III.  Deutsche  Philologie  und  Literaturgeschichte.

‚ls  Karl  Weinhold  vor  10  Jahren  in  dem  Universitätswerke  für
Chicago  über  die  germanische  Philologie  berichtete,  sprach  er  gegen
Ende  seines  Aufsatzes  von  den  Professuren  für  neuere  deutsche
Literatur  als  einer  im  Werden  begriffenen  Einrichtung.  Heute  hat  sich
die  Verdoppelung  der  germanistischen  I.ehrstühle  auf  allen  deutschen
Universitäten  durchgesetzt.  Fast  überall  finden  wir  zwei  ordentliche
Professuren,  zumeist  mit  geschiedenen  I.chraufgaben,  eine  für  ältere,  eine
für  neuere  deutsche  Sprache  und  Literatur.  Dementsprechend  zerfallen
auch  die  germanistischen  Seminare,  die  es  jetzt  an  allen  deutschen
Universitäten  gibt,  überall  in  zwei  Abteilungen,  die  von  den  beiden
Professoren  geleitet  werden.  Diese  Teilung  ist  eine  notwendige  Folge
der  fortschreitenden  Ausdehnung  des  Gebietes  einerseits,  der  zunehmenden
  Spezialisierung  der  Forschung  andererseits.  Ob  sie  sich
freilich  nicht  natürlicher  und  organischer  gestaltet  hätte,  wenn  sie  statt
nach  Zeitabschnitten  vielmehr  nach  sachlichen  Gesichtspunkten  vor
sich  gegangen  wäre  und  jetzt  etwa  je  cine  Professur  für  Deutsche
Sprache  und  eine  für  Literaturgeschichte  bestände,  das  ist  eine  Frage,
die  wir  hier  nicht  zu  erörtern  haben.  Tatsächlich  hat  sich  die
Scheidung  nach  dem  chronologischen  Gesichtspunkt  durchgesetzt.
Immerhin  gibt  es  auch  heute  noch  cine  Reihe  von  Gelchrten,  welche
die  beiden  großen  Epochen  der  literarischen  und  sprachlichen  Entwicklung
  so  beherrschen,  daß  sie  ın  ihren  Vorlesungen  beide  zu  behandeln
  fähig  sind,  und  jedenfalls  wird  eine  umfassendere  Kenntnis
beider  Epochen  von  jedem  Dozenten  vorausgesetzt;  eine  Anzahl  von
Fakultäten  macht  die  Erlaubnis  zum  I.esen  ausdrücklich  von  dem
Nachweis  einer  solchen  Kenntnis  abhängig.

Der  Unterricht  in  der  altdeutschen  Philologie,  wie  wir  uns
der  Kürze  halber  ausdrücken  wollen,  kann  nun  schon  auf  eine  stattliche
Tradition  zurückblicken,  in  deren  Bahnen  er  lebendig  und  rüstig  vor-12”

