Philosophische  Fakultät:  Klassische  Philologie.  173

sich  weiter,  daß  man  an  jeder  Universität  einen  auf  das  Griechische
und  einen  auf  das  Römische  vorzugsweise  gerichteten  Professor  nebeneinander
  zu  stellen  sucht.  Aber  wenigstens  an  den  Seminaren  wird
ein  solcher  Unterschied  nicht  gemacht;  da  fällt  jedem  Direktor
Semester  um  Semester  das  Griechische  so  gut  wie  das  Lateinische  zu.

Dieser  Gesichtspunkt  ist  zugleich  für  die  Ausbildung  jedes  Studenten
  bestimmend:  sie  muß  sich  auf  das  Griechische  und  Lateinische
gleichmäßig  erstrecken.  Das  ist  auch  eine  der  wenigen  Normen,  die
für  die  Examina  gelten:  sowohl  für  die  Promotionsprüfung  als  für  das
Staatsexamen  wird  die  Verbindung  beider  Fächer,  d.  h.  die  eine
klassische  Philologie  verlangt.

Der  Student  findet,  wie  bemerkt,  keine  bestimmte  Folge  von
Vorlesungen,  die  ihm  ein  Gebiet  der  Wissenschaft  nach  dem  andern
in  berechneter  Stufenreihe  aufschließen  und  stofflich  vertraut  machen.
Er  muß  hören,  was  in  jedem  Semester  geboten  wird.  Für  jedes  einzelne
  Semester  werden  die  Dozenten  in  der  Regel  eine  Auswahl  sich
ergänzender  Vorlesungen  zusammenbringen;  oft  wird  auch  zwischen
zwei  oder  mehreren  Semestern  eine  Art  von  Zusammenhang  der
Gegenstände  hergestellt  werden.  Wichtiger  ist,  daß  derselbe  Gegenstand
  nicht  so  leicht  innerhalb  dreier  oder  vier  Jahre  zweimal  behandelt
  wird,  daß  also  jeder  Student  während  seiner  Studienzeit,  auch
wenn  er  die  ganze  an  einer  Universität  zubringt,  durch  die  Vorlesungen
  in  eine  große  Zahl  verschiedener  Gebiete  eingeführt  wird,
die  sich  allmählich  zusammenschließen.

Jeder  Professor  liest  im  Semester  ein  oder  auch  zwei  Privatkollegien;
  diese  behandeln  entweder  eine  Disziplin,  wie  Grammatik,
Metrik,  Literaturgeschichte,  Mythologie,  oder  die  Exegese  eines  Schriftstellers.
  Für  die  Form  gilt,  daß  eine  Vorlesung  kein  Essay  und  cin
Kolleg  kein  Buch  ist;  für  den  Stoff,  daß  er  in  cine  Vorlesung  nur
soweit  gehört,  als  er  für  den  Zusammenhang  oder  die  Demonstration
unerläßlich  ist.  Der  Student  soll  seinen  Stoff  nicht  im  Kolleg  erhalten,
  er  soll  angeleitet  werden,  ihn  in  der  alten  und  neuen  Literatur
und  in  den  Denkmälern  zu  suchen.  Der  wichtigere  Zweck  des  philologischen
  Kollegs  ist,  die  Gedanken  zu  zeigen,  die  den  Stoff  zusammenhalten,
  den  historischen  Zusammenhang  der  Dinge  nachzuweisen.
  Ein  solches  Kolleg  kann  gar  nicht  anders  als  auf  Grund
eigener  produktiver  Arbeit  gelesen  werden,  und  es  wirkt  nur  dann
lebendig,  wenn  es  die  Arbeit  reproduziert:  nicht  in  darstellender  Form,
nicht  in  Resultaten,  sondern  in  der  Behandlung  einzelner  Probleme
nach  den  Methoden,  die  der  Gegenstand  verlangt.  Darum  ist  die