Geschichtliche  Entwicklung  der  deutschen  Universitäten.  ER

und  lateinisch,  so  ist  die  zweite  deutsch  und  griechisch.  Die  Göttinger
Universität  mit  ihren  Philologen  Gesner  und  Heyne  hat  diesen  Wandel
zuerst  angebahnt;  in  F.  A.  Wolf  tritt  dann  die  ncue  Altertumswissenschaft
  in  vollendeter  Gestalt  und  vollendetem  Selbstbewußtsein  uns
entgegen.  Im  engsten  Bunde  mit  der  neuen  klassischen  Literatur  in
deutscher  Sprache  hat  die  neuhumanistische  Philologie  tiefchenden
  Einfluß  auf  die  geistige  Bildung  des  deutschen  Volkes  crlangt.
Die  Vorlesungen  von  Heyne,  Wolf,  Boeckh,  Hermann  wurden  von
Studierenden  aller  Fakultäten  besucht.  Und  in  den  jetzt  aufkonmenden
  philologischen  Senunaren  (das  zu  Göttingen  von  Gesner  besrründete,
  von  Heyne  ausgebildete  ist  das  erste)  bildeten  sich  die  Gelehrten
und  Lehrer  zu  Mitarbeitern  und  Forschern  im  Gebiet  der  Alterstumswissenschaften
  aus.  Von  den  Universitäten  drang  der  neuhumanistische
  Unterricht  in  die  Gelehrtenschulen  ein,  sie  haben  das  ganze
folgende  Jahrhundert  hindurch  unter  dem  herrschenden  Einfluß  des
Neuhumanismus  oder  doch  der  durch  ihn  zu  dominierender  Stellung
eclangten  Philologie  gestanden.

Zu  erwähnen  ist  noch,  daß  mit  dem  Durchdringen  der  modernen
Philosophie  und  der  Wendung  im  Betrieb  der  alten  Sprachen  die
deutsche  Sprache  zur  Unterrichtssprache  der  Universität  wurde.  Das
Latein  blicb  in  einigen  Fachvorlesungen  und  im  Prunkgebrauch  beim
öffentlichen  Auftreten.  Natürlich  blieb  es  auch  die  Sprache  der  Disputation,
  die  übrigens  ihren  lebendigen  Gebrauch  in  eben  dem  Maße
einbüßte,  als  die  neue  Philosophie  und  der  neue  Wissenschäftsbetrieb
sich  durchsetzte.

VIERTER  ABSCHNITT.
Das  18.  Jahrhundert.

Dem  18.  Jahrhundert,  das  sich  mit  Stolz  das  philosophische
nannte,  folgt  das  historische  Jahrhundert,  wie  man  jenem  gegenüber
das  19.  bezeichnen  kann:  das  Hlistorische,  das  Wort  in  scinem
ursprünglichen,  weiteren  Sinne  genonmen,  erlangt  gegenüber  dem
Rationalen,  das  Tatsächliche  und  Positive  gegenüber  der  Vernunftidee
stärkere  Geltung.  Stand  das  18.  Jahrhundert  und  sein  Wissenschaftsbetricb
  im  Zeichen  des  Rationalismus,  so  steht  das  19.  inı  Zeichen
des  llistorizismus,  der  Tatsachenerforschung.

Wird  nach  den  Ursachen  der  Wandlung  gefragt,  so  wäre
zunächst  auf  den  ungeheuren  Stimmungsrückschlag  hinzuweisen,  wo-