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        <title>Die Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I. Fünfter Band.</title>
        <author>
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            <forname>Heinrich von</forname>
            <surname>Sybel</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>sybel_begruendung_005</idno>
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        </bibl>
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        Die  Begründung

Deuts  hen  Reiches

Wilbelm  1.

Vornehmlich  nach  den  prenßischen  Staatsacken

von

Beinrich  non  Snybel.

Iliuster  Band.

Pax  zwarstur  ö#lo.
Olner  Cromuvll.

Zweite  unveränderte  Auflage.

 

Munchen  und  Eeipzig  1890.
Druck  und  Verlag  von  R.  Oldenbourg.
        <pb n="2" />
        Alle  Nechte  vorbehalten.

Papier  der
München-Dachauer  Actiengesellschaft  für  Maschinenpapier-Fabrikation.
        <pb n="3" />
        Inhalt  des  fünften  Bandes.

Siebenjehutes  Buch.  Krieg  in  arddensscland  a  und
ELIIEE

Erffes  Capltel.  die  —s  ,,,,,,
Feldzeugmeister  Benedek  S.  5.  Die  österreichische  Armee  sammelt
sich  bei  Olmütz  S.  7.  Mängel  im  österreichischen  Heerwesen  S.  9.
Unzulängliche  Rüstung  der  Bundesstaaten  S.  11.  Die  einzelnen
  Bundescorps  S.  13.  Fruchtlose  Verhandlung  Österreichs
  mit  Bayern  S.  15.  Bayerische  Kriegspolitik  S.  17.
Die  übrigen  deutschen  Höse  S.  19.  Preußische  Erwägungen
S.  21.  Preußischer  Offensipplan  S.  23.  General  Bogel  von
Falckenstein  S.  25.

3weites  Tapltel.  Nakerwerfung  Norddeakschlends
General  Herwarth  besetzt  Sachsen  S.  27.  Kriegserklärung
gegen  Kurhessen  S.  29.  Entschließung  des  Königs  von  Hannover
  S.  31.  Hannover  von  Preußen  besetzt  S.  33.  Die
hannover'sche  Armee  in  Göttingen  S.  85.  Günstige  Aussichten
für  die  Hannoveraner  S.  37.  Moltke's  Weisungen  an  Falckenstein
  S.  39.  Falckenstein  vollzieht  die  Weisungen  nicht  S.  41.
Beginn  einer  Unterhandlung  S.  43.  Verwicklungen  E.  45.
Kriegerische  Maaßregeln  S.  47.  Königlicher  Befehl  zur  Deckung
Gothas  S.  49.  Wassenstillstand  S.  51.  Neue  Unterhandlung
S.  53.  Schlimme  Mißverständnisse  S.  55.  Neue  Eigenwilligkeit
  Falckenstein's  S.  57.  Kategorischer  Befehl  des  Königs
S.  59.  Aufstellung  des  hannover'schen  Heeres  S.  61.  Treffen
bei  Langensalza  S.  63.  Capitulation  der  Hannoveraner  S.  65.
        <pb n="4" />
        Inhalt  des  fünften  Bandes.

Driktes  Dp#stel.  A#stosss
Übermacht  der  itallenischen  Armee  S.  69.  Frage  über  die
Richtung  des  Angriffs  S.  71.  Frage  des  Versuchs  einer
ungarischen  Revolution  S.  739.  Conferenz  zwischen  La  Marmora
  und  Bernhardi  S.  75.  La  Marmora  verwirft  Moltke's
Vorschläge  S.  77.  Ricasoli  wird  Ministerpräsident  S.  79.
Theilung  des  italienischen  Heeres  S.  81.  Kriegsplan  des  Erzherzogs
  Albrecht  S.  83.  La  Marmora  verzettelt  seine  Streitkräfte
  S.  85.  Einleitende  Bewegungen  des  Erzherzogs  S.  87.
Niederlage  des  linken  Flügels  der  Italtener  S.  89.  Tapfere
Kämpfe  des  rechten  Flügels  S.  91.  La  Marmora  flieht  vom
Schlachtfeld  sort  S.  93.  Bei  mangelnder  Führung  gehen  die
Italiener  über  den  Mincio  zurück  S.  95.  Ergebnisse  S.  97.

Achkehntes  Buch.  Bähmischer  Kries

Erstes  Capitel.  Prlaz  Frledrich  Carl  la  Böhmen.
Böhmischer  Kriegsschauplatz  S.  108.  Molike's  Generalinstruction
für  den  Angriff  S.  105.  Benedek's  Weisungen  für  die  böhmischen
Corps  S.  107.  Dle  Preußen  in  Turnau,  die  Austrosachsen
in  Münchengrätz  S.  109.  Gefecht  bei  Podol  S.  111.  Beschleunigtes

  Vorgehen  der  ersten  Armee  S.  1138.  Stellung

der  Austrosachsen  bei  Gitschin  S.  115.  Schlacht  bei  Gitschin
S.  117.  Rückzug  der  Austrosachsen  S.  119.  Schwere  Verluste
der  Austrosachsen  S.  121.  Zerrüttung  der  geschlagenen  Armee
S.  123.

Bweikes  Capltel.  Krouprin  Eriedrich  Wllhelm  In
Böhmmen
Marsch  der  Preußen  auf  Nochod  und  Trautenau  S.  127.
Der  preußische  Vortrab  bei  Nachod  S.  129.  Treffen  bei  Nachod
S.  131.  Bonin's  Marsch  auf  Trautenau  S.  183.  Treffen
bei  Trautenau  S.  135.  Vordringen  der  Osterreicher  S.  137.
Sieg  der  Osterreicher  S.  139.  Benedek's  schwankende  Beschlüsse
S.  141.  Energische  Offensive  der  Preußen  S.  148.  Preußischer
Angriff  auf  Skalitz  S.  145.  Skalitz  wird  genommen  E.  147.
Angriff  der  preußischen  Garde  auf  Gablenz  S.  149.  Sieg  bei
Burkersdorf  S.  151.  Gefecht  bei  Schweinschädel  S.  153.
Benedek  sieht  seine  Pläne  vernichtet  S.  155.

SErkttes  Tapltel.  Aönig  Wilhelm  in  Böhmen
Die  Österreicher  sammeln  sich  bei  Königgräh  S.  159.  Tele-□—



01
        <pb n="5" />
        Inhalt  des  fünften  Bandes.

gramme  an  Napoleon  und  Benedek  S.  161.  Benedek's  Entschluß
  zur  Schlacht  S.  168.  Das  Schlachtfeld.  Ausstellung
der  Osterreicher  S.  165.  Stimmung  der  Generale,  Officlere
und  Soldaten  S.  167.  Benedek's  Schlachtplan  S.  169.
Preußischer  Entschluß  zu  allseitigem  Angriff  S.  171.  Gefahren
  des  Entschlusses  S.  173.  Beginn  des  Kampfes  an  der
Bistritz  S.  175.  Verhalten  der  Grasen  Thun  und  Festetics
S.  177.  Die  Elbarmee  nimmt  Oberprim  S.  179.  Gefährliche
Lage  der  ersten  Armee  S.  181.  Die  Division  Fransecky  im
Swiepwalde  S.  183.  Heldenmüthige  Ausdauer  der  Division
S.  185.  Lepzer  siegreicher  Kampf  E.  187.  Zerrüttung  des
rechten  österrelchischen  Flügels  S.  189.  Vergebliche  Befehle
Benedek's  S.  191.  Aufmarsch  der  zweiten  Armee  S.  193.
Einnahme  von  Chlum  S.  195.  Einnahme  von  Problus
S.  197.  Vergebliche  Gegenwehr  der  Österreicher  S.  199.
Kampf  der  Reiterei  S.  201.  Osterreichs  Niederlage  S.  203.
Beiderseitige  Verluste  S.  205.  Eindruck  des  Ereignisses  in
Europa  S.  207.

Neunzehntes  Buch.  Muterhendlungen  und  Räupfe

Ersken  Cepikel.  Französische  Vermiktlung  .
Osterreich  begehrt  französische  Vermittlung  hei  Italien  S.  218.
Napoleon  beschließt  Vermittlung  bei  Preußen  und  Italien
S.  215.  Zwiespalt  im  französischen  Ministerium  S.  217.
Abwendung  Rußlands  und  Englands  von  Frankreich  S.  219.
Vorsichtige  Antwort  Preußens  S.  221.  Allgemeine  Entrüstung
in  Italien  S.  223.  Ablehnung  des  französischen  Antrags
S.  225.  Ricasoll's  Festigkeit  S.  227.  Unwille  Napoleon's
S.  229.  Verhandlung  des  Grafen  Goltz  S.  231.  Drouyn
de  Lhuys  agitirt  gegen  Preußen  S.  233.  Die  Kaiserin  Eugenie
S.  285.  Umschlag  der  französischen  Politik  S.  237.  Gespräch

Napoleon's  mit  dem  Grafen  Golz  S.  239.  Golgz'#  Bericht  S.  241.

Zmeites  Capitel.  Kledensvorschläse
Betragen  der  preußischen  Soldaten  S.  245.  Neuer  österreichischer
  Antrag  auf  Waffenstillstand  S.  247.  Bismarck's
Entschluß  über  die  französische  Vermittlung  S.  249.  Instruction
  an  Goltz  vom  9.  Juli  S.  251.  Neue  Wendung  der
preußischen  Politik  S.  253.  Goltz  verhandelt  mt  Napoleon
Über  die  Depesche  vom  9.  Juli  S.  255.  Einverständniß  S.  257.
Brief  des  Prinzen  Napoleon  an  den  Kaiser  GS.  259.  Graf

VII

.  211

243
        <pb n="6" />
        VIII  Inhalt  des  fünften  Bandes.

Golb  redigirt  Napoleon's  Vermittlungsvorschläge  S.  261.
Ansammlung  österreichischer  Streitkräfte  an  der  Donau  S.  263.
Preußische  Maaßregeln  gegen  Benedek's  Marsch  auf  Wien
S.  265.  Vergeblicher  Antrag  Benedetti's  auf  Waffenstillstand
S.  267.  Gefecht  bei  Tobitschau  S.  269.

Drittes  Capifel.  Die  Friedenoprällminarlen
Osterreichs  hinhaltende  Politik  gegen  Napoleon  S.  271.
Friedenswünsche  der  österreichischen  Bevölkerung  S.  273.
Bismarck  versucht  eine  directe  Verständigung  S.  275.  Antwort
auf  das  franzbösische  Friedensprogramm  S.  277.  Ssterreich
ulmmt  Napoleon's  Programm  an  S.  279.  Die  directe  Unterhandlung
  scheitert  S.  281.  Treffen  bel  Blumenau  E.  283.
Beginn  der  Friedensverhandlung  in  Nikolsburg  S.  285.
Preußischer  Entwurf  der  Präliminarlen  S.  287.  Weitere  Verhandlung
  mit  Napoleon  S.  289.  Zugeständnisse  Napoleon's
S.  291.  Verhandlung  über  Sachsen  und  Bayern  S.  293.
Bismarck's  Dentlschrift  über  die  Friedensbedingungen  S.  295.
Die  Kriegskosten.  Sachsens  Integrität  S.  299.  Abschluß
der  Präliminarien  S.  301.

Viertes  Tapikel.  Feldzug  der  Mainarmer
Plan  der  Vereinigung  des  7.  und  8.  Bundescorps  S.  305.
Das  7.  Corps  wird  nach  Gotha  befehligt  S.  307.  Schwenkung
  der  Bayern  zum  Marsch  nach  Fulda  S.  809.  Gesfecht
bei  Dermbach.  Die  Preußen  in  Fulda  S.  311.  Der  Bundestag
verhindert  die  Vereinlgung  der  beiden  Bundescorps  S.  313.
Marsch  der  Mainarmee  nach  Unterfranken  S.  315.  Gesecht
bei  Kissingen  S.  317.  Preußischer  Sieg  S.  319.  Wendung
auf  Frankfurt  S.  321.  Gesecht  bei  Laufach  S.  323.  Treffen  bel
Aschaffenburg  S.  325.  Manteuffel  erhält  den  Oberbefehl  über
die  Mainarmee  S.  327.  Verstärkung  der  preußischen  Streitkräfte.
  Entmuthigung  der  süddeutschen  Höfe  S.  329.  Stellung
des  8.  Bundescorps  an  der  Tauber  S.  331.  Gefechte  bei
Bischofsheim  und  Werbach  S.  338.  Gesechte  bei  Neubrum
und  Roßbrunn  E.  335.

Bmanzigstes  Buch.  Grundlagen  des  neuen  Reichs-Erstes
  Cepitel.  Erlöschen  des  preußlschen  Verfassungsftrelns.

  .....
Friedensgesuche  der  Mittelstaaten  S.  341.  Die  Frage  eines
Indemnitätsgesetzes  S.  343.  Widerspruch  im  Ministerium.

ESeite

303

339
        <pb n="7" />
        Inhalt  des  fünften  Bandes.

Entscheidung  des  Königs  S.  845.  Beunruhigende  Nachrichten
aus  Paris  und  Petersburg  S.  347.  Preußische  Gegenschritte
S.  349.  Prrußische  Einladung  zur  Gründung  des  Norddeutschen
  Bundes  S.  351.  Antrag  auf  ein  Zollvereinsparlament
  S.  353.  Eröffnung  des  preußischen  Landtags
S.  355.  Neue  Parteibildung  im  Abgeordneten-Hause  S.  357.

Aweites  Capltel.  wurnefih  und  rossische  Glawirbung.


Französische  Forderungen  S.  241.  uue  nranzösischen  Lorteien
sind  einig  darin  S.  363.  Antrag  von  Drouyn  de  Lhuys  S.  365.
Benedetti  überrelcht  den  Antrag  S.  367.  Bismarck  weist  den
Antrag  ab  S.  369.  Verwicklung  auf  der  italienischen  Seite
S.  371.  Blsmarck  beschwichtigt  Italien  S.  373.  Napoleon
zieht  den  Antrag  vom  29.  Juli  zurück  S.  375.  Verhandlung
Manteuffel's  mit  Kaiser  Alexander  S.  377.  Bismarchs
Haltung  bei  der  Verhandlung  S.  379.  Ergebniß  S.  381.

Driftes  Capitel.  Die  riedeusschlũsse

Friedensverhandlung  mit  den  süddeutschen  Staaten  S.  383.
Schuy=  und  Trutzbündniß  zwischen  Preußen  und  Württemberg
S.  385.  Gleiche  Verträge  mit  Baden  S.  387.  Schwierige
Verhandlung  mit  Bayern  und  Darmstadt  S.  389.  Dalwigk
ruft  Frankreich  um  Hülfe  an  S.  391.  Schreiben  des  Königs
an  Kaiser  Alexander  S.  393.  Friede  mit  Bayern  S.  395.
Schreiben  König  Ludwig's  II.  S.  397.  Verhandlung  des
befinitiven  Friedens  mit  Osterreich  S.  399.  Sitreitfragen
zwischen  Osterreich  und  Itallen  S.  401.  Ausgleichung  durch
Frankreichs  Vermittlung  S.  403.  Neue  Ansprüche  Frankreichs
  auf  Compensation  S.  405.  Bismarck's  dilatorisches
Verfahren  S.  407.  Unterzeichnung  des  Prager  Friedens  S.  409.
Ausgang  der  französisch-preußischen  Unterhandlung  S.  411.
Französisches  Rundschreiben  vom  16.  September  S.  413.  Prineipien
  des  Rundschreibens  S.  415.  Schlußverhandlung  des
österreichisch-itallenischen  Friedens  S.  417.

Vierkes  Cepikel.  Janere  Eutwichlung
Die  Parteien  im  Lande  und  im  Landtage  S.  421.  Desinitiver
  Abschluß  des  Norddeutschen  Bundes  S.  423.  Adresse  des
Abgeordnetenhauses.  Antwort  des  Königs  S.  425.  Verhandlung
  über  die  Indemnität  S.  427.  Ertheilung  der  Inl-




359

.  382

49
        <pb n="8" />
        Inhalt  des  fünften  Bandes.

demnität  S.  429.  Gesetz  über  die  Annexionen  S.  431.
Modalitäten  der  Annexion  S.  433.  Annahme  des  Annexionsgesetzes
  S.  435.  Opposition  gegen  das  Bundeswahlgesetz  S.  437.
Bismarck's  Vertheidigung  des  Gesetzes  S.  439.  Allgemeines
Stimmrecht  S.  441.  Creditforderung  der  Regierung  S.  443.
Einwendungen  S.  445.  Bewilligung  des  Credits  S.  447.
Unterhandlung  mit  Reuß-Greiz,  Meiningen  und  Sachsen
S.  449.  Schwierigkeiten  in  der  sächsischen  Unterhandlung
S.  451.  Endliches  Einverständniß  S.  453.  Die  bayerischen
Kammern  S.  455.  Die  Ansichten  in  Württemberg  S.  457.
Badens  deutsche  Gesinnung  S.  459.  Lage  Deutschlands  S.  461.
Das  deutsche  Reich  ist  gegründet  S.  463.
        <pb n="9" />
        Hiebenzehntes  Vuch.

Krieg  in  Norddeutschland  und
Italien.

v.  Sybel,  Begründung  d.  beutschen  Reichet.  V.  1
        <pb n="10" />
        <pb n="11" />
        1.  Capitel.
Die  Jeldzugsplãue.

Zu  der  üÜberstürzung,  mit  welcher  der  österreichische
Ministerrath  Ende  Mai  den  Beginn  des  Kriegs  mit  Preußen
herbeiführte,  bildete  die  vorsichtige  Bedachtsamkeit  der  militärischen
  Leitung  einen  auffallenden  Contrast.  Es  wiederholte
sich  hier  genau,  was  1859  für  Osterreich  verhängnißvoll  geworden
  war:  die  Politiker  der  Staatskanzlei  hatten  jähzornig
und  rathlos  die  diplomatischen  Fäden  zerrissen,  ehe  die  verantwortlichen
  Officiere  zum  Losschlagen  bereit  oder  geneigt
waren.  Allerdings  hatten  Frank's  und  Henikstein's  Rüstungen
wie  wir  sahen,  die  Katastrophe  beschleunigt;  angerathen  aber
hatte  dieselben  der  Kriegsminister  wie  der  Generalstabschef
durchaus  im  Sinne  der  Vertheidigung,  im  Grunde  also  im
Sinne  des  Friedens.  Wer  zum  Kriege  drängte,  war  jene
Gruppe  der  Minister:  Belcredi,  Larisch,  Esterhazy,  die  für
ihr  feudalkler#kales  System  Alles  an  Alles  setzten,  und  die
großdeutschen  Fanatiker  der  Staatskanzlei:  Meysenbug,  Biegeleben,
  Max  Gagern,  welchen  die  Erhöhung  des  protestantischen
Preußenkönigs  als  der  Triumph  aller  höllischen  Mächte  erschien.
  In  der  Armee  war  von  solchen  Stimmungen  nicht

viel  zu  spüren.
4%
        <pb n="12" />
        4  Die  Feldzugspläne.

Wohl  war  die  verunglückte  Kameradschaft  von  1864  in
einen  soldatischen  Zorn  gegen  den  preußischen  Übermuth  umgeschlagen,
  sonst  aber  befaßte  sich  das  kaiserliche  Officierscorps
nicht  mit  Politik,  und  war  weder  liberal,  noch  klerikal,  sondern
schlechtweg  kaiserlich.  Bei  dem  Herandrohen  des  Kriegs
freuten  sich,  wie  überall  in  solcher  Lage,  die  jüngeren  Officiere
auf  Ruhm  und  Ehre,  Feldzulage  und  Avancement;  unter  den
vornehmen  Generalen  gab  es  Manche,  welchen  der  Oberbefehl
des  bürgerlichen  und  protestantischen  Benedek  nicht  gerade  angenehm
  war,  immer  aber  waren  sie  entschlossen,  ihre  Schuldigkeit
  zu  thun,  und  getrauten  sich,  alle  Feinde  des  Kaiserstaats
zu  Boden  zu  werfen.  Aber  gerade  an  der  höchsten  Stelle,
im  Hauptauartier,  war  die  Siegessicherheit  nicht  groß.  Feldzeugmeister
  Benedek  war  durch  soldatische  Tüchtigkeit  von  der
niedersten  bis  zur  höchsten  Stufe  emporgestiegen.  Nach  einer
Reihe  glänzender  Thaten  in  untergeordneter  Stellung  war  er
1859  der  Einzige  gewesen,  welcher  bei  Solferino  glücklich
gefochten,  und  erfreute  sich  seitdem  einer  solchen  Popularität,
daß  er  jetzt  dem  Kaiser  von  der  öffentlichen  Meinung  als
Oberfeldherr  beinahe  ausgenöthigt  worden  war.  Als  er  im
Mai  in  Wien  anlangte,  strömte  ihm  der  Jubel  der  Volksmassen,
  wo  er  sich  zeigte,  entgegen:  nur  ihm  selbst  war  nicht
wohl  bei  der  großen  Aufgabe,  die  er  übernehmen  sollte.  Er  war
ein  gewissenhafter,  verständiger  und  gebildeter  Mann,  welcher
über  seine  Verhältnisse  und  seine  Kräfte  nachgedacht  hatte,
ein  Kriegsmann  von  unbedingter  Kühnheit,  zu  jedem  Wagniß
bereit,  wohin  ihn  auch  seine  Vorgesetzten  berufen  mochten.
War  die  Aufgabe  einmal  gestellt,  war  ihm  der  Befehl  gegeben,
so  trotzte  er  mit  eisernem  Willen  jeder  Gefahr,  und  pries
dann  bescheiden  sein  Soldatenglück,  das  ihm  wieder  einmal
        <pb n="13" />
        Feldzeugmeister  Benedek.  5

treu  geblieben  sei.  Aber  zum  leitenden  Feldherrn  fehlte  ihm
Eines,  die  Schpnelligkeit  des  Entschlusses.  Die  Kriegskunst,
hatte  der  erste  Napoleon  gesagt,  ist  eine  Sache  des  Tactes.
Eine  Sache  also  der  intuitiven  Kraft,  in  jedem  Augenblick  die
Dinge  und  die  Menschen  zu  sehen,  wie  sie  sind,  und  danach
mit  plötzlichem  Entschlusse  zu  handeln.  Benedek  war  ein
fester,  aber  ein  langsamer  Geist.  Sollte  er  nicht  ausführen,
was  ein  Anderer  befohlen,  sollte  er  selbst  die  höchste  Entscheidung
  geben,  so  mußte  er  sich  Schritt  auf  Schritt  zur
llaren  Anschauung  durcharbeiten;  er  zweifelte,  befahl,  verbesserte
  oder  widerrief  den  Befehl.  Von  dieser  Schranke
seiner  Fähigkeit  hatte  er  selbst  ein  klares  Bewußtsein.  Er
kam  eines  Tags  zu  Mensdorff,  und  berichtete  ihm,  er  sei  so
eben  beim  Kaiser  gewesen,  um  den  Herrn  zu  bitten,  ihm  das
Obercommando  abzunehmen.  An  der  Spitze  einer  Division
werde  er  leisten,  was  menschenmöglich  sei,  aber  eine  große
Armee  in  einem  ihm  unbekannten  Lande  zu  führen,  gehe  über
seine  Kräfte.  Der  Kaiser  habe  ihm  widersprochen,  und  endlich
erklärt,  Benedek  müsse  es  thun,  Er  (der  Kaiser)  habe  keinen
Andern.  Nichts  habe  ihn  tiefer  getroffen,  sagte  der  General
dem  Minister,  als  dieses  Wort  des  Kaisers,  daß  Osterreich
überall  keinen  bessern  Feldherrn  als  ihn  besitze  );  gewiß  werde
er  gehorchen,  bitte  aber  den  Minister,  wenn  irgend  möglich,
den  Kaiser  zu  einer  andern  Ansicht  zu  bringen.

Als  im  Anfang  April  Osterreich  die  ersten  Schritte  zu
seinen  Rüstungen  that,  Graf  Mensdorff  aber  fort  und  fort

)  Gramont  p.  262.  Der  Gewährsmann  ist  freilich  äußerst  unzuverlässig,
  wo  es  sich  um  preußische  Dinge  handelt.  Indessen  paßt  diese
Mittheilung  zu  Allem,  was  sonst  über  Benedek  bekannt  geworden  ist
und  macht  dem  unglücklichen  General  die  höchste  Ehre.
        <pb n="14" />
        6  Die  Feldzugspläne.

die  Gefahren  jeder  aggressiven  Maßregel  betonte,  hatte  der
zum  Chef  der  Operationskanzlei  ernannte  General  Krismanic
den  Auftrag  erhalten,  für  den  Kriegsfall  einen  Feldzugsplan
auszuarbeiten.  Wir  rüsten,  sagte  er,  nach  diesen  Voraussetzungen,
  weil  wir  einen  preußischen  Angriff  in  naher  Zeit
erwarten,  selbst  aber  nicht  angreisen  wollen:  also  ist  unsere
erste  Aufgabe,  eine  zu  fester  Vertheidigung  geeignete  Stellung
für  unsere  Armee  auszusuchen.  Daran  schloß  sich  als  zweiter
Erwägungsgrund  die  Thatsache,  daß  Preußen  viel  schneller
mobilisiren  könne  als  Osterreich,  mithin  die  Gefahr  vorliege,
daß  die  österreichische  Armee  in  unfertigem  Stande  von  dem
feindlichen  Angriffe  überrascht  werde.  Die  Folgerung  war,
daß  ihr  Sammelplatz  für  einen  plötzlichen  Vorstoß  des  Gegners
nicht  zu  leicht  erreichbar  sein  dürfe,  und  einen  festen  Stützpunkt
  erstes  Ranges  erhalten  müsse.  So  ergab  sich  der
Schluß,  die  Armee  sei  nicht  in  Böhmen,  sondern  in  Mähren,
und  zwar  in  der  Nähe  des  großen  Waffenplatzes  Olmütz,  aufzustellen,
  mit  Ausnahme  des  ersten,  in  Böhmen  garnisonirenden
Corps,  welches  die  dortigen  Grenzen  zu  beobachten,  und  nach
Umständen  sich  auf  die  Hauptarmee  zurückzuziehen  habe.
Die  Denkschrift  des  Generals  Krismanic  erwog  dann  eine
Reihe  von  Möglichkeiten,  welche  je  nach  dem  Angriffsverfahren
des  Gegners  für  die  Vertheidigung  eintreten  könnten:  wir
brauchen  darauf  nicht  näher  einzugehen,  da  zwar  viele  sonstige
Fälle  darin  berücksichtigt  waren,  nur  nicht  der  eine,  welcher
sich  später  verwirklichte.  ·
Dieser  Plan  wurde  indessen  genehmigt;  erst  bei  Olmütz
sollte  durch  eine  große  Defensivschlacht  mit  der  eigenen  Gesammtkraft
  gegen  die  Gesammtkraft  des  Feindes  die  Entscheidung  des
Feldzugs  herbeigeführt  werden.  Damals,  Anfang  April,  als  der
        <pb n="15" />
        Die  ssterreichische  Armee  sammelt  sich  bei  Olmũtz.  7

Plan  entstand,  ließ  sich  Vieles  dafür  sagen,  denn  wenn  Preußen
schon  in  dieser  Zeit  sein  Heer  mobil  machte,  konnte  sein
Angriff  drei  Wochen  vor  der  Vollendung  der  österreichischen
Rüstung  erfolgen.  Wie  wir  wissen,  geschah  dies  aber  nicht;
Preußen  verfügte  seine  Mobilmachung  nicht  Anfang  April,
sondern  erst  zwischen  dem  3.  und  12.  Mai,  und  hatte  jetzt
seinerseits  große  Mühe,  den  von  Osterreich  gewonnenen  Vorsprung
  wieder  einzuholen.  Da  dies  in  Wien  und  Olmütz
hinlänglich  bekannt  war,  so  hätte,  scheint  es,  kein  Gedanke
näher  gelegen,  als  die  Verlegung  des  Sammelplatzes  der
Armee  aus  Mähren  nach  Böhmen,  sei  es  nur  zur  Deckung
bieses  wichtigen  Landes,  sei  es  bei  größerem  Selbstvertrauen
zu  einer  aussichtsreichen  Offensive  gegen  Schlesien  oder
Brandenburg.  Wäre  dieser  Entschluß  um  die  Mitte  des  Mai
Vgefaßt  worden,  so  hätte  vier  Wochen  später  die  Armee  eben
so  leicht  in  Nordböhmen  wie  bei  Olmütz  versammelt  sein
können  ):  wie  wichtig  dies  für  ihre  weitern  Operationen  gewesen
  wäre,  werden  wir  weiter  unten  aus  der  zuverlässigsten
Quelle,  aus  den  Erwägungen  ihrer  Gegner,  erfahren.
Allein  ein  solcher  Beschluß  wurde  nicht  gefaßt:  es  blieb
für's  Erste  bei  der  Olmützer  Defensivstellung,  wo  sich  denn
allmählich  sechs  Armeecorps  (das  zweite  unter  Graf  Thun,
das  dritte  unter  Erzherzog  Ernst,  das  vierte  unter  Graf
Festetics,  das  sechste  unter  Baron  Ramming,  das  achte  unter
Erzherzog  Leopold,  das  zehnte  unter  Baron  Gablenz)  sammelten,
während  drei  Reiterdivisionen  ebenfalls  in  Mähren  lagerten,
eine  vierte  aber  nach  Osterreichisch-Schlesien  vorgeschoben
wurde.  Das  erste  Armeecorps  unter  Graf  Clam-Gallas  in
Böhmen  wurde  durch  den  Zuzug  der  Reiterdivision  Edelsheim
Österreichs  Kämpfe  I,  161.
        <pb n="16" />
        8  Die  Feldzugspläne.

und  der  aus  Holstein  zurückkehrenden  Brigade  Abele  auf  die
Stärke  von  41000  Mann  gebracht.  Die  Gesammtsumme  dieser
Streitmacht  stellte  sich  nach  den  Etats  auf  238  000  Mannt),
zu  welchen  weiterhin  noch  das  sächsische  Armeecorps  mit
23000  Mann  hinzutrat.  Dies  waren  imposante  Zahlen,  und
hingebender  Muth  und  ritterliche  Tapferkeit  des  Einzelnen
waren  bei  allen  Waffengattungen  reichlich  vorhanden.  Sonst
aber  hatte  Benedek  vielfache  Wahrnehmungen  zu  machen,
welche  nicht  geeignet  waren,  die  Hoffnung  auf  glänzende  Erfolge
zu  stärken?).  Die  Finanznoth  des  Reiches  hatte  in  den  letzten
Jahren  zu  unzulänglicher  Recrutirung,  so  wie  zu  erheblichen
Beurlaubungen  auch  vom  Friedensstande  fortdauernd  genöthigt,
so  daß  beim  Herandrohen  des  Kriegs  nachträgliche  Aushebungen
  zur  Füllung  der  Cadres  nöthig  wurden,  daß  überhaupt
  ein  großer  Theil,  vielleicht  die  Hälfte  der  Truppe,
kaum  ein  Jahr  unter  der  Fahne  zugebracht,  und  sich  also
nur  oberflächlich  in  den  festen  Zusammenhang  der  Truppenkörper,
  die  Gewohnheit  des  unbedingten  Gehorsams  und  die
Sicherheit  der  militärischen  Leistung  eingelebt  hatte.  Gesteigert
  wurde  der  ÜUbelstand  durch  den  Mangel  an  tüchtigen
Unterofficieren,  weil  die  Geldmittel  zur  Anwerbung  brauchbarer
  Kräfte  fehlten,  und  man  demnach  mit  wenig  befähigten
Leuten,  z.  B.  Mitgliedern  der  Musikbanden,  vorlieb  nehmen
mußte.  Während  dann  in  Preußen  der  Reservist  nach  dreijährigem
  Dienste  in  festen  Zeiträumen  zu  kurzen  Ubungen
mit  rascher  Wiederholung  des  militärischen  Lernstoffes  einberusen
  wurde,  hatte  man  in  Osterreich  auch  hiefür  die  Kosten

ÖSsterreichs  Kämpfe,  III,  1.
Über  die  folgenden  Angaben  vgl.  J.  N.,  Rückblicke  auf  den
Krieg  von  1866,  S.  321  und  331,  so  wie  Nebel  von  Chlum,  S.  83  ff.
        <pb n="17" />
        Mängel  im  österreichischen  Heerwesen.  9

erspart,  so  daß  mancher  ausgediente  Mann  wieder  auf  die
Stufe  des  rohen  Recruten  zurückgesunken  war.  Das  Alles
aber  geschah  bei  einem  Mannschaftsstande,  welcher  ganz  und
gar  aus  den  niedersten  Schichten  der  Bevölkerung,  und  großes
Theils  aus  Völkerschaften  mit  kaum  begonnener  Cultur  hervorging,
  aus  Landschaften,  wo  weit  und  breit  nicht  die  Spur
eines  Schulunterrichts  anzutreffen,  und  noch  weniger,  um  mit
Liebig  zu  reden,  die  Seife  als  Maaßstab  der  Bildung  anerkannt
  war.  So  wenig  der  gemeine  Soldat  ein  gelehrter
Mann  zu  sein  braucht,  so  vortheilhaft  ist  es  für  die  Armee,
wenn  er  die  Kunst  des  Lesens  und  Schreibens  versteht,  und
noch  mehr,  wenn  auch  in  seinen  Reihen  eine  gewisse  Anzahl
höher  gebildeter  Elemente  sich  vorfindet.  In  diesen  Beziehungen
  stand  nun  die  österreichische  Truppe  bei  Weitem
hinter  der  preußischen  zurück,  und  nimmt  man  dies  zusammen
mit  den  oben  erwähnten  Mängeln  der  Organisation,  so  liegen
die  Gründe  für  eine  überlegene  Solidität  und  Manövrir-=fähigkeit
  der  preußischen  Bataillone  vor  Augen.  Benedek
that,  was  er  konnte,  für  die  Heilung  der  Schäden,  kam  aber
nicht  über  die  Einschärfung  der  Kasernen-Reglements,  der
Subordination  und  der  Reinlichkeit,  hinaus.  An  die  Einführung
  einer  neuen  Gesechtstaktik,  so  nöthig  eine  solche
gegenüber  der  preußischen  Zündnadel  auch  gewesen  wäre,
konnte  in  diesen  letzten  Augenblicken  nicht  mehr  gedacht  werden;
auch  ist,  so  viel  wir  wissen,  davon  nicht  die  Rede  gewesen.
Seit  dem  Kriege  von  1859  hatten  die  Franzosen  mit  lautem
Nachdruck  von  dem  Alles  entscheidenden  Ungestüm  ihrer  Bajonettangriffe
  geredet;  hatte  doch  schon  Carnot  das  Bajonett
die  echte  Waffe  der  Republikaner  genannt,  und  bald  nachher
auch  Suwaroff  erklärt:  die  Flinte  ist  ein  Thor,  das  Bajonett
        <pb n="18" />
        10  Die  Feldzugspläne.

ist  ein  ganzer  Mann.  Daraus  ergab  sich  die  Regel  möglichst
wuchtiger  Massenangriffe,  und  man  blieb  um  so  ruhiger  bei
diesem  System,  als  im  Verlaufe  des  letzten  dänischen  Kriegs
die  preußische  Truppe  nur  bei  einem  einzigen  kleinen  Gefechte
Gelegenheit  gehabt  hatte,  die  mörderische  Wirkung  ihres
Feuers  auf  geschlossene  Massen  wahrnehmbar  zu  machen.
Was  aber  vor  Allem  den  österreichischen  Feldherrn  für
jetzt  in  seiner  defensiven  Stellung  festhielt,  war  der  Umstand,
daß  trotz  des  frühern  Beginns  der  Rüstungen  jetzt  nach  acht
Wochen  zwar  alles  Erforderliche  längst  verfügt,  in  Wirklichkeit
aber  nach  löblichem  Brauche  vieles  Wichtige  nicht  fertig  war.
Inmitten  der  fruchtbarsten  Provinzen  des  eigenen  Landes
war  die  Ernährung  und  Verpflegung  der  Truppen  noch
mangelhaft  organisirt,  und  gleich  bei  den  ersten  größern
Märschen  die  Soldaten  empfindlichem  Mangel  ausgesetzt.
Sodann  aber  blieb  auch  der  wirkliche  Mannschafts-Bestand
hinter  der  etatsmäßigen  Stärke  erheblich  zurück,  so  daß  noch
am  16.  Juni  die  Armee  bei  Olmütz  statt  197000  erst
174000  Mann  Infanterie  zählte,  und  Benedek,  welcher  nach
den  ihm  vorliegenden  unvollständigen  Rapporten  sogar  nur
über  158.000  verfügen  zu  können  glaubte,  demnach  bei  dem
preußischen  Gegner  eine  Übermacht  von  mehr  als  40000  Mann
vermuthete.  Er  schaute  also  mit  nicht  geringer  Sorge  nach
Verstärkung  aus,  und  hatte  den  lebhaften  Wunsch,  von  den
Streitkräften  der  deutschen  Mittelstaaten  einen  möglichst  großen
Theil  nach  Böhmen  heran  zu  ziehen.  Nach  allen  vorausgegangenen
  Verhandlungen  und  Beschlüssen  meinte  man  in
Wien,  dort  auf  rund  100000  Mann  süddeutscher  und
50000  Mann  norddeutscher  Streiter  rechnen  zu  können;  es
schien  doch  keine  übertriebene  Forderung,  etwa  die  Hälfte
        <pb n="19" />
        Unzulängliche  Rüstung  der  Bundesstaaten.  11

diese  Massen  an  die  entscheidender  Stelle,  auf  den  böhmischen
Kriegsschauplatz,  zu  versetzen.

Allein  je  näher  der  Tag  der  ernsten  Prüfung  heranrückte,
  desto  unsicherer  gestaltete  sich  diese  Aussicht,  und  man
muß  es  sagen,  der  Wiener  Hof  erndtete  hier  nach  gerechtem
Gesetze,  was  er  fünfzig  Jahre  hindurch  selbst  gesäet  hatte.
Die  Mittelstaaten  hatten  bis  dahin  unter  dem  Glasdache  des
deutschen  Bundes  ein  behagliches  Dasein  geführt;  Osterreich
und  Preußen  schützten  sie  gegen  das  Ausland;  so  ersparten
sie  ihren  Unterthanen  die  Lasten  eines  wirksamen  Heerwesens,
hielten  auf  dem  Papier  ihr  Bundescontingent  in  schöner
Ordnung,  und  wenn  einmal  der  Bund  von  Mobilmachung
redete,  kam  es  vor,  daß  eine  große  Regierung  in  athemloser
Eile  sich  erkundigte,  wo  es  Tuch=  und  Waffenfabriken  gebe,
um  Röcke  und  Gewehre  für  ihre  Soldaten  zu  liefern.  Wie
oft  hatte  Preußen  auf  eine  Reform  der  Bundeskriegsverfassung
  angetragen,  so  daß  eine  gesetzliche  Möglichkeit  geschaffen
  worden  wäre,  dieser  schlaffen  und  trägen  Wirthschaft
ein  Ende  zu  machen,  und  die  kleinen  und  kleinsten  Staaten
zur  Erfüllung  ihrer  Pflichten  gegen  die  nationale  Sicherheit
zu  zwingen!  Aber  da  dieses  Ziel  nicht  erreichbar  war,  ohne
Preußen  wenigstens  im  deutschen  Norden  gewisse  Oberaufsichtsrechte
  über  seine  Nachbarstaaten  zu  gewähren,  so  hatten
Osterreich  und  der  Bundestag  jeden  solchen  Versuch  im  Keime
erstickt.  Jetzt  erlebten  sie  die  Folgen:  sie  wünschten  gegen
Preußen  in  das  Feld  zu  gehen,  und  bei  jedem  Schritte  fehlte
es  an  jedem  Nothwendigen,  und  nachdem  die  Mehrzahl  dieser
Staaten  vor  fünf  Wochen  die  Mobilmachung  ihrer  Truppen
befohlen  hatte,  war  man  Mitte  Juni  doch  an  keiner  Stelle
schlagfertig  oder  operationsfähig.
        <pb n="20" />
        12  Die  Feldzugspläne.

Das  bayerische  Heer  sollte  auf  Kriegsfuß  72000  Mann
zählen,  nebst  21000  beurlaubten,  aber  nie  im  Dienst  gewesenen
  Recruten,  und  114000  Reservisten,  d.  h.  ausgedienten,
  aber  nie  zu  einer  Übung  wieder  einberufenen  Leuten.
Die  bayerischen  Könige  hatten  persönlich  nur  geringes  Interesse
  für  das  Heerwesen  entwickelt:  um  so  leichter  hatte  die
Regierung  dem  steten  Drängen  der  Kammern  auf  Verringerung
  des  Armeebudgets  nachgegeben,  die  Dienstzeit  der
Soldaten  unter  der  Fahne  abgekürzt,  die  Zahl  der  Officiere
und  der  Unterofficiere  vermindert,  den  Pferdebestand  bei  den
Reiterregimentern  für  den  Friedensfuß  herabgesetzt.  So  kam
es,  daß,  als  Bayern  jetzt  das  siebente  Bundesarmeecorps,
nach  der  Bundesmatrikel  53  400  Mann,  mobil  machen  sollte,
um  die  Mitte  des  Juni  mit  der  größten  Anstrengung  nur
45000  Mann  aufgestellt  werden  konnten,  von  denen  ein
Drittel  Recruten  mit  höchstens  dreimonatlicher  Dienstzeit
waren,  mit  einem  spärlich  bemessenen  Officierscorps,  fragwürdiger
  Qualität  der  Pferde  und  unzulänglichem  Verpflegungswesen.
  Am  15.  Juni  standen  die  Brigaden  noch
zerstreut  in  allen  Provinzen  des  Königreichs.  Oberbefehlshaber
  war  der  hochbejahrte,  immer  aber,  wenn  nicht  kriegsgeübte,
  so  doch  kriegseifrige  Prinz  Carl  von  Bayern,  welcher
am  27.  Juni  durch  Beschluß  der  Frankfurter  Versammlung
auch  zum  Bundesfeldherrn,  also  zum  obersten  Leiter  der
übrigen  westdeutschen  Contingente  ernannt  wurde.

Noch  übler  als  bei  dem  siebenten,  sah  es  bei  dem  achten
Bundescorps  aus.  Fertig  war  unter  seinen  Contingenten
nur  das  Hessen-Darmstädter,  eine  stets  als  tüchtig  anerkannte
Truppe,  so  wie  die  vorläufig  dem  Corps  zugetheilte  Nassauer
Brigade,  welche  mit  den  österreichischen  Besatzungen  der  Bundes-
        <pb n="21" />
        Die  einzelnen  Bundescorps.  13

festungen  zu  einer  Division  verbunden  wurde.  Von  den
16000  Württembergern  aber  konnte  am  17.  Juni  nur  eine
Brigade  in  Frankfurt  eintreffen;  die  zweite  erschien  erst  am
28.  Juni,  die  letzte  vollends  erst  am  5.  Juli.  In  Baden
hatte  der  Großherzog  bis  zum  letzten  Augenblick  den  Forderungen
  des  Bundestags  und  Edelsheim's  widerstanden,  die
Gegner  hatten  sich  aber  nicht  gescheut,  durch  den  katholischen
Klerus  die  Soldaten  aufhetzen  zu  lassen,  so  daß  eine  Militärrevolte
  wie  1849  in  Aussicht  stand,  wenn  der  Großherzog
den  Geboten  des  Bundestags  sich  zu  widersetzen  fortfuhr.
So  wurde  am  17.  Juni  die  ernstliche  Rüstung  begonnen;
am  25.  ging  die  erste  Brigade  nach  Frankfurt  ab;  es  dauerte
aber  bis  zum  9.  Juli,  ehe  das  Contingent  vollständig  beim
Armeecorps  versammelt  war.  Den  Befehl  über  diese  buntscheckigen
  Streitkräfte,  damals  etwa  35000  Mann  anstatt
der  etatsmäßigen  47000,  fünf  Kriegsherren  angehörige,  mit
fünferlei  Dienstreglements,  Signalen  und  Geschützsystemen
versehene  Truppen,  übernahm  am  18.  Juni  Prinz  Alexander
von  Hessen,  ein  in  vielfachen  Kämpfen  bewährter,  seinen
jetzigen  Untergebenen  aber  völlig  unbekannter  Officier.

Was  endlich  die  norddeutschen  Contingente  des  neunten
und  zehnten  Bundescorps  betraf,  so  war  das  Königreich
Sachsen  durch  die  Umsicht  und  Energie  des  Kriegsministers
Rabenhorst  vollständig  gerüstet,  und  hatte  eine  gediegene
Truppe  von  23000  Mann  unter  dem  Oberbefehl  des  Kronprinzen
  Albert,  eines  in  jeder  Beziehung  ausgezeichneten
Führers,  mit  allen  Erfordernissen,  unter  der  Fahne.  Man
war  entschlossen,  bei  dem  ersten  Erscheinen  der  Preußen  das
nicht  vertheidigungsfähige  Gebiet  aufzugeben,  und  mit  der
Armee  auswärts  eine  möglichst  sichere  und  ergiebige  Stellung
        <pb n="22" />
        14  Die  Feldzugspläne.

zu  nehmen.  Der  erste  Gedanke  der  Regierung  richtete  sich
in  dieser  Hinsicht  auf  Bayern:  wenn  dieses  in  der  Gegend
von  Baireuth  und  Hof  mit  den  Sachsen  ein  gleich  starkes
Corps  vereinigte,  so  hätte  Preußen  einer  solchen  Streitmacht
sehr  ernste  Beachtung  schenken  müssen.  Zugleich  meinte
Herr  von  Beust,  durch  dies  Verfahren  die  bisher  beliebte
Formel,  daß  Sachsen  nicht  gegen  Preußen,  sondern  nur  zum
Schutz  des  Bundesrechts  gerüstet  habe,  wenigstens  noch  für
eine  Weile  aufrecht  halten  zu  können.  Allein  der  Vorschlag
wurde  in  München  ganz  entschieden  abgelehnt,  und  so  blieb
für  das  sächsische  Heer  kein  anderer  Ausweg,  als  der  Abmarsch
nach  Böhmen  und  die  Vereinigung  mit  den  Osterreichern.
Auch  in  Hannover  und  Kurhessen  suchte  man,  unter  Abläugnung
  jedes  feindlichen  Gedankens  gegen  Preußen,  die  am
14.  Juni  verfügte  Mobilmachung  mit  dem  Mantel  der  Bundestreue
  zu  decken:  in  der  That  hatte  man  Grund  zur  Vorsicht,
denn  in  Kurhessen  war  bisher  noch  nicht  das  Geringste  zur
Rüstung  geschehen,  und  in  Hannover  war  trotz  der  Einberufung
  der  Kriegsreserve  und  Aufhäufung  der  Vorräthe  in
Stade  kein  Truppentheil  marschfähig.

Es  stand  also  um  die  Kriegsbereitschaft  der  bundestreuen
  Regierungen  bedenklich  genug,  und  sie  konnten  sich
nicht  beklagen,  wenn  die  preußische  Presse  sich  gelegentlich  an
Roßbach  erinnerte,  und  nicht  mehr  vom  Bundesheer,  sondern
von  der  Reichsarmee  sprach.  Aber  noch  schlimmere  Dinge
traten  zu  Tage,  als  am  10.  Juni  der  bayerische  Chef  des
Generalstabs,  General  von  der  Tann,  nach  Wien  und  Olmütz
abging,  um  dort  Abrede  über  die  Operationen  zu  nehmen,
welche  im  Falle  eines  Kriegs  gegen  Preußen  erforderlich
würden.  Tann  besprach  in  Wien  mit  dem  Generaladjutanten
        <pb n="23" />
        Fruchtlose  Verhandlung  Osterreichs  mit  Bayern.  15

des  Kaisers,  Grafen  Crenneville,  den  Entwurf  einer  militärischen
Punctation.  Hienach  würde  Prinz  Carl  von  Bayern  das
Commando  über  das  7.  und  8.  Bundescorps  fortwährend
selbständig  führen,  seine  Operationen  aber  gemäß  dem  jetzt
zu  vereinbarenden  Plane  und  den  Directiven  Benedek's  anordnen
  und  leiten.  Es  sei  jedoch,  sagte  Artikel  3  des  Entwurfs,
  ausdrücklich  vorausgesetzt,  daß  diese  Operationen  stets
im  Einklange  mit  den  Landesinteressen  der  Staaten  der  vereinigten
  Armeen  bleiben,  und  daß  die  Hauptaufgabe  der
letztern  die  Deckung  des  eigenen  Gebietes  ihrer  Kriegsherren
bleibe.  Die  bayerische  Armee  werde  am  15.  Juni  in  Franken
und  in  der  Nähe  von  Eisenbahnen  in  geeigneter  Weise  aufgestellt
  sein.  Osterreich  verzichte  auf  jeden  Separatfrieden
mit  Preußen,  und  werde  dafür  wirken,  daß  beim  Frieden
Bayern  vor  Verlusten  bewahrt  oder  doch  Entschädigung  dafür
erhalten  werde.

Für  die  Kriegführung  war  die  charakteristische  Stelle
dieses  Documents  offenbar  der  Artikel  3,  wonach  die  Hauptaufgabe
  jedes  Contingents  die  unmittelbare  Deckung  des  Territoriums
  seines  Landesherrn  sein  sollte.  Graf  Mensdorff
richtete  sogleich  Henikstein's  Aufmerksamkeit  auf  diesen  Punkt,
betonte  die  nothwendige  Einheit  der  Operationen  und  bemerkte
  mit  einleuchtender  Richtigkeit,  daß  die  Gebiete  der  einzelnen
  Regierungen  nicht  besser  gedeckt  werden  könnten,  als
durch  ein  Auftreten  mit  Übermacht  und  durch  eine  hiemit
beschleunigte  Niederlage  des  Feindes.  General  von  der  Tann,
von  dem  wohl  gesagt  worden  ist,  daß  sein  angebornes  Talent
ihn  nicht  gerade  zum  Generalstabschef  bestimmt  habe,  der  aber
ein  muthiger  Soldat  von  hellem  Blicke  und  gesundem  Verstande
  war,  erklärte  hier  sein  Einverständniß  und  genchmigte
        <pb n="24" />
        16  Die  Feldzugspläne.

einen  Zusatz:  „Deckung  der  eigenen  Gebiete,  so  weit  sie  nicht
im  Widerspruch  mit  dem  Hauptzweck  des  Kriegs  steht,  sofern
derselbe  nur  durch  möglichste  Vereinigung  der  Streitkräfte  zu
erreichen  ist.“  Darauf  zeichnete  er  die  Punctation  am  14.  Juni.
Aber  in  München  wollte  man  von  einer  solchen  Unterordnung
des  particularen  Zweckes  unter  den  allgemeinen  nichts  wissen.
Der  Vertrag  wurde  bayerischer  Seits  erst  dann  ratificirt
(am  30.  Juni),  als  Osterreich  eine  Fassung  des  Artikels  genehmigt
  hatte,  nach  welcher  die  Beobachtung  der  beiden
Zwecke  „in  gleicher  Weise“  für  unerläßlich  erklärt,  damit  also
jeder  Regierung  das  Recht  gegeben  werde,  ihre  Truppen  von
jeder  Operation  zurückzuziehen,  bei  der  ihr  die  unmittelbare
Deckung  ihres  Gebiets  nicht  gebührend  berücksichtigt  erschiene.

In  Olmütz  aber  hatten  Tann  und  Henikstein  sofort  auch
den  in  der  Punctation  vorgesehenen  Operationsplan  erwogen.
Nach  bayerischen  Berichten  wäre  hier  Tann  auf  die  Vereinigung
  sächsisch-bayerischer  Streitkräfte  bei  Hof  zurückgekommen,
was  nach  der  frühern  Abweisung  des  sächsischen  Vorschlags
schwer  verständlich  ist;  jedesfalls  wollte  jetzt  Henikstein,  nur
auf  Verstärkung  der  österreichischen  Armee  bedacht,  davon
nichts  wissen.  Er  beantragte  statt  dessen,  ganz  in  Mensdorff's
  Sinne,  nicht  bloß  die  Sachsen,  sondern  auch  die
Bayern  und,  so  weit  wie  thunlich,  die  Truppen  des  achten
Bundescorps  nach  Böhmen  kommen  zu  lassen,  nach  dem
unwiderleglichen  Satze,  daß  hier  an  der  entscheidenden  Stelle
die  möglichst  gewaltige  Macht  zu  versammeln  sei,  im  Interesse
nicht  bloß  Osterreichs,  sondern  auch  aller  Verbündeten.  Unter
dieser  Voraussetzung  verhieß  Benedek,  seine  Armee  bis  Ende
Juni  von  Olmütz  in  das  nordöstliche  Böhmen  (an  die  obere
Elbe  und  Iser,  Front  nach  dem  Riesengebirge),  zu  führen,
        <pb n="25" />
        Bayerische  Kriegspolitil.  17

und  dann  nach  Vereinigung  mit  den  Bayern  die  Offensive
zu  ergreifen.  Als  Tann  nach  seinem  militärischen  Sinne  die
Trefflichkeit  dieses  Planes  anerkannte,  und  denselben  ebenfalls
am  14.  Juni  unterzeichnete,  gab  Benedek,  gleich  nachher  auch
von  Kaiser  Franz  Joseph  zur  Eröffnung  der  Action  gedrängt,
am  17.  seiner  Armee  den  Befehl  zum  Vormarsch,  zunächst
nach  Josephstadt  und  Umgegend  an  der  Elbe,  auf  dessen
Vollendung  ein  Zeitraum  von  eilf  Tagen  gerechnet,  die  Ankunft
  an  der  Elbe  mithin  auf  den  28.  festgestellt  wurde.
Aber  noch  nicht  die  Hälfte  dieser  Zeit  war  verflossen,  als
er  aus  Wien  die  Nachricht  erhielt,  daß  die  bayerische  Regierung
  das  Abrücken  ihrer  Armee  nach  Böhmen  kategorisch
weigere,  ein  Factum,  welches  nicht  geeignet  war,  die  schwache
Flamme  seiner  Angriffslust  zu  stärkerer  Gluth  anzufachen:
indessen,  die  Bewegung  war  begonnen,  und  so  verblieb  es
bei  dem  einmal  gefaßten  Offensivgedanken,  indem  man  sich
der  Vereinigung  wenigstens  mit  den  Sachsen  getröstete.
Unterdessen  sagte  damals  Baron  von  der  Pfordten  dem
sächsischen  Gesandten,  Bayern  bedürfe  seine  Truppen  zunächst
zur  Deckung  seines  eigenen  Landes,  denke  übrigens,  in  der
allgemeinen  Krisis  seine  Machtstellung  zu  erweitern  und  den
bleibenden  Oberbefehl  über  die  Truppen  der  süddeutschen
Staaten  zu  erlangen.  Um  so  weniger  könne  es  sein  Kriegsheer
  in  unbedingte  Abhängigkeit  von  Österreich  stellen.
Natürlich  wurde  dies  sehr  bald  den  süddeutschen  Höfen  bekannt,
  und  erweckte  in  ihnen  ein  lebhaftes  Mißtrauen  gegen
die  bayerische  Politik  und  Kriegführung;  ein  Gefühl,  welches
sich  noch  erheblich  steigerte,  als  man  einige  Wochen  später
den  Inhalt  der  bisher  geheim  gehaltenen  militärischen  Punctation
  vom  14.  Juni  erfuhr.  Namentlich  der  Artikel,  durch
———  2
        <pb n="26" />
        18  Die  Feldzugspläne.

den  sich  Bayern  im  Fall  eines  Gebietsverlustes  territoriale
Entschädigung  ausbedang,  regte  die  Gemüther  seiner  Nachbarn
  bedenklich  auf;  vor  Allem  in  Carlsruhe  hielt  man  sich
überzeugt,  daß  darunter  der  alte  Wunsch  nach  der  Erwerbung
Heidelbergs  und  Mannheims  verstanden  sei.  So  ergab  sich
denn  in  dieser  bundestreuen  Coalition  eine  anmuthige  Mannigfaltigkeit
  verschiedener  Kriegszwecke,  welche  für  die  Energie
der  militärischen  Operationen  eigenthümliche  Aussichten  eröffnete.
  Osterreich  wünschte  die  gänzliche  Niederlage  des
preußischen  Rivalen,  welche  für  den  Kaiserhof  mit  der  Beherrschung
  von  ganz  Deutschland  gleichbedeutend  wäre.
Bayern,  nach  seinem  Streben  auf  Verewigung  des  Dualismus
  im  Bunde,  war  sehr  entschlossen,  solche  Pläne  zu  hindern
und  Preußen  zwar  zu  schwächen,  aber  nicht  allzu  sehr  besiegen
zu  lassen.  Die  Ubrigen  richteten  genau  dieselben  Erwägungen
gegen  Bayern,  wie  dieses  gegen  Hsterreich;  sie  strebten,  nicht
von  Preußen,  aber  noch  viel  weniger  von  Bayern  mediatisirt
zu  werden.  So  viel  wir  wissen,  gab  es  unter  diesen  süddeutschen
  Herren  nur  einen,  dessen  leitender  Minister  bei
diesen  Tendenzen  mit  klarem  Bewußtsein  schon  damals  auf
französische  Beschützung  für  den  Nothfall  rechnete:  es  liegt
aber  auf  der  Hand,  wie  einladend  ein  solcher  Zustand  den
Gedanken  Napoleon's  bei  seinem  geheimen  Vertrage  vom
12.  Juni  thatsächlich  entgegenkam.  Was  hienach  ein  Unterliegen
  Preußens  in  dem  bevorstehenden  großen  Kampfe  für
Deutschlands  Zukunft  bedeutet  hätte,  wird  keiner  weitern
Schilderung  bedürfen.

Wenn  nach  alle  dem  Österreich  von  seinen  deutschen
Verbündeten  keine  erhebliche  Unterstützung  zu  erwarten  hatte,
so  stellte  sich  auf  der  andern  Seite  schon  vor  dem  Beginne
        <pb n="27" />
        Die  übrigen  deutschen  Höfe.  19

der  Feindseligkeiten  heraus,  daß  ebenso  wenig  Preußen  auf
großen  militärischen  Gewinn  aus  seinem  italienischen  Bündniß
hoffen  durfte.  Es  fehlte  in  Italien  weder  an  schlagfertigen
Streitkräften,  noch  an  patriotischer  Kampflust,  aber  auch  hier
sollte,  wie  wir  weiterhin  sehen  werden,  eine  elende  Politik  alle
Kühnheit  und  Begeisterung  mit  Unfruchtbarkeit  schlagen.

So  erscheint  uns  überall  dasselbe  Schauspiel.  Große
Massen  bewaffneter  Menschen  sind  aller  Orten  vorhanden,
aber  an  keiner  Stelle  zeigt  sich  bei  der  Führung  die  Kraft
des  Gedankens  und  des  Willens,  die  klare  Planmäßigkeit
und  die  entschlossene  Kühnheit.  Benedek  wußte  nicht  allzu
sicher,  was  er  mit  der  Viertel  Million  seiner  Soldaten  beginnen
  sollte,  und  entschloß  sich  erst  zu  einem  Vormarsch,  als
er  des  Beistandes  durch  die  Sachsen  sicher  war  und  auf  die
Ankunft  der  Bayern  hoffte.  Prinz  Carl  aber  dachte  um  so
mehr,  in  Bayern  zu  bleiben,  als  der  größte  Theil  des  preußischen
  Heeres  sich  gegen  Böhmen  in  Bewegung  setzte;  im
Übrigen  wartete  er  noch  auf  die  in  statu  nascenti  befindlichen
  Bataillone  des  achten  Bundescorps.  La  Marmora
lebte  in  steter  Furcht,  durch  die  öffentliche  Meinung  zu  übergroßer
  Energie  fortgerissen  zu  werden;  er  hoffte,  um  es  kurz
zu  sagen,  nicht  kämpfen,  sondern  nur  marschiren  zu  müssen,
und  gedachte,  keines  Falls  sehr  weit  zu  marschiren.

Da  wehte  denn  freilich  eine  andere  Luft  zu  Berlin,  im
auswärtigen  Amte,  wie  im  Kriegsministerium  und  im  Großen
Generalstab.  Niemand  verbarg  sich  dort  die  Bedeutung  des
bevorstehenden  Kampfes,  die  tödtliche  Gefahr  einer  Niederlage,
  wie  den  herrlichen  Lohn  des  Sieges.  Hier  gab  es
weder  Schwanken  noch  Zweifel  mehr;  die  Schwierigkeit  der
Aufgabe  trübte  an  keiner  Stelle  die  Kraft  und  Kloheit  des
        <pb n="28" />
        20  Dle  Feldzugspläne.

Entschlusses.  Sobald  die  Kriegserklärung  ausgesprochen  wäre,
stand  die  Absicht  fest,  mit  reißender  Schnelligkeit  zum  Angriffe
  vorzugehen,  jeden  Nebenzweck  zu  vernachlässigen  und
mit  der  Vereinigung  aller  Mittel  auf  das  Hauptziel  vorwärts
  zu  streben,  die  Niederwerfung  Osterreichs  und  die  Erzwingung
  des  Friedens  im  Angesichte  der  kaiserlichen  Burg.
Nur  eine  einzige  Verschiedenheit  der  Meinung  machte  sich
noch  geltend  bei  der  Frage  Über  den  Zeitpunkt  des  Beginns.
Der  König,  wie  er  die  Rüstung  erst  mehrere  Wochen  nach
dem  Anfang  der  österreichischen  befohlen,  wünschte  auch  die
Eröffnung  der  Feindseligkeiten,  sei  es  durch  eine  Kriegserklärung,
  sei  es  durch  bewaffnete  Action,  dem  Gegner  zu  überlassen.
  In  politischer  Beziehung  hatte  dies  unwiderlegliche
Gründe,  den  Generalen  aber  erweckte  es  schwere  Besorgniß.
Man  gab  dem  Gegner  Zeit,  alle  Lücken  seiner  Rüstung  auszufüllen;
  man  überließ  ihm  die  Iritiative  vielleicht  für  die
ganze  Entwicklung  des  Feldzugs;  jedesfalls  nöthigte  man  sich
im  Anfang  zu  einer  defensiven  Haltung  von  zweifelhafter
Sicherheit.  Die  Hauptsache  war,  daß  man  nur  unzulängliche
  Nachrichten  über  die  Lage  der  Dinge  auf  der  feindlichen
Seite  besaß;  man  erfuhr,  daß  ein  österreichisches  Armeecorps
in  Böhmen,  ein  anderes  in  Mähren,  ein  drittes  in  Westgalizien
  stehe,  aber  jede  Kunde  fehlte,  wo  sich  die  feindliche
Hauptarmee  sammle,  ob  in  Mähren  oder  Böhmen.  Und
vollends,  ob  General  Benedek  zu  einer  großen  Offensive
bereit  oder  geneigt  sei,  das  wußte  man  nicht,  mußte  es  aber
nach  den  lange  begonnenen  Rüstungen  Osterreichs  für  wahrscheinlich
  halten.  Es  galt  demnach,  sowohl  Berlin  als  Breslau
gegen  einen  solchen  Vorstoß  möglichst  zu  sichern,  und  hier
zeigten  sich  die  Nachtheile,  die  man  durch  den  späten  Beginn
        <pb n="29" />
        Preußische  Erwägungen.  21

der  Mobilmachung  auf  sich  genommen  hatte.  Jene  Doppeldeckung
  wäre  am  besten  erreicht  worden,  wenn  man  die
ganze  Feldarmee  in  einer  mittleren  Stellung,  etwa  bei  Görlitz,
vereinigt  hätte.  Dann  aber  hätte  man  auf  die  Benutzung
mehrerer  Eisenbahnlinien  verzichten  müssen,  um  die  verschiedenen
  Armeecorps  aus  West  und  Ost  der  Grenze  anzunähern,
  was  absolut  unthunlich  erschien,  nachdem  man  Osterreich
  einen  so  großen  Vorsprung  bei  den  ersten  Rüstungen
verstattet  hatte.  Bis  zum  Juli  härte  es  gedauert,  ehe  die
Sammlung  der  ganzen  Armee  an  diesem  Punkte  hätte  vollendet
  werden  können.  Also  entschloß  man  sich,  alle  Eisenbahnen
  gleichzeitig  zu  benutzen,  folglich  die  vom  Rhein  kommenden
  Truppen  bei  Torgau,  die  aus  den  mittleren  Provinzen
  anlangenden  in  der  Lausitz,  die  aus  den  östlichen  Provinzen
  in  Schlesien  für  den  Augenblick  aufzustellen.  Auch
dies  war  erst  bis  zum  6.  Juni  erreichbar,  und  ergab  dann
eine  Zersplitterung  der  Kräfte  auf  einem  sechzig  Meilen
langen  Bogen  von  Torgau  bis  Waldenburg:  wäre  damals,
was  möglich  war,  das  österreichische  Hauptheer  mit  mehr  als
200000  Mann  in  Böhmen  vereinigt  gewesen,  so  hätte  für
Preußen  ein  großes  Unheil  entstehen  können.

Auch  war  General  Steinmetz,  Führer  des  fünften,  jetzt
nach  Schlesien  vorgeschobenen  Armeecorps,  ein  Mann,  an  Geist
und  Kraft,  aber  auch  an  Härte  und  Bissigkeit  dem  alten
ork  von  1814  vergleichbar,  entrüstet  über  solche  Bestimmungen,
  durch  welche  man  Schlesien  Preis  gebe,  um  es  im
besten  Falle  wieder  zu  erobern;  es  gebe,  schrieb  er  an
Moltke,  hier  nur  ein  Mittel,  nämlich,  dem  Feinde  zuvor  zu
kommen,  und  von  allen  Seiten  her  in  Böhmen  einzudringen.
Moltke  erläuterte  ihm  in  seiner  Antwort  sehr  ruhig,  daß  die
        <pb n="30" />
        22  Die  Feldzugspläne.

breite  Aufstellung  durch  die  nothwendige  Benutzung  aller
Bahnen  unvermeidlich  geworden  sei,  erklärte  ihm  aber  eben
so  bestimmt,  daß  der  Beginn  der  Operationen  nicht  bloß  von
militärischen  Erwägungen  abhänge;  nach  diesen  sei  allerdings
eine  rasche  Initiative  zu  begehren;  an  der  Thatsache,  daß
Böhmen  zwischen  Schlesien  und  der  Lausitz  liege,  könne  niemand
  etwas  ändern;  folglich  müßten  unsere  Heertheile  ihre
Vereinigung  vorwärts  in  Feindesland  suchen.  ·

Am  11.  Juni  kam  nach  langer  Ungewißheit  die  bestimmte
Nachricht,  daß  die  Hauptmasse  der  Osterreicher  nicht  in
Böhmen,  sondern  in  Mähren  versammelt  stehe.  Moltke  hatte
es  bisher  für  wahrscheinlich  gehalten,  daß  Benedek  so  rasch
wie  möglich  zur  Offensive  schreiten,  durch  Böhmen  hindurch
  Sachsen  befreien  und  von  dort  auf  Berlin  marschiren
wolle.  Dazu  paßte  jetzt  allerdings  das  Festkleben  der  Osterreicher
  bei  Olmütz  nicht  wohl;  dies  deutete  vielmehr,  wenn
nicht  auf  volle  Defensive,  dann  auf  einen  Angriffsplan  gegen
Schlesien.  Es  wurde  also  die  Streitmacht  in  dieser  Provinz
jetzt  auf  vier  Armeecorps  verstärkt,  zugleich  aber  die  übrigen
Heertheile  etwas  weiter  nach  Osten  geschoben,  um  die  Länge
des  überhaupt  besetzten  Bogens  von  sechzig  auf  fünf  und
vierzig  Meilen  abzukürzen.

Indessen  blieb  an  der  schlesisch-mährischen  Grenze  fortdauernd
  Alles  in  tiefer  Ruhe,  auch  als  der  Bundesbeschluß
vom  14.  Juni  den  Ausbruch  des  Kriegs  signalisirte;  wohl
aber  verabredeten  an  demselben  Tage,  wie  wir  sahen,  Benedek
und  von  der  Tann  den  Vormarsch  von  Olmütz  nach  Böhmen,
und  auch  Moltke,  sei  es,  daß  er  diesen  Entschluß  des  Gegners
erfuhr,  oder  daß  er  denselben  errieth,  kam  auf  seinen  ursprünglichen
  Gedanken  zurück,  durch  die  Rücksicht  auf  Schlesien  sich
        <pb n="31" />
        Preußischer  Offensivplan.  23

nicht  länger  von  der  Offensive  abhalten,  sondern  die  preußischen
  Heere  in  kühnem  Vorwärtsgehen  auf  böhmischem  Boden
sich  vereinigen  zu  lassen.  Allerdings  erhob  sich  Widerspruch
gegen  ein  solches  Verfahren:  General  Alvensleben  erklärte,
nichts  sei  verkehrter,  als  mit  getrennten  Colonnen  von  verschiedenen
  Seiten  her  in  Böhmen  einzudringen,  und  sich  dadurch
  der  Gefahr  auszusetzen,  vereinzelt  durch  die  Gesammtkraft
  des  Gegners  geschlagen  zu  werden.  Moltke  aber  ließ
sich  dadurch  nicht  zurückhalten.  Jeder  andere  Weg  zeigte
schlimmere  Übelstände;  ohne  Gefahr  ist  überhaupt  im  Kriege
keine  große  Entscheidung  denkbar,  und  hier  boten  sich,  wenn
der  beabsichtigte  Vormarsch  gelang,  gewaltige  Resultate.  Die
Hauptsache  aber  war,  daß  man  nach  den  letzten  Nachrichten
annehmen  durfte,  es  würde  die  Verpflanzung  der  feindlichen
Armee  aus  Mähren  nach  Böhmen  noch  eine  erhebliche  Zeit
in  Anspruch  nehmen,  und  die  preußischen  Corps  vor  ihrer
Vereinigung  nur  mit  einzelnen  Heertheilen  des  Feindes  zu
thun  haben.  Es  wurde  also  die  allseitige  Offensive  beschlossen.

Die  preußischen  Streitkräfte  waren  damals  in  drei
Armeen  gruppirt,  in  Schlesien  115000  Mann  (Garde,  erstes,
fünftes,  sechstes  Corps)  als  „zweite  Armee“  unter  dem  Oberbefehl
  des  Kronprinzen;  in  der  Lausitz  die  Divisionen  des
zweiten,  dritten  und  vierten  Corps,  93000  Mann  mit  dem
Titel  der  „ersten  Armee“  unter  der  in  Schleswig  bewährten
Führung  des  Prinzen  Friedrich  Carl;  bei  Torgau  die  14.,
15.  und  16.  Division,  46000  Mann,  als  Elbarmee  unter
General  Herwarth  von  Bittenfeld,  dem  Sieger  von  Alsen.
Außerdem  beobachteten  zwei  Streiscorps,  9000  Mann,  die
schlesische  Grenze  gegen  Mähren,  und  wurde  in  Berlin  ein
erstes  Reservecorps,  24000  Mann,  aus  mobilen  Landwehren
        <pb n="32" />
        24  Die  Feldzugspläne.

feldmäßig  organisirt.  Das  letztere  ist  jedoch  während  des
ganzen  Kriegs  nie  mit  dem  Feinde  in  Berührung  gekommen,
und  nur  als  Besatzungstruppe  im  Rücken  der  kämpfenden
Armeen  verwandt  worden.  Als  streitende  Feldarmee  stellte
also  Preußen  auf  dem  östlichen  Kriegsschauplatz  263000  Mann
aus,  fast  genau  so  viel  wie  der  Gegner  (238000  Osterreicher
und  23000  Sachsen).  Die  nächste  Bestimmung  der  Elbarmee
war  die  thunlichst  rasche  Besetzung  des  sächsischen  Königreichs;
dies  vollbracht,  würde  sie  gleichzeitig  mit  der  ersten  Armee
durch  die  Pässe  des  Lausitzer  und  des  Erzgebirges  von  Norden
her  die  böhmische  Grenze  überschreiten;  drei  Tage  später  sollte
dann  von  Osten  her  die  zweite  Armee  durch  die  Pässe  des
Riesengebirges  in  Böhmen  eindringen.

Auf  solche  Weise  an  der  entscheidenden  Stelle  mächtig
gerüstet,  hatte  man  sich  gegenüber  den  deutschen  Mittelstaaten
auf  einen  sehr  bescheidenen  Grad  der  Kraftentwicklung  beschränkt.
  14100  Mann  unter  General  von  Manteuffel  bei
Hamburg,  14300  unter  General  von  Göben  bei  Minden,
19600  Mann  unter  General  von  Beyer  bei  Wetzlar,  zusammen
also  48000  Mann,  das  war  Alles,  womit  man  sich  im
deutschen  Westen  gegen  eine  im  günstigsten  Falle  doppelte
lbberzahl  zu  behaupten  hoffte.  Zum  Oberbefehlshaber  war  der
bisherige  Commandirende  des  siebenten  Armeecorps,  General
Vogel  von  Falckenstein,  ernannt,  ein  geistreicher,  kräftiger  und
angriffslustiger  Veteran,  der  noch  den  Feldzug  von  1815  mitgemacht,
  und  dann  in  seiner  langen  Dienstzeit  alle  Zweige
des  Heerwesens  kennen  gelernt  hatte,  und  in  seiner  neuen
Aufgabe  jede  Art  dieser  Kenntnisse  und  Fähigkeit  in  vollem
Maaße  bedurfte.  Denn  hier  galt  es,  die  Nachtheile  der
Minderzahl  durch  rasche  Bewegung  und  unermüdliche  Keckheit
        <pb n="33" />
        General  Vogel  von  Falckenstein.  25

wett  zu  machen,  überall  dem  Gegner  zuvor  zu  kommen  und
die  Kräfte  desselben  vor  ihrer  Vereinigung  zu  schlagen.  Für
jetzt  aber  standen  die  Theile  dieser  neuen  Westarmee  selbst
durch  weite  Räume  getrennt;  dabei  bildete  nur  Göben's  Division
  (die  13.  der  Armee)  einen  altgeschlossenen  Corpsverband;
die  beiden  andern  waren  erst  vor  Kurzem  aus  Festungsbesatzungen
  und  detachirten  Regimentern  verschiedener  Corps
zusammengestellt,  und  in  Folge  dessen  in  ihrer  feldmäßigen
Ausrüstung  mit  Brückenzügen  und  Lazarethen,  mit  Munitionsund
  Proviantcolonnen,  nur  in  ungenügender  Weise  versehen.
Indessen  ging  Falckenstein  frisches  Muthes  diesen  Schwierigkeiten
  entgegen.  Die  Vereinigung  seiner  Truppen  würde  sich
von  selbst  aus  der  Erfüllung  ihres  nächsten  Auftrags,  der
Besetzung  Hannovers  und  Kurhessens,  ergeben;  zugleich  würde
man  hier  und  anderwärts  in  Feindesland  die  Mängel  der
Rüstung  ersetzen,  und  dann  wie  der  Sturmwind  die  dürren
Blätter  der  Bundescontingente  vor  sich  her  jagen.

Wir  wollen  zunächst  seinen  Operationen  folgen.  Er
hatte  dafür  vom  Könige  die  allgemeine  Anweisung  erhalten,
weniger  auf  Besetzung  gewisser  Punkte,  als  auf  Entwaffnung
oder  Überwältigung  der  feindlichen  Truppen  zu  sehen,  damit
durch  ein  schnelles  Agiren  seine  Streitkräfte  möglichst  bald
für  Operationen  auf  einem  andern  Kriegstheater  verwendbar
würden.
        <pb n="34" />
        2.  Capitel.
Auterwerfung  Rorddeutschlands.

Noch  an  demselben  Tage,  dem  14.  Juni,  an  welchem
der  Bundestag  seinen  verhängnißvollen  Entschluß  gefaßt,
war,  sahen  wir,  an  die  preußischen  Gesandten  in  Hannover,
Cassel  und  Dresden  der  telegraphische  Befehl  abgegangen,
zu  verfahren,  wie  wir  es  aus  Bismarck's  Denkschrift  vom  12.
vernommen  haben.  Nassau  blieb  für  den  Augenblick  unberücksichtigt,
  theils  nach  seiner  Unbedeutendheit,  theils  nach  der
Erwägung,  daß  General  Beyer's  Division  für  eine  gleichzeitige
  Besetzung  Nassaus  und  Kurhessens  nicht  stark  genug
sein  möchte.  Da  man  von  den  drei  andern  Höfen  ablehnende
Antwort  voraussah,  waren  die  betreffenden  Generale  angewiesen,
  am  16.  Juni  sechs  Uhr  Morgens  vorzugehen,  falls  sie
nicht  vorher  durch  die  Gesandtschaft  Gegenbefehl  erhielten.
Die  Officiere  jubelten;  von  Stunde  zu  Stunde  hatten  sie
auf  den  befreienden  Befehl  gewartet;  Manteuffel  hatte  noch
kurz  vor  Empfang  desselben  an  den  König  telegraphirt:  „ich
kann  morgen  sofort  mit  meinem  Corps  bei  Harburg  über  die
Elbe  gehen,  und  rolle  Hannover  auf;  würde  wie  ein  Donnerschlag
  in  ganz  Deutschland  fallen;  heute  entscheidet  allein  recht-
        <pb n="35" />
        General  von  Herwarth  besetzt  Sachsen.  27

zeitig  gebrauchtes  Schwert;  diplomatische  Verzögerung  gefährlich;
  telegraphiren  Ew.  Majestät  gnädigst  nachher,  ich  würde
vor  ein  Kriegsgericht  gestellt;  dann  ist  politische  Stelkung
gewahrt;  ich  handle;  militärischer  Effect  ist  da.“

Am  15.  Juni  Morgens  übergab  der  Gesandte,  Graf
Schulenburg,  dem  Herrn  von  Beust  die  Aufforderung,  mit
Preußen  ein  Bündniß  zu  schließen,  auf  die  Bedingungen,  daß
Sachsen  seine  Truppen  auf  den  Friedensfuß  zurückführe  und
der  sofortigen  Berufung  eines  Parlaments  zustimme,  wogegen
ihm  Preußen  sein  Gebiet  und  seine  Souveränität  nach  Maaßgabe
  der  Reformvorschläge  vom  10.  Juni  garantiren  werde.
Die  Antwort  wurde  im  Laufe  des  Tages  erbeten,  und  eine
ablehnende  oder  ausweichende  Antwort  als  Kriegserklärung
bezeichnet.  Sächsischer  Seits  waren  alle  Vorkehrungen  getroffen;
  noch  am  Nachmittage  des  14.  hatte  der  Finanzminister
  36  Millionen  Thaler  in  sicheres  Gewahrsam  nach
München  gesandt:  die  Antwort  an  Schulenburg  war  einfache
Ablehnung,  da  Sachsen  im  Widerspruch  gegen  einen  legalen
Bundesbeschluß  nicht  entwaffnen  könne!).  Am  Abend  überreichte
  dann  Schulenburg  dem  Könige  persönlich  die  preußische
Kriegserklärung,  und  noch  in  derselben  Stunde  überschritten
Herwarth's  Bataillone  die  sächsische  Grenze#:).  Beust  aber  rief
telegraphisch  die  Hülfe  des  Bundes,  insbesondere  Osterreichs
und  Bayerns,  gegen  diese  Vergewaltigung  an,  worauf  am  16.
die  Bundesversammlung  den  entsprechenden  Beschluß  faßte.
Benedek's  Truppen  aber  standen  damals  in  Olmätz,  die
Bayern  waren  überhaupt  noch  nicht  versammelt;  so  reiste
König  Johann  mit  seinen  Ministern  des  Kriegs  und  des

)  Vgl.  Friesen's  Erinnerungen,  Bd.  II.
4)  Schulenburg's  Bericht.
        <pb n="36" />
        28  Unterwerfung  Norddeutschlands.

Auswärtigen  zunächst  nach  Pirna,  und  führte  seine  Truppen
von  dort  über  die  Grenze  nach  Böhmen  hinüber.  Die  übrigen
Minister  blieben  unter  dem  Titel  einer  Landescommission  in
Dresden  zurück.  Am  18.  Juni  wurde  Dresden  von  den
Preußen  ohne  Widerstand  besetzt,  und  binnen  wenigen  Tagen
das  ganze  Land  ihrem  Machtgebot  unterworfen.  Als  preußischer
  Civilcommissar  trat  Landrath  von  Wurmb  an  die  Spitze
der  Verwaltung,  welche  dann  unter  Vermittlung  der  Landescommission
  im  gewohnten  Gange  erhalten  wurde.

In  Kurhessen  hatte  die  Regierung,  jetzt  im  Einvernehmen
mit  Hannover  vollkommen  „bundestreu“  geworden,  gleich  am
14.  Juni  die  Mobilmachung  ihres  Armeecorps  verkündigt  und
zugleich  zum  Zwecke  der  Beschaffung  der  dazu  erforderlichen
Geldmittel  die  Eröffnung  des  Landtags  befohlen.  Dieser
aber  forderte  sogleich  am  15.  unter  Protest  gegen  die  Gesetzlichkeit
  des  letzten  Bundesbeschlusses  und  unter  Ablehnung
der  begehrten  Geldmittel,  mit  35  gegen  14  Stimmen  (der
Ritterschaft,  der  Ultramontanen  und  der  Demokraten),  die
Regierung  zur  Zurücknahme  der  Mobilisirung  und  zum  Einhalten
  voller  Neutralität  auf.  Während  dieser  Verhandlung
erschien  im  Laufe  des  Vormittags  der  preußische  Gesandte,
General  Röder,  bei  dem  Minister  Abée,  um  ihm  die  preußische
Sommation  vorzulegen.  Abee  wollte  darthun,  daß  der  Bundesbeschluß
  gar  keine  feindselige  Spitze  gegen  Preußen  habe,  was
freilich  auf  Röder  keinen  Eindruck  machen  konnte;  dieser  bat
ihn  vielmehr,  zu  bedenken,  daß  es  sich  um  die  Existenz  des
Kurfürsten  handeln  könne,  und  also  die  Bewilligung  einer
Audienz  für  ihn,  den  Gesandten,  unerläßlich  sei.  Röder
wurde  darauf  um  zwei  Uhr  zum  Kurfürsten  beschieden.  Der
hohe  Herr  empfing  ihn  sehr  ungnädig:  was  er  bei  ihm  suche,
        <pb n="37" />
        Kriegserklärung  gegen  Kurhessen.  29

wenn  er  ihm  kein  Handschreiben  Sr.  Majestät  des  Königs
vorzulegen  habe.  Nach  einigen  Stichelreden  über  Bismarck
erklärte  er  dann,  daß  der  deutsche  Bund  unauflöslich  und  auf
ewig  geschlossen  sei;  als  Röder  auf  die  Vortheile  eines  preußischen
  Bündnisses  und  die  mögliche  Erwerbung  des  darmstädtischen
  Oberhessen  hinwies,  nahm  der  Kurfürst  eine  tugendhafte
  Miene  an:  will  meinen  Darmstädter  Brüdern  nichts
nehmen,  Armuth  und  Edelsinn  besser,  habe  noch  nie  den  Weg
Rechtens  verlassen:e).  Dann  redete  er  von  Osterreichs  Macht,
von  den  800000  Mann,  die  gegen  Preußen  in  Bewegung
seien;  er  müsse  Zeit  für  seine  Entschließung  haben,  lasse  sich
nicht  die  Pistole  auf  die  Brust  setzen,  und  verabschiedete  endlich
  den  Gesandten  mit  den  Worten:  ich  muß  Sie  als  Friedensbrecher
  ansehen.

Von  einer  Mobilmachung  konnte  jetzt  keine  Rede  mehr
sein,  vielmehr  erging  im  Laufe  des  Nachmittags  an  die  in
Cassel  und  Umgegend  stehenden  Truppen  der  Befehl,  „so
schnell  wie  möglich"  über  Fulda  nach  Hanau  abzurücken,  um
dem  drohenden  Einmarsch  der  Preußen  zu  entgehen.  Die
Abführung  des  Staatsschatzes  dorthin  wurde  durch  den  landständischen
  Ausschuß  verhindert.  Der  Thronerbe,  Prinz
Friedrich  Wilhelm,  eben  aus  Berlin  in  Cassel  erwartet,  hatte
dem  Kurfürsten  sein  Einverständniß  gemeldet;  der  Kurfürst
telegraphirte  darauf  um  Beistand  nach  Wien,  und  ließ  dem
General  Röder  Abends  um  zehn  Uhr  sagen,  daß  er  jede
Antwort  auf  die  Sommation  verweigere.  Röder  erklärte  demnach
  den  Krieg.  In  der  Morgenfrühe  des  16.  Juni  brach
dann  General  Beyer  von  Wetzar  über  Gießen  gegen  Kurhessen
  auf,  erreichte  am  17.  Kirchhain  und  traf  am  19.,

)  Welch'  ein  Hohn  in  diesem  Munde,  schrieb  nachher  Röder.
        <pb n="38" />
        30  Unterwerfung  Norddeutschlands.

nachdem  man  sich  einer  Anzahl  Eisenbahnwagen  bemächtigt
hatte,  in  Cassel  ein.  Der  Kurfürst  war  ruhig  auf  Schloß
Wilhelmshöhe  geblieben,  weil  er  den  Kriegsstand  nicht  anerkenne;
  er  wurde  dort  als  Staatsgefangener  bewacht  und,
nachdem  er  den  Bündnißantrag  wiederholt  abgelehnt  hatte,
einige  Tage  später  zuerst  nach  Minden  und  dann  im  königlichen
  Schlosse  zu  Stettin  internirt,  übrigens  aber  durchaus
als  befreundeter  Souverän  behandelt.  Die  Verwaltung  Kurhessens
  übernahm  General  Beyer,  und  unter  demselben  als
preußischer  Civilcommissar  zuerst  Geheimrath  Max  Duncker
und  später  Regierungspräsident  von  Möller.  Außer  den  bisherigen
  Ministern  blieben  sämmtliche  Landesbehörden  im
Dienst,  so  daß  auch  hier  keine  schädliche  Störung  der  Regierungsgeschäfte
  fühlbar  wurde.

Etwas  weiter  aussehend  gestaltete  sich  der  Gang  der
Dinge  in  Hannover.

Auch  dort  hatte  König  Georg,  längst  ungeduldig  gegenüber
  der  preußischen  Zumuthung,  seine  Neutralität  durch
Versetzen  seiner  Truppen  auf  vollen  Friedensfuß  zu  bethätigen,
  gleich  auf  die  telegraphische  Kunde  von  dem  Bundesbeschluß
  noch  am  14.  die  Mobilmachung  befohlen,  für  deren
Durchführung  allerdings,  wie  wir  sahen,  noch  mehrere  Wochen
erforderlich  gewesen  wären.  Nichts  desto  weniger  war  bei
dem  Könige  kein  Gedanke  an  Erfüllung  der  preußischen
Forderung,  wie  sie  ihm  Prinz  Osenburg  am  Morgen  des
15.  Juni  vorlegte.  Er  hatte  keine  Neigung  gehabt,  sich
vertragsmäßig  zu  unbewaffneter  Neutralität  zu  verpflichten;
wie  sollte  er  jetzt  noch  dazu  die  Unterwerfung  unter  die  Artikel
  der  Bundesreform  auf  sich  nehmen!  E  berief  schleunig
einen  Ministerrath,  welchem  er  seinen  oft  geäußerten  Entschluß
        <pb n="39" />
        Entschließung  des  Königs  von  Hannover.  31

einer  strengen  Neutralität  wiederholte.  Eben  deshalb,  erklärte
er  aber,  müsse  er,  wie  früher  das  österreichische,  so  auch  jetzt
das  preußische  Bündniß  ablehnen,  um  so  mehr,  da  ein  Widerruf
  der  eben  befohlenen  Mobilmachung  ehrwidrig,  und  eine
Annahme  der  preußischen  Bundesreform  eine  Herabwürdigung
der  von  Gott  ihm  verliehenen  Kronrechte  sein  würde.  Die
Minister  traten  sämmtlich  dieser  Ansicht  bei,  und  da  hiemit
der  Ausbruch  des  Kriegs  entschieden  war,  galt  es,  in  möglichster
  Eile  alle  Vorkehrungen  zu  treffen.  An  alle  Garnisonen
  des  Landes  wurde  die  telegraphische  Weisung  erlassen,
wie  die  Soldaten  gingen  und  standen,  schleunigst  in  die  südliche
  Hälfte  des  Königreiches  nach  Göttingen  abzurücken,  und
die  noch  fehlenden  Reservisten,  sowie  die  vorhandenen  Kriegsvorräthe
  eben  dorthin  zu  schaffen.  Unterdessen  wurde  die
Sitzung  der  Stände  eröffnet,  und  bei  der  die  Existenz  des
Staats  unmittelbar  bedrohenden  Gefahr  brachte  Rudolf  von
Bennigsen,  wie  es  scheint,  ohne  den  Inhalt  der  preußischen
Sommation  zu  kennen,  einen  neuen  Antrag  ein,  auf  Ministerwechsel,
  Unterlassen  jeder  Rüstung,  volle  Neutralität.  Die  Aufregung
  in  der  Stadt  wuchs  durch  den  Beginn  der  Truppenzüge
  mit  jeder  Stunde;  man  vernahm,  daß  Harburg  bereits
von  preußischen  Truppen  besetzt,  daß  die  westfälische  Division
bis  dicht  an  die  hannover'sche  Grenze  vorgegangen  sei;  von
allen  Seiten  her  sah  man  sich  schwerer  Feindseligkeit  ausgesetzt.
  Unterdessen  ließ  Graf  Platen  die  Antwort  auf  die
preußische  Note  entwerfen;  es  dauerte  bis  zum  späten  Abend,
ehe  sie  dem  in  Herrnhausen  weilenden  König  vorgelegt  werden
konnte.  Dieser  prüfte  sie  genau,  strich  eine  Stelle,  die  auf
die  Möglichkeit  einer  spätern  Verständigung  über  die  Bundesreform
  hindeutete,  und  brachte  hier  und  da  stylistische  Ver-
        <pb n="40" />
        32  Unterwerfung  Norddeutschlands.

besserungen  an:  so  wurde  es  ein  Uhr  Morgens,  bis  das
Document  die  königliche  Genehmigung  erhielt.  Unterdessen
hatte  sich  um  Mitternacht  Graf  Platen  in  die  Wohnung  des
preußischen  Gesandten  begeben,  um,  wenn  möglich,  einigen
Aufschub  zu  gewinnen.  Prinz  Peenburg  aber  blieb  kurz  bei
der  Frage  nach  der  entscheidenden  Antwort.  Platen  sagte,
daß  sie  noch  dem  Könige  vorliege,  allerdings  ablehnend  sei,
aber  immer  noch  weiter  verhandelt  werden  könne:  hier  aber
schnitt  der  Gesandte  jede  Erörterung  ab  und  erklärte  nach
dem  Befehle  seines  allergnädigsten  Herrn  dem  Könige  von
Hannover  den  Krieg.  Vergebens  erschien  noch  in  der  Nacht
eine  Deputation  der  hannover'schen  Stadtbehörden  im  Schlosse
Herrnhausen,  um  den  König  zu  einer  Politik  im  preußischen
Sinne  zu  bestimmen:  sie  erhielt  die  Antwort,  daß  der  König
als  Christ,  Monarch  und  Welf  dies  ablehnen  müsse,  und
um  vier  Uhr  Morgens  am  16.  Juni  reiste  der  unglückliche
Fürst  mit  dem  Kronprinzen,  den  in  Hannover  befindlichen
Generalen,  dem  Grafen  Platen,  dem  Kriegsminister  von
Brandis  und  dem  österreichischen  Gesandten,  Grafen  Ingelheim,
  nach  Göttingen  zu  seinen  Truppen?).

Zwei  Stunden  später  folgte  das  Corps  Manteuffel
seinem  Vortrab  bei  Harburg  über  die  Elbe  und  war  General
Falckenstein  mit  der  Division  Göben  im  Marsche  auf  Hannover,
  wo  er  schon  am  17.  Juni  eintraf,  Besitz  von  der
Landesregierung  ergriff  und  auf  ansehnliches,  dort  noch  vorhandenes
  Kriegsmaterial  Beschlag  legte.  Manteuffel  setzte
am  17.  seine  Truppen  auf  Lüneburg  und  Celle  in  Marsch,
und  sandte  am  Abend  ein  Bataillon  nach  Stade,  welcher

i)  Bgl.  Menburg's  Bericht,  so  wie  Meding  Memoiren  II,  104  ff.,
v.  d.  Wengen  S.  212  ff.
        <pb n="41" />
        HANNovERè

 

 

BRAUNSCHWETG  vos  HANNOVER
MAÖDEBURÖE  NAC  LANCENSALZA

 

 

Göttingen
Münden  8  &amp;amp;  HALLE
Heiligenstade
CASSEL
Möhlinausen

.  AG  Langensalza
7:
———

Is#enach  c  —  ERFURT
·  Fada-
        <pb n="42" />
        <pb n="43" />
        Hannover  von  Preußen  besetzt.  33

Platz  durch  nächtlichen  Überfall  ohne  Blutvergießen  genommen
  wurde;  alle  dort  befindlichen  Waffen  und  Vorräthe
fielen  in  preußische  Hand.  Da  General  Falckenstein  angewiesen
  war,  vor  allen  Dingen  auf  die  Entwaffnung  der  hannover'schen
  Armee  bedacht  zu  sein,  so  ließ  er  gleich  am  19.,
sobald  die  ersten  Truppentheile  des  Corps  Manteuffel  in
Hannover  angelangt  waren,  die  Division  Göben  südwärts
in  der  Richtung  auf  Göttingen  vorgehen.

Der  Eindruck,  welchen  diese  Ereignisse  in  ganz  Deutschland
  machten,  war  mächtig.  Zwar  zu  kriegerischen  Heldenthaten
  hatten  sie  keinen  Anlaß  geboten,  aber  ganz  durchschlagend
  war  der  Contrast  zwischen  der  überwältigenden
Energie,  Besonnenheit  und  Raschheit  auf  der  einen,  und  der
völligen  Unentschlossenheit,  Hülf=  und  Wehrlosigkeit  auf  der
andern  Seite.  In  drei  Tagen  waren  drei  Staaten  von
Preußen  besetzt,  deren  Landschaften  seit  1870  bei  einem
deutschen  Reichskriege  75000  Mann  zu  stellen  haben  und
damals  immerhin  über  50000  Mann  hätten  aufbringen
sollen.  War  auch  das  sächsische  Corps  einstweilen  in  Böhmen
geborgen,  so  war  doch  mit  dem  Besitze  des  sächsischen  Gebiets
  die  für  Preußen  gefährlichste  Angriffsposition  den
Gegnern  entrissen.  Von  den  trefflichen  kurhessischen  Soldaten
waren  etwa  5000  Mann  entronnen,  die  aber  jetzt  erst  von
Bundeswegen  mobil  und  streitfähig  gemacht  werden  mußten.
Alle  Hülfsquellen  der  eingenommenen  Länder  standen  dem
Sieger  zu  Gebot,  und  dienten  ihm  trefflich,  die  feldmäßige
Ausrüstung  der  eben  erst  combinirten  Heertheile  Manteuffel's
und  Beyer's  zu  vervollständigen.  Als  unter  diesen  Umständen
  Preußen  am  16.  Juni  ein  Rundschreiben  an  die

große  Schaar  der  norddeutschen  Kleinstaaten  mit  der  Aufv.
  Sybel,  Begrundung  d.  deutsen  Neiches.  V.
        <pb n="44" />
        34  Unterwerfung  Norddeutschlands.

forderung  richtete,  die  Frankfurter  Versammlung  zu  verlassen,
mit  Preußen  ein  neues  Bündniß  einzugehen  und  ihre  Truppen
dem  Könige  zur  Verfügung  zu  stellen:  da  gab  es  Bedenklichkeit
und  Widerwillen  genug,  aber  nur  Meiningen  und  drei  oder
vier  der  Kleinen  wagten  entschlossen  Nein  zu  sagen.  Zunächst
war  alle  Welt  in  größter  Spannung  über  das  Schicksal  der
in  Göttingen  sich  sammelnden  hannover'schen  Armee.

Dort  herrschten  wenig  erfreuliche  Zustände.  Während
im  Laufe  des  17.  Juni  die  einzelnen  Bataillone  und  große
Massen  von  Recruten  und  Reservisten  herbeiströmten,  so  daß
das  Fußvolk  eine  Stärke  von  15000,  die  Reiterei  von  2200
Mann,  die  Artillerie  von  1800  Mann  mit  42  Geschützen
erreichte,  zeigte  sich  die  innere  Schwäche  dieses  Heerwesens
in  einem  offen  zur  Sprache  gebrachten  Mißtrauen  fast  des
ganzen  Officierscorps  gegen  die  obere  Leitung  desselben.  Der
König  hatte  den  höchsten  Befehl  selbst  ergriffen;  bei  seiner
Blindheit  hatte  dies  die  Folge,  daß  sein  erster  Generaladjutant,
  damals  General  von  Tschirschnitz,  thatsächlich  die
entscheidende  Instanz  bildete.  Amtlich  sollte  dann  der  älteste
der  Generale,  Gebser,  das  Obercommando  mit  General
Sichart  als  Chef  des  Generalstabs  führen.  Aber  die  Officiere
trauten  keinem  dieser  Herren  die  Fähigkeit  und  Schneidigkeit
zu,  sie  durch  die  bedenklichen  Verhältnisse  siegreich  hindurch
zu  retten;  sie  brachten  ihre  Wünsche  durch  den  Kronprinzen
an  den  König,  und  da  die  genannten  Inhaber  der  Stellen
keinen  scharfen  Widerspruch  erhoben,  wurde  der  begehrte
Wechsel  noch  am  17.  Juni  vollzogen.  Höchstcommandirender
wurde  General  von  Arentschild,  ein  tüchtiger,  über  die
Mißlichkeit  der  Lage  vollkommen  klarer  Officier,  der  nur  mit
Widerstreben  die  gefährliche  Würde  übernahm.  General-
        <pb n="45" />
        Die  hannover'sche  Armee  in  Göttingen.  35

adjutant,  sowohl  des  Königs,  als  des  Commandirenden,
wurde  Oberst  Dammers,  ein  gescheidter  Mann  von  lebhaftem,
leicht  aufbrausendem  Temperament  und  unruhiger  Geschäftigkeit,
  während  der  neue  Chef  des  Generalstabs,  Oberst  Cordemann,
  so  wenig  wie  möglich  einzugreifen  bestrebt  war.  In
einem  Kriegsrathe  über  den  weitern  Felbzugsplan  waren  die
Ansichten  getheilt.  Der  König  drängte  auf  unzögerlichen
Weitermarsch  gegen  Süden,  um  sich  mit  den  Bayern  oder
dem  achten  Bundescorps  zu  vereinigen!);  die  Generale  dagegen
  erklärten  mit  großer  Bestimmtheit  einige  Tage  Aufenthalt
  für  ganz  unerläßlich,  um  die  so  tumultuarisch  zusammengerafften
  Truppen  einiger  Maaßen  operationsfähig
auszurüsten.  Und  in  der  That,  sie  hatten  Vieles  für  ihre
Meinung  anzuführen.  Von  den  acht  Batterien  des  Corps
waren  nur  fünf  bespannt,  für  die  übrigen  wurden  Pferde  erst
beschafft,  wie  es  eben  ging.  Der  gleiche  Mangel  fand  beim
Train  sowohl  für  die  Munitions=  als  für  die  Proviant--colonnen
  Statt;  es  fehlte  vielfach  an  eisernen  Beständen  für
die  Regimenter  und  in  höherem  Grade  an  den  erforderlichen
Lazarethbedürfnissen.  Der  König  gewährte  also  einige  Tage
Aufschub  zur  Beschaffung  des  Nothwendigsten:  es  geschah

!1)  So  Meding  Memolren  I,  133.  Diese  Angaben  zu  bezweifeln,
liegt  kein  Grund  vor.

Knporr,  Feldzug  in  Westdeutschland,  und  nach  ihm  Andere,  haben
in  gleichem  Sinne  sogar  behauptet,  wenn  dieser  Entschluß  sofort  gefaßt
  worden  wäre,  so  hätte  die  Armee,  da  General  Beyer  erst  am  139.
Cassel  erreichte,  ganz  bequem  auf  der  Eisenbahn  nach  Cassel  und  von
dort  nach  Bebra  fahren,  und  dann,  durch  keinen  Gegner  behelligt,  nach
Frankfurt  marschiren  können.  Es  ist  dabei  nur  übersehen,  daß  schon
am  Abend  des  18.  ein  preußisches  Detachement  die  Friedrich-Wilhelms-Nordbahn
  bei  Melsungen  zerstört  hotte.
        <pb n="46" />
        36  Unterwerfung  Norddeutschlands.

von  allen  Seiten,  was  mit  der  höchsten  Anstrengung  erreichbar
  war,  aber  mangelhaft  blieb  die  Ausrüstung  des  von
den  Hülfsquellen  der  Heimath  abgeschnittenen  Heeres,  unsicher
  die  Verpflegung,  und  vor  Allem  bedenklich  die  Knappheit
  der  vorhandenen  Munition  und  die  Unmöglichkeit  ihrer
Ergänzung.  Unter  diesen  Umständen  erklärten  zwei  Generalstabs-Officiere,
  Rudorff  und  Jacobi,  dem  König,  der  Zug
nach  dem  Süden  könne  nur  gelingen,  wenn  es  sich  dabei
lediglich  um  Ausführung  eines  Marsches  handle;  ernsthafte
Gefechte  könnten  von  der  Truppe  nicht  geführt  werden;  sie
gaben  demnach  anheim,  mit  Preußen  Unterhandlungen  anzuknüpfen#);
  dies  aber  wies  der  König  energisch  zurück,  und  so
begann  die  Erörterung  der  Frage,  auf  welchem  Wege  die
Verbindung  mit  den  Freunden  zu  suchen  sei.  Man  wußte
nicht,  wo  deren  Truppen  standen,  und  wie  bald  sie  schlagfertig
  sein  würden.  Man  erfuhr,  daß  ein  preußischer  Heertheil
  sich  in  Kurhessen  ausdehne,  kannte  aber  dessen  Stärke
und  Marschrichtung  nicht.  Nun  wäre  die  geradeste  Straße
von  Göttingen  nach  Frankfurt  eben  durch  Kurhessen  gegangen,
etwa  nach  Uberschreitung  der  Werra  über  Bebra  auf  Fulda.
und  Schlüchtern.  Da  es  aber  völlig  unsicher  blieb,  ob  man
hier  nicht  der  Division  Beyer  begegnen  würde,  und  auch  von
mehreren  an  die  Prinzen  Carl  von  Bayern  und  Alexander
von  Hessen  entsandten  Boten  keine  Antwort  einlief,  so  wurde
am  20.  Juni  beschlossen,  etwas  weiter  nach  Osten  auszubiegen,
  wo  es  einstweilen  keine  preußischen  Truppen  gab,
und  über  Heiligenstadt  und  Mülhausen  die  Richtung  auf
Eisenach  zu  nehmen,  von  wo  dann  der  Weitermarsch  nach

)  v.  d.  Wengen  S.  837.
        <pb n="47" />
        Günstige  Aussichten  für  die  Hannoveraner.  37

Süden  vollkommen  frei  gewesen  wäre.  Durch  rastlose  Arbeit
war  indessen  die  Armee  wenigstens  für  die  nächsten  Tage  in
leidlichen  Zustand  versetzt  worden,  und  konnte  am  21.  Morgens
den  Zug  auf  Heiligenstadt  beginnen.

Die  Aussichten  des  Unternehmens  standen  gerade  in  diesem
Augenblick,  allerdings  ohne  daß  das  hannover'sche  Hauptquartier
  davon  eine  Ahnung  hatte,  äußerst  günstig.  General  von
Falckenstein  hatte,  wie  erwähnt,  die  königliche  Anweisung,  in
erster  Linie  auf  die  Entwaffnung  der  hannover'schen  Armee
Bedacht  zu  nehmen,  und  demnach  die  Division  Göben
am  19.  Juni  den  Marsch  von  Hannover  nach  Göttingen,
fünfzehn  Meilen  Weges,  antreten  lassen.  Alle  Nachrichten
lauteten  an  diesem  Tage  dahin,  daß  die  Feinde  sich  in  Göttingen
  verschanzten  und  dort  den  Kampf  aufnehmen  wollten.
Demnach  gab  Falckenstein  dem  General  Beyer  den  Befehl,
von  Kurhessen  aus  seine  Truppen  nordwärts  gegen  Göttingen
in  Bewegung  zu  setzen,  und  dort  am  23.  Juni  mit  Göben
und  Manteuffel  den  Feind  von  allen  Seiten  her  anzugreifen
und  zu  erdrücken.  So  geschah  es,  daß  am  21.,  während
die  Hannoveraner  von  Göttingen  nach  Südosten  abzogen,
General  Beyer,  der  von  Kurhessen  aus  sie  sehr  unangenehm
in  der  Flanke  hätte  fassen  können,  statt  dessen  mit  großem
Eifer  nach  Norden  dem  verlassenen  Göttingen  zustrebte.  Es
lagen  mithin  zur  Zeit  den  Hannoveranern  alle  Straßen  nach
Süden  offen.  Völlig  unangefochten,  nur  von  der  Hitze  geplagt,
  gelangte  ihr  Hauptquartier  am  21.  nach  Heiligenstadt,
am  22.  nach  Mülhausen,  am  23.  nach  Langensalza.  Von
dort  hatte  man  noch  drei  Meilen  nach  Gotha,  nicht  ganz  vier
nach  Eisenach;  jede  dieser  Städte  war  nur  mit  2000  Mann
besetzt;  König  Georg  brauchte  also  am  24.  seinen  Marsch
        <pb n="48" />
        38  Unterwerfung  Norddeutschlands.

mur  einfach  fortzusetzen,  so  nahm  er  nach  seiner  Wahl  entweder
  Gotha  oder  Eisenach,  überschritt  die  thüringer  Eisenbahn,
  und  zog  dann  ungehindert  der  Vereinigung  mit  den
Bayern  entgegen.

Es  war  ein  starkes  Stück,  daß  Falckenstein  es  so  weit
hatte  kommen  lassen.  Dies  war  so  zugegangen.

Eben,  als  seine  Truppen  den  Marsch  gegen  Göttingen
begannen,  empfing  er  zwei  Depeschen  von  General  Moltke
mit  Nachrichten  über  die  damalige  Schwäche  des  achten
Bundescorps  in  Frankfurt  und  mit  der  Aufforderung,  so
bald  wie  möglich  Front  gegen  Süden  zu  nehmen  und  in
raschem  Vormarsch  diese  Contingente  auseinander  zu  jagen.
„So  bald  wie  möglich“,  das  hieß  und  konnte  nichts  Anderes
heißen,  als  gleich  nach  Entwaffnung  der  Hannoveraner.  Als
aber  Falckenstein  am  21.  Juni  die  Nachricht  erhielt,  daß  die
Feinde  von  dort  nach  Mülhausen  und  Eisenach  abgezogen
seien,  daß  sie  mithin  mehr  als  zwei  Tagemärsche  Vorsprung
hätten:  da  gab  er  die  Verfolgung  als  hoffnungslos  auf,
und  vertiefte  sich  völlig  in  die  von  Moltke  ihm  eröffnete
Aussicht  auf  glänzende  Frankfurter  Lorbeeren.  Er  schrieb
dem  Könige  am  21.,  daß  er  jetzt  nach  dem  Abzug  der  Hannoveraner
  üÜber  seine  ferneren  Operationspläne  noch  nichts
sagen  könne;  von  Göttingen  aus  werde  er  sich  nach  der
Richtung  wenden,  wo  er  auf  wesentliche  feindliche  Streitkräfte
  zu  stoßen,  hoffen  dürfe.  Wir  werden  gleich  sehen,
daß  es  nicht  die  Hannoveraner  waren,  die  er  hiebei  im
Auge  hatte.

Man  kann  nun  darüber  streiten,  ob  die  Entwaffnung
der  Hannoveraner  für  die  preußische  Kriegführung  in  der
That  die  Wichtigkeit  hatte,  welche  man  in  Berlin  ihr  bei-
        <pb n="49" />
        Moltke's  Weisungen  an  Falckenstein.  39

legte);  sicher  ist,  daß  auch  nach  ihrem  Abmarsch  aus  Göttingen
  Preußen  alle  Mittel  hatte,  sie  zu  umstellen  und  zur
Ergebung  zu  zwingen.  Denn  die  preußische  Regierung  verfügte
  über  den  ganzen  Kreis  von  Eisenbahnen,  von  Cassel
über  Göttingen,  Magdeburg  und  Halle  nach  Gotha  und
Eisenach,  und  von  dort  wieder  nach  Cassel.  Die  Strecke  von
Göttingen  in  östlicher  Richtung  über  Halle  nach  Eisenach  war
vollkommen  fahrbar?);  zwischen  Göttingen  und  Cassel  hatten
die  Hannoveraner  bei  Münden  einen  Tunnel  verrammelt
und  eine  Brücke  zerstört,  und  geringere  Schädigungen  hatten
der  Bahn  zwischen  Cassel  und  Eisenach  hier  Preußen,  dort
Kurhessen  zugefügt;  Überall  aber  war  man  eifrig  mit  der
Herstellung  beschäftigt,  die  an  den  schlimmsten  Stellen  etwa
zwei  Tage  fordern  mochte.  Also  am  21.  konnte  man  eine
beliebige  Truppenmenge  von  Hannover  nach  Gotha  oder
Eisenach,  am  23.  von  Cassel  nach  Eisenach,  am  24.  von
Göttingen  nach  Cassel  und  weiter  bewegen,  mithin  den  Hannoveranern
  in  der  Besetzung  der  thüringer  Bahn  zuvorkommen
  und  damit  ihr  Entrinnen  unmöglich  machen.

Moltke  hatte  bereits  in  einer  Depesche  vom  19.  Juni
den  General  Falckenstein  darauf  aufmerksam  gemacht,  eine
seiner  drei  Divisionen  über  Magdeburg  nach  Eisenach  zu
senden.  Der  General  aber  war  über  diese  Andeutung
schweigend  hinweg  gegangen.  Moltke  veranlaßte  dann  seinerseits
  schleunige  Entsendung  von  Landwehren  und  Besatzungstruppen
  nach  Gotha,  wo  sie  sich  mit  den  zwei  Coburger

)  Die  Bollendung  der  Mobilmachung  der  Hannoveraner  in  fremdem
Lande,  aus  fremden  Vorräthen,  hätte  große  Schwierigkeit  gehabt  und
jedesfalls  über  einen  Monat  gedauert.

1)  Das  Corps  Manteuffel  wurde  eben  damals  auf  der  Bahn  in
die  Nähe  von  Göttingen  befördert.
        <pb n="50" />
        40  Unterwerfung  Norddeutschlands.

Bataillonen  unter  Oberst  von  Fabeck  vereinigten,  so  wie  von
zwei  Gardebataillonen  unter  Oberst  von  Osten-Sacken  nach
Eisenach.  Als  aber  am  21.  Juni  in  Berlin  die  Nachrichten
Über  den  Marsch  der  Hannoveraner  sich  häuften,  telegraphirte
in  der  Nacht  auf  den  22.1)  nach  Allerhöchstem  Auftrag
General  Pobdbielski  an  Falckenstein:  noch  sei  es  Zeit,  eine
Division  von  Hannover  über  Magdeburg  nach  Gotha  zu
schicken,  um  sich  den  bei  Mülhausen  stehenden  Hannoveranern
vorzulegen;  Falckenstein  möge  Drahtantwort  senden,  wenn
er  einverstanden  sei.  Man  weiß  nun,  daß  solche  Empfehlung
einer  Maaßregel  durch  den  höchsten  Kriegsherrn  einem  Befehle
gleich  gilt,  wenn  nicht  materielle  Unmöglichkeit  oder  deutliche
  Gefahr  dagegen  eingewandt  werden  kann.  Beides  war
hier  zweifellos  nicht  der  Fall,  und  Falckenstein  hätte  die
Entsendung  der  Division  pflichtmäßig  verfügen  müssen.  Er
aber,  des  Wunsches  voll,  sich  nicht  durch  hannover'sche
Kämpfe  von  Frankfurt  ablenken  zu  lassen,  erwiderte,  die
begehrte  Entsendung  sei  unmöglich,  da  alle  seine  Truppen
bereits  auf  dem  Marsche  nach  Göttingen  begriffen,  und  nur
unzulängliche  Reste  in  Hannover  zurückgeblieben  und  zur
Fahrt  nach  Gotha  verfügbar  seien.  Auf  neue  Meldungen
von  Moltke  über  den  Marsch  der  Hannoveraner  befahl  er
am  22.  Juni  der  Division  Beyer,  umzukehren,  sich  an  der
Werra  bei  Otmannshausen,  vier  Meilen  nördlich  von  Eisenach,
zu  versammeln,  und  Recognoscirungen  gegen  diese  Stadt  auszusenden.
  Seine  Absicht  war,  den  beiden  andern  Divisionen
am  23.  Juni  Ruhetag  in  Göttingen  zu  geben,  und  sie  am
24.  den  Marsch  nach  Cassel  und  Frankfurt  beginnen  zu  lassen.
Am  23.  aber  kam  zunächst  eine  dringende  Aufforderung
)  So  ist  die  Zeitangabe  in  dem  Tagebuch  der  Mainarmee.
        <pb n="51" />
        Falckenstein  vollzieht  die  Weisungen  nicht.  41

Moltke's,  und  einige  Stunden  später  ein  formeller  Befehl
des  Königs,  ein  starkes  Detachement  aus  allen  Waffengattungen
  schleunigst  auf  der  Casseler  Bahn  nach  Eisenach
zu  schicken.  Es  wäre  leicht  zu  machen  gewesen,  vermittelst
einer  Bahnfahrt  von  Göttingen  bis  zu  dem  versperrten
Tunnel,  dann  kurzes  Fußmarsches  bis  zu  der  Werra-Brücke,
dort  Besteigung  eines  von  Cassel  entgegengesandten  Zuges.
Aber  trotz  alledem  blieb  Falckenstein  auf  seinem  Sinne.  Er
berichtete  sowohl  an  den  König  als  an  den  Kriegsminister,
daß  die  Eisenbahn  Göttingen-Cassel  noch  nicht  hergestellt,
der  königliche  Befehl  mithin  unausführbar  sei.  Meine  Absicht,
  sagte  er,  dem  Feinde  den  Rückzug  über  Eisenach  oder
Gotha  zu  verlegen,  ist  demnach  gescheitert.  Im  Ubrigen
denke  er,  Göben  und  Manteuffel  über  Cassel  nach  Frankfurt,
Beyer  aber  von  Otmannshausen  nach  Eisenach  marschiren
zu  lassen,  wo  er  vielleicht  noch  einige  hannover'sche  Nachzügler
  abschneiden  könne.  Ich  beabsichtige,  schloß  er,  bei
Frankfurt  das  achte  Bundescorps  zu  zersprengen,  dadurch
die  Rheinprovinz  zu  decken,  Baden  zu  degagiren,  die  Bayern
von  Sachsen  und  Böhmen  abzuziehen.

So  lagen  am  23.  Juni  die  Dinge  auf  preußischer  Seite:
Göben  und  Manteuffel  standen  in  und  bei  Göttingen,  Beyer
gelangte  nach  Otmannshausen;  zwei  unbedeutende  Abtheilungen
  hielten  Gotha  und  Eisenach  besetzt.  Warum  brachen
hier  die  18000  Hannoveraner  nicht  durch?

Es  ist  wunderlich,  an  welchen  Fäden  zuweilen  die  Geschicke
  der  Menschen  und  der  Staaten  hängen.  Auf  die  jetzt
folgenden  Verhandlungen  müssen  wir  etwas  näher  eingehen,
da  sie  vielfach  zum  Gegenstand  entstellender  und  gehässiger
Darstellung  gemacht  worden  sind.
        <pb n="52" />
        42  Unterwerfung  Norddeutschlands.

In  Berlin  hatte  man  bisher  an  keine  Annexion  außer
Schleswig-Holstein,  und  noch  weniger  an  den  Sturz  eines
deutschen  Fürstenhauses  gedacht.  Dem  Könige  war  es  ein
persönlicher  Kummer,  mit  so  nahe  verwandten  und  befreundeten
  Fürsten,  wie  den  Königen  von  Hannover  und  Sachsen,
im  Streite  zu  stehen,  und  Bismarck  drängte  schon  aus  Rücksicht
  auf  die  fremden  Großmächte  zu  möglichst  gemäßigter
und  versöhnlicher  Politik.  Wie  er  nach  dem  15.  Juni  dem
hessischen  Kurfürsten  wiederholt  das  preußische  Bündniß  angeboten
  hotte,  so  rieth  er  auch  jetzt  zu  einer  letzten  Friedensverhandlung
  mit  Georg  V.  Nachdem  man  also  in  der  Nacht
auf  den  22.  Juni  dem  General  Falckenstein  die  Entsendung
einer  Division  auf  die  thüring'sche  Bahnlinie  anheim  gegeben,
telegraphirte  Moltke  dem  Obersten  Fabeck  den  Befehl  nach
Gotha,  durch  einen  seiner  Officiere  die  hannover'sche  Armee,
da  sie  vollständig  umstellt  sei,  zur  Waffenstreckung  aufzusordern.
  Ganz  in  diesem  Zusammenhang  ging  dann  auch
an  Falckenstein  den  23.  Juni  der  Befehl  zu  schleuniger  Besetzung
  Eisenachs.

Im  hannover'schen  Hauptauartier  zu  Langensalza,  wo#
die  preußische  Aufforderung  am  23.  überreicht  wurde,  traf
sie  auf  günstige  Stimmung.  «

Man  war  dort  in  völlig  unklarer  Lage,  hatte  widersprechende
  Nachrichten  über  Freund  und  Feind,  und  die
Officiere  blieben  fest  in  der  Ansicht,  daß  man  bei  der  mangelhaften
  Ausrüstung  wohl  marschiren,  aber  nicht  kämpfen  könne,
vielmehr  im  ersten  Gefechte  die  vorhandene  Munition  verbrauchen
  würde.  Von  Waffenstreckung  wollte  man  zwar
nichts  wissen,  wünschte  aber  um  so  mehr,  in  friedlicher  Weise
nach  Süddeutschland  zu  gelangen.  Demnach  sandte  der
        <pb n="53" />
        Beginn  einer  Unterhandlung.  43

König  den  Major  Jacobi  nach  Gotha,  um  dort  telegraphisch
mit  Moltke  zu  verhandeln,  und  nebenbei  über  die  Stärke  der
dort  stehenden  Gegner  Kundschaft  zu  suchen.  Jacobi  kam
Abends  in  Gotha  an,  und  auf  seine  Meldung  an  Moltke
schrieb  dieser  den  Vorschlag  zurück,  König  Georg  möge  außerhalb
  Hannovers  einstweilen  Wohnung  nehmen,  seine  Armee
aber  nach  Göttingen  zurückmarschiren,  dort  die  Officiere  beurlaubt,
  die  Mannschaften  in  die  Heimath  entlassen  werden.
Jacobi  sandte  darauf  nach  Mitternacht  den  Gegenvorschlag,
wenn  Preußen  den  König  Georg  mit  seiner  Armee  ungehindert
nach  Süddeutschland  ziehen  lasse,  so  werde  der  König  sich
verpflichten,  seine  Truppen  auf  längere  Zeit  an  Feindseligkeiten
  gegen  Preußen  keinen  Theil  nehmen  zu  lassen.  Von
Waffenstreckung  könne  keinesfalls  die  Rede  sein,  ehe  ein  hannover'scher
  Officier  durch  den  Augenschein  von  der  Umzingelung
durch  eine  erdrückende  Übermacht  sich  überzeugt  habe.  Moltke
verhieß,  dies  Alles  am  folgenden  Morgen  dem  König  Wilhelm
vorzulegen.  In  der  Frühe  des  24.  Juni  reiste  darauf  Jacobi
zurück,  nachdem  er  in  Folge  verschiedener  Wahrnehmungen
das  irrige  Bild  einer  starken  preußischen  Besatzung  in  Gotha
gewonnen  hatte.

Auf  seinen  Bericht  wurde  dann  von  König  Georg  beschlossen,
  die  Unterhandlung  fortzusetzen.  Zu  diesem  Behufe
sollte  mit  Jacobi  der  Generaladjutant  des  Königs,  Oberst
Dammers,  nach  Gotha  gehen,  um  sich  mit  dem  dort  commandirenden
  preußischen  General  in's  Benehmen  zu  setzen.  Es
war  dies  eine  unglückliche  Wahl,  da  Dammers  sehr  erregbar
und  in  solcher  Stimmung  zu  bedenklichen  Mitteln  bereit
war.  In  Gotha  zeigte  sich,  daß  es  dort  keinen  preußischen
General  als  den  Herzog  Ernst  gab;  dieser  aber  hatte  kein
        <pb n="54" />
        44  Unterwerfung  Norddeutschlands.

Commando,  erklärte  sich  jedoch  bereit,  als  Herzog  von  Coburg-Gotha
  eine  Vermittlung  zwischen  den  beiden  Königen  zu  versuchen.
  Mit  ihm  verabredete  Dammers  dann  eine  Depesche
nach  Berlin,  in  welcher  Hannover  für  freien  Durchlaß  der
Armee  nach  Süddeutschland,  Unthätigkeit  seiner  Truppen  für
ein  Jahr  anbot.  Unmittelbar  nachher  aber  schickte  Dammers
heimlich  eine  Botschaft  nach  Langensalza:  die  preußische  Besatzung
  sei  sehr  schwach,  man  möge  schleunigst  zum  Angriff
übergehen.  Indessen  erschien  gleich  nachher  ein  Telegramm
von  Moltke,  als  Antwort  auf  Jacobi's  während  der  Nacht
gestellte  Anträge:  Oberst  Fabeck  solle  den  Hannoveranern
volle  Auskunft  über  Stärke  und  Stellung  der  preußischen
Truppen  geben;  zur  Friedensverhandlung  sei  der  Generaladjutant
  Sr.  Majestät,  General  von  Alvensleben,  mit  Extrazug
  nach  Gotha  unterwegs.  Hienach  konnte  auch  Oberst
Dammers  an  der  ehrlichen  Friedensliebe  Preußens  nicht
zweifeln:  als  er  aber  jetzt  von  Oberst  Fabeck  positiv  erfuhr,
wie  geringfügige  Streitkräfte  sich  in  Gotha  und  Eisenach
befanden,  blieb  er  bei  einem  Verhalten,  welches  aufrichtig  zu
nennen,  unmöglich  ist.  Zunächst  ließ  er  sich  mit  dem  Herzog,
dem  Minister  Seebach  und  dem  Obersten  Fabeck  zu  einer
Abrede  herbei,  daß  keine  Feindseligkeiten  vor  der  Ankunft
Alvensleben's  in  Langensalza  erfolgen  sollten,  es  sei  denn,
daß  sich  dieselbe  bis  zum  folgenden  Tage  verzögere;  der
Herzog  von  Coburg  verhieß  seinerseits,  daß  bis  dahin  keine
preußischen  Verstärkungen  auf  der  Eisenbahn  herangezogen
werden  sollten.  Wurde  nun  diese  Übereinkunft  auf  preußischer
Seite,  wie  es  Dammers  hoffte,  gehalten,  auf  hannover'scher
aber,  wie  es  der  Oberst  beabsichtigte,  gebrochen,  so  wären
damit  die  Aussichten  Hannovers  offenbar  erheblich  verstärkt
        <pb n="55" />
        Verwicklungen.  45

worden.  Dammers  fuhr  dann  gegen  Mittag  nach  Langensalza
  zurück;  Jacobi  blieb  in  Gotha,  um  später  den  General
Alvensleben  zum  König  Georg  zu  geleiten.

Unterdessen  aber  war  König  Georg  auf  ganz  ähnliche
Gedanken  wie  Oberst  Dammers  gekommen.  In  den  ersten
Morgenstunden  war  ein  Anderer  seiner  Generalstabsofficiere,
Oberstlieutenant  Rudorff,  ohne  höhern  Befehl  mit  einer  kleinen
Streifpartei  auf  Eisenach  zugeritten,  hatte  von  einem  gefangenen
  preußischen  Gardisten  die  Schwäche  der  Eisenacher
Garnison  erfahren,  sich  dann  auf  eigene  Faust  als  Unterhändler
  constituirt,  und  den  Obersten  von  Osten-Sacken  aufgefordert,
  den  Platz  bis  drei  Uhr  Nachmittags  zu  räumen,  da
er  ihn  gegen  die  Übermacht  der  ganzen  hannover'schen  Armee
doch  nicht  halten  könnte.  Nach  Osten-Sacken's  entschiedener
Ablehnung  war  Rudorff  eiligst  zum  Könige  zurückgesprengt,
und  hier  erschien  dann  die  erste  Wirkung  von  Falckenstein's
eigemmächtigem  Verfahren.  Keine  starke  Besatzung  in  Gotha,
rief  der  König,  keine  in  Eisenach;  es  war  also  eine  grundlose
  Aufschneiderei,  wenn  Moltke  uns  eine  vollständige  Umzingelung
  melden  ließ.  Er  befahl  auf  der  Stelle,  daß
seine  Truppen  zum  Angriff  auf  Eisenach  Stellung  nehmen
sollten,  und  schickte  den  Rittmeister  von  der  Wense  nach  Gotha
mit  der  Bestellung,  daß  alle  Unterhandlungen  abgebrochen
seien,  und  die  militärischen  Operationen  ihren  Fortgang  haben
würden.

Sovwohl  Herzog  Ernst  als  Major  Jacobi  waren  bei
dieser  Meldung  höchst  erstaunt.  Es  kann  nicht  anders  sein,
rief  der  Herzog,  dieser  Entschluß  ist  in  Langensalza  gefaßt
worden,  ehe  Oberst  Dammers  mit  der  Nachricht  über  unsern
Stillstandsvertrag  dorthin  zurückgekommen  ist:  der  Rittmeister
        <pb n="56" />
        46  Unterwerfung  Norddeutschlands.

bestätigte  dies;  er  sei  dem  Obersten  halbwegs  begegnet,  habe
ihm  seinen  Auftrag  mitgetheilt,  aber  nur  den  Befehl  von
ihm  bekommen,  den  Auftrag  zu  vollziehen.  Des  Herzogs
Befremden  wuchs;  es  sieht  aus  wie  Felonie,  sagte  er.  Darüber
  kam  aus  Berlin  ein  Telegramm  von  Bismarck,  Antwort
  auf  den  letzten  Vorschlag  Dammers'.  Der  König  genehmige
  denselben,  wenn  für  die  Waffenruhe  der  Hannoveraner
die  nöthigen  Garantien  gegeben  würden;  Alvensleben  werde
darüber  verhandeln.  Damit  schien  dem  Herzog  der  Friedensschluß
  gesichert,  und  er  veranlaßte  den  Rittmeister,  zurückzueilen,
  um  ein  völlig  unnöthiges  Blutvergießen  zu  hindern.
Der  Rittmeister  ritt,  was  er  konnte,  machte  aber  mit  seiner
Friedensbotschaft  keinen  Eindruck  auf  den  blinden,  von  Rudorff
und  Dammers  vorwärts  gedrängten  König,  der  so  eben  eine
seiner  Brigaden  gegen  Eisenach  in  Marsch  gesetzt  hatte,  und
jetzt  in  einem  Briefe  an  Herzog  Ernst  die  Erklärung  aussprach,
  daß  er  die  militärischen  Operationen  nicht  länger
aufschieben  könne,  aber  bereit  sei,  während  derselben  in  Unterhandlung
  mit  Alvensleben  einzutreten.  Ohne  Zweifel  dachte
er,  als  siegreicher  Eroberer  den  General  in  Eisenach  zu
empfangen.  "ê6

Dieser  Erfolg  aber  war  dem  plötzlich  so  eifrig  gewordenen
Fürsten  nicht  bestimmt.

In  Gotha  besprachen  der  Herzog  und  Jacobi,  nachdem
von  der  Wense  abgeritten,  nochmals  die  Lage.  Eben  kam
Nachricht,  daß  sich  bei  Mechterstedt,  halbwegs  zwischen  Gotha
und  Eisenach,  ein  Gefecht  entsponnen  habe,  und  der  Herzog
erklärte  auf's  Neue,  die  Befehle  König  Georg's  zum  Beginn
der  Feindseligkeiten  seien  gewiß  vor  Dammers'  Rückkehr,  also“
ohne  Kenntniß  der  mit  diesem  verabredeten  Waffenruhe,  er-
        <pb n="57" />
        Kriegerische  Maaßregeln.  47

lassen  worden.  Jacobi  war  derselben  Meinung;  vollends
nach  Bismarck's  Depesche  schien  ihm  jedes  Blutvergießen
doppelt  frevelhaft,  und  so  willigte  er  ein,  an  den  hannoverschen
  Befehlshaber  in  Mechterstedt  ein  Telegramm  zu  senden,
daß  nach  der  Annahme  der  hannover'schen  Friedensvorschläge
durch  Preußen  Feindseligkeiten  zu  vermeiden  seien.  Dies
hatte  die  Folge,  daß  der  Commandeur  der  gegen  Eisenach
vorgehenden  Brigade,  Oberst  Bülow,  den  Angriff  einstellte,
und  statt  dessen,  da  seine  Regimenter  durch  vielfaches  Hinund
  Hermarschiren  bei  Tag  und  bei  Nacht  höchst  ermüdet
waren,  mit  Osten-Sacken  für  die  beiderseitigen  Truppen  eine
Waffenruhe  bis  zum  nächsten  Morgen  vereinbarte.  König
Georg  war  ußerst  zornig,  als  er  es  erfuhr,  fand  sich  aber
doch  nicht  bemüßigt,  auch  diese  Abrede  aufzukündigen,  zumal
am  Abend  die  Meldung  einlief,  daß  der  so  eben  in  Gotha
angelangte  General  Alvensleben  nur  dann  zur  Friedensberedung
  herüberkommen  werde,  wenn  unterdessen  alle  Feindseligkeiten
  eingestellt  blieben.

Die  welfische  Presse  hat  seitdem  den  Major  Jacobi  auf
das  Heftigste  als  das  schwarze  Ungeheuer  gebrandmarkt,  ohne
dessen  Dazwischentreten  König  Georg  Eisenach  genommen,
seine  Armee  triumphirend  nach  Bayern  geführt,  und  damit
der  Weltgeschichte  eine  andere  Wendung  gegeben  hätte.  Wir
haben  jedoch  gesehen,  daß  zunächst  Jacobi  aus  völlig  ehrenhaften
  Motiven  gehandelt  hat,  und  was  den  Angriff  auf
Eisenach  betrifft,  so  hatte  der  König  zwei  seiner  Brigaden
zur  Deckung  gegen  Gotha  stehen  lassen,  und  die  beiden  andern
zählten  nur  5500  Mann,  so  daß  die  Einnahme  Eisenachs
gegen  die  2000  Zündnadeln  Osten-Sacken's  keineswegs  über
jeden  Zweifel  erhaben  war.  Wäre  sie  aber  auch  gelungen,
        <pb n="58" />
        48  Unterwersung  Norddeutschlands.

so  hätten  vor  dem  Weitermarsch  nach  Süden  doch  vor  allen
Dingen  die  beiden  andern  Brigaden  nebst  der  Armeebagage
am  25.  Juni  nach  Eisenach  gezogen  werden,  also  einen  Marsch
von  drei  bis  vier  Meilen  zurücklegen  müssen.  Darüber  wäre
der  Tag  vergangen;  der  Zug  nach  Bayern  hätte  erst  am
26.  beginnen  können,  und  wie  dann  die  Verhältnisse  gestanden
hätten,  werden  wir  sogleich  sehen.

Oberst  von  Osten-Sacken  hatte  nach  Rudorff's  drohender
Aufforderung  nicht  gesäumt,  bei  seinen  Waffengefährten  auf
das  Dringendste  Hülfe  zu  erbitten.  General  Beyer  war,  nach
dem  am  23.  Juni  erhaltenen  Befehl,  im  Marsche  von  Otmannshausen
  nach  Eisenach,  hatte  freilich  am  24.  an  Falckenstein
  gemeldet,  daß  er  bei  der  Erschöpfung  seiner  hin  und  her
gehetzten  Truppen  höchstens  mit  zwei  Bataillonen  an  diesem
Tage  Eisenach  erreichen  würde:  aber  nach  Osten-Sacken's
Botschaft  durfte  von  Ermüdung  keine  Rede  sein,  und  schon
am  Abend  trafen  sechs  Compagnien  in  Eisenach,  und  im
Laufe  der  Nacht  fünf  Bataillone  in  Kreuzburg  ein,  nur  noch
drei  Stunden  von  Eisenach  entfernt,  und  am  25.  zum  Eingreifen
  in  den  Kampf  bereit.  Zugleich  hatte  aber  Osten-Sacken
auch  an  Göben  telegraphirt,  der  am  24.  Vormittags  mit
seiner  Division  in  Münden  angelangt  war.  Eingedenk  des
königlichen  Befehls  vom  vorigen  Tage  gab  er  das  Hülfegesuch
sofort  an  Falckenstein  weiter,  und  meldete,  daß  er  ohne  Aufenthalt
  nach  Cafsel  zu  marschiren  gedenke,  um  von  dort  mit
der  Bahn  Verstärkung  nach  Eisenach  zu  senden!).  Dies
wurde  mit  rastlosem  Eifer  vollzogen;  noch  im  Dunkel  der

!)  Wengen's  Erörterung  S.  768  setzt  Göben's  Initiative  in  zu

scharfes  Licht.  Göben  hat  nicht  daran  gedacht,  in  die  Schranken  der
Militärhierarchie  eine  Bresche  zu  legen.
        <pb n="59" />
        Königlicher  Befehl  zur  Deckung  Gothas.  49

Nacht  kam  Göben  mit  fünf  Bataillonen  in  Eisenach  an;  im
Laufe  des  Vormittags,  am  25.  Juni,  wuchs  die  hier  versammelte
  Streitmacht  auf  11000  Mann,  für  welche  in  jeder
Stunde  weitere  Verstärkung  aus  Cassel  verfügbar  war.  An
ein  Durchbrechen  der  Hannoveraner  auf  diesem  Punkte  war
nicht  mehr  zu  denken.

Gleichzeitig  hatte  übrigens  Moltke  auch  für  die  Sicherung
Gothas  gesorgt.  Wir  sahen,  wie  Falckenstein  die  zweimalige
Empfehlung  dieser  Maaßregel  von  der  Hand  gewiesen  hatte:
um  acht  Uhr  Morgens  am  24.  Juni  erfolgte  endlich  der
kategorische  königliche  Befehl.  Wie  oben  bemerkt,  war  man
in  Berlin  der  Meinung,  Jacobi's  Forderung,  Einsicht  in  die
preußischen  Stellungen  zu  nehmen,  sei  wohlberechtigt;  so
theilte  Moltke  dem  General  Falckenstein  dieses  Begehren  mit,
und  schloß  daran  „den  erneuten  Befehl  Sr.  Mocjestät“,  die
betreffenden  preußischen  Abtheilungen  zu  verstärken,  was  noch
jetzt  auf  der  Eisenbahn  über  Magdeburg  geschehen  solle.  Als
über  die  Ausführung  des  Befehls  am  Nachmittag  noch  keine
Meldung  eingelaufen  war,  telegraphirte  kurz  vor  sechs  Uhr
Moltke  auf's  Neue  an  Falckenstein:  „Heute  früh,  Befehl
Sr.  Mojestät,  über  Magdeburg  Truppen  nach  Gotha-Eisenach
zu  senden;  Verstärkung  der  dortigen  kleinen  Detachements
böchst  wichtig;  die  Unterhandlung  mit  der  hannover'schen  Armee
dauert  fort;  voraussichtlich  wird  sie  heute  nicht  beendigt,
und  morgen  sich  zerschlagen;  welche  Anordnungen  haben  Sie
getroffen?"  Die  hier  ausgesprochene  Besorgniß  des  Bruches
hatte  guten  Grund  in  der  Bedrohung  Eisenachs  durch  die
Hannoveraner;  was  Falckenstein's  Anordnungen  betrifft,  so“
hatte  sich  mit  dem  Berliner  Telegramm  sein  bald  nach  fünf  Uhr

abgegangener  Bericht  gekreuzt,  daß  Göben  die  Hälte  seiner
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  V.
        <pb n="60" />
        50  .  Unterwerfung  Norddeutschlands.

Division  nach  Eisenach,  Manteuffel  fünf  Bataillone  seines
Corps  in  Erfüllung  der  königlichen  Befehle  unter  General
von  Flies  nach  Gotha  sende  ½.  Dieser  letztere  Transport
fand  übrigens  Schwierigkeiten  auf  der  Eisenbahn,  so  daß  die
Truppen  erst  am  Abend  des  25.  in  Gotha  anlangten,  und
damit  die  Besatzung  auf  8500  bis  9000  Mann  verstärkten.

Während  diese  verschiedenen  Truppenzüge  auf  den  Eisenbahnen
  dem  Thüringer  Walde  entgegen  rollten,  verhandelte
in  den  Morgenstunden  des  25.  Juni  General  Alvensleben
mit  König  Georg  in  Langensalza  die  Frage  des  Durchmarsches
  der  Hannoveraner  nach  Süddeutschland.  Sehr  bald
aber  zeigte  sich  unlösbare  Differenz  bei  zwei  Punkten.  Dort
im  Süden  wollte  der  König  die  zur  Bedingung  gemachte
Waffenruhe  seiner  Truppen  nicht  für  ein  Jahr,  wie  sie  Dammers
Tags  zuvor  zugesagt  hatte,  sondern  nur  für  acht  Wochen
bewilligen.  Sodann,  von  Garantien  dieser  Waffenruhe  wollte
er  nichts  wissen;  dafür  genüge  sein  königliches  Wort.  Es
war  vergebens,  daß  Alvensleben  ihn  darauf  hinwies,  wie  die
hannover'sche  Armee  dort  im  fremden  Lande  unter  Umständen
einen  starken  Druck  auf  Theilnahme  am  Kriege  erfahren  könnte.
Der  König  blieb  unerschütterlich,  wollte  aber  doch  nicht  brechen,
sondern  begehrte  eine  Bedenkzeit  von  24  Stunden,  nach  deren
Ablauf  (zehn  Uhr  Vormittags)  er  seine  endgültige  Entschließung
in  Berlin  mittheilen  werde.  Alvensleben  bewilligte  diese  Frist,
und  es  wurde  darauf  von  ihm  und  Dammers  ein  Document
folgendes  Inhalts  unterzeichnet:  „Es  besteht  bis  auf  Weiteres
Waffenstillstand  zwischen  den  preußischen  und  hannover'schen
Truppen;  der  eventuelle  Wiederbeginn  der  Feindseligkeiten

1)  Nach  diesen  Documenten  ist  die  Darstellung  v.  d.  Wengen's
S.  710  zu  berichtigen.
        <pb n="61" />
        Waffenstillstand.  51

wird  befohlen  werden.“  Dieser  Wortlaut  entsprach  leider
nicht  genau  der  vorhergegangenen  mündlichen  Besprechung.
Die  Hanmoveraner  meinten,  der  Stillstand  laufe  bis  zur  erfolgten
  Kündigung;  in  Berlin  und  Gotha  aber  war  man
nach  Alvensleben's  Bericht  über  sein  Gespräch  der  Ansicht,
daß  beiderseits  nur  an  eine  Waffenruhe  von  24  Stunden
gedacht  worden  sei.  Alvensleben,  nach  Gotha  zurückgekehrt,
telegraphirte  um  zwei  Uhr  an  König  Wilhelm  das  Ergebniß
seiner  Sendung,  mit  der  Bitte,  Falckenstein  von  dort  aus  den
Stillstand  zu  melden,  da  die  Verbindung  zwischen  Gotha  und
Eisenach  durch  die  Hannoveraner  in  Mechterstedt  unterbrochen
sei.  Der  König  befahl  dies  mit  dem  Zusatz,  der  größeren
Sicherheit  wegen  die  Meldung  auch  direct  an  General  Göben
nach  Eisenach  zu  senden.  Es  war  der  Tag  vor  dem  Einrücken
  der  schlesischen  Armee  in  Böhmen,  vor  den  ersten
Gefechten  des  Prinzen  Friedrich  Carl  an  der  Iser;  man
begreift,  wie  sich  in  Berlin  die  Geschäfte  und  die  Telegramme
drängten:  so  wurde  es  sechs  Uhr,  bis  Moltke's  Depesche  an
Göben  abging,  und  neun  Uhr,  bie  sie  nach  Eisenach  gelangte.
Moltke  schrieb,  daß  Stillstand  von  24  Stunden  bewilligt  sei;
den  genauen  Anfangs=  und  Schlußtermin  werde  er  noch
melden;  übrigens  sei  Alles  vorzubereiten,  um  die  Sache  im
Falle  des  Bruches  durch  Angriff  zu  Ende  zu  bringen.
General  Falckenstein  war  unterdessen  Nachmittags  am
25.  Juni  selbst  nach  Eisenach  gekommen,  und  hatte,  so  wenig
Trieb  zum  Kampfe  mit  den  Hannoveranern  er  sonst  empfand,
jetzt  doch  nach  Moltke's  gestrigem  Telegramm  alle  Anordnungen
  zu  einem  concentrischen  Vormarsch  gegen  den  Feind,
von  Kreuzburg,  Eisenach  und  Gotha  her,  auf  morgen  früh
vier  Uhr  getroffen.  Er  war  in  der  grimmigsten  Stimmung;
        <pb n="62" />
        52  Unterwerfung  Norddeutschlands.

die  Verzögerung  seines  schönen  Marsches  auf  Frankfurt,  die
ihm  aufgenöthigte  Entsendung  des  Generals  Flies,  der  Zwang
zur  Verfolgung  der  ihm  sehr  gleichgültigen  Hannoveraner,
das  Alles  setzte  sein  immer  heißes  Blut  in  Wallung.  Da
meldete  sich  bei  ihm  bald  nach  seiner  Ankunft  Oberstlieutenant
Rudorff,  und  begehrte  auf  Grund  des  mit  Alvensleben  geschlossenen
  Stillstandes  einen  Extrazug  nach  Berlin,  um  die
Antwort  König  Georg's  dorthin  zu  überbringen.  Falckenstein,
der  seinerseits  noch  keine  Nachricht  über  den  Stillstand  erhalten,
  wohl  aber  eine  angeblich  sichere,  in  Wahrheit  allerdings
  grundlose  Meldung  von  dem  Erscheinen  bayerischer
Truppen  bei  Vacha  bekommen  hatte,  hielt  Rudorff's  Erscheinen
für  eine  hannover'sche  Finte,  um  Zeit  für  die  Vereinigung
mit  den  Bayern  zu  gewinnen,  und  wies  jenen  barsch  und
unhöflich  mit  der  kurzen  Bemerkung  ab,  er  möge  sich  einen
Extrazug  von  Alvensleben  geben  lassen:).  König  Georg,  als
er  das  erfuhr,  war  außer  sich,  meinte  darin  einen  treulosen
  Bruch  der  am  Morgen  geschlossenen  Abrede  zu  sehen,
und  zog  vorsichtig  seine  Truppen  aus  der  Nähe  von  Eisenach
zurück.  Falckenstein  aber  blieb  dann  auch  nach  dem  Empfange
von  Moltke's  Telegramm  bei  seiner  Meinung,  daß  Alvensleben
  sich  habe  gründlich  täuschen  lassen,  daß  die  verlangte
Bedenkzeit  nur  die  Vereinigung  mit  den  Bayern  zum  Zwecke
habe,  daß  hier  für  Preußen  Selbsterhaltung  geboten  sei.
Dies  schrieb  er  auf  den  Rand  von  Moltke's  Depesche,  und

1)  Es  kam  dazu  das  Mißtrauen  gegen  die  Loyalität  der  Hannoveraner
wegen  des  Versuchs  auf  Eisenach  troh  des  Dammers“'schen  Vertrags.
Sodann  war  es  befremdend,  daß  Rudorff  zu  der  sehr  eiligen  Reise  nach
Berlin  von  Langensalza  nicht  nach  Gotha  ging,  sondern  den  Umweg

über  Eisenach  machte,  was  Knorr  I,  S.  272  sehr  gut  entwickelt,  und
Wengen  S.  727  nicht  zu  widerlegen  vermag.
        <pb n="63" />
        Neue  Unterhandlung.  53

telegraphirte  ihm  umgehend  zurück,  bei  dem  Heranrücken  der
Bayern  müsse  er  morgen  in  aller  Frühe  die  Hannoveraner
angreisen,  weil  er  sonst  zwischen  zwei  Feuer  kommen  und
keine  Verantwortung  weiter  übernehmen  könne.  Indessen,  als
er  am  26.  Juni  Morgens  vier  Uhr  eben  zu  Pferde  steigen
wollte,  empfing  er  Moltke's  Antwort,  daß  der  Stillstand  bis
zehn  Uhr  dauere,  vorher  aber  Oberst  von  Döring  noch  zu
einer  Unterhandlung  an  König  Georg  gesandt  werde;  nach
zehn  Uhr  sei  anzugreifen,  falls  nicht  Döring  den  Friedensschluß
  melde.  Falckenstein,  äußerst  unwillig,  entließ  die
Truppen,  und  sandte  einen  Officier  nach  Langensalza  mit  der
Botschaft,  daß  er  den  Stillstand  respectiren  werde.  Dies
beruhigte  den  König  Georg  einiger  Maaßen,  so  daß  er  auf
die  Sendung  des  Oberstlieutenants  Rudorff  nach  Berlin
zurückkam,  und  ihn  dieses  Mal  über  Gotha  gehen  zu  lassen,
beschloß.  Rudorff  sollte  für  freien  Durchmarsch  nach  dem
Süden  Neutralität  auf  acht  Wochen  verheißen,  mit  dem  Zusatze,
  daß  bei  entgegenstehendem  Drängen  anderer  Regierungen
der  König  seine  Armee  beurlauben  würde.  Dies  Anerbieten
hätte  schwerlich  in  Berlin  ausgereicht:  dort  aber  hatte  Bismarck
  schon  Tags  zuvor  von  dem  etwas  zweifelnden  Könige
die  Erlaubniß  erlangt,  in  Langensalza  noch  einen  Versuch
mit  dem  Bündnißantrage  des  14.  Juni  zu  machen,  der  bei  der
bedenklichen  Lage  der  jetzt  in  der  That  umstellten  hannover'schen
Armee  vielleicht  bessere  Aussicht  als  während  der  verhängnißvollen
  Nacht  in  Herrnhausen,  haben  würde.  Noch  am  Abend
des  25.  wurde  Döring  mit  diesem  Auftrage  abgesandt;  noch
einmal  war  eine  Möglichkeit  eröffnet,  im  Laufe  des  26.  Juni
zum  Frieden  zu  gelangen.  Wiederum  aber  sollte  ein  neuer
Zwischenfall  die  Lage  völlig  verwandeln.
        <pb n="64" />
        54  Unterwerfung  Norddeutschlands.

