Geschichtliche  Entwicklung  der  deutschen  Universitäten.  11

von  Frstarrung  und  Senilität  erkennen  läßt,  wie  sie  einzutreten
pflegen,  wenn  bestimmte  Gedanken  und  Methoden  lange  Zeit  eine
ausschließende  Ierrschaft  behaupten.  War  an  sich  die  Scholastik
einseitig  auf  logizistische  Arbeit  und  rein  formale  Verstandeskultur
gerichtet,  bei  starker  Vernachlässigung  der  Realkenntnisse,  sowohl
der  Natur  als  der  Geschichte,  und  mit  fast  vollkommener  Gleichgültigkeit
  gegen  literarische  und  ästhetische  Bildung,  so  mußte  sie,
in  beständiger  Inzucht  sich  fortpflanzend,  zuletzt  in  Geistlosigkeit,
Leerheit  und  öden  Formalismus  herabsinken;  und  ein  in  endlosen
Quästionen  und  Kommentationen  sich  fortschleppender  Unterrichtkonnte
für  eine  Jugend,  der  cben  die  Augen  für  andere  Dinge  aufzugchen
begannen,  unerträglich  werden.

Will  man  die  Empfindungen  des  jugendlichen  Humanisten  gegen
den  alten  Universitätsbetrieb  verstehen,  dann  lese  man  eine  lehrreiche,
  aus  eigener  Anschauung  geschöpfte  Beschreibung  des  Tlochschulunterrichts,
  wie  er  noch  gegenwärtig  an  der  nuhammedanischen
Universitäts-Moschee  I]  Azhar  zu  Kairo  stattfindet,  von  A.  Heidborn.*)
Wir  haben  hier  im  ganzen  dieselben  Wissenschaften,  denselben
Studiengang  und  Betricb  wie  an  unseren  mittelalterlichen  Universitäten.
  Die  Wissenschaften  werden  in  zwei  Gruppen  geteilt,  Ziel-Wissenschaften
  und  Mittel-Wissenschaften  genannt.  Die  erste  Gruppe
bilden  die  Theologie  (Dogmatik,  Moralthcologie,  Korancxegese,  Traditionsichre)
  und  dic  Rechtswissenschaft;  zu  der  anderen  gehören:
Syntax,  Grammatik,  Rhetorik,  Logik,  Mctrik,  Algebra.  Dazu  konnen
als  „nicht  übliche‘  (fakultative)  Wissenschaften  in  der  ersten  Gruppe:
Geschichte  des  Islanıs,  in  der  zweiten:  Geometrie,  Länderkunde,
Mathematik.  Der  Student  hat  zuerst  den  Kursus  der  „Mittel-Wissenschaften"
  zu  durchlaufen,  dann  erst  darf  cr  sich  dem  Studium  der
Religions-  und  der  Gesetzeswissenschaft  zuwenden.  Man  sicht,  es  ist
ganz  dasselbe  Schema,  wie  an  den  mittelalterlichen  Universitäten:
erst  die  „freien  Wissenschaften“,  vor  allem  die  artes  formales,
Grammatik,  Rhetorik,  Dialektik,  dann  erst  die  Theologie  oder  die
Rechtswissenschäft.  Der  artistische  Kursus  war  allerdings,  dank  dem
griechischen  Erbe,  das  in  Gestalt  des  aristotelischen  Systems  vom
Abendlande  angeeignet  ist,  reicher,  vor  allem  um  die  „philosophischen
Wissenschaften“  «der  Physik  und  Kosmologie,  der  Metaphysik  und
Ethik.  Doch  gehörten  diese  vielfach  auch  zu  den  „nicht  üblichen“
Wissenschaften,  wenigstens  für  den  Durchschnittsstudenten.  Y.benso

*)  Preuß.  Jahrbücher,  herausgeg.  vun  ll.  Delbrück,  April  1903.