Evangrlisch-Theologische  Fakultät.  65

zu  machen,  sind  zur  Zeit  noch  gescheitert.  Andere  Ländeskirchen
sind  darin  der  preußischen  voraus  (in  Bayern  z.  B.  und  in  Württennberg
  sind  8  Semester  für  das  Studium  vorgeschrieben).

3.  Der  Unterricht,  den  die  akademischen  Lehrer  den  jungen
Theologen  erteilen,  geschieht  teils  durch  Vorlesungen,  teils  durch
wissenschaftliche  und  praktische  Seminarübungen.  Die  Vorlesungen
zerfallen  in  private  und  öffentliche,  von  denen  letztere  unentgeltlich
gehalten  werden.  Diese,  meist  ein-  oder  zweistündig,  bieten  im
wesentlichen  Ergänzungen  zu  den  privaten,  den  Hauptvorlesungen.
l.etztere  haben  zum  Teil  wegen  des  anwachsenden  Stoffes  eine  Ausdehnung
  bis  auf  6  Stunden  wöchentlich  erfahren.  In  ihnen  werden
die  wichtigeren  Disziplinen  in  zusammenhängendem  Vortrage  vom
Dozenten  gelehrt.  Die  Art  dieses  Vortrages  ist  je  nach  dem  Stoff
und  nach  der  Eigenart  des  Dozenten  überaus  verschieden.  Trägt  der
eine  am  Katheder  sitzend  oder  stehend  sein  ausgearbeitetes  Heft  vor,
so  spricht  ein  anderer  ganz  frei  und  bindet  sich  dabei  vielleicht  auch
nicht  an  den  festen  Platz  seines  Katheders.  Der  cine  legt  einen
l.eitfaden,  meist  einen  von  ihm  selbst  verfaßten,  zugrunde,  ein  anderer
verliert  viel  Zeit  damit,  daß  er  einen  solchen  paragraphenweise  den
Zuhörern  diktiert  und  dann  in  angeschlossenen  Ausführungen  das
Diktat  näher  erläutert;  wieder  andere  verschmähen  diese  Leitfadenform
  und  geben  Icdiglich  zusammenhängenden  Vortrag,  wobei  sie
ihren  Hörern  überlassen,  wieviel  oder  wiewenig  davon  sie  zu  Papier
bringen  wollen.  Dieses  Nachschreiben  wird  tatsächlich  in  sehr  verschiedener
  Weise  geübt.  Unter  denen,  welche  des  Stenographierens
kundig  sind,  meinen  manche,  einen  besonderen  Vorteil  davon  zu
haben,  wenn  sie  den  Vortrag  des  Dozenten  unverkürzt  zu  Papier
bringen  und  nach  Hause  tragen,  verlieren  aber  nur  zu  leicht  den
Eindruck,  den  gerade  das  Persönliche  im  Vortrage  im  Unterschied
von  einem  gedruckten  Lehrbuch  zu  geben  imstande  ist.  Das  Nachschreiben
  eines  zusammenhängenden  Vortrages  in  gewöhnlicher
Schrift  bringt  die  Nötigung  mit  sich,  beim  Zuhören  zwischen  Wichtigem
  und  weniger  Wichtigem  zu  unterscheiden  und  im  Augenblick
das  Gehörte  kurz  zusammenzufassen,  kann  somit  für  einen  verständigen
Hörer  eine  wertvolle  geistige  Schulung  werden.  Einzelne  versichern,
daß  sie  den  reichsten  Gewinn  davon  hätten,  wenn  sie  möglichst
wenig  nachschrieben  und  nur  mit  gespannter  Aufmerksamkeit  dem
Worte  des  Dozenten  zu  folgen  suchten.  Immerhin  ist  ein  gewisses
Maß  von  Nachschrift  als  Stütze  für  das  Gedächtnis  erwünscht.  Die
Auswahl  der  Vorlesungen  ist  den  Studierenden  überlassen  und  eine

Das  Unterrichiswesen  im  Deutschen  Reich,  L  5