180  Lehrgebier  und  Lebrhetrich.

wärtsschreitet.  Er  behandelt  die  ältere  deutsche  L.iteratur  im  ganzen
Umkreis  der  verschiedenen  Gesichtspunkte,  die  das  Vorbild  der  Altertumswissenschaften
  uns  eröffnet  hat,  und  die  wir  nach  eben  diesen
Vorbilde  mit  dem  Namen  Philologie  zusammenzufassen  pflegen  :  die
literarische  Überlieferung  wird  exegetisch,  kritisch,  sprachlich  und
literarhistorisch  behandelt,  und  die  Bearbeitung  erstreckt  sich  auf
alle  Epochen  bis  zum  Ausgang  des  Mittelalters.  Freilich  werden  dieselben,
  wie  natürlich,  nicht  alle  in  gleichem  Mate  berücksichtigt.

Für  altnordische  Sprache  und  Literatur,  die  nicht  überall  gelchrt
wird,  haben  einige  größere  Universitäten  außerordentliche  Professuren,
Kiel  sogar  ein  Ordinariat.  Dies  steht  freilich  vereinzelt,  ebenso  wie  in
Bonn  das  Extraordinariat  für  Niederländisch  und  Niederdeutsch;  gleichwohl
  wird  die  Pflege  des  Niederdeutschen,  auf  den  norddeutschen
Universitäten  wenigtens,  keineswegs  vernachlässigt.  Gotisch  wird  vielfach
  von  dem  Vertreter  der  allgemeinen  Sprachwissenschaft  gelesen,
ebenso  aber  auch  von  dem  Germanisten,  dem  die  seminaristischen
Übungen  in  dieser  Sprache  regelmäßig  zufallen.  Im  Mittelpunkt  des
gesamten  Studiums  stehen  wie  billig  das  Althochdeutsche  und  das
Mittelhochdeutsche,  und  zwar  tritt  das  letztere  am  meisten  hervor
und  nımmt  in  den  Vorlesungsverzeichnissen  den  breitesten  Platz  ein.
Dies  hat  einmal  einen  praktischen  Grund:  auf  vielen,  wenn  auch  leider
noch  immer  nicht  auf  allen  höheren  Schulen  wird  mittelhochdeutsche
l.ektüre  getrieben,  und  die  Prüfungsordnung  verlangt  daher  von  den
Kandidaten  und  Kandidatinnen  für  das  höhere  I.chrfach  durchweg
die  Kenntnis  dieses  Idioms,  während  das  Studium  der  früheren
Epochen  durch  eingehendere  Kenntnis  auf  philosophischem  Gebiete
ersetzt  werden  kann;  daher  ist  denn  die  Nachfrage  der  Hörer  gerade
nach  diesen  Vorlesungren  besonders  stark.  Andererseits  aber  führen
auch  sachliche  Gründe  zu  dem  gleichen  Resultat.  Bekanntlich  ist  die
mittelhochdeutsche  Literatur  bei  weitem  ausgedehnter  als  die  altdeutsche
  und  bietet  daher  der  Belehrung  und  dem  Studium  ein  weit
größeres  Feld.

Denn  das  oft  wiederholte  Wort  eines  berühmten  Altertumforschers,
  daß  die  Interpretation  stets  den  Kernpunkt  des  philologischen
  Studiunis  bilden  müsse,  hat  sich  die  altdeutsche  Philologie  mit
Recht  zu  eigen  gemacht.  Schon  in  den  Vorlesungen,  die  zur  Einführung
in  die  verschiedenen  Epochen  dienen,  pflegt  mit  der  sprachlichen  Be-Ichrung
  von  vornherein  Lektüre  und  Interpretation  verbunden  zu  sein.
Die  wichtigsten  mittelhochdeutschen  Werke  aber  werden  in  regelmäßigen
eigenen  Vorlesungen  behandelt,  so  namentlich  das  Nibelungenlied,