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        <title>Persönliche Erinnerungen an den Fürsten Bismarck.</title>
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            <forname>Christoph von</forname>
            <surname>Tiedemann</surname>
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            <idno>tiedemann_bismarck_1898</idno>
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        Persönliche  Erinnerungen

Fürsten  Bismarrh.
Vortrag

gehalten  in  der  Historischen  Gesellschaft  für  den  Metze-Distrikt
in  Bromberg  am  18.  Uovember  1897

von

Christoph  von  Tiedemann.

Mit  einem  Facsimile.

Leipzig
Verlag  von  S.  Hirzel
1898.
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        —**  Otto  von  Bismarck  °.//9.

*§/%  (Reden  aus  großer  Zeit)  J  7
#  *  Unter  vorstehendem  Titel  hat  Eugen  Kalkschmidt

eine  neue  Auswahl  der  Meisterreden  des  großen  Staats=¬mannes

  (Einhorn=Verlag  München  und  Leipzig  1907)  erscheinen
  lassen.  Der  erste  Band  (der  zweite  soll  erst  später
zur  Ausgabe  gelangen)  umfaßt  die  Zeit  von  1847  bis  1873.
Er  soll  den  nationalen  Schatz  an  staatsmännischer  Lebensarbeit,
  der  in  Bismarcks  Reden  ruht,  wiederum  ins  helle
Licht  des  Tages  rücken  und  dartun,  daß  der  alte  und
feurige  Glanz  dieses  Goldes  noch  unverwüstlich  leuchtet.

Wir  sollen  uns  erinnern,  wie  jene  Aussprüche  entstanden

sind,  die,  was  die  großen  nationalen  Fragen  betrifft,  noch
heute  aktuellen  Wert  haben.  Darum  ist  auch  die  Auswahl.
nicht  in  irgendeinem  Parteisinne  getroffen,  der  dies  betont
und  jenes  verschweigt,  der  Verfasser  bemüht  sich  vielmehr
jede  irgendwie  über  den  Augenblick  hinaus  bedeutsame
Außerung  sozusagen  mit  ihren  Wurzeln  und  dem
Erdreich  daran  emporzuheben.  Besonderes  Interesse
verdienen  die  Reden  aus  der  Zeit  des  preußischen  Verfassungskonflikts
  sowie  die  Außerungen  über  die  polnische
und  schleswig=holsteinische  Frage.  Auf  die  Bemerkung

eines  Herrenhausmitgliedes,  die  polnische  Bewegung

(1863)  richte  sich  nur  gegen  Rußland,  antwortete  Bismarck:
„Selbst  dann,  wenn  unsere  Provinzen  nicht  in  Gefahr
wären,  —  so  haben  wir  an  und  für  sich  das  politische,  ja
ich  darf  sagen  das  soziale  und  das  sittliche  Interesse,
  daß  diese  Bewegung  in  Rußland  und  im  Königreiche
Polen  nicht  zum  Sieg  gelange.  Schon  eine  regelmäßige
  polnische  Regierung  mit  Streben  nach
Erweiterung  ihrer  Herrschaft  bis  zu  den  Grenzen
des  früheren  polnischen  Landes,  als  Nachbarin
Preußens,  wäre  an  sich  schon  eine  wesentliche  Gefahr  für
unsere  Monarchie,  eine  Gefahr,  mit  welcher  in  jedem
Kriegsfalle  gerechnet  werden  müßte,  eine  Gefahr,
welche  einen  erheblichen  Teil  unserer  Truppen  absorbieren

und  an  anderen  Stellen  unverwendbar  machen  würde.
Aber  eine  Bewegung,  deren  Leiter  die  unerhörtesten

Verbrechen  als  regelmäßige  politische  Mittel

in  ihren  Kodex  aufgenommen  haben,  welche  der

Sittlichkeit  bis  zur  Apotheose  des  Meuchelmordes
den  Rücken  gedeckt  hat,  eine  solche  Partei  in  keinem  uns
benachbarten  Lande  zur  Herrschaft  gelangen  zu  lassen,
daran  hat  die  preußische  Regierung  das  lebhafteste  Interesse.“

In  der  schleswig=holsteinischen  Frage  war  Bismarck
bekanntlich  im  Gegensatz  zu  der  liberalen  Mehrheit  des
preußischen  Abgeordnetenhauses  gegen  die  Schaffung
eines  neuen  Kleinstaates.  Ein  Abgeordneter  vertrat
  die  Meinung,  daß  die  kleinen  Staaten,  also  auch  das

neu  zu  schaffende,  sich  an  Preußen  anlehnen.  Darauf  erwiderte

  Bismarck:  „Die  Geschichte  lehrt  das  Gegenteil;
die  kleineren,  ausgehend  von  der  Bregenzer  Koalition
lam  11.  Oktober  1850  hatten  in  Bregenz  Kaiser  Franz
Josef  und  die  Könige  von  Bayern  und  Württemberg  die

gemeinsame  Politik  gegen  die  preußischen  Unionsbestreungen
  vereinbart),  haben  sich  an  Österreich  angelehnt.

Gegen  diese  durch  die  nationale  Besorgnis  der  Kleinstaaten
  für  ihre  Souperänität  hervorgebrachte  Stellung
        <pb n="4" />
        boben  wir  zwölf  Jahre  am  Bunde  zu  kämpfen  gehabt,  ich
abe  lange  genug  an  diesen  Kämpfen  persönlich  teilgenommen,
  um  ihre  nachteiligen  Wirkungen  würdigen
u  können  ...  Gerade  die  Regierungen,  die  wir  in  dem
alle  waren  zu  stützen,  sind  als  unsere  schärfsten  Gegner
aufgetreten,  und  wenn  Sie  sich  einen  neuen  schleswig=hol¬Frluischen
  Staat  denken,  so  würde  der  uns  wenig  helfen
Fonnen.
4  Am  1.  Juli  1865  standen  im  preußischen  Abgeordnetenhause
  die  Forderungen  für  den  Ausbau  von
Kriegshäfen  der  Kieler  Bucht  und  an  der  Jahde,  sowie
für  die  Anschaffung  von  Kriogsschiffen  auf  der  Tagesordnung.
  Dieselben  Herren,  die  wenige  Jahre  früher  sich
für  die  Sammlungen  des  Nationalvereins  für  die  Flotte
erwärmt  hatten,  meinten  nun,  Preußen  könne  die  Lasten
nicht  tragen,  man  möge  sich  zunächst  mit  den  anderen
kleinen  Staaten  über  die  Mithilfe  verständigen.  Wie  die
Dinge  damals  lagen,  kam  diese  Forderung,  wenn  sie
angenommen  worden  wäre,  einer  Vertagung  ad
calendas  graecas  gleich,  und  inzwischen  wäre  der  preußh#ische,
  beziehungsweise  der  deutsche  Handel  nicht  genügend
geschützt  gewesen.  Bismarck  antwortete  daher:  „Sehr
schwierig  ist  es,  ein  freiwilliges  Abkommen  mit  jemanden
zu  treffen,  das  ihm  Lasten  auferlegt,  wenn  man  diesen
emand  nicht  zwingen,  ihm  keine  Gewalt  antun
darf.  Wir  sollen  also  nur  gutmütige  Uberredung  anwenden,
  die  gemeinsamen  Interessen  auseinandersetzen,
damit  die  Leute  mehr  geben  als  bisher.  Es  steht  dem
entgegen,  daß  im  allgemeinen  in  Deutschland  partikulare
  Interessen  stärker  sind,  als  der  Gemeininn.
  Es  steht  dem  entgegen,  daß  im  allgemeinen  die
xistenz  auf  der  Basis  der  Phäaken  bequemer  ist,  als  auf
der  Basis  der  Spartaner.  Man  läßt  sich  gern  schützen,
aber  zahlt  nicht  gern,  und  am  allerwenigsten  gibt  man
das  geringfügigste  Hoheitsrecht  zum  Besten  der  allgemeinen
Interessen  auf  .  .  .  Ich  hätte  wirklich  nicht  geglaubt,  daß
er  maritime  Ehrgeis  der  preußischen  liberalen  Pa-lei  so
weit  reduziert  sei.“  »

Zum  Schlusse  noch  ein  Satz  Bismarcks  über  die  unfruchtbare,
  ablehnende  Haltung  seiner  Gegner,  über  die
„impotente  Negative“,  die  in  gewisser  Hinsicht  an  die
Zeit  vor  der  Auflösung  des  letzten  Reichstages  erinnert.
Es  war  zurzeit,  wo  sich  die  Dinge,  die  zum  Krieg  von
1866  führten,  immer  mehr  zuspitzten  und  das  preußische
Abgeordnetenhaus  die  Vorbereitung  zur  DTurchführung
großer  nationaler  Aufgaben  durch  kleine  doktrinäre  Beenken
  hemmte,  als  Bismarck  ausrief:  „Ich  kann  doch
nicht  leugnen,  daß  es  mir  einen  peinlichen  Eindruck  macht,
wenn  ich  sehe,  daß  angesichts  einer  großen  nationalen
  Frage,  die  seit  20  Jahren  die  öffentliche  Meinung
beschäftigt  hat,  diejenige  Versammlung,  die  in  Europa  für
die  Konzentration  der  Intelligenz  und  des  Patriotismus
in  Preußen  gilt,  zu  keiner  anderen  Haltung  als  zu  einer
impotenten  Negative  sich  erheben  kann.

Das  Buch  von  Kalkschmidt,  dem  auch  ein  Bild  Bismarcks
  aus  dem  Jahre  1866  beigefügt  ist,  enthält  noch  eine
Fülle  interessanter  Reden  und  Aussprüche,  so  daß  wir  ihm
die  größte  Verbreitung  wünschen  müssen.  *  „  *

—*
        <pb n="5" />
        Vorbemerkung.

Dieser  Vortrag  war  ursprünglich  nur  für  die  Mit—
glieder  der  Historischen  Gesellschaft  in  Bromberg  bestimmt.
Ich  habe  mich  entschlossen,  ihn  der  Oeffentlichkeit  zu  über—
geben,  nachdem  sich  die  Tagespresse  auf  Grund  von
Zeitungsreferaten,  die  selbstverständlich  nur  einige  flüchtig
herausgegriffene  Einzelheiten  mittheilen  konnten,  wieder—
holt  mit  ihm  beschäftigt  hat.

Der  Vortrag  wurde  völlig  frei  gehalten,  aber  von
zwei  Stenographen  nachgeschrieben.  Bei  der  Korrektur
des  Stenogramms  sind  einige  nicht  unwesentliche  Zusätze
gemacht  worden.

Bromberg,  Dezember  1897.
C.  v.  T.
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        <pb n="7" />
        —Cenn  ich  zur  Einlösung  eines  alten  der  Historischen
1  Gesellschaft  gegebenen  Versprechens  heute  den  Versuch
  mache,  aus  meinen  persönlichen  Erinnerungen  an  die
Zeit,  wo  ich  an  der  Spitze  der  Reichskanzlei  stand,  Einiges
mitzutheilen,  so  bitte  ich  im  Voraus,  Ihre  Erwartungen  nicht
zu  hoch  zu  spannen.  Sie  werden  nichts  wesentlich  Neues,
Sensationelles  erfahren,  ich  werde  nichts  „enthüllen",  was
noch  durch  den  Schleier  des  Amtsgeheimnisses  gedeckt  ist,
ich  werde  die  Diskretion  nicht  verletzen,  die  Jeder  sich  auferlegen
  muß,  der  in  einem  fremden  Hause  gelebt  hat,  als
gehöre  er  zur  Familie.  Meine  Mittheilungen  werden  nur
die  Oberfläche  der  Dinge  streifen  —  kleine  Züge  aus  dem
Geschäftsbetriebe  der  Reichskanzlei  und  dem  Leben  im
Bismarck'schen  Hause  —,  sie  wollen  —  das  betone  ich  ausdrücklich
  —  nichts  sein,  als  eine  Plauderei  im  Freundeskreise.

Bei  dieser  Behandlung  der  Sache  bin  ich  genöthigt,
mein  liebes  Ich  etwas  in  den  Vordergrund  zu  stellen  und
viel  von  mir  selbst  zu  reden.  Ich  bedaure  das  aufrichtig,
es  läßt  sich  aber  nicht  wohl  ändern.  Ebensowenig  läßt
sich  vermeiden,  daß  ich  vielleicht  Manches  erzähle,  was

Erinnerungen  an  Bismarck.  1
        <pb n="8" />
        2

Ihnen  als  zu  kleinliches  Detail  erscheint.  Möglicherweise
dient  es  aber  doch  zur  Charakteristik  des  großen  Staatsmanns,
  dessen  Persönlichkeit  der  Mittelpunkt  meiner  Mittheilungen
  sein  wird.

Nach  dieser  kleinen  captatio  benevolentiae  bitte  ich
ohne  Weiteres  zur  Sache  kommen  zu  dürfen.

Es  war  am  18.  Januar  des  Jahres  1875,  als  ich
Vormittags  ein  Billet  erhielt,  in  dem  ich  ersucht  wurde,
mich  zum  Zweck  einer  vertraulichen  Besprechung  um  9  Uhr
Abends  in  der  Wohnung  des  Reichskanzlers  Fürsten
Bismarck  einzufinden.

Irch  war  damals  als  Mitglied  des  Abgeordnetenhauses
in  Berlin.  In  meinem  Civil-Verhältniß  war  ich  Landrath
des  Kreises  Mettmann  in  der  Rheinprovinz.

Ich  hatte  keine  Ahnung,  um  was  es  sich  handeln
könne,  und  begab  mich  daher  mit  einiger  Spannung  in
das  alte  Dienstgebäude  des  Reichskanzlers,  das  jetzige  auswärtige
  Amt,  wo  ich  wenige  Minuten  vor  9  eintraf.  Daß
es  mit  großer  Präzision  in  diesem  Hause  zugehe,  konnte
ich  gleich  hier  konstatiren,  denn  der  Kanzleidiener  im  Vorzimmer,
  dem  ich  meinen  Namen  nannte,  erklärte,  mich  noch
nicht  melden  zu  dürfen,  da  ich  erst  um  9  Uhr  erwartet  werde.

Mit  dem  Glockenschlage  verschwand  er  im  Arbeitszimmer
  des  Fürsten  und  im  nächsten  Momente  stand  ich
dort  dem  mächtigen  Kanzler  des  Deutschen  Reiches  gegenüber,
  mächtig  nicht  nur  durch  die  Gewalt  seines  Namens
und  seiner  Thaten,  mächtig  auch  im  physischen  Sinne  des
Wortes  —  an  Haupt  und  Gliedern.

Der  Fürst  reichte  mir  die  Hand  und  fragte,  ob  ich
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        3

 

rauche.  Nachdem  ich  dies  freudig  bejaht,  präsentirte  er  mir
Cigarren,  zündete  sich  selbst  eine  lange  Pfeife  an  und  bat
mich,  ihm  gegenüber  Platz  zu  nehmen.  —  Inzwischen  hatte
„Sultan“,  der  erste  „Reichshund“  —  nicht  zu  verwechseln
mit  „Tyras"“,  dem  zweiten  —  seine  Lagerstätte  am  Ofen
verlassen,  hatte  mißtrauisch  meine  Beinkleider  berochen  und
sich  dann,  sichtlich  befriedigt  über  die  Eindrücke,  die  er
empfangen,  auf  seinen  Platz  zurückbegeben.

Der  Fürst,  indem  er  seiner  Pfeife  dichte  Rauchwolken
entlockte,  theilte  mir  nun  mit,  weshalb  er  mich  habe  rufen
lassen.  Der  damalige  Minister  des  Innern,  Graf  Eulenburg
  der  Aeltere,  hatte  zum  Zweck  der  Fortführung
der  Selbstverwaltungsorganisation  dem  Staatsministerium
eine  neue  Kreis-Ordnung  für  die  Rheinrovinz  vorgelegt.
Die  meisten  Minister  hatten  dafür  votirt,  daß  sie  im
Landtage  eingebracht  werde;  auch  Fürst  Bismarck  war
nicht  abgeneigt  gewesen,  dem  Wunsche  der  Majorität  zu
entsprechen.  Da  hatte  er  einen  Brief  von  Heinrich  von
Sybel,  dem  berühmten  Historiker,  erhalten,  der  ihn  mit
beweglichen  Worten  beschwor,  ein  Veto  gegen  die  Einbringung
  der  Vorlage  einzulegen,  da  diese,  seiner  Meinung
nach,  nur  den  Effekt  haben  würde,  den  Einfluß  der  Ultramontanen
  in  der  Rheinprovinz  zu  stärken.  Der  Fürst,
damals  mitten  im  Kulturkampfe  stehend,  war  stutzig  geworden.
  Er  hatte  sich  eine  Liste  der  rheinischen  Abgeordneten
  geben  lassen,  um  sich  durch  vertrauliche  Besprechungen
  mit  einigen  von  ihnen  über  die  rheinischen  Verhältnisse
  näher  zu  informiren.  Er  hatte  meinen  Namen
gefunden,  hatte  gesehen,  daß  ich  Landrath  und  Mitglied

1
        <pb n="10" />
        4

 

der  freikonservativen  Fraktion  sei,  und  hatte  nun  geglaubt,
daß  ich  ihm  am  ehesten  reinen  Wein  einschenken  werde.

Seine  Frage,  ob  ich  hierzu  gewillt  und  in  der  Lage
sei,  konnte  ich  denn  auch  mit  gutem  Gewissen  um  so  mehr
bejahen,  als  ich  zu  den  Landräthen  gehört  hatte,  die  über
die  einzelnen  Bestimmungen  der  Kreis-Ordnung  gutachtlich
gehört  worden  waren.

