Geschichtliche  Entwicklung  der  deutschen  Universitäten.  99

München  (1826,  an  Stelle  der  alten  bairischen  T.andesuniversität
Ingolstadt)  auf  völlig  neuem  Fuß  eingerichtet.  Die  letzte  Neugründung
ist  Straßburg  (1872).  Charakteristisch  ist,  daß  die  Großstädte,  die
früher  gemieden  wurden,  jetzt  als  Sitze  der  Universität  bevorzugt
werden.  Es  hängt  mit  ihrer  neuen  Bestimmung  zusammen.  Als  Sitze
der  wissenschaftlichen  Arbeit  bedürfen  sie  der  Institute  und  Sammlungen
  aller  Art,  die  nur  die  Großstadt  bieten  kann.

Denn  das  ıst  nun  der  herrschende  Zug  in  der  jüngsten  Entwicklung:
  die  Universitäten  stellen  mehr  und  mehr  als  ihre  Hauptaufgabe
  in  den  Mittelpunkt  die  Erweiterung  der  wissenschaftlichen
Erkenntnis  durch  Erforschung  der  geschichtlichen  und  natürlichen
Wirklichkeit,  sie  sind  und  wollen  sein  in  erster  Linie  Werkstätten
der  Wissenschaft.  Sie  haben  sich  von  der  Schule  entfernt  und  der
Akademie  angenähert.  Die  Professoren  fühlen  sich  nicht  bloß  und
nicht  zuerst  als  Lehrer,  sondern  als  wissenschaftliche  Forscher,  und
im  Unterricht  schen  sie  lieber  auf  Anleitung  zur  wissenschaftlichen
Arbeit,  als  auf  allgemeinwissenschaftliche  und  berufliche  Ausbildung,
die  im  18.  Jahrhundert  fast  noch  das  einzige  Ziel  war.

Eine  Folge  dieser  Entwicklung  ist  die  außerordentlich  starke
Vermehrung  der  Lehrstühle  und  das  erstaunliche  Wachstum  der
wissenschaftlichen  Institute.  Beides  tritt  besonders  in  der  philosophischen
  und  daneben  in  der  medizinischen  Fakultät  hervor;  in
ihnen  ist  die  Zahl  der  Professuren  regelmäßig  auf  das  Doppelte  bis
Vierfache,  hin  und  wieder  auch  noch  darüber  hinaus  gewachsen.  Und
ihre  Institute  machen  jetzt  den  Hauptposten  im  Etat  einer  Universität
aus.  Die  beiden  „oberen“  Fakultäten  sind  in  dieser  Hinsicht  weit
zurückgeblieben;  ein  Hinweis  darauf,  daß  sie  an  der  Erweiterung  der
wissenschaftlichen  Arbeit  nicht  in  dem  Maße  Anteil  haben;  die
Vorbildung  für  die  praktischen  Lebensberufe  steht  hier  im  Mittelpunkt
  und  beschränkt  das  Wachstum  in  die  Breite;  der  Vortrag
und  das  Studium  der  Religions-  und  der  Rechtswissenschaft  hält
sich  im  ganzen  innerhalb  der  Grenzen  dessen,  was  für  die  Ausstattung
  der  Geistlichen  und  Juristen  für  das  Amt  als  wichtig  erachtet
  wird.

Bemerkenswert  ist  noch,  daß  auch  die  Wissenschaft,  die  der
philosophischen  Fakultät  den  Namen  und  früher  auch  den  Inhalt  gegeben
  hat,  die  Philosophie,  an  dem  Wachstum  der  Lehrstühle  keinen
Anteil  gehabt  hat,  es  fällt  ausschließlich  auf  die  beiden  großen
Arbeitsgebiete  der  wissenschaftlichen  Forschung:  die  Naturwissenschaften
  mit  der  Mathematik  und  die  Geschichte  und  Philologie.  Es