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um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts,  wo  die  Hegelsche  Schule
fast  überall  unbestritten  herrschte  und  nur  auf  einigen  Lehrstühlen
durch  das  Herbartsche  System  abgelöst  wurde.  Heute  würde  es
schwer  sein,  die  Universitätslehrer  ihrem  Standpunkt  nach  auch  nur
zu  Gruppen  zusammenzufassen,  und  man  kann  höchstens  cine  oder
die  andere  Richtung  mit  einiger  Deutlichkeit  von  den  übrigen  aussondern,
  so  etwa  neben  der  oben  erwähnten  streng  Kantischen  eine
andere,  welche  den  Fortschritt  von  Kant  zu  Fichte  als  vorbildlich
ansieht  und  daher  auch  wohl,  wenngleich  nur  mit  halbem  Rechte,
als  Neufichteanismus  bezeichnet  wird.

Wenn  nun  gleichwohl  die  heutige  Universitätsphilosophie  keineswegrs
  den  Eindruck  der  Zersplitterungs  und  Zerfahrenheit  macht,  ja,
wenn  ihr  im  Gegenteil  ein  entschieden  einheitlicher  Charakter  aufgeprägt
  ist,  wenn  zumal  jene  persönliche  Polemik,  die  in  früherer
Zeit  der  Philosophie  so  viel  Spott  und  Mißachtung  zugezogen  hat,
vom  Katheder  wie  aus  den  Büchern  so  gut  wie  ganz  verschwunden
ist,  so  Hiegt  der  Grund  in  der  Einheitlichkeit  des  Interesses,  das  sich
fast  überall  gleichmäßig  bestimmten  Problemen  zugewandt  hat,  und
in  der  Einheit  des  wissenschaftlichen  Geistes,  mit  dem  diese  Problene
behandelt  werden.  Die  eine  Reihe  derselben,  die  erkenntnistheoretische
und  logische,  haben  wir  bereits  betrachtet,  die  zweite  nicht  minder
hervortretende  bietet  die  Geschichte  der  Philosophie.

In  demselben  Maße  nämlich,  wie  die  systematische  Spekulation
zurückgegangen  ist,  ist  die  geschichtliche  Behandlung  der  Philosophie
in  den  Vordergrund,  ja  in  den  Mittelpunkt  des  akademischen  Unterrichts
  getreten,  und  jedem,  der  irgend  cin  Vorlesungsverzeichnis  aufschlägt,
  muß  es  auffallen,  daß  der  größere  Teil  der  philosophischen
Kollegien  diesem  Gegenstande  gewidmet  ist.  Dabei  behandelt  nur
der  kleinere  Teil  der  Vorlesungen  einzelne  Abschnitte  der  Entwicklung
oder  gar  einzelne  Denker  und  ihre  Systeme;  die  meisten  fassen  die
gesamte  Geschichte  der  Philosophie  zusammen,  oft  allerdings  aus
/weckmäßigkeitsgründen  über  mehrere  Semester  verteilt.  Schon
hieraus  ergibt  sich,  daß  in  diesen  Vorlesungen  nicht  eine  enge
Betrachtungsart  herrscht,  die  nur  das  einzelne  sicht,  noch  ein  ausschließlicher
  philologischer  Geist,  dem  cs  nur  um  Feststellung  des
tatsächlichen  Materials  zu  tun  ist.  Und  in  der  Tat  darf  man  sagen,
daß  mit  der  Ausdehnung  dieses  Studiums  seine  Vertiefung  gleichen
Schritt  gehalten  hat.  Die  bei  uns  übliche  Betrachtung  beschränkt
sich  nicht  auf  das  Einzelne  und  Äusserliche,  sondern  sie  sucht  überall
den  großen  inneren  Zusammenhang  zu  erfassen  und  in  der  Geschichte