164  Liehrgebiet  und  L.ehrbetrieb.

des  wissenschaftlichen  Interesses  wie  des  akademischen  Unterrichts
traten.  Zunächst  ist  cs  die  Kantische  Philosophie  selber,  deren
allgemeine  Richtung  und  Bedeutung  sowohl,  wie  ihre  einzelnen  Teile
immer  wiederkehrende  Gegenstände  der  Vorlesungen  und  Seminarübungen
  bilden:  sowohl  die  Vorlesungsverzeichnisse  wie  die  Doktordissertationen
  der  verschiedenen  Universitäten  beweisen  das.  Dabei  ist
aber  bemerkenswert,  daß  der  Standpunkt,  den  die  einzelnen  Universitätslehrer
  dieser  Philosophie  gegenüber  einnehmen,  durchaus
nicht  der  gleiche  ist.  Eine  Kantische  Schule  im  eigentlichen
Sinne  wird  nur  von  einer  kleinen  Gruppe  von  Philosophen  gebildet,
die  ihren  Mittelpunkt  in  Marburg  hat.  Hier  wird  ein  unmittelbarer
Anschluß  an  den  Standpunkt  Kants  gesucht,  freilich  auch  hier  nicht
inn  dogmatischen,  sondern  im  methodischen  Sinne:  nicht  sowohl  der
Inhalt  seiner  J.chre,  als  die  Art  scines  kritischen  Verfahrens  erscheint
als  das  vorbildliche  und  verbindliche  Prinzip  der  wissenschaftlichen
Philosophie.  Weitaus  die  meisten  Universitätslehrer  aber  streben  cin
loseres  Verhältnis  zum  Kritizismus  an;  und  während  sie  einen  Teil
seiner  Grundsätze  übernehmen,  erheben  sie  doch  auch  vielfach  Einschränkungen
  und  Finwürfe:  die  Lehre  Kants  erscheint  hier  nicht
sowohl  als  der  Mittel-,  wie  als  der  Ausgangspunkt  des  erkenntnistheoretischen
  Studiunıs.

Im  engsten  Zusammenhang  mit  diesem  Aufschwung  der  Erkenntnistheorie
  steht  die  Neubelebung  der  logischen  Studien.  An  Stelle  der
alten  aristotelischen  J.ogik,  wie  sie  noch  vor  einem  Menschenalter  vielfach
  gelesen  wurde,  oder  einer  Fortbildung  derselben  ist  jetzt  überall  die
moderne  Behandlungsart  getreten,  welche  den  Problemen  der  induktiven
  Logik  mehr  Gewicht  zuerkennt,  als  dem  System  der  deduktiven,
und  sie  in  einem  methodologisch-kritischen  Sinne  behandelt.  Dice
Vorlesungen  über  die  Gegenstände  haben  daher  ein  emeutes  Interesse
gewonnen.  Die  l.ogik  gehört  überall  zu  dem  festen  Bestand  der
akademischen  Lehrpläne  und  erscheint  meistens  mit  der  Erkenntnistheorie
  zu  einem  Kursus  verbunden.  Gleichwohl  ist  der  Fortschritt
der  letzteren  nicht  die  einzige,  vielleicht  nicht  einmal  die  wesentlichste
Ursache  für  die  Reform  der  Logik  gewesen.  Vielmehr  treffen  hier
noch  andere,  nicht  minder  wesentliche  Einflüsse  zusammen,  um  befruchtend
  auf  ein  Gebiet  einzuwirken,  das  Jahrhunderte  lang  nicht
mehr  ertragsfähig  erschien  und  nun  plötzlich  cin  neues  reiches  Leben
zeitipt.  Das  ist  einmal  der  Aufschwung  der  Naturwissenschaften  seit
der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts.  Dieser  Einfluß,  der  wie  auf  allen
Gebieten  des  Lebens  und  der  Wissenschaft,  so  auch  auf  dem  der