens  auf
der  großdeutschen  Seite  hatte  man  es  nicht  an  Warnungen
fehlen  lassen,  daß  jeder  weitere  Schritt  Preußens  auf  dem
eingeschlagenen  Wege  eine  Kriegserklärung  veranlassen  werde.
Um  die  Lage  für  den  preußischen  Herrscher  vollends  zu  erschweren,
  schärfte  sich  gleichzeitig  mit  dieser  Absage  der  deutschen
  Fürsten  der  innere  Hader  über  die  Heeresreform  in
einer,  jede  Aussicht  auf  Versöhnung  absperrenden  Weise.

Gleich  nach  dem  Schlusse  der  Landtagssession  hatte  sich
die  äußerste  Linke  des  Abgeordnetenhauses  als  deutsche  Fortschrittspartei
  constituirt  und  ihr  Programm  am  9.  Juni  in
alle  Theile  des  Landes  hinausgehen  lassen.  Indem  es  die
Halbheit  und  Schwäche  des  Ministeriums  beklagte,  forderte
es  zur  Wahl  von  Männern  auf,  welche  mit  Initiative  und
Entschlossenheit  für  die  gerechten  Forderungen  des  Volkes
einträten.  Also  offener  Krieg  gegen  das  Herrenhaus,  ohne
dessen  Umgestaltung  kein  freisinniges  Gesetz  erreichbar  sei,
keine  Bewilligung  für  die  Neugestaltung  des  Heeres,  bis  ein
Gesetz  die  Erhaltung  der  Landwehr,  zweijährige  Dienstzeit,
und  dadurch  Verminderung  der  Steuern,  festgestellt  habe,
endlich  das  Begehren,  daß  die  Regierung  für  die  Berufung
eines  deutschen  Parlaments  und  die  Schöpfung  einer  preußischdeutschen

  Centralgewalt  unzögerlich  und  energisch  eintrcte.
27°
        <pb n="430" />
        420  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1861

Bei  diesem  letzten  Punkte  drängt  sich  die  Frage  auf,
wie  man  die  Regierung  zu  einer  deutschen  Politik,  deren
Beginn  mit  einem  großen  Kriege  gleichbedeutend  war,  drängen,
und  ihr  zugleich  das  erste  Mittel  zum  Krieg,  eine  streitfähige
Armee,  versagen  wollte.  Die  Antwort  ist,  daß  die  Partei
an  keinen  Krieg  wegen  der  deutschen  Frage  glaubte.  Bei
den  Erfolgen  des  Nationalvereins,  bei  der  Stimmung  mehrerer
deutschen  Kammern,  bei  der  überall  sich  rührenden  Agitation
für  die  deutsche  Einheit  dachte  sie,  wenn  Preußen  nur  die
Volksgunst  gewinne,  würden  sehr  bald  nach  seinen  Plänen  die
Massen  und  die  Kammern  die  widerstrebenden  Regierungen
zur  Unterwerfung  nöthigen:  dafür  aber  sei  die  erste  Bedingung,
  daß  das  preußische  Ministerium  im  Innern  durch
und  durch  liberal  auftrete,  die  Verfassung  freisinnig  ausbaue,
und  vor  allen  Dingen  einer  so  höchst  unbeliebten  und  reactionären
  Maaßregel,  wie  der  Verstärkung  des  stehenden  Heeres,
den  Rücken  kehre.  Freilich,  wer  sich  der  Haltung  Osterreichs
im  Jahre  1850,  des  1859  bei  dem  schwäbischen  und
bayerischen  Volke  erschienenen  Hasses  gegen  Preußen,  sowie
des  überall  hervortretenden  Widerspruchs  der  klerikalen  Partei
gegen  die  kleindeutschen  Bestrebungen  erinnerte,  dem  mußte
bei  jenen  Reden  eines  unklaren  Enthusiasmus  bedenklich  zu
Muthe  werden.

Dennoch  aber  rückte  die  Mehrheit  der  frühern  ministeriellen
Partei  den  Männern  des  Fortschritts  immer  näher.  Ihre
Wahlaufrufe  unterschieden  sich  von  jenen  der  Letztern  nicht
in  dem  Inhalt  der  Forderungen,  sondern  fast  nur  in  der
Andeutung  einer  etwas  bedächtigeren,  nicht  gleich  zum  Sturme
schreitenden  Taktik.  Im  Lande  zeigte  sich  bei  den  Volksmassen
  keine  feurige  Begeisterung  für  die  Erhaltung  der  Land-
        <pb n="431" />
        1862  Mehrheit  der  Opposition  im  Hause  der  Abgeordneten.  421

wehr  in  der  Feldarmee,  oder  für  den  erhebenden  Gedanken
der  deutschen  Einheit:  aber  aller  Orten  schlugen  die  einladenden
Losungsworte  der  zweijährigen  Dienstzeit  und  der  geringeren
Steuerlast  durch.  Das  Ergebniß  der  Wahlen  am  6.  December
war  eine  vollständige  Niederlage  der  conservativen  Fraction,
die  auf  24  Stimmen  zusammenschmolz,  und  ein  großer
Triumph  der  Fortschrittspartei  und  der  ihr  befreundeten,  gemäßigten
  Liberalen,  welche  alle  Aussicht  gewannen,  über  die
Mehrheit  in  dem  neuen  Hause  zu  verfügen.  Die  Regierung,
von  dem  Wunsche  beseelt,  zu  friedlichem  Schlusse  zu  gelangen,
brachte  nach  der  am  14.  Januar  1862  erfolgten  Eröffnung
der  Session  gemäß  dem  Begehren  des  frühern  Hauses  einen
Gesetzentwurf  über  die  Dienstpflicht  ein  und  kündigte  weitere
Ersparnisse  im  Militäretat  an.  Zugleich  wurden  Gesetzentwürfe
  über  Aufhebung  der  gutsherrlichen  Polizei  und  über
Einrichtung  einer  liberalen  Kreisordnung  vorgelegt;  ein  dritter
Entwurf  über  die  Oberrechenkammer  sollte  die  bisher  dort
übliche  Praxis  in  Budgetsachen  als  bleibendes  Gesetz  feststellen;
  ein  vierter  endlich  unter  Abänderung  des  Verfassungsparagraphen,
  der  jedem  Hause  des  Landtags  das  Recht  der
Ministeranklage  gab,  die  Anklage  nur  auf  einen  gemeinsamen
Beschluß  beider  Häuser  zulässig  machen.  Der  Gesammteindruck
  dieser  Vorlagen  auf  die  Abgeordneten  erwies  sich  wenig
günstig.  Die  beiden  liberalen  Gesetze,  sagte  man,  würden
sicher  im  Herrenhause  verworfen;  von  dessen  Umgestaltung
sei  so  wenig  die  Rede,  daß  vielmehr  jede  Ministeranklage  an
seine  Zustimmung  gebunden  würde.  Die  Bilanz  der  Gesetzentwürfe
  falle  mithin  zu  Gunsten  der  Rcaction:  und  dafür
solle  dann  das  Land  die  dreijährige  Dienstzcit  und  die  Kosten
der  neuen  Regimenter  auf  sich  nehmen!
        <pb n="432" />
        422  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1862

Nicht  besser  war  man  trotz  der  Zusicherung  der  Thronrede,
  in  den  deutschen  Fragen  fest  auf  dem  bisherigen  Wege
zu  beharren,  mit  der  Haltung  und  den  Erfolgen  des  auswärtigen
  Amtes  zufrieden.  Gleich  in  den  ersten  Sitzungen
kamen  Anträge  auf  nachdrückliche  Erklärungen  über  Kurhessen,
sowie  über  die  Bundesreform,  welche  besondern  Commissionen
überwiesen  wurden.  Kurhessen  betreffend,  lagen  zwei  Redactionen
  vor,  beide  ganz  entschieden  gegen  den  Kurfürsten  gerichtet,
  immerhin  die  eine  etwas  ruhiger,  die  andere  erheblich
schneidender.  Graf  Bernstorff,  der  mit  Freude  Osterreich
trotz  alles  sonstigen  Haders  in  dieser  Sache  zu  gemeinsamem
Wirken  bereit  fand,  bat  eben  deshalb  die  Commission  dringend
um  Annahme  der  milderen  Fassung,  erwirkte  aber  nur  mit
Mühe  eine  Verschmelzung  der  beiden  Vorschläge  zu  dem
Satze:  es  sei  dringend  geboten,  daß  Preußen  mit  allen
Mitteln  auf  vollständige  Herstellung  des  verfassungsmäßigen
Rechtes  in  Kurhessen  wirke  —  was  dann  im  Hause  mit  überwältigender
  Mehrheit  angenommen  wurde.  Uber  den  Grafen
Bernstorff  aber  gingen  unter  den  Abgeordneten  wenig  respertvolle
  Reden.  Der  habe  gerade  so  viel  Muth  und  Energie,
wie  der  verflossene  Schleinitz,  mache  nichts  als  diplomatische
Winkelzüge,  und  erschrecke  bei  jedem  offenen  und  kräftigen
Ausdruck  des  Volkswillens.  Nun  waren  eben  die  identischen
Noten  und  deren  Zurückweisung  durch  Preußen  am  14.  Februar
erfolgt.  Daß  die  Regierung  auf  die  Noten  nicht  gleich  mit
Kanonenschüssen  geantwortet  hatte,  damit  war  die  Mehrheit
des  Hauses  ganz  einverstanden,  aber  um  so  eifriger  drängte
sie  jetzt  vorwärts  auf  dem  Wege,  auf  dem  nach  ihrer  Meinung
allein  das  Heil  lag,  friedliche  Eroberung  des  deutschen  Volkes
durch  offene  Aufstellung  des  ganzen  kleindeutschen  Programms.
        <pb n="433" />
        1862  Wachsender  Zwiespalt.  423

Die  betreffende  Commission  kam  am  25.  Februar  zu  einem
Beschlusse,  der  ziemlich  unverblümt  das  Anrecht  der  deutschen
Nation  an  die  Reichsverfassung  von  1849  betonte,  kurz  und
rund  dem  Bundestage,  der  1848  gesetzlich  aufgehoben,  nicht
ohne  Zustimmung  der  Landesvertretungen  hätte  hergestellt
werden  können,  den  rechtlichen  Bestand  absprach,  und  so  zu
dem  Antrage  gelangte  das  Haus  erachte  als  nothwendig
einen  weitern  Bund  mit  Osterreich,  einen  engern  Bund  der
übrigen  deutschen  Staaten  mit  einer  durch  Preußen  geführten
Bundesregierung  und  einem  deutschen  Parlament;  dies  Alles
habe  die  Staatsregierung  offen  als  das  Ziel  ihrer  Politik
hinzustellen  und  zunächst  durch  Vereinbarungen  mit  den
deutschen  Staaten  der  Verwirklichung  entgegen  zu  führen.
Das  Ministerium  sah  in  diesen  Erörterungen  eine  äußerst
gefährliche  Überstürzung  seiner  deutschen  Politik.  Hatte  doch  die
Mehrzahl  gerade  seiner  liberalen  Mitglieder  nur  mit  Widerstreben
der  Depesche  vom  20.  December  zugestimmt,  welche  durch  die
Hindeutung  auf  Deutschlands  Einheit  eine  so  schwere  Störung
der  deutschen  Einigkeit  bewirkt  hatte.  Und  jetzt  sollte  man
gegen  die  Rechtsbeständigkeit  des  Bundestags  protestiren,
den  Preußen  wie  alle  deutschen  Regierungen  1851  wieder
anerkannt,  dessen  Matricularumlagen  seitdem  alljährlich  der
preußische  Landtag  und  alle  deutschen  Kammern  bewilligt
hatten!  So  wurde  der  Commission  erklärt,  der  ganze  Antrag
sei  zur  Zeit  zweckwidrig;  er  werde  überall  die  Gegner  herausfordern
  und  stärken,  und  die  Arbeit  der  Regierung  für  eine
erreichbare  Bundesreform  vereiteln.  Die  Antwort  der  Commission
  war  unbedingtes  Beharren  auf  ihrem  Beschlusse  und
Einbringung  ihrer  Anträge  in  das  Plenum  des  Hauses.
Der  Vorgang  machte  bitterböses  Blut  auf  beiden  Seiten.
        <pb n="434" />
        424  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1862

Die  Regierung  fand,  mit  einer  so  heftig  drängenden  und  zugleich
  so  unbesonnenen  Versammlung,  welche  durch  ihre  Übertreibungen
  die  beste  Sache  compromittire,  werde  nicht  lange
auszukommen  sein;  wie  solle  man  ihr  Verfahren  bezeichnen,
der  Verstärkung  des  Heeres  heftige  Opposition  zu  machen,
und  zugleich  Begehren  aufzustellen,  deren  Annahme  durch  die
Regierung  sofort  das  Signal  zur  Bundescxecution  und  zum
Kriege  mit  Osterreich  und  Süddeutschland  sein  würde?  Umgekehrt
  war  bei  den  Abgeordneten  der  letzte  Zweifel  geschwunden,
daß  dieses  Ministerium,  heiße  es  nun  Bernstorff  oder  Schleinitz,
saft=  und  kraftlos  an  den  großen  Problemen  preußischer  Macht
und  Ehre  herumtaste,  und  vor  jedem  hohen  Ziele  und  jedem
tapfern  Entschlusse  zurückkebe.  Wenn  man  in  der  Wahlbewegung
  des  vorigen  Herbstes  noch  auf  eine  entschiedene
Politik  zur  Erringung  einer  ehrenvollen  Stellung  Preußens
in  Europa  gehofft  habe,  so  sei  es  jetzt  gründlich  vorbei  mit
einer  solchen  Täuschung,  aber  eben  so  gründlich  auch  vorbei
mit  jedem  Gedanken  an  die  Bewilligung  der  neuen  Linienregimenter,
  deren  Bestimmung  doch  nur  ein  müßiger  Paradedienst
  sein  würde.

Zugleich  schwand  auch  in  der  Commission  für  das  Wehrgesetz
  die  letzte  Hoffnung  auf  eine  Verständigung.  Was  auch
sonst  die  Vorlage  Erfreuliches  brachte,  die  Commission  blieb
auf  dem  Standpunkte,  alles  Andere  sei  unwesentlich,  so  lange
die  zweijährige  Dienstzeit  nicht  eingeräumt  sei.  Endlich  am
5.  März  gab  Herr  von  Roon  die  abschließende  Erklärung,
daß  die  Regierung  auf  diese  Neuerung  nicht  eingehen  könnte,
sondern  den  gesetzlichen  Zustand,  die  dreijährige  Dienstzeit,
bewahren  müsse.  Damit  stand  der  Entschluß  der  Mehrheit
fest,  die  Kosten  der  ganzen  Neugestaltung  der  Armee  zu
        <pb n="435" />
        1862  Streit  um  Heeresreform  und  Etatsrecht.  425

streichen.  Ihr  pocht,  sagte  man,  auf  das  Gesetz  von  1814,
nun  wohl,  wir  gebrauchen  unser  Budgetrecht;  ihr  beruft  die
Soldaten  und  formirt  die  Bataillone,  das  ist  Euer  Recht;
wir  verweigern  Euch  die  dazu  erforderlichen  Geldmittel,  das
ist  unser  Recht.  Eben  jetzt  bot  sich  ein  Anlaß,  schon  im
Voraus  die  Wirkung  eines  solchen  Beschlusses  im  Einzelnen
zu  sichern.  Am  6.  März  kam  der  Commissionsbericht  über
den  Gesetzentwurf,  betreffend  die  Oberrechenkammer,  auf  die
Tagesordnung.  Der  wichtigste  Satz  desselben  enthielt  die
gesetzliche  Feststellung  des  bisherigen  Brauches,  nach  welchem
im  Etat  nur  die  Hauptsumme  der  einzelnen  Titel,  nicht  aber
die  einzelnen  Positionen,  aus  denen  jene  sich  zusammensetzten,
für  die  Regierung  bindend  waren.  Dagegen  stellte  der  Abgeordnete
  Hagen  den  Antrag,  schon  für  das  laufende  Jahr
den  Etat  zu  specialisiren,  d.  h.  auch  jene  einzelnen  Positionen
für  die  Regierung  verbindlich  zu  machen.  Die  Spitze  des
Antrags  richtete  sich,  wic  bald  nachher  öffentlich  erklärt  wurde,
gegen  die  Militärverwaltung.  Man  wollte  verhindern,  daß
bei  den  hohen  Beträgen  der  bisherigen  Haupttitel  die  Regierung
  an  verschiedenen  Stellen  so  viel  herausspare,  um  die
neuen  Formationen  aufrecht  zu  halten.  Obgleich  der  Finanzminister
  die  Unausführbarkeit  der  Maaßregel  für  den  vorliegenden
  Etat  von  1862  erläuterte,  für  1863  die  Specialisirung
  selbst  durchzuführen  versprach,  und  am  Schlusse  seines
Vortrags  sehr  deutlich  die  Cabinetsfrage  stellte,  nahm  das
Haus  den  Hagen'schen  Antrag  mit  177  gegen  143  Stimmen  an.

Es  war  die  offene  Kriegserklärung  des  Hauses  gegen  die
gesammte  Heeresreform,  aus  allen  Theilen  des  Landes  mit
zustimmendem  Jubel  begrüßt.  Es  war  auch  der  Ausgang
der  neuen  Aera.
        <pb n="436" />
        426  Conflicte  auf  allen  Seiten.  1862

Die  liberalen  Minister  hatten  im  Abgeordnetenhause  nur
noch  eine  schwache  Minderheit  für  sich,  und  waren  dem  Herrenhause
  nach  wie  vor  verhaßt  geblieben.  Bereits  hatte  der
Fürst  von  Hohenzollern  sich  factisch  zurückgezogen,  und  Herr
von  Auerswald  war  dauernd  erkrankt.  Am  8.  März  reichte
das  ganze  Cabinet  dem  Könige  seine  Entlassung  ein.  Der
König  aber  genehmigte  sie  nicht,  sprach  vielmehr  den  Ministern
sein  Vertrauen  aus,  und  forderte  sie  auf,  ihm  die  für  die
Lage  erforderlichen  Maaßregeln  zu  bezeichnen.  Uber  die
erste  derselben  war  man  einig:  es  war  die  Auflösung  des
Hauses  der  Abgeordneten,  die  um  so  wünschenswerther  erschien,
als  am  11.  März  die  Verhandlung  über  die  deutsche  Frage  bevorstand,
  welche  die  Regierung  um  jeden  Preis  zu  vermeiden
wünschte.  Eben  am  11.  wurde  demnach  die  Auflösung
verfügt.

Über  die  weiteren  Entschließungen  aber  gingen  die  verschiedenen
  Elemente  des  Cabinets  auseinander.  Um  der  aufgeregten
  öffentlichen  Meinung  die  gute  Gesinnung  der  Regierung
  zu  bekunden,  beantragte  Graf  Schwerin,  den  Entwurf
der  Kreisordnung  noch  weiter  den  Wünschen  der  liberalen
Majorität  anzupassen.  Die  Herren  von  der  Heydt  aber  und
von  Roon  warnten,  man  würde  dadurch  die  für  die  Heeresreform
  so  wichtige  Freundschaft  des  Herrenhauses  auf  das
Spiel  setzen.  Überhaupt  sei  nach  den  letzten  Erlebnissen
gegenüber  dem  Abgeordnetenhause  nicht  durch  Zurückweichen,
sondern  nur  durch  Festigkeit  irgend  ein  Erfolg  zu  erhoffen.
Der  König  fand,  daß  man  Schritt  auf  Schritt  sich  schon  zu
weit  nach  Links  habe  drängen  lassen;  er  besorgte,  die  conservative
  Basis  endlich  ganz  zu  verlieren,  und  lehnte  also
Schwerin's  Anträge  ab.  Die  unmittelbare  Folge  war  der
        <pb n="437" />
        1862  Auflösung  des  Ministeriums  Hohenzollern.  427

definitive  Austritt  der  liberalen  Minister  Auerswald,  Schwerin,
Patow,  Bernuth,  Graf  Pückler.

Roon,  von  der  Heydt,  jetzt  als  Finanzminister,  und
Graf  Bernstorff  blieben.  Den  Vorsitz  im  Ministerium  übernahm
  der  Präsident  des  Herrenhauses,  Fürst  Hohenlohe--Ingelfingen,
  an  die  Stelle  der  Verabschiedeten  traten  die
Herren  von  Jagow,  von  Mühler,  von  Holzbrink,  die  Grafen
zur  Lippe  und  Itzenplitz.  Den  radicalen  Tendenzen  des
künftigen  Abgeordnetenhauses  stellte  sich  ein  durchaus  conservatives
  Cabinet  gegenüber.
        <pb n="438" />
        <pb n="439" />
        Achtes  Vuch.

Eintritt  des  Ministeriums  Bismarck.
        <pb n="440" />
        <pb n="441" />
        1862

1.  Capitel.

Berfassungsstreit  in  Verlin  und  Frankfurt.

Das  preußische  Ministerium  vom  18.  März  1862,  dessen
thatsächlicher  Leiter  der  Finanzminister  von  der  Heydt  war,
hatte  im  Anfang  seines  Bestehens  einige  wichtige  Ergebnisse
in  der  deutschen  Politik  zu  verzeichnen.

Trotz  der  scharfen  Spannung  zwischen  den  beiden  deutschen
Großmächten,  wie  sie  in  den  identischen  Noten  vom  2.  Februar
zu  Tage  getreten  war,  hatte  Graf  Rechberg  doch  die  populär
gewordene  Beschützung  des  schleswig-holsteinischen  und  des
kurhessischen  Verfassungsrechts  nicht  der  preußischen  Regierung
allein  überlassen  wollen.  Zunächst  setzte  er  gemeinsam  mit
dem  Berliner  Cabinet  den  Notenkrieg  gegen  Dänemark  in
energischer  Weise  fort.  Nachdem  sodann  im  Januar  1862
ein  dritter  Versuch  des  Kurfürsten,  einen  gefügigen  Landtag
auf  Grund  der  neuen  Verfassung  zu  Stande  zu  bringen,  in
gleicher  Weise  wie  die  beiden  vorigen  gescheitert  war,  ließ  sich
endlich  Graf  Rechberg  einen  preußischen  Vorschlag  gefallen,
ohne  Kritik  der  früheren  Bundesbeschlüsse,  lediglich  auf  Grund
der  sachlichen  Unmöglichkeit  jedes  andern  Wegs,  den  Kurfürsten
zur  Nachgiebigkeit  gegen  die  Wünsche  seines  Landcs  zu  nöthigen.
        <pb n="442" />
        432  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

Beide  Mächte  stellten  demnach  am  8.  März  im  Bundestage
den  Antrag,  derselbe  wolle  den  Kurfürsten  auffordern,  die
Verfassung  von  1831,  vorbehaltlich  des  Wegfalls  ihrer  den
Bundesgesetzen  widersprechenden  Bestimmungen,  auf's  Neue  in
Wirksamkeit  zu  setzen.  Da  eine  Anzahl  der  kleinern  Höfe  sich
nur  sehr  schwer  zu  einem  solchen  Widerruf  aller  bisherigen
Schritte  in  der  heillosen  Sache  entschloß,  so  zögerte  sich  nach
Frankfurter  Brauch  die  Beschlußfassung  über  den  Antrag
Wochen  lang  hin,  so  daß  König  Wilhelm  auf  den  Gedanken
kam,  vielleicht  könne  es  nützlich  sein,  wenn  er  selbst  sich  unmittelbar
  und  persönlich  an  den  Kurfürsten  wende,  ihm  durch  einen
seiner  Generaladjutanten  einen  eigenhändigen  Brief  überschicke,
ihn  auf  das  sichere  Erscheinen  des  beantragten  Bundesbeschlusses
  aufmerksam  mache,  und  ihm  vorstelle,  wie  trefflich
es  wäre,  vorher  nach  freier  Entschließung  das  Erforderliche
zu  bewilligen,  und  zugleich  Männer  des  öffentlichen  Vertrauens
  in  das  Ministerium  zu  berufen.  Angedeutet  sollte
in  dem  Briefe  werden,  daß  Preußen  unmöglich  noch  länger
einen  Herd  wachsender  Gährung  zwischen  seinen  Provinzen
dulden  könne,  und  also  bei  fortdauernder  Halsstarrigkeit  des
Kurfürsten  zu  ernsten  Maaßregeln  im  eignen  Interesse  gezwungen
  sein  würde.  Der  König  ließ  zunächst  das  Wiener
Cabinet  zur  Theilnahme  an  einem  solchen  Schritte  einladen,
und  ihm  zugleich  eine  Liste  der  künftigen,  in  Hessen  etwa
möglichen  Minister  vorlegen.  Allein  umgehend  erklärte  Graf
Rechberg,  dies  heiße  zu  tief  in  die  Sonveränitätsrechte  des
Kurfürsten  eingreifen,  und  Österreich  könne  dabei  sich  um
so  weniger  betheiligen,  als  an  der  Spitze  der  übersandten
Ministerliste  der  Name  eines  ehemaligen  Märzministers  von
offenkundig  kleindeutscher  Gesinnung,  des  Herrn  von  Wintzin-
        <pb n="443" />
        1862  Fortgang  des  kurhessischen  Verfassungsstreits.  433

gerode  stehe:  Osterreich  könne  in  einer  kurhessischen,  nimmermehr
  aber  in  der  deutschen  Frage  eine  solche  Einräumung
machen.  In  diese  Erwägungen  fuhr  der  durch  das  zaudernde
Verfahren  ermuthigte  Kurfürst  am  26.  April  mit  einer
brutalen  Verfügung  hinein,  in  welcher  für  jeden  Bürger  die
Theilnahme  an  künftigen  Landtagswahlen  von  einer  vorausgehenden
  ausdrücklichen  Anerkennung  der  Verfassung  von  1860
abhängig  gemacht  wurde:  ohne  eine  solche  würde  kein  Wähler
zur  Abstimmung  zugelassen  werden,  und  dann  also  das  kleine
Häuflein  der  kurfürstlichen  Getreuen  durch  Minoritätswahlen
eine  wohlgesinnte  Volksvertretung  bilden.  Die  Entrüstung  im
Lande  flammte  hoch  auf;  alle  Casseler  Wahlmänner  sandten
eine  Beschwerde  an  den  Bundestag,  dessen  Ausschuß  jetzt  seit
zwei  Monaten  erfolglos  über  dem  Antrag  der  beiden  Großmächte
brütete.  Der  Kurfürst  lachte,  und  auf  seine  stillen  Gönner  in
Frankfurt  bauend,  schrieb  er  am  3.  Mai  die  Landtagswahlen
nach  Maaßgabe  der  letzten  Verordnung  aus.  Jetzt  aber  war
in  Berlin  die  Langmuth  erschöpft.  Am  6.  Mai  meldete  Graf
Bernstorff  nach  Wien,  daß  der  Kurfürst  die  Sache  auf  die
Spitze  getrieben  habe;  Preußen  könne  seine  Action  nicht  mehr
von  den  Zögerungen  in  Frankfurt  abhängig  machen,  und
glaube,  daß  Osterreich  in  derselben  Lage  sei;  man  wiederhole
also,  mit  der  Bitte  um  strenges  Geheimniß,  den  Vorschlag
auf  gemeinsame  Sendung  zweier  Generale  nach  Cassel,  zunächst
mit  der  Forderung  des  Aufschubs  der  Wahlen,  und  der  Erklärung
  des  diplomatischen  Bruchs  im  Falle  der  Ablehnung.
In  Wien  war  damals  in  Folge  der  gleich  zu  erwähnenden
Zollvereinssache  die  Stimmung  für  Preußen  immer  gründlicher
  abgekühlt,  man  wünschte  die  erste  Rolle  in  dem  populären

  Rettungswerk  zu  behaupten,  und  es  deshalb  in  der
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches  II.  28
        <pb n="444" />
        434  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

Hand  des  Bundestags  festzuhalten.  Hienach  wollte  man  von
der  Sendung  der  Generale  nichts  wissen,  schlug  aber  vor,
bei  dem  Bundestage  ein  Inhibitorium  gegen  die  Ausführung
der  Wahlverordnungen  zu  beantragen,  dessen  Beschließung
dann  die  militärische  Sendung  überflüssig  machen  würde.
Nun  wohl,  telegraphirte  Bernstorff  zurück,  der  König  will
diesen  letzten  Versuch  noch  machen;  ist  das  Inhibitorium  aber
in  der  nächsten  Sitzung  des  Bundestages  noch  nicht  beschlossen,
so  reist  General  von  Willisen  nach  Cassel,  und  Preußen
geht  zur  Wahrung  seiner  eigenen  Interessen  selbständig  vor.
Der  Telegraph  arbeitete  jetzt  nach  allen  Seiten:  und  für  die
Sitzung  am  10.  Mai  hatten  dann  fast  alle  deutschen  Höfe
mit  Ausnahme  von  Hannover  und  Mecklenburg-Schwerin
ihre  Gesandten  zur  Annahme  des  Inhibitoriums  instruirt.
Andrerseits  forderte  der  kurhessische  Gesandte  einen  Aufschub
  bis  zur  folgenden  Sitzung,  der  ihm  nach  der  Geschäftsordnung
  nicht  versagt  werden  konnte.  Da  zugleich
Herr  von  Usedom  berichtete,  daß  nichts  möglicher  sei  als  ein
gleicher  Antrag  in  der  nächsten  Sitzung,  da  zugleich  Herr
von  Sydow  aus  Cassel  meldete,  in  Folge  des  erlangten  Aufschubs
  sei  der  Kurfürst  siegestrunken  und  entschlossen,  auch
dem  Inhibitorium  den  Gehorsam  zu  weigern:  so  ließ  König
Wilhelm  am  11.  Mai  den  General  Willisen  nach  Cassel  abgehen,
  und  in  Wien  erklären,  daß  eine  Weigerung  des  Kurfürsten
  ernste  Folgen  nach  sich  ziehen  würde.

Willisen  erfuhr  zunächst,  als  er  auf  Wilhelmshöhe  bei
dem  Generaladjutanten  von  Loßberg  eintrat,  daß  das  Geheimniß
  seiner  Sendung  schlecht  bewahrt  worden  war;  Loßberg
  erklärte  ihm,  es  sei  befohlen,  daß  der  General  nur
durch  den  Verweser  des  auswärtigen  Amtes,  Göddäus,  dem
        <pb n="445" />
        1862  Sendung  des  Generals  von  Willisen  nach  Cassel.  435

Kurfürsten  gemeldet  werden  dürfe.  Bald  nachher  kam  ein
Brief  von  Loßberg,  der  Kurfürst  sei  krank  und  liege  zu  Bett.
Willisen  fuhr  nach  Cassel  zurück  und  wurde  von  Göddäus
nicht  angenommen,  welcher  dann  aber  bei  Sydow  zu  einem
kurzen  Gespräch  mit  Willisen  erschien,  und  über  den  Empfang
des  Generals  nichts  Bestimmtes  zu  sagen  wußte.  Unterdessen
gelangten  jedoch  Nachrichten  über  preußische  Truppenbewegungen
  gegen  die  hessischen  Grenzen  an  den  Kurfürsten,
welche  ihn  in  so  zornige  Aufregung  versetzten,  daß  er  den
lästigen  Besucher  noch  heute  abzufertigen  beschloß.  Abends
acht  Uhr  wurde  Willisen  benachrichtigt,  der  Kurfürst,  obwohl
krank,  sei  in  die  Stadt  gekommen  und  werde  ihn  sogleich
empfangen.  Im  Vorzimmer  fand  darauf  der  General  die
beiden  Minister  Abee  und  Göddäus,  die  ihm  auch  beim  Eintritt
  folgten,  so  daß  er  sofort  über  den  Ausgang  keinen
Zweifel  mehr  haben  konnte.  Der  Kurfürst  behielt  das  ihm
überreichte  Schreiben  des  Königs  in  der  Hand;  Willisen
fragte,  ob  K.  H.  es  nicht  öffnen  wollten  (wie  es  sonst  der
Brauch  ist);  der  Kurfürst  sagte:  ist  gar  nicht  Stil  —  und
warf  den  Brief  auf  einen  vor  dem  Spiegel  stehenden  Tisch.
So  mußte  Willisen  zu  reden  beginnen,  und  sagte,  er  habe
nur  oft  Mitgetheiltes  als  wohlmeinenden  und  dringenden
Rath  zu  wiederholen.  —  Der  Kurfürst  unterbrach:  jeder
neue  Minister  in  Preußen  will  in  Hessen  neues  Spiel  machen;
alles  Unglück  in  Hessen  kommt  von  Preußen;  hier  wäre
Alles  in  Ruhe,  wenn  man  sich  von  dort  her  nicht  stets  einmischte.
  Es  handelt  sich,  bemerkte  Willisen,  jetzt  und  hier
um  eine  einzige  Sache,  über  die  in  ganz  Deutschland  nur
Eine  Meinung  ist,  die  Sistirung  des  Wahlverfahrens.  Der
Kurfürst  rief:  Verfassung  fordert  Neuwahl,  niemand  kann

28“
        <pb n="446" />
        436  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

Minister  von  constitutioneller  Pflicht  entbinden.  Willisen
stimmte  zu,  betonte  aber,  der  Antrag  gehe  zunächst  auf
Zurücknahme  der  Verordnung  vom  26.  April,  welche  durch
die  Verfassung  nicht  vorgeschrieben  sei.  Der  Kurfürst,  äußerst
gereizt,  brach  los:  sehr  sonderbar,  daß  der  König  von  Preußen
solche  Schritte  in  einem  anderen  Lande  kritisiren  will,  wird
aber  in  seinem  eigenen  Lande  bald  viel  Schlimmeres  thun
müssen.  Bei  diesen  Worten  fiel  Abée  schleunig  ein,  und
lieferte  eine  lange  Rechtfertigung  der  Verordnung,  was
Willisen  kurz  ablehnte,  und  sich  dann  wieder  an  den  Kurfürsten
  wandte:  er  möge  ihn  nicht  mit  einem  bestimmten
Nein  entlassen;  morgen  würden  seine  sämmtlichen  Bundesgenossen
  dieselbe  Mahnung  an  ihn  richten.  Der  Kurfürst
machte  eine  abweisende  Kopfbewegung;  Willisen  fuhr  fort,
dann  müsse  er  die  Absicht  Sr.  Moajestät  erklären,  den  diplomatischen
  Verkehr  abzubrechen.  Der  Kurfürst  schloß  das
Gespräch:  ich  kann  den  König  nicht  hindern,  aber  es  ist  doch
ein  sonderbares  Verfahren,  Gesandte  abberufen,  weil  in  innern
Fragen  im  Nachbarland  nicht  Alles  geschieht,  was  man  vorschreibt.


Von  einem  Ministerwechsel  war  natürlich  keine  Rede  weiter.

Am  13.  Mai  nahm  darauf  der  Bundestag  das  Inhibitorium
  an,  da  sich  aber  hienach  an  der  Haltung  des  Kurfürsten
  nichts  änderte,  befahl  König  Wilhelm  für  das  westfälische
  und  magdeburgische  Armeekorps  auf  den  23.  die
Marschbereitschaft,  und  Sydow  forderte  am  18.  unter  Androhung
  des  Bruches,  als  Genugthuung  für  den  beleidigenden
Empfang  des  Generals  von  Willisen  und  die  formelle  Nichtbeachtung
  des  königlichen  Handschreibens,  die  sofortige  Entlassung
  der  hessischen  Minister.  Es  ist  nicht  zu  verkennen,
        <pb n="447" />
        1862  Preußens  drohende  Haltung.  Schließlicher  Erfolg.  437

daß  dieses  Verfahren  Preußen  bei  fortgesetztem  Eigensinn
und  passivem  Widerstand  des  Kurfürsten  in  eine  ernste  Lage
führen  konnte,  da  gegen  eine  dauernde  militärische  Besetzung
Kurhessens  sowohl  Osterreich  als  der  Bundestag  sehr  bald
energischen  Einspruch  erhoben  hätten.  Schon  die  bloße
Drohung  brachte  in  Wien  eine  starke  Aufregung  hervor.
Offenbar  hätte  die  preußische  Rüstung  nur  dann  rechten
Sinn  und  volle  Bedeutung  gehabt,  wenn  man  in  Berlin  entschlossen
  gewesen  wäre,  die  hessische  Frage,  wie  es  1850
Fürst  Schwarzenberg  gethan,  zum  Ausgangspunkt  einer  allgemeinen
  deutschen  Entscheidung,  auf  die  Gefahr  eines  großen
Kriegs  mit  Osterreich  und  den  Mittelstaaten,  zu  machen.  Ob
König  Wilhelm  persönlich  diesen  Gedanken  gehabt  hat,  weiß
ich  nicht,  sicher  ist,  daß  er  im  Cabinet  nicht  vorhanden  war.
Damals  war  Herr  von  Bismarck,  so  eben  aus  Petersburg
nach  Paris  versetzt,  in  Berlin.  Graf  Bernstorff  befragte  ihn
um  seine  Meinung.  Bismarck  entgegnete:  der  Umstand,  daß
der  Kurfürst  einen  königlichen  Brief  auf  den  Tisch  geworfen
hat,  ist  ein  wenig  geschickter  Casus  belli;  wollen  Sie  aber
Krieg,  so  ernennen  Sie  mich  zu  Ihrem  Unterstaatssecretär;
dann  mache  ich  mich  anheischig,  Ihnen  binnen  vier  Wochen
einen  deutschen  Bürgerkrieg  bester  Qualität  fertig  zu  liefern.
Aber  mit  Entsetzen  zog  Graf  Bernstorff  zurück.  Indessen
zeigte  sich  schon  jetzt,  was  ein  entschlossenes  preußisches  Wort
in  Deutschland  bedeutete.  Das  schöne  Gesammtwirken  Rechberg's
  und  Bernstorff's  in  der  hessischen  Sache  hatte  zwei
Monate  lang  keinen  Bericht  des  Bundesausschusses  herbeizuführen
  vermocht:  jetzt,  als  Preußen  mit  der  Hand  am  Schwert
ein  Ultimatum  stellte,  war  in  wenigen  Tagen  der  österreichischpreußische
  Antrag  vom  8.  März  auf  Herstellung  der
        <pb n="448" />
        438  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

Verfassung  von  1831  zum  Bundesbeschluß  erhoben,  worauf
dann  unzögerlich  auch  das  hessische  Ministerium,  des  anständigen
Vorwandes  froh,  seine  Entlassung  einreichte.  Es  vergingen
darauf  noch  einige  Wochen,  bis  ein  neues  Cabinet  hergestellt
war;  der  Wunsch  Preußens,  ausgesprochene  Vertreter  des  alten
Rechtszustandes  an  die  Spitze  treten  zu  sehen,  wurde  zwar
nicht  erfüllt,  dann  aber  einer  der  bisherigen  Beamten,  ein
Herr  von  Dehn-Rotfelser,  zum  leitenden  Minister  ernannt,
der  zu  angenehmer  Überraschung  der  sonstigen  Welt  und  zu
großem  Verdrusse  des  Kurfürsten,  sich  gewissenhaft  und  aufrichtig
  auf  den  Boden  des  alten  Rechts  stellte,  die  Wiedereinführung
  der  Verfassung  von  1831  verkündigte,  und  sofort
Wahlen  nach  dem  Wahlgesetz  von  1849  ausschrieb.

Immerhin  war  Preußens  Sieg  über  den  Kurfürsten,
den  Bundestag  und  das  einst  in  Olmütz  eingeweihte  System
nicht  mehr  in  Frage  zu  stellen.  Es  war  in  ganzem  Umfange
ausgeführt,  was  das  letzte  Haus  der  Abgeordneten  so  eifrig
von  der  Regierung  gefordert  hatte.

In  noch  wärmerer  Übereinstimmung  befanden  sich  Regierung
  und  Volksvertretung  bei  einer  handelspolitischen
Action,  welche  in  raschem  Verlaufe  eine  solche  Ausdehnung
gewann,  daß  sich  daran  die  Sprengung  der  ganzen  deutschen
Bundesverfassung  zu  entzünden  drohte.

Schon  seit  geraumer  Zeit  war  bei  den  Sachverständigen
des  Zollvereins  die  Überzeugung  vorhanden,  daß  der  bestehende
  Zolltarif,  vor  dreißig  Jahren  abgefaßt,  im  Verlauf
der  Zeit  an  einzelnen  Stellen  nach  augenblicklichen  Antrieben
oder  unzulänglichen  Compromissen  verändert,  weder  in  sich
selbst  ein  grundsätzlich  geordnetes  Ganze  bilde,  noch  dem
bisher  erfolgten  Wachsthum  der  deutschen  Industrie  weiter
        <pb n="449" />
        1861  Antrag  auf  einen  Handelsvertrag  des  Zollvereins  mit  Frankreich.  439

entspreche.  Nun  war  1860  der  große  englisch-französische
Handelsvertrag  geschlossen  worden,  englischer  Seits  mit  beinahe
  vollständigem  Übergang  zum  Freihandelsystem,  bei  Frankreich
  mit  sehr  bedeutender  Erleichterung  des  internationalen
Verkehrs,  und  unmittelbar  nachher  regte  Kaiser  Napoleon  bei
der  preußischen  Regierung  den  Abschluß  eines  Handelsvertrags
mit  gleicher  Tendenz  zwischen  Frankreich  und  dem  Zollverein
an.  Preußen  war  sehr  bereit,  darauf  einzugehen,  und  forderte
im  Juni  1860  seine  Zollverbündeten  auf,  ihm  Vollmacht  zu
einer  solchen  Verhandlung  Namens  des  Zollvereins  zu  geben,
wie  sich  versteht,  unter  Vorbehalt  freier  Prüfung  des  Ergebnisses.
  Darauf  erschien  im  Januar  1861  ein  französischer
Commissar  in  Berlin,  und  stellte  zunächst  einige  allgemeine
Grundsätze  für  den  künftigen  Vertrag  auf,  nämlich  gegenseitige
Freiheit  für  die  Durchfuhr,  gegenseitige  Freiheit  für  die  Ausfuhr,
  endlich  für  die  Einfuhr  gegenseitige  Behandlung  auf  dem
Fuße  der  meistbegünstigten  Nation  und  Ausgleichung  der
beiderseitigen  Zolltarife.  Die  beiden  ersten  dieser  drei  Sätze
konnten  ohne  Weiteres  zugegeben  werden;  was  den  letzten
betraf,  so  ergriff  Preußen  mit  Freude  den  damit  gebotenen
Anlaß  zu  der  ersehnten  allgemeinen  Tarifrevision,  und  legte
im  April  den  Zollverbündeten  seine  Vorschläge  darüber  vor.
Die  Antworten  derselben  im  Mai  und  Juni  1861  machten  eine
Menge  von  Einwendungen  in  Bezug  auf  die  Tarifirung  einzelner
  Waaren,  erklärten  sich  aber  im  Ganzen  einverstanden  mit
dem  Gange  und  der  Fortsetzung  der  bisherigen  Verhandlung.
Es  zeigte  sich,  daß  die  entschiedene  Schutzzollpartei  überall  an
Boden  verloren  hatte,  und  auf  deutscher  Seite  alle  Aussicht
auf  die  Genehmigung  wesentlicher  Verkehrserleichterungen
vorlag.  Als  man  hienach  in  Berlin  mit  dem  französischen
        <pb n="450" />
        440  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1861

Commissar  in  die  specielle  Bearbeitung  des  Tarifs  eintrat,
begann  indessen  dieser  zu  feilschen  und  zu  handeln,  bot  wenig
und  forderte  viel,  so  daß  im  September  Preußen  seinen  Verbündeten
  eine  völlige  Stockung  der  Verhandlungen  anzeigte,
und  damit  den  Antrag  verband,  wenn  Frankreich  nicht  andere
Saiten  aufziehe,  von  dem  Vertrage  abzusehen,  auf  dem  Wege
der  innern  Gesetzgebung  den  neuen  Tarif  unter  Ermäßigung
einer  langen  Reihe  von  Eingangszöllen  festzustellen,  und  die
Wohlthaten  desselben  denjenigen  Nationen  zukommen  zu  lassen,
welche,  sei  es  mit  oder  ohne  Vertrag,  die  deutschen  Erzeugnisse
  ebenso  günstig  wie  die  einer  andern  Nation  behandelten.
Fast  alle  Zollvereinsregierungen  schlossen  sich  den  Ausführungen
  dieser  preußischen  Denkschrift  an.

Bis  dahin  war  die  Frage  lediglich  nach  nationalökonomischen
  Gesichtspunkten,  mit  Rücksicht  auf  das  wirthschaftliche
  Gedeihen  des  deutschen  Volkes,  behandelt  worden.
Jetzt  aber  griff  plötzlich  die  hohe  Politik,  Anfangs  mit  sachter
Berührung,  dann  mit  derber  Faust,  in  diese  Erörterungen  ein.

