V.  Semitische  und  andere  orientalische  Sprachen.

Das  Hebräische  ist  der  Ausgangspunkt  der  orientalischen  Studien
an  deutschen  Universitäten.  Hervorgegangen  aus  der  geistigen  Bewegung
  der  Renaissance  und  der  Reformation,  ist  die  Vertretung  des
Hebräischen  jetzt  eine  ständige  Einrichtung  im  Uhniversitätsunterricht,
und  zwar  geht  die  Entwicklung  schon  seit  längerer  Zeit  dahin,  daß
diese  Disziplin  ganz  den  theologischen  Fakultäten  überlassen  wird,
während  die  philosophischen  Fakultäten  sie  nur  mehr  ausnahmsweise
und  mehr  gelegentlich  berücksichtigen.  Dafür  sind  die  letzteren  die
Pflegestätten  aller  übrigen  Studien  über  den  Orient,  speziell  den  semitischen,
  wie  über  ganz  Westasien  und  Ägypten  im  weitesten  Umfange
  geworden.

Was  gemeinhin  als  das  Alte  Testament  bezeichnet  wird,  sind
die  nach  Inhalt  und  Ursprung  sehr  verschiedenartigen  Reste  der
israelitischen  Literatur,  die  schon  um  die  Zeit  von  Christi  Geburt
den  jüdischen  Gelehrten  in  Jerusalem,  die  sie  zu  einem  Kanon,  zu
einer  Art  National-Kodex  vereinigten,  in  einer  mit  der  heutigen  genau
übereinstimmenden  Form  vorlagen.  Ihr  Verständnis  bot  schon  damals
Schwierigkeiten,  hauptsächlich  aus  dem  Grunde,  weil  das  Hebräische
etwa  im  Zeitalter  der  Makkabäer-Könige  als  Volkssprache  ausgestorben
war,  indem  ein  anderes,  allerdings  stammverwandtes  Idiom,  das
Aramäische,  seine  Stelle  eingenommen  hatte.  Frühzeitig  hat  daher  die
Interpretation  des  Alten  Testaments  Hilfe  gesucht  bei  den  ältesten
Übersetzungen,  bei  der  griechischen  der  Septuaginta,  aber  auch  bei
den  aramäischen  Targumin  und  der  syrischen  Peschittä.

Zum  Studium  des  Hebräischen,  in  dem  auch  die  althebräischen
sowie  die  in  einem  nahverwandten  Idiom  geschriebenen  phönizischen
Inschriften  berücksichtigt  werden  müssen,  gesellt  sich  dasjenige  des
Aramäischen,  einer  nordsemitischen  Sprache,  deren  älteste  Denkmäler
aus  dem  achten  und  neunten  vorchristlichen  Jahrhundert  stammen

Das  Unterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  1,  13