22  Einleitung.

medizinischen  Fakultät,  vielfach  zuerst  durch  private  Initiative  geschaffen.
  Auch  der  Unterricht  der  Studierenden  wurde  mehr  und
mehr  auf  Anschauung  und  Selbsttätigkeit  gestellt,  vor  allem  wurde
die  Anatomie  zur  ersten  Grundlage  des  Studiums  gemacht.  Ebenso
begann  der  klinische  Unterricht  sich  zu  entwickeln,  wieder  zunächst
in  der  Form  der  privaten  Tätigkeit  Einzelner.

Die  philosophische  Fakultät  behielt,  so  schr  ihre  Bedeutung
in  Aufsteigen  war,  ihre  alte  Stellung  im  Rahmen  des  Universitätsunterrichts:
  sie  blicb  die  „untere“  Fakultät,  deren  wesentliche  Aufgabe
  die  allgemein  wissenschaftliche  Vorbildung  für  die  Fachstudien
in  den  oberen  Fakultäten  war.  Auch  die  beiden  Unterrichtszweige
blicben  dieselben,  der  philosophische  und  der  philologische.  Innerlich
  erfuhren  allerdings  beide  wesentliche  Umgestaltungen.

Der  philosophische  Vortrag  emanzipierte  sich  innerlich  und
äußerlich  von  dem  überkommenen  scholastischen  L.chrbetricb.  Aristoteles
  und  die  aristotelischen  Textbücher  wurden  beiseite  gelegt,  der
systematische  Vortrag  nach  den  Prinzipien  der  modernen  Philosophie
trat  an  die  Stelle.  Die  Dienstbarkeit  gegen  die  Theologie  wurde,
nicht  ohne  zähen  Widerstand  der  alten  Herrin  —  ich  erinnere  an  die
erbitterten  Kämpfe,  die  Wolff  in  Halle  mit  den  Francke  und  Lange  zu
bestehen  hatte  —  aufgehoben.  Dafür  stand  die  neue  Philosophie  in
engem  Bunde  mit  der  modernen  Mathematik  und  Naturwissenschaft,
wie  denn  Wolff  und  Kant  als  akademische  I.chrer  und  als  Schriftsteller
  auch  diese  Wissenschaften  vertreten  haben.  Die  Lehrfreiheit,
die  libertas  philosophandi  setzte  sich  vollständig  durch,  was  freilich
  gelegentliche  Rückfälle  nicht  ausschloß,  wie  cs  noch  am  Finde
des  Jahrhunderts  Kant  und  Fichte  erfuhren.  Das  Ziel,  das  der  Unterricht
  sich  setzte,  war  die  Anleitung  zu  selbständigem  Vernunftgebrauch,
  ım  besonderen  die  Fähigkeit,  die  Kinzelwissenschaften  aus
letzten  Prinzipien  zu  beurteilen  und  ihnen  ihre  Stellung  und  Bedeutung
unter  den  menschlichen  T.ebensaufgaben  zu  bestimmen.

Nicht  minder  bemerkenswert  ist  die  Wandlung,  die  im  Gebiet
des  philologischen  Unterrichts  freilich  erst  gegen  den  Schluß  des
Jahrhunderts  sich  vollzog.  An  die  Stelle  des  längst  abgestorbenen
althumanistischen,  auf  Imitation  abzielenden  Betriebs  trat  die  neuhumanistische
  Form  des  Altertumsstudiuns:  sein  Zweck  die  allgemein
  menschliche  Bildung  durch  den  Verkehr  mit  den  Alten,  in
denen  die  schönste  und  vollkommenste  Menschheitsbildung  sich  uns
darstelle.  Diese  Wandlung  bedeutete  zugleich,  daß  die  Griechen
nun  in  die  erste  Linie  traten;  war  die  erste  Renaissance  italienisch