Wie  wir  uns  erinnern,  war  die  Krisis  des  Zollvereins
von  1853  durch  einen  Handelsvertrag  mit  Ssterreich  beendigt
worden,  der  in  der  Einleitung  als  Ziel  der  Zukunft  eine
österreichisch-deutsche  Zolleinigung  bezeichnete,  über  deren
Ausführbarkeit  nach  sechs  Jahren  weiter  verhandelt  werden
sollte;  dann  hatten  sich  beide  Contrahenten  für  ihren  gegenseitigen
  Handelsverkehr  eine  Anzahl  sehr  erheblicher  Zollermäßigungen
  zugesagt,  an  denen  die  Einfuhr  aus  andern
Ländern  keinen  Antheil  haben  würde;  endlich  hatten  sie  sich
verheißen,  daß,  wenn  einer  von  ihnen  für  eine  so  begünstigte
Waare  auch  einer  dritten  Macht  geringern  Eingangszoll  bewillige,
  dies  dem  andern  Contrahenten  drei  Monate  vorher
        <pb n="451" />
        1861  Osterreichs  Einspruch.  441

angezeigt  werden  solle.  Würde  nach  sechs  Jahren  aus  der
Zolleinigung  nichts  werden,  so  wollte  man  wenigstens  auf
weitere  Verkehrserleichterungen  bedacht  sein.

Im  Jahre  1853  hatten  also  beide  Theile  den  Wunsch
eines  großen  deutsch-österreichischen,  damals  leider  nicht  ausführbaren,
  Zollvereins  ausgesprochen.  Verpflichtet  aber  hatten
sie  sich  zu  nichts,  als  nach  sechs  Jahren  die  Ausführbarkeit
weiter  zu  überlegen,  ein  pactum  de  contrahendo,  welches
jedem  Theil  für  das  Ergebniß  der  Verhandlung  völlig  freie
Hand  ließ.  Im  Jahre  1860  schlug  darauf  Österreich  in
Berlin  den  Beginn  der  Verhandlung  vor,  Preußen  aber  erklärte,
  man  könne  sich  die  Mühe  ersparen,  da  jetzt  wie  früher
die  große  Zolleinigung  thatsächlich  unmöglich  sei.  Sie  war
es  in  der  That  noch  gewisser  als  1853,  da,  selbst  abgesehen
von  der  Schwierigkeit,  so  verschiedenartige  Consumenten  wie
Rheinländer  und  Croaten,  Hannoveraner  und  Hannaken,  in
einer  Zollgemeinschaft  zu  verschmelzen,  damals  in  Osterreich
eine  eifrige  Schutzzollpartei  den  herrschenden  Einfluß  besaß,
während  im  Zollverein  die  Mehrheit  der  Cabinette  und  der
Bevölkerung  auf  Verminderung  der  Eingangszölle  und  freie
Concurrenz  auf  dem  Weltmarkt  drängte.

Trotz  alledem  fand  sich  Graf  Rechberg  auf  die  Kunde  von
der  französisch-preußischen  Unterhandlung  im  September  1861
zu  einer  Note  veranlaßt,  welche  auf  die  Unverträglichkeit  der
im  Jahre  1853  in  Aussicht  genommenen  Zolleinigung  mit
einem  Vertrage  hinwies,  welcher  den  Franzosen  ein  Anrecht
auf  jede  bisher  Osterreich  gewährte  Begünstigung  geben
würde.  Ja,  die  Note  verstieg  sich  sogar  zu  der  Frage,  ob
Preußen  einen  vollständigen  Zollverein  mit  Frankreich  ebenso
wie  mit  Osterreich  beabsichtige.
        <pb n="452" />
        442  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

Es  war  hier  noch  keine  Rede  von  einem  Rechtstitel  oder
einem  Proteste,  aber  deutlich  genug  war  die  bevorstehende
Bekämpfung  des  französischen  Vertrags  und  der  liberalen
Tarifrevision  durch  Osterreich  angekündigt.  Was  dann  folgen
würde,  ließ  sich  leicht  ermessen:  Aufregung  der  in  Süddeutschland
  immerhin  zahlreichen  Schutzzöllner  und  Einwirkung  auf
die  mit  Osterreich  sonst  verbündeten  Mittelstaaten.  Es  war
der  alte  Gegensatz,  wie  bisher  auf  dem  politischen,  so  jetzt
auch  auf  dem  commerciellen  Felde:  es  galt  den  Kampf  um
die  Forderung,  daß  Deutschland  auf  eine  heilsame  Verbesserung
  seiner  Zustände  verzichten  müsse,  so  lange  Osterreich
nicht  in  der  Lage  zu  sein  glaube,  daran  Theil  zu  nehmen.
Preußen  entschloß  sich,  fest  und  rasch  Stellung  zu  nehmen.
Bernstorff  knüpfte  die  unterbrochene  Verhandlung  mit  Frankreich
  wieder  an;  es  zeigte  sich  unter  der  neuen  Conjunctur
sogleich,  daß  das  Pariser  Cabinet  es  bei  seinem  Feilschen
nicht  so  böse  gemeint  hatte;  beide  Theile  arbeiteten  sich  jetzt
mit  gegenseitigen  Einräumungen  in  die  Hände,  und  am
29.  März  1862  wurde  in  Berlin  der  Vertrag  fertig  gestellt
und  paraphirt.  Er  wurde  dann  nach  vier  Tagen  den  verbündeten
  Staaten,  sowie  dem  Wiener  Hofe  mitgetheilt.

Die  Bewegung,  welche  das  überraschende  Ereigniß  in
ganz  Deutschland  hervorrief,  war  groß.  Osterreich  säumte
nicht,  in  voller  Rüstung  den  diplomatischen  Angriff  zu  eröffnen.
  In  einer  Denkschrift  vom  7.  Mai  erklärte  Graf
Rechberg,  der  Zweck  des  Vertrags  von  1853  sei  die  Vorbereitung
  einer  großen  deutsch-österreichischen  Zolleinigung
gewesen,  durch  Begünstigung  des  beiderseitigen  Verkehrs  vermittelst
  niedrigerer  Eingangszölle,  als  sie  von  Waaren  anderer
Nationen  erhoben  würden;  der  neue  französische  Vertrag
        <pb n="453" />
        1862  Paraphirung  des  Vertrags  in  Berlin.  443

vernichte  jede  Begünstigung  Osterreichs,  indem  er  Frankreich  alle
Rechte  der  meistbegünstigten  Nation  einräume,  und  überhaupt
die  deutschen  Zollsätze  so  niedrig  stelle,  daß  Osterreich  sie  für
sich  nicht  annehmen  könne,  ohne  seine  eigene  Industrie  durch
die  Überfluthung  mit  fremden  Waaren  dem  Verderben  Preis
zu  geben.  Demnach  müsse  Osterreich  in  dem  Vertrag  vom
29.  März  eine  Störung  und  Hintansetzung  des  Vertrags
von  1853  erblicken.

Die  Entgegnung  ließ  sich  nicht  lange  erwarten.  Sie
kam,  zu  neuer  Überraschung  des  deutschen  Publicums,  von
doppelter  Seite,  nicht  bloß  von  Preußen,  sondern  auch  von
dessen  schärfstem  politischem  Gegner,  dem  Königreich  Sachsen,
wo  die  Sorge  für  den  Wohlstand  des  Landes  und  die  Pflege
der  hochentwickelten  eigenen  Industrie  wie  1852  alle  sonstigen
Bedenken  übenvog.  Eine  sächsische  Note  vom  27.  und  eine
preußische  vom  28.  Mai  legten  dar,  daß  in  dem  Vertrage
von  1853  keiner  der  Contrahenten  auf  die  Freiheit  beliebiger
Anderungen  seines  Tarifs  verzichtet  habe;  der  Vertrag  enthalte
  ja  im  Gegentheil  Bestimmungen,  was  in  solchem  Falle
zu  geschehen;  jetzt  habe  sich  die  fernere  Unbrauchbarkeit  des
bisherigen  Zollvereinstarifs  gezeigt:  eine  Umarbeitung  desselben
  im  liberalen  Sinne  sei  zur  Lebensfrage  für  die  deutsche
Industrie  geworden,  und  wenn  Österreich  klage,  daß  eine
gleiche  Maaßregel  seine  Industrie  zerstören  würde,  so  sei
damit  der  Beweis  gegeben,  daß  für  eine  absehbare  Zeit  die
große,  1853  besprochene  Zolleinigung  unausführbar  sei;  unmöglich
  aber  dürfe  man  Deutschland  zumuthen,  seiner  Industrie
  Fesseln  anzulegen,  bis  Osterreich  nachkommen  könne.

Darauf  genehmigten  im  Laufe  des  Juni  beide  sächsische
Kammern  einstimmig  den  französischen  Handelsvertrag,  und
        <pb n="454" />
        444  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

Herr  von  Beust  zeigte  gleich  nachher  dem  preußischen  Cabinet
Sachsens  Beitritt  an.  Rasch  nach  einander  folgten  diesem
Beispiel  Baden,  Oldenburg,  die  thüringischen  Staaten.
Inzwischen  aber  hatte  Osterreich  seinen  Feldzug,  und
zwar  auf  doppeltem  Kriegsschauplatz,  fortgesetzt.  In  den
identischen  Noten  vom  2.  Februar  hatten,  wie  wir  sahen,  die
dabei  vereinigten  Staaten  fernere  Conferenzen  über  Bundesreform
  angekündigt  und  Preußen  dazu  eingeladen,  dieses  aber
die  Theilnahme  an  einem  so  hoffnungslosen  Werke  abgelehnt.
Jetzt  erließ  der  Wiener  Hof  die  Einladung  auf's  Neue,  und
hier  schloß  sich  Sachsen  nicht  aus.  Die  vier  Königreiche,
beide  Hessen  und  Nassau  sandten  ihre  Vertreter,  und  am
7.  Juli  eröffnete  in  Wien  Graf  Rechberg  die  erste  Conferenz,
mit  dem  Vorschlage,  für  die  Berathung  eines  deutschen  Civilund
  Criminalgesetzes  einen  Versuch  mit  der-Hinzuziehung
einer  Versammlung  von  Delegirten  der  deutschen  Kammern
zu  machen.  Dies  bedeutete  die  Ausführung  eines  freilich  kleinen
Bruchstücks  aus  dem  großen  Reformplan  Schmerling's  und
Fröbel's,  mit  dem  hier,  wie  wir  uns  erinnern,  auch  Beust's
Antrag  übereinstimmte;  man  begreift,  daß  für  diesen  die  Lockung
trotz  aller  Handelsverträge  unwiderstehlich  war.  Sachsens
Losung  hieß  seitdem:  für  Preußen  im  Zollverein,  für  Osterreich
in  Bundessachen.  Sodann  erschien  am  10.  Juli  bei  allen  Zollvereinsstaaten
  ein  Antrag  des  Grafen  Rechberg,  unter  Beibehaltung
  des  bisherigen  Zollvereinstarifs  Gesammtösterreich
in  den  Zollverein  aufzunehmen,  und  wenn  dies  geschehen,  Osterreich
  und  Preußen  gemeinschaftlich  zu  Verhandlungen  mit  Frankreich
  und  England  über  Handelsverträge  zu  bevollmächtigen.
Preußens  Verhalten  zu  diesen  Schritten  der  Hofburg  war
gegeben.  In  Bezug  auf  die  Bundesreform  blieb  man  bei  der
        <pb n="455" />
        1862  Osterreichs  Antrag  auf  eine  Delegirtenversammlung  beim  Bunde.  445

Ablehnung  jeder  Theilnahme  an  den  Conferenzen  und  bei  der
Rechtsverwahrung  gegen  jede  Erweiterung  der  Competenz  des
Bundestags,  die  nicht  auf  einstimmigem  Beschluß  aller  deutschen
Regierungen  beruhe.  Der  Aufnahme  Osterreichs  in  den  Zollverein
  versagte  man  die  Zustimmung,  schon  weil  man  sich
Frankreich  gegenüber  bereits  gebunden  erachte,  vor  Allem
aber,  weil  die  von  Osterreich  beantragte  Voraussetzung  desselben,
  die  Beibehaltung  des  jetzigen  Tarifs,  mit  den  Lebensinteressen
  der  deutschen  Industrie  schlechthin  unverträglich  sei.
Unter  diesen  Umständen  fand  man  sich  von  jeder  Rücksicht
auf  Osterreichs  Freundschaft  entbunden,  und  da  Anfang  Juli
die  russische  Regierung,  mit  dem  Papste  in  bitterem  Zerwürfniß,
  die  Anerkennung  des  jungen  Königreichs  Italien
ausgesprochen  hatte,  zauderte  man  auch  in  Berlin  um  so
weniger  mit  dem  Vollzuge  der  gleichen  Maaßregel,  als  schon
im  vorigen  Jahre  die  Volksvertretung  sehr  nachdrücklich  in
gleichem  Sinne  beschlossen  hatte.  Osterreich  hielt  mit  seiner
Entrüstung  darüber  nicht  zurück:  die  preußische  Mittheilung
hatte  bemerkt,  daß  die  Anerkennung  erst  nach  einer  festen
Zusage  Italiens,  Venetien  nicht  anzugreifen,  erfolgt  sei;
Rechberg  erwiderte,  ein  solches  Versprechen  sei  nicht  so  viel
werth,  wie  das  Papier,  auf  dem  es  geschrieben  stehe.
Nachdem  hierauf  der  preußische  Landtag,  das  Abgeordnetenhaus
  gegen  zwölf  Stimmen,  das  Herrenhaus  einstimmig,  dem
französischen  Vertrage  die  Genehmigung  ertheilt  hatte,  vollzog
die  Regierung  am  2.  August  die  definitive  Unterzeichnung,
gab  davon  den  Zollvereinsstaaten  Nachricht,  und  erklärte  sich,
um  den  Beitritt  der  Südstaaten  zu  erleichtern,  bereit  zu  dem  von
diesen  oft  beantragten  Verzichte  auf  die  bisherige  Übergangsabgabe
  für  Wein.  Bereits  hatte  aber  Osterreichs  Einmischung
        <pb n="456" />
        446  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

solche  Wirkung  geübt,  daß  das  preußische  Zugeständniß  keine
Beachtung  mehr  fand.  Die  Mittelstaaten,  mit  Ausnahme
von  Sachsen,  so  wie  beide  Hessen  und  Nassau,  lehnten  jetzt
den  Beitritt  zum  französischen  Vertrage  kategorisch  ab,  theils
nach  schutzzöllnerischen  Auffassungen,  theils  aus  Rücksicht  auf
die  Zolleinigung  mit  Osterreich  und  den  Vertrag  von  1853.
Zugleich  erhielt  Preußen  am  7.  August  die  Nachricht,  daß
die  Wiener  Conferenz  den  österreichischen  Vorschlag  auf  Berufung
  einer  Delegirtenversammlung  angenommen  habe,  und
am  14.,  daß  er  als  Antrag  der  acht  betheiligten  Staaten
beim  Bundestag  eingebracht  sei.  Graf  Bernstorff  wiederholte
darauf  seinen  Protest  gegen  jeden  Mehrheitsbeschluß  in  dieser
Sache,  und  erklärte,  auch  Deutschlands  Landesvertretungen
würden  dies  Delegirtenproject  mit  Unwillen  zurückweisen;
die  Nation  begehre  eine  gekräftigte  Executivgewalt  und  eine
wahre  National-Repräsentation;  beides  aber  sei  auf  dem  hier
eingeschlagenen  Wege  nicht  zu  erreichen.  Am  26.  August
erging  dann  eine  preußische  Antwort  an  Bayern  und  Württemberg,
  daß  man  eine  definitive  Ablehnung  des  französischen
Vertrags  als  den  Ausdruck  des  Willens  auffassen  müsse,  den
Zollverein  mit  Preußen  nicht  fortzusetzen.  Das  Haus  der
Abgeordneten  sprach  am  5.  September  mit  233  gegen
26  Stimmen  seine  volle  Billigung  dieser  Erklärung  aus.
So  standen  die  beiden  Parteien  in  geschlossenen  Lagern,
wie  sehr  auch  Baden  auf  der  einen  und  Sachsen  auf  der
andern  Seite  zu  vermitteln  strebten,  sich  gegenüber.  Nicht
gerade  gefährlich,  wenn  auch  viele  reizbare  Gefühle  verletzend,
war  der  handelspolitische  Streit,  denn  die  jetzigen  Zollvereins-Verträge
  dauerten  noch  bis  Ende  1865,  und  bis  dahin
konnten  die  Leidenschaften  in  zahlreichen  Besprechungen  und
        <pb n="457" />
        1862  Preußens  Protest  gegen  den  Antrag.  447

Depeschen  abgelagert  werden,  was  denn  auch  in  reichlichem
Maaße  geschehen  ist.  Anders  aber  stand  es  bei  der  Frage
der  Bundesreform,  welche  durch  den  neuesten  großdeutschen
Antrag  den  bewaffneten  Zusammenstoß  in  greifbare  Nähe
gerückt  hatte.  Errang  der  Antrag  in  Frankfurt  einen  Mehrheitsbeschluß,
  so  blieb  Preußen  nur  die  Wahl  zwischen  demüthiger
Unterwerfung  oder  der  Erklärung  seines  Austritts  aus  dem
durch  die  Mehrheit  verfälschten  Bunde,  was  dann  unausbleiblich
  und  in  kürzester  Frist  zum  Kriege  hätte  führen
müssen.  König  Wilhelm  wünschte  lebhaft,  einer  so  traurigen
Alternative  überhoben  zu  sein,  und  hätte,  ähnlich  wie  Graf
Rechberg,  gerne  die  unitarischen  Gedanken  hinausgeschoben,
wenn  sich  zwischen  den  beiden  Mächten  ein  ehrenhaftes  Zusammenwirken
  in  der  Lenkung  Deutschlands  erreichen  ließe.
Aber  für  den  entgegengesetzten  Fall  stand  sein  Wille  fest,
einem  verfassungswidrigen  Bundesbeschlusse  nicht  um  eines
Haares  Breite  zu  weichen,  sondern  Preußens  ganze  Macht
für  Preußens  gutes  Recht  einzusetzen  —  und  dann  vogue
la  galeère.

In  den  europäischen  Verhältnissen  zeigte  sich  damals
kein  Symptom,  welches  Preußen  zur  Nachgiebigkeit  gegen
Ungebühr  hätte  bestimmen  können.  Mit  Rußland  stand  man
auf  dem  besten  Fuße;  fort  und  fort  ließ  Kaiser  Alexander
den  König  seiner  warmen  Freundschaft  versichern,  und  wenn
Fürst  Gortschakoff  an  dem  Wunsche  einer  russisch-französischen
Allianz  festhielt,  so  wäre  ihm  dabei  nichts  erfreulicher  gewesen,
  als  der  Eintritt  Preußens  in  einen  so  mächtigen
Verein.  Wiederholt  erklärte  er  dem  preußischen  Gesandten,
daß  die  Stärkung  Preußens  im  deutschen  Bunde  dem  allgemeinen
  Interesse  entspreche,  und  Osterreichs  Widerstand  dagegen
        <pb n="458" />
        448  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

jedes  vernünftigen  Grundes  entbehre.  Übrigens  war  Gortschakoff
  von  der  französischen  Allianz  noch  weit  entfernt,  da  Kaiser
Alexander  ein  stets  wachsendes  Mißtrauen  gegen  Napoleon's
revolutionäre  Tendenzen  an  den  Tag  legte.  Andrerseits  hatte
in  die  Beziehungen  mit  Osterreich  die  russische  Anerkennung
Italiens  einen  neuen  tiefen  Spalt  gerissen,  und  die  damaligen
Wirren  in  Serbien  waren  nicht  geeignet,  die  beiderseitigen
Stimmungen  zu  verbessern.  Dies  Alles  lag  also  für  Preußen
so  günstig  wie  möglich.

In  höchst  positiver  Weise  sprach  sich  sodann  gegen  Herrn
von  Bismarck  Kaiser  Napoleon  über  die  deutschen  Verhältnisse
aus.  Mit  Verehrung  redete  er  von  der  würdigen  Persönlichkeit
  König  Wilhelm's;  er  bedauerte  die  Schwierigkeiten,
welche  derselbe  in  innern  Fragen  bei  dem  Landtage  fände:
nach  seiner  Ansicht  komme  Alles  auf  die  allgemeine  Richtung
der  Regierungspolitik  an;  sei  damit  das  Volk  einverstanden,
so  brächten  Streitigkeiten  über  Einzelfragen  keine  Gefahr;
ihm  scheine,  daß  Preußen  durch  die  Natur  der  Dinge  auf
eine  Umformung  des  deutschen  Bundes  angewiesen  sei,  und
wenn  es  diese  zum  Ziele  seiner  Bestrebungen  mache,  über
alle  sonstigen  Nöthe  leicht  Herr  werden  könnte.  Frankreich
könne  sich  mit  jeder  neuen  Gestaltung  Deutschlands  befreunden,
mit  einziger  Ausnahme  des  sogenannten  Siebzig-Millionen-Reiches,
  des  Eintritts  von  Gesammtösterreich  in  den  deutschen
Bund,  weil  durch  diesen  das  Gleichgewicht  Europas  eine
vollständige  Störung  erleiden  würde.  Dies  Alles  klang  gut
preußisch;  wie  weit  es  so  bleiben  würde  bei  dem  wirklichen
Eintritt  eines  solchen  Verlaufs,  war  freilich  zu  erwägen.
Offenbar  aber  hatte  zur  Zeit  Preußen  keine  Parteinahme
Napoleon's  für  Osterreich  zu  besorgen.
        <pb n="459" />
        1862  Preußens  europäische  Stellung.  449

Endlich  mit  Italien  waren  alle  frühern  Mißklänge  durch
die  von  Preußen  vollzogene  Anerkennung  des  Königreichs
aufgelöst.  Es  war  noch  keine  Rede  von  näherer  Anknüpfung
zwischen  beiden  Höfen,  aber  die  ganze  Welt  war  überzeugt
davon,  daß  im  ersten  Augenblick  eines  Bruches  zwischen
Osterreich  und  Preußen  das  italienische  Heer  sich  auf  Venetien
stürzen  würde.

So  sah  sich  das  preußische  Cabinet  auf  dem  ganzen
Continent  von  dem  Wohlwollen  und  der  Sympathie  der
außerdeutschen  Mächte  umgeben.  Seine  einzigen  Gegner  befanden
  sich  auf  deutschem,  und  leider,  wie  jetzt  zu  erzählen
ist,  auch  auf  preußischem  Boden.

In  den  vorausgehenden  Abschnitten  ist  dargelegt  worden,
aus  wie  mannigfaltigen  Quellen  die  allmählich  steigende
Abneigung  gegen  König  Wilhelm's  Heeresreform  bei  der
großen  Mehrheit  des  preußischen  Volkes  heranwuchs  —  zunächst
dem  Wunsche  nach  Erleichterung  der  Militär=  und  der  Steuerlast,
  romantischen  Erinnerungen  an  die  Glorie  der  Landwehr
von  1813,  Widerwillen  gegen  die  Bevorzugung  des  Adels
in  manchen  Officiercorps  —  sodann  der  allgemeinen  Überzeugung
  nach  dem  Verhalten  des  auswärtigen  Amts,  daß
diese  Regierung  ebenso  wie  die  Friedrich  Wilhelm's  IV.  sich
niemals  zu  einer  muthigen  Kriegspolitik  erheben,  also  auch
niemals  einer  so  schwer  drückenden  Rüstung  bedürfen  würde  —
endlich  der  unklaren  Halbheit  in  der  parlamentarischen  Behandlung
  der  Reform,  dem  Hinüberschleppen  doppeldeutiger
Provisorien  aus  einer  Landtagssession  in  die  andere,  bis  weit
und  breit  im  Volke  der  unselige  Wahn  einer  planmäßigen
Täuschung  des  Landtags  durch  die  Minister  vorhanden  war.

Auf  dem  so  bereiteten  Boden  fand  dann  die  in  neuer
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches  II.  29
        <pb n="460" />
        450  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

Erhebung  begriffene  demokratische  Partei  von  1848  aller  Orten
bereitwilliges  Gehör  für  ihren  Schlachtruf  kräftiger  Offensive
gegen  ein  so  verfassungswidriges  System,  und  als  vollends
die  liberalen  Minister  entlassen  wurden,  und  ein  streng  conservatives
  Cabinet  die  Regierung  übernahm,  schien  kein  Zweifel
mehr  möglich,  und  die  einzige  Pflicht  des  Volkes  der  entschlossene
  Widerstand  gegen  die  herandrohende  Rückkehr  zu
feudalem  Absolutismus  zu  sein.

Das  neue  Cabinet  that  das  Seinige  durch  plumpe  Beeinflussung
  der  Wahlbewegung,  diese  Strömung  zu  steigern  und
eine  Menge  sonst  gemäßigter  Elemente  der  radicalen  Opposition
in  die  Arme  zu  treiben.  Die  Wahlen  des  6.  Mai  ergaben  eine
vollständige  Niederlage  des  Ministeriums.  Nicht  eins  seiner  Mitglicder
  erlangte  einen  Sitz;  die  feudale  und  die  katholische  Fraction
  schmolzen  ebenso  wie  die  frühere  ministerielle,  jetzt  altliberale,
  Partei  zu  kleinen  Gruppen  zusammen;  die  Fortschrittspartei
  und  das  ungefähr  ebenso  starke  linke  Centrum,  die  sich
zwar  in  ihren  Zukunftsplänen  erheblich  von  einander  unterschieden,
  in  der  schwebenden  Hauptfrage  aber  größtes  Theils
eines  Sinnes  waren,  bildeten  vereinigt  die  überwältigende
Mehrheit  des  Hauses.  Zunächst  zeigten  sich  freilich  noch
Meinungsverschiedenheiten  über  die  Art  und  Weise  der  Behandlung
  der  Sache,  sowie  über  das  Maaß  der  etwa  der
Regierung  zu  machenden  Zugeständnisse.  In  jeder  der  beiden
großen  Parteien  erhoben  sich  einzelne  Stimmen  für  die  frühere
Politik  des  Hauses,  die  Mittel  für  die  Erhaltung  der  neuen
Regimenter  zu  bewilligen,  wenn  die  Regierung  durch  die  Vorlage
  eines  neuen  Gesetzes  über  die  Wehrpflicht  sich  zur  zweijährigen
  Dienstzeit  der  Linien-Infanterie  herbeilasse.  Es  vergingen
  mehrere  Wochen,  bis  hierüber  innerhalb  der  Parteien
        <pb n="461" />
        1862  Antrag  auf  Streichung  aller  Mehrkosten  der  Heeresreform.  451

die  Verständigung  herbeigeführt  war,  und  während  dieser  Zeit
ruhte  die  Frage  vollständig,  sowohl  im  Hause  als  auch  in
der  Budgetcommission.  Dann  aber  fiel  die  Entscheidung  ganz
und  gar  im  radicalen  Sinne.  Es  zeigte  sich,  daß  in  jeder
der  beiden  Parteien  nur  Ein  Mitglied  bei  jener  vermittelnden
Ansicht  blieb,  alle  andern  die  gänzliche  Streichung  der  Kosten
der  Heeresreform  beschlossen.  Die  Erklärung  des  Ministeriums,
daß  man  weitere  zwei  Millionen  im  Militärbudget  erspart
habe,  und  deshalb  jetzt  auf  die  Steuerzuschläge  von  1859
verzichten  könne,  machte  keinen  Eindruck  mehr.  Anfang  August
begann  die  Budgetcommission  die  Berathung  des  Militäretats,
  verfügte  gleich  in  der  ersten  Sitzung  die  Übertragung
der  Kosten  der  Heeresreform  in  das  Extraordinarium,  wiederholte
  dann  jenen  mehr  als  zweifelhaften  Satz,  daß  die  Reform
mit  dem  Gesetze  vom  3.  September  1814  im  Widerspruche
stehe,  folglich  als  gesetzmäßig  nicht  anzuerkennen  sei,  und  gelangte
  so  am  22.  August  zum  Antrage,  alle  Mehrausgaben
für  die  Reform  zu  streichen  und  es  der  Regierung  zu  überlassen,
  welche  Wege  sie  einschlagen  wolle,  um  den  Zustand
der  Armee  wieder  auf  eine  gesetzliche  Grundlage  zu  stellen.
Ebenso  gründlich  war  dann  am  29.  August  der  Antrag  der
Marine-Commission  auf  vollständige  Verwerfung  des  von  der
Regierung  eingebrachten  Planes  zur  Schaffung  einer  Kriegsflotte,
  weil  es  dafür  an  bereiten  Geldmitteln  fehle.  Endlich
kam  einige  Tage  später  die  Budgetcommission  über  den  Militäretat
  für  1863  zu  demselben  Beschluß  wie  vorher  über  jenen
des  laufenden  Jahres.

Am  11.  September  trat  darauf  das  Haus  in  eine  siebentägige
  Verhandlung  ein,  wie  sie  der  Landtag  seit  seinem  Ursprunge
  noch  nicht  gesehen  hatte.  Alle  rednerischen  Kräfte

29.
        <pb n="462" />
        452  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

der  Regierung  und  der  Parteien  waren  aufgeboten;  hüben
und  drüben  pulsirte  das  Gefühl,  daß  man  vor  einer  über
Preußens  Zukunft  weithin  entscheidenden  Krisis  stehe;  auf
der  einen  Seite  die  Auffassung,  daß  das  Verfassungsleben  in
Preußen  zu  Grunde  gehen,  und  die  Zeiten  des  beschränkten
Unterthanenverstandes  wiederkehren  würden,  wenn  in  dieser
Sache  nicht  der  Wille  der  Volksvertretung  freie  Bahn  gewinne;
auf  der  andern  die  Überzeugung,  daß  mit  dem  Siege  der
Majorität  die  constitutionell-monarchische  sich  in  eine  parlamentarische
  Regierung  verwandeln,  und  hiemit  die  Selbständigkeit
  der  Krone  verloren  sein  würde.  Dazu  auf  der
einen  Seite  die  stete  Mahnung,  kräftig  in  der  hessischen  und
holsteinischen,  so  wie  in  der  Sache  des  Handelsvertrags  und
der  Bundesreform  voranzuschreiten,  und  sich  bei  liberaler
Politik  auf  den  jubelnden  Beifall  der  deutschen  Nation  als
wirksame  Waffe  zur  Bändigung  fürstliches  Eigendünkels  zu
verlassen:  auf  der  andern  aber  der  Zorn  über  eine  so  kindische
Verblendung,  welche  an  keinen  bewaffneten  Widerstand  Dänemarks,
  Osterreichs,  Süddeutschlands  glaube,  und  deshalb  zu
Land  und  zu  Wasser  Preußen  wehrlos  zu  machen  im
Begriff  stehe.

Eine  nähere  Vorführung  des  großen  Redekampfs  dürfen
wir  uns  ersparen,  da  über  den  seit  drei  Jahren  verhandelten
Gegenstand  keine  neuen  Gründe  beigebracht  wurden.  Ein
Antrag  Reichensperger's  von  der  katholischen  Fraction,  die
Regierung  zur  Einbringung  eines  Gesuchs  um  Indemnität
für  ihr  bisheriges  Verhalten  aufzufordern,  fand  nicht  eine
Stimme.  Ein  Vermittlungsantrag  der  Abgeordneten  Stavenhagen,
  Twesten  und  von  Sybel  (des  Verfassers  dieses  Buchs)
auf  Erhaltung  der  neuen  Regimenter  und  Einführung  der
        <pb n="463" />
        1862  Das  Abgeordnetenhaus  streicht  die  Kosten  der  Heeresreform.  453

zweijährigen  Dienstzeit,  wurde  einen  Augenblick  von  Herrn
von  Roon  als  vielleicht  annehmbar  bezeichnet,  am  folgenden
Tage  aber  nach  näherer  technischer  Erwägung  als  zu  bedenk—
lich  für  die  innere  Consistenz  der  Truppenkörper  abgelehnt.
Auch  im  Hause  hatte  er  kein  besseres  Schicksal;  er  fiel  durch
eine  dreifach  überlegene  Mehrheit.  Das  Ende  war  am
23.  September  die  Streichung  aller  Ausgaben  für  die  Heeres—
reform  im  Betrage  von  beinahe  sechs  Millionen  Thalern.
Also  eine  gebieterische  Einladung  an  die  Regierung,  die  neuen
117  Bataillone  wieder  aufzulösen,  und  in  irgend  einer  Form
Verzeihung  dafür  nachzusuchen,  daß  sie  im  laufenden  Jahre
vor  Bewilligung  des  Budgets  schon  neun  Monate  lang  die
Kosten  derselben  ausgegeben  hatte.

So  war  der  Conflict  in  voller  Schärfe  vorhanden,  der
Conflict  nicht  bloß  der  Forderungen,  sondern  der  Rechte.

Denn  unbezweifelt  war  bisher  das  Recht  der  Krone,
die  Ziffer  der  jährlichen  Aushebung  und  demnach  die  Zahl
und  Stärke  der  für  die  Einstellung  erforderlichen  Regimenter
zu  bestimmen,  unbezweifelt  aber  auch  das  Recht  des  Hauses
der  Abgeordneten,  neue  Ausgaben,  die  nicht  durch  ein  Gesetz
vorgeschrieben  wären,  zu  streichen.  Der  König  sagte  mit
gutem  Grunde,  daß  durch  eine  übermäßige  Anspannung  dieses
Budgetrechts  sein  kriegsherrliches  Amt  zum  inhaltlosen  Scheine
würde.  Aber  ebenso  bestimmt  kam  die  Erwiderung,  daß  die
Leistung  einer  von  dem  Hause  abgelehnten  Ausgabe  eine
Verletzung  der  Verfassung  in  sich  schlösse.

Es  gab  wenige  Menschen  damals  in  Preußen,  die  nicht
von  der  Wahrheit  dieser  Behauptung  durchdrungen  gewesen
wären;  Altliberale  und  linkes  Centrum,  Katholiken  und  Fort—
schrittspartei,  mochten  sie  nun  die  letzten  Beschlüsse  loben
        <pb n="464" />
        454  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

oder  tadeln,  sie  Alle  stimmten  darin  überein,  den  Satz:  keine
Ausgabe  ohne  Genehmigung  des  Abgeordnetenhauses,  als
den  Grund=  und  Eckstein  des  Verfassungsstaates  anzuerkennen.
So  hatte  man  es  nach  englischem  Vorbild  gelernt,  seitdem
man  in  Deutschland  constitutionelle  Rechte  erstrebte;  oft  genug
hatte  man  es  als  schwere  Lücke  im  preußischen  Verfassungsbau
  beklagt,  daß  nicht  auch  die  Einnahmebewilligung  ebenso
vollständig  in  die  Hand  der  Abgeordneten  gelegt  sei,  und
immer  hatte  die  Antwort  darauf  gelautet,  daß  die  Verfügung
über  die  Ausgaben  für  sich  allein  zur  beherrschenden  Regelung
des  Staatshaushalts  vollkommen  ausreiche.  Und  zwar  zur
Regelung  allein  durch  das  Haus  der  Abgeordneten,  durch  die
von  den  Steuerzahlern  gewählten  Volksvertreter!  Wie  in
England,  hatte  man  auch  in  Preußen  die  Mitwirkung  des
Herrenhauses  durch  das  Verbot  specieller  Abänderungsvorschläge
  auf  die  Befugniß,  den  Etat  im  Ganzen  in  der  von
den  Abgeordneten  beschlossenen  Gestalt  anzunehmen  oder  abzulehnen,
  mithin  wie  in  England  auf  ein  leeres  Ehrenrecht
beschränkt.  Denn  die  Ablehnung  hieße  ja  den  Staat  aus
den  Fugen  heben,  und  das  conservative  Oberhaus  würde  sich
doch  nicht  mit  den  revolutionären  Steuerverweigerern  auf
eine  Linie  stellen.

So  war  der  unwidersprochene  Stand  der  öffentlichen
Meinung.  Auch  der  Finanzminister  von  der  Heydt  hatte
keine  andere  Auffassung:  den  Abgeordneten  hatte  er  zugerufen,
bei  einer  mißbräuchlichen  Anwendung  ihres  Rechtes  könnten
sich  Dinge  ereignen,  die  in  der  Verfassung  nicht  geschrieben
ständen,  —  mit  andern  Worten,  die  zum  Staatsstreich  führen
könnten;  dem  Könige  aber  hatte  er  seit  Wochen  erklärt,  nach
dem  voraussichtlichen  Beschlusse  des  Hauses  würde  er  nicht
        <pb n="465" />
        1862  Ernennung  Bismarck's  zum  Ministerpräsidenten.  455

mehr  im  Stande  sein,  bei  der  Aufrechthaltung  der  neuen
Heeres-Organisation  mitzuwirken.  Der  König  selbst  stand,
wenn  ich  recht  unterrichtet  bin,  in  schweren  Bedenken  zwischen
seinem  Verfassungseide  und  seiner  militärischen  Überzeugung.
Nach  von  der  Heydt's  Erklärungen  wandte  er  sich  an  den
Mann,  den  er  längst  als  den  Klügsten  und  Muthigsten  seiner
Staatsmänner  kannte,  dem  er  schon  1858,  und  dann  wieder
im  letzten  Mai  einen  Ministersessel  hatte  anvertrauen  wollen:
er  entbot  den  in  Biarritz  sich  erfrischenden  Herrn  von  Bismarck
nach  Berlin.  Bismarck  folgte  ungern;  denn  wohl  niemals
hat  ein  geborener  Meister  der  Regierungskunst  so  wenig
Ehrgeiz  zur  Ersteigung  der  höchsten  Stufe  gehabt.  Aber
sein  Pflichtgefühl  verbot  ihm,  sich  dem  Könige  zu  versagen.
Am  19.  September  1862  kam  er  in  Berlin  an;  vier  Tage
später  erfolgte  der  verhängnißvolle  Beschluß  des  Hauses,  und
am  24.  wurden  Fürst  Hohenlohe  und  Herr  von  der  Heydt
entlassen,  und  Bismarck,  einstweilen  ohne  Portefeuille,  zum
provisorischen  Präsidenten  des  Staatsministeriums  ernannt.
Niemand  ahnte  damals,  daß  mit  diesem  Tage  in  Wahrheit
eine  neue  Aera  für  Preußen  und  Deutschland,  und  damit  für
Europa  beginne.  Denn  wie  viele  Menschen  wußten  etwas
von  Bismarck's  innerer  Entwicklung  seit  18512  Alle  Welt
sah  in  ihm  den  kecksten  Vorkämpfer  der  feudalen  Partei,  den
frechsten  Gegner  alles  liberalen  Strebens,  den  Redner,  der
alle  großen  Städte  vom  Erdboden  hatte  vertilgen  wollen,
der  den  Liberalen  den  drohenden  Zuruf  entgegengeschleudert
hatte,  das  stolze  Roß  Borussia  werde  die  parlamentarischen
Sonntagsreiter  in  den  Sand  setzen.  Sein  Name  steigerte
die  Aufregung  der  Gemüther  in  das  Grenzenlose.  Jetzt  sei
der  letzte  Schleier  zerrissen;  dieser  märkische  Junker,  der  einst
        <pb n="466" />
        456  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

den  ersten  Schritten  zur  Verfassung  widersprochen,  der  in
Erfurt  sich  gegen  die  deutsche  Einheit  erhoben,  der  die  ehrlose
  Olmützer  Politik  vertheidigt  habe,  um  dann  im  Bundestag
eine  seiner  Gesinnung  entsprechende  nahrhafte  Unterkunft  zu
finden,  dieser  servile  Aristokrat  habe  sich  jetzt  von  Napoleon
in  den  Künsten  des  Staatsstreichs  unterrichten  lassen,  und
hoffe,  mit  Kartätschensalven  die  Fetzen  der  Verfassung  in  alle
Winde  zu  jagen.  Hier  heiße  es  also,  fest  auf  dem  Boden
des  Gesetzes  zusammen  zu  stehen,  jede  unwürdige  Schwäche
abzuwerfen,  und  an  keiner  Stelle  das  geringste  Atom  des
beschworenen  Verfassungsrechtes  mit  feiger  Nachgiebigkeit  zu
opfern.
Trotz  dieser  tausendstimmigen  Kriegserklärung  waren
Bismarck's  erste  Schritte  Versuche  zum  Ausgleich.  Er  lud
die  Führer  der  Altliberalen  zu  sich,  entwickelte  ihnen  seine
Absichten  und  bot  ihnen  einige  Plätze  im  Cabinet  an.  Sie
waren  überrascht,  ihn  so  ganz  anders  zu  finden,  als  die
liberale  Welt  ihn  zu  schildern  liebte.  Aber  die  unglückliche,
von  ihnen  groß  gezogene  Forderung  der  zweijährigen  Dienstzeit
  stand  zwischen  ihnen.  Würden  wir,  sagte  Simson,
Minister  ohne  diese  Einräumung,  so  wären  wir  Officiere  ohne
Soldaten.  Bismarck  zog  darauf  den  von  der  Budgetcommission
  bereits  verstümmelten  Etat  für  1863  zurück,  um  die
Zahl  der  brennenden  Streitfragen  nicht  noch  weiter  anwachsen
zu  lassen,  indem  er  baldigste  Vorlage  beim  Beginn  der  neuen
Session  im  Januar  1863,  nebst  dem  so  oft  begehrten  neuen
Gesetze  über  die  Dienstpflicht  verhieß.  Die  Antwort  war  ein
Beschluß  des  Hauses,  daß  die  Regierung  verpflichtet  sei,  das
Budget  für  1863  vor  Beginn  des  Jahres  vorzulegen,  und
daß  jede  Ausgabe  vor  dessen  Genehmigung  verfassungswidrig
        <pb n="467" />
        1862  Das  Herrenhaus  verwirft  das  Budget.  457

sei.  Bismarck  schwankte  darauf  nicht  einen  Augenblick;  er
war  mit  sich  im  Reinen  über  die  in  dem  jetzt  unvermeidlichen
Kampfe  einzuhaltende  Bahn.

Am  10.  October  berieth  das  Herrenhaus  über  den  von
dem  andern  Hause  ihm  zugesandten  Etat.  Seine  Commission
hatte  Conferenzen  mit  dem  andern  Hause  zur  Verständigung
über  den  Militär-Etat  beantragt,  dagegen  begehrte  Graf  Arnim-Boytzenburg
  Ablehnung  des  im  andern  Hause  festgestellten
Budgets  und  Annahme  der  ursprünglichen  Regierungsvorlage.
Dieser  letzte  Satz  war  ungeschickt,  weil  formell  ordnungswidrig;
sein  Inhalt  hätte  nur  in  die  Form  einer  Resolution  des
Hauses  gebracht  werden  können.  Jedesfalls  war  von  praktischer
Bedeutung  lediglich  der  negative  Satz,  die  Ablehnung  des  im
andern  Hause  beschlossenen  Staatshaushalts-Etats.  Bismarck
griff  in  die  Verhandlung  mit  dem  Worte  ein,  daß  von
Conferenzen  mit  dem  andern  Hause  nichts  zu  erwarten  sei,
er  also  nur  den  Antrag  Arnim  empfehlen  könne.  Nach
längerer  Debatte  erfolgte  am  11.  October  die  Ablehnung
des  von  dem  andern  Hause  übersandten  Budgets  mit  150
gegen  17,  die  Bestätigung  der  Regierungsvorlage  mit  114
gegen  44  Stimmen.

So  war  es  geschehen.  Ein  budgetloses  Regiment  war
in  Preußen  zur  Zeit  unvermeidlich  geworden.  Am  12.  October
erklärte  das  Haus  der  Abgeordneten  den  Beschluß  des  Herrenhauses,
  so  weit  er  sich  auf  die  Annahme  der  Regierungsvorlage
beziehe,  als  verfassungswidrig  für  null  und  nichtig.  Unmittelbar
  nachher  verkündigte  der  Ministerpräsident  den  Schluß  der
Session,  und  verlas  am  Nachmittag  die  Thronrede,  worin  die
Regierung  es  für  ihre  Pflicht  erklärte,  die  neue,  auf  Grund
früherer  Bewilligungen  des  Landtags  geschaffene  Heeres-
        <pb n="468" />
        458  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

formation  aufrecht  zu  erhalten;  nach  dem  Beschlusse  des  Herrenhauses
  sehe  sie  sich  in  der  Nothwendigkeit,  den  Staatshaushalt
  ohne  die  in  der  Verfassung  vorausgesetzte  Unterlage  führen
zu  müssen;  sie  sei  sich  dabei  ihrer  Verantwortlichkeit  bewußt,
aber  auch  ihrer  Pflichten  gegen  das  Land  eingedenk,  bis  zur
gesetzlichen  Feststellung  des  Etats  die  für  die  Landeswohlfahrt
unerläßlichen  Ausgaben  zu  bestreiten,  in  der  Zuversicht,  daß
dieselben  demnächst  die  nachträgliche  Zustimmung  des  Landtags
erhalten  werden.

