Philosophische  Fakultät:  Deutsche  Philologie  und  Literaturgeschichte.  183

desselben  Stofles  oder  Motivs,  verschiedene  Gestalten  desselben
Werkes  und  ähnliches.  Gelegentlich  werden  auch  wohl  einmal  textkritische
  Untersuchungen  angestellt  ;  allein  die  Natur  der  Sache  bringt
es  mit  sich,  daß  dieselben  auf  diesem  Gebiete  nicht  von  gleichem
Belang  sind,  wie  auf  dem  der  älteren  Literatur.  Denn  wenn  auch
in  der  gedruckten  Überlieferung  manches  einzelne  der  Verbesserung
bedürftig  ist,  so  handelt  es  sich  hier  doch  niemals,  wie  dort,  um  die
lesbarmachung  des  Textes  und  die  \Wicderherstellung  eines  verdorbenen
  größeren  Zusammenhangs.  Tigentlich  archivalische  Studien
aber  kann  man  mit  Studenten  selbstverständlich  nicht  oder  doch  nur
ausnahmsweise  anstellen,  da  Originalhandschriften  im  allgemeinen
nicht  zum  L.chrbetriebe  benutzt  werden  können.  Auffallend  ist  es
jedoch,  daß  auch  die  Interpretation  im  engreren  Sinne,  die  Erklärung
der  Dichtungen  nach  sachlichen  und  ästhetischen  Gesichtspunkten  im
Betriebe  der  neueren  Literatur  sehr  zurücktritt.  Nicht  nur  scheint
diese  Art  von  Tätigkeit  in  den  Seminaren  keinen  Platz  zu  finden,
sondern  auch  Vorlesungen  zu  diesem  Zweck  werden  nur  vereinzelt
gehalten.  Das  Wort  Scherers,  der  es  als  „die  höchste  Aufgabe  ciner
jeden  kunstmäßigen  Interpretation“  bezeichnete,  „den  Entstehungsprozeß
  des  Werkes  in  der  Seele  des  Autors  zu  erforschen‘,  ist  für
den  ganzen  l.chrbetrieb  der  neueren  Literatur  maßgebend  geworden,
und  auch,  wo  über  einzelne  Werke,  wie  besonders  häufig  über  den
Faust,  Vorlesungen  angekündigt  werden,  ist  es  fast  ausschließlich  die
Entstehungsgeschichte,  oder  doch  die  Erklärung  nach  biographisch
genetischen  Gesichtspunkten,  die  gemeint  ist.  Diese  Einseitigkeit  ist
zum  Teil  aus  einer  Reaktion  gegen  frühere  Epochen  der  Literaturgeschichtsschreibung
  zu  erklären.  Die  ästhetische  Interpretation  moderner
  Dichtungen  war  in  der  zweiten  Hälfte  des  abgelaufenen  Jahrhunderts
  nicht  mit  Unrecht  in  Mißkredit  gekommen,  denn  in  den
vorhergehenden  Jahrzehnten  war  vielfach  geistreiche  Subjektivität  und
Willkür  statt  der  sachlichen  Erklärung  und  des  eindringenden  Verständnisses
  hervorgetreten,  in  der  Literatur  sowohl  wie  in  öffentlichen
Vorträgen,  die  sich  freilich  mehr  an  das  weitere  Publikum  als  an
akademische  Kreise  zu  wenden  pflegten.  Demgegenüber  stellte
Scherer  mit  Recht  die  Forderung  gründlicher  Sachkenntnis  und  philologischer
  Genauigkeit  bei  der  Behandlung  der  neueren  Literatur  auf
und  übertrug  damit  den  Begriff  der  wissenschaftlichen  Literaturgeschichte
  erst  auf  dieses  Gebiet.  Er  begründete  so  die  Methode  des
akademischen  Betriebes,  die  heute  auf  allen  Lehrstühlen  herrscht.
Auffallend  freilich  bleibt  cs  darum  doch,  daß  die  künstlerische  Er-