36  Einleitung.

gebüßt  hat,  daß  die  Gegenwart  mit  ihren  Verhältnissen  und  Forderungen
sich  stärker  zur  Geltung  bringt.  \Wenn  dabei  denn  auch  die  soziale
und  philosophische  Betrachtung  des  Rechts  wieder  breiteren  Boden
gewinnt,  so  ist  zu  hoffen,  daß  diese  Wendung  auch  der  Belebung
des  Interesses  der  Studierenden  am  Gegenstand  sich  förderlich  erweisen
  wird.

Die  medizinischen  Wissenschaften,  die  am  Anfang  des  Jahrhunderts
  starken  Einfluß  von  der  ncuen  Naturphilosophie,  deren
Hauptvertreter  Schelling  war,  erfahren  hatten,  wendeten  sich,  nicht
ohne  ein  Gefühl  bitterer  Enttäuschung,  dessen  Nachwirkungen  bis  auf
diesen  Tag  zu  spüren  sind,  in  den  Wer  Jahren  von  der  Philosophie
ab  zur  exakten  naturwissenschaftlichen  Forschung.  Vor  allem  cmanzipierte
  sich  die  Physiologie  von  den  vitalistischen  Gedanken  und  warf
sich  der  mechanistischen  Naturauffassung  in  die  Arme.  Sofern  diese
Auffassung  auf  intensive  Ausnutzung  der  Beobachtung  und  des  Experiments
  hinführte,  muß  sie  als  eine  gesunde  und  notwendige  Reaktion
gegen  die  zur  Bequemlichkeit  neigende,  leicht  bei  \Vorterklärungen
sich  beruhigende  spekulative  Richtung  betrachtet  werden.  Es  ist  kein
Zweifel,  daß  die  Medizin  der  exakten  Forschung,  zu  der  sie  unter  der
Führung  jener  Anschauung  sich  wendete,  die  gewaltigen  Fortschritte
verdankt,  die  Wissenschaft  und  Praxis  seitdem  gemacht  haben.  Die
Bedeutung,  welche  die  Medizin  im  19.  Jahrhundert  für  das  Volksleben
gewonnen  hat,  konımt  in  dem  gewaltigen  Wachstum  der  medizinischen
Fakultäten  in  Hinsicht  sowohl  auf  die  Zahl  der  Lehrer  und  Studierenden
als  auf  die  Ausdehnung  der  Institute  und  Kliniken  zur  Erscheinung.

Die  Übersicht  läßt  überall  dieselbe  Wendung  erkennen:  vom
Rationalen  und  Doktrinalen  zum  Historischen  und  Faktischen.  Und
der  Unterricht  ist  dieser  Wendung  gefolgt;  statt  zur  Aneignung  eines
fertigen  Systems  führt  er  jetzt  mehr  auf  die  Tatsachen  und  ihre
wissenschaftliche  Bearbeitung  hin.  Womit  denn  eine  Erscheinung
zusammenhängt,  die  in  allen  Fakultäten,  am  meisten  in  der  philosophischen
  und  medizinischen  sich  zeigt:  die  zunehmende  Ausdehnung
der  Studienzeit.  Die  Doktrin  ist  kurz,  die  Welt  der  Tatsachen  unendlich.
  Und  eine  weitere  Wirkung  ist,  daß  es  sich  immer  mehr  als
notwendig  herausgestellt  hat,  dem  theoretischen  Studiunı  noch  cine
besondere  Einführung  in  die  Praxis  folgen  zu  lassen.  Wie  für  die
Juristen,  so  ist  jetzt  auch  für  Gymnasiallchrer,  Geistliche  und  Ärzte  in
den  meisten  Staaten  Deutschlands  cin  praktischer  Vorbereitungsdienst
angeordnet,  der  zwischen  dem  Abschluß  des  Universitätsstudiums  mit
der  wissenschaftlichen  Prüfung  und  dem  Beginn  der  Berufstätigkeit  liegt.