Während  Döring's  Nachtfahrt  erhielt  Bismarck  Nachts
um  zwei  Uhr  eine  Depesche  des  Landraths  von  Mülhausen,
daß,  als  er  gestern  Abend  von  einem  Besuche  in  Gotha  nach
Mülhausen  zurückgekommen  sei,  er  die  Stadt  in  höchster
Aufregung  gefunden  habe:  die  ganze  hannover'sche  Armee  sei,
Feindseligkeiten  verübend,  dort  durchmarschirti).  In  Berlin
konnte  man  hierauf  nur  annehmen,  daß  der  Gegner  der  sich  ihm
jetzt  nahenden  Umzingelung  durch  einen  Marsch  nach  Norden
ausweichen  wolle;  dies  hätte  die  ganze  Basis  der  Unterhandlung
  geändert,  und  Bismarck  telegraphirte  dem  Herzog
von  Coburg.,  daß  Döring's  Sendung  dadurch  obsolet  geworden
  sei,  Moltke  aber  forderte  Falckenstein  und  Flies  auf,
dem  Feinde  zu  folgen  und  den  noch  bei  Göttingen  stehenden
Manteuffel  für  einen  Zusammenstoß  mit  den  Hannoveranern
zu  verstärken.  Als  dann  am  Morgen  des  26.  Döring  in
Gotha  ankam,  erfuhr  er  allerdings  sogleich,  daß  die  Nachricht
des  Landraths  falsch  gewesen,  und  die  Hannoveraner  ruhig
bei  Langensalza  ständen,  so  daß  er  ohne  Bedenken  seine
Sendung  dorthin  antrat.  Aber  bereits  war  General  Flies
in  Folge  des  Moltke'schen  Befehls  im  Marsche  gegen  die
Hannoveraner,  und  als  ihm  eine  Meile  vor  Gotha  Oberstlieutenant
  Rudorff  begegnete  und  um  Durchlaß  zu  seiner
Berliner  Reise  bat,  erklärte  er  demselben,  die  24  Stunden
des  Waffenstillstandes  seien  abgelaufen,  und  er  habe  Befehl,
vorzugehen,  könne  ihn  also  nicht  mehr  passiren  lassen,  gab
ihm  jedoch  einen  seiner  Officiere  mit,  um  dem  Könige  die
bevorstehende  Ankunft  Döring's  in  Langensalza  anzumelden,
und  machte  seinerseits  mit  seinen  Truppen  Halt,  um  das
Ergebniß  der  Unterhandlung  Döring's  abzuwarten.

)  In  Wahrheit  war  es  nur  eine  fouragirende  Colonne  gewesen.
        <pb n="65" />
        Schlimme  Mißverständnisse.  55

Diese  zweite  Zurückweisung  Rudorff's,  wie  die  erste  mit
einer  kriegerischen  Haltung  des  preußischen  Commandanten
verbunden,  brachte  nun  bei  dem  stolzen  Könige  von  Hannover
das  Maaß  zum  Überlausen.  Als  Döring  bald  nachher  in
Langensalza  ankam,  berichtete  ihm  der  vorausgeschickte  Officier,
daß  der  König  alle  ihm  gemachten  Anträge  ablehne.  Von
dem  Fürsten  vorgelassen,  fand  Döring  einen  General  und
einen  Civilbeamten  bei  ihm;  er  sprach  sein  Bedauern  aus,
daß  Mgjestät  zu  einem  Ubereinkommen,  wodurch  Blutvergießen
  verhindert  würde,  nicht  geneigt  sei;  er  halte  sich
aber  dennoch  verpflichtet,  einen  Versuch  zur  Verständigung
zu  machen.  Der  König  fragte  kurz:  von  wem  haben  Sie
Ihren  Auftrag?  und  auf  Döring's  Antwort,  von  Sr.  Moajestät,
folgte  die  weitere  Frage:  vom  Könige  selbst?  Döring  erwiderte:
  durch  den  Ministerpräsidenten  Grafen  Bismarck.
Der  König  rief:  was  will  der  Mensch?  Der  Oberst  bat
allerunterthänigst,  zu  bedenken,  daß  von  einem  preußischen
Minister  die  Rede  sei.  Nun,  sagte  der  König,  wir  sind  Alle
Menschen;  theilen  Sie  mir  Ihren  Auftrag  mit.  Döring  las
darauf  dem  Könige  den  wesentlichen  Inhalt  der  ihm  ertheilten
Instruction  vor.  Bei  der  Stelle,  wo  nochmals  ein  Bündniß
angeboten  wurde,  unterbrach  ihn  der  König:  ach  was,  Bündniß;
  und  nun  folgte  ein  leidenschaftlicher  Erguß,  er  könne
die  Vorschläge  nur  durch  einen  feierlichen  Protest  gegen  das
völkerrechtswidrige  Verfahren  Preußens  beantworten;  man
habe  seine  Parlamentäre  angehalten,  mit  ihm  auf  unbestimmte
Zeit  Waffenstillstand  geschlossen,  und  nachdem  er,  darauf
bauend,  seine  Truppen  in  weitläufige  Cantonnements  verlegt,
rücke  man  gegen  ihn  vor.  Döring  warf  ein,  daß  er  nur  von
einer  24stündigen  Waffenruhe  wisse,  welche  abgelaufen  sei.
        <pb n="66" />
        56  Unterwerfung  Norddeutschlands.

Nein,  rief  der  König,  Alvensleben  hat  auf  unbestimmte  Zeit
geschlossen,  und  seine  beiden  Begleiter  bestätigten  die  Angabe.
Nun  denn,  erklärte  darauf  Döring,  in  diesem  Falle  halte  ich
mich  berechtigt,  den  Stillstand  zu  kündigen,  und  wenn
Ew.  Mojestät  bei  der  Ablehnung  der  Anträge  beharren,  so
wird  dies  geschehen,  und  der  Angriff  erfolgen.  Ich  habe,
schloß  der  König,  Ihnen  weiter  nichts  mitzutheilen,  als  die
Wiederholung  meines  Protestes?).

Damit  waren  die  Würfel  geworfen,  und  der  offene  Kriegsstand
  erneuert.  In  Berlin  erwartete  man  hierauf  stündlich
die  Nachricht,  daß  Falckenstein  gleich  nach  zehn  Uhr  den  Angriff
  von  allen  Seiten  eröffnet  und  damit  die  Capitulation
der  Hannoveraner  erzwungen  hätte.  Man  hielt  dies  für  so
sicher,  daß  Moltke  bereits  die  Instruction  Falckenstein's  für
die  süddeutschen  Operationen  niederschrieb,  und  der  König  den
General  mit  der  provisorischen  Verwaltung  Kurhessens  beauftragte,
  unter  der  besonderen  Bemerkung,  sofort  eine  gewisse
Aufforderung  an  den  Befehlshaber  der  kurhessischen  Truppen
zu  erlassen.  Allein  Falckenstein  bewegte  sich  nach  ganz  andern
Vorstellungen,  als  man  in  Berlin  vermuthete.  Nachdem  ihn
Moltke  von  dem  Angriff  auf  die  Hannoveraner  in  der  Morgenfrühe
  abgehalten,  hatten  sich  seine  Gedanken  vollständig  auf
das  angebliche  Heranrücken  der  Bayern  gesammelt,  und  als
dann  auch  die  nicht  ganz  unrichtige  Kunde  einlief,  daß  das

1)  So  Döring's  unmittelbar  nachher  geschriebener  Bericht,  dessen
Inhalt  auch  sachlich  in  jeder  Beziehung  den  Verhältnissen  entspricht.
Wenn  König  Georg  im  Herbst  dem  Herrn  von  Hammerstein  geschrieben
hat,  Döring  selbst  habe  seinem  Antrage  die  Bemerkung  vorausgeschickt,
derselbe  sei  factisch  eigentlich  schon  erledigt,  da  Falckenstein  zum  Angriff
vorrücke,  so  erklärt  sich  ein  solches  Mißverständniß  durch  die  tiefe  Erregung
  des  Fürsten.  Die  innere  Unmöglichkeit,  daß  Döring  im  Beginn
der  Unterhandlung  so  gesprochen,  wird  keines  Bewelses  bedürfen.
        <pb n="67" />
        Neue  Eigenwilligkeit  Falckenstein's.  57

achte  Bundescorps  im  Vormarsch  auf  Gießen  begriffen  sei,
wurde  er  völlig  von  der  Sorge  eingenommen,  von  den  Süddeutschen
  und  den  Hannoveranern  zwischen  zwei  Feuer  genommen
  zu  werden.  So  kam  er  zu  dem  Entschlusse,  nach
beiden  Seiten  Front  zu  machen,  18000  Mann  unter  Göben
und  Beyer  westlich  von  Eisenach  bei  Gerstungen  und  Berka
gegen  die  Bayern  aufzustellen;  für  den  Kampf  gegen  die
Hannoveraner  aber  bestimmte  er  das  auf  15000  zu  bringende
Corps  Manteuffel,  welches  von  Norden,  und  das  9000  Mann
zählende  Detachement  Flies,  welches  von  Süden  her  den
Feind  bedrängen  sollte.  Da  aber  Manteuffel,  der  noch  in
Göttingen  stand,  zwei  Tagemärsche  bedurfte,  um  an  den  Feind
zu  gelangen,  also  vor  dem  29.  Juni  nicht  mitwirken  konnte,
so  sandte  Falckenstein  an  Flies  den  Befehl,  zunächst  nicht
anzugreifen,  so  lange  der  Feind  in  Langensalza  stehe;  wenn  er
aber  aufbreche,  ihm  an  der  Klinge  zu  bleiben  (d.  h.  ihn  nicht
aus  den  Augen  zu  verlieren).  »

Die  Verkehrtheit  einer  solchen  Theilung  der  Streitkräfte
ist  auch  für  den  Laien  einleuchtend.  Gerade  wenn  Falckenstein
  zwischen  zwei  Feuer  zu  gerathen  besorgte,  war  nichts
dringender,  als  die  eigene  Macht  zusammen  zu  halten,  um  so
durch  volle  Uberlegenheit  den  nächsten  Gegner  zu  erdrücken,
ehe  der  andere  heranzukommen  vermochte.  Hätten  die  Bayern
damals  in  der  That  bei  Vacha,  vier  Meilen  von  Eisenach
entfernt,  gestanden,  wie  es  gemeldet  wurde,  so  hätte  Falckenstein
  noch  immer  zu  einer  solchen  entscheidenden  Operation
die  Zeit  gehabt.  Auch  war  man  in  Berlin  auf  das  Bestimmteste
  dieser  Meinung,  und  als  am  Abend  des  26.  noch
immer  keine  Nachricht  von  einem  Kampfe  Falckenstein's  einlief,
und  statt  dessen  der  Regierungspräsident  von  Erfurt  (irrig)
        <pb n="68" />
        58  Unterwerfung  Norddeutschlands.

meldete,  die  Hannoveraner  marschirten  ostwärts  auf  Tenstedt
und  Sömmerda,  da  telegraphirte  König  Wilhelm  selbst  an
Falckenstein:  „Ich  wiederhole  Befehl  durch  General  Moltke,
daß  Sie  alles  Disponible  concentriren,  per  Marsch  und  Eisenbahn,
  um  Capitulation  zu  erzwingen.  Conate  que  cocte.
Bayern  sollen  in  Meiningen  sein.“"  Wie  wenig  Falckenstein
hiemit  einverstanden  war,  geht  aus  seiner  umgehend  erlassenen
Antwort  hervor:  „Ew.  Mojestät  Befehl  wird  ausgeführt;  ob
günstiger  Erfolg  möglich  sein  wird,  ist  nicht  vorauszusehen.“
Seine  Meinung  war  nach  wie  vor,  daß  Göben  und  Beyer
gegen  die  Hannoveraner  nicht  disponibel,  und  folglich  Manteuffel
  und  Flies  des  Sieges  nicht  absolut  sicher  seien.  Für
den  nächsten  Tag,  den  27.  Juni,  war  nach  dieser  Auffassung
nichts  zu  unternehmen,  da  Manteuffel  noch  weit  entfernt  war.
Indessen  kamen  noch  spät  in  der  Nacht  Herzog  Ernst  und
Oberst  Döring  nach  Eisenach  herüber,  und  erzählten,  daß
nach  den  letzten  Wahrnehmungen  die  Hannoveraner  nach
Norden  in  Bewegung  seien,  vielleicht,  um  sich  in  den  Schluchten
und  Pässen  des  Harzes  Deckung  zu  suchen.  Falckenstein  gab
darüber  Manteuffel  Nachricht,  und  befahl  Flies,  dem  Abmarsch
der  Hannoveraner  zu  folgen  und  gelegentlich  ihren  Nachtrab
anzugreifen.  Als  aber  der  Herzog  zu  diesem  Zweck  einige
Verstärkung  für  Flies  erbat,  wies  Falckenstein  ihn  kurz  ab,
er  bedürfe  seine  Truppen  bei  Eisenach  selbst  zur  Deckung
gegen  die  Bayern.  Am  Morgen  des  27.  erhielt  er  darauf  jene
Ordre  des  Königs,  die  ihn  zum  provisorischen  Gouverneur
von  Kurhessen  ernannte,  und  beschloß  auf  Grund  derselben,
sich  am  Nachmittag  nach  Cassel  zu  begeben,  obgleich  der  sofortige
  Brief  an  den  hessischen  General  sich  ebenso  wohl  auch
in  Eisenach  hätte  schreiben  und  expediren  lassen.  Im  Augen-
        <pb n="69" />
        Lategorischer  Befehl  des  Königs.  59

blick  der  Abreise,  gegen  drei  Uhr,  erhielt  er  durch  einen  von
Gotha  gekommenen  Officier  die  mündliche  Meldung,  daß
Flies  mit  dem  hannover'schen  Nachtrab  bei  Langensalza  an
der  Unstrut  im  Gefecht  stehe,  den  Fluß  jedoch  nicht  zu  überschreiten
  gedenke,  und  zugleich  überreichte  ihm  Oberstlieutenant
Veith  vom  großen  Generalstab  ein  an  ihn  (Veith)  gerichtetes
Telegramm  Moltke's,  von  dessen  Inhalt  aber  Falckenstein,
wie  es  scheint,  erst  während  der  Fahrt  Kenntniß  nahm,  da
die  wesentlichen  Sätze  desselben  sonst  wohl  weitere  Entschlüsse
und  schnellere  Antwort  veranlaßt  hätten.  Dieselben  lauteten:
„Alle  Bayern  und  Reichstruppen  jetzt  Nebensache,  unbedingter
Wille  Sr.  Mojestät,  daß  Hannoveraner  sofort  angegriffen
und  entwaffnet  werden.  Wie  hat  General  Falckenstein  für
heute  disponirt?  Antwort  sogleich.“  Der  General  sandte  die
Antwort  am  Abend  aus  Cassel:  die  Hannoveraner  seien  nach
Norden  im  Marsch,  Manteuffel  habe  Befehl,  ihnen  dort  alle
Straßen  zu  verlegen;  Flies  folge  ihnen  und  habe  heute
Morgen  an  der  Unstrut  Gefecht  gehabt;  hier  noch  keine  Meldung
  darüber;  Göben  und  Beyer  blieben  bei  Eisenach;  Falckenstein
  denke,  nach  Eisenach  zurückzukehren,  wo  die  Verhältnisse
Aufmerksamkeit  erfordern;  das  Telegramm  an  Veith  sei  zu
spät  in  seine  Hände  gelangt,  und  dürfte  hienach  erledigt  sein.
Wie  wir  sehen,  war  der  General  noch  immer  in  voller  Selbstzufriedenheit
  mit  seinen  Anordnungen.  Aber  ein  harter  Schlag
sollte  ihn  aus  diesen  Illusionen  aufstören.  Gegen  Mitternacht
  erhielt  er  ein  Telegramm  unmittelbar  von  König  Wilhelm
  selbst:  „General  Flies  wurde,  weil  er  ohne  ausreichende
Unterstützung  blieb,  durch  große  Überlegenheit  zurückgeworfen
und  steht  bei  Warza  vor  Gotha;  Ich  befehle  Ihnen,  mit
allen  verfügbaren  Streitkräften  direct  und  unverzüglich  gegen
        <pb n="70" />
        60  Unterwerfung  Norddeutschlands.

die  Hannoveraner  vorzugehen,  auf  Bayern  und  Süddeutsche  ist
vorerst  keine  Rücksicht  zu  nehmen,  sondern  nach  meiner  schon
ausgesprochenen  Willensmeinung  die  vollständige  Entwaffnung
der  Hannoveraner  zu  bewirken.  Empfang  dieses  Befehls  sogleich,
  und  getroffene  Anordnungen  demnächst  zu  melden.“
Dies  war  bitter  für  den  alten  Degen  in  jeder  Hinsicht.
Früher  hatte  er  sich  über  unliebsame  Befehle  trösten  mögen,
daß  er,  leider,  klüger  als  seine  Vorgesetzten  sei.  Hier  aber
führten  ihm  die  Thatsachen  seinen  Irrthum  schneidend,  unwiderleglich
  vor  Augen:  Göben  fand  weit  und  breit  keine
Bayern,  und  Flies  war  von  den  Hannoveranern  geschlagen,
weil,  sagte  der  König,  Falckenstein  ihn  nicht  ausreichend
unterstützt  hatte.

Die  militärischen  Ereignisse  bei  Langensalza  hatten  sich
folgender  Maaßen  entwickelt.

Als  am  26.  Juni  nach  Döring's  Abreise  der  vermuthete
  Angriff  der  Preußen  nicht  erfolgte,  tauchte  im  hannover'schen
  Hauptquartier  noch  einmal  der  Gedanke  auf,
selbst  die  Offensive  gegen  Gotha  zu  ergreifen.  Allein  die
Generale  waren  einstimmig,  daß  die  Truppen,  welche  in  den
letzten  drei  Nächten  niemals  ungestörte  Ruhe  gehabt,  bei  ihrer
sehr  mangelhaften  Verpflegung  dazu  nicht  frisch  genug  seien.
Andrerseits  war  man  nicht  geneigt,  sich  weit  von  hier  zu
entfernen;  man  hatte  am  23.  den  Archivrath  Onno  Klopp
nach  Bayern  gesandt  mit  der  Meldung,  daß  man  nicht  capituliren
  wolle,  sondern  acht  Tage  lang  auszuhalten  gedenke,
wenn  Hülfe  in  Aussicht  stehe.  Ein  Bericht  von  Klopp  war
nicht  eingelaufen,  wohl  aber  hatte  man  ebenso  wie  Falckenstein
  das  Gerücht  vernommen,  daß  die  Spitze  des  bayerischen
Heeres  schon  bei  Vacha  stehe,  und  man  hoffte  demnach
        <pb n="71" />
        Aufstellung  des  hannover'schen  Heeres.  61

stündlich,  den  Geschützdonner  der  Befreier  zu  hören.  So
kam  man  zu  dem  Beschlusse,  sich  in  der  Nähe  eine  möglichst
geeignete  Defensivstellung  auszusuchen,  und  dort  die  Ankunft
der  Bayern  zu  erwarten.  Man  fand  dieselbe  nicht  weit  von
Langensalza  auf  einer  Hügelreihe  hinter  der  Unstrut,  und  ließ
die  zur  Zeit  gegen  Gotha  vorgeschobenen  Truppen  am  Abend
dorthin  abrücken,  wobei  dann  wieder  ein  guter  Theil  der
Nacht  marschirend  zugebracht  werden  mußte.  Diese  Bewegungen
  waren  es,  welche  zu  der  oben  erwähnten  Meldung
an  Falckenstein,  die  Feinde  zögen  nordwärts  ab  —  und  zu
dem  Befehle  an  Flies,  ihnen  auf  den  Fersen  zu  bleiben  und
ihren  Nachtrab  anzugreifen  —  den  Anlaß  gaben.  General
Flies  hatte  außer  diesem  Befehl  schon  vorher  eine  Abschrift
des  königlichen  Telegramms  vom  26.  erhalten,  die  Hannoveraner
  coũte  que  coũte  zu  entwaffnen,  und  auch  ohne  so
verstärkten  Antrieb  wäre  der  alte  Husar,  trotz  seiner  grauen
Haare,  jugendfrisch  und  verwegen  genug  gewesen,  um  dem
Feinde  auf  den  Leib  zu  gehen,  sobald  ihm  der  Angriff  nicht
mehr  verboten  war.  Allerdings  konnte  er  nach  Falckenstein's
Depesche  nur  annehmen,  daß  er  einem  abziehenden  Gegner
zu  folgen,  und  dessen  Nachhut  zu  belästigen  habe;  immer
aber  blieb  sein  Vormarsch  in  völliger  Vereinzelung  ein  keckes
Unternehmen,  da  es  ihn  mit  seinen  9000  Mann  in  den  Bereich
  einer  mehr  als  doppelten  Ubermacht  führte.

Gegen  acht  Uhr  Morgens,  am  27.  Juni,  brach  er  aus
seinem  Biwak  auf:  kurz  vor  zehn  Uhr  fiel  der  erste  Kanonenschuß,
  und  anderthalb  Stunden  später  war  der  schwache  Vortrab
  des  Gegners  aus  Langensalza  verdrängt,  über  die  Unstrut
zurückgeworfen,  und  das  rechte  Ufer  des  Flusses  in  preußischem
Besitz.  Es  entspann  sich  nun  über  das  kleine  Wasser  hinüber  ein
        <pb n="72" />
        62  Unterwerfung  Norddeutschlands.

lebhaftes  Artillerie=  und  Schützengefecht:  General  Flies  mußte
sich  überzeugen,  daß  er  es  mit  mehr  als  der  Nachhut  einer
weichenden  Armee  zu  thun  hatte;  damals  ließ  er  jene  Meldung
abgehen,  daß  er  den  Fluß  nicht  zu  überschreiten  gedenke.  Es
wäre  nun  Zeit  für  ihn  gewesen,  den  Kampf  abzubrechen;
unglücklicher  Weise  verursachte  ihm  gerade  jetzt  die  Sonnengluth
  solchen  Blutandrang  nach  dem  Kopfe,  daß  er  über  eine
Stunde  lang  halb  ohnmächtig  lag.  Die  andern  Officiere
wagten  nicht,  ohne  Befehl  den  Rückzug  anzutreten;  ein  Vorstoß
  über  die  Unstrutbrücke  mißlang  ihnen,  dafür  wurde  aber
auch  der  Angriffsversuch  einer  hannover'schen  Brigade  tapfer
zurückgewiesen.  Indessen  konnte  General  Arentschild  die  geringe
  Stärke  des  Widersachers  nicht  länger  verkennen,  und
ging  bald  nach  ein  Uhr  mit  gesammter  Macht  zur  Offensive
über:  im  Westen  durchschritt  die  Brigade  Bülow  das  Flüßchen,
und  faßte  die  preußische  Stellung  bei  Langensalza  in  der
Flanke,  im  Osten  kam  die  hannover'sche  Reiterei  herüber  und
bedrohte  die  Rückzugslinie  des  Gegners,  so  daß  endlich  auch
das  preußische,  mit  grimmiger  Standhaftigkeit  fechtende  Centrum
  sich  zum  Abmarsch  genöthigt  sah.  Was  hier  der
Mangel  an  Führung  etwa  geschadet  hatte,  das  machte  die
Mannschaft  durch  unerschütterliche  Opferwilligkeit  wieder  gut.
Unter  der  heißen  Junisonne  ging  der  Rückzug  von  einem
Terrainabschnitt  zum  andern,  unter  stetem  Kampfe  jeder  einzelnen
  Abtheilung  durch  kurze  Offensivstöße,  wo  es  möglich
war,  unterbrochen.  Nicht  bloß  die  feindlichen  Kugeln  rissen
Lücken  in  ihre  Reihen;  ganze  Sectionen  brachen  durch  die
Hitze  erschöpft  und  ohnmächtig  zusammen.  Ihr  Glück  war,
daß  auch  drüben  bei  den  Hannoveranern  die  Kräfte  zu  Ende
gingen;  bald  nach  vier  Uhr  stellte  deren  Infanterie  die  Ver-
        <pb n="73" />
        Treffen  bei  Langensalza.  63

folgung  ein.  Um  so  nachdrücklicher  suchten  ihre  Reiterregimenter
  die  Auflösung  des  preußischen  Corps  zu  vollenden,
aber  alle  ihre  mit  höchster  Energie  gerittenen  Angriffe  prallten
unter  schweren  Verlusten  an  den  geschlossenen  Klumpen  des
preußischen  Fußvolkes  ab.  Gegen  halb  sieben  Uhr  nahm  der
Kampf  eine  Meile  vor  Gotha  sein  Ende.  Eine  Stunde
später  waren  alle  Abtheilungen  des  kleinen  Corps  wieder  geordnet,
  wenn  gleich  für  den  Augenblick  auf  den  Tod  ermattet,
und  zu  keiner  weitern  Anstrengung  fähig.  Die  Verluste  auf
beiden  Seiten  waren  bedeutend:  170  Todte,  600  Verwundete,
900  Gefangene  auf  preußischer,  400  Todte  und  1000  Verwundete
  auf  hannover'scher  Seite.  Nachdem  spät  am  Abend
König  Georg  seine  Generale  zu  einem  Kriegsrathe  berufen
hatte,  beantragte  Graf  Platen  sofortigen  Aufbruch  der  Armee
nach  Gotha,  da  durch  die  Niederlage  der  Preußen  die  Straße
zum  Thüringer  Walde  jetzt  ohne  Zweifel  frei  sei.  Die  Officiere
  aber  machten  ihn  aufmerksam  darauf,  daß  man  eine
Armee  nicht  wie  eine  Schachfigur  von  einem  Fleck  zum
andern  schieben  könne;  die  Leute  seien  im  höchsten  Grade
ermattet  und  zu  einem  sechs=  bis  siebenstündigen  Nachtmarsch
unfähig;  es  fehle  dabei  an  Nahrungsmitteln  und  an  Pflege
für  die  Verwundeten;  das  einzig  Verständige  sei  für  den
Augenblick  eine  Botschaft  um  Waffenstillstand.  Der  König
entschied  sich  in  diesem  Sinne,  und  that  sehr  wohl  daran.
Denn  mit  aller  möglichen  Eile  wäre  man  nicht  vor  dem
Morgen  des  28.  Juni  nach  Gotha  gelangt,  und  hätte  dort
außer  den  Truppen  des  Generals  Flies  noch  eine  starke,  in
der  Nacht  auf  der  Eisenbahn  herbeförderte  Brigade  des
Generals  Göben  sich  gegenüber  gefunden.  Ein  neues,  nutzloses
  Blutvergießen  wäre  die  Folge  gewesen.
        <pb n="74" />
        64  Unterwerfung  Norddeutschlands.

Den  angebotenen,  mehrtägigen  Waffenstillstand  lehnte
General  Flies  ab.  Als  der  hannover'sche  Unterhändler  darauf
  mit  sofortigem  Angriff  drohte,  sagte  Flies,  er  könne  das
nur  ergebenst  anheim  stellen.  Er  verfuhr  dabei  ganz  im
Sinne  seiner  Regierung,  welche  jetzt  nicht  mehr  von  Bedenken,
Stillstand,  Unterhandlung  wissen  wollte,  sondern  nach  Flies'
telegraphischen  Berichten  gleich  am  Abend  des  27.  Juni  an
Falckenstein,  Göben  und  Manteuffel  den  uns  bekannten  kategorischen
  Befehl  absandte,  ohne  irgend  welche  Rücksicht  auf
die  Bayern,  unzögerlich  alle  Kräfte  gegen  die  Hannoveraner
in  Bewegung  zu  setzen,  und  so  rasch  wie  möglich  die  Capitulation
  derselben  zu  erzwingen.  Man  war  in  Berlin  nicht
wenig  entrüstet  über  Falckenstein,  der  am  21.  die  Entsendung
von  Truppen  nach  Gotha  geweigert,  am  23.  den  Marsch
nach  Eisenach  verschleppt,  am  26.  den  Befehl  zum  Angriff
auf  die  Hannoveraner  unausgeführt  gelassen,  und  dadurch
das  Mißgeschick  von  Langensalza  veranlaßt  hatte.  Daß
Falckenstein  nicht  lange  mehr  in  seiner  jetzigen  Stellung
bleiben  solle,  stand  schon  damals  bei  der  obersten  Heeresleitung
  fest.  Am  Morgen  des  28.  Juni  setzten  sich  dann
endlich  von  allen  Seiten  her  die  preußischen  Heersäulen  in
Marsch;  General  Göben  erreichte  mit  12000  Mann  von
Eisenach  aus  Groß-Behringen,  und  General  Manteuffel  mit
8000  von  Mülhausen  her  Groß-Gottern,  während  Flies
mit  13000  Gotha  bewachte,  sie  Alle  in  der  Lage,  sobald  sich
an  einem  Punkte  ein  Gefecht  entspänne,  den  Gegner  in  Flanke
und  Rücken  zu  fassen.  Jeder  weitere  Widerstand  war  hoffnungslos,
  die  hannover'sche  Armee  hatte  kaum  noch  für  ein
Gefecht  Munition,  nur  noch  für  einen  Tag  Lebensmittel;  sie
war  von  doppelter  Ubermacht  umschlossen:  und  so,  auf  den
        <pb n="75" />
        Capitulation  der  Hannoveraner.  65

einstimmigen  Antrag  seiner  Generale  und  Obersten,  entschloß
sich  König  Georg,  dem  General  von  Arentschild  Vollmacht
zur  Capitulation  zu  geben.  Dieser  sandte  den  Brigadegeneral
von  dem  Knesebeck  nach  Gotha  zu  dem  General  von  Flies,
mit  der  Erklärung,  daß  man  das  Schicksal  der  hannover'schen
Truppen  der  Verfügung  Sr.  Majestät  des  Königs  von
Preußen  dahin  unterbreite,  daß  Allerhöchst  derselbe  über  die
Bedingungen  einer  militärischen  Capitulation  verfügen,  und
das  Loos  der  Truppen  feststellen  möge.  Flies  sandte  dies
Schreiben  an  den  unterdessen  in  Groß--Behringen  eingetroffenen
General  von  Falckenstein,  und  telegraphirte  zugleich  den
Inhalt  nach  Berlin.  Die  Antwort  Falckenstein's,  die  um
Mitternacht  in  Langensalza  an  Arentschild  gelangte,  stellte
als  Bedingungen  die  Entlassung  der  Mannschaften  ohne
Kriegsausrüstung  und  Waffen  in  ihre  Heimath,  und  Beurlaubung
  der  Officiere  unter  Beibehaltung  ihrer  Waffe  mit
vollem  Gehalt  und  allen  sonstigen  Competenzen.  Arentschild
erwiderte  darauf  in  der  Morgenfrühe  des  29.  Juni:  die
hannover'schen  Truppen  haben  sich  bedingungslos  unterworfen:
  ich  habe  daher  die  von  Sr.  Majestät  dem  Könige  von
Preußen  geschehenen  Feststellungen  einfach  anzuerkennen,  wie
hiedurch  geschieht.  So  war  die  Capitulation  geschlossen.  Es
war  demnach  nicht  eigentlich  ein  Vertrag,  sondern  eine  Waffenstreckung
  auf  Gnade  und  Ungnade,  und  eine  einseitige  Verfügung
  des  Siegers  nach  freiem  Ermessen.“  Die  specielle
Regulirung  wurde  für  einige  Stunden  durch  den  Umstand
verzögert,  daß  während  der  Nacht  General  Flies  ein  Telegramm
  Moltke's  übersandte,  welches  nicht  Falckenstein,  sondern
Manteuffel  mit  dem  Abschluß  der  Capitulation  beauftragte.

Dieser  war  dann  in  der  Lage,  da  König  Wilhelm  der
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Keiches.  V.  5
        <pb n="76" />
        66  Unterwerfung  Norddeutschlands.

hannover'schen  Armee  seine  Anerkennung  ihres  ehrenvollen
Verhaltens  auszudrücken  wünschte,  noch  einige  günstige  Bedingungen
  zu  Falckenstein's  Artikeln  hinzuzufügen,  und  insbesondere
  für  König  Georg,  den  Kronprinzen  und  das  von
ihnen  zu  bezeichnende  Gefolge  volle  Freiheit  des  künftigen
Wohnorts  außerhalb  des  Königreichs  Hannover  zu  gewähren.
So  war  der  letzte  Widerstand  in  Norddeutschland  gebrochen,
und  General  von  Falckenstein  konnte  sich  jetzt  seiner  zweiten
Aufgabe,  der  Bekämpfung  der  süddeutschen  Staaten,  zuwenden.
        <pb n="77" />
        8.  Capitel.
Custozza.

In  Italien  war  beim  Könige  und  beim  Volke  der  Jubel
groß,  als  das  Vorgehen  Osterreichs  am  Bundestage  und  die
Ereignisse  in  Holstein  das  Signal  zum  endlichen  Beginne
des  Kampfes  gaben.  Hier  war  man  mit  der  Rüstung  nicht
wie  bei  den  süddeutschen  Staaten  im  Rückstand,  die  Mobilmachung
  ging  rasch  und  glatt  ihrer  Vollendung  entgegen.
Die  Mannschaft  war  allerdings  von  verschiedener  Qualität,
die  Neapolitaner  und  Toscaner  von  weniger  festem  Stoffe
als  die  Piemontesen,  Lombarden  und  Romagnolen,  alle  aber
von  Eifer  und  Hingebung  erfüllt.  Das  Material  an  Munition,
  Proviant  und  Pferden  war,  wenn  nicht  reichlich,  so
doch  ausreichend  vorhanden.  Man  rüstete  nicht  weniger  als
20  Divisionen,  jede  zu  beinahe  12000  Mann,  also  im  Ganzen
ungefähr  2300000  Streitbare  1),  von  welchen  die  größere  Hälfte
sich  in  der  Lombardei,  unter  der  Führung  des  Königs,  mit
La  Marmora  als  Chef  des  Generalstabs,  die  kleinere  unter

)  La  Cempagna  del  1866  in  Italia  (nach  amtlichen  Quellen)  S.  31.
5
        <pb n="78" />
        68  Custozza.

General  Cialdini  im  Süden  des  untern  Po  bei  Bologna  und
Ferrara  zusammenzog.  Dazu  kam  eine  Freiwilligenschaar  unter
Garibaldi,  ursprünglich  auf  15.000  Mann  berechnet,  aber
durch  den  Eifer  der  italienischen  Jugend  bis  auf  35000
herangewachsen.  Endlich  stellte  das  Königreich,  im  Rücken  der
Feldarmee,  noch  über  150000  Mann  als  Ersatz-,  Besatzungsund
  Garnison-Truppen  auf,  und  setzte  die  Aushebungen  für
die  Bildung  neuer  vierter  und  fünfter  Bataillone  unermüdlich
sort.  All  diesen  Massen  gegenüber  beschränkten  sich  die  österreichischen
  Streitkräfte  in  Venetien  auf  eine  Feldarmee  von
82000  Mann,  zu  welcher  dann  die  Besatzungen  des  Festungsvierecks
  mit  30000  Mann  kamen,  während  13000  Mann
Südtirol  und  16000  Mann  Istrien  und  Friaul  zu  decken
hatten.  Erzherzog  Albrecht  mußte  unter  diesen  Umständen
darauf  gefaßt  sein,  im  Felde  mindestens  einer  doppelten,  ja
vielleicht  einer  dreifachen  Übermacht  entgegen  zu  treten,  und
nichts  war  natürlicher,  als  daß  die  hochfluthende  Erregung
des  italienischen  Volkes  sich  in  leuchtenden  Bildern  glorreicher
Thaten  wiegte.  Der  König  theilte  diese  Stimmung  seiner
Nation,  und  war  bereit  zu  jedem  kühnen  Wagen,  wenn  es
irgend  eine  Möglichkeit  des  Erfolges  in  Aussicht  stellte.  Indessen
  beugte  er  sich  der  größern  Erfahrung  und  der  scheinbar
tiefen  Sachkunde  La  Marmora's,  und  dieser  war  keineswegs
zu  irgend  einem  Wagniß,  sondern  ganz  und  gar  zu  Behutsamkeit
  und  Vorsicht  entschlossen.  Bei  aller  Kaltblütigkeit  im
Kugelregen  war  sein  Muth  zur  Übernahme  einer  großen
Verantwortlichkeit  nicht  groß;  nur  bestimmte  ihn  dies  nicht
wie  den  General  Benedek  zu  einem  Entlassungsgesuch,  sondern

Oserrreichs  Kämpfe  II,  52.  Vgl.  daselbst  Beilagen  S.  18  über
die  Stärke  der  Artillerie.
        <pb n="79" />
        Übermacht  der  italienischen  Armee.  69

nach  seinem  rechthaberischen  Wesen  umgekehrt  zu  doppelt
eifrigem  Festllammern  an  seine  Stelle,  damit  nicht  irgend  ein
Anderer  durch  tolldreiste  Dummheit  schweren  Schaden  anrichte.
Denn  er  war  im  Grunde  der  Meinung,  es  brauche  auf  dem
dortigen  Kriegstheater  zu  großen,  gefährlichen  oder  ruhmreichen
  Begebenheiten  gar  nicht  zu  kommen.  Daß  Österreich
kein  Gewicht  mehr  auf  den  Besitz  von  Venetien  lege,  hatte
ihm  ja  sein  verehrter  Gönner  Napoleon  wiederholt  mitgetheilt,
und  zuletzt  noch,  wie  wir  sahen,  den  Wink  hinzugefügt,  daß
es  im  Verlauf  der  Ereignisse  sich  für  Italien  vielleicht  empfehlen
  könne,  den  Krieg  nicht  gar  zu  energisch  zu  führen.
Jenes  Wort  des  Grafen  Karolyi  zu  Barral  (wenn  wir  Preußen
besiegen,  werden  wir  uns  mit  euch  über  Venedig  leicht  verständigen),
  stimmte  dazu  vortrefflich.  Aus  solchen  Vordersätzen
  konnte  ein  so  scharfsinniger  Politiker  wie  La  Marmora.
sehr  leicht  die  Folgerung  ableiten,  daß  Ssterreich  für  das
aufgegebene  Venetien  das  Blut  nicht  eines  einzigen  Soldaten
mehr  zu  vergießen  wünsche,  vielmehr  das  Land  ohne  Schwertstreich
  räumen  würde,  wenn  die  Italiener  nicht  ihrerseits  durch
hitziges  Draufgehen  den  Kampf  unvermeidlich  machten.  Man
wird  hiebei  an  jenen  früher  erwähnten  Ausspruch  Jacini's
erinnert,  daß  es  sich  nicht  mehr  um  eigentlichen  Krieg,  sondern
um  ein  ritterliches  Duell  handle;  Osterreich  werde  das  Land
an  Italien  abtreten,  sobald  es  seine  militärische  Ehre  durch
einen  kleinen  Sieg  über  das  italienische  Heer  gedeckt  hätte.
So  weit  allerdings  verstieg  sich  nach  unserer  Auffassung  La
Marmora's  Bereitwilligkeit  nicht:  schöner,  als  sich  schlagen
zu  lassen,  war  es  offenbar,  wenn  gar  nicht  geschlagen  wurde;
auch  mit  der  Bundespflicht  gegen  Preußen  gerieth  man  dadurch
  wenigstens  nicht  gleich  im  ersten  Augenblick  in  brennen-
        <pb n="80" />
        70  Custozza.

den  Widerspruch.  Es  kam  nur  darauf  an,  nicht  mit  gar  zu
großem  Ungestüm  vorzugehen.

Auf  einem  solchen  Standpunkt  war  es  nun  für  La  Marmora
  ein  verdrießliches  Geschäft,  mit  preußischen  Vertretern
die  bevorstehende  Kriegführung  zu  erbrtern.  Zu  Moltke's
Sendung  war  es  nicht  gekommen,  da  seit  Mitte  April  der
General  in  Berlin  unentbehrlich  war,  und  je  umfassender  sich
bald  nachher  Preußens  Rüstung  entwickelte,  desto  dringender
bedurfte  man  an  Ort  und  Stelle  einen  jeden  höhern  Officier,
welcher  zu  der  Florentiner  Unterhandlung  befähigt  gewesen
wäre.  Als  jedoch  der  Beginn  des  Kampfes  näher  rückte,
fand  Moltke  doch  gewisse  strategische  Abreden  mit  Stalien
wünschenswerth,  und  entschloß  sich,  Ende  Mai,  in  Ermangelung
  eines  activen  Officiers  den  trefflichen,  schon  damals
über  Deutschlands  Grenzen  hinaus  berühmten  Kriegshistoriker
Theodor  von  Bernhardi  zu  jenem  Zwecke  nach  Florenz  zu
senden.  Es  handelte  sich  dabei  um  folgende  Fragen.

Venetien  war,  wie  man  weiß,  im  Norden  durch  die
Alpen,  im  Süden  großes  Theils  durch  den  Po,  im  Westen
durch  einen  Nebenfluß  desselben,  den  Mincio,  begrenzt.  Hinter
beiden  Flüssen  strömt,  aus  Tirol  heraustretend,  die  Etsch,
anfangs  südwärts,  zwei  Meilen  vom  Mincio  entfernt,  parallel
mit  diesem,  dann  südöstlich  und  zuletzt  nach  Osten  gewandt,
in  derselben  Entfernung  parallel  mit  dem  Po.  Im  Norden
des  Landes  liegen  als  feste  Wächter  Peschiera  am  Mincio
und  Verona  an  der  Etsch,  im  Süden  aber  Mantua  am
Mincio  und  weiter  ostwärts  Legnago  an  der  Etsch.  Da
Italien  damals  das  Land  von  Westen  wie  von  Süden  her
umschloß,  so  kam  es  zur  Erwägung,  von  welcher  Seite  her
der  Hauptangriff  zu  führen  sei,  ob  von  Mailand  her  nach
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        Frage  über  die  Richtung  des  Angriffs.  71

Osten,  oder  von  Bologna  und  Ferrara  aus  nach  Norden  7.
Der  Ubergang  über  den  Mincio  war  ohne  Zweifel  leichter,
als  jener  über  den  Po  und  die  Etsch,  aber  der  Vertheidiger
stand  dann  nach  allen  Seiten  gestützt  auf  die  vier  Festungen,
und  hatte  im  schlimmsten  Falle  gesicherten  Rückzug  auf  seine
Verbindungen  nach  Osten,  wo  mehrere  bedeutende  Flußläufe
immer  neue  Deckung  boten.  Ganz  anders,  wenn  dem  Angreifer
  der  allerdings  schwierigere  Übergang  über  den  Po  und
die  Etsch  gelang.  Dann  war  der  Vertheidiger  von  Venedig
und  Triest,  von  Laibach  und  Wien  abgeschnitten,  und  hatte
nach  einer  Niederlage  im  Felde  nur  die  Wahl,  entweder  sich
in  die  vier  Festungen  hoffnungslos  einzuschließen,  oder  auf
einem  weiten  Umwege  durch  Tirol  seine  Verbindung  mit
Wien  wieder  herzustellen.  Es  ist  einleuchtend,  auf  welcher
Seite  der  raschere  und  gründlichere  Gewinn  zu  erlangen  war;
und  so  hatte  auch  Moltke  seinen  Vertreter  angewiesen,  dringend
den  Ubergang  über  den  Po  zu  empfehlen,  wodurch  man  die
Stellung  der  österreichischen  Armee  im  Rücken  zu  fassen,  sie
zu  schlagen,  vom  Festungsviereck  abzudrängen,  sie  nach  Tirol
hinein  zu  werfen,  ihr  hier  mit  Heeresmacht  auf  den  Fersen
zu  bleiben  und  endlich  bei  Linz  an  der  Donau  dem  preußischen
  Heere  die  Hand  zu  reichen  vermöchte.  Wenn  man  etwa
mit  zwei  oder  drei  Divisionen  eine  kräftige  Demonstration
Über  den  Mincio  in  Scene  setzte,  konnte  man  zu  der  Hauptoperation
  mehr  als  die  doppelte  Stärke  der  feindlichen  Feldarmee
  verwenden.

9  Über  diese  Frage  ist  damals  In  Italien  eine  ganze  Litteratur
polemischer  Schriften  entstanden.  Es  ist  unseres  Amtes  nicht,  darüber
abzuurtheilen,  die  Autorität  Moltke's  und  Cialdinl's  dünkt  uns  ausreichend.
  Bgl.  übrigens  Rüstow,  Krieg  von  1866  Seite  117.
        <pb n="84" />
        72  Custozza.

In  engem  Zusammenhange  damit  stand  ein  Zweites.
Wir  haben  gesehen,  wie  das  Ministerium  Belcredi  anfangs
zwar  durch  die  Vernichtung  des  Wiener  Centralparlaments
großen  Jubel  bei  Magyaren  und  Südslaven  hervorgerufen
hatte,  dann  aber  bei  der  Berathung  der  künftigen  Landesverfassungen
  sowohl  mit  dem  ungarischen  Reichstag  als  mit  dem
croatischen  Landtag  zu  offenem  Bruche  gekommen  war.  Als
nun  gleichzeitig  die  Kriegsgefahr  immer  gewichtiger  emporwuchs,
  rührten  sich  alle  Hoffnungen  der  ungarischen  Emigration
  von  1848,  Kossuth's,  Klapka's,  Türr's,  Czaki's,  auf’'s
Neue;  sie  meinten,  daß  es  bei  der  frischen  Erbitterung  der
beiden  Nationen  gegen  die  österreichische  Regierung  nur  des
Erscheinens  einer  kleinen  italienischen  Streitmacht  bedürfen
würde,  um  eine  allgemeine  Erhebung  des  Volkes  und  eine
neue  Abschüttlung  des  österreichischen  Joches  in  allen  Landen
der  Stephanskrone  zu  bewirken.  Nun  stand  der  preußische
Gesandte  Graf  Usedom  mit  jenen  revolutionären  Führern
seit  geraumer  Zeit  in  naher  Beziehung,  wie  sich  versteht,
ohne  Auftrag  seiner  Regierung,  aber  nur  um  so  eifriger  nach
einem  persönlichen  Herzensdrange.  Graf  Usedom  war  ein
stattlicher,  lebhafter,  vielseitig  gebildeter  Mann,  ein  rühriger
Freimaurer,  bewandert  in  weiten  Gesellschaftskreisen,  ein  unerschöpflicher
  Anekdotenerzähler,  zugänglich  für  jede  Anregung,
wenn  auch  nicht  gründlich  in  der  Durcharbeitung  derselben.
Ein  vornehmer  Aristokrat,  war  er  doch  der  Meinung,  daß
den  liberalen  Fortschritten  des  Zeitgeistes  Rechnung  zu  tragen
sei,  und  machte  davon  auf  sein  Amt  die  Anwendung,  daß
der  rechte  Diplomat  nicht  bloß  mit  der  Regierung,  bei  der
er  beglaubigt  sei,  sondern  zugleich  mit  dem  Volke,  der  Opposition
  und  den  Häuptern  der  öffentlichen  Meinung  Ver-
        <pb n="85" />
        Frage  des  Versuchs  einer  ungarischen  Revolutlon.  73

kehr  zu  pflegen  habe.  So  war  er  denn  auch  mit  jenen  politischen
  Flüchtlingen  in  Verbindung  getreten,  und  hatte  sein
leicht  entzündliches  Gemüth  mit  allen  ihren  Bildern  und
Träumen  erfüllt.  Seit  dem  März  ließ  er  eine  Meldung  der
andern  nach  Berlin  folgen,  welch'  treffliche  Nachrichten  er
aus  Ungarn  erhalten,  wie  das  Unternehmen  sich  immer  hoffnungsvoller
  darstelle,  wie  aber  ein  schneller  Entschluß  und
namentlich  Beschaffung  von  Geldmitteln  dringend  nöthig  sei.
Bei  La  Marmora  fand  er  anfangs  wenig  Gehör;  als  dann
aber  Ssterreich  am  21.  April  die  Mobilmachung  seiner  Südarmee
  beschloß,  berichtete  Usedom  am  27.,  daß  La  Marmora
von  der  Wichtigkeit  des  ungarischen  Unternehmens  durchdrungen
  sei,  am  28.,  daß  der  Minister  die  ungarische  Sache
jetzt  in  Angriff  nehme,  am  29.,  daß  Alles  reif  sei  zur  Behandlung
  derselben  gemeinsam  durch  Italien  und  Preußen.
Bis  dahin  aber  machte  sein  Drängen  in  Berlin  geringen
Eindruck.  Der  König  war  überhaupt  der  Anwendung  revolutionärer
  Mittel  nicht  geneigt;  auf  Hoffnungen  und  Entwürfe
  von  Emigranten  setzte  niemand  großes  Vertrauen,  und
was  man  direct  aus  Ungarn  erfuhr,  stimmte  nicht  überall  mit
Usedom's  Erkundigungen.  Gewiß,  die  Erbitterung  war  groß
in  Pest  und  Agram,  und  in  Ungarn  gab  es  eine  Partei,
welche  vielleicht  unter  starken  Garantien  sich  auf  eine  Erhebung
  eingelassen  hätte.  Aber  diese  Partei  bildete  im
Reichstag  eine  kleine  Minorität,  und  von  Franz  Deäk,  und
folglich  von  der  großen  Mehrheit  im  Parlamente  und  im
Volke,  glaubte  man  mit  Bestimmtheit  zu  wissen,  daß  er  zwar
vor  Bewilligung  seiner  Verfassungsanträge  der  Regierung
jede  Unterstützung  auch  für  Kriegszwecke  versagen  würde,  daß
ihm  aber  nicht  bloß  die  Trennung  Ungarns  von  Osterreich,
        <pb n="86" />
        74  Custozza.

sondern  auch  die  Ausscheidung  Osterreichs  aus  dem  deutschen
Bunde  hoöchst  bedenklich  erscheine,  Beides  aus  demselben
Grunde,  der  dann  verstärkten  Gefahr  eines  flavischen  Übergewichts
  in  allen  Landen  diesseits  und  jenseits  der  Leitha.
Er  war  also  Gegner  Österreichs  in  der  ungarischen,  aber
Gegner  Preußens  in  der  deutschen  Frage,  und  wie  schließlich
seine  Entscheidung  fallen  würde,  war  schlechterdings  nicht  zu
berechnen.  Ging  er  aber  nicht  mit,  so  war  der  Plan  ciner
ungarischen  Revolution  ein  windiges  Nebelbild,  zumal  die
Magyaren  und  die  Croaten  sich  unter  einander  eben  so
gründlich  haßten,  wie  Beide  den  Minister  Belcredi.
Indessen  änderten  sich  in  Berlin  diese  Auffassungen,
als  im  Laufe  des  Mai  der  Krieg  unvermeidlich  erschien,
während  Napoleon's  Haltung  bedenklicher  wurde,  La  Marmora
  wiederholt  bei  Usedom  die  Bewilligung  der  Grenzen
von  1814  für  Frankreich  in  Anregung  brachte,  und  zugleich
die  Gerüchte  über  eine  freiwillige  Abtretung  Venetiens  an
Italien  immer  bestimmter  auftraten.  Usedom  berichtete  darüber
  am  13.  und  16.  Mai:  der  Gedanle  an  eine  friedliche
Abfindung,  mit  Osterreich,  welches  dann  seine  Südarmee
gegen  Preußen  verwenden  könne,  spuke  wieder  in  Florenz;
Osterreich,  verbreite  man,  würde  es  in  Venetien  zu  keinem
weitern  Kampfe  kommen  lassen;  alle  diese  Umtriebe  aber
würden  beseitigt  sein,  wenn  man  Italien  zur  Unterstützung
des  ungarischen  Aufstandes  bestimmen  könne.  Dagegen  ließ
sich  nichts  einwenden;  Preußen  war  in  der  Lage,  um  Sein
oder  Nichtsein  zu  kämpfen,  und  namentlich  von  der  Schnelligkeit
  der  Entscheidung  konnte  das  Schicksal  der  Monarchie  abhängen.
  Osterreich,  schrieb  damals  Moltke,  hat  ein  zähes  Leben;
es  kann  zwei  oder  drei  Schlachten  ohne  große  Gefahr  ver-
        <pb n="87" />
        Conferenz  zwischen  La  Marmora  und  Bernhardi.  75

lieren,  aber  eine  Revolution  in  Ungarn  macht  der  Sache  ein
Ende.  So  gab  er,  ohne  bestimmte  Hoffnung  auf  den  Plan  zu
setzen,  Bernhardi  den  weitern  Auftrag,  dahin  zu  wirken,  daß
Garibaldi  mit  35000  Freiwilligen  über  Dalmatien  und  Triest
nach  Ungarn  gesandt  werde,  um  den  dortigen  Freiheitsfreunden
als  Kern  und  Rückhalt  zu  dienen.  Preußen  sei  (nach  Usedom's
Vorschlag)  bereit,  gemeinsam  mit  Italien  eine  Million  Lire
für  die  revolutionäre  Bewegung  Ungarns  aufzubringen.

Man  ermißt,  daß  diese  Aufträge  zu  La  Marmora's
neuesten  Anschauungen  übel  paßten.  Als  ihm  Bernhardi's
Ankunft  gemeldet  wurde,  war  er  ohnedies  entrüstet,  daß  statt
Moltke  jetzt  überhaupt  kein  General,  sondern  ein  Doctor  der
Philosophie  zur  Besprechung  wichtiger  strategischer  Fragen
erscheine.  Indessen,  gerne  oder  ungerne,  konnte  er  doch  dem
Civilisten  ein  Gespräch  nicht  versagen,  und  so  hatte  er  am
6.  Juni  mit  Usedom  und  dem  kriegskundigen  Gelehrten  die
erste  Conferenz;  er  bat  den  letztern  zunächst  um  Mittheilung
über  Preußens  Rüstung  und  Kriegsplan.  Als  Bernhardi
ihm  die  Ziffern  der  preußischen  Streitkräfte  angab,  rief  er
aus:  das  ist  ja  eine  ungeheure  Macht!  Bernhardi  erklärte
ihm  weiter,  Preußen  würde  alle  Nebendinge  vernachlässigen,
um  mit  unzersplitterter  Kraft  auf  dem  entscheidenden  Schlachtfeld
  aufzutreten.  Was  er  noch  über  die  möglichen  Operationen
in  Böhmen  und  das  Ziel  derselben  an  der  Donau  hinzufügte,
schien  den  Minister  nur  in  mäßigem  Grade  zu  interessiren;
La  Marmora  begnügte  sich  mit  dem  Worte,  Preußen  sei  stark
genug,  um  fast  alle  Kräfte  Osterreichs  im  Norden  festzuhalten,
und  dadurch  den  Italienern  leichtes  Spiel  zu  verschaffen.  Das
war  freilich  richtig,  aber  nichk  gerade  rühmlich  für  den  Chef
der  dreifach  übermächtigen  italienischen  Armee.
        <pb n="88" />
        76  Custozza.

Als  dann  Bernhardi  ihn  um  die  entsprechende  Mittheilung
  über  die  italienischen  Rüstungen  bat,  erklärte  ihm
jener,  daß  zur  Zeit  Cialdini  mit  fünf  Divisionen  bei  Bologna,
das  Hauptheer,  eilf  Divisionen  stark,  bei  Piacenza  stehe;  zu
jedem  Heertheil  sei  eine  weitere  Division  im  Anmarsch,  eine
19.  und  20.  Division  seien  in  der  Bildung  begriffen.  Die
Freiwilligen  seien  sämmtlich  nach  Como  und  Varese  befehligt.
Wie?  nach  Como?  fiel  hier  Bernhardi  ein,  es  hieß  ja,  sie
sollten  unter  dem  Schutze  Ihrer  Flotte  hinüber  nach  Dalmatien
  gebracht  werden.  An  dergleichen,  rief  La  Marmora,
ist  gar  nicht  zu  denken;  nein,  die  Freiwilligen  sollen  nach
Südtirol,  um  den  Österreichern  den  Rückzug  dorthin  abzuschneiden;
  von  einer  Expedition  über  die  Adria  hinüber  kann
keine  Rede  sein.  Aber,  bemerkte  Bernhardi,  es  ist  doch  klar,
daß  Osterreich  seine  Hauptmacht  im  Norden  zu  entscheidenden
Schlägen  gegen  Preußen  versammelt  und  gegen  Italien  sich
streng  defensiv  halten  will,  bis  Preußen  gebrochen  ist.  Ganz
richtig,  sagte  La  Marmora.  Bernhardi  fuhr  fort:  es  kommt
also  darauf  an,  den  italienischen  Operationen  eine  solche
Richtung  und  Bedeutung  zu  geben,  daß  Osterreich  einen
größern  Theil  seiner  Kräfte  dorthin  wenden  muß,  und  daß
es  ihm  unmöglich  wird,  diesen  Gegner  nur  durch  das  Festungsviereck
  und  eine  kleine  Anzahl  von  Feldtruppen  hinzuhalten.
Oh  nein,  sagte  La  Marmora,  das  wird  nicht  geschehen,  wir
werden  in  das  Viereck  hinein  springen,  wir  werden  hinein
springen.  Wir  glaubten  aber,  erörterte  Bernhardi  weiter,
daß  Sie  das  Festungsviereck  ganz  umgehen  könnten,  wenn
Sie  sich  nicht  auf  Alessandria,  sondern  auf  Bologna  basirten,
und  dann  über  den  untern  Po  auf  Padua  und  Vicenza  vorgingen.
  La  Marmora  erwiderte,  das  sei  unmöglich,  da  alle
        <pb n="89" />
        La  Marmora  verwirft  Moltke's  Vorschläge.  77

Vorräthe  sich  in  Alessandria  befänden,  schenkte  Bernhardi's
Frage,  warum  man  denn  sie  dort  aufgehäuft  habe,  keine
Beachtung,  sondern  erläuterte  weiter,  daß  schon  nach  den
Schwierigkeiten  der  Ortlichkeit  ein  übergang  über  den  untern
Po  unthunlich  sei.  Und  dann,  schloß  er,  ist  gerade  dies
auch  der  Punkt,  an  welchem  die  Osterreicher  uns  erwarten.
(Jeder  Andere  hätte  daraus  den  Schluß  gezogen,  daß  Osterreich
  hier  die  schwache  Seite  seiner  Stellung  erkenne.)  Mein
Plan  ist  also,  erklärte  La  Marmora,  daß  Cialdini  mit  seinen
fünf  Divisionen  einen  Versuch  zum  Ubergang  über  den  Po
macht;  er  verlangt  dafür  acht  Divisionen;  das  ist  übertrieben,
so  viel  gebe  ich  ihm  nicht;  sobald  seine  Demonstration  sich
entwickelt,  wird  die  Hauptarmee  den  Mincio  überschreiten  und
wenn,  wie  sicher  anzunehmen,  Cialdini  über  den  Po  nicht
hinüber  kommt,  denselben  über  Cremona  an  sich  ziehen;  das
Weitere  muß  sich  dann  nach  den  Umständen  finden;  es  würde
vielleicht  angemessen  sein,  sogleich  die  Belagerung  von  Peschiera
  zu  beginnen,  da  die  Einnahme  des  Platzes  die  Communicationen
  sehr  erleichtern  würde.

Das  Alles  war,  was  Osterreich  sich  wünschen  mochte,
und  jedesfalls  das  gerade  Gegentheil  von  Moltke's  Anträgen.
Die  österreichische  Feldarmee  nicht  nach  Tirol  hineinwerfen,
um  sie  dadurch  von  Ungarn  und  Wien  zu  entfernen  und
für  Garibaldi  den  freien  Zugang  nach  Ungarn  zu  eröffnen,
sondern  sic  statt  dessen  sachte,  Schritt  auf  Schritt  nach  Osten
zurückdrängen,  und  dafür  Garibaldi  in  die  Tiroler  Alpen
entsenden,  wo  er  für  den  großen  Krieg  nur  geringen  Nutzen
bringen  konnte:  auf  diesen  Sätzen  beharrte  La  Marmora  mit
trockner  Festigkeit.  Bernhardi  versuchte  schließlich,  ihm  auf
diesen  Boden  zu  folgen,  und  fragte  ihn,  wohin  er,  nach  der
        <pb n="90" />
        78  Custozza.

Besetzung  von  ganz  Venetien,  dann  von  Udine  aus  gehen
wolle.  Wir  werden,  antwortete  er,  in  die  Alpen  rücken,  entweder
  in  das  Ampezzo-Thal  oder  nach  Ponteba.  Nun,  sagte
Bernhardi,  gleichviel  auf  welchem  Wege,  wenn  Sie  nur  über
die  Alpen  kommen.  Mit  einer  ablehnenden  Hand=  und  Kopfbewegung
  entgegnete  La  Marmora:  je  nachdem,  wir  werden
sehen,  aber  in  die  Alpen.  Als  Bernhardi  ihm  noch  einmal
die  Vortheile  entwickelte,  welche  ein  rasches  Vorgehen  Italiens
zum  Zusammenwirken  an  der  Donau  mit  dem  preußischen
Heere  haben  müßte,  nahm  der  General  dies  mit  der  ganzen
Überlegenheit  des  zünftigen  Technikers  als  eine  Art  von
großartigem,  aber  abenteuerlichem  Scherze  auf:  so  viel  braucht
es  nicht,  sagte  er,  um  Osterreich  zum  Frieden  zu  zwingen.

„Ich  habe  die  Überzeugung,  schloß  Bernhardi  seinen
Bericht  an  Moltke,  daß  er  an  der  alten  venetianischen  Grenze
stehen  bleiben,  und  dann  nur  noch  Scheinoperationen  unternehmen
  wird,  auch  wenn  die  Osterreicher  nichts  als  ein
Observationscorps  gegen  ihn  stehen  lassen.  Seine  Combinationen
  reichen  nur  in  das  Festungsviereck  und  sein  Horizont
endet  bei  Udine.“  ·

Am  8.  Juni  fand  dann  eine  zweite  Berathung  unter
dem  Vorsitze  des  Königs  Statt.  Die  Verhandlung  drehte
sich  um  dieselben  Punkte;  Victor  Emanuel  erklärte  sich  ganz
bereit,  Garibaldi  mit  einem  ansehnlichen  Heertheil  nach  Dalmatien
  Übersetzen  zu  lassen;  auch  hatte  Bernhardi  erfahren,
daß  Cialdini,  damals  nach  allgemeinem  Urtheil  der  bedeutendste
  unter  den  italienischen  Generalen,  Moltke's  Ansichten
völlig  theile.  Es  half  aber  nichts:  La  Marmora  blieb  starr
und  fest  bei  seinem  Willen,  und  der  König  wagte  nicht,  denselben
  zu  brechen,  zumal  La  Marmora  für  seine  Ansichten
        <pb n="91" />
        Ricasoli  wird  Minlsterpräsident.  79

einen  doppelten  diplomatischen  Rückhalt  besaß.  Napoleon
hatte  freilich  im  März,  als  er  noch  auf  Preußens  Freigebigkeit
  schöne  Hoffnungen  setzte,  zu  einem  Vorstoß  nach  Ungarn
aufgefordert;  jetzt  aber  hatten  die  Verhältnisse  sich  geändert,
und  aus  Paris  verlautete  nichts  mehr  als  Mahnung  zu
ruhiger  Besonnenheit  und  gemäßigter  Kriegführung.  Und
noch  entschiedener  trat  damals  der  englische  Gesandte  gegen
jede  revolutionäre  Unternehmung  jenseits  der  Adria  auf.
Osterreich  sei  ein  nothwendiges  Glied  im  europäischen  Staatensystem;
  nicht  auf  dessen  gänzliche  Zerstörung  dürfe  man  ausgehen,
  und  käme  es  zu  einer  ungarischen  Revolution,  wer
könnte  die  Folgen  ermessen?  würde  sie  nicht  nach  Serbien
und  Rumänien  hinüber  greifen?  würde  nicht  die  ganze  orientalische
  Frage  dadurch  ausgerührt  werden?  Der  schmeichelnde
Einfluß  einer  reizenden  Frau  kam  diesen  Vorstellungen  bei
La  Marmora  zu  Hülfe,  und  es  hatte  sein  Bewenden  bei  dem
Beschlusse,  daß  Garibaldi  nach  Tirol  ziehen,  und  die  Hauptarmee
  über  den  Mincio  vorrücken  würde.

Dies  erlangt,  zögerte  La  Marmora  nicht  länger,  seine
ministerielle  Stellung  nieder  zu  legen  und  zur  Armee  abzugehen.
  Er  hatte  gewünscht,  in  sein  Ministerium  an  seiner
Statt  den  Baron  Ricasoli  hineinzuziehen,  dieser  aber  aus
guten  Gründen  auf  einer  Neubildung  des  ganzen  Cabinets
bestanden.  Denn  gründlich  verschieden  waren  seine  Vorstellungen
  über  Politik  und  Krieg  von  jenen  La  Marmora's.
Diesem  war  an  der  Erwerbung  Venetiens,  am  liebsten  durch
friedliche  Mittel,  und  an  der  Fortdauer  des  französischen
Schutzes  gelegen.  Jener  aber  erfreute  sich  des  Krieges  und
begehrte  kräftige  und  ruhmreiche  Führung  desselben,  weil  er
davon  nicht  bloß  die  Befreiung  Venedigs  von  Osterreich,
        <pb n="92" />
        80  Custozza.

sondern  auch  die  Befreiung  Italiens  von  Frankreich  erhoffte.
Als  einige  Tage  nachher  verlautete,  daß  im  Hauptauartier  ein
großer  Kriegsrath  noch  einmal  über  den  Feldzugsplan  verhandeln
  sollte,  reichte  Usedom  (ohne  Bismarck's  Vorwissen)
dem  Minister  am  17.  Juni  eine  ausführliche  Note  ein,  worin
er  darlegte,  daß  Preußen  einen  gründlichen  Krieg  (une  guerre
2  kond)  zu  führen  gedenke  und  gleiche  Energie  von  Italien
erwarte,  also  einen  Feldzug,  welcher  am  Po  beginne  und
an  der  Donau  endige,  welcher  Garibaldi  zur  Erhebung
Ungarns  aussende,  und  damit  die  österreichische  Monarchie
in  das  Herz  treffe.  Ricasoli  war  von  Grund  der  Seele
einverstanden,  schickte  sogleich  eine  Abschrift  der  Note  an  La
Marmora,  und  wiederholte  drei  Tage  nachher,  als  dieser
nichts  darüber  vernehmen  ließ,  die  Sendung.  La  Marmora
hatte  die  Note  mit  wahrem  Ingrimm  gelesen  und  sie  dann,
ohne  einem  Menschen  ein  Wort  davon  zu  sagen,  in  die
Tasche  gesteckt.  Später  hat  er  sie  in  seinem  Grolle  gegen
Preußen  drucken  lassen,  und  durch  ihren  Inhalt  bei  gefühlvollen
  Legitimisten  einen  Sturm  der  Entrüstung  erregt,  der
lange  Zeit  hindurch  das  guerre  à  fond  und  frapper  au  cceur
als  Schlagworte  gegen  Preußen  verwerthete.  Es  bedarf  dagegen
  keines  Beweises,  daß  eine  Kriegführung,  die  nicht  gründlich
  verfährt  und  nicht  auf  das  Herz  des  Gegners  zielt,  eine
stupide  ist.  Über  die  Friedensbedingungen,  welche  dem  niedergeworfenen
  Gegner  zu  bewilligen  sind,  ist  damit  nichts  gesagt.

Wie  wohl  wäre  es  acht  Tage  später  dem  General  La
Marmora  gewesen,  wenn  er  sich  zu  gründlicher  Kriegführung
erhoben  hätte.

Indessen,  einstweilen  ging  der  politisirende  Feldherr  seinen
Weg  unbeirrt  weiter.  Wir  hörten  ihn  erklären,  daß  er,  der
        <pb n="93" />
        0
8
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SCHLACHT

CUSTOZZA

 

 

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        <pb n="94" />
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        Theilung  des  itallenischen  Heeres.  81

in  Cialdini's  Auftreten  am  untern  Po  nur  eine  Scheindemonstration
  sah,  dort  nicht  mehr  als  fünf  Divisionen  belassen,
  alle  andern  Truppen  aber  in  seiner  Hand  am  Mincio
vereinigen  wollte.  Cialdini  aber,  welcher  ehrgeizig  und  kühn,
und  deshalb  beim  Heere  und  Volke  hoch  angesehen  war,
bestand  nachdrücklich  auf  seinem  Plane,  den  Po  zu  überschreiten,
  und  da  der  König  in  dem  Streite  der  beiden  Generale
nicht  zu  entscheiden  wagte,  so  kam  es  zu  dem  schlimmsten
Ergebniß,  daß  beide  Pläne  genehmigt,  und  Cialdini  die  begehrten
  acht  Divisionen  zum  Ubergang  über  den  Po,  La  Marmora
  aber  die  zwölf  andern  zum  Marsche  über  den  Mincio
überwiesen  wurden.  Jeder  tröstete  sich  mit  dem  Gedanken,
der  Andere  werde  nichts  Erhebliches  ausrichten  und  nur  ihm
die  Aufgabe  durch  Beschäftigung  eines  feindlichen  Heertheils
erleichtern:  wie  sehr  sie  durch  die  Trennung  ihrer  Heereshälften
  dem  Feinde  in  die  Hände  arbeiteten,  wurde  Über  dem
Parteihader  vergessen.  Dabei  glaubte  La  Marmora,  wie  wir
wissen,  überhaupt  nicht  an  ernstliche  Kämpfe;  vielleicht  einigen
Widerstand  beim  Uberschreiten  des  Mincio  meinte  er  zu  erleben,
  dann  aber  sachtes  Zurückweichen  der  Osterreicher  in  die
Festungen  oder  weiter.  Am  20.  Juni  sandte  er  die  Kriegserklärung
  an  den  österreichischen  Commandirenden,  den  Erzherzog
  Albrecht,  ab,  und  zugleich  die  Mittheilung,  daß  die
Feindseligkeiten,  wenn  jener  sie  nicht  früher  wünsche,  nach
drei  Tagen  beginnen  würden.  Eine  Antwort  auf  diese  Zuschrift
  erhielt  er  nicht.

Der  Erzherzog,  welcher  das  Commando  am  9.  Mai
angetreten,  hatte  anfangs  nach  den  italienischen  Zurüstungen
einem  Angriff  über  den  untern  Po  entgegengesehen.  Seit
dem  Beginn  des  Juni  aber  hatte  er  keinen  *  mehr,

v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Nelches.  V.
        <pb n="96" />
        82  Custozza.

daß  er  zwar  auch  von  dieser  Seite  her  beunruhigt  werden,
der  Hauptstoß  aber,  und  zwar  unter  der  Führung  des  Königs
selbst,  Uüber  den  Mincio  herüber  erfolgen  würde.  Ob  er  von
den  diplomatischen  Abreden  des  12.  Juni  etwas  gewußt  hat,
darüber  liegt  uns  kein  ausdrückliches  Zeugniß  vor:  sicher  ist,
daß  er,  ohne  die  geringste  Rücksicht  auf  dergleichen  unlautere
Dinge,  vom  ersten  bis  zum  letzten  Tage  nur  als  Soldat,
und  zwar  in  ausgezeichneter  Weise,  erwogen,  geschrieben  und
gehandelt  hat.  Er  wußte,  daß  er  das  Land  gegen  eine  dreifache
  ÜUbermacht  zu  beschirmen  hatte;  er  war  aber  weit
entfernt  von  jedem  Gedanken  an  eine  freiwillige  Räumung
ohne  Kampf;  im  Gegentheil,  er  dachte,  die  Vertheidigung  so
zu  führen,  daß  sie,  wenn  irgend  möglich,  siegreich  bliebe  trotz
aller  Übermacht  des  Feindes.  Für  jede  Vertheidigung  aber
ist  die  unerläßliche  Bedingung  des  Sieges,  daß  sie  sich  zu
einzelnen  Offensivschlägen  in  den  Stand  setzt,  und  dazu  traf
der  Erxzherzog  seit  Mitte  Juni  alle  Vorkehrungen.  Er  verfügte,
nach  Abzug  der  zur  Erhaltung  der  innern  Ruhe  nöthigen
Garnisonen,  für  die  Feldschlacht  über  rund  82000  Mann
(das  5.,  7.  und  9.  Armeecorps  zu  je  drei  Brigaden  nebst
einer  neu  gebildeten  Reserve-Division).  Diese  Streitkräfte  zog
er  Mitte  Juni  auf  dem  linken  Etschufer  bei  Montagnana,
Cologna  und  Verona  in  enge  Aufstellung  zusammen,  ziemlich
in  gleicher  Entfernung  von  den  muthmaaßlichen  Übergangspunkten
  des  Feindes  am  Po  wie  am  Mincio,  so  daß  er  in
der  Lage  war,  vermittelst  zwei  starker  Märsche  über  den
zuerst  erscheinenden  Gegner  mit  seiner  ganzen  Macht  hereinzubrechen,
  und  ihn  hoffentlich  zu  schlagen,  ehe  der  Andere
heran  zu  kommen  vermöchte.  Zugleich  wurden  die  beiden
Flußläufe  der  Grenze,  der  Mincio  und  der  Po,  durch  eine
        <pb n="97" />
        Kriegsplan  des  Erzherzogs  Albrecht.  83

fortlaufende  Kette  Ueiner  Militärposten  besetzt,  alle  Fahrzeuge
auf  das  österreichische  Ufer  hinübergeschafft,  und  jeder  Verkehr
mit  dem  jenseitigen  Gebiete  auf  das  Strengste  abgesperrt.
Die  Folge  war,  daß  das  italienische  Hauptquartier  nur  sehr
vereinzelte  und  verspätete  Kunde  über  die  Stellung  des  Feindes
erhielt,  immer  aber  der  Wahrheit  gemäß  erfuhr,  daß  in  dem
ganzen  Bezirke  zwischen  Mincio  und  Etsch  außer  jenen  Uferposten
  kein  Feind  existire.  Es  leuchtet  ein,  wie  sehr  diese
Nachricht  den  General  La  Marmora  in  seiner  frohen  Hoffnung
bestärken  mußte,  daß  es  ohne  Blutvergießen  abgehen  würde,
wenn  er  „in  das  Festungsviereck  hinein  springe".  Am  23.  Juni
sollte  demnach  der  Sprung  gewagt  werden,  oder,  wie  man  es
officiell  ausdrückte,  die  Armee  sollte  nach  Üüberschreitung  des
Mincio  eine  feste  Stellung  zwischen  den  vier  Festungen  einnehmen,
  und  hiemit  dieselben  isoliren.  Was  dann  weiter
zu  geschehen  hätte,  war  einstweilen  La  Marmora's  Geheimniß,
etwa  die  Belagerung  von  Peschiera  oder  irgend  etwas
Anderes,  je  nach  den  Umständen.

Zum  Verständniß  der  von  hier  an  sich  entwickelnden
Vorgänge  ist  ein  Blick  auf  den  Schauplatz  derselben  erforderlich.


Bei  Peschiera  tritt  der  Mincio  aus  dem  Gardasee  heraus,
um  dann  südwärts  nach  Mantua  und  dem  Po  zuzuströmen.
Bis  zu  dem  kleinen  Städtchen  Valeggio,  neun  Kilometer  weit,
geht  sein  Lauf  durch  ein  hügeliges  Gelände,  welches  sich
ungefähr  in  gleicher  Ausdehnung  nach  Osten  erstreckt  und
besonders  an  seinem  Südrande  zu  einzelnen  stattlichen  und
steil  abfallenden  Kuppen  erhebt;  von  diesen  sind  zu  nennen
zunächst  am  Mincio,  etwas  nördlich  von  Valeggio,  der  Monte
Vento,  dann  östlich  von  diesem,  weit  in  die  Ebene  vorspringerd,
        <pb n="98" />
        84  Custozza.

eine  Höhe  mit  dem  Dorfe  Custozza,  wo  Radetzky  1848  die
Niederlage  der  Sardinier  entschied,  und  wieder  an  deren  Ostseite
  ein  langgestreckter  Bergrücken,  alle  andern  überragend,  der
Monte  della  Croce.  Von  diesem  Punkte  dehnt  sich,  ostwärts
zur  Etsch,  südwärts  zum  Po,  eine  fruchtbare,  trefflich  angebaute
Ebene  aus;  hier  liegt,  drei  Viertelstunden  vom  Fuße  des  Monte
della  Croce  entfernt,  Villafranca,  die  Stätte  des  Friedensschlusses
  von  1859,  dann,  anderthalb  Stunden  weiter  nördlich,
am  Ostrand  des  Hügellandes,  Somma  Campagna,  ganz  nahe
der  Eisenbahn,  zwischen  Verona  und  Peschiera,  drei  Stunden
Fußmarsch  von  jenem,  zwei  von  diesem  entfernt.

So  war  das  Gebiet  beschaffen,  in  welches  La  Marmora
einzudringen  sich  anschickte.  Er  hatte  seine  zwölf  Divisionen,
in  runder  Zahl  140000  Mann,  also  trotz  Cialdini's  Abwesenheit
  beinahe  die  doppelte  Stärke  des  Feindes,  in  drei
Armeecorps  eingetheilt,  unter  den  Generalen  Durando,
Cucchiari  und  della  Rocca,  und  ließ  in  der  Morgenfrühe  des
23.  Juni  den  größeren  Theil  des  ersten  und  das  ganze
dritte  Corps  den  Mincio  an  vier  Punkten  überschreiten.
Drüben  traf  man  nichts  als  einige  Reiterpatrouillen,  welche
sich  langsam  in  der  Richtung  auf  Verona  zurückzogen;  auch
die  Aussagen  der  Einwohner  waren  einstimmig,  daß  sonst
kein  Osterreicher  diesseits  der  Etsch  sichtbar  geworden  sei.
La  Marmora  fand  dadurch  seine  Ansicht,  daß  das  feindliche
Heer  ruhig  hinter  der  Etsch  stehe,  und  also  an  einen  Kampf
vor  dem  Flusse  nicht  zu  denken  sei,  vollkommen  bestätigt,
und  befahl  mithin  seinen  Truppen,  auf  dem  Gebiete  zwischen
den  beiden  Flüssen  sich,  so  zu  sagen,  häuslich  einzurichten.
Zur  Sicherung  dieser  Aufstellung  sollten  zwei  Divisionen
Cucchiari's  in  der  Umgegend  von  Mantua  zur  Beobachtung
        <pb n="99" />
        La  Marmora  verzettelt  seine  Streitkräfte.  85

dieser  Festung  zurückbleiben;  zu  gleichem  Zwecke  war  vor
Peschiera  die  Division  Pianell  vom  ersten  Corps  auf  dem
rechten  Ufer  des  Mincio  belassen  worden,  und  sollte  auf  dem
linken  die  Division  Cerale  desselben  Corps  am  24.  Juni
Morgens  in  Castelnuovo,  anderthalb  Stunden  östlich  von
Peschiera  entfernt,  Stellung  nehmen.  Auf  solche  Art  gegen
die  Festungen  in  ihrem  Rücken  gedeckt,  würde  dann  die  Hauptmasse
  der  Armee  sich  in  lang  gestreckter  Linie,  das  Hügelland
hinter  sich,  Front  gegen  Verona,  in  der  Ebene  ausdehnen,
und  zwar  die  vier  Divisionen  des  dritten  Corps  (Kronprinz
Humbert,  Bixio,  Cugia,  Govone)  mit  der  Reiterdivision
Sonnaz  zwischen  Villafranca  und  Somma  Campagna,  von
dort  aber  nordwärts  sich  anschließend  vom  ersten  Corps  die
Division  Brignone  bei  Sona,  und  die  Division  Sirtori  bei
S.  Ginustina  aufmarschiren.  Alle  diese  Bewegungen  sollten
sich  am  Morgen  des  24.  Juni  vollziehen;  Cerale  und  Sirtori
hatten  dabei  das  Hügelland  zu  passiren;  da  man  an  keine
Begegnung  mit  dem  Feinde  dachte,  so  marschirten  alle  Divisionen
  wie  in  tiefem  Frieden,  eine  jede  ihre  volle  Bagage
hinter  sich,  ohne  irgend  eine  Benachrichtigung  an  die  Truppe
über  die  Möglichkeit  eines  Kampfes  an  diesem  Tage.

Es  leuchtet  ein,  daß,  wenn  diese  Veranstaltungen  sich
vollzogen,  dann  aber  wider  Erwarten  ein  feindlicher  Angriff
erfolgte,  denselben  zunächst  die  sechs  in  die  Ebene  vorgeschobenen
  Divisionen,  also  72000  Mann  gegen  82000,  zu
bestehen  haben  würden.  Allerdings  hatte  Cucchiari  Befehl,
seine  beiden  übrigen  Divisionen,  Angioletti  und  Longoni,  nach
Villafranca  im  Laufe  des  24.  nachrücken  zu  lassen:  da  sie
aber  bis  dahin  einen  Marsch  von  vier  deutschen  Meilen
zurückzulegen  hatten,  war  ihr  rechtzeitiges  Eingreifen  völlig
        <pb n="100" />
        86  Custozza.

ungewiß.  So  weit  hatte  La  Marmora's  eigene  Disposition
die  Ubermacht  der  Italiener  bereits  verzettelt.  Es  sollte
aber  ganz  anders,  und  noch  viel  ärger  kommen.

Exzherzog  Albrecht  war,  wie  wir  sahen,  seit  der  getheilten
  Aufstellung  der  italienischen  Heeresmassen  entschlossen,
den  ersten  der  beiden  Gegner,  der  sich  ihm  darböte,  mit  gesammter
  Kraft  zu  fassen  und  hoffentlich  zu  überwältigen.
Sein  Wunsch  war,  daß  dies  das  feindliche  Hauptheer  unter
der  Führung  des  Königs  sein  möchte,  weil  dessen  Besiegung
ohne  Zweifel  den  stärksten  moralischen  Eindruck  auf  den
Widersacher  machen  mußte.  Mit  lebhafter  Freude  empfing
er  seit  dem  20.  Juni  von  allen  Seiten  die  Kundschaft,  welche
ihm  diese  Aussicht  mit  wachsender  Sicherheit  eröffnete.  Er
erfuhr,  daß  die  schwerste  Gefahr  für  seine  Pläne,  die  Vereinigung
  Cialdini's  mit  La  Marmora,  nicht  eingetreten  war,
daß  vielmehr  Cialdini's  Vortruppen  am  23.  ernstliche  Anstalten
  zur  Überbrückung  des  Po  an  verschiedenen  Stellen
machten,  daß  man  also  auf  zwei  oder  drei  Tage  zum  Kampfe
gegen  La  Marmora  ohne  Sorge  vor  Cialdini  rechnen  konnte.
Indem  er  gegen  Cialdini's  Armee  nur  einen  Beobachtungsposten,
  ein  Jägerbataillon  und  ein  Husarenregiment,  am  Po
zurückließ,  zog  er  am  22.  Juni  sein  gesammtes  Heer  bei
Verona  auf  das  rechte  Ufer  der  Etsch  hinüber.  Sein  Gedanke
  war,  seine  Truppen  zuerst  gegen  Westen  bis  auf  die
Linie  Somma  Campagna,  Sona,  S.  Giustina,  Pastrengo,  vorzuschieben,
  dann  aber  sie  um  Somma  Campagna  als  Pivot,
nach  Süden  einschwenken,  und  durch  das  Hügelland  hindurch
vordringend,  den  Feind  angreifen  zu  lassen,  wo  sie  ihn
fänden.  Am  Nachmittag  des  23.  Juni  begannen  diese  Bewegungen;
  die  Reserve-Division  erreichte  Pastrengo  und  Um-
        <pb n="101" />
        Einleitende  Bewegungen  des  Erzherzogs.  87

gegend,  das  fünfte  Armeecorps  S.  Giustina  und  Sona,  und
besetzte  von  dort  aus  bereits  Castelnuovo.  A#  24.  Morgens
drei  Uhr  rückte  das  neunte  Corps  General  Hartung  von
Verona  nach  Somma  Campagna,  setzte  sich  dort  fest,  und
schob  eine  Abtheilung  auf  die  Höhen  von  Berettara  vor.
Das  fünfte  Corps  General  Rodich  sammelte  sich  dann  bei
S.  Giorgio,  die  Reserve-Division  kam  nach  Castelnuovo.  Das
siebente  Corps  General  Maroicic  endlich  nahm,  als  allgemeine
Armeereserve,  Stellung  bei  Sona.  Dieser  ganze  Aufmarsch
war  bis  sieben  Uhr  Morgens  vollzogen,  und  ohne  eine  Minute
zu  verlieren,  schickten  die  Truppen  sich  an,  durch  das  Hügelland
  weiter  gegen  den  Feind  vorzustoßen,  die  Reserve-Division
nahe  am  Mincio  in  der  Richtung  auf  den  Monte  Vento,
das  fünfte  Corps  auf  Custozza,  das  neunte  Corps  auf  den
Monte  della  Croce.  Zur  Deckung  der  linken  Flanke  des
Heeres  rückte  in  der  Ebene  Oberst  Pulz  mit  vier  Reiterregimentern
  auf  der  Straße  nach  Villafranca  vor.
Unterdessen  hatten  die  italienischen  Divisionen  ihren
Reisemarsch  nach  den  von  La  Marmora  ihnen  angewiesenen
Ortschaften  angetreten,  ohne  eine  Ahnung,  daß  die  nördliche
Hälfte  derselben  bereits  von  feindlichen  Heeresmassen  besetzt
sei.  König  Victor  Emanuel  machte  unterdessen  in  der  frischen
Morgenluft  einen  Spazierritt;  La  Marmora  aber,  von  einem
einzigen  Adjutanten  begleitet,  kam  nach  Villafranca,  wo  vor
und  neben  dem  Orte  General  Bixio  und  Kronprinz  Humbert
ihre  Divisionen  aufgestellt  hatten.  Der  Kronprinz  fragte  ihn,
ob  er  die  Leute  abkochen  lassen  oder  zuerst  das  vorliegende
Gelände  recognosciren  lassen  sollte!).  Das  ist  ganz  unnöthig,
erwiderte  La  Marmora,  es  steht  kein  Osterreicher  diesseits
)  Bernhardl  an  Moltke,  nach  La  Marmora's  eigener  Erzählung.
        <pb n="102" />
        88  Custozza.

der  Etsch,  lassen  Sie  abkochen.  Von  links  herüber  hörte
man  Kanonendonner;  ah,  sagte  La  Marmora,  das  ist  ein
guter  Anfang  unserer  Belagerung  von  Peschiera.  Gleich
nachher  aber  erschien  Oberst  Pulz  mit  seinen  Brigaden,  eröffnete
  mit  einer  reitenden  Batterie  ein  lebhaftes  Feuer  auf
die  Bataillone  des  Kronprinzen  und  warf  dann  zwei  Reiterregimenter
  in  wüthendem  Ansturm  auf  den  Feind.  Wie  sehr
auch  die  Italiener  überrascht  waren,  konnten  doch  500  Ulanen
und  ebenso  viele  Husaren  die  18  Bataillone  des  Prinzen
nicht  zu  Grunde  richten,  erlitten  vielmehr  selbst  äußerst  blutige
Verluste,  hielten  aber  den  Gegner  eine  volle  Stunde  lang  in
Athem,  und,  was  die  Hauptsache  war,  erweckten  durch  das
Ungestüm  und  die  Ausdauer  ihrer  Anstürme  bei  La  Marmora
  die  Vorstellung,  daß  von  dieser  Seite  her,  von  Osten
in  der  Ebene,  ein  allgemeiner  Angriff  der  Osterreicher  drohe.
Demnach  zog  er  von  der  eben  anlangenden  Division
Govone  die  Hälfte  zur  unmittelbaren  Unterstützung  Bixio's
und  des  Kronprinzen  heran,  und  als  zugleich  die  Division
Brignone  auf  dem  gestern  befohlenen  Marsche  nach  Somma
Campagna  passirte,  hielt  er  sie  an,  und  führte  sie  persönlich
auf  den  Monte  della  Croce,  wo  er  sie  mit  der  Front  gegen
Süden  zu  weiterer,  die  Ebene  beherrschender  Deckung  aufstellte.


Wir  wissen,  daß  diese  neue  Auffassung  des  österreichischen
Schlachtplans  ebenso  falsch  wie  die  frühere  von  der  Ruhe
des  Feindes  hinter  der  Etsch  war.  Der  Angriff  kam  nicht
von  Osten  in  der  Ebene,  sondern  von  Norden  im  Gebirge.
Der  Kanonendonner  am  Mincio  war  nicht  der  Beginn  der
Belagerung  von  Peschiera,  sondern  der  Kampf  Cerale's  gegen
die  österreichische,  von  Castelnuovo  südwärts  vordringende
        <pb n="103" />
        Niederlage  des  linken  Flügels  der  Italiener.  89

Reserve-Division.  Cerale,  ein  alter,  vom  Tambour  auf  gedienter
Soldat,  hielt  den  Widerstand  im  Dorfe  Oliosi  aufrecht,  bis
ihm  die  Brigade  Piret  vom  fünften  Armeecorps,  welches  gleichzeitig
  von  S.  Giorgio  südwärts  vorgegangen  war,  in  die
linke  Flanke  fiel,  worauf  dann  trotz  tapferes  Schlagens  seine
Division  von  zwei  Seiten  umfaßt  und  auseinander  gesprengt
wurde.  Seine  Niederlage  wäre  vollständig  geworden,  wenn
nicht  sein  College  Pianell,  trotz  der  ihn  auf  dem  rechten
Ufer  festhaltenden  Ordre,  nach  eigenem  Ermessen  auf  den
Kanonendonner  marschirt  und  mit  12  Bataillonen  über  den
Fluß  gegangen  wäre,  dem  bedrängten  Kameraden  zu  Hülfe.
Er  rettete  ihn  vor  völliger  Vernichtung,  brachte  den  Osterreichern
  schwere  Verluste  bei,  wagte  aber  nicht  ohne  höhern
Befehl,  sich  vom  Ufer  des  Flusses  zu  entfernen,  und  damit
seine  Vortheile  weiter  zu  verfolgen.  So  wurde  denn  auch
die  eine  Viertelmeile  weiter  ostwärts  nach  Sona  marschirende
Division  Sirtori  vom  Angriff  des  Feindes  ebenso  wie  Cerale
überrascht,  durch  zwei  Brigaden  des  fünften  österreichischen
Armeecorps  angefallen,  stark  beschädigt,  und  bei  dem  Mangel
jeglicher  Unterstützung  endlich  in  halber  Auflösung  zurückgeworfen.
  #
Damit  war  der  linke  Flügel  des  italienischen  Heeres  gebrochen,
  und  so  die  Rückzugslinie  desselben  von  dem  Gegner
ernstlich  bedroht.  Zu  gleicher  Zeit  entwickelte  sich  auch  auf
dem  rechten  Flügel  in  gleicher  Lebhaftigkeit  der  Kampf.  Kaum
waren  Brignone's  Bataillone  auf  dem  Monte  della  Croce,
wie  gesagt,  die  Front  nach  Villafranca,  aufgestellt,  so  empfingen
  sie  von  den  Batterien  des  neunten  österreichischen
Corps  ein  kräftiges  Geschützfeuer  in  den  Rücken,  was  keinen
geringen  Schrecken  und  für  den  ersten  Augenblick  allgemeine
        <pb n="104" />
        90  Custozza.

Unordnung  verursachte.  Indessen  hielt  Brignone  seine  Leute
in  fester  Hand,  warf  mit  raschem  Commando  seine  Aufstellung
  herum,  und  da  er  von  seiner  beherrschenden  Höhe
herab  jetzt  die  Bewegung  der  feindlichen  Colonnen  in  den
verschiedenen  Thälern  überblickte,  und  sie  nicht  bloß  gegen
sich  selbst,  sondern  auch  gegen  die  wichtige  Kuppe  von  Custozza
  im  Anmarsch  sah,  so  beeilte  er  sich,  eine  seiner  Brigaden
  dorthin  zu  senden,  und  mit  der  andern  sich  selbst  in
möglichst  solide  Verfassung  zur  Abwehr  zu  setzen.  Er  hatte
Ursache  dazu,  denn  sehr  bald  stürmten  die  Bataillone  des
neunten  Corps  mit  todesverachtender  Energie  den  Abhang
seines  Berges  hinan,  verjagten  die  vorgeschobenen  Posten,
und  erstiegen  die  Kuppe.  Brignone  aber  hielt  aus,  und  trieb
einen  feindlichen  Angriff  nach  dem  andern  wieder  thalabwärts
zurück.  Immer  aber  hatten  seine  Truppen  mörderische  Verluste,
  waren  durch  die  glühende  Sonnenhitze  erschöpft  und
lagen  endlich  lechzend  auf  dem  Boden  der  schattenlosen  Berghöhe.
  Da  kam  ihm  im  letzten  Augenblick  erwünschter  Beistand.
  Die  Division  Cugia  vom  dritten  Corps  war,  in  ihrem
Anmarsch  vielfach  aufgehalten,  endlich  in  eine  Stellung  neben
Bixio  eingerückt,  und  bei  dem  Toben  des  Kampfes  oben  auf
der  Kuppe,  sandte  General  Cugia  ein  Bataillon  nach  dem
andern  zur  Unterstützung  hinauf,  welche  dann  einen  erneuten
  Sturm  des  Feindes  kräftig  zurückwiesen.  Thrlich
verliefen  sich  die  Dinge  bei  Custozza.  Denn  kaum  hatte  hier
Brignone's  Brigade  sich  festgesetzt,  so  erfolgte  ein  nachdrücklicher
  Angriff  durch  eine  Brigade  des  siebenten  österreichischen
Corps;  zwei  vorgeschobene  Bataillone  der  Italiener  wurden
über  den  Haufen  geworfen,  und  die  übrigen  unter  harten
Verlusten  aus  Custozza  hinaus  getrieben.  Da  aber  griff,
        <pb n="105" />
        Tapfere  Kämpfe  des  rechten  Flügels.  91

wie  Cugia  am  Monte  della  Croce,  so  hier  General  Govone
ein.  Er  besetzte  die  nächsten  Berghöhen,  überdeckte  Custozza
mit  einem  Hagel  von  Granatgeschossen  und  ließ  dann  durch
Überlegene  Kräfte  den  Ort  dem  Feinde  wieder  entreißen.  Die
Ausdauer  der  Truppen  Brignone's  war  allerdings  zu  Ende;
der  größte  Theil  der  Division  zog  sich  in  die  Ebene  nach
Valeggio  zurück,  und  Cugia  und  Govone  übernahmen  definitiv
die  Besetzung  jener  des  Monte  della  Croce,  dieser  der  Höhen
von  Custozza.

Es  ging  damals  auf  Mittag,  und  die  allseitige  Ermattung
  der  Soldaten  bewirkte  eine  längere  Pause  in  den  Operationen.
  Die  Italiener  hatten  schwere  Einbußen  erlitten;  die
Divisionen  Cerale,  Sirtori  und  Brignone  waren  beinahe  zu
zwei  Dritteln  kampfunfähig  geworden.  Offenbar  aber  war
das  Schicksal  des  Tages  noch  keineswegs  entschieden.  Auch
die  Osterreicher  hatten  die  Tapferkeit  des  Feindes  vielfach
empfunden;  ihre  Leute,  obgleich  an  physischer  Zähigkeit  den
Italienern  etwas  üÜberlegen,  fühlten  ebenfalls  ihre  Kräfte
schwinden;  an  intacten  Truppentheilen  besaß  der  Erzherzog
nur  noch  zwei  Brigaden  des  siebenten  Corps,  dagegen  waren
auf  italienischer  Seite  die  Divisionen  Pianell,  Bixio  und
Kronprinz  in  jedem  Augenblick  mit  kaum  berührter  Stärke
schlagfertig,  und  vom  zweiten  Corps  war  die  Division  Angioletti
  nur  noch  eine  Meile,  die  Division  Longoni  aber  zwei
Meilen  von  Villafranca  entfernt.  Das  italienische  Obercommando
  konnte  also  bei  kräftiger  Führung  im  Augenblick
über  mehr  als  30000  Mann,  gegen  zwei  Uhr  über  40000,
gegen  vier  Uhr  über  50000  Mann  frischer  Truppen  verfügen,
  und  durch  ihr  Eingreifen  die  entscheidenden  Positionen
des  Monte  Vento,  Custozzas  und  des  Monte  della  Croce
        <pb n="106" />
        92  Custozza.

uneinnehmbar  machen.  Schon  damit  wäre  der  Tag  für  Italien
gewonnen  gewesen,  denn  bei  Cialdini's  Operationen  gab  es
für  den  Erzherzog  kein  Drittes,  als  Durchdringen  oder  schleunigen
  Rückzug.  Für  Italien  aber  wäre  noch  ein  anderer,
kühnerer  Entschluß  denkbar  gewesen.  Man  hätte  unter  dem
Befehle  an  Pianell,  Govone  und  Cugia,  die  drei  Berge  bis
zum  letzten  Athemzuge  zu  halten,  sofort  mit  25000  Mann
(Kronprinz,  Bixio  und  Sonnaz),  nach  etwa  drei  Stunden
aber  mit  nahe  40000  Mann  von  Villafranca  gegen  Somma
Campagna  vorgehen  können,  bei  welchem  Marsch  nur  die
2500  Reiter  des  Obersten  Pulz  im  Wege  gestanden  hätten;
dort  hätte  man  den  Feind  von  seinen  Verbindungen  und
seiner  Rückzugslinie  abgeschnitten,  und  seine  Armee  vernichtend
  in  Flanke  und  Rücken  gefaßt:).  So  dachte  auch
der  Kronprinz.  Aber  er  hatte,  wie  wir  sahen,  Befehl,  dem
nach  La  Marmora's  Meinung  in  der  Ebene  herandrohenden
Angriff  der  Osterreicher  zu  widerstehen;  er  sandte  also  Adjutanten
  und  Ordonnanzen  nach  allen  Richtungen,  um  La
Marmora  auszusuchen  und  sich  Erlaubniß  zum  Vorgehen  zu
erbitten.  Aber  wo  war  La  Marmora?

Unglaublich  zu  sagen:  kein  Mensch  wußte,  wo  der  leitende
Feldherr  sich  aufhielt.

Bernhardi  berichtet  darüber  Folgendes,  mit  der  ausdrücklichen
  Versicherung,  es  theils  von  La  Marmorga  selbst,
theils  von  General  Cucchiari  vernommen  zu  haben.

La  Marmora  gab,  als  alle  seine  Vermuthungen  und
Anordnungen  sich  durch  den  Gang  der  Dinge  als  falsch  und
verkehrt  erwiesen,  die  Schlacht  schon  sehr  früh  verloren,  und
veranlaßte  deshalb  zunächst  den  König,  wieder  auf  das  rechte

*)  Bemerkung  des  österreichischen  Generalstabswerks.
        <pb n="107" />
        La  Marmora  flieht  vom  Schlachtfeld  sort.  93

Ufer  des  Mincio  sich  zurückzubegeben.  Als  er  etwas  später
eine  Höhe  bestieg,  um  die  Lage  zu  erkunden,  meinte  er,  im
Rücken  der  Division  Kronprinz  eine  lange  Staubwolke  sich
in  westlicher  Richtung  bewegen  zu  sehen  (wahrscheinlich  durch
rückgehende  Bagagen  veranlaßt),  hielt  sie  für  eine  feindliche
Colonne  und  damit  die  Niederlage  gewiß.  Er  verlor  den
Kopf  vollständig,  und  sah  die  letzte  Rettung  nur  noch  in
schleunigstem  Heranziehen  des  ganzen  zweiten  Corps.  Anstatt
nun  zunächst  den  Divisionen  Angioletti  und  Longoni,  und  dann
dem  General  Cuchhiari  die  entsprechenden  Befehle  zuzusenden,
sprengte  er  selbst,  ohne  gegen  irgend  jemand  etwas  darüber
zu  äußern,  vom  Schlachtfelde  hinweg  in  eiligem  Ritte,  mehrere
Meilen  weit  nach  Cucchiari's  Hauptquartier.  Dort  eingetreten,
sorderte  er  den  General  auf,  die  beiden  vor  Mantua  stehenden
  Divisionen  eiligst  nach  Villafranca  zu  führen.  Aber
erinnern  Sie  sich  doch,  entgegnete  Cucchiari,  an  Ihre  letzten
Befehle:  meine  Brigaden  stehen  um  Mantua  umher;  es  wird
Abend,  bis  die  neue  Weisung  an  die  entfernteste  gelangt.
Da  schrie  La  Marmora  auf:  wehe  mir  Armen,  und  brach
in  einen  langen  Weinkrampf  aus;  mehrmals  sprach  er  davon,
sich  zu  erschießen.  Weiter  aber  that  er  nichts.

So  jagten  denn  die  Adjutanten,  ihn  vergeblich  suchend,
auf  dem  Schlachtfelde  umher;  Pianell,  Bixio,  der  Kronprinz,
blieben  unthätig  an  ihre  Stelle  gebannt;  von  Einheit  und
Zusammenhang  war  bei  der  Armee  keine  Rede  mehr.  Jede
Brigade,  sagt  Bernhardi,  raufte,  bis  sie  genug  hatte,  dann
ging  sie  zurück.  Zuerst  nahm  die  österreichische  Reserve-Division,
  durch  Truppen  des  fünften  Armeecorps  unterstützt,
die  Bewegung  gegen  den  Monte  Vento  wieder  auf.  Bei
Pianell's  erzwungener  Unthätigkeit  hatte  sie  nur  die  Trümmer
        <pb n="108" />
        94  Custozza.

von  Cerale's  Division  sich  gegenüber;  zwischen  drei  und  vier
Uhr  war  sie  Herrin  des  Berges,  von  wo  ihr  der  kurze  Weg
nach  Valeggio,  dem  wichtigsten  Übergangspunkt  über  den
Mincio,  offen  stand.  Dadurch  wurde  Cerale's  nüchster
Nachbar  zur  Rechten,  General  Sirtori,  welcher  einen  Augenblick
  erneuertes  Vordringens  gehabt  hatte,  besorgt  über  seine
Rückzugslinie,  räumte  fast  ohne  Kampf  die  Position  bei  der
Capelle  S.  Lucia,  und  eilte,  seine  Truppen  bei  Valeggio
über  den  Fluß  zurückzuführen.  Von  S.  Lucia  aus  konnten
die  österreichischen  Geschütze  die  Höhe  und  den  Ort  Custozza
unter  wirksames  Flankenfeuer  nehmen;  in  diesem  Augenblicke
warf  der  Erzherzog  seine  letzte  Reserve,  die  beiden  Brigaden
des  siebenten  Corps,  auf  den  entscheidenden  Punkt,  und  nach
einem  mörderischen  Widerstande  wurde  Govone  zum  Weichen
nach  Valeggio  gezwungen.  Da  war  denn  auch  für  Cugia
auf  dem  Monte  della  Croce,  wo  er  von  allen  Kräften  des
neunten  Corps  bedrängt  wurde,  kein  Bleiben  mehr,  und  der
Rückzug  der  Italiener  wurde  allgemein.  Er  wurde  durch
Bexio  und  Sonnaz  nach  Kräften  gedeckt,  welche  freilich  bei
der  starken  Auflösung  mehrerer  Truppentheile  die  jetzt  zum
Schluß  des  Tages  wieder  vorgehende  Reiterei  des  Feindes
nicht  zu  hindern  vermochten,  zahlreiche  Gefangene  zu  machen.
An  eine  Verfolgung  über  den  Mincio  hinaus  konnten  die
Sieger  nicht  denken.  Ihre  Truppen  waren  seit  drei  Uhr
Morgens  im  Marsche,  und  dann  unter  der  italienischen  Junisonne
  zehn  Stunden  lang  in  angestrengtem  Kampfe  gewesen:
Mann  und  Roß  waren  vollständig  erschöpft.

Der  Verlauf  des  Schlachttages  gab  ein  glänzendes  Ergebniß
  für  die  österreichische,  ein  vernichtendes  für  die  italienische
Führung,  da  noch  am  Tage  vor  der  Schlacht  dem  Sieger
        <pb n="109" />
        Bel  mangelnder  Fuhrung  gehen  die  Italiener  über  den  Mincio  zurũck.  95

82000,  dem  Besiegten  mehr  als  140000  Mann  zur  Verwendung
  im  Kampfe  bereit  gestanden  hatten.  Ungleich  günstiger
  stellt  sich  dagegen  das  Urtheil  über  die  italienischen  Truppen.
Da  das  ganze  zweite  Corps  an  der  Schlacht  keinen  Theil
nahm,  der  Kronprinz,  Bixio  und  Sonnaz  nach  dem  kurzen
ersten  Kampfe  gegen  Pulz's  Schwadronen  seit  acht  Uhr
keinen  Schuß  mehr  thaten,  Pianell  nur  mit  der  Hälfte
seiner  Division  und  auch  mit  dieser  nur  während  weniger
Stunden  eingriff,  so  stellt  sich  heraus,  daß  die  ganze
Wucht  der  zehnstündigen  Schlacht  auf  fünf  Divisionen,  also“
höchstens  60000  Mann  gegen  82000  Psterreicher,  gefallen
ist.  Dazu  kam,  daß  das  Vorgehen  der  letzteren  ein  wohlbedachtes,
  trefflich  geleitetes,  die  Truppe  zu  heldenmüthiger
Energie  fortreißendes  war,  während  die  Italiener  einem  überraschenden,
  von  unerwarteter  Seite  hereinbrechenden  Angriff
Preis  gegeben  und  dann  von  jeder  einheitlichen  Führung
verlassen  wurden.  Einer  damals  erst  seit  wenigen  Jahren
entstandenen  Armee,  welche  unter  solchen  Umständen  der
Ülbermacht  eines  der  bewährtesten  Heere  Europas  einen
solchen  Widerstand  entgegensetzt,  liegen  alle  Bahnen  zu  einer
großen  Zukunft  offen.  Die  beiderseitigen  Verluste  des
Schlachttags  waren  beinahe  gleich,  bei  den  Osterreichern,  die
stets  angegriffen,  mehr  Todte  und  Verwundete,  bei  den
Italienern,  die  endlich  retiriren  mußten,  mehr  Gefangene.
Jene  büßten  7956  Mann,  darunter  1500  Gefangene,  diese
8185  Mann,  darunter  4350  Gefangene,  und  außerdem
14  Geschütze  und  5000  Gewehre  ein.  Wie  sich  versteht,
vertheilten  sich  auf  dieser  Seite  die  Verluste  auf  die  einzelnen
Divisionen  in  höchst  ungleicher  Weise.  Pianell  verlor  an
Todten  und  Verwundeten  186,  Bixio  15,  der  Kronprinz  55,
        <pb n="110" />
        96  Custozza.

Sonnaz  17,  zusammen  also  273  Mann,  während  die  fünf
dauernd  kämpfenden  Divisionen  3580  Todte  und  Verwundete
nachwiesen.

In  Wien  erweckte  die  Siegeskunde  keinen  geringen  Jubel,
und  überwog  den  Verdruß  über  die  rasche  Besetzung  Norddeutschlands
  durch  die  Preußen.  An  demselben  23.  Juni,
an  welchem  der  eine  Gegner  den  Mincio  überschritt,  war  der
andere  in  Böhmen  eingefallen:  so  schien  der  glänzende  Erfolg
des  24.  ein  glückliches  Vorzeichen  nach  beiden  Seiten.  Desto
schmerzlicher  und  grimmiger  war  der  Eindruck  der  verlorenen
Schlacht  bei  dem  italienischen  Volke;  nichts  begehrte  man
heißer  und  dringender,  als  daß  La  Marmora  mit  der  intact
gebliebenen  Hälfte  des  Heeres,  und  im  Zusammenwirken  mit
Cialdini,  die  erlittene  Scharte  so  rasch  wie  möglich  auswetze.
Aber  bei  La  Marmora,  der  sich  nicht  erschossen  hatte,  war
die  Stimmung  eine  andere.  Als  ihn  Bernhardi  fragte,  was
nun  zu  beginnen,  meinte  er:  wir  werden  die  Armee  für  ein
Weilchen  hinter  den  Po  zurücknehmen,  und  dann  sehen.
Cialdini  blieb  auf  die  Nachricht  von  dem  Mißgeschick  begreiflicher
  Weise  ebenfalls  auf  der  Südseite  des  Stromes,  und
nun  verging  unthätig  Tag  auf  Tag  in  endlosen  Erwägungen
und  Verhandlungen  zwischen  den  beiden  militärischen  Häuptern.
Dazwischen  aber  schlichen  französische  Einflüsterungen  umher,
dahin  gehend,  daß  Osterreich  zur  Abtretung  Venetiens  bereit
sei,  allerdings  aber  vorher  seiner  Waffenehre  durch  einen  Sieg
auf  italienischem  Boden  Genugthuung  habe  schaffen  müssen;
dies  sei  jetzt  erreicht,  und  nach  der  ersten  Niederlage  der
Preußen  die  Üüberlieferung  Venetiens  sicher;  nur  möge  Italien
sich  hüten,  den  Erzherzog  Albrecht  weiter  zu  drängen,  oder
gar  durch  einen  italienischen  Sieg  die  Frage  der  militärischen
        <pb n="111" />
        Ergebnisse.  97

Ehre  in  Wien  wieder  auf  das  Tapet  zu  bringen.  Gegen  einen
solchen  Verlauf  der  Dinge,  wobei  die  Belagerung  des  Festungsvierecks,
  und  Gott  weiß,  wie  viele  gefährliche  Kämpfe  erspart
blieben,  hatte  nun  La  Marmora  nicht  allzuviel  einzuwenden,
und  es  ist  kein  Wunder,  daß,  als  die  Kunde  von  diesen
Umtrieben  sich  allmählich  verbreitete,  sein  Verhalten  in  der
Schlacht  und  seine  Unthätigkeit  nach  derselben  in  zahlreichen
Kreisen  die  Ansicht  hervorrief,  er  habe  mit  bewußter  Planmäßigkeit
  sein  Heer  besiegen  lassen,  um  in  der  erwähnten
Weise  Venetien  ohne  schlimmeres  Blutvergießen  zu  erlangen.
Leider  läßt  sich  manche  Thatsache  in  diesem  Sinne  deuten,
jedoch  scheint  es  nicht  erlaubt,  gegen  einen  noch  so  schmählich
unterlegenen  Feldherrn  ohne  zwingende  Beweise  den  Vorwurf
bewußtes  Verraths  zu  erheben.  Bernhardi,  welcher  ein
scharfer  Beobachter  war,  und  wahrhaftig  nicht  zu  den  Verehrern
  La  Marmora's  gehörte,  hat  damals  und  später  seine
Überzeugung  auf  das  Bestimmteste  erklärt,  daß  La  Marmora
nicht  durch  bösen  Willen,  sondern  durch  bodenlose  Unfähigkeit
den  Verlust  der  Schlacht  herbeigeführt  habe.  So  viel  wußte
der  italienische  General  von  den  Bestrebungen  seines  hohen
Pariser  Beschützers,  daß  er  ohne  den  Ehrgeiz  des  Feldherrn
und  ohne  die  Kampflust  des  Soldaten  in  den  Krieg  zog,
vor  der  Schlacht  mit  der  sichern  Hoffnung,  nicht  schlagen  zu
müssen,  und  nach  dem  Rückzug  mit  dem  bohrenden  Gefühle
der  eigenen  Unzulänglichkeit.  Ohne  selbst  ein  Verräther  zu
sein,  ließ  er  sich  dann  durch  einen  großen  Versucher  halb
willenlos  in  ein  Fahrwasser  treiben,  wo  ihm  auf  unvermutheten
  Klippen  zu  scheitern  bestimmt  war.

Ziehen  wir  die  Summe  der  bisher  erzählten  Kriegsereignisse,

  wie  sie  sich  auf  den  Nebentheatern  des  großen
v.  Sybel,  Betründung  d.  deutschen  Neiches.  V.
        <pb n="112" />
        98  Custozza.

Dramas  verlaufen  hatten,  so  erscheint  bestätigt,  was  sich  uns
schon  nach  den  militärischen  Vorbereitungen  der  betheiligten
Staaten  wahrscheinlich  zeigte:  keiner  der  beiden  Hauptkämpfer
war  in  der  Lage,  von  seinen  Bundesgenossen  eine  wirksame
Unterstützung  zu  hoffen.  Osterreich  und  Preußen  waren  für
den  bevorstehenden  Waffengang  ein  jedes  auf  die  eigene  Kraft
angewiesen:  und  hiemit  war,  mochte  nun  die  Entscheidung
fallen,  wie  sie  wollte,  die  Antwort  auf  die  Frage,  welcher  der
beiden  Mächte  die  Leitung  der  deutschen  Zukunft  gebühre,
über  jeden  Zweifel  und  Einwand  hinaus  gehoben.
        <pb n="113" />
        Achtzehntes  Buch.
Böblmischer  Krieg.
        <pb n="114" />
        <pb n="115" />
        1.  Capitel.

PFrinz  Friedrich  Cark  in  Böhmen.

In  Berlin  stand,  wie  wir  wissen,  die  Absicht  fest,  gleich
nach  der  Besetzung  Sachsens  den  umfassenden  Angriff  gegen
Böhmen  zu  eröffnen.  Man  war  nicht  vollständig  und  nicht  in
jeder  Beziehung  zutreffend  über  die  Bewegungen  des  Feindes
unterrichtet,  wußte  aber,  daß  das  österreichische  Hauptheer
sich  auf  dem  Marsche  von  Olmütz  an  die  obere  Elbe,  also
in  das  nordöstliche  Böhmen,  befinde.  Gelang  ihm  dort  die
vollständige  Versammlung  aller  seiner  Streitkräfte,  so  konnte
Benedek  dann  sich  mit  gewaltiger  ÜUbermacht  entweder  ostwärts
durch  die  Pässe  der  Grafschaft  Glatz  gegen  den  preußischen
Kronprinzen  zur  Eroberung  Schlesiens,  oder  nordwärts  gegen
Friedrich  Carl  zu  einer  mächtigen  Offensive  über  Dresden
gegen  Berlin  wenden.  Alles  kam  für  Preußen  darauf  an,  einer
solchen  Vereinigung  der  feindlichen  Heertheile  durch  eine  raschere
Zusammenziehung  der  eigenen  Armeen  zuvorzukommen,  und
diese  Aufgabe  erschien  keineswegs  unlösbar,  da  Benedek  seinen
Vormarsch  von  Olmütz  erst  am  17.  Juni  begonnen  hatte,
und  zehn  bis  zwölf  Tage  vergehen  mußten,  ehe  seine
sämmtlichen  Massen  die  Elbe  erreichten.  Nach  den  räum-
        <pb n="116" />
        102  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

lichen  Entfernungen  aber  war  es  sowohl  für  den  Kronprinzen
wie  für  Friedrich  Carl  möglich,  noch  vor  Ablauf  jener  Frist
ihre  Truppen  nicht  weit  von  der  Elbe  zu  vereinigen,  und
dann  mit  ihrer  Gesammtkraft  entscheidende  Schläge  zu  führen.

Den  Schauplatz  der  hier  bevorstehenden  großen  Ereignisse
werden  folgende  Bemerkungen  im  Allgemeinen  veranschaulichen.
Die  nordöstliche  Grenze  Böhmens  gegen  Schlesien  wird  durch
das  weitausgedehnte  Sudetengebirge  gebildet,  welches  meist
gegen  Schlesien  hin  steil  abfallend,  nur  wenige  enge  Pässe
dem  Ansteig  einer  Armee  eröffnet,  auf  der  böhmischen  Seite
aber  sanfter  sich  senkend,  auf  seinen  Abhängen  und  Terrassen,
zwischen  Schluchten  und  Wasserrissen  mehrfachen  Straßenzügen
  und  Verbindungswegen  Raum  gibt.  Dort  liegen,  in
dem  stattlichsten  Abschnitt  der  Sudeten,  am  Südabhange  des
Riesengebirges,  nahe  beisammen  die  Quellen  zweier  Flüsse,
der  Iser  und  der  Elbe,  welche  zunächst  beide  in  das  böhmische
Tiefland  hinabströmen,  bald  aber  sich  von  einander  entfernen,
die  Iser  südwestlich,  die  Elbe  südöstlich  gewandt,  bis  die
letztere  sich,  bei  Pardubitz,  in  rechtem  Winkel  schärf  gegen
Westen  richtet,  um  dann  zehn  Meilen  weiter,  nochmals  mit
starker  Biegung,  in  nordwestlicher  Wendung,  nachdem  sie
nicht  weit  von  Brandeis  die  Iser  ausgenommen,  der  Nordsee
  zuzueilen.  Wie  man  hienach  leicht  erkennt,  schließen  die
Sudeten,  Iser  und  Elbe  ein  unregelmäßiges  Viereck  ein,  und
der  so  bezeichnete  Boden  war  es,  auf  welchem  sich  damals
die  Geschicke  Deutschlands  erfüllen  sollten.  Denn  von  großer
Bedeutung  zeigen  sich  bei  der  damaligen  Stellung  der  Armeen
die  beiden  Flußlinien.

Wenn  Prinz  Friedrich  Carl  von  der  Lausitz  her,  am
Südfuße  des  Riesengebirges  entlang,  zur  Vereinigung  mit
        <pb n="117" />
        Böhmischer  Kriegsschauplatz.  103

der  schlesischen  Armee  vorging,  so  langte  er  sehr  bald  am
westlichen  Ufer  der  Iser  an,  und  fand  hier  ein  leicht  zu  vertheidigendes
  Hinderniß  seines  Marsches:  auf  der  andern  Seite
mündeten  die  Sudetenpässe,  durch  welche  der  Kronprinz  aus
der  Grafschaft  Glatz  nach  Böhmen  gelangen  konnte,  auf  das
östliche  Ufer  der  obern  Elbe,  so  daß  ihm  vor  der  Verbindung
  mit  Friedrich  Carl  ein  feindlicher  Widerstand  nicht  nur
in  den  Engen  des  Gebirges,  sondern  dann  wieder  an  dem
jungen,  reißenden  Strome  drohte.  Das  Zusammenrücken  der
beiden  Heere  war  also  gleichbedeutend  mit  siegreicher  Überschreitung
  der  beiden  Flüsse.

Der  gefährlichere  Theil  der  Aufgabe  lastete  ohne  Zweifel
auf  der  schlesischen  Armee.  Denn  die  Iser  konnte  zur  Zeit
nur  von  den  sächsischen  Truppen  und  dem  österreichischen
Corps  Clam-Gallas,  also  60000  Mann,  vertheidigt  werden,
während  Friedrich  Carl  über  93000,  Herwarth  über
46000  Mann  verfügte,  und  dazu  noch  eine  Division  des
Reservecorps,  12000  Mann,  ihrem  Nachtrab  sich  anschloß.
Die  Elblinie  aber  lag  den  von  Olmütz  heranrückenden  Heeresmassen
  Benedek's,  im  Ganzen  über  200000  Mann,  um  acht
Meilen  näher  als  die  Iser,  und  die  Frage,  ein  wie  großer
Theil  dieser  Übermacht  dem  Kronprinzen,  sei  es  im  Gebirge,
sei  es  an  der  Elbe,  entgegen  treten  würde,  entzog  sich  jeder
Beurtheilung  des  Gegners.  Nach  Erwägung  aller  dieser
Umstände  erging  nun  am  22.  Juni  ein  Telegramm  an  die
beiden  preußischen  Feldherren:  „Se.  Majestät  befehlen,  daß
beide  Armeen  in  Böhmen  einrücken,  und  die  Vereinigung  in
der  Richtung  auf  Gitschin  aufsuchen.“  Gitschin,  der  aus
Wallenstein's  Geschichte  bekannte  Ort,  liegt  ungefähr  in  der
Mitte  zwischen  Iser  und  Elbe.  In  einer  nähern  Weisung
        <pb n="118" />
        104  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

erläuterte  Moltke  den  Befehl  dahin,  es  sei  natürlich  nicht
gemeint,  daß  dieser  Punkt  unter  allen  Umständen  erreicht
werden  müsse,  vielmehr  hänge  die  Vereinigung  ganz  von  dem
Gange  der  Begebenheiten  ab.  Höchst  unwahrscheinlich  sei  es,
daß  die  Hauptmacht  der  Osterreicher  in  den  allernächsten
Tagen  schon  im  nördlichen  Böhmen  concentrirt  stehen  könne.
Die  diesseits  ergriffene  Initiative  dürfte  leicht  Gelegenheit
geben,  den  Gegner  in  getheiltem  Zustand  mit  überlegenen
Kräften  anzugreifen,  und  den  Sieg  in  anderer  Richtung  zu
verfolgen.  Dennoch  bleibe  die  Vereinigung  aller  Kräfte  für
die  Hauptentscheidung  stetig  im  Auge  zu  behalten.  Die
Armeecommandos  haben  also  von  dem  Augerblicke  an,  wo
sie  dem'  Feinde  gegenüber  treten,  nach  eigenem  Ermessen
und  nach  Erforderniß  der  Umstände  zu  handeln,  dabei  aber
stets  die  Verhältnisse  der  Nebenarmee  zu  berücksichtigen.  An
das  Obercommando  der  ersten  Armee  wurde  der  Satz  hinzugefügt:


„Da  der  schwächeren  zweiten  Armee  die  schwierige  Aufgabe
  des  Debouchirens  aus  dem  Gebirge  zufällt,  so  wird,
sobald  nur  erst  die  Verbindung  mit  dem  Corps  des  Generals
von  Herwarth  bewirkt  ist,  der  ersten  Armee  um  so  mehr  obliegen,
  durch  ihr  rasches  Vorgehen  die  Krisis  abzukürzen.“

Moltke  band  in  dieser  Weisung  die  beiden  Unterfeldherren
  sehr  bestimmt  an  den  klar  bezeichneten  Gesammtzweck
ihrer  Action,  gab  ihnen  aber  freie  Hand  für  die  einzelnen,
je  nach  den  Umständen  erforderlichen  Maaßregeln.  Wir  werden
sehen,  daß  Benedek  gerade  umgekehrt  verfuhr.  Seine  Generale
erhielten  stets  ganz  specielle  Befehle,  diesen  oder  jenen  Ort
zu  besetzen,  oder  zu  halten  oder  zu  räumen,  sie  wußten  aber
nicht  immer,  in  welchem  planmäßigen  Zusammenhang  und
        <pb n="119" />
        Moltke's  Generalinstruction  für  den  Angriff.  105

zur  Lösung  welcher  Aufgabe  sie  zu  wirken  hatten.  Es  bedarf
  nicht  erst  der  Hinweisung  auf  den  damaligen  Erfolg,
um  zu  sehen,  wo  die  Üüberlegene  Auffassung  vorhanden  war.
Moltke  erkannte  die  Unmöglichkeit,  im  Flusse  der  Dinge  das
Einzelne  von  fern  her  zu  regeln,  Benedek  sah  im  Trotze  dagegen
  eine  Bewährung  seiner  eisernen  Willenskraft.  Und
was  noch  wichtiger  war,  Benedek  erstickte,  Moltke  aber  erweckte
  die  geistige  Selbstthätigkeit  seiner  Untergebenen,  und
auf  beiden  Seiten  setzte  sich  dieser  Impuls  auf  allen  Stufen
der  Heeresgliederung  fort.  Mehrmals  hat  Moltke  es  ausgesprochen,
  daß  großen  Heeren  von  mehr  als  hunderttausend
Mann  durch  die  Natur  der  Dinge  ein  bedeutendes  Maaß  von
Selbständigkeit  inne  wohnt:  so  entwarf  er  weder  1866  noch
1870  vor  dem  Kriege  einen  speciell  durchcomponirten  Feldzugsplan
  zur  Vernichtung  des  Gegners,  wie  es  Napoleon  I.
vor  Marengo,  vor  Ulm  und  Jeng  gethan  hatte.  Bei  diesem
war  dann  jedem  Heertheil,  jedem  Rad  in  der  Maschine  seine
genaue  Thätigkeit  angewiesen,  zugleich  aber  auch  eine  großes
Theils  vorhandene  Unfähigkeit  des  Gegners  vorausgesetzt:  und
dann  rollte  das  Kunstwerk  in  jedem  Punkte  nach  dem  Worte
des  Meisters  zu  einem  blendenden  und  betäubenden  Ergebniß
ab.  Moltke  begnügte  sich,  mit  nicht  minder  genialem  Blick
seinen  Heeren  im  Anfang  des  Kriegs  die  allgemeine  Richtung.
auf  die  für  die  Gegner  tödtliche  Stelle  zu  geben;  im  Einzelnen
  geschah  dann  nicht  immer,  was  er  vermuthet  hatte;
1866  erfolgte  die  Vereinigung  der  Heere  nicht  bei  Gitschin,
und  sehr  selten  haben  preußische  Generale  mit  Übermacht  gegen
österreichische  Corps  gefochten:  das  Endergebniß  aber  war  hier
wie  1870  eine,  Überwältigung  des  Gegners,  wie  sie  gleich
rasch  und  gleich  vollständig  Napoleon  kaum  einmal  erreicht  hat.
        <pb n="120" />
        106  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

Prinz  Friedrich  Carl  hatte  bereits  die  Truppen  der
ersten  Armee  dicht  an  der  böhmischen  Grenze  bei  Marklissa,
Seidenberg,  Zittau  und  Herrnhut  aufgestellt,  und  ließ  sie
gleich  am  23.  Juni  von  allen  Seiten  her  in  das  feindliche
Gebiet  einrücken.  Man  fand  sich  gegenüber  nur  österreichische
Reiterposten  von  der  leichten  Division  Edelsheim;  außer  kleinen
Husarenscharmützeln  wurde  gegen  die  Besetzung  der  wichtigen
Fabrikstadt  Reichenberg  kein  Widerstand  geleistet;  es  war  gewiß,
  daß  der  Gegner  den  Kampf  erst  an  der  Iser  aufzunehmen
  gedachte.  Nach  den  ((irrigen)  Kundschafternachrichten
sollte  dort  außer  Clam-Gallas  und  den  Sachsen  auch  noch
das  zweite  österreichische  Armeecorps,  im  Ganzen  also  zwischen
80000  und  90000  Mann,  stehen:  um  so  mehr  entschloß  sich
der  Prinz,  vor  jedem  weitern  Schritte  erst  das  Herankommen
der  Elbarmee  bei  Reichenberg  abzuwarten,  da  diese  von
Dresden  aus  mindestens  zwölf  Meilen,  zum  Theil  auf  sehr
beschwerlichen  Gebirgsstraßen,  zurückzulegen  hatte,  und  ihr
Vortrab  erst  am  Abend  des  25.  Juni  bei  Gabel,  drei  Meilen
westlich  von  Reichenberg,  anlangte.  Demnach  verwandte  der
Prinz  diesen  Tag  nur  zu  näherer  Sammlung  seiner  Divisionen
  um  Reichenberg,  und  gab  dann  am  26.  den  Befehl
zum  allseitigen  Vormarsch  gegen  die  Iser,  und  zwar  der  ersten
Armee  gegen  einen  nördlich  gelegenen  Übergangspunkt,  das
Städtchen  Turnau,  2  1½  Meile  von  Reichenberg  entfernt,  der
Elbarmee  aber  gegen  die  weiter  stromabwärts  gelegene,  von
Gabel  4½  Meile  entfernte  Stadt  Münchengrätz.  Auf  beiden
Seiten  war  man  darauf  gefaßt,  an  diesem  Tage  den  ersten
ernstlichen  Kugelwechsel  mit  dem  Feinde  zu  erleben.  Auch
sollte  diese,  von  den  Truppen  mit  Jubel  begrüßte  Erwartung
nicht  täuschen.
        <pb n="121" />
        Benedel's  Weisungen  fũür  die  böhmischen  Corps.  107

Feldzeugmeister  Benedek  war,  nachdem  ihn  die  Aussicht
auf  sächsische  und  vielleicht  auf  bayerische  Mitwirkung  aus
seiner  Olmützer  Defensivstellung  aufgerüttelt  hatte,  nach  guten
Gründen  zu  der  Absicht  gekommen,  seinen  Offensivstoß  gegen
die  Streitmacht  des  Prinzen  Friedrich  Carl  zu  richten.  Damals
  wußte  er  nur  von  zwei  preußischen  Armeecorps  in
Schlesien,  welche  dabei  vielleicht  seine  Flanke  bedrohen  möchten:
ließ  er  zu  deren  Beobachtung  zwei  der  seinigen  zurück,  so
konnte  er  vier  Corps  zur  Vereinigung  mit  Clam-Gallas  und
den  Sachsen  vorführen,  und  dann,  wie  er  dachte,  mit  erdrückender
  Übermacht,  180  000  gegen  130000,  den  Prinzen
angreisen  und  besiegen.  Die  beiden  feindlichen  Corps  in
Schlesien  hätten  ihm  nach  einem  solchen  Erfolge  nicht  mehr
große  Sorge  gemacht.  Der  Plan  war  unter  diesen  Voraussetzungen
  einleuchtend  richtig,  aus  dem  einfachen  Grunde,
weil  er  dem  österreichischen  Heere  die  kürzeste  Straße  von
Wien  nach  Berlin  geöffnet  hätte.  Ganz  in  dem  Sinne  desselben
  schrieb  er  am  23.  Juni  dem  Kronprinzen  von  Sachsen,
unter  dessen  Oberbefehl  er  den  Grafen  Clam  stellte,  die  an
der  Iser  versammelten  Truppen  hätten  die  Bestimmung,  einem
von  Reichenberg  oder  Gabel  kommenden  feindlichen  Angriff
entgegen  zu  treten;  dieselben  würden  dabei  von  anlangenden
Heertheilen  der  Hauptarmee  unterstützt  werden,  oder  hätten
sich  auf  dieselbe  bei  einem  bedeutend  überlegenen  Angriffe
zurückzuziehen.  Der  Sinn  dieses  Befehls  konnte  keinem
Zweifel  unterliegen;  Verzögerung  des  feindlichen  Vorrückens,
so  weit  dieselbe  ohne  eigene  Gefährdung  möglich  war;  wenn
aber  eine  solche  drohe,  fest  geordnetes  Weichen  bis  zum  Eintreffen
  der  herankommenden  Verstärkung.  Der  Kronprinz
zog  demnach  seine  Sachsen  näher  an  Mülnchengrätz  heran,
        <pb n="122" />
        108  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

wo  Graf  Clam  das  erste  Corps  aufgestellt  hatte,  und  schlug
dem  Grafen  vor,  von  dort  aus  auch  Turnau  hinreichend  stark
zu  besetzen.  Dem  aber  widersprach  der  Graf  wegen  Turnaus
unglnstiger  Localität,  und  der  Kronprinz  ließ  es  dabeie
bewenden.  Vor  Turnau,  westlich  der  Iser,  stand  nur  noch
Edelsheim's  Reiterdivision  bei  Sichrow,  hatte  aber  Clam's
Weisung,  bei  Herandrängen  des  Feindes  über  den  Fluß  zurückzugehen,
  und  dann  ebenfalls  in  die  Stellung  bei  Münchengrätz
  einzurücken.  Hier  hatte  übrigens  Graf  Clam  auch  das
rechte  Iserufer  nicht  unbesetzt  gelassen,  und  seine  Vorpostenkette
  über  eine  Meile  weit  bis  nach  Hühnerwasser  und
Weiswasser  ausgedehnt.

Diese  Truppen  waren  es  also,  mit  welchen  Herwarth's
Vortrab  unter  General  Schöler  bei  Hühnerwasser  zusammentraf.
  Zuerst  die  österreichischen  Husaren,  dann  ein  Bataillon
Infanterie  wurden  mit  Übermacht  aus  dem  Orte  und  dann
aus  einem  benachbarten  Walde  hinausgedrängt,  und  am
Abend  ein  Versuch  kaiserlicher  Jäger,  die  Stellung  wieder  zu
nehmen,  nachdrücklich  abgewiesen.  Nur  noch  eine  Meile  weit
war  man  von  Münchengrätz  entfernt.  Von  der  ersten  Armee
gingen  unterdessen  General  Fransecky  mit  der  siebenten  und
General  Horn  mit  der  achten  Division  auf  der  Straße  von
Reichenberg  nach  Turnau  gegen  Liebenau  vor;  dicht  hinter
diesem  Orte  stieß  der  Vortrab  der  letztern  auf  Edelsheim's
Dragoner,  welche  zu  Fuß  in  einem  Wäldchen  die  durch  einen
Verhau  gesperrte  Straße  zu  vertheidigen  suchten.  Das
preußische  Fußvolk  brach  sehr  bald  hindurch,  erhielt  dann
Feuer  von  Edelsheim's  reitenden  Batterien,  nöthigte  dieselben
ober  durch  seine  unaufhaltsam  vorgehenden  Schützenschwärme
zum  Abzug.  Demnach  verzichtete  Edelsheim  auf  weitern  Kampf,
        <pb n="123" />
        Die  Preußen  in  Turnau,  die  Austro-Sachsen  in  Münchengrätz.  109

ging,  Clam's  Weisungen  entsprechend,  bei  Turnau  über  die
Iser  zurück  und  wandte  sich  von  dort  südwärts  nach  Münchengrätz.
  Hierauf  konnte  General  Fransecky  Turnau  vom  Feinde
ungehindert  besetzen  und  sofort  die  halbzerstörte  Iserbrücke
herstellen  lassen,  während  Horn  seinen  Marsch  etwas  weiter
südlich  gegen  einen  zweiten  Übergangspunkt,  das  kleine  Dorf
Podol,  richtete,  wo  sich  neben  einander  eine  Chaussee=  und
eine  Eisenbahnbrücke  zum  weitern  Vormarsch  darboten.

So  standen  die  Dinge,  als  am  Nachmittag  gegen  drei  Uhr
in  Münchengrätz  ein  telegraphischer  Befehl  Benedek's  einlief,
Münchengrätz  und  Turnau  um  jeden  Preis  zu  halten.  Wie
das  Vorrücken  der  österreichischen  Hauptarmee  sich  bis  zum
26.  Juni  entwickelt  hatte,  konnte  der  Feldzeugmeister  hoffen,
binnen  48  Stunden  mit  zwei  Corps  an  der  Iser  anzulangen,
dann  also  stark  genug  zu  sein,  um  den  Fortschritten  Friedrich
Carl's  bis  zur  Ankunft  weiterer  Streitkräfte  Einhalt  zu  thun,
zumal  bis  zur  Stunde  die  zweite  preußische  Armee  noch  keine
Einwirkung  hatte  verspüren  lassen.  Nach  dem  Empfange
jenes  Telegramms  mochte  der  sächsische  Kronprinz  es  bereuen,
seine  Absicht  hinsichtlich  Turnaus  gegen  Clam's  Widerspruch
Tags  zuvor  nicht  durchgesetzt  zu  haben;  indessen,  das  Unheil
war  einmal  geschehen,  und  es  fragte  sich,  ob  und  wie  es
wieder  gutgemacht  werden  könnte.  Nun  wußte  man,  daß
von  Friedrich  Carl's  Truppen  nur  das  vierte  Armeecorps
zur  Stelle,  die  beiden  andern  weiter  zurück  seien;  auch  hatte
Edelsheim  gemeldet,  Turnau  sei  nur  schwach  vom  Feindé
besetzt:  so  faßte  der  Kronprinz  den  Gedanken,  die  Iser  durch
einen  kecken  Angriffsversuch  zu  vertheidigen,  Turnau  durch
nächtlichen  Überfall  wieder  zu  nehmen,  und  dann  am  Morgen
mit  gesammter  Krast  bei  Turnau  und  Podol  den  Fluß  zu
        <pb n="124" />
        110  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

überschreiten,  und  das  feindliche  vierte  Corps  mit  Übermacht
zu  schlagen,  ehe  die  beiden  andern  herankämen.  Nur  zwei
Brigaden  sollten  während  dessen  Münchengrätz  gegen  Herwarth
  decken.  Dies  wurde  sogleich  an  Benedek  gemeldet  und
die  Truppen  in  Marsch  gesetzt.  Das  Unternehmen  hätte
ihnen  übel  ausschlagen  können,  wenn  das  vierte  Corps  aushielt,
  bis  die  andern  zu  Hülfe  erschienen,  und  zugleich  Herwarth,
  statt  Münchengrätz  anzugreifen,  dem  feindlichen  Heere
in  die  Flanke  fiel.  Aber  die  Raschheit  der  preußischen  Bewegungen
  machte  im  Voraus  einen  blutigen  Strich  durch  die
ganze  Rechnung.

Am  Abend  sechs  Uhr  erschienen  bei  Podol,  wo  am  folgenden
  Morgen  die  Hauptcolonne  des  österreichischen  Angriffs
hervorbrechen  sollte,  zwei  preußische  Compagnien  vom  Vortrab
  der  achten  Division,  jagten  die  halb  so  starke  Besatzung
des  Dorfes  aus  dem  Orte  und  über  die  Brücken  hinüber,
und  setzten  sich  dort  fest.  Sehr  bald  kam  Verstärkung  von
beiden  Seiten,  zuerst  überwiegend  von  der  österreichischen;
die  Brigade  Poschacher,  seit  ihren  Kämpfen  1864  vor  dem
Danewerke  die  eiserne  genannt,  nahm  die  Brücken  und  das
Dorf  im  Sturme  wieder,  als  dann  aber  General  Bose  zwei
frische  Regimenter  heranführte,  entspann  sich  um  den  Besitz
des  Ortes  im  Abenddunkel  ein  äußerst  hartnäckiges  Gefecht.
Die  OÖsterreicher  hatten  ihre  Hauptmacht  in  der  engen  Dorfstraße
  und  den  sie  begrenzenden  Häusern  aufgehäuft;  die
Preußen  stellten  ihnen  dort  nur  kleinere  Abtheilungen  entgegen,
  deren  Schnellfeuer  aber  zur  Sperrung  der  Straße
hinreichte;  ihre  Reserven  gingen  dann  rechts  und  links  hinter
den  Häusern  vor,  faßten,  wo  sich  ein  Durchgang  zeigte,  den
Gegner  in  Flanke  und  Rücken,  und  nahmen,  was  vorwärts
        <pb n="125" />
        Gefecht  bei  Podol.  111

in  den  Häusern  steckte,  gefangen.  Bald  nach  Mitternacht  war
der  Sieg  der  Preußen  entschieden,  und  der  Übergang  über  die
Iser  auch  an  diesem  Punkte  gewonnen.  Der  preußische  Verlust
an  Todten  und  Verwundeten  betrug  130  Mann,  der  feindliche,
in  Folge  der  Überlegenheit  der  Zündnadel  und  der  gelenkern
preußischen  Taktik,  beinahe  500  Mann,  dazu  550  Gefangene.

Der  Schlag  war  für  den  sächsischen  Kronprinzen  um  so
empfindlicher,  als  er  nicht  bloß  seinen  Offensivplan  durchkreuzte,
  sondern  seine  Stellung  an  der  Iser  überhaupt  unhaltbar
  machte.  Denn  Turnau  lag  eine  Meile  näher  bei
Gitschin  als  Münchengrätz,  Prinz  Friedrich  Carl  konnte  also
von  dort  den  Österreichern  in  Gitschin  zuvorkommen,  und
vollends  von  Podol  her  hatte  er  die  Möglichkeit,  dem  Gegner
den  Rückzug  nach  Gitschin  völlig  zu  verlegen,  damit  aber  die
Vereinigung  desselben  mit  Benedek  überhaupt  zu  verhindern.
Es  war  also  für  den  Kronprinzen  dringend  geboten,  so  rasch
wie  möglich  die  gefährdete  Stellung  an  der  Iser  zu  verlassen,
und  nach  Gitschin  zurückzugehen,  ehe  die  Preußen  den  gewonnenen
  Vortheil  weiter  verfolgten  —  zumal  am  frühen
Morgen  des  27.  Juni  eine  neue  Depesche  Benedek's  von
weitern  Kämpfen  an  der  Iser  abrieth,  weil  die  preußische
zweite  Armee  so  eben  die  schlesisch-böhmische  Grenze  überschritten
  habe,  mithin  eine  schleunige  Concentration  aller  österreichischen
  Streitkräfte  doppelt  dringend  erscheine.  Indessen
verging  der  Vormittag  des  27.,  ehe  der  Kronprinz  zu  einer
Verständigung  mit  dem  Grafen  Clam  über  die  nächsten  Maaßregeln
  gelangte:  es  wurde  dann  beschlossen,  einen  kleinen
Theil  der  Truppen  noch  an  diesem  Tage  nach  Gitschin  in
Bewegung  zu  setzen,  die  Übrigen  aber  erst  am  Morgen  des
28.  Juni  folgen  zu  lassen.
        <pb n="126" />
        112  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

Zu  ihrem  Glücke  ging  auch  auf  preußischer  Seite  am
27.  Juni  kein  Truppencorps  vorwärts  über  die  Iserlinie
hinaus.  Vielmehr  verbrauchte  Prinz  Friedrich  Carl  den  Tag
nur  zu  näherem  Heranziehen  des  zweiten  und  dritten  Armeecorps,
  in  dem  Gedanken,  dann  am  28.  den  Gegner  in
der  ausgesetzten  Stellung  bei  Münchengrätz  von  zwei  Seiten
anzugreisen  und  vernichtend  zu  schlagen.  Von  Westen  her
sollte  General  Herwarth,  von  Norden,  aus  Podol,  ein  großer
Theil  der  ersten  Armee  auf  Münchengrätz  vorgehen,  während
eine  Division  der  letztern  gleichzeitig  von  Turnau  auf  der
Straße  nach  Gitschin  sich  diesem  Platze  möglichst  nähern
würde.  Hätte  man  den  Feind  am  28.  noch  unbeweglich  in  der
bisherigen  Aufstellung  angetroffen,  so  wäre  eine  völlige  Umzingelung
  desselben  keineswegs  unmöglich  gewesen.  Da  aber
die  Austro-Sachsen  von  Münchengrätz  in  derselben  Morgenfrühe
  abzuziehen  begannen,  in  welcher  die  Preußen  sich  zum
Vormarsch  gegen  diesen  Ort  erhoben,  so  war  das  einzige
Ergebniß  des  Tages  ein  scharfes  Gefecht  der  österreichischen
Arrieèregarde,  worin  diese  allerdings  schmerzliche  Verluste  erlitt
(300  Mann  todt  oder  verwundet,  1300  gefangen  oder  vermißt),
  der  Marsch  der  Hauptmasse  aber  in  der  Richtung  auf
Gitschin  sich  ungestört  vollziehen  konnte.  Jede  Partei  also
hatte  Grund,  zu  bedauern,  ihre  Bewegung  um  einen  Tag
verschoben  zu  haben.