Ich  entwickelte  hierauf  mit  möglichster  Kürze  und  Präzision
  meine  Ansicht  dahin,  daß  die  Sybelschen  Befürchtungen
  übertrieben  seien  und  daß  unter  gewissen  näher  von
mir  bezeichneten  Kautelen  die  Einführung  der  Kreis-Ordnung
ohne  Gefährdung  der  staatlichen  Interessen  erfolgen  könne.

Die  Unterredung  streifte  dann  noch  einige  andere
Punkte,  namentlich  die  Verwaltung  der  Schulangelegenheiten
  bei  den  Regierungen,  denen  der  Fürst  bureaukratische
  Kurzsichtigkeit  und  Unkenntniß  der  ländlichen  Verhältnisse
  zum  Vorwurf  machte.  Sie  berührte  auch  meine
persönlichen  Verhältnisse,  nach  denen  sich  der  Fürst  eingehend
  erkundigte.

Um  ¼  auf  11  verließ  ich  die  Wohnung  des  Fürsten
in  einigermaßen  gehobener  Stimmung,  denn  es  war  für
mich  ein  außerordentliches  Ereigniß,  einem  Manne  wie
ihm,  Aug  in  Aug  gegenüber  gestanden  zu  haben.  Daß
dieser  Tag  einen  Wendepunkt  in  meinem  Leben  bedeute,
ahnte  mir  freilich  nicht.

Wenige  Tage  später  erhielt  ich  eine  Einladung  zum
Diner  im  Bismarck'schen  Hause  und  traf  dort  nur  die
Familie,  den  Grafen  Lehndorff,  Flügel-Adjutanten  des
Kaisers  und  Heinrich  von  Sybel.
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Ich  hatte  hier  zum  ersten  Male  Gelegenheit,  die  eigenthümliche,
  wunderbar  bestechende  Art  der  Causerie  kennen
zu  lernen,  mit  der  der  Fürst  die  Unterhaltung  bei  Tische
beherrschte.  Er  liebte  es,  im  ungezwungensten  Tone  scheinbare
  Paradoxa  aufzustellen,  hinter  denen  sich  aber  fast
immer  eine  tiefe  Wahrheit  verbarg.  An  diesem  Tage
variirte  er  unter  Anderem  das  alte  Thema  von  Liebe  und
Haß.  Er  behauptete,  Goethe  habe  Unrecht  gehabt,  wenn
er  gemeint,  nur  die  Liebe  verschönere  das  Leben.  Der
Haß  thue  dieselben  Dienste,  er  sei  ein  eben  so  großer
Lebenserhalter,  wie  die  Liebe.  „Mir  sind  unentbehrlich:
für  die  Liebe  meine  Frau,  für  den  Haß  —  Windthorst."
Später  sprach  er  von  den  Staatskrankheiten,  namentlich
der  „Laskerei“,  die  in  ihrem  verbohrten  liberalen  Doctrinarismus
  immer  Zweck  und  Mittel,  Reden  und  Handeln
verwechsle  und  schließlich  zur  Auflösung  des  Staatsgedankens
  führen  müsse,  der  mit  keiner  Parteischablone  zu
vereinigen  sei.

Nachdem  wir  den  Kaffee  getrunken  und  unsere  Cigarren
geraucht  hatten,  bat  der  Fürst  Sybel  und  mich,  ihm  in
sein  Arbeitszimmer  zu  folgen  und  hier  entspann  sich  nun
ein  lebhaftes  Rede-Duell  zwischen  uns  beiden,  bei  dem  der
Fürst  die  Rolle  des  Unparteiischen  spielte.  Sybel  bot  alle
Künste  seiner  scharfen  Dialektik  auf,  um  den  Fürsten  gegen
die  rheinische  Kreis-Ordnung  einzunehmen,  ich  war  ihr
warmer  Vertheidiger.  In  einigen  anderen  Fragen,  namentlich
  hinsichtlich  der  Gestaltung  der  Provinzialbehörden,
fand  eine  nicht  unerwünschte  Uebereinstimmung  statt.  Erst
gegen  Mitternacht  brachen  wir  auf,  nachdem  der  Fürst  uns
        <pb n="12" />
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versichert  hatte,  er  werde  unsere  einander  gegenüberstehenden
Ansichten  einer  eingehenden  objektiven  Erwägung  unterziehen.

Im  weiteren  Laufe  der  Landtagssession  wurde  ich
dann  noch  einige  Male  zu  Tische  eingeladen,  hatte  auch
noch  eine  längere  Unterredung  mit  dem  Fürsten  über  die
Schulverhältnisse  der  Rheinprovinz,  welche  zur  Folge  hatte,
daß  ich  eine  Denkschrift  ausarbeiten  mußte,  die  später  dem
Staatsministerium  vorgelegt  wurde.  Dann  reiste  ich  nach
Hause  zurück.

Bei  meinem  Wiedereintreffen  in  Berlin  im  Januar
des  nächsten  Jahres,  einige  Tage  nach  Eröffnung  der
Landtagssession,  fand  ich  in  meinem  Hotel  eine  Karte  von
Lothar  Bucher  vor,  mit  dem  Vermerk,  er  habe  schon
mehrere  Male  den  Versuch  gemacht,  mich  zu  treffen.  Als
ich  ihn  in  Folge  dessen  sofort  aufsuchte,  erfuhr  ich,  daß
Fürst  Bismarck  die  Absicht  habe,  mich  vorläufig  als  Hülfsarbeiter
  und  demnächst  als  vortragenden  Rath  ins  Staatsministerium
  zu  berufen.

Diese  Nachricht  war  mir  in  hohem  Grade  willkommen.
Verschiedene  kleine  Differenzen  mit  der  Königlichen  Regierung
  zu  Düsseldorf,  die  sich  mehr  oder  weniger  persönlich
zugespitzt  hatten,  ließen  es  mir  wünschenswerth  erscheinen,
mein  Amt  als  Landrath  des  Kreises  Mettmann  aufzugeben.
  Bevor  ich  jedoch  den  mir  gemachten  Antrag  annahm,
  hielt  ich  es  für  meine  Pflicht,  den  Fürsten  von
jenen  Differenzen  in  Kenntniß  zu  setzen.  Er  ließ  sich  die
Akten  der  Düsseldorfer  Regierung  kommen  und  nachdem
er  sie  durchgesehen,  verfügte  er  meine  Einberufung.

Als  ich  mich  am  Tage  darauf  beim  Minister  des
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        7

–..  —  —  —  —  —

Innern,  Grafen  zu  Eulenburg  abmeldete,  gab  mir  dieser
einen  eigenthümlichen  Rath.  „Der  Fürst  Bismarck“,  so
sagte  er  etwa,  „hat  die  Absicht,  Sie  gewissermaßen  als
persönlichen  Adjutanten  zu  verwenden.  Ich  kenne  ihn  seit
14  Jahren  und  weiß,  daß  es  nicht  ganz  leicht  ist,  dienstlich
mit  ihm  zu  verkehren,  daß  er  namentlich  Widerspruch
schwer  erträgt.  Sind  Sie  einmal  anderer  Ansicht,  als
er,  so  hüten  Sie  sich,  ihm  sofort  zu  widersprechen.  Thun
Sie  das,  dann  findet  er,  leicht  erregbar,  wie  er  ist,  so
niederschmetternde  Gründe  für  seine  Ansicht  und  verbeißt
sich  so  fest  in  diese,  daß  keine  Macht  der  Erde  ihn  je
wieder  davon  abbringen  wird.  Kommen  Sie  dagegen
nach  einer  Stunde  wieder  und  sagen:  Ich  habe  die  Sache
zu  erledigen  versucht,  dabei  sind  mir  jedoch  die  und  die
Bedenken  aufgestiegen,  dann  werden  Sie  finden,  daß  Fürst
Bismarck  vorurtheilsfrei  genug  ist,  jede  andere  Ansicht  zu
hören,  zu  würdigen  und  eventuell  zu  acceptiren.“  Ich
bin  dem  Grafen  Eulenburg  für  diesen  Rath  außerordentlich
dankbar  gewesen;  er  hat  sich  gut  bewährt.

Für  die  zwangslose  unbureaukratische  Art,  in  der
Fürst  Bismarck  auch  die  Geschäfte  zu  erledigen  pflegte,
war  es  übrigens  charakteristisch,  daß  ich  an  demselben  Tage
auf  meine  dienstliche  Anfrage,  wann  ich  mich  bei  ihm  melden
  könne,  als  Antwort  eine  Einladung  zum  Diner  erhielt.

Im  Sommer  des  Jahres  1876  hatte  ich  nur  wenig
Gelegenheit,  dem  Fürsten  Vorträge  zu  halten.  Dann
reiste  er  ab  nach  Varzin  und  Lothar  Bucher  begleitete  ihn,
wie  gewöhnlich.  Einige  Wochen  später  traf  meine  Ernennung
  zum  Geheimen  Regierungsrath  ein  und  kurze
        <pb n="14" />
        8

 

Zeit  darauf  erhielt  ich  von  Bucher  einen  Brief,  in  dem
ich  gebeten  wurde,  schleunigst  nach  Varzin  zu  kommen.
Ich  reiste  am  nächsten  Morgen  ab  und  traf  unterwegs
im  Eisenbahnzuge  den  jetzigen  Reichskanzler  Fürsten
Hohenlohe,  damals  Botschafter  in  Paris,  der  sich  ebenfalls
auf  dem  Wege  nach  Varzin  befand.  Wir  machten  die
zweistündige  Fahrt  von  Schlawe  nach  Varzin  zusammen
im  offenen  Wagen  und  waren  beide  nicht  wenig  über—
rascht  durch  die  landschaftlichen  Schönheiten  Hinterpom—
merns,  wo  bewaldete  Hügel  und  Thäler  sich  malerisch
abwechseln  und  wo  es  Ausblicke  giebt,  die  an  Thüringen
erinnern.

Als  wir  in  den  Varziner  Schloßhof  einfuhren,  blies
der  Postillon,  Fürst  Bismarck  empfing  uns  in  der  Haus—
thür  und  führte  uns,  kaum  daß  wir  Zeit  hatten,  Hut  und
Paletot  abzulegen,  in  das  Speisezimmer,  wo  sofort  die
Suppe  aufgetragen  wurde.

Nach  dem  Diner  saßen  die  Bismarck'schen  Damen,
die  beiden  Fürsten  und  meine  bescheidene  Wenigkeit  noch
stundenlang  beim  Kaminfeuer  beisammen  und  ich  war  ein
sehr  aufmerksamer  Zuhörer,  als  Fürst  Hohenlohe,  der
direkt  von  Paris  kam,  über  französische  Zustände  eingehend
referirte  und  Fürst  Bismarck  hin  und  wieder  eine  launige
Bemerkung  dazwischen  warf.  Dann  wurden  von  den
Beiden  die  Leistungen  verschiedener  inländischer  und  aus—
ländischer  Diplomaten  einer  scharfen  Kritik  unterzogen  und
Fürst  Bismarck  erging  sich  in  Reminiscenzen  an  seine
Bundestagszeit.  Von  einem  österreichischen  Staatsmann,
der  in  jenen  Tagen  eine  einflußreiche  Rolle  gespielt,  be—
        <pb n="15" />
        9

 

hauptete  er  unter  anderm,  er  müsse  90  Jahre  alt  werden,
denn  er  sei  ein  Schurke  und  die  schurkische  Säure  „pickle“.

Am  nächsten  Morgen  besah  ich  mir  das  Varziner
Schloß  und  den  herrlichen,  dahinter  belegenen  Park,  der
terrassenförmig  ansteigt  und  auf  seiner  höchsten  Höhe  von
einem  kleinen  tempelartigen  Pavillon  gekrönt  wird.  Uralte
Buchen,  Linden,  Rüstern  bilden  die  Coulissen.  Als  ich  in
eine  Lichtung  hinaustrat,  begegnete  ich  dem  Fürsten  Bismarck,
  der,  von  seinem  Sultan  begleitet,  seinen  Morgenspaziergang
  machte  und  mich  aufforderte,  ihn  zu  begleiten.

Es  war  damals  die  Frage  des  Arbeiterschutzes  zuerst
in  Fluß  gekommen  und  im  preußischen  Handelsministerium
ein  Entwurf  ausgearbeitet  worden,  der  demnächst  als
Grundlage  für  die  Gesetzgebung  dienen  konnte.  Der  Fürst
war  mit  diesem  Entwurf  nur  in  wenigen  Punkten  einverstanden;
  er  hielt  ihn  für  viel  zu  weitgehend.  Auf  dem
Spaziergange  entwickelte  er  hierüber  seine  Ansichten  und
war  sichtlich  erfreut,  als  ich  ihm  aus  meiner  landräthlichen
Thätigkeit  einige  Beobachtungen  mittheilen  konnte,  die  mit
den  seinigen  durchaus  übereinstimmten.  Er  beauftragte
mich,  ein  Votum  an  das  Staatsministerium  aufzusetzen,
das  seinen  Standpunkt  klar  legte.

Ich  machte  mich  sofort  an  die  Arbeit  und  war  in  der
glücklichen  Lage,  ihm  noch  vor  dem  Diner  den  Entwurf
des  Votums  vorlegen  zu  können,  den  er  nur  mit  kleinen,
unwesentlichen  Abänderungen  zeichnete.

Als  ich  mich  am  Abend  verabschieden  wollte,  bat  er
mich,  noch  einige  Tage  zu  bleiben.  Wir  machten  am
anderen  Morgen  eine  Spazierfahrt  durch  den  Wald  und
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        10

 

Abends  spielte  ich  ihm  auf  Wunsch  der  Damen  einige
jener  schwermüthigen  russischen  und  nordischen  Volkslieder
vor,  die  er  später  so  oft  noch  zu  hören  verlangt  hat.
Kurz  nach  meiner  Rückkehr  nach  Berlin  vollzogen  sich
wesentliche  Veränderungen  im  Bureau  des  Staatsmini—
steriums.  Der  damalige  Unterstaatssekretär  nahm  seinen
Abschied,  und  mir,  obgleich  ich  der  jüngste  Geheime  Rath
war,  wurde  die  Verwaltung  der  Stelle  des  Unterstaatssekretärs
  übertragen.  Die  beiden  älteren  vortragenden
Räthe  meldeten  sich  in  Folge  dessen  krank  und  wurden
auf  ihren  Wunsch  demnächst  ebenfalls  verabschiedet,  so  daß
ich  auch  ihre  Dezernate  übernehmen  mußte.  Ich  habe
diese  Geschäfte  ein  volles  Jahr  hindurch  versehen  und
während  dieser  Zeit  in  sämmtlichen  Sitzungen  des  Staatsministeriums
  das  Protokoll  geführt.  Zweimal  hatte  ich
auch  das  Glück,  zu  Kronrathssitzungen  unter  dem  Vorsitze
des  Kaisers  als  Protokollführer  hinzugezogen  zu  werden.
Welche  Ansprüche  der  Fürst  an  seine  Umgebung  stellte,
davon  erlebte  ich  schon  in  diesem  Jahre  ein  paar  interessante
  Beispiele.  Eines  Morgens  fragte  er  mich,  ob  mir
die  etwas  verwickelten  Rechtsverhältnisse  des  Wolff'schen
Telegraphenbureaus  genauer  bekannt  wären.  Ich  konnte
mit  gutem  Gewissen  antworten,  ich  hätte  nicht  die  leiseste
Ahnung  davon.  „Dann“,  sagte  er,  „informiren  Sie  sich
bitte  und  legen  Sie  mir  eine  kleine  Denkschrift  über  die
Sache  vor.“  „Wann  befehlen  Euer  Durchlaucht  diese
Denkschrift?“  „Oh,  die  Sache  hat  keine  große  Eile.  Es
genügt,  wenn  ich  die  Denkschrift  morgen  Mittag  erhalte."
Mir  blieb  nichts  übrig,  als  die  Nacht  zu  Hilfe  zu  nehmen.
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        11

 

Als  ich  am  nächsten  Tage  mit  etwas  überwachtem  Gesicht,
aber  doch  mit  dem  Gefühle  eines  gewissen  Stolzes  auf
meine  Leistung  dem  Fürsten  die  Denkschrift  überreichte,
nahm  er  sie  entgegen,  als  wenn  sich  das  Alles  von  selbst
verstände.  Ihm  imponirte  so  etwas  nicht.

