Ri)  Einleitung.

tritt  darin  unmittelbar  die  Verschiebung  des  Interesses  vom  Rationalen
zum  Historischen  hervor.

Die  Vernchrung  der  L.chrstühle  hat  stattgefunden  in  der  Form
der  fortschreitenden  Teilung  und  Spezialisierung  der  Arbeits-  und  der
Unterrichtsgebiete.  Im  18.  Jahrhundert  war  noch  in  allen  Fakultäten
die  Verbindung  mehrerer  Fächer  in  einer  Hand  gewöhnlich,  in  der
theologischen  und  juristischen  Fakultät  vielfach  in  der  Form,  daß
jeder  Professor  über  alle  oder  wenigstens  über  die  meisten  Fächer
seiner  Fakultät  las;  auch  der  Wechsel  der  Lehrstühle  war  häufig,
selbst  das  Aufsteigen  in  cine  besser  dotierte  Stelle  der  oberen
Fakultäten  nicht  selten.  Im  19.  Jahrhundert  hat  eine  fortschreitende
Einengung  stattgefunden;  der  Historiker,  der  Philolog  und  so  der
Chemiker  oder  Physiker  umfaßt  nicht  mehr  das  ganze  Gebiet  seiner
Wissenschaft,  sondern  beschränkt  sich  auf  einen  oft  engen  Ausschnitt.

Die  Folge  dieser  Entwicklung  ist  eine  erstaunliche  Steigerung
der  Herrschaft  über  das  engere  Gebiet  und  seine  Methoden.  Ohne
Zweifel  verdankt  die  deutsche  Wissenschaft  ihre  Überlegenheit  auf
vielen  Gebieten  der  außerordentlich  fortgeschrittenen  Arbeitsteilung.
Die  Konzentrierung  auf  einen  engeren  Kreis  von  Problemen,  die  dem
Forscher  dadurch  möglich  gemacht  wird,  ist  cine  der  Bedingungen
der  Fruchtbarkeit  der  Arbeit.  Auf  der  anderen  Seite  ist  nicht  zu
verkennen,  daß  diese  fortschreitende  Spezialisierung  auch  ihre  bedenklichen
  Folgen  hat.  Im  engern  Kreis  verengert  sich  der  Sinn,  das
Wort  findet  wohl  auch  in  diesem  Gebiet  Bestätigung;  und  nicht  nur
die  persönliche  Geistesbildung  leidet  darunter  Schaden,  sondern  auch
die  Art  des  Wissenschaftsbetriebs;  sie  wird  leicht  kleinlich  und  handwerksmäßig
  und  verliert  sich  wohl  auch  ins  Zicllose.  Im  großen
fruchtbar  ist  doch  nur  die  Arbeit,  welche  die  wissenschaftlichen  Probleme
  in  ihren  weiten  Zusammenhängen  auffafst,  die  Tatsachen  aus
den  verschiedenen  Gebieten  mit  philosophischem  Geist  zusammensicht.

Noch  sichtbarer  sind  die  Gefahren,  die  dem  Universitätsunterricht
daraus  erwachsen.  Der  Student  wird  genötigt,  um  eine  Übersicht
über  das  Ganze  eines  Fachs  zu  gewinnen,  eine  große  Anzahl  von
Spezialvorlesungen  über  einzelne  Teile  zu  hören,  Vorlesungen  wohl
auch  bei  verschiedenen  Lehrern,  die  von  schr  verschiedenen  Gesichtspunkten
  ausgehen.  Hat  das  für  den  selbständigen  und  begabten
jungen  Mann  etwas  Erregendes  und  Bildendes,  so  bringt  ein  anderer
aus  seinem  Universitätskursus  nichts  als  eine  Menge  unzusammenhängender
  Bruchstücke  und  einen  wirren  Kopf  davon.  Oder  er  beschränkt
  sich  von  Anfang  an  auf  cine  Spezialität  und  büßt  darüber