14  Einleitung.

den  kirchlichen  Autoritäten  nur  allzu  oft  engherzigem  Mißtrauen.
Die  weltliche  Gewalt  hat  im  ganzen  im  Sinne  der  Freiheit  und  des
Fortschritts  gewirkt,  namentlich  seitdem  die  neuen  Naturwissenschaften
auch  ökonomische  Vorteile  in  Aussicht  zu  stellen  begannen.

Endlich  ist  noch  bemerkenswert,  daß  jetzt  die  beiden  oberen
Fakultäten,  die  theologische  und  juristische,  auch  in  Hinsicht  auf  die
Frequenz  mehr  und  mehr  das  Übergewicht  erlangten.  Es  hängt  mit
zwei  Umständen  zusammen:  der  eine  ist,  daß  die  Universitätsbildung
allmählich  zur  regelmäßigen  Voraussetzung  für  die  Erlangung  eines
geistlichen  oder  weltlichen  Amts  wurde.  Der  andere  ist  die  bessere
Gestaltung  des  Gelchrtenschulwesens,  sodafs  die  philosophische  Fakultät
mehr  und  mehr  aufhörte,  Schule  für  Knaben  zu  sein.  Vor  allen
ging  der  elementare  Sprachunterricht  jetzt  ganz  auf  die  Schule  über;
die  Universität  konnte  sich  auf  den  wissenschaftlichen,  den  allgemein
wissenschaftlichen  und  den  fachwissenschaftlichen  Unterricht  konzentrieren.


Zugleich  stieg  damit  das  durchschnittliche  Lebensalter  der
Studierenden.  Und  das  hatte  wieder  zur  Folge,  daß  die  Lebensordnungen
  andere  wurden:  aus  dem  alten  Scholaren  wurde  im  Verlauf
des  16.  und  17.  Jahrhunderts  der  moderne  Student.  Und  zwar  ist
cs  vor  allem  der  Jurist,  der  seinen  Typus  bestimnt.  An  die  Stelle
des  Klerus,  der  im  Mittelalter  den  „ersten  Stand“  darstellte,  trat  der
Hofadel  als  neuer  Herrenstand;  der  „Kavalicr‘“  nach  spanisch-französischem
  Zuschnitt  wurde  das  Urbild  des  vornehmen  Mannes.

Was  den  Wissenschafts-  und  Unterrichtsbetrieb  anlangt,  so  entfernte
  er  sich  in  diesem  Zeitalter  doch  noch  nicht  allzuweit  vom
Mittelalter.

Die  herrschende  Wissenschaft  blieb  die  Theologie.  Durch
die  Reformation  waren  die  theologischen  Interessen,  die  zeitweilig  vor
den  stürmisch  vordringenden  „schönen  Wissenschaften“  zurückgewichen
  waren,  wieder  in  die  vorderste  Reihe  gerückt;  der  Kampf
der  Konfessionen  beherrschte  in  dem  dreigeteilten  Deutschland  alle
Gemüter.  Auf  allen  Universitäten  war  die  „Reinheit  der  Lehre“  die
große  Frage.  Dies  herrschende  Interesse  übte  auch  auf  die  übrigen
Wissenschaften,  besonders  auf  die  historisch-philologische  Forschung,
bestimmenden  HEinfluß;  sie  stand  in  den  deutschen  Universitäten
mehr  als  anderswo  im  Dienst  der  konfessionellen  Kriegführung.
Die  Theologie  selbst  aber  hatte  durchaus  die  Richtung  auf  die
Dogmatik.  So  schr  man  des  reinen  Luthertums  sich  berühmte,  so
hatte  hierin  doch  die  Richtung  des  Melanchthonschen  Geistes  den