196  lLichrgebiet  und  Lehrbetrich.

Seit  einigen  Decennien,  seitdem  Eberhard  Schrader  das  Studium
der  Keilschrift  in  Deutschland  eingebürgert  hat,  beginnt  es  sich  über
die  deutschen  Universitäten  zu  verbreiten  und  ist  bereits  an  mehreren
derselben  im  ganzen  Umfange  vertreten.  Hebräisch  und  Babylonisch-Assyrisch
  sind  verwandte  Sprachen  von  gleichem  Stamme,  und  die
hebräische  und  babylonisch-assyrische  l.iteratur  sind  zu  einem  großen
Teil  gleichalterig.  Die  historischen  Beziehungen  des  kleinen  Israels
zu  den  gewaltigen  Reichen  der  Babylonier  und  Assyrer  sind  bekannt;
die  geistigen  Beziehungen  dieser  Völker  zu  einander,  ihre  gegenseitige
Beeinflussung  in  Religion  und  Kultur  bilden  einen  der  wichtigsten
Gegenstände  des  modernen  Studiums.  Das  Hebräische  hat  den
Hauptschlüssel  zum  Verständnis  der  Sprache  der  Anwohner  des
Euphrat  und  Tigris  geliefert,  und  jetzt  erhält  die  Literatur  und  gesamte
  Kultur  der  Ilebräer  reiches  Licht  von  dorther  zurück.

Abgesehen  von  aller  Rücksicht  auf  die  Bibel  verfolgt  die  Keilschriftphilologie
  ihre  besonderen  Aufgaben;  sie  gibt  eine  Finführung
in  das  Wesen  und  die  über  mehrere  Jahrtausende  sich  erstreckende
Geschichte  der  Schrift,  in  das  Verständnis  der  Stile  der  verschiedenen
Literaturgattungen,  wie  auch  eine  Anleitung  zu  historischen,  religionsgeschichtlichen
  und  archäologischen  Studien.  Für  den  Keilschriftforscher,
  der  mit  den  Originaldenkmälern  Fühlung  zu  gewinnen
wünscht,  bieten  die  Tontafelsammlungen  des  Königlichen  Museums  zu
Berlin  vortreffliches  und  reiches  Material.

Während  das  Studium  der  Kultur  der  Völker  am  Euphrat  und
Tigris  das  neueste  Glied  in  der  Kette  der  Universitätsstudien  bildet,
ist  dasjenige  der  Sprache  und  Kultur  des  alten  Ägypten  schon  in
den  vierziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  in  Deutschland  eingeführt
  und  gegenwärtig  an  mehreren  Universitäten  wie  Berlin,  Bonn,
Heidelberg,  Leipzig,  München  und  Straßburg  regelmäßig  vertreten,
Denkmäler  der  Sprache  und  Schrift  in  den  verschiedensten  Wandlungen,
  welche  die  Jahrtausende  gezeitigt  haben,  von  den  ältesten
Pyramidentexten  bis  zu  den  jüngsten  Urkunden  aus  römischer  Kaiserzeit,
  bilden  die  Gegenstände  der  Universitätsvorlesungen,  und  in  Verbindung
  damit  die  koptische  Sprache  und  Literatur,  die  von  dem
ägyptischen  Christentum  gepflegt  wurde,  bis  auch  hier  wie  in  Palästina,
Syrien  und  weiter  ostwärts  seit  der  Okkupation  des  I.andes  durch  die
Araber  das  Arabische  die  ältere  einheimische  Sprache  verdrängte.
Für  den  Ägyptologen  wie  für  den  Assyriologen  ist  es  wichtig,  frühzcitig
  mit  den  Denkmälern  selbst  vertraut  zu  werden,  so  dat  Samnılungen
  ägyptischer  Altertümer  eine  wesentliche  llilfe  des  Studiunis