Geschichtliche  Entwicklung  der  deutschen  Universitäten.  19

in  der  theoretischen  als  in  der  praktischen  Philosophie,  dort  das
System  der  „natürlichen  Theologie“,  hier  das  System  der  Vernunftmoral
  und  des  Naturrechts.  Durch  die  Vernunftreligion  wird  der
Glaube  und  die  Weltanschauung,  durch  Moral  und  Naturrecht  das
private  und  öffentliche  Leben  zureichend  bestimmt.

Die  Zuversicht  der  Vernunft  zu  sich  selbst  und  ihrem  Beruf,
alle  Dinge  auf  Erden  rational  zu  machen,  ist  niemals  größer  gewesen,
als  da  Chr.  Wolff  seine  „Vernünftigen  Gedanken“  schrieb.  Es  ist
die  geschichtliche  Wirkung  jener  gewaltigen  Erfolge,  in  denen  die
Vernunft  seit  der  Tat  des  Copernicus  durch  Mathematik  und  Experiment
  die  Wissenschaft  von  den  Dingen  am  Himmel  und  auf  der
Erde  erobert  hatte;  mit  prometheischem  Stolz  empfindet  man,  dat
dem  Menschen  keine  Wahrheit  geschenkt  wird,  daß  er  sie  selber
erobern  muß,  und  daß  allein  die  selbsteroberte  Wahrheit  für  ihn
Wert  hat.  Mit  dem  Gefühl  des  lange  Betrogenen,  aber  nun  endlich
Gewitzigten,  wendet  man  sich  von  den  alten  Autoritäten  ab;  im
&amp;ecraser  l’infame,  dem  Refrain  der  Briefe,  die  Voltaire  und  Friedrich
der  Große  austauschen,  entladet  sich  der  Haß  und  die  Geringschätzung,
womit  die  „Aufklärung“  auf  die  vorigen  Zeiten  der  Finsternis  und
Barbarei,  auf  den  immer  noch  nicht  ganz  ausgekehrten  Aberglauben
des  Mittelalters  zurückblickte.

Am  Ende  dieses  Zeitalters  steht  Kant;  seine  Philosophie  löst
die  Wolffische  in  der  Herrschaft  über  die  Schule  ab,  auch  sie  doch
durchaus  rationalistisch..  Kant  ist  mit  Wolff  völlig  einig  in  dem
Glauben  an  die  Souveränität  der  Vernunft,  nur  daß  er  der  „praktischen“
Vernunft  die  Suprematie  zuerkennt.  Die  „spekulative“  Vernunft,  die
mit  immanent  erzeugten  Gedanken  die  Wirklichkeit  selbst,  nicht  bloß
die  Erscheinungswelt  glaubt  erfassen  zu  können,  überschreitet  die  dem
Menschen  gesteckten  Grenzen.  Dagegen  bleibt  es  das  ewige  Recht
der  Vernunft  allein  aus  sich  heraus  über  das,  was  gut  und  böse,  was
wahr  und  unwahr  ist,  zu  entscheiden  und  die  Wirklichkeit  im  Wissen,
im  Handeln  und  im  Glauben  durch  Vernunftideen  zu  bestimmen.
Dieses  Recht  aufgeben  wäre  Verrat  an  der  Menschenwürde,  an  der
Würde  des  Vernunftwesens.  „Freunde  des  Menschengeschlechts“,  so
apostrophiert  Kant  seine  Zeitgenossen  in  einem  Aufsatz  aus  dem
Jahre  1786,  als  eben  erste  Anzeichen  eines  kommenden  Umschwungs
am  Horizont  sichtbar  wurden  (das  Regiment  Friedrich  Wilhelms  I.
stand  vor  der  Tür),  „Freunde  des  Menschengeschlechts  und  dessen,
was  ıhm  am  heiligsten  ist!  Nchmt  an,  was  euch  nach  sorgfältiger
und  aufrichtiger  Prüfung  am  glaubwürdigsten  scheint,  es  mögen  nun

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