Evangelisch-Theologische  Fakultät.  75

Voraussetzungen  schaffen,  die  den  einzelnen  subjektiv  für  den  Dienst
in  der  Kirche  befähigen.  Muß  erstere  Anleitung  —  abgesehen  von
dem,  was  die  praktisch-theologischen  Seminare  bieten  —  besonderen
kirchlichen  Veranstaltungen  (L.chrrikariat,  Predigerseminar)  überlassen
bleiben,  so  muß  letzteres  das  Gut  sein,  das  der  Student  der  Theologie
bereits  mitbringt;  und  wie  dieses  durch  keine  Wissenschaft  erzeugt
werden  kann,  so  ist  es  auch  nicht  unmittelbar  Aufgabe  des  theologischen
Unterrichts,  das  religiöse  l.cben  zu  pflegen.  Freilich  besteht  an  fast
allen  Universitäten  die  FKinrichtung,  daß  einer  oder  mehrere  der
theologischen  Professoren  zugleich  nebenamtlich  Universitätsprediger
sind  und  in  akademischen  Gottesdiensten  den  Studierenden  Gelegenheit
  bieten,  ihre  wissenschaftlichen  Lehrer  zugleich  in  der  Ausübung
der  Verkündigung  des  göttlichen  \Wortes  kennen  zu  lernen  und  von
ihnen  religiöse  Änregung  zu  erhalten.  Aber  an  den  akademischen
l.ehrvortrag  selbst  wird  billigerweise  nur  die  Forderung  gestellt,  daß  er
das  Ziel  aller  theologischen  Arbeit,  der  Kirche  und  dem  Glauben  zu
dienen,  fest  im  Auge  behält  und  daß  er  mit  pädagogischer  Weisheit
und  Takt  in  die  den  Anfängern  zunächst  oft  so  befremdliche  und  sie
beunruhigende  wissenschaftliche  und  kritische  Behandlung  der  Bibel
hineinführt;  zugleich  ist  zu  wünschen,  daß  der  theologische  l.chrer
in  der  ganzen  Art  seines  Wirkens  seinen  Schülern  den  starken  Eindruck
  erweckt,  daß  die  religiösen  Stoffe,  die  er  behandelt,  ihm  selbst
Werte  für  sein  eigenes  Leben  bedeuten.  Es  ist  natürlich,  daß  die
einzecnen  Dozenten  der  hohen  Aufgabe  ihres  Berufes  nur  in  verschiedenem
  Maße  gerecht  werden.  Der  Tatsache,  daß  hier  die  Wirksamkeit
  einzelner  die  Entwicklung  manches  Studenten  ungünstig
becinflußt  hat,  steht  aber  auch  die  andere  erfreuliche  gegenüber,  daß
es  auch  der  Gegenwart  nicht  an  den  Dozenten,  und  zwar  verschiedenster
  Richtungen  und  Schattierungen,  fehlt,  die  cbenso  wissenschaftlich
  fördernd  wie  in  religiöser  Beziehung  sichere  Führung  bietend,
einen  tiefgreifenden  segensreichen  Einfluß  ausüben.  Ernste  Kämpfe
und  schwere  innerliche  Auscinandersetzungen  können  dem  heute  zum
Studium  der  evangelischen  Theologie  sich  wendenden  jungen  Manne
nicht  erspart  werden:  das  bringt  die  lage  dieser  Wissenschaft,
insonderheit  der  Bibelwissenschaft,  und  der  bestehende  Widerstreit
der  Weltanschauungen,  mit  denen  die  Theologie  sich  auscinandersetzen
  muß,  unabweislich  mit  sich;  dazu  wirken  auf  den,  der  zu  den
Füßen  verschiedener  thcologischer  I.chrer  sitzt,  bei  der  Eigenart  der
protestantischen  Theologie  auch  oft  recht  weit  auseinander  führende
Anschauungen  ein  und  können  auf  den  in  der  Entwicklung  Begriffenen