An  einen  anderen  Tag,  der  für  mich  wider  Erwarten
gut  verlief,  denke  ich  mit  besonderer  Genugthuung  zurück
und  ich  kann  mir  nicht  versagen,  ihn  etwas  ausführlicher
zu  schildern.  Im  Herrenhause  war  eine  Interpellation
vom  Grafen  Schulenburg-Beetzendorf  über  die  Verwendung
des  Welfenfonds  eingebracht.  Bei  dieser  Gelegenheit,  das
war  offenbar  die  Absicht,  sollte  nicht  nur  die  in  Hannover
befolgte,  sondern  überhaupt  die  ganze  innere  Politik  des
Fürsten  Bismarck  vom  Standpunkt  extrem  konservativer
Anschauung  aus  einer  scharfen  Kritik  unterzogen  und  gegen
ihn  persönlich  ein  Vorstoß  geführt  werden,  von  dessen
Gelingen  man  sich  eine  besondere  Wirkung  nach  oben  hin
versprach.  Der  Fürst  war  sehr  aufgebracht  über  die  In—
terpellation  und  erklärte  in  der  Sitzung  des  Staatsministeriums,
  wo  die  Sache  berathen  wurde:  „Ich  muß  frisch
von  der  Leber  wegsprechen  und  möchte  gern  so  grob  wie
möglich  werden,  ohne  doch  Injurien  zu  gebrauchen.“  Er
nannte  dem  Justizminister  verschiedene  Ausdrücke,  die  nicht
Albertis  Komplimentirbuch  entnommen  waren,  und  fragte,
ob  das  Injurien  seien.  Der  Justizminister  mußte  es  als
gewissenhafter  Mann  bejahen.  Nun  wurde  der  Fürst
ärgerlich  und  meinte,  dann  sei  es  besser,  er  antworte  gar
nicht  und  Camphausen,  der  Vice-Präsident  des  Staatsministeriums,
  übernehme  die  Beantwortung  der  Interpellation.
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        12

 

Am  Abend  vor  der  Sitzung  des  Herrenhauses,  auf
deren  Tages-Ordnung  die  Interpellation  gesetzt  war,  befand
ich  mich  in  einer  befreundeten  Familie.  Da  wurde  ich,  es
war  kurz  vor  Mitternacht,  zum  Fürsten  gerufen.  Er  sagte
mir,  es  sei  ihm  doch  fraglich  geworden,  ob  Camphausen
die  Interpellation  ganz  seinen  Wünschen  gemäß  beant—
worten  werde  und  ob  es  nicht  richtiger  sei,  wenn  ich  dies
übernehme.  Ich  sei  ja  in  die  Sache  eingeweiht  und  kenne
vollständig  seine  Intentionen.  Auf  meine  Bedenken,  daß
es  mir  ja  völlig  an  Zeit  zur  Vorbereitung  fehle,  meinte
er,  die  Sache  werde  schon  gehen;  für  alle  Fälle  könne  ja
auch  mit  einem  Mitgliede  des  Herrenhauses  verabredet
werden,  daß  dieser  auf  ein  bestimmtes  von  mir  gegebenes
Zeichen  hin  die  Besprechung  der  Interpellation  beantrage,
so  daß  der  Fürst  auch  nach  meiner  Rede  Gelegenheit
habe,  eventuell  noch  das  Wort  zu  ergreifen.  Eine  solche
Abrede  wurde  dann  auch  mit  dem  Professor  Dernburg
getroffen.

Am  nächsten  Tage  war  der  Sitzungssaal  des  Herren—
hauses  bis  auf  den  letzten  Platz  gefüllt,  auch  die  Tribünen
waren  dicht  besetzt.  In  der  ersten  Reihe  der  Abgeordneten—
Loge  saßen  Windthorst,  Bennigsen  und  andere  Parteiführer.
Jeder  erwartete  eine  große  Haupt-  und  Staatsaktion.

Auf  die  Frage  des  Präsidenten,  Herzogs  von  Ratibor,
ob  und  wann  das  Staatsministerium  bereit  sei,  die  Interpellation
  zu  beantworten,  erwiderte  Fürst  Bismarck,  das
Staatsministerium  sei  dazu  sofort  bereit.

Nun  erhielt  Graf  Schulenburg-Beetzendorf  das  Wort
und  schoß  die  Pfeile,  die  sein  Köcher  enthielt,  langsam
        <pb n="19" />
        13

 

einen  nach  dem  andern  ab.  Ich  hatte  derweil  meinen
Stuhl  an  die  Ministerbank  gerückt  und  saß  nun  zwischen
dem  Fürsten  und  Camphausen,  mir  eifrig  Notizen
machend.

Als  Graf  Schulenburg  geendet,  ertheilte  der  Herzog
von  Ratibor  nicht  dem  Fürsten,  wie  natürlich  von  Allen
erwartet  worden,  sondern  mir  das  Wort.

Allgemeines  Erstaunen,  überall  lange  Gesichter!  Das
war  nicht  gerade  aufmunternd  für  mich,  aber  sehr  be—
greiflich.  Man  war  gekommen,  das  Konzert  eines  Vir—
tuosen  zu  hören,  und  nun  gab  ein  junger,  den  Wenigsten
bekannter  Anfänger  eine  Gastrolle.  Die  Enttäuschung
mußte  groß  sein.

Bei  meinen  ersten  Worten  konnte  ich  eine  gewisse
Befangenheit  nicht  unterdrücken.  Es  war  doch  ein  eigenthümliches
  Gefühl,  so  gewissermaßen  in  der  Schußlinie
der  Augen  des  Fürsten  zu  stehen.  Bald  aber  kam  ich
in  Fluß  und  sprach  nun  meinerseits  frisch  von  der  Leber
weg,  wiederholt  von  Beifall  unterbrochen.  Als  ich  geendet,
erscholl  ein  lebhaftes  Bravo.  Ich  wendete  mich  an  den
Fürsten.  „Wünschen  Eure  Durchlaucht  noch  eine  Besprechung?“
  „Ist  nicht  mehr  nöthig,“  erwiderte  er.  Der
Herzog  von  Ratibor  ging  dann  zum  nächsten  Gegenstande
der  Tages-Ordnung  über  und  wir  verließen  den  Saal.  Auf
dem  Flur  trat  der  Fürst  auf  mich  zu  und  schüttelte  mir
die  Hand.  —

Im  Laufe  des  Sommers  1878  fand  die  Uebersiedelung
  des  Fürsten  aus  der  alten  Dienstwohnung  in  das
Radziwill-Palais  statt.  Um  dieselbe  Zeit  wurde  die  Reichs-
        <pb n="20" />
        14

 

kanzlei  eingerichtet,  das  Zentralbureau  des  Reichskanzlers
zur  Vermittlung  des  gesammten  Geschäftsverkehrs  zwischen
ihm  und  den  einzelnen  Reichsämtern  und  preußischen
Ministerien.  Ich  wurde  zum  vortragenden  Rath  oder,
wie  man  gewöhnlich  kurzweg  sagt,  zum  Chef  der  Reichskanzlei
  ernannt.  Von  diesem  Augenblicke  an  begann  ein
Leben  für  mich,  wie  es  interessanter,  aber  auch  aufreibender
nicht  gedacht  werden  kann.

Im  Erdgeschoß  des  Reichskanzlerpalais  befinden  sich
auf  der  einen  Seite  drei  Räume,  zwei  dienen  als  Arbeitszimmer
  des  Kanzlers,  das  dritte  als  Berathungszimmer
für  das  Staatsministerium.  Daran  stößt  ein  großer  saalartiger
  Raum,  in  dem  die  Bibliothek  und  ein  Billard
aufgestellt  sind.  Auf  der  anderen  Seite  befinden  sich  die
Bureaus  der  Reichskanzlei,  ebenfalls  drei  Räume.  Nur
wenige  Schritte  vom  Arbeitszimmer  des  Fürsten  entfernt,
konnte  ich  in  jedem  Moment  zu  ihm  gerufen  werden.

Das  genügte  für  die  eigentliche  Bureauzeit.  Aber  der
Fürst  kehrte  sich  nicht  im  mindesten  an  diese.  Er  ließ
mich  bisweilen  rufen,  wenn  ich  soeben  zum  Mittags=  oder
Abendessen  zu  Hause  angelangt  war,  und  dann  ging  durch
das  Hin=  und  Herschicken  und  Fahren  viel  Zeit  unnütz
verloren.  Es  stellte  sich  daher  bald  die  Nothwendigkeit
heraus,  in  der  unmittelbaren  Nähe  des  Reichskanzlerpalais
eine  Wohnung  für  mich  zu  beschaffen.  Der  Fürst  überließ
  mir  als  Dienstwohnung  die  herrliche  Villa  in  dem
früheren  Decker'schen  Garten,  zwischen  der  Wilhelms=  und
Königgrätzerstraße,  die  nach  meinem  Abgange  den  Staatssekretären
  der  auswärtigen  Angelegenheiten  überwiesen
        <pb n="21" />
        15

 

und  nach  einander  von  dem  Grafen  Herbert  Bismarck  und
Herrn  von  Marschall  bewohnt  worden  ist.  In  diesen
Tagen  hat  sie  der  neue  Staatssekretär,  Herr  von  Bülow
bezogen.

In  die  Mauer,  welche  die  beiden  Gärten  (des  Reichs—
kanzlerpalais  und  meiner  Dienstwohnung)  von  einander
trennt,  wurde  eine  Thür  eingebrochen,  so  daß  es  mir  jetzt
auch  möglich  war,  von  meiner  Wohnung  aus  in  wenigen
Minuten  zum  Fürsten  zu  gelangen.

Der  Dienst  in  der  Reichskanzlei  begann  spät  am
Tage  und  endete  spät.  Damals  (Schweninger  war  noch
nicht  entdeckt)  erhob  sich  der  Fürst  erst  gegen  Mittag.
Von  12  Uhr  bis  6  wurde  rastlos  gearbeitet  und  dann
wieder  von  9  Uhr  bis  tief  in  die  Nacht.  Vor  1  Uhr
verließ  ich  selten  mein  Bureau.

Es  war  nicht  ganz  leicht,  dem  Fürsten  Vortrag  zu
halten.  Er  verlangte  bei  jeder  Sache  einen  suscitirenden
Extrakt,  wie  er  es  nannte,  und  behauptete,  es  gäbe  keine
noch  so  verwickelte  Angelegenheit,  aus  der  nicht  der  Kern
mit  wenigen  Worten  herausgeschält  werden  könne.  Man
gewöhnte  sich  allmählich  daran,  im  Lapidarstil  zu  sprechen,
und  ich  habe  schließlich  über  Gesetzentwürfe  von  mehr  als
hundert  Paragraphen  in  10  Minuten  referirt.  Die  Vorbereitung
  auf  einen  solchen  Vortrag  hatte  freilich  dann
Stunden  gekostet.

Sobald  ein  Vortrag  beendet  war,  gab  der  Fürst,  ohne
sich  einen  Moment  zu  besinnen,  seinen  Bescheid.  Es  war
erstaunlich,  mit  welcher  Sicherheit  er  immer  sofort  die
Punkte  herausfand,  auf  die  es  ankam.  Ich  werde  nachher
        <pb n="22" />
        16

 

einige  Beispiele  dafür  erzählen.  Niemals  habe  ich  irgend
ein  Schwanken  in  der  Entscheidung  bei  ihm  bemerkt.  Er
wußte  immer  sofort,  was  er  wollte.  Freilich,  wenn  ihn
eine  Sache  nicht  näher  interessirte,  sagte  er  auch  wohl:
„Machen  Sie,  was  Sie  wollen“.

Jede  Nummer  mußte  in  der  Regel  in  24  Stunden
erledigt  werden.  Reste  gab  es  nicht  in  der  Reichskanzlei.
Es  kam  aber  auch  vor,  daß  der  Fürst  schon  nach  einer
halben  Stunde  ein  Konzept  verlangte,  für  dessen  Aus—
arbeitung  ein  gewöhnlicher  Sterblicher  mindestens  zwei
Stunden  Ruhe  beanspruchte.  Ruhe  aber  war  ein  rarer
Artikel  in  der  Reichskanzlei.  Der  Fürst  sorgte  dafür,  daß
man  beständig  in  Bewegung  gehalten  wurde:  Bald  ver—
langte  er  eine  Auskunft,  bald  gab  er  Einem  einen  Auftrag
an  irgend  einen  Minister,  der  sofort  erledigt  werden  mußte
(für  solche  Fälle  hielt  stets  ein  bespannter  Wagen,  die  sogenannte
  Reichsdroschke  vor  dem  Reichskanzlerpalais),  bald
wünschte  er  dies  oder  jenes  in  den  stenographischen  Berichten
  nachgeschlagen  zu  haben  u.  s.  w.  Es  ist  vorgekommen,
  daß  ich  vielleicht  zehnmal  in  einer  Stunde  zu
ihm  gerufen  worden  bin  (die  Kanzleidiener  liefen  stets
Trapp  durch  den  Saal)  und  dabei  brannte  mir  unter  den
Fingern  ein  Bericht  an  den  Kaiser  oder  ein  Erlaß  an
einen  Staatssekretär,  der  auf  das  schleunigste  fertig  gestellt
werden  mußte.  Das  eben  war  das  Aufreibende  des
Dienstes,  daß  Alles  im  Galopp  ging  und  daß  für  keine
Arbeit  die  erforderliche  Muße  vorhanden  war.  Selbst  die
stärksten  Nerven  gingen  dabei  allmählich  in  die  Brüche.

Man  hat  viel  davon  erzählt,  daß  der  Fürst  gegen
        <pb n="23" />
        17

—  —

seine  Räthe  im  dienstlichen  Verkehr  häufig  heftig  und  aus—
fallend  geworden.  Ich  habe  nie  etwas  derartiges  bemerkt
(einen  einzigen,  später  zu  erwähnenden  Fall  ausgenommen).
Mir  gegenüber  hat  der  Fürst  nie  einen  andern  Ton  an—
geschlagen,  als  wie  er  zwischen  Gentlemen  üblich  ist.  Im
Gegentheil,  er  war  immer  die  Höflichkeit  selbst  und  ging
in  dieser  Beziehung  viel  weiter  als  die  meisten  anderen
Minister,  von  Camphausen  ganz  zu  schweigen.  Aber
freilich,  man  mußte  ihn  nicht  ungeduldig  und  nervös
machen.

Die  Bureau-  und  Unterbeamten  der  Reichskanzlei
standen  sehr  in  der  Furcht  des  Herrn.  Sie  wußten,  daß
das  kleinste  Versehen,  der  geringste  Verstoß  gegen  die
Dienstordnung  nicht  ungerügt  blieb  und  vor  dem  donnernden
Jupiter  zitterten  sie.  Als  unumstößliche  Regel  galt,  daß
Niemand  vorgelassen  wurde,  der  nicht  vorher  angemeldet.
und  dann  zu  einer  genau  bestimmten  Stunde  „bestellt“
worden  war.

Eines  Tages  fährt  der  König  von  Sachsen  vor.  Der
Jäger  schwingt  sich  vom  Bock  und  sagt  zu  dem  Portier:
„Melden  Sie,  daß  Seine  Majestät  vorgefahren  ist.“  „Ist
er  bestellt?“  fragte  der  Portier.  „Nein“,  erwidert  der
Jäger  verblüfft.  „Da  kann  ich  ihn  auch  nicht  melden.“
Weiteres  Parlamentiren  war  nutzlos.  Der  König  fährt
von  dannen.  Nach  einiger  Zeit  dämmerte  es  dem  Portier,
daß  er  in  der  striksten  Ausübung  seines  Dienstes  vielleicht
des  Guten  doch  etwas  zu  viel  gethan  haben  könne,  er
meldete  mir  kleinlaut  den  Vorfall.  Ich  begab  mich  sogleich
zum  Fürsten,  welcher  die  Sache  dadurch  redressirte,  daß

Erinnerungen  an  Bismarck.
        <pb n="24" />
        18

 

er  den  Grafen  Herbert  zum  Könige  von  Sachsen  schickte
und  um  Entschuldigung  des  Mißverständnisses  bitten  ließ.

Ein  andermal  hatte  ein  Großherzog  um  eine  Unter—
redung  gebeten  und  der  Fürst  hatte  ihm  antworten  lassen,
es  würde  ihm  eine  hohe  Ehre  sein,  ihn  um  9  Uhr  Abends
zu  empfangen.  Ich  befand  mich  zum  Vortrag  beim  Fürsten,
als  diese  Stunde  heranrückte.  Er  bat  mich  um  Entschul—
digung,  wenn  er  seinen  Anzug  wechsle,  entledigte  sich
seines  Interimsrocks  und  ließ  sich  einen  Waffenrock  bringen,
an  dem  der  Kammerdiener  das  Großkreuz  des  großherzog—
lichen  Ordens  befestigt  hatte.  Die  Uhr  schlug  neun,  ich
beeilte  mich,  zu  Ende  zu  kommen.  Es  wurde  ein  Viertel
auf  zehn,  der  Großherzog  war  noch  immer  nicht  da.  Der
Fürst  rief  seinem  Kammerdiener:  „Bringen  Sie  mir  meinen
Interimsrock  wieder,“  und  zu  mir  gewandt,  „eine  König—
liche  Hoheit  soll  nicht  glauben,  daß  ich  länger  als  eine
Viertelstunde  auf  ihn  gewartet  habe.“

In  diesem  Moment  erschien  der  Großherzog.  Er
ging,  während  ich  mich  entfernte  und  die  Diener  die
Thüren  aufrissen,  an  mir  vorüber  und  ich  sah  nur  noch,
wie  der  Fürst  ruhig  an  seinem  Schreibtische  sitzen  blieb,
scheinbar  in  Aktenstücke  vertieft.  Der  Großherzog  trat  an
den  Tisch  und  der  Fürst  erhob  sich  mit  tiefer  Verneigung.
„Ich  glaubte  schon,  Euer  Königliche  Hoheit  würden  mir
nicht  mehr  die  Gnade  erweisen,  zu  mir  zu  kommen.  Die
Uhr  ist  zwanzig  Minuten  nach  neun.“

War  es  schon  zu  damaliger  Zeit  (ich  betone  immer
wieder,  daß  Schweninger  noch  nicht  entdeckt  war  und  daß
der  Fürst  fast  permanent  an  Schlaflosigkeit  und  nervöser
        <pb n="25" />
        19

 

Abspannung  litt),  war  es  schon  für  die  höchsten  Würdenträger,
  ja  für  gekrönte  Häupter  unter  Umständen  recht
schwierig,  an  den  Fürsten  persönlich  heran  zukommen,  so
galt  dies  natürlich  noch  viel  mehr  für  Künstler  und  Gelehrte,
  die  irgend  ein  Interesse  hatten,  ihn  zu  sehen  oder
zu  sprechen.  Photographirt  zu  werden,  war  ihm  ein
Greuel,  besonders  wenn  er  dabei  längere  Zeit  ruhig  sitzen
sollte.  Den  Malern  gegenüber  aber  verhielt  er  sich  vollständig
  ablehnend.

