eschichtliche  Entwicklung  der  deutschen  Universitäten.  95

lichen,  Ungebildeten,  Ungemachten  im  Gegensatz  zu  dem  Gemachten,
Bewußten,  Vernünftigen,  Allzuvernünftigen  ist  die  gemeinsame  Grundstimmung,
  aus  der  das  neue  Zeitalter  geboren  ist.  Vielleicht  kann
man  sagen,  es  liegt  eine  Art  Naturgesctzmäßigkeit  in  diesem  Umschwung;
  es  wechseln  regelmäßig  Zeiten  des  vorherrschenden  Intellektualismus,
  der  Vernünftigkeit,  des  wissenschaftlichen  Denkens,  der
Prosa,  mit  Zeiten,  in  denen  das  Gefühl,  das  künstlerische  Schaffen
und  Empfinden,  die  Poesie  und  Phantasie  das  Übergewicht  im  geistigen
Leben  haben.

Ich  versuche  nun  die  Einwirkung  dieses  so  vorbereiteten  und
dann  durch  den  Lauf  der  geschichtlichen  Dinge  gesteigerten  Stimmungsumschlags
  auf  das  wissenschaftliche  und  philosophische
Denken  anzudeuten.

Iın  Zeitalter  des  Rationalismus  herrschte  die  logisch-mathematische
Denkweise:  die  Demonstration  das  Werkzeug,  ewige  Wahrheiten
das  Ziel.  Im  19.  Jahrhundert  bricht  sich,  zunächst  in  den  Geisteswissenschaften,
  die  historisch-genetische  Denkweise  Bahn:  ihr
Werkzeug  die  geschichtliche  Forschung,  ihr  Ziel  das  Verstehen  des
Wirklichen  aus  seinem  Werden.

Der  Wandel  ist  sichtbar  auf  allen  Gebieten  der  geisteswissenschaftlichen
  Forschung.  \as  man  in  der  Rechtswissenschaft  die  „historische
Schule“  nennt  im  Gegensatz  zur  naturrechtlichen  oder  philosophischen,
das  läßt  sich  überall  in  gleicher  Weise  nachweisen.  So  in  der  Sprachwissenschaft:
  das  18.  Jahrhundert  hatte  die  Sprache  als  eine  Erfindung,
als  ein  ausgedachtes  Werkzeug  für  die  Gedankenmitteilung  angesehen,
sie  als  solche  erklären  erschien  als  die  Aufgabe  der  Sprachwissenschaft,
  und  als  die  Aufgabe  der  Grammatik,  sie  zu  ihrem  Zweck
durch  genaue  Feststellung,  jenachdem  auch  durch  Verbesserung  ganz
tauglich  zu  machen.  Die  ncuc  Sprachwissenschaft  der  MHumboldt,
Grimm,  Bopp  erkennt  in  der  Sprache  ein  organisches  Wesen  mit
innerer  Gesetzmäßigkeit  der  Entwicklung.  Die  Aufgabe  der  Granımatik
  ist  nicht,  der  Rede  Normen  zu  geben,  sondern  der  T.ntwicklungsgeschichte
  der  Sprache  nachgehen  und  die  Bildungsgesetze,
die  in  ihr  walten,  erkennen.  Anomalien,  Mundarten,  die  dem  18.  Jahrhundert
  so  verhaßt  waren,  werden  jetzt  als  Zeugnisse  der  geschichtlichen
  Entwicklung  besonders  interessant.  Derselbe  Gegensatz  tritt
in  der  Religionswissenschaft  hervor.  Das  18.  Jahrhundert  ist  ganz
dogmatisch  gerichtet,  natürlich  philosophisch-dogmatisch;  es  geht  auf
allgemeine  und  ewige  Währheiten  aus,  für  das  Positive  und  Besondere
der  geschichtlichen  Religion  hat  cs  nur  bescheidenes  Interesse  und