Prinz  Friedrich  Carl  beeilte  sich  darauf  am  29.  Juni
um  so  mehr  zu  einer  kräftigen  Verfolgung  des  Gegners,  als
er  Tags  zuvor  telegraphische  Nachricht  von  den  schweren,
am  27.  nur  zur  Hälfte  glücklichen  Kämpfen  seiner  schlesischen
Genossen  erhalten  hatte,  und  am  Morgen  des  29.  ihm  aus
Berlin  die  inhaltschweren  Worte  zukamen:  „Seine  Majestät
        <pb n="127" />
        NORDLICHES
BöHMEN

 

 

        

Skalitz

Jesephatadt
.  KÖNIGRTTz
2  .
"

—

5
Pardubfts
        <pb n="128" />
        <pb n="129" />
        Beschleunigtes  Vorgehen  der  ersten  Armee.  113

erwarten,  daß  die  erste  Armee  durch  beschleunigtes  Vorrücken
die  zweite  Armee  degagire,  welche  trotz  einer  Reihe  siegreicher
Gesechte  dennoch  sich  augenblicklich  in  einer  schwierigen  Lage
befindet.“  Es  war  in  verstärkter  Form  dieselbe  Weisung,
nach  welcher  die  erste  Armee  den  Feldzug  begonnen  hatte,
und  man  wird  eingestehen  müssen,  daß  sie  bisher  mehr  nach
gründlicher  Besiegung  der  ihr  unmittelbar  gegenüber  stehenden
Heertheile,  als  nach  der  raschen  Vereinigung  mit  der  schlesischen
  Armee  gestrebt  hatte.  Sie  war  methodisch  und  vorsichtig
  verfahren;  sie  hatte  vier  Tage  gebraucht,  um  von  Seidenberg-Zittau
  die  fünf  bis  sieben  Meilen  bis  Turnau  zurückzulegen,
  und  dann  bei  Turnau  am  fünften  Tage  kein  weiteres
Vorschreiten  begonnen,  Alles  nach  der  Regel,  sich  im  Angesichte
  des  Feindes  niemals  zersplittert  antreffen  zu  lassen.
Gewiß,  jede  Abweichung  davon  wäre  ein  Wagniß  gewesen:
Moltke's  Meinung  ging  aber  dahin,  daß  bei  der  Tüchtigkeit
der  Truppen  und  der  Stellung  des  Feindes  etwas  gewagt
werden  dürfe,  und  daß  bei  der  Gefährdung  der  zweiten  Armce
Alles  gewagt  werden  müsse.  Prinz  Friedrich  Carl  war  jetz,
nachdem  das  Telegramm  ihn  von  der  Last  der  Verantwortung
befreit  hatte,  zum  kühnsten  Vorgehen  bereit:  zwei  Stunden
nach  Empfang  der  Depesche,  neun  Uhr,  ging  seine  Disposition
  an  die  Truppentheile  ab,  und  ohne  allen  Zweifel,  sie
zeugte  von  wagendem  Muthe.  Der  Landstrich  zwischen  der
Iser  und  Gitschin  ist  erfüllt  von  Wäldern,  Schluchten  und
Defileen;  die  Höhenrücken  steigen  gleich  hinter  Münchengrätz
und  dann  wieder  eine  Stunde  vor  Gitschin  zu  felsigen,  steil
abgeböschten  Kuppen  auf.  Für  den  Vormarsch  gab  es  nur
die  beiden  Straßen  von  Turnau  und  von  Münchengrätz;  das

dazwischen  liegende  Gelände  war  für  gröhere.  Truppenv.
  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Neiches.  V.
        <pb n="130" />
        114  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

bewegungen  ungangbar:  so  mußten  auf  jeder  Straße  zwei
Divisionen  hinter  einander  dahinziehen;  die  erste  derselben
auf  jeder  Seite  würde  die  Last  des  Kampfes  einige  Stunden
allein  tragen,  wobei  dann  die  Beschaffenheit  des  Terrains
eine  gegenseitige  Unterstützung  äußerst  schwierig  gemacht  hätte.
Für  die  beiden  letzten  Divisionen  der  ersten  Armee  wurden
die  Straßen  erst  gegen  Abend  frei,  so  daß  sie  halbes  Wegs
zwischen  Münchengrätz  und  Gitschin  Halt  zu  machen  hatten;
vollends  von  einer  Mitwirkung  der  Elbarmee  an  diesem  Tage
konnte  gar  keine  Rede  sein.  Indessen,  man  vertraute  auf  die
bisher  bewährte  üÜberlegenheit  der  Truppen,  der  Gefechtsweise,
  der  Führung,  und  General  von  Tümpling  mit  der
fünften,  General  von  Werder  mit  der  dritten  Division,  eilten,
jener  auf  der  Turnauer,  dieser  auf  der  Münchengrätzer  Straße,
gleich  siegesmuthig  dem  Streite  entgegen.

Die  Gegner  waren  nicht  weniger  bestimmt  entschlossen,
den  preußischen  Angriff  vor  Gitschin  zu  erwarten.  General
Benedek  hatte  bis  dahin  an  dem  Vorsatze  festgehalten,  nur
zwei  Armeecorps  zur  Beobachtung  der  schlesischen  Armee  an
der  Elbe  zurückzulassen,  mit  den  vier  andern  aber  sich  auf
den  Prinzen  Friedrich  Carl  zu  werfen.  So  telegraphirte  er
in  der  Nacht  auf  den  28.  Juni  dem  Kronprinzen  von  Sachsen,
das  große  Hauptquartier  werde  am  30.  in  Gitschin  anlangen  ;
am  Morgen  des  28.  folgte  ein  telegraphischer  Befehl,  daß
der  Kronprinz  seine  Truppen  zur  Hauptarmee  hinzuführen
habe,  um  dann  in  Verbindung  mit  dieser  die  Preußen  wieder
über  die  Iser  zurückzuwerfen  und  weiter  zu  verfolgen.  Der
Kronprinz  erhielt  dadurch  die  Sicherheit,  daß  der  eben  begonnene
  Rückzug  von  der  Iser  nach  Gitschin  mit  den  Plänen
des  Oberfeldherrn  nicht  im  Widerspruch  stehe.  Am  Abend
        <pb n="131" />
        Stellung  der  Austrosachsen  bei  Gitschin.  115

des  28.,  gleich  nach  fünf  Uhr,  sandte  ihm  Benedek  aus
Josephstadt  die  ausführliche  Disposition  für  den  Vormarsch
von  vier  Armeecorps  nach  Gitschin  zu,  von  welchen  der  Vortrab
  des  dritten  Corps  schon  am  Abend  des  29.  Gitschin
erreichen  mochte,  die  Hauptmasse  desselben,  sowie  das  sechste
und  achte  Corps  am  30,  bereits  über  Gitschin  hinaus  gegen  die
Iser  vorgehen  würden.  Dieses  Schriftstück  gelangte  erst  am  29.
um  zwei  Uhr  Nachmittags  in  die  Hände  des  Kronprinzen;
es  entschied  den  Beschluß,  den  für  alle  jene  Bewegungen  unerläßlichen
  Besitz  von  Gitschin  bis  auf  den  letzten  Athemzug
zu  vertheidigen.  Die  Truppen,  zum  Theil  schon  um  ein  Uhr
Morgens  aus  ihren  Biwaks  aufgebrochen,  waren  im  Laufe
des  Vormittags  sehr  ermüdet  bei  Gitschin  angelangt;  indessen
erwartete  man,  da  bis  dahin  weit  und  breit  völlige  Stille
über  der  Landschaft  lag,  an  diesem  Tage  keinen  feindlichen
Angriff  mehr.  Man  gog  die  Hälfte  der  sächsischen  Truppen
etwas  näher,  als  ursprünglich  beabsichtigt  war,  an  die  Stadt
heran,  und  hatte  damit  zu  deren  Beschützung  fünf  österreichische
und  zwei  sächsische  Brigaden  nebst  zwei  Reiterdivisionen,  also
mehr  als  50000  Mann,  zur  Hand.  Zur  Abwehr  des  Feindes
hatte  sich  Graf  Clam  eine  äußerst  starke  Stellung  nördlich
der  Stadt  ausersehen.  Wie  erwähnt,  liegt  dort  zwischen  der
Turnauer  und  der  Münchengrätzer  Straße  eine  Berggruppe,
der  Turnauer  Straße  zunächst  ein  lang  gestreckter  Höhenrücken,
  der  Privysin,  vor  dessen  nördlichem  Abhang  sich  ein
sumpfiger  Wiesengrund  ausdehnt,  und  an  dessen  westliches
Ende  sich  steil  aufgethürmt  und  waldbewachsen  die  Prachower
Felsen  anschließen.  Hart  an  deren  südlichem  Fuße  zieht  sich
dann  neben  den  Dörfern  Lochow  und  Wohawetsch  die  Münchengrätzer
  Straße  hin,  eingeschnitten  in  eine  nach  der  Stadt  sich
        <pb n="132" />
        116  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

allmählich  senkende  Hochebene.  Auch  die  Turnauer  Straße
überschreitet  östlich  vom  Privysin  bei  den  Dörfern  Podulsch
und  Brada  eine  Hochebene,  und  geht  darauf  nicht  weit  von
dem  Dorfe  Diletz  zu  Thale,  auf  beiden  Seiten  von  isolirten
Bergkuppen  überhöht.  Die  Osterreicher  hatten  alle  diese  Bergspitzen
  mit  starken  Batterien  gekrönt,  die  Abhänge  derselben
und  die  Ortschaften  dazwischen  mit  ihren  Infanterie-Massen
besetzt,  etwas  vor  Diletz  ihre  Artillerie  Reserve  von  56  Geschützen
  und  die  Reiterdivision  Edelsheim  aufgestellt.  Ostlich
von  der  Turnauer  Straße  stand  die  österreichische  Brigade
Piret;  der  eigentliche  Schlüsselpunkt  der  Stellung,  Diletz,
sollte  von  zwei  sächsischen  Brigaden  vertheidigt  werden.  Zwei
andere  kaiserliche  Brigaden,  Poschacher  und  Leiningen,  deckten
Podulsch  und  die  Abhänge  des  Privysin,  eine  dritte,  unter
General  Abele,  stand  bei  den  Prachower  Felsen  nach  beiden
Seiten  zur  Unterstützung  bereit;  die  letzte  endlich  hielt  Lochow
und  Wohawetsch  an  der  Münchengrätzer  Straße  besetzt.  So
meinte  man,  Grund  genug  zur  Sicherheit  zu  haben,  und  bis
zur  Ankunft  des  Hauptheeres  unbezwinglich  festzustehen.

Die  österreichischen  Truppen  waren  gegen  vier  Uhr  Nachmittags
  in  aller  Ruhe  eben  beschäftigt,  abzukochen,  als  zurückeilende
  Vorposten  die  Nachricht  von  der  Annäherung  des
Feindes  auf  der  Turnauer  Straße  brachten.  General
von  Tümpling  hatte  nach  Empfang  der  Instruction  seines
Oberfeldherrn  bald  nach  Mittag  seine  Division  aus  dem
Biwak  bei  Rowensko  in  Marsch  gesetzt.  Als  er  von  der
Hochfläche  aus  fern  im  Thale  Gitschin,  und  rechts  und  links
die  Stellung  des  Gegners  überblickte,  erkannte  er  mit  raschem
Urtheil  Diletz  als  den  entscheidenden  Punkt,  und  ließ  die
volle  Hälfte  seiner  Streitkräfte  in  dieser  Richtung  vorgehen.
        <pb n="133" />
        Schlacht  bei  Gitschin.  117

Sofort  erdröhnte  von  allen  Seiten  her  das  Feuer  der  österreichischen
  Geschütze,  gegen  welche  die  preußische  Artillerie  in
einen  sehr  ungleichen  Kampf  eintrat;  vor  Allem  waren  es  die
feindlichen  Batterien  bei  Podulsch,  welche  die  auf  Diletz  entsandte
  Cokonne  belästigten:  so  eröffnete  Tümpling  den  Angriff
auch  auf  jenes  Dorf,  nahm  die  Hälfte  desselben,  vermochte  aber
aus  der  andern  die  Osterreicher  nicht  zu  verdrängen;  vielmehr
entwickelte  sich  dort  ein  stehendes,  für  beide  Theile  verlustreiches
  Feuergefecht.  Tümpling  dachte  deshalb  auf  eine  Umgehung
  des  Feindes,  und  entsandte  zu  diesem  Zweck  einige
Bataillone  zur  Besetzung  des  Privysin;  diese  aber  fanden
keinen  Weg,  um  den  vorliegenden  Sumpf  zu  passiren,  von
dessen  jenseitigem  Rande  sie  scharfes  feindliches  Feuer  erhielten;
ihr  Führer  setzte  also  die  umgehende  Bewegung  noch  weiter  nach
Westen  fort,  und  suchte  die  Prachower  Felsen  dem  Gegner
zu  entreißen.  Hier  kam  es  denn  zwischen  den  Klippen  und
Steinmassen  zu  einem  wilden  Handgemenge,  wobei  die  Preußen
langsam  Boden  gewannen,  vor  der  Masse  der  feindlichen  Verstärkungen
  aber  bald  wieder  zurückweichen  mußten.  Unterdessen
  hatte  am  andern  Ende  des  Schlachtfeldes  Oberst
von  Gaudy  unter  stetem  Kampfe  mit  der  feindlichen  Reiterei
und  Artillerie  Diletz  erreicht,  und  da  die  sächsischen  Brigaden
dort  noch  nicht  angelangt  waren,  das  Dorf  ohne  Mühe  den
österreichischen  Dragonern  entrissen.  Trotzdem  war  die  Lage
der  Angreifer  in  diesem  Zeitpunkt,  etwas  nach  sechs  Uhr,
keineswegs  unbedenklich.  Durch  jene  weiten  Umgehungsversuche
  ihres  rechten  Flügels  war  die  Kampflinie  bis  auf
eine  Länge  von  6000  Schritt  ausgedehnt,  ihre  Kräfte  also
weithin  zersplittert,  und  Tümpling  hatte  nur  noch  ein  einziges
Bataillon  in  Reserve,  während  der  Gegner  19  bis  dahin
        <pb n="134" />
        118  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

unberührte,  in  jedem  Augenblick  verfügbare  Bataillone  im
Rückhalt  hatte.  Eine  halbe  Stunde  weiter,  und  die  erste
sächsische  Brigade  erschien  bei  Diletz  und  trieb  die  preußischen
dort  anwesenden  Compagnien  wieder  aus  dem  Orte  heraus,
ehe  Gaudy's  sonstige  Streitkräfte  denselben  zu  Hülfe  kommen
konnten.  Ein  kräftiges  allgemeines  Vordringen  der  austrosächsischen
  Massen  in  diesem  Augenblick  (beinahe  35000  Mann
gegen  13000),  hätte  über  die  preußische  Division  schweres
Unheil  verhängen  können.

Aber  eine  entscheidende  Wendung  der  Dinge  stand  bevor.
Bald  nach  sieben  Uhr  näherte  sich  auf  preußischer  Seite  die
Spitze  der  vierten  Division  dem  Schlachtfelde,  und  auch  auf
der  Münchengrätzer  Straße  war  General  Fransecky  nicht
mehr  weit  entfernt.  So  war  eine  völlige  Niederlage  der
Preußen  nicht  zu  besorgen:  immer  aber  war  es  die  Frage,
ob  vor  dem  Eingreifen  der  Genossen  General  Tümpling  bei
einem  gleichzeitigen  Angriff  der  Sachsen,  Piret's  und  Leiningen's
  ein  Durchbrechen  seines  schwachen  Centrums  würde
verhindern  können.  Allein  auch  dazu  sollte  es  nicht  mehr
kommen.  Denn  um  dieselbe  Zeit  traf  bei  dem  sächsischen
Kronprinzen  ein  Officier  aus  Benedek's  Hauptquartier  mit
der  Weisung  ein,  jedes  Gefecht  mit  einem  überlegenen
Gegner  zu  vermeiden,  und  möglichst  rasch  sich  an  die  Hauptarmee
  heranzuziehen,  da  die  früher  in  Aussicht  gestellten  vier
Armeecorps  eine  andere  Bestimmung  erhalten  hätten.  Benedek
hatte,  wie  wir  sehen  werden,  in  Folge  der  Siege  der  schlesischen
  Armee  den  Plan  zum  Vormarsch  an  die  Iser  im  Laufe
der  Nacht  vom  28.  auf  den  29.  aufgegeben,  die  dadurch  erforderlich
  gewordenen  Befehle  aber  aus  unbekannten  Gründen
nicht  gleich  am  Morgen,  sondern  erst  am  Nachmittag  nach
        <pb n="135" />
        Rückzug  der  Austrosachsen.  119

Gitschin  abgesandt.  Nichts  konnte  schlimmere  Wirkung  für
seine  Sache  haben,  als  diese  Zögerung.  Bei  rechtzeitiger
Ankunft  des  Boten  wären  der  Kronprinz  und  Graf  Clam
unaufgehalten  weiter  nach  Miletin  marschirt  und  hätten  ihre
Brigaden  in  unversehrtem  Zustand  mit  der  Hauptarmee  vereinigt.
  Jetzt  aber  fand  sie  der  Rückzugsbefehl  inmitten  eines
heißen  Kampfes,  und  traf  sie,  wie  es  scheint,  mit  so  überraschender
  Wucht,  daß  sie  ohne  irgend  weitere  Erwägung  an
alle  ihre  Truppentheile  auf  der  Stelle  die  Ordre  sandten,
das  Gefecht  abzubrechen  und  den  Marsch  nach  und  durch
Gitschin  anzutreten.  Benedek's  Weisung  hatte  ihnen  verboten,
sich  auf  Kämpfe  mit  einem  Überlegenen  Gegner  einzulassen;
hier  aber  stand  man  bereits  im  Kampfe  mit  einem  Gegner,
gegen  welchen  man  eine  mehr  als  doppelte  Übermacht  heranführen
  konnte,  und  kein  Gedanke  hätte  näher  gelegen,  als
sich  desselben  erst  durch  einen  mächtigen  Offensivstoß  zu  entledigen,
  und  dann  den  befohlenen  Abmarsch  unbelästigt  zu
beginnen.  Statt  dessen  aber  lähmte  man  durch  den  Befehl
zum  sofortigen  Rückzug  die  Energie  der  kämpfenden  Truppen,
erfrischte  dem  Feinde  den  Muth  und  zog  so  eine  wahrhaft
verhängnißvolle  Katastrophe  über  sich  herein.

Da  in  dem  dreistündigen,  hin  und  her  wogenden  Kampfgetümmel
  auf  dem  weit  ausgedehnten  Gefechtsfelde  die  Truppen
vielfach  aus  und  durch  einander  gerathen  waren,  so  erreichte
der  Rückzugsbefehl  zahlreiche  Abtheilungen  gar  nicht;  den
Übrigen  stellte  er  die  schwere  Aufgabe,  mitten  im  blutigen
Ringen  das  Gefecht  abzubrechen  und  möglichst  ungeschädigt
vor  dem  Feinde  zurückzuweichen.  Das  war  jedoch  leichter
angeordnet  als  ausgeführt,  da  die  Gegner  trotz  oder  auch
wegen  ihrer  Minderzahl  unablässig  auf  allen  Punkten  im
        <pb n="136" />
        120  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

Angriff  blieben:  die  gerade  dem  brandenburger  Soldaten
eigene  Verbindung  von  Keckheit  und  Zähigkeit  kam  an  diesem
Tage  zu  ruhmreicher  Geltung.  In  dem  Augenblicke,  in
welchem  die  Sachsen  die  Räumung  von  Diletz  begannen,
brach  ein  neuer,  mit  verstärkten  Kräften  unternommener
Ansturm  der  Preußen  über  sie  herein;  jene  blieben  beim
Rückmarsch  in  fester  Haltung,  erlitten  aber  schwere  Verluste.
Durch  das  preußische  Vordringen  an  dieser  Stelle  sah  General
Piret  den  Rückzug  seiner  Brigade  und  mehrerer  Batterien
ernstlich  gefährdet;  er  suchte  sich  durch  einen  Offensivstoß
mit  sechs  Bataillonen  gegen  die  Flanke  des  Gegners  zu  helfen;
seine  Truppen  aber,  zur  Hälfte  Italiener,  gingen  nur  mit
schwachem  Eifer  vor,  und  das  Schnellfeuer  von  sechs  preußischen
  Compagnien  genügte,  die  vierfache  Übermacht  blutig
zurückzuschlagen.  Etwas  später  vollendete  dann  General
von  Tümpling  die  Einnahme  von  Podulsch  und  Brada,  so
wie  der  Abhänge  des  Privysin,  wo  überall  feindliche  Abtheilungen
  zurückgeblieben  waren  und  theils  geworfen,  theils
gefangen  wurden.  Tümpling  selbst  wurde  hier  verwundet,
hinterließ  jedoch  seinem  Vertreter  den  gemessenen  Befehl,
Gitschin  noch  heute  zu  nehmen.  Dieselbe  Losung  aber  erklang
in  dieser  Stunde  noch  an  einer  andern  Stelle,  auf  der
Münchengrätzer  Straße,  bei  der  Division  des  Generals
von  Werder.

Diese  Truppen,  kräftige  Pommern,  hatten  einen  erheblich
weitern  Marsch  als  Tümpling  zurücklegen  müssen,  so  daß  sie
erst  gegen  sechs  Uhr  Abends  am  Fuße  der  Prachower  Felsen
des  Gegners  in  Lochow  ansichtig  wurden.  Hier  stand  nebst
zwei  Reiterregimentern  die  Brigade  Ringelsheim,  welcher  das
Dorf  im  ersten  Anlaufe  entrissen  wurde.  Dann  aber  kamen
        <pb n="137" />
        Schwere  Verluste  der  Austrosachsen.  121

ihr  zwei  Bataillone  und  eine  Batterie  der  Brigade  Abele
von  Prachow  her  zu  Hülfe,  so  daß  jetzt  in  vortheilhafter
Stellung  10000  Verbündete  gegen  13000  Preußen  fochten
und  alle  weitern  Angriffe  der  letztern  abwiesen.  Endlich  sandte
General  Werder  eine  Colonne  in  weitem  Bogen  südlich  der
Straße  zur  Umgehung  der  feindlichen  Stellung;  sie  kam  jedoch
bei  der  Schwierigkeit  des  Terrains  nur  langsam  vorwärts,
drängte  dann  einige  österreichische  Bataillone  unter  scharfem
Kampfe  zurück,  ehe  sie  aber  die  Straße  im  Rücken  von
Wohawetsch  wieder  erreichte,  hatten  bereits  die  österreichischen
Generale  den  allgemeinen  Rückzugsbefehl  erhalten  und  die
Ausführung  begonnen.

Werder  verfügte  sogleich  trotz  der  großen  Ermüdung
seiner  Soldaten  lebhaftes  Nachrücken  und  Eindringen  in  die
Stadt.  Die  Truppen  setzten  bereitwillig  ihre  letzte  Kraft  an
die  Ausführung  des  Befehls,  ohne  zu  ahnen,  wie  wichtige
Erfolge  ihre  ausdauernde  Thätigkeit  erringen  sollte.  Unter
stetem  Kampfe  mit  zerstreuten  feindlichen  Abtheilungen  ging
es  vorwärts,  bis  um  halb  eilf  Uhr  die  Spitze  den  Eingang
der  Stadt  erreichte,  und  ein  Bataillon  in  die  nächste,  völlig
leere  Straße  eindrang.

Dort  war  in  diesem  Zeitpunkt  die  Lage  der  Dinge  die
folgende.  Die  sächsische  Division  hatte  sich  unter  persönlicher
Führung  des  Kronprinzen  um  die  nördliche  Seite  der  Stadt
herum  gezogen  und  war  dann  hinter  derselben  in's  Biwak
gerückt.  Sämmtliche  österreichische  Abtheilungen  aber  waren
von  allen  Seiten  her  auf  die  Stadt  zurückgegangen,  deren
enge  Straßen  sie  bereits  von  dem  großen  Train  des  Heeres,
den  Proviant=  und  Munitionscolonnen,  den  Ambulanzen
u.  s.  w.  verstopft  fanden;  unter  ihnen  selbst  war  die  Ord-
        <pb n="138" />
        122  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

nung  bereits  durch  die  Kämpfe  des  Tages  und  des  Rückzugs
großes  Theils  gelockert;  bei  dem  entsetzlichen  Gedränge  und
dem  nächtlichen  Dunkel  in  den  Gassen  löste  sie  sich  vollends
auf;  der  Befehl  lautete  auf  möglichst  schnelles  Durchziehen
der  Stadt,  um  dann  hinter  derselben  Biwaks  zu  beziehen
und  um  drei  Uhr  Morgens  nach  Miletin  weiter  zu  marschiren;
so  drängte  jeder  Einzelne  vorwärts,  wie  und  wo  er  es  vermochte,
  und  ein,  wirrer  Strom  von  Fußgängern,  Reitern
und  Fuhrwerk  aller  Art  schob  sich  langsam  und  stockend  den
östlichen  und  südlichen  Stadtthoren  zu.  Es  gelang  den  Anstrengungen
  der  Officiere,  bis  zehn  Uhr  die  Räumung  der
Stadt  durch  die  Truppen  zu  bewirken;  nur  Graf  Clam  mit
dem  Hauptquartier  saß  noch  auf  dem  Rathhause,  mit  der
Ausfertigung  der  Befehle  für  den  folgenden  Tag  beschäftigt;
eine  sächsische  Brigade  hatte  Weisung  erhalten,  zur  Deckung
desselben  in  den  Ort  einzurücken.  Da  stürzten  plötzlich
mehrere  Officiere  in  Clam's  Zimmer  mit  dem  Schreckensruf,
die  Preußen  seien  in  der  Stadt.  Der  General  wollte  es
nicht  glauben,  aber  die  Bestätigung  ließ  sich  nicht  lange  erwarten,
  und  der  Graf  und  sein  Gefolge  mußten  sich  eilig
auf  die  Pferde  werfen,  um  der  Gefangenschaft  zu  entfliehen.
Die  gleich  nachher  eintreffenden  Sachsen  drängten  zwar  das
preußische  Bataillon  aus  der  Stadt  wieder  zurück;  bald  aber
kamen  stärkere  Truppentheile  der  fünften  Division  von  Norden
heran,  und  auch  die  Sachsen  mußten  die  Stadt  verlassen.
Gitschin  war  in  den  Händen  der  Sieger.  Der  heiße  Tag
hatte  diese  329  Todte  und  über  1200  Verwundete  gekostet;
die  Sachsen  hatten  530  Mann,  die  Osterreicher  490  Todee,
1900  Verwundete,  von  denen  über  1100  gefangen  wurden,
und  außerdem  2500  unverwundet  Gefangene  und  Vermißte
        <pb n="139" />
        Zerrüttung  der  geschlagenen  Armee.  123

eingebüßt.  Diese  Zahlen  lassen  deutlich  erkennen,  welchen
Antheil  die  bessere  Bewaffnung,  welchen  die  bessere  Führung
an  dem  Übergewicht  der  Preußen  hatte.

Die  unerwartete  Einnahme  Gitschins  übte  aber  noch
weiter  verderbliche  Wirkung  auf  die  österreichischen  Truppen
aus.  Sie  erschwerte  die  Expedition  der  Befehle  derart,  daß
dieselben  den  meisten  Brigaden  gar  nicht  zukamen,  und
steigerte  die  Verwirrung,  welche  durch  das  Aufeinandertreffen
so  vieler  Truppen  in  finsterer  Nacht  eingetreten  war:).  Als
aus  der  Stadt  das  Getöse  des  Kampfes  zwischen  Preußen
und  Sachsen  erscholl,  war  in  den  Biwaks  kein  Halten  mehr:
die  Massen  zogen  sich,  unter  einander  gemischt  und  durch  die
vorangegangenen  Strapazen  der  Erschöpfung  nahe,  theils
südöstlich  nach  Miletin  und  Horschitz,  theils  südwärts  nach
Smidar  zurück.  Sehr  bald  wurden  sie  auf  beiden  Straßen
von  preußischer  Reiterei  eingeholt  und  unaufhörlich  belästigt,
so  daß  an  Ausruhen  und  Sammlung  nicht  zu  denken  war.
Nur  die  Sachsen  bewahrten  größtes  Theils  Zusammenhalt
und  Ordnung  ihrer  Divisionen.  Als  im  Laufe  des  Vormittags
  zwei  österreichische  Brigaden  in  Miletin  angelangt
waren,  wo  Erzherzog  Ernst  mit  dem  dritten  Armeecorps
lagerte,  meldete  dieser  dem  Feldzeugmeister:  Abtheilungen  des
ersten  Corps  kommen  bereits  an,  dasselbe  ist  kampfunfähig,
der  Munitionspark  ist  leer,  das  Corps  ohne  Verpflegung,
wird  vorläufig  hinter  uns  Biwaks  beziehen.  Ein  Befehl
des  Grafen  Clam,  dort  und  in  Horschitz  die  Mannschaften
brigadeweise  zu  sammeln  und  zu  ordnen,  kam  bei  dem  Erscheinen
  stärkerer  feindlicher  Reiterschaaren  nicht  zur  Aus-)

  Ssterreichs  Kämpfe  III,  211  ff.
        <pb n="140" />
        124  Prinz  Friedrich  Carl  in  Böhmen.

führung:  der  traurige  Rückzug  ging  unter  wachsendem  Elend
der  Truppe  am  Nachmittage  weiter  bis  Sadowa  und  am
folgenden  Tage  in  gesteigerter  Auflösung  bis  unter  die  Kanonen
von  Königgrätz.

Dem  Vormarsch  des  Prinzen  Friedrich  Carl  an  die  Elbe
und  seiner  Vereinigung  mit  der  zweiten  Armee  stand  kein
Hinderniß  mehr  im  Wege.
        <pb n="141" />
        2.  Capitel.
Kronprinz  Friedrich  Wilhekm  in  Böhmen.

Als  die  zweite  Armee  am  22.  Juni  den  Befehl  zum
Einmarsch  in  Böhmen  erhielt,  stand  ihre  Hauptmacht,  weit
nach  Süden  vorgeschoben,  in  einer  Stellung  hinter  der  Neisse,
wohin  sie  gerückt  war,  um,  durch  Fluß  und  Festung  gedeckt,
einem  möglichen  Angriff  Benedek's  von  Olmätz  her  auf
Schlesien  thunlichst  früh  und  fest  zu  begegnen.  Militärische
Beurtheiler  haben  dies  getadelt,  da  man  bei  Benedek's  fast
doppelter  Übermacht  die  Armee  hier  ohne  Noth  der  Gefahr
einer  Niederlage  ausgesetzt  habe:  wir  lassen  dies  auf  sich  beruhen,
  da  Benchek  bekanntlich  den  Versuch  nicht  gemacht  hat.
Auf  die  Ordre  vom  22.  befahl  der  Kronprinz,  daß  das
sechste  (schlesische)  Armeecorps  unter  General  von  Mutius
mit  zwei  Brigaden  zur  Irreführung  des  Gegners  eine  Demonstration
  gegen  Osterreichisch-Schlesien  machen  und  erst  nach
einigen  Tagen  sich  der  Bewegung  der  übrigen  Heertheile  anschließen,
  diese  aber  sofort  in  einem  westlich  gerichteten  Rechtsabmarsch
  die  böhmische  Grenze  und  das  Gebirge  üÜberschreiten
und  dann  gegen  die  Elbe  vorgehen  sollten.  Zwei  Hauptstraßen
  führten  in  dieser  Gegend  über  das  Gebirge,  die  eine,
        <pb n="142" />
        126  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

südliche,  von  Glatz  über  Reinerz,  Lewin  und  den  Paß  von
Nachod  nach  Skalitz,  die  andere,  nördliche,  von  Brieg  über
Waldenburg,  Liebau,  Schömberg  nach  Trautenau.  Auf  der
ersten  sollte  Gencral  von  Steinmetz  mit  dem  fünften  Corps
(Niederschlesier,  Brandenburger,  Westfalen,  Posener)),  gefolgt
zunächst  von  einer,  später  von  den  übrigen  Brigaden  des
sechsten  Corps,  heranziehen,  auf  der  zweiten  General  von
Bonin  mit  dem  ersten  (ostpreußischen)  Corps,  gefolgt  von  der
Reiterdivision  von  Hartmann.  Der  Abstand  zwischen  beiden
Straßen  betrug  auf  der  schlesischen  Seite  sechs  bis  sieben
Meilen;  ziemlich  in  der  Mitte  zwischen  ihnen  aber  fand  sich
noch  ein  sonst  wenig  benutzter  Ubergang,  von  Braunau  nach
Eipel,  welcher  letztere  Ort  zwei  Meilen  von  Trautenau  und
ungefähr  ebenso  weit  von  Skalitz  entfernt  ist:  diesen  Weg
sollte  das  Gardecorps  benutzen,  um  nach  Überschreitung  des
Gebirgs  rechts=  oder  linkshin  Hülfe  leisten  zu  können.  Daß
man  bei  der  hier  unvermeidlichen  Theilung  der  Streitkräfte
auf  harten,  vielleicht  auf  übermächtigen  Widerstand  zu  rechnen
hatte,  dessen  war  man  sich  klar  bewußt.  Über  die  augenblickliche
  Stellung  des  Feindes  war  man  nicht  genau  unterrichtet;
  man  wußte,  daß  seine  Armee  von  Olmütz  nach  Josephstadt
  und  Königgrätz  in  Bewegung  war,  daß  mehrere  seiner
Abtheilungen  die  obere  Elbe  erreicht  hatten,  andere  aber  noch
weiter  zurückstanden;  immer  schien  es  gewiß,  daß  man  in
oder  vor  den  Defileen  starken  Massen  des  Feindes  begegnen
würde,  daß  namentlich  die  südliche  Colonne,  Steinmetz,  schwer
bedrängt  werden  könnte.  Aber  nicht  einen  Augenblick  wurde
der  frische  Muth  durch  solche  Bedenken  getrübt.  Werden  wir

)  Nur  ein  Regiment  Polen.
        <pb n="143" />
        Marsch  der  Preußen  auf  Nachod  und  Trautenau.  127

an  einem  Punkte  geschlagen,  sagte  Steinmetz,  so  brechen  wir
an  einem  andern  durch.  Die  Stimmung  war  allgemein,  das
Gelingen  sei  möglich,  also  der  Versuch  zu  machen;  bei  widerwärtigen
  Zufällen  halten  wir  aus,  bis  die  erste  Armee  uns
losmacht.  Der  Chef  des  Generalstabs,  General  von  Blumenthal,
  war  ein  geistreicher  Stratege  und  zugleich  ein  Feuerkopf,
  der  ungeduldig  zum  Streite  drängte.  Vollends  der
höchste  Führer,  der  Kronprinz,  war  bei  ruhigerem  Tempera-=mente
  von  absoluter  Furchtlosigkeit;  er  hatte,  wie  sein  königlicher
  Vater,  keine  Vorstellung  davon,  was  andere  Menschen
unter  dem  Worte  Gefahr  verständen.  Sie  erweckte  ihm  weder
lähmende  Scheu  noch  berauschenden  Nervenreiz;  mit  Gottvertrauen
  und  Selbstvertrauen  ging  er  ihr  stets  gleich  festes
Muthes  und  gleich  klares  Sinnes  entgegen.

Im  Laufe  des  26.  Juni  erreichte  das  erste  Armeecorps
die  Grenze  bei  Liebau  und  Schömberg,  die  Garde  überschritt
dieselbe  und  lagerte  am  Abend  bei  Braunau,  das  fünfte
Corps  gelangte  bis  Reinerz,  schob  aber  acht  Compagnien  und
zwei  Schwadronen  unter  Oberst  Below  durch  das  Defilee
bis  nach  Nachod  vor,  wo  der  schwache  österreichische  Posten
den  Ort  nach  kurzem  Widerstande  räumte.  Auf  die  Meldung
von  diesen  Vorgängen  befahl  der  in  Josephstadt  weilende
Feldzeugmeister,  daß  das  sechste  Corps  unter  Gencral  Baron
Ramming  von  Opotschno  nach  Skalitz,  das  zehnte  unter  General
Baron  Gablenz  von  Jaromir  nach  Trautenau  marschiren
sollte;  jedes  würde  an  seiner  Stelle  eine  Avantgarde  gegen
den  Ausgang  der  Pässe  vorschieben,  den  Feind  energisch
zurückwerfen,  die  Verfolgung  aber  nicht  weiter  ausdehnen,
als  zur  Deckung  der  Hauptarmee  gegen  einen  feindlichen
Flankenangriff  erforderlich  wäre.  Benedek  legte  noch  immer
        <pb n="144" />
        128  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

geringes  Gewicht  auf  den  hier  auftretenden  Gegner,  obgleich  er
jetzt  erfahren  hatte,  daß  der  preußische  Kronprinz  von  zwei
auf  vier  Armeecorps  verstärkt  war:  um  so  sicherer  hoffte  er,
den  Prinzen  Friedrich  Carl,  der  keine  solche  Verstärkung  erhalten
  hatte,  mit  großer  Übermacht  an  der  Iser  zu  besiegen,
und  wollte  also  zur  momentanen  Abwehr  des  Kronprinzen
nur  einen  möglichst  geringen  Theil  seiner  Kräfte  verwenden.
Damals,  am  26.  Juni,  hatte  von  seinen  Truppen  ein  Armeecorps,
  das  vierte,  bereits  die  Elbe  zum  Marsche  an  die  Iser
passirt,  das  dritte  und  das  zehnte  hatten  so  eben  die  Elbe
erreicht,  zurück  aber  waren  noch  drei  Armeecorps,  drei  Reiterdivisionen
  und  die  Armee-Geschützreserve:  so  daß  Benedek  in
diesem  Augenblick,  auch  wenn  er  gewollt  hätte,  nicht  in  der
Lage  gewesen  wäre,  der  schlesischen  Urmee  mit  Übermacht
entgegen  zu  treten.  Demnach  berichtete  er  am  Abend  des  26.
dem  Kaiser,  die  Detachirung  des  sechsten  und  zehnten  Corps
sei  nur  ein  zeitweiliger  Aufschub  der  beabsichtigten  Offensive,
zu  der  er  übergehen  werde,  sobald  die  Armee  bei  Josephstadt
versammelt  sei,  und  er  weitere  Nachrichten  über  die  Stellung
des  Feindes  habe.

Sie  sollten  ihm  bald  genug  werden.

General  Steinmetz  ließ  seinen  Vortrab  (außer  den  am  26.
in  Nachod  eingerückten  Truppen,  noch  fünf  Bataillone,  drei
Schwadronen  und  zwei  Batterien  unter  General  von  Löwenseld),
  am  27.  früh  Morgens  von  Reinerz  aufbrechen,  um  so
schnell  wie  möglich  über  die  Paßhöhe  nach  Nachod  zu  gelangen,
  und  dann  vor  diesem  Orte  sich  ausbreitend,  Raum
für  die  Entfaltung  des  nachrückenden  Hauptcorps  zu  gewinnen.
  Nachod  liegt  in  dem  engen  und  tiefen  Thal  der  südöstlich
  zur  Elbe  strömenden  Mettau;  von  dort  führt  die
        <pb n="145" />
        Der  preußische  Vortrab  bei  Nachod.  129

Straße  nach  Stalitz  in  westlicher  Richtung  über  die  Dörfer
Wysokow  und  Kleny;  rechts  von  derselben  erstreckt  sich  ein
waldiges  Hügelland,  links,  also  nach  Süden,  eine  stundenlange,
  mit  steilem  Rand  die  Straße  begrenzende  Hochfläche,
hier  und  da  mit  Wald  bestanden,  an  einzelnen  Stellen  von
tiefen  Wasserrinnen  durchsetzt.  Gegen  halb  acht  Uhr  Morgens
erhielt  Oberst  Below  von  seinen  Vorposten  die  Meldung,  daß
im  Süden  der  Hochebene  starke  feindliche  Massen  sichtbar
würden:  gleichzeitig  traf  auch  General  Löwenfeld  mit  dem
Gros  des  Vortrabs  ein,  und  stellte  sogleich  seine  Streitkräfte
in  einem  weiten  Bogen  von  Wysokow  bis  zum  Dorfe  Wenzelsberg
  auf,  die  Infanterie  in  Halbbataillone  zertheilt,  wo  sich
gerade  ein  zur  Vertheidigung  günstiger  Posten,  eine  Gebäudegruppe,
  ein  Wäldchen,  ein  Wassergraben  darbot.  Alles  kam
darauf  an,  diese  Stellung  so  lange  gegen  die  feindliche  Übermacht
  zu  behaupten,  bis  die  Hauptmasse  des  Armeecorps  den
Engpaß  durchschritten  hätte,  und  dann  ihrerseits  sich  zum
Kampfe  entwickeln  könnte.  Eine  harte  Morgenarbeit  und  ein
blutiger  Ehrentag  stand  damit  der  kleinen  Schaar  bevor.
Während  Steinmetz  im  Ganzen  über  21  Bataillone  und
13  Schwadronen  verfügte,  führte  gegen  dieselben  General
Ramming,  durch  eine  schwere  Cavallerie-Division  verstärkt,
28  Bataillone  und  30  Schwadronen,  eine  lberzahl  also  von
beinahe  10000  Mann,  heran.  Von  vier  Brigaden  seines
Fußvolks  hatte  er  die  eine,  Waldstätten,  auf  einem  weiter
westlich  führenden  Nebenwege  unmittelbar  nach  Skalitz  befehligt;
  die  drei  anderen  marschirten  hinter  einander  auf  der
großen  Straße  von  Opotschno  her,  und  sollte  die  vorderste,
Hartweck,  gerade  aus  auf  Wysokow,  die  beiden  anderen,  Jonak

und  Rosenzweig,  sich  etwas  links  haltend,  nach  gAleny  vorv.
  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  V.
        <pb n="146" />
        130  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

rũcken.  Dadurch  kam,  bald  nach  acht  Uhr,  General  Hartweck
mit  dem  südlichen  Ende  der  preußischen  Aufstellung  in  Berührung,
  und  beschloß,  rechts  einschwenkend,  auf  der  Stelle.
zum  Angriff  überzugehen.  Da  bewährte  sich  denn  die  Defensivkraft
  des  preußischen  Hinterladers  und  die  feste  Schulung
seiner  Träger  in  durchschlagendem  Erfolge.  Wie  muthig
und  todesverachtend  die  feindlichen  Bataillone  heranstürmten,
bis  sie  des  Gegners  auch  nur  ansichtig  wurden,  streckte  das
bei  aller  Schnelligkeit  stets  wohlgezielte  Feuer  desselben  ein
Viertel,  ja  ein  Drittel  ihrer  Mannschaft  todt  oder  verwundet
zu  Boden.  Ehe  eine  Stunde  verging,  waren  beide  Regimenter
der  Brigade  halb  aufgelöst  und  zum  Rückzug  genöthigt.
Hartweck  hatte  unterdessen  den  General  Jonak  zur  Unterstützung
  aufgefordert,  und  dieser,  und  ebenso  wie  er,  auch
General  Rosenzweig,  drängten  eifrig  dem  Gefechtsfelde  zu.
Dort  erschien  dann  auch  General  Ramming  selbst,  genehmigte
den  Entschluß,  und  ließ  die  so  verstärkten  Kräfte  gegen  alle
von  Löwenfeld  besetzten  Punkte  gleichzeitig  vorgehen.  Die
preußischen  Halb--Bataillone  stellten  dem  übermächtigen  Ansturm
  eine  bewunderungswerthe  Festigkeit  entgegen;  wieder
erlitten  die  Osterreicher  entsetzliche  Verluste,  aber  endlich  brach
das  Gewicht  ihrer  Masse  doch  an  mehreren  Stellen  durch
den  dünnen  Gürtel  der  preußischen  Posten  hindurch.  Gegen
eilf  Uhr  erschien  den  Hartbedrängten  die  erste  Hülfe  vom
Hauptcorps,  die  Reiterbrigade  des  Generals  von  Wuuck,  mit
einer  reitenden  Batterie;  es  kam  zwischen  ihr  und  den  kaiserlichen
  Cürassieren  des  Prinzen  Solms  zu  einem  hitzigen  Gefecht,
  bei  welchem  der  Sieg  und  mit  ihm  zwei  feindliche
Standarten  in  der  preußischen  Hand  verblieben.  Doch  konnte
dieser  Reiterkampf  den  Fortschritt  des  österreichischen  Fuß-
        <pb n="147" />
        Treffen  bei  Nachod.  131

volks  auf  die  Dauer  nicht  hemmen;  allmählich  wurden  Löwenfeld's
  Halb-Bataillone  bis  an  den  äußersten  Rand  der  Hochebene
  zurückgedrängt,  klammerten  sich  aber  verzweifeltes  Muthes,
unter  unablässigem  Feuergefecht  und  zahlreichen  Vorstößen,
an  diese  letzte  Stellung  fest,  während  bei  den  Osterreichern,
die  seit  drei  Uhr  im  Marsche,  seit  zehn  Uhr  im  Kampfe  waren,
mit  jedem  Augenblicke  die  Erschöpfung  zunahm.  Da,  um
Mittag  kam  die  Wendung:  die  ersten  Regimenter  der  zehnten
Division,  nachdem  sie  mit  einem  beschwerlichen  Gebirgsmarsch
von  drei  Meilen  die  Paßhöhe  und  Nachod  passirt  hatten,
drangen  auf  der  Hochebene  vor  und  griffen  ohne  Zögerung
in  den  Kampf  ein.  Löwenfeld  durfte  aufathmen:  er  hatte
seine  Aufgabe  glorreich  gelöst,  und  während  eines  dreistündigen
  Ringens  von  sechs  Bataillönen  gegen  ein  und  zwanzig
seinem  Feldherrn  die  Bahn  zum  Siege  offen  gehalten.
Denn  schon  in  diesem  Augenblick  ließ  sich  sagen,  daß
der  Tag  für  Preußen  gewonnen  war.  Die  bisher  thätigen
Brigaden  des  Gegners  hatten  bereits  Kraft  und  Blut  so  weit
verbraucht,  daß  an  festen  Widerstand  gegen  die  jetzt  stündlich
anschwellende  preußische  Macht  für  sie  nicht  mehr  zu  denken
war.  Zwar  hemmte  Ramming's  eben  anlangende  Artillerie-Reserve
  durch  ein  Feuer  von  40  Geschützen  für  eine  Weile
das  preußische  Vordringen;  zwar  kam  jetzt  auch  die  so  nutzlos
nach  Skalitz  entsandte  Brigade  Waldstätten  zu  einem  Angriff
auf  Wysokow  heran:  allein  mit  meisterhafter  Energie  ließ
jetzt  auch  Steinmetz  die  Wucht  seiner  Colonnen  an  allen
Punkten  über  den  Gegner  hereinbrechen  und  die  Entscheidung
unwiderruflich  machen.  Ramming  befahl  nach  vier  Uhr  seinen
Heertheilen  den  Rückzug  nach  Skalitz.  Eine  Verfolgung  fand
nicht  Statt,  auch  bei  den  Siegern  ging  die  “i  auf
        <pb n="148" />
        132  Kronprinz  Friedrich  Wllhelm  in  Böhmen.

die  Neige.  Der  Tag  hatte  sie  300  Todte  und  800  Verwundete
  gekostet.  Fünffach  größer  aber  war  die  Einbuße
der  Osterreicher:  1100  Todte,  2400  Verwundete,  von  denen
1300  gefangen,  2000  unverwundet  Gefangene  und  Vermißte,
im  Ganzen  5500  Mann.  Am  Abend  berichtete  General
Ramming  an  Benedek:  „Ich  war  in  Folge  erneuerter,  mit
sehr  überlegenen  Kräften  ausgeführter  Angriffe  des  Gegners
genöthigt,  mich  bis  Skalitz  zurückzuziehen.  Meine  Truppen
sind  alle  in  das  Gefecht  gekommen,  haben  sehr  brav  gefochten,
aber  sehr  große  Verluste  erlitten  und  sind  gänzlich  erschöpft.
Ich  muß  meiner  Pflicht  gemäß  berichten,  daß  ich  ohne  Unterstützung
  nicht  im  Stande  wäre,  morgen  früh  einem  Angriff
zu  widerstehen,  bitte  daher  noch  heute  um  Ablösung  durch
das  achte  Corps.  Meine  Cavallerie  ist  so  erschöpft,  daß  sie
nichts  mehr  leisten  kann.“

So  war  dieser  erste  Erfolg  des  preußischen  linken
Flügels  ein  äußerst  rühmlicher  und  vielversprechender.  Noch
war  die  Aufgabe  nicht  gelöst,  aber  ein  wirksamer  Anfang
dazu  gemacht.  Das  Gardecorps  im  Centrum  hatte  gleichzeitig
  das  Hochgebirge  passirt,  so  daß  Steinmetz  im  Falle
übermächtiger  Bedrängung  auf  dessen  Unterstützung  rechnen
durfte.  Ungünstiger  aber  standen  die  Dinge  auf  dem  rechten
Flügel,  wo  General  Bonin  mit  dem  ersten  Corps  an  Gablenz
einen  überlegenen  Gegner  gefunden  hatte.

Bonin  hatte  seine  Truppen,  die  Division  Clausewitz  in
Liebau,  die  Division  Großmann  in  Schömberg,  am  27.  Juni
Morgens  drei  Uhr  antreten  und  um  vier  Uhr  den  Marsch  zum
Gebirge  beginnen  lassen,  mit  der  Weisung,  nach  Zurücklegung
der  Pässe  sich  bei  Parschnitz,  eine  halbe  Stunde  vor  Trautenau,
  zu  vereinigen,  hier  zwei  Stunden  zu  ruhen,  und  einst-
        <pb n="149" />
        Bonin's  Marsch  auf  Trautenau.  133

weilen  die  Stadt  durch  die  von  Großmann  zu  stellende  Avantgarde
  des  Corps  zu  besetzen.  Clausewitz  traf  gegen  acht  Uhr
in  Parschnitz  ein,  Großmann's  Marsch  aber  verzögerte  sich
um  beinahe  zwei  Stunden,  während  deren  sein  College,  am
Buchstaben  des  Befehls  haftend,  vollkommen  unthätig  blieb,
ohne  eine  Ahnung,  daß  dies  Verhalten  für  das  Schicksal  des
Tages  verhängnißvoll  werden  sollte.  Ahnlich  wie  Nachod
liegt  Trautenau  in  einem  tief  eingeschnittenen  Thalkessel,  durch
welchen  das  Flüßchen  Aupa  zuerst  nach  Osten,  dann  mit
scharfer  Wendung  nach  Süden  hinströmt;  dicht  hinter  der
Stadt  steigen  mehrere  Bergrücken  empor,  mit  steiler,  nur  auf
engen  Hohlwegen  zu  erklimmender  Böschung,  deren  höchster,
der  Kapellenberg,  durch  eine  schroffe  Felsklippe  gekrönt  ist.
Nach  Süden  geht  ihr  Abhang  in  eine  wellige  Hochfläche
über,  deren  Ostrand  beinahe  senkrecht  und  unwegsam  gegen
die  Aupa  abfällt,  und  die  nach  Westen  hin  allmählich  sich
zur  obern  Elbe  niedersenkt.  Wenn  man  überhaupt  einen
Widerstand  erfuhr,  so  konnte  er  nur  von  dieser  Seite  herkommen:
  nichts  wäre  also  wichtiger  gewesen,  als  sich  so
schnell  wie  möglich  in  den  Besitz  der  Hochebene  zu  setzen,
ehe  die  Ssterreicher  dort  eingetroffen  wären.  Indessen,  es
geschah  dies  nicht,  und  als  endlich  gegen  zehn  Uhr  die
Avantgarde  in  Parschnitz  anlangte  und  dann  durch  die  Stadt
Trautenau  hindurch  rückte,  erhielten  ihre  Spitzen  am  südlichen
Ausgange  des  Ortes  plötzlich  feindliches  Feuer  von  den  nächsten
Abhängen  her.  Dieses  Mal  waren  die  Osterreicher  dem  sonst
so  geschwinden  Gegner  an  dem  entscheidenden  Punkte  zuvorgekommen.


Es  war  die  Brigade  Mondel  vom  zehnten  Corps,  sieben
Bataillone  mit  acht  Geschützen.  Sie  war  schon  Abends
        <pb n="150" />
        134  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

zuvor  bei  Prausnitz,  eine  starke  Meile  südlich  von  Trautenau,
angelangt,  und  hatte  gegen  acht  Uhr  Morgens  die  Hochebene
erreicht.  Als  hier  Oberst  Mondel  durch  die  Dragoner  des
Fürsten  Windischgrätz,  die  vor  dem  preußischen  Anmarsch
von  der  Grenze  zurückgewichen  waren,  die  Nähe  des  Feindes
erfuhr,  entschloß  er  sich,  dem  schwierigen  Terrain  vertrauend,
zu  sofortigem  Angriff,  obwohl  er  in  keiner  Weise  sicher  war,
bis  wann  er  Unterstützung  durch  die  drei  übrigen  Brigaden
seines  Corps  erhalten  würde.  Er  ließ  also  schleunig  den
Kapellenberg  und  dessen  Nachbarhöhen  besetzen,  einige  Compagnien
  von  dort  niedersteigen  und  den  Kampf  mit  den  preußischen
  Jägern  eröffnen,  während  Fürst  Windischgrätz  mit  fünf
Schwadronen  die  lithauischen  Dragoner  des  preußischen  Vortrabs,
  drei  Schwadronen,  nach  hartem  Widerstande  in  die
Stadt  zurückwarf.  Die  preußischen  Führer  waren  völlig
überrascht.  Die  Avantgarde,  sieben  Bataillone,  erhielt  Befehl,
den  Kapellenberg  zu  stürmen,  aber  ein  Anlauf  nach  dem
andern  wurde  von  dem  günstig  postirten  Gegner  zurückgewiesen.
  Da  ließ  General  Bonin  sechs  Bataillone  seiner
Hauptmasse,  welchen  bald  nachher  noch  zwei  andere  folgten,
unter  General  Buddenbrock,  eine  Umgehung  des  Feindes  versuchen
  und  zu  diesem  Behuf  vom  Aupathale  empor  den
steilen  Ostrand  der  Hochebene  erklettern.  Die  beiden  dazu
bestimmten  Regimenter,  Nr.  44  und  45,  waren  in  den  letzten
24  Stunden  auf  Vorposten  und  Recognoscirungsdienst  gewesen
  und  dann  ohne  jegliche  Nachtruhe  über  das  Gebirge
nach  Trautenau  marschirt;  ihre  jetzige  Aufgabe  war  mühselig
in  hohem  Grade;  in  kleine  Trupps  zerstreut,  oft  nur  ein
Mann  hinter  dem  andern,  wanden  sie  sich  keuchend  an  der
pfadlosen  Bergwand  empor,  so  daß  mehr  als  eine  Stunde
        <pb n="151" />
        Treffen  bei  Trautenau.  135

verging,  ehe  sie  die  Hochebene  erreichten.  Unterdessen  hatte
die  Avantgarde  bereits  mit  einem  letzten  kräftigen  Ansatz  von
Süden  her  den  Kapellenberg  erstiegen,  den  Feind  zurückgedrängt,
  und  zahlreiche  Gefangene  gemacht.  General  Gablenz,
persönlich  um  eilf  Uhr  auf  dem  Kampffelde  eingetroffen,  ließ
darauf  die  Brigade  Mondel  in  fester  Ordnung,  langsam
fechtend,  weichen,  und  eine  halbe  Stunde  rückwärts  auf  einem
waldigen  Hügelzuge  bei  den  Dörfern  Hohenbruck  und  Altrognitz
  auf's  Neue  Stellung  nehmen.  Von  der  preußischen
Avantgarde  folgte  ihr  dorthin  nur  die  Hälfte;  die  andere
war  durch  die  mörderische  Anstrengung  so  erschöpft,  daß  sie
nach  Trautenau  zurückgenommen  werden  mußte.  Das  Gefecht
kam  also  hier  eine  Weile  zum  Stehen,  bis  gegen  ein  Uhr
Buddenbrock's  Truppen  anlangten,  freilich  in  stark  aufgelöstem
Zustande,  die  Bataillone  auseinander  gekommen,  die  Compagnien
  durch  einander  gerathen,  die  Mannschaften  von  Hitze
und  Durst  auf  das  Außerste  gequält.  Indessen  erfrischte  der
Anblick  des  Feindes  wieder  alle  Nerven,  und  trotz  des  sehr
erheblich  verstärkten  Geschützfeuers  der  Österreicher  wurde
Oberst  Mondel  genöthigt,  nochmals  den  Platz  zu  räumen.
Aber  auch  jetzt  hielt  er  seine  wackeren  Truppen  in  sicherer
Hand;  trotz  schmerzlicher  Verluste  blieb  Alles  festgeschlossen,
und  ging  in  bester  Haltung  in  eine  dritte  Aufstellung,  wieder
eine  halbe  Stunde  südwärts,  bei  dem  Dorfe  Neurognitz,  zurück.

General  Buddenbrock  verfolgte  ihn  nicht.  Nachdem  seine
Leute  den  Feind  geworfen,  brachen  sie  in  völliger  Erschöpfung
zusammen,  wo  eben  jeder  Einzelne  stand.  Man  sammelte  die
Mannschaft  jeder  Compagnie,  wie  man  konnte;  ein  Weiteres
war  nicht  zu  erreichen.  Der  Rest  der  Avantgarde  ging  jetzt
ebenfalls  in  die  Stadt  zurück.  So  hatte  Oberst  Mondel
        <pb n="152" />
        136  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

durch  sein  rasches  Vorgehen  auf  die  Hochebene  und  den
Kapellenberg,  so  wie  durch  die  Zähigkeit  und  Geschicklichkeit
seines  Widerstandes  gegen  mehr  als  doppelt  überlegene  Kräfte
seinem  Heere  einen  Dienst  geleistet,  in  jeder  Hinsicht  vergleichbar
  dem  Opfermuth,  womit  in  denselben  Stunden  bei
Nachod  Löwenfeld  mit  seinen  Tapfern  der  preußischen  Sache
den  Sieg  errettete.  Mondel  hatte  mit  seinen  sieben  Bataillonen
  gegen  fünfzehn  preußische  gefochten;  von  diesen
lagen  jetzt  sieben,  kampfunfähig  nicht  so  sehr  durch  feindliche
Kugeln  als  durch  das  Versagen  der  physischen  Kraft,  in
Trautenau,  acht  andere  standen  noch  vor  dem  Feinde,  aber
ebenfalls  in  hohem  Grade  ermattet.  Verfügbar  zu  frischem
Kampfe  hatte  Bonin  von  seinem  Fußvolke  nur  noch  drei
Bataillone  des  Gros),  und  vier  und  ein  halbes  Bataillon
der  Reserve.

Der  General  aber  war  völlig  heiteres  Muthes,  ohne
eine  Ahnung,  daß  ihm  heute  noch  eine  weitere  Unannehm-=lichkeit
  bereitet  werden  könnte.  Bald  nach  ein  Uhr  erschien
bei  ihm  ein  Officier  vom  Gardecorps  mit  der  Meldung,  die
erste  Division  desselben  sei  bei  Qualisch,  eine  Meile  östlich
von  Trautenau,  eingetroffen;  sie  höre  den  Kanonendonner
des  Gefechtes,  und  sei  bereit,  auf  seinen  Wunsch,  in  dasselbe
einzugreifen.  Bonin  antwortete,  es  sei  nicht  nöthig,  er  habe
nur  eine  feindliche  Brigade  vor  sich,  und  dieselbe  so  eben
zurückgeworfen.  Die  Division  setzte  dann  noch  den  ihr  anbefohlenen
  Marsch  nach  Eipel,  eine  Meile  füdöstlich  von
Trautenau,  sort.  Unmittelbar  nachher  aber  erhielt  Bonin
Meldung  auf  Meldung,  daß  der  Feind  sich  verstärke,  und
neue  Angriffe  vorzubereiten  scheine,  und  da  mochte  dann  die

)  Vom  vierten  und  fünften  Regiment.
        <pb n="153" />
        Vordringen  der  Osterreicher.  137

bisherige  Siegessicherheit  sich  mit  einem  Schlage  in  drückende
Besorgniß  umsetzen.

Die  Meldungen  waren  nur  zu  richtig.  General  Gablenz
war  keineswegs  gesonnen,  mit  dem  Rückzug  der  Brigade
Mondel  die  Arbeit  des  Tages  abzuschließen,  hatte  vielmehr
seine  drei  nachfolgenden  Brigaden  durch  einen  Boten  nach
dem  andern  zu  möglichster  Beschleunigung  ihres  Marsches
gedrängt:  so  langte  denn  schon  um  zwölf  Uhr  eine  reitende
Batterie,  um  ein  Uhr  zwei  andere,  sowie  ein  Ulanenregiment
im  Trabe  bei  Neurognitz  an;  endlich  gegen  drei  Uhr  erschien
auch  Oberst  Grivicitz  mit  den  sieben  Bataillonen  seiner  Brigade
  und  formirte  sie  eine  halbe  Stunde  später  zum  Angriff
auf  die  preußische  Stellung  bei  Altrognitz,  während  Mondel's
Brigade  sich  beobachtend  gegenüber  Hohenbruck  ausstellte.
Die  acht  preußischen  Bataillone,  welche  die  waldigen  Hügel
zwischen  den  beiden  Orten  besetzt  hatten,  sollten  nach  Bonin's
Absicht  durch  ein  neues  Vorgehen  der  Avantgarde  verstärkt
werden,  jedoch  war  an  diese  die  Weisung  durch  irgend  ein
Mißverständniß  nicht  gelangt:),  so  daß  zwei  Bataillone  des
45.  Regiments  den  Stoß  der  Brigade  Grivicitz  ohne  sonstige
Unterstützung  auszuhalten  hatten.  Die  Mannschaft  war  durch
eine  fast  zweistündige  Ruhe  wieder  etwas  zu  Athem  gekommen:
als  Grivicitz  mit  dichten  Bataillonsmassen  zum  Bajonettangriff
  heranzog,  wurde  er  mit  einem  so  verheerenden  Salvenund
  Schnellfeuer  empfangen,  daß  ganze  Reihen  seiner  Leute
stürzten,  und  die  übrigen  fünfzig  Schritt  vor  der  feindlichen
Linie  umkehrten.  Er  ließ  dann  eine  Weile  ruhen,  zog  sein
zweites  Treffen  vor  und  fandte  ein  Bataillon  nebst  einer

)  Preußisches  Generalstabswerk  Seite  124.  Es  ist  demnach  auf
Seite  125  statt  „Regiments  Nr.  41“  wohl  „Regiments  Nr.  44"  zu  lesen.
        <pb n="154" />
        138  K#wapeinz  Frirdiich  Wilhelm  in  Böhnen.

Abtheilung  Ulanen  zur  Umgehung  des  Feindes  in  dessen  linke
Flanke.  So  von  zwei  Seiten  her  bedroht,  entschloß  sich  das
preußische  Regiment  beim  Ausbleiben  jeder  Hülfe  zum  Rückzug.
  Um  dieselbe  Zeit  war  eine  weitere  österreichische  Brigade,
  Wimpffen,  auf  dem  Kampffeld  erschienen,  und  hatte  sich
zum  Angriff  auf  Hohenbruck  und  das  dort  gelagerte  44.  Regiment
  gewandt,  während  40  Geschütze  die  gesammte  preu-Wische
  Stellung  unter  ihr  Feuer  nahmen.  Unter  diesen  Umständen
  schloß  das  44.  Regiment  sich  dem  Abmarsch  des  45.
an,  noch  ehe  Wimpffen's  Angriff  zur  Entwicklung  kam.
General  Bonin  hatte  unterdessen  seine  Reserve  unter  General
Barnekow  zur  Aufnahme  der  weichenden  Truppen  auf  den
Kapellenberg  und  dessen  Abhänge  befehligt,  und  auf  diese
richtete  sich  jetzt  der  Ansturm  der  Brigade  Wimpffen.  Zwei
Bataillone  des  43.  Regiments  hatten  die  höchste  Spitze  des
Berges  besetzt  und  einzelne  Abtheilungen  auf  den  Südabhang
  desselben  vorgeschoben.  General  Wimpffen  ging  mit
fünf  Bataillonen  in  drei  Colonnen  von  verschiedenen  Seiten
her  unter  klingendem  Spiele  gegen  die  Höhe  vor;  die  kleinen
preußischen  Vortrupps  wurden  geworfen,  die  Osterreicher
stürmten  ihnen  jubelnd  nach:  da  aber  traf  sie  das  Schnellfeuer
  der  Dreiundvierziger  mit  so  zerschmetternder  Kraft,  daß
die  Musik  verstummte,  und  Alles  in  wilder  Verwirrung  den
Abhang  hinabfloh.  Allein  Barnekow  sollte  sich  nicht  lange
des  Erfolges  freuen.  So  eben  war  auch  die  letzte  feindliche
Brigade,  Knebel,  angelangt  und  von  Gablenz  zu  einer  seine
Flonke  deckenden  Reserve  bestimmt  worden.  Als  jedoch  General
  Knebel  das  Mißgeschick  seines  Genossen  inne  wurde,
litt  es  ihn  nicht  in  seiner  unthätigen  Ruhe:  ohne  eine  Anfrage
  bei  Gablenz  setzte  er  seine  sieben  Bataillone  in  Be-
        <pb n="155" />
        Sieg  der  Ssterrelcher.  139

wegung,  und  ließ  sie  von  drei  Seiten  her  den  Kapellenberg
ersteigen.  Barnekow's  Truppe  wehrte  sich  verzweifeltes  Muthes
und  ließ  auf  den  frischen,  dreifach  übermächtigen  Feind  einen
mörderischen  Kugelregen  nach  allen  Richtungen  herabhageln,
so  daß  auch  Knebel's  Schaaren  entsetzliche  Verluste  erlitten:
endlich  aber,  in  Flanke  und  Rücken  gefaßt  und  durch  das
feindliche  Feuer  stark  decimirt,  mußten  die  Vertheidiger  die
Unmöglichkeit  ferneres  Widerstandes  erkennen.  Ihre  Nachbarn,
zweieinhalb  Bataillone  des  dritten  Regiments,  deckten  den
Rückzug.  Der  Tag  war  entschieden,  der  Sieg  für  Osterreich
  gewonnen,  aber  freilich  theuer  genug  bezahlt  mit  einer
Einbuße  von  beinahe  4800  Todten,  Verwundeten  und  Gefangenen.
  Bei  der  späten  Stunde  und  der  Ermüdung  der
Truppen  auch  auf  der  österreichischen  Seite  war  von  Verfolgung
  keine  Rede.

General  Bonin  soll  die  Absicht  gehabt  haben,  den  Rückmarsch
  nur  bis  Goldenöls,  diesseits  des  Engpasses,  fortzusetzen.
  Er  muß  aber  die  Führung  völlig  aus  der  Hand  verloren
  haben,  denn  die  Truppen  waren,  so  weit  man  erfährt,
ohne  bestimmten  Befehl  im  nächtlichen  Dunkel  weiter  marschirt,
weiter  in  halbtodter  Ermattung  über  die  beiden  Pässe  des
Hochgebirges,  bis  sie  gegen  zwei  Uhr  Morgens  in  Liebau
und  Schömberg,  von  wo  sie  vor  24  Stunden  zu  fast  ununterbrochener
  Anstrengung  ausgerückt  waren,  in  wenig  erfreulichem
Zustand  wieder  anlangten.  Ihr  Verlust  im  Kampfe  betrug
etwas  über  1300  Mann,  und  es  ist  von  Interesse,  die  Vertheilung
  desselben  auf  die  einzelnen  Truppenkörper  zu  beobachten.
  Es  fielen  davon  7  Verwundete  auf  die  Artillerie,
welche  Bonin  sehr  wenig  zur  Verwendung  gebracht  hatte,
160  Todte  und  Verwundete  auf  die  sieben  Bataillone  der
        <pb n="156" />
        140  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

Avantgarde,  die  am  Nachmittage  in  Folge  undeutlicher  Ordres
unthätig  geblieben  waren,  daneben  aber  530  auf  Buddenbrock's
  acht  Bataillone  aus  den  Kämpfen  bei  Altrognitz,  350
auf  Barnekow's  heldenmüthige  Vertheidiger  des  Kapellenbergs.
Die  Geschichte  und  die  Kritik  des  Kampftages  reden  aus  diesen
Zahlen  vernehmlich  genug.  Die  Ungleichmäßigkeit  dieser  Verluste
  war  nicht  durch  eine  verschiedene  Qualität  der  einzelnen
Truppentheile,  sondern  durch  eine  unsichere  und  ungenügende
Verwendung  derselben  veranlaßt.

Als  endlich  gegen  neun  Uhr  Abends  die  letzten  Schüsse
im  Aupathale  verhallten,  blieb  bei  Gablenz  trotz  der  Siegesfreude
  schwere  Sorge  im  Gemüthe  zurück.  Von  seinem
schönen  Corps  war  der  siebente  Mann  verwundet  oder  todt,
ein  noch  größerer  Theil  der  Officiere,  namentlich  der  höhern,
außer  Gefecht  gesetzt,  die  Truppen  sämmtlich  eines  gründlichen
Ausruhens  in  hohem  Maaße  bedürftig.  Nun  aber  hatte  er
eine,  zur  Zeit  freilich  unbestimmte  Nachricht  von  dem  Heranrücken
  der  preußischen  Garde  auf  Eipel,  und  hiemit  von  der
Bedrohung  seiner  rechten  Flanke  und  vielleicht  seiner  Rückzugslinie
  nach  Josephstadt.  Und  dabei  fehlte  ihm  jede  Kunde
über  den  heute  besiegten  Gegner,  ob  derselbe  gründlich  geschlagen
  und  einstweilen  kampfunfähig,  oder  ob  er  nur  zurückgedrängt
  und  zu  neuem  Vorbrechen  bereit  sei.  Gablenz  meldete
demnach  seinem  Feldherrn  die  errungenen  Erfolge,  bezeichnete
aber  auch  die  ihm  von  rechts  her  drohende  Gefahr,  und  bat
dringend,  seine  Stellung  durch  Besetzung  von  Prausnitz!)
mit  ausreichenden  Streitkräften  zu  sichern.  Denn  kurz  vor
diesem  Dorfe  trifft  die  von  Eipel  kommende  Straße  auf  jene

)  Wie  oben  erwähnt,  eine  starke  Meile  südlich  von  Trautenau.
        <pb n="157" />
        Benedeks  schwankende  Beschlüsse.  141

von  Trautenau  nach  Josephstadt;  hier  also  würde  nach
Gablenz's  Meinung  der  Stoß  der  Garde  auf  seine  Verbindungen
  erfolgen.

Benedek  aber  sah  die  Sachlage  in  sehr  viel  günstigerem
Lichte  als  seine  Unterfeldherren.  Was  das  Treffen  bei  Nachod
betraf,  so  fand  er,  daß  Ramming,  von  ihm  nach  Skalitz  befehligt,
  diesen  Auftrag,  trotz  des  Vorgehens  des  Feindes,
richtig  vollzogen  habe,  und  wenn  die  Truppen  nach  langem
Marsch  und  Kampf  am  Abend  müde  gewesen,  so  würden  sie
nach  einer  gründlichen  Nachtruhe  am  folgenden  Tage  wieder
hergestellt  und  streitfähig  sein.  Immerhin  befahl  er  gleich
am  Abend  des  27.  Juni,  nach  Ramming's  Wunsch,  dessen  Ablösung
  durch  das  achte  Corps  unter  Erzherzog  Leopold,  dachte
aber  am  folgenden  Morgen  in  Skalitz  selbst  nach  dem  Rechten
zu  sehen,  und  definitive  Entschließung  zu  fassen.  Dem  General
Gablenz  antwortete  er  nach  dem  ersten  Eindruck  seiner  Depesche,
  es  würden  einige  Bataillone  nach  Prausnitz  abrücken;
bei  weiterem  Überlegen  fand  er,  daß  Gablenz  der  Gefahr
eines  feindlichen  Flankenangriffs  sich  sehr  einfach  dadurch  entziehen
  könne,  daß  er  mit  seinem  ganzen  Armeecorps  an  dem
kritischen  Punkte,  Prausnitz,  Front  gegen  Osten,  selbst  Aufstellung
  nehme,  und  dort  die  preußische  Garde  dann  ebenso
gründlich  abfertige,  wie  Tags  zuvor  den  General  Bonin.
Drei  Stunden  nach  jener  ersten  Depesche  sandte  er  also  um
fünf  Uhr  Morgens  an  Gablenz  die  Weisung,  Trautenau  zu
räumen,  und  sein  Corps  in  Prausnitz  und  dem  benachbarten
Dorfe  Kaile  dem  etwaigen  Angriff  der  Garde  entgegen  zu  stellen.
Benedek  ahnte  nicht,  wie  wichtig  es  für  das  Heil  des  zehnten
Corps  gewesen  wäre,  wenn  er  diesen  Befehl  sofort  nach
Gablenz's  Bericht  ertheilt  hätte.  In  seinem  lebhaften  Wunsche,
        <pb n="158" />
        142  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

möglichst  stark  an  die  Iser  zu  gelangen,  sah  er  überhaupt
seine  Lage  gegenüber  der  schlesischen  Armee  fortdauernd  in  zu
rosigem  Licht.  Da  er  Bonin's  Zurückweichen  als  eine  totale
Niederlage  betrachtete,  da  er  Mutius  mit  dem  schlesischen
Corps  noch  weit  entfernt  wußte,  so  meinte  er,  zur  Zeit
auf  dieser  Seite  nur  mit  zwei  preußischen  Armeecorps,  der
Garde  und  Steinmetz,  rechnen  zu  müssen,  und  folglich  genug
zu  thun,  wenn  er  diesen  die  gleiche  Zahl  entgegen  stellte,  bis
er  mit  der  großen  Masse  seines  Heeres  den  Prinzen  Friedrich
Carl  zu  Grunde  gerichtet  hätte.  Er  befestigte  sich  in  dieser
Auffassung,  als  er  am  Vormittag  des  28.  nach  Skalitz  kam,
das  achte  Corps  bereits  in  die  Stellung  vor  der  Stadt  eingerückt,
  und  das  sechste  hinter  demselben  gelagert  fand.
Schwache  preußische  Abtheilungen  zeigten  sich  auf  den  Höhen
nordöstlich  des  Ortes;  einzelne  Kanonenschüsse  wurden  vernehmbar,
  welchen  eine  österreichische  Batterie  antwortete,
beiderseits,  ohne  sichtbare  Wirkung  zu  erzielen.  Benedek  blieb
bei  der  Meinung,  daß  hier  sich  nichts  Ernstliches  vorbereite;  er
habe  andere  Pläne,  sagte  er,  an  denen  er  festhalte.  Er  hatte
jetzt  das  vierte  Corps  (Graf  Festetics)  gemeinsam  mit  Gablenz
zur  Abwehr  der  schlesischen  Armee  bestimmt,  jenes  also  über
die  Elbe  zurückgenommen,  und  bei  Dolan,  eine  Meile  hinter
Skalitz,  aufgestellt,  Gablenz  aber  weitern  Befehl  gesandt,  am
29.  eben  dorthin  abzurücken  —  offenbar  in  der  Ansicht,  durch
eine  solche  Flankenstellung  den  Vormarsch  des  Feindes  zu
hemmen,  oder  doch  von  der  entscheidenden  Richtung  abzulenken.
  Demnach  wies  Benedek  den  Vorschlag  Ramming's,
das  vierte  und  achte  Corps  sogleich  zum  Angriff  auf  Steinmetz
  vorgehen  zu  lassen,  unbedingt  zurück;  vielmehr  gab  er
dem  Erzherzog  und  dem  General  Ramming  den  bestimmten
        <pb n="159" />
        Energische  Offensive  der  Preußen.  143

Befehl,  sofort  abzumarschiren,  über  die  Elbe  hinüber  zum
Zug  an  die  Iser.

Damit  fuhr  der  Feldzeugmeister  wieder  nach  Josephstadt
zurück,  und  meldete,  wie  wir  wissen,  von  dort  dem  Kronprinzen
  von  Sachsen,  daß  er  am  29.  oder  30.  mit  vier
Armeecorps  in  Gitschin  eintreffen  würde.

Unterdessen  aber  waren  auf  preußischer  Seite  Entschließungen
  gefaßt  worden,  welche  Benedek's  Entwürfen
schwere  Störung  bereiten  sollten.

Der  Kronprinz  hatte  dem  General  Steinmetz  am  27.  Juni
zugesagt,  ihm  am  folgenden  Tag  die  zweite  Garde-Division
zur  Unterstützung  zu  senden,  während  die  erste  mit  General
Bonin  in  Verbindung  treten  würde.  Bald  nach  Mitternacht
jedoch  brachte  ein  vom  Hauptquartier  ausgesandter  Officier
die  Nachricht,  daß  Bonin  von  Trautenau  habe  zurückweichen
müssen,  Näheres  aber  über  sein  Mißgeschick  und  seine  jetzige
Stellung  nicht  zu  erfahren  gewesen  sei.  Eine  so  schwere
und  dabei  so  unvollständige  Meldung  hätte  gar  manchen
Strategen  zu  vermehrter,  und  jedesfalls  abwartender  Vorsicht
bestimmt:  bei  dem  Kronprinzen  aber  rief  sie  auf  der  Stelle  den
Beschluß  hervor,  mit  beschleunigter  und  verdoppelter  Energie
vorwärts  zu  gehen.  Ohne  einen  Augenblick  zu  verlieren,  erließ
  er  an  das  Gardecorps  den  Befehl,  so  schnell  wie  möglich,
mit  voller  Kraft,  den  Angriff  auf  Gablenz  zu  eröffnen,  und
sandte  deshalb  an  Steinmetz  die  Bescheidung,  es  sei  durch
die  Vorgänge  bei  Trautenau  unmöglich  geworden,  die  zweite
Garde-Division  zu  ihm  hinüber  zu  schicken;  nur  eine  Reiterbrigade
  könne  zu  seinem  Beistand  erübrigt  werden.  Seinerseits
  war  Steinmetz  von  demselben  Schwunge,  wie  sein  Oberfeldherr,
  erfüllt.  Nach  seinem  Siege  am  27.  fürchtete  er
        <pb n="160" />
        144  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

auch  das  Zusammentreffen  mit  einer  feindlichen  Übermacht
nicht  mehr,  da  er  für  einen  Rückzug  nicht  bloß  auf  die
Defileen  von  Nachod  angewiesen  war,  sondern  mehr  als  eine
Straße  nordwärts  zur  Vereinigung  mit  dem  Gardecorps
hatte.  Sicher  aber  schien  ihm,  daß  jedes  Zaudern  die  Gefahren
  seines  Weges  steigern,  und  dem  Feinde  die  Möglichkeit
zum  Heranziehen  weiterer  Kräfte  geben  würde;  er  war  also
entschlossen,  gleich  am  Morgen  des  28.  Juni  sein  Corps
zum  Sturme  auf  Skalitz  in  Bewegung  zu  setzen.

Der  Weg  von  Wysokow  nach  Stalitz  führt  über  die
uns  bekannte,  hier  sich  zur  Aupa  hinabsenkende  und  völlig
offene  Hochebene.  Parallel  mit  der  Straße  zieht  sich  eine  von
dem  kleinen  Bade  Schwadowitz  kommende  Lokalbahn,  welche
nahe  vor  Skalitz  auf  hohem  Damme  sich  in  weiter  Curve
südwärts  wendet,  um  dann  in  den  östlich  vor  der  Stadt
gelegenen  Bahnhof  einzulaufen.  Nördlich  von  der  Straße
erheben  sich  mehrere  Bergkuppen;  das  Gelände  zwischen  ihnen
ist  vielfach  mit  Einrissen  und  Schluchten  durchschnitten;  nicht
weit  von  Skalitz  dehnt  sich  dort  ein  dicht  bestandener,  großer
Eichwald  aus.  Da  die  Straße  und  die  Hochebene  dem
feindlichen  Geschützfeuer  überall  ausgesetzt  war,  sandte  Steinmetz
  den  General  von  Löwenfeld  und  den  Obersten  von
Voigts-Rhetz  mit  neun  Bataillonen  nordwärts  in  das  Höhenland,
  um  dort  zunächst  den  Eichwald  zu  besetzen,  und  dann
links  schwenkend,  gegen  die  Stadt  vorzudringen.  Zwei  Brigaden
  des  fünften  und  eine  eben  angelangte  des  sechsten  Corps
blieben  vorläufig  in  bereiter  Aufstellung  bei  Wysokow.  Für
den  Beginn  des  Kampfes  wartete  Steinmetz  einstweilen  noch
auf  die  verheißene  Garde-Division;  als  dann  endlich  eilf  Uhr
die  Nachricht  von  deren  Ausbleiben  einging,  war  er  ohne
        <pb n="161" />
        Preußischer  Angriff  auf  Skalitz.  145

Schwanken  entschlossen,  Skalitz  allein  mit  den  eigenen  Streitkräften
  anzugreifen,  und  gab  sofort  den  Befehl  zum  Vorgehen,
fast  in  demselben  Augenblick,  in  welchem  Benedek  seinen  beiden
dort  befindlichen  Armeecorps  die  Weisung  zum  Abmarsch  ertheilte
  und  dann  den  bedrohten  Ort  verließ.

Erzherzog  Leopold  hatte  früh  am  Morgen  seine  Truppen
nahe  vor  Skalitz  in  der  Weise  aufgestellt,  daß  die  Brigade
Fragnern  nördlich  der  Stadt  den  linken  Flügel,  die  Brigade
Kreyßern  hinter  dem  Bahnhof  die  Mitte,  die  Brigade  Schulz
südlich  vom  Orte  den  rechten  Flügel  bildete.  Rechts  und  links
vom  Bahnhof  war  die  Artillerie-Reserve  des  Corps,  40  Geschütze,
  aufgefahren,  bereit,  die  Hochebene  und  den  angrenzenden
Eichwald  unter  ihr  zermalmendes  Feuer  zu  nehmen.  Nachdem
Benedek  aber  den  Rückzug  befohlen,  setzte  der  Erzherzog  zunächst
  das  sechste  Corps  nach  Dolan  und  weiter  in  Bewegung,
ließ  dann  die  Trains  des  achten  folgen,  und  beabsichtigte,
den  Abmarsch  seiner  Truppen  von  dem  südlichen  Ende  der
Aufstellung,  also  mit  der  Brigade  Schulz,  zu  beginnen,  hatte
jedoch  die  Brigade-Commandanten  von  Benedek's  Befehl  noch
nicht  in  Kenntniß  gesetzt.  Während  dieser  Vorkehrungen
begann  nun  gegen  halb  zwölf  Uhr  der  Angriff  des  preußischen
  Vortrabs  auf  den  Eichwald,  in  welchen  General  von
Fragnern  ein  zu  seiner  Verstärkung  eingetroffenes  Bataillon
der  Besatzung  von  Josephstadt  vorgeschoben  hatte.  Obgleich
von  drei  Seiten  her  durch  neue  feindliche  Bataillone  angegriffen,
leistete  die  kleine  Truppe  einen  so  heldenmüthigen  Widerstand,
daß  General  von  Fragnern  ihr  zuerst  ein  Jägerbataillon  zum
Beistand  schickte,  und  dann,  durch  dessen  ungestümes  Draufgehen
  entflammt,  um  halb  ein  Uhr,  ohne  Weisung  seines

Vorgesetzten  oder  Rückfrage  bei  demselben,  die  gande  Brigade
v.  Syphel.,  Berründung  b.  deurschen  Neliches.  V.
        <pb n="162" />
        146  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

in  das  Gefecht  führte.  Aber  nach  kurzem  Vorandrängen
wurde  er  in  der  Front  und  in  beiden  Flanken  von  einem  solchen
Feuer  der  preußischen  Halb-Bataillone  umfaßt,  daß  in  wenigen
Minuten  er  selbst,  ein  großer  Theil  seiner  Officiere  und  lange
Reihen  seiner  Mannschaft  niedergestreckt  waren,  und  der  Rest
sich  in  eiliger  Flucht  nach  Skalitz  zurückzog.  Die  nachdringenden
Preußen  schickten  sich  an,  den  Bahndamm  unmittelbar  vor
dessen  letzter  Curve  zu  übersteigen;  das  bemerkte  Oberst  Wöler
von  der  Brigade  Kreyßern  und  stürmte  auf  eigene  Faust  mit
seinem  Regimente  den  Verfolgern  entgegen;  es  entspann  sich
ein  blutiges  Ringen  um  den  Besitz  des  Dammes,  in  welches
sich  dann  Oberst  von  Kreyßern  selbst,  ebenfalls  durchaus
eigenmächtig,  mit  zwei  weitern  Bataillonen  seiner  Brigade
hinein  warf.  Bei  dem  ersten  Zusammentreffen  fiel  der  tapfere
Officier,  seine  Truppen  erlitten,  obwohl  nur  drei  preußische
Bataillone  ihnen  gegenüber  standen,  dasselbe  Schicksal  wie  vorher
  die  Brigade  Fragnern.  Nachdem  sie  bei  mehreren  Anläufen
fast  ein  Drittel  der  Mannschaft  verloren  hatten,  wichen  sie  in
leidlicher  Ordnung  nach  Skalitz  zurück.  Es  trat  hiemit,  gegen
ein  Uhr,  eine  Pause  in  dem  so  heftig  aufgeloderten  Kampfe
ein,  da  auf  preußischer  Seite  für  den  Sturm  auf  die  Stadt
die  Mitwirkung  der  aus  Wysokow  heranrückenden  zehnten
Division  unter  General  von  Kirchbach  erwartet  werden  mußte.
Sie  war  von  Wysokow  bis  Kleny  auf  der  Straße  marschirt,
dann  aber  vor  dem  Feuer  der  feindlichen  Artillerie-Reserve
ebenfalls  nach  Norden  ausgebogen,  und  entwickelte  jetzt  hinter
Löwenfeld's  Abtheilungen  ihre  Colonnen  zum  letzten  Angriff.
Drüben  bei  den  Osterreichern  that  Erzherzog  Leopold,  welcher
durch  den  Beginn  des  Gefechts  vollständig  überrascht  worden
war  und  bis  dahin  den  Fortgang  desselben  nicht  zu  hindern
        <pb n="163" />
        Skalitz  wird  genommen.  147

gewußt  hatte,  das  Mögliche,  seine  hartbetroffenen  Truppen
nach  Benedek's  Verfügung  vom  Feinde  hinweg  in  Marsch
zu  setzen.  Mit  unendlicher  Mühe  gelang  es  ihm,  den  größten
Theil  des  Corps  aus  Skalitz  hinaus  auf  die  Rückzugsstraße
zu  schaffen,  ehe  Kirchbach's  Angriff  die  Stadt  erreichte.  Um
den  Abmarsch  zu  decken,  blieben  im  Orte  und  im  Bahnhof
fünf  Bataillone  zurück,  welchen  sich  dann  noch  einige  versprengte
  Reste  der  Brigade  Fragnern  anschlossen.  Zur  Überwältigung
  dieses  letzten  Widerstandes  führte  um  zwei  Uhr
General  von  Wittich  das  47.  Regiment  unter  Trommelschlag
in  imposanter  Ordnung  heran;  mehrere  der  früher  hier
kämpfenden  Abtheilungen  gesellten  sich  ihm  bei;  so  gingen
sie  mit  hallendem  Siegesruf  auf  die  Ostfront  des  Bahnhofs
los.  Die  Österreicher  schlugen  sich  mit  verzweifelter  Hartnäckigkeit;
  ein  Gebäude  nach  dem  andern  mußte  ihnen  mit
stürmender  Hand  entrissen  werden;  es  dauerte  bis  drei  Uhr,
ehe  der  Bahnhof  im  preußischen  Besitze  war.  Auch  dann
setzte  sich  der  Kampf  in  den  Straßen  und  Häusern  des  kleinen
Ortes  noch  eine  Stunde  lang  mit  gesteigerter  Erbitterung
fort,  bis  die  wachsende  preußische  Üübermacht  endlich  die  letzten
Trümmer  des  Feindes  zum  Rückzug  nöthigte.  Zu  weiterer
Verfolgung  versagten  den  Siegern  die  Kräfte;  auch  würde
ihr  schon  bei  Dolan,  wie  wir  wissen,  ein  neuer,  frischer  Gegner
Einhalt  geboten  haben.  So  konnte  das  sechste  Corps  unangefochten
  noch  am  Abend  Salney,  das  achte  im  Laufe  der
Nacht  Lanzau  jenseits  der  Elbe  erreichen.  Die  Opfer,  welche
den  OÖsterreichern  der  völlig  planlose  Kampf  gekostet  hatte,
waren  außerordentlich  groß,  beinahe  5600  Mann,  davon
über  2500  Gefangene,  während  das  preußische  Corps  nur

1365  Mann  eingebüßt  hatte.
10
        <pb n="164" />
        148  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

In  denselben  Stunden  errang  das  Gardecorps  einen
nicht  weniger  bedeutenden  Erfolg  ũber  den  General  Gablenz.

Die  Brigaden  des  zehnten  Corps  biwakirten  während
der  Nacht  auf  den  28.  Juni  theils  bei  Trautenau,  theils
auf  der  Hochebene  bei  Neurognitz  und  Hohenbruck.  Bei
aller  Besorgniß,  mit  welcher  Gablenz  auf  die  Stellung  der
preußischen  Garde  bei  Eipel  blickte,  findet  sich  nicht,  daß  er
aus  eigenem  Entschlusse  die  geringste  Vorkehrung  nach  dieser
Seite  getroffen  hätte;  er  begnügte  sich,  seinem  Vorgesetzten
über  die  Gefahr  zu  berichten  und  dessen  Weisungen  zu  erwarten.
  Diese  gingen  denn  dahin,  wie  wir  sahen,  sein  ganzes
Corps  aus  Trautenau  zurückzunehmen  und  an  dem  bedrohten
Punkte,  Prausnitz,  Front  gegen  Eipel,  aufzustellen.  Der
Befehl  kam  um  halb  acht  Uhr  Morgens  in  die  Hände  des
Generals,  und  dieser  erließ  hienach  seine  Verfügungen,  welche,
drei  oder  vier  Stunden  früher  gegeben,  der  Aufgabe  völlig
entsprochen  hätten.  Er  scheint  es  für  undenkbar  gehalten  zu
haben,  daß  die  preußische  Garde,  welche  Tages  zuvor  einen
Gewaltmarsch  von  fast  sechs  Meilen  zurückgelegt  hatte,  schon
am  Vormittag  seine  Truppenzüge  würde  erreichen  können.
Er  ließ  zunächst  seine  Trains  mit  der  Weisung  aufbrechen,
über  Prausnitz  mit  möglichster  Beschleunigung  zwei  Meilen
weiter  südlich  bis  Rettendorf  zurückzugehen;  dann  sollten  die
Geschütz-Reserve  und  die  Brigaden  Knebel  und  Wimpffen  auf
der  Straße  nach  Prausnitz  folgen,  und  auf  den  Höhen  von
Burkersdorf,  südwestlich  von  Neurognitz,  Stellung  nehmen.
Oberst  Mondel  würde  bei  Neurognitz  bis  nach  vollendetem
Abzug  jener  Truppentheile  stehen  bleiben,  als  Deckung  gegen
ein  etwaiges  neues  Vorgehen  Bonin's,  Oberst  Grivicitz  aber
seine  Brigade  am  Ostrande  der  Hochebene  über  Altrognitz  nach
        <pb n="165" />
        Angriff  der  preußischen  Garde  auf  Gablenz.  "“  149

Rudersdorf  führen,  um  dort  bei  einem  Vorstoß  der  preußischen
Garde  nach  Umständen  entweder  die  Avantgarde  zu  bilden
oder  dem  Feinde  in  die  Flanke  zu  fallen.  Bei  dem  Allem
ging  Gablenz  von  der  Voraussetzung  aus,  daß,  seinem  gestrigen
Berichte  enksprechend,  Benedek  ihm  zur  Sicherung  von  Prausnitz
  eine  ausreichende  Verstärkung  zugesandt  hätte;  Gablenz
meinte  dafür  auf  mehr  als  sechs  Bataillone  rechnen  zu
können.

Unterdessen  waren  aber  seine  Gegner  seit  mehreren
Stunden  schon  in  voller  Bewegung.  Die  zweite  Garde-Division,
  welche  eine  starke  Meile  rückwärts  stand,  hatte  ihren
Marsch  vor  fünf  Uhr  begonnen  und  langte  drei  Stunden
später  bei  Eipel  an.  Gegen  acht  Uhr,  als  Gablenz  eben
seine  Befehle  an  die  Truppen  absandte,  war  trotz  der  Anstrengungen
  des  vorigen  Tages  der  Vortrab  der  ersten  Garde-Division
  unter  Oberst  von  Kessel  schon  in  vollem  Zuge  auf
Prausnitz,  und  die  beiden  Brigaden  in  Bereitschaft,  ihm  zu
folgen,  während  Kessel's  Husaren  das  Vorland  bis  in  die
Nähe  der  Trautenau-Prausnitzer  Chaussee  durchschwärmten.
So  waren  die  österreichischen  Trains  kaum  über  Burkersdorf
hinausgekommen,  als  sie  die  feindliche  Reiterei  dicht  an  ihrer
Seite  bemerkten  und  den  Alarm  schleunigst  an  das  Hauptquartier
  weiter  gaben.  Gablenz  ließ  sogleich  die  hintersten
Abtheilungen  des  Trains,  um  über  Pilnikau  die  Elbe  zu  erreichen,
  von  der  Chaussee  westwärts  abbiegen,  die  eben  eintreffenden
  Batterien  der  Geschütz  Reserve  aber  bei  Burkersdorf
zur  Beschießung  des  Feindes  auffahren.  Allmählich  langten
dann  auch  fünf  Bataillone  der  Brigade  Knebel  an,  und  wurden
theils  auf  den  Höhen,  theils  in  den  vorliegenden  Waldparcellen
  vertheilt.  Auf  preußischer  Seite  war  durch  irrige
        <pb n="166" />
        150  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

Meldungen  der  Husaren  das  Vorschreiten  eine  Weile  unterbrochen
  worden;  bald  aber  gewann  man  richtigere  Einsicht
in  die  Lage,  und  gegen  halb  zehn  Uhr  gab  der  Befehlshaber
der  ersten  Division,  General  Hiller  von  Gärtringen,  zunächst
dem  Vortrab  und  dann  der  Hauptmasse  seiner  Truppen  die
Richtung  zum  Angriffe  auf  Burkersdorf.  Außer  den  vom
feindlichen  Fußvolk  besetzten  Gebüschen  lag  das  Feld  frei
und  offen  unter  dem  furchtbaren  Feuer  der  österreichischen
Geschütz-Reserve;  da  galt  es,  den  heißen  Boden  rasch  zu
passiren,  und  in  eifrigem  Wettlaufe  stürmten  die  verschiedenen
  Compagnien  dem  nächsten  Waldrande  zu,  um  dort  die
feindlichen  Musketiere  aus  dem  deckenden  Gehölze  hinauszuwerfen.
  Nach  halbstündigem  Kampfe  waren  die  Waldflecken
in  ihren  Händen.  Während  sie  von  dort  aus  ein  stehendes
Feuergefecht  mit  dem  jetzt  vor  Burkersdorf  gesammelten  Gegner
fortführten,  erschien  um  eilf  Uhr  auch  die  Hauptmasse  der
Division  auf  dem  Schlachtfelde,  und  entwickelte  sich  sofort
zum  Angriff  auf  die  Höhen  und  das  Dorf.

In  diesem  Augenblicke  erhielt  Gablenz  die  bestimmte
Meldung,  daß  bei  Prausnitz  die  erwarteten  sechs  Bataillone
nicht  angelangt  seien,  vielmehr  preußische  Truppen  sich  dort
zeigten.  Damit  war  ihm  zunächst  die  Hoffnung  auf  die
dringend  ersehnte  Verstärkung,  es  war  ihm  aber  auch  die
Verbindung  mit  Josephstadt,  mit  Benedek  und  der  großen
Armee  abgeschnitten.  Ohne  Zögern  beschloß  er,  den  Kampf
aufzugeben,  und  den  Rückzug  nach  Westen,  über  Altenbuch
auf  Pilnikau,  und  von  dort  zur  Elbe,  anzutreten.  Der  Befehl
dazu  erging  eiligst  an  die  Brigaden.  General  Wimpffen,
der  in  diesem  Zeitpunkt  bei  Hohenbruck  ankam,  wurde  mit
Umgehung  von  Burkersdorf  gerades  Wegs  auf  Altenbuch
        <pb n="167" />
        Sieg  bei  Burkersdorf.  151

gewiesen,  wohin  er  denn  auch  unangefochten  gelangte.  Knebel
aber,  seinen  eigenen  schwachen  Kräften  Üüberlassen,  wurde,
ehe  er  die  Truppen  zum  Abzug  sammeln  konnte,  von  dem
wuchtigen  Angriffe  Hiller's  getroffen  und  unter  schweren
Verlusten  aus  Burkersdorf  hinaus  geschlagen.  Oberst  Mondel
wurde  in  Neurognitz  nur  durch  kleinere  preußische  Abtheilungen
  beunruhigt,  und  hielt  seine  Stellung  bis  gegen  ein
Uhr  zur  Deckung  von  Geschützen  und  Bagagen  fest,  worauf
er  dann  unbelästigt  nach  Altenbuch  abrückte.  Daß  General
Hiller  eine  weitere  Verfolgung  des  Feindes  nicht  eintreten
ließ,  war  nach  den  colossalen  Strapazen  der  beiden  letzten
Tage  höchst  begreiflich.

Das  schlimmste  Schicksal  dieses  Treffens  aber  fiel  auf
die  Brigade  Grivicitz.  Der  erste  Befehl  Gablenz's  zum  Ausrücken
  nach  Rudersdorf  war  ihr  erst  um  halb  zehn  Uhr  zugekommen;
  so  traf  sie  gegen  eilf  Uhr  bei  Altrognitz  und  Rudersdorf
  ein,  gerade  als  Gablenz  sich  zum  allgemeinen  Rückzug
  entschloß.  Wohl  sandte  er  auch  an  sie  die  betreffende
Weisung  aus;  der  Bote  aber  wurde  von  dem  Feinde  ausgefangen.
  So  fand  sich  Grivicitz  völlig  vereinzelt  inmitten  der
feindlichen  Schaaren.  Die  zweite  Garde-Division  unter  General
  von  Plonski  rückte  damals  von  Eipel  nach  Prausnitz
vor;  auf  eine  Meldung,  daß  sich  bei  Rudersdorf  Feinde
zeigten,  sandte  Plonski  zur  Sicherung  seiner  rechten  Flanke
ein  Bataillon  des  Kaiser-Franz-Regiments  dorthin,  welches
dann  ohne  Bedenken  zum  Angriff  auf  die  mehr  als  fünffache
Ülbermacht  vorging,  Fortschritte  machte,  arge  Verluste  erlitt,
zurückwich,  sich  wieder  festsetzte,  kurz,  unerschütterlichen  Widerstand
  leistete,  bis  allmählich  Verstärkung  und  Unterstützung
erschien.  Mittlerer  Weile  hatte  Plonski  von  dem  Prinzen
        <pb n="168" />
        152  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

von  Württemberg  Befehl  erhalten,  nordwärts  einzuschwenken
und  über  Neurognitz  auf  Trautenau  zu  marschiren.  Auf
dieser  Straße  befand  er  sich  nach  Mondel's  Abzug  in  der
Flanke  und  bald  in  dem  Rücken  des  rettungslos  abgeschnittenen
Grivicitz.  Dessen  ganze  Brigade  wurde  zersprengt,  er  selbst
verwundet  und  gefangen,  nur  unbedeutende  Trümmer  seiner
Bataillone  vermochten  sich  über  Trautenau  zu  Gablenz
hinüber  zu  retten.

So  hatten  die  Garden  mit  glänzendem  Erfolge  die
Scharte  des  vorigen  Tages  wieder  ausgewetzt  und  das  Trautenauer
  Defilee  dem  ersten  Corps  auf's  Neue  geöffnet.  Der
Widerstand  war  lange  nicht  so  heftig  gewesen,  wie  bei  Nachod;
noch  schneller  als  bei  Skalitz  hatte  der  schon  zum  Rückzug
geneigte  Gegner  das  Gefecht  abgebrochen.  Trotzdem  war  auch
hier  der  Verlust  desselben  gewaltig,  beinahe  4000  Mann,
darunter  200  todt,  900  verwundet,  wovon  600  gefangen,
außerdem  unverwundet  gefangen  2600.  Bei  der  Garde  zählte
man  150  Todte,  550  Verwundete.

Noch  am  Abend  wurde  aus  Trautenau  die  Verbindung
mit  Bonin  und  der  Reiter-Division  wieder  eröffnet,  und  am
folgenden  Morgen  ohne  Aufenthalt  der  Marsch  zur  Elbe
nach  Königinhof  angetreten,  während  von  der  andern
Seite  her  Steinmetz  sich  demselben  Punkte  nähern  würde.
Auf  dem  rechten  Elbufer  zog  gleichzeitig  auch  Gablenz  mit
seinem  Corps  von  Neuschloß  an  Königinhof  vorüber  nach
Josephstadt  zurück,  nachdem  er  zehn  Compagnien  zum  Schutze
seines  Marsches  in  der  Stadt  zurückgelassen  hatte.  Diese
wurden  gegen  Mittag  durch  den  Vortrab  der  ersten  Garde-Division
  von  allen  Seiten  her  angegriffen,  nach  tapferem
Widerstande  überwältigt  und  großes  Theils  gefangen.  Stein-
        <pb n="169" />
        Gefecht  bei  Schweinschädel.  153

metz  gönnte  seinen  Truppen  am  Vormittag  des  29.  Juni  die
schwer  verdiente  Ruhe,  und  brach  erst  um  zwei  Uhr  Nachmittags
aus  Skalitz  und  Umgegend  zum  Weitermarsche  westwärts  zur
Elbe  nach  Gradlitz  auf.  Es  wurde  aber  schon  erwähnt,  daß
eine  Meile  südlich  von  Skalitz,  bei  Dolan,  das  vierte  österreichische
  Corps  unter  General  Graf  Festetics  sich  befand;
es  hatte  seine  Stellung  etwas  weiter  nach  Nordwesten,  bis
zum  Dorfe  Schweinschädel  ausgedehnt;  an  dieser  also  mußte
der  Marsch  der  preußischen  Colonnen  vorüber  gehen,  und  damit
  dem  Feinde  seine  langgestreckte  Flanke  darbieten.  Indessen
hatte  Festetics  Befehl,  sich  auf  kein  bedeutendes  Gefecht  an
dieser  Stelle  einzulassen,  sondern  einem  feindlichen  Angriff
durch  einen  Rückzug  auf  Josephstadt  auszuweichen.  Auch
Steinmetz  wünschte  einen  dritten  Kampf  vor  seiner  Vereinigung
mit  der  Garde  zu  vermeiden,  so  daß,  wäre  jeder  der  beiden
Führer  mit  den  Absichten  des  Andern  bekannt  gewesen,  an
diesem  Tage  hier  kein  Schuß  gefallen  wäre.  Die  Brigade
Wittich  aber,  welche  Steinmetz  mit  der  Deckung  seiner  bedrohten
  Flanke  beauftragt  hatte,  kam  den  österreichischen  Posten
so  nahe,  daß  sich  zwischen  ihnen  ein  lebhafter  Artilleriekampf
entspann:  Graf  Festetics,  in  der  Meinung,  durch  zu  schnelles
Weichen  seine  Truppen  zu  demoralisiren,  entwickelte  also
zwei  Brigaden  Fußvolk  in  erster,  eine  dritte  in  zweiter  Linie,
um  erst  nach  Zurückweisung  des  feindlichen  Angriffs  den  Abmarsch
  anzutreten.  Darauf  hielt  General  Kirchbach,  welcher
zur  Zeit  die  preußische  Vorhut  führte,  es  zur  Sicherheit  des
Corps  für  unerläßlich,  diese  Massen  zurückzudrängen,  und
ließ  za  diesem  Zwecke  die  Brigade  Tiedemann  gegen  Schweinschädel
  vorgehen.  So  kam  es  zu  einem  äußerst  scharfen  und
blutigen  Gefechte,  bei  dem  sich  wieder  die  Überlegenheit  der
        <pb n="170" />
        154  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

preußischen  Taktik  und  die  mörderische  Kraft  des  Schnellfeucrs
trotz  der  Überzahl  der  Osterreicher  glänzend  bewährte.  Schweinschädel
  wurde  genommen,  dann  aber  auf  Steinmetz's  Befehl
der  Kampf  abgebrochen,  und  der  Marsch  nach  Gradlitz  fortgesetzt.
  Festetics  war  übel  zugerichtet  worden;  er  hatte  gegenüber
  einer  preußischen  Einbuße  von  400  Mann,  nicht  weniger
als  1450  Todte,  Verwundete  und  Gefangene  verloren,  und
zog  sich  in  den  Abendstunden  südwärts  nach  Jaromir  an  die
Elbe  zurück.  Steinmetz  erreichte  Gradlitz  gegen  Mitternacht;
dadurch  war  seine  Verbindung  mit  dem  Kronprinzen  hergestellt,
und  zugleich  kam  jetzt  auch  das  sechste  Corps  nach  Skalitz
heran.  Auf  dem  andern  Flügel  des  Kronprinzen  hatte  unterdessen
  Bonin  am  29.  Juni  seine  Truppen  wieder  geordnet;
darauf  marschirte  am  30.  das  erste  Corps  über  Trautenan
und  Pilnikau  an  die  Elbe,  welche  sein  Vortrab  bei  Arnau
erreichte.  Hier  erschien  dann  sehr  bald  ein  Dragoner  Regiment
  von  der  aus  Gitschin  vorgehenden  ersten  Armee  des
Prinzen  Friedrich  Carl,  zur  augenfälligen  Bestätigung,  daß
die  gefahrvolle  Aufgabe  der  Vereinigung  aller  preußischen
Streitkräfte  in  rühmlicher  Weise  gelöst  war.

Während  dieser  Ereignisse  erlebte  Benedek  schwere  und
immer  schwerere  Stunden.

Nachdem  er  am  28.  Mittags  in  sein  Hauptquartier  nach
Josephstadt  zurückgekommen  war,  ließ  er  die  Disposition  für
den  großen  Vormarsch  gegen  Friedrich  Carl  ausarbeiten.
Früher  hätte  er  ihn  überhaupt  nicht  zu  beginnen  vermocht,
da  jetzt  zwar  das  dritte  Corps  und  eine  Reiterdivision  bereits
auf  dem  rechten  Elbufer  standen,  und  das  sechste  und  achte
nach  Benedek's  Befehlen  jeden  Augenblick  dort  erwartet
wurden,  das  zweite  Corps  aber  nebst  drei  Reiterdivisionen
        <pb n="171" />
        Benedek  sieht  seine  Pläne  vernichtet.  155

und  der  Geschütz  Reserve  erst  am  Abend  den  Strom  von  Osten
her  erreichen  konnten.  Um  so  rascher  aber  sollte  es  dann
am  folgenden  Tage  vorwärts  gehen.  Die  Disposition  war
eben  fertig  redigirt,  da  kam  der  Bericht  von  dem  Kampfe  bei
Skalitz.  Wie  bitter  Benedek  die  Verluste  desselben  empfand,
geht  aus  dem  Umstande  hervor,  daß  er  umgehend  dem  Erzherzog
  Leopold  den  bestimmten  Rath  zukommen  ließ,  wegen
Unwohlseins  Urlaub  zu  nehmen.  An  seinem  Feldzugsplane
aber  ließ  er  sich  noch  nicht  beirren;  nach  den  Erfahrungen
vom  27.  hoffte  er,  Gablenz,  dem  er  außer  dem  zehnten  auch
das  vierte  Corps  unterstellen  wollte,  würde  bei  Dolan  und
Josephstadt  die  Aufgabe  besser  lösen.  Die  Marschdisposition
wurde  also  noch  am  Abend  an  alle  Heertheile  expedirt.  Da
aber  traf  in  der  Nacht  auch  die  Hiobspost  von  der  schweren
Niederlage  des  zehnten  Corps  ein;  zugleich  erfuhr  man
Näheres  über  den  traurigen  Zustand  der  beiden  geschlagenen
Heerschaaren;  es  wurde  deutlich,  daß  unter  diesen  Verhältnissen
  der  Vormarsch  der  Armee  an  die  Iser  nicht  mehr
möglich  sei.  Demnach  wurde  jetzt  beschlossen,  fünf  Armcecorps
  an  dem  rechten  Ufer  der  Elbe  gegen  das  vorrückende
Heer  des  preußischen  Kronprinzen  aufzustellen,  die  Sachsen
aber  und  Clam-Gallas  an  den  linken  Flügel  der  Armce
heranzuziehen  und  sie  dort  nebst  dem  dritten  Corps  mit  der
Deckung  gegen  Friedrich  Carl  zu  beauftragen.  Die  Truppen,
bereits  früh  am  Morgen  des  29.  Juni  gemäß  den  Vorschriften
der  gestrigen  Disposition  im  Marsche  begriffen,  erhielten
schleunigen  Gegenbefehl,  und  hatten  erheblich  Zeit  und  Kraft
zum  Erreichen  der  neuen  Stellung  aufzuwenden.  Aber  auch
hier  war  ihnen  keine  lange  Ruhe  bestimmt.  Am  Morgen
des  30.  kam  die  niederschmetternde  Kunde  von  den  Gitschiner
        <pb n="172" />
        156  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  in  Böhmen.

Ereignissen,  und  bald  erschienen  die  Trümmer  des  dortigen
Heeres  in  ihrer  völligen  Zerrüttung  und  Auflösung.  Es  war
nicht  mehr  daran  zu  denken,  in  der  eben  erwählten  Stellung,
die  Armee  des  Kronprinzen  in  der  Front,  das  siegreiche
Heer  Friedrich  Carl's  in  Flanke  und  Rücken,  auch  nur  noch
einen  Tag  lang  auszuharren.  Benedek  telegraphirte  an  den
Kaiser,  durch  die  völlige  Niederlage  des  ersten  und  des  sächsischen
  Corps  sei  er  gezwungen,  die  Armee  nach  Königgrätz
zurückzuführen.

In  Wien  traf  diese  Depesche  die  Gemüther  wie  ein
Wetterschlag  aus  heiterem  Himmel,  überraschend  und  betäubend.
  Man  hatte  sich  bisher  im  schönsten  Siegesbewußtsein
gewiegt.  Über  Nachod  hatte  Benedek  berichtet,  Ramming
habe  den  ihm  aufgetragenen  Marsch  nach  Skalitz,  alle  feindlichen
  Angriffe  zurückweisend,  glücklich  zurückgelegt.  Dann
war  die  Meldung  von  Gablenz's  Sieg  bei  Trautenau  gekommen,
  dann  ein  kurzes  Telegramm  Benedek's  aus  Skalitz,
daß  sich  hier  nichts  Ernstliches  vorbereite,  und  die  Artillerie
ihre  ausgezeichnete  Trefffähigkeit  bewähre.  Die  Zeitungen
bearbeiteten  diese  erfreulichen  Nachrichten  weiter,  und  ihre
Telegramme  trugen  die  Kunde  durch  ganz  Europa:  Sieg,
Sieg  auf  der  ganzen  Linie.  Und  plötzlich  —  denn  am  29.
war  kein  amtlicher  Bericht  eingegangen  —  dies  Donnerwort:
gänzliche  Niederlage,  Rückzug  nach  Königgrätz.  So  aufgebauscht
  seit  Monaten  der  Übermuth  gewesen,  so  vollständig
war  jetzt  der  Umschlag;  Bestürzung,  Erbitterung,  Haltungslosigkeit
  traten  weit  und  breit  zu  Tage.
        <pb n="173" />
        8.  Capitel.
König  Wilhelm  in  Böhmen.

In  diesem  Augenblicke  griffen  die  beiden  kämpfenden
Monarchen  persönlich  in  den  Gang  der  Ereignisse  ein.

Nachdem  König  Wilhelm  die  Siegesnachrichten  von
Burkersdorf  und  Skalitz,  und  damit  die  Sicherheit  der  Vereinigung
  seiner  Heere  erhalten  hatte,  verließ  er  am  Morgen
des  30.  Juni,  von  Bismarck,  Roon  und  Moltke  begleitet,
seine  Residenz,  um  fortan  den  Oberbefehl  über  seine  Kriegsmacht
  an  Ort  und  Stelle  unmittelbar  zu  führen.  Von  dem
Triumphe  der  ersten  Armee  bei  Gitschin  hatte  er  noch  keine
Nachricht;  auf  dieser  Seite  wurde  keine  Gefahr  des  Mißlingens
  vorausgesetzt,  und  demnach  auf  der  Fahrt,  von  Kohlfurt
  aus,  an  die  beiden  Armee-Commandos  der  telegraphische
Befehl  erlassen,  daß  die  zweite  Armee  sich  am  linken  Ufer
der  obern  Elbe  zu  behaupten  habe,  unter  Bereitschaft  ihres
rechten  Flügels,  sich  dem  linken  der  ersten  Armee  über  Königinhof
  anzuschließen;  die  erste  Armee  rücke  ohne  Aufenthalt  in
der  Richtung  auf  Königgrätz  vor;  feindliche  Streitkräfte  in
der  rechten  Flanke  dieses  Vormarsches  solle  General  von
Herwarth  angreisen  und  von  der  feindlichen  Hauptmacht
        <pb n="174" />
        158  König  Wilhelm  in  Böymen.

abdrängen.  Die  Depesche  zeichnete  bereits  die  Linien  vor,  auf
welchen  nach  vier  Tagen  die  große  Entscheidung  erreicht
wurde.

Ihrem  Inhalte  entsprach,  was  die  beiden  Armee-Commandos
  schon  früh  am  Morgen  nach  eigenem  Ermessen  angeordnet
  hatten;  Prinz  Friedrich  Carl  den  Vormarsch  der
ersten  und  der  Elbarmee  in  südöstlicher  Richtung,  der  Kronprinz
  Festsetzung  seiner  Divisionen  nahe  oder  dicht  an  der
Elbe  und  Sicherung  geeigneter  Übergangspunkte.  Prinz
Friedrich  Carl  begegnete  an  diesem  Tage  keinem  Feinde;
General  Steinmetz  wechselte  am  Vormittag  und  am  Abend
mit  dem  zweiten  österreichischen  Corps  einige  Kanonenschüsse
über  die  Elbe  hinüber.  Am  Abend  aber  wurde  drüben  Alles
still;  wie  wir  wissen,  ließ  Benedek  in  der  Nacht  sein  ganzes
Heer  südwärts  auf  Königgrätz  zurückgehen.  Preußischer  Seits
erhielt  man  keine  Kunde  von  diesem  Abmarsch,  also  noch
viel  weniger  von  dessen  Richtung  und  Ziel.  Am  Morgen
des  1.  Juli  war  der  Feind  eben  verschwunden;  General
Bonin  führte  das  erste  Corps  über  die  Elbe,  nach  Oberprausnitz;
  einzelne  Abtheilungen  des  Garde=  und  des  fünften
Corps  kamen  ebenfalls  auf  das  rechte  Ufer  bei  Schurz  und
Daubrawitz;  zugleich  vereinigte  sich  das  sechste  Corps  bei
Gradlitz  mit  dem  fünften.  Die  erste  Armce  aber  erreichte
gegen  Abend  die  Orte  Miletin  und  Horschitz,  und  der  Vortrab
der  Elbarmee  gelangte  am  2.  Juli  nach  Smidar.  So  waren
die  Vortruppen  der  beiden  feindlichen  Heere  nur  wenig  mehr
als  eine  Meile  von  einander  entfernt,  doch  hatte  keine  Partei
eine  Ahnung  von  einer  solchen  Nähe  der  andern.  Im  königlichen
  Hauptquartier,  welches  jetzt  nach  Gitschin  gekommen
war,  vermuthete  man,  daß  Benedek  eine  Stellung  hinter  der
        <pb n="175" />
        Die  Österreicher  sammeln  sich  bei  Königgräh.  159

Elbe  zwischen  Josephstadt  und  Königgrätz  bezogen  habe,  in
der  Front  durch  den  Fluß,  rechts  und  links  durch  die  beiden
Festungen  gedeckt,  und  Moltke  entwarf  einen  Befehl  an  die
beiden  Armee-Commandos:  es  solle  der  Kronprinz  durch
Recognoscirung  der  Gegend  um  Josephstadt  die  Stärke  der
vermutheten  feindlichen  Stellung  ermitteln;  zeige  dieselbe  sich
angreifbar,  so  würde  der  Kronprinz  seine  sämmtlichen  Truppen
wieder  auf  das  linke  Ufer  zurücknehmen,  um  stromabwärts
ziehend  den  Feind  in  der  Flanke  zu  fassen,  während  Friedrich
Carl  ihn  vom  rechten  Ufer  aus  in  der  Front  bedränge;
erscheine  dagegen  ein  solcher  Angriff  mißlich,  so  würden
sämmtliche  Armeen  den  Feind  durch  einen  südwärts  gerichteten
Marsch  zu  umgehen  suchen,  die  Elbe  bei  Pardubitz  überschreiten
  und  damit  alle  Verbindungen  und  Rückzugslinien
des  Gegners  bedrohen.

Allein,  als  diese  Weisungen  eben  fertig  gestellt  werden
sollten,  zeigte  sich  die  Voraussetzung  derselben,  die  Annahme,
daß  Benedek  hinter  der  Elbe  stehe,  als  irrig.  Neue  Entschließungen
  wurden  nothwendig.

Der  Feldzeugmeister  hatte  allerdings  unter  dem  ersten
Eindruck  der  Niederlagen  von  Burkersdorf  und  Gitschin  nicht
bloß  hinter  die  Elbe,  sondern  in  seine  ursprünglich  gewählte
Devensivstellung,  in  das  verschanzte  Lager  von  Olmütz,  zurückgehen
  wollen.  Sein  Vertrauen  zu  der  eigenen  Kraft  und  der
seiner  Armee,  welches  niemals  groß  gewesen,  war  gebrochen.
Von  seinen  acht  Armeecorps  waren  nur  zwei  noch  unversehrt,
vier  andere  auf  das  Schwerste  geschädigt,  die  beiden  letzten
nicht  unbedeutend  erschüttert.  Die  Einbußen,  welche  das
Heer  seit  dem  26.  Juni  erlitten  hatte,  beliefen  sich  auf  mehr
als  30000  Mann,  ehe  es  zu  einem  entscheidenden  Schlacht-
        <pb n="176" />
        160  König  Wilhelm  in  Böhmen.

tage  gekommen  war.  So  langte  Benedek,  von  den  trübsten
Gedanken  erfüllt,  am  Morgen  des  1.  Juli  in  Königgrätz  an.
Dort  traf  er  ein  Telegramm  seines  Monarchen,  welches  ihm
trotz  der  bisherigen  Unfälle  dessen  festes  Vertrauen  auf  seine
energische  Führung  aussprach,  und  empfing  einen  Adjutanten
des  Kaisers,  den  Oberstlieutenant  von  Beck,  welcher  sich  durch
eigene  Anschauung  von  dem  Zustand  des  Heeres  unterrichten
sollte.  Gerade  in  diesen  Stunden  langten  nun  die  Schaaren
des  ersten  Corps  bei  Königgrätz  an;  der  letzte  Marsch,  in
einem  Zuge  von  Miletin  herüber,  bei  äußerst  mangelhafter
Verpflegung,  hatte  die  Erschöpfung  der  Mannschaft  und  die
Auflösung  der  Verbände  auf  den  höchsten  Grad  gebracht:
bei  ihrem  Anblick  verlor  Benedek  die  letzte  Hoffnung,  und
telegraphirte  kurz  vor  Mittag  dem  Kaiser:  „bitte  Ew.  Majestät
dringend,  um  jeden  Preis  den  Frieden  zu  schließen;  Katastrophe
  für  Armee  unvermeidlich;  Oberstlieutenant  Beck  geht
gleich  zurück."  Man  ermißt  leicht  den  Eindruck,  welchen  diese
Worte  in  der  Hofburg  machen  mußten.  Man  hielt  eine  solche
Größe  und  Nähe  der  Gefahr  für  undenkbar;  jede  Ader  des
nationalen  Selbstgefühls  sträubte  sich  gegen  die  Vorstellung,
acht  Tage  nach  der  Kriegserklärung,  ohne  die  Probe  einer
großen  Schlacht,  friedebettelnd  bei  dem  so  lange  geringgeschätzten
  Gegner  einzutreten.  Allerdings  schien  nach  den
erlittenen  Verlusten  und  bei  der  Fassungslosigkeit  Benedek's
sowohl  eine  ansehnliche  Verstärkung  des  Heeres,  als  ein
Wechsel  im  Oberbefehl  unerläßlich:  noch  waltete  in  Wien  die
Stimmung  der  letzten  Monate  vor,  in  welchen  die  feindliche
Aufregung  gegen  Preußen  die  alte  Erbitterung  gegen  Italien
überwogen  hatte,  und  man  kam  zu  dem  Entschlusse,  nicht  bei
Preußen,  sondern  unter  Napolcon's  Vermittlung  bei  Italien
        <pb n="177" />
        SCHLACHT

KöNIGGRATI.

 

 

 

 

rotinæ

—
        <pb n="178" />
        <pb n="179" />
        Telegramme  an  Napoleon  und  Benebek.  161

den  Frieden  zu  suchen,  und  dann  den  siegreichen  Erzherzog
Albrecht  mit  seinen  120000  Mann  der  bedrängten  Nordarmee
  zur  Hülfe  und  Leitung  zu  senden.  Hienach  wäre  es
nun  durchaus  folgerichtig  gewesen,  bis  zu  deren  Ankunft
jeden  größern  Kampf  mit  dem  preußischen  Heere  möglichst
zu  vermeiden,  also  zunächst  den  Rückzug  nach  Olmütz  zu
befehlen:  allein  bei  leidenschaftlicher  Bewegung  behauptet  die
Logik  nicht  immer  ihr  Recht;  die  Vorstellung,  daß  Osterreichs
Doppeladler  sich  nicht  bange  zu  verstecken  brauche,  gewann
wieder  Raum,  und  so  gingen  die  beiden  Telegramme  gleichzeitig
  ab,  das  eine  an  Napoleon  mit  der  Erklärung,  daß  man
die  Abtretung  Venetiens  jetzt  zu  vollziehen  geneigt  sei,  wenn
der  Kaiser  dann  die  Unthätigkeit  Italiens  verbürgen  wolle;
übrigens  denke  man  für's  Erste  noch  einmal  das  Kriegsglück
in  einer  großen  Schlacht  zu  versuchen!)  —  das  andere  an
Benedek  mit  den  Worten:  „einen  Frieden  zu  schließen,  unmöglich.
  Ich  befehle,  wenn  unausweichlich,  den  Rückzug  in
größter  Ordnung  anzutreten.  Hat  eine  Schlacht  Statt  gesunden?"!)
  Benedek  verstand  diese  Frage  des  Kaisers  sehr
richtig  dahin,  daß  derselbe  den  Rückzug  für  den  Nothfall  gestatte,
  aber  wenn  möglich,  vorher  eine  Schlacht  begehre,  und
begann  hienach  für  einen  solchen  Fall  seine  Vorbereitungen
zu  treffen.  Auch  erschien  ihm  die  Lage  allmählich  wieder  in
etwas  günstigerem  Lichte.  Der  Ruhetag  und  reichliche  Verpflegung
  erfrischte  die  Truppen  und  ermöglichte  die  Herstellung
der  Ordnung.  Der  Feind  drängte  nicht;  man  konnte  auch  auf
den  folgenden  Tag  als  eine  Erholungspause  rechnen.  So

2  )  Goly  5.  Juli,  Bernstorff  (nach  einer  Mittheilung  Clarendon's)
7.  Juli.

Österreich's  Kämpfe  III,  S.  228.
v.  Sydel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  V.  11
        <pb n="180" />
        162  König  Wilhelm  in  Böhmen.

telegraphirte  Benedek  im  Laufe  der  Nacht  dem  Kaiser  eine
ausführliche  Darlegung  der  Verhältnisse,  die  er  mit  den
Sätzen  schloß:  „ich  lasse  morgen  die  Armee  ruhen,  kann  aber
länger  nicht  hier  bleiben,  weil  bis  übermorgen  Mangel  an
Trinkwasser  eintreten  wird,  und  setze  am  3.  den  Rückzug
gegen  Pardubitz  fort.  Kann  ich  auf  die  Truppen  wieder
zählen,  und  ergibt  sich  die  Gelegenheit  zu  einem  Offensivstoße,
  so  werde  ich  ihn  machen,  sonst  aber  trachten,  die  Armee
so  gut  wie  möglich  wieder  nach  Olmütz  zu  bringen.“  Noch
also  hatte  er  den  letzten  Entschluß  nicht  gefaßt,  wohl  aber
stand  bereits  seine  Absicht  fest,  wenn  er  den  Kampf  annähme,
ihn  in  der  jetzigen  Aufstellung,  die  Elbe  und  Königgrätz  im
Rücken,  zu  führen.  Er  hatte  bei  dem  Ritte  dorthin,  inmitten
aller  düstern  Sorgen,  die  Landschaft  recognoscirt  und  zu
einer  Defensivschlacht  höchst  geeignet  befunden;  noch  am  Abend
des  1.  Juli  ließ  er  am  Nordrande  der  gewählten  Stellung
einige  Redouten  errichten.  Vormittags  am  2.  meldete  General
Henikstein  nach  Wien  die  Besserung  des  Zustandes;  damit
kreuzte  sich  aber  ein  kaiserlicher  Befehl,  welcher  ihn,  Krismanitz
und  Clam-Gallas  ihrer  Posten  enthob  und  zur  Verantwortung
nach  Wien  berief;  Chef  des  Generalstabs  wurde  auf  Benedek's
Vorschlag  General  Baumgarten  vom  dritten  Corps,  während
General  Gondrecourt  an  die  Spitze  des  ersten  trat;  beide
Officiere  begannen  ihre  neue  Thätigkeit  erst  am  folgenden
Morgen,  als  bereits  die  ersten  Kanonenschüsse  fielen,  so  daß
Benedek  während  des  Kampfes  thatsächlich  ohne  einen  Chef
des  Generalstabs  war,  da  der  bisherige  nicht  mehr  amtiren
durfte,  der  eben  eingetretene  es  noch  nicht  vermochte.  Trotzdem
  hatte  Benedek  seine  Erwägungen  im  Sinne  des  Kaisers
zum  Schlusse  gebracht,  und  telegraphirte  am  2.  Juli  Nach-
        <pb n="181" />
        Benedel's  Entschluß  zur  Schlacht.  163

mittags  an  Se.  Majestät:  „die  Armee  bleibt  morgen  in  ihrer
Aufstellung  bei  Königgrätz,  Ruhe  und  Verpflegung  haben
gut  gewirkt,  hoffe  einen  weitern  Rückzug  nicht  nothwendig
zu  haben.“

Er  gedachte  also  die  Entscheidungsschlacht  in  der  jetzigen
Stellung  anzunehmen.  Er  sollte  nicht  lange  darauf  warten.
Von  allen  Seiten  her  trafen  im  Laufe  des  Abends  Meldungen
von  Ortsbehörden  und  Patrouillen  Über  die  Annäherung  des
Feindes  ein.  Ein  Tag  von  weltgeschichtlicher  Bedeutung
stand  bevor.

Wie  wir  uns  erinnern,  strömt  die  Elbe  in  diesem  Theile
ihres  Laufes,  an  Josephstadt  und  Königgrätz  vorüber,  fast
genau  nach  Süden.  Ungefähr  anderthalb  Meilen  westlich
davon  entfernt,  fließt  ziemlich  parallel  mit  ihr  ein  ansehnlicher
Bach,  die  Bistritz,  zur  Zeit  durch  Regengüsse  angeschwollen,
und  auch  sonst  nur  an  einzelnen  Stellen  ohne  Brücken  zu
passiren.  Über  ihn  führt  bei  dem  kleinen  Dorfe  Sadowa
die  Heerstraße  von  Gitschin,  und  eine  starke  Meile  weiter
südlich  bei  Nechanitz  die  Landstraße  von  Smidar  nach  Königgrätz.
  Zwischen  diesen  beiden  Punkten  dachte  Benedek  sich
den  Boden  für  den  Beginn  des  Kampfes  zu  wählen.  Aber
allerdings  nicht  in  der  Weise,  daß  der  Gegner  an  der  lberschreitung
  des  Baches  gehindert  werden  sollte.  Die  Biftitz
windet  sich  durch  eine  schmale  und  sumpfige  Niederung,  an
deren  Rande  sich,  sanft  gegen  Osten  ansteigend,  ein  wohlangebauter
  Abhang  hinzieht.  Dort  liegt,  gleich  hinter  Sadowa,
ein  dicht  bewachsener  Busch,  der  Holawald,  dann  bis  Nechanitz
  hinunter  ein  halbes  Dutzend  kleinerer  und  größerer  Dörfer.
Etwa  drei  Viertelstunden  aber  von  der  Bistritz  entfernt,  ändert
sich  der  Charakter  des  Geländes.  Aus  dem  flachen  Abhang
        <pb n="182" />
        164  König  Wilhelm  in  Böhmen.

erhebt  sich  eine  Höhenkette,  an  einzelnen  Punkten  bis  zu
300  Fuß  über  die  Thalsohle  emporsteigend,  von  Nechanitz
an  weit  über  Sadowa  hinaus  die  Bistritz  begleitend,  nach
Westen  hin  meistens  schroff  abgeböscht,  nach  Osten  allmählich
sich  senkend,  bis  in  der  Nähe  von  Königgrätz  der  Boden
vollständig  eben  wird.  Diese  Höhen  hatte  Benedek  sich  zum
ersten  Widerstande  ausersehen,  und  wir  müssen  deshalb  einzelne
  derselben  zum  Verständniß  des  Folgenden  näher  bezeichnen.
  Eine  halbe  Stunde  hinter  Nechanitz  zeigt  sich  der
Schloßberg  von  Hradek,  von  hier  eine  Stunde  nordwärts
eine  weit  hervorragende  Höhe,  mit  den  Dörfern  Nieder=  und
Oberprim  und  Problus  an  ihren  Abhängen,  sodann,  immer
nach  Norden  fortschreitend,  ein  niedrigerer  Hügelrücken  mit
dem  Dorfe  Langenhof,  endlich  gegenüber  Sadowa  und  dem
Holawalde  der  höchste  und  bedeutendste  dieser  Berge,  mit
dem  Flecken  Lipa  auf  der  Mitte  seines  westlichen  Abhanges,
und  dem  ärmlichen,  aber  seit  diesem  3.  Juli  durch  Europa
berühmten  Dörschen  Chlum  in  einer  Vertiefung  am  Ostrande
der  Höhe.  Der  Blick  beherrscht  von  hier  aus  die  gesammte
Landschaft  nach  allen  Seiten.  Nach  Osten  flacht  sich  auch
hier  das  Gebirge  allmählich  ab;  zwischen  welligen  Hügeln
liegt  dort  in  der  Tiefe  das  Dorf  Nedielischt,  von  da  breitet
sich  platte  Ebene  bis  zur  Elbe  aus.  Ein  anderes  Bild  zeigt
sich  dem  Beschauer  im  Norden.  Chlum  gerade  gegenüber,
von  dem  Fuße  seines  Berges  nur  durch  eine  schmale  Einsenkung
  getrennt,  dehnt  sich  eine  breite,  mit  mächtigem
Baumwuchs  bestandene  Kuppe  aus,  die  von  zahlreichen
Schluchten  durchrissen,  am  westlichen  Rande  aber  von  einer
gewaltigen  Felsenbastion  gekrönt  ist;  es  ist  der  Swiepwald.
der  wie  Chlum  an  diesem  Tage  ein  unvergeßliches  Andenken
        <pb n="183" />
        Das  Schlachtfeld.  Aufstellung  der  Osterreicher.  165

gewonnen  hat.  Rechts  davon,  eine  halbe  Stunde  weiter
nordwärts,  zeigt  sich  ein  langgestreckter  Höhenzug  mit  dem
Dorfe  Maslowied  an  seinem  Abhang;  wieder  eine  halbe
Stunde  weiter  lehnt  sich  daran  ein  stattlicher  Berg,  der  auf
seiner  Westflanke  das  Dörschen  Horscheniowes,  und  auf  seiner
sonst  kahlen  Spitze  damals  zwei  uralte,  überallhin  weit  sichtbare
  Linden  trug.  An  dessen  Fuße  fließt  der  Bach  Trotinka
durch  morastige  Wiesen  südostwärts  der  Elbe  zu:  auf  der
andern  Seite  des  kleinen  Gewässers  schließt  dann  der  steile
Horschizkaberg  das  Bild.

Auf  diesem  Boden  befahl  nun  Benedek  durch  eine  am
späten  Abend  des  2.  Juli  fertig  gewordene  Disposition  seinen
Streitkräften,  in  der  Frühe  des  folgenden  Morgens  Stellung
zu  nehmen,  wenn,  wie  vermuthet  wurde,  ein  feindlicher  Angriff
erfolge.  Und  zwar  sollte  auf  dem  linken  Flügel  hinter
Nechanitz  das  sächsische  Corps,  unterstützt  durch  das  österreichische
  achte,  jetzt  befehligt  durch  General  Weber,  zusammen
39200  Mann  mit  116  Geschützen,  die  Höhen  von  Prim  und
Problus  besetzen?).  Daran  sich  anschließend,  würde  das  zehnte
Corps  unter  Gablenz  auf  der  Höhe  von  Langenhof,  neben
ihm  Erzherzog  Ernst  mit  dem  dritten  Corps  auf  der  Höhe
Lipa-Chlum  sich  aufstellen,  so  daß  hier  das  Centrum  der
Armee  46600  Mann  mit  134  Geschützen  zählte.  Den  rechten
Flügel  hätten  mit  55600  Mann  und  160  Geschützen  das
vierte  Corps,  Graf  Festetics,  auf  der  Linie  Chlum  Nedielischt
und  das  zweite,  Graf  Thun,  von  Nedielischt  bis  zur  Elbe  zu

)  Benedek  hatte  die  Sachsen  zuerst  auf  einen  der  Kuppe  von
Problus  vorliegenden  Hügel,  mithin  etwas  näher  der  Bistritz,  rücken
lassen  wollen,  jedoch  auf  Antrag  des  sächsischen  Kronprinzen  zugestimmt,
daß  dorthin  nur  eine  Brigade  vorgeschoben,  die  Hauptmasse  aber  in  der
angegebenen  Weise  aufgestellt  würde.
        <pb n="184" />
        166  König  Wilhelm  in  Böhmen.

bilden,  wo  für  den  Nothfall  bei  den  Dörfern  Lochenitz  und
Predmeritz  mehrere  Kriegsbrücken  über  den  Strom  zu  legen
wären.  Endlich  behielt  der  Feldzeugmeister  seiner  persönlichen
Verwendung  eine  mächtige  Reserve  vor,  das  erste  Corps
Graf  Gondrecourt,  das  sechste,  Baron  Ramming,  die  fünf
Reiterdivisionen,  die  Armee-Geschütz-Reserve,  zusammen
73000  Mann  mit  360  Geschützen.  Dazu  kamen  noch
4000  Mann  dem  Hauptauartier  zugetheilter  und  3000  Mann
technischer  Truppen,  so  daß  das  Ganze  eine  imposante,
auf  engem  Raum  zusammen  gedrängte  Heeresmasse  von
222000  Mann  mit  770  Geschützen  ergab,  eine  Macht,
wie  sie  seit  dem  Entstehen  des  modernen  Europa  kein  Staat
bis  dahin  auf  einem  Schlachtfelde  vereinigt  hatte.  Die
Truppen,  durch  die  zweitägige  Ruhe  erfrischt,  traten  mit
Eifer  an,  überzeugt,  daß  sie  jetzt  unter  Vater  Benedek's  persönlicher
  Führung  besseres  Glück  als  bisher  unter  ihren  vornehmen
  Corpscommandanten  haben  würden;  ob  sie  damit
außer  der  Lust  zum  Kampfe  auch  aushaltende  Zähigkeit  in  demselben
  gewonnen  hätten,  mußte  freilich  erst  der  Erfolg  zeigen.
lber  die  Officiere  wird  berichtet,  daß  sie  durchgängig  den
Befehl  zur  Schlacht  auf  dieser  Wahlstatt  mit  bitterer  Sorge
und  Enttäuschung  aufgenommen;  sie  hätten  Alle  den  Kampf
erst  hinter  der  Elbe  gewünscht  und  aus  Benchek's  Entschließung
  schweres  Mißtrauen  gegen  den  Feldherrn  geschöpft.
Bereit  aber  waren  sie  Alle,  nach  guter  oder  falscher  Ordre
Leib  und  Leben  an  Osterreichs  Sache  zu  setzen.  Am  übelsten
stand  es  in  der  höchsten  Schicht  des  Heeres.  Ein  großer
Theil  der  Generalität  hatte  von  jeher  weder  zu  den  Verehrern
  noch  zu  den  Freunden  Benedek's  gehört;  es  war  nur
natürlich,  daß  die  bisher  geschlagenen  Corpsführer  nicht  sich
        <pb n="185" />
        Stimmung  der  Generale,  Officiere  und  Soldaten.  167

selbst,  sondern  der  Unfähigkeit  des  Feldzeugmeisters  die  Schuld
an  ihrem  Mißgeschick  zuschrieben,  und  mehr  als  einer  unter
ihnen  war  geneigt,  wenn  er  heute  wieder  verkehrte  Befehle
erhielte,  dieselben  nach  eigenem  Wissen  und  Gewissen  zum
Besten  des  Vaterlandes  zu  corrigiren.

Diese  Stimmungen  wurden  nicht  gelindert  durch  den
Umstand,  daß  Benedek  nach  seiner  kurzen  Weise  den  Corpscommandanten
  zwar  ihre  Aufstellung  angab,  sonst  aber  keine
Sylbe  über  seine  Pläne  und  Absichten  an  diesem  Schlachttag
mittheilte,  und  sie  dadurch  ohne  Directiven  für  den  Fall
unvermutheter  Ereignisse  ließ.  So  ging  das  österreichische
Heer  den  bedeutungsschwersten  Stunden  des  Krieges  entgegen,
gewaltig  durch  die  Zahl  und  den  Muth  der  Truppen,  aber
von  streitenden  Gefühlen  erfüllt  und  in  seiner  innern  Festigkeit
nach  den  wichtigsten  Beziehungen  gelockert.

Was  Benedek's  Gedanken  über  die  Leitung  und  das
Ziel  des  Kampfes  betrifft,  so  ist  darüber  auch  aus  späteren
Verhandlungen  eine  positive  Nachricht  nicht  bekannt  geworden.
Indessen  scheint  die  Heeresaufstellung  selbst  einige  Rückschlüsse
auf  die  ihr  zu  Grunde  liegenden  Absichten  zu  gestatten.

Die  durch  sie  geschaffene  Schlachtlinie  bildete  einen  fast
rechtwinkligen  Haken,  dessen  Spitze  in  dem  Höhenzug  von
Lipa-Chlum  gelegen  und  durch  das  starke  und  völlig  unversehrte
  dritte  Armeecorps  besetzt  war.  Von  dort  erstreckte  sich
das  zehnte  Corps  und  der  linke  Flügel  südwärts,  Front
nach  West  oder  Südwest,  der  rechte  ostwärts,  Front  nach
Nord.  Man  sieht,  gegen  welche  Angriffe  Benedek  sich  deckte,
der  Elbarmee  auf  den  linken,  des  Kronprinzen  auf  den  rechten
Flügel.  Dem  Stoß  der  Elbarmee,  den  er  mit  Sicherheit
erwartete,  scheint  er  keine  große  Kraft  zugetraut  zu  haben,
        <pb n="186" />
        168  König  Wilhelm  in  Böhmen.

da  er  ihm  kaum  40000  Mann,  immerhin  schon  mehr,  als  die
Elbarmee  zählte,  entgegensetzte.  Umgekehrt  däuchte  ihm  eine
frühe  Ankunft  der  preußischen  zweiten  Armee  wegen  ihrer
weiten  Entfernung  nicht  wahrscheinlich,  wenn  sie  aber  dennoch
erfolgte,  sehr  gefährlich:  so  brachte  er  auf  den  rechten  Flügel
zwei  seiner  am  wenigsten  geschädigten  Corps,  mit  einer  Mannschaftszahl,
  welche  die  des  linken  Flügels  um  16000  Kopfe
überstieg:  und  da  bei  einer  von  Norden  drohenden  Gefahr
mindestens  die  Hälfte  des  dritten  Corps  auf  der  Höhe  von
Chlum  ganz  von  selbst  in  Mitwirkung  trat,  so  wären  auf
dieser  Seite  nicht  weniger  als  70000  Mann  zur  Abwehr
der  schlesischen  Armee  bereit  gewesen,  noch  ganz  abgesehen
von  den  schweren  Massen  der  großen  Armee-Reserve,  von  der
Benedek  übrigens  schon  jetzt  je  eine  Reiterdivision  in  der
Nähe  von  Problus  wie  von  Nedielischt  halten  ließ.

Für  die  Auffassung  seiner  Maaßregeln  im  Centrum,
gegenüber  dem  Angriff  des  Prinzen  Friedrich  Carl,  scheint
ein  Armeebefehl  lehrreich,  den  er  in  diesen  Tagen  erlassen
hatte.  Nach  den  Erfahrungen  der  bisherigen  Gesechte  hatte
er  darin  seine  Truppen  angewiesen,  nicht  eher  zum  Massenangriff
  auf  den  Feind  zu  schreiten,  als  bis  derselbe  durch
das  Feuer  der  Artillerie  mürbe  gemacht  sei.  Die  ganze  Aufstellung
  seines  Centrums  war  nichts  als  eine  Anwendung
dieses  Satzes  im  Großen.  Die  Übergänge  über  die  Bistritz
und  der  flachere  Abhang  neben  ihr  Jollten  unbesetzt  bleiben,
damit  hier  die  Infanterie  nicht  vorzeitig  von  der  Zündnadel
decimirt  würde.  Sie  stand  also  weiter  rückwärts  auf  den
steilen  Höhen,  deren  Rand  von  Langenhof  bis  Lipa  und
Chlum  durch  einen  ununterbrochenen  Kranz  furchtbarer  Batterien
  mit  mehr  als  200  gezogenen  Geschützen  geschmückt  war.
        <pb n="187" />
        Benedel  s  Schlachtplan.  169

Geradezu  eingeladen  war  der  Feind,  unten  im  Thale  aufzumarschiren,
  und  dann  beim  Ansturm  auf  die  Höhe  sich
unter  dieser  beispiellosen  Kanonade  zu  verbluten.  Wäre  er
dadurch  zerrüttet,  so  würde  dann  der  Massenangriff  mit  zermalmender
  Übermacht  erfolgen.  Zu  diesem  Zwecke  wurde  der
größte  Theil  der  Reserve,  das  erste  und  sechste  Corps  nebst
zwei  schweren  Reiterdivisionen,  dicht  hinter  Langenhof,  Front
nach  Westen,  aufgestellt,  und  zwar,  was  besonders  sprechend
ist,  in  erster  Linie  vor  den  Infanterie-Corps  die  Reiter,  welche
doch  zur  Vertheidigung  der  Höhenstellung  sehr  wenig,  um
so  mehr  aber  zur  Offensive  gegen  den  erschöpften  Feind
brauchbar  waren.  Immer  also,  scheint  es,  hielt  Benedek  an
seinem  ursprünglichen  Gedanken,  der  Besiegung  Friedrich
Carl's,  fest.  Daraus  würde  sich  auch  der,  ihm  später  stets
zum  Vorwurf  gemachte  Befehl  an  den  rechten  Flügel  erklären,
in  der  Tiefe  bei  Nedielischt  anstatt  weiter  vorwärts  auf  den
Höhen  von  Horscheniowes  und  Maslowied  Stellung  zu  nehmen.
Er  wünschte  ihn  in  nächster  Nähe  zu  haben,  um  vielleicht
auch  ihn  zu  dem  entscheidenden  Vorstoße  gegen  Friedrich  Carl
zu  verwenden,  falls  nicht  ein  zu  frühes  Erscheinen  des  Kronprinzen
  dies  unmöglich  machte.  In  dem  letztern  Falle  wäre
den  beiden  Corps  ihre  ursprüngliche  Bestimmung  geblieben,
und  wenn  ihre  Vorposten  die  Annäherung  des  Gegners
rechtzeitig  entdeckten,  so  wäre  immer  noch  die  Möglichkeit  gegeben,
  die  vorliegenden  Höhen  zu  fester  Abwehr  des  feindlichen
Angriffs  zu  besetzen.