Lenbach  hatte  von  dem  Kaiser  den  Auftrag  erhalten,
den  Fürsten  Bismarck  für  die  Nationalgallerie  zu  malen.
(Viele  von  Ihnen  werden  das  wundervolle  Bild  dort  gesehen
  haben.)  Er  war  in  Friedrichsruh  gewesen  und  hatte
am  Frühstücks=  und  Mittagstisch  Gelegenheit  gehabt,  die
Gesichtszüge  des  Fürsten  zu  studiren,  hatte  vielleicht  auch
einige  flüchtige  Skizzen  anfertigen  können;  aber  ihm  für
das  eigentliche  Bild  zu  sitzen,  hatte  sich  der  Fürst  bestimmt
geweigert.  So  war  er  genöthigt  gewesen,  das  Bild  ohne
Modell,  gewissermaßen  aus  dem  Gedächtniß  zu  malen.
Er  brachte  es,  unbefriedigt  von  seiner  Leistung,  in  das
Reichskanzlerpalais.  Das  Bild  war  ähnlich,  es  war  ja
ein  Lenbach,  aber  dennoch,  das  sagte  Jeder,  fehlte  etwas:
das  Sprechende,  Packende  des  Ausdrucks,  namentlich  der
Augen.  Niemand  empfand  das  mehr,  als  Lenbach  selbst.
Er  klagte  mir  seine  Noth,  und  ich  versprach,  ihm  zu  helfen.
Ich  ließ  in  dem  Saale,  der  die  Arbeitsräume  des  Kanzlers
von  den  Bureaus  der  Reichskanzlei  trennt,  die  Staffelei
mit  dem  Lenbach'schen  Bilde  aufstellen  und  rechts  und

links  davon  besondere  Wandlampen  anbringen.  Während
27
        <pb n="26" />
        20

 

der  Abendstunden  wartete  nun  Lenbach  in  meinem  Zimmer
der  Dinge,  die  da  kommen  sollten.

So  waren,  wenn  ich  nicht  irre,  mehrere  Tage  ver—
gangen,  als  ich  eines  Abends  den  Fürsten  besonders  gut
aufgelegt  fand.  Ich  stellte  ihm  vor,  indem  ich  betonte,
daß  keiner  meiner  Vorträge  ein  Staats-  oder  Dienstge—
heimniß  betreffe,  wie  es  doch  eigentlich  gleichgültig  sei,  ob
er  diese  Vorträge  in  seinem  Arbeitszimmer  oder  in  dem
Vorsaale  entgegennehme  und  machte  ihm  den  Vorschlag,
hinauszutreten  und  in  Gegenwart  Lenbachs  mich  weiter
anzuhören.

So  geschah  es  denn  auch.  Rasch  wurde  ein  Sessel
für  den  Fürsten  herbeigeschafft,  ich  nahm  einige  Schritte
von  ihm  mit  meinen  Akten  Platz  und  Lenbach  trat  vor
die  Staffelei.  Während  ich,  um  ihm  möglichst  viel  Zeit
zu  verschaffen,  mit  einer  Umständlichkeit  und  Weitschweifig—
keit  referirte,  die  nach  den  Gepflogenheiten  der  Reichs—
kanzlei  geradezu  unerhört  war,  sah  Lenbach  dem  Fürsten
mehrere  Minuten  fest  in's  Auge  und  fuhr  dann  mit  dem
Pinsel  durch  das  Bild,  daß  Einem  angst  und  bange  hätte
werden  können.  Aber  schon  nach  einer  Viertelstunde  ge—
wahrte  man,  daß  eine  erstaunliche  Veränderung  vor  sich
gegangen,  in  die  Gesichtszüge  war  Bewegung  gekommen,
das  Auge,  ernst  und  tief,  blickte  jetzt  den  Beschauer  an,
wie  wenn  es  wirkliches  Leben  habe.

Mit  ähnlicher  Präzision  wie  in  Berlin,  gestaltete  sich
der  Dienst  in  Varzin  und  Friedrichsruh,  wenn  ich  den
Fürsten  dorthin  begleitete.  Nur  daß  wir  dort  ein  etwas
sonderbares  Leben  führten,  indem  wir  die  Nacht  zum  Tage
        <pb n="27" />
        21

 

machten.  Des  Morgens  um  11  Uhr,  bis  dahin  schlief  ich,
brachten  mir  die  Diener  die  eingegangenen  Postsachen  ans
Bett,  die  ich  öffnete,  las  und  in  verschiedene  Aktendeckel  auf
einem  Nebentisch  unterbrachte.  Dann  kleidete  ich  mich  an
und  begab  mich  in's  Frühstückszimmer.  Von  der  Familie
war  die  Fürstin  gewöhnlich  die  einzige,  die  um  diese  Zeit
schon  aufgestanden  war.  Zwischen  12  und  1  Uhr  erschien
der  Fürst.  Während  er  mit  großem  Appetit  frühstückte,
hielt  ich  meine  Vorträge.  Ebenso  wie  in  Berlin,  notirte
ich  mir  am  Rande  der  eingegangenen  Sachen  seine  Entscheidungen,
  die  immer  augenblicklich  erfolgten.  Die  Sache
dauerte  etwa  eine  Stunde.

Gegen  2  Uhr  wurde  gemeldet,  daß  die  Pferde  gesattelt
  seien.  Wir  saßen  auf  und  machten,  das  Wetter
mochte  sein  wie  es  wollte,  einen  3=  bis  4stündigen  Ritt.
Gewöhnlich  begleitete  uns  die  Tochter  des  Fürsten,  die
jetzige  Gräfin  Rantzau,  oder  einer  der  Söhne,  wenn  sie
in  Varzin  anwesend  waren.  Auf  diesem  Ritte  wurden
bisweilen  noch  die  wichtigsten  Geschäfte  erörtert.  Ich  ritt
neben  dem  Fürsten  wie  ein  Wachtmeister  mit  eingeknöpftem
Taschenbuche,  um  mir  etwaige  Weisungen  und  Aufträge
notiren  zu  können.  In  der  frischen  Luft  und  im  Sattel
wurde  Manches  nachgeholt,  was  beim  Frühstück  nicht  volle
Erledigung  gefunden  hatte.  Wir  ritten  gewöhnlich  Schritt
oder  Trapp,  nur  in  der  letzten  halben  Stunde,  wenn  es
nach  Hause  ging,  wurde  eine  recht  starke  Pace  angeschlagen,
so  daß  wir  immer  auf  dampfenden  Rossen  eintrafen.  Um
6  Uhr  wurde  dinirt,  immer  vier  Gänge  mit  Sekt,  Tischwein
  und  Portwein.  Die  Söhne  und  ich  hatten  das
        <pb n="28" />
        22

 

Recht,  uns  besondere  Lieblingsweine  nach  eigener  Wahl
aus  dem  Keller  kommen  zu  lassen.  Der  Fürst  trank  ge—
wöhnlich  nur  Bier  aus  einem  silbernen  Humpen.  Er
liebte  eine  kräftige  Hausmannskost  und  es  war  ein  Ver—
gnügen,  ihn  vor  einer  Schüssel  mit  Gänseklein  zu  beob—
achten.  Von  den  Krebsen  meinte  er  einmal,  sie  hätten  die
sonderbare  Eigenschaft,  daß  sie  immer  kleiner  würden,  je
häufiger  die  Schüssel  herumgehe.  Das  rasch  servirte  Diner
dauerte  höchstens  eine  Stunde.  Dann  begaben  wir  uns
in  den  großen  Salon.  Der  Fürst  zündete  sich  eine  Pfeife
an,  setzte  sich  an  den  Kamin,  in  den  er  von  Zeit  zu  Zeit
einen  Holzscheit  warf,  und  nun  begann  die  interessanteste
Stunde  des  Tags.

Wer  jemals  einem  parlamentarischen  Rout  im  Berliner
Reichskanzlerpalais  beigewohnt  und  gesehen  hat,  welch'
eine  dichte,  drei  und  vierfache  Corona  sich  um  den  Platz
des  Fürsten  Bismarck  bildete,  um  wo  möglich  jedes  seiner
Worte  zu  erlauschen,  wer  dann  gehört  hat,  in  wie  zwangsloser
  Weise  er  sich  in  seinen  Aeußerungen  gehen  ließ,  der
wird  den  Reiz  ermessen  können,  den  eine  Unterhaltung
mit  ihm  unter  vier  oder  sechs  Augen  hatte.  Ließ  er  sich
auch  den  Parlamentariern  gegenüber  scheinbar  gehen,  in
Wirklichkeit  sagte  er  doch  nichts,  als  was  er  sich  zu  sagen
vorgenommen  hatte.  Am  Varziner  Kamin  dagegen  enthüllte
  er  seine  geheimsten  Gedanken,  hier  fühlte  er  sich
von  jeder  Rücksicht  frei  und  empfand  das  Bedürfniß,  sich
auszusprechen.  Unerschöpflich  war  er  in  Mittheilungen
aus  seiner  parlamentarischen  und  amtlichen  Vergangenheit.
Man  brauchte  ihn  nur  nach  irgend  einem  Ereigniß  des
        <pb n="29" />
        23

.  —

Jahres  1848,  der  Frankfurter  Bundestagszeit,  der  Kon—
fliktszeit  u.  s.  w.  zu  fragen,  um  ihn  zu  den  interessantesten
Erzählungen  zu  veranlassen.  Ich  darf  wohl  sagen,  es  ist
fast  kein  Tag  vergangen,  an  dem  ich  nicht  bedeutsame  Mit—
theilungen  in  mein  Tagebuch  hätte  eintragen  können.
Leider  habe  ich  es  nicht  immer  gethan.

Um  9  Uhr  zog  sich  der  Fürst  in  sein  Arbeitszimmer
zurück  und  nun  begann  für  mich  die  Zeit  der  Arbeit.  Die
beim  Frühstück  vorgetragenen  Sachen  mußten  bis  Mitternacht
  erledigt  werden.  Die  Sache  war  insofern  nicht  ganz
leicht,  als  ich  weder  einen  Expedienten  noch  einen  Kanzlisten
  zu  meiner  Verfügung  hatte.  Früher  zu  Bucher's
Zeit  war  einmal  versuchsweise  ein  Kanzlist  in  Varzin  gewesen,
  welcher,  wie  dies  nicht  anders  ging,  am  Mittagstische
der  Familie  theilgenommen  hatte.  Als  er  abgelöst  werden
sollte,  hatte  er  den  geschmackvollen  Einfall,  bei  der  Abreise
den  Fürsten  um  den  Austausch  ihrer  Photographien  zur  Erinnerung
  an  die  gemeinsam  verlebten  frohen  Stunden  zu
bitten.  Das  war  dem  Fürsten  denn  doch  etwas  zu  stark  und
er  hielt  es  für  besser,  die  Ablösung  gar  nicht  kommen  zu
lassen.  So  mußte  ich  denn  meine  Konzepte  selbst  in's  Reine
schreiben,  bis  ich  auf  die  glückliche  Idee  verfiel,  mit  den  Ministern
  und  Staatssekretären  ein  Abkommen  dahin  zu  treffen,
daß  ich  ihnen  meine  Konzepte  schickte,  die  in  Berlin  in's
Reine  geschrieben  und  dann  zur  Kompletirung  meiner  Akten
wieder  remittirt  wurden  Die  Korrespondenz  zwischen
Varzin  und  Berlin  ging  der  Regel  nach  unter  meinem

Namen.  Nur  ausnahmsweise  ließ  sich  der  Fürst  ein  Konzept
  zur  Zeichnung  vorlegen.
        <pb n="30" />
        24

 

Etwas  nach  Mitternacht  war  Postschluß.  Die  Diener
erschienen,  um  die  Briefe  und  sonstigen  Postsachen  zu  kou—
vertiren  und  zu  siegeln.  Um  halb  1  Uhr  war  die  Tagesarbeit
  gethan.  Es  folgte  die  Theestunde  im  Zimmer  der
Fürstin,  die  sich  gewöhnlich  noch  auf  Stunden  ausdehnte.

Nachdem  der  Fürst,  der  um  diese  Zeit  die  Zeitungen
zu  lesen  pflegte,  sich  etwa  um  2  Uhr  entfernt  hatte,  blieben
wir  anderen  noch  gemüthlich  beisammen,  musizirten  und
plauderten  oder  lasen  aus  Zeitungen  vor.  Graf  Herbert
und  ich  ließen  uns  auch  wohl  einmal  noch  einen  guten
Tropfen  bringen  und  schwangen  dann  den  Humpen.  Vor
4  Uhr  kam  man  selten  zur  Ruhe.

Es  ließ  sich  nichts  Behaglicheres  denken,  als  das
Leben  in  Varzin  und  Friedrichsruh.  Alles  gestaltete  sich
hier  zwanglos  und  anmuthend  und  in  den  wohnlichen
Räumen  herrschte  eine  Gastfreiheit,  wie  sie  nur  auf  ländlichen
  Herrensitzen  geübt  werden  kann.  Hier  draußen
wollte  der  Fürst  nichts  anderes  sein,  als  ein  einfacher
Landedelmann,  dem  es  eine  Freude  ist,  seinen  Gästen  das
Leben  angenehm  zu  machen.  Und  dennoch  verleugnete  er
nie  den  grand  seigneur.  Sein  Benehmen  war  stets  das
gleiche,  einerlei,  wer  ihm  gegenüber  stand.  Ob  er  einen
Minister  oder  einen  Gutsnachbarn  an  der  Hausthür  empfing,
  ob  er  die  Frau  Pastorin  aus  Wussow  oder  die
Fürstin  Reuß,  geb.  Prinzessin  von  Weimar,  zu  Tische
führte,  immer  war  seine  Haltung  gleich  vornehm,  verbindlich
  und  ritterlich.

Es  sei  mir  gestattet,  obwohl  es  über  den  eigentlichen
Rahmen  meines  Vortrags  hinausgeht,  an  dieser  Stelle
        <pb n="31" />
        25

mit  den  Gefühlen  aufrichtigster  Verehrung  auch  der  Fürstin
Bismarck  zu  gedenken.  Sie  ist  das  Vorbild  einer  deutschen
Hausfrau  genannt  worden,  wie  ich  glaube,  mit  Recht.
Einfach  und  anspruchslos  in  ihrer  Erscheinung  und  ihrem
Denken  und  Empfinden  war  sie  doch  temperamentvoll,  von
rascher  Auffassung  und  gesundem,  den  Nagel  auf  den
Kopf  treffendem  Urtheil.  Vom  Leben  verlangte  sie  nichts
für  sich;  sie  ging  ganz  in  ihren  Mann  auf.  Seine
Freunde  waren  ihre  Freunde,  seine  Feinde  ihre  Feinde;
ja  man  darf  wohl  sagen:  sie  liebte  seine  Freunde  und
haßte  seine  Feinde  weit  intensiver  noch  als  er.  Die  Sorge,
die  sie  seiner  Gesundheit  widmete  und  die  sie  Tag  und
Nacht  erfüllte,  ließ  sie  das  eigene  Wohlbefinden  ganz  ver—
gessen.  Wenn  sie  auch  in  Berlin  die  Bürden  fürstlicher
Repräsentation  mit  ruhiger  Sicherheit  trug,  am  wohlsten
fühlte  sie  sich  doch  in  Varzin  und  Friedrichsruh,  wo  sie
nichts  anderes  zu  sein  brauchte  als  Gattin  und  Mutter
und  Hausfrau.  Auch  auf  mich  übertrug  sie  etwas  von
der  Fürsorge,  mit  der  sie  Alle  umgab,  die  ihrem  Haus—
wesen  angehörten.  Wenn  ich  nach  längerer  Abwesenheit
in  Varzin  oder  Friedrichsruh  eintraf,  konnte  ich  sicher
sein,  am  ersten  Mittag  meine  Leibgerichte  auf  dem  Tische
zu  finden.  Für  meine  Töchter  interessirte  sie  sich  lebhaft,
und  meinem  Sohne,  der  sich  damals  im  Kadettenkorps  befand,
  schickte  sie  zu  seinem  Geburtstage  ganze  Körbe  von
„Fressalien“".  Unaufhörlich  aber  beschäftigte  sie  der  Gedanke,
  wie  sie  von  ihrem  Manne  Sorgen  und  Verdrießlichkeiten
  fernhalten  könne  und  sie  war  unerschöpflich  in
tausend  kleinen  Aufmerksamkeiten  für  ihn.  Ihr  einziger
        <pb n="32" />
        26

 

Ehrgeiz  war,  ihm  in  seinem  Hause  die  treueste,  zuver—
lässigste  Stütze  zu  sein.  Daß  sie  jemals  auch  seine  poli—
tische  Gehilfin  gewesen,  ist  eine  schlecht  erfundene  Fabel.