Ob  Bismarck  damals  vermuthete,  daß  er  mit  diesen
Worten  die  Eröffnung  eines  vierjährigen  schweren  Streits
zwischen  den  höchsten  Staatsgewalten  Preußens  ankündigte?
Gewiß  ist  sein  Entschluß,  den  Kampf  auf  jede  Gefahr  zu
Ende  zu  führen;  zugleich  war  es  ihm  gelungen,  auch  den
König  von  der  Verfassungsmäßigkeit  seines  Verfahrens  zu
überzeugen.  Das  System,  das  er  während  der  Streitjahre
in  mannigfacher  Anwendung  zu  vertreten  hatte,  läßt  sich  in
folgende  Sätze  zusammenfassen.

—  In  England  hat  allerdings  in  Folge  einer  langen
Historischen  Entwicklung  allein  das  Unterhaus  die  Entscheidung,
ob  irgend  eine  Einnahme  oder  Ausgabe  gemacht  werden  darf.
Daraus  hat  sich  eine  weit  verbreitete  Doctrin  gebildet,  daß
dieses  Budgetrecht  des  Unterhauses  ein  nothwendiger  Bestandtheil
  alles  constitutionellen  Staatsrechts  sei.

Wir  leben  jedoch  nicht  in  England,  sondern  in  Preußen,
und  haben  die  Staatspraxis  nicht  nach  allgemeinen  Theorien,
sondern  nach  den  positiven  preußischen  Gesetzen  zu  führen.

Nach  der  preußischen  Verfassungsurkunde  aber  werden
sämmtliche  Einnahmen  und  Ausgaben  auf  den  Etat  gebracht,
und  dieser  jährlich  durch  ein  Etatsgesetz  festgestellt.  Wie  jedes
        <pb n="469" />
        1862  Bismarck's  Auffassung  der  Streitfrage.  459

andere  Gesetz,  kommt  auch  das  Etatsgesetz  durch  die  übereinstimmende
  Genehmigung  der  Krone  und  der  beiden  Häuser
zu  Stande.  Vor  erfolgter  Zustimmung  der  drei  Factoren
hat  der  Beschluß  eines  Hauses  nur  den  Werth  einer  Meinungsäußerung,
  aber  keine  bindende  Kraft.  Obgleich  das  Herrenhaus
  auf  die  Formirung  des  Etats  geringern  Einfluß  hat
als  die  beiden  andern  Factoren,  so  ist  doch  sein  schließliches
Votum  über  den  Gesammtetat  von  gleichem  Gewicht  wie
jenes  des  Hauses  der  Abgeordneten.  Denn  nach  ausdrücklicher
  Vorschrift  der  Verfassung  haben  die  Mitglieder  beider
Häuser  gleichmäßig  den  Charakter  von  Vertretern  des  ganzen
Volkes.

Kommt  das  Etatsgesetz  rechtzeitig  nicht  zu  Stande,  so
kann  nach  strengem  Recht  nicht  die  Fortdauer  des  vorigjährigen
  Gesetzes  angenommen  werden,  denn  dieses  ist  mit
dem  letzten  Tage  seines  Jahres  erloschen.  Es  kann  überhaupt
  nach  strengem  Recht  gar  keine  Einnahme  noch  Ausgabe
  im  neuen  Jahre  Statt  finden,  gleichviel  ob  die  einzelnen
Posten  im  Abgeordnetenhause  angenommen  oder  abgelehnt
worden  sind.

Da  aber  der  Staat  ohne  Ausgaben  keinen  Tag  leben
kann,  während  er  doch  fortleben  soll  und  fortleben  muß,  so
erzwingt  ein  gebieterischer  Nothstand,  daß  irgend  Jemand  die
erforderlichen  Ausgaben  leistet,  und  wieder  ergibt  sich  aus
der  Nothwendigkeit  der  Verhältnisse,  daß  dieser  Jemand  kein
Anderer  als  die  königliche  Regierung  sein  kann,  selbst  abgesehen
von  dem  Verfassungs-Artikel,  der  ihr  für  einen  dringenden
Nothstand  ein  provisorisches  Verordnungsrecht  beilegt.

Ohne  Zweifel  unterliegen  alle  Theile,  und  also  auch  die
Regierung,  der  Verpflichtung,  das  Mögliche  zu  rascher
        <pb n="470" />
        460  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

Beendigung  dieses  Nothstandes,  zu  baldigster  Erlangung  eines
durch  die  drei  Factoren  festgestellten  Etatsgesetzes  zu  thun.  Die
Regierung  wird  also  für  diesen  Zweck  während  der  budgetlosen
  Zwischenzeit  die  frühern  Beschlüsse  des  einen  wie  des
andern  Hauses  möglichst  respectiren,  ohne  jedoch  ihnen  eine,
noch  nicht  vorhandene,  bindende  Kraft  oder  eintretendes  Falls
eine  stärkere  Berücksichtigung  als  den  Bedürfnissen  der  Landeswohlfahrt
  zuzuerkennen.  —

Ülberblickt  man  diese  Sätze  und  vergleicht  sie  mit  den
betreffenden  Vorschriften  der  Verfassung,  so  wird  man  nicht
behaupten  können,  daß  hier  eine  Umdeutung  der  Verfassung
nach  der  Art  des  Herrn  von  Westphalen  unter  Friedrich
Wilhelm  IV.  Statt  finde.  Es  ist  im  Gegentheil  der  positive
Wortlaut  des  Gesetzes,  welcher  dem  entgegengehalten  wird,  was
wir  Andern  damals  den  Geist  des  Gesetzes  nannten.  Allerdings
  ist  es  einlcuchtend,  daß  bei  einem  solchen  System  die
Macht  des  Unterhauses  über  den  Staatshaushalt  und  damit
über  die  Staatsregierung  sehr  viel  beschränkter  als  in  England
ist.  Eine  böswillige  Regierung  kann  damit  das  Budgetrecht
des  Unterhauses  zum  leeren  Scheine  machen.  Dieser  Satz
ist  ebenso  wahr,  wie  der  entgegengesetzte,  daß  das  englische
Unterhaus  vermöge  seines  Budgetrechts  Krone  und  Oberhaus
jedem  seiner  Befehle  zu  unterwerfen  vermag.  Die  Bürgschaft
gegen  solche  Extreme  liegt  in  der  wachsenden  Einsicht  aller
Theile,  daß  für  einen  Jeden  verständiges  Zusammenwirken
heilsamer  ist  als  herrschsüchtiger  Eigenwille.  Es  war  Preußens
und  Deutschlands  Glück,  daß  diese  Einsicht  nicht  in  den
heißesten  Augenblicken  des  Conflicts,  und  nicht  im  Vollgenuß
der  glänzendsten  Siege  aus  dem  Geiste  des  Königs  und  seines
großen  Ministers  verschwand.  Beide  waren  unerschütterlich  in
        <pb n="471" />
        1862  Neubildung  des  Ministeriums.  461

dem  Entschluß,  sowohl  die  Heeresreform,  als  die  Verfassung
aufrecht  zu  erhalten.

Nach  der  Schließung  der  Landtagssession  sorgte  Bismarck
zunächst  für  die  Vervollständigung  seines  Ministeriums.  Das
auswärtige  Amt  übernahm  er  selbst,  während  Graf  Bernstorff
wieder  nach  London  zurückkehrte;  in  das  Finanzministerium
berief  er  in  Ermanglung  eines  Besseren  den  früheren  Finanzminister
  im  Manteuffel'schen  Cabinet,  Carl  von  Bodelschwingh;
an  die  Stelle  des  Herrn  von  Jagow  im  Ministerium  des
Innern  trat  Graf  Friedrich  Eulenburg,  ein  grundgescheidter
Mann  von  großer  Lebens=  wenn  auch  etwas  geringerer  Arbeitslust,
  aber  ein  einsichtiger  Politiker,  ein  unerschrockener
und  schlagfertiger  Debater,  von  festen  monarchischen  Grundsätzen
  und  ebenso  frei  von  beschränktem  Parteifanatismus,
wie  Bismarck  selbst.

Es  waren  vor  Allem  die  deutschen  Fragen,  welche  von
dem  neuen  Cabinet  eine  sofortige  Behandlung  forderten.  Bismarck
  ergriff  sie  ohne  Zaudern.  Er  erklärte  sein  Beharren
bei  dem  Entschlusse,  nur  mit  denjenigen  Staaten  1866  den
Zollverein  zu  erneuern,  welche  dem  französischen  Handelsvertrage
  beiträten.  Hiebei  blieb  trotz  des  liberalen  Abscheus
gegen  seine  Person  die  öffentliche  Meinung  Deutschlands,
bestimmt  durch  das  Gewicht  der  materiellen  Interessen,  ganz
überwiegend  auf  preußischer  Seite.  Der  deutsche  Handelstag
in  München  begehrte  am  18.  October  mit  104  nichtösterreichischen
  Stimmen  gegen  96  österreichische  und  4  süddeutsche
die  Aufrechthaltung  des  französischen  Vertrags.  In  Kurhessen
war  der  Landtag  auf  den  30.  October  einberufen,  sprach  dem
Kurfürsten  seinen  Dank  für  die  Herstellung  der  Verfassung
aus,  erfuhr  aber,  daß  seine  einzige  Aufgabe  die  Annahme  eines
        <pb n="472" />
        462  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

neuen  Wahlgesetzes  sein  solle,  da  der  Kurfürst  das  Gesetz  von
1849  nicht  für  rechtsbeständig  halte.  Damit  war  die  Competenz
  des  Landtags,  dieses  Mal  von  kurfürstlicher  Seite,  in
Frage  gestellt;  der  Landtag  protestirte,  und  begehrte  rechtzeitige
  Vorlage  des  Budgets,  und  als  darauf  eine  ausweichende
  Antwort  kam,  wenigstens  einen  Antrag  der  Regierung
  auf  Bewilligung  eines  außerordentlichen  Credits.
Otker,  der  am  15.  October  in  tiefem  Geheimniß  mit  Bismarck
verhandelt,  und  in  ihm,  entgegen  dem  liberalen  Vorurtheil,
den  hervorragenden  Staatsmann  erkannt  hatte,  wandte  sich
bei  diesen  neuen  Schwierigkeiten  wieder  nach  Berlin,  und  als
im  November  der  Kurfürst  plötzlich  die  Minister  entließ  und
die  Ständeversammlung  auf  unbestimmte  Zeit  vertagte,  erfolgte
  auf  der  Stelle  Bismarck's  entscheidender  Gegenzug.
Noch  war  der  diplomatische  Verkehr  zwischen  den  beiden  Höfen
seit  dem  Abbruch  nach  Willisen's  Sendung  nicht  wieder  hergestellt;
  Bismarck  sandte  also  durch  einen  Feldjäger  ein
Schreiben  direct  an  Herrn  von  Dehn,  worin  er  das  Verfahren
  des  Kurfürsten  lebhaft  beklagte,  die  Unmöglichkeit  aussprach,
  daß  Preußen  nochmals  zwischen  seinen  Provinzen  politische
  Händel  so  bedenklicher  Art  aufkommen  lasse,  und  die
Absicht  ankündigte,  bei  fernerem  Ubelwollen  des  Kurfürsten
im  Einklang  mit  dessen  Agnaten  die  nöthigen  Vorkehrungen
einzuleiten.  Dics  traf  schärfer  zum  Ziel  als  vor  sechs  Monaten
  Bernstorff's  militärische  Rüstung.  Der  Kurfürst  haßte
auf  der  Welt  nichts  mehr  als  seine  Agnaten,  welches  Gefühl
dann  von  diesen  herzlichst  erwidert  wurde;  auch  war  es  gewiß,
daß  Osterreich  keinen  Widerspruch  erheben  würde,  wenn
ein  Familienrath  die  Regierungsunfähigkeit  des  unverbesserlichen
  Fürsten  ausspräche.  So  fügte  er  sich  mit  ohnmäch-
        <pb n="473" />
        1862  Nachspiel  des  kurhessischen  Streits.  463

tigem  Groll,  berief  die  Minister  und  die  Stände  zu  neuer
Thätigkeit,  und  für  eine  Weile  trat  Kurhessen  in  die  Reihe
der  normal  verwalteten  und  verfassungsmäßig  regierten
Staaten  zurück.

In  ungleich  umfassenderer  Weise  gab  der  Wiener  Antrag
auf  Berufung  einer  Delegirtenversammlung  zum  Bundestag
dem  preußischen  Minister  Anlaß  zur  Bezeichnung  seiner
Stellung  in  der  deutschen  Frage.

Eine  bestimmte  Entschließung  über  die  Art  und  Form
der  für  die  Zukunft  anzustrebenden  deutschen  Verfassung  hatte
Bismarck  damals  schwerlich  schon  gefaßt.  Fest  stand  ihm  die
Thatsache,  daß  die  jetzige  Stellung  Preußens  im  deutschen
Bunde  unerträglich  sei,  daß  sie,  wie  er  einst  dem  Minister
von  Schleinitz  geschrieben,  im  Nothfall  ferro  et  igni  geheilt
werden  müsse.  Und  nicht  minder  gewiß  war  die  weitere  Thatsache,
  daß  für  die  Entscheidung  der  Frage  Alles  auf  die  realen
Mächte  in  Deutschland,  auf  das  Verhältniß  zwischen  Osterreich
und  Preußen  ankam.  Eine  friedliche  Umgestaltung  desselben
hielt  Bismarck  für  äußerst  unwahrscheinlich:  jeder  andere  Krieg,
sagte  er  wohl,  welchen  Preußen  vor  diesem  österreichischen
führte,  wäre  die  reine  Munitionsvergeudung.  Er  war  bereit,
in  den  Kampf  einzutreten,  verkannte  aber  die  Gefahren  desselben
  nicht,  und  hätte,  wenn  sich  ein  Einvernehmen  möglich
zeigte,  ein  solches  Friedenswerk  gerne  begrüßt.  In  voller
Klarheit  lagen  die  verschiedenen,  in  Krieg  oder  Frieden  denkbaren
  Systeme  vor  seinem  unvergleichlich  scharfen  und  weiten
Blick;  gemeinsame  Beherrschung  Deutschlands  durch  die  beiden
Großmächte,  oder  Theilung  Deutschlands  unter  dieselben  nach
der  Mainlinie,  oder  gänzlicher  Ausschluß  Österreichs  aus
Deutschland,  und  in  diesem  letzten  Falle  wieder  die  mehr
        <pb n="474" />
        464  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

föderative  oder  mehr  unitarische  Gestaltung  des  neuen  Bundes,
die  engere  oder  weitere  Competenz  der  von  Preußen  zu  leitenden
Reichsgewalt  und  der  nationalen  Volksvertretung.  Ohne  eine
doctrinäre  Vorliebe  für  irgend  eines  dieser  Systeme,  wog  er
ihre  Aussichten  und  Vortheile,  sowie  ihre  Kosten  und  Gefahren,
  und  vor  Allem  ihre  Erreichbarkeit  trotz  der  Eifersucht
der  fremden  Großmächte  ab,  stets  bereit,  je  nach  der  Lage
der  Dinge  das  Verfahren  oder  auch  das  Ziel  zu  wechseln:
nur  unter  dem  unverbrüchlichen  Gesetz,  daß  Preußen  immer
vorwärts  schreite,  niemals  zurückweiche,  niemals  den  gewonnenen
  Boden  und  niemals  den  eigenen  Muth  verliere.
Ohne  Frage,  der  Ausgangspunkt  all  seines  Thuns  war  nicht
ein  nur  in  der  Phantasie  vorhandenes  Deutschland,  sondern
das  in  greifbarer  Wirklichkeit  heranwachsende  Preußen,  aber
es  ist  nicht  minder  gewiß,  daß  dieser  Mann,  der  nur  mit
Realitäten  rechnete,  eben  deshalb  den  Weg  fand,  um  Deutschlands
  Ideale  zu  verwirklichen.  Schon  am  30.  September
hatte  Bismarck  in  einer  Sitzung  der  Budget-Commission
es  ausgesprochen,  daß  die  deutsche  Frage  schwerlich  durch
Parlamentsbeschlüsse,  sondern  nur  durch  Blut  und  Eisen
gelöst  werden  könne,  und  damit  ein  gewaltiges  Schaumspritzen
der  öffentlichen  Meinung  und  sittliche  Entrüstung  der  friedliebenden
  Bürger  bewirkt.  Wie  gesagt,  er  war  sehr  bereit,
so  viel  an  ihm  läge,  ihnen  diese  Calamität  zu  ersparen;  und
als  am  4.  December  im  Bundestage  der  Ausschußbericht
über  den  Wiener  Antrag  zum  Abschlusse  kam,  Preußen  aber
zu  demselben  ein  scharfes  Separatvotum  vorbereitete,  lud
Bismarck  den  österreichischen  Gesandten,  Grafen  Karolyi,  zu
einer  Erwägung  der  beiderseitigen  Beziehungen  und  deren
Folgen  ein.  Es  war  die  erste  jener  Mittheilungen,  in  welchen
        <pb n="475" />
        1862  Bismarck's  Gespräch  mit  dem  Grafen  Karolyi.  465

weiterhin  Bismarck  so  häufig  durch  die  unbedingte  Offenlegung
  seiner  Anschauungen  und  Absichten  die  diplomatische
Welt  in  Erstaunen  setzte.

In  dem  gelassenen  Tone,  in  welchem  ein  Geschichtschreiber
  die  Ereignisse  alter  Zeiten  berichtet,  erzählte  hier
Bismarck  dem  Grafen  die  Geschichte  der  deutschen  Zukunft.
Unsere  Beziehungen  zu  Osterreich,  sagte  er,  müssen  besser
oder  schlechter  werden;  wir  wünschen  von  Herzen  das  Erstere,
müssen  uns  aber  bei  Osterreichs  Verhalten  auf  das  Letztere
vorbereiten.  Er  erwähnte  Osterreichs  feindselige  Thätigkeit  in
den  Preußen  benachbarten  Staaten,  welche  in  Berlin  jede
Sympathie  für  Osterreich  vernichten  müsse.  Nun,  bei  einem
französischen  Angriffe  auf  Osterreich,  meinte  Karolyi,  werden
die  beiden  Mächte  doch  unter  allen  Umständen  verbunden
bleiben.  Bismarck  bat  ihn  darauf  dringend,  einem  so  gefährlichen
  Irrthum  in  Wien  nach  Kräften  entgegen  zu  treten;  es
werde  ausschließlich  von  Osterreichs  deutscher  Politik  abhängen,
  ob  die  alte  Intimität  sich  wieder  herstellen  lasse;
wenn  nicht,  so  würde  ein  Bündniß  Preußens  mit  einem
Gegner  Osterreichs  so  wenig  ausgeschlossen  sein,  als  im
entgegengesetzten  Falle  eine  feste  und  treue  Verbindung  beider
Mächte  gegen  gemeinschaftliche  Feinde.  Österreich  habe  die
Wahl,  seine  gegenwärtige  antipreußische  Politik  mit  dem  Stützpunkt
  einer  mittelstaatlichen  Coalition  fortzusetzen,  oder  eine
ehrliche  Verbindung  mit  Preußen  zu  suchen.  Zu  letzterer  zu
gelangen,  sei  Preußens  sehnlichster  Wunsch;  sie  könne  aber

1)  Bekanntlich  hat  Bismarck,  nachdem  durch  eine  österreichische
Indiscretion  der  Nürnberger  Correspondent  einen  Bericht  über  diese
Gespräche  gegeben  hatte,  am  14.  Januar  seinerseits  durch  einen  Erlaß
an  die  deutschen  Missionen  eine  Darstellung  derselben  veröffentlicht.  Die
Differenzen  der  beiden  Berichte  sind  für  die  Hauptsache  ohne  Belang.

v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  30
        <pb n="476" />
        466  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1862

nur  durch  das  Aufgeben  des  uns  feindlichen  Treibens  an  den
deutschen  Höfen  gewonnen  werden.  Unmöglich,  sagte  Karolhi,
könne  Osterreich  seinen  traditionellen  Einfluß  auf  die  deutschen
Höfe  aufgeben;  das  würde  seine  Herausdrängung  aus  Deutschland
  bedeuten.  Nun,  so  verlegt,  rief  Bismarck,  Euern  Schwerpunkt
  nach  Ofen).  Er  betonte  dann  noch  die  Rücksfichtslosigkeit,
  mit  der  am  Bundestage  die  Freunde  Osterreichs
angriffsweise  gegen  Preußen  vorgingen,  und  den  preußischen
Protest  gegen  die  Verfassungsmäßigkeit  ihres  Antrags  als
einen  der  Beachtung  unwerthen  Zwischenfall  behandelten.  In
einem  zweiten  Gespräche  am  13.  erklärte  er  demnach  dem
Grafen,  daß  Preußen  eine  Überschreitung  der  Bundescompetenz
  durch  Mehrheitsbeschluß  als  Bundesbruch  betrachten
und  seinen  Gesandten  aus  dem  Bundestag  ohne  Bestellung
eines  Vertreters  abberufen  müßte.  Die  praktischen  Consequenzen
würden  sich  in  kürzester  Frist  ergeben.

Am  19.  December  wurde  darauf  von  dem  Bundestage,
nachdem  Pfordten  als  Berichterstatter  die  Annahme  des  Antrags
  empfohlen,  ohne  weitere  Verhandlung  die  Abstimmung
darüber  auf  den  22.  Januar  1863  festgesetzt.

In  Wien  riesen  unterdessen  Bismarck's  Gespräche  mit
Karolyi  eine  tiefe  Erregung  hervor.  Graf  Rechberg  versicherte
dem  preußischen  Gesandten,  Baron  Werther,  daß  er  ebenso
lebhaft  wie  Bismarck  ein  enges  Einvernehmen  der  beiden
Mächte  und  ihren  thätigen  Bund  zum  Widerstand  gegen  die
Revolution  ersehne.  Als  ihn  Werther  an  seine  Bekämpfung
der  preußischen  Anträge  in  Sachen  der  Bundeskriegsverfassung
und  der  Küstenvertheidigung,  an  die  immer  noch  wachsende
Störung  des  Zollvereins  und  an  die  Hetzerei  in  Hannover

i)  Österreichisches  Circular,  28.  Januar  1863.
        <pb n="477" />
        1863  Der  Bundestag  lehnt  den  Antrag  Österreichs  ab.  467

und  Cassel  erinnerte,  erläuterte  Rechberg,  die  militärische
Organisation  des  Bundes  habe  große  praktische  Schwierigkeiten;
die  Isolirung  Osterreichs  in  Handelssachen  sei  schon  von
Metternich  als  unerträglich  erkannt  worden,  ja  man  könne
sie  als  eine  Hauptursache  der  Wiener  Märzrevolution  bezeichnen;
die  Abneigung  Hannovers  und  Kurhessens  gegen  Preußen
habe  nicht  in  Osterreichs  Einwirkung,  sondern  in  der  Furcht
beider  Staaten  vor  preußischer  Hegemonie  ihren  Grund.  Wenn
Osterreich  ihnen  seinen  Schutz  aufkündige,  würden  sie  nicht
zu  Preußen  übertreten,  sondern  Annäherung  an  Frankreich
suchen.  Nach  diesen  Gesichtspunkten  erklärte  bei  einem  weitern
Gespräche  Graf  Rechberg  das  Zurückziehen  des  Delegirtenprojects
  in  dem  vorgeschrittenen  Stadium  seiner  Behandlung
für  ganz  unmöglich.  Zugleich  bestritt  er  der  preußischen  Regierung
  das  Recht  zum  Austritt  aus  dem  Bunde,  und  hoffte,
sie  werde  sich  bis  zum  22.  Januar  noch  überzeugen,  daß  sie
durch  einen  solchen  Schritt  sich  selbst  den  größten  Schaden
zufügen  müsse.

Die  Spannung  also,  mit  welcher  ganz  Deutschland  dem
22.  entgegensah,  war  nicht  gering.  Indessen  sollte  dieses
Mal  die  Krisis  noch  verschoben  werden.  Der  Antrag  hatte
nicht  bloß  die  Staaten  zu  Gegnern,  welche  an  ein  echtes
Parlament  im  engern  Bunde  dachten,  sondern  auch  deren
extreme  Widersacher,  die  Regierungen,  welche  jede  Art  von
Volksvertretung  beim  Bunde  verabscheuten.  So  fiel  der  Antrag
  mit  neun  gegen  sieben  Stimmen,  während  eine  Stimme
sich  enthielt.  Preußen  hatte  in  seinem  Votum  außer  der
Competenzfrage  auch  die  sachliche  Unzulänglichkeit  der  Delegirtenversammlung
  betont,  und  auf  die  nationale  Forderung  eines

aus  Volkswahlen  hervorgehenden  Parlamentes  hingewiesen.
30“
        <pb n="478" />
        468  Verfassungsstreit  in  Berlin  und  Frankfurt.  1863

Bei  dem  deutschen  Publicum  wurde  diese  Erklärung  aller
Orten  mit  Hohn  aufgenommen.  Was  solle  man  von  der
ehernen  Stirne  eines  Mannes  sagen,  der  das  eigene  Parlament
mißhandle,  und  dann  deutsche  Volksvertreter  zu  gleicher  Mißhandlung
  berufen  wolle?  An  die  Drohung  des  Austritts
Preußens  aus  dem  Bunde  wollte  kein  Mensch  glauben:  eine
so  kühne  und  gefährliche  Politik  sei  undenkbar  bei  einem
Staate,  der  in  seinem  Innern  so  zerklüftet  sei,  wie  zur  Zeit
der  preußische.

Unterdessen  aber  waren  Ereignisse  eingetreten,  welche
die  Aufmerksamkeit  von  ganz  Europa  in  fieberhafter  Unruhe
nach  Osten  lenkten.  Durch  alle  Lande  ging  der  Ruf:  Revolution
  in  Polen.
        <pb n="479" />
        2.  Capitel.
Volnische  Wirren.

Unter  den  weltumfassenden  Verbesserungsplänen  Kaiser
Napoleon's  III.  nahm,  wie  wir  sahen,  neben  der  Umgestaltung
Italiens  auch  die  Befreiung  Polens  eine  bedeutende  Stelle
ein.  Als  der  Krimkrieg  begann,  rührten  sich  in  Paris  und
London  alle  Parteien  der  polnischen  Flüchtlinge  auf  das  Lebhafteste.
  General  Mieroslawski,  trübes  Angedenkens  von  1848,
hoffte  auf  eine  demokratische  Republik  unter  Beseitigung  aller
abendländischen  Cultur;  ruhigere  Gemüther  sammelten  sich
um  den  Fürsten  Adam  Czartoryski,  den  Patriarchen  der
Emigration,  den  Throncandidaten  des  künftigen  nationalen
Königthums.  Das  polnische  Land  selbst  aber  blieb  in  stummer
Ruhe,  vollkommen  gebändigt  durch  die  seit  1831  waltende,
jede  Regung  erdrückende  Militärdictatur.  Einmal  machte  eine
in  die  Zeitungen  gelangende  Äußerung  Napoleon's  Aufsehen,
es  läge  vielleicht  im  Interesse  Deutschlands,  das  Großherzogthum
  Warschau  wieder  herzustellen.  Aber  auf  eine  Anfrage
des  preußischen  Gesandten  über  den  Zweck  dieser  Worte,  zog
Drouyn  de  Lhuys  zurück:  offenbar  lasse  sich  für  diese  Ansicht
  Vieles  sagen,  indessen,  es  sei  das  Sache  der  deutschen
        <pb n="480" />
        470  Polnische  Wirren.  1856

Mächte,  der  Kaiser  werde  es  nicht  in  Anregung  bringen.
lbrigens,  setzte  er  hinzu,  wenn  Preußen  und  Österreich  etwa
befürchteten,  durch  die  Schöpfung  eines  solchen  polnischen
Nationalstaates  um  ihre  polnischen  Provinzen  zu  kommen,  so
läge  ja  die  Möglichkeit  nahe,  daß  sie  sich  auf  deutschem  Boden
reichlich  entschädigten.  Preußen  ließ  es  bei  diesem  Gespräche
bewenden,  Graf  Buol  aber,  der  österreichische  Minister,  sandte
eine  Erklärung  nach  Paris,  das  Wiener  Cabinet  halte  fest
an  dem  zu  Anfang  des  Kriegs  verkündeten  Grundsatz,  daß
man  die  Beschützung  der  Türkei,  aber  keine  Anderung  des
europäischen  Besitzstandes  bezwecke.  So  erlangten  die  Polen
nichts.  Gleich  nach  dem  Beginne  der  Friedensunterhandlungen
1856,  sagte  Napoleon  dem  Fürsten  Czartoryski:  zum  ersten
Male  drücke  ich  Ihnen  die  Hand  mit  einem  peinlichen  Gefühl;
aber  es  ging  nun  einmal  nicht  anders.  Den  Wunsch
Napoleon's,  auf  dem  Pariser  Friedenscongreß  für  Polen
politische  Rechte  zu  fordern,  lehnte  Osterreich  ganz  entschieden
ab,  und  auch  England,  in  der  Sache  einverstanden,  fand  den
Vorschlag  höchst  „inopportun":  so  begnügte  sich  der  Congreß
mit  einer  Erklärung  des  Fürsten  Orloff,  daß  Kaiser  Alexander  II.
das  Mögliche  für  die  Verbesserung  der  Lage  Polens  thun  würde.
Später  sagte  wohl  Napoleon,  wenn  die  Polen  ihn  um  Unterstützung
  drängten:  was  wollt  Ihr,  Ihr  habt  die  günstige  Gelegenheit
  des  Krimkriegs  versäumt;  so  faßt  Euch  jetzt  in  Geduld;
  glaubt  an  meine  Theilnahme  und  hofft  auf  die  Zukunft.

In  der  That  war  die  Gegenwart  den  polnischen  Interessen
nicht  günstig.  Da  Napoleon  gleich  nach  dem  Pariser  Congreß
  seine  Gedanken  auf  die  Vertreibung  der  Osterreicher  aus
Italien  richtete  und  zu  diesem  Zwecke  nahe  Beziehungen  zu
Rußland  anzuknüpfen  suchte,  so  konnte  von  einer  Unterstützung
        <pb n="481" />
        1857  Napoleon's  Sympathien  für  Polen.  471

Polens  durch  französische  Waffen,  also  von  der  Herstellung
eines  unabhängigen  Polen,  keine  Rede  für  ihn  sein.  Indessen
gab  er  sein  Interesse  für  das  unglückliche  Volk  niemals  auf
und  suchte,  wenn  nicht  mit  dem  Schwert  für  dessen  Freiheit,
so  doch  durch  diplomatische  Schritte  für  eine  Verbesserung
der  inneren  polnischen  Zustände  zu  wirken.  Als  er  1857
mit  Alexander  II.  in  Stuttgart  zusammentraf,  stellte  er  diesem
vor,  es  gäbe  sonst  kein  Moment,  welches  eine  Gefahr  für
ihre  Eintracht  in  sich  schlösse;  die  einzige  Frage,  welche  bei
der  Stimmung  des  französischen  Volkes  eine  Störung  veranlassen
  könne,  sei  die  polnische;  wolle  also  Kaiser  Alexander
das  gute  Verhältniß  sicher  stellen,  so  müsse  er  in  seinen  Concessionen
  an  Polen  so  weit  gehen,  wie  es  mit  den  Interessen
Rußlands  irgend  verträglich  sei.  Alexander,  wohl  der  mildeste
und  menschenfreundlichste  Herrscher,  der  jemals  auf  dem  russischen
  Throne  gesessen,  entgegnete,  daß  ein  solches  Verfahren
längst  sein  eigener  Herzenswunsch  gewesen,  und  so  trennten
sich  die  beiden  Souveräne  im  besten  Einvernehmen.  Noch  entschiedener
  als  der  Zar  war  der  Leiter  der  auswärtigen  Angelegenheiten,
  der  Vicekanzler  Fürst  Gortschakoff,  von  dem
Streben  nach  vertrauter  Freundschaft  mit  Frankreich  erfüllt.
Schon  in  jungen  Jahren,  als  russischer  Geschäftsträger  in
Stuttgart,.  hatte  der  lebhafte,  ehrgeizige  und  leicht  erregbare
Diplomat  den  Gedanken  erfaßt,  daß  Rußland,  wenn  es  sich
auf  eine  französische  Allianz  stützen  könne,  die  erste  Stelle  in
Europa  einnehmen  würde;  jetzt  nach  dem  Krimkrieg  lebte  und
webte  seine  Seele  in  dem  Wunsche,  die  dort  erlittenen  Einbußen
  möglichst  bald  wieder  gut  zu  machen,  den  russischen
Einfluß  im  Orient  herzustellen  und  vor  Allem  die  schmähliche
Clausel  des  Pariser  Friedens  zu  tilgen,  welche  russische  Kriegs-
        <pb n="482" />
        472  Polnische  Wirren.  1857

schiffe  im  schwarzen  Meere  verbot.  Wenn  Frankreich  auf
diese  Gedanken  einging,  wie  es  damals  den  Anschein  hatte,
und  dann  die  Erleichterung  der  auf  Polen  lastenden  Säbelherrschaft
  der  Preis  eines  solchen  Bündnisses  wäre,  so  war
Gortschakoff  eifrig  bereit,  denselben  in  vollem  Umfange  zu
zahlen.  Der  neue  polnische  Statthalter,  Fürst  Michael  Gortschakoff,
  kam  bereitwillig  den  Wünschen  des  Ministers  entgegen;
noch  wagte  man  keine  Herstellung  der  Verfassung,  aber  in
der  Verwaltung  kam  ein  ganz  neuer  Ton  vertrauender  Liberalität
an  die  Stelle  von  Paskiewitsch's  argwöhnischer  Strenge.  Insbesondere
  wandte  die  Regierung  damals  der  schlimmsten  Seite
des  polnischen  Gemeinwesens,  der  Lage  der  bäuerlichen  Bevölkerung,
  ihre  Aufmerksamkeit  zu,  und  hier  war  freilich  das
Übel  gewaltig  und  die  Besserung  schwierig  in  hohem  Grade.

Es  ist  allbekannt,  wie  in  der  altpolnischen  Zeit  der  leibcigene
  Bauer  an  die  Scholle  gefesselt  und  der  Willkür  des
Gutsherru  rechtlos  Preis  gegeben  war.  Als  im  Jahre  1807
Napoleon  das  Großherzogthum  Warschau  gründete,  wurde
dort  auf  der  Stelle  die  Leibeigenschaft  aufgehoben,  die  persönliche
  Freiheit  und  Freizügigkeit  der  Bauern  verkündet,  und
mit  der  Einführung  des  Code  Napoléon  das  Verhältniß
zwischen  Gutsherrn  und  Bauern  als  freier  und  beiderseitig
kündbarer  Pachtvertrag  auf  Zeit  charakterisirt.  Zu  einer
nähern  Regulirung  der  Verhältnisse  fand  weder  Napoleon
noch  die  sächsisch-polnische  Regierung  die  Zeit;  unter  der  constitutionellen
  Herrschaft  Alegander's  I.  aber  beherrschte  der
Einfluß  des  Adels  die  Kammern,  und  dieser  zeigte  sich  nicht
bemüßigt,  organische  Gesetze  über  die  bäuerlichen  Rechte  auf
Kosten  seines  Geldbeutels  in  das  Leben  zu  rufen.  Thatsächlich
  hatte  sich  indessen  die  sogenannte  Freiheit  der  Bauern
        <pb n="483" />
        1857  dilde  Gesinnung  des  Zaren.  Polnische  Zustände.  473

in  folgender  Art  gestaltet.  So  lange  der  hörige  Bauer  an
die  Scholle  gebunden  war,  hatte  der  Herr  ihn  zwar  mißhandeln,
  aber  nicht  seines  dürftigen  Besitzes  berauben  können:
jetzt,  wo  freie  Kündigung  auf  beiden  Seiten  Rechtens  war,
fand  es  der  Gutsherr  in  zahllosen  Fällen  nützlich,  den
Bauern  auszutreiben,  und  dessen  kleines  Vorwerk  entweder
in  eigene  Bewirthschaftung  zu  nehmen  oder  es  einem  fremden
und  wohlhabenden  Bebauer,  sehr  oft  einem  Deutschen,  zu
ergiebiger  Verwerthung  in  Geldpacht  zu  geben.  Dieses
„Bauernlegen“  fand  in  solchem  Maaße  Statt,  daß  um  die
Mitte  des  Jahrhunderts  beinahe  die  Hälfte  der  ländlichen
Bevölkerung  besitzlos  geworden  war,  und  mit  Weib  und
Kind  im  Lande  flottirend  umherzog,  um  in  jeder  Art  der
Dienstbarkeit  das  tägliche  Brod  zu  suchen.  Bei  der  andern
Hälfte  wurde  die  freie  Kündbarkeit  von  den  Herren  dazu
benutzt,  ihren  Hintersassen  neben  dem  Pachtgelde  die  Fortdauer
einer  langen  Reihe  von  Naturaldiensten  aufzuerlegen,  ordentliche
  und  außerordentliche  Frohnden  auf  dem  Herrenacker,
Lieferungen  in  die  Küche  des  Herrenhauses,  Wachtdienst,
Hausdienst,  Fuhren  u.  s.  w.:  ein  amtliches  Verzeichniß  der
im  Königreiche  vorkommenden  bäuerlichen  Leistungen  ergab
deren  121  Arten.  Aber  damit  nicht  genug.  Zu  diesen  pecuniären
  Rechten  kam  cine  weite  obrigkeitliche  Gewalt.  Ein
Gutsherr,  welcher  zehn  oder  mehr  Bauernhöfe  besaß,  war
der  geborene  Amtmann  jeder  dieser  Gruppen,  oder  konnte
einen  solchen  auf  freie  Kündigung  anstellen.  Der  Amtmann
verwaltete  die  Polizei  des  Gutsbezirks,  konnte  kleine  Geldoder
  Prügelstrafen  nach  Belieben  verhängen,  übte  zugleich
die  Gerichtsbarkeit  im  Bezirk,  und  war  das  einzige  Organ
der  Centralverwaltung  daselbst.  Solcher  Gutsbezirke,  welche
        <pb n="484" />
        474  Polnische  Wirren.  1857

die  größere  Hälfte  des  culturfähigen  Bodens  im  Königreich
umfaßten,  zählte  man  etwas  über  5000  mit  ungefähr  16000
Beamten.  Die  letzteren  waren  durchgängig  aus  dem  kleinen
Adel,  der  Schlachta,  entnommen,  meist  vermögens=  und  bildungslose
  Leute,  von  rohem  Dünkel  gegenüber  den  Bauern,  in
blinder  Unterwürfigkeit  gegen  den  Grundherrn,  dabei  ausnahmslos
  hitzige  Patrioten  und  haßerfüllt  gegen  Russen,
Deutsche  und  Juden.  Diese  Gesinnung  theilte  mit  ihnen
von  Grund  des  Herzens  der  einzige  sonst  auf  dem  Lande
noch  einflußreiche  Stand,  der  katholische  Klerus,  welchem  die
russische  Regierung  zwar  seine  reichen  Einkünfte  gelassen,  sonst
aber  vielfache  Kränkung  seiner  Sonderrechte  und  Herrschaftsgelüste
  zugefügt  hatte.

Schon  längst  war  man  in  Petersburg  auf  diese  traurigen
Zustände  aufmerksam  geworden,  und  bereits  Kaiser  Nikolaus
hatte  verschiedene  Anordnungen  zur  Besserung  der  Dinge  getroffen,
  jedoch  durchgreifende  Maaßregeln  nicht  gewagt,  weil
er  Bedenken  gegen  die  Befreiung  der  russischen  Bauern  hatte,
und  doch  diesen  nicht  versagen  konnte,  was  er  den  polnischen
gewährte.  Als  dann  aber  sein  Nachfolger  für  Rußland  die
Beseitigung  der  Leibeigenschaft  beschloß,  gedachte  er  sofort
auch  seiner  armen  polnischen  Unterthanen.  Eine  seiner  ersten
Maaßregeln  war  behufs  materieller  Hebung  des  Ackerbaus  die
Gestattung  eines  großen  landwirthschaftlichen  Vereins,  mit
einem  gewählten  Centralausschuß  in  Warschau  und  Zweigvereinen
  in  allen  Provinzen  des  Königreichs,  eine  Organisation,
die  unter  Paskiewitsch  geradezu  unerhört  und  undenkbar  gewesen
  wäre.  Dann  sprach  im  Jahre  1856  ein  Ukas  den
Willen  des  Kaisers  aus,  daß  die  Frohnden  und  Naturaldienste
  in  einen  festen  Geldzins  zu  verwandeln  seien,  zunächst
        <pb n="485" />
        1857  Polnische  Parteien.  475

nach  freier  Übereinkunft  der  Betheiligten,  weiterhin  nach  demnächst
  gesetzlich  festzustellenden  Normen,  zu  deren  Instruirung
und  Vorbereitung  besondere  Behörden  niedergesetzt  wurden.

Dies  Alles  war  denn  schön  und  gut  und  stellte  dem
Lande  die  erheblichste  Verbesserung  in  Aussicht.  Dennoch
aber  war  es  begreiflich,  daß  dem  neuen  System  nicht  alle
Herzen  sogleich  mit  hingebender  Dankbarkeit  entgegen  flogen.
Zu  schwer  hatte  der  Druck  gelastet,  zu  tief  der  Haß  sich  eingefressen;
  bei  den  gebildeten  Classen  hielt  auf  der  einen
Seite  der  nationale  Gedanke,  auf  der  andern  die  demokratische
Zeitströmung  den  Grimm  gegen  Rußland  und  die  zarische
Allmacht  lebendig.  Es  war  ein  altes  Wort,  unter  einem
milden  Herrscher  könne,  unter  einem  strengen  müsse  Polen
sich  erheben.  In  jeder  von  Petersburg  kommenden  Wohlthat
  sah  man  also  nur  eine  Abschlagzahlung,  in  jeder  etwa
vom  Kaiser  zu  gewährenden  Freiheit  eine  Waffe  zum  weitern
Kampfe  gegen  die  verfluchte  Fremdherrschaft.  Freilich  gingen
über  die  Mittel  und  Wege  zu  diesem  Ziele  die  Ansichten  weit
auseinander,  und  vom  ersten  Tage  an  traten  eine  gemäßigte
und  eine  radicale  Partei,  späterhin  kurz  die  Weißen  und  die
Rothen  genannt,  sich  gegenüber.  Den  Kern  der  Erstern
bildeten  die  großen  Grundherren,  welche  jetzt  in  dem  von
ihnen  geleiteten  landwirthschaftlichen  Verein  eine  feste,  das
ganze  Königreich  umfassende  Organisation  besaßen.  Ihre
Meinung  ging  dahin,  zunächst  den  guten  Willen  des  Kaisers
zu  benutzen,  für  das  Königreich  wieder  eine  autonome,  von
Rußland  getrennte  Verwaltung  zu  erlangen,  darauf  die  Herstellung
  der  liberalen  Verfassung  von  1815  und  eines  polnischen
  Nationalheeres  durchzusetzen,  und  auf  solche  Art  die
Mittel  zur  Erreichung  voller  Unabhängigkeit  vorzubereiten.
        <pb n="486" />
        476  Polnische  Wirren.  1857

Auf  die  vom  Kaiser  angeregte  Bauernfrage  blickten  sie  mit
sehr  getheilter  Stimmung.  Sie  sahen  darin  vor  Allem  den
Wunsch  der  Regierung,  die  Anhänglichkeit  der  Bauern  für
sich  zu  gewinnen,  sodann  die  Wahrscheinlichkeit  schwerer  Vermögensverluste
  für  den  Adelj  sie  beschlossen  also,  die  Sache
in  die  eigene  Hand  zu  nehmen,  sie  in  möglichst  glimpflicher
Weise  abzumachen  und  bei  den  Bauern  den  Dank  für  die
Wohlthat  selbst  zu  gewinnen.  Die  rothe  Partei  schenkte
diesem  langsamen  und  gewundenen  Vorgehen  lediglich  eine
stille  Verachtung.  Die  heilige  Sache  der  demokratischen  Revolution
  verwerfe  die  halben  Maaßregeln;  die  einzige  Aufgabe
  bestehe  darin,  jeden  Gegner  so  rasch  wie  möglich  niederzuschlagen,
  und  auch  der  polnische  Adel  werde  zu  erwägen
haben,  ob  er  Freund  oder  Gegner  sein  wolle.  Also  nicht
auf  Verfassungsexperimente,  sondern  auf  Rüstung  und  Waffnung
  komme  es  an.  Zu  diesem  kurzen  Programm  bekannte
sich  die  Masse  der  kleinen  Schlachtizen,  soweit  sie  nicht  in
den  Dienst  der  Magnaten  getreten  waren,  die  Mehrzahl  der
Kaufleute  und  Handwerker  in  den  Städten,  ein  großer  Theil
des  Pfarrklerus  und  der  Klosterleute,  und  fast  die  ganze
Jugend  der  gebildeten  Classen.  Einstweilen  vermieden  die
beiden  Parteien  übrigens  den  offenen  Bruch:  denn  die  Wcißen
wünschten  auch  in  den  Städten  populär  zu  bleiben,  und  die
Rothen  bedurften  für  ihre  Rüstungen  den  Einfluß  und  die
Geldmittel  der  Grundbesitzer.

