Io.  Klassische  Philologie.

Der  junge  Studierende  der  klassischen  Philologie  findet  sich,
wenn  er  auf  die  Universität  kommt,  einer  Lage  gegenüber,  die  cerhebliche
  Anforderungen  an  sein  Urteil  und  seine  moralischen  Fähigkeiten
  stellt.  Nur  die  Richtung  wird  ihm  gezeigt,  seinen  Pfad  muß
er  sich  suchen.  Es  gibt  für  den  Philologen  keinen  Studienplan  und
keine  Zwangsvorlesung;  jede  Einrichtung  solcher  Art  würde  dem
Betriebe  der  philologischen  und  historischen  Studien,  wie  er  den
deutschen  Universitäten  eigen  ist,  ans  Leben  gehen.  Ja  es  ist  ganz
denkbar,  daß  ein  Philologe  durch  die  Universität  und  die  Examina
geht,  ohne  eine  Vorlesung  zu  hören  (belegen  müßte  er  freilich  jedes
Semester  eine),  und  sich  cine  vollständige  Ausbildung  selber  aus  den
Büchern  holt.  Leicht  wird  freilich  der  Fall  nicht  cintreten;  vielmehr
wird  jeder  junge  Philologe  persönlichen  Verkehr  mit  einem  L.chrer
suchen,  denn  er  muß  bald  merken,  daß  darin  das  Heil  seiner
Studien  liegt.

Die  Professoren  der  klassischen  Philologie  an  deutschen  Universitäten
  sind  als  Professoren  nicht  Gräcisten  oder  Latinisten.  Solche
Spezies  ist  bisher,  auch  unter  den  Privatdozenten,  nur  vereinzelt  aufgetreten
  und  hat  sich  zum  Glück  nicht  fortgepflanzt.  Der  Professor
bekommt  bei  seiner  Anstellung  den  Lehrauftrag  für  klassische  Philologie,
  d.  h.  für  griechische  und  römische  Philologie  in  ihrer  Vereinigung
  und  Einheit;  auch  eine  Fakultät  wird  sich  nicht  so  leicht
finden,  die  die  venia  legendi  für  griechische  oder  römische  Philologie
gesondert  erteilte.  Die  Sonderung  vollzieht  sich  zumeist,  soweit  der
Zusammenhang  der  Dinge  das  erlaubt,  in  der  Forschungsarbeit  und
Produktion,  und  es  ist  keine  Frage,  daß  die  persönliche  Richtung  des
Gelehrten  in  der  Einwirkung  des  Lehrers  auf  den  wissenschaftlich
arbeitenden  Studenten  zur  Geltung  kommt.  Ferner  liegt  es  in  der
Natur  der  Sache,  daß  der  Professor  das  Gebiet,  auf  dem  er  produktiv
ist,  bei  der  Wahl  seiner  Vorlesungen  bevorzugt,  und  daraus  ergibt