Philosophische  Fakultät:  Semitische  und  andere  orientalische  Sprachen.  195

praktischen  Lebens  im  Munde  von  Bauern  und  Hirten,  Handwerkern
und  Händlern  ausgeprägt  war,  liegt  die  arabische  Sprache  vor  uns  in
der  ganzen  Fülle  ihrer  grammatischen  Formen  wie  in  dem  unübersehbaren
  Reichtum  ihres  Wortschatzes,  die  klassische  Sprache  einer
großen  Literatur,  und  in  der  Gegenwart  weiterlebend  in  vielfach  verschiedenen
  Dialekten  im  Munde  von  Millionen.  Mögen  im  einzelnen
die  Ansichten  der  Gelehrten  über  das  relative  Alter  hebräischer  und
arabischer  Bildungen  auseinander  gehen,  darüber  aber  besteht  allseitige
Übereinstimmung,  daß  man  für  die  wissenschaftliche  Erforschung  des
Hlebräischen  das  Arabische  braucht,  aber  auch  umgekehrt  für  die
Erforschung  des  Arabischen  das  }Hebräische.

Der  Koran  ist  das  Hauptobjekt  des  akademischen  Studiums,  und
wer  sich  in  ihn  vertiefen  will,  wird  der  Führung  eines  einheimischen
Kommtentators  nicht  entraten  können.  Daneben  empfichlt  sich  auch
die  Beschäftigung  mit  einem  Dichter  des  arabischen  Heidentums,  für
dessen  Verständnis  man  in  erster  Linie  wieder  eines  einheimischen
Kommentars  bedarf.  Die  Sprache  der  Kommentar-L.iteratur  setzt
aber  Vertrautheit  mit  der  Terminologie  der  Grammatik  voraus,  und
aus  diesem  Grunde  muß  auch  die  Lektüre  eines  nationalarabischen
grammatischen  \Verkes  in  den  Studienkreis  einbezogen  werden.

Darüber  hinaus  geht  die  arabische  Philologie  ihre  eigenen  Wege.
Sie  leitet  an  zur  Beschäftigung  mit  den  ältesten  Geschichtswerken,
den  Meisterwerken  der  Philologie  und  der  schönen  Literatur,  indem
sie  die  Besonderheiten  der  verschiedenen  Stilarten  lehrt.  An  manchen
Universitäten  wird  auch  eine  Einführung  in  die  arabische  Paläographie
gregeben,  und  werden  nachklassische  L.iteraturdenkmäler  wie  1001  Nacht
sowie  neuarabische  Texte  zur  Vorlage  exegetischer  Vorlesungen  gewählt.
  Daß  auch  die  Geschichte  des  Islams,  ferner  L.iteraturgeschichte,
Theologie  und  Recht  des  Islams  berücksichtigt  werden,  ergibt  der
natürliche  Verlauf  dieser  Studien,

Das  Athiopische,  die  klassische  Sprache  der  Literatur  des
habessinischen  Christentums,  wird  an  mehreren  Universitäten  regelmäßig
  gelehrt.  Während  die  Sprache  dem  Arabischen  nahe  verwandt
ist,  hat  die  Literatur  seit  langem  besonders  dadurch  das  Interesse
der  Gelchrten  auf  sich  gelenkt,  daß  sie  reich  ist  an  Apokryphen,
welche  wie  zum  Beispiel  das  Buch  Henoch  in  der  älteren  orientalischen
  Literatur  einen  wichtigen  Platz  einnehmen.  Das  dem
habessinischen  verwandte  südarabische  Altertum  ist  im  Lehrplan
einiger  Universitäten  durch  Vorlesungen  über  sabäische  und  andere
Inschriften  vertreten.

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