Philosophische  Fakultät:  Englische  und  romanische  Philologie.  189

Menschen  sehr  schwere  Aufgabe.  Zu  ihrer  Bewältigung  gehört  etwas
Phonetik,  viel  Übung  und  schr  viel  Selbstkontrolle,  also  auch  eine
Charaktereigenschaft.  All  das  scheinen  sich  die  Latein-  und  Deutschphilologen
  in  der  Regrel  nicht  zuzutrauen  und  meiden  daher  das
ihnen  wissenschaftlich  so  nahe  liegende  Studium  des  Französischen
oder  Englischen,  während  derjenige,  der  energisch  will,  gewöhnlich
sogar  zwei  Fremdsprachen  lernt,  wenn  auch  selten  beide  in  gleicher
Vollkommenheit.  Die  Rücksicht  auf  die  Fertigkeit  wirkt  hiermit  bei
dler  Berufswahl  der  Studierenden  sogar  gewichtiger  als  die  bei  ihnen
vorhandenen  wissenschaftlichen  Vorbedingungen,  weil  eben  heutzutage
jeder  Anfänger  einsicht,  daß  er  ohne  ordentliche  Aussprache  nicht
weiter  kommt.  Gut  schreiben  ist  noch  schwerer;  das  kann  nicht
einmal  der  geborene  Franzose  oder  Engländer,  wenn  er  es  nicht
von  klein  auf  und  in  vielen  Schulstunden  gelernt  hat.  Hierin  bleibt
daher  der  Deutsche  oft  bedenklich  zurück,  und  doch  verlangt  man
heutzutage  vom  neusprachlichen  Lehrer,  daß  er  wenigstens  einfachere
Sätze  tadellos  baue  und  idiomatische  Briefe  abfasse.

Betrefis  solcher  Fertigkeit  sind  die  vorhandenen  Einrichtungen
noch  sehr  im  Stadium  der  Entwicklung.

Um  für  gute  Aussprache  zu  sorgen,  mußten  die  Anglisten  und
Romanisten  zunächst  der  Phonetik,  dieser  Hilfsdisziplin  jeder  Philologie,
  eine  besondere  Pflege  zuwenden.  Wenn  der  Studierende  die
Fremdlaute,  z.  B.  englisches  th,  nicht  von  selbst  trifft,  so  muß  zunächst
sein  Fehler  entdeckt  werden.  Wazu  bedarf  es,  keiner  Stimmgabeln
und  keiner  Kehlkopfanatomie,  aber  doch  einer  soliden  Kenntnis  der
möglichen  Zungen-  und  Lippenstellungen;  eine  Maschine  genügt  nicht,
sonst  brauchte  man  einfach  in  einer  Abteilung  des  Seminars  einen
Phonographen  aufzustellen.  Man  muß  sogar  viel  Übung  darin  besitzen,
um  von  den  heimatlichen  Lauten  auf  die  fremden  mit  Ausschluß  von
Fehlgriffen  überzuleiten.  Ferner  empfiehlt  es  sich,  für  die  Feinheiten
des  Accents  die  Fassungskraft  des  Ohres,  die  cine  verhältnismäßig
vage  ist,  durch  die  weit  genauere  des  Auges  zu  unterstützen,  indem
man  Transskriptionen  machen  und  lesen  läßt,  in  Sweets  Art.  Im
Englischen  wenigstens,  wo  die  Stärkeunterschiede  der  Vokale  große
Veränderungen  in  Klang  und  Quantität  nach  sich  ziehen,  ist  ohne
phoncetische  Umschrift  kaum  auszukommen.  Einfache  Zeichen  genügen;
je  weniger  neuerfundene  Ilieroglyphen,  desto  besser.  Endlich  müssen
die  Sätze  so  lange  geübt  und  nochmals  geübt  werden,  bis  sie  nicht
bloß  richtig,  sondern  fließend  herauskommen.  Drill  ist  die  Hälfte  des
phonetischen  Unterrichts;  vielleicht  die  größere  Hälfte;  sicher  die