Man  wird  nicht  behaupten  wollen,  daß  ein  solcher  Plan
unklar  oder  unverständig  gewesen  wäre.  Es  bedarf  allerdings
keiner  Erörterung,  daß  eine  Hakenstellung,  wie  die  hier  gewählte,
  in  der  Regel  sehr  bedenklich  ist,  weil  die  Durch-
        <pb n="188" />
        170  König  Wilhelm  in  Böhmen.

brechung  des  einen  Flügels  den  Gegner  unmittelbar  in  den
Rücken  des  andern  führt.  Indessen  mochte  Benedek  an  jenem
Tage  mit  Beruhigung  auf  die  Armee  von  70000  Mann
blicken,  die  er  zwischen  den  beiden  Flügeln  als  Reserve  aufgehäuft
  hatte,  im  ungünstigen  Falle  zur  Abwehr  jedes  feindlichen
  Einbruchs,  im  günstigen  zu  einem  schlechthin  überwältigenden
  Angriff.  Für  den  letztern  kam  nun  offenbar
Alles  darauf  an,  daß  einmal  die  Ausführung  überall  den
Anforderungen  des  Planes  entsprach,  und  sodann,  daß  der
richtige  Augenblick  der  großen  Offensivbewegung  mit  raschem
Entschlusse  ergriffen  wurde,  nicht  zu  hastig,  um  nicht  Friedrich
Carl's  Armee  noch  bei  voller  Kraft  zu  finden,  nicht  zu  zaudernd,
um  nicht  dem  Kronprinzen  Zeit  zum  Eingreifen  zu  lassen.  Volle
Sicherheit  war  allerdings  für  keine  dieser  entscheidenden  Voraussetzungen
  vorhanden,  für  die  erste  nicht,  bei  der  Stimmung
der  Untergenerale  gegen  ihren  Führer,  für  die  zweite  nicht,
bei  der  Individualität  des  Oberfeldherrn,  welcher  jede  wichtige
Entschließung  immer  nur  langsam  und  schwankend  herauszuarbeiten
  vermochte.

Daß  nun  im  österreichischen  Lager  solche  Dinge  sich  vorbereiteten,
  daß  jedesfalls  die  kaiserliche  Armee  noch  nicht  über
die  Elbe  zurückgegangen  war,  dies  wurde  am  2.  Juli  in
Kamenetz,  dem  Hauptauartier  des  Prinzen  Friedrich  Carl,
im  Laufe  des  Nachmittags  und  Abends  bekannt.  Kecke  Reiterofficiere
  hatten  sich  an  verschiedenen  Punkten  in  die  österreichische
  Stellung  vorgewagt,  keinen  umfassenden  Überblick
gewonnen,  aber  die  Anwesenheit  mehrerer  Armeecorps  zwischen
Bistritz  und  Elbe  ermittelt.  Während  man  in  Königgrätz
die  Gefahren  erwog,  welche  der  Gegner  der  Stellung  bereiten
könnte,  kam  in  Kamenetz  aus  Aller  Mund  der  Freudeuruf,  daß
        <pb n="189" />
        Preußischer  Entschluß  zu  allseitigem  Angriff.  171

man  also  den  Feind  vor  seinem  Abzug  noch  fassen  werde.
Man  hatte  den  Truppen  nach  den  Strapazen  und  Kämpfen
der  letzten  Woche  einen  Ruhetag  gönnen  wollen;  jetzt  aber
schien  jeder  Aufschub  unmöglich.  Um  neun  Uhr  erließ  der  Prinz
den  Befehl  an  alle  Divisionen  der  ersten  und  der  Elbarmee,
bald  nach  Mitternacht  anzutreten,  und  den  Marsch  gegen  die
Bistritz  zu  beginnen,  jene  in  der  Richtung  auf  Sadowa,  diese
auf  Nechanitz.  Zugleich  sandte  er  ein  Schreiben  an  den
Kronprinzen  nach  Königinhof,  theilte  ihm  seine  Absicht  mit,
den  Feind  morgen  anzugreifen,  und  bat  ihn,  zu  seiner  Unterstützung
  mit  der  Garde  oder  mehr  die  Elbe  entlang  in  die
Flanke  des  Feindes  vorzugehen.  Der  Chef  seines  Generalstabs,
  General  von  Voigts-Rhetz,  eilte  dann  hinüber  nach
Gitschin,  um  die  Genehmigung  des  obersten  Kriegsherrn  für
alle  diese  Anordnungen  zu  erbitten.  Bei  dessen  Ankunft,
eilf  Uhr  Abends,  war  der  König  im  Begriffe,  sich  zur  Ruhe
zu  begeben,  empfing  aber  den  General  auf  der  Stelle,  und
nahm,  die  Landkarte  vor  sich,  dessen  Bericht  entgegen.  Bei
der  Dürftigkeit  der  Nachrichten  über  die  Stärke  und  die  Absichten
  des  Feindes,  hielt  es  der  Monarch  noch  für  sehr  zweifelhaft,
  daß  Benedek  diesseits  der  Elbe  die  Schlacht  annehmen,
oder  gar  selbst  zum  Angriff  vorgehen  sollte.  Er  befahl  indessen,
  die  Generale  Moltke,  Roon,  Treskow  und  Alvensleben
  zu  berufen.  Nach  kurzer  und  rascher  Besprechung  überwog
  die  Ansicht,  daß  jedesfalls  ein  bedeutender  Theil  der
feindlichen  Armee,  wenn  nicht  ihre  Gesammtheit,  zwischen
Bistritz  und  Elbe  anzutreffen  sei,  und  dann  war  auch  der
König  der  Meinung,  daß  eine  derartige  Möglichkeit,  eine
große  Entscheidung  herbeizuführen,  nicht  unbenutzt  bleiben
dürfe.  Ein  solches  Ziel  im  Auge,  wollte  er  es  aber  nicht  bei
        <pb n="190" />
        172  König  Wilhelm  in  Böhmen.

den  Vorkehrungen  Friedrich  Carl's  bewenden  lassen,  sondern
erklärte  seinen  Beschluß,  daß  die  ganze  Armee  des  Kronprinzen
  zu  vollständiger  Ausbeutung  der  Lage  herbeigerufen
werde.  Um  Mitternacht  waren  die  Befehle  fertig,  und  Oberstlieutenant
  Graf  Finckenstein  ritt  unter  dem  schwarz  bewölkten
Nachthimmel,  nur  von  einem  Reitknecht  begleitet,  in  das  unbekannte
  Land  hinein,  um  das  wichtige  Blatt  nach  Königinhof,
  4  ½  Meile  weit,  dem  Kronprinzen  zu  überbringen.  Unterwegs
  sollte  er  noch  an  die  Vorposten  des  ersten  Corps
einen  entsprechenden  Befehl  für  General  Bonin  abgeben,  sein
Corps  sofort  zu  versammeln,  es  für  die  Weisungen  des  Kronprinzen
  bereit  zu  stellen,  nach  Umständen  auch  selbständig  in
den  voraussichtlichen  Kampf  bei  Sadowa  einzugreifen.  Dem
Kronprinzen  schrieb  Moltke:

„Den  bei  der  ersten  Armee  eingegangenen  Nachrichten
zu  Folge  ist  der  Feind  in  der  Stärke  von  etwa  drei  Corps,
welche  jedoch  noch  weiter  verstärkt  werden  können,  bis  über
den  Abschnitt  der  Bistritz  bei  Sadowa  vorgegangen,  und  ist
dort  ein  Rencontre  mit  der  ersten  Armee  morgen  in  aller
Frühe  zu  erwarten.  (Folgt  Angabe  der  Stellung  der  ersten
Armee.)  Ew.  Kgl.  Hoheit  wollen  sogleich  die  nöthigen  Anordnungen
  treffen,  um  mit  allen  Kräften  zur  Unterstützung
der  ersten  Armee  gegen  die  rechte  Flanke  des  voraussichtlichen
feindlichen  Anmarsches  vorrücken  zu  können,  und  dabei  sobald
als  möglich  eingreifen.  Die  heute  Nachmittag  unter  andern
Verhältnissen  gegebenen  Anordnungen  sind  nun  nicht  mehr
maaßgebend.“  .

Die  über  Deutschlands  Zukunft  entscheidende  Weisung
war  wieder  ganz  in  Moltke's  Weise  gefaßt:  bestimmte  Angabe
des  großen  Zweckes,  volle  Freiheit  in  der  Wahl  der  Mittel.
        <pb n="191" />
        Gesahren  des  Entschlusses.  173

Noch  einmal  war  der  Gegensatz  zu  Benedek's  Verfahren  so
vollständig  wie  möglich.

Daß  bei  diesen  Verhandlungen  irgend  jemand  von  den
Gefahren  des  Unternehmens  gesprochen  habe,  erwähnt  kein
Bericht.  Und  wahrlich,  diese  Gefahren  waren  nicht  gering.
Die  Gesammtmacht  war  nicht  stärker,  sondern  etwas  schwächer
als  die  feindliche.  Die  erste  Armee  85000,  die  Elbarmee
39000,  die  zweite  Armee  97000  Mann,  im  Ganzen  221000
Mann  gegen  222000  Mann  Austrosachsen  diese  auf  engem
Raume  versammelt,  jene  aus  meilenweiter  Entfernung  erst
der  Vereinigung  auf  dem  Schlachtfelde  zustrebend.  Die  Divisionen
  des  Kronprinzen  hatten  auf  verschiedenen  und  überall
schlechten  Wegen  vier  bis  sieben  Stunden  zu  marschiren,  ehe
sie  an  den  Feind  gelangten:  wie  leicht  konnte  unter  solchen
Umständen  eine  Verspätung  eintreten?  und  wenn  sie  erfolgte,
wer  konnte  für  den  Ausgang  eines  mit  fast  doppelter  Übermacht
gegen  Friedrich  Carl  gerichteten  feindlichen  Angriffs  einstehen?

In  der  That,  was  man  dagegen  einzusetzen  hatte,  war
lediglich  eine  imponderable  Größe:  die  sittliche  Kraft  des
preußischen  Heeres.  Auf  diese  aber  zu  rechnen,  war,  wenn
irgend  jemals,  in  diesem  Augenblicke  verstattet,  wo  die  bereits
erfochtenen  Siege  alle  militärischen  Tugenden  dieser  trefflichen
Schaaren  auf  den  höchsten  Punkt  gesteigert  hatten.  Hier
gab  es  an  keiner  Stelle  Mißtrauen  gegen  sich  selbst  oder
gegen  die  Genossen;  es  gab  unter  den  Führern  weder  Eigenwilligkeit,
  noch  Unselbständigkeit,  und  mit  voller  Hingebung
blickten  Alle  zu  der  genialen  und  raschen  Entschlußkraft  der
obersten  Leitung  auf.  Disciplin,  Ehrgefühl  und  Vaterlandsliebe
  wirkten  mit  einander  bei  Hohen  und  Niedern  zu  fortreißender
  Angriffslust  und  unverwüstlicher  Ausdauer.  Viele
        <pb n="192" />
        174  König  Wilhelm  in  Böhmen.

Tausende  der  hier  vereinigten  Männer  hatten  Jahr  für
Jahr  gegen  Bismarck's  innere  Politik  heftigen  Widerspruch
erhoben:  jetzt  aber,  wo  Preußens  Ehre  für  die  Gründung
der  deutschen  Einheit  offen  verpfändet  war,  flossen  alle  Gedanken
  und  alle  Leidenschaften  zu  einem  Strome  zusammen,
dessen  Unwiderstehlichkeit  bald  alle  einengenden  Dämme  erfahren
  sollten.

Die  Truppen  Friedrich  Carl's  lagen  in  Erwartung  des
verheißenen  Ruhetags  in  ihren  Biwaks  um  die  verglimmenden
Feuer,  trotz  eines  feuchten  Nebels  in  festem  Schlummer,  als
gegen  zwei  Uhr  Morgens,  noch  in  dichter  Finsterniß,  das
Alarmsignal  zu  den  Waffen  rief.  Unausgeschlafen,  nüchtern,
fröstelnd,  begannen  sie  den  Marsch,  bald  unter  strömendem
Regen,  auf  tief  aufgeweichten  Straßen,  oder  auch  seitab  durch
mannshohes,  nasses  Getreide,  ein  äußerst  mühseliges  Vorwärtsarbeiten,
  bis  endlich  um  sechs  Uhr  die  befohlenen
Stellungen  bei  Sadowa  erreicht  waren,  und  ein  kurzer  Aufenthalt
  die  Zeit  zur  Bereitung  eines  warmen  Kaffee  gab,
der  einzigen  Stärkung  für  einen  langen,  blutigen  Kampftag.
König  Wilhelm,  damals  siebenzigjährig,  war  nach  dreistündiger
Nachtruhe  um  fünf  Uhr  Morgens  von  Gitschin  im  offenen
Wagen  abgefahren,  und  langte  unter  dem  jubelnden  Hurrah
seiner  Truppen  um  halb  acht  gegenüber  Sadowa  auf  der
Höhe  von  Dub  an;  kaum  zu  Pferde  gestiegen,  wurde  er
durch  mehrere  von  Lipa  herüber  gesandte  feindliche  Granaten
begrüßt,  welche  nahe  hinter  ihm,  glücklicher  Weise  ohne
Schaden  zu  thun,  einschlugen.

Er  fand  den  Kampf  bereits  auf  der  ganzen  Linie  von
Nechanitz  bis  Sadowa,  und  von  dort  weiter  nördlich,  in  der
Gegend  des  Swiepwaldes,  entbrannt.  Die  Elbarmee  war
        <pb n="193" />
        Beginn  des  Kampfes  an  der  Bistritz.  175

ebenfalls  bald  nach  sechs  Uhr  in  der  Nähe  der  Bistritz  angelangt,
  und  ihr  Vortrab  hatte  sogleich  den  Angriff  auf
Nechanitz  begonnen,  die  Sachsen  zurückgedrängt,  und  die  halb
zerstörte  Brücke  hergestellt.  Neben  ihr  wechselte  die  vierte
Division  ein  lebhaftes  Geschützfeuer  über  den  Bach  hinüber
mit  Gablenz's  Batterien,  und  ebenso,  bei  Sadowa,  die  Division
  Horn  mit  der  gewaltigen  Artillerie  auf  der  Höhe  von
Lipa,  während  ihre  Vorhut  schon  im  Nahgefecht  mit  der
österreichischen  Besatzung  von  Sadowa  jenseits  der  Bistritz
stand.  Die  siebente  Division,  Fransecky,  war  von  Norden,
bereits  östlich  der  Bistritz,  herangekommen,  und  ihr  Vortrab
hatte  eine  österreichische  Abtheilung  aus  dem  Dorfe  Benatek,
dicht  am  Rande  des  Swiepwaldes,  verjagt.  Obwohl  der
Regen  und  das  Terrain  einen  genauen  Einblick  in  die  feindliche
  Stellung  verhinderten,  so  schien  doch  die  weite  Ausdehnung
  und  die  Energie  der  Kanonade  auf  die  Anwesenheit
einer  großen  und  kampfbereiten  Heeresmacht  zu  deuten:  demnach
  hatte  Prinz  Friedrich  Carl  befohlen,  einstweilen  das  Gefecht
  bei  Sadowa  nur  hinhaltend  fortzusetzen,  und  überall  sich
nicht  über  die  Bistritz  hinaus  zu  engagiren  ).  Offenbar  wollte
er  sich  vor  dem  Erscheinen  des  Kronprinzen  nicht  allzutief,
mit  einem  Hinderniß  wie  dem  sumpfigen  Bache  im  Rücken,
auf  große  Kämpfe  einlassen.  Jetzt  aber  erschien  der  König,
und  übernahm  persönlich  das  Obercommando.  Noch  während
seiner  Fahrt  war  er  auf  die  frühere  Ansicht  zurückgekommen,
daß  Benedek  sich  hier  nicht  zum  ernstlichen  Widerstande  stellen
wollte));  demnach  galt  es,  ihn  möglichst  schnell,  möglichst
scharf  zu  fassen,  ihm  damit  jedes  Ausweichen  unmöglich  zu

)  Preußisches  Generalstabswerk  S.  268.
)Schreiben  des  Königs  an  die  Königin.
        <pb n="194" />
        176  König  Wilhelm  in  Böhmen.

machen,  und  ihn  für  den  vernichtenden  Stoß  des  Kronprinzen
an  der  Stelle  festzuhalten:  so  befahl  der  König,  die  fünfte
und  sechste  Division  und  das  Reitercorps  als  Reserve  zurückzustellen,
  sonst  aber  aller  Orten  mit  der  ersten  Armee  zum
Angriff  überzugehen,  und  sich  in  den  Besitz  der  Bistritzlinie
zu  setzen:).  Bestimmte  Kenntniß  von  den  Absichten  des
Feindes  hatte  der  Monarch  so  wenig  wie  der  Prinz;  für
Beide  hing  zuletzt  Alles  von  der  Frage  ab,  ob  auch  im
schlimmsten  Falle  die  Truppen  der  ersten  Armee  den  Kampf
gegen  die  Übermacht  bis  zum  Eingreifen  des  Kronprinzen
bestehen  würden.  Dieses  Vertrauen  hatte  der  König,  und
die  Truppen  sollten  es  trotz  furchtbarer  Verluste  bestätigen.

Drüben,  im  österreichischen  Lager,  vollzogen  sich  indessen.
verhängnißvolle  Vorgänge.  Da  Benedek  die  neue  Schlachtformation
  des  Heeres  erst  spät  am  Abend,  und  dann  auch
nur  für  den  Fall  eines  feindlichen  Angriffs,  befohlen  hatte,
so  begannen  erst  gegen  acht  Uhr  Morgens  die  einzelnen
Corps  aus  ihren  bisherigen  Biwaks  den  Aufmarsch  in  die
neue  Stellung.  Dies  hatte  zur  Folge,  daß  manche  Truppentheile
  erst  spät  im  Laufe  des  Vormittags  in  die  ihnen  angewiesenen
  Orte  einrückten,  und  daß  andere  bereits  mit  dem
Gegner  im  Kampfe  standen,  als  die  neue  Weisung  sie  auf
die  Höhen  zurückrief.  Auch  nahmen  nicht  alle  Corpsführer
Benedek's  Befehl,  die  Höhen  zu  besetzen,  und  folglich  das
flache  Vorland  dem  Feinde  ohne  Kampf  zu  überlassen,  genan
dem  Wortlaute  entsprechend.  Im  Gegentheil  ließ  General
Gablenz  auf  der  Höhe  von  Langenhof  nur  eine  seiner  Brigaden
  als  Rückhalt  stehen  und  besetzte  mit  den  übrigen  die
unten  an  der  Bistritz  vorliegenden  Dörfer  Dohalitz,  Dohalitzka

)  Preußisches  Generalstabswerk  S.  269.
        <pb n="195" />
        Verhalten  der  Grasen  Thun  und  Festetics.  177

und  Mokrowous.  Neben  ihm  hatte  Erzherzog  Ernst  von
seinen  Truppen  Tags  zuvor  zwei  Brigaden  bei  Chlum  und
Lipa  aufgestellt,  dagegen  die  Brigade  Prohaska  mit  der  Vertheidigung
  der  Brücke  von  Sadowa,  und  die  Brigade
Appiano  mit  der  Besetzung  von  Benatek  und  dem  Swiepwalde
  beauftragt.  Beide  waren,  wie  wir  sahen,  gleich  zu
Anfang  in  den  Kampf  mit  preußischen  Abtheilungen  verwickelt
  worden:  Beiden  kostete  es  große  Mühe  und  schweren
Verlust,  jetzt  nach  Benedek's  Befehl  das  Gefecht  abzubrechen
und  auf  die  Höhen  bei  Lipa  zurückzugehen.  Das  Argste
aber  geschah  auf  dem  rechten  Flügel.  Als  die  Grafen  Festetics
und  Thun  die  ihnen  zugedachte  Stellung  auf  den  flachen
Hügeln  hinter  Nedielischt  und  in  der  Elbniederung  beschauten,
fanden  sie,  daß  dieselbe  von  den  gegenüberliegenden  Höhen
eingesehen  und  beherrscht  würde,  und  daß  diese  Höhen
ihnen  jeden  Ausblick  in  das  fernere  Vorland  abschnitten:  ein
Mangel,  dem  offenbar  die  Aufstellung  einiger  Reiterschwadronen
  bei  Horscheniowes  auf  der  Stelle  abgeholfen  hätte.
Dazu  kam,  daß  die  Brigade  Brandenstein  vom  vierten  Corps
in  der  Nacht  die  Vorposten  bis  zum  Swiepwalde  hin  gegeben,
und  jetzt  ebenso  wie  Appiano  sich  in  ein  Gefecht  mit  Fransecky's
  Vortrab  eingelassen  hatte,  bei  welchem  Graf  Festetics
sie  unterstützen  zu  müssen  glaubte.  Genug,  die  beiden  Grafen
gelangten  zu  dem  Entschlusse,  trotz  der  Befehle  des  Oberfeldherrn,
  die  ihnen  elend  dünkende  Stellung  hinter  Nedielischt
zu  verlassen,  das  vierte  Corps  auf  die  Höhe  von  Maslowied,
das  zweite  an  den  Abhang  von  Horscheniowes  zu  führen,  dort
Front  gegen  Westen  zu  nehmen,  und  sich  an  dem  Kampfe
gegen  Friedrich  Carl's  Armee  zu  betheiligen.  Damit  war

denn  freilich  Benedek's  ganzer  Schlachtplan  auf  den  Kopf
v.  Sybel,  Begründung  d.  beulschen  Reichet.  V.
        <pb n="196" />
        178  Könlg  Wilhelm  in  Böhmen.

gestellt,  die  Offensive  gegen  Friedrich  Carl  vor  der  Zeit  begonnen,
  und  dem  Eingreifen  des  Kronprinzen  Thor  und
Thür  eröffnet.

Die  unter  diesen  Verhältnissen  sich  entwickelnde  Riesenschlacht
  ist  unzählige  Male  in  allen  Sprachen  Europas  beschrieben
  und  beurtheilt  worden;  die  drei  betheiligten  Generalstäbe
  haben  sie  bis  in  die  kleinsten  Einzelheiten  mit  einer  in
solchen  Fällen  seltenen  Übereinstimmung  dargestellt,  so  daß
nur  bei  sehr  wenigen  Punkten  ein  Zweifel  über  den  Thatbestand
  des  Ereignisses  bleibt.  Wir  dürfen  uns  also  begnügen,
  in  kurzen  Umrissen  den  allgemeinen  Gang  der  großen
Tragödie  uns  vor  Augen  zu  führen.

Wir  beginnen  im  Süden  des  Schauplatzes,  mit  der
Thätigkeit  der  Elbarmee.  Ihr  Vormarsch  über  die  Bistritz
vollzog  sich  mit  auffallender  Langsamkeit,  wofür  ülberall  die
Erklärung  gegeben  wird,  daß  man  nur  die  eine  Brücke  bei
Nechanitz  zur  Benutzung  gehabt,  und  jede  Division  mehrere
Stunden  zum  Passiren  dieses  Defilees  bedurft  hätte.  Bei
den  benachbarten  Corps  der  ersten  Armee  war  der  Mangel
Lan  festen  Brücken  ebenso  groß;  dort  aber  legten  die  Pioniere
sehr  bald  mehrere  Pontonbrücken  über  das  kleine  Gewässer,
und  manche  Bataillone  wateten  ohne  Zögern  durch  den  drei
bis  vier  Fuß  tiefen  Bach  hindurch.  Warum  bei  der  Elbarmce
  weder  das  Eine  noch  das  Andere  geschah,  ist  niemals
aufgeklärt  worden  ).  So  blieb  Gencral  Schöler  mit  den
sicben  Bataillonen  und  zwei  Batterien  des  Vortrabs  mehrere
Stunden  lang  allein  auf  dem  östlichen  Ufer  des  Baches,

)  Ein  Batalllon  des  17.  Regiments  durchwatete  übrigens  den
Bach  bei  Nechanit.  Auch  gab  es  eine  halbe  Stunde  unterhalb  des  Ortes
noch  eine  Brücke  bei  Kuntschitz.  Preußisches  Generalstabswerk  S.  279,  281.
        <pb n="197" />
        Die  Elbarmee  nimmt  Oberprim.  179

was  ihn  aber  nicht  abhielt,  mit  gewohnter  Frische  auf  die
vorgeschobenen  sächsischen  Posten  loszugehen,  in  zwei  Colonnen,
  von  denen  abwechselnd  die  eine  die  Gegner  der
andern  in  der  Flanke  faßte,  und  damit  den  Rückzug  derselben
auf  die  Höhe  von  Oberprim  entschied.  Ein  kecker  Angriff
der  kleinen  Schaar  auf  diese  stark  besetzte  Stellung,  bald
nach  eilf  Uhr,  wurde  dann  freilich  scharf  zurückgewiesen,  und
der  sächsische  Kronprinz  ließ  darauf  seinerseits  eine  Brigade
zum  Angriff  vorgehen,  anfangs  mit  gutem  Erfolge,  bis  man
in  der  Flanke  eines  preußischen  Bataillons  ansichtig  wurde,
und  dieser  Bedrohung  durch  raschen  Rückzug  auf  die  Höhenstellung
  auswich.  Es  war  darüber  Mittag  geworden,  und
Kronprinz  Albert  beschloß,  gegen  die  geringe  Stärke  des
Gegners  eine  größere  Offensive  zu  eröffnen,  zu  deren  Deckung
in  der  Flanke  er  zwei  Brigaden  des  achten  österreichischen
Corps  heranzog.  Unterdessen  aber  war  endlich  die  preußische
Division  Canstein  über  die  Bistritz  herüber  gekommen,  hatte
Schloß  Hradek  passirt  und  sich  in  einem  Walde  süböstlich
von  Oberprim  aufgestellt.  Jetzt  brach  sie,  als  die  Sachsen
ihre  Angriffsbewegung  gegen  Schöler  begannen,  mit  einem
kräftigen  Stoße  gerade  in  die  Mitte  der  österreichischen  Aufstellung
  hinein  und  hindurch,  und  bewirkte  damit  einen  solchen
panischen  Schrecken,  daß  die  ganze  feindliche  Masse  in  vollständiger
  Auflösung  zurückfloh,  in  blindem  Rennen  sich  auf
die  sächsischen  Bataillone  stürzte,  die  sie  hatte  decken  sollen,
und  diese  in  ihre  Flucht  unter  großen  Verlusten  an  Todten
und  Gefangenen  mit  sich  fortriß.  Canstein  verfolgte,  obwohl
seine  Reiterei  und  Artillerie  noch  zurück  war,  seinen  Sieg,
und  erstürmte  trotz  eines  hartnäckigen  und  blutigen  Widerstandes
  der  Sachsen  das  Dorf  Oberprim,  womit  die  ganze
        <pb n="198" />
        180  König  Wilhelm  in  Böhmen.

Stellung  des  feindlichen  linken  Flügels  durch  Bedrohung
seiner  Rückzugslinie  ernstlich  gefährdet  war.

Deutlich  hatte  sich  bei  diesen  Kämpfen  gezeigt,  daß  das
österreichische  Fußvolk  sich  von  den  frühern  Niederlagen  noch
keincswegs  gründlich  erholt  hatte,  vielmehr  dem  achten  Corps
die  bei  Skalitz  erhaltene  Lection  noch  in  allen  Gliedern  nachdröhnte.


Nicht  so  günstig  für  Preußen  wie  hier,  war  die  Lage
der  Dinge  in  diesen  Stunden  bei  der  ersten  Armee.  Nachdem
  die  Meldung  eingetroffen,  daß  Fransecky  Benatek  genommen
  und  den  Angriff  auf  den  Swiepwald  begonnen  habe,
ging  bald  nach  neun  Uhr  General  Horn  mit  der  achten  Division
etwas  oberhalb  Sadowa's  über  die  Bistritz,  drängte  die  Brigade
  Prohaska  nach  zähem  Kampfe  aus  dem  Dorfe  hinaus
und  nahm  dann  südlich  davon  am  Fuße  der  Lipaer  Höhe
den  Holawald,  so  wie  das  Dorf  Dohalitz  ein,  wo  eine  Anzahl
Osterreicher  gefangen  wurde.  Bald  setzte  sich,  südlich  neben
ihm,  die  Division  Herwarth  in  Bewegung,  überschritt  den
Bach  und  verjagte  den  Feind  aus  Dohalitzka.  Noch  weiter
flußabwärts  durchwatete  die  Division  Werder  in  raschem  Vordringen
  die  Bistritz,  überraschte  Gablenz's  Vortruppen  in  dem
Dorfe  Mokrowous  und  trieb  sie,  unter  Zurücklassung  von
Todten  und  Gefangenen,  auf  die  Höhe  von  Langenhof  zurück.
Auch  hier  war  die  Überlegenheit  der  preußischen  Infanterie
unverkennbar:  gegen  eilf  Uhr  war  das  Bistritzthal  in  ihren
Händen.

Jetzt  aber  erschien  erst,  ganz  wie  Benedek  es  vorbereitet
hatte,  der  harte  Kern  der  Aufgabe.  Kaum  waren  die  Osterreicher
  auf  die  Höhen  abgezogen,  und  die  Preußen  allein  auf
dem  Vorlande  aufgestellt,  so  entwickelte  sich  gegen  sie  aus
        <pb n="199" />
        Gefährliche  Lage  der  ersten  Armee.  181

der  ganzen  Linie  von  Langenhof  bis  Chlum  der  dichte,  ununterbrochene,
  mörderische  Granatenhagel,  anfangs  aus  130,
dann  aus  160,  endlich  aus  mehr  als  200  Feuerschlünden.  Ein
unaufhörlich  fortrollender  Donner,  ein  betäubendes  Zischen
und  Sausen  der  Geschosse,  ein  stets  niederprasselnder  Regen
von  Eisenstücken,  gegen  die  weder  die  Bäume  des  Waldes
noch  die  Hütten  der  Dörfer  Deckung  gewährten.  Die  preu-Kischen
  Geschütze,  entweder  aus  der  Ferne  jenseits  des  Baches
oder  aus  der  Tiefe  aufwärts  gegen  die  gedeckten  Gegner
wirkend,  vermochten  nichts  gegen  die  Übermacht  der  feindlichen
Zahl  und  Stellung.  Ein  Sturm  der  Infanterie  den  völlig
kahlen  und  offenen  Abhang  hinan,  zur  Überwältigung  der
feindlichen  Batterien  erwies  sich  jedes  Mal,  so  wie  er  von
einzelnen  Truppentheilen  mit  dem  Muthe  der  Verzweiflung
versucht  wurde,  bei  den  ersten  Schritten  als  hoffnungslos:
nicht  ein  Mann  wäre  lebend  bis  an  die  Mündung  der  österreichischen
  Kanonen  gelangt.  Zurückgehen  sollte  und  wollte
man  nicht;  so  bestanden  diese  Truppen,  Thüringer  und
Pommern,  die  schwerste  Probe,  welche  männlichem  Muthe
auferlegt  werden  kann:  unthätiges  und  wehrloses  Aushalten
im  Angesicht  des  rechts  und  links  einschlagenden  Todes,  ungebeugtes
  Ausharren  der  Lebenden  zwischen  den  reihenweis
zusammenbrechenden  Genossen.  Und  so  verging  endlos  langsam
eine  Stunde  nach  der  andern  den  tapfern  Duldern.  Wir  fanden
uns  endlich  völlig  abgestumpft,  schreibt  einer  dieser  Soldaten;
wir  zogen  die  Uhren  und  zählten  die  in  der  Minute  um  uns
her  platzenden  Granaten.  Als  aber  gegen  Mittag  die  Brigade
Kirchsberg  vom  dritten  feindlichen  Corps,  von  der  Meinung
erfüllt,  diese  Menschen  müßten  mürbe  sein,  von  der  Höhe
hinabstieg,  um  den  Holawald  wieder  zu  nehmen,  da  begegnete
        <pb n="200" />
        182  König  Wilhelm  in  Böhmen.

sie  einem  solchen  Widerstande,  daß  sie  nach  kurzem  Kampf,
fast  ein  Drittel  ihrer  Mannschaft  zurücklassend,  in  arger  Zerrüttung
  wieder  zu  den  schützenden  Batterien  hinauffloh,  und
diesen  die  weitere  Zermalmung  des  Gegners  auf's  Neue
überließ.  Es  waren  denn  auch  bei  den  Preußen  die  Verluste
  entsetzlich,  und  drüben  im  Hauptquartier  die  Spannung
furchtbar.  Noch  hatte  man  keine  Meldung  von  einem  Erfolge
der  Elbarmee  und  keine  Notiz  über  den  Marsch  der  kronprinzlichen
  Truppen;  unaufhörlich  berechnete  man  die  Entfernungen,
  und  fand,  der  Kronprinz  müßte  schon  angelangt
  sein;  und  immer  wieder  ließ  sich  keine  Spur  seiner
Annäherung  erkennen.  Die  Fragen  drängten  sich  auf:  soll
man  noch  länger  die  Truppen  in  diesem  Höllenfeuer  sich
opfern  lassen?  soll  man  sie  zurücknehmen?  soll  man  sie  verstärken?
  Die  Entscheidung  fiel,  wie  sie  bei  der  Gesinnung
des  Königs  und  des  Prinzen  Friedrich  Carl  fallen  mußte.
Der  Kronprinz  muß  kommen  und  wird  kommen;  wir  halten
die  Stellung  jenseits  der  Bistritz  und  verstärken  sie  zu  baldiger
Offensive.  Die  einzige  noch  verfügbare  Infanterie,  das
brandenburger  Armeecorps,  erhielt  den  Befehl,  in  den  Holawald
  vorzugehen.  Nur  eine  Reiterdivision  und  ein  Theil  der
Armer-Geschütz-Reserve  blieb  westlich  der  Bistritz  im  Rückhalt.
  Es  war  ein  Entschluß  des  verwegensten  Muthes,
die  letzte  Reserve  in  den  Kampf  zu  werfen,  während  der
Gegner  in  der  Lage  war,  jeden  Augenblick  70000  Mann
frischer  Truppen  zur  Durchbrechung  des  preußischen  Centrums
vorzuführen.

Aber  auch  hier  zeigte  sich,  daß  die  höchste  Kühnheit  im
Kriege  die  höchste  Klugheit  sein  kann.

Unterdessen  hatte,  abgezweigt  von  der  Hauptmasse  des
        <pb n="201" />
        Die  Division  Fransecky  im  Ewiepwalde.  183

Heeres,  die  Division  Fransecky  für  sich  allein  einen  Kampf
zu  bestehen,  welcher  durch  seine  heldenmüthige  Ausdauer  und
den  Umfang  seiner  Folgen  in  der  neuen  Kriegsgeschichte  fast
ohne  Gleichen  dasteht.

Wrr  sahen,  wie  Fransecky's  Vorhut,  unter  General  von
Gordon,  einige  Abtheilungen  der  Brigade  Appiano  aus  dem
Dorse  Benatek  vertrieb  und  dann  gegen  den  Swiepwald
vorging,  wo  neben  zwei  Bataillonen  Appiano's  auch  einige
Abtheilungen  der  Brigade  Brandenstein  vom  vierten  österreichischen
  Corps  sich  befanden.  Man  schoß  sich  hier  eine
Weile  in  den  Gebüschen  herum;  indessen  hatte,  wie  wir
wissen,  Appiano  Befehl  zum  Abzug  nach  Chlum,  ließ  nur
ein  Bataillon  bei  Brandenstein  zurück,  und  machte  es  dadurch
den  Preußen  möglich,  ohne  große  Opfer  nicht  bloß  den  Wald,
sondern  auch  das  südlich  davor  gelegene  Dorf  Tschistowes  zu
besetzen.  Obwohl  jetzt  General  Brandenstein  seine  sämmtlichen
Truppen,  verstärkt  durch  ein  weiteres  Jägerbataillon,  in  den
Wald  von  verschiedenen  Seiten  her  vorgehen  ließ,  scheiterten
doch  alle  seine  Anstrengungen  an  der  jetzt  ebenfalls  auf  acht
Bataillone  herangewachsenen  Stärke  des  Gegners.  Bei  dem
Kampfe  zwischen  den  Schluchten  und  Abhängen  des  dicht
bestandenen  Waldes  löste  sich  auf  beiden  Seiten  die  taktische
Ordnung  der  Truppenverbände;  jeder  Officier  oder  Unterofficier
  raffte  kleine  Schaaren,  wie  sie  sich  fanden,  zusammen;
an  einer  Stelle  drängten  die  Preußen,  hart  daneben  die  Osterreicher,
  vorwärts;  dann  erhielt  plötzlich  der  siegesfrohe  Augreifer
  vernichtendes  Flanken=  und  Rückenfeuer,  und  bei  diesem
Durcheinanderwogen  des  Gefechts  behauptete  die  gewandtere
Taktik  und  die  gründlichere  Ausbildung  der  Preußen  entschieden
  das  Ubergewicht.  Nach  einem  erbitterten  Streiten
        <pb n="202" />
        184  König  Wilhelm  in  Böhmen.

eine  Stunde  hindurch,  rettete  Brandenstein  nur  zersplitterte
Trümmer  seiner  Brigade  aus  dem  Walde  zurück.

Den  Siegern  aber  brachte  dieser  Erfolg  geringen  Gewinn.
Denn  kaum  war  das  feindliche  Fußvolk  aus  dem  Walde  vertrieben,
  so  brach  über  denselben  ein  Artilleriefeuer  von  nicht
geringerer  Wucht  als  jenes  bei  Sadowa  herein,  von  den  bei
Maslowied  aufgefahrenen  Batterien,  unterstützt  durch  die
große  Batterie  von  Chlum,  im  Ganzen  anfangs  von  mehr  als
90,  bald  aber  von  128  Geschützen,  welchen  Fransecky  nur  24
entgegen  zu  stellen  hatte.  In  allen  Richtungen  wurde  der
Wald  von  den  Geschossen  durchfurcht;  neben  den  Sprengstücken
  schlugen  zerschmetterte  Aste  und  Stämme  in  die
Gruppen  der  Vertheidiger  hinein  und  brachten  auf  allen
Punkten  blutige  Verluste.  Während  dieser  Kanonade  führte
Graf  Festetics  gleich  nach  neun  Uhr  die  übrigen  drei  Brigaden
seines  Corps  nach  Maslowied  heran,  um  mit  vermehrter
Kraft  den  Angriff  auf  den  Wald  fortzusetzen;  ihm  selbst  aber
zerschmetterte  ein  Granatsplitter  den  linken  Fuß,  so  daß  der
Befehl  an  seinen  Adlatus,  Gencral  von  Mollinary,  überging.
Dieser  Officier  war  nun  vollends,  unter  völliger  Nichtbeachtung
  der  Benedek'schen  Disposition,  von  dem  strategischen
Gedanken  erfüllt,  gerade  hier  beim  Swiepwalde  sei  durchzudringen
  mit  aller  Macht,  und  dann  links  einschwenkend,  die
preußische  erste  Armee  von  der  Flanke  her  aufzurollen.  Er
befahl  also  gegen  zehn  Uhr  17  Bataillonen,  den  Angriff  auf
den  Wald  zu  erneuern,  der  Brigade  Fleischhacker  von  Süden,
der  Brigade  Poeckh  von  Südosten  her.  Fleischhacker  verjagte
zuerst  zwei  preußische  Bataillone  aus  Tschistowes;  jedoch  hielt
mit  einem  dritten  General  Gordon  sich  im  westlichen  Theile
des  Dorfes  unerschütterlich,  und  beschäftigte  hier  in  ununter-
        <pb n="203" />
        Heldenmũthige  Ausdauer  der  Division.  185

brochenem  Schützengefecht  die  doppelte  Anzahl  der  Gegner.
Mit  den  anderen  sechs  Bataillonen  drang  dann  Fleischhacker
in  den  südlichen  Theil  des  Waldes  ein,  wo  ihm  nur  schwache
Abtheilungen  des  27.  und  64.  Regiments  gegenüberstanden;
diese  aber,  obwohl  langsam  von  Baum  zu  Baum,  von  Busch
zu  Busch  zurückweichend,  ergossen  unermüdlich  ihr  verheerendes
Feuer  in  die  österreichischen  Massen  —  bis  ihnen  in  sehr
unerwarteter  Weise  eine  entscheidende  Verstärkung  zu  Theil
wurde.  Gegen  den  Ostrand  des  Waldes  war  nänmlich,  wie
erwähnt,  mit  neun  Bataillonen  die  Brigade  Poeckh  vorgegangen,
  hatte  die  dünne  preußische  Postenkette  durchrissen
und  die  einzelnen  Abtheilungen  zu  schleunigem  Ausweichen
nach  Süd  und  Nord  gezwungen,  während  Oberst  Poeckh
seine  Massen  geradeaus  auf  die  Höhe  der  Kuppe  führte  und
dann  weiter  bis  an  den  westlichen  Ausgang  des  Waldes
streifen  ließ.  Jene  nach  Süden  gewichenen  preußischen  Compagnien
  stießen  nun  sehr  bald  auf  Fleischhacker's  Heertheil,
und  begrüßten,  schnell  gefaßt,  denselben  aus  dem  Waldesdickicht
  heraus  mit  so  mörderischen  Salven,  daß  sein  Vordringen
  völlig  in  Stocken  kam  und  sehr  bald  in  eilfertigen
Rückzug  umschlug.  Oberst  Poeckh,  ohne  eine  Ahnung  von  der
Niederlage  seines  Genossen,  lebte  unterdessen  der  erfreulichen
Meinung,  den  hart  umstrittenen  Wald  gewonnen  zu  haben:
da  aber  traf  ihn  eine  ungleich  härtere  Katastrophe.  Noch
hatte  Fransecky,  welcher  persönlich  im  Norden  des  Waldes
den  Kampf  leitete,  so  weit  hier  eine  Leitung  möglich  war,
vier  unversehrte  Bataillone  bei  Benatek,  die  er  jetzt  in  den
Wald  hineinzog,  und  dazu  zwei  Bataillone  der  achten  Division
zur  Unterstützung  empfing.  Während  diese  letzteren  jetzt  in
den  Westrand  des  Waldes  eindrangen  und  Poeckh's  Truppen
        <pb n="204" />
        186  König  Wilhelm  in  Böhmen.

in  der  Front  beschäftigten,  warf  Fransecky  jene  vier  Baitaillone
auf  die  nördliche  Flanke  und  in  den  Rücken  des  Gegners.
Die  Wirkung  ihres  Feuers  war  grauenvoll.  Oberst  Poeckh
und  alle  Stabsofficiere  fielen  bis  auf  zwei,  mit  ihnen  die
Hälfte  der  Mannschaft;  mit  Mühe  schlug  der  Rest  sich  durch,
um  bei  Maslowied  das  Freie  zu  gewinnen.

Das  vierte  österreichische  Corps  war  damit  abgefunden.
Aber  auf's  Neue  begann  wieder  das  todbringende  Feuer  von
120  Geschützen  auf  den  Wald,  und  lebhaft  drängte  jetzt
General  von  Mollinary  den  Grafen  Thun,  durch  einen  energischen
  Angriff  des  zweiten  Corps  den  erschöpften  Vertheidigern
den  Gnadenstoß  zu  geben.  Graf  Thun,  der  Anordnung
Benedek's  so  wenig  wie  sein  College  eingedenk,  war  dazu
bereit.  Es  war  eilf  Uhr  vorüber:  Eine  Brigade,  Henriquez,
war  an  der  Trotina  gelassen  worden;  von  der  Brigade  Thom
standen  vier  Bataillone  bei  Raschitz  und  Horscheniowes;  die
drei  andern,  nebst  den  vierzehn  Bataillonen  der  Brigaden  des
Generals  von  Saffran  und  des  Herzogs  von  Württemberg,
wurden  111½  Uhr  zur  Einnahme  des  Waldes  vorgesandt,
obgleich  bereits  wiederholter  Gegenbefehl  Benedek's  eingetroffen,
  und  außerdem  die  Nachricht  gekommen  war,  daß  von
Norden  her  starke  feindliche  Colonnen  im  Anmarsch  seien.
General  von  Mollinary  zeigte  nur  um  so  heißeren  Eifer,
seinen  großen  strategischen  Plan  durchzuführen.

Der  Einbruch  in  den  östlichen  Waldrand  hatte  anfangs
wieder  guten  Erfolg,  wie  es  bei  der  Übermacht  der  Angreifer
nicht  anders  sein  konnte.  Wieder  wurde  die  Mitte  der  preußischen
  Aufstellung  im  Osten  durchbrochen,  wieder  der  größte
Theil  des  Waldes  gewonnen.  Aber  das  am  nördlichen  Ausgang
  des  Waldes  gelegene  Felsbastion  blieb  dem  Gegner
        <pb n="205" />
        Letzter  siegreicher  Kampf.  187

unnahbar.  Fransecky,  welcher  zwei  Pferde  unter  dem  Leibe
verloren,  und  bald  nachher  nur  mit  Mühe  der  Gefahr  der
Gefangennahme  durch  österreichische  Jäger  entgangen  war,
hielt  dort  mit  Trümmern  aller  seiner  Abtheilungen  aus.  Er
war  ein  Mann  von  schlankem,  aber  nicht  hohem  Wuchs,  von
feinen  und  festen  Zügen,  von  reicher  Begabung  und  Bildung,
und  von  einem,  man  möchte  sagen,  fanatischen  Ehr=  und
Pflichtgefühl.  Seine  Soldaten  entsprachen  dem  Führer.
Diese  Altmärker  und  Magdeburger  waren  keine  Hünengestalten
  wie  die  Pommern  und  Westphalen,  aber  in  ihrer  Gelehrigkeit,
  Gewandtheit  und  Gutwilligkeit  erhoben  sie  sich  an  diesem
Tage  zu  der  höchsten  Stufe  kriegerisches  Heldenthums.  Seit
zwei  Uhr  Morgens  waren  sie  im  Marsche  gewesen,  seit
acht  Uhr  standen  sie  im  Kampfe,  14  Bataillone  nach  und
nach  gegen  43,  und  dabei  in  jeder  Pause  decimirt  durch  die
entsetzliche  Kanonade.  Fransecky,  richtig  vermuthend,  daß
Friedrich  Carl  ihn  zu  unterstützen  nicht  vermöge,  hatte  gleich
nach  den  ersten  Schüssen  einen  Officier  dem  Vortrab  des
Gardecorps  mit  der  Bitte  um  Beistand  entgegengesandt:  die
erste  Antwort  lautete,  man  habe  noch  keinen  Befehl  zum
Aufbruch;  auf  eine  zweite  Botschaft  aber  kam  gegen  eilf  Uhr
die  Nachricht,  die  Garde  sei  im  Vormarsch  auf  den  Kanonendonner.
  Die  Kunde:  der  Kronprinz  kommt,  flog  erquickend
und  aufrichtend  durch  alle  Reihen:  noch  aber  verging  mehr
als  eine  schwere  Stunde  vor  ihrer  Verwirklichung,  und  immer
stärker  spannte  die  feindliche  Ubermacht  alle  Kräfte  an,  die
kleine  Schaar  aus  dem  letzten  Winkel  des  blutgetränkten
Waldes  hinauszuwerfen.  Da  rief  Fransecky  seinen  Leuten
zu:  Kinder,  hier  müssen  wir  stehen  oder  sterben.  Ein  heller
Ruf  der  Musketiere  antwortete  ihm:  keine  Sorge,  Exeellenz,
        <pb n="206" />
        188  König  Wilhelm  in  Böhmen.

wir  stehen  oder  sterben.  Und  so  geschah  es.  Salvenfeuer,
Schützengefecht,  kurze  Offensivstöße  wiesen  in  raschem  Wechsel
die  feindlichen  Angriffe  zurück,  aber  freilich  mit  jedem  Augenblicke
  sank  die  Hoffnung  auf  glücklichen  Ausgang.  Da  endlich,
gegen  halb  ein  Uhr,  begannen  die  Vorstöße  des  Gegners  schwächer
und  seltener  zu  werden;  der  Geschützkampf  verstummte,  eine  rückgängige
  Bewegung  der  feindlichen  Bataillone  wurde  sichtbar.
Jetzt  erscholl  der  Ruf:  der  Kronprinz  kommt,  der  Kronprinz
ist  da;  die  letzte  Kraft  zusammenraffend,  drangen  die  Tapfern
zur  Verfolgung  nach.  Sie  erreichten  den  Ostrand  des  Waldes,
und  wollten  weiter  vorwärts  stürmen,  Maslowied  zu  nehmen:
da  schimmerten  ihnen  bereits  die  Helme  der  Garde  aus  dem
Dorfe  entgegen.  Die  Rettung  und  der  Sieg  waren  errungen.

Noch  wußten  die  wackern  Männern  nicht,  wie  Großes  sie
mit  ihren  schweren  Opfern  (über  2000  Mann  von  14000)  für
den  Gewinn  der  Schlacht  und  des  Feldzugs  vollbracht  hatten.
Daß  sie  ihre  Stellung  behauptet  und  dabei  einer  dreifachen
Übermacht  2000  Gefangene  und  mehrere  Fahnen  abgenommen,
war  der  kleinste  Theil  des  Erfolges.  Die  Hauptsache  war,
daß  sie  die  beiden  österreichischen  Corps,  welche  nach  Bencdek's
Befehlen  zur  Deckung  gegen  den  Kronprinzen  hatten  dienen
sollen,  auf  sich  gezogen,  zu  weiterem  Kampfe  beinahe  unfähig
gemacht,  und  damit  dem  Kronprinzen  den  Stoß  in  das  Herz
des  Gegners  ermöglicht  hatten.  Der  österreichische  Generalstab
  berichtet  darüber:):  von  den  59  Bataillonen,  welche  am
Schlachttage  den  rechten  Flügel  der  Armee  bildeten,  standen
49  um  Maslowied  und  Horscheniowes  vereint:  davon  waren
nur  mehr  13  Bataillons  intact,  weitere  8  waren,  wenn
auch  geschwächt,  doch  wieder  gesammelt  und  verwendbar;  der

1  Österreich's  Kämpfe,  III,  S.  303,  804.
        <pb n="207" />
        Zerrũttung  des  rechten  österreichischen  Flügels.  189

Rest,  38  Bataillons,  war  theils  eben  im  Kampfe  begriffen,  theils
durch  den  frühern  Kampf  so  geschwächt,  daß  auf  diese  Bataillons
vorläufig  wenig  zu  rechnen  war;  49  Bataillons  hatten  die
Front  nach  West,  und  es  blieben  zur  Bewachung  und  Vertheidigung
  des  3¾4  Meilen  breiten  Raumes  Horscheniowes-Trotina,
durch  welchen  die  Zugänge  von  Norden  her  in  den  Rücken  der
Armee  führten,  im  Ganzen  nur  neun  Bataillons  (die  Truppen
nämlich,  welche  Graf  Thun  am  Morgen  zur  Bewachung  der
Trotina  zurückgelassen  hatte).  So  war  denn  allerdings  für
den  Anmarsch  des  Kronprinzen  der  breiteste  Raum  eröffnet.

Die  nächste  Frage,  welche  sich  hier  aufdrängt,  ist  die:
hatte  denn  Benedek,  welchem  das  ordnungswidrige  Verfahren
seiner  Corpsführer  doch  unmöglich  verborgen  bleiben  konnte,
ganz  und  gar  nichts  zur  Abhülfe  gethan?

Die  Antwort  darauf  ist  einfach.  Benedek  kam  gegen
halb  neun  Uhr  auf  die  Höhe  von  Lipa,  ritt  dann  hinüber
nach  Langenhof,  während  bald  nachher  der  Chef  der  Ingenieure,
  Oberst  Pidoll,  in  athemloser  Eile  die  Meldung
von  dem  befehlwidrigen  Verhalten  des  zweiten  und  vierten
Corps  nach  Lipa  brachte.  So  wurde  es  beinahe  zehn  Uhr,
ehe  Benedek  die  Nachricht  empfing:  auf  der  Stelle  sandte
er  den  Befehl  hinüber  nach  Maslowied,  die  begonnene  Bewegung
  einzustellen  und  auf  die  Hügel  von  Nedielischt
zurückzugehen.  Dies  kam  in  Mollinary's  Hände,  als  Poeckh
und  Fleischhacker  bereits  im  Walde  kämpften,  und  jener  erklärte,
  ein  rasches  Abbrechen  des  durchaus  siegreichen  Gefechts,
von  dem  er  sich  die  größten  Folgen  verspreche,  sei  absolut
unmöglich.  Benedek  dachte  einen  Augenblick  daran,  das
sechste  Corps  aus  der  Reserve  vorzuziehen  und  bei  Nedielischt
aufzustellen,  ging  aber  gleich  wieder  davon  ab,  wohl  nach
        <pb n="208" />
        190  König  Wilhelm  in  Böhmen.

der  Erwägung,  daß  seine  große  Offensive  gegen  Friedrich
Carl  bald  ausführbar,  Mollinary  aber  und  Thun  nach  erfolgter
  Besiegung  Fransecky's  doppelt  selbstbewußte  und
kräftige  Gegner  des  Kronprinzen  sein  würden.  Nun  aber
geschah,  wie  wir  sahen,  das  Unerhörte.  Nachdem  das  vierte
Corps  total  geschlagen  und  zerrüttet  aus  dem  Walde  zurückgekommen
  war,  führte  Mollinary  die  Ordre  seines  Feldherrn
nicht  bloß  nicht  aus,  sondern  veranlaßte  sogar  den  Grafen
Thun,  auch  das  zweite  Corps  in  dasselbe  Unheil  zu  verwickeln.
  EGleichzeitig  erhielt  Benedek  ein  Telegramm  aus
Josephstadt  mit  der  Nachricht  vom  Anrücken  cines  großen
preußischen  Corps,  und  sandte  sofort  an  die  beiden  widerspenstigen
  Generale  einen  neuen,  gemessenen  Befehl  zur  Umkehr
nach  Nedielischt.  Aber  auch  jetzt  mochten  jene  sich  noch  nicht
zum  Gehorsam  bequemen.  Mollinary  ritt  selbst  hinüber  nach
Lipa  zu  Benedek,  um  seinen  schönen  strategischen  Plan  diesem
persönlich  vorzutragen:  ein  Verfahren,  welches  um  so  unverantwortlicher
  war,  als  seine  siegverheißende  Schilderung  bei  Benedek
nothwendig  die  falsche  Vorstellung  von  einem  herrlichen  Zustande
  der  beiden  Corps  erwecken  mußte.  Jedesfalls  schickte
er  den  eigenwilligen  Untergebenen  mit  scharfer  Abweisung
zurück,  da  das  Geschützfeuer  des  Kronprinzen  bereits  von
den  nördlichen  Höhen  herüberdröhnte.  Auch  fand  Mollinary,
als  er  wieder  bei  seinen  Brigaden  anlangte,  daß  dem  Grafen
Thun  die  Lage  schon  unheimlich  geworden,  und  der  Abmarsch
des  zweiten  Corps  nach  Nedielischt  bereits  begonnen  war.
Gerne  oder  ungerne  mußte  er  sich  anschließen.  Für  sein
Verschulden  hatten  zunächst  seine  armen  Truppen  die  Buße
zu  zahlen,  da  sie  eine  Stunde  früher  ohne  Anstoß  nach
Nediclischt  gelangt  wären,  jetzt  aber  in  ihrer  nördlichen
        <pb n="209" />
        Vergebliche  Befehle  Benedel's.  191

Flanke  die  Einwirkung  des  neuen  Gegners  immer  schwerer
zu  empfinden  hatten.  «

Man  mag  darüber  streiten,  ob  Benedek,  nachdem  die
Führer  seines  rechten  Flügels  ihm  den  Schlachtplan  ruinirt
hatten,  richtig  und  rasch  genug  das  Nöthige  zur  Herstellung
des  Schadens  gethan  hat.  Aber  unwidersprechlich  scheint  es,
daß  die  erste  Verantwortung  für  die  Niederlage  nicht  ihn,
sondern  jene  Generale  belastet,  welche  an  verhängnißvoller
Stelle  die  Strategie  ihres  Feldherrn  durch  ihr  Besserwissen
zu  Grunde  richteten.  Wie  dem  nun  auch  sei,  so  brach  jetzt
die  Vergeltung  in  zermalmender  Weise  über  sie  und  ihn  herein.

Der  preußische  Kronprinz  hatte  den  königlichen  Befehl
zum  Vormarsch  mit  gesammter  Macht  Morgens  fünf  Uhr  in
Königinhof  erhalten.  Seine  Truppen  standen,  rechts  und
links  von  dieser  Stadt,  auf  einer  beinahe  drei  Meilen  langen
Linie  zerstreut.  Mit  Ausnahme  des  ersten  Corps  und  der
Avantgarden  des  fünften  und  der  Garde,  welche  die  Elbe
schon  Tags  zuvor  überschritten  hatten,  mußten  alle  übrigen
erst  den  Fluß  passiren;  bei  der  größten  Eile  war  es  nicht
erreichbar,  daß  sie  vor  acht  Uhr  den  weitern  Marsch  hätten
beginnen  können.  Dann  mußten  sie  bis  zum  Schlachtfelde
volle  zwei,  das  erste  Corps  2½,  die  Cavalleriedivision  Hartmann
  beinahe  drei  Meilen  zurücklegen:  es  mochte  Mittag
werden,  ehe  sie  zu  einem  wirksamen  Eingreifen  in  den  Kampf
gelangten.  Nach  der  bisherigen  Stellung  der  Heertheile  ergab
sich  von  selbst  ein  Vorgehen  in  drei  Colonnen,  auf  der  Linken,
zunächst  der  Elbe,  das  sechste  Armeecorps  unter  Gencral  von
Mutius,  in  der  Mitte  die  Garde,  hinter  welcher  das  fünfte
Corps  sich  anschloß,  auf  der  Rechten,  in  der  Nähe  der  Bistritz
das  erste  Corps,  gefolgt  von  der  Cavalleriedivision.  Die
        <pb n="210" />
        192  König  Wilhelm  in  Böhmen.

Marschdisposition  des  Kronprinzen  war  sehr  einfach:  als
nächstes  Ziel,  noch  eine  starke  Stunde  vor  der  österreichischen
Aufstellung,  wies  sie  den  Colonnen  drei  Dörfer  an,  wo  die
mittlere  nur  etwa  3000  Schritte  von  jeder  der  beiden  Flügelcolonnen
  entfernt  war;  dann  aber  lautete  der  Befehl  auf
schleuniges  Vorgehen  eines  Jeden,  wo  er  den  Feind  am
Nächsten  treffe.  Wir  sahen  schon,  wie  die  Vorhut  der  Garde,
unter  General  Alvensleben,  ganz  im  Sinne  dieser  Anordnung,
noch  vor  Empfang  derselben  aufgebrochen  war;  dagegen  hatte
General  v.  Bonin,  obgleich  durch  Moltke  zu  selbständigem
Handeln  ausdrücklich  ermächtigt,  den  entsprechenden  Befehl
des  Kronprinzen  abgewartet,  und  war  in  Folge  dessen  erst
gegen  zehn  Uhr  in  Bewegung  gekommen.  Prachtvoll  aber
war  üÜberall  der  Eiser  der  Truppen.  Die  Leute  schritten
trotz  strömendes  Regens  und  aufgeweichtes  Bodens  so  gewaltig
  aus,  daß  sie  jede  Erwartung  ihrer  Vorgesetzten  weit
übertrafen;  mochte  mancher  Athemlose  ohnmächtig  niedersinken,
  mochte  vor  den  Geschützen  manches  Pferd  im  Geschirr
todt  zusammenbrechen,  der  einzige  Gedanke:  vorwärts,  vorwärts,
  trieb  alle  Schaaren  zu  immer  rascherer  Bewegung,
je  näher  der  Donner  der  kämpfenden  Geschütze  herüber  hallte.
Am  Weitesten  voran  war  links  die  zwölfte  Division,  Prondzinsky,
  vom  sechsten  Corps,  und  in  der  Mitte  der  Vortrab
und  die  erste  Division  der  Garde.  Halbwegs  angelangt,  hatte
diese  den  breiten  und  nach  Norden  steilen  Berg  von  Horscheniowes,
  den  Weg  verlegend,  gerade  vor  sich,  rechts  neben  ihm
aber  einen  Ausblick  auf  das  untere  Bistritzthal,  welcher  die  Ausdehnung
  des  dortigen  Kampfes  erkennen  ließ.  Auf  der  Spitze
des  Berges  sah  man  unter  der  Lindengruppe  eine  österreichische
Batterie,  welche  sich  bald  gegen  die  Garde  in  das  Feuer
        <pb n="211" />
        Aufmarsch  der  zweiten  Armee.  193

setzte;  die  Frage  war,  ob  man  an  dieser  Stelle  weitere  Kräfte
des  Feindes  finden  würde.  Vorwärts,  war  wieder  der  Ruf;
die  Division  stieg  in  die  trennende  Einsenkung  hinab,  und
dann  eilendes  Schrittes  den  Abhang  hinauf.  Im  Dorfe
Horscheniowes  traf  und  verjagte  man  zwei  feindliche  Bataillone;
darauf  fuhr  die  deckungslos  gewordene  Batterie  von  der  Höhe
schleunigst  ab,  und  bald  war  die  preußische  Division  im  Besitze
der  Kuppe.  Alvensleben  führte  indessen  die  Avantgarde  etwas
weiter  rechts  zur  unmittelbaren  Unterstützung  Fransecky's:
wir  wissen,  daß  eine  solche  nicht  mehr  nöthig  war,  vielmehr
sah  man  die  nach  Nedielischt  zurückgerufenen  Gegner  in  lang
gestreckten  Colonnen  unten  auf  der  Thalsohle  gegen  Osten
abziehen,  und  brachte  ihnen  durch  starkes  Geschützfeuer  und
hier  und  da  auch  durch  Vorstöße  des  Fußvolks  bittere  Beschädigung
  bei.  Sie  stellten  sich  dann  nach  Benedek's  Verfügung
  auf  den  Hügeln  auf,  die  sich  in  niedrigem  Zuge  von
Chlum  zur  Elbe  abflachen,  gedeckt  durch  64  Geschütze,  welche
Benedek  aus  der  großen  Reserve  zur  Abwehr  des  Kronprinzen
  dorthin  abgab.  Unterdessen  besetzte  die  Garde  das
Dorf  und  den  Rücken  von  Maslowied;  es  kam  Bericht,  daß
binnen  einer  halben  Stunde  ihre  zweite  Division,  und  wieder
eine  halbe  Stunde  weiter  das  erste  und  das  fünfte  Corps
zur  Stelle  sein  würden;  zugleich  meldete  General  von  Mutius,
daß  neben  der  zwölften  auch  die  eilfte  Division  bereits  den
Geschützkampf  eröffnet  habe:  wenn  bis  dahin  noch  ein  Bedenken
  bestanden  hätte,  so  wäre  es  jetzt  in  voller  Siegessicherheit
  verschwunden;  wieder  also  hieß  es:  vorwärts,  und
ohne  Aufenthalt  führte  General  Hiller  von  Gärtringen  seine
Division  zum  Sturm  gegen  den  das  Schlachtfeld  beherrschenden

  Punkt,  gegen  die  Höhe  von  Chlum.
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Neiches.  V.
        <pb n="212" />
        194  König  Wilhelm  in  Böhmen.

Von  fern  her  angesehen,  konnte  das  Unternehmen  tollkühn,
  oder  wenn  man  lieber  will,  wahnsinnig  erscheinen.  Die
Höhe  war  von  der  Brigade  Appiano  mit  sechs  Bataillonen
und  einer  starken  Batterie  besetzt;  in  naher  Nachbarschaft
stand  westlich  davon  im  Walde  vor  Lipa  die  vollzählige
Brigade  Benedek,  östlich  aber  das  ganze  vierte  Corps  mit
seinen  Batterien,  und  dazu  die  mächtige  Geschützreihe  der
Armee-Reserve,  deren  Feuer  das  ganze  vorliegende  Thal  bestrich
und,  wie  es  schien,  die  Annäherung  jedes  Feindes  verhindern
mußte.  Indessen  schlugen  auch  preußische  Kanonenkugeln  recht
nachdrücklich  im  Dorfe  Chlum  ein,  so  daß  General  Appiano,
aus  den  angegebenen  Gründen  von  der  Unmöglichkeit  eines
Angriffs  überzeugt,  nur  ein  Bataillon  auf  der  Höhe  zur
Beobachtung  zurückließ,  die  übrigen  Truppen  aber  der  feindlichen
  Artillerie  nicht  länger  aussetzen  wollte,  sondern  sie
gedeckt  hinter  dem  Berge  weit  abwärts  aufstellte.  Nun  aber
bildete  die  Straße  von  Maslowied  nach  Nedielischt  einen  tief
eingeschnittenen  Hohlweg,  mehrere  ähnliche  Einsenkungen  und
Risse  zogen  sich  an  dem  Bergabhang  entlang  zur  Höhe  hinan;:
dazu  kamen  die  dichten  Wolken  des  Geschützrauches,  welchen
die  Regenluft  hart  am  Boden  niederhielt:  genug,  den  preußischen
  Bataillonen  gelang  es,  in  jenen  Hohlwegen  am  Osthang
  des  Berges  unbemerkt  auf  die  halbe  Höhe  zu  gelangen,
und  dort  plötzlich  über  die  nächsten  Batterien  und  Brigaden
des  vierten  Corps  herzufallen.  Da  zeigte  sich,  wie  gründlich
  diese  Truppen  durch  die  Kämpfe  im  Swiepwalde  decimirt
und  demoralisirt  waren:  fast  ohne  Widerstand  warfen  sie  sich
in  eiligem  Rückzug  nach  Süden,  gaben  den  größten  Theil
ihrer  Geschütze  Preis,  und  ließen  den  Gegnern  den  Zugang
zu  der  Alles  entscheidenden  Stellung  offen.  In  raschem
        <pb n="213" />
        Einnahme  von  Chlum.  195

Anlauf  erstieg  dann  die  Garde  binnen  wenigen  Minuten  die
letzte  Höhe;  Chlum  wurde  von  allen  Seiten  angegriffen,  das
feindliche  Bataillon  aufgerieben  oder  gefangen.  Und  ohne
Halten  wurde  der  so  überraschend  gewonnene  Vortheil  weiter
verfolgt.  Ein  Theil  der  Division  warf  sich  auf  das  am  Südfuße
  des  Berges  gelegene  Dorf  Rosberitz,  und  schlug  hier
die  Hauptmasse  der  Brigade  Appiano,  so  wie  zwei  feindliche
Reiterregimenter  durch  mörderisches  Kreuzfeuer  in  unordentliche,
  hastige  Flucht.  Ein  anderer  Theil  wies  zwei  Versuche
ab,  welche  die  aus  dem  Walde  von  Lipa  hervorbrechende
Brigade  Benedek  zur  Wiedereroberung  Chlums  machte,  und
als  bald  darauf  auch  die  Avantgarde  der  zweiten  Gardedivision
  anlangte,  wurde  zuerst  der  Wald  und  dann  der  Ort
Lipa  dem  Feinde  entrissen,  Erzherzog  Ernst  zum  Abzug  genöthigt,
  und  ein  großer  Theil  der  gegen  die  erste  Armee  so
furchtbar  wirkenden  Batterien  im  Rücken  gefaßt  und  genommen.

Nicht  minder  erhebliche  Fortschritte  hatte  unterdessen  das
sechste  Armeecorps  gemacht.  Die  zwölfte  Division,  damals
nur  sechs  Bataillone  stark,  drängte,  in  der  Nähe  der  Elbe
vorschreitend,  die  Brigade  Henriquez  über  die  Trotina  südwärts
  nach  Lochenitz  zurück,  welcher  Ort  in  hartnäckigem
Kampfe  durch  den  österreichischen  Nachtrab  so  lange  vertheidigt
  wurde,  bis  die  Brigade  über  die  Brücke  hinüber  das
linke  Elbufer  erreicht  hatte.  Etwas  weiter  westlich  ging  die
eilfte  Division  gegen  Nedielischt  und  die  dort  stehenden  übrigen
Brigaden  des  feindlichen  zweiten  Corps  vor.  Wie  der  österreichische
  Generalstab:)  bezeugt,  waren  diese  „nach  den  bisherigen
  Kämpfen  wenig  mehr  in  der  Verfassung,  einen
geordneten  und  ausgiebigen  Widerstand  zu  leisten“.  Ohne

4  Be.  III,  S.  353.
13%
        <pb n="214" />
        196  König  Wilhelm  in  Böhmen.

den  Stoß  des  preußischen  Fußvolks  zu  erwarten,  begannen
sie,  sobald  die  Kanonenkugeln  der  eilften  Division  sie  trafen,
den  Rückzug,  gedeckt  durch  das  leichte  Reitercorps  des  Fürsten
Taxis,  und  ihr  Führer,  Graf  Thun,  krönte  sein  trauriges
Tagewerk,  indem  er,  ohne  Rücksicht  auf  das  Schicksal  der
übrigen  Heertheile,  sich  beeilte,  über  die  nächste  Elbbrücke
hinüber  sein  Corps  und  sich  selbst  in  Sicherheit  zu  bringen.

So  war  der  rechte  Flügel  der  Osterreicher  bald  nach
drei  Uhr  Nachmittags  vollständig  aus  einander  gesprengt,
und  damit  der  Rücken  des  Centrums  auf  das  Empfindlichste
gefährdet.  Dazu  kam,  daß  in  derselben  Zeit  auch  der  linke
Flügel  ein  ähnliches  Schicksal,  wenn  auch  nicht  in  ganz  so  unrühmlicher
  Weise,  erlitt.  Bald  nachdem  die  Division  Canstein,
wie  wir  oben  sahen,  das  Dorf  Oberprim  mit  stürmender
Hand  genommen  hatte,  vollendete  auch  die  14.  Division
unter  General  v.  Münster  ihren  Marsch  über  die  Brücke
von  Nechanitz,  und  General  von  Herwarth  befahl  dann  jener
den  Angriff  auf  Niederprim,  dieser  aber  die  Eroberung  der
beherrschenden  Höhe  von  Problus.  Der  Kronprinz  von
Sachsen  sah  seinerseits,  wie  sehr  bei  seinen  österreichischen
Genossen  durch  die  am  Morgen  erlittenen  Unfälle  der  innere
Halt  gebrochen  war;  von  Oberprim  aus  konnte  der  Gegner
ihm  seine  Rückzugslinie  verlegen,  und  in  der  Ferne  bemerkte
er  das  Zurückweichen  des  rechten  Flügels:  so  beschloß  er,
das  hoffnungslos  gewordene  Spiel  nicht  weiter  fortzusetzen,
sondern  nur  zur  Deckung  seines  Abzugs  einige  sächsische
Bataillone  unter  starker  artilleristischer  Unterstützung  mit
einer  kurzen  Vertheidigung  der  beiden  bedrohten  Punkte  zu
beauftragen.  Die  wackeren  Schaaren  vollzogen  den  Befehl
mit  aufopferndem  Muthe;  die  anstürmenden  Rheinländer  und
        <pb n="215" />
        Einnahme  von  Problus.  197

Westfalen  aber,  von  gleich  hingebender  Tapferkeit  beseelt,
ließen  sich  durch  das  Feuer  der  feindlichen  Batterien  nicht
aufhalten,  und  fast  gleichzeitig  wurden  die  beiden  Dörfer  genommen.
  Ohne  jeden  Aufenthalt  gingen  die  Sieger  dann
weiter  vorwärts  und  verdrängten  unter  einem  auf  beiden
Seiten  blutigen  Gefechte  den  Feind  auch  aus  dem,  östlich  an
die  Höhe  von  Problus  stoßenden  Walde  von  Bor  und
Brschiza.  Zwei  preußische  Divisionen,  26000  Mann,  hatten
diese  Erfolge  gegen  39000  Austro-Sachsen  errungen.  Als
sie  den  äußersten  Rand  des  Waldes  erreichten,  standen  sie  im
Rücken  der  Höhe  von  Langenhof,  von  der  jetzt  General  Gablenz
das  zehnte  Corps  zurückzuziehen  sich  beeilte:  nur  durch  einen
Zwischenraum  von  etwa  drei  Viertelstunden  Weges  war  die
Spitze  der  Elbarmee  noch  von  Rosberitz,  der  letzten  Eroberung
des  Gardecorps,  entfernt.  So  nahe  waren  die  preußischen
Truppen  von  rechts  und  links  her  zu  vollständiger  Umzingelung
  des  kaiserlichen  Hceres  vorgedrungen.

Benedek's  Lage  war  mithin  eine  verzweifelte  geworden.
Die  erste  Nachricht  von  dem  Verluste  Chlums  war  ihm  unglaublich
  erschienen,  da  nach  seinen  Anordnungen  eine  ganze
Brigade  dort  oben  stehen  sollte,  und  der  östliche  Aufgang
durch  das  vierte,  nach  Mollinary's  Angaben  siegreiche,  Corps
gedeckt  wäre.  Er  ritt  selbst  dem  Orte  zuj  scharfe  preußische
Salven,  die  sein  Gefolge  in  alle  Winde  jagten,  überzeugten
ihn  rasch  genug  von  der  Richtigkeit  der  Meldung.  Mehrere
Versuche,  mit  den  nächsten  Truppentheilen  die  Höhe  wieder
zu  gewinnen,  blieben  fruchtlos;  der  Feind  dehnte  seine  Fortschritte
  weiter  aus;  es  kam  die  Kunde  von  dem  Verluste  von
Problus:  der  Feldzeugmeister  griff  zu  dem  letzten  Mittel,
zur  Verwendung  der  großen  Armee-Reserve,  jetzt  nicht  mehr
        <pb n="216" />
        198  König  Wilhelm  in  Böhmen.

zu  einer  glänzenden  Offensive,  sondern  zur  Abwehr  einer  das
eigene  Heer  bedrohenden  Todesnoth.  Von  seinem  ersten  Corps
sandte  er  die  Brigade  Piret,  um  gemeinsam  mit  den  Sachsen
Problus  wieder  zu  nehmen,  und  gab  dem  sechsten  Corps  unter
Baron  Ramming  den  Befehl,  mit  einer  Brigade  Rosberitz
dem  Feinde  zu  entreißen,  mit  den  drei  andern  aber  in  directem
Angriff  Chlum  zu  erstürmen.

Eine  halbe  Stunde  früher  begonnen,  hätte  diese  Bewegung
  der  preußischen  Sache  große  Gefahr  bringen  können.
Denn  bei  dem  unaufhaltsamen  Vorandrängen  hatten  die
Kräfte  der  ersten  Gardedivision  sich  weithin  zersplittert,  ein
Theil  nach  Rosberitz,  die  Avantgarde  nach  Lipa  und  Langenhof
  hin,  so  daß  in  Chlum  selbst  nur  eine  schwache  Besatzung
und  wenige  Batterien  geblieben  waren.  Verstärkung  war  von
allen  Seiten  her  im  Anzug,  aber  überall  noch  etwa  eine
halbe  Meile  entfernt,  oder,  wie  ein  Theil  der  zweiten  Division,
  im  Kampfe  mit  einer  durch  Mißverständniß  bei  Tschistowes
stehen  gebliebenen  feindlichen  Brigade  vom  vierten  Corps,
welche  allerdings  bald,  von  allen  Seiten  beschossen,  nur  unter
colossalen  Verlusten  zu  entkommen  vermochte.  Vergeblich
aber  schaute  unterdessen  der  tapfere  General  Hiller  von
Gärtringen  im  Anblick  der  von  Süden  her  drohenden  Massen
nach  Unterstützung  aus.  Für's  Erste  blieb  er  auf  den  unverwüstlichen
  Muth  seiner  eigenen  Truppen  angewiesen:  erst
kurze  Zeit  vor  dem  Beginn  des  feindlichen  Angriffs  erschien
die  Geschütz  Reserve  des  Gardecorps  und  begann,  ihre  Granaten
in  die  dichten  Bataillone  Ramming's  mit  zerstörender  Wirkung
hinüber  zu  schleudern,  wie  schwer  sie  dann  auch  selbst  durch
das  Feuer  von  15  feindlichen  Batterien  bedrängt  wurde.

General  von  Ramming  hatte  den  Befehl  zum  Sturme
        <pb n="217" />
        Vergebliche  Gegenwehr  der  Osterreicher.  199

mit  peinlicher  Ungeduld  erwartet,  da  die  Stimmung  seiner
Truppen  sich  unter  dem  Eindruck  der  letzten  Ereignisse  mit
jeder  Minute  unthätiges  Harrens  verschlechterte.  Der  Aufmarsch
  erfolgte  dann  mit  großer  Frische;  sogleich  aber  zeigte
sich  der  Mangel  innerer  Consistenz  in  dem  damaligen  österreichischen
  Heere.  Nicht  drei  Brigaden,  wie  Benedek  verfügt
hatte,  sondern  nur  eine  unter  General  Rosenzweig  wandte
den  unmittelbaren  Angriff  auf  Chlum;  die  beiden  andern,
wahrscheinlich  von  Rosberitz  her  in  der  Flanke  beschossen,
stürzten  sich  mit  der  vierten  auf  dieses  Dorf,  welches  dann
durch  eine  so  gewaltige  Übermacht  nach  hartnäckigem  Widerstande
  genommen  wurde.  Unterdessen  stürmte  Rosenzweig
die  Höhe  hinan,  erlitt  harte  Verluste,  gelangte  aber  bis  zu
der  Kirche  von  Chlum;  und  bereits  glaubte  Hiller  den  Rückzug
  befehlen  zu  müssen:  da,  im  letzten  Augenblick,  erschien  die
Rettung.  Major  von  Sommerfeld,  vom  ersten  Corps,  sprengte
zu  dem  General  heran,  mit  der  Meldung,  daß  die  Avantgarde
Bonin's  in  Chlum  angelangt  sei.  Nun,  rief  der  General  in  hell
aufleuchtender  Freude,  dann  wird  ja  Alles  gut.  Kaum  hatte  er
es  ausgesprochen,  so  traf  ihn  ein  Granatsplitter  in  die  Brust;  so
starb  er,  den  sichern  Sieg  vor  Augen,  den  schönsten  Heldentod,
nachdem  er  durch  den  kühnen  Zug  auf  Chlum  noch  mehr  für
sein  Vaterland  geleistet  hatte,  als  einst  bei  Waterloo  sein  ebenso
heldenmüthiger  Vater  durch  die  Erstürmung  von  Planchenoit.

Vier  und  bald  sechs  ostpreußische  Bataillone  warfen  sich
jetzt  auf  Rosenzweig's  Front,  während  aus  Lipa  herbei  eilende
Gardetruppen  die  Osterreicher  auf  der  einen  Seite  beschossen,
und  auf  der  andern  die  Division  Zastrow  die  Hügel  hinter  Nedielischt
  besetzte,  und  von  dort  den  Gegner  unter  ihr  Feuer  nahm.
Rosenzweig  mußte  zurück,  unter  gänzlicher  Zertrümmerung
        <pb n="218" />
        200  König  Wilhelm  in  Böhmen.

seiner  Brigade.  Vergeblich  zog  jetzt  Ramming  aus  den
rauchenden  Trümmern  von  Rosberitz  heraus,  was  von  seinen
drei  andern  Brigaden  noch  kampffähig  war,  um  den  Versuch
gegen  Chlum  zu  erneuern;  das  Ergebniß  war  dasselbe:  eiliges
Vorgehen  mit  bereits  unsicherem  Vertrauen,  dann  feindliches
Schnellfeuer  von  allen  Seiten,  und  bald  haltloses  Zurückstürzen
  und  völlige  Lösung  aller  taktischen  Bande.  Eine
wirre  Menschenmasse,  die  einst  das  sechste  Corps  gewesen,
flüchtete  nach  Königgrätz  zurück,  um  das  arme  Leben  aus  der
tödtlichen  Umklammerung  zu  erretten.  In  diesem  Augenblicke
meinte  der  Führer  des  ersten  österreichischen  Corps,  Graf
Gondrecourt,  eine  letzte  Anstrengung  wagen  zu  sollen.  Nach
der  Entsendung  Piret's  hatte  er  noch  vier,  freilich  bei  Gitschin
stark  erschütterte,  Brigaden,  welcher  sich  als  fünfte  die  eben
aus  Langenhof  weichende  Brigade  Kuebel  vom  zehnten  Corps
aus  freiem  Entschlusse  zugesellte,  im  Ganzen  eine  Masse  von
mehr  als  20000  Mann.  In  unbegreiflicher  Verblendung
ließ  er  sie  in  Bataillons=  und  Halb-Bataillons-Massen  vorgehen,
  in  deren  dichten  Reihen  kein  feindliches  Geschoß  sein
Ziel  verfehlte.  Unterdessen  war  die  Artillerie  des  ersten
preußischen  Corps  neben  den  Garde-Batterien  auf  der  Höhe
aufgefahren;  Abtheilungen  der  zweiten  Garde-Division  erschienen
  von  Lipa  her  in  der  linken,  eine  Brigade  des  sechsten
Corps  in  der  rechten  Flanke  der  Osterreicher:  so  wurden  diese
von  einem  solchen  Kugelhagel  überschüttet,  daß  nach  einem
Kampfe  von  20  Minuten  sich  Alles  in  die  wildeste  Flucht
warf.  Unmittelbar  darauf  nahmen  die  Ostpreußen  Rosberitz
wieder  ein.  Graf  Gondrecourt  hatte  in  dieser  verhängnißvollen
  Viertelstunde  von  20000  Mann,  279  Officiere,
10000  Mann  und  23  Geschütze  eingebüßt.
        <pb n="219" />
        Kampff  der  Relterel.  201

Nicht  glücklicher  endlich  war  der  Angriff  der  Brigade
Piret  auf  Problus,  unter  kräftiger  Unterstützung  der  Sachsen
und  schwacher  Beihülfe  des  österreichischen  achten  Corps,  verlaufen.
  Das  Dorf  wurde  im  ersten  Anlauf  erreicht,  sogleich
aber  an  die  von  allen  Seiten  hereinbrechenden  Conpagniecolonnen
  und  Schützenschwärme  der  Rheinländer  und  Westfalen
  wieder  verloren.  Gleichzeitig  kam  auch  die  16.  Division
Etzel  über  die  Brücke  von  Nechanitz  hinüber,  und  wurde  durch
General  Herwarth  in  die  Richtung  auf  Pardubitz  gesetzt,  um
hier  dem  Feinde  den  letzten  Ausweg  zu  verlegen.

Der  Ausgang  war  entschieden  auf  allen  Seiten,  und  die
größte  Schlacht  des  Jahrhunderts!)  für  Preußen  gewonnen.
Gleich  nachdem  die  Garde  die  Höhen  von  Lipa  und  Langenhof
  erobert  hatte,  befahl  König  Wilhelm  allgemeines  Vorgehen
  auch  der  ersten  Armee,  und  insbesondere  die  Verfolgung
des  weichenden  Gegners  durch  die  bis  dahin  unthätige  Reiterei.
Dieser  warfen  sich  dann,  zwischen  Langenhof  und  Stresetitz,
die  schweren  Reserve-Divisionen  der  österreichischen  Cavallerie
in  den  Weg:  es  kam  zu  einem  Reiterkampf  von  so  colossalem
Umfang,  wie  die  neuere  Kriegsgeschichte  wenige  seines  Gleichen
kennt.  Es  erscheint  hier  einer  der  wenigen  Punkte,  wo  die
beiderseitigen  Berichte  sich  schroff  widersprechen:  jede  der  beiden
Parteien  erkennt  die  Tapferkeit  der  andern  an,  behauptet  aber
für  die  einzelnen  Gefechte  die  Überlegenheit  ihrer  Reiter.  Zu
einem  sichern  Urtheil  ist  darüber  um  so  weniger  zu  gelangen,
als  der  Kampf  kein  planmäßig  geordnetes  Ganzes  bildete,
sondern  jedes  Regiment,  und  mehrmals  einzelne  Schwadronen,
losbrachen,  wo  sie  einen  Gegner  erblickten,  die  Streitenden
unter  einander  geriethen,  neue  Schaaren  das  sich  hin  und

)  Vgl.  Jähns,  die  Schlacht  von  Königgrätz,  S.  484.
        <pb n="220" />
        202  König  Wilhelm  in  Böhmen.

her  wälzende  Getümmel  vergrößerten.  Thatsache  ist,  daß
schließlich  die  österreichische  Reiterei  unter  bedeutenden  Verlusten
  in  wilder  Flucht  davon  eilte,  die  bisher  von  ihr  gedeckte
  Infanterie  einholte,  sie  in  tollem  Laufe  an  mehreren
Stellen  niederritt  oder  auseinander  sprengte,  und  die  allgemeine
  Auflösung  dadurch  erheblich  vergrößerte.  Osterreichische
Berichte  erläutern  dies  durch  die  Bemerkung,  nicht  die  preußische
Reiterei  habe  das  Unheil  bewirkt,  sondern  das  verheerende
Feuer,  welches  die  auf  allen  Seiten  vordringende  Infanterie
und  Artillerie  des  Gegners  über  die  kaiserlichen  Schwadronen
ergossen  habe:  letzteres  Factum  wird  natürlich  preußischer
Seits  nicht  bestritten.  Eine  weitere  Thatsache  ist,  daß  die
preußische  Reiterei  nach  dem  Entweichen  der  österreichischen
sich  an  der  weitern  Verfolgung  nicht  mehr  betheiligte:  dies
aber  war  keineswegs  die  Folge  eines  vorausgegangenen  Unterliegens,
  sondern  der  Nothwendigkeit,  die  weit  auseinander
gekommenen  Schaaren  vor  weiterm  Vorgehen  zu  sammeln  und
zu  ordnen;  und  ehe  dies  bewirkt  werden  konnte,  erging  die
allgemeine  Ordre  des  Königs,  überhaupt  jede  Verfolgung  einzustellen.
  Den  letzten  Widerstand  leistete  mit  todesmuthiger
Aufopferung  die  österreichische  Artillerie,  die  sich  überhaupt
an  diesem  Tage  mit  Ruhm  bedeckte,  und  die  schwersten  Verluste
  willig  auf  sich  nahm,  um  den  Abzug  der  fliehenden
Waffenbrüder  möglichst  lange  zu  beschützen.  Indessen,  auch
ihr  Opfermuth  vermochte  die  von  drei  Seiten  her  andringenden
Fortschritte  des  Gegners  nicht  lange  mehr  aufzuhalten.  Gegen
sechs  Uhr  Abends  begegneten  sich  auf  der  das  Schlachtfeld
durchschneidenden  Heerstraße,  nicht  weit  von  Königgrätz,  die
Abtheilungen  der  schlesischen  und  der  Elbarmee;  bald  nachher
trafen  hier  auch  einzelne  Schaaren  der  vordringenden  Truppen
        <pb n="221" />
        Osterreichs  Niederlage.  203

Friedrich  Carl's  ein.  König  Wilhelm  durchritt  die  weite
Walstatt,  überall  von  seinen  Soldaten  mit  begeistertem  Zuruf
  begrüßt;  er  gerieth  einmal  in  das  Granatfeuer  einer  feindlichen
  Batterie,  aus  dem  ihn,  wie  er  seiner  Gemahlin  schrieb,
Bismarck  ernstlich  entfernte.  Der  Anblick  des  Schlachtfeldes
bekundete  unverkennbar  die  Niederlage  der  feindlichen  Armce:
die  traurige  Masse  der  Todten  und  Verwundeten,  die  endlosen
  Züge  der  Gefangenen,  die  Haufen  der  weggeworfenen
Waffen  und  Rüstungsstücke,  Alles  zeigte  das  Bild  einer  jähen,
schreckenvollen  Flucht.  Ew.  Majestät,  sagte  Moltke  zum
Könige,  haben  nicht  bloß  die  Schlacht,  sondern  den  Feldzug
gewonnen.  Die  Streitfrage,  sagte  Bismarck  darauf,  ist  also
entschieden;  jetzt  gilt  es,  die  alte  Freundschaft  mit  Osterreich
wieder  zu  gewinnen.  Was  im  Augerblicke  zu  thun,  erschien
übrigens  einem  großen  Theile  der  einflußreichen  Generale
noch  sehr  zweifelhaft.  Die  weite  Ausdehnung  des  Schlachtfeldes
  machte  einen  vollständigen  und  raschen  Uberblick  unmöglich.
  In  der  langen,  peinlichen  Spannung  des  Vormittags
  hatte  sich  die  Ansicht  festgesetzt,  die  schlesische  Armce
sei  trotz  aller  Anstrengung  doch  zu  spät  gekommen;  freilich
hätten  einzelne  österreichische  Abtheilungen  schwer  gelitten,
im  Ganzen  aber  habe  das  Erscheinen  der  zweiten  Armee
nur  die  Wirkung  gehabt,  daß  Benedek  den  Kampf  abgebrochen
und  seine  Truppen  über  die  Elbe  zurückgeführt  habe.  Unter
solchen  Voraussetzungen  konnte  es  bedenklich  erscheinen,  einzelne
  Abtheilungen  ihm  über  den  Strom  folgen  zu  lassen,
und  so  erging  um  halb  sieben  Uhr  der  Befehl,  morgen  solle
geruht  werden,  und  nur  General  Herwarth  die  Verfolgung
gegen  Pardubitz  fortsetzen.  Darin  lag  selbstverständlich  das
Verbot  jeder  weitern  Beunruhigung  des  Feindes  am  heutigen
        <pb n="222" />
        204  König  Wilhelm  in  Böhmen.

Abend.  Es  gereichte  vielen  Tausenden  der  besiegten  Armee
zum  Heile,  welche  in  maaßloser  Bedrängniß  und  Verwirrung
entweder  bei  Königgrätz  oder  bis  Pardubitz  hinab  über  die
Elbe  zu  entkommen  suchten,  und  zum  Theil  erst  gegen  Mitternacht
  über  den  schirmenden  Fluß  hinüber  gelangten.  Die
Möglichkeit,  den  preußischen  Sieg  durch  rasches  Nachsetzen  im
Style  von  Waterloo  auszubeuten,  und  vielleicht  bis  zu  gänzlicher
  Zersprengung  der  Nordarmee  zu  vervollständigen,  wird
sich  jetzt  nicht  mehr  bestreiten  lassen.  Denn  ein  ansehnlicher
Theil  der  preußischen  Truppen  hatte  an  dem  Tage  keinen
Schuß  gethan,  keinen  Streich  geführt,  keinen  Verlust  erlitten,
das  ganze  fünfte  Corps,  sechzehn  Bataillone  des  ersten,  die
Reiterdivision  Hartmann,  die  meisten  Bataillone  der  Division
Etzel),  ungefähr  die  Hälfte  des  dritten  Armeecorps,  zehn
Bataillone  der  zweiten  Garde-Division,  zusammen  ungefähr
70000  Mann.  Fast  alle  diese  Abtheilungen  standen  wohlgeordnet
  und  geschlossen  zu  weiterer  Thätigkeit  bereit;  sie
waren  allerdings  seit  zwölf,  einige  seit  fünfzehn  Stunden  in
Bewegung;  die  große  Mehrzahl  hatte  aber  doch  nur  einen
Marsch  von  zwei  Meilen  zurückgelegt;  sie  hätten,  wenn  nicht
sofort  (wozu  Steinmetz  bereits  eine  Vorhut  formirte),  so  doch
jedesfalls  mit  dem  Morgengrauen  des  4.  Juli  die  Verfolgung
beginnen  können.  An  diesem  Tage  hätten  sie  fünf  feindliche
Corps  und  die  Hälfte  der  Cavallerie  in  völliger  Auflösung,
alle  übrigen  aber  schwer  beschädigt  und  erschüttert  angetroffen.
Nach  österreichischem  Zeugniß  hätte  es  dann  keine  Rettung
für  die  Nordarmee  mehr  gegeben.

Jedoch,  sei  dem  wie  es  wolle,  der  erreichte  Erfolg  war
unvergleichlich.  Nach  Abzug  der  vorher  genannten  Heer-)

  Sie  hatte  am  Abend  150  Mann  an  Todten  und  Verwundeten.
        <pb n="223" />
        Beiderseitige  Verluste.  205

theile  hatten  fünf  preußische  Armeecorps  acht  feindliche  in
beinahe  vernichtender  Weise  geschlagen.  Die  Straße  nach
Wien  lag  schutzlos  dem  Sieger  offen.  Ich  habe,  soll  Benedek
ausgerufen  haben,  Alles  verloren,  nur  leider  das  Leben  nicht.
In  der  That  waren  die  Einbußen  seines  Heeres  ganz  außerordentlich:
  5600  Todte,  7600  Verwundete;  9300  verwundet
Gefangene,  12  800  unverwundet  Gefangene,  6100  Vermißte,
im  Ganzen  41  400  Mann.  Dazu  der  sächsische  Verlust  von
1500  Mann  gerechnet,  ergibt  die  schreckenvolle  Summe  von
beinahe  43000  Mann.  An  Material  waren  über  6000  Pferde,
187  Geschütze  und  641  sonstige  Fahrzeuge  verloren  gegangen.
Die  frühern  Gefechte  hatten,  wie  wir  uns  erinnern,  den
Austro-Sachsen  32000  Mann  gekostet;  in  einer  einzigen
Kriegswoche  war  mithin  mehr  als  ein  Viertel  der  mit  so
hohem  Stolze  ausgezogenen  Nordarmee  zu  Grunde  gegangen.

Preußen  hatte  den  Sieg  von  Königgrätz  ebenfalls  mit
kostbarem  Preise  bezahlt.  Die  erste  Armee  hatte  1065  Todte
und  etwas  über  4000  Verwundete  (davon  mehr  als  die
Hälfte  die  Division  Fransecky),  die  Elbarmee  328  Todte  und
1200  Verwundete,  die  zweite  Armee  500  Todte  und  1550
Verwundete  (davon  über  1000  die  erste  Garde-Division),
Gesammtverlust  also  etwas  über  9000  Mann.

Als  der  König  am  späten  Abend  in  Sadowa  am  Lazareth
der  Johanniter  vorüber  kam,  sagte  er  in  tiefer  Bewegung:
da  ist  die  Kehrseite  des  Glücks,  doch  sie  bluten  nicht  umsonst,
sondern  zur  Verherrlichung  des  Vaterlandes.

Am  folgenden  Morgen  flog  die  große  Kunde  durch
Europa.  Der  Eindruck  war  überall  ungeheuer,  dieser  beispiellose
  Triumph  einer  Armee,  deren  größter  Theil  seit  fünfzig
Jahren  nicht  im  Feuer  gewesen,  einer  Armee,  wie  die  ver-
        <pb n="224" />
        206  König  Wilhelm  in  Böhmen.

schiedenen  Parteien  hundert  Male  erklärt  hatten,  von  Paradesoldaten,
  von  Milizen,  von  unbärtigen  Knaben!  In  Preußen
erfüllte  eine  erquickende  Genugthuung  die  Herzen  der  überwältigenden
  Mehrheit  im  Volke;  der  langjährige  Hader,  der
gerade  in  Folge  der  Schöpfung  dieser  Armee  aufgeflammt
war,  wurde  durch  die  bewundernswerthe  Leistung  derselben
ausgelöscht:  mochte  sie  entstanden  sein,  wie  sie  wollte,  sie
hatte  sich  jetzt  als  festen  Schirm  und  stolzen  Schmuck  des
Vaterlandes  erwiesen.  Die  eifrigen  Fortschrittsmänner  im
Osten  waren  betreten  über  die  Zukunft  ihres  Verfassungsstreits;
die  großdeutschen  Ultramontanen  am  Rhein  waren  erfüllt
von  schmerzlichem  Groll  über  die  Niederlage  des  katholischen
Kaisers:  aber  weder  die  Einen  noch  die  Andern  vermochten
den  Strom  der  allgemeinen  freudigen  Begeisterung  zu  trüben
oder  abzulenken.  Die  süddeutsche  Bevölkerung  empfand,  wie
sich  versteht,  nicht  gerade  Freude  über  den  Triumph  des
auch  von  ihr  bekriegten  Staats;  dennoch  aber  milderte  sich
die  Feindseligkeit  der  Stimmung,  aus  dem  einfachen  Grunde,
daß  es  unmöglich  war,  dem  bisher  ihnen  so  widerwärtigen
Gegner  ferner  ihre  AUchtung  zu  versagen.

Während  in  Preußen  der  Sieg  die  Bevölkerung  mit
dem  patriotischen  Aufschwung  auch  zur  politischen  Eintracht
hinüberlenkte,  brach  in  Ssterreich  an  hundert  Stellen  jetzt  der
Zorn  über  die  Mißregierung  des  Ministeriums  Belcredi  durch
alle  Schranken  hindurch.  In  Wien  wollte  das  Volk  von
einer  abfälligen  Kritik  Benedek's  nichts  wissen;  es  betrachtete
vielmehr  ihn  wie  sich  selbst  als  das  unglückliche  Opfer  eines
abscheulichen  Regierungssystems,  und  beinahe  mit  pessimistischer
Freude  wurden  die  Folgen  der  Niederlage  für  dieses  System
erörtert.  Ermuthigende  Manifeste  des  Kaisers  hatten  nur
        <pb n="225" />
        Eindruck  des  Ereignisses  in  Europa.  207

geringe  Wirkung;  vollends  ein  Aufruf  an  die  Ungarn,  wie
einst  unter  Maria  Theresia  durch  eine  große  Insurrection
die  fremden  Bedränger  abzuwehren,  brachte  nicht  einen  einzigen
  Bezirk  unter  die  Waffen.

Geradezu  niederschmetternd  wirkte,  nach  all  jenen  schönen
Hoffnungen  des  Juni,  die  Nachricht  von  Königgrätz  auf
den  Vatican.  Die  Welt  bricht  zusammen,  soll  Cardinal  Antonelli
  ausgerufen  haben,  derselbe  Antonelli,  der  kurz  zuvor
auf  die  Frage  eines  englischen  Staatsmanns,  wie  seine  Regierung
  die  irischen  Katholiken  beruhigen  könnte,  geantwortet
hatte:  sehr  einfach,  durch  Einführung  des  preußischen  Kirchenrechts.
  Aber  was  nützte  im  Vatican  der  preußischen  Regierung
  die  der  Hierarchie  überreich  gewährte  Kirchenfreiheit,
jetzt,  nachdem  die  preußischen  Waffen  die  Aussicht  auf  die
Zertrümmerung  Italiens  und  die  Herstellung  des  Kirchenstaats
  vernichtet  hatten?  Fortan  befand  sich  Preußen  in
den  Augen  des  Vaticans  im  Stande  der  unverzeihlichen  Todsünde,
  in  gleicher  Verdammniß  mit  seinem  Genossen,  dem
subalpinischen  Räuberfürsten.

Dafür  ging  durch  das  übrige  Italien  ein  einmüthiger
Jubelruf,  welcher  lauter  beinahe  als  in  Preußen  selbst  erscholl.
  Man  fühlte  sich  nach  der  eigenen  Demüthigung  von
Custozza  allerdings  nicht  frei  von  einem  stillen  Neide:  aber
mit  Bestimmtheit  kann  es  gesagt  werden,  daß  dies  Gefühl
in  der  Armee  und  im  Volke  der  Freude,  Dankbarkeit  und
Bewunderung  nicht  den  geringsten  Eintrag  that.  Einem
solchen  Allürten  fühlte  man  sich  unauflöslich  verbunden.

Zunächst  sollte  dies  Kaiser  Napoleon  und  Frankreichs
gewundene  Politik  erfahren.
        <pb n="226" />
        <pb n="227" />
        Neunzehntes  Vuch.

Unterhandlungen  und  Kämpfe.

v.  Sybel,  Vegrundung  d.  deutschen  Reichet.  V.  14
        <pb n="228" />
        <pb n="229" />
        1.  Capitel.

Französtsche  Vermittlung.

In  Paris  war  die  Aufregung,  welche  Königgrätz  hervorrief,
  grenzenlos.  Zunächst  bäumte  sich  der  Stolz  der  Armee
hoch  auf.  Neben  einem  Siege  wie  diesem,  traten  Magenta.
und  Solferino,  traten  alle  militärischen  Leistungen  Frankreichs
seit  1815  in  den  Schatten;  dies  wirkte  wie  eine  persönliche
Beleidigung  durch  preußische  Hand,  und  vom  ersten  Tage
an-  ging  der  Ruf  nach  Rache  für  Sadowa  durch  die  Reihen.
des  französischen  Officiercorps.  Nicht  viel  anders  zeigte  sich
die  Stimmung  bei  der  übrigen  Bevölkerung.  Wir  wissen,
wie  wenig  beliebt  Preußen  bei  ihr  war,  wie  die  kirchlich  Gesinnten
  den  Allürten  Italiens,  die  Finanzmänner  und  Industriellen
  den  Störer  der  Ruhe  Europas,  die  radicalen  Parteien
die  innere  Politik  Bismarck's  verurtheilten:  all  dieser  Ärger
war  jetzt  verschlungen  in  dem  einen  widerwärtigen  Gefühl,
daß  sich  plötzlich  an  Frankreichs  Grenzen  eine  Macht  erhoben
habe,  der  französischen  ebenbürtig,  wenn  nicht  überlegen,  und
zwar  auf  jenem  deutschen  Boden,  welcher  seit  zweihundert
Jahren  für  Frankreich  der  stets  offene  und  bequeme  Kriegsschauplatz
  zur  Befestigung  seiner  eropäischen  Hegemonie
        <pb n="230" />
        212  Französische  Vermittlung.

gewesen.  Wenn  Deutschland  einig  und  stark  würde,  so  wäre
diese  Hegemonie,  die  man  erst  vor  Kurzem,  nach  dem  Krimkriege,
  so  siegesfroh  genossen,  in  der  Wurzel  getroffen:  Frankreich
  müßte  sich  bequemen,  als  Gleicher  unter  Gleichen  zu
leben  —  ein  unerträglicher  Gedanke!

Mit  welcher  Spannung  Kaiser  Napoleon  den  böhmischen
Ereignissen  folgte,  bedarf  keiner  Schilderung.  Die  geheime
Verbindung  mit  Osterreich,  in  die  ihn  nach  seinem  Verdrusse
über  Preußens  Zurückhaltung  und  Italiens  Eigenwillen
Drouyn  de  Lhuys  und  Gramont  hineingedrängt  hatten,  war,
wie  wir  wissen,  auf  Grund  der  Annahme  einer  zweifellosen
militärischen  Uberlegenheit  der  Osterreicher  geschlossen  worden.
So  hatten  ihm  bereits  die  ersten  Siege  des  Kronprinzen  schwere
Bedenken  erregt.  Er  begann,  unsicher  zu  werden:  indessen
erwartete  er  nach  jener  Wiener  Depesche  vom  1.  Juli  die
baldige  Nachricht  über  einen  großen  Entscheidungskampf,  welcher
  den  Angelegenheiten  hoffentlich  eine  günstigere  Wendung
geben  würde.  Als  ihm  Graf  Golg  in  einer  Audienz  am  3.  Juli
ausführte,  wie  sehr  die  Ereignisse  das  politische  Programm
Preußens  und  die  Unfähigkeit  Osterreichs  zur  Führung
Deutschlands  erwiesen  hätten;  als  der  Gesandte  dann  die  Hoffnung
  auf  baldige  Nachgiebigkeit  Osterreichs  aussprach,  wenn
es  nicht  gänzlicher  Auflösung  anheimfallen  sollte:  da  erwiderte
ihm  der  Kaiser  mit  großem  Ernste,  sein  dringender  Wunsch  sei,
daß  Osterreich  nicht  in  seiner  Existenz  bedroht  werde;  denn
daraus  müßte  sich  eine  Lücke  im  Staatensysteme  Europas  ergeben,
  die  sich  ohne  einen  allgemeinen  Brand  nicht  ausfüllen
ließe;  Rußland  würde  sich  widersetzen,  und  auch  Frankreich
schwerlich  ruhig  bleiben  können.  Er  hoffe  also  auf  Preußens
Mäßigung,  in  der  es  sich  mit  der  Consolidirung  seiner
        <pb n="231" />
        Osterreich  begehrt  französische  Vermittlung  bei  Itallen.  213

berechtigten  Machtstellung  begnügen  werde  —  und,  setzte  er
hinzu,  die  großen  preußischen  Erfolge  wären  doch  ohne  meine
Neutralität  nicht  möglich  gewesen.  Golg  stellte  dies  nicht
in  Abrede.

Am  folgenden  Tage  erschien  dann  die  Nachricht  von
Benedek's  vollständiger  Niederlage  bei  Königgrätz,  und  noch
spät  am  Abend  trat  Fürst  Metternich  bei  dem  Kaiser  mit
der  Meldung  ein,  daß  OÖsterreich  die  verheißene  Abtretung
Venetiens  hiemit  vollziehe,  die  französische  Vermittlung  bei
Italien  anruse,  und  dem  Fürsten  unbeschränkte  Vollmacht  zur
Unterhandlung  darüber  gegeben  habe.  Dies  entsprach  freilich
dem  Buchstaben  des  Wiener  Vertrags,  aber  wie  gründlich
hatte  sich  der  Sinn  desselben  in  sein  Gegentheil  verkehrt!
Die  Meinung  war  gewesen,  daß  Osterreich  für  Venetien  sich
mit  Schlesien  entschädigen  wolle;  dann  würde  Napoleon  dem
besiegten  Preußen  seinen  großmüthigen  Schutz  unter  mäßiger
Berechnung  der  Kosten  anbieten.  Hienach  war  es  bisher
dem  Kaiser  möglich  geblieben,  trotz  der  Wiener  Abreden  den
König  Wilhelm  seiner  wohlwollenden  Neutralität  zu  versichern.
Was  jetzt  aber  Osterreich  begehrte,  machte  dieser  neutralen
Stellung  ein  Ende  von  Grund  aus.  Für  die  lberlieferung
Venetiens  sollte  der  Kaiser  Italien  sofortige  Waffenruhe  gebieten,
  damit  die  österreichische  Südarmee  zum  Kampfe  gegen
Preußen  verfügbar  werde:  dies  bedeutete  für  Napoleon  unverhüllte,
  active  Theilnahme  am  Kriege,  als  Osterreichs  Bundesgenosse.
  Wir  dürfen  annehmen,  daß  in  diesem  Augenblick
streitende  Gefühle  die  Brust  des  Kaisers  erfüllten.  In  einer
Anwandlung  momentanes  Argers  war  er  auf  ÖPsterreichs
Seite  getreten,  in  der  Meinung,  damit  ohne  eigenen  Kampf
die  Dinge  nach  seinem  Sinne  leiten  zu  können.  Jetzt  aber
        <pb n="232" />
        214  Französische  Bermittlung.

sah  er  sich  eben  hier  dicht  am  Rande  der  Gefahr,  selbst  in
einen  großen  Krieg  verwickelt  zu  werden,  und  wozu?  um  das
Werk  seines  Lebens,  die  Freiheit  Italiens,  niederreißen  zu
helfen,  um  einen  Fetzen  rheinisches  Landes  zu  gewinnen,
dessen  Erwerb  ihm  selbst  gleichgültig,  auf  den  er  nur  unter
dem  Drucke  einer  ihm  widerwärtigen  öffentlichen  Meinung
ausgegangen  war.  Immer  aber  hielt  diese  öffentliche  Meinung
ihn  unerbittlich  fest;  setit  Sadowa  war  ihre  Eifersucht  gegen
Preußen  doppelt  gereizt;  eine  einfache  Ablehnung  des  österreichischen
  Anerbietens  war  für  den  Kaiser  unmöglich.  So
kam  er  auf  den  Gedanken  eines  Mittelwegs,  auf  dem  er,
wenn  auch  wesentlich  im  Sinne  des  Wiener  Vertrags  vorgehend,
  doch  wenigstens  den  Schein  der  Neutralität  noch  für
eine  Weilc  bewahren,  und  zugleich  dem  Selbstbewußtsein  des
franzbsischen  Volkes  eine  momentane  Befriedigung  gewähren
konnte.  Er  beschloß,  gestützt  auf  die  Abtretung  Venetiens,
seine  Friedensvermittlung  nicht  bloß  der  italienischen,  sondern
auch  der  preußischen  Regierung  anzutragen,  und  damit  in  die
hohe  Stellung  des  anerkannten  Schiedsrichters  Europas  einzutreten.
  Es  war  dies  freilich  nicht,  was  Osterreich  wünschte:
indessen  war  man  in  Wien  nicht  mehr  in  der  Lage,  Paris
gegenüber  einen  eigenen  Willen  zu  haben;  Metternich  und
bald  nachher  auch  Mensdorff  gaben  ihre  Zustimmung.  Darauf
brachte  der  „Monitcur“  am  5.  Juli  Morgens  eine,  wie  es
heißt,  von  Napolcon  selbst  verfaßte  Note,  welche  der  erstaunten
  Welt  die  wichtige  Nachricht  verkündete,  daß  Osterreich,
eingehend  auf  die  in  Napoleon's  Brief  vom  11.  Juni  entwickelten
  Gedanken,  Venctien  dem  Kaiser  der  Franzosen  abgetreten,
  und  dessen  Vermittlung  bei  den  kriegführenden
Mächten  beantragt  habe;  der  Kaiser  habe  dies  bewilligt,  und
        <pb n="233" />
        Napoleon  beschließt  Bermittlung  bei  Preußen  und  Itallen.  215

die  erforderlichen  Schritte  zur  Herbeiführung  zunächst  eines
Waffenstillstandes  bei  den  Königen  von  Preußen  und  Italien
gethan.

Die  Wirkung  dieses  Artikels  in  Paris  war  ganz  die  von
dem  Kaiser  gewünschte,  eine  starke  Aufwallung  patriotisches
Stolzes,  Flaggenschmuck  bei  Tage,  glänzende  Beleuchtung
am  Abend.  Die  Pariser  wußten  nicht  viel  von  den  geheimen
Plänen  des  12.  Juni,  welche  Königgrätz  zerschmettert  hatte:
sie  sahen  nur,  wie  ihr  Kaiser  aufgerufen  war,  den  stürmenden
Wogen  Stille  zu  gebieten,  wie  er  sich  erhob,  die  Geschicke
Europas  im  Sinne  Frankreichs  zu  regeln;  sie  meinten,  es
wieder  einmal  vor  Augen  zu  haben,  daß  die  Ordnung  Europas
von  Frankreichs  Entscheidung  abhänge.  „Wenn  Frankreich
befriedigt  wird,  ist  Europa  ruhig.“

Das  Alles  schien  denn  äußerst  erfreulich  und  erhebend.
Indessen  erlebte  der  hohe  Träger  dieser  stolzen  Rolle  beim
ersten  Schritte,  daß  er  ein  vielfach  sorgenvolles  Amt  übernommen
  hatte.  Noch  am  Abend  des  4.  Juli  hatte  er  auf
den  folgenden  Tag  seinen  Staatsminister  Rouher  und  den
Minister  des  Außern  nach  St.  Cloud  zu  einer  Besprechung
der  weiteren  Maaßregeln  berufen,  an  welcher  die  Kaiserin
Eugenie  Theil  nahm.  Telegramme  an  die  beiden  Könige,
betreffend  Friedensvermittlung  und  Waffenstillstand,  gingen
bereits  in  der  Nacht  ab;  die  Depesche  an  Victor  Emanuel
nahm  wie  die  Moniteur-Note  auf  den  kaiserlichen  Brief  vom
11.  Juni  Bezug;  in  dem  Schreiben  an  König  Wilhelm  ließ
man  das  Citat  aus  einer  gewissen  Höflichkeit  weg;  da  die
Moniteur-Note  es  erwähnte,  war  ja  schon  dadurch  dem  preußischen
  Hauptquartier  die  Tendenz  der  Vermittlung  bekannt.
Drouyn  de  Lhuys  war  durchaus  der  Meinung,  trotz  König-
        <pb n="234" />
        216  Franzosische  Vermittlung..

grätz  an  der  Durchführung  des  im  Juni  beschlossenen  Systems
festzuhalten;  daß  Preußen  sich  dagegen  sträuben  würde,  war
auch  ihm  unzweifelhaft,  um  so  entschiedener  aber  gedachte  er,
die  französische  Vermittlung  nicht  bloß  anzubieten,  sondern
aufzuerlegen,  und  beantragte  demnach  Zusammenberufung
der  Kammern,  Anleihe  einer  Milliarde,  Aufstellung  einer
Armee  von  100000  Mann  an  der  Ostgrenze,  Anzeige  an
den  König  Wilhelm,  daß  Frankreich  das  linke  Rheinufer
besetzen  müsse,  wenn  Preußen  sich  nicht  gemäßigt  zeige  oder
Annexionen  vollziehe,  welche  das  europäische  Gleichgewicht
störten.  Ubrigens  sei  das  durchaus  ungefährlich,  führte
er  aus,  da  Preußen,  jetzt  noch  vollauf  mit  Österreich
beschäftigt,  ohne  verfügbare  Truppen  zum  Schutze  des  Rheinlandes,
  sich  beeilen  würde,  Frankreichs  Forderungen  zu
erfüllen.

Die  Kaiserin  Eugenie  stimmte  den  Erörterungen  des
Ministers  zu,  Rouher  schwieg,  Napoleon  sprach  seine  Billigung
  aus.  Da  eröffnete  sich  plötzlich  die  Thüre,  und  der
Minister  des  Innern,  Marquis  Lavalette,  der  alte  Gegner
Drouyn's,  trat,  obwohl  nicht  geladen,  in  den  Saal.  Napoleon,
  der  ihn  wegen  seiner  persönlichen  Liebenswürdigkeit
besonders  schätzte,  hieß  ihn  willkommen,  und  unterrichtete  ihn
von  dem  Gegenstande  der  Verhandlung.  „Aber,  rief  Lavalette,
  das  steht  ja  in  offenem  Widerspruch  mit  der  Stellung
eines  Vermittlers,  welche  der  Kaiser  so  eben  übernommen  hat.
Ein  Vermittler  befiehlt  nicht  und  droht  nicht,  sondern  gleicht
die  Ansprüche  aus  und  beschwichtigt  die  Leidenschaften.  Nun
ist  unter  der  Leitung  des  Kaisers  das  Bündniß  Italiens  mit
Preußen  zu  Stande  gekommen:  kann  der  Kaiser  heute  Victor
Emanuel  auffordern,  seine  Ehrenpflicht  zu  verletzen,  und  das
        <pb n="235" />
        Zwiespalt  im  französischen  Ministertum.  217

Bündniß  zu  brechen,  dessen  Abschluß  Er  selbst  ihm  angerathen
  hat?  Wie,  wenn  der  König  dann  diese  Rathschläge
der  Offentlichkeit  Europas  übergäbe?“  Drouyn  de  Lhuys,
seiner  Sache  gewiß,  entgegnete  keine  Sylbe;  auch  Napoleon
trat  auf  Lavalette's  Erörterung  nicht  ein,  sondern  entfernte
sich  mit  Drouyn  und  seiner  Gemahlin  in  ein  Nebenzimmer.
Nach  geraumer  Zeit  erschienen  sie  wieder,  und  Napoleon  erklärte
  dem  Marquis,  in  Folge  gründlicher  Erwägung  glaube
er  doch,  bei  den  Anträgen  Drouyn's  beharren  zu  sollen.
Lavalette  antwortete  darauf  mit  der  Bitte,  dem  Kaiser  eine
Interpellation  vorlegen  zu  dürfen,  und  stellte  dann  so  scharf
und  bestimmt  wie  möglich  die  Frage:  haben  Ew.  Maojestät
die  Mittel,  eine  Politik  durchführen  zu  können,  welche  unfehlbar
  einen  verderblichen  Krieg  mit  Preußen  und  Italien  entzünden
  muß?  Und  dann  führte  er  aus,  daß  die  französische
  Armee  zu  einem  solchen  Kriege  nicht  gerüstet  sei,  daß
es  in  jeder  Beziehung  am  Nöthigen  fehle,  daß  die  Soldaten
bei  aller  Tapferkeit  einen  tiefen  Eindruck  von  der  niederschmetternden
  Gewalt  der  Zündnadel  erhalten  hätten.  Nach
einigem  peinlichen  Hin=  und  Herreden  gab  Napoleon  zu,  daß
zu  einem  großen  Kriege  die  Armee  in  diesem  Augenblicke  noch
nicht  bereit  sei.  Sofort  drang  dann  Lavalette  auf  Drouyn
de  Lhuys  mit  der  Frage  ein,  wie  er  es  verantworten  könne,
ohne  Sicherheit  über  die  Mittel,  eine  so  gefährliche  Politik
anzurathen;  als  dieser  in  seinem  Schweigen  beharrte,  schloß
der  Kaiser  ohne  eine  bestimmte  Außerung  die  Sitzung).

)  Dies  ist  Lavalette's  Erzählung  des  Herganges,  wiederholt  bel
Rothan,  affaire  du  Luxembourg,  p.  43;  sie  erscheint  mir  plausibler
als  die  Darstellung  in  Maupas'  Memoiren,  wonach  Rouher  es  gewesen,
  der  mit  jenen  Argumenten  Drouyn  de  Lhuys  bekämpft  hütte.
Keine  der  mir  bekannten  sonstigen  Versionen  geht  auf  die  Aussage
        <pb n="236" />
        218  Französische  Vermittlung.

Noch  hatte  Lavalette  nicht  vollständig  gesiegt,  aber  ohne
Frucht  war  seine  Erinnerung  an  die  frühern  Bestrebungen
Napoleon's  und  an  die  Gefahr  eines  großen  Krieges  bei
Drouyn's  Politik  nicht  geblieben.  Der  Kaiser  mochte  die
Anträge  Drouym's  noch  nicht  verwerfen,  aber  er  kam  zu  dem
freilich  nahe  liegenden  Gedanken,  vor  ihrer  Vollziehung  erst
die  Antwort  der  beiden  Könige  auf  das  Anerbieten  seincr
Vermittlung  abzuwarten.  Fiel  sie  günstig  aus,  so  brauchte
man  sich  nicht  zu  erhitzen;  im  entgegengesetzten  Fall  schien
immer  noch  Zeit  zu  energischen  Maaßregeln.  Der  Befehl,
die  Einberufung  der  Kammern  im  Moniteur  zu  veröffentlichen,
wurde  also  zurückgenommen,  und  einstweilen  keine  Vorbereitung
  zur  Mobilisirung  eines  Heertheils  getroffen.  Immer
hatte  schon  die  erste  Verhandlung  gewichtige  Bedenken  auf
jeder  Seite  des  eingeschlagenen  Weges  gezeigt,  und  es  dauerte
nicht  lange,  so  häuften  sich  die  Schwierigkeiten  und  Unannehmlichkeiten
  in  geradezu  drohender  Weise.

Die  erste  Folge  des  so  stolz  ergriffenen  Schiedsrichterthums
  war  die  vollständige  Isolirung  Frankreichs  in  Europa.

In  Petersburg  hatte  Kaiser  Alexander  den  Ausbruch
des  Krieges  lebhaft  bedauert.  Er  war  verschwägert  mit
Württemberg  und  Darmstadt;  Bismarck's  deutscher  Reformplan
  schien  ihm  weder  dem  russischen  noch  dem  conservativen
Interesse  zu  entsprechen,  und  Fürst  Gortschakoff,  welcher  seit
der  Durchkreuzung  seincr  polnischen  Entwürfe  dem  preußischen
Minister  eine  stille,  aber  aufrichtige  Abneigung  widmete,

elnes  Betheiligten  zurück.  Hansen  hat  seine  abweichende  Version  nicht,
wie  Rothan  meint,  von  Chaudordy,  sondern  von  einem  ungenannten
Freunde  erhalten.  Eine  darauf  gegründete  Darstellung  des  Herzogs
von  Broglie  hat  Prinz  Napoleon  öffentlich  dementirt.
        <pb n="237" />
        Abwendung  Rußlands  und  Englands  von  Frankreich.  219

betonte  nachdrücklich,  daß  die  deutsche  Bundesverfassung  als
Theil  der  Wiener  Congreßacte  von  1815  nicht  ohne  Zustimmung
  der  Mächte  verändert  werden  könnte.  Auch  in  England
  waren  die  stets  deutschfeindlichen  Minister  Gladstone
und  Clarendon  derselben  Meinung,  und  Gortschakoff  ersuchte
darauf  Herrn  Drouyn  de  Lhuys,  gemeinsam  mit  Lord  Clarendon
  eine  kurze  und  deutliche  Note,  betreffend  die  Unauflösbarkeit
  des  deutschen  Bundes,  zu  entwerfen,  und  sie  dann  im
Namen  der  drei  Großmächte  an  die  preußische  Regierung
gelangen  zu  lassen.  Man  kann  sich  denken,  wie  sympathisch
Drouyn  de  Lhuys  einen  solchen  Vorschlag  aufnahm.  In
diesem  Augenblick  aber  erfolgte,  was  wir  vorher  erzählt  haben,
und  offenbar  war  mit  der  von  Napoleon  jetzt  übernommenen
Vermittlerrolle  das  von  Gortschakoff  angeregte  Verfahren
unverträglich.  Der  Eindruck  des  einseitigen  Vorgchens  Napoleon's
  war  der  übelste  in  London  wie  in  Petersburg;  beide
Höfe  beschlossen,  sortan  eine  abwartende  Haltung  zu  beobachten,
  und  lehnten  alle  Aufforderungen  Napoleon's  ab,  seine
Einwirkung  auf  das  preußische  Hauptquartier  zu  unterstützen.
Es  kam  dazu,  daß  gerade  jetzt  in  England  ein  Ministerwechsel
eintrat,  und  das  neue  torystische  Cabinet  die  preußische  Politik,
wenn  nicht  zu  fördern,  doch  sicher  nicht  zu  bekämpfen  gedachte.
Auch  die  öffentliche  Meinung  in  England,  früher  durchaus
österreichisch,  war  durch  die  mächtigen  Erfolge  der  preußischen
Waffen  stark  beeinflußt  worden,  und  der  neueste  Schritt  des
Wiener  Hofes  konnte  diese  Wendung  nur  verstärken.  Eine
solche  Demüthigung,  sagten  die  „Times",  sich  unter  französischem
  Schutz  zu  verkriechen,  ist  unerhört  in  der  Geschichte  eines
großen  Reiches.  Und  wie  hier  auf  neutralem  Boden,  war
die  Wirkung  auf  dem  bisher  feindlichen  des  deutschen  Südens.
        <pb n="238" />
        220  Französische  Vermittlung.

Einen  sehr  erheblichen  Beitrag  zu  dem  dortigen  Zorne  gegen
Bismarck  hatte  die  Verläumdung  geliefert,  daß  er  gegen
Osterreich  mit  Napoleon  unter  einer  Decke  auf  Kosten  deutsches
Grenzlandes  spiele:  jetzt  erblickte  das  Volk  plötzlich  umgekehrt
Osterreich  sich  an  Frankreich  anklammernd,  und  Napoleon,
gewiß  nicht  uneigennützig,  gegen  den  preußischen  Siegeslauf
einschreitend.  Das  ganze  frühere  Mißtrauen  gegen  Berlin
warf  sich  gewaltsam  gegen  Wien  herum;  lebhaft  begehrte
man  raschen  Friedensschluß  mit  Preußen,  und  kräftiges  Zusammenstehen
  gegen  die  Einmischung  des  Auslandes.  Vollends
aber  in  Berlin  und  bald  in  ganz  Preußen  war  die  Erregung
des  nationalen  Sinnes  ebenso  begeistert  wie  der  freudige  Stolz
auf  die  Heldenthaten  des  Heeres.  Keinen  faulen  Frieden!
keinen  französischen  Frieden!  das  war  der  einstimmige  Ruf,
der  bei  dem  Anblick  der  Moniteur-Note  in  Millionen  Herzen
widerhallte.

Unter  diesen  Verhältnissen  empfing  König  Wilhelm  im
Hauptquartier  zu  Horschitz  das  telegraphische  Schreiben  Napoleon's.
  Gewöhnlich  brauchte  jedes  Telegramm  von  und  nach
dem  Hauptquartier  40  bis  48  Stunden,  da  die  tschechischen
Bauern  unaufhörlich  bald  hier,  bald  dort  die  Drähte  abrissen:  an
diesem  denkwürdigen  5.  Juli  aber  war  die  Leitung  unversehrt,
und  Napoleon's  Brief  kam  also  nach  wenigen  Stunden  in
die  Hand  des  Königs.  Er  war  nicht  weniger  überrascht  als
die  übrige  Welt.  Sein  erster  Ausruf  war:  Unglaublich!
aber  doch  auch  sein  erster  Gedanke,  daß  die  sich  hier  aufdrängende
  Vermittlung  nicht  kurzweg  abgewiesen  werden  könne.
Einige  rasch  von  ihm  auf  das  Papier  geworfene  Notizen
liegen  vor;  er  fragt:  was  fordern  wir?  Die  Antwort  zeigt,
daß  er  trotz  aller  Siege  auf  dem  alten  Standpunkt  geblieben
        <pb n="239" />
        Vorsichtige  Antwort  Preußens.  221

war:  Annexion  von  Schleswig-Holstein,  deutsche  Bundesreform
  unter  preußischer  Leitung,  oder,  wie  er  es  jetzt  ausdrückte,
  Suprematie  über  ganz  Deutschland.  Dazu  denn  als
einzige  Folge  der  beispiellosen  Triumphe:  Ersatz  der  Kriegskosten;
  Abdication  der  feindlichen  Souveräne  von  Hannover,
Kurhessen,  Meiningen,  Nassau,  zu  Gunsten  ihrer  Thronfolger;
Abtretung  etwa  eines  böhmischen  Grenzstrichs,  Ostfrieslands,
der  Erbansprüche  auf  Braunschweig.  Kein  Gedanke  an  weitere
Eroberüungen,  an  Beseitigung  eines  deutschen  Fürstenhauses.
Zum  Schlusse  nur  die  Frage:  oder,  abschlagen??

Bismarck  theilte  die  Ansicht  seines  Monarchen,  daß  die
Vermittlung  nicht  abzulehnen  sei,  so  heiß  auch  in  ihm  der
Zorn  über  die  fremde  Einmischung  kochte,  die  nach  so  vielen
Zusicherungen  wohlwollender  Neutralität  plötzlich  dem  Sieger
in  den  Arm  fiel.

Waffenstillstand  hatte  schon  Tags  zuvor  General  Gablenz
bei  dem  Könige  nachgesucht,  da  der  Feldzug  ja  entschieden,
und  die  österreichische  Armee  nicht  mehr  widerstandsfähig  sei.
Es  war  ihm  erwidert  worden,  daß  man  ganz  bereit  wäre,
auf  politischer  Grundlage  einen  definitiven  Frieden  zu  unterhandeln,
  daß  aber  ein  Stillstand  der  Operationen  den  preußischen
  Hecren  nicht  zugemuthet  werden  dürfte.  Es  wurde  jetzt
beschlossen,  dem  französischen  Kaiser  noch  an  demselben  Tage
telegraphisch  folgende  Antwort  des  Königs  zuzusenden:

Sire,  guidé  par  la  conflance  qdue  M’inspirent  l'asfection
  mutuelle  et  la  sclidarité  d’intéeréts  importants
de  nos  deux  pays,  i  accepte  la  proposition  que  V.  N.
’afaite,  et  je  suis  prét  à  m’entendre  avec  Elle  sur
les  moyens  d8s  rétablir  la  paix.  Hier  déja  le  général  de
Gablenz  m’'a  demandé  un  armistice  en  vue  de  négo-
        <pb n="240" />
        222  Französische  Vermittlung.

ciations  directes.  Par  un  télégramme  chiffré  à  Tadresse
de  mon  ambassadeur  Jjindiquerai  à  V.  M.  les  conditions
dans  lesquelles  la  situation  militaire  et  mes  engagements
  envers  le  roi  d’Italie  me  permettront  de  conlure
  un  armistice.

Zugleich  erhielt  Goltz  den  Auftrag,  dem  Kaiser  erläuternd
hinzuzufügen,  daß  nach  dem  Vertrage  vom  38.  April  zwischen
Preußen  und  Italien  beiderseitiges  Einverständniß  zum  Abschluß
  von  Frieden  oder  Waffenstillstand  erforderlich  sei.  Dies
vorausgesetzt,  sei  man  bereit  zu  einem  Stillstand,  wenn  derselbe
  die  Verpflegung  der  Armes  und  die  Behauptung  der
bisherigen  militärischen  Ergebnisse  sichere.  Das  habe  man
gestern  dem  General  Gablenz  erklärt.

Diese  Antwort  wahrte  mit  überlegener  Ruhe  die  Interessen
des  preußischen  Staats.  Um  Napoleon  zu  beschwichtigen,  nahm
man  seine  Vermittlung  kurz  und  einfach  an,  verpflichtete  sich
aber  zu  nichts  weiter,  als  sich  mit  ihm  über  die  Mittel  zur
Herstellung  des  Friedens  zu  benehmen,  und  indem  man  auf
Gablenz's  Versuch  einer  directen  Unterhandlung  hindeutete,
zeigte  man,  daß  man  auf  eine  solche  durch  die  Annahme  des
französischen  Vorschlags  nicht  verzichten  wollte.  Man  war
auch  bereit  zu  einem  Waffenstillstand,  und  stellte  dafür  nur
einige  Bedingungen,  deren  Berechtigung  und  Nothwendigkeit
kein  verständiger  Mensch  bestreiten  konnte.  Immer  aber  waren
sie  so  beschaffen,  daß  für  ihre  Erledigung  eine  gewisse,  vielleicht
  nicht  unerhebliche  Zeit  erforderlich  war,  in  welcher  man
für  die  Steigerung  der  Kriegserfolge  vollkommen  freie  Hand
behielt.  Um  Napoleon  noch  weiter  über  den  Hauptsatz  der
preußischen  Ansicht  aufzuklären,  daß  man  keinen  Waffenstillstand
  ohne  eine  von  Österreich  anerkannte  Friedensbasis
        <pb n="241" />
        Allgemeine  Entrũstung  in  Italien.  223

schließen  könne,  wurde  am  7.  Juli  der  in  den  Tuilerien  persönlich
  beliebte  Prinz  Reuß  mit  einem  eigenhändigen  Briefe
des  Königs  nach  Paris  gesandt,  mit  sehr  unbestimmten  Mittheilungen
  über  Preußens  Forderungen  für  einen  Friedensvertrag.
  Man  erwarte,  sollte  Reuß  erläutern,  bei  Napoleon's
Vermittlerstellung  zunächst  von  ihm  die  entsprechenden  Vorschläge.


Napoleon  hatte  nicht  umhin  gekonnt,  die  bedingungslose
Annahme  seiner  Vermittlung  in  der  telegraphischen  Antwort
des  Königs  dankbar  anzuerkennen.  Wäre  nur  auch,  woran
ihm  zur  Zeit  am  Meisten  gelegen  war,  der  Waffenstillstand
ebenso  unbedingt  von  Preußen  genehmigt  worden!  Dies
stand  nun  freilich  noch  weit  im  Felde:  leider  ließ  sich  aber
nichts  einwenden,  wenn  Preußen  sich  dabei  auf  eine  Vertragspflicht
  gegen  Italien  bezog,  und  vor  jeder  Entschließung  dessen
Zustimmung  begehrte.  Und  hier  kam  nun  Napoleon's  bitterste
Enttäuschung  zu  Tage:  dieses  bis  dahin  so  reich  begünstigte
und  dafür  stets  so  fügsame  Italien,  welchem  Napoleon  das
lange  ersehnte  Venedig  endlich  kostenfrei  in  den  Schoß  werfen
wollte,  dieses  Italien  erhob  sich  plötzlich  auf  eigene  Füße,
wies  die  schönen  Erbietungen  des  Kaisers  zurück  und  stellte
damit  das  ganze  System  der  französischen  Politik  in  Frage.
Eine  überraschendere  und  widerwärtigere  Wendung  hätte
Napoleon  nicht  betreffen  können.

So  rauschend  in  Italien  die  Freude  über  Preußens
herrliche  Siege  gewesen,  so  heftig  brauste  das  nationale  Gefühl
  gegen  die  Moniteur-Note  in  allen  Theilen  des  Landes,
und  nicht  zum  Mindesten  bei  der  Armee  auf,  welche  die
heißeste  Sehnsucht  empfand,  die  bei  Custozza  erlittene  Scharte
wieder  auszuwetzen.  Statt  dessen  sollte  sie  jetzt  unthätig
        <pb n="242" />
        224  Französische  Vermittlung.

zusehen,  wie  Venetien,  der  Preis  ihrer  Kämpfe,  von  zwei
großen  Herren  dem  Lande  als  ein  Almosen  hingeworfen
würde.  Und  dieses  Almosen  verdankte  man,  wie  aller  Welt
vor  Augen  lag,  den  opfervollen  Anstrengungen  des  preußischen
  Genossen,  und  in  diesem  Augenblick  wagte  Napoleon,
Italien  zu  einem  ehrlosen  Wortbruch  gegen  Preußen  aufzusordern.
  Ein  einziger,  täglich  anwachsender  Schrei  der  Entrüstung
  erscholl  darüber  von  Messina  bis  Mailand,  und  dieses
Mal  war  auch  die  Regierung,  von  wenig  zahlreichen  Ausnahmen
abgesehen,  mit  der  Nation  vollkommen  gleicher  Meinung.  Der
Ministerpräsident  Ricasoli,  außer  sich  über  die  Unthätigkeit
der  Armee  seit  Custozza,  war  schon  am  30.  Juni  in  das
Hauptquartier  abgereist,  um  bei  dem  Könige  die  Absetzung
La  Marmora's,  des  unverbesserlichen  Zauderers,  zu  bewirken.
Er  hatte  dort  ein  Entlassungsgesuch  La  Marmora's  vorgefunden,
  zugleich  aber  auch  eine  Weigerung  Cialdini's,  an
dessen  Stelle  zu  treten;  der  Minister  hatte  es  endlich  erreicht,
daß  die  Beiden  sich  über  einen  neuen  Feldzugsplan  einigten,
nach  welchem  zur  Sicherung  des  Vormarsches  zunächst  der
Brückenkopf  von  Borgoforte  genommen  werden,  und  dann
Cialdini  mit  seinen  acht  Divisionen  den  untern  Po  überschreiten
  sollte.  Der  König,  der  sich  ungern  von  La  Marmora
trennen  wollte,  aber  doch  mit  Ungeduld  vorwärts  drängte,
hatte  sich  am  3.  Juli  mit  dem  Plane  einverstanden  erklärt.
Da  aber  erhielt  er  in  der  ersten  Morgenfrühe  des  5.  das
Telegramm  Napoleon's:  nachdem  Osterreich  ihm  Venetien
abgetreten  und  seine  Vermittlung  angerufen,  das  italienische
Heer  aber  Gelegenheit  gehabt,  seine  Tapferkeit  zu  zeigen,  sei
ein  weiteres  Blutvergießen  unnöthig,  und  könne  Italien  durch
eine  leicht  erreichbare  Verständigung  mit  Frankreich  an  das
        <pb n="243" />
        Ablehnung  des  französischen  Antrags.  225

Ziel  seiner  Wünsche  gelangen;  Preußen  sei  davon  in  Kenntniß
gesetzt,  und  ebenfalls  zum  Waffenstillstand  aufgefordert.  Der
König  war  außer  sich  über  diese  Zumuthung,  und  berief
sogleich  La  Marmora  zu  sich.  In  dieser  Stunde  hatte  sonst
noch  niemand  von  dem  Ereigniß  eine  Ahnung,  aber  auch
La  Marmora,  so  sehr  es  früher  seinen  Herzenswünschen  entsprochen
  hätte,  wußte  jetzt  doch,  nach  dem  schmählichen  Rückzug
  von  Custozza  und  der  dadurch  veranlaßten  Erregung
des  nationalen  Grimmes,  daß  die  Vollziehung  des  französischen
  Befehls  in  dieser  Form  und  in  diesem  Augenblick  einen
in  seinen  Folgen  unabsehbaren  Sturm  in  ganz  Italien  hervorrufen
  würde.  Demnach  antwortete  Victor  Emanuel,  er
danke  dem  Kaiser  herzlich  für  sein  warmes  Interesse  zu  Gunsten
Italiens,  der  Vorschlag  sei  indessen  so  gewichtig,  daß  er  zunächst
  mit  seiner  Regierung  darüber  sich  berathen  müsse;
auch  sei  er  durch  Vertragspflichten  an  Preußen  gebunden.
La  Marmora  telegraphirte  im  Laufe  des  Vormittags  an
Nigra:  „Das  kaiserliche  Telegramm  ist  um  so  emnster,  als
es  im  Moniteur  veröffentlicht  ist.  Ich  begreise,  daß  der
Kaiser  Preußen  aufzuhalten  sucht,  aber  es  ist  äußerst  schmerzlich,
  daß  dies  auf  Kosten  der  Ehre  Italiens  geschehen  soll.
Venedig  als  Geschenk  von  Frankreich  anzunehmen,  ist  erniedrigend
  für  uns,  und  alle  Welt  wird  glauben,  wir  hätten
Preußen  verrathen.  Man  wird  in  Italien  nicht  mehr  regieren
  können;  das  Heer  wird  jedes  Ansehen  verlieren.
Suchen  Sie  die  harte  Alternative  (diese  Erniedrigung  oder
Bruch  mit  Frankreich)  von  uns  abzuwenden.“  Was  er
wünschte,  war  durchaus  nicht  kräftige  Verfolgung  der  österreichischen
  Armee  im  Geiste  des  preußischen  Bündnisses,

sondern  französische  Erlaubniß,  hinter  den  jebt  zweichenden
v.  Gübel,  Begründumg  b.  deutschen  Reiches.  V.
        <pb n="244" />
        226  Französische  Vermittlung.

Osterreichern  in  Venetien  gelassen  einzumarschiren,  das  Land
in  eigenem  Namen  für  Italien  in  Besitz  zu  nehmen,  und  die
Rflicht  gegen  Preußen  vielleicht  durch  Berennung  einer  der
Festungen  zum  Schein  zu  erfüllen.  Für  eine  Auflehnung
gegen  Napolcon  war  in  seiner  engen  Seele  überhaupt  kein
Raum.

Ganz  anders  aber  stand  es,  wie  im  übrigen  Italien,  so
auch  in  Florenz.

Während  die  Volksmassen  über  Napoleon  wütheten,
sagte  der  Prinz  von  Carignan,  der  während  der  Abwesenheit
des  Königs  die  Geschäfte  leitete,  am  6.  Juli  dem  preußischen
Gesandten,  die  Annahme  Venetiens  sei  in  dieser  Weise  unmöglich;
  vor  Allem  wünsche  Victor  Emanuel  über  Preußens
Entschlüsse  unterrichtet  zu  werden;  noch  heute  werde  der
Angriff  auf  Borgoforte  beginnen.  Nicht  anders  äußerte  sich
Ricasoli.  Die  Schenkung,  sagte  er,  lehnen  wir  ab,  und  gehen
zu  neuer  Offensive  über,  die  sich  um  so  rascher  entwickeln
wird,  als  bereits  alle  österreichischen  Truppen  nach  Norden
abziehen;  wir  hoffen,  daß  auch  Preußen  bei  der  französischen
Lockung  fest  bleiben  wird.  Unterdessen  wurden  von  Paris
alle  Mittel  in  Bewegung  gesetzt,  diese  Widerspenstigkeit,  die
man  einen  empörenden  Undank  nannte,  zu  brechen.  Victor
Emanuel  erhielt  ein  Telegramm  des  Kaisers,  Preußen  sei
bereit  zum  Stillstand,  wenn  Italien  ihn  annehme;  der  König
möge  also  bedenken,  welcher  Verantwortung  er  sich  durch  die
Verwerfung  aussetze.  Es  war  dies,  wie  wir  wissen,  nur
halb  wahr,  da  Preußen  noch  sehr  gewichtige  sonstige  Bedingungen
  für  den  Stillstand  gestellt  hatte.  Aber  noch  entschiedener
  fabulirte  auf  Drouyn  de  Lhuys'  Weisung  der  französische
  Gesandte,  Baron  Malaret.  Spät  am  Abend  des  6.
        <pb n="245" />
        Ricasoli's  Festigkeit.  227

drang  er  zuerst  bei  Visconti  Venosta,  dann  bei  Ricasoli  mit
der  Nachricht  ein,  Preußen  habe  die  französische  Vermittlung
angenommen,  es  dürfe  hienach  also  keine  Rede  von  Feindseligkeiten
  mehr  sein.  Ricasoli  ließ  ihm  nicht  lange  Raum
zu  weiterer  Erörterung,  sondern  unterbrach  ihn  mit  der  Bemerkung,
  daß  weder  Preußen  noch  Italien  zum  Abschluß
eines  Waffenstillstandes  ohne  gegenseitige  Verständigung  befugt
seien;  wäre  Preußen  anders  verfahren,  so  hätte  es  die  Bestimmungen
  des  Vertrags  schlecht  beobachtet;  er  aber  werde
keinen  Schritt  thun,  ehe  er  von  Preußens  Absichten  unterrichtet
  seil).  Allerdings  besorgte  er  bei  Malaret's  Auftreten
eine  preußische  Nachgiebigkeit;  am  folgenden  Morgen  sprach
er  darüber  zum  Grafen  Usedom  mit  tiefer  Bekümmerniß,  bei
diesem  Kriege  sei  Venetien  für  ihn  nur  ein  untergeordneter
Gegenstand,  die  Hauptsache  aber  Italiens  Befreiung  von  dem
französischen  Joche  gewesen,  das  scheine  nun  in  Folge  der
elenden  Kriegführung  La  Marmora's  auf  lange  verscherzt.
Schwer  lag  ihm  dabei  auf  dem  Herzen,  daß  noch  immer
keine  directe  Nachricht  aus  dem  preußischen  Hauptquartier
gekommen  war?).  Aber  er  ließ  sich  nicht  erschüttern.  Am
Vormittag  erwog  der  Ministerrath  die  Antwort  an  Napoleon;
der  Finanzminister  wäre  bei  der  Schwere  des  Deficits  nicht
abgeneigt  gegen  den  Abschluß  gewesen,  und  der  Unterrichtsminister,
  ein  stiller  Klerikaler,  wollte  ohne  Weiteres  zugreifen,
alle  andern  Mitglieder  aber  waren  einstimmig  für  die  Ablehnung.
  Niemals,  rief  Visconti-Venosta,  werde  ich  auf  eine

)MHarcourt,  les  quatre  ministères  de  Mr.  Drouyn  de  Lhuys,
P.  277.
#)  Bismarck  argwohnte,  daß  seine  Telegramme  nach  Florenz  in
Paris  zurückgehalten  würden.
15•
        <pb n="246" />
        228  Französische  Bermittlung.

solche  Schweinerei  eingehen.  Die  Antwort  wurde  dahin  festgestellt,
  daß  die  Abtretung  Venetiens  von  Osterreich  unmittelbar
  an  Italien  gemacht,  und  als  Pfand  dafür  die  Festungen
sofort  überliefert  werden  müßten;  Stillstand  könne  nur  nach
Abrede  mit  Preußen  geschlossen  werden.  Ricasoli  schrieb
zugleich  an  den  König,  die  Annahme  der  Schenkung  sei
gleichbedeutend  mit  der  Revolution  in  ganz  Italien,  und
Visconti-Venosta  reiste  in  das  Hauptquartier,  um  den  König
gegen  La  Marmora's  Drängen  auf  Verständniß  mit  Frankreich
  zu  stützen.  Victor  Emanuel  aber  hatte  sich  bereits  wie
seine  Minister  entschlossen,  an  Napoleon  in  demselben  Sinne
telegraphirt,  und  dem  General  Cialdini  den  Befehl  gegeben,
seine  Armee  ohne  weiteres  Zaudern  über  den  Po  zu  führen.
Der  Vormarsch  erfolgte  dann  am  8.  Juli,  und  setzte  sich  in
den  folgenden  Tagen  über  Rovigo  gegen  Padua  fort,  als
wäre  niemals  eine  Moniteur-Note  und  niemals  eine  Abtretung
Venetiens  an  Frankreich  in  der  Welt  gewesen.

Ein  solches  Auftreten  rief  denn  in  Paris  eine  grimmige
Verurtheilung  hervor.  Dieses  von  Frankreich  geschaffene
Italien  unterfing  sich  hier  bei  der  ersten  Probe,  Frankreichs
politische  Rechnung  zu  stören!  Nur  zu  sehr  hatte  Thiers'
Ausspruch  Recht  behalten,  daß  es  Thorheit  sei,  ein  Nachbarvolk
  stark  zu  machen,  denn  sobald  es  erstarkt  sei,  werde  es
nach  seinen  eigenen  Interessen  leben  und  des  früheren  Beschützers
  vergessen.  Um  so  mehr  aber  strebte  jetzt  Drouyn
de  Lhuys,  die  Erstarkung  des  andern,  des  preußischen  Nachbars
  zu  hindern,  und  deshalb  den  Widerstand  Italiens  mit
jedem  Mittel  zu  bändigen.  Gleich  am  8.  Juli  erließ  Napoleon
ein  Telegramm  an  Victor  Emanuel,  ein  ausdrückliches  Verbot,
in  Venetien,  welches  jetzt  französisches  Eigenthum  sei,  italienische
        <pb n="247" />
        Unwille  Napoleon's.  229

Truppen  einrücken  zu  lassen,  eine  strenge  Forderung  sofortiger
Annahme  des  Waffenstillstandes,  welchen  Preußen  bereits  angenommen
  habe.  Der  König,  welcher  diese  kaiserliche  Erklärung
  nicht  wohl  Lügen  strafen  durfte,  telegraphirte  zurück,
daß  er  den  Stillstand  unter  drei  Bedingungen  annchmen
wolle:  Abtretung  Venetiens  durch  Osterreich  unmittelbar  an
Italien,  Abtretung  Wälschtirols,  Fernhaltung  jeder  andern
Frage  (wobei  in  erster  Linie  die  römische  gemeint  war),  aus
den  Verhandlungen.