Ich  möchte  nun  den  Versuch  machen,  mit  einigen
Strichen  den  Fürsten  in  seiner  Geistesarbeit  zu  schildern
und  Ihnen  dadurch  einen  Blick  in  die  Werkstätte  seines
Schaffens  zu  gewähren.  Zunächst  etwas  rein  Aeußer—
liches.  Der  Fürst  schrieb  selbst  sehr  wenig,  er  liebte  es,
zu  diktiren.  Nach  dem  Kullmann'schen  Attentat,  bei  welchem
die  Kugel  den  Daumen  seiner  rechten  Hand  gestreift  hatte,
war  es  ihm  beschwerlich,  eine  Gänsefeder  (nur  solche  benutzte
  er)  zu  halten.  Sein  Diktiren  aber  war  eigenthümlicher
  Art.  Das  war  kein  ruhiger  Strom  langsam  dahingleitender
  Gedanken;  er  sprach  stoßweise,  bisweilen  eine
lange  Pause  machend,  dann  wieder  die  hervorquellenden
Worte  nur  mit  Mühe  zurückhaltend,  um  ein  Nachschreiben
überhaupt  zu  ermöglichen.  Der  Reichthum  seiner  Gedanken
und  seiner  Ausdrucksformen  war  so  groß,  daß  er  häufig
zwei,  drei  tautologische  Wendungen  vorbrachte  und  dann
hinzufügte:  „Bitte,  wählen  Sie  sich  das  Passendste  aus."
Da  man  den  Fürsten  nie  unterbrechen  durfte  (er  verlor
dann  seltsamerweise  sofort  den  Faden),  so  war  es  schwer
für  mich,  ihm  zu  folgen.  Bucher  hatte  es  leichter  gehabt,
da  er  zu  stenographiren  verstand.  Mir  gelang  es  nur
selten,  einen  ganzen  Satz  nachzuschreiben.  Ich  mußte  mich
meistens  damit  begnügen,  nur  die  prägnantesten  Wendungen,
  mitunter  nur  ein  einziges  Wort  aus  einem  Satze
festzuhalten.  Die  spätere  Ausarbeitung  war  so  wie  so
meine  Sache.
        <pb n="33" />
        27

 

Nach  dem  vielbesprochenen  Besuche  Bennigsen's  in
Varzin  zwischen  Weihnachten  und  Neujahr  des  Jahres  1977
(ich  war  seit  Anfang  Oktober  ununterbrochen  in  Varzin
gewesen  und  hatte  mir  einen  längeren  Weihnachtsurlaub
erbeten,  wurde  aber  in  den  ersten  Tagen  des  Januar
telegraphisch  zurückberufen)  diktirte  mir  der  Fürst  einen
Bericht  an  den  Kaiser,  der  nicht  nur  eine  genaue  Wiedergabe
  der  Verhandlungen  mit  Bennigsen  wegen  seines  Eintritts
  in's  Ministerium  enthielt,  sondern  zugleich  eine  hochpolitische
  historische  Darstellung  der  Entwicklung  unserer
ganzen  Parteiverhältnisse  seit  Einführung  der  Verfassung.
Der  Fürst  diktirte  ununterbrochen  fünf  Stunden,  sage  und
schreibe  fünf  Stunden!  Er  sprach  rascher,  als  gewöhnlich,
ich  hatte  die  größte  Mühe,  auch  nur  die  leitenden  Gedanken
in  abgerissener  Form  zu  Papier  zu  bringen.  Das  Zimmer
war  überheizt,  ich  gerieth  in  Transpiration  und  fürchtete
einen  Schreibkrampf  zu  bekommen.  Rasch  entschlossen  und
ohne  ein  Wort  zu  sagen,  zog  ich  meinen  Rock  aus,  warf
ihn  über  den  Stuhl  und  fuhr  in  Hemdsärmeln  fort  zu
schreiben.  Der  Fürst,  auf  und  nieder  gehend,  sah  mich
zuerst  etwas  erstaunt  an,  nickte  mir  dann  aber  verständnißvoll
  zu  und  ließ  sich  im  Diktiren  nicht  unterbrechen.

Als  ich  nun  an  die  Ausarbeitung  des  Berichtes  ging
—  es  wurde  eine  kleine  Broschüre  —  staunte  ich  über  die
tadellose  Disposition  des  Ganzen.  Jede  angeführte  Thatsache
  und  jede  Schlußfolgerung  stand  an  der  richtigen
Stelle;  es  war  eine  schnurgrade  Auseinandersetzung  ohne
Wiederholungen  und  Seitensprünge.  Das  eben  war  das
Bewunderungswerthe  in  dem  geistigen  Schaffen  des  Fürsten:
        <pb n="34" />
        28

 

er  konnte  wohl  einmal  aus  der  Konstruktion  des  einzelnen
Satzes  fallen,  fiel  aber  nie  aus  der  logischen  Folge  der
Gedanken.

Die  geistige  Produktivität  des  Fürsten  war  so  rastlos,
daß  sie  auch  beim  Lesen  nicht  ruhte.  Er  las  immer  mit
dem  Bleistift  in  der  Hand.  Selbst  zu  den  Leitartikeln
der  Zeitungen  machte  er  seine  Randbemerkungen  und  ver—
schwendete  bisweilen  die  geistreichsten  und  witzigsten  Glossen
an  die  ephemeren  Leistungen  eines  beliebigen  Tagesblattes.
Aber  nicht  nur  das.  Er  korrigirte  auch  mit  seinem  Blei—
stift  stilistische  Inkorrektheiten  oder  Verstöße  gegen  die
Syntax,  wo  er  sie  fand.  Hatte  er  eine  Zeitung  gelesen,
so  warf  er  sie  achtlos  unter  den  Tisch.  Die  Diener  brachten
sie  mir  nachher  und  ich  habe  viele  aufbewahrt,  die  mit
den  ergötzlichsten  Randbemerkungen  versehen  sind.

Noch  ausgiebiger  waren  diese  Randbemerkungen
natürlich,  wenn  er  eine  politische  Broschüre  in  die  Hand
nahm.  Ich  habe  hier  eine  solche,  betitelt  „Die  Secession“.
im  Jahre  1881  erschienen,  die  er  mir  als  Andenken  überlassen
  hat.  Sie  wurde  seiner  Zeit,  ohne  Widerspruch  zu
erfahren,  dem  Abgeordneten  Bamberger  zugeschrieben.  Wie
Sie  sehen,  ist  sie  mit  Bleistiftnotizen  bedeckt,  fast  jede
Seite  zeigt  solche.  Ich  will  nur  einige  wenige  herausgreifen,
  um  Ihnen  zu  zeigen,  wie  charakteristisch  sie  nach
Form  und  Inhalt  sind.“)

Auf  Seite  22  wird  in  der  Broschüre  gesagt:  „Außer
Richelien  hat  kein  Minister  in  der  Geschichte  Frankreichs
figurirt,  der  sich  an  Bedeutung  mit  Bismarck  messen

*)  Siehe  das  beigefügte  Facsimile.
        <pb n="35" />
        29

 

könnte.  Aber  wer  möchte  ohne  zu  lächeln  die  Parallele
ziehen  hören  zwischen  den  parlamentarischen  Gegnern  des
deutschen  Kanzlers  und  den  Widersachern  des  französischen
Kardinals!  Dort  alle  Großen  des  Landes,  Mutter  und
Bruder  eines  Königs,  Prinzen  von  Geblüt,  Marschälle
und  Favoriten,  Exil,  Bastille,  Schaffot,  Schwert  und
Dolch,  die  heißen  Wallungen  des  italienischen  und  französischen
  Temperaments.  Und  hier  —  die  armen  unschuldvollen
  deutschen  Liberalen.“

Fürst  Bismarck  hat  an  den  Rand  geschrieben:

„hier  etwa  nichtl  sancta  simplicitas!  hier  keine  Konservativen,

  keine  Kreuzzeitung,  kein  Zentrum,  keine

Reichsglöckner,  keine  Hofintriguen,  kein  Klotz,  Richter,

kein  Goltz,  kein  Harry  Arnim,  keine  —)  keine  Kollegen?!

  keine  Geheimen  Räthe?!!“

Auf  Seite  28  heißt  es  mit  Bezug  auf  eine  frühere  Aeußerung
  des  Fürsten,  daß  er  von  Fragen  der  inneren  Gesetzgebung
  nichts  verstehe,  dafür  lasse  er  Delbrück  oder  Andere,
die  es  anginge,  sorgen:  „Ist  ihm,  da  wir  doch  schließlich
dem  von  ihm  selbst  abgegebenen  Zeugniß  glauben  dürfen,
die  höchste  und  tiefste  Einsicht  über  Dinge,  denen  er  sich
bis  dahin  ferngehalten,  im  Handumdrehen  zugeflogen?“

Der  Fürst  bemerkt  dazu:  „Nein;  aber  ich  habe
nach  langem  Widerstreben  erkannt,  daß  die  Anderen
ebenso  unwissend,  nur  weniger  bescheiden  waren
als  ich."

Auf  derselben  Seite  etwas  weiter  unten:  „Er  müßte
nichts  mehr  von  dem  oft  gezeigten  Sinn  für  die  Grenzen
menschlicher  Vollkommenheit  haben,  wenn  ihm  nicht  manch-
        <pb n="36" />
        30

 

mal  mitten  in  den  großen  Anläufen  zum  Umbau  des
ganzen  Staats-  und  Verkehrslebens  vor  der  ihm  zuer—
kannten  Gottähnlichkeit  bange  würde.“

Randbemerkung  des  Fürsten:  „Gewiß  und  das
würden  B.  u.  D.  nie;  darin  besteht  mein  Vorzug;
ich  lerne,  die  nicht,  sie  lehren  nur.“

So  geht  es  Seite  für  Seite  fort.

Wurde  dem  Fürsten  ein  Konzept  vorgelegt,  so  korrigirte
  er,  auch  wenn  er  es  selbst  diktirt  hatte,  mit  der  peinlichsten
  Sorgfalt;  ees  mußte  bisweilen  zwei-,  dreimal  umgeschrieben
  werden.  Er  konnte  sich  niemals  genug  thun
in  der  Präzision  und  Klarheit  des  Ausdrucks  und  daher
kommt  es,  daß  alle  Schriftstücke,  die  von  ihm  ausgegangen
sind,  ein  geradezu  klassisches  Deutsch  enthalten.  Mit  Recht
hat  man  ihn  einen  der  größten  Prosaiker  der  deutschen
Literatur  genannt.  Dabei  bediente  er  sich  immer  der  einfachsten
  und  natürlichsten  Ausdrucksweise,  vom  Kanzleistil
findet  sich  nie  eine  Spur.  Rücksichtslos  beseitigte  er  alle
Superlative;  je  schlichter  das  Wort,  desto  größer  der  Eindruck,
  behauptete  er.  Ich  brauche  nur  an  das  geflügelte
Wort  vom  „ehrlichen  Makler“  zu  erinnern,  um  darzuthun,
wie  zutreffend  diese  Auffassung  ist.

Auf  seine  parlamentarischen  Reden  bereitete  er  sich
sorgfältig  vor,  aber  nur  selten  machte  er  sich  dabei  Notizen.
Selten  hat  er  mehr  als  ein  Quartblatt  mit  in  den  Reichstag
genommen  und  seine  glänzendsten  Reden  sind  die  völlig
improvisirten  gewesen.  Meine  Aufgabe  war  es,  mich  ebenfalls
  auf  das  Thema,  das  im  Reichstage  erörtert  werden
sollte,  nach  Möglichkeit  vorzubereiten.  Wenn  ich  dann,
        <pb n="37" />
        31

—

neben  ihm  am  Bundesrathsuische  sitzend,  ihm  während  einer
Rede  eine  meiner  Notizen  zuschob,  so  benutzte  er  diese  mit
erstaunlicher  Geistesgegenwart.

Unterstützt  wurde  er  in  seiner  ganzen  Geistesarbeit
durch  ein  eisernes  Gedächtniß,  das  nie  seinen  Dienst  versagte,
  und  das  ihn  befähigte,  alles  Beweismaterial  für
seine  Ausführungen,  Thatsachen  und  Zahlen  und,  wenn
es  sein  mußte,  auch  Citate,  jederzeit  vollständig  zur  Verfügung
  zu  haben.  Dieses  Gedächtniß  hat  ihn  auch  heute
noch  nicht  verlassen.  Als  ich  ihn  vor  drei  Jahren  in
Varzin  besuchte,  saßen  wir  Abends  stundenlang  allein  beisammen
  und  er  erzählte  fast  ununterbrochen.  Dabei
passirte  es  nie,  daß  ihm  ein  Name  fehlte  oder  daß  er  bei
Angabe  eines  Datums  oder  einer  Zahl  unsicher  war.

Die  Gabe,  sich  rasch  zu  entschließen  und  seinen  Entschlüssen
  die  präziseste  Form  zu  geben,  war  ihm  in  wohl
einzig  dastehender  Weise  verliehen.  Ich  will  dafür  ein
paar  sprechende  Beispiele  erzählen:

Eines  Tages  war  der  Justizminister  Friedberg  in
Varzin  zum  Besuch  und  nahm  an  dem  gemeinschaftlichen
Frühstück  theil,  während  ich,  wie  gewöhnlich,  über  die  am
Morgen  eingegangenen  Sachen  referirte.  Es  schwebten
damals  Verhandlungen  mit  Oesterreich-Ungarn  wegen  Erneuerung
  des  Handelsvertrages.  Die  österreichischen  Unterhändler
  weigerten  sich,  die  von  uns  geforderten  Konzessionen
  zu  machen,  verlangten  dagegen  ihrerseits  Zugeständnisse,
  die  weit  über  die  Festsetzungen  des  bisherigen
Handelsvertrages  hinausgingen.  Sieben  oder  acht  Differenzpunkte
  lagen  vor,  über  die  keine  Einigung  erzielt  werden  konnte.
        <pb n="38" />
        32

 

Die  Unterhandlungen  drohten  zu  scheitern.  Der  deutsche
Botschafter  in  Wien  hatte  über  die  Sachlage  berichtet  und  das
preußische  Staatsministerium  über  seine  Stellungnahme  in
einer  langen  Sitzung  eingehend  berathen,  ohne  sich  schlüssig
machen  zu  können.  Jetzt  wurde  die  Entscheidung  des  Fürsten
angerufen.  Nachdem  ich  die  Differenzpunkte  einzeln  aufgezählt,
  sagte  der  Fürst,  indem  er  in  größter  Gemüthsruhe  ein
Ei  aufklopfte,  ohne  sich  auch  nur  einen  Moment  zu  besinnen:
„Antworten  Sie:  ad  1.  Diese  Konzession  will  ich  zur
Noth  machen;  ad  2.  fällt  mir  gar  nicht  ein;  ad  3.  das
muß  späteren  Vereinbarungen  vorbehalten  bleiben  u.  s.  w.
Die  Entscheidung  über  sämmtliche  Punkte  kam  wie  aus
der  Pistole.

Nachher  nahm  mich  Friedberg  in  eine  Fensternische
und  sagte:  „Was  ist  das  für  ein  Mann!  Da  haben  wir
in  Berlin  sechs  Stunden  debattirt  und  sind  zu  keinem  Entschluß
  gekommen.  Und  hier  wird  die  Sache  beim  Frühstück
  in  sechs  Minuten  erledigt!“"

Ein  zweites  Beispiel:  Nach  dem  Präliminarfrieden
von  San  Stefano,  der  den  letzten  russisch-türkischen  Krieg
beendete,  drohten  bekanntlich  europäische  Verwicklungen.
Der  damalige  russische  Botschafter  in  London,  Graf  Peter
Schuwaloff,  einer  der  bedeutendsten  Staatsmänner,  den
Rußland  je  gehabt  hat,  sah  in  der  Zusammenberufung
eines  Kongresses  der  Großmächte  und  zwar  unter  dem
Vorsitz  des  Fürsten  Bismarck  den  einzigen  Ausweg  aus
der  Sackgasse,  in  die  Rußland  durch  den  Uebereifer  einiger
seiner  Diplomaten  gerathen  war.  Er  reiste  nach  Petersburg
  und  es  gelang  ihm  hier,  den  russischen  Kaiser  für
        <pb n="39" />
        33

 

seine  Idee  zu  gewinnen.  Mit  der  Zustimmung  des  Kaisers
zum  Kongresse  in  der  Tasche,  begab  er  sich  auf  den  Rückweg
und  telegraphirte  von  irgend  einer  Zwischenstation  an  den
Fürsten  Bismarck,  er  werde  Abends  in  Friedrichsruh  eintreffsen.
  Wir  warteten  auf  ihn  mit  dem  Mittagsessen.  Bei
Tische  war  von  Politik  nicht  die  Rede,  Graf  Schuwaloff
erzählte  kleine  pikante  Geschichten  aus  Petersburger  Hofkreisen,
  Fürst  Bismarck  frischte  Erinnerungen  an  seine  letzten
Besuche  in  Rußland  auf.  Nach  Tische  begaben  sich  die
Beiden  in  das  Arbeitszimmer  des  Fürsten.  Graf  Herbert
Bismarck  und  ich  warteten  derweil  in  dem  Zimmer  nebenan,
wo  Herbert  zu  arbeiten  pflegte.  Wie  lange  die  Unterredung
  zwischen  dem  Fürsten  und  Schuwaloff  gedauert
hat,  vermag  ich  genau  nicht  anzugeben;  länger  als  zwanzig
Minuten  oder  eine  halbe  Stunde  gewiß  nicht.  Dann  erschien
  der  Fürst  in  der  Thür,  einen  Bogen  Papier  in  der
Hand,  auf  dem  das  ganze  Programm  des  einzuberufenden
Kongresses  niedergeschrieben  war.  Er  diktirte  uns  dieses
Programm  sowie  die  Einladungsschreiben  an  die  Großmächte
  und  eine  Instruktion  an  unsere  Botschafter,  die
noch  in  derselben  Nacht  in  chiffrirten  Depeschen  befördert
wurde.  Das  Programm  wurde  demnächst  von  allen  Großmächten
  in  seinem  ganzen  Wortlaute  acceptirt.  Nur  ein
einziges  Wort  wurde,  wenn  ich  mich  recht  erinnere,  auf
den  Wunsch  Englands  geändert.

