10  Kinleitung.

Fakultäten  zu  studieren  und  die  Grade  zu  erwerben.  Die  weitere
laufbahn  führte  dann,  wenn  nicht  das  akademische  L.chramt  in  einer
oberen  Fakultät  dauernd  festhielt,  in  der  Regel  in  eine  höhere  kirchliche
  Stellung.  In  den  Kapiteln  waren  vielfach  cine  bestimmte  Zahl
von  Stellen  für  Doktoren  der  Theologie  oder  der  Rechte  vurbehalten.


Die  mittelalterlichen  Universitäten,  ihr  Wissenschafts-  und  Unterrichtsbetriceb
  sind  in  der  nachfolgenden  Periode,  dem  Zeitalter  der
Renaissance  und  Reformation,  Gegenstand  der  wegrwerfendsten  Verurteilungz
  geworden.  In  den  „Briefen  der  dunklen  Männer“  ist  all  der
Ingrimm  und  all  die  Verachtung  ausgeschüttet,  womit  die  neue  Bildung
  von  der  alten  und  abgelebten  sich  abwendete.  Wenn  man  den
Verfassern  dieser  Briefe,  Crotus  und  Ilutten,  glauben  will,  so  war
verbohrter  und  verdummender  Formalismus  und  Haß  gegen  die
schönen  Wissenschaften,  verbunden  mit  schmutziger  Armut  und
moralischer  Verkommenheit,  das  Lebenselement,  worin  sich  die  alten
Universitätsgelehrten  bewegten  und  wohl  fühlten.

Fine  historische  Betrachtung  wird  sich  natürlich  dieses  Urteil
nicht  ohne  Vorbehalt  aneignen.  Zwar,  für  den  Fortschritt  der  Wissenschaft
  als  solcher  haben  die  mittelalterlichen  Universitäten  nicht  viel
geleistet,  auf  die  Ursachen  wurde  schon  hingewiesen:  das  Schülerbewußtsein,
  die  innere  Gebundenheit  durch  die  Autoritäten,  deren
Folge  die  äußere  Bindung  war.  Dagegen  kann  cs  keinem  Zweifel
unterliegen,  daß  diese  Anstalten  für  die  intellektuelle  Bildung  und
Schulung  der  abendländischen  Völkerwelt  außerordentlich  Bedeutendes
geleistet  haben.  Die  allgemeine  wissenschaftliche  Kultur  hat  in  der
zweiten  Hälfte  des  Mittelalters  große,  ja  erstaunliche  Fortschritte  gemacht.
  Ich  erinnere  nur  daran,  daß  am  Ausgang  des  15.  Jahrhunderts
  kaum  eine  Stadt  ohne  cine  gelchrte  Schule  und  ohne  L.chrer
war,  die  auf  einer  Universität  wenigstens  eine  elementare  wissenschaftliche
  Bildung  empfangen  hatten.  Ferner  daran,  daß  das  Bedürfnis
  nach  literarischen  Hilfsmitteln  sich  so  ausgebreitet  hatte,  daß
die  Buchdruckerkunst  erfunden  werden  konnte  und  mußte,  um  ihm
Befriedigung  zu  verschaffen.  War  alles  dies  in  erster  l.inie  das  Werk
der  Universitäten,  so  wird  man  sagen  dürfen,  daß  ihnen  vor  allen
das  Verdienst  zukommt,  den  Boden  bereitet  zu  haben,  worin  die
rciche  Saat  der  modernen  Wissenschaft  in  den  folgenden  Jahrhunderten
erwachsen  ist.

Dabei  mag  man  denn  einräumen,  daß  der  scholastische  Wissenschafts-
  und  Unterrichtsbetrieb  beim  Ausgang  des  Mittelalters  Spuren