186  l.ehrgebiet  und  T.ehrbetrieb.

Englische  auf  den  Gymnasien  dem  bloßen  Privatunterricht,  also  zumeist
dem  Zufall  und  den  Parlierkünstlern  überlassen  wollte,  verzichten
würde  auf  die  unmittelbare  Finführung  unserer  bildungsfähigsten
Jugend  in  die  Kunst  und  Scelenerkenntnis  Shakespeares,  auf  die
Einsicht  in  den  sprachlichen  Zusammenhang  zwischen  den  kontinentalen
  und  übersceischen  Germanenstämmen,  auf  die  gründliche  Erfassung
  der  in  der  englischen  Literatur  erwachsenen  Kulturgedanken,
wie  sie  nur  ein  wissenschaftlich  vorbereiteter  I.chrer  vermitteln  kann.
Auch  die  neusprachlichen  Oberlehrer  in  Amt  und  Würden  schen  oft
mit  Vergnügen,  wie  sie  scheinbar  abgelegene  Kenntnisse  zu  nützen
vermögen,  um  den  Unterricht  zu  beleben  und  ihre  geistige  Überlegenheit
  ---  die  beste  Grundlage  aller  Disziplin  —  zu  behaupten.
Ständen  sie  an  geistigem  Fonds  hinter  den  Kollegen  zurück,  so  bekämen
  sie  sofort  eine  Geringschätzung  zu  spüren,  die  auf  den  ganzen
Studienzweig  abfärben  würde.  Deutschland  ist  nicht  in  der  Lage,
sich  irgend  eine‘  Rückständigkeit  in  der  Ausbildung  seiner  geistigen
Vorarbeiter  zu  gestatten.  Der  bestvorbereitete  Lehrer  ist  auf  diesem
wie  auf  jedem  Gebiete  für  die  Schule  gerade  gut  genug.

Kern  der  neusprachlichen  Tichrervorbildung  ist  die  historische
Grammatik.  Der  Laäteinlehrer  mag  sie  sich  sparen,  denn  er
hat  es  mit  einer  früh  gefestigten  Schriftsprache  zu  tun,  die  ohne
Wesensänderung  durch  die  Denkmäler  mittlerer  und  neucrer  Zeit
hindurchgeht.  Nicht  viel  anders  liegen  die  Verhältnisse  im  Griechischen.
Wer  aber  nur  modernes  Französisch  oder  Engzlisch  kann,  dem  sind  alle
Denkmäler  dieser  Völker  vor  der  Renaissance  verschlossene  Bücher.
Fr  sicht  nicht  in  jene  reiche  Periode  der  französischen  Literatur,
worin  diese,  cin  halbes  Jahrtausend  vor  Moliere,  für  alle  abendländischen
  Völker  die  höfischen  I’ormen  schuf  und  aussandte.  Er
hört  nicht  die  Rhapsodien,  in  denen  die  Angelsachsen,  fast  ein  Jahrtausend
  vor  Shakespeare,  uns  die  Sangeskunst  der  Germanen  volltönend
  erhalten  haben.  Seinem  literarischen  Unterricht  wird  die  Tiefe
fehlen;  noch  mehr  seinen  grammatischen  jenes  anregende  Interesse,
das  sich  immer  einstellt,  wenn  der  Lehrer  die  französischen  Wörter,
Schreibungen  und  Fügungen  ans  Lateinische,  die  englischen  ans
Deutsche  anzuknüpfen  vermag.  Selbst  die  Aussprachlehre  zieht  Vorteil
  aus  der  historischen  Grammatik;  diese  lehrt  z.  B.,  daß  französisch  o
nur  dann  geschlossen  lautet,  wenn  dahinter  ein  Konsonant  ausfiel;  oder
daß  englisches  ou,  ow  nur  dann  [au]  lautet,  wenn  cs  cinem  deutschen
au  oder  u  entspricht,  wie  in  house  —  Haus,  now  —-  nun,  sonst  aber  [ou].
Darum  liest  jeder  neusprachliche  Professor  an  den  deutschen  Univer-