32  Einleitung.

Der  Lchrfreiheit  entspricht  die  Lernfreiheit.  Da  cs  nicht  möglich
  ist,  zu  wissenschaftlicher  Arbeit  zu  zwingen,  oder  ihr  eine  gebundene
  Marschroute  vorzuschreiben,  so  überläßt  die  Unterrichtsverwaltung
  die  Einrichtung  der  Studien  im  wesentlichen  dem  Ermessen
des  einzelnen,  besonders  in  der  philosophischen  Fakultät.  Das  öffentliche
  Interesse  wird  gegen  Mißbrauch  der  Freiheit  durch  die  Staatsprüfungen
  geschützt,  die  denn  allerdings,  zum  Teil  auch  ausdrücklich,
auf  den  Studiengang  zurückwirken.

Wir  werfen  noch  einen  Bilck  auf  die  einzelnen  Fakultäten  und
beginnen  mit  der  philosophischen.

Die  große  Veränderung  ihrer  Gesanitstellung  innerhalb  des  akademischen
  Wesens  ist  mit  der  Entwicklung  der  Universität  zur
Werkstätte  der  wissenschaftlichen  Forschung  gegeben:  sie  ist  damit  in
die  vorderste  Reihe  gerückt.  Sie  hat  aufgehört  als  bloße  Vorschule
für  die  berufswissenschaftlichen  Studien  in  den  „oberen“  Fakultäten
zu  gelten,  vielmehr  erscheint  in  ihr  das  cigentliche  Ziel  der  akademischen
  Tätigkeit,  die  wissenschaftliche  Forschung,  am  reinsten.  Man
könnte  sogar  sagen:  eigentlich  seien  die  übrigen  Fakultäten  bloß  Ablcger
  der  philosophischen,  nur  aus  praktischen  Rücksichten  sci  ihnen
ein  besonderes  Forschungsgebiet  überwiesen,  der  theologischen  und
juristischen  je  ein  Ausschnitt  aus  der  Geschichte,  der  medizinischen
ein  Stück  der  Natur;  im  Grunde  seien  alle  Gebicte  wissenschaftlicher
Forschung  im  Umkreis  der  philosophischen  Fakultät  gesetzt  und  dicse
daher  in  Wahrheit  die  umfassende  und  obere.  Diese  ihre  neue  Stellung
  kommt  übrigens  auch  darin  zur  Erscheinung,  daß  die  meisten
bekannten  und  berühmten  Namen  im  19.  Jahrhundert  ihr  angehören;
die  Namen  der  großen  Philosophen,  Philologen,  Historiker,  Naturforscher
  sind  in  aller  Munde,  während  in  den  früheren  Jahrhunderten
die  großen  Theologen  und  Juristen  diesen  Vorzug  hatten.  Die  rein
theoretische  Wissenschaft  ist  in  der  Schätzung  der  Welt  gestiegen.
Freilich  hat  sie  die  Welt  mit  erstaunlichen  Ergebnissen  beschenkt,
Ergebnissen  auch,  die  nicht  bloß  theoretischen  Wert  haben.  Das  gilt
besonders  von  den  Naturwissenschaften.  Und  von  hieraus  ist  denn
die  philosophische  Fakultät  auch  zur  Vorbildungsanstalt  für  praktischtechnische
  Berufe  geworden,  so  vor  allem  für  das  Gebiet  der  technischen
  Chemie.

Noch  für  einen  andern  gelcehrten  Beruf  hat  die  philosophische
Fakultät  die  Voorbildung  übernonmen,  das  ist  das  Lehramt  an  den
höheren  Schulen,  das  sich  im  Lauf  des  19.  Jahrhunderts  vom  geistlichen
  Amt  als  besonderer  Lebensberuf  losgelöst  hat.  Der  Fakultät