Ein  wesentliches  Moment  für  ihrer  Aller  Bestrebungen
bildeten  damals  die  innern  Zustände  des  russischen  Reiches
selbst.  Die  demokratische  Zeitströmung  hatte  durch  den
Bankerott  des  absolutistischen  Systems  im  Krimkrieg  auch
dort  Eingang  und  Anhänger  gefunden.  Zahlreiche  Edelleute
        <pb n="487" />
        1860  Napoleon's  Auftreten  für  Polen.  477

meinten,  daß  sie  für  ihre  Verluste  bei  der  Aufhebung  der
Leibeigenschaft  durch  Verleihung  constitutioneller  und  parlamentarischer
  Rechte  entschädigt  werden  müßten,  und  der  Vicekanzler,
  der  sich  ein  glänzendes  Rednertalent  zutraute,  war
nicht  abgeneigt,  auf  solche  Wünsche  einzugehen.  Weiter  verbreitet
  aber  im  Lande  und  auch  in  der  Armee  war  eine
socialdemokratische  Partei,  die  ihre  Antriebe  von  den  vielgenannten
  Flüchtlingen  Herzen  und  Bakunin  empfing,  und
mit  den  Warschauer  Gesinnungsgenossen  sich  in  inniges  Einvernehmen
  setzte.  Bakunin  erklärte  damals  öffentlich,  daß
300  russische  Officiere  unter  den  im  Königreiche  stehenden
Truppen  für  die  Sache  des  Aufstandes  gewonnen  seien.

Nun  geschah,  daß,  wie  wir  wissen,  1859  Kaiser  Alexander
durch  die  revolutionären  Stürme  Italiens  in  seinen  französischen
  Sympathien  wesentlich  abgekühlt  wurde,  und  im
October  1860  bei  der  Zusammenkunft  in  Warschau  auch  mit
dem  Kaiser  von  Österreich  ein  leidliches  persönliches  Verhältniß
  wieder  herstellte.  Napoleon,  hiedurch  und  wegen  des
Scheiterns  seines  Congreßplans  erzürnt,  beschloß  darauf,  dem
treulosen  Freunde  die  Schattenseite  seines  Verhaltens  anschaulich
  zu  machen,  und  ließ  durch  seinen  Vetter  Jerome  in
schmetternden  Zeitungsartikeln  verkünden,  Frankreich  werde
mit  Rußland  genau  so  weit  zum  Einverständniß  gelangen,
als  dieses  dem  Aufstreben  Polens  zustimme.

In  Polen  hatte  dieses  Auftreten  der  französischen  Regierung
  eine  um  so  größere  Wirkung,  als  gleichzeitig  Gerüchte
von  italienischer  Rüstung  gegen  Venetien  umliefen;  dann
werde,  meinte  man,  Ungarn  und  Galizien  in  vollem  Aufstande
sich  erheben,  und  die  Stunde  der  Befreiung  für  das  polnische,
wie  für  das  russische  Volk  gekommen  sein.  Hienach  bildete
        <pb n="488" />
        478  Polnische  Wirren.  1860

sich  in  Warschau  der  erste  Kern  für  eine  aufständische  Orga—
nisation;  zwölf  junge,  bis  dahin  völlig  bedeutungslose  und
im  Lande  unbekannte  Männer  traten  zu  einem  geheimen
Ausschusse  zusammen,  der  nach  revolutionärem  Brauche  im
Namen  des  polnischen  Volkes  sich  selbst  die  Vollmacht  zur
Leitung  der  nationalen  Bewegung  gab.  Seine  Verfügungen
erschienen  ohne  Namensunterschrift,  nur  durch  das  Siegel  des
Ausschusses  beglaubigt;  bei  der  vorhandenen  Gährung  fand
er  bereitwilligen  Anklang  und  zahlreiche  Genossen  in  allen
Theilen  des  Landes.  Einst  hatte  eines  der  Häupter  der
Erhebung  von  1831,  Mochnacki,  eine  geschichtliche  Darstellung
derselben  mit  dem  Satze  geschlossen:  Polen  wird  frei  werden,
wenn  sich  seine  Vaterlandsliebe  zu  Disciplin  und  Gehorsam
steigert;  die  jetzigen  Führer  hatten  sich  das  Wort  gemerkt,
und  die  unbedingte  Vollziehung  jedes  Befehls  des  Ausschusses
wurde  zum  ersten  und  letzten  Gebot  für  alle  Mitglieder  des
Bundes.  Ebenso  bestimmt  war  das  Ziel  der  Verschwörung
erklärt,  Polens  Herstellung  in  den  Grenzen,  mindestens  von
1771,  wenn  irgend  thunlich  aber,  der  glänzenden  jagellonischen
Zeit,  von  der  Oder  bis  zu  den  Karpathen  und  dem  Dniepr.
Zu  einer  kämpfenden  Erhebung  war  man  noch  nicht  gerüstet;
man  beschloß  zunächst  durch  eine  Reihe  waffenloser  Demonstrationen
  die  Volksmassen  zu  erhitzen,  die  Unterdrücker  zu
gehässiger  Gewaltthat  zu  reizen  und  der  Welt  zu  zeigen,  daß
Polen  noch  lebe.

Im  Februar  1861  tagte  zu  Warschau  die  Generalversammlung
  des  landwirthschaftlichen  Vereins,  und  behandelte
die  große  Frage  der  bäuerlichen  Verhältnisse.  Man  war
cinig  darüber,  daß  irgend  etwas  geschehen  müsse,  um  die
Leitung  in  der  Sache  zu  behaupten,  aber  über  das  Wie
        <pb n="489" />
        1861  Polnisches  Nationalcomité.  Marquis  Wielopolski.  479

gingen  die  Meinungen  nach  allen  Richtungen  der  Windrose
auseinander.  Eine  rührige  Minderheit,  welche  den  Adel  kurzer
Hand  in  die  revolutionäre  Bahn  hineindrängen  wollte,
forderte  Übertragung  des  Eigenthums  der  Bauernhöfe  an
die  Bauern  gegen  eine  mäßige  Ablösungssumme;  sie  drängte
überhaupt  auf  ein  kräftiges  Eintreten  des  Vereins  in  die
politische  Agitation,  und  obwohl  der  leitende  Ausschuß  entschieden
  abwehrte,  fand  ihr  Bestreben  in  der  Versammlung
wachsende  Sympathie.  Da  erschien  in  Warschau,  um  eine
völlig  entgegengesetzte  Tendenz  zur  Geltung  zu  bringen,  einer
der  größten  Grundbesitzer  des  Landes,  der  einzige  seiner
Standesgenossen,  der  bisher  dem  Verein  fern  geblieben  war,
der  Marquis  Wielopolski.  Ein  stattlicher  Mann  von  festen
Gesichtszügen,  gebieterischem  Auftreten,  gedrungener  Redeweise,
ein  trefflicher  Verwalter  seiner  colossalen  Güter,  ein  stolzer
Aristokrat  von  starken  Leidenschaften  und  eiserner  Willenskraft:
so  hatte  er  bis  dahin  fünzig  Jahre  verlebt,  einmal,  1846
bei  den  galizischen  Metzeleien,  mit  einem  energischen  Sendschreiben
  an  den  Fürsten  Metternich  großes  Aufsehen  erregt,
und  sich  dann  wieder  in  die  Einsamkeit  seines  Landlebens
und  gelehrte  Studien  aller  Art  versenkt.  Er  war  eine  herrische
Natur,  herrisch  gegen  Andere  und  gegen  sich  selbst,  unersättlich
auf  gediegenes  Wissen  dringend,  unerbittlich  in  seiner  logischen
Consequenz,  unbarmherzig  gegen  jede  noch  so  schöne  Täuschung,
nach  all  diesen  Zügen  dem  erregbaren,  jedem  momentanen
Eindruck  hingegebenen  Wesen  seiner  meisten  Landsleute  entgegengesetzt,
  also  ein  Fremder  unter  seines  Gleichen,  unverstanden
  und  unbeliebt.  In  der  Politik  war  er  der  Mann  der
Ordnung,  der  Technik,  der  sachkundigen  Reform;  die  lärmenden
Discussionen  begeistertes  Halbwissens  ckelten  ihn  an;  er  war
        <pb n="490" />
        480  Polnische  Wirren.  1861

der  geborene  Widersacher  jeder  gesetzlosen  Meuterei.  Von
den  Rechten  der  Regierung  hatte  er  eine  ebenso  hohe  Vorstellung
  wie  von  ihren  Pflichten;  sie  sollte  herrschen  mit
starker  Hand,  aber  auch  mit  voller  Hingebung  in  der  Arbeit
für  das  Gemeinwohl  aufgehen.  Mit  solchen  Gesinnungen
hatte  er  die  Lage  seines  Landes  studirt,  und  Schritt  auf
Schritt  den  patriotischen  Phantasien  seiner  Landsleute  den
Rücken  gekehrt.  Unsere  Vergangenheit,  sagte  er,  liegt  in
Asche;  wir  müssen  mit  den  Materialien  der  Gegenwart
bauen.  Dies  bedeutete  bei  ihm  den  Verzicht  auf  die  nationale
Unabhängigkeit,  die  er  mit  gutem  Grunde  zur  Zeit  für  unerreichbar
  hielt,  die  unumwundene  Anerkennung  der  Herrschaft
des  russischen  Kaiserhauses,  und  auf  diesem  Grunde  die
Hoffnung  auf  Rückkehr  zu  den  liberalen  Zuständen  von  1815,
auf  Versöhnung  also  der  beiden,  bisher  auf  den  Tod  verfeindeten
  Nationen.  Den  letzten  Zweck  aber  dieses  slavischen
Bruderbundes  lieferte  ihm  sein  bitterer,  unvertilgbarer  Haß
gegen  die  Deutschen.  Er  hatte  bereits  1860  sich  mit  dem
Vicekanzler  in  Verbindung  gesetzt,  und  in  einer  großen  Denkschrift
  ihm  die  Nothwendigkeit  der  Befreiung  Polens  als
eines  russischen  Schutzstaats  entwickelt,  weil  nur  auf  diese
Weise  den  Todfeinden  des  slavischen  Namens,  den  Deutschen,
das  stete  Vordringen  auf  slavischem  Boden  gewehrt,  und
ihnen  der  widerrechtliche  Besitz  slavischer  Lande  wieder  entrissen
  werden  könne.  Gortschakoff  hatte  dagegen  keine  Einwendung
  erhoben.  Jetzt  legte  der  Marquis  dem  leitenden  Ausschusse
  des  Landesvereins  eine  nach  seinen  Grundsätzen  abgefaßte
Adresse  an  den  Kaiser  vor,  eine  offene  Erklärung  fester  Anhänglichkeit,
  und  hienach  in  erster  Linie  die  Bitte  um  Wiederherstellung
  der  Verfassung,  in  zweiter  der  Antrag  auf  Lösung
        <pb n="491" />
        1861  Straßenkampf.  481

der  Bauernfrage,  auf  Reform  des  höhern  Unterrichts,  insbesondere
  Wiedereröffnung  der  Warschauer  Universität,  und  auf
bürgerliche  Gleichstellung  der  Juden,  die  er  unter  den  polnischen
  Verhältnissen  als  den  wichtigsten  Schritt  zur  Verstärkung
  des  bis  dahin  nur  kümmerlich  vegetirenden  Bürger—
standes  erachtete.

Die  Mitglieder  des  Ausschusses  schwankten.  Der  Sache
nach  waren  es  ihre  eigenen  Wünsche,  die  Wielopolski  vortrug.
Aber  ihr  Gefühl  sträubte  sich,  dem  fremden  Zaren  Treue  und
Gehorsam  anzugeloben,  von  seiner  Gnade  zu  erbetteln,  was
sie  für  ihr  eigenes  Recht  hielten,  die  Revolution  von  1831
zu  verläugnen,  mit  einem  Worte,  eine  Petition  zu  unterzeichnen,
  die  an  sich  selbst  die  Anerkennung  des  bestehenden
Zustandes  in  sich  schloß.  Sie  beriethen  mit  ihren  Freunden;
immer  ungünstiger  wurde  die  Stimmung  gegen  den  Marquis;
die  Radicalen  aber  trauten  nicht,  und  beschlossen,  den  Sühnversuch
  in  Blutvergießen  zu  ersticken.  Einst,  am  25.  Februar
1831,  hatten  die  Polen  den  Russen  die  Schlacht  bei  Grochow
geliefert,  eine  Niederlage  erlitten,  aber  tapfer  gekämpft.  Das
geheime  Comité  ordnete  nun  eine  große  kirchliche  Feier  des
Jahrestages  an;  sie  begann  mit  einem  Gottesdienst  in  allen
Kirchen,  an  den  sich  eine  colossale  Procession  mit  allem
priesterlichem  Pompe,  aber  auch  mit  polnischen  Fahnen,
Wappenschildern  und  Fackeln  anschloß;  ein  unabsehbarer
Zusammenfluß  von  Menschen  erfolgte;  bald  gab  es  Stockung,
Störung  des  Verkehrs,  Händel  mit  der  Polizei:  zuletzt  trieb
die  bewaffnete  Macht  durch  langsames  Vorgehen  der  Reiterei
die  Massen  auseinander.  Am  27.  Februar  erneuerte  sich  die
Zusammenrottung;  als  die  Kosaken  dieses  Mal  brutaler  auftraten

  und  auch  die  anwesenden  Priester  mißhandelten,  wälzte
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  31
        <pb n="492" />
        482  Polnische  Wirren.  1861

die  Menge  sich  drohend  gegen  das  Schloß  des  Statthalters;
der  alte  General,  unsicher  und  schwankend,  durch  verschiedene
Rathschläge  bestürmt,  gab  endlich  den  Befehl,  die  Waffe  zu
gebrauchen.  Fünf  Menschen  blieben  todt  auf  dem  Platze;
das  Volk  stob  dann  mit  wildem  Geschrei  auseinander.

So  war  denn  Blut  geflossen,  und  der  Kriegsstand  zwischen
Polen  und  Russen  auf's  Neue  erklärt.  Das  geheime  Nationalcomité
  hatte  eine  erste  Probe  seiner  Macht  bestanden:  nur
wenige  tapfere  Männer  waren  thätig,  schrieb  eine  seiner
Zeitungen,  aber  das  Volk  von  Warschau  hat  sich  um  sie
geschaart  und  sie  vor  den  Blicken  der  Polizei  verdeckt.  Fast
täglich  folgten  sich  nun  seine  Befehle,  gedruckte  Zettel,  die
bald  an  die  Mauern  geklebt,  bald  durch  Knaben  in  die  Häuser
getragen  wurden:  eine  allgemeine  Landestrauer,  schwarze  Tracht
für  die  Frauen,  ein  neues  Nationalcostüm  für  die  Männer
wurde  verfügt;  an  gewissen  Tagen  verödeten  auf  Befehl  der
geheimen  Häupter  alle  Promenaden,  Theater  und  Restaurationen;
  besonders  aber  wurde  unter  enthusiastischer  Theilnahme
  des  Klerus  die  Kirche  zu  der  patriotischen  Agitation
herangezogen.  Keine  Woche  verging,  wo  nicht  ein  feierliches
Hochamt  in  einer  der  Warschauer  Kirchen  zum  Gedächtniß
eines  polnischen  Ehrentages  begangen  und  regelmäßig  mit  der
Anstimmung  eines  patriotischen  Liedes  beschlossen  wurde.  So
geschah  es  zunächst  in  Warschau  und  setzte  sich  bald  durch
alle  Theile  des  Landes  fort.  Der  landwirthschaftliche  Verein
kam  mehr  und  mehr  in  dieses  Fahrwasser  hinein.  Von
Wielopolski's  Petition  war  seit  den  Schüssen  des  27.  Februar
keine  Rede  mehr;  statt  dessen  ging  eine  Adresse  an  den  Kaiser
ab,  die  in  pathetischen  Sätzen  die  Anerkennung  der  nationalen
und  historischen  Rechte  Polens  forderte.  Die  Generalver-
        <pb n="493" />
        1861  Wachsende  Macht  des  Nationalcomité's.  483

sammlung  schloß  ihre  Berathungen  mit  einer  Reihe  von
Resolutionen,  durch  die  es  für  die  Pflicht  der  Gutsherren
erklärt  wurde,  die  Dienste  und  Frohnden  der  Bauern  in  einen
Geldzins  zu  verwandeln,  und  dann  durch  Ablösung  desselben
zum  sechzehnfachen  Betrag  den  Bauern  das  Eigenthum  ihrer
Acker  zu  verschaffen.  Der  leitende  Ausschuß  des  Vereins
verhielt  sich  seitdem  passiv,  die  Mehrzahl  aber  der  Zweigvereine
  und  mithin  der  Grundbesitzer  folgte  den  Winken  des
geheimen  Nationalcomitée“s.  Da  nun,  wie  wir  sahen,  die
gutsherrlichen  Amtleute  die  einzigen  Organe  der  officiellen
Regierung  im  Lande  waren,  so  war  mit  diesen  Vorgängen
die  Civilverwaltung  in  den  Provinzen  thatsächlich  aufgelöst
oder  in  die  Hand  der  revolutionären  Leiter  übergegangen.
In  Warschau  nahm  auf  die  Weisung  des  Nationalcomité's
eine  große  Zahl  der  polnischen  Beamten  gleichzeitig  ihren
Abschied;  bei  den  übrigen  wirkte  die  in  niedern  und  höhern
Kreisen  verbreitete  Bestechlichkeit;  es  dauerte  nicht  lange,  und
die  Regierung  mußte  sich  überzeugen,  daß  in  allen  ihren
Kanzleien,  im  Post=  und  im  Eisenbahndienste,  und  vor  Allem
unter  der  Polizeimannschaft,  die  patriotische  Verschwörung
ihre  Genossen  und  Werkzeuge  besaß.  Während  also  die
Wirksamkeit  der  kaiserlichen  Behörden  in  allen  Richtungen
erlahmte,  fand  sich  die  geheime  Regierung  bald  in  der  Lage,
auch  die  Lauen  oder  Abgeneigten  unter  ihren  Landsleuten
zum  Gehorsam  gegen  ihre  Befehle  anzuhalten.  Jede  polnische
Dame,  die  sich  in  buntem  Anzug  blicken  ließ,  wurde  öffentlich
  auf  der  Straße  beschimpft,  die  Läden  widerspenstiger
Kaufleute  geplündert,  und  vollends  russisch  gesinnte  Polen
am  hellen  Mittag  auf  das  Schwerste  mißhandelt:  und  ganz

regelmäßig  erschien  die  Polizei  erst  dann  auf  dem  Platze,
31°%
        <pb n="494" />
        484  Polnische  Wirren.  1861

wenn  die  That  vollbracht,  und  die  Thäter  entflohen  waren.
So  ging  binnen  wenigen  Wochen  die  ganze  Autorität  der
gesetzlichen  Staatsgewalt  in  die  Hände  von  zwölf  unbekannten
jungen  Männern  über,  deren  Streben  von  der  Begeisterung
der  Jugend,  der  Frauen  und  des  Klerus  getragen  wurde,
und  deren  Befehle  zu  mißachten,  gefährlicher  war,  als  den
russischen  Anordnungen  zu  trotzen.  Für's  Erste  vermied  man
jeden  Anschein  einer  bewaffneten  Erhebung;  man  verkündete
vielmehr  durch  Europa  den  Satz:  wir  beten,  dann  ermorden
uns  die  Russen.  Worauf  man  aber  zielte,  sprach  General
Mieroslawski  in  einer  Instruction  an  das  geheime  Comité
vom  3.  März  1861  sehr  bestimmt  aus.  Zunächst  sei  der
Beschluß  des  landwirthschaftlichen  Vereins  über  die  Ausstattung
  der  Bauern  sowohl  im  Königreich  als  bei  den
Lithauern  und  Ruthenen  zu  verbreiten  und  zu  verwerthen;
unterdessen  habe  man  sich  für  den  Kampf  vorzubereiten  und
die  ganze  Bevölkerung  militärisch  zu  organisiren.  Dann
würden  die  Bauern,  durch  die  Ausstattung  gewonnen,  unter
der  Führung  des  Adels  zusammentreten  und  im  gegebenen
Augenblick  plötzlich  über  die  je  nächste  russische  Garnison  herfallen.
  Schlechterdings  dürfe  das  Volk  der  Regierung  keine
Aushebung  für  die  Armee  verstatten.  Zugleich  müsse  das
Warschauer  Comité  die  Aufmerksamkeit  und  das  Interesse
Europas  durch  Zeitungsartikel  in  allen  Sprachen  erregen,
und  durch  drastische,  im  Nothfall  auch  erfundene  Nachrichten
die  Kraft  des  Aufstandes  und  die  innere  Auflösung  Rußlands
veranschaulichen.  Die  Regierungen  von  Frankreich  und  England
  wären  bis  zur  Ermüdung  mit  Beschwerden  zu  überschütten,
  die  man  angeblich  in  Petersburg  angebracht,  die
stets  aber  nur  schnöde  Zurückweisung  erfahren  hätten.  Es
        <pb n="495" />
        1861  Mieroslawski's  Weisungen.  485

würde  einige  Zeit  dauern,  bis  es  wirke,  endlich  aber  doch
ein  Zerwürfniß  der  Westmächte  mit  Rußland  herbeiführen.
Polens  Erhebung  würde  die  Italiener  und  Ungarn  in  Bewegung
  bringen:  darüber  bestehe  volles  Einverständniß
zwischen  Mieroslawski,  Garibaldi  und  Klapka.  .

Wir  werden  sehen,  mit  welcher  Pünktlichkeit  und  Vollständigkeit
  dieses  Programm  von  dem  Warschauer  Nationalcomité
  zur  Ausführung  gebracht  wurde.

Während  dieser  polnischen  Minirarbeit,  wie  stand  es  auf
der  russischen  Seite?  6

Den  greisen  Statthalter,  den  General  Gortschakoff,  hatten
die  Scenen  des  27.  Februar  völlig  außer  Fassung  gebracht.
In  der  ersten  Aufregung  beantragte  er  in  Petersburg  die
Erklärung  des  Belagerungsstandes;  davon  wollte  aber,  nach
so  geringfügiger  Veranlassung,  der  Vicekanzler  nichts  wissen.
Darauf  schlug  der  Alte  völlig  um  und  genehmigte  den  Antrag,
eines  freiwilligen  Bürgerausschusses,  für  die  Ruhe  einzustehen,
wenn  Polizei  und  Militär  zurückgezogen  würde.  Der  Staatssecretär
  Enoch  wies  dann  den  Statthalter  nachdrücklich
darauf  hin,  wenn  er  der  Gährung  mit  einer  Politik  der
Versöhnung  steuern  wolle,  müsse  er  so  schnell  wie  möglich  zu
organischen  Reformen  schreiten,  und  als  der  Statthalter  sich
mit  Freuden  bereit  erklärte,  schlug  Enoch  als  den  besten
Vertreter  dieser  Richtung  den  Marquis  Wielopolski  vor.  Der
Statthalter  ging  darauf  ein,  lehnte  zwar  den  ersten  Vorschlag
des  Marquis,  die  Herstellung  der  Verfassung  von  1815,  ab,
sandte  aber  die  weitern  Anträge  desselben,  auf  Einrichtung
gewählter  Kreisräthe  und  Gemeindebehörden,  sowie  eines
durch  Notable  verstärkten  Staatsraths  zur  Begutachtung
der  Gesetzentwürfe,  auf  Gleichberechtigung  der  Juden,
        <pb n="496" />
        486  Polnische  Wirren.  1861

Ablösung  der  Roboten,  Reform  des  Unterrichts  und  Herstellung
der  Universität  Warschau,  mit  dringender  Empfehlung  nach
Petersburg.  Auch  dort  fanden  sie  eine  durchaus  günstige
Aufnahme.  Der  Kaiser,  im  Bewußtsein  der  eigenen  menschenfreundlichen
  Gesinnung,  wollte  noch  nicht  an  die  Unversöhnlichkeit
  der  Polen  glauben.  Der  Vicekanzler  sah  in  der  Genehmigung
  der  Anträge  einen  großen  Schritt  zur  Verwirklichung
seines  Lieblingsgedankens,  der  Erneuerung  eines  innigen  Vernehmens
  mit  Frankreich.  Als  der  preußische  Gesandte,  Herr
von  Bismarck,  ihm  einige  Bedenken  aussprach  —  nicht  über
das  Maaß  der  Gewährungen,  sondern  über  den  übelgewählten
Zeitpunkt,  wo  sie  als  erpreßt  durch  die  Furcht  vor  dem
Auflauf  des  27.  Februar  erscheinen  würden  —  erklärte  er
unwillig,  in  diesen  innern  Fragen  könne  Rußland  auch  von
dem  besten  Freunde  sich  nicht  berathen  lassen;  Mißbräuche
abzuschaffen,  wie  sie  bisher  in  der  polnischen  Verwaltung
bestanden,  sei  die  Pflicht  jeder  Regierung;  Rußland  sei  es
müde,  fort  und  fort  im  Vergleiche  mit  der  civilisirten  Herrschaft
  Preußens  und  Osterreichs  über  ihre  polnischen  Lande
in  Europa  als  der  wilde  Mann,  als  der  barbarische  Despot
angesehen  zu  werden.  Genug,  Wielopolski's  Anträge  erfuhren
noch  einige  Sichtung,  aber  in  einem  Ukas  vom  26.  März
wurde  dem  Statthalter  die  kaiserliche  Genehmigung  für  die
Errichtung  eines  Staatsraths,  die  Bildung  von  gewählten
Bezirks-,  Kreis=  und  Gemeinderäthen,  die  Schöpfung  einer
Commission!)  für  das  Kirchen=  und  das  Schulwesen  unter
Wielopolski's  Vorsitz  telegraphirt.  Am  27.  trat  der  Marquis
in  sein  neues  Amt  ein.  Er  war  fest  entschlossen,  Zucht  und

1)  Die  Ministerien  führten  damals  im  Königreich  den  bescheidenen
Titel  „Commissionen“.
        <pb n="497" />
        1861  Wielopolski  und  die  Radicalen.  487

Gehorsam  wieder  herzustellen,  und  eben  damit  die  feste  Grundlage
  für  eine  geordnete  und  liberale  Selbstverwaltung  Polens,
unter  der  Hoheit  des  russischen  Kaisers,  aber  unabhängig  von
jeder  russischen  Behörde,  zu  gewinnen.

Er  sollte  besondere  Erfahrungen  über  die  Schwierigkeit
dieser  Aufgabe  machen.

Er  fand  den  landwirthschaftlichen  Verein  und  die  Landgeistlichen
  in  einer  so  eifrigen  nationalen  Agitation  begriffen,
daß  er,  der  römische  Katholik,  gleich  am  2.  April  dem  Klerus
jede  Einmischung  in  politische  Händel  verbot,  und  am  5.  den
Verein,  wegen  bertretung  seiner  Statuten,  auflöste.  Wenn
dies  sowohl  die  Bischöfe  als  die  Magnaten  erbitterte,  so
sahen  die  Rothen  von  Anfang  an  in  Wielopolski  den  gefährlichsten
  Todfeind  ihrer  Sache.  Sie  bedurften  für  die  Vorbereitung
  ihrer  Revolution  wachsenden  Grimm  des  Volkes,
also  in  den  herrschenden  Kreisen  nicht  einsichtige  Reform,
sondern  gesteigerte  Mißregierung.  So  beschlossen  sie,  auf  den
Ukas  vom  26.  März  mit  einer  verstärkten  Wiederholung  des
Tumults  vom  27.  Februar  zu  antworten,  damit  in  den
Augen  des  Volkes  auch  die  neuen  Behörden  gleich  bei  ihrem
Eintritt  als  blutdürstige  Unterdrücker  charakterisirt  würden.
Der  Verlauf  war  dann  am  8.  April  derselbe  wie  im  Februar:
kirchliche  Feier,  patriotische  Lieder,  drohende  Menschenmassen
vor  dem  Palast  des  Statthalters.  Auf  die  wiederholte  Aufforderung
  zum  Auseinandergehen  folgten  Steinwürfe  auf  die
Truppe,  bis  diese  endlich  eine  scharfe  Salve  abgab,  und  zehn
Menschen  todt  auf  dem  Platze  blieben.

Damit  war  der  Ukas  vom  26.  März  und  Wielopolski's
System  in  der  öffentlichen  Meinung  Polens  gerichtet.  Wieder
hieß  es:  wir  beten,  sie  morden,  und  Wielopolski  war  der
        <pb n="498" />
        488  Polnische  Wirren.  1861

Verräther  seines  Volkes,  der  es  mit  Schmeichelworten  an  das
russische  Joch  gewöhnen  wollte.  Trotzdem  arbeitete  der
Minister  unablässig  an  seinen  Reformen  weiter,  und  wurde
durch  den  Statthalter,  dessen  volles  Vertrauen  er  gewonnen
hatte,  nach  Kräften  unterstützt;  da  wollte  sein  Unstern,  daß
Fürst  Michael  Ende  Mai  plötzlich  erkrankte,  und  nach  wenigen
Leidenstagen  am  30.  starb.  Wielopolski's  ganze  Stellung
kam  damit  in  Frage.

In  Petersburg  war  die  Verlegenheit  groß,  dem  Fürsten
einen  geeigneten  Nachfolger  zu  finden,  und  es  ist  nicht  zu
läugnen,  die  dann  auf  einander  folgenden  Wahlen  fielen
höchst  unglücklich  aus.  Zuerst  der  ehemalige  Kriegsminister,
General  Suchosanett,  war  ein  siebzigjähriger  Haudegen,  der
keine  andere  Vorstellung  vom  Regieren  hatte,  als  daß  er
mit  seinen  50  000  russischen  Soldaten  diese  unverbesserlichen
Polacken  schon  in  Ordnung  halten  wollte,  jeden  Verdächtigen
einsperren  oder  deportiren  ließ,  und  die  Civilbehörden  als
nicht  vorhanden  betrachtete.  Im  August  kam  dann  Graf  Lambert
an  seine  Stelle,  ein  halb  invalider  General  von  französischer
Abstammung  und  Bildung,  über  die  polnischen  Zustände  völlig
unwissend,  mit  dem  Auftrag  ausgestattet,  zur  Erhaltung  der
Ruhe  und  Ordnung,  wenn  nöthig,  den  Belagerungsstand
zu  erklären,  seinerseits  aber  von  dem  Gedanken  erfüllt,  nicht
bloß  in  Polen,  sondern  auch  in  Frankreich  populär  zu  werden,
und  als  guter  Katholik  eifrig  bestrebt,  den  Beifall  des  römischen
  Klerus  zu  gewinnen,  so  daß  sehr  bald  an  die  Stelle
der  Säbelherrschaft  eine  schlaffe  und  schwankende  Anarchie
trat.  So  blühte  immer  üppiger  der  Weizen  des  revolutionären
  Nationalcomité's  bei  der  steigenden  Erbitterung  der
Volksmassen  und  der  elenden  Unbehülflichkeit  der  Regierung.
        <pb n="499" />
        1861  Belagerungsstand  und  neue  Tumulte.  489

In  dem  Post-  und  Eisenbahndienst  bestand  jetzt  beinahe  die
Hälfte  der  Beamten  aus  Agenten  des  Comite's,  und  nicht
viel  anders  sah  es  bei  den  Mannschaften  der  Polizei  und  der
Gensdarmerie  aus.  Die  von  dem  Comité  ausgeschriebenen
Steuern  wurden  pünktlich  einbezahlt,  seinen  Verfügungen  unbedingte
  Folge  geleistet,  die  Widerspenstigen  oder  Säumigen
von  den  Dolchen  der  mächtigen  Vehme  getroffen.  Das
Comité  dehnte  bereits  seine  Thätigkeit  auch  auf  Lithauen  und
Volhynien  aus;  in  Kowno  und  Wilna  gab  es  ebenso  blutige
Tumulte  wie  in  Warschau.  Auf  den  10.  October  schrieb  das
Nationalcomité  eine  große  Volksversammlung  nach  Horodlo
am  Bug  aus,  zur  Erinnerung  an  die  dort  1413  vollzogene
Vereinigung  der  Polen  und  Ruthenen,  und  zugleich  als
Protest  gegen  Polens  Theilungen  vor  dem  Angesicht  Europas.
Der  Aufruf  lud  deshalb  Deputationen  aus  allen  ehemals  von
Polen  beherrschten  Landen  nach  Horodlo,  aus  Posen,  Westpreußen
  und  Pommern,  aus  Krakau,  Galizien  und  Kiew.  Der  in
Horodlocommandirende  russische  General  sah  mit  seinen  Truppen
gelassen  zu,  als  die  von  Lambert  verbotene  Feier  auf  freiem
Felde  mit  allem  kirchlichen  Pompe  durch  den  Bischof  von  Lublin
mit  hundert  Priestern  vor  4000  Menschen  begangen  wurde.

Dies  brachte  dann  in  Petersburg  das  Gefäß  des  kaiserlichen
  Unwillens  zum  Überlaufen,  und  am  14.  October  erschien
in  Warschau  ein  allerhöchster  Befehl  mit  der  Erklärung  des
Belagerungsstandes.  Das  geheime  Comitsé  stellte  dem  die
Anordnung  eines  Nationalfestes  zu  Ehren  Kosciusko's  in
allen  Kirchen  auf  den  15.  Abends  entgegen.  Unter  unermeßlichem
  Zulauf  fand  die  Feier  Statt;  am  Schlusse  des  Gottesdienstes
  wurden  in  zwei  Kirchen  wieder  revolutionäre  Lieder
angestimmt,  darauf  die  Thüren  militärisch  besetzt,  und  als  die
        <pb n="500" />
        490  Polnische  Wirren.  1861

Menge  die  Gebäude  zu  verlassen  weigerte,  um  Mitternacht
eine  Abtheilung  Soldaten  hineingeschickt,  welche  unter  dem
ärgsten  Tumulte  die  Weiber  hinausjagte,  die  Männer  aber,
1700  an  der  Zahl,  in  das  Gefängniß  abführte.  Auf  einen
Wink  des  Nationalcomité's  nöthigte  darauf  am  16.  die  Mehrheit
  des  Domcapitels  den  Verweser  des  Erzbisthums,  Bialobrzeski,
  die  Schließung  nicht  bloß  der  beiden  durch  die
Rauferei  entweihten,  sondern  aller  Kirchen  Warschaus  zu
befehlen,  um  sie,  sagte  er,  vor  künftiger  Entweihung  zu  bewahren.
  Das  war,  über  alle  kanonische  Regel  hinaus,  ein
Act  offener  Feindseligkeit  gegen  die  Regierung,  welche  diese
durch  die  Absetzung  und  Verhaftung  des  Bisthumsverwesers
erwiderte  und  damit  den  Patrioten  den  Beweis  lieferte,  daß
sie  mit  Nero  und  Diocletian  in  gleicher  Verdammniß  stände.
Der  Finger  Gottes  zeigte  seine  Kraft:  Graf  Lambert  wurde
durch  einen  Blutsturz  regierungsunfähig,  und  wieder  wurde
provisorisch  der  plumpe  und  rohe  Suchosanett  zur  Beherrschung
Polens  berufen.

Unter  diesen  Drangsalen  hatte  Wielopolski  seine  besten
Entwürfe  wirkungslos  zerrinnen  sehen;  sowohl  mit  Suchosanett
  als  mit  Lambert  stand  er  in  offenem  Zerwürfniß,  und
als  der  erstere  jetzt  wiederkehrte,  bat  der  Marquis  den  Kaiser
auf  das  Dringendste  um  seine  Entlassung.  Alexander,  welcher
die  technische  Befähigung  des  Marquis  hochschätzte,  war
durch  verschiedene  Umstände  in  seinem  Vertrauen  auf  die
Zuverlässigkeit  des  Mannes  gestört  worden;  er  beschied  ihn
also,  um  mit  eigenen  Angen  zu  sehen,  nach  Petersburg.  Dort
gelang  es  dem  Marquis,  mit  jeder  Woche  größeres  Ansehen
und  festern  Einfluß  zu  gewinnen,  zumal  Fürst  Gortschakoff
nach  wie  vor  sich  als  eifrigen  Unterstützer  der  Versöhnungspolitik
        <pb n="501" />
        1862  Neue  Civilverwaltung:  Großfürst  Constantin  und  Wielopolski.  491

nach  Wielopolski's  Sinn  erwies.  Bald  konnte  der  Marquis
dem  Kaiser  seinen  großen  Plan  in  allen  Theilen  entwickeln:
Trennung  der  Militär=  und  der  Civilgewalt;  jene  bleibt  in
der  Hand  eines  russischen  Generals  mit  russischen  Truppen;
diese  wird  einem  leitenden,  von  russischen  Behörden  unabhängigen
  Minister  unterstellt,  der  neben  sich  einen  Staatsrath
  für  die  Gesetzgebung,  und  unter  sich  polnische  Beamte,
sowie  vom  Volk  gewählte  Bezirks=  und  Kreisbehörden  hat;
mit  deren  Organisation  würde  der  Belagerungsstand  aufhören,
  und  auch  die  katholische  Kirche  erhebliche  Concessionen
empfangen;  an  die  Spitze  des  Ganzen  trete  schließlich  als
Vertreter  der  Majestät  ein  erlauchtes  Mitglied  der  kaiserlichen
Familie.  Gortschakoff  sagte:  der  jetzige  Zustand  ist  unhaltbar;
  auf  Bajonette  kann  man  sich  stützen,  aber  nicht  darauf
sitzen;  etwas  muß  geschehen.  Der  älteste  Bruder  des  Kaisers,
Großfürst  Constantin,  sprach  sich  mit  vollem  Nachdruck  für
Wielopolski's  System  aus.  Der  Kaiser  blieb  lange  zweifelhaft,
  ob  der  Schritt  jetzt  noch  die  gehoffte  versöhnende
Wirkung  bei  den  Polen  haben  würde,  endlich  aber  wollte
auch  er  sich  dieser  letzten  Probe  nicht  versagen.  So  wurde
in  den  letzten  Tagen  des  Mai  1862  die  Welt,  die  bisher
nur  von  russischen  Gewaltthaten  in  Polen  gehört  hatte,  durch
die  Ankündigung  des  neuen  Systems  überrascht.  Großfürst
Constantin  wurde  zum  Statthalter,  Wielopolski  zum  Chef
der  Civilverwaltung  ernannt;  die  Leitung  des  Militärwesens
behielt  der  seit  einigen  Monaten  fungirende  General  Lüders.

Wielopolski  rechnete  dieses  Mal  in  der  That  auf  einige
Dankbarkeit  bei  seinen  Landsleuten.  Statt  der  russischen
Militärdictatur  brachte  er  ihnen  eine  einheimische,  von  Rußland
  unabhängige  Civilverwaltung  nebst  Reformen  auf  allen
        <pb n="502" />
        492  Polnische  Wirren.  1862

Gebieten  des  socialen  Daseins.  Aber  nur  zu  richtig  hatte
der  Kaiser  die  polnischen  Parteien  beurtheilt.  Die  Edelleute
der  weißen  Fraction  lehnten  jedes  Amt  unter  Wielopolski  ab,
weil  seine  Vollmacht  nicht  auf  das  ganze  Polen  von  1771
laute.  Die  Rothen  aber,  welchen  nichts  abscheulicher  und
drohender  erschien,  als  eine  Versöhnung  zwischen  dem  Zaren
und  Polen,  welche,  wie  wir  sahen,  den  ersten  Eintritt  des
Marquis  in  die  Geschäfte  mit  dem  Blutopfer  vom  8.  April
beantwortet  hatten,  sie  beschlossen,  daß  ihm  jetzt,  wo  er  als
Seele  und  Lenker  der  Regierung  zurückkam,  noch  ganz  anderes
Blut  entgegen  dampfen  sollte.  Am  27.  Juni  wurde  auf
General  Lüders  im  sächsischen  Garten  aus  nächster  Nähe  ein
Pistolenschuß  abgefeuert,  der  ihm  die  Kinnlade  zerschmetterte,
ohne  daß  der  Thäter  ermittelt  werden  konnte.  Gleich  nachher
  flog  die  Kunde  durch  das  Land,  daß  eine  Unterhandlung
zwischen  Rußland  und  dem  Vatican,  welche  den  Papst  zu
friedlichen  Ermahnungen  an  die  polnische  Geistlichkeit  hatte
bewegen  sollen,  zum  offenen  Bruche  gediehen  war:  der  Papst
forderte  die  polnischen  Bischöfe  auf,  die  wegen  ungesetzliches
Benehmens  verhafteten  Geistlichen  in  ihren  Schutz  zu  nehmen;
darauf  sagte  Gortschakoff,  wenn  der  Papst  in  Polen  die
Revolution  fördere,  so  könne  er  nicht  erwarten,  daß  Rußland
ihm  gegen  die  italienische  Revolution  beistehe,  und  erkannte
Victor  Emanuel  als  König  von  Italien  an.  Durch  diese
Vorgänge  wurde  der  Fanatismus  der  Polen  auf  den  höchsten
Grad  gesteigert  und  entlud  sich  in  einer  beispiellosen  Reihe
wilder  Frevelthaten.  Auf  den  Großfürsten  wurde  zwei  Tage
nach  seiner  Ankunft  ein  Pistolenschuß  abgefeuert;  die  Kugel
traf,  blieb  aber  in  dem  dicken  Epaulette  der  Generalsuniform
stecken.  Im  Laufe  des  August  wurden  gegen  Wielopolski
        <pb n="503" />
        1862  Mordversuche.  493

vier  Mordversuche  nach  einander  unternommen,  mit  der  Schußwaffe,
  dem  Dolche,  mit  vergifteten  Briefen  und  mit  vergifteter.
Speise;  ein  Wunder,  daß  sie  sämmtlich  mißlangen.  Zugleich
wurden  30  russische  Officiere  der  Warschauer  Garnison  der
Theilnahme  an  der  Verschwörung  überwiesen;  alle  Kanzeln
hallten  wieder  von  der  Aufforderung,  sich  mit  Gut  und  Blut
der  heiligen  Sache  des  Vaterlandes  zu  weihen;  anlangende
Waffensammlungen  wurden  in  den  Kellern  der  Klöster  versteckt.
  Am  1.  September  erließ  das  Nationalcomité  eine  Proclamation,
  worin  es  sich  als  Nationalregierung  constituirte,
als  Zweck  der  Erhebung  die  Befreiung  Polens  in  den  Grenzen
von  1771  verkündete,  den  Bauern  das  Eigenthum  ihrer  Acker
zusprach,  und  alle  slavischen  Volksstämme  zur  Theilnahme  an
dem  Freiheitskampf  aufrief.

Die  Stimmung  des  Großfürsten  und  des  Ministers  bei
solchen  Vorgängen  läßt  sich  ermessen.  Sie  waren  gekommen,
um,  in  ihrem  Sinne,  die  polnische  Nation  mit  Wohlthaten
zu  überhäufen,  und  fanden  sich  einem  glühenden,  durch  unbedingte
  Fanatiker  geleiteten  Volkshasse  gegenüber,  der  vor
keinem  Verbrechen  zurückschreckte,  sie  selbst  und  die  Ihrigen  für
vogelfrei  erklärte,  und  ihnen  die  offene  Drohung  bewaffneter
Revolution  in  das  Gesicht  schleuderte.  Wielopolski,  unverrückt
  seine  Ideale  im  Auge,  verläugnete  auch  in  dieser  Lage
seine  Überzeugungen  nicht.  Trotz  aller  Umtriebe  und  Frevel
der  Meuterer  sollten  seinem  Volke  die  autonome  Verwaltung
und  die  Wohlthaten  der  Schulreform  und  der  Ablösungsgesetze
nicht  verkümmert  werden.  So  entließ  er  alle  russischen  Beamten
  und  ersetzte  sie  bis  zum  Jahresschlusse  durch  Landeskinder:
  er  wollte  nicht  glauben,  daß  er  damit  mehrere
tausend  Agenten  der  bevorstehenden  Revolution  in  einflußreiche
        <pb n="504" />
        494  Polnische  Wirren.  1862

Stellungen  brachte.  Die  in  allen  Provinzen  sich  steigernden
Hetzereien  des  Klerus  ließ  er  für's  Erste  unbeachtet;  wohl
aber  war  er  entschlossen,  die  Hydra  der  Revolution  in  ihrer
tiefsten  Höhle  mit  einem,  wie  er  glaubte,  zermalmenden  Griffe
zu  packen.  Gegen  die  Mordgesellen,  welche  mit  Gift  und
Dolch  den  polnischen  Namen  schändeten,  schien  ihm  jedes
Mittel,  wenn  es  nur  wirksam  wäre,  verstattet  zu  sein.