Als  ich  am  nächsten  Morgen  mit  dem  Grafen  Schuwaloff
  im  Friedrichsruher  Park  promenirte,  äußerte  sich
dieser  über  den  Fürsten  fast  genau  mit  denselben  Worten,
wie  Friedberg.

Erinnerungen  an  Bismarck.  3
        <pb n="40" />
        34

 

Eins  der  Geheimnisse  seiner  Erfolge  war,  daß  der
Fürst  von  der  auswärtigen  Politik  abgesehen,  die  er  spielend
  leitete,  eigentlich  niemals  zwei  Eisen  im  Feuer  hatte,
sondern  immer  nur  ein  großes  Ziel  verfolgte  und  deshalb
zu  dessen  Erreichung  seine  ganze  konzentrirte  Kraft  einsetzen
  konnte.  So  hat  er  nacheinander  den  Kulturkampf,
die  Wirthschaftsreform,  die  Einbeziehung  Hamburgs  in
den  Zoll--Verein,  die  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen  u.  s.  w.
betrieben.  Langsam  und  zögernd  ging  er  an  Fragen
heran,  die  auf  einem  ihm  fremden  Gebiete  lagen.  Hatte
er  sich  aber  erst  einmal  auf  diesem  Gebiete  orientirt,  so
zog  er  alle  Konsequenzen  seiner  neu  gewonnenen  Anschauungen
  mit  entschlossener  Sicherheit.

Für  mich  besonders  interessant  war,  zu  beobachten,
wie  sich  in  ihm  der  Plan  der  Zollreform  entwickelte  und
festsetzte.  Ich  hatte  mich  von  Jugend  auf  mit  handelspolitischen
  Studien  beschäftigt,  schon  als  Gymnasiast  hatte
ich  List's  System  der  politischen  Oekonomie  gelesen  und
während  meiner  Universitätszeit  waren  meine  ketzerischen
Zweifel  an  den  Dogmen  des  allein  seligmachenden  Freihandels
  nur  noch  gewachsen.  In  meiner  späteren  amtlichen
  Thätigkeit  als  Landrath  eines  industriereichen  rheinischen
  Kreises  chatte  ich  dann  täglich  Gelegenheit  gehabt,
meine  theoretischen  Ansichten  mit  der  Praxis  zu  vergleichen.
Ich  hatte  aus  nächster  Nähe  gesehen,  wie  schwer  namentlich
unsere  Eisenindustrie  gegen  die  englische  Konkurrenz  zu
kämpfen  hatte,  die  damals,  im  Anfange  der  siebziger  Jahre,
in  Folge  schwindelhafter  Ueberproduktion  den  deutschen
Markt  mit  Roheisen  und  Eisenwaaren  überschwemmte,  wie
        <pb n="41" />
        35

widerstandslos  sie  ferner  der  französischen  Konkurrenz
gegenüberstand,  die  durch  illoyal  gehandhabte  Ausfuhr—
Prämien  begünstigt  wurde.  Vor  meinen  Augen  waren
die  Hochöfen  ausgeblasen,  die  Hammerwerke  in  Stillstand
gerathen  und  Tausende  von  Arbeitern  brotlos  geworden.
Mit  zwingender  Gewalt  hatte  sich  in  mir  die  Ueberzeugung
festgesetzt,  daß  nur  eine  energische  Schutzzoll-Politik  hier
Wandel  schaffen  könne.

Auf  Aeußerungen,  die  ich  in  diesem  Sinne  gelegentlich
machte,  reagirte  der  Fürst  anfänglich  nur  wenig  oder  gar
nicht.  Er  war  in  freihändlerischen  Traditionen  aufge—
wachsen  und  hatte  sich,  von  wichtigeren  Aufgaben  vollauf
in  Anspruch  genommen,  seit  Jahren  daran  gewöhnt,  die
Leitung  unserer  Handelspolitik  Delbrück  und  Camphausen
zu  überlassen.  Wohl  mochten  ihm  im  Laufe  der  Jahre
hier  und  da  Zweifel  darüber  aufgestoßen  sein,  ob  diese
Leitung  den  nationalen  Interessen  wirklich  entspreche;  er
hatte  aber  doch,  um  den  Bestand  des  Ministeriums  nicht
zu  gefährden,  in  den  wichtigsten  Fragen  immer  nachge—
geben  und  selbst,  wenn  auch  nach  einigem  Widerstreben,
in  die  Aufhebung  des  letzten  Restes  der  Eisenzölle  im
Jahre  1876  eingewilligt.  (Der  Einzige,  der  damals  die
verhängnißvollen  Wirkungen  dieser  Maßregel  mit  voller
Klarheit  übersah,  war  der  Kaiser.  Das  Protokoll  der
Kronrathssitzung  vom  24.  Oktober  1876  kann  darüber  Auskunft
  geben.)

Auch  die  sogenannte  öffentliche  Meinung  segelte  zu
jener  Zeit,  von  wenigen  Ausnahmen  abgesehen,  im  freihändlerischen

  Fahrwasser.  Kein  Wunder  also,  daß  der
3*
        <pb n="42" />
        36

—  Ó’K—.e  Ô  þn  þŸsi7bßÛÚ—ŸÛennÛÛÓ  Ô  ÓŸ  ÓÛÓŸÛ  —  —

Fürst  sich  ausgesprochen  schutzzöllnerischen  Ideen  gegenüber
  ablehnend  verhielt,  zumal  wenn  sie  in  dem  Gewande
theoretischer  Deduktionen  auftraten.

Da  erzielte  ich  eines  Abends  mit  einer  kleinen  Geschichte
  eine  merkwürdige  Wirkung.  Ich  hatte  in  meinem
früheren  landräthlichen  Kreise  einen  Säge-Fabrikanten
kennen  gelernt,  dessen  Geschäftsgeheimniß  darin  bestand,
seinen  Laubholzsägen  eine  so  große  Geschmeidigkeit  zu
geben,  daß  sie  zusammengerollt  werden  konnten  und  nie  der
Gefahr  des  Zerbrechens  ausgesetzt  waren.  Diese  Sägen
fanden  reißenden  Absatz  in  Süddeutschland,  namentlich  im
Schwarzwalde.  Das  Geschäft  florirte  und  der  Mann  war
auf  dem  besten  Wege,  wohlhabend  zu  werden.  Plötzlich
tauchten  Sägen  von  ähnlicher  Art  in  Frankreich  auf;  ein
dortiger  Konkurrent  hatte  das  gleiche  Mittel  gefunden,
sie  geschmeidig  zu  machen.  Durch  Anwendung  der  Titres
Tacquits-à-caution  (das  sind  Anweisungen  auf  rückzahlbare
Zollausgaben),  gelang  es  nun  diesem  Konkurrenten,  die
deutschen  Sägen  vom  süddeutschen  Markte  vollständig  zu
verdrängen.  Die  Sache  spielte  sich  sehr  einfach  ab.  Jeder
französische  Fabrikant,  der  Eisen=  oder  Stahlwaaren  in
das  Ausland  ausführte,  erhielt  von  der  Zollverwaltung
einen  Schein,  der  ihn  berechtigte,  eine  gleiche  Quantität
Roheisen  zollfrei  aus  dem  Auslande  einzuführen.  Diesen
Schein  konnte  er  beliebig  verkaufen.  Gelang  ihm  dies,  so
war  er  im  Stande,  den  Preis  seiner  Waaren  im  Auslande
um  die  Summe  niedriger  zu  normiren,  die  ihm  für  den
verkauften  Acquit  gezahlt  worden  war.  In  dem  vorliegenden
  Falle  entsprach  diese  Summe  ziemlich  genau  dem
        <pb n="43" />
        37

——  —  —  —

Geschäftsgewinn,  den  mein  Freund  machen  mußte,  wenn
er  bestehen  wollte.  Seine  Sägen  kosteten  ihm,  um  eine
beliebige  Summe  zu  nennen  10,  er  konnte  sie,  wollte  er
einen  Profit  machen,  nicht  unter  11  verkaufen,  dem  Franzosen
  kosteten  sie  gleichfalls  10,  er  brauchte  aber  keinen
Proftt,  denn  diesen  hatte  er  schon  durch  die  Veräußerung
seiner  Acquits  gemacht.  Dem  Franzosen  war  es  mithin
ohne  Schaden  möglich,  seine  Waaren  in  Deutschland  für
10,  d.  h.  für  die  Herstellungskosten  loszuschlagen.  Der
Fabrikant  im  Kreise  Mettmann  konnte  in  Folge  dessen
nicht  mehr  konkurriren;  er  war  ruinirt.

Auf  den  Fürsten  machte  diese  kleine  Erzählung  einen
sichtlichen  Eindruck.  Ich  mußte  noch  an  demselben  Abend
an  die  Minister  Camphausen,  Hofmann  und  von  Bülow
schreiben,  um  sie  zu  veranlassen,  amtliche  Erhebungen  über
die  Handhabung  der  titres  d’acquit  an  der  französischen
Grenze  anzustellen.  Daran  knüpfte  sich  das  Verlangen,
eine  Untersuchung  über  die  Lage  der  deutschen  Eisen-Industrie
  zu  veranstalten.  Das  schutzzöllnerische  Steinchen
war  in's  Rollen  gekommen.

Und  es  wuchs  im  Laufe  der  nächsten  Monate  zu
einer  Lawine,  die  das  ganze  bisher  unumschränkt  herrschende
  Freihandelssystem  zertrümmern  sollte.  Der  Fürst
begann,  sich  mit  den  wirthschaftlichen  Fragen  eingehend
zu  beschäftigen.  Er  ließ  sich  die  Berichte  der  rheinischwestfälischen
  Handelskammern  vorlegen,  verglich  die  Listen
über  Ein=  und  Ausfuhr,  las  die  Flugschriften  des  Zentralverbandes
  deutscher  Industrieller  und  Alles,  was  sonst  zur
Orientirung  über  die  wirthschaftliche  Lage  dienen  konnte.
        <pb n="44" />
        38

 

Immer  mehr  vertiefte  er  sich  in  die  Details  der  einzelnen
Erwerbszweige  und  immer  deutlicher  wurde  ihm  der  all—
gemeine  Nothstand.  Seine  Gedanken  umkreisten  unausgesetzt
  den  einen  Punkt,  wo  der  Hebel  zur  Abhilfe  anzusetzen
  sei.

Und  schon  nach  wenigen  Wochen  war  dieser  Punkt
gefunden.  Das  neue  System  unserer  Handelspolitik  stand
in  großen  Umrissen  klar  vor  seinen  Augen.  Die  Formel,
an  der  es  aufgebaut  wurde,  war  im  Grunde  sehr  einfach
und  doch  im  hohen  Grade  überraschend.  Sie  lautete:
Schutz  der  gesammten  produktiven  Arbeit.  Bisher  hatten
die  eifrigsten  Vorkämpfer  für  eine  Zollreform  nur  den
Schutz  der  Industrie  verlangt,  an  die  Landwirthschaft  hatte
Niemand  gedacht.  Der  Fürst  aber  erkannte  mit  klarem
Blick  die  Interessengemeinschaft  beider.

Als  er  zum  ersten  Mal  das  Wort  „Getreidezölle“
aussprach,  erschrak  ich,  offen  gestanden.  Getreidezölle
paßten  so  absolut  nicht  in  irgend  ein  gangbares  volkswirthschaftliches
  System,  auch  nicht  in  das  List'sche,  das
bekanntlich  den  Zollschutz  für  alle  Erzeugnisse  der  Industrie,
  aber  die  freie  Einfuhr  aller  Rohstoffe  und  Lebensmittel
  fordert.  Bald  aber  überzeugte  ich  mich,  daß  hier
in  der  That  ein  großartiger  Gedanke  zur  Reife  gekommen.
daß  wieder  einmal  alle  Theorie  grau  sei  und  daß  das  unendlich
  schwierige  Problem  einer  durchgreifenden  Wirthschaftsreform
  nur  nach  rein  praktischen  Gesichtspunkten
und  nicht  nach  Lehrsätzen  der  Schulweisheit  gelöst  werden
könne.

Ich  will  hier  das  Weitere  übergehen,  um  meinen
        <pb n="45" />
        39

 

Vortrag  nicht  zu  sehr  auszuspinnen.  Nur  das  Eine  will
ich  noch  bemerken:  Als  im  Januar  1879  die  Zolltarif
Kommission  zusammentrat  und  nun  an  die  Erörterung
zahlloser  Einzelfragen  herangetreten  wurde,  beherrschte
Fürst  Bismarck  das  gesammte  Gebiet  der  Handelspolitik
mit  einer  Sicherheit,  als  ob  er  zeitlebens  nur  volkswirthschaftliche
  Studien  betrieben  hätte.  Und  doch  hat  er  meines
Wissens  nie,  wenigstens  so  lange  nicht,  als  ich  in  seiner
Nähe  war,  ein  Lehrbuch  der  Nationalökonomie  in  der
Hand  gehabt.

Wie  Sie  wissen  werden,  gehörte  auch  ich  der  Zolltarif-Kommission
  an,  die  unter  dem  Vorsitz  des  früheren  Württembergischen
  Ministers  von  Varnbüler  tagte.  Ich  wurde
zum  Referenten  für  die  Getreidezölle  ernannt,  der  nachherige
  Minister  von  Boetticher  war  Korreferent.  Unsere
Aufgabe  war  keine  leichte,  da  es  an  allen  statistischen  Unterlagen
  für  unsere  Arbeit  fehlte.  Die  übrigen  Referenten
(für  Eisen-Textil-Waarenzölle  u.  s.  w.)  hatten  es  wesentlich
besser.  Ihnen  standen  die  Erfahrungen  zu  Gebote,  die
man  nicht  nur  in  Deutschland,  sondern  in  allen  übrigen
Großstaaten  seit  Jahrzehnten  gemacht  hatte.  Sie  marschirten
auf  einem  festen  Boden.  Die  Getreidezölle  aber  waren
ein  novum,  bei  dem  alle  Vergleichsobjekte  fehlten.  Jeder
Schritt  vorwärts  mußte  mit  großer  Vorsicht  gemacht
werden.  Auch  begegneten  unsere  Vorschläge  schon  im
Schoße  der  Kommission  dem  heftigsten  und  hartnäckigsten
Widerstande.  Wenn  es  dennoch  gelang,  in  verhältnißmäßig
  kurzer  Zeit  durch  endlose  Korrespondenzen  mit
Konsulaten,  kaufmännischen  Korporationen  und  sonstigen
        <pb n="46" />
        40

 

Sachverständigen  das  nöthige  Material  zu  beschaffen,  um
die  Vorschläge  formuliren  und  ausführlich  begründen  zu
können,  die  später  die  Zustimmung  des  Bundesraths  und
Reichstags  fanden,  so  war  dies  nur  möglich  unter  Auf—
bietung  des  letzten  Hauches  der  Arbeitskraft.  Meine  Auf—
gabe  war  eine  doppelt  schwierige,  als  ich  daneben  die  Ge—
schäfte  der  Reichskanzlei  fortführte.  Die  Sitzungen  der
Kommission  dauerten  von  10  Uhr  Morgens  bis  4  oder  5
Uhr  Nachmittags.  Dann  speiste  ich  gewöhnlich  beim
Fürsten,  um  ihm  während  des  Diners  über  den  Fortgang
unserer  Arbeiten  Vortrag  zu  halten.  Und  dann  saß  ich
in  meinem  Bureau  bis  tief  in  die  Nacht  hinein.  Häufig
bin  ich  erst  beim  Tagesgrauen  nach  Hause  gekommen.

Nicht  besser  wurde  es,  als  demnächst  die  Verhandlungen
  im  Reichstage  begannen  und  ich  als  Kommissar
des  Bundesraths  dort  die  Getreide=  und  Viehzölle  zu  vertheidigen
  hatte.  Als  Abgeordneter  Reden  zu  halten,  ist
keine  Kunst.  Es  gehört  nur  etwas  Uebung  und  ein  gewisses
  Quantum  Unverfrorenheit  dazu.  Man  braucht  nicht
zu  sprechen,  wenn  man  nicht  aufgelegt  ist,  und  kann  zu
jeder  Zeit  frühstücken.  Aber  im  Reichstage  als  Vertreter
der  Reichsregierung  auf  jeden  Angriff  antworten  zu  müssen
und  deshalb  gezwungen  zu  sein,  mit  unausgesetzter  Aufmerksamkeit
  auch  den  thörichtsten  Reden  zu  lauschen,  das
ist  ein  Vergnügen  so  sonderbarer  Art,  daß  Niemand,  der
es  einmal  gekostet  hat,  nach  seiner  Wiederholung  verlangen
  wird.

