176  Lehrgebiet  und  Lehrbetrieb.

einen  griechischen,  der  andere  einen  lateinischen  Text  interpretieren.
Während  im  Proseminar  Texte  gewählt  werden,  die  nicht  zu  große
formale  und  materielle  Schwierigkeiten  bieten,  wird  man  für  das
Seminar  solche  auswählen,  deren  wissenschaftliche  Behandlung  nicht
ohne  eindringende  Arbeit  möglich  ist.  Bei  der  Interpretation  selbst
wird  alles  Notizenhafte  und  nur  Stoffliche  ferngehalten;  das  Ziel  ist
das  auf  kritischer  Feststellung  und  grammatischer  Interpretation  des
Textes  beruhende,  bis  zunı  erreichbaren  Ende  vordringende  Verständnis.
Ein  Interpret  ist  für  jede  Sitzung  bestimmt,  aber  möglichst  allgemeine
Disputation  erwünscht.  Gesprochen  wird  bei  allen  Übungen  des  Seminars
  lateinisch.  Gleichfalls  in  der  Form  der  Disputation  findet  die  Besprechung
  der  Arbeiten  statt.  Jedes  Mitglied  liefert  im  Semester  eine
selbständig  ausgeführte  Untersuchung,  deren  Gegenstand  entweder
(wie  cs  seit  ciner  Reihe  von  Jahren  in  Bonn  geschicht)  durch  einen
bestimmten  für  das  Semester  angegebenen  Stoffkreis  begrenzt  oder
ganz  freigegeben  oder,  wie  cs  am  häufigsten  geschehen  wird,  nach
Besprechung  mit  einem  l.ehrer  auf  dessen  Rat  hin  gewählt  ist.  Diese
Arbeiten  veranlassen  den  Einzelnen,  in  mehrere  Gebiete  einzudringen
und  große  oder  kleine  Probleme  aus  eigener  Anschauung  kennen  zu
lernen,  sie  führen  allmählich  dazu,  sich  an  einer  Stelle  heimisch  zu
machen  und  anzubauen.  So  wachsen  aus  den  Seminararbeiten  die
Dissertationen  heraus.

Das  Seminar  rechnet  in  noch  beträchtlich  stärkerem  Maße  als
die  Vorlesung  auf  die  eigne  Arbeit  des  Studenten.  Daneben  aber
weist  es  ihn  beständig  auf  den  persönlichen  Verkehr  mit  seinen
Lehrern  hin.  Es  ist  dafür  gesorgt,  daß  der  Student,  der  auch  nur
die  gewiesenen  Wege  geht,  den  seinen  nicht  verfehlc.

Eines  wird  der  philologische  Student  nie  von  seinen  Lehrern
hören:  nämlich  daß  er  sein  Studium  darauf  einrichten  solle,  cin
Examen  zu  machen.  Im  Gegenteil:  es  ist  das  Kriterium  eines  richtig
sscführten  Studiums,  daß  das  Examen  wie  jeder  andere  Teil  des  Weges
schließlich  gleichsam  von  selbst  genommen  wird.  Die  Hauptsache,
das  Können,  ist  erworben;  der  Bestand  des  Wissens  wird  noch  einmal
überblickt  und  die  fühlbaren  I.ücken  ausgefüllt.  Das  Examen  ist
doppelt:  erstens  das  Fakultätsexanıen,  die  Doktorprüfung,  deren
Hauptteil  die  Dissertation  ist  und  die  auch  in  der  mündlichen  Prüfung
wenigstens  im  Hauptfach  cinen  ausgesprochen  wissenschaftlichen
Charakter  haben  soll;  denn  die  Promotion  bedeutet,  daß  der  junge
Gelehrte  wissenschaftlich  freigesprochen  und  als  jedem  Fachgenossen
gleichberechtigt  anerkannt  wird.  Zweitens  das  Staatsexamen,  das  den