16  Einleitung.

zuführen  nicht  ermangelten.  Wir  haben  in  diesen  Übungen  etwas
wie  cine  Nachbildung  der  antiken  Rhetorenschulen.  Am  besten  gediehen
  sie  in  den  Jesuitenschulen,  wo  sie  auch  am  längsten  sich
hielten.  Sie  scheinen  überhaupt  dem  romanischen  Geist  gemäßer
zu  sein  als  dem  germanischen.  In  dem  Klima  des  protestantischen
Nordens  gedeiht  das  Grübeln,  das  Forschen,  vielleicht  auch  das
Kämpfen  besser  als  Deklamation  und  Prunkberedsamkeit.  Auch  die
lateinische  Sprache,  das,  Organ  der  Prunkberedsankeit,  verliert  auf
der  deutschen  Zunge  Ton  und  Musik.

Die  griechische  Sprache  stand  hinter  der  lateinischen  weit
zurück,  so  weit  als  die  neugriechische  Literatur  hinter  der  neulateinischen.
  War  im  16.  Jahrhundert  noch  etwas  von  dem  Enthusiasmus
vorhanden,  den  die  Neuentdeckung  des  griechischen  Altertums  im
Zeitalter  der  Renaissance  erregt  hatte,  so  ging  ım  17.  Jahrhundert
der  Unterricht  mehr  und  mehr  auf  einen  bloßen  Schulbetrieb  hauptsächlich
  für  die  Zwecke  der  Theologie  zurück.

In  der  juristischen  Fakultät  vollzog  sich  in  diesem  Zeitalter
eine  bedeutsame  Wandlung,  man  kann  sie  bezeichnen  als  ihre
Säkularisation.  Das  Römische  Recht  wurde  in  Deutschland  jetzt
geltendes  Recht;  es  trat  in  den  Vordergrund  des  Studiums  gegenüber
  dem  Kirchenrecht;  das  Abschen  des  Studiunis  richtete  sich  auf
eine  staatliche  Stellung.  Damit  trat  nun  auch  an  den  Herrenstand
als  solchen  die  Notwendigkeit  eines  gelehrten  Studiuns  heran,  die
ihm  im  Mittelalter  noch  fern  gelegen  hatte.  Seit  der  Mitte  des
16.  Jahrhunderts  wird  der  Adel  auf  den  deutschen  Universitäten
häufiger.  Im  Unterricht  drängte  die  Form  der  systematischen
Darstellung  die  alte  Form  der  fortlaufenden  Textinterpretation  zurück.

Die  medizinischen  Fakultäten  blieben  der  Bedeutung  und  der
Frequenz  nach  an  letzter  Stelle.  Erst  gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts
  begann  unter  dem  Einfluß  der  vorgeschritteneren  italienischen
und  niederländischen  Medizin  eine  Epoche  aufsteigender  Entwicklung.
Sie  steht  in  engem  Zusammenhang  mit  der  Entwicklung  der
modernen  Natunwissenschaft,  über  die  ich  nun  noch  ein  Wort
hinzufüge.

Während  auf  den  Universitäten  die  alte  scholastische  Physik  und
Kosmologie  im  Anschluß  an  die  Aristotelischen  Texte  vorgetragen
wurde,  erhob  sich  im  wesentlichen  außerhalb  ihrer  Kreise  und  von
ihnen  abgelehnt  jene  moderne  mathematisch-naturwissenschaftliche
  Forschung,  die  allmählich  zur  vollständigen  Umgrestaltungr
des  Weltbildes  geführt  hat.  Die  Namen  Copernicus,  Galilei,  Kepler,