Philosophische  Fakultät:  Englische  und  romanische  Philologie.  191

und  in  ıhr  denken  gelernt  haben.  Früher  wurden  viele  Dissertationen
englisch  oder  französisch  geschrieben;  das  hat  jetzt  aufgehört,  obwohl
es  auf  neusprachlichem  Gebiete  so  natürlich  schien,  wie  die  Abfassung
einer  lateinischen  Dissertation  für  cinen  Läatinisten.  Tatsächlich  ist
es  nämlich  ungleich  schwieriger,  weil  jeder  gebildete  Franzose
oder  Engländer  als  ciceronianischer  Richter  aufstehen  kann.  Hoffentlich
  kommen  wir  trotzdem  allmählich  zu  einer  freieren  Stilbeherrschung.


Als  Schlußglied  in  der  praktischen  Ausrüstung  eines  neusprachlichen
  Lehrers  aber  ist  die  Auslandreise  zu  bezeichnen.  Sprechen
und  Schreiben  kann  man  von  einzelnen  Ausländern  daheim  lernen;
aber  ein  voller  und  lebendiger  Eindruck  fremdländischer  Kultur
ist  nur  in  der  Fremde  zu  gewinnen.  Das  humane  Wirken  cines
Dickens  lernt  man  erst  im  Gewühl  der  City  begreifen,  die  Poesie
eines  Walter  Scott  erst  vor  den  Schlössern  Schottlands.  Was  die
Auslandreise  bedeutet,  ergibt  sich  am  schlagendsten,  wenn  man  sich
bei  den  Studierenden  erkundigt,  was  sie  veranlaßte,  die  schwierigen,
mit  vielen  Korrekturen  belasteten  neusprachlichen  Fächer  zu  ergreifen:
  meist  waren  es  die  Erzählungen  eines  tüchtigen  Lehrers,  der
sich  selbst  an  Seine  und  Themse  unigesehen  hatte.  Bereits  haben
einsichtige  Regierungen  und  Stadtvertretungen  eine  Anzahl  Reisestipendien
  für  neuphilologische  I.chrer  gestiftet.  Mit  der  Zeit  muß
es  aber  zur  Regel  werden,  daß  niemand  eine  Fremdsprache  an  einer
höheren  Schule  Ichren  darf,  der  nicht  bereits  eine  Auslandreise  gemacht
  hat.

Wissenschaft  und  Fertigkeit  sind  bier  gesondert  behandelt
worden.  In  der  Wirklichkeit  aber  gilt  das  Prinzip,  daß  sie  sich
möglichst  durchdringen  sollen.  Der  Professor  verschmäht  es  nicht,
sich  um  cine  gute  Aussprache  zu  bemühen  und  sie  bei  Seminarübungen,
  manchmal  auch  in  der  Vorlesung  zu  zeigen;  in  der  historischen
Grammatik  erklärt  er  die  moderne  Schreibung,  und  in  der  Literaturgeschichte
  findet  er  hundertfachen  Anlaß,  auf  Realien  einzugehen.
Der  gute  Lektor  kümmert  sich  um  Phonetik  und  historisch  klare
Formulierung  von  Syntaxregeln  und,  wenn  er  moderne  Autoren  behandelt,
  um  literarhistorische  Methodik.  Das  Marschieren  der  beiden
ist  getrennt,  ihr  Schlagen  vereinigt.

Schließlich  mag  wohl  die  Frage  aufgeworfen  werden,  zu  welchem
Zwecke  der  Deutsche  sich  so  gründlich  in  Fremdsprachen  vertieft,
während  Engländer  und  auch  —  allerdings  nicht  mehr  wie  früher  -—
Franzosen  durch  das  Beharren  bei  der  eigenen  Sprache  andere