Seit  dem  Ende  des  Krimkriegs  hatte  die  russische
Armee  keine  Recrutirung  vorgenommen,  so  daß  alle  Truppenkörper
  kaum  noch  die  Hälfte  des  gesetzlichen  Friedensstandes
zählten.  Außer  der  Garde  (30000  Mann)  und  den  orenburgischen
  und  kaukasischen  Truppen  (150000  Mann)  hatten
die  europäischen  Garnisonen  etwas  mehr  als  180  000  Mann
unter  der  Fahne,  von  welchen  bei  der  drohenden  Haltung
der  Polen  60  000  Mann  im  Königreich,  und  ebenso  viele  in
den  ehemals  polnischen  Westprovinzen  Rußlands  standen.
Nichts  war  natürlicher,  als  daß  die  Regierung  einmal  wieder
an  die  Ausfüllung  der  Lücken  durch  junge  Mannschaft  dachte,
und  schon  im  Juni  hatte  der  neue  Kriegsminister  Miliutin
dem  Marquis  Wielopolski  die  Nothwendigkeit  einer  solchen
Maaßregel  angekündigt.  Nun  war  im  Jahre  1859  ein  Ukas
ergangen,  welcher  die  Conscription  durch  das  Loos  unter
allen  dienstpflichtigen  Classen  der  Bevölkerung  anordnete,  war
bisher  aber  noch  niemals  zur  Anwendung  gekommen.  Wielopolski.,
  durch  die  Reihe  der  Mordversuche  und  die  Proclamation
des  1.  Septembers  auf  den  höchsten  Grad  concentrirter  Entrüstung
  gesteigert,  faßte  jetzt  den  Gedanken,  für  Polen  bei
der  Recrutirung  nach  der  alten  Satzung  zu  verfahren,  welche
der  Behörde  freie  Auswahl  unter  den  Dienstpflichtigen  zuließ,
und  dadurch  mit  einem  Schlage,  wenn  nicht  die  ganze  revo-
        <pb n="505" />
        1862  Plan  einer  willkürlichen  Recrutirung.  495

lutionäre  Bande,  so  doch  den  größten  Theil  derselben  #aus
dem  Lande  zu  entfernen.  Er  trug  dem  Großfürsten  die
Gründe  zu  einer  solchen  Maaßregel  vor;  materiell  sei  das
Recht  der  Regierung  zweifellos,  gegen  jene  Banditen,  die  sich
selbst  außerhalb  aller  Gesetze  gestellt,  mit  allen  Mitteln  vorzugehen;
  formell  sei  das  Recht  des  Kaisers,  des  einzigen  und
unbeschränkten  Gesetzgebers,  nicht  minder  klar,  ein  erlassenes
Gesetz  für  einzelne  Zeiten  und  Orte  zu  suspendiren.  Der
Großfürst  sträubte  sich:  seine  Sendung  laute  auf  Frieden
und  Versöhnung,  und  damit  stehe  eine  Maaßregel  nicht  im
Einklang,  die  trotz  jener  Erörterungen  des  Marquis  von
aller  Welt  als  ein  Staatsstreich  bezeichnet  werden  würde.
Indessen,  der  starke  Wille  und  die  scharfe  Logik  des  Marquis
überwältigten  diese  Bedenken,  und  Wielopolski's  Antrag  erhielt
  am  18.  September  die  kaiserliche  Genehmigung.

Am  6.  October  brachte  dann  das  Regierungsblatt  die
Anzeige,  es  solle  bei  der  nächsten  allgemeinen  Recrutirung  im
Kaiserreich  eine  partielle  Aushebung  in  Polen  Statt  finden,
welche  ausnahmsweise  nicht  die  ländliche  Bevölkerung  —  um
die  Ausführung  der  Ablösungsgesetze  nicht  zu  stören  —
sondern  nur  die  städtische,  und  zwar  unter  Ausschließung  der
Verlosung,  jedoch  unter  fortdauernder  Geltung  aller  gesetzlichen
  Befreiungsgründe,  treffen  würde.  In  gallen  Bezirken
wurden  darauf  Conscriptionscommissionen  eingesetzt,  und  die
Behörden  mit  der  körperlichen  Untersuchung  aller  Pflichtigen
beauftragt.  Eine  geheime  Weisung  schärfte  ihnen  ein,  unter
den  Pflichtigen  vor  Allem  die  übelberüchtigten,  heimath=  und
arbeitlosen  und  revolutionäres  Treibens  verdächtigen  Subjecte
auszuwählen,  da  man  die  Recrutirung  zur  Entfernung  dieser
gefährlichen  Elemente  benutzen  wolle.  Wenige  Tage  nach  dem
        <pb n="506" />
        496  Polnische  Wirren.  1862

Erlaß  dieser  Verfügung  war  dieselbe  dem  Nationalcomité  und
gleich  nachher  auch  den  ausländischen  Zeitungen  bekannt.
Wie  es  der  Großfürst  vorausgesehen,  ging  ein  Schrei  der
Entrüstung  durch  Polen  und  durch  Europa.

Wir  erinnern  uns,  daß  Mieroslawski  bereits  am
3.  März  1861  seinen  Warschauer  Freunden  eingeschärft
hatte,  unter  keinen  Umständen  eine  Recrutirung  zuzulassen,
sondern,  wenn  eine  solche  angekündigt  würde,  auf  jede  Gefahr
hin  zum  Widerstande  zu  schreiten.  Dies  lag  ganz  in  den
Wünschen  auch  des  Nationalcomite's;  die  Frage  war  nur,
wie  weit  man  bis  zu  dem  noch  unbekannten  Tage  der  Aushebung
  die  nöthigen  Vorbereitungen  würde  fördern  können,
um  dann  die  im  Lande  zerstreuten  russischen  Garnisonen  in
einer  Nacht  mit  Erfolg  zu  überfallen.  Jedesfalls  schritt  man
mit  verdoppeltem  Eifer  zum  Werke.  Schon  mehrmals  hatte
man  Geldbeiträge  bei  den  Patrioten  eingesammelt  und  einzelne
Waffenankäufe  gemacht;  jetzt  erschien  ein  Decret  des  Nationalcomité's
  vom  18.  October,  welches  auf  alle  Immobilien  und
Hypotheken  eine  Capitalsteuer  von  einem  halben,  auf  alle
sonstigen  Einkünfte  eine  Einkommensteuer  von  fünf  Procent
legte.  Die  Begeisterung  für  dieses  patriotische  Opfer  war
nicht  allgemein  unter  den  Patrioten,  aber  das  Comité  hatte
wirksamere  Executionsmittel  als  jede  andere  Staatsregierung:
den  zurückhaltenden  Gutsbesitzern  brannte  in  der  Woche  nach
dem  versäumten  Zahlungstermin  Haus  und  Hof  nieder;  in  den
Städten  aber  wurden  widerspenstige  Bürger  am  hellen  Tage
auf  der  Straße  todtgeschlagen.  So  kamen  große  Summen
rasch  zusammen,  ohne  daß  die  königliche  Polizei  einen  einzigen
der  revolutionären  Steuerempfänger,  Meuchelmörder  oder
Brandstifter  abfaßte.  Bereits  waren  große  Aufträge  auf
        <pb n="507" />
        1862  Revolutionäre  Rüstungen.  497

schleunige  Lieferung  von  Musketen  und  Säbeln,  von  Munition
und  Uniformen,  aber  auch  von  Dolchen,  Strychnin  und
Curare  nach  England,  Frankreich  und  Belgien  geeilt.  Die
Emigration  in  Paris  und  das  europätüsche  Revolutionscomite
in  London  halfen  zu  diesen  Rüstungen  nach  Kräften,  allerdings
  mit  dem  Unterschiede,  daß  Ladislas  Czartoryski  wegen
der  ungünstigen  europäischen  Conjunctur  vor  verfrühtem  Losschlagen
  warnte,  das  Londoner  Comité  dagegen  in  der  Hoffnung
auf  rasches  Umsichgreifen  des  in  Polen  auflodernden  Feuers
zu  möglichst  baldiger  Erhebung  antrieb  1).  Unterdessen  traf
das  Warschauer  Comité  seine  Vorkehrungen,  um  die  revolutionäre
  Organisation  auch  in  Lithauen,  Posen  und  Galizien
durchzuführen.  Ganz  im  Sinne  des  Manifestes  vom  1.  September
  riefen  seine  Zeitungen  gegen  Ende  des  Jahres  zur
Befreiung  des  ganzen  großen  Vaterlandes  von  dem  Joche
der  Deutschen  und  der  Russen  auf;  die  Meinung  war  allerdings
  nicht,  den  Aufstand  sofort  auch  auf  preußischem  und
österreichischem  Gebiete  losbrechen  zu  lassen,  und  dadurch  die
Militärmassen  aller  drei  Theilungsmächte  gleichzeitig  auf  sich
zu  ziehen:  im  Gegentheil,  der  Kampf  sollte  zunächst  nur
gegen  Rußland  beginnen,  wo  man  auf  die  Zerrüttung  der
Armee  und  vielleicht  auch  auf  befreundete  revolutionäre  Bewegungen
  hoffte,  während  die  Höfe  von  Berlin  und  Wien
durch  die  öffentliche  Meinung  Europas  von  der  Einmischung
in  einen  Kampf,  der  scheinbar  sie  nichts  anginge,  abgehalten
würden.  Um  so  mehr  aber  sollten  Posen  und  Galizien  zur
Unterstützung  des  Angriffs  auf  die  Russen  herangezogen
werden,  durch  Beförderung  der  aus  Lüttich  anlangenden

1)  Schreiben  vom  23.  November  1862,  bei  Knorr,  Die  polnischen

Aufstände  seit  1830.
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches  II.  32
        <pb n="508" />
        498  Polnische  Wirren.  1863

Waffentransporte  über  die  Grenze,  durch  Theilnahme  an  der
Zahlung  der  nationalen  Steuern,  durch  Aushebung  und  Zusendung
  bewaffneter  Freischaaren.  In  Posen  hatte  der  Verein
der  polnischen  Landtagsabgeordneten  seit  zwei  Jahren  vorbereitend
  gewirkt  und  seine  Verbindungen  auch  unter  die
slavische  Bevölkerung  Oberschlesiens  erstreckt:  Anfang  1863  ernannte
  das  Warschauer  Comité  den  Abgeordneten  Alexander
Guttry  zum  Chef  der  ganz  nach  Warschauer  Muster  einzurichtenden
  Nationalregierung  im  Großherzogthum.

Indessen,  dies  Alles  war  erst  im  Werden,  als  das
Nationalcomité  die  Nachricht  erhielt,  daß  die  Recrutirung  um
die  Mitte  des  Januar  Statt  finden  würde.  Nach  langen  und
stürmischen  Erwägungen  kam  das  Comitsé  in  seiner  Mehrheit
zu  dem  Beschlusse,  daß  im  Augenblicke  die  Insurrection  noch
nicht  möglich  sei;  man  müsse  sich  darauf  beschränken,  die
bedrohten  Individuen  dem  Arme  der  russischen  Militärbehörden
  zu  entziehen.  Dies  machte  bei  der  Gesinnung  der
meisten  Civilbeamten  keine  erhebliche  Schwierigkeit;  es  kam
nur  darauf  an,  die  jungen  Leute  aus  ihrem  bisherigen
Wohnort  in  einen  andern  Bezirk  zu  senden,  so  fehlten  den
aushebenden  Officieren  die  Mittel,  ihre  Spur  zu  verfolgen.
Fortan  verschwanden  dann  vor  Allem  aus  Warschau  allnächtlich
  mehrere  Hunderte  der  jungen  Mannschaft.  Als  in
der  Nacht  vom  14.  auf  den  15.  Januar  1863  die  Aushebung
  in  der  Hauptstadt  vorgenommen  wurde,  fand  die
Behörde  von  4500  Mann  nur  noch  1400  vor,  und  gerade
die  politisch  Verdächtigsten  waren  nicht  aufzufinden.  Mit
bitterer  Enttäuschung  hatte  Wielopolski  das  Mißlingen  seines
Planes  vor  Augen.  Aber  auch  das  Nationalcomité  mußte
die  Unhaltbarkeit  seines  Beschlusses  erleben.  Zunächst  bei  der
        <pb n="509" />
        1863  1  Ausbruch  des  Aufstandes.  499

vor  der  Recrutirung  entwichenen  Jugend  und  bald  auch  bei
der  Mehrzahl  der  revolutionären  Agenten  in  den  Provinzen
war  das  Maaß  der  seit  Jahren  entzündeten  Leidenschaft  bis
zum  Überfließen  gefüllt.  Die  jungen  Männer  wollten  sich
nicht  verstecken,  sondern  kämpfen;  die  Warschauer  sammelten
sich  in  einem  Walde  wenige  Meilen  von  der  Stadt;  ähnliche
Banden  bildeten  sich  bei  Plock,  Lublin,  Petrikau.  Das  Comité
sah,  daß  es  die  Leitung  vollständig  verlieren  würde,  wenn  es
sich  dem  Strome  noch  länger  widersetzte.  Mit  schwerem
Herzen  und  tapfern  Worten  gab  es  allen  Agenten  in  den
Provinzen  das  Signal  zur  bewaffneten  Erhebung;  ganz  nach
Mieroslawski's  Vorschlägen  vom  März  1861  sollten  die  russischen
  Garnisonen  in  der  Nacht  vom  23.  auf  den  24.  Januar
überfallen  und  niedergemacht  werden.  Am  22.  erschienen
drei  Proclamationen  des  Comité's,  oder  vielmehr  nach  seinem
jetzigen  Titel,  der  Nationalregierung:  darin  wurde  die  polnische
  Nation,  die  gestern  noch  eine  Dulderin  und  Büßerin
gewesen,  aufgerufen,  morgen  eine  Heldin  und  Riesin  zu
werden;  alle  waffenfähigen  Männer  sollten  #zur  Fahne  des
Vaterlandes  eilen;  allen  bäuerlichen  Landwirthen  wurde  nochmals
  das  Eigenthum  ihrer  Höfe  zugesprochen  —  vorbehaltlich
einer  spätern  Entschädigung  der  bisherigen  Grundherren  durch
den  Staat  —  allen  Knechten,  Häuslern,  Handarbeitern  ein
Antheil  von  je  drei  Morgen  an  den  Nationalgütern  verheißen.
  Denn  darüber  machte  man  sich  keine  Täuschung,
daß  Alles  darauf  ankomme,  die  bäuerliche  Bevölkerung  für
die  Sache  des  Aufstandes  zu  gewinnen.  So  tollkühn  die
städtische  Jugend,  so  streitlustig  die  Schlachtizen  waren,  so
ließ  sich  doch  mit  ihnen  nicht  Masse  machen,  wie  zur  Bekämpfung

  der  russischen  Colonnen  erforderlich  war.
32“
        <pb n="510" />
        500  Polnische  Wirren.  1863

In  der  Nacht  vom  23.  Januar  wurde  dann  eine  Anzahl
  russischer  Garnisonen  in  den  kleinern  Städten  überfallen.
Das  Geheimniß  war  in  staunenswerther  Weise  bewahrt  worden;
überall  lagen  die  russischen  Soldaten  ruhig  schlafend  in  ihren
Quartieren;  etwa  hundert  wurden  beim  ersten  Angriffe  niedergestoßen
  oder  in  den  angezündeten  Häusern  verbrannt,  und
über  dreihundert  verwundet.  Aber  ein  entscheidendes  Ergebniß
erreichten  die  Aufständischen  nicht.  Aller  Orten  folgte  der
ersten  Überraschung  ein  rascher  Alarm,  Versammlung  der
Truppen  und  Zurückweisung  der  polnischen  Schaaren.  Diese
warfen  sich  darauf  in  die  Wälder,  sammelten  sich  auf's  Neue
und  erhielten  Zuzug  von  allen  Seiten  her,  meistens  Schlachtizen,
Handwerker,  Studenten,  sehr  wenige  Bauern,  bald  auch
posener  und  galizische  Freiwillige.  Mit  einem  Schlage  war
das  ganze  Land  von  Kriegslärm  erfüllt,  die  königliche  Civilverwaltung
  wie  Spreu  vor  dem  Winde  verweht,  und  die  Hoffnungen
  der  Patrioten  flogen  hoch  über  alle  Hindernisse  und
Schranken  hinaus.  Aber  auch  in  Rußland  herrschten  auf  die
Kunde  von  der  Empörung  ähnliche  Stimmungen.  Dort  sah
das  gesammte  Volk  in  dem  Angriff  auf  schlafende  Soldaten
einen  heimtückischen  Meuchelmord  im  Großen,  und  tausend
Stimmen  forderten  die  Regierurg  zu  blutiger  Vergeltung  auf.
Gortschakoff  aber  sagte:  es  ist  gut,  daß  die  Eiterblase  endlich
geplatzt  ist;  jetzt  wollen  wir  sie  herausschneiden,  und  dann
fortfahren,  ein  mildes  und  versöhnendes  Regiment  zu  führen.
Er  und  alle  Welt  in  Petersburg  glaubte  an  eine  rasche  Überwältigung
  der  Meuterei.  Dann  wäre,  schrieb  der  preußische
Generalconsul  in  Warschau,  Wielopolski  allmächtig,  und  könnte
Polen  nach  allen  seinen  Wünschen  einrichten.  Ein  anderer
preußischer  Beobachter  schildert,  wie  in  der  Umgebung  des
        <pb n="511" />
        1863  Pläne  des  Großfürsten  und  Wielopolski's.  501

Großfürsten  Constantin  weitgreifende  ehrgeizige  Pläne  den
Sinn  erfüllten;  wären  die  Rothen  einmal  gebändigt,  so  würde
Polen  als  russische  Secundogenitur  ein  unabhängiges  Königreich,
  unter  russischem  Schutze,  stark  genug,  Posen  und  Galizien,
Croatien  und  Serbien,  vielleicht  alle  österreichischen  Slaven
an  sich  zu  ziehen,  und  damit  dem  weißen  Zaren  die  breiteste
Bahn  nach  Constantinopel  zu  eröffnen.  Wie  dem  nun  auch
sein  mochte,  jedesfalls  war  man  gleich  sehr  in  Wien,  Berlin
und  London  in  besorgter  Spannung  über  die  Entwicklung
dieser  Dinge.  Bei  den  neuesten  Verhandlungen  über  die  Wirren
in  den  türkischen  Donauländern  hatte  Rußland  in  festem  Einvernehmen
  mit  Frankreich  und  in  scharfem  Gegensatz  zu  Osterreich
  und  England  gestanden;  man  erfuhr  jetzt  mit  Überraschung,
  daß  Napoleon  trotz  aller  sonst  in  Frankreich  gehegten
Sympathien  strengen  Tadel  über  den  polnischen  Aufstand  aussprach,
  der  sich  verbündet  mit  Mazzini  in  einem  Zeitpunkt
erhebe,  in  welchem  Kaiser  Alexander  Polen  mit  Wohlthaten
überschütte.  Der  Schluß  lag  nahe,  daß  Gortschakoff  und
Wielopolski  bei  ihren  Plänen  im  vollsten  Einverständniß  mit
Napoleon  vorgingen,  daß  ein  mit  Rußland  fest  verbündetes
Polen  zur  Angriffsbasis  gegen  Wien  und  Constantinopel  dienen
sollte,  während  Napoleon  zugleich  die  italienische  Sache  zur
Vollendung  führte  und  dann  der  Herr  im  östlichen  Mittelmeer
würde.  In  diesem  Zusammenhange  konnte  die  polnische
Empörung,  welche  Gortschakoff's  Combinationen  für  den
Augenblick  kreuzte,  in  London  nur  hoch  erwünscht  sein  und
schien  für  Wien  trotz  aller  Sorge  um  Galizien  immerhin  auch
eine  gute  Seite  zu  haben.  In  England  rief  man  die  öffentliche
  Meinung  Europas  zu  ihren  Gunsten  auf;  in  Osterreich
wartete  man  auf  den  weiteren  Fortgang,  hatte  nichts
        <pb n="512" />
        502  Polnische  Wirren.  1863

einzuwenden,  daß  Rußland  in  einige  Verlegenheit  gerieth,  und
ließ  polnische  Waffen  und  Freischaaren  über  die  galizische
Grenze  unbeachtet  nach  Polen  passiren.

Auch  die  preußische  Regierung  war  gesonnen,  den  polnischen
  Aufstand  zur  Sprengung  des  gefährlichen  Systems  zu
benutzen.  Aber  nicht  einen  Augenblick  war  sie  darüber  im
Zweifel,  daß  das  rechte  Mittel  zu  diesem  Zwecke  das  Gegentheil
  der  in  Wien  und  London  herrschenden  Tendenzen  wäre.
Um  den  beabsichtigten  polnisch  -russischen  Bruderbund  und
dessen  französische  Allianz  im  Keime  zu  ersticken,  galt’es,  nicht
mit  den  Polen  zu  liebäugeln,  sondern  Rußland  in  der  alten
Freundschaft  mit  Preußen  festzuhalten.
        <pb n="513" />
        1863

8.  Capitel.
Preußen  und  Rußland.

Seit  einem  halben  Jahre  war  Preußens  europäische
Lage  in  mehr  als  einer  Beziehung  ernster  und  gespannter
geworden.  Osterreich  hatte  im  Bundestag  am  22.  Januar  1863
gleich  nach  der  Ablehnung  seines  Antrags  über  die  Delegationen
  sich  das  Recht  auf  die  Einbringung  solcher  Reformvorschläge
  und  deren  Verwirklichung,  wenn  nicht  in  ganz
Deutschland,  so  doch  in  den  zustimmenden  Staaten  ausdrücklich
  gewahrt,  und  Graf  Rechberg  bekannte  sich  jetzt  entschieden
zu  Beuft's  Ansicht,  daß  die  Regierungen  die  Reform  in  die
Hand  nehmen  müßten,  wenn  sie  nicht  von  der  Revolution
überrascht  werden  wollten.  Bei  solchen  Vorsätzen  aber  konnte
jeden  Tag  die  eben  abgewehrte  Krisis  sich  erneuern,  und  der
Bruch  des  Bundesvertrags  und  damit  die  Berufung  an  die
Waffengewalt  in  Frage  kkommen.  Wie  stand  man  in  einem
solchen  Falle  mit,  den  fremden  Großmächten?

Mit  England  war  Osterreich  seit  Jahren  bei  den  mannigfachen
  orientalischen  Streitfragen  Hand  in  Hand  gegangen,
und  so  wenig  das  englische  Cabinet  an  eine  Einmischung  in
die  deutschen  Händel  dachte,  gehörten  seine  Sympathien  doch
        <pb n="514" />
        504  Preußen  und  Rußland.  1863

dem  Wiener  Hofe,  und  unaufhörlich  gingen  seine  Aufforderungen
  zur  Versöhnung  mit  Osterreich  nach  Berlin.  Die
Antwort  konnte  hier  nur  dahin  lauten,  daß  Osterreichs  Verhalten
  jede  Annäherung  unmöglich  mache,  und  England  seine
Ermahnungen  nach  Wien  zu  richten  habe,  was  dann  freilich
in  London  die  Stimmung  für  Preußen  nicht  verbesserte.
Wichtiger  aber  und  bedenklicher  war  eine  im  Herbst  1862
eingetretene  Wendung  der  französischen  Politik.  Getreu  dem
einst  von  Cavour  aufsgestellten  Grundsatze,  daß  Rom  die
Hauptstadt  Italiens  werden  müsse,  dies  Ziel  aber  nur  durch
friedliche  Mittel  zu  erreichen  sei,  hatte  das  Turiner  Cabinet
einen  kecken  Freischaarenzug  Garibaldi's  gegen  Rom  bei  Aspromonte
  niedergeschlagen,  zugleich  aber  auch  erklärt,  daß  keine
italienische  Regierung  auf  eine  Lösung  der  Aufgabe  in  nationalem
  Sinne  verzichten  dürfe.  Kaiser  Napoleon,  der  weder
die  französische  Besatzung  aus  Rom  zurückziehen,  noch  die
Hoffnung  aufgeben  wollte,  den  Papst  und  Italien  zur  Anerkennung
  des  jetzigen  Besitzstandes  zu  nöthigen,  beschloß  darauf,
dem  Turiner  Cabinet  seine  hohe  Ungnade  deutlich  zu  machen,
ernannte  für  Rom  und  Turin  Gesandte  klerikaler  Farbe,  und
berief  an  Thouvenel's  Stelle  zur  Leitung  des  auswärtigen  Amtes
wieder  den  alten  Gönner  des  Papstes  und  Osterreichs,  Herrn
Drouyn  de  Lhuys.  Von  irgend  einem  Vertrauen  auf  die  französische
  Freundschaft  konnte  seitdem  in  Berlin  keine  Rede  mehr  sein.

Um  so  wichtiger  war  für  Preußen  die  Bewahrung  eines
zuverlässigen  Einvernehmens  mit  Rußland,  um  so  bedenklicher
eine  Störung  desselben  durch  die  polnischen  Wirren.

Es  möchte  schwer  zu  entscheiden  sein,  welche  Gefahr  für
Preußen  die  schlimmere  gewesen  wäre,  der  allerdings  nicht  sehr
wahrscheinliche  Sieg  der  rothen  Insurrection,  wie  sie  Mieros-
        <pb n="515" />
        1863  Sendung  des  Generals  Alvensleben  nach  Petersburg.  505

lawski,  Mazzini  und  Garibaldi  betrieben,  oder  die  Errichtung
eines  autonomen  Polen  unter  russischem  und  französischem
Schutze  nach  den  Plänen  Wielopolski's,  Gortschakoff's  und
Constantin's.  Die  rothe  Partei  hatte  ja  schon  in  Horodlo
und  dann  wieder  im  Augenblicke  des  Losschlagens  ihre  Ansprüche
  auf  Westpreußen,  Posen,  Pommern  bis  zur  Oder
verkündet;  sie  hob  bereits  von  den  dortigen  Stammgenossen
Steuern  und  Recruten  aus  und  setzte  in  Posen  eine  wohlorganisirte
  Landesverwaltung  ein.  So  ungestüm  würde  allerdings
  Wielopolski's  autonomes  Polen  kaum  vorwärts  schreiten,
unaufhörlich  aber  würde  der  Minister  dazu  sowohl  durch  die
polnischen  Patrioten  als  durch  die  panslavistischen  Bestrebungen
und  den  eigenen  Deutschenhaß  vorwärts  gedrängt  werden,
und  Fürst  Gortschakoff  würde  der  Letzte  sein,  ihm  in  dieser
Beziehung  einen  Zügel  anzulegen.  Weder  für  Posen  und
Westpreußen,  noch  für  die  gesammte  Monarchie  würde  es
fortan  eine  ruhige  Stunde  geben.

So  reifte  auf  die  erste  Nachricht  von  dem  polnischen
Aufstande  in  Berlin  der  Entschluß,  sich  unmittelbar  an  die
persönlichen  Gefühle  des  Kaisers  Alexander  zu  wenden  #.
General  Gustav  von  Alvensleben  erhielt  die  Weisung,  nach
Petersburg,  und  von  dort  nach  Warschau  zu  gehen.  In
Petersburg  sollte  er  einen  eigenhändigen  Brief  des  Königs
in  die  Hände  des  Kaisers  legen,  sodann  möglichst  vollständige
Aufklärung  über  das  bisher  Geschehene  zu  erlangen,  vor
Allem  aber  mit  dem  Kaiser  eine  Verständigung  über  die
gemeinschaftliche  Unterdrückung  des  Aufstandes  anzubahnen
suchen.  „Der  König,  fuhr  die  Instruction  fort,  ist  von  der

1)  Zuerst  hatte  der  König  nur  an  eine  militärische  Sendung  nach
Warschau  gedacht,  nach  drei  Tagen  aber  den  Plan  erweitert.
        <pb n="516" />
        506  Preußen  und  Rußland.  1863

Überzeugung  durchdrungen,  daß  die  Interessen  beider  Regierungen
  durch  jede  polnische  Schilderhebung  gleichmäßig  gefährdet
  sind,  und  daß  jede  Emancipation  des  polnischen
Elements  von  der  Autorität  des  Kaisers  ihre  Wirkungen  nicht
auf  die  Grenzen  des  Königreichs  beschränken,  sondern  ebenso
sehr  die  Sicherheit  der  benachbarten  königlichen  Provinzen,  als
diejenige  der  westlichen  Gouvernements  des  Kaiserreichs  gefährden
  wird.  Unserer  Ansicht  nach  ist  demnach  die  Stellung
beider  Höfe  der  polnischen  Revolution  gegenüber  sachlich  diejenige
  zweier  Bundesgenossen,  die  von  einem  gemeinschaftlichen
Feinde  bedroht  werden.“  Es  sei  also  zu  verabreden,  daß  die
beiderseitigen  Truppenführer  an  beiden  Seiten  der  Grenze  angewiesen
  würden,  einander  jede  zur  Herstellung  der  Ruhe  und  Überwältigung
  des  Aufruhrs  erforderliche  Unterstützung  zu  leisten.

Wer  damals  in  Europa  um  sich  blickte,  hätte  Anlaß
gehabt,  einen  solchen  Schritt  für  ein  vermessenes  Wagniß  zu
erklären.  Denn  einstimmig  jubelte  die  Presse  aller  Culturländer
  der  polnischen  Erhebung  zu;  einstimmig  war  das  Verdammungsurtheil
  über  die  russische  Tyrannei,  welche  jetzt
durch  eine  gesetzwidrige  Recrutirung  ein  duldendes  Volk  in
den  Verzweiflungskampf  gejagt  hätte.  Die  Strömungen,
die  sich  sonst  neutralisirten,  die  liberale,  die  klerikale,  die
nationale,  hier  wirkten  sie  zusammen  und  hatten  den  Beifall
der  öffentlichen  Meinung  und  energische  Vertreter  bei  den
mächtigsten  Regierungen  für  sich.  Es  gehörte  eine  sichere
Entschlußkraft  dazu,  diesem  allgemeinen  Drange  entgegen  zu
treten,  und  sich  offen  an  die  Seite  des  völlig  vereinzelten
und  gemiedenen  Rußland  zu  stellen.

Eben  diese  Verhältnisse  verschafften  aber  dem  preußischen
General  bei  Kaiser  Alexander  eine  doppelt  gnädige  Aufnahme.
        <pb n="517" />
        1863  Entwurf  eines  russisch-preußischen  Vertrags.  507

Jc  schmerzlicher  der  weiche  Sinn  des  Monarchen  den  gegen
ihn  entfesselten  Sturm  empfand,  desto  erquicklicher  war  ihm
das  Erscheinen  dieser  Botschaft  treuer  Freundesgesinnung.
Von  ganzem  Herzen  schlug  er  in  die  Hand  des  Bundesgenossen
  ein:  für  seine  Lebenszeit  war  die  panflavistische  Verbrüderung
  zwischen  Polen  und  Russen  nicht  mehr  zu  befahren.
Im  Ubrigen  fand  Alvensleben,  daß  Wielopolski  auch  bei  dem
Kaiser  noch  in  Gnaden  stehe:  Alexander  sprach  mit  Theilnahme
  und  Entrüstung  von  zwei  neuen  Vergiftungsversuchen
gegen  den  tüchtigen  Mann.  Auch  sonst,  meldete  Alvensleben,
habe  hier  der  Marquis  eine  starke  Partci;  im  russischen  Volke
sei  die  Stimmung  getheilt,  auf  der  einen  Seite  wüthender
Haß  gegen  die  polnischen  Meuchelmörder,  auf  der  andern  die
Meinung,  daß  Rußland  an  der  Beherrschung  Polens  durch
das  Haus  Gottorp  nicht  das  geringste  Interesse  habe.  Unerschüttert
  aber  blieb  der  Kaiser  auf  seinem  Standpunkt,  die
Rebellion  möglichst  rasch  zu  unterdrücken,  und  dann  das
Land  möglichst  gut  zu  verwalten.  Auf  seinen  Besehl  machte
Gortschakoff  dem  preußischen  General  den  Vorschlag,  die  erforderlichen
  Maaßregeln  in  einer  schriftlichen  Convention  oder
Purnctation  festzustellen.  Alvensleben  hatte  allerdings  dafür
weder  Auftrag  noch  Vollmacht,  sah  aber  bei  der  Einfachheit
der  Sache  auch  keinen  Grund,  sich  dem  Wunsche  des  Vicekanzlers
  zu  entziehen,  und  sandte  am  6.  Februar  den  Entwurf
  ciner  solchen  Punctation  nach  Berlin.  Er  lautete  dahin,
  daß  auf  Ersuchen  des  russischen  oder  des  preußischen
Oberbefehlshabers  oder  der  beiderseitigen  Grenzbehörden  die
beiderseitigen  Truppenführer  bevollmächtigt  werden,  sich  gegenseitig
  Hülfe  zu  leisten,  und  nöthigesfalls  auch  die  Grenze  zu
überschreiten,  zur  Verfolgung  der  Rebellen,  die  aus  dem  einen
        <pb n="518" />
        508  Preußen  und  Rußland.  1863

Lande  in  das  andere  überträten.  Besondere  Officiere  beider
Theile  würden  den  Hauptquartieren  der  Höchstcommandirenden
  und  der  Corpsführer  beigegeben  und  in  Kenntniß  aller
Bewegungen  erhalten  werden.  Dann  noch  ein  Artikel,  den
Gortschakoff  geheim  zu  halten  bat:  man  wird  dem  preußischen
Befehlshaber  jede  Notiz  über  politische  Umtriebe  betreffend
Posen  zukommen  lassen.  König  Wilhelm  war  im  UÜbrigen
einverstanden,  wünschte  aber  für  den  geheimen  Artikel  die
Reciprocität.  Gortschakoff  setzte  dann  dem  Entwurfe  am
Schlusse  noch  die  Worte  hinzu,  die  im  Grunde  das  Ganze
wieder  aufhoben:  dieses  Arrangement  wird  so  lange  in  Kraft
bleiben,  als  die  Lage  der  Dinge  es  erfordert,  und  die  beiden
Höfe  es  angemessen  erachten.  Ein  Vertrag,  von  dem  jeder
Theil  jeder  Zeit  zurücktreten  kann,  ist  streng  genommen  kaum
noch  ein  Vertrag  zu  nennen.  Das  Document  wurde  dann
am  8.  Februar  von  Alvensleben  und  Gortschakoff  unterzeichnet.
Eine  Ratification  durch  die  beiden  Souveräne  fand  nicht
Statt.  Wohl  aber  gedachte  Gortschakoff,  welchem  Alvensleben's
  Sendung  in  jeder  Beziehung  abscheulich  war,  für  den
Verdruß,  den  ihm  Preußen  in  Petersburg  gemacht,  an  einem
andern  Ort  Vergeltung  zu  üben:  gleich  am  9.  Februar  beeilte
er  sich,  dem  französischen  Gesandten,  Herzog  von  Montebello,
den  Text  der  Convention  mitzutheilen  1).

Bismarck  war  übrigens  selbst  nicht  gesonnen,  aus  dem
wesentlichen  Inhalt  der  Convention  der  Welt  ein  Geheimniß
zu  machen.  Beinahe  die  Hälfte  des  preußischen  Heeres,  vier
Armeecorps  von  neun,  waren  in  Kriegsbereitschaft  gesetzt  und
an  der  langen  polnischen  Grenze  von  Insterburg  bis  Oppeln

1)  So  erzählte  es  Montebello  selbst  dem  preußischen  Gesandten
von  Redern.
        <pb n="519" />
        1863  Unsichere  Lage  in  Polen.  509

vertheilt:  bei  einer  solchen  Machtentfaltung  war  man,  was
auch  jenseits  der  Grenze  geschehen  mochte,  der  Ruhe  im  eigenen
Land  gewiß  und  für  jede  weitere  Entschließung  gerüstet.
Alvensleben  hatte  auf  der  Rückreise  in  Warschau  die  dortige
Regierung  siegessicher  und  also  über  die  preußische  Convention,
bei  der  sie  als  hülfsbedürftig  erschien,  sehr  verdrießlich  gefunden.
Sie  trug  denn  auch  in  der  Instruction  für  die  russischen
Generale  Sorge,  die  Fälle  und  die  Ausdehnung  der  Grenzüberschreitung
  auf  ein  möglichst  geringes  Maaß  zu  beschränken,
was  dann  natürlich  entsprechende  Weisung  für  die  preußischen
Truppenführer  zur  Folge  hatte.  Über  die  thatsächlichen  Verhältnisse
  in  Polen  berichteten  sonst  Alvensleben  und  die  ihn
begleitenden  Officiere  wenig  erbauliche  Kunde.  Es  gab  keine
sichere  Leitung  und  keinen  festen  Plan  in  dem  Armeecommando;
jeder  Corpsführer  operirte  auf  eigene  Faust;  einig  waren  sie
nur  in  ihrem  Widerwillen  gegen  Wielopolski,  den  sie  ohne
Weiteres  als  Reichsverräther  betrachteten.  Das  Land  wimmelte
jetzt  in  allen  Provinzen  von  bewaffneten  Banden,  meistens
kleiner  Kopfzahl,  da  die  Bauern  den  Anschluß  an  die  Revolution
  hartnäckig  versagten;  größere  Haufen  zeigten  sich  nur
im  Südwesten,  in  Folge  des  aus  Schlesien  oder  Galizien
herüber  kommenden  Zuzugs.  Uberall  verkündeten  die  Führer,
daß  auswärtige  Hülfe  nahe  sei,  und  belebten  damit  den  Muth
ihrer  Leute.  Bei  dieser  allseitigen  Ungewißheit  der  dortigen
Lage  hielt  Bismarck  es  für  angemessen,  den  Großmächten
über  Preußens  Haltung  auch  nicht  den  leisesten  Zweifel  zu
lassen.  Am  11.  Februar  hatte  er  ein  Gespräch  mit  dem
englischen  Gesandten  Sir  Andrew  Buchanan.  Er  bereitete
ihn  vertraulich  auf  den  Abschluß  einer  Convention  mit  Rußland
  zu  gemeinschaftlicher  Unterdrückung  des  Aufstandes  vor.
        <pb n="520" />
        510  Preußen  und  Rußland.  1863

Sir  Andrew  fragte,  ob  dabei  auch  Überschreitung  der  Grenze
durch  die  beiderseitigen  Truppen  zugelassen  sei.  Bismarck
bejahte  mit  der  bestimmten  Erklärung,  daß  Preußen  ein  unabhängiges
  Polen  an  seiner  Grenze  nimmermehr  dulden
könnte.  Wie  aber,  sagte  Sir  Andrew,  wenn  der  immerhin
mögliche  Fall  einträte,  daß  die  Russen  aus  Polen  hinausgeschlagen
  würden,  was  würdet  Ihr  dann  thun?  Dann,
erwiderte  Bismarck,  müßten  wir  das  Königreich  selbst  zu  besetzen
  suchen,  um  dies  Aufkommen  einer  uns  feindlichen  Macht
zu  hindern.  Dies  wird  Europa  niemals  dulden,  rief  darauf
Sir  Andrew,  und  wiederholte  es  mehrmals.  Bismarck  fragte
kurz:  wer  ist  Europa?  Verschiedene  große  Nationen,  sagte
der  Gesandte.  Sind  sie  bereits  darüber  einig?  fragte  Bismarck.
  Sir  Andrew  vermied  eine  positive  Antwort,  erklärte
aber,  daß  Frankreich  sich  in  der  Unmöglichkeit  befände,  eine
neue  Unterdrückung  Polens  zuzulassen.  Für  uns,  wiederholte
  Bismarck,  ist  die  Unterdrückung  des  Aufstandes  eine
Frage  über  Leben  und  Tod;  schloß  aber  das  Gespräch  mit
der  Bemerkung,  daß  es  unnütz  sei,  nicht  vorliegende  Möglichkeiten
  zu  erörtern.

In  ähnlichem  Sinne  sprach  er  gleich  nachher  mit  dem
französischen  Gesandten,  Herrn  von  Talleyrand,  der  sich  auf
die  Erklärung  beschränkte,  daß  er  die  Ansichten  seiner  Regierung
  über  Polen  noch  nicht  kenne.  Bismarck  redete  zu
ihm  um  so  unbefangener,  als  er  schon  als  Gesandter  in
Paris  auf  eine  Außerung  Napoleon's,  man  müsse  etwas  für
Polen  thun,  seine  eigene  Auffassung  in  nachdrücklicher  Form
dem  Kaiser  ohne  weitern  Widerspruch  vorgetragen,  und  so
eben  erst,  am  4.  Februar,  die  französische  Regierung  im
gesetzgebenden  Körper  einen  polenfreundlichen  Antrag  Jules
        <pb n="521" />
        1863  Frankreichs  drohende  Haltung  gegen  Preußen.  511

Favre's  bekämpft  und  Polen  auf  die  Großherzigkeit  und
Humanität  Kaiser  Alexander's  verwiesen  hatte.

Hier  aber  stand  ihm  eine  schwere  Enttäuschung  bevor.

Napoleon  war  allerdings  ein  Gegner  der  rothen  Partei,
wie  im  übrigen  Europa,  so  auch  in  Polen.  Aber  gerne
wäre  er  auf  Gortschakoff's  und  Wielopolski's  System  eingegangen,
  und  schon  hienach  war  ihm  die  preußische  Convention
  zuwider.  Dazu  kam  das  heftige  Brausen  der  öffentlichen
Meinung  Frankreichs,  wo  der  ganze  Klerus  mit  den  Liberalen
Hand  in  Hand  zu  Gunsten  Polens  ging,  und  gerade  jetzt
binnen  Kurzem  allgemeine  Wahlen,  wo  der  Regierung  die
Unterstützung  des  Klerus  wichtig  war,  bevorstanden.  So
eingeklemmt  zwischen  der  nationalen  Sympathie  für  Polen
und  der  eigenen  für  Rußland,  kam  die  Regierung  auf  den
Gedanken,  ob  sich  „für  Polen  etwas  thun  lasse“,  wenn  man
die  Spitze  der  Agitation  nicht  gegen  Rußland,  die  origo  mali,
sondern  gegen  das  mitschuldige  Preußen  richte.  Niemand
konnte  zu  einem  solchen  Verfahren  eifriger  bereit  sein,  als
Drouyn  de  Lhuys.

Schon  am  15.  Februar  äußerte  er  gegen  den  preußischen
Gesandten  Grafen  Goltz:  „wir  begreifen,  daß  jede  der  drei
Theilungsmächte  ihre  polnischen  Provinzen  zu  behalten  strebt.
Aber  wir  dachten,  Ihr  wäret  zum  Schutze  Posens  allein
stark  genug,  und  hättet  den  Russen  ihre  Aufgabe  allein  überlassen
  können.  Dann  wäre  nur  ein  Drittel  der  polnischen
Frage  aufgerührt  worden,  und  wir  hätten  ruhig  zusehen
dürfen.  Die  Lage  ändert  sich,  wenn  die  ganze  polnische
Sache  in  Frage  kommt.  Ich  fürchte,  Ihr  selbst  habt  voreilig
  diese  Frage  gestellt.  Besorgt  Ihr  nicht,  daß  Eure
Solidarität  bei  den  Stimmungen  des  englischen  und  des
        <pb n="522" />
        512  Preußen  und  Rußland.  1863

französischen  Volkes  eine  andere  Solidarität  hervorrufen
wird?“

Er  redete  zwar  im  freundlichsten  Tone;  er  spreche  nur
Befürchtungen  aus,  von  denen  er  hoffe,  daß  sie  sich  nicht
verwirklichen  würden.  Aber  schon  am  17.  Februar  sandte
er  eine  Depesche  gleiches  Inhalts  an  Talleyrand:  die  polnische
Sache  war  bisher  eine  locale,  durch  die  preußische  Convention
  ist  sie  eine  europäissche  geworden.  Am  18.  ließ  er  eine
Depesche  an  Montebello  nach  Petersburg  abgehen,  worin  er
unter  Bezugnahme  auf  die  Wiener  Congreßacte  von  1815,  deren
Bestimmungen  Rußland  nicht  erfülle,  die  Besorgniß  aussprach,
daß  zwischen  beiden  Höfen  eine  gespannte  Lage  entstehen
könnte.  Daß  er  der  Treiber  in  der  Sache  war,  zeigt  hier
die  Berufung  auf  die  Verträge  von  1815,  welche  dem  Kaiser,
wie  jedem  Bonaparte  gründlich  verhaßt  waren.  Gegen  Goltz
steigerte  er  den  Ton  mit  jedem  Tage,  bis  zu  der  unumwundenen
  Erklärung,  daß  nur  Bismarck's  Entlassung  ein
gutes  Verhältniß  herstellen  könnte.  Viel  weniger  feindselig,
wenn  auch  in  gleicher  Tendenz,  sprach  der  Kaiser  am  20.  mit
Goltz:  Ihr  wißt,  wie  ich  stets  den  Wunsch  zu  engem  Einvernehmen
  mit  Preußen  gehabt  habe;  hätte  Osterreich  einen
solchen  Fehler  gemacht,  wie  Preußen  durch  diese  Convention,
es  wäre  mir  gleichgültig  gewesen;  jetzt,  wo  es  durch  Preußen
geschehen,  macht  mir  der  Vorgang  wahren  Kummer.  Indessen,
trotz  dieses  Kummers  war  man  einmal  im  Zuge,  und  am  21.
ging  nach  London  und  nach  Wien  der  Entwurf  einer
identischen  Note  ab,  in  welcher  die  drei  Mächte,  allerdings
mit  den  höflichsten  Redewendungen,  dem  preußischen  Cabinet
ihr  tiefes  Bedauern  über  den  Abschluß  der  Convention  und
zugleich  die  Hoffnung  ausdrücken  sollten,  daß  Preußen  die
        <pb n="523" />
        1863  Frankreichs  Angriffsplan  gegen  Preußen  mißlingt.  513

baldige  Kündigung  derselben  in  seinem  Interesse  finden  möchte.
Drouyn  de  Lhuys  zweifelte  nicht  an  der  Zustimmung  der
beiden  Höfe;  er  wußte,  daß  in  Wien  der  Zorn  gegen  Preußen
wegen  Bundesreform  und  Handelsvertrag  lichterloh  brannte,
daß  die  einflußreichsten  Berather  Rechberg's,  die  Herren  von
Biegeleben  und  von  Meysenbug,  schon  aus  katholischem  In—
teresse  eifrige  Polenfreunde  waren,  und  daß  in  Galizien  die
Polen  ungehindert  Geld  und  Freischaaren  über  die  Grenze
senden  durften;  in  London  aber  schwärmte  die  öffentliche
Meinung  für  Polen,  und  noch  am  20.  hatte  im  Parlamente
  der  Minister  Lord  John  Russell  erklärt,  die  Recrutirung
  in  Warschau  sei  der  unklügste  und  ungerechteste  Schritt
gewesen,  den  Rußland  hätte  thun  können,  und  durch  die
Convention  habe  Preußen  nachträglich  die  Verantwortung
für  die  gehässige  Maaßregel  mit  übernommen.  Welcher  Grund
konnte  also  die  beiden  Mächte  von  der  Unterzeichnung  der
so  gelinde  stilisirten  Note  abhalten?