Als  ich  im  Sommer  1879  kurz  vor  Schluß  des  Reichstags
  eines  Morgens  zum  Fürsten  in's  Zimmer  trat,  er-
        <pb n="47" />
        schrak  er.  „Um  Gottes  willen,  wie  sehen  Sie  aus!  Noch
heute  Abend  reisen  Sie  an  die  See  oder  in's  Gebirge  und
kommen  Sie  mir  in  acht  Wochen  nicht  wieder  vor  die
Augen!“  Ich  benutzte  dankbarlichst  den  in  dieser  drastischen
Weise  gewährten  Urlaub  und  reiste  in  der  That  in  der
Nacht  noch  nach  Westerland-Sylt.  Es  war  die  höchste
Zeit,  sonst  wäre  ich  rettungslos  zusammengebrochen.  —

Um  die  Eigenart  des  Fürsten  Bismarck  auch  Fernerstehenden
  verständlich  zu  machen,  dürfte  es  erwünscht  sein,
auf  einzelne  besonders  charakteristische  Seiten  seines  Wesens
noch  einige  Streiflichter  fallen  zu  lassen.

Seiner  Geisteskraft  entsprach  sein  Selbstbewußtsein.
Er  konnte  sich  Alles  zutrauen,  that  es  aber  auch.  Dagegen
wurde  es  ihm  nicht  leicht,  ein  fremdes  Verdienst  anzuerkennen.
  An  den  Leistungen  seiner  Minister-Kollegen
namentlich  übte  er  eine  Kritik,  die  nicht  gerade  den  Charakter
nachsichtigen  Wohlwollens  an  sich  trug.  Sein  Selbstbewußtsein,
  gepaart  mit  einer  starken  Dosis  Menschenverachtung,
  verleitete  ihn  überhaupt  nicht  selten,  Freunde  und
Feinde  zu  unterschätzen.  Er  sah  in  den  Freunden  dann
nur  willenlose  Werkzeuge  seiner  Pläne,  Schachfiguren,  die
er  beliebig  auf  dem  Brette  seiner  Politik  hin=  und  herschieben
  und  auch  opfern  konnte,  wenn  dies  in's  Spiel
paßte,  in  seinen  Feinden  nur  Schurken  und  Dummköpfe.
Ich  habe  nie  gefunden,  daß  er  einem  Gegner  volle  Gerechtigkeit
  hat  widerfahren  lassen.  Dazu  war  er  zu  leidenschaftlich,
  zu  impetuos,  zu  kampflustig.  In  dieser,  wie  in
mancher  anderen  Beziehung  glich  er  Luther.  Jeder,  auch
der  kleinste  Angriff  reizte  ihn  zur  Gegenwehr  und  er  war
        <pb n="48" />
        42

 

stets  bereit,  einen  Nadelstich  mit  einem  Degenstoß  zu  ver—
gelten.  Daß  er  bei  dieser  Freude  am  Kampfe  bisweilen
mit  Kanonen  auf  Spatzen  geschossen  hat,  läßt  sich  nicht
leugnen.  Aber  die  Spatzen  zwitscherten  zu  unverschämt
und  es  war  gerade  kein  leichteres  Gewehr  zur  Hand.

Bei  aller  Kraft  und  Erregbarkeit  seines  Temperaments
blieb  doch  ein  kühler  Realismus  der  Grundzug  seines
Wesens.  Er  sah  die  Dinge,  wie  sie  wirklich  sind,  unbe—
einflußt  durch  schwächliche  Empfindsamkeit.  Er  mag  die
ganze  Skala  der  Gemüthsbewegungen  durchgemacht  haben
und  zwar  mit  der  vollen  Wucht  seiner  Persönlichkeit  („ich
habe  nicht  schlafen  können,  ich  habe  die  ganze  Nacht  ge—
haßt“,  sagte  er  mir  eines  Morgens)  —  ich  glaube  aber
nicht,  daß  er  jemals  sentimental  oder  pathetisch  geworden
ist.  Wie  jede  Phrase  war  ihm  jede  Pose  verhaßt  und
Posiren  würde  er  es  genannt  haben,  hätte  er  eine  weich—
liche  oder  künstlich  forcirte  Stimmung  zur  Schau  getragen.

Daß  die  Politik  eine  Kunst  und  keine  Wissenschaft
sei,  —  dieses  Wort  von  ihm  ist  zu  einem  geflügelten  ge—
worden.  Er  selbst  fühlte  sich  als  ein  Virtuose  der  Staatskunst,
  der  sein  Instrument  souverän  beherrscht.  Sein  Gesichtskreis
  ging  weit  über  die  Grenzen  seines  engeren  Vaterlandes
  hinaus  und  er  war  völlig  frei  von  dem  Chauvinismus
  der  vulgären  Vaterlandsliebe;  er  nannte  sich  selbst
wiederholt  einen  Europäer.  Alle  Dinge,  Personen  wie
Ereignisse  beurtheilte  er  zunächst  nach  ihrem  Verhältniß
zu  seiner  Staatskunst;  sonstige  persönliche  rein  menschliche
Beziehungen  traten  daneben  zurück.  Als  ich  ihm,  der
einsam  im  Sachsenwalde  promenirte,  die  Nachricht  von
        <pb n="49" />
        13

 

dem  Nobiling'schen  Attentate  brachte,  war  sein  erstes  Wort:
„Jetzt  lösen  wir  den  Reichstag  auf!“  —  Blitzschnell  kombinirte
  er  alle  Folgen,  die  das  erschütternde  Ereigniß  auf
den  Gang  unserer  inneren  Politik  haben  konnte.  Dann
erst  erkundigte  er  sich  theilnehmend  nach  dem  Befinden  des
Kaisers  und  nach  den  Einzelheiten  des  Attentats.

Nur  in  seinem  Familienleben,  das  geradezu  ideal  genannt
  werden  muß,  in  seinem  Verhältniß  zu  Frau  und
Kindern  war  von  berechnender  Kälte  nichts  zu  finden;  hier
herrschte  eine  gemüthvolle  Lässigkeit.  Als  Gatte  und  Vater
konnte  er  schwach  sein,  wie  jeder  andere  Gatte  und  Vater
und  in  seinem  eigenen  Hause  ist  der  große  Diplomat  wohl
auch  einmal  den  kleinen  diplomatischen  Künsten  erlegen,
die  gegen  ihn  von  seinen  Angehörigen,  —  ich  bekenne,
bisweilen  unter  meiner  Mitwirkung  —  in  Scene  gesetzt
wurden.

Außer  seiner  Familie  widmete  er  nur  wenigen  Auserwählten
  eine  herzliche,  aufrichtige  Zuneigung.  Dagegen
war  er  ein  großer  Freund  der  Thiere,  namentlich  der
Hunde,  die  im  Bismarck'schen  Hause  sich  alles  erlauben
durften.  Mit  grimmigen  Worten  äußerte  er  sich  über  die
Vivisektoren,  diese  „Hundeschlächter“  und  jede  gegen  ein
Thier  verübte  Grausamkeit  regte  ihn  leidenschaftlich  auf.
Als  es  mit  seinem  Sultan,  „seinem  besten  Freunde“,  zu
Ende  ging,  fand  ich  ihn  in  seinem  Arbeitszimmer  auf  dem
Teppiche  sitzend,  den  sterbenden  Hund  im  Schooße,  dem
er  liebevoll  den  Kopf  streichelte.  Mehrere  Tage  nachher
hat  er  kein  Wort  gesprochen.
        <pb n="50" />
        44

 

Ebenso  groß  war  seine  Liebe  zur  Natur.  Er  kannte
den  landwirthschaftlichen  Betrieb  bis  in  die  kleinsten  Details
und  überraschte  häufig  seine  Pächter  und  Inspektoren  durch
seine  fachmännischen  Bemerkungen.  Am  wohlsten  aber
fühlte  er  sich  unter  seinen  Bäumen.  Jede  alte  Eiche  und
Buche  kannte  er  persönlich  und  mit  Sorgfalt  und  Sach—
kunde  überwachte  er  die  jungen  Kulturen  in  seinen  Forsten.
Mehr  als  einmal  habe  ich  von  ihm,  halb  im  Scherz,  halb
im  Ernst  die  Bemerkung  gehört,  er  habe  doch  eigentlich
seinen  Beruf  verfehlt,  er  hätte  Förster  werden  sollen.
Einmal  verstieg  er  sich  sogar  zu  der  ehrgeizigen  Behaup—
tung:  wenn  er  sich  der  Forstkarriere  gewidmet  hätte,  würde
er  es  bis  zum  Oberlandforstmeister  gebracht  haben.

In  hohem  Grade  entwickelt  war  bei  ihm  der  Sinn
für  Humor.  Seine  Briefe,  seine  Reden,  seine  Tischgespräche
liefern  hierfür  ja  hundertfältige  Beispiele.  Ich  möchte  eine
Geschichte  erzählen,  die  beweist,  daß  der  Humor  bisweilen
auch  in  der  höheren  Politik  eine  entscheidende  Rolle  ge—
spielt  hat.  Diese  Geschichte  ist  charakteristisch  für  den
Fürsten,  charakteristisch  für  den  Geschäftsbetrieb  in  der
Reichskanzlei,  charakteristisch  auch  für  meinen  verehrten
Freund  Hobrecht,  dessen  liebenswürdige  Natur  ebenfalls
mit  einer  starken  humoristischen  Ader  durchsetzt  ist.  Ich
trage  um  so  weniger  Bedenken  sie  mitzutheilen,  als  sie,
wie  ich  zufällig  weiß,  doch  in  nächster  Zeit  in  Poschinger's
Werk:  Fürst  Bismarck  und  der  Bundesrath  mit  ausdrück—
licher  Zustimmung  Hobrecht's  veröffentlicht  werden  wird.

Nach  dem  Abgange  Camphausens  als  Finanzminister
        <pb n="51" />
        15

.  –——  —

war  es  nicht  leicht,  einen  Nachfolger  für  ihn  zu  finden.
Mochte  man  denken  wie  man  wollte  über  Camphausen  als
Staatsmann,  —  als  Finanz-Techniker  genoß  er  eines
wohlverdienten  Rufes  und  Jeder  mußte  sich  sagen,  daß
es  keine  leichte  Aufgabe  sein  werde,  in  die  Fußtapfen  eines
Mannes  zu  treten,  der  trotz  seltener  Begabung,  ungewöhnlicher
  Erfahrung  und  beispielloser  Popularität  bei
den  Parlamentsmajoritäten  in  seiner  gesammten  Finanzpolitik
  doch  eigentlich  Fiasko  gemacht  hatte.

Ich  erhielt  von  dem  Fürsten  den  Auftrag,  mit  verschiedenen
  höheren  Beamten  wegen  Uebernahme  des  Finanz-Portefeuilles
  persönlich  zu  verhandeln.  Alle  lehnten  ab.
Der  Fürst  setzte  sich  direkt  mit  anderen  in  Verbindung,
der  Erfolg  war  ebenso  negativ.  Als  ich  eines  Morgens
in  sein  Zimmer  trat,  gab  er  mir  mehrere  Absagebriefe,  die
er  erhalten  hatte,  und  sagte  dann,  er  habe  nun  das  Staats-Handbuch
  von  vorne  und  hinten  durchgesehen,  könne  aber
Niemanden  mehr  finden,  dem  noch  das  Finanz-Ministerium
anzubieten  sei,  ausgenommen  Stephan;  bei  diesem  wolle
er  heute  noch  einen  letzten  Versuch  machen.  „Wissen  Sie
denn  Niemanden?"“  Ich  nannte  einige  Namen,  die  aber
sämmtlich  keinen  Anklang  fanden.  Nun  war  auch  mein
Latein  zu  Ende.  Der  Fürst  strich  seine  Augenbrauen,  blickte
sinnend  zum  Fenster  hinaus  und  sagte  in  scherzendem
Tone:  „Wozu  habe  ich  denn  eigentlich  einen  vortragenden
Rath,  wenn  er  mir  nicht  einmal  Minister  verschaffen  kann.
Besinnen  Sie  sich  noch  einmal  gründlich.  Bis  heute  Abend

verlange  ich  von  Ihnen  einen  Finanzminister,  lebendig
oder  todt!“
        <pb n="52" />
        46

 

Ich  durchblätterte  nun  auch  meinerseits  noch  einmal
das  Staats-Handbuch,  aber  nichts  Geeignetes  wollte  sich
finden  lassen.

So  kam  der  Abend  heran.  Es  war  Donnerstags,  wo
sich  unser  Klub  in  der  Potsdamerstraße  versammelte,  dem
Julian  Schmidt,  Herman  Grimm,  Heinrich  von  Treitschke
und  andere  interessante  Persönlichkeiten  angehörten.  Auch
die  Gebrüder  Hobrecht,  der  Oberbürgermeister  und  der
Stadtbaurath  waren  ständige  Besucher.  Ich  ging  gegen
Mitternacht  dorthin,  verdrießlich  und  abgespannt.  Der
Baurath  James  Hobrecht,  neben  dem  ich  Platz  nahm,  begann
  ein  Gespräch  über  die  gegenwärtige  Minister-Krisis,
an  dem  ich  nur  widerwillig  theilnahm,  so  daß  er  mich
fragte,  warum  ich  heute  so  pensiv  sei.  Ich  erwiderte,  daß
ich  Jemanden  vergeblich  gesucht  hätte,  und  fragte  dann,
um  dem  Gespräch  eine  andere  Wendung  zu  geben,  ob
sein  Bruder  Arthur,  der  Oberbürgermeister,  heute  Abend
noch  erscheinen  werde.  Dabei  schoß  mir  wie  ein  erleuchtender
  Blitz  der  Gedanke  durch  den  Kopf,  ob  Arthur
Hobrecht  nicht  etwa  der  Gesuchte,  d.  h.  der  neue  Finanzminister,
  sein  könne  und  seltsamerweise  erschien  in  diesem
Augenblicke  ein  Kanzleidiener,  der  mich  zum  Fürsten  berief.
Während  ich  zum  Reichskanzler-Palais  fuhr,  überlegte  ich
mir  die  Sache.  Als  ich  in  das  Schlafzimmer  des  Fürsten  trat,
der  sich  bereits  zu  entkleiden  begonnen  hatte,  empfing  mich
dieser  mit  den  Worten:  „So,  nun  hat  Stephan  auch  abgelehnt!
Pötter,  wat  makt  wi  nu?).“  Ich  erwiderte,  daß  ich  einen

*)  Diese  Aeußerung  bezog  sich  auf  eine  Anekdote,  die  der  Fürst
gern  erzählte:  Ein  Großherzog  von  Mecklenburg,  ich  weiß  nicht,  ob
        <pb n="53" />
        Finanzminister  gefunden  zu  haben  glaubte,  und  nannte
frischweg  Hobrecht.  Der  Fürst  besann  sich  eine  Weile  und
äußerte  dann:  „Gedacht  habe  ich  an  den  auch  schon,;  ich
glaube  aber  nicht,  daß  er  annehmen  wird.“  Dann  fragte
er  mich,  ob  ich  mit  Hobrecht  so  genau  bekannt  sei,  daß  ich
ihn  noch  in  dieser  Nacht  überfallen  und  fragen  könne,  ob
er  Minister  werden  wolle.  Ich  bejahte  dies.  Der  Fürst
bat  mich  nun,  Hobrecht  sofort  aufzusuchen  und  ihm  Nach—
richt  zu  bringen.  Er  werde  nicht  einschlafen,  bis  ich  zurück—
gekehrt  sei.

Es  war  nach  1  Uhr  Nachts,  als  ich  an  Hobrecht's
Wohnung  klingelte.  Der  Diener,  der  mich  kannte,  theilte  mir
mit,  daß  der  Herr  Oberbürgermeister  noch  in  einer  Abend—
gesellschaft  sei,  aber  jeden  Augenblick  zurückkehren  könne,  und
führte  mich  dann  auf  Verlangen  in  Hobrecht's  Arbeits—
zimmer.  Hier  fand  ich  auf  dem  Sofatisch  das  letzte  Heft  der
„Preußischen  Jahrbücher“  aufgeschlagen  und  zwar  bei  einem
Treitschke'schen  Essay  über  die  Geschichte  des  Zollvereins.  Ich
las  die  kurze  lebendige  Schilderung  der  ersten  Wirksamkeit
des  Finanzministers  von  Motz.  Nach  Verlauf  einer  kleinen
halben  Stunde  erschien  Hobrecht  im  Frack  und  weißer  Binde.
Haltung  und  Sprache  ließen  zweifellos  erkennen,  daß  er
aus  einer  fröhlichen  Gesellschaft  kam.  Er  war  natürlich
höchst  erstaunt  über  meine  Anwesenheit  zu  so  später  Nachtstunde
  und  dies  Erstaunen  wich  nicht,  als  ich  ihm  möglichst

von  Schwerin  oder  Strelitz,  spielte  an  der  Bank  zu  Doberan  und  besetzte
  dieselben  Nummern,  wie  ein  neben  ihm  stehender,  reich  gewordener
  Töpfermeister.  Als  beide  ihr  Geld  vollständig  verjeut  hatten,
fragte  der  Großherzog:  „Na  Pötter,  wat  makt  wi  nu?“  „Oh“,  erwiderte
  der  Töpfermeister:  „Hoheit  schriewen  Stüern  ut,  un  ik  mak  Pött.“
        <pb n="54" />
        48

 

unbefangen  sagte,  ich  sei  gekommen,  um  bei  ihm  noch  eine
Cigarre  zu  rauchen  und  eine  Flasche  Selterswasser  zu
trinken.  Beides  wurde  herbeigeschafft.  Hobrecht  entledigte
sich  seines  Gesellschaftsanzuges  und  setzte  sich  mir  dann
behaglich  und  neugierig  gegenüber,  mehr  und  mehr  zu  der
Ueberzeugung  kommend,  daß  ich  ihm  noch  etwas  Besonderes
mitzutheilen  habe.  Als  er  mich  endlich  direkt  darauf  an—
redete,  erwiderte  ich:  „Gewiß,  ich  wollte  Sie  nur  beiläufig
fragen,  ob  Sie  nicht  Lust  haben,  Finanzminister  zu  werden.“

Hobrecht  sah  mich  starr  an.  Er  hielt  das  Ganze  für
einen  Scherz  und  wußte  nicht  recht,  wie  er  ihn  aufnehmen
sollte.  Als  ich  indessen  meine  Frage  kaltlächelnd  wieder—
holte  und  dabei  hinzufügte,  der  Kanzler  habe  mich  aus—
drücklich  beauftragt,  noch  in  dieser  Nacht  mit  ihm  zu  ver—
handeln,  sprang  er  erregt  auf,  lief  im  Zimmer  umher  und
rief  hochaufathmend:  „Diese  Sache  könnte  einen  ja  mit
einem  Mal  nüchtern  machen.“

Ich  sagte,  indem  ich  auf  die  „Preußischen  Jahrbücher“
hinwies,  daß  ich  zu  meiner  Freude  ersehen,  wie  er  heute
noch  die  Geschichte  der  preußischen  Finanz-Politik  studirt
habe;  ich  müsse  das  als  ein  gutes  Omen  für  den  Erfolg
meiner  Mission  ansehen.

