Philosophische  Fakultät:  Philosophie.  Psychologie.  Pädagogik.  ı71

nicht  zu  den  Uhiversitätswissenschaften  zählt,  und  Arbeiten  auf  diesem
Gebiete  nicht  das  Anrecht  auf  die  Erwerbung  des  Doktortitels  verleihen.
  Diese  für  Ausländer  zumeist  schr  befremdliche  Tatsache  ist
aus  der  geschichtlichen  Entwicklung  der  deutschen  Fakultäten  zu
verstehen.  Den  gegenwärtigen  Verhältnissen  der  Wissenschaft  und
des  Lebens  entspricht  sie  freilich  nicht,  und  cs  steht  daher  zu  erwarten,
daß  diese  Lücke  unserer  Universitäten  über  kurz  oder  lang  ausgefüllt
werden  wird.

Diese  letztere  Betrachtung  führt  uns  zu  einigen  Äußerlichkeiten
des  I.chrbetriebes,  die  bisher  übergangen  sind  und  die  nunmehr  am
Schlusse  nachgeholt  werden  müssen.  Bekanntlich  haben  die  meisten
philosophischen  Fakultäten  zwei  ordentliche  Lehrstühle  für  Philosophie,
nur  die  ganz  großen  drei,  die  Psychologie  mit  eingeschlossen.  Dem
steigenden  Bedürfnis  ist  man  vielfach  durch  cine  oder  mehrere  außerordentliche
  Professuren  entgegengekommen.  Auch  sonst  spiegelt  sich
in  der  äußeren  Gestaltung  des  Unterrichts  die  innerliche  Neubelebung
der  Universitätsphilosophie  wieder.  Dem  allgemeinen  Interesse  der
Studierenden  verschiedener  Fakultäten  kommen  öffentliche  Vorlesungen
über  allgemeine  Gebiete  und  Fragen  entgegen.  Zugenommen  haben
in  der  letzten  Zeit  namentlich  die  Kollegien  zur  Einführung  in  das
Studium  der  Philosophie,  nach  denen,  wie  ihre  Frequenz  beweist,  ein
entschiedenes  Bedürfnis  vorliegt.  Das  zeitraubende  und  veraltete
Diktieren,  das  noch  vor  wenigen  Jahrzehnten  in  den  philosophischen
l.chrsälen  heimisch  war,  ist  zumeist  aufgegeben;  die  Dozenten  geben
statt  dessen  bisweilen  ihren  Zuhörern  die  notwendigen  Notizen  in
Gestalt  eines  gedruckten  Grundrisses  in  die  Hand:  gerade  für  die
Philosophie  die  durchaus  geeignete  Form  der  belehrenden  Überlieferung,
da  das  intensive  Durchdenken  derWorte  desl.chrers,  das  hier  erforderlich
ist,  durch  die  Bemühungen  mitzuschreiben  empfindlich  gestört  wird.
Anleitungen  zu  philosophischen  Arbeiten  endlich  werden  auch  in  Form
von  Übungen  und  Kolloquien  auf  allen  Universitäten  erteilt,  wenn  es
auch  etatsmäßige  Universitätsseminare  für  diesen  Zweck  nur  vereinzelt
gibt  tin  Straßburg  z.  B.  befindet  sich  cin  solches  und  für  Berlin  ist
es  im  Bau).  So  dürfen  wir  denn  auch  auf  einen  Nachwuchs  von
Gelehrten  rechnen,  der  die  Errungenschaft  der  letzten  Jahrzchnte
nicht  nur  festhält,  sondern  noch  steigert  und  weiterentwickelt,  um  den
alten  Ruhm  der  deutschen  Philosophie  zu  wahren.

Rudolf  l.chmann.