Fvangelisch-Theologische  Fakultät,  67

beziehen  wollen,  in  jedem  Semester  durch  besondere  Diligenzprüfungen
sich  über  das  erfolgreiche  Hören  einer  oder  zweier  Vorlesungen  ausdrücklich
  ausweisen  müssen,  sowie  dadurch,  daß  der  Dozent  berechtigt
  ist,  im  Falle  besonders  auffälligen  Unfleißes  am  Schluß  des
Semesters  seine  Bescheinigung  über  das  Anhören  seiner  Vorlesung
zu  verweigern,  ein  Recht,  von  dem  doch  nur  sehr  selten  Gebrauch
gemacht  wird.  Naturgemäß  ist  auch  nicht  schon  mit  dem  regelmäßigen
  Anhören  einer  Vorlesung  ein  bleibender  Gewinn  aus  derselben
  gesichert.  Dieser  hängt  ja  zugleich  ab  —  bei  manchen  Vorlesungen
  (exegetischen)  schon  von  der  Gewissenhaftigkeit  der  Vorbereitung
  des  Zuhörers  auf  dieselbe,  in  allen  Fällen  aber  von  der
Gründlichkeit,  mit  der  hernach  das  Gehörte  durchgearbeitet  und  angeeignet
  wird.  Beides  aber  ist  lediglich  dem  freien  Willen  des
Studenten,  dem  Ernst,  mit  dem  er  das  Gebotene  für  sich  selber
fruchtbar  machen  will,  überlassen.  Darum  ist  der  Erfolg  dieser
ganzen  Seite  der  akademischen  Tätigkeit  ein  sehr  verschiedenartiger.
Wesentlich  anders  verläuft  der  Studiengang  der  Mitglieder  des
Tübinger  Stiftes.  Bei  diesen  findet  eine  fortgesetzte  Kontrolle  ihres
Fleißßes  und  ihrer  Fortschritte  durch  Repetitorien  und  durch  schriftliche
  und  mündliche  Semestralprüfungen  statt.  Dadurch  wird  cerreicht,
  daß  der  durchschnittliche  Bildungsstand  höher  ist  als  da,  wo
das  Prinzip  der  Freiheit  des  Studierenden  befolgt  wird.

4.  Neben  den  Vorlesungen  bekommen  für  die  Ausbildung  des
Studenten  die  Seminarübungen  eine  immer  höhere  Bedeutung.  Diese
zerfallen  in  praktische  und  in  wissenschaftliche  Übungen.  Erstere
dienen  unmittelbar  der  Vorbereitung  auf  die  künftige  Praxis  des
Theologen.  Einrichtungen  zu  diesem  Zwecke  sind  an  unsern  Fakultäten
  z.  T.  erheblich  älter  als  die  Errichtung  der  wissenschaftlichen
Seminare.  Es  bestehen  allgemein  homiletische  und  katechetische
Seminare,  daneben  an  größeren  Fakultäten  auch  homiletische  Proseminare.
  In  letzteren  wird  teils  durch  Analyse  gedruckter  Predigten,
teils  durch  Dispositionsübungen  die  eigene  Predigtarbeit  des  Anfängers
vorbereitet;  in  den  homiletischen  Seminaren  werden  dann  über
gegebene  Texte  vollständige  Predigten  ausgearbeitet,  in  besonderen
Seminargottesdiensten  gehalten  und  dann  im  Kreise  der  Seminarmitglieder
  teils  durch  diese  selbst,  teils  durch  den  Leiter  des  Seminars
nach  Inhalt  und  Form  besprochen.  Diese  Seminargottesdienste  bieten
zugleich  Gelegenheit,  die  künftige  Tätigkeit  als  Liturg  zu  üben,  womit
an  einzelnen  Orten  auch  Übungen  im  liturgischen  Gesang  verknüpft
sind.  In  den  katechetischen  Seminaren  werden  in  ähnlicher  \Veise

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