Nach  einer  Weile  fragte  mich  Hobrecht,  wann  er  mich
morgen  Vormittag  sprechen  könne.  Ich  antwortete,  daß
ich  bis  12  Uhr  zu  Hause  sein  werde.

„Nun“,  sagte  Hobrecht,  „ich  werde  mir  die  Sache  beschlafen.
  Wenn  ich  morgen  im  Kater  noch  so  denke,  wie
heute  in  der  Bezechtheit  (er  gebrauchte  eigentlich  einen
derberen  Ausdruch),  so  sage  ich:  Jal“
        <pb n="55" />
        19

Als  ich  zum  Fürsten  zurückkehrte,  lag  dieser  bereits
lange  schon  im  Bette.  Er  rief  mir  entgegen:  „Nun,  wie
steht's?  Haben  wir  einen  neuen  Minister?“

Ich  erwiderte,  Hobrecht  habe  erklärt,  wenn  er  morgen
im  Kater  noch  so  dächte,  wie  heute  Nacht  in  der  Bezechtheit,
  so  wolle  er  die  Finanzen  übernehmen.  Der  Fürst
war  höchlichst  ergötzt  und  meinte,  diese  sympathische  Antwort
  berechtige  zu  den  günstigsten  Erwartungen.

Am  nächsten  Morgen  stellte  sich  Hobrecht  rechtzeitig
bei  mir  ein.  Der  Kater  war  vorhanden  und  mit  ihm
eine  gewisse  Unentschlossenheit.  Es  gelang  mir  indessen,
seine  Bedenken  zu  beseitigen,  und  das  Ende  unserer  Besprechung
  war,  daß  er  sich  definitiv  zur  Uebernahme  des
Finanz-Portefeuilles  bereit  erklärte.  Am  Abend  hatte  er
eine  längere  Unterredung  mit  dem  Fürsten  und  am  nächsten
  Tage  stand  seine  Ernennung  zum  Staats=  und  Finanz-Minister
  im  Reichsanzeiger.  —

Im  März  1880  überraschte  mich  der  Fürst  durch  die
Mittheilung,  daß  Seine  Majestät  mich  an  Stelle  des  verstorbenen
  Staatsministers  v.  Bülow  zum  Preußischen  Bevollmächtigten
  zum  Bundesrathe  ernannt  habe.  Es  war
das  in  der  That  eine  ungewöhnliche  Auszeichnung,  denn
ich  war  nun  der  einzige  wirkliche  Bevollmächtigte  (nicht
bloß  Stellvertreter)  in  dieser  illüstren  Versammlung,  der
nicht  Excellenz  war.  Meine  Ernennung  erfolgte,  um  den
Fürsten  in  nähere  Fühlung  mit  dem  Bundesrathe  zu
bringen,  dann  aber  auch,  um  mir  die  verfassungsmäßige
Berechtigung  zu  verschaffen,  zu  jeder  Zeit  im  Reichstage
das  Wort  ergreifen  zu  können.  Bis  dahin  hatte  es  hierzu

Erinnerungen  an  Bismarck.
        <pb n="56" />
        50

 

immer  einer  besonderen  Anmeldung  bedurft,  die  mich  als
Kommissar  des  Bundesraths  legitimirte.

Meine  amtliche  Stellung  war  nun  in  der  angenehm—
sten  Weise  ausgestaltet  und  befestigt.  Wenn  trotzdem  und
trotz  mancher  glänzenden  Perspektiven,  die  sich  zu  eröffnen
schienen,  schon  im  nächsten  Jahre  in  mir  der  Entschluß
reifte,  sie  aufzugeben,  so  spielten  dabei  verschiedene  Be—
weggründe  mit.  Zunächst  die  Rücksicht  auf  meine  Ge—
sundheit.  Ich  hatte  allmählich  die  Entdeckung  gemacht,
daß  ich  auch  Nerven  besitze,  was  ich  bis  dahin  nicht  ge—
wußt  hatte.  Mein  vielgerühmtes  Schlaftalent  war  mir
abhanden  gekommen.  In  früheren  Jahren  hatte  ich  häufig
die  Heiterkeit  meiner  Kollegen  erregt,  wenn  ich  auf  meinem
Sitze  im  Abgeordnetenhause  den  Schlaf  des  Gerechten  schlief.
Jetzt  war  das  Alles  vorbei.  Nur  mit  Hülfe  künstlicher
Mittel  konnte  ich  einige  Stunden  Nachtruhe  finden.

Dann  wurde  ich  mehr  und  mehr  meiner  Familie
entfremdet.  Ich  war  eigentlich  nur  Gast  im  eignen  Hause.
Meine  Kinder  bekam  ich  oft  wochenlang  nicht  zu  sehen.
Als  gewissenhafter  Statistiker  kann  ich  konstatiren,  daß  ich
im  Jahre  1879  ein  hundert  und  drei  und  dreißig  Mal
beim  Fürsten  Bismarck  zu  Mittag  gespeist  habe  und  wäh—
rend  der  Zeit  vom  Januar  bis  Ende  Juli  nur  zwei  Abende
in  meiner  Familie  gewesen  bin.  Und  davon  verdankte  ich
den  einen  Abend  nur  dem  Scherze  meiner  Frau,  die  mir,
während  ich  im  Bismarck'schen  Hause  dinirte,  eine  gedruckte,
förmliche  Einladungskarte  schickte,  durch  welche  sie  den
Herrn  Geheimen  Ober-Regierungs-Rath  u.  s.  w.  auf  acht
        <pb n="57" />
        51

Uhr  zum  Thee  einlud  (##  gefälligst  im  Ueberrock),  worüber
ich  der  Fürst  sehr  amüsirte.

Ein  Drittes,  nicht  das  Unwichtigste  kam  noch  hinzu.
Es  ist  etwas  Großes,  in  einen  großen  Mann  sich  hineinzuleben,
  seine  Gedanken,  Plänc,  Entschlüsse  sich  anzueignen,
gewissermaßen  in  ihn  aufzugehen.  Die  eigne  Individualität
  aber  geräth  dabei  in  Gefahr,  zerrieben  zu  werden.
Ich  sehnte  mich  nach  Freiheit  der  Bewegung,  nach  unabhängiger
  Thätigkeit,  nach  selbstständigem  Handeln  und
Schaffen.  Ich  habe  immer  ein  volles  Verständniß  gehabt
für  den  tiefen  Sinn  des  Wortes,  das  man  Julius  Cäsar
in  den  Mund  legt:  Lieber  in  diesem  Dorfe  der  erste,  als
in  Rom  der  zweite.  Uebrigens  sans  comparaison!

Schon  im  Frühjahr  1881  bat  ich  den  Fürsten,  mir
den  Rücktritt  in  die  Preußische  innere  Verwaltung  zu  gestatten.
  Er  erkannte  meinen  Wunsch  als  berechtigt  an
und  versprach,  mir  ein  geeignetes  Amt  zu  vermitteln.  Als
ich  ihn  aber  einige  Monate  später  an  dieses  Versprechen
erinnerte  (:  es  bot  sich  dazu  eine  besondere  Gelegenheit),
da  brauste  er  auf  und  warf  mir  in  gereizten,  heftigen
Worten  vor,  daß  mein  Denken  und  Trachten  nur  darauf
gerichtet  sei,  ihn  zu  verlassen.  Es  ist  dies  das  erste  und
einzige  Mal,  daß  er  in  einem  verletzenden  Tone  mit  mir  geredet
  hat.  Auch  diese  Scene  befestigte  noch  meinen  Entschluß,
  aus  der  Reichskanzlei  auszuscheiden.

Als  es  dann  aber  nach  mehreren  weiteren  Monaten
wirklich  zum  Abschied  kam  und  ich  nach  Varzin  gefahren
war,  um  mich  persönlich  beim  Fürsten  abzumelden,  als  ich

dort  wieder  mit  ihm  am  Kamine  saß,  wie  so  häufig  zuvor,
47
        <pb n="58" />
        52

 

und  er  mir  sagte:  „Wir  hatten  uns  doch  recht  in  einander
eingelebt,  es  wird  mir  schwer  werden,  Ihr  Gesicht  zu  ver—
missen,“  da  wurde,  ich  kann  es  nicht  leugnen,  auch  mir  das
Herz  schwer.

Jetzt  liegen  alle  jene  Erinnerungen  in  nebelgrauer
Ferne  hinter  mir.  Die  Bilder,  die  sich  einst  farbenprächtig
dem  Gedächtnisse  eingeprägt,  beginnen  allmählich  zu  ver—
blassen.  Und  doch  —  wenn  ich  in  meinen  Tagebüchern
blättere  oder  auf  alte,  halbvergessene  Briefe  und  Papiere
stoße,  steigt  wie  eine  Fata  morgana  vor  meinen  Augen
die  Zeit  wieder  herauf,  in  der  ich  täglich  Gelegenheit  hatte,
die  interessantesten  Einblicke  in  das  politische  Weltgetriebe
zu  thun,  wo  alle  Fäden,  welche  die  deutsche  Reichs=  und
preußische  Staatsverwaltung  mit  einander  verknüpfen,  durch
meine  Hände  liefen  und  wo  es  mir  vergönnt  war,  wenn
auch  nur  als  einfacher  Lehrling  und  Geselle  in  der  geistigen
Werkstatt  eines  Meisters  zu  arbeiten,  dessen  Schöpfungen
unsterblich  sein  werden,  wie  sein  Name.

Druck  von  August  Pries  in  Leipzig.
        <pb n="59" />
        <pb n="60" />
        4  “%  Pompern  geschenkt,  ablehnte?  Oder  ist  ihm,  da  wir  doch  schließlich
%  %  “—  dem  ehemals  von  ihm  selbst  abgegebenen  Zeugniß  glauben  dürfen,
⸗  dbie  hPöchste  und  tiefste  Einsicht  über  Dinge,  denen  er  sich  bis  dahin
#  4“  7%½  ferngehalten,  im  Handumdrehen  angeslege“  wie  man  jetzt  zuweilen
hören  kann?  Diejenigen  natürlich,  welche  ihm  mit  dieser  Ver¬*
  3/%%  n  götterung  dafür  lohnen,  daß  der  plötzlich  über  ihn  gekommene
4%  Beruf  fo  handgreiflich  zu  ihrem  Vortheil  ausgeschlagen  ist,  haben
2•.##4  sofort  als  Erklärung  die  Intuition  des  Genies  bereit,  welches  nur  zu
vwollen  braucht,  um  in  Allem  das  Hoöchste  zu  leisten.  Aber  obwohl
diese  servile  Beräucherung  an  dem  Umschwung  der  Dinge  nicht
uunnbetheiligt  war,  so  darf  man  doch  dem  skeptischen  Geiste  des  Verherrlichten
  zutrauen,  daß  er  inmitten  all’  der  wohlberechneten
Götzendienerei  auch  sein  Theil  Selbstkritik  und  Kritik  der  Andern
geübt  haben  wird.  Er  müßte  nichts  mehr  von  dem  oft  gezeigten
Sinn  für  die  Grenzen  menschlicher  Vollkommenheit  haben,  wenn
ihm  nicht  manchmal  mitten  in  den  großen  Anläufen  zum  Umbau
##des  ganzen  Staats=  und  Verkehrslebens  vor  der  ihm  zuerkannten
l  ½  .  5%  Gottähnlichkeit  bange  würde.  VAber  freilich!  wenn  mit  sich  immer

——]“—]—.3ò  wird,  daß  der  Staat  alle
phären  des  Lebens  durchdringen,  beseelen,  einrichten  und  lenken

#½

4%  r#  miss  und  wenn  nun  diese  doktrinärste  aller  Doktrinen  von  dem
"“"  b  1½

2%

  

allumfassenden  Beruf  des  unfehlbaren  Staates  vor  den  Einen

#  hintritt,  in  dessen  Person  sich  so  viel  staatliche  Macht  verkörpert,
#so  müßte  der  Eine  in  der  That  übermenschliche  Entsagungskraft
Jim  Busen  tragen,  damit  er  dieser  „Vexsuchung,  ein  Gott  zu
werden,  widerstände.  4u  —

erade  die  eminenten  Gaben,  welche  den  einen  Mann  befähigten,
  zu  vollbringen,  was  die  Nation  im  Lauf  der  Jahr¬1.

  7  hunderte  nicht  vollbracht  hatte,  gerade  diese  Gaben  schlugen  ihm
7  4/  „  und  ihr  zum  Schaden  aus  alm  e,  dem  eigenen,  richtigen  Gefühl  von

  
  
 

⅝%

%  ehedem  Elsagend,  seine  persönliche  Wirksamkeit  mit  ihrer  eigenthümlichen
  Methode  auf  das  Gebiet  des  inneren  Staatslebens

6  übertrug.  Denn  der  Natur  dieser  inneren  Entwicklung  widerstrebt

#1  on  Grund  aus  alles  gewaltsame,  von  Außen  eingreifende,

0b
*iri*v  11/7
        <pb n="61" />
        49

geben  würde.  Der  Reichskanzler  ging  bei  ſeinem  Widerſtand  von
der  entgegengeſetzten  Wahrſcheinlichkeitsberechnung  aus.  Wer  hatte
nun  richtiger  gerechnet,  wenn  es  ſchon  bei  früheren  Anläſſen  als
bei  den  Attentaten  zur  Entſcheidung  gekommen  wäre?  Welcher
Verlaß  war  auf  die  deutſchen  Wähler  für  die  Sache  des  Liberalismus
  im  Widerſtreit  mit  dem  Kanzler?  Wir  wollen  hier  die
Frage  nicht  eingehender  beantworten,  indem  wir  die  tieferen  und
dauernden  Eigenschaften  des  Volkscharakters  einer  näheren  Prüfung
unterziehen.  Es  genügt  hier  auszusprechen,  daß  schwerlich  Jemand
  sich  zu  der  Behauptung  versteigen  wird,  die  Energie  des
Liberalismus  habe  sich  in  den  letzten  drei  Jahren  größer  erwiesen,
als  die  liberalen  Politiker  von  ihm  erwarteten.  Nicht  sowohl
die  freisinnige  als  überhaupt  die  politische  Regsamkeit  und  Schwungkraft
  des  deutschen  Volkes  ist  in  den  letzten  Jahren  hinter  sehr
bescheidenen  Erwartungen  zurückgeblieben.  Es  hat  sich  den  Glauben
und  die  Freude  an  sich  selbst  nehmen  lassen  und  Jedem,  der  es
an  sich  irre  machen  wollte,  Gehör  geliehen.

In  deutlicher  Erkenntniß  oder  mindestens  im  richtigen  Gefühl
dieses  Standes  der  Dinge  haben  bei  den  bekannten  Anlässen  die  Nationalliberalen
  sich  gehütet,  den  Bogen  allzustraff  anzuspannen.  Sie
hätten  einen  verhängnißvollen  Irrthum  begangen,  wenn  sie  in
optimistischer  Hoffnung  auf  bessere  Zeiten  die  Erledigung  der  wichtigen
  Gesetzgebungsarbeiten,  welche  die  eigentliche  Aufgabe  der  ersten
norddeutschen  und  deutschen  Reichstagssessionen  bildeten,  auf  unbestimmte
  Frist  hinausschoben.  Es  galt  vielmehr,  den  in  den  ersten
Jahren  auch  von  oben  wehenden  liberalen  Hauch  zu  positiven  Gesetzen
  zu  verwerthen.  Wer  die  deutsche  Nation  und  ihren  Lenker
einigermaßen  richtig  beurtheilte,  durfte  dabei  dem  Morgen  nichts
überlassen,  was  er  dem  Heute  abgewinnen  konnte,  denn  dem  Morgen
  war  entschieden  zu  mißtrauen.  Wer  doch  konnte  den  Fürsten
Bismarck  für  einen  Mann  von  liberalen  Neigungen  halten?)  Das
Höchste,  worauf  sich  rechnen  ließ,  war  seine  Neutralität,  und  auch
diese  war  nur  gesichert,  so  lange  nicht  die  Versuchung  an  ihn
herantrat,  sich  mit  einer  anderen  Richtung  einzulassen.  Und  was
die  Nation  selbst  angeht,  so  begnügen  wir  uns,  die  Thatsachen,
        <pb n="62" />
        □  —  —¡—  225D—

Druck  von  August  Hries  in  Leipzig.

 

 

C  —  2—  D
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
