184  Lehrgebiet  und  L.ehrbetrieb.

klärung  der  klassischen  deutschen  Dichtungen  in  unseren  Hörsälen
keine  Stätte  findet.  Wo  es  ausnahmsweise  der  Fall  ist,  da  sind  es
fast  stets  ästhetisch  gebildete  Philosophen,  nicht  Literarhistoriker  von
Fach,  die  es  unternehmen,  diese  l.ücke  auszufüllen.  Niemand  aber
wird  meinen,  daß  eine  solche  Erklärung  überflüssig  wäre,  zumal  in
einer  Literatur,  die  so  stark  von  philosophischen  Ideen  durchtränkt
ist,  die  so  tief  in  geschichtlich  bestimmten  Weltanschauungen  wurzelt,
mit  einem  Wort,  die  dem  sachlichen  Verständnis  soviel  Schwierigkeiten
  zu  bewältigen  gibt,  wie  die  klassische  Dichtung  der  Deutschen.

Denn  der  klassischen  Epoche  unserer  Literatur  wendet  sich  der
akademische  Lehrbetrieb  mit  Recht  hauptsächlich  zu.  Göthes  Werke
vor  allen  werden  behandelt,  und  hier  wiederum  ist  es  ganz  besonders
der  Faust,  der,  wie  cr  heute  cines  der  Hauptgebiete  der  gelehrten
Forschung  über  Göthe  ist,  so  auch  das  am  regelmäßigsten  wiederkchrende
  Thema  für  literaturgeschichtliche  Spezialvorlesungen  bildet.
Neben  Göthe  tritt  Schiller  besonders  hervor  und  sodann  die  romantische
  Periode.  Verhältnismäßig  spärlich  werden  die  nachklassischen
Irscheinungen  berücksichtigt.  Vorlesungen  über  die  spätere  Literatur
des  19.  Jahrhunderts  fehlen  zwar  nicht,  werden  aber  meist  öffentlich
oder  doch  mit  geringer  Stundenzahl  gelesen;  Scminarübungen  über
die  Literatur  der  neusten  Zeit  oder  gar  der  Gegenwart  kommen  nur
ausnahmsweise  vor,  mit  Recht;  denn  was  noch  nicht  historisch
geworden  ist,  gehört  auch  noch  nicht  der  Geschichtswissenschaft  an.

Alles  zusammengenommen  wird  man  sagen  dürfen:  es  hat  lange
sscdauert,  bis  die  deutsche  Philologie,  die  Wissenschaft  von  unserer
eigenen  Literatur  und  Sprache,  sich  die  ihr  gebührende  Stellung  auf
den  deutschen  Universitäten  errungen  hat.  Jetzt  aber  nimmt  sie  diese
Stellung  ein,  und  damit  ist  uns  ein  hoffnungsfroher  Ausblick  auf  die
Ausfüllung  der  noch  gebliebenen  Lücken,  auf  eine  lebendige  und
rciche  Weiterentwicklung  in  der  Zukunft  gesichert.

Rudolf  l.ehmann.