Geschichtliche  Entwicklung  der  deutschen  Universiläten.  27

darum  auch  seine  Gesetze  nicht  ewige  Wahrheiten.  Oder  in  der  Kunstwissenschaft:
  die  Regeln  der  alten  dogmatischen  Ästhetik  haben  ihren
Kurs  verloren,  und  auch  die  Verehrung  absoluter  Muster  des  Schönen,
wie  sic  der  neuhumanistische  Enthusiasmus  in  der  griechischen  Kunst
und  Dichtung  erblickte,  ist  mit  dem  Wachstum  der  geschichtlichen
Erkenntnis  der  historischen  Betrachtung  und  damit  dem  Relativismus
der  Würdigung  gewichen.

Mit  diesem  Wandel  in  der  Denkweise,  mit  der  Ilinwendung  vom
Dogmatischen  zum  Historischen  hängt  nun  die  gewaltige  Ausdehnung
zusammen,  die  im  19.  Jahrhundert  die  historische  und  philologsische
Forschung  gewonnen  hat.  Von  romantischen  Empfindungen  und
Ideen,  von  der  Liebe  zur  Vergangenheit,  zum  Ursprünglichen,  Altertümlichen,
  Volkstümlichen,  von  der  Übersättigung  mit  Aufklärung
und  Überkultur  ausgehend,  hat  sie  mehr  und  mehr  zur  nüchternen,
systematisierten,  arbeitsteiligen  Sammlung  und  kritischen  Bearbeitung
alles  Qucllenmaterials  sich  gewendet.  Mit  einem  Eifer  und  einer
Mlingebung  ohne  Gleichen  haben  die  deutschen  Universitäten  sich  ans
Werk  gemacht,  alle  Seiten  menschlicher  Lebensbetätigung  bei  allen
Völkern  der  Erde  zu  erforschen  und  darzustellen.  Das  Ziel,  das  der
Arbeit,  bewußt  oder  unbewußt,  vorschwebt,  ist  cine  Wissenschaft
von  der  menschlichen  Kultur,  worin  der  gesamte  T.ebensinhalt  des
Menschengeschlechts  nach  seiner  ganzen  Länge,  Breite  und  Tiefe
seine  Darstellung  findet.

Ich  füge  noch  hinzu,  daß  die  Spuren  dieser  neuen  Denkweise
auch  in  der  Philosophie  und  in  den  Naturwissenschäften  erkennbar
sind.  In  der  Philosophie  ist  es  die  spekulative  Richtung,  die  man  als
die  „historisierende“  bezeichnen  kann.  Die  „organische“  Betrachtung
tritt  an  die  Stelle  der  mechanistischen,  der  Pantheismus  an  die  Stelle
des  anthropomorphischen  Theismus.  Die  Wirklichkeit  wird  nicht  als
das  Kunstprodukt  einer  extramundanen  Intelligenz,  sondern  als  ein
sich  von  innen  heraus  entwickelndes  organisches  l.eben  angeschaut.
Die  Geschichte,  in  der  sich  dieser  organische  Charakter  der  Wirklichkeit
  sichtbar  darstellt,  wird  nach  rückwärts  verlängert  in  die
Natur:  die  Natur  Erscheinung  eines  verborgenen  l.cbens,  das  sich  zur
Entfaltung  und  Selbsterfassung  drängt.  Schelling  und  Tegel,  aber
auch  Schopenhauer  gehen  hierin  auf  gleichen  Wegen.  Und  was  hier
als  ideelle  Entwicklung  von  Wirklichkeitsstufen  konstruiert  wird,  das
wird  dann  allmählich  von  den  Naturwissenschäften  selbst  als  realer  und
zeitlicher  Prozeß  nachgewiesen.  Kein  Zweifel,  die  Naturansicht  ist
im  19.  Jahrhundert  „historisiert“  worden.  Das  18.  Jahrhundert  sah