I.  Philosophie.  Psychologie.  Pädagogik.

I.  Wer  etwa  vor  einem  Menschenalter  die  philosophischen  Hörsäle
  deutscher  Universitäten  kennen  gelernt  hat  und  sie  nach  längerer
Zwischenzeit  heute  wieder  betritt,  der  wird  die  Wahrnehmung  machen,
daß  sich  ihre  äußerliche  Physiognomie  gänzlich  verändert  hat.  Damals
  mit  wenigen  Ausnahmen  I.cere  und  Öde,  gewöhnlich  wenige
Zuhörer  und  diese  zumeist  nur  unter  dem  Zwange  der  Prüfungrsordnung
  zusammengekommen,  ohne  lebhafteres  Interesse  folgend,
oft  nach  dem  Diktat  des  Dozenten  mühsam  und  mechanisch  mitschreibend.
  Heute  die  meisten  Auditorien  gefüllt,  ja  oft  überfüllt
und,  wie  schon  der  Augenschein  lehrt,  mit  teilnehmenden  Hörern,
die  den  verschiedensten  Fakultäten,  vielfach  außerakademischen
Kreisen  angehören  und  mithin  nicht  durch  den  Druck  des  Examens,
sondern  durch  eigenes  Bedürfnis  und  Interesse  zu  hören  angetrieben
werden.  Dem  Eindruck,  daß  die  Universitätsphilosophie  in  den
letzten  Jahrzehnten  einen  mächtigen  Aufschwung  genommen  hat,
wird  sich  niemand  entziehen  können.

Den  Anstoß  zu  dieser  Wandlung  hat,  wie  für  die  philosophische
Wissenschaft  überhaupt,  so  insbesondere  für  den  Universitätsunterricht,
die  Wiederbelebung  des  Kantstudiums  in  den  70er  Jahren  des  vorigen
Jahrhunderts  gegeben.  Hierdurch  ist  der  Inhalt  und  die  Methode  des
Philosophierens  umgewandelt  und  es  sind  Grundsätze  zur  Geltung
webracht  worden,  die  denen  der  vorangegangenen  Epoche  vielfach
entgegengesetzt  sind  und  deren  Einfluß  der  philosophische  Universitätsunterricht
  seine  heutige  Blüte  verdankt.  Versuchen  wir  es,  die
charakteristischen  Eigentümlichkeiten  dieser  Entwicklung  und  ihrer
l’olgen  in  kurzen  Zügen  wiederzugeben.

Die  nächste  und  natürlichste  Wirkung  des  Rückgangs  auf  Kant
mußte  sein,  daß  die  von  diesem  Philosophen  behandelten  Probleme,
die  erkenntnistheorctisch-kritischen  also,  in  den  Mittelpunkt

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