182  Lehrgebiet  und  TL.ehrbetrieb.

mitgliedern  neben  den  gemeinsamen  Übungen  zuerteilt  und  im  Laufe
des  Semesters  besprochen  werden,  behandeln  sehr  häufig,  vielleicht
in  den  meisten  Fällen,  sprachliche  Erscheinungen  und  Fragen,  wie
diese  denn  auch  ein  oft  wiederkehrendes  Thema  der  Doktordissertationen
  bilden.  Eben  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Sprachkunde
  wird  es  besonders  anschaulich,  worin  der  Wert  dieser  Arbeiten,
der  in  jüngster  Zeit  nicht  selten  unterschätzt,  ja  überhaupt  bestritten
worden  ist,  beruht.  Sie  bilden  keineswegs  nur  specimina  eruditionis
für  die  einzelnen  Verfasser  —  als  solche  brauchten  sie  nicht  gedruckt
zu  werden  —,  sie  tragen  auch  in  oft  mühsamer  und  zeitraubender
Finzelarbeit  das  Material  zusammen,  dessen  der  Forscher  bedarf,  wenn
er  die  Lösung  unifassenderer  Probleme  unternehmen  will,  und  das  zu
sammeln  und  zu  sichten  keines  einzelnen  Menschen  Zeit  und  Kraft
ausreichen  würde.

Die  l.ehrtätigkeit  der  altdeutschen  Philologie  pflegt  die  Sprachgeschichte
  in  ihrem  ganzen  Umfang  zu  umfassen  und  sich  somit  auch
auf  die  neueren  Fpochen  auszudchnen.  In  der  Tat  ist  eine  Scheidung
der  sprachwissenschaftlichen  Belehrung  nach  Zeitabschnitten  kaum
durchführbar.  Außerdem  aber  ist  der  Wunsch,  den  Weinhold  in  dem
oben  angeführten  Aufsatze  aussprach,  daß  die  Professuren  für  neuere
deutsche  Literatur  „auch  die  Aufgabe  übernehmen  müßten,  die
srammatischen  und  lexikalischen  Untersuchungen  über  die  ncuere
Sprachperiode  fest  zu  führen“,  im  allgemeinen  nicht  in  Erfüllung  gegangren,
  soweit  er  wenigstens  Vorlesungen  und  Übungen  betrifft.  Überhaupt
  haben  die  Vertreter  der  neueren  deutschen  J.iteraturwissenschaft
  den  Kreis  von  Aufgaben  enger  begrenzt,  den  sic,  wenn
nicht  ihren  eigenen  Forschungen,  so  doch  ihrer  I.chrtätigkeit  gezogen
haben.   Entschiedener  und  einseitiger  steht  hier  die  l.iteraturgeschichte
  im  Mittelpunkt  des  akademischen  Betriebes.  Die  großen
Vorlesungen,  welche  eine  Übersicht  über  die  ganze  Entwicklung  der
neueren  Literatur,  meist  bis  zu  Göthes  Tode,  geben,  bilden  gewöhnlich
eine  Reihe  von  Semestern  durchlaufend,  die  Richtlinie  des  Studiunıss,
und  auch  für  die  Arbeiten  der  modernen  Seminarabteilungen  sind  im
allgemeinen  literargeschichtliche  Gesichtspunkte  maßgebend.   Gemeinsame
  Übungen  nach  Art  der  Interpretationen  in  den  älteren  Abteilungen
  fehlen  hier  oft  ganz.  Die  einzelnen  an  die  Seminaristen
verteilten  und  nachher  in  der  Sitzung  besprochenen  Aufgaben  behandeln
  zum  Teil  sprachliche  und  stilistische  Beobachtungen  an
bestimmten  Schriftstellern,  öfter  aber  untersuchen  sie  die  Stoflquellen
einzelner  Dichtungen  oder  vergleichen  verschiedene  Behandlungen