In  diesem  Augenblick  traf  in  Florenz  die  lang  ersehnte
preußische  Depesche  aus  Horschitz  vom  6.  Juli  ein,  welche  in
kurzen  Worten  die  preußische  Antwort  an  Napoleon  dem
Bundesgenossen  mittheilte.  Ricasoli  athmete  auf.  Als  jetzt
Malaret  wieder  auf  Stillstand  drängte,  da  ihn  Preußen
bereits  angenommen,  bat  ihn  der  Minister  um  gefällige  Angabe
  des  Tages,  an  welchem  die  preußische  Annahme  erfolgt
sei.  Darauf  verstummte  Malaret.  Die  Hoffnung,  durch
überstürzendes  Drängen  Italien  zur  Unterwürfigkeit  zurückzuzwingen,
  war  vereitelt.

Begreiflicher  Weise  wuchs  dadurch  in  Paris  die  Erbitterung.
  Am  9.  Juli  erschien  ein  neues  Telegramm  des
Ministers,  erklärte  den  hohen  Unwillen  Napoleon's  über  die
drei  Bedingungen,  drohte  bei  weiterem  Eigensinn  mit  einem
österreichisch--französischen  Bündniß  und  mit  der  Absendung
einer  französischen  Kriegsflotte  nach  Venedig.  Ricasoli,  jetzt
der  Festigkeit  Preußens  versichert,  ließ  sich  das  nicht  anfechten,
und  drang  nur  um  so  mehr  auf  beschleunigtes  Vorgehen
Cialdini's.  Freilich  hatte  La  Marmora  es  dahin  gebracht,
daß  man  den  Abmarsch  mehrerer  österreichischer  Corps  nach
Wien  nicht  mehr  zu  hindern  vermochte:  als  die  dringendste
        <pb n="248" />
        230  Französische  Vermittlung.

Bundespflicht  erschien  es  hienach,  Cialdini  zu  eilender  Verfolgung
  bis  an  die  Donau  anzuspornen.  Usedom's  „gründlicher
  Krieg“  war  jetzt,  freilich  in  später  Stunde,  gerade
durch  den  französischen  Einspruch  zur  Ehrensache  der  italienischen
  Regierung  geworden.

Was  aber  würde  man  in  Paris  dazu  sagen?

Bei  der  unendlichen  Wichtigkeit  der  hier  beginnenden
Unterhandlung  wird  es  verstattet  sein,  in  ausführlicher  Darstellung
  ihre  einzeinen  Wendungen  zu  verfolgen,  zumal  von
französischer  Seite  über  diese  Vorgänge  eine  Fülle  halbwahrer
  Angaben  und  freier,  meistens  gehässiger  Erfindungen
verbreitet  worden  ist.

So  empört  die  französische  Regierung  über  Italiens
plötzliche  Selbständigkeit  war,  so  konnte  doch  die  Entscheidung
über  ihr  ferneres  Verhalten  nur  von  dem  Ausgang  der
preußischen  Unterhandlung  abhängen.  Denn,  die  an  Italien
gestellten  Forderungen  hatten  ja  den  einzigen  Zweck,  auf
Preußen  zu  drücken:  wenn  man  mit  diesem  zur  Verständigung
gelangte,  war  es  Napoleon  höchst  gleichgültig,  ob  Venetien
durch  französische  Schenkung  oder  durch  österreichische  Abtretung
  in  Italiens  Hand  gelangte.  Demnach  hatte  Drouyn
de  Lhuys  gleich  am  5.  Juli  den  Grafen  Goltz  über  Preußens
Friedensbedingungen  befragt.  Goltz  sagte  ihm,  er  könnte
natürlich  keine  amtliche  Auskunft  darüber  geben;  nach  seiner
persönlichen  Ansicht  aber  sei  Napoleon's  Programm  vom
11.  Juni  (eine  große  Stellung  Osterreichs  in  Deutschland
und  festere  Verbindung  der  Mittelstaaten  unter  sich)  für
Preußen  schlechthin  unannehmbar;  als  das  Minimum  der
preußischen  Forderungen  erscheine  ihm  die  Anerkennung  der
am  10.  Juni  beantragten  Bundesreform,  also  Austritt  Oster-
        <pb n="249" />
        Verhandlungen  des  Grafen  Goltz.  231

reichs  aus  dem  deutschen  Bunde,  neben  dem  Bundestag  ein
Bundesparlament,  preußischer  Heerbefehl  im  deutschen  Norden.
Das  wäre  nichts  als  die  rechtliche  Sanction  der  thatsächlich
vorhandenen  Lage.  Aber  wäre  es  auch  eine  Entschädigung
für  das  vergossene  Blut?  Würde  die  öffentliche  Meinung
zufrieden  sein?  Wäre  es  möglich,  die  Souveräne  von  Sachsen,
Kurhessen,  Hannover,  deren  Ansehen  bei  ihren  Unterthanen
so  tief  erschüttert  ist,  wieder  einzusetzen?

Drouyn  de  Lhuys  konnte  trotz  seiner  entgegengesetzten
Gesinnung  nicht  umhin,  diesen  Sätzen  eine  gewisse  Berechtigung
zuzuerkennen,  und  verhieß,  sie  dem  Kaiser  vorzutragen.  Auf
Goltz's  Frage,  ob  Napoleon  an  einen  Congreß  denke,  antwortete
  er  mit  bestimmter  Verneinung.  Im  übrigen  glaubte
Goltz  wahrzunehmen,  daß  das  französische  Cabinet  einer  Einverleibung
  Hannovers  und  Kurhessens  sich  nicht  widersetzen,
aber  auf  der  Erhaltung  Sachsens  ganz  entschieden  bestehen
würde.  Gingen  wir  aber,  bemerkte  er  in  seinem  Bericht  über
das  Gespräch,  in  dieser  Richtung  zu  weit,  so  würden  uns
französische  Compensationsforderungen  entgegentreten,  die  wir
zu  vermeiden  suchen  müssen.

Am  folgenden  Tage,  dem  6.  Juli,  hatte  der  Graf  eine
längere  Unterredung  mit  dem  Kaiser,  welcher  seine  Befriedigung
über  das  Antwort-Telegramm  König  Wilhelm's  aussprach,
und  nicht  angenehm  durch  die  Nachricht  berührt  schien,  daß
General  Gablenz  zu  directer  Unterhandlung  in  das  preußische
Hauptquartier  gekommen  sei.  Mit  lebhafter  Ungeduld  erwartete
  er  Preußens  nähere  Bedingungen  für  Stillstand  und
Frieden;  die  Ausführungen  des  Grafen  hörte  er  freundlich
an,  widersprach  nicht,  stimmte  aber  auch  nicht  zu.

Neues  Gespräch  des  Grafen  mit  Drouyn  de  Lhuys  am
        <pb n="250" />
        232  Französische  Vermittlung.

7.  Juli.  Der  Minister  klagte,  daß  Preußen  und  Italien
wechselweise  Einer  den  Andern  vorschöben;  das  müsse  allmählich
  die  Geduld  des  Kaisers  erschöpfen.  Golgtz  erklärte
es  für  unvermeidlich,  so  lange  nicht  Bevollmächtigte  der  drei
kriegführenden  Mächte  an  einem  bestimmten  Orte  zusammengetreten
  wären.  Drouyn  de  Lhuys  konnte  dem  füglich  nicht
widersprechen;  es  wurde  also  beschlossen,  den  Grafen  Benedetti
  aus  Berlin  in  das  preußische  Hauptquartier  zu  senden,
um  dort  mit  entschiedenem,  halb  drohendem  Nachdruck  für
den  schleunigen  Abschluß  des  Waffenstillstandes  zu  wirken.
Am  8.  Juli  telegraphirte  Goltz  an  Bismarck,  er  verliere
hier  alle  Fühlung,  wenn  er  nicht  bald  über  die  preußischen
Friedensbedingungen  unterrichtet  werde.  Napoleon  sei  in  der
höchsten  Spannung,  Drouyn  de  Lhuys  schüre  in  jeder  Weise,
Fürst  Metternich  stehe  mit  diesem  in  ununterbrochener  Unterhandlung.
  Diese  Depesche  kreuzte  sich  mit  einem  Telegramm
Bismarck's,  daß,  so  weit  er  die  Dispositionen  des  Königs
kenne,  Preußens  Friedensprogramm  nicht  erheblich  über  die
Bedingungen  der  Bundesreform  hinausgehen  werde,  doch  sei
einiger  Unterschied  in  der  Behandlung  unserer  Gegner  und
unserer  Anhänger  unvermeidlich.  Sobald  die  Königlichen
Intentionen  feste  Gestalt  gewonnen,  werde  er  sie  mittheilen.
Es  war  wahrhaftig  kein  Wunder,  daß  am  8.  Juli  noch
kein  ausführliches  preußisches  Friedensprogramm  in  Paris
vorlag,  da  die  amtliche  Erwägung  desselben  erst  seit  dem  5.,
dem  Einschreiten  Napoleon's,  begonnen  hatte,  und  die  schnellste
Fahrt  von  Pardubitz  bis  Paris  mindestens  drei  Tage  in  Anspruch
  nahm.  Andrerseits  hatte  Napoleon  in  seiner  verfahrenen
  Lage  Grund  genug  zur  Ungeduld:  am  5.  Juli  der
hohe  Pomp  der  Moniteur-Note,  und  dagegen  nun  auf  der
        <pb n="251" />
        Drouyn  de  Lhuys  agitirt  gegen  Preußen.  233

einen  Seite  am  .8.  der  gelassene  Einmarsch  der  Italiener  in
das  französische  Venetien,  zu  beißendem  Spotte  der  Pariser,
und  dann  noch  empfindlicher  auf  der  andern  an  jedem  Tage
eine  weitere  Etappe  des  preußischen  Siegesmarsches  gegen
Wien,  zu  wachsender  Wuth  der  französischen  Generale,  Prälaten
  und  Finanzmänner.  Diese  Stimmungen  vor  Augen,
steigerte  Fürst  Metternich  seinen  Ton;  er  bat  nicht  mehr,  er
forderte  die  Erfüllung  des  Vertrags  vom  12.  Juni;  er  erinnerte
  an  die  Bedingungen,  welche  derselbe  für  die  Auslieferung
  Venetiens  an  die  Italiener  gesetzt  habe,  und  drängte
mit  Drouyn  de  Lhuys  auf  die  Absendung  französischer  Streitkräfte,
  um  die  neue  französische  Provinz  vor  dem  Einbruche
der  modernen  Banditen  zu  schützen.  Er  fand  warme  Unterstützung
  bei  der  Kaiserin  Eugenie,  welche  stets  die  österreichische
Seite  gehalten  hatte;  sie  weinte  Thränen  des  Mitleids  über
das  Unglück  des  mißhandelten  Osterreich,  und  schilderte  dem
Gemahl  die  Gefahren,  womit  ein  unter  Preußen  geeinigtes
Deutschland  Frankreich  bedrohe,  so  daß  jedes  französische
Herz  sich  von  der  Dynastie  abwenden  würde,  wenn  der
Kaiser  nicht  energisch  dem  preußischen  Hochmuth  in  den  Weg
trete.  Als  am  9.  Juli  noch  immer  keine  Nachricht  aus  dem
preußischen  Hauptquartier  kam,  wohl  aber  neue  Kunde  von
Cialdini's  Vormarsch  in  Venetien  eintraf,  steigerte  sich  diese
Agitation,  wie  sehr  auch  Lavalette,  Rouher  und  Prinz  Napoleon
  alle  Kräfte  zu  ihrer  Bekämpfung  aufboten.  Drouyn
de  Lhuys  kam  auf  seine  Anträge  vom  5.  zurück:  Aufstellung
eines  Armeecorps  an  der  Ostgrenze,  Berufung  der  Kammern,
Absendung  der  Flotte  nach  Venedig.  Wieder  vertrat  er  die
Überzeugung,  daß  diese  Demonstrationen  auf  der  Stelle
Preußen  und  Italien  einschüchtern  würden,  und  geschähe  dies
        <pb n="252" />
        234  Französische  Vermittlung.

wider  Erwarten  nicht,  nun,  dann  sei  das  Bündniß  mit  OÖsterreich
  und  den  Mittelstaaten  zu  schließen,  und  ein  muthiger
Waffengang  zu  eröffnen.  Nichts  könne  populärer  im  Lande
sein,  als  ein  solcher  Krieg;  die  Armee  habe  keinen  lieberen
Gedanken,  als  die  Lorbeeren  von  Sadowa  den  Preußen  von
der  Stirne  zu  reißen.

Bei  diesem  immer  heftigern  Anstürmen  kam  Napolecon
zu  keinem  Entschluß.  Er  erkannte  es  an,  daß  seine  stolze
Vermittlung  einer  unsterblichen  Lächerlichkeit  verfallen  würde,
wenn  er  nicht  mit  Preußen  zu  befriedigendem  Abschlusse  gelangte,
  ehe  Moltke's  Heersäulen  in  Wien  einzögen.  Aber
indem  Drouyn  de  Lhuys  ihm  dies  so  scharf  wie  möglich  vorhielt,
  ahnte  er  nicht,  welche  Wirkung  er  damit  bei  dem
brütenden  und  kriegsscheuen  Selbstherrscher  hervorbrachte.
Wenn  der  am  4.  Juli  erwählte  Weg  in  der  That  nicht  ohne
kriegerische  Maaßregeln  zu  durchschreiten  war,  so  stieg  bei
Napoleon  die  Frage  auf,  ob  nicht  das  Betreten  desselben  von
Anfang  an  ein  verhängnißvoller  Fehler  gewesen?  Was  war  es
eigentlich,  was  ihn  zu  dieser  Abkehr  von  dem  Streben  und
Wirken  seines  ganzen  frühern  Lebens  so  plötzlich  bestimmt
hatte?  Er,  der  1859  Italien  befreit  und  1864  Preußen  die
Elbherzogthümer  angeboten  hatte,  weshalb  sollte  Er  jetzt  die
Gefahr  eines  Doppelkriegs  auf  sich  laden,  um  das  ihm  stets
antipathische  Osterreich  zu  beschirmen?  Während  er  diese
Gedanken  hin  und  her  erwog,  bewilligte  seine  Gemahlin  ihrem
alten  Verehrer,  dem  Grafen  Goltz,  mit  dem  sie  seit  Monaten
nicht  mehr  über  Politik  geredet  hatte,  am  9.  Juli  eine  Audienz,
um  ihm  einmal  auf  das  Gründlichste  ihre  Meinung  über
Preußens  Übermuth  zu  sagen.  Er  war  tief  betroffen.  Niemals,
  gestand  er  nachher,  hätte  er  geglaubt,  daß  sie  in  ihrer
        <pb n="253" />
        Die  Kalserin  Eugenie.  235

feindseligen  Gesinnung  so  weit  gehen  würde.  Dieses  Mal
aber  hielt  er  sich  der  schönen  Frau  gegenüber  standhaft  und
tapfer.  Mit  raschem  Entschlusse  ergriff  er  selbst  die  Offensive,
und  schilderte  ihr  die  Gefahren,  welche  dem  Kaiser  aus  dem
Bruche,  dem  unter  diesen  Umständen  für  immer  unheilbaren
Bruche  mit  Preußen  und  Italien,  erwachsen  müßten.  Er
erinnerte  sie,  wie  Napoleon's  englisches  Bündniß  sich  gelöst,
wie  ihm  Rußland  die  Unterstützung  Polens  gedenke,  wie
Osterreich  die  Befreiung  Italiens  ihm  niemals  vergessen  werde,
er  fragte,  ob  dies  eine  Lage  sei,  in  welcher  es  Napoleon
frommen  könne,  Italien  eine  Ehrlosigkeit  zuzumuthen,  den
gerechten  Siegesftolz  König  Wilhelm's  tödtlich  zu  beleidigen,
oder  gar  die  Hand  nach  dem  linken  Rheinufer  auszustrecken,
und  damit  den  unversöhnlichen  Grimm  der  beiden  großen
Nationen  diesseits  und  jenseits  der  Alpen  auf  sich  zu  laden.
Am  Schlusse  des  Gesprächs  meinte  er,  nicht  ganz  umsonst
geredet  zu  haben;  wir  werden  bald  sehen,  daß  ihn  diese  Vorstellung
  nicht  täuschte.

Im  Laufe  des  Vormittags  am  10.  Juli  langte  Prinz
Reuß  mit  dem  eigenhändigen  Briefe  des  Königs  in  Paris
an,  und  wurde  nach  wenigen  Stunden  vom  Kaiser  und  gleich
nachher  auch  von  der  Kaiserin  empfangen.  Das  königliche
Schreiben  wiederholte  die  entgegenkommenden  Zusicherungen
des  Telegramms  vom  5.  Juli:  Napolcon  erkannte  dies  an,
und  fragte  sogleich  nach  den  preußischen  Bedingungen  eines
Waffenstillstandes.  Reuß  erwiderte,  daß  der  König  seinerseits
jetzt  von  dem  Vermittler  Vorschläge  erwarte;  ein  Stillstand
sei  übrigens  nicht  möglich  ohne  Zustimmung  Italiens  und
ohne  sichere  Friedensbasis;  was  die  letztere  betreffe,  so  sei
der  König  zu  großer  Mäßigung  entschlossen,  und  demnach
        <pb n="254" />
        236  Französische  Vermittlung.

bereit,  den  Bundesreformplan  vom  10.  Juni,  welchen  der
Kaiser  ja  gebilligt  habe  #),  als  erste  Grundlage  der  Unterhandlung
  anzunehmen.  Dieser  Billigung  aber  wollte  sich
Napoleon  nicht  mehr  erinnern;  ein  Deutschland,  sagte  er,
welches  nach  Ausschluß  Osterreichs  allein  von  Preußen  beherrscht
  wird,  erscheint  der  öffentlichen  Meinung  Frankreichs
unzulässig.  Reuß  erläuterte,  das  künftige  Parlament  werde
sich  in  eng  begrenzter  Competenz  nur  mit  innern  Angelegenheiten
  beschäftigen,  für  die  Verhältnisse  nach  Außen  sei  allein
entscheidend,  wer  den  Degen  führe,  und  Preußen  beanspruche
lediglich  für  den  deutschen  Norden  den  Heerbefehl.  Der  Kaiser
widersprach  nur  mit  halber  Kraft;  ich  vermißte,  schrieb  Reuß
nachher  dem  Könige,  seine  sonst  gewohnte  Klarheit;  er  sprach
wie  ein  Mann,  der  kein  recht  gutes  Gewissen  hat,  und  sich
aus  einer  selbstgeschaffenen  Verlegenheit  heraus  zu  winden
sucht.  Napoleon  entließ  übrigens  den  Prinzen  sehr  gnädig,
verhieß  weitere  Erwägung,  und  hoffte,  ihn  wieder  zu  sehen.

Auch  bei  der  Kaiserin  zeigte  sich  das  Schreckbild  der
deutschen  Einheit  als  der  wunde  Punkt.  Ihr  habt,  sagte
ihm  Eugenie,  eine  solche  Krast  und  Schnelligkeit  Eurer  Armee
bewährt,  daß  wir  bei  der  Nachbarschaft  einer  solchen  Nation
Gefahr  laufen,  eines  schönen  Tages  Euch  ganz  unversehens
vor  Paris  zu  sehen;  ich  würde  Abends  als  Französin  einschlafen
  und  Morgens  als  Preußin  erwachen.  Eine  einfache
Annexion  Hannovers  und  Kurhessens  schien  ihr  dagegen  geringe
Bedenken  zu  erregen.

Unmittelbar  nach  diesen  Vorgängen  erfolgte  am  Abend
die  Entscheidung.

1)  Goltz  hatte  dles  am  17.  Juni,  unmittelbar  nach  elnem  Gespräche
  mit  dem  Kaiser,  berichtet
        <pb n="255" />
        Umschlag  der  französischen  Politik.  237

Drouyn  de  Lhuys  hatte  zunächst  eine  sehr  scharfe  Instruction
  vorgeschlagen,  mit  welcher  Benedetti  in  das  preußische
Hauptquartier  zu  senden  wäre.  Würde  Preußen  sich  nicht
sügen,  so  wäre  dann  das  Bündniß  mit  Osterreich  abzuschließen.
Da  Reuß  keine  Vorschläge  mitgebracht,  sei  es  einleuchtend,
daß  Preußen  lediglich  Zeit  für  seinen  Triumphzug  nach  Wien
zu  gewinnen  trachte.  Mit  größtem  Nachdruck  aber  widersprachen
  ihm  Rouher  und  Prinz  Napoleon.  Die  alten  Argumente
  wurden  wiederholt:  durch  ein  solches  Auftreten  verläugne
  der  Kaiser  seine  ganze  Vergangenheit,  zerstöre,  was
er  in  Italien  lange  Jahre  hindurch  geschaffen,  und  stürze
sich  in  einen  Krieg,  für  welchen  zur  Zeit  Frankreich  nicht
gerüstet  sei.  Der  Kaiser,  innerlich  auf  das  Höchste  erregt,
schloß  mit  der  Erklärung:  das  ganze  System  des  4.  Juli
hat  auf  einer  Täuschung  beruht;  wir  müssen  eilen,  dasselbe
zu  verlassen;  Preußen  begehrt  durch  Reuß  meine  Vorschläge,
sehen  wir  zu,  wie  weit  wir  uns  darüber  verständigen  können.

Früh  am  Morgen  des  11.  Juli  empfing  Goltz  ein
Telegramm  aus  dem  Hauptquartier,  welches  ihm  die  Sendung
eines  Feldjägers  mit  dem  preußischen  Friedensprogramm  ankündigte.
  Er  konnte  die  Ankunft  desselben  erst  am  Abend
des  12.  erwarten;  Napoleon  beabsichtigte  nächster  Tage  eine
Reise  nach  Nancy;  Goltz  bat  also  sofort  um  eine  Audienz,
und  erhielt  die  Antwort,  der  Kaiser  habe  seinerseits  sie  ebenfalls
  gewünscht.  Vorher  lud  noch  Drouyn  de  Lhuys,  welcher
erst  gestern  den  Grafen  mit  Kriegsdrohungen  bestürmt  hatte,
ihn  zu  sich,  und  sagte  ihm  verändertes  Tones,  der  Kaiser
begehre,  so  bald  wie  möglich  die  preußischen  Bedingungen  zu
kennen,  um  sie  nach  Wien  zu  empfehlen,  oder  seine  Vermittlung
  als  gescheitert  aufzugeben.  Dann  kam  Prinz  Napoleon,
        <pb n="256" />
        238  Französische  Bermitklung.

bestätigte  diese  Mittheilung,  bat  um  mäßige  Forderungenund
  empfahl  insbesondere  die  Bildung  eines  unabhängigen,
aber  zum  deutschen  Bunde  gehörigen  Staates  am  linken
Rheinufer.  So  vorbereitet,  fuhr  Goltz  in  die  Tuilerien.

Wir  lassen  ihn  selbst  erzählen  ?.

„Den  Kaiser  fand  ich  erschüttert,  ja  fast  gebrochen.  Er
sagte  mir,  wir  müßten  eine  äußerst  wichtige  Unterreduug  mit
einander  haben.  Es  könne  zu  nichts  führen,  sich  in  Recriminationen
  zu  ergehen.  Die  Kaiserin  habe  ihm  Mittheilung
von  unserem  Gespräche  gemacht;  es  möge  in  meinen  Worten
manches  Wahre  sein.  Es  sei  möglich,  daß  er,  ohne  die  Folgen
zu  erwägen,  sich  günstig  über  unsere  Bundesreform  geäußert.
  Dann  sei  die  Aufregung  im  Lande  über  unsere  ungeheuern
  Erfolge  gekommen.  Man  habe  ihm  die  Thorheit
einer  Politik  vorgeworfen,  welche  einer  jetzt  schon  so  gewaltigen
  Macht  die  Mittel  zur  Errichtung  eines  deutschen  Reiches
an  der  französischen  Grenze  geben  wollte.  In  dieser  Lage
habe  sich  ihm  die  längst  gewünschte  Gelegenheit  geboten,
Italien  das  venetianische  Land  zu  geben.  Er  habe  sich  die
Folgen,  die  Schwierigkeiten  nicht  gehörig  überlegt.  Er  habe,
er  gestehe  es,  einen  großen  Fehler  begangen,  vergrößert  durch
die  wider  seinen  Willen  der  Sache  gegebene  Offentlichkeit.
Wenn  Preußen  und  Italien  jetzt  auf  ihrem  Widerstande  beharrten,
  so  sei  er  vor  seinem  Lande  einer  tiefen  Demüthigung
ausgesetzt.  Er  könne  dadurch  zu  einer  Politik  getrieben
werden,  welche  allen  seinen  Neigungen  und  den  seit  Jahren
beharrlich  verfolgten  Ansichten  widerspräche.  In  irgend  einer
Weise,  schleunigst,  müsse  er  aus  dieser  unhaltbaren  Lage

)  Bericht  vom  11.  Juli,  hier  in  der  Form  etwas  abgekürzt.
        <pb n="257" />
        Gespräch  Napoleon's  mit  dem  Grafen  Golgz.  239

herauszukommen  suchen.  Er  frage  also,  was  wären  unsere
Bedingungen  für  den  Waffenstillstand.“

Goltz  erwiderte  darauf,  daß  ein  Stillstand  nur  bei
sicherer  Aussicht  auf  einen  guten  Frieden  möglich  sei.  Diese
werde  man  gegeben  erachten,  wenn  Napoleon  sich  die  preußischen
  Friedensbedingungen  aneigne  und  in  Wien  empfehle;
wenn  Österreich  sie  dann  verwerfe,  sei  Napoleon  wieder  frei,
die  Lage  vor  dem  4.  Juli  hergestellt,  und  die  Einigkeit  zwischen
Preußen  und  Frankreich  bekundet.  Nachdem  er  dann  die
bevorstehende  Ankunft  des  Feldjägers  gemeldet,  wandte  sich
das  Gespräch  wieder  auf  den  preußischen  Bundesreform-Entwurf.
  Goltz  hob  die  Nothwendigkeit  des  Ausschlusses
Osterreichs  hervor,  durch  den  allein  die  Bildung  des  einst  in
Wien  geplanten  Siebenzig-Millionen-Reiches  vermieden  werden
könnte,  und  betonte  die  Beschränkung  der  preußischen  Bundesfeldherrnschaft
  auf  den  deutschen  Norden.  Napoleon  fragte
darauf,  ob  es  nicht  möglich  sei,  zwei  deutsche  Parlamente
statt  eines  in  das  Leben  zu  rufen.  Goltz  verneinte:  eine
solche  Theilung  Deutschlands  würde  die  öffentliche  Meinung
drüben  auf  das  Höchste  empören.  Er  wies  auf  das  Gegengewicht
  des  Bundestags  hin,  der  in  dem  Entwurf  an  die
Stelle  der  früher  beabsichtigten  einheitlichen  Spitze  getreten
sei,  so  wie  auf  den  Fortbestand  der  Kammern  in  den  Einzelstaaten.
  Der  Kaiser  ersuchte  ihn  dann  wiederholt  um  möglichst
  rasche  Vorlage  der  preußischen  Minimalforderungen  für
den  Frieden,  und  fragte,  ob  Preußen,  wenn  er  dieselben  in  Wien
empfehle,  zum  Stillstand  bereit  sein,  und  bis  zum  förmlichen
Abschluß  desselben  auf  weiteres  Vorrücken  verzichten  würde.

„Ich  gab  ihm,  berichtet  Goltz,  Hoffnung  auf  Bewilligung
dieser  Begehren,  und  erkannte  an,  daß  seine  Lage  ein  längeres
        <pb n="258" />
        240  Französische  Vermittlung.

Hin-  und  Herverhandeln  nicht  gestatte.  Wir  wollten  die  Neugestaltung
  mit  ihm  discutiren,  und  wünschten,  uns  mit  ihm
in  Übereinstimmung  zu  erhalten,  nicht  bloß  wegen  der  momentanen
  Vortheile,  sondern  auch  im  Hinblick  auf  die  Zukunft,
behufs  Herstellung  dauernder  Freundschaft  zwischen  zwei
Mächten,  deren  Interessen  so  wenig  im  Widerstreit  mit  einander
  ständen,  daß  die  Stärke  der  einen  für  die  andere  nur
erwünscht  sein  könnte.  In  jedem  Falle  würden  wir  seine
Bedenken,  prüfen  und  möglichst  beachten,  und  uns  auch  den
Vorschlägen  nicht  verschließen,  die  er  etwa  behufs  Herstellung
des  Gleichgewichts  im  Interesse  Frankreichs  machen  könnte.“

„Durch  diese  Andeutung  wollte  ich  im  Sinne  der  Rathschläge
  des  Prinzen  Napoleon  eine  Kußerung  des  Kaisers
über  etwaige  Compensationswünsche  hervorlocken.  Napoleon
ging  aber  unmittelbar  nicht  darauf  ein.  Erst  später  bemerkte
er,  daß  er  nichts  verlange.  Man  spreche  ihm  von  einem
Winkel  bei  Landau;  diese  50000  Einwohner  seien  aber  nicht
der  Rede  werth.“  (Goltz  bemerkte  dann,  wie  sich  durch  ein
etwas  complicirtes  Tauschverfahren  diese  Abtretung  ermöglichen
lasse.)  „Napoleon  legte  keinen  Werth  darauf.  Er  sagte  mit
einer  gewissen  Resignation,  es  sei  am  Ende  besser,  auf  alle
Vortheile  für  Frankreich  zu  verzichten.“

Am  Abend  besuchte  Prinz  Napoleon  den  Gesandten  noch
einmal,  und  erzählte  ihm,  der  Kaiser  sei  von  dem  Gespräche
befriedigt;  Goltz  habe  ihm  allerdings  sehr  wenig,  im  Grunde
gar  nichts  angeboten,  aber  ihm  eine  durchaus  gute  Gesinnung
gezeigt.  Der  Prinz  kam  wieder  auf  den  Wunsch  zurück,  daß
zur  Beschwichtigung  der  französischen  Gemüther  Süddeutschland
  selbständiger  constituirt  werde,  als  das  im  preußischen
Reform-Entwurfe  geschehen  war.  Zugleich  sprach  er  seine
        <pb n="259" />
        Golz's  Bericht.  241

Freude  aus,  daß  der  Kaiser  Venetien  den  Italienern  in  der
Form  eines  Beschlusses  des  venetianischen  Volkes  und  ohne
einen  Vorbehalt  zu  Gunsten  des  Papstes  überlassen  wollte,
und  versicherte  zugleich,  daß  Italien  trotz  aller  Versuchungen
gewissenhaft  am  preußischen  Bunde  festhalte.

„Ew.  Execellenz  sehen,  schloß  Goltz  seinen  Bericht,  in
welchen  Schwankungen  sich  Kaiser  Napoleon  befindet.  Er
scheint  in  der  That,  den  streitenden  Einwirkungen  nachgebend,
den  Compaß  völlig  verloren  zu  haben.  Für  den  Augenblick
ist  er  uns  gewonnen.  Er  kann  aber  in  jedem  folgenden
Augenblick  umschlagen,  wenn  wir  ihm  die  Stellung  zu  sehr
erschweren.  Seine  Entschlüsse  sind  nicht  danach  zu  berechnen,
ob  sie  verständig  sind.  Er  kann  auch,  wie  am  4.  Juli,
unverständige  Entschließungen  fassen.  Es  widerstrebt  ihm
entschieden,  gegen  uns  und  Italien  aufzutreten.  Andrerseits
ist  hier  die  öffentliche  Meinung  zwar  nicht  gerade  gegen
Preußen,  wohl  aber  gegen  eine  Aufsaugung  Deutschlands
durch  diese  Macht  eingenommen.  Lieber  sähe  man  hier  Annexionen
  innerhalb  gewisser  Grenzen.  Mir  scheint  unbedingt
nöthig,  auf  dem  Ausschluß  Osterreichs  aus  dem  Bunde  zu
bestehen;  in  allem  Ubrigen  können  wir  höchst  versöhnlich  sein;
es  ergibt  sich  später  von  selbst.  Erleichtern  wir  es  dem
Kaiser,  aus  seiner  peinlichen  Lage  heraus  zu  kommen,  so
wird  er  uns  ewig  dankbar  sein.  Wenn  nicht,  so  können  wir
unversehens  im  Kriege  mit  Frankreich  stehen,  denn  plötzliche
Schwenkungen  entsprechen  seiner  jetzigen  Stimmung,  und  in
der  That  kann  er  nicht  länger  in  seiner  jetzigen  schiefen
Lage  bleiben.“

Goltz  hatte  immerhin  Grund,  diese  Bemerkungen  mit

einem  hewissen  Selbstgefühl  nieder  *  schreiben,  da  seine
v.  Syhel,  Begründung  d.  deutschen  Relches.
        <pb n="260" />
        242  Französische  Vermittlung.

rastlose  Thätigkeit  ohne  Zweifel  zu  der  Verhütung  des  Bruches
wesentlich  beigetragen  hatte.  Er  empfand  dies  um  so  angenehmer,
  als  Napoleon  selbst  es  anerkannte,  und  beschlossen
hatte,  den  Grafen  Benedetti  zwar  im  preußischen  Hauptquartier
  zu  belassen,  die  eigentliche  Unterhandlung  aber  in
Paris  mit  Goltz  zu  führen.  Dieser  mußte  hiebei  dann  die
Erfahrung  machen,  daß  sein  großer  Vorgesetzter  für  den
Fortgang  der  Discussion  eine  erheblich  modificirte  Richtung
einzuschlagen  begann.  «
        <pb n="261" />
        2.  Coepifel.
Friedensvorschläge.

Das  preußische  Hauptquartier,  welches  am  6.  Juli  von
Horschitz  nach  Pardubitz  verlegt  wurde,  machte  hier  arbeitsvolle
Tage  durch.  Das  Eintreten  der  französischen  Dazwischenkunft
  drängte  zu  doppelt  raschem  und  kräftigem  Vorgehen,
um  die  militärische  Lage  für  die  bevorstehende  Eröffnung  der
Friedensverhandlungen  möglichst  günstig  zu  gestalten.  Man
hatte  den  Truppen  am  4.  und  5.  Juli  Ruhe  gegönnt;  am  6.
überschritt  von  der  zweiten  Armee  die  Reiterdivision  Hartmann,
  so  wie  von  der  ersten  die  Avantgarde  und  das
Cavallerie-Corps,  die  Elbe  bei  Pardubitz,  um  auf  der  Straße
nach  Hohenmauth  die  Verfolgung  des  eilig  abgezogenen
Feindes  wieder  aufzunehmen.  Man  vermuthete,  wie  sich
bald  zeigte,  vollkommen  richtig,  daß  Benedek  sein  zerrüttetes
Heer  nicht  unmittelbar  nach  Wien,  sondern  ostwärts  ausweichend,
  in  das  verschanzte  Lager  vor  Olmütz  führen  würde,
um  ihm  möglichst  bald  eine  gesicherte  Stellung  zur  Ruhe
und  Neuordnung  zu  verschaffen.  Durch  die  seit  der  Schlacht
eingezogenen  Nachrichten  über  den  Zustand  der  österreichischen
Truppen  fand  man  sich  zu  der  Auffassung  berechtigt,  daß  es
        <pb n="262" />
        244  Friedensvorschläge.

weniger  darauf  ankomme,  sich  vor  feindlichem  Angriff  zu
decken,  als  dem  Gegner  jeden  erreichbaren  Abbruch  zu  thun.
Demnach  wurde  die  zweite  Armee  angewiesen,  zur  Beobachtung
  der  beiden  Elbfestungen  das  sechste  Corps  zurückzulassen,
  mit  den  drei  andern  aber  in  eine  Stellung  nordwestlich
  von  Olmütz  zu  rücken,  bei  einem  etwaigen  Offensiv-Versuche
  Benedek's  thunlichst  Widerstand  zu  leisten,  im  Nothfall
  aber  auf  die  schlesische  Grenze  zurückzuweichen  und  den
Gegner  sich  dorthin  nachzuziehen.  Die  erste  und  die  Elb-Armee
  dagegen  sollten  mit  beschleunigten  Märschen  die  geraden
Straßen  auf  Wien,  jene  über  Brünn,  diese  über  Znaim  einschlagen,
  um  hoffentlich  in  oder  vor  der  feindlichen  Hauptstadt
  einen  ehrenvollen  Frieden  zu  erzwingen.

Die  Hauptschwierigkeit  dieser  Operationen  bestand,  da
man  für  den  Augenblick  von  Benebek's  Streitkräften  geringe
Störung  besorgte,  in  der  Frage  der  Ernährung  und  Verpflegung
  der  Truppen,  welche  der  Natur  der  Sache  nach  mit
jedem  Schritte  vorwärts  in  Feindes  Land  immer  mehr  erschwert
  wurde.  Deshalb  wurde  die  Garde-Landwehr--Division
nach  Prag  entsandt,  welche  Stadt  sie  am  8.  Juli  ohne
Widerstand  besetzte,  und  damit  für  die  Armee  eine  Eisenbahn-Verbindung
  von  der  Lausitz  über  Turnau-Prag  nach  Pardubitz
gewann.  Es  war  dies  um  so  wichtiger,  als  bei  den  Vorkehrungen
  des  Gegners  im  Lande  selbst  nur  sehr  selten  eine
genügende  Quantität  von  Lebensmitteln  aufzutreiben  war.
Denn  bei  der  Annäherung  der  Preußen  suchten  alle  kaiserlichen
  Behörden  und  großen  Grundbesitzer  das  Weite,  so  daß
eine  geordnete  Vertheilung  größerer  Requisitionen  auf  ausgedehnte
  Landstriche  unmöglich,  und  der  gerade  besetzte  Bezirk
vollständig  ausgesogen  wurde.  Zugleich  hatte  eine  voraus-
        <pb n="263" />
        Betragen  der  preußischen  Soldaten.  245

gegangene  planmäßige  Agitation  den  preußischen  Truppen  bei
dem  Volke  einen  entsetzlichen  Ruf  der  Wildheit  und  Grausamkeit
  geschaffen,  und  an  vielen  Punkten  flüchteten  die  Bauern
mit  Weib  und  Kind  und  Viehstand  in  die  Wälder,  worauf
dann  die  hungernden  Soldaten  in  den  leerstehenden  Wohnungen
  schlimm  genug  hausten.  Sonst  war  die  Disciplin
streng,  und  das  Betragen  der  Leute  gegen  die  Einwohner
musterhaft.  „Unsere  Soldaten,  schrieb  Bismarck  seiner  Gemahlin
  am  9.  Juli,  sind  zum  Küssen,  todesmuthig,  ruhig,
folgsam,  gesittet;  mit  leerem  Magen,  nassen  Kleidern,  nassem
Lager,  wenig  Schlaf,  abfallenden  Stiefelsohlen,  freundlich  gegen
Alle;  kein  Plündern  und  Sengen,  sie  bezahlen,  was  sie  können,
und  essen  verschimmeltes  Brod;  es  muß  ein  tiefer  Fond  von
Gottesfurcht  im  gemeinen  Mann  bei  uns  sitzen,  sonst  könnte
das  Alles  nicht  sein.“  Falls  man  dieses  Zeugniß  als  nicht
unparteiisch  ablehnen  wollte,  möge  die  Aussage  eines  französischen
  Berichterstatters,  des  eifrigen  Demokraten  Vilbort,
daneben  stehen.  „Seit  der  Überschreitung  der  Grenze  bemerkte
  ich,  schreibt  er,  bis  unter  die  Mauern  von  Wien  das
edle  Betragen  der  Preußen  gegen  die  von  der  Kriegsnoth
betroffene  Bevölkerung;  kein  Raub,  keine  Gewaltthat;  außer
den  amtlichen  Requisitionen  nahmen  sie  kein  Stück  Brod,
kein  Glas  Wein  oder  Bier,  ohne  es  baar  zu  bezahlen;  das
gute  böhmische  Volk  wollte  seinen  Augen  nicht  trauen  ½).“
Um  so  mehr  war  die  Heerverwaltung  darauf  bedacht,  durch
eintretenden  Mangel  diesen  Geist  nicht  verwildern  zu  lassen,

)  Gleiche  Schilderungen  kamen  mir  in  Wien  von  verschledenen
Seiten  zu.  Es  versteht  sich  von  selbst,  daß  der  Herzog  von  Gramont
sich  bemüht,  durch  kräftige  Verleumdungen  auch  in  dieser  Beziehung
den  preußischen  Namen  zu  beschmutzen.
        <pb n="264" />
        246  Friedensvorschläge.

sondern  auf  allen  Wegen  für  regelmäßige  und  reichliche  Zufuhr
  zu  sorgen.  Dazu  kamen  die  Anordnungen  für  den
Nachschub  der  Ersatzmannschaften,  die  Vermehrung  der  Lazarethe,
  die  Fortschaffung  der  leichter  Verwundeten,  die  Ergänzung
  der  Waffen,  Munition  und  Kleidung,  endlich  die
neuen  Landwehr-Formationen  in  der  Heimath.  Genug,  die
Arbeitslast  forderte  alle  Kräfte  bei  Tag  und  bei  Nacht.
Auf  der  feindlichen  Seite  war  Graf  Mensdorff  gleich
nach  der  Hiobspost  von  Königgrätz  zu  dem  geschlagenen  Heere
hingeeilt,  um  sich  durch  eigene  Beobachtung  von  der  Lage
der  Dinge  zu  überzeugen.  Er  fand  alle  trüben  Ahnungen
bestätigt,  mit  welchen  er  diesem  Kriege  entgegen  gegangen
war.  Seit  dem  ersten  Morgengrauen  des  4.  Juli  hatten
die  Truppen  Tag  für  Tag  im  Marsche  bleiben  müssen;  nur
unvollständig  hatte  man  die  taktischen  Verbände  hergestellt;
an  eine  Ergänzung  des  eingebüßten  Materials  war  erst  in
Olmütz  zu  denken.  So  hatte  man  nur  das  zehnte  Corps
und  die  drei  Divisionen  der  schweren  Reiter-Reserve  nach
Wien  befehligt;  der  Zug  der  übrigen  ging  unter  neuer  Erschöpfung
  der  Mannschaft  unablässig  weiter  auf  Olmütz.
Mensdorff  sah,  daß  die  Armee  vor  allen  Dingen  Ruhe  bedurfte,
  um  wieder  kampffähig  zu  werden;  er  sandte  also  am
7.  Juli  den  General  Gablenz  zum  zweiten  Male  an  König
Wilhelm  mit  einem  Antrag  auf  Waffenstillstand.  Nach
Wiener  Brauch  war  Form  und  Inhalt  der  Botschaft  um  so
stolzer  bemessen,  je  größer  die  Schwäche  war,  der  sie  Abhülfe
  bringen  sollte,  so  daß  Moltke  dem  General  am  8.  die
Antwort  schrieb:  der  König  sei  zu  einem  Stillstand  behufs
solcher  Verhandlungen  bereit,  welche  zu  einem  dauerhaften
Frieden  führen  könnten;  Eröffnungen  dieser  Art  seien  aber
        <pb n="265" />
        Neuer  österreichischer  Antrag  auf  Waffenstillstand.  247

nicht  gemacht  worden;  auch  sei  vor  jeder  Entschließung  eine
Verständigung  mit  Italien  nöthig,  und  auf  Bedingungen
eines  Stillstandes,  wie  der  Antrag  sie  enthalte,  könne
Se.  Majestät  unter  allen  Umständen  jetzt  nicht  eingehen.
Ebenso  gründlich  wie  der  König  und  Moltke  durch  die
militärischen,  war  Bismarck  durch  die  politischen  Sorgen  in
Anspruch  genommen.  Die  ersten  Erwägungen  über  den  demnächst
  zusammen  tretenden  Landtag  machten  sich  geltend;  mit
mehreren  der  norddeutschen  Kleinstaaten,  Braunschweig,  Hamburg,
  Mecklenburg-Strelitz,  welche  jetzt  mehr  oder  weniger
widerwillig  auf  Preußens  Seite  standen,  setzte  es  scharfe
Weiterungen  über  die  Säumigkeit  ihrer  Rüstungen.  Indessen,
diese  Dinge  störten  Bismarck's  Seelenruhe  wenig;  um  so
mehr  nahm  sie  das  Verhältniß  zu  den  außerdeutschen  Großmächten
  in  Anspruch.  Zwar  die  englischen  Minister  redeten
überall  freundlich,  und  von  Rußland,  welches  einstweilen
jede  Kußerung  vermied,  schien  kein  thätiges  Hervortreten  zu
besorgen.  Aber  Frankreich!  Bismarck's  Blut  wallte  auf,
wenn  er  nach  all  den  guten  Zusicherungen  des  neuen  Auftretens
  der  Pariser  Regierung  gedachte.  Von  den  geheimen
Abreden  des  12.  Juni  wußte  er  nichts,  aber  die  Moniteur-Note
  reichte  zum  Erweise  irgend  welcher  Verständigung
zwischen  Paris  und  Wien,  vollkommen  aus,  und  wer  konnte
die  weitern  Folgen  ermessen,  den  möglichen  Abfall  des  fortdauernd
  unthätigen  Italien,  eine  neue  Versteifung  des  so
gründlich  erlegenen  Osterreich,  und  endlich  das  Erscheinen
franzbsischer  Begehren  deutscher  Grenzlande!  In  seinem
Innern  war  er  fest  entschlossen,  dies  Letzte  um  keinen  Preis
freiwillig  zu  gewähren,  sondern,  wenn  es  sein  müsse,  auf
Tod  und  Leben  dagegen  zu  kämpfen,  und  sich  hundert  Mal
        <pb n="266" />
        248  Friedensvorschläge.

eher  Osterreich  gegenüber  zu  den  schmerzlichsten  Verzichten
herbei  zu  lassen.  Wohl  behielt  er  bei  aller  Entrüstung,  mit
der  ihn  das  Eingreifen  der  Fremden  erfüllte,  die  Klarheit
des  Blickes,  die  berechnende  Mäßigung,  den  Sinn  für  das
zugleich  Nöthige  und  Erreichbare.  Aber  seine  Nerven  wurden
schwer  geprüft.  Wie  lange  hatte  er  gekämpft  und  gerungen,
um  den  nach  seiner  Überzeugung  unvermeidlichen  Krieg  im
rechten,  im  letzten  Augenblick  zum  Ausbruch  zu  bringen!
Und  jetzt,  wo  durch  unvergleichliche  Triumphe  die  glückliche
Entscheidung  gewonnen  schien,  warf  ihn  plötzlich  Frankreichs
Einmischung  wieder  in  neue  Unsicherheit,  Gefahr  und  Spannung
  zurück.  Wie  von  vorne  mußte  der  steile  Weg  nochmals
beschritten  werden,  und  wieder  hatte  er  Grund  zur  Befürchtung,
  die  Lasten  desselben  allein  tragen  zu  müssen.  Ohne
den  Bruch  mit  Paris  zu  fürchten,  wünschte  er  dringend,  ihn
zu  vermeiden,  und  vor  Allem,  nicht  gleichzeitig  gegen  Osterreich
  und  Frankreich  zu  kämpfen.  In  jenem  Briefe  an  seine
Gemahlin  vom  9.  Juli  sagt  er:  „uns  geht  es  gut;  wenn
wir  nicht  übertrieben  in  unsern  Ansprüchen  sind,  und  nicht
glauben,  die  Welt  erobert  zu  haben,  so  werden  wir  auch
einen  Frieden  erlangen,  der  der  Mühe  werth  ist.  Aber  wir
sind  ebenso  schnell  berauscht,  wie  verzagt,  und  ich  habe  die
undankbare  Aufgabe,  Wasser  in  den  brausenden  Wein  zu
gießen,  und  geltend  zu  machen,  daß  wir  nicht  allein  in
Europa  leben,  sondern  mit  noch  brei  Nachbarn.“  Dazu  kam
die  Schwierigkeit  der  Communicationen;  weder  von  Goltz  aus
Paris,  noch  von  Usedom  aus  Florenz  erhielt  man  rasche  Nachricht;
  den  Depeschen  des  Letztern  an  Bismarck  erging  es  nicht
besser  als  dessen  Telegrammen  an  ihn:  irgendwo  blieben  sie
mehrere  Tage  lang  liegen.  Auch  mit  dem  Könige  war  in
        <pb n="267" />
        Bismarck's  Entschluß  über  die  französische  Bermittlung.  249

diesen  Tagen  des  Andrangs  militärischer  Geschäfte  keine  eingehende
  politische  Erörterung  zu  erlangen.  Aber  bei  Napoleon's
  Ungeduld  mußte  irgend  etwas  geschehen,  ihn  zu  beschwichtigen;
  irgend  eine,  wenn  auch  nur  vorläufige,  Nachricht
über  die  preußischen  Friedensbedingungen,  oder  doch  über  die
Richtung,  in  der  sie  sich  halten  würden,  mußte  er  empfangen.
Für  sich  war  Bismarck  darüber  vollkommen  im  Klaren.  Auch
ohne  Erläuterungen  durch  Goltz  kannte  er  die  französischen
Menschen  und  Dinge  hinreichend,  um  sicher  zu  erkennen,
welche  Forderung  in  Paris  den  größten  Anstoß  finden  würde.
Es  war  das  Bild  des  deutschen  Reiches  unter  preußischer
Hoheit,  welches  die  französische  Stimmung  in  stürmische  Aufregung
  versetzte.  Um  in  ruhigem  Fahrwasser  zu  bleiben,
schlen  also  der  Versuch  gerathen,  für  jetzt  auf  andere  Weise
Preußen  den  gebührenden  Machtzuwachs  zu  verschaffen,  wohl
verstanden,  ohne  damit  auf  die  künftige  Vollendung  der  deutschen
  Geschicke  zu  verzichten.
So  schrieb  er  am  9.  Juli  aus  Pardubitz  an  Goltz:

„Das  französische  Cabinet  hat  den  Wunsch  ausgesprochen,
unsere  Forderungen  zu  kennen.  Ew.  Excellenz  werden  denselben
  Eindruck  haben,  wie  ich,  daß  die  öffentliche  Meinung
bei  uns  die  Einverleibung  Sachsens,  Hannovers  und  Hessens
in  Preußen  verlangt,  und  gewiß  wäre  dies  für  alle  Betheiligten
die  zweckmäßigste  Lösung,  wenn  sie  sich  ohne  Abtretung
andern  preußischen  Gebiets  erreichen  ließe.  Meinestheils
finde  ich  den  Unterschied  zwischen  einer  uns  hinreichend
günstigen  Bundesreform  und  dem  unmittelbaren  Erwerb  jener
Länder  nicht  groß  genug,  um  dafür  das  Schicksal  der  Monarchie
  von  Neuem  auf's  Spiel  zu  setzen.  Unser  politisches
Bedürfniß  beschränkt  sich  auf  die  Disposition  über  die  Kräfte
        <pb n="268" />
        250  Friedensvorschlãge.

Norddeutschlands  in  irgend  einer  Form.  Die  Entscheidung
über  die  Details  dieser  Form  werden  wir  so  viel  wie  möglich
als  innere,  mit  dem  Parlament  zu  vereinbarende  Angelegenheit
  zu  behandeln  haben.  Unthunlich  erscheint  es  mir,  denen,
welche  am  14.  Juni  dem  Bundeskriege  gegen  uns  zugestimmt
haben,  dieselben  Bedingungen  zu  bewilligen,  wie  denen,  welche
sich  unserem  neuen  Bunde  freiwillig  angeschlossen:  erstere
sind  zugleich  die  Mächtigeren  und  dem  Bestande  der  künftigen
Schöpfung  deshalb  Gefährlicheren.  Dieses  Bedenken  läßt
sich  auf  zwei  Wegen  beseitigen,  einmal  dadurch,  daß  man
Sachsen,  Hannover  und  Hessen  ungünstigere  Bedingungen  in
Betreff  ihrer  Militärhoheit  auferlegt,  oder  aber  dadurch,  daß
der  Territorialbestand  dieser  Länder  vermindert  wird,  der
Sachsens  etwa  um  den  Leipziger  Kreis,  der  Hannovers  um
Ostfriesland,  unter  Anerkennung  unserer  Successionsansprüche
auf  Braunschweig.  Wichtig  ist  für  uns  außerdem  die  Gewinnung
  einer  neuen  Configuration  von  Hessen-Darmstadt,
etwa  durch  Abtretung  von  Oberhessen  an  uns  und  Austausch
gegen  Hanau,  falls  es  nicht  gelingt,  ganz  Hessen-Darmstadt
in  den  Norddeutschen  Bund  hineinzuziehen.“

Er  spreche,  bemerkte  hier  Bismarck,  das  Wort  Norddeutscher
  Bund  ganz  unbedenklich  aus,  weil  er  es,  wenn  die
uns  nöthige  Consolidirung  des  Bundes  gewonnen  werden
solle,  zur  Zeit  noch  für  unmöglich  halte,  auch  Süddeutschland
hinein  zu  ziehen.  Es  sei  also,  um  unserer  Schöpfung  diejenige
  Begrenzung  zu  geben,  welche  ihr  eine  feste  Verschmelzung
sichert,  gerade  der  jetzige  Augenblick  günstig,  wo  die  Unmöglichkeit
  vorliege,  die  Vertretung  Süddeutschlands  unsererseits
zum  Parlamente  zu  berufen.  Es  werde  beabsichtigt,  dem
preußischen  Landtage  eine  Vorlage  über  die  Parlaments-
        <pb n="269" />
        Instruction  an  Goltz  vom  9.  Juli.  251

wahlen  in  Preußen  zu  machen,  und  mit  der  Berufung  des
Reichstags  aus  den  vom  Feinde  nicht  occupirten  Theilen
Deutschlands  ohne  Zeitverlust  vorzugehen.

Daß  wir  die  Elbherzogthümer  behalten,  sei  sebstverständlich;
  er  würde,  wenn  dadurch  andere  Nachtheile  abgewandt
werden  könnten,  Sr.  Majestät  vorschlagen,  in  dem  Landstriche
nördlich  von  Alsen  die  Frage,  ob  deutsch  oder  dänisch,  von
dem  Wunsche  der  Bevölkerung  abhängig  zu  machen.

Nachdem  Bismarck  hierauf  noch  angeführt,  daß  ihm  ein
definitiver  Königlicher  Entschluß  über  diese  Dinge  noch  nicht
bekannt  sei  —  der  König  denke  übrigens  an  Thronwechsel  in
Hannover,  Kurhessen,  Meiningen,  an  eine  böhmische  Grenzregulirung,
  an  Ersatz  der  Kriegskosten,  vielleicht  auch  an
Sicherung  der  ungarischen  Constitution  —  schloß  er  mit  folgenden
  Worten:

„Der  Aufbruch  des  Hauptquartiers  nöthigt  mich,  hier
abzubrechen,  und  gebe  ich  Ew.  Execellenz  einstweilen  Vorstehendes
  mit  dem  Anheimstellen  hin,  zunächst  versuchen  zu
wollen,  welcher  Eindruck  und  welche  außer  deutschen  Compensationsforderungen
  bei  Frankreich  hervorgerufen  werden,
wenn  wir  die  volle  Annexion  von  Sachsen,  Hannover,  Kurhessen,
  Oberhessen  und  Nassau  fordern,  demnächst  aber  die
weitern  oben  entwickelten  Eventualitäten  in  gleicher  Weise
sondirend  durchzusprechen.  Ew.  Excellenz  wollen  dabei,  ohne
zu  drohen,  doch  durchblicken  lassen,  daß  wir  einen  im  Verhältniß
  zu  unsern  Erfolgen  unehrenvollen  Frieden  nicht  anzunehmen,
  fest  entschlossen  sind.  Sollten  die  Aussichten,
welche  Osterreich  uns  bisher  auf  directe  Verständigung  macht,
und  welche,  nachdem  auch  Graf  Mensdorff  sich  bei  der  Armee
eingefunden  hat,  möglicher  Weise  von  ihm  in  einer  Zusammen-
        <pb n="270" />
        252  Friedensvorschläge.

kunft  discutirt  werden,  sich  nicht  verwirklichen,  Frankreich  aber
eine  drohende  Haltung  gegen  uns  annehmen,  so  würden  wir
die  Entwicklung  der  letztern  abwarten,  dann  aber  auch  auf
der  vollen  Grundlage  der  Reichsverfassung  von  1849  die
nationale  Erhebung  Deutschlands  bewirken,  und  jedes  Mittel
ohne  Rücksicht  auf  irgend  einen  Parteistandpunkt  zur  Kräfrigung
des  Widerstandes  der  Nation  anwenden.  Bisher  aber  habe
ich  die  Überzeugung,  daß  die  Befürchtungen  des  Berliner
Publicums  in  dieser  Richtung  unbegründet  sind,  und  daß
wir,  wenn  es  mir  gelingt,  die  diesseitigen  Forderungen  auf
das  verständige  und  für  uns  ausreichende  Maaß  herabzustimmen,
  uns  mit  dem  Kaiser  Napoleon  werden  einigen
können.“  5

Um  für  die  bevorstehende  Unterhandlung  der  vorher
bezeichneten  Annexionen  eine  feste  materielle  Grundlage  zu
geben,  veranlaßte  Bismarck  noch  an  demselben  Tage  eine
Depesche  an  General  Falckenstein,  die  Länder  nördlich  des
Mains  so  weit  wie  irgend  möglich  zu  besetzen.  Am  10.  Juli
telegraphirte  er  aus  Hohenmauth  erläuternd  an  Goltz:
„Stellen  Sie  die  Alternative  zwischen  Annexion  und  Reform
nicht  in  der  Art  auf,  daß  Zwischenstufen  mit  Annexion
einiger  gegnerischer  Länder  ausgeschlossen  wären,  und  halten
Sie  daran  fest,  daß  jede  volle  Annexion,  die  ohne  Abtretung
preußisches  Gebiets  erlangt  werden  kann,  besser  ist,  als  die
halbe  auf  dem  Reformwege.“

Mit  diesen  Eröffnungen  tritt  der  Krieg  in  eine  neue
Phase.  Wir  haben  es  gesehen:  Preußen  hat  ihn  begonnen
zum  Zwecke  der  Bundesreform,  zur  Behauptung  Schleswig-Holsteins,
  ohne  einen  Gedanken  an  weitere  Annexionen.
Napoleon  ist  es  gewesen,  welcher  durch  seinen  Widerspruch
        <pb n="271" />
        Neue  Wendung  der  preußischen  Politik.  253

gegen  die  deutsche  Einheit  Bismarck  genöthigt  hat,  für  jetzt
auf  andere  Weise,  durch  Verstärkung  der  preußischen  Hausmacht,
  dem  Könige  die  für  Deutschlands  Interessen  erforderliche
  Machtstellung  zu  geben.  Bismarck  verzichtete  damit
einstweilen  auf  die  Heranziehung  der  Südstaaten  in  seinen
neuen  Bund.  Aber  mit  voller  Sicherheit  ist  es  auszusprechen,
daß  er  niemals  den  Gedanken  einer  bleibenden  Zerreißung
Deutschlands  gehabt  hat.  Wenn  er  sich  jetzt  zur  Abwehr
einer  französischen  Einmischung  auf  eine  feste  Consolidation
des  deutschen  Nordens  beschränkte,  so  verlor  er  doch  keinen
Augenblick  den  Zusammenhang  Gesammtdeutschlands  und  die
Verkörperung  desselben  in  fester  Rechtsform  aus  dem  Auge.
Was  ihn  dabei  von  den  Männern  der  Paulskirche  unterschied,
  war  nicht  eine  Meinungsverschiedenheit  über  das  Ziel,
sondern  die  größere  Elasticität,  womit  er  die  verschiedenen
Mittel  und  Wege  auffand,  und  die  Auswahl  derselben  den
Umständen  anpaßte.  Im  Jahre  1850  hatte  man  dafür  die
Formel  des  engern  Bundes  im  weitern  gehabt;  1866  dachte
Bismarck  neben  der  Gründung  des  norddeutschen  Bundes
an  die  Erneuerung  des  alten  Bundestags,  welcher  dann
freilich  nicht  siebzehn,  sondern  nur  fünf  oder  sechs  Curien
haben  würde,  den  Nordbund,  Osterreich,  die  süddeutschen
Staaten.  Die  Ausgestaltung  eines  solchen  Planes  war  in
seinem  rastlos  arbeitenden  Geiste  damals  noch  flüssig  und  in
jedem  Augenblicke  von  den  Verhältnissen  abhängig.  Aber
nach  allen  Seiten  suchte  er  sich  die  Wege  offen  zu  halten
und  Anknüpfungen  zu  finden.  Wenige  Tage  nach  Königgrätz
hatte  er  Goltz  beauftragt,  bei  seinem  bayerischen  Collegen  in
Paris  zu  sondiren,  ob  nicht  Pfordten  jetzt  geneigt  sein  würde,
sich  bei  der  preußischen  Bundesreform  zu  betheiligen,  welche
        <pb n="272" />
        254  Friedensvorschläge.

Bayern  ja  den  Heerbefehl  im  deutschen  Süden  zubillige:
und  dazu  paßte  dann  sehr  gut  der  vorher  erwähnte  Erlaß
an  Falckenstein,  welcher  dessen  Thätigkeit  von  Bayern  hinweg
gegen  andere  Widersacher  richtete.  Aber  auch  an  den  Hauptgegner,
  an  Österreich,  dachte  Bismarck  in  gleichem  Sinne.
Es  ging  nicht  an,  amtliche  Vorschläge  nach  Wien  hinüber  zu
senden;  so  ließ  er  in  Petersburg,  wo  man  über  Napoleon's
einseitiges  Vorgehen  fortdauernd  gereizt  war,  die  Mittheilung
machen,  wie  viel  vortheilhafter  als  die  französische  Vermittlung
  eine  directe  Verständigung  mit  Preußen  für  Osterreich
sein,  wie  gerne  dann  König  Wilhelm  die  günstigsten  Bedingungen
  genehmigen  würde.  Er  glaubte,  annehmen  zu  dürfen,
daß  die  russische  Regierung  diesen  Wink  bereitwillig  nach
Wien  weiter  geben  würde.

Wohl  hatte  er  daneben  die  französische  Vermittlung  „im
Princip“  angenommen,  aber  nach  seinen  Vorbehalten  wurde
dies  Verhältniß  ein  bindendes  für  ihn  erst  dann,  wenn  er
sich  mit  Napoleon  über  die  aufzustellenden  Friedensbedingungen
unter  Italiens  Zustimmung  verständigt  hatte:  bis  dahin  hatte
er  freie  Hand,  auch  auf  jedem  andern  Wege  nach  einem  erfolgreichen
  Abkommen  zu  suchen.  Seit  der  Moniteur-Note
vom  5.  Juli  hielt  er  sich  überhaupt  von  jeder  Verpflichtung
gegen  den  unzuverlässigen  Vermittler  entbunden.

Während  nun  der  Feldjäger  mit  den  Aufträgen  Bismarck's
  nach  Paris  eilte,  stieg  die  Verlegenheit  und  Unruhe
Napoleon's  mit  jeder  Stunde.  Kaum  hatte  er  jene  große
Unterredung  mit  Goltz  gehabt,  so  ließ  er  am  12.  Juli  den
Prinzen  Reuß  zu  sich  laden,  ob  derselbe  noch  nichts  Weiteres
über  die  preußischen  Forderungen  wisse,  ob  und  in  welcher
Weise  man  zum  Waffenstillstand  bereit  sei.  Er  sei  auf
        <pb n="273" />
        Goltz  verhandelt  mit  Napoleon  über  die  Depesche  vom  9.  Juli.  255

glühenden  Kohlen;  die  Stimmung  verschlechtere  sich  täglich;
er  müsse  in  den  Stand  gesetzt  werden,  dem  Lande  zu  sagen,
daß  die  preußischen  Bedingungen  mit  den  Interessen  Frankreichs
  sich  vereinigen  ließen.  Der  Hauptpunkt  sei,  daß  in
der  neuen  Bundeseinrichtung  Süddeutschland,  wenn  auch
nur  scheinbar,  vom  Norden  getrennt  bleibe.  Dies  würde
seine  Stellung  entlasten,  und  es  ihm  möglich  machen,  sich
Preußens  Friedensartikel  anzueignen.

So  eilte  Goltz,  nachdem  er  am  Abend  die  Depeschen  des
Feldjägers  empfangen,  guter  Hoffnungen  voll,  am  13.  Juli
zu  Napoleon,  noch  dazu  erfrischt  durch  die  Kunde,  daß  der
Kaiser  so  eben  Herrn  Drouyn  de  Lhuys  schriftlich  aufgefordert
hatte,  zu  erklären,  ob  er  Seine  Politik  auszuführen  Willens
sei;  sonst  müsse  Se.  Majestät  sich  mit  Bedauern  von  ihm
trennen.  Der  Minister  hatte  sich  nach  seiner  uns  bekannten
Weise  beeilt,  nicht  seine  Entlassung  zu  nehmen,  sondern  unbedingten
  Gehorsam  zu  versprechen.  Unter  diesen  Umständen
fand  sich  Goltz  nicht  bemüßigt,  ihn  von  seinen  Eröffnungen
an  den  Kaiser  vorher  in  Kenntniß  zu  setzen.

Napoleon  empfing  den  Grafen  freundlich,  aber  in  heißer
Ungeduld.  „Sagt  mir  aufrichtig,  rief  er,  wollt  Ihr  Zeit
gewinnen,  um  Wien  zu  nehmen?  alle  Welt  bestürmt  mich,
gegen  Euch  einzuschreiten,  weil  ich  als  Vermittler  bei  Euerem
steten  Vorgehen  eine  lächerliche  Rolle  spiele.“  Goltz  erinnerte
an  die  Unmöglichkeit,  bei  den  weiten  Entfernungen  zwischen
Paris  und  den  Hauptquartieren  die  Unterhandlung  rascher
zu  fördern,  als  geschehe,  und  machte  dann  Mittheilung  von
dem  Inhalt  seiner  Instruction.  Napoleon  erklärte  sogleich,
daß  er  gegen  den  Norddeutschen  Bund  nichts  einzuwenden
habe,  und  daß  ihm  auch  die  Form,  ob  Annexion  oder  nur
        <pb n="274" />
        256  Friedensvorschläge.

militärische  Unterordnung,  sei  es  aller,  sei  es  einzelner  norddeutscher
  Staaten,  gleichgültig  sei,  sofern  nur  Preußen  das
Königreich  Sachsen  aus  seinem  Systeme  herauslassen  und
auf  die  Verbindung  mit  Süddeutschland  verweisen  wollte.
Den  letzteren  Gedanken  wies  Goltz  als  unausführbar  zurück,
und  fragte,  ob  Napoleon  diesen  Vorschlag  mache,  behufs  Verstärkung
  des  süddeutschen  Systems  gegenüber  dem  mächtigeren
Norden,  oder  aus  Wohlwollen  gegen  das  sächsische  Königshaus.
  Der  Kaiser  erwiderte,  die  sächsische  Dynastie  sei  ihm
völlig  gleichgültig;  er  wünsche  nur,  das  Gleichgewicht  einiger
Maaßen  herzustellen.  Goltz  bemerkte,  hierauf  könne  dann
vermittelst  anderer  Formen  hingewirkt  werden,  worauf  Napoleon
  hervorhob,  er  lege  besondern  Werth  auf  das  Recht  Süddeutschlands,
  als  einer  selbständigen  Staatengruppe,  Bündnisse
  zu  schließen  und  Kriege  zu  führen:  dazu  nöthige  ihn
die  öffentliche  Meinung  in  Frankreich,  welche  durch  die  Besorgniß
  vor  der  Gründung  eines  neuen  deutschen  Reiches
unter  preußischer  Hoheit  besonders  beunruhigt  sei.  Goltz
sprach  hienach  die  Hoffnung  aus,  daß  Napoleon's  Absichten
mit  dem  preußischen  Programm  nicht  in  Widerspruch  ständen.
Nur  müßte  mit  Tact  jede  Redeweise  vermieden  werden,
welche  einen  ausdrücklichen  Verzicht  auf  die  Idee  der  deutschen
  Einheit  enthielte:  denn,  wenn  es  nicht  zum  Frieden
käme,  so  könnte  Preußen  genöthigt  werden,  an  diese  Idee  zu
appelliren  und  die  Ausführung  der  Reichsverfassung  von  1849
auf  seine  Fahne  zu  schreiben.

Ubrigens  wünschen  wir,  sagte  Goltz,  jede  Störung  des
europäischen  Gleichgewichts  zum  Nachtheile  Frankreichs,  zu
vermeiden.  Eintretendes  Falls  würden  wir  also  entweder
unsere  Forderungen  ermäßigen  oder  Frankreichs  Gegenforde-
        <pb n="275" />
        Einverständniß.  257

rungen  erwarten  und  discutiren.  Napoleon  aber  trat  mit
keinem  Compensations-Begehren  hervor,  sondern  warf  nur  die
Frage  auf,  ob  Preußen  nicht  dem  Könige  von  Sachsen  die
Rheinprovinz  geben  könnte  —  was  dann  Goltz,  im  Hinblick
auf  die  Stimmung  des  Volkes,  für  unmöglich  erklärte.

Hienach  schenkte  der  Kaiser  den  Partial-Annexionen,  von
welchen  Goltz  als  möglichen  Auskunftsmitteln  redete,  geringe
Aufmerksamkeit,  und  erklärte  die  etwaige  Thronentsagung  der
preußenfeindlichen  Souveräne  für  eine  ihm  durchaus  gleichgültige
  Sache.  Um  so  bestimmter  begehrte  er  die  Integrität
Osterreichs  mit  Ausnahme  Venetiens,  wodurch  kleine  Grenzberichtigungen
  nicht  verboten  seien.

Somit  sei,  schloß  Goltz,  die  Möglichkeit  eines  Einverständnisses
  festgestellt.  Napoleon  entgegnete:  wenn  dann
König  Wilhelm  zum  Waffenstillstand  bereit  sei  und  sich  die
besprochenen  Friedensgrundlagen  aneigne,  so  werde  er,  Napoleon,
  die  letztern  nach  Wien  mit  dem  Bemerken  Übersenden,
daß  im  Falle  der  Ablehnung  seine  Vermittlung  erloschen  sei,
und  er  Österreich  seinem  Schicksal  überlasse.  Es  würde
übrigens  gut  sein,  sagte  er  zu  Goltz,  die  Friedensgrundlagen
in  wenigen  Zeilen  zu  Papier  zu  bringen.  Goltz  bot  ihm
an,  dies  zu  versuchen;  der  Kaiser  war  damit  einverstanden.

Sehr  zufrieden  mit  dem  Verlaufe  dieses  Gespräches,  fuhr
Goltz  zu  einer  Zusammenkunft  mit  dem  Prinzen  Napoleon,
Rouher  und  Nigra.  Rouher  erzählte  ihm,  wie  nahe  man
vor  drei  Tagen  dem  Kriege  gewesen,  wie  Drouyn  de  Lhuys
und  Genossen  auch  jetzt  noch  in  diesem  Sinne  zu  wühlen
fortführen:  wir  stehen,  sagte  er,  auf  einem  Vulcan;  Alles
hängt  davon  ab,  daß  es  rasch  zum  Waffenstillstand  kommt,

ehe  Sie  in  Wien  einziehen,  was  der  Kaiser  nicht  ertragen
v.  Övbel,  Begrünbung  b.  brurschen  Neiche.  V.
        <pb n="276" />
        258  Friedensvorschläge.

würde;  schließen  Sie  also  den  Stillstand,  sobald  Osterreich
seinen  Austritt  aus  dem  deutschen  Bunde  bewilligt;  alles
Andere  findet  sich  dann  von  selbst.  Prinz  Napoleon  bestätigte
dies:  wenn  Ihr,  sagte  er,  ihm  diesen  Hauptpunkt  zugesteht,
so  wird  er  bei  allen  andern  Friedensbedingungen  Euch  gerne
gefällig  sein;  er  hofft  dann  auf  gleiche  Gesinnung  von
Eurer  Seite.  Denn  auch  er  wünscht,  der  öffentlichen  Meinung
zu  Liebe,  einen  kleinen  Landerwerb,  und  Ihr  würdet  ihn  vollständig
  gewinnen,  wenn  Ihr  ihm  einen  solchen  anbieten
wolltet.  Übrigens  erklärte  sich  der  Prinz  bereit,  am  14.,
wenn  Goltz  dem  Kaiser  die  Redaction  der  Friedensbasis
vorlege,  ihn  mit  einem  nachdrücklichen  Briefe  an  denselben
  zu  unterstützen.  Das  Schreiben,  welches  er  darauf
an  seinen  hohen  Vetter  erließ,  ist  merkwürdig  genug,  um
seinen  Hauptsätzen  auch  hier  eine  Stelle  einzuräumen.
Nachdem  der  Prinz  in  kurzen  Worten  als  selbstverständlich
  die  Thatsache  hingestellt,  daß  ein  Bruch  mit  Preußen
und  Italien  zunächst  die  Vernichtung  des  großen  Werks  von
1859  und  die  erneuerte  Auslieferung  Italiens  an  Osterreich
sein  würde,  bemerkt  er  hinsichtlich  Preußens:  „mon  muß  erwarten,
  daß  Herr  von  Bismarck,  wenn  durch  Frankreich  im
Rücken  bedroht,  seine  letzte  große  Karte  ausspielen,  nicht  mehr
als  Preuße,  sondern  als  Deutscher  auftreten,  und  die  Leidenschaften
  von  ganz  Deutschland  aufrufen  würde,  indem  er  die
Reichsverfassung  des  revolutionären  Parlaments  von  1849
proclamirte.  In  welche  Lage  versetzte  er  uns  damit!  Was
wäre  dann  unser  Beweggrund  zu  einem  Kriege  gegen  Preußen
und  ganz  Deutschland?  Im  Namen  des  europäischen  Gleichgewichts
  würde  der  Kaiser  ausziehen  gegen  ein  Volk,  das
uns  nichts  nehmen,  das  sich  nur  nach  eigenem  Ermessen  in
        <pb n="277" />
        Brief  des  Prinzen  Napoleon  an  ben  Kaiser.  259

seinem  Innern  organisiren  will.  Für  einen  Krieg  also  gegen
den  Grundsatz  der  Nationalität,  gegen  die  liberalen  Ideen,
gegen  den  Willen  Deutschlands,  sich  eine  Verfassung  nach
seinen  Wünschen  zu  geben,  sollte  der  Kaiser  das  Schwert
ziehen?  Im  Jahre  1792  bildete  sich  die  Coalition,  und  erließ
der  Herzog  von  Braunschweig  sein  berüchtigtes  Manifest  im
Namen  des  europäischen  Gleichgewichts  und  zur  Beseitigung  der
revolutionären  Verfassung,  die  sich  Frankreich  gegeben  hatte.“

Es  liege  freilich,  fuhr  der  Prinz  fort,  im  französischen
Interesse,  daß  Deutschland  getheilt  bleibe,  aber  nur  durch
Schonung,  Milde  und  Geschicklichkeit  sei  das  zu  erreichen;
Drohung  und  Gewalt  würden  Alles  verderben.

„Wer  den  Kaiser  als  Vertreter  der  europäischen  und  klerikalen
  Reaction  in  Europa  zu  sehen  wünscht,  muß  ihn  zu  einem
Bündniß  mit  dem  österreichischen  Cadaver  und  zu  einem  Kriege
gegen  Preußen,  Deutschland  und  Italien  drängen.  Diejenigen
aber,  welche  in  ihm  den  erleuchteten  Führer  der  Revolution,
der  Freiheit  und  der  Nationalitäten  bewundern,  der  Grundsätze,
die  seine  wahre  Größe  bei  der  Nachwelt  verkünden  werden,  diese
würden  schwer  betroffen  an  dem  Tage  sein,  an  dem  er  auf
eine  Politik  einginge,  welche  selbst  bei  augenblicklichem  Triumphe
den  echten  Ruhm  Napoleon's  III.  vernichten  müßte.“

Unterdessen  arbeitete  Goltz  den  mit  dem  Kaiser  verabredeten
  Entwurf  der  Friedensvorschläge  aus.  Er  fand  sich
dabei  etwas  im  Gedränge  zwischen  den  französischen  Außerungen
  und  den  Vorschriften  seiner  Instruction.  Zwar  in
der  Selbstbeschränkung  Preußens  auf  den  deutschen  Norden
und  der  größeren  Selbständigkeit  Süddeutschlands  stimmten
Beide  trefflich  zusammen.  Anders  aber  stand  es  mit  der
Frage  der  von  Bismarck  jetzt  in  die  erste  Reihe  gerückten
        <pb n="278" />
        260  Friedensvorschläge.

Annexionen.  Schlug  er  diese  große  Einverleibung  (Sachsen,
Hannover,  Kurhessen,  Nassau)  vor,  so  besorgte  er,  daß  Napoleon
  sie  entweder  ablehnen  oder  mit  Gegenforderungen  beantworten
  würde.  Wenn  er  aber  eine  Anzahl  kleinerer  Landstriche
  erwähnte,  so  fürchtete  er,  vielleicht  die  wirklichen
Wünsche  seiner  Regierung  nicht  zu  treffen,  oder  hinter  denselben
  zurück  zu  bleiben.  So  beschloß  er,  in  dem  Actenstücke
die  Annexionen  völlig  zu  übergehen,  im  Vertrauen  auf
Napoleon's  Außerung,  daß  ihm  die  innere  Gestaltung  des
Norddeutschen  Bundes  gleichgültig  sei,  und  legte  dem  Kaiser
am  14.  Juli  folgende  Sätze  vor:

„Osterreich  erkennt  die  Auflösung  des  alten  deutschen
Bundes  an,  und  widersetzt  sich  nicht  einer  neuen  Organisation
Deutschlands,  an  der  es  keinen  Theil  nimmt.

Preußen  bildet  eine  Union  Norddeutschlands,  welche  alle
Staaten  nördlich  der  Mainlinie  umfaßt;  es  wird  den  Befehl
über  die  Truppen  derselben  erhalten.

Die  deutschen  Staaten  südlich  vom  Main  haben  die
Freiheit,  unter  sich  eine  süddeutsche  Union  zu  schließen,  die
eine  internationale,  unabhängige  Stellung  genießt.  Die
zwischen  der  nördlichen  und  der  südlichen  Union  zu  erhaltenden
  nationalen  Bande  werden  durch  freies,  gemeinsames  Einverständniß
  geregelt.

Die  Elbherzogthümer  werden  mit  Preußen  vereinigt,
außer  den  Bezirken  Nordschleswigs,  deren  Einwohner  in
freier  Abstimmung  die  Rückabtretung  an  Dänemark  wünschen
würden.

Osterreich  und  dessen  Verbündete  ersetzen  Preußen  die
Kriegskosten.“  .

Napoleon  erklärte  sich  überall  befriedigt,  namentlich  durch
        <pb n="279" />
        Graf  Goltz  redigirt  Napoleon's  Vermittlungsvorschläge.  261

die  Sätze  über  den  Nord=  und  den  Sübbund.  Nur  in  dem
letzten  Artikel  verbesserte  er:  einen  Theil  der  Kriegskosten,
um  das  bankerotte  Osterreich  nicht  völlig  abzuschrecken.  Endlich
  fügte  er  auf  Grund  einer  gestern  erhaltenen  Erklärung
des  Kaisers  Franz  Joseph  noch  den  Satz  hinzu:

„Osterreichs  Integrität,  außer  Vcnetien,  wird  erhalten.

Sie  haben  ganz  meine  Gedanken  ausgedrückt,  sagte  er
dann  zu  Goltz,  und  dieser  war  stolz  auf  die  hohe  Anerkennung
seines  schriftstellerischen  Talents.  In  der  That,  weit  genug
war  man  von  den  Stimmungen  entfernt,  in  denen  Drouyn
de  Lhuys  den  Kaiser  zu  überreden  hoffte,  dem  Könige  Wilhelm
  schwere  Beschränkungen  der  preußischen  Erfolge  aufzuerlegen.
  Jetzt  war  es  der  preußische  Botschafter  selbst,
welcher  von  dem  Kaiser  den  Auftrag  erhalten  hatte,  eine  für
Preußen  annehmbare  Friedensbasis  im  Namen  der  französischen
  Regierung  auszuarbeiten.  Ein  seltener  Vorgang  in  den
Annalen  der  Diplomatie.  "

In  welchem  Grade  damals  Napoleon  innerlich  zufrieden
war,  den  von  Drouyn  de  Lhuys  vorbereiteten  Verwicklungen
entronnen  zu  sein,  mußte  gleich  nachher  der  sächsische  Minister,
Herr  von  Beust,  empfinden.  Er  weilte  seit  einigen  Tagen
in  Paris,  um  Frankreichs  mächtigen  Schutz  für  sein  bedrängtes
  Land  zu  erflehen.  Zur  Audienz  bei  Napoleon  zugelassen,
  entwickelte  er  dem  Kaiser,  wie  dringend  rathsam  es
sei,  ein  franzbsisches  Heer  von  100  000  Mann  am  Rheine  als
Demonstration  gegen  Preußen  aufzustellen.  Napoleon  erwiderte
  ihm,  daß  Beust  ja  gar  nicht  wisse,  ob  Er  die  preußische
Politik  Frankreichs  Interessen  zuwider  laufend  erachte,  und
ihr  daher  durch  eine  Einschüchterung  entgegen  zu  treten  Anlaß
  habe.
        <pb n="280" />
        262  Friedensvorschläge.

Der  arme  Beust,  sagte  der  russische  Botschafter,  Baron
Budberg,  ist  drei  Tage  zu  spät  gekommen.

Napoleon  hatte  mit  Goltz  verabredet,  das  gewonnene
Ergebniß  noch  in  derselben  Stunde  an  die  beiden  streitenden
Monarchen  mit  der  Aufforderung  zur  Annahme  dieses  Friedensprogramms
  und  auf  dessen  Grund  zum  Abschluß  des  Waffenstillstands
  zu  telegraphiren.  Denn,  wenn  Napoleon  daran
lag,  seine  Vermittlung  nicht  durch  neue  große  Erfolge  der
preußischen  Heere  dem  allgemeinen  Gespötte  verfallen  zu
sehen,  so  war  Eile  nöthig.  Trotz  der  Abtretung  Venetiens
gestaltete  sich  die  Lage  Osterreichs  mit  jedem  Tage  mißlicher.

Auf  der  italienischen  Seite  blieb  Cialdini  im  Vorrücken,
allerdings  mit  sehr  kleinen  Schritten.  Wie  immer  in  solchen
Jällen,  gab  es  militärische  Gründe  in  Fülle  zur  Rechtfertigung
  seiner  Langsamkeit;  ohne  Zweifel  aber  lag  die
wesentliche  Erklärung  derselben  auf  dem  politischen  Gebiet.
Auf  der  einen  Seite  drängten  der  König  und  Ricasoli  vorwärts,
  auf  der  andern  hielten  Malaret  und  La  Marmora
zurück:  daraus  ergab  sich  als  mittlere  Resultante  ein  Zeitmaaß
  seines  Vormarsches,  bei  welchem  er  Wien  vielleicht
nach  zwei  Monaten  erreicht  hätte.

Immerhin  war  selbst  diese  geringfügige  Leistung  nicht
ohne  Nutzen  für  die  preußische  Kriegführung.  Osterreich
hatte  Venetien  dem  Kaiser  Napoleon  in  der  Auffassung  abgetreten,
  daß  damit  der  Krieg  im  Süden  zu  Ende  sein  würde;
dann  hätte  man  120000  Mann  siegreicher  Truppen  von  dort
zum  Kampfe  gegen  Preußen  an  die  Donau  bringen  können.
Da  aber  die  Italiener  trotz  Napoleon's  Abmachung  in  Venetien
  einrückten,  wagte  man  weder  das  Festungsviereck  zu  entblößen,
  noch  die  ganze  Feldarmee  des  Südens  nach  Wien  zu
        <pb n="281" />
        Ansammlung  österreichischer  Streitkräfte  an  der  Donau.  263

berufen:  man  ließ  vielmehr  das  siebente  Corps  und  alle  Besatzungstruppen
  einstweilen  zurück,  und  befehligte  nur  das
fünfte  und  neunte  Corps,  nebst  der  Reiterbrigade  Pulz,  im
Ganzen  57000  Mann,  zum  Schutze  der  Reichshauptstadt
an  die  Donau.  Anfangs  hatte  man  die  Absicht,  dorthin  von
der  Nordarmee  außer  dem  zehnten  Corps  und  dem  größten
Theil  der  Reiterei,  nur  noch  ein  oder  zwei  Corps  zu  ziehen,
während  Benedek  mit  den  übrigen  von  Olmütz  aus  im  Rücken
des  Feindes  operiren  sollte:  am  9.  Juli  aber  telegraphirte
Erzherzog  Albrecht  eine  so  kräftige  Verwahrung  gegen  diese
Zersplitterung  der  Kräfte,  welche  dem  Feinde  eine  leichte  Besiegung
  zuerst  der  einen  und  dann  der  andern  Masse  in
Aussicht  gestellt  hätte,  daß  am  10.  Juli  der  Befehl  an
Benedek  abging,  nach  ausreichender  Besetzung  von  Olmütz
seine  sämmtlichen  Truppen,  so  weit  wie  möglich  auf  der
Bahn,  sonst  aber  mit  Fußmärschen,  an  und  über  die  Donan
zu  befördern.  Trotz  seiner  Vorstellung,  daß  solche  Märsche
die  noch  nicht  ausgeruhten  Truppen  wieder  erschöpfen  und
kampfunfähig  machen  würden,  blieb  es  bei  dem  Befehl,  und
es  begann  zunächst  auf  der  Bahn  die  Einschiffung  des  dritten
und  des  sächsischen  Corps  nach  Wien.  Die  übrigen  sollten
vom  11.  bis  zum  14.  Juli  successive  mit  Fußmarsch  folgen,
und  binnen  zehn  Tagen  theils  Wien,  theils  Preßburg  erreichen.
  Für  Alle  ging  die  gerade  Straße  den  von  Olmütz
nach  Süden  strömenden  Marchfluß  entlang,  welchem  auch  die
Eisenbahn  von  Olmütz  bis  zur  niederösterreichischen  Grenze
bei  Göding  folgte,  um  sich  dann,  südwestwärts  wendend,  bei
Lundenburg  mit  der  Brünn-Wiener  Bahn  zu  vereinen.  Von
Göding  aus  führte  südwärts,  stets  im  Marchthal  bleibend,
die  nächste  Straße  nach  Preßburg.
        <pb n="282" />
        264  Friedensvorschläge.

Die  Frage  war,  ob  diese  Märsche  sich  ohne  Stbörung
von  preußischer  Seite  vollziehen  würden,  und  bereits  lag
eine  solche  Gefahr  so  nahe,  daß  Erzherzog  Albrecht,  als  er
am  13.  Juli  das  Obercommando  über  alle  österreichischen
Streitkräfte  übernahm,  es  eine  seiner  ersten  Sorgen  sein  ließ,
an  Benedek  die  Weisung  zu  telegraphiren,  bei  einem  preußischen
  Angriff  auf  seine  Flanke  sich  nicht  auf  größere  Kämpfe
einzulassen,  sondern  nach  Osten  auszubiegen,  und  Preßburg
auf  einem  Umweg  zu  erreichen.

Die  preußische  zweite  Armee  hatte  anfangs  eine  Stellung
nordwestlich  von  Olmütz,  zwischen  Littau  und  Konitz,  eingenommen,
  um  Schlesien  gegen  einen  etwaigen  Offensivstoß
Benedek's  zu  decken.  Bald  aber  ließen  die  Kundschafter-Nachrichten
  keinen  Zweifel  darüber,  daß  bei  dem  Zustande
seiner  Truppen  Benedek  an  ein  solches  Unternehmen  nicht
denken  könne.  Demnach  rückte  die  zweite  Armee  in  eine  zwei
Meilen  südwestlich  von  Olmütz  gelegene  Stellung,  zwischen
Konitz  und  Proßnitz,  von  welchem  letztern  Orte  die  March
binnen  wenigen  Stunden  erreicht  werden  konnte.  Gleichzeitig
ging  der  Vormarsch  der  ersten  und  der  Elbarmee  nach
Süden  unaufhaltsam  seinen  Gang,  vom  Gegner  nicht  behelligt,
  mit  Ausnahme  einiger  unbedeutender  Scharmützel
zwischen  den  Spitzen  des  preußischen  Vortrabs  und  der
äußersten  Nachhut  der  nach  Wien  eilenden  kaiserlichen  Reiter-Divisionen.
  Das  königliche  Hauptquartier  kam  am  11.  Juli
nach  Zwittau,  am  12.  nach  Czernahora,  am  13.  nach  der
mährischen  Landeshauptstadt  Brünn.  Damals  erreichte  die
Elbarmee  bereits  Znaim  an  der  Thaja,  dicht  an  der  Grenze
Niederösterreichs,  die  Vortruppen  der  ersten  Armee  aber  gelangten
  auf  gleicher  Höhe  mit  jener  nach  Muschau  an  der
        <pb n="283" />
        Preußische  Maaßregeln  gegen  Benedek's  Marsch  auf  Wien.  265

großen  Heerstraße  nach  Wien.  Hier  aber  erhielten  sie  Befehl,
von  der  Straße  hinweg  sich  nach  Südosten  zu  wenden,
Lundenburg  zu  besetzen  und  bei  Göding  in  das  Marchthal
vorzudringen,  womit  dann  die  von  Olmütz  direct  nach  Wien
und  Preßburg  führenden  Straßen  verlegt  wären.

Während  diese  Bewegungen  sich  entwickelten,  traf  der
französische  Botschafter,  Graf  Benedetti,  im  preußischen  Hauptquartier
  ein.  Er  war  am  9.  Juli  von  Berlin  abgereist,
hatte  dann  in  Böhmen,  wo  alle  Straßen  von  marschirenden
Truppen,  endlosen  Reihen  von  Verwundeten  und  Gefangenen,
militärischen  Transporten  aller  Art  überfüllt  waren,  eine
langsame  und  beschwerliche  Fahrt  gehabt,  dabei  aber  auch
eine  deutliche  Anschauung  von  der  Qualität  der  preußischen
Soldaten  gewonnen.  Wahrhaftig,  das  sind  keine  Milizen,
sagte  er  nachher  zu  Bismarck,  das  sind  echte  Troupiers.  In
der  Nacht  vom  11.  auf  den  12.  langte  er  in  Zwittau  an,
erfragte  Bismarck's  Quartier,  und  trat  völlig  überraschend
bei  ihm  ein.  Er  fand  ihn  in  einem  öden,  von  den  Besitzern
verlassenen  Hause,  bei  spärlicher  Beleuchtung  am  Schreibtisch,
einen  Revolver  neben  dem  Briefpapier.  Bismarck  empfing
ihn  freundlich;  die  Vermittlung  einmal  angenommen,  hatte
er,  wie  wir  wissen,  mehrmals  die  Sendung  eines  französischen
Bevollmächtigten  begehrt.  Er  verbarg  ihm  freilich  nicht  die
Verstimmung,  welche  Napoleon's  Auftreten  am  5.  Juli  bei
dem  Könige  hervorgerufen,  und  sprach  noch  stärker  sein  Bedauern
  aus,  als  Bencdetti  nur  mit  dem  Verlangen  rasches
Waffenstillstandes  beauftragt,  für  die  Friedensverhandlung
aber  ohne  Instruction  zu  sein  erklärte.  Benedetti  predigte
Mäßigung,  um  nicht  die  neutralen  Mächte  zu  thätiger  Dazwischenkunft
  zu  nöthigen;  Bismarck  blieb  bei  seinem  Satze,
        <pb n="284" />
        266  Friedensvorschläge.

daß  ohne  Friedensbasis  und  ohne  Italiens  Zustimmung  ein
Stillstand  unmöglich  sei.  Das  Gespräch  dauerte  ergebnißlos
bis  vier  Uhr  Morgens,  worauf  dann  Bismarck  den  Botschafter
und  dessen  Secyetär  ersuchte,  sein  einsames  Quartier  mit  ihm
zu  theilen.  Am  folgenden  Tage  wurde  Benedetti  von  dem
Könige  in  Czernahora  empfangen.  Es  zeigte  sich,  daß  der
Monarch  vollständig  auf  den  Standpunkt  von  Bismarck's
am  9.  nach  Paris  gesandter  Depesche  hinüber  getreten  war.
Er  forderte  nicht  mehr  die  Suprematie  über  ganz  Deutschland,
  um  so  bestimmter  aber  den  Nordbund,  und  innerhalb
desselben  territoriale  Verbindung  der  beiden  Hälften  des
preußischen  Staates.  Benedetti  konnte  natürlich  hierüber
keine  amtliche  Auskunft  ertheilen,  drängte  aber  um  so  mehr
auf  den  Waffenstillstand.  Der  König  berief  Moltke  und
einige  andere  Generale  des  Hauptquartiers  zu  einer  Besprechung
der  militärischen,  hiefür  erheblichen  Rücksichten.  Man  einigte
sich  dahin,  daß  einige  Ruhetage  der  preußischen  Kriegführung
nützlich  sein  könnten;  die  unausgesetzten  Märsche  hatten  die
Kräfte  von  Mann  und  Roß  schwer  angestrengt,  die  Fußbekleidung
  der  Soldaten,  den  Hufbeschlag  der  Pferde  stark
mitgenommen;  einige  Tage  zur  Herstellung  würden  recht  ersprießlich
  sein.  So  wurde  Benedetti  folgender  Vorschlag
gemacht:  Um  für  die  Zeit,  in  der  man  Italiens  Äußerung.
über  den  Stillstand  und  Goltz's  Antwort  auf  die  Depesche
vom  9.  Juli  erwartete,  dem  Kaiser  der  Franzosen  die  entgegenkommende
  Gesinnung  Preußens  darzuthun,  wolle  man,
gleiches  Verhalten  Osterreichs  vorausgesetzt,  sich  während  drei
Tagen  jeder  Feindseligkeit  enthalten;  dabei  würde  Preußen
seine  Streitkräfte  auf  drei  Meilen  weit  von  Olmüg,  Oster
reich  die  auf  dem  linken  Thaja-Ufer  stehenden  Truppen  hinter
        <pb n="285" />
        Vergeblicher  Antrag  Benedetti's  auf  Wasfenstillstand.  267

den  Fluß  zurückziehen;  im  Ubrigen  werden  alle  Streitkräfte
beider  Theile  an  der  Stelle  stehen  bleiben,  wo  sie  sich  augenblicklich
  befänden.  Benedetti's  Secretär  überbrachte  diesen
Vorschlag  nach  Wien.  Hier  aber  fand  man,  daß  dadurch
die  Ankunft  der  beiden  Armeen  an  der  Donau  verzögert
würde,  worauf  man  sich  nimmermehr  einlassen  könne,  und
antwortete  durch  einen  Gegenvorschlag,  nach  welchem  die
preußischen  Truppen  zwei  Meilen  weit  von  dem  Marchflusse
entfernt  bleiben  sollten,  mithin  Benedek's  Marsch  an  die
Donau  gesichert  werden  würde.  Dies  wurde  dann  ebenso
bestimmt  von  Preußen  abgelehnt,  und  die  Feindseligkeiten
behielten  demnach  ihren  Fortgang.

Schon  im  Laufe  des  14.  Juli  hatte  General  von  Hartmann,
  der  mit  seiner  Reiterdivision  die  Spitze  der  zweiten
Armee  bildete,  die  Meldung  gemacht,  daß  seine  Vorposten
feindliche  Truppenzüge  von  Olmütz  nach  Süden  wahrnähmen,
daß  nach  Aussagen  von  Gefangenen  Benedek's  ganze  Armee
nach  Wien  auf  dem  Marsche  sei,  daß  Angaben  der  Einwohner
dies  Alles  bestätigten.  Der  General  bat  also  um  Unterstützung
  von  Infanterie,  um  zunächst  auf  Tobitschau  an  der
March,  und  von  dort  vielleicht  weiter  auf  die  Eisenbahnstation
  Prerau  losgehen  zu  können.  Es  wurde  ihm  während
der  Nacht  die  Brigade  Malotki  vom  ersten,  bei  Proßnitz
stehenden  Corps  zugesandt,  und  dann  am  Morgen  des  15.
der  Angriff  auf  Tobitschau  begonnen.

Auf  der  österreichischen  Seite  standen  die  Dinge  wie
folgt.  Der  Eisenbahntransport  hatte  das  dritte  Corps  und
einen  Theil  der  ersten  sächsischen  Division  bereits  nach  Wien
befördert;  der  Rest  der  letztern  hatte  heute  die  Fahrt  begonnen
  und  Prerau  passirt.  Die  sonstigen  Truppen  hatte
        <pb n="286" />
        268  Friedensvorschläge.  ·

Benedek  für  den  Fußmarsch  in  drei  Staffeln  getheilt,  die
erste,  das  zweite  und  das  vierte  Corps,  war  ebenfalls
schon  an  Prerau  und  Tobitschau  nach  Süden  vorüber  gezogen;
die  zweite,  das  erste  und  achte  Corps,  kam  jetzt  eben  auf
dem  linken  Marchufer  heran,  und  hatte  zu  ihrer  Flankendeckung
  die  Brigade  Rothkirch  vom  achten  Corps,  die  einzige,
die  noch  nicht  gegen  Preußen  gefochten  1),  auf  das  rechte
Ufer  vorgeschoben;  die  dritte  Staffel,  das  sechste  Corps  und
die  zweite  sächsische  Division,  waren  noch  zurück.  Malotki's
Vorgehen  traf  also  in  Tobitschau  auf  die  Brigade  Rothkirch,
  welche  bei  der  Annäherung  des  Feindes  ihre  Batterien
  sofort  in's  Feuer  setzte,  und  bald  auch  durch  die
Corps-Geschütz-Reserve  verstärkt  wurde.  Eine  Weile  leisteten
die  Osterreicher  mannhaften  Widerstand,  dann  aber  stellte  sich
auch  hier  das  Übergewicht  des  preußischen  Feuergefechtes
heraus,  und  nun  erschienen  Hartmann's  westpreußische  Cürassiere
  auf  dem  Kampfplatze,  fielen  mit  einem  überraschenden
Flankenangriffe  über  die  feindlichen  Batterien  her,  und  eroberten
  mit  stürmender  Hand  nicht  weniger  als  18  Geschütze.
Benedek,  der  selbst  in  der  Nähe  war,  sandte  einige  Truppen
zu  Hülfe,  als  dann  aber  auch  General  Bonin  eine  zweite
Brigade  zu  Malotki's  Unterstützung  heranführte,  traten  die
Osterreicher  den  Rückzug  an.  Tobitschau  blieb  in  preußischem
Besitz.  Am  Nachmittag  ging  dann  Hartmann  mit  zwei
Husarenregimentern  über  die  March,  und  ritt  eine  Stunde
weit  bis  zu  dem  Städtchen  Roketnitz  in  das  Land  hinein.
Er  sprengte  mehrere  kleine  Infanterie-Abtheilungen  auseinander,
  überraschte  eine  lange  Traincolonne,  machte  viele

1)  Sie  war  zur  Beobachtung  der  schlesischen  Südgrenze  detachtrt
gewesen.
        <pb n="287" />
        Gefecht  bei  Tobitschau.  269

Gefangene,  ging  dann  aber,  als  eines  seiner  Regimenter.  durch
einen  Angriff  österreichischer  Husaren  geworfen  worden  war,
wieder  über  den  Fluß  zurück.

Schon  diese  Vorgänge  mußten  es  Benedek  zweifelhaft
erscheinen  lassen,  ob  er  seinen  Zug  im  Marchthal  würde  fortsetzen
  können.  Als  er  dann  am  Abend  die  Nachricht  erhielt,
daß  auch  weiter  stromabwärts  preußische  Truppen  Göding
besetzt  und  der  sächsischen  Abtheilung  die  Bahn  verlegt  hatten,
war  offenbar  der  von  Erzherzog  Albrecht  vorgesehene  Fall
eingetreten,  und  Benedek  sandte  Befehl  an  seine  sämmtlichen
Corps,  von  der  March  ostwärts  abzuschwenken,  über  die
Pässe  der  kleinen  Karpathen  in  das  Thal  der  Waag  zu
ziehen,  und  von  dort,  mit  einem  Umweg  von  etwa  zehn
Meilen,  nach  Preßburg,  zu  gelangen.  Es  wurde  damit  völlig
unsicher,  ob  seine  100000  Mann  zeitig  genug  die  Donau
erreichen  würden,  um  an  der  dort  bevorstehenden  letzten  Entscheidungsschlacht
  Untheil  zu  nehmen.  Ein  neuer,  vielleicht
sehr  erheblicher  Gewinn  für  die  preußische  Sache  war  auf
diese  Art  erlangt.
        <pb n="288" />
        8.  Capitel.
Die  Friedenspräliminarien.

In  Wien  wie  im  preußischen  Hauptquartier  fand  die
von  Napoleon  am  14.  Juli  vorgeschlagene  Friedensbasis  nur
einen  sehr  bedingten  Beifall.

Gleich  nach  dem  Gespräche  Napoleon's  mit  Goltz  am
11.  Juli  hatte  Drouyn  de  Lhuys  dem  Herzog  von  Gramont
mitgetheilt,  daß  man  die  preußischen  Forderungen  zwar  noch
nicht  kenne,  immer  aber  den  Ausschluß  Osterreichs  aus  dem
deutschen  Bunde  als  die  erste  Friedensbedingung  betrachte.
Es  war  nicht  das  erste  Mal,  daß  nach  Königgrätz  dieses
Wort  in  der  kaiserlichen  Hofburg  ausgesprochen  wurde.
Als  der  Umfang  der  Niederlage  dort  bekannt  geworden,
hatte  der  Kaiser  den  großen  Führer  der  ungarischen  Opposition,
  Franz  Deäk,  nach  Wien  entboten  und  seinen  Rath
gesordert.  Deäk  rieth,  Osterreich  möge  die  Quelle  des  Unheils
  schließen,  indem  es  aus  dem  deutschen  Bunde  ausscheide;
  weder  die  Dynastie  noch  das  Reich  werde  dadurch  an
Kraft  und  Ansehen  verlieren.  Ubrigens  werde,  fügte  er  hinzu,
Ungarn  mit  aller  Macht  in  den  Krieg  eintreten,  sobald  der
Kaiser  die  alten  constitutionellen  Forderungen  des  Landes
        <pb n="289" />
        Osterreichs  hinhaltende  Politik  gegen  Napoleon.  271

genehmige!).  Das  Letztere  war  nun  eine  verwickelte  Frage
des  innern  Staatsrechts;  das  Erstere  kostete  nur  einen  einfachen,
  nach  den  gemachten  Erfahrungen  kaum  noch  schweren
Entschluß.  So  antwortete  Graf  Mensdorff  nach  Paris  umgehend
  am  12.  Juli,  daß  er  über  Osterreichs  Austritt  aus
dem  Bunde  jede  Außerung  verschieben  müsse,  bis  er  Preußens
sonstige  Begehren  kenne;  denn,  wenn  sich  darunter  unannehmbare,
  wie  z.  B.  das  einer  Gebietsabtretung,  befänden,  so
würde  Osterreich  lieber  mit  Ehren  untergehen,  als  un  solchen
Preis,  den  Frieden  erkaufen.  Damit  war,  wie  man  sieht,
jede  Landabtretung,  aber  keineswegs  der  Austritt  aus  dem
Bunde  als  unmöglich  bezeichnet,  und  hienach  hatte,  wie  wir
sahen,  Napoleon  seinem  Programm  die  Unverletzlichkeit  des
österreichischen  Besitzstandes  außer  Venetien  hinzugefügt;  dennoch
  aber  war  das  Wiener  Cabinet,  als  es  am  15.  Juli  den
französischen  Vorschlag  empfing,  schwer  betroffen,  daß  Napoleon's
  Beistand  so  weit  hinter  den  am  12.  Juni  ausgetauschten
Erwartungen  zurückblieb,  und  demnach  war  Mensdorff's  Antwort
  am  16.  Juli  wieder  eine  aufschiebende.  Ehe  Osterreich
sich  entscheiden  könne,  müsse  es  zunächst  erfahren  haben,  ob
Preußen  das  Programm  annehme.  Der  Gedanke  lag  nahe,
daß,  wenn  Preußen  es  ablehne,  die  dann  harmlos  gewordene
Annahme  Dsterreichs  den  französischen  Kaiser  vielleicht  auf
den  Standpunkt  des  5.  Juli  zurückführen  würde.

Man  hatte  Gründe  in  Fülle,  eine  solche  Wendung
zu  ersehnen.  Denn,  wenn  auch  in  diesem  Augenblick  die
Truppen  der  aus  Italien  herbei  gerufenen  Corps  in  Wien
einzutreffen  begannen  und  bis  zum  21.  Juli  vollständig  dort

1)  Aus  einem  Briefe  Deäkl’'s  mitgetheilt  von  Nemenyi,  „Deutsche
Rundschau“.
        <pb n="290" />
        272  Die  Friedenspräliminarien.

versammelt  sein  konnten,  so  daß  dann  die  Donau  durch
ungefähr  120000  Mann  geschützt  war,  so  konnte  doch  um
dieselbe  Zeit  der  Gegner  in  gleicher  Zahl  den  Strom  erreichen,
und  es  blieb  die  sorgenschwere  Frage,  ob  weiterhin  Benedek
oder  der  preußische  Kronprinz  früher  vor  Wien  anlangen
würde.  Geradezu  trostlos  aber  war  die  innere  Lage.  Für
die  Finanzen  hatte  Graf  Larisch  keine  andere  Hülfe,  als  ein
Anlehen  bei  der  Bank  von  60  Millionen  Papiergulden.  Der
hohe  Klerus,  dem  das  Concordat  die  freie  Verwaltung  der
colossalen  Kirchengüter  zugewandt,  hatte  auf  das  Ersuchen
des  Ministers  um  eine  größere  Anleihe  erwidert,  daß  zu
seinem  tiefen  Kummer  das  Concordat  jede  Veräußerung  von
Kirchengut  verbiete,  und  sich  begnügt,  seiner  Vaterlandsliebe
durch  ein  Almosen  von  200000  Gulden  für  die  Pflege  der
Verwundeten  Ausdruck  zu  geben.  Ungarn  blieb  unerbittlich
auf  dem  alten  Standpunkt:  Forderung  seiner  Verfassungsgesetze
  und  eines  verantwortlichen  Ministeriums,  vor  der
Gewährung  aber  keine  Leistung  zum  Kampf  gegen  Preußen.
Deak  beklagte,  daß  Ungarn  zur  Zeit  todt  sei,  und  nur  durch
kaiserliche  Bestätigung  der  Verfassung  wieder  zum  Leben  erweckt
  werden  könnte.  In  den  Üübrigen  Kronlanden  bot  die
Regierung  den  Landsturm  auf;  Tirol  stellte  dann  einige
Tausend  Mann,  sonst  aber  waren  nur  heftige  Verwahrungen
der  Bevölkerung  die  Folge.  Die  Hauptstadt  Wien  bildete
zwar  ein  Freiwilligencorps,  in  welchem  die  in  der  Stadt  zusammengeströmten
  Vagabunden  unter  militärische  Disciplin
gestellt  wurden,  und  richtete  zum  Schutze  der  Sicherheit  und
des  Eigenthums  eine  Bürgerwehr  von  20000  Hausbesitzern
und  Beamten  ein,  sandte  aber,  um  keinen  Zweifel  über  ihre
Meinung  zu  lassen,  ihren  Bürgermeister  zum  Kaiser,  mit  der
        <pb n="291" />
        Friedenswünsche  der  österreichischen  Bevölkerung.  273

flehentlichen  Bitte,  die  offene  Stadt  Wien  nicht  durch  hartnäckige
  Vertheidigung  den  Greueln  einer  Belagerung  auszusetzen,
  und  ließ  bald  nachher  eine  dringende  Vorstellung
folgen,  die  patriotische  Begeisterung  der  österreichischen  Völker
durch  Herstellung  des  Verfassungsrechts  neu  zu  beleben.  Das
Alles  gab  trübe  Aussichten  für  einen  weitern  Kampf  auf
Leben  und  Tod.  Dabei  drängte  Napoleon  auf  rasche  Beendigung
  des  Krieges;  Gramont  schilderte  ihm  zwar  höchst
eindringlich,  daß  Preußen  im  Westen  völlig  wehrlos  sei,
Napoleon  also  durch  eine  kleine  Demonstration  am  Rhein
den  Frieden  auf  der  Stelle  ganz  nach  seinem  Willen  dictiren
könne,  erhielt  darauf  aber  keine  Antwort,  und  am  16.  kam
sein  College  Benedetti  auf  kaiserlichen  Befehl  nach  Wien,  um
erneute  Mahnungen  zum  Friedensschluß  ausgehen  zu  lassen.

Was  Preußen  betraf,  so  empfing  Bismarck  bei  den
steten  Störungen  des  böhmischen  Telegraphendienstes  die
Pariser  Nachrichten  lange  nicht  so  schnell  wie  Gramont  und
durch  diesen  Mensdorff.  Seit  Benedetti's  Ankunft  hatte  er
mit  ihm  tägliche  Erörterungen  über  Preußens  Mäßigung  und
Frankreichs  Wohlwollen  gehabt.  In  Bezug  auf  die  preußischen
  Annexionen  ließ  Benedetti  durchblicken,  daß  Napoleon
wahrscheinlich  gegen  die  Aneignung  Hannovers  und  Hessens
keinen  Widerspruch  erheben  würde;  als  dann  aber  Bismarck
weiter  forschte,  ob  Napoleon  dafür  Compensationen  begehren
würde,  und  welche,  hüllte  sich  der  Botschafter  in  eisiges
Schweigen,  und  verharrte  in  demselben,  auch  als  Bismarck
große  Bereitwilligkeit  zu  solchen  Zugeständnissen  erkennen  ließ,
vorausgesetzt,  daß  Frankreich  seine  Ausdehnung  nicht  auf
deutschem  Boden,  sondern  anderwärts  (also  in  Belgien  oder

der  französischen  Schweiz)  suchen,  und  die  Sacke,  allein  mit
v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches  V.
        <pb n="292" />
        274  Die  Friedensprälimlnarien.

Preußen,  ohne  Zuziehung  der  andern  Höfe  abmachen  würde.
Benedetti's  Schweigen  hatte  zur  Zeit  den  ausreichenden
Grund,  daß  ihm  Napoleon's  Absichten  über  diese  Fragen
völlig  unbekannt  waren:  Bismarck  aber,  der  an  eine  solche
Unwissenheit  nicht  recht  glaubte,  sah  darin  ein  Anzeichen  bedenklicher
  Hinterhaltigkeit  der  französischen  Politik.  Am
15.  Juli,  demselben  Tage,  an  welchem  Gramont  dem  Wiener
Cabinet  bereits  das  napolconische  Friedensprogramm  vom  14.
vorlegen  konnte,  empfing  Bismarck  erst  ein  Telegramm  des
Grafen  Goltz  über  sein  Gespräch  mit  Napoleon  am  11.
Darin  fond  sich  nicht  bloß  kein  Wort  über  die  preußischen,
Goltz  damals  noch  unbekannten,  Annexionswünsche,  sondern
der  Botschafter  erwähnte  auch,  daß  Napoleon  gegen  die  Ausschließung
  Osterreichs  aus  dem  deutschen  Bunde  Bedenken
habe,  und  wenn  Preußen  zu  hohe  Forderungen  stelle,  eine
französische  Kriegserklärung  möglich  sei.  Das  Alles  ließ  dem
Minister  das  Gelingen  der  französischen  Vermittlung  äußerst
mißlich  erscheinen,  und  da  er  entschlossen  war,  ungebührliche
Zumuthungen  auf  jede  Gefahr  abzuweisen,  so  kam  er  auf
den  Gedanken  zurück,  einen  Versuch  zu  direrter  Verständigung
mit  Osterreich  ohne  französische  Mitwirkung  zu  machen.
Gerade  in  diesen  Tagen  bot  sich  hiefür  die  Möglichkeit
einer  außeramtlichen  Anknüpfung.  Börgermeister  von  Brünn
war  Dr.  Giskra,  einst  Abgeordneter  zum  Frankfurter  Parlament,
  seither  Mitglied  des  österreichischen  Reichsraths,  ein
talentvoller,  geschäftserfahrener  Mann,  der  in  der  Paulskirche
  das  österreichische  Interesse  beredt  verfochten  hatte,  in
Osterreich  aber  ebenso  nachdrücklich  den  deutschen  Standpunkt
vertrat.  Bismarck  beschied  ihn  zu  sich,  und  forderte  ihn  auf,
nach  Wien  zu  reisen,  und  dort,  wenn  möglich,  Friedensver-
        <pb n="293" />
        Bismarck  versucht  eine  directe  Verständigung.  275

handlungen  anbahnen  zu  helfen.  „Die  Bereitwilligkeit,  hat
Giskra  später  öffentlich  erzählt:),  den  Frieden  zu  schließen,
und  zwar  in  Brünn  den  Frieden  zu  schließen,  wurde  ausdrücklich
  vom  Grafen  Bismarck  betont,  und  zwar  auf  Grund
folgender  wesentlicher  Bestimmungen,  daß  mit  Ausschluß
Venetiens  der  Länderbestand  Osterreichs  integer  bleibe,  daß
keinerlei  Kriegsentschädigung  gezahlt  werde,  daß  in  Deutschland
  der  Main  die  Grenze  für  die  preußischen  Bestrebungen
zu  bilden  habe,  daß  Süddeutschland  freie  Hand  behalten,
und  Osterreich  nach  eignem  Ermessen  sich  mit  demselben  in
Verbindung  setzen  möge;  Alles  dies  jedoch  unter  der  einen
Bedingung,  daß  jede  Intervention  oder  Mediation  von  Frankreich
  beim  Frieden  ausgeschlossen  bleibe.“  Giskra  war  völlig
einverstanden,  und  da  ihm  seine  durch  die  preußische  Occupation
  verdoppelten  Amtsgeschäfte  die  Reise  nicht  verstatteten,
beauftragte  er  unter  Bismarck's  Zustimmung  den  Baron
Herring,  Präsidenten  des  Brünner  Handelsgerichtes,  mit  der
Mission,  welcher  dann  sofort  nach  Wien  hinüber  eilte.  Bismarck's
  Hoffnung  auf  einen  günstigen  Erfolg  wuchs,  als  am
17.  Juli  ein  Telegramm  des  Grafen  Goltz  die  Meldung
brachte,  daß  Pfordten  zwar  eine  Separatverhandlung  über
die  preußische  Bundesreform  ablehne,  daß  aber  Osterreich
eine  unmittelbare  Verhandlung  mit  Preußen  beabsichtige,
Pfordten  davon  in  Kenntniß  gesetzt  habe,  und  dieser  deshalb
nach  Wien  abreise.  6
Indessen  kam  an  demselben  17.  Juli  ein  weiteres  Telegramm
  des  Grafen  Goltz  mit  der  von  ihm  mit  Napoleon
am  14.  festgestellten  Friedensbasis  in  Bismarck's  Hände.
Hier  wurde  allerdings  der  Ausschluß  Osterreichs  aus  dem
)  In  der  Sitzung  der  Delegationen,  30.  Januar  1#71.
        <pb n="294" />
        276  Die  Friedenspräliminarien.

deutschen  Bunde  anerkannt,  aber  zu  großem  Befremden  war
von  den  preußischer  Seits  begehrten  Annexionen  trotz  des
Erlasses  vom  9.  Juli  wieder  keine  Rede.  Der  König  war
äußerst  unwillig.  Was  in  Napoleon's  Programm  ausgesprochen
  war,  hatte  durchaus  seinen  Beifall,  er  befahl,  es
en  bloc  anzunehmen.  Aber  daß  das  Beste  darin  fehlte,
regte  seinen  ganzen  Unmuth  auf.  Seitdem  er  nach  Bismarck's
  Vorschlag  auf  die  Hegemonie  über  das  ganze  Deutschland
  verzichtet,  hatten  sich  seine  Wünsche  auf  preußischen
Landerwerb  erweitert,  wenn  auch  noch  nicht  im  Einzelnen
festgestellt.  Die  große  Zahl  der  besiegten  Widersacher  bot
eine  reiche  Auswahl  wünschenswerther  Abtretungen.  Bisher
hatte  er  nicht  an  völlige  Entsetzung  eines  deutschen  Fürstenhauses
  gedacht:  aber  der  Hauptgegner,  Osterreich,  könnte
einige  Stücke  Böhmens,  der  eigentliche  Schürer  des  Krieges,
Sachsen,  die  Kreise  Leipzig  und  Bautzen  hergeben;  von
Bayern  dürfte  man  die  althohenzollern'schen  Lande,  Ansbach
und  Bayreuth,  von  Hannover  Ostfriesland  und  die  dereinstige
  Thronfolge  in  Braunschweig  fordern;  Hessen  hätte
abzutreten,  was  zur  Verbindung  der  beiden  Hälften  des
preußischen  Staates  nöthig  wäre;  auch  kam  er  gerne  auf
die  Abdankung  der  feindlichen  Souveräne  zu  Gunsten  ihrer
Thronfolger  zurück.  Bismarck  bemerkte,  diese  Erben  würden
ebenso  feindselig  wie  ihre  Vorgänger,  Ansbach  und  Bayreuth
aber  unzuverlässige  Provinzen  sein,  da  Preußen  sie  bei  ihrer
Entlegenheit  nicht  immer  würde  schützen  können;  er  mahnte
überhaupt,  Europa  gegenüber  den  Bogen  nicht  zu  stark  zu
spannen.  Aber  er  hatte  damit  einen  schweren  Stand,  vor
Allem  bei  der  militärischen  Umgebung  des  Königs,  welche  in
ihrem  Siegesstolze  kein  Maaß  mehr  kannte,  und  noch  weiter
        <pb n="295" />
        Antwort  auf  das  französische  Friedensprogramm.  277

als  der  König  selbst  ihre  Anforderungen  steigerte.  Bei  Bismarck's
  nervöser  Überreizung  war  es  oft  zu  heftigen  Scenen
gekommen;  eine  große  Wohlthat  für  ihn  war  es,  daß  der
Kronprinz  in  seiner  ruhigen  Weise  ihm  mehrmals  ausgleichend
zur  Seite  stand.

Damals  nun,  am  17.  Juli,  galt  es,  dem  französischen
Programm  gegenüber  die  Frage  der  Annexionen  offen  zu
halten.  Unter  königlicher  Genehmigung  telegraphirte  Bismarck
dem  Grafen  Goltz:

„Als  Friedensbasis  ist  der  Inhalt  Ihres  Telegramms
vom  14.  nicht  ausreichend.  Die  schon  früher  erwähnten
Annexionen  sind  eine  Nothwendigkeit  geworden,  wenn  das
preußische  Volk  befriedigt  werden  soll.  In  dem  Programme
fehlt  jede  Andeutung  eines  solchen  Erwerbs.  Wenn  Napoleon
  uns  für  diesen  seine  Unterstützung  bei  den  Friedensverhandlungen
  zusagt,  können  wir  im  Vertrauen  auf  ihn  das
Programm  vom  14.  dem  Waffenstillstand  zu  Grunde
legen,  und  in  Florenz  die  Annahme  des  letztern  empfehlen,
sobald  Osterreich  jenes  politische  Programm  annimmt,  und
die  nothwendigen  militärischen  Voraussetzungen  erfüllt  werden.
Hiezu  wollen  wir  fünf  Tage  Zeit  lassen,  und  also,  von  dem
Momente  an,  wo  uns  Frankreichs  Einverständniß  mit  Vorstehendem
  bekannt  wird,  uns  unter  Bedingung  der  Reciprocität
fünf  Tage  lang  jeder  Feindseligkeit  enthalten.  Dies  militärisch
nachtheilige  Opfer  von  fünf  Tagen  bringen  wir  nur,  um
Napoleon  gefällig  zu  sein.“

In  einer  zweiten  Depesche  sprach  sich  Bismarck  näher
über  die  Annexionen  aus.  „Frankreichs  Bedürfniß  ist,  daß  in
dem  neu  zu  stiftenden  Bunde  Süddeutschland  von  der  Herrschaft,
  welche  Preußen  in  Norddeutschland  erstrebt,  frei  bleibe.
        <pb n="296" />
        278  Die  Friedensprällminarien.

Dies  zuzusichern,  sind  wir  bereit;  wir  können  das  Verhältniß
zu  Süddeutschland  ganz  lösen,  oder  das  alte,  erfahrungsmäßig
haltlose  Bundesverhältniß  mit  Süddeutschland  ohne  Osterreich
herstellen.  Die  Hauptsache  für  uns  ist  im  gegenwärtigen
Augenblick  die  Annexion  von  drei  bis  vier  Millionen
  norddeutscher  Einwohner.  Das  Übrige  findet
sich  auf  dem  Wege  des  Parlaments,  und  ist  Überhaupt  mehr
innere  deutsche  Angelegenheit,  bezüglich  deren  wir  aber  Frankreich
  eine  bindende  Zusicherung  unserer  Enthaltsamkeit  in
Betreff  Süddeutschlands  geben  können.“

Endlich  machte  Bismarck  dem  Botschafter  noch  eine  vertrauliche
  Mittheilung,  von  der  er  sich  einen  trefflichen  Eindruck
  auf  Napoleon's  Stimmung  versprechen  durfte:  er  sei
nach  Lage  der  Dinge  in  Paris  mit  Moltke  einig,  nicht  nach
Wien  zu  gehen,  und  hoffe  dafür  auf  Genehmigung  des
Königs;  ein  Vordringen  bis  an  die  Donau  unter  Bedrohung
  Wiens  würde  allerdings  unerläßlich  sein,  um  dort
die  durch  Hoffnung  auf  französische  Hülfe  gekräftigte  Neigung
zu  weitern  Kämpfen  zu  überwinden.

Mit  nicht  geringer  Spannung  wartete  man  nun,  während
die  Truppen  ununterbrochen  im  Zuge  gegen  Süden  blieben,
auf  die  diplomatische  Entscheidung.  Sie  kam,  wie  begreiflich,
zuerst  aus  Wien.

Dort  hatte  Benedetti  alle  Mittel  der  berreung  aufgeboten,
  um  die  österreichische  Regierung  zur  Annahme  des
napolconischen  Programms  und  überhaupt  zur  Friedenspolitik
zu  bestimmen.  Wir  sahen,  wie  viele  Gründe  den  kaiserlichen
Hof  zu  dieser  Richtung  hindrängten.  Daß  der  Austritt  aus
dem  deutschen  Bunde  nicht,  wie  die  Forderung  einer  Landabtretung,
  ein  absolutes  Hinderniß  bilde,  hatte  Mensdorff
        <pb n="297" />
        Hsierreich  nimmt  Napoleon's  Programm  an.  279

schon  in  jener  Außerung  vom  12.  Juli  erkennen  lassen:  die
Sympathie  für  die  deutschen  Mittelstaaten  war  durch  deren
kriegerische  Leistungen  tief  unter  den  Gefrierpunkt  gesunken.
Mochte  dann  Preußen  seinen  Nordbund  nach  Belieben  einrichten;
  dagegen  ließ  der  Verlauf  des  Feldzugs  keinen  Widerspruch
  mehr  aufkommen.  Hieran  knüpfte  darauf  Benedetti
die  Erwähnung  der  von  Preußen  beabsichtigten  Annexionen.
Am  18.  Juli  traten  die  Minister  Mensdorff  und  Esterhazy
zu  einer  letzten  Conferenz  mit  Benedetti  und  Gramont  zusammen.
  Über  Napoleon's  Programm  bestand  keine  Verschiedenheit
  der  Meinungen  mehr;  hinsichlich  der  preußischen
Annexionen  wollte  Mensdorff  noch  keine  bindende  Kußerung
thun,  jedoch  ließ  seine  Erörterung  den  Botschaftern  keinen
Zweifel,  daß  das  Wiener  Cabinet  den  preußischen  Wünschen
zustimmen  würde,  unter  der  einen  Bedingung,  daß  die  Selbständigkeit
  und  das  Gebiet  des  Königreichs  Sachsen  unversehrt
  bleibe,  des  einzigen  Staates,  welcher  treu  und  wirksam
an  Osterreichs  Seite  ausgehalten  habe.  Hienach  beschloß
Benedetti,  des  Erfolges  gewiß,  nach  Nikolsburg,  wohin  so
eben  das  preußische  Hauptquartier  verlegt  worden  war,  am  19.
zurückzukehren;  Gramont  würde  ihm  die  amtliche  Erklärung
Osterreichs,  sobald  sie  erfolgt  wäre,  nachsenden.

Neben  dieser  französischen  Unterhandlung  war  gleichzeitig
auch  Baron  Herring  thätig  gewesen.  Was  er  zu  bieten  hatte,
ging  erheblich  über  Napoleon's  Vorschläge  vom  14.  Juli  zu
Osterreichs  Gunsten  hinaus:  außer  dem  Wegfall  der  Zahlung
der  Kriegskosten  erschien  die  Möglichkeit,  durch  Einvernehmen
mit  den  Südstaaten  eine  starke  Position  in  Deutschland  neben
dem  erstarkten  Preußen  zurück  zu  gewinnen.  Es  war,  mit
einem  Worte,  die  Aufforderung,  nach  ehrlichem  Kampfe  die
        <pb n="298" />
        280  Die  Friedenspräliminarien.

alte  Freundschaft  wieder  herzustellen,  jetzt,  wo  durch  die
Sprengung  des  Bundestags  die  Quelle  alles  Haders  geschlossen
  war.  In  der  That  wurde  im  ersten  Augenblick
Herring's  Sendung,  wie  Giskra  berichtet,  „hohes  Orts  sehr
gnädig,  sehr  befriedigt  und  angenehm  überrascht  über  das
unerwartete  Anerbieten,  sogar  mit  Enthusiasmus  über  diese
unerwartete  Wendung  ausgenommen.“  Hätte  man  nach  diesem
frischen  Eindruck  frisch  gehandelt,  so  wäre  höchst  wahrscheinlich
  der  Friede  in  24  Stunden  zum  Abschluß  gelangt.  Für
Napoleon  wäre  der  Schlag  entsetzlich  gewesen,  doch  hätte  er
nach  all  seinen  Schwankungen  und  Unzuverlässigkeiten  vom
8.  April,  12.  Juni,  5.  und  11.  Juli  kaum  einen  Grund  zur
Beschwerde  gehabt.  Das  wahre  Interesse  Frankreichs  aber
hätte  wahrlich  nicht  gelitten,  wenn  schon  1866  die  österreichischpreußische
  Allianz  zum  Abschluß  gelangt,  und  damit  der
Krieg  von  1870  verhindert  worden  wäre.  Allein  es  sollte
anders  kommen,  um  Deutschlands  Zukunft  durch  schwere
Opfer  zu  reineren  Resultaten  zu  führen.  Jener  ersten  frohen
Aufwallung  in  der  Brust  des  Kaisers  folgten  die  Erwägungen
vorsichtiger  Staatskunst  und  argwöhnisches  Preußenhasses.
Graf  Moritz  Esterhazy,  welcher  damals  starken  Einfluß  auf
die  auswärtigen  Angelegenheiten  übte,  hatte  von  Anfang  an
den  Baron  Herring  sehr  kühl  empfangen;  man  darf  vielleicht
annehmen,  daß  er  dem  Herzog  von  Gramont  von  dem
Zwischenfall  Kenntniß  gegeben  hat.  Jedesfalls  zeigt  sich
Gramont,  der  natürlich  nach  Amt  und  Neigung  ein  scharfer
Gegner  der  von  Herring  überbrachten  Anträge  sein  mußte,
in  seinem  Buche  von  dem  Inhalt  derselben  vollständig  unterrichtet,
  und  bemerkt  dann:  wäre  Osterreich  in  die  Falle  gegangen,
  so  hätte  Bismarck  seinen  Zweck  erreicht,  es  gründlich
        <pb n="299" />
        Die  directe  Unterhandlung  scheitert.  281

mit  Frankreich  in  Zwiespalt  zu  bringen,  es  dann  eine  Weile
in  täuschender  Verhandlung  hinzuhalten,  und  schließlich,  etwa.
unter  dem  Vorwande  mangelnder  Zustimmung  SItaliens,  abzubrechen,
  und  von  Nord  und  Süd  „den  Stoß  in's  Herz“  der  vereinzelten
  Monarchie  zu  führen.  Für  uns  bedarf  es  nicht  erst  der
Bemerkung,  daß  diese  Insinuation  ebenso  grundlos  wie  tückisch
war;  immer  aber  konnte  man  sich  in  Wien  doch  nicht  zu
vollem  Vertrauen  entschließen,  und  nachdem  Herring  fast
dreißig  Stunden  auf  Antwort  gewartet  hatte,  erhielt  er  endlich
  von  Esterhazy  den  ausweichenden  Bescheid:  wenn  Preußen
eine  formelle  Einladung  zu  Friedensverhandlungen  an  Osterreich
  erlassen  wolle,  so  sei  dieses  bereit,  einen  Bevollmächtigten
zu  senden;  nicht  aber  auf  die  vorliegende,  mehr  private  Aufsorderung,
  indem  man  sich  nicht  der  Gefahr  aussetzen  wolle
und  könne,  daß  ein  solcher  Abgesandter  im  preußischen  Hauptquartier
  zurückgewiesen  würde.  Herring  fuhr  darauf  am
19.  Juli  zwei  Paar  Pferde  zu  Tode,  um  noch  rechtzeitig
in  Nikolsburg  einzutreffen.  Aber  als  er  dann  bei  Bismarck
eintrat,  empfing  ihn  dieser  mit  den  Worten:  Sie  sind  um
eine  Stunde  zu  spät  gekommen;  eine  Stunde  früher  würden
die  Verhandlungen  einen  andern  Gang  genommen  haben;
wir  können  jetzt  die  Intervention  Frankreichs  nicht  mehr  ablehnen,
  weil  dieselbe  schon  zugestanden  worden  ist.  Benedetti
war  dem  Brünner  Präsidenten  zuvor  gekommen.

Nachdem  am  20.  Juli  Gramont  die  amtliche  Annahme
Osterreichs  gemeldet  hatte,  übermachte  Bismarck  dem  Herzog
am  21.  den  Vorschlag,  die  Waffenruhe  12  Uhr  Mittags
am  22.  beginnen  zu  lassen,  weil  die  Nachricht  davon  an  die
Führer  der  einzelnen  Heertheile  nicht  wohl  früher  gelangen
könnte.  Als  Erzherzog  Albrecht  sein  Einverständniß  erklärt
        <pb n="300" />
        282  Die  Friedenspräliminarien.

hatte,  gingen  die  betreffenden  Befehle  theils  gleich  am  Abend,
theils  am  folgenden  Morgen  an  die  Armee=  und  Corps-Commandanten
  ab.  Trotzdem  sollte  noch  ein  scharfes,  für
beide  Parteien  rühmliches  Gefecht  die  letzten  Stunden  des
ereignißreichen  Feldzuges  erfüllen.  Die  preußischen  Truppen
waren  bis  dahin  auf  allen  Seiten  in  raschem  Vorgehen  geblieben;
  die  erste  und  die  Elbarmee  hatten  die  schlachtberühmte
Ebene  des  Marchfeldes  erreicht,  von  wo  ihre  Vorposten  über
den  Strom  hinüber  die  Spitze  des  Stephansthurmes  vor
Augen  hatten.  Die  zweite  Armee  hatte  das  erste  Corps  vor
Olmütz  zurückgelassen,  und  folgte  übrigens  in  beschleunigtem
Zuge  die  March  hinab  den  Genossen.  Aus  Prag  rückte  die
Garde-Landwehrdivision  heran;  die  Landwehrdivision  Bentheim
nebst  einer  Anzahl  vierter  Bataillone  war  von  Dresden  und
der  Lausitz  her  im  Anmarsch.  Das  Obercommando  hatte  die
Sicherheit,  binnen  weniger  Tage,  nach  ausreichender  Deckung
der  Etappenstraßen,  eine  Streitmacht  von  194000  Mann  an
der  Donau  versammelt  zu  haben,  welcher  nach  kurzer  Frist
noch  46000  Mann  Verstärkung  zuziehen  würden.  Um,  wenn
möglich,  einen  wichtigen  Ubergangspunkt  über  den  Strom  zu
gewinnen,  hatte  Prinz  Friedrich  Carl  die  siebente  und  achte
Division  unter  Fransecky's  Befehl  von  Marchegg  gegen  Preßburg
  vorgehen  lassen;  mit  der  Einnahme  der  Stadt  hätte
man  nicht  bloß  eine  feste  Brücke  über  die  Donau  erlangt,
sondern  auch  die  feindliche  Nordarmee  zu  einem  weitern  Umwege
  bis  Komorn  genöthigt.  Einstweilen  war  zur  Vertheidigung
  der  Stadt  nur  die  Brigade  Mondel  vom  zehnten  Corps
zur  Hand,  welche  zwei  Stunden  vor  Preßburg,  zwischen  der
Donau  und  den  letzten  Ausläufern  der  kleinen  Karpathen,
eine  feste  Stellung  bei  dem  Dorfe  Blumenau  bezog.  In-
        <pb n="301" />
        Treffen  bei  Blumenau.  283

dessen  war  sowohl  Erzherzog  Albrecht  als  Benedek  auf  die
Bedrohung  des  Punktes  aufmerksam  geworden,  und  das  zunächst
  stehende  zweite  Corps  der  Nordarmee  unter  Graf
Thun  hatte  bereits  am  18.  Juli  Befehl  erhalten,  in  vier
Gewaltmärschen,  wovon  der  letzte  auf  Wagen  zurückzulegen
wäre,  nach  Preßburg  zu  eilen.  Am  Abend  des  21.  traf  in
der  That  die  erste  Brigade  desselben  unter  Oberst  Schütte
bei  Preßburg  ein,  und  schloß  sich  sofort  der  Brigade  Mondel
bei  Blumenau  an,  so  daß  jetzt  14  Bataillone  zur  Abwehr
dort  bereit  standen.  General  Fransecky,  welcher  die  Stärke
der  feindlichen  Stellung  im  Lause  des  Nachmittags  beobachtet
hatte,  beschloß,  sie  nicht  durch  Frontalangriff,  sondern  durch
Umgehung  zu  nehmen,  und  ließ  zu  diesem  Behuf  früh
Morgens  am  22.  den  General  von  Bose  mit  sechs  Bataillonen
  um  die  rechte  Flanke  des  Gegners  herum  auf  kaum
wegsamen  Gebirgs=  und  Waldpfaden  in  den  Rücken  der  feindlichen
  Brigaden  vorgehen,  während  er  selbst  mit  13  Bataillonen
  ein  hinhaltendes  Gefecht  gegen  Mondel's  Front  eröffnete.
  Um  zehn  Uhr  empfing  er  die  Nachricht,  daß  mit
der  Mittagsstunde  die  Feindseligkeiten  einzustellen  seien;  da
er  aber  in  jedem  Augenblicke  Bose's  Eingreifen  und  damit
die  sichere  Vernichtung  des  Gegners,  so  wie  offene  Bahn
nach  Preßburg  erwartete,  widerstand  er  dem  Reize  nicht,  die
noch  übrigen  Stunden  auszunutzen,  und  setzte  das  Gefecht
fort.  Unterdessen  hatte  Bose  unter  großer  Anstrengung  den
bezeichneten  Punkt  erreicht,  fand  sich  hier  aber  neuen  Widersachern
  gegenüber,  da  mittlerer  Weile  auch  die  drei  übrigen
Brigaden  des  Grafen  Thun  eingetroffen  waren,  und  folglich,
wenn  Bose  den  Obersten  Mondel  im  Rücken  bedrohte,  er
seinerseits  von  jenen  in  Flanke  und  Rücken  gefaßt  werden
        <pb n="302" />
        284  Die  Friedensprällminarlen.

konnte.  Der  Ausgang  härtedavon  abgehangen,  ob  ihm  die  Durchbrechung
  der  seindlichen  Stellung  bei  Blumenau  rascher  gelungen
wäre,  als  die  jenseitige  feindliche  Uberzohl  ihn  hätte  erreichen
können:).  Aber  diese  Frage  sollte  nicht  mehr  zur  Entscheidung
gelangen.  Mittag  war  heran  gekommen,  auf  allen  Seiten
ertönten  die  Signale  der  Waffenruhe,  und  Mondel's  Schaaren
defilirten  aus  Blumenau  an  Bose's  Bataillonen  vorüber  nach
Preßburg  zurück.  Der  Tag  hatte  auf  preußischer  Seite  200,
auf  österreichischer  470  Mann  an  Todten  und  Verwundeten
gekostet.

Wenige  Stunden,  nachdem  der  Kanonendonner  bei
Blumenau  verhallt  war,  begann  im  preußischen  Hauptquartier
  das  Friedenswerk.  Am  Nachmittag  des  22.  Juliv)
kamen  die  österreichischen  Unterhändler  auf  Schloß  Nikolsburg
  an,  der  Botschafter  Graf  Karolyi,  der  Geheimrath
Baron  Brenner,  und  für  die  militärischen  Anordnungen
General  Graf  Degenfeld.  Gleich  bei  den  ersten  Gesprächen
erschien  eine  unvermuthete  Wendung  des  französischen  Verhaltens.
  Noch  am  15.  Juli  hatte  Napoleon  dem  Grafen
Goltz  sein  Befremden  über  Gerüchte  von  directer  Unterhandlung
  zwischen  Osterreich  und  Preußen  ausgesprochen;
dergleichen  müsse  seine  Würde  als  anerkannten  Vermittler
herabsetzen;  er  hoffe  bestimmt,  daß  seine  beiden  Botschafter,
Gramont  und  Benedetti,  bei  den  Conferenzen  wenigstens
gegenwärtig  sein  würden.  Aber  wenige  Tage  nachher  hatte
Drouyn  de  Lhuys,  innerlich  zürnend  über  den  Verlauf  der
Dinge,  dem  Kaiser  eine  Note  vorgelegt,  daß  es  im  Interesse
Frankreichs  liege,  sich  nicht  durch  eine  zu  eingehende  Theil-)

  Seine  Lage  war  ähnlich  jener  Richepanse's  bel  Hohenlinden.
")  Das  preußische  Generalstabswerk  sagt  irrig,  am  21.  Jull.
        <pb n="303" />
        Beginn  der  Friedensverhandlungen  in  Nikolsburg.  285

nahme  an  den  Verhandlungen  die  Fähigkeit  zu  entziehen,
gegen  die  möglichen  Folgen  des  Vertrags  zu  wirken;  die
Rolle  des  französischen  Vertreters  solle  sich  fortan  auf  die
eines  Freundes  beider  Parteien  beschränken,  der  bemüht  sein
würde,  etwaige  Schwierigkeiten  durch  seinen  Einfluß  auszugleichen,
  nicht  aber  als  Schiedsrichter  zu  entscheiden  oder
unmittelbaren  Antheil  an  den  Beschlüssen  zu  nehmen.  Demnach
  habe  der  Botschafter  die  Präliminarien  nicht  zu  unterzeichnen
  und  bei  seinem  Verkehr  mit  den  Unterhändlern  die
Überreichung  von  Noten,  sonstigen  Schriftstücken  und  amtlichen
  Mittheilungen  zu  vermeiden!?).

So  geschah  es.  Allerdings  behielt  sich  Frankreich  damit
freie  Hand  für  seine  spätere  Beurtheilung  des  bevorstehenden
Friedensschlusses  vor,  verlor  aber  auch  umgekehrt  jede  Berechtigung,
  gegen  künftige  Anderungen  eines  Vertrages,  an
dessen  Abschluß  es  keinen  Theil  genommen  hatte,  Einspruch
zu  erheben.

Diese  Passivität  Frankreichs  blieb  ohne  Einfluß  auf  den
Gang  der  Verhandlungen.  Dagegen  wirkte  scheinbar  erschwerend,
  in  Wahrheit  aber  förderlich,  das  damalige  Auftreten
  Italiens.  Dort  war  man  auch  jetzt  nicht  zu  großen
militärischen  Erfolgen  gelangt,  im  Gegentheil,  ganz  in  derselben
  Weise  wie  La  Marmora  bei  Custozza,  war  der  ihm
völlig  gleichwerthige  und  geistesverwandte  Admiral  Persano
am  20.  Juli  auf  der  Höhe  von  Lissa  durch  Tegetthoff's
kräftigen  Angriff  gründlich  geschlagen  worden.  Aber  um  so
eifriger  klammerte  man  sich  an  die  Ausbeutung  der  preußischen
Siege;  man  hatte  jetzt  Venetien  ohne  Kampf  besetzt,  auf  zwei
Sciten  die  Grenzen  des  Landes  schon  überschritten,  begehrte

)  Rothan,  Ia  politique  française,  p.  263.
        <pb n="304" />
        286  Die  Friedenspräliminarsen.

außer  dieser  Provinz  auch  die  Abtretung  von  Wälschtirol,
und  war  ebenso  gereizt  durch  das  Ausbleiben  aller  direrten
Friedensanträge  Osterreichs,  wie  verstimmt  gegen  Bismarck
wegen  der  ohne  Italiens  Zustimmung  verabredeten  fünftägigen
  Waffenruhe.  Bismarck  ließ  sich  diese  Wallungen.
wenig  anfechten.  Wir  haben,  sagte  cr,  weder  Waffenstillstand
noch  Fricden  ohne  Italiens  Zuziehung  geschlossen,  sondern
die  fünftägige  Einstellung  der  Feindseligkeiten  nur  zugegeben,
um  über  Beides  verhandeln  zu  können;  übrigens,  wenn  unsere
Truppen  fünf  Tage  lang  ruhen,  so  thun  sie  nichts,  als  was
das  italienische  Heer  nach  Custozza  Wochen  lang  gethan  hat.
Wiederholt  und  nachdrücklich  begehrte  er  demnach,  daß  Graf
Barral,  der  seit  einigen  Tagen  im  Hauptquartier  angekommen,
und  General  Govone,  dessen  Erscheinen  angemeldet  war,  mit
Instructionen  für  die  Theilnahme  an  den  Verhandlungen  versehen
  würden.  Dies  erfolgte  nun  für's  Erste  nicht:  Bismarck
edoch,  welcher  nach  dem  Inhalt  des  Bundesvertrags  bei  der
jetzt  völlig  sichern  ÜUberlassung  Venetiens  an  Italien  von
jeder  weitern  Verpflichtung  gegen  diese  Macht  sich  entbunden
wußte,  ließ  sich  dadurch  nicht  abhalten,  vorzuschreiten.  Auf
österreichischer  Seite  aber  steigerte,  neben  der  zweifelhaften
Beschaffenheit  der  Nordarmee  und  den  drohenden  innern  Zuständen,
  der  italienische  Kampfeseifer  und  Cialdini's  allmähliches
  Vorrücken  die  Friedensliebe  in  hohem  Maaß.
Bismarck  legte  am  23.  Juli  der  ersten  Berathung  mit
Karolyi  und  Brenner  einen  Tags  zuvor  niedergeschriebenen
Entwurf  der  Präliminarien  zu  Grunde.  Die  ersten  drei
Artikel  desselben  wiederholten  die  Sätze  des  napoleonischen
Programms,  die  Integrität  Osterreichs  außer  Venetien  unter
der  Verheißnng  des  Abmarsches  der  preußischen  Truppen  nach
        <pb n="305" />
        Preußischer  Entwurf  der  Präliminarien.  287

dem  definitiven  Frieden,  Auflösung  des  deutschen  Bundes,
Anerkennung  des  von  Preußen  zu  bildenden  norddeutschen
Bundes,  Einverständniß,  wenn  die  Staaten  südlich  des  Maines
in  einen  Verein  zusammen  treten,  dessen  nationale  Verbindung
mit  dem  Nordbunde  der  nähern  Verständigung  zwischen  beiden
vorbehalten  bleibt  (hier  waren  die  Worte,  daß  der  Südbund
eine  internationale  unabhängige  Stellung  haben  würde,  weggelassen);
  endlich  die  Übertragung  aller  Rechte  Osterreichs  an
Schleswig-Holstein  auf  die  Krone  Preußen,  unter  Rückcession
Nordschleswigs,  falls  die  Bevölkerung  sie  wünschen  sollte.
Ülber  dies  Alles  war  ohne  Weiteres  Einverständniß  vorhanden.
  Aber  bei  dem  folgenden,  vierten  Artikel,  welcher
nach  Napoleon's  Fassung  Preußen  einen  Theil  der  Kriegskosten
  zusicherte,  erhob  sich  scharfer  Streit.  Bismarck  begehrte
  für  Preußen  einen  Ersatz  von  hundert  Millionen
Thalern,  wovon  auf  Osterreich  die  Hälfte,  also  fünfzig,  fallen
würden.  Davon  würden  jedoch  fünfzehn  Millionen  abgehen,
als  die  an  Österreich  durch  Schleswig-Holstein  zu  ersetzenden
Kriegskosten  von  1864,  so  daß  nur  35  Millionen  baar  an
Preußen  zu  zahlen  wären.  Es  war  eine  erste  Forderung
und  keineswegs  das  letzte  Wort:  Bismarck  selbst  hatte  in
seinem  Entwurfe  nicht  fünfzig,  sondern  vierzig  Millionen  als
die  Gesammtsumme  bezeichnet.  Auch  widersprachen  die  Osterreicher
  auf  das  Lebhafteste:  in  der  That  hatten  sie  bei  dem
traurigen  Zustande  ihrer  Finanzen  zwingenden  Grund  zur
Ablehnung.  Bismarck  klopfte  darauf  an,  ob  sie  eine  Herabminderung
  der  Geldsumme  mit  einer  kleinen  Landabtretung
in  Osterreichisch-Schlesien  erkaufen  möchten,  etwa  20  Quadratmeilen
  mit  100000  Einwohnern.  Aber  auch  dagegen  legten
sie,  auf  den  ersten  Artikel  gestützt,  nachdrücklich  Verwahrung
        <pb n="306" />
        288  Die  Friedenspräliminarien.

ein.  Die  Frage  wurde  weiterer  Erwägung  vorbehalten,  und
man  ging  zu  dem  fünften  Artikel  über,  den  preußischen  Annexionen
  in  Norddeutschland.  Hier  war  denn  mehr  als  eine
Schwierigkeit  zu  überwinden:  zu  ihrer  Erläuterung  holen
wir  zunächst  die  seit  dem  17.  Juli  mit  Frankreich  gepflogenen
Unterhandlungen  nach.  "

Schon  an  diesem  Tage,  dem  17.,  hatte  Goltz  ausführliche
  Gespräche  sowohl  mit  Napoleon  als  mit  Drouyn  de  Lhuys
über  die  preußischen  Wünsche,  so  weit  er  sie  aus  Bismarck's
Erlaß  vom  9.  kannte,  gepflogen.  Der  Minister  äußerte
dabei  Bedenken;  durch  so  große  Annexionen,  nach  welchen
das  übermächtige  Preußen  nur  mit  einigen  Kleinstaaten  den
Nordbund  bilden  würde,  verlöre  dieser  ganz  und  gar  den
föderativen  Charakter.  Dagegen  erklärte  der  Kaiser,  das
Alles  seien  für  ihn  gleichgültige  Einzelheiten  der  innern
deutschen  Organisation;  sein  Programm  vom  14.  schließe
solche  Annexionen  nicht  aus.  Er  wiederholte  diese  Sätze  am
sfolgenden  Tage,  als  Goltz  ihm  die  Absicht  der  preußischen
Führer  mittheilte,  auf  den  Einzug  in  Wien  zu  verzichten,
indem  er  zugleich  sein  volles  Vertrauen  auf  Preußens  Gesinnung
  und  sein  Wohlwollen  für  Preußens  Interessen  aussprach.