Allein  trotz  alledem  war  die  Rechnung  ein  Fehlschluß.

Lord  John  war  allerdings  als  rechtgläubiger  Whig  voll
von  Sympathie  für  Polen,  wie  für  alle  unterdrückten  Nationen,
  erkannte  aber  die  Gefahr  des  Aufstandes  für  Preußen
an,  und  wünschte  als  praktischer  Staatsmann  aus  vielen
Gründen  durchaus  nicht,  Preußen  zu  schädigen  oder  geschädigt
zu  sehen.  Demnach  erwiderte  er  auf  die  französische  Mittheilung,
  daß  bei  aller  Höflichkeit  des  Stils  eine  identische
Note  als  solche  die  wuchtigste  und  beinahe  drohende  Form
einer  Vorstellung  sei.  So  sehr  er  die  Convention  tadle,  so
sei  ihre  praktische  Bedeutung  doch  nicht  groß  genug,  um  zu
einem  Schritte  dieser  Art  den  Anlaß  zu  bieten  Uberhaupt

aber,  wenn  man  einschreiten  wolle,  warum  gegen  den  Helfer,
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  33
        <pb n="524" />
        514  Preußen  und  Rußland.  1863

warum  nicht  gegen  den  Urheber  des  Übels?  England  also
lehnte  die  Note  an  Preußen  ab,  und  forderte  statt  dessen  die
Unterzeichner  der  Wiener  Congreßacte  zu  gemeinsamen  Schritten
gegen  Rußland  auf.  Osterreich,  welches  seine  Beziehungen
zu  England  damals  immer  fester  zog,  weigerte  aus  Mißtrauen
gegen  Napoleon  trotz  alles  sonstigen  Zwistes  mit  Preußen
der  identischen  Note  seine  Unterschrift.  Die  Action  des
französischen  Ministers  endigte  also  mit  einem  diplomatischen
Fiasco.  Dennoch  aber  war  sie  bedeutungsschwer.  Die  französische
  Regierung  hatte  sich  damit  zu  der  Pflicht  bekannt,
die  polnische  Sache  zu  unterstützen.  Dabei  hatte  sie  eine
Niederlage  erlitten,  und  eine  solche  vermochte  Napoleon  seinem
Volke  gegenüber  weniger  als  ein  legitimer  Herrscher  zu  ertragen.
  Wenn  also  England  jetzt  zu  neuem  Vorgehen  gegen
Rußland  aufforderte,  so  war  dem  Kaiser  die  Ablehnung
doppelt  erschwert,  obgleich  sich  die  Folgen  eines  solchen
Schrittes  in  keiner  Beziehung  überblicken  ließen.

Bismarck  hatte  der  Entwicklung  der  französischen  Thätigkeit
  in  diesen  Tagen  nicht  ohne  Besorgniß,  aber  mit  fester
Entschlossenheit  entgegen  gesehen,  und  gleich  nach  den  ersten
Berichten  darüber  dem  französischen  Gesandten  im  Voraus
erklärt,  daß  es  für  Preußen  in  der  polnischen  Sache  keine
Wahl  gebe,  daß  er  also  für  eine  Verwendung  zu  Polens
Gunsten  keine  andere  als  eine  ablehnende  Antwort  haben
würde.  Dann  aber  wurde  er  durch  eine  befremdliche  Eröffnung
  von  der  entgegengesetzten  Seite  her  überrascht.  Am
22.  Februnar  erschien  bei  ihm  der  russische  Gesandte,  Herr
von  Oubril,  und  meldete  die  Ansicht  seiner  Regierung  an,
es  sei  bei  der  europäischen  Lage  dringend,  die  Clausel  der
Convention,  welche  den  beiderseitigen  Truppenführern  Voll-
        <pb n="525" />
        1863  Gortschakoff's  Umtriebe  gegen  Preußen.  515

macht  zur  Uberschreitung  der  Grenze  gebe,  außer  Wirksamkeit
zu  setzen.  Das  war  ungefähr  gleichbedeutend  mit  Suspension
  des  ganzen  Vertrags,  da  jene  Vollmacht  zur  Grenzüberschreitung
  die  einzige  Bestimmung  desselben  enthielt,  für
die  eine  zweiseitige  Abrede  erforderlich  war.  Immerhin  wurde
sofort  der  preußische  Commandirende  im  Sinne  von  Oubril's
Begehren  instruirt,  und  Oubril  davon  benachrichtigt.  Zwei
Tage  später  folgte  eine  weitere  Überraschung  durch  ein  Telegramm
  aus  Warschau,  daß  Großfürst  Constantin  von  Gortschakoff
  Weisung  erhalten  habe,  da  Preußen  wegen  Pariser
Nachrichten  trotz  Alvensleben's  Arrangement  keine  lberschreitung
  der  Grenze  wünsche,  die  entsprechenden  Befehle  an  die
russischen  Generale  zu  erlassen.  Bismarck  war  nicht  wenig
erstaunt,  daß  hier  der  Wunsch  auf  Suspension  oder  Aufhebung
  der  Convention  Preußen  zugeschoben  wurde.  Jedesfalls
  aber  war  hiemit  der  Convention  jede  praktische  Bedeutung
entzogen,  und  Bismarck  nahm  darauf  keinen  Anstand,  in
Oubril's  Gegenwart  dem  englischen  Gesandten  zu  erklären,
die  Convention  werde  fortan  ein  todter  Buchstabe  bleiben.
Gleich  nachher  stellte  sich  jedoch  heraus,  daß  dies  ganze  Getreibe
  hinter  dem  Rücken  des  Kaisers  durch  Gortschakoff  veranlaßt
  worden  war.  Alexander  erfuhr  davon  erst  durch
Gortschakoff's  unwahre  Meldung,  daß  Preußen  die  Aufhebung
der  Convention  begehre,  und  wurde  dadurch  in  lebhafte  Bewegung
  versetzt.  Am  25.  Februar  empfing  er  den  preußischen
Militärbevollmächtigten,  Herrn  von  Loen,  und  fragte  ihn
ganz  erregt:  „wissen  Sie,  was  geschehen?  wenn  Militärs
mit  einander  verhandeln,  geht  immer  Alles  gut;  wenn  sich
aber  die  Diplomaten  hinein  mischen,  geschehen  lauter  Dummheiten.

  Ich  habe  mit  Freuden  auf  den  Wunsch  des  Königs
33•
        <pb n="526" />
        516  Preußen  und  Rußland.  1863

die  Convention  beschlossen;  jetzt  höre  ich,  daß  Preußen  aus
Gründen  seiner  innern  und  äußern  Politik  die  Aufhebung
derselben  begehrt;  ich  bin  sofort  auch  dazu  bereit,  obgleich  ich
nicht  absehe,  was  Frankreich  die  Convention  angehen  kann.
Oder  hat  man  etwa  in  Berlin  geglaubt,  Rußland  wünsche
von  derselben  zurückzutreten?  freilich  bedürfen  wir  sie  bei  dem
besseren  Stande  der  Dinge  in  Polen  nicht  mehr,  aber  an
einen  Rücktritt  habe  ich  gar  nicht  gedacht,  obgleich  ich,  wie
gesagt,  auch  dazu  bereit  bin,  wenn  ich  damit  Preußen  Verlegenheiten
  ersparen  kann.  Hat  Oubril  etwas  Anderes  gesagt,
so  werde  ich  ihn  desavouiren.“  Loen  bat  seine  Regierung
telegraphisch  um  Instruction,  und  erhielt  am  28,  den  Bescheid,
daß  dem  preußischen  Cabinet  die  Aufhebung  der  Convention
zwecklos  erscheine;  es  sei  dem  Auslande  gegenüber  richtiger,
zu  sagen,  daß  sie  bisher  noch  unvollendet  geblieben,
durch  Mangel  der  nöthigen  Ausführungsbestimmungen.  Am
folgenden  Tage  empfing  ihn  der  Kaiser  wieder  mit  der  Frage:
also  Preußen  wünscht  die  Aufhebung  der  Convention?  —
war  aber  freudig  überrascht,  als  Loen  ihm  Bismarck's  Depesche
  vorlas,  und  sprach  im  vollen  Ergusse  seine  Genugthuung
  über  die  Aufklärung  des  Mißverständnisses  und  den
Entschluß  zu  festem  Zusammenhalten  aus.

Gortschakoff's  Intrigue  war  damit  in  ihrem  Hauptzweck,
der  Auflockerung  der  vertrauten  Beziehungen  zwischen  den
beiden  Souveränen,  abgewehrt.  Mit  andern  Beschwernissen
aber  hatte  zu  gleicher  Zeit  Bismarck  im  Innern  zu  kämpfen,
mit  der  feindseligen  Stimmung  des  Hauses  der  Abgeordneten,
welches  auch  die  polnische  Sache  in  den  Bereich  seiner  Verhandlungen
  zog.  Seit  dem  Schlusse  der  letzten  Session  hatte
die  Ansicht,  daß  die  Fortführung  einer  Verwaltung  ohne
        <pb n="527" />
        1863  Angriffe  des  Abgeordneten-Hauses  auf  Bismarck.  517

Budget  ein  schwerer  Verfassungsbruch  sei,  weitere  Verbreitung
im  Lande  gefunden  und  bei  den  Parteien  immer  festere
Wurzel  gefaßt.  Gleich  bei  der  Eröffnung  der  neuen  Session
fand  sie  in  einer  Adresse  an  den  König  mit  offener  Anklage
gegen  die  Minister  einen  energischen  Ausdruck.  Da  jedoch  der
König  fest  zu  seinen  Räthen  stand,  und  zu  einem  gerichtlichen
Verfahren  gegen  diese  die  Verfassung  keine  Mittel  bot,  so  kam
die  Meinung  auf,  die  Beseitigung  der  verhaßten  Minister  durch
Ablehnung  oder  Bestreitung  jedes  Antrags,  jedes  Vornehmens
derselben  zu  erzwingen,  den  Kampf,  wie  man  dies  nannte,
auf  der  ganzen  Linie  zu  eröffnen.  Als  die  Convention  vom
8.  Februar  zur  Sprache  kam,  über  deren  unbekannten  Text
die  übertriebensten  Gerüchte  umliefen,  war  es  übrigens  nur
bei  wenigen  Mitgliedern  die  Begeisterung  für  ein  unabhängiges
Polen,  welche  zu  schleuniger  Verhandlung  antrieb:  es  war
vielmehr  die  Sorge  vor  einem  großen  europäischen  Krieg,  in
welchen  durch  Bismarck's  tolldreiste  Politik  das  Land  hineinzutreiben
  schien.  Die  Masse  des  Volkes  und  des  Hauses
hatte  über  ihn  wie  bei  dem  Budgetstreit  die  Überzeugung,
daß  dieser  übermüthige  Junker  nichts  als  reactionäre  Unterdrückung
  jeder  Freiheit  im  Sinne  trage,  und  deshalb  auch
Polen  unterdrücken  helfe,  auf  die  Gefahr  hin,  daß  Preußen
durch  einen  übermächtigen  Angriff  der  Westmächte  zu  Grunde.
gerichtet  würde.  Nach  einer  dreitägigen  leidenschaftlichen
Debatte,  bei  welcher  Bismarck  jede  Mittheilung  über  Inhalt
und  Zweck  der  Convention  verweigerte,  beschloß  das  Haus
mit  einer  überwältigenden  Mehrheit,  daß  Preußens  Wohl
eine  strenge  Neutralität  während  der  polnischen  Kämpfe  erfordere.
  Bei  der  glühenden  Erbitterung  des  Verfassungskampfes
  kam  kein  Gedanke  auf,  daß  ein  solcher  Beschluß  das
        <pb n="528" />
        518  Preußen  und  Rußland.  1863

Ansehen  der  Regierung  im  Auslande  schädigen,  und  damit
die  Preußen  vielleicht  bedrohenden  Gefahren  vermehren  könne.
Noch  viel  weniger  hatte  jemand  im  Hause  oder  im  Lande
eine  Ahnung,  daß  Bismarck  durch  die  Convention,  und  durch
die  hiemit  erlangte  Befestigung  der  russischen  Freundschaft,
den  ersten  Stein  zum  Fundamente  für  Preußens  künftige
Größe  gelegt  hatte.

Indessen  ließ  sich  der  Minister  weder  durch  diese  Angriffe,
  noch  durch  Gortschakoff's  Umtriebe  oder  durch  französische
  Drohungen  um  eines  Haares  Breite  von  seiner  Linie
abdrängen.  Die  englische  Aufforderung,  sich  an  einem
Schritte  der  Wiener  Congreßmächte  in  Petersburg  zu  betheiligen,
  wies  er  zurück,  weil  sie  dem  preußischen  Standpunkt
  in  der  Sache  nicht  entspreche.  Übrigens  legte  sich
allmählich  der  Sturm  über  die  Februar-Convention,  als  die
englischen  Zeitungen  Bismarck's  Ausspruch,  sie  werde  ein
todter  Buchstabe  bleiben,  veröffentlichten,  vor  Allem  aber,  als
in  Polen  der  Verlauf  der  Kämpfe  zu  keiner  Grenzüberschreitung
  mehr  Veranlassung  gab.  Das  Nationalcomité
hatte  Mieroslawski  zum  Dictator  ernannt,  dieser  hatte  am
17.  Februar  den  Befehl  über  eine  stärkere  Schaar  in  der
Nähe  der  preußischen  Grenze  übernommen,  war  aber  schon
am  22.  nicht  weit  von  Kalisch  durch  russische  Truppen  angegriffen,
  gänzlich  geschlagen,  seine  Leute  zersprengt,  er  selbst
flüchtig  geworden,  und  damit  für  immer  vom  Schauplatz
verschwunden.  Dies  erweckte  bei  der  weißen  Partei  der
großen  Grundbesitzer,  die  bisher  ganz  in  das  Schlepptau  der
Rothen  gerathen  war,  den  Muth  zu  neuer  Selbständigkeit.
Durch  Ladislas  Czartoryski  erfuhren  sie  aus  Paris,  daß
Napoleon  von  Mieroslawski,  als  einem  Genossen  Mazzini's
        <pb n="529" />
        1863  Unglückliche  Kämpfe  der  Polen.  519

und  des  Londoner  Revolutionscomité's,  nichts  habe  wissen
wollen,  besonnenere  Patrioten  aber  zu  unterstützen  gerne  bereit
sei.  So  erhob  jetzt  die  Partei  einen  gewissen  Langiewicz  aus
Posen  zu  ihrem  Führer,  welcher  dann  auch  im  Süden  des
Landes  eine  ansehnliche  Bande  zusammenbrachte,  seinerseits
den  Titel  eines  Dictators  annahm,  und  eine  Civilregierung
einsetzte,  dadurch  aber  den  Zorn  des  Nationalcomite's  in
solchem  Grade  erregte,  daß  es  drei  Agenten  in  sein  Lager
mit  dem  Auftrag  abordnete,  den  eigenmächtigen  Aufrührer  zu
ermorden.  Die  Sendlinge  wurden  jedoch  entdeckt,  verhaftet
und  zum  Tode  verurtheilt:  sie  sollten  eben  gehenkt  werden,
als  die  Russen  am  19.  März  über  das  Lager  hereinbrachen,
den  Haufen  auseinander  jagten  und  Langiewicz  zur  Flucht
nach  Galizien  zwangen.  Wenige  Tage  später  erlagen  zwei
andere  größere  Insurgentenbanden  einem  gleichen  Geschick,  so
daß  jetzt  an  keiner  Stelle  eine  stärkere  Streitmacht  der  Rebellen
  mehr  das  Feld  behauptete.  Bei  geordnetem  Zusammenwirken
  der  russischen  Truppen  wäre  jetzt  die  Ruhe  bald  herzustellen
  gewesen,  zumal  die  große  Masse  der  Bauern  gut
kaiserlich  gesinnt  blieb,  rebellische  Kanzelredner  todtschlug,
meuterische  Grundbesitzer  der  Polizei  überlieferte,  so  daß  bei
einer  Abstimmung  nach  allgemeinem  Stimmrecht  das  polnische
Volk  mit  bedeutender  Mehrheit  den  Zaren  als  Herrscher  anerkannt
  hätte.  Allein  bei  der  königlichen  Regierung  stand  es,
was  Einigkeit  betraf,  nicht  besser  als  bei  der  revolutionären.
Der  Großfürst  und  noch  entschiedener  als  er  die  Großfürstin,
  hielten  fest  zu  Wielopolski,  welcher  trotz  des  Belagerungsstandes
  die  Wirksamkeit  seiner  Civilbehörden  aufrecht
zu  erhalten  und  die  militärischen  Maaßregeln  zu  mildern
suchte.  Die  Officiere  wütheten  über  das  ganze  System,
        <pb n="530" />
        520  Preußen  und  Rußland.  1863

General  Ramsay  bat  dringend  um  seine  Entlassung  und
beantragte  die  Ernennung  des  einsichtigen  und  kräftigen
Generals  Grafen  Berg  zum  Adlatus  des  Großfürsten,  mit
herrschender  Vollmacht  über  Militär=  und  Civilverwaltung.
Auch  in  Petersburg  ging  jetzt  die  vorherrschende  Strömung
scharf  gegen  Wielopolski,  dem  man  die  verzögerte  Erdrückung
  des  Aufstandes  zur  Last  legte,  indessen  ließ  sich  der
Kaiser  durch  seinen  Bruder  und  seinen  Vicekanzler  noch
mehrere  Wochen  von  entschiedenen  Schritten  zurückhalten.
Ramsay  erhielt  einen  Nachfolger,  dessen  größtes  Verdienst
seine  vertraute  Beziehung  zu  dem  Großfürsten  war,  und  der
Kampf  gegen  die  Rebellen  schleppte  sich  in  dem  bisherigen
Schlendrian  fort.  Die  Truppen  besiegten  jede  Bande,  mit
der  sie  zusammentrafen,  beherrschten  aber  bei  der  völligen
Unzuverlässigkeit  der  polnischen  Civilbehörden  das  Land
überall  nur  an  dem  Punkte,  wo  sie  eben  standen.  So  kam
gegen  Ende  März  der  Kaiser  zu  dem  Entschluß,  wenigstens
in  die  militärischen  Operationen  durch  eine  kräftigere  Hand
Zusammenhang  und  Energie  zu  bringen,  ohne  jedoch  die
Civilverwaltung  und  deren  Leiter  der  militärischen  Dictatur
vollständig  zu  unterwerfen.  Am  30.  März  wurde  Graf
Berg  zum  militärischen  Adlatus  des  Großfürsten,  d.  h.  zum
Höchstrommandirenden  in  Polen  ernannt.  Alle  Welt  sah
darin  ein  Vorzeichen  für  den  nahen  Sturz  des  polonisirenden
Systems,  und  die  demnächstige  Abberufung  des  Großfürsten
und  Wielopolski's.  Unmittelbar  daran  schloß  sich  eine  weitere
Maaßregel,  deren  Ankündigung  allerdings  weniger  an  die
Adresse  der  polnischen  Insurgenten,  als  an  die  der  auswärtigen,
  der  polnischen  Erhebung  zugethanen  Mächte  ging.
Bisher  hatte  auf  Anlaß  der  Empörung  Rußland  vier
        <pb n="531" />
        1863  Englands  diplomatische  Schritte  zu  Gunsten  Polens.  521

Armeecorps  mobil  gemacht;  jetzt  erfolgte  der  Befehl,  die
ganze  Armee  auf  Kriegsfuß  zu  setzen  und  die  Petersburg
deckende  Seefestung  Kronstadt  zu  armiren.  Zugleich  gingen
ansehnliche  Verstärkungen  nach  Polen,  welchen  dann  in  die
bisherigen  Stellungen  aus  dem  Innern  nicht  geringere  Streitkräfte
  nachrückten.  Rußland  sah  sich  vor,  jeder  aus  dem
Westen  kommenden  Feindseligkeit  fest  gewappnet  Stand  zu
halten.

Wohl  hatte  das  russische  Cabinet  Anlaß  zu  solchen  Vorkehrungen.
  England  war  zwar  sehr  entschlossen,  wegen  Polens
nicht  selbst  Rußland  den  Krieg  zu  erklären,  freute  sich  aber
von  Herzen  jeder  dem  orientalischen  Rivalen  erwachsenden
Verlegenheit,  und  strengte  alle  Kräfte  an,  die  übrigen  Großmächte
  zum  Anschluß  an  sein  Thema  zu  bringen,  daß  Rußland
  die  Bedingungen,  unter  welchen  ihm  1815  der  Wiener
Congreß  das  Königreich  Polen  zugetheilt,  nicht  erfüllk,  sondern
die  damals  verheißene  und  eingeführte  Constitution  1831
wieder  aufgehoben  habe,  daß  es  folglich  durch  einen  Spruch
Europas  zur  Erfüllung  seiner  Pflicht  anzuhalten  oder  aus
dem  verwirkten  Besitze  auszuweisen  sei.  Vom  rechtlichen
Standpunkte  aus  betrachtet,  war  diese  Argumentation  in
doppelter  Hinsicht  anfechtbar,  sowohl  in  Bezug  auf  den  Inhalt
  der  Anklage,  als  auf  die  Legitimation  des  Klägers.
Denn  1815  hatten  Rußland  und  Osterreich  durch  Vertrag
vom  3.  Mai  sich  zugesagt,  ihren  polnischen  Unterthanen  eine
Repräsentation  und  nationale  Institutionen  zu  verleihen,
geregelt  nach  Art  der  politischen  Existenz,  deren  Bewilligung
ihre  Regierung  nützlich  und  angemessen  erachten  wird.  Es
war  also  die  Verheißung  einer  Repräsentation  keincswegs
mit  der  Zusage  einer  parlamentarischen  Verfassung  gleich-
        <pb n="532" />
        522  Preußen  und  Rußland.  1863

bedeutend.  Erst  nach  dem  Schluß  des  Congresses  hatte  Kaiser
Alexander  I.  nach  selbstherrlichem  Ermessen  dem  Königreich
cine  solche  gegeben;  leider  aber  hatten  die  Polen  selbst  sie
durch  ihre  Revolution  von  1830  zerrissen,  Kaiser  Nikolaus
sie  nach  der  Unterwerfung  nicht  wieder  hergestellt.  Die  beiden
deutschen  Mächte  aber  hatten  sich  mit  Rußland  durch  den
Vertrag  von  Münchengrätz  1833  zu  gemeinschaftlichem  Schutze
des  damaligen  Zustandes  verbunden,  hiemit  also  ihre  Verträge
  von  1815  nach  russischer  Auffassung  interpretirt.  Allerdings
  waren  diese  Verträge  gleich  nach  ihrem  Abschluß  in
die  Wiener  Congreßacte  aufgenommen  worden:  daraus  folgte
aber,  wie  wir  früher  gesehen  haben,  nur  die  Pflicht  der
übrigen  Congreßmächte,  deren  Inhalt  ihrerseits  zu  respectiren,
keineswegs  aber  ein  Recht,  jede  Anderung  des  Specialvertrags
durch  dessen  Contrahenten  von  der  Erlaubniß  aller  Unterzeichner
  der  Congreßacte  abhängig  zu  machen.  Schon  hienach
mußte  Englands  Befugniß,  auf  Grund  der  Verträge  die
Herstellung  der  polnischen  Constitution  von  1815  zu  fordern,
als  durchaus  fragwürdig  erscheinen.

Nach  dem  Allem  versteht  man,  wie  viel  England  daran
gelegen  war,  bei  seinem  diplomatischen  Vorgehen  gegen  Rußland
  wenigstens  eine  der  deutschen  Mächte  an  seiner  Seite
zu  haben,  und  so  bot  Lord  John  Russell  alle  Mittel  auf,
Osterreich  wie  in  den  orientalischen  Wirren,  so  auch  für  seine
polnische  Thätigkeit  als  Helfer  zu  gewinnen.  Er  wurde
darin  auf  das  Wärmste  durch  Drouyn  de  Lhuys  unterstützt,
welcher  1863  ebenso  bestimmt  wie  1854  eine  französischösterreichische
  Allianz  für  das  Heilmittel  aller  europäischen
Ubelstände  hielt,  und  deshalb  auch  Alles  that,  um  Napoleon
in  der  für  Polen  begonnenen,  und  jetzt  gegen  Rußland  zu
        <pb n="533" />
        1863  Frankreich  tritt  Englands  Vorgehen  bei.  523

richtenden  Action  festzuhalten.  Napoleon  schwankte  eine
Weile;  plötzlich  aber  wurde  die  politische  Welt  durch  eine
Reise  des  österreichischen  Gesandten  in  Paris,  des  Fürsten
Metternich,  nach  Wien,  überrascht,  wo  er  am  14.  März  an—
langte  und  eine  Woche  lang  in  lebhaften  Verhandlungen
mit  dem  Kaiser  und  dem  Grafen  Rechberg  verweilte.  Der
Inhalt  derselben  ist  bisher  nicht  authentisch  bekannt  geworden;
damals  wirbelten  mannigfaltige  Gerüchte  durch  einander:
Nopoleon  biete  Osterreich  seine  Allianz  und  die  Erwerbung
Schlesiens  und  Rumäniens  gegen  die  Abtretung  Venetiens;
nach  anderen  Quellen  hätte  Napoleon  die  Freigebung  Galiziens
  gewünscht,  und  dafür  die  Erwerbung  Rumäniens  und
die  Garantie  Venetiens  zugesagt;  der  russische  Kaiser  aber
erhielt  Angaben,  für  ein  Zusammengehen  Osterreichs  mit  den
Westmächten  gegen  Rußland  werde  jenem  eine  verstärkte
Stellung  in  Deutschland  und  Landerwerb  im  Orient  verheißen.
Dagegen  meldete  aus  Wien  der  preußische  Gesandte,  Herr  von
Werther,  er  habe  vom  Grafen  Rechberg  die  ausdrückliche  Versicherung
  erhalten,  Metternich  sei  nur  zu  gegenseitiger  Information
  nach  Wien  berufen  worden,  von  französischen  Vorschlägen,
  die  er  mitgebracht  haben  solle,  sei  gar  keine  Rede;
Osterreich  werde  in  seiner  Stellung  zu  der  polnischen  Sache
nicht  wanken,  und  wolle  von  einem  unabhängigen  Polen
nichts  wissen  ½).

In  der  That  hatte  die  österreichische  Regierung  Gründe
genug  zu  einer  solchen  Zurückhaltung.  Nach  dem  Bestande
ihres  Reiches  mußte  ihr  jede  Anrufung  des  Nationalitätsprincips
  als  eine  Gefahr  erscheinen;  bei  einer  Erhebung  des
polnischen  Volkes  wurde  ihr  Besitz  Galiziens  unsicher;  ein

1)  Werther,  18.  März.
        <pb n="534" />
        524  Preußen  und  Rußland.  1863

Zusammenhang  der  polnischen  und  der  ungarischen  Revolutionspartei
  war  nur  zu  wahrscheinlich,  Napoleon's  Verhalten  aber
in  solchen  Fällen  unberechenbar.  Auf  der  andern  Seite  drängte
England  immer  nachdrücklicher:  für  beide  Höfe  gebe  es  keine
größere  Gefahr,  als  die  Verwirklichung  des  seit  1857
drohenden  russisch-französischen  Bundes;  jetzt  erscheine,  wie
vom  Himmel  gesandt,  die  polnische  Frage  und  Napoleon's
Sympathie  für  dieselbe;  sein  Bruch  mit  Rußland  sei  unwiderruflich,
  wenn  er  sich  zu  einem  Vorgehen  für  Polen  entschließe,
  und  dazu  sei  er  bereit,  wenn  Osterreich  an  demselben
Theil  nehme.  Ende  März  kam  dann  aus  Paris  die  amtliche
Aufforderung  zu  einem  gemeinschaftlichen  Schritt  in  Petersburg
  zu  Gunsten  Polens  nach  London  und  Wien.

Was  war  zu  thun?  Auch  das  Verhältniß  zu  Preußen
zeigte  dem  Grafen  Rechberg  in  diesem  Augenblicke  zugleich
anziehende  und  abstoßende  Momente,  wodurch  die  Entschließung
natürlich  nicht  erleichtert  wurde.  Die  Ablehnung  der  gegen
Preußen  zu  richtenden  identischen  Note  Napoleon's  durch
Osterreich  war  in  Berlin  mit  aufrichtigem  Danke  anerkannt
worden;  Bismarck  sprach  dem  Grafen  Karolyi  wiederholt  die
Befriedigung  über  SÖsterreichs  feste  und  correcte  Haltung  aus,
und  erklärte  durch  einen  ausführlichen  Erlaß  an  Werther
dem  Wiener  Hofe  die  gleiche  Stimmung  des  Königs.  Nachdem
  Werther  die  Depesche  dem  österreichischen  Minister  vorgelesen,
  konnte  er  am  28.  März  die  lebhafte  Genugthuung
berichten,  mit  welcher  Rechberg  die  Mittheilung  aufgenommen.
Alles  deutete  darauf,  daß  das  gemeinschaftliche  Interesse  der
beiden  Höfe  an  der  polnischen  Sache  eine  allgemeine  Annäherung
  herbeiführen  würde.  Aber  ein  neuer  Vorgang  auf
dem  handelspolitischen  Gebiet  tilgte  mit  einem  Schlage  alle
        <pb n="535" />
        1863  Ssterreichs  Bedenken.  525

guten  Eindrücke  wieder  aus.  Preußen  hatte  für  den  Zollverein
  einen  Handelsvertrag  mit  Belgien  nach  denselben
liberalen  Grundsätzen  wie  den  französischen,  abgeschlossen.  Es
war  eine  neue  Erschwerung  für  die  von  Osterreich  begehrte
Zolleinigung,  und  in  Wien  war  der  Zorn  darüber  gewaltig.
Vergebens  erläuterte  Bismarck,  der  Gegensatz  des  handelspolitischen
  Systems  sei  kein  Hinderniß  politischer  Freundschaft,
wie  Preußens  Verhältniß  zu  Rußland  und  Mecklenburg  zeige.
Rechberg  blieb  dabei,  es  sei  unmöglich,  beides  zu  trennen,
und  als  Bismarck  gegen  Karolyi  wieder  einmal  erwähnte,  es
liege  im  Interesse  des  Friedens,  in  Bundessachen  von  Anträgen
  abzusehen,  welche  einstimmige  Beschlußnahme  erforderten,
  entgegnete  Rechberg  ganz  entschieden,  die  Bundesreform
sei  unerläßlich,  da  sie,  wenn  nicht  durch  die  Regierungen,
dann  sicher  durch  die  Revolution  herbeigeführt  würde.  Auch
in  der  polnischen  Sache,  erklärte  er,  ist  für  uns  eine  nähere
Einigung  mit  Preußen  erst  dann  möglich,  wenn  eine  Verständigung
  über  die  Zolleinigung  und  die  Bundesreform  vorausgegangen
  ist  ½).

So  war  der  Gegensatz  gegen  Preußen  wieder  in  voller
Schärfe  vorhanden,  und  es  mußte  demnach  die  Anknüpfung
freundlicher  Beziehungen  mit  Frankreich  doch  recht  wünschenswerth
  erscheinen,  zumal  England  Tag  für  Tag  seine  darauf
zielenden  Mahnungen  wiederholte.  Dazu  kam  die  Räücksicht
einerseits  auf  die  russenfeindliche  liberale  Mehrheit  des  bevorstehenden
  Reichstags,  andrerseits  auf  den  Grimm  der  klerikalen
Partei  über  die  russischen  Maaßregeln  gegen  den  rebellischen
polnischen  Klerus.  Unter  diesen  Einflüssen  begann  Rechberg
allmählich  auf  die  französische  Seite  hinüber  zu  lenken;  er

1)  Werther,  4.  April,  10.  Mai.
        <pb n="536" />
        526  Preußen  und  Rußland.  1863

verkannte  das  Gewicht  der  Gegengründe  nicht,  meinte  aber,
gerade  als  Theilnehmer  an  der  westmächtlichen  Action  werde
er  am  besten  für  den  Frieden  und  für  glimpfliches  Verfahren
  wirken  können.  Er  eröffnete  demnach  den  Westmächten,
daß  er  zwar  die  grobe  Form  identischer  Noten  ablehne,  sich
-ebenso  wenig  auf  die  von  Rußland  nicht  verletzten  Verträge
von  1815  berufen  werde,  wohl  aber  bereit  sei,  durch  eine
gleichzeitige  Note  die  Forderungen  der  Westmächte  zu  unterstützen.
  In  Paris  und  London  war  man  damit  einverstanden,
und  so  gingen  am  10.  und  12.  April  die  drei  Noten  nach
Petersburg  ab.  Österreich  klagte  in  der  seinigen  nur  über
schädliche  Nückwirkung  der  polnischen  Anarchie  auf  Galizien,  und
bat  demnach  den  Kaiser,  daß  er  seinen  polnischen  Provinzen
die  Bedingungen  eines  dauerhaften  Friedens  gewähren  möge.
England  sprach  aus  schärferem  Tone,  erklärte,  daß  Rußlands
Verpflichtungen  gegen  die  Congreßmächte  von  1815  durch
die  poluische  Revolution  von  1830  nicht  erloschen  seien,
Großbritannien  mithin  ein  Recht  habe,  die  Erfüllung  jener
Pflichten,  also  die  Herstellung  der  Verfassung  von  1815,  zu
begehren.  Frankreich  redete  von  den  stets  wiederkehrenden
Zuckungen  in  Polen,  welche  ganz  Europa  nicht  zur  Ruhe
kommen  ließen;  die  russische  Regierung  möge  endlich  Polen
die  Bedingungen  eines  dauerhaften  Friedens  gewähren,  da
alle  bisherigen  Verfassungsversuche  mißlungen  seien.  Das
hieß,  die  Verfassung  von  1815  ebenso  wie  Wielopolski's
autonome  Verwaltung  als  ungenügend  verurtheilen  und  im
Grunde  die  völlige  Unabhängigkeit  Polens  als  die  einzig
ausreichende  Lösung  bezeichnen.  Graf  Rechberg  hatte  dergleichen
  weder  gesagt  noch  gedacht,  immer  aber  durch  seine
Theilnahme  an  der  Notensendung  unterstützt:  wie  lebhaft  er
        <pb n="537" />
        1863  Österreich  tritt  den  Westmächten  bei.  527

auch  bei  der  Betheuerung  blieb,  daß  er  nur  im  Interesse  des
Friedens  handle  und  keine  kriegerische  Action  gegen  Rußland
mitmachen  werde,  so  ließ  sich  fortan  die  Thatsache  nicht  in
Abrede  stellen,  daß  Osterreich  aus  der  bisherigen  Neutralität
herausgetreten  und  Parteigenosse  der  Westmächte  geworden  war.

Die  Westmächte  beeilten  sich,  die  Kunde  ihres  Schrittes
durch  die  Welt  zu  verbreiten.  Alle  Cabinette  Europas,  unter
Andern  auch  die  Höfe  aller  deutschen  Staaten,  wie  sich  versteht
  mit  Ausnahme  Preußens,  erhielten  die  Einladung,  sich
den  drei  Noten  anzuschließen,  und  beinahe  hätte  sogar  der
Bundestag  eine  den  Polen  freundliche  Verhondlung  erlebt,
wenn  nicht  Rechberg  sich  ebenso  kräftig  wie  Bismarck  ein
solches  Schauspiel  verbeten  hätte.  In  Paris  erwog  die
Regierung,  was  zu  thun  sei,  wenn  Rußland  halsstarrig
bleibe;  es  war  die  Rede  von  einer  schwedisch-französischen
Landung  in  Kurland,  jedoch  wurde  der  Plan  zurückgelegt,
als  Bismarck  in  London  erklären  ließ,  daß  Preußen  einem
solchen  Unternehmen  mit  den  Waffen  entgegentreten  würde.
Ein  anderer  Gedanke  richtete  sich  auf  die  Landung  von
60000  Franzosen  in  Triest,  von  wo  sie  dann  in  Verbindung
mit  einer  gleichen  Zahl  von  Osterreichern  nach  Polen  marschiren
  würden.  Indessen,  bei  Osterreichs  Friedensliebe  mußte
auch  dieser  Entwurf  auf  ein  künftiges  Stadium  der  Entwicklung
  verschoben  werden.  Desto  rühriger  arbeiteten  die
Polen-Comités  in  Paris  und  London,  in  Posen  und  Galizien.
Trotz  aller  Grenzsperren  schafften  sie  Freiwillige,  Waffen,
Munition  hinüber,  brachten  bedeutende  Geldsendungen  zu
Stande,  verbreiteten  die  Nachricht  von  Europas  Vorgehen  in
alle  Theile  des  Landes.  Die  Folge  war  auf  der  Stelle  eine
neue  Ausdehnung  des  in  sich  erlöschenden  Aufstandes,  Ver-
        <pb n="538" />
        528  Preußen  und  Rußland.  1863

mehrung  und  Verstärkung  der  Banden,  Erhebung  des  polnischen
Adels  in  Lithauen  und  Volhynien.  Die  Warschauer  National-=regierung
  bildete  ihre  Behörden  weiter  aus,  und  schärfte  das
Schreckensregiment,  welches  jeden  Ungehorsam  gegen  ihre
Befehle  mit  Ermordung,  Brand  und  Plünderung  bestrafte.
Das  russische  Ministerium  sah  mit  Unwille  und  Sorge
auf  diese  Vorgänge.  In  Warschau  war  Graf  Berg  mit
Wielopolski  ebenso  wie  seine  Vorgänger  zerfallen,  und  hielt
sich  passiv,  da  der  Großfürst  ihm  seinen  Beistand  gegen  den
Marquis  versagte.  Die  großen  militärischen  Rüstungen  aber
schritten  langsam  vorwärts;  mehr  als  ein  Monat  konnte  noch
vergehen,  bis  das  Ganze  schlagfertig  war.  Unter  diesen  Umständen
  beschloß  die  Regierung,  den  Groll  über  die  Einmischung
  des  Auslandes  einstweilen  zurückzuhalten,  und  die
drei  Noten  so  wenig  herb  wie  möglich  zu  beantworten.  In
der  an  England  gerichteten  Entgegnung  vom  26.  April  bemerkte
  Gortschakoff,  Rußland  erkenne  alle  Verträge  an,  müsse
aber  auf  ihrer  richtigen  Auslegung  bestehen;  eine  parlamentarische
  Verfassung  sei  den  Polen  in  keiner  Urkunde  von  1815
verheißen;  der  Versuch  einer  solchen  sei  durch  die  Polen  selbst
1831  vereitelt  worden;  jetzt  sei  der  Kaiser  seit  Jahren  bestrebt,
  stufenweis  heilsame  und  freisinnige  Reformen  in  Polen
einzuführen,  und  habe  zum  Danke  dafür  eine  neue  Insurrection
erleben  müssen.  Er  sei  bereit,  in  Erörterungen  über  die  in
der  Congreßacte  niedergelegten  Grundsätze  einzutreten,  mache
aber  vor  Allem  die  Mächte  auf  die  wahre  Ursache  der  Unruhen
  aufmerksam,  auf  die  fortdauernden  Hetzereien  der  kosmopolitischen
  Revolutionsparteien.  Dieser  letztere  Satz  wurde
dann  mit  besonderem  Nachdruck  in  der  an  Frankreich  gerichteten
  Note  ausgeführt,  etwas  kürzer  in  der  für  Osterreich
        <pb n="539" />
        1863  Rußland  lehnt  die  Einmischung  der  drei  Mächte  ab.  529

bestimmten;  im  Ubrigen  wurden  beide  Höfe  auf  die  nach
London  abgegangene  Note  verwiesen.

Bei  aller  Höflichkeit  in  der  Form  war  die  Antwort  der
Sache  nach  eine  entschiedene  Abweisung  der  unerbetenen  Einmischung.
  In  Paris  und  London  war  man  sogleich  der
Meinung,  darauf  nicht  schweigen  zu  können:  habe  ja  die  an
England  gerichtete  Note  selbst  sich  zu  weitern  Erörterungen
bereit  erklärt.  Die  Frage  war  nur,  welche  positive  Forderungen
  man  jetzt  zu  stellen  habe,  und  darüber  gingen  die
Ansichten  so  weit  auseinander,  daß  während  mehrerer  Wochen
die  Erzielung  eines  Einverständnisses  beinahe  hoffnungslos
erschien.  Zugleich  drängte  der  Gang  der  Dinge  in  Polen,
wenn  die  drei  Mächte  nicht  völlig  geschlagen  erscheinen  wollten,
immer  gebieterischer  zu  weiterer  Thätigkeit.  Vor  Allem  hatten
ihre  Noten  bei  dem  russischen  Volke  einen  gewaltigen  Aufschwung
  nationaler  Entrüstung  hervorgerufen.  Bisher  war
dort  die  Stimmung,  wie  erwähnt,  getheilt  gewesen,  die  Einen
hatten  Bestrafung  der  polnischen  Meuchelmörder,  die  Andern
Abtrennung  dieses  unreinen  Gliedes  von  dem  Leibe  des  heiligen
Rußland  begehrt.  Jetzt  aber,  auf  die  Kunde,  daß  der  irrgläubige
  Westen  den  russischen  Waffen  Halt  gebieten  wolle,
durchwogte  ein  Strom  patriotisches  Stolzes  alle  Herzen;  die
Recruten  eilten  zu  den  Fahnen,  Adel  und  Städte  boten  freiwillige
  Steuern,  hundert  und  wieder  hundert  Stimmen  forderten
  vom  Kaiser  die  Rückberufung  des  Großfürsten,  die
Absetzung  Wielopolski's,  die  gründliche  Bändigung  der  polnischen
  Rebellion.  Die  Regierung  war  bereit.  In  Warschau
erhielt  Graf  Berg  erweiterte  Vollmacht;  in  jedem  Bezirke
übernahmen  russische  Officiere  die  nöthigsten  Verwaltungsämter,
  und  organisirten  sich  aus  der  bäuerlichen  Bevölkerung

v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  II.  34
        <pb n="540" />
        530  Preußen  und  Rußland.  1863

starke  und  zuverlässige  Polizeiwachen  zur  Verfolgung  der  geschlagenen,
  zur  Verhinderung  neuer  Rottirungen.  Die  geheime
Nationalregierung  antwortete  mit  der  Einsetzung  von  Revolutionstribunalen
  in  jedem  polnischen  und  lithauischen  Bezirk,
welche  die  Feinde  der  nationalen  Freiheit  in  summarischem
Verfahren  und  unter  Verwendung  jedes  Mittels  aus  dem
Wege  räumen  sollten.  Darauf  setzte  der  neue  Gouverneur
von  Lithauen,  General  Murawieff,  ein  einsichtiger,  herrischer
und  eisenharter  Mann,  Terrorismus  gegen  Terrorismus,  vermittelst
  einer  bis  in  das  Kleinste  geregelten  und  mit  Vollmacht
  über  Leben  und  Tod  ausgestatteten  militärischen  Verwaltung.
  So  entspann  sich  neben  dem  Guerillakrieg  mit
offenem  Gefecht,  in  zahllosen  Wiederholungen  ein  entsetzliches
Ringen  zwischen  Schwert  und  Dolch,  zwischen  Kriegsgericht
und  Vehmgericht,  zwischen  Soldaten  und  Hänge-Gensdarmen,
wie  der  Volksmund  die  Agenten  des  Nationalcomité's  bezeichnete.
  Der  endliche  Ausgang  konnte  nicht  zweifelhaft  sein;
in  der  öffentlichen  Meinung  Europas  mischten  sich  Abscheu  und
Bewunderung;  die  drei  Mächte  aber  hielten  es  für  unmöglich,
der  Fortdauer  des  furchtbaren  Zustandes  unthätig  zuzuschauen.

