1T7R  l.ehrgebiet  und  Liehrbetrieh.

Wenn  man  das  Ganze  überblickt,  so  wird  man  finden,  daß  der
Unterrichtsbetrieb  in  der  klassischen  Philologie  dem  Studenten  eine
vollkommene  Freiheit  der  Bewegung  läßt,  die  nur  durch  Tradition,
durch  das  Schwergewicht  bestehender,  mit  l.eben  erfüllter  Einrichtungen,
durch  Beispiel  und  persönliche  Anleitung  beschränkt  oder  reguliert
ist.  In  einem  solchen  Betriebe  kann  sich  freilich  nur  zurechtfinden,
wen  Anlage  und  Neigung  zu  diesem  Studium  führen;  das  mag  bedenken,
  wer  zu  wählen  oder  zu  raten  hat.  Die  Gefahr  besteht,  wie
überhaupt  an  unsern  Universitäten,  daß  cin  Student  seine  Zeit  zubringt,
  ohne  etwas  zu  lernen;  niemand,  der  die  Medaille  von  vorn
ansicht,  wird  um  dieser  Kehrseite  willen  die  Studienfreiheit,  wenigstens
in  den  Fächern,  die  wissenschaftliche,  nicht  technische  Ausbildung
verlangen,  beschränken  wollen.  Das  eigne  Suchen  und  Finden  übt
cine  erstaunliche,  Geist  und  Moral  stärkende  Wirkung,  die  später  in
der  Ausübung  des  Berufes  beständig  fortwirkt.  Damit  ist  auch  cin
anderer  Einwurf  beseitigt,  den  man  bisweilen  erheben  hört,  nämlich
daß  der  Student  sich  zum  Zwecke  seiner  Dissertation  zu  schr  spezialisiert
und  die  allgemeine  Ausbildung,  auch  die  allgemeine  Bildung,  zu  kurz
kommen  läßt.  Das  ist  ein  Fehler,  wo  cs  geschieht;  aber  es  ist  auszugleichen
  und  oft  nicht  zu  vermeiden.  Denn  nur  durch  die  Beschränkung
gelingt  es  den  meisten,  sich  zu  vertiefen.  Ein  Lehrer,  der  sein  Leben
lang  nur  auswendig  gelernt  hat,  ist  besser  als  ein  Ignorant,  aber  kein
guter  Lehrer.  Wer  sich  an  einem  Punkte  den  Eingang  in  die
Wissenschaft  erkämpft  hat,  wird  ihre  Pforten,  wo  er  anklopft,  offen
finden  und  seine  Person  wird  die  Schule,  an  der  er  arbeitet,  immer
wieder  mit  frischem  l.cben  erfüllen.

eingestellt  hat.  uch  in  Tübingen  wird  das  Fach  noch  von  den  Ordinarien  der  Philologie
  mit  vertreten.  Neben  den  ordentlichen  Professoren  halten  gegenwärtig  in  Berlin
und  Leipzig  auch  Extraordinarien  und  in  München  ein  Honorarprofessor  archüslogische
Vorlesungen.  Die  alte  Geschichte  wird  in  Berlin  von  zwei  ordentlichen  Professoren,  an
den  übrigen  preußischen  Universitäten,  mit  Ausnahme  von  Münster,  wo  sie  nur  durch  ein
l:xtraordinariat  vertreten  ist,  von  einem  Ordinarius  gelehrt.  Von  den  übngen  Universitäten
haben  nur  Würzburg,  Gießen  nnd  Rostock  keine  selbständige  Vertretung  dieses  Fachs
und  in  Tübingen  bestcht  nur  ein  Extraordinarnint.  Außerornlentliche  Professoren  lesen
neben  den  ordentlichen  in  Berlin  und  Leipzig.  A.AR.

Friedrich  I.eo.