Am  19.  Juli  legte  der  Botschafter  dem  Kaiser  und  dem
Minister  die  Telegramme  Bismarck's  vom  17.  vor,  worin
dieser  die  Forderung  der  Annexion  von  drei  bis  vier  Millionen
als  preußische  Bedingung  für  Waffenstillstand  und  Frieden
aufstellte.  Beide  Staatsmänner  zeigten  sich  sehr  befriedigt
durch  das  damit  verbundene  Anerbieten  der  fünftägigen
Waffenruhe,  und  erhoben  keine  Einwendung  gegen  die  beantragte
  Annexion;  Napoleon  bezeichnete  die  Ausdehnung
        <pb n="307" />
        Weitere  Verhandlung  mit  Napoleon.  289

derselben  als  eine  Detailfrage,  womit  man  die  sonstigen  Verhandlungen
  nicht  von  vorne  herein  verwickeln  dürfe.  So
erfreulich  dies  Alles  klang,  so  hielt  es  Bismarck  doch  ganz
und  gar  nicht  für  genügend;  er  begehrte  nicht  bloß  Geschehenlassen,
  sondern  positive  Anerkennung  und  Empfehlung  von
französischer  Seite,  wenn  nicht  durch  einen  förmlichen  Staatsact,
  so  doch  durch  eine  ausdrückliche  Erklärung  des  Kaisers.
Er  telegraphirte  also  am  20.  an  Goltz:  „Der  König  hat
sich  nur  sehr  schwer  und  aus  Rücksicht  auf  den  Kaiser  Napoleon
hiezu  (dem  Waffenstillstand)  entschlossen,  und  zwar  in  der
bestimmten  Voraussetzung,  daß  für  den  Frieden  bedeutender
Territorialerwerb  im  Norden  Deutschlands  gesichert  sei;  der
König  schlägt  die  Bedeutung  eines  norddeutschen  Bundesstaats
  geringer  an,  als  ich,  und  legt  demgemäß  vor  Allem
Werth  auf  Annexionen,  die  ich  allerdings  neben  der  Reform
auch  als  Bedürfniß  ansehe  ..  Noch  bemerke  ich:  die  französischen
  Punkte  würden  uns,  vorausgesetzt  eine  Grenzregulirung
  mit  Osterreich,  auch  als  Präliminarien  für  Separatfrieden
  mit  Osterreich  genügen,  wenn  Österreich  einen  solchen
schließen  will  —  sie  genügen  nicht  für  den  Frieden  mit
unsern  Üübrigen  Gegnern,  besonders  in  Norddeutschland!);
ihnen  müssen  wir  besondere  Bedingungen  machen,  und  die
Mediation  des  Kaisers,  die  sie  nicht  angerufen,  bezieht  sich
nur  auf  Österreich.“

)  Ssterreichs  Kämpfe,  IV.  149,  druckt  die,  irgendwo  interriplrte
Depesche  ab,  mit  verschiedenen  Fehlern;  so  heißt  es  an  dieser  Stelle
irrig:  Süddeutschland.

Der  telegraphische  Berkehr  des  preußischen  Hauptauartiers  mit
Paris  und  von  dort  mit  Florenz  ging  während  der  Unterhandlungen
über  Wien.

v.  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  V.  19
        <pb n="308" />
        290  Die  Friedenspräliminarien.

Nach  Empfang  dieser  Depesche  redigirte  Goltz  einen  entsprechenden
  Zusatz  zu  dem  Programm  des  14.  Juli,  und
legte  denselben  am  22.  dem  Kaiser  Napoleon  zur  Prüfung
und  Genehmigung  vor.  Nachdem  er  darin,  entsprechend  den
früheren  Außerungen  Napoleon's,  die  Organisation  Norddeutschlands
  als  eine  innere,  das  europäische  Gleichgewicht
nicht  berührende  Frage  bezeichnet,  sodann  aber  Preußens
Berechtigung  zu  Separatverhandlungen  und  zu  Territorialvergrößerungen
  erwähnt  hatte,  schloß  er  mit  dem  Satze,  der
Kaiser  werde  hienach  bei  den  Friedensverhandlungen  der
Annexion  von  vier  Millionen  Norddeutscher  nicht  nur  nicht
widersprechen,  sondern  sie  als  billig  anerkennen  und  empfehlen.
Napoleon  erklärte  sich  vollkommen  einverstanden,  fand  jedoch,
man  könne  Ssterreich  nicht  wohl  zumuthen,  seine  Verbündeten
von  vorne  herein  auf  Separatverhandlungen  zu  verweisen,
und  schlug  dem  Grafen  also  vor,  die  ersten  Sätze  wegzulassen,
  und  ganz  einfach  seine  Bereitwilligkeit  zur  Unterstützung
der  Annexion  von  vier  Millionen  auszusprechen.  Nur  möge,
setzte  er  hinzu,  das  Königreich  Sachsen  nicht  beseitigt  werden.
Goltz  erwiderte,  dies  liege  auch  nicht  in  der  Absicht  des
Königs,  wohl  aber  die  Annexion  des  Leipziger  und  des
Bautzener  Kreises.  Dagegen  habe  ich  nichts,  sagte  Napoleon.
Die  Annexion  von  Hannover  und  Kurhessen  erkannte  er  ausdrücklich
  als  zweckmäßig  an,  ja  er  wollte  Preußen  noch  einen
großen  Thüringer  Landstrich  gönnen,  welchen  er  dem  Grafen
auf  der  Karte  zeigte.  Wir  würden,  bemerkte  Goltz,  dies  bei
der  loyalen  Haltung  der  dortigen  Staaten  nicht  begehren.
Aber,  sagte  der  Kaiser,  das  darmstädtische  Oberhessen  wollt
ihr  doch  annectiren;  dafür  solltet  ihr  dem  Großherzog  Rheinbayern
  geben.  Goltz  lehnte  eine  Außerung  hierüber  wegen
        <pb n="309" />
        Zugeständnisse  Napoleon's.  291

seiner  Unbekanntschaft  mit  den  preußisch-bayerischen  Beziehungen
ab;  er  schloß  übrigens  aus  einer  beiläufigen  Kußerung  Napoleon's,
  daß  dieser  bei  dem  letzten  Vorschlag  eine  Grenzrectification
  im  Sinne  habe,  welche  er  vor  dem  definitiven  Frieden
zu  fordern  gedenke!).

Nachdem  er  dann  sich  von  Drouyn  de  Lhuys  die  Erklärungen
  des  Kaisers  hatte  bestätigen  lassen,  und  auch  von
jenem  nicht  die  geringste  Einwendung  erfahren  hatte,  telegraphirte
  er  sofort  an  Bismarck,  zu  welchen  Verheißungen
er  durch  Napoleon  ermächtigt  worden  sei).  Von  dessen
Abneigung  aber  gegen  Separatverhandlungen,  und  von  der
bevorstehenden  Forderung  einer  Grenzrectification  that  das
Telegramm  keine  Erwähnung.

Kehren  wir  nun  zur  Conferenz  des  23.  Juli  zurück.

Bismarck,  welcher  schon  Tags  vorher  in  seinen  Gesprächen
  mit  Karolyi  und  Benedetti  den  Eindruck  gewonnen
hatte,  daß  Osterreich  an  der  Annexion  von  Hannover  und
Hessen  keinen  Anstoß  nehmen  würde,  legte  den  kaiserlichen
Gesandten  in  der  Conferenz  einen  einfachen  Artikel  vor:  Sr.
M.  der  Kaiser  von  Ssterreich  verspricht,  die  von  Sr.  M.
dem  König  von  Preußen  in  Norddeutschland  herzustellenden
Einrichtungen,  einschließlich  der  Territorialveränderungen,  an-)

  Diese,  überall  aus  Goltz's  Berichten  geschöpfte  Darstellung
zeigt,  daß  die,  in  Paris  entstandene,  unzählige  Male  wlederholte  Geschichte,
  Goltz  habe  bei  Drouyn  de  Lhuys  die  Anerkennung  einer  Annexion
  von  3000000  Seelen  begehrt,  und  sei,  als  der  Minister  Bedenken
dagegen  erhoben,  hinter  dessen  Rücken  zum  Kaiser  gefahren,  und  habe,
Gott  weiß  durch  welche  Künste,  von  dem  überrumpelten  Monarchen  die
Zustimmung  zur  Annexion  von  drei  Millionen  erlangt  —  rein  aus  der
Luft  gegriffen  ist.

)  Bismarck  erhielt  die  Depesche  am  23.  Juli  vor  der  Situng.

19
        <pb n="310" />
        292  Die  Friedenspräliminarien.

zuerkennen.  Aber  Karolyi,  obwohl  im  Grundsatz  einverstanden,
begehrte  zwei  Einschränkungen.  Die  eine  betraf  das  Königreich
  Sachsen.  Es  sei  eine  Ehrensache  für  Osterreich,  diesem
einzigen  unter  den  deutschen  Staaten,  welcher  sich  ihm  als
thätigen  und  opferbereiten  Bundesgenossen  erwiesen  habe,  die
volle  Unverletzlichkeit  seines  Gebietes  und  seiner  Selbständigkeit
  zu  verbürgen.  Dies  stieß  nun  so  scharf  wie  möglich  mit
den  im  preußischen  Hauptquartier  herrschenden  Stimmungen
zusammen.  Der  König,  erzürnt  über  Beust's  langjährige
Wühlerei  gegen  Preußen,  forderte  die  Abtretung  wenigstens
zweier  Kreise;  andere,  sehr  einflußreiche  Männer  sahen  auf
der  Welt  keinen  Grund,  nach  dem  die  sächsische  Regierung
eine  andere  Behandlung  als  die  hannover'sche  verdient  hätte.
Die  Erörterung  der  Frage  in  der  Conferenz  war  sehr  lebhaft,
  führte  aber  zu  keinem  Ergebniß.

Dann  aber  erklärte  Karolyi  weiter,  daß  Osterreich
durch  Vertrag  vom  14.  Juni  verpflichtet  sei,  keinen  Frieden
ohne  Zuziehung  Bayerns  eizugehen;  Freiherr  von  der
Pfordten  sei  in  Wien,  um  hieran  zu  erinnern,  und  Osterreich
  sei  also  nicht  in  der  Lage,  ohne  Bayerns  Theilnahme
abzuschließen.  Es  lag  natürlich  im  preußischen  Interesse,  so
viel  wie  möglich  auf  Separatverhandlung  mit  den  einzelnen
deutschen  Staaten  zu  bestehen;  indessen  war  bis  dahin  eine
principielle  Entscheidung  hierüber  nicht  zur  Sprache  gekommen.
Jedesfalls  war  es  ein  bedeutendes  Zugeständniß  der  Wiener
Regierung,  daß  sie  sich  für  Sachsen  nur  auf  die  eingetretene
Waffenbrüderschaft,  und  für  Bayern  nur  auf  ihr  specielles
Vertragsverhältniß  berief,  die  Übrigen  deutschen  Staaten  aber
trotz  aller  Vorschriften  des  alten  deutschen  Bundesrechtes  vollständig
  Preis  gab.  Demnach  hielt  es  Bismarck  für  zweck-
        <pb n="311" />
        Verhandlung  ũber  Sachsen  und  Bayern.  293

mäßig,  in  der  bayerischen  Sache  ein  gewisses  Entgegenkommen
zu  zeigen,  zumal  sich  dabei  dem  Kaiser  Napoleon  ein  neuer
Beweis  von  Hochachtung  geben  ließ.  Er  schlug  also  einen
sechsten  Artikel  vor,  welcher  den  König  von  Bayern  in  den
Frieden  aufnahm,  wenn  dieser  sich  verpflichtete,  die  Summe
von  1  Millionen  Thalern  als  Beitrag  zu  den  Kriegskosten
zu  zahlen  und  (der  Gedanke  Napoleon's),  den  Großherzog
von  Hessen  für  die  nördlich  des  Mains  gelegenen  Gebietstheile
  zu  entschädigen,  welche  derselbe  bei  der  neuen  Ordnung
der  norddeutschen  Verhältnisse  an  Preußen  abtreten  würde.
Karolyi  erhob  dagegen  keinen  Widerspruch.

Da  von  der  italienischen  Regierung  noch  immer  keine
Vollmacht  für  den  Grafen  Barral  angelangt  war,  so  wurde
ein  weiterer  Artikel  verabredet,  durch  welchen  Preußen  es
Üübernahm,  Italiens  Zustimmung  zu  den  Friedenspräliminarien
und  dem  Waffenstillstand  zu  beschaffen,  sobald  Venetien  demselben
  durch  Napoleon  übergeben  sein  würde.  Die  nächste
Sitzung  wurde  auf  den  25.  Juli  anberaumt,  um  den  nächsten
Tag  zu  Erwägungen  und  formlosen  Besprechungen,  vor
Allem  aber  zur  Berichterstattung  an  die  beiden  Monarchen
und  zu  deren  Entschließung  frei  zu  halten.

Nach  allem  bisher  Angeführten  fand  König  Wilhelm  in
den  am  23.  eingeräumten  Sätzen  keineswegs  seine  sämmtlichen
  Wünsche  erfüllt,  und  das  Ergebniß  der  ganzen  Unterhandlung
  konnte  zweifelhaft  werden,  wenn  der  Monarch  auf
dem  ganzen  Umfang  seiner  Forderungen  bestand.  Um  so
entschiedener  strebte  Bismarck,  zu  raschem  Abschluß  zu  kommen.
Der  Gedanke,  die  alte  Freundschaft  mit  Österreich  zu  erneuern,
  stand,  wie  er  ihn  auf  dem  Schlachtfelde  von  Königgrätz
  ausgesprochen,  wie  er  ihn  durch  Herring  an  den  Kaiser
        <pb n="312" />
        294  Die  Frledenspräliminarien.

Franz  Joseph  hatte  gelangen  lassen,  unerschütterlich  fest  in
seiner  Seele;  er  wünschte  also  im  Friedensschlusse  die  Gefühle
des  besiegten  Gegners  möglichst  zu  schonen.  Dann  sah  er,
wie  wir  wissen,  mit  steter  Sorge  einer  Anmeldung  der  französischen
  Compensations-Gelüste  entgegen:  Alles  lag  ihm
daran,  vorher  mit  Osterreich  auf's  Reine  zu  kommen.  Und
eben  am  Morgen  des  24.  Juli  trat  ein  neuer  Antrieb  in
gleicher  Richtung  hinzu:  ein  kurzes  Telegramm  des  Grafen
Redern  aus  Petersburg,  daß  Kaiser  Alexander  den  Zusammentritt
  eines  Congresses  der  Großmächte  dringend  wünsche,  da
die  schwebenden  Fragen  ganz  Europa  interessirten  und  nicht
ohne  Europas  Zustimmung  erledigt  werden  könnten.  Wenn
dieser  Wunsch  einen  amtlichen  Ausdruck  vor  der  Unterzeichnung
  der  Präliminarien  erhielt,  so  waren  alle  bisherigen
Ergebnisse  wieder  in  Frage  gestellt,  und  Preußens  Schicksal
den  unabsehbaren  Wechselfällen  einer  europäischen  Verhandlung
  ausgesetzt.  Es  galt  also,  den  letzten  freien  Augenblick
mit  raschem  Entschlusse  festzuhalten.  Nach  allen  mündlichen
Erörterungen  der  letzten  Wochen  hielt  es  Bismarck  für  angemessen,
  in  einem  die  ganze  Lage  überblickenden  Actenstücke
  seine  Auffassung  derselben  dem  Könige  vorzulegen.  Er
schrieb:

„Ew.  Königliche  Mojestät  bitte  ich  ehrfurchtsvoll,  mir
allergnädigst  zu  gestatten,  in  Betreff  der  Verhandlungen  mit
Osterreich  über  eine  Basis  für  den  Frieden  Folgendes  allerunterthänigst
  vorzutragen.

„Es  scheint  mir  von  der  größten  Wichtigkeit,  daß  der
gegenwärtige  günstige  Augenblick  nicht  versäumt  werde.  Durch
die  von  Ew.  K.  Majestät  ausgesprochene  Annahme  en  bloc
der  Vorschläge  Sr.  M.  des  Kaisers  der  Franzosen  ist  die
        <pb n="313" />
        Bismarck's  Denkschrift  über  die  Friedensbedingungen.  295

von  der  letzteren  Seite  her  drohende  Gefahr  einer  Parteinahme
  Frankreichs  gegen  Preußen,  welche  aus  einer  diplomatischen
  Pression  leicht  in  eine  wirkliche  active  Theilnahme
umschlagen  konnte,  beseitigt  worden.  Es  ist  in  Folge  der
auf  Befehl  Ew.  Majestät  dem  Grafen  Golgz  ertheilten  Instructionen
  gelungen,  vom  Kaiser  Napoleon  darüber  hinaus
noch  die  bestimmte  Zusicherung,  welche  Graf  Goltz  am  23.  d.
telegraphisch  gemeldet  hat,  zu  erlangen,  daß  er  die  directe
Annexion  von  vier  Millionen  in  Norddeutschland  nicht  nur
geschehen  lasse,  sondern  selbst  empfehlen  werde,  ohne  daß
dabei  von  Compensationen  für  Frankreich  eine  Erwähnung
geschehen  ist.  Das  Schwanken  des  Kaisers  in  den  letzten
Wochen  und  der  Druck  der  öffentlichen  Meinung  in  Frankreich
lassen  aber  nur  zu  sehr  befürchten,  daß,  wenn  die  augenblicklichen
  Zuständnisse  nicht  in  Thatsachen  verwandelt  werden,
ein  neuer  Umschwung  Statt  finden  könnte.

„Auf  eine  Unterstützung  weitergehender,  oder  auch  nur
dieser  preußischen  Forderungen  Seitens  der  andern  Großmächte
  läßt  sich  nicht  rechnen.  Ew.  Majestät  haben  aus
dem  Briefe  Sr.  M.  des  Kaisers  von  Rußland  ersehen,  mit
welcher  Besorgniß  Höchstderselbe  den  Bedingungen  Preußens
entgegen  sieht.  Auch  sein  Minister,  Fürst  Gortschakoff,  hat
dem  Verlangen,  diese  Bedingungen  kennen  zu  lernen,  sowohl
gegen  Ew.  Moajestät  Gesandten  in  St.  Petersburg,  als  durch
Baron  Oubril  in  Berlin  Ausdruck  gegeben.  Die  verwandtschaftlichen
  Beziehungen  des  russischen  Kaiserhauses  zu  den
deutschen  Dynastien  erwecken  die  Besorgniß,  daß  bei  weitern
Verhandlungen  die  Sympathien  für  dieselben  schwer  in's
Gewicht  fallen  dürften.  In  England  fängt  die  öffentliche
Meinung  an,  sich  den  Waffenerfolgen  Ew.  Mojestät  zuzu-
        <pb n="314" />
        296  Die  Friedenspräliminarien.

wenden,  von  der  Regierung  aber  läßt  sich  ein  Gleiches  nicht
sagen,  und  nur  annehmen,  daß  sie  vollendete  Thatsachen  anerkennen
  werde.

„Von  Osterreich  ist  durch  die  doppelte  Erklärung,  daß
es  aus  dem  deutschen  Bunde  austrete,  und  eine  Reconstruction
  desselben  ohne  seine  Theilnahme  und  unter  Preußens
Führung  zulasse,  —  und  daß  es  Alles  anerkennen  werde,
was  Ew.  Mojestät  in  Norddeutschland  zu  thun  für  gut  befinden
  werde,  alles  Wesentliche  gewährt,  was  Preußen  von
ihm  zu  fordern  hat.  Die  Erhaltung  des  Königreichs  Sachsen
ist  der  gemeinsame  Wunsch  Osterreichs  und  Frankreichs.
Wenn  Osterreich  dafür,  wie  es  scheint,  seine  andern  Verbündeten
  in  Norddeutschland  völlig  aufopfert,  so  scheint  es
lug,  diesem  Wunsche  Rechnung  zu  tragen,  und  eine  Convention
  mit  Sachsen,  welche  die  gesammte  Kraft  des  Landes
Ew.  K.  Majestät  zur  Verfügung  stellt,  etwa  auf  Grund  der
am  22.  Februar  1865  für  Schleswig-Holstein  aufgestellten
Bedingungen,  dürfte  dem  politischen  Interesse  und  Bedürfniß
genügen.  Der  Ausschluß  Österreichs  aus  dem  Bunde,  in
Verbindung  mit  der  Annexion  von  Schleswig-Holstein,  Hannover,
  Kurhessen,  Oberhessen  und  Nassau,  und  mit  einem
solchen  Verhältniß  Sachsens  zu  Preußen,  darf  als  ein  Ziel
angesehen  werden,  so  groß,  wie  es  bei  dem  Ausbruch  des
Krieges  niemals  gesteckt  werden  konnte.

„Wenn  dieses  Ziel  durch  einen  raschen  Abschluß  von
Präliminarien  auf  dieser  Basis  gesichert  werden  kann,  so
würde  es  nach  meinem  allerunterthänigsten  Dafürhalten  ein
politischer  Fehler  sein,  durch  den  Versuch,  einige  Quadratmeilen
  mehr  von  Gebietsabtretung,  oder  wenige  Millionen
  mehr  zu  Kriegskosten  von  Osterreich  zu  gewinmen,
        <pb n="315" />
        Bismarck's  Denkschrift.  297

das  ganze  Resultat  wieder  in  Frage  zu  stellen,  und  es  den
ungewissen  Chancen  einer  verlängerten  Kriegführung  oder
einer  Unterhandlung,  bei  welcher  fremde  Einmischung  sich
nicht  ausschließen  lassen  würde,  auszusetzen.

„Das  Auftreten  der  Cholera  in  der  Armee,  die  Gefahren,
daß  ein  Augustfeldzug  im  hiesigen  Klima  Seuchen  zum  Ausbruch
  bringt,  fallen  auch  gegen  Fortsetzung  der  Operationen
in's  Gewicht.

„Falls  Ew.  K.  Mojestät  dieser  Auffassung  Allerhöchst
Ihre  Billigung  zu  Theil  werden  lassen,  werde  ich  um  Allerhöchstdero
  Ermächtigung  nachzusuchen  haben,  dem  Landtage
die  erforderliche  Gesetzuorlage  über  die  Erweiterung  der
Grenzen  der  Monarchie  durch  die  Einverleibung  von  Hannover,
  Kurhessen,  Nassau,  das  großherzoglich-hessische  Gebiet
Oberhessen  und  Schleswig-Holstein  zu  machen,  und  dadurch
diese  ganze  Erwerbung  als  ein  fait  accompli  hinzustellen,
welches,  da  es  Osterreichs  Anerkennung  und  Fraukreichs  Zustimmung
  erlangt  hat,  von  keiner  irgend  Gefahr  drohenden
Seite  angefochten  werden  kann.

„Ich  halte  es  für  meine  Pflicht  gegen  Ew.  K.  Mojestät,
Allerhöchstderselben  diesen  allerunterthänigsten  Vortrag  schriftlich
  und  in  amtlicher  Weise  zu  erstatten,  da  die  Entscheidung
des  Augenblicks  nach  meinem  Ermessen  von  einer  unberechenbaren
  Wichtigkeit  ist.  Ich  fühle  die  ganze  Verantwortlichkeit
gegen  Ew.  K.  Majestät  für  den  Rath,  welchen  ich  zu  ertheilen
  berufen  bin,  und  habe  daher  das  Bedürfu  amtlich
zu  constatiren,  daß,  wenn  ich  auch  jede  von  Ew.  Majestät
befohlene  Bedingung  in  den  Verhandlungen  pflichtmäßig  vertreten
  werde,  doch  jede  Erschwerung  des  schleunigen  Abschlusses
  mit  Osterreich  behufs  Erlangung  nebensächlicher
        <pb n="316" />
        298  Die  Friedenspräliminarien.

Vortheile  gegen  meinen  ehrfurchtsvollen  Antrag  und  Rath
erfolgen  würde.“

Der  König  nahm,  anfangs  unter  heftigem  Widerstreben,
den  Vortrag  zur  Erwägung,  und  ertheilte  am  25.  Juli  dem
Minister  seinen  Bescheid.  Seinen  Gedankengang  erkennen  wir
aus  einigen  Randnoten,  welche  er  Bismarck's  Sätzen  hinzufügte.
Gewiß,  schrieb  er,  es  ist  ein  Resultat,  das  nie  vorherzusehen
war,  und  bei  der  Congreßidee  auch  jetzt  wieder  problematisch  ist.
Er  war  einverstanden  mit  Bismarck's  Wort,  daß  ein  solches
Resultat  durch  kleine  Nebenforderungen  nicht  in  Frage  gestellt
werden  dürfte:  aber,  setzte  er  doch  hinzu,  es  kommt  darauf
an,  wie  viel  man  an  Geld  oder  Land  erlangen  konn,  ohne
das  Ganze  auf's  Spiel  zu  setzen.  Sonst  bestätigte  er  die
Richtigkeit  aller  Vordersätze  der  Erörterung  seines  Ministers,
und  schloß  mit  der  Anerkennung,  daß,  wenn  trotz  Bismarck's
pflichtmäßiger  Vertretung  der  preußischen  Ansprüche,  vom  Besiegten
  nicht  das,  was  Armee  und  Land  erwarten  dürften,
zu  erlangen  sei,  ohne  das  Hauptziel  zu  gefährden,  so  müsse
der  Sieger  vor  den  Thoren  Wiens  sich  eben  fügen  und  der
Nachwelt  das  Urtheil  überlassen.

Schwerlich  wird  die  Nachwelt  anders  urtheilen,  als  daß
ein  solches  Verhältniß  zwischen  Monarch  und  Minister,  eine
solche  Verbindung  von  Siegesbewußtsein  und  Mäßigung,  ein
solches  Hand-in-Hand-Gehen  von  Selbstbeherrschung  und
Genialität,  in  aller  menschlichen  Geschichte  sehr  selten  erschienen
  ist.

Der  Verlauf  der  beiden  letzten  Conferenzen  am  25.  und
26.  Juli  ergab  sich  hienach  von  selbst.  Wo  es  noch  streitige
Punkte  gab,  galt  es,  auszugleichen,  bis  die  Linie  gefunden
war,  auf  der  man  das  Mögliche  erreichte,  ohne  das  Ganze
        <pb n="317" />
        Die  Kriegskosten.  Sachsens  Integrität.  299

zu  gefährden.  In  der  Frage  der  Kriegskosten  ging  Bismarck
von  50  auf  45,  dann  von  da  auf  40  Millionen  herunter;
davon  sollten  15  Millionen  auf  Osterreichs  Auslagen  für  den
dänischen  Krieg  abgerechnet  werden;  später  gab  Bismarck  nach,
daß  weitere  fünf  Millionen  für  die  Naturalverpflegung  der
preußischen  Truppen  bis  zum  definitiven  Frieden  in  Abzug
kämen,  so  daß  die  Baarzahlung  sich  schließlich  ausf  20  Millionen
Thaler  beschränkte.  Was  Sachsen  betraf,  so  ließ  Bismarck
allmählich  die  Forderung,  nicht  bloß  der  Annexion,  sondern
auch  einer  Gebietsabtretung  fallen,  und  war  bereit,  die  Anerkennung
  der  Integrität  in  den  Vertrag  aufzunehmen.  Als
dann  aber  Karolyi,  auch  hierin  auf  französische  Zustimmung
gestützt,  die  Verbindung  Sachsens  nicht  mit  dem  Nordbund,
sondern  mit  den  süddeutschen  Staaten  in  Vorschlag  brachte,
war  Bismarck  an  der  Grenze  seiner  Nachgiebigkeit  angelangt;
es  war  an  der  Zeit,  auch  einmal  die  Leidenschaft  seines
Patriotismus  hervorzukehren;  er  warf  seinen  Sessel  zurück,
und  hoch  aufgerichtet  gab  er  die  Erklärung,  die  Aufrechthaltung
  dieses  Begehrens  sei  die  Erneuerung  des  Kriegs;
selbst  wenn  Se.  Majestät  der  König  es  annehme,  würde  er
sein  Amt  ausgeben,  um  einen  solchen  Vertrag  nicht  zeichnen
zu  müssen.  Dies  schlug  durch,  denn  Osterreich  wünschte
so  wenig  wie  Preußen  ein  weiteres  Blutvergießen.  Es  kam
also  zu  dem  Beschlusse,  daß  Preußen  den  Territorialbestand
Sachsens  bestehen  zu  lassen  verhieß,  dagegen  sich  die  Regelung
  der  Kriegskosten  und  der  künftigen  Stellung  Sachsens
im  norddeutschen  Bunde  durch  einen  besondern  Vertrag  mit
König  Johann  vorbehielt.  Dafür  blieb  es  bei  Osterreichs
Verpflichtung,  Preußens  sonstige  Einrichtungen  und  Territorialveränderungen
  in  Norddeutschland  anzuerkennen.
        <pb n="318" />
        300  Die  Friedenspräliminarien.

Der  auf  Bayern  bezügliche  Artikel  wurde  gestrichen.
Im  Laufe  des  Tags  war  Freiherr  von  der  Pfordten,  von
Wien  herüber  eilend,  selbst  in  Nikolsburg  angekommen,  hatte
aber  bei  Bismarck  eine  wenig  freundliche  Aufnahme  gefunden.
Nach  dem  letzten  Pariser  Telegrammwechsel  hatte  Bismarck
in  den  Berliner  Zeitungen  die  Ansicht  entwickeln  lassen,  daß
Bayern  es  vorziehe,  mit  Tschechen  und  Croaten  im  Bunde
gegen  Preußen  zu  kämpfen,  anstatt  gemeinsam  mit  Preußen
die  fremde  Einmischung  von  Deutschland  fern  zu  halten.
Jetzt  empfing  er  den  Minister,  der  unangemeldet  und  ohne
preußischen  Paß  durch  die  Vorposten  gedrungen  war,  mit
den  Worten:  Wissen  Sie,  daß  ich  Sie  als  Kriegsgefangenen
verhaften  lassen  könnte?  und  machte  ihn  dann  mit  den  Bedingungen
  bekannt,  unter  welchen  Bayern  die  Aufnahme  in
den  Friedensvertrag  frei  stände.  Pfordten,  im  höchsten  Grade
erschüttert  und  erzürnt,  beeilte  sich,  den  österreichischen
Freunden  sein  Leid  zu  klagen,  fand  aber  dort  nur  schwachen
Trost.  Sehr  bald  entschloß  er  sich,  an  dieser  Stelle  auf
Beistand  zu  verzichten,  und,  wie  die  übrigen  süddeutschen
Staaten,  in  einer  Separatverhandlung  mit  Berlin  sein  Heil
zu  versuchen.  Schlimmeres  könnte  er  auch  dort  nicht  erleben:
vielleicht  aber  Günstigeres,  wer  möchte  es  wissen?  Immerhin
nahm  sich  Osterreich,  so  geringschätzig  es  auch  über  die  kriegerischen
  Thaten  seiner  süddeutschen  Verbündeten  urtheilte,  doch
in  so  weit  ihrer  Interessen  an,  daß  es  ihren  Einschluß  in  den
sofort  zu  vereinbarenden  Waffenstillstand  ausbedang.  Der
Beginn  desselben  wurde  überhaupt,  da  es  immer  noch  an
einer  Erklärung  Italiens  fehlte,  auf  den  2.  August  festgesetzt
und  bis  dahin  die  Einstellung  aller  Feindseligkeiten  in  Osterreich
  weiter  erstreckt.  Die  militärischen  Bedingungen  des
        <pb n="319" />
        Abschluß  der  Präliminarten.  301

Stillstands  würde  in  Westdeutschland  das  Obercommando  der
preußischen  Mainarmee  mit  den  einzelnen  Staaten  vereinbaren,
wie  es  für  Osterreich  in  diesem  Augenblick  durch  eine  besondere
  Ubereinkunft  zwischen  Degenfeld  und  Moltke  geschah.
Schließlich  hatte  niemand  gegen  Bismarck's  Antrag  eine  Einwendung,
  in  einem  besondern  Artikel  die  Ratification  der
Friedenspräliminarien  binnen  zwei  Tagen,  und  in  einem
weitern  den  gleich  nachher  stattfindenden  Zusammentritt  von
Bevollmächtigten  für  die  Ausarbeitung  des  definitiven  Friedens
zuzusagen.  Es  sollte  sich  bald  zeigen,  weshalb  Bismarck  in
allen  diesen  Punkten  so  dringend  auf  Beschleunigung  des
befinitiven  Abschlusses  Bedacht  nahm.

Man  war  also  einig,  und  konnte  jetzt,  am  26.  Juli,
zur  Ausfertigung  und  Unterzeichnung  der  Präliminarien
schreiten,  die  nach  einem  Kriegssturme  von  sieben  Wochen  für
Deutschland  eine  neue  Zukunft  kräftiges  Gedeihens  eröffnen
sollten.  Da  ließ  sich  Benedetti  bei  dem  preußischen  Minister
melden,  um  ihm  eine  Depesche  des  Herrn  Drouyn  de  Lhuys
vom  23.  Juli  vorzulegen,  des  Inhalts  —  wir  kommen  später
darauf  zurück  —  Frankreich  habe  den  Verlauf  der  dortigen
Unterhandlung  durch  neue  Anträge  nicht  erschweren  wollen,
bemerke  aber  jetzt,  daß  seine  Zustimmung  zu  den  preußischen
Annexionen  eine  billige  Entschädigung  für  Frankreich  zur
Voraussetzung  habe,  und  der  Kaiser  sich  darüber  mit  Preußen
in's  Benehmen  setzen  werde,  sobald  seine  Rolle  als  Vermittler
  beendigt  sei.  Bismarck  erwiderte  mit  großer  Freundlichkeit,
  daß  er  bereit  sei,  die  bevorstehenden  Anträge  Frankreichs
  mit  dem  Botschafter  zu  erwägen.  Benedetti  knüpfte
daran  eine  Andeutung,  daß  es  sich  wohl  um  Landschaften
des  linken  Rheinufers  handeln  werde;  worauf  ihm  Bismarck
        <pb n="320" />
        302  Die  Friedenspräliminarien.

in  das  Wort  fiel:  machen  Sie  mir  heute  keine  amtliche  Mittheilung
  dieser  Art  —  er  wandte  sich  darauf  zur  Unterzeichnung
  der  Präliminarien.

Also,  auf  der  einen  Seite  der  russische  Congreßantrag,
auf  der  andern  das  französische  Compensationsbegehren.  Aber
in  demselben  Augenblick,  in  welchem  sie  rechts  und  links  am
Horizonte  sichtbar  wurden,  war  auch  der  Friede  mit  Osterreich
  gesichert.  Niemals  war  mit  schärferem  Blicke  und
festerer  Hand  die  „Stirnlocke  Fortuna's  ergriffen  worden“.
        <pb n="321" />
        4.  Capitel.
Jeldzug  der  Mainarmee.

Wie  in  Böhmen,  waren  gleichzeitig  auch  in  Süddeutschland
  die  preußischen  Waffen  siegreich  gewesen.

General  v.  Falckenstein  hatte  gleich  nach  der  Capitulation
der  Hannoveraner  seine  Divisionen,  welche  jetzt  die  amtliche
Bezeichnung  der  Mainarmee  erhielten,  zunächst  nach  Eisenach
in  Bewegung  gesetzt.  Eine  ausführliche  Instruction,  welche
Moltke  am  26.  Juni,  wie  oben  bemerkt,  unterzeichnet  hatte,
stellte  als  leitenden  Gesichtspunkt  fest:  in  erster  Linie  den
stärksten  seiner  Gegner,  die  bayerische  Armee,  anzugreifen,  er
werde  sie  finden,  wenn  er  sie  im  bayerischen  Lande  aufsuche;
er  möge  demnach,  um  die  Vereinigung  der  beiden  feindlichen
Corps  zu  hindern,  seinen  Marsch  zunächst  auf  Fulda,  und
von  dort  gegen  die  Bayern  auf  Schweinfurt  richten.  Zur
Erfüllung  dieser  Aufgabe  brach  also  Falckenstein  früh  Morgens
am  2.  Juli  von  Eisenach  auf,  in  zwei  Colonnen,  die  Division
Beyer  auf  der  Straße  nach  Hünfeld,  die  Division  Göben
auf  jener  nach  Marksuhl  und  Lengsfeld,  einen  Tagemarsch
hinter  dieser  das  Corps  Manteuffel.  Schon  in  der  Nacht
vom  2.  auf  den  3.  Juli  stießen  Göben's  Patrouillen  und
        <pb n="322" />
        304  Feldzug  der  Mainarmee.

Feldwachen  mit  bayerischen  Streifschaaren  zusammen:  nach
den  Aussagen  der  Gefangenen  war  eine  starke  bayerische
Streitmacht  von  Meiningen  und  Wasungen  her  im  Anrücken
begriffen;  es  konnte  kein  Zweifel  sein,  daß  man  den  eignen
Marsch  gegen  eine  Bedrohung  der  linken  Flanke  zu  sichern  hatte.

In  der  That  war  fast  die  ganze  bayerische  Armee,  sehr
gegen  den  Willen  ihres  Führers,  damals  an  die  obere  Werra
verschlagen  worden.  Anfangs  an  der  Nordgrenze  ihres
Staates  von  Schweinfurt  bis  Hof  vertheilt,  war  sie,  nach
dem  Einrücken  der  großen  preußischen  Heere  in  Böhmen
westwärts  in  Marsch  gesetzt  worden,  um  vielleicht  in  Kurhessen
  die  Hannoveraner  aufzunehmen.  Indessen  erhielt  Prinz
Carl  am  23.  Juni  die  Nachricht  von  dem  Zuge  derselben
nach  Thüringen,  und  am  24.  amtliche  Telegramme  von  dem
Meininger  Ministerium  und  von  dem  bayerischen  Bundestagsgesandten,
  daß  König  Georg  von  preußischen  Truppen
umringt  und  zur  Waffenstreckung  gezwungen  worden  seiy.
Prinz  Carl  war  der  Meinung,  die  Sieger  würden  jetzt  nicht
säumen,  von  Thüringen  aus  das  zunächst  gelegene  feindliche
Land,  die  bayerische  Provinz  Unterfranken,  heimzusuchen,  und
erließ  sofort  Befehl  an  alle  seine  Truppentheile,  mit  beschleunigten
  Märschen  sich  in  einer  Stellung,  nicht  weit  von
Kissingen,  zwischen  Neustadt  und  Königshofen,  zu  versammeln.
Am  26.  Juni  hatte  er  eine  persönliche  Zusammenkunft  mit
dem  Befehlshaber  des  achten  Bundescorps,  dem  Prinzen

1)  Hienach  schenkte  am  25.  das  bayerische  Hauptquartier  den  Versicherungen
  des  Archivraths  Klopp,  daß  der  König  ihm  am  26.  erklärt
habe,  niemals  eine  Capitulation  anzunehmen,  keinen  Glauben.  Auch
wäre  schon  damals  jeder  Entsatzversuch  zu  spät  gekommen,  da  die
bayerische  Armee  für  den  eiligsten  Zug  nach  Gotha  vier  bis  fünf  Tage
bedurft  hätte.
        <pb n="323" />
        FELDZUG

DER

MAINARMEE.

 

 

     

 

Hissingeng.
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Bischofsheim
        <pb n="324" />
        <pb n="325" />
        Plan  der  Bereinigung  des  7.  urd  B.  Bundescorps.  305

Alexander  von  Hessen,  und  schlug  diesem  vor,  auch  seine
Divisionen,  theils  auf  der  Eisenbahn  von  Frankfurt  nach
Gemünden,  theils  durch  Fußmarsch  über  Hanau  und  Fulda,
an  die  fränkische  Saale  zu  führen  und  dort  mit  den  Bayern
zu  vereinigen.  Prinz  Alexander  pflichtete  völlig  dem  Satze
bei,  daß  es  nichts  Wichtigeres  gebe  als  die  Vereinigung  der
Gesammtmacht,  mußte  aber  bemerken,  daß  weder  der  Bundestag
  noch  die  Souveräne  von  Nassau  und  Darmstadt  den
Abmarsch  des  Corps  nach  Franken,  und  damit  die  Entblößung
der  Bundeshauptstadt  und  der  benachbarten  Territorien  zugeben
  würden.  Auch  sei  man  überzeugt,  daß  der  preußische
Angriff  sich  nicht  von  Gotha  auf  Würzburg,  sondern  von
Cassel  auf  Frankfurt  und  von  Coblenz  auf  Nassau  richten
würde,  und  bitte  also  dringend,  die  Vereinigung  beider
Armeecorps  nicht  auf  fränkischem,  sondern  auf  kurhessischem
Boden,  etwa  bei  Hersfeld,  zu  bewirken.  Da  er  unerschütterlich
  blieb,  trat  Prinz  Carl,  um  überhaupt  die  Vereinigung
nicht  scheitern  zu  lassen,  auf  seinen  Vorschlag  ein,  und  es
wurde  ein  Marschtableau  entworfen,  nach  welchem  die  gemeinsame
  Bewegung  am  30.  Juni  beginnen  —  früher  war
das  achte  Corps  nicht  marschfertig  —  die  Bayern  am  2.  Juli
Fulda,  am  7.  Hersfeld  erreichen  sollten,  während  gleichzeitig
das  achte  Corps  im  Westen  des  Vogelsbergs  über  Friedberg,
Grünberg  und  Alsfeld  sich  demselben  Ziele  annähern  würde.

Ohne  Zweifel  hätte  der  Plan  des  Prinzen  Carl  den
Verhältnissen  besser  entsprochen,  immer  aber  wäre  bei  ungesäumter
  Durchführung  auch  des  hessischen  Vorschlags  die
Vereinigung  beider  Corps  möglich  gewesen:  denn  nach  der
Besetzung  Fulda's  am  2.  Juli  hätte  die  bayerische  Armee
zwischen  der  preußischen  und  den  achten  GCorpe,  gestanden,

v.  ÖSybel,  Derründung  D.  deusschen  Reiches.  V.
        <pb n="326" />
        306  Feldzug  der  Mainarmee.

und  Falckenstein  kein  Mittel  mehr  besessen,  sich  seinerseits
zwischen  die  beiden  Gegner  einzuschieben.

Aber  es  war  einmal  bestimmt,  daß  in  diesem  Kriege  die
welfische  Sache  nicht  bloß  selbst  untergehen,  sondern  auch
ihren  Genossen  Unheil  bringen  sollte.

Kaum  hatte  Prinz  Carl  die  ersten  Vorbereitungen  zu
dem  Hersfelder  Zuge  getroffen,  so  kam  am  27.  und  28.  Junie
Depesche  auf  Depesche,  aus  Frankfurt,  aus  München,  aus
Wien,  daß  die  Hannoveraner  nicht  capitulirt  hätten,  daß  sie
noch  acht  Tage  sich  halten  könnten,  daß  ihnen  ein  großer
Sieg  über  die  Preußen  gelungen  wäre.  Zweimal  telegraphirte
der  Kaiser  von  Österreich,  Alles  sei  zum  Entsatze  der
Hannoveraner  aufzubieten.  Was  konnte  Prinz  Carl  dagegen
einwenden?  Sorgenvollen  Herzens  gab  er  seinen  Divisionen
den  Befehl,  am  29.  Juni  nicht  nordwestlich  nach  Hersfeld,
sondern  nordöstlich  nach  Gotha  aufzubrechen.  Nur  seine
Reserve-Cavallerie,  sechs  Regimenter,  sandte  er,  um  eine  gewisse
  Verbindung  mit  dem  achten  Corps  zu  bewahren,  hinüber
nach  Fulda.  Am  30.  kam  sein  Hauptquartier  nach  Meiningen
an  der  Werra,  seine  Vortruppen  bis  Wasungen  und  Suhl:
da  mußte  er  erfahren,  daß  die  hannover'sche  Armece  nicht
mehr  existirte,  daß  man  einem  täuschenden  Schattenbilde  nachgegangen
  war).  Jetzt  war  man  zehn  Meilen  von  Fulda,
siebzehn  von  den  nächsten  Truppen  des  achten  Corps  entfernt,
  und  nahe  genug  drohte  die  Gefahr,  vereinzelt  mit  dem
siegreichen  Feinde  kämpfen  zu  müssen.  Indessen  galt  es
einen  raschen  Entschluß.  An  den  Zug  nach  Hersfeld  war

9  Nach  diesen  Daten  ist  es  unzweifelhaft,  daß  die  Berantwortung

für  die  Katastrophe  der  Hannoveraner  in  keiner  Weise  auf  den  Prinzen
Carl  gelegt  werden  kann.
        <pb n="327" />
        Das  7.  Corps  wird  nach  Gotha  befehligt.  307

bei  der  Nähe  der  Preußen  nicht  mehr  zu  denken;  man  mußte
sich  freuen,  wenn  man  ungeschädigt  wenigstens  Fulda  erreichte.
Eiligst  ging  also  der  Befehl  an  den  Prinzen  Alexander  ab
(seit  dem  27.  Juni  führte  Prinz  Carl  das  Obercommando
über  beide  Corps),  mit  einer  allgemeinen  Rechtsschwenkung
seiner  Divisionen  ebenfalls  die  Richtung  auf  Fulda  zu  geben,
während  die  Bayern  ihrerseits  den  Linksabmarsch  dorthin
beginnen  würden.  Noch  fügte  der  Feldmarschall  der  Ordre
die  Bemerkung  hinzu,  er  werde,  wenn  sein  Marsch  von  dem
Feinde  gestört  oder  gehindert  werde,  auf  seinen  ursprünglichen
  Gedanken  der  Vereinigung  beider  Corps  bei  Kissingen
zurückkommen.

Ubrigens  war,  auch  abgesehen  von  preußischen  Angriffen,
der  Marsch  von  Meiningen  nach  Fulda  kein  bequemes  Unternehmen.
  Denn,  wie  man  weiß,  liegt  zwischen  dem  Fuldaund
  dem  Werrathale  das  mächtige  Gebirge  der  Hohen  Rhön,
das  sich  in  mehreren,  von  Süd  nach  Nord  streifenden  Ketten  bis
in  die  Gegend  von  Hünfeld  fortsetzt.  Die  höchsten  und  steilsten
Massen  erheben  sich  auf  dem  rechten  Ufer  der  Fulda;  dann
folgt,  nach  Osten  von  flacheren  Rücken  eingeschlossen,  das  Thal
der  Ulster,  darauf  das  Thal  der  Felda,  beides  kleine  Nebenflüsse
  der  Werra.  An  beiden  Ufern  ziehen  sich  wohlgebaute
Heerstraßen  von  Eisenach  zum  Maine  hin,  so  daß  für  die
Verbindung  von  Süd  nach  Nord  wohl  gesorgt  ist;  um  so
übler  aber  stand  es  damals  mit  den  Querstraßen  über  die
Bergketten  von  Ost  nach  West,  worauf  es  den  Bayern  in  diesem
Augenblicke  gerade  ankam.  Die  fahrbaren  Ubergänge  waren
wenig  zahlreich  und  sämmtlich  mehr  für  Ochsenkarren  als  für
Geschütze  und  militärisches  Fuhrwerk  geeignet.  Zunächst  war
es  wichtig,  ob  eine  das  Rhöngebirge  im  Norden  r  umgehende
        <pb n="328" />
        308  Feldzug  der  Mainarmee.

Straße  von  Wasungen  über  Dermbach  und  Geisa  nach  Hünfeld
  noch  von  dem  Feinde  unbesetzt  war.  Auf  dieser  rückte
am  3.  Juli  die  Division  Hartmann  bis  Wiesenthal  vorwärts,
und  ihre  Vortruppen  waren  es,  auf  welche  Göben's  Patroulllen
stießen;  die  drei  andern  Divisionen  erreichten  von  Meiningen
aus  an  jenem  Tage  das  Feldathal  und  besetzten  dort,  in  der
Richtung  auf  Dermbach  vorgehend,  Kaltennordheim,  Zelle  und
Neidhardtshausen.  Was  die  übrigen  Streitkräfte  der  Bundesarmee
  betraf,  so  stand  an  diesem  Tage  die  bayerische  Reserve-Cavallerie
  in  Fulda  mit  einer  Vorhut  in  der  Nähe  von  Hünfeld.
  Das  achte  Corps  aber  hatte  seine  Rechtsschwenkung
vollzogen,  und  die  Spitzen  seiner  Colonnen  bis  auf  zwei
Meilen  von  Fulda  vorgeschoben.  Für  die  Vereinigung  der
beiden  Corps  waren  unter  den  günstigsten  Voraussetzungen
wenigstens  noch  drei  Tagemärsche  erforderlich,  gleichviel  ob
sie  im  Osten  oder  im  Westen  der  Hohen  Rhön  angestrebt
wurde.

Die  Meldungen,  welche  am  Nachmittage  des  3.  Juli  bei
General  von  Falckenstein  einliefen,  bezeichneten  die  Stellung
der  vier  bayerischen  Divisionen  in  der  Hauptsache  richtig.
Der  General  aber  hielt  ein  ernstliches  Vorgehen  des  Gegners
auf  Geisa  und  Hünfeld  nicht  für  wahrscheinlich,  sondern
meinte,  es  handle  sich  nur  um  einzelne  Detachements,  welche
den  preußischen  Marsch  auf  Fulda  in  der  südlichen  Flanke
beunruhigen  sollten:  er  gedachte,  diesen  eine  rasche  und  scharfe
Lehre  zu  geben,  sich  aber  in  der  einmal  begonnenen  Unternehmung
  auf  Fulda  nicht  stören  zu  lassen.  Demnach  befahl
er  der  Division  Beyer,  wie  früher  verfügt,  auf  Hünfeld  vorzurücken,
  Göben  aber  sollte  gegen  die  Bayern,  sowohl  in
Wiesenthal  als  in  Neidhardtshausen,  einen  kräftigen  Vorstoß
        <pb n="329" />
        Schwenkung  der  Bayern  zum  Marsch  nach  Fulda.  309

machen,  zur  rechten  Zeit  jedoch  das  Gefecht  abbrechen  und
der  Division  Beyer  bis  Geisa  folgen.  Da  das  Corps  Manteuffel
  ungefähr  um  einen  Tagemarsch  zurück  war,  die  vier
bayerischen  Divisionen  aber  binnen  weniger  Stunden  in  Verbindung
  hätten  treten  können,  so  wäre  eine  schwere  Bedrängniß
der  vereinzelten  Division  Göben  sehr  wohl  möglich  gewesen,
und  man  wird  Falckenstein's  Anordnung  von  einem  gewissen
Ülbermuth  nicht  freisprechen  können.  Was  der  Oberfeldherr
hier  auf  das  Spiel  setzte,  mußte  die  unübertreffliche  Kraft
seiner  westfälischen  Regimenter,  und  vor  Allem  die  ebenso
vorsichtige  wie  kühne  Führung  Göben's,  wieder  gut  machen.
Dieser  geniale  Officier  war  von  einer  Leidenschaft  des  Muthes
und  des  Wagnisses  erfüllt,  die  ihn  aus  dem  Friedensdienste
hinaus  in  die  Abenteuer  des  großen  Carlistenkrieges  getrieben
hatte,  und  die  sich  während  ruhiger  Zeiten  in  tolldreistem
Hazardspiel  Luft  machte.  Sonst  schritt  er,  eine  schwere  Brille
vor  den  Augen,  nachlässig  in  Kleidung  und  Haltung,  einher,
so  daß  er  wohl  den  Eindruck  nicht  eines  Soldaten,  sondern
eines  zufällig  in  die  Uniform  gerathenen  Gelehrten  machte,
zumal  er  im  Gespräche  mit  fremden  Personen  bis  zur  Verlegenheit
  schweigsam  war,  während  er  im  vertrauten  Kreise
von  Geist,  Kenntnissen  und  Welterfahrung  überströmte.  Sobald
  aber  eine  ernste  und  gefährliche  Aufgabe  an  ihn  herantrat,
  erschien  er  völlig  verwandelt.  Hoch  und  fest  emporgerichtet,
  erwog  er  mit  klarem  Überblick  die  Vortheile  und
Hindernisse,  hielt  mit  eiserner  Ruhe  den  innern  Drang  im
Zügel,  bis  der  rechte  Augenblick  gekommen  war,  und  die  Gluth
seiner  Seele  die  Truppen  zu  unwiderstehlichem  Ansturm  fortriß,
  um  dann  wieder  im  rechten  Augerblick-  sich  und  den
Seinen  ein  unerschütterliches  Halt  zu  gebieten.  Damals,  am
        <pb n="330" />
        310  Feldzug  der  Mainarmee.

4.  Juli,  blieb  er  selbst,  mit  drei  Bataillonen  in  Reserve,
bei  Dermbach,  wo  die  Straße  des  Feldathals  in  jene  nach
Geisa  und  Hünfeld  einfällt,  und  ließ  von  dort  aus  General
von  Wrangel  mit  sechs  Bataillonen  ostwärts  gegen  Hartmann
in  Wiesenthal  und  General  von  Kummer  mit  gleicher  Stärke
südwärts  gegen  die  Division  Zoller  in  Neidhardtshausen  und
Zelle  vorgehen.

Der  Verlauf  war  derselbe  auf  beiden  Seiten.  Die  vorgeschobenen
  Abtheilungen  des  Gegners  wurden  aus  ihren
Stellungen  geworfen,  der  gewonnene  Boden  gegen  die  heranrückenden
  Hauptmassen  glänzend  behauptet,  dann,  als  im  Laufe
des  Nachmittags  die  bayerischen  Angriffe  nachließen,  der  Befehl
gegeben,  zunächst  alle  Verwundeten  beider  Parteien  auf  den
Kampffeldern  sorgsam  aufzulesen,  und  darauf  in  fester  Haltung
den  Rückmarsch  auf  Dermbach  und  Geisa  anzutreten.  Er
erfolgte  unbehelligt  vom  Feinde,  da  fast  genau  in  derselben
Stunde  auch  Prinz  Carl  den  Seinigen  den  Befehl  zum
Räückzug  gegeben  hatte.  Falckenstein,  jetzt  über  jeden  Zweifel
hinaus  von  der  Anwesenheit  der  gesammten  bayerischen  Armee
unterrichtet,  rief  am  5.  Juli  die  Division  Beyer  von  Hünfeld
  wieder  nach  Geisa  zurück,  und  zog  Manteuffel's  Corps
ebenfalls  in  die  Nähe  dieses  Punktes  heran.

Was  er  stets  in  erster  Linie  hätte  wünschen  müssen,  die
Trennung  und  vereinzelte  Besiegung  der  Gegner,  trug  ihm
hier  das  Glück  entgegen;  er  brauchte  nur  zuzugreifen:  und
so  dachte  er  denn  auch  am  5.  Juli,  im  Felda=  wie  im  Ulsterthale
  vorzudringen  und  die  Bayern  damit  zu  entscheidendem
Kampfe  zu  nöthigen.  Bald  aber  kamen  die  schon  vor  Tagesanbruch
  ausgesandten  Recognoscirungen  zurück,  sämmtlich  mit
derselben  Meldung,  auf  allen  Punkten  seien  die  Bayern  ver-
        <pb n="331" />
        Gefecht  bei  Dermbach.  Die  Preußen  in  Fulda.  311

schwunden,  nur  vor  Kaltennordheim  habe  man  noch  einige
ihrer  Vorposten  gesehen.  Da  erhoben  sich  wieder  die  Bedenken,
  ob  nicht  die  bayerische  Armee  völlig  abgezogen,  und
nur  der  letzte  Rest  ihres  Nachtrabs  in  Kaltennordheim  geblieben
  sei,  ob  man  also  den  Feind  auf  dieser  Straße  noch
erreichen  könne,  ob  man  mit  einem  solchen  Versuche  nicht
einen  Lufthieb  führen,  und  sogar  den  nächsten  Operationszweck,
  die  Trennung  der  feindlichen  Heereskörper,  auf  das
Höchste  gefährden  würde).  Genug,  Falckenstein  kam  auf  den
alten  Zug  seines  Herzens,  auf  den  Marsch  nach  Fulda,
zurück.  General  Beyer  rückte  dort  am  Abend  des  6.  Juli
ein,  ohne  auf  einen  Feind  gestoßen  zu  sein.  Denn  die  bayerische
Reserve-Cavallerie,  am  4.  bei  Hünfeld  von  einigen  preußischen
Kanonenschüssen  begrüßt,  war  in  wilder  Panik  von  Fulda
bis  Brückenau  und  Hammelburg  zurück  geflüchtet;  die  Truppen
des  achten  Corps,  wie  wir  gleich  sehen  werden,  hatten  eine  andere
Bestimmung  erhalten.  So  hatte  Falckenstein  sein  erstes  Ziel
erreicht;  er  meinte  jetzt  ganz  sicher,  mit  seiner  Armee  trennend
zwischen  den  beiden  Bundescorps  zu  stehen.

Leider  aber  hatte  er  sich  in  der  Auffassung  der  Verhältnisse
  auch  dieses  Mal  ebenso  gründlich  wie  bei  der  Verfolgung
  der  Hannoveraner  getäuscht.

Sein  nächster  Gegner,  Prinz  Carl  von  Bayern,  war
ein  alter,  solider  Soldat,  nicht  geistreich,  aber  durchaus  verständig,
  kampflustig,  aber  vorsichtig,  und  durch  pedantische
Pünktlichkeit  etwas  schwerfällig  in  Erwägungen  und  Bewegungen.
  Er  hatte  durchaus  keine  Neigung,  vor  der  Vereinigung
  mit  dem  achten  Corps  sich  auf  das  Glücksspiel  einer
großen  Schlacht  einzulassen;  als  die  Preußen  die  Werra

1)  Göben,  Gefecht  bei  Dermdach,  S.  48.
        <pb n="332" />
        312  Feldzug  der  Malnarmee.

überschritten  hatten,  war  er  entschlossen,  nicht  mehr  im
Norden,  sondern  im  Süden  der  Rhön  die  Vereinigung  zu
suchen.  Nur  wollte  er  nicht  im  Angesicht  des  Feindes  einfach
davon  laufen;  vielmehr  sollten  vor  dem  Rückzug  nach  Süden
seine  Soldaten  in  einigen  Gefechten  ihre  Kraft  und  ihr  Selbstgefühl
  erproben.  Dies  war  in  den  Kämpfen  des  4.  Juli
geschehen,  da  die  bayerischen  Truppen  von  den  Dispositionen
Falckenstein's  natürlich  nichts  wußten,  und  also  den  schließlichen
  Abzug  des  Feindes  ihrer  eigenen  Tapferkeit  zu  Gute
schrieben.  Ihr  Führer  hatte  sie  dann  sämmtlich  am  5.  in
enge  Concentrirung  bei  Kaltennordheim  zusammen  gezogen,
um  dort  einem  neuen  Angriff  gewachsen  zu  sein,  sobald  wie
möglich  aber  in  fester  Haltung  den  Rückzug  nach  Süden,
an  die  fränkische  Saale,  anzutreten.  An  einen  Marsch  direct
nach  Fulda  über  die  schlimmsten  Bergwege  der  Hohen  Rhön
dachte  er  gar  nicht,  erließ  vielmehr  schon  am  Morgen  des
5.  Juli  an  den  Prinzen  Alexander  den  Befehl,  ebenfalls  nach
Süden  zurückzugehen,  und  sich  über  Brückenau  und  Kissingen
mit  der  bayerischen  Armee  in  Verbindung  zu  setzen.  Prinz
Alexander  wies  dem  entsprechend  drei  seiner  Divisionen  an,
am  6.  Juli  sich  nach  Schlüchtern  in  Marsch  zu  setzen,  von
welcher  Stadt,  vier  Meilen  südlich  von  Fulda,  eine  leidliche
Straße  über  die  letzten  Ausläufer  der  Rhön  nach  Brückenau
führte.  Da  keine  dieser  Schaaren  weiter  als  fünf  Meilen
von  Schlüchtern  entfernt  stand,  so  konnte  bis  zum  Abend  des
7.  Juli  der  Prinz  dort  25000,  vielleicht  30000  Mann  versammelt
  haben  !).  Auf  preußischer  Seite  erreichte,  wie  wir
sahen,  die  Division  Beyer  die  Stadt  Fulda  am  Abend  des
6.  Juli,  die  beiden  andern  Divisionen  aber  erst  im  Laufe  des
)  Vgl.  preußisches  Generalstabswerk  S.  591.
        <pb n="333" />
        Der  Bundestag  verhindert  die  Vereinigung  der  beiden  Bundescorps.  313

folgenden  Tages:  auch  wenn  Falckenstein  von  den  Dispositionen
  Alexander's  Kenntniß  erlangte,  —  was  nicht  der  Fall
war  —  so  ist  es  doch  zweifellos,  daß  er  keine  Möglichkeit
gehabt  hätte,  den  Marsch  des  achten  Corps  von  Schlüchtern
nach  Kissingen  zu  hindern.  Am  5.  Juli  hätte  er  die  Bayern
vereinzelt  treffen  können;  sein  Zug  nach  Fulda  aber,  weit
entfernt,  die  Gegner  auseinander  zu  halten,  eröffnete  ihrer
Vereinigung  freie  Bahn.

Indessen  sollten  durch  ein  günstiges  Geschick  seinen
Truppen  die  bittern  Folgen  dieses  Mißgriffs  erspart  werden;
es  sollte  zugleich  dem  deutschen  Volke  kein  Zweifel  über  die
Faulheit  seiner  bisherigen  Bundesverfassung  gelassen,  und  die
Nothwendigkeit  der  von  Preußen  beantragten  Reform  handgreiflich
  vor  Augen  gestellt  werden.  Im  entscheidenden  Momente
  warf  die  höchste  Behörde  des  Bundeskriegswesens  den
wichtigen  Befehl  des  Bundesfeldherrn  durch  plöglichen  Eingriff
  über  den  Haufen,  und  verfügte  das  gerade  Gegentheil
der  bayerischen  Anordnungen,  anstatt  der  Vereinigung  die
vollständige  Zersplitterung  der  Bundesarmee.

Seit  dem  Beginne  des  Krieges  hatten  die  Garnisonen
von  Cöln  und  Coblenz  den  Befehl,  durch  kleine,  aus  Landwehrtruppen
  gebildete  Streifschaaren  das  nassauische  und
rheinhessische  Gebiet  zu  beunruhigen,  und  dadurch  vielleicht
die  Aufmerksamkeit  des  Gegners  von  den  Operationen  der
Mainarmee  abzuziehen.  Dieser  Zweck  wurde  in  glänzendem
Maaße  erreicht.  Der  Gouverneur  von  Mainz  rief  nach
Verstärkung,  der  Herzog  von  Nassau  begehrte  seine  Soldaten
aus  dem  Verbande  des  Bundescorps  zur  Vertheidigung  Wiesbadens
  zurück;  Prinz  Alexander  sandte  zum  Schutze  des  darmstädtischen
  Oberlandes  die  ganze  badische  Division  nach  Gießen,
        <pb n="334" />
        314  Feldzug  der  Malnarmee.

wo  weit  und  breit  kein  Feind  zu  sehen  war.  Eben  jetzt  kamen
wieder  neue  Alarmnachrichten  über  preußische  Streifzüge  im
untern  Lahnthal;  Prinz  Wilhelm  von  Baden  hielt  dadurch
seine  Flanke,  vielleicht  seinen  Rücken  bedroht,  und  zog  sich
deshalb  am  5.  Juli  eilfertig  bis  dicht  vor  Frankfurt  zurück.
Dort  traf  dann  auch  die  Kunde  von  Königgrätz  und  der
französischen  Vermittlung  ein;  der  große  Krieg  schien  entschieden,
  und  jetzt  die  Hauptaufgabe  zu  sein,  bis  zum  Friedensschlusse
  die  Bundeshauptstadt  und  die  einzelnen  Vaterländer
thunlichst  vor  feindlichen  Insulten  zu  beschützen.  Demnach
telegraphirte  der  bundestägliche  Militär-Ausschuß  auf  Grund
des  Artikels  47  der  Bundeskriegsverfassung  an  den  Prinzen
Alexander  die  Weisung,  das  Erforderliche  zur  Deckung  der
schwer  bedrohten  Mainlinie  einzuleiten,  d.  h.  sein  Corps  nicht
zur  bayerischen  Armee  nach  Kissingen,  sondern  zur  Rettung
des  Bundestags  nach  Frankfurt  zu  führen.  Der  Prinz  kam
dem  Befehle  ungesäumt  mit  voller  eigener  Zustimmung  nach,
indem  er  dem  Armee-Commando  meldete,  er  werde  fortan  die
Linie  Mainz-Hanau  decken  und  es  für  sehr  angemessen  halten,
wenn  Bayern  dann  den  Schutz  der  Linie  Aschaffenburg-Lohr-Gemünden
  übernähme.  Prinz  Carl  war  entrüstet,  forderte
in  einem  sofortigen  scharfen  Erlasse  unbedingten  Gehorsam,
wiederholte  telegraphisch  den  Befehl  zum  Marsche  nach
Kissingen:  es  war  aber  Alles  umsonst,  das  achte  Corps
marschirte  unaufhaltsam  nach  Frankfurt.  Je  selbständiger  aber
sich  Alexander  hiebei  gegen  seinen  Vorgesetzten  benommen,
desto  kräftiger  schritt  er  gegen  die  Eigenmächtigkeit  seines
Untergebenen  ein.  Prinz  Wilhelm  von  Baden  wurde  unter
nachdrücklichem  Tadel  seines  Rückzugs  wieder  nach  Friedberg
vorgeschoben,  denn  Friedberg  gehörte  ja  zu  einem  der  zu
        <pb n="335" />
        Marsch  der  Mainarmee  nach  Unterfranken.  315

beschirmenden  Vaterländer.  Alexander  wurde  nach  alle  diesem
durch  huldvolle  Dankschreiben  des  Königs  von  Württemberg
und  des  Großherzogs  von  Hessen  erfreut;  als  er  aber  am
9.  Juli  auch  den  Kaiser  von  Osterreich  um  Billigung  seines
Verhaltens  bat,  mußte  er  sich  mit  dem  kühlen  Bescheide  begnügen:
  „Einklang  mit  dem  siebenten  Bundescorps  wünschenswerth
  und  anzustreben;  von  hier  aus  Beurtheilung  der
Operationen  nicht  möglich.“  Nicht  einmal  in  Osterreich  war
die  alte  Achtung  und  Sympathie  für  Bundestag  und  Mittelstaaten
  mehr  anzutreffen!

Unterdessen  ging  Falckenstein,  nachdem  die  Reichsarmee
ihm  spurlos  verschwunden  war,  mit  Eifer  an  den  ihm  vorgezeichneten
  Zug  auf  Schweinfurt.  Er  gedachte,  ihn  in  zwei
Colonnen  auszuführen;  die  Division  Beyer  sollte  auf  der
großen  Frankfurter  Straße  bis  Schlüchtern  vorgehen,  von
dort  aber  ostwärts  abschwenkend,  die  fränkische  Saale  bei
Hammelburg,  zwei  Meilen  südlich  von  Kissingen,  erreichen;
die  Division  Göben  würde  auf  dem  geraden  Wege  von  Fulda
Üüber  Brückenau  nach  Kissingen  marschiren,  das  Corps  Manteuffel
  endlich  einen  Tagemarsch  hinter  Göben  das  Gebirge
überschreiten,  dann  aber  für's  Erste  als  gemeinsame  Reserve
in  der  Gegend  von  Brückenau  stehen  bleiben,  und  nur  einige
Bataillone  nach  Waldaschach,  nördlich  von  Kissingen,  entsenden.
  Die  Truppen,  namentlich  Göben's  und  Manteuffel's,
mußten  mit  unendlicher  Mühsal  und  Entbehrung  einen  der
wildesten  und  unwirthbarsten  Theile  der  Hohen  Rhön  passiren;
Falckenstein  selbst  schloß  sich  der  Division  Beyer  an,  doch
wohl,  weil  er  hier  im  Süden  den  stärksten  Gegner  vermuthete,
wie  er  denn  auch  Göben  befahl,  in  einem  solchen  Falle  den
bei  Hammelburg  stehenden  Feind  in  seiner  Flanke  zu  bedrohen.
        <pb n="336" />
        316  Feldzug  der  Mainarmee.

In  Wirklichkeit  aber  war  das  Verhältniß  der  Kräfte  gerade
umgekehrt:  nicht  auf  Beyer,  sondern  wiederum  wie  bei  Dermbach,
  auf  Göben,  und  zwar  auf  Göben  allein,  sollte  die  Wucht
des  Kampfes  laosten.  Prinz  Carl  war  in  bedächtigem  Zeitmaß
  aus  dem  Feldathale  über  die  Wasserscheide  in  das  Thal
der  fränkischen  Saale  zurückgegangen,  in  der  Absicht,  bei  dem
Ausbleiben  des  achten  Corps  seine  ganze  Armee  zu  einer
großen  Defensivschlacht  in  einer  wohlgewählten  Stellung  bei
Poppenhausen,  ungefähr  halbes  Wegs  zwischen  Kissingen  und
Schweinfurt,  zusammen  zu  ziehen.  Auf  diesem  Marsche  war
die  Division  Hartmann  bereits  an  Kissingen  vorüber  gezogen;
die  Division  Zoller  hatte  Kissingen  erreicht;  die  Divisionen
Feder  und  Stephan  standen  noch  nördlich  davon  bei  Neustadt.
  Da  wurde  dem  Prinzen  Carl  gemeldet,  daß  nur  ein
Theil  der  preußischen  Armee  das  Gebirge  überschritten  und
Brückenau  besetzt  habe.  Dies  konnte  durchaus  glaublich  erscheinen,
  da  man  zu  der  Annahme  sich  berechtigt  hielt,  ein
anderer  Theil  des  Feindes  sei  dem  achten  Bundescorps  nachgerückt.
  Demnach  änderte  Prinz  Carl  seinen  Plan,  und
beschloß,  einem,  wie  er  meinte,  schwächern  Gegner  die  Übergänge
  über  die  Saale  nicht  ohne  Kampf  Preis  zu  geben.
Er  zog  also  eine  Brigade  der  Division  Zoller  nebst  der
ganzen  Reiter-Reserve  nach  Hammelburg,  die  Division  Hartmann,
  anderthalb  Meilen  stromaufwärts,  nach  Euerdorf.  Wieder
eine  Meile  nördlich  hievon,  hielt  Zoller  mit  acht  Bataillonen
Kissingen  besetzt;  General  Feder  rückte  nach  Münnerstadt,
fünf  Viertelmeilen  östlich  hinter  Kissingen,  für  welchen  letzteren
Ort  er  drei  Bataillone  Verstärkung  bereit  hielt,  drei  anderen
aber  die  Deckung  von  Hausen,  eine  Stunde  oberhalb  Kissingens,
an  der  Saale,  übertrug.  Endlich  die  Division  Stephan  sollte
        <pb n="337" />
        Gefecht  bei  Kissingen.  317

mit  einem  Bataillon  noch  etwas  weiter  stromaufwärts  die
Brücke  bei  Waldaschach  sichern,  im  Ubrigen  aber  sich  bei
Münnerstadt  als  allgemeine  Reserve  aufstellen.  Wie  man
sieht,  lag  hienach  die  Möglichkeit  vor,  gegen  einen  auf  Kissingen
gerichteten  Angriff  binnen  weniger  Stunden  nicht  weniger
als  drei  und  eine  halbe  Division  zu  versammeln.  Es  stand
also  der  zunächst  völlig  isolirten  Division  Göben  ein  heißer
und  vielleicht  sehr  gefährlicher  Strauß  bevor.

Als  am  Vormittag  des  10.  Juli  General  Göben  in  der
Nähe  von  Kissingen  anlangte,  schob  er  ein  Bataillon  zur
Deckung  seiner  rechten  Flanke  auf  der  Straße  nach  Euerdorf,
zwei  andere  unter  Oberst  Goltz  zur  Sicherung  gegen  Norden
auf  der  Straße  nach  Hausen  vor;  mit  drei  Bataillonen  blieb
General  Tresckow  in  Reservestellung  zurück.  So  behielten
die  Brigade-Generale  Wrangel  und  Kummer  nur  noch  zehn
Bataillone  mit  25  Geschützen  zum  Angriffe  auf  die  durch  den
tiefen  und  reißenden  Fluß  gedeckte  Stadt  Üübrig.  Eine  geraume
  Zeit  hindurch  beschoß  man  den  Gegner  ohne  besondere
Wirkung  über  das  Wasser  hinüber;  endlich  fand  man  eine
Strecke  unterhalb  des  Ortes  eine  nur  halb  zerstörte  Laufbrücke,
  über  welche  die  Truppen  den  Fluß  passierten,  und
dann  von  Süden  her  mit  kräftigem  Ansturm  in  die  Stadt
eindrangen.  Die  Bayern  wehrten  sich  mit  grimmiger  Tapferkeit;
  um  jedes  Haus  und  jeden  Straßenknoten,  um  den  Besitz
der  Alleen  des  Kurgartens  und  der  Grabhügel  des  Friedhofs
entspann  sich  blutiger  Kampf.  Obgleich  allmählich  auch  Feder's
Bataillone  eingriffen,  drang  doch  die  festere  Führung  und
gewandtere  Taktik  der  Preußen,  wenngleich  mit  schweren  Verlusten,
  durch:  um  zwei  Uhr  war  Kissingen  und  eine  Menge
Gefangener  in  ihrer  Hand.  Die  Bayern  zogen  ostwärts,  den
        <pb n="338" />
        318  Feldzug  der  Mainarmee.

Abhang  des  Sinnberges  hinansteigend,  ab;  dort  liegt  in  einem
waldigen  Kessel  das  Dorf  Winkels;  kaum  daselbst  aufgestellt,
wurden  sie  durch  neuen  Angriff  der  verfolgenden  Preußen
getroffen,  auf  den  Waldhöhen  in  ihrer  Flanke  umgangen  und
damit  zu  weiterem  Zurückweichen  genöthigt.  =  Wieder  aber
folgten  Wrangel  und  die  jetzt  auch  vorgezogene  Reserve  in
unablässigem  Nachdringen:  die  Höhe  des  Sinnberges  wurde
erstürmt  und  endlich  am  jenseitigen  Fuße  desselben  ein  zweites
von  den  Bayern  vertheidigtes  Dorf,  Nüdlingen,  genommen.
Hier  aber  holte  sie  der  gemessene  Befehl  Göben's  ein,  inne
zu  halten  und  auf  dem  Kamme  und  dem  Straßenpasse  des
Sinnbergs  Stellung  zu  nehmen.  Göben  hatte  bei  weiterem
Vordringen  Besorgnisse  über  die  Sicherheit  seiner  Flanken,
und  wir  sahen  oben,  wie  viel  Grund  zu  umsichtiger  Sammlung
  vorhanden  war.  Zwar  hatte  Falckenstein  am  Morgen
dem  General  Manteuffel  Weisung  gesandt,  zu  Göben's  Unterstützung
  nach  Kissingen  zu  marschiren;  der  Befehl  kam  aber
erst  um  zehn  Uhr  in  die  Hand  des  Generals,  so  daß  dieser,
in  scharfem  Ritte  persönlich  nach  Kissingen  hinüber  eilend,
dem  Genossen  melden  mußte,  sein  Corps  könne  erst  spät
Abends  eintreffen.  Sein  Vortrab  hatte  damals  Waldaschach
und  Hausen  genommen,  konnte  aber  zur  Deckung  Kissingens
nur  geringe  Beihülfe  leisten.  In  der  Hauptsache  blieb  Göben
auf  die  eigne  Kraft  angewiesen.

Prinz  Carl  war  bei  der  ernsten  Wendung  des  Gefechts
in  Kissingen  selbst  dort  erschienen,  und  hatte  dann  Befehl
auf  Befehl  sowohl  an  Hartmann  als  an  Stephan  gesandt,
zu  entscheidender  Theilnahme  am  Kampfe  herbei  zu  eilen.
Der  Nachrichtendienst  aber  war,  wie  es  scheint,  damals  beim
bayerischen  Heere  nicht  besser  als  im  österreichischen  organi-
        <pb n="339" />
        Preußischer  Sieg.  319

sirt;  so  erhielt  am  10.  Juli  General  Hartmann  verschiedene
Befehle,  deren  keiner  zum  andern  paßte,  so  daß  er  endlich
glaubte,  nicht  nach  Kissingen  eilen,  sondern  südwärts  auf  der
Straße  nach  Schweinfurt  Stellung  nehmen  zu  sollen.  Die
Division  Stephan  aber  kam  gegen  Abend  mit  neun  Bataillonen
nach  Nüdlingen,  fand  dort  freilich  Zoller's  und  Feder's  Truppen
stark  durch  einander  gerathen  und  gründlich  erschöpft,  ging
aber  ihrerseits  frisches  Muthes,  den  Gegner  völlig  Überraschend,
zum  Angriff  auf  den  Sinnberg  vor,  und  nahm  die  feindliche
Stellung  in  ihrer  ganzen  Ausdehnung.  Wrangel  sandte  eilig
nach  Kissingen  an  Göben  die  Bitte  um  Unterstützung,  erhielt
aber  die  Antwort,  mit  seinen  acht  Bataillonen  sei  er  stark
genug,  die  Stellung  gegen  die  ganze  Welt  zu  behaupten.
Mein  Gott,  rief  Wrangel,  als  er  den  Bescheid  erhielt,  die
Stellung  ist  ja  schon  verloren.  Indessen  faßte  er  einen  Entschluß
  verzweifelter  Kühnheit:  stehen  bleiben  konnte  er  nicht,
zurückgehen  durfte  er  nicht;  so  gab  er  das  hellschmetternde
Signal:  Alles  avanciren,  und  stürmte  die  Höhen  wieder
hinan.  Dieses  Mal  war  er  es,  welcher  den  siegessichern  Feind
überraschte;  die  Bayern  wurden  nach  Nüdlingen  zurückgeworfen,
  und  darauf  vom  Prinzen  Carl  zum  Abmarsch
nach  Poppenhausen  befehligt.  Der  Tag  war  überall  für
Preußen  gewonnen,  denn  auch  bei  Hammelburg  hatte  die
Division  Beyer  den  nur  halb  so  starken  Gegner  ohne  großen
Verlust  zum  Rückzug  gezwungen.

Durch  rasche  Verfolgung  dieser  Vortheile  hätten  große
Ergebnisse  gewonnen  werden  können,  da  bei  dem  Abzug  der
Bayern  ihre  Heertheile  weit  auseinander  gekommen  waren.
Was  bei  Hammelburg  gefochten,  war  auf  der  Straße  nach
Würzburg,  die  Division  Hartmann  aber  nach  Schweinfurt
        <pb n="340" />
        320  Feldzug  der  Mainarmee.

zurückgegangen;  die  Vertheidiger  Kissingens  dagegen  rückten,
um  sich  nicht  einem  feindlichen  Stoß  in  ihre  Flanke  auszusetzen,
  weiter  ostwärts  über  Lauringen  nach  Haßfurt,  und
dachten,  von  dort  auf  dem  linken  Mainufer  wieder  nach
Schweinfurt  zu  gelangen.  Ein  rascher  und  kräftiger  Angriff
auf  Schweinfurt  hätte  also  die  Aussicht  auf  völlige  Zersprengung
  der  bayerischen  Armee  gegeben.  Auch  hatte
Falckenstein  am  Abend  des  10.  Juli  aus  dem  großen  Hauptquartier
  ein  Telegramm  als  Antwort  auf  frühere  Anfrage
erhalten,  in  welchem  wiederholt  Gewicht  auf  einen  Sieg  über
die  Bayern  gelegt  wurde.  Die  Länder  nördlich  des  Mains,
hieß  es,  fallen  uns  zu,  ohne  daß  wir  hineingehen.  Falckenstein
  telegraphirte  sofort  kurzen  Bericht  über  die  heute  errungenen
  Vortheile  zurück,  und  schloß  mit  den  Worten:
morgen  Vormarsch  auf  Schweinfurt.  Er  befahl,  da  bisher
Göben  der  stete  Vorkämpfer  des  Heeres  gewesen,  Manteuffel
an  die  Spitze,  und  Beyer  zur  nächsten  Unterstützung  desselben.
Da  man  aber  in  völliger  Ungewißheit  Über  die  Marschlinien
der  bayerischen  Truppen  war,  so  vergingen  die  Stunden  des
Vormittags  am  11.  über  vorläufigen  Recognoscirungen,  und
als  Manteuffel  sich  eben  zum  Angriff  auf  Schweinfurt  in
Bewegung  gesetzt  hatte,  erschien  zur  Rettung  der  Bayern  ein
deus  ex  machina,  jenes  oben  bereits  erwähnte,  durch  Bismarck
  veranlaßte  Telegramm  vom  9.  Juli.  Zwar  konnte  die
chiffrirte  Depesche  nur  theilweise  entziffert  werden;  jedoch
schien  der  Schlußsatz:  „factische  Occeupation  ..  .Länder  nördlich
  des  Mains  für  voraussichtliche  Verhandlung  auf  status
quo  jetzt  politisch  wichtig“  jeden  Zweifel  auszuschließen.  Es
war  der  Befehl,  Oberhessen,  Frankfurt,  Nassau  so  rasch  wie
möglich  in  Besitz  zu  nehmen,  und  damit  trotz  aller  Gebote
        <pb n="341" />
        Wendung  auf  Frankfurt.  321

der  militärischen  Logik  auf  die  völlige  Niederwerfung  der
Bayern  zu  verzichten.  Also  „Kehrt“  und  „vorwärts  auf
Frankfurt“:  es  war  Falckenstein's  alte  Sehnsucht,  welche  hier
endlich  die  höchste  Genehmigung  erhielt.  Umgehend  antwortete
  er  Moltke,  er  werde  am  17.  in  Frankfurt  einrücken.
Noch  mehr  aber  erquickte  die  neue  Wendung  das  Herz  des
Generals  Göben,  der,  so  eben  in  das  Hintertreffen  gestellt,
jetzt  seine  Division  wieder  an  der  Spitze  des  Zuges  sah.
Und  wenn  er  nach  Gefahren  durstete,  so  that  auch  dieses
Mal  Falckenstein  das  Seinige,  um  ihm  einen  solchen  Wunsch
in  vollem  Maaße  zu  erfüllen.  Er  wies  ihm  die  gerade
Straße  durch  den  Spessart,  von  Lohr  auf  Aschaffenburg
und  Hanau  an,  ließ  ihm  Manteuffel  in  einem  Abstand  von
zwei  Tagemärschen  folgen,  und  befahl  Beyer,  in  völliger
Trennung  von  den  Genossen  über  Hammelburg  und  Rieneck
nach  Gelnhausen  zu  marschiren.  Dadurch  wurde  Göben  mit
seinen  13000  Mann  für  zwei  Tage  den  Angriffen  des  ganzen
achten  Bundescorps,  also  einer  fast  vierfachen  Übermacht,  ausgesetzt:
  es  war  unmöglich,  die  absolute  Verachtung  des  Gegners
  deutlicher  als  durch  eine  solche,  hier  ganz  unnöthige
Zersplitterung  der  Kräfte  zu  bekunden.  Indessen,  wie  die
Dinge  einmal  lagen,  sollte  der  Erfolg  dieser  leichtsinnigen
Keckheit  Recht  geben.

Was  die  Gegner  betraf,  so  erhielt  Prinz  Carl  erst  am
12.  Juli  sichere  Kunde  von  dem  plötzlichen  Abmarsch  der
Mainarmee,  blieb  aber  einstweilen  über  Richtung  und  Ziel
desselben  noch  im  Unklaren.  Bei  der  auf  fast  über  sieben
Meilen  reichenden  Verzettelung  der  bayerischen  Heertheile  war
Lan  sofortiges  Nachsetzen  nicht  zu  denken,  und  am  13.  lief  ein

Telegramm  des  Ministers  von  der  Pfordten  ein,  Hoß  Unterv.
  Sybel,  Begründung  d.  deutschen  Reiches.  V.
        <pb n="342" />
        322  Feldzug  der  Mainarmee.

handlungen  im  Gauge,  und  weitere  Feindseligkeiten,  wenn
möglich,  zu  vermeiden  seien.  Um  so  mehr  bestärkte  sich  der
Prinz  in  dem  Entschlusse,  auf  bayerischem  Boden,  und  zwar
im  Süden  des  Mains,  zu  verweilen,  seinen  ermatteten  Truppen
dort  einige  Ruhe  zu  gönnen,  und  abzuwarten,  ob  das  achte
Bundescorps,  welches  er  durch  einen  Erlaß  vom  12.  nach
Uffenheim  in  Mittelfranken  befehligt  hatte,  jetzt  besser  als
acht  Tage  früher  Gehorsam  leisten  würde.  In  der  That
hatte  die  Nachricht  von  dem  bayerischen  Mißgeschick  an  der
Saale,  und  gleich  darauf  von  dem  Marsche  der  Mainarmce
gegen  Westen,  dem  Prinzen  Alexander  mit  einem  Schlage  die
Augen  über  die  Verkehrtheit  der  bisherigen  Strategie  geöffnet.
Noch  am  9.  Juli  hatte  er  dem  Bundestage  erklärt,  daß  für
Frankfurt  nichts  zu  besorgen  sei,  jetzt  aber  ersuchte  er  ihn,
seine  erlauchten,  freilich  nicht  mehr  zahlreichen  Häupter  nach
Augsburg  in  Sicherheit  zu  bringen.  Er  selbst  erließ  am
11.  und  12.  eilige  Befehle,  um  seine  bis  Wiesbaden,  Friedberg
  und  Gelnhausen  zerstreuten  Truppen  bei  Frankfurt  zu
versammeln,  und  dann  durch  den  Spessart  nach  Würzburg
zu  den  Bayern  hinüber  zu  führen.  Am  13.  Juli  war  die
Darmstädter  Division  bei  Aschaffenburg  aufgestellt;  am  Abend
sollte  dort  die  österreichische  Brigade  Hahn  anlangen,  Badenser
und  Württemberger  am  14.  ihnen  folgen.  Der  Prinz  hoffte,
am  15.  sein  ganzes  Corps,  49000  Mann,  bei  Aschaffenburg
vereinigt  zu  sehen.  Die  Hessen  hatten  Weisung,  mit  aller
Kraft  diesen  wichtigen  Ubergangspunkt  über  den  Main  zu
decken,  einige  Abtheilungen  auf  der  Spessartstraße  vorzuschieben,
  genaue  Beobachtungen  zu  sammeln,  sich  dort  aber
in  kein  Gefecht  einzulassen.

Diesen  Feindesmassen  also  ging  die  Division  Göben,
        <pb n="343" />
        Gefecht  bei  Laufach.  323

wie  immer  in  raschem  Zuge  entgegen.  Am  11.  Juli  Nachmittags
  von  Kissingen  aufgebrochen,  hatte  sie  spät  Abends
am  12.  Lohr  erreicht;  früh  um  fünf  Uhr  Morgens  am  13.
ging  es  von  dort  bergan,  in  zwei  Colonnen,  die  etwa  eine
Stunde  von  einander  entfernt  waren,  rüstiges  Schrittes,  um
möglichst  bald  die  drei  Meilen  bis  auf  die  Wasserscheide  und
zu  den  jenseitigen  Ausgängen  des  Gebirges  zurückzulegen.
Aber  es  war  ein  sauerer  Marsch  bei  glühender  Hitze,  tiefer
Windstille,  erstickendem  Staube,  bergauf,  bergab,  ohne  Schatten
und  ohne  Wasser;  schweigend  und  immer  langsamer  schleppten
sich  die  Compagnien  vorwärts.  Da  um  drei  Uhr  sprengten
Ordonnanzen  von  der  Vorhut  heran:  eine  Stunde  vorwärts
bei  Laufach  stehe  der  Feind,  und  nun  kam  neues  Leben  in
die  müden  Glieder.  Die  Brigade  Wrangel  erreichte  den  Ort
gegen  vier  Uhr;  es  gab  für's  Erste  nicht  viel  zu  thun;  die
Vorposten  der  Darmstädter  gingen,  dem  Befehl  entsprechend,
nach  einigen  Schüssen  zurück,  und  Wrangel's  Truppen  begannen,
  in  und  bei  den  Dörfern  Laufach  und  Fronhofen  ihr
Nachtauartier  einzurichten.  Unterdessen  aber  hatte  der  hessische
Commandeur,  General  Perglas,  mehrere,  kurz  vorher  aus
Laufach  abgelassene  Telegramme  erhalten,  daß  geschlagene
und  zersprengte  preußische  Abtheilungen  sich  im  Spessart
umhertrieben;  diese  meinte  er  jetzt  ohne  Mühe  in  Laufach
abfassen  zu  können,  und  gab  demnach  seiner  Division  den
Befehl  zum  Vorrücken.  Er  ging  einem  wahrhaft  verhängnißvollen
  Mißlingen  entgegen.  Bei  dem  Erscheinen  seines  Vortrabs
  ließ  Wrangel  fünf  Bataillone  sich  in  gedeckten
Stellungen  festsetzen;  die  Hessen  kamen  in  geschlossenen
Colonnen  über  einen  weiten  offenen  Abhang  heran,  und
wurden  zuerst  die  eine,  dann  die  andere  Brigabe  aus  dichter
        <pb n="344" />
        324  Feldzug  der  Malnarmee.

Nähe  durch  ein  verheerendes  Schnellfeuer  in  kurzem  Gefechte
fast  wehrlos  zusammengeschossen.  Sie  versuchten  mit  althessischem
  Muthe  mehrere  Anstürme  mit  gleicher  Erfolglosigkeit;
  schließlich  hatten  sie  einen  zehnfach  größeren  Verlust
als  ihre  Gegner  und  kamen  ermattet  und  niedergeschlagen
um  Mitternacht  nach  Aschaffenburg  zurück.  Dort  war  kurz
zuvor  General  Neipperg  mit  der  österreichischen  Brigade
Hahn  eingetroffen,  und  übernahm  jetzt  die  Beobachtung  des
Feindes.  Seine  zweite  Brigade,  die  Nassauer,  war  auf  das
Andringen  ihres  Herzogs  nach  Wiesbaden  entliehen  worden,
und  konnte  erst  nach  einigen  Tagen  wieder  bei  der  Armee
eintreffen.  Neipperg  hoffte  außerdem  auf  die  baldige  Ankunft
  der  Badenser  und  Württemberger,  sollte  sich  aber  bei
dieser  Rechnung  in  doppelter  Beziehung  getäuscht  finden.
General  Göben,  über  diese  Verhältnisse  natürlich  ununterrichtet,
  folgte  dem  einfachen  Gedanken,  daß  er,  je  schneller
er  vorgehe,  desto  bessere  Aussicht  habe,  die  Gegner  vereinzelt
zu  treffen  und  zu  schlagen.  Am  14.  Juli,  Morgens  sechs  Uhr,
setzte  er  seine  Truppen  gegen  Aschaffenburg  in  Bewegung,
rechts  die  Brigade  Wrangel,  links  die  Brigade  Kummer;  die
Österreicher  nebst  zwei  Bataillonen  und  einer  Batterie  der
Hessen  hatten  die  nächste  Umgebung  der  Stadt  auf  der  Ostseite
  besetzt,  und  der  Kampf  entspann  sich  mit  großer  Lebhaftigkeit
  auf  der  ganzen  Linie.  Sehr  bald  nach  dem  Beginn
desselben  hielt  es  General  Perglas  für  angemessen,  sei  es
aus  Mißtrauen  gegen  die  Festigkeit  seiner  gestern  geschlagenen
Truppen,  sei  es  aus  eigener  Kleinmüthigkeit,  ganz  sachte  mit  der
Hauptmacht  seiner  Division  stromabwärts  fortzuziehen  und
dann  bei  Stockstadt  sich  auf  das  linke  Ufer  des  Flusses  in
Sicherheit  zu  bringen,  so  daß  Neipperg  mit  neun  Bataillonen
        <pb n="345" />
        Treffen  bei  Aschaffenburg.  325

den  preußischen  Angriff  allein  zu  bestehen  hatte.  Gegen
zehn  Uhr  war  das  Schicksal  des  Tages  entschieden,  auf  allen
Punkten  überwältigte  der  energische  Vorstoß  der  Preußen
den  Widerstand,  und  während  Wrangel  an  seiner  Seite  die
ersten  Häuser  der  Stadt  erreichte,  setzte  sich  Kummer,  dicht
am  Flusse  vorwärtsstürmend,  in  den  Besitz  der  Mainbrücke,
so  daß,  was  vom  Feinde  noch  in  der  Stadt  war,  gefangen
in  die  Hand  des  Siegers  fiel.  Neipperg  hatte  einen  Verlust
von  480  Todten  und  Verwundeten  und  dazu  von  mehr  als
1900  Gefangenen,  während  man  auf  preußischer  Seite  nur
27  Todte  und  150  Verwundete  zählte.

Unterdessen  hatte  Prinz  Alexander  spät  am  Abend  des
13.  den  Befehl  des  Armee-Commando's  erhalten,  sein  Corps
nach  Uffenheim,  also  nicht  durch  den  Spessart,  sondern  weiter
südlich  durch  den  Odenwald,  zur  Vereinigung  mit  den  Bayern
zu  führen.  Er  hatte  demnach  am  14.  die  württembergische
und  die  badische  Division  auf  der  Eisenbahn  über  Darmstadt
nach  Dieburg  und  Babenhausen  befördern  lassen,  welcher
Fahrt  nach  seiner  Meinung  die  Stellung  der  Hessen  und
Osterreicher  in  Aschaffenburg  zur  Flankendeckung  dienen  sollte.
Zur  Vertheidigung  dieser  Stadt  wären  die  beiden  Divisionen
in  jedem  Falle  zu  spät  gekommen:  jetzt  hatten  sie  umgekehrt
die  geschlagenen  Osterreicher  aufzunehmen,  und  dann  mit
ihnen,  den  Hessen  und  Nassauern,  den  recht  mühseligen  Marsch
durch  den  Odenwald  anzutreten.  Göben  ließ  sie  unbelästigt
ziehen,  setzte  am  15.-Juli  seinen  Marsch  nach  Hanau  fort,
und  am  16.  hielt  darauf  Falckenstein  an  der  Spitze  der
lorbeerreichen  Division  seinen  Triumpheinzug  in  Frankfurt.
Von  hier  aus  erließ  er  ein  Manifest,  durch  welches  er  die
Regierung  von  Oberhessen,  Frankfurt  und  Nassau  übernahm
        <pb n="346" />
        326  Feldzug  der  Mainarmee.

(die  dadurch  verdrängten  Fürsten  waren  nach  München  entflohen);
  er  erhob  zugleich  von  der  Stadt  Frankfurt  eine
Contribution  von  sechs  Millionen  Gulden,  sorgte  für  reichliche
  Verpflegung  seiner  Truppen,  und  meldete  dem  Könige:
alles  Land  nördlich  des  Mains  liegt  zu  den  Füßen  Ew.
Mojestät.

An  demselben  Tage  erhielt  er  eine  allerhöchste  Ordre
vom  11.  Juli,  welche  ihn  von  dem  Oberbefehl  der  Mainarmce
  entband  und  zum  Generalgouverneur  des  Königreichs
Böhmen  ernannte.  In  seine  bisherige  Stellung  rückte  der
dienstälteste  der  Corpsführer,  General  von  Manteuffel,  ein.

So  ehrenvoll  an  sich  der  neue  Auftrag  war,  so  rief
doch  Falckenstein's  Versetzung  einen  großen  Sturm  der  öffentlichen
  Meinung  hervor.  Die  überraschenden  und  glänzenden
Erfolge  der  Mainarmee  hatten  dem  Führer  derselben  eine
mächtige  Popularität  verschafft,  wie  denn  Überhaupt  seine
frische  Persönlichkeit,  sein  offenes  und  unbefangenes  Auftreten,
  seine  Sorge  für  die  Soldaten,  seine  Milde  gegen  die
Bevölkerung  in  Feindes  Land,  überall  den  besten  Eindruck
machten.  Von  seinem  Nachfolger  Manteuffel  wußte  man,
daß  er  beim  Könige  hoch  in  Gnaden  stand;  dabei  war  er
bei  einer  Menge  alter  Officiere,  die  er  als  Chef  des  Militärcabinets
  als  ganz  oder  halb  untauglich  aus  der  Armee  entfernt
  hatte,  gründlich  verhaßt;  so  flogen  denn  die  Gerüchte,
Manteuffel  habe  von  jeher  der  Unterordnung  unter  den  trefflichen
  Alten  widerstrebt  und  ihn  endlich  durch  geheime  Anklagen
  beim  Könige  gestürzt.  An  dem  Allen  war  nun  kein
wahres  Wort:  Manteuffel  ist  jeder  Weisung  des  Oberfeldherrn
  auf  das  Pünktlichste  nachgekommen;  daß  er  ihm  gezürnt,
weil  jener  ihn  stets  in  das  Hintertreffen  gestellt,  ist  völlig
        <pb n="347" />
        Manteuffel  erhält  den  Oberbefehl  über  die  Mainarmee.  327

aus  der  Luft  gegriffen;  dies  ergab  sich  von  selbst  aus  dem
Umstande,  daß  Manteuffel  aus  Altona  einen  weitern  Weg
nach  Hannover  und  dann  nach  Thüringen  hatte,  als  seine
Genossen,  und  es  war  nicht  Falckenstein's  Schuld,  daß  am
11.  Juli  Manteuffel  bei  Schweinfurt  nicht  zum  Schlagen
gelangte.  Falckenstein  wurde  abberufen,  nicht  in  Folge  einer
das  Licht  scheuenden  Intrigue,  sondern  weil  das  große  Hauptquartier
  mit  seiner  Kriegführung  gegen  die  Hannoveraner  in
hohem  Grade  unzufrieden  war:  er  hatte,  wie  wir  sahen,  mehr
als  einmal  eigenmächtig  die  von  dort  erhaltenen  Weisungen
vernachlässigt  oder  aus  den  Augen  gesetzt  (am  21.  wie  am
27.  Juni),  und  Moltke  war  nicht  der  Meinung,  dergleichen
ferner  durchgehen  zu  lassen.  Man  vermied  es,  aus  Achtung
für  die  sonstigen  Verdienste  des  Gencrals,  dies  öffentlich  auszusprechen,
  und  Manteuffel  wäre  der  Letzte  gewesen,  sich  zum
Schaden  des  frühern  Vorgesetzten  gegen  die  üble,  auf  ihn
gehäufte  Nachrede  zu  vertheidigen.

Die  erste  Obliegenheit,  welche  dem  neuen  Oberbefehlshaber
  aus  der  Erbschaft  seines  Vorgängers  zuwuchs,  war
eine  wenig  angenehme:  ein  noch  an  Falckenstein  gerichteter
Befehl  Bismarck's,  der  Stadt  Frankfurt  eine  Contribution
von  25  Millionen  Gulden  aufzuerlegen.  Frankfurt  war  als
Sitz  des  Bundestags  immer  gut  österreichisch  gewesen,  und
hatte  in  den  letzten  Jahren  bei  jeder  Gelegenheit  seine  preußenfeindliche
  Gesinnung  geräuschvoll  zur  Schau  getragen.  Trotz
Bismarck's  Rundschreiben,  daß  Preußen  jedes  Votum  für
den  Antrag  vom  14.  Juni  als  Kriegserklärung  betrachten
und  behandeln  würde,  hatte  die  freie  Stadt  dafür  gestimmt,
und  wenn  sie  allerdings  ihr  Linien-Bataillon  vorsichtig  zu
Hause  behalten,  so  war  sie  doch,  als  in  den  letzten  Wochen
        <pb n="348" />
        328  Feldzug  der  Malnarmee.

der  Bundestag  allen  bundestreuen  Staaten  die  Bildung  von
Milizen  zur  Unterstützung  der  Armee  empfahl,  mit  Eifer
dieser  Aufforderung  nachgekommen.  So  war  Bismarck's  neue
Maaßregel  völkerrechtlich  unanfechtbar,  aber  ohne  Zweifel
äußerst  hart,  so  daß  in  Frankfurt  ein  allgemeines  Widerstreben,
  und  im  Auslande  eine  lebhafte  Mißbilligung  erfolgte.
Manteuffel  hielt  es  für  angemessen,  durch  gewaltige  Drohungen
gewaltthätiges  Handeln  unnöthig  zu  machen,  zögerte  aber
durch  mehrfache  Instructionseinholung  die  Sache  hin,  und
kam  damit  um  so  leichter  zum  Zweck,  als  Bismarck  zwar
den  Frankfurtern  einen  scharfen  Denkzettel  für  ihr  früheres
Verhalten  zugedacht  hatte,  aber  sehr  geneigt  war,  sie  mit
dem  Schrecken  davon  kommen  zu  lassen,  sobald  die  preußische
Annexion  der  Stadt  als  gesichert  gelten  kounte.

Während  dieser  Ausbreitung  der  preußischen  Heeresmacht
  im  deutschen  Westen  war  der  Kriegsminister  nicht
müßig  geblieben,  den  siegreichen  Divisionen  Ersatz  und  Verstärkung
  zuzuführen.  Unablässig  hatten  die  heimischen  Depöts
gerüstet;  eine  lange  Reihe  vierter  Bataillone  war  gebildet,
zahlreiche  Landwehrtruppen  zu  Fuß  und  zu  Roß  zusammen
berufen,  die  Contingente  der  norddeutschen  Bundesgenossen
in  Marsch  gesetzt  worden.  So  wurde  jetzt  die  Mainarmce
auf  die  Stärke  von  50000  Mann  gebracht,  während  ungefähr
  10000  Mann  zur  Sicherung  der  in  Besitz  genommenen
  Territorien  zurückblieben.  Zugleich  war  auf  königlichen
  Befehl  vom  3.  Juli,  also  dem  Datum  von  Königgrätz,
  in  Sachsen  ein  zweites  Reservecorps  von  25000  Mann
unter  der  Führung  des  Großherzogs  von  Mecklenburg-Schwerin
  aufgestellt  worden,  um  von  dort  über  Hof  in  die
östlichen  Provinzen  Bayerns  einzubrechen.  Der  Großherzog
        <pb n="349" />
        Lersturkung  der  preuß.  Streikkräfte.  Entmuthigung  der  sadd.  Höse,  329

begann  seinen  Marsch  am  20.  Juli,  während  General  Manteuffel
  die  Operationen  gegen  das  Bundesheer  am  21.  wieder
aufnahm.  Die  beiden  Corps  des  letztern  waren  jetzt  allerdings
  vereinigt  und  stellten  den  50  000  Mann  der  Mainarmee
  nicht  weniger  als  80000  Mann  mit  einer  doppelten
lberzahl  an  Geschützen  entgegen.  Allein  im  preußischen
Lager  gab  es  nicht  einen  Mann,  der  nach  den  bisherigen
Erfolgen  nicht  mit  vollem  Selbstvertrauen  in  den  ungleichen
Kampf  gegangen  wäre.

In  der  That,  sie  zogen  auch  jetzt  von  Sieg  zu  Sieg;
die  geübte  Tapferkeit  der  Kämpfer  und  die  rastlose  Energie
der  Führung  war  dieselbe  wie  bisher,  nur  die  letztere  etwas
weniger  als  bei  Falckenstein  mit  der  Verwegenheit  des  Hazardspielers
  vermischt.  Die  Gerechtigkeit  aber  gegen  die  süddeutschen
Truppen  fordert  gleich  hier  die  Bemerkung,  daß  ihnen  in  dieser
letzten  Kriegswoche  fort  und  fort  die  Politik  lähmend  in  den
Arm  fiel  und  bei  allem  Muthe  der  Einzelnen  das  Ganze  zu
ohnmächtigem  Widerstande  verurtheilte.  Die  süddeutschen  Höfe
empfanden,  daß  sie  besiegt  waren;  sie  hatten  den  lebhaften
Wunsch,  für  eine  verlorene  Sache  ihre  Truppen  nicht  weiter
zu  opfern.  Durch  eine  solche  Gesinnung  mußte  allerdings
einem  angriffslustigen  Gegner  das  Spiel  nicht  wenig  erleichtert
werden.

Manteuffel  wußte,  daß  die  Bayern  nach  dem  Abzug
der  Mainarmee  sich  bei  Würzburg  gesammelt  hatten,  das
achte  Bundescorps  aber  durch  den  Odenwald  an  die  Tauber
gezogen  war.  Ihre  Vereinigung  südlich  von  Würzburg
konnte  er  nicht  verhindern;  es  fragte  sich,  ob  er,  durch  den
Spessart  zurückkehrend,  zunächst  auf  die  Bayern  fallen,  oder
den  Spuren  des  achten  Corps  durch  den  Odenwald  folgen
        <pb n="350" />
        330  Feldzug  der  Malnarmee.

sollte.  Ohne  Zweifel  war  die  letztere  Operation  die  kühnste,
da  im  Falle  eines  Unglücks  der  Rückzug  gefährliche  Schwierigkeit
  haben  konnte.  Eben  deshalb  aber  auch  mußte  sie  auf
den  Gegner  überraschend  wirken,  um  so  mehr,  als  sie  bei
glücklichem  Verlauf  unmittelbar  in  dessen  Rücken  führte  und
ihn  von  allen  Verbindungen  mit  der  Heimath  abschnitt.
Auch  war  für  die  bevorstehenden  Friedensunterhandlungen
der  Umstand  nicht  zu  verachten,  daß  dann  ansehnliche  Stücke
badisches  und  württembergisches  Gebietes  der  preußischen  Besetzung
  anheim  fielen.  So  war  Manteuffel  rasch  entschlossen.
In  drei  Tagen  —  die  Reichsarmee  hatte  sechs  gebraucht  —
durchschritten  seine  Truppen  den  Odenwald,  und  standen,
nach  einem  unbedeutenden  Gefechte  zwischen  dem  Regimente
Coburg--Gotha  und  einer  badischen  Brigade  bei  Hundheim,
am  24.  Juli  von  Wertheim  bis  Bischofsheim  an  der  Tauber
den  Divisionen  des  Prinzen  Alexander  gegenüber.

Während  er  handelte,  hatten  die  Gegner  weisen  Rath
gepflogen.  Man  erwartcte  jeden  Tag  die  Nachricht  vom
Friedensschluß  oder  Waffenstillstand;  man  glaubte,  daß  der
preußische  Feldherr  in  Frankfurt  auf  lange  Zeit  durch  politische
  Geschäfte  festgehalten  sei;  man  war  eine  Weile  zweifelhaft,
  ob  man  ihn  dort  aufsuchen  oder  seinen  Angriff  erwarten
  sollte,  und,  als  man  sich  selbst  zum  Angriff  entschlossen
  hatte,  ob  man  südlich  des  Mains  durch  den  Odenwald,
  oder  im  Norden  des  Flusses  durch  den  Spessart  ziehen
sollte.  Bei  einer  Zusammenkunft  der  Prinzen  Carl  und
Alexander  am  19.  Juli  entschied  man  sich  für  das  Letztere,
fand  aber,  daß  bei  der  augenblicklichen  Stellung  der  Truppenkörper,
  die  Operation  nicht  vor  dem  24.  Juli  beginnen
konnte,  so  daß  die  beiden  Corps  erst  am  28.  vereinigt  vor
        <pb n="351" />
        Stellung  des  8.  Bundescorps  an  der  Tauber.  331

Aschaffenburg  stehen  würden.  Am  21.  erhielt  Alexander
Nachricht  von  dem  Marsche  des  Feindes  gegen  die  Tauber
und  gab  sie  auf  der  Stelle  an  Carl  weiter,  dieser  aber  hatte
gleichzeitig  Meldung  von  dem  Erscheinen  preußischer  Truppen
bei  Lohr  erhalten  —  Manteuffel  hatte  zur  Irreführung  des
Gegners  ein  Bataillon  nebst  einigen  Husaren  dorthin  gesandt
  —,  vermuthete  dort  die  Hauptmacht  des  Feindes  zu
treffen,  und  ließ  demnach  den  größten  Theil  seiner  Streitkräfte
  nordwärts  gegen  Lohr  und  Gemünden  vorrücken,  acht
Meilen  weit  von  Alexander's  Stellung  an  der  Tauber  eutfernt.
  So  war  in  dem  Augerblicke,  in  welchem  der  feindliche
Stoß  die  Reichsarmee  traf,  die  alte  Trennung  der  beiden
Corps  glücklich  wieder  hergestellt.  In  dieser  Lage  schwankte
Prinz  Alcxander,  ob  er  vor  oder  hinter  der  Tauber  den
Kampf  aufnehmen  sollte,  ermüdete  seine  im  Odenwald
schlecht  verpflegten  Truppen  durch  mehrfache  Hin=  und  Hermärsche,
  und  besetzte  schließlich  die  beiden  Übergänge  über
den  Fluß  bei  Bischofsheim  und  eine  Meile  abwärts  davon
bei  Werbach  mit  kleinen  Abtheilungen,  stellte  zu  deren  unmittelbarer
  Unterstützung  bei  Werbach  die  badische  und  bei
Bischofsheim  die  württemberger  Division  auf,  und  hielt  die
Darmstädter,  Osterreicher  und  Nassauer  weiter  ostwärts  von
Bischofsheim  in  Reserve.

Manteuffel,  dessen  Hauptaugenmerk  darauf  ging,  seine
beiden  Gegner  möglichst  auseinander  zu  halten,  hatte  die
Division  Flies,  das  früher  von  ihm  selbst  befehligte  Corps,
an  die  Mündung  der  Tauber  in  den  Main  bei  Wertheim
gesandt,  welchen  Punkt  der  General  in  Folge  der  letzten
bayerischen  Märsche  vom  Feinde  geräumt  fand,  die  Tauber
also  ohne  Kampf  überschritt  und  etwas  weiter  nach  Osten
        <pb n="352" />
        332  Feldzug  der  Mainarmee.

vorgehend,  die  linke  Flanke  des  Heeres  gegen  die  Bayern
sicherte.  Gegen  das  achte  Corps  hatte  Manteuffel  beschlossen,
  bei  Werbach  mit  überlegener  Stärke  durchzubrechen,
um  hier  den  Feind  nach  Süden  abzudrängen  und  somit  von
den  Bayern  zu  entfernen.  Er  führte  also  gegen  Werbach
die  Brigade  Weltzien  (Oldenburger  und  Hanseaten)  von
Göben's  Division  und  die  ganze  Division  Beyer  zum  Angriff
vor,  während  gegen  Bischofsheim  Göben  nur  die  Brigade
Wrangel  augenblicklich  zur  Verfügung  hatte,  da  General
Kummer  erst  gegen  Abend  dort  anlangen  konnte.  Wieder
also  war  auf  seine  Schultern  die  schwerste  Last  gelegt.  Er
ließ  sich  dadurch  so  wenig  wie  bei  Kissingen  das  Herz  beschweren.
  Bischofsheim  liegt  auf  dem  westlichen  Ufer  der
Tauber,  in  einem  ringsum  von  beherrschenden  Höhen  umgebenen
  Thalkessel;  von  diesen  herab  wurde  das  Städtchen
zuerst  durch  eine  preußische  Batterie  beschossen,  darauf  mit
stürmender  Hand  genommen,  der  Feind  über  die  Brücke  hinüber
  verfolgt,  und  drüben  die  nächsten  Häuser  und  Gärten
besetzt.  Hier  aber  begann  erst  die  harte  Arbeit  des  Tages.
Zuerst  die  Württemberger,  dann  die  Österreicher  und  die
Nassauer,  unterstützt  durch  das  Feuer  von  ungefähr  vierzig
Geschützen,  unternahmen  einen  Angriff  nach  dem  andern  zur
Wiedergewinnung  der  Brücke,  scheiterten  aber  stets  unter
schweren  Verlusten  durch  das  mörderische  Schnellfeuer  der
Zündnadel.  Es  waren  fünf  preußische  Bataillone  und  fünf
Geschütze,  welche  hier  unerschütterlich  gegen  zwei  feindliche
Divisionen  ihre  Stellung  behaupteten.  Bald  nach  sechs  Uhr
erhielt  Prinz  Alexander  die  Meldung,  daß  die  Badenser  nach
schwachem  Widerstande:)  Werbach  geräumt,  und  sich  andert-1)
  Sie  hatten  80,  die  Württemberger  670  Mann  Verlust.
        <pb n="353" />
        Gefechte  bei  Bischofsheim  und  Werbach  333

halb  Meilen  weit  auf  der  Straße  nach  Würzburg  zurückgezogen
  hätten.  Damit  sah  er  seine  eigene  Flanke  entblößt,
brach  das  Gefecht  ab,  und  ließ  seine  Truppen  eine  Meile
hinter  Bischofsheim  Biwak  beziehen.  Die  Linie  der  Tauber
war  preußischer  Seits  gewonnen,  und  Manteuffel  befahl  für
den  folgenden  Tag,  den  25.  Juli,  sofortige  Fortsetzung  der
Offensive.  Wieder  sollte  die  Division  Flies  am  Main  die
linke  Flanke  des  Heeres  gegen  die  Bayern  decken,  Beyer  aber
von  Werbach  aus  über  Neubrunn  die  Stellung  des  achten
Corps  von  rechts  her  bedrohen,  während  Göben  dieselbe  in
unmittelbarem  Nachrücken  von  Bischofsheim  her  in  der  Front
angriff.  Die  Trennung  der  beiden  feindlichen  Heertheile
wäre  damit  vollendet  gewesen.

Indessen  hatte  Prinz  Cark  sich  doch  nicht  länger  der  Thatsache
  verschließen  können,  daß  starke  Feindesmassen  die  Tauber
erreicht  hatten,  und  also  an  die  frühere  beabsichtigte  Offensive
von  Lohr  nach  Aschaffenburg  nicht  mehr  zu  denken  war.  Er
befahl  also  möglichst  rasche  Versammlung  seiner  Truppen  bei
Roßbrunn,  anderthalb  Meilen  östlich  von  Würzburg  und
ebenso  weit  von  dem  Lager  des  achten  Corps  entfernt.  Von
dort  gingen  am  24.  Juli  die  Divisionen  Stephan  und  Prinz
Luitpold  (früher  Zoller)  in  südwestlicher  Richtung  bis  in  die
Gegend  von  Helmstadt  vor,  und  General  Stephan  ließ  dann
durch  seinen  Vortrab  Neubrunn  besetzen,  nur  eine  Stunde
weit  von  dem  Lager  der  Badenser  gelegen.  Von  dieser  Bewegung
  der  Bayern  war  den  preußischen  Führern  nichts  bekannt
  geworden,  und  General  Beyer  sah  sich  demnach  zu
völliger  Überraschung,  als  er  gegen  Mittag  Neubrunn  erreichte,
  den  bayerischen  Raupenhelmen  gegenüber.  Die  Fortsetzung
  seines  Marsches  gegen  das  achte  Corps  war  unter
        <pb n="354" />
        334  Feldzug  der  Mainarmee.

diesen  Umständen  ausgeschlossen:  um  so  lebhafter  griff  er  den
neuen  Gegner  an,  und  zwang  sehr  bald  Stephan's  Vorhut
zum  Rückzug  auf  ihr  Hauptcorps.  General  Stephan  beschloß
seinerseits  den  Feind  mit  allem  Nachdruck  zu  fassen,  wollte
aber  ein  möglichst  kunstgerechtes  Manöver  ausführen,  und
rückte  deshalb  auf  einem  weiten,  nach  Norden  gestreckten
Bogen  zum  Angriffe  aus.  Der  Umweg  kostete  ihm  drei  bis
vier  Stunden,  und  General  Beyer,  dessen  Plänkler  bereits
mit  den  Truppen  des  Prinzen  Luitpold  im  Gefechte  standen,
benutzte  diese  Zeit  in  so  ausgiebiger  Weise,  daß  er  die  Division'
  des  Prinzen  vollständig  schlug,  und  dann,  als  Stephan
gegen  Abend  endlich  herankam,  demselben,  noch  ehe  die  Dunkelheit
  hereinbrach,  ein  ebenso  blutiges  Schicksal  bereitete.  Prinz
Carl  zog  hierauf  die  geschlagenen  Divisionen  in  eine  Stellung
dicht  vor  Würzburg  zurück,  und  besetzte  Roßbrunn  und  Umgegend
  mit  den  unterdessen  aus  Lohr  und  Heidenfeld  herangekommenen
  Truppen  der  Generale  Feder  und  Hartmann.
Noch  übler  für  die  Bundessache  sah  es  gleichzeitig  drüben
beim  achten  Corps  aus.  In  den  letzten  24  Stunden  hatten
die  Prinzen  Carl  und  Alexander  mehrere  sehr  unerquickliche
Briefe  gewechselt,  im  Wesentlichen  des  Inhalts,  daß  jeder
den  Andern  aufforderte,  ihm  zu  Hülfe  zu  kommen  und  die
Feinde  zu  verjagen.  Das  Ergebniß  war,  daß  Alexander  am
25.  Vormittags  sein  Corps  eine  Meile  weiter,  nach  Gerchsheim,
  zurückführte,  wo  er  dann  einige  Stunden  später  durch
Göben  mit  zwei  Brigaden  angegriffen  wurde.  Er  hatte
40000  Mann  gegen  10000,  begnügte  sich  aber,  den  Wald,
welchen  die  Preußen  dicht  vor  seiner  Stellung  besetzt  hatten,
durch  seine  Artillerie  beschießen  zu  lassen.  Am  Abend  erschien
in  seiner  linken  Flanke  General  Wrangel  mit  Göben's  dritter
        <pb n="355" />
        Gesechte  bel  Neubrunn  und  Roßbrunn.  335

Brigade,  auf  seiner  rechten  strömte  in  wilder  Verwirrung
flüchtiges  Fuhrwerk  der  geschlagenen  Bayern  zurück,  und
meldeten  die  beiden  Befehlshaber  der  hessischen  und  der
württemberger  Division,  daß  ihre  Truppen  wegen  völliger
Erschöpfung  kampfunfähig  seien.  Da  gab  er  den  Befehl  zum
Abmarsch  in  die  Nähe  von  Würzburg,  bei  dem  im  Dunkel
der  Nacht  eine  große  Anzahl  der  Regimenter  in  vollständige
Auflösung  gerieth.  Am  26.  Juli  hatten  dann  noch  die  bayerischen
  Divisionen  Feder  und  Hartmann  ein  scharfes  Gefecht
bei  Roßbrunn  gegen  Beyer  und  Flies,  an  dessen  Schluß
auch  ihre  Cürassiere  Gelegenheit  fanden,  durch  tapfere  Attaken
die  böse  Scharte  von  Hünfeld  einiger  Maaßen  auszuwetzen;
der  Sieg  des  Tages  blieb  aber  endlich  doch  auch  hier  wieder
den  Preußen,  und  als  das  löbliche  achte  Corps,  ohne  jemand
zu  fragen,  die  Stadt  Würzburg  passirt  und  auf  dem  nördlichen
  Ufer  des  Maines  Sicherheit  gesucht  hatte,  folgte  Prinz
Carl  am  27.  Juli  nothgedrungen  diesem  Beispiel.  Binnen
drei  Tagen  hatte  Manteuffel  die  beinahe  doppelt  übermächtige
Bundesarmee  vor  sich  her  über  den  Main  getrieben,  und
von  ihren  Vaterländern  abgeschnitten.

In  derselben  Zeit  war  das  zweite  Reserve-Corps,  fast
ohne  Widerstand  zu  finden,  Über  Hof  und  Bayreuth  bis
nach  Nürnberg  gelangt.  Alle  Wege  standen  ihm  offen,  zum
Triumpheinzug  in  München  oder  zur  Vernichtung  der  Bundesarmee
  in  Verbindung  mit  Manteuffel.  Da  wurde  denn  im
ganzen  Süden  die  Kunde  von  dem  Nikolsburger  Waffenstillstand
  mit  Jubel  begrüßt.  Manteuffel,  wie  wir  wissen,  hatte
die  näheren  Bestimmungen  mit  den  einzelnen  süddeutschen
Staaten  zu  unterhandeln;  von  den  norddeutschen  durfte
keine  Rede  sein.  Das  Bundescorps  löste  sich  auf;  jedes
        <pb n="356" />
        336  Feldzug  der  Mainarmee.

seiner  Bestandtheile  kehrte  auf  besonderer  Straße  in  die  Heimath
  zurück.  Unterfranken,  Darmstadt,  Mannheim,  Heidelberg,
  Mergentheim  blieben  einstweilen  in  preußischem  Gewahrsam.


Das  war  der  erste  und  letzte  Krieg,  welchen  der  durchlauchtigste
  deutsche  Bundestag  zu  führen  gehabt.  Was  wäre
aus  Deutschland  geworden,  wenn  es  unter  der  Leitung  dieser
Behörde  einen  Kampf  gegen  Frankreich  oder  Rußland  hätte
bestehen  müssen!
        <pb n="357" />
        Zwanzigstes  Buch.

Grundlagen  des  neuen  Keichs.

v.  Spdel,  Degründung  d.  drutschen  Neiches.  V.  22
        <pb n="358" />
        <pb n="359" />
        1.  Capitel.
Erloͤschen  des  preußischen  Verfassungsstreits.

Wie  nach  einem  heftigen  Orcan  das  Tosen  der  Meereswellen
  längere  Zeit  fortdauert,  ja  an  einzelnen  Küstenpunkten
die  Brandung  noch  gefährlicher  als  während  des  Brausens
der  Windsbraut  erscheinen  kann,  so  erging  es  auf  dem  Meere
der  deutschen  und  der  europäischen  Politik,  als  am  26.  Juli
der  Sturm  des  bewaffneten  Kampfes  beschwichtigt  worden
war.  Wohl  war  an  der  entscheidenden  Stelle  fester  Grund
gewonnen;  Überall  aber  waren  die  Elemente  noch  in  unruhiger
Gährung;  auf  mehr  als  einer  Seite  galt  es,  den  hochgehenden
Wellen  festen  Widerstand  entgegen  zu  setzen.  Es  waren  arbeitsvolle
  Tage  für  Bismarck,  welche  in  Nikolsburg  auf  die  Zeichnung
  und  die  Ratification  der  Friedenspräliminarien  folgten.

Trotz  der  kräftigen  Abweisung,  welche  Freiherr  von  der
Pfordten  erfahren  hatte,  drängten  sich  jetzt  die  Besiegten  an
das  preußische  Hauptquartier,  Frieden  erbittend  und  gute
Gesinnung  betheuernd,  heran.  Schon  am  24.  Juli  hatte  der
Großherzog  von  Baden,  welcher  ja  nur  gezwungen  in  den
Kampf  eingetreten  war,  an  seinen  königlichen  Szwiegervater
        <pb n="360" />
        340  Erlöschen  des  preußischen  Verfassungsstreits.

geschrieben,  um  Waffenruhe  gebeten,  und  seine  Vermittlung
zwischen  Preußen  und  den  Südstaaten  angeboten.  In  Bekräftigung
  dieses  Sinnes  entließ  er  zwei  Tage  später  seinen
stets  noch  gegen  den  Frieden  wühlenden  Minister  Edelsheim,
bildete  sich  einen  Ministerrath  von  entschieden  preußischer
Farbe  und  meldete  in  Augsburg  seinen  Austritt  aus  dem
Bunde  an;  auch  war  er  der  Erste,  welcher  seine  Truppen
aus  dem  Verbande  des  achten  Bundescorps  zurück  und  in  die
Heimath  berief.  König  Wilhelm  kam  ihm,  wie  man  sich  denken
kann,  mit  wohlwollendem  Herzen  entgegen.  Anders  war  seine
Stimmung  gegen  den  alten  Herzog  Bernhard  von  Meiningen,
der  früher  einer  der  zähesten  Gegner  Preußens  gewesen,  dann
aber  am  22.  Juli  um  seine  Aufnahme  in  den  norddeutschen
Bund  eingekommen  war.  Die  Antwort  lautete  am  29.  dahin,
daß  die  Aufnahme  sofort  erfolgen  könne,  wenn  der  Herzog
zu  Gunsten  seines  Sohnes  abdanken  wolle:  andersfalls
möge  er  mit  Preußen  in  derselben  Weise  wie  die  süddeutschen
Staaten  unterhandeln,  und  zu  diesem  Zwecke  einen  Bevollmächtigten
  nach  Berlin  senden.  König  Georg  von  Hannover
hatte  nach  kurzem  Verweilen  in  Thüringen,  trotz  dringender  Vorstellungen
  besonnener  Rathgeber,  seinen  Aufenthalt  in  Hietzing
bei  Wien  genommen,  anfangs  mit  Freuden  begrüßt,  jetzt  der
österreichischen  Regierung  eine  Last,  so  daß  er  eine  Unterhandlung
  mit  Preußen  zu  eröffnen  beschloß.  Am  28.  Juli
meldete  sich  einer  seiner  Adjutanten  in  Nikolsburg  als  Überbringer
  eines  Briefes  seines  Fürsten  an  König  Wilhelm  an.
Allein  er  erhielt  die  kurze  Antwort,  daß  Se.  Majestät  nicht
in  der  Lage  sei,  das  Schreiben  entgegen  zu  nehmen.  Ferner
in  Stuttgart  hatte  die  Königin  Olga,  im  Vertrauen  auf  ihren
Bruder,  den  Zaren,  der  Einleitung  einer  Friedensverhandlung
        <pb n="361" />
        Frledensgesuche  der  Mittelstaaten.  341

widersprochen,  König  Carl  aber  doch  bei  dem  trostlosen  Rückzug
  des  Bundescorps  hinter  den  Main,  eine  Abordnung  nach
Nikolsburg  beschlossen,  bestehend  aus  seinem  Vetter,  dem
Prinzen  Friedrich,  und  dem  Minister  von  Varnbüler.  Die
Herren  kamen  am  29.  Juli  in  Nikolsburg  an,  leider  in  demselben
  Augenblicke,  in  welchem  der  König  seine  Rückreise  begann,
  also  den  Prinzen  nicht  mehr  empfangen  konnte.  Am
folgenden  Tage  erschien  auch  der  Darmstädter  Minister  v.  Dalwigk,
  nächst  Beust,  wie  wir  wissen,  bisher  einer  der  geschäftigsten
  und  feindseligsten  Widersacher  der  preußischen  Politik.
Jetzt  aber  strömte  er  von  patriotischer  Bundesfreundschaft
über,  begehrte,  wie  Varnbüler,  Aufnahme  in  den  norddeutschen
Bund,  und  erklärte,  daß  keine  Bedingung  für  die  Erfüllung
dieses  Wunsches  dem  Großherzog  zu  schwer  sein  würde.  Wir
werden  später  sehen,  an  welcher  andern  Stelle  er  sich  leichtere
Bedingungen  zu  schaffen  hoffte:  einstweilen  belobte  Bismarck
das  national-gesinnte  Anerbieten  der  Herren,  mußte  aber  leider
bedauern,  daß  die  Rücksicht  auf  Frankreich  die  Annahme  desselben
  für  jetzt  unthunlich  mache,  und  er  sie  einstweilen  also“
nur  auf  die  in  Berlin  zu  führenden  Separatunterhandlungen
verweisen  könne.

Auf  der  Rückreise,  zunächst  nach  Prag,  wohin  Bismarck
dem  Könige  einige  Tage  später  folgte,  sprach  er  endlich  den
von  dem  Könige  in  das  Hauptquartier  beschiedenen  Senator
Müller  aus  Frankfurt  am  Main.  Es  handelte  sich  um  die
tiefe  Erregung  hervorrufende  Frage  der  beiden  der  Stadt
auferlegten  Kriegscontributionen  von  sechs  und  von  fünfundzwanzig
  Millionen.  Die  erste  war  beinahe  ganz  bezahlt  worden;
die  Erlegung  der  zweiten  wurde  fortdauernd  als  absolut  unmöglich
  bezeichnet.  Bismarck  erklärte  jetzt  dem  Abgesandten
        <pb n="362" />
        342  Erlöschen  des  preußischen  Verfaffungsstreits.

die  königliche  Entscheidung,  daß  die  zweite  erlassen  sei,  und
noch  mehr,  daß  die  erste  zurückgezahlt  werden  solle,  wenn  die
Stadt  aus  freien  Stücken  um  ihren  Eintritt  in  die  preußische
Monarchie  nachsuchen  wollte.  Darauf  aber  konnte  Müller
nach  seinen  Instructionen  nicht  eingehen,  und  Bismarck  sagte:
dann  also  bleibt  die  Contribution  in  unsern  Cassen  und
Frankfurt  eine  eroberte  Stadt.

Während  auf  diese  Art  den  bisherigen  Gegnern  Gnade
und  Ungnade  in  wohlberechnetem  Maaße  zugetheilt  wurde,  erfolgten
  entscheidende  Schritte  auf  dem  Gebiete  der  innern
preußischen  Politik.

Der  3.  Juli  hatte  der  preußischen  Regierung  nicht  bloß
den  überwältigenden  Sieg  über  Osterreich,  sondern  auch  einen
durchschlagenden  Erfolg  gegen  die  heimische  Opposition  gebracht.
  In  denselben  Stunden,  in  welchen  die  preußischen
Bataillone  Osterreichs  Heer  zermalmten,  erlitt  die  Opposition
bei  den  Landtagswahlen  solche  Verluste,  daß  die  Regierung,
deren  Partei  in  den  Jahren  des  Verfassungsstreits  zu  Zeiten
bis  auf  eilf  Köpfe  geschmolzen  war,  beinahe  für  die  Hälfte
des  Abgeordneten-Hauses  ihre  Candidaten  durchsetzte.  Beie
einem  solchen  Zusammentreffen  politischer  und  militärischer
Triumphe,  wie  viele  der  großen  Eroberer  alter  und  neuer
Zeit  hätten  der  Versuchung  widerstanden,  nach  Außen  die
völlige  Zertrümmerung  des  feindlichen  Reiches  und  im  Innern
den  Sturz  aller  Verfassungsschranken  sich  vorzunehmen?

Aber  Bismarck  war  aus  anderem  Stoffe  geformt.  Er
strebte  nicht  nach  Weltherrschaft  und  nicht  nach  schrankenloser
Gewalt,  sondern  nach  Sicherheit  und  Stärkung  seines  preußischen
  Vaterlandes.  So  viel  an  Machtbefugniß  und  Landgewinn
  hiefür  nöthig  war,  faßte  er  mit  eisernem  Griff  —
        <pb n="363" />
        Die  Fruge  eines  Indemnitätsgesetzes.  343

so  viel  und  nicht  mehr.  Niemals  hat  ein  Siegesrausch  die
Klarheit  seines  Urtheils  getrübt  oder  seine  feste  Mäßigung
überwältigt.  Wie  auf  dem  Schlachtfelde  von  Königgrätz  sein
erster  Gedanke  die  Herstellung  der  alten  Freundschaft  mit
Osterreich  war,  so  antwortete  er  aus  Horschitz  dem  Finanzminister
  von  der  Heydt  auf  den  Vorschlag,  nach  dem  günstigen
Ausfall  der  Landtagswahlen  Schritte  zur  Beendigung  des
Verfassungsstreits  zu  thun,  mit  herzlicher  Zustimmung.  Der
Blick  auf  Frankreich  bestärkte  seine  Überzeugung  in  beiden
Richtungen:  hinter  dem  Abschluß  des  jetzigen  Kriegs  sah  er
weitere  Gefahren  emporwachsen,  welchen  er  Preußen,  und
hoffentlich  ganz  Deutschland,  in  gesunder  Einigkeit  entgegen
zu  stellen  wünschte.

Dem  mächtigen  Staatsmanne  war  übrigens  auch  hier
keine  mühelose  Erreichung  seines  Zweckes  bestimmt.  Sein
Gedanke  ging  seit  der  Entscheidung  des  Kriegs  dahin,  von
dem  neuen  Landtag  Indemnität  für  die  budgetlose  Finanzverwaltung
  der  letzten  Jahre  zu  begehren,  und  dies  gleich
bei  der  Eröffnung  durch  die  königliche  Thronrede  anzukündigen.
  Am  18.  Juli  erschien  die  königliche  Verordnung,
welche  den  Landtag  auf  den  30.  nach  Berlin  berief,  und
an  demselben  Tage  begann  im  Staatsministerium  die  Berathung
  der  Thronrede.  Aber  als  hier  der  Finanzminister
den  ihn  angehenden  Theil  derselben  verlas,  und  am  Schlusse
die  Vorlage  eines  Indemnitätsgesetzes  verhieß,  da  erhob  sich
lebhafter  Widerspruch  bei  der  großen  Mehrzahl  der  Collegen.
Sie  hatten  vier  Jahre  hindurch  stets  behauptet,  daß  das
Verfahren  der  Regierung  vollkommen  verfassungsmäßig  sei
und  mithin  keiner  Indemnität  bedürfe;  eine  solche  jetzt  verlangen,
  bedeute  also  das  Eingeständniß,  daß  die  Regierung
        <pb n="364" />
        344  Erlõschen  des  preußischen  Verjassungsstreits.

in  dem  vierjährigen  Kampfe  Unrecht  gehabt,  und  die  Anklagen
der  Opposition  vollkommen  begründet  gewesen;  bei  der  siegreichen
  Stellung  der  Regierung  fanden  sie  schlechterdings
keinen  Grund  zu  einer  lolchen  Demüthigung,  sondern  hofften
jetzt  auf  leichte  Bändigung  der  halsstarrigen  Opposition.  Diese
Erörterungen  setzten  sich  den  19.  Juli  fort.  Von  der  Heydt's
Auffassung  wurde  dabei  nur  noch  von  dem  Baron  Werther,
dem  bisherigen  Gesandten  in  Wien,  unterstützt,  welcher  zur
Zeit  als  Bismarck's  Stellvertreter  die  Geschäfte  des  auswärtigen
  Amtes  in  Berlin  leitete,  und  jetzt  nach  der  Sitzung
von  Eulenburg  freundlich  darauf  angesprochen  wurde,  daß  er
sich  ja  recht  entschieden  den  Standpunkt  der  Fortschrittspartei
angeeignet  habe.  Auf  den  König  machte  der  Bericht  doch
einen  tiefen  Eindruck,  indessen  gelang  es  Bismarck,  die  Besorgnisse
  des  Monarchen  zu  beschwichtigen.  „Wie  ist  es  möglich,
sagte  er,  in  dem  Antrage  auf  Indemnität  ein  reumüthiges
Sündenbekenntniß  zu  sehen?  Gerade  das  Gegentheil  ist  der
Fall.  Wenn  wir  Indemnität  beantragen,  fordern  wir  den
Landtag  zu  der  Erklärung  auf,  daß  wir  Recht  gethan,  indem
wir  handelten,  wie  geschehen.  Bisher  hat  das  Haus  der
Abgeordneten  uns  bestritten,  daß  wir  durch  zwingende  Gründe
zu  diesem  Verfahren  genöthigt  gewesen:  wenn  es  uns  heute
Indemnität  bewilligt,  so  liegt  darin  sein  Eingeständniß,  daß
man  früher  jene  Gründe  nicht  begriffen  oder  nicht  gewürdigt
habe,  jetzt  aber  sie  anerkenne  und  deshalb  dem  Vorgehen
des  Ministeriums  nachträglich  Zustimmung  ertheile.  Wie
darin  eine  Demüthigung  der  Regierung  liegen  soll,  ist  nicht
abzusehen.“  Der  König,  der  ebenso  wie  sein  Minister  den
innern  Frieden  wünschte,  ließ  sich  endlich  überzeugen;  der  betreffende
  Satz  der  Thronrede  wurde  genehmigt,  die  Befugniß
        <pb n="365" />
        Widerspruch  im  Ministerium.  Entscheidung  des  Königs.  345

und  Verpflichtung  der  Regierung  zu  budgetlosem  Regimente,
wenn  ein  Etatsgesetz  nicht  zu  Stande  komme,  nach  wie  vor
behauptet,  zugleich  aber  auch  die  Regelwidrigkeit  eines  solchen
Zustandes  und  die  Nothwendigkeit  eines  allseitig  genehmigten
Etatsgesetzes  anerkannt.  Jedoch  der  Widerstand  im  Staatsministerium
  dauerte  fort.  In  der  Sitzung  vom  28.  Juli
erhob  sich  namentlich  Graf  Lippe  in  lebhafter  Entrüstung
gegen  das  Indemnitätsgesuch:  dies  stelle  die  Minister  als
Verbrecher  hin,  welche  um  Begnadigung  bettelten.  Der
Finanzminister  erwiderte,  daß  das  bisherige  Verhalten  der
Minister  durch  das  Gesuch  nicht  im  Mindesten  verläugnet
werde;  es  bleibe  völlig  correct  und  pflichtmäßig,  aber  ebenso
bleibe  wahr,  daß  nur  ein  mit  dem  Landtage  vereinbartes
Budget  ein  gesetzmäßiges,  und  folglich  eine  nachträgliche  Zustimmung
  des  Landtags  erforderlich  sei.  Er  schrieb  darauf
an  Bismarck,  daß  die  Allerhöchste  Entschließung  in  dieser
Frage  für  seine  Stellung  als  Finanzminister  entscheidend  sein
würde;  er  müsse  an  dem  Princip  festhalten,  wie  unbequem  er
auch  den  Herren  dadurch  werden  möge.  Bismarck  stand  ihm
mit  unerschütterlicher  Festigkeit  zur  Seite.  Die  Eröffnung
des  Landtags  mußte  hinausgeschoben  werden,  aber  am
3.  August  brachte  Bismarck  in  Prag,  wohin  er  dem  Könige
nachgereist  war,  bei  diesem  die  Redaction  der  Thronrede  zum
Abschluß.  Den  Satz  über  die  Indemnität  schrieb  er  selbst
nieder,  nach  Randbemerkungen  des  Königs  zu  dem  Entwurf.
Dann  sandte  er  die  Urkunde  mit  der  ausdrücklichen  Bemerkung
nach  Berlin,  daß  der  König  weitere  Verhandlung  darüber
nicht  verstatte;  seiner  Gemahlin  aber  schrieb  er:  mit  den
Feinden  wird  man  fertig,  aber  die  Freunde!  Sie  tragen  fast
Alle  Scheuklappen  und  sehen  nur  einen  Fleck  von  der  Welt.
        <pb n="366" />
        346  Erlöschen  des  preußischen  Berfassungsstreits.

Neben  diesen  Verfassungsfragen  nahm  auch  die  europäische
  Politik  die  Sorge  des  Ministers  unausgesetzt  in
Anspruch.  Fast  in  demselben  Augenblick,  in  welchem  König
Wilhelm  die  Friedenspräliminarien  ratificirte,  lief  in  Nikolsburg
  am  27.  Juli  ein  Telegramm  des  Herrn  von  Werther
ein,  daß  der  russische  Botschafter,  Baron  Oubril,  jetzt  auch
amtlich  den  Antrag  auf  Berufung  des  von  Preußen  schon
vor  dem  Kriege  genehmigten  Congresses  eingebracht,  und  die
gleichzeitige  Vorlage  des  Antrags  in  Paris  und  London  berichtet
  habe.  Während  dann  am  folgenden  Tage,  am  28.  Juli,
die  Ratificationen  der  Präliminarien  ausgetauscht  wurden,  telegraphirte
  Graf  Goltz,  daß  Tags  zuvor  Napoleon  ihn  vertraulich
  befragt  hatte,  ob  Frankreich  nicht  bei  der  endlichen
Regelung  der  deutschen  Angelegenheiten  Landau  und  Luxemburg
  erhalten  könne;  es  ergebe  dies  nur  eine  Stärkung  der
französischen  Defensive,  ohne  irgendwie  Deutschlands  Sicherheit
  zu  schädigen;  die  öffentliche  Meinung  in  Paris  sei
äußerst  aufgeregt,  und  bedrohe  die  Dynastie,  wenn  Frankreich
völlig  leer  ausgehe.  So  rückte  die  Gefahr  auf  beiden  Seiten
näher;  Bismarck  erstattete  dem  Könige  darüber  Vortrag  unmittelbar
  vor  der  Abreise  desselben  aus  Nikolsburg,  und
erhielt  auf  der  Stelle  die  Zustimmung  zu  der  Ansicht,  daß
beiden  Zumuthungen  die  entschlossenste  Abweisung  entgegen
zu  setzen  sei.  Was  Frankreich  betraf,  so  dachte  er  nichts  zu
thun,  bis  Benedetti  die  am  26.  Juli  verheißene  amtliche  Eröffnung
  gemacht  hätte;  in  der  russischen  Sache  telegraphirte
er  gleich  den  29.  an  Werther,  Preußen  sei  im  Mai  auf  den
Congreßantrag  eingegangen,  um  den  Krieg  zu  vermeiden;
nachdem  man  aber  den  Krieg  mit  Gefahr  des  eigenen  Daseins
habe  führen  müssen,  könne  man  die  schwer  erkauften  Vor-
        <pb n="367" />
        Beunruhlgende  Nachrichten  aus  Paris  und  Petersburg.  347

theile  nicht  von  der  Entscheidung  eines  Congresses  abhängig
machen.  Man  könne  also  einem  solchen  nur  zustimmen,
wenn  vorher  eine  Basis  feststehe,  welche  Preußen  diese  Vorheile
  sichere.  Der  König  erwarte  von  der  Gerechtigkeit  und
Freundschaft  des  Kaisers  Alexander,  daß  dieser  keine  weitern
Schritte  in  der  Richtung  des  Congresses  thue,  ohne  sich  vorher
  mit  Preußen  zu  verständigen.

