38  Einleitung.

aus  der  großen  Volkserhebung  der  Freiheitskriege  envuchs,  umschlang
Nord  und  Süd  mit  dem  Band  der  großen  Liebe  zum  einheitlichen
Vaterland;  sie  trug  die  Ideen  von  Einheit  und  Freiheit,  von  Kaiser
und  Reich  in  alle  Kreise  des  Volks.  Zugleich  wurden  die  Universitäten
  zu  schützenden  Burgen  freiheitlicher  Gesinnung  gegenüber  der
kirchlichen  und  politischen  Reaktion,  die  seit  den  20er  Jahren  immer
stärker  cinsetzte;  Erklärungen  und  Festreden  von  Professoren  wurden
in  der  dumpfen  Stille  jener  Tage  zu  politischen  Kreignissen.  Kein
Wunder,  daß  im  Jahre  1848,  das  dem  deutschen  Volk  die  Erfüllung
seiner  Hoffnungen  bringen  zu  sollen  schien,  Professoren  und  Studenten
überall  in  vorderster  Reihe  standen.  Der  Ausgang  der  Bewegungs  entsprach
  nicht  den  enthusiastischen  Hoffnungen,  womit  sie  begonnen
hatte.  Die  Idee  hatte  die  Rechnung  ohne  die  Macht  gestellt.  Erst  als
sie  die  Macht  für  ihren  Dienst  gewann,  oder  vielmehr  als  ein  genialer
Staatsmann  ihrer  sich  bemächtigte,  erreichte  sie,  freilich  auf  paradoxe
Weise,  ihre  Verwirklichung.  Die  Universitäten  stehen  seitdem  unter
den  Faktoren,  auf  denen  das  politische  Lieben  des  deutschen  Volks
beruht,  nicht  mehr  in  der  ersten  Reihe.  Darnach  darf  man  sagen:  sie
sind  auch  gegenwärtig  eine  Macht  ın  unserem  öffentlichen  I.cben.
Zwar,  das  verfassungsmäßig  berufene  Organ  dessen,  was  man  den
Volkswillen  oder  die  öffentliche  Meinung  nennt,  ist  heute  die  gewählte
Volkvertretung.  Aber  hinter  dieser  von  den  Parteien  gewählten  Volksvertretung
  steht  eine  ungewählte,  darum  doch  nicht  unberufene:  das  ist
die  akademische  Welt,  die  in  den  Universitäten  ihren  Mittelpunkt  hat.
Und  es  ließe  sich  wohl  die  Behauptung  wagen,  daß  diese  Welt  in  ihrer
Gesamtheit  auch  heute  noch  die  treueste  und  tiefste  Darstellung  dessen
ist,  was  das  deutsche  Volk  im  innersten  bewegt.

Friedrich  Paulsen.