Unter  solchen  Umständen  erwog  auch  Kaiser  Alexander
in  zusammenfassendem  Überblick  seine  Lage  und  die  dadurch
geforderten  Entschlüsse.  Von  seinen  Gesandten  erfuhr  er  die
unter  den  drei  Gegnern  besprochenen  Forderungen,  darunter
mehrere,  die  er  als  unverträglich  mit  der  Ehre  Rußlands
erkannte,  so  daß  deren  Ablehnung  bei  ihm  unerschütterlich
fest  stand.  Was  aber  dann?  Er  vernahm  von  jenen  Plänen
einer  französischen  Landung  an  den  Ostseeküsten;  es  wurde
ihm  der  Monat  August  als  der  voraussichtliche  Beginn  der
Operationen  bezeichnet.  So  sehr  er  den  Krieg  zu  vermeiden
        <pb n="541" />
        1863  Schreiben  des  Zaren  an  König  Wilhelm.  531

wünschte,  so  schien  es  doch  unerläßlich,  sich  auf  ihn  vorzubereiten.
  Die  Begeisterung  seines  Volkes  stählte  seinen
Muth;  die  Mobilmachung  seines  Heeres  wurde  in  jeder  Weise
beschleunigt;  am  1.  Juni  wandte  er  sich  in  eigenhändigem,
durch  den  preußischen  Militärattaché,  Oberst  von  Loen,  überbrachtem
  Schreiben  an  den  von  ihm  verehrten  Oheim,  den
in  der  polnischen  Sache  ihm  doppelt  nahe  verbundenen  König
von  Preußen:).  Nach  kurzer  Darlegung  der  Verhältnisse,
also  des  Herandrohens  eines  Kriegs,  bei  dem  Preußen  schwerlich
  unberührt  bleiben  könne,  fragte  er  gerade  heraus:  „wie
faßt  Ihr  bei  dieser  Lage  die  Pflichten  und  Interessen  Deutschlands
  auf?  Niemals  wären  bei  einer  richtigen  Haltung  Osterreichs
  die  Westmächte  so  weit  vorgeschritten.  Kommt  es  zum
Bruch,  was  wird  Euer  Verfahren  sein?  was  erwartet  Ihr
von  Deutschland?  was  seht  Ihr  bei  Osterreich  voraus?  Ich
weiß,  daß  ich  auf  Euch  rechnen  kann,  wie  Ihr  auf  mich.  In
welchem  Maaß  und  in  welchen  Fällen  werden  Euere  Interessen
Euch  zu  activer  Mitwirkung  veranlassen?  Zwischen  uns  gibt
es  kein  Mißtrauen.  Ich  bedarf  der  Kenntniß  Euerer  Entschlüsse,
  um  den  ganzen  Umfang  meiner  Stellung,  ihrer  Aussichten,
  ihrer  Pflichten,  ihrer  vielleicht  nöthigen  Opfer  zu
übersehen.  Ich  würde  glücklich  sein,  wenn  Euere  weise  Erwägung
  Cuch  auf's  Neue  zu  der  ruhmreichen  Waffenbrüderschaft
bestimmte,  die  unsere  beiden  Völker  einst  verbunden  hat,  und
wenn  Euer  Einfluß  auch  Österreich  diesem  für  Alle  nöthigen
Vertheidigungsbunde  zuführte.  Es  wäre  kindisch,  sich  zu

1)  Ich  habe  in  der  ersten  Auflage  des  Buchs  über  diese  Correspondenz
nach  Actennotizen  berichtet,  die,  wie  ich  jetzt  nach  Einsicht  der  Originale
wahrgenommen,  in  der  Hauptsache  richtig,  aber  in  einen  falschen  chronologischen
  Zusammenhang  gebracht  waren.

34
        <pb n="542" />
        532  Preußen  und  Nußland.  1863

verhehlen,  daß  die  entsetzliche  europäische  Krisis  im  Anfang
des  Jahrhunderts  uns  seit  zehn  Jahren  unter  andern  Formen,
Namen  und  Mitteln  auf's  Neue  bedroht.“  Er  schloß  mit  der
Bemerkung,  der  Oberst  von  Loen  werde  den  Inhalt  des  Briefs
mündlich  vervollständigen  durch  Alles,  was  er  von  ihm,  dem
Kaiser,  gehört  habe.

Der  nächste  Wunsch  Alexander's  war  also,  daß  Preußen
versuche,  Osterreich  aus  der  gefährlichen  Verbindung  mit  den
Westmächten  zu  lösen  und  zu  den  alten  conservativen  Genossen
  herüber  zu  ziehen,  worauf  dann  Napoleon  schwerlich
einen  Krieg  wagen  würde.  Bliebe  aber  Osterreich  in  der
bisherigen  Haltung,  so  schien  dem  Kaiser  die  Offensive
Frankreichs  gewiß,  und  dann  konnte  sich  der  Gedanke  aufdrängen,
  daß  Rußland  und  Preußen  gemeinsam,  um  sich
den  Rücken  zu  decken,  über  das  völlig  ungerüstete  Osterreich
hereinbrechen  müßten,  um  es  vor  jeder  Möglichkeit  französischer
  Hülfe  zu  überwältigen,  und  dann  am  Rheine  den
französischen  Strauß  siegreich  auszufechten.

Ein  solches  Verfahren  zeigte  für  Preußen  verlockende
Seiten:  nach  einer  Niederlage  Österreichs  hätte  man  in
Deutschland  freie  Hand,  und  auch  von  dem  innern  Hader
über  die  Heeresreform  wäre  keine  Rede  mehr.  Andrerseits
aber  waren  auch  die  gewichtigsten  Bedenken  unverkennbar.
Es  konnte  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  Frankreich  mit
aller  Macht  so  rasch  wie  möglich  in  den  Kampf  eintreten
würde;  nach  aller  Wahrscheinlichkeit  hätte  dann  Preußen  die
größte  Last  desselben  zu  tragen,  und  schließlich  einen  Frieden
auf  sich  zu  nehmen,  wie  er  zwischen  Frankreich  und  Rußland
vielleicht  ganz  nach  Gortschakoff's  alter  Gesinnung  vereinbart
würde.  In  diesem  Falle,  sagte  Bismarck,  würde  Rußland
        <pb n="543" />
        1863  Vermittlungsversuch  Preußens  in  Wien.  533

am  längern  Hebelarme  sitzen.  Der  König,  dessen
persönliches  Gefühl  sich  stets  gegen  einen  Bruch  mit  Osterreich
  sträubte,  war  auch  hier  für  Erhaltung  des  Friedens.
Es  galt  also,  vor  Allem  nach  Alexander's  Wunsch  den  Versuch
  einer  Einwirkung  auf  Österreich  im  Sinne  der  alten
Bundesfreundschaft  zu  machen.  In  einer  nach  Wien  gerichteten
Depesche  entwickelte  Bismarck  am  9.  Juni  den  Gedanken,  wie
sehr  die  augenblickliche  Situation  günstige  Momente  für  eine
Annäherung  und  Verständigung  zwischen  Preußen  und  den
Cabinetten  von  Wien  und  Petersburg  darbiete;  er  wies  nach,
auf  welche  Weise  eine  solche  Verständigung  zwischen  den  drei
Theilungsmächten  zugleich  auch  die  Grundlage  zu  einer  allgemeinen
  Lösung  der  Krisis  werden  könnte.

Aber  die  Antwort,  welche  Baron  Werther  schon  am
11.  Juni  aus  Wien  absandte,  fiel  wenig  genügend  aus.  Wohl
hatte  Rechberg  den  preußischen  Wunsch  auf  Annäherung  freudig
begrüßt,  den  Vorschlag  aber  einer  Verständigung  zu  Dreien
gar  nicht  einmal  erwähnt,  sondern  sich  mit  der  Erklärung
begnügt,  einen  besonders  schlimmen  Punkt  der  französischen
Begehren  sich  nicht  aneignen  zu  wollen.  Was  Bismarck  sonst
crörtert  hatte,  sei  unthunlich,  da  das  französische  Cabinet
cinen  gleichen  Wiener  Antrag  bereits  abgelehnt  habe.  Bei
aller  Freundlichkeit  also  doch  kein  Gedanke  an  eine  Lösung
von  den  Westmächten  und  an  ein  Herübertreten  auf  die  russischpreußische
  Seite.  Die  Möglichkeit  des  von  Alexander  vorhergesehenen
  Conflictes  war  mithin  nicht  beseitigt:  es  galt
jetzt,  dem  Zaren  die  Abneigung  Preußens  gegen  den  kriegerischen
  Bruch  mit  Osterreich  ohne  Verletzung  seines  erregten
Gefühles  anschaulich  zu  machen.

Den  Entwurf  zu  dem  hiefür  bestimmten  königlichen
        <pb n="544" />
        534  Preußen  und  Rußland.  1863

Briefe  redigirte  Bismarck  eigenhändig,  und  der  König  gab
ihm  nach  einigen  Correcturen  seine  Zustimmung.  In  diesem
Schreiben  knüpfte  er  nach  der  wärmsten  Versicherung  von
Freundschaft  und  Vertrauen  an  die  Schlußbemerkung  Alexander's
  an,  daß  Napoleon  III.  ganz  Europa  jetzt  in  gleicher
Weise  bedrohe,  wie  sein  Oheim  vor  fünfzig  Jahren  —  und
wandte  damit  die  Spitze  der  ganzen  folgenden  Erörterung
ausschließlich  gegen  Frankreich.  Denn  auf  diesem  Standpunkt
wäre  ja  nichts  verkehrter,  als  Osterreich  durch  einen  Angriff
selbst  in  Frankreichs  Arme  zu  treiben,  man  müßte  vielmehr
Alles  aufbieten,  es  zu  einem  Gliede  des  großen  Bundes  zu
machen.  So  habe  er  sich,  Alexander's  Wunsch  entsprechend,
nach  Wien  gewandt,  sei  dort  freilich  dem  alteingewurzelten
Argwohn  begegnet,  hoffe  aber  doch,  einige  Keime  des  Vertrauens
  ausgesäet  zu  haben.  Er  glaube  nicht,  daß  bei  der
vorgerückten  Jahreszeit  Napoleon  noch  eine  Landung  an  der
russischen  Ostseeküste  wagen  werde;  wenn  es  dennoch  geschähe,
so  würde  ihn,  den  König,  sein  Herz  zu  sofortiger  Waffenhülfe
  antreiben,  einem  solchen  Einschreiten  jedoch  die  deutsche
Bundesverfassung  im  Wege  stehen.  Denn  nach  dieser  würde
sein  Vorgehen  als  ein  eigenmächtiger  Angriff  auf  eine  fremde
Macht  erscheinen,  und  damit  dem  Bundestag  einen  scheinbaren
Vorwand  geben,  der  preußischen  Rheinprovinz  seinen  Schutz
gegen  Frankreich  zu  entziehen.  Er  werde  also  in  jenem
Falle  dem  Wiener  Hof  zunächst  für  eine  Rußland  günstige
Neutralität  zu  bestimmen  suchen,  und  ihm  weiterhin  eine
gegenseitige  Garantie  der  polnischen  Provinzen  aller  drei
Theilungsmächte  vorschlagen.  Um  ihn  dann  völlig  für
die  gute  Sache  zu  gewinnen,  würde  das  wirksamste  Mittel
eine  Garantie  für  Venetien  sein,  da  die  Furcht  vor  einem
        <pb n="545" />
        1863  Antwort  König  Wilhelm's  an  den  Zaren.  535

französisch-italienischen  Angriff  auf  diese  Provinz  die  Hauptursache
  des  bisherigen  Wiener  Schaukelsystems  sei.  In  derselben
  Richtung  würde  es  die  trefflichste  Wirkung  haben,
wenn  Rußland  den  Wiener  Hof  überzeugen  könnte,  daß  der
Gedanke  einer  französischen  Allianz  für  immer  von  Alexander
verurtheilt  sei.  Schließlich  müsse  der  König  noch  einen
leidigen  Punkt  berühren,  die  Unpopularität  einer  russischen
Allianz  bei  dem  größten  Theil  des  preußischen  Volks.  Um
diese  in  ihr  Gegentheil  zu  verwandeln,  gebe  es  keine  fruchtbarere
  Maaßregel,  als  die  Belebung  des  Handelsverkehrs
zwischen  beiden  Nationen  durch  eine  Milderung  des  russischen
Zollspstems.

Um  die  Mitte  des  Juni  ging  dieses  Schreiben  nach
Petersburg  ab.#)

Mittlerer  Weile  war  zwischen  den  Höfen  von  Paris,
Wien  und  London  endlich  ein  Einverständniß  über  die
neuen  an  Rußland  zu  richtenden  Noten  erreicht  worden.

Osterreich  hatte  weiter  gehende  Begehren  der  Westmächte
abgelehnt,  und  erklärt,  sich  auf  folgende  sechs  Forderungen
beschränken  zu  müssen:  allgemeine  Amnestie2?),  Nationalvertretung
  mit  Theilnahme  an  der  gesetzgebenden  Gewalt,
autonome  Verwaltung  durch  polnische  Beamte,  Aufhebung
der  die  katholische  Kirche  belastenden  Beschränkungen,  ausschließlicher
  Gebrauch  der  polnischen  Sprache  in  der  Staatsverwaltung,
  Einführung  eines  gesetzlichen  Recrutirungssystems.
Die  Westmächte  nahmen  diese  sechs  Punkte  an,  unter  der

1)  Das  Concept  trägt  kein  Datum,  der  Inhalt  läßt  jedoch  über
den  Zeitpunkt  keinen  Zweifel.

2)  Eine  solche  hatte  Alexander  am  13.  April  einem  jeden  Rebellen,

der  bis  zum  13.  Mai  seine  Unterwerfung  anzeige,  zugesagt.  Aber
kein  Pole  hatte  davon  Gebrauch  gemacht.
        <pb n="546" />
        536  Preußen  und  Rußland.  1863

Voraussetzung,  daß  dieselben  als  Grundlage  für  die  Berathungen
  einer  Conferenz  der  acht  Signatärmächte  von  1815
dienen  würden,  womit  dann  auch  Ssterreich  einverstanden  war.
Napoleon  war  dabei  der  Meinung,  die  Conferenz  müsse  jedesfalls
  Statt  finden,  auch  wenn  Rußland  sie  ablehne,  was
dann  mit  einer  Kriegserklärung  ziemlich  gleichbedeutend  gewesen
  wäre.  Osterreich  beharrte  also  darauf,  daß  die  Conferenz
  nur  unter  Rußlands  Theilnahme  eröffnet  werde.  Außerdem
  begehrten  die  Westmächte  noch  während  dieser  Berathungen
  die  Einstellung  aller  Feindseligkeiten  in  Polen,  eine
Forderung,  deren  Erfüllung  Osterreich  für  unausführbar  hielt,
und  deshalb  in  seine  Note  nicht  aufnahm.  Am  17.  und
18.  Juni  wurden  dann  die  drei  zum  Theil  gleichlautenden
Noten  expedirt.

Drouyn  de  Lhuys  war  sehr  gefaßt  auf  eine  noch  bestimmtere
  Zurückweisung  dieser  Anträge  Seitens  der  russischen
Regierung.  Sein  Wunsch  ging  auf  vollständige  Herstellung
Polens,  welche  fortan  jede  Coalition  gegen  Frankreich  unmöglich
  machen  würde;  er  hoffte  jetzt  trotz  aller  Friedensliebe
in  Wien  und  London  die  beiden  Mächte  zu  gemeinschaftlichem
Kriege  gegen  Rußland  zu  bestimmen.  Er  ließ  also  gleich
nach  der  Absendung  der  Noten,  wie  heftig  sich  auch  seine
Collegen  Fould  und  Morny  gegen  jede  kriegerische  Maaßregel
aussprachen,  Vorschläge  nach  Wien  und  London  abgehen,
auf  Herstellung  eines  engern  Vernehmens,  in  Form  einer
Convention  oder  eines  Protokolls,  für  den  Fall  russischer
Halsstarrigkeit,  indem  er  zugleich  dem  Wiener  Cabinet  jede
Art  von  Garantie  für  etwaige,  ihm  aus  seiner  geographischen
Lage  erwachsende  Gefahren  anbot.  In  Wien  arbeiteten,  wie
in  Paris,  verschiedene  Einflüsse  gegen  einander.  Kaiser  Franz
        <pb n="547" />
        1863  Neue  Noten  der  drei  Mächte.  537

Joseph  war  eigentlich  von  jeher  gegen  die  Theilnahme  an
den  westmächtlichen  Operationen  gewesen;  er  empfand  seine
aus  dem  Besitze  Galiziens  erwachsende  Solidarität  mit  Preußen
und  Rußland,  und  traute  dem  Kaiser  Napoleon  in  keiner
Beziehung.  Entschieden  aber,  heißt  es,  war  der  Minister
Schmerling  für  die  polenfreundliche  Politik,  theils  um  das
Wohlwollen  der  liberalen  Mehrheit  im  Reichstag,  theils  um
für  seine  deutschen  Pläne,  wenn  nicht  die  Unterstützung,  so
doch  die  Gunst  Napoleon's  zu  gewinnen.  Graf  Rechberg
stand  unsicher  zwischen  diesen  Tendenzen,  und  suchte  sich  mit
der  Formel  zu  helfen:  Verbindung  mit  den  Westmächten,  so
lange  sie  sich  auf  friedliche  Maaßregeln  beschränken,  Loslösung
  von  ihnen,  sobald  sie  eine  kriegerische  Action  einleiten.
An  eine  dritte  Möglichkeit  dachte  er  nicht.

Die  erste  Wirkung  der  drei  Noten  in  Petersburg  war
die  Absetzung  Wielopolski's  unter  der  Form  einer  längern
Beurlaubung.  Die  zweite  eine  Steigerung  in  dem  Kampfe
gegen  die  Insurrection  durch  den  Grafen  Berg,  der  jetzt  auch
an  die  Spitze  der  Civilverwaltung  trat,  und  ganz  nach
Murawieff's  lithauischem  Muster  vorzugehen  begann.  Was
die  Antwort  auf  die  Noten  betraf,  so  hatte  Fürst  Gortschakoff
  den  Botschaftern  der  Mächte  längst  erklärt,  er  habe  in
seiner  Aprilnote  unter  den  dort  vorgeschlagenen  Erörterungen
nichts  Anderes  als  einen  freundschaftlichen  Gedanken-Austausch
mit  ihnen,  hier  in  Petersburg,  gemeint;  dabei  würde  sich
herausgestellt  haben,  daß  Kaiser  Alexander  nach  seiner  Milde
und  Menschenfreundlichkeit  den  Inhalt  der  sechs  Punkte  billige
und  ihn  zum  größten  Theil  den  Polen  selbst  bereits  angeboten
habe.  Aber  gegen  seine  Würde  und  die  Selbständigkeit  einer
Großmacht  gehe  es,  sich  solche  Bestimmungen,  die  zum  Theil
        <pb n="548" />
        538  Preußen  und  Rußland.  1863

in  die  speciellsten  Fragen  der  Landesverwaltung  eindrängen,
durch  eine  auswärtige  Conferenz  als  Gesetz  vorschreiben  zu
lassen.  Jedesfalls  müsse  einer  solchen  eine  Verständigung
zwischen  den  drei  Theilungsmächten  vorausgehen,  da  diese
durch  die  ähnlichen  Verhältnisse  in  ihren  polnischen  Provinzen
vor  allen  Andern  sachverständig  seien.  Überhaupt  aber  könne
von  solchen  Concessionen  und  Verhandlungen  erst  nach  vollständiger
  Unterwerfung  der  Rebellion  und  Herstellung  der
Ordnung  die  Rede  sein.  Daß  bei  dem  Zustand  des  Landes
ein  Waffenstillstand  ein  Ding  der  Unmöglichkeit  sei,  werde
jeder  Kenner  der  Verhältnisse  bezeugen.

Bei  diesen  Anschauungen  konnte  die  russische  Antwort
auf  die  drei  Noten  nur  eine  Ablehnung  in  allen  Punkten
sein,  und  danach  wie  im  April  ein  feindlicher  Angriff  sehr
möglich  erscheinen.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  unter  solchen
Verhältnissen  der  Brief  König  Wilhelm's,  in  welchem  dieser
sich  freien  Entschluß  für  alle  Fälle  vorbehielt,  und  auf  das
Dringendste  zur  Verständigung  mit  Osterreich  mahnte,  dem
Zaren  geringe  Freude  bereitete.  Seine  Stimmung  gegen  den
Wiener  Hof  wurde  jedoch  für  den  Augenblick  durch  einen
Bericht  seines  dortigen  Gesandten,  Balabin,  gemildert,  worin
dieser  die  erfreuliche  Meldung  machte,  Osterreich  sei  bereit  zu
einer  Übereinkunft  der  drei  Theilungsmächte  über  Verwaltungsreformen
  ihrer  polnischen  Provinzen.  Damit  wäre  also  das
ersehnte  Ziel  erreicht,  Osterreich  hätte  den  Westmächten  den
Rücken  gekehrt  und  den  alten  Bund  der  heiligen  Allianz  erneuert.
  Freicres  Herzens  entwarf  jetzt  Gortschakoff  seine
Antworten  auf  die  drei  Noten.  In  den  für  Paris  und  London
bestimmten  Schriftstücken  gab  er  dem  immer  stärker  aufbrausenden
  Unwillen  des  Hofes,  des  Volkes  und  der  Armee  in  scharf
        <pb n="549" />
        1863  Wiederholte  Zurückweisung  durch  Rußland.  539

abschneidenden  Sätzen  vollen  Ausdruck,  während  das  Schreiben
nach  Wien  sich  überall  in  freundlich  entgegenkommenden
Worten  bewegte,  und  die  Verhandlung  zu  Dreien  jetzt  amtlich
in  Vorschlag  brachte.  Am  12.  Juli  schickte  Alexander  Abschrift
  dieser  Documente  an  König  Wilhelm,  mit  einem  eigenhändigen
  Briefe,  in  welchem  er  seine  Freude  über  die  günstige
Wendung  in  Wien  aussprach,  Preußens  Gründe  für  seine
reservirte  Haltung  anerkannte,  jedoch  die  Möglichkeit  einer
preußischen  Neutralität  bei  einem  französischem  Angriff  auf
Rußland  in  Abrede  stellte,  übrigens  aber  mit  ziemlich  kühlem
Tone  papierne  Garantien  für  seine  polnischen  Lande  als  ganz
werthlos,  und  eine  Garantie  für  Venetien  als  außerhalb  des
russischen  Interessenkreises  liegend  ablehnte.  Am  13.  Juli
gingen  darauf  die  drei  Antwortnoten  an  ihre  Bestimmung
ab,  nachdem  Gortschakoff  schon  Tags  zuvor  dem  Grafen
Rechberg  den  Inhalt  der  an  ihn  gerichteten  telegraphisch  mitgetheilt
  hatte.

Hier  aber  stand  dem  russischen  Cabinet  eine  bittere
Überraschung  bevor.  Es  stellte  sich  heraus,  daß  Herr  von
Balabin  sich  in  einem  geradezu  unerklärlichen  Mißverständniß
befunden  hatte.  Nicht  im  Traume  und  nicht  im  Wachen  hatte
Graf  Rechberg  an  eine  Verhandlung  zu  Dreien  gedacht.
Gleich  am  14.  wies  er  durch  Telegramm  den  Vorschlag  als
der  Würde  des  mit  den  Westmächten  verbundenen  Osterreich
widersprechend,  kategorisch  zurück.  Am  19.  Juli,  nach  dem
Empfang  der  officiellen  Note,  folgte  eine  weitere  Erörterung
in  noch  herberem  Tonc,  worin  der  Vorschlag  beinahe  als
eine  Beleidigung  für  Osterreich  behandelt  und  diese  Auffassung
den  Westmächten  mitgetheilt  wurde:  man  war  in  Wien  damals
beschäftigt,  große  deutsche  Pläne  in  das  Werk  zu  setzen,  und
        <pb n="550" />
        540  Preußen  und  Rußland.  1863

wollte  dem  französischen  Kaiser  keinen  Anlaß  zum  Zorne
geben.

Um  so  lebhafter  aber  war  nach  der  so  plötzlich  erfolgten
Enttäuschung  der  Verdruß  in  Petersburg.  Die  russische  Armee
war  jetzt  vollständig  gerüstet,  abgesehen  von  den  orenburger,
kaukasischen  und  sibirischen  Truppen,  über  400000  Mann
stark,  wovon  beinahe  die  Hälfte  in  Lithauen,  Polen  und
Volhynien  stand,  und  vollzog  soeben  eine  neue  Aushebung  von
150000  Mann.  Die  Versuchung  lag  nahe,  auf  die  Gedanken
des  1.  Juni  zurückzugreifen,  und  bei  der  ersten  feindseligen
Regung  der  Westmächte  der  Gefahr  durch  einen  überwältigenden
  Angriff  auf  Osterreich  zuvor  zu  kommen.  Wir  dürfen
annehmen,  daß  dagegen  vor  Allem  Preußens  ablehnende
Haltung  in  das  Gewicht  fiel,  und  das  russische  Cabinet  zu
dem  Entschluß  führte,  in  fester  Wappnung,  abwartend  den
Ereignissen  entgegen  zu  sehen.

Auf  preußischer  Seite  hat  damals  außer  dem  Könige
und  Bismarck  kein  anderer  Mensch  von  der  vertraulichen
Correspondenz  der  beiden  Monarchen  etwas  erfahren.  Bei
dieser  strengen  Geheimhaltung  hatte  man  natürlich  auf  Osterreichs
  Dankbarkeit  keinen  Anspruch.  Aber  eine  Stimmung
besonderer  Art  mußte  es  doch  bei  dem  Könige  hervorrufen,
als  jetzt  von  Wien  aus  Eröffnungen  ebenso  überraschendes
Inhalts  und  nicht  eben  preußenfreundlicher  Tendenz  an  ihn
gelangten.
        <pb n="551" />
        1863

4.  Capitel.

Der  Frankfurter  Fürstentag.

Am  2.  August  1863  empfing  König  Wilhelm  in  Gastein,
wo  er  seinen  gewohnten  Badeaufenthalt  genommen,  den  Besuch
  des  Kaisers  von  ÖOsterreich.  Hier  theilte  ihm  Franz
Joseph  mit,  daß  er  die  Absicht  habe,  auf  den  16.  August
alle  deutschen  Fürsten  nach  Frankfurt  zu  laden,  zu  persönlicher
Berathung  und  Entscheidung  über  eine  neue  deutsche  Bundesverfassung.


Wir  haben  die  erste  Anregung  dieses  Gedankens  durch
Julius  Fröbel  im  Jahre  1861  kennen  gelernt,  und  gesehen,
wie  Schmerling  Fröbel's  Vorschläge  sich  mit  Eifer  aneigncte,
Biegeleben  sie  in  einigen  Punkten  corrigierte,  Rechberg  1862
cinen  Versuch  machte,  einen  der  Fröbel'schen  Anträge,  die
Versammlung  von  Ausschüssen  der  deutschen  Kammern,  zu
verwirklichen.  Seit  dem  Mißlingen  desselben  war  dann  die
Sache  liegen  geblieben;  eine  Abhandlung,  worin  Graf  Vitzthum
von  Eckstädt,  ein  sächsischer  Diplomat  von  lebhaftem  großdeutschem
  Eifer,  1862  ganz  in  Fröbel's  Sinn  jene  Mediatisirung
Osterreichs  und  Preußens  empfahl,  und  am  Schlusse  den
Kaiser  Franz  Joseph  zu  einer  Berufung  aller  deutschen  Fürsten
        <pb n="552" />
        542  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

aufforderte,  hatte,  so  viel  wir  wissen,  wenig  Beachtung  ge—
funden.  Jetzt  aber,  bei  der  Unpopularität  der  preußischen
Regierung  im  eigenen  Lande,  bei  ihrem  Hader  mit  den  Mittelstaaten,
  bei  ihrem  gespannten  Verhältniß  mit  Frankreich  und
England  hielt  Schmerling  die  Zeit  zu  einem  entscheidenden
Schritte  gekommen.  Der  Verfassungsentwurf  war  nach  Fröbel's
leitenden  Idcen,  jedoch  mit  mehreren  conservativen  Anderungen,
längst  fertig  gestellt,  und  Schmerling  gedachte,  den  Moment
der  vermeintlichen  Schwäche  des  Gegners  zu  ergreifen,  und
die  großdeutsche  Bundesreform  vermittelst  der  überraschenden
Maaßregel  eines  Fürstencongresses  durchzusetzen.  Rechberg,
heißt  cs,  verhielt  sich  dieses  Mal  wie  früher  zweifelnd,  und
hoffte  höchstens  eine  engere  Verbindung  mit  den  Mittelstaaten
in  Frankfurt  zu  erlangen.  Der  Kaiser  aber  ging,  von  den
besten  Hoffnungen  erfüllt,  auf  Schmerling's  Antrag  ein.
Bei  den  Gasteiner  Gesprächen  am  3.  August  legte
Franz  Joseph  seinem  preußischen  Bundesgenossen  einen  ausgearbeiteten
  Verfassungsentwurf  noch  nicht  vor,  sondern
begnügte  sich  zunächst  mit  einer  mündlichen  Skizzirung
der  Hauptpunkte,  namentlich  eines  Bundesdirectoriums  von
fünf  Mitgliedern,  und  eines  Bundesparlaments,  aus  Delegirten
der  deutschen  Kammern  bestehend,  mit  lediglich  berathender,
nicht  beschließender  Stimme.  Er  übergab  dann  dem  Könige
eine  Denkschrift  zur  nähern  Begründung  seiner  Absichten.
Es  war  dies  allerdings  ein  merkwürdiges  Actenstück.  Im
ersten  Theile  wurde  die  Nothwendigkeit  der  Reform  mit  einer
Schilderung  des  vorhandenen  Zustandes  begründet,  wie  sie
Robert  Blum  oder  Joseph  Mazzini  nicht  drastischer  hätte
schreiben  können.  Seit  lange,  hieß  es,  sind  die  Bundesverträge
  in  ihren  Fundamenten  erschüttert  .  man  muß  sich
        <pb n="553" />
        1863  Vorschlag  eines  deutschen  Fürstentages  durch  Osterreich.  513

eingestehen,  daß  die  deutschen  Regierungen  schon  jetzt  nicht
mehr  in  einem  festen  gegenseitigen  Vertragsverhältnisse  zusammenstehen,
  sondern  nur  noch  bis  auf  Weiteres  im  Vorgefühle
  naher  Katastrophen  neben  einander  fortleben.  der
jetzige  Zustand  ist  schlechthin  chaotisch.  Ein  zweiter  Abschnitt
gab  die  Grundlinien  der  österreichischen  Reformvorschläge.
Eine  einheitliche  Spitze  oder  ein  Parlament  aus  directen
Volkswahlen  sei  unmöglich,  weil  im  Widerspruch  mit  dem
föderativen  Princip.  Der  Kaiser  halte  fest  an  den  Grundsätzen
  der  identischen  Noten  vom  Februar  1862  und  der
Erklärung  im  Bundestag  vom  Januar  1863.  Er  werde
also  ein  Bundesdirectorium  und  eine  Versammlung  von
Delegirten  der  deutschen  Landtage,  sodann  ein  Bundesgericht,
und  periodische  Fürstencongresse  in  Vorschlag  bringen.  Was
die  Wege  zum  Ziele  betreffe,  so  habe  die  Erfahrung  gezeigt,
daß  bei  Ministerconferenzen  und  diplomatischen  Verhandlungen
die  streitenden  Interessen  und  Meinungsverschiedenheiten  jede
Übereinkunft  unmöglich  machten.  Die  deutschen  Fürsten  aber
in  eigener  Person,  die  Träger  der  Rechte,  um  die  es  sich
handelt,  sie  Alle  von  deutscher  Gesinnung  beseelt,  würden
sich  durch  unmittelbaren  Gedankenaustausch  leichter  und
besser  als  durch  Mittelspersonen  verstehen.  Endlich  der
dritte  Abschnitt  erklärte,  Preußens  Wille  könne  die  Reform
der  deutschen  Gesammtverfassung  factisch  und  rechtlich  hindern.
Würde  sein  Veto  eingelegt,  so  könne  der  Bund  in  seiner
Gesammtheit  sich  nicht  aus  seinem  tiefen  Verfalle  erheben.
Aber  ein  absoluter  Stillstand  der  Reformbewegung  sei  nicht
mehr  möglich:  die  Regierungen,  welche  dies  erkennen,  würden
sich  gezwungen  sehen,  die  Hand  an  ein  Werk  der  Noth  zu
legen,  indem  sie  sich  zur  partiellen  Ausführung  der  beab-
        <pb n="554" />
        544  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

sichtigten  Bundesreform  im  Bereiche  der  eigenen  Staaten  entschließen,
  und  zu  diesem  Zweck  unter  Wahrung  des  Bundesverhältnisses
  ihrem  freien  Bündnißrechte  die  möglichst  ausgedehnte
  Anwendung  geben.

Zum  Schlusse  folgten  noch  einige  Mahnungen  an  Preußen,
von  seiner  bisherigen,  der  Stärkung  des  Bundes  feindseligen
Politik  abzulassen,  da  es  heute  von  Preußens  Entschließungen
abhänge,  den  deutschen  Bund  wieder  auf  die  Höhe  seiner  für
die  Nation  und  für  Europa  so  unendlich  wichtigen  Bestimmung
  zu  heben.

Man  wird  eingestehen,  daß  die  Redaction  dieser  Denkschrift
  nicht  eben  verbindlich  oder  einladend  für  Preußen  ausgefallen
  war.  Die  Behauptung,  daß  die  Bundesverträge
eigentlich  schon  jetzt  zerrissen  seien,  ein  Satz,  welchen  Rechberg
  bald  nachher  positiv  dahin  erläuterte,  daß  allein  Preußen
die  Schuld  an  diesem  Unheil  trage,  sodann  die  einfache
Wiederholung  der  von  Preußen  so  oft  abgelehnten  Verfassungspläne,
  die  ausdrückliche  Erinnerung  an  die  heftigsten
Schriftstücke  der  gegen  Preußen  geführten  Polemik,  und
endlich  die  Erklärung  der  Absicht,  bei  Preußens  Widerspruch
cinen  engern  Bund  im  Bunde  zu  gründen,  einer  Absicht,  der
man,  als  Preußen  sich  dazu  bekannte,  wiederholt  den  heftigsten
Protest  im  Namen  des  Bundesrechts  entgegengesetzt  hatte,
dies  Alles  war  wenig  geeignet,  den  König  für  die  österreichischen
  Pläne  günstig  zu  stimmen.

Die  Gespräche  der  beiden  Herrscher  über  die  große  Sache
verliefen  ohne  Zeugen,  jedoch,  wie  ihre  weitere  Correspondenz
  und  die  Aufzeichnungen  des  Königs  darthun,  in
durchaus  freundlicher  Weise.  Der  König  betonte  vor  Allem
die  Nothwendigkeit  gewisser  Vorarbeiten;  ein  erwünschtes
        <pb n="555" />
        1863  Entgegnung  König  Wilhelm's.  545

Resultat  sei  nicht  denkbar  ohne  ministerielle  Berathung  über
ein  vollständig  ausgearbeitetes  Project,  welches  dann,  vielleicht
  am  1.  October,  dem  Fürstencongreß  vorgelegt  werden
möchte;  dem  Allem  aber  müsse  eine  Verständigung  zwischen
Preußen  und  Osterreich  vorausgehen.  Auch  von  Polen  war
ausführlich  die  Rede.  Der  Kaiser  wiederholte  auf  das  Bestimmteste
  die  Erklärung,  daß  er  sich  dem  Notenkrieg  der
Westmächte  nur  zu  dem  Zwecke  der  Erhaltung  des  Friedens
angeschlossen  habe,  und  zurücktreten  werde,  sobald  dort  der
Gedanke  an  bewaffneten  Angriff  aufkäme.  Ich  besorge  nur,
sagte  der  König,  daß  Dir  die  Trennung  von  den  Westmächten
sehr  schwer  gemacht  werden  könnte.  Nicht  im  Mindesten,  war
die  Antwort;  die  Westmächte  kennen  meinen  Entschluß,  weder
Krieg  zu  führen  noch  in  Anderungen  des  Besitzstandes  einzuwilligen,
  seit  lange,  und  ich  freue  mich,  daß  auch  England
den  festen  Willen  hat,  nur  diplomatische  und  keine  kriegerischen
Mittel  zur  Unterstützung  Polens  zu  verwenden.  In  Galizien,
fügte  er  hinzu,  ist  übrigens  die  Revolution  ebenso  vorbereitet
wie  in  Polen,  und  ich  werde  dort  zu  ernsten  Maaßregeln
schreiten  müssen.

Am  Schlusse  der  letzten  Unterredung  bat  Franz  Joseph
den  König,  ihm  ein  Resumé  der  mündlich  gemachten  Bemerkungen
  über  die  Bundesreform  nach  Wien  zu  senden.
Der  König  schrieb  es  gleich  nach  der  Abreise  des  Kaisers
noch  am  Abend  des  3.  August  nieder;  wir  lernen  daraus
seine  Auffassung  vollständig  kennen.

Er  trete,  sagte  er,  der  Darstellung  der  Nothwendigkeit
einer  Bundesreform  vollständig  bei,  halte  aber  die  Berufung
eines  Fürstencongresses  an  und  für  sich,  und  vollends  auf

einen  so  nahe  anberaumten  Termin  wie  den  16.  August,  für
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches  II.  35
        <pb n="556" />
        546  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

bedenklich.  Denn  die  Fürsten  könnten  bis  dahin  sich  auf
eine  so  wichtige  Entscheidung  nicht  gründlich  vorbereiten,  und
auch  nach  einer  längeren  Bedenkzeit  scheine  die  nothwendige
Erwägung  bei  der  Arbeitsfähigkeit  eines  so  gestellten  Collegiums
  unmöglich.  Es  sei  also  eine  vorbereitende  Erörterung
des  Entwurfs  durch  eine  Ministerconferenz  vorzuziehen,  deren
Ergebnisse  dann  durch  eine  Fürstenversammlung  sanctionirt
werden  könnten.  Bei  der  Beschaffenheit  vieler  deutscher
Kammern  sei  es  wahrscheinlich,  daß  ihre  Delegationen  sich
nicht  mit  der  berathenden  Stimme  begnügen,  sondern  sogleich
weitere  Attributionen  begehren  würden,  so  daß  von  Anfang
an  die  Übereinstimmung  gestört  wäre.  Vermittelst  eines  conservativen
  Wahlgesetzes  seien  von  directer  Volkswahl  günstigere
Resultate  zu  hoffen.  Für  das  Bundesdirectorium  würde  die
Bestellung  der  drei  Mitglieder  neben  Preußen  und  Osterreich
große  Schwierigkeiten  machen;  die  Zusammensetzung  des
Directoriums  würde  wesentlich  durch  den  Umfang  seiner
Attributionen  bedingt;  je  größer  seine  Macht,  desto  schwieriger
  würde  die  Zustimmung  der  nicht  dabei  betheiligten
Staaten  zu  erlangen  sein.  Schließlich  gebe  er  zu  bedenken,
welchen  Eindruck  es  machen  müßte,  wenn  der  Fürstencongreß
unverrichteter  Sache  auseinander  ginge;  ein  größerer  Dienst
könne  der  Revolution  nicht  erwiesen  werden,  um  so  nothwendiger
  sei  eine  den  Erfolg  sichernde  Vorbereitung  der
Maaßregel.

Wie  man  sieht,  vermied  der  König  eine  kategorische  Ablehnung.
  Unter  den  hier  angeführten  Voraussetzungen  war
ihm  das  Bild  einer  feierlichen  Vereinigung  der  deutschen
Fürsten  für  den  großen  nationalen  Zweck  eher  erfreulich  als
bedenklich.
        <pb n="557" />
        1863  Preußische  amtliche  Erörterungen.  547

Er  konnte  nicht  wohl  anders,  als  vermuthen,  daß  der
Kaiser  seinen  definitiven  Entschluß  erst  nach  Empfang  des
Resumés  fassen  würde,  war  also  nicht  wenig  überrascht,  als
noch  am  Abend  des  3.  August  ein  kaiserlicher  Adjutant  ihm
die  amtliche,  vom  31.  Juli  datirte  Einladung  nach  Frankfurt
auf  den  16.  August  übergab.  Er  ließ  darauf  am  4.  das
Resumé  nebst  einem  Privatschreiben  an  den  Kaiser  abgehen,
worin  er  sein  Bedauern  aussprach,  der  Einladung  schon  aus
Gesundheitsrücksichten  nicht  folgen  zu  können.  An  demselben
Tage  schloß  sich  die  amtliche  Ablehnung  an.  Obgleich  dies
Alles  schon  am  Morgen  telegraphisch  nach  Wien  vorausgemeldet
  war,  wurden  von  dort  im  Laufe  des  Tages  die
Einladungen  an  alle  deutschen  Höfe  abgeschickt;  der  Entschluß
des  Kaisers  stand  also  unwiderruflich  fest.  Aber  auch  die  Ansicht
des  Königs  konnte  durch  ein  Schreiben  Franz  Joseph's  vom
7.  August  nicht  wankend  gemacht  werden.  Vielmehr  gingen
am  13.  und  14.  August  zwei  ministerielle  Depeschen  an  Herrn
von  Werther  nach  Wien,  von  welchen  die  erste  das  Erstaunen
über  jene  Sätze  der  österreichischen  Denkschrift  aussprach,
wonach  die  bisherige  Bundesverfassung  schon  zu  existiren
aufgehört  habe,  die  zweite  aber  es  der  Würde  des  Königs
nicht  entsprechend  bezeichnete,  an  einer  Versammlung  Theil
zu  nehmen,  deren  unendlich  wichtiger  Zweck  mit  ihm  nicht
vorher  berathen  worden,  und  im  Einzelnen  erst  auf  der  Versammlung
  selbst  mitgetheilt  werden  sollte.  Ein  abschließendes
Urtheil  über  den  dort  vorzulegenden  Verfassungsentwurf  sei
nach  den  bisherigen  spärlichen  Mittheilungen  nicht  zu  fällen.
So  weit  man  bis  jetzt  sehe,  würde  ein  Bundesdirectorium,
wenn  seine  Beschlüsse  der  Einstimmigkeit  der  fünf  Mitglieder
bedürften,  den  bestehenden  Zustand  unverändert  lassen;  sollte

*—
        <pb n="558" />
        548  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

es  aber  nach  Mehrheitsbeschlüssen  zu  handeln  berechtigt  sein,  so
könnte  Preußen  nimmermehr  seine  Selbständigkeit  und  seine
Gesetzgebung  den  Verfügungen  von  drei  Stimmen  unter  fünf
unterordnen.  Berathende  Delegationen  seien  absolut  bedeutungslos;
  Preußen  bleibe  bei  der  frühern  Erklärung,  daß  es
eine  Ausdehnung  der  Bundesgewalt  nur  dann  genehmigen
könne,  wenn  zu  deren  Beschlüssen  die  Zustimmung  eines  aus
Volkswahlen  hervorgegangenen  Parlaments  erforderlich  sei.

