Philosophische  Fakultät:  Englische  und  romanische  Philologie.  187

sitäten  sein  altfranzösisches  oder  altenglisches  Kolleg,  erläutert  die
systematische  Darstellung  der  früheren  Sprachverhältnisse  durch
Interpretationen  von  Texten,  stellt  seinen  Schülern  möglichst  viele
Ausgaben  und  Wörterbücher  in  die  Seminarbibliothek  und  leitet  in
den  Seminarübungen  ihre  Arbeitsversuche  auf  diesem  schwierigen
Felde.  Nur  die  frühere  Ausschließlichkeit  dieses  Betriebes  ist  geschwunden,
  nicht  seine  Bedeutsamkeit.

Hinzugcekommen  ist  eine  ausgedehntere  und  regere  Forschung
literargeschichtlicher  Art.  Am  dringendsten  riefen,  sobald  cs  neuere
Philologien  gab,  die  mittelalterlichen  Denkmäler  nach  Aufhellung;  sie
waren  ohne  gelehrte  Bemühung  schlechterdings  nicht  verständlich:
ihnen  wurde  daher  die  erste  Arbeit  zugewendet.  Aber  schon  sind
in  Trübners  Grundrissen  die  englischen  und  französischen  Autoren
bis  zur  Renaissance  herab  behandelt,  Morf  und  Birch-Hirschfeld  haben
das  sechzehnte  Jahrhundert  auf  dem  Pariser  Boden  dargestellt,  fast
jeder  namhafte  AÄnglist  beteiligt  sich  am  Streben,  den  \Werdeproze#
Shakespeares  und  des  romantischen  Dramas  überhaupt  aufzuhellen.
So  wird  für  eme  wirkliche  Wissenschaft  vom  schöngeistigen  Schaffen
der  jüngsten  Jahrhunderte  der  Acker  vorbereitet.  Man  will  die
neueren  Autoren  nicht  mehr  blofs  nennen,  ihre  Werke  aufzählen,
ihre  Lebensdaten  vorlesen;  das  ist  nur  Literaturkunde,  oft  noch  verdorben
  durch  ein  ästhetisches  Aburteilen  und  Schönreden,  das  nur  den
gesunden  Wahrheitssinn  unserer  Jugend  ankränkelt  oder  zu  emem
lächeln  reizt.  Läteraturgeschichte  soll  die  Zusammenhänge  zwischen
den  Leben  und  dem  Schaffen  der  Autoren  aufdecken,  die  Entwicklung
der  Ideen  und  der  Kunstformen  verfolgen,  im  Dichtwerk  die  Stimmung
des  Autors  und  seiner  Zeit  herausempfinden  lehren,  und  hiermit  der
tieferen  und  wärmeren  Interpretation  der  poctischen  Denkmäler
vorarbeiten.  Wir  wären  weiter  darin,  wenn  unsere  Universitäten  mehr
neusprachliche  I.chrkräfte  besäßen.  Aber  so  lange  für  die  vielen
romanischen  Sprachen  und  Literaturen  ein  einziger  Professor  bestellt
ist,  desgleichen  für  Angelsächsisch,  Chaucer,  Shakespeare  und  die
weitere  phonetische  und  poetische  Betätigung  des  Germanenstammes,
aer  in  125  Millionen  geistig  regsamer  Menschen  über  alle  Meere  auseedehnt
  ist,  auch  nur  ein  Professor,  darf  man  emen  raschen  Ausbau
dieser  Fächer  nicht  erwarten.  Auch  fehlt  cs  den  Universitätsbibliotheken
  zum  Bedauern  ihrer  L.eeiter  oft  an  dem  nötigsten  Material
für  die  letzten  Jahrhunderte.  Die  vorhandenen  Mittel  sind  wesentlich
für  die  älteren  Disziplinen  festgelegt.  Die  Bibliothekare  sind  durch
ihre  Vorbildung  noch  selten  mit  den  französischen  und  englischen