Geschichtliche  Entwicklung  der  deutschen  Universitäten.  33

wäre  damit  also  die  Rolle  eines  L,chrerseminars  zugefallen.  Allerdings
hat  sie  dieser  Aufgabe  kaum  durch  besondere  Veranstaltungen  sich
angepaßt,  vielmehr  faßt  sie  dieselbe  so,  daß  sie  den  künftigen  Gymnasiallehrern
  eine  rein  gelehrte  Bildung  bietet,  als  ob  cs  sich  um  ihre
Ausbildung  zu  eigentlichen  Gelehrten  oder  wissenschaftlichen  Forschern
handle.  Die  Philologen  sind  hierin  vorangegangen,  die  übrigren  Gruppen,
die  Historiker,  die  Mathematiker,  die  Naturforscher,  sind  allmählich
gefolgt.  Die  besonderen  Anstalten  für  die  Ausbildung  von  Gelehrten
sind  die  wissenschaftlichen  Seminare.  Ihre  Bestimmung  ist  die  Finführung
  in  die  wissenschaftliche  Arbeit,  die  Überlieferung  der  wissenschaftlichen
  Methoden.  Die  Dissertationen,  die  aus  der  Arbeit  im
Seminar  hervorzugehen  pflegen,  stellen  erste  Proben  der  Fähigkeit
vor,  an  der  Forschung  sich  zu  beteiligen.  Durch  diese  Anstalten
führt  nun  regelmäßig  der  Bildungsweg  der  l.chrer  unserer  höheren
Schulen.

Die  Unterrichtsverwaltungen  haben  diesen  Gang  der  Dinge  stillschweigend
  oder  ausdrücklich  gebilligt;  sie  haben  immer  anerkannt,
daß  für  den  I.ehrer  an  einer  Gelchrtenschule  eine  wirklich  wissenschaftliche
  Ausbildung  das  erste  sei,  was  nottut.  Durch  die  Prüfungsordnungen
  und  neuerdings  durch  die  Ausbildung  pädagogischer
Seminare  an  den  Gymnasien  haben  sie  daneben  die  notwendigen
Forderungen  an  die  pädagogische  Ausbildung  der  Lehrer  zu  sichern
gesucht.  Diese  Seite  der  Aufgabe  tritt  naturgemäß  in  dem  Maße
stärker  hervor,  als  unter  den  „höheren“  Schulen  die  Zahl  derer,  die
nicht  „Gelehrtenschulen“  sind,  immer  mehr  zugenommen  hat.  Es  ist
nicht  zu  verkennen,  daß  die  Schwierigkeiten,  die  hieraus  entspringen,
im  Wachsen  sind.  Daß  die  alten  Gyimnasialprofessoren  wirkliche
Gelchrte  seien,  erschien  als  cine  selbstverständliche  Forderung;  aber
können  und  müssen  alle  Lehrer,  die  in  den  unzähligen  unteren  und
mittleren  Klassen  unserer  „höheren“  Schulen,  jetzt  auch  die  sechsklassigen
  Realschulen  einbegriffen,  die  Elemente  lehren,  wirkliche
Gelchrte  sein?

Bemerkenswert  ist  die  Rückwirkung  dieser  Entwicklung  auf  die
Philosophie  und  ihre  Stellung  im  akademischen  Unterricht.  Bis  ins
18.  Jahrhundert  war  die  Philosophie  das  Hauptstück:  Logik,  Physik,
Metaphysik,  Ethik,  Naturrecht,  das  waren  die  Fächer,  die  das  Hauptgewicht
  auf  der  Tafel  der  alten  facultas  artium,  aber  auch  noch
der  philosophischen  Fakultät  zur  Zeit  \Wolffs  und  Kants  ausmachten.
Mit  der  aufsteigenden  Entwicklung  der  wissenschaftlichen  Forschung
ist  dic  Philosophie  ins  Gedränge  gekommen;  sowohl  in  dem  Reich  der

Das  Unterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  L  3