Geschichtliche  Entwicklung  der  deutschen  Universitäten.  37

Hier  möchte  ich  noch  auf  einen  Zug,  der  in  jüngster  Zeit  hervortritt,
  mit  einem  Wort  hinweisen:  die  unmittelbare  Berührung  mit  der
Wirklichkeit,  wozu  unsere  Studierenden  und  Gelehrten  Gelcgenheit
und  Veranlassung  in  ihrem  Studium  und  Beruf  finden,  wächst  immer
mehr  in  die  Breite.  In  allen  Gebieten  wird  die  buchmäßige  Bekanntschaft
  mit  den  Tatsachen,  die  früher  in  weitem  Umfang  genügen
mußte,  man  denke  an  Kants  Studium  der  physischen  Geographie
und  Anthropologie,  durch  die  anschauliche  ergänzt  und  vertieft.  Die
erstaunliche  Erweiterung  des  Anschauungskreises,  worin  der  Mensch
der  Gegenwart,  dank  der  jüngsten  Ausbildung  der  Verkehrsmittel,
lebt,  kommt  auch  den  Studien  zugute.  Es  wird  kaum  ein  Forschungsgebiet
  geben,  das  nicht  zu  Studienreisen  die  Aufforderung  enthielte:
der  Naturforscher,  der  Techniker,  der  Geograph,  der  Biolog  empfindet
sie  vielleicht  am  unmittelbarsten.  Aber  auch  der  Historiker,  der
Philolog  verläßt  die  Studierstube,  um  das  Land  mit  Augen  zu  sehen,
wo  die  Begebenheiten  sich  zutrugen,  wo  die  Sprache  gesprochen
wird,  denen  seine  wissenschaftliche  Arbeit  gilt.  Und  auch  für  Ärzte,
Juristen  und  Geistliche  wird  die  persönliche  Kenntnisnahme  anderer
länder  und  Völker,  ihrer  Verhältnisse  und  Einrichtungen,  mehr  und
mchr  zu  einer  als  sclbstverständlich  vorauszusetzenden  Sache.  Die
scit  dem  Ausgang  des  Mittelalters  immer  mehr  differenzierten  Nationalkulturen
  wachsen  gegenwärtig  immer  mehr  zu  ciner  die  Verschiedenheit
  nicht  aus-,  sondern  einschließenden  Weltkultur  zusammen.

Ich  schließe  diese  Skizze  mit  einer  Bemerkung  über  die  Stellung
der  Universitäten  im  öffentlichen  Leben.  Im  19.  Jahrhundert  sind
die  Universitäten  zu  einer  Macht  im  nationalen  und  politischen  Leben
des  deutschen  Volkes  geworden.  Lange  Zeit  besaß  die  Nation,  nach
den  Verlust  des  Schattens  politischer  Einheit  in  alten  Kaisertum,
überhaupt  kaum  eine  Darstellung  ihrer  Einheit  in  einer  öffentlichen
Institution,  denn  der  deutsche  Bund  stellte  eben  die  Vielheit  und
Selbständigkeit  der  deutschen  Staaten  dar,  sie  zu  erhalten,  war  seine
eigentliche  Bestimmung.  In  dieser  Zeit  wuchsen  die  Universitäten,
zwischen  denen  der  beständige  Austausch  von  Lehrern  und  Studiecrenden
  das  Gefühl  einer  lebendigen  Einheit  schuf,  in  die  Rolle  des
nationalen  Instituts  hinein.  Schon  als  Trägerinnen  der  geschichtlichen
  Forschung,  die  unter  dem  Einfluß  der  Romantik  zur  Versenkung
  in  die  Vergangenheit  und  zur  verherrlichenden  Bewunderung
  der  einstigen  Größe  des  deutschen  Volkes  führte,  wurden
sie  in  einer  politisch  trostlosen  Gegrenwart  zugleich  zu  Pflegerinnen
der  nationalen  Zukunftshoffnungen.  Die  deutsche  Burschenschaft,  die