12  Einleitung.

können  wir  in  der  Moschee  die  Form  des  mittelälterlichen  Unterrichts
studieren;  die  Aufgabe  hier  wie  dort  Überlieferung  eines  festen  Bestandes
  der  „Wissenschaft“  ohne  alle  Kritik  und  Selbständigkeit.  Der
Professor  „liest“,  d.  h.  erklärt  eines  der  kanonischen  Bücher,  die
unter  die  sämtlichen  I.chrer  verteilt  werden;  sein  Geschäft  ist
Glossieren,  Kompilicren,  Kommentieren,  erst  den  Text,  dann  den
Kommentar,  darauf  den  Kommentar  zum  Konimentar  und  nochmals
den  Kommentar  zum  Kommentar  des  Komnientars.  „Die  Komnientare
  sind  natürlich  alle  verschiedener  Ansicht,  überbieten  sich  in  scharfsinnigen
  Deutungen  und  schleppen  die  Gründe  dafür  auf  engsgedruckten
Folioseiten  in  einer  Fülle  herbei,  daß  der  l.eser  zuletzt  vor  lauter
Kommentieren  vergißt,  was  eigentlich  kommentiert  wird‘;  und  das
Ende  ist,  daß  der  „Geist  durch  die  verworrene  Darstellung,  die  endlosen
  Haarspältereien  und  Spitziindigkeiten  erschlafft,  jede  Spannkraft
verliert  und  am  Ende  cin  wüstes  Durcheinander  in  den  Köpfen
herrscht“.  Man  meint  einen  }lumanisten  oder  Luther  über  den
„Sophistenmist“  der  hohen  Schulen  ihrer  Zeit  schelten  zu  hören.

ZWEITER  ABSCHNITT.
Das  18.  und  17.  Jahrhundert.

Der  Einschnitt,  der  die  Neuzeit  vom  XMlittelalter  trennt,  ist
natürlich  auch  in  der  Geschichte  der  Universitäten  zu  erkennen.
Wenn  auch  die  moderne  Universität  vom  106.  und  17.  Jahrhundert
noch  nicht  geschaffen  worden  ist,  so  ist  doch  der  Grund  zu  ihrer
Möglichkeit  im  Zeitalter  der  Renaissance  und  der  Reformation  gelegt
worden.  Durch  den  gleich  gerichteten  und  gleichzeitigen  Stoß  dieser
beiden  großen,  sonst  so  heterogenen  Bewegungen  ist  die  unbedingte
Iferrschaft  des  allgemeinen  Geistes  über  das  Individuum  gebrochen
und  die  Einzelpersönlichkeit  frei  gemacht  worden.  Die  Renaissance
hat,  indem  sie  dem  persönlichen  I:mpfinden  und  seinem  Ausdruck
eine  bisher  unerhörte  Wichtigkeit  gab,  das  Selbsteefühl  und  Selbstvertrauen
  des  Individuums,  nicht  selten  ins  Maßlose,  gesteigert  und
dadurch  die  subjektive  Vernunft  auf  sich  selbst  gestellt.  Die  Reformation
  hat,  aus  dem  starken  religiösen  Empfinden  eines  Finzigen
hervorbrechend,  die  Mediatisierung  des  Glaubens  und  Gewissens  durch
die  alte  Kirche  aufgehoben  und  den  einzelnen  in  seiner  Beziehung
zu  Gott  auf  sich  selbst  gestellt.  Die  letzten  Konsequenzen  aus
der  neuen  Lage  der  Dinge  hat  der  deutsche  Geist  allerdings