Von  dieser  Erwartung  schien  aber  das  Gegentheil  einzutreten,
  als  am  30.  Juli  der  Militärbevollmächtigte  am
russischen  Hofe,  Herr  von  Schweinitz,  berichtete,  daß  Rußland
  auf  dem  Congresse  bestehe  und,  was  besonders  schwer
in  das  Gewicht  fiel,  dafür  bereits  Frankreichs  Zusage  erhalten
  habe.  Wenn  zwischen  Paris  und  Petersburg  ein
solches  Einverständniß  wirklich  geschlossen  war,  so  lag  die
Besorgniß  nahe,  daß  dann  auch  Osterreich  demselben  nicht
fremd,  und  damit  der  ÜUbergang  von  den  Präliminarien  zu
dem  definitiven  Frieden  gefährdet  sei.  Demnach  nahm  Bismarck
  in  energischer  Weise  Stellung  nach  allen  Seiten.  Am
31.  Juli  erging  ein  (von  dem  Könige  genehmigtes)  Telegramm
  an  Schweinitz,  er  möge  bei  dem  Kaiser  in  vorsichtig
freundlicher  Weise  geltend  machen,  daß  es  für  uns  ohne  Revolution
  in  Preußen  und  Deutschland  vollständig  unmöglich
wäre,  auf  die  Früchte  unserer,  mit  Gefahr  der  Existenz  erkämpften
  Siege  zu  verzichten,  oder  die  Gestaltung  Deutschlands
  von  den  Beschlüssen  eines  Congresses  abhängig  zu
machen.  Der  König,  fuhr  die  Depesche  fort,  ist  abwesend;
ich  kann  aber  Sr.  Mojestät  nur  rathen,  wenn  die  Einwirkung
des  Auslandes  auf  unsere  Verhältnisse  schärfere  Umrisse  annehmen
  sollte,  die  volle  nationale  Kraft  Deutschlands  und
der  angrenzenden  Länder  zum  Behuf  des  Widerstandes  zu
        <pb n="368" />
        348  Erlöschen  des  preußischen  Verfassungsstreits.

entfesseln.  Dies  waren  deutliche  Worte,  und  der  Hinweis
auf  „die  angrenzenden  Länder“  mochte  den  Beherrschern
Polens  und  Ungarns  zu  denken  geben.  Für  die  Bildung
einer  ungarischen  Legion  hatte  Bismarck  sich  bisher  mit  geringerem
  Eifer  als  Usedom  und  Moltke  interessirt;  jetzt  aber
befahl  er,  so  weit  wie  möglich  für  ihre  Verstärkung  zu  sorgen.
Ein  entsprechendes  Telegramm  wurde  gleichzeitig  an  den
Grafen  Goltz  nach  Paris  erlassen.  „Die  Behauptung,  hieß
es  darin,  daß  Frankreich  auf  den  russischen  Antrag  eingegangen,
  ohne  sich  mit  uns  in  Beziehung  zu  setzen,  überrascht
  mich.  Ew.  Excellenz  wollen  dem  Kaiserlichen  Cabinet
keinen  Zweifel  darüber  lassen,  daß  wir,  wenn  man  uns  das
Zugesagte  verkümmern  will,  den  Handschuh  aufnehmen,  und
wenn  wir  nicht  befriedigende  Zusagen  erhalten,  zunächst  einen
neuen  Vertrag  mit  Italien  zu  schließen  suchen,  der  weitere
Ziele  steckt,  und  auch,  wenn  Frankreich  seine  uns  gegebenen
Versprechungen  nicht  hält,  daß  wir  uns  an  die  Mainlinie
nicht  binden  werden.“  Abschrift  des  an  Schweinitz  gesandten
Telegramms  wurde  beigefügt.

Glücklicher  Weise  zeigte  sich  sehr  bald,  daß  so  scharfe
Mittel  zur  Abwendung  des  russischen  Eingreifens  nicht  erforderlich
  sein  würden.  Noch  am  31.  selbst  konnte  Graf
Bernstorff  nach  einem  Gespräche  mit  Lord  Stanley  aus
London  melden,  daß  die  Erstarkung  Preußens  zwar  in  Rußland
  mit  Abneigung  und  Mißtrauen,  in  England  aber  mit
lebhafter  Befriedigung  ausgenommen  werde,  daß  England
den  Congreß  nicht  wünsche,  und  sich  freuen  würde,  wenn
Preußen  ihn  ablehne;  habe  doch  nach  den  Besitzänderungen
von  1859  niemand  einen  Congreß  begehrt;  übrigens  sei  jetzt
auch  eine  verneinende  Antwort  Napoleon's  wahrscheinlich,  da
        <pb n="369" />
        Preußische  Gegenschritte.  3490

er  keinen  Drang  zu  einem  Congreß  haben  werde,  wo  er  zum
ersten  Male  nicht  die  führende  Rolle  spielen  könnte.  Diese
Vermuthung  wurde  gleich  nachher  durch  die  französische  Ablehnung
  des  Congresses  bestätigt,  sehr  begreiflich,  nachdem
Napoleon  einmal  die  Partie  ergriffen  hatte,  Preußens  Vergrößerung
  nicht  zu  hindern,  sondern  eine  entsprechende  Erwerbung
  für  sich  zu  begehren,  der  Congreß  aber  höchstens
für  jenes,  sicher  aber  nicht  für  dieses  das  brauchbare  Mittel
gewesen  wäre.

Es  war  mithin  der  russische  Congreßplan  wenige  Tage
nach  seiner  Geburt  einer  raschen  Auflösung  verfallen,  und
vergebens  versuchte  ihn  eine  Woche  später  Fürst  Gortschakoff
in  abgeschwächter  Gestalt  noch  einmal  in  das  Leben  zurückzurufen.
  Dagegen  gönnte  Kaiser  Alexander  gleich  der  ersten
Depesche  Bismarck's  vom  29.  Juli  eine  freundliche  Aufnahme.
Er  sagte  zu  Schweinitz:  der  König  wünscht,  daß  ich  vor
einer  Verständigung  mit  ihm  keinen  weitern  Schritt  thue;
nun  wohl,  ich  verlange  nichts  Besseres;  freilich,  schriftlich
geht  das  schlecht,  aber  mit  wahrem  Eifer  würde  ich  jede
Person  empfangen,  welche  das  königliche  Vertrauen  genösse
und  mich  über  die  intimen  Intentionen  des  königlichen  Cabinets
aufklären  könnte.).  Es  schien  hienach,  daß  mit  diesem  Begehren
  einer  außerordentlichen  Sendung  Alexander  sich  die
Brücke  zu  einem  anständigen  Rückzug  schlagen  wollte;  der
Sendbote,  würde  man  später  sagen,  hätte  so  überzeugende
Mittheilungen  gebracht,  daß  Rußland  unbedenklich  den  Verzicht
  auf  den  Congreß  und  die  Anerkennung  der  preußischen
Annexionen  hätte  aussprechen  können.  Bismarck  fiel  gleich

5  Schweinitz  1.  August.  Ebenso  Werther  nach  einer  Mittheilung
Oubril's.
        <pb n="370" />
        350  Erlöschen  des  preußischen  Verfaffungsstreits.

auf  General  Manteuffel  als  die  geeignete  Person,  und  nachdem
der  König  am  3.  August  in  Prag  sein  Einverständniß  erklärt
hatte,  wurde  der  General,  damals  in  Frankfurt  am  Main,
zu  schleuniger  Herüberkunft  nach  Berlin  befohlen.

Freieres  Herzens  konnte  also  am  4.  August  König
Wilhelm  Prag  verlassen,  um  mit  Bismarck  und  dem  großen
Hauptquartier  über  Görlitz  nach  Berlin  zu  reisen,  wo  er  bei
der  Ankunft  von  der  Bevölkerung  mit  unermeßlichem  Jubel
empfangen  wurde.  Noch  an  demselben  Tage  ersolgte  der
erste  Schritt  zur  Verwirklichung  des  norddeutschen  Bundes.
In  einer  Circulardepesche  benachrichtigte  Bismarck  die  am
16.  Juni  zum  Beitritt  eingeladenen  Staaten,  daß  bis  auf
Sachsen-Meiningen  und  Reuß  ältere  Linie  die  allseitige  Bereitwilligkeit
  kundgegeben  sei,  und  legte  ihnen  auf  Grund  des
hiebei  gepflogenen  Schriftwechsels  den  Entwurf  eines  Bündnißvertrages
  mit  der  Bitte  um  thunlichst  baldigen  Abschluß  vor.
Der  Entwurf  bezeichnete  als  Zweck  des  Bündnisses  die  Erhaltung
  der  Unabhängigkeit  und  Integrität,  sowie  der  innern
und  äußern  Sicherheit  der  zusammentretenden  Staaten.
Dieser  Zweck  solle  definitiv  durch  eine  Bundesverfassung  auf
der  Basis  der  preußischen  Grundzüge  vom  10.  Juni  1866,
unter  Mitwirkung  eines  gemeinschaftlich  zu  berufenden  Parlamentes,
  sicher  gestellt  werden.  Die  Truppen  der  Verbündeten
  stehen  unter  dem  Oberbefehl  Sr.  M.  des  Königs  von
Preußen.  Die  Wahlen  zum  Parlament  erfolgen  gleichzeitig
mit  Preußen  auf  Grundlage  des  Reichsgesetzes  von  1849.
Bevollmächtigte  der  Staaten  werden  in  Berlin  zusammentreten,
  um  den  dem  Parlamente  vorzulegenden  Verfassungsentwurf
  nach  Maaßgabe  der  Grundsätze  vom  10.  Juni  auszuarbeiten.
        <pb n="371" />
        Preußische  Einladung  zur  Gründung  des  norddeutschen  Bundes.  351

Auch  in  diesem  Schriftstücke  sprach  sich  der  Charakter
der  damaligen  preußischen  Politik,  Festigkeit  und  Mäßigung,
einer  Politik  begrenzter,  aber  dauerhafter  Ergebnisse,  unverkennbar
  aus.  Nichts  war  deutlicher,  als  daß  in  diesem
Angenblicke  Preußen  die  Macht  besaß,  den  sämmtlichen  Kleinstaaten
  seinen  unbeschränkten  Herrscherwillen  aufzuerlegen.
Aber  dem  Könige  wie  seinem  Minister  lagen  solche  Gedanken
fern.  Nicht  eine  Sylbe  wurde  nach  den  großen  Siegen  an
den  vor  dem  Kriege  gemachten  Anerbietungen  und  Verheißungen
geändert.  Es  stand  schon  jetzt  also  fest,  daß  man  als  Factoren
  der  Gesetzgebung  einen  Bundestag  und  neben  demselben
ein  Parlament  aus  allgemeinen  und  geheimen  Volkswahlen
haben  würde.  Die  Wirksamkeit  derselben  würde  sich  auf
Heerwesen,  Marine,  Diplomatie,  Handels-,  Zoll=  und  Verkehrsangelegenheiten
  erstrecken,  innere  Verwaltung  aber,  Justiz,
Kirche  und  Schule  den  Einzelstaaten  überlassen  bleiben.
Was  die  Executivgewalt  im  neuen  Bunde  betraf,  so  enthielt
weder  das  Circular  vom  10.  Juni,  noch  das  vom  4.  August
darüber  eine  nähere  Bestimmung,  daraus  ergab  sich  von  selbst,
daß  sie  ungeändert  in  der  Hand  des  Bundestags,  d.  h.  der
Gesammtheit  sämmtlicher  Regierungen,  liegen  sollte,  wie  sich
versteht,  unter  der  Leitung  des  Königs  von  Preußen,  der
schon  als  stehender  Bundesfeldherr  eine  früher  im  Bunde
nicht  vorhandene  Stellung  einnehmen,  und  in  der  künftigen
Verfassung  als  Bundespräsident  wohl  auch  im  Vergleiche  mit
dem  frühern  Zustand  mehrfach  verstärkte  Rechte  erhalten
würde.  Immer  aber  würde  der  wahre  Träger  der  Souveränität
im  Reiche  nicht  der  Bundespräsident,  sondern  wie  bisher  der
Bundestag  sein.  Es  war  der  entscheidende  Punkt  dieser  neuen
Vorschläge  im  Gegensatz  zu  den  Beschlüssen  der  Panlskirche.
        <pb n="372" />
        352  Erlöschen  des  preußischen  Verfassungsstreits.

Damals  hatte  eine  machtlose  Versammlung  die  deutschen
Fürsten  aus  der  Reichsregierung  hinaus  decretirt;  jetzt  gab
ihnen  ein  mächtiger  Sieger,  allerdings  unter  seiner  starken
Leitung,  die  volle  Theilnahme  daran  zurück.  Daß  der  neue
Bund  weder  despotisch  nach  Innen,  noch  offensiv  nach  Außen
wirken  würde,  darüber  ließen  bereits  diese  Grundlinien  keinen
Zweifel:  um  so  gewisser  meinten  die  Zeitgenossen  in  dem
volksthümlichen  Parlament  und  dem  preußischen  Heerbefehle
feste  Bollwerke  der  künftigen  Einheit  zu  sehen.

An  demselben  4.  August  geschah  es,  daß  zwar  nicht  die
preußische  Regierung,  wohl  aber  eine  große  Versammlung
einflußreicher  Notabeln  den  süddeutschen  Stammesbrüdern  zu
praktischer  Vereinigung  die  Hand  über  die  Moinlinie  hinüber
reichte.

Für  den  Augenblick  hatte  der  Krieg  die  Bande  zerrissen,
welche  den  deutschen  Zollverein  seit  den  Verträgen  von  1864
zusammen  schlossen.  Aller  Orten  wurde  die  sofortige  Herstellung
  derselben  als  selbstverständlich  angesehen,  und  ebenso
lag  überall  der  Gedanke  in  der  Luft,  daß  auch  hiebei  der
Segen  der  neuen  Zeit  sich  wirksam  erweisen  würde.  Wie
der  alte  Bund,  war  ja  auch  der  bisherige  Zollverein  wesentlich
dadurch  mit  Unfruchtbarkeit  geschlagen,  daß  nicht  durch
Mehrheits-,  sondern  nur  durch  einstimmigen  Beschluß  über
wichtige  Fragen  entschieden  werden  durfte.  Dies  mußte  und
konnte  jetzt  anders  werden.  In  Braunschweig  tagten  damals
zu  gemeinsamer  Berathung  die  berufensten  Vertreter  und
Sachverständigen  dieser  Interessen,  der  Ausschuß  des  deutschen
Handelstags,  der  Ausschuß  des  volkswirthschaftlichen  Congresses,
  der  Ausschuß  des  Nationalvereins,  dazu  eine  erhebliche
  Anzahl  von  Fach=  und  Gesinnungsgenossen.  Hier
        <pb n="373" />
        Antrag  auf  ein  Zollvereinsparlament.  353

beantragte  ein  Führer  der  Nassauer  liberalen  Opposition,  Karl
Brann  aus  Wiesbaden,  eine  Erklärung,  daß  zwar  die  wirthschaftliche
  Einigung  auch  mit  den  außerhalb  des  Bundes
stehenden  Staaten  aufrecht  erhalten,  jedoch  die  Verwaltung
der  Zollvereins-Angelegenheiten  unbedingt  der  Centralgewalt
im  Bundesstaate,  und  die  Gesetzgebung  darüber  dem  Bundesparlament
  anheimgegeben  werden  sollte,  in  welchem  letzteren
dann  zu  diesem  bestimmten  Zweck  auch  Abgeordnete  der  Südstaaten
  nach  Verhältniß  der  Bevölkerungszahl  mitzustimmen
hätten.  Alle  Anwesenden  waren  einverstanden  mit  dem  Ziele,
welches  Braun  im  Auge  hatte,  der  Verwerthung  der  materiellen
Interessen  des  Südens,  welche  gebieterisch  die  Fortdauer  des
Zollvereins  forderten,  zur  gänzlichen  Verwischung  der  trennenden,
  von.  Frankreich  gezogenen  Mainlinie.  Mehrere  Redner
aber  fanden,  daß  nach  Braun's  Antrag  der  auf  die  Südstaaten
  geübte  Druck  nicht  stark  genug  sei,  und  man  einigte
sich  über  eine  einstimmige  Meinungsäußerung,  daß  das  von
Braun  vorgeschlagene  Abkommen  höbchstens  bis  1870  gelten,
dann  aber  den  Süddeutschen  nur  die  Wahl  bleiben  sollte,
entweder  dem  Bundesstaate  völlig  beizutreten,  oder  aber  aus
dem  Zollverein  auszuscheiden.  Niemand  ahnte  dhmals,  daß
der  hier  bezeichnete  Termin  von  anderer  Seite  die  entscheidende
  Bedeutung  für  Deutschlands  Zukunft  erhalten  würde.

Während  auf  diese  Art  die  Gründung  und  die  Ausdehnung
  des  Bundesstaats  gleichzeitig  zur  Sprache  kam,
legte  König  Wilhelm's  Regierung  die  Hand  auch  an  die
wichtigste  Voraussetzung  der  deutschen  Wiedergeburt,  die  Herstellung
  des  innern  Friedens  zwischen  der  Krone  und  der
Landesvertretung  in  Preußen.  Auf  Sonntag,  den  5.  August,

zur  Mittagsstunde,  war  die  Cröffnung  des  Landtags  im
v.  Sybel,  Pegrünbung  5.  brusschen  Neiches.  V.
        <pb n="374" />
        354  Erlöschen  des  preuhischen  Verfassungsstreits.

berühmten  weißen  Saale  des  königlichen  Schlosses  anberaumt,
und  man  ermißt  leicht,  mit  welch'  grenzenloser  Spannung
das  Auftreten  des  Königs  erwartet  wurde.  Daß  der  alte
Streit  über  die  Heerverfassung  auf  den  böhmischen  Schlachtfeldern
  beendigt  worden  war,  sagte  sich  ein  Jeder;  wer  dieser
Schöpfung  König  Wilhelm's  jetzt  noch  den  innern  Werth
hätte  bestreiten  wollen,  würde  unsterblicher  Lächerlichkeit  verfallen
  sein.  Aber  wer  wußte,  wie  der  König  diesen  Triumph
weiter  ausbeuten  würde?  Die  Männer  der  Kreuzzeitung
drohten,  und  die  Fortschrittspartei  sorgte,  jetzt  würde  das
budgetlose  Regiment  für  das  allein  richtige  System  erklärt,
und  jeder  weitere  Widerspruch  durch  eine  allmächtig  gewordene
Dictatur  nieder  geworfen  werden.  Das  ganze  Dasein  der
Verfassung  schien  in  Frage  zu  stehen.  So  drängte  am  5.
zum  Schlosse,  wer  irgend  einen  Titel  hatte,  Eingang  zu  gewinnen.
  Alle  Logen  und  Gallerien  des  Saales  waren  überfüllt,
  unten  waren  die  Mitglieder  der  beiden  Häuser  in
seltener  Anzahl  versammelt.  Bald  nach  zwölf  Uhr  erschien
der  königliche  Zug;  bei  dem  Erscheinen  des  Monarchen  machte
sich  die  Erregung  der  Gefühle  in  einem  brausenden  Hochruf
Lust.  Darauf  nahm  der  König,  rechts  den  Thronerben,
links  die  Minister  neben  sich,  vor  dem  Thronsessel  Stellung,
und  begann  mit  kräftiger  Stimme,  unter  athemloser  Stille
der  Hörer,  die  Thronrede  zu  verlesen.  Der  erste  Satz  sprach
einen  Dank  für  Gottes  gnädige  Führung  aus,  und  knüpfte
an  die  Betonung  der  heldenmüthigen  Leistungen  und  schweren
Opfer  der  bewaffneten  Nation  die  Mahnung,  durch  einmüthiges
  Zusammenwirken  der  Regierung  und  der  Volksvertretung
  die  Früchte  der  blutigen  Saat  zur  Reife  zu  bringen.
Die  Finanzlage  sei  glänzend,  fuhr  der  König  fort,  es  sei
        <pb n="375" />
        Eröffnung  des  preußischen  Landtags.  355

möglich  gewesen,  ohne  außerordentliche  Belastung  des  Volkes
den  gewaltigen  Krieg  zu  glorreichem  Abschluß  zu  führen.
Allerdings  habe  in  den  letzten  Jahren  eine  Vereinbarung
über  das  Etatsgesetz  nicht  erreicht  werden  können;  die  damals
geleisteten  Staatsausgaben  entbehren  also  der  gesetzlichen
Grundlage,  welche  der  Staatshaushalt,  wie  wiederholt  anerkannt
  werde,  nur  durch  das  zwischen  Regierung  und  Volksvertretung
  alljährlich  zu  vereinbarende  Gesetz  erhält.  In
dieser  Lage  habe  sich  die  Regierung  gezwungen  gesehen,  ohne
ein  solches  Gesetz  die  für  die  Erhaltung  des  Staates  unerläßlichen
  Zahlungen  zu  leisten;  ihr  Verfahren  sei  eine  der
unabweisbaren  Nothwendigkeiten  gewesen,  denen  sich  eine
Regierung  im  Interesse  des  Landes  nicht  entziehen  kann  und
darf.  Es  sei  aber  zu  hoffen,  daß  in  Folge  der  neuesten  Ereignisse
  der  Regierung  die  zu  beantragende  Indemnität  bereitwillig
  ertheilt,  und  damit  der  bisherige  Conflict  für  alle  Zeit
um  so  sicherer  zum  Abschluß  gebracht  werde,  als  erwartet
werden  dürfe,  daß  die  politische  Lage  des  Vaterlandes  eine
Erweiterung  der  Grenzen  des  Staats  und  die  Einrichtung
eines  einheitlichen  Bundesheeres  unter  Preußens  Führung
gestatten  werde.

Hatte  schon  früher  der  würdige  Inhalt  und  der  warme
Ton  der  Rede  vielfachen  Ausdruck  der  Zustimmung  bei
den  Hörern  veranlaßt,  so  brach  hier  bei  der  unendlichen
Mehrheit  der  Anwesenden  die  innere,  erquickende  Befreiung
in  lautem,  wiederholtem  Beifall  hervor.  Also  kein  Staatsstreich,
  kein  Verfassungssturz!  Der  innere  Friede  in  nahe
Aussicht  gestellt,  nicht  durch  militärisches  Machtgebot,  sondern
mit  der  Bezeichnung  eines  einfachen  Vergleichs,  auf  Seiten
der  Abgeordneten  Anerkennung  ihres  jetzt  zweiselosen  Irr-
        <pb n="376" />
        356  Erlöschen  des  preußischen  Verfassungsstreits.

thums  in  der  Beurtheilung  des  neuen  Heerwesens,  auf
Seiten  der  Krone  erneuerte  Anerkennung  und  Feststellung,
des  Budgetrechtes.  Vielen  Tausenden  patriotischer  Männer
war  damit  die  schwerste  Last  vom  Herzen  genommen.  Nun
möchte  ein  fremder  Störenfried  sich  über  die  Grenze
wagen!

Der  König  schloß  seine  Rede  mit  den  von  ihm  eigenhändig
  dem  Entwurfe  hinzugefügten  Worten:

„Meine  Herren,  mit  Mir  fühlen  Sie,  fühlt  das  ganze
Vaterland  die  große  Wichtigkeit  des  Augenblicks,  der  Mich
in  die  Heimath  zurückführt.  Möge  die  Vorsehung  ebenso
gnadenreich  die  Zukunft  Preußens  segnen,  wie  sie  sichtlich
die  jüngste  Vergangenheit  gesegnet  hat.  Das  walte  Gott!“

Der  Sitte  gemäß,  beantwortete  der  Präsident  des
Herrenhauses  die  Thronrede  durch  ein  dreimaliges  Lebehoch
auf  den  Monarchen,  in  welches  die  Versammlung  mit  einem
wahren  Jubelsturm  der  Begeisterung  einstimmte.  Alle  Herzen
waren  ergriffen:  und  wer  hätte  dem  Eindruck  der  Kraft  und
der  Milde,  welche  auf  dem  Antlitz  des  greisen  Herrschers
ausgeprägt  waren,  sich  entziehen  können?

Daß  das  Haus  der  Abgeordneten  die  ihm  zum  Friedensschlusse
  dargebotene  Hand  nicht  zurückstoßen  würde,  zeigte
sich  gleich  im  Beginne  seiner  Thätigkeit.  Während  der
ganzen  Dauer  des  Verfassungsstreits  war  Grabow  sein
Präsident  gewesen,  ein  Mann  keineswegs  von  radical  demokratischer
  Gesinnung,  aber  leidenschaftlich  erregt  bei  jeder
Verletzung  seines  Rechtsgefühls,  so  daß  er  mehrmals  auch
vom  Präsidentensessel  herab  seiner  Überzeugung  von  dem
verfassungswidrigen  Treiben  der  Regierung  heftigen  Ausdruck
gegeben  hatte.  Er  sprach  jetzt  mit  edler  Selbstverleugnung
        <pb n="377" />
        Neue  Parteibildung  im  Abgeordneten-Hause.  357

dem  Hause  den  Wunsch  aus,  von  seiner  Wiederwahl  abzusehen,
  damit  sein  Name  nicht  ein  Hinderniß  der  Versöhnung
werde.  Es  erhielt  darauf  der  Candidat  der  bisherigen  Oppositionsparteien,
  von  Forckenbeck,  170  Stimmen  gegen  136
der  Conservativen  und  22  der  Altliberalen.  Es  gab  also
auch  jetzt  keine  ministerielle  Partei  mit  sicherer  Majorität,
immer  aber  bekundete  Forckenbeck's  Wahl  das  Obsiegen  einer
gemäßigten  und  versöhnlichen  Stimmung  auch  in  den  Kreisen
des  modernen,  fortgeschrittenen  Liberalismus.  Denn  gleich  im
Beginne  des  Verfassungsstreits  hatte  sich  Forckenbeck  durch
das  Einbringen  von  Verbesserungs=  und  Vermittlungsanträgen
in  sehr  bestimmten  Gegensatz  zu  der  rein  negativen  Haltung
von  Waldeck  und  Genossen  gesetzt.  Seine  Wahl  war  das
erste  Symptom  einer  neuen  Parteibildung  zugleich  im  liberalen
und  nationalen  Sinne.

So  heftig  und  grimmig  der  Zorn  während  der  Conflictsjahre
  gewesen,  jetzt  ließ  es  sich  nicht  mehr  verkennen,  daß
die  Regierung  und  die  Liberalen  dasselbe  große  Ziel  verfolgten,
  und  daß  zur  Vollendung  des  deutschen  Reiches  die
Macht  der  Regierung  ebenso  unentbehrlich  war,  wie  die
innere  Bewegung  der  Geister.  Wem  es  Errnst  mit  der
deutschen  Einheit  war,  der  mußte,  gerne  oder  ungerne,  sich
als  Verbündeten  der  Regierung  in  der  das  ganze  Dasein
beherrschenden  Frage  bekennen,  und  folglich,  wem  es  Ernst
um  die  praktische  Verwirklichung  des  liberalen  Gedankens
war,  der  mußte  sich  jetzt  zu  thätigem  Zusammenwirken  mit
der  Regierung  entschließen,  um  die  Neugestaltung  des  deutschen
  Reiches  nicht  allein  den  politischen  Gegnern  zü  überlassen.
  Vier  Jahre  lang  hatte  der  Verfassungsstreit  die  große
Masse  der  Liberalen  mit  der  radicalen  Demokratie  verschmolzen
        <pb n="378" />
        358  Erlöschen  des  preußischen  Verfassungsstreits.

und  damit  von  jeder  Theilnahme  an  der  Förderung  der
deutschen  Aufgabe  abgesperrt:  in  demselben  Augenblicke,  in
welchem  die  Ereignisse  den  Abschluß  des  Verfassungsstreits
ermöglichten,  begann  sich  jenes  unnatürliche  Bündniß  zu
lösen;  abgetrennt  von  den  radicalen  Gruppen,  entstand  wieder
eine  liberale  Partei,  zunächst  durch  die  deutsche  Frage  mit
der  Regierung  verbunden,  dabei  selbständig  in  ihren  Grundsätzen,
  bald  kräftig  heranwachsend  an  Zahl  und  Einfluß.
        <pb n="379" />
        2.  Capitel.
Französtsche  und  russische  Einwirkung.

Es  war  aber  der  Regierung  König  Wilhelm's  nicht  vergönnt,
  sich  ungestört  ihrem  preußischen  und  deutschen  Friedenswerke
  hinzugeben.

Zwar  die  von  Rußland  drohende  Gefahr  schien  glücklich
beschworen.  Allein  an  jenem  5.  August,  welcher  durch  die
Thronrede  des  Königs  ein  Freudentag  für  Millionen  wurde,
waren  neue  Sorgen  gewichtigster  Art  auf  das  Haupt  seines
großen  Berathers  gefallen.  Im  Laufe  des  Vormittags  hatte
Bismarck  ein  Privatschreiben  Benedetti's  empfangen,  in  welchem
ihm  dieser  die  am  26.  Juli  in  Aussicht  gestellten  Compensotionsforderungen
  Napoleon's  mittheilte,  zu  beliebiger  Erwägung
  und  Besprechung.  Und  hier  war  dann  ein  schwerer
Stoff  für  das  Nachdenken  des  preußischen  Ministerpräsidenten
geboten.  Nicht  gerade  über  die  Frage,  ob  Annehmen  oder
Ablehnen:  darüber  hatte  Bismarck's  Seele  so  wenig  wie  die
des  Königs  jemals  einen  Zweifel  gekannt.  Um  so  mehr  über
die  möglichen  Folgen  der  Abweisung  und  die  erforderlichen
Mittel,  ihnen  zu  begegnen.
        <pb n="380" />
        360  Französische  und  russische  Elnwirkung.

Werfen  wir  noch  einmal  einen  Blick  auf  das  Benehmen
Napoleon's  seit  dem  Beginne  der  deutschen  Verwicklungen
zurück.

Von  jeher  hatte  er  gutes  Vernehmen  mit  Preußen  gewünscht,
  die  Unterjochung  Norddeutschlands  für  den  schlimmsten
Fehler  in  der  Politik  seines  Oheims  erklärt,  seinerseits  den
Zwist  zwischen  Preußen  und  Osterreich  wesentlich  um  Venetiens
willen  befördert.  Noch  im  Frühling  1866  hatte  er  mehrmals
  gesagt,  er  wolle  sich  mit  keinem  deutschen  Venetien
belasten.  Dann  aber  wirkte  auf  ihn  der  Sturm,  welchen
Thiers  im  Parlamente  gegen  ihn  und  die  deutsche  Einheit
entfesselte,  der  Verdruß,  daß  Bismarck  nicht  einmal  durch  eine
kleine  Grenzberichtigung  ihm  zur  Beruhigung  Frankreichs  helfen
wollte;  so  schloß  er,  von  allen  Seiten  gedrängt,  mit  Osterreich
  den  unseligen  Vertrag  vom  12.  Juni.  Der  Donner
von  Königgrätz  hatte  ihm  dann  wieder  die  Verwerflichkeit
dieser  Politik  mit  einem  Schlage  klar  gemacht.  Am  11.  Juli
wies  er  jeden  Gedanken  an  Annexionen  zurück;  zuletzt  ist  es
am  Besten,  sagte  er,  wenn  Frankreich  nichts  begehrt.  Es
war  ohne  Zweifel  die  innerste  Überzeugung  seines  Herzens,
die  er  hier  aussprach:  „es  wäre  ein  elender  Gewinn,  ein
kleiner  Landstreifen,  welcher  mir  den  nationalen  Zorn  und
Haß  von  ganz  Deutschland  erweckte.“  Es  war  die  Consequenz
  seiner  ganzen  Politik  seit  1859,  der  Unterstützung  der
zur  Einheit  aufstrebenden  Nationalitäten,  und  daneben  der
längst  von  ihm  erstrebten  Annäherung  an  Preußen.  Wäre
er  darin  fest  geblieben,  wie  viel  Jammer  und  Blut  hätte  er
sich  und  seinem  Volke  erspart!  Leider  aber  stand  er  mit
diesen  Anschauungen  völlig  allein  in  Paris:  dort  waren  alle
Parteien  einig  in  der  Forderung,  entweder  müsse  man  Preußens
        <pb n="381" />
        Französische  Forderungen.  361

Erstarkung  und  die  deutsche  Einheit  hindern,  oder  es  müsse
bei  dem  Geschäfte  ein  tüchtiger  Gewinn  für  Frankreich  abfallen.
  Sie  stritten  über  den  Umfang  und  die  Auswahl  der
französischen  Erwerbungen;  dabei  wollten  die  Einen  Preußen
mit  drohendem  Befehle  zu  Abtretungen  zwingen;  die  Andern
hofften,  in  freundlichem  Einvernehmen  mit  Berlin  das  Ziel
zu  erreichen:  darin  aber  stimmten  Alle  überein,  daß  Preußen
nach  seinen  Annexionen  zu  einer  entsprechenden  Vergrößerung
Frankreichs  die  Hand  bieten  müsse.  Man  hatte  sich  diesen
Anspruch  so  oft  wiederholt,  daß  man  ihn  jetzt  als  ganz  selbstverständlich
  Tag  für  Tag  verkündigte,  als  das  „legitime  Begehren“
  Frankreichs,  als  die  Frankreich  „zukommende  Entschädigung“
  oder  „Compensation“.  Ubrigens  hatte  man  zur
Begründung  des  Anspruchs  zwei  gleich  elegante  Formeln.
Nach  der  einen  wäre  ohne  solche  Abtretungen  die  Sicherheit
Frankreichs  durch  die  deutsche  Einheit  zu  sehr  gefährdet,  ein
Satz,  der  nicht  von  großem  Nationalstolz  zeugte,  da  Deutschland
  1)  damals  ebenso  wie  Frankreich  )  etwas  über  38  Millionen
Einwohner  zählte,  von  welchen  Preußen  im  Nordbund  nur
29  vereinigte,  und  Frankreich  außerdem  im  Kriegsfall  eine
mächtige  Flotte,  größern  Reichthum  und  stärkere  Centralisation
vor  Deutschland  voraus  hatte;  die  deutsche  Einheit  also  nur
dann  Frankreich  gefährlich  werden  konnte,  wenn  dieses  in
geistiger  oder  sittlicher  Beziehung  hinter  jenem  zurückblieb.

In  der  That  waren  dergleichen  Sorgen  nicht  eben  ernsthaft
  gemeint:  man  fürchtete  in  Wahrheit  nicht  für  die  eigne
Sicherheit,  sondern  für  die  französische  Hegemonie  über  Europa.
Napoleon,  schrieb  bald  nachher  ein  vielgelesener  französischer

Außer  Osterreich.

)  Außer  Algerien.
        <pb n="382" />
        362  Französische  und  russische  Einwirkung.

Schriftsteller,  dachte  bei  seiner  preußenfreundlichen  Politik  zu
wenig  an  den  dreißigjährigen  Krieg,  den  herrschenden  Moment
in  unserer  Geschichte,  weil  er  Frankreich  erhoben  und  Deutschland
  ruinirt  hat;  er  vergaß  den  westfälischen  Frieden,  der
für  zwei  Jahrhunderte  Deutschland  zur  Ohnmacht  verurtheilt
und  uns  erlaubt  hat,  den  Krieg  auf  sein  Gebiet  zu  tragen,
und  dort  die  europäischen  Coalitionen  zu  bekämpfen  und  zu
besiegen  1.  Wir  verstehen,  setzte  der  Autor  hinzu,  daß  Deutschland
  aus  einem  so  entwürdigenden  Zustand  hinausstrebte:
aber  daß  ein  französischer  Monarch  es  ruhig  geschehen  ließ,
das  ist  unbegreiflich.

Der  andere  Titel,  nach  dem  sich  Frankreich  zur  Forderung
  deutsches  Landes  berechtigt  hielt,  hieß  Verpflichtung
Preußens  zur  Dankbarkeit,  weil  Frankreichs  Politik  es  an
seinen  Siegen  nicht  gehindert  habe.  Hienach  hätten  England
und  Rußland  gleichen  oder  besseren  Anspruch  auf  Landabtretung
  gehabt,  denn  diese  Mächte  waren  vom  ersten  bis
zum  letzten  Tage  streng  neutral  geblieben;  Frankreich  aber
hatte  seit  Anfang  Juni  Preußen  so  viel,  wie  ohne  offenen
Kampf  möglich  war,  zu  lähmen  versucht,  hatte  den  Brief  vom
11.  Juni  gegen  Preußens  Bundesreform  erlassen,  am  12.  Juni
den  geheimen,  gegen  Preußen  und  Italien  feindlichen  Vertrag
mit  Osterreich  geschlossen,  am  5.  Juli  die  Moniteur-Rote  veröffentlicht
  und  Italien  zum  Abfall  von  Preußen  gedrängt,
und  zuletzt  durch  seine  Vermittlung  den  preußischen  Einzug
in  Wien  und  den  Eintritt  Süddeutschlands  in  den  neuen  Bund
verhindert.  Daß  also  unter  diesen  Umständen  in  Paris  die
Abtretung  rheinischer  Landschaften  als  eine  Dankespflicht
Preußens  betrachtet  wurde,  läßt  sich  nicht  aus  sachlichen  Gründen,

4)  Rothan,  Luxembourg,  p.  59.
        <pb n="383" />
        Alle  französischen  Parteien  sind  einig  darin.  363

sondern  nur  aus  der  Gewohnheit  der  seit  Ludwig  XIV.  überlieferten
  Anschauungen  erklären.

Wie  dem  aber  auch  sein  möge,  Rouher  und  Drouyn
de  Lhuys  wetteiferten  jetzt,  dem  Kaiser  die  Nothwendigkeit
französischer  Annexionen  tagtäglich  einzuschärfen.  Als  Vermittler
  habe  er  nicht  damit  hervortreten  können;  jetzt  habe
diese  Rücksicht  aufgehört,  und  es  sei  Hand  au's  Werk  zu
legen.  Der  Kaiser  zeigte  sich  nicht  sehr  eifrig,  auf  diese  Anträge
  einzugehen;  da  wies  man  auf  die  Stimmung  der  Presse,
der  Kammern  und,  was  besonders  Eindruck  machte,  der  Armee
hin,  auf  die  allgemeine  Erbitterung,  welche  der  Dynastie  gefährlich
  werden  würde,  wenn  Frankreich  das  Spiel  mit  leeren
Händen  aufgäbe.  Rouher  erklärte  dann,  ganz  wie  Drouyn
de  Lhuys  am  4.  Juli,  die  Sache  für  unbedenklich  und  leicht
erreichbar.  Er  erinnerte  an  Bismarck's  Außerungen  vom
Anfang  Juni,  gegen  Govone  und  Benedetti,  daß  er  persönlich
  sich  schon  herbeilassen  würde,  ein  Stück  Rheinland,  an
der  Mosel,  abzutreten;  freilich  hatte  er  hinzugesetzt,  daß  der
König  ganz  unerschütterlich  in  diesem  Punkte  sei.  Aber  um
so  entgegenkommender  zeigte  sich  in  neuerer  Zeit  Graf  Goltz,
erklärte  unumwunden  Frankreichs  Anspruch  im  Princip  für
gerechtfertigt,  ließ  also  das  beste  Ergebniß  einer  gut  geführten
Unterhandlung  erwarten.  Leider  erzählte  Goltz  den  französischen
  Ministern  nicht,  daß  er  persönlich  zwar  zu  Abtretungen
bereit  sei,  daß  er  aber  jeder  Vollmacht  dazu  entbehre,  und
auf  alle  Andeutungen  solcher  Art  aus  Berlin  keine  Antwort
erhalte.

Auf  den  niemals  fest  entschlossenen,  zur  Zeit  noch  dazu
erkrankten  Kaiser  machte  das  stete  Bohren  und  Drängen  seiner
Getreuen  immerhin  Eindruck.  Er  kam  nicht  gerade  zu  dem
        <pb n="384" />
        364  Französische  und  russische  Einwirkung.

entschiedenen  Willen,  auf  jeden  Fall  ein  Stück  Rheinland  an
sich  zu  reißen:  aber  er  sagte  sich,  es  wäre  doch  bei  der
Gährung  in  Frankreich  sehr  schön,  wenn  der  König  mir  einen
Gefallen  dieser  Art  erwiese.  Alles  wohl  erwogen,  warum  sollte
er  es  nicht  thun?  wir  sind  ja  doch  so  gute  Freunde.  So
kam  es,  daß  nach  jenem  Gespräche  am  11.  Juli,  wo  der
Kaiser  jeden  Landgewinn  wiederholt  verbeten  hatte,  am  13.
Goltz  von  dem  Prinzen  Napoleon  erfuhr,  Napoleon  wünsche
allerdings  eine  Grenzverbesserung,  und  werde  ewig  dafür
dankbar  sein.  Binnen  vierundzwanzig  Stunden  also  war  der
vorher  unterdrückte  Wunsch  wieder  lebendig  geworden.  Eine
Woche  später  erfolgte  in  gleicher  Weise  ein  weiterer  Fortschritt.
  Noch  am  22.  Juli  hatte,  wie  wir  wissen,  Napoleon
ohne  Bedingung  und  Einschränkung  die  preußischen  Annexionen
gebilligt  und  empfohlen:  und  schon  am  23.  ließ  er  es  zu,
daß  Drouyn  de  Lhuys  an  Benedetti  schrieb,  die  amtliche  Anerkennung
  der  preußischen  Vergrößerung  könne  nur  in  Verbindung
  mit  der  Frage  der  französischen  Compensationen
verhandelt  werden;  Benedetti  habe  sich  darüber  mit  Bismarck
in's  Benehmen  zu  setzen,  und  werde  nähere  Weisung  dafür
erhalten.  So  hatte  sich,  wieder  binnen  vierundzwanzig
Stunden,  der  still  genährte  Wunsch  zu  der  offenen  Ankündigung
  eines  Begehrens  an  Preußen  entwickelt.

Jetzt  war  die  Frage:  wie  viel  und  was  soll  gefordert
werden?  und  hier  trennten  sich  die  Parteien  wieder.  Rouher
mahnte,  sich  zu  beschränken,  da  man  keine  Mittel  habe,  große
Begehren  durchzusetzen;  später  könne  man  Weiteres  in  Angriff
  nehmen,  wenn  Preußen  die  Hand  nach  den  Südstaaten
ausstrecken  sollte.  Also  möge  man  zunächst  die  Grenzen  von
1814  (Landau  und  Saarlouis)  fordern  und  damit  die  Folgen
        <pb n="385" />
        Antrag  von  Drouyn  de  Lhuys.  365

von  Waterloo  beseitigen,  so  wie  Preußen  einladen,  im  Haag
die  Abtretung  Luxemburgs  an  Frankreich  zu  unterstützen.
In  diesem  Sinne  redete,  wie  wir  oben  sahen,  am  27.  Juli
Napoleon  vertraulich  mit  dem  Grafen  Goltz,  und  erhielt  von
diesem  die  Antwort,  daß  eine  Verständigung  darüber  wohl
nicht  unmöglich  sei.  Dann  könnte  ja,  setzte  der  Kaiser  hinzu,
mit  den  übrigen  Theilen  der  Pfalz  der  Großherzog  von
Hessen  entschädigt  werden.  Aber  es  dauerte  nicht  lange,  und
auch  die  hier  bezeichnete  Linie  wurde  mit  wachsender  Begehrlichkeit
  überschritten.  Die  Kaiserin  war  der  Ansicht,  nur  keine
halbe  Maaßregel  zu  ergreifen,  Nichts  zu  fordern  oder  Alles,
wie  sie  ihre  sehr  bestimmte  Meinung  ausdrückte,  daß  man
über  jedes  Bedenken  sich  hinwegsetzen  müsse,  und  Drouyn  de
Lhuys  wirkte  nachdrücklich  in  demselben  Sinne.  Nun  war
Napoleon  noch  am  27.  Juli  nach  Vichy  abgereist,  um  dort
Linderung  für  sein  Blasenleiden  und  seine  Ischias  zu  suchen;
gegen  körperliche  Schmerzen  hatte  er  immer  nur  geringe
Widerstandskraft,  und  wurde  während  derselben  auch  in  Geist
und  Willen  lähmend  afficirt.  Dort  erschien  dann  bei  ihm
am  29.  Drouyn  de  Lhuys  mit  dem  Entwurfe  eines  Vertrags,
nach  welchem  Preußen  die  von  Frankreich  1815  ihm  abgetretenen
  Landestheile  zurückgäbe,  Bayern  und  Hessen-Darmstadt
  durch  angemessene  Entschädigung  zur  Abtretung  ihrer
linksrheinischen  Besitzungen  an  Frankreich  bestimme,  und  alle
Bestimmungen  über  die  Verbindung  Luxemburgs  und  Limburgs
mit  dem  deutschen  Bunde,  so  wie  das  preußische  Besatzungsrecht
  in  Luxemburg  aufhebe.  Der  Kaiser,  in  argen  Schmerzen
daniederliegend,  ließ  sich  den  Antrag  nebst  dem  dazu  gehörigen
  Telegramm  an  Benedetti  vorlesen,  machte  einige  eventuelle
  Verbesserungen,  sträubte  sich  aber  gegen  die  Annahme
        <pb n="386" />
        366  Französische  und  russische  Einwirkung.

des  Ganzen.  Als  darauf  der  Minister  auf  seinem  Vorschlage
beharrte  und  die  Trefflichkeit  desselben  im  Einzelnen  zu  erörtern
  begann,  rief  endlich  der  Kaiser  in  seiner  Noth:  macht,
was  Ihr  wollt,  aber  laßt  mich  in  Ruhe?#).  Draußen  soll
dann  der  Minister  gesagt  haben:  hier  ist  niemand  mehr,  mit
dem  ich  verhandeln  kann?).  Sicher  aber  ist,  daß  er  in  jenem
Aufschrei  Napoleon's  die  kaiserliche  Genehmigung  seines  Antrags
  fand,  und  am  29.  Juli  dem  Grafen  Benedetti  denselben
telegraphisch  übersandte.  Wenige  Tage  später  folgte,  um
jedes  Mißverständniß  auszuschließen,  noch  der  Zusatz,  daß
unter  den  linksrheinischen  Besitzungen  Darmstadts  auch  die
ehemalige  Bundesfestung  Mainz  mitcinbegriffen  sei.
Benedetti  war  durchaus  mit  Rouher  einverstanden,  daß
Frankreich,  wie  König  Victor  Emanuel  sagte,  etwas  zu  essen
haben  müßte.  Aber  die  begehrte  Portion  erschien  ihm  doch
bedenklich,  und  als  vollends  noch  Mainz  nachträglich  bestellt
wurde,  erinnerte  er  sich,  wie  ihm  vor  zwei  Monaten  Bismarck
  erklärt  hatte,  ehe  er  Mainz  abträte,  verschwände  er
lieber  von  der  politischen  Scene.  Der  Botschafter  befürchtete
also  eine  Zurückweisung  vielleicht  in  gefährlich  schroffer  Form,
und  fragte  demnach  an,  ob  er  zu  näherer  Erwägung  der
Sache  nach  Paris  kommen  dürfe,  erhielt  jedoch  am  4.  August
die  Antwort,  er  solle  kommen,  aber  erst,  wenn  er  erfahren
habe,  wie  Preußen  den  Vorschlag  aufnehme.  So  mußte  er,
gerne  oder  ungerne,  sich  zu  dem  sauern  Schritte  entschließen.
Er  meldete  seinem  Chef  am  5.  August,  er  sei  überzeugt,  daß

)  So  ist  der  Vorgang  häufig  erzählt  worden,  und  bei  diesem
Verlauf  erklären  sich  auch  die  Briefe  Napoleon's  an  La  Valette  vom
12.  August,  und  von  Drouyn  de  Lhuys  an  den  Kalser  vom  12.  October.

no  Rothan,  politique  françnise,  p.  374.
        <pb n="387" />
        Benedetti  Überreicht  den  Antrag.  367

hier  nur  die  größte  Festigkeit  und  Entschiedenheit  zum  Ziele
führen  könne;  er  werde  also  jede  Modification  zurückweisen,
und  üflberhaupt  darauf  bestehen,  daß  eine  Ablehnung  des
Antrags  durch  Preußen  nur  in  gänzlicher  Verkennung  der
Gerechtigkeit  erfolgen  könne;  Preußen  würde  damit  ein  genaues
  Maaß  seiner  Undankbarkeit  liefern.  Übrigens  habe  er
den  Vertragsentwurf  dem  Grafen  Bismarck  zunächst  schriftlich
vorgelegt,  um  nicht  bei  dem  ersten  Eindruck  der  Sache  auf
das  reizbare  Temperament  des  Ministers  selbst  anwesend
zu  sein.

Nachdem  Bismarck  in  einer  spätern  Reichstagsrede  erzählt
hat,  Benedetti  sei  mit  einem  Ultimatum  in  der  Hand  bei  ihm
eingetreten  —  entweder  Mainz  oder  Krieg  —  und  er  habe
natürlich  sofort  geantwortet:  nun  denn,  Krieg,  so  ist  er
deshalb  von  Benedetti  und  andern  französischen  Autoren  mit
sittlichem  Zorne  einer  Entstellung  der  geschichtlichen  Wahrheit
angeklagt  worden.  In  der  That  sind  seine  Angaben,  als
Beschreibung  des  körperlichen  Hergangs,  nicht  genan,  denn
in  der  Hand  hatte  Benedetti  den  Vertragsentwurf  allerdings
nicht,  und  die  ausdrückliche  Bezeichnung  Ultimatum  hat  er
ihm  auch  nicht  gegeben.  Nichts  desto  weniger  hat  Bismarck
den  wesentlichen  Charakter  des  Vorgangs  vollkommen  richtig
beschrieben.  Denn  so  geschah  es  doch,  daß  Benedetti  seinen
Vorsatz  ausführte,  Mainz  u.  s.  w.  zu  fordern  mit  größter
Festigkeit  und  Entschiedenheit,  mit  Ablehnung  jeder  Modification,
  mit  Hindeutung  auf  Preußens  Ungerechtigkeit  und  Undankbarkeit
  —  also,  wie  es  Bismarck  gleich  nachher  in  einem
amtlichen  Erlasse  bezeichnete,  in  fast  drohender  Sprache,  so
daß  die  Antwort  unvermeidlich  wurde,  wenn  die  Zurückweisung
  des  Antrags  ein  Kriegsfall  wäre,  so  würde  Preußen
        <pb n="388" />
        368  Französische  und  russische  Einwirkung.

Krieg  führen.  Bismarck  gab  diese  gewichtige  Erklärung,  wie
es  stets  seine  Art  war,  in  ruhiger  Haltung  und  höflichem
Tone,  und  fügte  sogleich  die  eingehende  Begründung  hinzu.
Solche  Abtretungen  deutsches  Gebietes,  sagte  er,  sind  für
uns  unmöglich;  die  Herstellung  der  Grenze  von  1814  würde
an  dem  Wunsche  der  Bevölkerung  scheitern,  welche  der  König
nicht  gegen  ihren  Willen  aus  Preußen  hinausstoßen  wird;
auf  Luxemburg  legen  wir  keinen  Werth,  aber  die  ganze  Sache
macht  uns  irre  an  den  Absichten  Napoleon's  und  droht,
unser  Vertrauen  auf  ihn  zu  erschüttern.  Wir  hatten  geglaubt,
Napoleon  lege  mehr  Werth  auf  die  Freundschaft  eines  in
Norddeutschland  starken  und  selbständigen  Preußen,  als  auf
einen  solchen  Territorialerwerb:  zeigte  sich  diese  Voraussetzung
irrig,  so  würde  jeder  Grund  wegfallen,  unser  Begehren  auf
den  deutschen  Norden  zu  beschränken,  und  nicht  die  deutsche
Einheit  durch  Hereinziehung  der  Südstaaten  zu  vollenden.
Trotz  alledem  blieb  Benedetti  „fest  und  entschieden“  auf
seiner  Forderung,  und  bat  schließlich,  sie  dem  Könige  vorzulegen,
  worauf  er  am  Abend  des  7.  August  sich  dessen  Antwort
  abholen  werde.  Wie  sich  versteht,  klang  der  Bescheid
des  Königs  nicht  anders  als  das  Wort  des  Ministers.  Bei
der  Stimmung  der  Nation  könne  nicht  ein  Zoll  breit  deutsches
  Landes  abgetreten  werden.  Hieran  knüpfte  sich  eine
nochmalige  Verhandlung  zwischen  den  beiden  Staatsmännern,
die  mehrere  Stunden  dauerte.  Endlich  faßte  Bismarck  die
Sache  kurz  zusammen.  „Warum,  sagte  er,  wollen  Sie  uns
solche  Sprünge  machen?  Sie  müssen  es  doch  wissen,  daß
für  uns  die  Abtretung  deutscher  Erde  eine  Unmöglichkeit  ist:
ließen  wir  uns  zu  dergleichen  herbei,  so  hätten  wir  trotz  aller
Triumphe  Bankerott  gemacht.  Vielleicht  könnte  man  andere
        <pb n="389" />
        Bismard  weist  den  Antrag  ab.  369

Wege  finden,  Sie  zu  befriedigen:  aber  wenn  Sie  auf  diesen
Forderungen  bestehen,  so  gebrauchen  wir  —  darüber  täuschen
Sie  sich  nicht  —  alle  Mittel:  wir  rufen  nicht  bloß  die
deutsche  Nation  in  ihrer  Gesammtheit  auf,  sondern  wir  machen
auch  sofort  Frieden  mit  Osterreich  auf  jede  Bedingung,  überlassen
  ihm  ganz  Süddeutschland,  lassen  uns  selbst  den  Bundestag
  wieder  gefallen.  Aber  dann  gehen  wir  auch  vereinigt
mit  800000  Mann  über  den  Rhein,  und  nehmen  Euch  den
Elsaß  ab:  unsere  beiden  Armeen  sind  mobil,  die  Eurige  ist
es  nicht,  die  Consequenzen  denken  Sie  sich  selbst.“  Der  Eindruck
  dieser  Worte  war  um  so  stärker,  je  gelassener  und
freundlicher  sie  gesprochen  wurden.  Wie,  rief  Benedetti,
Ihr  meint,  Österreich  würde  Frieden  schließen,  wenn  wir
gegen  Euch  austräten?  Bismarck  sagte:  „es  ist  kein  neuer
Gedanke,  den  ich  eben  ausspreche.  Unmittelbar  vor  dem
Kriege  haben  wir  darüber  verhandelt,  und  heute,  versichere
ich  Sie,  schließt  Osterreich  den  Frieden.  Also,  wenn  Sie
nach  Paris  kommen,  so  verhüten  Sie  einen  Krieg,  welcher
sehr  leicht  verhängnißvoll  werden  könnte.“  „Wie  gern  thäte
ich  das,  entgegnete  der  Botschafter.  Aber  mein  Gewissen
zwingt  mich,  in  Paris  dem  Kaiser  zu  erklären,  daß,  wenn
er  die  Abtretung  nicht  erlangt,  er  mit  seiner  Dynastie  der
Gefahr  einer  Revolution  ausgesetzt  ist.“  Machen  Sie,  schloß
Bismarck  das  Gespräch,  den  Kaiser  darauf  aufmerksam,  daß
gerade  ein  aus  dieser  Frage  entsprungener  Krieg  unter  Umständen
  mit  revolutionären  Schlägen  geführt  werden  könnte,
daß  aber  gegenüber  einer  revolutionären  Gefahr  die  deutschen
Dynastien  sich  fester  begründet  zeigen  würden,  als  jene  des
Kaisers  Napoleon  7).

)  Nach  Blsmarck'schen  Authichmneen  und  Depeschn  jener  Tage.
#.  Sydel,  Begründung  d.  beutschen  Reiches.  V.
        <pb n="390" />
        370  Französische  und  russische  Einwirlung.

Das  Unbehagen,  welches  diese  Abweisung  dem  Botschafter
  erweckte,  wurde  am  folgenden  Morgen  durch  die
Kunde  von  Manteuffel's  Sendung  nach  Petersburg  noch
erheblich  gesteigert;  er  meinte  zu  errathen,  daß  der  General
dem  Zaren  die  französischen  Forderungen  vorzulegen  habe,
um  jede  Annäherung  zwischen  Frankreich  und  Rußland  unmöglich
  zu  machen.

Wie  sehr  befand  er  sich  hier  auf  falscher  Fährte!  Nicht
bloß  war  Manteuffel's  Sendung  schon  vor  Benedetti's  Anträgen
  beschlossen  worden,  sondern  auch  nachher  wurde  dem
General  keine  Sylbe  davon  mitgetheilt,  aus  dem  sehr  einfachen
  Grunde,  daß  es  durchaus  in  Preußens  Interesse  lag,
nicht  als  hülfesuchender  Bittsteller  in  Petersburg  zu  erscheinen.
Jedesfalls  sah  Benedetti  mit  besorgten  Blicken  in  die  Zukunft,
als  er  am  10.  August  in  Paris  ankam,  ungewiß,  ob  Napoleon
sich  bei  Preußens  Verhalten  für  Frieden  oder  Krieg  entscheiden
  würde.

Auch  Bismarck  war  um  so  mehr  auf  den  Verlauf  der
Krisis  gespannt,  als  gleichzeitig  mit  der  französischen  eine
Verwicklung  auf  der  italienischen  Seite  eintrat.  König
Victor  Emanuel  hatte  den  Abschluß  der  Nikolsburger  Präliminarien
  nicht  ohne  schweren  Kummer  erfahren.  Sein  ganzes
Volk  war  entrüstet  über  La  Marmora's  elende  Kriegführung,
über  die  französische  Intervention,  über  die  lange  Unthätigkeit
  der  Armee;  jetzt  eben  nun  hatte  man  endlich  nicht
bloß  Venetien,  sondern  auch  einen  Theil  Istriens  und
Wälschtirols  besetzt,  und  hätte  bei  weiterer  Fortdauer  des
preußischen  Krieges  auf  beliebige  Ausdehnung  dieser  Eroberungen
  hoffen  können  —  da  mußte  man  erleben,  daß
Preußen  die  Friedenspräliminarien  gezeichnet  und  nur  Vene-
        <pb n="391" />
        Verwicklung  auf  der  italienischen  Seite.  371

tien,  nicht  aber  Wälschtirol  seinem  Verbündeten  gesichert  hatte.
Freilich  erkannte  das  Florentiner  Cabinet  die  guten  Gründe,
welche  Bismarck  zu  rascher  Beendigung  des  Kriegs  gedrängt
hatten,  rückhaltlos  an,  und  genehmigte  seinerseits  schon  am
25.  Juli  eine  achttägige  Waffenruhe,  welche  bald  nachher  bis
zum  10.  August  verlängert  wurde,  um  in  dieser  Zeit  die  Bedingungen
  eines  dauernden  Stillstandes  zu  verabreden.  Bei
dieser  Verhandlung  aber  gab  es  Schwierigkeiten,  welche  bis
dicht  an  die  Erneuerung  des  Blutvergießens  führten.  Die
Italiener  nämlich,  welche  im  Frieden  Wälschtirol  zu  erlangen
wünschten,  wollten  deshalb  im  Waffenstillstand  ihre  Truppen
dort  stehen  lassen:  habe  doch  Osterreich,  sagten  sie,  auch  den
Preußen  während  des  Stillstandes  freies  Quartier  auf  österreichischem
  Boden  eingeräumt.  In  Wien  zuckte  man  über  diese
Argumentation  die  AUchseln;  man  hatte  den  Unterschied  zwischen
Custozza  und  Königgrätz  vor  Augen,  und  sagte  den  Italienern,
Preußen  denke  nicht  daran,  aus  der  augenblicklichen  Besetzung
Böhmens  einen  Anspruch  auf  Abtretung  des  Landes  abzuleiten;
  gerade  weil  Italiens  Begehr  auf  Wälschtirol  bekannt
sei,  könne  man  seine  Truppen  auch  im  Stillstand  dort  nicht
dulden.  Hienach  forderte  Osterreich  als  Bedingung  des  Stillstandes
  die  Räumung  alles  tirolischen  und  istrischen  Landes,
und  den  Rückzug  der  Italiener  hinter  die  politische  Grenze
Venetiens.  Als  General  Cialdini,  von  dem  stets  kriegslustigen
Könige  unterstützt,  dies  weigerte,  setzte  Erzherzog  Albrecht  in
rascher  Entschlossenheit  drei  Armeecorps  gegen  Italien  in  Bewegung,
  so  daß  im  Laufe  einer  Woche  wieder  125000  Mann
dort  zum  Kampfe  in  Bereitschaft  standen,  und  sandte  bereits
am  5.  August  die  Erklärung  hinüber,  daß  er  zum  Angriff
schreiten  würde,  wenn  die  italienischen  Truppen  niht  am  11.
        <pb n="392" />
        372  Französische  und  russische  Einwirkung.

das  österreichische  Gebiet  geräumt  hätten.  Natürlich  ging  aus
Florenz  sofort  ein  Telegramm  nach  Berlin  mit  dem  Antrag
auf  bundesgemäße  Unterstützung,  und  gleich  darauf  meldete
Golgz,  daß  Napoleon  wegen  dieser  Wirren  seine  Cur  in  Vichy
unterbreche  und  nach  Paris  zurückeile.  Was  Bismarck  so  lange
und  so  glücklich  bisher  zu  verhüten  gewußt,  ein  gleichzeitiger
Krieg  mit  Frankreich  und  OÖsterreich,  das  erschien  jetzt  als
nahe  herandrohende  Gefahr.  Wenn  Italien  nicht  hinter  die
venetianische  Grenze  zurückging,  wenn  gleichzeitig  Preußen
das  Rheinland  nicht  den  Franzosen  abtrat,  wie  nahe  lag
dann  ein  thätiges  Zusammenschließen  der  beiden  Kaiserhöfe?
Bismarck's  Gedanken  streiften  an  die  Frage,  ob  man  Italien
zumuthen  könne,  der  groben  Forderung  des  Gegners  nachzugeben?
  und  vollends,  ob  im  Fall  des  dortigen  Bruchs  Preußen
ebenfalls  zu  den  Waffen  greifen  dürfe,  auch  auf  die  Gefahr
einer  französischen  Kriegserklärung?  über  solche  Dinge  aber  war
vor  Allen  Moltke  zu  hören.  Der  General  reichte  am  8.  August
zwei  Denkschriften  ein  und  führte  darin  aus,  offenbar  sei  es
wichtig,  mit  Osterreich  den  definitiven  Frieden  schleunig  abzuschließen
  und  damit  freie  Hand  nach  Osten  und  nach  Westen  zu
gewinnen.  Dann  sei  Frankreich  nicht  zu  fürchten;  es  würde
nicht  schwer  sein,  gegen  Napoleon's  Begehren  rheinisches  Landes
das  Bündniß  der  süddeutschen  Staaten  zu  erlangen.  UÜberhaupt
sei  die  Lage  für  einen  französischen  Krieg  gegen  Deutschland
zur  Zeit  so  wenig  günstig,  daß  Napoleon  ohne  ein  Bündniß
mit  Ssterreich  ihn  schwerlich  wagen  würde.  Nun  aber  der
andere  Fall:  Osterreich  und  Frankreich  wären  verbündet,  wie
ständen  wir  dann?  Moltke  entwickelte,  daß  dann  die  Hälfte
der  österreichischen  Armee  wieder  gegen  Italien  beschäftigt
sein  würde;  gegen  die  andere  Hälfte  würden  vier  Armeerorps
        <pb n="393" />
        Blsmard  beschwichtigt  Itallen.  373

ausreichen  zu  einer  festen  Defensive  in  der  Gegend  von  Prag;
Frankreich  gegenüber  könnten  dann  Anfang  September  zwischen
Main  und  Neckar  mehr  als  200000  Norddeutsche  und
80000  Süddeutsche  versammelt  werden.  Der  Krieg,  schloß
er,  würde  auch  hier  mehr  defensiv  zu  führen,  aber  gewiß
nicht  zu  scheuen  sein,  während  die  kleinste  freiwillige  Landabtretung
  an  Frankreich  Preußens  künftige  Führerschaft  in
Deutschland  unmöglich  machte.

Diese  Erbrterung  entschied  Bismarck's  Beschluß.  Gewiß
keine  Landabtretung  an  Frankreich,  aber  auf  der  andern  Seite
keine  Ermunterung  Italiens  zum  Krieg.  Also  Moltke  denkt
an  Defensive  in  Böhmen,  sagte  er,  und  an  Defensive  am
Rhein;  das  könnte  lange  dauern,  und  uns  noch  anderweitige
Intervention  auf  den  Hals  ziehen;  wäre  Moltke  der  Meinung,
erst  Osterreich  gründlich  abzuthun,  und  dann  die  Franzosen,
falls  sie  unterdeß  nach  Berlin  gekommen  wären,  wieder  hinaus
zu  werfen,  so  hätte  es  mir  eher  eingeleuchtet;  in  der  defensiven
  Manier  aber  ist  mir  das  Spiel  zu  hoch;  wir  wollen
suchen,  Frieden  zu  machen.  Er  sandte  eine  dringende  Mahnung
  nach  Florenz,  über  die  Demarcationslinie  beim  Waffenstillstand
  nicht  zu  hadern;  das  sei  kein  Gegenstand,  wegen
dessen  Preußen  den  Krieg  wieder  beginnen  könne,  so  sicher
es  auch  Venetien  den  Italienern  gewährleiste;  das  Beste  würde
sein,  wenn  Italien  mit  oder  ohne  Stillstand  in  Prag  gemeinschaftlich
  mit  Preußen  den  Frieden  verhandle.  Damit  erklärte
  sich  denn  die  italienische  Regierung  zufrieden,  zog  ihre
Truppen  aus  Tirol  und  Istrien  zurück,  und  brachte  am
11.  August  den  Waffenstillstand  zum  Abschluß.  Erledigt  war
damit  die  Sache,  wie  wir  sehen  werden,  allerdings  noch  nicht,
die  unmittelbare  Kriegsgefahr  aber  beseitigt.
        <pb n="394" />
        374  Franzöosische  und.  russische  Einwirkung.

Auch  in  Paris  löste  sich  der  Knoten  leichter,  als  Benedetti
  gefürchtet  hatte.  Napoleon  hatte  ganz  und  gar  nicht
den  Drang,  neue  kriegerische  Lorbeeren  zu  ernten;  so  hatte
er  nicht  gesäumt,  sowohl  in  Florenz  als  in  Wien  zum  Frieden
zu  rathen,  und  ließ  der  preußischen  Regierung  ausdrücklich
danken,  daß  sie  sich  mit  gleicher  Mäßigung  benommen.  Er
selbst  war  noch  immer  leidend,  und  die  Berichte  seines  Kriegsministers,
  Randon,  der  einst  am  4.  Juli  zur  Sendung  von
80000  Mann  an  den  Rhein  bereit  gewesen,  meldeten  jetzt
nach  dem  Ende  des  österreichischen  Krieges  schwere  Bedenken
gegen  einen  Waffengang  mit  Deutschland  an.  In  großem
Umfang  fehlte  es  der  Armee  an  Pferden,  namentlich  für  die
Bespannung  der  Artillerie  und  des  Fuhrwesens:  in  Mexico
standen  noch  30000  Mann,  welche  unaufhörlich  Sendungen
von  Ersatzmannschaften,  Munition  und  Vorräthen  aller  Art
in  Anspruch  nahmen;  endlich  war  die  Anfertigung  von  Hinterladern
  noch  weit  zurück;  nach  alledem  mochten  vielleicht  vier
bis  sechs  Monate  vergehen,  ehe  man  verständiger  Weise  an
einen  großen  Krieg  denken  durfte)).  So  wirkte  Alles  für
den  Frieden  zusammen,  die  innersten  Wünsche  des  Kaisers
und  die  Unzulänglichkeit  des  Heerwesens.  Als  Goltz  am
11.  August  die  oben  erwähnten  Gründe  gegen  eine  Abtretung
rheinisches  Landes  dem  Kaiser  vortrug,  erklärte  dieser  den
ganzen  Antrag  für  ein  Mißverständniß,  in  welches  er  während
seiner  Krankheit  durch  Drouyn  de  Lhuys  verwickelt  worden
sei;  gewiß  wäre  die  Annahme  des  Antrags  für  Frankreich
erfreulich  gewesen;  deshalb  aber  würde  doch  die  Ablehnung
seinen  freundlichen  Beziehungen  zu  Preußen  keinen  Schaden
thun;  er  beharre  bei  seiner  bisher  erklärten  Politik,  und  werde

Berichte  des  preußischen  Militärbevollmächtigten,  Obersten  von  Loe-
        <pb n="395" />
        Napoleon  zieht  den  Antrag  vom  29,  Juli  zurück.  375

die  preußischen  Annexionen  amtlich  anerkennen,  sobald  sie
vollzogen  seien.  Noch  am  selben  Tage  berichtete  Goltz,  jede
Kriegsgefahr  sei  verschwunden.  Gleich  nachher  reichte  Drouyn
de  Lhuys  seine  Entlassung  ein,  um  nur  noch  bis  zum  Eintritt
  seines  Nachfolgers  provisorisch  die  Geschäfte  fortzuführen.
Benedetti  aber  nahm  bei  seiner  Rückkehr  nach  Berlin  den  Auftrag
  mit,  der  preußischen  Regierung  anzuzeigen,  daß  der  Vorschlag
  vom  29.  Juli  in  Paris  als  nicht  geschehen  betrachtet  würde.

Damit  schien  denn  auf  dieser  Seite  der  Himmel  einstweilen
  aufgeklärt  zu  sein.  Aber  allerdings,  wenn  der  Vorschlag
  vom  29.  Juli  auch  ganz  und  gar  aufgegeben  war,  so“
folgte  hieraus  nicht  die  Gewißheit,  daß  kein  anderer  von
ähnlicher  Sorte  erscheinen  würde.  Dazu  kam,  daß  Manteuffel's
  Unterhandlung  in  Petersburg  trotz  aller  persönlichen
Huld  des  russischen  Kaisers  in  den  ersten  Tagen  auch  nicht
so  glatt  verlies,  wie  man  es  nach  Alexander's  Außerungen
gegen  Schweinitz  erwartet  hatte.  Der  europäische  Congreß
war  beseitigt,  die  Beurtheilung  aber  der  preußischen  Erfolge
deßhalb  in  keiner  Hinsicht  günstiger  geworden.

Manteuffel  hatte  am  7.  August  die  Instruction  empfangen,
  die  Macht  der  öffentlichen  Meinung  in  Preußen
hervorzuheben,  welche  den  gebührenden  Lohn  für  die  gebrachten
  Opfer  so  ungestüm  begehre,  daß  ihr  nicht  entsprechen,
das  vitale  Interesse  der  Monarchie  gefährden  heiße;  zuerst
habe  man  daran  gedacht,  von  Sachsen,  Hannover,  Kurhessen
starke  Gebietsabtretungen  zu  verlangen;  hier  aber  habe  sich
gezeigt,  daß  diese  seit  fünfzig  Jahren  gebildeten  Gemeinwesen
lieber  einverleibt  als  zerrissen  werden  wollten.  Demnach  der
Entschluß,  Sachsen  vollständig  bestehen  zu  lassen,  die  beiden
andern  Staaten  vollständig  zu  annectiren.  Darmstadt  würde
        <pb n="396" />
        376  Französische  und  russische  Einwirkung.

für  die  Abtretung  Oberhessens  aus  Rücksicht  auf  seine  russische
Verwandtschaft  reichliche  Entschädigung  in  Süddeutschland
empfangen,  Sachsen  würde  im  norddeutschen  Bunde  sein  Gebiet
behalten,  aber  die  wesentlichen  Rechte  seiner  Militärhoheit  an
Preußen  abtreten.  Von  Württemberg  würde  wegen  seiner
verwandtschaftlichen  Beziehungen  zu  Rußland  keine  Abtretung
verlangt  werden.  Wenn  russische  Wünsche,  fügte  Bismarck
am  9.  August  hinzu,  in  Bezug  auf  Befreiung  von  den  Pariser
Friedensbestimmungen  über  das  schwarze  Meer  auftauchen
sollten,  so  habe  Manteuffel  dieselben  entgegenkommend  zu
behandeln;  Preußen  habe  an  der  Fortdauer  der  Beschränkung
kein  Interesse.

In  einem  überaus  warmen  und  herzlichen  Schreiben
des  Königs  an  den  Kaiser,  welches  Manteuffel  zu  überbringen
hatte,  führte  jener  aus,  daß  das  Ansehen  der  preußischen
Krone  bei  ihren  Unterthanen,  das  letzte  Bollwerk  der
Monarchie  in  Deutschland,  unrettbar  verloren  sei,  wenn  nicht
den  berechtigten  Forderungen  der  öffentlichen  Meinung  Rechnung
  getragen  würde.

So  ausgerüstet,  kam  Manteuffel  am  9.  August  in
Petersburg  an,  hatte  ein  kurzes  Gespräch  mit  dem  Fürsten
Gortschakoff  (der  ihm  sagte,  er  wünsche,  daß  Bismarck  kein
Meteor,  sondern  ein  Fixstern  werde,  und  rathe  deßhalb  zur
Mäßigung),  und  wurde  gleich  am  Abend  zum  Keiser  nach
Peterhof  befohlen.  Alexander  empfing  ihn  gnädig,  aber  sehr
ernst.  Er  zeigte  sich  befriedigt  durch  die  Anerkennung  seiner
großen  Stellung  in  Europa  vermittelst  der  besonderen  Sendung
des  Generals,  und  sprach  seine  Liebe  und  Freundschaft  für
den  König  aus.  Als  ihm  aber  auf  seine  Frage  nach  den
näheren  Friedensbedingungen  der  General  die  von  Bismarck
        <pb n="397" />
        Verhandlungen  Manteuffel's  mit  Kaiser  Alexander.  377

ertheilte  Instruction  vorlas,  zeigte  sich  beim  Kaiser  ein  peinlicher
  Eindruck.  Er  anerkannte  lebhaft  die  Räcksicht  zu
Gunsten  Württembergs  und  Darmstadts.  Aber  die  völlige
Absetzung  ganzer  Dynastien,  sagte  er,  erfülle  ihn  mit  Schrecken;
das  sei  nicht  Stärkung,  sondern  Schwächung  des  monarchischen
Princips,  denn  diese  Dynastien  beruhten  auf  demselben  Boden
von  Gottes  Gnaden,  wie  das  preußische  Königshaus.  Er
tadelte  das  italienische  Bündniß  und  fürchtete  von  dem  angekündigten
  deutschen  Parlamente  revolutionäre  Gefahren.
Manteuffel  meinte,  Bismarck  habe  gezeigt,  daß  er  mit  Parlamenten
  umzugehen  wisse;  ich  zweifle  nicht,  rief  der  Kaiser,
an  seinem  guten  Willen,  aber  das  Wort  Parlament  hat  ganz
Süddeutschland  in  Gährung  gesetzt,  so  daß  Baden  und
Darmstadt  schon  von  ihrem  Wunsche  reden,  in  den  norddeutschen
  Bund  einzutreten,  da  Bayern  sie  nicht  stützen  könne,
und  Osterreich  auf  Deutschland  nicht  mehr  einwirken  dürfe.
Manteuffel  führte  dagegen  aus,  je  befriedigender  die  preußischen
  Erfolge  seien,  desto  fester  würde  Preußens  Monarch  das
Regiment  in  seiner  königlichen  Hand  behalten.

Die  Besprechung  der  süddeutschen  Verhältnisse  brachte
den  Kaiser  auf  Frankreich.  Manteuffel  berichtete  darüber
dem  Könige:  „Ich  trug  ihm  meine  Ansicht  über  Napoleon's
Hintergedanken  bei  seiner  Mediation  vor.  Der  Kaiser  sagte
mir,  daß  nach  seinen  Nachrichten  Napoleon  die  Grenzen  von
1814  fordern  wolle.  Er  denkt  und  fühlt  über  Napoleon
genau  so  wie  Ew.  Majestät.  Ich  bin  selten  einer  solchen
Übereinstimmung  begegnet"  9.

Bei  der  Entlassung  sagte  Alexander  noch:  Die  völlige
Entthronung  ganzer  Dynastien  ängstigt  mich.

1)  Wie  das  Obige  aus  Manteuffel's  Bericht  an  den  König  vom
        <pb n="398" />
        378  Französische  und  russische  Einwirkung.

Am  folgenden  Tage  hatte  Manteuffel  ein  langes  Gespräch
  mit  Gortschakoff,  der  eben  von  dem  Kaiser  zurückkam.
Er  erhielt  zunächst  die  Wiederholung  des  gestern  Gehörten.
Der  Kaiser  freue  sich  der  preußischen  Erhebung;  wenn  jetzt
König  Wilhelm  nicht  ganze  Dynastien  stürze,  nicht  in  Sachsen
das  Ansehen  des  Souveräns  durch  Entziehung  der  Militärhoheit
  ruinire,  den  festen  Bestand  der  süddeutschen  Staaten
sichere,  so  werde  er  eine  große  Machtstellung  gewinnen  und
jedem  neuen  Conflict  mit  Frankreich  vorbeugen.  Dieses  könne
keine  Abtretung  zu  fordern  wagen,  wenn  der  König  sich  durch
Schonung  der  dynastischen  Erbrechte  mit  dem  alten  Europa
im  Einklang  befinde.  Interessanter  für  Manteuffel,  der  im
Stillen  für  des  Kaisers  Ansichten  empfänglich  war,  wurde
eine  Auslassung  Gortschakoff's  über  die  Zukunft.  Rußland,
sagte  der  Minister,  begehre  heute  weder  die  Donaufürstenthümer,
  wo  sich  die  Dinge  besser  zu  gestalten  schienen,  noch
Galizien,  wo  die  Frage  durch  die  Präliminarien  erledigt  sei,
noch  die  Aufhebung  des  Pariser  Friedens,  dessen  beide,  Rußland
  verletzende  Punkte  beseitigt  werden  müßten,  aber  von
selbst  absterben  würden;  wenn  der  Moment  komme,  sie  zu
begraben,  hoffe  der  Kaiser  auf  Preußens  freundschaftliche
Unterstützung.  Daß  zur  Zeit  geheime  Beziehungen  zwischen
Osterreich  und  Frankreich  beständen,  durch  welche  die  galizische
Fragewieder  zur  Frage  werden  könnte,  glaubte  Gortschakoff  nicht.

Als  Bismarck  am  Abend  des  10.  August  eine  telegraphische
Inhaltsangabe  dieser  Gespräche  erhielt,  vermochte  Gortscha-11.

  August.  Vor  dem  Abgang  hat  ihn  Manteuffel  dem  Kaiser  vorgelegt,
  und  dieser  kleine  Correcturen  gemacht.

Man  sieht,  daß  weder  der  Kaiser  noch  Manteuffel  den  französischen
Antrag  vom  29.  Juli  kannten.
        <pb n="399" />
        Bismarcłs  Haltung  bei  der  Verhandlung.  379

koff's  schöner  Wunsch,  ihn  zum  Fixstern  befördert  zu  sehen,
seinen  Arger  über  den  Tadel  der  preußischen  Annexionen  nicht
zu  beschwichtigen.  Einem  befreundeten  Rußland  wollte  er
gerne  freundliche  Rücksicht  zollen,  aber  ihm  so  wenig  wie
den  Franzosen  ein  Einspruchsrecht  bei  wichtigen  Fragen  der
deutschen  Entwicklung  gestatten.  Gleich  am  Morgen  des  11.,
noch  ehe  er  die  Friedensdepesche  des  Grafen  Goltz  aus  Paris
empfangen,  telegraphirte  er  an  Manteuffel:  „wir  sind  mit
Wüäürttemberg  und  Darmstadt  auf  billige  Bedingungen,  bewilligt
  aus  Rücksicht  auf  Rußland,  so  gut  wie  einig.  Reicht
das  nicht  hin,  uns  Rußlands  Duldung  wenigstens  bezüglich
der  Annexion  Hannovers,  Kurhessens,  Nassaus  zu  sichern,
so  schließen  wir  auch  mit  Stuttgart  und  Darmstadt  nicht  ab.
Pression  des  Auslandes  wird  uns  zur  Proclamirung  der
Reichsverfassung  von  1849  und  zu  wirklich  revolutionären
Maaßregeln  treiben.  Soll  Revolution  sein,  so  wollen  wir
sie  lieber  machen,  als  erleiden.  Bedenken  können  wir  nicht
berücksichtigen.  Verlangt  Rußland  mehr  als  häfliche  Begrüßung,
  so  halten  Sie  einfach  am  Programm,  welches
wir  nächsten  Montag  in  der  Kammer  proclamiren  werden.“
Das  Programm  war  eben  der  Gesetzentwurf  über  die  Annexionen.


Diesen  kräftigen  Zuspruch  empfing  Manteuffel  mit  Kummer,
  da  er,  wie  gesagt,  die  legitimistischen  Bedenken  Kaiser
Alexander's  theilte.  Indessen  machte  er  Bismarck's  Ansichten
doch  einiger  Maaßen  bei  den  Russen  geltend,  und  verhehlte
nicht,  daß  unter  Umständen  dem  reizbaren  und  tollkühnen
preußischen  Minister  alles  Gefährliche  zuzutrauen  sei.  Kaiser
Alexander  schrieb  darauf  einen  langen  Brief  an  den  König,
enthaltend  eine  theoretische  Abhandlung  über  die  conservativen
        <pb n="400" />
        380  Französische  und  russische  Einwirkung.

Grundsätze,  schließend  aber  mit  der  warmherzigen  Erklärung,
daß,  auch  wenn  seine  Worte  dieses  Mal  keine  Rücksicht  fänden,
  Rußland  sich  doch  nie  den  Widersachern  Preußens  zugesellen
  würde.  Er  sprach  zugleich  den  Wunsch  aus,  daß
das  preußische  Annexionsprogramm  nicht  vor  der  Ankunft
dieses  Schreibens  dem  Landtag  vorgelegt  werden  möchte.
Übrigens  ging  sowohl  der  Kaiser  als  Gortschakoff  dieses  Mal
viel  ausdrücklicher  als  Tags  zuvor  über  die  ihnen  lästigen
Punkte  des  Pariser  Friedens  von  1856  mit  der  Sprache
heraus,  auch  jetzt  in  dem  Sinne,  nicht  im  Augenblick  zur
Action  darüber  zu  schreiten,  um  so  mehr  aber  in  der  Tendenz,
von  Preußen  eine  bindende  Zusage  der  künftigen  Hülfe  zu
erlangen.  Es  war  ein  deutliches  Symptom  des  Entschlusses,
mit  Preußen  auf  gutem  Fuß  zu  bleiben.

Hierauf  verhieß  Bismarck  mit  Vergnügen,  die  Vorlage
an  den  Landtag  über  die  Annexionen  erst  nach  der  Ankunft
des  Kaiserlichen  Briefes  festzustellen,  und  theilte  dann  am
14.  August,  nach  der  Zurückziehung  der  französischen  Begehren,
  die  darüber  gepflogene  Verhandlung  dem  General
Manteuffel  mit,  welcher  sofort  keinen  andern  Gedanken  als
Kriegserklärung  nach  einer  solchen  Unverschämtheit  hatte.  Bei
den  Russen  aber  stieg  nach  der  Energie,  mit  welcher  Bismarck
die  Pariser  Zumuthung  abgewiesen  hatte,  die  preußische
Freundschaft  im  Werthe.  Obwohl  man  es  Bismarck  nicht
wenig  verübelte,  daß  er  auf  die  russischen  Vorstellungen
gleich  mit  der  Drohung  einer  deutschen  Revolution  geantwortet
  hatte,  wurde  Gortschakoff's  Auftreten  immer  freundlicher,
  immer  zuthunlicher;  mehr  als  einmal  vernahm
Manteuffel  Andeutungen  über  die  Trefflichkeit  eines  preußischrussischen
  Bündnisses:  wobei  dann  Bismarck  allerdings  sich
        <pb n="401" />
        Ergebniß.  381

zunächst  mit  guter  Freundschaft  ohne  bindende  Verträge  begnügen
  ließ.

So  war  die  Selbständigkeit  der  preußisch-deutschen
Politik  gleich  nachdrücklich  gegen  Osten  wie  gegen  Westen
gewahrt.  Jeder  der  beiden  Kaiser  hatte  seine  Forderung  in
der  Weise  zurückgezogen,  daß  er  in  der  Ablehnung  derselben
keinen  Bruch  der  bisherigen  guten  Beziehungen  zu  finden  erklärte.
  Freilich  war  bei  den  Großmächten  die  süße  Gewohnheit,
  das  zersplitterte  Deutschland  durch  ihre  milde  Vormundschaft
  in  bleibender  Ohnmacht  zu  erhalten,  durch  mehr  als
hundertjährige  Praxis  zu  fest  gewurzelt,  um  gleich  auf  den
ersten  Streich  zusammen  zu  brechen:  noch  mehr  als  einmal
werden  wir  solche  Versuche  sich  wiederholen  sehen.  Aber  der
leitende  deutsche  Staat  besaß  jetzt  die  Kraft  zur  Abwehr,
und  seine  Regierung  stand  fest  in  dem  Entschlusse,  freundschaftliche
  Wünsche  billig  zu  berücksichtigen,  immer  aber  in
deutschen  Dingen  nur  nach  deutschem  Interesse  zu  entschceiden,
mochte  das  Ausland  darüber  denken,  wie  es  wollte.

Zunächst  galt  es,  die  deutschen  Verhältnisse  auf  Grund
der  Nikolsburger  Präliminarien  zur  abschließenden  Ordnung
zu  führen.
        <pb n="402" />
        8.  Capitel.
Die  Friedensschrüsse.

Am  5.  August,  am  Tage  nach  der  Ankunft  in  Berlin,
meldete  Bismarck  den  süddeutschen  Staaten  seine  Rückkehr  und
gab  ihnen  die  Sendung  von  Bevollmächtigten  zur  Unterhandlung
  des  Friedens  anheim.

Es  erschienen  darauf  unzögerlich  die  betreffenden  Minister
des  Auswärtigen  selbst,  zuerst  aus  Baden  Herr  von  Freydorf,
und  aus  Württemberg  Baron  Varnbüler,  dann  aus  Bayern
Baron  von  der  Pfordten,  endlich  aus  Hessen-Darmstadt  Herr
von  Dalwigk,  dessen  Sendung  in  Berlin  bei  der  feindseligen
Gesinnung  des  Mannes  eigentlich  unschicklich  gefunden,  aber
wegen  der  geringen  Bedeutung  seines  Staates  zugelassen
wurde.  Pfordten  machte  gleich  nach  seiner  Ankunft  den
Versuch,  eine  gemeinsame  Verhandlung  ihrer  Aller  zu  bewirken,
  erfuhr  aber,  daß  Preußen  dazu  nicht  geneigt  sei,  und
die  gesonderte  Verhandlung  mit  Baden  und  mit  Württemberg
  bereits  begonnen  habe.  Nach  ihren  Erlebnissen  in
Nikolsburg  kamen  die  Herren  mit  mehr  oder  weniger  beklommenem
  Herzen.  Beust  hatte  sich,  wie  wir  sahen,  schon
früher  nach  Paris  gewandt,  um  eine  militärische  Demon-
        <pb n="403" />
        Friedensverhandlung  mit  den  süddeutschen  Staaten.  383

stration  Frankreichs  zu  bewirken;  nach  Nikolsburg  folgten
außer  Baden  die  Ubrigen  in  so  weit  seinem  Beispiel,  daß  sie
den  Kaiser  Napoleon  um  seine  gnädige  Verwendung  bei  dem
Sieger  anriefen.  Rechtlich  waren  sie  dazu  ohne  Zweifel
befugt  und  in  gewissem  Sinne  verpflichtet,  und  wenn  es
nach  unsern  Anschauungen  gegen  Sitte  und  Ehre  verstieß,
bei  innern  deutschen  Fragen  sich  an  das  Ausland  zu  wenden,
so  sollte  diese  Stimmung  nach  der  langen  gesetzlichen  Anarchie
im  deutschen  Reiche  erst  durch  die  Kriege  von  1866  und
1870  auch  den  fürstlichen  Höfen  eingeschärft  und  geläufig
werden.  Ob  übrigens  damals  im  August  die  Gesuche  der
Mittelstaaten  die  Keckheit  steigerten,  mit  welcher  Drouyn
de  Lhuys  seine  Hand  nach  dem  linken  Rheinufer  ausstreckte,
oder  ob  sie  die  französische  Regierung  eher  in  Verlegenheit
setzten,  diesen  vertrauensvollen  Bittstellern  die  Pfalz  und
Mainz  selbst  abzunehmen,  dürfen  wir  bei  dem  schwankenden
Charakter  der  napoleonischen  Politik  dahin  gestellt  sein  lassen.

Indessen  kam  es  der  Mehrzahl  dieser  Schutzflehenden
in  Paris  nur  auf  eine  diplomatische  Verwendung  an,  um
dem  gänzlichen  Ruin  ihrer  Hoheiten  vorzubeugen.  Zu  irgend
erträglichen  Opfern  waren  sie  sämmtlich  bereit,  und  baten
zum  Erweis  ihrer  guten  Gesinnung  und  zur  Verhütung
großes  Gebietsverlustes  die  preußische  Regierung  dringend
um  Aufnahme  in  den  norddeutschen  Bund.  Bismarck  mußte
ihnen  auch  jetzt  auf  eine  Erklärung  dieser  Art  die  Unmöglichkeit
  der  Erfüllung  aussprechen:  so  lange  Napoleon  seine
Zusagen  vom  14.  Juli  hielt,  gedachte  auch  Bismarck  die
seinigen  nicht  zu  brechen.

Zuerst  kam  die  Verhandlung  mit  Württemberg,  schon
nach  dem  Verlauf  einer  Woche,  zum  Abschluß.  Abtretung
        <pb n="404" />
        384  Die  Friedensschlusse.

von  Gebietstheilen  hatte  Preußen  nicht  begehrt;  eine  Vergrößerung
  etwa  des  hohenzollern'schen  Landes  hätte  geringern
Werth  als  die  Herstellung  guter  Freundschaft  mit  dem  Stuttgarter
  Hofe  gehabt;  man  konnte  also  an  dieser  Stelle  unbedenklich
  dem  russischen  Fürwort  Rechnung  tragen.  Auf  die
Zahlung  einer  Kriegscontribution  war  Württemberg  gefaßt,
und  man  einigte  sich  ohne  Schwierigkeit  auf  die  Summe  von
acht  Millionen  Gulden  (13½  Millionen  Markh).  Sodann
wurden  die  Zollvereinsverträge  hergestellt,  unter  der  Maaßgabe,
  daß  jedem  Contrahenten  sechs  Monate  nach  erfolgter
Kündigung  der  Austritt  freistehe.  Beiderseits  war  man  sich
klar  darüber,  welche  Folgen  dieser  Satz  einzuleiten  bestimmt
war,  die  Abschaffung  des  liberum  veto  und  Einführung
bindender  Mehrheitsbeschlüsse  unter  zustimmender  Mehrheit
eines  Zollparlaments.  In  einem  ersten  Entwurfe  hatte  ferner
Württemberg  sich  preußische  Verwendung  bei  Bayern  hinsichtlich
  gewisser  in  München  bisher  verweigerter  Eisenbahn-Anschlüsse
  ausgebeten.  Daraus  ging  nach  weiterer  Verhandlung
  ein  Artikel  hervor,  durch  welchen  die  beiden  Regierungen
sich  zusagten,  gleich  nach  Herstellung  des  Friedens  in  Deutschland
  Commissarien  zur  Vereinbarung  zweckdienlicher  und
liberaler  Grundsätze  über  Eisenbahnbau  und  Eisenbahnverkehr
zusammentreten  zu  lassen.  Endlich  beantragte  Preußen  wechselseitige
  Garantie  des  Besitzstandes  beider  Staaten,  Anerkennung
der  Bestimmungen  der  Nikolsburger  Präliminarien,  und  Beitritt
  Württembergs  zu  denselben,  so  weit  sie  die  Zukunft
Deutschlands  betrafen.  Dies  führte  zu  einer  folgenreichen
Erörterung.

Varnbüler  hatte  an  sich  keine  Einwendung  gegen  diese
Sätze.  Aber  er  begehrte  eine  Verständigung  gerade  über
        <pb n="405" />
        Schutz=  und  Trutzbündniß  zwischen  Preußen  und  Württemberg.  385

denjenigen  Artikel  der  Präliminarien,  welcher  Württemberg
und  dessen  Nachbarn  zunächst  anging,  den  Artikel  über  die
süddeutsche  Union.  Er  erklärte,  diesen  nur  unter  der  Voraussetzung
  annehmen  zu  können,  daß  daraus  den  Südstaaten
zwar  die  Befugniß,  nicht  aber  eine  Verpflichtung  zur  Bildung
der  Union  erwachse.  Der  Wortlaut  sowohl  des  französischen
Vermittlungsvorschlags  les  Etats  allemands  situés  au
sud  du  Main  seront  libres  de  former  entre  eux  une
Union),  als  der  Präliminarien  selbst  (Osterreich  erklärt  sich
damit  einverstanden,  daß  die  süddeutschen  Staaten  in  einen
Verein  zusammen  treten),  konnte  hierüber  keinen  Zweifel  lassen,
und  so  bestätigte  Bismarck  in  bestimmter  Weise  die  Voraussetzung
  Varnbüler's.  Niemand,  sagte  er,  hindert  Euere  Union,
und  niemand  will  Euch  dazu  zwingen.  Nun  hatte  Württemberg
  nicht  die  geringste  Neigung,  in  eine  Union  einzutreten,
welche  auch  bei  der  lockersten  Verfassung  seine  Souveränität
mehrfach  beschränkt  hätte,  ohne  ihm  zugleich  als  Entschädigung
für  dieses  Opfer  größere  Sicherheit  gegen  fremde  Unterdrückung
  zu  verschaffen.  Da  Baden,  wie  wir  gleich  sehen
werden,  ganz  derselben  Ansicht  war,  so  stand  es  fest,  daß
der  deutsche  Südbund  über  ein  papiernes  Dasein  nicht
hinaus  kommen,  der  betreffende  Artikel  der  Präliminarien  also“
gegenstandslos  bleiben  würde.  Allerdings  wurde  damit  den
süddeutschen  Staaten  das  Bedürfniß  eines  starken  Schutzes
gegen  Außen  erheblich  geschärft,  und  so  kamen  Bismarck  und
Varnbüler  überein,  den  vorgeschlagenen  Artikel  über  Garantie  des
beiderseitigen  Besitzes  weiter  zu  entwickeln  zu  einem  besondern,
einstweilen  geheimen,  Schutz=  und  Trutzbündniß,  nach  welchem
beim  Ausbruch  eines  Krieges  die  Truppen  Württembergs  unter

den  Oberbefehl  des  Königs  von  Preußen  treten  Uollte.  Beide
v.  Sybel,  Vegründung  d.  deutschen  Neiches.  V.
        <pb n="406" />
        386  Die  Friedensschlüsse.

Verträge,  der  Friedensschluß  und  das  Bündniß,  wurden  darauf
am  13.  August  unterzeichnet.

Später  haben  französische  und  österreichische  Kritiker  mit
großer  Heftigkeit  in  dem  Abschlusse  des  Schutz=  und  Trutzbündnisses
  einen  schreienden  Wort=  und  Vertragsbruch  Preußens
finden  wollen.  Was  ist  von  diesem  Vorwurf  zu  halten?
Da  die  Südstaaten  von  der  vorgeschlagenen  Union  nichts
wissen  wollten,  blieb  diese  ein  leeres  Project,  und  blieben
mithin  auch  die  Bestimmungen  darüber  absolut  bedeutungslos.
Die  Frage  könnte  also  nur  sein,  ob  Preußen  sonstige
Verpflichtungen  eingegangen  wäre,  welche  ihm  den  Abschluß
des  Schutz=  und  Trutzbündnisses  mit  einzelnen  Staaten  des
Südens  verboten  hätten.  Nun  wissen  wir  aber,  daß  zwischen
ihm  und  Osterreich  von  dergleichen  gar  nicht  die  Rede  gewesen
  war.  Was  Frankreich  betraf,  so  war  es  überhaupt
zu  keinem  förmlichen  Vertrage  gekommen,  sondern  die  beiden
Mächte  hatten  in  den  Gesprächen  zwischen  Napoleon  und
Goltz  vertraulich  die  Abrede  ausgetauscht,  Preußen  werde
keinen  der  Südstaaten  in  den  Nordbund  aufnehmen,  Frankreich
  dagegen  die  norddeutschen  Annexionen  Preußens  unterstützen.
  Es  ist  aber  unwidersprechlich,  daß  der  Eintritt  in
den  Nordbund  und  der  Abschluß  eines  Bündnisses  für  den
Kriegsfall  zwei  völlig  verschiedene  Dinge  waren,  und  daß
mithin  ein  Verbot  des  erstern  die  Vollziehung  des  letztern
nicht  hindern  konnte.  Die  Mitglieder  des  Nordbundes  unterstellten
  ihr  Heerwesen,  ihre  Handelspolitik,  ihre  Verkehrseinrichtungen,
  ihre  auswärtigen  Beziehungen,  einen  großen  Theil
ihrer  Finanzen  der  Gesetzgebung  und  Verwaltung  der
Bundesbehörden.  Bei  Württemberg  war  von  alledem  keine
Rede;  der  einzige  Inhalt  seines  preußischen  Vertrags  war
        <pb n="407" />
        Gleiche  Verträge  mit  Baden.  387

gegenseitige  Unterstützung  zum  Kampfe  gegen  auswärtige
Feinde.  Dies  mochte  dem  französischen  Cabinette  verdrießlicher
  sein,  als  irgend  welche  Verschmelzung  fricdlicher  Einrichtungen
  in  den  beiden  Staaten:  aber  Anlaß  zu  einer  Klage
über  Rechtsverletzung  oder  Vertragsbruch  wurde  damit  nicht
gegeben.  Bisher  hat  noch  niemand  den  Abschluß  eines
Kriegsbündnisses  für  einen  Verzicht  auf  staatliche  Selbständigkeit
  erklärt,  hatte  doch  Napoleon  dem  Grafen  Goltz  am
13.  Juli  selbst  gesagt,  er  lege  besonderen  Werth  auf  die
freie  Befugniß  der  süddeutschen  Staatengruppe,  Bündnisse  zu
schließen  und  Kriege  zu  führen.  Und  daß  bei  einem  gemeinsamen
  Kriege  die  kleine  Schaar  des  schwächern  Staats  unter
den  Oberbefehl  des  stärkern  Kriegsherrn  tritt,  hat  stets,  und
nicht  am  Seltensten  zu  Gunsten  Frankreichs,  für  selbstverständlich
  gegolten.

Wir  werden  übrigens  weiter  unten  noch  einmal  auf
den  Gegenstand  zurückkommen.

Dem  Vorgange  Württembergs  folgte  Baden  nach  wenigen
Tagen,  am  17.  August.  Auch  hier  war  von  Landabtretung
keine  Rede.  Die  Kriegscontribution  hatte  Bismarck  auf  sechs
Millionen  Gulden  (etwas  über  zehn  Millionen  Mark)  angesetzt.
  Zwar  meinte  König  Wilhelm,  der  seinem  erlauchten
Schwiegersohn  von  Herzen  wohlwollte,  man  könne  von  der
Summe  vielleicht  etwas  ablassen,  da  die  badische  Regierung
doch  nur  widerwillig  und  von  dem  Volke  gezwungen,  an  dem
Kriege  Theil  genommen.  Bismarck  aber  erlangte  die  Festhaltung
  des  Betrags  durch  die  einfache  Bemerkung,  daß  die
Contribution  ja  nicht  von  Sr.  Kgl.  Hoheit,  sondern  eben
von  dem  schuldigen  Theil,  von  dem  Volke,  gezahlt  werden
müsse,  und  auch  ohne  schwere  Belastung  gezahlt  werden
        <pb n="408" />
        388  Die  Friedensschküsse.

könne.  Dann  folgten  in  dem  Vertrage  die  uns  aus  dem
Württemberger  bekannten  Bestimmungen  über  Zollverein  und
Eisenbahnwesen.  Bei  dem  Artikel  über  Anerkennung  der
Nikolsburger  Präliminarien  gab  Herr  von  Freydorf  eine  noch
weitergehende  Erklärung  als  vor  ihm  Varnbüler  ab,  daß  in
dem  Artikel  weder  ein  Zwang  zu  der  Bildung  eines  süddeutschen
  Bundes,  noch  ein  Hinderniß  gegen  die  Errichtung
irgend  welcher  staats--  und  völkerrechtlicher  Beziehungen
zwischen  Baden  und  Preußen  oder  dem  norddeutschen  Bunde
gefunden  werden  könne.  Er  bat  dabei  Bismarck  um  gefällige
Auskunft,  ob  Preußen  diese  Auffassung  theile,  was  der
preußische  Minister  umgehend  bejahte.  Endlich  sprach  Freydorf
  den  Wunsch  Badens  aus,  mit  Preußen  eine  Militär-Convention
  zu  schließen,  durch  welche  das  badische  Armeecorps
  in  einen  festen  Verband  mit  dem  preußischen  Heere
trete,  und  das  fernere  Begehren,  zur  Sicherung  seiner  Grenzen
eine  preußische  Garnison  für  die  ehemalige  Bundesfestung
Rastadt  zu  erhalten.  Hierauf  aber  einzugehen,  erachtete
Bismarck  mit  Rücksicht  auf  die  französischen  Beziehungen
zur  Zeit  nicht  angezeigt;  er  schlug  dafür  Baden  dasselbe
Schutz=  und  Trutzbündniß  wie  Württemberg  vor,  was  dann
von  Freydorf  sofort  angenommen  und  unterzeichnet  wurde.
Etwas  weitläufiger  und  verwickelter  zeigte  sich  die  Unterhandlung
  mit  Bayern,  so  wie  mit  Hessen-Darmstadt.
Bekanntlich  lag  die  darmstädtische  Provinz  Oberhessen
in  der  damaligen  Machtsphäre  des  norddeutschen  Bundes,
zwischen  Main  und  Lahn,  in  welchem  Gebiete  vor  dem
Kriege  eine  Menge  kleiner  Landsplitter  von  fünf  Staaten
bunt  durch  einander  gewürfelt  waren.  Preußen  dachte,  dies
Alles  nebst  Kurhessen,  Nassau  und  Frankfurt  sich  anzueignen,
        <pb n="409" />
        Schwierige  Verhandlung  mit  Bayern  und  Darmstadt.  389

und  dann  den  hessischen  Großherzog  mit  einem  Theile  der
bayerischen  Pfalz  einiger  Maaßen  zu  entschädigen,  wie  dieses
ja  auch  Napoleon  früher  mehrmals  angerathen  hatte.  Außerdem
  erwog  man,  daß  Bayern  eive  schwere  Kriegscontribution
von  30  Millionen  Gulden  (51  Millionen  Mark)  zahlen  und
die  nordwärts  vom  Maine  gelegene  Hälfte  der  Provinz  Oberfranken
  mit  etwas  mehr  als  2000000  Einwohnern  abtreten
könnte.  Dazwischen  fuhr  aber  der  französische  Antrag  auf
Erwerbung  von  Rheinpfalz  und  Rheinhessen,  nach  welchem
also  der  Großherzog  nicht  bloß  keine  Entschädigung  für
Oberhessen  erhalten,  sondern  außer  dieser  noch  eine  zweite
Provinz  einbüßen,  der  König  von  Bayern  aber  nicht  einen
Theil  der  Pfalz,  sondern  den  ganzen  herrlichen  Landstrich
verlieren  würde.  Indem  Bismarck  den  Antrag  energisch  abwies,
  wurde  er  somit  der  Beschützer  der  beiden  bedrohten
Staaten;  Pfordten  und  Dalwigk  aber  hatten  von  diesem
Verhältniß  so  wenig  eine  Ahnung,  daß  sie  sich  heftig  sträubten,
als  Bismarck  zur  Deckung  gegen  Frankreich  die  sofortige
Übergabe  der  Festung  Mainz  an  eine  preußische  Besatzung
forderte.  Bismarck  legte  darauf  den  beiden  Herren  die  vorher
  erwähnten  Friedensbedingungen  vor,  und  setzte  sie  damit
in  die  heftigste  Aufregung.  Pfordten  klagte,  auf  eine  nicht
erdrückende  Contribution  oder  auf  eine  mäßige  Landabtretung
sei  er  gefaßt  gewesen,  aber  Beides  neben  einander  und  in
solcher  Ausdehnung,  das  sei  fnüs  Bavariae.  Warum  denn
solle  Bayern  so  viel  schlechter  fahren  als  Baden  und  Württemberg?
  Ihr  seid,  antwortete  Bismarck  mit  trockener  Aufrichtigkeit,
  die  Einzigen,  die  keinen  hohen  Protector  haben,
so  mögt  ihr  für  die  Andern  mitbezahlen.  Nicht  weniger
sorgenvoll  und  grimmig  bewegte  sich  Dalwigk.  Sein  Groß-
        <pb n="410" />
        390  Die  Frledensschlüsse.

herzog,  ein  langer,  corpulenter  Herr  von  engem  Gesichtskreise,
  mäßigem  Muthe,  aber  polternder  Redeweise,  hatte  erklärt:
  von  Landabtretung  ist  keine  Rede,  ich  rechne  auf  die
rothen  Hosen.  Dalwigk  setzte  demnach  Bismarck  auseinander,
daß  Hessen  nach  hundert  Gründen  unmöglich  auf  die  nördliche
  Provinz  verzichten  könne,  und  daß  es  die  Ehre  seinem
Fürsten  verbiete,  dafür  eine  Entschädigung  auf  Kosten  seines
Bundesgenossen  anzunehmen.  Statt  dessen  wünsche  der  Großherzog
  mit  seinem  ganzen  Lande,  und  wenn  dies  nicht  angehe,
  wenigstens  mit  den  rechts  vom  Maine  gelegenen  Gebieten,
  dem  norddeutschen  Bunde  beizutreten.  Dadurch,  daß
dies  schnurstracks  den  französischen  Intentionen  zuwider  lief,
ließ  sich  Dalwigk  nicht  abhalten,  den  Geschäftsträger  Lefebvre
  (Graf  Benedetti  war  damals,  wir  wissen  weshalb,  in
Paris),  unablässig  zu  bestürmen,  daß  Napoleon  schärfer  als
bisher  zu  Gunsten  der  Mittelstaaten  einschreiten  möge,  da
für  Frankreich  nichts  gefährlicher  als  die  Unterdrückung  dieser
angenehmen  Nachbarn  sein  würde.  Er  beschwor  ihn  bei  allen
Göttern,  zu  veranlassen,  daß  Napoleon  an  das  linke  Rheinuser,
  also  in  die  Rheinpfalz  und  Rheinhessen,  eine  Armce
senden  möge;  dann  werde  die  jetzt  durch  Preußens  Siege  verblüffte
  Bevölkerung  sich  auf  der  Stelle  wieder  ermannen,  und
gegen  den  preußischen  Übermuth  mit  den  französischen  Befreiern
  zusammenwirken.  Um  den  Eindruck  zu  verstärken,
log  er  frisch  hinzu,  daß  Pfordten  ganz  dieselbe  Ansicht  von
der  Sachlage  hätte  !).  Wie  gerne  hätte  auf  Lefebore's  hierüber
erstatteten  Bericht  Drouyn  de  Lhuys  eine  stattliche  Armee  zu

)  Lefebdre's  Berichte  bei  Harcourt,  les  quatre  ministères  de
M.  Drouyn  de  Lhuys,  p.  310  ff.
        <pb n="411" />
        Dalwigk  ruft  Frankreich  um  Hülfe  an.  391

Dalwigk's  Freude  in  die  Pfalz  und  Hessen  einrücken  lassen!
Die  Frage  wäre  nur  gewesen,  wann  seine  Rothhosen  wieder
herausmarschirt  wären.  Leider  aber  hatte  Bismarck  so  höchst
bestimmt  erklärt,  daß  er  Bayern  und  Hessen  vor  solchen
mißlichen  Wechselfällen  zu  bewahren  gedenke,  und  so  begnügte
sich  Drouyn  de  Lhuys,  am  14.  August  in  einer  Depesche
an  den  unterdessen  nach  Berlin  zurückgekehrten  Benedetti  in
ziemlich  grobem  Tone  Preußen  zu  gemäßigtem  Verfahren
gegen  die  Mittelstaaten  zu  ermahnen,  für  welche  bekanntlich
Kaiser  Napoleon  sich  in  hohem  Grade  interessire.

Ein  erbauliches  Bild,  dieser  hessische  Minister,  welcher
in  glücklicher  Unwissenheit  um  Hülfe  bei  der  französischen
Regierung  bettelt,  die  eben  ein  Drittel  des  hessischen  Staates
gefordert  hat,  welcher  Himmel  und  Hölle  gegen  den  Staatsmann
  anruft,  der  die  Hand  an  den  Schwertgriff  legt,  um
das  französische  Begehren  in  Deutschlands  Namen  abzuweisen.

Zuweilen  zeigt  der  Lauf  der  Weltgeschichte  ironische
Momente.  .

Das  barsche  Eingreifen  der  französischen  Regierung
wäre  sehr  geeignet  gewesen,  das  Gegentheil  der  beabsichtigten
Wirkung  zu  erzielen,  und  Bismarck  zu  strengerem  Auftreten
gegen  die  Schützlinge  derselben  zu  veranlassen.  Pfordken,
wohlbekannt  mit  dem  Temperamente  des  preußischen  Staatsmannes,
  eilte  nach  der  ersten  Mittheilung  Benedetti's  sofort
zu  Bismarck,  sprach  sein  großes  Bedauern  über  Drouyn's
Depesche  aus,  und  legte  seine  ganze  Pariser  Correspondenz
der  letzten  Wochen  vor,  welche  Bismarck  als  „ziemlich  unverfänglich"
  anerkannte,  Pfordten  selbst  aber  als  Erzeugniß
einer  überwundenen  Phase  der  Verhandlung  bezeichnete.
Was  jedoch  Darmstadt  betraf,  so  meldete  sich  eben  jetzt  ein
        <pb n="412" />
        392  Die  Friedensschlüsse.

zweiter  Beschützer,  welcher  für  sich  selbst  kein  deutsches  Land
begehrte  und  Preußen  seine  warme  Freundschaft  entgegen
trug,  der  Schwager  des  Großherzogs,  der  russische  Kaiser.
Der  König  empfing  Alexander's  Brief  vom  12.  August,
dessen  Einwürfe  gegen  die  gänzliche  Beseitigung  von  drei
souveränen  Häusern  doch  einen  gewissen  Eindruck  hervorriefen.
  Indessen  überwogen  in  dieser  Hinsicht  immer  wieder
die  uns  bekannten  Gründe;  es  wurde  beschlossen,  an  der
vollständigen  Annexion  der  drei  Territorien  festzuhalten,
dafür  aber  dem  kurhessischen  Thronfolger  die  von  Darmstadt
abzutretende  Landgrafschaft  Homburg  anzubieten,  und  dem
Kronprinzen  von  Hannover  die  Erbfolge  in  Braunschweig  zu
gewährleisten,  falls  die  beiden  Prinzen  im  Ubrigen  die  neue
Ordnung  der  Dinge  anerkennen  würden  —  eine  Voraussetzung,
  welche  sich  bekanntlich  nicht  verwirklicht  hat.  Was  die
specielle  Verwendung  Rußlands  für  Darmstadt  betraf,  so  war
man  bereit  zu  freundlichem  Entgegenkommen,  und  sich  statt
der  Einverleibung  mit  dem  Eintritte  Oberhessens  in  den
Nordbund  zu  begnügen.  Das  Annexionsgesetz,  welches  am
17.  August  dem  Landtag  vorgelegt  wurde,  beschränkte  sich
demnach  auf  Hannover,  Kurhessen,  Nassau  und  Frankfurt.

Trotz  dieser  Schonung  Darmstadts  rief  jedoch  die  Nachricht
  von  dem  Annexionsgesetz  in  Petersburg  eine  große
Verstimmung  und  Niedergeschlagenheit  hervor.  Die  depossedirten
  deutschen  Fürsten  hatten  den  Kaiser  fort  und  fort  mit
ihren  Klagebriefen  bestürmt;  so  eben  war  der  hannoverk'sche
Gesandte  in  Wien,  Herr  v.  d.  Knesebeck,  mit  einem  Hülfsgesuche
seines  Königs  eingetroffen,  und  der  Kaiser  hatte  geglaubt,
ihm  einige  Hoffnung  geben  zu  können.  Was  soll  ich  ihm
jetzt  antworten?  fragte  Alexander  den  General  Manteuffel.
        <pb n="413" />
        Schreiben  des  Königs  an  Kaiser  Alexander.  393

Dieser  meinte,  die  Stellung  des  Kaisers  sei  durch  das  Erscheinen
  des  preußischen  Gesetzes  erleichtert:  er  könne  jetzt
bedaucern,  daß  gegenüber  der  vollendeten  Thatsache  die
hannover'sche  Anrufung  zu  spät  gekommen  sei.  Ubrigens,
bemerkte  der  General,  zeige  doch  die  Weglassung  von  Oberhessen
  aus  der  Liste  der  Annexionen,  wie  sehr  Preußen  auf
die  Wünsche  des  Kaisers  Rücksicht  zu  nehmen,  bestrebt  sei.
Der  Kaiser  konnte  nicht  umhin,  dies  einzuräumen.  König
Wilhelm  beantwortete  dann  am  20.  August  den  kaiserlichen
Brief  vom  12.  durch  ein  ausführliches  Schreiben,  aus  dem
wir  einige  Sätze  mittheilen,  weil  es  die  nationalen  Auffassungen
  Preußens  in  das  hellste  Licht  setzt.

Es  beginnt  mit  warmem  Dank  für  die  freundschaftliche
Gesinnung  des  Kaisers,  welche  der  König  vollständig  erwidert.
  Daran  schließt  sich  der  Ausdruck  tiefes  Bedauerns,
daß  die  Höfe  von  Stuttgart  und  Darmstadt,  für  welche  der
Kaiser  sich  interessirte,  sich  in  der  ersten  Linie  von  Preußens
Gegnern  befunden  haben;  im  Hinblick  aber  auf  den  Kaiser
haben  sie  höchst  günstige  Bedingungen  erhalten.  Mit  Württemberg
  ist  der  Friede  gezeichnet.  Was  Darmstadt  betrifft,
schrieb  der  König,  so  habe  ich  mich  nicht  an  die  Person  des
Unterhändlers  gestoßen,  der  Jahre  lang  die  Politik  seines
Hofes  in  preußenfeindlicher  Richtung  erhalten  hatte,  sondern
nur  Euren  Wünschen  Rechnung  getragen  und  bin  auf  Dalwigk's
  Vorschläge  eingegangen.  Es  war  mir  höchst  peinlich,
nicht  ebenso  schonend  gegen  die  Dynastien  von  Hannover,
Kurhessen  und  Nassau  verfahren  zu  können.  Aber  ich  habe
meine  persönlichen  Gefühle  dem  Staatswohl  zum  Opfer
bringen  müssen.  Ich  mußte  die  Stimmung  meines  Volkes
und  meines  Heeres  berücksichtigen  und  die  Mittel  ergreifen,
        <pb n="414" />
        394  Die  Friedensschlũsse.

das  Land  gegen  die  Wiederkehr  einer  Situation  zu  sichern,
wie  wir  sie  durchgemacht  haben.  Jenen  Fürsten  einen  Theil
ihrer  Staaten  zu  lassen,  hätte  die  Zerstückelung  der  letzteren
bedeutet,  was  mehr  als  alles  Andere  den  dortigen  Bevölkerungen
  widerstreben  würde.

Ihr  fürchtet,  fuhr  der  König  fort,  deutsches  Parlament
und  Revolution.  Glaubt  mir,  nichts  hat  dem  monarchischen
Princip  in  Deutschland  mehr  geschadet,  als  die  Existenz  dieser
kleinen  und  unmächtigen  Dynastien,  die  ihr  Dasein  auf  Kosten
der  nationalen  Interessen  fristen,  ihre  souveränen  Pflichten
sehr  ungenügend  erfüllen,  und  das  Ansehen  des  monarchischen
Princips  ebenso  compromittiren,  wie  ein  zahlreicher  und  armer
Adel  das  Ansehen  der  Aristokratie.  Die  öffentliche  Meinung
ist  durchdrungen  von  der  Überzeugung,  daß  diese  kleinen
Monarchien  in  natürlichem  und  nothwendigem  Gegensatze  zu
den  nationalen  Interessen  stehen.  Bei  einer  neuen  Krisis
hätte  der  Verfall  der  nationalen  Institutionen  die  schwersten
Gefahren  erzeugt;  meine  Regierung  mußte  dieselben  auf  dem
Wege  der  Reformen  abwenden.  Die  Revolution  werde  ich
nach  wie  vor  in  Deutschland  bekämpfen,  und  mich  übertriebenen
  Prätentionen  des  deutschen  Parlaments  nicht  mehr
als  denen  des  preußischen  Landtags  unterwerfen.

Der  König  schloß  dann:  Ich  hoffe,  hiemit  Euere  Befürchtungen
  beruhigt  zu  haben.  Nichts  liegt  mir  mehr  am
Herzen,  als  die  Befestigung  der  Bande,  die  uns  verknüpfen.
In  keiner  meiner  politischen  Combinationen  werden  die  russischen
  Interessen  verletzt  werden;  im  Gegentheil,  ich  werde
mich  glücklich  schätzen,  in  der  Zukunft  eine  Gelegenheit  zu
finden,  Euch  zu  beweisen,  daß  ich  diese  Interessen  stets  als
die  des  ältesten  und  vertrautesten  Allürten  Preußens  betrachte.
        <pb n="415" />
        Frieden  mit  Bayern.  395

Diese  Hindeutung  auf  Rußlands  damalige  orientalische
Wünsche  war  nicht  mißzuverstehen.  Nach  allem  Vorausgegangenen
  konnte  man  hienach  auf  die  ungetrübte  Bewahrung
des  alten  Einvernehmens  mit  der  nordischen  Macht  rechnen,
eine  um  so  erwünschtere  und  wichtigere  Thatsache,  als  in
diesem  Augenblicke  neue  und  schwere  Verwicklungen  sowohl
von  Wien  als  von  Paris  her  zu  drohen  schienen.  Wir
werden  sehr  bald  davon  näher  zu  reden  haben,  wollen  aber
vorher  kurz  über  den  Abschluß  mit  Bayern  und  Darnstadt
berichten.  ·

Mit  dem  Entschlusse  Preußens,  der  Annexion  Oberhessens
  zu  entsagen,  verschwand  zunächst  aus  der  Reihe  der
an  Bayern  zu  stellenden  Forderungen  die  Rheinpfalz.  Indessen
  fand  Pfordten  die  noch  aufrecht  erhaltenen  Begehren,
der  Abtretung  von  halb  Oberfranken  und  einer  Contribution
von  30  Millionen  Gulden,  immer  so  erdrückend,  daß  er  am
19.  August,  nachdem  er  in  Berlin  einige  Gegenforderungen
eingereicht  hatte,  trotz  seines  neulichen  Gesprächs  mit  Bismarck
  den  bayerischen  Gesandten  in  Paris  beauftragte,  noch
einmal  eine  diplomatische  Unterstützung  bei  Drouyn  de  Lhuys
zu  erbitten.  Dieser  gab  darauf  am  21.  eine  entsprechende
telegraphische  Weisung  an  Benedetti;  als  dieselbe  aber  an
den  Botschafter  gelangte,  fand  dieser  bereits  die  Lage  völlig
verwandelt.  Bismarck  war  von  Anfang  an,  wie  bei  der  österreichischen,
  so  auch  bei  der  bayerischen  Unterhandlung  Gegner
der  königlichen  Wünsche  auf  Landerwerb  gewesen,  weil  er
davon,  zum  Schaden  von  Deutschlands  Zukunft,  eine  bleibende
Verbitterung  in  München  gegen  Preußen  befürchtete.  Er  hatte
diesen  Gesichtspunkt  mehrmals,  bisher  jedoch  ohne  Erfolg,  bei
dem  Könige  zur  Sprache  gebracht.  Als  jetzt  aber  die  Unter-
        <pb n="416" />
        396  Die  Friedensschlüfse.

handlung  mit  OÖsterreich  stockte,  und  damit  der  politische  Horizont
  sich  auf's  Neue  verfinsterte,  gelang  es  ihm,  beim  Könige
den  Verzicht  auf  Oberfranken  durchzusetzen  und  so  in  einer
für  Bayern  erfreulichen  Weise  den  Abschluß  zu  erreichen.  Bis
dahin  hatte  er  die  französischen  Anträge  gegen  keinen  der
mittelstaatlichen  Minister  erwähnt.  Jetzt  lud  er  Pfordten  zu
sich,  und  erörterte  ihm  nochmals  Preußens  Berechtigung  zu  den
bisherigen  Ansprüchen,  wechselte  dann  aber  plötzlich  den  Ton,
und  erklärte  dem  schon  verzweifelnden  Minister,  es  gebe  noch
einen  andern  Weg  zur  Versöhnung.  Er  theilte  ihm  Benedetti's
Begehren  vom  5.  August  und  Preußens  Antwort  darauf
mit,  und  fragte,  ob  Bayern  bereit  sein  würde,  im  Kampfe
gegen  die  answärtigen  Gegner  fest  und  treu  mit  Preußen,
der  Deutsche  mit  dem  Deutschen,  zusammen  zu  stehen.  Die
Antwort  läßt  sich  denken:  die  beiden  Männer  umarmten  sich,
und  so  erwarb  Bayern  durch  die  Unterzeichnung  des  Schutzund
  Trutzbündnisses  Erhaltung  seines  Landbesitzes  und
Deckung  der  Rheinpfalz  gegen  etwa  sich  wiederholende  Gelüste
Frankreichs.  Der  Friedensvertrag  vom  22.  August  enthielt
nur  noch  eine  völlig  unbedeutende  Grenzberichtigung,  sodann
die  Contribution  von  30  Millionen,  die  uns  bekannten  Bestimmungen
  über  Zollverein,  Eisenbahnen  und  Nikolsburger
Präliminarien.  Pfordten  sprach  es  unverhohlen  aus,  daß  er
den  Vertrag  als  befriedigend  und  dankenswerth  anerkenne.
König  Ludwig  II.  aber  schrieb  in  gleicher  Stimmung  dem
preußischen  Monarchen  am  30.  August:

Nachdem  der  Friede  zwischen  uns  geschlossen,  und  eine
feste  und  dauernde  Freundschaft  zwischen  unseri  Häusern
und  Staaten  begründet  ist,  drängt  es  mich,  dieser  auch
einen  äußern  symbolischen  Ausdruck  zu  geben,  indem  ich
        <pb n="417" />
        Schreiben  König  Ludwig's  II.  397

Ew.  Königlichen  Majestät  anbiete,  die  ehrwürdige  Burg
Ihrer  Ahnen  zu  Nürnberg  gemeinschaftlich  mit  mir  zu
besitzen.  Wenn  von  den  Zinnen  dieser  gemeinschaftlichen
Ahnenburg  die  Banner  von  Hohenzollern  und  Wittelsbach
vereinigt  wehen,  möge  darin  ein  Symbol  erkannt  werden,
daß  Preußen  und  Bayern  einträchtig  über  Deutschlands
Zukunft  wachen,  welche  die  Vorsehung  durch  Ew.  Königliche
  Majestät  in  neue  Bahnen  gelenkt  hat.

Mit  theilnehmender  Freude  wird  man  diese  Zeilen  lesen,
in  welchen  der  später  so  unglückliche  Fürst  seiner  deutschen
Gesinnung  ein  schlichtes  und  schönes  Denkmal  gesetzt  hat.

Nicht  ganz  so  schnell  und  froh  gelangte  Darmstadt  zum
Abschluß.  Einerseits  würdigte  Bismarck  den  Herrn  von  Dalwigk
  nicht  eines  so  großen  Vertrauens  wie  den  bayerischen
Minister,  um  auch  ihn  über  die  Folgen  der  von  ihm  ersehnten
  französischen  Einmischung  in's  Klare  zu  setzen.  Andrerseits
  freute  man  sich  wohl  in  Darmstadt  über  das  gerettete
Oberhessen,  war  aber  sehr  bekümmert,  jetzt  das  kleine  Homburg
  zu  verlieren,  dessen  Spielbank  stets  recht  angenehme
Zinsen  in  die  Residenz  abgeführt  hatte,  und  fand  bei  dem
Austausch  der  oberhessischen  Enclaven,  daß  Preußen  dabei
erheblichen  Vortheil  zag.  Darüber  gab  es  dann  wieder  eine
wehmüthige  Correspondenz  mit  St.  Petersburg,  wo  dieses
Mal  aber  Bismarck  gegen  jede  Verwendung  taub  blieb.  Die
mäßige  Kriegscontribution  von  drei  Millionen  Gulden  (etwas
über  fünf  Millionen  Mark)  ließ  sich  verschmerzen;  neuen
Verdruß  erweckte  aber  die  Ankündigung,  daß  Preußen  als
Rechtsnachfolger  des  Fürsten  von  Thurn  und  Taxis  das
gesammte  Postwesen  im  Großherzogthum  übernehmen  würde.
Daß  Oberhessen  in  den  norddeutschen  Bund  eintreten  sollte,
        <pb n="418" />
        398  Die  Friedensschlüsse.

hatte  man  selbst  angeboten,  mußte  also  für  die  Annahme
dankbare  Mienen  zeigen,  so  wenig  froh  man  darüber  im
Herzen  war.  Denn  dort  würden  also  alle  Gesetze  des  Bundes
zur  Geltung  kommen,  und  ein  Theil  der  Darmstädter  Division
dem  preußischen  Oberbefehl  unterstehen.  Die  Unabhängigkeit
des  kleinen  Staates  war  hienach  mit  der  Lage  eines  Mannes
zu  vergleichen,  dem  man  völlig  freistellt,  auszugehen,  nur
daß  sein  rechter  Arm  im  Zimmer  bleiben  müsse.  Dahin
hatte  es  Dalwigk's  Ehrgeiz  gebracht,  bei  dem  Streite  des
alten  Bundestags  gegen  Preußen  sich  in  die  Reihe  der  Vorkämpfer
  zu  drängen.

Am  3.  September  wurde  der  Friedensvertrag  unterzeichnet.
  Eines  Schutz=  und  Trutzbündnisses  bedurfte  es
hier  nicht.

Wir  wenden  uns  jetzt  zu  der  bedeutendsten  dieser  Unterhandlungen,
  zu  den  Prager  Conferenzen  der  Herren  v.  Werther
und  v.  Brenner,  welche  zu  dem  definitiven  Frieden  zwischen
Preußen  und  Osterreich  führen  sollten.

Wäre  es  hiebei  nur  auf  diese  beiden  Mächte  angekommen,
so  würde  man  binnen  wenigen  Tagen  im  Reinen  gewesen
sein.  Denn  außer  der  Bestätigung  der  Nikolsburger  Präliminarien,
  wozu  beide  Theile  gleich  bereit  waren,  handelte  es
sich  nur  um  Ausführungsbestimmungen  oder  untergeordnete
Fragen,  über  welche  überall  kein  Streit  war,  um  die  Auseinandersetzung
  des  alten  Bundeseigenthums,  Amnestie  für  die
während  der  letzten  Jahre  politisch  Compromittirten,  Modalitäten
  der  Zahlung  der  Kriegscontribution,  Wiederaufleben
des  Handelsvertrags  von  1865.  Wie  gesagt,  dies  Alles
hätte  sich  in  wenigen  Tagen  erledigen  lassen.  Aber  es  zeigte
sich  auch  hier,  wie  sehr  der  deutsche  Krieg  zugleich  ein  euro-
        <pb n="419" />
        Berhandlung  des  definltiven  Friedens  mit  Österreich.  399

päisches  Ereigniß  gewesen.  Auswärtige  Interessen  und  Bestrebungen
  machten  sich  mit  großem  Nachdruck  geltend.
Gleich  nach  dem  Beginn  der  Verhandlungen  brachte
Frankreich  in  Berlin  den  Artikel  der  Nikolsburger  Präliminarien
  über  den  deutschen  Südbund  zur  Sprache.  In  seinem
Vermittlungsvorschlag  vom  14.  Juli  hatte  Napoleon  gesagt:
die  Staaten  im  Süden  des  Mains  sollen  frei  sein,  unter  sich
eine  süddeutsche  Union  zu  schließen,  die  eine  internationale
unabhängige  Existenz  genießen  wird,  die  nationalen  Bande
zwischen  dem  Nord=  und  dem  Südbunde  werden  frei  durch
gemeinsames  Einvernehmen  geregelt  werden.  In  Nikolsburg
aber  hatte  Bismarck  die  Worte:  die  eine  internationale  unabhängige
  Existenz  genießen  wird  —  weggelassen,  ohne  Zweifel,
um  den  beiden  Unionen  eine  möglichst  enge  Verbindung  offen
zu  lassen,  ohne  daß  ein  Dritter  den  Einspruch  wegen  Verletzung
  der  nationalen  Unabhängigkeit  des  Sübens  erheben
könnte.  Osterreich  hatte  gegen  die  Streichung  keine  Einwendung
  erhoben.  Jetzt  aber  beschwerte  sich  Frankreich  über
diese  Verstümmelung  seines  Antrags,  der  von  beiden  Mächten
angenommen,  und  folglich  für  beide  Frankreich  gegenüber  verbindlich
  sei.  So  wenig  haltbar  die  letztere  Behauptung  war,
daß  ein  Vermittler  für  sich  selbst  einen  Rechtsanspruch  gewinne,
  wenn  die  streitenden  Parteien  sich  auf  Grund  seiner
Vorschläge  versöhnen  wollen,  so  fand  es  Bismarck  unnöthig,
Lan  dieser  Stelle  die  Frage  zu  erörtern.  Seit  den  Erklärungen
Badens  und  Württembergs  stand  es  fest,  daß  der  Südbund
überhaupt  nicht  in  das  Dasein  treten,  daß  es  also  völlig
gleichgültig  sein  würde,  welche  Rechte  und  Pflichten  man  ihm
zuschriebe.  Er  erklärte  sich  demnach  auf  der  Stelle  bereit,
die  gestrichenen  Worte  in  den  Text  des  Friedensvertrages
        <pb n="420" />
        400  Die  Friedensschlüsse.

wieder  aufzunehmen.  Warum  sollte  er  den  Franzosen  dieses
harmlose  Vergnügen  nicht  gönnen?

Ungefähr  eine  Woche  später  folgte  eine  zweite  französische
Mahnung.  -

Bismarck  hatte  niemals  ein  Hehl  daraus  gemacht,  daß
ihm  jene  dem  alten  Wunsche  Napoleon's  zugestandene  Clausel,
betreffend  die  Rückgabe  Nordschleswigs  an  Dänemark,  durchaus
  nicht  zur  Freude  gereiche.  Als  nun  während  der  Prager
Verhandlungen  sich,  wie  wir  sogleich  sehen  werden,  ein  lebhafter
  Widerstreit  zwischen  Österreich  auf  der  einen,  und
Frankreich  und  Italien  auf  der  andern  Seite  erhob,  machte
Baron  Brenner  seinem  preußischen  Collegen  das  Anerbieten,
die  schleswiger  Clausel  aus  dem  Friedensvertrage  wegzulassen,
  wenn  Preußen  in  jenem  Streite  Osterreichs  Ansprüche
unterstütze.  Denn  begreiflicher  Weise  war  damaks  auch  der
letzte  Funke  eines  Interesses  für  die  Elbherzogthümer  in
Wien  erloschen;  was  dort  geschehen  mochte,  im  deutschen
oder  dänischen  Sinne,  war  der  Regierung  und  der  Bevölkerung
  völlig  gleichgültig.  Die  beiden  Gesandten  erwogen,
Werther  berichtete:  aber  ehe  es  zu  einem  Beschlusse  gekommen
  war,  hatte  Herzog  Gramont  in  Wien  die  Sache  erfahren,
  und  trat  darauf  Graf  Benedetti  in  Berlin  bei  Bismarck
  ein,  um  ihn  über  den  Vorgang  zu  interpelliren,  und
Frankreichs  Auffassung  nachdrücklich  in  Erinnerung  zu  bringen.
Dieses  Mal  war  die  Frage  keineswegs  bedeutungslos,  aber
gerade  in  der  augenblicklichen  Verwicklung  machte  das  Bündniß
mit  Italien  für  Preußen  einen  Bruch  mit  Frankreich  peinlich,
und  Bismarck  gab  ohne  Widerspruch  dem  Botschafter  die  Zusage,
daß  die  Clausel  in  dem  Friedensvertrage  stehen  bleiben  sollte.

Unterdessen  hatte  auch  der  Gegensatz  der  österreichischen
        <pb n="421" />
        Streitfragen  zwischen  Osterreich  und  Italien.  401

und  der  italienischen  Bestrebungen  auf  die  Prager  Verhandlung
  vom  ersten  Tage  an  eingewirkt.  Wie  wir  sahen,  hatte
Bismarck  bei  den  Streitigkeiten  über  den  italienischen  Waffenstillstand
  nach  Florenz  den  Rath  gesandt,  sich  unmittelbar  an
dem  Prager  Friedenswerk  zu  betheiligen:  Visconti  Venosta
war  dazu  bereit,  Baron  Brenner  aber  lehnte  es  unbedingt
  ab,  da  Osterreich  mit  Italien  eine  Menge  besonderer
Fragen  zu  verhandeln  habe,  welche  vollständig  außerhalb
des  Bereichs  der  preußischen  Interessen  lägen,  und  für  deren
Erledigung  Osterreich  der  französischen  Mitwirkung  bedürfe.
Hierauf  erklärte  Freiherr  Werther,  dann  müsse  Preußen,
seiner  Bundespflicht  gemäß,  jedesfalls  auch  in  seinen  Frieden,
wie  bei  den  Präliminarien,  die  Aufnahme  eines  Artikels
fordern,  worin  Osterreich  formell  seine  Zustimmung  zu  dem
Eintritte  Venetiens  in  das  Königreich  Italien  ausspreche.
Da  entbrannte  nun  sofort  der  Streit.  Der  Florentiner  Hof  begehrte,
  die  Abtretung  müsse  unmittelbar  an  den  König  von
Italien,  welcher  dadurch  als  solcher  von  Osterreich  anerkannt
werde,  erfolgen,  und  zwar  auf  Grund  einer  Abstimmung  der
venetianischen  Bevölkerung.  Osterreich,  welches  durch  die
Anerkennung  des  Königs  von  Italien  seine  vertriebenen  Erzherzoge,
  und  durch  jene  der  Volksabstimmung  seine  höchsten
Grundsätze  Preis  gegeben  hätte,  wies  die  italienische  Forderung.
scharf  zurück  und  erklärte,  man  habe  Venetien  dem  Kaiser
Napoleon  abgetreten  und  werde  jeder  Verfügung  desselben
Über  das  Land  zustimmen.  Um  diesen  Standpunkt  unwiderruflich
  zu  erhärten,  hatte  Graf  Mensdorff  gleich  nach  dem
Abschluß  in  Nikolsburg  mit  dem  Herzog  Gramont  eine  Unterhandlung
  eröffnet,  um  die  Abtretung  durch  einen  förmlichen

Vertrag  festzustellen  und  zu  regeln.  Von  einer  Fortdauer  der
v.  Sybel,  Vegründung  d.  deutschen  Reiches.  V.  26
        <pb n="422" />
        402  Die  Friedensschlüsse.

französischen  Dazwischenkunft  wollten  nun  die  Italiener,  bei
ihrem  Zorne  über  ihre  Erlebnisse  im  Juni,  nicht  reden  hören:
lieber  würden  sie,  rief  Victor  Emanuel,  Verona  mit  Sturm
nehmen,  als  es  aus  der  Hand  eines  französischen  Commissars
empfangen.  Außerdem  meldete  Visconti-Venosta  in  Berlin
wieder  den  Antrag  auf  Erwerbung  von  Wälschtirol  oder  doch
des  südlichsten  Theiles  desselben  an,  und  bat  dafür  um
preußische  Unterstützung,  wenn  er  auch  anerkannte,  daß
Preußen  dazu  durch  den  Bundesvertrag  vom  8.  April  nicht
verpflichtet  sei.  Aber  es  werde  damit  die  engste  freundschaftliche
  Beziehung  zwischen  beiden  Mächten  auf  alle  Zeit  gesichert,
  was  Italien  hauptsächlich  als  Rückhalt  gegen  die
französischen  Anmaaßungen  lebhaft  wünsche.

Wie  war  zwischen  diesen  Gegensätzen  eine  Ausgleichung
zu  finden?

Den  ersten  Vorschlag  dazu  machte  bereits  am  9.  August
der  französische  Minister  Drouyn  de  Lhuys.  Nach  seiner
eigenen  Meinung  hätte  er  wohl  am  liebsten  geradezu  den
österreichischen  Standpunkt  ergriffen.  Allein  bei  Kaiser  Napoleon
  war  die  erste  Freude  über  die  Abtretung  Venetiens
an  Frankreich  längst,  wie  wir  wissen,  in  ihr  Gegentheil  umgeschlagen,
  und  das  Ansehen  des  Ministers  durch  die  eben
in  Berlin  erlittene  Niederlage  auf  Null  gesunken.  So  sann
Drouyn  de  Lhuys  auf  eine  Vermittlung  und  schlug  dem
Grafen  Goltz  vor,  im  Eingange  des  Artikels  die  Abtretung
Venetiens  nur  als  geschichtliche  Thatsache  zu  erwähnen,  und
dann  im  Artikel  selbst  zu  erklären,  Frankreich  und  Osterreich
seien  einverstanden  mit  der  Einverleibung  Venetiens  in  das
Königreich  Italien,  vorausgesetzt,  daß  die  Bevölkerung  des
Landes  in  förmlicher  Abstimmung  sie  annehme.  Durch  eine
        <pb n="423" />
        Ausgleichung  durch  Frankreichs  Vermittlung.  403

solche  oder  ähnliche  Fassung  wurde  in  der  That  die  Schärfe
des  principiellen  Gegensatzes  beseitigt.  Osterreich  zu  Liebe
war  die  Abtretung  an  Frankreich,  Italien  zu  Gefallen  die
Stimmung  der  Bevölkerung  erwähnt:  der  Ausgleich  bestand
  darin,  daß  Beides  nicht  mehr  als  Rechtstitel  der  Erwerbung
  des  Landes  durch  Italien,  sondern  nur  als
Thatsache  erschien,  deren  historische  Richtigkeit  keine  der  beiden
Parteien  bestreiten  konnte.  Am  18.  August  kam  in  Wien
eine  Übereinkunft  mit  Gramont  zu  Stande,  dem  künftigen
Frieden  mit  Italien  eine  Einleitung  in  dem  eben  angegebenen
Sinne  zu  geben,  und  Mensdorff  sandte  eine  Aufforderung
nach  Prag,  auch  in  den  preußischen  Vertrag  einen  derartigen
Artikel  aufzunehmen.  Bismarck  war  einverstanden,  wählte
aber  eine  kürzere  Fassung,  wo  die  beiden  streitigen  Punkte,
die  französische  Cession  und  die  venetianische  Volksabstimmung,
gar  nicht  erwähnt,  sondern  einfach  gesagt  wurde,  nachdem
Kaiser  Napoleon  amtlich  erklärt  habe,  daß  Venetien,  so
weit  es  auf  ihn  ankomme,  für  Italien  erworben  sei,  trete
der  Kaiser  von  Osterreich  dieser  Erklärung  bei  und  gebe  der
Vereinigung  Venetiens  mit  dem  Königreich  Italien  seine  Zustimmung.
  Osterreich  hatte  dagegen  keine  Einwendung  weiter.

Aber  noch  ein  Streitpunkt  blieb  zurück,  der  zu  einer  von
Anfang  an  lebhaften  und  bald  sehr  gereizten  Verhandlung
Anlaß  gab.  Es  hatte  sich  bei  den  Wiener  Erörterungen
zwischen  Gramont  und  Mensdorff  die  Frage  erhoben,  welchen
Theil  der  österreichischen  Staatsschuld  Italien  in  Folge  der
Erwerbung  Venetiens  zu  übernehmen  habe.  Frankreich  erklärte,
  nach  dem  Vorgang  des  Züricher  Friedens  vom  Jahre
1859:  lediglich  die  auf  dem  abgetretenen  Lande  speciell  haftenden
  Schulden;  Osterreich  begehrte:  einen  den  erhaltniß
        <pb n="424" />
        404  Die  Friedensschlüsse.

der  Bevölkerung  entsprechenden  Theil  der  Gesammtschuld  des
Reiches.  Bismarck,  welcher  eine  zu  starke  Belastung  Italiens
für  eine  Schädigung  auch  des  preußischen  Interesses  hielt,
trat  der  französischen  Auffassung  bei,  und  forderte  die  Aufnahme
  eines  solchen  Artikels  auch  in  den  Prager  Frieden.
Dazu  erklärte  sich  aber  Brenner  nicht  bevollmächtigt,  und
auf  seinen  Bericht  erwiderte  Mensdorff  in  jener  Depesche
vom  18.  August,  der  preußische  Vorschlag  sei  unannehmbar;
müsse  die  Staatsschuld  durchaus  im  Prager  Vertrage  erwähnt
werden,  so  könne  dies  nur  in  der  Weise  geschehen,  daß  ein
verhältnißmäßiger  Theil  der  österreichischen  Staatsschuld  von
Italien  übernommen  werde.  Die  Differenz  zwischen  den
beiden  Ansichten  ergab  einen  Geldbetrag  von  beinahe  50  Millionen.


Dies  waren  schlechte  Aussichten  für  einen  raschen  Friedensschluß.
  Hiezu  kam  eine  Nachricht  aus  Florenz,  Osterreich
habe  dort,  sein  ganzes  bisheriges  System  verlassend,  eine
directe  Friedensverhandlung  in  Paris,  ohne  Mitwirkung
Preußens,  in  hohem  Einverständniß  mit  Napoleon,  beantragt.
Ricasoli  hielt  das  für  ein  Mittel  zur  Verschleppung,  bis
Preußen  seinen  Frieden  in  Prag  gemacht,  und  Italien  dann
solirt  der  österreichischen  Übermacht  gegenüberstände.  Der
Schritt  konnte  aber  ebenso  wohl  als  ein  Versuch  zur  Isolirung
  Preußens  und  zur  Vereinigung  Osterreichs  und  Italiens
unter  Napoleon's  Schutze  gedeutet  werden.  Man  fand  sich
also  auf  völlig  unsicherem  Boden.

In  diesem  Augenblick,  am  20.  August,  erschien  Graf
Benchetti  bei  Bismarck,  um  ihm  einen  neuen  Antrag  Frankreichs
  auf  Erwerbung  einer  Compensation  vorzulegen.  Wieder
war  es  nichts  Geringfügiges,  was  hier  der  preußischen
        <pb n="425" />
        Neue  Ansprüche  Frankreichs  auf  Compensation.  405

Regierung  angesonnen  wurde.  Frankreich  forderte  zunächst  für
einen  offenen  Vertrag  die  Herstellung  seiner  Grenzen  von  1814,
also  die  Erwerbung  Landaus  und  der  oberen  Saar,  so  wie
die  Annexion  Luxemburgs,  daneben  aber  die  Fähigkeit,  auf
Grund  eines  geheimen  Schutz=  und  Trutzbündnisses  mit
Preußen,  weiterhin  Belgien  sich  anzucignen.  Also  trotz  der
Abfertigung  vom  7.  August  nochmals  ein  Begehren  deutsches
Landes,  im  Augenblicke,  wo  die  Friedensverhandlung  mit
Osterreich  stockte,  und  der  Wiener  Hof  Italien  von  Preußen
zu  trennen  suchte!  Und  dazu  die  Anmuthung  des  Abzugs  der
preußischen,  durch  europäüsche  und  deutsche  Verträge  angeordneten
  Besatzung  von  Luxemburg!  Und  weiter  die  Forderung
preußischer  Waffenhülfe  zur  Einverleibung  Belgiens,  d.  h.
einer  kriegerischen  Verwicklung  Preußens  mit  England!  Wir
haben  gesehen,  in  welchem  Zusammenhange  im  Februar  1866
eine  Vergrößerung  Frankreichs  auf  der  belgischen  Seite  zum
ersten  Male  zwischen  Napoleon  und  Goltz  zur  Sprache  gekommen
  war,  bei  einer  Prüfung  aller  Möglichkeiten  für  die
Erweiterung  der  französischen  Ost=  und  Nordgrenze.  Sodann
hatte  Bismarck  in  Berlin  gegen  Govone  und  Benedetti,  so
wie  in  Mähren  gegen  Lefebore  Außerungen  des  Sinnes  gethan:
  deutsches  Land  könne  er  Frankreich  nicht  abtreten;  möge
dieses  also,  wenn  es  durchaus  etwas  nehmen  müsse,  sich  an
seine  Nachbarn  wälscher  Zunge,  Belgien  oder  Gens,  halten,
sei  es  durch  vollständige  Annexion,  sei  es  durch  Eisenbahn-,
Zoll-  und  Militärconventionen;  dagegen  werde  höchst  wahrscheinlich
  Preußen  keinen  Einspruch  erheben.  Später  haben
französische  Diplomaten  und  Geschichtsschreiber  aus  diesen
Reden  den  Schluß  gezogen,  die  Annexion  Belgiens  an  Frankreich
  sei  ein  ganz  und  gar  preußischer  Gedanke,  ein  von
        <pb n="426" />
        406  Die  Friedensschlülsse.

