Philosophische  Fakultät:  Klassische  Philologie.  175

macht,  mit  dem  Proseminar  ein  schulmäßiger  Unterricht  in  der
griechischen  und  lateinischen  Sprache  verbunden.  Seit  dieses  Bedürfnis
sich  eingestellt  hat,  haben  auch  die  meisten  Seminare  Assistenten
erhalten,  denen  die  Leitung  solcher  Übungen  zufällt.

Als  Hauptübung  wird  im  Proseminar  die  Interpretation  cines
abwechselnd  griechischen  oder  lateinischen  Textes  getrieben,  mit  dem
Zwecke,  den  Studenten  zur  eigenen  wissenschaftlichen  Lektüre  anzuleiten.
  Er  soll  hier  erfahren,  wie  man  eine  Überlieferung  konstatiert,
beurteilt,  herstellt,  interpretiert,  sprachliche  und  metrische  Erscheinungen
bemerkt,  mit  welchen  Hilfsmitteln  man  den  Dingen  zu  Leibe  geht;
er  soll  das  Wichtige  vom  Unwichtigen  sondern  lernen  und  lernen,
dass  auch  das  Kleine  bedeutend  sein  kann.  Eigene  Arbeiten  werden
nicht  überall  im  Proseminar  verlangt;  aber  an  Gelegenheit  und  Anleitung
  dazu  wird  es  nirgend  fehlen,  schon  um  zu  vermeiden,  daß
die  Meldung  zunı  Seminar  mit  der  Unsicherheit  des  ersten  Versuches
zusammenfalle.

Die  philologischen  Seminarien  sind  seit  ihrer  Begründung  durch
Gesner  und  Heyne  in  Göttingen  und  ihrer  Ausgestaltung  durch
F.  A.  Wolf  in  Halle,  G.  Hermann  in  Leipzig,  Ritschl  in  Bonn  wohl
überall  im  wesentlichen  von  gleicher  Art.  Das  Seminar  ist  das
Zentrum  des  philologischen  Unterrichts  an  der  Universität.  Es  ist
ein  mit  eigener  Bibliothek,  für  deren  Ergänzung  ein  jährlicher  Fonds
besteht,  und  Arbeitsräumen  ausgestattetes  Institut.  Für  die  Bibliotheken
  ist  seit  einigen  Jahren  in  Preußen  die  allgemeine  Einrichtung
getroffen,  daß  die  Bücher  nicht  verliehen  werden,  sondem  im  Seminar
selbst  zu  benutzen  sind;  in  Göttingen  wenigstens  hat  sich  diese  Einrichtung
  durchaus  bewährt.  Die  Bibliothek  soll  nicht  über  den  Umfang
  einer  reichen  Handbibliothek  hinauswachsen,  also  dem  Studenten
niemals  die  Benutzung  der  Universitätsbibliothek  entbehrlich  erscheinen
lassen;  aber  sie  soll  an  Ausgaben,  Sammlungen,  Zeitschriften,  Handbüchern,
  Monographien  ein  stattliches  Material  für  beständige  Arbeit
auf  allen  philologischen  Gebieten  enthalten.

Das  Seminar  nimmt  nur  eine  beschränkte  Zahl  von  ordentlichen
Mitgliedern  (10  bis  12)  auf.  Bei  den  Übungen  zuzuhören  ist  jedem  erlaubt;
Honorar  wird  weder  im  Seminar  noch  Proseminar  bezahlt.  Zu  Anfang
jedes  Semesters  findet  Konkurrenz  um  die  freigewordenen  Stellen
statt.  Die  Bewerber  reichen  eime  nach  eigener  Wahl  angefertigte
Arbeit  ein;  die  besten  werden  ausgewählt,  cs  können  aber  auch
Stellen  frei  bleiben.  Die  Übungen  werden  von  beiden  Direktoren
geleitet,  von  jedem  in  zwei  wöchentlichen  Stunden.  Der  eine  läßt