Bei  der  Mittheilung  dieser  Depeschen  an  den  Bundestagsgesandten
  von  Sydow,  der  Ende  1862  an  Usedom's
Stelle  getreten  war,  schrieb  Bismarck:  „ich  betrachte  das
österreichische  Reformproject  als  eine  Schaumwelle,  mit  welcher
Schmerling  mehr  noch  ein  Manöver  der  innern  österreichischen
Politik,  als  einen  Schachzug  antipreußischer  Diplomatie  beabsichtigt.
  Er  arrangirt  dem  Kaiser  eine  glänzende  Geburtstagsfeier
  mit  weißgekleideten  Fürsten,  und  fingirt  ihm  Erfolge
der  constitutionellen  Aera  Österreichs.  Von  dem  Dampf  der
Phrasen  entkleidet,  ist  des  Pudels  Kern  ein  so  dürftiger,
daß  man  dem  Volke  lieber  nicht  praktisch  vordemonstriren
sollte,  wie  nicht  einmal  das  zu  Stande  kommt  ...  Einen
Einfluß  auf  die  Verhandlungen  zu  erhalten,  empfiehlt  sich
jetzt  noch  nicht;  wir  müssen  die  Weisheit  der  Reformen  sich
erst  ungestört  offenbaren  lassen."“

Während  nun  in  denselben  Tagen  die  Reformacte  in
Wien  ihre  schließliche  Fassung  erhielt,  u.  A.  die  dritte  Stimme
im  Directorium  dem  Könige  von  Bayern,  den  Delegationen
aber  beschließende  Stimme  bei  allen  Bundesgesetzen  eingeräumt
  wurde,  hatte  Graf  Rechberg  wieder  mit  der  polnischen
  Frage  zu  thun.  Napoleon  war  durchaus  nicht  der
Meinung,  sich  bei  der  russischen  Antwort  zu  beruhigen,
        <pb n="559" />
        1863  Nochmals  gehen  Noten  nach  Petersburg.  549

sondern  ließ  den  beiden  Genossen  den  Entwurf,  dieses  Mal
zu  einer  identischen  Note,  vorlegen,  welche,  nach  einer  sehr
nachdrücklichen  Widerlegung  aller  Sätze  Gortschakoff's,  in
ihren  Schlußworten  beinahe  die  Form  eines  Ultimatums  annahm.
  Allein  weder  Lord  John  Russell  noch  Graf  Rechberg
wollten  von  identischen  Noten  reden  hören;  es  blieb  bei  der
bisherigen  Form  gleichzeitiger  Außerungen,  welche  wenigstens
in  Wien  einen  viel  sanftern  Ton  als  in  Paris  anschlug,  wenn
gleich  auch  hier  die  Verantwortung  für  alle  üblen  Folgen
Rußland  zugeschoben  wurde.  Man  hatte  zwar  den  Vorschlag
des  Herrn  Drouyn  de  Lhuys  zu  einem  Allianzvertrage  abgelehnt,
  wollte  aber  doch  auf  der  Schwelle  des  Fürstentags
die  Verbindung  mit  Paris  nicht  gänzlich  abbrechen.  Nachdem
die  beiden  Westmächte  ihre  Noten  am  3.  und  11.  nach  Petersburg
  gesandt,  folgte  also  die  österreichische  am  12.  August.
Sie  bekamen,  wie  ihre  Vorgängerinnen  im  Juni,  zunächst
eine  thatsächliche  Untwort.  Damals  war  Wielopolski  beurlaubt
  worden;  jetzt  erhielt  trotz  alles  Sträubens  Großfürst
Constantin  den  Befehl  zur  Rückkehr  nach  Petersburg.  Die
Dictatur  des  Grafen  Berg  war  damit  der  letzten  Schranke
entledigt  worden.  Wie  grimmig  auch  die  Nationalregierung
ihr  Schreckenssystem  steigerte  —  man  zählte  damals  seit  dem
Beginne  des  Aufstandes  beinahe  500  auf  ihren  Befehl  vollzogene
  Meuchelmorde  —  Lithauen  war  vollständig  unterworfen,
  und  in  Polen  zog  sich  der  eiserne  Ring  der  russischen
Militärgewalt  immer  enger  um  den  Mittelpunkt  der  Rebellion
zusammen.

Unterdessen  entfalteten  sich  fröhlichere  Bilder  in  Süddeutschland.
  Vor  Allem  schmückte  sich  die  alte  Stadt  der
Kaiserwahlen  und  des  Bundestags  für  den  Empfang  des
        <pb n="560" />
        550  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

jugendlichen  Herrschers,  der,  wie  man  meinte,  sich  im  Kreise
der  deutschen  Fürsten  die  Krone  des  neuen  Reiches  auf  das
Haupt  drücken  würde.  Frankfurt  war  seit  langer  Zeit  gut
österreichisch  durch  den  Einfluß  des  Bundestags,  die  Thätigkeit
  der  österreichischen  Preßorgane  und  die  Liebenswürdigkeit
der  österreichischen  Officiere,  vielleicht  auch  durch  die  Menge
österreichischer  Staatsschuldscheine  in  den  Cassen  der  Bürgerschaft.
  Die  Erwartung  war  auf  das  Höchste  gespannt;  schon
am  14.  und  15.  August  war  man  in  unaufhörlicher  Bewegung;
  Könige  und  Fürsten  langten  an,  mit  Geschützsalven,
Glockengeläute  und  Senatsdeputationen  bewillkommnet.  In
der  That,  sie  kamen  Alle,  außer  Lippe,  Anhalt-Bernburg  und
Holstein;  der  König  von  Preußen,  war  der  allgemeine  Glaube,
würde  sich  auch  noch  zum  Guten  besinnen.  Endlich  am
16.  Abends  erschien  in  stattlichem  Aufzug  das  Haupt  des
Festes,  Kaiser  Franz  Joseph.  Alle  Straßen  waren  geschmückt;
eine  zahllose  Menschenmenge  begleitete  die  kaiserliche  Auffahrt
mit  nicht  verhallenden  Jubelrufen;  der  städtische  Senat  in
seiner  Gesammtheit  brachte  ihm  die  Empfangsbegrüßung  entgegen.
  Kaiser  Friedrich  Rothbart,  aus  der  Gruft  des  Kyffhäusers
  hervorsteigend,  hätte  nicht  mit  geräuschvollerer  Begeisterung
  aufgenommen  werden  können.

Auch  bei  den  versammelten  Fürsten  verfehlte  der  lärmende
Aufschwung  der  Volksstimmung  seinen  Eindruck  nicht.  Mancher
unter  ihnen  beschaute  am  16.  August  den  bis  dahin  unbekannt
gebliebenen  Verfassungsentwurf,  über  den  er  bereits  morgen
in  Berathung  treten  sollte,  mit  beklommenem  Herzen:  aber
das  ebenso  ruhige  wie  feste  Auftreten  des  Kaisers  imponirte
Allen,  da  es  ihnen,  den  noch  Unentschlossenen,  stets  das  Gefühl
  der  Überlegenheit  eines  sichern  und  wohlerwogenen
        <pb n="561" />
        1863  Erste  Sitzung  des  Fürstentags.  551

Handelns  gab.  Durchgängig  secundirten  die  vier  Könige
(der  Württemberger  war  durch  seinen  Sohn  vertreten)  dem
Kaiser;  es  gab  nicht  viele  unter  den  Kleinern,  die  sich  diesem
Übergewichte  entgegen  zu  stellen  wagten,  und  der  von  Osterreich
  hier  wie  einst  in  Dresden  ausgegebene  Satz,  es  sei
unmöglich,  die  Stadt  zu  verlassen,  ohne  daß  Etwas  er—
reicht  sei,  fand,  schon  aus  Revolutionsfurcht  täglich  wachsende
Anhänger.

Die  erste  Sitzung  am  17.  August  eröffnete  der  Kaiser
als  Vorsitzender  mit  einer  sehr  geschickt  abgefaßten  Anrede,
welcher  König  Max  von  Bayern  im  Wesentlichen  zustimmend
antwortete.  Darauf  stellte  der  Großherzog  von  Mecklenburg-Schwerin
  den  Antrag,  die  Versammlung  möge  eine  schriftliche
Einladung  an  den  König  von  Preußen  zur  Theilnahme  an
ihren  Verhandlungen  erlassen.  König  Johann  von  Sachsen
wollte,  wie  er  sagte,  die  Opportunität  eines  solchen  Schrittes
nicht  erörtern,  stimmte  vielmehr  demselben  zu,  jedoch  nur
unter  Feststellung  einer  doppelten  Voraussetzung,  nämlich
erstens  eines  Beschlusses,  daß  die  Versammlung  in  der  kaiserlichen
  Vorlage  eine  geeignete  Grundlage  für  ihre  Verhandlungen
  erkenne,  und  zweitens  eines  Beschlusses,  durch  eine
etwaige  abschlägige  Antwort  des  Königs  sich  von  der  Fortsetzung
  ihrer  Berathungen  auf  jener  Grundlage  nicht  abhalten
zu  lassen.  Der  Kaiser  und  König  Max  unterstützten  diese
Anträge,  welche  dann  nach  kurzer  Erörterung  genehmigt
wurden.  Der  Kaiser  sprach  seine  hohe  Befriedigung  aus,
hiemit  die  Zusage  empfangen  zu  haben,  daß  die  hohen  Herren
sämmtlich  Willens  seien,  jedesfalls  ein  bestimmtes  Resultat
aus  ihren  Verhandlungen  hervorgehen  zu  lassen.  König
Johann  übernahm  dann  den  Auftrag,  das  Schreiben  an
        <pb n="562" />
        552  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

König  Wilhelm  abzufassen,  und  es  ihm  selbst  nach  Baden
zu  überbringen.  Trotz  einer  Abmahnung  des  badischen  Großherzogs
  wurde  beschlossen,  in  dem  Schreiben  von  der  bereits
erfolgten  Annahme  des  österreichischen  Entwurfs  als  Grundlage
  der  Verhandlungen  ausdrücklich  Erwähnung  zu  thun.
Am  19.  Vormittag  reiste  König  Johann  nach  Baden  ab;
bis  zu  seiner  Rückkehr  wurden  die  Sitzungen  ausgesetzt.

Für  König  Wilhelm  ergaben  sich  daraus  wenig  angenehme
  Stunden.  Bei  ihm  lagen  Kopf  und  Herz  in  Bezug
auf  den  Fürstentag  im  Streit.  Es  wäre  ihm  eine  wahre
Freude  gewesen,  dort  inmitten  seiner  fürstlichen  Genossen  die
Hand  an  das  bedeutende  Werk  zu  legen  —  hätten  nur  die
ernsten  Gegengründe  nicht  gar  zu  schwer  überwogen.  Dann
kamen  die  Zweifel,  ob  er  für  Preußens  Interesse  und
Deutschlands  Frommen  nicht  wirksamer  an  Ort  und  Stelle,
als  aus  der  Ferne  sorgen  könne.  In  München  redete  zu  ihm
die  bayerische  Königin  Marie,  in  Wildbad  seine  hochverehrte
Schwägerin,  die  Königin-Wittwe  Elisabeth,  in  gleichem  Sinne,
während  Bismarck  unabänderlich  bei  dem  Worte  blieb,  wenn
der  König  befehle,  werde  er  mit  ihm  nach  Frankfurt,  dann
aber  nicht  mehr  als  Minister  nach  Berlin  gehen.  Bei  der
nachklingenden  Aufregung  der  Badecur  wurde  in  diesem
Kampfe  der  Ansichten  der  König  nervös,  und  bei  der  Besprechung
  mit  dem  König  Johann  entschieden  unwohl.  Er
drückte  dem  hohen  Genossen  seine  lebhafte  Neigung  aus,  zu
kommen,  behielt  sich  aber  nach  Darlegung  der  Gründe  vor,
die  Entscheidung  schriftlich  in  dem  Antwortbriefe  an  die  Versammlung
  zu  geben.  Nachher  mit  Bismarck  berathend,  rief
er  aus:  dreißig  Fürsten  als  Einlader,  ein  König  als  Cabinetscourier,
  wie  kann  man  da  ablehnen?  Indessen  hielt  schließlich,
        <pb n="563" />
        1863  König  .Wilhelm  lehnt  die  Theilnahme  ab.  553

wie  immer  bei  ihm,  der  Kopf  das  Herz  im  Zaum.  Nach
manchem  Zaudern  und  Widerstreben  wurde  der  ablehnende
Brief  geschrieben,  gesiegelt  und  dann  von  Bismarck  den  abreisenden
  Sachsen  übergeben.  In  Bismarck's  Innerm  kochte
der  Zorn  über  die  lange  Spannung;  als  hinter  den  Sachsen
sich  die  Thüre  geschlossen,  zerschlug  er  einen  auf  dem  Tische
stehenden  Teller  mit  Gläsern:  ich  mußte  etwas  zerstören,
sagte  er,  jetzt  habe  ich  wieder  Athem.

In  Frankfurt  fuhr  man  unterdessen  fort,  das  Eisen  zu
schmieden,  so  lange  es  heiß  war.  Von  einer  sonst  bei  solchen
Berathungen  üblichen  Geschäftsordnung,  von  erster  und  zweiter
Lesung,  allgemeiner  und  specieller  Verhandlung  u.  s.  w.,
durfte  natürlich  hier  keine  Rede  sein;  es  galt,  gleich  viel
unter  welcher  Form,  so  schnell  wie  möglich  zum  Ziele  zu
kommen.  Morgens  am  21.  August  erhielten  die  Fürsten  eine
österreichische  Denkschrift,  worin  der  Kaiser  aus  der  Annahme
seines  Entwurfs  als  Basis  die  Hoffnung  folgerte,  daß  zu
demselben  nur  solche  Verbesserungsanträge  eingebracht  werden
würden,  welche  das  System  des  Ganzen  nicht  alterirten;  er
empfahl  dann  zwölf  besonders  wichtige  Artikel  zu  schleuniger
Berathung  und  Beschließung  durch  die  Fürsten,  und  gab
anheim,  die  übrigen  durch  die  Minister  unter  der  Maaßgabe
  verhandeln  zu  lassen,  daß,  wo  über  eine  Anderung
kein  Einverständniß  erzielt  würde,  der  Text  der  Vorlage
gelten  sollte.

Als  er  in  der  Sitzung  des  22.  dies  Verfahren  beantragte,
wurde  er  sofort  von  dem  Könige  von  Sachsen  und  einigen
andern  Fürsten  unterstützt.  Vergebens  regte  der  Großherzog
von  Baden  das  Bedürfniß  einer  Geschäftsordnung  an,  und
stellte  die  Frage,  ob  hier  bindende  Mehrheitsbeschlüsse  gefaßt
        <pb n="564" />
        554  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

werden  sollten.  König  Johann  erwiderte,  verpflichten  könne
natürlich  durch  sein  Votum  jeder  nur  sich  selbst,  wünschenswerth
aber  sei  es,  überall  zu  einem  Einvernehmen  zu  gelangen,  und
dazu  sei  es  doch  erforderlich,  die  Meinung  Aller  oder  der
Mehrheit  kennen  zu  lernen;  er  seinerseits  werde  stets  bereit
sein,  die  eigene  Ansicht  der  der  Mehrheit  unterzuordnen.  Der
Großherzog  von  Mecklenburg-Schwerin  erklärte  darauf,  daß
er  die  Abstimmungen  über  die  einzelnen  Artikel  zunächst  nur
als  vorläufige  betrachten  könne;  erst  eine  Gesammtabstimmung
über  das  Ganze  werde  die  Meinung  der  Versammlung  ergeben.
  Dem  pflichtete  Kaiser  Franz  Joseph  auf  der  Stelle
bei,  hoffte  aber,  die  Vota  bei  der  Gesammtabstimmung  als
bindende  betrachten  zu  dürfen.

Nachdem  in  so  summarischer  Weise  die  Formfrage  erledigt
  war,  schritt  man  ohne  Aufenthalt  zur  Sache,  zur
Berathung  der  einzelnen  Artikel.  Es  hat  für  uns  kein  Interesse,
  den  Gang  dieser  von  Anfang  an  zur  Erfolglosigkeit
verurtheilten  Verhandlungen  im  Einzelnen  zu  verfolgen,  zumal
  die  Reden  der  hohen  Mitglieder  nicht  in  authentischer
Weise  erhalten  sind,  und  in  den  Sitzungsprotokollen  nur  hier
und  da  eine  Hindcutung  auf  ausführlichere  Vorträge  erscheint.
Von  Anfang  an  zeigte  sich  eine  sichere  Mehrheit  für  die
kaiserliche  Vorlage;  dieselbe  entsprach  durchaus  den  Wünschen
der  Mittelstaaten,  und  nur  eine  kleine  Anzahl  der  Ubrigen
hatte  den  Muth,  unter  den  Augen  des  Kaisers  ihre  abweichende
  Ansicht  aufrecht  zu  halten.  Franz  Joseph  bekundete
im  ganzen  Verlauf  der  Sitzungen  ein  ebenso  umsichtiges  wie
energisches  Präsidialtalent,  als  habe  er  sein  Leben  lang  sich
mit  parlamentarischen  Geschäften  befaßt.  König  Johann  von
Sachsen  erwies  sich  als  nicht  minder  begabter  Leiter  der
        <pb n="565" />
        1863  Verhandlungen  über  den  Verfassungsentwurf.  555

Majorität,  mochte  es  nun  auf  überzeugende  Rede  oder  auf
strategisches  Geschick  zur  Ausgleichung  der  streitenden  Meinungen
  ankommen.  Ihm  gegenüber  war  es  vor  Allem  der
Großherzog  von  Baden,  welcher  unerschrocken  dem  ganzen
Systeme  zu  Leibe  ging,  und  sich  nicht  scheute,  die  in  diesem
Kreise  verhaßte  Ketzerei  auszusprechen,  daß  jede  fruchtbare
Bundesthätigkeit  unmöglich  sei,  so  lange  zwei  Großmächte
dem  Bunde  angehörten.  Für  seine  Verbesserungsvorschläge
konnte  er  aber  auf  nicht  mehr  als  vier  bis  sechs  Stimmen:
Weimar,  Oldenburg,  zuweilen  Coburg,  Waldeck,  Reuß,  zählen.

Der  Inhalt  der  Reformacte  bewegte  sich  ganz  in  dem
uns  aus  den  letzten  Bundestagsverhandlungen  bekannten
Gesichtskreise:  Erweiterung  des  Bundeszwecks,  Befugniß  des
Bundes,  gemeinnützige  Einrichtungen  aller  Art  seiner  Gesetzgebung
  und  Verwaltung  zu  unterstellen,  also  starke  Beschränkung
  der  Nothwendigkeit  einstimmiger  Beschlüsse,  dafür
Betheiligung  von  Landtagsdelegirten  an  der  Gesetzgebung,
und  Schöpfung  einer  Executivbehörde  in  Gestalt  eines  Directoriums,
  wo  ebenso  wie  im  Bundestage  Osterreich  das  Präsidium,
  und  in  Verbindung  mit  den  Mittelstaaten  die  Aussicht
auf  eine  dauernde  Mehrheit  gehabt  hätte.  Dazu  ein  Bundesgericht,
  welches  unter  Anderm  auch  die  Befugniß  haben  sollte,
bei  Streitigkeiten  zwischen  Regierung  und  Volksvertretung
eines  Einzelstaats  über  Auslegung  und  Anwendung  der  Landesverfassung
  zu  entscheiden.  Man  hatte  zur  Empfehlung  der
Reformacte  den  König  von  Preußen  darauf  hingewiesen,  wie
er  auf  diese  Art  von  allem  Budgetstreit  seines  Abgeordnetenhauses
  gründlich  befreit  werden  könnte.  Er  schmunzelte:  es
wäre  nicht  so  uneben,  setzte  jedoch  gleich  hinzu:  es  geht
aber  nicht.
        <pb n="566" />
        556  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

Besonders  charakteristisch  für  Osterreichs  Wünsche  war
der  Artikel  8  der  Reformacte,  Krieg  und  Frieden  betreffend.
Ergäbe  sich  Gefahr  eines  Angriffs  auf  den  Bund  oder  einen
Theil  des  Bundesgebiets,  oder  erschiene  das  europäische  Gleichgewicht
  in  einer  für  den  Bund  bedenklichen  Weise  gefährdet,
so  sollte  das  Directorium  alle  Vorkehrungen  treffen,  das
Bundesheer  mobil  machen,  den  Bundesfeldherrn  ernennen.
Die  förmliche  Kriegserklärung  würde  vom  Bundestag,  oder
wie  er  hier  hieß,  vom  Bundesrath,  mit  einer  Mehrheit  von
zwei  Dritteln  beschlossen.  Ergäbe  sich  aber  die  Gefahr  eines
Kriegs  zwischen  einem  Bundesstaat,  der  zugleich  außerhalb
des  Bundcsgebiets  Besitzungen  hat,  und  einer  auswärtigen
Macht,  so  würde  auf  Antrag  des  Directoriums  der  Bundestag
  über  die  Betheiligung  an  diesem  Kriege  (z.  B.  Osterreichs
über  Venctien)  mit  einfacher  Stimmenmehrheit  entscheiden.
Dieses  Verhältniß,  qualificirte  Mehrheit  für  eine  Vertheidigung
des  Bundesgebiets,  einfache  Mehrheit  für  die  Beschützung
außerbündischer  Lande,  war  doch  auch  den  getreuen  Mittelstaaten
  zu  viel.  Auf  sächsisch-nassauischen  Antrag  wurde  für
beide  Fälle  die  Zweidrittelmehrheit  festgesetzt.  Der  Artikel
blieb  auch  dann  noch  ein  Fortschritt  in  Osterreichs  Sinne,
da  der  Artikel  47  der  Wiener  Schlußacte  für  den  zweiten
Fall  die  Bedingung  gestellt  hatte,  daß  bei  einem  feindlichen
Angriff  auf  außerbündisches  Land  der  Bundestag  zugleich
eine  Gefahr  für  das  Bundesgebiet  anerkannt  hätte.

Wenn  die  Reformacte  nach  alledem  für  Preußen  unannehmbar
  war,  so  gelang  es  ihr  ebenso  wenig,  populäre
Gunst  zu  erwerben.  Neben  der  Fürstenconferenz  tagte  damals
in  Frankfurt  auch  eine  Versammlung  von  300  Mitgliedern
aller  deutschen  Kammern  außer  Osterreich.  Diese  kam  am
        <pb n="567" />
        1863  Ergebniß  der  Berathungen.  557

22.  August  zu  der  Forderung  eines  Parlaments  aus  Volkswahl,
  der  Gleichberechtigung  der  beiden  Großmächte  im
Bunde,  der  Beschließung  der  künftigen  Verfassung  gemeinsam
durch  die  Regierungen  und  das  Parlament.  Es  sei  unmöglich,
sagte  in  höflichen  Worten  der  Beschluß,  sich  zu  Osterreichs
Vorschlag  durchaus  verneinend  zu  stellen:  es  war  aber  einleuchtend
  für  alle  Welt,  daß  mit  der  Aufstellung  jener
Forderung  die  vollständige  Zurückweisung  des  keaiserlichen
Entwurfes  ausgesprochen  war.

In  der  letzten  Sitzung  des  Fürstentages,  am  1.  September
  1863,  stellten  Hannover  und  Braunschweig  den  Antrag,
die  bisher  für  die  Ministerconferenz  vorbehaltenen  Artikel  in
Einer  Abstimmung  anzunehmen,  und  damit  die  Berathungen
der  Minister  unnöthig  zu  machen.  Der  Antrag  fand  vielfache
  Unterstützung,  und  wurde  nach  kurzer  Besprechung  einstimmig,
  nur  von  Baden  unter  Vorbehalt,  angenommen.  So
war  die  Specialdiscussion  beendigt,  uad  man  konnte  jetzt  zu
dem  Gesammtbeschluß  über  das  Ganze  schreiten.  Der  Kaiser
Franz  Joseph  stellte  darauf  die  beiden  Fragen:  1.  Nimmt
die  Versammlung  das  Schlußresultat  der  Verhandlungen  an?
2.  Hält  die  Versammlung  sich  so  lange  an  diese  Beschlüsse
gebunden,  bis  die  hier  nicht  vertretenen  Bundesglieder  den
ihnen  mitgetheilten  Entwurf  entweder  definitiv  abgelehnt,  oder
uns  ihre  Gegenvorschläge  eröffnet  haben?  Es  wurden  darauf
beide  Fragen  von  24  Stimmen  bejaht,  von  6  Stimmen
(Baden,  Schwerin,  Weimar,  Luxemburg,  Waldeck,  Reuß  j.  L.)
verneint.  Die  Mitglieder  der  Mehrheit  unterzeichneten  dann
eine  Erklärung  ihrer  Bereitwilligkeit,  die  künftige  Verfassung
Deutschlands  nach  Maaßgabe  der  hier  gefaßten  Beschlüsse,
so  viel  an  ihnen  liege,  zu  vollenden  und  in's  Leben  zu  führen,
        <pb n="568" />
        558  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

und  zu  diesem  Zwecke  mit  den  hier  nicht  vertretenen  Bundesfürsten,
  insbesondere  dem  Könige  von  Preußen,  eine  allseitige
Verständigung  auf  dem  Grunde  jener  Beschlüsse  anzustreben.
Bemerkenswerth  ist  hiebei  der  Umstand,  daß  in  dem  ursprünglichen
  Entwurf  der  Erklärung  statt  der  Worte  „allseitige
Verständigung“  die  Worte  „bundesverfassungsmäßige  Verständigung“"
  gestanden  hatten:  die  Conferenz  aber  beliebte
die  Anderung,  um  jeden  Zweifel  auszuschließen,  daß  die  Absicht
  auf  Erlangung  der  Stimmeneinhelligkeit  aller  Bundesglieder,
  nicht  aber  auf  Herbeiführung  eines  engern  Bündnisses
kraft  Artikel  11  der  alten  Bundesacte  gehe.  Das  war  ein
übles  Vorzeichen  für  die  Erfüllung  des  österreichischen,  gerade
auf  einen  solchen  Bund  gerichteten  Wunsches,  im  Falle  des
Mißlingens  der  zunächst  anzustrebenden  großen  Bundesreform.

Endlich  wurde  ein  zweites  Collectivschreiben  der  Versammlung
  an  den  König  von  Preußen  vorgelegt  und  genehmigt,
  und  dann  der  deutsche  Fürstentag  durch  eine  Rede
des  Kaisers  von  Osterreich  geschlossen.  Gleichnißweise  zu
reden:  ein  glänzendes  Feuerwerk  mit  rauschenden  Raketen,
bunten  Sternen  und  bengalischen  Flammen  war  vor  dem
erstaunten  Publicum  abgebrannt  worden:  was  war  davon
geblieben,  als  die  letzte  Leuchtkugel  niedergesunken  war?

In  Berlin  wurde  der  übersandte  Verfassungsentwurf
amtlich  dem  Ministerrathe  zur  Begutachtung  übergeben,  und
dessen  Bericht  am  15.  September  dem  Könige  erstattet.  Der
Aufsatz  lehnte  eine  Erörterung  der  einzelnen  Artikel  ab,  empfahl
aber,  sich  zu  weiteren  Verhandlungen  über  eine  Bundesreform
durch  Ministerconferenzen  bereit  zu  erklären,  wenn  vorher  ein
Einverständniß  über  drei  entscheidende  und  unerläßliche  Grundsätze
  gewonnen  sei.  Erstens  begehre  Preußen  für  sich  wie  für
        <pb n="569" />
        1863  Preußische  Kritit  des  Beschlusses.  559

Osterreich  das  Recht  des  Veto  gegen  die  Erklärung  eines
Bundeskrieges,  da  Preußen  als  europäische  Großmacht  seine
auswärtige  Politik  nicht  unbedingt  in  den  Dienst  des  Bundes
stellen  könne,  und  überdies  mehr  Einwohner  habe,  als  die
Mittel=  und  Kleinstaaten  zusammen,  die  im  Bundestag  durch
Stimmenmehrheit  eine  Kriegserklärung  jeder  Zeit  zu  hindern
vermöchten.  Zweitens  fordere  Preußen  volle  Gleichstellung  im
Bunde  mit  Osterreich,  also  Wechsel  im  Präsidium  der  obersten
Bundesbehörden;  die  historische  Entwicklung  habe  beiden
Staaten  eine  gleiche  Machtstellung  in  Europa  gegeben,  und
im  Bunde  zähle  Preußen  mehr  Einwohner  als  Österreich.
Drittens  könne  Preußen  in  eine  Erweiterung  der  Bundeszwecke,
  und  damit  in  eine  Beschränkung  seiner  Unabhängigkeit
nur  dann  willigen,  wenn  ihm  eine  Garantie  geboten  würde,
daß  dieses  Opfer  den  Gesammtinteressen  der  deutschen  Nation
und  nicht  andern  Particularinteressen  zu  Gute  komme:  eine
solche  Garantie  erkenne  aber  Preußen  nur  in  einem  aus
directen  Volkswahlen  hervorgegangenen  deutschen  Parlament,
während  die  vorgeschlagene  Delegirten-Versammlung  gerade  im
Gegentheil  eine  Vertretung  des  Sonderthums  darstellen  würde.

König  Wilhelm  sprach  sofort  sein  Einverständniß  mit
diesem  Berichte  aus,  und  richtete  am  22.  September  unter
Beifügung  desselben  gleichlautende  Schreiben  an  sämmtliche
Mitglieder  der  Frankfurter  Majorität,  womit  dann  jede
Hoffnung  auf  eine  Verständigung  abgeschnitten  war.

Ein  charakteristisches  Zwischenspiel  mag  hier  eingeschaltet
werden.

Lord  John  Russell,  stets  wohlmeinend,  und  stets  von
dem  Werthe  seiner  guten  Meinung  durchdrungen,  konnte
auch  bei  dieser  Angelegenheit  es  sich  nicht  versagen,  der
        <pb n="570" />
        560  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

preußischen  Regierung  sein  Urtheil  über  ihr  Verhalten  mitzutheilen.
  In  einer  nach  Berlin  gerichteten  Depesche  vom
30.  September  erklärte  er  die  beiden  ersten  preußischen
Forderungen,  betreffend  das  Veto  und  das  Alternat,  für
gerecht  und  verständig,  aber  bat  dringend,  von  der  dritten,
eines  deutschen  Parlaments  aus  directen  Volkswahlen,  abzustehen:
  denn  ein  Wahlgesetz  mit  hohem  Census  werde  alle
Liberale  zum  Widerspruch  reizen,  bei  niedrigem  oder  gar
keinem  Census  aber  würden  Wahlen  erfolgen,  welche  wie
1848  der  Revolution  Thor  und  Thür  eröffneten.  Bismarck's
Antwort  darauf  ist  bemerkenswerth,  weil  sie  bereits  den  Gedankengang
  zeigt,  nach  welchem  er  drei  Jahre  später  der
künftigen  Reichsverfassung  ihr  Gepräge  gegeben  hat.  Was
das  deutsche  Parlament  betrifft,  sagte  er  in  einer  Depesche
vom  8.  October,  so  beruht  unser  Standpunkt  nicht  auf  einer
politischen  Theorie,  sondern  auf  materiellen  preußischen  Interessen,
  welche  mit  denjenigen  der  Mehrheit  der  deutschen
Nation  identisch  sind.  Nicht  die  deutschen  Regierungen,  sondern
das  deutsche  Volk  im  überwiegenden  Theile  hat  mit  uns
gleiches  Interesse.  Preußen  braucht  ein  Gegengewicht  gegen
die  dynastische  Politik  der  Regierungen,  und  kann  dasselbe
nur  in  der  Nationalvertretung  finden...  Selbst  der  geringste
  Census  würde  noch  bessere  Garantien  gegen  revolutionäre
  Uberschreitungen  bieten,  als  manches  Wahlgesetz,  aus
welchem  die  einzelnen  Landesvertretungen  jetzt  hervorgehen,
bessere  Garantien  namentlich,  als  der  Wahlmodus  in  Preußen.

Wie  man  sieht,  war  bei  dieser  Auffassung  der  Schritt
zum  allgemeinen  gleichen  Stimmrecht  nicht  groß.

Zum  Schlusse  versicherte  Bismarck,  nach  Preußens
Ansicht  solle  der  Vorschlag  einer  Nationalvertretung  nicht
        <pb n="571" />
        1863  Umschwung  in  der  Stimmung  Napoleon's.  561

unitarischen  oder  revolutionären  Zwecken  dienen;  sie  solle
starke  Befugnisse  auf  dem  föderalen  Gebiete,  aber  zur  Einmischung
  in  innere  Landesangelegenheiten  weit  weniger  Gelegenheit
  als  nach  der  österreichischen  Reformacte  erhalten.

Darauf  beruhigte  sich  einstweilen  Graf  Russell.  Noch
günstiger  für  das  Verhalten  Preußens  lauteten  damals
die  Berichte  aus  Petersburg  und  Paris.  Fürst  Gortschakoff
  sprach  dem  preußischen  Gesandten  die  Überzeugung  aus,
daß  gegenüber  den  von  Frankreich  und  der  Revolution
drohenden  Gefahren  alle  Freunde  der  Ordnung  streben
müßten,  daß  jegliches  Zerwürfniß  zwischen  Preußen  und
Osterreich  vermieden  werde.  Demnach  bedauere  er  aufrichtigst
das  unüberlegte  Vorgehen  Osterreichs  im  Frankfurter  Fürstentage,
  welches  nicht  Einigkeit,  sondern  Uneinigkeit  hervorgerufen
  habe.  Rußland  habe  nicht  gesäumt,  in  Wien  die
Täuschung  zu  zerstören,  daß  es  der  Reformacte  seinen  Beifall
  schenke.

Vollends  in  Paris  vollzog  sich  ein  gründlicher  Umschlag
in  der  seit  Februar  herrschenden  Stimmung.  Wie  wir  sahen,
war  Napoleon  Anfangs  wenig  geneigt  zu  einem  diplomatischen
Feldzug  gegen  Rußland  gewesen;  allmählich  hatte  er  sich
durch  Englands  Treiben  und  Osterreichs  Zustimmung  zu  einem
solchen  Vorgehen  bestimmen  lassen,  hatte  dann  aber  auch,
wenn  einmal  Rußlands  Freundschaft  in  die  Schanze  geschlagen
war,  Ernst  machen,  scharfe  Forderungen  stellen,  sie  eintretendes
  Falls  mit  Waffengewalt  durchsetzen  wollen.  Allein
England  war  zwar  zu  den  grimmigsten  Noten  bereit,  wollte
aber  von  einem  Krieg  nichts  wissen,  und  Osterreich  lehnte
auch  für  die  Noten  jede  stärkere  Forderung  als  die  sechs

Punkte  ab,  und  wies  alle  Kriegspläne  noch  kräftiger  als
v.  Sybel,  Begründung  des  deutschen  Reiches.  II.  36
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        562  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

England  zurück.  Mitten  in  dem  Verdrusse  darüber  empfing
der  Kaiser  die  Kunde  von  der  Wiener  Reformacte,  die  mit
ihrem  Directorium  ihm  als  der  erste  Schritt  zu  dem  Siebenzig-Millionen-Reiche,
  und  mit  ihrem  achten  Artikel  als  eine
deutsche  Garantie  Venetiens  erscheinen  mußte.  Er  war  entrüstet
  im  Grunde  des  Herzens.  Wenn  Rechberg  gehofft
hatte,  durch  die  Theilnahme  an  den  polnischen  Noten  seine
Gunst  für  den  Frankfurter  Fürstentag  zu  gewinnen,  so  war
davon  das  genaue  Gegentheil  eingetreten:  man  habe  ihn,
fand  Napoleon,  zuerst  heimtückisch  mit  Rußland  verhetzt,  um
dann  unter  allen  deutschen  Verfassungsformen  die  ihm  widerwärtigste
  bequem  in's  Werk  setzen  zu  können.  Auf  der  Stelle
wandte  er  sich  wieder  Preußen  zu.  Diese  unglückliche  polnische
  Frage,  sagte  er  dem  Grafen  Goltz,  hat  uns  nicht  in
Streit  gebracht,  das  ist  nie  geschehen,  aber  unsere  Beziehungen
erkältet;  cs  ist  unser  einziger  Differenzpunkt;  ich  gäbe  viel
darum,  wenn  man  ihn  aus  der  Welt  schaffen  könnte;  Preußen
wäre  in  der  Lage,  erfolgreich  dafür  zu  wirken.  Drouyn  de
Lhuys  secundirte  seinem  Herrn:  es  wärc,  erklärte  er  dem
Gesandten,  der  lebhafte  Wunsch  des  Kaisers,  mit  Preußen
gemeinsam  etwas  zu  thun.  Bismarck  antwortete  umgehend
am  5.  September  mit  dem  Ausdrucke  der  Freude  über  die
Herstellung  freundlicher  Verhältnisse,  und  der  Bereitwilligkeit,
in  Petersburg  vermittelnd  zu  wirken.  Ehe  er  aber  einen
solchen  Schritt  zu  thun  vermochte,  erschien  am  9.  September
Gortschakoff's  Antwort  auf  die  Noten  vom  3.  und  12.  August,
und  zwar  die  wenig  höfliche  Erklärung,  daß  Rußland  eine
nutzlose  Verhandlung  nicht  weiter  fortzusetzen  gedenke.  Dies
fachte  natürlich  in  Paris  neue  Kriegsgedanken  an,  da  auf
solche  Art  eine  Macht  wie  Frankreich  sich  nicht  abführen
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        1863  Neue  Annäherung  Frankreichs  an  Preußen.  563

lassen  dürfe.  Es  folgten  weitere  Verhandlungen  mit  Wien
und  London.  Lord  John  Russell  hielt  eine  äußerst  tapfere
Rede,  worin  er  der  Welt  anzeigte,  daß  Rußland  nach
Bruch  der  Zusage  von  1815  den  Schutz  der  Wiener  Congreßacte
  für  seine  polnischen  Provinzen  verwirkt  habe.  Mehr
als  diese  schmetternden  Worte  dachte  er  aber  der  polnischen
Sache  nicht  zu  leisten.  Graf  Rechberg  enthielt  sich  selbst
der  drohenden  Sprache,  um  mit  doppelter  Bestimmtheit
jedes  kriegerische  Handeln  zu  verbitten.  Damit  war  auch
dem  französischen  Herrscher  die  Möglichkeit  genommen,  für
die  Note  vom  9.  September  an  Rußland  Vergeltung  zu
üben.  Er  wüthete  über  Osterreichs  Politik  und  verdoppelte
seine  Freundlichkeit  gegen  Preußen.  Ihr  gehörtet,  sagte
er  dem  Grafen  Goltz,  in  der  polnischen  Sache  zu  meinen
Gegnern;  aber  Euer  Verfahren  war  klar  und  offen;  bei  Euch
ist  man  stets  sicher  darüber,  was  man  zu  erwarten  hat.
Er  hatte  bereits  erwogen,  in  welcher  Weise  er  den  unzuverlässigen
  Genossen  die  Wucht  seines  Unwillens  fühlen
lassen  wollte.

Unterdessen  bemühte  sich  Graf  Rechberg,  irgend  eine
größere  oder  kleinere  Frucht  des  Frankfurter  Fürstentags  einzuheimsen.
  Als  ihm  Herr  von  Werther  die  preußischen
Schriftstücke  vom  15.  und  22.  September  mittheilte,  rief  er
mit  hohem  Unwillen,  Preußen  selbst  werde  schwerlich  an  die
Erfüllung  seiner  Forderungen  glauben.  Wenn  es  für  Osterreich
  wie  für  sich  selbst  das  Einspruchsrecht  gegen  einen
Bundeskrieg  begehre,  so  sei  das  kein  gleichwerthiger  Handel
für  die  beiden  Höfe;  Osterreich  könne  leicht  in  den  Fall  kommen,
für  Venetien  oder  Ungarn  die  Bundeshülfe  zu  bedürfen,

Preußen  sei  in  solcher  Lage  nicht.  Der  Wechsel  im  Präsidium
36“
        <pb n="574" />
        564  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

widerspreche  den  alten  Verträgen;  unmöglich  könne  Osterreich
auf  ein  historisches  Ehrenrecht  seines  Kaisers  verzichten.
Endlich  ein  Parlament  aus  Volkswahlen  sei  gleichbedeutend
mit  Revolution,  Mediatisirung  der  Fürsten,  Unterdrückung  der
Einzelstaaten.  Die  Summe  sei,  daß  Preußen  wie  immer
jeder  fruchtbaren  Entwicklung  des  Bundes  widerstrebe.  In
seiner  zornigen  Erregung  wartete  der  Graf  nicht  einmal  die
Befehle  seines  in  Ischl  weilenden  Monarchen  ab,  sondern
schlug  bereits  am  26.  September  den  Frankfurter  Genossen
durch  Circular-Depesche  vor,  die  sehr  leicht  zu  redigirende
Widerlegung  der  confusen  und  verwickelten  preußischen  Sätze
in  Form  einer  identischen  Note  nach  Berlin  zu  senden,  in
welcher  dann  auch  die  Erklärung  ihre  passende  Stelle  haben
würde,  es  sei  undenkbar,  daß  die  Frankfurter  Beschlüsse  ohne
praktische  Folgen  bleiben  sollten.  Dies  wäre  denn  die  Ankündigung
  des  engern  Bundes  im  Bunde,  und  mithin  die
Verläugnung  aller  Grundsätze  gewesen,  mit  welchen  Fürst
Schwarzenberg  die  preußische  Union,  und  die  identischen  Noten
von  1862  das  Programm  des  Grafen  Bernstorff  bekämpft
hatten.  Allein  Rechberg  fand  für  solche  Gedanken  bei  den
Mittelstaaten  keinen  Boden.  Schon  in  Frankfurt  hatte  der
bayerische  Minister  von  Schrenck  die  Außerung  gethan:  wir
wollen  keinen  Bund  ohne  Osterreich,  aber  auch  keinen  Bund
ohne  Preußen.  Es  war  ja  das  leitende  Motiv  für  die  ganze
damalige  Politik  der  Mittelstaaten,  die  beste,  wenn  nicht  die
einzige  Garantie  ihrer  Selbständigkeit  und  ihrer  Macht  in  dem
Nebeneinander  der  beiden  Großmächte  im  Bunde  zu  erblicken,
bei  der  einen  den  Schutz  gegen  die  Herrschsucht  der  andern
zu  finden,  und  schließlich  durch  die  eigene  Abstimmung  bei
jeder  Differenz  der  Beiden  die  Entscheidung  zu  geben.  So
        <pb n="575" />
        1863  Zerwürfniß  zwischen  sterreich  und  den  Mittelstaaten.  565

wollten  sie  auch  von  einem  Sonderbund  mit  Osterreich  jetzt
so  wenig  wie  früher  von  der  Union  mit  Preußen  hören.
Das  hieße  den  deutschen  Bund  zersprengen,  sagte  Schrenck,
und  Beust  meinte,  bei  der  unsichern  europäischen  Lage  komme
Alles  darauf  an,  nicht  den  Hader  mit  Preußen  auf  die  Spitze
zu  treiben,  sondern  gute  Freundschaft  zwischen  Wien  und
Berlin  herbeizuführen.  Deshalb  wollten  sie  auch  nicht  an  die
grobe  Form  identischer  Noten  heran,  so  daß  einige  Wochen
mit  der  Erwägung  verbracht  wurden,  in  welcher  Weise  die
Widerlegung  der  preußischen  Staatsschrift  abzufassen  sei.
Endlich  wurde  hiefür  eine  Ministerconferenz  nach  Nürnberg
auf  den  23.  October  zusammen  berufen,  und  von  dieser  beschlossen,
  daß  Osterreich  im  Namen  Aller  die  Antwort  auf
die  preußischen  Documente  übernehmen  möge.  Als  dann
aber  Rechberg  die  Frankfurter  Freunde  aufforderte,  jetzt  für
ihre  Staaten  die  dort  beschlossene  Bundesverfassung  zu  verwirklichen
  und  sofort  zur  Einsetzung  eines  Directoriums  zu
schreiten,  mußte  er  von  allen  Seiten  her  eine  kategorische  Ablehnung
  vernehmen.  Es  war  die  Vollendung  der  Niederlage.
Man  hatte  in  der  Hoffnung  auf  die  Verblüffung  der  Gegner
ein  keckes  Spiel  gewagt,  schließlich  auch  die  Freunde  als
Gegner  erfunden,  und  jetzt  den  doppelten  Verlust  zu  beklagen.


Rechberg  kam  nach  Wien  mit  dem  Gedanken  zurück,  wenn
ein  Zusammengehen  mit  Preußen  möglich  wäre,  wie  viel
wirksamer  würde  es  sein,  als  der  Handel  mit  all  diesen
kleinen  und  eigenwilligen  Potentaten.  Wenn  es  nur  möglich
  wäre!

Die  Probe  stand  ihm  nahe  bevor.  Wirr  jedoch  halten
hier  in  dem  Fortgange  unserer  Erzählung  inne.  Wir  sind
        <pb n="576" />
        566  Der  Frankfurter  Fürstentag.  1863

an  die  Stelle  gelangt,  an  welcher  der  Streit  um  Schleswig-Holstein
  für  Deutschlands  Zukunft  entscheidend  zu  werden
begann.  Es  ist  zum  Verständniß  der  dabei  auftauchenden
Fragen  unerläßlich,  einen  zusammenfassenden  Überblick  über
den  Ursprung  und  den  bisherigen  Verlauf  der  deutsch-dänischen
Verwicklung  zu  nehmen.

–3
        <pb n="577" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