Napoleon  lange  abgelehnter,  endlich  nur  zögernd  angenommener
Vorschlag  Bismarck's  gewesen.  Sie  hätten  ebenso  wohl  England
  anklagen  können,  daß  es  Napoleon  auf  die  Einverleibung
des  linken  Rheinufers  hingewiesen  habe.  Denn  Lord  Stanley
sagte  in  jenen  Tagen  dem  französischen  Botschafter  in  London,
wenn  Frankreich  nach  Preußens  Emporwachsen  für  sich  eines
Gewinnes  durchaus  bedürfe,  so  möge  es  nur  nicht  die  Hand
auf  Belgien  oder  Constantinopel  legen;  diese  Punkte  könne
England  ihm  nicht  überlassen;  wenn  Frankreich  aber  deutsches
Land  einnähme,  so  würde  England  höchst  wahrscheinlich  keinen
Widerspruch  erheben.  Wie  man  sieht,  ist  es  auf  beiden  Seiten
ganz  genau  derselbe  einfache  Vorgang.  Frankreich  sucht  unruhig
  nach  einem  Landerwerb;  jede  der  beiden  Mächte  sagt
ihm  in  großer  Freundlichkeit:  ich  bitte  nur,  an  meine  eignen
Besitzungen  oder  Interessen  nicht  zu  rühren;  im  Ubrigen  gönne
ich  Euch  alles  Gute  und  Schöne.  Vollends  an  ein  Waffenbündniß
  mit  Napoleon  zur  activen  Durchführung  der  französischen
Wünsche  hatte  Bismarck  so  wenig  wie  Lord  Stanley  gedacht.

Übrigens  war  es  dieses  Mal  nicht  Drouyn  de  Lhuys
gewesen,  welcher  die  Sache  in  Paris  betrieben  hatte,  sondern
Rouher  und  dessen  Partei.  Auch  sollte  Benedetti  nicht  mit
so  kategorischer  Festigkeit  auftreten,  wie  am  5.  August;  er
hatte  vielmehr  Weisung,  wenn  sich  zu  starker  Widerstand
drüben  zeige,  auf  Saarlouis  und  Landau  zu  verzichten,  und
wenn  die  volle  Annexion  Belgiens  auf  ernste  Hindernisse
stoße,  Antwerpen  davon  auszuschließen.  Man  setzte  damals
also  nicht  eben  große  Begeisterung  bei  Bismarck  für  die  angeblich
  preußische  Erfindung,  die  belgische  Annexion,  voraus.
Bismarck  richtete  sich  zuerst  bei  Benedetti's  Mittheilung  mächtig.
in  die  Höhe,  und  erklärte  ihm  sofort  die  absolute  Unmöglich-
        <pb n="427" />
        Bismarck's  dilatorisches  Versahren.  407

keit  einer  deutschen  Landabtretung  aus's  Neue.  Dann  aber,
in  dem  lebhaften  Wunsche,  vor  dem  Abschlusse  des  österreichischen
  Friedens  einen  offenen  Bruch  zu  vermeiden,  ließ
er  sich  scheinbar  rückhaltlos  und  ausführlich  auf  eine  Besprechung
  der  übrigen  Artikel  der  französischen  Entwürfe  ein,
welche  sich  an  zwei  folgenden  Tagen  unter  beiderseitiger
Freundlichkeit  fortsetzte.  Bismarck  machte  eventuelle  Anderungsvorschläge,
  bemerkte,  daß  der  König  ohne  bestimmte  Vortheile
Preußens  gewiß  das  Ganze  ablehnen  würde,  wünschte  die
Abrede  über  Lupemburg  mit  jener  über  Belgien  in  einem
geheimen  Vertrag  zu  vereinigen.  Genug,  Benedetti  faßte
Hoffnung,  mit  einigen  Zusätzen  und  Verbesserungen  würde
die  Abkunft  zu  glücklichem  Schlusse  gelangen.

Aber  von  gründlich  anderer  Gesinnung  und  Erregung
war  Bismarck  erfüllt.  Mit  der  größten  Schnelligkeit  ergriff
er  die  Maaßregeln,  um  möglichst  jeder  Gefahr  auf  jeder
Seite  vorzubeugen.  Es  hatte  sich  glücklich  getroffen,  daß  er
an  demselben  Tage  unmittelbar  vor  Benedetti's  Mittheilung
Frieden  und  Bündniß  mit  Bayern  gesichert  hatte.  Sofort
erging  dann  der  Befehl  an  die  Mainarmee  und  das  zweite
Reservecorps,  Süddeutschland  zu  räumen,  und  in  raschen
Merschen  sich  bei  Hof  und  Eger  zu  sammeln,  um  für  den
Fall,  daß  Osterreich  den  Friedensschluß  noch  hinausziehe,  mit
den  übrigen  Armeen  gegen  Wien  zusammen  zu  wirken.  Er
durfte  hoffen,  wenn  er  mit  Benedetti  dilatorisch  weiter  verhandelte
  —  der  Ausdruck  ist  durch  ihn  berühmt  geworden  —
und  zwar  nichts  verspräche,  aber  doch  Aussichten  eröffnete,  dadurch
  Frankreich  einstweilen  von  der  Theilnahme  an  dem  Kriege
sern  zu  halten,  und  dann  mit  Osterreich  in  kurzer  Zeit  fertig
zu  werden.  Andrerseits  telegraphirte  er  aber  nach  Petersburg
        <pb n="428" />
        408  Die  Friedensschlüsse.

an  Manteuffel,  er  möge  bei  Gortschakoff  sondiren,  ob  Rußland,
falls  es  zwischen  Preußen  und  Frankreich  zum  Kriege  käme,
geneigt  sein  würde,  durch  diplomatischen  Druck  Osterreich  zu
neutraler  Ruhe  zu  nöthigen.  Manteuffel  antwortete:  Gortschakoff
  will  sich  auf  förmliche  Versprechungen  nicht  einlassen;
jedesfalls  aber  können  Sie  gegen  Frankreich  fest  auftreten-So
  war  Alles  geschehen,  um  bei  einer  neuen  kriegerischen
Verwicklung  wenigstens  eine  feindliche  Coalition  gegen  Preußen
zu  verhüten.

Indessen  war  auch  dieses  Mal  eine  solche  Vorsicht  unnöthig.
  Denn  weder  Napoleon  noch  Franz  Joseph  hatten
den  Gedanken,  ihre  Wünsche  mit  dem  Schwerte  geltend  zu
machen,  ja  noch  mehr,  das  Ungeschick  der  französischen  Regierung
  gab  Bismarck  die  Möglichkeit,  in  Wien  günstigere
Bedingungen  zu  stellen,  als  es  Frankreich  gewollt,  und  damit
einen  neuen  Schritt  zur  Erreichung  seines  alten  Zieles,  der  Herstellung
  der  Freundschaft  zwischen  Berlin  und  Wien,  zu  thun.

Die  Männer,  welche  in  Paris  den  letzten  Auftrag  an
Benedetti  formulirt  hatten,  fühlten  sich,  wie  wir  sahen,  nicht
gerade  sicher  über  den  Erfolg  ihrer  Zumuthungen  an  Preußen.
Offenbar  wäre  nun  zur  Unterstützung  ihres  Strebens  kein
anderes  Mittel  wichtiger  gewesen,  als  ein  vertrautes  Einverständniß
  mit  Osterreich.  Allein  Rouher  und  Genossen  hatten
von  jeher,  im  Gegensatz  zu  Drouyn  de  Lhuys,  eine  italienische
  Partei  gebildet,  und  waren  auch  jetzt  nicht  gesonnen,
das  Interesse  ihrer  alten  Freunde  zu  opfern.  Als  demnach
in  der  Frage  der  Theilung  der  .  österreichischen  Staatsschuld
Graf  Mensdorff  den  französischen  Vorschlag  ablehnte,  wiederholte
  Frankreich  denselben  am  18.  August  in  noch  gesteigerter,
jede  weitere  Erörterung  abschneidender  Fassung.  Dies  Ver-
        <pb n="429" />
        Unterzelchnung  des  Prager  Friedens.  409

fahren  rief  in  Wien  eine  lebhafte  Entrüstung  hervor,  und
Mensdorff  antwortete  sogleich  am  19.  mit  dem  Gegenantrag:
ein  billiger  Theil  der  österreichischen  Staatsschuld  haftet  an
dem  Besitz  des  Landes,  und  wird  für  Venetien  durch  einen
österreichischen  und  einen  französischen  Commissar  festgestellt
werden.  Hier  griff  nun  Bismarck  ein,  um  dem  Wiener  Hof
auf's  Neue  in  Erinnerung  zu  bringen,  daß  es  vortheilhafter
für  ihn  sei,  direct  mit  Preußen,  ohne  französische  Theilnahme,
zu  verhandeln.  Er  ließ  folgende  Fassung  vorlegen:  Italien
übernimmt  diejenigen  Schulden,  welche  nach  dem  Vorgange
des  Züricher  Vertrags  als  auf  Venetien  haftend  anerkannt
werden;  es  wird  darüber  der  Schiedsspruch  einer  neutralen
Macht  (England  oder  Rußland)  entscheiden.  Dieser  Vorschlag
hatte  in  Wien  auf  der  Stelle  seine  volle  Wirkung.  Zwar
wollte  man  durch  die  Annahme  fremder  Schiedsrichter  Frankreich
  nicht  positiv  verletzen,  sondern  blieb  in  dieser  Beziehung
bei  der  am  19.  geäußerten  Absicht.  Den  sonstigen  Text
aber  des  preußischen  Vorschlags  nahm  man  an,  weil  durch
die  Aufnahme  der  Worte  „anerkannt  werden"  die  Möglichkeit
  weiterer  Verhandlungen  offen  blieb,  und  da  alle  übrigen,
in  Prag  besprochenen  Punkte  längst  bereinigt  waren,  so
konnte  dort  am  23.  August  die  Unterzeichnung  des  definitiven
Friedens  erfolgen.  Ein  großer  Kampf,  ruhmvoll  für  Preußen,
fruchtbar  für  Deutschland,  folgenreich  für  Europa  und  die
Welt,  war  damit  zum  Abschlusse  gekommen.  Was  man  bis
dahin  die  deutsche  Frage  genannt  hatte,  das  Ringen  der
beiden  Großmächte  um  die  Leitung  der  übrigen  deutschen
Staaten,  war  erledigt.  Das  außerösterreichische  Deutschland
war  rechtlich  oder  thatsächlich  unter  Preußens  Führung  geeinigt.
  Es  war  begreiflich,  daß  für  den  Augenblick  dies
        <pb n="430" />
        410  Die  Friedensschlüsse.

Ergebniß  des  Friedens  in  Wien  als  schmerzliche  Niederlage
empfunden  wurde;  erst  allmählich  konnte  die  Einsicht  sich
Bahn  brechen,  welche  zwanzig  Jahre  später  der  geistreichste
unter  den  österreichischen  Staatsmännern  dieser  Generation
im  Parlamente  unter  allgemeiner  Zustimmung  aussprach:  ich
kenne  keinen  Menschen,  welcher  die  von  uns  in  Deutschland
aufgegebene  Stellung  zurückwünschen  möchte,  nach  dem  einfachen
  Grunde,  weil  die  Macht  der  Monarchie,  trotzdem  und
gerade  deswegen,  nicht  schwächer,  sondern  unvergleichlich  stärker
geworden  ist:).  Bezeichnend  war  es  übrigens  für  die  Wiener
Stimmungen  schon  im  Augenblicke  des  Prager  Friedens,  daß
Graf  Mensdorff  in  seinem  Arger  über  Frankreichs  Verfahren
  sich  das  kleine  Vergnügen  nicht  versagte,  von  dem  Abschlusse
  in  Prag  dem  Herzog  Gramont  erst  dann  Kenntniß
zu  geben,  nachdem  dieser  den  französisch-österreichischen  Vertrag
am  24.  August  unterzeichnet  hatte.  Für  die  Frage  der
Schuldentheilung  hatte  Frankreich  die  preußische  Fassung  angenommen;
  der  Streit  über  die  venetianische  Volksabstimmung
war  durch  die  Bestimmung  umgangen,  daß  Osterreich  das
Land  einem  französischen  Commissar,  dieser  aber  es  der
städtischen  Behörde  von  Venedig  zu  freier  Verfügung  übergeben
  würde.

An  eben  diesem  Tage,  dem  24.  August,  beendigte  dann
auch  in  Folge  des  Prager  Friedensschlusses  der  Rumpf  des
alten  Bundestags,  noch  sieben  Gesandte,  darunter  drei  von
depossedirten  Fürsten,  im  königlichen  Schlosse  zu  Augsburg
sein  fragwürdiges  Dasein,  von  Preußen  besiegt,  von  Osterreich
verachtet,  von  der  Nation  bereits  vergessen.

!)  Graf  Andrassy  in  der  Delegation  zu  Pest,  24.  November  1886.
        <pb n="431" />
        Ausgang  der  französisch-preußischen  Unterhandlung.  411

Befreit  von  der  Sorge,  welche  bisher  Osterreich  noch
hatte  bereiten  können,  hielt  es  Bismarck  jetzt  für  angemessen,
die  Verhandlung  mit  Benedetti  über  die  belgische  Annexion
zum  Schlusse  zu  bringen.  Der  Botschafter  hatte  am  23.  August
nach  Paris  berichtet,  mit  welchen  kritischen  Bemerkungen  und
eventuellen  Vorschlägen  Bismarck  den  französischen  Antrag
begleitet  hatte,  und  darauf  eine  Weisung  vom  26.  erhalten,
dieselben  anzunehmen,  und  wenn  möglich  noch  einige  weniger
bedeutende  Zusätze  dem  preußischen  Minister  zu  empfehlen.
Benedetti  brachte  hierauf  einen  entsprechenden  Vertragsentwurf
zu  Papier,  übergab  denselben  am  29.  dem  Ministerpräsidenten,
damit  er  ihn  dem  Könige  zur  Prüfung  und  Genehmigung
vorlege,  und  machte  zugleich  die  Anzeige,  daß  er  zu  einer
Badecur  nach  Karlsbad  abreise,  und  ihm  die  Entschließung
Sr.  Mojestät  dorthin  nachzusenden  bitte.  So  eben  aber
hatte  Bismarck  ein  Telegramm  des  Grafen  Bernstorff  aus
London  erhalten,  Lord  Stanley  erkläre  ihm,  daß  Napoleon's
Explicationen  über  Belgiens  völlige  Sicherheit  in  jeder  Hinsicht
  befriedigend  seien:  Bismarck  nahm  also  den  Vertragsentwurf
  nach  Benedetti's  Wunsch  an  sich,  überraschte  zugleich
aber  den  Botschafter  durch  die  Frage,  ob  nicht  Napoleon
solche  Verhandlungen  benutzen  werde,  um  zwischen  Preußen
und  England  Mißtrauen  zu  erregen.  Benedetti  berichtete
dies  seiner  Regierung  mit  sittlichem  Unwillen:  welchen  Grad
des  Zutrauens,  schrieb  er,  können  wir  unsererseits  Unterhändlern
  schenken,  bei  welchen  solche  Erwägungen  möglich
sind?  Er  dachte  wieder  an  Manteuffel's  Sendung,  und
meinte,  Preußen  lehne  die  französische  Allianz  ab,  weil  es
bie  russische  sich  erwirkt  habe.

Was  jene  sittliche  Entrüstung  anging,  so  meldete  Graf
        <pb n="432" />
        412  Die  Friedensschlüsse.

Bernstorff  am  5.  September  weiter:  Lord  Clarendon  sagt
mir  in  seiner  gereizten  Weise,  Preußen  habe  Napoleon  gerathen,
  seine  Compensationen  in  Belgien  zu  suchen,  Napolcon
aber  habe  solche  Vorschläge  mit  sittlicher  Entrüstung  zurückgewiesen.
  Es  scheint,  setzte  Bernstorff  hinzu,  daß  Napoleon,
um  sich  hier  zu  empfehlen,  Nachrichten  dieser  Art  hat  ausstreuen
  lassen.  Jedesfalls  wurde  die  in  Paris  gewünschte
Wirkung  verfehlt.  Am  19.  September  schrieb  Baron  Brunnow
an  Gortschakoff:  Belgien  ist  in  Sorge  wegen  seiner  Integrität;
  Napoleon  hat  darüber  in  London  die  besten  Zusicherungen
  gegeben:  aber  wer  glaubt  daran?

So  wartete  denn  Benedetti  in  Karlsbad  vergeblich  auf
ein  Berliner  Telegramm  über  den  Abschluß  des  Vertrags.
Es  war  für  die  französische  Regierung  recht  sehr  empfindlich;
immer  aber  gab  sie  die  Hoffnung  auf  Preußens  guten  Willen
noch  nicht  völlig  auf.  Gerade  in  diesem  Augenblick  trat
Preußens  entschiedenster  Gegner,  Drouyn  de  Lhuys,  definitiv
von  den  Geschäften  zurück,  und  erhielt  den  Marquis  Moustier,
früher  Botschafter  in  Berlin,  zur  Zeit  in  Constantinopel,  zum
Nachfolger.  Bis  zur  Ankunft  desselben  verwaltete  das  auswärtige
  Amt  der  Minister  des  Innern,  Marquis  Lavalette,
der,  wie  wir  wissen,  stets  der  Meinung  gewesen  war,  lieber
durch  Freundlichkeit  als  durch  Drohung  auf  Preußen  zu
wirken,  und  jetzt  um  so  mehr  daran  festhielt,  als  der  Friedensschluß
  zwischen  Osterreich  und  Italien  noch  immer  Schwierigkeiten
  zeigte.  Unter  diesen  Umständen  entschloß  sich  Napoleon,
einmal  seine  innerste  persönliche  Auffassung  der  Lage,  unbeirrt
durch  Drouyn  de  Lhuys  und  Thiers  und  Eugenie,  seinem
Volke  auszusprechen,  und  damit  vielleicht  die  gereizte  und
grollende  öffentliche  Meinung  zu  bekehren.  So  entstand  das
        <pb n="433" />
        Französisches  Rundschreiben  vom  16.  September.  413

merkwürdige,  von  Lavalette  unterzeichnete  Rundschreiben  an
die  französischen  Gesandtschaften  vom  16.  September.

Frankreich,  sagt  die  Depesche,  dürfe  keine  zweifelhafte
Politik  haben.  Sei  es  durch  die  Umgestaltung  Deutschlands
gefährdet,  so  müsse  man  dies  bekennen  und  die  nöthigen
Maaßregeln  zur  Sicherung  ergreifen.

Sei  das  Gegentheil  der  Fall,  so  sei  auch  dies  zu  erklären,
  und  übertriebenen  Urtheilen  und  hitzigen  Befürchtungen
zu  widerstehen.  Die  Frage  werde  durch  eine  Vergleichung
der  Vergangenheit  mit  der  Zukunft  entschieden.  Die  Vergangenheit
  zeige  seit  1815  in  der  heiligen  Allianz  alle  Völker
vom.  Ural  bis  zum  Rhein  gegen  Frankreich  vereinigt,  den
deutschen  Bund,  mit  Osterreich  und  Preußen  eine  Masse  von
80  Millionen  Einwohnern,  als  eisernen  Gürtel  um  die  französische
  Osigrenze  gelegt,  Italien  zerstückelt  unter  Osterreichs
Botmäßigkeit,  für  Frankreich  außer  dem  machtlosen  Spanien
auf  dem  Continent  keine  Möglichkeit  einer  Allianz.  Preußen
sei  weder  festgegliedert  noch  unabhängig  genug  gewesen,  sich
von  seinen  Traditionen  loszumachen.  Osterreich,  zu  sehr  mit
der  Behauptung  seiner  italienischen  Besitzungen  beschäftigt,
hätte  sich  Frankreich  nicht  nähern  können.  Und  nun  heute!
Die  Coalition  der  drei  nordischen  Höfe  sei  gebrochen.  Das
neue  Princip  Europas  sei  die  Freiheit  der  Bündnisse.  Alle
Großmächte  haben  sich  vollständige  Unabhängigkeit  wiedergegeben;
  das  vergrößerte  Preußen,  fortan  frei  von  jeder
Solidarität,  sichere  die  Unabhängigkeit  Deutschlands.

Das  also  ist  das  entscheidende  Wort.  Deutschland,  bisher
  durch  Rußland  und  Osterreich  in  den  Banden  der  heiligen
Allianz,  in  der  Feindseligkeit  gegen  Frankreich  festgehalten,
hat  jetzt  durch  Preußens  Erhebung  die  Möglichkeit  zu  einer
        <pb n="434" />
        414  Die  Friedensschlüsse.

festen  Freundschaft  mit  Frankreich  gewonnen.  Diese  Erörterung
  ist  uns  nicht  unbekannt:  sie  ist  dem  Kaiser  durch  Bis
marck  seit  1864  vorgetragen  worden;  wir  sahen,  welchen
Eindruck  sie  auf  ihn  gemacht  hat.

Frankreich,  fährt  die  Depesche  fort,  darf  an  der  neuen
Unabhängigkeit  Deutschlands  keinen  Anstoß  nehmen.  Stolz
auf  seine  bewundernswerthe  Einheit  und  seine  unvertilgbare
Nationalität,  kann  es  nicht  das  Werk  der  Assimilation,  das
sich  eben  vollzieht,  bekämpfen  oder  bedauern,  und  die  Principien
  der  Nationalität,  welche  es  repräsentirt  und  den  Völkern
gegenüber  bekennt,  eifersüchtigen  Gefühlen  unterordnen.  Wenn
der  nationale  Drang  des  deutschen  Volkes  befriedigt  ist,  wird
seine  Unruhe  sich  zerstreuen,  seine  Feindseligkeit  erlöschen.
Indem  es  Frankreich  nachahmt,  thut  es  einen  Schritt,  der
es  uns  näher  bringt,  und  nicht  von  uns  entfernt.

Die  Depesche  bespricht  dann  in  ähnlicher  Weise  das  Verhältniß
  Italiens,  und  erklärt  die  Unwiderstehlichkeit  des
Triebes,  welcher  die  Völker  Mitteleuropas  bestimmt,  gegenüber
dem  colossalen  Wachsthum  Rußlands  und  Nordamerikas,  sich
zu  großen  Gestaltungen  zu  vereinigen.  Die  Polirkk,  sagt  sie,
muß  sich  über  engherzige  und  mißgünstige  Vorurtheile  eines
andern  Zeitalters  erheben.  Der  Kaiser  glaubt  nicht,  daß  die
Größe  eines  Landes  von  der  Schwächung  der  Völker,  die  es
umgeben,  abhängt;  er  sieht  das  wahrhafte  Gleichgewicht  nur
in  den  befriedigten  Wünschen  aller  europäischen  Nationen.

Hiemit  war  denn  allerdings  die  bestimmteste  Absage
gegen  die  Politik  der  sogenannten  französischen  Traditionen
ausgesprochen,  die  Politik  Mazarin's  und  Ludwigs  XIV.,
die  Politik  des  herrschenden  Ubergewichts  Frankreichs  in  ganz
Europa.  Hätte  der  Kaiser  die  Kraft  und  den  Muth  besessen,
        <pb n="435" />
        Principien  des  Rundschreibens.  415

seine  eben  verkündeten  Grundsätze  folgerichtig  durchzuführen,
so  hätte  kein  sachliches  Hinderniß  gegen  die  von  ihm  gewünschte
  französisch-preußische  Allianz  bestanden,  so  wäre  dem
Herzog  Gramont  und  Genossen  die  Entflammung  des  Krieges
von  1870  unmöglich  geworden,  so  ständen  sich  die  beiden
großen  Nationen  nicht  bis  an  die  Zähne  gewaffnet  gegenüber,
und  das  deutsche  Elsaß  wäre  heute  noch  französisch.  Denn
völlig  grundlos  und  gehässig  bis  zur  Lächerlichkeit  ist  die
Verdächtigung,  daß  Bismarck  im  Jahre  1866  an  die  Schmäalerung
  der  französischen  Grenzen  gedacht  habe.  Er  wäre  zufrieden
  gewesen,  wenn  Napoleon  den  Worten  seines  Rundschreibens
  nachgelebt,  wenn  er,  wie  Rußland  und  England,
die  nationale  Einheit  Deutschlands  und  Italiens  sich  ohne
bevormundende  und  eigennützige  Einmischung  hätte  vollenden
lassen.  Thiers  hätte  das  eine  kosmopolitische,  anstatt  einer
französischen  Politik  genannt:  in  Wahrheit  wäre  es  die  Pflege
der  echtesten  Interessen  des  französischen  Volkes  gewesen,  der
Interessen,  die  es  mit  ganz  Europa  gemein  hat,  und  die  eben
deshalb  durch  die  Blüthe  seiner  Nachbarn  selbst  zu  weiterer
Blüthe  gefördert  werden.  Nicht  der  kosmopolitische  Zug  in
der  Politik  Napoleon's  hat  Frankreich  geschadet,  sondern  die
Inconsequenz,  womit  er  in  falscher  Nachgiebigkeit  gegen  die
altfranzösischen  Traditionen  stets  an  den  entscheidenden
Punkten  seine  eigenen  Gedanken  verfälscht,  Deutschland  durch
die  Ziehung  der  Mainlinie,  Italien  durch  die  Vorenthaltung
Roms  erbittert  und  dennoch  nicht  aufgehört  hat,  in  den
Augen  Österreichs  und  der  römischen  Curie  als  der  Urheber
ihrer  Verluste  zu  erscheinen.

Das  Rundschreiben  des  16.  Septembers  selbst  zeigt  diese
unsicherheit  des  Standpunktes  in  seinen  Schlußsätzen.  Nach-
        <pb n="436" />
        416  Die  Friedensschküsse.

dem  es  die  Begier  nach  fremdem  Lande  getadelt,  bemerkt  es,
daß  Frankreich  nur  solche  Annexionen  gebrauchen  könne,  welche
seiner  Bevölkerung  gleichartige  Elemente  zuführen  würden.
Dadurch  mochte  Deutschland  sich  beruhigt  fühlen,  um  so
stärker  aber  wurde  Belgiens  Mißtrauen  erregt.  Dann  endigt
die  Depesche  mit  der  Erklärung,  daß  in  Folge  der  neuen
Verhältnisse  Frankreich  einer  Verstärkung  seiner  Heeresmacht
bedürfe,  einem  Worte,  an  sich  auch  bei  der  größten  Friedenssicherheit
  völlig  begründet,  das  in  diesem  Zusammenhang  aber
von  allen  Gegnern  als  schneidende  Widerlegung  aller  vorausgehenden
  Friedensphrasen  aufgefaßt  wurde.

„Ich  sah  deutlich,  schrieb  damals  Napoleon  in  einer  nur
für  die  eigne  Erwägung  bestimmten  Note,  daß  der  Krieg  mit
Preußen  unvermeidlich  war.“  Gewiß,  unvermeidlich  nach  der
Stimmung  fast  aller  französischer  Politiker,  gegenüber  dem
festen  Entschlusse  Preußens,  das  Recht  der  deutschen  Nation
auf  ihre  Existenz  nicht  erst  von  einer  Erlaubniß  Frankreichs
und  einer  dafür  zu  leistenden  Zahlung  abhängig  zu  machen.

Für  den  Augerblick  freilich  schien  das  Einvernehmen
der  beiden  Höfe  so  ungetrübt  wie  möglich,  und  bethätigte
sich  auch  in  diesen  Tagen  mit  bestem  Erfolge  bei  der  Behandlung
  der  österreichisch-italienischen  Friedensverhandlung.

Hsterreich  hatte,  wie  wir  sahen,  von  Anfang  an  eine
von  der  preußischen  gesonderte  Verhandlung  verlangt;  als
Ort  derselben  war  eine  Zeitlang  Paris  empfohlen,  endlich
aber  Wien  festgesetzt  worden.  Am  28.  August  erschien  dort
der  italienische  Bevollmächtigte  General  Graf  Menabrea,  und
trat  mit  dem  Vertreter  Osterreichs,  Grafen  Wimpffen,  am
3.  September  zur  ersten  Conferenz  zusammen.  Als  Einleitung
des  Vertrags  wurde  die  früher  mit  Frankreich  verabredete
        <pb n="437" />
        Schlußverhandlung  des  österreichisch-italienischen  Friedens.  417

historische  Erwähnung  der  Abtretung  Venetiens  an  Frankreich
und  des  Einverständnisses  Napoleon's  mit  dem  Eintritt  des
Landes  in  das  Königreich  Italien  unter  Vorbehalt  der  Zustimmung
  des  Volkes,  angenommen.  Der  erste  Artikel  des  Vertrages
  sprach  dann  die  Herstellung  des  Friedensstandes  zwischen
beiden  Ländern  aus;  der  zweite  verfügte  die  Freilassung  der
beiderseitigen  Kriegsgefangenen;  der  dritte  erklärte  die  Zustimmung
  Österreichs  zur  Vereinigung  Venetiens  mit  dem  Königreich
  Italien,  der  vierte  und  fünfte  regelte  die  Grenzen  und
die  Räumung  des  abgetretenen  Landes.  Aber  bei  dem  sechsten,
bei  der  Bestimmung  des  von  Italien  zu  übernehmenden  Antheils
  der  österreichischen  Staatsschuld,  begannen  wieder  die
Schwierigkeiten.  In  Prag  hatte  der  preußische  Antrag  geholfen,
  indem  er  die  Entscheidung  der  Frage  einer  späteren
Verhandlung  zuschob.  Jetzt  aber  war  diese  eröffnet,  und  die
Ansichten  standen  sich  so  schroff  wie  jemals  früher  entgegen.
Es  hat  für  uns  kein  Interesse,  die  beiderseitigen  Rechtsdeductionen
  und  Vorschläge  zu  erörtern;  das  Ergebniß  war
stets  dasselbe:  Osterreich  forderte  75  Millionen  Silbergulden,
Italien  wollte  nur  26  bewilligen.  Menabrea  machte  darauf
den  Vorschlag,  wegen  dieser  Differenz  den  sonst  für  alle
Theile  so  wichtigen  Abschluß  nicht  länger  aufzuhalten,  sondern
wie  in  Prag  den  Streitpunkt  einer  besonderen  Liquidations=Commission
  zu  überweisen.  Als  Wimpffen  dies  mit  großem
Nachdruck  ablehnte  und  sofortige  Bewilligung  der  begehrten
Summe  forderte,  wandte  sich  Ricasoli  wieder  um  Beistand
nach  Berlin.  Bismarck  fand  den  italienischen  Antrag  billig,
empfahl  die  Annahme  desselben  in  Wien  bestimmtes  Tones,
und  erklärte  den  Aufschub  der  preußischen  Abrüstung  bis  zur

Erledigung  der  Sache,  welchem  Beispiel  dann  der,  Florenv.
  Sbbel,  #egrönhung  K  beutschen  Nriches.  vV.
        <pb n="438" />
        418  Die  Friedensschlüsse.

tiner  Hof  mit  lebhaftem  Danke  folgte.  Zugleich  forderte
Bismarck  am  13.  September  die  französische  Regierung,  welche
bisher  an  der  Verhandlung  sich  nicht  betheiligt  hatte,  zur
Mitwirkung  in  gleichem  Sinne  auf.

Lavalette  war  ganz  einverstanden,  und  am  19.  September
  erklärten  Herzog  Gramont  und  der  wieder  für  Wien
ernannte  Baron  Werther  dem  österreichischen  Minister  ihre
gemeinsme  Unterstützung  Italiens  in  der  Schuldenfrage,
indem  sie  zugleich  den  Grasen  Menabrea  zu  freundlichem
Entgegenkommen  in  allen  andern  Punkten  aufforderten.  Dies
machte  denn  Luft.  Graf  Mensdorff  beklagte,  daß  Preußen
gleich  eine  drohende  Haltung  angenommen,  und  dadurch  die
beiderseitig  gewünschte  Herstellung  des  Vertrauens  erschwert
habe:  aber  in  der  Sache  bequemte  er  sich  zur  Nachgiebigkeit,
während  andrerseits  auch  Italien  sich  zu  einiger  Verbesserung
seines  Angebots  herbeiließ.  Eine  Woche  lang  wurde  hin  und
her  gefeilscht,  und  endlich  am  26.  September  außer  den
zweifellos  venetianischen  Landesschulden  auf  den  Betrag  von
35  Millionen  abgeschlossen.  Damit  war  die  Erzielung  des
Friedens  überhaupt  gesichert.  Über  eine  lange  Reihe  specieller
  Bestimmungen,  betreffend  die  Stellung  der  bisherigen
venetianer  Beamten,  Officiere  und  Soldaten,  das  Eisenbahnwesen,
  die  Erleichterung  des  Handelsverkehrs,  die  Amnestie
der  politisch  Compromittirten,  kam  man  rasch  zum  Einverständniß,
  und  am  3.  October  konnte  der  Vertrag  die  ersehnte
Vollziehung  erhalten.

Auch  auf  dieser  Seite  hatte  der  durch  den  Krieg  neu
geschaffene  Zustand  die  völkerrechtliche  Sanction  gewonnen.
        <pb n="439" />
        4.  Capifel.
Junere  Entwichlung.

Gleichzeitig  mit  den  berichteten  Sorgen  der  auswärtigen
Politik  war  die  preußische  Regierung  Tag  für  Tag  mit  der
Sicherung  und  dem  Ausbau  ihrer  innern  Stellung  beschäftigt.
Die  speciellen  Fragen  des  preußischen  Staatslebens  jener
Zeit  interessiren  uns  hier  nur  in  so  fern  als  sie  unmittelbar
für  die  Herausbildung  der  künftigen  deutschen  Verfassung
von  Bedeutung  waren:  es  gehören  dahin  vornehmlich  die
Beendigung  des  Budgetstreits  und  die  Vollziehung  der
Annexionen;  diesen  also  werden  wir  neben  den  ersten  Schritten
zur  Regelung  des  norddeutschen  Bundes  eine  kurze  Betrachtung
  zu  widmen  haben.

Im  Allgemeinen  war  kein  Zweifel,  daß  die  böhmischen
und  fränkischen  Siege  die  Regierung  auch  im  Innern  zur
Herrin  der  Lage  gemacht  hatten.  Im  Lande  herrschte  ein
stolzes  Gefühl  der  Befriedigung  über  die  beispiellosen  Erfolge,
  geläutert  und  gehoben  durch  den  guten  Willen  der
Regierung,  das  regelmäßige  Wirken  der  Verfassung  wieder
herzustellen.  Auch  in  den  eroberten  Staaten  mochten  sich
        <pb n="440" />
        420  Innere  Entwicklung.

solche  Stimmungen  fühlbar.  Zwar  aller  Orten  widerstrebte
der  Adel  und  die  orthodoxe  Geistlichkeit,  Beide  die  Hauptstützen
  der  gestürzten  Dynastien,  der  preußischen  Herrschaft,
in  Hannover  mit  grimmiger  und  rühriger  Erbitterung,  in
Kurhessen  und  Nassau  mit  mehr  oder  weniger  zur  Schau
getragener  Abneigung.  Dagegen  hielten  die  hessischen  und
nassauer  Liberalen  ganz  entschieden  die  preußische  Partei,
und  hatten  ohne  Frage  die  Mehrheit  der  Bevölkerung  hinter
sich,  während  in  Hannover  die  Führer  des  Nationalvereins
einstweilen  nur  in  den  Städten  und  in  dem  altpreußischen
Ostfriesland  auf  stärkeren  Anhang  rechnen  konnten.  In
Schleswig-Holstein  war,  wie  wir  sahen,  der  politische  Eifer
schon  vor  dem  Kriege  wesentlich  erloschen;  die  Bevölkerung
erwartete  in  tiefer  Ruhe  die  kommenden  Dinge,  und  eine
große  Bittschrift  gegen  die  Annexion,  welche  die  Führer  der
Augustenburger  Partei  an  den  preußischen  Landtag  richteten,
fand  kaum  ein  Zehntel  der  Unterschriften,  welche  einst  die
Ankunft  des  Herzogs  Friedrich  begrüßt  hatten.

Etwas  anders  als  im  Lande  zeichneten  sich  die  Tendenzen
  im  Landtag.  Das  Herrenhaus  war  erfüllt  mit  freudigem
  Selbstgefühl  über  den  glänzenden  Triumph  des  von
ihm  standhaft  unterstützten  Ministeriums,  wenn  auch  einiger
Maaßen  verdrießlich  über  das  Begehren  der  Indemnität,
welches  der  Mehrzahl  seiner  Mitglieder  als  eine  unnöthige
und  selbst  gefährliche  Nachgiebigkeit  gegen  die  revolutionären
Grundsätze  erschien.  An  einen  Widerspruch  gegen  die  Regierung
  war  jedoch  auch  in  diesem  Punkte  nicht  zu  denken.
Bei  Weitem  nicht  so  sicher  war  das  Ministerium  der  Mehrheit
  im  Hause  der  Abgeordneten.  Die  conservative  Partei
war  allerdings  bis  zur  kleineren  Hälfte  des  Hauses  heran-
        <pb n="441" />
        Die  Partelen  im  Lande  und  im  Landtage.  421

gewachsen,  aber  doch  eben  nur  zur  kleineren,  so  daß  sie  auch
verbunden  mit  dem  Reste  der  altliberalen  Fraction,  zur  Entscheidung
  nicht  stark  genug  war.  Alles  hing  ab  von  der
Unterstützung  der  national  gesinnten  Elemente  in  den  beiden
großen  Parteien  des  linken  Centrums  und  des  Fortschritts,
und  diese  versagten  zwar  nicht  leicht  in  den  entscheidenden
Momenten,  hielten  aber  im  Einzelnen  sehr  bestimmt  ihre
eigne  Straße  und  stellten  mit  festem  Nachdruck  ihre  Bedingungen.
  Da  nun  die  weiter  links  stehenden  Gruppen,  und
neben  ihnen  die  katholische  und  die  polnische  Fraction,  mit
großem  Eifer  in  der  Opposition  beharrten,  so  zogen  sich  meist
die  Verhandlungen  weit  in  die  Länge,  die  Verbesserungs-Anträge
  und  -Unteranträge  wurden  zahlreich,  und  wer  etwa
nach  der  begeisterten  Stimmung  bei  der  Thronrede  auf  rasche
und  freudige  Annahme  der  Regierungsvorlage  gehofft  hatte,
fand  sich  gründlich  enttäuscht.

Auch  konnte  es  wohl  nicht  anders  sein.  Zu  lange  hatte
der  Zorn  über  den  Budgetstreit  gedauert,  zu  tief  waren  die
Folgen  desselben  in  allen  Zweigen  der  Staatsverwaltung
fühlbar  geworden,  zu  plötzlich  war  der  unerhörte  Umschwung
eingetreten,  als  daß  nicht  vielfache  Reste  der  alten  Erbitterung
in  den  Gemüthern  zurückgeblieben,  die  Herstellung  eines  allseitigen
  Vertrauens  in  so  kurzer  Frist  nicht  unmöglich  gewesen
wäre.  Je  fortreißender  der  Eindruck  der  Kriegserfolge  im
Volke  wirkte,  desto  mehr  schien  es  besorgten  Gemüthern  Pflicht,
gerade  jetzt  mit  doppelter  Eifersucht  über  jedem  parlamentarischen
  Rechte  zu  wachen  und  das  Ansehen  der  Volksvertretung
  nicht  völlig  hinter  dem  Glanze  der  Waffen  in  den
Schatten  treten  zu  lassen.  Es  soll  damit  nicht  geleugnet
werden,  daß  die  alten  Unarten  des  deutschen  Parlamentaris-
        <pb n="442" />
        422  Innere  Entwicklung.

mus  auch  jetzt  ihre  Rolle  spielten,  die  individuelle  Rechthaberei
  oder  Gewissenhaftigkeit  im  Kleinen  und  Kleinsten,  der
doctrinäre  Eifer  für  die  theoretischen  Grundsätze  ohne  Beachtung
  der  leidigen,  Wirklichkeit,  die  Begeisterung  für  den  großen
Zweck  mit  Verwerfung  der  einzig  möglichen  Mittel.  Manchesmal
  mochte  Bismarck  denken,  seine  braven  Landsleute  dürften
ihm  die  Arbeit  etwas  leichter  machen.  Aber  wie  oft  auch
seine  Nerven  zuckten,  hielt  er  an  sich,  um  die  Grundlage
seines  Werkes,  die  feste  Einigkeit  Preußens,  nicht  zu  erschüttern.
Und  der  Lohn  blieb  nicht  aus:  nach  allen  Wortgefechten
sammelte  sich,  wie  gesagt,  in  der  Hauptsache  fast  immer  eine
patriotische  Mehrheit  um  sein  siegreiches  Banmer.

Am  18.  August  waren  die  Verhandlungen  mit  den  norddeutschen
  Kleinstaaten  so  weit  gediehen,  daß  der  definitive
Abschluß  des  Bundesvertrags  auf  Grund  der  am  4.  vorgelegten
  Artikel  erfolgen  konnte.  Nur  die  beiden  Mecklenburge
  waren  noch  rückständig,  erklärten  jedoch  am  21.  nachträglich
  ihren  Beitritt,  wenn  auch  unter  Vorbehalt  der  Zustimmung
  ihrer  Stände.  Welche  Besorgnisse  hier  die  Zurückhaltung
  hervorriefen,  zeigten  einige  Wochen  später  die  Berathungen
  und  Beschlüsse  ihres  gemeinsamen  Landtags.  Derselbe
  genehmigte  den  Beitritt,  behielt  sich  aber  die  Beurtheilung
  der  Beschlüsse  des  künftigen  Bundesparlaments  vor,
und  fügte  sofort  eine  lange  Reihe  von  Wünschen  hinzu:  es
möge  die  Competenz  der  Bundesgewalt  nicht  über  das  Maaß
der  preußischen  Vorschläge  ausgedehnt,  und  dem  Parlamente
keine  Einwirkung  auf  die  Verfassung  der  Einzelstaaten  zuerkannt
  werden;  der  Anschluß  an  den  Zollverein  müsse  von
der  Genehmigung  des  Landtags  abhängen;  die  Bestimmungen
über  Freizügigkeit  und  Heimathsrecht  gäben  zu  großen
        <pb n="443" />
        Definitiver  Abschluß  des  Norddeutschen  Bundes.  423

Bedenken  Anlaß;  das  allgemeine  und  directe  Wahlrecht  sei
nicht  zeitgemäß.

u.Es  war  die  particulare  Gesinnung  in  unverhüllter  Gestalt,
  die  hier  hervortrat,  von  dem  Gefühle  getragen,  daß  die
feudale  Verfassung  des  Landes  durch  die  neue  Bundesgewalt
schweren  Gefahren  ausgesetzt  würde.  Ihr  Auftreten  wurde
weit  und  breit  in  Deutschland  hier  mit  Unwillen,  dort  mit
Hohn  begrüßt;  es  sollte  sich  indessen  zeigen,  daß  bei  allem
Drange  zur  deutschen  Einheit  auch  liberale  und  demokratische
Parteien  je  nach  den  Umständen  in  ein  frisches  und  kräftiges
Sonderthum  zurückfallen  konnten.

Unterdessen  begann  dann  auch  die  Thätigkeit  des  preußischen
  Landtags  in  Fluß  zu  kommen.  Am  13.  August  hatte
das  Haus  der  Abgeordneten  eine  Commission  zur  Berathung
einer  Adresse  als  Antwort  auf  die  Thronrede  niedergesetzt:
sie  empfing  keine  leichte  Aufgabe,  denn  nicht  weniger  als  fünf
Entwürfe  der  verschiedenen  Fractionen  wurden  ihrer  Prüfung
überwiesen.  Auf  die  äußersten  Parteien,  rechts  und  links,
hatte  die  königliche  Mahnung  zur  Versöhnlichkeit  nicht  erheblich
  eingewirkt;  sie  wetteiferten  vielmehr,  die  bisher  streitigen
Punkte,  ein  Jeder  von  seinem  Standpunkte  aus,  möglichst
scharf  zu  betonen.  Die  Conservativen  priesen  den  König
wegen  der  Heereseinrichtung  ohne  Gesetz  und  der  Finanzverwaltung
  ohne  Budget,  und  gingen  schweigend  an  der  nach
ihrer  Meinung  höchst  unnöthigen  Indemnität  vorüber.  Die
Fortschrittspartei  zog  aus  der  Thronrede  den  Schluß,  daß
fortan  um  des  angeblichen  Staatswohls  willen  nie  wieder
eine  vom  Abgeordnetenhause  gestrichene  Ausgabe  gemacht
werden  solle,  ließ  die  Ertheilung  der  Indemnität  bis  auf
weitere  Prüfung  dahingestellt,  erklärte  das  Streben  nach
        <pb n="444" />
        424  Innere  Entwiclung.

deutscher  Einheit,  wenn  nicht  in  liberalem  Sinne  geleitet,  für
hoffnungslos,  und  beklagte,  daß  die  Regierung  nicht  die
Reichsverfassung  von  1849  proclamirt  habe.

Aus  anderem  Tone  redeten  die  Entwürfe  der  Altliberalen
und  des  linken  Centrums,  Beide  bestrebt,  die  Fragen  der  Conflictszeit
  nicht  todtzuschweigen,  aber  sie  von  dem  Standpunkte
des  im  Grunbe  bereits  wieder  gewonnenen  Friedens  und  im
Vertrauen  auf  fruchtbares  Zusammenwirken  mit  der  Regierung
zu  behandeln,  wobei  die  altliberale  Fraction  etwas  stärker
die  nationale,  das  linke  Centrum  etwas  ausführlicher  die
constitutionelle  Seite  der  Sache  betonte.

Auch  die  damals  lleine  katholische  Fraction  wollte  ihren
Standpunkt  in's  Acht  setzen.  Ihre  Adresse,  im  ÜUbrigen
jener  des  linken  Centrums  ähnlich,  ließ  dazu  den  Kummer
über  die  sonst  überall  froh  begrüßte  Trennung  von  Österreich
  deutlich  genug  durch  die  Wendung  erkennen,  daß  „eine
Erörterung  der  Gründe,  welche  Preußen  zum  Kriege  bestimmt
hätten,  jetzt  gegenüber  der  vollendeten  Thatsache  nicht  mehr
an  der  Zeit  sei“.

So  hatte  man  individuelle  Anschauungen  in  Menge,
und  die  Commission,  in  welcher  die  Fortschrittspartei  das
Übergewicht  hatte,  brachte  endlich  mit  geringen  Anderungen
deren  Entwurf  als  ihren  Antrag  an  das  Haus.  Da  aber
regte  sich  doch  in  allen  Fractionen  der  Gedanke,  wie  schmählich
  es  im  Angesichte  des  eignen  Volkes  und  noch  mehr  des
Auslandes  sein  würde,  wenn  in  diesem  Augenblick  die  Volksvertretung,
  durch  fünf  Entwürfe  gespalten  und  dadurch  in
alle  Händel  der  Conflictszeit  zurückgeworfen,  zu  keinem  Beschlusse
  käme.  Der  alte  General  Stavenhagen  machte  sich
zum  Organ  dieser  Stimmung.  Er  nahm  den  Commissions-
        <pb n="445" />
        Adresse  des  Abgeordnetenhauses.  Antwort  des  Königs.  425

antrag  in  die  Hand,  brach  die  schärfsten  Stacheln  heraus,
und  erlangte  für  den  Rest  die  Unterstützung  der  conservativen
und  der  demokratischen  Führer.  Die  Commission  selbst  befürwortete
  seinen  Antrag  anstatt  des  ihrigen.  So  kam  es,  daß
am  23.  August  alle  Parteien  auf  weitere  Verhandlung  verzichteten,
  und  Stavenhagen's  Antrag  mit  üÜberwältigender
Mehrheit  gegen  etwa  25  Stimmen!)  zum  Beschluß  erhoben
wurde.  Nur  der  kalte  Fanatiker  der  äußersten  Linken,  Johann
Jacoby,  und  der  Führer  der  katholischen  Fraction,  Reichensperger,
  erhoben  sich  dagegen,  jener,  weil  der  Krieg  ohne
Zustimmung  des  Volkes  und  der  Volksvertretung  geführt
worden,  dieser,  weil  Preußen  den  schmählich  verleumdeten
deutschen  Bund  gesprengt  und  das  geliebte  Osterreich  von
Deutschland  abgerissen  habe.

Der  König  nahm  am  25.  August  die  Adresse  gnädig
entgegen,  ertheilte  der  Deputation,  die  sie  ihm  überbrachte
keine  amtlich  festgestellte  Antwort,  sprach  jedoch  seinen  Dank
für  die  in  der  Adresse  bekundete  Gesinnung  des  Hauses  aus,
rühmte  die  neue  Einrichtung  der  Armee,  ohne  welche  die
großen  Siege  unmöglich  gewesen,  erklärte  wiederholt  seine
Anerkennung  des  Budgetrechtes,  aber,  setzte  er  hinzu,  es  sei
seine  Pflicht  gewesen,  wo  kein  Etatsgesetz  zu  Stande  gekommen,
  so  einzutreten,  wie  er  es  gethan;  so  habe  er  handeln
müssen,  und  werde  immer  so  handeln,  wenn  sich  ähnliche
Zustände  wiederholen  sollten.  „Aber,  meine  Herren,  es  wird
nicht  wieder  vorkommen.“  So  blieb  er  fest  auf  seinem  Standpunkt:
  regelrecht  ist  nur  die  Verwaltung  nach  Etatsgesetz;
kommt  aber  ein  solches  nicht  zu  Stande,  so  hat  die  Regierung
auf  ihre  Gefahr  die  Verwaltung  zum  Zweck  des  Staatswohls

)  Die  Polen,  Jacoby,  einige  Katholiken.
        <pb n="446" />
        426  Innere  Entwicklung.

fortzuführen,  bis  die  Eintracht  unter  den  Factoren  der  Gesetzgebung
  hergestellt  ist.

Die  hierüber  entscheidende  Frage  wurde  dem  Hause  der
Abgeordneten  wenige  Tage  später,  am  1.  September,  vorgelegt.


Die  Regierung  hatte  bereits  am  14.  August  den  Entwurf
  des  Indemnitätsgesetzes  dem  Hause  übersandt,  enthaltend
  den  Antrag,  für  den  ohne  Etat  verwalteten  Staatshaushalt,
  so  wie  dessen  übersichtlich  angegebene  Ergebnisse
in  den  Jahren  1862  bis  1865,  dem  Staatsministerium  Indemnität
  zu  ertheilen,  für  das  Jahr  1866  aber,  da  die  Lage
der  Dinge  zur  Aufstellung  eines  ordnungsmäßigen  Budgets
nicht  mehr  geeignet  sei,  der  Regierung  einen  Credit  von
154  Millionen  Thalern  zu  bewilligen.  In  der  Budgetcommission,
  welcher  das  Gesetz  zur  Vorberathung  überwiesen  wurde,
zeigte  sich  sehr  bald  eine  große  Mehrheit  der  Annahme  günstig.
Entschiedener  Widerspruch  kam  nur  von  den  Mitgliedern  der
Fortschrittspartei,  welche  in  dem  Gesetzentwurf  nicht  die
nöthige  Bürgschaft  für  die  Herstellung  des  Verfassungsrechtes
zu  finden  vermochten,  und  deshalb  zwar  den  Credit  für  1866
genehmigen,  die  Indemnität  aber  zur  Zeit  ablehnen  und  der
Regierung  anheim  geben  wollten,  sie  nach  Vorlage  und  Feststellung
  des  Etatsgesetzes  für  1867  auf's  Neue  nachzusuchen.
Es  wurde  dagegen  bemerkt,  wenn  man  der  heutigen  Zusage
der  Regierung,  ein  Etatsgesetz  für  1867  zum  Abschluß  zu
bringen,  nicht  traue,  so  werde  dessen  Vollendung  ebenso  wenig
als  sichere  Bürgschaft  eines  ordnungsmäßigen  Budgets  für
1868  ausreichen.  Das  Wesentliche  sei  der  ernste  Wille  der
Regierung,  auf  den  Boden  der  Verfassung  zurückzukehren,
und  dieser  Wille  sei  durch  die  Vorlage  sattsam  bekundet.
        <pb n="447" />
        Verhandlung  über  die  Indemnität.  427

Der  ganze  Streit  sei  durch  die  Meinungsverschiedenheit  über
die  neue  Gestaltung  der  Armee  veranlaßt  worden:  wer  könne
heute  noch  daran  denken,  hieran  wesentliche  Knderungen  vorzunehmen?
  ja,  man  dürfe  sagen,  daß,  hätte  man  den  letzten
Krieg  und  seine  Erfolge  vorausgesehen,  das  Haus  der  neuen
Heeresverfassung  seine  Zustimmung  überhaupt  nicht  verweigert
haben  würde.  Allerdings  müsse  auch  jetzt  noch  eine  Feststellung
  des  Heerwesens  durch  Gesetz  begehrt  werden;  eine
solche  aber  werde  bei  den  heutigen  Verhältnissen  nicht  mehr
Sache  dieses  Hauses,  sondern  des  norddeutschen  Parlamentes
sein.  Der  in  diesem  Sinne  von  dem  Abgeordneten  Twesten
redigirte  Bericht  wurde  mit  25  Stimmen  gegen  acht  durch
die  Commission  genehmigt.  Im  Plenum  wurden,  wie  immer,
die  Verhandlungen  lebhafter,  die  Gegensätze  schärfer.  Die
ganze  Fortschrittspartei  erhob  sich  mit  Eifer  gegen  die  Vorlage.
  Waldeck  fand,  daß  nichts,  aber  auch  gar  nichts,  zu
der  Erwartung  eines  bessern  verfassungsmäßigen  Verhaltens
der  Regierung  berechtige.  Schultze-Delitzsch  erklärte,  der
ganze  Krieg  sei  nicht  bloß  ohne  Zustimmung,  sondern
gegen  den  Willen  des  preußischen  Volkes  geführt  worden,
und  hatte  die  Naivität,  sich  dafür  auf  jene  trübseligen
Friedensadressen  des  Mai  und  Juni  zu  beziehen,  als  glänzendes
  Zeugniß  preußischer  Besonnenheit  gegenüber  dem  damaligen
  Wiener  Kriegsgelärme.  Virchow  erläuterte,  er  und
seine  Freunde  hätten  einen  bessern  Weg  zur  deutschen  Einheit
als  Bismarck  gekannt,  den  Weg  durch  die  Freiheit;  wie  jetzt
die  Sache  stehe,  brächten  sie  Bismarck  diese  Wünsche  zum
Opfer,  wollten  seine  auswärtige  Politik  unterstützen,  gber
im  Innern  um  so  fester  das  Verfassungsrecht  schirmen.
Als  ob  im  Juni  Benedek  durch  die  Freiheitsgluth  der  Fort-
        <pb n="448" />
        428  Innere  Entwicklung.

schrittspartei  sich  von  dem  Marsche  auf  Berlin  hätte  abhalten
  lassen,  oder  als  ob  jetzt  gegen  Bismarck's  deutsche
Politik  eine  schlimmere  Störung  denkbar  gewesen,  als  die
Verewigung  des  innern  Haders.  Der  Professor  der  katholischen
  Theologie,  Michelis,  ergänzte  jene  Erörterungen  durch
die  geistreiche  Bemerkung,  Tetzel  sei  1517  mit  Umrecht
angeklagt  worden,  daß  er  Ablaß  für  künftige  Sünden
verkaufe,  dieser  Gesetzentwurf  aber  schließe  in  der  That
den  Ablaß  für  alle  künftigen  Sünden  der  Minister  in  sich
ein.  Die  conservative  Partei,  der  günstigen  Strömung
froh,  erklärte  mit  großer  Lebhaftigkeit,  sie  würde  zwar,  nach
dem  Wunsche  der  Regierung,  für  die  Indemnität  stimmen,
obgleich  von  Rechtswegen  ganz  etwas  Anderes  am  Platze
sei,  nämlich  ein  feuriger  Dank  an  die  Regierung,  weil  sie  sich
nicht  an  die  Thorheiten  des  Hauses  gekehrt  habe.  Indessen
fand  auch  der  vermittelnde  Standpunkt  Bismarck's  und  von
der  Heydt's  eine  beredte  Unterstützung  in  den  Mittelparteien;
Losker  und  Georg  Vincke,  sonst  selten  auf  derselben  Seite
zu  finden,  so  wie  am  Schlusse  der  Berathung  der  Berichterstatter
  Twesten,  entwickelten  mit  schlagender  Wucht  die  Bedeutung
  der  gegenwärtigen  Lage,  die  Folgen  eines  fortgesetzten
  Streites  gegen  die  Regierung,  die  Gewalt  der  auf
Einigkeit  drängenden  öffentlichen  Meinung.  Die  Abstimmung
ergab  für  die  Vorlage  230  Stimmen,  dagegen  75,  die  Fortschrittspartei,
  einige  wenige  Männer  des  linken  Centrums,
die  katholische  Fraction.  Das  Herrenhaus  folgte  am  8.  September
  dem  Beispiel,  nachdem  Herr  von  Kleist-Retzow  sein
Bedauern  über  die  schädliche  Nachgiebigkeit  der  Regierung
ausgesprochen  hatte,  durch  einstimmige  Annahme  des  von  den
Abgeordneten  redigirten  Gesetzes.
        <pb n="449" />
        Ertheilung  der  Indemnität.  429

Hiemit  war  der  innere  Friede  abgeschlossen,  der  vierjährige
  Verfassungsstreit  beendigt.  Mit  gutem  praktischem
Sinne  hatte  man  die  auf  dem  tiefsten  Grunde  des  Streites
liegende  Frage,  was  zu  geschehen  hätte,  wenn  künftig  einmal
wieder  ein  Etatsgesetz  nicht  zu  Stande  käme,  der  künftigen  Entscheidung
  überlassen,  und  sich  begnügt,  den  gegenwärtigen
Schaden  zu  heilen,  in  beiderseitigem  Vertrauen  auf  das  königliche
  Wort:  es  wird  nicht  wieder  vorkommen.  Seitdem  sind
mehr  als  zwanzig  Jahre  verflossen:  oft  genug  hat  die  Volksvertretung
  Regierungsvorlagen  abgelehnt,  aber  niemals  hat  sie
einen  Grund  gefunden,  an  der  Verfassungstreue  der  Minister
zu  zweifeln.  Es  ist  nicht  wieder  vorgekommen.  Möge  auch  das
nicht  wieder  vorkommen,  daß  die  Volksvertretung  ihrerseits
einen  Nothstand  veranlaßt,  bei  welchem  das  Staatswohl  das
einzig  herrschende  Gesetz  wird.

So  hatte  das  Ministerium  Bismarck  das  natürliche
Fundament  jeder  Regierung,  den  Friedensstand  im  eignen
Hause,  wieder  gewonnen,  ohne  welches  eine  fruchtbare  Thätigkeit
  in  der  deutschen  Sache  undenkbar  gewesen  wäre.  Man
schritt  jetzt  zu  der  Berathung  zweier  Gesetze,  welche,  sehr
verschiedene  Gegenstände  betreffend,  doch  im  engsten  sachlichen
Zusammenhange  standen,  das  Gesetz  über  die  preußischen
Annexionen  und  das  Wahlgesetz  für  das  norddeutsche  Parlament.
Norddeutschland,  so  weit  es  bisher  außerpreußisch  gewesen,
erschien  jetzt  in  zwei  beinahe  gleich  große  Ländergruppen  gesondert,
  von  welchem  die  eine  zur  vollständigen  Einverleibung
in  die  preußische  Monarchie  bestimmt  war,  während  die
andere  von  dem  künftigen  Parlamente  ihre  bundesrechtliche
Stellung  unter  Preußens  Führung  erwartete.  In  dem  am
17.  August  eingebrachten  Annexionsgesetze  war  Schleswig-
        <pb n="450" />
        430  Innere  Entwicklung.

Holstein  nicht  erwähnt,  weil  man  mit  Osterreich  noch  nicht
abgeschlossen  hatte,  und  Oberhessen  aus  Rücksicht  auf  Rußland
  weggelassen:  das  Gesetz  verfügte  also  die  Übernahme
der  Regierung  in  Hannover,  Kurhessen,  Nassau  und  Frankfurt
  durch  den  König  von  Preußen.  Das  Ministerium  hatte
dafür  einstweilen  die  Form  der  Personal-Union  gewählt,  in
der  Ansicht,  daß  vor  der  völligen  Verschmelzung  eine  gewisse
lbergangszeit  nöthig  sei,  während  deren  die  Regierung  für
die  vorbereitenden  Maaßregeln  freie  Hand  haben  müsse.  Das
Haus  beauftragte  eine  besondere  Commission  von  21  Mitgliedern
  mit  der  Prüfung  der  Vorlage,  wenn  auch  an  der
Bestätigung  der  Annexion  kein  Zweifel  war,  und  der  Führer
der  demokratischen  Opposition  sie  sofort  mit  Freude  begrüßte.

Gleich  an  demselben  Tage  nahm  übrigens  Bismarck
Anlaß,  in  einer  Sitzung  der  Adreßcommission  des  Hauses
sich  über  die  Grundsätze,  welche  die  Regierung  bei  ihrem
Verfahren  geleitet  hätten,  näher  auszusprechen.  Begreiflicher
Weise  erwähnte  er  nicht,  daß  der  Beschluß  der  Anmexionen
erst  die  Folge  des  französischen  Einspruchs  gegen  die  Aufnahme
  Süddeutschlands  in  den  neuen  Bund  gewesen  war.
Er  begnügte  sich,  zu  bemerken,  daß  Preußen  die  Zusage,  die
es  hinsichtlich  des  Umfanges  des  Bundes  gegeben,  treulich
halten,  und  so  vor  Allem  den  Glauben  an  sein  Wort  bewahren
  müsse.  Auch  sei  es  fraglich,  ob  in  Süddeutschland
das  Bedürfniß  zum  Beitritt  bereits  in  hinreichendem  Maaße
empfunden  werde.  Um  so  nöthiger  aber  sei  es  gewesen,  die
Grundlagen  des  beschränkten  Bundes  zu  befestigen.  Dazu
habe  vor  Allem  die  Verstärkung  der  Hausmacht  des  leitenden
Staats  gehört.  Man  habe  Preußen  für  immer  gegen  die
eben  erlebte  Gefahr  sicher  stellen  müssen,  bei  einer  kriegerischen
        <pb n="451" />
        Gesetz  Über  die  Annexionen.  431

Verwicklung,  durch  die  bisher  zwischen  seinen  Provinzen  liegenden
  Staaten  im  Rücken  gefaßt  zu  werden.  Dafür  habe  man
zwischen  drei  Verfahrungsweisen  zu  wählen  gehabt.  Die  erste
derselben  sei  die  der  vollständigen  Einverleibung  in  den
preußischen  Staat,  und  dieser  habe  die  Regierung  den  Vorzug
geben  müssen.  Denn  das  zweite  System,  eine  Theilung  der
Hoheitsrechte,  so  daß  es  in  dem  Lande  einen  Militärherrscher
und  einen  Civilherrscher  gebe,  würde  für  beide  Machthaber
gleich  große  Unzuträglichkeit  entwickeln;  es  sei  zu  bedauern,
daß  die  Umstände  wahrscheinlich  dazu  nöthigen  würden,  dieses
System  in  Sachsen  zur  Anwendung  zu  bringen.  Die  dritte
Methode  sei  die  Zerreißung  des  bisher  bestandenen  Gemeinwesens,
  wobei  ein  Theil  des  Landes  an  Preußen  abgetreten,
und  im  Reste  die  bisherige  Dynastie  erhalten  würde.  Die
Erfahrung  aber,  welche  man  damit  seit  der  Theilung  Sachsens
  im  Jahre  1815  und  dem  daraus  entsprungenen  langjährigen
  Grolle  gemacht,  sei  nicht  ermuthigend;  das  Verfahren
verletze  außerdem  die  Wünsche  und  die  Interessen  der  Bevölkerung,
  und  so  habe  man  sich  entschlossen,  die  Dynastien
dem  Gemeinwohl  ihrer  Länder  zu  opfern,  und  die  Einwohner
der  letztern  durch  schonende  Behandlung  ihrer  Eigenthümlichkeiten
  allmählich  zu  guten  Preußen  zu  machen.

Als  einige  Mitglieder  der  Commission  bedauerten,  daß
man  mit  den  norddeutschen  Kleinstaaten  nicht  gründlicher  aufgeräumt,
  Andere  aber  beklagten,  daß  man  für  den  neuen  Bund
nicht  die  Reichsverfassung  von  1849  ausgerufen  habe,  entgegnete
  Bismarck:  „was  unsere  Bundesgenossen  betrifft,  so
haben  wir  nur  deren  wenige  und  schwache  gehabt,  aber  es
ist  nicht  bloß  unsere  Pflicht,  sondern  ebenso  gebietet  es  die
Klugheit,  auch  dem  Kleinsten  unser  Wort  zu  halten.  Je
        <pb n="452" />
        432  Innere  Entwicklung.

rückhaltloser  Preußen  zeigt,  daß  es  seine  Feinde  von  der
Landkarte  wegsegen  kann,  um  so  pünktlicher  muß  es  seinen
Freunden  die  gegebene  Zusage  erfüllen.  Gerade  in  Süddeutschland
  wird  dieser  Glaube  an  unsere  politische  Redlichkeit
von  großem  Gewicht  sein.  Was  die  Reichsverfassung  angeht,
so  ist  auch  sie  nur  eine  der  Formen,  in  denen  das  von  mir
angedeutete  Problem  gelöst  wird.  Ich  gebe  zu,  daß  sie  das,
theoretisch  genommen,  schärfer  und  richtiger  thut,  als  unser
Bundesproject,  indem  sie  die  Fürsten  gewisser  Maaßen  zu
Unterthanen,  zu  Vasallen  des  Kaisers  macht;  diese  werden
aber  viel  mehr  geneigt  sein,  einem  Mitverbündeten,  einem
Beamten  des  Bundes,  Rechte  einzuräumen,  als  einem  eigentlichen
  Kaiser  und  Lehnsherrn.“

So  bündig  dies  Alles  erscheinen  mußte,  und  so  sicher
die  Mehrheit  des  Hauses  für  die  Erweiterung  der  preußischen
Grenzen  war,  so  mußte  doch  die  zur  Berathung  des  Gesetzes
berufene  Commission  noch  weitschichtige  Verhandlungen  durchmachen.
  Gleich  zu  Anfang  erhob  sich  nach  den  Grundsätzen
moderner  Humanität  scharfer  Widerspruch  gegen  das  Recht
der  Eroberung  überhaupt,  auf  welches  Bismarck  die  Annexionen
  zunächst  begründet  hatte.  Das  sei  eine  Überhebung
der  nackten  Gewalt,  die  in  der  aufgeklärten  Gegenwart  antiquirt
  sei;  erst  eine  Abstimmung  des  besiegten  Volkes  könne
der  Annexion  die  volle  rechtliche  Weihe  geben.  Auch  wer
etwa  bei  einem  Kriege  gegen  das  Ausland  eine  Eroberung
zulassen  wollte,  dürfe  bei  einem  Kampfe  gegen  Deutsche  sich
nicht  aus  einem  solchen  Begriff  Rechte  herleiten.  Jedesfalls
bleibe,  auch  wenn  die  herrschende  Dynastie  beseitigt  werde,
dem  besiegten  Volke  das  Recht  auf  seine  bisherige  Verfassung
und  Vertretung;  es  seien  also  vor  jeder  Annexion  wenigstens
        <pb n="453" />
        Modalitälen  der  Annexion.  433

die  Landstände  des  betreffenden  Staates  zu  einem  Beschlusse
darüber  aufzufordern.

Gegen  das  erste  Wort  dieser  Erörterungen,  gegen  den
Vorwurf  der  nackten  Gewalt,  verwahrte  sich  Bismarck  mit
dem  durchschlagenden  Satze:  hier  gründe  sich  das  Recht  der
Eroberung  auf  das  Recht  der  deutschen  Nation,  zu  existiren,
zu  athmen,  sich  zu  einigen,  und  die  große  Mehrheit  der
Commission  fiel  ihm  bei.  So  lange  Kriege  geführt  würden,
sei  es  unvernünftig,  das  Recht  der  Eroberung  zu  leugnen;
bei  den  gepriesenen  Plebisciten  sei  mehr  Schein  als  Wesen,
und  wenn  ein  Staat  zu  Grunde  gehe,  falle  auch  die  Staatsverfassung
  dahin.  Nur  in  die  Privatrechte  und  deren  Schutz
werde  ein  billiger  und  gerechter  Eroberer  nicht  eingreifen
wollen.

In  der  Hauptsache  beschloß  nun  die  Commission,  von
dem  Regierungs-Antrag  nicht  nur  nichts  abzudingen,  sondern
noch  über  denselben  hinauszugehen.  Sie  setzte  an  die  Stelle
der  einstweiligen  Personal=  die  sofortige  Real-Union  der  vier
Staaten  mit  Preußen.  Verschiedene  Gründe  wirkten  dabei
zusammen.  Auf  der  einen  Seite  das  Bild  der  Lockerheit  und
Künstlichkeit  einer  PersonalUnion  in  solchem  Umfange,  und
der  Unsicherheit  aller  Verhältnisse  bei  einer  etwa  von  Außen
her  drohenden  Verwicklung.  Auf  der  andern  die  Sorge,  daß
die  Krone,  mit  bleibender  Vollgewalt  in  den  vier  Staaten,
in  großem  Maaße  jeder  parlamentarischen  Einwirkung  entrückt
sein,  und  namentlich  auf  finanziellem  Gebiete  das  Budgetrecht
  des  preußischen  Landtags  an  Gewicht  erheblich  verlieren
  würde.

Sodann  aber  wurde  erwogen,  daß  es  unmöglich  sei,  auf

der  Stelle  die  preußische  Verfassung  in  jenen  Wndern  einv.
  Sybel,  Beprändung  d.  deutschen  Neichs.  V.
        <pb n="454" />
        434  Innere  Entwicklung.

zuführen.  Eine  Übergangszeit,  wie  es  die  Regierung  bereits
erklärt  habe,  sei  unerläßlich,  in  welcher  dieselbe  nach  eigner
Machtvollkommenheit  die  nöthigen  Vorbereitungen  zur  definitiven
  Verschmelzung  mit  möglichst  schonender  Hand  zu  treffen
habe.  Ebenso  nöthig  aber  erachtete  die  Commission  auch
einen  festen  Termin  für  das  Ende  einer  solchen  Dictatur;
sie  beantragte  also,  daß  am  2.  October  1867  in  den  reunirten
Landen  die  preußische  Verfassung  in  Kraft  treten  sollte.

Die  Verhandlung  im  Hause  bot  dann  nur  noch  wenige
bemerkenswerthe  Momente.  Der  Hauptredner  war  dieses
Mal  Waldeck,  der  mit  zermalmenden  Schlägen  auf  die  Quelle
des  nationalen  Unheils,  die  Kleinstaaterei,  einhieb,  und  die
Annexionen  als  die  wichtigste  Grundlage  zur  Vollendung  der
deutschen  Einheit  feierte.  Unser  König,  sagte  er,  hat  dieses
Factum  geschaffen,  und  ich  möchte  doch  denjenigen  sehen,  der
als  Mitglied  des  preußischen  Staates  die  Courage  hätte,
deßhalb,  weil  die  angestammten  Fürstenhäuser  wieder  eingeführt
  werden  müßten,  diesem  Factum  zu  widerstreben.  Es
meldete  sich  zu  solchem  Muthe  ein  Einziger,  der  Redner  der
katholischen  Fraction,  Professor  Michelis:  nachdem  ihm  ein
Schlußantrag  die  Rede  verhindert  hatte,  erklärte  er  in  einer
persönlichen  Bemerkung,  er  würde  die  Herstellung  der  vertriebenen
  Dynastien  beantragt  haben.  Die  polnische  Fraction
enthielt  sich  der  Abstimmung:  weil,  sagte  mit  gutem  Grunde
ihr  Redner  Zoltowski,  die  Mehrheit  dieses  Hauses  und,  wie
ich  glaube,  die  große  Mehrheit  von  ganz  Deutschland  der
Ansicht  ist,  daß  in  dieser  Frage,  die  heute  zur  Verhandlung
steht,  deutsche  Geschichte  gemacht  wird,  nicht  preußische.

Da  auch  Bismarck  bereits  in  der  Commission  sein  Einverständniß
  erklärt  hatte,  wurde  nach  deren  Beschlüssen  die
        <pb n="455" />
        Annahme  des  Annexionsgesegtzes.  435

Vorlage  am  7.  September  mit  273  gegen  14  Stimmen  angenommen.
  Im  Herrenhause  kam  es  dann  bei  der  Prüfung
des  Gesetzes  zu  einem  charakteristischen  Vorgang.  Es  wurde
die  Frage  angeregt,  ob  nicht  den  neuen  Provinzen  eine  entsprechende
  Anzahl  von  Sitzen  im  Herrenhause  je  nach  dessen
Kategorien  von  Grafenverbänden,  befestigtem  Grundbesitz  u.  s.  w.
durch  gesetzliche  Bestimmung  einzuräumen  sei.  Das  war  ganz
folgerichtig  vom  Standpunkte  der  damals  im  Hause  herrschenden
  Partei,  aber  ebenso  rücksichtslos  gegen  das  preußische
Staatsinteresse  gedacht,  da  diesem  eine  solche  Kräftigung  des
hannover'schen  und  hessischen  Adels  bei  dessen  damaliger  Feindseligkeit
  wenig  frommen  konnte.  Die  Regierung  lehnte  denn
auch  unter  Bezugnahme  auf  das  königliche  Ernennungsrecht
den  Vorschlag  sehr  entschieden  ab,  worauf  am  11.  September
die  Annahme  des  Gesetzes  mit  allen  gegen  eine  Stimme  erfolgte.

Des  inneren  Zusammenhanges  wegen  kann  gleich  hier.
berichtet  werden,  daß  jetzt,  nach  der  Ratification  des  Prager
Friedens,  ein  gleichlautendes  Gesetz  auch  für  Schleswig-Helstein
  von  der  Regierung  vorgeschlagen,  und  die  Annahme
desselben  durch  den  Landtag  nur  durch  eine  bald  nachher
eintretende  Vertagung  verzögert  wurde.  Etwas  später,  am
27.  October,  kam  auch  ein  Vertrag  zwischen  Preußen  und
Oldenburg  zu  Stande,  in  welchem  der  Großherzog,  gegen
eine  Zahlung  von  drei  Millionen  Thalern  und  eine  kleine
Erweiterung  seines  Eutiner  Territoriums,  sowohl  seine  eignen,
als  die  ihm  von  dem  russischen  Kaiser  cedirten  Rechte  auf
schleswig-holstein'sches  Land  für  immer  an  die  Krone  Preußen
abtrat.  Es  war  ein  Act  von  nicht  geringer  Bedeutung,  da
er  die  letzte  Möglichkeit  auswärtiger  Ansprüche  an  die  Elbherzogthümer
  für  alle  Zukunft  beseitigte.
        <pb n="456" />
        436  Innere  Entwicllung.

Das  Wahlgesetz  für  das  norddeutsche  Parlament,  welches
die  Regierung  bereits  am  13.  August  dem  Hause  der  Abgeordneten
  eingesandt  hatte,  gelangte  dort  erst  nach  einer  vierwöchentlichen
  Arbeit  der  damit  betrauten  Commission,  am
11.  und  12.  September,  zur  Plenarberathung.  Hier  zeigte
sich  nun,  im  Vergleiche  mit  dem  Annexionsgesetz,  ein  entschieden
  geringeres  Entgegenkommen.  Bei  diesem  hatten  Erwägungen
  vom  Standpunkte  der  politischen  Parteien  nur  in
untergeordneter  Weise  eingewirkt;  deutsch  =  nationale  und
preußische  Gefühle  waren  vereint  für  die  Vorlage  in  das
Gewicht  gefallen.  Hinsichtlich  des  norddeutschen  Parlamentes
aber  erhoben  sich  starke  politische  Bedenken,  und  wie  in
Mecklenburg  ein  feudales,  setzte  sich  hier  ein  liberales  Sonderthum
  den  Einheitsbestrebungen  Bismarck's  entgegen.

Durch  die  Annexionen,  wurde  gesagt,  habe  sich  Preußen
auf  24  Millionen  Einwohner  vergrößert,  während  die  noch
erhaltenen  Kleinstaaten  des  künftigen  Bundes  zusammen  nur
fünf  Millionen  zählten.  Wie  könne  da  von  einer,  den
Namen  verdienenden  Bundesverfassung  die  Rede  sein?  In
Wahrheit  sei  der  König  von  Preußen  der  Herr  in  den  verbündeten
  Staaten  wie  in  den  annectirten  und  in  den  alten
preußischen  Provinzen.  Ein  Parlament  für  diesen  preußischen
  Bundesstaat  neben  dem  preußischen  Landtag  sei  eine
Einrichtung  ohne  Daseinsgrund.  Warum  nicht  die  Abgeordneten
  dieser  Kleinstaaten  bei  gemeinsamen  Angelegenheiten
in  den  preußischen  Landtag  eintreten  lassen?  Das  wäre
ein  naturgemäßes  und  folgerichtiges  Verfahren  gewesen.
Aber  die  Zersplitterung  der  parlamentarischen  Rechte  unter
zwei  gesonderte  Körperschaften  könne  nur  die  Folge  haben,
daß  jedes  derselben  geschwächt,  und  damit  die  Bedeutung  der
        <pb n="457" />
        Opposition  gegen  das  Bundeswahlgesetz  437

Volksvertretung  in  Deutschland  überhaupt  vernichtet  werde.
Daß  das  Parlament  aus  allgemeinem  Stimmrecht  hervorgehen
  sollte,  nahm  sich  zwar  demokratisch  genug  aus,  und
Waldeck  erklärte,  darin  liege  die  Anerkennung  des  Princips
der  Volkssouveränität.  Eben  dies  machte  aber  viele  gemäßigte
Liberale  besorgt,  und  manche  Radicale  argwohnten,  es  werde
in  Bismarck's  Händen  auf  eine  Copie  des  napoleonischen
Systems  hinauslaufen,  wo  sich  das  liebe  Stimmvieh  durch
Präfecten  und  Kleriker  willenlos  zur  Wahlurne  führen  ließe.
Kurz,  auf  allen  Seiten  des  Hauses  blieb  die  Stimmung  mißtrauisch
  und  kühl.  Ja,  meinte  man,  wenn  es  sich  um  Abgeordnete
  des  gesammten  Deutschland  handeln  könnte!  Dann
würde  der  Zauber  des  Wortes  deutsches  Parlament,
welcher  das  Vaterland  seit  1848  in  seinen  Tiesen  und  Höhen
stets  bewegt  habe,  sofort  auch  jetzt  wieder  seine  volle  Wirkung
zeigen.  Leider  aber  habe  Bismarck  in  der  Mitte  seines  Siegeslaufes
  Halt  gemacht,  unter  den  günstigsten  Verhältnissen  für
die  Aufnahme  auch  der  süddeutschen  Staaten  in  den  neuen
Bund.  Offenbar  habe  er  diese  nicht  gewollt;  nur  zu  nahe
liege  der  Gedanke,  er  habe  es  geflissentlich  vermieden,  damit
  ja  nicht  ein  lebenskräftiges  Parlament  in  Deutschland
emporwachse.

Solche  und  ähnliche  Erörterungen  wurden  vor  Allem
von  den  Rednern  der  Fortschrittspartei  in  allen  denkbaren
Wendungen  vorgelegt.  Die  mittleren  Fractionen  waren  weit
entfernt  davon,  sich  alle  diese  Ausstellungen  anzueignen,  aber
in  Einem  Punkte  waren  auch  sie  vollkommen  einverstanden:
nimmermehr  könne  die  preußische  Verfassung  auf  einem  andern
als  dem  verfassungsmäßigen  Wege,  also  unter  Zustimmung
der  beiden  Häuser  des  Landtags,  abgeändert  werden.  Es
        <pb n="458" />
        438  Inmere  Entwicklung.

müsse  demnach  die  von  dem  Parlamente  entworfene  Bundesverfassung,
  damit  sie  gesetzliche  Wirksamkeit  für  Preußen  gewinne,
  dem  preußischen  Landtag  zur  Genehmigung  vorgelegt
werden.  Es  wurde  zur  Sicherung  dieses  Begehrens  von  der
Commission  beantragt,  dem  Wahlgesetze  einen  Artikel  voranzustellen:
  zur  Berathung  der  Verfassung  des  norddeutschen
Bundes  wird  ein  Parlament  gewählt  u.  s.  w.  —  während
es  in  dem  Bundesvertrage  vom  18.  August  hieß:  zur  Berathung
  und  Vereinbarung  (also  zur  definitiven  Feststellung)
  der  Verfassung.

Bismarck  hatte  am  11.  September  an  der  Verhandlung
keinen  Antheil  genommen.  In  der  folgenden  Sitzung  aber
erhob  er  sich,  um  den  geäußerten  Bedenken  entgegenzutreten.
  Er  bemerkte,  daß  bei  jeder  Anderung,  welche
hier  an  den  Bestimmungen  des  Bundesvertrags  getroffen
werde,  die  übrigen  Regierungen  und  ihre  Landstände,
falls  nicht  bei  ihnen  eine  größere  Bereitwilligkeit  für  die
Sache,  als  bei  einigen  Theilen  dieses  Hauses  vorhanden
wäre,  sehr  leicht  Vorwände  und  triftige  Gründe  finden  könnten,
um  dem  großen  Werke  Hemmnisse  zu  bereiten.  Ich  bin  weit
entfernt,  sagte  er,  das  Gewicht  dieser  Ständeversammlungen
mit  dem  der  preußischen  Landesvertretung  gleichzustellen,
aber  theoretisch  wird  ein  solches  Recht,  wie  es  hier  in  Anspruch
  genommen  wird,  Zusätze  zu  dem  Texte  des  Reichswahlgesetzes
  zu  machen,  auch  den  kleinsten  Landtags-Versammlungen
  nicht  bestritten  werden  können,  sobald  es  hier
geübt  wird,  und  wenn  dann  die  betreffende  Regierung  sich
auf  dieses  Terrain  des  Widerstandes  zurückzieht,  so  kommt
die  preußische  Regierung  in  große  Verlegenheit.  Gegen  die
Vorwürfe,  daß  er  die  preußischen  Siege  nicht  weiter  verfolgt
        <pb n="459" />
        Blsmarck  Vertheidigung  des  Gesehes.  439

und  zur  Vervollständigung  der  deutschen  Einheit  benutzt
habe,  führte  er  aus:  es  ist  das  günstigste  Feld  der  Opposition
  jeder  Zeit  gewesen,  stets  das  als  ein  nothwendiges  Bedürfniß
  hinzustellen,  was  für  den  Augenblick  nicht  erreichbar
war,  und  der  Regierung  die  Schuld  aufzubürden,  daß  das
nicht  erreichbar  war:  ich  darf  Ihnen  aber  vorhalten,  idaß
wir  vielleicht  etwas  noch  Besseres  erreicht  hätten,  wenn  Sie
die  Politik,  deren  Ergebnisse  Sie  jetzt  tadeln,  unterstützt
hätten;  daß  wir,  da  uns  Ihre  Unterstützung  fehlte,  und  wir
mit  gebundenen  Händen  in  den  Kampf  gingen,  dennoch
diese  Resultate  haben  gewinnen  können,  berechtigt  meines
Erachtens  nicht  diejenigen  zur  Kritik,  die  uns  gehindert
haben,  mehr  zu  erreichen.  Mit  gutem  Grunde  erklärte  er,
eine  besser  unterrichtete  Zeit  werde  einst  der  Regierung  das
Zeugniß  nicht  versagen,  daß  die  Benutzung  des  Sieges  eine
ziemlich  kühne  gewesen;  je  wichtiger  aber  und  größer  die
Errungenschaft  sei,  desto  weniger  dürfe  man  sich  zu  einer
Ausbeutung  des  Sieges  entschließen,  die  nicht  mehr  den
Charakter  des  Muthes,  sondern  der  Wagehalsigkeit  haben
würde.  Endlich  setzte  er  der  Befürchtung,  daß  Differenzen
zwischen  den  beiden  Volksvertretungen,  dem  Parlamente  und
dem  preußischen  Landtage,  dem  Ansehen  des  letzteren  zum
Schaden  und  absolutistischen  Tendenzen  zur  Stärkung  gereichen
  könnten,  die  einfache  Bemerkung  entgegen,  daß  Preußen
in  das  Parlament  beinahe  250,  alle  andern  Bundesstaaten
kaum  50  Mitglieder  entsenden  würden;  die  jedesmal  vorhandene
  Strömung  der  öffentlichen  Meinung  mache  sich  bei
jedem  Wahlsystem  in  entscheidender  Weise  fühlbar;  in  beiden
Versammlungen  werde  also  stets  die  gleiche  Mojorität  preu-Khischer
  Abgeordueten  zu  finden,  und  damit  jede  Sorge  über
        <pb n="460" />
        440  Innere  Entwicklung.

Störungen  des  preußischen  Verfassungsrechtes  durch  das
Parlament,  ausgeschlossen  sein.

Trotz  alledem  setzte  er  dem  vorgeschlagenen  Artikel  1
des  Gesetzes  keine  directe  Anfechtung  entgegen;  er  wünsche
nur,  sagte  er,  von  der  Regierung  die  Verantwortlichkeit  für
alle  Zögerungen  und  Schwierigkeiten  abzulehnen,  die  aus
dieser  Einschränkung  des  Mandats  des  Reichstags  hervorgehen
  könnten.  Die  Regierung  ziehe  es  aber  dennoch  vor,
diesen  Schwierigkeiten  in  der  Hoffnung  auf  ihre  Überwindung
die  Spitze  zu  bieten,  als  daß  sie  dem  Mißtrauen,  aus  welchem
  der  Artikel  entsprungen  sei,  durch  ihren  Widerspruch
gegen  denselben  neue  Nahrung  geben  sollte.  Mit  Recht
vertraute  er  hier  dem  natürlichen  Schwergewicht  der  Dinge;
wäre  das  Parlament  einmal  vorhanden,  so  würde  trotz
aller  Rechtsvorbehalte  keine  Landesvertretung  an  dessen  Beschlüssen
  zu  meistern  wagen.

Indessen  blieb  das  Haus  der  Abgeordneten  auf  seinem
Sinne.  Der  Artikel  1,  welcher  dem  Parlamente  nur  eine
berathende  Stimme  verlieh,  wurde  unter  Verwerfung  eines
Gegenantrages  des  Grafen  Bethusy-Huc  mit  großer  Mehrheit
angenommen,  welchem  Beispiel  bald  nachher,  wie  wir  wissen,  der
mecklenburger  Landtag  sich  mit  Befriedigung  anschloß.  Weiterhin
  ging  die  Verhandlung  glatt  von  Statten,  die  meisten  der
zahlreichen  Verbesserungsanträge  wurden  in  Übereinstimmung
mit  der  Regierung  abgelehnt;  das  in  den  Bundesvertrag  einmal
  aufgenommene  allgemeine,  gleiche  und  directe  Stimmrecht
mit  geheimer  Abstimmung  nur  in  höchst  oberflächlicher  Weise
kurz  besprochen.  Gegen  einen  Zusatzartikel,  welcher  die  Redefreiheit
  im  Parlamente  gewährleistete,  erhob  niemand  eine
Einwendung;  dagegen  wurde  ein  weiterer  Antrag  auf  Ge-
        <pb n="461" />
        Allgemeines  Stimmrecht.  441

währung  von  Tagegeldern  für  die  Mitglieder  des  Parlaments,
wieder  ohne  eine  irgend  wie  eingehende  Erörterung  der  Frage,
mit  kleiner  Mehrheit  abgelehnt.

So  war  denn  nochmals  eine  allgemeine  Verständigung
erreicht,  da  bald  nachher  auch  das  Herrenhaus  seine  Genehmigung
  aussprach,  allerdings  unter  Hinzufügung  einer
Resolution,  welche  die  Regierung  auf  die  schweren  Bedenken
gegen  das  allgemeine  Stimmrecht  hinwies.  Dies  war  denn
freilich  in  die  Luft  geredet:  ein  Parlament  auf  breitester,
demokratischer  Grundlage  war  der  Nation  gesichert.  Manche
Gegner  des  allgemeinen  Stimmrechts  hatten  sich  mit  dem
Gedanken  getröstet,  daß  es  sich  ja  nur  um  diese  eine  Wahl
handle,  und  erst  das  künftige  Parlament  selbst  das  bleibende
Wahlsystem  des  Bundes  zu  bestimmen  habe.  Die  Erwägung
zeugte  nicht  gerade  von  prophetischer  Gabe:  es  müssen  schwere
Krisen  eintreten,  ehe  eine  Volksvertretung  sich  entschließt,
einen  Theil  ihrer  eignen  Wähler  des  für  sie  selbst  geübten
Rechtes  zu  entkleiden.  Vollends  in  jener  Zeit,  wo  Bismarck
in  diesem  einzigen  Punkte,  in  der  Begünstigung  des  allgemeinen
  Stimmrechts,  mit  der  Fortschrittspartei  einverstanden
war,  mußte  jeder  Widerstand  dagegen  hoffnungslos,  jeder
Versuch  eines  solchen  lediglich  als  der  Ausdruck  eines  „Sal-Vavi
  animam  meam“  erscheinen.  Der  Erfolg  der  nächsten
Jahrzehnte  hat  dann  allerdings  gezeigt,  daß  man  1866  erst
unvollständige  Übung  in  dem  Urtheil  über  die  Consequenzen
demokratischer  Principien  hatte.  Die  praktische  Erfahrung  hat
jene  radicale  Besorgniß  einer  Bevormundung  des  allgemeinen
Stimmrechts  durch  die  Polizei  ebenso  wenig  bestätigt,  wie
Bismarck's  Hoffnung,  größern  Respect  vor  den  Wünschen  des
Königs  bei  den  Volksmassen  als  bei  dem  mittleren  und  höhern
        <pb n="462" />
        442  Innere  Entwicklung.

Bürgerthum  zu  finden,  oder  wie  die  Meinung,  daß  stets
gleichgesinnte  Mehrheiten  im  Parlamente  und  im  preußischen
Landtag  parallel  neben  einander  gehen  würden.

Wer  eine  Stechpalme  pflanzt,  kann  nicht  süße  Früchte
davon  erndten.

Was  nun  auch  in  dieser  Beziehung  die  Zukunft  bringen
mochte,  seit  dem  10.  Juni  war  das  allgemeine  Stimmrecht
unvermeidlich  geworden.  Die  Hauptsache  war  für  jetzt,  daß
die  demnächstige  Wahl  des  Parlaments  feststand.  Alles  kam
darauf  an,  die  Wirksamkeit  desselben  gegen  jede  Stbrung  von
Außen  zu  sichern,  und  eine  darauf  gerichtete  Vorlage  der
Regierung  gab  noch  einmal  dem  Hause  Veranlassung,  neben
vielen  constitutionellen  Bedenken  ein  erfreuliches  ÜUbergewicht
der.  nationalen  Gesinnung  zu  bekunden.

Am  28.  Juli  hatte  der  König  in  Nikolsburg  einen  Gesetzentwurf
  gezeichnet,  welcher  einen  Credit  von  60  Millionen
Thalern  in  Form  einer  Staatsanleihe  für  außerordentliche
Bedürfnisse  des  Heeres  und  der  Marine  begehrte.  Es  waren
die  Tage,  wo  zwar  die  Präliminarien  mit  Osterreich  verabredet
  waren,  der  definitive  Friede  aber  noch  ausstand,  gegen
Süddeutschland  die  kriegerischen  Operationen  nicht  unterbrochen
waren,  und  von  Paris  die  erste  Anmeldung  der  Compensations-Forderungen
  erfolgt  war.  Nichts  also  war  in  höherem  Grade
angezeigt,  als  eine  Beschaffung  der  Geldmittel  für  fernere
Kriegsbereitschaft.  Die  Commission  des  Abgeordnetenhauses,
welcher  die  Vorlage  zur  Berathung  überwiesen  war,  constituirte
  sich  erst  am  17.  August,  arbeitete  so  gründlich,  daß  die
Fertigstellung  ihres  Berichts  bis  zum  15.  September  dauerte,
und  erst  am  24.  die  Verhandlung  im  Plenum  beginnen  konnte.
Unterdessen  hatte  sich  allerdings,  wie  wir  gesehen,  die  Lage
        <pb n="463" />
        Creditforderung  der  Regierung.  443

nach  Außen  hin  erheblich  geändert;  der  Friede  mit  Osterreich
und  den  Südstaaten,  war  geschlossen,  und  die  französische
Forderung  der  Rheinlande  bis  Mainz  zurückgenommen.  Allein
wir  wissen,  wie  wenig  damit  eine  völlige  Beruhigung  erreicht
war:  die  Verhandlung  mit  Frankreich  über  dessen  zweiten
Compensationsantrag  schwebte  noch,  und  zwischen  Osterreich
und  Italien  standen  die  Dinge  so,  daß  Bismarck  die  Abrüstung
  des  preußischen  Heeres  aufschob.  Die  Regierung
hielt  also  wegen  der  Unsicherheit  der  Lage  ihre  Vorlage  vom
28.  Juli  trotz  der  eingetretenen  Fortschritte  zum  Bessern  in
vollem  Umfange  aufrecht.  Die  siegreiche  Offensive  der  Armee,
der  gute  Zustand  des  Staatshaushalts  und  die  hervorragende
Fähigkeit  des  Finanzministers  von  der  Heydt  hatten  es  möglich
  gemacht,  einen  Krieg,  welcher  eine  europäische  Großmacht
erstes  Ranges  zu  Boden  schmetterte,  ohne  Steuererhöhung,
ohne  Anleihe  und  neues  Papiergeld)  zum  Abschluß  zu
führen.  Die  bis  dahin  aufgelaufenen  Kosten  wurden  auf
rund  60  Millionen  Thaler  berechnet,  wovon  der  Staatsschatz
  20,  verschiedene  andere  Quellen  10  Millionen  geliefert
hatten,  oder  zu  liefern  im  Begriffe  standen.  Die  übrigen
30  Millionen  hatte  Freiherr  von  der  Heydt  durch  mannigfaltige
  Finanzoperationen,  so  wie  aus  den  Beständen  und
Betriebsfonds  der  Staatsverwaltung  beschafft,  ohne  daß  bei
der  kurzen  Dauer  des  Kriegs  eine  Störung  des  Civildienstes
entstanden  wäre.  Es  war  einleuchtend,  daß  hiefür  möglichst
bald  Deckung  herbeigebracht  werden  mußte.  Dazu  kamen
aber  für  die  nächste  Zukunft  die  Kosten  der  Abrüstung,  der

1)  Die  in  Folge  der  Verordnung  vom  18.  Mai  in  Umlauf  gesetzten
Darlehnskassenscheine  haben  mit  den  Kosten  des  Kriegs  und  der  Staatsverwaltung
  nichts  zu  thun.
        <pb n="464" />
        44  Innere  Entwicklung.

Herstellung  des  Armee-Materials,  und  der  von  der  Regierung
unerläßlich  erachteten  Fortdauer  der  Kriegsbereitschaft  bis
Ende  des  Jahres,  zusammen  48,  also  mit  jenem  Reste  der
bisherigen  Kriegskosten  78  Millionen.  Nun  konnte  man,
als  diese  Rechnung  ausgemacht  wurde,  auf  45  Millionen
Kriegscontributionen  zählen  ½);  davon  begehrte  aber  die  Regierung,
  91½  Million  für  Anschaffung  von  Panzerschiffen  und
Befestigung  des  Kieler  Hafens  zu  verwenden,  und  27½  Million
  dem  ausgeleerten  Staatsschatze,  um  für  alle  Fälle  schlagfertig
  zu  sein,  wieder  zuzuführen.  Es  blieben  dann  von  den
45  nur  noch  acht  Millionen  verfügbar,  also  für  70  Millionen
anderweitige  Deckung  zu  suchen.  Einen  Theil  davon  dachte
man  durch  Verkauf  gewisser,  im  Staatsbesitz  befindlicher
Werthpapiere  zu  bestreiten,  und  beantragte  hienach  beim  Landtage
  die  Bewilligung  des  Credits  von  60  Millionen.

In  der  Commission  hatte  die  Fortschrittspartei  das
lbergewicht,  und  begann  sehr  bald,  diese  ganze  Rechnung
nach  verschiedenen  Richtungen  hin  zu  bemängeln.  Die  einzelnen
  Posten  seien  nicht  hinreichend  belegt,  mehrere  derselben
in  der  Form  besonderer  Gesetzentwürfe  zu  behandeln;  auf
keinen  Fall  sei  in  solchem  Umfange  das  Bedürfniß  dringender
Natur.  Nach  den  weitern  Erläuterungen  des  Finanzministers
blieb  jedoch  von  solchen  speciellen  Einwendungen  nicht  viel
bestehen;  um  so  lebhafter  aber  verdichtete  sich  der  Streit  um
die  Frage  des  Staatsschatzes  und  seiner  erneuerten  Füllung.
Gleichmäßig  wurden  dagegen  Nationalökonomie  und  Politik
in  das  Feld  geführt.  Die  Nation  büße  die  Zinsen  des  in
Friedenszeiten  todt  liegenden  Capitals  ein;  im  Vergleiche  damit
sei  es  viel  haushälterischer,  erst  beim  Herandrohen  des  Krieges

1)  Darmstadt  und  Sachsen  fehlten  damals  noch.
        <pb n="465" />
        Einwendungen.  445

sich  durch  eine  Anleihe  die  Mittel  zu  beschaffen.  Dann  sei  zu
bedenken,  wie  sehr  ein  gefüllter  Staatsschatz  der  Regierung  die
Möglichkeit  biete,  ohne  oder  gegen  den  Willen  der  Volksvertretung
  Ausgaben  zu  machen;  er  sei  geradezu  als  eine  stets  bereite
Versuchung  zu  verfassungswidrigem  Handeln  zu  bezeichnen.
Indem  man  nun  diesen  Posten  absetzte  und  mehrere  andere
auf  den  nächsten  Etat  verwies,  kam  man  zu  dem  Ergebniß,  der
Regierung  nicht  60,  sondern  nur  30  Millionen  zu  bewilligen,
und  zwar  nicht  als  consolidirte  Anleihe,  sondern  zur  Ausgabe
von  Schatzanweisungen,  auf  ein  Jahr  lautend,  und  zur
Flüssigmachung  der  nicht  sofort  beizutreibenden  Außenstände
bestimmt.  Wie  die  letztern  einkämen,  sollten  sie  zur  Wiedereinziehung
  der  Schatzscheine  verwandt  werden,  neue  Hülfsqduellen
  der  Regierung  also  versagt  bleiben.  Der  Berichterstatter
  der  Commission  bei  diesem  Nachspiel  des  Budgetstreites
war  derselbe  Mann,  welcher  1861  durch  den  Antrag  auf
Specialisirung  des  Etats  die  Conflictszeit  eröffnet  hatte,  der
Abgeordnete  Hagen  aus  Berlin,  ein  sonst  einsichtiger  und
redlicher  Patriot,  der  nur  unter  allen  Umständen  genaue
Sparsamkeit  und  größte  Macht  der  Volksvertretung  für  die
höchste  Bedingung  des  Staatswohls  hielt.  Der  Finanzminister
  erklärte  sogleich  nach  Feststellung  des  Beschlusses
denselben  für  schlechthin  unannehmbar,  da  die  Regierung
hienach  in  die  Lage  kommen  könne,  wieder  einmal  zwischen
Pflichtversäumniß  und  Rechtsbruch  zu  wählen;  er  sprach  die
Hoffnung  aus,  daß  die  Mehrheit  der  Commission  bei  der
Berathung  des  Hauses  in  einer  kleinen  Minorität  verschwinden
  würde.

Diese  Hoffnung  sollte  ihn  nicht  täuschen.  Wenngleich
die  constitutionellen  Einwürfe  gegen  den  Staatsschatz  auch
        <pb n="466" />
        446  Inmere  Entwicklung.

bei  den  Mittelparteien  sich  geltend  machten,  so  schlug  hier  doch
durch  alle  solche  Sorgen  die  deutsche  Gesinnung  hindurch,
das  Bewußtsein,  daß,  wer  die  Einheit  deutscher  Nation  vollenden
  wollte,  bei  der  Stimmung  Europas  auch  die  Mittel
zu  großen  Kämpfen  bereit  halten  mußte.  So  erschienen  auf
der  Stelle  mehrere  Gegenanträge  gegen  den  Commissionsbeschluß.
  Twesten  erklärte  zwar  die  Existenz  eines  Staatsschatzes
  für  unvereinbar  mit  den  Grundsätzen  einer  parlamentarischen
  Verfassung,  wollte  aber  für  die  große  Aufgabe  der
nächsten  Jahre  darüber  hinwegsehen;  er  schlug  also  vor,  der
Regierung  den  begehrten  Credit  von  60  Millionen  zu  eröffnen;
was  davon  jedoch  am  1.  Januar  1870  nicht  durch  außerordentliche
  Kriegsausgaben  verbraucht  sei,  solle  dann  zur
Tilgung  von  Staatsschulden  verwandt,  und  mithin  von
diesem  Zeitpunkte  an  kein  todtliegender  Schatz  weiter  geduldet
werden.  Die  Bestimmung  gerade  dieses  Termins  hat  dann
nachträglich  die  schärfste  Kritik  des  von  dem  talentvollen
Manne  begangenen  Mißgriffs  geliefert:  wie  übel  hätte  es
um  Preußen  gestanden,  wenn  es  im  Sommer  1870  außer
der  Kriegsanleihe  keine  bereiten  Geldmittel  besessen  hätte.
Indessen  fand  Twesten's  Antrag  auch  gleich  bei  seiner  Einbringung
  entschlossene  Gegner.  Die  Abgeordneten  Michaelis
und  Röpell  forderten,  daß  das  Haus  den  Credit  bewillige,
die  Einbringung  von  27  ½  Million  in  den  Staatsschatz,
  ebenso  wie  die  Hinterlegung  der  durch  die  ältere
Gesetzgebung  bezeichneten  Bestände  ausdrücklich  genehmige;
jedoch  solle  der  Gesammtbetrag  des  Schatzes  die  Summe
von  30  Millionen  nicht  übersteigen,  und  weitere  Einnahmen
  desselben,  wie  Lasker  hinzusetzte,  zur  Schuldentilgung
  verwandt  werden.  Die  conservative  Partei  hätte
        <pb n="467" />
        Bewilligung  des  Credits.  447

das  Maximum  gerne  auf  40  Millionen  erhöht,  sah  jedoch
davon  ab,  als  der  Finanzminister  dies  zwar  als  das  Bessere
anerkannte,  aber  mit  dem  Guten  des  Antrags  Micheelis  sich
begnügen  zu  wollen,  erklärte.  Michaelis,  ohne  Zweifel
der  bedeutendste  Nationalökonom  des  Hauses,  entwickelte  in
der  Verhandlung,  daß  der  Zinsertrag  eines  Capitals  nicht
immer  den  einzigen  oder  auch  nur  den  Hauptwerth  desselben
bilde;  bei  dem  Staatsschatze  sei  gegen  den  Zinsverlust  das
durch  sein  Dasein  gewonnene  Gefühl  größerer  Sicherheit
auch  in  den  Friedensjahren  ökonomisch  fruchtbar.  Mit
Grund  konnte  er  weiter  hervorheben,  daß  durch  seinen  Antrag
auch  der  Staatsschatz  unter  die  Aussicht  der  Volksvertretung
gestellt,  und  insbesondere  die  Füllung  desselben  durch  Kriegscontributionen
  der  Genehmigung  des  Landtags  unterstellt  sei.
Bismarck,  in  Folge  der  Anstrengungen  des  Sommers  schwer
angegriffen,  betheiligte  sich  an  der  Debatte  nur  durch  eine
kurze,  aber  eindringliche  Rede,  worin  er  offen  und  bestimmt
die  Vertrauensfrage  stellte,  und  zugleich  im  Namen  der
Regierung  das  Versprechen  gab,  daß  kein  Theil  des  Credits
zu  andern  Ausgaben  als  denen  der  Kriegsbereitschaft  verwandt
  werden  würde.  Das  Ergebniß  war  dann  die  Annahme
des  Antrags  Michaelis  mit  230  gegen  83  Stimmen  (ein
Theil  der  Fortschrittspartei  und  des  linken  Centrums,  die
Katholiken  und  die  Polen).

Am  folgenden  Tage  gab  das  Herrenhaus  seine  verfassungsmäßige
  Zustimmung.  Darauf,  am  27.  September,
trat  eine  sechswöchentliche  Vertagung  des  Landtages  ein:  die
Regierung  aber  verfügte  wenige  Tage  später  die  allgemeine
Wehrpflicht  nach  preußischen  Regeln  für  die  annectirten  Provinzen,
  sowie  die  Errichtung  von  drei  neuen  Armeerorps  in
        <pb n="468" />
        448  Innere  Entwicklung.

denselben,  welchen  sofort  die  Bundescontingente  der  norddeutschen
  Kleinstaaten  eingeordnet  wurden.  In  absehbarer
Frist  würde  dazu  ein  viertes  Armeecorps  als  das  Contingent
des  Königreichs  Sachsen  treten.  Rechnete  man  dazu  den
Ertrag  der  drei  süddeutschen  Allianzen,  so  konnte  der  Sieger
von  Königgrätz  sicher  sein,  mit  beinahe  verdoppelter  Kraft
jeder  neuen  fremden  Bedrohung  entgegen  zu  treten.

Die  bis  dahin  errungenen  Grundlagen  für  den  norddeutschen
  Bundesstaat  waren  in  jeder  Hinsicht  zufrichenstellend.
  Aber  ehe  man  an  weitere  Fortschritte  denken  konnte,
mußte  noch  ein  Hinderniß  besonderer  Art  aus  dem  Wege
geräumt  werden.  Noch  immer  befanden  sich  nämlich  drei,
theils  durch  die  Natur  der  Dinge,  theils  durch  die  Nikolsburger
  und  Prager  Verträge  zum  Bunde  gehörige  Staaten
im  officiellen  Kriegsstande  gegen  Preußen,  Reuß  ältere
Linie,  Sachsen-Meiningen,  Königreich  Sachsen.  Die  Fürstin-Regentin,
  Caroline  von  Reuß  zu  Greiz,  eine  geborene
Prinzeß  von  Hessen-Homburg,  war  eine  kräftige  und  entschlossene
  Dame,  welche  am  14.  Juni  im  Bundestag  gegen
Preußen  gestimmt  und  ihre  Soldaten  auf  Befehl  des  Bundestags
  nach  Rastadt  geschickt  hatte.  Von  dem  Eindruck  der
Königgrätzer  Schlacht,  welcher  Europa  erschütterte,  blieb
sie  völlig  unberührt,  und  lehnte  jede  preußische  Aufforderung
zum  Eintritt  in  den  neuen  Bund  gelassen  ab.  Erdlich
verlor  Bismarck  die  Geduld  und  verfügte  Mitte  August
die  militärische  Besetzung  des  Landes,  oder  mit  andern
Worten,  er  sandte  nach  Greiz  eine  Einquartierung  von
zwei  Compagnien  Infanterie.  Noch  vier  Wochen  hielt
Caroline  aus;  dann  unterwarf  sie  sich,  trat  in  den
norddeutschen  Bund,  und  zahlte  100000  Thaler  an  die
        <pb n="469" />
        Unterhandlung  mit  Reuß-Greiz,  Meiningen  und  Sachsen.  449

preußische  Invalidencasse.  Dem  Herzog  Bernhard  von  Meiningen
  hatte,  wie  erwähnt,  König  Wilhelm  schon  von  Nikolsburg
  aus  angedeutet,  sein  Land  würde  bessere  Friedensbedingungen
  erhalten,  wenn  er  den  Thron  scinem  Sohne
und  Erben  abträte.  Der  alte,  ehrenfeste  Herr,  der  in  der
Niederlegung  seines  Herrscheramts  vornehmlich  eine  Pflichtverletzung,
  eine  Art  von  Desertion  sah,  sträubte  sich  lange,
bis  auch  hier  die  militärische  Execution  nachhalf.  Der  neue
Herzog  Georg  erhielt  den  Frieden  einfach  gegen  den  Beitritt
zum  norddeutschen  Bunde  und  Anerkennung  des  Vertrags,  durch
welchen  Thurn  und  Taxgis  seine  Posten  an  Preußen  abtrat.

Der  bis  zum  21.  October  sich  fortschleppenden  Unterhandlung
  mit  dem  Königreich  Sachsen  durch  ihre  verschiedenen
Wendungen  zu  folgen,  wäre  ein  ebenso  unergiebiges  wie  unerfreuliches
  Geschäft.  Wir  haben  oben  gesehen,  daß  eine
starke  und  einflußreiche  Partei  am  preußischen  Hofe  ursprünglich
  Sachsens  volle  Annexion  in  das  Auge  gefaßt,  König
Wilhelm  wenigstens  Leipzig  und  Bautzen  zu  erhalten  gewünscht,
Bismarck  den  Minister  von  Beust  stets  für  den  gefährlichsten
seiner  deutschen  Gegner  gehalten  hatte.  Als  er  ihn  hienach  als
Friedensunterhändler  sehr  bestimmt  verbat,  reichte  Beust  dem
Könige  Johann  seine  Entlassung  ein,  und  erhielt  sie  in  einem
äußerst  gnödigen  Schreiben,  worin  der  König  ihm  seine  dankbare
  Anerkennung  für  die  seit  1849  geleisteten  treuen  und
einsichtigen  Dienste  aussprach.  Beust  beeilte  sich,  durch  Abdruck
  dieses  Briefes  in  den  Wiener  Zeitungen  den  Glanz
seines  Namens  in  Europa  leuchten  zu  lassen.  Das  hatte  dann
in  Berlin  die  Folge,  daß  man  bei  dem  Könige  die  gegen
Preußen  feindliche  Gesinnung  Beust's  in  unveränderter
Weise  fortdauernd  vermuthete,  und  um  so  mehr  borauf  ausv.

  Sybel  Begründung  d.  beutschen  Reiches.  V.
        <pb n="470" />
        450  Innere  Entwicklung.

ging,  ihn  durch  die  Friedensbedingungen  in  vollständige  Unterwerfung
  hinabzudrücken.  Die  Voraussetzung  war  allerdings
begreiflich,  in  der  That  aber  vollkommen  irrig.  König
Johann  war  ein  geistig  und  sittlich  tief  durchgebildeter
Mann,  dessen  Seele  ein  Gefühl  des  Hasses  überhaupt
nicht  kannte,  und  der  gegen  Preußen  nur  nach  politischer
lberzeugung  in  die  Schranken  getreten  war.  Als  er  seinen
Minister  von  Friesen  zur  Friedensverhandlung  nach  Berlin
sandte,  sagte  er  ihm,  er  sei,  so  lange  der  alte  Bund  bestand,
seinen  Pflichten  gegen  das  Bundesrecht  nach  Wissen  und
Gewissen  nachgekommen;  nach  dessen  Zertrümmerung  sei  er
bereit,  in  den  neuen  Bund  einzutreten,  und  in  diesem  mit
gleicher  Treue  seine  Bundespflichten  zu  erfüllen,  vorausgesetzt,
daß  Preußen  ihm  dort  eine  Stellung  einräume,  die  mit  seiner
persönlichen  und  fürstlichen  Ehre  vereinbar  sei.  Geschähe
dies  nicht,  so  würde  er  es  vorzichen,  auf  die  Herrschaft  ganz
zu  verzichten.  Damals  und  später  hat  er  gezeigt,  daß  diese
Worte  im  heiligsten  Ernste  gesprochen  waren.

Zunächst  hatten  seine  Vertreter,  Freiherr  Friesen  und
Graf  Hohenthal,  in  Berlin  einen  schweren  Stand.  Sie
mußten  lange  Tage  hindurch  sich  gedulden,  ehe  Bismarck
ihnen  ein  erstes  Gespräch  bewilligte.  Er  wollte  die  Verhandlung
  nicht  vor  dem  Abschluß  des  Prager  Friedens  beginnen,
  um  jede  weitere  Einmischung  Osterreichs  unmöglich
zu  machen.  Als  trotzdem  Freiherr  Brenner  gleich  nachher
in  Berlin  ankam,  um  eine  milde  Behandlung  Sachsens  zu
empfehlen,  wies  ihn  Bismarck  in  scharfem  Tone  zurück.  Er
verstehe  diesen  Schritt  Osterreichs  in  keiner  Weise;  nach  den
in  Prag  wiederholten  Nikolsburger  Bestimmungen  habe
Osterreich  die  Neuordnung  Norddeutschlands  durch  Preußen,
        <pb n="471" />
        Schwierigkeiten  in  der  sächsischen  Unterhandlung.  451

und  ganz  ausdrücklich  auch  die  durch  Preußen  zu  regelnde
Stellung  Sachsens  im  norddeutschen  Bunde,  anerkannt.  In
diese  innere  Angelegenheit  habe  keine  dritte  Macht  einen
Rechtstitel  zur  Einmischung;  es  sei  also  eine  Ehrensache
Preußens,  jeden  Versuch  dazu,  im  Namen  der  Unabhängigkeit
  Deutschlands,  entschieden  abzulehnen.  Der  König  sei
durchdrungen  von  dieser  Anschauung;  jede  Verwendung  Osterreichs
  oder  Frankreichs  würde  das  Schicksal  Sachsens  nur
verschlimmern.

In  der  That  hatte  König  Johann,  wie  die  süddeutschen
Fürsten,  auch  die  guten  Dienste  Frankreichs  angerufen,  und
Drouyn  de  Lhuys  hatte,  wie  für  Bayern  und  Darmstadt,
Weisung  in  diesem  Sinne  an  die  Berliner  Botschaft  erlassen.
Hier  aber  redete  Bismarck  wenn  möglich  noch  kräftiger  als
zu  Brenner.  Wiederholt  habe  Napoleon  erklärt,  daß  ihm
die  Gestaltung  Norddeutschlands  gleichgültig  sei;  Deutschland
ordne  seine  Angelegenheiten  nach  eigenem  Ermessen,  und  werde
nicht  gestatten,  daß  eine  außerdeutsche  Macht  darüber  Controle
oder  Kritik  ausübe.

Den  sächsischen  Unterhändlern  führte  Bismarck  ernstes
Tones  zu  Gemüthe,  daß  nach  dem  Prager  Frieden  Preußen
die  Stellung  Sachsens  im  norddeutschen  Bunde  zu  regeln
habe;  sächsischer  Seits  seien  also  weder  Forderungen  noch
Bedingungen  zu  stellen,  sondern  durch  den  zu  besprechenden
Vertrag  einfach  die  preußischen  Bestimmungen  anzuerkennen.
Man  begehre  von  ihnen,  fuhr  er  fort,  keine  Landabtretung,
wohl  aber  den  Verzicht  auf  die  Kriegsherrlichkeit  über  ihre
Truppen.  Diese  müßten  einen  Theil  der  preußischen  Armee
bilden,  dem  preußischen  Könige  den  Fahneneid  leisten,  durch
dessen  Ernennung  ihre  Officiere  empfangen  und  .-  bessen
        <pb n="472" />
        452  Innere  Entwicklung.

Befehl  sechsische  oder  sreußische  Garnisonen  beziehen.  In
öhnlicher  Weise  besprach  er  die  sonstigen  Bedingungen;  Friesen
mußte  erklären,  daß  er  zu  solchen  Concessionen  nicht  ermächtigt
  sei.

Nach  Bismarck's  Außerungen  in  der  Commission  des
Abgeordnetenhauses  am  17.  August,  sowie  nach  seinem
schließlichen  Verhalten  dürfen  wir  annehmen,  daß  jene  harten
Forderungen  an  Sachsen  nicht  einen  Lieblingswunsch  seines
Herzens  ausdrückten,  und  daß  ihm  zuletzt  auch  hier  an  der
Herstellung  aufrichtiger  Freundschaft  in  erster  Linie  gelegen
war.  Indessen  verließ  er  Berlin  in  den  letzten  Tagen  des
September,  um  in  der  ländlichen  Ruhe  von  Putbus  Heilung
seines  Nervenleidens  zu  suchen,  und  die  sächsische  Verhandlung
  wurde  von  dem  früheren  Bundestagsgesandten,  Herrn
von  Savigny,  ohne  Bismarck's  weitere  Theilnahme  und  bald
im  Widerspruch  mit  dessen  Grundsätzen,  weiter  geführt.  Nun
waren  die  Wünsche  nach  sächsischem  Landerwerb  trotz  des
Prager  Friedens  in  Berlin  nicht  überall  erloschen,  und  man
kam  zu  der  vertragswidrigen  Schlußfolgerung,  daß  man  freilich
Landerwerb  nicht  fordern  dürfe,  aber  nichts  im  Wege  stehe,  ihn
anzunehmen,  wenn  er  angeboten  würde.  Demnach  brachte  Savigny
  eine  unerträgliche  Forderung  nach  der  andern,  unterstützt
durch  immer  lästigere  Maaßregeln  der  preußischen  Militärverwaltung
  in  Sachsen:  während  Friesen  unter  der  Hand  erfuhr,
das  Alles  würde  sich  verwandeln,  wenn  er  die  Abtretung  von
Leipzig  dafür  anbieten  wollte.  Als  die  Sachsen  aber  fest  blieben,
als  ein  Brief  ihres  Königs  den  preußischen  Monarchen  warmes
Tones  an  die  alten  persönlichen  Beziehungen  naher  Freundschaft
  und  Verwandtschaft  erinnerte:  da  setzte  um  die  Mitte  des
October  die  Strömung  um,  und  das  Ende  war  ein  Friedens-
        <pb n="473" />
        Endliches  Einverständniß.  453

schluß,  dessen  Charakter  sich  nur  in  vorübergehenden  Bestimmungen
  von  dem  der  übrigen  deutschen  Verträge  unterschied.
  Sachsen  trat  in  den  norddeutschen  Bund  ein,  verhieß,
seine  Truppen  nach  den  künftigen  allgemeinen  Einrichtungen
des  norddeutschen  Bundes  zu  reorganisiren,  bis  dahin  aber
dieselben  dem  Oberbefehl  eines  in  Sachsen  residirenden  preußischen
  Generals  zu  unterstellen,  und  auf  dem  Königstein  eine
preußische,  sowie  in  Dresden  eine  gemeinschaftliche  Garnison
zuzulassen.  Die  Kriegsentschädigung  wurde  auf  zehn  Millionen
  festgesetzt.  Die  übrigen  Bestimmungen  betrafen,  ähnlich
  wie  in  den  süddeutschen  Verträgen,  Eisenbahnen  und
Zollverein.

Bald  nachher  machte  König  Johann,  von  dem  Kronprinzen
  Albert  begleitet,  einen  Besuch  in  Berlin,  wo  in  der
That  ein  herzliches  Einvernehmen  zwischen  beiden  Herrscherhäusern
  hergestellt  wurde.

Es  erübrigt  uns  noch,  einen  Blick  auf  die  Zustände  in
Süddeutschland  zu  werfen.  Dort  wirbelten  bei  der  großen
Mehrzahl  widersprechende  Gefühle  wunderlich  durcheinander.
Zu  Ehren  der  deutschen  Einheit  hatte  man  sich  auf  den  hochmüthigen
  Preußen  geworfen,  der  jegliche  Frage  eigenwillig
gegen  den  Willen  der  Andern  entscheiden  wollte.  Und  dann
nach  wenigen  Wochen  der  betäubende  Umschwung;  man  hatte
die  schwere  preußische  Faust  äußerst  schmerzhaft  empfunden,
zugleich  aber  auch  erfahren,  daß  nur  diese  Faust  stark  genug
sei,  die  vielbesungene  deutsche  Einheit  zur  wirklichen  Wirklichkeit
  zu  machen.  Der  blutige  Hader  hatte  tausend  brennende
Wunden  geschlagen,  und  doch  hatte  der  Ernst  des  Kampfes
das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  zu  neuer,  unbekannter
Stärke  geweckt.  Vorüber  war  die  Zeit,  in  welcher  die  wider-
        <pb n="474" />
        454  Innere  Entwicklung.

spruchvolle,  wortreiche  und  thatenarme  Politik  Friedrich
Wilhelm's  IV.  jeden  Glauben  an  Preußens  Macht  und
Willenskraft  untergraben  hatte:  gewaltig  hatte  Preußen  sich
bei  der  Welt  in  Respect  gesetzt,  und  sich,  wenn  auch  noch
nicht  die  Bruderliebe,  wohl  aber  die  Achtung  der  süddeutschen
Brüder  erobert,  und  im  Verkehre  der  Völker  wie  der  Menschen
  ist  die  Achtung  die  erste  Bedingung  der  Liebe.  Wohl
standen  auch  jetzt  noch  einzelne  Gruppen  murrend  und  grollend
bei  Seite.  Bayerns  katholischer  Klerus  und  Landadel,  seit
lange  von  der  Neigung  zu  Osterreich  erfüllt,  sah  mit  Zorn
und  Kummer  die  großdeutschen  Träume  in  Rauch  aufgehen.
Die  republikanische  Partei  fand  durch  Preußens  Siege  alle
ihre  Hoffnungen  gekrickt,  stieß  jeden  Gedanken  einer  Verbindung
  mit  dem  Norden  zurück,  und  scheute  selbst  den  Ausspruch
  nicht,  daß  die  Pflicht  der  Selbsterhaltung  die  süddeutschen
  Staaten  unter  Umständen  zum  Bund  mit  dem
Ausland  gegen  Preußen  veranlassen  könnte.  Aber  die  große
Strömung  der  Gemüther  ging  unwiderstehlich  gegen  sie.  Mit
einem  Schlage  war  jetzt  die  Einsicht  gewonnen,  daß  der  Austritt
  Osterreichs  aus  dem  alten  Bunde  kein  Verlust,  sondern
eine  Stärkung  der  deutschen  Einheit  sei.  Vor  Allem  gelte
es,  die  Vereinigung  des  Südens  mit  dem  norddeutschen  Bunde
zu  erlangen.  Könne  Preußen  wirklich  zur  Zeit  den  Eintritt
nicht  gewähren,  so  heiße  es,  im  Süden  jede  Vorkehrung  zu
treffen,  um  im  ersten  günstigen  Augenblick  bereit  zu  sein.
Und  vollends,  als  man  immer  zweifelloser  erkannte,  daß  die
Scheidung  durch  die  Mainlinie  das  Werk  der  von  Wien  angerufenen
  französischen  Vermittlung  gewesen,  verdoppelte  sich
im  Süden  der  nationale  Andrang  gegen  die  von  den  Fremden
aufgerichtete  Schranke.
        <pb n="475" />
        Die  bayerischen  Kammern.  455

Als  am  27.  August  der  bayerische  Landtag  eröffnet
wurde,  und  Freiherr  von  der  Pfordten  den  Friedensvertrag
mit  Preußen  nebst  einer  Creditforderung  von  30  Millionen
Gulden  vorlegte,  besprach  er  mit  sichtlicher  Genugthuung  die
Lage.  Bayern  wird,  sagte  er,  in  voller  Unabhängigkeit  und
Selbständigkeit  nach  Außen,  frei  und  stark  im  Innern  durch
treue  Anhänglichkeit  an  den  König  und  eine  stets  geachtete
Verfassung,  sich  selbst  und  seiner  Entwicklung  genügen,  aber
niemals  vergessen,  daß  es  ein  deutsches  Land  und  Volk  bleiben
will,  und  daß  seine  Kraft  nicht  bloß  ihm  allein,  sondern
dem  ganzen  deutschen  Vaterlande  angehört.  Es  war  genau
der  Standpunkt,  den  er  in  seiner  Erklärung  am  10.  Juni
bezeichnet  und  in  den  letzten  Verträgen  festgehalten  hatte:
keine  Föderation,  aber  eine  Allianz  mit  Preußen.  Am  folgenden
  Tage,  dem  28.,  vereinten  sich  42  Mitglieder  der
Linken,  mehr  als  ein  Drittel  der  zweiten  Kammer,  zu  einem
Programm,  unter  Verwerfung  der  Zerreißung  Deutschlands
nach  Nord  und  Süd,  unter  Zurückweisung  jedes  Gedankens
an  einen  Südbund,  dafür  aber  Begehren  eines  durch  Parlament
  und  Centralgewalt  geeinten  Vaterlandes,  mithin  Eintritt
  Bayerns  in  den  Nordbund  so  bald  als  irgend  möglich,
einstweilen  Herstellung  eines  engen  Bündnisses  Bayerns  mit
Preußen,  sowie  Erhaltung  und  Weiterentwicklung  des  Zollvereins,
  schließlich  bei  einer  Bedrohung  deutsches  Gebietes
durch  eine  auswärtige  Macht  sofortiger  Anschluß  an  die
norddeutsche  Kriegsmacht  unter  preußischer  Führung.

So  eilig  wollte  nun  allerdings  die  Moajorität  der  Kammer
  nicht  vorangehen,  da  ihr  vor  der  Fertigstellung  der  norddeutschen
  Verfassung  der  Eintritt  in  den  Bund  nicht  unbedenklich
  für  Bayerns  verfassungsmäßige  Freiheit  erschien.
        <pb n="476" />
        456  Innere  Entwicklung.

Nachdem  aber  auch  der  Minister  sich  rückhaltlos  gegen  die
Bildung  eines  süddeutschen  Bundes  ausgesprochen  hatte,
einigten  sich  beide  Parteien  mit  allen  gegen  eilf  Stimmen
über  einen  Antrag:  Se.  Majestät  der  König  wolle  geruhen,
dahin  zu  wirken,  daß  durch  einen  engen  Anschluß  an  Preußen
der  Weg  betreten  werde,  welcher  zur  Zeit  allein  dem  angestrebten
  Ziele  entgegenführen  kann,  Deutschland  unter  Mitwirkung
  eines  freigewählten  und  mit  den  erforderlichen  Befugnissen
  ausgestatteten  Parlaments  zu  einigen,  die  nationalen
Interessen  wirksam  zu  wahren,  und  etwaige  Angriffe  des
Auslandes  erfolgreich  abzuwehren.

Der  Friedensvertrag  und  die  Creditforderung  wurden
darauf  mit  allen  gegen  eine  (ultramontane)  Stimme  genehmigt.

Die  erste  Kammer,  deren  hochadliche  Mitglieder  ebenso
wie  ihre  hannover'schen  Standesgenossen  antipreußisch  waren,
trat  der  Annahme  des  Vertrags  und  des  Credites  bei,  begnügte
  sich  aber  mit  einer  patriotischen  Resolution,  in  welcher
der  enge  Anschluß  an  Preußen  und  die  preußische  Führung
unerwähnt  blieb:  wir  wünschen,  daß  Se.  Majestät  der  König
im  Fall  eines  Angriffs  des  Auslandes  auf  deutsches  Gebiet
mit  allen  Kräften  des  Volks  und  des  Heers  diesem  Angriff
entgegentreten  werde.

Der  Landtag  wurde  darauf  vertagt.

In  Württemberg  befand  sich  die  Regierung,  wie  wir
sahen,  ganz  auf  demselben  Standpunkte  wie  die  bayerische,
nur  daß  das  Vertrauen  auf  die  Sicherheit  seines  Staats
nach  Außen  bei  Varnbüler  geringer  als  bei  Pfordten  war.
Anders  aber  stand  es  um  die  Ansichten  in  der  Landesvertretung.
  Bei  der  harten  Eigenartigkeit  und  gerade  wegen
ihrer  Vereinzelung  doppelt  selbstbewußten  Überzeugungstreue
        <pb n="477" />
        Die  Ansichten  in  Württemberg.  457

der  schwäbischen  Demokraten  war  hier  Königgrätz  und  seine
Folgen  ebenso  wirkungslos  abgeglitten,  wie  bei  Caroline
Reuß  und  der  mecklenburger  Ritterschaft.  Der  Ausgang
einer  Schlacht,  hieß  es,  kann  unsere  Ansicht  über  Recht  und
Unrecht  nicht  ändern.  Deutschlands  Zustand  erschien  ihnen
zerrütteter  als  je.  Trotz  der  Indemnität  und  des  Reichswahlgesetzes
  blieb  Bismarck  in  ihren  Augen  der  freiheitsfeindliche
  Junker;  verderblich  würde  es  sein,  aus  banger  Furcht
vor  Isolirung  hastig  auf  den  Eintritt  in  den  norddeutschen
Bund  zu  drängen.  Jener  Isolirung  ließe  sich  abhelfen  durch
den  engern  Bund  der  süddeutschen  Staaten  mit  gemeinsamer
parlamentarischer  Vertretung.  Da  aber  nur  ein  im  Innern
befriedigtes  Volk  nach  Außen  stark  sein  könne,  so  sei  die
Hauptsache  für  Württemberg  die  Reform  der  Verfassung  und
der  Verwaltung  im  Sinne  vollkräftiger  Freiheit,  so  wie  die
Einführung  der  allgemeinen  Wehrpflicht  ohne  die  anderwärts
damit  verbundenen  Lasten,  eine  Aufgabe,  die  zwar  schwer,
aber  nicht  unlösbar  sei.

Diese  Sätze  wurden  durch  die  zweite  Kammer  in  einer
sehr  weitläufigen,  mit  61  gegen  25  Stimmen  angenommenen
Adresse  der  Regierung  zu  Gemüthe  geführt.  Baron  Varnbüler
  gab  darauf  am  10.  October  die  ausweichende  Erklärung,
vorbereitende  Mittheilungen  über  den  Südbund  seien  erfolgt,
eingehende  Berathungen  aber  hätten  schon  wegen  der  Kürze
der  Zeit  noch  nicht  Statt  finden  können.  Am  16.  nahm  der
König  die  Adresse  huldreich  entgegen  und  dankte  für  den
offenen  Ausdruck  der  Gesinnung.  Auch  Ihnen,  sagte  er,  ist
es  nicht  entgangen,  daß  unmittelbar  nach  dem  Umsturz  geschichtlicher
  Verhältnisse  Württemberg  der  Entwicklung  der
neuen  Gestaltungen  zu  folgen  hat;  wenn  nach  dem  blutigen
        <pb n="478" />
        458  Innere  Entwicklung.

Kampf  in  Deutschland  der  Geist  aufrichtiger  Versöhnung  zur
Herrschaft  gelangt,  dann  dürfen  wir  hoffen,  daß  zum  Wohle
Europas  unsere  nationale  Idee  sich  verwirklichen  werde.  Die
innern  Reformen  sollten  Gegenstand  der  sorgfältigsten  Prüfung
  für  die  Krone  sein.

Es  ist  unnöthig,  den  Eindruck,  welchen  diese  Antwort
auf  die  Kammermehrheit  machte,  näher  zu  schildern.  Jede
Sylbe  derselben  stand  im  Gegensatz  zu  ihren  Würnschen,
trotzdem  aber  bot  keine  einen  Anlaß  zu  einer  widerlegenden
Erörterung.

Um  so  lebhafter  aber  brach  in  dem  benachbarten  Baden
die  nationale  Gesinnung  zu  Tage:  es  zeigte  sich,  wie  künstlich
gemacht  und  ohne  Wurzel  im  Lande  von  vier  Monaten  die
durch  Edelsheim  und  dessen  geistliche  und  weltliche  Genossen
bewirkte  Verhetzung  der  Truppen  gewesen  war.  Nachdem  der
Landtag  am  9.  October  eröffnet  worden,  und  ihm  der  Minister
von  Freydorf  den  preußischen  Friedensvertrag  zur  Bestätigung
  vorgelegt  hatte,  brachte  die  zur  Begutachtung  eingesetzte
  Commission  der  zweiten  Kammer  am  23.  den  einfachen
Antrag  auf  Eintritt  der  süddeutschen  Staaten  in  den  norddeutschen
  Bund,  unter  Vorbehalt  der  hiemit  verträglichen
Selbständigkeit  ihrer  innern  Angelegenheiten.  Freydorf  nahm
den  Anlaß  wahr,  in  der  kräftigsten  Form  den  Gedanken  eines
Südbundes  zurückzuweisen,  deutete  auf  die  Hindernisse,  welche
dem  sofortigen  Eintritt  in  den  Nordbund  noch  entgegen
ständen,  und  mahnte,  nicht  unnöthig  durch  vorzeitiges  Drängen
Gefahren  heraufzubeschwören.  „Ich  sage,  unnöthig,  fuhr  er
fort,  denn  es  wird  die  Zeit  kommen,  in  der,  was  jetzt  mit  Gefahr
verbunden  ist,  sich  durch  den  naturnothwendigen  Gang  der
Dinge  von  selbst  ergibt.  Es  liegt  in  unserer  Hand,  den
        <pb n="479" />
        Badens  deutsche  Gesinnung.  459

Eintritt  dieser  Zeit  zu  beschleunigen.  Die  Zeit  der  Einigung
Gesammtdeutschlands  wird,  falls  nicht  unerwartete  Ereignisse
uns  zu  einem  früheren  raschen  Handeln  nöthigen,  dann  gekommen
  sein,  wenn  die  süddeutschen  Bevölkerungen  dunkle,
unbegründete  Antipathien  abgelegt,  und  eine  klare  Erkenntniß
ihres  eigenen  wahren  Vortheils  und  der  Grundbedingung
deutscher  Macht  und  Größe  erlangt  haben  werden.“

Dies  war  mehr  an  die  Adresse  der  Württemberger,  als
der  nächsten  Landsleute,  welche  der  Mahnung  nicht  bedurften,
gerichtet.  Die  Kammer  nahm,  unter  Ablehnung  eines  Antrags
  auf  Verkündung  der  Reichsverfassung  von  1849,  den
Commissions-Antrag  mit  allen  gegen  eilf  Stimmen  an.
Vielleicht  noch  bezeichnender  für  die  Stimmung  des  Landes
war  es,  daß  auch  die  erste  Kammer  auf  einen  durch  Bluntschli
erstatteten  Commissionsbericht  einen  gleichlautenden  Antrag
einstimmig  genehmigte,  und  außerdem  mit  allen  gegen  drei
Stimmen  beschloß,  wenn  der  Eintritt  in  den  norddeutschen
Bund  nicht  sofort  ausführbar  sei,  möge  die  Regierung
wenigstens  ein  Schutz=  und  Trutzbündniß  mit  Preußen
schließen,  die  zur  Sicherung  des  Landes  erforderlichen  Militärverträge
  mit  Preußen  einleiten,  die  Verwandlung  des  kündbaren
  Zollvereins  in  eine  unkündbare  und  einheitliche  Zollvereinigung,
  eine  Gesammtverfassung  des  Post-,  Telegraphenund
  Eisenbahnwesens  und  ein  für  Gesammtdeutschland  gemeinsames
  Staatsbürgerrecht  herbeizuführen  suchen.

So  schlugen  die  Wogen  des  nationalen  Einheitsdranges
unaufhörlich  von  Links  und  Rechts,  von  Nord  und  Süd  an
Napoleon's  willkürliches  Machwerk,  an  die  quer  durch  Deutschland
  gelegten  Dämme  der  Mainlinie  an.  Noch  waren  die
Südstaaten  nicht  Bundesglieder,  aber  bereits  nach  dem  alten
        <pb n="480" />
        460  Innere  Entwicklung.

Ausdruck  Bundesverwandte,  nach  ihren  Schutz=  und  Trutzbündnissen
  mit  Preußen,  und  nach  der  bereits  angekündigten
Neugestaltung  des  Zollvereins.  Freydorf  hatte  Recht,  die
Naturnothwendigkeit  der  Dinge  mußte  hier  sich  unwiderstehlich
die  Bahn  brechen,  wenn  nicht  schon  vorher  ein  unberechenbares
  Ereigniß  die  Schranken  zerrisse.  In  wie  kurzer  Frist
ein  solches  eintreten  würde,  vermochte  damals  noch  niemand
zu  ermessen.  Aber  an  der  Gewißheit  des  endlichen  Ergebnisses
bestand  auf  deutschem  Boden  kein  Zweifel  mehr.

Wir  dürfen  es  aussprechen:  im  Herbste  des  Jahres  1866
war  das  deutsche  Reich  gegründet.

Über  drei  Viertel  seiner  Landschaften  waltete  eine  zunächst
  im  Heerwesen  thätige  Regierung,  geleitet  durch  die
feste  Hand  König  Wilhelm's,  berathen  durch  die  Vertreter  der
norddeutschen  Fürsten,  anerkannt  durch  alle  Mächte  Europas.
Die  Eröffnung  des  Parlaments,  welches  gemeinschaftlich  mit
dieser  Regierung  die  nähern  Bestimmungen  über  die  Grenzen
der  Bundesgewalt  gegenüber  den  Einzelstaaten,  sowie  über  die
Rechte  des  künftigen  Reichstags  bei  Gesetzgebung  und  Finanz
des  Bundes  beschließen  sollte,  stand  in  kurzer  Frist  bevor.
Mochten  die  Fortschrittsmänner  im  Norden  und  die  Demokraten
  im  Süden  noch  schwere  Bedenken  über  den  Ausfall
des  Verfassungswerkes  hegen:  durch  den  bisherigen  Gang
der  Dinge  und  durch  den  Bundesvertrag  vom  18.  August
waren  die  wesentlichen  Elemente  desselben  unwiderruflich  gesichert.
  Zunächst  stand  fest,  daß  die  Competenz  der  künftigen
Bundesgewalt  im  Allgemcinen  dieselbe  sein  sollte,  wie  in  der
Reichsverfassung  von  1849;  immer  aber  ging  die  Absicht
der  preußischen  Regierung  dahin,  die  dort  der  Reichsgewalt
verliehene  Befugniß  zu  mannigfaltigen  Eingriffen  in  die
        <pb n="481" />
        Lage  Deutschlands.  461

innere  Verwaltung  der  Einzelstaaten,  erheblich  einzuschränken.
Für  die  Reichsgesetzgebung  würde  der  Reichstag  nicht  aus
zwei,  sondern  nur  aus  einem  Hause  bestehen,  dieses  aber
nach  dem  1849  erlassenen  demokratischen  Wahlgesetze  gewählt
werden.  Jedes  Gesetz  würde  der  Zustimmung  sowohl  der
Bundesregierung  als  des  Reichstags  bedürfen;  von  dem
suspensiven  Veto  von  1849,  wie  von  dem  liberum  veto
im  alten  Bundestage  war  keine  Rede  mehr.  Der  tiefstgreifende
Unterschied  aber  zwischen  1849  und  1866  bestand  in  der
Gestaltung  der  Reichsregierung:  dort  ein  constitutioneller
Erbkaiser  mit  verantwortlichen  Ministern,  unter  völliger  Ausschließung
  der  deutschen  Fürsten,  hier  die  Gesammtheit  dieser
Fürsten  in  einem  dem  alten  Bundestage  nachgebildeten
Bundesrathe  mit  Ausschüssen  für  die  einzelnen  Verwaltungszweige,
  unter  dem  Präsidium  des  Königs  von  Preußen,
welcher  durch  die  ihm  ein  für  alle  Male  übertragene  Leitung
der  auswärtigen  Politik,  des  Heeres  und  der  Marine  eine
überragende  Stellung  einnahm,  sonst  aber  im  Bundesrathe,
trotz  einer  Verstärkung  seines  Stimmrechts  wie  jeder  andere
Fürst  durch  eine  Mehrheit  überstimmt  werden  konnte.

Einst  hatte  die  Nationalversammlung,  durch  eine  volksthümliche
  Freiheitsbewegung  emporgetragen,  ihr  Werk  mit
der  Zertrümmerung  der  alten  Bundesgewalt  begonnen  und
dann  auf  dem  freigewordenen  Boden  eine  monarchische
Reichsregierung  zu  bilden  versucht,  wodurch  sie  einerseits  die
Fürsten  auf  das  Tiefste  verletzte,  andrerseits  die  demokratischen
Parteien  zu  feindlicher  Stellung  bestimmte.  Sie  hatte  übersehen,
  wie  oft  in  Deutschland  neben  einem  idealen  Vorwärtsstreben
  die  feste  Anhänglichkeit  an  die  hergebrachten
Lebenszustände  lebendig  bleibt.  Die  deutsche  Einheit  war
        <pb n="482" />
        462  Innere  Entwicklung.

damals  das  mit  schallendem  Jubel  begrüßte  Ideal,  der
Particularismus  aber  wurzelte  mit  tausend  Fasern  in  dem
gewohnten  realen  Dasein.  Die  Nationalversammlung  unterschätzte
  seine  Kraft  und  das  Maaß  seines  Rechts,  und  fand
die  Formel  nicht,  ihn  mit  dem  großen  nationalen  Fortschritt
zu  versöhnen.

Im  Gegensatz  zu  dem  Allem  war  die  preußische  Regierung
  seit  1865  langsam,  Schritt  auf  Schritt,  durch  die
Verhältnisse  gedrängt,  dem  Gedanken,  nicht  des  Umsturzes,
sondern  der  Reform  des  alten  Bundes  näher  getreten.  König
Wilhelm  fand  es  im  Widerspruch  mit  der  Natur  der  Dinge,
daß  im  Bundestage  Preußen  rechtlich  nicht  schwerer  wog  als
Darmstadt,  und  von  dem  österreichischen  Präsidium  überschattet
wurde.  Er  beklagte  die  thatsächlichen  Verhältnisse,  welche
dem  einzigen  Organ  der  nationalen  Gesammtheit,  dem  Bundestage,
  jede  Möglichkeit  gemeinnütziger  Wirksamkeit  entzogen.  Er
war  endlich  entrüstet  über  die  elende  Bundeskriegsverfassung,
welche  den  Schutz  gegen  Außen  zu  einer  selbstmörderischen
Täuschung  machte.  Er  entschloß  sich,  für  diese  Ubelstände
Abhülfe  zu  schaffen,  sonst  aber  an  die  Unabhängigkeit  der
Einzelstaaten  und  an  die  Rechte  seiner  Mitfürsten  im  Bunde
nicht  zu  rühren.  Nachdem  er  durch  einen  Siegeslauf  ohne
Gleichen  die  Quelle  aller  Übelstände,  den  Antagonismus
zweicer  Großmächte  im  Bunde,  aus  dem  Wege  geräumt,  beharrte
  er  unwandelbar  innerhalb  der  selbstgezogenen  Schranken,
und  der  Bundesvertrag  vom  16.  August  wiederholte  lediglich
den  preußischen  Antrag  vom  10.  Juni.  So  gelang  seiner
Einsicht  und  seiner  Mäßigung,  was  die  Nationalversammlung
nicht  vermocht  hatte:  berathen  von  seinem  großen  Minister,
sond  er  den  Boden  für  ein  stabiles  Gleichgewicht  des  Ideals
        <pb n="483" />
        Das  deutsche  Reich  ist  gegründet.  463

und  der  Realität,  der  Einheit  und  des  Sonderthums.  Damit
erschuf  er  ein  Werk,  zunächst  von  geringerem  Glanze  als  das
von  1849,  aber  mit  allen  Aussichten  auf  festgegründete
Dauer.  Die  seitdem  gemachten  Erfahrungen  haben  die  Weisheit
  seiner  Grundsätze  in  jeder  Hinsicht  bestätigt.

Als  in  der  Zeit  vor  den  Friedensconferenzen  alle  Entschließungen
  über  Deutschlands  Zukunft  noch  flüssig  und  unbestimmt
  erschienen,  sprach  der  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm,
welcher  überhaupt  eine  höhere  Machtstellung  des  künftigen
Reichsoberhaupts  als  der  König  im  Sinne  trug,  die  Ansicht
aus,  sein  Vater  müsse  die  Würde  eines  Königs  von  Deutschland
  erhalten.  Bismarck  erinnerte  dagegen,  es  gebe  noch
andere  Könige  in  Deutschland,  von  Hannover,  von  Sachsen
u.  s.  w.  Diese  werden  dann,  war  die  Antwort,  wieder  den
Herzogtitel  annehmen.  „Aber  sie  werden  das  nicht  wollen.“
Sie  werden  mülssen,  rief  der  hohe  Herr.  Nach  dem  weitern
Verlaufe  der  Ereignisse  gab  er  dieses  System  freilich  auf,
äußerte  dann  aber  Anfang  1867,  der  König  möge  sich  den
deutschen  Kaisertitel  beilegen.  Denn  dem  Volke  gebe  der  Titel
eines  Bundespräsidenten  kein  ergreifendes  Bild;  die  Erneuerung
  der  Kaiserwürde  aber  werde  ihm  die  erlangte  Einheit
anschaulich  verkörpert  zeigen,  und  die  Erinnerung  an  des
Reiches  alte  Macht  und  Größe  alle  Herzen  entflammen.  Der
Gedanke  an  sich  war,  wie  wir  es  erlebt  haben  und  fortdauernd
  erleben,  vollkommen  richtig.  Aber  offenbar  war  er
damals  verfrüht:  ein  norddeutsches  Kaiserthum  hätte  im  Norden
keine  Begeisterung  erweckt,  und  im  Süden  die  Vollendung
des  nationalen  Werkes  erschwert.  König  Wilhelm  wies  den
Vorschlag  kurz  und  bestimmt  zurück:  in  seiner  schlichten  Weise
wollte  er  nichts  sein,  als  Bundesfeldherr  und  der  Erste
        <pb n="484" />
        464  Innere  Entwicklung.

unter  seines  Gleichen.  Er  ist  es  auch  geblieben,  nachdem  er
vier  Jahre  später,  bei  dem  Eintritt  der  Südstaaten,  auf
Bayerns  Antrag  nach  Beschluß  der  Fürsten  und  des  Reichstags,
  die  Annahme  der  Kaiserkrone  genehmigt  hatte.
        <pb n="485" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
