174  Lehrgebiet  und  Lehrbetrieb.

geringste  Forderung  an  ein  philologisches  Kolleg,  daß  der  Gegenstand
stofflich  umspannt  werde;  die  Hauptforderung,  daß  der  Student  in
Stand  gesetzt  werde,  jede  Frage,  die  sich  auf  dem  Gebiete  erheben
kann,  wissenschaftlich  anzufassen.  Die  exegetischen  Vorlesungen  eröffnen
  dem  Studenten  das  Verständnis  für  einen  Text,  einen  Autor,
eine  Gattung;  sie  werden  zugleich  eine  Fülle  kleiner  Untersuchungen
enthalten  und  auf  das  Ganze  des  Kunstwerkes  wie  der  schriftstellerischen
  Persönlichkeit  gerichtet  sein.  Vor  allem  sollen  sie  zur
I.cktüre  reizen.  Überhaupt  muß  der  Student  immer  die  Empfindung
haben,  daß  auf  seine  Mitarbeit  gerechnet  wird,  daß  ihm  die  Vorlesung
  nur  dann  etwas  hilft,  wenn  er  mitarbeitet.  Die  Vorlesung  darf
nie  auf  ein  niedriges  Niveau  der  Kenntnisse  und  auf  den  Durchschnittsverstand
  eingerichtet  sein;  der  Student  muß  von  Anfang  an
den  Eindruck  gewinnen,  daß  er  sich  zum  Verständnis  der  Vorlesung
hinaufzuarbeiten  hat,  er  muß  mit  der  Zeit  aus  der  l.eichtigkeit  des
Verständnisses  und  dem  damit  verbundenen  Vergnügen  die  innere
Gewähr  erhalten,  daß  er  fortgeschritten  ist.

Die  Vorlesung  ist,  so  behandelt,  ein  unentbehrlicher  Teil  des
philologisch-historischen  Unterrichts;  es  ist  bloße  Verkennung  der
Sache,  wenn  neuerdings  versucht  worden  ist,  die  Vorlesungen  außer
einigen  vorgetragenen  Leitfäden,  die  überhaupt  vom  Übel  sind,  durch
praktische  Übungen  zu  ersetzen.

Die  Mitarbeit,  die  dem  Kolleg  gegenüber  vom  Studenten  gefordert
  wird,  hat  den  Zweck,  daß  er  sich  durch  Lektüre  der  griechischen
und  römischen  Literatur  ein  Fundament  schaffe,  Untersuchungen  hervorragender
  Gelehrter  kennen  lerne,  seinen  Sinn  für  Fragestellung
schärfe  und  sein  Urteil  übe.  Das  Seminar  dagegen  will  den  Studenten
zum  selbständigen  Ergreifen  wissenschaftlicher  Aufgaben  anleiten.

Das  Seminar  hat  eine  Vorstufe,  das  Proseminar;  dieses  steht
mit  dem  Seminar  unter  gleicher  Direktion  und  wird  in  der  Regel
von  den  Direktoren,  hier  und  da  ganz  oder  zum  Teil  von  einem
jüngeren  Dozenten  geleitet.  \Vo  die  Direktoren,  semesterweise  abwechselnd,
  die  Übungen  des  Proseminars  in  die  eigene  Hand  nehmen,
tun  sie  das  in  der  Überzeugung,  daß  cs  für  die  Ergänzung  des
Seminars  und  damit  für  den  Studienbetrieb  überhaupt  von  größter
Wichtigkeit  ist,  die  Arbeit  der  jungen  Philologen  von  Anfang  an  zu
verfolgen  und  den  Zeitpunkt  zu  bestimmen,  an  dem  sie  für  das
Seminar  reif  sind.  An  den  meisten  Universitäten  ist  seit  einigen
Jahren,  d.  h.  seit  die  Wirkung  der  Lehrpläne  von  1891  sich  in
der  ungenügenden  Vorbildung  der  jungen  Philologen  bemerklich